Ur. 5t Nbonnementz-keSingungen: BSonncmentä- Preis pränumerando: Wicrtcljährl. 320 Mr., monatl. 1,10 Mk., wöchentlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS- Preisliste. Unter Ureuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Mark, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonncments nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, PorNtgal, nänie», Schweden und die Schweiz, 88. Jahrg. CrftolDt tZgllid außer montags. Verlinev VolKsblntk. Die TnlertionS'Gcbüftr keirägt für die sechsgcspaltene Kolonel- geile oder deren Rauin M Psg., für politische und gewerlschastlichc Vereins- und Vcrsmiunliings-Anzeigen M Psg. „Uleine Pln-eig-n", das erste fsett. gedruckte) Wort M Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg, jede? weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächsie Nununcr müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse: „SozialdcmoHrat Rerlia". Zentralorgan der fozialdemokratircben Partei Deutfcblands. Eedahtion: SCCI. 68, Ltndcnstrassc 6g. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: 8M. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Hationalliberale vekemitnjsle. Aus dem Ruhrgebiet wird uns geschrieben: Die letzten Tage haben zur Gewißheit gemacht, was bis- lang nur vermutet werden konnte: Ein Abkommen für die Rcichstagswahlen im rheinisch- westfälischen Industriegebiet zwischen dem Zentrum und den Zechenliberalen, wie die maßgebenden„Nationallibcralen" hier genannt werden. In der„Kölnischen Zeitung" wurde der Katz' die Schelle angehängt. Für die Zentrumsdiplomaten, denen die frühzeitige Aufdeckung ihres Kuddelmuddels recht un- gelegen kommt, war es eine unangenehme Ueberraschung. Indessen der Plan, mit Zentrumshilfe die Kreise Dortmund, Bochum und Duisburg den Zechenliberalen auszuliefern, ist ausgeheckt, und die Pläneschmieder sind bekannt. Es sind die Vertreter der„besseren" Zentrumskatholiken und die der zechenliberalcn Gruben- und Hüttenbesitzerschaft. Gemeinsame Neigungen begünstigten den sauberen Handel. Die den Zechenlibcralen dienstbare Presse hat oft genug die national- liberale Rcichstagsfraktion wegen ihrer„Jntransigenz" bei der letzten großen Steucrbewilligung gerüffelt. In diesem kritischen Punkte sind unsere Zechenliberalen mit den Junkern und Klerikalen einverstanden, also bildet hier die„Finanzreform" von 1909 keinen Stein des Anstoßes zwischen Zentrum und .Liberalen". Außerordentlich kennzeichnend aber für die Skrupellosig- keit, mit der das Zentrum die Arbeiterinteressen verrät, ist die Bereitwilligkeit der ZentrumSparteilcitcr, drei Industrie» kreise ausgerechnet einer Jnteressentengruppe auszuliefern, deren erbitterte Feindschaft gegen jegliche Arbeitcrforderung weltbekannt ist. Von der geradezu gemcinschädlichen anti- sozialen Gesinnung unserer rheinisch- westfälischen Zechen- liberalen geben die unlängst herausgegebenen„Politischen Erinnerungen" des früheren nationallibcralen Reichstags- abgeordneten Landgerichtsrat a. D. Kulemann neue Beweise. Herr Kulemann stand und steht mit beiden Füßen auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Aber er verschloß doch am Ende nicht seine Augen vor den kapitalistischen „Auswüchsen"; er gelangte durch sozialpolitische Studien in die Reihen der einsichtigen bürgerlichen Sozialreformer. Als solcher entfremdete er sich immer mehr dem spezifisch national- liberalen, von agrarischen und großindustriellen Einflüssen be- stimmten Parteileben. 1890/91 war er aber noch einer der gefurchtesten nationalliberalen Parteiredner. Auch bei der damaligen Reichstags- Nachwahl im Kreise Bochum» Gelsenkirchen wurde er stark herangezogen. Mit dem nationalliberalen Parteisekretär Dr. Patzig bestritt er in erster Linie die rednerischen Kosten der Versammlungs- agitasion. Dem nationalliberalen Kandidaten Fabrikant Müllensiefen stand als Zentrumskandidat der Obcrbürger- meister Vattmann-Gelsenkirchen gegenüber. Für die Sozial- demokratie kandidierte Genosse Lehmann, heute Vertreter für Wiesbaden. Es kam zur Stichwahl zwischen dem Nationalliberalen und dem Zentrum; und alsbald begann das Liebeswerben um die sozialdemokratischen-Stimmen. Hier wird Kulemanns Bericht interessant. Als er nämlich einige Tage vor der Stichwahl von einer Agitationstour nach Bochum zurückkehrte, fand er„traurige Gesichter" und „gedrückte � Stimmung" im nationalliberalen Wahlkomitee, dessen Vorsitzende der bekannte Kommerzienrat Baare war. Dieser„hatte seine großen Mittel un- beschränkt für die Agitation zur Verfügung g e st e l l t I" Die gedrückte Stimmung war durch ein sehr geschicktes Wahlmanöver der Zentrumsleute erzeugt worden. Mehrere bekannte Bergarbeiterführer hatten am 5. Januar dem Zentrumskandidaten neun Bergarbeiterfordcnmgen vor- gelegt, und Vattmann hatte sich schriftlich verpflichtet, im Falle der Wahl dafür einzutreten. Die Forderungen waren: 1. Achtstündige Schicht inkl. Ein- und Ausfahrt. 2. Verbot von lleberschichten eventuell Lohnzuschläge für Ueberarbeit und Genehmigung durch den Arbeiterausschuß. 3. Arbeiter- ausschüsse und Einigungsämter. 4. Gesetzliche Regelung des Nullens, Fortfall der Füllkohlen. 5. Steigender Lohn bei steigendem Gewinn. 6. Wiedereinstellung der gemaßregelten organisierten Bergleute. 7. Erhaltung der Knappsschaftskasse als Wohlfahrtsinstitut, Reform der Verwaltung. 8. Auf» Hebung der Schanksperre für die Versammlungen der Berg- leute. 9. Gleiche Polizeistunde für alle Wirte. Man sieht, die Forderungen bewegten sich in sehr mäßigen Grenzen: jeder auch nur halbwegs arbeiterfreundliche Politiker konnte sie unterschreiben. Der Ansicht war auch Kulemann; er schlug deshalb vor, auch ihren nationalliberalen Kandidaten -ur Annahme der Forderungen zu ersuchen und seine Zu» stimmung durch Extrablätter bekannt zu geben. Wörtlich fahren die Erinnerungen fort: ' Aper HerrBaare erklärte mit großemNach- druck die Bergarbeiterforderungen seien durch- »«unannehmbar, und obgleich ich entgegnete, eS scheine > bei dicier Frage nicht sowohl auf die Meinung de« Vor- ?».Xn als auf die unsere« Kandidaten anzukommen, wurde Lorsch lag abgelehnt." m e'" Komitee des Geldgebers Baare erklärte also die nnbit* Beraarbeiterfordcrungcn als„unannehmbar", was fc«©efinmmfl«(«er I-«-nUi>°r-lm-nqprW. Der Geldbeutel Baares siegte über die Gründe des sozial- politisch einsichtigeren Herrn Kulemann. Am anderen Tage kamen aber aus dem Wahlkreis so viel Hiobsposten über die Niedergeschlagenheit der nationalliberalen Wähler und die günstigen Aussichten des Zentrumskaudidaten, daß Kulemann mit Patzig auf eigene Faust handeln zu müssen glaubte. Zur allgemeinen Ueberraschung wurde am 6. Januar eine Erklärung des nationalliberalen Kandidaten Müllensiefen veröffentlicht, worin sich dieser ebenfalls auf die Berg arbeiterforderungen verpflichtete! Diese Erklärung war begleitet von einem Aufruf für Müllensiefen. Mehrere Bergleute ivaren die Unterzeichner. Aus dem Buche Kulemanns geht hervor, daß er und Patzig erst den Herrn Müllensiefen zu seiner Erklärung bewogen haben. Nach außen hin erschien sie allerdings als eine Abmachung mit den unter- zeichneten Bergleuten. Das Wahlmanöver des Zentrums war also durch ein nationalliberales pariert. Der Effekt war der Sieg des Nationalliberalen.— Es sei sogleich vorweggenommen, daß der nationalliberale Abgeordnete Müllensiefen sich bereits einige Wochen nach seiner Wahl aller seiner Verpflichtungen gegen die Bergleute ledig erklärte l Die Arbeiter waren die Genassührten. Nun aber das Nachspiel gegen Kulemann und die ihm befreundeten nationalliberalcn Kreise. Er erzählt, Baare „war wütend, daß Forderungen, gegen die man s i ch bisher mit Hand und Fuß gewehrt hätte", nun von dem nationallibcralen Kandidaten, der sich als„ein unbedeutender Mensch" von Kulemann habe breitschlagen lassen, unterzeichnet seien. Eher hätte das Mandat verloren gehen können. Man muß fragen, warum denn Herr Baare nicht sogleich nach Veröffent» lichung der Müllcnstefenschen Erklärung öffentlich dagegen protestierte, damit die Wähler wußten, welchen Wert' jene Erklärung hatte?! Baare zog es vor zu schweigen! Erst ließ er den unbedeutenden Menschen wählen und dann nahm er seine Rache an Kulemann. Es entstand eine sehr heftige Preßfehde zwischen ihm und der rheiiüsch-wcstfälischen Groß- industrie. Kulemann erzählt: „Aber nicht bei papiernen Protesten ließ man es bewenden, sondern in einer zahlreich besuchten Versammlung der rheinisch- westfälischen Großindustriellen wurde derBe- schluß gesaßt, sich von der nationalliberalen Partei zu trennen und der Reichspartei beizu- treten. Ich erklärte in einem Artikel in der„Magdeburger Zeitung", daß ich diesen Beschluß nur mit Freuden be- grüßen könne, denn der Standpunkt meiner Gegner sei mit einer liberalen Auffassung nicht zu vereinbaren." Herr Kulemann hatte aber die Rechnung ohne die zentrale Parteileitung der Nationalliberalen gemacht. Sie erließ eine Erklärung, die zwar im allgemeinen dem Wirken Kulemanns hohes Lob spendete, aber seine Stellung gegen die rheinisch- westfälischen Großindustriellen tadelte. Dazu bemerkt Kule- mantt: „Der Grund, warum man die Erklärung erließ, war offenbar der, daß man die Trennung der Großindustriellen verhindern wollte, da man ihre Geldmittel nicht glaubte entbehren zu können!" Diese Erklärung ist glaubhaft. Der neuerlich veröffent lichte Brief des nationalliberalen Herrn Hoppstädter> Dortmund an die Waldenburger Großindustriellen hat ja ge zeigt, welche Rolle jene Geldmittel noch heute in der national� liberalen Organisation des Ruhrreviers spielen. Der wohl unterrichtete Herr Hoppstädter erzählte in dem Schreiben, daß die Jndnstrieherren im Kreise Bochum das sich auf über 80000 M. belaufende Defizit der dortigen nattonal- liberalen Parteiorganisation deckten I Die schwerreichen rheinisch-westfälischen Zechen- und Hüttenherren beherrschen so mit kraft ihres Gcldsackes die dortigen nationalliberalen Parteiorganisattonen und infolgedessen wird im Jndustrierevier kein nationalliberaler Wahlkandidat aufgestellt, ohne daß die geldgebenden Jndustrieherren ihre Ge- nehmigung erteilten! Die von Herrn Kulemann erwähnte Versammlung der Großindustriellen fand am 31. Januar 1891 in Düsseldorf statt. Hauptredner war H err Ki r d 0 rf! Er ging in der schärfsten Weise gegen die nationalliberale Partei im allgemeinen und gegen„Kulemann und Konsorten" im be- sonderen vor. Die Anerkennung der neun Bergarbeiter- forderungen sei„ein unwürdiges Btihlen der Kandidaten um die Gunst der Sozialdemokratie"; es liege„ein unwürdiger Stimmenfang und ein frevelhafter Mißbrauch wichtiger wirt- schaftlicher Interessen" vor! So Herr Kirdorf 1891 über Arbeiter- forderungen. die so wenig„sozialdemokratisch" waren, daß die Bergleute aller Parteien sür sie eintraten. Uebcr Kulemann, der die bescheidenen Arbciterforderungen befürwortet hatte, goß Herr Kirdorf die Schale seines Zornes aus. Herr Kule- manu hat sich später infolge dieser und ähnlicher Erfahrungen von der nationalliberalen Partei zurückgezogen. Diese Erinnerungen sind heute durchaus aktttell. Die rheinisch-westfälischen Zechen- und Hütteuherren haben sich in ihrer Stellung zu dem Arbeiterrecht seit 1891 nicht geändert; die letzten Wochen haben es erneut gelehrt. Noch immer b e st i ni nt e n die Herren Baare, Kirdorf, Haarman», Schmie ding, Liebrecht und Genossen, obgleich sie viel mehr mit Hehdebrand als mit Bassermann shmvatbikio,-«-'J.Lev die Aktionen der Nation? rfiberalen Parteiorganisation im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Die Jndustrieherren, die längst nicht mehr Nationalliberale, sondern rechtsfreikonservativ sind, entscheiden doch kraft ihres großen Geldbeutels über die den nationalliberalen Wählern zu präsentierenden Kandidaten. Das ist hier ein offenes Geheimnis. Deshalb auch die steigende Unlust der nationalliberalen Intellektuellen, soweit sie nicht mit den Großindustriellen versippt sind, sich weiter von den konser- vativen Jndustrieherren terrorisieren zu lassen. Gerade die Beherrschung der nattonalliberalen Parteiorganisationen durch die konservativen, für die bösartigsten Ausnahmegesetze schwärmenden Jndustrieherren hat hier den einstmals mächtigen Nationalliberalismus derart im Volke mißkreditiert, daß die von den Jndustriemagnaten abgestempelten Wahlkandidaten unter allerhand Verkleidungen auftreten müssen. Einmal er- scheinen sie alsKandidaten der„nationalen Parteien" schlechtweg, dann sind es„Bürger- und Arbeiterparteiler", dann erhebt man einen„evangelischen Arbeiterkandidaten" aufs Schild oder der Mann wird als„Kandidat aller staatserhaltenden Wähler" empfohlen. Stets aber ist es ein Vertrauensmann der Groß- industriellen, denn für einen anderen Kandidaten zahlen diese keinen Pfennig. Das wissen die Zentrumsführer so gut wie wir. Sre wissen auch, daß die rheinisch-westfälischen Industriellen selbst einen Mann, der die sehr gemäßigte Sozialpolitik des Grafen Posadowsky befürwortet, nicht kandidieren lassen. Herr H 0 p p st ä d t e r, der sich zu Posadowsky bekannte, fand keine Gnade vor den Augen der auf der Kandidatensuche be- kindlichen niederschlesischen„Reichstreuen", unter welckiein Namen sich dort die Jndustriefeudakeir verbergen. Und ebenso wollten auch die rheinisch-westfälischen Kandidatenmacher und Großindustriellen von Hoppstadter nichts wissen. Er ist den Herren zu radikal. Alles das ist den Zentrumsführcrn be- kannt. Dennoch sind sie bereit, den Kandidaten der Scharf- machar die Reichstagsmandate von Dortmund, Bochum und Duisburg zu verschaffen! So verrät die angebliche Volkspartei die Arbeiter ihren schlimmsten Feinden, so gibt sie die Sozialreform, für die sie angeblich ein warmes Herz hat, den entschlossensten und rück- sichtslosesten Gegnern jeglichen Arbeiterschutzes, jeglicher Aus- dehnung der Arbeiterrechte, den giftigsten Widersachern des Koalitionsrechtes preis. Der Handel des Zentrums und der Nattonalliberalen im Ruhrrevier ist ein verzweifelter Versuch zur„Vernichtung der Sozialdemokratie" im Industriegebiet. Aber auch diese Koalition wird uns nicht zwingen. Abgesehen davon, daß der Sieg des Sozialismus nicht von der Zahl der Parlaments- Mandate abhängt,— die erwachte rheinisch- wcstsälische Ar- bciterschaft wird ihren vereinigten Gegnern beweise», daß sie mit ihnen fertig wird!_ Die Cntrechtung der Arbeiter in den Orksbranltenltaiten. Heute hat in der Reichsversicherungsordnungs-Kommission die Beratung de« wichtigsten Punktes der ganzen Arbeiterversicherungs- reform begonnen. Bekanntlich hat bereits der RegierungScntwnrf bei den Arbeitern eine große Erregung hervorgerufen, weil er die Beiträge nicht mehr zu zwei Drittel und ein Drittel sondern je zur Hälfte den Arbeitern und Arbeitgebern auferlegen, dafür aber den Arbeitern den entscheidenden Einfluß auf die Verwaltung der Kasse entreißen wollte. In der Kommission ist aber die Halbierung der Beiträge abgelehnt worden, so daß auch fernerhin die Arbeiter zwei Drittel der Beiträge und die Unternehmer nur ein Drittel der Beiträge zu zahlen hoben. Jetzt handelte es sich noch um die Rechte der Arbeiter in bczug auf die Verwaltung. Die bürgerlichen Parteien haben bisher stets den Standpunkt vertreten: wer zahlt, mutz auch für die Verwaltung maßgebend sein. Diesen Grundsatz haben unsere Gegner auch gegen die Arbeiter in der Unfallversicherung geltend gemacht. Hier haben sie noch immer den Arbeitern jedes Mitbestimmungsrecht bei der Leitung der BerufSgenosicnschaften verweigert, weil die Beiträge für die Berufs- geiioffeuschaften ganz allein von den Unternehmern bezahlt würden. Danach ergibt sich für die Krankenversicherung, daß die Arbeiter den entscheidenden Einfluß auf die Verwaltung der Ortskrankenkasscn haben müssen, weil sie doppelt so viel als die Unternehmer bezahlen. Das Gegenteil ist aber geschehen. Die Abgeordneten Behrens, Herold, Horn(Reuß), Schickert. Trimborn. Graf v. Westarp und Witt, also die Konservativen, Nationalliberalen, daS Zentrum und die Wirtschaftliche Bereinigung, haben der Kommission Anträge vor- gelegt, die die völlige Entrechtung der Arbeiter in bezug auf die Verwaltung der Ortskrankenkassen bedeuten. Von den Mitgliedern des Vorstandes und deS Ausschusses muffen zwei Drittel Vertreter der Versicherten und ein Drittel Vertreter der Unternehmer sein. Nach dem geltenden Gesetz wählt der Vorstand oder die Generalversammlung den Vorsitzenden und stellt die Beamten mit einfacher Mehrheit an, so daß die Arbeitervertreter stctS, wenn sie einig sind, mit ihrem Willen durchdringen können. Nach den früheren Beschlüssen sollen auch fernerhin Vorstand und Ausschuß in derselben Weise zusammengesetzt sein. Dagegen soll nicht mehr bei der Wahl des Kaflenvorsitzcnden die einfache Mehrheit entscheiden. Vielmehr ist zur Wahl notwendig, daß sich die Mehrheit sowohl der Arbeitervertreter als auch der Unternehmer- Vertreter für dieselbe Person erklärt. Kommt eine solche Wahl nicht zustande, dann ernennt die Aufsichtsbehörde nach ihrem Ermessen einen Vorsitzenden. Nach diesem Muster wollen die Kompromißparteien die Arbeiter auch in bezug auf die Anstellung der Beamten entrechten. ES sollen nämlich die Stellen der Beamten und der Angestellten, für die die Dienstordnung gilt, durch übereinstimmende Beschlüsse beider Gruppen im Vorstande be- setzt werden. Einigen sich die Gruppen nicht, so wird die Beschluß- fassung auf einen anderen Tag anberaumt. Wird auch dann keine Einigung erzielt, so kann die Anstellung beschlossen werden, wenn mehr als zwei Drittel der Anwesenden dafür stimmen; aber ein solcher Beschluß bedarf der Bestätigung durch das BersicherungS- amt. Sie darf nur auf Grund von Tatsachen versagt werden, die darauf schließen lasse», daß dem Vorgeschlagenen die erforderliche Zuverlässigkeit, insbesondere für eine unparteiische Wahrnehmung seiner Dienstgeschäfte oder Fähigkeit fehlt. Wird die Bestätigung versagt, so entscheidet auf Beschwerde des Vorstandes das Ober- Versicherungsamt endgültig. Kommt kein AnstellungSdeschluß zustande oder wird die Bestätigung endgültig versagt, so bestellt das VersicherungSamt auf Kosten der Kasse wider- ruflich die für die Geschäfte der Stelle erforderlichen Personen. Haben die Bestellten die Geschäfte ein Jahr lang geführt, so kann ihnen das VersicherungSamt mit Genehmigung des Oberversiche- rungsamtö die Stelle endgültig übertragen, falls nicht inzwischen ein gültiger Ausstellungsbeschluß gefaßt worden ist. Endlich sollen die Landesregierungen befugt sein, den höchsten Beamten die Rechte und Pflichten der staatlichen und gemeindlichen Beamten zu über- tragen. Die Genossen Hoch, Molkenbuhr und Schmidt bekämpften diese Anträge in der Kommission aus das entschiedenste. Hier solle, so führten sie aus, wieder einmal ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie erlassen werden. Wenn ein Sozialdemokrat als Beamter gewählt werden sollte, würde das Versicherungsamt, d. h. in Preußen der Landrat oder«in Magistratsrat, stets finden, daß die sozialdemokratische Gesinnung des Mannes eine Tatsache sei, die darauf schließen lasse, daß der Mann seine Dienstgeschäfte nicht unparteiisch wahrnehmen werde. Und das Oberversicherungsamt d. h. der Oberpräsident als Veschwerdeinstanz, würde sicher nicht anders entscheiden. Da hierüber kein Mensch im Zweifel sei, würden die Arbeit- gebervertreter im Borstande überhaupt nicht mehr geneigt sein, die von den Arbeitervertretern vorgeschlagenen Personen zu wählen; sie würden sich vielmehr daraus verlassen, daß der Aufsichtsbehörde jeder von den Arbeitern vorgeschlagene Mann als ein Sozial- demokrat erscheint und deshalb nicht bestätigt werde. Demnach würden die Arbeiter, obgleich sie zwei Drittel der Beiträge be- zahlen, in bezug auf die Wahl der Beamten rechtlos ge- macht. Nur noch Schützlinge der Arbeitgeber und der LufstchtS- behördin würden als Kassenbeamte zugelassen. DaS würden in der Regel ausgediente Unteroffiziere sein. Sie würden zwar sehr gut passen zu den von der Aufsichtsbehörde ernannten Vor- fitzenden, die oft genug pensionierte Offiziere sein würden; aber ein solches Regiment müsse die schwerste Schädigung der Arbeiter durch eine teure Beamtenwirtschaft und rückfichtslose Behandlung der kranken Arbeiter zur Folge haben. Nach den Konipromißanträgen sollen aber auch die Arbeiter- Vertreter nicht einmal berechtigt sein, die Satzung zu ändern oder die Kasse aufzulösen oder sie mit anderen Krankenkassen freiwillig zu vereinigen. Auch hierzu soll die Zustimmung der Mehrheit sowohl bei den Arbeitervertretern, als auch bei den Unternehmer- Vertretern notwendig sein. Einzig und allein über die Leistungen, soweit sie bei Beiträgen bis zu 4>/z Proz. möglich find, soll mit ein- facher Mehrheit entschieden werden. Ein Zugeständnis von geringer Bedeutung, weil bei der teuren Beamtenwirtschaft mit Beiträgen bis zu 4'/z Proz. die Leistungen wohl kaum über die RegeUeistungen �Mindestleistungen) erhöht werden dürften. Demnach sollen die Arbeiter nach den Kompromißanträgen in bezug auf die Verwaltung der Ortskrankenkassen völlig entrechtet werden. Die Abgg. HauSmann snatl.), Trimborn Cha- rakterS entkleidete, wurde auch die Konventionalstrafe von 10 M. in Gnaden„bis auf weiteres" erlassen, dagegen verlangte der Arbeitgeberverband auch ferner für jeden eingestellten Arbeiter— gleichgültig, ob mit oder ohne Benutzung des Arbeitsnachweises— eine Gebühr von 30 Pf. Man will eben diesen Arbeitsnachweis, um den Rückzug zu verschleiern, wenigstens dem Scheine nach aufrecht- erhalten und dazu braucht man Geld. Er kostet den Arbeitgebern im Jahre mindestens 10 000 M. Die kleinen Meister sind gewaltig erbost. Sie haben sich bereits zu einer Vereinigung zusammengeschlossen, die die Zahlung der Gebühr von 30 Pf. verweigert. Sie haben erkannt, daß dieser Arbeitsnachweis nur ein Instrument der größten Scharfmacher und heute zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist. Im Jahre 1908 konnte der Nachweis etwa 20 000 Arbeiter vermitteln. Im Juni 1909 betrug die Frequenz in der Woche höchstens 60 Mann, eine Ziffer, die heute nicht einmal mehr erreicht wird. Jetzt ist das Arbeitsnachweisbureau, auf das vor drei Jahren die Scharfmacher so große Hoffnungen gesetzt, oftmals ganz geschlossen. Im Warteraum für die nicht vorhandenen Arbeit- suchenden aber erscheint während der Bureaustunden ein findiger Barbier, der für das geringe Entgelt von 5 Pf. anspruchlose Arbeitsuchende nicht bloß einseift, sondern auch unter Außcracbt- lassung aller hygienischen Maßnahmen unter Tarif rasiert. Es ist das ein witziges Symbol des iu den letzten Zügen liegenden ScharfmacherinstitutS.