Ur. 47« flbonnemcntS'Bedlngungen: Abonnements> Preis pränumerando! Vicrteljährl. SLll Mb, monall 1,10 Mb. wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummcr mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt" 10 Psp. Post- kibonncmenl: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Prcislisle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. PostabonncmcntS nehmen an: Belgien, Dänemark. Holland. Italien, Luxemburg, Portugal. Siiunänien. Schweden und die Schweiz, 88. Jahrs. vlchelllt tZgli« au3cr llloelig». � f Berliner Volksblnlt. Die TnfertlonS'Gebfl�r vekägt für die sechsgespaltene Kolonel- gelle oder deren Raum 50 Psg., für politische und gcwcrlschafkliche Vereins- lind Vcrfammlungs-Anzcigcn 80 Pfg. �Uleln« Anreizen", das erste fsett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- ftellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg., jede? weitere Wort 6 Psg. Worte über lo Buchstabon zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnier müssen biZ Z Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adrcsse: „StöaltUmskrat Btrlia", Zcntfalorgan der rozialdeinokratircheti Partei Deutfchlands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasee 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindcnetrasec 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Line Befestigung des IPanama-- lüanals. Aus New Jork wird uns geschrieben: Nach der zwecklosen Vcrpulverung vieler Millionen Dollar beim B a u des Panamakanals, sollen nunmehr wieder viele Millionen zur B e f e st i g u n g des Kanals ins Wasser geworfen werden. Noch vor Jahresfrist wurden die dadurch entstehenden Kosten auf 19 Millionen Dollar angegeben: in der von dem Präsidenten Taft an den Kongreß gerichteten Botschaft wurden sie auf nicht ganz 13 Millionen Dollar geschätzt. Wie bei den Voranschlägen zum Kanalbau die Kosten absichtlich um Hunderte von Millionen zu niedrig angesetzt wurden, um das Schleusenkanalprojekt statt des Niveaukanals durchzusetzen, so sind auch jetzt die Kosten für die Befestigungen viel zu gering angegeben, um die Opposi- tion zu überwinden. Von sachverständiger, nichtamtlicher Seite wird versichert, die ersten Anlagekosten werden nicht weniger als 59 Millionen Dollar und die jährlichen Unter- Haltungskosten 5 Millionen Dollar betragen. Dazu sind die Kosten für eine ständige Garnison zu rechnen. Trotz aller Befestigungen würde es zu Kriegszeiten unbedingt notwendig werden, die beiden Einfahrten des Kanals durch eine st a r k e Kriegsflotte decken zu lassen. Damit werden die Bc- festigungen aber nutzlos. Zudem haben die Vereinigten Staaten durch den am 29. Dezeinber 1999 zwischen Hay und Pauneefote vereinbarten amerikanisch-britischen Vertrag die Verpflichtung übernomnien, den Kanal im Kriege wie im Frieden den britischen Schiffen offen zu halten. Dainit ist eine moralische Verpflichtung eingegangen, auch den Fahr- zeugen anderer Nationen jederzeit die Passage zu gestatten. Uebrigens ist auch noch gar kein Ende der Forderungen für die Sicherung des Kanals abzusehen. Zwar wurde der Plan, die Galapagos-Jnseln von Ecuador um 15 Millionen Dollar für 99 Jahre zu pachten und eine Flottenstation auf den Eilanden zu errichten, vereitelt. Der Präsident von Ecuador sah sich angesichts der Volksbeivegung gezwungen, die Verhandlungen mit Washington endgültig abzuk rechen. Wie aber, wenn die 499 Einwohner der Galapagos sich unter der Einwirkung des amerikanischen Dollars„wie ein Mann" erheben und ihre Nnabhängigkeit von Ecuador erklären? Auf den Beistand Onkel Sams könnten sie ebenso rechnen, wie seinerzeit die Republik Panama, welche sich im November 1993 von Kolunibia los- riß, nachdem der kulumbianische> Kongreß den Vertrag ver- worfen hatte, in dem sich die Regierung von Kolumbia bereit erklärte, das für den Bau des Panamakanals notwendige Land auf 199 Jahre an die Vereinigten Staaten zu ver- pachten. Jede, selbst die frivolste Einmischung in die Angelegen- heiten der zentralamerikanischen und der im nördlichen Teil von Südamerika gelegenen Republiken wird hier- zulande mit dem Satze begründet, die Vereinigten Staaten müßten die Gewähr haben, daß der Betrieb des Panama- kanals wenigstens von jener Seite keine Störung erfährt. Das ist natürlich eitel Humbug. Jene wirtschaftlich und militärisch schwachen Staatengebilde können gar nicht daran denken, dem„großen Bruder aus dem Norden" in den Weg zu treten. Aber mögen auch noch so viele Gründe gegen die Be- festigung des Panamakanals sprechen, durchgeführt wird sie dennoch: machen unsere Lieferanten dabei doch ein glänzendes Geschäft. Die Höhe der Kosten spricht bei den maßgebenden Kreisen nicht gegen, sondern vielmehr für die Errichtung der Befestigungen. Es wiederholt sich das alte Spiel. Man täuscht zunächst das Volk über den Kosteuvurckt und sagt sich, wenn erst einmal der Ansang gemacht ist, werden die Arbeiten auch fortgeführt. Genau so ging es mit dem Panamakanal, dessen Fertigstellung nunmehr für das Jahr 1913 in Aussicht gestellt wird. Durch das Spooner-Gefetz bewilligte der Kongreß im Jahre 1992 19 Millionen Dollar als erste Baurate mit dem Zusatz, daß die Gesamtbaukosten des Kanals die Summe von 135 Millionen Dollar nicht überschreiten dürfen. Sechs Jahre später mußte der Vorsitzende der Kanalkommission dem Kongreß gegenüber zugeben, daß der Kanal 259 bis 399 Millionen Dollar kosten werde. Gegenwärtig werden die Gefamtkosten bereits auf 375 Millionen Dollar geichätzt. Sicherlich wird auch diese Riesensumme nicht reichen. Von dem Augenblick an, da sie von der französischen Panamakanal-Gesellschast die Konzession zum Bau des Kanals, den Kanal selbst in seinem damaligen Zustand und die Maschinen um 49 Millionen Dollar erwarben, wurden die Vereinigten Staaten übervorteilt. Schließlich wurde das Treiben der amerikanischen Lieferanten sogar unserer Re- gicrung zu toll. Exst kiikzlich teilte der Oberst G 0 e t h a l s. Vorsitzender der Panamakanal-Kommission. dem Repcäsen- tantenhause mit, es müßten auch ausländische Firmen zur Konkurrenz zugelassen werden, damit die Kosten für Schleusen. Maschinen usw. sich nicht ins Ungemessene steigern. Den Beuiühungen unserer Großindustrie wird es schon gelingen. den Zuschlag an die ausländische Konkurrenz zu hinter- treiben. Nehmen ja doch Regierung und Kongreß auf unser Unternehmertum auf Kosten des steuerzahlenden Volke? ein unverantwortliches Uebermaß von Rücksicht. Dafür werden die am Kanalbau befchäktigten Arbeiter um so ärger ausgebeutet. Die Handwerker, durchgehend- Amerikaner, erhalten zwar den gleicher. Lohn wie in den Ver- I einuueu Staaten Aber die Leveu-bedingungeu sind in der ! Kaualzone sehr viel schlechter als hierzulande. Viel schlimmer ! sind die Nichtamerikaner daran. Im abgelaufenen Monat z warnte der Gouverneur von Jamaika die Bewohner dieser britischen Insel vor der Auswanderung nach Panama, dessen Erwerbsverhältnisse er als miserabel bezeichnete. Und das den bedürfnislosen Negern und Indianern gegenüber! In Panama müssen die Arbeiter vielfach in Zelten kampieren oder in Güterwaggons logieren. Typhus, Malaria und Lungenentzündung halten eine furchtbare Ernte. Manches geschah im Interesse der Sanierung: viel mehr aber wurde unterlassen. Das Bundesgesetz, welches die täglich acht- stündige Arbeitszeit für alle von den Vereinigten Staaten in Regie ausgeführten Arbeiten vorschreibt, wird umgangen, nachdem sich ein gefälliger Richter fand, welcher die Acht- stundenbestimmung als unanwendbar auf die für den Monat eingestellten Leute erklärte. Und doch müßte in dem feuchten, tropischen Klima von Panama die Arbeitszeit recht kurz sein. Wegen des Mangels an Läden errichteten die Ver- einigten Staaten„Kommissarien", in denen Lebensmittel, Möbel, Kleidungsstücke, kurz Bedarfsartikel aller Art zu haben sind. Fast 18 Millionen Dollar Reingewinn wurden von diesen Kommissarien in den ersten drei Monaten des Jahres 1997 erzielt. Damals waren 43 999 Arbeiter am Kanalbau beschäftigt. Seitdem sollen die Leute preiswürdiger bedient werden. Die amtliche Versicherung findet aber eine skeptische Aufnahme. Wie früher, so wird auch jetzt noch ge- klagt, daß die Kommissarien verdorbene Waren und un- genügend Maß und Gewicht liefern. Auf der einen Seite wucherische Ausbeutung, auf der anderen Vergeudung ungezählter Willionen. Ein echt amerikanisches Bild._ Der verkauf des Cempclljofer Feldes in der Budgctkommission des Reichstags. Mit dem Verlauf der westlichen Hälfte des Tempekhofer Feldes an die Gemeinde Tempelhof beschäftigte sich am Donnerstag die Budgetlommission. Im Sitzungszimmer sind zahlreiche Be- bauungspläne ausgestellt. Zunächst wird über die Rechtsfrage debattiert, nämlich, ob das Kriegsministerium berechtigt war, ohne Zustimmung deir gesetzgebenden Körper- schaften das Feld zu verkaufen. Der Referent, Abg. Erzberger, bejahte diese Frage. Seit Gründung des Reiches seien zahlreiche ähnliche Verläufe abgeschlossen worden, ohne daß die Berechtigung der Verwaltung dazu bestritten worden ist. Durch die Fabrikanten von Rechtsgutachten dürfe man sich nicht irremachen lasten. Maßgebend seien die 88 2, 10 und 11 des Ge- sctzes über die Rechtsverhältnisse der zum dienstlichen Gebrauch einer Rcichsverwaltung bestimmten Gegenstände vom 25. Mai 1873. Zum besseren Verständnis lasten wir den Wortlaut der drei an- gezogenen Paragraphen folgen: 8 b. Das Reich ist zur Veräußerung eines nach 8 1 in sein Eigentum übergegangenen Grundstücks nur dann befugt, wenn dasselbe für die Zwecke der ReiclMverwaltung entbehrlich oder unbrauchbar wird und der Erlös aus seinem Verkauf dazu be- stimmt ist, durch Erwerb eines anderen Grundstücks, oder die Herstellung einer anderen Baulichkeit iin Gebiet desselben Bundesstaates einen Ersatz für das entbehrliche oder unbrauch- dar gewordene Grundstück zu beschaffen. Der 8 10 lautet: Alle Einnahmen auZ der Veräußerung von Grundstucken. Materialien. Utensilien und sonstigen Gegen- ständen, welche sich im Besitz der Reichsverwaltung befinden, müsten für jedes Jahr veranschlagt und auf den ReichshauS- Haltsetat gebracht werden.(Artikel KS der Versastung.) Eine Nachweisung von Ucbcrschreitungen solcher EinnahmcetatS und der außcrctatsmäßigen Einnahme aus der Veräußerung der er- wäbnten Gegenstände ist jedesnial spätestens in dem aus das Etatsjahr folgenden zweiten Jahr dem Bundesrat und dem Reichstag zur nachträglichen Genehmigung vorzulegen. ß 11 lautet: Die Einnahmen aus der Veräußerung der im Besitz der Rcichsverwaltung befindlichen Grundstücke dürfen nur unter Genehmigung des Bundesrats und deS Reichstags verausgabt werden und sind, wo- fern diese Genehmigung nicht anderweitig erfolgt ist, im näch- sten Reichshaushaltsetat in die zur Deckung der gemeinschaft- lichen Ausgaben bestimmten Einnahmen einzustellen. Der Abg. Erzberger betonte, der Kriegsminister habe gemäß der oben angeführten Bestimmungen gehandcll, er sei also beim Verkauf des Feldes in seinem Recht gewesen. Außerdem konnte der Minister sich auf einen einstimmigen Beschluß der Budget- kommission berufen, der ihn zu der durchgeführten Maßnahme be- rcchtigte. Es könnte höchstens die Frage aufgeworfen werden, ob die Kommission mit ihrem Beschluß nicht ihre Befugnisse überschritten Hab«. Wer das müsse ver- neint werden, denn in der Kommission seien alle Parteien ver- treten und ein st immige Kommissionsbeschlüste habe das Plenum noch stets sanktioniert. Professor Laband habe in einem Gutachten den Absatz 2 deS 8 19 einfach unterschlagen.— Kriegsminister v. Heeringen erklärte: An der Veräußerung von Grundstücken des Reiches sind die gesetzgebenden Körperschaften nicht beteiligt, daS sei allein Sache der Verwaltung. Er habe ein bindendes Geschäft abgeschlossen und trage die staatsrechtliche Verantwortung dafür, daß der Reichstag nachträglich die Ge- nehmigung vollzieht und über die Verwendung der in Einnahme eingestellten Verkaufssumme beschließt. Abg. Dave bestreitet, daß die Rechtslage so klar und glatt liege, wie Erzberger es darstelle. Zivilrechtlich sei der abgeschlossene Verkauf wohl nicht anfechtbar, aber der Vorgang müsse zu einer grundsätzlichen Regelung führen. Ein Terraingeschäft von 72 Millionen abzuschließen, ohne die gesetzgebenden Körper» schaften zu fragen, sei doch nicht Aufgabe des Kriegsministers.— Staatssekretär Mermuth äußerte sich im Sinne des Kriegs- Ministers und verwies dabei auf Verhandlungen in der Rechnungs» kommission des Reichstages vom 27. Februar 1899. Im übrigen sei die Rechtslage auch so, daß z. B. nur Geldgeschäfte der Ge- nehmigung der gesetzgebenden Körperschaften unterliegen, nicht aber Tauschgeschäfte, also im letzteren Falle die Verwaltung auch freie Hand habe. Das Reich habe schon viele und sehr wertvolle Grundstücke veräußert, ohne daß der Reichstag jemals die Rechts- läge bestritten habe.— Abg. Weber trat ebenfalls dafür ein, dag der Kriegsminister zum Verkauf allein berechtigt gewesen se:. Er habe gemäß der konstanten Haltung des Reichstags und der vor- handenen Rechtslage gehandelt. Es bestehe allerdings im gegen- wältigen Zustand eine Lücke hinsichtlich des Bewilligungsrechtes des Reichstags, weshalb er und seine Freunde die nachstehende Resolution zur Annahme empfehlen: Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regie» rungen zu ersuchen, dem Reichstag baldigst einen Gesetzentwurf über die Einnahmen und Ausgaben des Reiches und über den Rechnungshof vorzulegen. Der Abg. v. Richthofen bezeichnete gleichfalls den Verkauf als zu Recht bestehend.— Genosse Ledebour: Die Sozialdemo» kratcn werden der Resolution Weber zustimmen, ohne sich aller- dings die Webersche Begründung zu eigen zu machen. Das Ver- halten der Regierung beim Verkauf des Tempethofer Feldes sei n ich t-eintvandfrei; der Kriegsminister könne nicht nach eigenem Ermessen solche Geschäfte abschließen. Die Schwäche der Position der Regierung komme auch schon dadurch zum Ausdruck, daß sie sich fortgesetzt nur auf Kommissionsbeschlüsse berufe. Demgegcu- über sei zu betonen, daß Kommissionsbeschlüsse für das Plenum gar keine bindende Gewalt haben. ebensowenig wie die Stellungnahme einzelner KommissionS- Mitglieder für die Fraktionen bindend fein könne. Wenn der ver- ftorbene Abg. Singer mehrfach als Kronzeuge für das Vorgehen des Kriegsministers aufgerufen werde, so wolle er doch bemerken, daß keine dokumentarischen Beweise dafür vorliegen, daß Singer dem Verkauf unter solchen Verhältnissen zugestimmt habe. Der§ 19 des einschlägigen Gesetzes könne auch vernünftiger- weise nur den Sinn haben, daß die Verwaltung nur dann zu einem solchen Verkauf ein Recht habe, wenn ein zwingender Grund vorliege, wovon aber beim Verkauf des Tempethofer Feldes nicht die Rede fein kann. Der Kriegsminister mußte des- halb mit dem Abschluß warten, bis die gesetzgebenden Körper- schaften befragt worden sind. Es widerstreite auch dem gesunden Menschenverstand, dem KricgSministcr oder einer anderen Vcrwal- tung solche Vollmachten zu erteilen, denn, theoretisch gedacht, könnte sonst ein Minister einmal alle möglichen Grundstücke, Kasernen oder Schiffe nach Gutdünken verkaufen und zu jedem ihm genehmen Preise. Die staatsrechtliche Verantwortung, die der Kriegsmimster zu übernehmen bereit fei. bedeute in Deutschland gar nichts. Der Minister habe nicht einmal eine solche Verantwortlichkeit, sondern nur der Reichskanzler. Solange aber ein MinisterverantwortlichlcitSgcsetz nicht existiere, bedeute auch das nicht sehr viel. Was würde und könnte ge- schehen, wenn z. B. der Reichstag jetzt die Genehmigung ver» weigere? Deni KricgSminister würde es deshalb nicht«in- fallen, auch nur seinen Abschied zu nehmen, solange der Kaiser mit ihm zu frieden sei. Es bleibe bestehen: der Kriegsministcr habe seine Befugnisse überschritten, und die Auf» fassung der Nationallibcralcn, des Zentrums und der Kon» servativcn sei falsch; das Budgetrecht des Reichstages werde mit einer solchen Auffassung auch über den Haufen geworfen. Abg. Fischer(Berlin): Im vorigen Jahre noch habe daS Kriegsministerium eine ganz andere Auffassung darüber ge- habt, ob der Verkauf des Tempethofer Feldes das Parlament etwas angehe oder nicht. AIS damals Erzberger in der Budgettommisston wegen einer Vorlage über das Tempclhofer Feld angefragt habe, Hobe Oberst Zastrow namens des Kriegsministcrs erklärt, daß der Reichstag nicht vor ein kait accompli gestellt wer» den solle. Es sei auch nicht beabsichtigt, erllärte der Oberst damals, Verkäufe oder Verträge ohne Genehm i- gung des Reichstages vorzunehmen. Jetzt nehme plötzlich der LriegSminister eine andere Stellung ein. Auch Erz- bergcr habe, als es sich um die Verträge wegen der D i a m a n t e n- gewinnung in Südwcstafrika handelte, eine andere Stellung eingenommen und verlangt, daß die Verträge erst der Beschluß- fassung des Reichstages unterliegen sollen. Es �ci auch total falsch, gegen den Professor Laband den Vorwurf der Unterschlagung zu erheben. Laband habe in einem seiner Guwchten den zweiten Absatz des 8 19 sehr wohl erwähnt und beachtet. Wörtlich habe er geschrieben: Eine Bestätigung ist übrigens aus dem§ 19 selbst zu ent- nehmen. Er unterscheidet, ob die Einnahme aus dem Verkauf im Reichshaushaltsetat veranschlagt ist oder nicht. In einem solchen Falle bedarf es neben der Veranschlagung nicht einer be- sonderen Genehmigung; ist dagegen die Einnahme im Etats- yesetz nicht veranschlagt, so ist sie dem Bundesrat und dem Reichstag.zur nachträglichen Genehmigung" nicht bloß zur Kenntnisnahme vorzulegen. In beiden Fällen ist also die Ge. nehmigung(Bewilligung) des Reichstages erforderlich: im ersten Falle ist sie in der Veranschlagung mitenthalten und in der not» GendM» Voraussetzung', im aiid'ertÄl Falle ist sie naHtraglich besonders und ausdrücklich zu crteiljen. Ter.KriegZminister habe schon dafür gesorgt, daß die Sache nicht in den ordentlichen Etat hineingelommen sei. Und nach Erzbergc'r habe der Minister das Recht, eine solche Sache zu ve» schleppen, um den Reichstag vor die öcllendete Tatsache zu stellen. Danach hä Ue der Reichstag auch dann nichts mehr zu sagen, wenn. theoretisch gedacht, der Kricgsminister das Feld sür eine Million verschleudert hätte an irgendeine Spekullantengruppe. Ein solcher Zustand sei unhaltbar, wie der Berkaus des Tempelhofer Feldes auch sonst erwiesen habe. Kriegsminvter v. Seeringen will aus den Darlegungen und Erklärungen i des Obersten Zastrclw im vorigen Jahre nicht den Eindruck gewannen haben, daß daimals eine andere Stellung eingenommen Worten sei. Durch die Zustimmung der Budget- tommission häoe der Kriegsminister völlig freie Hand gehabt und sei danach verfahrend— Abg. Ledebour erklarte demgegenüber. der Beschlutz der Bn.dgetkommission halbe den Minister nur er» mächtigt, Verhandtungen einzuleiten, nicht aber einen Berkauf abzuschlietzen. E'» sei der Kommission gar nicht eingefallen. das Bewilligungsrecht de.? Reichstags aus der Hand zu geben.— Räch einer längeren Erw.iderung ErzbergerS wurde zur Abstimmung über die natim«illiberale R�olution geschritten, die einstimmige Annahme fa»d.— Der Konservative v. R ichthofcn hatte noch eine rnrr handschriftlich formulierte Resolution gestellt und selbst verlese», deren Wortlaut aber den meisten Kommissionsmitgliedern entrangen und unbekannt ge- blieben war. In dieser Resolution snllte muh die öffentlich. rechtliche Bindung des abgeschlossenen Vertrages aus- gc sprachen werden. Von sozialdemokra tischer und freisinniger Seite wurde lebhafter Einspruch gegen diese Resolution erhoben ünd auf ihre Unzulässigkeit hingewiesen. In die Enge getrieben, erklärte v. Richthofen, datz ihm der Wortlaut ganz gleichgültig sei.— Ledebour erklärte, daß das denn doch ein tolles Verfahren eines Abgeordneten sei, eine Resolution einzubringen und dann zu sagen, der Wortlaut sei ihm gleichgültig.— v. Richthofen zog hierauf seine Resolution zurück, die einem Ueberrumpelungsversuch verteufelt ähnlich sah. Weiter wurde darüber eine Abstimmung herbeigeführt, ob der Kriegsminister mit dem Verkauf des Tempelhofer Feldes recht gehandelt habe. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Freisinnigen und der Polen wurde das beschlossen: der Nationalliberale Görcke enthielt sich der Ad- stimmung. Hierauf wurde in die Erörterung der Nützlichkeit?- und Zweckmätzigkeitsfrage eingetreten, wozu die folgenden beiden Resolutionen vorlagen: Dr. Wiemer. Eickhoff. Dove, Wagner(Labiau). Die Komniission wolle beschl setzen: der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen: 1. mit Rücksicht auf die beim Verkauf deS Tempelhofer Feldes zu wahrenden Sffentlichen Interessen in neue Verhand- lungeu mit den Beteiligten einzutreten und etwaige De- strebungen auf Herbeiführung einer Verständigung zu unter, stützen; 2. falls auch der Verkauf eines Teils des östlich der Tempelhofer Chaussee gelegeneii Feldes in Erwägung gezogen wird, Entscheidung nicht ohne vorherige Verhandlung mit den in Betracht kommenden Gemeinden zu treffen. Erzberger. Fürst zu Löwenstein. Nacken. Dr. Pichler. Speck. Die Kommission wolle beschlietzen: der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Interesse einer großzügigen, von modernen Ge- sichtspunkten getragenen Bebauung deS Tempelhofer Feldes in Erwägungen einzutreten, ob und wie eine beiderseitige Be- bauung der Tempelhofer Chaussee zu ermöglichen wäre. Der Abg. Erzberger erklärte, datz die Frage, ob es richtig war. datz das Feld an die Gemeinde Tempelhof und nicht an Berlin verkauft worden sei, den Reichstag gar nichts angehe. Zwar habe auch der Reichstag ein Interesse daran, datz so gebaut werde, wie es den hygienischen Interessen entspricht, aber das könne auch jetzt geschehen. So habe der Plan von Janssen sehr viel für sich; ebenso auch der Plan von Gerlach. Beim letzteren Plan würden nur 45 Proz. des Geländes bebaut, während sonst allgemein nur 33 und höchstens 30 Proz. des Bauareals frei blieben. Im übrigen gehe es den Reichstag nichts an, welche Pläne die Behörde ge- nchmigen und durchführen wolle. Der Kriegsminister verwahrte sich gegen den Vorwurf. der in der Oeffentlichkeit erhoben worden sei, er habe die Jnter- essen Berlins vernachlässigt. Der Bauplan habe für ihn keinen anderen Zweck gehabt, als den einer Unterlage für die Wert» abschätzung. Wie gebaut werde, sei ihm gleichgültig, dieHauptsache sei, datz er das Geld bekomme. Im übrigen sei für die Bebauung die Baupolizeiverordnung von 1808 matzgebend. Zu hygienischen Zwecken dürften die Rcichsgeldcr nicht verschenkt werden, er habe deshalb die Interessen des Reiches in erster Linie und sachlich zu vertreten. Für lokale Zwecke habe das Reich nicht aufzukommen. Würde dieser Gesichtspunkt ausgegeben, so würde das dem Reich in kurzer Zeit Hunderte von Millionen kosten. Die Eingemeindungsfrage gehe die Militärverwaltung gar nichts an. Außerdem: Tempelhof wolle davon nichts wissen, der Kreis auch nicht, ebenso die Provinz und der Landtag. Was solle er da tun? Gegen Berlin sei die Militärverwaltung nicht animos gesinnt. Der Kriegsminister gab nochmals eine Darstellung der Verhandlungen mit Berlin, die darauf hinauslief, nachzuweisen, datz Berlin die Sache verschleppt habe, alles Drängen unfruchtbar blieb, bis dann endlich der Militärverwaltung die Geduld gerissen fei. Wenn mit Berlin 14 Monate lang verhandelt und es drei Monate gedrängt wurde nach einem Abschluß, könne niemand bv- haupten, Berlin sei ungünstig behandelt worden. Die Weiterberatung wurde hierauf auf Freitag vertagt. flu; dem feleriftalen yinanzfumpf. Brüssel, 21. Februar.(Gig. Ben) Die belgische Kammer hat seinerzeit beschlossen, datz die Parlamentsmitglieder keinerlei Stellung in der Administration oder den Aussichtskomitees der Kolonialgesell- schaften, an denen der Staat interessiert ist, annehmen dürfen. Herr B e g e r e m, Mitglied der klerikalen Rechten, hat, wie die meisten der katholischen Minister autzer Dienst. Verwaltungsstellen in einer Reihe— man sagt ihm ungefähr IV solcher Pöstchen nach— finan- zieller Gesellschaften» Einer seiner einträglichsten Posten ist der im Permanenzkomitee derKasal-Gesellschaft imKongo. Er trägt ihm ungefähr 40 vvv Fr. jährlich ein— je nach den Benefizien der Gesellschaft. Der demokratische Deputierte Lorano brachte vorige Woche diesen Jnkonipatibilitätsfall vor die Kammer. Die Kasalgesellschaft— eigentlich ein Kautschuktrust— befindet sich augenblicklich in einem Prozetzverhälwis zum Staate, dessen Interessen der Deputierte, der ein BertraueuSamt seitens der Regierung in dem Komitee der Gesellschaft inne hatte, zu vertreten gehabt— hätte. Herr Begerenr hat das Kapital der Gesellschaft vermehren lassen, damit der Staat, der früher Herr im PermanenzauSschutz war. nicht mehr in der Majorität ist. Herr Begerem stellte sich freilich als unschuldiges Lamm hm. Nicht das Permanenzkomitee, dein er angehört,—> der Verwaltungsrat sei der wirkliche Herr der Gesellschaft— Lorand behauptete allerdings das Gegenteil— und eS sei auch nicht das Pcrmanenzkomitee, sondern der Verwaltung»- rat im Prozetz mit dem Staat. Also sei er nicht im Konflikt mit dem Staat und er werde fortfahren, die Wähler. die ihn mit dem Vertrauen„beehren", zu„vertreten", und weiter die— 35 000 oder 40 000 Frank einzusacken, trotz Jnkompatibilitäts- gesetz und allen Grundsätzen politischer Moral. Als Verteidiger fand der Mann eigentlich nur Herrn Woeste, dessen Fanatismus ihn trotz persönlicher Integrität nicht hindert, sich für die Finanzgeschäfte seiner Freunde einzusetzen. Die Rechte, obgleich sie selbst die Jnkompatibilitätsbestimmung in daS Annexionsgesetz aufgenommen und obwohl ihr nicht minder wie der Opposition klar ist, datz der klerikale Deputierte als Vertreter des Staates und mit Rücksicht auf das ihm von der Regierung seinerzeit überwiesene Vertrauensamt im Permanenzkomitce die Interessen des Staates verletzt hat, setzte den Parleigeist über alle politische Moral und stimmte für Heber- gang zur Tagesordnung. Die Prophezeiung, datz die klerikale Partei im Finanzsumpf cnden wird, erfüllt sich mit rapider Sicherheit._ poUtifcbe OcbcrHcbt. Berlin, den 23. Februar 1911. Das Ominquennat. AuS dem Reichstag. 