Dr. 72. übonnementz.keSinglingen: Abonnements- Preis prännnieranda i Viertcljöhrl. SM Ml, monatl. 1,10 Mk, »vöchemlich 2-i Pfg, frei inS Haus. Einzelne Stummer S Pfg, Sonntags. »ummcr mit illusiricrter Sonntags. Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abomiemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Ocsicrreich. Ungarn L Alarl. für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postabonnemcnls nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Purtugal, RlMlänien, Schweden und die Schweiz, S8. Jalchg.' Crlitcint töglich außer MontZgi. * Vevlinev Dolksblatt. VIe InserNons-Lebtihi' Beträgt für die sechsgespaltene üolonel. zeile oder deren Raum SO Pfg., für politische und gewcrlschastliche Bcreins. »nd Vcrsainnilungs-Anzeigcn 30 Pfg. „Uteine ZZn-eigen", das erste(selt- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf» jlellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort S Psg, Worte über lb Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnicr müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gcössnet, Telegramm- Adresse: «SozialddlioKrat Rcrlln'*, Zcntralorgati der iozialdemokrati fehen parte? Deutfcblands. Redaktion: 8 Cd. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 25. März I9II. 6xpedition: 8M. 68, Lindenetrasae 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» Li» japanischer Sozialist über den Gcheimprozeß in Cokio. Der schändliche Ausgang des Tokioter Geheimverfahrens gegen 26 japanische Sozialisten und Anarchisten und die Voll- streckung des uinncnschlichen Bluturteils ist schon vor einiger Zeit gemeldet worden. Die Art des Prozejzverfahrens, die den Angeklagten jegliche Rechtsgarantie entzog, die der Oeffent- lichkeit jeden noch so flüchtigen Einblick in den Tatbestand, der die angebliche Straftat ausmachen sollte, aufs rigoroseste verbarg, war das ungewollte Eingeständnis, daß hinter ver- fchlossenen Türen ein gräßlicher Justizmord vorgenomnien werden sollte und verübt worden ist. Die ängstlichen Vorsichts- maßregeln, die die gesamte Justizbehörde getroffen hat, um die Geheimhaltung der Verhandlungen— die Urteilsbegründung mit einbegriffen— zu sichern, zeigen, wie sehr sie das Bekanntwerden des Tatbestandes zu furchten hat, wie jämmerlich es um den Vorwand für das Bluturteil bestellt ist. Die überkommene asiatische Barbarei und die neuen Raubtier- instinkte, die der junge Kapitalismus in der herrschenden Klaffe des Landes der aufgehenden Sonne geweckt hat, haben zu- famniengewirkt, uni das Verbrechen zu vollenden. Daß die heuchlerische Prozeßfarce nichts als ein Mittel war, oder viel- mehr sein sollte, den Sozialismus, der trotz der annoch ge- ringen Zahl seiner Anhänger im Lande der herrschenden Klasse große Furcht einjagt, zu zerschmettern, ihn bei den unaufgeklärten Massen zu verdächtigen, das geht in aller Deutlichkeit schon aus der Tatsache hervor, daß das empörende Urteil zwar der schlimmste, aber nicht der einzige Justizmord ist, den eine feile Klassenjustiz zurzeit in Japan an Sozialisten verübt. Sozia- listen sind heute Freiwild im„Preußen des Ostens". Wie frech sich die japanischen Behörden bei dieser Verfolgung über Recht und Gesetz und über die elementarsten Gebote der Menschlichkeit hinwegsetzen, wie sie dabei die Barbarei Asiens mit dem Rassmemelit der kapitalistischen„Zivilisation" zu verquicken verstehen zu einem entsetzlichen Gemisch, das zeigt der Brief eines japanischen Genoffen, der uns aus Tokio zu- ging. Er ist noch während der Tagung des Geheimprozesses geschrieben, besondere Umstände haben seine Ankunft und die Veröffentlichung verzögert. Aber er bleibt trotz dieser Verspätung ein wertvolles Dokument, ein bedeutsamer Beitrag zur Beurteilung der von oberflächlichen Beobachtern übers Bohnenlied gepriesenen japanischen Zivilisation. Wir ent- nehmen dem Schreiben die folgenden wesentlichen Aus- führungcn: ... Dieser Hochverratsprvzeß ist Ivahrschemlich der bisher größte seiner Art in Japan. Heber die Unterlage des Verfahrens. das in der ganzen Welt so großes Aufsehen gemacht hat, ist hier nichts Sicheres bekannt, weil«S in tiefftcs Geheimnis gehüllt ist. Nur jene, die am Prozeß selbst beteiligt sind, wissen etwas darüber. So die Rechtsanwälte, denen die Verteidigung übertragen ist. Aber sie stehen unter dem Gebot strengster Geheimhaltung. Es heißt, daß auch einige Richter und Offiziere zur Verhandlung zugelassen worden sind. Aber sie stehen alle auf der Seite der Regierung und leiner von ihnen wird etwas über den Verlauf der Dinge verlauten lassen. Am 28. Dezember war der deutsche Gesandte nach Preß- berichten in der Prozeßsitzung zugegen, aber da er nicht ein Wort von der Verhandlung versteht, so kann er schon darum darüber nichts mitteilen. Er hat Gefangene gesehen und eine Anzahl Unverstand- liche Worte gehört. Die ReaierungSpresse freilich behauptet, daß Japan ein mit allen Garantien versehenes Prozeßverfahren habe. Für den Fremden wird es Interesse haben, zu erfahren, was man unter solch einem regelrechten Verfahren in Japan versteht. Die R-gierungsorgane, insbesondere ein in den fremden Sprachen er- scheinendes Blatt, bemühen sich sehr, der Welt begreiflich zu machen. daß das Verfahren im gegenwärtigen Falle durchaus«inwandsfrei ist und daß in Japan überhaupt immer anständige Justiz geübt worden ist. Warum sind diese Blätter so eifrig, das zu versichern? Weil Japan lange Zeit zu kämpfen hatte, um die Konsulargerichts. barkeit für die Fremden zu beseitigen. Die Mächte setzten dieser Forderung durch fast ein halbes Jahrhundert den Einwand entgegen, daß die japanischen Gesetze grausam und die japanischen Gerichts- böse nicht unabhängig seien. Um diese Einwände zu beseitigen, hat Japan seine Gesetze noch europäischem Muster umgestaltet und seinen Richtern und Rechtsanwälten angeblich eine Stellung ge- geben, die sie bei den europäischen Nationen haben. Danach hat das Land die Abschaffung der Konsulargerichtsbarkeit erreicht. Bei dieser Geschickt« unserer Justiz ist es kein Wunder, daß die Re- gierung sich bemüht, der Welt durch die ausländische Presse und durch die Gesandten und Konsul« zu erklären, daß in Japan für die Sozialisten ein regelrechtes Prozeßverfahren besteht. Aber dies« Versicherungen der Umerdrücker des� Volkes verdienen keinen Glauben, das anständige Verfahren in diesem Falle ist ein Muster- beisp el der Niederträchtigkeit und des Rechtsbruchs. Es ist jetzt ein halbes Jahr her. daß der erste der in diesem Prozeß Angeklagten verljaftet wurde. Während zweier Monate ging die Verfolgung weiter. Im Ganzen wurden lOV Personen verhaftet und noch jetzt sind über 70 in den Gefängnissen. Von diesen sind jetzt 26 unter der Anklage des Hochverrats vor Gericht gestellt, und zwar vor das höchste Gericht des Reiches, gegen dessen Entscheidung es leine Berufung gibt. Seit ihrer Verhaftung sind sie von jeder Verhaftung mit der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Die Jsij- lierung wurde mit äußerster Strenge durchgeführt. Und nicht einmal ein Rechtsanwalt durfte die Gefangenen sehen. Unter solchen Bedingungen wurde die Voruntersuchung geführt. Sie endete dam't, daß die Richter der Voruntersuchung das Todesurteil em- pfählen und mit diesem Entscheid die Angeklagten vor den Gerichts- hos sandten, der sie nun ebenfalls im Geheimen aburteilen soll. Ein anständiges Prozeßverfahren! Am IE Dezember wurde der Prozeß eröffnet. Die Regierung hatte dafür ganz besondere Vorsichismaßvegeln getroffen. Nur iSO Personen durften der Eröffnungsverhandlung beiwohnen und nicht weniger als 200 Polizisten, verstärkt durch 50 Gendarmen, waren anwesend, um die 26 Gefangenen zu bewachen. Es wurde keine Mühe gespart, tun eine vollständige sichere Absperrung her- zustellen. Jede der 150 zugelassenen Personen wurde körperlich untersucht und dabei fast entkleidet, bevor sie in den Gerichtssaal ' eintreten durfte. Und dabei geht das Gerücht, daß die Mehrheit der 150 aus Geheimpolizisten bestand, so daß wirkliche Zuhörer sehr dünn unter ihnen gesät waren. Außerdem wurden sämtliche Sozia- listen im Lande und besonders in der Hauptstadt daran verhindert, � sich dem Gerichtsgebäude zu nähern. Die Gefangenen wurden mit ganz außerordentlichen Vorsichts- maßregeln in den Saal gebracht. Niemand hatte die Möglichkeit, sie zu sehen, che sie dort eintraten. Dann erst wurden sie von den Handschellen und Ketten befreit. Sofort nach der Feststellung der Personalien erklärte der Präsident die Oeffentlichkeit für ausge- schlössen und dieser Ausschluß dauert bis zum Ende der Verhand- lung. Die Tageblätter konnten lediglich berichten, daß der Prozeß begonnen habe, aber über ihre Meinung zur Sache und den Gegen- stand der Verhandlungen erfuhr man nichts von ihnen. Allerlei wilde Gerüchte über die Vorgänge gingen um, aber verbürgte Tat- fachen sind niemanden bekannt geworden. In den Zeitungen waren nichts als Beschimpfungen und gehässige Aeußerungen über die Angeklagten zu lesen. Es besteht ein Gesetz, das es verbietet, einem angeklagten Gefangenen Hilfe zu leisten und dieses Gesetz wird so ausgelegt, daß die Behörde jegliche Veröffentlichung zu guusten der Angeklagten verhindern dürfe. In den Familien der Verhafteten haben sich zum Teil furcht- bare Tragödien abgespielt. Die Frau des Angeklagten Ominga, eines alten Liberalen, der zehn oder mehr Jahr« schon wegen liberaler Agitation im Gefängnis zugebracht hat und nun aber wieder in dieser Sache verhaftet wurde, wurde krank und verarmte und starb kürzlich allein und verlassen, während ihr Mann im Gefängnis saß. Kotoku, der Führer der Verhafteten, wie man be- hauptet, hat auf Tosa, einer der Inseln des Südens, eine alte Mutter. Sie machte sich auf nach Tokio, besuchte ihren Sohn im Gefängnis und sprach ihm Mut zu. Sie zeigte den starken Geist einer römischen Mutier und vergoß keine Träne. Es ist erschütternd, daß die alte siebzigjährige Frau, nachdem sie auf ihre Insel zurück- gekehrt war, sich aufs Sterbebett legte. Am 28. Dezember verschied sie. Telegramme melden, daß sie sich getötet habe, möglich auch. daß sie an Verzweiflung gestorben ist, denn sie hatte keine Aussicht, ihren geliebten Sohn noch einmal außerhalb des Gefängnisses zu seben. KotokuS Frau Chigo, die ihm eine treue und tapfere Ge- fährtin war, wurde von ihr'er Familie und ihren Verwandten ge- zwangen, ihren Mann zu verlassen, weil er Freidenker und Anarchist geworden war. Sie wurde bei ihrer älteven Schtvester untergebracht, die einen Untersuchungsrichter zum Manne hat. Ms Kotoku indes verhaftet und unter die furchtbare Anklage gestellt wurde, ward seine Frau aus dem Hause ihres Schtvagerö verwiesen. Sie wurde Töpfereiarbeiierin und fristete ihr Leben, indem sie Chinawaren bemalte. Aber die Sorge, der Kummer und die Arbeit zermürbten ihren Körper, sie erkrankte an der Schwindsucht und mußte ins Hospital zu Tokio gebracht werden� wo sie voraussichtlich nicht niehr lange leben wird. Morichika, ein Agrarwissenfchastler, der seines RegierungS- Postens entsetzt wurde, weil er Sozialist war und mit uns für unsere Sache viele Jahve lang arbeitete, hat eine Frau und drei Kinder. Di« Frau ist mehrere Jahre schon krank, die Kinder sind scktvächlich. Er wurde verhaftet und null nagt seine Familie am Hungertuch. Dr. Oischi bat in Amerika und Europa studiert. Seine Frau und sein Kind kamen mit zwei Verwandten nach Tokio, uni den Gatten und Vater im Gefängnis zu sehen. Di« Frau wurde durch Geheimpolizisten verfolgt, überall wartete ihrer ein kalter Empfang. und in Tokio wurde sie unter irgend einer nichtssagenden Be- schuldigung verhaftet und ohne Prozeß zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Das ist das Los der Familien der Gefangenen, die in dem Geheimprozeß verwickelt sind. Eine Begleiterscheinung des Prozesses ist eine heftige S 0 z i a l i st e n v e r f 0 l g u n g. Es ist kaum noch nötig zu sagen, daß die japanischen Sozialisten von allen Behörden gehetzt werden wie wilde Tiere, denn das ist schon in der ganzen Welt bekannt. Aber man muß es doch immer wieder in die Welt hinausschreien, denn hier können wir es der Oeffentlichkeit nicht sagen. Unser ein- ziges Blatt, das Organ der Sozialisten in Japan, wurde im Dezember durch die Behörden unterdrückt und die Manuskripte wurden beschlagnahmt. Jeder Sozialist wird überwacht und be- haussucht und auf die geringste Veranlassung oder auch auf gar keine Veranlassung hin wird er verhaftet und zu langen Gefängnis- strafen verurteilt. Unser Genosse Tatteo Suguki, einst der Herausgeber des ..Shakai Shimbun", wurde kürzlich in seiner Vaterstadt Nagoya, wo er als Zeitungsagent seit Oktober arbeitete, plötzlich mit 16 anderen Sozialisten verhaftet, seine sämtlichen Bücher und Manu- skripte wurden konfisziert. Seit Jahren hatte er die Gewohnheit. ein Tagebuch zu führen, das er sehr geheim hielt. Niemanden! erlaubte er es einzusehen. Er besaß sechs Bände dieser Aufzeich- nungen. Die Behörde konfiszierte und fand in ihnen einige Worte, die als eine Beleidigung der kaiserlichen Familie ausgelegt wurden. Für dieses..Verbrechen" wurde er zu fünf Jahren Ge- fängnis verurteilt. Zwei Genossen aus Dokohama, Tanaka und Kameko, wurden unter der Beschuldigung verhaftet, geheime Schriften verbreitet zu haben und jeder zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Alle Bücher und Zeitschriften, die vom Sozialismus handeln. sind verboten und selbst Schriften, die seinerzeit mit der ausdrück- lichen Erlaubnis der Polizei gedruckt wurden, dürfen jetzt nicht öffentlich ausgestellt werden. Das ist die schlimmste Verletzung der persönlichen und gewerblichen Freiheit, die durch die japanische Verfassung und die bestehenden Gesetze verbürgt sind. Aber fiir die Sozialisten und die sozialistischen Veröffentlichungen sollen diese Rechte einfach nicht gelten. Die Preßfreiheit ist fast gänzlich abgeschafft. jHxrzlich wurde ein Buch veröffentlicht, das ein Professor der kaiserlichen Univer- sität Kyoto verfaßt hat. Es war eine referierende Darstellung des Marxschcn„Kapital", eine anständige Wiedergabe der Marxschen Anschauungen. Der Verfasser fordert Sozialpolitik und verwirft Bernsteins Schriften. Dieses Buch wurde verboten und konfis- ziert. Ein anderes Buch desselben Verfassers über die Frauen- frage traf dasselbe Schicksale Es ist übrigens eine seltsame widerspruchsvolle Politik der gegenwärtigen Regierung, daß sie alle sozialistischen Bücher in fremden Sprachen unbehindert verbreiten. läßt, während Bücher über Sozialismus in japanischer Sprache samt und sonders ver- boten werden, selbst wenn sie vor zehn oder zwanzig Jahren schon veröffentlicht wurden und inzwischen viele Auflagen erlebt haben. Das wird dem Sozialismus sicherlich weite Verbreitung in den ge- bildeten Schichten verschaffen. Dabei ist die Regierung offenbar | sehr in Aengsten ob der Tatsache, daß der Sozialismus unter den i Studenten vielen Anklang findet. Alle japanischen sozialistischen ' Schriften sind aus den Schulen und Bibliotheken zurückgezogen ! und den Lehrern ist verboten worden, sie zu lesen. \ Die Dezemberausgabe unserer„Sozialist News" wurde ver» l boten und beschlagnahmt, weil sie einen Bericht über den Jnter« ' nationalen Sozialistenkongreß in Kopenhagen gab. Wahrscheinlich hat der Umstand den Anstoß zu der Maßregel gegeben, daß der Be- richt auch die Resolution gegen die Sozialistenverfolgung in Japan enthielt. lieber die Entscheidung, die der Gerichtshof gegen die angcb- lichen Hochverräter fällen wird, läßt sich nichts vorhersagen. Aber der Artikel 73 des japanischen Strafgesetzbuches sieht nur eine Strasart, die Todcsstrase, vor. Werden die Angeklagten schuldig gesprochen, so- ist keine Wahl, sondern das Todesurteil gewiß. Ob man ans dem Urteil etwas Näheres über die angebliche ! Straftat der Angeklagten erfahren wird, steht noch dahin. Es ist I möglich, daß auch die Begründung so geheim gehalten wird, wie das ganze bisherige Verfahren. Die Regierung hat jedenfalls Grund, jede Aufhellung des Tatbestandes zu fürchten." Soweit der Vriefschrciber. Seine düstere Voraussicht hat sich erfüllt. Die Opfer faulen im Grabe und noch heute weiß die Welt nicht, welches ihr Verbrechen gewesen sein soll. welches der Rechisvorwand ist, auf den hin man sie gemordet hat. Die japanische Regierung triumphiert vorerst— aber auch sie wird einst erkennen müssen, daß aus den Gebeinen ihrer Opfer die Rücher erstehen. Inzwischen geht die Sozialisienhetze in Japan in schlimmster Weise weiter. Heute trifft das folgende Telegramm ein: Tokio, 2t. Marz.(Meldung der Pceß-Zentrale.) Der Sozialist Torayasu K 0 f k u ist gestern in T s 11, einer Stadt der Provinz Jse, verhaftet worden, weil in seinem Hause Explosivkörpcr aesiindeu wurden. Man befürchtete, daß man einer neuen Ver- ichwvriiiig auf die Spur gekommen fei. Der Angeklagte erklärte, daß er die Explosivkörpcr von einem Soldaten eines Infanterie» Regiments aus dem Nagasaki-Distrikt gekauft hätte. Was an der Beschuldigung wahr ist, wird die Welt wahr- scheinlich nie erfahren— wenn nicht alles trügt, bedeutet die Meldung die Einfädelung eines neuen Geheimprozesses. eine neue iendung im Kampfe gegen die freie lugendbewegimg. Die Aiiflösung der Jugendorganisationen— bestehender und nicht bestehender— genügt der preußischen Polizei nicht mehr. Sie ist offenbar entschlossen, die freie Jiigendbewegung, die sich erstecht, auch nach den Auflösungen der Organisationen wciterzuexistieren. ganz totzuschlagen und sie ist anscheinend der festen Zuversicht, daß ihr Korporalstock dazu vollkommen ausreicht. So hebt sie ihn denn jetzt gegen die I n g e n d h e i m V e r e i n e. Heute ging dem Genossen Roseuseld, dem Vorsitzenden des Berliner Vereins»Arbeiterjugend- heim", die folgende Verfügung zu: Tage�Nr�V�I. It. �lin C.. den 2. März. 1911. Den Vorstand des Vereins„Aibeiterjugendheim" Hierselbst fordere ich hierdurch unter Bezugnahme auf§§ 8 und 18l des Reichs« vereinSgesetzcs ans, binnen acht Tagen von Zustellung dieser Ber- fügung ab, die Vereinssatzungcn sowie das Verzeichnis der Mit- glicder des Vorstandes hierher einzureichen. gez. Jagow. Dies Ansinnen ist indes nicht das erste dieser Art. Schon einige Zeit vorher wurde dasselbe Verlangen an den Genossen Kliem, dem Vorsitzenden des Vereins.Jugendheim" in Lickienberg gestellt. Genosse Rosenfeld erhob dagegen als juristischer Beistand des Genossen Kliein Beschwerde, worauf ihm jetzt folgender Bescheid zuging: Berlin, den 20. März. 1911. Tageb-Nr. 272. VII. 4. 