Dr. TL Hbonncmcnfs-Bedingung«!)! ■BonnementS■ Preis pränumerando S «lericliahrl. 330 m., monatl. 1,10 Mk,. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Psg, Sonntaas. nmnmer mit illustrierter Sonntags. Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg, Poll. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preislisie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Tänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweig, vlchellit täglich auBer üioatas«. 88. Ifthrg. Vevlinev Volksblntt. v?e lnsertionz-Lebilhl' vekrägt für die sechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum bO Psg,, für politische und gewerlschaftliche Vereins- und Vcrsammlungs-Anzeigcn SO Psg. „Klelne Hnxetgcn", das erste(fett. gedruckte)«ort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- slellcn-Anzeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 10 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse: „Sczialdtinolirat Rerlin", Zcntralonyan der fozialdcmokratt fehen partci Deutichlandd. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IW Nr. 1983. Expedition: 8Al. 68, Lindcnetrasae 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Die Berliner Cuitbarkeifsfteuer. In einer ihrer nächsten Sitzungen wird die Stadtverordneten- Versammlung von Berlin sich zu entscheiden haben, ob in Berlin fortan eine Lustbarteitssteuer erhoben werden soll oder nicht. Der Plan des Magistrats, die Berliner Bürger mit einer solchen Steuer zu beglücken, hat eine lange Vorgeschichte. Zuerst im Jahre 1826 beabsichtigte der Magistrat im Einver- ständnis mit der Stadtverordnetenversammlung eine Lustbarteits- steuer einzuführen und zwar sollte sie zur Deckung eines in der städtischen Armenkasse vorhandenen Fehlbetrages dienen, der durch die Zurückziehung einer bis dahin gewährten jährlichen Krön- dotation entstanden war. Die stäotischen Behörden stützten sich bei ihrem Vorgehen auf eine Bestimmung des Allgemeinen Landrechts von 1794, nach der die Kommunen unter Genehmigung des Staates berechtigt seien, den Luxus, die Ostentation und die öffentlichen Belustigungen ihrer wohlhabenden Einwohner mit ge- mäßigten Steuern zu belegen. Der Minister des Innern ver- weigerte aber seine Zustimmung u. a. auch deswegen,„weil die Abgabe von Tanzlustbarkeiten in Berlin wegen mancher Verhält- nisse der Residenz zur Einführung nicht geeignet ist". Dieser Entscheid schreckte indessen die städtischen Behörden von einer weiteren Verfolgung ihrer Pläne nicht ab. Im Jahre 1839 unterbreiteten sie der Regierung den erweiterten Plan, den Besuch der kgl. Theater, der Museen, der Sternwarte usw. mit Steuern zu belegen. Die Regierung verweigerte auch zu solchem Steuern zu belegen. Die Regierung verweigerte auch zu diesem Vorgehen ihre Zustimmung. In den Jahren 1836 bis 37 verhandelten dann— diesmal auf Veranlassung der Regierung— die beiden städtischen Körperschaften von neuem über den Erlaß einer Lustbarkeitssteuer. Von seiner früheren Absicht, auch die Theater zu besteuern, war der Magistrat jetzt zurückgekommen. Infolge davon konnte das Steuerauf- kommen nur so gering veranschlagt werden, daß man beschloß, zu- nächst auf solche Steuer zu verzichten. Im Verlauf der VerHand- lungen erklärte der Magistrat u. a.:„Uebrigcns sind Schauspiele in einer großen Residenzstadt wie Berlin unentbehrlich, und wenn an anderen Orten ncch seitens der Einwohner Opfer zu deren Er- Haltung gebracht werden, so könnte man sie hier wohl nicht noch als Einnahmequelle benutzen wollen." Nach diesen Verhandlungen ruhte die Angelegenheit in Berlin für eine längere Weile. Dafür erging am 9. März 1849 ein Ministerialreskript, welches die oben angeführte Bestimmung des Allgemeinen Landrechts nach der Richtung einschränkte,„daß die Erhebung solcher Abgaben von geselligen Vereinen und von Belustigungen der ärmeren Volksklassen nicht ge- stattet werden darf". Trotzdem nun durch die Ministerialverfügung von 1849 wegdn ihrer einschränkenden Wirkung das Aufkommen aus kommunalen Lustbarkcitssteuerordnungen erheblich herabgemindert wurde, kam die Idee des Erlasses einer solchen Steuerordnung im Schoß der Berliner städtischen Behörden immer noch nicht zur Ruhe. 1853 und 1882 bis 84 fanden wieder umfängliche Be° ratungen statt, doch hielt man es schließlich auch in diesen Jahren für geraten, eine solche Steuer nicht einzuführen,„teils weil die Steuer nicht zweckmäßig sei und man durch ihre Einführung Miß. vergnügen erregen werde, teils weil es zweifelhaft erscheine, ob man die königlichen Theater heranziehen könne, und die Ein- führung einer Vergnügungssteuer bei einem Ausschluß jener In- ftitute schon vom Standpunkt der Gerechtigkeit nicht haltbar wäre". Zu neuen Verhandlungen kam es 1894; doch auch diese führten zu einem negativen Ergebnis. Die gemischte Deputation, der die Beratung übertragen war. sprach der Steuer die innere Berech- tigung ab und führte aus, daß man bei einem Haushalt von über 86 Millionen Mark nicht mit so kleinen Steuererträgen rechnen sollte. Speziell der damalige Kämmerer Maaß lehnte es ab,„sich auf eine solche Steuer einzulassen, die einen veratorischcn Charakter habe, die in einer Riesenstadt wie Berlin kaum zu kontrollieren sei, wo Hinterziehungen vorkommen würden und ein Angebertum geweckt und großgezogen würde". Die Bevölkerung Berlins umfaßte am 31. Dezember 1893 1 692 193, am 31. Dezember 1919 2 948 999 Einwohner. Im gleichen Zeitraum ist der städtische Haushalt von 86 Millionen Mark anf 313 485 342 M. gestiegen. Was der Kämmerer Maaß in den kleineren Verhältnissen von 1894 als undurchführbar glaubte ab- lehnen zu müssen, hält der neue Herr, Dr. Steiniger, heute für möglich und erstrebenswertk Ein Fehlbetrag von etwas über 5 Millionen Mark, der in 1993 zu drohen schien, veranlaßt« die Majorität der Stadtverordneten- Versammlung im Februar 1995 ihr Einverständnis zur Einführung einer Lustbarkeitssteuer zu geben, allerdings mit der Einschrän. ckung.„daß dabei kulturellen und gemeinnützigen Bestrebungen in schonender Weise Rechnung zu tragen sei". Die auf Grund dieser Resolution eingebrachte Magistratsvorlage wurde jedoch am 4. Oktober 1996 mit überwältigender Majorität abgelehnt, ins- besondere deswegen, weil sich inzwischen wieder hohe Ueberschüsse ergeben hatten.— Schon diese gedrängte Geschichte der früheren Beratungen z�igt klar, daß mehrere Generationen von Mitgliedern der städ- iischen Verwaltung bei aller Hinneigung zu einer LustbarkeitS- steuer im entscheidenden Moment vor ihrer Einführung immer wieder zurückgeschreckt sind, weil man selbst unter den einfacheren Verhältnissen von damals die Verantwortung nicht glaubte über- nehmen zu können. Diese Erfahrungen hinderten den Magistrat von 1919 aber nicht, als die Ueberschüsse wieder kleiner und kleiner vatden und demgemäß die Gefahr wuchs, über 199 Proz. Zuschläge zur Staatseinkommensteucr hinausgehen zu müssen, am 23. Mai 1919 eine Vorlage einzubringen, die an Härte alles bisherige weit hinter sich ließ. Nicht nur war von irgendivelcher schonenden Be- rücksichtigung kultureller und gemeinnütziger Bestrebungen keine Rede, sondern die Vorlage verlangte das geradezu Ungeheuerliche, daß auch alle unentgeltlichen Lustbarkeiten eine Pauschalsteuer zahlen sollten, deren Höhe abgestuft war nach dem Flächeninhalt der Räume, in welchen diese Lustbarkeiten stattfinden. Die sozialdemokratische Fraktion setzte dem Entwurf von Bc- ginn an schärfsten Widerstand entgegen und erklärte, daß sie in diesem Widerstand auch dann beharren würde, wenn es im Laufe der Beratungen gelänge, alle Härten und Ungerechtigkeiten der Magistratsvorlage zu beseitigen. Tie Absicht, die Steuer von den Veranstaltern der Lustbarkeiten auf die Konsumenten überwälzen zu lassen, würde sich außer bei den teuren Plätzen der Mode- theater nur zu einem kleinen Teil verwirklichen lassen. In diesem letzteren Fall wäre die Wirkung aber doppelt bildungsfeindlich und schädlich, weil die Uebcrwälzung natürlich nur auf die schwächsten Schultern erfolgen würde. Teils würden die Massen der nicht wohlhabenden oder der unbemittelten Bevölkerung auf das emp- findlichste in ihren Bildungsbestrebungen und dem naturgemäßen Verlangen eingeengt, Körper und Geist nach der Woche Mühe und Arbeit einige Stunden erholen zu können, teils würden die ohne- dies kärglich besoldeten Gastwirtsgehilfcn und Schauspieler die Zeche zu zahlen haben. Soweit die Uebcrwälzung aber nicht er- folgen würde, und das würde in der überwiegenden Zahl der Fälle Platz greifen, würde die Steuer zu einer Sondersteuer für das Gastwirtsgcwerbe werden, das gerade schon durch die Finanzreform auf das schwerste geschädigt sei. Die sozialdemokratische Kritik, wirksam unterstützt von einigen bürgerlichen Stadtverordneten, fand lautes Echo in der Berliner Bevölkerung. Seit Jahrzehnten ist keine lokale Steuerordnung so erregtem Widerspruch begegnet. Je mehr die Einzelheiten der Vorlage in ihrer Tragweite bekannt wurden, um so heftiger schwoll die Protestbewegung an. Der Ausschuß, dem die Vorberatung der Vorlage übertragen war und der sich seiner Aufgabe in 17 zum Teil lang ausgesponnenen Sitzungen unterzog, wurde mit Ein- gaben der interessierten Kreise geradezu überschwemmt. In ein- wandfreier Weise wurde in zahlreichen Petitionen dargelegt, daß die Bestimmungen der Magistratsvorlage geradezu ruinös auf viele Gewerbebetriebe wirken müßte. Dem Gewicht all dieser Gründe konnten sich weder die bürger- lichen Stadtverordneten noch die Magistratsvertreter entziehen, so sehr sie'auch von dem Wunsch und dem Streben beseelt waren, im Interesse der Niedrighaltung der Einkommensteuerquote möglichst viel aus der neuen Steuerordnung herauszuwirtschaften. Die Vorlage nach den Beschlüssen des Ausschusses bietet deshalb ein an- deres Bild als die Magistratsvorlage. Alle unentgeltlichen Veran staltungen bleiben steuerfrei; die ungerechte Raumsteuer tritt, außer für Kabaretts, nur subsidär ein, und auch nur dann, wenn die Entrichtung eines Geldbetrages in dem für die einzelnen Lustbar. leiten festgesetzten Mindestbetrage von den Besuchern beansprucht wird. Diese Mindestbeträge beginnen für Tanzbelustigungen bei einem Eintrittsgeld von 1 M., für Theatervorstellungen bei einem Eintrittsgeld von mehr als 1 M., für kinematographische Vor. stcllungen bei einem Eintrittsgeld von 9,25 M., und für alle aw- deren Lustbarkeiten bei einem Eintrittsgeld von 9,49 M. Soweit der Preis von Programmen den Einheitssatz von 9,29 und Garderobengelder den Einheitssatz von 9,39 M. über st eigen, gelten sie als Eintrittsgeld. Die Steuer beträgt bei einem Ein- trittsgeld bis 5 M. im Durchschnitt 19 Proz., für kinemato- graphische Vorstellungen macht sie dagegen 29 bis 25 Proz. aus. Bei Kabaretts wird für jeden Veranstaltungstag eine Pauschal- steuer berechnet, die bei Räumen mit Grundflächen von hundert Quadratmeter oder weniger 15 M. beträgt, und für jede weiteren angefangenen 59 Quadratmeter um 19 M. steigt. Die Freien Volksbühnen sind, wenigstens in ihrer gegen- wärtigen Gestaltung, von der Steuer befreit. Dagegen hat man es trotz der Bemühungen der sozialdemokratischen Ausschußmit. glieder ausdrücklich abgelehnt, andere den Bildungsbestrebungen breiterer Volksschichten dienende Institute wie Urania, Schiller. theater u. a. auszunehmen. Die Einnahme aus der Steuer wird auf 1 bis 2 Millionen Mark veranschlagt(bei einem Etat von 313 Millionen Mark!). Zur Durchführung muß ein neues Steuerbureau mit einem Vorsteher, Sekretären, Assistenten und zahlreichen Kontrolleuren eingerichtet werden! Die Hoffnung, noch im Plenum der Versammlung Milderungen durchzusetzen, muß als ausgeschlossen gelten. Nach den umfäng- lichen Beratungen im Ausschuß wird die Vorlage entweder in der Form der Ausschußbeschlüsse angenommen oder sie wird abgelehnt werden. Nach dem Verlauf der Etatsberatungen scheint die An- nähme sicher zu sein. Geschlossen wird gegen die Steuer nur die sozialdemokratische Fraktion stimmen. Selbst die sozial-fortschritt- liche Gruppe ist für die Steuer. Das Streben, nicht über 199 Proz. Zuschläge zur Einkommensteuer hinauszugehen, ertötet eben bei den bürgerlichen Gruppen jedes Gefühl für Recht und Billigkeit, jede Fähigkeit,, selbst die schwerwiegendsten gegen die Vorlage sprechenden Gründe voll zu würdigen. Von diesen Gründen seien hier nur die zwei wichtigsten noch kurz erwähnt. Unsere Vertreter hatten von Beginn an die Forderung auf- gestellt, daß vor Eintritt in die Spezialberatung die Frage der kgl. Theater geklärt werde. Die kgl. Theater werden aus Mitteln der Llllgemeinheit unterhalten und bedeuten im Kunstleben unserer Stadt nichts. Diese frei zu lassen und private künstlerische Theaterunternehmungen, die schwer um ihre Existenz zu kämpfen haben, durch die Steuer zu schädigen, sei eine Unmöglichkeit. Die Voraussetzung für die Steuer wäre daher die Möglichkeit der Heranziehung der beiden kgl. Institute sein. Solche Klar- stellung wurde indessen vor Beginn der Einzelberatung nicht beliebt. Immerhin wurde, wie hier noch einmal dick unterstrichen sei, von den Magistratsvcrtretern und allen Ausschußmitgliedern betont, daß man die Steuer nur erheben werde, wenn auch die kgl. Theater heranzuziehen seien. Im Laufe der Beratungen wurde dann von einflußreicher Stelle die Klarlegung verlangt, „bevor wir an das Plenum gehen". Allein in der letzten Sitzung des Ausschusses war wieder ein völliger Umschwung eingetreten: Zunächst wollen wir die Steuer im Plenum beschließen, dann erst besteht die Möglichkeit, authentische Auskünfte einzuziehen. So soll also dem Plenum zugemutet werden, eine Steuer zu be- schließen, ohne zu wissen, ob der Beschluß je zur Durchführung gelangen wird. Widersinnigeres ist kaum auszudenken! Unmöglich wäre es nicht, daß hinter diesem, allgemein über- raschenden MeinungSumschlvung der Wunsch steckt, hinter der Szene etwas zu kuhhandeln: Läßt du meinen Steuererhcber bei dir herein, kauf ich dir dein altes Theatergebäude ab! Wenn auch die regierende Partei im Abgeordnetenhause sich zunächst gegen den Verkauf des alten Opernhauses ausgesprochen hat, so ist ein Betrag von 8 Millionen Mark sür die Krone doch eine so hübsche runde Summe, daß, käme der Handel zustande, der bekannte sanfte Druck sicherlich nicht ausbleiben würde. Freilich, ob die General» intendantur selbst um solches Preises willen das Prinzip, daß die kgl. Theater zu einer Steuer nicht herangezogen werden können, aufgeben wird, erscheint durchaus zweifelhaft. Der'Zweite Grund, der jetzt mehr als je gegen die Steuer spricht, ist die finanzielle Lage Berlins und der Vororte. Dem schlechten Beispiel der westlichen Vororte folgend, hat der Etats« ausschuß unter dem heftigen Widerspruch selbst der Magistrats- Vertreter durch die bedenklichsten Mittel den Etat noch einmal mit 199 Proz. Einkommensteuer balanciert. Niemand ist im Zweifel, daß dies zum letzten Mal möglich gewesen ist. Je« breiter die Lücken, die man jetzt entstehen läßt, um so höher die Summen, die man in den kommenden Jahren zur Ausfüllung be- nötigen wird. Kommt gar der Zweckverband zustande, so ist eS mit der bisherigen Finanzgebarung von Groß-Berlin überhaupt zu Ende. Durch Einführung der Lustbarkeitssteuer entsteht für Berlin aber«ine andere große Gefahr. Heute ist Berlin für Groß-Berlin noch Bildungs- und Vergnügungszentrum. Die neue schikanöse, vexatorische Steuer wird aber die Veranstalter von Lustbarkeiten, soweit sie nicht an bestimmte Räumlichkeiten gebunden sind, in die Vororte treiben. Tort wird man sie mit offenen Armen auf- nehmen. Berlins Beispiel zu folgen und etwa auch Lustbarkeits- steuern einzuführen, werden die Vororte hübsch bleiben lassen, hat doch Schöneberg am 1. April 1992 feine Lustbarkeitssteucr auf- gehoben,„weil ihr Ertrag im Verhältnis zu der ungeheuren Arbeit und zu den Kosten der Einziehung zu gering war und weil sie eine Belästigung des gesamten Publikums darstellt". Von welchem Standpunkt man auch die verschiedenen Bcstim- mungen der Steuerordnung ansehen mag, überall wird man auf die schwersten Bedenken stoßen, Bedenken, die in allen früheren Beratungen bereits eine Rolle gespielt und die Einführung schließ- lich verhindert haben, während man jetzt unter ganz veränderten und weit ungünstigeren Verhältnissen leichten Herzens die Ein» führung wagen will. Wie die Dinge jetzt liegen, ruht die Hoffnung breiter Schichten der Berliner Bevölkerung, von der ihr drohenden vexatorischen Sonderbesteuerung verschont zu bleiben, bei dem kgl. Haus- Ministerium bezw. der Krone. Ein Schauspiel für Götter! Schon bald nach der Einbringung der Vorlage am 11. Juni 1919 höhnte die„Kreuz-Zeitung": „Man hat. wenn man diese Stcuerdebatte liest, fast den Eindruck, als bekämpfe der Liberalismus die eigenen Argumente, mit denen er die Reichssteuern der Bevölkerung in jeder Weise zu verekeln bemüht gewesen ist. Der Liberalismus ist, weil er für die reichshauptstädtische Finanzwirtschaft verantwortlich ist, in das Lager derer abgeschwenkt, denen er sonst nachsagt, sie unternähmen„Raubzüge" auf die Taschen der ärmeren Bevöl- kcrung. Auf diese Weise stellt der Kampf der Liberalen für neue Kommunalsteuern die schönste Satire auf ihren Kampf gegen die ebenfalls unvermeidlich gewesenen neuen Reichssteuern dar. Wie würde die bürgerliche Linke gemeinsam mit der Sozial- dcmokratie gewettert haben, wenn in der letzten Reichsfinanz- reform eine Lustbarkeitssteuer enthalten gewesen wäre!" Aber nicht nur die konservative Presse empfindet spöttische Freude und Genugtuung über diese Lustbarkeitssteueraktion des Freisinns; wir vor allem schulden unseren Gegnern Dank und Anerkennung. Einen besseren Agitationsstoff hätten wir uns selber für die kommenden allgemeinen Ersatzwahlen' nicht aus- wählen können. Gelangt gar am nächsten Donnerstag die Vor- läge zur Annahme, so werden wir, gleichviel was die kgl. Theater dann tun oder lassen, lachend ernten, was unsere Gegner gesät haben. König Ihevliebiaml. Ter ungekrönte König von Preußen hat es für nötig gehalten, zu Beginn der dritten Beratung des Etats im Äbge- ordnetenhause am Donnerstag der Regierung deutlich zu ver- stehen zu geben, daß sie im Begriff ist, sich seinen allerhöchsten Unwillen zuzuziehen, wenn sie ihre Haltung in der Elsaß- Lothringischen Vcrfassungsfrage nicht schleunigst ändert und das tut, was die 5ionservativen von ihr verlangen. Ja, er stellt sogar in Aussicht, daß er zu gegebener Zeit die Regierung auffordern wird, sich vor ihm zu rechtfertigen. Wir sind die letzten, die den Konservativen das Recht bestreiten, die Ver» Wendung der preußischen Stimmen im Bundesrat zu koutrol- lieren, a?er krob dieses StandßunktcZ müssen wir doch sagen, daß die überhebende Art, wie Herr v. Heyde- brand die Minister abkanzelte, direkt abstoßend wirkte. Offen- bar traf der Angriff die Regierung völlig unvorbereitet, denn die Herren Lentze, v. Dallwitz, Trott zu Solz, die den Minister- tisch zierten, sahen sich hilfesuchend und verlegen um, und in ihrer Not wußten sie nichts anderes zu tun, als schleunigst den Ministerpräsidenten rufen zu lassen, der allerdings erst nach einigen Stunden im Hause erschien. Inzwischen hatte die Debatte ihren Lauf genommen. Noch schärfer als Herr v. Heydebrand äußerte sich Abg. Freiherr V. Zedlitz(freikons.), der der Regierung direkt Mißachtung preußischer Lebensinteressen vorwarf und der Befürchtung Ausdruck verlieh, die Stimmen Elsaß-Lothringens im Bundes- rat könnten im süddeutsch-demokratischen Sinne abgegeben werden. Im Gegensatz dazu erklärten sich die Herren Dr. Friedberg(natlib,) und Fischbeck(Vp.) im wesentlichen mit der Haltung der Regierung zu der Verfassungsfrage einverstanden, während der Führer des Zentrums Abg. Dr. Borsch es für das richtigste hielt, überhaupt nicht in eine materielle Erörterung der elsaß-lothringischen Frage einzu- treten. Den Nagel auf den Kopf traf Genosse Liebknecht, als er die ganze Aktion als ein wohlvorbereitetes Spektakel- stück der preußischen Fronde gegen die Regierung nannte und darauf hinwies, daß das Streben der Rechten nicht darauf hinauslaufe, eine Verminderung des preußischen Einflusses abzuwehren, sondern vielmehr darauf, eine Vermehrung dieses Einflusses im Bundesrat zn erreichen. Endlich war Herr v. Bethmann Hollweg eingetroffen, um mit einer Energie, an der er es sonst gewöhnlich fehlen läßt, gegenüber der Rechten die Haltung der Regierung in der elsaß-lothringischen Frage zu verteidigen, den Reichs- gedankcn gegen den preußisch-junkerlichen Partikularismus iü Schutz zu nehmen und den Herren von der Rechten einige. wenn auch verklausulierte Wahrheiten zu sagen. Die selbst- mörderische Verwegenheit, mit der er— am Maße preußischer Minister gemessen— austrat, macht fast den Eindruck eines va. bungue-Spiels. Wie toll müssen es die Junker treiben, daß selbst diesem langstieligen temperamentlosen„Staats- mann" schließlich die Geduld gerissen ist! Im übrigen ist aus der Generaldebatte zum Etat die Un- Zufriedenheit über die späte Einberufung des Landtages her- vorzuheben, die in allen Reden zum Ausdruck kam und sich einem von den bürgerlichen Parteien eingebrachten, einstimimg angenommenen Antrage verdichtete, der die Einberufung des Landstags vor Weihnachten forderte. Einige Redner suchten es freilich so darzustellen, als ob nicht die Regierung, sondern die böse Sozialdemokratie wegen ihrer langen Reden an der Geschäftslage des Hauses die Schuld trage. Daß dem nicht so ist, führte ihnen Liebknecht drastisch vor Augen in einer einstündigen Rede, in der er oie gesamte innerpolitische Lage einer scharfen Kritik unterzog und die Reaktion auf allen Ge- bieten der Verwaltung kurz, aber treffend schilderte. In der Spezialberatung kam es beim Etat der F o r st- Verwaltung zu einer gründlichen Abrechnung mit dem Zentrum. Genosse S t r ö d e l kam auf die Rede des Abg. Busch vom Zentrum zur zweiten Lesung zu sprechen, worin dieser es gebilligt hatte, daß die Regierung freiorganisierte Arbeiter nicht beschäftigen wolle. Anstart den Mund zu halten und seine bezw. seiner Parteifreunds Position nicht zu per- schlechtern. versuchte Herr Busch eö mit einer Enviderung, die so ungeschickt wie möglich war, da sie im wesentlichen das bestätigte, was wir von jeher behauptet haben, daß das Zen- trum von einer wirklichen Koalitionsfreiheit nichts wissen will. Tie Abfuhr, die S t r ö b e l ihm bereitete, läßt an Gründ- lichkeit nichts zu wünschen übrig. Zeigte unser Genosse doch die Arbeiterfreundlichkeit und Heuchelei des Zentrums in ibrer niederträchtigsten Gestalt! Um einer zweiten Abfuhr aus dem Wege zu gehen, nahmen die tapferen Helden vom Zentrum, nachdem schnell noch Herr I in b u s ch das Lied vom sozial- demokratischen TerroriSmus angestimmt hatte, einen Schluß- antraa au. Recht interessant gestaltete sich die Beratung des Etats der landwirtschaftlichenVerwaltung durch das Eingreifen unseres Genossen L e i n e r t, der zum Aerger der Agrarier die wahre Lage der Landarbeiter schilderte und zum Beweis dafür aktenmäßiges Material beibrachte, das die Herr- schaften auch bei noch so heißem Bemühen nicht werden ab- leugnen können. Am Freitag soll die Etatsberatung beendet werdett. politilcbe(leberllcdt. Berlin, den 23. März 1911. Eingeborenenbedrückung und Eingeborenenschutz. Aus dem Reichstage, 23. März. Bei der heute beginnenden Beratung deS Kolonialetats stellte es sich wieder heraus, daß bei den bürgerlichen Parteien jede Spur von Opposition gegen die Kolonialpolitik vollständig verschwunden ist. Zentrum und freisinnige Partei sind heute ebenso kolonial- begeistert wie die Nationalliberalen und di« Antisemiten. Zunächst hielt Herr Erzberger seine jetzt ganz regie- rungsfreundliche Kolonialrede, so daß der konservative Herr D r ö s ch e r sagte, er hätte ihm den ganzen Kuchen aufgegessen, dann aber doch ihn nochmals vorkaute, wobei er dem Staats- sekretär in gewohnter Weise beweihräucherte. Genosse L e d e- b o u r widerlegte kurz die Dröscherschm Phantastereien, um dann die Eingeborenenpolitik der Regierung in Südwestafrika an zwei eklatanten Fällen zu beleuchten. An der Niedermetze- lung streikender Eingeborener bei Wilhelmstal zeigte er die rücksichtslose Ausbeutung der Neger durch die Unternehmer. Dann brachte er die noch immer unausgeführte Reichstags- resolution wegen Landzuweisung an die Eingeborenen zur Sprache und verlangte, daß die Regierung das Verbot der Haltung von Großvieh für die Eingeborenen aufliebe. Der freisinnige Abg. G o l l e r, dm Ledebour wegen seines Verhaltens in der Kommission angegriffen hatte, redete sich in wilden Zorn hinein, bewies aber dabei, daß er sich die Anschauungen der ausbeutungslüsternen Unternehmer über die Eingeborenen völlig zu eigen gemacht hat. Nur wenig unterschied sich von ihm der Reichsverbandsgeneral v. L i e b e r t in der Auffassung der Kolonialvolitik. Genosse N o s k e ergänzte dann die speziell über Südwestafrika ge- machten Ausführungen LedebourS durch einen Uebervlick üoer die anderen Kolonien, wobei auch er fein Hauptaugenmerk auf den Schutz der Eingeborenen gegen Ausbeutung und Ver- gewaltigung richtete. Besonders scharf rügte er das barbarische Strafsystem, das sich durch die ständige Zunahme der Prügel- strafe auszeichnet und das die ganz an mittelalterliche Rechts- auffassung gemahnende Todesstrafe für Diebstahl im Rückfall Vorsicht. AoZks betonte zum Schluß, daß die Sozialdema- kratie im Gegensatz zu den bürgerlichen Parteien den Schutz der Eingeborenen als eine Ehrenpflicht ansehe. Der Staatssekretär L i n d e q u i st erwiderte zunächst in längerer Rede die Komplimmte der bürgerlichen Politiker, um dann sich gegen die sozialdemokratische Kritik mit herzlich schwachen Gründen zu verteidigen. Einen sensationellen Eindruck erzielte er indes, nicht zwar durch seine Gründe, sondern durch zwei von einem seiner Kommissare herbeige- holte keulcnartige Stöcke, sogenannte Kirris, mit dcnm die Kaffern in Sudafrika ausgerüstet sind. Er wollte damit beweisen, daß die streikenden Transkaikaffern in Wilhelms- tal, die außergewöhnliche Stöcke, auch solche Kirris geführt haben sollen, dadurch so gefährlich geworden seien, daß die Soldaten sie mit Schieß- und Stichwaffen hätten angreifen müssen. Den bürgerlichen Politikern leuchtete dieses Knüppelargument denn auch hinreichend ein und sie riefen kräftig Bravo, als der Staatssekretär seine Rede mit der Versicherung schloß, daß die P r ü g e l st r a f e bei Negern u n e n t b e h r- I i ch sei. So war es wieder 8� Uhr geworden. Die Debatte über das Kolonialamt ging damit zu Ende. Morgen beginnt die Beratung der Einzeletats._ Der Mord an dem Arbeiter Herrmann. Die Bekanntmachung des Parteivorstandes hat die reaktionäre Presse in einige Erregung versetzt. Am possierlichsten tobt der fromme„Reichsbote", der schreibt: „Die Herren etablieren sich hiermit als ein Revolutions- t r i b u n a l, wie e? bei vielen Revolutionen geschah, das sich über die staatliche Justiz hinwegsetzte, sich vor dem Volk den An- schein gab, als wolle und müsse es dem Volk Recht schaffen, da die st a a t l i ch e I u st i z versagt.... Die richtige Antwort auf diese Attentate gegen unsere Justiz wäre die Gefangen- nähme der Vorstandsherren, welche diesen Aufruf er- lassen haben; denn auS der Ecks, wo diese Herren in der Redaktion des„Vorwärts" sitzen, ist seit Jahren all die Hetze und Auf- reizuNg hervorgegangen, von dem der Moabiter Krawall offenbar nur ein Glied ist. In dieses Nest hätte die Regierung schon längst mit fe st er Hand hineingreifen sollen, statt sich mit den von dort irregeleiteten, verhetzten Arbeitem herum- zuschlagen." Und das alleS, weil wir der Staatsgewalt helfen wollen, die Mörder Hcrrmanns der Bestrafung zuzuführen I Da kann man doch mir Wilhelm II. zitieren: Verrückt, absolut ver- rückt, verrückt wie die Märzhasen. Berfassungskommission für Elsaft-Lothringen. Der ß 23, welcher bestimmt, daß der Kaiser, während der Land- tag nicht versammelt ist, Verordnungen mit Gesetzeskraft erlassen kann, wenn das bringend notwendig erscheint, die aber außer Kraft treten, wenn der Landtag bei seinem Zusammentritt die Zustinmmng versagt, wurde debattelos angenommen. Eine längere Debatte entspann ffch über den Z 24, nach welchem die Eisenbabnen in Elsaß- Lothringen dem Reiche verbleiben und Eisenbahnen, die dem öffentlichen Verkehr dienen, nur mit Znstiinminig des Reiche? gebaut werden dürfen. Genosse Bühle weist darauf hin, daß diese Fassung eine Verschärfung des jetzige» Zu- stündes bedeute und den Städten bei dem Bau notwendiger An- schlußbahnen für den Frachtverkehr Schwierigkeiten berette. Genosse Frank führt ans, daß nach dein vorliegenden Wortlaut auch die Straßenbahnen unter diese Bestimmung fallen Ivürden. Ein Vertreter des Großen Generalstabes führt aus, daß die Zustimmimg des Reiches aus militärischen Gründen erforderlich sei.— Der Elsaß-Lothringische Staatssekretär Zarn v. Bulach tritt für die Fassung der Regierungsvorlage ein. Ein Antrag unserer Genoffen. anstatt„öffentlicher Verkehr"„Fernverkehr" zu sagen und damit den Bau von Lokalbahnen auszunehmen, wird gegen fünf Stimmen abgelehnt und die Regierungsvorlage an« g e u o m in e n. Eine längere Debatte rief der Antrag des ReichSparteilerS v. Dirksen hervor, der einen Paragraphen 24» eingeschaltet wissen will, wonach als Verkehrs- und Unterrichtssprache in sämtlichen Schulen die deutsche Sprache bestimmt wird. Ausnahmen sollen bis auf weiteres nur an solchen Schulen zugelaffen werden, in denen mehr als die Hälfte der eingeschulten Kinder nur französisch spricht und dem Unterricht in deulscher Sprache nicht folgen können. Der Antrag v. Dirksen wurde gegen die Stimmen der Nationalliberalen, Konservativen und die deS Antragstellers abgelehnt. Die Dnellforderung des kaiserliche» Statthalters. Im Anschluß an die Veröffentlichung deS in Nr. 68 des„Vorwärts" in seinem wesentlichen Teile mitgeteilten Briests des Staatsrats a. D., Vizepräsidenten des Landesausschusses und Präsidenten deS unterelsäjfischen Bezirkstages Dr. G u n z e r tat, nicht so besonders— die Frankfurter„Volksstimme" weist darauf hin, daß nicht nur in Baucrirdörferit, sondern auch in der Stadt Gießen, der Stadt der liberalen Intelligenz, mehrere hundert Fort- schrittler für den Antisenntcn stiinnlten und einige Hundert zu Hause blieben. Die Frankfurter..Volksstimme" bringt in ihrem Artikel einen interessanten Beitrag zur Beleuchtung der anti- semitischen Wahlarbcit. Sie schreibt: Von den Landortcn, zumal den reinen Bauerndörfern, er- fährt Man mancherlei, das es ohne weiteres verständlich macht, wenn in der Stichwahl die Stimmen für Beckmann teilweise fielen, statt stiegen. Da haben die Bündlcc ostelbisch gearbeitet, und der Rcichsvcrband war ihr Helfer. Zwischen Haupt- und Stichwahl wurde mit allen Mitteln des Terrorismus gearbeitet, am Stichwahltag wurden die abhängigen Wähler einfach zur Urne geführt. Unsere Partei konnte dagegen nicht aufkommen, fehlte es doch mangels einer ausgebreiteten Organisation sogar an der Kontrolle. Die Agitation war von den Antisemiten- Bündlern vor dem ersten Wahlgang gegen den Freisinn rüde betrieben worden, dann aber wurden gar alle Schleusen jedem Unrat geöffnet; Flugblätter, eines verlogener wie das andere, gingen hinaus und truppweise zogen die Agttationsredncr niederster Gattung von Torf zu Dorf, fielen mit Haufen Hand- fester Bündler in unsere Versammlungen ein; unsere Redner versuchte man in unseren eigenen Versammlungen mundtot zu machen; ein RcichSverbands-Schwätzer nach dem anderen schwadronierte stundenlang. Und immer dasselbe öde Zeug; tvie Papageien plapperte diese Sorte auswendig Gelerntes herunter; gewiß haben sie damit nicht wirkliche Agitation ge- trieben, aber sie machten unseren Genossen es unmöglich, zu sprechen. Wenn trotzdem die meisten Dörfer sich gut hielten, und wenn trotz des ungeheuerlichen Druckes auf Beamte, zumal die Dörfer in der Umgebung Gießens uns steigende Stimmen- zahlen brachten, so ist das vielversprechend. Nähere Angaben über dieses Thema bringt! unser Gießener Parteiblatt, die„Oberhessische Volkszeitung". Sie teilt dazu mit: ... Wie diesmal von dieser Gesellschaft gearbeitet und terrorisiert worden ist, das dürfte ein zweites Mal nicht mehr möglich sein!... Uns werden von verschiedenen Orten haarsträubende Dinge mitgeteilt. Den Arbeitern wurde von den antisclnitischen Bauern gedroht, daß sie ihnen keine Fuhren, mehr leisten würden, Abgabe von Butter, Milch usw. wurde verweigert. Und wer die Verhältnisse auf dem Lande kennt, der weiß, daß derartige Mittelchen heutzutage noch eine Wirkung ausüben können. Aus Leihgestern wird uns mitgeteilt, daß dort die Juden bedroht und veranlaßt wurden. nicht zur Wahl zu gehen. Es kommt ferner noch hinzu, daß den liberalen Beamten mit Denunziation gedroht wurde. Es ist gar kein Zweifel, daß sich viele von ihnen dadurch bestimmen ließen, der Wahl fernzubleiben, oder gar für den Antisemiten zu stimmen.... Die AuiisemUm haben also vielen Grund, aus ihren Sieg stolz zu sein. Daß sie durch solche Mittel noch öfter siegelt können, werden sie wohl selbst nicht erwarten. Ein Eingeständnis. Die gentrumspresse tut so. als ob die katholische Religion und Mir sie daS Panacee gegen alle leiblichen und seelischen Gebresten der Menschheit sei. Die Statistik redet anders und ferner zeigt uns jede Gerilbtstagung, daß fast alle angeklagten brüchig gc- wordenen Existenzen eine gut religiöse Erziehung ge- Nossen haben, die ihnen aber kein wirksamer Schutz auf ihrem Lebenswege geivese» ist. Selbst die verbisse» klerikale.West- deutsche Aroeiter-gettunq" in M.- Gladbach stellt die Frage:„Warum leiden s» viele Söhne gerade religiös ernst- gesinnter Eltern in ihrem Glaube» Schiffbruch?" Der Artikel beginnt: .Wer hätte das gedacht I Der junge Mann hat so brave fromme Sltem, die ihn streng religiös erzogen. Nun glaubt er auf einmal far nichts mehr, E r soll auch sonst total verkommen ein. In dieser oder ähnlicher Weise klagen mitfühlende Mütter. wenn mal wieder der Sohn streng religiSser Eltern bald nach dem Verlassen des Elternhauses den Glauben der Väter über Bord geworfen, im Sturm der Leideuschast an der Klippe Sinnlichkeit scheiterte." Das M.-Gladbacher Blatt sieht die Ursache in„Mißgriffen bei der religiösen Erziehung". In Wirklickckeit liegt ja die Ursache darin, daß die nach Wunsch der M.