23. Februar. Die neue Militärvorlage, durch die die Friedensstärke des Heeres auf weitere fünf Jahre festgelegt werden soll, kam heute im Reichstag zur zweiten Lesung. Als erster Redner der Zentrumspartei vertrat auch bei dieser Gelegenheit der Ab- geordnete Speck durchaus den Regicrungsstandpunkt. Er glaubte sogar die Zustimmung aller Parteien, auch die der Sozialdemokratie zu der Lorlage erklären zu können. Wie sich schon aus der Debatte ergab, war das ein Irrtum, nicht einmal die ganze Zentrumspartei tritt für den Entwurf ein. Für die Sozialdemokratie erklärte sofort Genosse S t ü ck l e n, daß der Abg. Speck auch nicht den Schatten einer Berechtigung zu seiner Behauptung habe, denn unsere Partei lehne grund- sätzlich die Vorlage ab. Stücklen verwies dann darauf, daß die abermalige Berstärkung des Heeres, wie sie mit dieser Vorlage verknüpft ist. in der Weltlage durchaus keine Recht- fertigung finde. Alle Anzeichen sprächen vielmehr dafür, daß jetzt die Zeit gekommen sei. einen energischen Vorstoß in der Richtung auf die allgemeine Abrüstung zu unternehmen. Leider ließen sich aber die bürgerlichen Parteien durch die Kriegshetzer beeinflussen. Wie diese an Kriegslieferungen interessierten Hetzer arbeiten, dafür erbrachte Stücklen einen interessanten Beweis durch Verlesung eines nach Paris gerichteten Briefes der „Deutschen Waffen» und Munitionsfabrik". Der Präsident Spahn nahm merkivürdigcrlvcise aus der Charakterisierung des Verfahrens dieser Fabrik durch Stücklen den Anlaß, dem Redner nachträglich eine Rüge zu erteilen. In der weiteren Debatte sprachen sich die Herren Bassermann(natl.) und Wiemer(Vp.) für die Vorlage aus. Der General v. Liebert, den die Reichspartci vor» geschickt hatte, hielt eS für angebracht, seine Rede mit einigen Angriffen auf die Sozialdemokratie zu spicken. Der Kiicgs- minister, General v. Heeringen, brachte zur sachlichen Rechtfertigung der Vorlage nur höchst dürftiges Material vor. Die Aiilitärfrömmigkeit der bürgerlichen Parteien ermöglichte ihm diese Sparsamkeit an Gründen. Dann hielt der Zentrumsabgcordnete Heim eine höchst merkwürdige Rede, die sich wie eine verschleierte Polemik gegen seinen Fraktionskollegen Speck anhörte. Heim schloß auch mit der Versicherung, daß er selbst gegen die Vorlage stimmen werde. Genosse N o s k e sprach die Vermutung aus, daß das Zentrum, trotzdem eS in seiner überwiegenden Mehr» heit für die Vorlage stimmen werde, doch die Heimsch« Rede als Mittel zum Beweis seiner Volksfreundlichkeit bei den Wahlen verwerten würde. Noske hielt dann eine gründliche Abrechnung mit dem Reichsverbandsgeneral v. Liebert. wobei er sich wegen der Kennzeichnung von dessen wahrheits- widrigen Angriffen auf die Sozialdemokmtie einen Orb- nungsruf holte. Aus den Görresblättern sowie aus Reden des Generals Heusler wies Noske nach, daß das Zentrum sich in beständigen Widersprüchen bewege bei seinem Verhalten zu Militärforderungen. Mit einigen persönlichen Bemerkungen ging die Debatte zu Ende. Da die Sozialdemokraten namentliche Ab» stimmung über den§ 1 der Vorlage beantragt hatten und da nainentlickze Abstinnnungen einer Uebereinkunft zwischen den Parteien zufolge erst am folgenden Tage nach ihrer Einbringung vorgenommen zu werden pflegen, wurde die Abstimmung über den§ 1 auf Wunsch deS Präsidenten ausgesetzt und zunächst nur die Ab» stimmung über die anderen Paragraphen des Gesetzes vor- genommen, die mit großer Mehrheit zur Annahme gelangten. Morgen wird zunächst die ausgesetzte namentliche Ab- stimmung über 8 1 vorgenommen; dann kommt der Militäretat selbst zur Verhandlung. Furcht vor der Sozialdemokratie. Die Eisenvahnarbetter und Beamten vor der„Jnfizienmg mit dem Gifte de? Sozialismus" zu bewahren, scheint daS Haupt- bestreben der preußischen Regierung und der sogenannten Volks- Vertretung zu fein. Deutlich klang es aus den am Donnerstag bei der Fortsetzung der Berawng des Etat» im Sbgeordneteuhause gc- baltenen Reden hindurch, datz einzig und ollein die Furcht vor der Sozialdemokratie eS ist, der die Angestellten die geringen Lohn- aufdesierungen verdanken, die ihnen im Laufe der Jahre zuteil ge- worden find. Das Streikrecht will man ihnen nicht geben. Sogar der fortschrittliche BolkLparteiler F u n ck will davon nichts wissen. ganz zu schweigen von dem Zenlrmnsarbeiter GieSbertS. der der einen Streik der Eisenbahner für etwas ganz Unmögliches hält und die Verwaltung so herzlich lobt, datz der Minister von Breitenbach ihm gerukrt in die Arme sinkt. Zwischen den Reden der Renommierarbeiter, die das Zentrum ins Dreillassenparlament schickt, und denen der Schlot- oder Kraut» junker ist ein Unterschied überhaupt kaum noch zu entdecken— höchstens, datz die GieSbertS und Konsorten noch wüster gegen die Sozialdemokratie Hetzen als ihre Blockbrüder. Und auch darin gleichen sich die Ritter und die Heiligen, datz sie den Sozialdemo- kraten, nachdem sie weidlich über sie geschimpft haben, das Wort ab- schneiden. Unserem Genossen Leinert nahmen sie infolge d«S üblichen Schlutzontrages die Möglichkeit zur Erwiderung. Aber eS wird der Gesellschaft nickt« geschenkt werden, sie werden bei passender Ge- legenheit die gebührend- Autwort bekommen. Im weiteren Verlauf der Sitzung hielt Abg. v. Pappenheim(k.) eine donnernde Philippika gegen da» undankbare Hessen, dem durch die Betriebsgemeinschast mit Preutzen 2 Millionen mehr zugeflossen find, da» aber immer noch nicht zufrieden ist. Man verlangt, datz Hessen in Zukunft jede Kritik au Preutzen unterlützt und sich mit den „preußischen Eigenarten" abfindet. Tut eS das nicht, dann wird ihm der Maulkorb höher gehängt. So wollen eS die Junker und so will eS auch Herr v. Breitenbach. Das Wort vom Zuckerbrot und Peitsche soll in die Tat umgesetzt werden, nicht nur gegen Arbeiter, sondern auch gegen widerspenstige Bundesstaaten. Freitag: Fortsetzung der Etatsberatung. Mirbachs Rückzug. Der von uns in der letzten Mittwochsnummer mitgeteilte Antrag des Grafen Mirbach-Sorquitten, der die preußische Regierung zu einer tendenziösen Darstellung der durch die letzte Reichsfinanzreform geschaffenen Steuerbelastung ausfordert, wird, wie verlautet, das preußische Herrenhaus nicht beschäftigen, da die konservative Fraktion des Herrenhauses— angeblich in voller U eberein stimmung mit dem Antragsteller— beschlossen hat, vorläufig den Antrag zurückzustellen. Ein einfaches Begräbnis! lieber die Gründe, aus denen Graf Mirbach und seine 107 Parteifreunde auf diu Erörterung dieses Antrages verzichten, schreibt die«Kreuz- Zeitung": „Die konservative Fraktion de? Herrenhauses hat in voller Uebercinstimmung mit dem Antragsteller Grafen v. Mirbach-Sor- quitten beschlossen, die Beratung des Antrages desselben betreffend die Ausllärung über die Reichsfinanzreform vorläufig zurück- zustellen, weil die gelegentlich offiziös inspirierte„Neue Korrc- spondenz" soeben Aufklärungen gebracht hat. welche dem Antrage zum Teil entsprechen, und weil weitere Ergänzungen erwartet werden dürfen." . Diese Gründe sind natürlich nur vorgeschoben, um den Rückgang zu verdecken. Die klügeren Parteigenossen dcs� Grafen Mirbach werden wohl eingesehen haben, daß eine ein- fache Darlegung der Steuerverhältnisse die erhoffte Wirkung nicht haben kann, und daß eine gar zu grobe tendenziöse Entstellung die Regierung blamieren und ihre ohnehin geringe Autorität noch niehr schwächen würde. Zudem würde eine Erörterung der Frage durch die Regierung im Sinne des Heydebrand-Konzcrns die nationallibcrale Partei in noch weit schärferem Gegensatz zu den Konservattven bringen. Wahlvorbereitungen des Zentrums in Bayer«. ES will diesmal in Bayern nicht so glatt gehen bei den Wahl- Vorbereitungen de? Zentrums, wie man das in dieser Partei früher gewohnt war. Während früher die Wähler gehörsam die Kandidaten akzeptierten, die ihnen von der Parteileitung oder von der Geistlich- keit empfohlen waren, haben die.Matzgebenden" heute fast allen!- halben mit, wenn nicht gerade offenem, so doch verstecktem Widerstände zu kämpfen. Oeffentlich wagt sich die Unzufriedenheit zwar nur selten hervor, und in den offiziellen Vertrauensmännerversammlungen angesichts der anwesenden hohen und hochwürdigen Herren klappt eS immer noch einigermatzen, so datz dann triumphierend verkündet werden kann: Herr F. ist„einstimmig" als Kandidat für die ReichStagSwahl aufgestellt. Datz eS mit dieser Einmütigkeit im Grunde nicht weit her ist. tvisien die Führer selbst am besten, und ihre Angst, datz ihnen die Zügel auS de» Händen gleiten könnten, ist nicht gering. Ein charakteristisches Beispiel für die im Zentrum herrschende Uneinigleit bietet der unterfränlische ReichstagSwahlkreis Neu» st a d t a. S. Hier hat eine Anzahl von Zentrumswählern aus der Rhön sogar den Mut gefunden, in einem Schreiben an den Landes- ausschutz der Partei gegen die Zumutung einer Wiederwahl des bisherigen Abgeordneten General Häusler laut und deutlich Prorest erhoben. General Häusler hat, wie seine FraktionSgenosien, für alle Ber» teuerungen der notwendigsten Genutz- und VerbrauchSartikel ge» stimmt, und das hat doch so manchen unserer Wähler auS dem kleinen und mittleren Bauernstand und auS den Kreisen der Arbeiter stutzig gemacht. Aus Speicherz. einem kleinem Dorf bei Brückenau, wurde als besserer Kandidat der von dort stammende jetzige Geheime Regierungsrat und Abteilungsvorstand beim Patentamt in Berlin, Hüfner, vorgeschlagen. Darob bei der Parteileitung natürlich tiefste Entrüstung. Hochnäsig schreibt der „Bayer. Kurier": „Diese Quertreibereien—- Häusler wurde an Kaisers Ge- burtstag einstimmig aufgestellt l— gehen von Verwandten des Geheiimats ans. und zwar von dcsien Schwager. Der Abg. Häusler bat dem Zentrum wertvolle Dienste geleistet, während von dem vorgeschlagenen Kandidaten Hüfner nicht bekannt ist, ob er überhaupt Z e n t r u in S m a n N ist. An seinem Wohnort Berlin hat er sich als solcher bisher nicht betätigt. Dieses eine Beispiel zeigt, datz man in allen Kreisen gut tut, bald die Kandidatenfrage zu erledigen. weil sonst noch mehr Quertreibereien zu befürchten sind. Heute ist General HäuSler aufgestellt und bleibt der Kandidat des Zentrums." Entscheidend für die Aufstellung eines Kandidaten ist also nicht. datz die Wähler den Aufgestellten wollen, sondern datz er der ZentrnmSpartei„wertvolle Dienste" zu leisten vermag— und datz er der Geistlichleit gefällt_ Die mecklenburgische Berfassungskomödie. Noch vor sechs Wochen verkündete die Regierung Mecklenburg-. Schwerin», datz sie Verfassmrgüvorichlägen, die den Boden der Rc- gierungsvorloge verlietzen,„unter keinen Umstanden" zu» stimmen könne. Diese Versicherung hat nicht verhindert, datz in- zwischen der mecklenburgische Justizminister Staatsrat Dr. Langfeld einen neuen Verfassungsentwurf ausgearbeitet hat, der freUich vor- läufig nicht als offizielle Regierungsvorlage gilt, sondern als „Privatarbeit" des Justizministers bezeichnet wird. Wie dem „Derl. Tagcbl." von einem Mitarbeiter gemeldet wird, lallen nachdem neuen Entwurf die alten Stände des Landtags erhalten bleiben. Die Landschaft soll in oorpors, die Ritterschaft in 70 ausgewählten Experten im Landtage vertreten sein. Hinzu kommen einige öffentlich und indirekt von und aus den Gemeindevorstehern gewählte Vertreter des DomaniumS und einige Vertreter anderer Berussklassen, die eben- falls öffentlich und indirekt gewählt werden sollen. Autzerdcm soll das Wahlrecht derart verklausuliert sein, datz nur ganz wenige eS ausüben können. Zu dieser Mitteilung bemerkt der Mitarbeiter deS„B. T.". die Regierung habe sich anscheinend doch geniert, diesen Entwurf selbst hinausgehen zu lassen. Deswegen fei er ausdrücklich als„Privat- antrag" deS Ministers Langseld bezeichnet Damit solle nur der Rückzug der Regierung verborgen werden, denn eS fei doch wohl un- denkbar, datz ein Minister auf eigene Faust einen Reformvorschlag mache, der im ausgesprochenen Gegensatz zu einer Borlage stehe, die er selbst mit ausgearbe'.tet und von der daS ganze Ministerium nicht abgehen zu können erklärt habe. Daher sei auch erklärlich, datz die Regierung verlangte, der Vorschlag solle streng geheim bleiben. DaS Reiultat der jahrelangen mecklenburgischen Verfassung»- tenpagne ist also, die Regierungen der beiden Grotzherzogtümer weichen vor den Ansprüchen der„Ritter" völlig zurück und gebar sämtliche„heiligen" Grundsätze preis. Aus dem Buudesrat. Der Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung die Vorlage be» treffend Prägung von drei Millionen Mark m Fünfpfennigstücken A. sowie den Entwurf einer zweiten Ergänzung des Besoldungsgesetzes den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Die Vorlage betreffend den om IS. November 1909 in Ben, unterzeichneten RiederlassungS- vertrag zwischen dem Deutschen Reiche und der Schweiz wurde an- genommen._ ... Selbst das Scherlblatt wird rebellisch! -IN einer Besprechung der letzten ReichZtagSdebatten über die Wgabiter Vorkommnisse kommt selbst das Scherlsche Hofblatt zu folgenden kritischen Bemerkungen: V"»Allein ein« bleibt, das muh einmal offen ausgesprochen werden, weiten Kreisen unverständlich. EL sind doch zweifellos uitgechörige Dinge vorgekommen. eS haben zweifellos Unschuldige mit den Schuldigen leiden müssen, und einer von ihnen ist sogar getötet worden. Die �'hd.rsten Hüter der Ordnung haben aber in den De- —"-n, an denen sie sich beteiligten, auch für die folgen- > ersten Mistgriffe nicht ein Wort deS Beierns gefunden. Das ist um so weniger ver- i d l i ch. da man überzeugt sein darf, dast ihnen innerlich das id durchaus nicht fremd ist." Das Blatt irrt freilich darin, wenn es glaubt, durch ein paar Worte des Bedauerns hätte die Regierung über die folgenschwersten Mistgriffe hinwegkommen können. So leicht ist die empörte öffent- JUche Meinung, ist das durch solche Polizeimistgriffe in der schlimmsten Weise bedrohte Volk denn doch nicht zu beschwichtigen! Nicht durch «in paar Worte deS Bedauerns hätten die Ausschreitungen der ikizei ihre Sühne gefunden, sondern einzig und allein durch die fste ZurrechenschastSziehung der nach dem Gerichtsurteil digen Beamten. Solange diese Sühne nicht gegeben wird, wixpx die Erörterung der Moabiter Polizeiexzesse nicht zur Ruhe Fommen!_ München-Gladbach er Dressurerfolge. Der ZentrumS-Arbeitersekretär GronowSki, einer der Zöglinge der bekannten jesuitischen Dressuranstalt in München-Gladbach, hat am 14. d. MtS. im preustischen Abgeordnetenhaus allerlei alte Ver- leumdungen gegen die Sozialdemokratie ausgekramt und diese durch ge erlogene Anschuldigungen eigener Erfindung ergänzt. Alle :fe jesuitischen Verleumdungen und Fälschungen nachzuprüfen, lohnt sich nicht der Mühe; eine seiner Fälschungen möchten wir jofaoch immerhin festnageln, da sie gewissermaßen typisch dafür ist, Mi« Herr GronowSki„arbeitet". •'~ sagte in seiner Rede: '»* i sozialdemokratische Frauenorgan, die„Gleichheit", gibt ' rn�her Nr. 8 1910 den sozialdemokratischen Frauen folgenden Rat - über' Zubereitung von Fleiichabfällen: „Ihr Nährwert ist keineswegs geringer als der des teuren MustelfleischeS. Durch geschickte Zubereitung lassen sich auS .'.jlr-ckr-Möpfen, Lebem, Lungen. Herzen. Nieren usw. sehr wohl- ,?tS schmeckende und kräftige Gerichte herstellen. Hier sei nur in u«-«Aürze auf weniger bekannte Zubereitungsmethoden hin- . na Nieine Herren, daS schreibt ein sozialdemokratische? Frauen- Ich wollte die Zentrums- oder die bürgerliche Presse be- dauern, die den Frauen anraten würde, Abfallfleisch zuzu- bereiten, dann würde von Menicl bis München ihre Preffe über Verrat und Niedertcetung der Arbeiterfamilien räsonieren." Herr GronowSki hat hier unverschämt geschwindelt, wenn er be- hauptet, die„Gleichheit" hätte die Zubereitung von„Abfall- fleisch" empfohlen. Die betreffenden Artikel befinden sich in der „Gleichheit", Jahrgang 1910, Rr. 7 und 8. Sie tragen den Titel: ,Kamps gegen die Unterernährung im Haushalt" und geben der Hausfrau Ratschläge, wie sie Fleisch. Gemüse usw. oehandeln soll, um nicht deren Nährwert durch Auswässern, Aus- laugen usw. unnötig herabzuschwächen. Dann wird gesagt, dast die HanSfrau auch das„vcrhältnismästig billige Fleisch der sogenannten Schlachiabgänge stärker für den täglichen Tisch" heranziehen könne. Saraus folgt der von Gronowsli zitierte Passus. tj\ Herr Gronowsli hat also die Tatsache auf den Kopf gestellt, .»»enn er Leber, Herz, Nieren usw. als Flcischabfälle hinstellt �behauptet, wenn dies etwa die Zentrumspresse schriebe, so die sozialdemokratische Preffe übe, Verrat usw. räsonieren. he ist, dast sich auS den genannten Fleischsorten sehr wohl« kende Gerichte herstellen lassen, und wir wetten, wenn Herrn oSki in einem feinen Restaurant ein nach der„Gleichheit" stetes Herz vorgesetzt würde, dast er es nicht verschmähte. Aber woher kommt eü denn, dast für Millionen von Proletarier« familien auch solche Gerichte, wie die„Gleichheit" sie beschrieb, noch Fe st tagöessen sind, und dast ein derber Schweine- oder Kalbs- braten fast nie auf den Tisch des Arbeiters kommt? Das ist das Werk der Zöllner und Wucherer, in dessen Chorus die München- Gladbacher Gröben u lu GronowSki die erste Geige spielen. Ein Fortschrittlcr alS Reichsverbandskandidat. In Lübeck stellten die Nationalltberalen, die Fortschrittliche KSvartei und der Reichsverbond zur Bekämpfung der Sozial- »lralie gemeinsam den Postsekretär Julius Klein, der sich gm Forlichrntlichen VolkSparlci rechnet, als bürgerlichen Kandidaren gm. Besonder« die Vertreter des Reichsverbandes versprachen dem „stßeralen" Mischmasch-Posisekreiär ihre Hilfe im Wahlkampf. Die Liberalen und der Reichüverband Arm in Arm! Wirklich ein edles vriiderpaar 1_ Ein ZengnisztvangSderfahren gegen den Redakteur der„Strastburger Rundschau", (ötz, eingeleitet worden. Die„Strastburger Rundschau", s» zur Umgehung der Kautionsvorschriften im PrestauSnahmegesetz Zliast-Lolhringen(20 000 M. für ein täglich erscheinendes Blatt) l e h l bei Strastburg, ouf der badischen Rhcinseite, gedruckt wird aat>«rscheint. beschäftigt sich mit Vorliebe mit Mist stände» in der elsatz-lothringischen Schulverwaltung, wobei dem Redakteur Götz seine Beziehungen alS früherer Lehrer zustatten kommen. Neulich war daS Blatt nun in der Lage, au« den abhanden gekommenen GerichtSakten gegen einen elsässischen Lehrer Veröffent- lichungen vorzunehmen, und nun soll Redakteur Götz in einem hieraus cnistandcnen Disziplinarverfahren gegen einen Strastburger Rechtsanwalt, der an- gellagt ist, diese GerichtSakten in Besitz gehabt zu haben, als Zeuge darüber vernommen werden, wer die Akten später auf der Redaktion bei ihm abgeholt hat. Götz verweigerte unter Berufung aus das RcdakrionSgeheimniS und ferner auf ß 64 der Gtrafprozetzordming die Namensnennung, worauf er im ZeugniSzwangSver- fahren zu einer Geldstrafe von 40 Mark und zu den Kosten verurteilt wurde. und gleichzeitig gegen ihn zur Erzwingung deS Zeugnisses die Haft angeordnet worden ist, die der Zeuge Götz im Strastburger Bezirksgefängniü am 27. Februar 1911 antreten soll. Götz hat sofort Beschwerde beim Oberlandes- gericht Colmar eingelegt, er will ferner, wie er in feinem Blatte mitteilt,„auch an den Reichskanzler und die weiteren obersten Justiz- «astatizen sowie an den Reichstag und den Landesansschuß scharf präzisierte Eingaben" abgehen lassen. DaS ist zwar ein wenig viel ävf einmal, und es ist mit diesem Zetergeschrei nicht wohl zu ver- «inbaren, dast gerade diese„Strastburger Rundschau' bisweilen, »t» z. v. im Falle.Lorraine Sponive" in Metz, gegen andere Leute an die„starke Hand" der Regierung von Elsast-Lothringen appelliert. tsagt muß doch werden, dast dieser neue Fall wiederum be- l stätigt, wie wenig ernst die wiederholten Kundgebungen regierender s Stellen in Preusten-Deutschland gegen die Anwendung deS ZeugniS- zwangSverfahrenS bei Redakteuren zu nehmen stnd. Ein drakonisches Urteil. Der Maurer und Kanonier d. R. Schiller war im Herbst b. I. zu einer 22rägigen liebung bei einem auf dem Ucbungsplatz in Barme» gebildeten Reserve- Artillerieregiment eingezogen. Seine aktive Dienstzeit hatte er schon von 1905—1907 abgeleistet. In der Korporatschaft Schillers war auch der Unteroffizier d. R. Kannegieher, der eine gewisse Animosität gegen Sch. hatte. Es kam zwischen beiden mehrfach zu Reibereien, i» deren, Verlaufe sich der Reiervemann zu Insubordinationen und Belei- digungen gegen den Referveunterossizier hinreisten liest. Das Ver- hallnis deS letzteren gegen Schiller ergibt sich deutlich daraus, dast er eines Tages äusterle, der lSchiller) must mal verprügelt werden. Am 15. Oktober halten die Mannschaften nackinittags frei und der größte Teil begab sich in die Kantine, wo in froher Stimmung ge- zecht wurde. Schiller hatte ein großes Quantum Bier und Schnaps zu sich genommen und war infolgedessen st a r k jb e t r u n k e n. Gegen 9 Uhr abends erschien der Sieserveunteroffizier, der auch nickst ganz nüchtern war, und befahl Schiller, sich in die Baracke zu scheren. ES kam zu einem Wortwechsel und schließlich wurde der Reserve- mann vom Unteroffizier gestoßen, wodurch Schiller in eine sehr gereizte Stimmung geriet. Beide begaben sich dann nach der Baracke; hier kam es abermals zu Aus- einandersetzungen. Bei dieser Gelegenheit soll nun Schlller den Unteroffizier in„feindseliger Absicht" einen Stoß versetzt haben. Obgleich der Unteroffizier diesen Vorfall provoziert hatte. besaß er die Kühnheit, den Reservemann zu melden. Es wurde ein tätlicher Angriff konstruiert und Schiller erhielt dicserbatb sowie wegen einiger Insubordinationen vom Kriegsgericht in Köln— cm Jahr sechs Mouate Gefängnis! Dabei hat das Gericht noch an- genoinnren, dast der Angeklagte durch daü Verhalten de« Unteroffiziers gereizt und zur Tat hin- gerissen worden sei. Es wurde ihm deshalb der Z 98 des Miliiärsirafgesetzbuchs, wonach in solchen Fällen die Strafe bis auf die Hälfte ermäßigt werde» kann, zugebilligt. Der Angeklagte legte gegen das Urteil Berufung ein; er könne sich infolge seiner damaligen Trunkenheit nicht auf den Borfall genau besinne»� jedenfalls habe ihm aber ein Vergreifen an dem Vorgesetzten ferngelegen. DaS Oberkriegsgericht in Dresden traf aber dieselben Feststellungen wie die Vorinstanz, hielt auch die „Strafe für angemessen" und verwarf die Berufung. Die lange Untersuchungshaft kam auch nicht zur Anrechung. Aus einer kleinen Republik. Wir gaben am Mittwoch einer Meldung der„Vossischen Zeitung" Raum, nach welcher der Senat Lübecks es zu einem Konflikt mit der dortigen Bürgerschaft wegen der Erhöhung der Gehälter der Lehrerschaft kommen lassen will. An der gakizen Nachricht ist nur soviel zutreffend, dast der Senat den wiederholten Abänderungsbeschlüffen der Bürgerschaft zum BeamtcnbesoldungSetat nicht beigetreten ist. Dast es zu einem Konflikt zwischen den beiden gesetzgebenden Faktoren Lübecks kommen würde, können nur Leute glauben, welche die Zusammen- setzung der Lübecker„Bürgerschaft" nicht kennen. Die auf Grund eines schäbigen Klassenwahlrechts gewählte Bürger- schaftSmehrheit hat dem Senat gegenüber noch nie Festig- keit gezeigt und hat es auch in diesem Falle nicht getan. Bereits am Montag, den 13. Februar, fielen die Herren Geld- sackvertreter um. verhalfen dem Antrage deS Senates, nach welchem die VolkLschullchrer ihr Endgehalt erst in 27 Jahren erreichen sollen. zur Annahme. Von unseren Genossen in der Bürgerschaft wurde das schmähliche Verhalten der Mehrheit scharf gegeißelt. Davon, dast am kommenden Montag die Bürgerschaft sich noch einmal mit der Be- soldungSvorlage beschäftigen wird und daß eine Entscheidungskommission da« Zerwürfnis schlichten müsse, kann keine Rede sein. Der ganze Lübecker BeamtenbesoldungSetat ist bereits vor einigen Tagen amtlich als Gesetz verkündet worden._ Zur Pestgefahr. Auf Grund deS§ 26 des Gesetzes betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten vom 30. Juni 1900 und der Bekannt- inachung betreffend die Ein- und Durchfuhrbcschränkung zur Abwehr von Cholera- und Pcstgefahr vom 4. Juli 1900 hat der Reichskanzler nachstehende Verfügungen erlassen: 1. Die Ein« und Durchfuhr von Leibwäsche, alten und getragenen Kleidungsstücken oder von Teilen solcher Kleidungsstücke, z. B. so- genannter Chinawalte, von gebrauchtem Bettzeug. Hadern und Lumpen jeder Art aus China ist verboten. 2. Am Leibwäsche. Bettzeug und Kleidungsstücke, welche Reisende zu ihrem Gebrauch mit sich führen, oder welche als UmzugSgut ein« geführt werden, findet das Verbot unter Str. 1 keine Anwendung. Jedoch kann die Gestuttung ihrer Einfuhr von einer vorherigen DeS- infelnon abhängig gemacht werden. 8. Dem Reichskanzler bleibt vorbehalten, Ausnahmen von dem Verbot unter Anordnung der erforderlichen Vorsichlsmastnahmen zu- zulassen._ Drockschlerberichtigung. In Spalte 2 unseres vorgestrigen Leitartikels stand: Es genügt festzustellen, dast das Reich im Jahre 1878 eine Einnahme von 503 246,6 Millionen Mark hatte... während diese Einnahme im Jahre 1910 eine Höhe von 2 833 781,1 Millionen erreichten. Es mußte natürlich heißen: 503,246.6 Millionen Mark und 2 853.781.1 Millionen. Durch den Jnterpunktionssehler waren die Beträge vertausendfacht worden. franfcrdch. Die Marinedebatte. Pari?, 23. Februar. D e p u t i e r t e n k a m m e r. Bei der Be- ratung über den Gesetzentwurf betreffend den Bau von zwei Panzerschiffen sagie Sembat(Soz.)» England habe seit langer Zeil erklärt, dast es bereit sei, an einer internationalen Verernbarung für die Beschränkung der Rü- stungen teilzunehmen. Er forderte die Regiernng auf. eine solche Vereinbarung zu veranlassen. Der Redner griff sodann den Trust der Metallindustriellen an, der ein Interesse an der Fortsetzung der Rüstungen habe, und brachte schließlich im Namen der sozialistischen Partei einen Antrag gegen die Borlage ein. Der Abg. G o u d e sGccin. Soz.) sagte. e» scheine, dast die Modelle der Panzerschiffe „Jean Bart" und„Courbet", die für zukünftige Bauten hätten ver- wendet werden können, verloren gegangen seien. Diese Modelle seien eine Million wert.(Bewegung.) Der Marine- minister Bous de Lapeyrerc versprach, den Tatbestand festzustellen und der Kammer sofort mitzuteilen. Goude tadelte sodann in scharfer Weise die gegen die Arscnalarbriter unternommene Kampagne. Die Industrie versiehe es. Opfer zu bringen, um sich gewisse Beamte geneigt zu machen. So habe man gesehen, dast die Lieferungspreise von den Mauneiiigenieiiren gefälscht worden seien.