11. Die von Ihnen in Vollmacht des Herrn Alfred Kliem gegen den Polizeipräsidenten in Lichtenberg wegen Unterstellung der Vereinigung„Jugendheim" in Lichtenberg unter das Vcreinsgesetz vom 3. März 1011 erhobene Beschwerde weise ich als u-ibeocündu zurück. Die Vereinigung ist in einer von sozialdemokratischer Seite einberufenen öfsenilich-politischen Versammlung am 1. Februar 1910 gegründet. Die Anmeldung der Versammlung trug den Stempel„Sozialdemokratischer Wahlverein, Kreis Niederbarnim, Bezirk Lichtenberg". Zur Agitation für die Vereinigung ist bereits im Dezember 1900 ein Flugblatt verbreitet, dessen Inhalt deutlich auf die sozial- demolratische Tendenz der Vereinigung hinweist. Es wird in dem Blatte auf die Beschlüsse des sozialdemokratischen Parteitags in Nürnberg und des Hamburger Gewerkschaftskongresses Bezug ge- nommen, es wird von der preußisch-deutschen Volksschule als von dem Werkzeug der herrschenden Klasse gesprochen und eS wird mit der auf der Volksschule erhaltenen„Psendobildung" die Notwendigkeit weiterer Aufklärung der arbeitenden Jugend über ihre gesetzlichen Rechte und Pflichten betont. So ausgestattet würden dann der junge Arbeiter und die junge Arbeiterin zu treuen sturmfesten Kameraden im Befreiungskämpfe der Arbeiter- Ilasse heranreifen. Nach dem„Vorwärts" vom 14. Dezember sind Anmeldungen zur Mitgliedschaft an den„Genossen" Kliem zu richten. Nach den Satzungen bildet den Vorstand der Vereinigung der auf Grund der Beschlüsse des sozialdemokratischen Parteitages in Nürnberg fff« LichicnLerz AeSZHlle JügenSäusschuß. M See GrundungS- Versammlung war ein Sozialdemokrat Referent, für die Frühfings- feier ein solcher als Vortragender auserschen. auch in der Mit- gliederversmnmlung vom 28. Juni 191» sprach nach dem»Vor- tuürts"»Genosse" ö. Schulz. Der»Vorwärts" war es auch, der unterm 7. Januar auf d,e kags daraus stattfindende Eröffnung des von der Vereinigung ein» gerichteten Jugendheims hinwies und es als Pflicht der Eltern und Vormünder der arbeitenden Jugend bezeichnete, die Jugend auf das Heim aufmerksam zu machen und sie zum Besuch des- selben anzuhalten. Nach diesem tatsächlichen Material ist als erwiesen anzusehen, �afi die Vereinigung»Jugendheim" für Lichtenbcrg-Friedrichs- selbe ihrem ganzen Wesen und Wirken nach eine Einrichtung ist, die völlig im Dienste der sozialdemokratischen Partei steht, deren Bestrebungen ganz mit denen jener Partei zusammenfallen. Der nachgewiesene enge Zusammenhang mit einer politischen Partei verleiht der Vereinigung selbst politischen Charakter und es recht- fertigt sich durchaus, auf die Vereinigung diejenigen Bestimmungen des Reichsvereinsgesetzes anzuwenden, die für„politische" Vereine Geltung haben. Ilm die Gründe für die neue Mabregel ist eS, wie dieser Bescheid des Herrn v. Jagow zeigt, sehr schwach bestellt. Denn selbst- verständlich kann ein Verein nur wegen der Tätigkeit, die er selbst entwickelt, sür politisch erklärt werden, nicht aber wegen deS politischen Charakters anderer Organisationen, die sich für ihn interessieren. Und ebensowenig macht ihn die Tatsache, daß Sozialdemokraten in den Räumen, die er unterhält, Reden halten, zu einem politischen Berein, denn auch Sozialdemokraten können unpolitische Reden halten und ihnen kann der Polizeipräsident nicht verwehren, sich unpolitisch zu betätigen. Ganz abgesehen davon hat der Herr ganz vergessen zu prüfen, inwieweit der Verein»Jugendheim' überhaupt mit diesen Veranstaltungen irgend etwas zu tun hat. Selbstver- ständlich wird sowohl gegen die Entscheidung des Herrn v. Jagow in diesem Falle wie gegen seine Verfügung wider den Berliner Berein sofort weitere Beschwerde geführt. Und so wenig Vertrauen wir im allgemeinen zu der preußischen Verwaltung haben, wir glauben doch annehmen zu dürfen, in ihr werde noch soviel Einsicht vorhanden sein, um die Unzulässigkeit dieser Maßregeln anzuerkennen. Sollte es nicht sein, so wird die Jugendbewegung auch damit sich abzufinden wissen— das hohe Ziel, das sich die Polizei gesteckt hat, wird sie auch auf diesem neuen Wege nicht erreichen I Sie Codesmarter der bratllianischen Meuterer. *" Als der Telegraph die seltsame Nachndji vosi Lem Erstickungstod brachte dem die— wie man weiß amnestier» ten— Meuterer der brasilianischen Kriegsmarine zum größten Teil zum Opfer gefallen waren, mußte der Verdacht sofort rege werden, daß sich hinter diesem anscheinenden Zufall ein schreckliches Verbrechen verstecke. Wie wohlbegründet dieser Verdacht war, zeigt der nachstehende Bericht, den ein brasi- lianisches Blatt, der„Correio da Manha", am 14. Januar dieses Jahres veröffentlicht hat und den die Pariser„TempS Nouveaux" übersetzt wiedergeben: „Die Strafe, die an den auf der Cobras-Jnsel gestorbenen Marinesoldaten bollzogen wurde, übersteigt alles, was die Phantasie an Grausamkeit auszusinnen vermag. Die.Solitarias" sind ganz kleine Zellen, die bestimmt sind, einen einzigen Häftling aufzu- nehmen. Ihre Dimensionen sind so klein, daß der unglückliche Ge- fangene nicht einmal die Möglichkeit hat, sich der Länge nach auSzu- sirecken. Im oberen Teil der Eingangstür befindet sich ein kleines Gitter, das eben noch groß genug ist, um etwas Luft durchzulassen. Im Innern der„Solitarias" herrscht selbst mitten am Tag volle Dunkelheit. JnzweidieserZellen wurden nun je 1 2 u n d 14 Häftlinge geworfen. Die letzten Ankömmlinge wurden mit der Türe hineingequetscht, die auf solche Art in ein Marterinstru- ment verwandelt wurde. Aneinandergepreßt, unfähig, sich zu rüh» reu, empfanden die Unglücklichen bald den Schrecken der Situation. Sie begriffen, daß da eine neue Form des Mordes auf sie ange- wendet wurde. Es war etwa 8 Uhr abends, als man aus dem Innern der„Solitarias" Flehen und Angstschreie zu vernehmen begann:„Um unserer Fahne willen, der wir immer treu gedient haben! Haben Sie Mitleid mit unS, Herr KommandantI Um Ihres GlückeS willen! Um des Glückes willen aller derer, die Sie lieben, haben Sie Erbarmen!" Und die demütigen Bitten der Unglück- feiigen, die mit Grauen ihre letzte Stunde nahen sahen, dauerten inmitten der höllischen Qual fort. Später traten an die Stelle der nutzlosen Bitten heftige Verwünschungen, Rufe der Revolte, Aus- brüche des Zorns:„Feiglinge I Ihr se,d geflohen, als wir Kanonen hatten und unsere Rechte verteidigten. Habt Ihr uns die Amnestie bewilligt, um uns leichter töten zu können?" Ein diensthabender Offizier, der alles gehört hatte, wandte fick an den Kommandanten Marquis da Racha und stellte ihm die fürchterliche Situation der Eingeschlossenen vor. Er erhielt aber die Antwort:„Lassen Sie die Dinge, wie sie sind! Oeffnen Sie die Türen der„Solitarias" nicht I"... Gegen Mitternacht hörten die Rufe auf. Als man gegen 3 Uhr morgens die Zellen öffnete, fielen oie Leichen zu Boden. Die Unglücklichen, die vom Kongreß(Parlament) eine vollständige Amnestie erhalten hatten, waren erstickt. Joao Can- dido und einige andere waren noch nicht tot. Sie wurden aus den »Solitartas" herausgezogen und gerettet." Die Beerdigung der Matrosen fand am 27. Dezember, um 8)4 Uhr abends, auf dem Friedhof von Capu statt. Knapp nach 8 Uhr kam eine große vollbelaoene Barke mit ausgelöschten Laternen an den Strand. Ein Sergeant des SchiffsbatalllonS stieg aus und wandte sich an den Friedhofsverwalter, dem er eine Anzahl Papiere, Totenscheine und Quittungen für angekaufte und vorausbezahlte Gräber übergab. Der Verwalter, der sich gewöhnlich zu dieser Zeit in feiner Wohnung aufhält, schien den Besuch erwartet zu haben. Nach einer kurzen Be- sprechung mit dem Sergeanten, befahl er, die Fackeln anzuzünden, um die Leichen vom Boot in die Friedhofskapelle zu trägem Der Sergeant widersetzte sich und berief sich auf seine Instruktionen, die vorschrieben, daß alles ohne Licht vor sich gehen sollte, um keinerlei Aufsehen zu machen. Derart wurden die Leichen nach der Kapelle gebracht. Die Sergeanten und seine Begleiter ent- fernten sich erst nach dem Gottesdienst. Vor dem Verlasien des Friedhofs benachrichtigte der Sergeant den Verwalter, daß er ihm am nächsten Tage weitere zehn Leichen bringen würde. Einige Minuten später fuhr das dunkle Boot rasch ab. Am nächsten Morgen wurden oie 18 Leichen in die Gruft gesenkt, ohne daß jemand an ihrem Grabe eine Blume niederlegte.... Bemerkenswert ist, daß der Mord am 27. Dezember voll- bracht wurde, die kurzen Nachrichten aber, die die brasilianische Negierung dem Ausland zu geben für gut fand, erst am 7. Januar depeschiert wurden, politische(lebersiebt. Berlin, den 24. März 1911. Kolonialpolitik. AuS dem Reichstag, 24. März. Der Rest des Kolonialetats wurde heute in sechsstündiger Sitzung erledigt. Im allgemeinen zerfaserte sich die Debatte in Einzelheiten, die wenig Interesse beanspruchen konnten. Die Sozialdemo- traten beschränkten sich auf kurze Ausführungen zu dem Zweck, der Ausbeutung und Unterdrückung der Eingeborenen in den Kolonien entgegenzuwirken. Genosse N oSke wtes besonders nach. wie die Eingeborenen in Kamerun durch die Kautschukgewinnung drangsaliert werden. Zwischen dem Genossen Ledebour und dem Freikonservativen Dr. Arendt kam es zu einem scharfen Zusammenstoß da Arendt sich beikommen ließ, die Selbstbeschränkung der Sozialdemokraten in der Debatte als ein Eingeständnis zu denken, daß sie gegen die Kolonialpolitik ernsllich nichts mehr vorzubringen hätten. Herr Arendt schnitt auch sonst nicht besonders rühmlich ab. da er seine in der Kommission gegen den Gouverneur v. Rechenberg von Ost- afrika vorgebrachten Verdächtigungen nicht zu beweisen der- mochte. Bei Südwestafrika machte auch der Zentrumsmaun Schwarze einen verunglückten Versuch, sich an der Sozial- demokratie zu reiben. An den Staatssekretär v. Lindegui st richtete Genosse Ledebour die Frage, ob er das Verbot der Großviehhaltung ausheben wolle oder nicht, ferner wie er es eigentlich begründen wolle. Um die Beantwortung beider Fragen suchte sich Herr v. L i n d e q u i st mit einigen der- legenen ironisch sein sollenden Redensarten herumzudrücken. Um 7 Uhr ging die Verhandlung zu Ende. Nächste Sitzung ist Dienstag. Auf der Tagesordnung steht der Reichseisenbahnetat._ Etatsberatung. Das Abgeordnetenhaus setzte am Freitag die dritte Beratung des Etats fort und erledigte, abgesehen von einigen kleineren Elals, den Etat der Bergverwallung, den Etat für Handel und Gewerbe und den des Ministeriums des Innern. Zum Etat der Bergverwaltung kam als erster Genosie Hoff mann zu Motte, der gründliche Abrechnung mit den Feinden der Bergarbeiter hielt und seine dreistündigen Ausführungen vom Montag abend durch eine Fülle interesianten Materials ergänzte. Zwar bemühten die Herren Jmbufch(Z.) und Hirsch-Essen (natl.) sich nach Kräften, sich als Arbeiterfreunde aufzuspielen und die Sozialdemokratie zu verunglimpfen, aber der Liebe Mühe war vergebens. Hoffmann fertigte dies sonderbare Paar, den„Arbeiter- Vertreter" deS Zentrums und den nationalliberalen Sachwalter des Grubenkapitals, die Arm in Arm das Jahrhundert in die Schranken fordetten, in schlagender Weise ab und hatte schließlich die Lacher auf seiner Seite. Beim Handelsetat stellte Leinert, indem er gleichzeitig einen in der zweiten Lesung gegen den Abg. Grafen Henckel von Donners- mark erhobenen Vorwurf als irrtümlich zurücknahm, die Tatsache fest, daß Zentrumsabgeordnete, die im Landtage im angeblichen Interesse des Mittelstandes die Warenhäuser bekämpfen, selbst an Warenhäusern finanziell beteiligt sind. Also auch hier zeigt sich wieder, daß das Zentrum den Grundsatz befolgt: Geld stinkt nicht. Recht lebhaft ging eS bei der Beratung des Etats des Ministeriums deS Innern zu. Nachdem Abgeordneter Cassel(Vp.) gegen eine Behauptung eine? konservativen Redners, daß die Sozialdemokratie mit den Freisinnigen ein Bündnis ge- schloffen hätten, protestiett und Abg. S e h d a(Pole) Lockspitzeleien von Polizeibeamten gegen Polen vorgetragen hatte, kam Genoffe Hirsch zu Worte. der in kurzen, aber scharfen Zügen ein Bild der Rechtlosigkeit der Sozialdemokratie in Preußen gab und die Behandlung der Ausländer abfällig kritisierte. Den Schluß seiner Rede bildete ein Rückblick auf die Moabiter Vorgänge. Seine Aufforderung an den Minister, endlich wenigstens jetzt, wo das schriftliche Urteil vorliegt, der Wahrheit die Ehre zu geben und seinen Irrtum über da» Verhalten der Polizei einzugestehen, fiel auf unfruchtbaren Boden. Im Gegenteil, noch wärmer als früher nahin sich Herr v. Dallwitz femer Beamten an, und selbst für die Mörder de» unglücklichen Arbeiters Herrmann fand er kein Wott der Verurteilung. Ja, feine Rede konnte sogar den Eindruck erwecken, als ob er die Sozialdemokratie für den Mord verantwortlich mache. Die Rechte jubelte Beifall, einen so reaktionären und brutalen Minister bekommt sie so bald nicht wieder. Am Montag soll die dtttte Lesung des Etats beendet werden. Ein Protest des preußischen Städtetages. Der Vorstand des Preußischen StädtetageS richtet an daS Preußische Abgeordnetenhaus einen Protest dagegen. daß durch das Einführungsgesetz zu dem ReichSzmvachZ. steuergesetz den Gemeinden die Veranlagungskosten der Steuer ab- gezogen werden sollen, daß ihnen also nicht die vollen 40 Proz. der Steuer zufließen würden, die ihnen durch den§ 88 deS Reichszuwachssteuevgesetzes zugesichert find. In dem Protest heißt eS: Wenn der§ b8 des Gesetzes hinsichtlich der den Bundes- staaten zugewiesenen 1» Proz. alitveichende landesgesetzliche Be- stimmungen zuläßt, so können solch« Bestimmungen doch nur über diese 1» Proz. und die dafür den Staaten auferlegte Gegen- leistung anderweitige Verfügungen treffen, etwa in der Weis«, daß sie die 1» Proz. unter Uebernahnie der entsprechenden Gegenleistung oder einen Teil dieser 1» Proz. gegen lieber» tragung eines entsprechenden Teils der Gegenleistung einer anderen Stelle, z. B. den Gemeinden überweisen, nimmer» mehr aber dürfen sie entgegen den Be st immun. gendes ReichSgeseheS den Gemeinden die ihnen reichsgesetzlich zustehenden 40 Proz. der Steuer durch Uebertragung des den Staaten obliegen- den Veranlagungsgeschäfts ohne Entfchädi» aung verkürzen und den Staat unter unverkürzter Be- lassung der ihm zugewiesenen 10 Proz. der Steuer von der ihm als Gegenleistung obliegenden Veranlagung befreien. Charakteristisch ist dabei, daß der Entwurf den Kreisen im 8 4 Nr. 2 für die Besorgung des Veranlagungsgeschäftes volle 10 Proz. der Steuer, allerdings nicht aus dem Anteil des Staates, sondern aus den: der Gemeinden zuweist. DaS Hohe Haus der Abgeordneten bitten wir dringend. dem§1 Nr. 1 de» Einwurfs eines AuSführungsgesetzeZ zum ReichSzuwachSsteuergefetz die verfassungsmäßige Zu- ftimmung zu versagen. Es ist in der Tat ein starke» Stück, daß jetzt im Wege der einzelstaatlichen Gesetzgebung die den Gemeinden durch Reichs- gesetz überwiesenen Einnahmen geschmälert werden sollen! Der unpolitische Bund der Landwirte. In der Landesversammlung deS Bundes der Landwirte im Königreich Sachsen, die gestern in Dresden stattfand, hat fich Herr Dr. Georg Oertel, der Chefredakleur der»Deutsche» TageS- zeitung", über die Wahltaktik dcS Bundes der Landwirte gegenüber den Nationalliberalen geäußert. Herr Oertel führte aus, der Bund müsie gegen die Nationalliberalen die schärfste Vorficht üben, sich von ihnen alleS schriftlich geben lassen und auch dann noch mißtrauisch sein, da sie in Sachsen die Sozialdemokraten bei den letzten LandtagSwahlen unterstützt hätten. Daß kein Land- bündler bei den Hauptwahlen für einen Freisinnigen eintrete, sei selbstverständlich. Luch bei den Stichwahlen sollen sie den Freisinn nicht gegen die Sozialdemokratie heraushauen, sonder» wie über- Haupt die Konservativen Gewehr bei Fuß stehen. Merkwürdig, der Bund der Landioirte ist nach d« Versicherung seiner Leiter eine völlig unpolitische Vereinigung und die Regierung akzeptiert willig diese Lusiassung. Trotzdem gibt die Bundesleitung Wahlparolen heraus, stellt Wahlkandidateu auf, schließt Wahllompromiss« ab, und der Bundesführer, der Abg. Rösicke, bezeichnet sich offiziell als Erwählter deS Bundes der Landwirte. Trotzdem hält die Regierung den Bund für völlig unpolitisch, während sie die tatsächlich unpolitische Jugendbewegung für politisch erklärt. Eine für unsere ehrenwerte Staalsregierung recht charakteristische politische Farbenblindheit!_ Neichsverbandsmache. Sllus der Quelle des Reichsverbandes kann eine recht dumm« dreiste Meldung stammen, die wir in einigen bürgerlichen Zeitungen finden. Es wird da mitgeteilt, daß die Sozialdemokraten bei der Beratung der Reichsversicherungsordnuiig möglicherweise Obstruktion treiben könnten, und dann wird heuchlerisch hinzugefügt: »Die Gründe hierfür liegen in den von der Kommission an- genommenen Bestiimnuiigen über die Anstellung der Kranken- kassenbeamien. Durch diese Bestimmungen würde eS möglich werden, etwa 8090 sozialdemokratische Agitatoren die angenehmen Versorgungsposten. die sie unter den jetzt geltenden Bestimmungen zum großen Teil sogar auf Grund von unkündbaren Vetträgen erlangt haben, und die sie im Interesse der sozialdemokratischen Propaganda mißbrauchten, wieder zu nehmen. Das würde aller- dings bei einem Scheitern der Vorlage nicht möglich sein. Anderer« seits aber käme auch die seit Jahren geplante Hinterbliebenen- fnrsorge für Witwen und Waisen, die den Bedürfnissen des Arbeiter- standes zugute kommen soll, nicht zustande." Die Absicht, die dieser Notiz zu Grunde liegt, ist doch gar zu offensichtlich. Den Parteien der Rechten ist an der Witwen- und Waisenversicherung garnichts gelegen, möglich, daß ihnen eine sozial- demokratische Obstruktion sogar recht willkonimen wäre. Wir können feststellen, daß die sozialdemokratische Fraktion zu der Art der ge- schäslsmäßigen Behandlung der Borlage noch mit keinem Worte Stellung genommen hat. Allerdings wird sich unsere Fraktion einer Durchpeitschung des Gesetzes unter allen Umständen widersetzeu. DaS könnte den Gegnern passen, wenn ihr arbeiterfeindliches Treiben unaufgedeckt blieb?. Bei einem Gesetze, das teilweise von tief einschneidender Bedeutung ist, kann und muß die große Mehrheit deS deutschen Volkes auf eine gründliche Beratung dringen. Ein angeblicher Sieg Bassermanns. Die nichtöffentlichen Verhandlungen des Zentralvorstandes der Nationalliberalen, die am letzten Sonntag in Berlin stattfanden, werden von der nationalliberalen Presse recht verschieden beutteilt: dir meisten nationalliberalen Blätter erblicken aber in dem Ergebnis der Aussprache einen entschiedenen Sieg der Richtung Bassermann. So schreibt bei'Velsweise die»Augsburger Abendzeitung": Die Fassung der mit allen gegen nur fünf Stimmen an- genommenen Entichließimg ist zwar reichlich verschwommen, besagt aber für den Wissenden dennoch genug: daß die weit überwiegende Mehrheit des Gefchäflsführenden Ausschusses des Zentralvorstandes mit den Entscheidungen gewisser Wahltreis- organ isationen, wozu wohl in erster Linie die Gießener gehören dürfte, in keiner Weife einverstanden gewesen ist. Darauf deutet auch der mit denionstrativem Jubel aufgenommene Basserniannsche Satz, daß die Richtlinien für die nationalliberale Politik(also insbesondere bei den bevorstehenden ReichstagSwahlen) vorgezeichnet feien durch die Haltung des B'u ndes der Landwirte und der von diesem abhängig ge- wordenen konservativen Partei, durch deren der nationalliberalen Partei grundsätzlich feindseliges Verhalten und durch deren immer enger werdenden Anschluß an das Zentrum. DaS heißt also mit anderen Worten i für einen Kandidaten, der mit dem Bund der Landwirte und dem Zentrum aufS eng st e liierten konservativen Partei können die nationallibe» ralen Wähler nicht stimmen. Damit ist ein Anschluß der nationalliberalen Partei an die Fortschrittliche BolkSpattei überall da, wo die erstere nicht selbständig auftreten und siegen kann, von selbst gegeben. Zu einem allgemeinen nationalltbeval-fortschritt- lichen Wahlbündnis kann und wird eS nicht kommen. Dem würden sich, ganz abgesehen von Hessen, wo der Zug nach rechts ja am stärksten ausgeprägt ist, auch die Nationalliberalen in Westfalen und i» Schleswig-Holstein widersetzen, wie schon die Opposition der Fünf im Zentralvorstand deutlich gezeigt hat. Immerhin geht unverkennbar durch die nationalliberale Partei im großen und ganzen der Zug nach links, wie auch die Tatsache beweist, daß der Widerspruch der Jungltberalen gegen die Reichs- Parteileitung immer mehr einer unbedingten Zustimmung und Vertrauensstellung gewichen ist. Man hat auch von irgendeinem jungliberalcn Widerspruch gegen die©assermannschen Ausführungen im Zentralvorstand nichts vernommen. Vielmehr hat derselbe Führer, der noch vor kurzem der entschiedenste Gegner der jungliberalcn Bewegung war, an dieser jetzt allem Anschein nach seine beste Stütze gegenüber den nach recht? strebenden Elementen innerhalb der Partei gefunden. t Möglich, daß in der Sitzung die antiagrarische Basscrmannsche Gefolgschaft das Uebergewicht hatte; aber welchen Wert hat eine solche Zufallsmajorität, zumal in einer Partei, die, wie der Gießener Stichwahlparolenwcchsel von neuem bewiesen hat. kein politisch einheitliches, disziplinierte» Gebilde ist, sondern lediglich ein Ge- mengfel ganz verschiedenartiger örtlicher Gruppen, die nur die gleiche politische Tendenzbezeichnung und die gleiche Prinzipien- lostgkeit verbindet, Wie im Gießener Wahlkampf geschwindelt wurde. In dem nun beendeten Stichwahlkampf im Kreise Gießen haben Antisemiten und Reichsverbändler selbstverständlich auch die blöde Behauptung, daß eS uns gar nicht um die wirkliche Wahrung der Arbeiterinteressen zu tun sei, wiederholt und die ältesten ollen Kamellen sind in der alten Aufmachung wieder auSgeboten worden. Es lohnt wirklich nicht, fich darüber aufzuregen und längst wieder- legte Schwindeleien nochmals zu widerlegen, wenn die Liste unserer angeblichen Sünden nicht durch eine neue Nummer erweitert worden wäre. In dem vom Wahlausschuß der Antisemiten zur Stichwahl herausgegebenen Flugblatt heißt es nämlich: »Die Sozialdemokratie st immte gegen di« Zu- Wendung von vier Millionen Mark an arbeitslos werdende Tabakardeiter." Da diese von den antisemitischen Frechlingen au» den Fingern gesogene Behauptung auch anderwärts wiederholt werden wird, so erscheint eine knappe Richtigstellung an der Hand der ReichStagsdrucksa»en geboten. Die sozialdemokratische Fraktion be- antragte unterm 30. Juni 1009(Reichstagsdrucksache 1627), den arbeitslos werdenden Tabakarbeitern und Arbeiterinnen eine mindestens 600 M. betragende Entschädigung zu zahlen. Dieser An- wag wurde in der Sitzung vom 2. Juli mit 298 gegen 67 Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde ein erst am gleichen Tage eingebrachter Antrag Gicsberts mit 341 gegen 12 Stimmen angenommen, der nicht soweit ging, wie der sozialdemokratische Antrag, sondern nur allgemein verlangte, daß den Landesregierungen je nach dem Bedürfnis aus den Einnahmen der Tabaksteuer ent- sprechende Beträge überwiesen werden sollten. Für diesen Antrag haben selbstverständlich auch unsere Partei» genossen gestimmt. Dagegen haben aber außer zehn Konservativen auch die beiden ZentrumSabgeord- neten Schüler und Zehnter votiert. Zur dritten Lesung brachte nun das Zentrum anf Nummer 1688 der Drucksachen einen Antrag ein, wonach die zu leistende Unterstützung auf die Höchstsumme von vier Millionen SNark festgesetzt werden sollte. Gegen diesen Antrag, der leider angenommen wurde, haben unsere Parteigenossen selbstverständlich gestimmt, denn wäre derselbe abgelehnt worden, so würde der in der zweiten Lesung an- genommene Antrag, welcher die Beschränkung auf die vier Millionen und die Verschlechterung, daß die Unterstützung nicht über die ersten zwei Jahre nach dem Inkrafttreten de» Gesetzes auSzu- dehnen sei, nicht enthielt, auch in der dritten Lesung angenommen worden sein. Also, um eine Verschlechterung«ineS be- stehenden Beschlusses zu verhindern, stimmte» uns«« Genossen gegen den Zentrumsantrag. Dieses Verhalten so? nun in ein Verbrechen au den Proletariern umgeschwindelt Verden. Höher geht es nimmer mit der Verlogenheit! Eine intereffaute Landtagsuachtvahl Im Landtagswahlkreise Stein ach- Lauschau(Sachtien- Meiningen) fand am Donnerstag eine Ersatzwahl für unseren ver- ftorbenen Genossen Weigelt statt, der 1909 mit 1853 Stürmten �egen 862 Stimmen für den fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten Eaders gewählt wurde. Bei der Ersatzwahl am Donnerstag verziilyteten die Fortschriltler auf eine Kandidatur, dagegen nahmen die Demo- kraten Breitscheidscher Färbung den Kampf auf, die einen Amts- lichter Dr. Eichhorn als Kandidaten aufstellten. Dr. Eichhorn erhielt 76V Stimmen? gewählt ist Genosse Viktor Weigelt, der Sohn des verstorbenen Genossen Karl Weigelt, mit 1867 Stimmen. Zentrumsriistungen für die Reichstagswckhk. Um für die nächsten Reichstagswahlen besser gerüstet zu sein, will die Zentrumspartei einen, 3t eichsaus schuß der deut- schen Zentrumspartei" schaffen, dem die oberste Leitung der Partei, insbesondere die Feststellung der Parteisatzungen, zustehen soll. Dieser ReichsauSschug soll bestehen aus: 1. den Mitgliedern des Borstandes der Zentrumsfraktionen des Reichstages und d«r Landtage: 2. den ersten Vorsitzenden der Landesausschüsse und je zwei weiteren vom Landesausschub au» seiner Mitte zu wählenden Mitgliedern; soweit die ersten Vorsitzenden schon nach Ziff. 1 dem Reichsausschutz angehören, ist an ihre Stelle vom Landesausschub«in drittes Mitglied aus seiner Mitte zu wählen. Auberdem sollen durch Beiwahl des ReichsauSschusses zu Mitgliedern berufen werden: L. Vertreter der Parteipresse! 