-Gladbacher .religiös" erzogenen Menschen nicht nur nicht im Lebenskampf bevorzugt, sondern im Gegenteil benachteiligt sind. Mit Trostiprüchen, wie:.Wenn die Not am größten, ist Gott am '-»ckisten", ist im WirlschaftSkamps herzlich wenig anzufangen. Der VoltSinund hat den Spruch ja auch in treffender Weise umgemünzt: Wen» die Not am größten, ist der Gerichtsvollzieher ain nächsten l—__ Agrarische Arbeiterfürsorge. Di« ostelbischen Agrarier haben ein neues Mittel gegen die Arbeiternot auf dem Lande entdeckt. Sie wollen den Arbeitern aus den lv est l i ch e» Provinzen Gelegenheit verschaffen, beim Bau des Masnrischen SchiffahrtSkanalS zu arbeiten. Nach Fertigstellung des Kanals würden, meinen sie, die Arbeiter ans den ostprenßischen Gütern Beschäftigung suchen. Der Landwirtschaftliche Zentral- verein in Königsberg hat seinen Vorstand beauftragt, an maß- gebender Stelle zu erwirken, daß zum Bau jenes Schiffahrtskanals unter Ausschluß einheimischer oft preußischer Arbeiter außer ausländischen Arbeitern auch solche auö den westlichen Provinzen herangezogen werden I Auch der Dirnstmädchennot soll fürsorglich gesteuert werden. ES wurde ein Antrag angeffonimen, daß Mädchen aus Russisch- Litauen.mit gut kontrollierten Popieren als durchaus not- wendiger Ersatz für hiesige Dienstmädchen auch während deS Winters bei uns bleiben dürfen."_ Eine Berichtigung. In einem Teil der Partei- wie der bürgerlichen Presse wird eine Zusammenstellung der Vertreter der verschiedenen Parteien ver- öffeutlicht, die dem ersten deutschen Reichstag im Jahre 1871 an- gehört haben sollen. Danach sollen in jenem Reichstag auch drei Sozialdemokraten gesessen haben. Diese Angabe ist falsch. Der einzige Sozialdemokrat, der damals dem Reichstag angehörte, war ich. Der Rechtsanwalt Schraps. der in alter Anhänglichkeit von unseren Genossen im 18. sächsischen Wahlkreis gewählt worden war— dessen Vertreter er von 18S7—1871 gewesen war—, gehörte zur bürgerlichen Demokratie und wurde später sogar ein Gegner der Partei. Wer der dritte Sozialdemokrat im Reichstag von 1871 gewesen sein soll, ist mir ein Rätsel. A. Bebel. Gegist die Musischen Arbciter-LcgitimationSkatkeft. Zürich, 20. März.(Eig. Ber.) Die schweizerische Presse wendet sich entschieden gegen die preußische Polizeipraxis der Feldarbeiterzcntrale, den gewerblichen Arbeitern aus der Schweiz Lcgitimationskarten aufzunötigen, dafür noch 2 M.� Gebühr zu verlangen und den schweizerischen Heimatschein mit dem häßlichen Stempel der genannten Zentralstelle zu verschon- dcln. Sie findet diese ganze Praxis alL im W i d e r s p r u ch stehend mit dem dcutsch-schwcizerischen Niederlassungsvertrag, nach dem die Schweizer in Preußen wie in ganz Deutschland nicht anders behandelt tvcrden dürfen als die Inländer. Die Belästigung der ausländischen Arbeiter mit der hinter- listigen Kontrollkarte und die merkwürdige Rolle der sogenannten Feldarbeiterzcntrale. die einen Agrarstaat im Junker- staat bildet, ist in der Tat ein Skandal, hesseß Ausrottung Mit allen Mitteln betrieben werden sollte. fraukrelch. Militärfragcn. Paris, 23. März. Deputiertenkammer. Bei der Fortsetzung der Debatte über das HeereSbudget verlangte B e t o u l l e sGceinte Soz.) die Abschaffung der Uebung für die Re- servisten und die Landwehr. Dabei kam eS zu einem erregten Zwischenfall zwischen dem Deputierten Colly(Geeinte Soz.) und Mitgliedern des Zentrums, die Tally vorwarfen, daß er ein Anhänger der Desertion sei. Der Kriegsminister Ber- teaux wies nach, daß die Uebungen notwendig seien. Betoulle bestand auf der Annahme des Zusatzantrages. Die Sozialisten seien ebenso gute Patrioten wie alle anderen. Das Volk werde zu allererst zu den Waffen greifen, um seine Freih eiten zu verteidigen.(Beifall auf der äußersten Linken.) Colly erklärte, die Sozialisten seien keine Anhänger der Desertion; sie wollten, daß die jungen Leuten in den Kasernen blieben, um dort für den Antimilitarismus zu wirken. Wenn ein Soldat von einem Vorgesetzten beschimpft oder geschlagen werde, solle n wieder schlagen. Berteaux unterbrach Colly mit den Worten:„Ich kann nicht sagen lassen, daß Bürger in der Armee beschimpft oder geschlagen werden. Wo geschieht denn das?" Colly erwiderte:„DaS geschieht alle Tage". Berteaux sagte zu Colly gewendet:„Sie irren sich im Lande".(Beifall auf ver- schiedenen Bänken und im Zentrum.) Colly behauptete, in Marseille habe ein Major seine Leute beschimpft. Das Amendement Betoulle wurde darauf mit 446 gegen 118 Stimmen abgelehnt; ebenso eine Reihe anderer im gleichen Sinne abgefaßter Zusatz- antrüge. In dem amtlichen Bericht sind die Unterbrechungen C o l l y S durch den KriegSminister anders dargestellt. Danach habe Berteaux gesagt: Der Sbg, Colly möge mir erlauben, ihm zu sagen, daß er sich getäuscht hat. Wo denn in Frankreich schlägt oder bc° leidigt man Soldaten? Wo und wann kommt das vor?(Lebhafter Beifall auf zahlreichen Bänken.) Colly: DaS kommt nlle Tage vor.(Lärm.) KriegSminister Berteaux: In Frankreich beleidigt man die Soldaten nicht und schlägt sie auch nicht. Wenn eS wahr wäre, daß ein so empörender Borgang sich hätte ereignen können. wäre eö die Pflicht des KriegSministerS, ihn energisch zu unter- drücken. Dadurch ist also die Anspielung auf Deutschland aus dem Bericht entfernt worden._ Die Winzerbeweguug. Paris, 28. März. Wie aus TroyeS gemeldet wirb, dauert die Winzerbewegung im Aubedepartement fort. In- folge des Streiks der Bürgermeister sind die Arbeiten der Militärgestellungskommission sehr erschwert. Die StellungS- Pflichtigen treffen gruppenweise ein und tragen rote Fahnen mit der Inschrift: Erst wenn das Aubedepartement zur Champagne gehört, werden wir Soldaten sein. Die Behandlung der Eisenbahner. Paris, 23. März. Der Untcrstaatssekretär im Justizministerium ordnete an, daß sechs Eisenbahner, die seit dem letzten AnS- stände noch in Haft sind, als politische Gefangene behandelt werden sollen._ Snglanck. Die Bagdadbahn. London, 23. März. In der gestrigen Oberhaussitzung gab Viscount Morley über die Stellung dar Regierung zur Bagdadbahnfragc Aufklärung. Morley erklärte, was den persischen Golf anlange, so halte die Regierung an der Stellung fest, die von Lansdowne im Jahre 1903 eingenommen worden sei. Bezüglich der B a g d a d b a h n erklärte Morley, es sei nichts Neues, daß die deutschen Interessen danach trachteten, ihren Weg flußabwärts nach Mesopotamien und bis zum G o l f zu finden und wies darauf hin, daß die im Jahre 1993 erfolgte Weigerung Großbritanniens, an der Bogdadbahn teilzunehmen, durch die Ereignisse nicht gerecht- fertigt worden sei. Morley betonte, daß die Bagdadbahn sich auf türkischem Bodesi befinde. Die britische Regierung sei im Prinzip dem Bau von Eisenbahnen in der Türkei g ü n st i g gesinnt. Sie erkenne an, wie wichtig der Eisenbahnbau für die Konsolidierung des neuen Regimes sei, daS sie zu fördern wünsche. Wenn wir daher einer Regelung der Eisenbahnfrage tn Mesopotamien unter für Großbritannien annehmbaren Bedingungen ent- gvgensehen können, ficht Morley fort, so werden wir nicht nur unseren Einfluß bei dem Scheik von Koweit zur Geltung bringen, damit er unter gewissen Bedingungen die Anlage des End- Punktes der Bahn an dem vorzüglichen Hafen gestattet, den er besitzt, sondern es wird auch der jetzige Hauvteinwand gegen jede Erhöhung der türkischen Zolle damit.entfallen. Die Folge der jüngsten Vereinbarungen sei die, da|j die türkische Regierung, abgesehen von gewissen Beschränkungen, die Freiheit des Handelns bezüglich deS Abschnitts von Bagdad nach dem Golf wiedererlange. Wir wünschen, klarzumachen, daß wir den aufrichtigen Wunsch nach einer Regelung hegen, die uns alle Besorgnis bezüglich des britischen Handels nimmt und zu gleicher Zeit den Nebel des Argwohns und des Mißtrauens zerstreut, der diese Frage oft verdunkelt, sowie alle Befürchtungen entfernt, daß die Bagdadbahn und ihr Endpunkt Reibungen zwischen den interessierten Parteien hervorrufen könnten. Zu diesem Zweck mutz natürlich jede Regelung eine solche sein, daß Ihr Deutsch- länd zustimmt, welches hie ursprüngliche Konzession in Händen hält. Das ist die gegenwärtige Lage. Wir können leidet ohne Schädigung der V e r h a n d l u n g e n, die natürlich auf diese Vorschläge folgen weiden, keine eingehendere Erklärung abgeben. Wir glauben berechtigt zu sein, die gegenwärtigen VerHand« langen in Konstantinopel als einen entschiedenen Schritt in einer günstigen Richtung zu betrachten und als eine verheißungsvolle Entwickelung komplizierter Fragen. Bei den weiteren Verhandlungen wird sich die britische Regierung von dem Wunsche leiten lassen, alle möglichen Ursachen internationalerReibungenzuentfernen. während sie zugleich sowohl jetzt wie später allevichttgeg britisch»» J»tmn«L«tzlkkSt«rM,.«_________- Rußland Studentcnverhaftungklk« Petersburg, 23. März. Heute früh um 8 Uhr tvurd'e das studentische Exekutivkomitee, das den Hochschulstreik leitete, sowie auch alle Mitglieder der sozialrevolutio- närcn Studentenfroktion verhaftet. Die Hochschulsrage. Petersburg, 22. März. Die Reichsduma fuhr in der Be- sprcchung der Interpellationen über das Hochschulwesen fort. Samhslowski(Rechte) erklärte, viele Studenten hätten ihre Stipendien zu revolutionären Zwecken verwandt. Die Professoren dienten mehr der Kadettenpartei als der Wissenschaft; sie bildete» nicht treue Söhne Rußlands, sondern das Kanonenfutter der Revolution aus. Tschheidse(Soz.) erklärte, eine freie Wissenschaft sei nur in einem freien Lande möglich. Nowitzki und Esasonow(Rechte) meinten, die Lage der Schule sei nicht so schlecht wie geschildert. Amerika. Ein Grenzzwischenfall. Prestdio(TcxaS), 23. März. Kurz nachdem amerikanische Truppen mexikanische Regierungstruppcn angehalten hatten, welche für die Eingcschlossencn in Ojinaga bestimmtes Kriegs- Material über die Grenze zu schaffen versuchten, schlugen Gc- wchrkugeln mitten unter dieamerikanischeTruppen- abteilung ein. ES ist von amerikanischer Seite um Kuf- Ilärung über den Vorfall ersucht worden. Hurtralicn. Flottenrüstungen und kein Ende. Zur selben Zeit, da das englische Unterhaus, nach dem Vorgang der französischen Kammer, es für dringend geboten erklärt, dem ungeheuerlichen Wettrüsten durch internationale Vereinbarung eine Grenze zu ziehen, soll nun auch Australien, wie die kanadische Schwesterkolonie, sich dem Ftotlenreigen anschließen. Der englische Admiral Henderson hat im Auftrage der Bundesregierung eine Denkschrift verfaßt, in der er den Bau einer Flotte von 48 Schiffen in 22 Jahren und mit einem Aufwand von 479 Millionen Mark vorschlägt. Sie soll in erster Linie zur Verstärkung der britischen Reichsflotte dienen. Die Unterhaltung der vollendeten Flotte soll jährlich 2ö Millionen Mark und eine Besatzung von IS 999 Mann erfordern. Werften und Arsenale sollen staatlich oder durch Unter« stützung privater Unternehmer geschaffen werden. Natürlich wird es auch hier nicht entfernt bei den berechneten Millionen bleiben falls nicht früher die Vernunft einlehrt und dem ganzen Treiben ein Ende niacht. Huö der Partei. Johann Jacoby und Friedrich Engels. Die Echtheit des jüngst veröffentlichten Briefes von Engels an Jacoby wird bestritten und ich möchte mich dieser Auffassung an» schließen. Zwar ist nichts Näheres darüber bekannt, wie die beiden 1847 zu einander standen, aber aus späterer Zeit weiß ich bestimmt, daß das Verhältnis zwischen Jacoby und Engels keineswegs ein jenem Briefe entsprechend fteundschaflliches war. 1374 wirkte ich als Redakteur deS„Volksstaat" bei der Reichs« tagS-Wahlbewegung in Leipzig und Umgegend mit. Wir hatten Jacoby im 13. Wahlkreise aufgestellt und seine Kandidatur hatte dort eine gute Aufnahme gesunden. Dagegen war sie bei den „Londonern"— Marx und Engels— kühl aufgenommen worden, während der damals in Festungshaft auf HubertuSburg befindliche Liebknecht, der immer ein warmer Verehrer JaxobyS gewesen, davon entzückt war. Jacoby war bekanntlich nach dem Leipziger HochvcrratSprozeß von 1872 der sozialdemokratischen Arbeiterpartei(EisSnacher Programm) beigetreten. Ich führte während deS Wahlkampfes die Korrespondenz mit ihm. Als wir in Stichwahl kamen, sagte mir Professor Wuttke:»Geben Sie acht, Jacoby wird ablehnen, wenn er gewählt wird!" Ich schrieb sogleich an Jacoby, der mir antwortete:»Ich denke nicht daran, meine Kandidatur zurückzuziehen!"— Ich dachte über„Kandidatur" und„Mandat" nicht weiter nach und war bc« ruhigt. Als aber Jacoby gewählt wurde, lehnte er sogleich ab,„weil man einen Mllilärstnat auf parlamentarischem Wege nicht in einen Vollsstaat verwandeln könne". Ich sandte eine Darstellung der Sache an die„Londoner", worauf mir Engels in einem sehr erregten Brief u. a. antwortete:»Hab' ich'S nicht immer gesagt; Der Mo»» ist zu weis«!" ES sei noch hinzugefügt, däß wir bei der Nachwahl, bei der Bracke kandidierte, unterlagen. Selbstverständlich hat diese Fest- stcllung einiger Tatsachen nicht den Zweck, den»Alten von Königs- berg" irgendwie zu verkleinern. Cannstatt, 22. März 1911. Wilhelm Bios. Vom Fortschritt der Presse. Der„Volkswille" in Hannover hat eine Abonnenten- zahl von 34 999«reicht. Seit dem Beginn de« Jahre« sind 3500 neue Leser gewonnen worden._ Personalien. Am 18. März ist Genosse Thiel au« seine, Stellung als leitender Redakteur der„Schwäbischen Volk«. zeitung" zu Augsburg geschieden. An seiner Statt über» nahm Genosse Rollwagen die Leitung des Blattes. Ebenfall« ausgeschieden ist der Geschäftsführer ber Schwäbischen VerlagSgescllschaft'und Volksbuchhandlung Kraus u. Co., Gen. A. Stretz. Die Geschäflsführung der neuen Gesellschaft Augs» burger Druckerei und VerlagSanstalr m. b. H. ist, wie bereits be» kannt gegeben, dem bisherigen Faktor der Buchdruckerei E. Roll- wagen, Gen. F. E. Mayr, übertragen. polireiUches, Gcrichttichcs ufw. Wer auf Mißstände anfmerksam macht, wird verurteilt. Unser Gotyaer Parteiorgan hatte sich voriges Jahr in zahlreichen Fällen mit der Beschäftigung, Entlohnung und Behandlung der städtischen Arbeiter zu beschäftigen, da die Verhältiiisse dazu den nötigen Anlaß boten. Und da nun unsere Genossen in Gotha leider noch keinen Sitz im Stadtverordnetenlollegium haben, so mutzte die Kritik eben lediglich durch die Presse erfolgen. Wegen eines Artikels in Nr. 1 dieses Jahres wurde nun vom Stadtrat im Namen von zwei Beamten Strafantrag gestellt. Es sollten mit dem Schlußsatz: „Einige Beanite scheinen zu glauben, mit Arbeitern könne Schindluder gelrieben werden." drei nicht genannte städtische Beamte beleidigt worden sein. DaS Schösse ngericht Gotha stellte sich am Mittwoch auf den Standpunkt, daß eö sich um eine„indirekte Beleidigung" gehandelt hat und verurteilte den Genossen Kühn zu 4V Mark Strafe. Der angeblich beleidigte Zeuge Senator Frank rühmte sich als früherer Gutsbesitzer und erklärte, daß die städtischen Arbeiter«ine ganz unzuverlässig«, minderwertige und widerspenstige Sorte Menschen seien, denen man nicht viel Vertrauen entgegenbringe» dürfe, desto mehr aber den Herren Beamten. Denn die Arbclier trieben nur Schindluder mit den Beamten. Das vcranlaßte den Ämtsanwalt zu der Bemerkung, daß der sozialdemokratische Redakteur mit solchem Menschenmaterial auch nicht arbeiten könne. Gegen das Urteil wird Berufung eingelegt. GewcrhrcbaftUcbea* Sln Hngriff auf das Btreihrccbt vereitelt. In der Nummer Vom letzten Sonntag teilten wir mit. daß Schlossernicister Franke das Streikrecht zu beseitigen oder doch wesentlich einzuschränken trachtete, indem er aus Anlaß eines Streiks in seinem Betriebe nicht nur die streikenden Arbeiter, sondern auch die Mitglieder der Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiterverbandes auf Schadenersatz verklagte. Am Donnerstag wurde in dieser Sache das Urteil verkündet. Das Gericht hat sich auf den Standpunkt gestellt, den der Anwalt der Beklagten vertrat. Die Klage des Herrn Franke wurde kostenpflichtig abgewiesen. Es ist also dem Unternehmer beziehungsweise seinen Hintermännern nicht gelungen, auf dem Wege der Schadenersatzklage den Arbeitern das Streiken unmöglich zu machen. Unternehmer, die keinen Streik wollen, werden sich also auch in Zukunft so Verhalten müssen, daß die Arbeiter nicht nötig haben zu streiken. Verlin und Umhegend. Eine Berichtigung. Wir erhalten die folgende Zuschrift: Die in Nummer ö6 des„Vorwärts" vom 18. März unter dem Titel:„Wieder ein Terrorismusschwindel" aufgestellte Behaup- tung, daß mein dort in Frage stehender„Uebertritt durchaus freiwillig" vom christlichen zum„Deutschen Metallarbeiterver- band" erfolgt sei und ich auf Grund Drohung meines älteren Bruders den liebertritt rückgängig gemacht hätte, ist unwahr. Wahr bleibt hingegen, daß meine Ueberschreibung zum Deutschen Metallarbeiterverband, nachdem mir mein Mitglieds- buch unter den Vorwand der Einsichtnahme von den Anreißer H o f f m a u n weggenommen war, durch den Vertrauensmann Schmidt.ärotz meines Protestiercns, bewerkstelligt wurde. Ferner ist wahr, daß die in Frage stehenden deutsche Metall- arbeiterverbandsmitglieder Hoffmann und Schmidt mich ersuchten, zwecks Regelung des Falles mit zum Verbandsbureau zu gehen. Als ich dort ankam, mutete man mich im Beisein des ersten Bevollmächtigten Herrn Adolf Cohen zu, eine Erklärung zu unterschreiben, wonach mein Uebertritt freiwillig erfolgt sei. Als ich diese Zumutung ablehnte, wurde ich mit dem Be- merken, ich sollte das deutsche Metallarbeiterverbandsmitglieds- buch wiederbringen, dann erhielt ich mein altes Buch retour kurzer Hand entlassen. Die Abholung meines christlichen Metall. arbeiterverbandsmitgliedsbuches konnte deswegen nicht gleich er- folgen, weil ich an eine Fußquetfchung krank zu feiern ge- nötigt war. Hochachtungsvoll Felix Jablonski. Berlin. Thurmstr. 50. S. I. Eine Berichtigung zu bringen, selbst wenn ihr Inhalt den Tat- fachen nicht entspricht, zwingt ja Zcitungsredaktionen das Gesetz. Wir könen deswegen die Aufnahme der unrichtigen Behauptungen des Herrn Jablonski nicht zurückweisen. Von allen sonst an der Affäre Beteiligten wird uns auf das Bestimmteste versichert, daß die Darstellung in Nummer 60 des„Vorwärts" durchaus den Tatsachen entspricht. Noch mehr: Auch Herr Jablonski hat auf dem Bureau des Metallarbeitcr-Verbandes unter Zeugen die Dar- stellung als richtig anerkannt. Er hat die„Zumutung", eine im glei- chen Sinne gehaltene Erklärung zu unterschreiben, nicht abgelehnt, sondern erklärt, wegen der Unterschrift seinen Bruder fragen zu wollen. Es wurde ihm dann gesagt, daß sein christliches Verbands- buch, wenn er dies wünsche., ihm gegen Rückgabe des Metallarbeiter. Verbandsbuches jederzeit zur Verfügung stehe. Nach der von ihm gewünschten Aussprache mit seinem Bruder hat er dasselbe dann zurückgefordert und anstandslos erhalten. Tarifbewcgung in der Berliner Album-, Mappen- und Galanteriewaren-Jndustrie. Der am 16. Oktober 1A09 zwischen der Vereinigung Berliner Lederwarenindustrieller einerseits und den Verbänden der Buchbinder. Sattler und Porlefeuiller andererseits geschlossene Vertrag läuft am 30. Juni ab, wenn er drei Monate zuvor gekündigt ivird. Eine Sitzung der Vertrauensleute des Berufes hatte bereits dazu Stellung genommen und sich für die Kündigung des Vertrages ausgesprochen mrd eine neue Tarifvorlage vorbereitet. Der noch geltende Tarifvertrag sieht bei bsstündiger Arbeitszeit Mindeststundenlöhne von 52 Pf. für Arbeiter und 32 Pf. für Ar- beiterinnen vor. Für Spezialarbeiter und Arbeiterinnen waren etwas höhere Löhne vorgesehen. In der neuen Tarisvorlage werden Wochenlöhne bei 51stündiger Arbeitszeil gefordert und zwar 32 bezw. 36 M. für Arbeiter und 20 bezw. 23 M. für geübte Arbeiterinnen. Den Akkordarbeitern sollen bei allen Artikeln 70 Pf. und den«klordarbeiterinncn 45 Pf. pro Stunde garantiert werden. Außerdem sollen die effektive» Zeit- und Akkordlöhne vom 1. Juli ab um 15 Prozent erhöht werden.- Den Heimarbeitern soll als Entschädigung für den ArbeitSranm, Heizung und Beleuchtung desselben ein Zuschlag von 5 Proz. zu den Akkordlöhnen gezahlt werde». Weitere Neuerungen, die angestrebt werden, sind die Lohnzahlung am Freitag. Bezahlung der Feiertage, volle Wirksamkeit des§ 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches, Gewährung eineS Sommerurlaubes unter Fortzahlung des Lohnes, Freigabe des 1. Mai und Besser- bezahlung der Aushilssbcschästigungen bis zu drei Tagen um 10 Proz. Die Gültigkeit des neuen Vertrages soll sich auf drei Jahre erstrecken. Eine gut besuchte Versammlung der Album-, Mappen- und Galanteriearbeiter beschäftigte sich am Mittwoch mit der Tariffrage und beauftragte die Organisationsleitungen, den gegenwärtig be« stehenden Tarifvertrag zu kündigen und den Abschluß eines neuen Vertrages anzustreben auf Grundlage des von der Kommission und den Werkstattvertrauensleuten zusammengestellten TarifeutwurfS, der den bescheidenen Wünschen der Versammelten entsprach und von ihnen gut geheißen wurde._ Zur Tarifbewegung der Schuhmacher. Obwohl ein Tarif mit der Innung abgeschlossen ist, finden sich immer wieder Arbeitgeber, die denselben nicht zahlen wollen, und zu diesen gebort auch Herr Bansemer, Anklamer Str. 40. Wir verweilen auf die Notiz vom 0. März, in der wir mitteilten, daß Herr Bansemer Arbeiter, die den Mininiallohntaris verlangten, einfach anfs Straßenpflaster setzte und dem LrgaiiifationSvertreter LrüSk die Türe wies. Die Firma C. T a ck u. Cie., die wir um Bermittelung angingen, weil Bansemer deren Zwischenmeister ist, konnte ebenfalls eine Einigung nicht erzielen, da Herr Bansemer die Anerkennung des Tarifs nach wie vor verweigerte. Zentralverband der Schuhmacher, Ortsvcrwaltung Berlin. Achtung, Tapezierer! ES wird unseren in Arbeit stehenden Kollegen ganz besonders zur Pflicht gemacht, darauf zu achten, daß keine Arbeit verrichtet wird, die von Werkstätten kommt, wo die Kollegen im Streik stehen oder ausgesperrt sind. Es wird jetzt versucht, angefangene Arbeit auf diese Weise in anderen Werkstätten fertigstellen zu lassen. Derartige Arbeit ist Streikarbeit. Die Ortsverwallung. Achtung, Friseurgchilfen! Tariflich geregelt in Nieder-Schvne- weide sind Erb, Berliner Str. 44, G r ä b n i tz, Grünauer Str. 5, Matz. Berliner Str. 40, R ä d l e i n. Berliner Str. 108, Schulz, Czarnikauer Str. 20. Für Verbandsmitglieder gesperrt sind Schulz, Rixdorf, Richardstr. 53, Meier, Tilsiter Str. 12. Verband der Friseurgehilfen. Zweigverein Berlin. Lerantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: Wegen Tarifbruch seitens des Unternehmers find die Hafen- und Kohlenarbeiter der Firma Kurt Thomas zu Spandau am 22. März in einen Abloehrstreik eingetreten. Die Firma hatte im vorigen Jahr nach achttägigem Streik die Forderungen der Streikenden anerkannt und einen einjährigen Lohntarif mit dem Transportarbeitervcrbande. abgeschlosscn. In der letzten Zeit ver- suchte die Firma die alten und langjährigen Arbeiter durch Eni- lassung zu maßregeln und an deren Stelle unorganisierte Arbeiter einzustellen. Sie verbot den Neueingestellten den Beitritt zum Transportarbeiterverband mit der Strafe der Entlassung. Trotz- dem war es gelungen, die Arbeiter zu organisieren. Als nun die Firma glaubte, ihren Herrenstandpunkt wieder einnehmen zu können, erklärte der Unternehmer Thomas den Hafenarbeitern, daß er nunmehr den alten Tarif nicht mehr als gültig anerkenne und gab bekannt, daß er selbst einen neuen Tarif ausgearbeitet, der in manchen Akkordsätzen eine Herabsetzung derselben bis zu 30 Prozent bedeutet. Wegen der Maßregelungen und des Koalitionsverbotes traten die sogenannten Salzhofarbeiter bereits am Nachmittage des 22. März, nachdem eine gewählte Kommission vergeblich versuchte, auf dem Wege von Verhandlungen eine Verständigung mit der Firma herbeizuführen, in den Abwehrlampf. Demselben schlössen sich am Abend desselben Tages die Hafenarbeiter einmütig an, um dem Unternehmer zu zeigen, daß sie sich einen derartigen frivolen Vertragsbruch nicht bieten und das Recht der Koalition nicht so ohne weiteres nehmen lassen. Die Firma Thomas wird, genau wie im vorigen Jahre, durch verlockende Inserate in bürgerlichen Zeitungen versuchen, Arbeits- willige heranzuziehen. Wir bitten daher, für Fernhaltung des Zuzuges Sorge zu tragen und werden alle arbeiterfreundlichen Blätter um Abdruck gebeten. Deutscher Transportarberter-Vcrband, Verwaltung Spandau. Oeutkcbes Reich. Internationale Diamantschleifer-Konferenz. Frankfurt a. M.. 22. März. Im hiesigen Gewerkschaftshanse tagte diese Woche eine inter- nationale Dinmantschleiferkonferenz, die auf Beschluß der letzten Tagung des Weltbundes der Diamantarbeiter vom Vorstand des Weltbundes einberufen wurde. Die Konferenz beschäftigte sich lediglich mit der für die Diamantschleifer so wichtigen Frage der Regelung der Lehrlingsverhältnisse. Es wurde untersucht, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die Ueber- süllung des Berufes mit Lehrlingen zu verhindern. Anwesend waren 33 Delegierte und zwar ans Holland 14, Belgien 7, Frankreich 6, Schweiz 1 und Deutschland(D. M.-V.) 10. Das Bureau bildete der Vorstand des Weltbundes der Diamant- arbeiter: P o l a k- Amsterdam, Vorsitzender und Le Guere- Paris, Bartels- und R o m e o- Antwerpen als Beisitzer. P o l a k- Amsterdam eröffnete die Konferenz mit einer Ein- leitungsrede. in der er die früheren Versuche, die Lehrlingsfrage zu regeln, schilderte und die Aufgaben der Konferenz besprach. Der letzte Kongreß des Weltbundes, der im Herbst vorigen Jahres in Amsterdam tagte, habe die Lehrlingsfrage eingehend beraten und sei zu dem Ergebnis gekommen, die Verhältnisse genau zu unter- suckien, bevor eine bestimmte Taktik zu diesem Punkt festgeietzt wird. Man habe daher beschlossen, diese Konferenz der Diamantschleifer einzuberufen Der Gedanke, die Zahl der Lehrlinge in dieser In- dustrie zu beschränken, ist sehr alt. Schon vor 40 Jahren haben Arbeitervereine Beschränkung in der Lehrlingsaufnahme verlangt, um dadurch ein« Uebcrfüllung des Berufes zu verhindern. Die Dimnantindustrie umfaßt nur einen engen Kreis, ein Ueberfluß von Arbeitskräften ist daher gerade in dieser Industrie von Ver- hängnis für die hier Tätigen. Auf verschiedenen Kongressen der Diamantarbeiter stand die Lehrlingsfrage im Mittelpunkte der Debatten. Im Jahre 1807 faßte man den Beschluß, keine Lehr- linge mehr zuzulassen. Und es gelang auch wirklich von 1897 bis 1904 die Lehrlingsaufnahme zu verhindern. Dazu war vor allen Dingen eine gute Organisation notwendig. Zu diesem Erfolg bei- getragen hat aber ganz wesentlich, daß das Diamant fach damals kein gutes war. Es herrschte große Arbeitslosigleit, fo daß wenige Eltern Neigung fanden, ihre Kinder Diamantarbeiter werden zu lassen. Anders kam es aber, als die Technik weiter vorschritt und die Elektromotore eingeführt wurden. Da waren die Arbeiter nicht mehr stark genug, die Zufuhr an neuen Arbeitskrästen zu ver- hindern. Anfangs 1904 kam es in der Diamantbranche zu einem großen Konflikt zwischen Arbeitern und Unternebmern, der eine Aussperrung zur Folge hatte. Beim Friedensschluß mutzten sich die Arbeiter verpflichten, alle Jahre einige hundert Lehrlinge zu- zulassen.— Durch den größeren Bezug von Diamanten aus Afrika kam ein Aufschwung der Industrie und durch dieses Aufblühen entstand bald ein Mangel an Arbeitskräften. Nun fielen alle Gründe für die Fernhaltung von Lehrlingen weg und der Andrang von solchen war sehr groß. Die Diamantarbeiter durften früher ihre Kinder in der Diamantindustrie nicht ausbilden lassen. Dieses durch die Arbeiter selbst gegebene Verbot wurde aber nun durch- brachen. Die Lehrlingszüchterei nahm bald eine sehr große Aus- dehnung an und man stand ihr fast machtlos gegenüber. Heute stehen die Diamantarbeiter nun wieder vor der Frage, welche Maßregeln sind zu ergreifen, um die Ueberfirllung des Berufes durch Lehrlinge und die dadurch erzeugte Schädigung der Lage der Diamantarbeiter zu verhindern. Das internationale Komitee des Weltbundes macht keine Vorschläge. Wir wollen erst die Sachlage prüfen und beraten und dabei die realen Tatsachen nicht aus dem Aug« lassen. Hoffen wir. daß die Taktik, die beschlossen wird, für die Diamantarbeiter von ebenso großem Nutzen sein wird,'wie die. die wir 1897 anwandten. Der Kongreß trat nun in nichtöffentlicher Sitzung ,n die Beratung ein und nahm zunächst die Berichte der Delegierten über die Verhältnisse in den einzelnen Ländern und Bezirken ent» gegen. Dann wurde die Frage untersucht, mit welchen Mitteln die Lehrlingsfrage zu lösen ist. Die Beratungen dauerten mehrere Tage._ Eine Streikleitung verhaftet! Auf der StinneS- Zeche Union in Dortmiind streiken die Maschinisten und Heizer. An, Mittwochvormittag hielten die Streikenden eine Versammlung ah. Ein Polizeikonimissar ersuchte acht Personen, deren Namen auf einer Liste standen, mit zur Polizeibehörde zu kommen. Aus den weiteren Bemerkungen des Polizeikommissars wurde entnommen, daß der Oberbürgermeister für Verhandlungen wirken wolle. Nach wiederholtem Verhör wurden aber dann sechs Personen, darunter die aus drei Arbeitern bestehende Streikleitung, verhaftetll Das Mitglied des Hauptvorstandes vom Maschinistenverband, Scheffler aus Berlin, und der Gauleiter M a t t h i e s aus Köln wurden freigelassen. Am Mittwochmorgen fand im Stahlwerk der„Union" ein schwerer Un- glücksfall statt. Durch Versagen des Wasserdrucks kippte ein Kon- verter mit flüssigem Stahl um. Ein Arbeiter wurde am ganzen Körper verbrannt. Schwere Unglücksfälle sind leider nichts Seltenes in den Hüttenwerken. Anscheinend soll die Verhaftung mit diesem Unglücksfall in Verbindung gebracht werden. Natürlich haben die Verhafteten mit der Sache gar nichts zu tun. Wenn die Polizei Unglücksfälle verhüten will, täte sie besser, zu verhindern, daß jetzt Lehrlinge die Maschinen und Krane fahren. Man rechnete wohl, die Streikenden durch die Verhaftung ein- schüchtern zu können, jedoch ist die Erregung dadurch natürlich nur gesteigert worden. Es sind sofon Schritte getan worden, um die Freilassung der Verhafteten zu erwirken. ES wird angenommen, daß die Werksdirektion die Namen der Betreffenden der Polizei übermittelt hat. Die wußte dann, was man von ihr ver- verlangte—! i Tie Antwort der Cheninider Metallarbeiter an die Chemnitzer Metallindustriebarone war eine imposante Demonstration gegen den Unternehrnerübermnt und Machtdünkel. In 15 großen, zum Teil Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt überfüllten Versammlungen nahmen sie die Berichte Zer Verbands« snnktionäre und die Mitteilung entgegen, daß die streikenden Former und Gietzereiarbeiter hohnlachend die Zumutung der Unter- nehmer zurückgewiesen haben, bedingungslos die Arbeit wieder auf- zunehmen. Freudig wurde der Beschluß der Verbandsleitung auf- genommen, daß die Ausgesperrten die volle Streikunterstützung erhalten sollen. In allen 15 Versammlungen wurde folgende Resolution ein- stimmig angenommen: „Die Versammelten erblicken in der Androhung der Aus- spcrrung durch den Bezirksverband der Chemnitzer Metall- industriellen lediglich ein Mittel zur Einschüchterung, um die Former und Gießereiarbeiter zum Rücktritt von ihren berech- tigten Forderungen zu veranlassen. In Anbetracht der Wichtig- keit dieser Forderungen für die gesamten Eisengießereiarbeiter betrachten die Versammelten die Aufrechterhaltung der Forde- rungen für die Former und Gietzereiarbeiter als ihre selbstver- ständliche Pflicht und die Uebcrnahme einer etwaigen Aussperrung durch die Chemnitzer Metallindustriellen für unerläßlich." In weiteren fünf stark besuchten Versainmlungen nahmen die Modell- und Fabriktischler Stellung zu dem Aussperrungsbeschlutz: einmütig stellten sie sick auf die Seite der Streikenden, denen sie durch Solidarität zum Siege verhelfen und auch die Aussperrung übernehmen wollen. So steht denn die Arbeiterschaft der Chemnitzer Metallindustrie geschlossen in dem Kampfe, gut organisiert und diszipliniert, wie nie zuvor. Seit dem Streik der Chemnitzer Riaschinenbauer vor vierzig Jahren sah Chemnitz einen so großen Kampf nicht in seinen Mnuern! Das Chemnitzer Unternehmertum, das im Arbeiter nur das Mittel zum Zweck seiner Bereicherung, nicht den gleichberech- tigten Vertragabschließenden sieht, ist ganz konsterniert; solche Einigkeit hatten die Herren nicht erwartet! Nun wollen sie Un- einigkeit mit Hilfe der bürgerlichen Presse und--- der christ- lichcn Gewerkschaft— die armen Schacher— und der Gelben unter die Arbeiter bringen! Diesmal ist aber alle Liebesmüh umsonst! Christliche Verleumdungen. Der Redakteur des Organs des christlichen Keramarbeiterver- bandes, Martin Fromm in Köln-Ehrenfcld. hatte über eine Anzahl sreiorganisierte Kerarnarbeiter der Zahlstelle Tirschenreuth in der Oberpsalz beschimpfende Unwahrheiten verbreitet. 12 der frei- organisierten Arbeiter hatten gegen Fromm, um die Unwahrheiten des christlichen Blattes festzustellen, Beleidigungsklage erhoben. Obwohl der Christ Fromm in früheren Fällen, wenn er sich beleidigt fühlte, keinen Pardon gab, willigten die Kläger, um den Christen vor Strafe zu bewahren, in folgenden Vergleich: Der Beklagte erklärt, daß er die Behauptung, die Mitglieder des Porzellanarbeitcrverbandes in Tirschenreuth trieben Ter- rorismus und hätten eine am 29. Oktober vorgekommene Miß» Handlung veranlaßt, nicht machen kann und will. Er nimmt daher die in Nr. 47 der„Keramarbeiterzeitung" vom 26. November 1910 unter der Ueberschrist:„Wie der freie Porzellanarbeiterverband jugendliche Mitglieder wirbt" gegen diesen Verband enthaltenen Behauptungen und Beleidigungen als durchaus unbegründet mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Dieser Vergleich wird je einmal durch den klägerischen Ver- treter auf Kosten des Beklagten in der„Ameise" und der„Keram. arbeiterzeitung" und in der„Fränkischen Tagespost" veröffent- licht. Ter Beklagte übernimmt die sämtlichen Kosten. Strafantrag und Privatklage werden zurückgenommen. Hetzte Nachrichten* Zum Sturze Stolypins. Petersburg, 23. März. Während im Laufe des heutigen Tages verlautet hatte, daß Stolypin plötzlich seine Demission zurückgezogen habe und im Amte bleibe, wird jetzt die Nach- richt verbreitet, daß die Ministerkrise bisher noch nicht ent- schieden sei. Stolypin wurde zwar in Zarskoje Selo empfangen, soll aber seine Demission nicht zurückgezogen haben. Andererseits habe der Ldaiser die Demission n»cht angenommen._ Sozialdemokratischer Wahlsieg. Frankfurt a. M., 23. März.(Privattelegramm de»„Vor, wärts".) Bei der heutigen Stadtverordneten-Ersatzwahl wurd« Genosse Maier mit 1463 Stimmen gewählt. Der Mfttelstündler erhielt 1060, das Zentrum 188 Stimmen. Klerikale Rache. Straßburg. 23. März.(W. T. B.) Im Landesausschuß für Elsatz-Lothringen fragte bei der zweiten Lesung des Etats für die Universität Straßburg der liberale Abgeordnete Georg Wolf ob die Professoren der katholisch-thcologischen Fakultät den Anti- modernistencid geleistet hätten und wie die Regierung sich zu dieser Frage stelle. Der Kurator der Universität. Exzellenz Back, erklärte. die Regierung brauche sich mit dieser Sache nicht zu befassen- die Professoren hätten den Eid nicht geleistet, und er sei von ihnen auch nicht gefordert worden. Mehrere Zentrumsabgeordnete er- blickten in der Rede des Abgeordneten Wolf eine StSrung des kon- fessionellen Friedens und warfen weiterhin der Universitätsver- waltung vor. sie lasse sich bei Besetzung der Stellen von antielfaß- lothringischen Tendenzen leiten. Um die Abneigung des Landes- ausschusses dagegen zum Ausdruck zu bringen, wurden zwei außer- ordentliche Professuren für Strafrecht und klassische Philologie auf Antrag eines Zentrumsabgeordneten abgelehnt. Arbeiterrisiko. Dortmund, 23, März. lH. B.) Der Arveiter Heinrich Koch fiel auf einem hiesigen Eisenwerk von einem 10 Meter hohen Gerüst. Er erlitt einen Bruch der Wirbelsäule und Brüche beider Beine und wurde lebensgefährlich verletzt dem Krankenhause zugeführt. Schon wieder eine Fnrsorgeanstalt vor Gericht. Aachen, 23, März.