(Lärm.) Der Marinenunister protestiert gegen diese Anschuldigung._ Plötzlicher Tod des KriegSmlnisterS. Paris, 23. Februar. Wie die„Agence Havas" meldet, ist der KriegSmmister General Brun plötzlich gestorben. Englanä. Annahme der Vetobill. London, 22. Februar. Im Unterhause wurde die erste Lesung der ParlamentSbill mit 351 gegen 227 Stimmen angenomme n. Von den Bänken der Ministeriellen ertönten langanhaltendc Cheers, besonders Asquith war der Gegenstand begeisterter Kundgebungen. Beim Schluß der Debatte erklärte der Minister des Innern, er weise die Be- hauptung, daß ein Kompromiß möglich sei, zurück. Wenn die Regierung die Einladung der Opposition zu einer Kon- ferenz über die Reformfrage annehmen und so die Erledigung der Betofrage bis zum nächsten Jahre verschieben wollte, so fände sie im Unterhause nicht 50 Stimmen zu ihrer Unter- stützung. Die Regierung werde keinen Schritt ungetan lassen, der nötig sei. um die ParlamentSbill schnell zum Gesetz zu erheben._ Eine Anklage gegen die Polizei. London, 22. Februar. Das Komitee für Frauen stimm- recht ersuchte den Minister des Innern Churchill, eine U n- tersuchung über das Betragen einzuleiten, das die Polizei gegen Anhängerinnen deS Frauen st immrechts an den Tag gelegt habe, als diese am 18.. 22. und 23. November des vergangenen Jahres Kundgebungen veranstalteten. DaS Komitee behauptet, dast die Polizei den Befehl, keine Verhaftungen vorzu- nehmen, als Erlaubnis angesehen habe, z�u tun, wasihr bc- liebe. Eine Menge Zeugen, auch Zuschauer, könnten bekunden, daß Frauen mit Fäu st engeschlagen wurden und anderen Mißhandlungen ausgesetzt waren, und daß sie ferner U n- sittlich berührt worden seien. Rußland. Judenhetze. AuS dem Gonbernement T s ch e r n i g o f f kommen Nachrichten über massenweise Ausweisungen von Juden. AuS dem Kreise Turasch dieses Gouvernements werden allein 219 Fa- Milien von der Ausweisung betroffen. Diese völlig gesetzlosen Ausweisungen vollziehen sich zudem unter sehr grausamen Begleit- umständen. Um die jüdischen Familien zur schleunigen Abreise zu zwingen, werden bei 30 Grad Kälte die Türen und die Fenster ihrer Wohnungen von der Polizei geöffnet, so daß die Aus- gewiesenen schwer zu leiden haben. Der Gouverneur von Tschernigoff befahl, alle gesetzlichen Beschwerden der Juden gegen die Ausweisungen ohne Prüfung abzuweisen. Der ehrlose Führer der Echtrussen. Kischinew, 23. Februar. Die Deputierten auf der Gouderne- mentsadelSversammlung haben das Verhalten P u r i s ch k e- w i t s ch s. der den Adelsmarschall und Abgeordneten KrupenSki bei dessen Wiederwahl ehrloser Handlungen beschuldigt hatte, für offen- bar ehrlos erklärt und beschlossen, bei der Adelsversammlung die Ausschliehung Purischkewitschs aus dem bessarabischen Ädcl zu beantragen. Hmmha. Bon den Wählern abgesetzt. New Jork, 9. Februar.(Eig. Ber.) Die Absetzung de« MahorS (Oberbürgermeisters) Hiram C. Gill von Seattle, Washington, ist unseren berufsmäßigen Politikern gar arg in die Glieder gefahren. Welchen Wert hat es. die schönsten Wahlversprechungen zu machen, wenn man sie halten must? WaS hilft dem Stcllenjäger der Stimmenfang, wenn er, ins Amt gelangt, ehrlich sein muh oder abgesetzt wird? Mit einer Mehrheit von 8500 Stimmen wurde Gill im März letzten Jahres zum Mayor gewählt; am 1. April trat er sein Amt an. Seinen Wahlsieg verdankte er in erster Linie seinem viel- versprechenden Programm, da« er mit einschmeichelnder Beredsamkeit entwickelte. Namentlich, so versprach er. sollte die Ehrlichkeit ihren Einzug in die Stadtverwaltung Seattles halten. Statt dessen brachte Gill die Erpressung in ein raffiniertes System. Nur übte er sie nicht direkt. Durch den von ihm ernannten Polizeidirektor Wappenstcin liest er ein K o n s o r t i u m gründen. daS die Vermittclung zwischen dem Rathaus und den gesetzlich verbotenen Bordellen übernahm, die Händler in Menschen- fleisch weidlich schröpfte und einen gewissen Prozentsatz deS ergaunerten Geldes an Gill ablieferte. Dafür blieben die Besitzer der Freudenhäuser von der Polizei unbehelligt. DaS ist nur einer von vielen für die Ehrlichkeit der Verwaltimg Gills charakteristischen Zügen. Letzten November gewährte der Staat Washington den An- gehörigen weiblichen Geschlechts das Stimmrecht. Zugleich sah er die Abberufung der bei öffentlichen Wahlen erkorenen Beamten vor. Vorgestern fand dieses neue Recht nun zum ersten Male in Seattle Anwendung. Mit einer Mehrheit von über 4000 Stimmen wurde Gill von George W. Dilling geschlagen und must damit sofort aus dem Amte scheiden. Fast 00 000 Wahl- berechtigte, darunter. 22 000 Frauen, nahmen an der Abstimmung teil. In ihrer weitaus überwiegenden Mehrheit stimmten die weiblichen Wähler gegen Gill und damit gegen die unverhüllte Korruption. Als überraschend bezeichnen die durchweg bürgerlichen Nach- richtenagenturen daS Wachstum der sozialistischen Stimmen. Fünflausend Zettel lauteten auf den Namen unseres Kandidaten, während im November letzten Jahres wenig über 2000 Stimmen gezählt wurden. Eue der Partei« Wegen angeblicher Beleidigung des Offizierskorps ber deutschen Armee hatte sich Genosse Dittmann von der Bergischen Ar- dciterstimme" in Solingen vor der Elberfelder Strafkammer zu verantworten. Tic Beleidigung sollte degangen sein durch«ine Th c a: er rez e n s io n, die am 24. Oktober 1910 unter Ohligs über eine Aufführung des Militärdramas„Gewehr ab" veröfjem- licht worden war. Ter Angctlagte wies darauf hin, dast es sich um «ine rein literarische Kritik handele, deren Rahmen nir- acnds verlassen werde. Ter Staatsanwalt beantragte 300 M. Geldstrafe. Das Gericht liest die Frage offen, ob der Strafantrag richtig gestellt und ob in dem Artikel wirklich eine Beleidigung ent- halten war. Der Angeklagte habe überzeugend nachgewiesen, dast er vor der Veröffentlichung teine Kenntnis von dem Artikel gehabt habe. Er scheide daher nach tz 20 deS Prcstgesctzcs.als Täter auS. Aber auch nach§ 21 des Prehgesetzes könne er nicht bestraft werden, da er vor Verkündigung des Urteils erster Instanz den Täter(im Einverständnis mit demselben) genannt habe. Das Urteil lautete auf Freisprechung._ Wieder vorbeigelungen. Vor kurzem wurde Genosse Petzo ld, der Vcraniwortliche der Erfurter„Tribüne" von der Anklage freigesprochen, durch den Ab- druck eines Gerichtsberichtes die Allensteiner Offiziere beleidigt zu haben. Am Donnerstag stand Genosse Dahl von der„Tribüne" wegen des gleichen Delikt« vor der Erfurter Etrastcrmmer. Er soll durch den auszugsweisen Abdruck der beanstandeten Stellen aus dem Artikel„Dos andere Allensteiu", der ilst» 300 M. Geldstrafe eingetragen hatte, die„Beleidigungen" wiederholt haben. Der Herr Staatsanwalt beantragte 8 Wochen Gefängnis; das Gericht erkannte auf kostenlose Freisprechung. Auch die Kosten der Ber- tcidigung fallen der Staatskasse zur Last. Dein Genossen Dahl wurde der Schutz des 8 193 zugebilligt.— Da» Landgericht hatte das Verfahren ursprünglich abgelehnt, worauf die Staatsanwalt- schaft Berufung beim Oberlandesgericht eingelegt hatte, das bann der StautSonivaltschaft die Gelegenheit verschaffte, eins hockuot, peiflliche Altion vorbeigelingen zu sehen.- GewerkfchaftUcbce. Criminelle Verfolgung cles Streiks in Amerika! In New Orleans wurden die leitenden Beamten des Dock- und Baumwollarbeiter-Kartells, das aus Delegierten etwa eines Dutzends Gewerkschaften besteht, durch ein Jury- Verdikt vom 25. Januar schuldig befunden, gegen das Anti- Trustgesetz gefrevelt zu haben, indem sie einen Streik der Baumwollenverlader om Orte anordneten, und zwar sollen die Streikleiter dadurch, daß infolge des Ausstandes der Ver- fand einer Anzahl Ballen Baumwolle nach dem Auslande unterbleiben mußte, den„freien Handel beschränkt" haben. Bekanntlich verbietet das Gesetz des alten John Sherman, das in seinem zweiten Paragraphen ein absolutes Trustverbot ausspricht, in„Sektion I" zugleich alle Maßnahmen, durch die der Handel zwischen den einzelnen Staaten der Union und mit dem Auslande be- schränkt wird. Während sich die Trusts aber gerade in den zwanzig Jahren seit Inkrafttreten des„Anti-Trustgesetzes" so phänomenal entwickeln konnten, daß sie heute das ganze Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten überwuchern, leistet dasselbe Gesetz den machthabenden Trustagenten seit Jahren treffliche Dienste zur Knebelung der Arbeiterorganisationen, an die Sherman gar nicht gedacht hat und die der Gesetz- geber nicht im mindesten treffen wollte. Der gegenwärtige Fall erhält seine besondere Bedeutung in der langen Reihe amerikanischer Anti-Streik- und-Boykott- urteile dadurch, daß einmal jenes Gesetz zum ersten Male in einem Kriminalfalle gegen die Gewerkschaften angewandt worden ist, und daß zweitens es die Bundesregierung selber war, die den Prozeß einleitete. Bisher waren es die Kapitalisten selber, die als Privatpersonen vorgingen und Zivilklagen gegen die in Betracht komniende Arbeiterorganisation oder deren Führer anstrengten, und auch der Kriminalfall Gompers- Morrison-Müchell, in dem in den nächsten Tagen das Ober- bundesgericht zu sprechen hat, wurde erst dadurch geschaffen, daß die drei obersten Leiter der amerikanischen Gewerkschaften einen im Zivilverfahren erwirkten Einhaltsbefehl„miß- achteten". In Form einer Zivilklage ist das Sherman-Gesetz, wie wir dem„Philadelphia- Tageblatt" entnehmen, schon früher einmal gegen streikende Hafenarbeiter von New Orleans zur Anwendung gckonrmcn, aber damals kam die Sache auch dort nicht über einen Einhaltsbefehl hinaus. Jetzt hat sich aber richtig eine Jury von zwölf ehrenwerten Bürgersleuten gefunden, die den Streik für ein Verbrechen erklärt haben, und das auf Verlangen der Bundesregierung I Natürlich bedeutet die Entscheidung von New Orleans, wenn sie, woran kaum zu zweifeln ist, von den höheren In- stanzen aufrechterhalten wird, die glatte Aufhebung des Streik- rechts im Gebiete der amerikanischen Bundesjustiz und diese ist stets dann zuständig, wenn der zwischenstaatliche oder Exporthandel berührt wird. Die Gerichte brauchen in allen solchen Fällen nur eine Verschwörung. Berlin und Cltngegend. Handwerker, Arbeiter aller Berufe, Gewerkschafts- und Parteigenossen! Die organisierten Hausdiener, Kutscher usw. aus den Wäiche- bcrleihgci�äften Berlins haben einen Tarifvertrag zur Durchführung gebracht. Um eine Durchbrechung der tariflichen Bestimmungen zu verhüten ist vom Deutschen Transportarbeiterverband eine Kontroll- karte eingesiihrt worden. Nur� von den Firmen ist der Tarif an- erkannt und werden die neuen" Lohnsätze gezahlt deren Arbeiter im Besitz einer Kontrollkarte sind. Dieselbe ist für da? Jahr ISll von rosa Färb» und muß für den laufenden Monat abgestempelt sein. Die Branchenleitung. I. A.: Waldemar Niecke, _ Grüner Weg 115. Deutfcheo Reich. Die Faßbandmaihcr in Culm und Schulitz(Provinz Posen) streiken seit sechs Wochen. Sie verlangen eine geringe Lohnerhöhung. Vor zwei Jahren versuchten die llnternehiner. die ohnebin niedrigen Löhne der Arbeiter zu kürzen: als sie dabei auf den berechtigten Widerstand der Arbeiter stießen, wurden die Arbeiter 17 Wochen lang ausgesperrt. Jetzt glaubten die Arbeiter, die Unternehmer würden ihnen freiwillig eine geringe Lohnerhöhung zugestehen, sie wurden aber mit ihren Forderungen kurzweg abgewiesen. Darauf legten S5 Mann einmütig die Arbeit nieder. Achtung, Schuhmacher! In der Schuhfabrik von Gebr. H o fs- mann zu Arnstadt legten 30 Arbeiter, die Mitglieder des Zentral« Verbandes der Schuhniacher sind, die Arbeit nieder. Darauf wurde auch den Arbeiterinnen gekündigt. Die Firma versucht, Arbeitswillige anzuwerben._ Unternchmer-Terrorismns. Differenzen sind in der Bergischen Röhrenfabrik von Berg« feld u. Heider in Burscheid'(Kreis Solingen) zwischen dem Inhaber der Firma und den Arbeitern ausgebrochen. Die letzleren schloffen sich in letzter Zeit zu einem großen Teile dem Metall- arbeiler-Verband an; die Firma forderte darauf von ihnen den Austritt aus dem Verbände und eine Bescheinigung, daß sie nicht mehr dem Verbände angehörten. Als die Arbeiter diese Forderungen zu erfüllen ablehnten, erhielten 27 von ihnen am Sonnabend die Kündigung._ Aussperrung der Bautischler in Liegnitz. Nachdem die Verhandlungen über einen neuen Tarif endgültig durch das herausfordernde Verhalten der Unternehmer gescheitert sind, wurden am Montag von 12 Unternehmern 67 Bautischler in Lieguitz ausgesperrt. Die Arbeitgeber versuchen in auswärtigen Zeitungen die Aussperrung als einen muttvillig vom Zaune ge« brochenen Streik hinzustellen und hoffen dadurch auf den Zuzug von Arbeitswilligen._ Die Tapezierer in Kassel befinden sich in einer Lohnbewegung. Sie verlangen Aufbesserung der fast 5 Jahr lang gleichgebliebenen Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit. Die Forderungen sind den Unternehmern unterbreitet worden. Arbeitsangebote von Kassel sind znriilkzuweisen und Zuzug ist streng fernzuhalte». Bei der Gewerbcgerichtswahl in Kreuznach gelang es den freien Gewerkschaften zum erstenmal sechs Beisitzer— die Hälfte der zu wählenden Beisitzer— zu erringen. Vor 6 Jahren besetzten die Christlichen noch sämtliche Sitze der Beisitzer. Hiutzebrüder. In dem Städtchen E i l e n b u r g bei Leipzig sind die Unter» nehmer mit Hilfe des Reichsverbandes gar mächtig bestrebt, den freien Gewerlichaften das Lebenslicht auszublasen, indem sie die dort gut organisierten Arbeiter in den Nationalen Arbeiterverein pressen wollen' Die Arbeiter wehren sich natürlich, und so ist es zu dem Ausstand von etwa 30 Arbeitern der Zelluloidfabrik gekommen. Die Direktion dieser Fabrik hat sich nun eine Sendung Hiutzebrüder kommen lassen, muß aber mit dieser Sorte Menschen die üblichen tzftfahrungen machen. l So mißhandelte ein solcher Hintzegardist einen seiner Streikbrnch- brüder derartig, daß dieser sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Der Geschlagene hatte sich ins Gewerkschaftshaus geflüchtet, wo er übernachten wollte. Er mußte jedoch abgeiviesen werden, weil er voller Ungeziefer und mit einer ansteckenden Krankheit behaftet war. Etliche der lieben Arbeitswilligen befinden sich im Eilenburger Krankenhanse, wo sie auf Kosten der Steuerzahler verpflegt werden. Andere dieser angenehmen Mitbürger konnten den Unterschied zwischen Mein und Dein nicht verstehen und sind deshalb von der ihnen so wohl- gesinnten Madam Justitia in schützende Obhut genommen worden. Ein anderer fand ein besonderes Vergnügen daran, Sonntagabend auf der Straße mit offenem Messer herumzufuchteln. Em Schutz- mann, der den Messerhelden festnehmen wollte, bekam für diese Ein- Mischung sogleich die entsprechende Belehrung: er wurde nämlich durch das Messer des Rowdys an der Hand verletzt. Verschämt be- richtet das Eilenburger Reichsvcrbandsorgan über den Vorfall, daß „ein Arbeiter" einen Schutzmann mit dem Messer bedroht habe, verschweigt aber natürlich, daß dieser„Arbeiter" ein Hiutzebrüder ivar. Wäre ja auch zu fatal, einzugestehen, von welcher Sorte Menschen diese Lieblinge des Scharfmachertums sind. Die Aussperrung der Kürschner in Leipzig und den Orten um Leipzig. Rötha, Markranstädt, Scbkeuditz, Wahrenusw. befindet sich gegenwärtig in einem neuen Stadium. Am DieuSlag haben sich die Unternehmer, deren Verband jetzt übrigens dem Bund sächsischer Industrieller und ebenso dessen Stteikemschädigungs- gesellschaft angeschlossen ist, endlich bereit gefunden, zu einer Harm- losen Aussprache vor dem Gewerbegericht zu erscheinen. Der Ent- scheidung, wer den Tarif gebrochen hat, gingen sie bei der Aus- spräche mit Eifer aus dem Wege, ja, sie weigerten sich sogar, die Frage überhaupt zu erörtern. So konnte denn auch eine Ent- scheidung auf Grund des eigentlich noch zu Recht bestehenden Tarif- Vertrages nicht getroffen werden. Das Ergebnis der Verhandlungen war schließlich das Angebot der Unternehmer, einen neuen Tarif- vertrag eingehen zu wollen, zu dem die Arbeiter ihre Vorschläge einreichen sollten. Mit diesem Ausweg haben sich die Ausgesperrten und Streikenden auch einverstanden erklärt.— In einer am Mittwoch abgehaltenen Versammlung der gesamten Sektion Leipzig des Ver- bandes der Kürschner wurde der neue Tarifentwurf beraten und be- schlössen. Der Entwurf stützt sich wesentlich auf den alten Tarif. doch fällt auf Ersuchen der Unternehmer der von ihnen erst in den alten Tarif hineinbngsierte und den Unternehmern jetzt so un- erwünschte Organisationszwang weg. Die Arbeiter haben auch kein Interesse an der Bestimmung, daß organisierte Arbeiter nur bei organisierten Unternehmern arbeiten dürfen und organi- sierte Unternehmer nur organisierte Arbeiter beschäftigen dürfe». Diese bisher bestehende Bestimmung gab aber den Unternehmern den erwünschten Anlaß zur Aussperrung der Kürschner erst in Rötha und dann in Leipzig und Umgegend. Die Kürschner und Hitfs- arbeiter stellen weiter Forderungen auf Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne, lehnen aber ab, einen Reichslarif ab- zuschließen, wie ihn die Unternchnrer wünschen. Der neue Tarif soll wie der alte nur für die Sektion Leipzig Geltung haben. Am Freitag solle» die Forderungen den Unternehmern unter- breitet werden, am 2. März ist der endgültig entscheidende Ver- Handlungstermin. Es steht zu hoffen, daß der neue Tarif an- genommen und die Aussperrung dann aufgehoben wird. Bettelnde gelbe Christen. Der Brauergesellcnbund, eine gerichtsnotorische bekannte Arbeits- willigenorganiiation, ist mit dem größten Teil seiner Zwcigvereine den Hirsch-Dunckerschcn angeschlossen. Einige Zweigvereine gehören aucb den christlichen Ortökartellen an, uameullich in Rheinland und Westfalen und in Süddeutschland. Doch ihr gelber Charakter ist hier wie dort der gleiche. Das zeigen sie namentlich mit ihrem Bettel bei den Unternehmern und bei der Annahme von Unter- nehmergeldern. Wie der Bettel betrieben wird, zeigt folgendes Schreiben: „Verchrliche Brauergefellenvereine FreiburgS und Umgegend. Freiburg i. B. Im Besitze Ihres Geehrten vom 2. cr. bedauern wir, aus demselben entnehmen zu müssen, daß Sie gelegentlich Ihres StistnngSsestes mit einem Defizit schließen mußten und sind wir gerne bereit, zur Tilgung desselben ein Scherflein beizutragen. Beigeschlossen überreichen wir Ihnen nun 10 M. in bar und hoffen damit Ihre Zufriedenheit erlangt zu haben. Hochachtungsvoll Brauerei Krumm u. Reimer." Der Brauergesellenverein Freiburg gehört dem christlichen OrtS- kartell an. Bei dem vorjährigen Kampf der Brausreiarbeiter in Frei- bürg machten die BnndeSbrauergcsellen in Gemeinschaft mit den im christlichen Hilfs- uud TranSportarbeiterverband organisierten Brauerei- arbeitern den ArbeitSivilligen. Jetzt erhalten die christlichen Herren auch klingende Belohnung für ihr Wohlverhalten. Gehen sie schon in Waldtirch bei dem Unternehmer fechten, der sich ihre„Zufrieden- heit" mit 10 M. sichert, um gegebenenfalls auch mal ihre staats- erhaltenden Dienste in Anspruch zu nehmen, um wieviel mehr werden sie von den Unternehmern in Frciburg gefochten und erhalten haben. die für den geleisteten Arbeitcrverral in ihrer Schuld stehen. Für die guten Dienste ist die Belohnung mit 10 M. allerdings etwas mager ausgefallen, sintemalen die zur Verfügung stehenden Arbeitswilligen dieser„Arbeiterorganisation" hundertfach das einbringen werden, was schnöder Unteruehmerdank hier opferte. Hirsche und Christen wetteifern um die Gunst der gelben Brauer gesellen und in der Erziehung dieser zu„ehrlichen Gewerkschaftlern". Bisher mit dem Erfolg, daß Christen und Hirsche immer mehr gelben Charakter annehmen._ HusUnd. Die Beim Hafenbau in Cherburg Beschäftigten Caissonarbeitcr sind in den Ausstand getreten. Sie verlangen mit Rücksicht auf ihre gefährliche und schwierige Arbeit eine Lohnerhöhung. Mau besä rckilct, daß sämtliche Arbeiter sich dem Ausstand anschließen werden. Beim Bau der Turiner Weltausstellung ist ein Lohnstreit anS- gebrochen, an dem sich jedoch die englischen Arbeiter nicht be- teiligen._ Von den englischen Bergarbeitern. Wie die meisten englische» Gciverkschaften, entscheiden auch die Bergarbeiter die wichtigsten Fragen durch Urabstimmung. So stimmten die Bergarbeiter von N o r t h u m b e r l a n d mit 250 gegen 224 Stimme» gegen den Anschluß an den allgemeinen Verband der Gewerkichafte», die englische Landeszentrale, die bekanntlich eine obligatorische Streikversicherung eingeführt hat. Eine Resolution, die sich gegen die Enlsernung der die Kandidaten besonders verpflichten- den Stelle aus dem Statut der Arbeiterpartei wendet, hatte nur 220 Sektionen für sich, während 306 dagegen stimmten. Einstimmig wurde beschlossen, von den Bergioerksvesitzer»«inen wöchentlichen Mielszuschiiß von 3 Mk. für solche Arbeiter zu verlangen, die in ge- mieteten Häusern wohnen müssen. Mit 227 gegen 250 Stimmen wurde der Gehaltserhöhung de« Parlamcntsabgeordneten Burt zugestimmt. Der Borschlag auf Schaffung eines wöchentlichen Ver- bandsorganS, das zum Preise von Vz Penich(4 Pf.) abgegeben werden soll, wurde mit großer Majorität angenommen. Versammlungen. Deutscher Textilarbeitcrverband. In der Generalversamm- lung der Filiale Berlin, die am Dienstag in den Prachtsälen „Alt-Berlin" stattfand, stand der Jahresbericht� für 1910 auf der Tagesordnung, der den Mitgliedern vervielfältigt vorlag. Der Geschäftsgang hatte sich zu Anfang des verflossenen Jahres etwas gehoben, flaute aber bald darauf wieder ab. so daß die l Hoffnung, die man auf eine Besserung beS ArbeitSmarkteS gefetzt hatte, sich nicht erfüllte. Nur in der Stickerbranche herrschie ziemlich andauernd ein flotter Geschäftsgang. Für die weiters Stärkung der Organisation ist eine fleißige Agitation entfaltet worden, soweit es mit den vorhandenen Kräften möglich war. Es sind über 400 Versammlungen und Sitzungen abgehalten worden. Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung fanden 20 statt und davon endeten 18 mit gutem Erfolg. Zur Arbeitseinstellung führten 5 Lohnbewegungen und diese endeten alle, mit Au"�'" einer, mit gutem Erfolg. Die Jahresabrechnung schließt" Bilanzsumme von 59 651,43 M. ab. Unter den Ausgaf unter anderem: 5503,50 M. für Krankenunterstützung, 44 für Arbeitslosenunterstützung, 1327,53 M. für Reiseunter 2161,05 M. für Streikunterstützung, 3376,55 M. für Gemaßr Unterstützung. An die Hauptkasse wurden 22 502,06 M. abg Erkrankt waren im verflossenen Jahre 306 männlio 212 weibliche Mitglieder. In 50 Fällen war Unfall die Urs Krankheit, 84 Fälle kamen auf Rheumatismus, 75 auf Erkra! der Lungen und Atmunngsorgane, 58 auf Entzündungen, Nervenleiden, 88 auf Bleichsucht usw. Die Statistik ül Arbeitsnachweis zeigt, daß sich im Laufe des Jahres 625' liche und 125 weibliche Arbeitsuchende meldeten. Stellen> gemeldet für männliche Arbeiter 511, für Arbeiterinnen 144� besetzt wurden von jenen Stellen 356, von diesen 62. Daß 237 Stellen unbesetzt blieben, hat seinen Grund hauptsächlich darin, daß es in der Stickerbranche zeitweilig an Arbeitskräften fe~ während in anderen Branchen ledige Arbeitskräfte im fluß vorhanden waren. Die Bibliothek, die 440 Bände wurde im verflossenen Jahre 668mal in Anspruch genov Die Mitgliederzahl ist von 3006— 2025 männlichen und 981 1 lichen— auf 8237— 2245 männliche und 992 weibliche—*1 stiegen. Der Vorsitzende G r u h l ergänzte den schriftlichen durch Ausführungen, die namentlich zu weiterem VorwärtsstOtbrlz in der Organisation Anregung gaben. Es folgte eine kurze Di?, kussion in derselben Richtung. Eine längere Debatte rief ern Antrag der Funktionäre auf Anstellung eines dritten Geschäfts- führers hervor. Den Antragstellern schien diese Neuanstellunh notwendig, weil mit den vorhandenen Kräften die Agitation füy die Gewinnung neuer und die Erhaltung der neugewonnenen Mitglieder lange nicht in dem wünschenswerten Umfange betrieben werden kann.— Der Antrag wurde schließlich gegen Stimmen angenommen. Inzwischen waren durch Stimmzettel die Neuwahlen Ortsverwaltung vollzogen worden. Sie hatten folgendes. Erge 1. Vorsitzender G r u h l, 2. Vorsitzender L i c b e r s, 1. Ka� Schein. 2. Kassierer Niemetz, 1. Schriftführer Kauerl 2. Schriftführer Fräulein Beyer, Revisoren G r a n o wi Bröcker und Dettkh.— Als Kandidat für die Wal»l„d:r Delegation zum bevorstehenden internationalen TextilaidMer« kongrcß wurde Kotzke aufgestellt. Zcntralverband der Schmiede. In der am Mittwoch ncn Generalversanunlung der Zahlstelle Berlin erstattete vertvaltuna den Jahresbericht für 1910, dem wir folgen nehmen: Die erwartete Besserung der Konjunktur im Z gewerbe ist nicht eingetreten. Auch die Erwartungen, welch. Lohnbewegung der bei Jnrningsuieistern besänftigten Ges« knüpft wurden, haben sich nicht erfüllt. Die wirtschaftlichst Lagerist nahezu unverändert gegenüber der des Borjahres. Nur hier und da wurden leichte, vorübergehende Besserungen beobachtet. Da« bedeutsamste Ereignis des Berichtsjahres war die Lohnbeivegunp der Jnnungsgesellen, die deshalb keinen Erfolg hatte, weil kurz nach dem Ausbruch des Streiks eine wesentliche Verschlechterung der geschäftlichen Konjunktur eintrat. Dieser Streik erforderte ar, Unterstützungsgeldcrn 51 000 M. und hatte gegen 77 Streikend? 58 Anklagen zur Folge, von denen zurzeit noch 23 schweben.— Di? Gesamtzahl der Lohnbewegungen des Jahres ist folgende: An eis Lohnbewegungen ohne Arbeitsniederlegung waren 656 Kollegen de. teiligt. Von diesen Bewegungen hatten 2 vollen und 9 teilweisen Erfolg. Von den 6 Angriffstreiks mit 769 Beteiligten hatten i vollen, 1 teilwcisen, 2 keinen Erfolg. Von den 7 Abwehrstrctts.i 34 Beteiligten hatten l vollen, 3 teilwcisen, 3 keinen Erfolg. maßregelt wurden 12 Kollegen. Das sind im ganzen 24 Lobril Rungen mit 1471 Beteiligten. Die Lohnbewegungen brachten für 323 Kollegen eine Lohnerhöhung von 1,01 M. bis 3,12 M.!"'" Woche. Für!00 Kollegen wurde eine Verkürzung der Arbeit von 1 bis 3 Stunden wichen tlich erreicht. Die Hoffnung auf eine Besserung des Arbeitsmarktes nur in sehr bescheidenem Maße erfüllt. Wohl hat der Arbeits. weis. 24l Stellen mehr besetzt als im Vorjahre, jedoch hat sich' die Zahl der Arbeitslosen um 804 vermehrt. Es wurden 269 beitslose eingeschrieben gegen 1886 im Vorjahr«. Rechnet ma vom Streik der Jnnungsgesellen übrig gebliebenen Arbeitslosen ab. die bald wieder auf ihren alten Plätzen eingestellt wurden, so war die Zahl der Arbeitslosen immer noch um 560 höher als im Bor- jähre. Im ganzen wurden 1068 offene Stellen gemeldet und 103l besetzt. Davon sind 780 feste und 251 Aushilssstellen.