Nr. 6S. � «irrÄüs.., T(|gf �•äSm� �»»rrfnÄ: S M 11 M l< i i i N Kl WPWii&f/»�n�unN"»�Ä.nch��,�° Cinjelnc Nummer 5 Pfg. Sonntags. iP�H H H UM V) Hg WS WU DA MI KsKS(V. WZ WlB f-- y/ und Versammlungs-Anzeigcn SO Pfg. Nummer mit illustrierter Sonntags- �WW UpflH— I H9■Q.—' ßO WM WM BM»W Wlz ZW) WM WS //„Kleine Hnrcigcn", das erste(fctt> Beilage.Die Neue Weit» lv Pfg. Post. WWW\\ MB PS M WM M WW MD M BS H M' Ah. gedruckte) Wort 20 ipsfl., jedes weitere «bonnemenl: 1.10 Mark pro Monat. I W> W W W Bi. Ml IM W M M Wi JKfcw��r/ Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf. IrÄ H B■ R. nwh™ ASmL Ml■ s..ll°nÄnIeigm das erste Wort lOPfg.. Deutschland und OeVch- Ungam B B M. // B jedes«estere Wort 5 Pfg. Worte über 2 Marl, für das übrige Ausland �HLI WWx WV // H 1b Buchstaben zahlen für zwei Worte. L Marl pro Monat. Postabonnements AW) Inserate für die nächste Nummer müssen nehmen an: Belgien. Dänemark.-r o � ▼/ bis s Ilhr nachmittags in der Expedition Sollanö. Italien. Luxemburg. Portugal.(X7>----->v�->' abgegeben werden. Die Expedition ist «uman.en. Schweden und die Schweiz. � V S>__) bis 7 Uhr abends gcössnet. er.««-».»-..» Vevlinev VolliS�lnkk. s-»-. Zentralorgan der fozialdemokr ati f eben Partei Deutfcblands. Redaktion: 8M. 68» Llndcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1383. Sonnabend, den 18. März 1911. Expedition: 8M. 68» Lindenstrasae 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984» im alten Europa: es begann die kapitalistische Eroberung der Welt. Der Zusammenstoß zwischen Nußland und Japan 'iihrte zu einer Revolution, in der die Bourgeoisie abermals vollständig versagte. Mit dem Generalstreik lief das Proletariat gegen den Absolutismus Sturm, und die An> Wendung dieses Kampfmittels stempelt diese Revolution zu einer proletarischen. Mit Sturmeseile geht die EntWickelung weiter. Mit unheimlicher Schnelligkeit vollzieht sich ununterbrochen die Pro- letarisierung der Völker und immer von neuem wird die Welt durch politische Konflikte beunruhigt. Die Völker starren in Waffen und jeden Tag kann die Unvernunft der herrschenden Klassen die Kriegsfurie entfesseln. Der Krieg aber birgt heute die Revolution in sich. Das ist das Verhängnis der kapi- talistischen Welt. Bei dem Gedanken an die Revolution der Zukunft laust den Besitzenden der Angstschweiß über den Rücken, und doch tun sie alles, müssen alles tun, um den Zusammenstoß zu beschleunigen. In Proletarierherzen aber findet jauchzenden Widerhall das Wort, das in Deutschlands finsterster Zeit der Dtchter namens der Revolution in die Welt schleuderte: Ich war, ich bin— ich werde sein! Ich werde sein und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn. Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd ich stehn. Befreierin und Rächerin und Richterin, das Schwert entblößt, Ausrecken den gewaltgen Arm werd ich, daß er die Welt erlöst. Ihr seht mich in den Kerkern bloß, ihr seht mich in der Grube nur. Ihr seht mich nur als Irrende auf des ExileS dorn'ger Flur— Ihr Blöden, wohn ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat) Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt? In jedem Haupt, das trotzig denkt? Das hoch und ungebeugt sich trägt? Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt? Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütt», drin eS ächzt?— Bin ich der Menschheit Odem nicht, die rastlos nach Befreiung lechzt? Drum werd ich sein, und wiederum voraus den Völkem werd ich gehn I Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd ich stehn I Mlitsrgeichichteo. Paris, 14. März.(Eig. Ber.) 1 Eine Anordnung des neuen Kriegsministers Berteaux erregt bei der kapitalistischen Presse Verdruß. Bisher hatten die Offiziere und die Feldwebel allein das Vorrecht, in ihrer dienstfreien Zeit Zivilkleider zu tragen. Der Kriegsminister dehnt nun dieses Recht auf die weiterdienenden Unteroffiziere aus und beauftragt die Generale, ihm über die Ergebnisse dieser Maßnahme Bericht zu erstatten, was auf die Absicht ihrer weiteren Ausdehnung hinzudeuten schtzint. Das bringt nun die Blätter der Großbourgeoisie in Zorn. So meint das Blatt„Nouvelles": Wenn die weiterdienenden Unteroffiziere in Zivil gehen dürfen, warum soll man diese Freiheit den anderen Unteroffizieren verweigern? Warum den Korporalen und schließlich den gewöhnlichen Soldaten? In der Tat ist diesen Fragen die Logik nicht abzusprechen. Nur daß eben der demokratischen Auffassung die konsequente Durchführung des Rechtes des unter den Waffen stehenden Bürgers, außerhalb des Dienstes Biirgerkleidung zu tragen, natürlich erscheint, wogegen die vom roten Schrecken ge- ängstigte Bourgeoispresse schon die Möglichkeit einer Ver- mengung des militärischen Elements mit dem zivilen als eine Gefahr ansieht.„Die Armee ist vom Syndikalismus angegriffen," schreiben die„Nouvelles".„Offiziersverbände bilden sich, Militärzeitungen machen korporative Forderungen geltend. Sie geben den Gewerkschaftsblättern der Arbeiter- schaft"höchstens nur in der Heftigkeit des Stils etwas nach. Wenn die Regierung sich über die Gefahr Rechenschaft gäbe, würde sie die Wachsamkeit gegenüber den Leuten, die die öffentliche Gewalt repräsentieren, erhöhen und die Disziplin straffer ziehen." Lieber solle man den Unteroffizieren den Sold erhöhen, als ihnen das Unterscheidungszeichen nehmen. ohne das sie in der murrenden namenlosen Menge ver- schwinden. Die Attacke des genannten Blattes ist vielleicht ebenso- sehr der Absicht, dem von der großkapitalistischen Presse wütend angefeindeten Kriegsminister eins auszuwischen, ent- sprungen, wie der echten Besorgnis vor dem Syndikalismus. Denn daß die marktschreierisch angekündigte Propaganda des Antimilitarismus in der Kaserne, wie man sie auf dem letzten Gewerkschaftskongreß in einer langen Resolution formuliert hat, praktisch ebensowenig Bedeutung hat, wie die neuestens von H e r v 6 ausgeheckte Schrulle eines sozial- revolutionären Militarismus, der die„Kampforganisationen" des„Bürgers Browning" durch � ein putschistisches Prä- tarianerturn ersetzt, ist den vernünftigen bürgerlichen Be- urteilern wohl bewußt. Dagegen ist wohl unverkennbar, daß die Zersetzung der französischen Demokratie ihre Wirkungen auch auf die Armee ausübt. Auch in dieser tritt die Klassenscheidung mit ihren ideologischen und politischen ver 18. Wxz. Arn dritten Jahrestage der Revolution, 1851, als ganz Deutschland unter der Schmach der infamen Konterrevolution ächzte, ließ Ferdinand Freiligrath die Revolution sprechen: Die Zukunft, die nicht fern mehr ist l Sie spricht mit dreistem Prophezci'n So gut wie weiland unser Gott: Ich war, ich bin— ich werde sein! Mit welchem Spott und Hohn mögen es damals die Machthaber vernommen haben. War nicht alles vorbei, saßen sie nicht wieder fest im Sattel; deckten nicht die Gräber längst das modernde Gebein der Rebellen? Hatte nicht der Spieß- bürger den Schießknüppel für immer vernichtet? Herrschte nicht wieder Ruhe und Ordnung weit und breit? Mochte der Dichter im Exil immerhin drohen und prophezeien; eine gute Zensur wachte darüber, daß seine Worte nicht die Schläfer weckten. Ach und es war ja so wenig Gefahr, daß sie er- wachten! Das«tolle Jahr" war nur noch ein böser Traum.— Und heute? Heute nach sechzig Jahren schlagen Millionen Herzen zuversichtlich, wenn der Revolutton stolze Losung widerschallt: Ich war, ich bin— ich werde sein! Ich werde sein, und wiederum voraus den Völkern werd' ich gehn! Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd' ich stehn! Heute wissen die Machthaber genau, daß die Welt schwanger ist mit einer Revolution, gegen die 1848 ein Kinderspiel war. Sie wissen, daß es kein Entrinnen gibt und bauen nur noch auf die rohe Gewalt, auf die Flinte, die schießt, und den Säbel, der haut. Oder sie tun wenigstens, als ob sie's glauben. Denn sie wissen sehr wohl, daß zu dem Arm, der die Flinte regiert und den Säbel, ein Kopf gehört und daß Tag fiir Tag tn den Köpfen die Gedanken klarer werden. Sie wissen ferner, daß settdem ein anderes Dichterwort erprobt ist, das Wort„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will", daß dieses Wort die Drohung eines furchtbaren Kampfes enthält, eines Kampfes, , in dem selbst die Schnellfeuergeschütze und Kleinkalibrigen versagen. Das Jahr 1848 kehrt nicht wieder— zum Unglück für die Regierenden. Es ist nicht mehr getan mit einer Attacke der Dragoner und der Garde gegen einen wehrlosen Haufen, nicht mehr mit dem Sturm auf ein paar Dutzend Barrikaden. Wenn das nächstemal das revolutionäre Gewitter sich entlädt, wenn die Welt in Flammen aufgeht, dann helfen keine Worte mehr und keine theatralischen Umzüge mit der schwarz-rot- goldenen Fahne. Denn die Proletarier, die dann dem Rufe der Revolutton folgen, die gehen nicht mehr den salbungsvollen Schwätzern auf den Leim. Freilich, auch die Machtmittel der herrschenden Klasse sind unendlich viel größer und vor allem diese herrschende Klasse ist in sich fester gefügt. denn je. Wohl tobt „der Kampf um den Platz am Futterttog"; doch besteht darüber kein Zweifel, daß im Ernstfalle von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten des bürgerlichen Lagers alles zusammensteht gegen das Proletariat. Für uns in Deutschland vor allem wäre ein Zweifel daran lächerlich. Haben wir doch in den Jahren des Sozialistengesetzes die Probe aufs Exempel gemacht, als wir die Söhne der Leuchten von Frankfurt in Reih und Glied gegen die Arbeiter sahen. Waren wir doch in den letzten Jahren Zeugen des wider- natürlichen Bündnisses zwischen Freisinn und Stockreakttonären; laben wir uns doch jetzt an dem erhebenden Schauspiel der Bruderliebe zwischen den katholischen Pfäfflein und den „Kulturkämpfern" von gestern. Wo derarttge Kombinationen bürgerlicher Parteien möglich geworden sind, wo bei diesen Parteien jedes Prinzip zum Spott und Hohn geworden ist, da wäre es ja der Gipfel der Lächerlichkeit anzunehmen, daß bei dem Kampfe des Proletariats um die elemen- tarste Gerechtigkeit ein Teil des Bürgertums sich aus Prinzip auf die Seite des Proletariats schlägt. Wir haben auch die Probe aufs Exempel gemacht: die Schmach des preußischen Wahlrechts galt es zu beseittgen. des Wahl- rechts, das ein Hohm auf die zahmsten Wünsche des Bürger- tums von 1848 ist. Wo sind— fragen wir— die Söhne der achtundvierziger Bürger in diesem Kampf? Sie haben durch den Skandal der Annullierung der Berliner Mandate die klare Antwort gegeben. Und um noch etwas dem Bilde hinzuzufügen: es gab just vor 1848 die Affäre der „Göttinger Sieben". die die Gebildeten Deutschlands in Harnisch brachte. Heute— heute haben wir als Ersatz das Geschwätz um den Modernisteneid und den Stank Bernhard- Sering. Das ist der augenfällige Unterschied zwischen Anno 1848 und heute. Es ist undenkbar, daß sich Proletariat und Bürgertum zusammenfinden. Zwei Menschenalter nur sind vergangen und der Klassengegensatz ist unüberbrückbar ge- worden. Die Bourgeoisie Deutschlands hat 1848 nicht nur an der Sache des Volkes Verrat begangen, sondern an sich selbst, aber diese Bourgeoisie hat heute noch viel weniger die Fähig- kctt. mit den schlimmsten Äuswüchsen des Junker- und des Polizeiregimes aufzuräumen. Da aber dieses Regime tagtäglich den Zorn des Pro- letariats reizt, so gibt es kein Entrinnen, gibt es keine Lösung— als durch die Aufhebung der Klassengegensätze, das Endziel des proletarischen Klassenkampfes. Als Kämpfer aber gedenken wir heute der früheren Kämpfe. Und der Zufall will es, daß wir am 18. März den Opfern der letzten bürgerlichen und den Kämpfern der ersten proletarischen Revolution die Ehre erweisen. Der Zufall liegt nur in der Uebereinstimmung des Datums, denn im Grunde genommen war der Krieg von 1870 nur die Konsequenz der unvollendeten Revolution von 1848. Das einige Deutschland, das die Bourgeoisie brauchte wie das liebe Brot, hatte sie 1848 verschwätzt und vertrödelt. Die folgenden zwei Jahrzehnte machten die Notwendigkeit dieser Einheit noch handgreiflicher: es waren alle Schranken für die kapitalistische Entfaltung gefallen, bis auf die eine— die Kleinstaaterei. Deshalb wurde der Junker Bismarck, trotzdem er das Bürgertum so herzlich verachtete, zum Nationalhelden dieses Bürgertums, als er auf anderem Wege, durch Aus- dehnung des preußischen Militärstaats, diese Kleinstaaterei zu beseitigen vermochte. Aber der Machtzuwachs Preußens war eine Gefahr für das System Napoleons: die Machtstellung des französischen Kaiserreichs war basiert auf der Zer- splitterung Deutschlands. Der politische Freibeuter, dem die französische Bourgeoisie nach 1843 die Macht in die Hände gespielt, und der Junker als Mandatar der 1848 hoch- gekommenen deutschen Bourgeoisie wurden dazu gedrängt, den Völkermord zu entfesseln. Sie hatten miteinander konspiriert, bis die Verhältnisse sie dazu drängten, in einem verbrecherischen Kriege die Entscheidung herbei- zuführen.„Wäre die Schlacht bei Sadowa verloren worden anstatt gewonnen— heißt es in der ersten Adresse des Generalrates der Internationale über den deutsch- französischen Krieg—, französische Bataillone hätten Deutsch- land überschwemmt, als Verbündete Preußens. Hat Preußen nach dem Siege auch nur einen Augenblick gettäumt, dem ver- sklavten Frankreich ein freies Deutschland gegenüberzustellen? Im Gegenteil! Es hielt ängstlich die angeborenen Schön- hellen seines alten Systems aufrecht und fügte obendrein alle Kniffe des zweiten Kaiserreiches hinzu, seinen wirklichen Despotismus und seine Scheindemokratte, seine politischen Blendwerke und seine finanziellen Schwindeleien, seine hoch- trabenden Phrasen und seine gemeinen Taschenspielerkünste. Das bonaparttstische Regime, das bisher auf einer Seite des Rheins blühte, hatte damit auf der anderen Seite sein Gegen- stück erhalten. Und standen die Dinge so, was anderes konnte daraus folgen als der Krieg?" Weil die französische wie die deuffche Bourgeoisie 1848 versagt hatten, mußten 1870 die Völker sich zerfleischen. Hüben und drüben erhoben die Arbeiter Protest gegen den Massenmord. Hindern konnten sie ihn leider nicht. Und als dann die Würfel zugunsten Deutschlands fielen, als im Donner der Kanonen das bonaparttsttsche Kaiserreich in Trümmer fiel, da galt es für die Arbeiter von Paris die Konsequenzen zu ziehen: es galt, Frankreich von neuer Schmach zu retten, es galt, dafür zu sorgen, daß samt Bona- parte die bonaparttstische Bande für immer verschwand. Mit ihrem Herzblut haben die Arbeiter von Paris die Stadt gegen die Preußen verteidigt und gegen die Bande von Versailles. Wäre es nach Thiers und seinen Helfershelfern gegangen, dann wäre alles beim alten geblieben, und da die Arbeiter von Paris sich widersetzten, mußte ihr Widerstand in Blut erstickt werden. Am 18. März 1871 suchte die Versailler Bande den Verteidigern von Paris ihre Geschütze zu entreißen. Die Antwort war die Errichtung der Kommune. Im Herzen Frankreichs errichteten die Arbetter die Diktatur des Proletariates. Die Kommune fiel, sie mußte fallen im ungleichen Kampfe und furchtbar rächte die blutige Ordnungskanaille den heroischen Widerstand der proletarischen Männer und Frauen von Paris gegen die Verluderung Frankreichs. „Das Paris der Arbeiter mit seiner Kommune— schrieb der Generalrat der Internationale— wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind." Jahrzehnte sind vergangen. Die Machtentfalttmg der kapitalistischen Bourgeoisie übertraf alle Erwartungen. Auf die Periode der Tendenz zum Nationalstaate folgte die Periode des Imperialismus. Es wird der Kapitalistenklasse zu eng Folgen hervor. Das foz!alreaktionare Mrgerkum wagt nicht mehr, die Demokratisierung des Heeres fortzusetzen' und überläßt seine Direktion völlig der Offizierskaste, gegen deren Absolutismus sie noch vor einem Jahrzehnt zu Felde gezogen ist. So kann das fortschrittliche Militärblatt ,„Arm6e et T6mocratie" schreiben:„Der vrofessionelle Wert des Offiziers scheint der letzte Faktor zu sein, der beim Avancement in Rechnung kommt. Die gesellschaftlichen, religiösen oder politischen Beziehungen erscheinen als die.einzigen wirklich ernsten Titel." Die reaktionäre Clique in der Armee ist in der vom Major Driant dem Schwiegersohn Boulangers und nationalistischen Deputierten gegründete„Militärliga" organisiert, in der eine Reihe pensionierter Generale wirken. Ihre Verbindungen mit aktiven Armeechefs sichern ihr einen großen Einfluß auf das Avancement. Man erinnert sich noch der freimaurcrischen„Auskunftszettel", deren Ent- hüllung dem Kriegsministcr A n d r 6 den Kragen gebrochen hat. Die reaktionäre Sippe verfährt aber genau nach der- selben Manier. Die demokratische Presse veröffentlicht jetzt den Text eines an die zuverlässigen klerikalen Offiziere ver- sendeten Fragebogens. Er lautet: Politische Offiziere. Familienname, Vorname, Alter, Grad: Sind Sie Freimaurer? Welchen Logen gehören Sie an? Welcher sozialistischen oder FreiLcnkergruppc? Sind Sie ehrgeizig? Was leisten Sie im Dienst? Wie verhalten Sie sich gegen die Mannschaft? WaS für Sitten haben Sie? Gegebenenfalls die Namen ihrer Geliebten: Sind Sie reich oder arm? Können Sie durch irgend ein Mittel zu besseren Gesinnungen gebracht werden? Man sieht, die klerikale Spionage ist um nichts appetit- sicher als die freimaurerische. Um so mehr, als sie un- verkennbar auf die Absicht hinweist, die zur Gegenseite ge- hörenden Offiziere durch Korruption zu gewinnen. Die Entrüstung der demokratischen Presse wird aber gleichwohl keine energische Tat erwirken. Die Bourgeoisie hat keinen Mut mehr, die Leute, in denen sie ihre Retter vor dem inneren Feind sieht, noch einmal gegen sich aufzubringen. politifcbe(leberlkdt. Berlin, den 17. März 1911. Ursachen der Schiffsunfälle. Aus dem Reichstag, 17. März. In Weiter- führung der Beratung über den Etat des Reichsamts des Innern legte zunächst Genosse Severing dar, daß die Sozialdemokratie die Arbeitsnachweise paritätisch gestaltet haben will und widerlegte dann die Behauptung des Herrn GiesbertL, daß der Tarifvertrag der Buchdrucker- organisation einen terroristischen Charakter trage. Eine eingehende Debatte über die Ursachen der Schiffs- Unfälle wurde dann durch den Genossen M e tz g er-Hamburg entfesselt. Der neuerliche Untergang von drei alten Frachtschiffen der Sloman-Linie im Meerbusen von BiSkaya gab ihm Anlaß, an der Hand zahlreicher Mit- teilungen von Seeleuten nachzuweisen, daß immer noch mit großer Leichtfertigkeit das Leben so mancher Besatzung in alten Sargschiffen auf das Spiel gesetzt werde und daß mangelhafte Kontrolle durch die Seeberufsgenossenschaften die Mitschuld an vielen Schiffsuntergängen trage. Mit wachsender Erregung hatte der Regierungskommissar V. I o n q u i ö r e s die eindringlichen Darlegungen Metzgers angehört. In seiner Erwiderung fand er anfangs einige ruhige Worte, plötzlich brüllte er aber mit hochrotem Kopf in den Saal hinein:„Es wird immer Schiffsunfälle geben!" Gegen den anmaßenden Ton wie gegen die Trivialität dieses von niemand bestrittenen Satzes protestierten die Sozialdemo- kraten sehr energisch. Herr v. Jonquiöres redete sich dann aber in einen solchen Eifer zur Verteidigung der Reeder hinein, daß ein angestellter Syndikus der Seeberufsgenossenschast sich vor solchen schädigenden Uebertreibungen sehr hätte hüten müssen. Er schloß sein Plaidoyer mit der abermals unter Anwendung großer Stimmittel herausgeschmctterten abgedroschenen Be- hauptung, Metzgers Kritik sei dazu angetan,„die Ehre der deutschen Schiffahrt herabzusetzen". Genosse S ch w a r tz- Lübeck ergänzte MetzgerS Dar- legungen durch Mitteilungen aus seiner eigenen Seemanns- Die Pariser Kommune und die deutschen Cruppen. Mit Recht hat Karl Marx m seinem„Bürgerkrieg in Frankreich" die mehr als zweideutige, die niedrige und verächtliche Rolle gebrandmarlt, die Regierung des neuen Deutschen Reiches bei der Niederwerfung der Kommune und bei der grauen- haften Hinschlachtung der Kommunards gespielt hat.„Bismarck schaut", schrieb der Altmeister des wissenschaftlichen Sozialismus, „mit vergnügten Sinnen auf die Trümmer von Paris, er schaut zufrieden auf die Leichen des Pariser Proletariats. Wo hat je vorher die Geschichte das Schauspiel vorgeführt eines Siegers, der seinen Sieg damit krönt, daß er sich nicht nur zum Gendarmen, fondern auch zum gemieteten Bravo der besiegten Regierung her- gibt? Zwischen Preußen und der Kommune war kein Krieg. Im Gegenteil, die Kommune hat die Friedenspräliminarien an- genommen und Preußen hatte seine Neutralität erklärt. Preußen war also keine kriegführende Partei. Es handelte als Bravo; als feiger Bravo, weil es keinerlei Gefahr auf sich lud; als gemieteter Bravo, weil es im voraus die Zahlung seines Blutgeldes von b00 Millionen von dem Fall von Paris abhängig machte." Eine genaue und unbefangene Prüfung der Stellung, die die deutsche Regierung und deutsche Truppen vor Paris zu der Kommune ein- nahmen, führt zu dem Ergebnis, daß Marx unter dem frischen Eindruck der Ereignisse wahrhaftig nicht zu hart geurteilt hat. Als auf dem Pariser Stadthaus die leuchtend rote Fahne der Kommune hochging, mußte Bismarck ihrer Entfaltung mit einem trockenen und einem nassen Auge zuschauen. Stand hier, woran nicht zu zweifeln war. ein Bürgerkrieg vor der Türe, in dem sich Franzosen untereinander zerfleischten, so hieß das nichts anderes, als daS Werk der deutschen Eroberer vollenden: von je mehr Streichen gefällt, aus je mehr Wunden blutend Frankreich am Boden lag, desto besser für die Machthaber in Berlin, denn desto länger würde die Revanche auf sich warten lassen, nach der die Annektion des Elsaß und Lothringens die Franzosen unablässig rufen lassen mußte. Unter diesem Gesichtswinkel also war der Kommuneaufstand ein unstreitiger Gewinn für Bismarck und die Seinen. Aber es gab für ihn noch einen anderen wichtigen Ge- ßchtswinkel; ms Zier in Zellen Flammen emporloderte� wsr nnr erfahnmg. indem er besonders betonte, die Frachtschiffe würden zu selten„überholt", also revidiert und repariert, auch sei die Besatzung neuerdings viel zu gering und minder- wertig. Zur Verteidigung der Reeder ergriffen dann noch die in Hamburg ansässigen Rechtsanwälte H e ck s ch e r(Vp.) und Semmler(natl.) sowie der Abg. H o r m a n n-Bremen lVp.) das Wort, dem wiederum Genosse Molkenbuhr in einigen kräftigen, auch das provozierende Verhalten des Herrn v. Jonquiöres zurückweisenden Ausführungen ent- gegentrat. Zum Schluß der Sitzung gab eS noch eine Geschäfts- ordnungsdebatte, durch welche auf Verlangen der Freisinnigen und Sozialdemokraten erzielt wurde, daß die wichtige Aus- einandersetzung über den Kalifonds erst am Montag oder Dienstag stattfinden wird. Am Sonnabend geht das„Innere" weiter. Höheres Schulwesen. Das Abgeordnetenhaus beriet am Freitag, nachdem es zu» nächst den Antrag auf Einstellung des gegen unseren Genossen Liebknecht vor dem Ehrengericht der Anwaltskammer schwebenden Verfahrens der Geschäftsordnungskommission überwiesen hatte, das Kapitel..Höhere Lehranstalten" vom Kultusetat. Welche Re- aktion noch auf diesem Gebiete herrscht, davon legen Zeugnis ab die Reden der Vertreter der Mehrheitsparteien und der Regierung, vor allem die Ausführungen des Abg. Dr. Heß(Z.). der die Erziehung der Jugend zur Vaterlandsliebe und Gottesfurcht als die Hauptsache bezeichnete und sich scharf gegen die Einführung der Bürgerkunde in den Lehrplan der höheren Schulen wandte. Wie zu erwarte», pflichtete der Kultusminister ihm bei; Herr Trott zu Solz verurteilt gleichfalls den Unterricht in der Bürgerkunde, er legt überhaupt Wert darauf, nicht in den Geruch eines modernen Menschen zu kommen, da er es dadurch mit dem Zentrum verderben würde. Eine gute Abfuhr wurde dem Abg. Heß und den übrigen Dunkelmännern von unserem Genossen Liebknecht bereitet, der in kurzen Zügen das Interesse des Proletariats an den höheren Schulen schilderte und unsere Forderungen auf diesem Gebiete erläuterte, die, wenn sie auch weit über das hinausgehen, was heute besteht, doch innerhalb der kapitalsitischen WirtschaftSord- nung sehr wohl zu verwirklichen sind. Stark zog er gegen die Berdummungsbestrebungen der Klerikalen zu Felde und mit feiner Ironie geißelte er die Abhängigkeit des Ministers von dieser Gesellschaft. Den Schluß seiner Rede bildete eine Absage von dem in den höheren Schulen herrschenden Kastengeist und-der Nachweis, wie sich auch hier reaktionäre politische Bestrebungen geltend machen. Als typisches Beispiel dafür konnte er den Fall des Sohnes unseres Genossen Düwell schildern, der nicht zur Ab- legung des Abiturientenexamens zugelassen werden soll, weil gegen ihn ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz schwebt. Er hat das„fluchwürdige Verbrechen" begangen, sich an einer Jugendorganisation beteiligt zu haben, und dafür soll er nun Zeit seines Lebens büßen. Die Gymnasiasten von Potsdam hingegen. die bei den letzten Reichstagswahlen für die Wahl des Block- kandidaten tätig gewesen sind, werden zum Lohn dafür dermaleinst die höchsten Stellen im Staate einnehmen. Nach einer belanglosen Erwiderung des Abg. Glatt felter (Z.). der einige Redensarten über den Zukunftsstaat machte, wurde die Debatte ans den Wend vertagt. • In der Abend sitzung fand ein Antrag des Mgeordneten Viereck(fk.j, in den höheren Lehranstalten des Ostens an Stelle des Englischen die russische Sprache als Lehrgegenstand fakultativ einzuführen, einstimmige Annahme. Die weitere Debatte brachte nichts wesentliches. Die etwa IL anwesenden Ab- geordneten, die eS über sich brachten, bis zum Schlüsse auszuharren, atmeten erleichtert auf. als der Präsident v. Kröcher gegen 11)4 Uhr die Sitzung schloß. Heute, Sonnabend, wird das Einführungsgesetz zur Wertzu- wachssteuer, sodann der Etat des Finanzministeriums beraten werden. Beginn 11 Uhr._ Die Stichwahlparole in Giehen-Nidda. Die Fortschrittliche Volkspartei des Wahlkreises hat ihre Entscheidung in folgendem Aufruf begründet: „Der Kampf um daS Gießener Mandat hat die Fortschritt- liche Volkspartei nicht in die Stichwahl gebracht, aber wir dürfen trotzdem mit Befriedigung auf das erzielte Resultat sehen. Unser Kandidat hat kaum ein Drittel der Gemeinden deS Wahlkreises persönlich besuchen können. Gegen ihn haben sich fast ausschließ- lich die Angriffe der Gegner gerichtet, und doch hat er den nationalliberalen Kandidaten weit überflügelt, und unsere Partei ein ganz geringer Teil der großen sozialen, der Weltrevolution. die über kurz oder lang auch in dem morschen Gebälk der anderen Staaten verzehrend wüten mußte und deren Glut sieben Jahre später der Gewaltmensch, freilich vergebens, in Deutschland mit seinem Kürassierstiefel auszutreten versuchte. Wo immer dieser Brand in Europa aufflackerte, lag es im gemeinsamen Interesse aller„Ordnungs"mächte, das Feuer niederzukämpfen, und unter diesem Gesichtswinkel war die schleunige und gründliche Nieder- werfung des Kommuneaufstandes ein Gewinn für die Bis- marcksche Reaktion. Was sich in Versailles anschickte, deS eigenen Landes Hauptstadt mit Bomben und Granaten zu überschütten, war für den verbissenen Junker zwar die Regierung des Erb- feindes, aber es war zugleich die Regierung der„Ordnung", des Besitzes und der Reaktion, kurz jener„heiligsten Güter", deren Wahrung gegen den wirklichen, den proletarischen„Erbfeind" Bis- marck mehr am Herzen lag als die Schwächung des nationalen „Erbfeindes". AuS dieser Erwägung heraus schlug sich der „neutrale" Bismarck unbedenklich auf die Seite der Versailler. Allerdings war eine direkte Unterstützung des ehrenwerten Herrn Thiers aus mehreren Gründen eine etwas heikle Sache. Einmal mochte man sich doch scbeuen, so ganz offen im Angesicht Europas den frechsten Neutralitätsbruch zu begehen, zum zweiten hatte man wohl auch Bedenken, deutsches Blut für französisch« Interessen fließen zu lassen, und zum dritten wurde die Sache voll- ends brenzlich, wenn die Kommune die Oberhand bekam. Dann war sie die rechtmäßige Regierung des Landes und sie mit beut- scheu Waffen bekämpft zu haben, hieß nicht? anderes als Erneue- rung deS Völkerkrieges mit weit größerer Erbitterung al? vordem. Dazu aber hatten Bismarck und Moltke verzweifelt wenig Lust. So begnügte man sich denn mit einer indirekten Unterstützung der Versailler, wennschon die direkte von den deutschen Armee- behörden in den Bereich der Möglichkeit gezogen wurde. An deut- schen Streitkräften standen vor Paris außer dem Gardekorps das IV., VI. und XI. preußisch« und die beiden bayerischen Armeekorps samt der Gardekavallerie und der 4. und S. Kavalleriedivision. Unmittelbar bis vor Paris herangeschoben waren als