—___ Ttz.Gl»cke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. g. Verlagsanstalt! Ausland. Holzarbeiteraussperrung in Dänemark. Die SSgewerksarbeiter und Maschinentischler sind am DienStag, den 28. Februar, auf Betrieben des Arbeitgeberverbandes ausgesperrt worden. Vorerst sind hier 1300 Mitglieder des Dänischen Holz- arbeiterverbandes betroffen. Die Aussperrung erstreckt sich auf Kopen- Hägen und das ganze Land. Versammlungen. Der Verband der Lederarbeiter und Handschuhmacher(Filiale I, Weißgerber, Handschuhmacher und Färber) hielt am Sonntag in Schmidts Festsälen, in der Prinzenallee, eine Mitgliederver- sammlung ab. Ter Vorsitzende Heidelberg berichtete zunächst über einige, erst vor einigen Tagen zum Abschluß gebrachten Lohnde- wegungen. Die Mitglieder bei der Firma R. Zintcr begehrten eine anderweitige Regulierung der Akkordlöhne und Beseitigung einiger Mißstände. Die Firma ließ sich zunächst auf keinerlei Verhandlungen ein, so daß die Arbeiter zur Kündigung schreiten müßten. Während der Kündigungsfrist kam es aber zu einer auch die Arbeiter befriedigenden Einigung. Die Berliner Handschuh- Manufaktur hatte sich mit der Firma E. Doerksen in Karlshorst vereinigt. Der Berliner Betrieb sollte nach Karlshorst übersiedeln. Natürlich sollten auch die Arbeiter mit den im Karlshorster Betrieb bedeutend niedrigeren Löhnen abgefunden werden. Das gab den Arbeitern der noch getrennten Betriebe Veranlassung, gemeinsame Sache zu machen. Tie Arbeiter des Berliner Betriebes forderten Beibehaltung der bisherigen Löhne, während die Arbeiter des Karlshorster Betriebes die Bezahlung ihrer Arbeit nach den Ber» liner Lohnsätzen forderten. Die Unternehmer lehnten die Be- willigung der Forderungen ab. Die Arbeiter im Berliner Betriebe kündigten darauf, während es im Karlshorster Betriebe zu einem etwa 14tägigen Ausstand kam. Am 14. Februar wurde eine Eini- gung mit der Firma erzielt, die den Karlshorster Arbeitern eine sofortige Erhöhung der Akkordlöhne um durchschnittlich 22 Prozent brachte und vom 1. Oktober d. I. ab eine weitere Erhöhung um weitere 8 Prozent zugesichert. Damit waren die Forderungen im ganzen Umfange erfüllt. Die Versammlung erklärte sich mit dem Ausgang dieser Lohnbewegungen einverst ini-n. Einen großen Teil der Tagungszeit nahmen noch die Vorarbeiten für die in München stattfindende Generalversammlung des Verbandes in An» spruch. Die Filiale hat zwei Delegierte zur Generalversammlung zu entsenden. Sechs Kandidaten wurden von ihr zur Wahl ge- stellt. Die Wahl soll in einem besonderen Wahltermin am 12. März, unter Benutzung von gedruckten Stimmzetteln, erfolgen» Die Hkichstagshandidattir im vierten Berliner ülaiilhrelie. Unter ungeheurem Andrang der Mitglieder hielt der Wahl- verein für den vierten Kreis gestern abend eine Generalversamm- lung in Kellers Saal ab. Obwohl sämtliche Tische entfernt wurden, gelang es den andrängenden Massen kaum, im Saal und auf den Galerien Platz zu finden. Genosse Otto Büchner gedachte der Tätigkeit, die Genosse Singer seit 27 Jahren als Vertreter des vierten Wahlkreises im vollen Einverständnis mit seinen Wählern im Reichstage aus- geübt hat. Hierauf beleuchtete der Redner im Hinblick auf die bevorstehende Reichstagswahl die allgemeine politische Situation. Dem Vorschlage der Kreiskonferenz entsprechend proklamierte die Versammlung den Genossen Büchner als Reichstags- kandidaten für den vierten Wahlkreis. Nur der- einzelte Stimmen wurden gegen den Vorschlag der Kreiskonferenz abgegeben. Das AbstimmungSrcsultat wurde mit lebhaftem Bei- fall begrüßt. Büchner dankte für das ihm bewiesene Vertrauen und gab die Versicherung ab, nach besten Kräften das ihm übertragene Amt auszuüben. Durch den Tod der Genossen Singer und Voigt sind die Stadt. verordnetenmandate für den 11. und 13. Bezirk erledigt. Als Kandidat für den 11. Bezirk stellte die Versammlung den Genossen Böhm und als Kandidat für den 13. Bezirk den Genossen Mann auf. Letzte Nadmcbten. Frankreichs Antwort. Paris, 23. Februar.(W. T. B.) Mehrere Blätter erörtern in scharfer Weise die Rote der„Norddeutscheu Allgemeinen Zeitung" sowie die Aeußerungen verschiedener deutscher Blätter über die Fremdenlegion. Der„TempS" schreibt: Nach den alldeutschen Zeitungen ist es nunmehr das halbamtliche Organ der kaiserlichen Regierung, welches sich diese unziemlichen An- griffe erlaubt. Ohne lange bei der Prüfung der Beweggründe zu verweilen, halten wir dafür, daß die gesamte Presse und öffentliche Meinung Frankreichs mit einem entschiedenen Einspruch antworten muß. und wir fügen hinzu, daß man durch derartige ungerechtfertigte Angriffe zwischen unseren Nachbarn und uns einen dauernden und schweren moralischen Zwist herbei- zuführen droht. Schließlich meint der„Temps", die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" kann versichert sein, daß weder ihre Kritik noch die Drohungen der deutschen Presse in Frankreich irgend- welchen Eindruck machen werden. Die„Liberte" schreibt: Gewisse deutsche Blätter gehen so weit, daß sie einen tatsächlichen Eingriff gegen die Einrichtung der Fremdenlegion verlangen. Wir wollen die deutsche Regwrung für diese Herausforderung nicht verantwortlich machen, wenngleich die- selbe durch den General v. Heesingen ermutigt wurde. Aber man mutz die öffentliche Meinung Deutschlands doch daran erinnern, daß Frankreich allein den Oberbefehl über seine Armee ausübt, und daß jede, wenn auch noch so diplomatische Einmischung in die freie Ausübung dieses Rechtes hier als durchaus unzulässig angesehen würde. Es ist übrigens bezeichnend, daß die deutsche Presse gerade die Frage der MinisterkrisiS zu einer neuen Herausforderung be» nützt. Darin liegt zweifellos Methode. Diesmal trägt auch der Umstand, daß D e l c a s s 6 wieder ans Ruder gelangen könnte, dazu bei, daß dieser Herausforderung ein besonders scharfer AuS» druck verliehen wird. Es handelt sich sichtlich um einen Einschüch. trrungSversuch auf parlamentarische Kreise. Jedenfalls muß daS neue Ministerium und die öffentliche Meinung Frankreichs ange- sichts der von auswärts kommenden Angriffsabsichten begreifen, daß die nationale Verteidigung das dringendste und wichtigste Ne- gierungsprogramm ist und bleibt. Eiseubahnunfall. PariS, 28. Februar.(W. T. B.) In der Nähe deS Bahnhofes von C a e m an der Westbahnlinie stieß eine Lokomotive beim Rangieren an einen Prellbock. Ein Maschinist und ein Heizer fanden dabei den Tod._ Echt russisch. Petersburg, 23. Februar.(W. T. B.) Die zuständige Kom» Mission der Reichsduma hat gegen die Stimmen der Oppo- sition und eines Teiles der Oktobristen beschlossen, alle Interpellationen wegen des Verbotes von Studcntenverfammlungen sowie über die Gründe der Studentenunruhen und der Maßrege» lung der Studenten abzulehnen._•_ aul Singer t Co., Berlin LW. Hierzu 4 Beilagen».UnterhaltungSbl. lt. 51. 28. IahtMA.' i Itilajf des„llfliiüiiits" Wwoch. t. Miitj 1911. Rcid�ötag* 187. Sitzung. Dienstag, den 23. Februar 1911, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratStisch: v. Heeringen. Zweite Beratung des Militäretats. (Vierter Tag.) Die Beratung über die Kapitel„Militärkassenwcsen' und »Militüriittendantureu" wird auf Antrag des Abg. Kunert(Soz.) miteinander verbunden. Abg. Kunert(Soz.) bemängelt die Frage des OffiziersersatzcS und des ZnlagelvescnS. Bei der Zuwendung von Gnadenzulagen entscheidet nicht die Tüchtig- keit deS Offiziers, sondern es wird lediglich danach gefragt, ob der Mann von Adel ist. Weiter bemängelt der Redner, daß aus dem Etat nicht mit genügender Klarheit hervor- geht, welche Fonds Reichseigentum sind und welche den einzelnen Kontingenten gehören. Speziell in Sachsen sind eine ganze Anzahl Fonds, Druckereifonds, Sandfonds, Kasinofonds, Kriegsbeutefonds und eine Reihe anderer Fonds, die man nur als „schwarze Fonds" bezeichnen kann. Der Obcrintendanturrat Stacgemann deckte auf, daß bei diesen Fonds eine ordnungsmäßige Abrechnung gar nicht erfolgt, und daß überhaupt das Kassenwesen im sächsischen Kriegsministerium ganz im argen liegt. Die Regie- rnng schritt nicht ein und eröffnete auch kein Disziplinarverfahren gegen den Oberintendanturrat Staegemann, jedenfalls, weil sie sich geniert, die betrügerische Art der Ausgaben klar zu legen; tatsächlich herrschen bei diesem Kassenwesen beinahe russische Zustände. Niemals hat eine geordnete Geschäftsführung stattgefunden, die Aus- gaben wurden als geheime behandelt, und wo das Geld geblieben ist, weiß außer den treulosen Beamten niemand. Man spricht so viel von der Finanznot des Reiches und von Sparsamkeit; hier könnte man sparen, wenn man diese schwarzen Fonds konfis- ?ierte und den Einnahmen des Reiches zuführte. Der Reichs- anzler müßte den Rechnungshof zu einer Revision des gesamten Kassenwesens im sächsischen Kriegsministerium veranlassen. Im Königreich Sachsen betragen diese schwarzen Fonds nicht weniger als 5 Millionen Mark. Für das reichsschädigende Verfahren der sächsischen Jntendanturbeamten muß das Reich noch anständige Ge- hälter zahlen. Ich habe hier schwere Anklagen ausgesprochen. Ich betone, daß sogar der s ä ch s i s ch e K ö n i g an der Spitze solcher ungesetzlichen Fonds steht. Ich bringe das hier vor, weil nur durch die Ocffent- lichkeit ein solcher Druck ausgeübt werden kann, daß solchen Dingen Einhalt getan wird. Der Reichstag muß! Wandel schaffen gegenüber diesen Dingen, die von einem verstiegenen korrupten Parti- kulariSmus verschuldet find.(Bravo l bei den Sozialdemo- kraten.) Sächsischer Bundesratsbevollmächtigter Generalmajor Freiherr ». Salza und Lichtenau: Schwarze Fonds, die eigentlich an die Reichskasse gehen müßten und widerrechtlich in Sachsen zurück- gehalten werden, haben wir nicht. Wir haben Fonds aus Stiftungen und andere Zuwendungen, die beim Eintritt Sachsens in den Norddeutschen Bund ausdrücklich anerkannt wurden als lediglich dem König von Sachsen unterstehend; sie werden ledig- lich für sächsische Offiziere und Unteroffiziere verwendet.— Der KriegSbeutefondS ist ein legaler Fonds, der von dem OberrechnungShos deS Reiches geprüft wird. Auch die übrigen Fonds, von denen der Abg. Kunert gesprochen, sind durchaus gesetzlich und einwandfrei und ihre Verwendung geschieht durchaus ordnungsgemäß. ES herrscht auch keine Geheimniskrämerei; aber Unterstutzungen werden natürlich nicht ganz offen vor allen Leuten bekannt gemacht. Abg. Erzberger(Z.): Die beweislosen Behauptungen deS Abg. Kunert müssen auch vom Reichstage zurückgewiesen werden, nicht nur vom BundeSratStisch; deshalb will ich die Ausführungen des sächsischen Bundesratsvertreters auch meinerseits unterstreichen. Abg. Kunert(Soz.): Herrn ErzbergerS Schwall und Redensarten ändert nichts daran, daß der Eigentümer mehrerer der von mir genannten Fonds das Reich ist; auch der sächsische Bundesratsbevollmächtigte hat mich nicht überzeugt, daß meine Auffassung über die Verwendung der meisten Fonds als einer ungesetzlichen zutreffend ist. Abg. Werner(Antis.) wünscht die etatsmäßige Anstellung der Jntendanturschreiber. Bundesratsbevollmächtigter Generalleutenant v. Wachs betont, daß das nicht angängig sei. Kleines f euilleton* Spiclhagen und die Sozialdemokratie. Die literarischen Herolde des Liberalismus haben zumeist nicht begreifen wollen, daß über ihre Welt hinaus sich eine neue auftun könnte, und daher war ihnen der Sozialismus nicht viel mehr als eine Verwirrung des Menschengeistes. Eine Weltanschauung, die das freie Spiel der Kräfte nicht gelten lasten wollte, mußte ja allen, die in den be- rühmten liberalen Errungenschaften und in der Bismärckischcn Einigung Deutschlands ihre Jugendträume erfüllt sahen, ein Greuel sein. Nur wenige dieser liberalen Vorkämpfer blickten weiter, und zu den wenigen Vertretern der bürgerlichen Literatur- epoche, die dem Sozialismus im allgemeinen und der Sozialdemo- kratie im besonderen eine gewisse Anerkennung zollten, gehört Friedrich Spielhagen. Die Einsicht dieses Dichters ln die Bedeutung der Arbeiterbewegung ist um so höher zu bewerten, als sie ihm aufging in einem Alter, in dem der Mensch sich sonst allen neuen Ideen nur zu gern verschließt. Um die Mitte der neunziger Jahre war eS, zu jener Zeit, wo gegen die„Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen," abermals eine gewaltige Hetze einsetzte, und die um den Besitz ihrer Millionen und ihre Ausbeutungsfreiheit be- sorgten Großkapitalisten besonders eifrig für den Zuchthauskurs zu schwärmen begannen. Zu jener Zeit fühlte Spielhagen die Pflicht, den Klastenegoismus und die streberhafte Roheit der Patentstlltzen der heutigen Ordnung in aller Derbheit zu charakteri- sieren. In der Zeitschrift„KosmopoliS" schilderte er im Januar 1896 diese Sorte von Uebermenschen und stellte ihnen die sozial- demokratisch organisierte Arbeiterschaft gegenüber: „... Und Herz und Verstand raunen einem zu, daß die Sache ber sozialdemokratischen Herdenmenschen, bei Lichte besehen, eigentlich recht viel für sich hat; ist denn wirklich, was dem einen recht, dem anderen billig? Nach Utopien freilich wird die Reise nicht gehen, aber vielleicht doch nach einem Lande, wo die armen Teufel, wenn nicht ihr sonntägliches Huhn im Topfe, so doch mit Weib und Kind ein leidliches Auskommen haben. Und dann, man ist ein geistreicher Mensch. Soll einem da d i e Angst nicht Spaß machen, mit der die beoti possickentes lauschen, ob der Bataillonschritt der Enterbten etwa schon heran- dröhnt, oder ob man noch die fällige Couponserie in Ruhe ab- schneiden kann? Auch ist die Intelligenz, die diese Herdenmenschen an den Tag legen, eigentlich respektabel und Bebel doch der einzige im Reichstage, den anzuhören sich der Mühe verlohnt. Und dann ihre straffe Disziplin, ihr organisatorisches Geschick, ihr lieber- tzeugungSmut in einer Welt, in der Honst keiner mehr von ,rgev5 etwas überzeugt ist, die Schnelligkeit, ejü der st? ig Wort Abg. NoSke(Soz.): Weil Herr Kunert sich in einigen Fällen geirrt hat, tut Herr Erzberger so, als ob nichts von seinen Ausführungen bewiesen sei. Dabei steht doch fest, daß die sächsischen Intendanturen mit eigenen Druckmaschinen fingierte Rechnuugea hergestellt und dem Rechnungs- Hof eingesandt haben, ein Verfahren, daß erst auf Rüge dcS Ncch- nungshofes hin abgestellt wurde. Damit schließt die Diskussion. Die beiden Kapitel werden angenommen. Bei Kavitel„ M i l i t ä r j u st i z" bringt Abg. Hengsbach(Soz.) Beschwerden von militärischen Unter- suchungsgefangenen vor. Der Notschrei dieser Leute, die oft Monate hindurch in Hast gehalten werden— bisweilen wegen geringfügiger Vergehen oder sogar unschuldig— muß einmal im Rcichsiage ge- hört werden. Leute, die nachher freigesprochen worden sind, haben lange Wochen in kalten, feuchten, zum Aufenthalt von Menschen gänzlich»»geeigneten Arrrsrlokalc» zubringen müsse»(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten), so daß sie geistigen und körperlichen Schaden erlitten haben. Ja, es sollen schon Leute durch eine der- artige Untersuchungshaft zum Wahnsinn getrieben worden sein. (Hört! hört l) Ich bitte dringend um Abhilfe.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Ein VundcSratSLcvollmächtigtcr erklärt, der Militärverwaliung seien die geschilderten Zustände nicht bekannt. Sie werde selbstredend Nachforschungen anstellen. Der Vorredner hätte vorher mitteilen sollen, daß er diese Sache zur Sprache bringen würde. Abg. Hengsbach(Soz.): Sie ist erst gestern abend zu meiner Kenntnis gekommen. Beim Kapitel„Beamte und Unteroffiziere" spricht Abg. Zubcil(Soz.): Schon zu verschiedenen Zeiten sind von Abgeordneten— nicht mir von uns Sozialdemokraten— 5llagen über die schwere Kon- kurrenz erhoben worden, die den Zivilmusikcrn von der Militärmusik bereitet werden. Wir verlangen dringend die Beseitigung der Auswüchse. ES ist eine kleine Einschränkung des Bestandes der Militärmusik eingetreten; sie genügt aber nicht, und es kann noch eine ganz bedeutende weitere Herbsetzung stattfinden, ohne daß irgendwelche militärische Interessen gefährdet werden. Aus diese Weise kann auch leicht eine Million Mark gespart werden. Es ist wirklich nicht einzusehen, warum die Eisenbahnregimenter, Schießschulen usw. Militärmusik haben müssen. Werden etwa Eisen- bahnschienen bei Klängen der Musik gelegt?(Große Heiterkeit.) Die Beschwerden der Zivilmusiker über die Konkurrenz der Militär- musik finden noch immer bei den Militärbehörden wenig Entgegen- kommen; obwohl doch die Interessen des militärischen Dienstes unter der außerdienstlichen Betätigung der Militärmusiker leiden. Ein Blick in die Zeitungen zeigt, wie ausgedehnt— räumlich und zeitlich— die 5loiizertreisen sind, die von den Miliiärkapellen unternommen werden. Da sind Notschreie der Zivilmusikcr begreiflich, die ans allen Teilen Deutschlands zu uns dringen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Da schreiben Z i'v i l k a p e l l m e i st e r. daß die Konkurrenz der Militärmusik sie zur Auflösung ihre Kapellen zwingt, da klagen verheiratete Musiker, daß sie bald außerstande sein werden, Brot für Frau und Kinder zu erwerben.(Hört I hört!) Werden darum die Militär- mustker aus dem Gelbe der Steuerzahler bezahlt, genießen sie darum alle die Vergünstigungen der Unteroffiziere, um den Zivil- Musikern Schmutzkonkurrciiz zu machen? Die Polizeivor- s ch r i f t e n werden zugunsten der Militärkapellen außer Kraft ge- sitzt. oder erfahren eme andere Auslegung; der Polizei- Präsident von Berlin faßt den Begriff„Nachtcafü" anders, wenn es sich um Militärmusiker, als wenn es sich um Zivil- mustker handelt(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Bei dieser behördlichen Begünstigung der Unterbictung darf man sich nicht wundern, wenn aus Theatern, Sommcrthcatern, Zirkussen, Ans- slcllungslokalen usw. die Zivilmusiker verdrängt werden. Nur ein Beispiel: Auf den Terrassen im Lunapark in Halcnsce ist die Zivil- musik verdrängt durch die schmutzige Konkurrenz der Militärmusik, hauptsächlich, weil sie bei schlechrcin Wetter noch iniltags abbestellt werden kann. Bei der Komischen Oper freilich mißlang das Manöver, die Militärmusiker waren einfach unfähig, solche Musik zu machen, und deshalb war ihre schmutzige Konkurrenz vergeblich. Vizepräsident Schultz rügt den Ausdruck„schmutzige Konkurrenz". angewendet auf Militärkapellen. Abg. Zubcil(sortfahrend): Dann werde ich also sagen„un- lautere Konkurrenz". In keinen, Beruf ist das Ringen um die Existenz so schwer, wie bei den Musikern; 69006 Zivilberufsmusiker existieren, davon nur 2000 in festen Stellungen. In Frank- reich dürfen die Militärmusiker den Zivilmusikern keine Konkurrenz machen; trotzdem ist ihre künstlerische Ausbildung reichlich so gut wie bei uns.— Nun noch einige Anfragen: Dürfen die Kapellmeister Mitglieder bürgerlicher Vereine sein, um leichter Geschäfte abschließen und Schrift für ihre Doktrinen eintreten. Dazu daS dunkle Gefühl, daß in möglicherweise bereits absehbarer Zukunft nicht dem lieber-, sondern dem Herdenmenschen die mit Telegraphen- und Tclephondrähten übersponncne, von Eisenbahnzügen und Dampfern nach allen Richtungen befahrene, bald bis in die letzten Dörfer elektrisch beleuchtete Erde gehören wird." Haben wir in diesen Worten des Dichters eine Anerkennung der sozialdemokratischen Organisationsbcstrebungen, so finden wir Spiclhagen um dieselbe Zeit das Verhältnis zum M i l i t a r i s- m u s würdigen. Ende 1805 erregte das tragische Ende des rufst- scheu Schullehrers Drodschin in der Kulturwelt Aufsehen. Als praktischer Bekenner der Lehren Lolstois hatte Drodschin sich geweigert, Militärdienste zu tun; und dafür war er in der russischen Armee zu Tode gemartert worden. Als nun Tolstoi das Ende seines Schülers beklagte, wandte Spielhagen sich mit dem Vorwurf gegen den Philosophen, daß auch er an dem Tode des jungen Schwärmers ein Teil der Schuld trage. „Sehen Sie, Herr Graf." so schrieb der deutsche Dichter,„da sind unsere Sozialdemokraten ein gut Teil weiser und klüger als Sie. Seien Sie versichert, die haben einen nicht minderen Widerwillen gegen den Zwang des Königsdicnstes als Sie, predigen mit nicht geringerer Ucberzeugung den Welt- frieden; aber sie wissen, daß die Sache der Unterliegenden nur starrköpfigen Catoncn gefällt, erfolglose Revolutionen in den Büchern der Geschichte auf unrühmlichen Blättern verzeichnet sind, hüten sich deshalb sorgsam, sich zur Zielscheibe kleinkalibrigcr Hinterlader und gezogener Kanonen darzubieten und lassen ihre Jungen mit blutendem Herzen den Fahneneid schwören und die „Kunst des Menschentötens" lernen, in dem festen Vertrauen, daß „die allmähliche Läuterung des Menschen- geistes" ihre Geschäfte schon gründlich be- sorgen wir d." Man ficht an diesem freimütigen Bekenntnis, daß der liberale Spielhagen sich sehr zu seinem Vorteil von jenen Fortschritts- mannen unterschied, die ihn in Nekrologen jetzt als den ihren preisen. „Die menschlichen Leidenschaften". Man meldet uns aus Brüssel: Die Kunstfreunde haben über das Muckertum gesiegt. Das vor 11 Jahren vom Staat angekaufte, bisher eingeschlossene Kolossalrelief des Bildhauers Lambcaux:„Die menschlichen Leiden- schaften", ist endlich— nach einer neuerlichen Interpellation in der Kammer— der Oeffentlichkeit übergeben worden. Die Sammlung öffentlicher Kunstdenkmälcr BrüffelS, das im glücklichen Gegensatz zu mancher Großstadt seine Gärten und sdbönsten Plätze, neben Konventionellem versteht sich, mit den besten Werken seiner einheimischen Künstler schmückt, erhält mit de», Bildwerk eine edle, künstlerische Bereicherung.