4. Vorsitzende von Parteivereinen oder Parteivereinsverbänden, welche für das Gebiet des Reiches eine hervorragende Bedeutung haben; 5. Parteimitglieder auS Ländern, m welchen ein LandesauSschutz der Partei nicht besteht; 6. Partei- Mitglieder aus Berufsständen, die unter den nach Ziffer 1— 5 berufenen Mitgliedern des Reichsausschusses eine genügende Vertretung nicht gefunden haben. Der Vorstand des ReichSauSschusseS soll aus höchstens 15 Mit- gliedern bestehen. Der erste Vorsitzende der ZentrumSfraktton des Reichstages ist zugleich erster Vorsitzender de» Vorstandes des Reichs- auSschusseS. Die übrigen Mitglieder des Vorstandes werden vom Reichsausschub gewählt._ Die unpolitischen Kriegervereine. Folgendes anmutig stilisierte Werbeschreiben ist UNS auf Jen Redaktionstisch geflogen: Landwehr-Verein Preußisch Börnecke. Preußisch Börnecke, S. März INI!. (Stempel.) Sehr geehrter Herr Kamerad I Der unterzeichnete Vorstand beehrt sich, Sie hierdurch zu seinem am 13. März stattfindenden Vergnügen im Schützensaale einzuladen, und möchte Ihnen nahelegen, nach eingetretener Prüfung unserm Verein als Mitglied beizutreten. Jeden vom Truppenteil entlassenen Reservisten erwarten in seiner Heimat die Kriegervereine und die Sozialdemokratie. In den Kriegervereinen pflegen die alten Soldaten die Liebe zum Vaterlande, die Treue zum Landesherrn und echte, wahre Kameradschaft, weil sie wisien, daß das Vaterland auch von seinen Bürgern Treue fordert, und daß ein Volk nur dann stark und groß tst, wenn es in einmütiger Treue bereit ist, sein Leben für Thron und Reich einzusetzen; ein treuloses Volt aber ist daS Verderben des Vaterlandes. In der Sozialdemokratie dagegen wird Haß, Unfriede, Unzufriedenheit gepredigt, zum Um- stürz der besiehenden Verhältni>se ausgereizt und das Herz ver« giftet; der Sozialdemokrat wendet sich ab vom Vaterland und verfolgt in verblendeter Raserei seine selbstsüchtigen verwerflichen Ziele. Das weiß jedes Kind. Können Sie. geehrter Herr Kamerad, da noch Zweifel haben Wo Ihr Platz ist? Sie haben Ihrem Landesherrn im bunten Rock gedient und den Eid der Treue geleistet, der niemals erlischt, weil Ihre Pflichten gegen das Vaterland nie aufhören können, ivohlan denn, so dienen Sie jetzt in der Armee im schwarzen Rock weiter, d. h. werden Sie einer der Unsrigen. Rein von jedem Schandfleck. stolz und erhaben, Ehre gebietend und erheischend lveht uns unsere Fahne voran, und stolz find wir in dem freiwillig über- uommenen Dienst für Kaiser und Reich. Dieser Stolz schwellt die Brust, und wir find einig, stark und treu durch die Liebe zum Vaterlande und durch unerichlltlerliche Kameradschaft über das Grab hinaus. Als Mitglied haben Sie selbstverständlich Pflichten, aber mit diesen auch diele, viele Reckte, wie zum Beispiel Unter- stützung mit Rat und Tat bei Notlagen, Sterbegelder, Fürsorge für Witwen- und Waisen und dergleichen mehr. Wohin zieht Sie nun Ihr Herz? Mögen Sie den Feinden des Vaterlandes fernbleiben und die Treue bewahren I Sollten Sie dennoch zu denen gehören, die den abschüssigen Weg wählen, so gilt unser Werben Ihnen nicht, unser Schreiben kam dann an die falsche Ldresie. Im anderen Fall freuen wir uns, Sie unter uns be- grüßen und willkommen heißen zu können. Mit kameradschaftlichem Gruß: Der Vorstand deS Landwehr-VereinS. gez. R o k o h l, gez. H ä r t g e. 1. Vorfitzender. 2. Vorsitzender, Ob die biederen Kriegervereinsvorständler sich wirklich einbilden, mit solch' kindischem Phrasengebimmel der Sozial- demokratie Abbruch tun zu können? Oeftermcb. Auflösung deS Reichsrats? März. Die Obstruktion der slaSi schen 24. ffifttf, Parteien trag geordneter.... namens der Italiener den Schmerz über das Schicksal der italieni- schen Fakultät Ausdruck. Ms der tschechisch-klerikale Pater Schil- linger hierauf eine kurze Rede hielt, glaubte man an eine Besserung der Situation, indessen meldete sich Schillinger sofort wieder zum Wort, außer ihm noch 1b Mitglieder der Obstruktionsparteien. Unter diesen Umständen hält man dieAuflüsungsür höchst wahr- s ch e i n! i ch. franfcmcb. Eine Spaltung. Paris, 24. März. In der Kammergruppe der Progresfisten sgemähigte Republikaner) ist eine ernste Spaltung eingetreten. Gegen vierzig Mitglieder derselben, darunter der Obmann Thierry. dürften heute noch aus der Gruppe austreten und eine neue Partei unter dem Namen Union Nvpudlicaine bilden. Die Progressistengruppe würde dann nur etwa 35 Mitglieder zählen, die schon seit langem mit der katholisch» konservativen Gruppe Action Libörale sympathisiert haben. EntHaftung vo« Eisenbahner«. Paris, 24. März. Die Auklagekammer hat die vorläufige Freilassung der sechs Eisenbahnbeamten und der beiden Schriftsteller angeordnet, die während deS Eisenbahneraus- standes festgenommen worden waren. Die streikenden Gemeinden. Trohes, 23. März. Bisher haben die Gemeindckolle- gien in 121 Gemeinden wegen der Ausschließung des Departements Aube aus dem gesetzlich festgelegten Champagncrwciichau- peM jZre Aezitex sjederselegt. Italien. Bissolati und der König. Rom, 24. März.(B. H.) Die gesamte Presse kommen tiert den gestrigen Empfang des Sozialisten Bissolati durch den König. Bissolati hatte sich, wie„Tribuna" mitteilt, geweigert, in einem Gehrock oder einein Zyliuderhut nach dem Ouirinal zu gehen. Seine einzige Konzession war, daß er Handschuhe anlegte.„Gioruale d'Jtalia" zufolge wurde Bissolati, der seinen grauen Schlapphut im Vorzimmer zurück lieft, sofort in das Kabinett des Königs geführt, wo dieser be- reits anwesend war. Der 5pönig reichte ihm die Hand und nötigte ihn, neben ihm auf dem Sofa Platz zu nehmen. Das Blatt stellt in der Besprechung dieses ungewöhnlichen Vorgan- ges fest, daß es lange her sei, daß Bissolati gerufen habe: „Nieder mit dem König!" Das sozialistische Organ „A v a n t i" erklärt, Bissolati habe als Bedingung für seinen Eintritt in das zu bildende Kabinett die Ein- führung des allgemeinen und gleichen Wahl- rechts gestellt. Ein anderes Organ betrachtet den eventuellen Eintritt von Sozialisten in das neue Kabinett als ein Zeichen der Degeneration der Monarchie. Wir werden auf diesen neuen und sich erseltsam st en Anfall von Ministerialismus zurückkommen, bis ausführliche und genaue Angaben vorliegen. Tie Sozialisten im Kabinett. Rom, 24. März. Zur Bildung des Kabinetts Giolitti bemerkt die„Tribuna", die Inhaber der technischen und der mili- täri schen Ministerien würden größtenteils im Amte bleiben, ebenso wahrscheinlich der Marchese di San Giuliano. Die S o z i a l i st e n würden ein Portefeuille und zwei Unter st aatssekre- täxstelleo erhalten, Ctiglatiä. Peränderungen im Kabinett London, 23. März. Oberst S e e l y ist zum Unterstaalssekretär im Kriegsministerium, Lord Lucas zum Unterstaatssekretär im Kolonialamt ernannt worden. Kriegsminister H a l d a n e ist als Viscount in Las Oberhaus berufen worden. Ter Minister des Auswärtigen über die Bagdadbah». London, 24. März. In der gestrigen Unterhaussitzung sagte Ttr Edward Gl eh über die Bagdadbahnfrage folgendes: Ich wünsche keine lange Rede über die Frage der Bagdadbahn zu hakten. Soweit ich es beurteilen kann, hat die Rede, die ich gehalten habe. die Atmosphäre nicht zu einer ungünstigen für Ver- Handlungen zu einer Beilegung gemacht. Ich wünsche die Atmosphäre in diesem Augenblick zu einer, wie ich sie nennen möchte, heiteren zu gestalten, denn die türkische Regierung hat gewisse Vorschläge gemacht, die in diesem Stadium als vertraulich angesehen werden müssen. Ich wünsche über das. was jetzt in Konstantinopel unterzeichnet worden ist, nichts zu sagen als dies. Obschon die Vereinbarung der Türkei nicht ganz- lich freie Hand gibt, nämlich frei von allen Bedingungen der alten Konzesston bezüglich der Strecke von Bagdad nach dein Golf. so erschließt sie doch die Frage einer Fortsetzung der Linie von Bagdad nach dem Golf weiteren Verhandlungen und ein Verhandlungsgebiet, das nicht offen war, solange die Türkei durch die Bestimmung der ursprünglichen Konzession gebunden blieb. Es ist zu früh, zu sagen, welches die Folgen der Verhandlungen sein mögen. Ich wünsche ehrlich ein Abkommen zu sehen. Denn, wenn ein Abkommen erreicht wird, das die Türkei, uns und Deutschland befriedigt, so würde es auf alle Fälle eine mögliche Ursache politischer Reibung entfernen. Wenn das Abkommen ein solches fein soll, das die öffentliche Meinung Großbritanniens befriedigt, so muß es dafür sorgen, daß der britische Handel nach Vollendung der Bagdad- bahn nicht unterschiedlichen Abgaben unterworfen wird und daß wir nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis in den Stand gesetzt werden, die Bagdadbahn oder ihre Abzwei- gungen als Arterien des britischen wie jedes anderen Handelsverkehrs zu betrachten. Dann wird eine große Besorgnis und eine Quelle politischer Reibung entfernt werden. Wir haben politische und ftrate gische Interessen am persischen Golf. Lord Lansdowne legte in seiner im Jahre 1903 gehaltenen Rede große Wichtigkeit darauf, daß eine Gefahr daraus entstehen könne, wenn sich eine befestigte Stellung am Golf in den Händen irgendeiner anderen Macht befinden sollte und als Flanken st ellungzuun serer Stellung in Indien benutzt werden könnte. In jedem Ab kommen mit der Bagdadbahngcfellschaft muß dies ausreichend sichergestellt werden. Ich glaube nicht, daß dies irgend- welche Schwierigkeit machen wird. Ich glaube, es kann eine Vereinbarung erreicht werden auf der Grundlage, daß die Bagdadbahn ein rein kommerzielles Unternehmen sein muh. Wenn ich aufgefordert werde, genau zu erklären, was wir fordern werden, bevor>vir einer Erhöhung der Zölle zustim- men, so kann ich nur im allgemeinen feststellen, daß es die er- wähnten beiden Punkte sind, die wir sicherzustellen suchen. Es ist unsere Absicht, bei jeder Gelegenheit eine absolut gerechte BeHand- lung des britischen Handels zu fordern. Wir werden alles tun, um aktive Teilnehmer wenigstens an einem Teil der Bagdadbahn zu werden. Wir werden dann in der Lage fem, nicht lediglich pasiiv beiseite zu stehen, bis irgendeine Verletzung dieser Artikel stattiindet, sondern wir werden in der Lage sein, Vorsorge zu treffe Nj paß keine Verletzung erfolgt. Dänemark. Tie Abschaffung der Prügelstrafe. Kopenhagen, 24. März. Der R e i ch s t a � hat heute endgültig die Vorlage betreffend Aenderung des Strafgesetzes angenommen, durch die die P r ü g e lst r a f e alS Zusatzstrafe a b g e s ch a f ft wird. Rußland« Bleibt Stolypin? D i e M i n i st e r k r i s e ist noch immer nickt beendet und es ist auch heute noch nicht sicher, ob der Zar die Demission Stolypins annimmt oder nicht. Momentan steht die Sache so, daß der Zar die Demission Stolypins noch nicht ange- nommen hat. Der Hauptgrund, der den Zaren bewogen hat, Stolypin zum Bleiben aufzufordern, dürfte darin zu sehen sein, daß der Zar, nach der Meldung der offiziösen„Nowoie Wremia". Bedenken trug, die von Kokowzew geforderte Neubesetzung von vier Minister- Posten vorzunehmen. Eine genügende Anzahl von Hand- langern scheint nicht auf Lager gewesen zu sein, und so zog es denn der Zar vor. nachdem er seiner Ungnade gegen den am Ende seiner Karriere angelangten„russischen Bismarck" unverhohlen Ausdruck verliehen hatte, Stolypin vorläufig im Amte zu behalten. Es wird jetzt von den Offiziösen mit be- sonderem Nachdruck auf die I n t r i g e n hingewiesen, die die Reichsratmitglieder Trepcw und Durnowo gegen Stolypin geführt hattem Sie sollen dem Zaren vertraulich Mitteilung gemacht haben, daß die„Deputation" aus dem Westgebiet, die im vorigen Herbst anläßlich einer Audienz beim Zaren um die von Sbochpin befürworteten„nationalen" � Stolypmschen B e a in! e n Lesianden». Diese Intrige, ver» bunden mit der Ablehnung des Entwurfes über die„nationalen Kurien" im Reichsrat habe Stolypin veranlaßt, seine Demission einzureichen. Um sich aber künftighin vor solchen Angriffen zu sichern, stellt Stolypin weitgehende Bedingungen. Er selbst will zum Kanzler ernannt und in den Grafenstand erhoben iverden, und seine Hauptgegner kaltgestellt wissen. Diese Bedingungen zu erfüllen, scheint aber der Z a r Bedenken zu tragen und so dauertdie Krisefort, ein Zeichen der B e r w o r r e n- heit, die an den obersten Regierungsstellen Nußlands herrscht. Parlamentarisches. Aus der Budgetkomiilission des Reichstages. Die Beratung des Kolonialetats wurde am Freitag unter« brochen, um den Etat der 3i e i ch s e i s e u b a h n e n zu erledigen. Ter Vorsitzende v. Gamp versuchte durch den Hinweis, daß der Abg. Bebel im Seniorenkonvent sich ebenfalls sehr scharf miß« billigend über die langen 3ieden in der Kommission ausgesprochen habe, einen Druck auf die sozialdemokratischen Mit- g l i e d e r auszuüben, v. Gamp gab die Aeußerung Bebels derart wieder, als wenn er sich gegen die sozialdemokratischen Kommissionsmitglieder gerichtet hätte. Llbgj E m m e l betonte, daß Bebel lebhast b e st r e i t e t, sich so ausgedrückt zu haben, wis v, Gamp wieder behauptet. Im übrigen werden die sozialdemokra- tischen Mitglieder in der Kommission das sagen, was sie für richtig halten, auch wenn Bebel nicht damit einverstanden ist. Nach Er- örterung einer Reihe kleinerer Fragen wurde der Etat genehmigt. — Sodann wird in die Beratung des Etats für Ll e u- G u i n e a eingetreten. Die Einnahme aus Steuern. Zöllen und sonstigen Einnahmen find mit 1,3 Millionen Mark in den Etat eingesetzt; der Reichszuschuß beträgt 753 597 Dt. Ig der Debatte forderte u. a. der Abg. Arendt, daß das 3teich viel höhere Opfer bringen müsse, um diese aussichtsreiche Kolonie aufblühen zu lassen. Das war selbst einem Regierungsvertreter zu viel Opfersinn, er warnte davor, höhere Summen zu bewilligen, da die Kolonie noch nicht einmal die Ausgaben für die Zivil- Verwaltung deckt. In der weiteren Debatte wurde der Etat für S a m o a verhandelt. Unter anderem nahm auch der Gou- verneur Dr. Solf daS Wort, um sich gegen Angriffe auf seine Tätigkeit zu verteidigen._ Tie Reichsverstchernngsordnungskomniissio« hat gestern Freitag die 3. Lesung beendet. Sie hat Lemnach nur noch den Bericht fertigzustellen. Das ist freilich eine sehv schwierige Arbeit, da der Bericht umfangreich und für die Aus« legung des neuen Gesetzes wichtig ist, daher sorgfältig durchgesehen werden muß. Die heute beschlossenen Aenderungen waren wiederum meistens nur redaktioneller Natur. Hervorzuheben find nur die Beschlüsse gegen das Heilverfahren der Versicherungs- a n st a l t e n. In der 2. Lesung haben die Kompromißparteien die Versicherungsanstalten der Invalidenversicherung in bczug auf die Leistungen für Heilverfahren unter die Vormundschaft des Reichs- vcrsicherungsamtes gestellt, soweit— was die Regel ist— die Ausgaben für Heilverfahren oder Jnvalidenhauspflege 7 Proz. der Beitragseinnahmen überschreiten. Das hat in de» weitesten Kreisen böses Blut gemacht. Infolgedessen haben die Kompromißparteien die Beschlüsse der 2. Lesung aufgehoben, dafür aber eine andere fassung der in Betracht kommenden Bestimmungen angenommen, urch die sie dasselbe erreichen. Den Versicherungsanstalten ist das Recht gegeben, Mittel ans« zuwenden, um allgemeine Maßnahmen zur Verhütung deS Ein» tritts vorzeitiger Invalidität unter den Versicherten und zur He» bung der gesundheitlichen Verhältnisse der versicherungspflichtigen Bevölkerung zu sördern und durchzuführen. Hierzu fügten die Kompromißparteien jetzt hinzu, daß zu einer solchen Verwendung der Mittel die Genehmigung der Aufsichtsbehörde notwendig tst. Die Sozialdemokraten bekämpften diesen Zusatz. Die Heilverfahren namenltich in Bädern und sonstigen Erholungs« anstalten haben sich aufs beste bewährt. Deshalb sei eine Bevor« mundung der Versicherungsanstalten gerade bei der Durchführung von Heilverfahren am wenigsten angebracht. Sie sei aber sehv nachteilig, da die lllegierungsvertreter bereits aufs entschiedenste erklärt haben, daß sie die Ausgaben der Versicherungsanstalten für Heilverfahren einschränken werden. Die Kompromißparteien konnten hierauf zwar nichts erwidern; sie haben ja aber die Mehrheit undi benutzen die auch zu dieser unerhörten Schädigung her Arheijev rücksichtslos aus._ Hug der Partei. Polizisteneidc. Im September v. I. wollte Genosse V a h l t e i ch auS Amerika in mehreren Versammlungen in Schlesien reden. In Neustadt O.-S., Breslau, im Landkreise Breslau, Liegnitz wurde die Genehmigung anstandslos erteilt. In Haynau wurde dem Genossen Vahlieich anfänglich, weil er bekannllich Ausländer ist, das Sprechen verboten, später aber gestattet. In B r i e g und 3! eu markt durfte V a h l t e i ch n i ch t r e d e n. In Neumarkt wurde sogar eine Mit« glied erVersammlung, die im Anschluß an die verbotene Versammlung stattfindeii sollte nnd in der Vahlieich sprechen sollte, polizeilich aufgelöst. Mit diesen polizeilichen Maßnahmen und mit einer Aeußerung deS Bürgermeisters als Amtsanwalt in einem Prozeß gegen den Genossen S ck o l i ch, wonach dieser zu denen gebore, die immer absichtlich Beamte beleidigen. beschäftigte sich acht Tage später eine öffentliche Volks- v er sa mm lu ng in Neumarkt. In dieser wurde da? Rede- verbot für Lahlteich kritisiert. Auch gegen die bürgermeisterliche Unterstellung, daß Genosse Scholich absichtlich Beamte beleidige, waiidte sich dieser mit aller Schärfe. Vor Gericht könne er dem Bürgermeister nicht die nötige Antwort geben, aber hier, vor diesein Volksgericht, in dieser Versammlung wolle cr dem Bürgermeister Rede und Antwort stehen. Hier wollen nun drei Polizisten, von denen einer in Zivil an der Versammlung unerkannt teilnahm, gehört habe», daß «cholich gesagt habe,„der Bürgermeister ist zu feige, um in die Versammlung zu kommen". Vor dem Schöffengericht Neumarkt, wo natürlich nur die dreiKronzeugen gehört, die vön Scholich »ambast gemachten Zeugen aber nicht vernommen wurden, beschworen die drei Polizisten, daß sie ganz genau gehvrthaben, wie Scholich die fragliche Aeuße- rung getan habe. Außerdem behaupteten die drei Polizisten, Scholich hätte während deö Vortrage» i n d e r Mitte deS Saales gestanden, während er in Wirklichkeit auf der erhöhten Bühne gestanden hat. Das Neu- markter Schöffengericht kam natürlich auf Grund dieser klassischen Aussagen zu einer Verurteilung zu 50 M. Geldstrafe. Weniger Glück hallen die drei schwörenden Polizisten diesmal vor der Breslauer 2. Strafkammer als Be« rufungSin stanz. Hier mußten die v«, Scholich bezeichneten Zeugen vernommen werden. Und hier konnte fest gestellt iverden, daß einmal Scholich die angeblich beleidigende Aeußerung gar nicht getan, daß sie vielmehr aus der Mitte der Versammlung heraus erfolgte und daß Scholich von der Bühne aus gesprochen habe. Trotz der ganz bestimmten. ebenfalls unter Eid abgegebenen Aussage» der Entlastungszeugen, die während des Vortrages in unmittelbarer Nähe des Redners saßen und die angeblich beleidigende Aeußerung, ivenn sie gefallen worden wäre, auch gehört haben müßten, blieben die Polizisten bei ihren Behauptungen. Stach langer Beratung kam daS Gericht zu einer Freisprechung. Es ent- schied, wenn sich die ZeugenauSsageti so gegenüberstehen, sei der Borgang als nicht völlig geklärt anzusehen. ES sei Mrien iv dö! LaMchaftÄcrßMmiz fiÖ&sJfiö hattLV, aus 1 möglich, daß sich die Beamten getückscht hätte«. Gcwcrhrcbaftlkbeg. Der absolute Arbeitgeber. Herr Jalousiefabrikant F r e e s e, der ehemalige Prophet deS Fabrikkonstitutionalismus, scheint sich immer mehr als ein Scharfmacher erster Güte zu entpuppen. Die Zeiten, da er die