(B. H,) Nach zweitägiger Verhandlung wurde das Urteil im Prozeß wegen der Vorgänge in der Fürsorge- anstatt Mauel bei Gemünd gefällt. Die Hauptangeklagtcn, unter ihnen die Ehefrau des früheren Direktors WarlieS erhielten Gefängnis- strafen von 9, 8, 6 und 3 Monaten, vier andere Geldstrafen von 500, 50 und 20 M. ES handelt sich um Mißhandlungen»»» Zig' lingen, bei denen unter anderen bis zu 150 Stockhiebe verabreicht wurden. Zur Ministcrkrise in Italien. Rom,' 23. März.(W. T. B.) Die Blätter erörtern ausführlich die Ministerkrise und halten es für sicher, daß Giolitti den offiziellen Auftrag zur Kabinettsbildung erhalten habe. Sie heben es als Politisch� sehr wichtig hervor, daß der König auch den Sozialisten Bissolati empfangen hat, und besprechen dies sympathisch. Standrecht in Mexiko. New Aork, 23. März.(W.T.B.) Wie uns auö San Antonio gemeldet wird, sind dort vier Amerikaner wegen Teilnahme am mexikanischen Aufstande standrechtlich erschossen worden.___ Paul Singer t Co., Berlin L W. Hierzu Z Beilagen«.llntcrhaltuugsbl. |t. 71. 28.Iahtgmg. L KnlM des Jon W fittlinft Oolblilatt. Mag. 24. Mar; 1911. Relcbetag* 166. Sitzung. Donnerstag, den 23. März, nachmittags 1 Uhr. Alm BundesratStisch: Dr. Delbrück, v. Lindequisi. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Beratung des Etats des RcichSamts deS Innern. Hierzu sind nur noch zwei namentliche Abstimmungen vorzunehmen. Der Antrag Dr. Ablast(Vp.) u. Gen., der verhindern will, fc/st Organisationen, die politische Zwecke verfolgen, mittelbar oder umnittelbar Propagandabeihilfen aus dem Kalifonds erhalten. wird in namentlicher Abstimmung mit 197 gegen 130 Stimmen abgelehnt. . Zur namentlichen Abstimmung kommt dann folgende Resolution Alb recht lSoz.) u. Gen.: Die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstag alsbald einen Gesetzentwurf zugehen zu lassen, der den§ 27 des Gesetzes über den Absatz von Kalisalzen dahin abändert, dast die dort genannte Abgabe mit der Mastgabe der Reichskasse zugeführt wird, dast der Ertrag derselben alljährlich zur Verwendung für sozialpolitische Zwecke in den Etat einzustellen ist. Die Resolution wird mit 237 gegen 83 Stimmen abgelehnt. Der Etat ist damit erledigt. Es folgen Petitionen, über die Abg. Hoch(Soz.) berichtet. Ein Antrag Alb recht und Genossen(Soz.) geht dahin, die Petition des Professors Dr. Albrecht in Berlin— namens der Deutschen Baugenossenschaftsverbände— um Erhöhung deS Etatstitels zur Förderung der Herstellung von Klein- Wohnungen für Arbeiter usw. dem Reichskanzler zur B e- rücksichtigung zu überweisen. Der Antrag wird abgelehnt. Es folgt die zweite Lesung des Kolonialetats. Beim Titel: Gehalt deS Staatssekretärs findet eine allgemeine Aussprache statt. Abg. Erzbcrger(Z.): Wir haben seinerzeit als nächstes Ziel aufgestellt, dast die Kolonien die Ausgaben für ihre Zivilverwaltung selbst aufbringen. Dies Ziel ist erreicht mit Ausnahme von Neu- guinea. Wir müssen nun aber danach trachten, dast auch die Militärlasten von den Kolonien selbst aufgebracht werden. Die militärische Besatzung in Südwestafrika sollte im Jahre 1912 auf die Hälfte herabgesetzt werden, dann könnte sich der ReichSzuschust wesentlich vermindern. Der Etat liefert den Beweis, dast unsere Kolonien sich in ständig aussteigender EntWickelung befinden. Das bedauerliche Vorkommnis in Ponape hat wieder bewiesen, dast die Entwaffnung der Eingeborenen dort dringend notwendig ist. Der zweite Zusammenstotz in Südwestafrika hat die Mängel der Zwangs- arbeit der Eingeborenen enthüllt. Die Anstellung von Eingeborenen- kommistaren ist eine sehr vernünftige Mastnahme. Die staatlichen Behörden sollten Hand in Hand gehen mit den Missionaren. Scharf zu rügen ist es. dast die Kolonialverwaltung in den Zollstreitigkeiten sich Eingriffe in schwebende Prozesse durch Verordnungen und Verfügungen geleistet hat. Der frühere Staatssekretär hat dies Vorgehen ausdrücklich gerechtfertigt.(Hört I hört I) Hoffentlich kommen solche Dinge unter dem Staatssekretariat L i n d e q u i st nicht vor. Beim Bahnbau muh grötzere Vorsicht in bezug auf die Vorarbeiten usw. walten. Mögen unter dem Regime Lindequist die Kolonien wachsen, blühen und gedeihen.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Dröscher(k.) spricht dem Staatssekretär für seine treffliche, umsichtige, ausgezeichnete usw. Verwaltung und dem Abg. Erz- b e r g e r für seine erschöpfenden, tiefgründigen usw. Ausführungen seinen tiefgefühlten Danlaus und erklärt, dast er nach diesenAusführunaen eigentlich wenig oder nicht» zu sagen habe. Der Wunsch, die militärische Besatzung Südwestafrikas zu vermindern, sei zu unterstützen, aber keinesfalls dürfe diesem Wunsche dann nachgegeben werden, wenn dadurch die Sicherheit der Kolonie gefährdet werden sollte. Anläst- lich der Erörterung über die Diamantengewinnung ist meinen Freunden ganz zu Unrecht der Vorwurf gemacht worden, uns mangelle das Verständnis für die wirtschaftlichen Unter- nehmungen und die Betätigung des Grostkapitals in den Kolonien. Diesen Vorwurf weise ich zurück. Wenn die Sozialdemokraten unter sich find, so geben sie auch zu, dast wir die Kolonien nicht mehr entbehren können. Offen wird daS natürlich von den Sozialdemokraten nicht gesagt. Wir sind große Freunde der großkapitalistischen Betätigung in den Kolonien. Wenn in letzter Zeit beim Grohkapital die Vorliebe da für nachgelassen hat, so bedauern wir das, aber wir sind daran nicht mitschuldig. Wir können uns nicht dafür erwärmen, dast von den Kolonien der eiuheimische Markt mit Fleisch versorgt wird. (HörtI hört! links.) Wir empfehlen dagegen, das Fleisch in den Kolonien selbst zu verwerten, etwa zur Fleischextraktfabrikation. Der Herr Staatssekretär sagte in seiner Programmrede: Es geht vorwärts mit unseren Kolonien! Wir unterstreichen dieses Wort und kleines feuitteton. Ribelungen-JubilSum. Die Geschichte der deutschen Dichtung und die deutsche Bühne feiern in diesem Jahre eines der wichtigsten Fünfzigjahr-Jubiläen, denn vor fünfzig Jahren, 1861, ist Hebbels gewaltige Nibelungentrilogie in der für die Bühne geeigneten Ge- stalt fertig geworden und hat in Weimar unter DiirgelstedtS Leitung und in Anwesenheit des Dichters ihre Feuertaufe erhalten. Der erste u»d zweite Teil wurden schon am 31. Januar 1861 mit unzweifelhaftem Erfolge gegeben:..eine Aufmerksamkeit und eine Totenstille", schreibt Hebbel,„als ob nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft die Rede wäre, und eine fest zusammen- gehaltene Stimmung". Beendet wurde aber die Arbeit für die schlietzliche Bühnengestaltung von„Krimhibds Rache" in den März- tagen; am 14. März schreibt Hebbel an Dingelstedt:„Ich habe den dritten Nibelungenteil behandelt wie die Grönlandsfahrer den harpunierten Walfisch, auf dessen Rücken sie Feuer anmachen, und schicke Dir das behackte und behauene Monstrum... zu. Die Leistung meiner Hand oder vielmehr Faust wird Deine kühnsten Erwartungen übertreffen, denn ich habe nicht weniger als 380 Verse weggebracht und das lange Stück dadurch in ein so kurzes verwal.vrit. dast es die Schranken eines gewöhnlichen Theater- abends um nichts mehr überschreitet." Am 16. und 18. Mai fand oann oie erste Aufführung des Gesamtwerkes statt.„Unter der genialen Leitung und liebevollen Pflege Franz Dingelstedts" hatte sie„den vollständigsten Erfolg". Bei dieser Aufführung wirkte Christine Hebbel als Kriemhild und Brunhild mit. Im nächsten Jahre folgte dann auch die Aufführung in Berlin, 1863 in Wien. „Die Nibelungen haben mehr Erfolg als je ein Stück von mir", lesen wir in Hebbels Tagebüchern,„in der Presse wie aus dem Theater. Ganz gegen meine Erwartung, so sehr, dast sich auch nicht im letzten Winkel des Herzens eine stumme Hoffnung verbarg, die das ahnte.", Vom„schwarzen Kabinett". Die von den Parisern so viel- geschmähte französische Telephouverwaltung hat in ihrem Betriebe nun eine Neuerung eingeführt, die dazu bestimmt ist, den Verkehr der Beamten mit dem Publikum zu überwachen. Man hat auf dem Telcphonamt für daS Aufsichtspersonal sogenannte„Mithörapparate" eingerichtet; bisher konnten jie Aufsichtsbeamten ihre Tätigkeit fo» zusagen nur platonisch ausüben, sie traten immer erst in Wirksam- «it. wenn ein Streitfall zwischen Teilnehmer und Telephonfräulcin ausgebrochen war; nun werden sich die Kontrolleure durch Mithören davon überzeugen können, ob die Telephondamen es an der wünschen dem Staatssekretär zu diesem höchst erfreulichen und viel- versprechenden Anfang seiner Tätigkeit Glück.(Beifall rechts.) Abg. Lcdebour(Soz.): Ich muß bekennen, dast ich immer Bewunderung empfinde, wenn ich den Vorredner höre und wahrnehme, welche austerordentliche Menge von Wonnegefühlen in der Brust eines einzelnen Mannes Platz haben, wenn er das Glück hat, einen neuen Staatssekretär an- schwärmen zu können.(Heiterkeit und Beifall.) Diese Lobeshymnen eines treuen deutschen Untertanenherzen dürften dem Staatssekretär noch neu sein, ich will ihm deshalb sagen, daß die Dröschersche Lobrede unterschiedslos jedem Staatssekretär zuteil wird, dast sie seinen Vorgängern gewidmet worden ist und auch seinen Nachfolgern zuteil werden wird.(Heiterkeit.) Dr. D r ö s ch e r hat im wesentlichen die Ausführungen Erzbergers wiederholt, aber einen eigenen Gedanken hat er doch vorgebracht, denn er hat erklärt, dast er sich in die Seele der Sozialdemokraten, hineinphantasisren könnte, und aus dieser von ihm erkannten sozial- demokratischen Seele heraus hat er nun gesagt, dast auch wir Sozialdemokraten jetzt für die Kölonialpolitik gewonnen sind; wenn wir unbeobachtet seien, dann legten wir ein Bekenntnis zur Kolonialpolitik ob. Ich muß dem Abg. Dr. Dröscher jede Be- fähigung absprechen, in unsere Seelen sich hinein zu versetzen. Ich stehe noch heute auf dem ablehnenden Standpunkt den ich von jeher zur Kölonialpolitik eingenommen habe. Die sozial- demokratische Partei als solche steht gleichfalls der Kolonialpolitik grundsätzlich ablehnend gegenüber. Nur vereinzelte Mitglieder nehmen eine andere Stellung ein. Trotz dieser grundsätzlich ablehnenden Haltung haben wir natür- lich die Pflicht, für die nun einmal vorhandenen Kolonien eine mög- lichst gute Verwaltung zu schaffen. Ich möchte Dr. Dröscher warnen, sich der Illusion hinzugeben, als könnte die auch von uns ge- förderte B a u m w o II k u l t n r in den Kolonien irgend einen großen Einfluß aus den Weltmarkt oder deutschen Baumwollmarkt ausüben. Als Dr. Dröscher von den Milliardenschätzen des Nalronsees schwärmte, dachte ich: ach, wenn das doch noch der gute alte Dernburg erlebt hätte, dast seine Phantasiepolitik, die sich in der Dattelkistenangelegenhcit zeigte, heute noch übertroffen wird.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die Natronschätze in jenem schlecht zugänglichen Gebiet werden niemals die von Dr. Dröscher erwarteten Millionenerträge bringen. Ich muß die Niedcrschicßmlg von Eingeborenen in Südwcstafrika erörtern und stütze mich dabei auf die vom Staatssekretär selbst ge- gebene Darstellung. Die Firma Orenstein u. Koppel warb für einen Vahnbau eingeborene Arbeiter an. Der Vertrag, den die Firma Orenstein u. Koppel mit den eingeborenen Arbeitern abschliestt, ist ein unsittlicher Bertrag, ein Vertrag, der wider Treu und Glauben verstößt. Der Staats- sekretär sagt: die Verwaltung kann nichts gegen solche Verträge unternehmen, die austerhalb deS deutschen Gebietes abgeschlossen werden. Aber bei gutem Willen ist die Verwaltung doch dazu im- stände. Weise sie nur die deutschen Konsuln in Britisch-Südafrika an, auf Verträge zu achten, die mit dortigen Eingeborenen von deutschen Firmen abgeschlossen werden.(Zustimmung bei den Soz.) Die Vorgange bei dem Streik der schwarzen Arbeiter bei Oren- stein u. Koppel sind im einzelnen nicht völlig aufgeklärt, zumal der Staatssekretär der Kommission keine sehr genaue Darstellung ge- geben hat. Soviel steht fest: Der Aufseher der Firma, ein gewisser Rüpel(Heiterkeit), gerät in ArbeitSzwistigkeiten mit den Schwarzen. Sofort requiriert er Militär! Also Militär wird requiriert bei einer das Arbeitsverhältnis betreffenden Streitigkeit. Es ist so, als ob Herr B u e ck vom Zentralverband der Industriellen das Kommando in Afrika führe I(Sehr gut bei den Sozialdemokraten.) Der Hauptmann, an den der Geschäfts führer sich wendet, schickt zunächst einen Leulnant. Es wird nun behauptet, dieser Leuwant sei bedroht worden und habe einen Augenblick in Lebensgefahr geschwebt.(Heiterkeit.) Darauf wird ein Kommando geschickt, daS die Eingeborenen umzingelt. ES wird nun behauptet, die Soldaten seien provoziert worden. Umgekehrt I Die Schwarzen wurden provoziert. Sie mußten nach Lage der Dinge sich bedroht glauben. DaS Ende der Sache war. daß eine Reihe schwarzer Arbeiter teils getötet, teils verwundet wurden. Der Staatssekretär behauptete nun, die Untersuchung habe weder die Firma, noch die Offiziere belastet. Das ist wahrhaftig nicht unsere Auffassung I(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Die Firma hatte die Eingeborenen einfach getäuscht. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Und wie kommt man dazu, sich mit militärischer Macht in Lohnstreitigkeiten zu mischen? Ein konservatives Mitglied der Kommission, das ich nach dem neuer- dingS eingerissenen unzweckmäßigen Gebrauch leider nicht mit Namen nennen kann, hat das Gemetzel gerechtfertigt mit der angeblichen Bedrohung und Beschimpfung der deutschell nötigen Aufmerffamkeit und Höflichkeit gegen die Abonnenten fehlen lassen, denn wie kürzlich auch in Deuffchland, so sind in Paris Differenzen zwischen Fernsprechteilnehmern und Tclephondamen an der Tagesordnung. Aber daS Pariser Publikum ist mit dieser Neuerung nicht einverstanden, es sträubt sich gegen den Gedanken, dast die Aufsichtsbeamte» ganze Gespräche mit anhören und kon- trollieren können; man sträubt sich gegen diese„Zensur" und fürchtet in den„Mithörern" eine Wiederkehr des ominösen„schwarzen Ka- binetteS", das in früheren Zeiten die Inanspruchnahme der Post fo gefährlich machte. Denn als Ludwig XV. 1760 dem Herrn Piarron de Chamouset daS Privileg gewährte, in Paris einen Postdienst einzurichten, behielt er sich daS souveräne Recht vor, in das Briefgeheimnis einzudringen; der Intendant der Post errichtete das berüchtigte schwarze Kabinett, und es gab damals fast keinen Brief, der in die Hände des Empfängers kam, ohne daß der König von dem Inhalt erfuhr. Jeden Morgen über- reichte der Intendant Jannel dem König die Abschriften der beför- derten Briefe, und wenn Staatsgeheimnisse fehlten, sorgte er westigstens für Unterhaltungsstoff, indem er auch alle pikanten Histörchen aus den Briefen dem Könige unterbreitete. Jannel hatte seine besonderen Geräte, um die KuvcrtS zu öffnen; waren sie nur gummiert, so genügt ein Becher mit heißem Wasser, um sie mühelos zu öffnen. Waren sie aber versiegelt. dann wurde die Operation schwieriger; dann schob Jannel eine in heißem Wasser erwärmte Eisenklinge in den Umfchlag. Von dem Siegel wurde vorher ein Abdruck genommen, der dann dazu benutzt wurde, nach Durchsicht des Briefes das Schreiben wieder zu verschließen. Die Briefe wurden am Morgen früh durch die 22 Boten den Empfängern zugestellt; zu gleicher Zeit aber er- hielt auch der König die Abschriften. Wenn das verderbliche fchwarze Kabinett von damals in seiner ursprünglichen Form auch längst nicht mehr besteht, so lebt es doch, schreibt der„Gaulois", wenn auch in anderer Form und unter andere», Namen, noch heute fort. Der moderne Telegrammverkehr unterliegt auch heute noch einer bedingten Zensur, und alle Drahtmeldungen, die für die Sicher- heit des Staates gefährlich oder verdächtig erscheinen, kommen zur Kenntnis des Postministeriums. Humor und Satire. Seid fruchtbar! Leute wünscht der Arbeitgeber Und Soldaten braucht das Heer! Der Prolet, der blöde Streber, Unterschätzt dies leider sehr. Uniform. Das ist ein charakteristischer Beitrag zu der militaristischen Verseuchung unserer herrschenden Klassen und paßt vortrefflich zu dem neuerdings aufgebrachten Begriff der Putativnotwehr.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich muß ferner auf die Angelegenheit der Eingeborenen- Ländereien zurückkommen, die ich hier schon oft vorgebracht habe. Der Reichstag hat schon mehrere Male eine Resolution an- genommen, die die Ausstattung der Eingeborenen mit soviel Land fordert als nötig ist, damit sie ihre gewohnte Wirtschaftsweise, das heißt die Viehzucht, fortsetzen können. Der Bundesrat hat dieser Resolution nicht zugestimmt, unter der Vorgabe, dast die Eingeborenen kein Vieh mehr haben, also auch kein Land nötig haben. Also zuerst nimmt man den Eingeborenen das Vieh und dann erklärt man, daß sie ohne Vieh kein Land mche brauchen!(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Der vergangene Staatssekretär scheint— vielleicht nach den Gepflogenheiten der Börse— diese Beraubung der Eingeborenen für so selbstverständlich gehalten haben, daß er gar keine weitere Erklärung dieses eigentümlichen Verfahrens für nötig hielt. Der jetzige Staatssekretär versucht wenigstens so etwas wie eine Recht« fertigung. Er sagt, nur den Eingeborenen sei die Viehhaltung ver- boten, denen sie nicht vom Gouverneur gestattet ist. Ein wunder- barer Schluß: Es ist nur verboten, was nicht gestattet ist.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Für unsere Resolution haben auch die Freisinnigen gestimmt. Wie stellen Sie sich zu der Nichtdurchführung der vom Reichstag mit großer Mehrheit erhobenen Forderung?(Zuruf des fortschritt- lichen Abg. G o l l e r.) Ich muß sagen, Herr Kollege Goller, daß ich die gleichgültige Haltung deS Freisinns gegenüber der wichtigen Frage des Eingeborenenschntzes sehr sonderbar finde. Es ist wahrlich nicht angebracht, über die unterjochten, ausgepowerten, ge- misthandelten Eingeborenen frivole Bemerkungen zu machen. (Vizepräsident Dr. Schultz: Sie dürfen Abgeordneten nicht vor- werfen, dast sie frivole Beinerlungen machen!) Wir protestieren dagegen, dast man die Eingeborenen Südwcstafrikas zu willenlosen, wehrlosen Objekten rücksichtsloser Ausbeutung macht. Wir verlangen, dast die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit auch gegenüber den Eingeborenen der deutschen Kolonien befolgt werden I(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Goller(Vp.): Der Vorredner litt offenbar an Stoffmangel, denn er griff eine frühere Aeusterung von mir auf und po- lemisierte gegen einen Reichstagskollegen, noch ehe dieftr ge- sprachen hatte. Ich hoffe, dast dieser Brauch nicht weiter ein- reißt. Der Staatssekretär ist ein trefflicher Kenner der Wirtschaft- lichen und sonstigen Verhältnisse der Kolonien, er ist vor allem auch ein guter Kenner des Negercharaktcrs, und wir können von seiner Tätigkeit manche Verbesserungen erhoffen. Auch ich halte eine Herabsetzung der südwestafrikanischcn militärischen Besatzung für notwendig. Heute brauchen wir doch für unsere Kolonien keinen Schutz gegen äußere Feinde mehr. Der Forderung neuer Beamtenstellen in den Schutzgebieten werden wir im wesentlichen zustimmen. In den Kolonien muß es heißen: Aerzte, Techniker, Postbeamte vor die Front! Der Neger muß der Arb(& zugeführt werden, wenn man ihn auch selbstredend human und gerecht behandeln muß.— Herr Ledebour sollte doch selbst einmal nach Afrika gehen. Dann würde er auch nicht in jeder harmlosen Aeusterung. wie ich zum Beispiel eine solche heute morgen in der Kommission �getan habe, gleich eine fürchterliche Frivolität sehen. Die Adelslaste der H e r e r o S ist vernichtet, tvaS jetzt übrig ist von dem Stamme, gehörte früher schon zur dienenden Kaste und hat es jetzt nicht schlechter, sondern besser als früher.— Südwestafrila schreitet in erfreulicher Weise fort. Das südwestafrikanische Rindvieh flötzt ja schon unseren Agrariern Konkurrenzschmerzen ein.(Heiterkeit und Sehr gut! links.) Im scharfen Gegensatz zu den Agrariern wünschen wir gerade, daß die Kolonien uns mit Fleisch versorgen mögen.(Lebhafter Beifall bei den Fortschrittlern.) Abg. Dr. Pansche snatl.): Wir bringen dem neuen Staatssekretär vollstes Vertrauen entgegen. Wir waren nicht in allen Fragen mit Dernburg einverstanden; aber wir zollen seiner großzügigen Kolonialpolitik höchste Anerkennung und wir sind stolz darauf, dast wir diese Politik schon unterstützt haben, als die, die sich jetzt als eifrige Kolonialfreunde ausgeben, sie aufs schärfste bekämpft haben. (Sehr gutl bei den Liberalen. Rufe: Erzbergerl) Geradezu unerhört ist eS, wenn ein Konservativer sich in einer Volksversammlung die Aeusterung leistet, der frühere Staats- sekretär Dernburg habe eine Milliarde deutschen National- Vermögens an seine Freunde, die Börsenspekulanten, ver- schenkt. Man soll den Leuten, die wagemutig in die Kolonien hinausgehen, doch nicht übelnehmen, daß sie tüchtig Geld verdienen wollen. Redner verweist sodann, bei seiner leisen Stimme vielfach unverständlich, auf die EntwickelungSmöglichkeit der deutschen Ko- lonien, besonders auf die große Bedeutung deS Kautschuks.(Bravö I bei den Nationalliberalen.) Abg. v. Licbert(Rp.): Wir schaffen geradezu einen Welt- rekord, wenn wir für eine schnelle Verbindung bis zum Tan- Weil der Brotherr ihm nicht minder. Wie der Fiskus. Aerger schafft, Produziert er wen'ger Kinder. Hemmend seine Zengungskrast. Listig wagt er zu betrügen Den Privatmann wie den Staat! Doch schon hör' ich heftig rügen Solchen Trug den Bundesrat. Durch Gesetz, das nichts kann lindern, Regelt er die Konzeption; Keiner darf sie künstlich hindem l Sonst— fliegt er ins Loch zum Hohn. Vorm Gesetz gehorsam beuge Deinen Starrsinn drum, Prolet! Lege dich ins Zeug und zeuge, Daß kein Kind verloren geht. Welche Fülle von Enrpfängen l Dennoch ist's kein leerer Wahn: Auch dem Bundesrat, dem strengen, Seh' ich das Verhängnis nah'n. Mit dem Kriegsruf:„Wen'ger Kinder Feucht verstärkt durch kalten Guß, Treibt die Herrn Gesctz-Entbinder Ab Madam Vopelius l Michel. Nottze«. Ein Alt-Berliner Maler. In der Alt-Berliner Ab« teilung der Großen Berliner Kunstausstellung wird dieses Jahr eine Kollektion Blechen scher Gemälde zu sehen sein. Eine große Anzahl von Werken und namentlich Studien dieses Meisters ist gesichert, so daß zum ersten Mal ein Einblick in sein künstlerisches Schaffen ermöglicht wird, wie er bisher noch nie ge- boten ist. — DieFrau als Theaterdirektor. Norwegen, das in diesen Tagen einen weiblichen Volksvertreter erhalten hat, erfreut sich nun auch zum ersten Male eines weiblichen TheaterdirektorS. In Deutschland. Frankreich und Italien ist das allerdings schon keine Besonderheit mehr; in den skandinavischen Staaten war die Leitung des dramatischen Kunstbetriebes aber bisher ausschließlich den Männern vorbehalten. Diese erste Theaterdirektorin Norwegens ist Frau Thora Hansson. der die Leitung des Theaters in Drondhjem übertragen worden ist. ftanifa Sorge tragen. D!e Strecke ist 1700 Kilometer lang. Die läugste englische Linie ist nur 1600 Kilometer lang. Dar-es-Salaanr wird Welthafen! Das Geld mujj durch Steuern von den Kolonien seldst aufgebracht werden. Allerdings suchen sich die Eingeborenen mit einer gewissen Bauernschlauheit den Steuern �u entziehen. sZurufe bei den Sozialdem.: Wie bei uns die Agrarier!) Wir sind im Gegensatz zu den Romanen ein kinderreiches Volk und wir haben daher die Menschen, um unsere Kolonien zu besiedeln. In den Kolonien wird es auch möglich sein, billige Rohstoffe zu erzeugen. Wie kann sich da eine Arbeiterpartei wie die Sozial- demokratie noch ablehnend verhalten'i Abg. Noske(Soz.): Die Mehrheitsparteien machen, um die Rentabilität unserer Kolonien zu beweisen, ein ganz eigenartiges Rechenexempel auf. Sie ziehen nur den Kolonialetat heran und übersehen die Gelder, die in den anderen Etats für die Kolonien verausgabt werden. Es werden immer noch 10000 M. pro Kopf der Eingewanderten in den Kolonien ausgegeben. sHört! hört! bei den Sozial- demolraten.) Wie kann man da von einer glänzenden finanziellen Entwickelung sprechen? Vor allem mufi eine Einschränkung der inilitärischen Ausgaben in den Kolonien eintreten. Dr. Paaschs ist optimistischer als der Staatssekretär. An eine so bezaubernde Zukunft wie Dr. Paaschs glaubt selbst Herr v. Lindequist nicht Auch der Handel mit unseren Kolonien steckt noch in den Kinder- schuhen und ist minimal im Vergleich zu unserem Gesamtautzcnbandel. lind ein groster Teil der Einfuhr in unsere Kolonien stammt gar nicht aus dem Mutterlande, sondern auS England. Wo i da ein volkswirtschaftliches Jntereste Deutschlands oder gar ein Interesse der deutschen Arbeiter vorhanden? Vor den faulen kolonialen Gründungen muff das Voll gewarnt werden. Sonst fällt eS herein auf die phantasievollen Schilderungen, die von der Reichs- tagStribüne hier gemacht worden sind. Es handelt sich hier direkt um Schwindrluuternchmungcn. für die in der unglaublichsten Weise Stimmung gemacht wird. Unter einen solchen Schwindelprospekt haben fchamloserweise ihren Namen bergegeben: Burggraf zu Dohna, Graf Kaiserling, hohe Militärs und Juristen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten). Recht interesiant war eS, dast Herr v. Liebert sich so be- geistert für Erhöhung der Eingeborcneiistcuer ins Zeug legte. Der Begeisterilirg liegt allerdings die recht reale Erwägung zugrunde, dafi die Kolonialbegeisterung der deutschen Steuerzahler nicht eben ivächst. wenn sie fortgesetzt bluten müssen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) ES bleibt dabei und loird ja auch durch die Erfahrungen be- stäfigt, die England in seiner langen Kolonialgeschichte gesammelt hat, daß an den Kolonien nur ein enger Kreis von Personen interessiert ist. Händler, Kanfleute, Militärs, Beamte usw. ES ist in der Debatte erwähnt worden, daß die deutschen Land- Wirte, d. h. die Agrarier. Angst vor einer Konkurrenz der Ko- lonien haben. Das ist bezeichnend. Die Kotonialfreundschaft dieser Leute reicht nur soweit, als sie keine Beeinträchtigung ihrer Interessen zu fürchten haben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- traten.) Herr v. Liebert begeistert sich für einen forcierten Bahnbau. Die Finanzen des Reiches sind wahrhaftig nicht derart, daß solche phnntastischr« Projekte gefördert werden können. Nun zur wichtigen AnsitdtluugSfrage. Der Vorschlag des Herrn v. Liebert. kinderreiche Familien nach Ostafrika zu schicken, ist geradezu mörderisch, auch wenn man hinzusetzt, daß diese Besiedelimg sich auf die Hochländer be- schranken soll. Was die Selbstverwaltung betrifft, so sind wir natürlich ganz entschiedene Anhänger der Selbstverwaltung. Wir wenden uns aber ebenso entschieden gegen die Beeinträchtigung und Zurücksetzung der Farbigen. In Togo haben schon die Eingeborenen den Anspruch auf Gleichberechtigung mit den Weißen erhoben.(Lebh- Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) ein bedeutsames Symptom. Wir müssen der Eingeborenenfrage die sorgfältigste Beachtung schenken. Die Rechtlosigkeit der Reger, die allerdings durchaus mit den Gepflogen- heiten der innerdeutschen Politik hannonicrt, steht in scharfem Gegen- satz zu der englischen Methode der Eingeborenenbehandlung und die Neger werden bei fortschreitender Entwickelung nicht verfehlen, Ver- gleiche zu ziehen, die böse Konsequenzen haben können.(Sehr ivahr l bei den Sozialdemokraten.)— Höchst bedauerlich ist eS. daß selbst ein Freisinniger wie Herr G o l l e r der reaktionären Auffafiung huldigt, daß die Neger nur dazu gut sind, auf den Farmen und Plantagen für die Weißen zu rackern.(Hört! hört! bei den Soz.) Mit Genugtuung begrüßen low eS, daß wir in den letzten Jahren ohne größere Kämpfe ausgekommen sind. Aber auch jetzt haben wir hören müssen, daß zur Sühne für den Tod eines Offfz«ers nicht nur drei Rädelsführer hingerichtet, sondern daß auch 200 Eingeborene zusammengrschoffen worden find!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Eine nette Sühne. Dann erst war, wie eS üblich heißt, die Ruhe wieder her- gestellt. Ganz allgemein ist unter den Eingeborenen da« Bestreben vorhanden, sich eine bessere Bildung anzueignen. Diesen Be- ftrebuiigcn sollte durch Schulvauten möglichst weitgehend Rechnung getragen werden. Dabei ergeben sich vielfach Konflikte mit den Pflanzern, die aus der billigen Kinderarbeit möglichst hohe Prosite herausschlagen möchten. Ein Pater teilt mit, daß die gesamte«indergrneration gefährdet ist infolge der Uebrrarbeit, der die Regierung tatenlos zusieht. Die Schnapscinfuhr ist in den Kolonien zwar zurückgegangen, dafür hat zugenommen die Einsuhr schlechten KunstweinS, der für teueres Geld an die Eingeborenen verlaust wird. Wir werden auf die Punkte immer wieder hinweisen, zumal weil die bürgerlichen Redner immer mehr zu verschweigen suchen. Um Arbeitskräfte für die Pflanzer zu beschaffen, wendet die Regierung Zwangsmaßnahmen gegen die Neger an. Herr G o l l e r pries die Humanität des inodernen Regimes. Aber immer können noch wegen VerlassenS der Arbeit drei Monat« Ketten verhängt werden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Di« Selbständigkeit der Eingeboreneir wird systematisch getötet. Das Ab- wandern von Arbeitskräften wird erschwert durch eine sog. Aus- Wanderungsgebühr, die aber nicht nur erhoben wird für tatlächliche Auswanderungen, sondern auch für jeden Fall einer vorübergehenden Abwanderung. Ja. man ist so weit gegangen, Buschleute regel- recht für die Arbeit einzufange». Mit dieser Gewaltmaßnahme hat man allerdings keine guten Ersahrungen gemacht, denn die Leute sind bald wieder weggelaufen. Die Reger sind direkt Sklaven, die gezwungen sind, für die Weißen zu arbeiten. Zu dieser Ber- sllavnngSPolitit gehört auch, daß in den Kolonien noch nach Noten geprügelt wird. Der Staatssekretär will dieses Priigelrecht sogar jedem Weißen übertragen.(Hört I hört I bei den Sozial- demolraten.) Ein Oberrichter, der das ZiichtigungSrecht für unzulässig erklärt hat, wurde von der Verwaltung glatt desavouiert. lHört! hört 1� bei den Sozialdemokraten.) Das Prügeln sei erlaubt, falls es sich in angemessenen Grenzen bewege. Was sind angemessene Grenzen? Der Smatssekretär muß schon eine regelrechte Prügel- ordnung erlassen. Die Hängekultur in unseren Kolonien ist direkt eine Schande. Es bedeutet direkt einen Rückfall in die Barbarei vergangener Jahrhunderte, wenn Neger wegen Diebstahls. noch dazu am Tage vor Weihnachten gehängt worden sind.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Wir Sozialdenwkratm protestieren mit aller Entschiedenheit dagegen, daß der Galgen als eiue Art Wahrzeichen deutscher Kultur hingestellt wird.(Erneuter Beifall bei den Sozialdemokraten.) In Samoa prügelt man nicht mehr die Eingeborenen, dafür aber die chinesischen Kulis. Das wird unsere Beziehungen zu China be- sonders freundlich gestalten. In 5799 Fälle» ist im lebten Jahre noch geprügelt worden. Diese Prügelkultur lehnen wir Sozial- deniokraten ab und wollen ihr gegenüber die Grundsätze der Mensch- lichieit und Geselligkeit zum Siege verhelfen.(Beifall bei den Sozial- demokraten.) Staatssekretär v. Lindequist: Ich hoffe, daß wir vom 1. April ab nach Fertigstellung der Bahn die militärische Besatzung werden herabsetzen können, wenn auch nicht in dem Maße, wie hier gewünscht worden ist. Der Etat für 1911 hat hier ja allgemeine Anerkennung gefunden. Die Bahn bis zum Tauganika wird später angefordert werden, wenn finanzielle Grundlagen gegeben sind. Die Zwangsarbeit schließen wir nach Möglichkeit aus. Was über die Eingeborenenkommissare und die Missionare gesagt worden ist, hat meinen vollen Beifall. Die Darstellung des Abg. L e d e- b o u r über den Zwist zwischen den Kaffern und den Koppelschen Arbeitern ist nicht richtig. Die Kaffern haben angefangen und zuerst mit den Kirris geschlagen. Sie werden doch ein solches Ding als Waffe ansehen?(Der Staatssekretär zeigt den Abgeordneten eine solche Keule, die von den Abgeordneten mit Interesse besichtigt wird.) Selbstredend sind wir für humane Behandlung der Eingeborenen; aber die Eingeborenen können nicht über einen Kamm geschoren werden. Speziell Menschenfresserstämme können wir doch nicht mit Glacs- Handschuhen anfassen.(Bravo I bei den bürgerlichen Parteien.) Die Debatte schließt. Persönlich bemerkt Abg. Heckschcr(Vp.) gegenüber einer Anzapfung deS Abg. Dröscher. er Pflege kein MitlagSschläfchen zu hatten und selbst die heutige Rede des Abg. Dröscher habe ihn nicht von dieser Gewohn- heit abbringen können.(Große Heiterkeit.) DaS Gehalt des Staatssekretärs wird bewilligt. Der Rest des Etats des Kolonialamts wird debattelos bewilligt. Hierauf vertagt sich daS HauS auf Freitag 1 Uhr.(Etats der einzelnen Kolonien.) Schluß 8'/lz Uhr._ parlamentanfcbes. Aus der Budgetkommission des Reichstages. Am Donnerstag wurde die Beratung des Etats für Süd- w e st a f r i k a fortgesetzt. Abgeordneter A o s k e sprach seine Ver- wunderung darüber aus, daß für die in Rcgierungsdiensten stehen- den Eingeborenen nur ein täglicher Verpflegungssatz von 60 bis 8g Pf. ausgeworfen wird, während der Satz für die Weißen viel höher ist. Entweder werden die Kosten für die Verpflegung der Weißen viel zu hoch angesetzt, oder die Neger werden zu schlecht ernährt. Das letztere scheine das Wahrscheinlichere zu sein, wie der hohe Prozentsatz der eingeborenen Kranken zeige.Der Staatssekretär bestreitet, daß die Eingeborenen schlecht er- nährt werden. Bedauerlich sei, daß auch der Proviant für die Eingeborenen aus Deutschland bezogen werden müsse, weil aus der Kolonie dieser Proviant nicht beschafft werden kann. Abgeordneter Goller lobt die Ernährung der Eingeborenen; die in Privat- diensten stehenden Boys erhalten angeblich eine so reichliche Nah- rung, daß sie oft noch ihre Familie damit versorgen können. Ab- geordneter N o s k e bestritt lebhaft die Nichtigkeit dieser Dar- stclluug. Es sei doch eigentümlich, daß Abgeordneter Goller ein Loblied um das andere auf Südwestafrika anstimme. Ter Staats- sekrctär erklärte, auf die unheimlich stark verbreiteten Geschlechts- krankheiten, die unter den Hottentotten sehr aufräumen, seien die hohen Krankheitsziffern zurückzuführen. Bei den Ausgaben für die Militärverwaltung teilt der Referent, Abgeordneter Semler, mit, daß in diesem Jahre Streichungen nicht beantragt werden, jedoch im nächsten Jahre müsse eine wesentliche Verwinde- rung der Schutztruppe und der Ausgaben eingeleitet, werden. Es sei hier bemerkt, daß die Unterhaltung des Militärs in Südwest 14,6 Millionen erfordert, das Reich hierzu einen Zuschuß von 11 Millionen leisten muß. Außerdem werden auch noch für 164 Offiziere und 7438 Unteroffiziere und Mannschaften jährlich etwa 4 Millionen an Pensionen bezahlt. Auch hierin wird eine Aende- rung verlangt, weil viele ehemalige Schutztruppensoldaten Pen- sionen erhalten, trotzdem sie sehr gesund und munter sind. Ab- geordneter Noske verlangt gleichfalls erhebliche Ersparnisse beim Militär. Von einer Gefahr für die Weißen sei nicht mehr die Rede. denn die Eingeborenen sind dezimiert und ohne Waffen. 