— Im Verhältnis zu der ungeheuren Verteuerung der Lebensmittel hat sich der durch den Arbcitsnachtveis festgestellte Dnrchschnittsverdienst nur wenig gehoben. Er betrug im Jahre 1909 29,34 M.. im Jahre 1910 30,08 M. tvockcnilich. Der DurassckmittSverdicnst der bei Klein» meistern Beschäftigten betrug 27,27 M. im Jahre 1909 und 28,91 M. im Jahre 1910. Hier ist die rechnungsmäßige Zunahme dar«lf zurückzuführen, daß die Kleinmcister vor dem Ausbruch des Streiöß in der Hoffnung, diesen zu verhindern, Lohnzulagen machten, dt« sie aber nach dem Ausgang des Streiks wieder rückgängig machbur� Die Zahl der Vcrbandsmilglicder ist im Berichtsjahre»dl» 2406 auf 2554 gestiegen. Die Jahresobreck'nung der Hanptkasse zeigt eine Einnahm�tzon 95 721,36 M.. eine Ausgabe von 91 858,08 M., einen Bestand von 3863,28 M.— Die Lolalkasse batte eine Einnahme von 52 056,01 M., eine Ausgabe von 51 557,88 M.. einen Bestand von 198.13 M. 3" Vermögen der Zahlstelle belauft sich auf 21 598,13 M.— AuZ Haupt- und der Lokalkasse zusammen wurde ausgegeben für St? 55 878,02 M., für Arbeitslosenunterstützung 14 401,68 M., i\ Kranienunterstützung 12 592,42 M., für andere Unterstützungsz' 8875 M. Nachdem die Diskussion über die Berichte erledigt war,___ die Neuwahl der Ortsverwaltung vorgenommen, die folgendes Er- gcbniö hatte: 1. Bevollmächtigter Sie ring. 2. Bevollmächtigter. S ch l i n S k i. Kassierer H e n t s ch e l. Schriftführer F e r ch l a n d. Revisoren Timmermann, Schleusener, Vetter.— Be- schwerdekonimission: Vasncr, Grahl, Stenzel, Fritze. Samerwier. Hetzte Nachrichten* Die Kaufmannsgerichtswahl in Frankfurt a. M. Frankfurt a. M., 23. Februar.(Privattelegramm deL „V o r w ä r t s".) Die heutige KaufmannsgerichtSwahl brachte dem Zentralverband der Handlungsgehilfen einen schönen Erfolg. Gegenüber der letzten Wahl hat sich die SNmmenzahl für seine Kandidaten fast verdoppelt, sie stieg von 235 auf 432. Auf die Liste des Zcntralverbandes entfallen vier Beisitzer, tBtog Grenzkämpfe zwischen Griechen und Türken. fciv.ü Athen, 23. Februar.(Meldung der Agence d'AthcneZ.) Tür» kische Soldaten, die eine Herde verfolgten, überschritten die grv Grenze. Die Aufforderung der Grenzwache, das griechische zu verlassen, beantworteten sie mit Flintenschüffen. In. folgenden Streit wurden zwei türkische Soldaten getötet und»in Grieche verwundet. verantw. Redakteur: HanS Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Lerlagsanstalt Paul Singer St Co., Berlin 5VV, Hierzu 3 Beilagen«. Nnterhaltup »"■«*"» 1. Keiltze Ks Jotmärts" Derlim ilollioblnlt. B—__•*•*■.. t-.jur, ihiiim KysTV.»KL4'�»vtJgw�.� IM,________>, Ml,■iillTWnr*Wr7T�M Reichstag 183. Sitzung. Donnerstag, den 23. Februar 1311, nachmittags l Uhr. Km Bundesraistisch: v. H e e r i n g e n. Zweite Beratung der neuen Militärvorlage, welche die Fricdenspräsenzstärke des deutschen Heeres um etwa 11 000 Mann erhöht. Abg. Speck(Z.): Es stimmen wohl alle Parteien in der Heber- gciignng bon der Notwendigkeit der Vorlage iiberein, in der Kom- Mission hat selbst ein Sozialdemokrat ausgeführt, daß im Falle eines � Angriffskrieges gegen uns das Vaterland verteidigt werden müsse. Von dieser Anerkennung bis zur Gewährung der rrotwcndigen Bewaffnung, die ja die logische Folge dieses Stand- Punktes sein mutzte, ist nur ein kleiner Schritt.— Die Frage, ob es nicht besser ist, die Friedenspräsenzstärke alljährlich fest- zustellen, hat früher die Gemüter stark erregt; jetzt ist man allseilig uberzeugt, daß man der Verwaltung einen gewissen Spielraum lassen müsse, zumal das Budgetrecht des Reichstags durch die jährliche Festsetzung des Etats gewahrt ist.— Auch die Frage wurde aufgeworfen, ob das Geforderte ausreiche. Wir meinen, datz wir der Verwaltung nicht mehr ausdrängen sollen, als sie selbst fordert. Die Mehrbelastung durch die Vorlage beträgt nach der persönlichen Seite 10 875 Mann, besonders stark erscheint Bayern belastet im Gegensatz zu Preutzen; aber es ist zu beachten, datz Preutzen mehr zu den Lasten der Marine beiträgt. Angesichts der starken Belastung durch die Rüstungen empfiehlt eS sich doch, dem Gedanken der gegenseitigen Verständigung der Nationen über daS Maß der Rüstungen näher zu treten und jeden- falls nicht aus dem Auge zu verlieren., Die neue Vorlage erfordert auch finanzielle Opfer und meine Freunde sind entschlossen, keine Ausgaben ohne zureichende Deckung zu bewilligen. Die Veteranenfürsorge, für die 5 Millionen Marl reserviert werden sollen, darf unter keinen Umständen leiden. Tie Balaucicrung deS EtatS wird in den nächsten Jahren sehr schwierig sein und bei der schwankenden Natur der Reichseinnahmen ist eine absolute Sicherheit, datz die nötigen Mittel vorhanden sein werden, natürlich nicht zu geben, aber eine relative Sicherheit besteht doch. Jedenfalls werden meine Freunde, vielleicht mit wenigen Ausnahmen sHört l hört! bei den Sozialdemokraten) der Vor- läge zustimmen. sBravo I im Zentrum.) Abg. Stncklen(Soz.): Wir sehen im gesamten Militarismus eine kulturfeindliche Einrichtung und lehnen deshalb die Vorlage ab. Der Vorredner meinte zu Aufang, niemand könne sich der Notwendigkeit der Vorlage ver- schlietzen und sagte zum Schluh, seine Freunde stimmen der Vorlage ..vielleicht mit wenigen Ausnahmen" zu. Es gibt also Sünder auch in den Reihen des Zentrums. Meine Freunde haben schon in der Budgetkommission gegen die Vorlage Stellung genommen. Datz wir, wenn Deutschland zum Beispiel von Rutzland über- fallen würde, nicht mit den Händen in den Taschen zusehen würden, wie die gesamte Kulturarbeit Deutschlands vernichtet würde, ist ja selbstverständlich und haben wir immer betont. Aber wir verlangen eine Bolkswchr an Stelle des stehenden Heeres. Auch wir Sozialdemokraten lieben das Land, in dem wir ge- boren und erzogen sind, und arbeiten darauf hin, datz es hier besser werde. Wir sind bessere Batcrlandsfreunde als diejenigen, die die Mafien mit neuen Steuern belegen und deren Vaterlandsliebe einen metallischen Beigeschmack hat.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Datz wir aber für eine Militärvorlage eintreten, die den Klassenstaat und den Militarismus stützen soll, werden Sie nie erleben. sZustimmung bei den Sozialdemokraten.) Im Sommer schien es, als ob auch das Zentrum der Vorlage Widerstand leisten werde; so erklärte Herr Erzberger, eine neue Militärvorlage wäre eine Torheit, sie würde wie Spreng- Pulver auf die bürgerlichen Parteien wirken.(Abg. Erzberger sZ]: Eine neue Steuervorlage!) und Frhr. v. H e r t l i n g wandle sich in der bayerischen Reichsratskammer dagegen, datz dem Reichs- tag neue grotze Vorlagen, die dem Volke Lasten aufbürden, nament- lich Militär- und Marinevorlagen vorgelegt iverden. Aber in der Kommission machte man nicht einmal die berühmten Abstriche, die nachher im Plenum wieder zugesetzt oder durch Ueberschreitungen aus- geglichen werden, und die Resolution des Zentrums, welche die Feststellung der Friedenspräsenz vom Reichstage forderte, wurde in dem Augenblicke zurückgezogen, als wir beantragten, alljährlich hinzuzusetzen.�(Abg. Erzberger(Z.): Das ist wieder nicht wahr I) Das ist allerdings wahr I(Zustimmung . vei den Sozialdemokraten.) Im Sommer war eine grotze Ge- heimniskrämerei mit der Militärvorlage, man nannte ganz fabelhafte Summen. So ist es bei Militärborlagen immer; wenn sie dann schlietzlich herauskommt und nur 150 Millionen statt der 250 ver- langt, die in der Presse genannt waren, atmet der Spietzbürger auf. Der Kriegsminister hat freilich behauptet, er habe von Anfang an nicht mehr verlangt, aber sicherlich wird die neue Militärvorlage weitere im Gefolge habe».(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Auch ist sie a u tz e r o r d e n t l i ch t e u e r, sie ist seit Bestehen des Reiches die z w e i t g r ö tz t e. Man glaubt das Volk täuschen zu können, als ob jährlich nur acht Millionen Mark verlangt werden, in Wirklichkeit aber werden 111 Millionen Mark verlangt(Hört! bört! bei den Sozialdemokraten.), so datz die Vorlage mit den üblichen Ueberschreitungen 150 Millionen Mark kosten wird. Mit der' K r i e g s g'e f a h r konnte man diesmal nicht operieren. Aber man hat uns vertrauliche Mitteilungen gemacht. Man schrieb auf das Material„ganz geheim" und händigte eS nur gegen Unterschrift aus. Aber diese„grotzen Geheimnisse" konnte man aus einer Zahl von Handbüchern ohire weiteres f e st st e l l e n. Auch aus den vertraulichen Mit- teilungen ging hervor, datz der Friede keineswegs gefährdet ist, und trotzdem diese neuen Forderungen! Gerade jetzt war zweifellos der geeignete Zeitpunkt, die Frage der Abrüstung ernstlich zu erwägen, denn alle Staaten leiden ganz ungeheuerlich unter den Ausgaben für die Rüstungen. In Deutschland sind�die Ausgaben pro Kopf der Bevölkerung von 11,90 M. im Jahre 1303 auf 19,12 M. im Jahre 1903 gestiegen, und durch diese Vorlage steigen sie auf annähernd 23 M.(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Man verweist darauf, datz sie in England bereits im Jahre 1903 mehr als 27 M. betrugen. Man übersieht aber dabei, datz England aus der Erbschaftssteuer Hunderte von Millionen zieht, während man bei uns die Ausdehnung der Erbschaftssteuer abgelehnt und lieber die Massen durch indirekte Stenern belastet hat.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In allen Kulturstaaten ist beute eine Bewegung gegen den Mili- t a r i s m u s vorhanden, die auch in die bürgeriichen Kreise hinein- geht. Von Rutzland haben wir gewitz nichts zu fürchten, wieviel von seinem Heer bei der korrupten Verwaltung nur auf dem Papier steht und in wessen Taschen dort die grotzen Ausgaben flietzcn, weitz niemand. Es wird ja bekanntlich nirgends soviel gestohlen als bei unserem Erbfreuud.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Die Revolution ist dort keineswegs ausgelöscht und daher hat Nutzland im Innern genug zu tun. Frankreich ist das friedenbedürftigste Land und das französische Volk wünscht den Frieden, die paar Revancheschreier nimmt niemand ernst mit Ausnahme unserer Heeresverwaltung. Jaurös hat den Mut gehabt, darauf hinzuweisen, datz man die Folgen von 1871 als etwas Gegebenes hin- nehmen mutz. Das Geschrei der Chauvinisten hüben und drüben mutz man doch nach der Frage bewerten, wem nützt es; wir wissen ja, was alles unter dein Deckmantel der Vaterlandsliebe ge- schiebt. Nur ein Beispiel will ich gebeu. Die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken telegraphierten 1907 an ihren Vertreter in Paris, er möchte doch dafür sorgen, datz in ein Pariser Blatt die Notiz käme, die französische Heeresverwaltung hat sich entschlossen, die neue Bewaffnung der Armee mit Maschinen- gewehren zu beschleunigen und die doppelte Anzahl zu bestellen. (Hört I hört I bei den Sozialdem.) Ich weitz nicht, ob dieser Artikel erschienen ist, aber das weitz ich, datz die Heeresverwaltung von dieser Firma für 10 Millionen Mark Maschinengewehre gekauft hat. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist eine Gewissenlosigkeit und Niederträchtigkeit ohnegleichen, wenn gewisse Kreise in solcher Weise Stimmung machen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Mit einer Firma, die sich der- artiger schmutziger Mittel bedient, sollte das Reich ohne weiteres brechen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ganz ungeheuer sind die Ausgaben für das Heer und die Marine gestiegen. Seit 1872 sind über 23 Milliarden für das Landbeer und 5 Milliarden für die Marine, im ganzen also über 28 Milli- arden für die Rüstung ausgegeben. Im gleichen Zeitraum hat das Reich 5 Milliarden Schulde» gemacht. Die Einnahmen des Reiches, die im wesentlichen aus Zöllen und Stempelabgaben bestehen, be- trugen in derselben Zeit nur 21'/z Milliarde, die gesamten Schulden sind fast allein für die Forderungen von Heer und Marine gemacht. Da mutz man immer wieder fragen, wo bleiben die Kulturaufgaben? (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Vorhin wurde von der Fürsorge für die Veteranen gesprochen. Ganze fünf Millionen Rleines femUeton. Die bisherigen Leistungen des Pestserums. Nachdem im Jahve 1891 der französische Arzt Uersin den bereits bon Pastcur vorausgesagten Erreger der Pest als einen Bazillus ent- deckt hatte und nachdem dann bald mit der Scrumbehandlung bei anderen Krankheiten bedeutsame Erfolge erzielt worden waren, wurden gleiche Versuche auch mit dem Keim der Pest angestellt. Freilich hatten sie erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden, denn für die künstliche Zucht ist der Pestbazillus ein zartes Ding, daS leicht zugrunde geht oder wenigstens seine Giftigkeit verliert. Nur gegen Kälte ist er in hohem Grade unempfindlich, während er schon bei 70 Grad Celsius in 15 Minuten stirbt. Seine ansteckende Kraft scheint auch unter der Austrocknung zu leiden, die ihn aber nicht abtötet, doch sind über diesen Punkt die Forschungen noch nicht abgeschlossen. Gegen chemische Stoffe besitzt er nur eine geringe Widerstandskraft, besonders gegen Sublimat, das ihn schon in einer Lösung von einem Teil auf tausend Teile Wasser sofort vernichtet. Gegen schwarze Seife wehrt er sich dagegen etwas mehr als eine Stunde. Ferner halten die Bazillen auch einer Sonnenbestrahlung höchstens eine Stunde lang stand. Mit Jmpfversuchen, durch die eine Ansteckungsgefahr bei gesunden Leuten vermindert oder ganz verhütet werden sollte, begann Uersin schon 1395, zunächst allerdings nur an Tieren, wozu er Kaninchen benutzte. Dann ging er zu Pferden und schlietzlich zu Menschen über. In Indien hat eine weitgehende Prüfung mit dem von Uersin hergestellten Pestserum stattaefunden. Eine Uebersicht über die Erfolge bis zum Jahre 1901 zeigt einen bedentsmnen Erfolg der Serumbehandlung, der aber doch recht ungleich ausgefallen ist. Während die Sterblichkeit der Pest sonst im Durchschnitt auf 70 v. H. geschätzt wird, schwankte sie für die geimpften Kranken zwischen 7 und 55 v. H. Daraus er- givt sich bereits der Schluß, datz ein zuverlässiges Mittel in der Impfung nicht erblickt werden kann. In den chinesischen Häfen Kanton und Amoy brachte Uersin von 26 geimpften Pestlranken alle bis auf 2 zur Heilung, in Bombay von 50 Kranken 33; bei einer Pestepidemie in der Südsee dagegen starben auch von den geimpften Personen mehr als die Hälfte. Auch jetzt in der Mand- schurei sind selbswerständlich nicht nur das von Aersin hergestellte Serum, sondern auch alle anderen Arten von Serum, die bisher gewonnen worden sind, versuchl worden. In der Mandschurei haben olle diese Mittel in kläglichster Weise versagt. Die Pest ist eben «ine Krankheit von ganz besonderer Art, die wahrscheinlich in eine ganze Reihe verschiedener Krankheiten zerfällt, obgleich diese sämtlich von demselben Bazillus erregt werdend-Zwischen einer Epidemie, wie die von Oporw im Jahre 1893, wo Sterblichkeit eine so geringe war, datz man schon von einem entschiedenen Erfolg der Serumbehandlung sprach, und der jetzigen mandschurischen Epi- demie, wo jeder Erkrankte einem sicheren Tode verfällt, besteht eben ein weitgehender Unterschied. Wenn das Pestserum überhaupt wirksam ist, so bewährt es seine Eigenschaften also nur bei den milderen Formen der Pest. Wie groß ist unsere Wässcrigkeit? Ein ncugchorcnes Menschen- lind ist eine sehr wässerige Ware, denn nur zum dritten Teile besteht sein Körper aus festen Stoffen, zwei Drittel davon sind Wasser. Um den Erwachsenen steht es in diesem Punkte besser, aber datz er wirklich wenigstens zur Hälfte konsistent wäre, darf er doch nicht mit gutem Gewissen behauplen, denn der Wassergehalt seines Körpers beträgt gewöhnlich mehr als 50 Prozent, nämlich ungefähr 58,5 Prozent. Dies ist natürlich nur die Durchschnittszahl für den Gesamtkörper. Seine verschiedenen Organe und Bestandteile weisen einen sehr verschieden grotzen Wassergehalt auf. Die Knochen sind am wafierärmsten und für sie gilt die Prozentzahl 12,2. Weit mehr, nämlich 28,9 Prozent Wasser enthält daS Fettgewebe; fast 70 Proz. Wasser finden wir in der Leber, 72 Proz. in der Haut, 75 Proz. im Gehirn, ungefähr ebenso viel im Muskelfleisch und am meisten natürlich im Blut, das aus 83 Proz. Wasser und nur 17 Proz. festen Stoffen besteht. AIS auffallende Talsache mutz aber erwähnt werden, datz beim Säugling nicht das Blut, sondern — das Gehirn am wasserreichsten ist. Während bei ihm daS Blut 85 Proz. Wasser besitzt, weist sein Gehirn mehr als 89 Proz. auf. Wie die Lebensalter, so verhalten sich auch die Geschlechter im Punkte der Wässerigkeit von einander verschieden. Nach den hier in Frage kommenden Untersuchungen sind die Männer das wasserreichere, die Frau das massivere Geschlecht. Die konsistentere Beschaffenheit der letzteren erklärt man sich aus ihrem grötzeren Fettreichtum. Wie wir sahen, einhält ja das Fettgewebe nicht einmal 30 Proz. Wasser, das bei den Männern reicher entwickelte Muskelfleisch dagegen über 75 Proz. Als völlig gelöst darf man aber die(hochwichtige) Frage nach dem wasserreicheren Geschlechte noch nicht betrachten. Bei anderen Untersuchungen zeigten sich nämlich die Frauen wässeriger als die Männer. Es waren dann wahrscheinlich magere Individuen. Ein Engländer vor 170000 Jahren. Einen interessanten Bei- trag zu den dunklen Fragen über das Alter des Menschengeschlechts gab der Professor am Londoner College of Surgeons Arthur Keith in einem Vortrag, der sich mit dem Skelettfund deS sogenannten Galley Hill-Menichen beschäftigte. Es handelt sich um die Knochen eines menschlichen Körpers, der im Boden des Themsetals bei Galley Hill in der Nähe von North Street von Robert Elliot gefunden wurde. Das Alter dieses Galley Hill-Menschen lätzt sich nach der Ansicht Keith' auf Niveauveränderungen der Themse Mark will man neuerdings für sie in den Etat einstellen, und wie lange haben nicht die Veteranen dafür kämpfen müssen, und dann hat man dazu noch erst eine neue Steuer gemacht. Welche Kämpfe kostet es, bis wir die Witwen- und Waisen- Versicherung bekommen, und wo bleibt die Erhöhung der Mannschaftslöhne? Die neue Vorlage mit ihren III Millionen Mark steht nur hinter der von 1899 zurück, die 160 Millionen Mark kostete, alle anderen waren geringer.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten) Uebrigens gehört auch die Marine zu der unter den Waffen stehenden Mannschaft, und mit ihr beträgt die Präsenz 665—670 000 Mann, so datz das 1 Prozent schon vollständig erreicht ist. Bescheidenheit und KricgSministcrium sind begriffe, die man nicht zueinander bringen darf.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir werden uns nicht darauf einlassen zu verlangen, datz hier und da vielleicht an der Militärverwaltung 2000 M. erspart werden sollen. Solche Dinge sollen ja nur auf die Oeffcntlichkeit wirken.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Gewitz wird uns die Heeresverwaltung jeden Pfennig als dringende Notwendigkeit hinstellen. Aber militärische Forderungen sind ge- wöhnlich so undurchsichtig, datz man ihre Tragweite nie er- kennen kann.— Die Militärvorlage stimmt auch nicht mit dem Grundsatz des Herrn Scyatzsekretärs überein, keine Ausgabe ohne Deckung zu bewilligen. Im ersten Jahre verlangt sie 8 Millionen Mark, die aus der Zuwachssteuer aufkommen sollen, doch liegt die Zuioachsstener noch ganz im Dunklen. Aber woher die Ausgaben der nächsten Jahre kommen sollen, weitz der Schatzsekretär sicher noch nicht. Im Jahre 19l2 verlangt die neue Vorlage bereits 25,7 Millionen, im Jahre 1913 32,8 Millionen, im Jahre 1911 37,9 Millionen und im Jahre 1915 wieder 33.7 Millionen. Kann man denn annehmen, datz die Erträgnisse der Zölle und Stenern sich so steigemjoerden, datz wir diese Ausgaben noch neben den laufenden wachen können? Der Militäretat wächst an sich schon jährlich und der Gesamtetat des Reiches ist in diesem Jahre nur mühsam balanciert. Man wird unfraglich ohne neue Stenern nicht auskommen. Man hütet sich freilich sehr, das einzugestehen, denn man möchte sich nicht gern die Wahlaussichten noch mehr verschlechtern.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Diese Heercsvorlage ist nur die Borläuferin einer nene», größeren. DaS ist ja die Eigentümlichkeit des KriegsininistermmZ, daß es fortwährend die Ausfüllung von Lücken verlangt und in demselben Augenblick reitzt es neue Lücken, deren Ausfüllung alsdann wieder verlangt wird. So wird es auch diesmal gehen. Die „Kreuz-Zeitung" hat schon hingewiesen auf die Lücken, die durch die neue Vorlage gerissen Iverden, und auf die Notwendigkeit einer baldigen Füllung dieser Lücken.(Lebhaftes Hört! hört! beiden Sozialdemokraten.) Wie lange wird es danern und man fordert von uns die Verdoppelung der Maschinengewehr- k o m p a g n i e n. Wir lehnen die Borlage ab, weil wir eS im Interesse deS Vaterlandes ablehnen müssen, dem Militarisnms immer neue Opfer zuzuwerfen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Budgetkommission glich wahrhaftig einer politischen Animicrstube.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der Kriegsminister wurde geradezu aufgefordert zum Fordern. Und man merkte es den Herren Reserveoffizieren in der Kommission ordentlich an, wie schwer es ihnen wurde, in Rücksicht auf die kommenden Wahlen hier und da einmal in einen kleinen Abstrich willigen zn müssen. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Eine so willige Kommission dürfte der Minister im nächsten Reichstag kaum wiederfinden. Während der Reichstag immer nachgiebiger gegen die extravagantesten Forderungen des Militarismus wird, nimmt das Treiben der Militaristen autzerhalb des HaufeS direkt pathologische Züge an. Besonders gilt das von dem sattsam bekannten General Keim(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten), der ja schon im vorigen Wahlkampf eine Rolle spielte. Die bürgerlichen Parteien sollten eS wirklich als ihre Ehrenpflicht betrachten, dem verbrecherischen Treiben der Kriegshehcr ein Ende zu machen und diese Leute gründlich von sich abzuschütteln. Aber dazu schwingen sich die Parteien nicht auf, die immer abhängiger vom Geist des Militarismus werden, die es nicht wagen, dem Gedanken der Abrüstung ernsthaft näher zu trete», die selbst nicht an eine Herabsetzung der Dien st zeit zu denken wagen. Da schwillt denn den Chauvinisten der Kamm, da treten dann Leute auf, die sich nicht scheuen, über den langen F r i e d e n z u j a m in e r n, die es beklagen, datz Deutschland nicht schon längst losgeschlagen hat.(Hört! Hort! bei den Sozialdemo- bestimmen. Nach der niedrigsten Schätzung mutz man an- nehmen, datz sich das Themsebett um wenigstens 170 Futz gesenkt hat, seit die Sandsckiichten, in denen der Fund gemacht wurde, in einer Epoche nach der Eiszeit abgelagert wurden. Bedcnlt man nun, wie wenig sich das Niveau und das Aussehen des Themsetals seit der römischen Periode verändert hat, und datz kein Grund vorhanden ist, anzunehmen, datz Veränderungen des Niveaus oder des Klimas den Flutzlaufin früheren Zeiten rascher gesenkt hätten als heute, so kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, datz der Flutz für jeden Futz, den sein Niveau sich senkte, tausend Jahre gebraucht hat. Auf der Grundlage dieser Annahme lätzt sich das Alter des Skelettfundes von Galley Hill auf 170 000 Jahre bestimmen. Eine Betrachtung der Knochen ergibt nun, wie alt der noch heute gültige Typus des Menschen ist. Der Galley Hill-Mensch ist, wenn auch in einzelnen Zügen verschieden, so doch im wesentlichen dem Typus des modernen Menschen gleich. Dieser.Engländer vor 170 000 Jahren" ist der einzige bekannte Vertreter der Tausende von Generationen Eng» ländern, die in der gewaltigen Periode bon der Eiszeit bis zur neoluhischen Epoche in England lebten. Notizen. — Vorträge. Der Wissenich. Zentralverein Humboldt- Akademie veranstaltet Sonnabendabend in der Aula des Franz. Gymnasiums, Reichstagsufer 6 einen wissenschaftlichen Abend. Thema: Heraklit, der dunkle Philosoph vonEphesus als Stamm- voter der Entwickelungsgeschichte. Vortragender Prof. Ludwig Stein. Eintritt für jedermann frei. — Die Stratzengefahr in Riesenstädten. Nach einer Statistik über die Stratzennnfälle in New Dork, die auf einein Vergleich zwischen dem Jahre 1886 und dem Jahre 1903 futzt, hat die Lebensgefahr in den Strotzen noch stärker zugenommen als die Bevölkerung selbst. Ans Hoch- und Untergrundbahnen wurden im letztgenannten Jahre 75, auf der Stratzcnfläche 813 Mensckien ge- tötet. In London kamen im Jahre 1909 insgesamt 303 Menschen durch Stratzenunfälle ums Leben, und die Zahl der Verlctzniiaen betrug 13 688. — DasGeburtShauSDantes wiederhergestellt. Das kleine altertümliche HauS in der Via Dante Alighieri in Florenz, in dem der grotze Genius italienischer Dichtimg. der Schöpfer der„Göttlickien Komödie" das Licht der Welt erblickt hat. ist nun wieder hergestellt. Schon früher war der Vau mit seiner malerischen unregeliuätzigen Steinmaucrung restauriert worden, aber jene ersten Arbeiten verwischten eher das Gepräge der Dantezcit. als datz sie einen Eindruck von dem Wesen deS 13. Jahrhunderts vennittelt hätten. Die Stadt Florenz hat nun die neue Restaurierung durchgeführt und sich dabei getreu an die Bauweise j der Zeit gehalten. da Dante in der Arnostadt geboren wurde. fratttt.) Die Schwäche der iärgerNche» Parteien trägt die Mit- schuld daran. In erster Linie find dieielben Parteien, die die Belastung des Volkes mit unerträglichen Verbrauchssteuern versSuldet haben, auch die Hauptschuldigen an der unerträglichen Last des Militarismus. Es sind dieselben Leute, die das Streben der Proletariermassen nach einen, gröberen Anteil an dem Bolls- einkommen mit den. Ruf nach Ausnahmegesetzen beantworten, die, wenn die Arbeiter zu Ausständen schreiten müssen, nach der Polizei, jetzt auch nach Militär schreien./z Millionen. Herrn Wiemer bemerke ich, daß die Söhne unseres Volkes auch jetzt schon so behandelt und gestellt werden, wie es recht ist. Es wäre eine schmähliche Vernachlässigung der Pflicht der Vor- gesetzten, wenn cS anders wäre. Fehler kommen vor, doch bitte ich, diese nicht zu verallgemeinern. Mit der Aufnahme der Vorlage durch die Parteien kann die Heeresverwaltung zufrieden sein. Eine Verminderung der Kavallerie wegen der Einführung der Luftschiffe kann nicht in Frage kommen, wir können doch bei nebligem oder windigem Wetter nicht sagen: Bitte sehr, heute spielen' wir nicht mit.(Heiterkeit.) Die Ausgaben für das Heer stellen eine Versicherungsprämie gegen einen unglücklichen Krieg dar; übrigens sind sie geringer wie in Frankreich pro Kops der Bevölkerung. Auch gibt die Heeresverwaltung fast die gesamten Millionen wieder in Deutschland aus; das Heer stellt also nur einen Durchgangsposten dar.(Große Heiterkeit.) Dazu kommt, daß es in weite Kreise Gesundheit hineinträgt, die Dienstjahre sind Jahre der Gesundung.