freie„Konstitution" im Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter vertrat, da er vor den Arbeitern Vorträge hielt über den Wert der Organisation und die Bekämpfung der Schmutzkonkurrcnz und auch sonstiges Verständnis für das Streben der orgatüsierten Arbeiter zu haben vorgab, sind längst vorbei. Das alles ist zerplatzt>vie eine Seifenblase. Herr F r e e s e steht seinen Arbeitern als ein Kapitalist gegen- über, der ihnen nicht einmal das freie Koalitionsrecht gönnt, das doch gesetzlich festgelegt ist. Entweder unorganisiert, Hirsch-Dunckersch. Christlich— oder man hat keine bleibende Stätte mehr in denr„kon- stitutionellen" Paradies F r e e s e s. Der Holzarbeitervcrband, die moderne Gcwerkschaftsorganisation wird nicht mehr ge- duldet. Sie soll niedergezwungen werden. Am 2. Januar sammeln die Arbeiter Unterschriften und geben Herrn F r e e s e auf diese Weise bekannt, daß sie ihrer alten Organisation treu bleiben wollen. Die Folge sind Entlassungen. Ein Arbeiter ist verunglückt, ist ein halbes Jahr krank gewesen und hat die Krankenunterstützung des Holzarbeiterverbandes bezogen. Mit seiner verletzten linken Hand sieht es so. daß er einen Hand- schuh darüber tragen muß. Unter diesen Umständen stellt ihn Herr F r e e s e, wie uns berichtet wird, vor die Wahl: Eni- weder hinaus aus dem Verband, oder Sie können bei mir nicht mehr arbeiten I Wer sich fügt, wer Hirsch-Dunckersch oder christlich wird, seine Ueberzeugung verkauft, der kann bleiben und die Wohltaten der„Konstitution" weiter genießen. Ein Arbeiter, der 23 Jahre lang bei Herrn F r e e s e tätig war, nach der Beschäftigungsdauer der älteste Arbeiter des Betriebes, wird im Auftrage seiner Kollegen vorstellig im Fabrikkontor. Er hat die langen Jahre auf gutem Fuße mit Herrn F r e e s e gestanden und an das gute Herz dieses Unternehmers geglaubt. Da erhält er Plötz- lich seine Kündigung. Bald darauf sehen sich die Einsetzer des Jalousiebetriebes genötigt, die Arbeit einzustellen, weil sie auf dem berühmten konstitutionellen Wege des Herrn Fresse nicht zu ihrem Rechte kommen können, und da zieht es auch jener Arbeiter vor, mit ihnen den Betrieb zu ver- lassen. Er hat seine Kündigungsfrist nicht erst abgewartet, wogegen auch der humane Arbeitgeber nichts einzuwenden hatte. Das Koalitionsrecht wird mit Füßen getteteiz, der Fabrik- Herrenabsolutismus ist obenauf und aller Konstitutionalismus, alle Humanität erweist sich als eitel Schaumschlägerei. ßerlln und Umgegend. Die Lohnbewegung der Militärschneider beschäftigte am Donnerstag eine Mitgliederversammlung�der Ber- liner Filiale des Schneiderverbandes, die den großen Saal des Gewerkschaftshauses bis auf den letzten Platz füllte. Der Vor- sitzende Gebauer berichtete über die bisherige EntWickelung und den gegenwärtigen Stand der Bewegung. Es sind schon fünf Wochen über die Einreichung der Tarifvorlage vergangen, ohne daß es zu den von der Kommission der Arbeitgeber in Aussicht gestellten Ver- Handlungen gekommen ist. Wie leicht begreiflich, hat diese Ver- zögerung eine steigende Aufregung in den Kreisen der Militär- schneider hervorgerufen. Man befürchtet, daß die Arbeitgeber die Angelegenheit absichtlich zu verschleppen suchen, bis die beste Ge- schaftszeit, die in der Militärbranche mit den am 22. März statt- findenden Versetzungen zu beginnen pflegt, vorbei ist. Dieses Miß- trauen an der guten Absicht der Arbeitgeber scheint den Militär- schneidern um so mehr berechtigt, als die Arbeit in den Werkstätten in den letzten Tagen mehr denn je zuvor forciert wird. Herr Robrecht, der ja auf Seiten der Arbeitgeber die leitende Person ist, wurde von der Stimmung der Mtlitärschneider in Kenntnis gesetzt, und es wurde ihm auch mitgeteilt, daß man, wenn die Ver- Handlungen mit der Arbeitgeberkommission nun nicht sofort be- ginnen sollten, es vorziehen werde, den Tarif mit den einzelnen Arbeitgebern abzuschließen. Herr R o b r e ch t erklärte in einem Schreiben, daß die Durchberatung des Tarifs von annähernd 800 Positionen nicht so schnell erledigt werden konnte. Wenn man den Arbeitgebern nicht die dazu nötige Zeit einräume, liege die un- friedliche Absicht auf Seiten der Arbeitnehmer. Uebrigens fei der alte Tarif mit vierteljähriger Kündigung abgeschlossen, und die Kündigung sei bisher nicht erfolgt. Gleichwohl seien die Firmen bereit, vor Ablauf der Kündigungsfrist einen neuen Tarif abzu- schließen. Es wurden sodann Verhandlungen zu Anfang dieser Woche in Aussicht gestellt, aber ein Termin war auch am Donners- tag noch nicht festgesetzt, jedoch hatten die Unternehmer zum selben Tage eine Plenarsitzung veranstaltet, um darüber zu beschließen. Was die Kündigung des alten Tarifs anbelangt, so liegt die Sache. wie wir schon früher mitteilten, so, daß ein formgerechter Tarif- abschluß seinerzeit überhaupt nicht zustande gekommen ist, weil die Arbeitgeber die betreffenden Schreiben des Schneiderverbandes schließlich unbeantwortet ließen. Der Tarif ist also mit keiner Korporation abgeschlossen, und die Militärschneiderkommission, mit der die Arbeitgeber damals verhandelt hatten, hat sich bereits im Jahre 1907 aufgelöst. Außer dem Schreiben des Herrn R o b r e ch t lag noch eine ganze Reihe von Anwortschreiben der einzelnen Firmen vor. In einem Teil dieser Schreiben werden die Vertreter der Organisation zu Verhandlungen mit der Firma eingeladen, in einem andern Teil erklären sich die Firmeninhaber bereit, den Tarif, der aus den gemeinsamen Verhandlungen hervorgehen wird, anzuerkennen oder auch selbständig einen Tarifvertrag abzuschließen. Dem Wunsche nach Verhandlungen wird selbstverständlich Rechnung getragen. Im übrigen empfahl der Redner der Versammlung die folgende Resolution: „Die heute, den 23. März, im Gewerkschaftshause tagende Mitgliederversammlung erkennt nach dem Bericht der Ortsver- waltung über die Lohnbewegung der Militärschneider an, daß alles geschehen ist, was zur Förderung der Verhandlungen mit den Arbeitgebern erforderlich erscheinen konnte. Die Versammlung ist insbesondere mit dem Schreiben der Ortsverwaltung vom 21. März cr. einverstanden und erklärt, daß im Falle nicht noch im Laufe dieser Woche die Verhandlungen beginnen sollten, die Ortsverwaltung berechtigt sein soll, alle erforderlichen Schritte zur Durchführung dieser Lohnbewegung einzuleiten und ins- besondere Verhandlungen mit einzelnen Arbeitgebern zu pflegen. Das Gleiche soll die Verwaltung unternehmen, wenn sie die Ueberzeugung gewinnt, daß die Verhandlungen mit den Arbeit- gebcrn nicht den gewünschten Erfolg zeitigen. Alle Maßnahmen, welche die Militärschneider für erforderlich erachten, sollen sie der Verwaltung vorher unterbreiten und nur im Einverständnis mit der Verwaltung geeignete oder erforderlich erachtete Schritte unternehmen" Es folgte eine lebhafte Debatte, in der die Erregung über die tange Verzögerung der Lohnbewegung in starken Worten zum Aus- druck kam. Die Resolution wurde schließlich gegen eine Stimme angenommen. Die Militärschneider selbst werden in den aller» nächsten Tagen weiter zu der Sache Stelluna nehmen. Im übrigen hielt Rechtsanwalt Dr. H e i n e m a n n in der Versammlung einen lehrreichen Vortrag über Koalitionsrecht, Streik, Aussperrung und die§§ 152— 153 der R.-G.-O. Die streikenden Schilderanmacher und Helfer kamen gestern mittag km Gewerkschaftshaus zusammen, um Stellung zu dem Stand des Streiks zu nehmen. Der Streik Lauer! nun LsreitS die Woche. Der Bericht wurde von Fromke von Transportarbeiter- verbände in ausführlicher Weise gegeben. Es sind zwölf Firmen, die noch nicht bewilligt haben, und um die es sich nun noch Haupt- sächlich dreht. Arbeitswillige sind nur in beschränkter Anzahl vor- Härchen und sind die Stellen der Streikenden noch keineswegs aus- gefüllt. Die Firma Wilhelm B a r t e l, Inhaber Peters, hat die Arbeitswilligen vorgestern alle entlassen, weil sie in ihren Leistungen zu minderwertig waren. Bei der Firma Grund u. Cie. werden die Anmachcarbeiten von Arbeitswilligen ausgeführt. Die Leute, die verwendet werden, haben keinerlei Fachkenntnisse und liegt die Gefahr nahe, daß durch Herabfallen von schlecht an- gemachten Schildern das Publikum gefährdet wird. Früher hatte die Polizei eine Reihe von Vorschriften, die zu beachten waren, die aber zurzeit völlig außer acht gelassen werden. Die Streikenden haben daher beschlossen, in den nächsten Tagen eine Liste aufzu- stellen über Schilder, deren Haltbarkeit äußerst mangelhaft ist, um so der Behörde Anlaß zur Nachprüfung zu geben, damit Unglücks- fällen vorgebeugt werden kann. Auch wurde beschlossen, eine über- sichtliche Aufstellung zu machen und Namen und Wohnung der- jenigen Geschäftsleute anzugeben, die anstatt neue alte Schilder montiert erhalten haben. Verurteilt wurde, daß einige Arbeitgeber, die den Tarif an- erkannt haben, diesen aber in manchen Punkten nicht einhalten. Die Streikleitung wurde aufgefordert, in allen Fällen, wo Ab- weichungen vorkommen, sofort einzugreifen und in Fällen, wo ein Einspruch wirkungslos ist, diese Firmen zu veröffentlichen. Das Streikpostenstehen ist sehr erschwert. Die„Hintzegarde" erfreut sich nach wie vor des polizeilichen Schutzes. In manchen Fällen konnte sogar festgestellt werden, daß Kriminalbeamte den Hand- wagen schieben und während die Anmachearbciten ausgeführt wer- den. an den Leitern stehen, damit ein Abrutschen der Leitern ver- hindert wird. Früher ist von der Polizei ein solches Entgegen- kommen nicht gezeigt worden. Es wird erwartet, daß, wenn der Streik sein Ende gefunden hat, die Polizei weiter für Mannschaften sorgt, die ein Abrutschen verhindern. Anmacher und Helfer, die bei Firmen arbeiten, welche bewilligt haben, müssen im Besitze von Arbeitsberechtigungskarten sein, die von roter Farbe sind. Wvr im Besitze einer solchen Karte nicht ist und sich nicht ausweisen kann, gilt als arbeitswillig. Karten, die nicht mindestens einmal in der Woche abgestempelt sind, haben keine Gültigkeit und sind den Inhabern abzunehmen. Die organisierten Arbeiter, sowie die Herren Geschäftsinhaber werden gebeten, hier- auf zu achten. Die Lohnbewegung der Tapezierer. Von„Ausschreitungen zwischen Streikenden bezw. Ausge- sperrten und Arbeitswilligen" weiß der„Lokal-Anzeiger" zu be- richten. Vor einzelnen Werkstätten fanden, wie es heißt,„Zu- sammenrottungen von Menschen statt, die eine drohende Haltung gegen die Arbeitswilligen einnahmen; vielfach mußte polizeiliche Hiljp gegen die Belästigungen in Anspruch genommen werden." Wo und wann diese Ausschreitungen stattgefunden haben, wird nicht gesagt; es kann sich dabei nur um die Firma Birnbaum, Fliederstr. 4, handeln. Dort erregen die ankommenden Autos mit den Arhcitswilligen und die Anwesenheit der Polizei viel Aufsehen und ziehen die Neugierigen herbei. Streikende und Ausgesperrte beteiligten sich an den Aufläufen oder„Zusammenrottungen", wenn solche stattfinden, nicht und sind auch nicht für irgendwelche Zwischenfälle verantwortlich zu machen. Die Verbandsleitung ist stets bemüht, die Mitglieder an ihre Pflichten in dem jetzigen Kampfe zu erinnern sowie daran, daß sie nicht mehr als ihre ge- setzlichen Rechte in Anspruch nehmen dürfen. Aufreizend muß es aber wirken, wenn die Polizei diese Rechte nicht respektiert und, wie es vor dem Betriebe„Kunst und Handwerk", Frankfurter Allee, geschehen ist, die Streikposten sogar von der Promenade dort fort- weist und ihnen den Aufenthalt verbietet. Auf dem Verbandsbureau ist keinerlei Meldung über andere Zwischenfälle eingelaufen als die erwähnten in der Fliederstraße und in der Frankfurter Allee und daraus läßt sich nach Recht und Billigkeit keine Nachricht über „Ausschreitungen von Streikenden oder Ausgesperrten" fabri- zieren, wie sie der„Lokal-Anzeiger" vom Donnerstagabend ver- breitet, wobei allein schon der Mangel jeder näheren Angabe auf- fällig ist. Die Arbeitgeber haben, nach demselben Blatte, in einer Sitzung in der Handelskammer beschlossen, die Aussperrung noch bis zum 15. Mai aufrechtzuerhalten.„Die Zahl der Streikenden und Ausgesperrten beträgt zurzeit 1309", so wird dreist und gottes- sürchtig behauptet. Irgendeine Grundlage für diese Behauptung fehlt. Dagegen hält die Ortsverwaltung des Tapeziererverbandes ihre früheren Angaben in vollem Umfange aufrecht und erklärt, daß zurzeit die Zahl der Ausgesperrten, Streikenden und Arbeitslosen zusammen noch nicht 500 beträgt. Für diese Behauptung tritt die Ortsverwaltung gern den Beweis an und stellt es den zweifelnden Unternehmern frei, im Verbandsbureau vorzusprechen und die Belege dafür einzusehen. Täglich ändert sich die Situation in einer für die Streikenden günstigen Weise. Gestern. Freitag, mußten sogar aus dem Arbeitsnachweis einige Stellen unbesetzt bleiben. Wenn einzelne Unternehmer die Aussperrung bis zum 16. Mai aufrechterhalten wollen, so mögen sie es tun; aber sie dürfen nicht glauben, daß sie mit dieser Drohung irgendeine Wir- kung ausüben; die Gehilfenschaft läßt sich nicht damit schrecken. veutfeheo Reich. Auf den Zechen„Gluck auf Segen" und„Felicitas", die eine Gesamtbelegschaft von 2100 Mann haben, ist eS am DienS- tag zum Streik gekommen. Es waren nur drei Sireilbrecher zu verzeichnen. Es gärte auf diesen Zechen schon lange. Die Arbeiterpresse halte ständig über Mißstände zu be- richten. Die letzte Ursache des Streiks war die Ein- führung eines neuen Gedingesystems, das von den Bergleuten als Schikaniererei empfunden wurde. Die Bergleute versuchten. die Maßregel durch passive Resistenz abzuwehren. Da die Ler- waltung dies merkte, hat sie am Montag eine Anzahl Leute aus der Grube geschickt, daraus ist am Dienstag der Streik erklärt worden. Am Dienstagabend fand eine Belegschaftsversammlung statt, die den Streik endgültig beschloß. Auch auf Zeche„Bergmann" wird noch weiter gestreikt. Der Arbeiterauöschuß berichtete Donnerstag über seine Be- mühungen, den Bergrevierbeamten zu bewegen; die Verhandlungen find aber gescheitert, weil die Zechenverwaltung die Verhandlungen ablehnt und verlangt, die Belegschaft solle erst wieder anfahren. Der Verbandövertreter empfahl, der Belegschaft zu beraten, ob es unter diesen Umständen nicht besser sei, Freitag wieder anzufahren. Die Belegschaft beschloß aber einstimmig, weiter zu streiken, bis die Verwaltung nachgegeben. Ein Vertreter de? christlichen GewerkvereinS erklärte, wenn der Gewerkverein die Macht hätte, würde heute dem Streik das Genick umgedreht. Unter den obwaltenden Verhältnissen wollte er aber seinen christlichen Kameraden die Wiederaufnahme der Arbeit nicht empfehlen, um sie nicht Mißhandlungen auszusetzen. Gegen diese Erklärung, die mit Pfui aufgenommen wurde, protestierten die anderen Redner energisch. Die sonstigen Tagesarbeiter, Schmiede und Maschinisten, haben sich jetzt dem Streik angeschlossen. Der Streik auf Stinnes' Union. Die verhafteten sechs streikenden Arbeiter der Union mit Einschluß der Streikleitung wurde» am Donnerstagabend um 5 Uhr wieder ans der Haft tntlasse«. • Uever die Ursache der Bewegung schreibt man UNS: Am 7. März hatte der Zentralverband der Maschi- nisten und Heizer nach einstimmig gefaßten Beschlüssen von Betriebsversammlungen der Direktion der Union eine Vorlage zur Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen unterbreitet, die für die verschiedenen in Frage kommenden Arbeiter« gruppen Löhne von 3,80 M. bis 6 M. vorsah. Für nicht aus- drittes drücklich genannte Arbeiter wurde eine Lohnerhöhung von lv Proz. gefordert. Wenn zweite Muschinisten die Arbeit der ersten ver» richten, soll der Lohn gezahlt werden, den die 1. Maschinisten er- halte». Die Arbeitszeit soll einschließlich der fragmentarischen Pausen zwölf Stunden betragen. Ucft et stunden bis zehn Uhr sollen mit 25 Prozent, darüsier hinaus mit 33 Prozent Aufschlag bezahlt werden, notwendige Sonntagsarbeit mit 50 Prozent Auf» s ch l a g. Bei Durcharbeit während der Mittags- stunde(wo bleibt da die Hütte narbeiter schütz» Verordnung? Red.j soll eine Uebcrstunde dafür bezahlt werde». Ferner fordern die Arbeiter Lieferung von Anzügen und Holzschuhen bei grob schmutzigen Reparatur» arbeiten, gen ügendeWasch-undBadeeinrichtun gen und genügende Ventilation in den gesundHeitS» gefährdenden GaSzentralen. Für Beschwerden soll ein Arbeiterausschuß gebildet werden. In dem Begleitschreiben an die Verwaltung wurde erwähnt, daß eine Vertretung der Organisation neb st einer Kommission aus den Reihen der Werksarbeiter zu weiterer Begründung der Forderungen und zu Verhandlungen bereit wäre. Die Direktion anlwortete. daß sie mit der O r» ganisation nicht verhandele resp. keine Veranlassung dazu hätte; die Arbeiter wüßten, daß Wünsche von ihnen jederzett gern von der Verwallung entgegengenommen würden. Die Arbeiter wollten gleich feststellen, ob das nicht bloß eine Finte sei, sie entbanden die Lrganiiasionsvertreter mit deren Zu- ftiinmung von der Führung und sie wandten sich nun mit einer Korn» Mission, die nur auS Werksarbeitern bestand, erneut an die Verwaltung. Das war am 15. März. Der Betriebsdirektor versprach dann, die Wünsche„wohlwollend" zu prüfen. Festgehalten zu werden verdient, daß der Betriebsdirektor erklärte, daß es einer Familie mit vier oder fünf Kindern kaum möglich sei. mit 150 M. M o n a t s v e r d i e n sr aus- zukommen. Auch wurde anerkannt, daß die Lei st un gen der in Frage kommenden Arbeiterkategorien g e» stiegen seien. Endgültig wollte die Direktion erst am 20. März antworten. Als die Koinmiision dann wieder vorstellig wurde, zeigte sich, daß den„wohlwollenden" Worten keine entsprechenden Taten folgten. Eine allgemeine Lohnerhöhung wurde strikt ab- gelehnt; die Arbeiter sollten— wie schlau I— einzeln kommen, dann usw.„Bei sehr guter Führung"(man merkt die Absicht!) wurde dem Personal der Gaszentrale eine Zuschlag von 50 Proz. für SonntagSarbeit in Aussicht gestellt. Au diese in der Lust hängenden„Versprechungen" ließen sich die Arbeits nicht ein. Sie legten die Arbeit nieder. Eine SluSdehnung des Kampfes in der Chemnitzer Metallindustrie brachte der Donnerstag. Zur Ueberraschung der gut beschäftigten Unternehmer legten in verschiedenen Betrieben nicht mit ausgesperrte Arbeiter die Arbeit nieder; einige Betriebe sind dadurch völlig still- gelegt, weil alle Arbeiter herausgingen. In einigen ging ein großer Teil, so daß mit den wenigen zurückgebliebenen die Betriebe nicht lange mehr werden weiterarbeiten kömien.— Auch die Unternehmer haben zu einem weiteren Schlage ausgeholt, der aber den Arbeitern nickt unerwartet kam: 400 Modell- und Fabriktischler wurden noch ausgesperrt. Diese halten sofort nach dem Bekanntwerden des Aussperrungsbeschlusses des Unternehmer- Verbandes sich mit der so geschaffenen Situation beschäftigt und be« schlössen, das Opfer der Aussperrung zu übernehmen, was die Leitung des Holzarbeiterverbaudes auch gut geheißen hat. Bon den dem Staate nützlichen Elementen. Auf dem Kaliwerk in Aschersleben stehen 400 Arbeiter im Streik. Die Direktion erhielt zirka 200 Hintzeinänner ans Hamburg, die auf dem Werk untergebracht sind und dort freie Beköstigung erhalten. Diese Arbeitswilligen sind mit Revolvern und Gummiknüppeln be» waffnet und treiben damit allerhand Unfug. In der Nacht zum 13. d. M. haben zwei von ihnen ohne jede Veranlassung 15 Revolverschüsse auf Passanten abgegeben; glücklicherweise ist niemand verletzt. Am Mauerwerk sind noch heute die Spuren dieser nächtlichen Schießerei zu sehen Am gleichen Tage nachmittags hatte die Kolonne auf dem Marli eine Revolte unter sich, wobei ebenfalls geschossen wurde. Ein Agent wollte einen Hintzemann bei der Arbeit antreiben, das ließ sich dieser nicht gefallen, und darauf kam eS auch hier zu einer all- gemeinen Prügelei. Das ist nun wohl der Behörde doch zu toll geworden. Zunächst entließ das Werk sofort 00 Mann der Hintze- garde, 30 Mann reisten davon ab, die anderen vagabondieren in der Stadt umher. Die Polizei hat nach der Revolte sämtliche Stroh» sacke nach Waffen untersucht und eine ganze Anzahl Revolver be- schlagnahmt. �(Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage-jj Kuolanck. Bürstenmachcrstreik in Paris. Seit drei Wochen stehen die Bürstenmacher in Paris im Streik. Unter den Streikbrechern befindet sich auch ein Deutscher, namens Josef Griem. Derselbe bemüht sich obendrein, durch, briefliche Aufforderungen weitere Arbeitswillige aus Deutschland heranzuziehen. Unter Hinweis hierauf ersuchen wir, jeden Zuzug von Bürstenmachern nach Paris streng fernzuhalten. Internationale Union der Holzarbeiter. Theodor Leipart. In den Singer-Nähliiaschinen-Wcrkc« London und GlaS- g o w ist ein Streik ausgebrochen, der gegen 10 000 Personen umfaßt. Hetzte Nachrichten* Kultnrfortschritt in China. Brüssel, 24. März.(H. B.) Die„Agence RE�treme d'Orient" meldet aus Peking: Ein kaiserlicher Erlaß befiehlt endgültig, die bis- herige Sitte der Folterung der Strafgcfangcuc» und Verurteilte» in allen Teilen des chinesischen Reiches abzuschaffen. Trotz voran- gegangener Erlasse bestand noch die Folterung in den kleinen Städten und im inneren des Landes fort. Bon jetzt ab verfällt jeder Mandarin, der das Foltern nicht verhindert, einer Straff einerlei, ob er Vizekönig. Richter oder Polizeichef ist. Korruption der Verwaltung auf die— Sozialisten geschoben. Petersburg, 24. März.