10 000 Meißen steht nur noch eine Negerbevölkerung von 60—30 000 Köpfen gegenüber. Von all den ungeheuren Summen, die das Reich für Südwest aufgewendet hat. werde niemals ein Pfennig zurückzu- erhalten sein. Unter diesen Umständen müsse de» Ansiedlern auf- gegeben werden, selbst mit für ihre Sicherheit zu sorgen, vielleicht durch Errichtung einer Miliz. Daß der Landesrat in Südwest sich gegen jede Truppenverminderung aussprechen werde, sei begreiflich, oenn ganze Bezirke der Kolonie leben von den Lieferungen für die Truppen. Abgeordneter Semler wünscht ebenfalls, daß aus den Ansiedlern selbst eine Berteidigungstruppe gebildet wird. Abgeord- neter Goller weist darauf hin, daß auch von den Ovambos im Norden gar keine Gefahr drohe, die Kompagnien im Norden also völlig unnütz sind. In der Kolonie seien zahlreiche Reserveoffiziere als Ansiedler, die bei einer Volkswehr Verwendung finden können. Jetzt seien sie noch dem Bezirkskommando Berlin IV unterstellt. und jode Meldung an sie müßte ihnen durch reitende Po'izisten aus oft Hunderte von Kilometer langen Strecken überbracht werden. Abgeordneter Erzberger betont, die militärischen Kosten werden sich sofort erheblich reduzieren, wenn die Bevölkerung in der Kolonie selbst dafür aufkommen müßte. Der Staatssekretär sagt eine Prüfung der Anregungen zu und erklärt, daß bereits ein Wehrgesetz für Südwest in Vorbereitung sei. Gerügt wurde auch, daß für rund 2000 Soldaten 153 000 M. Lazarettbedürfnisse ge- fordert werden. Für 90 Beamte in Lüderitzbucht werden extra noch 45 000 M. Ortszulagen gefordert. Abgeordneter Goller weist darauf hin, wie luxuriös die Beamten dort leben. Das gute ein- heimische Bier, das 75 Pf. pro Flasche kostet, trinken nicht einmal die Subalternbeamten, sondern Exportbier zu 1,75 M. die Flasche. Außerdem trieben die Beamten einen außerordentlichen Kleider- luxus. Die geforderten 45 000 M. werden gestrichen. Aus der Neichsbcrslchcrungsordnnngö-Kommissiou. Sitzung am Donnerstag, den 23. März Die Kommission führte zunächst die dritte Beratung der Krankenversicherung zu Ende. Verkürztes Krankengeld. Die Kompromißparteien gaben den Landkrankenkassen das Recht, durch die Satzung allgemein oder für gewisse Gruppen Versicherungsberechtigter mit Zustimmung des Oberversicherungs- amtes das Krankengeld für die Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. März oder für einen Teil dieser Zeit bis auf ein Viertel deS Ortslohns herabzusetzen. In einem solchen Falle muß die Kasse entsprechend entweder für dieselbe Zeit die Beiträge ermäßigen oder für die übrige Zeit das Krankengeld in d-n zulässigen Grenzen erhöhen. GaS gleiche gilt entsprechend für das Hausgeld. Die Sozialdemokraten erhoben vergeblich gegen diese Verschlechterung Einspruch und erinnerten daran, daß das Zentrum in den beiden ersten Lesungen die schweren Schädi- gungen, die diese Bestimmung für viele Arbeiter zur Folge haben muß, als berechtigt anerkannt und deshalb mit den Sozialdemo- kraten, den Fortschrittlern und den Polen die Verschlechterung verhindert habe. Ihnen antwortete der Arbeitersekretär des Zentrums, Abg. Becker(Arnsberg), daß— die Aufsichtsbehörde eine Schädigung der Arbeiter verhuidern werde. Da die Annahme des Kompromißantrages sicher war, hatten die Sozialdemokraten beantragt, daß die Kürzung des Krankengeldes nicht über den halben Betrag hinausgehen darf, den der Kranke zuletzt verdient hat. oder, falls er nicht erkrankt wäre, in dieser Zeit verdient haben würde. Auch diesen Antrag 'Mtcn die Kompromißparteien gh, Ersabkasscn. Versicherungsvereiue auf Gegeuseiligkeit(freie HUsskassen) sollen nur dann als Ersatzkassen zugelassen werden, wenn ihnen vor dem 1. April 1909 eine Bescheinigung nach§ 75a des K ranken- Versicherungsgesetzes erteilt worden ist,— und ihnen dauernd mehr als 1000 Mitglieder angehören. Sie gelten als Er- atzkassen aber nur für den am 1. April 1909 urch ihre Satzung bestimmten Bezirk und Kreis ihrer versicherungspflichtigen Mit- g l i c d c r. Hierzu hatten die Sozialdemokraten beantragt, daß sich mehrere dieser Kassen verschmelzen können und dann als Ersatzkassen für den am 1. April 1909 durch die Satzungen der einzelnen Kassen bestimmten Bezirk und Kreis ihrer versicherungs- Pflichtigen Mitglieder zuzulassen sind. Ferner beantragten die Sozialdemokraten, daß die Arbeitgeber ihren Beitragsteil für die Arbeiter, die einer Ersatz- lasse angehören, nicht an die Zwangskasse, sondern an die Arbeiter zu zahlen haben. Für den Fall der Ablehnung dieses� Antrages forderten sie, daß die Zwaugskassc wenigstens vier Fünftel der eingezahlten Beiträge an die Ersatzkasse abliefern soll. Alle diese Anträge lehnten die Kompromißparteien ab. Von den anderen Anträgen der Kompromißparteien, die alle unverändert angenommen worden sind, ist nur noch der folgende beachtenswert:»Besteht der Mitgliederkreis einer Eriatzkasse überwiegend aus Handlungsgehilsen und-lehrlingen, Gehilfen und Lehrlingen in Apotheken, Bühnen- und Orchestermitgliedern. Lehrern und Erziehern oder aus Zieglern oder anderen Ver- sicherten, in deren Beruf ein häufiger Wechsel der Beschäftigung von Ort zu Ort üblich ist. so kann auf Antrag dieser Ersatzkasse der Bundesrat widerruflich anordnen, daß die Zwangskassen an die Ersatzkasse die bei ihnen für deren Mitglieder eingehenden Bcitragsteile der Arbeitgeber zu vier Fünfteln abzuführen haben." — Hier haben also die Kompromißparteien den Ersatzkassen der Kaufleute usw. ein Recht gegeben, das sie den meisten Ersatzkassen der Arbeiter vorenthalten. Die Kommission erledigte auch einen Teil der Unfallversichc- rung, zu der fast ausschließlich redaktionelle Anträge vorliegen. Fortsetzung Freitag._ Jugenäbeiregung. Delegiertenversammlung der Schweizer sozialbemikratischcn Jugendorganisation. Die am letzten Sonntag in Luzern statt- gefundene Versammlung war von 40 Delegierten beider Geschlechter und ebcnsovielen Gästen besucht. Aus dem vom Zentralvorstand in Zürich erstatteten Jahresbericht ist zu entnehmen, daß die Ein- nahmen 3942 Frank, die Ausgaben 2542 Frank und der Fonds für das Ferienheim 900 Frank betrugen. Die„Freie Jugend" er- scheint monatlich einmal in einer Auflage von 2500 Exemplaren. Der Verband hat einen Zuwachs von acht neuen Sektionen und 800 Mitgliedern erhalten. In vier Sektionen wurden Bibliotheken mit insgesamt 1000 Bänden eingerichtet. Lebhaft debattiert wurde über die von der Arbeiterunion Zürich angestrebten Jugend- a u S s ch ü s s e, die da und dort schon bestehen und sich auch durch- aus bewährt haben, nun aber in Luzern mit 29 gegen 5 Stimmen abgelehnt wurden. Immerhin sollen sie da, wo sie schon bestehen, belassen werden. Eine Resolution verpflichtet die Sektionen, ihren Mitgliedern eine gründliche Aufklärung über die Greuel des Krieges und die Kulturfeiudlichkeit des Mili- tarismus zuteil werden zu lassen. Der nächste Berbandstag findet in Wintert hur statt. „Arbciter-Jugeud." AuS dem Inhalt der soeben erschienenen Nr. 6 heben wir her« bor: Die jugendlichen Arbeiter in der Fabrilstatistik.— Eine Hexennacht. Von A. Ellinger.— Die Hermannsschlacht. Von Julian Borchardt.— Der moderne Reedereibetrieb.(Mit Illustrationen.) Von Rich. Woldt.— Des Lehrlings Leidenschronik.— AuS der Jugendbewegung.(Düsseldorf. Oberfranken, Breslau, Bremen.)— Vom Kriegsschauplatz.— Die Gegner an der Arbeit.— Helden der Arbeit.(Mit Bild.) Beilage: DaS Grand Hotel zum Schwarzen Adler. Bon Emil Ertl.— Die Blütezeit der Zünfte.(Mit Illustrationen). Von Engelbert Graf.— Robert Owen. Von A. Conrady.— Die Zigarette. Von W. Sollmann.— Bücher für die Jugend.(Ein neues Buch der Freiheit.)— Der Funken. Bon Brand.--- Allerhand Kurzweil.(Illustriert.)_________ Hus Induftm und Handel. Stinues im Berliner Kohlenhandel. Die Kohlenfrrma Kupfer u. Co., Bioabitcr Angedenkens, wird bald zu bestehen aufgehört haben. Doch sie verschwindet nur, um in anderer Gestalt zu stärkerer Geltung zu kommen, sie Ivird der Vereinigten Berliner Kohlenhändlcr-Ak- tien- Gesellschaft angegliedert. Wie aus den Moabiter Vorgängen noch bekannt sein dürfte, waren die Besitzer der Firma Kupfer u. Co. G. m. b. H. Hugo und Matthias Stinnes und die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-Mt.-Ges.. deren Aufsichtsratsvorsitzender wieder Hugo StinneS ist. In Verbinidung mit der Aufnahme der Firma Kupfer u. Co. erhöht die Vereinigte Berliner Kohlenhändler-AIt.-Gcs. ihr Aktienkapital von 1,10 Mil- lionen auf 3 Millionen Mark. Im Auffichtsrat werden Hugo Stinnes und die Deutsch-Luxemburgische Vergtverks- und Hütten- Akt.-Ges. vertreten kein, loas in Wirklichkeit wohl die uneinge- schränkte Herrschast des Stimies-Konzerns bedeutet. Erst im Ok- tober des vergangenen Jahres hat die Vereinigte Berliner Kohlen- händler-M.-Ges. ihr Kapital von 100 000 Mark auf 1,10 Millionen Mark erhöht, damals wurden verschiedene Kohlenhandclsfirmcn erworben, so die Firma Leopold Pauly Nachf. G. m. b. H.. mit einem Kapital von 500 000 M.. Ludwig B u d d G. m. b. H.. mit einem Kapital von 300 000 M.. D. Timmendorfer, mit einem Kapital von 200 000 M., sowie die Firma Knoller und R a h m c r. Durch die Kontrolle über die jetzt wieder erweiterte Kohlen- Händler-Akt.-Ges. gelangt Hugo Stinnes zu einer wesentlichen Stärkung seiner in der letzten Zeit fast stürmisch ausgedehnten Kohlenhandelsorganisation. Von der Firma Hugo Stinnes werden nicht nur rheinifch-westfälische Kohlen, sondern auch englische Kohlen vertrieben, obivohl die Stinnesschen Zechen dem Kohlen- shndikat angehören, dessen AufsichtsratSmstglied"Stinnes überdies ist. Zwar hat die Toppelstellung des Herr» Stinnes schon zu hef- tigen Auseinandersetzungen innerhalb des Kohlensyndikats geführt, doch das sonst so strenge Syndikat weiß Stinnes gegenüber auch Nachgiebigkeit zu bekunden, denn es befürchtet aus emer Zuspitzung der Differenzen eine Sprengung des Kohlenshndikats. über dessen Erneuerung die Verhandlungen schon geführt werden, trotzdem der geltende Syndrkatsvcrtrag erst 1915 abläuft. Zweifellos will Stinnes durch Uebernahme und Neugründungen von Kohlenfirmcn in den verschiedensten Städten eine Organisation schaffen, die bei einer etwcngen Auflösung des Kohlensyndikats imstande sein soll. den Kohlenabsatz für die zum StinneS-Konzern gehörenden Zechen zu besorgen. Durch keinen Widerspruch hat sich StinneS in der Verfolgung seiner Absicht aufhalten lassen, er stärkte dadurch seine Position, treibt aber zweifellos auch andere Koblenlonzerne zur Errichtung und zum Ausbau eigener Absatzorganisationen. Durch das Vordringen der Firma Hugo Stinnes wird so die Spannung im Syndikat verschärft, es dürste aber noch andere Folgen nach sich ziehen. Bald wird sich zeigen, wie sich der Stinnes. Konzern mit den beiden Kohlenlzandelsfirmcn Cäsar Woll- heim und E manuel Friedlaender abfinden wird, deren Jnteresscnkrcis durch die neue Gruppierung im Berliner Kohlen- Handel berührt wird. Die beiden Firmen besitzen ein Handels- mouopol für oberichlcsische Kohlen» nennenswerte Differenzen zwischen ihnen bestehen kaum. Run bezog die Bereinigte Berliner Kohlenhmidler-Aktt-.Ges, bisher bog der Firma Cäjar Wollheim fljrc fto�Icit, sie©Uröe zur Wollbeimgruppe gerechne?. Dagegen stclft die Firma Fricdlaender in ziemlich engen Beziehungen zum F ü r st e n t r u st, der Vermögensverwaltung der Fürsten Fürsten- r«rg und Hohenlohe. Dadurch ist sie auch der Kohlenfirma Wulff u. Co. nähergetreten, die gleichfalls zum Fürstcntrust gc- dort. Diese Firma Wulff u. Co. wurde Ende 1908 durch das Finairzinstitut der Fürsten Hohenlohe und Fürstenbera gegründet. dem Au picht erat gehören neben Vertretern der beiden Fürsten auch Vertreter des Kohlensyndikats und der Kohlenfirma Wulff u. Co. in Düsseldorf an. Wie sich die Gegensätze zwischen Stinncs und dem Kohlensyndikat auch gestalten mögen, sicher ist, daß die Kohlen- Handelsfirmen, die bisher schon meist nur noch Agenten der Syn- dikate oder einzelner Berglverksgesellschaften waren, durch die weitere Entwickelung restlos ihre Selbständigkeit verlieren werde». Soziales. Bunbesratsverorimungen für Arbeiterschutz. In der 146. Sitzung des Reichstags vom Montag, den 13. März, äußerte sich der Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Herr Dr. Delbrück, u. a. dahin, daß Bundesratsver- ordnungen, welche die Arbeitsverhältnisse in den einzelnen Ge- werben regeln, in den letzten Jahren deshalb nicht so viel erschienen seien, weil die Zahl der für solche �Verordnungen in Betracht kom- nienden Erloerbszweige naturgemäß immer kleiner werde, weil eben für eine große Anzahl Gewerbszweige derartige Verord- nimmt bereits erlassen seien. Nach den Bekundungen des Herrn Delbrück bliebe also für die Betätigung von Arbeiterschutz gar kein Raum mehr übrig, weil in dieser Beziehung schon so ziemlich alles geschehen sei.. Was dieses Gerede auf sich hat. dafür nur ein Beispiel: �ur das Gastwirtsgewerbe ist im Jahre 1902 eine Bundesrats- Verordnung erlassen worden, die die Arbeitsverhältnisse des ge- lernten Personals„regelt-". Diese Regelung besteht darin, daß die qualifizierten Arbeiter in diesem Gewerbe nicht länger als 16 Stunden täglich beschäftigt werden sollen(in Bade- und Kurorten während dreier Monate nicht länger als 17 Stunden). In den Kreisen der gastwirtschaftlichen An- gestellten nennt man das spöttisch den doppelten Acht- stunden tag. Sodann soll'wlle 14 Tage, in Städten von unter 20 000 Einwohnern alle 3 Wochen, eine 24stündige Ruhepause ein- treten. Dieses ganze bißchen Arbeiterschutz beschränkt sich aber, wie schon bemerkt, nur auf das gelernte männliche und weibliche Personal, auf die Kellner, Köche, Köchinnen und die am Büfett und beim Fertigmachen der Speisen beschäftigten Personen. Als im Jahre 1392 die Kommission den Wortlaut der Frage- bogen feststellte, regte der Genosse Molkenbuhr an, die Erhebungen doch auf das Hilfspersonal auszudehnen, Herr von Rottenburg antwortete damals, daß dies nicht unbedingt not- wendig sei. Wenn festgestellt werde, daß die Arbeitsverhältnisse für das gelernte Personal der gesetzlichen Regelung bedürfen, so würde das ohne weiteres auch für das Hilfspersonal anzunehmen sein, da ja in einem solchen Betriebe alle Faktoren wie die Räder eine» Uhrwerks zusamniengreifen müßten. Das war gewisse» maßen ein Versprechen, daß auch das Hilfspersonal in die Bundes- ratsvcrordnung einbezogen werden solle. Höchst wahrscheinlich war es von Herrn v. Rottcnburg auch so'beabsichtigt, als aber die Sache endlich nach zehnjähriger mühevoller Arbeit so weit gediehen war, hatte die Aera v. Berlepsch längst ihr Ende erreicht. Und so ist heute noch das gesamte aast wirtschaftliche Hilfspersonal in Küche, Keller ustv. von den mini- malen Schutzbestimmungen ausgeschlossen. Das ungelernte Personal aber bildet die übergroße Mehrheit der zirka 400 000 Angestellten und Arbeiter ini Gastwirtsgewerbe. Diese Beschränkung bedeutet eine schreiende Ungerechtigkeit- gegenüber dem meist noch mehr geplagten Hilfspersonal. Ter junge Mann, der als Kochlehrling mit der Zubereitung von Gemüse. Fleisch usw. beschäftigt wird, oder das Mädchen, das bei der Zu- bereituug von Speisen beteiligt ist, sind von der Gesetzgebung wenigstens in etwas geschützt, das jugendliche Küchenmädchen aber, welches den ganzen Tag in feuchtem dunklen Raum mit dem Abwaschen des schmutzigen Geschirrs beschäftigt ist, der Kupferputzer. die Hausdiener. Zimmermädchen usw., alle diese Personen haben unbegrenzte Arbeitszeit. Und in der Tat ist bei ihnen eine 18 bis LOstündige Arbeitszeit durchaus nichts Seltenes. Das gleiche gilt von den Liftboys, Pagen usw., Personen, die kaum dem Knaben- alter entwachsen sind. Es ist im höchsten Grade widerspruchsvoll, jugendlichen Personen einen gesetzlichen Schutz nur dann zu gc- währen, wenn sie als„Lehrling" gelten, sie davon auszu- schließen, wenn sie als ungelerntes Personal noch in weit höherem Maße angestrengt werden. Nach den Erhebungen, die der Verband deutscher Hoteldicuer vor einigen Jahren vorgenommen hat, kommt es gar nicht selten vor, daß ein Hoteldiener(die bekanntlich vielfach die Nachtwache übernehmen müssen) 24 und sogar 26 Stunden nicht aus den Kleidern kommen. Seit dem Erlaß der Bundesratsverordnung sind nun bereits neun Jahre ins Land gegangen. Die Regierung hat noch keinen Schritt weiter getan, obgleich das Hilfspersonal, aber auch das gelernte, diese Ausdehnung in unzähligen Eingaben gefordert haben. Und zwar schließen sich hier den Forderungen der frei organisierten Gastwirtsgehilfen selbst die rückständigsten Gehilfen- verbände an, wie der Deutsche Kellnerbund, Genfer Verband usw. Hier wäre also ein dankbares Feld für den Betätigungsdrang des Staatssekretärs und seiner Geheimrätc. Einige Hunderttausende gastwirtschaftlicher Arbeiter und Angestellte warten seit beinahe zwei Jahrzehnten auf den ihnen 1892 in Aussicht gestellten Schutz ihrer Arbeitskraft. Und dies Gebiet der Gasitvirtsgehilfen ist nur eins der dringend ihrer Erledigung durch Buudesratsvcrordnungen harrenden Gebiete. Zum mindesten so wichtig ist beispielsweise der E» laß von Bundesratsverordnungcn für die Großbetriebe der Eisen- industrie. Aber auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes kommandiert der Verband deutscher Industriellen Stillstand, und Staatssekretär wie Bundesrat stehen gehorsam still. Zum Gesinbeunrecht. Der kaiserliche Legationsrat von Kemnitz hatte seiner ehe- maligen Köchin in das Gesindedienstbuch folgendes Zeugnis ge- schrieben: „Die Köchin Martha Karl hat bis zum heutigen Tage... als Köchin gedient. Sie verläßt den Dienst auf ihren eigenen Wunsch"»s-rer Zustimmung ohne vorherige Aufkündigung aus folgendem nicht ausgeklärten Anlaß: Am 29. April fanden sich in meine« Suppenteller und in dem meiner Frau je zwei Tabletten, die sich bei alsbaldiger Untersuchung in der Apotheke als unschädliche Absührnnttel darstellten. Die Suppe war. wie stets, von der Köchin in der Küche aufgegeben und von dem Diener in das Eßzimmer gebracht worden. Martha Karl leugnet, die Ur- heberin dieses dreisten Scherzes zu sein und erklärt, den Verdacht nicht auf sich sitzen lassen zu wollen. Der Diener und die übrigen Dienstboten beteuerten ihre Unschuld.— Marthas Leistungen im Kochen genügten nicht unseren Ansprüchen, obgleich sie. wenn sie sich Mühe gab, auf manchen Gebieten gutes leisten konnte. Sie war ehrlich und in der Küche sauber. Ihr Betragen ließ zuweilen zu wünschen übrig." �. Fräulein Karl beantragte bei der Polizei eine Berichtigung dieses Dienstzeugnisses. Der Charlottenburger Polizeipräsident gab schließlich die Sache an den Berliner Polizeipräsidenten ab. Dieser lehnte die Aenderung ab und der Oberpräsident als nächste Be- schwerdeinstanz verwarf die weitere Beschwerde ebenfalls. Er ging nicht davon aus. daß nur ein Borgang dargestellt sei. sondern fand in dein Zeugnis, wie die Köchin, eine Beschuldigung, daß sie die Tabletten in die Suppe getan habe..Cr meinte aber im Gegensatz zur Beschwerdeführerin, die Beschuldigung sei nach Annahme der Behörde nicht unbegründet. Fräulein Karl tlogte nunmehr beim Obervcrwaltungsgericht. Ahr Vertreter. Rechtoauwalt Samove, verwies zunächst auf ein in- »wischen ergangenes Urteil des SchSfftngerichts. wodurch die Köchin freigesprochen ist. Sie War nämlich beschuldigt worden, den kalser- licheu Legatiousrat durch Hinzutun von Abführpillen zur Suppe— tätlich bleidigt zu haben. Das Schöffengericht hatte ein nou liquet angenommeti, in dem es meinte, das Mädchen oder der Diener müßten es nach Lage der Sache gewesen sein, es lasse sich aber nicht feststellen, wer es war. Im übrigen machte der Anwalt im Namen seiner Klientin geltend, daß sie nach wie vor entschieden bestreite, daß sie die Tablette» hineingetan habe. Die Beschuldi- gung. welche in der Erzählung des Vorgangs zu finden sei, müsse aus dem Attest herausgestrichen werden. Di- Erzählung gehöre aber auch daiui nicht in das Abgangszeugnis, wenn sie nur als Tarstellung eines Vorgangs augesehen würde. Ferner beantrage die Klägerin, daß als unwahr die Worte aus dem Zeugnis entfernt würden, daß ihr Betragen zuweilen zu wünschen übrig ließ. Das Oberverwaltungsgericht wies aber dieser Tage die Klage mit folgender Begründung ab: Es liege hier keine Berechtigung vor, eine Berichtigung dieses Zeugnisses zu verlangen. Zunächst sei als Grund der Auflösung des Dienstverhältnisses ein Vorgang wiedergegeben worden, der zugleich als unaufgeklärt bezeichnet werde. In der Darstellung werde dann weiter gesagt, das Mädchen wolle die Beschuldigung nicht auf sich sitze» lassen und die übrigen hätten ihre Unschuld beteuert. Somit sei keine positive Beschuldigung gegen das Mädchen ausge- sprachen worden. Die Darstellung des Borgangs an sich sei aber objektiv richtig. Eine Berichtigung könne darum nicht verlangt werden.— Die Worte dann:„Ihr Betragen ließ zuweilen zu wünschen übrig" enthielten ein subjektives Urteil. Ein solches Urteil könne die Herrschaft nach bestem Ermessen abgeben, ohne daß der Dienstbote, der eine andere Meinung von seinem Betragen habe, eine Berichtigung verlangen könne. Der Prozeß ist für die Rechtlosigkeit des Gesindes charakte- risttsch. Die„Herrschaft" schreibt in das Gesindebuch irgend eine Erzählung und ein abfälliges Zeugnis. Das Dienstmädchen muß sich diese Eintragungen ge fällen lassen, die ihrem Fortkommen nachträglich sind. Denn nachlAnsicht des Oberverwaltungsgerichts kommt es garnicht darauf an.Xob die Erzählungen des Legations- rats mit dem Dienst der Köchin in Verbindung stehen, auch nicht, ob sie der Wirklichkeit entspreche»; es genüge, daß der Lcgations- rat nicht wider besseres Wissel Behauptungen aufstellt, also ge- logen hat. Diese Auffassung desVOberverwaitungsgerichts ist falsch. Denn ein„Zeugnis" soll etivas»bezeugen, also Kunde von einer Tatsache geben, seiner Natur nw gemäß wird auch der Inhalt vo Arbeitsverhältnis in der Pra sehenerregenden entgegenstehen der Wahrheit entsprechen. Dem Zeugnissen aus dem gewerblichen — abgesehen von einem auf- u Urteil, das das Kammergericht vor wenigen Jahren erließ—/und der Theorie bewertet.'Aber gleichviel, ob des Oberverwafiungsgerichts Ansicht richtig oder irrig ist— empörend ist es, daß ein Dienstbote schutzlos mit einem Uriasbrief zufrieden sein muß. iiiiis der Frauenbewegung. Der Fortschritt des Frauenstimmrechts. In fünf Staaten der nordamerikanischen Union besteht nun das völlig gleiche Frauenwahlrecht. Ueber 400 000 Frauen sind damit den männlichen Bürgern gleichgestellt. Es sind die Staaten Washington(175 000 wahlberechtigte Frauen), Kolorado(120 000), Utah(60 000), Idaho(30 000), Wyoming(25000). In Kansas und Arkansas steht die Einführung bevor. In Kalifornia wurde der gleiche Antrag mit großer Mehrheit(im Unterhaus 65 gegen 12) angenommen. Und in Oregon, wo im November ein auf den Besitz gegründetes Frauenwahlrecht in Volksabstimmung abgelehnt wurde, haben jetzt die gesetzgebenden Körper ein Gesetz zur Einführung des allgemeinen Wahlreckits für Frauen beschlossen, das bei der Volks- abstiminung hoffentlich besseren Erfolg haben wird.— In Albany (Hauptstadt des Staates New Jork) hat ein Frauentag der bürger- lichen Frauen stattgefunden, der eine ganze Woche getagt und gleich zeitig eine erfolgreiche Versammlungspropagaiida entfaltet hat. Die„New Dorker Volkszeitung" bedauert, daß die sozialistischen Frauen weder an dieser Tagung teilgenommen, noch in einer be- sonderen Versammlung ihren besonderen Standpunkt zur Geltung gebracht haben._ Das erste weibliche Parlamentsmitglied in Norwegen. An Stelle des Abgeordneten General Bratlie, Vertreter für den dritten Wahlkreis von Kristiania, der beurlaubt wurde, ist sein Stellvertreter, die Volksschullehrerin Anna Ragst ad, einberufen worden, um ihren Platz als erste Frau unter den norwegischen Ab- geordneten einzunehmen.— Unsere Regierung dagegen glaubt, daß sie der Frau das Wahlrecht vorenthalten kann. Wie lange noch? Der 19. März wird zeigen wie die Frau über diese RechtsloSmachung denkt.____ Bürgerliche Frauenbewegung und Arbeiterinnenschust. Dem dänischen Reichstag liegt gegenwärtig ein Regierungs- cntwurf zur Revision des Fabrikgesetzcs vor, der unter anderem das Verbot der industriellen Nachtarbeit der Frauen entMt. Der Frauenwahlrechtsverein für Kopenhagen hielt dieser Tage eine Versammlung ab, in der kräftig gegen das Verbot protestiert wurde. Die Stadtverordnete Frau Thora Knudsen, Gemahlin eines Arztes, rief pathetisch aus:„Ich will nicht, daß die Frauen zu Sklaven gemacht werden." und erntete damit bei den Damen der Gesellschaft starken Beifall. Ihr lag auch besonders das Schicksal der armen Witwen am Herzen, die sich jetzt den Tag über so schön ihren Kindern und dem Hauswesen widmen können und während der Nacht das zur Erhaltung der Familie Nötige verdienen. Sie werden zu Sklaven gemacht, nach Meinung der Rednerin, und müssen elend zugrunde gehen, wenn ihnen die Nachtarbeit verboten wird. Die Pflicht des Staates, für diese Witwen und ihre Kinder zu sorgen, wie es die Sozialdemokratie schon lange in einem Gesetzentwurf verlangt, ist den Damen noch nicht zum Bewußtsein gekommen. Erfolg wird ihre Opposition gegen das Nachtarbeitsverbot nicht haben, denn prinzipiell hat Dänemark sich den internationalen Vereinbarungen vom Jahre 1906 schon von Anfang an angeschlossen; man hatte sich nur vor- behalten mit der Durchführung bis zu der für das Jahr 1911 in Aussicht genommenen Revision des Fabrikgesetzes zu warten. Uebrigens haben die Damen vor 11 Jahren bei der vorigen Re- Vision des Fabrikgesetzes von 1878, als die Schutzfrist für Wöchne- rinnen eingeführt wurde, gegen diese Maßregel ebenfalls heftig protestiert. Und diese Damen fühlen sich als Wohltäter der Menschheit!_ Versammlungen. Deutsch» Hokznrbeitcrvttband. Die Generalversammlung der Verwaltungsstelle Berlin füllte am Freitag den großen Saal des Gewerkschastshauses bis auf den letzten Platz. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: Bericht der Ortsverwaltung, war der Jahrcsbericbt den Delegierten schon im voraus in einer 144 Seiten starken Broschüre zur Verfügung gestellt worden. Der Geschäftsgang in der Holzindustrie deutete zu Beginn des Berichtsjahres 1910 auf eine günstige EntWickelung, aber der Aufschwung war nur für einzelne Branchen, namentlich für die Musitinstrumentenbraiiche und die Gold- leistenbranche von längerer Dauer, während die Koujunkur in den zum Tischlergewerbe gehörenden Branchen viel Enttäuschung hervorrief, so daß es am Ende des Jahres ungefähr ebenso schlecht mit der Arbeitsgelegenheit bestellt war, wie vor zwei Jahren. Die Zahl der Arbeitslosen war am Schlüsse des Januar 1910 1569; 1909 zählte man um dieselbe Zeit 3471 Arbeitslose, 1998 4076; Ende Dezember 1910 waren es 3787, 1909 1896, 1908 3971. Es ist ja allerdings im verflossenen Jahre das Obligatorium des Arbeitsnachweises eingeführt, so daß der Vergleich aus diesem Grunde als ein nicht zuverlässiger Maßstab für die Konjunktur«scheine» könnte. Aber das Obligatorium hatte wohl einen starken Einfluß auf die Zahl der Einschreibungen Arbeitsloser und auf die der gemeldeten und besetzten Stellen, aber weniger auf die Zahl der übrigbleibenden Arbeitslose», wie im Bericht hervor- gehoben wird. Uebrigens geben die Mitgliederzahlen der Kranken« lassen in der Holzindustrie ungefähr dasselbe Bild von dem Nieder« gang der Konjunktur. Im Dezember überwog die Zahl der Ent« lassungen die der Einstellungen um fast 2300. und am 1. Januar 1911 wurden nur noch 40 532 arbeitende Mitglieder der Kranken« lassen gezählt, rund 600 weniger als am selben Datum 1910. Die Lohnbewegungen waren im verflossenen Jahre um- fangreichcr als je zuvor. Die große Tarifbewegung, die zum Ab- schlug des neuen Vertrages mit dem Arbettgeber'ichutzverband führte, umfaßte allein 610 Betriebe mit 13 400 Belchäftigten. Die gleichen Bedingungen, wie sie der Arbeitgeberverband zugestanden hatte, wurden auch in allen diesem Verbände nicht angehörenden Betrieben gefordert und auch fast überall durchgeführt nämlich in 595 Betrieben mit 8100 Arbeitern. Außerdem standen die Rahmenvergolder. die Goldleiftenarbeiter, Bilderrahmenmacher. Bürstenmacher, Klavierarbeiter, Kistenarbeiter, Jalousiearbeiterund die Sargtischler in der Lohnbewegung, und auch diese Bewegungen endeten alle mit gutem Erfolge. Die Zahl der Lohnbewegungen, bei denen es sich um Forderungen der Arbeiter handelte und die ohne Arbeitseinstellung verliefen, war 213, und sie erstreckten sich auf 1469 Betriebe mit 26 540 Arbeitern. Durch diese Lohnbewegungen wurden Lohn- und Tariferhöhungen für 23 969 Arbeiter in 1447 Betrieben erreicht, und zwar durchschnittlich in der Höhe von 1,80 M. die Woche. Abwehrbewegungen ohne ArbeiiSeinstellungen fanden in 51 Betrioben mit 1434 Arbeiten, statt und führten durch Verhandlungen zur Zurücknahme der gc- planten Verschlechterungen. Zum Streik kam es in 178 Fällen mit 223 Betrieben und die Zahl der Streikenden war 4486. Nur in 22 Werkstätten und für 474 Arbeiter verliefen die Streiks erfolglos. Alles in allem wurden durch die Bewegungen im ver- siossenen Jahre Lohn- und Tariferhöhungen für 26 376 Arbeiter in 1553 Betrieben durchgesetzt, und Arbeitszeitverkürzung erreichten 1711 Arbeiter in 116 Betrieben. Aus der Statistik über die Tätigkeit des paritätischen Arbeitsnachweises ist zu ersehen, daß die Zahl der Arbeitsloseneinschreibungen 46 073 betrug gegenüber 32 509 im vorhergegangenen Jahre. In noch viel größerem Maße sind die Zahlen der gemeldeten und der besetzten Stellen gestiegen. Im Jahre 1909 waren eS nur 16 586 gemeldete und 12 980 besetzte Stellen, 1910 jedoch 34 186 gemeldete und 37 116 Stellen, die durch den Nachweis besetzt wurden. Hätte sich die Konjunktur nicht sehr verschlechtert im letzte» Quartal, so wären die Zahlen noch weit günstiger. Im Jahres- durchschnitt kamen aus 100 gemeldete Stellen 137 Arbeitsuchende. Im Arbeitsnachweis des Verbandes meldeten sich 3420 Arbeitsuchende; Stellen wurden 2352 gemeldet und besetzt wurden durch diesen Nachweis 1522 Stellen. Die Agitation für den Verband und seine Ziele wurde sehr eifrig betrieben, was schon daraus hervorgeht, daß nicht weniger als 7388 Wcrkstattsitzungen abgehalten wurden, an denen 9 l 686 Besucher teilnahmen. Die General- Versammlungen waren im Berichtsjahre aus 818 Delegierten zu- sammengesetzt, unter ihnen 11 weibliche. Als neue Branche haben sich die Scknrmmacher dem Holzarbeiterverbande angeschlossen. Die Agitation unter den jugendlichen Arbeitern und Lehrlingen der Holz- industrie hat leider noch nicht den Erfolg gehabt, den man er- wartete. Rechtsschutz wurde 191 Mitgliedern in 106 gewerblichen Streitigkeiten und 27 Strafsachen gewährt. Der Bücherbestand der Bibliothek hat sich im Laufe des Jahres um 150 Bände ver» mehrt und zählt jetzt 4000 Bände. Die Zahl der Aus- leihungen betrug 13 577. Die Jahresabrechnung schließt für die Hauptkasse mit der Bilanzsumme von 730 367,04 M. ab. Für Arbeitslosen- Unterstützung wurden 207 631,69 M. ausgegeben, für Streikunter- stützung 57 091,55 M., für Krankenunterstützung 98 422,38 M.. Gemaßregeltenunterstützuiig 17 034,50 M. und an die Hauptkasse wurden 320 009,21 M. abgesandt. In der Abrechnung der Lokal- lasse ist die Bilanzsumme 796 172,78 M. Unter ihren Ausgaben sind 125 062,82 M. an Arbeitslose. 53 150,41 M. an Kranke, 33 028,87 M. an Streikende, 6711,50 M. an Gemaßregelte. Der Kassenbestand ist im Laufe deS Jahres von 157 119,39 M. auf 234 398.78 M. ge- stiegen. Die Tätigkeit der Schlichtungskommisston war im verflossenen Jahre außerordentlich umfangreich. Es waren 753 Fälle zu er- ledigen gegenüber nur 244 im Jahre 1909. In 230 Fällen kam es zur Einigung, in 417 entschied die Konimission zugunsten der Arbeiter und in 101 Fällen zugunsten der Arbeitgeber. Zu dem gedruckten Bericht gaben der Bevollmächtigte Glocke und der Kassierer Miele eine Reihe mündlicher Ergänzungen und Erläuterungen, woran sich eine kurze Diskussion schloß. Es wurde beschlossen, eine Kommission zu wählen, die über eine Reorganisation der Verwaltung beraten soll. Hud aller Aleid Ei« deutsches Ehepaar in England ermordet. Eine mysteriöse Mordaffäre, deren Opfer ein deutsches Ehepaar ist, hält die englische Kriminalpolizei in Atem. In der Nähe von Ll s h f o r d liegt die Besitzung P l u ck l e h G r a n g e. auf der seit drei Jahren ein Deutscher namens Ludwig Berndt mit seiner Frau wohnte. Das Ehepaar führte ein sehr zurückgezogenes Leben und pflegte mit der Nachbarschaft keinerlei Verkehr. Mittwoch morgen fand der Postbote an der Hintertür einen Zettel, auf dem die Worte standen: Sofort zur Polizei schicken! Die herbeigerufenen Polizeibeamten drangen durch ein Fenster in das verschlossene HauS ein. Im Schlafzimmer fanden sie Frau Berndt mit durch- s ch o s s e n e m Kopfe tot im Bett liegend. Im Keller des Hauses lag der leblose Berndt mit durchschnittener Kehle und einer Schußwunde im Kopfe. Berndt entstammt einer alteingesessenen Berliner Kaufmannsfamilie. Der Tat verdächtig scheint ein Mann, der bereits vor einem Jahre zu Besuch bei der Familie gewesen war und der am Dienstagabend von Nachbarn gesehen wurde, wie er auf dem Grundstücke umherging. Der wahrscheinliche Täter, ein Deutscher, ist mit dem ersten Frühzuge nach London ge» fahren, wo ihm die Polizei auf der Spur ist. Die neueste Flugleistnng. Zu immer gewaltigeren Anstrengungen spornt die Kon- kurrenz die einzelnen Aviatiker an. Die neueste Leistung ist ein Flug mit elf Passagieren, den der französische Flieger Breguet gestern morgen ans dem Flugfelde bei Douai unternahm. Das von dem Apparat zu tragende Gesamtgewicht betrug 1183 Kilogramm. Es gelang dem Flieger, sich über eine Strecke von d r c i K i l o ni e t e r n in der Lust zu halten._ Kleine Notizen. A«I Furcht vor Bcrhaftuug stürzte sich in Gleiwitz eine Näherin in dem Augenblick ans dem Fenster ihrer im dritten Stock- werk gelegenen Wohnung, als ein Polizeibeamter ihre Sistierung vornehmen wollte. Die Unglückliche erlitt bei dem Sturze schwere Verletzungen und starb bald darauf. Die ganze Familie ermordet. Infolge von Familienzwistigkeiten erschoß in vergangener Nacht in dem Dorfe Barand in Ungarn der wohlhabende Landwirt Valentin Szakacs seine Frau und seine d r e i K i n d e r. Sodann verübte er S e l b st m o r d. Ein Bürgermeister als Falschspieler. Der Bürgermeister einer der größten Ortschaften Algiers ist in einem Klub als Falsch- spieler entlarvt worden. In den letzten zwei Monaten hatte er über 80 000 Frank im Pokerspiel gewonnen. Seine Mit- spieler hatten bereits seit einiger Zeit Verdacht geschöpft und scharf aufgepaßt und konnten ihn NUN des Falsch spiel» über» fuhren, Beginn morgen! Billige Ausnahme- Angebote von Knaben- und Schüler-Kleidung L j Günstige Kaufgelegenheit i zur 0inschulung Man beachte das morgige Inserat! BaervSohn Kleider-Werke Deutschlands grofite Fabrik dieser Art. Chausseestraße 29-30 o 11 Brückenstraße 11 Gr. Frankfurter Straße 20° Schöneberg, Hauptstr. 