— Das Hochrelief bildet die Rückwand eines im Park Cinquantenaire stehenden Tempelchens, dessen Entwurf von dem zu können? Dürfen die Kapellmeister neben ihrem Honorar»och Prozente von ihren Hoboisten nehmen? Manche sollen bis zu 20 000 M. Jahreseitikoinmen daraus haben.— Der Reichstag hat allen Anlaß, die unlautere Konkurrenz der Militärmusiker, diese schmutzige Konkurrenz energisch zu bekämpfen.(Bravo 1 bei den Sozialdemokraten.) Abg. Kopsch(Vp.): Erfreulicherweise ist die Zahl der Musiker gelegentlich der neuen Militärvorlage um rund 1000 Mann ver- ringert worden. Bon sachverständiger Seite wird einer weiteren Herabsetzung der Militärmusiker das Wort geredet. Bundesratsbevollinächtigter Generalmajor Wandel dankt dein Präsidenten für die Zurückioeisung des Ausdrucks„schmutzige Kou- kmrenz". Die Bestimmungen über das Musizieren seitens der Militärkapellen lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Die Militärmusiker sind keineswegs billiger, als Zivilberufsmusiker; aber das Publikum lvill eben vielfach Militärmusik hören. Abg. Dr. Görckc(natl.): Der Behauptung des Abgeordneten Znbeil. daß die Militärmusik kulturfeindlich sei, müsse mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Die Konkurrenz der Militärkapellen sei allerdings unbeguem für die Zivilbcrufsmusiker, aber sie sei in den letzten Jahren erheblich eingeschränkt worden. Abg. v. Richthofeu(k.) spricht in gleichem Sinne. Abg. Zubcil(Soz.) hält seine Darstellung mehrerer Einzelfälle gegenüber dem General Wandel aufrecht. Ebenso ist es richtig, daß künstlerisch die Zivilmusiker den Militärmusikern überlegen sind. Vor allem zeigt sich das Unlautere der Konkurrenz der Militärmusiker darin, daß ihr Tarif in fast allen Positionen niedriger ist, als der der Zivil- berufsmusiker. Hierin müßte Wandel geschaffen werden und ferner müßte den Militärmusikern verboten werden, noch nach 1 Uhr nachts zu konzertieren, dann würde die Musik auf Bällen und Hochzeiten ohne weiteres den ZivilberusSinnsilern zufallen.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Praschma(Z.): Der unlauteren Konkurrenz treten auch wir entgegen, aber der Kampf der Linken gegen die Militär- musik geht doch zu weit; die Militärmusik ist nicht kulturfeindlich, sondern geradezu kultursördernd, sie hebt in vielen Orten den Ge« schmack des Publikums. Generalmajor Wendel behauptet, daß der Tarif der Militär- mustker in manchen Positionen höher sei als der der Zivilberufsmusiker, in anderen allerdings niedriger. Beim Titel„Garnisonlazarette" tadelt Abg. Geck(Soz.) die Verwendung der Lazarettgehilfen, speziell der als Lazarett« gehilfen dienenden Lehrer, zu Diensten wie Oese»heizen, Treppenscheuern, Reinigen von Beamte»dien st- Wohnungen usw.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Zwei ganze Stunden pro Woche wurde den Lehrern Unterricht in ärztlicher Hilfeleistung erteilt. Man könnte denken, die Nachricht stamme aus einer Karnevalszeitung(Heiterkeit); die Tatsachen sind aber offiziell vom hessischen Lehrervercin festgestellt worden.(Hörtl hört!) Will man den Lehrern auf diese Weise vielleicht Handfertig- keitsunterricht erteilen?(Heiterkeit.) Man denke, daß vielleicht der Herr Maschinenmeister oder der Herr Feldwebel oder der Herr Rechnungsrat, deren Wohnungen der Lehrer als Lazarettgehilie zu reinigen hat, Kinder haben, die der Lehrer im Zivil zu unterrichten hat; wie sehr wird wohl der Reipckt der Kinder vor dem treppescheucrndcn Lehrer wachsen?(Heiterkeit und Sehr gutl bei den Sozialdemokraten.) UebrigenS geht eS bisweilen Zahnärzten im Lazarettdienst nicht viel besser. Ein Dentist wurde, statt ihn. was doch gewiß zweckmäßiger gewesen wäre, mit der Untersuchung der Zähne der Soldaten zu beauftragen, die vielleicht unter dem harten Kommißbrot gelitten habe»(Große Heiterkeit), im Lazaretlhofe mit GraSzupfcn beschäftigt. (Hörtl hörtl und Heiterkeit.) Eine ja ganz idyllische, aber nicht gerade zu Beruf und Vorbildung der Zahnärzte passende Beschäftigung! Wir möchten die Militärverwaltung ersuchen, mit solchen Mißstünden aufzuräumen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Görcke(natl.): Durch die sozialdemokratische Presse geht eine Notiz, daß olljährlich in Spandau in aller Heimlichkeit ein sogenanntes Lcichcnschicßeu stattfindet. Zuerst werde, so heißt eS in dem betreffenden Artikel, aut Tierkadavcr, dann auf präparierte menschliche Leichname geschossen. Der Artikel knüpft daran Be- merkungen wie die: das sei ja eine prächtige Vorbereitung für das Schießen auf Vater und Mutter I Entweder muß die Nachricht energisch dementiert oder aber, wenn sie wahr ist, muß für Ab- Hilfe gesorgt werden. Ich hoffe aber, daß die Nachricht auf Un- Wahrheit beruht. Dann muß solcher Verhetzung auf das aller« entschiedenste entgegengetreten werden. Oberst Wandel dankt dem Vorredner für die scharfe Zurück- Weisung des Artikels, gibt aber dann zu, daß auf Gliedmaßen von modernen Baukünstlcr Horta, dem Schöpfer des Brüsseler sozialisti- schen VollshanseS. herrührt, das durch einfache Marmor» wände und gedämpftes Oberlicht eine im ganzen glücklich- Raum- stiimnung schuf. Das Relief zeigt als Motiv den Menschen im Ringen mit den Gewalten der Leidenschaften. Wie die Wogen einer wilden See sind die Menschenleiber aufeinandergetürmt: wild» ausschreitende zyklopische Männer, lachende Frauen von RubenSschen Formen, qualverzehrte Greise, zum Kampf allsholende und zer« brocheue, von der Glut der Lust umloderte und von der Leidenschaft zerwürgte Gestalten— ein wunderbares und fürchterliches Chaos von Leibern, auf die der Tod. ein grinsender Philosoph, nieder» schaut. Aus dein ivilden Leiberhanfen ragt eine ernste, weibliche Riesenfigur, ein Kind auf dem Schoß, das seinen Arm nach einem Apfel ausstreckt. Rechts neben dem Tod oben ein Gekreuzigter.., Das Ganze dieser, bald zart, bald wuchtig aus dem Stein heraus» wachsenden Gestalte» ist von einem berauschenden Rhythmus der Bewegung und kühnster plastischer Gewalt. Notizen. — Ein JesuS-Drama verboten. In Eisenach sollte diesen Sommer als Festspiel ein aus dier Dramen bestehender Zyklus, der den Jesusstoff in nioderner, rein menschlicher Weise gestaltet, von dem Weimarer Oberregisseur Karl Weiser auf- geführt Ivcrdcil. Das Städtische Theater war dafür gemietet wordeu, und da Eisenach manchem als eine Freistatt protestanti- scheu freien Denkens gilt, sprach man von einem modernen Gegenstück zu dem mittelalterlichen Oberammcrgauer Festspiel. Die Stadtvertrctung blieb gegenüber den Protesten der Mucker, die ein großes Wehgeschrei erhüben, fest. Aber die staatliche Aufsichtsbehörde, das Bezirksamt, hat jetzt die Aufführung „aus Gründen des öffentlichen Wohles" verboten. Das protestantische Staatsmiiiisrerium ist also mindestens so kunstfeindlich als die katholische Kirche. Die„gebildeten Protestanten" aber, auf deren Besuch man gezählt hatte, werden durch ihre Obrigkeit vor moder- nistischer Verseuchung bewahrt. Und das in der freien Lutherstadt und im Lande Goethes. — Ein W e l t f p r a ch e n a m t. In V e r n hat sich ein Ver- band zur Gründung eines Weltsprachcnamtes gebildet, Präsident ist Alt-BundcSrat Frey, Vizepräsidenten sind Nationalrat Gobat-Bcrn und Professor Ostwald-Leipzig. Der Verband wird an den schweize- rischcn Bundesrat eine Denkschrift richten mit der Einladung, bei den Regierungen aller Kulturstaaten anzufragen, ob sie zur Be- schicknng einer iiiternalionalen Konferenz geneigt seien, die sich mit dem Studium der Bedürfnisfrage einer Hilfswcltsprache beschäftigen solle. — Kun st abend. DaS Schiller-Theater veranstaltet Sonntag, den 5. März, abends 8V2 Uhr, im Schillersaal, Charlotten« bürg, einen Spielhagen- Abend. Bnatomicleichc» geschoss?» werde. DaS sei dringend not- Wendig, um die Wirkung der Geschütze zu erproben. Abg. Noske sSoz.): Generalmajor Wandel begann mit einem Dank an den Vor- reduer, weil er sich gegen den Artikel gewandt habe, und musite dann doch die R i ch t i g k e i t der wichtigsten Angabe jenes Artikels zugestehen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es stimmt also, das; nicht' Mos, auf Scheiben, sondern auch auf menschliche Gliedmaßen geschossen wird.(Hört! hört I bei den Sozial- demolraten) Ich konstatiere diese Tatsache, tiberlasse aber das Urteil, wie weit zur Feststellung von Schußwirkungen solche Ver- Wendung von Leichen notwendig ist, den Aerzten.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Mugdnn(Vp.): Die Sozialdemokratie will eine Partei der Ausklärung, will eine Volkspartet sein und leistet dem gröbsten scholastischen Aberglauben, der Scheu vor Leichen, der Abneigung gegen das anatomische Studium Vorschub.(Lachen und Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Die Wirkung von Geschützen muß an Leichen erprobt werden.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Daher wohl Moabit I und Nehmt doch Offizicrsleichen! Lärm rechts.) Abg. NoSkr(Soz.): Ich habe ja ausdrücklich erklärt, daß ich das Urteil über die Notwendigkeit der Schicßversuchr an Leichen den Aerzten überlasse. Herr Mugdan hat mich freilich enttäuscht. Der Arzt, der Leichen zergliedert, dient seinem Beruf, aber ganz etwas anderes ist es, wen» dem Soldaten kommandiert wird, auf Leichen zu schießen. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Darüber muß Empörung bei nuS entstehen, denn natürlich handelt es sich um Leichen von Angehörigen der besitzlosen Klasse, die ja immer zu allen möglichen Experimenten dienen müssen. (Lebhaftes Sehr wahr! hei den Sozialdemokraten, Unruhe bei den bürgerlichen Parteien.) Luch bei diesen Versuchen bandelt es sich um die Leichen von bedauernswerte» Proletariern. Mit Empörung wurden Sid sich dagegen wehren, wen» man Ihnen zumutete, die Leichen Ihrer Angehörigen zu solchen Versuchen herzugeben.(Lebhaftes Sehr richtig I ber den Soz.) In unserem Protest gegen diese Ver- suche liegt ein Stück proletarischer Auflchiumg.(Lebhaste Zustimmung bei de» Soz.) Abg. Dr. Mugdan(Vp.): Nicht ein Stück proletarischen Auf- lehnens zeigt sich bei Ihnen, sondern geistige Zurückgebliebenheit. (Beifall b. d. Volkspartei.) ES handelt sich hier nicht um Proletarier, deren Leichen aus Krankenhäusern kommen, sondern um Leichen, die auch zu anatomischen Sektionen dienen, und das sind nur Leichen von Strafgefangenen. Alle Anatomien leiden za unter einem Leichenmavgel. Die Ausführungen des Abg. NoSke laufen darauf hinaus, den anatomischen Unterricht an Leichen überhaupt unmöglich zu machen, genau wie im Mittelalter.(Widerspruch bei den Sozial- demolraten.) NoSkes Aeußerungrn heißen doch nichts anderes, als daß er den Aberglauben aller derjenige», die� in einer Leiche etwas ganz besonders Furchtbares sehen, noch schürt.(Beifall bei der Vollsporlci. Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Frank-Mannheim(Soz.)i Den Schluß dcS Abg. Mugdan, wir seien keine Kulturpartei, muß ich zurückweisen. Ten Beweis dafür, daß wir KnIIurpartei im eminentesten Sinne sind, fuhren wir durch unseren Kamps gegen den Militarismus und gegen solche Erscheinungen, die beweisen, daß dem Militarismus alles was sonst von bürgerlicher Seite und von Ne- gierungSseite als heilig hingestellt wird, geopfert wird. In Preußen ist cS heute sogar noch verboten, Leichen auch nur zu verbrennen. (Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) In demselben Staat aber hat man kein religiöses Bedenken dagegen, Leichen als Zielobjekt zu Verwenden, denn darum handelt eS sich. Das Gefechtsfeld ist hier völlig verschoben. Herr G ö r ck e entrüstete sich zuerst über den Artikel der sozialdemokratischen Presse und erklärte ihn für nicht wahr. Wäre er aber wahr, so sagte er. würde keine Ent- rüstnng stark genug sein.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Erst Herrn Dr. Mugdan blieb e» vorbehalten, militaristischer zu sein, als die Vertreter des Kriegsministers. Denn wenn ich die Gesichter der Herren richtig beurteile. so haben sie zuerst gar nicht daran gedacht, die Sache zu verteidigen, und der Generalmajor Wandel hat es ansang» gar nicht zugeben wollen, sondern von„anatomischen Präparaten" gesprochen. Das sind nämlich Dinge, von denen die Wähler draußen nicht wissen, daß sie mit Leichen identisch sind. Herr Mugdan hat zuge- standen, daß zu medizinischen Zwecken einzelne Schusse auf Leichen abgegeben seien. Von der Regierung wurde gar nicht behauptet, daß es zu Studienzwecken geschah, und eS ist auch nicht wahr. ES ist eben etwas ganz anderes, ob zu Zwecken solcher Untersuchungen geschossen wird, oder ob, wie eS hier der Fall war, die Soldaten an das Schieße» ans menschliche Gliedmaßen gewöhnt werden sollen.(Unruhe bei den bürgerlichen Parteien.) Ihre Entrüstung bezeugt mir. daß Sie ebenfalls der Meinung sind, mir seien mir Recht über diese Art der Schulung der Soldaten ent- rüstet. Ich stelle fest, daß von keiner Seite, auch von Dr. Mugdan nicht, behauptet wurde, diese Verwendung der Leichen sei mit Ein« Verständnis der Angehörigen geschehen, und da« ist eben das Em- pörcnde, daß ohne weiteres für die Armen die Pflicht statuiert wird, ihre Leichen anschießen zu lasse» zu patriotischen Zweck«. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Generalmajor Wandel: Waö in dem angeführten Artikel stand, entsprach nicht der Wahrheit, daß nämlich die Soldaten zum Schießen auf Vater und Mutter angelerut werden sollten. Ueberhaupt hat keiner der Soldaten etwas von den Präparaten gesehe», denn sie waren verdeckt oder verhüllt. Es handelte sich� um Versuche, durch welche die Verwendungsfähigkeit des L-GeschosseS, besonder? seine Neigung sich quer zu stellen, festgestellt werden sollte.. Abg. Dr. Mufldan(Vp.): Die Verwendung von Leichen zu solchen Zwecken ist nicht zu vermeiden. Mancher Verbrecher, der in seinem Leben der Menschheit nur geschadet hat, nutzt ihr nach dem Tode mit seinem Leichnam. Abg. NoSke(Soz.): Herr Dr. Mugdan scheint durchaus daran festhalten zu wollen- uns der Beförderung des Aberglaubens zu bezichtigen. Viel Glück wird er damit niibt haben.— Gegenüber dem Generalmajor Wandel stelle ich fest, daß die Zöglinge der Spandauer Schieß- schule sehr wohl wußten, daß sie auf Leichenteile zu schießen hatten. — Soviel steht fest: in dem Artikel mag einiges stehen, was sich nicht aufrecht erhaltsn läßt, aber die Entrüsiungsaktion, die der Abg. G v r ck e einzuleiten suchte, ist gründlich inS Wasser gefallen. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Görckc(natl.): Fest steht, daß der Artikel unerhörte Uebertreibungcn und gehäisige Schlußfolgerungen enthielt. Nachdem Herr Noske dieses Beiwerk preisgegeben hat, erwarte ich, daß die Sozialdemokratie für Nichtigstellung und für Nüsfeluug des Verfassers jenes Artikels sorgt.(Beifall bei den bürgcrlicheu Parteien.) Abg. Zietsch(Soz.): Sie fordern uns zur Richtigstellung auf und haben kein Wort de? Tadels für die k o n st a t i e r t e n Tatsachen. Wir sind die letzten, die eine Verwendung von Leichen zu Wissenschaft« lichen Zwecken mißbilligen. Haben wir je ein Wort gegen das Studium der Anatomie gesagt? Als sehr frivol freilich müssen»vir eS bezeichnen, wenn Bonner Studenten in Anatomie- leichen ihre Monogramme einritzen.(Hört I hört! bei den Sozial- demokraten.) Aber d i e Verwendung von Leichenteile», von der hier die Rede ist, kann doch unmöglich als wissenschaftlich bezeichnet werden. Die Schüler der Schießschule treiben doch leine anato- mischen Studien.(Heiterkeit und Sehr gutl bei den Sozial- demolraten.) Und weiter hat sich Herr Mugdan Ge- danken gemacht über die Empfindungen der zu diesen Schießversuchen verwandten Mannschaften? Werden die Leute nicht dazu kommandiert? Oder nimmt man etwa nur Freiwillige dazu? Herr Dr. Mugdan meint. eS handle sich ja nur um die Leichen von Zuchthäuslern und Sträflingen. Auch das sind Menschen, Herr Dr. Mugdan.(Sehr gnt l bei den Sozial- demolraten.) Kricgsminister v. Hecringen: Die Militärverwaltung bekommt die Leichen von der Charit« und hat nichts mit ihrer Beschaffung zu tun. Die Leichenteile werden verhüllt. Wahrscheinlich hätten die Mannschaften nicht geahnt, woraus sie zielen, wenn nicht durch Klatsch die Sache herausgekommen wäre. Abg. Carstens(Vp.) äußert sich im Sinne seine? FrakiionL- genosseu Mugdan. Die Debatte schließt. Der Titel wird bewilligt. Einige weitere Titel werden debattc« los bewilligt, worauf das HauS die Weiterberatung auf Mittwoch 1 Uhr vertagt. Schluß 7>/< Uhr._ Mgeoränetenkaus. 38. Sitzung vom Dienstag, den 28. Februar, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: S y d o w. Nach Erledigung deS Gesetzentwurfs betreffend die Erweiterung des Stadtkreises Breslau in erster Lesung, der an die G e- meindekommission verwiesen wird, wird die zweite Beratnng des Etats der Handels- und Gewerde- Verwaltung fortgesetzt beim Titel„Minister". Abg. Rosenow(Vp.): Wir haben gegenwärtig eine langsame. aber stetige VorwärlSentwickelimg in Handel und Gewerbe zu ver- zeichnen. Durch unsere ganze Wirtschaftspolitik ist ja bei uns Handel und Industrie in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Landwirt- schaft sehr benachteiligt worden. Dabei find zwei Drittel der Bevölkerung in Handel und Industrie, nur ein Drittel in der Landwirtschaft tätig. Es ist endlich nötig, daß wir an den all- mählichen Abbau der Zölle gehen. Der Hansabund ist nichts als die natürliche Abwehr von Handel und Industrie, die auch ihren Platz an der Sonne haben wollen gegen die einseitige Bevorzugung der Landwirtschaft.(Sehr richtig! links.) Wir hoffen, daß er sich noch kräftiger entwickelt, um seine Ziele erreichen zu können. Davon daß der Hansabnnd einseilig Politik treibt, ist keine Rede.(Widerspruch rechts.) Uebrigens nehmen Sie ja dies Recht für den Bund der Landivirte ohne weiteres in Anspruch.(Sehr gntl links.) Wir verlangen keine Staatshilfe wie die Landwirtschaft, sondern nur freie Entwickeluna. Die Zahl der Gewerbeinspektoren sollte ver« mehrt werden. Wie notwendig eine sorgfältigere Gewerbeaufsicht ist, beweist das schreckliche Brauduuglück in der Berliner Wäsche- fabrik. ES sollten den Inspektoren Assistenten auch aus den Kreisen der Arbeiter zur Seite gestellt werden. Andererseits müsicn die Inspektoren genügend vorgebildet sein, um auch den Bedürfnissen der Industrie gerecht werden zu können. Bei der Durchführung der Bäckereiverordnung muß vorsichtig vorgegangen werden, da- mit nicht Existenzen ruiniert werden. Die Entwickelung des Fortbildungsschulwesens ist sehr erfreulich. Der Gedanke der paritätischen Arbeitsnachweise sollte bei Arbeilgebern und Arbeltern mehr Anklang finden. Die Rechtsauskunftsstellen sind dringend notwendig, aber sie müssen unpolitisch sein.(Bravo! links.) Abg. Korfanty(Pole) kritisiert die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in den oberschlesiscken Walz- und Hammerwerken. Der Gewerbeinspektor von Oppeln findet dabei gar nichts, trotzdem diese Jugendlichen häufig ohne die gesetzlichen Pausen, auch in der Nacht und bis zu 12 Stunden beschäftigt werden.(HörtI hört!) Die gesundheitlichen Ver- hältnisse in den Zinkhütten sind noch immer sehr schlecht; die Zink- hütienverordnung wird nicht gewissenhaft durchgeführt. Die von den Unternehmern abhängigen Hüttenärzte scheinen die Bleierkrankunge» einfach zu verschweigen.(Hört I hört!) Ein Arzt Dr. Seifert in Antonienhülte, der wahrheitsgetreu berichtete, wurde als Kassenarzt entlassen.(Hört I hört I) Die vorgeschriebene achtstündige Ruhepause zwischen zwei Arbeitsschichten wird nicht immer eingehalten. Wir fordern eine strengere Durchführung der Bundesratsverordnung für die schwere Eisenindustrie.(Bravo I bei den Polen.) Ein Rcgieningskoinmissar betont, daß den Gewerbeinspektorcn im Gebiet der oberschlestschen Hüttenwerke je ein Hilfsarbeiter zur Seite gestellt worden ist. Die Regierung ist ernst bestrebt, die Zinkhütten- Verordnung durchzuführen; ein Erfolg ist, daß die Zahl der älteren Arbeiter m den Zinkhütten zugenommen hat. Die Ergänzungs- Notwendigkeit dieser Verordnung wird bei ihrem Ablaut geprüft werden. Abg. Hirsch(Soz.): Angesichts der Gerüchte über den Rücktritt des Ministers könnte man sich fragen, ob es nicht richtiger wäre, die Beratung auszusetzen. denn was hat es für einen Zweck, Wünsche zu äußern und Kritik zu üben gegenüber einem Handelsminister, der vielleicht zur Zeit, wo der Etat verabschiedet wird, gar nicht mehr im Amte ist. Sinn, vielleicht trägt sich der Minister noch gar nicht mit Rücktritts- gedanken. Aber darauf kommt eS schließlich gar nicht an, denn augenblicklich gilt bei unS in Preußen der Satz: D i e M i n i st e r denken und Herr v. Hehdebrandt lenkt.(Große Heiter- keit.) Wenn ich trotzdem nicht auf das Wort verzichte, so deshalb, weil unsere Kritik sich nicht gegen die Person richtet, sondern gegen das System. Im vorigen Jahre sagte der Minister, nur wenn die Industrie blühe, gehe es den Arbeitern gut. Wenn dieser Satz, was ich dahingestellt sein lasse, richtig ist, so liegt darin die schärfste Verurteilung der Regierungspolitik. Ist doch durch die Reichs- finanzreform Industrie undHandel aufs schwerste geschädigt worden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Lasten, die hier der Industrie aufgebürdet sind, find weit größer als die sozialpolitischen Lasten, die man immer hervorhebt, um den Anschein zu erwecken, als wenn wer weiß wie viel für die Arbeiter geschehe. Die wirtschaftliche Konjunktur be- findet sich in aufsteigender Linie. Damit ist die Gefahr der Arbeits- losigkeit für die Arbeiter verringert. Das größte Verdienst in der Bekämpfung dieser Arbeitslosigkeit zur Zeit der Krise gebührt den Gewerkschaften. 