(W. T. B.) In der Reichsduma w'.eS S ch i n g a s e w(Kadett) auf Mißstände in der Artillerievcrwaltung hin und meinte, Rußland würde in kritischer Stunde, angesichts des Feindes nur ungenügende Vorräte vorfinden. Nowitzki und Markow(äußerste Rechte) erwiderten, wenn Mißstände in der Rohrgießerei zutage getreten wären, so wäre das daraus zu er- klären, daß die Arbeiter durch die Sozialisten aufgewiegelt seien. Bon der mexikanischen) Revolntiou. New Jork, 24. März.(W. T. B.) Wie auS CasasgvandeS (Mexiko) gemeldet wird, befinden sich im dortigen Gefängnis siebzehn Ausländer wegen angeblicher Teilnahme an dem Aufstand in Mexiko, darunter zwei Deutsche. Berantw. Redakteur: Sllbert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt PaulSingerLEo., Berlin SW. Hierzu 4 Beilage» v. Unterhalt«»«»». |t. 72. 28. Jahrgang. 1. DM Ks.Amiirls" Sonnabend, 23. Mar; l91l. R-deKstag. 156. Sitzung. Freitag, den 24. März, nachmittags 1 Uhr. Am BundeZratstisch: v. Lindequist. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Beratung des Etats der Schutzgebiete, beginnend mit dem Elat für O st a f r i k a. Abg. Sommer(Vp.) tritt für eine Aufbesserung der Gehälter der Regierungslehrer im kolonialen Schulwesen ein. Die Regierungs- schulen in den Kolonien sollten von konfessionellen Einflüssen befreit werden.(Beifall bei den Fortschrittlichen.) Abg. Dr. Arning(natl.) wünscht, daß den Beamten, die im Kolonialdienst tätig waren, die Anstellung in der Heimat erleichtert werde. Die gestern vom Abg. Noske angeführten Zahlen über Ein- und Ausfuhr seien nicht ganz zutreffend. Der Redner be- mängelt dann Einzelheiten in den kolonialen Schulverhältnissen. Die Fortführung der Zentralbahn bis zum Tanganyikasee sei eine alte Forderung der nationalliberalen Fraktion. Es habe sich allerdings gezeigt, daß im Natronsee ungeheuere Werte liegen. Die Sozial- deinokroten wollten davon nur deshalb nichts wissen, weil sie die Erträge der Kolonien möglichst gering hinstellen wollten. Wenn der Staatssekretär in der Kommission sagte, es bestehe Einigkeit zwischen der Verwaltung und den Ansiedlern, so treffe das leider nicht ganz zu. Die Form, in der die Wünsche der Ansiedler abgelehnt werden, habe bei den Ansiedlern vielfach Erregung hervorgerufen. Staatssekretär v. Lindequist: Die Lehrer der Regierungsschulen find jetzt so gestellt, wie die in der Heimat. Sie haben jetzt auch den großen Vorteil der etatsmäßigen Anstellung. Mit der Ein- fiihrung der Kops st euer für die Eingeborenen ist schon in mehreren Bezirken begonnen worden. Die Schulverhältnisse in Dar es Salam sind sehr schwierig, weil die wenigen Schüler in den verschiedensten Altersstufen stehen und zum Teil Ausländer find, die erst deutsch lernen müssen.— Der Natronsee hat uns ja die Ueberraschung gebracht, daß wir dort größere Mengen Natron gewinnen können. Im einzelnen ist aber wirtschaftlich und kauf- männisch die Sache sehr wenig geklärt. Ich kann nur wünschen, daß, wenn sich wirklich herausstellt, daß unser See abbau- würdig ist, sich auch deutsches Kapital zu diesem Zweck findet. Ich fürchte aber, das wird nicht so leicht sein. Abg. Ledebour(Soz.): Der Mg. Arning hat gegen mich polemisiert wegen meiner Aus- führungen über den Ratronsee. Er hat es so dargestellt, als wäre es meinen Freunden sehr unangenehm, wenn in den Kolonien Natur- schätze gefunden werden. Das ist natürlich eine völlig unrichtige Ausfassung. Wir protestieren nur dagegen, daß die Entdeckung solcher Schätze irgendeinem Kolonialfanatiker Anlaß gibt, so phantastische Rechnungen aufzustellen, wie es Abg. Dr. Drö scher gestern tat. Wäh- rend Fachleute das Quantum des Natrons dort auf 72 Millionen Tonnen annehmen, nimmt Dr. Dröscher einfach 100 Millionen an und setzt jede Tonne mit einem Wert von 40 M. an, dein Preis, der dafür in Berlin erzielt wird, um so vier Milliarden ausrechnen zu können. Ich glaubte von Ihnen allen mit Ausnahme von Dr. Dröscher so viel volkswirtschaftliche Kenntnis voraussetzen zu dürfen, daß Sie selbst diese vier Milliarden als bloße Phantast« erkennen. Man kann doch die Tonne dort nicht mit 40 M. berechnen, sondern man muß die Abbau« und die hohen Transportkosten abrechnen. Es kommt doch alles daraus an, daß fich der Abbau lohnt. Der See ist schlecht zugänglich und die Transport- und Abbaukosten werden sehr hoch sein. Wie man bei dieser Sachlage einen solchen Unfinn sagen kann(Unruhe rechts)— ist Ihnen der Ausdruck nicht stark genug?— wie man den Unsinn sagen kann, daß die Natronschätze vier Milliarden wert sind, das ist mir unverständlich. Es ist nur darauf zurückzuführen, daß die Herren in ihrem KolonialfanatiSmu» jede ernsthafte Ueberlegung verlieren und andere Leute begeistern wollen mit solchen Dattel- tistetuoildern.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.)! Die Möglichkeit, daß der Natronsee unter Umständen abbausähig sein kann. bestreite ich nicht, aber er kann nie den hier genanten phantastischen Wert haben. Wenn bei uns eine Gesellschaft den Abbau in die Hand nimmt, dann muß sie auch die für den Natrontransport nötige Bahn zum Natronsee bauen. Uns soll man nachher nicht mit der Forderung kommen,»zur Wahrung der deutschen Ehre" die Kosten «in« Bahn zu bewilligen, dte ausschließlich diesem Zwecke dient. Ich halt« es überhaupt für bedenklich, wenn der Reichstag immer wieder den Bau neuer Kolonialbahnen fordert. Die Regierung geht damit schon eifrig genug vor. Ich möchte Herrn v. Rechenberg, den Gouverneur vonOstaftika, hier nicht loben, um ihm nicht zu schaden,(Heiterkeit.) denn wir wifien aus Erfahrung, wie schädlich das Lob von Sozialdemokraten Staatsbeamten werden kann.(Sehr wahr l bei den Sozialdemo- kraten.) Wir wifien aber, daß Herr v. Rechenberg sich das Mißfallen der Pflanzer zugezogen hat, weil er fich nicht zum willfährigen kleines feiaüeton. Museen fürs Boll. Unsere Museen, wie sie sind, haben für das Volk wenig Bedeutung. Sie sind in ihrer ganzen Anlage für die akademisch Gebildeten, ja zumeist nur für die Fachleute da. Der Laie kennt fich nicht aus und durchwandert mit einem unbehaglichen Gefühl die Massenansammlungen. Sie müßten von Grund auf anders gestaltet sein, sie müßten pädagogisch geleitet sein und vor allem Führungen und Vorträge bieten, um wirklich volkstümlich zu werden. Daran ist natürlich vorläufig nicht zu denken, die Bureau- traten haben dafür weder Interesse noch Sinn. Besonders sctilimm sind die Verhältnisse in Berlin, das eine solche Fülle von Museen bietet. Aber sie sind zumeist totes Kapital für die Masse. Vor allem schon, weil manche an bestimmten Tagen Eintrittsgelder erheben oder doch zu ungünstigen Zeiten geöffnet sind. Wir haben ja des öfteren diese Mißstände beleuchtet. Aber nni'er Generaldirektor hat dafür kein Interesse, er braucht seine Zeit notwendig für zweifelhafte Ankäufe. Jntriguen und Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Vielleicht werden unsere alten Klagen bester gehört, wenn sie ein atiswärligeS Blatt, das zudem regierungsfromm ist. wiederholt. Die.Köln. Zeitung" beschäftigte sich gelegentlich der Beratung des Kultusetats mit diesem Thema und schrieb da u. a.: .Die BesucbSzeilen schleppen sich wie eine ewige Krankheit fort und es ist nahezu unbegreiflich, daß hier nicht schon längst für eine Besserung gesorgt worden ist, die verhältnismäßig geringe Kosten verursachen würde, im Grunde aber wichtiger ist als der Er- werb weiterer Kunslgegenstände. Greifen wir das Kunstgewerbe- museum heraus, das mehr als andere anderen Museen dazu be- stiinmt ist, der Gegenwart Vorbilder und Anregungen zu bieten. Es ist im Winter von 10 bis 3 Uhr, im Sommer eine Stunde länger geöffnet. Nur wenige Leute, die im Kunstgewerbe oder Handioerk beschäftigt sind, haben während dieser Stunden Zeit, das Musemn zu besuchen. Warum ist es ihnen nicht auch in den Abendstunden zugänglich? London liefert hier ein beherzigenswertes Beispiel; das South-Kensinglon-Museum ist dreimal in der Woche bis 10 Uhr abends geöffnet, obschon die geradezu unheimliche Menge der Räume an Beleuchtung und Ueberwachung weit höhere Kosten erfordert als das bedeutend kleinere Kunstgewerbemuseum in Berlin. In Berlin ist außerdem die Gepflogenheit, den Abend am häus- lichen Herd zu verplaudern, nicht so verbreitet wie in England. Gar mancher würde den Abend zum Heil seines Portemonnaies und zur Hebung seiner Kenntnisse, seines Geschmacks gern im Kunst- gewcrbeniuseuni verbringen, wenn ihm dazu die Möglichkeit ge- geben wäre." Auch die Besuchszeiten der anderen Museen lasten viel zu Werkzeug ihrer Ausbeuterinteressen hergegeben hat. Die Pflanzer- wünsche nach schrankenloser Ausbeutung der Schwarzen werden natürlich mit dem deutschen Nationalinteresse identifiziert und es finden sich immer Leute hier in Deutschland und auch Reichstags- abgeordnete, die für solche Insinuationen empfänglich sind und sich zum Sprachrohr der pflanzcrlichcn Ausbeutungswünsche hergeben. Ich bedaure lebhaft, daß der Kollege Arning, den ich sonst als guten Kenner der Kolonien hochschätze, auch in diese Kerbe zu hauen scheint. Gegenüber den geheimen Machinationen, wie sie jetzt wieder einmal im Gange sind, um einen unbequemen Beamten zu stürzen, ist jedenfalls die Aufforderung am Platze: offen heraus mit der Sprache.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Kollege Ledebour hat heute dasselbe vorgebracht, was er gestern eigentlich besser gesagt hat. Dieses sowie die— im guten Sinne— Langweiligkeit der diesjährigen Kolouialdebatten zeigt, daß den Kolonialgegnern der Stoff an ernst- haftcr Kritik auszugehen beginnt.(Heiterkeit bei den Sozialdemo- kratcn.)— Redner tritt sodann für die Verlängerung der Usambara- Bahn bis an den Victoria Ryanza ein.— Es ist allerdings bedenklich, wenn Herr Ledebour den Gouverneur v. Rechenberg lobt, bedenklich, nicht weil Herr Ledebour Sozialdemokrat, sondern weil er Kolonialgeguer ist. Es ist nicht gut, wenn ein Kolouialbeamter von einem Kolonialgegner gelobt wird.(Sehr wahr! rechts.) Es zeugt von der großen Lebenskraft der ostafrikanischen Kolonie, daß sie sich entwickelt hat trotz des Systems Rechenberg.(Bravo I rechts.) Staatssekretär v. Lmdcquist: Der Gouverneur v. Rechenberg ist, das wird mir auch der Vorredner zugeben, ein außerordentlich tüchtiger, zäher, bienenfleißiger Beamter, dem wir Großes und Vieles verdanken. Es ist auch nicht wahr, daß Herr v. Rechenberg den Ansiedlern feindlich entgegentritt.— Die.Ostafrikauische Rundschau", die in der Koinnttssion so oft erwähnt worden ist, bezieht m keiner Weise Staatszuschüsse. Abg. Ledebour(Soz.): Wenn wir unsere Kritik auf einige, allerdings sehr eklatante Fälle beschränken, so geschah das im Hinblick auf die Geschäfts- läge des Hauses, nicht, weil es uns an Material mangelte. Ich sollte denken, diese Selbstbeschränkung sei vom ganzen Hause richtig verstanden. Wenn der Abg. Arendt das anders auffaßt, so kann ich das nicht sehr loyal finden.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Ich habe gestern unsere grundsätzliche Stellung zur Kolonialpolitik so klar dargelegt, daß es jeder mit normalem Durchschnittsverstaud ausgerüstete Reichstagsabgeordnete wirklich kapieren könnte.(Große Heiterkeit.— Sehr gut I bei den Sozial- demokraten.) Ich wiederhole: wir Sozialdemokraten verwerfen grund- sätzlich die Kolonialpolitik, die Ausbeutung fremder Völker zum Zweck der Bereicherung des eigenen Volkes— auch wenn diese Bereicherung eintritt, was bei den deutschen Kolonien bekanntlich noch nicht der Fall gewesen ist.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Nachdem aber mit Waffengewalt und sonstwie die Kolonien erworben worden sind, ohne daß wir es haben hindern können, betrachten wir es selbstverständlich als unsere Pflicht, uns an positiven Btaß- regeln zum Schutze der deutschen Steuerzahler wie zum Schutze der Eingeborenen zu beteiligen. Wenn Herr Dr. Arendt daraus die Folgerung zieht, daß wir Sozialdemokraten be- ginnen, kolonialfreundlich zu werden, uns aber scheuen, diese Wandlung einzugestehen, so könnte ich das— außerhalb deS Hauses — nur als illoyal bezeichnen. Wenn es aber in loyalem Glauben geschah, so kann ich nur den Herrn v. L i e b e r t. der ja Ohrenzeuge gewesen ist, auffordern, dafür zu sorgen, daß die Worte des Herrn Dr. Arendt nicht draußen vom ReichSverband illoyal mißbraucht werden.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Was die Angelegenheit Rechenberg betrifft, so hat Dr. Arendt in der Kommission ohne Frage einen weit heftigeren Vorstoß gegen Herrn v. Rechenberg unternommen, als hier im Plenum. Vizepräsident Dr. Schultz: Herr Abgeordneter, es ist nicht Sitte, hier Namen auS den Kommissionsverhandlungen zu nennen.(Große Heiterkeit.) Abg. Ledebour(fortfahrend): Sehr wohl.(Heiterkeit.) Ich will also keinen Namen und nicht einmal eine Partei nennen.(Erneute Heiterkeit.) Also Herr Dr. Arendt hat einen gewissen Herrn aus der Kommission, den ich nicht nenne, der ihm aber sehr nahe steht(Stürmische Heiterkeit), in einer Art und Weise im Stich gelassen, die ich wirklich nicht schön finden kann. Der gewisse Herr(Erneute Heiterkeit) hat z. B. über die.Ostafrika- nische Rundschau" Ausführungen gemacht, die in diesem llmsange von Herrn Dr. Arendt nicht wiederholt worden sind. Der gewisse Herr hätte also alle Ursache, außerhalb des Hauses Herr» Dr. Arendt der Kneiferei zu beschuldigen.(Stürmische Heiterkeit. Lebhaste Zu- stimmnng bei den Sozialdemokraten. Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Dr. Schultz: Diese Bemerkung war unzulässig. (Erneute Heiterkeit.) wünschen..Sie schließen während deS langen Winters, der mehr zum Museumsbesuch lockt als der Sommer, durchweg ebenfalls um 3 Uhr. Besonders für die schulpflichtige Jugend existieren die Museen sozusagen nicht. Viele Schulen schließen um 1 Uhr; zieht man das Mittagessen und die meist erbeblichen Entfernungen in Betracht, so langen die Kunstschwärmer kurze Zeit vor Schluß im Museum an---- Wir berufen uns wieder auf Londoner Beispiele: Das Britische Museum ist, abgesehen von einzelnen Galerien, im Sommer und Winter bis 6 Uhr geöffnet, die meisten anderen Museen schließen im Winter wenigstens erst um 4 Uhr. Einige Museen in Berlin behalten den 3-Uhr-Schlub sogar auch im Sommer bei. Nun kann man ja freilich die Leute, die in der Woche keine Zeit zum Museums- besuch haben, auf den Sonntag verweisen: aber die Museen sind dann erst von 12 Uhr ab einige Stunden geöffnet; ein einigermaßen erschöpfender Besuch erforderte also Verlegung des Mittagessens, und das ist ein Opfer, das eine Hausfrau vielleicht für einen langen Ausflug bringt, aber nicht für einen MuseumSbesuch." Schließlich schlägt das rheinische Blatt vor, in den Museen die Möglichkeit zu schaffen, einen billigen Imbiß einzunehmen, wie das in London und(sügen wir hinzu) u. a. im germanischen Museum in Nürnberg eingeführt ist. Alle diese Wünsche freilich sind von der frömmsten Art, d. h. sie haben keine Kraft, solange nicht im Hause der Dreiklafienschande die Interessen deS Volkes und der Kultur den Ausschlag geben. Ein Land, in dem es nur alle 12 Jahre regnet. Ein inter- efiantes Problem für die Meteorologen bildet das Land, in dem es nur alle 12 Jahre regnet. Das ist keineswegs eine Legende, dies regenarme Gebiet ist daS südafrikanische Betschuanenland. Der italienische Missionar Pater Porte, der dort für die Verbreitung des Christentums wirkt, macht über diese ungewöhntiche meteorologische Erscheinung in einem Briefe an den„Osservatorc romano" einige interessante Angaben.„Es ist wirklich seltsam, überall in den Nachbarländern regnet es, nur nicht hier bei uns. In Transvaal und im Basutoland ist der Mais und das Knffernkorn bereits drei Fuß hoch; hier ivar es nicht einmal möglich zu säen. Livingstone schilderte bereits vor öS Jahren das Land als unfruchtbar, und wer öO Jahre später hierher kommt, wird wiederum staunen müssen. Livingstones Experimente und Beobachtungen haben gezeigt, daß im Betschuanenland nur alle 12 Jahre ein richtiger Regen niedergeht; dann herrscht im Lande eitel Freude, in den Dörfern werden Erntefeste gefeiert, und alles jubelt. Die Wirklichkeit bestätigt diese Angaben deS Forschers, und unsere Aufzeichnungen zeigen, daß tat- sächlich nur alle 12 Jahre Regen eintritt. Der VorstellungSkreis der Eingeborenen ist auch nur von dem einen Problem beherrscht: Regen zu erlangen. Ihre Religion besteht nur auS abergläubischen Bräuchen, durch die sie Rege» herbeilocken wollen." Abg. Erzberger(Z.): Ich spreche hier nicht vom Gouverneur Rechenberg als Person. Mir ist es einerlei, ob in Ostafrika Herr v. Rechenberg oder Herr Dr. Arendt Gouverneur ist.(Große Heiter- keit und Sehr gut l im Zentrum und links.) Herr v. Rechenberg wird angegriffen, weil er für die Eingeborenen gegen die Aus- beulungsgelüste der Pflanzer aufgetreten ist, besonders gegen das Prügelsvftem.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Da- gegen rst auch der Staatssekretär Dernburg aufgetreten. Böse Zungen behaupten allerdings, nie sei mehr geprügelt worden, als auf der Reise DernburgS, allerdings so weit weg vom Lager, daß das Geschrei nicht gehört wurde.(Hört! hörtl) Das System Rechenberg bedeutet die Beruhigung der Eingeborenen. Ein ent- gegengesetztes System würde neue Aufstände bedeuten. Schon im Interesse der deutschen Steuerzahler ist nur zu wünschen, daß am System Rechenberg festgehalten wird.(Lebhafte Zustimmung im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Rechenberg ist nicht angegriffen worden, weil er die Eingeborenen schützte. Selbstredend sind wir alle für Schutz der Eingebornen, denn die Eingebornen sind das wertvollste Material der Kolonie. Wogegen wir uns wenden, das ist das Be- streben Rechenbergs, Ostaftika zu einer neuen Eingebornen- und Handelskolonie zumachen und die Entwickelung zu einer Pflanzer« kolonie zu hindern. Staatssekretär v. Lindequist bestreitet entschieden, daß Herr v. Rechenberg die Entwickelung des PlantagcnbaueS hindere. Seien doch unter ihm neue Gebiete für den Plantageubau erschlossen worden. Abg. Noske(Soz.): Herr Dr. Arendt treibt ein Spiel mit Worten. Ganz un« fraglich entspringen die Angriffe auf Rechenberg aus dem Zorn über den Schutz, den er den Eingeborenen angedeihen läßt. DaS Plantagensystem bedeutet eben die Zwangsarbeit der Schwarzen» die Nötigung der womöglich mit militärischer Gewalt herbei- geschleppten Eingeborenen, für einen Hungerlohn für die Weißen zu rackern. Daß wir gegen ein solches System eintreten, entspricht unserem Programm und unserer ganzen Tätigkeit, wie wir sie stets ausgeübt haben.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdcmo- kraten.) Es ist richtig, was der Staatssekretär sagt, daß das Plantagen- system immer weitere Ausdehnung erfährt, es ist aber so, baß die � Eingeborenen immer mehr von ihrer eigenen Feldarbeit abgehalten werden. Wir müssen immer loieder betonen, daß wir jene Koloni- sationsbestrebungen, für die sich der Abg. Dr. Arendt ins Zeug legt, entschieden bekämpfen müssen. Abg. Schwarze-Lippstadt(fast unverständlich) scheint auch für Rechenberg einzutreten und polemisiert gegen den Abg. Noske. Abg. Dr. Paasche(natl.): Das, was Abg. Arendt zu dem System Rechenberg ausgeführt hat, entspricht durchaus dem, tvaS meine Freunde auch schon ausgeführt haben, daß nämlich dieses System der gesunden Plantagenentwickelung nicht Vorschub leistet, sondern ihr geradezu Schwierigkeiten bereitet. Tatsachen dafür anzuführen, ist ja schtver.