10 Der neueste Haupt- Katalog No. 42 kostenfrei, DreiTVopfen özö Tf.•.■ ..-vH flüssige Metall-Politur machen das schmutzigste Metall spiegelblank in Flaschen von lO bis 50 Pf. Ueberau zu haben. Fabrik: Lnbsizynski& Co., Berlin-liichtenberg. piSbcl-Hngcbot. Solides Möbelgeschöst liefert bürgerliche Wohnungseinrichtungen sowie ein» zelne Möbel gegen mäßige Zinsvergütung bei kleiner Anzahlung u. geringen monatlichen Teilzahlungen. Anfragen unter Postlagerlarte 16, Postamt 103. Kdn Hbzablungsgeecbäft. sssb« lilder- Sinrahtnung 3 sowie jede Glaserarbeit gut u. preiswert, liefern: Frankfurter Chaussee 134 R. Schelsky Fruchtstraße 26 E. Leischke Qreifswalder Straße 217 Ehrmann ft Sohn Landsberger Allee 145 E. Schmidt Lebnser Str. 5 St. Pius-Kunsth. Lippehner Str. 1 G. Scheibelich Markusstraße 19 Paul Schade Memeler Str. 80 0. Pfetferkorn Petersburger Straße 7 M. Pilatz Samariterstr. 11 Rieh. Schmidt Schillingstraße 29 0. Ritter Stoffe Damentuche, Damen« Kostümstoffe prima Qualitäten, Mtr. 2,50, 3,50«. Tuchlager Koch& Seeland G. m. b. H. GertrauilteDStr.20-2U.PiesÄ 4 Selowsky-Cigaretten Aromatisch jä Bären-Kaffee Aromatisch Kräftig Ergiebig fiberall käuflich. Lcrantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Für den Jnseratenteilverantw.t TH.Glocke.Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co,, Berlin LW. Ar. 7t. 28. Jahrgang. 2. Dnlqe des LarMs" Knlim KllisdlM. Mag. 24. Marz lM �bgeoränetendaus. 66. Sitzung vom Donnerstag, den 23. März, vormittags 11 Uhr. Am Ministertische: Dr. Lentze, v. Dallwitz, v. Trott zu Solz. Auf der Tagesordnung steht die dritte Lesung des Etats._ Win Antrag aller bürgerlichen Parteien fordert die Regierung auf. den Landtag künftig so zeitig zu berufen, daß die größeren Gesetzesvorlagen vor Weihnachten in erster Lesung beraten werden können und dafür zu sorgen, daß diese Vorlagen sämtlich dem Landtage bei seinem Zusammen- tritt zugehen. In der Generaldebatte erhält zunächst da-Z Wort Abg. v. Heydcbrandt(k.): Wir halten es für notwendig, Stellung zu nehmen zu der Vertretung der preußischen Jnteressm im Bundes- rat bei Regelung der Elsaß-Lothriugischcn VerfassungSangelegcnhcit. Die Verwendung der preußischen Stimmen im Bundesrat ist zweifellos ein Regierungsakt wie alle anderen und unter- liegt daher der Kontrolle der preußischen Volksvertretung.(Sehr richtig I rechts.) Dem wird auch die Regierung nicht widersprechen. Die Regierung steht allerdings auf dem Standpunkt, daß ihr nicht vor der Abgabe ihrer Stiinmen im Bundesrat vom Landtag Direk- tiven erteilt werden dürfen, weil das ein Eingriff in die. ihr vorbehaltene Regierungsgewalt sei. Ein solcher Eingriff liegt uns selbstverständlich fern. Wenn die Regierung weiter meint, eine solche Stellungnahme des Landtags sollte auch nicht während der Berhand- lung der betreffenden Materie im Reichstag erfolgen, weil eine solche Erörterung die Führung der Reichsgeschäfte sehr erschweren müsse, so haben wir mit Rücksicht daraus Abstand davon genommen, diese An- geleqenheit in Form einer Interpellation zur Sprache zu bringen. S»>e halten es aber für unsere Pflicht, unsere Meinung darüber zum Ausdruck zu bringen, wie nach unserer Auffassung die Vertretung der preußischen Interessen im Bundesrat stattzufinden hat. Wir Müssen uns vorbehalten, die Regierung zur gegebenen Zeit zur Rechtfertigung über ihre Stellung in dieser Frage aufzufordern.(Bravo I rechts.) Es handelt sich bei dieser Frage der Stellung Elsaß-LothringenS im Bundesrat um die Stärke und Sicherheit des Reiches, und ivenn Fehler dabei gemacht werden, so werden solche Fehler eventuell mit preußischem Blute bezahlt. (Sehr richtig! rechts.) Das gibt uns das Recht, zu betonen, daß wir die Gestalt, die die Vorlage angenommen hat, für keine glückliche halten. Und in der Kommisston hat die Regierung nun noch ihre Zustimmung dazu gegeben, daß die Stellung Preußens im Bundesrat noch er- heblich verschlechtert wird, indem die drei Stimmen für Elsaß- Lothringen zwar gegen, aber nicht für Preußen abgegeben werden dürfen.(Hört! hört! rechts.) DaS ist eine außerordentliche Schwächung des preußischen Einflusses im Deutschen Reiche. Die Re- gierung hat gesagt, Preußen müffe in diesem Falle Selbst- Verleugnung üben. Nun, mir scheint es sehr ztveifelhast, ob Selbstverleugnung im politischen Leben empfehlenswert ist. (Heiterkeit rechts.) Jedenfalls ist die historische Machtstellung Preußens nicht auf Selbstverleugnung aufgebaut. sondern auf Autorität, Diszipliu, ein starkes Heer und eine starke Monarchie. (Lebhafter Beifall rechts.) Ich kann mir nicht denken, welche Gegen- lonzession es geben könnte für eine so erhebliche Schmälerung des preußischen Einflusses im Bundesrat.(Sehr richtig! rechts.) Man mag sich die deutsche Zukunft vorstellen wie man will, jedenfalls ist sie nicht glückverheißend für das Deutsche Reich, wenn der preußische Einfluß geschwächt ist. Die konservativ« preußische Partei würde ihres Namens nicht wert fein, wenn sie nicht den Mut hätte, das hier offen vor dem Lande auszusprechen. Das ist unsere patriotische und deutsch-nationale Pflicht und wird seinen Widerhall finden in tausend patriotischer Herzen bis weit hinein in andere Parteien. (Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Dr. Friedberg(natl.): Wir haben selbstverständlich das Recht, eine Kontrolle an den Abstimmungen der preußischen Re- gierung zu üben. Ich kann aber im Gegensatz zu dem Borredner eine so große Gefahr für den Einfluß Preußens in der vorgesehenen Regelung der Elsaß-Lothringischen Frage nicht erblicken.(Hört! hört! rechts.) Darin stimme ich mit dem Vorredner überein: auch ich würde es für ein Unglück halten, wenn aus dieser Aktion im Reiche eine Schwächung Preußen? erfolgen würde.(Bravo l bei den Natioualliberalen.) Abg. Frhr. v. Zedlitz(fk.) befürtvortet zunächst den Antrag auf frühere'Einberufung des Landtags. Es werden viel zu viel Reden zum Fenster hinaus hier gehalten. Auch Parteistreitigkeiten gehören nicht m diese? Haus.(Große Heiterkeit links.) Wir können uns viel- leicht darüber einigen, daß bei der Spezialberatung deS Etats in der Regel eine Redezeit von einer halben Stunde völlig ausreicht, und bei der allgemeinen Debatte eine Stunde.— In der elsaßlothringischen Frage hat auch bei uns die Haltung der Regierung die schwersten Bedenken hervorgerufen. Wir laufen Gefahr, daß die Elsaß-Lothringischen Stimmen im Bundesrat im süddeutsch-demokra- tischen Sinne abgegeben werden. Das würde eine wesentliche Stärkung deS demokratischen Einflusses im Reich zuungusten Preußens bedeuten und wäre gleichbedeutend mit einer Schwächung deS man- archischen Charakters des Reichs.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Selbstverleugnung war für Preußen am Platze, als es galt, das Reich zu grlluden. für die Folge aber muß die Vonnacht Preußens in Deutschland aufrecht erhalten werden.(Bravo I rechts.) Abg. Fischbcck(Vp.): Wir behandeln die elsaß- lothringischen Fragen in erster Linie vom d eutschen Standpunkt aus. Die Deutschen in Elsaß-Lolhringen haben Anspruch darauf, daß ihre Interessen berücksichtigt werden. ES ist ein uodsio okücmm(vornehme Pflicht) Preußens, bei diesem Gesetz nicht den Standpunkt Preußens hervorzuheben, sondern das Interesse des gesamten Deutschen Reiches wahrzunehmen.(Bravo! links.) ES ist lange nicht eine so reaktionäre Tendenz durch dieses Haus gegangen, wie jetzt. DaS beweist vor allem die Behandlung der WahlrechtSfrage. Auch die Vorstöße deS Ultra montaniSmuS. die wir erlebt haben, sind darauf zurückzuführen. Der Modernisteneid bedeutet den Zwang jjur Unwahrheit.(Große Unruh« im Zentrum.) Daß das Parteigezänk in diesem Hause bald ein Ende nimmt, wünschen auch wir. Möge die Regierung doch den Reichstag und Landtag auflösen; das Volk wird dann schon die richtige Antwort geben.(Sehr richtig! links. Zurufe rechts: Gießen!) Abg. Dr. Porsch(Z.): Dies Vertrauen haben auch wir zum Volke. Wenn der Vorredner gesagt hat, daß der Modernisteneid jemand zwinge, die Unwahrheit zu sagen, so müssen wir uns das ganz entschieden verbitten. Das sind Dinge, über die Sie(nach links) kein Urleil haben.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) In eine materielle Erörterung der elsaß- lothringischen Frage im Augenblick einzutreten, halten wir nicht für zweckmäßig. Wir haben zu unseren Freunden im Reichstag das volle Vertrauen, daß sie bestrebt sind. diese außerordentlich schwierige und wichtige Frage zu einem gedeih- lichen Ende zu führen unter voller Berücksichtigung der Interessen de» Reichs und Preußens.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): ES ist eigentümlich, daß gerade Herr V.Zedlitz gegen das viele Reden hier auftritt, während er selbst fast am meisten ge- sprachen hat. Wir halten es für unsere Pflicht, zu jeder Re- gierungsvorlage und jedem Antrage Stellung zu nehmen. Wenn Sie Beschwerden gegen die Regierung haben, nehmen Sie auch kein Blatt vor den Mund, wie die heuttge Debatte bewiesen hat. Im übrigen können wir dem Antrag auf rechtzeitigere Einberufung des Landtages mir zustimmen. Daß wir unsere Steden hier nicht allein für Sie halten, ist selbstverständlich. Eine Aeude rung der reaktionären Zustände in Preußen ist nur möglich, wenn die Masse der Wähler genügend über diese Zustände aufgeklärt wird, und diesem Zweck dienen unsere Reden ebenfalls. Den Vorwurf der politischen Demagogie anderen zu machen, bat jedenfalls die Rechte dieses Hauses am ivenigsten Berechtigung, Man hätte erwarten sollen, daß heute aus diesem Hause ein Appell an die Regierung ergehen würde, in der Frage der allgemeinen Abrüstung im Interesse des ganzen deutschen Volkes so rasch wie möglich vor- anzugehen. Statt dessen müssen wir es erleben, daß hier ein wohlvorbcreitetes Spektakelstäck der preußischen Fronde gegen die Regierung inszeniert wird. Der Statthalter von Elsaß-Lothringen ist ja nach den Vorschlägen der Regierung nur eine Puppe in den Händen der preußischen Regierung. Das Streben der Rechten geht daher in der Tat nicht darauf hinaus, eine Verminderung des preußischen Einflusses abzuwehren, sondern eine Vermehrung dieses Einflusses im Bundesrat zu erreichen. Man proklamiert von jener Seite das Recht auf die Vcrpreußung von ganz Deutschland.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr p. Zedlitz hat deutlich ausgesprochen, Ivorum eS sich handelt: die relativ freiheitlichen Verfassungen der süddeutschen BundeSstaatcu haben es Ihnen angetan. Wie ist das Vorgehen der Rechten zu ver einbaren mit der preußischen BundeStteue und mit dem preußischen Selbstvertrauen? Fürst Hohenlohe hat in seinen Memoiren die Rechte richtig gekennzeichnet, als er schrieb: Wenn es ihr Interesse erheischt, pfeifen die preußischen Junker aus das Reich. Herr V. H e y d e b r a n d hat in einem apydittischen Ton der Regierung gegenüber gesprochen als ob er einen Hund vor sich bätte, der zum Appell gerufen wird. Heute hat der Hünd nur die Prügel bekommen (Große Unruhe rechts. Präsident v. K r ö ch e r ruft den Redner zur Ordnung.) Zustimmen kann ich Herrn v. Heydebrand zu seiner Verhöhnung der Selbstverleugnung als staatliches Prinzip. Geschaffen ist die preußische Macht mit Blut und Eisen, mit Rechts bruch und Gewalt(Oho l rechts) und das sind auch die einzigen Faktoren, die Preußen noch aufreckst zu erhalten vermögen. Ich erinnere an die Behandlung der S t a a t s a r b e i t e r, an die Kali-Schmiergelder, an Moabit. Ich brauche das Sünden register des Ministers des Innern hier nicht im einzelnen aus zuzählen, den man nicht Polizeiminister nennen darf, offenbor weil das Wort Polizei selbst für Herrn v. Kröcher einen zu un- angenehmen Beigeschmack hat. Der Mord an dem Arbeiter Herrmann ist noch immer nicht gesühnt. Solange das nicht geschieht, werden wir Sie immer an das Ka'mszeichcn der Schmach, das die preußische Polizeiverwaltung trägt, erinnern.(Präsident v. Kröcher ruft den Redner erneut zur Ordnung unter Hinweis auf die geschäftsordnungsmäßigen Folgen.— Bravo I rechts.) Der Kultusminister hat uns zu den« bekannten Vorgehen der Schul- aufstchtSorgane gegenüber Turn- und Gesangunterricht an die Arbeiter jugend bis 21 Jahre auf einen Erlaß verwiese», dessen Inhalt er aber nicht näher bezeichnet hat. Die Hauptsache ist, daß er dafür sorgt, daß die bisher ungesetzlich verhängten Strafen und Verl fügungen zurückgenommen werden. Uebcrall haben wir zu ton statieren, daß die preußische Verwaltung sich über Gesetz und Recht hinwegsetzt, daß die Willkür in Preußen regiert. Interessant ist die politische Konstellation in Preußen. Ich erinnere an die berühmte Sitzung, wo Herr Schiffer das Tischtuch zwischen den Nationalliberalen und der Rechten zerschnitt und dann Herr v. Heydebrand den Nalionalliberalen sein sio volo, sio jubeo zurief. Damals sprang als Vermittler zwischen diesen beiden Parteien das Zentrum ein. Herr GronowSki hielt seine Hetzrede gegen die Sozial- demokratie. Der Kampf gegen die Sozialdemokratie wird von allen bürger- lichen Parteien atS geeignetste Basis zur Einigung der preußischen Reaktion angesehen. Die Nationalliberalen wissen noch immer nicht recht, wohin sie gehören, das hat die letzte Nachwahl wieder bewiese». Rechte und Zentrum haben ein Bündnis geschlossen, unter dem gegenwärtig dem Volk beinahe der Atem auszugehen droht.(Un ruhe reckt«!) BorromäuS-EnzyNika und Modernisteneiddebatte waren lediglich Scheingefechte der Rechten, und das Zentrum gibt seine sozialpolitischen und allgemeinpolltischcn Pflichte» preis, um kirchenpolitischer Zilgestäiidnisse willen. Die Rechte hat sich für seine agrarischen Interessen das Zentrum durch kircheupolitische Zu- geständnisse eingekauft, und nun fordern sie Arm in Arm das Jahrhundert in die Schranken. Aber das neue Jahrhundert wird mit ihnen fertig werden. Auch durch seine ueucste Wahlparole hat sich das Zeutrum mit Haut und Haaren der Rechten verschrieben. Diese Situation ist charalteristisch für Preußen und auch für die ganze Reichspolitik.(Sehr wahr! bei den Sozialdemolraten.) Das preußische Volk aber hat mit dieser Politik nichts zu tun. Das preußische Volk, das in seiner Mehrheit von uns vertreten wird (Lachen rechts)— die Zahlen beweisen eS— wünscht den Kampf gegen die Willkür, gegen die Ungcsctzlichteit, eS will keine Reaktion, sondern Fortschritt, keine Gewalt- Herrschaft, sondern Demokratie im weitesten Sinne in der Zusammensetzung deS Parlaments und in der Verwaltung des Staates. Die WahlrechtSjrage ist uud bleibt die Zentralfrage für die ganze Gestaltung der preußischen und der Reichspoliiik. Für diese Forderung tritt mit Entschiedenheit allein noch die Sozial- demokratie ein, für die Mehrheitsparteien ist sie ein Menetelel, vor dem sie die Augen verschließen. Der.Reichsbote' fordert für die Reichstagswahlen schon den .Appell an die nationale Ehre". Hier gehen möglicherweise höchst staatsgefährliche Dinge vor sich und die Parteien dieses Hauses haben die Hand im Spiele. Wir sehen die Verbindung der einflußreichsten Kreise mit diesen staatsgefährlichen Dingen. Im Interesse der Sicherheit des Reiches appelliere» wir an das deutsche Volk, damit eS endlich sich aufbäume uud der Gewaltregierung der Junker daS Knie auf die Brust uud de« Daumen auf das Auge setze! (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.-- Gelächter rechts.) Abg. Freiherr v. Erffa(k.): Gott fei dank ist diese Rede zu Ende gegangen.(Heiterkeit rechts.) Abg. Fischbeck hat heute wieder den alten freisinnigen Trick angewendet: wenn wir mit der Re- gierung geben, sind wir die Herrschenden, wenn wir in der Opposition sind, ist eS auch schlecht. Wir haben uns nie gescheut, unsere Meinung auszusprechen. Der Freisinn hat sich auf Tod und Leben mit der Sozialdemokratie verbunden, die in der frechsten Weise die Republik fordert. (Sturmische Rufe der Sozialdemokraten: Frech? Frech? Und das Präsidium?— Präsident v. Kröcher: Ich habe daS nicht auf ei» Mitglied des Hauses bezogen.) Ich auch nicht. Redner beschäftigt sich dann mit der Geschäftsführung deS Hause» und mit dem gleichzeitigen Tagen der Kommissionen. Die Sozial- demolraten glauben hier nicht unter einer Stunde reden zu dürfen. Wir brauchen uns doch nicht die Leitartikel des.Vorwärts" vorreden zu lassen.(Abg. Hoff mann: Bloß die der„Deutschen Tages- zeitung". Als der Präsident läutet, um die Zwischenrufe ein- zuschränken. sagt der Redner: Ich bitte, die Herren zur Ruhe zu bringen! Heiterkeit rechts). Abg. Dr. Schiffer(natl.): lieber Anstand und gute Sitte will ich zulege mit einem lonservativen Herrn disputieren, der einem tgl. Su,atsmi»ister gegenüber hier mit der Faust auf den Tisch geschlafen hat.(Sehr gutl links.) Wir baben gewiß unser vollstes Verständnis für das gezeigt, was Preußen in seiner stolzen Eigenart für Deutschland war, ist und sein muß. Sie (nach rechts) scheinen sagen zu wollen, daß die Hände, in denen die Wahrung der preußischen Interessen jetzt liegt, nicht die richtigen sind.(Gelächier und Widerspruch rechts.) Preußen hat gerade durch kluges Nachgeben seine Ziele in Deulschland erreicht.(Der Ministerpräsideut v. Bethmann-Hollweg erscheint im Saal.) In der Tat wird Preußens Machtstellung durch die drei Stimmen für Elsaß-Lothringen nicht gefährdet.— Der Finanzminister hat neulich erklärt, daß der Ariikel aus der„Neuen Korrespondenz" über die Neichsfiiianzreform der Regierung nicht be- kany-t sei. Ein verbreitetes Blatt teilt aber mit, daß tatsächlich der Mniister des Innern der Urheber des Artikels sei. Wir erwarten eine authentische Aufklärung.(Bravo I links.) Ministerpräsident Dr. v. Bethman» Hollweg: Von einer Miß» achtung preußischer LebenSintereffen bei der Haltung der Regierung in der elsaß-lothringischen Frage kann keine Rede sein. Die preußische Regierung hat in einmütiger Uebereinstimmung mit den gesamten berbündelen Regierungen eine größere Verselbständigung der Reichslande als ein Erfordernis sowohl im Interesse der Reichslande als des Reiches selbst an- gesehen. Der Wunsch Elsaß-LothringenS nach einer Beteiligung im Bundesrat ist danach vollauf verständlich. Wir müssen Elsaß-Lolhringen polilisch, kulturell und wirtschaftlich so eng wie möglich mit dem deutschen Vaterland verschmelzen, diese Pflicht liegt dem Reiche seinem jüngsten Gliede gegenüber ob. Ich war deshalb von vorn- berein dafür, Elsaß-Lothringen Bundesratsstiinnien zu gewähren. (Hört I hört I) Die Schwierigkeiten, die dem entgegenstanden, sind bekannt. Sie sind überwunden, nachdem im Reichstag alle Parteien, die eine Verabschiedung des Gesetzes wünschen, für die BundesralS- stimmen eingetreten sind. Ein zahlenmäßiges Opfer bringt Preußen allerdings damic, aber kaum ein reales Opfer und jedenfalls kann man nicht von einer Gefährdung staatlicher Interessen Preußens sprechen. Wir können in Preußen keine kleinlich beschränlte Politik machen.(Sehr richtig I lintö.) Große Fragen des Reichs werden im Bundesrat nicht nach Rechenexempeln gelöst, sondern sie sind immer einstimniig gelöst worden.(Hört! hört! links.) Daran werden die drei Vertreter Elsaß-Lothringens nichts ändern. Preußens Einfluß im Bundesrat beruht auf seinen geschichtlichen Leistungen und seiner geschichtlichen Mission. Preußische und Reichs- interesien fließen zusammen nur dann, wenn Preußen bestrebt ist, die Macht, die es hat und vermöge deren das Deutsche Reich ge- bildet worden ist, unversehrt aufrechtzuerhalten.(Bewegung und Beifall rechts.) Abg. Dr. v. Woyna(fk.): Das Verhältnis unter den Bundes- staaten ist zurzeit gewiß vorzüglich. Aber man darf uns Konservativen nicht verargen, wenn wir Vorsichtsmaßregeln für die Zukunft treffen. Ich bedauere die Stellung der Nationalliberalen zu dieser Frage. (Sehr richtig! rechts.), Die Selbstüberhebung der sozialdemokratischen Kritik an unsere allgemeinen Verhältnisse nimmt allmählich einen ganz pathologischen Charakter an. Ich hoffe, daß der vorliegende Antrag dazu führen wird, daß hier nur noch vernünftige Reden gehalten werden.(Große Heiterkeil.) Ein Autrag v. Arnim(k.) auf Schluß der Generaldebatte wird angenommen; ebenso der Autrag auf frühere Einberufung deS Landtags. Eine Reihe von Etats werden debattelos angenommen. Beim Etat der Domäncnverwaltung spricht Abg. Heine(natl.) für Erhaltung des Bades Rehburg bei Hauuover. Abg. Leinert(Soz.): Dem Wunsche des Vorredners kann ich mich nur anschließen. trotzdem den dortigen Gemeindevorslehern vom Landrat untersagt worden ist, eine bezügliche Petition auch mir zu übersenden.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Pappenheim hat bei der zweiten Lesung meine Ausführungen über die Verpachtung der Domänen als jeder Begründung entbehrend hingestellt. Seitdem sind mir aber eine ganze Reihe von Schreiben zu- gegangen, die nur bestätigen, was ich gesagt habe. In der Tat werden die Domänen zu billig verpachtet. Viele Pächter zahlen aus der Spiritusprodultion ihre ganze Pacht. Durch solche Verträge werden die Interessen des Staates nicht gewahrt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Abgg. Engels mann(natl.), Busch(Z.). v. Wolfs- Metternich(Z.) und Freiherr v. Los(Z.) bringen Einzel- wünsche vor. Abg. Ströbcl(Soz.) bespricht die staatliche Forstwirtschaft in der Nähe der Großstädte. Der Forstfiskus darf sich hier nicht als Grundstücks- s p e k u l a n t betätigen. Die Bevölkerung muß die Möglichkeit haben, sich in den Forsten zu ergehen.— Der Minister hat erklärt, daß er ein Bedürfnis für eine Forstarbeiterorganisation nicht anerkenne, obgleich sie in allen süddeutschen Staaten un- gehindert sich betätigen kann; wir protestieren aufs allerschärfstc gegen diese Rückständlgkeit, die von vielen Privawnternehinern längst verlassen worden ist.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wie kann man sich erlauben, den Forstarbeitern ihre Rechte zu nehmen? Wenn die Arbeitsverhältnisse der Forstarbeiter wirklich so gute sind, so könnte man ja die Entloickelung der Organi» sation ruhig ansehen. Wir Sozialdemokraten sind leider die einzigen, die für die selbstverständliche Koalitionsfreiheit eintreten. Das hat sich bei der zweiten Beratung gezeigt, als der ZentrumöabgeordneteBusch nur Organisationsfreiheit für die christliche Organisation forderte.(Abg. Busch: Sehr wahr! — Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Sie treten also nicht für allgemeine Organ isationS- freihcit ein!(Abg. Busch(Z.): Branchen wir ja gar nicht!— Hört I hörtl bei den Sozialdemokraten.) Das unterstreiche ich— und Sie wollen eine Partei sein, die für die Allgemeinheit eintritt! Redner erörtert dann waldwirtschaftliche Fragen und Wild» verkauf usw. auf Grund von Zuschriften aus Forstbeaniteukreisen. Hier erleide dieStaatstasseEinbußen. Diese Einnahmen der Oberförster brauchen auch nicht versteuert zu werden. Es handelt sich um Hunderttausende Mark, die zur Verbesserung der Löhne der Arbeiter verwendet werden könnten.(Beifall bei den Sozialdemo- traten.) Abg. Busch(Z.): Wir haben stet« Freiheit gewollt und wollen sie heute noch.(Lachen bei den Sozialdemolraten.) Aber die Frei- hcit hat eine Grenze, wo der Staat verleumdet und untergraben wird. Die freien Gewerkschaften sind nur ein geldspendender Bestandteil der Sozialdemokratie, die die Republik emführen will. Die Staatsrcgierung wird doch nicht ihre Feinde unterstützen. Stellen Sie beim„Vorwärts" einen christlichen Arbeiter an? Legen Sie ihn auf den Tisch des Hauses.— Ihnen ist es nur um eine Ausdehnung der Sozialdemokratie zu tun. Wir billigen vollauf die Haltung'der Staatsregierung. Wären Ihre Organisationen Arbeiterorganisationen, die die Lage der Arbeiter bessern wollen, wie die christlichen(Lachen bei den Sozialdemokraten.), so hätten wir gegen sie so wenig, wie gegen die Hirsch-Dunckerschen. (Abg. Liebknecht wird wegen des ZurusS„Schwindeln Sie nicht so dummes Zeug zusammen!" zur Ordnung gerufen.) Die Gewerl- schaffen geben das Geld zum sozialdemokratischen Wahlkampf her, sie wollen die Chrisilichen überall bei Tarifderbandlungen aufhalten. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Unwahr!) Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber.(Hoffmaim ruft: Sie sind ja dal Heiterkeit.) Abg. Ströbel(Soz.): Wir danken Herrn Busch für diese großartige Blamage seiner Partei. Jmbusch hülle nicht so gesprochen. Die Sozialdemokratie bekommt und will kein Geld von den Gewerkschaften, aber sie hat mit Hnnderttausenden kämpfende Arbeiter, auch christliche Berg- arbeiter unterstützt. Der Vergarbeiler-Verband ist bei den Lohn- bewegnngen gemeinsam mit den Hirsch-Dunckerschen, Polen und Christlichen zusammengegangen. Wir lvolleu es nötigenfalls wieder so halten, so verstehen wir proletarische Solidarität, von der Sie(zum Zentrum) offenbar keine Ahnung haben. Abg. Sa u ermann, der neulich die Sozialdemokratie nicht genug schmähen konnte, hat sich, wie andere Christliche auch, schriftlich für sozialdemokratische Wahlhilfe bedankt. Solche Jesuitereien gibt es bei keiner Partei sonst wie bei Ihnen. Daß sich die freien Gewerkschaften solidarisch mit der Sozialdemokratie verbinden, ist selbstverständlich, denn diese ist allein stets für die Fordernngen der Gewerkschaflen eingetreten. Da müßten die Arbeiter in der Tat Kälber sein, um Leute wie Herrn Busch zu wählen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Aber natürlich sind Geioerkschaften und Sozialdemo- kratie absolut unabhängig von einander und es besteht nicht eine Personalunion zwischen politischer und ge- werlschaftlicher Organisation.— Unglaublich ist, daß man dem Abg. Busch erst sagen mutz, daß doch die Ziele der Sozialdemokratie aus Grund gesetzliche» Staatsbürgcrrechts vertreten werden können. Sonst wären wir ja auch nicht hier. Es ist infamste Rechtsbeugung, wenn man den Gewerkschaften das Koalitionsrecht nehmen will. Kein Staatsbeamter hat das Recht dazu. Geschieht eS doch, so auf Grund brutal angemaßter Gewalt und wenn Sie sich zum A» w a l t, zum Anreizer, zum ■ÄASnt provocateur dieser Gewalt machen, so sind Sie gedrandmarkt!(Unruhe und Lachen im Zentrum.— Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Sie erklären uns außerhalb des Gesetzes.(Lachen im Zentrum.) Wenn sich Abgeordneter Busch über unsere Staatsfeindlicbkeit entrüstet: wir sind nur Feinde des Unterdrückungs-, des Ausbcuterstaates, den wir bekämpfen wollen bis zuletzt. Sie müßten im Sinne des Christentums mit uns diesen Staat bekämpfen. Hat die Kirche nicht aufgefordert, die Gesetze des französischen Staates mit Füßen zu lreten? Sind Sie nicht auch in Deutschland Staatsseinde genannt worden?(Sehr gut!) Der„Vorwärts" ist doch ein sozialdemokratischer Privat- betrieb; wenn uns durch den Arbeitsnachweis christliche Arbeiter präsentiert werden, würde wohl kaum nach ihrer Gesinnung gefragt werden.(Lachen im Zentrum.) Ja, die Berliner Schriftsetzer sind zu intelligente Schwarzkünstler, um dem— Zentrum anzugehören. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten) Aber der„Vorwärts" ist eben Privatbetrieb und welche Hetze treiben Sie und der Staat, der eigentlich über den Parteien stehen sollte, heute gegen die Sozialdemokraten. Er hat nicht das allergeringste Recht, Orga- niiationen zu bekämpfen, die nicht auf dem Standpunkt des Schnaps- blockS stehen. Der Minister hat sich voriges Mal nicht auf ein Recht, sondern auf einen— Vorgänger berufen. Daß Sie aber den Minister aufreizen, ist eine unsäglich feige und schimpfliche Handlung. (Ordnungsruf des Präsidenten v. Kröcher, Beifall dafür im Zentrum.) Sie berufen sich auf— die Nationalliberalen, dafür werden die christlichen Arbeiter wenig Verständnis haben. Plaudern Sie Ihre -innersten Gedanken nur weiter so täppisch aus wie Herr Busch, wir werden dafür sorge», daß sie im Lande bekannt werden. (Bravo! bei den Sozialdemokraten. Ordnungsruf des Präsidenten v. Kröcher.) Abg. Jmbusch(Z.): Da? Zentrum ist immer für volle Koalitionsfreiheit eingetreten. Beim Bergarbeiterstreik ist auch bürgerliches Geld zu Hunderttausenden freiorganisierten Arbeitern zu gute gekommen. Die Sozialdemokratie ist schuld, daß es mit der Soziälreform in Deutschland nicht vorwärtsgeht.(„Beweise!" rufen die Sozialdemokraten.) Die freien Gewerkschaften agitieren für die Sozialdemokratie. Die christlichen Gewerkschaften sind völlig unabhängig vom Zentrum. Die Sozialdemokraten re- spcktieren nicht das Koalitionsrecht der andersdenkenden Mitarbeiter, z. B. in Berlin.(Abg. Ströbel: Und umgekehrt!) Nein, uns liegt da? fern. Die Sozialdemokratie ist die Partei des organiesierten Terrors. Wie war's beim— Buchdruckertarif? In der „Metallarbeiler-Zeitung"(Präsident v. Kröcher: Die gehört nicht zum Forstetat I) wird augedeutet, daß man nichtsozialdemokratische Gewerkschaften von Tarifverhandlungen ausschließen will.(Beifall im Zentrum.) Landwirtschaftsminister v. Schorlcmrr-Lieser: Wenn der Forst-< fiskus größere Wälder in der Nähe Berlins den Gemeinden oder dem Zweckverband übergibt, so werden sie als Wälder erhalten bleiben müssen.— Ein Bedürfnis für eine Organisation der staat- lichcn Waldarbeiter kann nicht anerkannt werden, weil nur ein Fünftel ständige Arbeiter sind. Wenn der Staat störende Elemente fernhält, so tut er nichts anderes als die Be- triebe der Sozialdemokratie. Meine Arbeiterfreundlichkeit habe ich bewiesen, aber mich trennt ein Abgrund von der Sozialdemokratie. Ich habe ein Herz für die Arbeiter und werde für sie weiter sorgen, aber die Autorität des Staates darf nicht Scbaden leiden und der Friede muß erhalten bleiben selbst auf die Gefahr des Mißfallens der Sozialdemokratie hin.(Beifall rechts und im Zentrum.) Ein Schlußantrag wird angenommen.(Mg. Hoff- mann: Das Zentrum verhindert die Antwort!) Der Forstetat wird genehmigt; ebenso der der Ansiedelungs- komnnssio». Bei der Beratung des Landwirtschaftsetats wird auch die Winzernot gestreift. Abg. Leinert(Soz.): Herr Hahn meinte bei der zweiten Lesung, die Lage der Land- arbeiter sei beute so glänzend, daß sie sogar schon Bowle bekämen. Das sollie wohl ein Witz sein. Die Herren vom Bunde der Land- Wirte werden dazu jedenfalls eher in der Lage sein. I n t e r« s s s a n t ist die Tatsache, daß die Agitatoren des Bundes der Land- Wirte a»S dem Kalifonds vo» Reichs wegen unterstützt werden.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Daß der Bund politisch ist, beweist die Tatsache, daß er in der ReichSstatistik als politische Partei angeführt W. Ich frage die Regierung, ob sie auch ferner diesen Kali« korrupiionsfondS einer politischen Organisation, wie dem Bunde der Landwirte zur Verfügung stellen will.— Graf Spee meinte damals, die Arbeil auf dem Lande wäre für die Kinder sehr gesund. Warum holen Sie dann nicht die Kinder der Reichen zu dieser Landarbeit heran, wenn es solche Erholung ist.(Sehr gut! b. d. Soz.) Nein, Sie beschäftigen die Kinder in der Landwirtschaft nur, um sie auszubeuten, um au ihnen Geldzuverdienen. Daher war meine Frage berechtigt, wie lange dieser Kindermord noch dauern soll.— Als ich damals von der Gesindeordnung sprach, ertönte auf der Rechten schallendes Gelächter. Die Herren scheinen zu meinen, daß sie in Preußen nicht mehr gilt. Ich kann Ihnen heute ober wieder einen ganz krassen Fall anführen, wo ein Arbeiter, der zur rechten Zeit gekündigt hatte, trotzdem von dem betreffenden Gutsbesitzer, der zugleich Amtsvorsteher war, eine Strafverfügnng erhielt, weil er ohne gesetzlichen Grund den Dienst aufgegeben habe, und es wurde ihm weitere Strafe an- gedroht, wenn er nicht innerhalb 24 Stunden den Dienst wieder antrete. Glücklicherweise halte dieser Arbeiter einen Rechts- a n w a l t, an den er sich wenden konnte. Und so setzte er schließlich durch, daß die Verfügung, die selbst vom Negierungspräfidenten bestätigt war, vom OberverwaltungSgericht außer Kraft gesetzt wurde. Dieses gab zu, daß er den Dienst völlig gesetzmäßig verlassen habe.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn dieser Arbeiter keine Stelle gehabt hätte, an die er sich wenden konnte, so wäre er einfach be st rast und wieder in die Arbeit zurückgeführt worden, ohne_ daß die geringste gesetzliche Unterlage dafür vorhanden war.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Wir verlangen Gleichstellung der ländlichen Arbeiter mit den gewerblichen Arbeitern in bezug auf die poli- tischen und wirtschaftlichen Rechte. Der Einfluß der Großgrund- besitzer zeigt sich auch in den Beschlüssen der landwirtschaftlichen Kor- poratiouen. So hal das Landesökonomiekollegium den Minister ersucht, darauf hinzuwirken, daß es bei Umfang und Form und Veröffentlichung des statistischen Materials der landwirtschaftlichen Berufszählung gut- achtlich gehört werde. Wir erwarten, daß der Minister auf diesen Wunsch nicht eingchr. Die Statistik ist eine freie Wissenschaft, die nicht in ihrer Reinheit und Wahrheit durch die Interessenten gefährdet werden darf. UebrigenS hat die Berufs- und Gewerbezählung von IS07 ergeben, daß gar nicht ein so großer Zuzug der auf dem Lande Geborenen nach der Stadt stattfindet. wie man immer behauptet. In dem Bericht der Landwirlschaftskammer von Sachsen, der übrigens auch der Präsident dieses Hauses angehört, der aber auf ihrer Versammlung nicht ersckieinen konnte, weil er„so viel mit der Beaufsichtigung der Sozialdemokratie zu tun habe"(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten), ist darauf hingewiesen, daß im verflossenen Jahre kein Arbeitermangel, sondern eher Ueberfluß geherricht habe. Dasselbe trifft übrigens auch für einzelne Kreise von Hannover zu.(Hört! hört I bei den Sozial- demokraten.) Von den Architekten wird darüber gellagt, daß die Landwirtschaftskammer Baustellen unterhalte, die Arbeits- Pläne für landwirtschaftliche Gebäude usw. ausarbeiten. Das steht mir der angeblichen � Mittelstandsfreundlichkeit der Herren der Rechten im Widerspruch. Ferner möchte ich den Minister für Landwirtschaft ersuchen, nicht dem Wunsche der Land- wirtschaftskammern nachzukommen, wonach für deren gewerbliche Meiereigenossenschafteu nicht die Gewerbeordnung, also der Arbeiter- schütz gelten soll. Zum mindesten hoffe ich. daß der Handelsminister diese unerhörte Forderung ohne weiteres ablehnen wird.