(Zustimmung rechts.) In ethischer Beziehung bringt das Heer Stärkung der Pflichttreue, Vaterlandsliebe, geistige Spannkraft und Energie hervor.(Zustimmmig rechts.) Die großen Fortschritte, die Deutschland in den letzten 40 Jahren gemacht hat, werden nicht zuletzt verdankt der allgemeinen Wehrpflicht.(Lebhaftes Bravo I reckits.) Abg. Korfanty(Pole): Wir müssen doch fragen, ob die Heere der Nachbarstaaten technisch dem unseren überlegen sind, und ob der Friede bedroht erscheint. Beides ist nicht der Fall. Der Grundsatz:.Keine Ausgabe ohne Deckung" ist bei der Militär- Vorlage nicht gewahrt, die ZnwachSsteuer wird nicht reichen, ohne neue Steuer» wird eö nicht gehen.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Und dabei singt man immer das Lied von der Spar- sanikeit I ES ist sehr bedauerlich, daß die Regierung sich geweigert hat, mit England über das Mag der Rüstungen zu verhandeln. Aus allen diesen Gründen werden wir gegen die Vorlage stimmen. (Bravo! bei den Sozialdemokraten und den Polen.) Dazu kommt, daß die Militärverwaltung eine antipolnische Politik betreibt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Liebrrmann v. Sonnenberg(Wirtsch. Vg.) fühlt sich be- leidigt, daß der Kriegsniinister nicht erst auch seine Rede abgewartet habe, spricht seine und seiner Partei Zustimmung zu der Heeres- Vorlage aus, erklärt, daß auch er nicht die Verweisung der Veteranen ausschließlich aus die Erträgnisse der Wertzuwachssteuer wolle und bezeichnet die Idee des Weltfriedens als einen Traum ohne Realität. Abg. Dr. Heim(Z.): Alle Parteien haben sich auf den Standpunkt gestellt, daß neue Ausgaben nicht ohne Deckung bewilligt werden sollen. Speziell hat sich daS Zentrum früher sehr entschieden auf diesen Standpunkt gestellt. Noch beim Flottengesetz vom lgov nahm daS Zentrum diesen Standpunkt ein. Dir Zeiten haben sich sehr geändert.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Jetzt haben sich die bürgerlichen Parteien aus den Standpunkt gestellt: Wir be- willigen die Vorlage, aber keine neuen Steuern. DaS Rätsel kann ich nicht lösen.(Sehr gut I b. d. Soz.)— Jetzt wird uns die Finanz- läge lehr rosig geschildert. Ich bin überzeugt, wenn ich angeregt hätte, eine alte Ehren'chuld des Reichstags einzulösen und die Mannschaftslöhne zu erhöhen, dann wäre die Finanzlage uns pechschwarz geschildert worden.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Eingelöst werden nur die Versprechen, die neue Lasten bringen. (Erneute Zustimmung bei de» Sozialdemokraten.) Herr Stücklen hat u»S die mutmaßlichen Kosten vorgeführt, die uns diese Vorlage im La»fe der nächsten fünf Jabre bringen wird. Ich gehe hierin sogar noch weiter und sage, daß kein Abgeordneter die finauziellen Kousr« quenze» dessen übersehen kau», was er jetzt bewillige» will.(Abg. Ledebour: Also lehnen Sie ab 1) Seien Sie doch nicbi so un- geduldig, Herr Kollege, Sie sind doch nicht mehr so jung.(Stürmische Heiterkeit.) Bon Eripaniisien wird immer geredet, nur schade, daß sie uns nicht gezeigt werden.(Sehr wahr' bei den Sozialdemo- traten.) Gerade das platte Land trägt die Lasten des Militär« diensteS, wie ich gegenüber dem Haiisabund bemerken will.(Zu- stimmung rechts.) DaS Zentrum sagt, die Deckung sei da. Ich be- streite daS. Aber dieHaltung der Liberalen ist vielsonderbarer: sie erklären. Deckung sei nicht da, und stimmen doch dafür. Ich stehe keineswegs auf dem antimilitaristischen Standpunkt der Sozialdemokratie, die unbelehrbar in ihren Irr- wegen ist(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), aber ich stimme gegen diese Borlage, die mir nicht genug begründet erscheint. Abg. R-Ske(Soz.): Die Gegner unserer Partei haben wieder die Gelegenheit be- nutzt, um unsere Stellung zum Militarismus zum Ziel ihrer An» griffe zu machen. Selbstredend durfte dabei der Herr v. Liebert nicht fehlen. Natürlich kam er auch wieder mrt seinen Zitaten herbei. Bei den Zitaten deS Herrn v. Lieberl muß man immer erst nachfragen, wieviel daran wahr oder vieliiiehr, wieviel daran nicht unwahr ist.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Bei der sattsam bekannten Agitationsweise deS Abg. v. Liebert, die man außerhalb des HauseS derüchiigt nennt Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten), ist sorgsame Vorsicht bei einen Zitaten ganz besonders geboten. Der Herr v. Liebert hat da nämlich eine Broschüre geschrieben, in der er die Stirn hat, einen Mann, wie unserem Führer Bebel, besten Ehrenhaftigkeit von allen Seiten, auch von den heftigsten politische» Gegnern anerkannt wird (Lebh. Zustiminung bei de» Sozialdemokraten), die Ehrenhaftigkeit ab- zusprechen.(Pfuirufe bei den Sozialdemokraten.) Derselbe v. Liebert wirft der Sozialdemokratie Beförderung des Alkoholismus vor. Angesichts des Schnapsboykotts würde ich daS außerhalb des HauseS eine bewußte Unwahrheit nennen.(Unruhe rechts, lebhaste Zu« stimmung bei den Sozialdemokraten. Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Schwerin: Sie dürfen auch in dieser Form einem Abgeordneten nicht bewußte Unwahrheit vorwerfen. Ich rufe Sie zur Ordnung.(Lebhafter Beifall rechts. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Der Ordnungsruf ändert nichts an der Sache!) Abg. Noöke(fortsahrend): Die anderen Ausführungen deS Herrn v. Liebert in seiner Broschüre stehen auf derselben Höhe. Einmal entschlüpft ihm aber doch das Geständnis, daß die Sozialdemokraten sich während ihrer Militärzeit durchweg gut führen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wie gesagt: Die Behauptungen von unserer Vaterlandslosigkeit lasten uns kalt. Wie es mit dem Patriotismus der Herren von der Rechten bestellt ist, haben wir ja in der Kommission gesehen. Al» der Reichsschatzsekretar gegen Verteuerung der Remonte« zferde eintrat, da traten sehr rechtsstehende Herren aus und be- chuldigten den Schatzsckretür der Militärfeindlichkett, ja beinahe der Vaterlandslosigkeit und sozialdemokratischen Gesinnung. Hört! hört! und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Es läßt uns wirllich kalt, wenn solche Leute uns der Vaterlandslosigkeit beschuldigen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ueber den Wandel der Anschauungen im Zentrum hat sich ja Herr Dr. Heim ganz ergötzlich verbreitet. Bei der Gelegenheit möcht» ich übrigens fragen, warum denn der bedeutendste militärische Sachkenner des Zentrum», der General Häusler, in der letzten Zeft w der Kommission nicht gesehen oder wenigsten» nicht gehört wurde. Geschah daS bielleicht auf Wink der Fraktion?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Auch über die Haltung der Liberalen machte Dr. Heim Ausführungen, die wir zum Teil unterschreiben können. Herr v. Putlitz hat die Friedensliebe des französiichen Volkes be- zweifelt. Wie kommt er dazu? Herr Basiermann hat ja auch die deutsche Friedensliebe betont. Bei einem Kriege ist eben nichts zu gewinnen, wohl aber viel zu verlieren. Diese Einsicht hat zur Friedensliebe geführt, freilich nicht bei alle» Abgeordneten; ein Kon- scrvativcr hat in der Kommission den vierzigjährigen Frieden bedauert. (Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Die Völker wünschen überall den Frieden, Interesse am Kriege hat nur eine ganz kleine Schicht Herrschender; die Masse der Völker ist überall ftiedliebend, und der Wert der internalionalen Bestrebungen der Sozialdemokratie liegt darin, daß dieser Fliedensliebe Rechnung getragen werden muß. Aber gewiffe Kreise haben an der immerwährenden Vermehrung der Armee ein Interesse. Nach dem Kriegsminister geben wir eigentlich recht wenig für unsere Rüstung aus. und er erzählt von den gesundheitlichen und ethischen Wirkungen des Heeresdiemles. Aber bei uns sie eben von 1000 Soldaten 18, in der Schweiz 10.2.(Hört! hört!) Turnen. Sport, bessere Ernährung, diefreilich durch die Finanzreform in Frage gestellt ist. tragen zur Gesundheit und Gesundung bei.(Zustimmung bei den Sozial« demokraten.) Zu einer wirkungsvollen Sozialreforu« fehlt uns das Geld. Auch die Ausgaben für die neue HeereSvorlage werden nicht ein- kommen, wenn die Regierung es auch hofft, die Rechnungen der Regierung haben noch niemals gestimmt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Es kann auch gar nicht bestritten werden, daß daS Reickisschayamt und das Kriegsministerium verschiedener Meinung über die Kosten und den Umfang der neuen Vorlage waren; das KriegSmniisterium will Weiler gehen. Der Grundsatz: .Keine neue Ausgabe ohne Deckung" wird in dem Augenblick durchbrochen, wo es sich um eine neue Militärvorlage handetl.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir müssen ernste Sorge haben, daß weitere Forderungen kommen werden— das geht aus den Ausführungen der meisten Redner hervor. Bon Reformen im Heer abrr ist' keine Rede; vor einem Jahre hat noch Herr HäuSler betont, die Verkürzung der Dienstzeit werde daS Zentrum im Auge behalten. Aber kein Wort ist heute darüber gesprochen. Aber auch grundsätzlich kann sich unsere Stellung zum Militarismus nicht ändern, so lange daS System des Militarismus dasselbe bleibt. Gibt es etwa« TorichlereS. den Millionen von Sozialdemokraten zu tagen, ihr dürft euch totschießen lassen, aber gleiche» Recht habt ihr nicht. Aber Sie werden sich mit der Tatsache abfinden müssen, daß wir v i e r M i l l i o n e n g e- worden sind, und die Stellung und Stimmung der Sozial« demolratie wird bei jede« künftigen Kriege sehr zu beachten sein. (Sehr richtig! bei den Sozialdemotraien.) Das Manifest, mit welchem Nikolaus II zur ersten Haager Friedenökonserenz eingeladen hat, sprach von der Aufrecht�rhaltimg des Allgemeinen Friedens und der Herabsetzung der Rüstungen als einem Ideal Mit Begeisterung wurde dos Manifest von allen Fürsten aufgenommen. Aber g e- fruchtet hat die Mahnung bei den Herrschenden nichts. Um so nachdrücklicher haben die Massen dafür ein- zutreten, daß der FriedenSidee Rechnung getragen wird.(Lebhaste Zustimmung bei den Soziatdemokruten.) Deshalb lehnen wir diese neue Vermehrung der Rüstungen ab.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) ReichSschatzsekretär Mermuth: Die Reichsfinanzverwaltung hat die Deckung der Kosten dieser Militärvorlage in das Programm der jetzigen Finanzperiode aufgenommen und ist entschlosien, die Deckung ohne neueSteuern zu erreichen.(Hört! hört! rechts.) Ich bin mir bewußt, damit eine schwere Verant- Wartung übernommen zu haben.(Hört I hört I links.) Ich habe auch keineswegs die Lage so rosig geschildert, wie Herr Dr. Heim behauptet hat, sondern ich habe zu allen meinen Ausführungen da» Fragezeichen gesetzt, zu dem ein Schatzsekretär sozusagen beruf»- mäßig verpflichtet ist.(Große Heiterkeit des ganzen Hause«, in die auch der KriegSminister einstimmt.) Redner gibt eine gedrängte Ueber« ficht über den Stand der ReichSeiiinahmen, schildert die einzelnen Posten al» recht günstig, setzt jedoch unter steigender Heiterkeit de» HauseS stet» hinzu:„Aber Garantie für die Zukunft überuchm« ich nicht". Damit schließt die Debatte. Abg. v. Liebert(Rp): Meine von Herrn NoSke zitterte Schrift von 1S04 sind olle Kamelleu(Stürmische Heiterkeit.) In der zweiten Auflage bin ich der ehrenhaften Persönlichkeit Lehel»» die ich hier kennen gelernt habe, gerecht geworden. Herr Noske mag doch diese zweite Auflage lesen. Abg. NoSke(So,., persönlich): Die Zitate, die ich verlesen, ent- stammen einer Broschüre des Herrn v. Liebert nicht aus dem Jahre 1904, sondern au» dem Jahre 1900. Ich stelle fest, daß diese Sudelei, diese Beschimpfungen Bebel» noch heute im Buchhandel zu haben sind. Abg. v. Liebert(Rp.. persönlich): Ob die erste Auflage meiner Broschüre im Jahre 1904 oder 1900 erschienen ist. weiß ich nicht; jedenfalls war e» vor meinem Einttilt in den Reichstag. Die zweite Auflage ist 1008 erschienen, nachdem ich hier die Verhältnisse kennen gelernt hatte. Die Abstimmung über den§ 1 wird auf Antrag de» Abg. Ledebour(Soz.) eine namentliche sein und morgen stattfinden. Der Rest der Vorlage nebst den von der Kommission beantragten Resolutionen wird debatteloS angenommen, ebenso die durch die neue Heeresvorlage bedingten Etatsposittonen. Hierauf vertagt sich da» Hau». Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr: Der eigentliche Milttäretat. Schluß VU Uhr._ Hbgeordnctenbaiiö, 34. Sitzung vom Donnerstag, den 23. Februar, vormittags 10 Uhr. Am Ministertisch: v. Breitenbach. Die zweite Beratung des EiscubahnetatS wird bei der Be« sprechung der Beamten- und Arbeiterfragen fortgesetzt. Abg. Tuercke(t.) tritt sür eine» Ausbau der WohlfahrtSeinrich- tungen für die Eisenbahnhandwerker und-Arbeiter ein und schließt sich den Ausführungen der«bog. Beyer und Schröder-Kossel an. Abg. Eckert(sk.) betont lebhaft die loyale Gesinnung des früher Trierschen Verbandes und bittet um Berücksichligung der Petitionen dieses Verbandes vor allem in bezug auf den Ausbau der PensionS« Versicherung. ArbeiterauSschußmitglieder dürften wegen ihrer Tälig- keit im Ausschuß nicht gemaßregelt werden. Abg. Funck(Vp.) weist den Vorwurf de» Abg. v. HennigS zurück, daß der Abg. DeliuS wahllos alle ihm entgegengebrachten Wünsche der Eisenbahner vorgetragen habe. Ein Streikrecht der Eisenbahner können auch wir nicht anerkennen, umsomehr aber haben wir Ab- geordnete die Pflicht, die Versammlungen der Eisenbahner zu be- suchen, um ihre Wünsche kennen zu lernen. Die Berwaltung sollte eS dem Takt der einzelnen Abgeordneten überlasten, wie weit sie dabei gehen.— Gegenüber dem Vorwurf der Wahlpolitik erwidere ich dem Abg. v. Hennigs: Wer im Glashause fitzt, soll nicht mit Steinen werfen.(Zuruf de« Abg. Papvenheim.) Präsident v. Kröcher: Herr v. Poppenheim. Sie dürfen Zwischenrufe nur vom Platze aus machen.(Große Heiterkeit.) Abg. Funck(fortfahrend): Ich dachte dabei an die plötzliche Fürsorge de» Herrn Hahn für die Lehrer.(Sehr gut! links.)— Redner befürwortet des weiteren«ine Verbesserung der PenssoiiSeinrichwngen der Eisenbahner. Abg. GicSbertS(Z.) polemisiert geyen den Abg. Leinert. Es ist eine reklamehaste Uebertreibung, wenn die Sozial- demolratie e» so hinstellt, al« sei fie die einzige vertteterin der Interessen der Eisenbahner. Auch uns gehen sehr zahlreiche Wünsche der EisenVadnarbeiter zu. Daß auch ein Teil der Eisendahnardetter sozialdemokratisch gesinnt sind, gebe ich zu, das beweist gerade die objektive Haltung der Verwaltung. Auch in Sachen des Werkstatt festes in Stendal bin ich anderer Meinung, als Herr Leinert. Solche Feste können nur zur Förderung der Solidarität zwischen Verwaltung und Arbeitern beitragen.(Sehr richtig! im Zentrum.) Generalstreik und passive Resistenz sind Dinge, die nicht auf deutschem Boden ge wachsen sind, die christlichen Gewerkschaften wollen von solchen Mitteln nichts wissen. Die Eisenbahnarbeiter sollten sich nicht cm unerfüllbare sozialistische Illusionen einlassen, nur auf sachlichem Wege ist etwas zu erreichen. Das wichtigste in einer Lohnstatistik wäre das Dienstalter der Arbeiter. Niedrige Löhne werden zur volitischen Zersetzung ausgenützt.(Beifall im Zentrum.) Eisenbahnminister B.jSSrtilcnlmch: Solche Auffassungen, wie wir sie jetzt gehört haben, können das Vertrauen zwischen Arbeitern und Verwaltung nur stärken.(Bravo! rechts und im Zentrum.) Au anonyme Angaben über Mißstände usw. lasse ich inich nicht ein (Lebhafles Bravo!) Die Verwaltung ist nicht zirnperlich gegen Aeußerungen in Arbeiterversanimlungen; sie muß aber doch aufpassen, daß nicht Verhetzung und Verbitterung in die Arbeiterschaft getragen wird.(Bravo! rechts und im Zentrum.) Wir müffen mindestens den Widerruf leichtfertiger Behauptungen verlangen. Dem Vertrauens- Verhältnis zwischen Arbeitern und Verwaltung entspricht es, daß die Arbeiter Stattffnden und Tagesordnung ihrer Versammlungen mit- teilen.(Abg. Hoffmann sSoz.j: Zur Zensur vorlegen!) Der Minister spricht dann über den finanziellen Stand der Pensions kassen, insbesondere der der frühere» Privatbahnen. Der Staat zahlt erheblich zu. Abg. Dr. Wagner-Breslau(fk.) wünscht Vermehrung deS Lokomotivpersonals, wodurch auch die Unfälle sich vermindern würden. Auf konservativen Antrag wird die Besprechung gegen einen Teil deS Zeirtrums und die Linke geschloffen. Beim Titel PensionS- und WohlfahrtSzwecke wendet sich Abg. Dr. Flesch(Vp.). dagegen, daß die Eisenbahner, die in den vom Staate erbauten Wohnungen wohnen können, den WohnungS geldzuschuß abgeben müssen, und fordert Heranziehung der Arbeiter zu den verschiedenen vorberatenden Ausschüsien. Das würde manches Mißtrauen beseitigen. Abg. Jmbusch(Z.) wünscht, daß den Unfallverletzten das Krankem geld vom ersten Tage gewährt werde. Abg. Meycr-Titsit(k.) dankt dem Minister für die Erhöhung der Penston der Eisenbahner. Ein Schlußantrag wird angenommen. Abg. Leinert(Soz.): Ich bedauere sehr, daß das Hau? für die so wichtige Frage des PensionSwesenS nicht noch eine Viertelstunde Zeit gehabt hat. Ich bedauere aber auch, daß sich der Herr Präsident bei der Feststellung, daß der Antrag genügend unterstützt sei, geirrt haben muß, wie ich annehme. Präsident v. Kröcher: Das können Sie nicht annehmen, denn wenn sich selbst der Präsident geirrt hätte, dann hat er sich nicht allein geirrt, sondern auch die beiden amtierenden Schriftführer. Der Rest des EtalS wird nach unwesentlicher Debatte, in der lediglich lokale Wünsche vorgetragen werden, erledigt. Nächste Sitzung Freitag 11 Uhr.(Etat der Seehandlung, der direkten und indirekten Steuer.) Schluß l'/z Uhr. Bus Induftnc und Kandel. Der Arbeitsmarkt im Januar 191k. Nach dem„Reichsarbeitsblatt" zeigte sich am Ruhrkohlen markt eine leichte Abschwächung. In den übrigen Steinkohlen- gebieten ließen sich nur leichte Veränderungen konstatieren. Im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau war die Beschäftigung der Werke im allgemeinen befriedigend. In der rheinischen Bnkett- fabrikation war der. Geschäftsgang im ganzen nicht schlecht. Die Metallindustrie wird teilweise ungünstig beeinflußt von der Unsicher heit. die über das Zustandekommen der Syndikate herrscht. Die Lage der Maschinenindustrie befriedigte im allgemeinen. In der Textil- industrie waren die Baumwollspinnereien noch immer recht unbefriedigend beschäftigt; auch die Lage der Tuchindustrie läßt viel zu wünschen übrig. Der Geschäftsgang der elektrischen Industrie war befriedigend, auch die chemische Industrie hatte gut zu tun. Die Lage deS Kalimarkts wird weiter günstig beurteilt. Nach den Berichten der Kranken- kassen hat der Beschäftigungsgrad, wie meist um diese Jahreszeil, jedoch etwas stärker als im Vorjahre im Laufe des Januar weiter nachgelassen; dies ist zum Teil ans das Baugewerbe und das nach Beendigung des WeibnachtsgeschäftS weniger Leute brauchende Handelsgewerbe zurückzuführen. Es ergab sich am 1. Februar 1911 gegenüber dem 1. Januar eine Abnahme der versicherungspflichtigen Mitglieder abzüglich der Kranken von insgesamt 42dbS<39 797 männlichen und 2733 weiblichen Mit- gliedern). Gegenüber dem 1. Januar ist der Beschäftigungsgrad der männlichen Personen von 100 auf 99 gesunken, während der der weiblichen Personen derselbe gebliebe» ist. Im Gegensatze zu den Krankcnkassenziffern ergeben die Arbeitsnachioeisziffern eine schein- bare Besserung gegenüber dem Dezember und dem Januar des Borjahres. Bei der Gesamtzahl der berichtenden Arbeitsnachweise, für welche vergleichbare Angaben vorliegen, kamen nämlich im Januar 1911 auf je 100 offene Stellen bei den männlichen Per- sonen 193, bei den weiblichen Personen 90 Arbeitsgesuche gegen 213 bezw. 100 im Dezember und 234 bezw. 98 im Jahre 1910. Die Lage deS Berliner Arbeitsmarkies verschlechterte sich gegen den Vor- Monat weiter, gegen Januar 1910 hatte sich jedoch für männliche Arbeiter der Beschäftigungsgrad erheblich gebessert, für weibliche Arbeitskräfte war er auf derselben Höhe geblieben. In Schleswig- Holstein. Lübeck und Hamburg war die Erwerbs- Möglichkeit für ungelernte Arbeiter ungünstiger als im Vor- jähre, in dem starke Schnefälle Arbeitsgelegenheit schafften. AuS dem Rheinlande wird berichtet, daß der Geschäftsgang gegemiber dem Dezember wenig Veränderung aufweist. Der Bericht über den ArbcitSmarkt in Hessen und Hessen-Naffau stellt eme Befferung gegen- über früheren Fahren fest, die auch dadurch zum Ausdruck kommt. daß die Städte erst später als sonst mit NotstaudSarbeiten beginnen. In Bayern, Württemberg und Baden läßt sich eine Besserung deS BeschSstigungsgrades bemerken. Die Einnahmen auS dem Güterl verkehre deutscher Eisenbahnen betrugen im Januar 136 697 404 M., das sind 10 539 824 M. mehr als im gleichen Monate des Vorjahrs. Das bedeutet eine Mehreinnahme von 171 M. oder 6,93 Proz. auf 1 Kilometer. grundkage Oberhausen, ermäßigt; ferner wurde die Zahlung von Ausfuhrvergütungen beschlossen, wozu die Mitglieder deS Stahl- wcrksvcrbandes 2,30 M. für die Tonne und die Martinswerke 1,30 Mark für die Tonne beisteuem sollen. Mit Hilfe des Schutzzolles werden Ausfuhrvergütungen gezahlt, die die Konkurrenz der in- ländischen WeiterverarbeitungSiudustrie auf dem Auslandsmarkt er- schweren. Ein neue? Werk. Demnächst soll ein neues Merk der Maschinen- fabrik AugSSurg-Rürnberg A.-G. südlich von Duisburg in Man- heim-Angerhausen erstehen. Die Gießereien der Werke in Nürnberg. Augsburg und Gustavsburg sollen nach Wanheim verlegt werden. In Aussicht genommen ist auch die Verlegung des Großmaschinen- baues selbst, die sich in Nürnberg befindet und ebenso ein Teil des Kranbaues und des SchiffSmaschinenbaueS. Das Werk soll au- fänglich etwa 3000 Arbeiter beschäftigen, später bis 12 000. Geplant ist der Bau einer großen Kolonie von Arbeiterwohnhäusern in Man- beim-Angerhausen. Der Bau einer Straßenbahn von Duisburg nach Wanheim ist ebenfalls bereits geplant. Die Warenpreise im Großhandel sind im Januar d. I. stärker in die Höhe gegangen als im Januar 1910. Der Index für sieb- zehn Waren, deren Preis zu ihren Konsummengen ins Verhältnis gesetzt ist, stellte sich im Januar des laufenden Jahres auf 3760,19 M. gegen 3726,33 M. im Dezember 1910. Er ist also um 0,39 Proz. hinaufgegangen. Im Januar des Vorjahres betrug die Indexziffer der nämlichen Waren 5921,33 M., während sie im vorhergehenden Dezember 3894,37 M. betragen hatte; damals stieg sie um 0,43 Proz. Infolge dieser ungleichmäßigen Bewegung der Großhandelspreise in diesem und im vorigen Jahre ist die Ermäßigung wieder ein wenig zurückgegangen, sie stellte sich im Dezember noch auf 3,06 Proz., ging aber im Januar auf 2,72 Proz. zurück. Verursacht ist das Hinaufgehen des Index im Berichtsmonat durch die Steigerung, die der Preis von Roggen, Kartoffeln, Kälbern, Kaffee, Tabak und Jute erfahrep hat. Bei diesen Waren betrug die Indexziffer im Groß- Handel in Mark: Auffallend stark ist die Indexziffer für Kartoffeln in die Höhe gegangen, so daß sie nun auch merklich über die vorjährige hinaus- geht; im Dezember stand sie noch gleich hoch wie im Jahre zuvor. Der Kälberpreis hat fast wieder die vorjährige Höhe erreicht, und der Index für Kaffee geht gar um mehr als 60 Proz. über den vom Januar 1910 hinaus. Bei Tabak ist der Vorsprung gegenüber 1910 ebenfalls beträchtlich, wenn auch nicht derartig stark wie bei Kaffee: die Steigerung der Indexziffer für Tabak gegenüber 1910 bcläuft sich auf 20 Proz. Die Preiserhöhung für Jute von Dezember auf Januar hat, so gering sie an und für sich ist, den Preis doch so in die Höhe getrieben, daß er um 43 Proz. über das Vorjahrsniveau hinausgeht. Von Waren, deren Preisindex vom Dezember auf Ja- nuar d. I. gesunken ist, wie z. B. Weizen, Schweine, Rinder und Rohseide, weisen einige ganz empfindliche Zunahmen gegenüber dem Vorjahre auf. So geht der Index für Rinder im Januar d. I. um 11'/a Proz. über den entsprechenden des Vorjahres hinaus, der Preisindex für Seide weist einen Vorsprung von 30 Proz. im Vergleich zum Januar vergangenen Jahres auf. Bei den Preisen von Weizen, Roggen, Schlveinen und Zucker ist eine bemerkenswerte Ermäßigung auch gegenüber dem Vorjahre eingetreten. Bus der frauenbewegung. Fleischpreise. Die Fleischpreise halten sich, trotz der ministeriellen Erklärung, die Teuerung werde eine nur vorübergehende Erscheinung sein, aus Notstandshöhe. Die bekannten amtlichen Zusammenstellungen der Statistischen Korrespondenz über Preise von 30 Marktorten ergeben folgende Durchschnitte. Es kostete 1 Kilogramm Pfennige: Erste Hälfte Februar 1910 1911 Rindfleisch...... 133,6 163,4 Schweinefleisch.... 153,8 158,6 Hamm-rfleisch..... 165,2 173,3 Kalofleffch..... 172,0 185,7 Roßfleisch...... 71,3 77,0 Speck........ 177,2 184,8 Rur das Schweinefleisch ist gegen das Vorjahr nicht teurer ge- worden, bei den übrigen Fleischsorten ergeben sich Steigerungen von 8— 14 Pf. Und die Junker fordern eine Verschärfung der Grenzsperre._ Schutzzoll-NuZfuhrvergütung. Die Stabeisenkonvention soll in der bisherigen Form verlängert werden, mit der Maßgabe, daß für die Nichteinhaltung der Konventionspreise hohe Konventionalstrafen festgesetzt werden. Der Stabeisenpreis wurde auf 103 M, Fracht- Zur Frage des Mutter- und Säuglingsschutzcs. So lautet der Titel einer von Genossin Luise Zieh ver- faßten Broschüre, die im Berlage der..Leipziger Bolkszeiwng" zum Preise von 13 Pf. jetzt erschienen ist. Bei Massenbezug durch die Organisationen ist der Preis aus 10 Pf. gestellt. Die Broschüre enthält in knapper Form und divckt für die Agitatton brauchbar zusammengestellt das wichtigste Ma° terial zu dieser Frage. Das Problem, worum es sich handelt, wird aufgezeigt in den Kapiteln: Frouenerwerbsarbeit— Beruf und Mutterschaft— Entbindung und Wochenbett— Säuglingssterblichkeit— Jugendliche Krüppel. Die Frauenerwerbsarbeit ist in Deutschland von 3 Millionen 541 000 im Jahre 1882 auf ösh Millionen im Jahre 1907 gestiegen; sie hat sich seit 1882 also fast verdoppelt. Das sozial bedeutsamste dabei ist, daß fast vier Millionen Ehefrauen im Hauptberuf erwerbstätig beschäftigt sind. Der Prozentanteil dwscr Verheirateten stieg seit 1882 von 16,4 auf 31,1 Proz. Diese Tatsache beschwört unter den heutigen Umständen geradezu entsetzliche Folgen für das Familienleben der Arbeiterschaft und für die Mutterschaft der Arbeiterfrau herauf. Für die verheiratete Frau bedeutet die jetzige Erwerbs- arbeit das Doppeljoch der Haus- und Lohnarbeit. Unter dieser Doppellast sind frühes Siechtum und Sterben für die Frau, Zerfall des Familienheims für den Mann die unausbleiblichen Folgen. Für die Kinder bedingt sie eine schwache Konst tution, Veranlagung zu Krankheit, Ursache der hohen Säuglingssterblichkeit. Wie die gesamte Ungunst der sozialen Verhältniffe, unter denen die Arbeiterschaft lebt, auf die Säuglingssterblichkeit einwirft, zeigt die Broschüre unter vielen anderen Beweisen an einer Statistik aus Hall«, die in Nr. 46 der„Kommunalen Praxis" von 1909 erschien. Es starben in Halle von j e 100 Säuglingen: 4,3, wenn der Vater höherer Beamter, Offizier oder akademisch Ge- bildetcr war; 13,0, wenn der Vater Fabrikant, Kaufmann, Land» Wirt war; 13,3, wenn der Vater mittlerer Beamter war; 18,9, wenn der Vater gelernter gewerblicher Arbeiter war. Die- selbe aufreizende Erscheinung zeigt die Schrift an einer Statistik, aus den Arbeitervierteln Berlins, wo die Sterblichkeit in Weißensee 31,92 Proz., in Britz 29,34 Proz., in Lichtenberg 23,11 Proz., da- gegen in dem Villenvorort Dahlem nur 6,67 Proz. betrug.