(„Das können Sie nicht!") Viele Pflanzer sind verärgert, weil ihnen die Besitztitel noch immer nicht gewährt worden sind. Abg. Noske(Soz.): Ich habe im Kolonialverein einen Vortrag des Korvettcnkapi- täns Paasche über das System Rechenberg gehört, aber auch dort wurden ebensowenig wie hier konkrete Tatsachen angeführt, sondern man beschränkte sich auf allgemeine Beschuldigungen, wie hier. Abg. Dr. Strcsemann(natl.) schließt sich den Ausführungen des Abg. Paasche an. Die Entwickelung der Plantagen werde zu lvenig gefördert. Der Gouverneur habe sogar Ansiedler vor der Erwerbung von Plantagen zur Baumwollpstanzung gewarnt, weil der Mann dort angeblich sein Geld verlieren würde. Abg. Erzberger(Z.): Dr. Arendt hat die schon öfter� vor- gebrachten allgemeinen Beschuldigungen wiederholt, ohne Tatsachen anzuführen. Dr. Arendt sotvohl wie Dr. Paasche haben in dem Augenblick, wo das Prinzip des Schutzes der Eingeborenen von dem früheren Staatssekretär verkündet wurde, ihre Angriffe gegen das sogenannte System Rechenberg begonnen. Diese Angriffe werden jetzt nach dem Personenwechsel im Staatssekretariat wieder aufgenommen. Wir haben die begründete Vermutung, daß die Angriffe vor allem sich gegen den Schutz der Eingeborenen richten und wir müssen uns deshalb entschieden gegen diese. Angriffe aus» sprechen. Staatssekretär v. Lindequist: Unter den vielen allgemeinen Beschuldigungen sind jetzt zwei bestimmte Vorwürfe erhoben worden, daß nämlich der Gouverneur Ansiedler mit schwachein Ka- pital vor dem Ankauf einer Baumwollplantage gewarnt habe und daß die Besitztitel nicht rechtzeitig erteilt werden. Ich würde es geradezu für ein Verdienst des Gouverneurs halten, wenn er kapi» talschwache Leute vor unsicheren Unternehmungen warnt. Auch die angeblich nicht rechtzeitige Ausstellung von Besitztiteln erklärt sich aus den besonderen Schwierigkeiten in der Kolonie und fällt nicht dem Gouverneur zur Last. Musik. Der Abart des wenig dramatischen und desto mehr lyrischen Dramas wenden sich immev wieder Versuche zu. Das einaktige ..musikalische Lustspiel", das an: Donnerstag in der Berliner Volks-Oper sein« anscheinend erste Aufführung erlebte: Jasmin" von James Rothstein, ist wiederum ein solcher Versuch. Jedenfalls enthält sein von zivei Verfassern geniachter Text, soweit er zu verstehen war. keine belangvolle Handlung. In einer Versailler Mondnacht treibt eine Marquis« mit ihren An- betern ein typisches Liebesspiel, bei dem König Ludwig XIV. von dem Marouis verprügelt wird; ein Parfüm von Jasmin wird als eine Art Gegenstück eines Liebestrankes benutzt. Hauptsache ist die lyrische Stimmung. Zu ihrer musikalischen Ausprägung ist Roth- stein der richtige Mann. In Kreisen von Fachmusilern längst durch gefällige Lieder usw. wohl angesehen, hat er hier ein hübsches Bukett von Melodien, von Klangspielereien zusammengebracht. Die Ouvertüre kann einmal ein beliebtes Konzertstück werden; die Hauptmelodien kehren häufig, auch in Gestalt von erklärenden„Lcit. motiven" wieder, und die Kürze des Ganzen bewahrt vor der nahe- liegenden Gefahr eines leierhasten Eindruckes. Am eigenartigsten entfaltet sich das Können des Komponisten in Kunstgriffen wie z. B. einer Gavotte, die im Hintergrunde während der im Vorder- gründe spielenden Vorgänge getanzt wird, und besonders in einem Haschen und Fliehen von acht verliebten Leuten, das in einem � musikalisch reichen Oktett gipfelt. Derartiges stellt allerdings an die Gesangskunst hohe An- forderungen. Zum Teil wurden sie schon diesmal erfüllt; allein eine vollauf zureichende Wiedergabe des im ganzen erfreulichen Werkes würde dem Komponisten doch noch zu gönnen sein.. Notizen. — Antiquitätennarrheit. Die amerikanischen Milliardäre wissen mit ihrem Reichtum, den ihnen mittels ihrer Trustmono« pole die infamste Ausbeutung der Arbeiter und Konsumenten müheloS in den Schoß wirft, nicht mehr wohin. Beinahe wahllos vor- schleudern sie ihn in Luxusanlagen. Der Stahlmagnat Morgan hat z. B. seine Spezialität darin, die unerhörtesten Preise für Anti- quitäten zu zahlen, die er durch einen wohlorganisierten Stab von skrupellosen Aufkäufern systematisch zusammenraffen läßt. Jetzt hat er einige der schönsten und seltensten Renaiffancenhren an sich ge- bracht. Dem bisherigen Besitzer, dem deutschen llhrensammler Marfcls, zahlle er für 14 dieser Sächelchen 300 000 M. Für eine andere Sammlung hat er bereits im vorigen Jahre bwß 1 200 000 M. ausgegeben. jTßji Dr. Scnt/er(Walt,): Jede persönliche Stmmofttal gegen fon Gouverneur licz.' uns fern. Ich würde es mit großer Freude bearunen wenn der Gouverneur vor irnsoliden Unternehmungen warnt, denn Nichts schadigt Hie iMcnieu mehr, als der Bankerott von Ansiedlern. �____, Der Etat wird betvilligt. ES folgt der Etat für Wimerun und Tog». Abg. Noske(«oz.): In Kamerun h<'-t sich bei t»erschiedemu Gelegenheiten gezeigt, daß d«» Eingeborenen gegenüber ein«Zerfahren evigeschlaaen wird, das zu den bedenklichsten Folgen führen mutz. Von den Plantagen- bcsltzxrn werden ikvalitimlen gegründet, um die Löhne der einge- boreoen Arbeiter zu drücken. Wenn die Arbeiter diesem Beispiel folgen und Abwehrorganisationeu gründe», dann läßt sich nach den bisherigen Erkahrungen annehme», daß diesen Arbeitern gegen- über wieder mit Zwangsmaßregeln vorgegangen wird. Das sollte doch vermieden iorrdcn. Die Sterblichkeitszifser der eingeborenen Plantagenarbeiter beträgt S.v Prez. Diese hohe Ziffer ist ein Beweis dafür, daß die Verhältnisse allerlei zu wünschen übrig lassen. Aus Anlaß der Ermordung des Kaufmaniis Biet- schneid er hat wieder eine der üblichen Strafexpeditionen statt- gesunden. Es hat sich aber wieder gezeigt, in wie skandalöser und raffinierter Weise die dortigen Händler dir Eingeborenen drang- salieren und ausnn.ße«. Die Leute werden als Träger mangelhaft oder gar nicht verpflegst und nach Ablauf ihrer kontraktlichen Arbeitsdauer wird ihnen der Lohn nicht gezahlt, sondern noch ihr weiteres Arbeiten verlangt. Die Leute laufen dann ohwe Lohn davon. So war es auch mit den Eingeborene», die dann in ihr ein an sich berechtigten Zorn den Kaufmann Bretschneider, der ihnen gerade in die Hände fiel. er. mordet haben. An solchen Zuständen trägt die Regierung Zweifel. los die Schuld, weil sie d�r unerhörte» Ausbeutung der Einge- borrnen durch die Händler nicht ei» End« macht. Wir wünschen. daß die Negierung endlich ernsthafte entschiedene wirksam- Maß- regeln ergreift, damit diesen Zuständen ein Ende gemacht wird. Abg. Goller(Vp.) begründet einen Antrag, den für he Bekämpfung der Lepra und der Schlafkrankheit ausgesetzten Betrag um lSl»? M. zn erhöhen. t. Der Etat für Kamerun und Togo wird bewilligt, der Antrag Geller angenommen. �..... Es folgt der Etat für Sudwe sta frrka und für die S ch u tz g e v i e t s s ch u l d. Abg. Hanf, man»(Vp.) bemängelt das Eingreifen der Ver- waltung in den schon gestern erörtertien Streit um die Nachver- äOQUftft* Staatssekretär v. Lindequist tritt diesen Ausführungen ent- gegen. Materiell fei die Verwaltung im Recht und die Kaufmann- schaft im Unrecht. Abg. Dr. Scmler(»iatt.): Als das Shstem Schuckmann ein Ende nahm, habe ich es begrüßt, denn wir haben jetzt in Südwest- afrika einen neuen Gouverneur, der wirtlich die Bedürfnisse der Llolonie kennt. Als Dernburg Etaatsfekrchär wurde, hoffte man, daß kaufmännischer Geist in die Kolonialverwaltung ein- ziehen wurde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, ober immerhin hat sein« Persönlichkeit von sich aus den bureaulratischen Zug in der Verwaltung eingedämmt. Abg. Schwarze-Lippstadt(fast unverständlich) scheint die Haltung der Verwaltung in der Frage der Nachverzollung zu tadeln, während Abg. Dr. Arning(na») dies« Haltung in der Sache für bc- rcchtigt hält. Abg. Lcdebour(Soz.): Nur eine kurz« Anfrage. Gedenkt die Kolonialverwaltung die Verordnungen aufzuheben, durch die die am Aufstand beteiligten Eingeborenen, also die Herero und einige Hottentotten- st ä m m e in völlige Abhängigkeit von den Farmern gebracht werden? Ich frage namentlich: wird das Verbot der Haltung von Großvieh aufrecht erhalten bleiben? Der Staatssekretär hat uns gestern gesagt: es ist nur den Eingeborenen verboten, Großvieh zu halten, denen es nicht vom Gouverneur gestattet ist. Damit drehen wir uns im Kreise herum.(Sehr wahr! b. d. Soz.) Nun zum Kollegen Schwarze. Er hat behauptet, daß ich die kolonialpolitische Haltung der Fortschrittler nicht scharf anfasse wie sonst. Statt sich zu beklageli, daß wir angeblich unsere Kritik zu wenig gegen die Fortschrittspartei richten, täte Herr Schwarze gut, einmal Auskunft über die eigentümlichen kolonialpolitischen Wandlungen seiner Partei zu geben.(Sehr wahr b. d. Soz.) Warum läßt das Zentrum es ruhig geschehen, daß der Bundesrat die Reichstagsresolution in den Papierkorb geworfen hat, die die Ausstattung der Eingeborenen mit Ländereien, groß genug für Viehzucht, verlangt? Das Zentrum hat bekanntlich für diese Re- solution gestimmt. Warum macht das Zentrum von seiner großen partanientarischen Macht keinen Gebrauch, um dies« der Gerechtigkeit entsprechende Forderung, die es elnstmals eifrig mit erhoben hat, bei der Regierung durchzusetzen?(Sehr gut! b. d. Soz.) Bitte, Herr Kollege Schwarze, verantworten Sie sich!(Gelächter im Zentrum, Beifall b. d. Soz.) Abg. Dr. Goller(Vp.) wünscht Ausdehnung der Sclbstver- waltung in Siidtvestafrika. Abg. Dr. Wagner(kons.) billigt und rechtfertigt die Haltung der Verwaltung in Sachen des Nachverzollungsstreites. ?lbg. Dave(Vp.) polemisiert gegen den Vorredner. Staatssekretär v. Lindeqnist: Wir haben in Südwestasrika eher zu wenig als zuviel Polizei.— Es ist doch ein recht bedeutender linterschied— trotz Herrn Ledebour— ob generell den Eingeborenen verboten ist, Vieh zu halten, oder ob die Viehhaltung an die Ge> nchmigung des Gouverneurs gebunden ist.(Sehr wahr! recht?.) Tatsächlich ist der Viehbestand der Eingeborenen gar nicht so un- beträchtlich.— Herr Ledebour beruft sich gern auf englische Vorbilder. In der Tat können wir viel von den Engländern lernen. Und da möchte ich doch daraus aufmerksam machen, daß auch in der britischen Kolonie Rhodesia die Eingeborenen nicht ohne Genehmigung des Gouverneurs Großvieh halten dürfen. (Hört! hört!) Abg. Ledebour(Soz.): Der Staatssekretär sagte nochmals, es handele sich um kein Verbot. Wenn man aber die Viehhaltung von der Genehmigung des Gouverneurs abhängig macht, so ist das Verbot die Regel und die Genehmigung die Ausnahme. Was würde man sagen, wenn man in Deutschland in ähnlicher Weise die Viehhaltung von der Ge- nehmigung des Landrats abhängig machen würde. Für dieses indirekte Verbot ist auch nicht die Spur einer Begründung gehört. ES läuft doch praktisch darauf hinaus, daß die Eingeborenen, denen man das Land genommen hat und die Viehhaltung mit einigen Ausnahmen verbietet, gezwungen werden, bei Farmern in Arbeit zu treten. Das ist doch nichts weiter als Halbsklaverei. Sie wünschen doch immer: Deutschland in der Welt voran! In diesem Falle hätten Sie das schlechte englische Beispiel nicht nachahmen lallen. Staatssekretär v. Lindequist ersucht, die von der Kommission gestrichenen Ortszulagen für die Beamten des Bezirkes Lüderitz- bucht in Höhe von 4ö VW M. wieder herzustellen. Abg. Dr. Semler(natl.) tritt für die Aufrechterhaltung der Streichung ein. Di« Beamten in Südwestafrika wären ausreichend besoldet. Das HauZ stimmt der Streichung der Ortszulagen zu. Der Etat für S ü d w e st a f r i k a und die Schutzgebiets- schuld wird bewilligt. Es folgt der Etat für Neu- Guinea und für Samoa. Die Etats werden debattelos genehmigt, ebenso das Etatsgesetz und der Hauptetat. Die Sitzung wird vertagt aus Dienstag, mittags 12 Uhr. (Reichseisenbahnetat, Reichseisenbahnamt, Neichsschatzamt.) Schluß der Sitzung 7V4 Uhr. Mgeoränetenkaus. 67, Sitzung, Freitag, deg 24, AfärZz iLprw, 10 UZr. ÄN NirMertifch: Shdeffi.* Die ö r i t k e Lesung LeS Etats wird forkgesetzt beim Lergetat. Abg. Hoffmann(Soz.): Es ist mir verübelt worden, daß ich bei der zweiten Lesung so eingehend zum Bergetat gesprochen habe. Wenn wir hier soviel reden müssen, so sind die Pa r t e i e n daran schuld, die uns aus fast allen Kommissionen ausgeschlossen haben. Ferner müssen Sie auch bedenken, daß wir über M Jahre aus diesem Hause ausgeschlossen gewesen sind. Wenn man darauf hin- weist, daß wir nur ö Abgeordnete sind, so repräsentieren wir doch S8S522 Stimmen, während die 208 konservativen Abgeordneten nur 418 000 Stimmen vertreten. Danach hätten wir also eigentlich das Recht, mindestens ebensoviel zu sprechen, wie die gesamte konservative Fraktion. Ferner müssen Sie berücksichtigen, daß die Acrmsten der Armen, die wir vertreten, selbstverständlich mehr Beschwerden haben als Ihre Wähler. Das Tempo, in dem der Etat hier er- ledigt wird, ist ein geradezu polizeiwidriges Automobiltempo. Wenn ein Redner von uns mal orei Stunden spricht, so hat er noch nicht den Wüsten Teil des Materials vorgebracht, das uns zugeht. Gehen wir auf die einzelnen Fälle nur kurz ein. so spricht Herr von Pappenheim von„beweislosen Behauptungen', führen wir aber in. jedem Falle einen so l ü ck e n l o s e n Beweis, wie gestern mein Freund Leinert, so sagen Sie: die Zeit des hohen Hauses — im Hinblick auf den mangelhaften Besuch könnte man es besser hohles Haus nennen(Heiterkeit)— ist zu kostbar. Gewiß, aber noch kostbarer ist Leben und Gesundheit unserer Arbeiter, insbesondere der Bergarbeiter. Ich könnte mein Material aus der zweiten Lesung noch ins ungeheure vermehren. Ich will es nicht, sondern will nur erwähnen, daß mir heute noch wieder ein Schreiben zugegangen ist. wo u. a. aus dem Mansfelder Gebiet von einem reichötreuen Sicher heitS mann berichtet wird, in dessen Revier in 3 Wochen 5 Todesfälle und 2 schwere Berletzungrn vorgekommen sind, und der sich geweigert hat, zweimal seine Abteilung zu revidieren.(Hört, hört! b. d. Soz.) — Herr S a u e r m a n n hat dann von einem Flugblatt im Saar- revier gesprochen, das Verleumdungen und Lügen enthalten solle. Den Beweis dafür ist er schuldig geblieben. Er beruft sich nur darauf, daß der ArbeiterauSschuß der Zeche Königsgrube eine Erklärung herausgegeben hat, worin dieS behauptet ist. Diese Erklärung des Arbeiterausschusses ist aber, wie eine mir vorliegende Erklärung der Sicherheitsmänncr und AuSschuhmit- aliedcr des Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins von der Zeche Königsgrube beweist, lediglich unter dem Drucke der Verwaltung zustande gekommen. Die betreffenden Mitglieder des Ausschusses lehnen jede Verantwortung für diese Erklärung ab.(Hört, hört! b. d. Soz.) Also es sind nicht einmal Sozial- demokraten. sondern Hirsch-Dunckersche, die gegen diese gemeine Fälschung der Zeche protestieren.— Herr Hirsch-Essen hat dann am 20. März tzcsagt, er könne beweisen, daß die Sicherheitsmänner keineswegs weiße Salbe seien, sondern drauf und dran seien, sich zu einer knallroten Salbe zu verfärben. Der sozialdemokratische Bergarbeiterverband habe eine gedruckte Anweisung für die Leute ausgegeben, da seien ihnen Dinge als Aufgabe angewiesen, um die sie sich eigentlich gar nicht zu kümmern hätten und da sei direkt ausgesprochen, daß die Sicherheitsmänner bei Verfehlungen der Arbeiter und Steiger gewissermaßen ein Auge zudrücken sollen, gegen jedes Versehen der Verwaltung aber aufs schärfste vorgehen wird. Ich nehme an. daß sich Herr Hirsch-Essen selber hat düpieren lassen, er hat offenbar aus der„Kölnischen Zeitung" geschöpft, die diese Anweisung des BergarbeiterverbandeL in der unverschämtesten Weise frisiert und gefälscht wiedergegeben hat. So heißt es in der Anweisung„das Verhalten des SlcherheitSmanneS den Steigern gegenüber wird ein ganz anderes sein müssen, als den höheren Beamten der Bergbehörde gegenüber", das bringt der Bericht der„Kölnischen Zeitung", läßt aber den anschließenden Satz fort:„der Steiger wird ihn ja in den allermeisten Fällen begleiten und ihm über alle Sachen Auskunft geben. Der Sicherheitsmann wird nun auf den allermeisten Zechen herausfinden, daß der Steiger fast gar nichts im Revier zu sagen hat, sondern nur dazu dient, das auszuführen, was seineVoraesetzten sagen". Dieser Satz, der dem Vorsatz einen ganz anderen Sinn gibt, ist fortgelassen. Ebenso ist für alle anderen von Herrn Hirsch- Essen zitierten Sähe nachzuweisen, daß sie vollständig aus dem Zu- sammenhang herausgerissen und entstellt wiedergegeben sind. Aus- gelassen ist aus der Broschüre der wichtigste Satz:„Der Sicher- heitsmann must selbstverständlich seine Arbeit in musterhafter Orb- nung halten und die bergpolizeilichen Vorschriften über die Tätigkeit der Sicherheitsmänner beachten müssen, ist s c l b st v e r st ä n d» l i ch."(Hört, hört! b. d. Soz.) Ich lege die Schrift des Berg- arbeiterverbandeS auf den Tisch des Hauses, damit Sie sich selbst überzeugen, in wie unerhörter Weise der Bericht der„Kölnischen Zeitung" gefälscht ist. Solche unglaublichen Lügen und Fäl- schungen können wir doch nicht unwidersprochen ins Land hinaus- gehen lassen. Angesichts dieser flandalösen Kampfesweise kann ich nur mit dem alten Fritz sagen:„Und mit solchem Gesindel muh ich mich herumschlagen."(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemo- traten.) Abg. Jmbusch(Z.) betont dem Vorredner«egenüber, daß die praktischen Bergarbeiter im Zentrum sich seit Jahren den Jnter» essen der Bergarbeiter angenommen hätten. Abg. Hirsch-Essen(natl.) bleibt bei seiner Behauptung, daß der alte Bergarbeiterverband den SicherheitSmännern Aufgaben zumute, deren Erfüllung sie in Konflirt mit dem Gesetz bringen müßte. Abg. Dr. Maurer(natl.) kritisiert einen Vertrag des FiÄus mit der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft betr. die Verwendung der überschüssigen Energie der staatlichen Elektrizitätswerke! erhält Kredit! Ganze Einrichtungen MÖBEL Polsterwaren, Teppiche, Portieren, Gardinen, Betten, Tischdecken, Steppdecken nv. Grosse Auswahl von einfach bürgerlicher bis zu elegantester Ausführung. Täglich Eingang von Neuheitenl KONFEKTION Täglich Eingang von Neuheitenl ÄÄMM Sakko-Anzüge Gehrock-Anzüge Paletots usw. Anfertigung1 auf Wunsch nach Mass. DZWTA Kostüme Blusen Kostümröcke in den allerneuesten Fassons. | Kinderwagen!'"| Schuhwarenj C. Wachsmann& Co. Ecke Ravenestrasse Reinickendorfer Strasse 16 neben d. 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Die Anstalt wurde als Hand- werkerbildungsstätte von dein inzwischen verstorbenen Direktor W a r l i e s gegründet und steht zurzeit unter der Leitung von dessen Ehefrau, der eine'Anzahl Meister und Aufscher zur Seite stehen. Tie Anklage geht nun dahin, daß die Witwe Warlies und sieben ihrer Angestellten das Züchtigungsrecht in gröblichster Weise überschritten haben, allerdings nicht in Ausübung eines Amtes, da den Angestellten die Beamtcnqualifikation fehlt. Tie Beröffent- lichungen der Mißhandlungen in unserer Presse führten zur Er- Hebung der Anklage. W'r hatten u. a. dargelegt, eine besonders beliebte Züchtigungsmcthodc sei der sogenannte „Jungfcrnkranz", der darin bestehe, daß man den zu züchtigenden Zögling auf einen Tisch lege, ihn mit gespreizten Beinen anbinde und dann von den übrigen Anstaltszöglingen schlagen lasse. Bei dieser Prozedur soll der Betreffende öfter bis zu 99 Schlägen erhalten haben. Auf Grund dieses Artikels ordnete die Behörde eine Untersuchung an, die zur Erhebung der Anklage führte. Bei der Vernehmung der Hauptangeklagten, der Witwe War- lies, die öfters selbst das Erteilen des„Iungfcrnkranzes" angc- ordnet haben soll, bekundet diese, daß die Anstalt vor 17 Jahren mit einem Zögling begründet wurde, während in der letzten Zeit ssch die Zahl der Insassen auf ca. 159 belief. Sie wurden in allen möglichen Handwerken ausgebildet. Bei Vergehen gegen die An» slaltsordnung fei eine leichte körperliche Züchtigung erlaubt gc- wesen, aber nicht mehr als 15 Stockhiebe. Tie Angeklagte bestreitet entschieden, ihre Mitangeklagten zu den Züchtigungen angestiftet zu haben, auch will sie nie eine Aeußerung ihres verstorbenen ManneS gehört haben, dahingehend:„Ettvas Prügeln gehört zur Er- ziehung"k— In der Beweisaufnahme bekundete zunächst Negierungsrat Schmidt, der im Austrage seiner Behörde die Anstalt zu revidieren hatte, daß ihm nie Klagen der Zögling« zu Ohren gekommen seien. Das Verhältnis der Eheleute Warlies zu den Insassen der Anstalt sei ein sehr liebevolles ge- Wesen, so daß Enuveichungen nur selten vorkamen. Er habe bei seinen Revisionen immer alles in tadelloser Ordnung gefunden. Mehrere Geistliche, die in der Anstalt Unterricht erteilten, erklärten ebenfalls, daß sie den Eheleuten Warlies die behaupteten Mißhand- lungen nicht zutrauten. Der Inspektor, dem die Anstalt jetzt unter- steht, hat bei Antritt seines Amtes etwas verwilderte Zustände an- getroffen. Einige Zöglinge hätten ihm auf Befragen zugegeben, dast sie den„Jungfernkranz" bekommen hätten, andere wieder wollten davon überhaupt nichts gesehen haben. In der weiteren Zeugenvernehmung iverden eine ganze Reihe von ehemaligen Zog- lingen der Anstalt Mauel vernommen. Ein jetziger Tischlergesellc bekundet, daß er versucht habe, aus der Anstalt zu eiriioeicheii. Darauf habe er zunächst auf Anordnung der Frau Direktor den „Jungfcrnkranz" bckommrn, und zwar so lange, bis er ohnmächtig wurde. Er habe die Spuren der Schläge monatelang gefühlt. Bei i ocr Prügelei habe«in Aufseher dabeigestanden und habe sein« Kollegen, die ihn schlugen, angefeuert, reckt tüchtig zuzuhauen. Ter Zeuge erklärt, er habe auf Befragen des Direktors gesagt, es sei nicht so schlimm gewesen, da er befürchtet habe, sonst noch mehr geprügelt zu werden. Ein anderer Zögling, der ebenfalls einen Fluchtversuch gemacht hatte, wurde zunächst in Arrest gelegt und bekam dann den„Jungfcrnkranz"; er hat bei dieser Prozedur 147 Schläge erhalten, so daß sein Körper blutige Striemen auf- wies. Zwei noch jetzt in der Anstalt befindliche Zöglinge haben 80 und 109 Schläge erhalten. Ein anderer Zeuge erzählt, er habe einmal ohne jede Veranlassung zu einem Aufseher gehen und diesen bitten müssen, er möge ihm„das Betreffende" geben. Tarauf sei er von dem Aufseher mit dem„Jungfernkranz" bedacht worden. Sogar in der Gcsangstunde sei geschlagen worden. 'Der aus der Anstalt hervorgegangene Angeklagte Aufseher Stöcker erklärt auf Vorhalt, daß er nur in. Auftrage des Direktors oder dessen Frau geprügelt babe. Dieselbe Aussage macht ein an- derer Aufseher; die Frau Direktor habe zwar viel Frömmigkeit zur Schau getragen, sei aber in Wirklichkeit eine ganz hartherzige Frau gewesen. Ein als Zeuge vernommener Anstreicher ist einmal in der Anstalt beschäftigt gewesen; er hat durch eine Türspalte be- obachtet, wie ein Zögling, dem man ein Taschentuch in den Mund gesteckt Katte. damit« nicht schrie, den „Jungfernkranz" bekam. Der Zeuge ist über das brutale Schauspiel sehr empört gewesen. Ein weiterer Zeuge hat, als er Zögling der Anstalt»var, einmal 20 Ohrseigen von der Frau Warlies bekommen, so daß ihm die ganze Back« anschwoll. Einem ausgerissenen und dann wieder eingelieferten Zögling ließ die Frau Direktor.chmrme Umschlage" verabreia>en; damit waren Prügel gemeint.