(Bravo! bei den Sozialdemokratie.) Nach weiterer unwesentlicher Debatte wird der Etat bewilligt, ebenso der Gestütsetat. Hierauf vertagt das Haus die Fortsetzung der dritten Lesung auf Freitag 10 Uhr. Schluß gegen 7 Nhr. Blllncrsdorftr Kultur. Wie Preußen ein besonderer Staat ist. so ist Wilmersdorf im Groß-Berliner Gemeinwesen eine besondere Stadt. Allerdings gleichfalls im besonderen Sinne. Nach dem bekannten Ausspruch, den der Zentrumsabgeordnete GiesbertS am 26. November 1S06 im Reichstage getan hat, muß man sich fast schämen, draußen in der Welt sich als Preuße zu bekennen. Auch der in Wilmersdorf wohnende Kulturmensch hat alle Ursache, sein Haupt zu verhüllen im Hinblick auf etliche NoheitSvergchen, die dieser Tage ungerügt verübt werden dursten. Diese Ausschreitungen fallen um so schwerer ins Gewicht, als ihr Schauplatz der führende„Bezirksverein Norden" war und die Täter den sogenannten gebildeten Schickten angehören. Der Stadtverordnete D r ö s e hatte in diesem Verein über den Wilmersdorfer Gemeindeetat einen Vortrag gehalten und seiner Gewohnheit nach sich gegen etliche sozialpolitische Neue- rungen gewandt, die der Magistrat eingeführt wissen will. Ju der Diskussion nahm dann die Erbitterung gegen die Humanitären Magistratsvorschläge geradezu groteske Formen an. Ein Herr Kirftein führte nach dem.Wilmersdorfer Tageblatt' aus, man unterstütze mit der sozialen Fürsorge ledig- lich die Faulheit der armen Leute, denen die soziale Für- sorge zugute komme. Der Herr empfahl, die Väter der Kinder, die der städtischen Säuglingssürsorge anheimfallen, ins Arbeitshaus zu s p ejr r e n und ihren Lohn zu konfiszieren. Nach diesen, Herrn trat ein Dr. Groß in der Versammlung auf, seines Zeichens ein A r z t. Er erklärte, daß er auf dem Standpunkt vieler(?) Mediziner stehe, wonach man sich nicht von übertriebener Weichherzigkeit leiten lassen solle, derartige schwächliche Säuglinge aufzupäppeln, diese kostesten später als Kränkliche der Gemeinde Millionen. Es klinge zwar brutal, wenn er das sage, aber im Interesse der Allgemeinheit liege es, daß ein derartiges Glied abstürbe, als daß es weiter vegetiere. Diesen Ausschreilungen brauchte man vielleicht keine besondere Bedeutung beizulegen, wenn sie an Ort und Stelle zurück- gewiesen würden. Aber selbst die konservativ schillernde „Wilmersdorfer Zeitung' kann nicht umhin, ihr Befremden darüber auszudrücken, daß die hier registrierten Aenßerungen ver- lautbart wurden,„ohneaufirgend welchen Widerstand zu stoßen'. Daß es auch in der Stadtverordnetenversammlung einflußreiche Leute gibt, die mit den Herren Kirstein und Groß an einem Strange ziehen, zeigt die Mitteilung, daß der Stadt- verordnete Geheimer Kriegsrat Riemann dem Herrn Kirstein aus vollem Herzen beipflichtete. Am Mittwoch gab es ferner bei der Etats beratung in der Stadtverordnetenversammtung insoweit ein kleines Spiegelbild der hier geschilderten Vorgänge, als der vorhin genannte Stadtverordnete D r ö s e an den Magistrat die Anfrage richtete, ob das H e i m für an Ernährungsstörungen leidende Säuglinge, für dessen erste Ein- richtung im Etat 8000 M. gefordert wurden, errichtet werden sollte für Kinder, die an D urchfall litten oder auch für an Ver- st o p f u n g leidende Kinder. Das sollte ein Witz sein und wurde von einem Teil der Versammlung auch als solcher in Empfang genommen. Es fehlte zwar nicht an entsprechender Antwort, aber immerhin wurde die Position mit großer Mehrheit gestrichen und dem Magistrat aufgegeben, in einer besonderen Lorlage die Errichtung des Säuglingsheims zu motivieren. Auch eine Aeußerung des Stadtverordneten Prof. Dr. Leidig verdient hier festgenagelt zu werden. Von sozialdemokratischer Seite wurde darauf hingewiesen, daß in den vier Wilmersdorfer Volksbibliotheken zlvar die Literatur der konservativen wie der liberalen Parteien vertreten ist, daß jedoch im Gegensatz zu den Volksbibliotheken in Berlin, Charlotteuburg und Schöneberg die sozialdemokratische Literatur hier völlig fehlt. Hierauf meinte Herr Leidig, daß die Ausschließung sozialdemokratischer Schriften ganz in der Ord- nung sei. ES handle sich bei den städtischen Bibliotheken um mittelbare Staatseinrichtungen, und da der preußische Staat die Sozialdemokratie und die anderen nicht auf„natioiialein" Boden stehenden Parteienbekämpfe, so hätte auch eineGemeinde diePflicht, die Literatur dieser Parteien aus ihren öffentlichen Bibliotheken fernzuhalten. Ihm wurde von unserem Redner erwidert, daß eine derartige parteipolitische Verbohrt- heit noch die der preußischen Regierung übertrumpfe, denn in der vom Staat unterhaltenen königl. Bibliothek stehe auch die sozial- demokratische Literatur dem Publikum zur Benutzung offen. Auch in der Wissenschaft dürfe Herr Leidig mit seiner Anschauung einzig dastehen, denn auch sehr weit nach rechts stehende Universitäts- Professoren hätten eS nicht verschmäht, neben Engels und Schonlan! Beiträge für das bekannte Handwörterbuch der Staatswisienschaften zu liefern. Verschiedentlich rügten der Demokrat Moll und unser Partei- genösse Riedel dann noch eine Reihe an den städttschen Arbeitern begangener Ungehörigkeiten; insbesondere wiederholte Riedel die schon mehrfach gestellte Frage, was ver Magistrat tun wolle, um das Koalitionsrecht dieser Arbeiter vor An- griffen der Beamten zu schützen. Auf diese Frage blieb der Dezernent Stad.rat S ch n o ck die Antwort schuldig; allerdings ohne daß man dies Manko auf bürgerlicher Seite besonders übel empfand. Wohl aber wurde der Stadtrat gestraft, ars er auf die Frage, wie die A u t o m o b i l w a s ch m a s ch i n e sich in der Straßenreinigung bewährt habe, nur eine ausweichende Antwort fand. Man strich zur Strafe die Position für eine zweite Wasch» Maschine. Als der Etat schließlich erledigt war. blieb der vorgerückten Stunde wegen nichts übrig, als die Beratung der übrigen Gegen- stände zu vertagen. Hierunter befindet sich auch der sozialdemo- kratische Antrag auf Einführung einer städtischen Arbeits- losenfür sorge. Bei der Erörterung dieser Angelegenheit wird die Bevölkerung sich auf neue staatSerhaltende Rückständigkeiten ge- faßt machen dürfen.__________ Stadtverordneten-Versammlung. 13. Sitzung vom Donnerstag, den 23. März, nachmittags 5 Uhr. Die Sitzung wird vom Vorsteher M i ch e l e t nach Uhr eröffnet. Die Beratung des StadthauShaltsetats für 1311 wird fortgesetzt. Stadtv. Liebenow(>A. L.) referiert namens des EtatSauSschusseS über die Steueretats. Tie Hundesteuer wird mit dem erhöhten Einnahmeansatz ohn-e Diskussion genehmigt. Es folgt die Position LustbarkeitSstener. Der Borsteher erwähnt hierbei u. a. eine Petition eines „Mannes aus dem Volke", der nicht nur die Einführung der Lust- barkeitSsteuer dringend wünscht, sondern auch eine Besteuerung der Klaviere verlangt.(Heiterkeit.) Stadtv. Mo Minsen(Fr. Fr.): Ueber die Steuer selbst spreche ich nicht, weil die Gemeindebehörden sie noch nicht genehmigt haben. Aus diesem Grunde ist mir auch zweifelhaft, ob man jetzt schon eine Position in den Etat einstellen kann. Die Mehrheit meiner Freunde stimmt für die Einsetzung und in Konsequenz später auch für die Steuer selbst.(Hört! hört!) Ich selbst kann mich hier bei dieser reinen Etatsfrage nicht dazu entschließen, von den Etats« grundsätzen so weit abzuweichen. Stadtv. Ullstein(soz.-fortschrZ: Auch wir halten die Ein» stellung für unzulässig. In dem Wunsche, den Etat mit IlXZ Proz. zu balancieren, stimmen wir mit der Mehrheit überein, aber wir können dazu nicht Wege einschlagen, die mit einer soliden Finanz- gebarung nicht mehr zu vereinbaren sind; wir müssen gegen dca ganzen Etat stimmen, wenn sie eingestellt wird. Stadtv. Rosenow(N. L.): Die Mehrheit meiner Fraktion hat sich für die Einstellung entschieden. Wir vertrauen, daß auch bei Ausfall dieses Postens der Etat balancieren wird.(Beifall und Widerspruch.) Unsere Entscheidung über die Steuer selbst behalten wir uns vollständig vor. Stadtv. Cassel(A. L.): Das gleiche gilt für unsere Fraktion. Ich selbst verkenne nicht das Ungewöhnliche und Bedenkliche dieser Einsetzung; aber einmal hat der Magistrat sie eingesetzt, und dann haben wir die feste Ueberzeugung, daß im Etat verschiedene Ein» nahmeposten überholt werden. Auch für den Fall also, daß dip Steuer nicht zur Hebung kommt, dürfte kein Risiko eintreten. Für die Steuer selbst binden wir uns in keiner Weise, wenn wir einstimmig für die Einsetzung stimmen. Stadtv. Sassenbach(Soz.): Niemand hier kann voraussagen, wie die Abstimmung über die LustbarkeitZsteuer ausfallen wird. Bei uns gehen die Meinungen nicht auseinander, wir werden geschlossen gegen die Lustbarkeitssteuer stimmen. Weil es aber so außerordentlich zweifelhaft ist, ob die Steuer zur Annahme gelangt, und weil Sie doch auch nicht un- berührt bleiben können von der draußen arbeitenden Agitation, so scheint uns die Einsetzung dieser Million als sehr bedenklich, als ein Verzweiflungsakt, um den Etat mit 106 Proz. zu balancieren; es ist das Ende einer gesunden Finanzpolitik, wenn man zu diesem Mittel greift. ES. wird dadurch ein Druck auf die einzelnen Mitglieder der Frak- tionen ausgeübt, daß sie nachher für die Steuer stimmen.(Unruhe.) Ich kann es mir nicht vorstellen, wie heute jemand dafür stimmt und nach 8 Tagen dagegen. Wir bitten Sie dringend, auf die Einsetzung dieser zweifelhaften Steuer zu verzichten.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Kämmerer Dr. Steiniger: Die Situation hat sich ja seit der Einbringung des Etats entschieden geändert. AIS wir ihn ein» brachten, nahmen wir an, die Lustbarkeitssteuer, die seit Juni vor- liegt, würde bis zur Erledigung deS Etats auch erledigt werden. Der Einsetzung würde kein Bedenken entgegenstehen, freilich unter der Voraussetzung, daß die einsetzenden Stimmen nachher auch für die Steuer stimmen.(Unruhe.) Darin stimme ich mit Herrn S a s s e n b a ch überein. Insofern erkenne ich cm, daß die heutige Abstimmung auch einen gewissen Druck ausübt.(Sehr richtig!) Ganz unrichtig wird draußen mit der gar nicht mehr vor. liegenden Pauschalsteuer operiert(Zurufe); wir haben auch unsere Stellung zu den königlichen Theatern so klar und entscheidend ge« kennzeichnet, wie es nur möglich war. Wenn Sie heute die Lust- barkeitSsteuer ablehnen, so müssen Sie uns gütigst helfen, das Loch zu stopfen. Ein Etat muß balancieren; darum bitte ich Sie, uns nicht damit abspeisen zu wollen, daß Sie sie heute einsetzen und wir sie nachher nicht kriegen. Stadw. Sonnenfeld(A. L.): Wie die Fraktionen sich zn der Steuer stellen werden, ist heute noch nicht erklärt worden, speziell hat der Kollege Cassel eine solche Erklärung nicht abgegeben. Was an Einnahmen irgend wahrscheinlich ist, muß auf den Etat gebracht werden. Die Streichung der Million wird ausdrücklich von Stadtv. Sassenbach beantragt. Stadtv. Ladewig(N. L.) gibt für sich und den Stadtv. Max Schulz die Erklärung ab, daß beide gegen die Einsetzung stimmen werden. Oberbürgermeister Kirschner: Der Magistrat kommt durch den bisherigen Gang der Dinge in eine schlimme Lage. Im Plenum erklärt jetzt ein nicht unbeträchtlicher Teil sich als Gegner der Steuer; ein anderer, sehr erheblicher, erklärt sich für die Ein- setzung, will aber die Stellung zur Steuer sich vorbehalten und eventuell auch später dagegen stimmen. Daß das logisch und konsequent sein soll, ist für mich unerfindlich, da haben mich auch die Ausführungen des Stadtv. Sonnenfeld nicht belehrt. Ich muß dem Magistrat auch meinerseits ganz die Entscheidung vorbehalten, und ich mutz dringend bitten, daß alle, die nicht die Ueberzeugung eines realisierbaren Wertes dieser Position haben, sie nicht einstellen(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten), oder aber näher angeben, was eventuell an die Stelle treten soll, wenn sie ihre Pflicht dem Etat gegenüber mit Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gelvissen tun wollen.(Beifall.) Stadtv. Dr. Nathan(soz.-fortschr.) protestiert gegen die Inst- nuotian Sonnenfelds gegen den jetzigen Stadtrat Dr. Preuß, dessen Urteil über die städtische Finanzpolitik durch die Tatsachen und gerade durch den Etat für 1911 glänzend gerechtfertigt worden sei. Stadtv. Cassel polemisiert gegen den Kämmerer und stellt absolut in Abrede, daß mit der Einsetzung in de» Etat ein Druck auf Wt schNeßliche Abstimmung über die Steuer selbst geübt werde. Stadtv. Mommsen konstatiert sein völliges Einverständnis mit da Anschauung des Oberbürgermeisters. StadtM Rosenow: Der Aorwurs. daß wir eine noch nicht ge- nehmigte Steuer in' den Etat stellen, trifft auch den Magistrat, der sie nicht zurückzieht. Oberbürgermeister Kirschner: Wir stellen ja hier keinen neuen Etat auf; ich kann also die Steuer auch nicht zurückziehen, muß «rber dem Magistrat volle Freiheit der Entschließung vorbehalten. Stadtv. Barth(A. L.) tritt nochmals für die Einstellung ein. Auch 1003 habe der Ausfall der Umsatzsteuer den Etat nicht tan- 0>ert. Die Einstellung in den Etat wird hierauf mit knapper Mehr- heit beschlossen. Die Etats für die Orts Polizei und das Feuerlösch- Wesen ergeben keine Debatte. Bei den Dotationen, Renten und Abgaben sind die Abgaben der B. E. W. um 200 000, der Großen Berliner Straßenbahn um 120 000 M. erhöht worden. In dem Ka- Pitel.Kapital- und Schuldenverwaltung" hat der Ausschuß den Ansatz an Zinsen aus belegten Barbeständen von bOO 000 auf 800 000 M. heraufgesetzt. Die Versammlung stimmt zu. Die Gemeindeeinkommensteuer wird mit 100, die Gemeindegrund- und die Gewerbesteuer mit je 165 Prozent nach den Ausschußanträgen festgesetzt. Stadtv. Landsberg(A. L.) verleiht den Klagen der Hausbe- fitzer, die, obwohl nach wie vor himmelschreiend belastet, auch jetzt Wieder neu belastet würden, in einer beweglichen Rede Ausdruck. Stadw. Cassel: In unserer Fraktion ist der Vorschlag des Ma- aistvats wegen der 165 Proz., also gegen bisher 15 Pro*, mehr, einstimmig angenommen worden. Die Grundsteuer trifft doch den Besitz, nicht den Grundbesitzer als solchen. Man darf nicht derart übertreiben. Stadtv. Rosenow: Wir haben den Weg der 100 und 165 Proz. gerade gewählt, um den Steuerzahlern keinen neuen Vorwand zur Flucht in die wohlhabenden Vororte zu liefern. Stadtv. Dr. Gelpcke(Fr. Fr.) schließt sich den Protesten gegen den Stadtv. Landsberg an. Die Umsatz st euer verbleibt als letzte und AuSgleichssteuer im Etat. Der Etat balanciert mit 309 832 040 M. Der Lorsteher teilt mit, daß ihm von mehreren Seiten der Wunsch ausgesprochen ist, die Sitzung nach Erledigung des Etats mit Rücksicht auf die angestrengte Tätigkeit der letzten Tage zu vertagen. Vor der Abstimmung über den Etat im ganzen gibt Stadtv. Bruns(Soz.) namens seiner Fraktion folgende Er- klärung ab: Wir stimmen auch in diesem Jahr gegen den Etat, weil wir überzeugt sind, daß für die Art und Weise, wie er diesmal zu- stände gekommen ist, die Verantwortung der Mehrheit der Ver- sammlung überlassen werden muß. Ein erheblicher Teil der Ver- antworwng fällt aber auch auf den Magistrat, dem wir durch unsere Zustimmung zum Etat ein Vertrauensvotum ausstellen würden, was wir nicht können.(Gelächter bei der Mehr- heit.) Stadtv. Cassel: Ich stelle nur fest, daß diese Erklärung ganz erheblich von den früher seitens der Sozialdemokraten abgegebenen Erklärungen abweicht, bin aber überzeugt, daß sie, auch wenn der Etat ganz anders balanciert worden wäre, ihn wieder abgelehnt hätten.(Lebhafte Zustimmung bei der Mehrheit.) Stadtv. Rosenow: Ich entnehme aus der Erklärung deS Kollegen Brun», daß seine Fraktion den diesmaligen Etat nur ab- lehnt, weil er auf so eigenartige Weise zustande gekommen ist. Wir übernehmen unsererseits für den Etat die Verantwortung, schöpfen ober aus dem Hinweis auf die eigenartigen Zustände die Hoff- nung, daß seine Kollegen, wenn solche eigenartigen Zustünde nicht vorliegen, regelmäßig den Etat bewilligen werden.(Große Heiter- kcit.) Stadtv. Brun?(Soz.): Ich weiß nicht, in welcher Weise unsere Erklärung von den früheren abweichen soll. Wir können uns na- türlich nicht für alle Zukunft binden, was meine Freunde in späterer Zukunft tun werden, kann ich heute nicht festlegen. Im übrigen ist die Konsequenz, die Herr Rosenow ge- zogen hat, falsch: Wir behalten uns vor...(vielfache Rufe:„ab- zulehnen!" und große Heiterkeit), unsere Stellung zu den Aus- schußbeschlüssen zu nehmen und, wenn wir einmal den Erfolg baben werden, den wir im Ausschuh bisher nicht gehabt haben, den Etat so umzugestalten, wie wir ihn wünschen(vielfache Rufe: Aha! und erneute große Heiterkeit), dann werden wir ihn an- nehmen. Diese letztere Erklärung gilt auch für die kommenden Jahre. Stadtv. Solmitz erklärt die Zustimmung der Freien Fraktion zu dem Etat im ganzen. Der StadthaushaltSetat für 1011 wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Sozial-Fortschrtttler im ganzen angenommen und hierauf um 8 Uhr die Vertagung der übrigen Beratungsgegenstände beschlossen. Gerichts-Zeitung. Kaan die Tarifgemeinschast der deutschen Buchdrucker verklagt werden? Infolge des Ausschlusses des PrinzipalSmitgliedrS Zillessen aus der Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker hatte sich das Reichsgericht am Mittwoch mit der Frage zu beschäftigen, ob die Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker als nichtrechtsfähiger Berein verklagt werden kann. Das ist vom Reichsgericht bejaht worden. Zillessen war durch Beschluß deS Tarifamts wegen Maßregc- lung von BerbandSmitgliedern aus der Tarifgemeinschaft aus- geschlossen worden. Er hat deshalb Klage gegen die Tarifgemein. schaft auf Feststellung erhoben, daß er noch Mitglied sei und daß der Beschluß des Tarifamts ungültig sei. Die beklagte Tarifgemein- schast hatte zunächst eingewendet, daß sie überhaupt nicht Partei- fähig im Sinne des§ 50 der Zivilprozeßordnung sei. Sie sei weder ein rechtsfähiger noch ein nichtreckitSfähiger Verein, sondern ledig» lich eine soziale Gemeinschaft, der eS an jeder gesetzlichen Vertretung fehle. Das Tarifamt sei eine gesetzliche Vertretung im Sinne des Gesetzes nicht. Beide Vorinftanzcn(das Landgericht und Kammergericht zu Verlin) haben diese Vorfrage zugunsten des Klägers dahin ent- schieden, daß die Tarifgemeinschast der deutschen Buchdrucker als nichtrechtsfähiger Verein des§ 50 der Zivilprozeßordnung Partei- fähigkcit besitzt und verklagt werden kann. Das Kammergericht zu Berlin hat zu dieser Entscheidung begründend erklärt, daß die be- klagte Tarifgemeinschaft bereits als festes RechtSgcbilde im Jahre 1896 gegründet und dann immer fortgesetzt worden sei. Für den vorliegenden Rechtsstreit komme deshalb nicht die Tarifgemeinschast als zur Revision deS Tarifs zusammengetretene Gemeinschaft vom Jahre 1906 in Betracht, sondern als der im Jahre 1896 gegründete und fortbestehende Verein. AuS allen Beziehungen und Funk- tionen der Tarifgemeinschaft sei, wie das Äammergericht weiter ausführt, zu entnehmen, daß sie einen nichtrechtsfähigen Verein bilde bnd deshalb auch als solcher verklagt werden könne. Dieses Urteil deS Kammergerichts ist jetzt vom Reichsgericht bestätigt worden._ AuS der feinen Welt. Mit einer krassen Erpressungsaffäre, in deren Mittelpunkt der Generalkonsul Guttentag stand, war gestern die 4. Strafkammer de« Landgerichts I unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Gatzer beschäftigt. Die Verhandlung führte in die Mysterickn der Lelt. in der man sich nicht langweilt, hinein. Die auf versuchte Nötigung bezw. Unterschlagung lautende An- vage richtete sich gegen die stn Jahre 1861 geborene Anna Kayser und' den früheren Charlottenburger Polizelwa'chkmeister, späteren Detektiv Paul Ströhlau, die in den Jahren 1908 bis 1910 den Generalkonsul drangsaliert haben, um ihn zur Hergabe von Geld zu nötigen. Die Kayser war früher Verkäuferin und lebte später ohne besonderen Beruf auf ziemlich großem Fuße unter dem Titel einer angeblichen Konzertsängerin. Sie wohnte seinerzeit in der Bernburger Straße, und bei ihr wohnte eine gewisse Milbacher, die sich als Sängerin oder Schauspielerin ausgab. Die Milbacher stand in einem sehr freundschaftlichen Verhältnis zu dem Prinzen Bernhard von Sachsen-Weimar. Als dieser gestorben war, soll sie ihr intimes Verhältnis zu einem Erpresierfeldzu� gegen den Bruder des Prinzen benutzt haben. Sie verheiratete sich später mit dem Besitzer einer kleinen Ziegelei namens Groß. Diese Heirat soll nur das Mittel zu dem Zweck gewesen sein, eine ihr drohende Aus- Weisung zu vereiteln. Die Eheschließung hielt sie nicht ab, sich nebenbei ein Verhältnis anzuschaffen. Mit einem Bankier ver- kehrte sie 2� Jahre lang. Es wird behauptet, daß der General- konsul G. diese Frau Groß eines Tages in ihrer Wohnung be- sucht habe und dort von dem Ehemann Groß„überrascht" worden sei. In erpresserischer Weise ist dann der Generalkonsul gezwungen worden, 15 000 M. gewissermaßen als„Lösegeld" an das Ehepaar Groß zu zahlen. Von dieser Erpresseraffäre hatte die Kayser er- fahren und schmiedete nun einen Plan, um von dem 71jährigen Generalkonsul auch ihrerseits etwas herauszuholen. Sie hatte den Angeklagten Ströhlau kennen gelernt. Dieser war früher Polizei- Wachtmeister in dem Revier, in welchem die Großschen Eheleute wohnten. Er ist im Disziplinarwege aus dem Dienst entfernt worden, nachdem er eine Zeitlang suspendiert und auf halbes Ge- halt gesetzt worden war. Er geriet dadurch in Geldverlegenheit, so daß er seine Steuern nicht zu bezahlen vermochte. Im Jahre 1909 starb sein Vater und er erbte zirka 17 000 M. Das Geld war aber bald zu Ende, Ströhlau equipierte sich sehr fein, schaffte sich einen tadellosen Gehpelz an, machte mit seiner Frau eine Vergnügungs- reise an die Riviera usw. usw. Eines Abends sah Ströhlau die Frau Groß in großer Gala im Gebrüder Herrnfeld-Theater, und als er bei einer Begegnung mit der Angeklagten Kayser dieser von der großartigen Aufmachung der Frau Groß erzählte, erfuhr er von dieser die erfolgreiche Erpresseraffäre, die die Frau Groß gegen den Generalkonsul unternommen hatte. Einige Zeit darauf will die Kayser von einem Dritten erfahren haben, daß der General- konsul über ihre Person und ihren Lebenswandel höchst belei- digende Bemerkungen gemacht habe. Sie brannte nun förmilch darauf, eine Beleidigungsklage gegen den Generalkonsul G. anzu- strengen und holte sich von Ströhlau Belehrung, wie man eine solche Klage einzuleiten habe. Ströhlau will ihr davon abgeraten haben, sie aber ließ nicht locker und wandte sich an den Schieds- mann, der einen Sühnetermin auf den 23. September 1908 an- setzte. Nun griff aber Ströhlau vermittelnd ein: er begab sich eines Tages zu dem Generalkonsul G., erschien dort mit einem Akten- stück unter dem Arm, wies eine Karte vor, auf welcher er als Polizeiwachtmeister bezeichnet war und erbot sich, die Vermittelung zur Begleichung der unangenehmen Beleidigungssache zu über- nehmen. Der Generalkonsul erklärte, daß an der angeblichen Be- leidigung kein wahres Wort sei, da ihm aber höchst peinlich war, vor dem ihm bekannten Schiedsmann zu erscheinen, ersuchte er den Ströhlau, doch dafür zu wirken, daß die Sache aus der Welt geschafft werde. Er sagte ihm gleich, daß es sein Schaden nicht sein solle und gab ihm für seine Bemühungen 200 M., denen er später noch einige Zuwendungen folgen ließ. In weiterer Folge entwickelten sich dann persönliche Aussprachen zwischen der Kayser und dem Generalkonsul mit dem Endergebnis, daß die Kayser »000 M. erhielt und ein Schriftstück unterzeichnete, wonach sie keinerlei Ansprüche an G. habe und sich verpflichte, jede weitere Belästigung zu unterlassen. Sie hat das Versprechen nicht ge- halten. An Ströhlau hatte sie leihweise kleinere Summen ge- geben, dieser aber blieb mit Herrn G. noch weiter in Verbindung und erstattete auch eine Strafanzeige gegen das Grotzsche Ehepaar, nachdem der Generalkonsul entschieden verlangt hatte, daß seine Person in keiner Weise in die Oeffentlichkeit gezogen werden sollte. Noch ehe diese Strafanzeige erstattet war. war die Kayser zum Besuch bei Verwandten nach Graudenz gegangen, und von dort aus schrieb sie einen Brief an den Generalkonsul. Sie ersuchte ihn darin, ihr doch noch 2000 M. zu geben, da sie dies Geld noch zur Ucbernahme einer Pension gebrauche und behauptete mit einem un- verkennbaren Hintergedanken fälschlich, daß sie demnächst in der Erpresseraffäre Groß als Zeugin vernommen werde. Dann soll sie Herrn G. gedroht haben, alles seiner Frau zu enthüllen, und sie niachte auch die ersten Schritte, um Zugang zu der Frau General- konsul G. zu erhalten. Sie behauptet zetzt, daß dies nur in einer Wohltätigkeitssache geschehen sollte. Merkwürdigerweise setzte Ströhlau Herrn G. sofort telegraphisch davon in Kenntnis, daß die Kayser zu dessen Frau gehen wolle, und auf den Wunsch des Gene- ralkonsuls hatte Ströhlau mit diesem eine Unterredung. Hierbei soll der Generalkonsul die Aeutzerung getan haben:„Das sehe ganz nach Erpressung aus." Wiederum merkwürdigerweise erfuhr die Kayser durch Ströhlau von dieser Aeußerung und machte diese nun wiederum zum Ausgangspunkt einer neuen Beleidigungsklage gegen den Generalkonsul. Es endete diese neue Affäre damit, daß die Kayser gegen Empfang von 1500 M. und 40 M. Anwaltsgebühr die Klage zurücknahm. Fast um dieselbe Zeit hatte Ströhlau die Straf- anzeige gegen die Großschen Eheleute in deren Erpressungsaffäre gegen den oben erwähnten Bankier erstattet. Nach Ansicht der An- klage sollen die Angeklagten dabei den Zweck gehabt haben, durch den Hinweis darauf, daß in dieser Strafsache die Angeklagte Kayser als Zeugin vernommen werde, G. in der Hand zu behalten und ihm nahe zu legen, daß sie bei dieser Gelegenheit auch die Er- Presseraffäre der Großschen Eheleute gegen den Generalkonsul zur Sprache bringen könnten. Letzterer wurde um die gleiche Zeit von Ströhlau brieflich um Rettung aus Geldverlegenheiten ange- gangen, und auch die Kayser schrieb wiederholt an Herrn G. unter wiederholtem Hinweis auf ihre angeblich bevorstehende Vernehmung und seinen Wunsch, seinen Namen nicht zu nennen. Das der Inhalt der Anklage. Die Angeklagten bestreiten durchaus, sich im Sinne der An- klage schuldig gemacht zu haben, insbesondere versichert der An- geklagte Ströhlau, daß er lediglich im Interesse des Zeugen G. ge- wirkt habe und sich einer Straftat nicht bewußt sei. Nach längerer Bcweisaufnabme hielt das Gericht beide An- geklagte im Sinne der Anklage für überführt und verurteilte die Kayser zu 2 Jahren 3 Tagen Gefängnis, Ströhlau zu 1 Jahr Ge- fängnis unter Anrechnung von je 4 Monaten Untersuchungshaft. Brieffeatten der Expedition. Patienten in Beelltz, Buch und anderen Heilstätten. Diejenigen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ueberweisung von Frei« exemplaren sofort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Rummern des neuen Monats von der Post nicht geliesert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. «SttternngSüderlickt vom 23. März 1911. s« £ c S 2 8)=� swmemde öamture Strftr jjtanff.« M München Sit» Sc «? 767 NO 766 ONO 765 O 762 D . 764 O 765 SSO Settel 3 bedeckt 3 Nebel 1 bald bd 1 beiter 4 Nebel 3 bedeckt «S til «tattonen !*-> tr Ü B§ Havaranda 754 SSW Petersburg 763 S Sctlly 761 OSO llberdeen>771 ONO Bari» 761 SO Setter *9 K-* f- ** 2 Schnee—8 1 bedeckt—6 2 wolkig| 8 3 bedeckt! 4 2 wolkenl 5 I Wettorprognote für Freitag, den 21. März 1911. Etwas kühler, vorwiegend wollig bei frischen nordwestlichen Winden: keine erheblichen Niederschläge. Berliner vetterbareau. jUgT-��gmIDI telslßfflokratisclLWvEreißi für den UerlinffMclistagswiilreis. Petersburger Viertel. Bezirk 362, Teil II. Den Mitgliedern zur Nachricht. datz unser Genosse, der Arbeiter �uxust Isckarmie! Weidenweg 50 gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 25. März, nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen balle des Zentral-Fncdhoses in Fricdrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 217/2 Der Vorstand. MM der Lithopite, Steinörucker u. vsrw. mit (Deutseber Senefelder-Bund.) Filiale II.— ChemigrapHen. Am Mittwoch, den 22. März. verstarb unser Mitglied, der Re- tuucheur Franz Ritschel im Alter von 23 Jahren an Lungenschwindsucht. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Beerdigung findet am Sonn- abend, den 25. März, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Schönholzer Friedhofes aus statt. Uni recht rege Beteiligung ersucht 289/12 Die Versmltung. SozialileiiioRratiscIierWsIilfereinj für Niederlehme. Den Mitgliedern zur Nachricht,| daß unser Genosse, der Arbeiter Albert Lehmann am 20. d. M. im Alter von| 37 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. März, nach- mittags 41/, Uhr, von der Leichen- Halle des Niederlehmer Friedhofes aus statt. Um recht rege Beteiligung er- sucht Der Vorstand. 202/10 I. V.: Karl Freitag. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Zahlstelle Gros?- Berlin. Beeirlc Niederlehme. Am Montag, den 20. März, ist unser Kollege Albert Lebmann verstorben. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. d. SR., nachmittags 41/, Uhr, von der Halle des Niederlehmer Friedhofes aus statt. 63/11 DI« Ortsverwaltung. Deutscher Buchbinder- Verband. (Zahlstelle Berlin.) Den Mitgliedern die traurige Nachricht, datz am 20. März unser Mitglied, der Kollege Johann Riemer verstorben ist. Ehre seinem Andenke« l Die Beerdigung findet heute, Freitag, den 24. März, aus dem Friedhos zum heiligen Kreuz, Martendorf, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 23/15 Die Orlsverwattung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todcs-Anzclgen. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Schlosser t�eintiotd'Lsdiepe am 19. März freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Heilands-Kirchhoses in Plöüensce aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Optiker pati! Forchert am 22. März an Lungenleiden. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 25. März, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des II. Städtischen Fried« hoseZ in Schöneberg aus statt. Rege Beteiligung erwartet 114/5 Die Ortsvorwaltung. Danksagung. Für dle vielen Beweise herzlicher Teilnahme sowie die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes lilux Rclniche sage ich allen Verwandten. Freunden und Bekannte» sowie dem Ches, der Geschästsleitung, den Kollegen, Kol- leginnen und den Lehrlingen des „Berliner Lolal-Anzeiger" sowie den Sängern aus dem Gesangverein „Solidariläl- und dem Verbände der Büch- und Steindruckerei-Hilssarbeiler und Arbeiterinnen Deutschlands, Ortsverwaltung Berlin, meinen innigsten Dank. 836b Wwe. Anna Relntckc nebst Angehörigen. Verband der Kupferscliiede fientseölaods, Filiale Berlin. Allen Kollegen zur Nachricht. ! daß am 21. März unser langjähriges Vütglied, der Kollege Cn-ustav CrFOili im Alter von 54 Jahren an | Lungenentzündung gestorben ist. Ehre seinem Audenke« k Die Beerdigung findet am 1 Sonnabend, den 25. März, nach- | mittags 41/j Uhr, vom Tegeler Friedhos in Tegel, HermSdorser Straße, aus statt. 160/1 Um zahlreiche Beteiligung bittet Oer Filialvorstand. Am 22. d. Mts. verschied nach kurzen, aber schweren Leiden unser guter Vater und Großvater, der frühere Gastwirt Kart Neitmann im nicht ganz vollendeten 66. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt an Die trauernden Hinterbliebenen. Dle Beerdigung findet Sonn« abend, nachmittags 41/> Uhr, von der Halle des allen Pauls-Kirch- Hofes, Seestraße, aus statt, 83bb f ierdurch die traurige Nachricht, unser lieber Sohn, Bruder und Schwager Faul Brasse im Alter von 21 Jahren am 23. März früh morgens nach kurzem schweren Krankenlager plötzlich verstorben ist, 840b' Die zeigen ttes betrübt an Die trauernden Eltern, Brüder und Schwägerin nebst Braut. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 26. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Rummelsburger Ge- meinde- FriedhoseS, Lückstraße, aus statt. Allen Turuschlvestern und Turn- genossen die traurige Nachricht, daß unser lieber Turngenosse und Damenwrnwart Paul Grasse In der Nacht vom Mittwoch zu Donnerstag an den Folgen einer Blinddarmoperatton verstorben ist. Tiesbetrübt steht die.Freie Turnerschast Friedrichsselde' an der Bahre eine« ihrer Besten, der stetS sein ganzes Können sür die Arbeiterturnsache eingesetzt hat. Die Beerdiaung findet«onntag, den 26 d. LDfi nachm. 8 Uhr, von der Halle des Rummelsburger Gemeindestiedhoss, Lückstraße, aus statt. Um rege Beteiligung sämtlicher Brudervereine bittet Ter Vorstand. DoUes-Anzvlge Allen Parteigenossen, Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß unser einzig geliebter Sohn Diens- tag abend 9'/, Uhr entschlafen ist. Dies zeigen ttesbekrübt an Max Knitter u. Frau geb. Anna GSm. Nixdors, Weserstraße 47. Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 25. März, aus dem Gememde-Friedhos(Mariendorsrr Weg) nachmittags 1'/« Uhr statt, Danksagung. Für die vielen Beweise herz- licher Teilnahme Bei der Beerdigung meines lieben unvergeß- lichen Mannes und herzensguten Baters tterrnann Lehmann sagen wir allen Verwandten und S B Bekannten sowie den werten Kollege», Arbeitern und Arbeite- Annen der A. E.-G. gleichzeitig für die herrlichen Blumenspenden unseren innigsten Dank. 45/4 ktan Helene Lehmann nebst Kindern. ZngeAAnsschnß fir Groß-Kerli«. Tonntag, de» SS. März, abends S Uhr: i» den Kommandantenstr. 58— SS. Vortrag des Schriststeilers E,duard Bernstein über: Die Gesellschaft des Altertams. Nach dem Vortrage: Oeselllge Unterhaltung« SSF" Eintritt jrci.— Garderobe 10 Pj."VQ Alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen find freund. lichst eingeladen. 28S/1Z' ttr flolzsr if Verwaltung Berlin. Achtung! Werkstattvertraueusleute! Die Kollegen, welche noch keinen Jahresbericht erhallen haben, können ihn durch die Vertrauensleute vom Bureau abholen lafieu. Achtung! Lehrlittgeu.jugendlicheArbeiter der Holzindustrie! Tonntagnachmittag von 3—8 Uhr abcudS ist der Arbeitslosensaal im GewerkschaslShause, Engeluser 14/15, als Lesesaal sür die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter geöffnet. Sämtliche Bücher und Zeitschriften der Jugendbibliothet liegen zur freien Benutzung aus. Die Werkstattvertrauensleute werden gebeten, die Lehrlinge auf de« Besuch des Lesesaales aufmerksam zu machen. eü! Stellmacher.= Tonntag» den JJ6. März 1911, vormittags»Va Uhr: Brauchen- Versammlung im„Bosenthaler Hof", Rosenthalcrstr. 11/13. ffortsehung der Xages-Ordnniig vom IS. März. Sämtliche Kollege» müssen pünktlich zur Stell« sein. Küeheitmöbel-Srattehe. Montag» den 27. März 1911, abends Punkt 8 Uhr: Branchen- Versammlung === für Grotz Berlin im„Eaglllschei» Garten", Alexauderstratze 27 o. Dl« TageS-Ordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. Dl« Delegierten find hierzu besonders geladen. Mitgliedsbuch legitimiert. Klavierarbelter. Montag, den 27. März, abends 8'/? Uhr: Branchen-Versammlnng im GeererksohartslianGe, Saal 1. Tages. Ordnung: 1. Bortrag de? RelchstagS-Abgeordneten dttNehlen über:»Di« ReichöverficherungSordnung«. 