Besatzung der Forts und Redouten im Norden, Osten und Süden der Stadt die 1. Gardedivision, die 22. Infanteriedivision und daS I. bayerische Armeekorps. Noch hatten die Kämpfe zwischen Kommunards und Versaillerp nicht begonnen, als. am LS. Marz, die deutsch? Regie» sieht mit gutem Mute d'cm große Kampf im Herbst entgegen. Jetzt aber handelt es sich um die Stichwahl zwischen einem Ver- treter des schwarzblaucn Blockes und einem Mitglied der Sozial-- demokratie. Die Entscheidung kann für liberale Männer nicht zweifelhaft sein. Die Aufgabe der Gegenwart und der nächsten Zukunft in der deutschen Politik ist es, die Mehrheit, die nach dem Ausspruch des Fürsten Bülow ein frivoles Spiel mit den Interessen des deutschen Volkes getrieben hat, zu zertrümmern. Darum hat die Sozialdemokratie bei den letzten Nachwahlen in der Stichwahl mehrfach ihre Stimmen Kandidaten der national- liberalen und unserer Partei zugeführt. Auch wir dürfen nicht kurzsichtig sein; wenn es nicht unnational ist, uns von der Sozialdemokratie die Stichwahlhilfe gewähren zu lassen, kann es auch nicht pflichtvergessen sein, ihr solche zu leisten. Ueberdies ist der vom Bund der Landwirte unterstützte Kandidat ein Anti- semit, und wir erachten es als eine dringende Pflicht, im Jnter- esse des Ansehens unseres Parlaments, mit dazu beizutragen, daß der Antisemitismus, den wir mit den Gießener National- liberalen von 1907 für eine Schmach unseres deutschen Volkes halten, endlich wieder aus unserem Reichstag ausgeschaltet werde. Erleichtert wird uns die Entscheidung noch durch die Ersah- rungen des Wahlkampfes. Die Sozialdemokratie hat mit uns scharf, aber anständig gefachten. Die Antisemiten dagegen haben die widerlichste Judenhetze wieder ausleben lassen, und sie haben gegen unseren Kandidaten mit so gehässigen Mitteln gearbeitet, daß wir auch aus diesem Grunde erwarten, daß kein liberaler Mann seine Stinime dem Antisemiten gibt. Wir fordern unsere Freunde und Wähler dringend auf, am 21. März ihre Stimme abzugeben für den Kandidaten der Sozialdemokratie, Herrn Georg Beckmann in Gießen. Den Kampf gegen die äußerste Linke geben wir trotzdem nicht auf, aber zunächst steht der Feind rechts. Darin sind wir mit den hervorragendsten Führer beider liberaler Parteien gleicher Meinung." Das ist eine unzweideutige Entscheidung, wie sie bislang vom Fortschritt nicht zu haben war. In seinem Interesse wäre zu Wim i che n, daß sich alle seine Wahlkreis- Interesse wäre zu wünschen, daß alle seine Wahlkreis- organisationen und besonders die Zentralleitnng bei Stich- Wahlen zu so klarer Stellung kommen möchten. Die konservative Presse schreit natürlich Zetermordio und verspricht dem Fortschritt, daß er bei den kommenden Wahlen rücksichtslos gegen die Sozialdemokratie im Stich ge- lassen werden soll. Wir glauben indes noch nicht daran, daß es die Herren Junker fertig bringen,„die Sozialdemokratie zu stärken". Die Nationalliberalen ernten für ihren Umfall die ver- diente allgemeine Verachtung. Ilm die Sache etwas zu be- schönigen, fühlen sich jetzt einige Nationalliberale gedrängt, mitzuteilen, daß der Antisemit Werner den Vorwurf, die Nationalliberalcn seien eine Partei von Schurken, mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückgenommen habe. Wahrhastig! Er hat's zurückgenommen. Wo, wenn man fragen darf? Offenbar im stillsten Kämmerlein, denn nie- mand hat etwas davon gehört! Und darf man fragen, was im bürgerlichen Leben eine solche bedauernde Erklärung unter solchen Umständen wert wäre? Die Verfassungsreform für Elsah-Lothriugen. Die Kommission erledigte am Freitag zunächst den ß b der Vorlage, der bestimmt, daß die Landesgesetze mit Zustimmung des Kaisers von dem aus zwei Kammern bestehenden Landtage erlassen werden. Der sozialdemokratische Antrag, eine Erste Kammer nicht einzuführen, wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten ab- gelehnt. Abg. Müller- Meiningen erklärte, daß seine Parteisteunde nur deshalb für das Zweikammersystem einträten, um das Gesetz nicht zu gefährden. Einstimmige Annahme fand die Bestimmung, daß der HaushallSetat alljährlich durch Gesetz festzustellen ist. Dagegen wurde mit 13 gegen 11 Stimmen der Schlußsatz de? 8 5 abgelehnt. Die gestrichene Bestimmung sah vor. daß die Regierung bis zum Inkrafttreten des neuen EtatSgesetzeS nach Maßgabe des alten Etats« gesctzes Steuern und Abgaben erheben und ferner die im Interesse deS Landes gelegenen Ausgaben machen könne.— Das Zentrum beantragte, diese Ermächtigung nur auf einen Zeitraum bis zu vier Monaten zu erteilen; die Sozialdemokraten beantragten, daß diese Ermächtigung durch ein besonderes Gesetz(Notgesetz) auszusprechen sei. Beide Anträge wurden abgelehnt. Den sozialdemokratischen Antrag begründete Genosse Emmel mit dem Hinweise darauf, daß man der elsaß-lolhringischen Re- gierung keine größeren Rechte einräumen dürfe, als die Reichs- regierung sie besitze. Werde der Etat nicht rechtzeitig fertiggestellt, müsse einfach wie auch im Reiche ein Notgesetz gemacht werden. Komme kein EtatSgesetz zustande, sei die Negierung in der Lage, den Landtag aufzulösen. Die Annahme der Regierungsvorlage würde bedeuten, daß der Landtag die im Jahre vorher bewilligten Budgetposten gegen den Willen der Negierung nicht einmal herab» setzen könnte. rung den ersten Beweis ihrer Parteilichkeit gab und den Herren in Versailles gestattete, in dem von den-deutschen Truppen besetzten Gelände Nationalgarden zu formieren, zu bewaffnen und zwischen Seine und Loire zu versammeln. Auch Truppendurchzüge durch die deutschen Linien wurden erlaubt. Zugleich wurden auf Bitten der Versailler Regierung 100 000 Mann Kriegsgefangener entlassen, und zwar sorgfältig ausgewählt aus„zuverlässigen Regimentern". obgleich sich Moltke über die Zweischneidigkeit dieser Maßregel nicht im unklaren war:„Eventuell", schrieb er,„könnte das Parka- mentsheer mit Paris gemeinsame Sache machen". In einer Denk- schrift sprach der Chef des preußischen Generalstabes gleichzeitig die Ansicht aus, daß„wir" durch unsere Anwesenheit allein und durch die Absperrung der Verbindungen nach„unserer" Seite den An- griff der Versailler auf Paris unterstützten. Verlange aber die französische Regierung von„uns" ein aktives Einschreiten, so könnten„wir" sie durch unsere Artilleriewirkung verstärken. Ohne Scheu vor einer Zerfetzung des Neutralitätsversprechens dachte die deutsche Armeeleitung also hier schon an eine Beschießung der Kommunards aus deutschen Geschützen— der französische Bona- parte-Fmitator Thiers hätte nur bei dem preußisckjen Bonaparte- Jmitator Bismarck anzuklopfen brauchen. Mit Skrupeln gab sich dabei auch ein Moltke nicht ab.„Wäre dies der Fall(ein Ersuchen der Versailler Regierung um aktive deutsche Hilfe), so meine ich". schrieb er an das Hauptquartier der deutschen Streitkräfte vor Paris,„daß dem Zentralkomitee zu sagen wäre. daß allerdings der Moment eingetreten sei, wo die Insurrektion die Erfüllung der Bedin- gungen des Präliminarfriedens behindere, und daß wir daher aus unserer friedlichen und passiven Haltung heraustreten." Einfach, gemütvoll! Aber auch in der Oberleitung der vor Paris liegenden so- genannten Dritten Armee, die der sächsische Kronprinz Albert führte, fand niemand, daß die Abficht eines solchen Vertrauens- brucheZ mit der vielgerühmten OffizierSehre zusammenpralle; im Gegenteil beeilte sich der GeneralstabSchcf dieser Truppen, General- major v. Schlot heim, an Moltke zu schreiben:„Warum wir nicht schon im jetzigen Stadium, im still- schweigenden Einverständnis mit der Versailler Regierung, den Parisern die Proviantzufuhr engrai«ittele dxz EisenhqZn- und Wass?;, Auf den Einwand des StaatSSfekretärS, dah die Re- gierung nicht durch ein unerfahrenes und geichäfisunkundigeZ Par- lament in Verlegenheit gebracht werden solle, entgegnete Genosse Dr. Frank, der Reichstag könne es nicht verantworten, wenn er dem elsatz-lothringischen Landtage ein schlechteres Budgetrecht gewähre, als er selbst es besitze. Auch der Reichstag sei einmal im Sinne des Staatssekretärs unerfahren gewesen. ES könne sehr wohl der Fall eintreten, dah die Erste Kammer einmal ein Budget ab- lehne, um der Regierung zu ermöglichen, mit dem allen Budget weiter zu wirtschaften, wie eS in Preußen während des Militär- konflikts der Fall war. § 6 des Entwurfs gibt dem Kaiser das Recht, die Hälfte der Mitglieder der Ersten Kammer zu ernennen. Staatssekretär Delbrück erklärte, die Regierung werde dieses Recht des Kaisers nicht einschränken lassen. Die darauf hinzielenden Zentrumsanträge feien unannehmbar. Die Debatte wird am Dienstag fortgesetzt werden. Festlegung des Osterfestes. Die PetitionSkommission des Reichstages hat eine Petition be- treffend Festlegung des Osterfestes dem Reichskanzler zur Er- wägung überwiesen und folgende Resolution angenommen, den Reichskanzler zu ersuche», durch geeignete Matznahmen dahin zu wirken, daß entsprechend den Beicblüffen des Handwerker- und GewerbetageS und des deutschen Handelstages die großen zeitlichen Schwankungen des Osterfestes beseitigt und das Osterfest auf einen bestimmten Sonnrag festgelegt werde. Die Kommission war der Meinung, daß es zweckentsprechend wäre, die Schwankungen des Osterfestes zu beseitigen, nachdem die kirchlichen Behörden erklärt häuen, gegen eine solche Matzregel nichts einzuwenden. Durch die Schwankungen des Osterfestes seien Mißstände entstanden, die' im Schulwesen, auf wirtschaftlichem Gebiete, in Industrie, Handel und Verkehr, in der Landwirt- schakt, beim Wohnungs- und Gesindewechsel immer lebhafter empfunden werden._ In die Brüche gegangen! In der Provinz Posen wurde ein Zusammengehen aller deutschen Parteien für die kommenden Reichs- tagswahlen angestrebt. Die Parteien waren auch zu einer Einigung bereit, nur konnte man sich über die Verleitung der Mandate nicht verständigen. Die Nationalliberalen verlangten nämlich die Ueberlassung von zwei zurzeit in konservativem Besitze besindtichen Reichstags- und von drei Landtagsmandaten. Dieser Preis war den Koniervativen zu hoch, weshalb sie die VerHand- lungen jetzt in aller Form als gescheitert erklären. Die Konservativen wollen nun im ganzen Osten den Kampf gegen den Liberalismus aufnehmen. Das Organ des Kanzlers, die„Nord- deutsche Allgemeine Zeitung", nimmt tieftrauernd Akt von dieser betrüblichen Kunde._ Obstruktion bei der Gemeinderatswahl. In S a a l f e l d(Thüringen) kam am Mittwoch die Gemeinde- ratswahl nicht zustande, weil die Arbeiterschaft und auch viele Bürger als Protest gegen das meiningenfche Zehnstimmen-Gemeindewahlrecht der Wahlurne fernblieben. Die'obftruierenden Wähler folgten damit einer Aufforderung der sozialdemokratischen Partei. Von 2528 Wäh- lern übten nur 1007. meist abhängige Beamte, ihr Wahlrecht ans. Da es zur Gültigkeit der Wahl mindestens der Hälfte der Wähler bedarf, mutz eine zweite Wahl stattfinden, an der jeder Wähler.bei 3 M. Strafe" teilnehmen mutz. Unsere Parteigenossen beschlossen, beim zweiten Wahlgange Zettel mit der Aufschrift„Gewalt geht vor Recht" abzugeben._ 6nglanck. Ter SchiedsgerichtSvertrag mit Amerika. London, 16. März..Die»Times" berichten aus Washington: Die Zusage Edward Greh eines Schiedsvertrages zwischen England und den Vereinigten Staaten ist in Amerika mit groher Be- geisterung aufgenommen worden. Seine Erklärungen werden als die wichtigsten aufgefaßt, welche während der letzten zwanzig Jahre für die Aufrechterhaltung des Friedens gemacht worden sind. Die„New Dorker Times" loben in warmen Worten die aufrichtige Art und Weise, womit die englische Regierung auf die Vorschläge des Präsidenten Taft geantwortet hat. Die Idee, welche von Sir Edward G r e t> in Vorschlag gebracht worden ist, betr. des Ab- schlusses eines anglo-ameritanischcn Schiedsgerichtsvertrages, welcher als Grundlage für eine Art defensive Allianz gc- dacht ist, findet naturgemäß eine weniger herzliche Aufnahme, ob. gleich eine ebenso freundliche.„Tribüne" sagt: Seine Verwirk- lichung würde ein außerordentlich ernster Akt sein. Das Blatt fügt hinzu, daß sowohl in den Vereinigten Staaten als anderswo eine solche Allianz auf ernste Opposition stoßen werde. Man hofft, daß bei der nächsten Tagung des Kongresses dem Senat ein Vorschlag unterbreitet werden kann, der darauf hinausgeht, einen definitiven anglo. amerikanischen Schiedsgerichtsvertrag zum Abschluß zu bringen, welcher transports abschneiden, will mir nicht einleuch- ten; es wäre eins der sichersten Mittel, sie zur Räson zu bringen.. Doch nicht nur beliebige Armeejunker brannten danach, Preußen zum Henker der Kommune zu entwürdigen, sondern auch Wilhelm l, war von derselben edlen Sinnesart beseelt.„Seine Majestät", berichtet am 18. April der stell- vertretende Generalstabschef der Armee, v. Podbielski, an Bismarck,„sprachen Allerhöchst ihre Geneigtheit aus, eine vollständige Absperrung von Paris auch von der Nord- feite her anzubefehlen, sowie von der Kommune die Ent- waffnung der UmWallung zu verlangen. In letzterer Beziehung muffe man sich aber klar darüber sein, daß im Falle der Weigerung unsere Forderung sofort mit Gewalt durchzusetzen sei." Wilhelm mag hier den Einflüsterungen des Oberkommandierenden vor Paris, des sächsischen Albert, gefolgt sein, der, auf eigene Faust, ohne Aufforderung aus Versailles, den Büttel des Herrn Thiers abzugeben brannte, denn also wandte er sich an Moltke:„Es läßt sich nicht leugnen, daß die ganze Sache, wenn sie anhält, für ganz Europa die größten Gefahren birgt, und daß cS wichtig wäre, schnell damit zu Rande zu kommen.... Da tritt allerdings die Frage an uns heran, ob wir nicht der Sache förderlich sein könnten. Zu einem gewaltsamen Angriff, ja nur zu einer Beschießung mochte ich nur im Acutzerstcn raten.... Bleibt nur die Aushungerung. Nach ziemlich sicheren Nachrichten lebt man dort nur von Tag zu Tag. und zwar bloß von Norden her, da ihnen der Süden jetzt ganz versperrt ist. Machten wir unsererseits zu, so könnte es keine acht Tage dauern. Ich habe bereits durch Fabrice in Ver- saillessagenlassen.ichwürdeindieserRichtung einem Wunsche, auch unter der Hand, bereit- willig nachgeben, doch ist noch nichts der Art er- jfolgt; sie wollen unsere Hikfe noch nicht. Da es aber leicht zu spät w e r de w kö n n te. so erlaube ich mir die Frage an Euere Exzellenz, ob es nicht gut wäre, wenn wir die Abs ch ließung auf unsere Hand ausführten. An Vorwänden könnt e eS nicht fehlen, wenn auch die Insurgenten alles uns Kein bliche vermeiden, ja jeder Reklamation Willig Folge leisten." Für Monarchisten muß eS etwas Erhebendes haben, zu sehen. Hie sich der Mstige Träger der sächsischen KpnigSkrppe hier mit als Muster für ähnliche Verträge zwischen anderen Ländern dienen könnte._ Uneinigkeit der Konservativen. London, 17. März. Es verlautet, daß infolge der Mei- nungsverschiedenheiten in der unionistischen Partei die Unionisten ihre Pläne betreffend eine Reform des Oberhauses aufgeben und gemeinsam ihre Tätigkeit auf eine Referendumspolitik richten wollen, um eine Lösung der Schwierigkeiten zwischen beiden Häusern herbeizuführen. Die Marinedebatte. London, 16, März. In der fortgesetzten Marinedebatte bean- tragte George Roberts(Arbeiterpartei) eine Resolution, daß die V e r m e h r un g des Flottcnbudgets durch Ereignisse im Auslände nicht gerechtfertigt und eine Bedrobung des Friedens und der nationalen Sickierheit sei. Er erklärte, das Budget für 1909/16 sei aus einer Panik und aus einer i r r tü m- lichen Auffassung begründet. Hoffenilich würde Sir Edward G r e y seine Friedensbcstrebungen nicht ans die Vereinigten Staaten beschränken, sondern danach trachten, Deutschland und Frankreich in einen Bund des Friedens zu bringen. V a l f o u r erklärte, man müsse den harten Tatsachen der Lage im Jahre 1914 ins Gesicht sehen. Großbritannien würde dann nur 29Dreadnoughts in den europäischen Gewässern besitzen und der Dreibund ebenfalls 29. England habe besondere Schwierigkeiten in den europäischen Gewässern, denn es müsse sowohl in den heimischen Gewässern wie im Mittelmeere die Suprematie aufrechterhalten. Mindestens drei Seemächte außer der Türkei bauten dieselbe Klasse von großen Schiffen wie Groß- britannien. Man dürfe das nicht übersehen und müsse Englands Stellung gegenüber allen möglichen Feindseligkeiten iw Erwägung ziehen. Mit Bezugnahme aus Greys Worte am Montag über einen allgemeinen Schiedsgerichtsvertrag mit Amerika sagte Balfour, er sehe nicht ein: warum ein solcher Ver- trag nicht abgeschlossen werden könne.(Beifall.) Was auch andere Länder hin möchten, diese beiden erkennten an, soweit sie betroffen würden, daß der Friede ihr größtes Interesse sei. Wenn G r ey Mittel finden könne, irgend eine Vereinbarung dieser Art durchzuführen, so würde er keine wärmeren Freunde dieser Politik finden, als die Unionisten.(Beifall.) Balfour sagte zum Schluß, auf Großbritannien ruhe nicht nur die Last der politischen Situation in Europa, sondern-auch die der Notwendigkeit, den Handel zu schützen. Das vorgelegte Budget sorge in ungenügender Weise für den Stand der Schlachtschiffe im Jahre 1914 und für den Schutz der langen Verbindungslinien des Handelsverkehrs. M c. K e n n a unterbrach Balfours Rode mit der Bemerkung, daß die Admiralität seiner Schätzung der voraussichtlichen Stärke des Dreibundes im Jahre 1914 nicht z u st i m m e. Dillon(Nationalist) erklärte, solange die große Ver- fassungsfrage nicht ihre Erledigung gefunden, wäre seine Partei bereit, die Vorschläge hinunterzuschlucken, denen sie sich sonst energisch widersetzen werde. Er sei außer- ordentlich skeptisch, was die unmittelbare Wirkung eines Schiedsgerichtsvertrages mit Amerika aus die Rüstungen angehe, selbst Ivcnn man ihn abschließen könne. Die Opposition sage setzt, daß England gegen den Dreibund bauen müsse. Sei aber die Opposition bereit, mit dem Dreibund zu kämpfen? Mit Bezug- nahm« auf Pichons Erklärung über militärische Besprechungen sagte Dillon, es herrsche das unbehagliche Empfinden vor, daß irgend eine Allianz mit Frankreich bestehe. Er sei nicht sicher, daß, wenn es Großbritannien gelänge, den Vertrag mit Amerika abzuschließen, dieser nicht zum Vorwand für weitere Rüstungen zur See genom.men werden und nicht die un- mittelbare Wirkung haben würde, ein neues Flotleng'esetz Deutsch- lands hervorzurufen. Schließlich wurde die Resolution Roberts(Arbeiter- Partei), daß die Vermehrung der Flottenausgahen durch Ereignisse im Ausland n i ch t g e r e ch t f e r t i gt sei und einx Bedrohung des Friedens und der nationalen Sicherheit bilde,'mit 216 gegen 54 Stimmen abgelehnt., Italien. Die Feier der nationale» Einheit. Rom, 17. März. In der Dep.utierten.ka.mmer. wurde heute aus dem Hause angeregt, daß der Stadt Turin auS An- laß der 56. Wiederkehr des JahreswgeS der Aufrichtung des König- reichs Italien der Gruß des Hauses entboten werde. Präsident Marcora erklärte sich bereit, der Dolmetsch der Gefühle leb- haftester Dankbarkeit und Zuneigung zu sein, die das Haus gegen die ehemalige Haupt st adt beseelten. Ministerpräsident Luzzatti schloß sich mit bewegten Worten der Turin gewidmeten Begrüßung an, wobei er darauf hinwies, daß die Herzen der Italiener einmütig höher schlügen, wenn man die Erinnerung an die glorreichen Tage der Wiedergeburt Italiens wachrufe.(Stür- mischer Beifall.) Im weiteren Verlaufe der Sitzung verlas Präsident Marcora die Glückwunschdepesche des Präsidenten des Deutschen dem Angebot seiner Schergendienste dem korrupten Advokaten Thiers aufdrängt und abgewiesen wird. Auch Moltke mochte ein Gefühl für das tief Entwürdigende solchen Verhaltens haben, denn in einem Schreiben vom 22. April bedeutete er dem Uebereifrigen mit nicht zu verkennender Anzüg- lichkeit, in Berlin sei man vor allem entschlossen,„dem französischen Gouvernement keine Gendarm endien sie zu leisten." Was aber waren es anderes als Gendarmendienste schlimmster Art, wenn etwa der Führer der 1. Gardedivision, v. P a p e, zwei in St. Denis, also der neutralen Zone, gefangen genommene Kommunards kurzerhand den Versaillern überweisen ließ, und zwar aus dem kennzeichnenden Grunde, weil sie dort vermutlich ernster angefaßt würden, als es sich die Deutschen unter den obwaltenden Umständen getrauen konnten I Inzwischen war die Versailler Regierung durch die Dauer wie durch die Zähigkeit der Kämpfe mürbe geworden und ver- schmähte es nicht, die Prussiens, eben noch verwünscht und ver- dämmt, um unmittelbare Hilfe anzugehen. Am 18. Mai bat sie die deutsche Heeresleitung, die Kommune zur Entwaffnung der Nord- und Ostfront, sowie zur gänzlichen Räumung von St. Ouen aufzufordern das— wohlverstanden l— nicht zur neutralen Zone gehörte. Prompt kam das Oberkommando dem Wunsche der Thiers und Konsorten nach, insofern in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai die vollständige Absperrung von Paris durch die deutschen Truppen ausgeführt wurde: die schon fertige Aufforderung zu der von Versailles gewünschten Entwaffnung der Nord- und Ostfront wie der Räumung von St. Ouen wurde den Kommunalbehörden nicht mehr übergeben, da inzwischen die Soldateska Mac Mahons in die Stadt eingedrungen war. Auch bei dem letzten traurigen Akt des großen Dramas der Kommune, dem unerhörten Blutbad in den Straßen von Paris, leisteten die deutschen Truppen mehr als Statistendienste. Von Anfang an hatte das Oberkommando gegen die Kommune, die öfters durch Parlamentäre Anfragen überbringen ließ, die un- freundlichste und parteiischste Haltung der Welt eingenommen; be- rcchtigte Forderungen würden barsch abgeschlagen, die geringsten wirklichen oder auch nur scheinbaren Uebergriffe— der oben erwähnte Brief des Kronprinzen Albert muß ja selbst die Loyalität dir Kommunards anerkennen— mit massiven Drohungen beant- wortet. Jetzt kam man mit Wonne der Anweisung, jawohl: der Anweisung, nach, die JuleS Favre dem Gcnergl v.„Fabrice zukoyimrn ließ:«Wir denken, daß'visle der Insurgenten den Per- Reichstages. Der Präsident und alle Deputierten erhoben sich von ihren Sitzen.(Wiederholter enthusiastischer Beifall.) Ter Präsident erklärte im Anschluß an die Verlesung des Telegramms. nach dieser Kundgebung, die Zeugnis dafür sei, wie das italienische Parlament und ganz Italien des Bandes gedächten, das Italien mit der edlen deutschen Nation verknüpft, erachte er sich ohne weiteres für beauftragt, dem Reichstage durch ein Telegramm die Gefühle der Freundschaft Italiens zum Ausdruck zu bringen.'(Lebhafter andauernder Beifall.) Der Unterstaats- sekrctär. Fürst D i s c a l e a, schloß sich im Namen der Regierung den Worten des Präsidenten und der ergreifenden Kundgebung au, mit der die italienische Kammer den Gruß des großen befreundeten und verbündeten. Volkes erwidert habe.(Lebhafter Beifäll.), Rußland. Mobilisierung gegen China. Petersburg, 17. März. Im Gebiete von Semiretschensk findet gegenwärtig eine P r o b e m o b i l m n ch u n g statt. Die dort stehenden Truppen sind bereits in Dsharkent ati der chinesischen Grenze zusammengezogen, einige Truppenteile werden aus Taschkent dorthin dirigiert. Aus den Berichten des Kommandierenden des turkestanischen Militärbezirks, der Korpskommandeurs und der Echelon- chefs ist ersichtlich, daß die mobilisierten Truppenteile in vor- Züglichem Zustand und in vollster Ordnung ungeachtet schwic- riger örtlicher Verhältnisse ihren Marsch erfolgreich und sogar schneller, als erwartet wurde, zurückgelegt haben. China gibt nach. Petersburg, 17. März. Ter„Nowosc Wremsa" zufolge hat China den Forderungen des russischen.Ultimatums vollständige Genugtuung gegeben. Rumänien. Die Zusammensetzung des Parlaments. Bukarest, 17. März. Nach den nunmehr vorliegenden Wahl- ergebnisscn zählt die Kammer 161 Konservative beziv. Mit- glieder der Regierungspartei und 21 O p p o s i o n e l l e. der Senat 85 Mitglieder der Regierungspartei und 27 Oppositionelle. Marokko. Kämpfe vor FeS. Paris, 17. März. Wie aus FeS berichtet wird, war die Stadt am 12. März von aufrübrerischen Mterleuten belagert. die bis dicht an die Mauern heranritten und den Palast des Sultans beschossen. ES entstand eine große Panik. Der Sultan traf bereits Vorbereitungen zur Flucht, doch gelang es, nach heftigem Kampf den Angriff dcS MterstammcS zurück- zuschlagen. Wie der Korrespondent dcS„Matin" aus FeS meldet, äußerte der Sultan ihm gegenüber, daß die ungewöhnliche Ausdehnung und Heftigkeit des Aufstandcs ihn mit großer Besorgnis erfüllten. Der französische Konsul Gaillard erklärte, wenn die Mahalla nicht auf der ganzen Linie siegreich bleibe, sei der Thron M u l a y tzafidS in Gefahr. Indien. Ei» gemildertes Ausnahmegesetz. Kalkutta, 16. März. Im gesetzgebenden Rat hat die Regierung einen Gesetzentwurf als Ersatz für das Gesetz gegen' a u f- rührerische Versammlungen eingebracht, daS am 31. März außer Krasl tritt. Das neue Gesetz g e st a t t e t, in Persammlungen rein polititische Angelegenheiten zu erörtern, falls dies nicht Er» re g ung und Friedens brück zur Folge hat, und schränkt in gewisser Hinsicht die Macht ein, welche den lokalen Auisichlsbehörden durck daS außer Kraft tretende Gesetz gegen aufrührerische Ver» sammlungen verliehen war. Der Vertreter der Regierung erklärte, daß gegenwärtig noch eine organisierte Revolutions- Partei vorhanden sei, nur wenige jedoch von der Art ihres Bor- gehens etwas wüßten. Elmmks. Die Lage in Mexiko. Köln, 17. März. Der an die Grenze von Mexiko und den Vereinigten Staaten entsandte Sonderberichterstatter der „Kölnischen Zeitung" meldet aus San Antonio vom 16. März: An der Grenze ist die Lage ernst. Mittel- und Süd-Mexiko sind ruhig, dagegen ist in den Staaten Chihuahua, Niederkalifornien, Coahuila, Veracruz, Aukatan. Oaxara und Guerrero der A u f st a n d allgemein. Der Bahnvcrkehr hört bei Jiminez. 160 Kilometer von Chihuahua, auf. Der Generaladjutant Ladd sagt, die Truppen feie,, innerhalb zweier Stunden marschbereit. Die Southern Pacificbahn hält in San Antonio 500 Wagen bereit. ' �''''— ü'> I such machen, zu fliehen, und wir werden sie deshalb so weit als möglich überwachen lassen. Die Absperrung muß seitens der deutschen Armee eine vollständige sein." So bildeten denn, während drinnen in Paris die Cissey, Gallifet und Vinoy durch«in wahnwitziges Gemetzel die blut- triefendsten Schlächter der Weltgeschichte in Schatten zu stellen suchten, die deutschen Truppen eine lebende Mauer, damit auch nicht einer dem Gemetzel entrönne. Preußen und Bayern teilten sich dabei brüderlich in die Palme. Wenn der Divisionär Pape die schriftliche Bitte des schwer verwundeten ÄommunegeneralS DombrowSki mit dem gemütvollen eigenhändigen Vermerk abwies:„Mag er hängen!", so konnte der bayrische Befehlshaber v. d. Tann in einem Telegramm an daS Oberkommando als besondere Ruhmestat melden:„Abends der verlangte Durchmarsch von 3000 Weibern. Kindern und Greisen vom linken Ufer dem Kommandanten von Jvry abgeschlagen." Und wer weiß, wie viele von diesen Weibern, Kindern und Greisen die Ordnungsbanditen erwürgten! Mit unverhohlener Freude sahen dann die preußischen Muster- offiziere Paris, die Stadt der Revolution, von der so oft die zündenden Funken nach Osten geweht waren, in wirklichen Flammen aufgehen.„Ungeheure Explosionen", schrieb v. Pape, „folgen sich mit furchtbarem Gekrache, dicke Rauch- und Dampf.