— Der Vertreter der Anklage hielt auf Grund der Beweisaufnahme sämtliche Angeklagte überführt. Der.Jungfernkranz" sei in der Anstalt zweifellos eine alte Einrichtung gewesen. Dabei habe es sich nicht um bloße Züchtigungen, sondern direkt um Martern gehandelt. Erwiesen sei, daß die Fran Warlies die Züchtigungen nicht nur geduldet, sondern sogar angeordnet habe. Der Staatsanwalt beantragt sodann gegen die am meisten belasteten Angeklagten Gefängnisstrafe» von 14 Tagen bis zu 5 Monaten, gegen die weniger belasteten Geldstrafe». Das Gericht nahm als strafmildernd an, daß der Frau Warlies der Betrieb, namentlich nach dem Tode des Mannes. über den Kopf gewachsen sei. Andererseits komme in Betracht, daß die Eheleute Warlies die Einrichtung des„Jungfernkranzes" nicht nur kannten, sonderst sogar billigten. Von der Erlaubnis zum Schlagen habe namentlich der Angeklagte Stöcker in geradezu grau- sanier Weise Gebrauch gemacht. Bei Frau Marlies wurde auch in Betracht gezogen, daß sie recht gute Resultate erzielt hat. Aus alledem erkannte das Gericht gegen Frau Warlies auf nur 599 M. Geldstrafe, gegen den Aufseher Stöckcr auf neun Monate Gesang- niS. Drei andere Aufseher erhielten Gefängnisstrafen von acht, sechs und drei Monaten. Drei Angeklagte kamen mit Geldstrafen von 29 bezw. 59 M. davon. Die sehr milden Strafen, insbesondere die gegen die Frömmig- keit zur Schau tragende Fran Direktor sind keineswegs geeignet, dem Rechtsempfinden zu genügen. Eine nach Jahren zählende Freiheitsstrafe wäre eine geringe Sühne für diese Greuel einer „Fürsorgeerziehung" gewesen. Ter Mangel des Fürsorgesystcms wird auch durch die Unkenntnis der Aufstchtsbehörden über die schamlosen Martyrien getcnnzeichnet. Auch in diesem Fall wie in dem Fall Colandcr und Brcithaupt bat die zum Himmel schreienden Mißstände erst die sozialdemokratische Presse aufgedeckt. H119 aller Melt. fünf IMenfchcn in den flammen umgekommen! Eine furchtbare Brandkatastrophe, bei der eine fünf- köpfigc Familie in den Flammen umkam, meldet uns der Telegraph aus Lille im nordwestlichen Frankreich. Dort kam in der letzten Nacht gegen 1 Uhr in einem Gebäude, das früher provisorisch als katholische Kirche diente, und in dem jetzt ein Kinem atographentheater sein Domizil auf- geschlagen hatte. Feuer aus. Die Flammen griffen trotz des baldigen Eintreffens der Feuerwehr außerordentlich schnell um sich. Einem Teil der Bewohner der oberen Stockwerke gelang es sich über angrenzende Dächer in Sicherheit zu bringen; da- gegen wurde eine im zweiten Stockwerk wohnende Familie Martens von den andringenden Flammen im Schlafe überrascht. Als die Feuerwchrmannschaftcn in die Wohnung eindrangen, fanden sie das leblose Ehepaar im Bette liegend, von den drei Kindern der Ehegatten lag eines halb verkohlt am Fußboden, die beiden anderen waren in ihren Betten erstickt. Der um- fangreiche Brand konnte erst in den frühen Morgenstunden erstickt»verden._ Referendar und Zuchthäusler. Das Schwurgericht in Trier hat am Donnerstag nach eiser bis nach Mitternacht dauernden Verhandlang den Referendar Ludwig zu 1'/, Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er fünf beim Gericht lagernde Sparkassenbücher entwendet, die Unter- schrift des Richters gefälscht und dann 4599 Mark ab- gehoben hatte. Die Geschworenen haben ein Gnadengesuch unter- zeichnet, da Ludwig g e i st i g minderwertig sei. Sonderbar, dah bei Leuten anS.besseren" Kreisen sich so leicht ein geistiger Defekt feststellen läßt und noch sonderbarer, daß so wenig Verstand zum Referendar gehört, dah geistig Minderwertige ihn machen können._ Ein feines Geschäft. Unter dieser Spitzmarke erzählt der.Zeitungs-Verlag' folgendes nette Geschichtchen. Im letzten Herbst hat in Kiel die„Kieler Tagespost" ihr Dasein ausgehaucht, weil sie an ständiger Abonnentennot litt. Dabei hat das Blatt noch im letzten Monat seines Lebens den Abonnementsbetrag mit 69 Reichs- Pfennigen pünktlich erhoben, aber schon nach wenigen Tagen sein Erscheinen eingestellt. Diese Handlungsweise hat einige Abonnenten in mächtige Aufregung versetzt und sie meldeten zwei Drittel deS Betrages zu» Konkursmasse an. Dem ivurde stattgegeben und die unentwegten Abonnenten hatten schließlich die Freude, ganze 16 Pfennige als ihren Anteil an der Masse durch Postanweisung zu bekommen. Diese Freude wurde aber dadurch getrübt, daß von dem Gelde noch 19 Pfennig als Porto und 5 Pfennig alL Bestellgeld in Abzug ge- bracht werden mußten. So verblieb den Abonnenten des unheil- vollen Blattes, als Ergebnis ihrer Bemühungen, ein ganzer Reichs- Pfennig in barer Münze!_ Kleine Notizen. Folgenschwerer Brückenciiisturz. Auf der im Bau befindlichen oberschlesischen Eisenbahnstrecke Egersfeld— R h b n i k— Sunt in in ist eine zwischen EgerSfeld und Rybnik liegende Drei» bogenbrücke heute mittag eingestürzt. Vier Personen wurden verletzt, davon eine schwerverletzt. Selbstmord eiaeS Äee.lschiilcrS. In Königsberg i. Pr. hat ein neunzehnjähriger Aealschiiler durch Ertränken Selbstmord be- gangen, weil er bei der Prüfung zum cinjährigfreiwilligen Dienst durchnel. Schwer« Explosiv«. In einer Stäikefabrik in Manchester, i der eine große Anzahl Arbeiter beschäftigt sind, ist auf bisher un- aufgeklärte Weise eine Explosion entstanden. Hierbei wurde ein Arbeiter getötet und 7 andere schwerverletzt. Da? ganze Fabrikgebäude wurde zerstört. Der angerichtete Schaden ist sehr groß._ Amtltcker MnrktbeNckt der ftädtilchen Marktdall-n.Direcnon aber den<»roßbandel in den 8«,tral.«ar»ballrn"IWarftingc: F I ei i ch: Zufuhr ßcnügciid, Gcichiist flau, Preise unverändert. S 1 1 ö: Zufuhr un- bedeutend, Geichäst still. Preise fest. Geslügel: Zufuhr nicht c.us. reichend, Gefchöst. lebhaft, Preve gut. Fische: Zlliuhr genügend, Ge- ichäii ruhig, Pr ns« wenig verändert. Butter und Käse: Geschäit ruhig, Preiie unverändert. c m ü i e, O d ii und Süds r ü t t e: Zujuhr meist iäbcr Dedarf, Geschäft wenig befriedigend, holländischer Spinat schwer verkäuflich, Preise wenig verändert. _ Witter«nqSnberiick> vom 5J4. März 1911. SletlOÄOi tesi fs s A i Iis1 1; 16hi 3K-( Livm-md« Eamturg j vfoO©3 -rtw lüg?» 5rantl a« ,758® Piü-iche» i759 N 'Situ 759 S :S Stationen yavaranda 757N Petersburg 757 SW Seilitz 1 7590 -lberdee» 7>>9NA ■PariS 7C03i >> 1 Swolkenl 1 Schnee 5 bedeckt Nrooltenl 2Ncbel K* s" S* -u -3 8 7 BSclterproqnosc für Sonnabend, den 25. März 1911. Sküchl, vorwiegend nebelig oder wollig mit geringen Niedeischlägen mäßig«, nördlichen Winden. Berliner Wette rbureau. »Nd «ä A. 15. M® CM GegMBM Kohlen- u. Briketts-Großhandlung Gcg� Hauptkontor: Stf.PÄ �'""Tnd Lagerplatz 1: O., RQriersüorfer Str. 7t(aiu Küs triner Platz, altOstb.). Lagerplatz 2: O., FruchtstraBe»3(Ostbahn-Güterbahnhof) Lagerplatz 3: X., Behmstr. 36(Schivelbeiner Str., Ecke ilalindor Str.). Preise für la Marken ab meinen Lagerplätzen von 10 Zentnern an: pr. Ztr. laSenltenbJariengliick Salon 82 pl la SsßM. GotM Salon. 92 w. la Blamant Salon.... I.-m. (Ges. gesoh. p. 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Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Genosse, der Schrijt setzcr (Zustsv pentxlin am 23. d. MtS. im Alter von 62 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Zlndenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 27. März, nach» mittags l'/s Uhr, von der Leichen- balle des Zentral-FricdhoseS in FriedrichSselde aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 208/0 Der Vorstand. Am Donnerstag, den 23. März, starb unser langjähriger Mit- arbciter, Korrektor (Zustsv Pentzlin im 63. Lebensjahre. Wir werden ihm«in ehrendes Andenken bewahren. Vorwärts Bucbdrackerel and Verlagsanstalt Panl Singer& Co. Am Donnerstag, den 23. März, verstarb plötzlich unser lieber Mitarbeiter, der Korrektor (Zustsv Pentzlin im 63, Lebensjahre. Der Verstorbene war durch seinen lauteren Charakter und sein heiteres, biederes Wesen bei allen Kollegen beliebt. Wir werden sem Andenken stets in Ehren halten. vas Personal der Vorwarts-Bncbdruckerei Panl Singer& Co. Die Beerdigung findet am Montag, den 27. März, nach- mittags 1'/, Uhr. von der Leichen. Halle des städtischen Friedhofes in FriedrichSselde aus statt. Soziaitaln'atiseiLWeniro für den OerlinerReielistagswalilkreis. Kttpcnlcker Viertel. Bezirk 187. Den Mitgliedern zur Nachricht. dah unser Genosse, der Packer tiermann(Zutzeit Muskauer Strafe 26, gestorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet heule Sonnabend, den 2S. März, nach- mittags 3>/, Uhr, von der Leichen- Halle des Thomas- KirchhoseS, Hermannstraße, aus statt. 217/4 Der Borttaud. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dast unser Kollege, de. Hausdiener Hermann Gutzeit am 22. d. MtS. im Aller von 42 Jahren verstorben ist. 67/3 Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 25. d. M., nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichen- halle des alten Thomas-Kirchhoses, Nixdors, Hermannstraße, aus statt. Die Bezirksverwaltung. snmaWM emJ Deutseber Eauarbeilerterbaotl. SEwelgvcreln Berlin. Am 22. März verstarb unser Mitglied August Tscharniel (Bezirk Osten II). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 25. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des ZentralsriedhoseStn Friedrichs- felde aus statt. 137/13 U« rege Betelligung ersucht Der Vorstand. Für die vielen Beweise herzlicher Tettnadme bek der Beerdigung unserer ltede» Tochter Und Schwester ZIarie Schräder sage tch hiermit allen Freunden und vetannten, sowie dem Deu Kürschnerverband unseren herzli Dank. vttwe Schröder nebst iTeM der Ruplersclmiiede Deutselilaiids. Filiale Berlin. Allen Kollegen zur Nachricht, daß am 21. März unser lang- jähriges Mitglied, der Kollege Gustsv Grass im Alter von 54 Jahren an Lungenentzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, deu 25. März, nach- mittags i'l, Uhr, vom Tegeler Friedhof in Tegel, HermSdorscr -trage, aus statt. 100/1 Um zahlreiche Beteiligung bittet Her fiüaleoretand. Deutseher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Tischler Karl Bsukeic! am 23. März gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 27. März, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des Weiszcuieer Gemeinde-Fried- hoseS in der Roelkestrage aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 30/17 Die OrtSverwaltung. Unserem Abteilungssührer, s'-, Genossen 8595 � | Karl Fritz nebst Frau I S zur silberne» Hochzeit die V B besten Glüdwünsche. T? III. Abteilung der Konsum- Ä M genossenschaft.■■ Greift zu: Jed. Herrn, der sich eleg. u. bill. kleiden will, empfehle eleg. Mo- natsgarderobe in feinsten Werkstatt. Berlins gearb., von Herrschaften, Doktoren, Kavalieren nur kurze Zeit gebr.(fürjed. Fig. pass.) Manats-Jackett-Anzüge 8, 10, 14, 18 M. Monats-Rock-Anziige 10, 12, 16, 20 M. Monats-Som-Paletots 8, 10, 14, 18 M. Monats-Herren-Hosen 2,50, 5,00 M. GroBe Abteilung neuer Garderobe. Knll'ailOI' Gr' Frankfurter Str. 93 müluallci,(Nähe Strausberger PI.) StF" Straßenbahn-Vergütung.-90 Steinarbeiter Mitglieder- Uersammwngen der Seklion 1 am Sonntag, S«. März, vorm. 10 Uhr, im Gewcrkschaftshause, Engelufer 15. Tagesordnung: 1. Wie haben sich die im Tarif enthaltenen Neuerungen bewährt? 2. Verschiedenes. der Seklion II(Ä") Mittwoch, 29. März, abends 8 Uhr, int Englischen Garten, Alexanderstraße 27c. Tagesordnung: Berichterstattung von den Tarifverhandlunge» mit dem Berband der Ttetumehgeschäfte und Stellungnahme hierzu. Beide Bersammlunge« sind äußerst wichtig und erfordern die Anwesenheit jedes einzelnen Kollegen. Um pünktliches Erscheinen ersucht 171/8» Die Ortsverwaltung. Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wfischearbeiter Deutschlands Filiale Berlin I. Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege Pudotf Littmann am 23. März er. im Aller von 67 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Sonntag, den 26. März, nachmittags i'l, Uhr. von der Halle des Golgalha-KirchhoseS, Barsus- straße aus statt. 162/10 Die Ortsverwaltunj I. WeB-BnMtzimgs- ooil ßWU-VeiW ilerBao- M gewerblichen Billsarleiter Berlins nnd l'mpegond. Am Mittwoch, den 22. März. verstarb unser alteS, treues Mit- glicd -Auzust Tscharniel. Ehre feinem Andenke»! Di- Beerdigung findet beute Sonnabend, den 25. März, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Zentral-FriedhoteS in Fried- richswlde aus statt. 37/1 Um rege Beteiligung wird ersucht- Oeutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeifi/e. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied, der Schlosser Pichatti Lewerenz am 22. d. MtS. an Lungenletden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 26. März, nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- balle des Elisabelh-KirchhofeS in Pankow, Wollankflraßc, aus statt. Rege Betettiginig erwartet Die Ortsverwaltung. Hierdurch die traurige Nachricht, I daß unser lieber Sohn, Bruder | und Schwager Paul Grasse im Atter Von 2t Jahren am 23. März früh morgens nach kurzen, sckrwren Krankenlager plötzlich BC'i.orbrt ist. 8406* Die zeigen Nrs betrübt an Die trauernde:. Lttorn, Brüder und Sobwägerin nrbst Braut. Die Beerdigung s::det am Sonntag. den 26. März, nach- mittags 3 Ubr, von der Leicht-,- halle deS Rummelsburger Gemeinde- FriedhoseS, Lückstraße, auS statt. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Mit- leilung, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, Sohn und Bruder, der Mechaniker Wilhelm Schulz am 23. d. MtS. nach lange», schweren Leiden entschlafen ist. vi« trauernden Hinterbliebenen. Liebenwalber Str. 22. Die Beerdigung findet am 27. aus statt. 853b Arbeitsnattiweis: Hof I. Amt 3. 1239. Berwaltniigsstelle Berlin. Hanptdurean: Charitsstrafie 3. Hos HI. Ann 3. 1987. Montag, den 27. März 1911, abends S'/z Uhr: Branchen-Versammlung der£issn» und Metall-Former und Berufsgenoffen im Gewerkschaftshanse, Engelufer 15. TageS-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Abrechnung vom ForincrsondS. 8. Neuwahl d-S Kassierers und der Revisoren. 4. Branchenangeicgenheiten. — Mitgliedsbuch legitimiert.■ Zahlreicher und pünlllicher Besuch wird envartct. Montag, den 27. März 1911, abends 9 Uhr: Bezirks-Versammlung sämtlicher im 19. Bezirk beschäftigten Arbeiter u. Zlrbeiterinnen im Lokal von Obiglo, Schwedter Straße 23. Tagcs-Ordnung: 1. Bortrag de? Kollegen Bokei-t Bahn:.Märzstürm e� 2. Lezirksangelcgenheiten. 3. Verschiedenes. Die Vertrauensleute werden ersucht, für einen recht guten Besuch Zorge zu tragen. Im übrigen ist es Pflicht eines jeden Kollegen und jeder Kollegin, in dieser Versammlung zu erscheinen.— Die Kollegen folgender Firmen sind ganz besonders eingeladen: Aiebele 4 Bachmann, Biehl, Cutmann, Eburinwerke, Kiesewetter, Langhans, Mewes, Kotlock& Co, Schneider-Ehrhardt, Adam Schneider, F. F. A. Schulze und Wilke. Montag, den 27. März 1911, abends S Uhr: bbüs Versammlung aller in den Qeidsvkrankkakrilten beschäftigten Kollegen In Frankes Festsälen, Badstraße 19. TageS-Ordnung: Bericht über die Verhandlungen mit den Arbeit- gebern über den Tarif der Geldschrankschlosscr. In Anbcttacht der äußerst wlchllgen TageS-Ordnung ist dab Erscheinen aller Kollegen dringend notwendig. U4/S ______ Ple Ortaverwaltnng. Achtung, Hausfrauen! Der beste Belasc für den Frühstücksund Abendtisch ist Hausschlachte-Landleberwurst mit der Schutzmarke UoroliiiÄ O« Ij« Hausschlachte-Fleischwurst mit der Schutzmarke Berollnis C. Ii. Nor dam, echt, wenn Jede Warnt mit der Schutzmarke „Berolina C. 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Die jllnltiiche Sprechstunde findet Linden st raste 69, dorn dier Treppen Fahrstuhl—, loochenläglich von i'ä bis IVi Uhr abends, Sonnabends von ih? bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Bricflastcn bestimmten«nsrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort Wird nicht erteil«. EUige»ragen trage mau in der Sprechstunde vor. F. O. 2t. 1. Aus Nachweis oder Empfehlung von Vermittclungs- instituten können wir uns grundsätzlich nicht einlassen. 2. Bestimmte Blätter, welche Hcfür erfolgversprechend wären, vermögen wir nicht anzu- geben.— M. B. 86. Zu erfahren beim Turnverein Fichte, R. Schröder, «erlin. Kopvenstr. 24.— P. C. 36. Autzer den städtifch-n, Zkreis- und Gemeindesparkassen sind uns solche nicht bekannt.— Zimmerer 13. Für den durch Unsall iuvalid(dienswnjähig) gewordenen Kameraden... M. Y. Biesenthalerstr. Das Recht steht der Armendirekiion zu. Ein vorzeitiger Verlaus der Sachen ist zulässig.— V. B. 06. Anmelden beim Magistrat.— M. 3. 1870. 1. und 2. Nein. R. T. 166. Nein.— G. H. 27. Ja.— Tora 26. DaS Weihnachts. geschenk kann vom Lohn gekürzt werden, das Mietsgeld nicht mehr. — M. I. ta. Die Frage läßt sich erst beantworten nach Kenntnis der Tatsachen, aus denen der Prozeß entstanden ist.— M. SS. 88. Nein. — A. SS. 10. Kann nur vom Fachmann abgeholfen werden.— F. G. 1886. Derartige Abhandlungen sind im Rahmen des Brief- kastens unmöglich. Einschlägige Broschüren zum Studium dieser Fragen können Sie durch unsere Buchhandlung beziehen.— X. U. Z. Nein. — H. N. 31 und Rcichstagswahl 1611. Seit 1903 bis 7 Uhr abends ausgedehnt.— 61. Nt. 166. Uns ist ein derartiges Klublokal leider nicht bekannt.— W. P. 22. Kairo oder auch Kahira.— Hansen. Arbeiter- Athleten-Bund, Wilh. Gahrmann. Berlin 0. 112, Liebigstr. 141.— Haserich. Dampskessel-Revisions-V-rein Berlin, Lessingstr. 34.— M. G. 606. Derartige Ratschläge müssen wir dem Fachmann, also dem Arzt, überlassen.— NogajSki. Wenden Sie sich an Herrn Eduard Fuchs. Zehlendors, Karl« strage 14.— 91.(g. B. Meldung beim Justizministerium.— 3enkbeil. Beide Ausdrücke find gebräuchlich.— R. 24. Ueber die Lcistungs- sähigkeit dieser Versicherung ist uns nichts Näheres bekannt.— I. B. 1866. Unsererseits keine Verwertung. Vielleicht ist aber der Redaktion des Blattes selbst damit gedient.— H. 32. Ihre Frage ist uns wirklich unverständlich.— Vt. B. 3. 333. Nein. — 31. B. 7. Charito, Schumannstr. 2t. Montag und Freitag von 4 bis 6 Uhr.— 9S. D. 29. In den angesührten Orten nicht. Für Berlin er« halten Sie Auskunst im Bureau der Deputation für städtische Fachschulen, Spandauer Str. 14/15 III.— 91. W. 32. Darüber gibt Ihnen beste AuSkunst die Berliner Gewerkschastskommission, Berlin. Engeluser 15. — Fr. F. 166. 1. Ersahren Sie in jedem Vcrkehrsbureau. Unter den Linden. 2. Nein. 3. Ja, die Mitglieder sind meist Deutsche. Das Weitere erfahren Sic dort.— N. 506. Darüber ist uns nichts bekannt.— lt. K. 8. 100. Täglich von 5—8 Uhr, Sonnabends von 4>/z—(5 Uhr, Lindenstr. 69, vorn 4 Tr.— I. B. 100. Markthallendeputation. Berlin, Neue Friedrichstr. 35.— Strausberg.„Fachzeitung für Ztvilmusiker*, Berlin N. 31, Stralsund er Str. 36.— C. R. 84. Eine Abhandlung über eine.-räche, die wir in unserem Blatte gebracht haben, können wir un- möglich im Briefkasten wiederholen.— Z. 168. Ist nicht zu emvschlen. — O. 8. 3. Eltern oder Geschwister zur Hülste, ausgenommen sämtlich« Haushaltungsgegenstände, die der überlebende Teil behält.— M. 3. 83« Die im Testament übergangenen Kinder sowohl als auch die Ehesrau haben Anspruch aus die Hülste des gesetzlichen Erbtells als Pjlichtteil. 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Spätere Mdsterstellung nicht au5» geschlossen. Benno Schilde,""S"" Bad Uersfeld(H. N.). Berantwortlicher Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Zür Lnftratenteil ocrantvz..: Th. Glocke, Beclin. Drucktt-V-rlag: Vorvsrtz BuKdruÄerei u. Verlagsanstalt Uaisl Singer u< Co.. SerlmSÄ» gfilapf i>cs Jutiparlo"■ Iroip fit Slßk», SBkn, illfUfii.--»»« parte!-Hngelccfcnbcitem Hohtn-Schönhausen. Am Sonntag, den 26. d. M., morgens 7Vz Uhr: Flugblattverbreitung vom Lokale des Genossen Reyher. Berliner Str. 93, aus.— Nachmittags l'/z Uhr im selben Lokale: Oeffentliche Versammlung. Daselbst Vortrag des Genossen Joh. Rein:„Was fordern und vertreten Sozialdemokraten im Gemeinde- rat?" Diese Versammlung macht sich nötig für die am Montag. den 27. d. M., von 5— 6'/z Uhr stattfindende Ersatzwahl zum Gemeinderat. lWahllokal Rob. Schulze, Hauptstr. 9.) Berliner Parteigenossen, welche mit hiesigen Gemeindewählern zusammen arbeiten, werden ersucht, auf dieselben einzuwirken. Mühlcnbeck.r famosen Erklärung stehen folgende Sätze: „Nach Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse bin ich zu der Uebcrzcugung gekommen, daß die seitens der Kgl. Polizeibehörden von G r o ß- B e r l i n für die gewerbsmäßigen Stellenvermittler zum 1. 19. 