— Die Arbeiterfrauen trauern, wenn ihre Kinder sterben; ste sollten lieber wie Löwiniren, die ihre Jungen gegen Gefahr verteidigen. sich mit unserer Partei zum Kampf gegen die Klassenverhältnisse wenden, die ihnen ihre Lieblinge morden. Die Säuglingssterblichkeit ist in Deutschland so hoch, daß sie in den kultivierten Staaten und Wellteilen nur noch von Amerika, Rußland und Oesterreich übcrtroffcn wird. In den Jahren von 1901— 1908 hatten eine Sänglingssterblichkeit nach Prozenten: Amerika 29,8 Proz.. Rußland 27,2 Proz., Oesterreich 20,2 Proz., Deutschland 19,3 Proz., Frankreich 14,3 Proz., Holland 12,2 Proz.. Dänemark 10,8 Proz., Schweden 7,1 Proz.. Norwegen 6,7 Proz., England 12,1 Proz. und Australien 6,8 bis 9,8 Proz. Die Broschüre zeigt die bemerkenswerte Erscheinung, daß den schlechten agrarischen Verhältnissen in Ost- und West- Preußen, in Pommern, Posen und dem Königreich Bayern ebenso- viele neugeborene Arbeiterkinder zum Opfer fallen, wie der kapita- listischen Profitgier in den allertraurigstrn industriellen Elends- bezirke«. Ein ebenso düsteres Bild wie das des Frauensiechftims und der Säuglingssterblichkeit ist jenes derjugendlichenKrüppel. Deren wurden 1906/07 in Deutschland über 90 000 festgestellt. Und die überwiegenden Arten der Krüppelleiden— Läbmung, Tuberkulose, Verkuppelung der Wirbelsäule, englische Krankheit— zeigen, daß Säuglingssterblichkeit und Verkrüppelung aus den gleichen, gekennzeichneten sozialen Ursachen erwachsen.— Der Mangel an sachkundiger Hebammenhilfe, den oie Broschüre für weite Gebiete Deutschlands konstatiert, ist ein weiterer Bekeg für die Notwendigkeit des geforderten Schutzes. Weiter wird geschildert, was unsere Partei zur Verbesserung der Bestimmungen der Gewerbeordnung(Titel 7, ZZ 135— 139a, und der gesetzlichen Vorschriften zum Schutze gegen Vergistungs- gefahren in den Gewerbebetrieben), w-6 Kinderschutzes dev Kranken- Versicherung und der geplanten Reichsversicherungsordnung getan hat, waS sie vom Staate und von den Gemeinden fordert. Die Verfasserin zeigt weiter, daß die Mutter- und Säuglir rssürsorge nicht ein Problem für sich darstellt, welches man losgelöst von der Gesamtheit unserer Verhältnisse und Kämpfe behandeln kann, sondern nur im engsten Zusammenhang mit dem Kapi- talismus und unserm grundsätzlichen Klassenkampf. Für unsere sozialistische Bewegung heißt es: Kampf gegen die kapi- talistische Ausbeutung, besonders gegen ihre verwüstende Form, dem Raubbau am Leben der Frau und der heranwachsenden Generation! Im übrigen die Bahn frei für die Loslösung der Frau aus wirtschaftlicher Abhängigkeit! Hinein mit'der Frau in die Arbeiterbewegung, und durch gemeinsamen Kampf neben dem Manne zum Sozialismus! Mit dem Siege des Sozialismus, der Produktion für die Bedürfnisse aller, lösen sich all Probleme, die unter der Herrschaft des Kapitals mit ihrer Produktion nur' zur Vergrößerung des Mehrwerts aufgerollt sind. Bus aller Alelt. Kirche und Volkszählungsliste«. Nach den gesetzlichen Bestimmungen sind die Zählbogen für Volkszählungszwccke von den mit dem Zählgeschäft betrauten Faktoren völlig diskret zu behandeln und keinem anderen Jnter- essenten zu anderen Zwecken zur Verfügung zu stellen. Bei der letzten Volkszählung sind nun die ErhebungSlisten in einem Ludwigs- hafener Pfarrbezirk durch den katholischen G e» st l i ch e n zn kirchlichen Zwecken mißbraucht worden. In einer Sitzung de« Stadtrats machte der mit der Untersuchung beauftragte Polizeiinspekior Angaben über den Vorfall, auS denen hervorging, daß die Anregung zu der unerlaubteil Benutzung der Listen von dem Pfarrer Hans ausging. Dieser wünschte sich daraus angeblich über verkommene Pfarrkinder näher zu unterrichten und trat an den Schulverwalter, der die Listen in Verwahrung hatte, mit einem entsprechenden Ansuchen heran. Bei der Unterredung war der frühere Polizeibeamte und jetzige Wagemeister Kuhn an- wesend, und als der Schulverwalter sich weigerte, die Listen heraus- zugeben, versprach Kuhn, sie de in Pfarrer zu ver- schaffen. Kuhn war sich bewußt, daß die Listen Amtsgeheimnis bleiben sollten. Trotzdem besorgte er sich den Duplikatschlüssel zu dem Schulhause und dem Aktenschran! und nahm die Li st en an sich. Der Pfarrer soll angeblich von dem unrechtmäßigen Vor- gehen Kuhn? gewußt, aber nichts dagegen eingewendet haben. Nach dieser Sachdarstellung beschloß der Stadtrat, sowohl gegen Pfarrer H a n s wje gegen den Wagemeister Kuhn bei der Staatsanwalt« schast Anzeigezuer st alten. Tribüneneinsturz bei einem Hahnenkampf. In der im nördlichen Frankreich gelegenen Stadt C a m b r a i fand am Mittwoch ein Hahnenkampf statt, der eine große Anzahl Zuschauer herbeigelockt hatte. Während der Vorstellung stürzte plötzlich die provisorisch errichtete Tribüne unter der Last der vielen Menschen zusammen. Fünfzig Personen sind hierbei teils getötet, teils schwer verwundet worden. Eine ganze An- zahl anderer Personen erlitten leichte Verletzungen. Eine Bettlerkundgebung. Vor der Wiener Polizeidirektion fand am Mittwoch eine Kund» gebung von Bettlern statt, die unzufrieden sind, weil sie aus dem Nachlaß des Barons Rothschild nichts bekommen haben. Unmittelbaren Anlaß zu dieser Demonstration gab, wie der„Voss. Ztg." gemeldet wird, eine Kundmachung am Tore der Polizeidirektion, in der eS hieß:„Ansuchen um Beteiligung aus dem Rotbschildschen Nachlaßlegat können nicht mehr berücksichtigt werden, weil dasselbe erschöpft ist." Unter den Bettlern sah man Blinde und Lahme. Ihre Rufe:„So viel Geld, und wir haben nichts bekommen l' erregten großes Aufsehen. Die Wache machte der Kundgebung ein Ende. Die Rufe der Armen sind sehr begreiflich, hat der Verstorbene doch 600�700 Millionen Krone» seinen trauernden Erben hinter- lassen. Ei» Trinkgeld ist» von dieser ungeheueren Sunime in hochherziger Weise für Wohltätigkeitszwecke besummt worden. Brandkatastrophe in Moskau. In der vergangenen Nacht brach in M o S k a u in einem von Arbeitern bewohnten Hause Feuer aus, daS schnell um sich griff. Die Bewohner sprangen zu den Fenstern hinaus, wobei acht Per« sonen schwer und siebzehn leicht verletzt wurden- Unter den Trümmern deS eingestürzten Hauses fand man fünf verkohlte Leichen._ Heiliger Bureaukratius! Das r. k. Kreisgericht E g e r hat das Verfahren zur Todes- erllärung des seit seinem 19. Jahre verschollenen Schuhmachers Georg Adam R i e d l b a u ch eingeleitet und fordert ihn auf, vor dem Gc-> richt in Eger zu erscheinen oder es auf andere Weise in Kenntnis seines Lebens zu setzen. Georg Adam Riedlbauch ist geboren in Eger am � 9. Juli 1779._ Kleine Notizen. Die Pest in Ehnrbin. An, Mittwoch sind in Charbin an der Pest zwanzig Chinesen gestorben. In der Nähe der Stadl wurde ein vollständig auSgestorbenesChinesen« d o r f e n t d e ck t; die im Freien liegenden Leichen sind überschneit. Mordtat eineS neunjährigen Knaben. In Neapel hat ein neunjähriger Knabe, dem während des Spiels von einem Kameraden die Mütze entwendet war, au4, Wut darüber ein Messer ge- zogen und den Kameraden erstochen. Die angesammelte Volksmenge drohte den Täter zu lynchen. Nur schwer gelang es den Polizisten, ihn in Sicherheit zu bringen. Schwerer Unfall in einem belgischen Bergwerk. In der Grube B o u c e a u bei Marchienne ist ein Fabrlorb, in dem sich zwanzig Arbeiter befanden, entgleist. Zahlreiche Arbeiter wurden a u S dem Korbe geschleudert und erlitten schwere Ver« l e tz u n g e n. Vom Zuge iiberrannt. Auf einem Bahnübergang in der Nähe von Krakau wurde ein Vauernwagen, in dem sich vier Per- sonen befanden, von einem Eisenbahnzug überraiint. Eine der Personen wurde getötet, die übrigen schwer verletzt. Der Wagen ging vollständig in Trümmer. Durch den Absturz cincS SchncedergeS in der Nähe von Ardler an der Küste des Schwarzen Meeres wurden zwei Häuser zerstört. Dabei kamen vier Personen umS Leben, außerdem wurde eine größere Menge Vieh getötet. Allgemein««ranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter (E. H. LS, Hamburg), Flliale Baumschulenweg. Sonnabend, 23. Februar, abends 8'/, Uhr, im Lokal von Käding, Baumschuleustr. 67: Außerordentliche Mitgliederversammlung. «mtltSer Marktbericht der Kädltschen Markthallm-Dtrettton aber den Großhandel tn den Zentral-Marttballen Marktkage: Fleiich: Zusuhr stark, Geichäst schleppend, Preise für Schweinefleisch anziehend, sonst unverändert. Wild, Zusuhr ohne Bedeutung, G-ichäst ruhig, Preise gut. G e s l ü g e l: Zusuhr genügend. Geschäft nicht lebhaft genug, Preise nach- gebend. Fische: Zusuhr etwas reichlicher, Geschäft ziemlich lebhaft. Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obftund Südfrüchte: tlusuhr aeuünend. Geschäft ruhig. Preise sei», �uoiraq:-. ouiugr geuutzeno. A. WERTHEIM a m. a k LEIPZIGER STR.I3ÄigePpIab BOSENTHALER STR. Freitag und Sonnabend: OR AMI EN-STR ASSE Preiswerte Lebensmittel Ronserven extra stark 4 CK 7, Dose I»Ovl Stangenspargel Stangenspargel"'"dokSS Pf- Stangenspargel I v. o->.- 1.45 Stangenspargel II•/, do.«i.35 Stangenspargel III /.v-.. 1.15 Bruchspargel I... v. v->.« 1.15 Bruchspargel II.>/. v-.. 83--s. Bruchspargel°�' M-.-- 63 pr. Kaiserschoten... v.do« 1.05 Kaiserschoten...>/. v°--° 53 i-r. tunge Schoten 90 Junge Schoten I v. dos. 75pr. Junge Schoten IV v. d. 36pf. Karotten....... v, dos. 45 pf. Gemischtes Gemüse 43 p� Grünkohl reingewiegt Vi Dose 32 PC Kohlrabi w Scheiben Vi Dos. 27 PC Rosenkohl..... v.do.. 68 pc Sellerie in Scheiben Vi Do». 50 PC Pfefferlinge____>/. Do.. 43 pc Pflaumen..... v. do». 40 pc Pflaumen haIbe Fruc� do.. 43 pc Pflaumen g.sehäit. v, dos. 85 pc Heidelbeeren do.. 55 pc Aprikosen I a K-ih. Prn-h«. � gescbsll....... Vi Dos. I•03 Melangefrüchte II v. d. 85 pc Kirschen ml« Steinen Vi Dos. 58 PC Zuckergurken... c-i-. 70 pc Znaimer Gurken.. cia. 70 pc Bratheringe..... dos. 40 pc Bismarckheringe. do.. 40 pc Forellenheringe... Do.. 43 pc Neunaugen. Do., s stück 65 pc Russische Sardinen c-i.. 24 pc Hummern....... v, Do.. 2.35 Appetit Süd. do.. 38, 48 pc Oelsardinen. do.. 38, 48 pc Oelsardinen speriaimark. V4 Dose 7, Dose 7, Do«» 75 pc 1.30 2.50 Engl. Porter und Ale Baxters Double Brown stout......... io naschen 1.90 Baxters Pale Ale................ 10 Raschen 2.70 Flaschen werden mit 10 PC berechnet und ebenso zurückgenommen. Blankenhainer Kraflmalzbier n�lr"1: 3.50 Braunschweiger Doppel-Mumme konzentriertes Malzextrakt............. fc.lü I. I U Fleischwartn Landschinken c- 8t1.1 p!d: ,CÄ 1 25 Rollschinken � 57'.°.�.'S 1.25 Mausschinken 1 15 Schinkenspeck 95 pc Zervelat- u. Salami 1.20 Zervelat- u. Salami!n.Bla,Pfund 1.30 Teewurst und Plockwurst p-w.» 110 Bauern Mettwurst— Pfund 95 pc Feine Leberwurst.... Pfund 95 pc Landleberwurst...... prund 80 pc Jagdwurst........... pfund 95 pc Rotwurst....... pfund 45, 65 pc Käse und Butter Magdeburger Landkäse smck 1 5 pc Steinbuscher Käse____ Pfd. 85 pc Romatour........... stuck 25 pc Sehl es. Stangenkäse a stuck 20 pc Limburger. pfd. 60, Tilsiter 50 pc Spitzkäse........... 2 stuck 1 0 pc Schweizer Käse...?<-. 70, 80 pc Emmenthaler Käse..... pfd.1.05 Edamer p-d. 75, Briekäse prd. 48 pc Camembert-Käse— 2 stuck 35 pc Ess-Butter...... pid.1.20, 1.28 Steinpilze Vi Dose 8 5 Pf. RoteRüben Vi Dose 3 3 Pf. ca0810 Pfd. 1.20 Senfgurken Dose O tTr\ ca. 10 Pfd. �.00 Mirabellen Vi Dose 6 5 Pf Bratheringe 1.05 Dose 4 Liter Hülsenfrüchte Viktoria-Erbsen.. prund 1 6 pc Kleine Erbsen____ prund 1 4 pc Glasierte Erbsengoid.pid.22 pr. Spalt-Erbsen gi--.. goiu, prd. 1 8 pc Grilne Erbsen 1... piw 1 8 pc Grosse Linsen... prund 18 pr. Mittel-Linsen.... prund 1 3 pc Grosse Bohnen.. prund 22 pc Mittel-Bohnen____ prund 1 8 pc Kleine Bohnen____ pmnd 1 5 pc Java-Reis... pend 28, 23 pc Rangoon-Reis piuadl9,'15pc Getrocknete Gemüse. Gem. Gemüse prund 52, 90 pc Wirsingkohl..... prund 95 pc Weisskohl...... prund 75 pc Rotkohl......... pfund 70 pc Grünkohl........ prund 70 pt Karotten........ prund 45 pc Spinat.......... prund 1.55 Schnittbohnen.... prund 1.45 BacKobst Gem. Backobst 28, 36, 43 pr. Pflaumen. prd. 23, 38, 42 pc Entsteinte Pflaumen Pfd. 43 pr. Kaliforn. Aprikosen 74, 85 pc Kalif. Birnen 58, 68, 76 pc Kalif. Pfirsiche 44, 52, 65 k Kaliforn. Nectarinenpfd.52 k Amerikan. Ringäpfel pfd. 64 pc Saure Kirschen... p«. 44 K Italien. Prünellen. Pfd. 84 n T eigwaren „Senta"-Makkaroni An, stark und fein.. 1 Pfd.-Paket „Globus"-Makkaroni stark und fein, leicht gefärbt, QO 1 Pfd.-Paket Oä pf. „Olympia"-Schnitt-, Faden- und Bandnudeln 7�1 50 pc „Senta"-Schnitt-, Faden- und Bandnudeln I Pfd. Pakot 40 PC Schnitt- u. Fadennudeln0g leicht gefirbt..... 1 Pfd.*0 K Prima Fasson-, Graupen- und Hörnchennudeln. p». 35 pi Fasson- und Graupennudeln leicht gefäzbt Pfd. 30 PC Nur Leipziger und Rosenthaler Str. Rindfleisch Schmorfleisch— m. 30 er Filet im Ganzen....... Pfd. 1 ,00 Roastbeef. 95 1.30 Gulasch u. Kamm. p». 70 pr. Gehacktes u.Taig. prd. 60 pr. Pökelzunge.. 1.35 1.50 Kalbfleisch Kalbskeule braSd90.00 Kamm u.Bug pro. TSgeuntBOpr Brust pfd. 30 pr. Spitze 90 pr Schweinefleisch Frischer Schinken pfd. 75 pr Kamm u. Schuft... Pfd. 75 pf Kotelettes.. Pfd. 80, geteilt 90 pr Eisbein(Dickbein). Pfd. 65 pr Rückenfett....... pfd.55pf. Pökelkamm...... Pfand 70 pr Hammelfleisch Hammelkeule pn. 80,�85 pr Dicke Rippe..... pn 60 pr Dünnung........ pfd 60 pr Kabeljau..... prund 1 0 m. Schellfische N 16, 23 p«. Seelachs..... pruno 13 pr. Heilbutten««in. prund 45 pc Fische Tafelzanderpfd. 65, 75 pr. Tafellachs... prund 38 p«. Stockfische—"fU. 35 pr. Grüne Heringe m. 28 pl Lebende Bleie prund 38 pr. Lebende Schleie 85 pr.. 1.00 Hechte1« 95,£onB. 80 pr. Karpfen« 65,75, 90pt Obst und Gemüse Kaliforn.Tafeläpfel prd.35, 40« Italien. Tafeläpfel...... pru. 1 8«. Ananas.......... na. 58, 75 pc Datteln............. Karton 35 PC Blut-Apfelsinen... du. 35, 40 pc Valencia-Apfelsinen Du. 30, 55«. Zitronen..... du. 1 8, 22, 28 pc Sellerieknollen...... stock 5, 3« Räucherwaren Geräucherter Seelachs prd. 35«. Forellenstör.......... prd. 50« Geräucherte Aale...... pid.1.10 Sprottbücklinge....... prd. 1 2 pc Fleckberinge........ 3 stock 20 pc Makrelen-Bücklinge.. 3 stock 20 pc Hummer-Krabben____ prund 63« Fischwürste aui FiachneUch Stück 15« Geflügel Schneehühner...... 85 und 95 pc Suppenhühner..... 1.25 bi. 2.10 Puten.......... prund 75 u. 85« Haselhähne.............. 1 35 Junge Gänse u. Poularden SLaSf* Keule n. HncRen Blatt »agont Kasseler Rippespeer.......«... 70.i. 85 Hirsch- u. Wildschwein 85«. 60». 25 Verkauf. Leidiger Strasse; Schinken in Burgunder............... 1.25 FEINE KALTE KÜCHE. �... b-- /�rranZernents von kalten Buflets, sowie jede Art garnierter, kalter Platten. Portions weiser Verkauf fertiger Speisen. Gebratene Steyrische Poulets... 1.90 2.30 t�msten-Gänseleber-Pasteten stück 1.10 verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin LW» Nr. 47. 28. Jahrgang. m 2. Ifilugt ks Jotuirtf Knlim Fttiiltg. 24. Februar 1911. Kerbavd der soiialdenlokraMen Wahlvereiue Kerlins uud Umgegend. Die ordentliche Generalversammlung des Verbandes findet statt am Sonntag, den 26. Februar 1911, mittags 12 Uhr, in Kellers Festsälen(Jnh. Freyer), KoPPen- stratze 29. Tagesordnung: 1. Vorstands-, Kassen- und Revisionsbericht. 2. Anträge der Kreiswahlvereine. 3. Der Bezirks-Maifonds. 4. Partei- und Verbandsangelegenheiten. Der Versand der Mandatskarten an die Kreise und Einzel- teilnehmer ist erfolgt. Der Aktionsausschuß. Anträge zu Punkt 2. Antrag 1: i. Kreis und Nicder-Barnim. Groß-Berli''» möge auf das Erscheinen einer Montags-Abend- ouZgabe des„Vorwärts" hinwirken, insbesondere während der Reichstagswahlperiode. Antrag 2: Teltow und Nicder-Barnim. Die Gewerkschaftszugehörigkeit der Parteigenossen ist. um den Bescklüssen des Mannheimer Parteitages nachzukommen, erneuter Prüfung zu unterziehen. Antrag 3: 4. Kreis und Nieder-Barnim. Me Zeitungskommissionen sollen auch für die Zukunft bestehen bleiben, resp. als Beschwerdekommissionen wieder eingeführt werden. Antrag 4: 2. Kreis. Ilm eine stärkere Beteiligung an den Parteiarbeiten herbei- zuführen, sind Täligkeitsmarken oder eine andere zweckentsprechende Kontrolle einzuführen. Antrag 5: Nicder-Barnim. Parteigenossen dürfen nicht Mitglieder von HauS- und Grund- befitzervereinen sein. Zu Punkt 3. Antrag 6: Resolution drS ZcntralvorstandeS. Die Vorstände der Berliner Gewerkschaften haben in ihrer Sitzung vom 21. Februar beschlossen: Zur Bildung eines Maifonds wird, vom 1. Mai ab, eine all- gemeine, freiwillige Sammlung vorgenommen, zu welcher Marken im Werte von 50 und 25 Pf. herausgegeben werden. Diese Marken sind durch die Vercrauensleute der einzelnen Organisationen abzusetzen und unterliegt es dem freien Willen jedes einzelnen Abnehmers, mit welcher Anzahl Marken er zum Maifonds beisteuern will. ES wird jedoch von jedem Organisierten(gleichgültig, ob Mann oder Frau) erwartet, daß er sich an der Sammlung zum Maifonds bereiligt. Der Zentralvorstand des Verbandes schließt sich dieser Deklaration an, mit der Maßgabe, daß die Parteigenossen und Genossinnen moralisch verpflichtet sind, Maimarken im Betrage von nicht unter 1 M. für Männer und nicht unter 50 Pf. für Frauen zu ent- nehmen._ Stadtverordneten- Verfammlung. 8. Sitzung vom Donnerstag, 23. Februar, nach- mittags 5 Uhr. Vorsteher M i ch e l e t eröffnet die Sitzung um SM Uhr. In den Ausschuß zur Vorbereitung der Neuwahl des Oberbürgermeisters und zweier besoldeter Stadt- r ä t e hat die sozialdemokratische Fraktion die Stadtverordneten Bruns, Heimann, Hintze und P f a n n k u ch delegiert. Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Stadthaus- Haltsetats für 1011. Mit Zustimmung aller Fraktionen wird dieser Punkt von Tagesordnung abgesetzt. Stadtv. Liebcnow(A. L.Z berichtet über die Ausschußverhand- lungen zur Vorlage betr. neue und erhöhte Zuwendun- gen an gemeinnützige Anstalten und Vereine. Ter Ausschuß hat von den neu beantragten Zuwendungen zwei gestrichen, nämlich 2000 M. für die„Vereinigung zur kirchlichen Fürsorge für die Fluß- und Kanalschiffer" und 30 000 M. für den „Organisationsausschuß für den deutschen Ueberlandwettflug 1911/12"(diesen Posten unter dem Vorbehalt späterer Subvention, sobald das Unternehmen festere Form angenommen haben wird). Verkürzt ist die Position von 1500 M. für die Lamphonschen Kinder- arbeitsstätten auf 1000 M., erhöht dagegen die außerordentliche Subvention für den Verein zur Unterstützung und Verpflegung armer Wöchnerinnen von 1000 auf 1500 M. Für das„Deutsche Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik" in München soll ein Mitgliedsbeitrag nicht von 100, sondern von 1000 Mark eingestellt und außerdem der Magistrat um eine Vorlage zur Bewilligung eines angemessenen Zuschusses an dieses Museum er- sucht werden. Die im Ausschuß eingebrachten Anträge, dem Schülerruder- verein„Wannsee" mit 920 M. Jahresbeitrag für 1911 beizutreten, und dem Verein der Volkskindergärten in Berlin über die wieder bewilligten 16 000 M. hinaus noch eine weitere Beihilfe von 2500 Mark zu gewähren, sind zurückgezogen worden. Zu der Position von 18000 M. für den Verein„Kinder- Hort" bemerkt Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): In der ersten Lesung haben sich olle Redner für den Verein„Kinderhort" eingelegt und ihre Stimme für eine Erhöhung der 18 000 M. Subvention erhoben. Der Aus- schuh ist mun doch nicht über diese Summe hinausgegangen. Da der Verein noch über 13 000 M. Kassenbestand verfügt, schien es der! Mehrheit nicht ausgeklärt, wofür der Verein noch mehr Mittel als� jene 18 000 M. gebrauche. Aber mit diesen 13 000 M. soll der Ver- j ein noch bis zum 1. April 1911 wirtschaften. Nachdem im Ausschusse der Magistratskommissar erklärt hat, daß, wenn diese 13 000 M. nicht ausreichen und neue Kinderhorte eröffnet werden sollten, dann eine Nachtragsforderung an uns kommen wird, möchte ich dringend bitten, wenn der Verein im kommenden Etatsjahre an die Stadt herantritt, der Magistrat und die Versammlung dem Verein ihre vffene Hand bewähren werden. Die 18 000 M. werden bewilligt. Zu der beantragten Subvention von 9000 M. für den„G e- meinnützigen Verein für Rechtsauskunft in Groß- Berlin" erklärt Stadtv. Ritter(Soz.): Wir können diese Summe nicht be- willigen. Nicht, daß wir grundsätzlich dagegen wären, Unbemittelten Rat und Hilfe zu gewähren; wir selbst sind Träger von Einrich- tungen, welche sich in Deutschland einen gewissen Namen verschafft haben; wir besitzen einige hundert Arbei- tersekretariate und RechtSauskunfts st eilen. Prin- zipiell meinen wir aber, daß es sich hier um eine Slufgabe der Ge- mcinde handelt.(Zustimmung.) Die private Arbeit kann hier nur Stückwerk leisten; ihre Träger halten selbst ihre Aufgabe für er- füllt, sobald die Gemeinde die Arbeit übernimmt. Der zu subven- tionierende Verein steht auf dem gleichen Standpunkt; in seinem Bericht von 1908 führt er auch lebhafte Klage darüber, daß gerade diejenigen Kreise, deren Mitwirkung man von Anfang an erwartet! hatte, die Korporationen der Industrie und des Handels und das große Publikum, völlig versagt haben. Unterstützung dieser pri- 1 festen Einrichtungen auf Kosten der Steuerzahler ist nach unserer I | Auffassung nicht das Richtige; wir stimmen deshalb für A b l e h- , n u n g dieser Position. . Stadtv. Goldschmidt(N. L.): So aus dem Handgelenk kann die Gemeinde eine solche Einrichtung doch nicht schaffen; auch würde sie weit mehr als 9000 M. zahlen müssen. Die Summe wird bewilligt. Für den Zentralvorstand des Oberlinvereins für Nowawes sind 5000 M. eingestellt. Stadtv. Dr. Welfl(Soz.): In dem Krüppelheim des Oberlin- Vereins werden unter dem Deckmantel der Krüppelfürsorge pietistische Sonderinteressen gepflegt, wie mir mit- geteilt worden ist. Wir haben in Berlin zur Unterbringung von Krüppeln ein vorzüglich geleitetes Institut, in dem kirchliche Zwecke gänzlich außer acht bleiben, obwohl den Kindern nach Bedarf auch religiöser Unterricht erteilt wird; ein Institut, an dessen Spitze ein Arzt steht, während das Oberlin-Jnstitut unter einem Pastor zu stehen das Glück hat. Der dortige Leiter ist auch eines der bedeu- tendsten Mitglieder der„Inneren Mission". Wir halten dafür, daß eine Krankenanstalt, eine Heilanstalt unter ärztlicher Leitung stehen muß. Die ärztliche Versorgung in Nowawes ist u n z u- länglich; es ist für Krüppel eine chirurgisch-orthopädische Be- Handlung notwendig. Es fährt aber nur ein- bis zweimal die Woche ein Orthopäde aus Berlin hinaus und gibt Ratschläge, o h n e s e l b st zu behandeln; kleine Operationen führt der das Krankenhaus leitende Arzt aus. Genügende ärztliche Versorgung scheint also ausgeschlossen. Mit den 5000 M. werden freilich abgegolten die Kosten der Verpflegung und Behandlung der 100 Berliner Kinder, die sich dort seit Jahr und Tag schon aufhalten. Ich nehme die Gelegenheit wahr, unsere Armendirektion zu ersuchen, dieses In- stitut einer recht eingehenden häufigen, unvermuteten Re- Vision zu unterziehen.(Zuruf.) Daß es geschieht, davon ist mir und meinen Freunden nichts bekannt. Es wird nichts schaden, da wir doch schließlich an einem Mieltschin genug haben, wenn wir schon unsere Waisenkinder in solche Anstalten geben müssen. Die 5000 M. werden bewilligt. Im übrigen beschließt die Ver- sammlung ohne weitere Debatte durchweg nach den Ausschußvor- schlügen. Die amtliche Bezeichnung„S t a d t b a u i n s p e k t o r" soll vom 1. April 1911 ab fortfallen, dafür sollen die Inhaber dieser Amtsbeziechnung künftig„S t a d t b a u m e i st e r" heißen. Infolge dieser Aenderung wird auch eine neue Gehaltsordnung nötig. Zwölf Jahre nach ihrer Anstellung als Stadtbaumeister sollen sie in Magi- stratsbauratsstellen berufen werden können und damit eine ent- sprechende Titulatur erhalten. Die Magistratsvorlage geht auf Antrag der Stadtvv. Körte (Fr. Fr.) und Stapf(A. L.) in einen Ausschuß. Der Kirchengemeinde Malchow will der Magistrat als Eigentümer des Ritterguts Malchow und als Patron der Kirche eine Fläche von 60 Ar für 3000 M. zur Anlegung eines B e- gräbnisplatzes verkaufen. Die Vorlage gelangt mit einem Amendement Ma nasse(Soz.) zur Annahme, wonach Berlin das Recht haben soll, das Grundstück zum gleichen Preise zurückzukaufen, wenn es nicht mehr benutzt werden sollte. Schluß der öffentlichen Sitzung gegen 7 Uhr. Iiigenäbewegiing. Preußische Minister und Schulaussichtsbehörde über dem Reichsgericht. Die Polizeibehörde in Lichtenberg bei Berlin hat den Kampf gegen die proletarische Jugendbewegung von jeher mit besonderer Schärfe geführt. Als der dortige Jugendaus- schütz vor Jahresfrist einen Geschichtskursus veranstalten wollte, ging dem Referenten zwei Tage vor dem ersten Unterrichtsabende folgende Verfügung des Polizeipräsidenten zu: „Wie ich in'Erfahrung gebracht habe, beabsichtigen Sie am 11. Februar 1910 in Lichtenberg„für die Jugend" einen Unter- richtskursus für Geschichte zu beginnen. Ich fordere Sie auf, mir vor Beginn des Unterrichts den gemäß§ 15 der Ministerial- instruktion vom 31. Dezember 1839 zur Ausführung der Ka- binettsorder vom 10. Juni 1831 erforderlichen Erlaubnisschein zum Unterichten jugendlicher Personen vorzulegen, widrigenfalls ich den Unterricht verbieten würde." Die vorsintflutlichen Verordnungen sind tatsächlich ergangen, nur haben die Altertumskundigen der Polizei übersehen, daß sie sich auf den Unterricht für schulpflichtige Kinder beziehen, was übrigens auch vom Oberverwaltungsgcrichi festgestellt worden ist. Es lag darum auch keine Veranlassung vor, auf den Kursus zu verzichten. Die Lichtenberger Polizeibehörde bekümmerte sich aber nicht um die Auffassung des obersten Vertvaltungsgerichtshofes, sondern entsandte zu dem Vortragsabend ein erhebliches Polizei- aufgebot, das die Venanstaltung verhindern mußte. Schließlich wurden auch die Einzelvorträge mit anderen Themen verboten oder mit Gewalt verhindert, weil angeblich auch solche Vorträge als ein Erteilen von„Unterricht" aufzufassen seien. Gegen das Verhalten der Lichtenberger Polizei wurde im Wege des Verwaltungsstreiwersahcens sofort Beschwerde eingelegt. Schon jetzt— nach einem Jahre!