- wolken bezeichnen die Stellen der Explosionen, dazu der rasende Donner der Geschütze, das Krachen der krepierenden Granaten und Schrapnells, das fast unausgesetzt rollende Gewehrfeuer bei Tag und Nacht— es ist eine Herzenslust, die Herren Pariser so gezüchtigt zu sehen. Die Versailler Truppen geben keinen Pardon, und da auch Weiber sich am Kampfe beteiligen, so werden auch diese auf der Straße ohne Barmherzigkeit niedergeschossen. Was beim Durchsuchen der Häuser vorgeht, darüber mag Göll richten;, ich glaube, daß wenigstens die Hälfte der Ein- Wohnerschaft ausgerottet wird"— kurz, waS ein ostelbischer Junker so„eine Herzenslust" nennt.', Durch den Krieg gegen daS französische Volk-und vor allem durch die Annektion Elsaß-Lothringens hat daS offizielle Preußentum die Frage, ob Europa republikanisch oder kosakisch sein solle, im Sinn der kosakischen Barbarei entschieden. Seine unwürdigen HelferShelferdicnste bei der Abschlachtung der Kommune sind ein würdiges Ende des Krieges gegen, das franzosische Volk und, ein würdiger Aufaug der fplgendeu politischen Periode, in dem to- . setfisch lMordenen Europg. tzsrmsnw Wendel, GewerfefchaftUcbc� Mecler ein Cerror'iatnuörchwuidel. Eine Schimpfepistel gegen den Deutschen Metallar?ei?er» verband veröffentlicht die„Märkische Volkszeitung", das be- kannte Zentrumsblatt, in der Nummer vom 7. März. Der Christliche Metallarbeiterverband beklagt sich dort über �sozialdemokratische Gewaltagitation" und schimpft kräftig drauflos: „Auf welch schäbige, jeder Gesinnungsfreiheit hohnsprechende Art und Weise der sozialdemokratische Metallarbeiterverband die Agitation betreibt und Mitglieder für sich zu„gewinnen" sucht, beweist folgender Vorfall: Ein junger, dem christlichen Metall- arbeiterverbande angehöriger Kollege trat vor zirka 3 Wochen bei der Eisenkonstruktionsfirma Delschau in Tempelhof in Arbeit. Genannte Firma beschäftigt zirka 300 Mann, die fast ausnahms- los„frei", das heitzt sozialdemokratisch organisiert sind. Natür- lich wurde der neueingetretene Kollege schon am ersten Tage einem Verhör über seine Organisationsangehörigkeit unterzogen und auch sein Verbandsbuch, angeblich zur„Einstchtnahme" ver- langt. Als sich dabei nun herausstellte, daß der Kollege christ- lich organisiert ist— ein schrecklicher Gedanke für einen„Ziel- bewußten"—, da wurde ihm einfach von einem Freiheitshelden, dem Anreißer Hoff mann, bedeutet: Ja, das Buch kriegst Du nicht wieder, Du mutzt bei uns eintreten! Der„freie" Vertrauensmann Schmidt nahm das Buch an sich; inzwischen sind zwei Wochen vergangen, ohne daß dem Kol- legen trotz mehrmaliger Aufforderung sein Buch zurückgegeben wurde. Ob die beiden ihrer schäbigen, zudem gesetzwidrigen Handlungsweise, die anscheinend von ihrem Verbände ge- billigt wird, sich völlig bewußt sind, darf füglich bezweifelt werden; bei geistig normalen Menschen ist dergleichen schlechterdings un- möglich, nur Größenwahn und Machtdünkel, gepaart mit einer starken Dosis Unverschämtheit, können derartige Auswüchse zeiti- gen. Und sie stehen in diesem Lager nicht vereinzelt da. Wenn der sozialdemokratische Metallarbeiterverband und seine sauberen Macher aber glauben, durch derartige schofle Manöver auch nur einen Mann für sich zu gewinnen, so befinden sie sich mit dieser Annahme stark auf dem Holzwege; damit reißen sie sich selbst die Maske vom Gesicht und zeigen sich in ihrem wahren Charak- ter, und wer den kennt,— der ist kuriert. Trefflich paßt auch hier das Wort: Das ist die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft!" Wir wandten uns wegen der Angelegenheit sofort an den Metallarbeiterverband. Die vom Metallarbeiterverband ge- machten Feststellungen haben nun folgendes ergeben: Der Metallarbeiter, um den es sich hier handelt, war am 8. Ja- nuar d. I. Mitglied des Christlichen Metallarbeiterverbandes geworden und hatte bis zum Uebertritt zum Deutschen Metall- arbeiterverband bei ben Christlichen vier Wochen Beitrag bezahlt. Es ist nun einwandfrei festgestellt, daß der Mann seinen Uebertritt durchaus freiwillig vollzog. Er hat dieses auch in Zeugengegenwart zugegeben. Aus der ganzen An- gelegenheit wäre niemals etwas Besonderes geworden, wenn nicht der angeblich terrorisierte Mann einen Bruder hätte, der bei den Christlichen tätig ist. A l s d i e s e r„B r u d e r" von dem Uebertritt zum Deutschen Metall- arbeiterverband hörte, drohte er seinem jüngeren Bruder, er dürfe ihm nicht wieder ins Haus kommen, wenn dieser Uebertritt nicht rückgängig gemacht würde. Nun bekam es der bedeutend jüngere Bruder mit der Angst und sagte, die Kollegen im Betrieb hätten ihn zum Uebertritt gedrängt und das Buch der„Christlichen" abgenommen. So der Sachver- halt nach den Angaben aller Beteiligten im Betrieb. Wenn hier von Terrorismus gesprochen werden kann, dann ist eS der christliche ältere Bruder, der seinen jüngeren Bruder brutal terrorisierte... Aber trotz alledem ist dem jungen Mann wiederholt und ausdrücklich im Bureau des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes gesagt, daß— wenn er sich im Deutschen Metall- arbeiterverband nicht wohl fühle— er sein Mitgliedsbuch bringen möge und es gegen das Buch der Christlichen um- tauschen könne. Jetzt, wo dies geschrieben wird, sechs Tage später, hat noch niemand das Buch des Metallarbeiter- Verbandes gebracht, um es gegen das Buch der„Christlichen" umzutauschen. Betrachten wir also das Ganze, dann finden wir, daß die Untersuchung des Vorkommnisses nicht etwa Terrorismus auf Seiten des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes ergeben hat, sondern elende Heuchelei und Verdrehung der Tatsachen auf feiten der Chri stlich e n. ßcrUn und Umgegend. Können in der Knabenkonsettion Tarife eingeführt werden? Diese Frage beschäftigte am Dienstag eine Versammlung der Bügler. Stepper. Werkstatt- und Heimarbeiterinnen, die bei Graetz in der Großen Frankfurter Straße tagte. ES ist selbst- verständlich, daß daS. was in anderen Branchen deS Schneider- gewerbes möglich und zu einem guten Teil durchgeführt ist, die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu verbessern und tariflich zu regeln, auch in der Knabenkonfektion möglich fein mutz. Das war die Antwort, die der Referent Kunze aus die Frage gab, und das war auch die Ueberzeugung der Versammlung. Ebenso herrschte kein Zweifel darüber, daß diese Verbesserung und Regelung der Löhne dringend notwendig ist. Ein nicht geringer Teil der Arbeiterschaft der Knabenkonfektion ist einem gewissen Fatalismus verfallen, betrachtet es gleichsam als eine„gott- gewollte Abhängigkeit", daß man sich drücken lassen und immer wieder drücken lassen muß. Kommt zu solchen Arbeiterinnen jemand mit der Aufforderung zur Organisation, da ist die Antwort: „Ja, uns geht'S so schon so schlecht, und nun sollen wir noch Beiträge zahlen!" Die Folge davon ist. daß sie wöchentlich 3 bis 4 M. weniger Lohn erhalten, als wenn sie organisiert wären. Dafür„sparen" sie allerdings die 25 Pf. Beitrag. In anderen Branchen, z. B. in der Kostümbranche, hörte man früher dasselbe Gerede; da konnten die Arbeiterinnen auch die Beiträge nicht zahlen. Aber sie ließen sich belehren, und der Erfolg war, daß sie 1909 eine Lohnbewegung durchführen konnten, die ihnen 4 bis 6 M. Lohnerhöhung pro Woche und manche andere Vorteile mehr einbrachte.— An den Vortrag schloß sich eine rege Diskussion. und es zeigte sich, daß der Wille zu einer Lohnbewegung in der Knabenkonfektion im Erstarken begriffen ist, die Empörung über die elenden Zustände immer mehr anwächst. Dieser gutbesuchten Versammlung werden fortlausend weitere in anderen Stadtteilen folgen, um überall die Arbeiter und Arbeiterinnen der Knaben- konfektion in Massen für die Bewegung zu gewinnen, soweit das bisher noch nicht der Fall ist._ Eine Tarifbewegung der Marmorarbeiter. Die Marmorarbeiter, Sektion II deS Verbandes der Stein- arbeiter. besprachen am Donnerstag abend in einer Versammlung, dle hei Wegener in der Seydelstratze stattfand, die Aussichten Jür einen Tarifabschlutz mit den Unternehmern. Die Steinmetzgeschäfte wünschen einen Vertrag abzuschließen, wie Zunk der Versamm- lung mitteilte. Die Forderungen, die vor einem Jahre aufgestellt wurden, sind von dem größten Teile der Firmen schon erfüllt, und es würde sich hauptsächlich um die tarifmäßige Festlegung der Lohn- sätze für das gesamte Gewerbe handeln. Nach diesen Sätzen soll Perautw. Redakteur:«lbert Vach«. Berlin. Inseratenteil verantw.: sie, Versetzfirmen 90 Pf. Stundenlohn gezahlt tverden; Steinmetzen in der Werkstatt sollen 80 Pf., aus dem Bau 8S Pf., Schleifer in der Werkstatt 08 Pf., auf dem Bau 73 Pf. erhalten. Der Verband der Steinmetzgeschäfte von Groß-Berlin richtete kürzlich an die Zahlstelle Berlin des Zentralverbandes der Stein- arbeiter ein Schreiben, in dem gesagt wurde, daß der Verhand gewillt sei, per Frage der Fortsetzung von Minimallöhnen und dem Abschluß eines Lohntarifs für die Marmorarbeiter näherzutreten. Die Unternehmer hatten bereits eine Kommission von 5 Mitgliedern gewählt und erklärten sich bereit, mit einer gleichen Kommission von der Marmorarbeiterbranche in Unterhandlung zu treten.— Die Arbeiter waren damit einverstanden, aber sie wünschten, daß zu den genannten Lohnsätzen nach einem Jahre ern Zuschlag gezahlt werde, und sie beauftragten demgemäß ihre Kommission, die in der Versammlung gewählt wurde. Der Tarif wird voraussichtlich bis zum 1. April 1913 abgeschlossen werden, falls die Unterhandlungen ein günstiges Ergebnis zeitigen. Die neue Sonntagsverordnung für das Handelsgewerbe. Bekanntlich hat sich die Berliner Stadtverwaltung zu einer „sozialen Tat" aufgerafft, indem sie die sonntägliche Verkaufszeit auf zwei Stunden herabsetzte.— Eine sehr stark besuchte, vom Transportarbeiterverband einberufene, öffentliche Versammlung der Handelshilfsarbeiter nahm am Donnerstag Stellung zu dieser Verordnung. Der Referent, Reichstagsabgeordneter Eichhorn, sowie die Diskussionsredner vertraten den Standpunkt, daß die Verordnung den Forderungen der Arbeiter im Handelsgewerbe durchaus nicht entspricht. Sie verlangen nach wie vor vollständige Sonntagsruhe und demgemäß völligen Ladenschluß an Sonn- und Feiertagen. Es ist ein längst widerlegter Irrtum, wenn man fürchtet, der Ladenschluß werde die Geschäftsleute schädigen. So wie sich das Publikum an den Achtuhrladenschlutz an Wochentagen und an den Sonntagsschluß in den jetzigen Grenzen gewöhnt hat, so wird es sich auch an den völligen Ladenschluß an Sonntagen gewöhnen, ohne daß den Geschäftsleuten ein Schaden erwächst. Den Arbeitern und Angestellten ist die Sonntagsruhe ein dringendes Bedürfnis. Die Erfahrung hat bewiesen, daß sie immer noch über die zulässige Geschäftszeit beschäftigt werden. Das wird auch bei der zweistündigen Geschäftszeit nicht anders werden. Was dann noch als Sonntagsruhe für den Arbeiter übrig bleibt, kann in keiner Weise genügen. Wenn man jetzt, trotz Verbot der Sonntags- arbeit, mit einem großen Paket über die Straße geht— sagte ein Redner—, dann kann man einem Schutzmann damit vor den Bauch stoßen, ohne daß er die Uebertretung der Sonntagsruhe be- merkt. Nur das gänzliche Verbot der Sonntagsarbeit kann dem Arbeiter die notwendige Sonntagsruhe bringen. Die Versammlung setzte eine Kommission ein, welche die Durch- führung der Sonntagsruhe kontrollieren soll und nahm einstimmig folgende Resolution an: Die Versammlung bedauert, daß die gesetzgebenden Körper- schaften dem so dringenden Wunsche aller im Handelsgewerbe Beschäftigten, die vollständige Sonntagsruhe einzuführen, bis- her noch nicht nachgekommen sind.— Die gesetzliche Einführung der vollständigen ununterbrochenen 30stündigen Sonntagsruhe ist eine kulturelle Notwendigkeit, die durchzuführen um so mehr er- forderlich ist, als gerade die Handelsangestellten durch die überaus lange Arbeitszeit an den Wochentagen nicht nur in ihrer Gesund- heit schwer bedroht, sondern auch in ihrer geistigen und beruf- lichen Weiterbildung behindert werden. Aus diesem Grunde wäre es dringend erforderlich gewesen, daß der Magistrat und das Stadtverordnetenkollegium sich nicht auf die unwesentliche Verbesserung der Sonntagsruhe, welche durch das neugeschaffene Ortsstatut vom 1. Mai 1911 in Kraft tritt, beschränkt, sondern den berechtigten Wünschen der Handels- angestellten, auf Einführung der vollständigen Sonntagsruhe Rechnung getragen hätten. Die Versammelten erblicken in dem neuen Ortsstatut nur eine Abschlagszahlung auf ihre Forderungen und verpflichten sich, nach wie vor einmütig und geschlossen dafür zu agitieren, daß die vollständige Sonntagsruhe zur Durchführung gelangt. Die Versammelten ersuchen das kaufende Publikum höflichst, ihre Einkäufe an den Wochentagen, über nicht an den Sonntagen zu erledigen. Damit die Arbeiter diesem Ersuchen nachkommen können, mutz darauf hingewirkt werden, daß in allen Betrieben die Lohnzahlung am Freitag erfolgt. Eine Lohnbewegung der Handelsgärtnergehilfe» steht bevor. Diese hatten sich am Dienstag in DräselS Festsälen in fo großer Anzahl versammelt, daß der Saal schon vor Beginn der Versammlung bis auf den letzten Platz besetzt war und viele noch stehen mußten. Veranstaltet war die Versammlung vom„A l l g e- meinen Deutschen Gärtner-Verei n". Ortsverwaltung Berlin, fowie vom„Deutschen snationalen) Gärtner- Verband". Brandenburgischer Gau. Als erster Referent sprach I. H. B a n n i e r vom Deutschen(nationalen) Verband. Redner vertritt die Ansicht, daß es sowohl für die Arbeitgeber als auch für Gehilfen das Beste sei. unter tariflich geregelten Verhältnissen zu arbeiten. Vor allem könnte dadurch der Schmutzkonkurrenz ein Riegel vorgeschoben werden. Trotzdem verhielten die Arbeitgeber sich diesem Standpunkt gegenüber durchaus ablehnend. Hierauf ging Walter K w a S n, ck auf die Arbeitsbedingungen der Handelsgärtner ein. Redner stellt Vergleiche an mit anderen Be- rufen und erklärt, daß eS sich heute bei den Gärtnern nicht mehr um die Forderung einer 11 Stundenzeit handeln könne, zumal einige Berliner Firmen heute schon mit lOM? bezw. 10 Stundenzeit fürs ganze Jahr auskommen. Ferner verlangte der Redner Ein- fchränkung der SonntagSarbeit und Abschaffung des Kost- und LogiSsvstemS. Nach sehr lebhafter Diskussion fand einstimmig fol» gende Resolution Annahme: „Die am 14. März 1911 in DräselS Festsälen zahlreich ver- sammelten Handelsgärtnergehilfen von Groß-Berlin erklären, daß eine zeitgemäße Neuregelung der jetzigen Verhältnisse eine drin- gende Notwendigkeit ist. Besonders hält sie eine Erhöhung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit für unbedingt erforderlich. Im Interesse beider Teile liegt es, wenn es möglich wäre, über diese Forderungen eine gütliche Aussprache zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu erzielen. Aus diesem Grunde unterbreitet die Versammlung der Organisation der Arbeitgeber den Vor- schlag, in einer gemeinsamen Sitzung von Vertretern beider Gruppen diese Frage zu besprechen." Zum Schlüsse der Versammlung meldete sich der Vorsitzende der Arbeitgebergruppe Berlin, E r n st, der die Sachlichkeit der DiS- kussion anerkannte, im übrigen aber erklärte, daß er kein Mandat habe, sich in der Sache zu äußern, da die Arbeitgeber noch keine Sitzung hätten abhalten können. Es wurde dann noch mitgeteilt, daß der Tarif in Düsseldorf abgeschlossen worden sei. Die Anregung zu diesem Tarif war von den Arbeitgebern ausgegangen. Die Versammlung schloß mit einem begeisterten Hoch. Veutf-Kes Reich. Aussperrung im Steinsetzgewerbe. Die Unternehmer de» Steinsetzgewerbe« in Halle a. S. und dem Bezirk Merseburg haben am Dienstag die organisierten Arbeiter ausgesperrt. Die Arbeiter hatten Forderungen gestellt auf Abs-bluß eines Tarifvertrages für drei Jahre, eine Stunden- lohnerhöhung von 6 Pf. für diese Zeit und eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde pro Tag. Die Löhne in diesem Gebiete sind sehr niedrig. Die Unternehmer wollten einen Tarifabschlutz auf drei Jahre mit 3 Pf. Swndenlohnerhöhung. was die Arbeiter ablehnten. Aut den Abschlutz von Einzeltarifen gehen die Unternehmer nicht ein, sie forderten die Zustimmung zu einem Be- zirkstarise. Als keine Einigung darüber zustande kam. legten sie zum Uebcrflutz den Arbeitern Austrittsschcine vor. nach denen sie sirfj zum Austritt aus der Organisation verpflichten sollten. Bei dxr Aussperrung kommen etwa bOO Arbeiter in Betracht. Zuzug ist streng fernzuhalten. TH.Gl»de. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Det Hokzarbeitersircik in BreSka« ist beendet. Eine unter den streikenden Holzarbeitern vorgenommene Urabstimmung über die Frage, ob weiter gestreikt oder der Streik aufgehoben werden soll, ergab, daß 371 für die Beilegung, 489 für Weitersührung des Streiks waren. Da die Dreiviertelmajorität für die Weitersührung des Streiks, die nach dem Statut vorhanden sein mutz, nickt erreicht wurde, gilt der Streik als aufgehoben. Am Montag soll die Arbeit wieder in allen Betrieben auf- genommen werden. Die Breslauer Tischlerinnung hat in einer Versammlung einstimmig beschlossen, sich dem Berliner Schiedsgerichtsspruch zu fügen._ Neue Differenzen im Leipziger Ofensetzgewerbetz Bekanntlich haben die Ofensetzer Leipzigs im vorigen Jahre einen hartnäckigen Streik geführt, der schließlich nach Eingreifen des Arbeitgeberverbandes mit einem annehmbaren Vergleich seinen Abschluß fand. Die beiderseitigen Lohnkommissionen traten hierauf zusammen und arbeiteten auf Grund der Friedens- bedingungen einen neuen und erhöhten Akkordtarif aus; außer- dem wurde dem neuen Tarif die Halbkachclberechnung eingefügt, die gegenüber dem früheren veralteten Berechnungsmodus viele Unklarheiten beseitigte. Der neue Tarif wurde vom Arbeitgeber- verband sanktioniert; auch gab eine Gehilfenversammlung am 21. Februar zu den Abmachungen ihre Zustimmung, worauf der neue Tarif in Druck gegeben wurde. So schien diese Bewegung endgültig abgeschlossen. Vor einigen Tagen nahm jedoch die Leipziger Töpfermeisterinnung in schlecht besuchter Versammlung zu dem neuen Akkordtarif Stellung und lehnte die Abmachungen ab. Alle Gegenvorstellungen nützten nichts. Meister, die Gesellen gar nicht beschäftigen oder zurzeit nichts zu tun haben und sich von einem erneuten Streik persönliche Vorteile versprechen, legten ihr„wichtiges" Veto ein und brachten den neuen Tarif, der bereits gedruckt ist, zu Falle. Die bisherige Lohnkommission der Meister demissionierte. Die Leipziger Ofensetzer nahmen zu dieser Situation am 14. März Stellung. Mehrere Redner rieten in be- greiflicher Erregung zur sofortigen Arbeitsniederlegung. Es wurde zunächst beschlossen, bei dem Vorstand des sächsischen Arbeit- geberverbandes für das Ofensetzgewerbe Protest einzulegen und dessen Vermittelung anzurufen. Die Situation ist gespannt und ernst. Arbeitslose und ledige Gehilfen sind aufgefordert worden, Leipzig zu verlassen. Es wird ersucht, den Zuzug von Ofensetzern nach Leipzig streng fernzuhalten! Ein erfolgreicher zweitägiger Textilarveiterstreik. In der Kamm- garnspinnerei Groß in Senn heim(Obereliatz) brach am Sonn- abend infolge Lohndifferenzen ein Streik sämtlicher Spinner und Ansetzer sowie des weiblichen Personals an den Ringspinnmaschinen aus. Nachdem die Fabrikleitung einer Abordnung der Streikenden auf Ehrenwort die Anerkennung der aufgestellten Forderungen zu- gesagt hatte, nahm am Dienstag das gesamte Personal die Arbeit wieder auf. Als nicht uninteressantes Zwischenspiel ist mitzuteilen, daß der als ungebetener Gast in einer Versammlung der Streikenden erschienene christliche Arbeitersekretär Franz Fischer, Gemeinderatsmitglied in Mülhausen i. Elf., der zum Fischzug für den christlichen Textilarbciterverband ausgezogen war, den Aus- ständigen derart auf die Nerven fiel, daß sie die Entfernung des christlichen Apostels aus der Versammlung beschlossen. Dafür trat man einmütig dem Deutschen Textilarbeiter- verbände bei. Husland. Die Massenaussperrung der Arbeiter Dänemarks, die eine Lahmlegung des Erwerbslebens im ganzen Lande herbe« geführt hätte, ist kurz vor Ausbruch des Kampfes glücklich abgee wehrt worden. Aus Vorschlag des staatsangestellten Schlichtungs- beamten Direktor K o e f o e d ist ein Uebereinkommen erzielt war» den, durch das die tägliche Arbeitszeit der ungelernten Arbeiter der Eisenindustrie um eine halbe Stunde verkürzt wird, ihr Minimal- stundenlohn um 2 Oere, und nach drei Jahren um einen Oers erhöht wird. Außerdem werden den besser bezahlten Arbeitsleuten ihre Stundenlöhne auch erhöht, und zwar die niedrigsten um 2. die höheren um einen Oere. Im übrigen werden die Äkkordtarife der Schiffswersten so revidiert, daß den Arbeitern ein bestimmter Akkordüberschuß gesichert ist. und Burmeister u. Main, die größte Schiffsbauereifirma, die bisher noch Leute zu 30 Oere Stunden- lohn einstellte, darf nun nicht mehr unter 35 Oere zahlen. WaS für die Arbeiter erreicht worden ist, ist ja sehr gering, aber der Arbeitsmannsverband hat sich in einer außerordentlichen Zu- sammenkunft der Vertreter aus dem ganzen Lande mit Rücksicht auf die schwierige Lage des Erwerbslebens damit einverstanden erklärt, und die Arbeitgeber, die ja prinzipiell gar keine Zugeständ- nisse machen wollten, haben es schließlich auch für besser befunden, klein beizugeben. Damit ist die größte Kriegsgefahr wieder ein- mal beseitigt, aber der Friede zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft Dänemarks ist noch keineswegs auf der ganzen Linie gesichert. In verschiedenen anderen Berufen dauern die Konflikte noch fort und ist es noch zweifelhaft, ob eine Einigung zustande kommt. Italien am Borabend eines EisenbahneranSstandeS? Die Angestellten der Eisenbahngesellschaften haben der Regierung mitgeteilt, datz sie, fall« ihnen bis zum 22. d. MtS. nicht die Versicherung gegeben wird, datz die chnen gemachten Versprechungen auch eingehalten werden, an diesem Tage sämtlich die Obstruktion gegen die Regierung beginnen würden. Versammlungen. Der Wahlverein deS zweiten Kreises hörte am Dienstagabend in Habels Brauerei einen Vortag des Genossen Heinrich Schulz über das Thema:„Das junge Deutschland". Der Redner hatte dieses Thema gewählt aus Anlaß des 100. Geburtstages von Karl Gutzkow am 17. März. Er schilderte die geistige Ent- Wickelung Deutschlands zur Zeit jener literarischen Schule, als deren Führer(1830 bis 1840) Karl Gutzkow galt und die ihre Berühmtheit nur der reaktionären Angst vor einem jungen Deutschland, vor einem jungen Europa verdankte. Als ein „junges Deutschland" von anderer Stärke und anderer Bedeutung feierte der Redner die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft von heute. Die Versammlung, die recht gut besucht war. spendete dem Vortragenden vielen Beifall.— Genosse S ch w e m k e als Vor- sitzender wies in seinen Schlutzbemerkungen noch besonders auf den Frauentag am kommenden Sonntag hin und forderte zu reger Beteiligung auf._ Hetzte ftachrichten. Tie Lage in Albanien. Frankfurt a. M., 17. März.(W. T. B.) Wie die„Frankfurter Zeitung" aus Saloniki meldet, hat sich die Lage im westlichen Albanien verschlimmert. An 2000 bewaffnete Miriditen, sowie An» gehörige anderer, auch mohammedanischer, albanesischer Stämme befinden sich im Gebirge, um mit dem Einsetzen milderen Wetters die aufständische Bewegung zu beginnen. Als Herd des Aufstandes wird Montenegro angegeben. Die Einberufung der Redifbrigado in SiwaS soll mit der ungünstigen Lage in Albanien zusammen- hängen._ Wi«zerrcvol?r in Frankreich. Trohes, 17. März.(W. T. B.) Die Winzer in Eolombe la 'osse, die darüber aufgebracht sind, daß das Weinbaugebiet von Aube nicht in das Champagnegebiet einbezogen ist, verjagten heute den Steuereinnehmer, läuteten die Totenglocke und pflanzten eine rote Fahne auf der Mairie auf. Paul Singer j- Co.. Berlin 2W. Hierzu 4 Beilagen«.lluterhaltungsbl. it. 66. 28. Zahtgass. 1. Kkilage des, Amiirls" Kerlim Zonvabeud, 18. Miili 1911. lsozialdemolraten.) Dadurch wird manches erklärlicv, was im Dezember vorigen Jahres nach dem Untergange der drei Sloniandampfer über ihre Beschaffen- heit bekannt geworden ist. Ain 14. Dezember wurde bekannt ge- geben, die„Palermo" sei gestrandet, die Besatzung von 19 Mann und die fünf Passagiere seien gerettet; aber schon am anderen Tage kam die Botschaft, das Schiff ist mit Mann und Maus verloren. Am 23. und 24. Dezember kamen dann die Meldungen, daß auch die schon lange überfälligen Dampfer„Genua" und„Savona" mit ihren 42 Mann Besatzung als verloren anzusehen seien. Alle drei Schiffe waren aus Eisen gebaut und hatten ein Alter von 33—35 Jahren; es ist durchaus nicht auSgeschlossM, daß den Schiffsreedern diese alten Kästen schon längst nicht mehr geheuer erschienen waren;— ließen sie doch in derselben Zeit, als die Todes- botschasten einttafen, ihren alten Dampfer„Amalfi" zur Ausreise fertig machen, trotzdem das Maschinenpersonal darauf aufmerksam machte, daß die Kessel nicht dicht seien.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Erst als das Maschinenpersonal sich an die zuständige Behörde wandte und eine Kesselrevision verlangte, welche die Sceuntüchttgkeit des Schiffes er- gab, wurde das Auslaufen verboten. Durch ihre Prehtrabanten hat die Reederei verbreiten lassen, daß die drei untergegangenen Schiffe von 1904 bis zu ihrem Untergange 82mal revidiert seien. Das Orden, Titel, Würden, Gehälter, und sie sind gar nichts mehr wie gänzlich gemeine, ungebügelte, alte Hofen, mit wellen Kniebauchungen. Der Mensch von heute ist, was ihm eingenäht ist. Theater. Im Friedrich-Wilhelm städtischen Schauspiel- Hause hat man jetzt das von so vielen anderen Berliner Theatern befolgte Rezept übernommen, eine alte Posse statt der fehlenden guten neuen zu bieten. Nestroy, Kalisch und viel geringere alte Bühnengötter gehören ja wieder zu dem modernsten Repertoire. In den nördlichen Gefilden ging man beherzt noch einen Schritt weiter ung griff entschlossen auf K o tz e b u e zurück und holte dessen Posse „ P a g e n st r e i ch e" hervor. Und Kotzebue gefiel, Kotzebue, dessen Name bei jedem Literalurkenner Verzweiflung erreget, wie sein gleich- benanntes Gedicht, gefiel und entzückte wie zu Goethes Zeiten, da er am Weimarer Theater der meistgespielte Autor war. Kotzebue scheint ewig zu sein, ewig wenigstens für ein Publikum, da? sich im Theater leicht unterhalten und auf alle Fälle lachen will, das lustige Späßc und tolle Verwickelungen und allerlei Komik und Ulk begehrt, ohne nach Wahrscheinlichkeit der Vorgänge und tieferer Charakterisierung der Handelnden zu verlangen. Kotzebue ist ewig, wenn nicht in seinen eigenen 200 und mehr Werken, so doch in denen seiner Nachfolger, der Kadelburg und Blumenthal und deren hoff- nungsvollcr Erben, die immer'noch die gleiche Alltagskost bereiten. „Die Pagenstreiche" sind in ihrer Art so gut. ja besser wie viele andere neuere Possen und wenn sie lustig und nett daher kommen wie diesmal(unter Dir. Rungeö Regie), so mag man sie gewähren lassen. Was altbacken uiid heute allzu harmlos erscheint, mag als kulturgeschichtliche Reminiszenz neben dem Spaßigen und Tollen wirken, das noch lebendig ist. Wie der mutwillige Page bei seinen drei Muhmen die drei Freier aussticht und wie er sie ihnen dann wieder verschafft und die alten,. inzwischen beschafften Freier zum Abzug bringt und in all dem sein' munteres, ausgelassenes Wesen in immer neuen und kecken Einfällen und Streichen treibt, ist recht ergötzlich und vom Standpunkt der bloßen Theatermache aus gelungen. Wenn der Page ein so lustiger und aufgeweckter Junge ist wie ihn Toni Rupprecht temperament- voll spielte und sein Gehilfe der Reitknecht soviel Humor hat wie der des Herrn S ch m a s o w und das Ganze so flott heruntergespielt wird wie diesmal, dann mag Kotzebue und seiner Gemeinde ver- schiedenes zugute gehalten werden.— r. Musik.' B o l k S o p e r. Die Handlung der Verdifchen Oper: „A m e l i a oder E i n M a s k e n b a l l", die Donnerstag neu ein- studiert aufgeführt wurde, deckt sich vollständig mit der von Aubers »Gustav oder Der Maskenball"; nur mit dem Unterschied, daß sie nicht in Schweden, sondern in der englischen' Kolonie Amerikas spielt, und daß statt eines Königs ein Gouverneur ermordet wird. Die Aufführung zeugte in musikalischer Hinsicht von tüchtiger Ein- studierung, wenn sie auch dem Temperament des großen Italieners mag stimmen, beweist aber gar nichts, die Untersuchung durch die Beamten der Seeberufsgenossenschaft ist eben ganz unzulänglich. Als 1895 die„Elbe" unterging, wobei 200 Menschen ihr Leben ver- loren, bezeichnete der Frhr. v. Stumm es als eine Anomalie, daß nian sich in der Seeschiffahrt mit einer Privatkontrolle begnüge. Von der„Palermo" ging nicht lange nach ihrer Ausreise der Reederei ein Schreiben eines Heizers zu, er habe abgemustert, weil er den Kasten sür reif zum Versaufen erkannt habe.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Mann hat sich auf diese Weise das Leben gerettet. Ein einfacher Heizer erkannte also den Zustand des Schiffes, aber die Experten der See- berufsgenossenschafr und des„Germanischen Lloyd" erkannten sie nicht. Das ist freilich erklärlich, wenn sie nach den oben angegebenen Rück- sichten verfahren müssen.(Sehr wahr!.bei den Sozialdemokraten.) Auch andere Schiffsleute erkannten bei? Zustand des Schiffes. So schrieb ein Maschinist vom Dampfer„Savona", daß bald nach der Ausreise mehrere Nächte lang an der Maschine gearbeitet werden mußte, um den Krempel notdürftig in Schwung zu halten.