2. Bericht von der Generalversammlung. S. Branchen« und Verbandsangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. 80/1S Um zahlreiches Erscheinen ersucht Die Brauchenleitnng. Slrvettsnachweis: Hoj l. Amt 3. 123S. Verwaltungsstelle«erlt». Hauplbureau: edarstbotra»« S. Hof lll. Amt 3, 1387. Sonntag, den 2«. März 1911, vormittags 19 Uhr: Allgemeine Versammlung sämtlicher Rohrleger und Helfer Berlins und Umgegend im Gewerkschaftshanse, Engelufer 15, Saal 4. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollege» Wücke über:„tSostale Kampfe". 9. Diskussion. 3. Branchenangelegeiihilten. 4. VerbandSangelegenh-iten. b. Verschiedenes. t14/4 BV Um zahlreichen Besuch der Versammlung wird ersucht.-Mv Sonntag, den 2«. März 1911, vormittag? 9'/a Uhr: Branchen-Versammlung der Merkseligmacher tSchnittbauer, Lehrenbaver, Schneid- Mgmacher, Einrichter, Werkzengschleifer) sowie sämtlicher in Kuchbrnckereimaschinenfabriken beschäftigten Kollegen in den Arminhalle«» Kommandantenstraße S8. TageS-Ordnung: l. Vortrag:„Hat die Arhelterhlasse Im hentlgen Staate Gleichberechtigung?" Reserent: Genosse Engen Brüctuer. 2. Diskussion. 3. Branchenangelegenheiten. ——— Mitgliedsbuch legitimiert!—— Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet Die OrtSTerwaltnag, 35 I Terhauf nur Im Fabrihgebande t WWW Wenn Sie � Engrospreisen° in der Möbelfübrik* I rKaux nur nxu c aurAu�euattutri i MSie sparen Qeld! obel H. Walter uWilliMaaß, i 35 kein Laden uw Tel.: A.III, 5157" kaufen. Verkauf nur im Fabrikgebände— nur eigene« Fabrikat.— Auf Wunsch Teilzahlung. 35»» Permanente Musterzimmer-Ausstellung.»M 35 LeraniwortliAr Redakteur: Albert WaAS, Nerlizz. Mr den i Jf mmR MV OOOeHerre sehwärtnen für Condor-Patent Herren-Sehnflrstiefel ohne zu schnüren. Vereinigt vsrnebmes HusHthoi mit verblüffender :::: ßequemlichkctt des Hn- und Husziebens.:: Rauptpreislagen: II59 1450 1650 1950 CONRAD TACK& CIE. tämMi KeNcktigen Sie unsere Spezial- Husstellung 1 D.R. Paten» , M9 1712Q9. 120 eigene Filialen, daTon in Berlin und Umgegend: C., Spittelmarkl 15(TeUh.) C., Rosenthaler StraSe 14 W., Potsdamer StraSe SO W., SchlllstraSe 16 NW.,TurmstraBe 41 NW., Wilanacker StraSe 22 NW., BeusselstraBe 29 N., FriedrlchstraSe 127 MSIIortlraBe 3 Reinickendorfer Str. 23 BrunnenstraSe 37 Oanziger StraSe 1 AndreasstraSe SO Frankfuriar Alles 125 ., OranienstraBe 32 l., OranionstraBe 2a SO., Wrangelstr. 40 SW., Friedrichs». 240-41 Charlottenburg: nur Wilmersdorfer Sir. 122-123 RIxdorl: BergstraBe 30-31 Potsdam; Brandenburger StraSe 54. Verkauf nur in unseren Filialen, da nur wir das alleinige Fabrikationsund Vertriebsrecht im Deutschen Reiche besitzen. Tischler»Verein zu Berlin<«.» s») Sonnabend, den 25. März; Blütenjest an der Wiera verbunden mit Vogclsvicc Im festlich dekorierten großen Saal von Hllcm, Hasenheide 13/15. Eröffnung 9 Uhr. Eintritt 60 Pf. Freunde und Gönner deS Vereins ladet ein Der Borftand. tZsnsralvsrtreter: Alfred Hirsch, Berlin W, 80, Bamberger Straße 45. Fernsprecher: Amt VI No. 5737, Buchhandlung Vorwärts LindenstraBe 69(Laden). (Soeben erschien: Erweckt Ein Roman aus dem Proletarierleben von A. Ger. Preis in Leinen gebunden 1.25 M. Dieser Roman erschien vor kurzem erstmalig in der „Neuen Welt". Das allgemeine Interesse, das demselben entgegengebracht wurde, veranlagte uns, eine Buchausgabe zu veranstalten. Laubsn, Restaurants etc. erzielt man durch Dachplx und Dnchplxpappcn. vvelH— grau— rot— gi-uu yst,_ leuchtend, garantiert wetterbeständig ~ streichfertig— sofort trocken— * billiger als Oelfarbe. lekte, Master usw. gratis. Telephon IV. 1936. Dachplx-Ges., Berlin S. 81, Plan-Ufer 38. Pro, -=„SiIes!a=Bad" i 11242* Schlcslsche Str. 31 M- Alle Arten medizinische Bäder."7 Jeden GamStag bei Landsmann Schäfer, Keltbufer Damm 103(an der Brücke). LandSleuie willkommen. Mm IrliBitEP- hiiszdi'M-lei'eis- Mitglied deS Arbeite» Zladiabrer-Bunde» »Sottdarttäf. Bereins-Touren zum Sonntag, den 26. März. Sämtliche Abteilungen früh 7)/, Uhr: EberSwalde. 12'/, Uhr: Bernau (SchützcnhauS). Ardelter-ksSkshi'-Vei'i!!!! UMnberg 12*/. Uhr: Eichwalde(Wille). Starts an den betannien Stelle». Sammel- U/iebtigeZ VolkLgewbnk Spfelwein wird vollkommen ersetzt durch HEINEIPMDSTEXTRAn Hauptbest: naiüpl Extrac! aus Früchten 8esuQdc3. crfrlscfaendes, balibarn Haosgelrönk. Lik»r 5.6 Pfg.» leichte Heratcilunq. TBI Portion 150 Üter Mk. Xto- 50 Liter Mk. Us AHTon«einen. pronznciM. Zu hsbon In Orow und Kolonltlararen-Cuncs Vertr. Willi. Olschewsky, Berlin N. 20, Kok Str. 63. 431/10 iwi i; Damen-Konfektion Engros Export J! Hausvogteiplatz 11 1. Etage(kein Laden) schrägüber Untergrundbahnhof (an der jerusslemer Straße)| vorkauft nnch claieln Paletots KostQme Kostöm-Röcka Blusen Kimonos Golf-Jacketts Mädchen- Patetots.i Bei Vorzeigung dieses Inserates an der Kasse werden 5"/„ Rabatt vergütet | Auch Sonntags geöffnet.< Vorbeugung der Syphilis durch Ehrlich-Hata 606. Aukklämngsbnoh über Vorsichtsmaßregeln u. Erkennung d. Lusfc- seuohe von Dr. Z i k e L Für M. 5,— franco d d. Medizin. Verlag E. Schweizer& Co., Berlin NW. 878. Dr.Simmel Spezial-Arrt• für flaut- und hamlelden. Prinienstr. 41, ää, 10—2, 5—7. Sonntag� 10— 12, 2— i liloferant aller Kassen. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag: Borwäm'BuKdrullerei n. VcrlagSunilalt Paul Singer».Co.. Berlin »el feiizsiiluilg »eiert auf bequeme bei kleinster Anzahlung ia de- kannler Güte* (mit gröBter Rücksicht bei Krankheit und Arbeitslesigkeit) E.CoIin,Gr.Ffaiik{ürtefstr.58 Nr. 71. 28. Jahrgang. S. Ktilqe i>ts Jpimitfs" Klllim KIKsdU. fteiHp. 24. Mn 1911. Partei- Hngclcgcnbcitcn. Groß-Lichterfelde. Am Sonntag, den 26. März, früh S Uhr: Flugblattverbreitung im Westen zur bevorstehenden Gemeindevertreter- Wahl. Treffpunkt im Restaurant Wahrendorf, Baekestraße. Es haben sich daran die Genoffen deS ganzen Ortes zu beteiligen, da die Agitation bis ins kleinste durchgeführt werden muß. Außerdem findet an demselben Tage mittags 2 Uhr im genannten Lokale eine außerordentliche Mitglieder- Versammlung statt, die sich gleichfalls mit der Wahl zu be» schäftigen hat. Da einschneidende Beschlüffe gefaßt werden müssen, ergibt sich die Pflicht zur Teilnahme an der Versammlung von selbst. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Der Vorstand. Steglitz. Heute, Freitag, abends 7 Uhr: Flugblattverbreitung von allen Bezirkslokalen aus. Der Vorstand. Martendorf. Heute Freitag, abends 7 Uhr, Flugblattverbreitung von den bekannten Bezirkslokalen. Ober-Schöneweide. Zur der vom Kreiswahlverein veranstalteten Uraniavolstellung.Vierwaldstädter See und St. Gotthard", welche am Sonntag, den 26. März, nachmittags 2 Uhr stattfindet, sind noch Eintrittskarten a öS Pf. im Zigarrengeschäft des Genossen Muth zu haben. Die Bezirksleitung. Adlershof. Heute, Freitag, den 24. März, abends 7ffz Uhr: Kuverlverbreitung zur Gemeindewahl. Am Sonntag, den 26. März, nachmittags 2'/« Uhr, im Lokal von Wöllstein, Bismarckstr. 24: Große öffentliche Gemeindewählerversammlung. Tagesordnung: Was haben die Arbeiter von unserem Gemeindeparlament zu erwarten? Referent: Gemeindevertreter Genosse Alb. H o r l i tz. Der Besuch des Märkischen Museums findet der Versammlung wegen erst am Sonntag, den 2. April statt. Treffpunkt 11 Uhr im Jugendheim, Bismarckstr. 11. Der Vorstand. Mohlsdorf(Ostbahn). Die Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins findet am Sonnabend, den 25. d. M., abends 8'/z Uhr, im Lokale des Herrn Obst, Berliner Chaussee, statt. Tagesordnung: 1. Die verflossene Gemeindevertreterwahl. 2. Maifeier. 3. Monlags- ausgabe des.Vorwärts". Die Bezirksleitung. Alt-Glienicke. Am Sonnabend, den 2ö. März, abends 8 Uhr. im Lokale des Herrn Jahn, Rudower Straße 54: Mitglieder-Versammlung des hiesigen Wahlvereins.» Bernau. Am Sonnabend, den 25. März, Versammlung des Bezirks im Lokale des Gcnoffen Fr. Salzmann, Basdorfer Straße. Tagesordnung: 1. Die Wahltechnik zu den bevorstehenden Reichstags- Wahlen. 2. Maifeier. 3. Vereinsangelegenheiten. berliner j�acbncbten. Die Stadthaushaltsetat-Komödie tvurLe gestern in der Stadtverordnetenversamm- lung von den Freisinnigen mit unerschütterlichem Ernst zu Ende gespielt. Nach all dem Tollen, iws die Beratung des diesjährigen Etats gebracht hat, kam noch das Tollste: der Einfall, zur Herstellung der Etatbalance schon einen Ertrag aus der L u st b a r k e i t s st e u e r einzusetzen, obwohl über deren Annahme oder Ablehnung noch gar nicht ent- j ch i e d e n worden ist. Ob dieses Verfahren zulässig ist oder nicht, darüber wurde gestern heftig hin- und hergestritten. Stadtverordneter M o m m s e n eröffnete die Debatte mit der Erklärung, daß er etatrechtliche Bedenken habe und aus diesem Grunde der Einsetzung dieses Einnahme- Postens nicht zustimmen könne. Auch Stadtv. Ullstein hielt das Verfahren für unzulässig und für unvereinbar mit den Grundsätzen einer soliden Finanzgebarung. Dagegen versicherte Stadtv. R o s e n o w, daß er sich frei fühle von allein Skrupeln. Er habe zu dem Etat das Vertrauen, daß selbst bei etwaigem Ausfall der Lustbarkeitssteuer— wenn nämlich diese von der Stadtverordnetenversammlung hinter- her nicht angenommen würde— doch d i e Balance er- halten bleiben werde. Aus anderen Einnahmeposi- tionen seien so reichliche Erträge zu erwarten, daß es auf die Lustbarkeitssteuer schließlich gar nicht ankommen werde. Diese Begründung fand den Beifall auch des Stadtv. Cassel, der mit ihr all seine eigenen Gewissensbedenken gegen das auch ihm„etwas ungewöhnlich" erscheinende Ver- fahren, aus einer von den Gemeindebehörden noch gar nicht beschlossenen Steuer schon einen Ertrag in den Etat einzu- setzen, beschwichtigen zu dürfen meinte. Ueber seine und seiner Freunde Stellungnahme zur Lustbarkeitssteuer selber sagte Herr Cassel nichts. Er erklärte nur. durch die Abstimmung beim Etat brauche in derSache niemand sich binden zu lassen. Offener waren Herr Mommsen und Herr Rosenow. Herr Mommsen hatte hervorgehoben, daß er ein F r e u n d der Lustbarkeitssteuer sei und sich dennoch nicht entschließen könne, eine Einnahme aus der noch gar nicht genehmigten Steuer schon in den Etat einzusetzen. Herr Rosenow machte es umgekehrt: er will keine Lustbarkeits- steuer und wird gegen sie stimmen, aber ihren Ertrag setzt er ein. Ein verzweifeltes Mittel nannte Genosse S a s s e n b a ch solche Praktiken, ein Verfahren, das u n- würdig sei der Stadt Berlin und das Ende aller ge° sunden Finanzpolitik bedeute. Andererseits sei von der Ertragseinsetzung zu befürchten, daß sie eine bindende Wirkung für den entscheidenden Beschluß haben und der An- nähme der Lustbarkeitsstcuer die Wege ebnen werde. Die sozialdemokratische Fraktion beantragte, die Lustbarkeitsstcuer aus dem Etat zu st reichen. Für den Magistrat erklärte der Kämmerer Steiniger. daß in Uebereinstimmung mit dem sozialdemokratischen Redner auch er überzeugt sei: wer jetzt die Einsetzung des Steuerertrages billige, werde später die Steuer selber ge- nehmigen. Die Mehrheit bestritt das in lärmenden Zwischen- rufen. Zur Frage der Etatbalance konstatierte der Kam- merer das Selbstverständliche, daß es ein Unding ist, durch nachträgliche Ablehnung der Lustbarkeitsstcuer den fest- gesetzten Einnahmeposten herauszustreichen und hiermit e i n Loch in den Etat zu reißen, das die Balance zunichte macht. Die Schwierigkeit der Situation, in die der Magistrat durch die Stadtverordnetenversammlung gebracht worden ist, wurde von Oberbürgermeister K i r s ch n e r beleuchtet. Er deutete cm, daß der Magistrat diesem Versahren, den Etat auf so unsicherer Grundlage zustande zu bringen, nicht zu- stimmen werde. Das sei unvereinbar mit der Pflicht der Sorgfalt, die jeder, der dem städtischen Gemein- Wesen dient, empfinden niüsse. Gegen diesen ungewöhnlich heftigen Rippenstoß, den der Oberbürgermeister da dem Stadt- freisinn applizierte, machte Herr Cassel einen schwachen Versuch der Abwehr. Die Debatte zog sich noch eine reichliche Weile hin. doch traten neue Momente nicht mehr hervor. Die A b st i m- m u n g ergab eine Mehrheit für Eim'etzung einer Ein- nähme aus der Lustbarkeitssteuer. Hiermit war auch der Sreit um die Höhe der Einkommensteuer erledigt, die dann ohne Debatte mit löst Prozent festgesetzt wurde. Die Bemessung der G r u n d st e u e r in Höhe von 165 Pro- z e n t nötigte dem Stadtverordneten Landsberg die Klage ab, daß man durch diesen„geradezu himmelschreien- den" Beschluß„die Hausbesitzer an den Bettel- st a b bringen" werde. Vor der Schlußabstimmung über den Ge- s a m t e t a t gab Genosse Bruns die Erklärung ab, daß die sozialdemokratische Fraktion nach allem, was man bei dieser Etatberatung erlebt habe, ihn ablehnen müsse. Die Führer der freisinnigen Mehrheit nahmen das zum Anlaß, unsere Genossen anzukrakeelen'. Offenbar fühlten sie das Bedürfnis, dieser Stadthaushaltsetat-Komödie einen möglichst forsch klingenden Abschluß zu geben. Die Ursachen der Wohnnngsumzüge. Die Reichshauptstadt mit ihren großen und kleinen Vor- orten befindet sich in einem völligen baulichen Umwandlungs- Prozeß, der voraussichtlich so bald nicht zum Stillstand komnien wird. Was jahrzehntelang in der Nähe der Weichbildgrenze brach lag, ist der Bebauung erschlossen und mit vielen Hunderten moderner Mietsgebäude besetzt worden. Dazu komnit die schnelle Veränderung der inneren Stadtteile, die sich von halb verfallenen altberliner Baracken bis in noch leidlich gut erhaltene Vorstadtgebäude erstreckt. In den inneren Geschäftsvierteln fallen sogar fortgesetzt Wvhngebäude, die als solche noch jahrelang redlich ihren Zweck erfüllt hätten. Sind also Tausende von meist sehr seßhaften Mietern im alten Berlin durch den Abbruch ihrer Wohnstätten zum Umzug gezwungen, so werden noch mehr Taufende durch die forcierte Bautätigkeit angeregt, ihre Wohnuugsvcrhältnisse freiwillig zu verbessern. Dabei ist das Bestreben selbst kleiner Mieter, die wink- ligen, ungesunden Wohnungen der Innenstadt mit Luft und Licht in den neuen Wohnvierteln an der Weichbildgrenze oder gar in den Vororten selbst zu vertauschen, unverkennbar. Keineswegs bloß der Mittelstand und die höheren, zahlungsfähigeren Be- Völkerungsschichten stehen unter dem Drange der Abwände- rung nach den Vororten. Selbst Arbeiter nehmen lieber und häufiger die verlängerte tägliche Wegstrecke zur Arbeitsstätte mit in den Kauf, um draußen hinter den Toren des geräusch- vollen, dunstigen Berlin gesunder zu wohnen. Viele Tausende von Proletariern kehren auch deshalb der Reichshauptstadt den Rücken, weil der Sitz der großen industriellen Werke immer mehr nach den Vororten verlegt wird und sie somit aus Gründen der Bequemlichkeit, der Zeitersparnis den Spuren der Erwerbsquelle folgen. Die auf Hygiene, Erwerb, Bequemlichkeit gerichteten Bestrebun»en sind aber beim Wohnungswechsel nicht ausschlaggebend. ViAe Wohnungs- umzüge werden veranlaßt durch Zwistigkeiten mit dem Wirt sowie der Mieter unter sich. Die Berliner Hauswirte sitzen ja heute nicht mehr, wie noch vor ein paar Jahren, so auf dem hohen Pferd, daß sie unumschränkt ihren Willen diktieren können. Sie haben an den vierzigtausend leerstehenden Wohnungen Lehrgeld bezahlt. Trotzdem gibt es in Berlin noch genug Hauswirte, die beim Mieten sich von ihrer liebenswürdigsten Seite zeigen und nach dem Einzüge den gestrengen Hausherrn herauskehren. Vielleicht ist es ja in solchen Fällen oft übereilt, über eine Unfreund- lichkeit des Wirtes gleich mit der Kündigung zu quittieren. Die Kosten und Mühseligkeiten des Umzuges stehen meist nicht im richtigen Verhältnis zum Streit. Häufig geben Streitigkeiten der Mietsparteicn untereinander Anlaß zum Wohnungswechsel. Der„Klügere" gibt nach und räumt das Feld. Oder ist der andere der Schlauere, der den Gegner verdrängt? Hausklatsch ist ja bekanntlich unausrottbar. Und gewöhnjich wird gerade aus der dicksten Freundschaft die bitterste Feindschaft. Der Wirt aber will es mit beiden Par- teien nicht verderben. Ein besseres Verhältnis unter den Mietern würde sofort Platz greifen, wenn nicht so viele Nachbarn sich um ungelegte Eier bekümmern und in die Kochtöpfe anderer Leute hineinsehen wollten. Viele Wohnungsumzüge werden auch dadurch veranlaßt, daß Wohnungsuchende zu leichtfertig mieten. Man hat ein gutes Recht, sich die zu mietende Wohnung genau und un- geniert anzusehen, ob es den bisherigen Mietern angenehm ist oder nicht. Einsichtige Leute werden ja auch gegen eine gründliche Besichttgung nichts einzuwenden haben. So zieht gar mancher um, der zu spät einsieht, daß er sich nicht ver- bessert hat._ Der SechStage-Rennrnmmel soll mm heute abend tatsächlich zum dritten Male in Berlin losgehen. Diesmal findet die Schin- derei nicht in den Ausstellungshallen am Zoo, sondern im Sport- palast, Potsdamer Straße 72, statt, wo eigens für diesen Zweck eine besonders konstruierte Holzbahn gebaut worden ist. Das Ganze ist bekanntlich von Sport so weit entfernt wie die Laus von der Kirchturmspitze. Heißt'n Geschäft! Wie smart die Manager sind, geht schon daraus hervor, daß selbst für die Besichtigung des Auf- baucs der Bahn ein Eintrittsgeld von 56 Pf. erhoben wird. Die Preise während des Rennens sind, wie immer, gepfeffert. Das Feld der engagierten Fahrer ist der sportlichen Qualität nach aller- dings recht beachtenswert, aber trotzdem will man in wirklich ernsten Sportkreisen von der Sache nicht viel wissen. In der Potsdamer Straße mit ihrem regen Nachtvcrkehr wird höchstwahrscheinlich die Rennbahn während der Nachtzeit zum Schauplatz wüstester Orgien werden. Gerade auf diesen Nachtverkehr mit seiner Sektstimmung haben es wohl die Hauptmacher, denen die Zoobahn etwas zu ent- legen war, abgesehen. Die Rechnung wird stimmen. AlS Kandidat der freisinnigen Volkspartei im 1. Berliner Reichstagswahlkreise ist der bisherige Abgeordnete Stadtrat Kämpf wieder aufgestellt worden. Eine Protestversammlung gegen die Lustbarkeitsstcuer fand am Mittwoch im Lessingtheater statt. Für die Theaterdirektoren sprach Herr Brahm, für die Bühnengenossenschaft Emanucl Reicher, für die Konzertveranstalter Profeffor Siegfried Ochs, als Vertreter der Handelskammer Syndikus Dr. Demuth und andere. Alls wandten sich in heftigster Weise gegen die Sondersteucr und verlangten ihre Ablehnung. Doppelte Garderobengebühr. Zu der Notiz hierüber in unserer Mittwochnummer schreibt an die Geschädigten die Direktion des Neuen Theaters, die.Garderobengebühr sei nicht zu Unrecht abver- langt worden, weil es sich um„sogenannte Freibilletts" gehandelt habe. Ein„Versehen" des Kassierers soll darin liegen, daß er die Garderobenkupons nicht vor der Billettausgabe abgeschnitten habe. Tatsächlich waren die beiden Logenfreibilletts bezahlt worden, aller- dings unter dem Kassenpreise. Aus dem Aufdruck ging mit keinem Buchstaben oder Zeichen hervor, daß es Freibilletts waren, davon bat auch die Käuferin nicht die geringste Ahnung gehabt. Ebenso- wenig haben der Kassierer und die Garderobenfrau von„Freibilletts" irgend etwas erwähnt. Der Fall beweist also, wenn die Angabe der Theaterdirektion nicht nachträglich konstruiert ist, welcher Unfug mit den„sogenannten Freibilletts" und im Zwischcnbilletthandel über- Haupt getrieben wird. Die fraglichen 66 Pf. sind zurückerstattet worden. Ein tödlicher Strasienbahnnnfall ereignete sich am gestrigen Morgen gegen 8 Uhr an der Ecke der Potsdamer und Pallasstraße. Der 22jährige Radfahrer Richard Röder aus der Passauer Straße 15 fuhr hinter einem in die Pallasstraße einbiegenden Straßenbahn- wagen her und wollte vor dem Haufe Nr. 1 des letztgenannten Straßenzuges den Bahnwagen überholen. Er bog deshalb auf das linke Gleis hinüber und stieß dabei gegen den aus entgegengesetzter Richtung kommenden Straßenbahnwagen 1676 der Ringlinie 3. Der Radfahrer wurde umgestoßen und blieb blutüberströmt und besin- nungslos unter dem Vorderperron vor dem Schutzrahmen liegen. Der Verunglückte, der einen Schädelbruch, Bruch des rechten Ober- armes und schwere innere Verletzungen erlitten hatte, starb unter den Händen des herbeigerufenen Arztes. Die Leiche wurde nach dem Schauhause übergeführt. Ein zweiter Straßenbahnunfall, bei dem ein General durch eigene Schuld schwer verunglückte, trug sich Mittwoch vormittag gegen 12 Uhr zu. An der Ecke der Wilmersdorser Straße und Kur- fürstendamm versuchte der Generalmajor z. D. Wehmeyer, der frühere Kommandeur der I. Fußartillcrie-Brigade, einen in der Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen der Linie W zu besteigen, glitt jedoch ab und kam so unglücklich zu Fall, daß er einen Bruch des Brustbeines, eine Wunde am Hinterkopf und Quetschungen im Rücken erlitt. Der Verunglückte erhielt auf der Unfallstation am Zoologischen Garten Notverbände und wurde von dort nach dem Kreiskrankenhause Groß-Lichterfelde übergeführt. Eine fast cinstiindige Betriebsstörung im Strasienbahnverkehr ereignete sich am gestrigen Morgen auf der Südlichen Berliner Vorortbahn. Am Tcmpelhofer Weg, in der Nähe der Mittenwalder Bahn, sprang ein Motorwagen der Linie I mit beiden Achsen aus den Schienen und mutzte durch Mannschaften des Rettungswagens wieder eingegleist werden. Während der von 6.53 bis 7.56 dauern- den Störung wurde der Verkehr durch Umsteigen aufrecht erhalten. Zu dem Morde in der Boyenstrasze richtet die Kriminalpolizei folgenden Appell an das gesamte Berliner Publikum: Wie bereits durch die Tageszeitungen bekannt geworden, mutz sich der Mörder der im Hause Boyenstraße 14 wohnhaft gewesenen Prostituierten Frau Martha Schramm bei der Tat erheblich mit Blut besudelt haben, wofür die zahlreichen, an dem Tatort vorgefundenen Blut- spuren sprechen. Der vom Täter getötete Hund soll die Gewohnheit gehabt haben, sobald seine Herrin angegriffen wurde, den Angreifer anzuspringen, und zwar von hinten in Höhe der Ellenbogen. Es ist daher auch möglich, daß der Hund dem Täter an diesen Stellen die Kleidung zerrissen und ihm vielleicht sogar Bißwunden beige- bracht hat. Auch mit Verletzungen im Gesicht und namentlich an der rechten Hand des Mörders mutz gerechnet werden, da sich die Schramm sicher aus Leibeskräften gewehrt haben dürfte. Es er- scheint nun auffallend, daß bisher dahinzielende Beobachtungen der Kriminalpolizei nicht mitgeteilt worden sind, was im Interesse der weiteren Ermittelungen zur Aufklärung des Verbrechens aber un- umgänglich notwendig ist. Aus dem Publikum kommen besonders in Betracht: Personen, die in der Nacht zum letzten Sonntag die Boyenstraße oder die in der Umgegend derselben befindlichen Straßen passiert haben, Fahrgäste von Straßenbahn, Omnibuswagen usw., Besucher von Schanklokalcn, Inhaber von chemischen Reinigungs- instituten, Reparaturwerkstätten oder Kleiderläden, in denen sich der Täter möglicherweise neu eingekleidet hat, Angestellte der Wach- und Schließgesellschaft, Wartefrauen in öffentlichen Bedürfnisanstalten, das Personal in öffentlichen Badeanstalten, Droschkenführer, Straßenbahn-, Omnibus-, Stadtbahn- und Hochbahnschaffncr usw. Auch Wohnungsinhabcr, Permieter oder Personen, die ihren Schlaf- räum mit anderen teilen, mögen darauf achten, ob sich nicht blut- befleckte Wäsche, blutbefleckte und zerrissene Kleider in ihren Räumen befinden und jede scheinbar noch so unbedeutende Wahrnehmung zur amtlichen Kenntnis bringen. Die seinerzeit bei der Durchsuchung vorgefundenen Gegen- stände sind wissenschaftlichen Gutachtern unterbreitet worden, deren Gutachten zurzeit vorliegt. Es wurden in der linken Hand der am Fußboden liegenden ermordeten Frauensperson ein Büschel Haare vorgefunden und in einer Waschschüssel, in der sich der Töter nach Begehung der Tat die stark besudelten Hände abgespült hatte, ein Stück eines Fingernagels. Der Fingernagel, ein nicht gepflegter, dreiviertel Zentimeter langer schaufelförmiger Nagel, ist beim Kampfe eingerissen und später beim Abspülen der Hände in dem Wasser ganz abgerissen worden, so daß noch etwas blut- unterlaufene Haut an dem Nagel sichtbar ist. Dieses Stückchen Nagel ist bei der Obduktion in die vorhandenen Kratzwundcn an der Leiche hineingepaßt und festgestellt worden, daß die Kratz- wunden mit diesem Nagel herbeigeführt worden sind. Der Täter hat sich die Hände in dem Wasser nicht ganz abgewaschen, da an den im Treppcnhause befindlichen äußeren Mauern verwischte Abdrücke von Händen vorgefunden sind. Das Büschel Haare ist dem Gerichtschcmiker Dr. Jeserich zur Untersuchung übergeben worden, und konnte dieser feststellen, daß die Haare von der Ermordeten selbst herrühren, die sich die Haare im Todeskampfe wahrscheinlich selbst ausgerissen hat. Zu dem Bauunfall auf dem Neubau der Firma Wcrtheim in der Königstraße werden wir gebeten, mitzuteilen, daß Verband- zeug auf dem dortigen Baubureau vorhanden sei, daß der Ver- bandkasten an der Unfallstelle war und auch ausreichendes Ver- bandzeug enthalten habe. Hierzu wollen wir bemerken, daß mehrere Arbeiter verbunden worden sind, andere wieder nicht. Gereicht hat das Verbandzeug zweifeUos nicht. Eine umfassende Fahndung ist jetzt gegen den KautionS- schwindler Karl Kubiak eingeleitet worden, der, wie wir mitteilten, in der Kaiserstraße eine Hypotheken- und Grundstückövermittelung aufgemacht hatte und als deren Direktor den angenommenen „Rechercheuren" im ganzen 26 666 M. Kaution abnahm, um sie für sich zu verwenden. Der Schwindler legte die Bürgschaften in hoch- prozentigen Wertpapieren auf einer Großbank an, aber nicht auf das Konto der Angestellten, sondern auf sein eigenes, und verfügte dann zu seinem eigenen Vorteil darüber. Der Schwindel blieb eine Zeitlang verborgen, weil der„Herr Direktor" den Angestellten wenigstens die Gehälter bezahlte. Als die Betrogenen dahinter» kamen, hatte er schon das Weite gesucht. Vermutlich wird er ver- suchen, in das Ausland zu entkommen. In seiner Begleitung be- findet sich wahrscheinlich seine Geliebte, eine 29 Jahre alte Er- zieherin Else Stcinbring. Kubiak ist 1,75 Meter groß und unter- setzt, hat dunkelblondes Haar und Schnurr- und Kncbelbart, sieht blaß und hager aus, geht schnell und mit kurzen Schritten und pflegt ein Augenglas zu tragen, weil er sehr kurzsichtig ist. Explosion in der chemischen Fabrik von I. D. Riedel. Gestern vormittag wurde die Berliner Feuerwehr nach den chemischen Fabriken von I. D. Riedel. Aktiengesellschaft, in der Gericht st ratze 12/13, gerufen, wo eine Benzoeexplosion erfolgt war. Der Explosionsherd lag im dritten Stock in einem Fabrikationsraum für sublimierte Benzoesäure, die als Arznei- BtiHel tn Sei fttffetett Medizin Eeuu�l löTrS. Tis Ext-losion lral ein, als mehrere Arbeiter die Masse in einem besonderen Apparat erwärmten. Es entwickelten sich lange Stichflammen und nach einigen Minuten stand der Fabrikraum bollständig in Flammen. Die Arbeiter hatten sich noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Auch die in den anderen Stockwerken beschäftigten Arbeiter und Arbeite- rinnen verliehen, als das Feuersignal ertönte, ordnungsmäßig ihre Werkstätten, so daß Verletzungen nicht vorgekommen sind. Noch ehe die Löschzüge der Feuerwehr anrückten, hatte die eigene Fabrikfeuerwehr schon zwei Schlauchleitungen vorgenommen und das Feuer eingedämmt. Die Ablöschung der Flammen konnte denn auch in einer halben Stunde leicht erfolgen, doch sind zwei Fabrikräume im dritten Stock ausgebrannt. Die Ursache der Explo- sion ist noch nicht aufgeklärt. Da Benzoesäure an sich nicht feuer- gefährlich ist, so vermutet man, daß die Explosion durch eine Gas- flamme herbeigeführt worden ist. Eine Betriebsstörung wird nicht eintreten. Wer ist der Tote? Am 17. März 1911 ist in der faulen Spree zu Spandau die Leiche eines unbekannten Mannes gelandet worden. Er ist 1,65 bis 1,79 Meter groß, mittelkräftig, 35 bis 49 Jahre alt, hat dunkles Haar, Glotze und langen, dunkelblonden Schnurrbart. Er war bekleidet mit dunklem Jackettanzug, schtvar- zen Gummizugstiefeln, grauen Strümpfen. Trikotunterbeinkleidern, Trikothemd, gestreiftem Leinenhemd, schwarzen, gestrickten Puls- wärmern und gewebter baumwollner Unterjacke. Die Leiche, bei der ein Portemonnaie mit 9,49 M. gefunden worden ist, hatte etwa zehn bis vierzehn Tage im Wasser gelegen. Mitteilungen über die Persönlichkeit werden in jedem Polizeirevier sowie bei der Kri- minalpolizei im Zimmer 499 III. zu Nr. 1981 IV 5911 entgegen genommen. Auf der Treptow-Sternw-rte spricht Dir. Archenhold am Sonn- tag, den 96. März, nachmittags 5 Uhr, über„Wandernde Sterne", abends 7 Uhr über„Das Entstehen und Vergehen der Welten", und Montag, abends 9 Uhr, über„Unser Planetensystem". Alle drei Borträge sind gemeinverständlich und mit zahlreichen Licht- bildern ausgestattet. Mit dem großen Fernrohr Iverden schon von 2 Uhr nachmittags an die Sonne und Venus und abends Saturn und Orion-Nebel beobachtet. verloren wurde Dienstag abend ILVa Uhr in der Kaiser-Frie. twichstraße in RIxdorf eine große schwarze Ledermappe. Der Finder wird gebeten, seine Adresse an das Bureau des Schuh- macherverbandes, Blankenfeldestr. 10, Berlin O., gelangen zu lassen. Ei« grüner Rucksack mit Lustpumpe, Radfahrkarte der Provinz Wvandenburg und anderem Inhalt ist unweit Exerzierplatz. Ecke Milastratze, verloren gegangen. Der Finder wird gebeten, die Gegenstände bei Schnauer, Rhinower Str. ö v. IV. b. Becher abzu- «eben,_ Vorort-Nachrichten. Rixdorf. Die Schäden der kommunalen Zerrissenheit Gross-Derlinö treten bei Gegenüberstellung der Gemeindeetats bezüglich ihrer Ausgaben für soziale Zwecke recht drastisch in die Erscheinung. Den Nachteil dieser Zerstückelung der wirtschaftlichen Einheit in viele minder leistungsfähige Gemeinden hat vor allem daö Proletariat. Je ärmer die Gemeinden sind, um so höher werden die Anforde- rungen auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, die Leistungen jedoch werden auf ein Minimum herabgedrückt. Ein klassisches Beispiel dafür bietet Rixdorf mit seiner Armenpflege. Während die Bevölkerung sich seit 1995 bis 1999 von 151 993 auf 217 347 vermehrte, stieg die Ist-Einnahme für Zwecke der Armen- pflege von 98 996 auf 168 358, die Jst-Ausgabe dagegen in dieser Zeit von 318 3 99 M. auf 57 9 96 6 M., das ist eine Steigerung auf den Kopf der Bevölkerung von 2,1t M. im Jahre 1995 auf 9,66 M. im Jahre 1999. Die Steigerung der Ausgaben ist im wesentlichen auf das Anwachsen der Armenkrankenpflege zurückzuführen. Bei der offenen Armenpflege find 1905 für Heilmittel, Arzthonorar und Geburtshilfe 8557 M., dagegen 1999 18175 M. aufgewendet worden. Sicherlich sehr geringe Beträge für eine Stadt wie Rixdorf. Für Krankenhauskosten stieg diese Summe von 74 345 M. auf 188 739 M. oder 5 9 Proz. in dem angegebenen Zeitraum. Die Gesamtausgabe für Armenkrankenpflege stieg von 129 579 M. auf 269 728 M.. das ist eine Steigerung von 88 Proz. oder auf den Kopf der Bevölkerung von 9,79 M. auf 1,99 M. Bei einem Etat von rund 28 Millionen stellt die Gesamt ausgäbe immerhin einen recht beträchtlichen Satz dar. Und dennoch ist eS nur ein Tropfen auf«inen heißen Stein gegenüber der Un summe von Not und Elend, die sich in einer„modernen" prole- tarischen Großstadt zusammenballt. Tatenlos stehen die reichen Nachbargemeinden und der Staat diesen Dingen gegenüber. Auch das neu« ZweckvcrbandSgesetz wird eine Aenderung nach der Rich. tung nicht bringen. Und doch ist eine Aenderung im Interesse der Hilfsbedürftigen dringend geboten. Die erhöhten Ausgaben auf den Kopf der Bevölkerung find nicht etwa auf erhöhte Leistungen der die Armenpflege in Anspruch nehmenden zurückzuführen. Andere, rein äußerliche Momente, die im Wesen der Groß-Berliner Entwickelung liegen, sind hierfür bestimmend gewesen. In einer Denkschrift des Magistrats werden dafür u. a. folgende Gründe angeführt:„Seit dem Jahre 1998 sperrt Berlin seine Kranken- Häuser für auswärts Wohnende. Während bis dahin bei Unglück» fällen und plötzlichen schweren Erkrankungen Patienten von Rixdorf ohne die Vermittelung der Behörden in Berliner Krankenhäusern Aufnahme fanden, und in diesen Fällen nur dann Kosten entstan. den. wenn die Personen in Rixdorf ortSangehörig waren, und auch dann nur in Höh« der geringen tarifmäßigen Beträge— 59 Pf. bezw. 75 Pf. bezw. 1 M. pro Verpflegungstag—, müssen wir feit jenem Zeitpunkt die Unterbringung dieser Kranken selbst ver- anlassen und demzufolge auch die vollen Kurkosten in jedem ein- zelnen Falle zahlen— SM. bezw. 3,60 M. pro VevpflegungStag." Aehnlich hat eine Entscheidung dcS Kammergerichts in dem bs> konnten Charite-Prozeß gewirkt, wonach die W o h n s i tz gemeinde de» Patienten die vollen Kurkosten zu zahlen hat. Im Nechrnings- jähr« 1999 sind allein dadurch 16 999 M. gegenüber dem Vorjahre erforderlich geworden. Ferner ist durch die allgemeine Er- höhung der Kurkosten in den Krankenhäusern eine Mehr- ausgab« von 83 Proz. entstanden. Die weniger finanziell gut ge- stellten Gemeinden werden durch diese und ähnliche Umstände in eine Position gedrängt, worunter der hilfsbedürftige Teil des Volkes zu leiden hat. Diese unhaltbaren Verhältnisse drängen mit Macht zu einer Reorganisation. Charlotteaburg. Elternverein für freie Erziehung. Sonntag, den 26. März. findet unter Leitung eines wissenschaftlichen Beamten die Besichtigung des Märkischen MnieumS statt. Treffpunkt pünklich vormittags S'/z Uhr vor dem Stadtbahnhof Charlottenburg. Jedes Kind hat 49 Pf. Fahrgeld mitzubringen. Der Vorstand. Steglitz. Achtung, Gewerbegerichtswahl! Di« Wahlen der Beifitzer zum Gewerbegericht Steglitz finden für Arbeitnehmer am Sonntag, den 96. März, mittags von 12 bis 2 Uhr im Rathaus. Zimmer Nr. 2, statt. Wahlberechtigi sind alle in Steglitz wohnenden oder beschäf» tigtcn Arbeiter, welche das 25. Lebensjahr überschritten haben und sich in die Wählerlisten haben eintragen lassen. Gewählt wird nach d«n Grundsätzen der Verhältniswahl. MS Legitimation gilt die bm Gemeiltdeporstnid zugestellte EinlMngSkgxje zur Wahl. Wer dieselbe nicht mehr hak, bersehe sich mik geüugenhtt SnScfer Legitimation, Militärpapiere, Steuerzettel usw. Arbeiter, Parteigenossen! Da in früheren Jahren bei der organisierten Arbeiterschaft nur ein sehr geringes Interesse an diesen Wahlen vorhanden war, was die verhältnismäßig geringe Stimmabgabe bewies, hat sich ein am Orte bestehender klerikaler sogenannter Arbeiterverein zum heiligen Sankt Joseph veranlaßt gesehen, eine Gegenliste gegen die der organisierten Arbeiterschaft aufzustellen. Eine Schmach für die Arbeiter des OrteZ wäre es, wenn eS dieser Gesellschaft gelingen würde, auch nur einen Sitz zu erringen. Darum ist es unbedingt notwendig, daß ein jeder Arbeiter von seinem Stimmrecht Gebrauch macht; auch ist es Pflicht eines jeden Genossen, auf den Banten und Arbeitsstellen auf die Wahl hinzuweisen. Besonders möchten wir die in Berlin wohnen- den Genoffen ersuchen, unter allen Umständen zur Wahl zu er- scheinen, da es bei dem Verhältniswahlsystem auf jede einzelne Stimme ankommt. Das Wahlbureau der Gewerkschaftskommission befindet sich bei Clement, Düppelstraße 7. Die Genossen, die sich an den Wahlarbeiten beteiligen wollen, bitten wir, sich dort am Sonntag um 11 Uhr zu melden. Friedrichshagen. In dem gestrigen Bericht über den Gemeindeetat werden für Arbeitslosenunlerstützung inklusive ArbeitSnackweiSverwaltung und Notstandsarbeiten nur 399 M. aufgeführt. Die aufmerksamen Leser werden bereits bemerkt haben, daß hier eine Rull fehlt. ES muß heißen 3 999 M. Dcutsch-Wusterhauseu. Die Grmeindevertretrrivahl findet am 23. Mai nachmittags von 5biSSUHr statt. Hiermit beschäftigte sich am Sonntag eine gutbesuchte Gemeindewählerversammlung, in der Genosse BoeSke- Rixdorf das Thema:„Was leistet die Sozialdemokratie in der Ge- meindevertretung" behandelte. Die Ausführungen fanden bei den Versammelten großen Beifall. Hierauf erstattete Genosse Schuft den Bericht über die Tätigkeit der sozialdemokratischen Vertreter im Dorfparlament. Aus den Darlegungen ging mit aller Deutlichkeit hervor, daß einzig und allein durch unsere Vertreter die Interessen der Bevölke- rung vertreten werden. In der Diskusfion mußte sogar der Vertrauens- mann vom Bund der Landwirte, Herr Dimmisch II, dem Referenten beipflichten. Als Kandidaten der Sozaldemokratie wurden für die III. Abteilung Genosse Schuft und für die II. Abteilung Genosse H. Ludwig aufgestellt. An der Einwohnerschaft liegt es nun. dafür zu sorgen, daß unsere beiden Genossen'mit erfreulicher Majorität gewählt werden. Hohen- Schönhause»». Mit der plötzlich ausgeschriebenen Ersatzwahl zur Gemeinde- Vertretung beschäftigte sich nach einem beifällig aufgenommenen Referat des Genossen Unger über Schule und Kirche eine zahl- reich besuchte Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Als Kandidat wurde Genosse Karl Fuhrmann aufgestellt. Die Wahl findet am Montag, den 27. d. M., abends 5 bis 614 Uhr statt. Wahllokal: Rob. Schulze. Hauptstraße 9.