— ist vom Minister des Innern folgende Entscheidung ergangen: „Berlin, den 1. 2. 1911. Die namens des Tischlers Friedrich Tornow in Box- Hagen gegen den Bescheid des hiesigen Kgl. Polizeipräsidenten vom 8. Oktober v. I. erhobene, von dem Herrn Unterrichtsministcr mir zur zuständigen Entscheidung übermittelte Beschwerde vom 22. desselben Monats erscheint begründet. Da es sich bei den angefochtenen Verfügungen des Kgl. Polizeipräsidenten zu Lichtenderg vom 7. und 11. Februar v. I. um Anordnungen schul- polizeilicher Natur handelte, hätten diese Anordnungen entweder unmittelbar von der zuständigen Schrilanfsichtsbehörde erlassen werden müssen, oder es hätte, wenn die Ortspolizeibehörde in Lichtenberg sie im Auftrage und als ausführendes Organ der Schulaufsichtsbehörde erließ, aus den Verfügungen hervorgehen müssen, daß es sich um Anordnungen im Auftrage der Schul- aufsichtsbehörde handelt. Die angefochtenen Verfügungen bringen lctzieres nicht zum Ausdruck, sondern stellen sich der Form nach als gewöhnliche ortspolizeiliche Verfügungen dar, zu deren Er- laß in Schulangelegcnheiten der vorliegenden Art die Ortspolizei- behörden nicht zuständig sind. Ich habe aus diesem Grunde die Aufhebung der fraglichen Verfügungen veranlaßt. In Vertretung(Unterschrift)." An dieser Entscheidung ist zunächst interessant, daß die Lichten- berger Polizeibehörde mit der Verhinderung der Vorträge nicht in rechtmäßiger Ausübung ihrer Befugnisse handelte. Aber ein volles Jahr konnte sie sich in dieser ungesetzlichen Position behaupten! Der Berliner Polizeipräsident als Vorinstanz hatte die Beschwerde abgewiesen, weil die Polizei angeblich cm Auftrage der Schulaufsicksts- behörde gehandelt habe. Träfe das zu, würde der Minister sicher nicht versäumt haben, die Behauptung zur Emlastung der Lichten- berger Polizei zu wiederholen. Weit interessanter aber ist das, was nicht in der Entscheidung steht. Die Beschwerde hatte sich gegen die ungesetzliche Auslegung der Verordnungen aus der vormärzlichen Zeit gewandt. In einer erneuten Beschwerde wuroe auch auf das am 14. Juni ergangene Urteil des Reichsgerichts in Sachen W i l d u n g und Weber verwiesen, die in ihren Zeitungen öffentlich aufgefordert hatten. sich der ungesetzlichen Auslegung der angeführten Verordnungen zu widersetzen. Sie wurden nach erhobener Anklage vom Land- getiefte und auch vom Reichsgerichte freigesprochen. In dem Er- kcnntnis des obersten Gerichtshofes heißt es ausdrücklich:„Die da- hingehenden Anordnungen sind von der Schulbehörde nicht inner- halb ihrer Zuständigkeit getroffen." Danach mutzte man selbst- verständlich erwarten, daß der Minister aus die Beschwerde gegen das Vorgehen der Lichtenberger Polizei erklären würde, in Zu-unft das gesetzwidrige Verhalten der ihm unterstellten Organe verhüten zu wollen. Ter Herr Polizeiminister denkt aber gar nicht daran; er beschränkt sich daraus, seine Untergebenen anzuweisen, in ähn- lichen Fällen künftig immer erst den„Auftrag" der Schulbehörde einzuholen, und der Unterrichtsministcr, der die Beschwerde gleich- falls prüfte, rührt sich überhaupt.sieht. Nach dem Wortlaute der Entscheidung kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die preu- ßischen Minister es trotz der ilaren unzweideutigen Entscheidung des obersten deutschen Gerichtshofes nach wie vor billigen und unterstützen, daß die unteren Behörden ihren Kampf gegen die Ge- setze weiterführen. Die ministerielle Entscheidung hat aber auch noch eine andere Seite. Gegen die Anordnungen der Polizei ist immerhin noch der Beschwerdeweg im Verwaltungsstreitverfahren möglich. Die Schul- behörde aber ist aller Kontrolle enthoben; gegen ihre lEntschließun- gen gibt es in Preußen überhaupt kein Rechtsmittel. Diese Be» Hörde kann unter Umständen ungesetzliche Verfügungen erlassen, ohne jeden rechtlichen Grund Strafen verhängen und sich bei ihrem Kampfe gegen die gesetzlichen Rechte der Staatsbürger der Polizei- .gewalt bedienen, ohne daß die Möglichkeit besteht, dagegen Einspruch zu erheben. Man darf diese Praxis der Schulaufsichtsbchörde als ungesetzlich kennzeichnen, man darf öffentlich auffordern, sich den Anordnungen dieser Behörde zu widersetzen, ohne Gefahr zu laufen, deswegen bestraft zu werden. Aber es gibt kein Rechts- mittel, durch das die Schulaufsichtsbehörde gezwungen werden könnte, die Staatsbürger nicht an der Ausübung ihrer gesctz- mätzigen Rechte zu hindern, kein Mittel, die von dieser Behörde verhängten Strafen von sich abzuwenden! Die Kölner Staatsaktion gegen die freie Jugend. Gegen die Verfügung des Polizeipräsidenten von Köln, durch die der„Verein Freie Jugendbewegung Köln" für aufgelöst erklärt wird, und deren völlige Wirkungslosigkeit schon durch die Massen- Versammlung vom vorigen Sonntag dargetan ist, hat der Vor- sitzende des Jugendausschusses, Genosse S o l l m a n n, eine Be- schwerde eingereicht, in der es heißt:„Dem Jugcndausschutz, dessen Vorstand ich bin, gehören nur Personen von mehr als achtzehn Jahren an. Deshalb würde seine Wirksamkeit auch dann nicht gegen die Gesetze verstoßen, wenn er ein Verein sein würde und wenn seine Tätigkeit als politisch anzusehen wäre, was beides be- stritten wird. Die angebliche„Freie Jugendbewegung Köln", die, wie der angefochtene Bescheid behauptet, einen Verein bilden und von dem Jugcndausschuß geleitet werden soll, existiert nicht. Der Jugendausschuß ist allerdings bestvebt, für die Bildung jugendlicher Personen, die das achtzehnte Lebensjahr noch nicht erreicht haben, zu sorgen, und er tut dies durch mancherlei, stets unpolitische Veranstaltungen. Er wendet sich damit aber an eine völlig unorganisierte, wechselnde Menge von einzelnen Personen, und es wird durchaus bestritten, daß er mit diesen zusammen oder daß diese für sich einen Verein bilden. Irgendwelche Beweise für die gegenteilige Behauptung sind nicht beigebracht. Die Freie Jugendbewegung, von der(wie es in der Auflösnngsverfügung des Polizeipräsidenten heißt) in der Sitzung des Kölner Gewerkschaftskartells vom 27. Januar 1911 gesprochen worden sein soll, ist so wenig ein Verein, wie man„die Abstinenz- bewegung",„die Sittlichkeitsbewegung",„die Friedensbewegung" und ähnliche geistige Strömungen als V e r e i n e bezeichnen kann." Nun mag man sich im Reiche der Zöpfe den Kopf zerbrechen. Inzwischen marschiert die freie Jugendbewegung auf streng gesetz- licher Bahn ruhig weiter._ Soziales* Zum Bochvlter Aerztekrieg. Der Geschäftsführer des Leipziger Aerztever�andes ist mit seiner Beleidigungsklage gegen Vorstandsmitglieder des Bocholter Krankenkassenverbandes nach achtstündiger Verhandlung kosten- pflichtig abgewiesen. Die Freisprechung der vom Geschäftsführer des ärztlichen Kriegführungsverbandes Verklagten erfolgte, weil der Wahrheitsbeweis voll geführt wurde. Es handelte sich in dem Prozeß um das famose Telephongespräch, durch das der Kläger den an den Einigungsverhandlungen teilnehmenden Aerzten folgende Instruktion erteilte:„Halten Sie sich im Hinterhalt, kommen Sie eventuell scheinbar den Anregungen der Herren entgegen; später. wenn wir das Heft in Händen haben, können wir die Sache noch nach unserem Geschmack drehen. Sie müssen mit der Stimmung der Bevölkerung rechnen."_ Ruhezeit in offenen Berkaufsstellen. Die Ucbertretungen der Schutzvorschriften für HandclSange- stellte mehren sich. Auch das Kammergericht als Revisionsinstanz hat sich mit derartigen Fällen jccht mehr als sonst zu beschäftigen. Namentlich scheint die Erfassung des Begriffs der„Gewährung' einer angemessenen Mittagspause" gemäß Z 139c der Gewerbeord- nung den Geschäftsleuten einige Schwierigkeit zu machen. Dieser Paragraph regelt die Ruhezeit der Gehilfen, Lehrlinge und Ar- bester in offenen Verkaufsstellen und den dazu gehörigen Schreib- stuben(Kontoren) und Lagerräumen. Im Absatz 3 bestimmt er dann:„Innerhalb der Arbeitszeit muß den Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern eine angemessene Mittagspause gewährt werden. Für Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter, die ihre Hauptmahlzeit außerhalb des die Verkaufsstelle enthaltenden Gebäudes einnehmen. muß diese Pause mindestens einundeinhalbe Stunde betragen." Die Verkäufer und Verkäuferinnen in den kleineren Filial- geschäften sind nun meist gezwungen, ihre Hauptmahlzeit im Ge- schüft bezw. einem Nebenraum einzunehmen. Für sie gilt also nicht die bestimmte l�stüydige Mittagspause, sondern die„angemessene" Mittagspause. Zumeist haben solche unselbständige Filialverwalter und-Verwalterinnen, die als Gehilfen gelten, keine Ersatzkraft zur Seite. Wie verhält es sich nun mit ihrer angemessenen Mittags- pause? Das war in einem Strafverfahren gegen Sänger zu ent- scheiden, der in einer Verkaufsfiliale in Berlin eine Verkäuferin als einzige Geschäftsverweserin hatte. Er war angeklagt worden, weil er ihr keine angemessene Mittagspause gewährt habe. Das Landgericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 3 Mark. Es erachtete für festgestellt, daß zwar in der Mittagszeit in dem Ge- schüft meist sehr wenig Verkehr sei, daß die Verkäuferin aber, wenn jemand zu der Zeit kam, doch gezwungen gewesen wäre, ihr Mittag- essen zu unterbrechen, um den Kunden zu bedienen. Das Kammergericht verwarf am Dienstag die gegen die Ber- urteilung eingelegte Revision des Angeklagten mit folgender Be- gründung: Selbst wenn in der Mittagszeit der Verkehr ein ge- ringer wäre, müsse die angemessene Mittagspause gewährt werden, wie das Gesetz sich ausdrücke. Unter„Gewähren" verstehe man aber nicht etwa, daß der Gehilfe nicht verhindert werde, die Pause innezuhalten, sondern ein Entgegenbringen der Pause durch den Arbeitgeber. Mit anderen Worten: der Arbeitgeber habe dafür Sorge zu tragen, daß eine angemessene Pause innegehalten werden könne nicht nur, sondern auch innegehalten werde. Zu einer solchen Pause gehöre, daß der Angestellte sich in Ruhe sein Essen bereiten und es ungestört verzehren könne, sowie daß er darauf noch Ge- legenheit habe, sich ein wenig auszuruhen. Das Geschäft dürfe ihn in der Zeit in keiner Weise in AnspruH nehmen. Könne der Ar- BclffltFcr nicht solange eine Ersahlraft stellen,?ann müsse et Lasur sorgen, daß solange das Geschäft geschlossen werde. Angellagter sei mit Recht verurteilt. Uebrigens sei es ein Mißstand, so niedrige Strafen festzusetzen— nur wenige Mark, während das Gesetz bis zu 2000 M. zulasse. Einen derartigen Tadel gegen die wie Prämien für Gesetzes- Übertretungen wirkenden geringfügigen Strafen hat das Kammer- gcricht schon wiederholt mit Recht ausgesprochen. Er fruchtet wenig. Wert der Relursinstanz. Ter Steinträger Z. erlitt am 11. Dezember 1308 durch Betriebs Unfall eine Quetschung des linken Fußes. Er stand bis zum ö. Juni 1303 in kassenärztlicher Behandlung. Z. vermochte seine alte Berufstätigkeit nicht wieder aufzunehmen. Die Nordöstliche BaugewerkSberufsgenossenschaft wies seinen Anspruch auf Unfaü rcnte ab, weil nach einem Gutachten des Vertrauensarztes Dr. Roemert vom 18. März und 10. Mai 1303„erwerbsbehindernde Unfallfolgen nicht zurückgeblieben seien". Die gegen den Ab- lehnungsbescheid beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung für den Regierungsbezirk Potsdam eingelegte Berufung wurde durch Urteil vom L7. August 1303 zurückgewiesen. Das Schiedsgericht folgte seinem Vertrauensarzt Dr. W., der lediglich in der mündlichen Verhandlung den Verletzten untersuchte und sich dem Gutachten des Dr. Roemert anschloß. Er fand keine Unfallfolgen— das genügte zur Abweisung. Das Schiedsgericht führt zur Begründung seiner Entscheidung folgendes aus:„Die Verletzung des linken Fußes ist nicht schwerer Art gewesen, insbesondere hat nach dem bei den Akten der Beklagten befindlichen Röntgenbilde ein Knochenbruch nicht vorgelegen. Wenn trotzdem die kassenärztliche Behandlung über die 18 Wochen nach dem Unfälle hinaus bis zum 6. Juni 1303 gedauert, so kann diese Kur nach dem Gutachten des Dr. Roemert nicht durch die Unfall» Verletzung bedingt gewesen sein. Denn entzündliche Erscheinungen oder sonstige Unfallveränderungen waren am linken Fuße.bei der Untersuchung am 13. März nicht mehr wahrzunehmen. Der Ver- letzte leidet an Plattfußbeschwerden, die nach seiner eigenen Angabe schon vor deni Unfälle bestanden haben und die durch den Unfall nachweisbar nicht verschlimmert worden sind. Durch diese Be- schwerde allein ist anscheinend die Erwerbsunfähigkeit und Heil- bchandlung nach der 18. Woche bedingt geivesen." Gegen diese Entscheidung legte der Verletzte beim Reichsver sicherungsamt Rekurs ein. Das Reichsversicherungsamt forderte zunächst ein ärztliches Gutachten vom behandelnden Arzt, und darauf ein ärztliches Obergutachten vom Kreisarzt Medizinalrat Dr. St. ein. Beide Gutachter kommen zu dem Ergebnis, daß die Plattfuß» bcschtverde» als Unfallfolgen nicht anzusehen sind. Dagegen besteht auch zeitig noch eine Verdickung im oberen Teile des linken Fußes, ci»,e Beschränkung der Zehe,, und eine mähige Schlaffheit der Wadenniuskulatur, eine Verminderung der Obcrschenkelmuskulatur. Der erkennende Senat schloß sich diesen Gutachtern an und ver- urteilte die Berufsgenosscnschast, dem Kläger entsprechend dem Vorschlag des Obergutachters, vom Beginn der 14. Woche bis zum 10. Juni 1303 die Bollrente, vom 11. Juni bis 13. August SO Proz., vom 20. bis 31. August die Bollrente und vom 1. September 1903 ab eine Teilrente von IS Proz. zu zahlen. Wäre das Neichsbersicheruiigsamt als Rekursinstanz nicht ge Wesen— was die Reichsversicherungsordnung anstrebt—, dann locyrc Z. das Opfer der vertrauensärztlichen Begutachtung geworden. Nicht scharf genug kann das Schiedsgericht kriti iert werden, welches sein Urteil auf eine kurze oberflächliche Untersuchung in der Bcr- Handlung und auf zweimalige Untersuchungen des Vertrauensarztes der Berufsgenossenschaft gegenüber einer mehrmonatlichen Behand- lung und Begutachtung des behandelnden Arztes stützt. Nichtige Kiindigungsabreden. Tie Internationale Sportpalast Wintervelodrom G. m. b. H. hatte ein Fräulein Remoli gegen SO M. und einen Herrn Härtung gegen 160 M. Monatsgehalt als Schlittschuhläufer durch schrift- lichen Vertrag für die erste Eislaufzeit 1310/11 engagiert. Die Gesellschaft hatte sich im Vertrage das Recht ausbedungen, beide mit Istägiger Frist entlassen, zu können oder-aber arrch dnrch Er» klärung, die täglich erfolgen könne, die Verträge bis zur Beendi- gung der Saison 1311/12 zu prolongieren. Den beiden Angestellten waren derartige Befugnisse durch den Vertrag nicht eingeräumt! dafür war aber eine ihrerseits etwa vor dem Vertragsablauf er- folgende Lösung des Arbeitsverhältnisses mit einer Konventional- strafe bedroht. Ein in Hannover im Entstehen begriffenes gleich- artiges Unternehmen hatte nun seine Agenten auf die Suche nach Kräften ausgesandt, die die beiden Angestellten des oben genannten Unternehmens ab 1. Februar nach Hannover engagierten. Die letzteren kündigten nun ihr Arbeitsverhältnis Mitte Januar mit 14tägiger Frist auf. Sie wurden aber daraufhin fristlos entlassen und selbst oie rückständige Gage einbehalten. Die Kammer 6 des GewerbegerichtS hatte sich nun gestern mit der Sache zu befassen. Die beioen Kläger forderten ihren rück- ständigen Lohn uns Entschädigung für die Kündigungsfrist mit zusammen 65 M. bezw. 125 M. Die beklagte Gesellschaft, die sich durch den Direktor JagueS Rostin vertreten ließ, forderte im Wege der Widerklage die Zahlung der Vertragsstrafen von ISO M- bezw. 200 M. Das Gericht unter Borsitz des Magistratsrats Schultz ver- urteilte die beklagte Gesellschaft entsprechend den Klageanträgen und wies die Widerklage ab, weil die Abrede über ungleiche Kündi- gungsfristen nach H 122 der Gewerbeordnung nichtig ist. Die Kläger waren berechtigt, ihr Arbeitsverhältnis mit 14tägiger Frist zu lösen. Ihre sofortige Entlassung wegen der erfolgten Kündi- gung war unberechtigt. Da ein Vertragsbruch der Kläger nicht vor- liegt, war der Anspruch auf Zahlung der Vertragsstrafen als un- berechtigt zurückzuweisen._ Das internationale Verbot des gelben PhoSPhorS. Der schweizerische Bundesrat gibt bekannt, daß fich dem inter- nationalen Uebereinkommen betreffend das Verbot der Verwen- dung von giftigem /weißem oder gelbem) Phosphor in der Zünd- Holzindustrie vom 26. September 1306 bis zun, 1. Januar 1311 folgende Staaten angeschlossen haben: Deutschland, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz. Für diese Staaten tritt dieses Uebereinkommen am 1. Januar 1912 in Kraft. Den Beitritt haben folgende Staaten erklärt: Französische Kolonien, Tunis. Großbritannien und Irland nebst Kolonien, Nord- Nigeria, Leeward-Jnseln, Fidschiinseln, Gambia. Goldküste, Sierra Leone. Vereinigte Staaten von Südafrika. Bermudas, Italien, Niederländisch-Jndien und Spanien. In diesen Staaten tritt das Verbot erst in den nächsten Jahren in Kraft, am spätesten in Ber- mudas, nämlich erst am 19. Dezember 1915. Oesterreich-Ungarn und verschiedene andere Länder figurieren bedauerlicherweise in der Liste der Verbotsstaaten überhaupt noch nicht._ Gerichts-Zeitung� Ein schwerer Raubanfall im Grunewald beschäftigte gestern das Schwurgericht am Landgericht III. Aus der Untersuchungshaft wurden der 18jährigee Handlungsheslisscne Waldemar Warendorf und der 22jährige Kaufmann August Pfifter vorgeführt. Erstevcr ist schon mit 3 Monaten, letzterer mit 1 Jahr Gefängnis vorbestraft und verbüßt diese Strafe zur Zeit. Waren- dorf stammt aus gut bürgerlicher Familie, er hat die Realschule bis Obertertia besucht, trat dann als Lehrling in das Bureau einer Lebensversicherung, wo er aber nicht ganz auslernte, und fand dann Beschäfligung in einem Austunftsbureau. Eines Tages blieb er plötzlich aus dem Bureau weg und kehrte auch nicht in die elterliche Wohnung zurück, sodaß die Eltern sich gezwungen sahen, ihn als vermißt bei der Polizei anzumelden. Ter junge Mann hatte cS aber vorgezogen, in Schlafstelle zu gehen und in den Kreis solcher Leute sich zu begeben, auf die der§ 175 Str.-G.-B. zugeschnitten ist. Er wurde eifriger Besucher von Lokalen in der Steinmetzstraße undj Uhr abends, Tonnabends bon bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Briefkasten brftimintcn Ausrase ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen trag« mau in der Zprechstunde vor. F. P. 57. In Prem en feit mehreren Jahrzehnten.— A. 2. 100. Nur dann, wenn eine Verschlimmerung Ihres Zufiandes eingetreten ist, je nach dem Grade der Erwerbsbehindcrung.— H. 90. Nickt notwendig.— 2t. 100. Melden Sie bei dem Amtsgericht Ihre Absicht an: Sie er» halten demnächst eine Borladung. JtufteiK 3,50 Mi— K. 8. Angemessene Enllchädigung für etwaige Leistungen(5. B. Untersuchung). Der Bcttag von>0 M. erscheint zu hoch.— W.<8. 139. Magistrat, unter Ueber- reichung der Militä Papiere.— E. E. Vorwärts-Buchhandlung.— Rudnick, Kiefholzstrafte. Sie müssen für den vollen Monat zahlen.— Abonnent Stettin. Nein.— Tora. 1. UngüttlligeS nicht bekannt. 2. Nicht zulässig.— 76 Nicderschönhausen. Gemeinschaftliches Testament. — Ruiiiiiiclsbnrg Nr. 31 B. B. Ja. Das Mädchen hat sechswöchent» liche Kündigungsfrist vor Beendigung jedes Dlenstvierteljahrs.— P. W. 70. Ja.— F. R. SÄ. Nur dann, wenn die Tochter ein entsprechendes Eui- kommen oder Vermögen besitzt. DaS gilt auch als Maßstab iür die Höhe.— 21. P. 84. ES muß die vertragliche Kündigungsfrist innegehalten werden. F. C. 77. DaS Gericht würde vorauSsichllich beide Teile für schuldig erklären.— Soldin 78. 1. Erst nach vorheriger Aufforderung z«r Beseitigung de» Mangels. 2. Bei wiederholten Fällen ja.— P. fi. 48. Nach Lage der Sache erscheint ein Vergleich ratiani. Einen bestimmien Anwalt empfehlen wir nicht.— 100. 31. R. Die BeiiragSsreiheil kann nicht durch Leistung einer bestimmten Anzahl von Beitragsmarken erreicht werden. — Forsterstraffe. Sie können Schadenersatz sowie Rückzahlung der etwa bereits gezahlten Jnscrtionsgebühr fordern.— B. S. 19. 1. Kniprode» straße. 2. Am Leipziger Platz.— St. G. 1909. Die Doppelversicherung ist unzulässig.— St. 43. Nein.— 91. Z. 101. Das ist abhängig von der Auskunst der Anstaltsleitung. Der Antrag ist an daS VormundschastS» gericht zu richten.— St. M. 79. Die zwei Mark müssen gezahlt werden. | Todes-Anzeigen j Sozialdemokratischer Wahlverein des 6. Bert. Refchstags- Wahlkreises. Am 22. Februar verstarb unser Mitglied, der Schuhmacher Johann Mürack Waldstr. 34. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am> Sonnabend, den 25. Februar, nach» mittags 3 Uhr, von der Leichen. halle des städtischen Friedhoscs,! Müllerftratze, Ecke Seestraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 22S/S Der Vorstand. Zentral-MeD- iiDd Sieröe-i kasseideutsebeDWaphaoerj Filiale Berlin XIL Am 22. Februar, früh S Uhr, I starb unser Mitglied Johann �nrach im Alter von 57 Jahren anl Asthma. Ehre seinem Nudente»! Die Beerdigung findet Sonn» I abend, den LS. Februar, nach» mittags 3 Uhr. von der Leichen- Halle des städtischen Friedhoies, I Müllcrstraßc, auS statt. 234b Die OrtSverwaltnng. Unserem Genossen tiermann Nekts» und Fran die herzlichsten Glückwünsche» zur Silberhochzeit.» Genosse» des Bezirks 714� J Jerliuer Arheiter- Wahm-siM" Mitglied de» Arbeitet, RadsaHrer-vunde» .Soltdaritüf. Vereiustonren zum Sonntag, den 26. Februar. Sämtliche Abteilungen: Ist, Ubr. Willcuau< Eberhard!). Start: An den bekanuten Stellen. 1016 Arbeiter-Radfahrer» verein Lichtenberg und Umgegend. 8 Ubr. Mohlsdorf(Obst). Start» Berliner Straße 33. Achtung! 8. Abteilung. Das Sitzuugs- und Slartlotal der Abteilung ist verlegt: eS befindet sich Tchöulrinftrafte l> bei Heitmann. Nächste Zitzung: Mittwoch, d. 1. März, abeudS'3 Uhr. Da'ilt->ag:unkr. ■ür die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme beim Begräbnis meines geliebten Mannes und unseres Vaters liarl Kuhk sagen wir allen Freunden, Kollegen, Genoffcn und Betannren unseren innigsten Dank, Frsu9l»o. Ksrtsts Kuhk nebet Kindern. Tantsaqung. Für die viele» Beweise herzlicher Teiwabme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau Marie Roiahn sage allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere den Mietern deS HausrS sowie den Kollegen der Genossenschasi Rummelsburg scnier auch den Kollegen der Firma WoH- hardt& Goldschrrldt für idre Alis, opjerung meinen innigsten Dank. Franz Rojahn und Sohn. Ersildassp nnr nach 9IaB] anerkannt best. Ans- führung, garantiert tadelloser Sitz, liefert etti Tellzahlang zu Kassapreisen monatlich 10 M., wöchentlich 8,50 M, Schneidermeister, 76 Dresdener StraQe 76 _»ahe Thalia-Dheater. Vorbeugung Bh rlich der Syphilis dareb Mala 606. Aufklärnngsbuch über Vorsichts- maßregeln u. Erkennung d. Luvt- seucho von Dr. Z i k e L Für M. 1,— franco d d. Medizin. Verlag E. Schweizer& Co., Berlin NW. 87a. !diallpl«tten Verleih-Institut Aach aaob aaawlrt«. 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Februar 1911, vormittags 10 Uhr: Kranche»- Uersammwng der Fahrstuhlmouteure und Helfer in de» Musiker-Festsälen, Kaiser-Wilhelmstraße 18m. Tages-Ordnung! !. Branchenangelegenheiten. 2. Dislussion. 3. Verschiedene?. Da in dieser Versammlung festgestellt werden soll, ob überall die tariflichen Abmachungen von 1910 eingehalten worden sind, ist es Pflicht eines jede» Kollege», in dieser Versammlung zu erscheinen. Sonntag, den 26. Februar 1911, vormittags 10 Uhr: Branchen-Versammlung der Schmiede, Kesselschmiede und autogenen Schweitzer im Lotal von A. Hoffmann, Dragonerstraße IS. Tages-Ordnung: 1. Bortrag deS Kollegen ködert Salm: MSrzstürme. 8. Diskussion. 8. Branchenangelegenheiten und Verschiedenes. 112/13 DaS Erscheinen jedes Kollegen erwartet vto OrtsTerwaltang. ttr Iii Verwaltung Berlin. Heute, Freitag, abends 8'/z Uhr, im GewerkschaftShause, Engel- ufer 14/15, Saal 4 sArbeitSlosensaal): Sitzung der Ortsverwaltung. Achtung! Lehrlinge«.jugendliche Arbeiter der Holzindustrie! Zonntagnachuiittag von 3—8 Uhr abendS ist der ArbeitZIosensaal im GcwcrlschastShause, Engeluser 14/lS, als Lesesaal sür die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter geöffnet. Sämtliche Bücher und Zeitschriften der Iugcndbibliothel liegen zur freien Benutzung aus. Die Werkstattvertrauensleute werden gebeten, die Lehrlinge auf den Besuch des Lesesaales aufmerksam zu machen. taTSk Großes ßlinterfett Billetts a SV Pf. werden von den Beitragsammlern und im Bureau ausgegeben. Achtung, Vertrauensleute! Die Z a h l st e l l e 55 ist von Skalther Strafte SS«ach Mariannen st rafte 41 bei SovoStax verlegt worden. Die Z a h l st r l l e 4 4 ist von der Tilsiter Strafte«7 noch der Zorndorfcr Strafte», Ecke Löwestrafte, bei Lieber- manu verlegt.,_ � 79/8 I. A.: Die Ortsverwaltung. Äntrslverdsnll SkMeeker Verwaltungsstelle Berlin. Sonntag, den 26. Februar, vormittags 10 Uhr» im Gewerkschaftshause, Engelufer 15, Saal I: VS" Versammlung"TR Tages-Ordnung: 1. Diskussion über de» Geschäftsbericht des Borstaudes. 2. Vcrbandsangelegenheiten. 54/2 Das Erscheinen aller Mitglieder erwartet ver Vorstanil. ZOMAROM derbesfe und biiligsle Nährmittelfabrik„Zomarom" München, PromenadestraSe 6. Generalvertreter: Alfred Hirsch, Berlin W. 30, Bamberger Straße 45. Fernsprecher: Amt VI No. 5737. TP"_ Ä CSU 10 Jahre Garant. Teilz. wöchentl. 1 M. Plomben mmSMlMBItS& BVBs x, 50 AI. Fast vollk. schmerzlas. Zahnziehen. Umarbeitung schlecht sitzender Gebisse Reparaturen sofort.* gSahn-Arzt Wolf. Potsdamer Sir. 55.(Hochbahnst. Bülowstr.) 8—7. ßucbbandlung Vorwärte Berlin SW. 68, Lindcnstr. 69(gaben). soeben erschien: 245/7* f olizeispitzeleien»>> jlnsnahmegeselze 1878 1910. Ein Beitrag zur Geschichte der Bekämpfung der SozialdewokriNte von ELugvn Ernst. Preis drosch. 2,50 geb. 3 M.(VereinSausgabe 1,85 M.) Die Arbeit enthält 13 Illustrationen, die die Porträts von Spitzeln sowie Reprodultionen verschiedener interessanter Polizeidolume nie darstellen. 