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Man darf wohl auf den Ausgang der Untersuchung des Hamburger Seeamts und seinen Spruch gespannt sein. Auch dem über 30 Jahren alten Dampfer „Marsala" wird nachgesagt, daß er nicht seetüchtig sei; nur dem Umstände, daß er gutes Wetter hatte, dankt er die Rückkehr von seiner letzten Reise. Als im vorigen Jahre mein Freund Schwartz sich nach dem Schicksal der Resolution von 1902 erkundigte, wurde vom BundeSratstisch geantwortet, die Kontrolle der Seeberufsgenossenschaft sei unendlich viel strenger geworden, und es würde kaum noch vorkommen, daß ein seeuntüchtiges Schiff durch die Maschen der Kontrolle schlüpfe. Nun, an den Kontroll-Vor» s ch r i f t e n fehlt es sicher nicht, wohl aber an der H a n d h a b u n g. Es ist doch merkwürdig, daß die Seebernfsgenossenschaft niemals ein Schiff als seeuntüchtig an der Ausreise verhindert. Ein Boot des Baggers„Brunhilde" wurde von der Seebernfsgenossenschaft zu 14 Personen abgenommen. Es kenterte mit 10 Mann Besatzung, wobei drei Mann umS Leben kamen. Das Seeamt stellte fest, daß es be- rcitS bei einer Besatzung von vier Mann leicht kenterte.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Herr Abg. H e ck s ch e r behauptete hier im Reichstage, unsere großen Schiffsgesellschaften haben keine seeuntüchtigen Schiffe, keine schwimmenden Särge. Deshalb muß ich doch etwas über das„Wegsetzen" von sogenannten Sargschiffcn sagen. Das Seeamt in Brake fällte am 23. Oktober 1909 folgenden Spruch: Die Hamburger Tjalk(kleines Schiff)„Sarjus" ist am 14. Dezember 1907 vor der Jade von dem Bremer Schiffdampfer „Berlin" in sinkendem Zustande getroffen, jedoch von ihm geborgen und nach Nordenham geschleppt. Das mangelhaft gebaute Schiff ist in Folge schweren Arbeitcns ctlvas leck geworden, dann hat jedoch der Schiffer Karl N i e d o r f in der Absicht, das Schiff zum Sinken zu bringen(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), zunächst die Bullaugen in der Kajüte eingeschlagen und ferner eine im Boden unter der Kajüte befindliche Verichraubling geöffnet. Das Sinken des Schiffes ist nur dadurch verhindert, daß der an Bord befindliche Küstenschiffer Höhnke die Berschranbnng wieder dicht machte. Der Schiffer Karl Niedorf hat am 16. Dezember 1907 im Hafen von Norden- ham das Schiff verlassen und ist seitdem verschollen. Er hat durch sein Verhalten eine außerordentliche Gewissenlosigkeit an den Tag gelegt: es wird ihm daher die Befugnis als Schiffer auf Küstenfahrt ent- zogen. Wird Herr Heckscher und seine Freunde, die ihm damals „Sehr richtig!" zuriefen, auch jetzt noch der Ueberzciigung sein, daß es in der deutschen Marine keine Sargschiffe zum„Wegsetzen" gibt? Auch in einem anderen Falle kaufte die Reedereifirma Mcntz in Rostock einen alten englischen Dampfer mit Namen„Edith". Das Schiff war absolut sceuutüchtig und ist untergegangen. Auch ht«, besagte das Urteil des SeeamteS in Rostock, daß die schlechte Beschaffenheit des Schiffes und seine mangelhafte Bemannung den Untergang verschuldet habe».(Hört! hört! bei den Sozial- dcmolraten.) Sollte ängcsichls all' dieser Vorkommnisse die Re- gierung nicht doch endlich zu der Ansicht gelangen, daß eine staatliche Organisation der Schiffskonttolle geradezu unerläßlich ist, sollte sie sich nicht endlich für verpflichtet halten, auch für das Leben unserer braven Seeleute, die fortgesetzt den größten Gefahren ausgesetzt sind, ernstlich einzutreten, oder steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß Menschenflcisch so billig ist, daß eS auf einige hundert braver Seeproletarier gar nicht so sehr ankommt. In den zehn Jahren von 1897 bis 1906 sind nicht weniger als nicht Rechnung trug. Die Regie hätte vor allen Dingen für dra- malische Belebtheit der Volksszenen sorge» müssen. Zum Chorsingen oder Lückenschließen sind die nicht da. Allzu power und langweilig war auch die Maskerade im fünften Aufzuge arrangiert. Der dritte und vierte Aufzug standen auf der Höhe; da wurde dramatische und musikalische Geschlossenheit erreicht. Die Titelpartie führte Rachel Frease- Green mit schöner Gesangskunst durch; nur das Spiel der Sängerin müßte noch freier werden. Den Gouverneur gab Jakob M a i k l. Er besitzt einen echt lyrischen Tenor und iveiß sich auch recht temperamentvoll zu regen; das Tremolieren wird er hoffentlich abstreifen. Julius Rüngers weicher Baryton war in getragenen Partien seiner Rolle alS Reub am Plätze. Der Wahrsagerin(Rosa Sachse» Friede!) ging das Geheimnisvolle, Exotisch-Romantische verloren. Den beiden mordverschworcnen Offizieren fehlte des BasseS Grund» gewalt; anstatt dessen steckten sie die Brigantennatur mehr heraus, als zu wünschen war. Kötbe Funck(Page) hat glänzende Ge» sangsmittel; die schalkische Szene im Schlußakt gelang ihr gut. Alles in allem wurde die Aufführung von dem vollbesetzten Hause mit wohlverdientem Applaus begleitet. s. k. Notizen. — Die Neue freie Volksbühne beschloß in der Ge- neralversammlung der Baufondsbetoiligten, ein Neues Volks- kunsthaus am Vülowplatz im ehemaligen Scheunenvierlel zu errichten. Der Bau soll durch Äaunieister 5laufmaim, den Schöpfer des Hcbbcl-Theaters, errichtet werden. — Friedrich Haase, der Nestor der deutschen Schauspieler, ist im Alter von 85 Jahren an, Freitagmorgen in Berlin gestorben. Den meisten war sein einst so populärer Mimenname freilich nur ein Name, an den sich kaum persönliche Vorstellungen knüpften. Denn 1896 hatte er sich bereits von der Bühne verabschiedet, nach einem langen Gastspieldasein, das ihn als reisenden Virtuosen über alle Bühnen geführt hatte. Aber auch die ihn noch selber gesehen hatten, konnten kaum seine frühere Popularität verstehen. UnS jüngeren erschien er als ein Routinier von großer Geschicklichkeit, der uns im ganzen so kalt ließ, wie unS sein Repertoire gleichgültig geworden war. Eines königl. preußischen Kammerdieners Sohn, der im Berliner Schloß geboren war und dem der spätere Friedrich Wilhelm IV. Pate gestanden hatte, suchte Haase das Ideal korrekter Vornehniheit und der Nuance als Selbst- zweck zu verwirklichen. In seiner Jugend soll er durch sein realistisches Spiel aufgefallen sein. Indes sein Name war nicht verknüpft mit Dramen, die dauernden Wert errangen. — Berichtigung. In dem Artikel zur Schriftfrage(Unter» Haltungsblatt Nr. 53) muß der Verfasser des in der Anmerkung zitietten Aufsatzes Catell(nicht Ertell) heißen.— Die Antiqua- gegner befinden sich im Irrtum, wenn sie von einer Ungeklärlheit der Schrift frage(nicht Schristzüge) reden.— Man hat von der Fraktur als einem formalen(nicht normalen) BildungSmittel ür die Schule gesprochen. 860 Schiffe zu Grunde gegangen, wobei 2185 Seeleute und 61 Passagiere ihr Lebe« ciugebüßt haben.(Hört! hört l bei den Sozialdemolraten.) Nach allem, was ich über die laxe Ausführung der privaten Schiffskontrolle Der- r.ommen habe, tami ich von den, Gedanken nicht loskommen, dag der Opfer weit weniger gu verzeichnen gewesen wären, wenn eine cuergischrre Kontrolle unabhängiger Beamter unter Zuziehung von Scclciitcn aller Chargen stattfinden würde.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Totea richten die Mahnung an die Rc° gierung und an utts alle, unlieknmmert um die Interessen der See- tapimlisten einzutreten für einen wirksameren Schutz unserer braven Srcleute.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Ä-ünistcrialdirektor v. Jonquidres: Wir beklagen die Verluste an Meilstchanleben, die vorgelomnien sind. Ich muff aber sehr be- zweifeln, ob die Vorschläge des Vorredners in der Praxis sich be- währen würden. Ich will durchaus nicht behaupten, daß die heutige Beansiichtigmig vollkommen ist. Aber alles Menschliche ist unvoll- kommen.< Zuruf bei de» Sozialdemokraten.) Sceunsälle werden immer vorkommen.(Erneute Zurufe bei den Sozialdemokraten. Aber diese Unfälle beweisen lifcbtö gegen die geltende Form der Kon trolle.(Erregte Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Für die Ausrüstung des Schiffes trägt der Reeder die Berautwortung, nicht die See- berufsgenosseiaschaft. Wenn der Reeder etwas versäumt, so trägt er die Schuld, er allein, nicht die Seeberufsgenonenschatt.(Zuruf bei den Sozialdemokrateu: Aber sie trügt die Mitschuld!) Nein, sie trägt auch nicht die Mitschuld l(Stürmischer Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Eine Kontrolle, wie der Vorredner sie fordert, bei olle» Schiffen vorzunehmen, geht nicht an; bei den AuS- Ivandererschiffen aber wird sie geübt.— Ich weiß, dag in Hamburg in den beteiligten Kreisen gi�sje Aufregung entstanden ist, weil auf einmal drei Dampfer einer und derselben Gesellschaft nntergegaugen sind. Ich gestehe auch zu, daß es alte Dampfer waren. (Lebhaftes hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Aber diese Dampfer sind untergegangen in einer Sturmnacht, wie sie seit Jahr zehnten nicht erlebt worden ist.— Man soll doch nicht vergesien. daß die Schiffahrt ein Gewerbe ist und daher auch nach gcschäft- lichen Grundsätzen betrieben werden musi. Es ist aber un- zweifelhaft, dag in bezug auf Sicherheitsmastregeln usw. die deutsche Handelsmarine den Vergleich mit keiner anderen Handels marine zu scheuen hat.— Es steht fest und kann zahlenmästig be« wiesen werden, dast die Deutsche Seeberufsgenosienschast tut, was sie kann. Die Seeberufögcnossenschast stellt auch die Aufsichtsbeamten so unabhängig wie es irgend möglich von den Reedern. Wenn die Forderungen deS Vorredners erfüllt werden_ sollten, so hätten wir ein geradezu kolossales Beamtenpersonal nötig. Woher daS Geld dafür hernehmen? Ich habe in meiner Jugend aucp solche Gedanken gehegt, bin aber längst davon abaekomnien. Die Praxis Hot mich eines Besseren belehrt. Ich protestiere dagegen, dast die Ehre der deutschen Kauffahrtciflagge heruntergerisien wird.(Lebhafter Bei- fall rechts, Abg. Ledebour ruft: Unsinn.') Vizepräsioent Schulz: Es ist unzulässig, einem Bundesrats- Vertreter Unsinn vorzuwerfen. Abg. Schwarz-Lübeck(Soz.) (von der Reckten mit Unruhe empfangen]: Wenn Sie hier stunden« lange Mittelstandsreden halten, so müssen Sie uns auch schon gestatten, hier einige- Ausführungen zu machen, wo es sich um Tod und Leben Tanseuder von deutschen Seeleuten handelt.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nicht die AlterSfrage der Schiffe hat im Vordergrunde zu stehen. Ich bin auf einer alten Dame gefahren (Grosse Heiterkeit), die zählte 05 Jahre(Erneute graste Heiterkeit). ivar aber durchaus noch leistungsfähig. Viel wichtiger ist die Frage der Befrachtung. Und an, allerwichtigsten ist die Frage der Bemanunna. ES ist unleugbar, dast die Schiffsunfälle in sehr vielen Fällen von der viel zu schwachen Besatzung herrühren.(Leb- hafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Dazu kommt, dast häufig auch die jungen Leute viel zu sehr überwiegen. Bei einer Katastrophe stellte sich heraus, daß die Betroffenen durchweg Leute von kaum 18 Jahren waren.(Hört I hört I) Ein Miststand ,st auch. dast jetzt meist die Ausbildung auf den Schulschiffen der Kriegsmarine dcrAnSbildung anfKanffahrteischiffen vorgezogen lvird. Die Ausbildung auf den Schulschiffen ist aber in erster Linie eine militärische und bildet längst nicht so gute, gewiegte Praktiker heraus, wie die Aus- bildung aus Kauffahrteischiffen. � Wir haben ja schon mehr als einmal hier lange Debatten über Seeunfnlle und ihre Ursachen gehabt, und wir haben hier häufig Klagen über die Sceberussgenossenschast erhoben. Und immer stellten sich die Rogierungsvertrcter hin und fanden alles in bester Ordnung. Solange aber nicht die Meinung der Mannschaften, als der Nächstbeteiligten und der naturgemäst am besten Unterrichteten, eingeholt wird, solange sind die Urteile der Seeberufsgenossenschaft einfach für die Kali.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Aber bei der Beratung der Seemannöordnung hat man alle die Vorschläge, die wir in Uebereinstiinmung mit der Organisation der Seeleute gemacht haben, verworfen. Ehe nian aber nicht die Seeleute in ausgiebiger Weise an der Kontrolle beteiligt. werden die Klagen über unzureichende Kontrolle nicht ab- reisten und sie werden immer wieder laut werden, wenn See- Unfälle und SchisiSkataslrophen die Aufmerksamkeit auf die Mängel der Beaufsichtigung lenken. Und wir werden es uns nicht nehmen lassen, stets beim Etat des ReichSaints des Inneren auf diese Mist- stände hinzutveiseit, bis eS uns gelingen wird, ihre Abstellung zu erreichen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Kirsch(Z.): Die Herren Metzger und Schwartz sind uns den Beweis schuldig geblieben, dast die tief bedauerlichen Unfälle und Katastrophen aus das Konto der Secberufsgenossenschaft zu setzen sind.. Abg. Dr. Hcckscher(Vp.): Ich begreife durchaus die Erregung, die in Hamburg und im Hamburger Hafen über die furchtbare Katastrophe der drei Dampfer herrscht. Ich spreche an dieser Stelle den Opfern dieser Kaiastrophe unser innigstes Beileid aus.— Auch das will ich zu- gostehcn. dast die Firma Sloina» im Rufe steht, außerordentlich genau»i»d sparsam zu sei», wenn eS sich um die Ausrüstung von Schiffen handelt.(Lebhaftes Hört! hört!). Sie läßt zum Beispiel den vierten Offizier auf ihren grösteren Schiffen aus SparfamkeitS- rücksichten in, Mannschaftsguartier schlafen.(Hört! hört!) Ich würde in dieser Sache gar nicht da« Wort ergriffen haben, wenn die Kollegen Schwartz und Metzger das Urteil deS Seeamts abgewartet hätten. Nachdem die Herren aber diese Geduld nickt be- wiesen haben, sehe ich mich doch zu der Erklärung genötigt, dast eS ohne dringende nnd zwingende Beweismittel nicht angeht, die Firma S l o«n a n zu beschuldigen, wissentlich seeuntüchtige Schiffe aus- gesandt zu haben. Ich kenne kein gemeineres Verbrechen, als mit Wissen nnd Vorbedacht seeuntüchtige Schiffe auszusenden. Aber gerade deshalb kann ich der Firma Sloman ein solches Verbrechen nicht zutrauen. Ich kann es umfoweniger, als liekanullich bei der Katastrophe des«inen Dampfer« ein naher Verwandter der Firma Sloman untergegangen ist.— Protestieren mnst ich auch gegen die Art und Weise, wie hier von sozialdemokratischer Seite der verdiente Borsitzciide der See- bcrufsgenossenschaft heruntergerissen wird.(Zuruf bei den Sozial- demokraten.)— Ich glaube nicht, dast eS einen grasten Forlschrilt bedeuten würde, wenn die staatliche Konlrolle an die Stelle der Aufsiel, t der Seeberufsgcnosseiischast treten würde. Ich weist, dast sowohl der Vorsitzende der Organisation der Kapitäne, wie der Vorsitzende der sozialdemokratischen Seemanns- organisation, Herr Müller, immer ein offenes Ohr für ihre Be- fchwerden und Borstellungen bei dem Vorsitzenden der Seebernfs- gcnossenschaft gefunden haben.(Hört! hört! bei den Liberalen.)— Bedauernswerte Katastrophen können nichts an der Tatsache ändern, dast die deutsche Reederei hochgeachtet in der Welt dasteht.(Beifall bei den Liberale».) Abg. Raab(Wirtsch. Vg.): Der Gehennrat JonquiöreS hat hier einen Ton angeschlagen, der nicht als augemessen bezeichnet werden kann. Mit solchen Reden gewinnt man nicht daS Vertrauen der Seeleute! Es befördert nicht die gesunde Entwickeliing, wenn sich hier RegierungSbertreier hinstellen und sagen: eS ist alles schön und gut! Es ist doch ein böses Zeicken für dos Pflichtbewusttsein in manchen Reederkreisen, wenn gerichtlich festgestellt wurde, dast auf einem Schiffe lange Zeit der Steuermann fehlte.(Hört! hört!) Abg. Molkenbuhr(Soz.): Die Art, in der der Ministerialdirektor dem Abg. Metzger antwortete, ist hier nicht Brauch und beweist nur, dast der Herr sehr erregt war.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wenn er den Herren im Reickstage, die das vielleicht noch nicht gewustt haben, erzählt hat. das Waffer habe keine Balken, so beweist daS nur, wie schlecht seine Argumente sind. ES klingt auch ganz eigen- tümlich, wenn vom Regierungslisch aus gesagt wird, in den meisten Fällen ist an den Mängeln der Ausrüstung der Kapitän schuld. Man weist doch, dast der Kapitän nicht unabsetzbar ist(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten) und seine Stellung sehr leicht verlieren kann, wenn er gegen die Geldinteressen seines Unternehmers handelt. Dann wunderte sich der Herr Ministerial- direktor darüber, dast z. B. Längsschotten usw. fehlten, die nach den Vorschriften der Seeberufsgenossenschaft da sein sollten. Bei einer strengen Kontrolle könnte das nicht vorkommen, denn LängSichotten z. B. sind doch keine Kleinigkeiten.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Metzger konnte aus den Verhandlungen des See- amtes eine Reihe von Fällen feststellen, dast die voi geschriebenen Einrichtungen fehlen; aber zur Kenntnis des Seeamtes kommen doch nur die Fälle, wo etwas passiert ist, sonst wird das Seeamt ja gar nicht damit befastt. Wie häufig mögen also die Fälle sein, wogegen die Unsallverhütungsvorschriften gesündigt wird!(Sehr wahr! b. d. Soz.) In bezug aus die drei Slomandampferführte man das schlechte Wetter an. bei dem elf Schiffe zugrunde gegangen sind. Wenn darunter allein drei Slomaudanipfcr waren, wie viel Slomandampfer mögen dann wohl überhaupt schweres Wetter zu ertragen imstande sein?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokralen.) Herr Kirsch meinte, Metzgers Anklagen richten sich allein gegen die SeeberufSgenoslen- schaft. Nein, sie richten sich vielmehr gegen die Verbündete» Rc- gierungen, die keine Mastrcgeln ergreifen, um Seeunfälle zu verhüten. Bei all der Wasierbegeisterung, die bei uns vorhanden ist, wird die Seeschiffahrt von der Gesetzgebung doch recht stiefmütterlich be« handelt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nach dem Unter- gang der„Deutschland" wurde dervor die englischen Geschwornen gestellte Kapitän zwar freigesprochen, aber die Geschwornen sprachen gleich zeittg aus. dast die besten jzur Berechnung der Distanz bekannten Mittel sowie die besttzn Vorrichtungen zum Herablassen der Boote sich nichl a» Bord befunden hätten(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Hätten wir damals schon ein Seeamt besessen, so wäre der Kapitän nach englischem Recht vor das deutsche Seeamt gestellt worden, und damals wurde das Seeamt geschaffen, mit in der Absicht, solche blamable englischen Urteile zu verhindern.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dast öffentliche Behörden die Kontrolle über die Seetüchtigkeit der Schiffe ühernehmen, will Herr H e ck s ch e r erst zugeben, wenn die Seeberufsgenosienschast ibre Pflicht nicht erfüllt..Woran will er das erkennen? Wenn erst einige tanseude Menschen zugrunde gegangen find?(Zuruf: Die Sckiffe sind untersucht worden.) Ja, und für seetüchtig erklärt worden, aber Wind und Wetter bewiesen, dast sie nicht seetüchtig waren.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir fordern staatliche Konttolle über die Sicherheit der Schiffe, im Interesse von Leben und Gesundheit der seefahrenden Bevölkerung. Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hormannat« des Innern(bei den Ein- nahmen, voraussichtlich am nächsten Dienstag) zu behandeln. Nächste Sitzung Sonnabend 11 Uhr(Fortsetzung der heutigen Beratung)._ Sch'ust ö'/e Uhr. Mgeoränetenbaus. 51. S i tz u n g v o m F r e r t a g, d e n 17. M ä r z. vormirtags 11 Uhr. Am Ministertische: v. Trott zu Solz. Zunächst wird der schleunige Antrag Borgmann(Soz.) und Genossen auf E i n st c l l u n g des gegen den Abg. Dr. Lieb- knecht beim Ehrengericht der Anwalts kammer zu Berlin schwebenden Verfahrens auf Antrag des Abg. Hirsch (Soz.) der Gefchä ftSordnuugs kommt ff ion überwiesen. Hierauf wird die zweit« Beratung des Kultus etat» Kap. Höhere Lehranstalten fortgesetzt. �..___ Abg. Liebert(k.) erklärt sich für Erhaltung des humanistischen Gymnasiums und wünscht, dast den Schülern der höheren Lehr- anstalten Gelegenheit gegeben werde, an den Weimarer National- festspielen teilzunehmen. Abg. Dr. Heß(Z.); Auch wir möchten das humanistische Ghm- nasium nicht missen. Die humanistische Bildung wird ein gutes Gegengewicht gegen den Realismus unserer Zeit bilden. Die Ein- führung neuer Fächer, wie Bürgerkunde, in den höheren Schulen wünschen wir nicht. Die Hauptsache ist aus diesen Schulen die Erziehung der Jugend zu Gottesfurcht und Vaterlandsliebe. Wir wollen mit unserem erlauchten Herrscher, dast dem Volke die Rc- ligion erhalten werde.(Bravo l im Zentrum.) Abg. Dr. Maurer(natl.): Wir wollen freie EntWickelung für alle Arten von höheren Schulen. Den Lehrern must die größte Selbständigkeit gewährleistet sein zur Entfaltung ihrer Persönlich- keit, wenn sie wirklich Jugendbildner sein sollen. Die Ausbildung der Lehrer selbst ist heute vielfach ungenügend und bedarf dringend der Reform. Tie sehr ernste Frage der sexuellen Aufklärung der Abiturienten sollte von der Unterrichtsverwaltung im Auge behalten werden. Die Abschaffung der deutschen Schrift in der Schule und ihre Ersetzung durch die lateinische Buchstaben würde Zeit schaffen für die obligatorische Einführung der Stenographie in den höheren und Volksschulen. Die Zeugnisse zu Weihnachten, die vielfach nur die Wcihnachtsfreude stören, sollten abgeschafft werden(Bravok bei den Nationallibcralen.) Abg. Biereck(ff.) befürwortet einen Antrag auf Anrechnung auch� der Hilfslehrerdienstzeit der Oberlehrer auf das Pensions- dienstalter, in der sie weniger als 12 Stunden in der Woche Unter- richt erteilt haben, und tritt für möglichste Ausdehnung der Körper- pflege der Schuljugend und für die Einführung der Stenographie in den höheren Schulen ein. In den östlichen Provinzen sollte der Unterricht im Russischen fakultativ eingeführt werden. Kultusminister v. Trott zu Solz: Die Unterrichtsverwaltung ist durchaus für Erhaltung des humanistischen Gymnasiums. Dio Vermehrung der Realschulen wird dem humanistischen Gymnasium nicht schaden, sondern eher nützen.(Sehr richtig!) Für bessere Ausbildung der Lehrer sind oine Reihe von Klassen eingerichtet ivorden.— Was man heute unter..Bürgerkunde" zusammenfaßt, kann geboten werden im Geschichtsunterricht, im Deutschen, in den alten Sprachen und in Geographie. Im Geschichtsunterricht wird heute nicht mehr nur von Schlachten gesprochen, sondern er knüpft an an die wirtschaftlichen und kulturellen Vorgänge und behandelt die einzelnen Vorkommnisse in ihrer Bedeutung für die Kultur- entw'ckeluug des Volkes. Auch der Körperpflege der Jugend, dem Wandern, insbesondere dem Rudersport wird jetzt viel grössere Be» dcutung beigelegt. Abg. Eickhoff(Vp.): Dem Antrag Viereck stimmen wir zu. Dringend reformbedürftig ist das Disziplinarrecht der Oberlehrer. Dass neben den humanistischen Gymnasien die moderne Zeit auch andere Bildungsstätten für die Jugend erfordert, beweist die stci- gende Frequenz der Realschulen und Reformschulen. Bedauerlich ist, daß noch immer an 187 Orten in Preussen das Gymnasium die einzige höhere Lehranstalt ist. Abg. StyczynSki(Pole) führt Beschwerde über die Zurück- drängung des Unterrichts in der polnischen Sprache und Literatur in den höheren Lehranstalten der Ostmark. Sogar der Gebrauch ihrer Muttersprache wird den polnischen Schülern in den Korri- dore» der Gyiniiasien, auf dem Schulhof usw. verboten.(Hört, hörtl) All diese GermanisationSbestreoungen werden die Polen natürlich nicht für das Deutschtum erwärmen, sondern nur verbittern. (Sehr wahr! bei den Polen.) Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): An der Gestaltung des höheren Schulwesens, in denen ihr eigen Fleisch llich Blut unterrichtet wird, haben die bürgerlichen Klassen natürlich ein grüheres Interesse als das Proletariat. Aber auch das Proletariat hat ein Interesse an diesen Anstalten, au» denen die gesamten höheren Beamten hervorgehen. So überfüllte Klassen und einen solchen Lehrermangel wie bei den Volksschulen. finden wir natürlich bei den höheren Schulen nicht. Auch nicht die politisch-soziale Beeinflussung, denn es handelt sich ja hier um die Kinder der besitzenden Klassen. Nur wird die Jugend v o n vornherein scharmacherisch dressiert und mit falschen Vorstellungen über die Sozialdemo» kratie erfüllt. Unser Schultdeal geht natürlich weit hinaus über das. was beut« verwirklicht ist. Danach sollte da» ganze Schulwesen auf dem Unterbau der Einheitsschule einheitlich organisiert werden. Ohne Rücksicht auf Besitz und soziale Stellung sollte das Einrücken der Schüler in höhere Bildungsanstalten nur nach Maßgabe der Befähigung erfolgen. Natürlich fordern wir auch für die höheren Schulen die Ab» schaff» ng des Religionsunterrichts und halten die Einführung der Coeducation auch in ihnen für sehr er- wägenswert. Der Selbstverwaltung der Gemeinden sollte aus dem Gebiete des höheren Schulwesens weitester Spielraum gewährt werden. Die verschiedenen Formen der höheren Schulen müßten wie in anderen Ländern in organischen Zusammenhang gebracht werden.— Zu begrühen ist, daß der Minister die Bildung be- sondcrer Klassen für besonders Befähigte abgelehnt hat. Noch viel geschehen könnte auf dem Gebiete der Waldschulen. Für die Bercinöbe strebungen der Jugend der besitzenden Klassen zeigt die Unterrichtsverwaltung ja feines Empfin» den. Mit um so größerer Erbitterung must uns erfüllen die unerhörte Art, wie dieselbe Verwaltung die VcrcinSbcstrebungen der proletarischen Jua-nd unter Mißachtung von Gejrtz und Recht unterdrückt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Präsident v. Kröchcr: Das dürfzn Sie nicht sogen, tch rufe Sie zur Ordnung. Abg. Liebknecht(fortfahrend): Was der Kultusminister heute über den Geschichtsunterricht sagte, würde all unsere Angriffe gegen die Unterrichtsverwaltung glänzend widerlegen, wenn es nur wahr wäre. Aber hat denn der Kultusminister ganz die Lehrpläne vergessen, die mein Freund Ströbel im vorigen' Jahre hier vorführte? AuS diesen Lehrplänen geht hervor, hast von einer wirklich objektiven Vertiekung des Gei ckichtsunterrichts keine Rede ist. In der Tat wird die ärgste GefchichtSklitterung im Sinne des Bdzantinis, mnS auf den Schulen getrieben. Die schöne Ucbercinstimmnng der reaktionären Seelen hat sich wieder gezeigt, als der 5hiltuS- minister sich nach dem Vorgang der Redner der Rechten und de» Zentrum» gegen einen besonderen Unterricht in der Bürger» künde erklärte. Von einer Durchdringung des sonstigen Unter» richts mit Bürgerkunde ist ja in Wirklichkeit nickt die Rede. Be- zeichnend war. dast ausgerechnet Herr Dr. Hess dem Minister da» Kompliment des„modernen Geistes" machte. Wie das Zentrum es versteht, in allen Farben zu schillern, hat ja neulich der„Simplü zissimus" köstlich geschildert. Die Behauptung des Herrn Heß, dast Vaterlandsliebe ohne Gottesfurcht nicht möglich sei, ist eine un- erhörte Uebertreibung und Anmaßung.(Sehr wahri bei den Sozialdemokraten.) Hat das Zentrum denn ganz die Zeit des Kulturkampfes vergessen, wo es selbst als vater» landSlos bezeichnet wurde! Im vorigen Jahre wurde Be« schwerde darüber geführt, daß in den Gymnasien in Essen besondere Klassen für die Söhne besitzender Eltern eingeführt seien. Ich bitte die Unterrichtsverwaltung um Auskunft, was inzwischen in dieser Sache geschehen ist. Ferner möchte ich Auskunft seitens der ver» waltung darüber haben, ob es richtig ist. wie da»„Berliner Tage» blatt" im Mai v. I. berichtete, dast bei Gelegenheit eine» Umbaue» de» Spandauer Königlichen Gymnasiums ein Vertreter der Unterrichtsverwaltung gesagt hat, tzje Verwaltung hätte nur ein Interesse daran, eine Anstalt für Söhne von Offizieren und Beamte» zu unterhalten.(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.)— Zum Schluß muß ich dann auf da» Thema der Politik innerhalb der Schule lomincn, D ein Sohne eines„Borwärt»"�R e, dakteurs, der sich als Mitglied einet prole- tarischcn Jugendorganisation einer gering- fügigen Ucbertretung des Vcreinsgcsctzcs schuldig gemacht hat und der deshalb unter Anklage gestellt wurde, ist es daraufhin unmöglich gemacht worden, an seinem(Älimnasium die Abiturienten- Prüfung zu machen. Der Vater hatte Beschwerde bis zum K u l t u s m i n i st c r durchgeführt, und dieser hat am 7. März die Antwort erteilt, daß er sich nicht veranlaßt sehe, dtn Bescheid des Provinzialschullollcgiums aufzuheben, wonach der Schüler zur Prüfung nicht zugelassen werden könne, solange das gerichtliche Verfahren gegen ihn schwebe. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wäre der Schüler wegen irgendeines groben Unfugs angeklagt, so würde niemand daran gedacht haben, in dieser Weise gegen ihn vorzugehen; nur weil man diese Jugendorganisationen so haßt, geht man in dieser unmenschlichen Weise gegen den jungen Menschen vor. Im strikten Gegensatz zu diesem Fall steht die Tatsache, daß die Unter- richtsverwaltung dem Adjutanten des Prinzen August Wilhelm als aktivem Offizier, obwohl das die Verfassung der Universität verbietet, die Möglichkeit des Studiums gewährt hat, damit er mit dem Prinzen August Wilhelm zusammen sein kann. Das ist die angeblich über den Parteien schwebende Staats- regierung!