67 freie Gewerklchaflen haben allein 1909 8>/z Millionen Arbeitslosenunterstützung gezahlt, außerdem 9 Millionen Kriinkenmiterstiitzung, V« Million Jnvalidcnuntcrstützung usw.(HörtI hört! bei den Sozialoemokraten.) Diese Summen haben sich die Arbeiter sozusagen am Munde abgespart. Den Gemeinden sind dadurch Riese nsurnmen an Armcnunterstützung erspart worden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Und andererseits ist das Selbstbewußtsein der Arbeiter dadurch gehoben, sie haben erfahren, wie viel sie durch Selbsthilfe erreichen können. Sind doch von 1391— 1909 aus den Zentral« lassen der 57 Verbände 35 Millionen Arbeitslosenunterstützung, 36 Millionen Krankenunterstützung und 3 Millionen Jnvalidenunter- stiitzung gezahlt worden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Den Minister möchte ich fragen, wie es denn eigentlich mit dem seit Dezennien angekündigten Wohuungsgesetz steht. Die Regierung scheint die Bedeutung der Wohnungsfrage voll« kommen zu unterschätzen.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Sie sollte uns doch mindestens Auskunft geben, warum dieses so einfache Gesetz nicht kommt. Die etatSmäßige Anstellung weiblicher Gewerbeinspektionsassi st enten begrüßen wir. Die erfolgreiche Wirksamkeit dieser Assistentinnen erkennt ja die Re- gierung an. Aber die vorgesehene Zahl von Assistentinnen reicht bei weitem nicht aus. ES muß, loie wir früher schon beantragt haben, für jeden Bezirk eine solche Assistentin angestellt werden. Eine sehr wichtige Aufgabe für diese Assistentinnen ist die Prüfung der LogiSverhältnisse der Arbeiter, die noch in Kost und LoaiS find. Für die Prüfung dieser Verhältnisse find die Frauen in der Gewerbe- iuspeltion besonders geeignet.(Sehr richtig l bei den Sozialdemo- kraten.� In der Frage der Hinzuziehung von Arbeitern zur Gewerbe- inspekuon ist die Regierung noch immer nicht aus dem Stadium der Erwägungen herauögelommen. In Hessen und Württemberg hat sich diese Hiuzuzrchnng von Arbeitern zur Gcwcrbeinspektion sehr bewährt. Abgelehnt hat man in der K o m m i s s i o n sogar unsere Forderung. A e r z t e zur Gewerbduspektion hinzuziehen. Die Tätigkeit gewerbehygienisch vorgebildeter Aerzte ist aber bei der Gewerbeinspektiou, wenn sie ihren Zweck erfüllen will, nicht mehr zu entbehren. Selbstverständlich ist, daß die Unternehmer, die Herren im eigenen Hanse bleiben wollen, dagegen energisch protestieren. D i e g a h l d e r R e v i s i o il e n i st heute ganz ungenügend. Noch nicht die Hälfte oller Betriebe ist auch nur einmal im Jahre revidiert worden. Protestieren müssen wir gegen eine Verfügung deS Ministers, die den Gcwerbeinspektioneu einen Maulkorb vorlegt. Danach sollen sie von allen theoretischen Trötterimgen in ihren Berichten absehen, sie sollen keine Abschweifungen auf das Gebiet der Abänderung und Ausgestaltung der Gesetzgebung macheu. Gerade diese An- reguugen der Ge Werbeinspektoren aber»nachten bisher ihre Berichte wertvoll.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) De» Beifall der Scharfmacher hat dieser Erlaß deS Ministers natürlich gefunden; das allein schon sollte ihm zu denken geben. Gerade die Männer der Praxis sind auf Grund ihrer Erfahrungen izn solchen Vorschlägen boionderS geeignet. Ein weiterer Erlag vom 17. April 1010 bezieht sich auf die Sonn- t a g S r u h e. Er gibt den Gewerbciuspektoren das Recht, über die längere Bcschnftiqnng von Arbeitern an Sonntagen zu entscheiden. Leider ist er aber nicht auch ausgedehnt auf Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter des HandelsgeiverbcS. Am 27. Oktober 1909 hat der Minister einen früheren Erlaß aufgehoben, wonach Innungen Arbeitgeber-Ver- bänden nicht beitreten durften. Man begründet daS damit, daß die ArbeitgeSerorganifationen dem gewerblichen Friede» dienten. In der Tat aber sind sie Kalupfvrgnilisatioiiea genau so wie die Gewerkschaften. Wir erkennen ihnen insofern auch genau dieselbe Existeuzberechtigung zu wie den Gewerkschaften. Protestieren müsicn wrr aber gegen oie Behauptung, daß Gewerk- sSaflen frivol Streiks provozierten. Das Gegenteil ist der Fall. Wohl aber provozieren Arbcttgcberveriändr frivol Aussperrungen. Das hat die Denkschrift des Verbandes Berliner Baugeschäfte für die letzte Bauarbeiierausipmung offen zugegeben.(Hört! hört!) Sie gibt zu, daß die Arbeiter keine Forderungen gestellt hatten und daß nur die Forderungen der Dresdener Tagung der Bauarbeitgcber die Aussperrung verschuldet habrm Diesen Kampf haben übrigens die angeblich sozialdemokratischen Verbände Schulter an Schulter geführt mit den Ehristlichen und Hirsch- Duuckerschen. Also wir erkennen daö Recht der Arbeitgcberorgaui- sationen an, verlangen aber Freiheil der Entwickelung auch für die Gewerkschaften. Dle Behörden müsien in den wirtschaftlichen Kämpfen, die immer schwerer werden. Neutralität üben. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)— Die Handwerker sind heute zum großen Teil proletarische Existenzen. Das ist eine natur- notwendige Folge der Entwickelung und nicht etwa die Schuld der Sozialdemokratie. DaS kleine Handwerk kann mit dem Großkapital nicht konkurrieren. Wir sind für alle Maßnahmen, die eine bessere technische und kaufmännische LuS- bi l d u» g des Handwerks wollen, aber auf die Dauer wird auch daS dem Handwerk nicht viel helfen. Die Handwerker müssen zur Erkenntnis ihrer Klassenlage kommen, sie dürfen sich nicht alz etwas BesiereS fühlen als die Arbeiter. Inkonsequent ist eS von den Herren, die sich als besondere Beschützer deS Handwerks aufspielen, wenn sie daS Handwerk mit der Halbierung der Beiträge zu den Krankenkassen noch mehr belasten wollen. Man schützt als Grund vor die angebliche sozialdemo- kratische Mißwirtschaft in den Krankenkassen. Diese wird ja vor allem von dein Verband behauptet, dessen Namen man in diesem Hause nur mit heiliger Ehrfurcht nennen darf. Die„National- liberale Korrespondenz" hatte behauptet, über Material für diese angebliche Mißwirtschaft zu verfügen. Aber unS Sozialdemokraten wird die Einsicht in da» Material verweigert. (HörtI hört! bei den Sozialdemokraten.) DaS beweist, daß eS sich dabei nur unif Schwindel handelt.(Sehr wahr! bei den Sozial- demolraten.) In der Konferenz im ReichSamt des Innern haben ja auch zahlreiche Arbeitgeber aus Krankenkassenvorständen erklärt. daß von einer solchen Mißwirtschaft keine Rede sein könne.(Hört l hört! bei den Sozialdemokraten.) In der„Sozialen Praxis" gibt auch Professor Stier- Somlo zu. daß von parteipolitischen Uebergriffen in den Krankenlassenverwalwngen nicht g e» sprechen werden könne. Er sagt sehr richtig: man verwechselt immer Besetzung eines erheblichen Teiles von Krankenkassenstellen mit Sozialdemokraten und Führung der Kassen- gefchäfte zugunsten der Sozialdemokraten. Eine solche ?ührung der Kassengeschäfte werden Sie in eine in Falle nachweisen können. Und was die Besetzung der Stellen anlangt, so frage ich Sie: wer bekommt denn die Stellen, die Sie zu vergeben haben. Sie achten doch ängstlich darauf, daß nur Ihre Gesinnungsgenossen solche Stellen bekommen. Ich erinnere nur an die gewinnbringenden Stellen in den Beruft- genossenschaften. Sie aber wollen die Kasscnverwaltungen zu Jnstitutioiien gegen die Sozialdemokratie stempeln.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Auf die Hansabunddebatte will ich nicht eingehen. Wir wissen genau, daß der Hansabund uns genau so feindlich gegenübersteht wie der Bund der Landwirte. Ich bin überzeugt, eS wird die Zeit kommen, wo die jetzt seind- lichen Brüder sich zusammenschließen, um die Sozialdemo- kratie zu bekämpfen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Hansabund verdankt seine Entstehung der Sorge der groß- industriellen Kreise, daß der agrarische und junkerliche Uebermut allzu gewissenlos die Interessen der Großindustrie bei der nächsten Revision des Zolltarifs vernachlässigen werden. Zweifellos aber ist der Kampffonds des Hansabundes auch gegen die Sozialdemokratie sowie gegen die Anhänger einer jeden gesunden Sozialreform gerichtet. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Auf die obligatorische Gestaltung deS Fortbildungsschulunter- r i ch ts haben wir von jeher gedrungen. Ein Beweis, welchen Wert wir auf die Befriedigung dcS Bildungshungers im Proletariat legen. ist zum Beispiel unsere Arbeiterbildungsschule. Ueberhaupt bewilligt unsere Partei große Summen für die Forlbildung des Proletariats, weil wir genau wissen, daß mir ein gut gebildetes Proletariat imstande ist. die Lehren des Sozialismus aufzunehmen. Sie(nach rechts) betrachten aber auch die Fortbildungsschulen als Mittel zur Bekämpfung dt» Sozialdemokratie. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Trotzdem werden wkr natürlich bewilligen, wa» die Regierung fordert, um das Boll zu bilden. Wir verlangen obligatorische Fortbildung«- schulen auch für die w e i b l i ch e I u g e n d. Der Religionsunterricht gehört nicht in die Fortbildungsschule. Was die Stellung der Sozialdemokratie zu den Konsumvereineu betrissl, so werden Sie uns nicht verbieten können, unsere Konsumvereine in dem Geiste zu leiten, wie wir eS für nötig halten. Uebrigens hat ja die Re- gierung unsere Konsumvereine selbst zu sozialdemokratischen gemacht, indem sie den Beamten den Beitritt zu unseren Konsumvereinen verboten hat. Herr Schröder wünschte eine Ueberwachung unserer KonsumvercinSbewegung. Was meinte er damit eigentlich? Will er vielleicht Ausnahmegesetze gegen unsere Konsumvereine? Und wird etwa nur durch unsere Konsumvereine der Mittelstand geschädigt und nicht auch durch das Warenhaus für Armee und Marin» und ähnliche konservative Gründungen?(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Wir werden sortsahren, djp Konsumvereine mit sozialistischem Geist zu erfülle». Die Arbeiter haben die Notwendigkeit erkannt, die drei großen Zweige der modernen Arbeiterbewegung, die politische, ge- wer?schaftliche und genosienschaftliche, in den Dienst ihrer Sache zu stellen. Das werden sie tun, allen Hindernissen zum Trotz. Je mehr unsere Gegner toben, desto gröber ist unsere Gewißheit, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Wir werden nicht ruhen, bis wir unser Ziel erreicht haben, das Proletariat zu befreien von der poli- tischen und wirtschaftliche» Abhängigkeit.(Lebhaftes Bravo l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hammer(k.): Es war interessant, daß die Herren der Linken, die Freunde des Hansabundes, für hohe Diskontsätze ein- traten. Das ist die Mittelstandspolitik der Linken. Und nun die Besteuerung der Intelligenz!(Abg. Hosfmann sSoz.s: Sie sind steuerfrei!(Heiterkeit.)) Herr Rahardt, der früher immer für die Warenhaussteuer agitierte, hat damit aufgehört, seitdem er im Hansa- bund ist.(Hört I hört! rechts.) Während wir hier in den Kom- Missionen für den Mittelstand arbeiten, halten andere Herren draußen Agitationsreden.(Zurnf.) Herr Präsident, der Abg. Hoffmann hat mir zugerufen:„Das ist eine Frechheit!" Präsident v. Kröchcr(heftig klingelnd): Herr Hoffmann, ich... Abg. Hoffmann(Soz.): Ich habe ja kein Wort gesagt, wie können Sie mich da zur Ordnung rufen! Präsident v. Kröchcr: Ich habe Sie ja noch nicht zur Ordnung gerufen.(Heiterkeit.) Dann hat sich eben Herr Hammer geirrt. Abg. Hoffmann(Soz.): Und ich habe Sie davor geschützt, daß Sie mich zu Unrecht zur Ordnung gerufen haben.(Heiterkeit.) Abg. Hammer(fortfahrend): Dann ist es der Abg. Leinert gewesen. Abg. Hirsch hat dann die törichte Behauptung aufgestellt, der Minister trüge sich mit RücktrittSgedanken. Wenn wir auch Front gegen den Herrn Minister machen, so wissen wir doch, daß er Minister Seiner Majestät des Königs ist.(Lebhafter Beifall rechts. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Tun Sie doch nicht so!) Herr Rahardt hat gesagt, mit Hilfe des Hansabundes habe man in zwei Jahren mehr erreicht, als mit den Konservativen und Agrariern in den letzte» zwanzig Jahren. Das sagt derselbe Abgeordnete, der so lange die positiven Arbeiten mit uns mit- gemacht hat. Der lachende'Dritte dabei ist die Sozialdemokratie. Wenn der Hansabund erklären würde, er richte die Spitze gegen die Sozialdemokratie, dann würden die bürgerlichen Parteien sofort zu- sammenkommen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das wäre ja politisch!) Wir werden uns weder durch den Hansabund, noch durch die Sozialdemokratie irre machen lassen.(Bravo! rechts.) Hieraus vertagt das Haus die Weiterberatung auf abends 7'/, Uhr. Schluß 4 Uhr._ parlamentarisches. Aus der Budgetkonnnission des Reichstages. Am DicnZtag trat die Konimission in die Beratung des Post- etatS ein. Die höheren Beamten auf den Oberpostdirektionen sollen um 2 AbteilungSdirigente», 12 Posträten und S Ober- Postinspektoren vermehrt werden. Dadurch würde eine Mehr« ausgäbe von 14S650 M. entstehen. Die Notwendigkeit einer solchen Beamtenvermchrung wurde lebhaft angezweifelt. Von sozialdemokratischer Seite würde erklärt, daß die berechtigten Wünsche nach Entlastung der Beamten erfüllt werden sollen, aber mit dem steigenden Umfang deS Scheckverkehrs könne die Neufordcmng nicht begründet werden. Der Neuanstellung höherer Beamter würde die weitere Anstellung vieler mittlerer und unterer Beamten folgen, den» die letzteren Beamten müffen die Hauptarbeit leisten. Wenn die Abwickelung des Verkehrs in den HauptgeschästSslunden manchmal stocke, so liege das an der Organi- sation. ES sei unverständlich, warum aus vielen Postämtern während der Hauptverkehrszeit nur wenige Schalter geöffnet find. Dte Ab- stimmung ergab folgendes Resultat: Von den zwölf Posträten wurden fünf und von den sechs Ober- postinspckiorcn zwei gestrichen, die übrigen neu geforderten Stellen wurden bewilligt, ebenso eine Anzahl anderer Neusorderungen. Am Mittwoch wird die Debatte fortgesetzt. Eue der Partei. Ein Sieg de? Internationalismus in Oesterreich. Die internationale Sozialdemokratie hat in Brünn bei den Wahlen zur Krankenkasse einen prächtigen Sieg über die S e p a r a t i st e n und die Deutschnationalen er- fochten. Die Deutschnationalen dachten den Zwist, den die tschechischen Separatisten in die Arbeiterbewegung getragen haben, ausnützen und der Arbeiterklasse die Kasse, die sie seit 15 Jahren inne hatte, entreißen zu können. Sie arbeiteten mit Hochdruck und ließen durch die Unternehmer die Angestellten und Arbeiter kräftig mit allen Mitteln des rücksichtslosesten Terrorismus be drücken. Daneben fehlten Versprechungen und Freibier nicht. Am Wahltage entfalteten sie einen gewaltigen Schlepperdienst. ES war indes alles umsonst. Das Wahlrcsultat lautete: Zentra- listische Sozialdemokraten 3471, Deutschnatio- n a l e 1081, Separatisten 594 Stimmen! Der tschechische Separatismus, der hier seine erste Kraftprobe unternommen hat. erlitt also eine zerschmetternde Niederlage, ob- gleich er keine Mittel gescheut hat, das Wahlresultat zu seinen Gunsten zu wenden. Das schofelste darunter war die Anrufung der Polizei gegen eine Versammlung der Zentralisten durch den Se- paratistenführer V a n e k. Das Organ der tschechischen Separa- tisten führte im Wahliampf gegen die Zentralisten eine Sprache, die alle Begriffe übersteigt. Die Deutschnationalen brauchten die Artikel dieses„sozialdemokratischen" Blattes nur ins Deutsche zu übersetzen, um eine Leporelloliste der giftigsten Anwürfe gegen die Zentralisten zu haben. Um so erfreulicher ist es, daß das Wahl- ergebnis die Schwäche der Separatisten enthüllt. Es zeigt, daß der größere Teil der tschechischen Sozialdemokraten zu einsichtsvoll ist. um den Separatismus und Nationalismus mitzumachen, daß der internationale Gedanke auch im tschechischen Proletariat feste Wurzeln geschlagen. Die Nachricht wird in der ganzen Jntcr- nationale der Arbeit freudig aufgenommen werden. Eine Parteidruckerei in Augsburg. Nach langem Bemüben ist es gelungen, einen seit Jahren ge- hegten Wunsch der Augsburger Genossen nach Errichtung einer eigenen Druckerei zu erfüllen. In voriger Woche sprach sich eine sehr zahlreich besuchte Mitgliederversammlung des Sozialdeino- kratischen BereinS Augsburg-Wertingen nach einem Referat des Ge- nosfen Au er»München einmütig für die Gründung der Augs- burger Buchdruckerei und Verlagsanstalt G. m. fr H. aus. Folgenden Tags fand dann unter Leitung eines Notars die GründungSversamm- lung statt, an der 28 Personen, die 57 Stimmen vertraten, teilnahmen. Das Stammkapital beträgt 29 300 M. Als Geschäftsführer der G. m. b. H. wurde E. F. Mayer, Faktor in Augsburg, mit 60 Stimmen gewählt._ Unsere Toten. Aus Moskau wird gemeldet, daß Genosse Wergili S ch a u z e r (Ma rat) gestorben ist. Dem Verstorbenen, ein altes Mitglied der russischen Sozial- demokratie, Mitglied ihres Zentralkomitees und des Komitees, das die Leitung des Moskauer Ausstandes in den Händen hatte, wird ein dauerndes Andenken im Herzen des russischen Proletariats be- wahn bleiben. Ein Mann der eisernen Tat, wie sie in der Revolu- tion nötig, verband er kalten verstand mit großem Mut zu einer kraftvollen Einheit.„Würde Marat nicht am Anfang des AufstandeS in die Hände der Häscher gefallen sein, vielleicht würde der Aufstand einen anderen Ausgang gebabt haben", sagten die Moskauer Ar- beiter, und wenn sie mit Viesen Worten auch vor der Geschichte nicht standhalten können, so zengen sie doch von dem großen Glauben, den Marat in ihnen erweckte. Eine schwere Nerbenerschütterung machte ihm seit anderthalb Jahren daS Leben zur Oual. Schon schwer krank, nahm er noch teil an den mühevollen Arbeiten der Plenar- sitzungen des Zentralkomitees, die im Januar vorigen Jahres die Arbeit der Partei den neuen Verhältnissen anpassen sollten. Das war seine letzte Arbeit im Dienste der Sozialdemokratie. Seitdem erhob er sich nicht mehr vom Krankenbette. Ehre seinem Andenken! potizeilicbeB, Ocnthtltcheo ulw, Ein abgeführter reichsvcrbändlerischcr Angeber. � Genosse Mehlich von der„Dortmunder Arbeiter- z e i t u n g" soll'zu der Zeit, als er den Stettiner„Volksboten" redigierte, den Bürgermeister Weiße-Phritz(Pommern) beleidigt haben. Bei seiner Vernehmung sah Mehlisch bei den Akten ein Schriftstück vom Reichsverbande gegen die Sozialdemokratie, Orts- gruppe Stettin. ES trug den Stempel; Dr. R. Erzgräber, Ober- lehrer, Stettin, Deutschestr. 12. Mit Recht vermutete Mehlisch in diesem Schriftstück die Denunziation und veröffentlichte in der .Dortmunder Arbeiterzeitung" eine Notiz„Der Reichsverband als Denunziant". Erzgräber strengte daraus Klage gegen ihn an. In einem Termin sprach das Gericht aus, es müsse Frei- sprechung erfolgen, wenn sich jenes Schriftstück unter den Akten befinde und beschloß die Vorlegung der betreffenden Akten. In der neuen Verhandlung, die in der vorigen Woche stattfand, wurde der Nachweis erbracht, daß jenes Schreiben tatsächlich vorhanden war. Der Rechtsbeistand des Klägers meinte, als Vorsitzender deS ReichSverbandes habe sein Mandant die Verpflichtung, die sozialdemokratische Presse zu verfolgen»nd beleidigende Notizen den Beleidigten zuzustellen. Genosse Mehlich antwortete, er sei vom Kläger mehrfach mit Denunziationen ver- folgt worden. Mit scharfen Worten charakterisierte er die Hand- lungsweise deS Denunzianten. Das Gericht erkannte nach kurzer Beratung auf Freisprechung. In der Urteilsbegründung beißt es kurz und bündig, die Notiz sei als nicht beleidigend aufzufassen! Soziales. Die Mieterorganisation in Wien ist im Marsch. Der Aufruf ist von bürgerlichen Sozialpolitikern und einigen sehr bekannten Parteigenossen, darunter den Partei- sekretären Abgg. Skaret und WinarSky und dem Bildungssekretär Danneberg unterfertigt. Als Zweck deS Mietervereins sind ange- geben: Erhebung über die Wohnungsverhältniffe, Wohnungsnach- weis, einheitliche Mietverträge, Rcchtsauskünfte und Rechtsschutz, Förderung aller Wohnungsreformbestrebungen und Informierung der Parlamente und Behörden. Der Mitgliedsbeitrag soll eine Krone jährlich betragen. .(Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.), Gerickts-Leitung. Ter Erpressungsparagraph gegen Landarbeiter. Die Anwendung des Erpressungsparagraphen auf Forderungen aus dem Arbeitsvertrag hat in einem am Montag vor dem Reichs- gericht entschiedenen Falle zu einer drakonisch hohen Strafe geführt. Zu der hohen Strafe von zwei Jahren Gefängnis hat am 3. Januar das Landgericht GreifSwald den Vorschnitter Adam Bobeck wegen Erpressung verurteilt. Der Landwirt S. hatte ihn mit seinen Schnittern aus einem von ihm für wichtig erachteten Grunde entlassen. Bobeck meinte, er sei zu Unrecht entlassen. Die Strafkammer nahm jedoch an, er habe gewußt, daß er zu Recht entlassen sei und kein Geld mehr von S. zu fordern habe. Der Vorschnitter erschien mit zwei Personen in Begleitung seiner 16 Schnitter und belagerte zwei Stunden lang das Haus des S., bis dieser sich herbeiließ, ihm die geforderten Löhne und Ge- bühren auszuzahlen.— Die von Bobeck eingelegte Revision wurde vom Reichsgericht als unbegründet verworfen, da ausreichend fest- gestellt sei. daß die Forderung des Angeklagten widerrechtlich war. Der Wert der Zeugenaussagen jugendlicher Personen. Ein sehr bemerkenswerter Fall, in welcher Ehre und Freiheit eines Angeklagten davon abhängt, wie die Aussage des einzigen Belastungszeugen bewertet wird, beschäftigte am Montag das Reichsgericht. Vom Landgericht Tilsit ist am 9. Dezember v. I. der Besitzer K. wegen unternommener Verleitung zum Meineid zu einem Jahre Zuchthaus verurteilt worden. Ein Fohlen des K. sollte von dem Klee deS Nachbarn gefressen und diesem einen Schaden von etwa 2 M. zugefügt haben. Deswegen kam eS zu einem Prozeß und der 18jährlge Arbeiter I., der bei K. in Stellung gewesen war. wurde als Zeuge über gewisse Tatumstände ver- nommen. I. hat nun behauptet, K. habe ihn durch Anbieten von 20 Pf. zum Beschwören der Unwahrheit verleiten wollen. Die Verhandlung gegen K. hatte am 7. Dezember begonnen, war aber auf den 9. vertagt worden. Am 8. stellten Angeklagter und Ver> teidiger den Antrag, noch vier Zeugen zu laden, nämlich die beiden Lehrer, die den Zeugen I. unterrichtet hatten, und die beiden Landwirte, bei denen I. nach seiner Entlassung aus der Schule in Stellung war. Die Lehrer sollten bekunden, daß I. stets ein verlogener Mensch gewesen sei, und die früheren Dienstherren würden sich ähnlich äußern. Die Adressen dieser Zeugen waren genau angegeben. In der Verhandlung am 9. Dezember lehnte das Gericht den Beweisantrag ab: 1. weil es die behauptete Tat- fache als wahr unterstellte, 2. weil diese Tatsache unerheblich sei und 3. weil der Antrag nur zur Verschleppung der Sache gestellt sei. Es wurde dazu noch bemerkt, daß der Angeklagte doch kaum den I. solange in seinem Dienst behalten haben würde, wenn I. die ihm nachgesagte Eigenschaft besäße. Erwähnt sei hier noch, daß I. inzwischen auf K.s Anzeige wegen versuchten Diebstahls mit einem Verweis bestraft worden ist.