— Am Sonntag, den 26. d. M., nachmittags 1!4 Uhr, findet«ine Wählerversamm- lung im Lokal des Genossen Rehher, Berliner Straße 93, statt.— Berliner Parteigenossen, welche mit hiesigen Gemeindewählern zu- sammen arbeiten, werden ersucht, dieselben auf die Wahl aufmerk- sam zu machen, Weifteusee. 5 Mit der Beratung des Etats beschäftigte sich am Montag die Gemeindevertretung. Ihre Erledigung fanden die Etat«: Armen- Verwaltung. Wohlfahrtseinrichtungen, Stiftungen. Fleischschauamt, Zentralvorschule, Äeltrizitätswerk und Kanalisation. Bürgermeister Dr. Woelck gab eine allgemeine Uebersicht des verflossenen Jahres, wobei er alles in rosigem Lichte färbte. Im nächsten Jahre sei man jedoch vor Ueberraschungen nicht sicher. Die alten Ansätze zur Um- satzsteuer und Wertzuwachssteuer habe man wohl bestehen lassen, aber die Ungewißhett der Auslegung des ReichswertzuwachSsteuer- gcsetzes werde keinen gunstigen Einfluß ausüben. Sollten diese An- sätze nicht erreicht werden, dann müsse man zu den Reserven greifen. Ebenso verhält es sich mit der Lustbarkeitssteuer. 29 999 Mark habe bisher der Rennklub beigetragen, dieser sieht seine Ver- anstaltungen jedoch nicht mehr als Vergnügen, sondern als im Dienste der Pferdezucht gelegen an und wolle nach Karlshorstcr Muster von der Steuer befreit sein. Wenn die bisherigen Zuschläge nicht erhöht werden sollen, so dürfen Abstriche am Steueretat nicht vorgenommen werden, wie sie von den Gewerbetreibenden und Gast- Wirten verlangt würden. Der Vertreter der fortschrittlichen Fraktion wünschte Berücksichtigung des Hausbesitzers, der weitere Lasten nicht mehr ertragen könne. Unsere Genossen betonten, daß sie ihre Stellungnahme zum Etat am Schluß der Beratungen abgeben, bei den Enrzeletats jedoch die Wünsche der Allgemeinheit zum Bortrag bringen werden. Zum Armentetat sprach Genosse F r e n tz, der in kürzeren Ausführungen darauf hinwies, daß bei Festsetzung der Summen keine Rücksicht auf die feit Jahren bestebende Teuerung genommen worden sei, die Gehälter der Lehrer und Beamten hätten aus diesem Grund« Aufbesserungen erfahren, aber für die Armen seien dieselben Sätze wie schon vor zehn Jahren festgelegt. Redner kritisiert hierbei die Behandlung der Axmen durch die Beamten und Armenvorsteher und an Hand einzelner Fälle, ebenso die Unter- bringung von Geisteskranken. Des weiteren wünschte er, daß dem Herrn Dr. Pape des Dezernat abgenommen werde, da er den Armen nicht da» nötig« Verständnis entgegenbringe. Dr. Pape er- widerte in langen Ausführungen; er kam zu dem Schluß, daß nach den Erfahrungen höhere Aufwendungen nicht nötig seien, ün übrigen seien ihm die Ausführungen der Herren Sozialdemo. demokraten und besonder» des Herrn Frentz schon so geläufig, daß er diese nur als„olle Kamellen" betrachten könne. Einig« von den anwesenden Armenvorstehern wehrten sich ebenfalls gegen die An- grifft und dann wurde der Armenetat von der Mehrheit angc- nommen. Beim WohlfabrtSetat bemängelte Taubmannn vor allem, daß die Wohlfahrtskommission im ganzen Jahre nicht eine einzige Sitzung gehabt habe. Auch werde gerade dieser Etat mtt An- sätzen belastet, die gar nicht hineingehören, zum Beispiel die Bei- Hilfe der einzelnen Vereine und die öffentliche Speiseananstalt; da, durch würden die Ausgaben künstlich erhöht, um nach außen zu glänzen. In Wirklichkeit kommen auf den Kopf der Bevölkerung nur 22� Pf zu WohlfahrtSzwecken; trotzdem-schrien die HauS- besitzet des 84er Vereins schon von WohlfahrtLduselet. Redner ging alsdann auf die Ausführungen in der Versammlung der Grund- besitzet in der Frage der Arbeitslosenversicherung ein. deren Ein- führung als eine Prämie auf die Faulheit bezeichnet wurde. Schwerer habe die Arbeiterschaft von diesen Herren nicht beleidigt werden können; die nächsten Wahlen würden ihnen die wohlverdiente Antwort geben. Ebenso wünschte Taubmann, daß die Ledigenheim- frag baldigst ihre Erledigung finden möge. Der Leiter des Wohlfahrtsamtes. Major a. D. Wesener, bezeichnete gleichfalls die Aus- gaben für di« Wohlfahrtseinrichtungen als einen Tropfen auf einen heißen Stein, betrügen doch dieselben nur 9,6 Proz. des gesamten Etats; die Bezeichnung vom„sozialen Dusel" sei daher unberechtigt. Herr Becker sAlte Fraktion) hatte vor allem die gerügten AuS- ftihrungen gemacht, er verteidigte sich aber in so komiscber Weise, daß das ganze Auditorium des öfteren in schallendes Gelächter ver- fiel, dadurch geriet Herr Becker so in Erregung, daß er zornent- branitt zusammenknickte. Nach diesem Intermezzo wurde auch der Wohlsakirtsetat von der Mehrheit genehmigt. Längere Ausführungen vcranlaßte nur noch der Kanalifationsetat. In den Beratungen der Kommission hatten die Vertreter der Alten Fraktion Obstruktion gemacht und im Plenum verließ wiederum kurz vor der Verhandlung der vorsitzend« d« Alten Fraktion, Herr Könitz, di« Sitzung. Bon unsersn Genossen wurde daher die Debatte in Fluß gebracht und belvie'ett. Saß die maßgefiZtiden Verlttker des GrimdbesitzK fiek« suchen, die auf sie entfallenden Lasten auf die Hausbesitzer abzu- wälzen. Die Hausbesitzer verlangten mit Recht, die Erhöhung der Beiträge und Herabsetzung der Gebühren; die Grundbesitzer das Um» gekehrte, weil unbebaute Grundstücke nicht an die Kanalisation au- geschlossen und infolgedessen von Gebühren befreit sind. Herr Könitz als Vertreter einer Grundbesitzgcsellschaft protestierte mit seinem Anhang gegen die beschlossene Beitragsordnung. � Es wurden mit allen gegen drei Stimmen zwei Beschlüsse gefaßt, und zwar, im Rechnungsjahre 1911 als ÄanalisationSgobühr 2,75 Proz. �deS Nutzungsertrages der Grundstücke zu erheben. Ferner für den Fall, daß infolge von Protesten die Genehmigung der Beitragsordnuna nicht vor dem 1. Oktober 1911 erfolgen kann, vom 1. Oktober I9li ab eine Kanalisationsgebühr von 41h Proz. des NutzungSertrnge» zu erheben. Die weiteren Etats werden in der nächsten Woche erledigt. Nieder- Tchönhausen. Zur Frage der Eingemeindung Nirber-SchönhausenS in Pankow hat die letzte Gemeindevertretersitzung Stellung genommen. Der BeratungSgegenstaiid stand als letzter auf der Tagesordnung, wurde aber im Interesse der zahlreiche» Zuhörerschaft als erster verhandelt. Das Referat hatte der Bürgermeister selbst übernommen; derselbe betonte, daß bis zur Stunde noch kein Antrag von Pankow vorliege, er habe auf die beiden BersammlungSresolutionen hin den Punkt auf die Tagesordnung gesetzt. Da eS sich bei dieser Frage für Nieder- Schöuhause» um die Aufgabe der Selbständigkeit handle, könne die Angelegenheit nicht mit großer Beschleunigung betrieben iverden. Die heutige Sitzung könne weder für noch gegen die Eingemeindung Stellung nehinen, sondern sie solle sich entscheiden, ob überhaupt mit Pankow verhandelt werden soll. Verschiedene Punkte seien von der Bevölkerung falsch aufgefaßt worden. Zunächst müsse er in bezug auf die Bauordnung nochmals erklären, daß durch die Eingeineindung keine Aenderung eintrete, ferner sei an ein Ausscheiden aus dem Kreise bei Stadtwerdung vor vier bis fünf Jahren nicht zu denken. Es komme bei dem Ausscheiden in Frage. ob es vorteilhaft für beide Gemeinden sei. Zum Beispiel falle der jährliche Kreiszuschuß für das Krankenhaus in Höhe von 36 999 M. weg, außerdem wäre«ine Absiudung zu leisten von mindestens t 599 990 M. Die Frage müsse in ruhiger Weise und ohne Voreingenommenheit entschieden werden, er müsse deshalb an die Oeffentlichkeit das Ersuchen richten, die Vertreter nicht zu beeinflussen, wie es bereit« vorgekommen sei. Um allen Ver» tretern Gelegenheit zu geben an der Teilnahme der Beratungen, bitte er jede Bildung von Kommissionen zu unterlasieu, sondern folgenden Antrag anzunehmen:„Sollte die Gemeinde Pankow in der Eingemeindungsfrage an die Gemeinde Nieder-Schöuhausen herantreten, so sollen die Beratungen darüber nur in Plenar- sitzungen stattfinden." Ohne Debatte wurde dem Antrage zu» gestimmt. Der Antrag unserer beiden Genossen aus Errichtung eines Gemeinde- Arbeitsnachweises und Erlaß einer Arbeitslosen- Unterstützungsordnung wurde einem Antrag des Bürgermeisters zufolge einer siebengliedrigen Kommission überwiesen, der unsere beiden Genossen angehören.� Die Umgestaltung des Feuer-Alarmwesens wurde nach Anhörung eines langweiligen Referats des Herrn Thormann der Bankommission über- wiesen. Für die Errichtung der höheren Mädchenschule macht sich die Ausnahme einer Anleihe von 159 999 M. notwendig. Begabte und unbemittelte Schüler und Schülerinnen sollen Freistellen an den höheren Schulen erhalten. Zum Schluß wie« Genosse Brcitmann noch daraus hin, daß eS mit dem Bau der Straßenbahn von der Gemeinde Noienthal so aussehe, als ob von der hiesigen Gemeinde Schwierigkeiten bereitet werden, was jedoch verneint wurde; � die Verzögerung liege an Reinickendorf. Hieraus folgte eine nicht- öffentliche Sitzung. Neinickendorf-Ost und Wilhelmsruh. Bon Sonnabend, den 25. März, ab befindet sich die Ausgabe« stelle des„Vorwärts" Provinzstr. 56 im Laden, dicht am Bahnhof. Wir bitten unsere Abonnenten, davon Notiz zu nehmen und alle An-, Um- und Abmeldungen dort abzugeben. Die Hauptexpedition. Nowawes. Ein tödlicher Unfall ereignete sich gestern mittag vor der GaS- ansialt. Der Landwirt Lange fuhr dort KokS ab. Plötzlich gingen die Pferde durch. Der Wagen wurde gegen die Bordichwelle geschleudert. Lange stürzte herab und erlitt so schwere Verletzungen am Kopf, daß er auf dem Transport nach dem Rrankenhause starb. Die Leiche des Verunglückten schaffte man nach der Leichenhalle. Jugendveranstaltunge». Köpenick. Sonnabend, den 25. März, abend« 8 Uhr, begeht im Stadttheater, Friedrichftr. 6, die Frei« Jugendvereinigung ihr 3. Stistungs- (ejt Eintritt inkl. Tan, 20 Ps. Es wird ersucht, für den Besuch de» Festes rege zu agitieren._ Brnfhaftcn der Reaabtton. Sit I»klftNcht St-rcgistundc findet Linden st raste 69, Harn die» Trrlwen — Fahrst»dl—, n>»chentägltch von 4H bis TV4 Uhr«dend»,«ounodends von bis K Uhr abends statt. Jeder fsti den kric, tasten»estimmtrn Änsraae ist ein istlchstade und eine Zahl als Merkzeichen brizusstaen. Sriesliche Antn>o»t wird nicht»»eil». Eilige Fragen trage man tn der Sstrechstundc vor. M. Ct-, Würzburg. Für 1789/95: Hrinrtch Eunow.Die mm- lutlonäre Zeitungsiileratur Frankreichs 1789/9-1". Berlin 1908. Für 1789 bis 1871: Jean Jaurbs„Histoire Sooialiste". Paris(Jules flouff u. Co.) Ferner: Lissagaray„Geschichte der Kommune von 1871". lStuttgart, J�). W. Dtetz).— 05. 104. Anmcldepslicht besteht; andernfalls kann Bcr- hängung einer G-Idltrus« erfolgen. Steuerpsticht tritt aber erst«in, wenn das Remeintommen mehr als 1500 M. ausmacht.— KriedrickiSbagel« 100. Rein.— Oldruburgftr. 84. Ja. soweit da« Elnkonmien nicht zu» Unterhalt benötigt wird.— W. B.>00.>. Der Ehemann kann dem Kind seinen Name» geben. Z. Der Vormunb bleibt. 8. Nein.— H. S. 100. Die§§ 1564 bis 1587 handeln von der Scheidung und einem Teil der Wirkungen der Ehescheidung. Das Gesetz erhalten Sie in Buchhandlungen. — E F. 61. Die Frage ist in der Sonntagsnummer mtt j a vcaniwortct. — H. Z. 10 DaS kann gelchehcn nach§ 18 Ziff. 2 de« Disziplinargesetzes. — Beelttf Ä6. I Die Halste de« Krankengelde» au» der Ortskranken- lasse und da» volle Krankeiigeld au» der Hilsstasse. 2. Ja. soiem der Aus- enthalt länger als!0 Woche» dauert. Es mutz alsdann ein Gesuch an den Vorsitzenden der Beranlagungskonimisslon gerichtet werden.— A. H. 4. Dem Vorbesttzer gegenüber haften Sie nicht; der Kcneralpächter jedoch kann an der llaube das Psandrecht ausüben. Die Frau de« Berkäuser» hat sich ftrnibar gemacht.— Schwarz 777. 1. In der Regel nicht. 2. Wenden Sie sich an das Polizeirevier.--- W. P. 84. Soweit die Steuer nicht länger als 3 Monate fällig ist, jeder Betrag, sonjt nur der 28,85 W. wöchentlich übersteigende Betrag.— B. 16. Am 1. April.— Wnsserttands.stuchrtchtr» der LandeSonstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berlln» Wetterbureau. vasserstand « e m e I. TIlllt B r« g e l. Jnsterburg W e i ch I» l. Tboru Oder. Ratibor , Krollen . Frantiurt Warthe, Schrtmm , LandSberg Netze, Borvamm Elbe, Üetmieritz , Dresden , Bardo , Magdeburg 1+ bedeutet Wuchs— Fall.—•) llnterpegel.—*) ctsscet. eingegangene Drucbfcbnftcn. Bon der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 25. Hest de» 29. Jahrgang« erschienen. Es hat folgenden Inhalt- Di« größten Revolutionäre.— Mexiko und die Bereinigten Stauten. Von s. Thalhelm er.— D!e Agrarfrage itt SUffiiüitifti. Von C. Nalowslh.— Finanzkapital und Shifen. Von ffi. Kautsky(Schluß)— Literarische Rund- schau- Wie man einen RckiutenbUdungskursus einrichtet. Von Joh Krctzen. A. Conradh, Geschichte der Revolutionen vom niederländischen Ausstand bi« zum Vorabend der französischen Revoluiion. Von Hermann Wendel. Dr. Alexander Elster. Lexikon bei ArbeiiettechteS. Don ad. l>r. Loses Jooi, l Die..Reue Zell' erschelnt«Zihentllch einmal und ist durch alle Buch- Krisis in der Sozialdemokratie. Bon K. K.— Zeitschristenschau. bandlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von S Ä» M. pro I Feuilleton der„Neuen Z«e i t° Nr. 38: Karl Gubkow. Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal Von Franz Mehring. sReligionSgeschichlliche Streifzüge. IV. Von Heinrich abonniert werden. Das einzelne Hejt kostet Zö Pf. I Cunow.— Bücherschau: Herders Werst:.> Probcnummern stehen jederzeit zur Versügung. Thealer und Vergnügungen ÜÜÜ m. -- 1 □□□ □□□ Freitag, den 24. Mörz. Ansang VI, Uhr. ftötttgl. Opernhaus. Mala.(Ansaug 8 Uhr.) 5töuigl. Schauspielhaus. Der Kaufmann von Venedig. Deuisches. Faust. 1. Teil. Ansang 8 Uhr. NeueS königl. Opern-Dbeater. Schlierjeer. Amerikaseppl. Aauiui erspiele. Die Komödie der Irrungen. Heirat wider Willen. Srssing. Glaube und Heimat. Neues Schauspielhaus. Wieder- kehr. Komische Oper. Geschlossen. Kleines. Der Lcibgardist. Neues Operetten. Die schöne Niseiie. Berliner. Bummelstudenten. Westen. Die lustigen Nibelungen. Neues. Mein erlauchter Ahnherr. Triano». Hippolytcs Abenteuer. Residenz. Fernands Ehekonlralt. Thalia. Polnische Wirljchast. Schiller O iWnimei» ioeaier.) Nathan der Weise. Echiiu, Gbarlottenburs« Ein idealer Gatte. Friedrich- WilhelmstSdtischeS. Pagenstreiche. Volksoper. Don Juan.(Ansang 8',, Uhr.) Sustiptelliaus. Gcschlossm. Luisen. Aus elfter Ehe. Modernes. Der Feldherrnhügel. (Ansang 8'/, Uhr.) Noie. Liselotte. Hcrrnsrld. EcheidungS- Souper. Bar-Schwester. Folics Saprice. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang 3',. Uhr.) Metruvoi. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wippchen. Apollo. Spezialitaten. Auiiage. Spezialitäten. Noack. Maria Stuart. RrichSI»llen. Steitwer Sänger. Karl Haderlaud. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Kaiser< Panorama. Im Banne des Vesuv. Neapel, Vesuv, Lava- leider usw. Französische Rivtera. Walhalla. Bravo! Dacapo I(An- sang 8st« Uhr.) JntimeS. Ein sataler Moment. (Ansang 8'/, Uhr.) Weddtng. Lichtspiele. Urauia. Taudenftrafte 48/4S. Abends 8 Ubr: Im Goldlande deS Königs Salomo. Im Hörsaal: AbendS 8 Uhr: KonstruklionS-Jngeu. A Kesiner: Die Draht- und Blechwaren- Industrie. Sternwarte. Jnvalldenstr. 57—62. �essinx-Idestef. » Uhr: Glaube und Heimat. Sonnabend 8 Uhr: Glaube und Heimat.___ Berliner Theater. AbendS 8 Uhr: Bnmnielatndcnten. Morgen: Neues Theater. Täglich: Hein trlauttr Unlerr. _ Ansang 8 Uhr._ Theater des Westens. Abend» 8 Uhr: Dl» luftigen Ribelnnge«. Sonntag S>/. ll.: vi» lustige Witwe. Modernes Theater (früher Hsbbelthealer). Abend« 8>/. Uhr: Vm- Feldberrnhttgel, Residenz-Ilieater, Direktion: Richard Alexander. Ansang S Uhr. Fernands Ehekontrakt. Schwank in S Alien von George« geydcnn. In deutscher Bearbeitung von Benno Jacobson. Morgen und folgende Tag«: Fernands Shekouirakt. Berliner Volksoper Auster Abonnement.'/,S Uhr i IZttl,«kllAI». I.usk»pi«IK»us. Heute: kivnakloisuvn. Sonnabend, abends VU Uhr, zum erstenmal: Tie grüne Reuue. krieljsleh-WIIhsImstaitllsehss Sehauspislhaus. Freitag, dm 24. März. S Uhr: Pagenstreiche. Sonnabeno: Pagenstreiche. Sonntag S Uhr: Die Jungfrau Orleans. 8 Uhr: 9 X s— S. Montag: Pagenstreich« von Uranl». Wissenschaftliches Theater TaubenstraGe 48/43. Abends 8 tThr: Im Goliilantle des Königs Salomo. Hörsaal 8 Uhr: Konstmktions-Ing. A. Keßner: Die Draht- und Blecnwarenindustrie. Kaiser-Panorama. Im Bannkreis des Vesuv. Neapel, Vesuv, Lavafelder etc, Letzte Woche franz. Riviera. Eine Reise 20 Pf., Kinder i 0 Ps. Abonnements 1 M., Taus. Abonnent. Luisen-Theater. Abend« 8 Uhr: 3ltts erster Ehe. Schausp. in 5 Akt. v. Ernst Ritterscldt. Sonnabend 4 Uhr letzte Kinder- Vorstellung in dieser Saison: Rübe- zahl. 8 Uhr: Aus erster Ehe. Sonntag 3 Uhr: Dorf und Stadt. 8 Uhr: Uhr: Aus erster Ehe. oH-iHftue Greste ftvnntmvtei Str. 132. Ans. 8j Uhr. Ende lO'/i Uhr. iftselotte. Lustspiel in 4 Akten v. H. Slobitzer. Sonnabend 4 Uhr: Dornröschen. 8 Uhr: Ilm Rande des Abgrunds. Sonntag 8 Uhr: Iungsrau von Orleans. 8 Uhr: Leutnant d. Reserve. Ab 3 Uhr: Nur»och kurze Zeit das graste komische Mörz-Programm. Abends»>/, Uhr: Berlins ScnHatlon Alwin Nenß Tony Tetzlaff in dem Sensationsstück:»erexi». ZKstropvl-ThCAter. Hurra! Wir leben noch! Graste ZlusstattungSrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. V Hollaendcr. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Casino-Theater Lothringer Strafte 37. Täglich 8 Uhr: Nor«och bis 30. März: dulis Wlppchen. Ab 8J, März: Zwei Wappen von Bluinentbal und Kadelburg, Sowitag VI, Uhr: Hoff und I März- Attraktionen! Olga Desmond Robert tSteidl und eine Aaslese hervorragender Kunstkräfte! _ Ranohen gestattet._ ASM Ztnsations-Erfoig OW der drei Novitäten-HW Das Schtidiuigs-Souper von Julius Horst. Ein Dtriobimgsgkschast von Anton und Donat Herrnseld. Die Bar-Schwester von Anton und Donai Hermseld. Moraweck... Anton Herrnseld. Schneebeutel.. Donat.oerrnseld. Droschkenkutsch Knolle. Mari. Bendix. Ansang 8 Uhr. Vorverkauf 11—2 Ubr Theaterkasse. hLeater»* Neuer Spielplan. jiuMikkapelle: Dir. Max JKeninann, Wien. Nachmittags von 6— 8 Uhr wild Jedem ileaucher eine Probetasse Biookers Kakao gratis verabreicht._ LICHTSPIELE. MOZART- SAAL. Nollendorf- Platz. Besinn< Uhr. Hchlller-Theater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theal.) Freitag, abend« 8 Uhr: Alatdan der Welse. Ein dramatisches Gedicht in süns Aufz. v. G. E. Lessing. Ende 11 Uhr. Sonnabend. abendS8Uhr: Baria und Bagdalena. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Ehre. Sonntag, abends 8 Uhr: Ein idealer Gatte. Schiller-Theater Charlattenburg. Freitag, abends v Uhr: Ein Idealer Gatte. Schauspiel in 4 Akten n. OSlgr Wstd». Ende 10'/, Uhr. Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Viathan der Weise. Sonnabend, abends 8 Uhr: Ein Idealer Gatte. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Prinz prledrlch von Nomdnrz. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Tranm ein Ecben. 88 CLOU" BEREITER KOXZERTHAÜS Mauerstr. 82 Zlmmerstr. 03-91 Heute: Gastspiel des K. K. Hotball-Musik-Dlrektora C.M. Ziehrer mit seinem aus 65 Wiener Künstlern bestehenden Orchester. »Brauerei Friedrichshaint Am Kttoiestor ------- Größter Konzertsaal R erlin»------ gmr Am S8., 20.. 30. nnd 31. März 1011:-WM Glastspiel von Johann Strauß wien mit seiner vollständigen Kapelle. Anfang 8 Uhr. Entree 50 Pf.. Reserv. Platz 75 Pf. Exeelsior• Lichtspielhaus Rixdorl, Bergstr. 151/152(Passage RicbardstraOe). „Lisa" (Ihr erstes Debüt), ein Lebensdrama, müssen Sie sehen. Dann die Dramen:.MbllllVW sll!l Vl!!Il!l!is �'"eaklounatagraph,. .Hl' König Vlili M\ �rner: JoHtz Kit sein Monoele verloren". Jn ßori eines IranzSsisebeo Panzers clillfs».».«.». Anfang Wochentags 8 Uhr abends, Sonntags 3 Uhr nachmittags. Sehlitzenhaus Reinickendorf- Ost. Inhaber: Eadwle Jelincb, Residenzstraste 1/2. Fahrverbindung: Linien 32, 35, 41. Männcrchor Reinickendorf, Weiße Rose, Waldesrauschen. Sonnabend, den 25. Mär» 1011: □ □□ Großes Konzert □□□ ""Äa&S'"1- Martha Schäfer- Knebel. Nach dem Konzert i Grosser Ball.-HW F M Heute Abend 9 Uhr beginnt das im Sport-Palast Potsdamer SlraSa No. 72 l\ /I Freitag, den 24. März 1911, präzise abend« 8 Uhr: Zluffiihruiig des Deutschen DheaterS: von Sophokles. Sonnabend, den 25. März 19U, abends VI, Uhr: Grand Solree high life. Automobilrennen. Neverholung im Svrung. Der groste Coazp 9'/, Uhr der g>/, Uhr der Schaeanggler sowie die übrigen Spezialitäten. Koacks Theater. Direktion: Robert Dill. Berlin N., Brunnenstraste 16. Maria 8tiiart. Ein Trauerspiel in 3 Auszügen von Fr. v. Schiller. Maria Stuart: Frl. Sicgerlst a. G. Ansang 81/. Ubr. VorzugSkarl. gültig. Sonnabend: Ölr. Extravorftellung Rsr! Usverlünd- Ansang fhotfoh Kommandanten. präz. 8 Uhr. IDCölCr,(froste 77/79. Heilte«kiikKiirltsIit sowie erßliWgt SptMlttste«. ili Ale-N-ahtt 4»,Aü. Sonntag, den 26. März tlltli Hl! ittr der Mm. «asseuerössi,. S'/. Uhr. Ans. 7'/, Uhr. Nach der Vorstellung: zz=z Tanz.= Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Hippolyte's Abenteuer. Voißt-Tlieater Gesundbrunnen. Badstraste 68. Freilag. den 21. Mär, 191t: Benefiz für Frans Rühle. Der ZiamM m Mou. (Shcrlock Holmes 3. Zell.) TensationS-Deteklio. Schauspiel in vier Akten v. Kudols Schwarz-Reiflingen. Kasseneiössnung 7, Ansang 8 Uhr. Ueietishsüen-Ihestel'. Stöttlnsf 8Snggf. Ziimlehtk« Müh: Rnhllahoa V»rl«tck-'!'h«atrr Ansang Wochentags H Uhr Sonntag« 7 Uhr. Zirkus Busch. Freitag, 24. März, abds. 71/, Uhr: Gr. Gala- Vorstellung. M Norftlini mit seinen staunenerregenden Muskel- und Atem-Experimer.ten. Herr Georg Burkhardl- Foottit, Schulreiter. The OClacres. Herr Ernst Schumann, Neudress. Oio Fredianis. bor. Reiterfam. 3 Gebr. Fralelllni, urk. Clowns. Franz Steldler, radfahrender Bauchredner. Um 91/. Uhr zum 91. Male: „Ai'iailii." Iii Sarau Lichtspiele Eröffnung 25. März Kottbuser Straße 6 Hochbahn, Kottbuser Tor. Fassungsraum 1500 Personen. Abends 8 Uhr: Hedi Herdina. LoicHol aTschen| Chinesentruppe und das gro8e neue März- j Programm. 14 Varietd-Neulielten. Passage-Panoptikum. Die zusammengewachsenen Schwestern Blazek nnd Ihr Kind! Zwei Mütter— ein Kindt Ecbend zu«eben S Täglich von tl-t u. von 3-10 Uhr. Ohne Extru-Entreo Z Eintritt 50 Pf. Kinder, Soldaten 25 Pf. Bnrgtlieater- Festsäle und Kinematograpb vorm. Groterjan. Jnbab.; Rud. Merz, TGilubauser Allee 120. Tel. 3. 9353 Eebende Photographien. Eintritt 30 u. 40 Ps.. Kinder die Halste. Ans. 7 U., Somit 4 U Vorzugskarten, nur wochent. gültig, 26 Ps. aus allen Plätzen. StetS ivechs. Programui. kolies csprice. Heut« Premiere Z Soll UNd Raben. Posse den Robert Eder. (MB Reuer bunter Teil.-WU fSiu lediger Shemauu. Valhalla-Ihealef. IlRosenth.Tor.) WelnbergSw. SV> Allabendlich S'l, Uhr: f Bravo! Da Capo! Eine Allerwelts. Revue. Sonntagnachra. 31/, Ubr: Untiere Don Juanz. Kloine Preise. Königsladt-Kasino. Holzmarttstr. 72. KevitStl Der Novität! Welfmeislev-Boxer. Gesangsposse von Ely und Schlothen. Originell l Hoxkanipt Originell I imiilft.BertaHofmannu.FranzSobanski. Nene Spezialitäten. Ansang 8 Uhr, Sonntag«'1,7 Uhr. i Das neue Programm Heute. Anfang 6 Oh*. Kaasenaröffnung 4 Ohr. BT Von 11-2 Uhr:-W = TANZ. Fllr den Inhalt der Jnierate fideruimint die Redaktton dem Sublikum gegcnuhstT teinerlri eranNvorlung. *Schu)i„Sport*" Schuh-Sport, stnm o, Hndreasstr. 48 Trade und Abertrade fragen unsere erprobte und best- bewahrte, gesetzl. geschützte Marke ADA U Konfirmanden-Stiefel in gro&er Auswahl. Domen- und lierrenstlefel ohne Ausnahme Jedes Paar M. Ein Blick in unsere Schaufenster sagt Ihnen alles, und ein einmaliger Kaaf macht Sie zum ständigen Kunden. Versand nach auswärts per Nachnahme Was die AasschmUckanic unserer Wohnungen anbelangt, so «Ibt uns die vorgeschrittene Technik der welibekannten sächsischen Gardinen- Jndustle Mittel und Wege an die Hand, dieselben jetzt billiger und geschmack- voller gestalten zu können. Uebcrzeugende Beweise davon bietet das reiche Sortiment von Gardinen, Stores, Bettdecken ec., welches die Kominandit- Gesellschaft Bertrieb von Erzeugnissen sächsischer Gardiuen-Fabriken Johann Pellot& Co. in Berlin ausgcstapelt hat. Die Firma hat sich zur Ausgabe gemacht, diese Artikel denkbar gediegen, solid und möglichst unver» teucrt in die Hände der Konsumenten gelangen zu lassen. Der Einzel- verlaus findet in den solgenden eigenen VerkausSstcllen großen Stils statt. C. Rosenthaler Strafte L, am Zlosenthalcr Tor; 8. Oranienftrafte 37. nah« Oranienplatz i 0. Gräfte Frankfurter Strafte S/K, Ecke Fruchtstraße; 0. Grüner Weg S«. gegenüber der Markthalle: 0. Nieverbarniin- ftrafte 13, Ecke Boxhagcner Straße; 8. Kottbuser Damm KS. nahe Hermannplatz. Nesser und Gabein werden blank wie nen D bei dem Pntaen mit echtem r. Landmann's Hesser-Fatz-FnlTer. Pake« lO Pf.,«trenbilchse 30 und 50 Pf. Rur echt m Original» Verpackung in»gen besseren Geschäften zu baden. Dr. B. Landmann. Berlin-Pankow, Parkstr. SA, verkaufe ich Ohne jede Anzahlung Pianos erstklassiges Fabrikat (9mal prämiiert Staats- medailie) in allen Holz- und Stilarten von wunderbarer Tonfälle. ��(Flttgclton) segcnklclnemonatllcheTeilzahlani;, 5, ohne jeden PrelHanfscblag:. 31/8* 5 Für jedes Instrument gewähre ich 20jähr. schriftl. Garantie. Conrad Krause Nchfg,, Eck" KurVür«tBlis"rbaTebech�rio4io. Auch Sonntags geöffnet. Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort(fettgedruckt) 20 Ptg. Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort (fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. ) Kleine Anzeigen[ ANZEIGEN für die nächste Nummer werden in den Annahmestellen für Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, in der Haupt-Etpedition, Lindenstrasse 69, bis S Uhr angenommen. Gebrauchte und neue Möbel am billigsten bei Rchseld, Buttmann. straße 20(Gesundbrunnen). 2244R* Bettstellen mit Matratze 12,00, 15,00, 18,00, 21,00.— Englische. nagelneu 25,00. Rehseid, Butlmann- straße 20._ Kleiderschränke, Muschelaussatz, nußbaumartig 27,00, 12,00, 15,00, Rehseid, Buttmannstraße 20._ Einrichtung, vollständige, sür Stube, nagelneu 120,00. Rehseld, Buttmannstraße 20._ Kücheneinrichtung komplett 45,00. Rehseid, Buttmannslraße 20._ Plüschsofas, nagelneu, modern 39,00. Rehseld, Buttmannstraße 20. Ruf Teilzahlung komplett« Wob- nungseinrichlungen in einsacher und besserer Aussühnmg sowie einzelner Mobelftücke in kolossaler Auswahl liescrt bei billigen Preisen unter kulanten Bedingungen Tischlermeister Rolte, ZionSkirchstraße 39. Kein WarenabzahlungSgcschäst. Ständiges Lager kurze Zeit verliehen gewesene Möbel. 794b' Plüschsofa 24.00, Kleideripind 22.00, Chaiselongue 18.00, Wäsche- spind 15.00, elegante Wirtschast spott- billig. Rehrkorn, Kottbuserstraße 18. Möbel> Teilzahlung. Stube und Küche, schon bei 15 Mark Anzahlung. Einzelne Möbelstücke, wöchentlich eine Mark, verkaust Möbcl-Magazin Cohn, Große Franlsm terstraße 58. 2216K* Brautleute sparen viel Geld durch günstigen Einkauf in der Möbel, Polsterwaren-Fabrik Max Neumann Oranienstraße 202. Teilzahlung ge- stattet. Vorwörtsleser 3 Prozent* Möbelhandlung Mariannen- straße 25, billige Preise. Teilzahlung gestattet. Vorwärtsleser 3 Prozent Rabatt._ 2321K* NüftbimmmSbel umständehalber, sast neu, moderne Küchenmöbel, elegante Plüschgarnitur, Tcppich, Krone 250, Nußbaumbüfett, Umbau- sosa, nur Privatleuten. Weinmetster- straße 2, Verwalter._ 45/1 Kücheneinrichtnng. gut erhalten, billig zu verlausen. Witthuhn, Heiden- eldstraße IS._+72 Möbel- Inventur- Röumüngs- verkauf. In meiner seit 1880 be- stehenden Möbelfabrik Gneisenau- straße 15, nahe dem Hallcschen Tore, findet der diesjährige Räumungs- Jnventurverkaus vom 12. Januar bis 27. März zu enorm billigen, teilweise bis 30 Prozent herabgesetzten Preisen statt. Nach dem 15. März treten die alten Preise wieder in Krast. Für Brautleute, Pensionate günstige Ge« legenheit. Teilzahlung gestattet. Beamten ohne Anzahlung. Jetzt Muschel- schränke, Vertikos 24,—, Garderoben- schränke 27,—, Bettstelle mit Sprungfedermatratze 22,—. Schreibtische mit Aussatz 33.—, Umbauten mit Spiegel 40,—, Büsette 100,—, Polstermöbel bedeutend unterm PreiS. Wachstuch. tische 8,—, englische Schlafzimmer 100,—, moderne Wohnzimmer 140,—, eichene Speisezimmer 300,—, Säulcn- büsette jetzt 40,—, billiger, 25 zurückgesetzte große Küchen von 45,— an. Zurückgesetzter Empire- Salon mit Piano spottbillig. Ganz besonders preiswert ein großer Posten ge- brauchter und zurückgesetzter Wirt- schasten, auch einzelne Gegenstände. Lieferung durch eigene Gespanne. Kostcnloie Lagerung. Sonntags ge- öffnet. Genau aus Hausnummer 15 achten._ 2215a* Berlin. Druck lt. Verlag: Borwärtg Fahrräder. Herrenfahrrad, Damensahrrad, einmal benutzt, 35,—, Holz, Blumen- straße 3Sb. 210SK' Musik. Pianinos, einige wenig gebrauchte, sehr billig abzugeben. Hospianosabrit Manthey, PotSdamcrstraße 27b. Pianino, 150.00, wenig gebraucht, verkäuflich MUchgeschäst Grenadier- straße 25(Alexanderplatz)._ 45/3 Pianino, 185.00, Linienstraße 239, Schulz. 208/5* Verschiedenes. Rnnststopferei von Frau KokoSkh Schlachtensee, Kurstraße 8 III._ Fcftdichtu ngen(auch vorrätig). Leyser, Große Franksurtcrstraße 67. Patentanwalt Müller, Gitschiner- straße 81._ 1955K* Patentanwalt Wessel, Gitschiner- straße g4a. Plaiinabfällc, Gramm 4,65. Zahngebisse, Silber, Altgold kaust Slümel, Auguststraße 19. III.+89' Platina. alte Goldsachen, Bruch. gold, Silber. Doublöabsälle, Tressen, Gebisse. Kehrgold. Goldwattcn, Gold- gummis, Staniolabsälle, sämtliche gold. und filberbaltigen Abfälle kauft Broh, Goldichmeize, Köve. Nickerstraße 29. Telephon IV, 6958. Englischen Unterricht(Einzel- stunden und im Zirkel) sür Ansänger und Fortgeschrittene. Frau G. Swienth, Charlottenburg, Stuttgarter- platz 9, Gartenhaus III. 2235K' Kupfer, Messing, Platinabsälle Silberabsälle. Goldichmeize Nieper Kövenickerstraße 20a(gegenüber Man- teusselstraße)._ 205K* Bereinslokal, SchultheißauS- schank, 2 große Zimmer. Vineta- platz 4.__+78� Schnelle und billige Erwirkung und Verwerfung von Patenten, Gebrauchsmustern und Warenzeichen. Prospekt kostenlos. Theune u. Co., Berlin 3V7. 48, Fricdrichslr. 249.* Kunststopferet Leyser, Franksurtcrstraße 67._ Große 411b* Wer Stoff hat, fertige Herren« anzug oder Paletot von 20 Mark au, seinste Zutaten, zwei Anproben, sür guten sitz bekam goldene Medaille. Bitte zum Maßnehmen um Ihren Besuch, da keine Vertretung. Ludwig Engel, Prenzlauerstraße 23. II (Alcxanderplatz). Gegründet 1892. Goldfachen, Zahngebiffe, Zahn bis 70 Pfennig, Silbersachen, Psand- scheine kaust Antiquitätengeschäst Kirch- straße 14, Berlin._ 44/2 Rufpolsterung, Bettmalratze 4,—, Sosa 5,—. Hoftmann, Neue König- straße 30. Vermietungen. Wohnungen. Nndrcaöstrafte 70, ein und zwei Stuben, Küche billig vermietbar. Verseftungdhalber schöne Woh. nung, zwei Zimmer, Küche, Kammer, Zubehör, zu vermieten Große Frank- furtzerstraße 120.+88 ischlakstellen. Schlafstelle, sreundliche, bei Heine, Malplaquclstraße 13, 1. Eingang IV. �Alleinige Schlasstelle Wiener- straße 51, Ouergebäud« III, Fallen. thal+7 Mietsgcsuche. Junger Mann sucht zum I. April kleines möbliertes Zimmer, Nähe Moabit. Offerten nebst Preis„K. D." Postamt 87._ 8386 Junger Mann sucht einfach möbliertes Zimmer oder Schlasstelle allein, Nähe Schlesischen Bahnhof. Offerten mit Preisangabe unter ,100' Postamt 17._+88 Handwerker sucht möbliertes Zimmer, Gegend Kottbuser Tor, wöchentliche Zahlung erwünscht. „K. M" Postamt 42._ 8316 Möbliertes Zimmer suchen zwei Herren zum 1. April, Südosten oder Rixdors. Offerten mit Preisangabe ------"" S'-Spedition unter„K. 250».Vorwärts' Franlsurterstraße 120. +88 Arbeitsmarkt. Stellenangebote. Hausierer! Wiederverkäufer aus echt Thüringer Hiensong verlangt. Dutzend 2.50, 30 Flaschen 6.00, Ver- sandgeschäst Dirkjenslraße 46 I.* Marmorschlctfer Dennewitzstraß« 19. sucht Fink, ___ 162/4 Tüchtige Schlosser aus Schnitte und Stanzen, nur solche, verlangt Glogaucrstraßc 6._+7 Gürtlerlehrling suchen Max Bernhardt, Barnimflraße 13. 44/13 Zeitungsfrauen sofort verlangt Friedenau, Rheinstraße 39._ 44/20 Aeltere Frau, abwaschen, reitt- machen. Veget. SpcischauS, Kom- Mandantenstraße 41 I._ 8336 Zeitungsfrauen für die Tour Mohrenftraße und Kanonierstraße so- fort verlangt, Schützenstraße 24/25.* Arbeiterinne», geübt aus feinere Kartonnagen, sucht Behncke, Müller. straße 10._ 8296« 100 Arbeiterinnen bei hohem Lohn in dauernde Beschäftigung gesucht. Chemische Werke Florian u. Co., Britz- Berlin, Chausseestraße 63. L34bK* Im Arbeitsmarkt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen kosten SO Pf. die Zeile. �Me ausgeschriebenen Kranken. � besucherjtelleu find erledigt. Orts-lfranlcenliasse der Stadt Schöneberg. Former-Lehrling oetiIaa$ pt* Brontew.-Fabrik, Prinrenslr. 96, I. Dreher-Lehrlingoeti.M"?iit,,et Bronzew.- Fabrik, Prlnzenstr. 96, I. Schleifer-Lehrling Bronzew.-Fabrlk, Prinzenstr. 96, I. Sujhdruckerei u. BerlagSanjtalt Paul Singer u. Co., Berlin SW.