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Und weiter. Gegen die Studenten, die in Labiau-Wchlau Schlepparbeit geleistet haben, hat die Unterrichtsverwaltung eine hochnotpeinliche Untersuchung eingeleitet, aber während der Blockwahlen hat man es geduldet, daß die Schüler der st äd tischen und könig- lichen Gymnasien im weitesten Umfang politische Wahlarbrit geleistet haben. In Potsdam haben sogar Schulen frei- gegeben, um den Gymnasiasten die Möglichkeit zu solcher Wahlhilfe zu schaffen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Angesichts dieser Leistungen können wir nur konstatieren, daß auch hier die preußische Schulvcrwaltung ihren wahren Pflichten gegenüber der Qeffentlichkeit nicht gerecht wird und mit zweierlei Maß mißt.(Zu» stinimung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Glattfelter(Z.): Das Zentrum ist zwar oft vaterlandslos gescholten worden, wird aber immer nach dem Schillcrschen Wort handeln:»Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an." Statt zu kritisierren hätte der Vorredner uns lieber sagen sollen, wie es'mit den Bildungsgelegenheiten im Zukunftsstaat aussehen wird. Ein Schlußantrag wird angenommen; ebenso der Antrag Viereck. Hierauf vertagt das Haus die Wciterberatung auf abends V/a Uhr._ parlamcntarircbcQ. Aus der Budgetkommission des Reichstages. Am Freitag wurde die Kalidebatte zu Ende geführt. Abg. H u e forderte zum Schlüsse, daß dem Plenum ein schriftlicher Bericht erstattet werde, weil sonst die übrigen Reichstagsmit- glieder, die die Kommissionsverhandlungcn nicht kennen, gar nicht imstande seien, sich über die sehr schwierige Materie zu informieren. Der Vorsitzende v. Gamp orklärte. er würde Hue unterstützen, wenn Huc auch ihn(den Vorsitzenden) in dem Bestreben unterstützt hätte, die Verhandlungen abzukürzen. Weil also das Beschleunigungs- verfahren Gamps nicht von Erfolg begleitet war, soll das Plenum ohne einen wirklich informierenden Bericht bleiben. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Freisinnigen und der des Abg. Heim wurde die Erstattung eines schriftlichen Berichts ab- gelehnt. Tie Kommission trat dann in die Beratung des Kolonial- c t a t s ein. Beim Etat für Ostafrika entwickelte sich eine Debatte über die Urlaubsverhältnisse der Beamten. Ein Drittel der Beamteni st nämlich st ändigaufUrlaubinEuropa. weil die Beamten, auch die, die in gesunden Gegenden stationiert sind, zetzt alle zwei Jahre ein Anrecht auf einen Europaurlaub haben. Staatssekretär v. Lindequist hielt längere als zweijährige Urlaubsperioden nicht für angängig, denn es sei wiederholt vorgc- kommen, daß die Beamten nach zweijähriger Tätigkeit zusammen- gebrochen seien. Genosse N o s k e wies auf die finanzielle Bcdcu- tung längerer Urlaubsperioden hin. Wenn die ostafrikanischen Verhältnisse in gesundheitlicher Beziehung derart seien, daß die sanitär gut versorgten Beamten schon nach zwei Jahren zu- sammcnbrächen, wie sollte dann die Ansiedelung von Weißen er- möglicht werden, die nicht alle zwei Jahre ein halbes Jahr zur Er- holung nach Europa reisen könnten. Bemerkt sei, daß Kauf- I e u t e in den Tropen oft ö— 6 Jahre ohne Europaurlaub tätig sind. Daß ein Kaufmann weniger Arbeit als ein Beamter leistet, wird niemand behaupten wollen. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Zentrum und Konservative forderten, daß in Ostafrika die Rupienmünze abgeschafft und dafür die deutschen Münzen und die deutsche Währung eingeführt werde. Dw Wetterberatung wurde hierauf vertagt._ Hub aller Sielt* Cm Dcbut des Dolenrockeg. Allenstein im gesegneten Ostpreußen, daS im vorigen Sommer die Sensation des Schönebeck-Prozesses genoß, hat jetzt auch, als ostpreußisches„Klein-PariS". das modernste Toilettenwunder, den Hosenrock, in seinen Mauern geschaut. Diese erschütternde Tatsache begleitet ein Allensteiner Blatt mit folgenden launigen Be- merkungen: Allenstein in Ostpreußen voran! Noch ist auS keiner Stadt unserer Provinz das Auftreten des Hosenrockes gemeldet worden, noch kann keine ostpreußische Stadt sich rühmen. dieses neueste Bekleidungsstück modernster Damen in seinen Sttaßen gesehen zu haben. Allenstein ist die erste. die das vermag! Gestern abend spazierte eine junge Dame. die zu ihrem Jackettkostüm einen Hosenrock trug, über den Markt. Wenn der Mann im Monde heruntergepurzelt und mitten auf den Marktplatz gefallen wäre, oder wenn eine ganze Flotte Zeppelinscher Luftschiffe um da§ Rathaus gekreuzt hätte, würde das Aufsehen nicht größer gewesen sein als jenes, das die Dame im Hosenrock verursachte. Sie ging in Begleitung zweier Herren durch die Oberstraße, geleitet von einem gewaltigen Menschen- schwärm. Immer mehr schwoll die Menschenmenge an, die durch laute, mehr oder minder geistvolle Bemerkungen ihrer Anteilnahme an dem großen Ereignis Ausdruck gab. Rufen und Schreien, das die Straßen erfüllte, bildeten Zeichen der überschwänglichen Begeisterung, mit der die Allensteiner Bevölkerung den Hosenrock und seine erste Trägerin begrüßte. So wälzte sich die mindestens 200 bis 300 Köpfe zählende Menschenmasse hinter dem Hosenrock her, durch das Hohe Tor nach der Zeppclinstraße, wo die Dame, der die Ovationen ihres Gefolges wohl allmählich zu stürmisch erscheinen mochten, in ein Haus flüchtete und nebst ihrem Hosenrock nicht mehr ge- sehen ward._ Schwere Schiffskatastrophe. Wie der Telegraph aus P a i m p o l, einem am Mttel- meer gelegenen französischen Hafenort, meldet, ist die Fischer- barke„Marvonic" mit einer Besatzung von 26 Mann auf hoher See gesunken. Die Barke befand sich auf einer Fahrt nach den isländischen Gewässern. Während der Fahrt stieß sie mit einem deutschen Schiffe zusammen, das die Barke in zwei Stücke zerriß. Noch ehe Hilfe gebracht werden konnte, ging die„Marvonic" unter; mit ihr fand die gesamte Besatzung den Tod in den Wellen. Bei H a d r e sind am Donnerstag während eines SturmeS zwei Fischerboote mit fünf Mann untergegangen. Die Mascrnepidemie in England. Noch immer ist die vor einiger Zeit in verschiedenen Gegenden Englands ausgekrochene Masernepidemie nicht erloschen. In London macht sich ein bedeutendes Anschwellen der durch die Krankheit hervorgerufenen Todesfälle bemerkbar; in der letzten Woche starben in der Stadt lS0 Personen an Masernerkrankung. Seit den letzten vier Wochen sind insgesamt 646 Personen dieser Krankheit zum Opfer gefallen. Ani vergangenen Sonn- tag allein erkrankten 748 Personen an Masern; sie werden fast alle in den Spitälern Londons behandelt. In verschiedenen anderen Gegenden England« ist die Krankheit ebenfalls ausgebrochen. In zahlreichen Gemeinden mußten die Schulen wegen der Epidemie geschlossen werden. Tiamantenfunde in Britisch» Columbia. Wie dem„Daily Chronicle" aus Vancouver gemeldet wird, sind in Britisch- Columbia am Tulameen River zwischen Granite Creek und Princeton Diamanten in einer Menge gefunden worden, die ihren Abbau lohnend erscheinen läßt. Nach einer amtlichen Meldung weisen die Schichten, in denen sie logern, ähnliche Formationen auf wie diejenigen in S ü d a f r i! a. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Gegend reich an D i a m a n t e n ist._ Kleine Notizen. Der Bock als Gärtner. Wie die Münchener Blätter melden, wurde ein Sekretär von der Sittlichkeitsabteilung der Münchener Polizeidirektion vom Dienst suspendiert, weil er beschuldigt ist, sich bei einer Vernehmung großer Unsitt- lichkeiten schuldig gemacht zu haben. Ein Lehrer zum Tode verurteilt. DaS Jnsterburger Schwurgericht hat den Lehrer Otto C z w a l i n a wegen Er- mordung seiner Geliebten, der Stütze Emilie G r u S d a t in Enzuhnen, zum Tode verurteilt. Bon Einbrechern erstochen. Ein Nachtwächter in Königs- Hütte i. Oberschl. stieß in der letzten Nacht auf mehrere Ein« brecher, die im Begriffe waren, in ein Gasthaus einzubrechen. Der Wächter wurde von den Spitzbuben überfallen und erstochen. Serbische Schießgewehre. Aus Belgrad wird die Aufdeckung von Unterschleifen in der militärtechnischen Fabrik in KragujewacS gemeldet. Von 60 000 umgebauten Mauser- gewehren sollen nur 36000 als gebrauchsfähig befunden worden sein. Ein schweres Automobilunglück ereignete sich auf der Landstraße bei der französischen Ortschaft A m b l e t e u x. Ein Auto, in welchem sich sechs Personen befanden, überschlug sich infolge RadreifenbruchS. Zwei der Insassen blieben auf der Stelle tot, die vier anderen wurden schwer verletzt; zwei von ihnen haben tödliche Verletzungen erlitten. Briefkasten der Redaktion. A. B. 167. Eher billiger!- H. E., N.-Schonh. U. 60. Vor dem Aboimenteufong hoben«vir im lokalen Teile wiederholt gewarnt.— W. E. 100. Audi das tgl. Polizeipräsidium hat wiederholt vor der Teil« nähme an ausländischen Serienlosgescllschaften gewarnt.— R. Ich., BlO. 18. Briejliche Antwortei! erteilen wir nicht. Sie nehmen ain besten Rücksprache mit einem praktischen Kaufmann. Wenden Sie sich einmal an den Genossen Leopold Liepmann, Lindenstr. 69.— P. K. 8288. General» kommission der Gewerlschasten Deutschlands. Engeluser 16.— Schwester Anna. Versuchen Sie durch den Verein für häusliche Gesundheitspflege, Komagrätzer Ltvasie 07.- Wette O. P. Einhmiderltausend Mark.— Revseld 48. Winkler, Rixdors, Kirchhosstratze 4S.— Tausend. Ney». — T. 1 DaS vom Magistrat eingeschlagen« Versahren ist zulässig. Den farbenfrohen Schimmer des Frühlings zeigt wieder die Frühjahrsmode. Preiswerte Neuheiten für Damen u. 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SomtU ftmt Sardellenleberwurst..... m.» 1.05 Chalottenleberwurst....... m-I.IO Hausmacher-Leberwurst pmud 95 pr. Zwiebelleber- o.Rotwurst«-»- 48 Schinkenspeck.............. mnd 1.10 Nusschinken.............. 1.25 Schweizer Käse........... m»- 80 Edamer-Käse.................. p� 78 brie-Käse..................... pw 45?«- Romatour-Käse..............»»»«» 27?-- Camembert................... stock 19 Neuchateller.................. stock 19 Frühstflcks-Käse.............. stock 5pf- Schmorfleisch...mnd 90 pt Schabefleisch..... pf-nd 90 n Roulade................ pfu-d 95 pt Fehlrippe............ pfu-d 75pt Querrippe........... Pfund 65pf. Goulasch.............. Pfund 65 pt. Gehacktes............ ptund 55 pt Schweine-Kottelets Äftn, im Ganzen................... Pfund OXfrt. Schinken Im Ganuen.. Pfund 70pt. Kämm Im Oauzen........ Pfund 70pf. Bauch................... Pfund 60 pt Hammelkeule 75 pt Dicke Rippe........ mnd 70 pt Dünnun�............. Pfund 65 Pf. Speck Bratemchmolz... Mt........ Pfand OS Pf- aifw.... ...Pf-.- 60 p,. Rückeitiett Hühner...... 1.75,2.25 ..Pfand 78 Pf. Brech- o. Schnittbohnen»/.vo« 28» Brech-o. Schnittbohnen ca3DPo� 42 Kohlrabi In Scheiben mit OrOn'Ii Dose 28 Pf- Spinat.........................'Ii Doee 42» Pfefferiinge.................'..vceeLOp-- Gemischtes Gemase>i1Do3e45,65pf- Suppenschoten............. ��33� Junge Schoten..............'i.vc-e45pt. Bruchspargel ohne Kopf.....«/»Do* 72 Br uchsparge! mit Kopf.......«/. dom 95» Stangenspargel-/.v<»>e1,20, 1.35 Bücklinge................... s stock 18» LaChS In Stocken................ Pfand 85» Sardellen............ ca. i pfond-Dooe 63?� Sardinen o. Anchovis....... ou.22» Brat-Heringe.... ca. 4 Luer-Dose98» Oelikatess-Heringe in Terechledenen Saucen.,. Dose«WW», V«9» ....... Pfand 55 Pl. Kasseler Rippespeer 68 •••••••••••••••••••••••••••••*** Heute letzter Tag iiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiii Total-Ausverkauf Nun bis 31. März. WM" Da mir eine Miete von 27000 Mark jährlich zu hoch ist, soll das gesamte Warenlager der unterzeichneten Firma, welche 1879 gegründet wurde, und bei Beginn des Ausverkaufs einen Wert von ca. 225000 M. hatte, wegen Aufgabe des Geschäfts vollständig ausverkauft werden. Wirklich reeller Ausverkauf. Kein Nachschub von Waren. ca. 1050 Herren-Paletots und 1550 Herren-Anzüge so: früher 18 bis 25 M....... jetzt 12.50 M. früher 26 bis 35 M....... jetzt 18.00 M. früher 36 bis 48 M....... jetzt 24.00 M., ferner Konfirmations' und Prüf ungs» Anzüge so: früher 13.50 bis 16.00 M...... jetzt 8.25 M. früher 17.50 bis 21.00 M..... jetzt 12.25 M., ferner Knaben'Paletots und-Anzüge so: früher 6.50 bis 10 M....... jetzt 4.50 M. früher 11 bis 20 M....... jetzt 7.50 M., ferner Knaben» Schul«Anzüge(Größe 3—12) früher bis 7.50 M........ jetzt 1.25 M. KnabensWaschsAnzüge(Größe 3—12) früher 8 bis 14 M.....*.. jetzt 2.50 M. Knaben« Waschblusen u. Hosen(Gr. 3—12) früher 3— 7 M...... Jetzt 45 u. 50 Pf., ferner 3000 Herren-Hosen so: früher 3 bis 4.50 M........ jetzt 1.85 M. früher 5 bis 8 M....... jetzt 3.25 M. früher 8.50 bis 12 M....... jetzt 5.00 M. ferner »M WM Ptiaiitai-Wen, Vapiiel, spolil Julius Lindenbaum Oroße Frankfurter Straße 141. C JFt ja r> I T Zum Umzüge offerieren ganze Einrichtungen sowie einzelne Ersatz-Stücke in Möbeln Polsterwaren, Teppichen, Gardinen, Portleren, Betten, Steppdecken usw. □ □ □ Zur Frtihlahrs-Saison: Herren-, Damen- und Kinder- Garderobe in ganz moderner Ausführung. Einsesnunässtaal fOr Knaben u. MSdchen Schuhwaren i C. Wachsmann& Co. Reinickendorfer Str. 15 Ecke Ravenestrasse, neben der Feuerwache 5 i H v H H | Geringe Anzahlung f| Bequeme Abzahlung| ■wawawEmoiaraEaasa» i m iiiiiiiiiinw— iiiiJ Jedermann erhält Kreilit] i C 3ES 13 Z ÄJeranttPortlidjcr Redakteur: Albrrt Wachs, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin LW, Nr. 66. 28. Zahrgavg. 2. Kcilage des Jotwätts" firtlitiet öollislilstt. Zounabtnd, 18. Mar; lSll. ©cuofrimtfit, Genossen: am internationalen Fraueuwahlrecht! Die Veiichschenmg Rixdorfs an Creptow. In drei überfüllten Versammlungen befaßte sich, wie wir bereits kurz mitgeteilt haben, die Einwohnerschaft RixdorfS mit den EingemeindungSplänen der reaktionären RathauSmehrhcit. Referenten waren die sozialdemokratischen Stadtverordneten Dr. Silber st ein. Thurow und W u tz k y. Der Hohenstaufen- saal, wo Dr. Silberstein referierte, war gedrängt voll. Der Rcfe- rent führte u. a. aus: Als es uns 1308 gelungen war. drei Vertreter in der zweiten Klasse durchzubringen, verübten die Vertreter der herrschenden Grundstücksspekulanten jenen schmachvollen WahlrechtSraub, der 9Z Proz. der Rixdorfer Bewohnerschaft entrechtet hat. Nach vier Prozessen haben wir vom OberverwaltungSgericht bestätigt be- kommen, daß wir daS Recht vertreten und die Herrschenden das Unrecht. Jetzt können wir hoffen, selbst mit dem preußischen Wahl- recht noch Fortschritte in Rixdorf zu machen. Das ahnten auch die Rahmig und Konsorten, weshalb sie im Geheimen neue Pläne entwarfen. Zuerst sprach man nur von einer Namensänderung. Um den Leuten gerecht zu werden, müßte Rixdorf vielleicht..Wahl- rechtSräuberstadt heißen.(Große Heiterkeit und lebhafte Zustim- mung.) In der Kommission zeigte es sich, daß man wieder, wie vor zwei Jahren, hinter verschlossenen Türen arbeitet, hinter dem Rücken der Arbeiter, der Sozialdemokratie. Aber diesmal gelang die Ueberrumpelung doch nicht! Was soll nun die Vereinigung mit Treptow? Die Fernhaltung der Sozialdemokratie ist schon verdächtig. Man führte die Trep- tower hier herum, um ihnen alles Schöne zu zeigen: Das neue Krankenhaus, von dessen furchtbarer Ueberfüllung man ihnen so wenig sagte, wie von der Abweisung von Hunderten Kranken, dw eine Woche auf Annahme warten müssen. Man zeigte ihnen die einzige Schule mit Brausebad und sogar die Jdeal-Passage(Hört! hört!), obgleich doch von bürgerlicher Seite alles geschehen ist, um ihre Erbauung zu hindern. Den Treptowern erklärte der Ober- bürgermeister, zur Fertigung des Vertrages autorisiert zu sein. War sind an sich gegen solch kleine Eingemeindungen; wir meinen, daß nur die Einverleibung aller Vororte nach B e r l i n die Zerrissenheit mit all ihren schädlichen Folgen beseitigen kann.(Zustimmung.) Warum hat man in Rixdorf denn gar nicht über die von der Regierung vorgeschlagene Steuererhöhung ver- handelt? Um die Situation so darzustellen, daß den Treptowern der Mund wässert.(Sehr richtig!) Die blasse Angst vor der Sozial- demokratie läßt unsere Herrschenden den Treptowern alle Kon- Zessionen machen. Von den 72 Stadtverordneten soll Treptow mit seinen 2S 000 Einwohnern 18 bekommen; auf ein Zehntel der Einwohner Rixdorfs ein Viertel der Vertretung— weil man rechnet, daß die Treptower Mandate vor uns sicherer find. DaS Ungeheuerlichste ist die Konzession eines zehnjährigen Steuerprivilegs für Treptow im Ausmaß der jetzigen Steuern. Noch mehr Steuern für die Arbeiter Alt-Rixdorfs wäre die Folge. Zahlen und das Maul halten! soll auch hier Gesetz sein! (Brausende Empörung.) Steuererhöhungen wird ja auch der Zwangsverband bringen— nur Treptow wird ausgenommen sein! Wer sind die Besitzer der Grundstücke an der Grenze von Rixdorf und Treptow-Baumschulenweg? Stadtverordnetenvorsteher San- der(Hört! hört!), Stadtrat Wilschke, Stadtverordneter Vincent(Hört! hört!), WanSnek usw. Und auf der Trep- tower Seite sind eS auch Schöffen oder Gemeindevertreter.(Stür- mische? Hört hört!) Treptow joll allein nicht bestandsfähig fein— warum schlägt man eS denn nicht zu Berlin. Aber auch der Pro- dinziallandtag will eS nur zu Rixdorf schlagen. Rixdorf ist in arger Finanznot— was soll ihm das großenteils proletarische Treptow?(Sehr richtig!) Kein urteilsfähiger Trep- tower Bürger kann dafür eintreten. In dem Vertrag, von dem wir nur gesprächsweise oder von Treptowern wissen, steht, daß sich Rixdorf verpflichtet, die Treptower Straßen zu pflastern; für die Ausdehnung des Straßenbahnverkehrs auf die neuen Gebiete sollen wir eine halbe Million hergeben. Alles wollten unsere Herrschenden bewilligen, nur schnell, ehe wir vielleicht die Macht erlangen! Ein« Schnellbahn soll g«. baut werden— von Treptow bis zum HermanNplatz(Stürmische Heiterkeit), und von da nach Berlin. Natürlich denkt Berlin gar nicht an so waS, wenn eS so behandelt wirb. Unser Oberbürger- merster erwartet, daß wir em Elektrizitätswerk bauen werden, um der A. E.-G. in Treptow Konkurrenz zu machen.(Lachen.) Neber. 30 Millionen würbe eine solche Eingemeindung Rixdorf kosten! (Bewegung.) Den Vorteil hätten nur die genannten Grundstücks« Verwalter. Und Treptows Borteile? Es neigt zu Berlin. Schulen hat eS selbst, und die Klassenfrequenz ist in Treptow und Berlin eine bedeutend niedrigere wie in Rixdorf. Auch die hygienischen Ein- richtungen RixdorfS stehen tief unter denen Berlins. Solche Politik können wir nicht unterstützen. Aus rein politischen und reaktiv- nären Motiven sollen hier Rixdorf Lasten aufgebürdet werden, die eS nahe an den Bankerott bringen müßten, nur damit die Herrschaft der Wahlrechtsräuber aufrecht- erhalten bleibt. Wir warnen alle ehrlichen Bürger, sich zu deren Bütteln zu machen.(Zustimmung.) Am 24. März soll Treptow sich zu der Sache äußern; möge eS sich noch genügend informieren über das geplante Ausnahmegesetz gegen die arbeitende Bevölkerung RixdorfS, die nach aller Gerechtigkeit längst die Stadt- Vertretung beherrschen müßte— ja, selbst nach dem elenden Drei- klassenwahlrecht. Um Rixdorf willen wird man das Dreiklassen- recht noch nicht ändern, man hält ja in Preußen noch darauf, nach außen scheinbar rechtlich vorzugehen. Aber hinter den Kulissen... (Sehr gut!) Wenn auf legale Weise Treptow eingemeindet würde, das würde uns nichts machen. Warum soll der Treptower Bürger das dreifache Vertretungsrecht deS RixdorferS erhalten?! Einver- leibung nach Berlin— oder wenn nach Rixdorf, so auf Grund des gleichen Rechtes! Nieder mit dem heimtückischen Plan der schwärzesten Reaktion zur Verewigung der RechtloSmachung der Arbeiter!(Stürmischer Beifall.) In der Diskussion sprach sich Gemeindevertreter Genosse Karow- Treptow im Sinne deS Referenten aus. Ein Zufall hat «S uns ermöglicht, die schon jahrelang geheim behandelte Sache au die Oeffentlichkeit zu bringen. Unsere Gemeindebeherrscher sin» kein Haar besser wie Ihre.(Heiterkeit und Widerspruch.) In bezug auf unser Gemeindevermögen haben sie sich einmal um 5 Millionen geirrt. Der Rixdorfer Magistrat hat uns für so duslig gehalten (Stürmische Heiterkeit), daß er uns den Verwaltungsbericht in die Hand gab, so daß wir nachweisen konyten. waS das für ein Geschäft wäre!(Bravo!) Das riesige Gebiet zwischen Treptow und Rixdorf sollen nur vermögende Leute besiedeln— aber wo sollen sie her- kommen; Arbeiter wollen sie nicht. Nur persönliche materielle Interessen bestimmen die Haltung gewisser Herren der Stadtver- waltung in dieser Frage. Unsere vier Schöffen sollen Stadträte werden. Wenn Sie die kriegen, dann kriegen Sie'ne Nummer! (Schallende Heiterkeit.) LS Proz. der Treptower Bevölkerung sind unbedingt gegen die Eingemeindung, das können wir den Behörden durch Listen beweisen.(Beifall.) Schriftsetzer Bonhorst(Demokrat) erkennt die Tätigkeit der Sozialdemokratie in der Gemeinde an. Nur das schlechte Gewissen läßt die Herrschenden fürchten, daß«ine sozialdemokratische Mehr- heit zeigen würde, was sie leisten kann. Die Bürgerlichen brüsten sich mit den Einrichtungen, die von den Sozialdemokraten angeregt und geschaffen sind. Mit einigen kräftigen Schlußworten des Referenten und Vor- sitzenden fand die eindrucksvolle Protestkundgebung ihr Ende. >»« « In Hoppes Festfälen nahmen die Versammelten die Ausführungen des Genossen Stadtverordneten W u tz k y unter stür- mischen Kundgebungen entgegen, ebenso die gleichfalls überfüllte Versammlung in Petris Festsälen in der Knesebeckstraße, wo Genosse Stadtverordneter Thurow sprach. Folgende Resolution gelangte in allen drei Versammlungen zur einstimmigen Annahme: „Die Rixdorfer Einwohner protestieren auf das schärfste gegen die Eingemeindung Treptows nach Rixdorf unter den geplanten, unannehmbaren, finanziell höchst bedrohlichen Bedingungen. Die Versammelten stellen fest, daß sie kein Interesse an einer NamenS- änderung haben und brandmarken alle diesbezüglichen Machen- schaften der bürgerlichen Reaktion im RathauS. Die Versam- melten fordern daher die Vertreter der Arbeiterschaft im Rix- dorfer Stadtparlament auf, dem Plan der WahlrechtSräuber- Mehrheit den nachdrücklichsten Widerstand entgegenzusetzen." Tins der Partei. Varteiliteratur. Die kürzlich angekündigte Broschüre: Der Essener Mcineidsprozeß gegen Schröder und Genossen im Wiederaufnahmeverfahren. Mit 6 Porträts und 1 Plan(64 Seiten). Preis 20 Pf. ist jetzt im Verlag von Max K ö n i g- Dortmund erschienen. Di« Broschüre schildert in den einzelnen Kapiteln in kurzen Zügen die Vorgeschichte des Falles, die Verhandlung im Jahre 1835 mit ihren Nebenprozcssen und die erneute Verhandlung im Februar d. I., letztere in den markantesten Zügen. In einem Schlußwort wird auf die politische Tragweite des Prozesses hingewiesen. Wer Klassenurteils studieren will, findet in der Broschüre hinreichend Stoff. Ihr Erscheinen ist um so mehr zu begrüßen, als auf dem Büchermarkt auch nicht eine literarische Erscheinung existiert, die das wichtige authentische Material des Prozesses unserer schnell- lebigen Zeit der Vergessenheit entreißt. Besonders aber auch, weil das Heft eine Menge von Tatsachenmaterial über unsere Rechtspflege enthält. Die Broschüre bietet ferner für die nächste Reichs- tagStvahl ausgezeichnetes Material zur Aufklärung der Massen über die Forderungen der Partei zur Rechtspflege. Für Biblio- theken ist eine bessere Ausgabe auf holzfreiem Papier erschienen. DaS mißglückte„charakteristische Symbol". In der Breslauer.VölkSwacht" lesen wir: „Ueber drei Begnungen mit dem Prinzregewten von Bayern weiß Herr Rechtsanwalt Armer in der heutigen Nummer der „BreSlauer Morgenzeitung" recht unterhaltsam zu plaudern. Be- sonderS interessant ist dabei folgende„Begegnung": ..... Hier am Walchensee hat der Führer der bahr. rischen Sozialdemokratie, von Vollmar, eine hübsche Besitzung, Soiensaß genannt. Als der Prinzregent im Begriff war, vorüberzufahren, trat aus der Gartentür die jugendliche Tochter VollmarS und überreichte ihm mit einem tiefen Knix einen großen Blumenstrauß, den er freundlich lächelnd entgegennahm. Man übertrage diesen einfachen Vor- gang auf norddeutsche, preußische Verhaltnisse. Man denke sich, daß die Tochter Bebels in Potsdam... nein, der Gedanke ist nicht zu Ende zu denken! Aber vielleicht ist dieser harmlose Vorfall ein charakteristisches Symbol für die tiefgehenden Unterschiede zwischen dem deutschen Norden und Süden." Das charakteristische Symbol macht sich ja unberufen ganz nett, leidet aber nur an dem einen Dehler, daß unser Genosse Vollmar keine jugendliche Tochter, ja überhaupt keine Kinder hat. Schade— das war gerade das Mittelstück, auf daS es ankam l Als sozialdemokratischer ReichstagSkandidat für den Wahlkreis Münster-CorSfeld ist in dem Dablaau, daS wir in Nr. 61 verpffent- lichten, angegeben:„Emmerich, Metallarbeiter, Düren- Munster." DaS ist ein Werk des Druckfehlerteufels, richtig muß es heißen: „Düren, Emmerich, Schlosser. Münster i. W." Preßstimmeo über die italienisch-östemichische Zusammenkunft. Rom, 14. März.(Eig. Ber.) Die liberale„Ora" von Palermo beschäftigt sich in einem Leit. «rtikel mit der italienischöstcrreichischen Zusammenkunft vom 8. April und schreibt, daß diese berufen sei. den Anfang einer neuen Aera zu bezeichnen, in der die Diplomatie der herrschenden Klassen durch daS direkte Eingreifen des Volkes die Korrektur erleidet. Wenn diese Korrektur bisher gefehlt habe, so fei daran auch da? negative Verhalten der demokratischen Parteien in Sachen der äußeren Politik schuld. Die Demokratie hätte den Dreibund als einen Ausfluß dynastischer Politik bekämpft, ohne zu bedenken, daß er der erste Kern eines europäischen StaatenverbandeS fein konnte. Erst in den letzten Jahren hätten die demokratischen Parteien ein. gesehen, daß der JrredentiSmuS� der beste Handlanger des Mili- tariSmuS fei, weshalb er auch gerade bei den Konservativen und selbst bei den Klerikalen Gnade fände. jSie offizielle Diplomatie Oesterreichs und Italiens hätte sich unfähig gezeigt, die Ursachen zum Konflikt zwischen beiden Staaten auszuschalten. ES sei d«S- halb an der Zeit, daß sich die proletarische Diplomatie an dieser Aufgabe versuche. Der Artikel erinnert dann an die österreichischen Proteswersammlungcn vom 13. Februar und meint, daß der unter- blieben« Kaiserbesuch in Rom in seiner Bedeutung für die Soli- darität der beiden Länder überreichlich aufgeivogen würde durch den angekündigte Besuch der sozialistischen Parteileitung und der sozia- listischen Fraktion Oesterreich-UngarnS. Zus Industrie und Handel. Die deutsche» Aktiengesellschaften im Jahre 1910. Nach den Ermittelungen deS Kaiserlichen Statistischen Amte» auf Grund der Bekanntmachungen der Gerichte im„ReichSanzeiger" wurden im Jahre 1310 186 Geftllschaften mit einem nominellen Aktienkapital von 241.3 Millionen Mark neu gegründet, gegenüber 173 Gesellschaften mit 230.8 Millionen Mark im Jahre 1303. Von den 186 neuen Gesellschaften deS Jahres 1310 wurden 68 Gefellschaften mit 101,3 Millionen Mark Aktienkapital unter Ein- bringung bestehender Unternehmungen gegründet; für die Sach- einlagen wurden hierbei 74,1 Millionen Mark in Aktien gewährt. Im Jahre 1309 wurden 73 bestehende Unternehmungen in Aktien» gesellschaften mit zusammen 93.4 Millionen Mark Aktienkapital um- gewandelt. Bemerkt sei hierbei, daß daS Kaiserliche Statistische Amt nur diejenigen Sacheinlage» feststelle» kann, die unter Beobachtung der Schutzvorschrist des§ 186 Absatz 2 Handelsgesetzbuchs einge- bracht werden. Äapitalerhöhuiigcn erfolgten im Jahre 1910 bei 340 Gefell- fchssten um 639,4 Millionen Mark, während 100 Gesellschaften von Aktien, und zwar im Gesamtbeträge von 1,8 Millionen Mark. In den übrigen 62,2 Millionen Mark wird man Kapitalverluste der Aktionäre imolge Sanierungen zu erblicken haben. 