— Die Revision K.s, der sich über die Ablehnung des erwähnten Beweisantrages be- schwerte, wurde vom Reichsgericht für begründet erachtet. Es hob das Urteil auf und verwies die Sache an daS Landgericht zurück. Dafür, daß der Beweisantrag nur zur Verschleppung der Sache gestellt gewesen sei, hat das Landgericht keinen stichhaltigen Grund angegeben. Der erste Grund für die Ablehnung des Antrages ist ebenfalls unhaltbar, weil nicht ersichtlich ist, ob der Antrag richtig gewürdigt worden ist. Der Angeklagte wollte offenbar nach- weisen, daß der Zeuge I. unglaubwürdig sei und daß ihm auch insoweit, als er den Angeklagten belastete, nicht aealaubt werden könne. „Auktionshhänen." Wegen versuchter Erpressung mußte sich gestern der Arbeiter Robert Kahlert vor der 4. Strafkammer des Landgerichts I verant- Worten.— Seit längerer Zeit besteht in Berlin ein Erwcrbszwcig, der wohl nur den wenigstene bekannt sein dürfte. In einer Schank- w-rtschaft in der Alten Schönhauscrstraße treffen sich an jedem Morgen eine Anzahl Leute, die sich selbst den Titel„freiwillige Anktionshelfcr" zugelegt haben. Die Tätigkeit dieser Leute besteht darin, daß sie nach den in dem Lokal aufgelegten Listeir sich nach der betreffenden Stelle begeben, wo eine Auktion stattfindet und dort ihre Dienste anbieten. Diese bestehen vielfach darin, daß sie im Interesse des Schuldners mitbicten, der es natürlich gern sieht, wenn ein recht hoher Preis aus den zu versteigernden Sachen her- ausgeschlagen wird. An anderen Stellen helfen die Leute den Bietern, die ersteigerten Sachen zusammenpacken und wegzutranS- Portieren. In solchen Fällen ist dann auch schon, wie vom Himmel gefallen, ein Pferdegespann vor der Tür, welches sich ein besonders ingeniöser„Auktionshelfer" angeschafft hat.— Recht üble Erfahrungen mit diesen Leuten hat der Kaufmann Silberstein gemacht, der in der Aukt'on das Warenlager eines Kolonialwarengeschäfts in der Putbnserstraße erstanden hatte. Trotzdem S. die sich ihm aufdrängenden Leute wiederholt abgewiesen hatte, verlangten diese schließlich(Äeld für eine Arbeit, die sie gar nicht geleistet hatten. Der Angeklagte trat vor S. hin und verlangte mit den Worten: Ee!d cfcjc es gibt'ne Wucht!" zlsei Maxk. Da er endlich auch mit Todschlagen bedroht wurde, holte<5. die Polizei, die den Angeklagten festnahm.— Das Gericht erkannte gegen ihn auf 10 Tage Gesang- nis. Der Staatsanwalt hatte 1 Monat Gefängnis beantragt, Beamter und freie Meinungsäußerung. Die Stadtverordnetenversammlung in Demmin beschäftigte sich in einer Sitzung mit den Gehältern der städtischen Beamten. Der städtische Polizei-Burcauassistcnt Haase glaubte, dem Stadwerord- neten Settegast dafür danken zu sollen, daß er für eine Aufbesse? rung der Gehälter der bisher bei Ausbesserungen übergangenen Beamten eingetreten sei. Er erließ darum in einer Demminer Zeitung ein Inserat folgenden Inhalts: „Dem Maurermeister Herrn Settegast spreche ich hiermit meinen Dank für das energische und umsichtige Vorgehen in der letzten Stadtverordnetensitzung aus. Hut ab vor einem solchen Herrn Stadtverordneten." Der Bürgermeister setzte gegen H. deshalb eine Disziplinar- ordnungsstrafe von 9 M. fest, indem er begründend sagte: Das ganze Inserat, namentlich der Schlußsatz, zeige cinen solchen Mangel an Disziplin, daß eine Bestrafung erfolgen müsse. Auch enthalte der Schlußsatz eine Beleidigung der Stadtverordnetenver- sammlung, indem der Stadtverordnete S. in Gegensatz gebracht werde zu den übrigen Stadtverordneten.— Zu bemerken ist, daß in der Voruntersuchung der Stadtverordnete Settegast dem Bürger- meister erklärt hatte, daß er selber das Inserat peinlich empfunden habe und daß er mit dem Inserat nichts zu tun hätte. Beschwer- den des Bestrasten beim Regierungspräsidenten hatten keinen Er- Der Regierungspräsident stellte sich aus den Standpunkt deS Jaffa, machte geltend, daß es an sich :lt werden könne, seine Meinung in ürgernreisters und sagte außerdem noch: es komme noch hinzu. daß es ungehörig sei, wenn ein städtischer Beamter in öffentlichen Blättern sich eine Kritik der Stadtverordneten erlaube. Haase klagte nunmehr beim Oberverwaltungsgericht und sein Vertreter Rechtsanwalt Dr. doch keinem Beamten verübe! einer Sache zu sagen, die ihn noch dazu nahe berührte, da er zu den übergangenen Beamten gehörte und schon 20 Jahre im städti- scheu Dienste war. UebrigenL sei die Stadtverordnetenversamnb- lung nicht sein Vorgesetzter, sondern der Magistrat. Im übrigen könne von einer Beleidigung der anderen Stadtverordneten doch keine Rede sein, wenn einem einzelnen für sein Verhalten Dank gesagt werde. Das Oberverwaltungsgericht änderte die Geldstrafe in eine» Verweis um und wies im übrigen die Klage mit folgender Begrün- dung ab: Es sei allerdings richtig, daß dem Kläger als Beamten genau so wie einem andern das Recht zustehe, seine Meinung zu sagen. Es sei jedoch übersehen, daß der Beamte vermöge seiner Amtspflichten die allgemeine Verpflichtung habe, sich die Schranken aufzuerlegen, die sein Amt ersordere. Die Schranken habe H. nicht inne gehalten. Er habe eine Kundgebung veranlaßt, die geeignet gewesen sei, das Ansehen des belobten Settegast empfindlich zu ver- letzen, indem er in cinen gewissen Gegensatz zu den andern Stadt- verordneten gebracht wurde. Der beste BemiS dafür sei darin zu sehen, daß Settegast sich selbst beim Bürgermeister beschwerte. So- mit liege eine Verletzung der Amtspflicht vor. Es genüge aber ein Verweis. preisanssdireiben! Der„Deutsche ArbeitersSängerhund" (Geschäftsstelle: Alex. Kaiser, Berlin NO. 18, Elbinger Str. 29) eröffnet hiermit ein Preisausschreiben für a capellasMännerchöre. Ais Preise sind festgesetzt: 400 M.(1. Preis), 200 M. (2. Preis) und 100 M.(3. Preis). Außerdem behält sich der Bund die Erwerbung weiterer Kompositionen vor. Die näheren Bedingungen für dieses Preisausschreiben werden auf Wunsch zugesandt. 17/2 Der Vorstand des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes. Tie Mütter baben unrecht, wenn sie ihren Kindern schon im frühen Alter unverdünnte Milch»eben. Zur Erhöhung des Nahrgchaltes der verdünnten Milch aber eignet sich am besten„ St u f e t e', welche» sehr wohlschmeckend ist und besser zur festen Nahrung überleitet als die un» verdünnte Milch._____ Bekanntmachung. Am 13. März 1911, abends 9 Uhr, findet im Prälatcn-Wappenfaal, Dirksenstrasie, Stadibahnbogen 110, eine außerordentliche General- Versammlung der Delegierten statt. Tagesordnung: Wahl von zwei ausscheidenden Vor- slandsmitglledern infolge Ungültig- keitserklärung der AussichtSbehSrde — t Arbeitgeber, 1 Arbeitnehmer— It.§§ 37 und 38 deS Krankenkassen- . Statuts". Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das Lb. Lebensjahr erreicht, sich rm Besitze der bürgerlichen Ehren- rechte befinden und bei einem Jnnungs- mitgliede beschäftigt sind. 271/11 Der Borstand der Jnnnngs-Krankrnkasse d. Personen- Lohnsuhrwerks-Jnniing. I. A.: Gasts» Rose, Vorsitzender. Stoffe Garantiert„Original-Englisch« für Anzüge, Ulster Meter 3 u. 4,50 M. Tuchlager Koch& Seeland G.m.b.H. Gertraudtenstr. 20-21 Dr. Simmel Spezial-Arzt* f5r Haut- und Harnleiden. Primenslr. 41,„(XS, 10— 2, 6—7. Sonntags 10—12, 2— 4 BerllnerillR-Trio "Ui Rixdort-Borlin, UP Lahn8tr.74.Lt Kur seil. Beachtung;! Alle Zuschr. nnr an obige Adp. erbti Blendend weisse Wäsche erzielt man mit DiiTlionipson'8 SEIFENPULVER SEIFENPULVER Oberall zu haben. 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Spitze, Kimonoform 4.75 Mullbluse mit Handstickerei und Spitze, Kimonoform... 6.75 Bettwäsche Deckbettbezüge touisianatucb. 3.15, 3.65, 4.85 Kissenbezüge dazu passend.... 95 Pf., 1.00, 1.35 Deckbettbezüge. 5.25, prima Qualität 7.00 Kissenbezüge dazu passend 1.60,........ 2.00 Deckbettbezüge Jacquard-Muster, gute Qualität... 7.25 Kissenbezüge dazu passend.............. 2.25 Daunast-Bettbezüge Je l Deckbett und 2 Kissen 11.75 Daulas-Bettlaken fso/loo 1.95, 150/225 2.20,iso/22?2.40 Handtücher Küchenhandtücher 3.50 Küchenhandtücher grTs�MtfrTHt 4.90 Küchenhandtücher To/no"m D"u.' G.r5"*.ea-Dta 5.60 Küchenhandtücher �g�Äo�cS'.«� 7.50 Küchenhandtücher?« 4.90 Stubenhandtücher �"tc" Ä Im.u?d 4.50 Stubenhandtücher �VsTlaÄlm?nd� 5.50 Stubenhandtücher 5.90 Stubenhandtücher ÄÄfS cum' 7.50 Stubenhandtücher und.1�; 5.70 Stubenhandtücher,, Aft Grösse ca. 5ftl20 cm................ Dtz.* ä.UU Bettköper federdlehle Qualität, Kissenbreite... 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Druck».Berlag: Vorwärts jöuchdruckerei».LerlagSanstalt Paul Singer u.Cix, SerlinSÄ!� it. 51.?8.ZahrMg. 2. Stil« des pittwoil), 1. Mär, 1911. Kinderroißliandlungcn. AuS der Kinderschutzkommission wird unS geschrieben: In jüngster Zeit haben eine Reihe Kindermisthandlungen wieder die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Schutzlosigkeit der Kinder gc- lenkt und man muß sich fragen: Wie ist es möglich, daß Kinder monatelang, jahrelang mihhandelt werden können, ohne datzes bemerkt wirdl Und was ist das Schicksal der Kinder, die noch rechtzeitig aus den Klauen bestialischer Eltern befreit werden? Was den ersteren Fall betrifft, so wissen die Nachbarn zumeist recht gut, was vorgeht. Sie scheuen aber, die einen aus verkehrtem Ehrgefühl — sie wollen nicht den.Angeber" spielen— die anderen aus Furcht vor endlosen Vernehmungen, Verhandlungen und anderen Weit- läufigkeiten. Anzeige zu erstatten. Daß sie sich in beiden Fällen gewissermaßen zu Mitschuldigen an den Mißhandlungen und ihren Folgen machen, kommt keinem dieser Zaghaften zum Bewußt- sein. Aber, und damit kommen wir zur Beantwortung der zweiten Frage, mögen nicht auch viele deshalb vor einer Anzeige zurückschrecken, weil sie sich sagen: Wenn wir das Kind von seinen elterlichen Peinigern befreien, so helfen wir nur dazu, es der Pein der staatlichen Fürsorgeerziehung auszuliefern, und damit ist doch dem leidenden Teil, dem Kinde, nicht geholfen. Also kümmern wir uns lieber nicht um die Sache. Es sind gewiß nicht die schlechtesten, die so denken, und in der Tat liegen heute die Verhältniffe so, daß man häufig genug mit Recht behaupten kann, daß Kinder, deren Eltern die Erziehungs- rechte aberkannt werden, vom Regen in die Traufe kornmen, sobald die Zwangserziehung über sie verhängt wird. Colander und Breithaupt, die.Helden" der Blohmschen Wildnis und von Mieltschin. dürfen für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, den wahren Charakter, der in den meisten Fürsorgeerziehungsanstalten herrscht, der Oeffentlichkeit enthüllt zu haben. Was also können wir tun. unter den herrschenden Verhältniffen den schutzlosen Kindern zur Hilfe zu kommen? Da ist vor allen anderem zu nennen: Die Kinderschutzkommission von Groß-Berlin, die es sich zur Aufgabe macht, derartige Mißhandlungen aufzuspüren und helfend einzugreifen. Das kann sie aber nur unter dem Beistand der gesamten Arbeiter- schaft von Groß-Berlin, deren Pflicht eS ist, ihr in jedem Fall von Kinderausbeutung und Kindermißhandlung, von dem sie Kenntnis erhält, sofort Mitteilung zu machen. Der .Vorwärts" hat vor kurzem eine ausführliche Liste all' derer der- öffentlicht, die solche Mtteilungen entgegennehmen. Es genügt aber auch, wenn nur dem Obmann der Kinderschutzkommission, Genossen Barenthin. Swalauer Platz 1/2, 0. 17. Nachricht zugeht. Er wird dann eine genaue Untersuchung und Feststellung der Angelegew heit w die Wege leiten. ES ist der Kinderschutzkommission wiederholt gelungen, eine Befferung in der Lage gefährdeter Kinder herbeizuführen, so daß es möglich war. dank aufopfernder Tätigkeit einzelner Genossinnen, die Kinder vor Fürsorgeerziehung zu bewahren und ihnen doch eine beffere Pflege zu verschaffen. Immer werden sich aber nicht Mittel und Wege finden lasten, den Kindern ohne Inanspruchnahme Lffent licher Einrichtungen zu helfen. Als solche kommen für uns in Be> tracht: die DeutscheZentrale für Jugendfürsorge. Wallstr. SS(Sprechstunden 9—1) und der Verein zum Schutz derKinder vor Ausnutzung und Mißhandlung, Französischer Dom. Gendarmenmarkt(Sprechst. 9—11). Dieser letztere Verein unterhält u.a. ein KinderschutzhauS in Zehlen- darf für 100 Kinder. Im Jahre 1908 hat er 899 Fälle mit 720 Kindern behandelt. Was aber diese vereine, ganz abgesehen von ihrer leider durch- weg frömmelnd-patriotischen Richtung, zu tun vermögen, ist ein Tropfen in» Meer deS Kinderelends. Wirkliche Hilfe ist nur möglich durch eine völlige Umwälzung der herrschenden Anschauungen. Erstens muß ein anderer Geist in die Erziehungs» an st alten einziehen, zweitens muß für die in Pflege gegebenen Kinder von den Gemeinden ew Pflegesatz bezahlt werden, der auch wirklich den tatsächlichen Unkosten, die ein Kind verursacht, entspricht, dann wird auch die Auswahl derjenigen, die bereit find. ein Kind in Pflege zu nehmen, weit größer und bester sein als bis- her. Aber ein Pflegesatz von 24 M. monatlich für einen Säugling und von 16.50 M bezw. 15 M. für Knaben und Mädchen im Alter von S— 14 Jahren für Berlin und nach außerhalb die Hälfte, wie ihn die Stadt Berlin heute für die Unterbringung ftemder Kinder zahlt, schreckt gerade die Gewissenhaften, die sich am besten bewußt sind. waS die Pflege und Erziehung eines Kinde» kostet, am meisten ab Drittens: Eine weit stärkere Heranziehung von Frauen zur Mitarbeit w der gemeindlichen Armen- und Waisen pflege. Berlin hatte im Jahre 1909 eine einzige Armen- kommisfionS Vorsteherin und erst 129 Armen Pflegerinnen gegenüber 5369 Armen Pflegern, 564 Waisen Pflegerinnen gegenüber 2941 Waisen Pflegern. Waisenräte können Frauen nach preußischem Recht überhaupt nicht werden. Die beutigen staatlichen und gemeindlichen Einrichtungen bieten leider noch keine Gewähr, das Kind zu schützen und aus ihm einen harmonischen Menschen zu erziehen, sondern sind vielmehr darauf gerichtef, Staat und Gemeinden von einer lästigen VerantwortungS Pflicht so billig wie möglich zu befreien. Daß darunter die Kinder der Armen nach den verschiedensten Richtungen hin schwer leiden. daran denken diese sozialen KirchturmSpolitiker nicht. Eine starke und verständnisvolle Mitarbeit der Frauen auf allen Gebieten der Fürsorge und Erziehung, vor allen Dingen daö aktive und passive Wahlrecht auch für die Frauen in Reich, Staat und Gemeinde wird auch auf diesem Gebiete Wandel schaffen." Zu dem Thema Kindermißhandlungcn wird un? aus Schlachtensee ein Vorfall berichtet, der verdient, öffentlich mitgeteilt zu werden. Diese Zuschrift lautet:„Vor zirka l'/z Jahren hatte ich einen HauS Wirt, in besten Familie unter zwei gesunden Kindern ein Krüppel existierte. Der Mann war wohlsituiert, denn außer Hauseigen tümcr war er auch Eisenbahnsekretär und ließ seine Kinder höhere Schulen besuchen. Das Krüppelkind dagegen, welches ganz gelähmt ist, fand keine angemessene Behandlung in der Familie. So wurde mir von anderer Seite versichert.' Als ich eine» Tages selbst einen Fall erlebte, der mir sehr nahe ging, meldete ich denselben dem Verein„Kinderhort", mit dem Ersuchen sich der Sache anzunehmen. Darauf_ kam einige Tage später eine Dame vom Verein„Kinderhort" zu mir und erklärte, sich der Sache annehmen zu wollen. Dann sah und hörte ich nichts mehr über diese Angelegenheit. Bis zirka 3 Monate später ein Polizist in meine Wohnung kam und mir mitteilte, daß meine Anzeige geprüft worden sei, aber alles in Ordnung besimden wurde und das Krüppelchen nichts auszusetzen hätte. Diese Mitteilung hat mich nicht weiter überrascht, denn ich wurde schon vorher von Nachbarn darauf aufmerksam gemacht, daß ich diesem Mann gegenüber nichts «msrichten könne. TS hätten vor mir schon andere versucht, bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige zu erstatten und man hätte auch Plakate öffentlich im Walde an die Bäume gellebt, worauf stand, daß es dem armen Krüppelkind in seiner Familie schlecht gehe. Die damaligen staatsanwaltlichen llntersuchungen hätten nichts er- geben I Wohl oder übel mußte ich mich vorläufig damit zufrieden geben- Zirka einhalb Jahr später erhielt ich eine staatsauwaltliche Auf- forderung, mich zu einer verantwortlichen Vernehmung im Amts- gericht zu Lichterfclde einzufinden. Von dem Ermittelungsrichter wurde mir eröffnet, daß auf Grund meines Briefes an den Verein Kinderhort eine Anklage gegen mich schwebe, wegen Verleumdung und Beleidigung.! Auf meine Frage: wer denn die Anklage gegen mich veranlaßt habe, wurde mir die Auskunft verweigert. Bei meiner Vernehmung gab ich alles was ich wußte zu Protokoll, nannte Zeugen für meine Angaben und achtete darauf, daß meine Angaben auch richtig p�tokolliert wurden. Seit dieser Vernehmung ist zirka ein Jahr vergangen und nichts hat der Staats- anwalt von sich hören lassen I Auf eine diesbezügliche Anfrage, die ich kürzlich an den Er- mittelungsrichter richtete, wurde mir die Auskunft verweigert. Ich warte also heute noch auf eine Verhandlung gegen mich wegen Be- leidigung und Verleumdung, begangen an preußischen Beamten." Uns interessiert an dieser Zuschrift nicht so sehr die Person des Beamten, gegen den sich die Anzeige wegen unangemessener Bchand- lung des Kindes richtete, sondern mehr noch der Umstand, daß die an den Verein Kinderhort gerichtete Anzeige nicht so behandelt worden ist, wie man das hätte verlangen müssen. Wird in der Weise verfahren, daß Mißhandlungen meldende Personen Gefahr laufen müssen, eventuell selbst angezeigt zu werden, so dürste sich bald niemand mehr um die armen mißhandelten Kinder bekümmern. Soweit die Kinderschutzkommission hierbei in Frage kommt, glauben wir versichern zu können, daß jede Befürchtung nach dieser Richtung hin ausgeschlossen ist._ Hus Induftrie und bandet Die hohen Fleispreise bedrohe» die Milchproduktion. Wenn die Frage der Fleischpreise zur Diskussion steht, dann be- hauptcn die Agrarier, nicht die Viehzüchter, sondern lediglich die Händler und Schlächter trieben die Preise hinauf. Handelt es sich aber darum, die Milchpreise zu erhöhen, für solche Forderungen Gründe anzuführen, dann kann die agrarische Presse auch anders. So schreibt die„Deutsche Tagesztg." aus dem westsälischen Industrie gebiet: ,... Der Märkische Milch-Gcnossenschaftsverband hat infolge besten in seiner letzten Sitzung die Erhöhung des Verkaufspreises der Milch auf 22 Pf. pro Liter vom Herbst ab beschlossen. In In anderen Bezirken wollen die Landwirte aber nicht noch einmal einen Milchkrieg durchmachen; sie sind nach und nach von der Milchwirtschaft zurückgegangen und wenden sich der Aufzucht zu. Die hohen Preise für gutes Milchvieh der letzten Jahre haben den Züchtern weit mehr Gewinn gebracht als die Melkwirtschaft. Be- sonders im engeren Jndustriebezirk konnte man in jüngster Zeit die Beobachtung machen, daß die Zahl der reinen Milchwirtschaften zurückgegangen ist." Da sieht man, wie eS mit der agrarischen Wahrheit bestellt ist und wie die Preisschraube fortgesetzt in Bewegung bleibt. Sind die Fleischprcise gestiegen, dann muß auch die Milch und die Butter teurer werden. Hat man das erreicht, hat man wieder neuen Grund, höhere Fleischpreise zu fordern. So geht es fort, ohne Unter- brechung._ Ei» Geschäft mit sich selbst. AuS dem„Räderwerk der sogenannten Finanztechnik" teilt die „Bank" folgendes ergötzliche Stücklein mit, das wieder einmal zeigt, auf welche Weise in der kapitalistischen Welt Geld gemachl wird und welche edlen Interessen eS find, die gegen den drohenden sozialdemokratischen Umsturz geschützt werden müssen.— Im vorigen Eahre hat die A. E.-G. von der Firma Fellen und Guillaume ahmeyer-Werke ein Dhnamowerk zu Frankfurt a. M. gekauft, ohne daß sofort beim Abschluß des Kaufes ein bestimmter Preis fest- gesetzt wurde. Vielmehr sollte erst eine Inventarisierung der Anlage vorgenommen und dann danach der Preis berechnet werden. Die Lahmeyer-Werke konnten auf diese Bedingung damals ruhig ein- gehen, denn wenn der Wert der Anlage zu medrig geschätzt wurde, so lag eS ja in ihrer Hand, dagegen zu protestieren. Inzwischen hat aber die A. E.-G. Zweidrittel der Aktien der Lahmeyer-Werke gekauft. Sie ist jetzt also selbst deren größter Aktionär und hat in der Generalversammlung ohne weiteres die Mehrheit in der Hand. Nun sind plötzlich seit einiger Zeit die Aktien der Lahmeyer-Werke im Kurse stark zurückgegangen, im Gegensatz zu den Aktien der anderen großen Elektrizitätsunternehmungen. Und man führt dies darauf zurück, daß die A. E.-G. für das Frankfurter Dynamowerk jetzt einen viel geringeren Preis zahlen wolle, als ursprünglich an- genommen wurde. Und in der Tat: sie hat eS ja jetzt in der Hand, die Anfechtung eines zu niedrigen Preises in der Generalversamm- lung zu verhindern I Sie macht also ein Geschäft mit sich selbst— aus Kosten der übrigen Aktionäre. Doch gibt es noch eine andere ebenso schöne Möglichkeit, den Kurssturz der Lahmeyer-Aktien zu erklären. Die A. E.-G. bat in ihrem Bestreben, nach und nach die ganze deutsche Elektrizitätsindustrie unter ihren Einfluß zu bringen, eine sog.