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An, Sonnabend, den 25. d. M., abends 8�/z Uhr, in Hamanns GesellschaftShans(Inhaber Kobelt), Berliner Chaussee: Allgemeine Volksversammlung. Genosse Stadthagen wird über das Thema:„Her mit Freiheit und Gerechtigkeit" sprechen. Die Genossen und Genossinnen in Kaulsdorf und Mahlsdorf werden ersucht, für guten Besuch der Versammlung zu wirken. Die Bezirksleitung. Lichtenrade. An, Sonnabend, den 25. Februar, abends Uhr, Mitgliederversammlung des Wahlvercins im Lokal des Herrn Jaule, Krüger- und Hohenzollerustraße-Ecke. berliner JVacbncbtcn. Die Stadtverordneten begannen gestern noch nicht mit der Beratung des neuen Stadt Haushaltetats. Gegenüber dem Vorschlag des Magistrats, die Steuersätze zu erhöhen, halten sie es für nötig, sich den Etat zunächst mal recht genau zu besehen. Den sauren Apfel, der ihnen da präsentiert wird, haben sie noch für acht Tage beiseite gelegt. Erst in der nächsten Woche wollen sie IN ihn den ersten Biß tun. Was sonst noch auf der Tagesordnung der gestrigen Sitzung stand, wurde ohne großen Zeitaufwand erledigt. Her- vorzuheben sind die Beschlüsse über die Zuwendungen an gen, ein nützige und wohltätige Vereine. Bon unseren Genossen wurden hier noch Anregungen und Wünsche vorgebracht, die den Vorschlägen des Ausschusses widersprachen. Doch beschloß die Mehrheit überall so, wie der Ausschuß es empfahl. Gegen die Absicht, einem Verein für unentgeltliche Rechtsauskunst wiederum eine Unterstützung zu geben, und sogar eine sehr viel höhere als bisher, wandte sich Genosse Ritter. Er wies auf die Arbeitersrkretariate hin, die seit langem sich dieselbe Aufgabe gestellt haben. Notwendig seien solche Einrichtungen im Hin- blick auf die Kompliziertheit unserer Gesetzgebung. Es sei aber Pflicht der Gemeinde, eigene Auskunftsstellen zur unent- geltlichen Erteilung von Rechtsauskünften zu schaffen. Stadtv. G o l d s ch m i d t meinte, das werde der Stadt nur noch mehr Kosten verursachen. Dem Verein wurde dann seine Unter- stützung aufs neue'bewilligt. Bewilligt wurde sie auch dem Oberlinverein, und zwar gleichfalls in erheblich größerer Höhe als bisher. Er fordert sie für sein Krüppel- heim in Nowawcs, das zugleich, wie Genosse W e y l feststellte, der Agitation für die Kirche dient. Unser Redner teilte mit. daß die ärztliche Versorgung in dieser Anstalt sehr zu wünschen übrig läßt, und wies darauf hin, daß wir in Berlin ein vorzüglich geleitetes Krüppelheim haben, in dem kein Pastor zu kommandieren hat. Aber er predigte tauben Ohren. Die Bevölkerung Berlins hat in dem eben abgelaufenen Jahre 1910 sich um 12633 Personen vermehrt. Die vom Berliner Statistischen Amt ausgeführte Fortschreibung der Bevölkerungszahl, de- richtigt nach dem Ergebnis der neuesten Volkszählung, ergibt für den Jahresanfang 2 052 065 Personen, für den Jahres- fchluß 2064 698 Personen. Seit mehreren Jahren ist jetzt zum ersten Male wieder eine nennenswerte Mehrung ein- getretm. Die Bevölkerungszunahme hatte sich gestellt in 1905 auf 53 589, in 1906 noch auf 29 768. in 1907 aber nur noch auf 1523. Von 1908 ab kam es sogar zu einer Be- Völkerungsabnahme, die sich in 1908 auf 20 549 und auch in 1909 noch auf 1008 stellte. Gegenüber dieser Zahl bedeutet die in 1910 wieder eingetretene Zunahme um 12 633 einen sehr beachtenswerten Aufschwung. Der Bevölkerungszuwachs fließt in der Regel aus zwei Quellen: aus dem Ueberschuß der Geburten über die Sterbe- fälle und aus dem Ueberschuß der Zuzüge über die Wegzüge. In Zeiten des wirtschaftlichen Niederganges und des Mangels an Beschäftigung, wie ihn die Arbeiterklasse in den letzten Jahren erlebt hat, bleibt für Berlin aus den Zuzügen kein Ueberschuß, son- dcrn es ergibt sich ein Ueberschuß an Wegzügen. Daß auch aus den Geburten kein Ueberschuß bliebe und es zu einein Ueberschuß an Sterbefällen käme, wäre denkbar nur bei Epidemien so schwerer Art. wie wir sie in unserem Zeitalter der Hygiene als außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegend ansehen dürfen. Der Geburtenüberschuß hat aber in Berlin sich in den letzten Jahren sehr beträcht- lich verringert, nicht infolge Mehrung der Sterbefälle, sondern infolge Minderung der Geburten. Da gleichzeitig, infolge Minderung der Zuzüge und Mehrung der Wegzüge, der gewohnte Zuzugsüberschutz ausblieb und an seine Stelle ein zeitweise sehr bedeutender Ueberschuß aus Wegzügen trat, so wurde durch dieses Defizit der Ueberschuß aus Ge- burten zu einem geringen oder größeren Teil aufgezehrt. In zwei Jahren war der Wcgzugsllberschuß so groß, daß er den Geburtenüberschuß sogar übertraf, woraus sich dann die schon erwähnte Bevölkerungsabnahme ergab, die besonders in 1908 sehr groß war. Eine nähere Betrachtung dieser Bevölkerungszuwachs- quellen und ihrer Ertragsschwantungen ist lehrreich. In den fünf letzten Jahren 1906 1907 1908 1909 1910 wurden geboren(einschließlich Totgeborene) 33 393 52 907 51 053 47 709 45 572 Kinder und starben(einschließlich Totgeborene) 34 587 34 277 34 259 33617 31905 Personen, fo daß ein Geburtenüberschuß von 18 806 18630 16 794 14 092 13 667 blieb. Die Geburtenzahl nahm m diesem Jahrfünft so rasch ab, daß in 1910 um ziemlich 8000 Kinder weniger als in 1906 geboren wurden und der Geburtenüberschuß für 1910 um reichlich b000 Kinder hinter dem für 1906 zurückblieh. Nebenbei bemerkt: auch bei Vergleichung mit der Bevölke- rungszahl, die ja in zweien dieser Jahre eine Abnahme auf- wies, ergibt sich, daß im letzten Jahrfünft die Minderung der Geburten keine Unterbrechung erfahren hat.- Auf je 1000 Personen der durchschnittlichen Bevölkerung kamen in den letzten fünf Jahren 25,98, 25,58, 24,82, 23,33, 22,21 Ge- burten(mit Totgeburten). Dazu kam dann die ungünstige Gestaltung der Zuzugs- und Wegzugsverhältnisse. Diese fünf Jahre 1906 1907 1908 1909 1910 brachten aus Zuzügen einen Zuwachs von 291459 273 688 241060 251983 263 391 Personen, aus Wegzügen einen Abgang von 280 497 290 795 281 403 267 083 264 423 Personen, so daß ein Z u z u g s ü b e r s ch u ß(4-) bezw. Wegzugs- Überschuß(—) von "+10 962-17 107—37 343—15 100—1 034 Personen sich ergab. Man sieht, wie bedeutende Schwankungen hier innerhalb kürzester Zeit eingetreten sind. i 1 Die Beratung über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der städtischen Arbeiter wurde in einer am Mittwoch stattgehabten Aus- schuszsitzung der Stadtverordneten zu Ende geführt. Zunächst wurde eine Resolution diskutiert und beschlossen, nach welcher der Ma- gistrat ersucht wird, die einzelnen Deputationen anzuweisen, daß bei allen die Arbeitsverhältnisse angehenden Maßnahmen erst der Arbeiterausschuh gehört werden mutz. Anlaß zu diesem Antrage gab das Verhalten der Direktion der Stratzenreinigung, die eine Aenderung der Dienstordnung herbeigeführt hat, ohne den Ausschutz zu hören. Von sozialdemokratischer Seite wurde außerdem ver- langt, datz der Leiter der Stratzenreinigung vom Magistrat zur Verantwortung gezogen werden müsse, denn er habe gegen die klaren Bestimmungen verstoßen. Wie jeder andere Angestellte die bestehen- den Vorschriften zu beachten habe, so gelte dies auch von dem Leiter des Stratzenreinigungswesens. Es könne doch nicht jeder machen, was ihm beliebe. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die im Stratzenreinigungswesen herrschende Behandlung der Arbeiter gerügt, die sich von der auf dem Kasernenhof geübten in keiner Weise unterscheide. Die Arbeiter seien aber keine Rekruten. Er- klärlich tverde diese Behandlung, wenn man bedenke, daß die Auf- scher als Unteroffiziere vom Kasernenhos kämen und glaubten, auch die Arbeiter in ähnlicher Weise behandeln zu dürfen, wie die Sol- baten. Von anderer Seite wurde diese Behandlung bestätigt und gleichfalls gerügt. Es wurde angekündigt, daß beim Etat der Ver- such gemacht werden wird auf Streichung dieser Art Aufseherstellen. Die Vorarbeiter sollen aus den Reihen der Arbeiter genommen werden. Zu einem bestimmten Antrag verdichteten sich diese Rügen nicht. Dann ging die Beratung im Eiltempo an den übrigen Ver- waltungen vorüber. Ein Versuch, den Stammarbeitern in der Parkverwaltung 15 Pf. Lohnerhöhung zu verschaffen, mißlang. Soweit es sich um das Krankenpflege- und Wartepersonal in den Heimstätten, Krankenhäusern, Irrenanstalten usw. handelt, wurde von sozialdemokratischer Seite die Erklärung abgegeben, daß auch dieses Personal dringend einer Verbesserung ihrer Lage be- dürfe, bestehe doch nicht einmal eine Lohnskala, daß man sich aber vorbehalte, beim Etat noch besonders auf die Angelegenheit zurück- zukommen, da die Materie anders als bei den Betriebsarbeitern liege und angesichts der„Splendidität" dieses Ausschusses im Augenblick doch nichts für die Angestellten zu hoffen sei. Die von Angestellten dieser Anstalten vorliegende Eingabe, die siK auf die Urlaubsfrage bezieht, wurde dem Magistrat als Material überwiesen, nachdem vorher schon über die Resolution der Straßen- reiniger im gleichen Sinne beschlossen worden war. Bekanntlich beschäftigt sich eine Magiftratskommijsion mit der Frage der Ar- beitevausschüsse und des Urlaubs. Der Mrgistratsvertreter glaubte auch, daß man den Leuten für entgangene Emolumente während des Urlaubs entgegenzukommen hoffe. Gerügt wurde besonders die heute in Uebung befindliche Urlaubserteilung nach Beendigung des Dienstes und die verschiedene Entlohnung in den verschiedenen Anstalten. Am Schlüsse der Beratung entspann sich noch eine lebhafte Debatte aus Anlaß des folgenden von unseren Genossen Glocke, Hintze, Metzle und Leid gestellten Antrages: „Der Ausschuß empfiehft folgende Beschlußfassung: Die Versammjung nimmt Kenntnis von der vom Magistrat vorgelegten Nachweisung über die einzelnen Kategorien städtischer Angestellten und Arbeiter gewährten Lohnzulagen. Die Versammlung erklärt diese Regelung für unzureichend, zumal nur ein Teil in städtischen Betrieben Beschäftigter dabei berücksichtigt worden ist, und ersucht den Magistrat, eine Revision der Arbeitsverhältnisse der städtischen Arbeiter und Angestellten anzustreben auf der Grundlage einer Verein- barung mit den Organisationen der städtischen Arbeiter." In der Begründung zu diesem Antrage wurde dargelegt, daß die bisherige Art der Lohnfestsetzung vollkommen verfehlt sei. Das hätten auch die Ausschußverhandlungcn erwiesen, aus denen so gut wie nichts für die Arbeiter herausgekommen sei. Wie in der In- dustrie vielfach die Löhne auf Grund von Vereinbarungen zwischen Unternehmern und Arbeitern festgesetzt würden, so müsse das auch in der städtischen Verwaltung möglich sein. Der Herr-im-Hause- Standpunkt müsse überwunden werden. Die Arbeiter in den Ar- beiterausschüssen könnten ihre Interessen gar nicht in der wün- schenswerten Weise wahrnehmen, weil sie vielfach gewärtig sein müssen, aus dem Betriebe entfernt zu wckden. Zudem erkennen die städtischen Behörden das Tarifprinzip an, indem Submittenten bestimmte Löhne vorgeschrieben werden. Der Antrag wurde bekämpft und zwar seltsamerweise von einem Vertreter der Hirsch- Dunckerschen Gcwerkvcreine, der sich nachrühmte, seit vielen Jahren das Tarifprinzip zur Geltung zu bringen. In der Gemeinde gehe das nicht, eine generelle Regelung sei nicht möglich. Die Arbeiter könnten wohl ihre Wünsche an den Magistrat bringen, auch durch ihre Kachorganisationen, aber tarifliche Abschlüsse könne eine Be- Hörde nicht treffen. Andere Herren schlössen sich'diesen Ausfüh- rungen an und schließlich wurde der sozialdemokratische Antrag gegen die vier sozialdenwkratischen Stimmen abgelehnt. Die Treptower Einwohnerschaft gegen die Gemeindebehörden. Gegen die Einverleibung Treptows nach Rixdorf wandte sich eine Versammlung Treptower Bürger, die am Millivochabend statt« fand. Nach längeren Darlegungen des Herrn Kötsckke und des G�- ineindevertteters Genossen Karow wurde folgende Willeiiskundgebilng beschlossen: x „Die heute im Sprecgarten Alt-Treptow tagende, von über 1tverovdneten» Vorstehers zu begnügen hatte. Aus der Stadtverordnetenversamm- lung heraus gab man Herrn Dr. Leidig zu verstehen, daß er gut täte, mit dem„G ä n s e ge s ch na t t« r" die Oeffentlichkeit nicht mehr zu behelligen; er möge seinen Konflikt mit dem Magistrat auf privatem Wege ousfechten. Inzwischen hat dieser konsequente Vertreter grohkapitalistiscker Interessen sich aber bereits ein" neues Kampfobjekt herausgesucht. Er Verbündete sich mit etlichen Hausbesitzern in der Stadtver- ordnetenvcrsammlung, um gegen die bescheidenen Anfänge kom- munaler Sozialpolitik, zu denen auch Wilmersdorf endlich ge- kommen ist, einen Angriff zu riskieren. In der unter Aufficht des Magistrats kürzlich errichteten Seefischhalle in der Bcrl ner- straße 40 werden neben frischen Fischen auch Räucherfische in bester Qualität zu angemessenen Preisen verkauft, und diese an- gcbliche Uebertretung des Wohlfahrtsprinzip» hatte es den erwähnten Herren angetan. Der Förderer jener groß- kapitalistischen Jndustriekartelle, d,e so viele kleine Existenzen zur Strecke gebmckn baben, gab sich als Vertreter des Mittelstandes, der vor der städtischen Konkurrenz in Schutz genommen werden müsse. Von sozialdemokratischer wie auch liberaler Seite wurde Herrn die kommunale Sozialpolitik zu bemänteln, und daß im übrigen die starke Hebung des Verkehrs, den die Seefischhalle in der Berliner- straße bewirkt habe, zum guten Teil gerade den Geschäftsleuten in der Nachbarschaft zugute komme. Wenn in diesem Falle die um Herrn Dr. Leidig gescharte Gruppe beträchtlich in der Minderheit blieb, so hing in einer anderen Angelegenheit die Entscheidung an einem Haar. Unsere Parteigenossen hatten mit Unterstützung einiger liberaler Stadtverordneter einen Antrag eingebracht, der die Vermehrung der Bürgerdeputierten in dev städti schen Wohlfahrtsdeputation zum Ziel hat. Man wollte hiermit endlich einem nur zu sehr berechtigten Wunsche des Vor standcs der Ortskrankenkasse, in der Deputation vertreten zu sein, entgegenkommen. Wie bei früheren Gelegenheiten, wo der Antrag stets Widerstand gefunden hakte, so machte Herr Leidig auch diesmal alle möglichen Einwendungen, u. a. hörte man aus seinem Munde den geschmackvollen Witz, daß schließlich auch die Fisch räucherer den Anspruch auf Vertretung in einer städtischen Deputation erheben könnten. Um die Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben, kam die Gruppe Leidig schließlich mit dem Bor- schlage, die Angelegenheit zu vertagen, bis der Magistrat mit dem gelegentlich geäußerten Plan einer allgemeinen Aenderung in der Zusammensetzung der Deputationen hervortrete. Mit wuchtigen Gründen wandte unser Parteigenosse Riedel sich gegen diese Ver- schleppung der Sache. Bei der Abstimmung über den Antrag ergab sich Stimmengleichheit; die Stimme des Stadtverordneten- Vorstehers Dr. Kock gab dann zugunsten des Antrages den Ausschlag. Daß aber auch der Magistrat noch recht weit von sozialpolitischer Einsicht entfernt ist, zeigte eine Anfrage unseres Parteigenossen Riedel, ob der Magistrat bereit sei, dem Antrage des Verbandes der Maler auf Ausschaltung des Blei. weißes bei Vergebung kommunaler Arbeiten zu entsprechen. Riedel begründete die Anfrage überzeugend mit dem Hinweis auf die außerordentlichen Gesundheitsschädigungen, die die Verwendung des Bleiweitzes unter den Malern hervorruft. In seiner Antwort behauptete Stadtbaurat Herrnring, daß so lange nicht an eine Berücksichtigung des Vorschlages zu denken sei, als cS an einem ausreichenden Ersatz der Blerweißfacben fehle. Der Stadkbaurat mußte sich aber von dem Stadtverordneten Professor Dr. Weber bedeuten lassen, daß die Ersatzfarben sich in der Haltbarkeit nur noch wenig vom Bleiweiß unterschieden; im übrigen wünschte Pro- sessor Weber, daß alle Mennigefarben von der gewerblichen Ver» Wendung ausgeschlossen würden. Aus den weiteren Verhandlungen erwähnen wir noch, daß einem Antrage auf Einsetzung einer gemischton Deputation zur Be- ratung der Angelegenheit betreffend die Vereinigung von Wilmersdorf und Schöne berg stattgegeben wurde. Des- gleichen wurde eine Magistratsvorlage bewilligt, wonach 12% Millionen Mark durch Aufnahme einer Anleihe im Wege der Aus- gäbe von Schuldverschreibungen auf den Inhaber für den Bau der städtischen Untergrundbahn beschafft werden sollen. Zum Schluß bewilligte die Versammlung die Magistratsvorlage betreffend die Auswahl eines Grundstücks für die Errichtung einer städtischen Badeanstalt. standsloS bewilligt. Einige Bedenken regten sich bei der Neuein- stellung von 1000 M. zu dem gleichen Zweck für etwa 20 Schüler der Oberrealschule. Aber die Bedenken wurden leicht beschwichtigt. Man ging schließlich über den Antrag noch hinaus und bewilligte auch hier 1400 M.. �0 daß wir jetzt für da? Rudervergnügen von etwa 40 höheren Schülern schon 2850 M. zum Fenster hinaus- werfen. 2)aI macht für den einzelnen Teilnehmer zirka 70 M., ohne den hohen Zuschuß, den die Gemeinde an und für sich für jeden höheren Schüler zu leisten hat. Beim Gymnasium hielt man eS weiter für erforderlich 300 M. zur Beschaffung von phhsikali» schon Apparaten und 240 M. ExtraHonorar für den den Unter» richt erteilenden Oberlehrer zu bewilligen. Gegen diese Position war mit Recht eingewendet worden, daß der Physikunterricht, da er nur fakultativ eingerichtet werden soll, nach der Einrichtung des Lehrplanes am Gymnasium nichts zu tun habe, und daß die Schüler, die sich in der Physik unterrichten wollen, dies ja durch Privatunterricht tun können. DaS zog natürlich bei unserer Ge- meindevertretung nicht, auch nickt der Hinweis, daß es ungerecht ist, die Mittel der Gesamtheit für die Privatinteressen einiger höherer Schüler flüssig zu machen. Konnte man über solche Privatsachen stundenlang debattieren, so versiegte die Rvdelust bei der Volk>. schule vollständig. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß sie üb r jede Kritik erhaben ist. Die ärztliche Untersuchung an der Sck ile liegt sehr im argen, da sie nebenamtlich gegen geringe Vergütung ausgeübt wird. Für zahnärztliche Untersuchungen sind nur 500 M. eingestellt. Dafür ist natürlich nicht viel zu leisten Oeffentliche Berichte über den Gesundheitszustand an unseren Schulen gibt es nicht. Ueberhaupt ist die Berichterstattung über die Volksschule verpönt. Wohl kam zur Sprache, daß der Rektor einen Bericht ein- gereicht habe, aber wie der aussieht und was darin steht, darf die Zehlendorfer Oeffentlichkeit nicht interessieren. Gekürzt wurde an dem erst so gefürchteten Etat nur die für die RegenentwässerungS- «mlage eingestellten 15 000 M. bis auf 12 000 M. Vom vorigen Jahre tckaren 3000 M. von dieser Position nicht verausgabt worden, die der Bürgermeister denn auch retten wollte, um die 15 000 M. wieder herzustellen. Aber die Vertretung blieb fest. Sie hofft, den Bau- rat dadurch zur Verminderung seiner Beamtenzahl zu zwingen. Das ominöse Lächeln, da» der Baurat bei diesen Darlegungen zur Schau trug, läßt erwarten, daß sich die Vertretung auch hier gründlich geirrt hat. DaS Bauamt unseres kleinen Ortes wird auch fernerhin% mehr Beamte haben, wie das neunmal größere Schöneberg und mehr, wie das viermal größere Friedenau. Eine sonderbare Methode, den Arbeiten, das Geld au? der Tasche zu locken, wendet der hiesige Pastor Kaiser an. Der Herr hat, wie man uns berichtet, in der Konfirmandenstunde die Kon- firmanden aufgefordert, Beiträge für den Guslav-Adols-Verein mitzubringen. mindestens jeder 10 Pf. Mit dem Sammeln der Gelder beauftragte er den Ersten der Klaffe, der ihm den Gesamtbetrag dann überbringe« soll. Ist sich denn Herr Kaiser nicht darüber klar. daß er hier einen ganz unberechtigten Gewissenszwang ausübt? Unter den Vätern der Konfirmanden hat dieses Vorgehen starke Aufregung hervorgerufen. Sie sagen, und mit Recht: Will der Herr Pastor für einen ihnen gleichgültigen Zweck Beiträge sammeln, dann soll er eS selbst tun und zu den Eilern der Kinder gehen, nicht aber durch die Kinder daS Geld beizutreiben suchen. Pankow. Unter dem Verdacht der Brmtdstifttmg ist der Kohlenkastenfabri'�..r Max Zühlsdorf verhastet worden. In der Nacht zum 25. d. M. kam, wie wir mitteilten, im dritten Stock des Hauses Schulzestr. 21 ein Feuer aus, das schnell um sich griff, mehrere Leute in Gefahr brachte und erst nach längerer Arbeit der Wehr gelöscht werden konnte. Nach dem Befund mußte angenommen werden, daß der Brand böswillig gelegt worden war- Die Nachforschungen der Kriminalpolizei lenkten den Ver- dacht auf Zühlsdorf, dessen Frau von ihm getrennt im dritten Stock des HauseS wohnte und von deren WohnungStür aus das Feuer um sich gegriffen hatte. Während Zühlsdorf behauptet, daß er in der kritischen Zeit bei einem Fuhrherrn in der Beuthstraße zu Rieder- schönhausen auf dem Heuboden geschlafen habe, bekunden zwei Zeugelx ihn kurz vor dem Brande in dem Hause gesehen zu haben. Die Untersuchung muß erst ergeben, ob Zühlsdorf der Brandstiftung schuldig ist. Reiniikendorf-Ost. In der stark besuchten Mitgliederversammlung des WahlvereinS referierte Genosse Pieck über.Schule, Kirche und Sozialdemo- kratie". Hieraus erstattete Genosie K ö h n Bericht über Vor- kommniffe in der Gemeindevertretung des Ortes. Nicht viel Er- freulicheS war es, was er den Versammelten von den zähen Kämpfen unserer Genosien im Dorfparlament berichten konnte. Die fast völlige Sterilität der bürgerlichen Mitglieder der Gemeinde- Vertretung einerseits und die arge, wenn auch durch langjährige Sünden der Mehrheit der Gcmeindevertreter selbst verschuldete Finanzklemme der Gemeinde andererseits erschweren unseren Genossen das positive Ar- betten in sozialer Hinsicht außerordentlich. Wenn schließlich doch hin und wieder eimgeS erreicht würde, ist es dem Umstände zu verdanken, daß eine dicht vor den Toren Berlins belegene Gemeinde nicht gar zu sehr gegenüber ihren Schlrestern zurückbleiben darf, wenn sie nicht in völliger Einsamkeil unbeachtet das Dasein einer Provinz» lerin führen will. Das leiden aber die Grundbesitzer nicht; denn dabei kann deren Grundrente nickt steigen. So sei einiges erreicht worden, die Mehrzahl unserer Forderungen aber seien noch zn er- füllen. Vorläufig sind sie für die Gemeindevertretung noch— Hekuba. In der Diskussion brachte der Genoffe Andrö noch einige recht arge Sünden der hiesigen Gemeindeverwaltung zur Sprache und verlangte, daß unsere Genossen in der Gemeinde- Vertretung für deren Abstellung Sorge tragen. Der Genosse K ö h n bat die Genossen in seinem Zchluhwort noch, der Kommunalpolitik erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Unter VereinSangelegenhetten beschloß die Persammlung nach längerer Debatte den Ausschluß eines Genossen zu beantragen. Dem Beschlutz des Zentralvorstandes bezüglich des zu bildenden Maifonds stimmte die Versammlung zu. Zum Schluß verwies der Vorsitzende aus den am Montag, den 27. Februar, bei S a d a u stattfindenden Frauenleseabend, der sich mit den die Frauen ganz besonders interessierenden Abschnitten aus der ReichSversichcrungS- ordnung, der Mutterfchafts- wie auch der Witwen- und Waisenversicherung, beschäftigen wird. Spandau. An minderbemittelte Einwohner, da« heißt solche, die Armen» Unterstützung beziehen, soll unentgeltlich Land zur landwirtschastlichen oder gärtnerischen Ausnutzung von der Stadt abgegeben werden. Der.Vorwärts" htztte über diese Angelegenheit vor längerer Zeit auch berichtet. Man ist der Sache jetzt näher getteten und hat be- reits Land am Hohenzollernring nahe der LandeSturnanstalt und in der Wilhelmstadt in Aussicht genommen. Wenn man den arnren Leuten neben ihrer Armenunterstützung solches Land und auch die dazu gehörigen Gerätschaften sowi? AuS- saat unentgeltlich zur Verfügung stellt, wäre absolut nichts dagegen einzuwenden. Aber es ficht zu befürchten, daß man die Erträgmsse aus diesen Gärlchen den armen Leuten auf die Armenunterstützung und zwar ziemlich hoch in Anrechnung bringt und die Armenunter- stützung kürzt. Dagegen müßte entschieden Einspruch erhoben werden. Der von t«r Stadtverordnetenversammlung beschlossene Er- Weiterungsbau der Straßenbahn nach Fürstenbrunn und Gcrtenfelde wird nach dem Kostenanschlage etwa 350 000 M. inkl. der dnrch den vergrößerten Verkehr bedingten Vermehrung der Betriebsmittel er- fordern. Die Bewilligung deS Geldes wird die Stadtverordnetenver» sammlung in einer der nächsten Sitzungen zu beschließen haben, da mit den Gleisbauten bereits im Frühjahr begonnen werden soll. ES werden sich dadurch sicher auch die Betriebseinnahmen erhöhen. Falkenhagen-Teegefeld. Dem Kostgänger deS ReichsvcrbandeS zur Bekämpfung der Sozial« demokratie, dem.Spandauer Tageblatt" scheint eS offenbor unan« genehm zu sein, daß die Sozialdemokratie nun auch am hiesigen Orte erfreuliche Erfolge verzeichnen kann. Das Blatt nennt unsere vorgestrige Notiz ein Renommieren und meint. eS scheine fast, als wenn sich die Sozialdemokratie durch solche Berichte Mut machen wolle. Dieser fade Witz des fast unter Ausschluß Iber Oeffentlichkeit erscheinenden Blattes wirkt um so komischer, als in derselben Nummer und zwar auf derselben Seite sich ein Reichsverbands» arttkel befindet, in dem gegen den immer drohendereninnerea Feind zum Sturm geblasen wird. «itterunaSUdrrNck« vom 23, Februar 1911, uioraen« 8 Uhr. «K |- Mä CtctKntn 1* Ii II «? Havaranda 72431 VtltrSbiita 728 WSW Sctlly.752®» aderdee».732®» Bart» 1764®®» Bettet t* ÜÄ 2 bedeckt—9 1 9 7 3 «Schnee 8 bedeckt 6 bedeckt 3 bedeckt rvettervroguose iur Freitag, de« 21. Februar 1911. Mild, zunächst vorwiegend trübe mit Regenjällcn und starken westlichen Winden; später zeilweise aufklarend. Berliner Wetterbureau. eSasserstandS-Rackrtcktr» Wasserstand «» m« l, TilM B r e g c I, Jnfterburg Weichsel, Schorn Oder, Ratibor . Krossen , Frankwrt Warthe,«chrirnm , LandSberg Netze, Bordauun Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg am 22-2. am 158«) 272') 393 234 264 180') 102 104 229 162«) 319 217 leil 21.2. ora') •Hl +20 —134 +11 +28 +18 +20 +10 —11 +8 +46 +43 Wasserstand Saale, Srochsttz Havel, Spandau») , Natbenow') Spree, Spremberg') . veeSkow Weser. Münden , Minden Zi h etn. Maxmiip-ansau « Kaub » Köln Neckar, Heubronn Main,»erlheuu «osel. Trier am 22.2. am 212 144 145 200 192 72 193 353 235 265 155 314 143 litt 21. 2. orn l) —49 +10 +5 -32 +2 —45 +45 0 +26 +55 —27 +36 -17 *)+ bedeute« Wuchs,— Kall.—«) Unterpeget.—•) EiSstand eiSfrei.—') Eisbewegung-—') am 22. um 1 Uhr nachts höchster Wasser. stand: 167 om.— Der Wasserstand der O d e r ist nach telegraphlschcr Meldung bis beute vormittag am Pegel Ratibor aus 340 cm gefallen- Auch die ?lb«.hat schi Hochwalser, daS vorauSsichUich unter dem MlUet» Hochwasser bleiben wird. Leranwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für deaJnseratenteil verantw.: Th.vlocke, Berlin. Dcucku. Verlag: Borwärt�Buchdruckerei u. Verlagsanstatt Paul Smger».Co.. Berlin S\v7