25 Gesellschaften mit einem Aktienkapital von zusammen 318,0 Millionen Mark wurden ivegen Fusion, mit anderen Gesell« schaften im Handelsregister gelöscht. Neben den täligen Gesellschaften ermittelt das Kaiserliche Statistische Amt die Gesellschaften in Liquidation und in Konkurs. Im Jahre 1910 traten in Liquidation 64 Gesellschaften mit 43,6 und gerieten in Konkurs 14 Gesellschaften mit 21,6 Millionen Mark Nominalkapital._ Die gewerbliche Unternehmungslust. Von August bis Februar ergeben sich für die einzelnen Jahre folgende Beträge in Millionen Mark, die die gewerblichen Neu Investierungen in Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung darstellen: 1306/07 1307/08 1308/03 1303/10 1310/11 878,31 582,81 674,62 578,48 760,32 Seit dem Monat August bis zum Monat Februar inklusive wurden von der Montanindustrie insgesamt 1 13,52 Millionen Mark von Aktiengesellschaften und Genossenschaften mit beschränkter Haftung angefordert, während in dem gleichen Zeitabschnitt 1303/10 der Montanindustrie nicht mehr als 37,64 Millionen Mark, also noch nicht einmal der dritte Teil der diesjährigen Summe zuflössen. Und in der ersten Hälfte des März sind bereits wieder 6,72 Mill. Mark beansprucht worden, während im ganzen Monat März 1310 nur 4,18 Millionen investiert wurden. Die Banken hielten bisher mit ihren Kapitalsansprüchen noch zurück; die in den letzten sieben Monaren angeforderte Summe bleibt mit 36,83 Mill. Mark hinter der entsprechenden des Vorjahres, die 112,42 Millionen betragen hatte, sogar noch ctwaS zurück. Dafür ist aber der Geld« bedarf in den der Verbreitung von Elektrizität dienenden Gewerben um so stärker angewachsen: seit August wurden ins- gesamt 151,73 Mill, Mark investiert gegen nur 34,05 Millionen von August 1803 bis Februar 1310. Die Zunahme ist demnach noch er- heblicher als in der Montanindustrie. Für die weitere Gestaltung der Neuinvestierungen sind die geplanten Kapitalserhöhungen zahl« reicher Banken, die allein schon gegen 100 Mill. Mark ausmachen, von wesentlicher Bedeutung. Sie allein schon dürften die Ansprüche an den Geldmarkt aus die Höhe des Jahres 1307 treiben. Dazu kommen aber dann noch die gleichfalls steigenden Ansprüche, die die Gewerbe der Warenherstellung an den Geldmarkt stellen werden. Kohlenversand. Nach dem der Zechenbesitzerversammlung deS Nheinifch-Westfälischen Kohlensyndikats erstatteten Bericht betrug der rechnungsmäßige Absatz im Februar 1311 bei 23'/,(im gleichen Monat deS Vorjahres 23'/,) Arbeitstagen 5 581 238 Tonnen(Vor- jähr 5 136 571 Tonnen). Von der Beteiligung, die sich auf 6 067 263 Tonnen(Vorjahr 6 028 330 Tonnen) bezifferte, sind dem- nach 31,33 Proz.(Vorjahr 66,20 Proz.) abgesetzt worden. Die Förderung stellte sich mSgesamt auf 6 831 632 Tonnen(Vorjahr 6 453 218 Tonnen) oder arveitStäglich auf 295 422 Tonnen(Vorznhr 279 318 Tonnen) und im Januar 1911 auf 7 333 973 Tonnen oder arbeitstäglich auf 284 367 Tonnen. Staat nnd Kapital. Nach einer Interpellation der sozialdemokratischen Abgeordnetea hat die österreichische Regierung mit der berüchtigten Kohlenfirma Weinmann in Aussig a. Elbe einen zehnjährigen Vertrag ab» geschlossen, wodurch die Lieferung von 70 Proz. der Gesamtförderung der staatlichen Kohlenschächte an diese Firma vergeben wird. Der Staat begibt sich also selbst des geringen MoßeZ von Einfluß, da? er auf die Gestaltung des Kohlenmarktes ausüben kann.— Bezeich» nend ist auch das Verhalten der österreichischen Regierung zum Petroleumkartell, dem die Regierung die Außenseiter selbst durch Zwangsmaßregeln zutreibt. Durch ein Schiedsgerichtsverfahren, das die Kartellmitglieder gegen einen Rasfinenebesitzer vor der Wiener Handelskammer angestrengt hatten, hat sich heransgestellt, daß die kartellierten Rafsineure ungeheure Profite aus den Taschen der Be- völkerung ziehen. Der Beklagte wurde nämlich für eine Kontingent- Überschreitung von 95 000 Meierzentner zu einem Schadenersatz in Höhe von 626 000 Kronen verurteilt. Gerichts- Zeitung Der MckndatSvcrzlcht des ReichStagSabgeordneten Pauli. Vor dem Potsdamer Schöffengericht wurde gestern über die Privatklage de» Redakteurs Ludwig Mauracher, Herausgeber der „Potsdamer Nachrichten", gegen den politischen Redakteur der „Potsdamer Tageszeitung", Franz Sonntag, verhandelt. Gegen- stand der Privatklage waren die über den Privatkläger in der „Potsdamer Tagsezeitung" erschienenen Artikel, die heftige per- fönliche Angriffe gegen den Privatkläger enthielten. Der erste inkriminierte Artikel trug die Ueberschrift:„Pseudologia phan- tastica." Er enthielt die Beschuldigung, daß die vom Kläger in seinem Korrespondenzartikel behaupteten Tatsachen Kombinationen, ein plumpcS Schwindelmanöver feien, daß sie Unfrieden zwischen den rechtsstehenden Parteien zu säen bezwecken und tendenziös ent- stellt seien. Der Kläger wurde als politischer Brunnenvergifter bezeichnet. Auf den ersten Artikel folgte eine Berichtigung des Angegriffenen und dann ein zweiter Artikel des Beklagten, über- schrieben:„Aus der Naturgeschichte deS Maulwurfes." In diesem Artikel wurde die Beschuldigung erhoben, daß der Kläger, der politische Maulwurfsarbeit besorge, über den Verzicht des gegen- wältigen Reichstagsabgeordneten Pauli auf den von letzterem ver- tretenden Wahltreis PotSdam-Spandau-Osthavelland für die dem- nächstige Neuwahl, sowie über die begleitenden Umstände einen wissentlich falschen und in tendenziöser Weise entstellten Bericht in der von ihm herausgegebenen Zeitungskorrespondenz veröffent- licht habe, und zwar in der bewußten und gewollten Absicht, die rechtsstehenden Parteien von Potsdam und Spandau gegeneinander aufzuhetzen, um so den Wahlkreis in die Hände der Sozialdemo- kratie zu spielen. Der ErösfnungSbeschluß stützt sich auf die ZK 185, 186 und 200 des Strafgesetzbuches. Auf Ersuchen des Privatklägers schrieb am 6. Juli v. I. der Abg. Pauli an den Beklagten, daß der Artikel deS Klägers vollständig der Wahrheit entspreche. Außerdem erklärte er wörtlich:«ES ist vollkommen richtig, daß mir von einer bestimmten Vereinbarung bezüglich meine» MandatSverzichteS vor der ersten BertrauenSmäniierversammlung in Nauen nichts bekannt war und daß erst mir die Mitteilung durch Herrn von Stössel und Prediger Schall gemacht wurde. Erst dann erklärte ich offiziell mein Einverständnis zum Mandatsverzicht." Diese Sachdarstellung gab der Kläger in seiner Korrespondenz und fügte hinzu, daß man von Spandau aus mit der Kandidatur Lüdicke dem Abg. Pauli in den Rücken gefallen fei. Herr Pauli hatte nämlich den Kläger zu einer Erklärung autorisiert, die Herr Pauli abfaßte und in der es heißt:„ES war mir überraschend, daß der Vorstand deS Neuen Wahlvereins zu Spandau in seiner Gesamtheit gegen mich aufge, treten ist, namentlich, d« Leute darinnen sind» von denen ich an. nehmen muhte, daß sie politisch zu meinen engsten Freunden zählen." Kapitalherabsetzungen in Höhe von 64,0 Millionen Marl vornahmen. I» der Verhandlung wurde der Abg. Pauli unter feinem Eide Bon den letzteren erfolgten um zwölf durch Rückzahlung oder Anlauf l über den Wortlaut feines Briefes und feine Angaben veruommes, Beleidigung einer Kundin. (Sin ganz ungehöriges Benehmen gegenüber einer Kundin hat der Wcischereibesiizer Otto Muschkc in Charlottenburg, der gestern unter der Anklage der tätlichen Beleidigung vor der 1. Straf- kammer des Landgerichts III stand, mit empfindlicher Freiheits- strafe zu büßen. Ju den Kundinnen des Angeklagten gehörte die junge Frau eines Kaufmanns K. in Wilmersdorf, die sich Ende des vorigen Jahres in gesegneten Umständen befand. Am S. Oktober brachte der Angeklagte der Frau K. in Abwesenheit ihres Ehe- mannes ihre Wäsche und fing mit ihr ein Gespräch über den zu erwartenden Familienzuwachs und die damit verbundene Ver- größerung der Wäscheaufträge an. Plötzlich faßte er die zu Tode erschrockene Frau um die Taille und berührte sie in skandalöser Weise. Als Frau K. durch ihre Empörung über diese Schamlosigkeit die Kraft erhalten hatte, den dreisten Menschen zurückzustoßen und ans Fenster eilte, um um Hilfe zu rufen, entfernte sich der Ange- klagte schleunigst mit einigen entschuldigenden Worten. Die schwer beleidigte Frau machte ihrem Manne Mitteilung von dem Vor- kommnis. Dieser veranlaßte das Strafverfahren gegen M. Das Schöffengericht zu Charlottenburg hielt das Verfahren des Ange- kogten gegenüber einer anständigen Frau, die sich noch dazu in l heiratung gebraucht. Sämtliche Kolleginnen Waldens hätten über- einstimmend bekundet, daß dieser ihnen niemals unsittliche Zu- mutungen gemacht habe, ihnen vielmehr stets als Gentleman be- gegnet sei. Der Kläger besitze auch sehr wohl die zum Betrieb des Lustspielhauses erforderlichen Mittel. Auf den Einwurf des Vor- sitzenden, ob eine Garantie dafür gegeben sei, daß, wenn Direktor Zickel die Konzession' endgültig verlieren sollte, Walden nicht etwa nur als Strohmann fungieren, in Wirklichkeit aber Zickel nach wie vor das Theater leiten werde, wies Justizrat Michaelis darauf hin, daß bereits zwischen dem Kläger und dem Lustspielhaus ein Vertrag geschlossen worden sei, nach dem sich Zickel verpflichtet habe, auch Jein Amt als Geschäftsführer des Theaters niederzulegen, falls ihm ie Konzession endgültig entzogen werde. Geh. Regierungsrat Lindena» führte«ls Vertreter des Polizei. Präsidenten u. a. aus: Was die sittlichen Qualitäten Waldens be� treffe, so stütze sich die Behörde darauf, daß Walden nach dem Zeug. nis seines Hausarztes mit einer pathologischen Veranlagung be- haftet sei, die nach langer Pause wieder durchgebrochen sei. Wenn Walden jetzt als Divcltor plötzlich in diesen Dämmerzustand ver fallen und sich unter Mitnahme von Geldmitteln aus der Theater lasse entferne, so könne der Betrieb des Unternehmens auf das höchste gefährdet werden. Er stelle eventuell den Antrag, den Kläger diirch den Bezirksarzt auf den gegenwärtigen Zustand seines Leidens zu untersuchen. Von einem Theaterdirektor müsse man ferner verlangen, daß er doch gewisse Mittel aufweisen könne, mit denen sich der Betrieb des Unternehmens aufrecht erhalten lasse. Das Gericht verkündete nach kurzer Beratung folgenden Be- schluß: Das Gericht habe sich der Ansicht des Polizeipräsidenten dahin angeschlossen, daß der Kläger erst den Beweis für das Vorhandensein ausreichender Mittel zur Unterhaltung des Theaterbetriebes er- bringen müsse. Dieser Nachweis müsse schriftlich beigebracht werden und unterliege der Prüfung durch das Gericht, sodaß der Bescheid in der nächsten Sitzung verkündet werden könne. Auch bezüglich der artistischen und finanziellen Zuverlässigkeit des Klägers sei es erforderlich, daß die beiden Aerzte. auf deren Zeugnis der Kläger sich stütze, persönlich ihr Gutachten dahin abgäben, daß die Krank- heit des Klägers überwunden sei. ansseren Umstanden befand, für so strafwürdig, daß eS glaubte, von einer Geldstrafe absehen zu müssen. Muschke wurde zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Die von ihm hiergegen eingelegte Berufung wurde gestern von der Strafkammer verworfen. Die Telephon-Nervosität hat dem Kaufmann und Bankier Ludwig Fränkel aus Schöneberg eine Anklage wegen Beleidigung einer Telephondame eingebracht, welche gestern unter Vorsitz des Amtsrichters Dr. Volkmar das Schöffengericht Berlin-Schöneberg beschäftigte. Der Angeklagte. welcher zu den Gesprächsteilnehmern des Amts 6 gehört, war auf diesem bei den einzelnen Telephonassistentinnen seit längerer Zeit dafür bekannt, daß er bei jeder geringsten Kleinigkeit sich nicht gerade höflicher Redewendungen bediente. Als ihm eines Tages wiederholt das ominöse„Besetzt" entgegenschallte, geriet er in eine Art Wutzustand, der ihn zu der Aeutzerung verleitete, daß dies nur eine idiotische Ausrede fei. Der Erregungszustand verstärkte sich noch, als Fränkel nochmals vergeblich den gewünschten Teil- nehmer verlangte. Als ihm wieder daS'Wort„Besetzt" entgegen- tönte, ließ er sich zu den Worten hinreißen:„Sie verfl... Stück Dr...k, das reden Sie einein anderen vor." Von der Postdirektion wurde wegen dieser Aeußerung Strafantrag wegen Beleidigung der Telephonistin, an welche jene Worte gerichtet waren, gestellt. Vor Gericht behauptete der Angeklagte, daß er in anderen Fällen fest- gestellt habe, daß, obgleich von den betreffenden Teilnehmern über- Haupt nicht gesprochen worden war, ihm vom Amt der Bescheid zuteil geworden war, die Leitung sei besetzt. Er sei infolge des ewigen Telephonärgers sehr nervös geworden und hätte sich zu jenen Worten vielleicht auch hinreißen lassen, wenn er gewußt hätte, daß die Telcphonapparate nicht von Menschenhand bedient werden, sondern nur ein tote Maschine sind. Medizinalrat Dr. Hoffmann bestätigte, daß der Angeklagte ein sehr leicht erregbarer und nervöser Mensch sei, bei dem aber der§ S1 keine Anwendung finden könne.— Der trags fortwährend und provozierten schließlich einen Lärm, während- Justizrat Bcrnh. Friedmana eine erheblich mildere Strafe für eine ausreichende Sühne hielt, da der Angeklagte sich in der Erregung zu jener Beleidigung habe hinreißen lassen und außerdem in nicht sehr glänzenden Vermögensverhältnissen lebe.— Das Gericht ging mit Rücksicht auf die von dem Sachverständigen bekundete starke Nervosität des Angeklagten unter den Antrag des Amtsanwalts herunter und erkannte auf 290 M. Geldstryfe evtl, 20 Tage Gefängnis, ,•- Soziaice* Acrztliche Gutachten. Wie verschieden in Unfallsachen oft ärztliche Gutachten aus- fallen, zeigt folgender Fall, den kürzlich der Unfallrentner G. in Potsdam erlebte. Derselbe verunglückte 1891 dadurch, daß er beim Platzen eines Dampfrohres vom Kessel stürzte, sich einige Rippen- brüche zuzog und seitdem nervenkrank ist. Er bezog bisher eine Unfallrente von SO Proz. Die Papiermacher-BerufSgenosscnschaft ließ G. nun Ende des vorigen Jahres untersuchen und beantragte aus Grund des ärztlichen Befundes beim Schiedsgericht die Auf- Hebung der Rente. Der Medizinalrat H. in Potsdam hatte in seinem Gutachten erklärt, daß er es für wahrscheinlicher halte, daß gar keine Unfallfolgen mehr bestehen, als daß solche noch vorhanden sind. In feiner Ansicht wurde er dadurch bestärkt, als er annahm, der Patient übertreibe. Das Schiedsgericht ließ G. nun einige Wochen in der Königlichen Eharite in Berlin beobachten, um dann von dem daselbst tätigen Herrn Pros. K. ein Gutachten einzuholen Prof. K. hält eine SOproz. Rente auch heute noch für angebracht obwohl sich ein Teil der nervösen Symptome gebessert hätten Demgegenüber blieb Medizinalrat H. in Potsdam bei seinem vor- her abgegebenen Gutachten bestehen. Das Schiedsgericht sah sich veranlaßt, ein Obergutachten einzuholen. Dies wird nach einer Beobachtung des G. im Auguste-Viktoria-Krankenhause in Weißen- see von Herrn Prof. Dr. W. erstattet. Dieser Arzt verwirft das Gutachten des Medizinalrats H. und nähert sich dem von Prof. K.. indem er den Unfallrentner G. noch bis zu 40 Proz. erwerbsunfähig erachtet. Diesem letzteren Gutachten hat sich schließlich das Schieds- gericht angeschlossen. Dieser Fall zeigt eine recht auffallende Ab- weichung zweier Gutachten, die nicht geeignet ist, Vertrauen zu ärztlichen Gutachten zu erwecken. Die von der Wandlitzrr konservativen Sprengkolonne provozierte Bersammlungsaufliisung vor dem Oberverwaltungsgericht. -In Wandlitz(Niederbarnim) fand am 29. Mai 1910 eine öffent liche Versammlung statt, die vom Genossen Lackierer Koffert ein berufen worden war und von ihm geleitet wurde. Das Referat hatte Reichstagsabgeordneter Artur Stadthagen. Eine Anzahl konservativer Leute störten auf vorherige Abrede während des Vor- raas fortwährend und provozierten schließlich einen Lärm, während- dessen der Gendarmerie-Wachtmeister die Versammlung, nachdem der Vorsitzende die Versammlung vertagt hatte, auflöste. Beschwerden Kosserts und Stadthagens beim Landrat und beim Regierungspräsidenten in Potsdam hatten keinen Erfolg. Der Regierungspräsident führte in seinem Beschwerdebescheide im wesentlichen aus, daß Versammlungen nicht nur aus den Gründen des§ 14 des Reichsvereinsgesetzes aufgelöst werden könnten, sondern auch aus allgemeinen sicherheitspolizeilichen Gründen gemäß§ 1 Abstz 2 des Gesetzes. Voraussetzung sei nur das Vorliegen einer unmittelbaren Gefahr für Leben und Gesundheit der Ver- sammlungsteilnehmer. Das sei aber hier der Fall gewesen. Es sei anzunehmen mit Rücksicht darauf, daß sich der Versammlung im Laufe der Zeit eine hochgradige Erregung bemächtigt habe, daß ein Bierseidel durch den Saal geworfen wurde und daß eine An- zahl Personen nach der Rednertribüne vorzudringen suchten. Die Genossen Kossert und Stadthagen klagten beim Ober VerwaltungSgcricht, vor dessen erstem Senat gestern Termin an- stand. Genosse Stadthagen trat in längeren Rechtsausführungen der Auffassung des Regierungspräsidenten, daß für eine Auflösung auch-g 1 Absatz 2 des ReichSvereinSgesetzcS in Betracht kommen könne, prinzipiell entgegen und führte aus, daß nur aus den im 8 14 des Gesetzes ausdrücklich aufgeführten Gründen eine Ver- sammlung aufgelöst werden könne. Keiner dieser Gründe liege hier vor.— Im übrigen aber hätten sich auch die Vorgänge in der Versammlung anders entwickelt, als die Gendarmen sie in ihren Berichten dargestellt hätten. Insbesondere hätten die Vorgänge, die Anlaß zur Auflösung gegeben haben sollen, sich nach der Auf- lösung abgespielt. Er sei bereit, dafür noch Zeugen zu benennen, um deren Vernehmung er bitte. Der Gerichtshof gab nach längerer Beratung dem Antrage auf eugenvernehmung statt und beschloß Vertagung zu diesem Zwecke s wird dann ein neuer Termin anberaumt werden.--- Huö der Frauenbewegung. Märzstürme— Wahlrechtskämpfe. Zum 19. März. Ein Revolutionsmonat ist der Monat des Märzen. Wiederholt, wenn die FrühlingSftürme durch die Lande brausten und das Ende von Winters Herrschaft kündeten, standen die freiheitsdurstenden Völker in Wettern und Flammen der Revolution, im Ringen um Freiheit und Recht. In diesem Jahre sind es zum ersten Male die Frauen, die dreifach geknechteten, die, gerufen von der Sozialdemokratie, sich freudig zum Kampfe für ihre Rechte scharen. Das Proletariat, das allein das heldenmütige Ringen der Barrikadenkämpfer von 1848 und den heroischen Kampf der Pariser Kommunarden in ehrendem Andenken hält, es hält aber auch allein das Erbe dieser Freiheitshelden in seinen starken Händen. Seine geschichtliche Aufgabe ist es geworden, zu vollenden, was jene begonnen: Die Demokratisierung unseres öffentlichen Lehens die die Vorbedingung bildet für die Befreiung der Ar» I beiterklasse bort 5er Klassenherrschaft und für die Soziakifierung der Gesellschaft. In klarer Erkenntnis dieser geschichtlichen Mission und ge- drängt von dem praktischen Bedürfnis seines Gegenwartskampfes ist deshalb das klassenbewußteProletariat der konseguenteste Bor- kämpfer für'die politische Gleichberechtigung beS Weibes. Um das Banner der revolutionären Sozialdemokratie der- einigen sich darum am 19. März, am Frauentag, die Millionen von Frauen und Männern�ssüm Kampfe für das ollgemriur, gleiche, geheime und direkte Frauenwahlrecht. Diese erste große Aktion der Sozialdemokratie, der inter- nationalen Sozialdemokratie f— denn Deutschland, Oesterreich. die Schweiz und Dänemark veranstalten am gleichen Tage die Kundgebung für das Frauenwahlrecht—, sie findet nicht nur einen freudigen Widerhall in den Herzen der geknechteten und doppelt bebürdeten Proletarierinnen, die längst empfunden oder klar erkannt haben, daß nur der Sozialismus ihnen Befreiung bringen und ihr volles Menschentum zurückerobern wird, sondern sie gleichzeitig auch in eminenter Weise beitragen zur politischen Erweckung indifferenter Frauenmassen. Denn wenn die Massen der Männer und Frauen zusammenströmen, um zu erklären: Durch ihre Leistungen für die Gesellschaft, sei es im ProduktionS- Prozeß, sei es durch die Mutterschaft, sei es durch die Pflicht» erfüllung am häuslichen Herd oder sei es durch die Steuer- leistung, haben die Frauen ihren vollgültigen Rechtsanspruch auf das Wahlrecht und die Notwendigkeit seines Besitzes nachgewiesen; wenn in Millionen von Flugblättern, die in alle Häuser, in die entlegensten Hütten gebracht werden, dargelegt wird, wieviel Opfer die Frauen bei diesen Pflichtleistungen bringen, wenn ihnen gezeigt wird, welch wichtige, unentbehrliche Waffe in ihrem Kampf um eine hellere Gegenwart, um eine sonnigere Zukunft das Wahlrecht in ihrer Hand ist, so kann und wird diese Aktion auch nicht ohne Einfluß auf die Rückständigsten bleiben, ihr Wellenschlag wird vielmehr bis in die dunkelsten Winkel dringen und aufrüttelnd, erweckend wirken. Jede Aufrüttelung bisher Indifferenter, jede weitere Schulung bereits Gewonnener bedeutet aber eine Stärkung der Macht- Position der Sozialdemokratie, eine Vergrößerung ihres Ein- flusses und damit einen Schritt vorwärts zur Demokratisierung und Sogialisierung der Gesellschaft. Indem also die Sozialdemo- kratie sich energisch der Interessen der Bedrücktesten und Recht- losesten annimmt, beschleunigt und sichert sie den Sieg des Sozialismus, weil sie Kräfte löst und entfaltet, die bisher schlummerten oder gar als feindliche und hemmende sich erwiesen. Mit Freuden begrüßen wir deshalb den ersten sozialdemo- kratischen Frauentag. Nicht weil wir wähnen, von ihm aus stehenden Fußes in das Land der politischen Gleichberechtigung des Weibes zu marschieren, o nein! sondern deshalb, weil die an diesem Tage ausgestreute Saat dazu beitragen wird, kommende Siege vorzubereiten. In diesem Sinne wird der 19. März des Jahres 1911 geschichtliche Bedeutung bekommen: Zum ersten Male stellen die Rechtlosesten der Rechtlosen sich geschlossen in die vordersten Reihen des Klassenkampfes und indem sie sich im Geiste über Landesgrrnzcn und Meere die Hand reichen, geloben sie, mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit zu kämpfen für das volle Bürgerrecht des WcibeS. Vieler harten Kämpfe wird es be, dürfen; der Widerstände sind viele zu überwinden. Mancher Märzensturm wird noch über die proletarischen Wahlrechtskämpfer dahinbrausen, bevor ihnen die Palme des Sieges beschieden sein wird. Doch das schreckt uns nicht. Kampf heißt Leben. Das Proletariat ist gross geworden im Kampf. Und auch am Frauen» wahlrechtStag wird CS in alter Kampfcsbereitschaft sich freudigen Herzens bekennen zum Sozialismus als dem Mcnschhcits- befreier._ Gebären, aber nicht wählen. Und zum Weibe sprach der Herr:»Ich will dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären."— Was nach den mythologischen Vor- stellungen eines Urvolkes ein Gott dem ersten Weibe als Strafe dafür, daß es den Schleier der Erkenntnis gelüftet, zugesprochen baben soll, ist von den kapitalistischen Allbeherrschern tausendfach verschärft und erweitert worden. Im Zeitalter des Kapitalismus hat sich die Periode der Schwangerschaft für Hunderttausende von frondenden Proletarierinnen zu einem grausamen und qualvollen Leidensweg gestaltet. Der erhabenste Akt, die Erneuerung des menschlichen Geschlechts, wird in einer Weise mißachtet, die eines Kulturvolkes unwürdig ist. Die Umstände, unter denen heute noch die meisten Proletarierinnen gebären, sind die denkbar traurigsten. Nicht nur, daß die Arbeiterin in ungesunden, engen, oft überfüllten Räumen die schwere Stunde erwarten muß. nein, viele arbeiten in gesund- heitsschädlichen Betrieben und verheimlichen nicht selten ihren Zu» stand so lange wie möglich, um ja recht lange ihre Arbeitskraft in Geld umsetzen zu können. Hierzu zwingt sie natürlich nicht das Vergnügen, fondern das harte, unerbittliche Muß. Und selbst, wo dies nicht zutrifft, steht die unbemittelte Schwangere dem Er- eignis ziemlich unvorbereitet gegenüber. In der begüterten Klasse trifft man schon lange vorher alle erdenklichen und geeigneten Maßnahmen, um dem Weibe die schwere, oft über Leben und Tod gebietende Stunde möglichst leicht zu machen. Solche Frauen er- halten sachgemäße Pflege und Ernährung und werden wie� ein rohes Ei behandelt und behütet. Wenn z. B. die Scherlblätter aus„zuverlässiger Quelle" schon acht Monate vorher der auf- horchenden Spieherwelt mitteilen, daß diese oder jene»hohe Frau" einem freudigen Ereignis entgegensieht, so lann man versichert sein, daß das Objekt serviler Reporterwut sich unter der ständigen Obhut und Beobachtung der berühmtesten Autori» täten befindet. Aber die proletarische Schwangere muß schuften und leiden. Wenn nicht Verwandte oder hilfsbereite Nachbarn nachsehen, kommt es nur allzuoft vor, daß sie allein und verlassen auf ihrem armseligen Lager niederkommt. Bedenkt man noch, daß viele Frauen an chronischer Unterernährung leiden und nicht viel zuzusetzen haben, so braucht man sich nicht zu wundern, wenn Unterleibskrankheiten, Fehl- und Frühgeburten, operative Eingriffe, Tod oder dauerndes Siechtum der Mütter die Folge all dieser Erscheinungen sind. So sterben denn auch in Teutschland alljährlich 10 000 Frauen während oder nach der Niederkunst, und zirka SO 000 verlassen als Kranke oder Sieche das Wochenbett. Während Pferde und Hunde die peinlichste Pflege und leckerste Kost bekommen, hungern und frieren tausende Schwangere, irren ohne Heim und Obdach umher. Mancher Schoßhund schläft auf seidenen Decken, trippelt in Mäntelchen und— Schühchen (jetzt haben diese Hundegigerl auch schon Taschentücher und Visitenkarten) einher, dagegen weiß manche Mutter nicht, wie sie ihre eigene und die Blöße ihrer Kinder bedecken soll. Der Bauer, wenn seine Kuh trächtig ist, schläft schon wochenlang, ehe sie wirft, des Nachts im Stalle, um die Stunde zu erwarten, wo das wertvolle Kalb das„Licht der Welt" erblickt. Solche Sorge um Kuh und Kalb ist rührend im Vergleich zu der Tatsache, daß im Zeitalinr der.Humanitätsduselei" die Schwangere und Wöchnerin»es arbeitenden Volkes so gut wie ungeschützt ist. An- gesichts dieser Tatsachen klingt die Begründung, daß der Frau das Wahlrecht nicht zukomme, da sie nicht in den Krieg ziehe, wie gerechter Hohn. Nein, in den Krieg zieht die Frau nicht, aber sie opfert Leben und Gesundheit auf dem Schlachtfelde des Wochenbettes. Sie mordet nicht fremde Brüder sinnlos hin, aber sie gebärt neue Staatsbürger und Bürgerinnen. Deshalb hat die Frau begründeten Anspruch auf alle Rechte als Staatsbürgerin. Die Sozialdemokratie, als einzige Partei für volle Gleich» berechtigung der Frau, wird die Götzen des Vorurteils zertrümmern und auch hie? die wirkliche Kulturträgerin lein. Der 19. Marz in der Schwelz.' In 14 Orten der Schweiz, wo Sektionen des Schweizerischen ÄrbeilerinnenverbandeZ bestehen, werden am 19. März Versammlungen mit Referaten von Genossinnen über die politische Gleichberechtigung der Frauen abgehalten. DaS Organ des Arbeiteriuneuverbaudes, «Die Äorlämpferür wird in einer Extraausgabe erscheinen. In dem Aufruf des Verbandes, der in der gesamten politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterpresse erscheint, heißt es: Ein Frauentag soll der 19. März werden! Ein Freudentag l Heraus werden sie treten, die Arbeitsschwestern, aus den Kinder- stnben iiud den engen Arbeitskammern, aus Licht, an die Sonne! Für wenige Stunden! Müller, Frauen, Mädchen und Burschen I Daneben auch Männer, Arbeiter, Genossen! Die Augen brennen, die sonst bleichen Wangen glühen in Rosen- schein! Wer in alle die Frauenherzen hineinzuschauen vermöchte! Wie's da drinnen arbeitet, wie die Pulse fliegen vor Erregung und stolzer Lust! Frauentag, du Fest der Arbeiterin! Sei uns gegrüßt! Versammlungen— Veranstaltungen. Tempelhof. Zum Besuch der am Sonntagnachmittag 2 Uhr statt- findend-u Versammlung in den„Neuen Rathaussälen", Schöne- berg, Martin-Luther-Straße öl, treffen sich die Genossinnen Sonntagiiachmiltag 12% Uhr Berliner und Dorfstraßcn-Ecke. VeiTammhmgen. Erholungsplätze für bi« Grohstadtbewohner. Im Anschluß an die aufsehenerregende Verschacherung dcS Tentpelhofcr Feldes für Zwecke, der Bauspekulation erörterte Genosse L e d e b o u r vor einer sehr stark besuchten Volksversammlung, die am Dienstag in der Brauerei Königstadt tagte, die Frage:„Wie schützt sich Berlin vor der Verschacherung der Wälder und Felder in der Umgebung." Der Redner erinnerte daran, daß seit Jahren von den an Groß-Berlin angrenzenden Waldgcbicten ein Stück nach dem anderen bebaut worden ist und andere Teile für die Bebauung in Aussicht genommen find. Den Bewohnern von Groß-Berlin sind dadurch die für ihre Gesundheit so notwendigen Erholungsstätten entzogen worden, und was noch übrig geblieben ist, wird mit der Zeit verschwinden, wenn es so weiter geht wie bisher. Der Redner erörterte den Gedanken, daß dieser ungesunden Entwickelung im Bebauungswcsen Einhalt getan werden müsse im Interesse der Bc- volkerung. Das ließe sich durch eine großzügige Gemeindcpolitik schon heute, innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, verwirklichen. Aus dem Zweckvcrbande Groß-Berlin müsse sich eine Gemeinde Groß-Berlin entwickeln. Ihre Bodenpolitik müsse dahin gehen, daß sie alles in ihrem Gebiet liegende fiskalische Terrain erwerbe und sich für die in Privatbesitz befindlichen Ländercien das Vorkaufs- recht sichere. Unter dieser Voraussetzung fimrde es die Gemeinde in der Hand haben, innerhalb ihres Gebietes große Flächen von der Bebauung auszuschließen und dieselben zur Anlage von Parks, Spiel- und Erholungsplätzen zu benutzen. Da die hierzu benötigten Grundstücke von der Gemeinde nicht— wie es unter den heutigen Verhältnissen der Fall sein würde— zum Preise von Bauland an- gekauft werden brauchen, so ließe sich dieser Plan ohne Schwierig- keit durchführen, ja die weiter hinaus liegenden Ländereien würden durch Anlage großer Erholungsplätze um so eher für die Bebauung reif und nutzbar gemacht werden können. Eine großzügige Ge- meindcpolitik nach dieser Richtung müsse in die Wege geleitet werden. Für diese Frage müßten auch unsere Parteigenossen, un- beschadet unserer weitergehenden Ziele, ihre Kräfte einsetzen.— Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Deutscher Bauarbeitcrverband. Die Sektion der Gips- und Jemen tbranche hielt am Mittwochabend in den„Arminhnllen" ihre Generalversammlung ab. Otto H a e s e erstattete den Bericht des Sektionsverbandes für das Jahr 1919: Erst in der zwei- tcn Hälfte des Jahres war die geschäftliche Konjunktur eine gün- stigcrc und zugleich besserten sich die Organisationsverhältnisse. Am Schlüsse des Jahres 1999 zählte die Sektion 179S Mitglieder. Im Laufe des Jahres 1919 wurden 1993 neue Mitglieder gewonnen, aber 1995 mußten wieder gestrichen werden, darunter 499 Hilfs- arbciter. Am Schlüsse des Jahres 1919 zählte die Sektion 1769 Mitglieder, und zwar 418 Rabitzputzer, 268 Spanner, 193 Träger, 134 Zenientierer, 346 Einschaler, 396 Hilfsarbeiter. Die letzte Bautenkontrolle, vom 8. und 9. September 1919, ergab daß in der Gipsbranche von 1536 kontrollierten Arbeitern 1111 or- ganisiert und 425 unorganisiert waren. In der Betonbaubranche waren von 2519 kontrollierten Arbeitern 1427 organisiert und 1992 unorganisiert. Der Arbeitsnachweis ist reger als im Vorjahre in Anspruch genommen worden. Im Jahre 1999 meldeten sich 3917 Arbeitslose, 1919 dagegen 4931. Im Jahre 1999 wurden 1988 Stellen gemeldet und besetzt, 1919 dagegen 2393 Stellen. Arbeitslose waren am Schlüsse des Jahres 1999 noch in der Zahl von 79, am Schlüsse des Jahres 1919 noch 81 eingetragen. Die Lohnbewegung für die Betonbaubranche wurde im Jahre 1919 gemeinschaftlich mit den Maurern und Bauarbeitern ein- geleitet und erledigt. Durch den Schiedsspruch vom 29. April wurde die Lohnerhöhung von 5 Pf., für die Einschaler von 7i& Pf. bewilligt. Die meisten Differenzen entstanden wegen der geringeren Bezahlung der Hilfsarbeiter, die oft nur 53 Pf., anstatt der tarif- mäßigen 58 Pf., pro Stunde erhalten, was sich leider noch mancher gefallen läßt. Eine größere Differenz entstand wegen der Bezah- lung der tariflich festgesetzten Zuschläge für Ucberstunden nach 6 llhr abends. Am 3. Oktober wurde in dieser Angelegenheit ein Schiedsspruch gefällt. In einer Versammlung erklärten darauf die Arbeiter, mit dem Beginn der neunstündigen Arbeitszeit im Früh- jähr 1911 dahin zu streben, daß ohne Zuschläge keine Ueberslunden mehr geleistet werden. Die Tariföerhanblungen in tzer Gipstzaubranche sin? mkk ve« Berliner Betonverein geführt worden. Am 15. Juli wurde eia Vertrag abgeschlossen, der bis zum 31. März 1913 gilt. Die Bausperrcn über die Arbeiten des Unternehmers Otkll S t ü w e wurden im Bericht besonders hervorgehoben. Zur Agitation und zur Erledigung der Angelegenheiten der Sektion fanden 6 Generalversammlungen, 15 Branchen-, 41 Bezirks- und 41 Bauversammlungcn statt, ferner 16 Vorstandssitzungcn, 4 Sitzungen der Obleute, 6 des erweiterten Vorstandes und 64 Be- zirkssitzungen. In 22 Versammlungen wurden Vorträge gehalten. H a e s e erwähnte dann den Zusammenschluß der Organisa- tionen im Baugewerbe als„Deutscher Bauarbeiterverband", und machte darauf aufmerksam, daß für Mitglieder, die mit ihren Beiträgen im Rückstände sind, der 1. Juli dieses Jahres der letzte Termin ist, um sich die alten Rechte als Mitglieder im Deutschen Bauarbciterverband zu sichern. Die Abrechnung der Sektion für das Jahr 1919 zeigt eine Ein- nähme von 83 986,63 M., eine Ausgabe von 76 595,12 M. Der Bestand von 7481,51 M. ist dem Zweigverein des Deutschen Bau« arbeiterverbandes überwiesen worden. In der Diskussion wurden an den Vorsitzenden verschiedene Fragen gerichtet, die dieser zufriedenstellend beantwortete. Einige Verbandsangelegenheiten beschäftigten dann die Versammlung. Unter anderem wurde bekanntgegeben: Alle Zementieröb, Einschaler und Hilfsarbeiter, welche auf dem Neubau der Synagoge in der Fasancnstraße gearbeitet haben, erhalten den 13. Oktober 1919, den jüdischen Fei er tag, nachbezahlt und können sich zu diesem Zwecke bei der Firma C z a r n i k o w u. Co., Werderscher Markt 19, melden.— Die Wahl des bisherigen Arbeitsvermittlers für das Jahr 1911 wurde von der Versammlung bestätigt. Deutscher Kllrschnerverband. Eine Mitgliederversammlung Eer Filiale Berlin, die am Mittwoch in den„Musikersälen" tagte, be- faßte sich mit einem Antrage des Vorstandes, einen besonderen Orts- bcitrag von monatlich 19 Pf. für die weiblichen und 29 Pf. für die männlichen Mitglieder zu erheben, um bei großer Arbeitslosigkeit und bei etwaigen Kämpfen etwas mehr an Unterstützung leisten zu können, als es bisher und auf Grund des Verbandsstatuts möglich war. Die Anregung zu dem Antrag ist schon vor mehreren Wochen aus den Kreisen der Mitglieder gekommen. Inzwischen haben schon einige Werkstattsitzungen dazu Stellung genommen und man kam allgemein zu dem Schluß, daß der Vorstandsantrag nicht weitgehend genug war, und daß man mindestens das Doppelte, nämlich 5 und 19 Pf. wöchentlich erheben sollte.— Nachdem nun der Vorsitzende Fritze über die Anträge berichtet und die Gründe, die dafür maßgebei�» sind, dargelegt hatte, wurde eingehend über die Frage diskutiert, und es zeigte sich auch hier in der Versammlung, daß man gerne gewillt ist, den erhöhten Beitrag zu zahlen. Die Ent- schcidung über die Anträge ist der Generalversammlung vorbehalten, die am 19. April stattfinden wird. Berlin. Sonntae. den 19. MBrz 1911, mittags II Uhr, bei Boeker, WeberstraB« 17; Okffclltlllhe Nollis-Ucchimliiiig. Tagesordnung: 79Sb Der 18. März und seine Bedeutung für daS Proletariat. Referent Genosse B»««! Welirle. Ilm zahlreiches Erscheinen ersucht I. A. der Agitationskommissioii: Gustav Gladaseb, Berlin, Rostockcr Str. 41. Slrdeitsuacblveis- Hof l. Amt 3. 1239. VerwalnmgSstellc Berlin. Hauptdurrau- Charitiutrafle 3. Hos III. Amt 3. 1987 Montag, den 20. März 1011» abends 7 Uhr: sss Uerjantmllmg aller in den Geldfchrankfabriken beschäf- tigten Kollegen in FrankeS Festsälen, Badstraße 19.> TageS-Ordnung: Bericht über die Verhandlungen mit den Arbeitgebern über den Tarif der Geldschrankschlosser. Dggr In Anbetracht der äusserst wichtigen TageS-Ordnung ist daS Er« scheinen aller Kollegen dringend notwendig. Montag, den 20. März 1011, abend? 0 Uhr: Große Kcrsammlnug aller in der Schraubenbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen in Graumanns Festsälen, Naunynstraße 27. TageS-Ordnung: I. Die Nntwort der Slrlieitgeber auf die Beschwerde» der Arbeiterschaft und unsere weitere Stellungnahme. Referent: Kollege llandlto. 2. Diskussion. 8. Branchenangelegenheiten. 4. VcrbandSangelcgenheiten. Kollegen und Kolleginnen! In dieser Versammlung wlrd ÜW da? Verhalten der Arbeitgeber betreffend die Vereinbarung vom November 1919 Bericht erstattet. Da ausserdem wichtige Beschlüsse gesagt werden, ist eS Pflicht jedes Einzelnen, in dieser Betsammlung zu erscheinen. 113/17_ I>Ic OrfwvcrrvaltTinig. Verband der Kausarztnereine. Sonntag, den 10. März, vormittags 0 Uhr, hmigwfMvv 1(fk/meia der Billigkeit von Kflfhrelnffs nialzhaffcc ilt das ersparte Geld, das man am Cnde des sahres im Beutel hat, wenn man täglich Kathrciners Hlclzhaffee trinkt.— Das Ut in dielen teuren Zeiten von größter Wichtigkeit! ItKlcIvtö! Dr. Simmel Spezial-Arzl für Haut- und Harnleiden. Prliizenslr. 41, 10— 2, 6— 7. Sonntags 10— 12, 2— 4 Stoffe für Anzüge, Ulster, KostBaie Mtr. 3, 4, 5 M., Loden für Wetter-Polo- rinen Jltr. 1,50, 2.50 M. Tuchlager Koch 4 Se-Ianrt G. m. b. H., Gei�raüilteöstr. 20-21, ÄiÄ Qrojte firma vergib» Teppiche, Gardinen, Stores, Steppdecken, Portieren auf Teilzahlung ofjttc Niiznhlung. Keine Kassierer. Chiffre 8. 100,„Vor- wärkS". 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Der Verein bekam zu seinem ersten Stiftungsfest m August 1909 kein Lokal, so daß er auf dem Feld eines Mitgliedes einen Festplatz Herrichten mußte. Ein Festzug wurde durch Herrn v. Burgsdorff, den zuständigen Amtsvorsteher auf Mackendorf, nicht genehmigt, kam aber dann ohne seinen„Segen" zustande. Als Amtsvorsteher verweigerte er dem Festplatz auch den Bier- ausschank, den ein Gastwirt Feldner einrichten wollte. Zu Feldner, der die Genehmigung nachsuchte, soll v. Burgsdorff ge- sagt haben:„Für den sozialdemokratischen Pöbel gibt es keine Erlaubnis. Mögen sich die Herren so betragen, daß sie ein Lokal bekommen. In Lindow gibt es Schankgelegenheiten genug. Ich habe die ganze Gendarmerie requiriert. So lange ich Oberhaupt der Polizei bin, werde ich den Pöbel in Schach halten." So bekundete vor dem Schöffengericht Frankfurt a. O. im Juni 1910 der Gastwirt Feldner, aber der Angeklagte v. Burgs- dorff wurde freigesprochen. Das Urteil sagte, er brauche mit dein„sozialdemokratischen Pöbel" nicht gerade den Kläger ge- meint zu haben. Ucbrigens' habe er als Amtsvorsteher berechtigte Interessen gewahrt, da Gendarm Breitenbach gemeldet hatte, daß Sozialdemokraten von Ober- und Unter-Lindow„in einer Ver- sammlung" sich unpassend benommen hätten. Das Landgericht Frankfurt a. O., das auf des Klägers Berufung im August 1910 zu entscheiden hatte, kam gleichfalls zu einer Freisprechung. Dem Angeklagten wurde geglaubt, daß, wie er angab, er gesagt habe: „So lange die Sozialdemokraten sich pöbelhaft betragen, wie neu- lich auf dem Fest, gebe ich keine Erlaubnis. Sehen Sie zu, daß die Leute sich anständig betragen." Hiermit soll er berechtigte Interessen gewahrt haben, weil auf einem ähnlichen Fest Dinge vorgekommen seien, die die Bezeichnung„pöbelhaft" verdienten. Auf die vom Kläger eingelegte Revision hob das Kammergericht das Urteil nebst den Feststellungen auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Festzustellen sei, wieso Sozialdemo- kraten„neulich auf dem Fest" sich„pöbelhaft" betragen hätten. Am Landgericht Frankfurt a. O. hatte die Strafkammer I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Parthey das zu prüfen und danach zu entscheiden. Auf das Ergebnis mutzte man ge- spannt sein, da die Lindower Sozialdemokraten vor dem ersten Stiftungsfest des„Frischauf" gar kein„neulichcs Fest" gemacht hatten. Der Kläger, vertreten durch Rechtsanwalt Falkenfeld (Frankfurt), beantragte nunmehr, den Angeklagten wegen ver- lcumdcrischer Beleidigung zu bestrafen. Wider besseres Wissen habe Herr v. Burgsdorff behauptet, die Sozialdemokraten be- kämen kein Lokal wegen pöbelhaften Betragens. Zwei Lokale seien dem Verein nur auf Anregung v. Burgsdorfss und seines Gendarmen verweigert worden. Der Angeklagte äußerte in seiner Vernehmung sich zunächst darüber, wo die Sozialdemokraten herkämen. Der Radfahrer- verein„Frischauf" sei einer von den vielen, die meist sozialdemo- kratisch seien. Sie besorgen, sagte der Angeklagte, bei den Wahlen den Meldedienst; soviel weiß man ungefähr.— Vorsitzender: Das wissen Sie?— Angeklagter: Ja, man weiß ja ungefähr, wer in Lindow Sozialdemokrat ist. Die Eingesessenen sind arme Leute; » » i das sind Bürgerliche. Sozialdemokraten sind die Fabrikarbeiter, Idie Bergleute; das sind Zugezogene. In Lindow wurden bei der Reichstagswahl 240 Stimmen abgegeben, davon waren ISO sozial- demokratisch. Die Sozialdemokraten fallen ja nicht vom Himmel; also sie müssen irgendwoher gekommen sein.— Auf die Frage, warum er den Bierausschank nicht genehmigte, antwortet An- geklagter mit einer breiten Auseinandersetzung über„das ganze Milieu", das ihn dazu veranlaßt habe. Er erzählt etwas von einem„anderen Fest", bei dem„sich unpassende Situationen er- gaben, weil Männer und Frauen durcheinander im Freien ihr Bedürfnis verrichteten."— Vorsitzender: Was war das für ein Verein?— Angeklagter: Ein Arbeiterverein.— Vorsitzender: Sie nehmen an, er sei sozialdemokratisch?— Angeklagter: Ja, daL kommt da alles durcheinander.— Eine Klage des Gendarmen über jenes Fest habe, fährt Angeklagter fort, ihm vorgelegen, als für das Fest des„Frischauf" die Schankerlaubnis nachgesucht wurde! Auch„das ganze Milieu" habe ihm da wieder vorgeschwebt, und nun habe er die Erlaubnis versagt. Den Verein„Frischauf" habe er noch gar nicht gekannt; er habe„nur gewußt, daß auf ähnliche Erscheinungen, wie bei dem letzten Fest, zu rechnen war". Angeklagter behauptet, die Sozialdemokratie habe in Lindow und Umgegend„den Ton verschlechtert", und vornehmlich der Kläger sei daran schuld. Den Beamten der Grube habe wegen des Streiks der Waffenschein bewilligt werden müssen; auch sei die Hinbeorderung von zehn Gendarmen nötig geworden. Ein Er- suchen des Rechtsanwalts Falkenfeld, bestimmte sozialdemokratische Vereine zu nennen, die sich„pöbelhaft" betragen haben sollen, wird vom Angeklagten beantwortet mit der Erzählung, es gebe Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts über Radfahrer- vereine, die für Wahlen tätig gewesen seien.„Er kennt überhaupt keine sozialdemokratischen Vereine!" erklärt Rechtsanwalt Falken- feld. Der Angeklagte wiederholt zum soundsovielten Male seine Versicherung:„Ja. man weiß ziemlich genau, wer Sozial- demokrat ist." Die Aeußerung des Herrn v. Burgsdorff gegenüber dem Gastwirt Feldner, die den Gegenstand der Klage bildet, wird von dem Angeklagten in der schon früher behaupteten Form wiedergegeben. In der Beweiserhebung bleibt Zeuge Feldner bei seiner oben mitgeteilten abweichenden Tarstellung. Dafür, daß ein„sozialdemokratischer Berein" sich„pöbelhaft" betragen hätte, wird trotz umständlichster Zeugenvernehmung nicht der Schatten eines Beweises erbracht. Gendarm Breitenbach bekundet, er habe dem Amtsvorsteher von dem Verein berichtet, bei dem „Männer und Flauen durcheinanderliefen und ihr Bedürfnis verrichteten". Was für ein Verein das war, weiß auch er nicht. Er meint, ein Arbeiterverein sei's gewesen, doch hat Zeuge für „sozialdemokratische Tendenzen" keinen Anhalt. Angeklagter fragt, ob seit Anwachsen der Sozialdemokratie der Ton in Lindow sich gebessert oder verschlechtert habe. Gendarm Breitenbachs Gut- achten lautet prompt:„Verschlechtert!" Ueber jenen Verein teilt Rechtsanwalt Falkenfeld mit, es sei ein bürgerlicher Radfahrer- verein; die Mitglieder seien meist Kriegervereinler. Gendarm Breitenbach gibt an, ungehörig habe der Verein„Frischauf" sich bei einem Gastwirt Merker in Finkenherd benommen, als der ihnen seinen Saal nicht geben wollte. Zeuge behauptet, man ver- weigere den Sozialdemokraten die Lokale wegen ihres„Tones".� Als er einen bestimmten Fall nennen soll, antwortete er:„Das ist so Rederei." Die Frage, ob er nicht mal dem Gastwirt Hof- schild Borhaltungen gemacht habe, daß er bei sich einen sozialdemo- kratischen Bercin dulde, wird vom Gericht als„unerheblich" zurück- gewiesen. Hofschild selber ist als Zeuge geladen, ist aber wegen Krankheit ausgeblieben. Zu Gastwirt Merkcr ging der„Frischauf" erst 1910, lange nach v. Burgdorffs Aeußerung über„sozialdemo- kratischen Pöbel". Als Zeuge sagt Merker, er habe den bei ihm einkehrenden Herren den Saal verweigert, weil er nichts ohne seine Frau tun dürfte. Man habe ihm geantwortet, dann solle er „sein Bier allein saufen". Daß er es mit einem sozialdemo- kratischen Verein zu tun hatte, habe er gar nicht gewußt. Gast- Wirt Kleist aus Ober-Lindow bekundet, er wisse nichts von schlechtem Betragen der Sozialdemokraten. Sein Lokal werde übrigens von ihnen fast gar nicht besucht, und ihm sei es auch lieber, daß bei ihm nicht Politik getrieben werde. Zwei Mitglieder des Vereins, die Arbeiter Boehme und Rabe, bezeichnen den„Frischauf" als nicht politisch. Boehme weiß vom Gastwirt Hofschild, daß dem der Gendarm„das Haus eingerannt" habe, er solle den Verein nicht dulden. Hofschild habe dem Verein nachher tatsächlich das Lokal verboten, sich aber geweigert, den Grund anzugeben. Hierzu erklärt Angeklagter v. Burgsdorff: Wenn Klagen über Radau in Lokalen kommen, sage ich das den Wirten. Es ist möglich, daß ich dann mal sage:„Bei Ihnen ist's auch nicht ganz all right; wenn die Vereine sich nicht gut betragen, dann schmeißen Sie sie raus!" Man weiß ja ungefähr: das sind Sozialdemokraten, die machen Radau. Da nimmt man den Wirt in die Ecke und sagt: „Schmeißen Sie sie raus!" Mit dieser wertvollen Feststellung schließt die Beweiserhebung. Ihr Ergebnis wird gewürdigt vom Rechtsanwalt Falkenfelb. Für den Kläger führt er aus, erwiesen sei das Wort„sozialdemo- kratischer Pöbel", aber auch der Ausdruck„pöbelhaftes Betragen" beleidige schon. Kennzeichen der„Pöbelhaftigkeit" sei nicht die Armut, sondern eine niedrige Gesinnung. Eine solche finde man gelegentlich auch bei angesehenen Konservativen, wie das Beispiel des Herrn v. Hammerstcin gelehrt habe. Daß die Sozialdemokraten wegen„pöbelhaften Betragens" kein Lokal bekommen, davon F.i nichts erwiesen. Als erwiesen sei anzusehen, daß man Gastwirt Hofschild, der eventuell noch zu laden sei, zur Lokalverweigcrung gedrängt habe. Wider besseres Wissen habe v. Burgsdorff ge» sprachen; das sei keine Wahrung berechtigter Interessen mehr. Er sei empfindlich zu strafen; auch sei das Urteil zu veröffentlichen, vor allem in seinem Amtsbezirk, damit dort jeder sehe, daß vor Gericht auch ein Sozialdemokrat gegen einen Amtsvorsteher ge- schützt werde. Der Verteidiger Rechtsanwalt Püschcl beantragte Freisprechung, weil v. Burgsdorff in gutem Glauben gehandelt und berechtigte Interessen gewahrt habe. Auch der Angeklagte selber ergriff noch das Wort. Er berief sich darauf, daß doch auch die„Deutsche Tageszeitung" sozialdemokratische Abgeordnete „pöbelhaft" genannt habe. Falkenfeld antwortete, diese Zeitung stehe eben auf derselben Kulturhöhe wie Herr v. Burgsdorff. Das Urteil lautete wieder auf Freisprechung. Glauben müsse man den) Angeklagten die von ihm selber behauptete Form seiner Aeußerung über die Sozialdemokraten. Erwiesen sei allerdings nicht, daß sie sich„pöbelhaft" betragen hätten. Wie könne aber der„Frischauf", da er ja nur Sportverein sei, sich getroffen fühlen! Uebrigens habe der Amtsvorsteher in gutem Glauben berechtigte Interessen gewahrt, da er auf Ruhe und Ordnung zu halten habe. Dieses Urteil wird gewiß mit dazu beitragen, daß bei den kommenden Rcichstagswahlen die Sozialdemokratie in Lindow und Umgegend noch sehr viel mehr Anhänger findet.«Sozialdemo» traten fallen ja nicht vom Himmel!" sagt Herr v. Burgsdorff. «mtltcher Marktbericht der städttlchen Marktballen-DireMon über den Großhandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: F l e i! ck: Zufuhr genügend, Geschäft rege, Preise unverändert. Wild: Zusubr ohne Bedeutung, Geschäft leblos, Preise fest. G e s l ü g« I: Zusuhr nicht ausreichend, Geschäst lebhast, Preise anziehend. Fische: Zusuhr mäßig, Geichäst ruhig, Preise wenig verändert. Lutter und Käse: Geschäst ruhig. Preise unverändert. Gemüie, Obit und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Gcichäsl schleppend, Preise wenig verändert. 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BerlagSanstalt Paul Singer U-Co.. Berlin SM Ar. 66. 28. Jahrg. Ktillige des.Amiirls"- Mchc« flr Sßr», 5«dm. Mi. l8. Mörz 1911. Vorort- f�acbncbtcn. Halbe(Kreis Teltow). Sonderbare NechtSbcgriffe. Besondere Leistungen in der Aus- legung von Gesetzen vollbringen häufig die Gemeindevorsteher. Welche Rechte diese Herren sich oft onmaszen gegenüber den Bürgern, sollte man im Lande der„gesicherten Rechtsgarantien" und der kommunalen„Selbstverwaltung" kaum für möglich halten, obgleich nian in dieser Beziehung manches in Prcutzen-Deutsch- land gewöhnt ist. Wir teilten vor«inigen Tagen mit, das; bei der am 3. d. M. in Halbe stattgefun denen Gemeindewahl in der 3. Klaste sich eine Stichtoahl notwendig �nachte zwischen den Kandidaten Sperling und Schneider. Letzterer wurde jedoch, nachdcnr er in der 3. Klasse in die Stichwahl kam, in der 1. Klasse zum Gemeindever- tretcr gewählt. Obglcieh nun der Wahlvorstnnd Stichwahl zwischen Sperling und Schneider proklamiert hatte, fand am 10. März die Stichwahl nicht zwischen, diesen beiden Kandidaten, sondern zwischen Sperling und dem Posto orsteher Viegand statt. Letzterer er- hielt allerdings die Mehv.heit und wurde als gewählt proklamiert entgegen den Bcstimmungt'n der Landgemeindeordnung. ' Gegen diese Wahl wurl'e Einspruch erhoben und zwar in einem ausführlichen Schriftsatz. Der Herr Gemeindevorsteher, der den Einspruch in �Empfang nahm, war darüber allem Anschein nach wenig erfreut. Bei dieser Gelegenheit äußerte er Ansichten, die mit dem Gesetze wirklich nichr in Einklang zu bringen sind. Er kündigte dem Beschwerdeführer an, wenn es vor dem Kreisausschuß zum Prozeß käme, er beantragen würde, daß derselbe vorher die Kosten hintcrl.gcn muß, denn nachher wäre doch nichts mehr zu holen! Dem Herrn schwebte dabei wahrscheinlich vor, weil bei einigen Privilegierten die Steuern so schwer zu erlangen sind, daß damit auch andere Bürger ähnliche Neigungen an den Tag legen könnten._ W erfolgtem Umbau erstrecken sich meine bedeutend vergrosserten Verkaufsräume auch über die ganze erste Etage, deren Erofinung heute stattfindet mit der FRÜHJAHRS- AUSSTELLUNG FERTIGER Henren- Bekleidung Durch deren Herstellung im eigenen Betriebe, durch Einkauf der Stoffe und Zutaten unter Umgehung des Zwischenhandels direkt in den Fabriken, bin ich in der Lage ein qualitativ hervorragendes Kleidungsstück, als vollwertigen Ersatz für Maßbekleidung unvergleichlich preiswert zu liefern.— Besondere Sorgfalt soll in den neuen Räumen der Anfertigung nach Mass gewidmet werden, die ersten Meistern unterstellt ist, und von langjährig bewährten Arbeitskräften ausgeführt wird. 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Damals, als mein Freund auf dem Schloßhof lag, sang man einen frommen Choral. Ich habe seitdem viel an mir vorüber fliehen gesehen. Auch Sie haben mir viel von Ihren Idealen erzählt: ich verstehe diese Sprache nicht mehr. aber Ihre Begeisterung, das Kampfesfeuer, das Sie und Ihre Freunde beseelt, und vor allem jenes Lied, das man damals, im vorigen Jahre, sang, als die Arbeiter durch die Straßen zogen, das alles gibt mir das Gleichgewicht, die Gewißheit an den Aufstieg der Menschen. Nun setzen Sie sich an unser Spinett und spielen Sie mir Ihr Lied. Sie wissen doch welches?-- Es wurde mir schwer, die Fassung zu bewahren. In den leisen Harfentönen des altmodischen Tafelklaviers erfüllten die Rhythmen der Marseillaise das kleine Stübchen. Und dort im Bett war es still geworden.—— Die„Beliebtheit" der Berliner Kriminalpolizei. Kriminal» kommissar Klinghammer veröffentlicht im Fachblatt„Die Polizei" einen längeren Artikel„Kriminalpolizei und Perbrechertum", und der„Berliner Lokal-Anzeiger", der nach solchem Stoff stets mit beiden Händen greift, um sich am Alexanderplatz noch mehr„liebes Kind" zu machen, druckt die Schilderung nach. Der Artilel enthält im wesentlichen lauter olle Polizeikamellen mit Anklang an ver- brecherische Ereignisse aus neuerer Zeit. Daß sich auch das Ver» brechertum in der Weltstadt gemausert hat und statt urit Ballon- mutze und halbseidenem Knüpfluch in Lack und Claque ernhergeht, ist allbekannt. Leider hat sich die Polizei nicht auch gemausert. Sie läßt an Rückständigkcit mchiS zu wünschen übrig. Von Interesse sind nur drei eingestreute Bemerkungen» mit denen der Verfasser seine Arbeit würzt. So heißt es an einer Stelle: „Bei aller Unfreundlichkeit, die bedauerlicherweise gegen die Polizei im allgemeinen besteht. erfreutsichderKriminal- beamte bei seinen Stachforschungen, insbesondere bei den die Oeffentlichkeit interessierenden Kapitalverbrechen, einer g e- wissen Beliebtheit beim Publikum. Mancher macht ihm„heimlich" bemerkenswerte Mitteilungen mit der Bitte, ihn nicht zu benennen, da er nichts„mit dem Gericht" zu tun haben wolle. Ach nein, Herr Kommissar. Das verhält sich doch wohl etwas sehr anders. Wer heimlich Angaben macht und mit der Behörde nichts zu tun haben will, der beweist damit den Drang, ein Ver- brechen gesühnt zu sehen, will aber den bekannten Polizeischerereicn und der Möglichkeit auS dem Wege gehen, daß er vielleicht noch in Ungelegenheiten wegen falscher Anschuldigung kommt. Wie man daraus eine„gewisser Beliebtheit" herleiten kann, ist uns wirklich nicht recht klar. Seitdem noch dazu der geniale Herr von Jagow am Ruder ist, machen neunzig Prozent der Berliner Bevölkerung um alles, was Berliner Polizei heißt, einen großen Bogen. Herr Klinghammer erwähnt sodann die ebenfalls allbekannte Tatsache, daß Polizeibeamto sich vielfach in Verkleidung bewegen, über die aus naheliegenden Gründen näheres nicht gesagt werden könne. Als Kuriosum wird bemerkt, daß„vielfach andere Polizei» beamte den als„Strolch" verkleideten Kriminalbeamten für den Verbrecher hielten und den wirklichen Verbrecher als„Besser- gekleideten" au» den Händen des Beamten befreiten." Das ist nur ein neues UnfähigkeitSzeugmS. Hat dem: der Polizei°„StroIch" nicht seine Erkennungsmarke in der zerlumpten Westentasche? Ueber die Art der Verkleidung könnte Herr Klinghammer ruhig aus der Schule plaudern. Wir wenigstens wissen sehr genau, unter welcher Maske sich Polizeigentlcmen in unsere politischen Versammlungen und in die Wahlvereine einschleichen. Bemerkenswert ist endlich die Erwähnung, daß im Jahre 1910 bei Razzien von Patrouillenbcamten tausend Personen wegen Obdach- tost gleit aufgegriffen und dem Polizeigewahrsam zugeführt worden sind. Gegen solche armen Teufel ist der Polizeikampf, besonders wenn er mit Hilfe von Polizeihunden geführt wird, nicht schwer. Herr Klinghammer hätte lieber verraten sollen, wieviele Verbrecher im Jahre 1910 nicht gefaßt worden sind. Das würde vielleicht der Zahl tausend sehr nahe kommen. Urber eine bevorstehende Einigung zwischen Stadt und Straßen« bahn brachten gestern„Lokal-Anzetger" und„Tag" nähere Mit- teilungen, in welchen genau die Bedingungen angegeben waren, die der Einigung zugrunde liegen. Dem gegenüber wird aus dem Rat- hause berichtet: „Der„Lokal-Anzeiger" und der„Tag" bringen in ibrer Morgen- ausgäbe die Nachricbt, daß eine Einigung zwischen der Stadt Berlin und der Großen Berliner Straßenbahn erzielt sei und daß der Magistrat sich in seiner heutigen Sitzung mit der Beratung des Ver- lragsenlwurseS befassen würde. Diese Mitteilungen beruhen aus Er- findung. Weder ist der Magistrat mit einem solchen Vertragsentwurf befaßt worden, noch habe» die Verhandlungen mit der Großen Berliner Straßenbahn bereits zu einer vollständigen Einigung ge- führt. Auw die in dem Artikel gegebene Darstellung der angeb- ticken Grundlagen der angestrebten Verständigung entspricht nicht den Tatsachen." Der alte„Botanische Garten" an der Potsdamerstrotze, dessen Verwandlung in einen öffentlichen Park der Stadt Berlin ein bißchen lange auf sich warten laßt, soll einen neuen Namen er- halten. In der letzten Sitzung der Parkdeputation wurden für die beabsichtigte Umtaufung verschiedene Borschläge gemacht: angeregt wurden die Bezeichnungen„Kleistpark".