„Jntcressengenieinschaft" mit den Lahmeyerwerken geschlossen. Das bedeutet eben, daß sie die Mehrheit ihrer Aktien gekauft hat. Dadurch hat sie aber rund 50 Mill. Mark festgelegt, und es besteht keine Möglichkeit, diese gewaltige Summe wieder flüssig zu kriegen, ohne Gefahr zu laufen, daß ein anderer Elektro-Trust die Aktien erwirbt und die Interessengemeinschaft sprengt. Nur durch eine Fusion könnte dos verhindert werden, d. h. wenn die A. E.-G. die Lahmeyer-Werke im ganzen kaust. Daun könnte man nämlich neue Aktien oder Obligationen ausgeben und mit diesen die jetzt in Labmeyer-Aklien festgelegten Gelder freimachen. Um eine solche Fusion durchzusetzen, genügen aber nicht zwei Drittel der Attien, sondern es ist zu einem derartigen Beschluß eine Dreiviertelmehrheit erforderlich. Die A. E.-G. müßte also zunächst noch eine ganze Menge Aktien hinzukaufen und hat folglich ein Interesse daran, daß sie niedrig im Kurse stehen. Nun hoben die Lahmeyerwerke ihrerseits viele Millionen in einem italienischen Elektrizitätswerk festgelegt, und man nimmt an, daß die A. E.-G. als neuer Großaktionär eine Abschreibung von nicht weniger als drei Millionen Mark auf das italienische Werk verlangt, nur zu dem Zweck, die Dividende und dadurch den Kurs der Aktien herunter- zudrücken. Dann will sie die ihr fehlenden Aktien bis zur Drei- Viertelmehrheit kaufen und darauf auch noch den Preis für das letzte Viertel der Aktien nach ihrem Belieben bemessen. Auf die eine wie auf die andere Weise bedeutet der Vorgang eine Bereicherung der A. E.-G. zum Schaden der übrigen Aktionäre der Lahmcyepwerke. ES sind das dieselben Praktiken, die in Amerika die Trusts so verhaßt gemacht haben. das passive Wahlrecht zu den Wahlen der Beisitzer für die Gewerbe- gerichte. Das Arbeitsstatistische Amt des österreichischen Handels- Ministeriums hat soeben auf Wunsch des Verbandes deutscher Ge« werbe- und KaufmannSgerichte eine Umfrage über die Beteiligung der Frauen an den Wahlen vorgenommen. Das Ergebnis ist ein befriedigendes. Nur bei zwei kleinen Gerichten haben sich seither Frauen nicht beteiligt. Bei den größeren Gerichten war die Wahl- beteilignng der Frauen eine umfangreiche. Es beteiligten sich bei den letzten Wahlen im Jahre 1910Frauen in Außig 600, Jägerndorf 340, Pilsen 169, P r o ß n i tz 268, Rcichenberg 322, Trieft 843, Wien 020, Graz 200 usw. Erfreulich ist, daß sich die Anteilnahme der Frauen an den Wahlen ständig gehoben hat. So beteiligten sich in B i e l i tz im Jahre 1908 an der Wahl 293 Frauen, im Jahre 1910 aber 410, in Czernowitz stieg in der gleichen Zeit die Wahlbeteiligung von 32 auf 88 usw. Die Unter- scheidung der Wähler nach Unternehmern und Arbeitern ergibt, daß sich überall auch eine Anzahl Arbeitgeberinnen an der Wahl be- teiligten. Die Trennung der Wähler nach Berufszwcigen zeigl, daß vornehmlich die Textilarbeiterinnen an der Wahlurne erschienen.— Die Erfahrungen könnten der deutschen Gesetzgebung ein Ansporn sein, endlich auch bei uns den Arbeiterinnen ihr Wahlrecht zuteil werden zu lassen._ Lcscabend. Friedrichshagen. Donnerstag, den 2. Marz, BlU Uhr, im Jugendheim, Wilhelnistr. 74, Hof parterre rechts: Vortrag der Genossin Arendsee._ Versammlungen— Veranstaltungen. Nixdorf. Heute, 8V2 Uhr, bei Hoppe, Hermannstr. 49 und Felsch, Knesebeckstraße 48/49, zwei öffentliche Frauenversammlungen. Tagesordnung: Mutterschutz und Mutterschaftsversicherung.— Freie Aussprache. Massenbesuch wird erwartet. Em der Frauenbewegung. Die Beteiligung der Frauen an den GcwcrbcgcrichtSwahlc» in Oesterreich. Die österreichischen Gewerbegerichtsgesetze verleihen— ganz im Gegensatz zu den deutschen Gesetzen— auch den Frauen ?üus aller Melt. Cm pcftbcrd in den Vereinigten Staaten, Eine alarmierende Nachricht kommt aus S p 0 k a n e. einem großen Jndustrieort im Staate Washington. Dort ist mit großer Heftigkeit die Beulenpest aufgetreten, der bisher dreiPersonen erlegen sind. Weitere sechzehn Personen sind an der Seuche erkrankt. Die Gefahr einer Weiterverschleppung ist um so naheliegender, als nach Bekanntlverden der Erkrankungen Hunderte vor dem drohenden Tode geflohen sind. Bisher konnte noch nicht festgestellt werden, ob die Seuche durch Reisende aus dem Pestherd in der Mandschurei eingeschleppt worden ist, oder ob es sich um einen davon unabhängigen Seuchenherd handelt. Spokane ist eine der jungen, aufblühenden Städte im nordwestlichen Amerika, ein Hauptknotenpunkt des Eisenbahn» Verkehrs und Mittelpunkt des Weizenhandels des Staates Washington. Hoffentlich gelingt es den Anstrengungen der amerikani» schen Sanitätsbehörden, die Seuche im Keim zu ersticken, da eine Pestepidemie in den Vereinigten Staaten zu unabsehbaren Folgen für den gesamten Welthandel führen müßte. «.' In C h a r b i n sind am Montag dreizehn Chinesen an der Pcst gestorben. Zur Aufsuchung von Pestleichen in einer Entfernung von 60 Werst zu beiden Seiten der ostchinesischen Bahn sind drei Sanitätskolonnen abgegangen, eine vierte Kolonne sucht die Umgegend CharbinS ab. Hütet Euch vor Hundertmarkscheinen! Der neue Hundertmarkschein, die Glanzleistung der deutschen Papiergeldfabrikation, entwickelt immer neue Schönheilen. Wie bürgerliche Blätter feststellen, färben die Biester ab. Wenn man mit dem nafien Finger über den Blaudruck der Vorderseite streicht, soll ein deutliches Abfärben der blauen Farbe zu bemerken sein. UnS selbst war eS aus naheliegenden Gründen leider nicht möglich, durch eigene Ueberführung die Richtigkeit nach- zuprüfen. Auch bezweifeln wir stark, daß allzuviel Leser unserer Zeitung sich an Hundertmarkscheinen die Finger blau machen werden. NebeNische Gemüsebauern. Eine große Aufregung herrscht in der Ortschaft Chateau- renard, von wo aus täglich große Sendungen von Früchten und jungem Gemüse nach Paris abgehen. Seit einiger Zeit klagen. die Versender über die Nachlässigkeit derEisenbahnso- wie über unzureichendes Rollen des Bahnmaterials. Es j ist ihnen infolgedessen großer Schaden erwachsen. Die Lieferanten haben nun- mehr beschlossen, einen AuS st and zu organisieren, um die Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden auf die Lage zu lenken und eine Besserung derselben herbeizuführen. Vom Dienstag ab sollen alle Sendungen eingestellt und eventuell ein längerer Streik vereinbart werden._ Seit vier Tagen verschüttet. In einer Mcrgelgrube nahe der französischen Ortschaft B er- v i l l e wurden am Sonnabend zwei Arbeiter durch nieder» gehende Ge st einSmassen von der Außenwelt ab- geschnitten. Trotz der sofort unternommenen Bergungsarbeiten gelang es bisher nicht, die noch Lebenden zu befreien. Als die Rettungsmannschaften am Dienstag an die Schachtwand klopften, machten sich die Verschütteten in gleicher Weise be« in e r k b a r. Man hofft am Mittwochabend zu ihnen gelangen zu können._ Kleine Notizen. Den Tod in den Flammen fand bei dem Brande einer Trikot- fabrik in T a i l f i n g e n im Schwarzwald der Sohn des Fabrik- inhabers. Ein zweiter Sohn erlitt schwere Brandwunden. Schneeverwehungen in Oesterreich. Aus ganz Oesterreich kommen Meldungen- über verheerende Stürme und heftig« Schneeverwehungen. Der Eisenbahnverkehr ist teilweise ein- gestellt. Im Gebirge liegt der Neuschnee meterhoch. Auf der Eisscholle im Meere. Die bei der Insel Lewensari im Finnischen Meerbusen auf einer Eisscholle abgetriebenen Fischer sind nach den Versicherungen eines Teiles der Fischer, die auf der Insel Seit-Skar landeten, bis auf zwei Mann gerettet worden. Die beiden sind beim Brechen der Eisscholle ins Meer ge« stürzt und ertrunken. Im Kampfe mit Indianern. Nachdem in den letzten Tagen vier Viehzüchter im Staate Nevada von Indianern getötet worden sind, wurde die Staatspolizei aufgeboten, die den Indianern', in die Sierra Nevada nachsetzte. Dort gingen die Indianer, nachdem sie einen KricgStanz aufgeführt hatten, zum Angriffe vor. Acht Indianer und ein Polizist wurden getötet, mehrere Indianer gefangen. Theater und Vergnügungen DOO||�||j>J|i Mittwoch, den 1. Mär». Ansang VI, Uhr. Königl. Opernhaus. Die Zauver- flöte. Königl. Schauspielhaus. Der Krainpus. -Deutsches. Hamlet. K a m m e r s p i e l e. Der Riese. (Ansang 8 Uhr.) Neues Schauspielhaus. Faust t. Teil. Anfang 8 Uhr. Neue? königl. Opern-Theater. Geschlossen. Lessing. Die Ratten. Komische Oper. Die Fledermaus. Kleines. Der Leibgardist. Neues Operetten. Di« schöne Ris-tte. Berliner. Dummelstudentcn. Westen. Die lustige Witwe. Neues. Mein erlauchter Slhnherr. Triano». Hippolytes Abenteuer. Residenz. Pariser Menü. Thalia. Polnische Wirlschast. Schiller O.««»llner• idealer.) Ein idealer Gatte. Schnie. Gbarlottenburg. Nathan der Weise. Friedrich- Wilhelmstädtisches. 2X2—5.' Bolköoper. Die Dollarprinzesstn. (Ansang 8'/, Uhr.) Luftipielliaiis. MeyerS. AuSstellungS-Theater. MehetS. ('Ansang 8'U Uhr.) Luisen. AuS erster Ehe. Modernes. Der Feldherrnhiigel. (Ansang 8'/, Uhr.) Rose. Lorbeerbaum und Bettelstab. Herrnfeld. Eine verlorene Nacht. Er, Sie und Er. Falles(kaprice. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang 8',« Uhr.) Metra,. ol. Hurra— Wir leben »och l Kasino. Julie Wippchen. Apallo. Spezialitäten. Pa'iage. Spezialitätett. Voigt. Papageno. Rrichslinllen. Stettiner Sönger. Karl Haverlaud. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Walhalla. Bravo l Dacapo I(An» fang 6',. Uhr�) Intimes. Das Mädchen allS PariS. (Anfang 8fl, Uhr.) Wedding. Lichtspiele. Kaiser- Panorama. SteirischeS Salzkammergut. Urania. Taubeustraste 48/4S. Abends 8 Uhr: Was UN» der Mond erzählt. Hörsaal abends 8 Uhr: Dr. W. Berndt: Die Atmung und ihr« Organe. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—82. Urania. Wissenschaftliches Theater laubonstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Was uns der Mond erzahlt. Hörsaal 8 Uhr; Dr. W. Berndt: Die Atmung und ihre Organe�_ Kaiser-Panorama. Neu. Ein Tour in Aegypien von Triest nach Alexandrien. tiSliB Letzte Woche. Wanderung im LteiHseiien Salzkammergut. Eine Reise 20 Pf., Kind nur 10 Pf. {Sehlller Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat). Mittwoch, abend» 8 Uhr: idealer Gatte. Schauspiel in 4 Alien v. Oskar Wilde. End- 10'/, Uhr. Donnerstag, abends 8 Uhr: Ein Idealer Gatte. Freitag, abends 8 Uhr: Hnsarenfleber. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Mittwoch, abend« 8 Uhr: Kathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fiins Ausz. v. G. E. Lesfing. End« 11 Uhr. Donnerstag, abends 8 Uhr: lfiarla und lflagdalona. Freitag, abends 0 Uhr: vie Fee Caprlce. Lessing-Theater. Mittwoch 8 Uhr: Die Ratten. Donnerstag 8 Uhr: Die Kinder. Freitag 8 Uhr: Die Ratten. Berliner Theater. Ab-ndS 8 Uhr: Bninmclstndenten. Morgen: Büro Neues Theater. Täglich; Zlnsang 8 Uhr. Theater des Westens. M-nds 8 Uhr: Die luftige Witwe. Sonnabend Uhr zum erstenmal: Die lustige» Nibelungen. Atockrnes Theater ((rtiher Hebbeitheater). AbendS 8'/, Uhr: Der Feldherrnhiigel. Residenz-Theater. Direltivn: Richard Alexander. Alflang 8 Uhr. Pariser Menu. Drei Gänge van George» Fehdeau und Veber-Wric. 1. Gang: ,52 Meter über PariS«, 1 Akt von Vcber-Abric. 2. Gang:.Eine Nachtsitzmtg', IAH von Georges Feydeau. .3. Gang:.Nach dem Mäuschen. ball", 1 All von Georges Feydeau. ' Sonntag, 5. März, nachm. 3 Uhr: Der Unterpräfekt._ prfedrich-Wiihelmstädtlsches Schauspielhaus. Mittwoch, benl. März, 8 Uhr: Zum I. Mal: 2 x a= 5. Donnerstag: 2 X 2= 5. . Freitag: Wilhelm Tell._ Berliner Volksoper Belle-Alliancestrab« 7/8.—'/,9 Uhr: Die Dollarprinzessin. Luisen-Theater. FraniTUhrnng! Aus erster Ehe. Schauspiel in 5 tzikten, 10 Bildern von Ernst RIttcrseldt, nach einer Erzählung von H. CourthS-Mahler. In Szene gesetzt vom Versasser. Donnerstag: AuS erster Eh«. Freitag: Aus erster Ehe. Sonnabend 4 Uhr: Der brave Peter und die Puppcnprinzessin. ■8 Uhr; Da» große Licht. Lustspielhaus. AbendS 8 Uhr; Meyers. OSE=THEATE Große Franksurter Str. l32. l.eriteei'Itaitin u. vettelztslt. Schauspiel in 4 Akt. v. Holtei. Ans. 8 Uhr. Ende l0'/, Uhr. Donnerstag, Sonnabend, Sonn» tag: Liselotte. Freitag: Der Herr. gottschnitzer von Aminergau. Sonnabendnachmittag: Im Zauber- lande Rübezahls._ 99 CLOU" IKetropol- Theater. Hurra! Wir leben noch! Große AuSftattungSrevue in 7 Bildern BERIilNEB KONZERTHAUS Mauerst«. 82.•• Zimmerstr. 00-91 Eintritt SO Pf. Gastspiel t. Johann Slranß aus Wien mit seinem vollständig. Orchestsr. — Anfang 8 Uhr.— V Morgen Donnerstag: Große» Konzert.-MW An allen Wochentagen von 4— 7 Uhr: Promenadenbonzert hol freiem Eintritt. ReueS Schauspielhaus Ilonna Tanna. Iphigenie. Agnes Bernaner. Thalia-Theater Operette Die»chüne Helena. 31 oral. 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Die juristiiihe Sprechstunde findet Lindeustrake KS, vorn vier Treppen •— Fahrstuhl—, wochcntäglich von t>4 viß?>/. Uhr abends, Sonnabends von t>4 bis K Uhr abcndS statt. Jeder für den Briefkasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antivort Wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. M. T.» Slosterfelde. 1. Ja. Für die Ehefrau die Hälfte derZenizen Steuer, zu der der Mann veranlagt worden wäre, wenn er der Rcligions- gemcinschast, der die Frau angehört, angehört hätte. 2. Die Höhe der Steuern richtet sich nach einem Beschluß der dortigen Kir chenbchörde. 3. Es kann Zwangsvollstreckung betrieben werden.— M. G. Sie können der Frau die Führung des Namens durch öffentlich— von einem Notar oder Gericht— beglaubigte Urkunde oder zu Protokoll des Standes beamtcn W Dienswerordnunge».. sekrctariat, Engcluser 15.— H. P. Tlioru. Der Taufschein Ihres Vaters muff beschafft werden, wenn die Schreibweife in demselben anders lautet, müssen Sie bei dem Standesamt Ihres Geburtsorts Berichtigung be "nti'ogcn.— F. 18. Der Ehevertrag ist vor einem Notar oder Amts- Bericht zu fchlieffen.— Ripdorf tili. 1. An einen Notar. Die Kosten Achten sich nach dem Objekt. 2. ES liegt Verjährung vor.— Edclwciff 1 901. Geschästslcitung des GewerkschastshauseS. Es sind nicht alle Kranzspenden veröffcnlticht worden.— F. H., Gharlottenbnrg. Nein. — 901. K. 14. 1. Strügle. Schmetterlingsbuch sür Ansänger, Pr. 4,50 M. 2. Ein solcher Verein ist uns nicht bekannt.— Genosse 100. 1. Nein. nur bis etwa K Uhr abends. 2. Das kann als Betrug ausgelegt werden. Daraus steht Gesängnisstrafe, bei mildernden Umständen Geldstrase. 3. Dasselbe.— 955.(3. 20. 1. Geburtsurkunde und Volljäbrigkeits- zeugnis. Schriftliche Anmeldung sowie Verchclichung vor der Militärzcit ist zulässig.— H. B. 2. Wenden Sie sich an das Bureau des Wahl- Vereins, Neue Hochstr. 23.— EH. 50. 1. Nein. 2. Wenn die Groffmutter noch am Leben ist, ist es zwcckmäffig, durch Testament das zu bestätigen. — R. K. 29. 1. und 2. Ja. 3. Auch sür das verslossene.— Kölln 135. 1. Verjährt. 2. Der Ort, wohin die Ware geliefert ist, gilt als Gerichts- stand. 3. Ja. 4. Vertrag ist zulässig. Die Frau hastet nicht.— Ernst 54. Sie hasten sür die Vertragsdauer. In derartigen Sachen kann Rechtsschutz nicht gewährt werden.— P. B. 10. Ja, die Hülste von dem- jenigen, wäs der Frau eigentümlich gehört hat.— E. 955. t. Ja. 2. Bei Lösung des Vertrages mit der Gasanstalt, unter Jnnehaltung der etwa vereinbarten Kündigungssrist, rückzahlbar.— 21. B. Edingsburg nicht be« kannt, aber Edinburgh, Grasschast und Ort in Schottland, außerdem Edin- bürg im Staate Indiana und Edinburg im Staate Mississippi(Vereinigte Staaten von Nordamerika).— F. G. 1884. Sie können nur bis längstens den 15. zum I. künftigen Monats kündigen.— 955. B. 19. Das Polizeipräsidium ist zur Erteilung des Erlaubnisscheins befugt. — Eh. 7001. 1. In der Leitung befinden sich eine Anzahl Parteigenossen. 2. Wir raten, falls Sie Sütglied find, die Frage an den Aussichtsrat zu richten oder die Sache in der Generalversammlung zur Sprache zu bringen. 3. Ja.— Bürgergarten. Liebetrau, Putbuser Straffe 15.— F. C. 55. Wenden Sic sich an die Zentrale sür private Fürsorge. Unter den Linden 16. — E. B. 7. Charitö, Schumannstr. 21. Sprechstunden Montag und Frei- tag 4—6.— P. H. K. 30. I. Bis 8 Uhr, sosern in dem Betriebe min- dcstens 16 Personen bejchäjtigt werden. 2. Klage.— M. Sch. 4. 1. Fragen Sie bei der Waisenhausverwaltung, Alte Jakobstr. 33, an. 2. Die Kinder erhalten drei Viertel, Sie ein Viertel. 3. Sechs Wochen nach dem Tode. 4. Die letztere Ansicht ist die richtige.— Lg., Tegel. DaS ist Sache der StaatSanwaltschajt. Sie können aber noch besonders daraus ausmerksam machen.— St. 21. Nein, ivenn nicht im Vertrage etwas anderes bestimmt ist.— Bolz 18o. Ihre Ansicht ist die richtige.— Riedel. Unterwerfung unter das Dogma.—" B. R. 20. Ist die Miete nach Monaten bemessen, längstens bis zum 15. zum 1.— S. 76. Ja. Sie könne» ober Beschwerde führen.— 9t. H. 1. bis 4. Ja.— M. S. Der Mann ist zahlungs- pflichtig. Bestrafung kann aber nur dann erfolgen, wenn deswegen die Ehe rechtskräftig geschieden ist. II�AIIsTödes-Auzeigen j| WM Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daff unsere liebe Tochter und Braut &nna Wieke am Freitag, den 24. Februar 1911, saust cntschlascn ist. Wilhelm Klhhe und Frau, Ungo Bäsch. Die Beerdigung findet heute nachmittags■i1/, Uhr, von der Halle des städtischen Fricdhojes in FriedrichSselde aus statt. 393b SoziiüileinokratlscIierWaiilverelD für den i. Herl Eeielistapalreis. Bezirk 98. Am Freitag verstarb unser Mitglied Fnüil. Anna Wicke. Ehre ihrem Andenken k Die Beerdigung findet heute nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des'Städt. Friedhoss in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 216/13 Der Borstand. OeulLcIm Metallarbeiter-Verband Berwaltnngsstellc Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daff unser Mitglied, der Heizungs- Rohrleger Witketni Stange am 27. Februar gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des TrinitatiS-KirchhofcS, Scharnweberstraffe, aus statt. Ferner starb unser Mitglied. der Dreher Willi Seidel am 27. Februar entzündung. Die Beerdigung an Gehirnhaut. findet am Donnerstag, den 2. März, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Neuen PaulS-KirchhoseS in Plötzensee aus statt. Ehre ihrem Zlndenke»! Rege Beteiligung erwartet 112/15 Die Ortsverwaltung. Qeutseber Transportarbeiter-fertanil. Bezirksverwaltung GroB- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daff unser Kollege, der Arbeiter (leorg Habermann am 25. d. MlS. im Aller von 34 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 25); Beerdigung findet am Mistwoch, den 1. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Dorotheenstädtifchen KirchhoseS, Reintckcndors, Schorn- wcberstr. 1/2, anS statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Bczirksvertvaltuug. iVaclii-iif. Den Mitgliedern zur Nachricht. daff unser Kollege, der Slrbciter Willielm Kietzmann am 23. d. Mts. im Aller von 24 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 66/13 Die Bezirksverwaltung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS und BatcrS 414b rnearied«erltei' wir allen unseren herzlichsten uniw» Luise Herker nebst Sehn. Zenfralveriiand öerLederarheitep and-Arbeitefinnen Deotscbiands. === Filiale Berlin I.== Am 25. d. Mts. verstarb unser langjähriges Mitglied, der Hand- schuhmacher kuäolk Knrtz im 56. Lebensjahre. Ehre seinem Ztudeukeuk Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 1. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Chrisws-Kirchhoses in Mariendors aus statt. Um rege BeteUigung ersucht 144/4 Der Borltand. Verband der Steinsetzer. Püasterera.Berutsg. Deutschlands Filiale Groll Berlin. Bezirk Berlin 1. Den Mitgliedern zur Nachricht, daff unser Kollege Otto Xemikov verstorben ist. Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. Marz, nach- mittags 4 Uhr, von der Gottsched- straffe 12 aus statt. Rege Beteiligung erwartet 175/1 Der Vorstand. Am Montag, den 27. Februar, verschied plötzlich mein lieber Mann, unser guter Vater, Schwieger- und Groffvater 421b August krieltrieb im 66. Lebensjahre. Die trauernden Hinterbliebenen. Skalitzer Straffe 5. Die Beerbiaung findet von der Leichenhalle des Simcons-Klrch- Hosts, Mariendorser Weg,, am treitag, den 3. März, nachmittags V, Uhr, statt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hinscheiden unserer lieben, unvergefflichen Mutter lllnvlc lSclkci-t sagen wir allen Verwandten und Bekannten unseren herzlichsten Dank. Die trauernden Hinterbliebene». Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei dem Begräbnis meines lieben BruderS und Schwagers, des Droschkenkutschers Hermann Lenz sagen wir allen Freunden und Bekannten sowie dem Sporverein „Klamme Brüder- unseren innigsten Dank. Hanl Lenz nebst Frau. Danksagnng. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank sür die Tellnabme und herrlichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines geliebten, unvergejiticheii Mannes. Besonders dem Sozial- demokratischen Wabiverein Rixdorf, dem Verband der Fabrikarbeiter, den Kollegen der Firmen Rohberg und Borgmann in Tempelhos und Halen- see, sowie auch dem Gesangverein sür seine srcundliche Mitwirkung. Die tiestrauernden Hinterbliebenen Anna SchönknechlÄ Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz. spenden bei der Beerdigung meiner geliebten Frau 41gb Berta Otto geb.»ledow sage ich allen Kollegen. Freunden. Verwandten und Bekannten meinen innigsten Dank. K&rl OttO und Tochter. Für die herzliche Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben Bruders. Schwagers und Onkels, des SchristsetzerS Herrn vruno Marsch sagen hiermit innigsten Dank N3b Tie Hinterbliebene«. «SSSSSSSA� (if Unserem lieben Gustav v« sj? Tempel und seiner lieben V Jg Ehefrau zu Ihrem ZSjährigen � x Gastwirts-Jubiläum die herz- JK g) lichsten Glückwünsche. s426b$ P In schwerer Zeit gabt Obdach * Ihr dem Proletariat •K Von Hammer und Ambos S, abgewandt, fp Gabt Ihr uns Rat und Tat. g/ iv Und wenn das Ziel, das wir üi P erstreben lv 55 Auch jetzt noch nicht erreicht, M 5 Mögt beide Ihr noch leben Z5 -» Bis uns der Völkeisrühling«5 vü lcucht'. N. B. 