„Cecitiengarden",„Berliner Bürgcrpark". Der Name„Kle ist park", der im Hinblick auf die bevorstehende hundertste Wiederkehr des Todestages des Dichters Heinrich von Kleist vorgeschlagen wurde, fand schließlich allgemeine Unterstützung. Von einer Beschlußfassung wurde aber zunächst noch abgesehen. Hoffentbich kommt die Deputation nicht noch nach- träglich auf die Idee, dem Magistrat doch lieber die Bezeichnung „Ceciliengavten" zu empfehlen. Was hat mit diesem Part, den die Stadt dem Königlich preußischen Fiskus teuer hat abkaufen müssen, die Gattin des Kronprinzen zu tun? In dem Bericht über die Stadtverordnetenversammlung heißt eS in den Darlegungen des Genossen Leid über das Miersschulwesen. daß in 492 Klassen 90 100 Kinder sich befinden. Diese Ziffer ist auf einen Hörfehler des Berichterstatters zurückzuführen; es handelt sich um 19 100 Kinder. Die helfende Polizei. In Nr. 62 teilten wir mit. daß ein Zeitungshändler F. in der Nacht vom 1. zum L. März in der Landsbergerstraße hilflos aufgefunden, durch einen Schutzmann nach der Rettungswache in der Keibelstraße gebracht und von dort als„Betrunkener" dem Polizeigewahr- s a m im Präsidialgebäude am Alexanderplatz zugeführt worden war. Die Angehörigen des alten Mannes hatten nach ihm ge- sucht und schließlich am 4. März auch die Polizei von seinem Ver- schwinden in Kenntnis gesetzt, aber erst am 6. März konnte auf Grund der polizeilichen Ermittelungen ihnen der Bescheid gegeben werden, daß er schon seit dem 2. März sich im Virchowkranken- Haus befand. Die Polizei selber hatte ihn dem Kranken- hause überwiesen, nachdem er im Polizcigetvahrsam am Morgen des 2. März als hilfsbedürftig erkannt worden war und ein herbeigerufener Arzt eine durch Schlaganfall verursachte Lähmung festgestellt hatte. Heute haben wir mitzuteilen, daß Herr F. im Birchowkrankenhause inzwischen verstorben ist. Jm Anschluß hieran wiederholen wir die schon in Nr. 62 aufgeworfene Frage: Warum wurde der angeblich„betrunkene" Mann dem Polizeigewahrsam zugeführt? Nach den Vereinbarungen zwischen Magistrat und Polizeipräsidium hätte er entweder einem Krankenhause übertviesen oder bis auf weiteres auf der Rettungswache behalten oder nach seiner Wohnung gebracht werden müssen. Seine Wohnung konnte bekannt sein, denn er hatte Legitimationspapiere mit Adresse bei sich, die von seinen Angehörigen im Krankenhause bei ihm vorge- funden wurden. Die Polizei allerdings hat den Angehörigen erst am Abend des 6. März mitzuteilen vermocht, wo der Kranke geblieben war. den sie selber in der Nacht des 1. März samt seinen Legitimationspapieren in Gewahrsam genommen und am 2. März samt seinen Legitimationspapieren dem Virchowkranken- Hause zugeführt hatte. Daß die Polizei über das ganze Vor- kommnis schweigt, wundert uns nicht. Aber will nicht der Magistrat sich darüber äußern, warum die zwischen ihm und dem Polizeipräsidium getroffene Vereinbarung hier nicht inne ge- halten worden ist? Eine MillionSrln auS der Malson de santd entflohen. Die bekannte Schöneberger Privat-Jrrenanstalt hat mit Millionärinnen entschieden Pech. Ende vorigen JahreS wurden hier, wie wir be- richteten, zwei schwerreiche Damen interniert. Davon ist die eine, eine 78jährige RechtSanwaltSwitwe, wenige Wochen später in der . Schutzhaft" der Anstalt gestorben. Die andere, ein dreißigjähriges Fräulein Anna Kolle, ist nun nicht etwa auch gestorben, sondern sehr lebendig geworden, nämlich entflohen. Tie Entflohene befindet sich außerhalb der ungastlichen schwarzweißen Grenzpfähle in Sicherheit. Schwer verletzt wurde am gestrigen Freitag mittag die Lljährige Verkäuferin Hedwig Wichmann. Tilstter Straße 35 wohnhaft. Bor dem Hause Königsberger Straße 35 stieß das Gefährt eines Korb- warenhändlerS auS der Müllerstraße mit einem Bierwagen zu- sammen. Bei dem Anprall zerbrach der Scheerbaum des Korb- wagen? und da« Pferd, das durch die Deichsel de? BierwagenS an der Brust verletzt worden war, stünnte in rasendem Tempo die KönigSbcrger Straße entlang nach der Frankfurter Allee zu. Vor dem Hauke Frankfurter Allee 83 ritz daZ Tier die Ver- käuferin Hedwig Wichmann um und stürmte über sie hinweg. Dabei erhielt daS junge Mädchen einen Hufschlag gegen den Kopf, sodaß sie außer einer Gehirnerschütterung eine klaffende Wunde unterhalb des linken AugeS davontrug. Fräulein W. wurde nach der Unfallstation in der Warschauer Straße geschafft und von dort auS in bedenklichem Zustande nach dem KranlenhauS am Friedrichshain übergesührt. Das Pferd raste durch die Glasscheibe eines PntzwarengeschäftS in dem Hause Frankfurter Allee 86, stieß zum Entsetzen der im Laden befindlichen Verkäuferinnen gegen den Ladentisch und gewann dann durch eine Glasillr, die auf den Haus- flur führte, das Freie. Auf dem Hofe brach daS Tier, daS durch die Glasscherben zahlreiche Schnittwunden erhalten hatte, jedoch zu- sammen und mußte von der Abdeckerei fortgeschafft werden. Ein eigenartiger Unfall ereignete sich am gestrigen Freitag vormittag gegen Iv'/z Uhr in der Seestraße. Dort wollte der Kauf- mann Alfred Heschel,"Seestraße 64 wohnhaft, einen Straßenbahn- wagen besteigen. Als er auf dem Perron stand, verlor er jedoch plötzlich das Gleichgewicht und stürzte rückwärts von dem Wagen herab. Mehrere Passanten schafften den leblos auf dem Boden Liegenden nach der Unfallstation in der Lindower Straße, wo der Arzt feststellte, daß H. einem Herzschlage erlegen sei. Die Leiche wurde nach dem Schauhause übergeführt. Opfer des Verkehrs. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich Donnerstag nachmittag in der Greifswalder Straße. Dort der- suchte vor dem Hause Nr. 39 der Kaustnann Wilhelm Paczewski auS der JablonSkistr. 4 einen Straßenbahnwagen der Linie 62 während der Fahrt zu verlassen. Beim Abspringen strauchelte er und stieß mit dem Kopf gegen einen in diesem Augenblick vorüber- fahrenden Arbeitswagen und wurde mit solcher Gewalt zurück- geschleudert, daß er blutüberströmt und bestmmngsltf auf dem Stra�enpflasier Negen BlicB. Der Verunglückte, der eine schwere Gehirnerschülterung und mehrere klaffende Kopfwunden erlitten hatte, wurde nach dem Krankenhause Friedrichshain übergeführt. Unfall am Ostbahnhof. Ein Betriebsunfall mit tödlichem Aus- gang hat sich gestern vormittag auf dem Ostbahnhof ereignet. Dort war gegen)<>11 Uhr der dreißigjährige Bahnarbeiter Robert Heidrich aus der Littauerstr. 19 mit dem Anstreicheii einer Lokomotive beschäftigt. Als er von der Maschine auf den Tender klettern wollte, glitt er aus und stürzte kopfüber in einen da- neben befindlichen Reparaturschacht. Besinnungslos wurde der Verunglückte von Bahnbeamten herausgezogen und nach der Un- fallstation in der Warschauerstraße gebracht, wo er kurz nach seiner Einliefcrung an den Folgen des erlittenen Schädelbruchs starb. Die Leiche wurde nach dem Schauhause überführt. Drogisten und Apotheker. In der letzten Plenarsitzung der Drogisteniunung, der über 900 Drogengeschäfte Berlins und der Vororte angehören, wurde der Beschluß gefaßt, zu Heilzwecken nur solche Ware zu verkaufen, die den Ansprüchen des kürzlich zur Ausgabe gelangten Deutschen Arzneibuches entspricht. Veranlaßt zu dieser Selbstverpflichtuna wurden die Mitglieder durch das Vor- gehen des Wirtschaftsverbandcs Deutscher Apotheker, der zu agitatorischen Zwecken wiederholt die Behauptung aufstellte, daß die Waren der Drogengeschäfto an Güte denen der Apotheken zurückstehen. Die Neue freie Volksbühne hielt Donnerstag in der Neuen Philharmonie die Generalversammlung der Baufondsbeteiligten ab, die einstimmig den Antrag des Vorstandes annahm, das neue Volkskunsthaus am Bülowplatz im ehemaligen Scheunenviertel zu errichten. Das Terrain wird nunmehr erworben und der Bau durch Baumeister Kaufmann, dem Schöpfer des Hebbeltheaters, errichtet werden. Arbeiter- BildungSschule. Sonntag, den 19. März, abends 7Vz Uhr, im großen Saale des Gewerkschaftshauses, Engelufer 1ö: Ludwig- Thoma- Abend. Vortrag: Friedrich Stampfer. Rezitation: Fritz Richard vom Deutschen Theater: Tante Frieda.— Lausbubeiigeschichten.— Kohlenwagen.— Rede des bayerischen Reichstagsabgeordireten Ludwig Sebastian Filger.— lieber die Kunst.— Der Krieg.—» Ueber Preußen.— Zahlreicher Besuch wird erwartet. Dachstuhlbrand in Berlin N. Ein großer Dachstuhlbrand be- schäftigte die Feuerwehr gestern früh in der Chorinerstraße 28, rm Norden Berlins. Das Feuer war erst spät bemerkt worden, sodaß bei Ankunft der Löschzüge der Dachstuhl des Hauses fast in ganzer Ausdehnung schon in Flammen stand. Um die Nachbar- gebäude zu schützen, ließ Brandinspektor Wende sofort mit drei Schlauchleitungen Wasser geben. Die Löschmannschaften drangen über eine mechanische Leiter und über die Treppen himveg gegen den Brandheerd vor, doch wurden die Löscharbeiten durch starke Rauchentwicklung sehr erschwert. Es mußte daher auch ein Rauch- schutzhelm in Anwendung genommen werden. Während der Ab- löschung erkrankte der Feuermann Dörfer an den Folgen der Raucheinatmung. Er mußte nach der nächsten Unfallstation ge- schafft werden, von wo aus er dann nach seiner Wohnung entlassen wurde. Die vollständige Ablöschung des Feuers und die Auf- räumung der Brandstelle dauerte volle vier Stunden. Der Dachstuhl ist fast völlig zerstört. Ueber die Brandursache konnte nichts er- mittelt werden. Die Gasvergiftung im Hause Oldenburger Str. 8, über die wir dieser Tage berichteten, ist nicht in der Wohnung des Droschken- sührers Brandt, sondern in einer anderen Familie des Hauses passiert. Zcngengesuch. Personen, welche gesehen haben, wie am 14. d. M., früh um 7 Uhr, in der Perleberger Straße, Ecke Feldzeugmeister- straße, ein junger Radfahrer von einer Autodroschke überfahren wurde, werden gebeten, ihre Adresse bei M. Wacker, Müllerstr. 7a, vorn 4 Treppen, abzugeben. Vorort- JSacbncbten. Eharlottenburg. Sind Staatsbetriebe wirkliche Musterbetriebe? Dieses Thema stand auf der Tagesordnung einer am Dienstag im Lokal Spandauer Bock tagenden öffentlichen Versammlung. Wie wichtig das Thema speziell für die Staatsarbeiter ist, bewies die stattliche Zahl der Anwesenden, die den großen Saal bis auf den letzten Platz füllten. Der Redner, Reichstagsabgeordneter Genosse Severin g, führte aus: Der stolze Ausspruch:„Staatsbetriebe sollen Musterbetriebe sein!" wurde vor mehr als 20 Jahren getan. Wenn man aber heute, nach so langer Zeit, fragt, ist der Ausspruch im Interesse der Arbeiter verwirklicht worden, dann muß man mit einem glatten„Nein!" antworten. Gewiß sind die Staatsbetriebe Musterbetriebe, aber nur für die Herren Leiter und oberen Beamten. Während diese Herren wiederholt gute Gehalts- aufbesserungen erhalten haben, für sie überhaupt wahre Sinekuren geschaffen sind, sind die Löhne der Arbeiter jedoch noch genau so miserabel wie früher. Wenn wirklich einmal von den Arbeitern höhere als von der Verwaltung festgesetzte Akkordlöhne erzielt wur- den, sind diese sogar noch herabgesetzt worden. Im Reichstag wird von den Regierungsvertretern immer gesagt, es können keine höheren Löhne als in der Privatindustrie gezahlt werden. Dabei vergessen die Herren aber, daß die Privatindustrie, auf die sie soviel Rücksicht nehmen zu müssen glauben, bedeutend höhere Löhne zahlt. Redner ging dann auf die Arbeitsverhältnisse ein. Diese sind genau so schlecht wie die Löhne. In keinem staatlichen„Musterbetrieb" ist ein Normalarbeitstag von 8 Stunden eingeführt, im Gegenteil sind die Arbeitszeiten noch länger wie in manchem Privatbetrieb. Die Behandlung der Arbeiter ist ebenfalls eine ganz miserable. Die Herren Vorgesetzten kommandieren und der Arbeiter hat, genau wie beim Militär, zu gehorchen. Zwar werden alle diese elenden Zustände immer und immer wieder von den Vertretern der Sozial- demokratie in den. Parlamenten an den Pranger gestellt und Abhilfe verlangt; dies allein genügt jedoch nicht, auch die Staatsarbeiter müßten endlich einmal einsehen, daß auch in ihren Betrieben eine Erstarkimg der gewerkschaftlichen Organisation unbedingt nötig ist. Aber nickt nur der gewerkschaftlichen, sondern auch der politischen, der sozialdemokratischen Parteiorganisation, müssen sich die Staats- arbeiter anschließen, dann werden auch in Preußen-Deutschland endlich andere Einrichtungen geschaffen werden. Nach einem Schluß- wort des Vorsitzenden Genossen Will wurde die Versammlung mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen. Gchönederg. Arbeiter-Wochen- oder Monatslöhne. In der letzten Sitzung des Magistraisausswusses zur Neuregelung der Arbeiterverhältnisse wurde über die Frage debattiert, ob es sich empfiehlt, für Arbeiler Woiben« oder Monatslöbue einzuführen. Die Arbeiter haben Wochenlöhne beantragt, bisher bestehen Tagelöhne. Wie berichtet wird, kam eS über das Entlohnungssystem zu eingebenden Erörterungen. ES sollen „Erwägungen" augestelll und bei Nachbargemeinden noch persönliche Rücksprache genommen werden. Die Frage, ob Tage- oder Wochenlöhne— auf Monatslöhne verzichten die Arbeiter— sollte eigentlich für sozial und gerecht denkende Verwaltungen ohne große Untersuchungen zugunsten der Wochenlöhne ent- schieden werde». Diese EntlohnungSart ist für Arbeiter bei den heutigen Verhältnissen zweifellos die beste. Sie sichert den» Arbeiter ei» regelmäßiges Einkommen und gibt damit die Möglichkeit, einen geordnete» Haushalt zu führen. Monatslöhne können bei den relativ niedrigen Lohnsätzen nicht als gut bezeichnet werden. Richtiger wäre es, wenn der Magistrat anstatt langer Er- wägungen und Rückfragen sich zum System der Wochenlöhne er- klären würde und damil den größeren Gemeinden Groß-BerlinS mit diesem EnilohnungSsystem voranginge. Kleinere Gemeinden— wir nennen nur Adlershof— haben dieses Lohnsystem schon eingeführt. «ugenblicklich stehen die Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter SchonebergS unter denen verschiedener Nachbargemeinden. Es wird sich auch bei der Frage zeigen, ob der Kommunalliberalismus seinen Idealen treu bleiben will oder ob er es vorzieht, im Fahrwasser des verknöcherten Berliner Kommunalliberalismus zu segeln. Die Wiederholung deS heiteren BoNSunterhaltungsaiendS der Stadt Schöneberg findet am Sonntag, den 19. d. M., abends 6 Uhr, in der Aula der Hohenzollernschule. Beiziger Straße, Ecke Eisenacher Straße statt. Billetts a 30 Ps. sind in der Spedition, Martin- Lutherstr. öl und im Konsumladen Apostel-Paulusstr. 40 zu haben. Rixdorf. Ein Straßcnbahnunfall, bei dem ein Kind schwer zu Schaden kam. trug sich vorgestern abend gegen l/26 Uhr vor dem Hause Hermannstraße 222 zu. Dort lief der vierjährige Sohn Wilhelm des Weisestraße 13 wohnhaften Schmiedes Schmold unmittelbar vor einem in der Richtung nach dem Hermannplatz fahrenden Straßen- bahnwagen der Linie 58 auf das Gleis und wurde, obwohl der Fahrer Gefahrbrcmse anwandte und Gegenstrom gab. umgerissen. Der Knabe, der unter den Vorderperron, aber vor den Schutzrahmen zu liegen kam, erlitt einen Bruch des rechten Oberarmes und eine Quetschung des linken Unterarmes. Nachden, dem Venmglücklen von einem in der Nähe wohnenden Arzt ein Notverband angelegt worden war. wurde er nach der elterlichen Wohnung gebracht. Eltcrnvercin für Sport und Wandern. Am Sonntag, den 19. März, abends 6 Uhr, findet in Hoppes Festsälen, Hermann- straße 49 ein Lichtbildervortrag über Wanderungen durch die Mark Brandenburg statt. Vortragender Ferd. Krause. Nach dem Vortrag gemütliches Beisammensein. Parteigenossen und Genossinnen sind mit ihren Kindern hierzu freundlichst eingeladen. Eintritt für Er- Wachsens 20 Pf. Lankwitz. Einen herben Verlust hat unser Wahlverein durch den von der Proletarierkrankheit dahingerafften Genossen Paul Dehnst erlitten. Seit Jahren dem Borstand angchörig, war er einer der nie Rastenden. Er widmete seine ganze Kraft der Sache des Proletariats. Nun hat ihn die tückische Krankheit uns entrissen. Die Beerdigung findet Sonntagnachmittag 3 Uhr vom Friedhof in Gr.-Lichterfelde- Ost, Langestraße, aus statt. Lichtenberg. Stadtverordnetensltznng. Bei Festsetzung der Baukostenbeiträge für die Ausführung von Rcgenwasserleitungcn in neuen Straßen für das Rechnungsjahr 1911 wurde beschlossen, dieselben auf 40 Wt. pro laufenden Meter festzusetzen.— Ferner lag ein Antrag des Magistrats gemäß§ 53 des Kommunalabgabengesetzes vor, wo- nach diejenigen nachweisbaren Mehrausgaben einer Gemeinde für das öffentliche Volksschulwesen, welche durch Einwohner erwachsen, die in einer anderen Gemeinde in Fabrikbetrieben usw. beschäftigt sinid, von diesen Gemeinden zurückverlangt werden können. Berlin soll mit 120 490,50 M. zu den Schulunterhaltungskosten für 1910 herangezogen werden. Trotzdem die Genossen Grauer und Brühl darauf hinwiesen, wie widersinnig es sei, jetzt schon wieder mit einem derartigen Antrag zu kommen, nachdem erst vor kurzem die Klage vom Vorjahr zurückgezogen worden ist. Unsere Genossen wiesen weiter darauf hin, baß, wenn Berlin eine Gegenrechnung aufstelle, Lichtenberg zweifellos in gleicher Höhe wieder an Berlin zurückzahlen müsse. Trotz alledem stimmten die Bürgerlichen gc- schloffen für die Magistrntsvorlage. Alsdann sollte endlich die definitive Beschlußfassung über die Errichtung eines städtischen Krankenhauses und die Bewilligung der hierfür erforderlichen Baukosten erfolgen. Trotzdem nun schon seit dem Jahre 1898 die Frage der Erbauung eines Krankenhauses die frühere Gemeindevertretung sowie jetzige Stadtverwaltung bc- schäftigt hat, war man jetzt auf bürgerlicher Seite der Meinung, daß die Vorlage zwecks eingehenden Studiums bis nach der Etatsberatung zurückgestellt werden solle. Nachdem unsere Ge- nossen Brühl, Düweil und Grauer den Herren eingehend an der Hand der bisherigen Verhandlungen und gefaßten Beschlüsse nachgewiesen, daß doch ein nochmaliges Zurückstellen einer Ver- schleppung gleichkäme, gaben die Herren die ausdrückliche Erklärung ab, daß bestimmt sofort nach Erledigung des Etats über die Krankenhausvorlage entschieden wird. Die Auffassung der bürgerlichen Herren illustrierte Herr Sanitätsrat Dr. Wolf in recht drastischer Weise, indem er u. a. betonte, daß,„nachdem es nun- mehr 13 Jahre gedauert habe, könne es wirklich nicht auf weitere 2 bis 3 Wochen ankommen". Wenn nach dieser Ansicht auch bei den späteren Beschlüssen verfahren wird, dann allerdings wird der Fortgang des Baues ganz den Vorbereitungen hierzu entsprechen. Von regem Interesse für das kommunale Leben zeugte der große Andrang zu der am Dienstagabend in Paul Schwarz' Konzertgarten tagenden Volksversammlung, in welcher die Ge- nossen Grauer und Brühl veftrierten. Die engherzige Kirch- turmspolitik der bürgerlichen Mehrheft in der Frage der Ein- verleibung Rummelsbnrgs in Lichtenberg, die heuchlerische„Selbst- berwaltungsschutzkomödie" bei der vorgeschlagenen Erhöhung des Einkommensteuerzuschlages, sowie das plan- und ziellose Verhalten bei der Zweckverbandsfrage, gaben dem Genossen Grauer Gelegen- Heft zu scharfer Kritik. Den Mangel jeder sozialen Fürsorge, so u. a. die skandalösen Volksschulverhältnisse, die nicht zu recht- fertigende Beschränkung der Bettenzahl des zu errichtenden Kranken- Hauses und der Umstand, daß im Etat neben den städtischen Werken, die als milchende Kuh benutzt werden, nur zwei Titel figurieren, die Ueberschüsse liefern, nämlich der Steueretat und die Friedhofsverwaltung, charakterisierte der Redner unter leb- hafter Zustimmung der Versammlung. Genosse Brühl be- leuchtete dann in eingehender Weise die Redensart der Bürgerlichen, als seien sie die wirklichen Arbeiterfreunde. Die ?lblehnung der Arbeitslosenversicherung, der Errichtung eines städtischen Arbeitsnachweises, der Verkürzung der Arbeitszeit von 10 auf 9 Stunden für die städtischen Arbeiter, der obli- gatorischen Gewährung oer Differenz zwischen Lohn und Kranken- geld sowie der Regelung von Anstcllungs- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter, die Verhöhnung und Beleidigung der Nichtsteuer- zahler charakterisieren sie als Erzfeinde der Arbeiterklasse. Und doch hätte die„Intelligenz",„Sparsamkeit", und der„Fleiß", womit die bürgerlichen Herren immer prahlen, nicht hingereicht, um aus den einst armen Schluckern die heute schwer reichen Leute zu machen, wenn dies nicht der Bienenfleiß der arbeitenden Be- völkerung bewirkt hätte. Die imposante Versammlung gab ihrer Meinung in folgender einstimmig angenommenen Resolution Aus- druck:„Die am 14. März im Lokal des Herrn Schwarz tagende, äußerst zahlreich besuchte Volksversammlung nimmt mit Ent- rüstung Kenntnis von dem rüständigxn, unsozialen Verhalten der bürgerlichen Stadtverordneten. Insbesondere verurteilt die Ver- sammlung die Haltung der bürgerlichen Stadtverordneten zu ollen Fragen, welche für die weitere Entwickclung und den Ausbau Lichtenbergs unbedingt notwendig sind. Di« heutige Versammlung fordert ganz entschieden den weiteren Ausbau der Volksschule, die Schaffung eines Krankenhauses und einer Volksbadeanstalt, Ein- fiihrung der kommunalen Arbeitslosenversicherung und eines kommst nalen Arbeitsnachweises, Neuorganisation der Waisen- und Armenpflege und Erziehung der Frauen zu allen kommunalen Ehrenämtern. Die Versammlung erklärt sich mit dem Verhalten der sozialdemokratischen Stadtverordneten bollständig einverstanden. Insbesondere erklärt die Versammlung, daß zur Durchführung dieser Forderungen die sozialdemokratischen Stadtverordneten mit Recht für die Erhöhung des Kommunalzuschlages gestimmt haben. Die Versammelten verpflichten sich, mit aller Energie dahin zu wirken, daß es bei den bevorstehenden Stadtverordnetcnwahlen dahin kommt, daß auch die zweite Wählerklasse im Stadtparlament durch die Sozialdemokratie vertreten wird." Ober-Schöneweide. Aus der Gemeindevertretung. In der am Dienstag statt- gefundenen Sitzung der Vertretung kam es zu recht lebhaften Aus- einanberfetzungen zimschen Pen Vertretern unserer Partei und den Direktoren der Jndustriewerke als Vertreter der ersten Wähler- klaffe. Den Anlaß dazu gaben die von unseren Vertretern gestellten Anträge betr. Arbeitslosenversicherung und Arbeits- Nachweis. Die Begründung, welche die Genossen M u t h und G r u n o w den Anträgen gaben, war ganz und gar nicht nach dem Herzen dieser Herren. Wenn auch Herr Peierls zur Arbeits- losenversicherung erklärte, daß auch die Fabrikanten der Angelegen- heit sympathisch gegenüberständen, so war ihnen doch ein einer Gemeindeverwaltung unterstellter Arbeitsnachweis ein Stein des Anstoßes. Die Würdigung, die nun die Genossen Muth und Grunow den Gepflogenheiten der Arbeitsnachweise der Arbeitgebcrvereini- gungen mit ihren schwarzen Listen, sowie dem E i n st e l- lungsbureau des hiesigen Kabelwerks, als auch den gelben Gewerkschaften zuteil werden ließen, brachte die Herren vollends in Harnisch. Herr Direktor Engel verlangte für die ehrkränkenden Aeußerungen des Genossen Grunow über die Gelben nach einem Ordnungsruf. Bei dem sich darauf entspinnenden Dis- kurs ereignete sich ein ganz eigenartiger Zwischenfall. Ein ganz unschuldiger Zwischenruf eines Zuhörers, der übrigens von nie- inand verstanden war, gab dem Gemeindevorsteher Veranlassung, den Rufer mit Aufwand großen Schneids unter Androhung der Polizeigewalt hinauszuweisen; ein Vorgehen, welches Genosse Muth gebührend festnagelte. Der Herr Vorsteher war anscheinend durch die vorausgegangenen Debatten nervös geworden. Das Be- nehmen der Herren war überhaupt recht sonderbar. So brachte es der Direktor Benz'fertig, dem Genossen Muth bei seinen Aus- fühungen Schluß! zuzurufen, was ihm allerdings eine Abfuhr ein- trug; offenbar verwechselte der Herr die Sitzung mit seinem Kriegerverein. Die Anträge wurden schließlich einem Ausschutz überwiesen. Markgrafpieske. Sozialdcmostatcn als Gcmeindrschöffen. Anfang September des vergangenen Jahres wählte die hiesige Gemeindevertretung den Ge« nossen Otto Graßnick zum Gemeindevorsteher, der allerdings — wie in Preußen nicht anders zu erwarten ist— nicht bestätigt wurde. Am Sonntag, den 12. März, hatte die Gemeindevertretung die Wahl von drei Schöffen vorzunehmen. Gewählt wurden die Genossen Richard Pätel, WilhelmFörster und G u st a v G lenz I. Da die Mehrheit der Gemeindevertretung aus Sozial- demokraten besteht, durste auch im Falle der Nichtbestätigung der Gewählten durch den Landrat kaum ein anderes Resultat herbei- geführt werden.— wenn wir in Preußen eine Selbstverwaltung hätten. So aber bestimmen letzten Ende? die junkerlichen Granden im Lande der„Selbstverwaltung" und demonstrieren immer aufS Neue dem Volke die Tatsache, daß eS eben nur Objekt sein darf, je- doch niemals Subjekt. Adlershof. Zu unserer gestrigen Notiz:„An Bergiftungserscheinungen verstorben", teilen uns die Angehörigen des verstorbenen Eigen- tümers Fleck mit, daß der Tod durch Herzschlag eingetreten sein dürfte. Zu dieser Annahme neigen die Angehörigen, weil der Ver- storbene an Krämpfen gelitten hat und außerdem jahrelang von einem nervösen Leiden geplagt war. Das Ergebnis der Obduktion steht noch aus. Vermehrung der Gemeindeverordncten. Der Beschlutz der Ge- meindevertretung, die Vertretung um drei Gemeindevcrordnete zu vermehren, ist nunmehr veröffentlicht. Die Ergänzungswahlen sollen in den nächsten Tagen stattfinden. Die bürgerlichen Parteien, hauptsächlich die Grundbesitzer und Freisinnigen, befinden sich da- durch, daß die Sozialdeniokratie sich an der Wahl in allen drei Abteilungen beteiligen will, in der größten Aufregung. Ihr Angst- gefühl um Beeinträchtigung ihrer Machtstellung wird in einem Eingesandt der„Adlershofer Zeitung" am besten illustriert:„In der zweiten Abteilung kommt es jetzt darauf an, ob sie der Sozial- demokratie ausgeliefert werden soll oder nicht. Geschieht das jetzt, so ist in sechs Jahren die Mehrheit der Gemeindevertreter sozial- demokratisch. 2x5— 19 Sitze; gegen 5(erste Abteilung)+ 3 (Schöffen)+ 1(Bürgermeister)= 9 Sitze. Wer das nicht wünscht, muß dafür eintreten, daß möglichst eine Zersplitterung der Stimmen vermieden wird." Unsere Parteigenossen werden bei der Wahl ihre Pflicht erfüllen. Hoffentlich gelingt es, die zweite Abteilung zum Besitzstand der Sozialdemokratie zu machen. n Spandau. In eine sehr gefährliche Lage geriet, so berichtet der„Spand. Anzeiger", gestern früh eine Arbeiterkolonne in der Nähe des Bahn- Hofes Spandau-West. Auf dem hochliegenden Bahndamm zwischen Klosterstratze und Bahnhof Spandau-West werden Erdarbeiten und Neubauten von Gleisen ausgeführt. Die dabei beschäftigten Ar- beiter, zum größten Teil Polen, sind in mehrere Kolonnen ein- geteilt, die unter Aufsicht eines Schachtmesstcrs stehen. Eine Kolonne von etwa 20 Arbeitern, die am Westende des Bahnhofs arbeitete, war im Begriff, eine 20 Meter lange Schiene über die Gleise zu tragen, als der 6.28 Uhr auf dem Hauptbahnhof fällige Personenzug aus Hannover mit voller Geschwindigkeit durch den Bahnhof und gerade auf die Kolonne zufuhr, die sich mit der schweren Schiene auf dem Gleise befand. Weil die aus dem Westen kommenden Fern- züge bis zur Fertigstellung des Ferngleises noch auf dem Vorort- gleise fahren, so war es dem Zugführer erst möglich, die Arbeiter zu sehen, als sich der Zug ihnen auf etwa 50 Meter genähert hatte; er ließ sofort die Dampfpfeife ertönen und setzte die Luftdruck- bremse in Tätigkeit. Jetzt erst wurde die Kolonne gewahr, in welcher Lebensgefahr sie schwebte. Während einige vor Schreck im Augen- blick nicht wußten, was sie tun sollten, ließen andere die Schiene los und brachten sich durch Seitensprünge in Sicherheit.?lls der Zug hielt, lag die Schiene zum Glück so, daß sie kein Unheil weiter anrichten konnte. Von den Arbeitern sind zwei Mann ver- letzt worden, dem einen sind die Beine gebrochen, der andere hatte eine große Fleischwunde am Fuße; sie wurden von ihren Kollegen aufgehoben, die Böschung hinuntergetragen und nach dem Schladitz- scheu Restaurant gebracht, wo sie bald darauf ärztlichen Beistand erhielten. Später wurden die Verunglückten nach dem städtischen Krankenhaus übergeführt. Die Schuld an dem Unfall trifft den Schachtmeister, der der Vorschrift zuwider die Kolonne ohne Auf- ficht arbeiten ließ. Anstatt sie durch Hornsignale auf das Nahen eines Zuges aufmerksam zu machen, befand er sich in dem kritischen Augenblick bei einer anderen Kolonne. Das Weiterarbeiten wurde vorläufig untersagt._ Jugendveranstaltungen. Zelilendorf lDannseebabn). Heute, Sonnabend, den 18. März, findet abends 81/, Uhr bei W. Mieck, Karlstraße 12, ein Lichtbildervortrag über I „Eine Wanderung in den kleinen und kleinsten Lebewesen" statt. Referent: Ewald Eimer. Nachdem gemütliches Beisammensein. KretreUglSle Gemeinde. Sonntag, den lg. März, vormittag» S Uhr, Pappel-Allee 15—17 und Rixdorf, Jdealpassage: Freireligiöse Vorlesung.— Vormittag» 11 Uhr, Kleine Franksurter Straße 6: Vortrag von Herrn Pros. Dr. A. Gehrte:„Die Talen der Selbsthilse". Damen und Herren al» Gäste sehr willkommen Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter CE. H. 29, Hamburg), Filiale Berlin 3. Heute abend 8>t, Uhr im Gewerkschaftshause, Engeluser Nr. tS, Saal 1: Mitgliederversammlung.— Filiale Berlin 9. Sonntag, vormittag» 10 Uhr. bei PiotrvwSki. Berlichingen» straße 14: Mitgliederversammlung.— Filiale Berlin 10. Sonnlag, vormittag» 10 Uhr, bei Faber, Slephanstr.il: Mitgliederversammlung.— Filiale Eharlottenburg. Heute abend 8st, Uhr im Volksbause, Rosinenstr. 3: Mitgliederversammlung.— Filiale Rixdors. Heute abend Lst, Uhr bei Tabbcrt, Steinmehftr. 114: Mitalieberversammlung.— Filiale Tegel. Heute, S'/i Uhr: Mitgliederversammlung bei Fritz KakieS, Berliner Str. 92. HEUTE.Ä.EROFFNUNG unseres neuen Berliner Geschäftes zugegen zu sein! Dann würden Sie sich rasch davon überzeugen, eine wie reiche Auswahl wir Ihnen bieten, wie billig man bei uns kauft, und welche gute Bedienung Sie bei uns finden. .MM-'«- W�MA MWM.M'!-. �7".—■rr/:■>•:&**■■ u- '9f-:-,-?:�,--;..,.:.„•, sind die besten n. wohlschmeckendslen! Jede Sorte hat ihren natürlichen Eigengeschmack! Man verlange ausdrücklicti MAGGI5 Suppen. Mebr als 30 Sorte f HAdai „MAQGIs gute, sparsame KOehe" Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort(fettgedruckt) 29 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen S rMg-; das erste Wort (fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. 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