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Auch die Genossen der ö., 7. und 8. Abteilung werden gebeten, sich recht zahlreich den vorgenannten Abteilungen zur Verfügung zu stellen._ Der Vorstand. Berliner J�acbricbtem Am Weichbilde der Riesenstadt. Trotz aller winterlichen Allüren geht es dem Frühling entgegen. Wen da Beruf und Pflicht mit eisernen Krallen im Straßennetz der Riesenstadt festhalten, mag davon wenig oder nichts merken. Aber draußen, vor ihrem Weichbilde, wo profitgierige Unternehmer Villenvoroscte und Gartenstädte aus dem kargen märkischem Sande hervorzaubern wollen, regt es sich bereits geschäftig. Denn niemand wittert den Großstadtfrühling besser und zeitiger, als der Terrainspe- kulant. Der anbrechende Lenz stellt seinen Hoffnungen stets die günstigsten Prognosen. Ein junger Rasen, ein paar blühende Sträucher, locken immer Kauflustige herbei. Deshalb trachtet der richtige Terrainspekulant zeitig danach, sein„Objekt auf der Höhe" zu haben. Sonst kommt ihm die Konkurrenz- zuvor. So hat denn der Bodenwucher auch diesmal wieder seine Arbeiterkolonnen gedungen. Sie stehen draußen auf nirgends Schutz bietendem Gelände und schaffen und schuften im naßkaltem Februarwetter. Straßen legen die einen an. Mit Hacke und Spaten wühlen sie in dem kiesigen Flugsande. Bauniwurzeln roden die anderen. Trotz Schnee und Frost rinnt ihnen der saure Schweiß über die ge- bräunten Wangen. Aus einem Nichts sollen sie einen Kultur» wert, aus eitlem Oedland einen lachenden Garten schaffen. Nicht in rationeller, wohlüberdachter Arbeit soll ihr Werk vor sich gehen. Bon gestern auf morgen müssen sie Werte schaffen, die Wenigen Riesensummen in den Schoß werfen sollen. Und die meisten empfinden das Widersinnige dieser Fron mit verständnisvollem Bewußtsein. Not und Hunger und Winterspein haben sie hinausgetrieben vor das Weichbild der Stadt, wo noch kaum ein Dach sich stebt oder ein Gitter ein bewohntes Eigentum umfriedet. Ein verbissener Grimm zuckt in ihren verdrossenen Gesichtern. Wohl fassen die harten Hände fest zu und die Arbeitsgeräte knirschen und rasseln und klacken. Für etwas Unsichtbares schaffen diese ungezählten Hände. Und vor etwas Unbarmherzigen, Mitleidlosem sind diese ungezählten Rücken gekrümmt, um die der Wintersturm faucht, sie mit Flocken und eisigen Regentropfen peitschend. Ein paar Geldleute aber sitzen in den weichen Klubsesseln ihrer behaglichen, warmen Bureauräume und halten Pläne und Pausen in ihren wohlgepflegtcn Händen. Sie verfolgen den Fortschritt des Straßenbaues auf dem Papier, berechnen die Rentabilität der einzelnen Parzellen und erwägen, ob es nicht besser wäre, beim Fiskus gleich um zwei Bahnstationen zu petionieren, als um eme. Die da draußen vor dem Weich» bilde der Riesenstadt in Nässe und Kälte ein paar lumpiger Arbeitsgroschen wegen Leben und Gesundheit zu Markte tragen, sind für sie nichts als Instrumente, Werkzeuge, die man durch bessere ersetzt, wenn sie stumpf und unbrauchbar geworden sind. Denn wenn der Frühling kommt, erwacht auch die Terrainspekulation zu neuem Leben. Und wie alles in der Welt, so muß auch der nahende Lenz dem Kapitalismus seine Profite abwerfen, selbst draußen vor dem Weichbilde der Riesenstadt._ ! Skandalöse Zustände im städtisHen Obdach. Die Ueberfüllung des städtischen Obdachs wurde in der letzten .Sitzung des Obdachkuratoriums besprochen. Wie eine am 16. Fe- bruar von sozialdeniokratischen Mitgliedern vorgenommene Unter- suchung ergeben hat, herrschen im städtischen Obdach geradezu un- glaubliche Zustände. Der Andrang war so stark, daß das städtische Obdach mit 4711 Personen vollständig besetzt war. Es mußten drei Personen auf zwei schmalen Holzpritschen liegen, selbst die Gänge waren mit alten ausrangierten Pritschen besetzt; ein Teil Obdachlose kauerte auf dem Erdboden. Geradezu skandalös waren die Zu- stände in der Station für Geschlechtskranke, in der die von der Polizei überwiesenen Mädchen untergebracht sind. Dort steht Bett an Bett, Raum für Sitzgelegenheit fehlt, die Patienten müssen das Bett auch als Stuhl benutzen. Gelbst die Seitengänge, sogar die Etzsäle, sind mit Betten besetzt. Etatsmäßig ist diese Station mit 136 Personen belegbar. CS befanden sich am Tage der Revision 237 und am Montag sogar 250 Personen darin. Die Patienten sind wie die Heringe ein- gezwängt und können sich nicht hin- und herbewegen. Unter den Patientinnen befindet sich eine, die an Gesichtsrose, also an einer ansteckenden Krankheit leidet. Es besteht bei dem Platzmangel keine Möglichkeit, sie zu isolieren; kein Krankenhaus nimmt das Mädchen auf, weil es auch geschlechtskrank ist. Seit»unwohl über 2ö Jahren befindet sich die„G e- schlechtLkran.kenstation"„vorübergehend" im Gebäude des städtischen Obdachs, in der Nachbarschaft des Familienob- dachS, in einem Hause, in das eine Krankenstation überhaupt nicht hineingehört. Der leitende Arzt, Dr. Pincus, mußte selbst erklären, daß, wenn etwa bei den Geschlechtskranken eine Diphtherie ausbräche, er nicht tvüßte, was dann werden solle. Da alle Bitten, alle Vorstellungen, alle Beschlüsse der Per- waltung, die das Kuratorium seit Jahrzehnten an den Magistrat gerichtet hat um Fortnahme der Geschlechtskrankenstation aus dem Obdach, nichts gefruchtet und die Zustände sich so zugespitzt haben, daß es gewissenlos wäre diesen ferner ruhig zuzusehen, da sie sich von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag nicht bessern sondern eher verschlimmern, faßte das Kuratorium einstimmig den Bc- schluß. dcu Magistrat iwchmals zu ersuchen, sofort die Kranken- station aus dem Obdach zu entfernen. daS Kuratorium(die Verwaltung) lehne einstimmig und mit aller Entschiedenheit jede Vcr- antwortung für die in der Geschlcchtskrankenstatio» herrschende» Zustände und ihre eventuelle» Folgen ab und überläßt dieselbe dem Magistrat. Genosse Hofsmann, der diesen Antrag ge- 'stellt hatte, erklärte im Namen der sozialdemokratischen Mitglieder, daß sie nunmehr die Stadtverordnetenversammlung und die öffent- liche Meinung mobil machen würden. Genosse Dr. Bernstein bc- leuchtete die Gefahren, die darin liegen, wenn Geschlechtskranke durch die Ueberfüllung vorzeitig entlassen würden. Seit zirka 6 Jahren wird der Bau eines besonderen Geschlechts- Irankenhauses erörtert, der Magistrat kommt aus den Erwägungen tucht heraus. Inzwischen haben sich die Zustände in einer Weise entwickelt, dgß sie nicht mehr zu veraptM�en sind»nd scwst bürgerlichen Stadtverordneten die Haare zu Berge stehen. Eine Aenderung dieses Zustandes muß sofort eintreten, die Geschlechts- krankenstation muß aus dem Obdach heraus, zumal die Räume für das Obdach notwendig gebraucht werden. Der Berliner Ma° gistrat übernimmt eine Verantwortung, die er nicht mehr tragen kann. Dafür wird er zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Pastor Pfeiffer als Vormund. Aus dem Wirken des Massenvormunds Pastor Wil- Helm Pfeiffer, der für weit über tausend Kinder die Vormund- schaft führt, haben wir schon öfter sehr eigenartige Dinge zu mel- den gehabt. Herr Pfeiffer gibt sich alle Mühe, die Vormundschaft nicht nur für eben geborene uneheliche Kinder, sondern auch für ältere Waisen an sich zu bringen, und läßt dann die persönliche Fürsorge für seine Mündelschar durch berufsmäßige Helfe- rinnen des„Kinderrettungsvereins" ausüben. Er selber kann die wenigsten der ihm anvertrauten Mündel per- sönlich kennen, aber verantwortlich bleibt er selbstverständlich für alles, was da in seinem Namen getan wird. Er behält auch das volle Verfügungsrecht über alle seine Mündel, soweit es einem Vormund zustehen kann, und er macht von seinen Machtbefugnissen den weitestgehenden Gebranch. Schon manche Mutter, die freudig den Pastor Pfeiffer als Vormund angenommen hatte, mutzte es hinterher erleben, daß der Bormund Pfeiffer ihr d a s Kind abnahm und es in fremde Pflege gab. Herr Pfeiffer kennt alle Mittel und Wege, seine Mündel dem Machtbereich der Eltern zu entziehen, denen er sie nicht länger anvertraut sehen will. Ebenso geht er gegen Pflegeeltern vor, wenn er zu der Mei- nnng gelangt ist, daß sie als Pfleger nicht mehr geeignet sind. Wenn aber die Eltern oder Pfleger oder andere dem Kinde nahe- stehende Personen gegenüber dem Pastor Pfeiffer und seinem „Kinderrettungsverein" ihre vermeintlichen Rechte zu wahren suchen, dann kanns ihnen passieren, daß er den Staatsanwalt gegen sie anruft, der sie wegen Hausfriedensbruchs, wegen Kinder- entführung oder ähnlicher Straftaten auf die Anklagebank schleppt. Dabei wird von Helferinnen, die einer Mutter oder Pflege- mutier ein Kind abzunehmen beauftragt sind, zuweilen ein Ver- fahren befolgt, daß auch nicht gerade- als bedenkenfrci gelten kann und einer Kindesentführung so ähnlich sieht, wie ein Ei dem anderen. Wieder einmal wird uns mit- geteilt, daß ein paar Helferinnen des Pastors Pfeiffer ein Kind, das anderweitig untergebracht werden sollte, kurzerhand ans der Schule abgeholt haben. Die Pflegemutter, der man es abnahm, wurde erst nachträglich von diesem Akt der Selbsthilfe benachrichtigt und zwar nicht durch die Helferinnen, sondern durch den Rektor. Diesmal hatte übrigens der betreffende Rektor sich zunächst geweigert, den Helferinnen das Kind auszuliefern, aber auf telephonische Anfrage im Bureau des„Kinderrettungsvcreins" wurde ihm geantwortet, dazu sei er verpflichtet, und er glaubte dann nachgeben zu müssen. Zwar ist das, was die Helferinnen des Pastors da tun, keine Kindesentführung im Sinne des Gesetzes, keine Entführung, für die sie vor den Strafrichter gezogen werden könnten. Tatsächlich läuft aber die heimliche Abholung eines Kin- des aus der Schule auf eine Entführung hinaus, und man kann sich nicht wundern, wenn ein solches Verfahren eine Mutter oder Pflegemutter dazu provoziert, durch ähnliche Selbsthilfe da« ihr entzogene Kind wiederzuerlangen. Der Unterschied ist nur der, daß die Mutter oder Pflegemutter, die sich verleiten läßt, so etwas zu tun, dafür bestraft wird. Eben weil nicht jeder diesen Unterschied erkennt, halten wir das zur Nachahmung anreizende Verfahren der Helferinnen des Pastors für doppelt be- denklich. Wundern müssen wir uns, daß Gemeindefchulrek- t o r e n sich dazu herbeilassen, den Helferinnen des Pastors Pfeiffer und seines„Kinderrettungsvereins" Beistand zu leisten, ohne selber prüfen zu können, wieweit ihr Vorgehen berechtigt ist. Wir be» sipeiten die Nichtigkeit der Ansicht, daß die Rektoren dazu ver- pflichtet seien, den Helferinnen die geforderten Kinder auSzu- liefern. Die Schulverwaltung der Stadt Berlin sollte eS sich verbitten, daß Pastor Pfeiffer die Rektoren zu solchen Diensten be- nutzt. Und die Rektoren sollte sie anweisen, zu solchen Diensten sich nicht mehr herzugeben. Gewiß ist es ein Gewinn, daß der„Kinderrettungsverein" sich bemüht. Bäter unehelicher Kinder zur Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber den Kindern und ihren Müttern anzuhalten. Aber dar- über hinaus halten wir das Wirken des„Kinderrettungsvereins" und des Pastors Pfeiffer für keineswegs gewinnbringend. Viel- mehr scheint es uns im höchsten Grade bedenklich, der einen Person des Pastors Pfeiffer den weitestgehenden Einfluß auf die Le b e n s f ch i ck f a l e Tausender von Kindern einzuräumen. Hätten wir in Berlin eine regelrechte Berussvor- mundschaft, so bliebe die freiwillige Sammel- und Massenvor- mundschaft des Pastors Pfeiffer uns erspart. Die Erhebung von 41V Prozent Gemeindestenern stößt in Charlottenburg auf Schwierigkeiten. Der Magistrat will 110 Prozent erheben, die über die Mehrheit verfügende Fraktion will aber diesem Vorschlag nicht zustimmen. Sie fürchtet, ihr Selbstverwaltungsrecht preiszugeben. Die Aufsichtsbehörden können zwar die Gemeinden nicht direkt zwingen, mehr als 100 Prozent Zuschlag zu erheben; sie haben aber ein anderes Mittel in der Hand, um ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen. Die Gemeinden müssen nämlich die Genehmigung der Aufsichtsbehörden einholen zur Aufnahme von Anleihen. Und an diese Genehmigung knüpft die Regierung ihre Bedingungen. Sie hat das schon wieder- holt getan und wird jetzt erst recht Gewicht darauf legen. An- leihen nur dann zu genehmigen, wenn eine gewisse Höhe der Gemeindesteuern erhoben wird. Dazu kommt, daß beispiels- weise in Charlottenburg die Gemeindegrundsteuer in einer Form erhoben wird, die gleichfalls der Genehmigung unterliegt. Eine Berkehrierrungenschaft im Berliner Postwesen, die mancher Leser d. Bl. noch nicht kennt, verdient doch in weiteren Kreisen gewürdigt zu werden. Seit einiger Zeit ist am Potsdamer Bahnhof das Postgcbäude crlveitert und reicht mit einem an- sprechenden Posthof und großer Paketschalterhalle hindurch bis in die Linkstraßc. Absonderlich dieser Zweckmäßigkeit gegenüber er- scheint der Postanweisungs verkehr,— er findet im ersten Stock seine Abwickelung! Also lieber Leser, wenn du bei der Post am Potsdamer Bahnhof Geld einzahlen willst, mußt du zu Fuß eine Treppe hoch st eigen!— Ueberhaupt ist das Treppen- steigen bei unseren Postbautcn vielfach eine recht häßliche Ein- richtung. Eine Verkchrsanstält wie die Post, die dem wichtigsten und stärksten Verkehr dient, sollte doch am leichtesten zugänglich sein.— In Deutschland weit gefehlt. In zahlreichen Postbauten muß man zehn, zwölf und mehr Stufen steigen, um die Schalter zu erreichen. In Steglitz sind zur Schalterhalle des Hauptpostamts 24 Stufen zu erklimmen. In malerischen Gegenden im steigenden Terrain wird eine stufenreiche Treppe als„malerische Anlage" benutzt, um das Posthaus gefällig erscheinen zu lassen. Wir sind die letzten, die gegen schöne Postbautcn etwas einwenden möchten, aber Verkehrs- und Rutzbauten dürfen sich solche malerische Banerei nicht leisten, sie sind für das Volk, das sich heute mit Traglasten zur Schalterhalle hinaufquälcn muß. In London führt eine Stufe in einen einfachen Postladen. Alles atmet dort gcfchäft- liche Zweckmäßigkeit. Da schiebt mir kein Postbeamter, wenn ich mit ihm sprechen will, den Schalter vor der Aase zu. Ein breiter Tisch ist dgpch eis einfaches Drghtgittex ig zwei Teile geteilt Das Gitter steht etwa 3 Zentimeter über der Tischplatte, dort hindurch schiebt man seine Postsachen und bleibt stets in mündlicher Verbindung mit dem Postbeamten.— Aehnlich in Banken.— Bei uns sind die Postbeamten durch Schalterkäfige vom Publikum ab- geschlossen und man muß sich zuweilen tief bücken, wenn man durch die Schalter-Schiebetür mit dem Beamten zu sprechen hat. Acht bis zehn Schalter sind in verkehrsreichen Schalterhallen vor- Händen, aber zwei bis drei sind zur Abfertigung geöffnet, wo man für Geld und gute Worte warten, warten, warten darf! Aber wie gesagt: am Potsdamer Bahnhof ist die Postbaubehörde der Flugtechnik vorausgeeilt, der Postanweisungsschalter liegt eine Treppe hoch, aber es fehlt noch der Balkon, die Plattform zum landen!--- Eine„Kriminaldiensthundpatrouille" ist bei dem hiesigen Polizei- Präsidium eingerichtet worden. Die Erfahrung lehrt, daß jedes Jahr bei Eintritt der milderen Witterung in den Parkanlagen und in den bewaldeten Teilen der Umgebung Berlins Sittlichkeitsverbrecher und „Spanner" in größerer Anzahl wieder aufzutreten pflegen. Um ihrem Treiben von vornherein Einhalt zu gebieten, werden jetzt Kriminalpatrouillen mit Diensthunden ständig den Tiergarten, die Jungfernheide, das Tempelhofer Feld, den Treptower Park, den Friedrichs- und den Humboldthain abstreifen; auch die Lauben- kolonien an der Grenze Berlins werden in diese Streifen noch ein- gezogen werden. Die Beamten richten ihr Augenmerk zugleich auch auf Vogelsteller. Aufsehen erregte gestern in der Großen Frankfurter Straße als die Kriminalpolizei in das Volkskaffee eindrang und alle hier be- findliche Personen nach dem 93. Polizeirevier brachte. Man suchte drei Personen, die in der Nacht zum Montag bei einem Schlächter- meister in der Weißenburger Straße einen Einbruch versucht hatten. Die drei Gesuchten wurden gefunden und festgenommen. Auch zwei andere Gesuchte wurden behalten, die anderen entlassen. Gesucht wird von seinen Angehörigen der Tischlergeselle Eduard Preuße aus Kalkberge i. Mark, der zuletzt in einem Orte an der russischen Grenze gearbeitet hat. Wer Nachricht geben kann,»volle das an Wilhelm Preuße, Fehrbelliner Str. 24, tun. Vorort- ffacbricktem Charlottenburg. Das Charlottenburger KaufmanuSgericht hat im Geschäftsjahre 1910 26S Streitsachen erledigt, 2S(das sind 5 Proz.) mehr als im Vorjahre. Seit Bestehen des Kaufmannsgerichts(1965) ist die Zahl der Streitsachen um 335(daS sind 226 Proz.) gewachsen. Von den 569 Klägern(im Vorjahre 542) waren 39(21) Kauflcute, 535(5! 9) Gehilsen. Bei den Handlungsgehilfen und Lehrlingen betrafen die Klagen rückständiges Gehalt, Provision, Spesen 362 Fälle, Schaden- ersatz wegen vorzeitiger Entlassung 188, Antritt, Fortsetzung, Auf- lösung des Dienst- oder Lehrverhältnisses 34, Rückgabe von Zeug- nissen oder Aenderung des Inhalts derselben 11. Der Wert des Streitgegenstandes betrug in 36 Klagen bis 26 M., in 71 Klagen 26-50 M.. in 127 Fällen 60—166 M.. in 177 Klagen 166-360 M.. in 119 Fällen mehr als 366 M. Die niedrigite Klagesumme bclief sich auf 2,65 M., die höchste auf 29 711,62 M. Von den Klagen wurden erledigt: 11 durch Zurücknahme vor dem Termin, 163 durch Zurücknahme im Termin. 14 durch Anerkenntnis, 189 durch Vergleich, 32 durch Versäumnisurteil, 26 durch Verurteilung, 23 durch Abweisung der Klage. 161 auf andere Weise(Ruhenlassen des Prozesses, abweisender Beschluß wegen Unzuständigkeit usw.). Insgesamt wurden 166 Terminstage (im Vorjahre 69) abgehalten. Da die Termine an zwei Wochen- tagen gegen einen im Borjahr stattfanden, wurde eine Ver- Minderung der an einem TerminStage verhandelten Sachen von 19 auf 19 Fälle und außerdem eine Beschleunigung des Ver- sahrenS ermöglicht. Mehr als die Hälfte aller Fälle konnte in weniger als einer Woche erledigt werden. In gleicher Weise stieg die Zahl der durch die VergleichSlätigkeit des Vorsitzenden erledigten Sachen von 255 im Vorjahre auf 296 im laufenden Geschäftsjahr. Als Einigungsamt ist daS Kaufmannsgericht nicht in Tätigkeit getreten. Dagegen erstattete cS ein Gutachten über die Aenderung der die Konlurrenzklaufel regelnden Vorschriften des Handelsgesetzbuchs und der Reichsgewerbe» ordnung. Ein Gutachten an den Magistrat sprach sich gegen einen Antrag der Handlunasgehilfenbeisitzer auS, amtliche Wählerlisten für die Handlungsgehilfen zur KaufmannSgerichtSwahl aufzustellen. Schließlich empfahl das Kaufmannsgericht in einer gutachtlichen Aeußerung auf eine Anfrage des Magistrats, die Sonntags» arbeit in Ladengeschäften einzuschränken. Von Interesse ist nocki, daß zwei HandlungSgebilfenbeisitzer, die bei der Uebernahme des Elektrizitätswerks in die städtische Verwaltung durch Privaldienstvertrag in städtische Dienste traten, dennoch nach einem Beschluß deS Bezirksausschusses Potsdam ihre Sitze im Gericht be- hielten. Johannisthal. Endlich ist auch in Johannisthal durch Beschluß der letzten Ge- meindesitzung die seit langem brennende Friedhofsfrage er- ledigt. Die Gemeinde hat ein Gelände von 42 Morgen zum Preise von 86 696 M. von dem Rudower Eigentümer Dähne erworben, von welchem vorlänfig 2 Morgen zum Friedhof hergerichtet werden sollen. DaS Gelände befindet sich 16 Minuten südlich der Rudow- AdlerShofer Chaussee an der Anhöhe in der Mitte zwischen Rudow und Glienicke. Die Bcerdjgung darauf soll mit dem 1. März er- folgen, da mit diesem Tage auch die verlängerte Kündigungsfrist der Gemeinde Rudow abläuft. Die Grabstellen sind in drei Alters- gruppen geteilt, und zwar bis zum Alter von 2, von 2—12 und über 12 Jahren. Die Gebühren sollen in derselben Folge S, 16 und 26 M. betragen. Ein Antrag, dem sich auch unsere Parteigenossen anschlössen, für große Reihengräber 15 M. zu erheben, wurde init 7 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Mit dem Bau der Leichenhalle soll sobald wie möglich begonnen werden. Der Gemeindevorsteher teilte noch mit. daß da« Ersuchen, Johannisthal dem Fünfpfennig-Brief- verkehr von Groß-Bcrlin einzuverleiben, ebenso den Briefverkehr zwischen Ober-Schöneweide und Johannisthal auf 6 Pf. zu er- mäßigen, abgelehnt sei. Groft-Lichterfelde-Ost und Lanktvitz. Unseren Abonnenten zur gefl. Kenntnis, daß ivir siom 1. März d. I. ab die Zustellung des„Vorwärts" durch unsere Expedition besorgen lassen. Wir ersuchen deshalb, bei unserem Spediteur Bernsee, Steglitz, Alsenstx. 6 v. pt., Frau Eonz. H o ch st r. 16 oder im Restaurant„Kais er Hof", am K r«- noldplatz, das Abonnement nach erfolgter Abbestellung beim jetzigen Spediteur anzumelden. Die von unserem Spediteur be- zogenen Zeitungen sind nur an diesen zu bezahlen. Die Hauptexpeditio«� Zehlendorf(Wannseebahn). In der gut besuchten Mitgliederversammlung des Wahlvereins referierte Genosse Ulm über: Unsere Gemeindeverwaltung. Der Referent unterzog die kommunalen Zustände des Ortes einer ein- gehenden Kritik. Nachdem noch Genosse Kutta sich in zustimmendem Sinne geäußert, forderte Genossin Hanfe die Anwesenden auf, sich von allen kirchlichen sowie patriotischen Veranstaltungen sernzuhalten sowie auch die Kinder in sozialistischem Sinne zu erziehen. Ins- besondere ersuchte die Rednerin, eine rege Agitation lür den am 19, März stattfindenden Frauentag zu entfalten. FrkedrichSkelde. Aus der Gemeindevertretung. Nach Erledigung einiger im» Wesentlicher Punkte— unter anderem wurden die Mitglieder des Kuratoriums der gewerblichen Fortbildungsschule, deren Wahlzeit abgelaufen ist, einstimmig wiedergewählt— wurde eine Abänderung der Besoldungsordnung für die Lehrpersonen beschlossen. Als im Vorjahre die neue Besoldungsordnung beschlossen wurde, war im Hinblick auf daS sichere Aufrücken unseres Ortes in eine höhere Servisklasse— B— ein Passus mit aufgenommen worden, dem zufolge die höhere Mietsentschädigung aus die Ortszulagen an- gerechnet werden sollte. In der Praxis hatte daS den Erfolg, daß die unverheirateten Lehrer eine höhere Ortszulage erhielten als die verheirateten, und die Rektoren die geringste. Dieses verkehrte Ver Hältiiis wird durch die Neuregelung berichtigt. Weitere Mittel mußten bewilligt werden, weil zufolge eines Beschlusses des Provinzialrats der Ort nicht allein in eine höhere Servisklasse aufrückte, sondern die Mietsentschädigungen außerdem mit rückwirkender Kraft noch weiter erhöht wurden. Als eS sich dann darum handelte, einige neue Lehrstellen zu er- richten, ergab sich auf eine Anfrage des Genossen Pinseler, daß die Klastenfreqnenz in einigen Schulen eine recht hohe ist. Genosse Oehlert forderte die Einrichtung einer besonderen Klasse für schwach- befähigte Kinder, damit die Lehrer entlastet würden und ihnen auch der letzte Scheingrund zur Rechtfertigung der beliebten Prügeb Pädagogik genomnien werde. Es sei leider eine nicht zu leugnende Tatsache, daß die Prügelei und sonstige sehr zu mißbilligende Er ziehungsprakliken trotz unserer wiederholten Kritik nicht be seitigt'sind. Die Verbreiterung der Schloßstraße bedingt, daß einige Anlieger einen Streifen Land abtreten müssen. Hierfür soll ausnahmS- weife eine Entschädigniig gewährt werden. Begründet wird dies damit, daß die Besitzer in früheren Jahren bereits einmal Land ab getreten haben und ihr Grundstück bei weiterer Verkleinerung an bebauungsfähiger Fläche verlieren, also entwertet würde. Alle Be mühungen, den erforderlichen Boden unentgeltlich zu erhalten, seien erfolglos geblieben. Genosse Pinseler sprach sich gegen die Vorlage aus. Durch die Verbreiterung der Straße würden die anliegenden Grundstücke erheblich im Werte steigen, so daß der geringe Verlust an bebaubarer Fläche mehr als aus- geglichen werde. Was man hier dem einen zubillige, könne man an anderer Stelle dem anderen schwerlich verweigern. Bürgermeister Ungewitter entgegnete, die Gemeinde befinde sich in einer Zwangs ' läge, weil die Schloßstraße als Zugangsstraße zur Prachtstraße des Ortes unbedingt ausgebaut werde» müsse. Diese einmalige Ab weichung von der Regel, daß Abtretung von Land zur Straßen Verbreiterung unentgeltlich zu erfolgen habe, gestatte keine Schlüsse auf die Zukunft, weil bei anderen Straßen die Gemeinde einfach sagen könne, wenn die Anlieger kein Entgegenkomme» zeigen, so wird die Straße eben in ihrem Zustand liegen bleiben müssen. Herr Schäfer machte den beachtenswerten Vorschlag, bei der künftigen Steuereinschätzung den Wert der Grundstücke nach dem Preise zu bemessen, den die Besitzer von der Gemeinde forderten. Dann wurden noch einige dringliche Angelegenheiten auf die Tagesordnung gesetzt. Bor kurzem war bekanntlich beschlofien worden mit der Firma Bouch in Vergleichsverhandlungen zu treten. Jetzt verlautet nun, daß die Firma lediglich wegen der Zinsen sich mit der Gemeinde einigen wolle. Die Gemeindevertretung beschloß die Verhandlungen abzubrechen, weil es sich vor allem um die Haupt- summe handele. Die Prozessierung geht also weiter. Ferner sollte die Kanalisationsgebnhr auf 4 Proz. festgesetzt werden. Genosse Pinseler erhob Einspruch gegen das Verfahren, vor und außerhalb der Etatsberatung einen derartigenBeschluß zu verlangen. Er müsse seine Stellungnahme von der Borlage des Etats abhängig machen. Herr Beigeordneter Cassebaum entgegnete: eine Gebühr sei nur dann rechtmäßig zu erheben, wenn sie die Genehmigung des Kreisausschusses gefunden habe. Wolle man bis zur Etatsberatung warten, dann sei die Genehmigung bis 1. April nicht mehr zu er- langen und es bestehe die Gefahr, daß die Erhebung der Gebühr angefochten werde. Gegen die Stimmen unserer Genossen wurde die Gebühr festgesetzt. Unter Mitteilungen erstattete der Bürgermeister Bericht über die Schritte, welche die Kommission für die Zweckverbandsfrage unter- nommen hat. Eine Petition ist abgesandt worden, in der im wesent- licheu gefordert wird: Beschränkung des Verbandes auf das Wirt- schaftSgebiet Groß- Berlins; Einbeziehung der Schullasten, des ArmenwesenS und der Wohnungspolitik in den Aufgabenkreis; die Landgemeinden mit 10 000 Einwohnern sollen einen Vertreter er- halten und die Genieinden mit weniger vereinigt werden zu Wahl- bezirken; die Beiträge sollen nach dem Steuersoll in Verbindung mit der Einwohnerzahl berechnet werden. Die letzte Mitgliederversammlung beschäftigte sich hauptsächlich mit den Anträgen zur Generalversammlung von Groß-Berlin. Nach dem hierauf erstatteten Geschäftsbericht vom letzten halben Jahr hat sich der Mitgliederstand um 45 Genofien erhöht, die Genossinnen haben in einer unternommenen Agitation IS Frauen für den Wahl verein gewonnen. Es wurde der Wunsch ausgesprochen, daß die Genossen mehr für die Aufklärung der Jugend sowu für Gewinnung von„Vorwärts"-Lesern agitieren möchten. Der nächste Zahlabend soll gemeinsam abgehalten werden. Genosse Oehlert als Gemeinde- Vertreter ersucht die Versammelten, bei wichtigen Angelegenheiten die Gemeindevertretersitzungen zu besuchen. Am Schluß der Versamm- lung forderte Genosse Schwenk die Genossinnen auf, für den all- gemeinen Frauentag am IS. März rege zu agitieren. Kanlsdorf. Die am Sonnabend stattgefundcne Bolksversanimlung, die sehr zahlreich auch von auswärts Wohnenden besucht war, zeigte wiederum, daß die Bevölkerung darauf brennt, mit dem blauschwarzen Block und der ihr versippten Regierung gründlich abzurechnen. Die vor« zügliche Stimmung in der Versammlung hatte nicht zuletzt das Referat des Genossen Stadthagen über:.Her mit Freiheit und Gerechtigkeit" ausgelöst. In seinem zweistündigen Vortrage ließ der Referent die Taten des gegenwärtigen Reichstags Revue passieren. Diskussion fand nicht statt. Einem Appell des Vorsitzenden, sich dem Wahlverein anzuschließen und dadurch die Reaktion zu bekämpfen, folgten 12 Personen. Niederlehme. Einen NeichsverbandSschüler hatten sich die hiesigen Bürger- lichen nach einer am Sonnabend stattgehabten Versammlung ver- schrieben. Der Sprößling zeigte denn auch in seinem zirka ein- stündigen Referat, daß er die abgedroschenen Reichsverbandslügen gegen die Sozialdemokratie und deren Führer in einer Weise meisterte, daß einem Teil der anwesenden Bürgerlichen selbst die Ausführungen anwiderten. In der Diskussion klopfte Genosse Kaiser, gestützt auf authentisches Material, dem Reichsverbändler ge- hörig auf die Finger. Zugleich ersuchte Redner die Versammlungs- besucher sowohl wie auch den Referenten, eine demnächst am hiesigen Ort stattfindende sozialdemokratische Versammlung zu besuchen, dabei sicherte er ihnen die größtmöglichste Redefreiheit zu. Alsdann unternahm es der hiesige Lehrer Herr Haupt, sich in Ver- dächtigungen gegen Kaiser sowie anderen in der sozialdemokra- tischen Partei tätigen Personen zu ergehen. Genosse Kaiser er- widerte, daß er Herrn Haupt Gelegenheit geben werde, vor Gericht seine ihn beleidigenden Ausführungen durch das nötige Beweis- Material zu stützen. Zum Schluß rechnete Genosse Lorenz noch gebührend mit den Ausführungen der Gegner ab. Im großen und ganzen kann man sagen, daß die Herren den Kampfplatz verlassen muhten in der Ueberzeugung, daß für sie die Trauben in Nieder- lehme doch wohl etwas zu hoch hängen. Nieder- Tchönhausen. In der letzten Gemeindevertretersstzung wurde beschlossen, die Hundesteuer von 13 auf 20 M. pro Jahr zu erhöhen. Unsere Ver- treter stimmten dagegen. Von der freiwilligen Feuerwehr lag ein Gesuch um Erhöhung der jährlichen Beihilfe der Gemeinde vor. Der tn der Sitzung anwesende Vorsitzende der Feuerwehr. Herr Rückert, hetonte, daß die Feuerwehr nicht mehr in der Lage sei, die laufenden Kosten aufzubringen, sämtliche Fonds seien aufgebraucht durch die Anschaffung von Ansrüstungsgegenständen. Die freiwilligen Spenden der Einwohnerschaft sind trotz des starken Wachsens des OrteS nur wenig gestiegen; leider gäbe es einen großen Teil von HauSbesitzeru, die noch nicht einmal einen jährlichen Beilrag von 3 M. für die Wehr übrig hätten. Um die Ausgaben für das Jahr 1910 decken zu können, habe eine Anleihe in Höhe von 1500 M. aufgenommen werden müssen. Er bitte daher, den jährlichen Beitrag von 600 M. auf 1200 M. zu erhöhen. Bürgermeister Abraham befürwortete das Gesuch; er be merkte hierzu, wenn in den vertraulichen Sitzungen, die sich mit der Aufstellung des diesjährigen Etats beschäftigt haben, wiederum nur die Summe von 600 M. eingestellt worden sei. so habe man keine Kenntnis' von der schlechten finanziellen Lage der Feuerwehr gehabt. aber für die Mehrausgabe von 600 M. werde sich Deckung schon finden lassen. Von der Einführung eines Ortsstatuts für zwangs weise Heranziehung der Hausbesitzer zu den Kosten der Feuerwehr bitte er vorläufig Abstand zu nehmen, upi erst festzustellen, wie sich in anderen Gemeinden derartige Orisstatute bewährt haben. Die hierauf folgende Diskussion gestaltete sich sehr interessant, indem der Vertreter der Beamten, Herr Becker, darauf hinwies, daß wenn das Gesuch 14 Tage später eingegangen wäre, die Feuerwehr nur 600 M. erhalten hätte, wie ja in der vertram lichen Elatssitzung beschlossen worden sei. Damit sei erwiesen, daß die Beratungen doch nicht so geheim geblieben seien; er sehe auch gar nicht ein, weshalb ein Vertreter sich nicht Auskmift und Rat bei seinen Wählern holen sollte. In erregtem Tone machte der Bürger- meister ihn darauf aufmerksam, daß es von ihm eine Gepflogenheit sei, alljährlich den Etatsentwurf in vertraulichen Sitzungen vor- beraten zu lassen, um dadurch Differenzen zwischen dem Gemeinde vorstand und der Gemeindevertretung zu vermeiden. Der Etat liege 14 Tage öffentlich aus, daher könnten immer noch in der öffentlichen Etatsberatung Einwendungen erhoben werden.(Leider wird in der öffentlichen Sitzung über den Etat nur noch abgestimmt und damit ist die Etatsberatung erledigt. Gerade das ist für die Wähler von Wichtigkeit, vor der Oeffentlichkeit die Ansicht ihrer Vertreter über den Etat zu hören. D. B.) Dr. Pratsch verurteilte es scharf, daß ein Vertreter sich bei seinen Wählern Rat holt,— ein Gemeindevertreter müsse einen klaren lick und eine selbständige Meinung haben. Dem Herrn Doktor scheinen die Ansichten seiner Wähler gleichgültig zu sein. Nach längerer Debatte sah denn die Vertretung ein, daß es ein kläglicher Zustand für die Gemeinde wäre, wenn sie nicht eine aktionsfähige Feuerwehr'besitzen würde, sie beschloß deshalb den Beitrag auf 1200 M. zu erhöhen. Die Durchleaung der Wald- und Hermannstraße wurde von der Tagesordnung abgesetzt, da die Ver- Handlungen noch nicht abgeschlossen sind. In den Steuerausschuß wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Der öffentlichen folgte eine nichtöffentliche Sitzung. Nowawes. Gemeindewähler! Vom 6. bis 10. März finden die Er- gänzungswahlen zur Gemeindevertretung statt, und zwar in folgen- der Ordnung: Die Wähler der 3. Abteilung mit den Anfangs- buchstaben A bis H wählen am Montag, den 6. März, diejenigen von I bis Q am Dienstag, den 7. März und diejenigen von R bis Z am Mittwoch, den 8. März, nachmittags von 4'� bis 7!4 Uhr im Restaurant»Port Arthur", Lindenstr. 34/35.— Die Wahlen zur 2. Abteilung erfolgen am Donnerstag, den 9. März, nach- mittags von 6 bis 7 Uhr, im gleichen Lokal.— Unsere Kandidaten sind:' in der 3. Abteilung die Genossen Ernst Zöllner. Her- mann Hähnchen und Max Singer; in der 2. Abteilung die Genossen Ernst Krautzpaul, Wilhelm Le o n h a r d und Albert Decker.— Arbeiter und Parteigenossen! Nutzt die kurze Zeit, die uns noch zur Verfügung steht, in emsiger Agitation für unsere Kandidaten aus und sorgt dafür, daß keiner eurer wahlberechtigten Arbeitskollegen der Wahl fernbleibe! ES gilt nicht nur, die 3. Ab- teilung gegen den vereinten Ansturm der Gegner zu halten, sondern der Wahlausfall soll gleichzeitig ein flammender Protest sein gegen das elende Kommunalwahlrecht, daS 21 Wählern der 1. Abteilung die gleichen Rechte gibt, wie 4564 Wählern der 3. Abteilung! — Aber auch um die 2. Abteilung gilt diesmal der Kampf. Und wenn alle Wähler, denen an einer freiheitlichen Weiterentwickelung unserer Gemeinde gelegen ist, ihre Stimme unseren Kandidaten geben, muß es uns gelingen, in diese Abteilung, die uns bisher verschlossen blieb, Bresche zu legen. Die Demokratische Vereinigung hat uns in dieser Abteilung ihre Wahlhilfe zugesichert. Jedem Wahlberechtigten wird vor dem Wahltermin eine Legitimations- karte zugestellt, die dann dem Wahlvorstand auszuhändigen ist. Sollten Wahlberechtigte bis zum Wahltage noch nicht im Besitz einer solchen Wahlkarte sein, so sind sie berechtigt, dieselbe im Zimmer 13 deS Rathauses. Priesterstraße 82, abzuverlangen. Spandau. Wie berichtet wird, hat der Magistrat den Stadtverordneten der dritten Abteilung, Betriebsschreiber Simon zum Inspektor deS Hallen schwinnnbadeS mit einem AnfangSgehalt von zirka 3000 M. gewählt. Herr Simon war bisher Betriebsschreiber in einer hiesigen Staats wcrkstätte und wurde bei der letzten Stadtverordnetenwahl von den Wählern der dritten Wahlabteilung in feinem Bezirk gewählt. Seine erste hervorragende Betätigung im Stadtparlament bestand darin, daß' er bei Behandlung einer Frage von NotstandSarbeiten den Ausspruch tat,»die Arbeiter haben nichts zu fordern, sondern nur zu bitten! ES ist dies der zweite Fall, daß ein Vertreter der dritten Abteilung ein Amt erhielt. Der erste Fall betraf den Schlosser Lamprecht. der vom Hirsch- Dunckerschen Gewerkverein zum Kandidaten vor- geschlagen und von den bürgerlichen Wählern der dritten Abteilung vor mehreren Jahren gewählt wurde. Er ist jetzt Klärmeister bei dem städtischen Kanaliiationswerk. Die Nutzanwendung dieser Ge- schichte sei den denkenden Arbeitern für die nächste Stadtverordneten- wähl überlassen. Einem sozialdemokratischen Stadtverordneten wäre es wohl kaum passiert, in ein städtisches Amt zu rutschen. Jngendveranstaltungen. Schöneberg. Freitag, den Z. März, abends von 8—9'/» llhr. Spiel- und UnterhaltungSabend bei Poschmann, Vorbergstr. S. Der Ausschuß. Sericbts- Leitung. Graf Pfeil. Die bekannte und vielbesprochene Affäre des früheren Haupt- manns Grafen Pfeil und Klein-Ellguth hat zu einer Privatklage des Geh. Hofbaurats Heim gegen den Herausgeber des»Roland von Berlin", Dr. Leo Leipziger geführt, zu deren Verhand- lung gestern vor dem Schöffengericht Charlottenburg Termin an- stand. Dem Privaßkläger standen die Justizräte Dr. F4atau und Siebig zur Seite, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Dr. Frank- furter. Den Vorsitz führte Assessor Dr. Brecht. Hofbaurat Heim ist der Vater der ersten Frau des Grafen Pfeil, die sich von dem letzteren wegen fortgesetzter Mißhandlungen hat scheiden lassen. Als dann zwischen den Ehegatten der Kampf um den Besitz der Kinder entbrannt war, veröffentlichte der»Ro- land von Berlin" Artikel, durch die sich Hofbaurat Heim beleidigt fühlt. Es wurde darin ausgeführt, daß der'Privatkläger einen verderblichen Einfluß auf seine Tochter Stephanie ausgeübt habe, eS komme ihm und seiner Tochter nicht so sehr auf die Wieder- erlangung der Kinder an. als vielmehr um die Ausschließung des Grasen Pfeil aus dem Heere, er habe den Detektiv Graeger, dem er ein großes Honorar gezahlt, damit beschäftigt. Zeugen und Ma- terial gegen den Grafen herbeizuschaffen, gegen Herrn Heim schwebe bereits ein Ermittelungsverfahren wegen Verletzung ber Eidespflicht usw. usw. Von diesen und anderen kritischen Bemer- kungen über da? Verhalten der Familie Heim in dieser Ehetragödie sind nur die Sellen unter Anklage gestellt, in denen es heißt:„eS werde wiede>»m von Heimscher Seite versucht, durch unlautere Mittel gegen oen Grafen Hans- Pfeil in der Oeffentlichkeit Stim- mung zu machen" und„das Ermittelungsverfahren gegen den Ge- Heimen Hosbaurat Heim wegen wissentlichen Meineides ist bereits im Gange". Der Angeklagte Dr. Leipziger bestritt das Vorliegen einer strafbaren Beleidigung. Er habe im August v. I. den Grafen Pfeil kennen gelernt, der damals schon ein physisch und seelisch gebrochener Mann gewesen sei. Beim Studium der Akten sei es ihm aufgefallen, daß, während sich die militärischen Gerichte durch- weg auf die Seite des Grafen Pfeil stellten, in den Zeitungen fortwährend Berichte erschienen, die stets zuungunsten des Grafen Pfeil ausfielen. Er habe gesehen, daß in der Presse immer gegen diesen agitiert wurde; der Graf, der damals noch Offizier ge- Wesen, habe sich dagegen nicht wehren können, teils aus dem Grunde, daß er noch aktiv war, teils weil er auch keine flüssigen Mittel hatte. Da habe er geglaubt, die Pflicht zu haben, die Rechte des Grafen Pfeil nach der Richtung hin wahrzunehmen, indem er versuchte, der Oeffentlichkeit die richtige Meinung über den Grafen Pfeil und dessen Ehegeschichte beizubringen. In Gerichts- urteilen sei schon festgestellt worden, daß die Gräfin Pfeil mit illoyalen Mitteln, gekämpft habe und von Heimscher Seite die öffentliche Meinung durch tendenziöse und unwahre Zeitungs- artikel hecinflutzt werde. In dem kriegsgerichtlichen Verfahren seien alle diese Zeitungsartikel gesammelt worden und befänden sich bei den Akten des Landgerichts Graudenz. Er berufe sich auf die den Fall Pfeil betreffenden Artikel, die, ausgehend von der „Deutschen Journalpost" in den Berliner Blättern veröffentlicht worden sind und behaupte, daß den Inhabern der„Deutschen Jour- nalpost"' Geldmittel mit dem Auftrage zur Verfügung gestellt wor- den seien, Stimmung gegen den Grafen zu machen. Es kam zu heftigen Zusammenstößen, als Justizrat Biebig mit großem Nach- druck darauf hinwies, daß es bei der Strafabmessung von Interesse sei, zu erörtern, ob bei dem Angeklagten nicht vielleicht andere Motive, als er angibt, für sein Vorgehen maßgebend gewesen seien. Er nennt die Namen des Geheimrats Guttmann, Kommerzienrats Jandorf, Generaldirektors Eltan, Carl Freund zum Beweise, daß der Angeklagte in ähnlichen Fällen auch an diese herangetreten sei und ihnen bei Nichterfüllung von persönlichen Anliegen, Unan- nehmlichkeitcn in Aussicht gestellt habe. Diese Andeutungen setzten den Angeklagten in so hochgradige Erregung, daß er mit der Faust auf den Tisch schlug und mit lauter Stimme erklärte: Das sind unerhörte Unwahrheiten! Jedes Wort, das hier soeben gesagt worden, ist von Anfang bis zu Ende objektiv unwahr. Der Vor- sitzende mußte den Angeklagten nachdrücklich zur Ruhe ermahnen. Dr. Leipziger erklärte noch: er würde mit der Vernehmung der soeben benannten Herren sehr einverstanden sein. Vom Geh. Baurat Heim behauptet der Angeklagte: Dieser habe ihn um 60 000 M. betrogen Gegen diese Behauptung erhoben die Justiz- räte Biebig und Dr. Flatau lauten Widerspruch und erklärten diese Behauptung für jeder Begründung entbehrend.— Lange und sehr lebhafte Erörterungen knüpften sich an die Behauptung deS Angeklagten und des Rechtsanwalts Frankfurter, daß der Heraus- geber der„Deutschen Journalpost" sich in den Dienst des Geh. Baurats Heim gestellt und von diesem Geld erhalten habe, um fortgesetzt falsche Nachrichten in die Zeitungen zu lancieren. Es werde nicht behauptet, daß die„Journalpost" die ihr überbrachten Angaben, wissend, daß sie falsch waren, veröffentlicht habe,— Die Vertreter des Privatklägers bestritten ganz entschieden, daß letzterer mit den Zeitungsnotizen etwas zu tun oder dem Heraus- geber der„Journalpost" Gelder zur Verbreitung unrichtiger Nach- richten gegeben habe und beriefen sich auf den im Saale anwesen- den Herausgeber der„Journalpost", Schweder, der ihnen soeben noch erklärt habe, daß er den Geh. Hofbaurat Heim überhaupt nicht kenne und nie die behaupteten Beziehungen zu diesem gehabt habe. Von beiden Seiten wurden Anträge gestellt, darunter der Antrag auf Vernehmung des Hauptmanns a. D. Grafen HanS v. Pfeil, des Rittmeisters Grafen v. Gersdorff, des Rechtsanwalts Gvcßo, die Vorlegung der Eheschcidungsakten deS Oberlandes- gerichts Breslau, der Graudenzer Akten usw. usw.— DaS Gericht beschloß, den Parteien aufzugeben, genau formulierte Beweis- anträge innerhalb 14 Tagen einzureichen. Der Vorsitzende behielt sich vor, alsdann diese Anträge weiter zu prüfen und zu entscheiden, welche Zeugen vorgeladen werden sollen. Arbeiter- Wanderdund„Die Naturfreunde". Kanderfahrtea am Sonntag, den b. März: I. Groß-Besten—Päder See— Halbe. Abfahrt: Görlitzer Bahnhos 6" vorm. II. Spandau— Schwanenkrug— Seegefeld. Abs.: Lehrter Hauptbahnhos K" vorm. III. Jungfernheide— Saatwtnkel— Tegel Treffpunkt'Iß Uhr Bahnh. Jungfernheide. Gäste willkommen. Arbeiter> Samariter- Bund Kolonne Spandan. Heule abend! 8'/, Uhr UebungSabend bei Böhle: Bortrag. Lese- und Distutirrklnd»Süd- Ost". Heute Mittwoch. abendS 81/, Uhr bei Neidbardt. Görlitzer Straße 58: Sitzung(Vortrag). Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklub„Heinrich Heine". Heute, Mittwoch, abends 8'/, Uhr: Sitzung bei Grünberg, Rodenbergstr. 6. Amtlicher Marktbericht der ftädttlchen Marttballen-Dtrektton aber den Großbandel in den Zenwal-Marttballen. Martilaae: Fleiich: Zusuhr reichlich, Geichäst ruhig. Preise unverändert. Wild: Zuiubr unbedeutend, Geichäst ruhig, Preise lest. Geflügel: Zusuhr genügend, Geichäst etwa» lebhast, Preise unverändert. Fisch«: Zusuhr sehr mäßig, Geichäst ruhig, Preile wenig verändert. Butter und Käse: Geschäst ruhig. Preise unverändert. Gemüle, Obst und Südfrüchte: Zu- fuhr genügend, Geichäst ziemlich lebhaft Preise sest. «tttrrnngsnberstitit vom 88. Februar 1911. E tattonen sa £= S a II «f Haparanda 756 S Petersburg 760 SSO Sctllh Äberde« Paris 750 SW 738 SSW 760 SSW I Sittn ä* ti 2 bedeckt—14 1 Schnee—15 6 Nebel I 10 4 halb Bd.'7 4 dedeckt| 9 «vettervrognoie kür Mittwoch, den I. März 1911. Etwas wärmer, vorherrschend wolkig mit Regensällen und lebhastm südwestlichen Winden. Berliner Wetterburea» eSasserftanbS.S-a�irt-stte» der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welte: bureau. WasserNand M e m e l. Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thor» Oder, Ratibor » kroffen , Frantiurt Warth«, Schrimm , Lanbsderg Netze, vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg am j