1919 festgesetzten Gebührentaxcn den allge- meinen wirtschaftlichen Interessen der Arbeitgeber wie Arbeit- nehmer in keiner Weise entsprechen. Dadurch, daß eS den Stellenvermittlern durch eine zu niedrig festgesetzte H ö ch st t a x e unmöglich gemacht worden ist, den zu stellenden Wünschen und Anforderungen nachzukommen, haben beide Teile gegen ihren Willen zu leiden. ES ist mir auch ein dringendes Bedürfnis, bei Inanspruchnahme eineS Stellenvermitilers diesen meinen Anforderungen entsprechend zu entschädigen, daß seine Existenz gefestigt bleibt und insbesondere, da die gewerbsmäßige Stellen- Vermittlung für mich durchaus nicht zu entbehren ,st." Sodann muß der arme, mit sanftem Druck zur Unterschrift Gedrängte noch ausdrücklich sein Einverständnis mit den von den Stellenvermittlern geforderten Sätzen bekunden. Und diese Forde- rungen sind nicht allzu bescheiden: 19 M. für städtisches Ge- finde und Hauspcrsonal jeder Art, 3 Mark für Aushilfen Im Haushalt, 12— 15 M. für Saisonstelleu im Gastwirtsge- werbe, 39 Mark für landwirtschaftliche Dienst- mädcherc, 15 M. für landwirtschaftliches männliches Gesinde, 6— 7 M. für ungelernt e gewerbliche Arbeiter, 39 und 49 M. für eine Amme usw. Diese Taxen, so heißt es am Schluß,„er- kenne ich als bescheiden und vollauf berechtigt an".— Das Manöver ist zu durchsichtig, das Mittel allzu plump, als daß cS den gewünschten Eindruck hervorrufen könnte. Wir er- warte» aus das bestimmteste, daß den durch Zwang erlangten Unter- i Christen derjenigen, die hier angeblich selbst um eine höhere Be- teuerung ihrer Arbeitskraft nachsuchen, keinerlei Beachtung bei- gemessen wird. Der Magistat und der Etat. Der Magistrat hat in seiner gestrigen Sitzung den Etatsbeschlüfien der Stadtverordneten-Ver- iammlung zugestimmt. Der Magistrat behält sich aber vor, falls die Lustvarkeilssteuer abgelehnt wird oder nicht zur Erhebung kommt, die erforderlichen Mittel durch einen Nachttagsetat zu fordern._ Ter gefährdete Berliner Jahrmarkt. Der Magistrat will bekanntlich die Weihnachts- und Jahr- markte, die schon seit Jahren in die entferntesten Außenbezirke der Stadt verbannt sind, ganz abschaffen. Es mag sein, daß Jahr- markte für die Großstadt nicht mehr zeitgemäß und für die groß- städtische Bevölkerung nicht gerade notwendig sind. Aber das ist noch lange kein Grund, die Reste einer früheren Wirtschaftsperiode durch behördliche Verordnung zu beseitigen. Hat man doch gerade im gegenwärtigen Augenblick Gelegenheit zu sehen, daß der Ber- liner Jahrmarkt immer noch lebhaften Zuspruch findet. Zu Tau- senden drängt sich das Publikum namentlich gegen Abend in den Budenreihen. Daß dabei die Händler ein Geschäft machen, sei es auch noch so bescheiden, beweist der Umstand, daß sie immer wieder- kehren. Diese kleinsten Geschäftsleute würden schtver geschädigt werden, wenn man ihnen die Erwerbsmöglichkeit nimmt. Sie treten deshalb ganz entschieden für die Beibehaltung der Weih- nachts- und Jahrmärkte ein.— Diesem Zweck diente eine vom Zentralvcrband der freien Händler und Hausierer einberufene Protestversammlung, die am Donnerstag in Kellers Saal tagte und sehr zahlreich besucht war. Der Referent Brendel bezeichnete die vom Magistrat angefiihrten Gründe: Störung des Straßenver- kehrs und Beschädigung der gärtnerischen Anlagen durch die Markt- besucher als unzutreffend und verwies auf Charlottenburg, wo der Jahrmarkt gerade in einer sehr verkehrsreichen Gegend abgehalten wird, ohne daß die geringste Störung des Verkehrs vorkomme. Die Aufhebung der Berliner Märkte würde ein schwerer Eingriff in die Existenz von 15—18 999 Personen sein.— Ferner wandte sich der Referent dagegen, daß in einigen Vororten die Woibenmarktplätze an einen Generalpächter vergeben werden, der durch Weiterver- Pachtung an die Händler zu deren Nachteil erhebliche Gewinne ein- steckt.— Nach längerer Diskussion, in der sich auch Stadtverordneter Waldeck Manasse im Sinne der Händler aussprach, wurde eine Rc- svlution angenommen, in der es heißt: Die Versammlung bedauert aufs tiefste, daß der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung die Aushekmng der Weihnachts- und Jahrmärkte empfiehlt. Sie erhebt schärfsten Protest gegen den Versuch, Tausende kleiner Existenzen zu vernichten, sie ist fest ent- schlössen, mit allen gesetzlichen Mitteln für die Erhaltung der Existenz ihrer Berufsgenossen zu kämpfen und bittet die Stadt- vcrordiiekenversammlung, der Aushebung der Weihnachts- und Jahrmärkte nicht zuzustimmen. Eine zweite Resolution beauftragt die Verbandsleitung, Schritte für die Beseitigung des Generalpachtsystems zu tun. Aus der Gewerbebeputation. Ein Barbier G. aus der Adalbertstroße führte gegen den Vor- stand der hiesigen Barbier-, Friseur- und Perückenmacherinnung Beschwerde, weil ihn dieser wegen Uebertretung von Jnnungs- beschlüssen in eine Ordnungsstrafe von 5 M. genommen hatte. G. hatte, entgegen einein Jnnungsbeschluß, wonach die Läden Wochen« tagabends um 9 Ilhr zu schließen sind, Kunden weit über diese Zeit hinaus bedient, sich auch nicht ordnungsmäßig an die Bestimmungen über den Sonntagsladenschluß gehalten. Als festgestellt wurde weiter erachtet, daß auch ein bei ihm beschäftigter Lehrling unter dieser lleberschreitung der Arbeitszeit bis in die späte Nachtzeit und in die späten Sonntagsnachmittagsstunden, zu leiden hatte. Die gegen G. vom Jnnungsvorstand verhängte Ordnungsstrafe wurde daher, weil mit Recht erfolgt, bestätigt. Zwei Friseurgehilsci, führten Beschwerde über den Arbeits- nachtveis der Barbier-, Friseur- und Perückenmacherinnung. Ihnen war die Stellenvermittelung verweigert worden, weil sie einen Jnnungslehrbricf und ein Jnnungskontraktbuch nicht aufzuweisen vermochten. Der Obermeister genannter Innung. Herr Leopold, der gleich- zeitig auch Mitglied der Gewerbedeputation ist, machte erzieherische Gründe für die Berechtigung dieser echt innungSkrauterlichen Maß- nähme geltend und schimpfte insbesondere ans die aus Oesterreich kommenden Gehilfen, die keinen Sinn für Ordnung zeigten. Die gehaltene Philippika gab den Magistratsvertretern Veranlassung, den Herrn Obermeister dahin aufzuklären, daß er in der Deputation nicht als Obermeister seiner Innung und als Verteidiger derselben sitze, sondern als Mitglied der Gewerbedeputation. Denn bei der Art, so führte ein Magistratsvertreter treffend aus, wie der Ober- meister durch seine Rede seine Stellung als Mitglied der Deputation anscheinend auffasse, müsse die ordmingS- und rechtmäßige Ent- scheidung der Beschwerden Schaden leiden, und zlvar deshalb, weil die angegriffenen und nicht anwesenden Beschwerdeführer nicht in der Lage ivaren, sich auf die gegen sie erhobenen Anschuldigungen verteidigen zu können. In der Sack)« selbst wurde dahin entschieden, daß der Arbeits- nachtveis der Innung kein Recht habe, einem Gehilfen wegen Fehlens des Jnnungslehrbriefes und des Jnnungskontraktbuches die Aufnahme der Meldung in die Liste des Nachweises zu verweigern. Es müsse für den Nachtveis genügend sein der Beweis einer ord- nungsmäßig durchgmachten Lehrzeit und die vorherige Beschäfti- gung bei einem Jnnungsmeister. Wie bereits früher mitgeteilt, planen die beiden hiesigen Bäckerinnungen„Germania" und„Concordia" die Errichtung einer Zwangsinnung. Die Deputation hatte früher Bedenken, nicht gegen die Errichtung der Zwangsinnung an sich, weil sie daraus einen gesetzlichen Einspruch nicht besitzt, sondern wegen der zweifelhasten Rechtsverhältnisse der Vermögenslage beider Innungen, ins- besondere der Innung„Concordia" an dem Grundstück Andreas- straße 64.(Vergleiche den Bericht deS„Vorwärts" in Nr. 254 vom 29. Oktober 4919.) Es wurde zur Kenntnis genommen, daß der Obermeister der Bäckerinnung„Concordia" seine seinerzeitige Auf- sassung, das genannte Haus gehöre nicht der Innung, sondern den Anteilsscheininhabern, inzwischen revidiert und seinen entgegen- gesetzten Antrag zurückgezogen hatte. Mit dem Beschluß der Depu- tation, den Aittrag der beiden Innungen auf Errichtung einer Zwangsinnung nunmehr dem Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg zur weiteren Veranlassung zu überweisen, fand die Angelegenheit ihre Erledigung. Hervorgehoben muh werden, daß die Deputation auch jetzt noch nicht imstande lvar, sich ein ganz klares Bild über die Vermögenslage beider Innungen zu machen. Den letzten Punkt der Tagesordnung bildete ein Antrag der yiesigen Schuhmacher-ZtvangSinnung. der dahin ging, nach§ 95 der Gewerbeordnung die verweigerte Zustimmung des Gesellenaus- schusses zu einem Beschlüsse der JnnungSversammlung durch die Aussichtsbehörde, die Gewerbedeputation, zu ergänzen. Die Schuh- macherinnung, cm deren Spitze der Obermeister Bierbach steht, hat seit langem den Wunsch, den angeblich ungerechten Einfluß, den die Arbeiterschaft dieses Gewerbes auf die Kassenverwaltung der bestehenden Junungskrankenkasse ausüben soll, zu brechen. Man darf behaupten, daß dieser Wunsch unter Führung des Obermeisters nur von einer gewissen Clique ausgeht; die meister Mitglieder der Schuhmacherinnunjj denken nicht daran, in den jetzigen Verhältnissen eine Aenderung eintreten zu lassen. Um zu diesem gewünschten Ziele zu gelangen, faßte die Generalversammlung der Innung den Beschluß, daß sie von dem Recht des K 99 der Gewerbeordnung Gebrauch machen wolle, der den Innungen das Recht gibt, daß ihre Mitglieder die Hälfte der Krankenkassenbeiträge leisten und damit die Hälfte der Mitglieder des Vorstandes und der Generalversainmlung der Jniiungskranken- lasse zu stellen haben. Der Zweck dieses Wunsches ist offensichtlich: es soll die Macht der Gesellenschaft in der Kasse gebrochen werden. Die Zustimmung zu dieser Statutenänderung hatte der Gesellen- ausschuß verweigert. Die Juristen des Magistrats vertraten die Auffassung, daß dem Antrage der Schuhmachcrinnung beigetreten werden müsse und die verweigerte Zustimmung des Gesellenaus- schusses zu„ergänzen" sei. Dem wurde unsererseits auf das lebhafteste widersprochen rnttf geltend gemacht, daß es sich hier lediglich um eine Aenderung deS Kassenstatuts der Jnnungskrankenkasse handele, die allein Sache der Generalversammlung der Kasse selbst, und nicht Ausgabe der Generalversammlung der JnnungSversammlung sei. Sonst, so führte unser Redner aus, könnte der im Jahre 1996 erfolgte Erlaß Des Ministers für Handel und Gewerbe keinen Sinn haben, der den Jnnungskrankenkassen ausdrücklich das Recht des§ 36 des Krankenversicherungsgesetzes verleiht, wonach über Abänderungen des Nebenstatuts bei Jnnnngskrankenkassen nur die Generalvcrsamm» lung der Kasse entscheiden soll. Diese Auffassung wurde schließlich auch von den Magistratsvertretern nicht bestritten, aber, so meinten sie, dies käme zunächst nicht in Frage, sondern es handle sich um dir Entscheidung über den§ 99 der Gewerbeordnung. Im Prinzist könne der Gesellenausschuß seine Zustimmung zu dieser Aenderung nicht verweigern; ob die Generalversammlung der Jnnungskassen- Vertreter späterhin die Aenderung der Statuten verweigert, könne dahingestellt bleiben. Diese, die Wirkung auf die Praxis völlig außer acht lassen.de juristische Tüftelei fand bei der Mehrheit der Deputation Zustimmung. Die verweigerte Zustimmung wurde mit allen gegen zwei Stimmen„ergänzt". Daß damit aufs neue be- wiesen wurde, die Gcsellenausschüsse sind nur Dekorationen, wenn sie nicht nach dem Willen der Jnnungsmeister tanzen, schien keinem der übrigen Mitglieder der Deputation., die dafür stimmten, in den Sinn zu kommen. Hoffentlich wird der Gesellenausschuß von dem Recht der weiteren Beschwerde an den Oberpräsidenken Gebrauch» machen._ Zu dem Mord in der Boyensttaße ist es lvlchtig, daß etwa 15 bis 18 Personen sich bei der Kriminalpolizei melden. ES sind daS Leute, die gleich nach der Entdeckung deS Mordes die Wohnung der Frau Schramm betreten haben. Als der Klavierspieler Lehmann nach Hause kam und seine Geliebte tot auffand, lief er gleich nach dem Hof und nach der Straße, um die Polizei zu holen, und rief: Hilfe, Hilfe, meine Braut ist ermordet I Daraufhm kamen nicht nur Leute ans dem Hause, sondern auch 15 bis 18 Personen, darunter 5 bis 6 Männer von der Straße herein und sahen sich die Leiche an. Einige von ihnen haben wahrscheinlich auch die Leiche berührt, sie bielleicht sogar in eine andere Lage gebracht. Sie haben auch Sachen angerührt, z. B. den H»t der Ermordeten, der, als Lehmann das Ziinmer betrat, neben der Kommode, später aber auf dem Bette lag. Alle diese Leute sollten sich unverzüglich bei der Kriminal- Polizei melden, weil doch der elne oder der andere vielleicht etwas mitteilen kann, was zur Aufklärung des Verbrechens dienen könnt«. ES kann hier auch die scheinbar geringste Kleinigkeit sehr wichtig sein. In der Hoffmannschen Mordsache ist eine neue bemerkenswerte Mitteilung zu machen. Sie lautet für den unter dem Verdacht der Täterschaft verhasteten Krankenpfleger Griehl nicht günstig. Schon während der Sattler Mielke noch in Haft war. wurde der Gastwirt ermittelt, von dem aus das bekannte Telephongespräch mit dem Schlächtermeister in der Blumenthalstraße geführt wurde. Es ist das derGastwirtKolotschik aus der Möckernstr. 126. Hier liegt der Fernsprecher auf einem Flur, der die Gasträume mit der Rüche verbindet. Als das Gespräch geführt wurde, befand sich der Wirt in den Gasträumen. seine Frau in der Küche. Die Küchentür am Flur stand auf. Von der Küche auS hörte Frau Kolotschik daS Gespräch seinem Inhalte nach. Mielke wurde seinerzeit dem Wirte gegenübergestellt, Kolotschik erkannte in ihm aber den Mann, der das Gespräch geführt hatte, nicht wieder. Er sagte insbesondere, daß sein Gast, der den Fern» sprecher benutzte, einen Schlapphut getragen habe. Den hat aber Mielke niemals besessen. Gestern vormittag hat nun auch der Untersuchungsrichter den Wirt vernommen und ihn Griehl gegen- übergestellt. Kolotschik erkannte in ihm den Mann wieder, der daS Gespräch geführt hat. Er glaubt sich darin nicht zu irren. An welchem Tage das Gespräch geführt worden ist, weiß er natürlich nicht. Es kann sich aber nur um ein Gespräch handeln. Ein schwerer Unfall ereignete sich am gestrigen Freitag auf dem Flugplatz Johannisthal. Der 38 jährige Zimmermann Max Koch aus Johannisthal, der an dem Dach der Haupttribüne einige Arbeiten ausführte, stürzte infolge eines Fehltritts aus acht Meter Höhe herab und blieb schwerverletzt liegen. K. wurde im Auto- mobil nach dem Britzer Kreiskrankenhaus geschafft, wo der Arzt eine Verletzung der Wirbelsäule und innere Verletzungen feststellte. BettiedSstörung im Sttaßenbahnvcrkehr. Infolge eines Schalter« defektes in der Hauptzcnttale„Süd-Ufer" wurden mehrere Speisepunkte der Unterstation„Süd-Ufer" stromlos, so daß die nach Tegel fahrenden Straßenbahnlinien gestern früh während der Zeit von 6,25—6.49 Uhr Anfemhalt hatten. Auch in der Unterstation„Königin- Augnsta-Straße" wurden infolge des Defektes in der Zenttale„Süd- Ufer" eine ganze Reihe von Speisepunklen stromlos, so daß in der Zeit von 6.25—6,59 morgens eine Betriebsstörung eintrat, die sich auf den Hasenptatz, Dennewitzstraße, Potsdamer Sttatze, Kurfürsten- straße, Nollendorfplotz, Hohenstauffenstraße. Wichmannsttaße, Fehr« Dellinet und Lützow-Platz erstreckte. Einen Zyklus über Gesangskunst veranstaltet Herr Dr. Guttmami auf Veranlassung des Berliner BolkschorS. Am 23. März fand der Einführungsabend im Gewerkschaftshause statt, der sich eines guten Besuche« erfreute. Großes Interesse erweckte eine grammophonische Darbietung mit einem elektrisch betriebenen modernen Apparat, an der der Referent seine Darlegungen demonstrierte. Berliner Adrehbuch. Der Nachtrag zum Adreßbuch 1911 er- scheint Mitte April und wird an alle Abnehmer der Hauptausgabe unentgeltlich verabfolgt. Zum Zwecke der Erreichung größter Ge- nauigkeit und Vollständigkeit werden alle Beteiligten dringend gc- beten, Anmeldungen für den Nachtrag möglichst umgehend, spätestens bis zum 3. April, der Redaktion des Adreßbuches, Zimmerstr. 36/41, zugehen zu lassen. Insbesondere beliebe man. bis zu diesem Tage Mitteilung zu machen von Gcschäftseröff- nungen und-Verlegungen, von Wohnungs- und Grunobesitzver- änderungen, die seit Erscheinen des Buches stattgefunden haben und noch nicht berücksichtigt sind oder zu einem jetzt schon feststehen- den Zeitpunkt im laufenden Jahre stattfinden werden. Der MSnnerchor Fichtc-Georginia 1879 veranstaltet am Sonn- tag, den 26. März, in Kellers Neue Philharmonie. Köpnickerstt. 96/97, «in Konzert, bei dem daS Berliner Sinfonie-Orchesier(Dr. Maximilian Fischer) und andere Kräfte mitwirken. Anfang 6>/s Uhr. In der Frauenversammlung am Sonntag bei Ballschmieder ist eine kurze, braune Pelzboa abHunden gekommen. Der ehrliche Finder wird um Abgabe bei Gabbert, Brunnenstr. 194, gebeten. Vorort- l�admcbtern Rixdorf. Im Kampf um die arbeitende Jugend! Die Stadt Rixdorf beschäftigt einen Lehrer Falk, sietz an der Gemeindcschule in der Erkstraße angestellt ist und im Neben. amt auch an der Fortbildungsschule in der Erkstraße unter» richtet. In seinen Mußestunden dient dieser Pädagoge einem bürgerlichen Jugendklub, als dessen Vorsitzender er sich be. tätigt. Es muß von vornherein nachdenklich stimmen, daß ausge. rechnet ein Fortbildungsschullehrer einen derartigen Verein leitet. Nur zu leicht stellt da die Versuchung sich ein, die Agitation für de» Jugendklub in die Fortbildungsschule hineinzutragen, Man sagt un?, kaF Derr Falk, ker Fugen8lluKö1:sißen?e M? �ortbildungsschullehrer, dieser Versuchung tatsächlich nicht zu wider- stehen vermocht habe. Vor längerer Zeit schon soll er in der Fortbildungsschule direkt auf den Jugendklub aufmerksam gemacht haben, sodaß Schüler das als eine Auf- forderung zum Eintritt empfanden. Wenn das zutrifft, so wird die Schulverwaltung der Stadt Rixdorf den Fortbildungsschullehrer Falk die Wiederholung solcher Hinweise zu verbieten haben. Die Empfehlung seines Jugendklubs gehört nicht in die Fort- bildungsschule hinein, das muß Herrn Falk, dem Jugendklubvor- sitzenden, mit aller Deutlichkeit gesagt werden. Aber auch außerhalb der Schule sollte ein Lehrer die Vorsicht üben, gerade gegenüber seinen eigenen Schülern jede Agitation zu vermeiden. Herrn Falks Tätigkeit im Dienste seines Jugendklubs findet ihre folgerichtige Ergänzung darin, daß er die Veranstaltungen der nicht zu seiner Partei haltenden Arbeiterschaft, den Nachwuchs des arbeitenden Volkes aufzuklären, mit Mißtrauen und Besorgnis be- obachtet. Kürzlich erzählte er im Fortbildungsschulunterricht einem Schüler Sch., daß er, der Lehrer Falk, öfters durch die„Ideal- Passage" gehe, wo das Jugendheim der Rixdorfer Ar- beiterschaft untergebracht ist, und daß er hierbei ihn, den Schüler Sch., unter den Besuchern des Heims bemerkt habe. Im Anschluß daran warf er diesem Schüler vor, daß der sich dort be- sonders laut benommen habe, und zugleich fragte er ihn, wer denn im Heim verkehre. Herr Falk wird sicherlich der Mei- nung gewesen sein, daß das alles noch innerhalb der Grenzen seiner pflichigemäßen Pädagogentätigkeit liege. Sch. aber empfand die ganze Erörterung als ungehörig, weil sie ihm in keinem Zusammen- hang mit dem Zweck des Fortbildungsschulunterrichts zu stehen und über die Befugnisse eines Fortbildungsschullehrers hinauszugehen schien. Wie sehr die in der Tat höchst unnötige Hineinziehung solcher Dinge geeignet ist, die Schüler zu provozieren und auch sie zu Ungehörigkeiten zu verleiten, darüber wurde Herr Falk so- gleich belehrt. Noch während er Sch. in dieser Weise ausfragte, sah er, daß ein in der Nähe sitzender Schüler B. die„Arbeiter-Jugend" aus der Tasche zog. Herr Falk forderte ihm das Blatt ab, der Schüler aber weigerte sich, es herauszugeben. Da machte Sch., ge- reizt durch das mit ihm angestellte Verhör über das Jugendheim, zu seinem Mitschüler B. die Bemerkung:„Gib doch die„Ar- veiter-Jugend" hin, die st eckt ja nicht weiter a n." Im nächsten Augenblick verabreichte Lehrer Falk dem Schüler Sch. ein paar schallende Ohrfeigen. Das formelle Recht dazu kann ihm nicht bestritten werden, da ja in den Pflichtfortbildungsschulen den Lehrern die Anwendung aller Zuchtmittel erlaubt ist, die die Volks- schule gegen ihre Schüler anwenden darf. Wenn aber Herr Falk annimmt, daß er durch sein Vorgehen den Erfolg der Fortbildungs- schule fördert, so sollte die Schulverwaltung der Stadt Rixdorf ihm einmal klar machen, wie sehr er da irrt. Fortbildungsschullehrer, die derartige Dinge in die Schule hineintragen, sollten aufs nach- drücklichste darauf hingewiesen werden, daß dabei die Schule nicht gewinnt. Nur zu leicht kommt es da zu Zusammen- stößen, durch die das Verhältnis der Lehrer zu ihren Schülern wahr- lich nicht gebessert wird. Durch den Auftritt mit dem Schüler Sch. hat Herr Falk— das ist das einzig Erfreuliche an der ganzen Sache— seiner Agitation für den von ihm geleiteten Jugendklub einen sehr schlechten Dienst erwiesen. Die richtigste Antwort, die seine Schüler ihm geben können, ist die, daß sie um so häufiger das Arbeiter-Jugendheim besuchen und um so efriger die„Arbeiter-Jugend" lesen und für sie werben. Herr Falk hat als Fortbildungsschullehrer nicht die Macht, ihnen das zu verbieten, und durch seine„Jdealpassagen"-Spazier- gänge, bei denen er seine Beobachtungen macht, braucht keiner sich schrecken zu lassen. Unbeirrt durch solche Fortbildungsschullehrer sollten die jugendlichen Arbeiter nur um so enger auch an die klassenbewußte Arbeiterschaft sich anschließen. in deren Organisationen sie einmal den Kampf um die Befreiung der Arbeit mitzukämpfen haben. Den Nachwuchs der Arbeiterklasse an der frühzeitigen Er- kenntnis der eigenen Klasseninteressen zu hindern, das dürfte den Feinden des arbeitenden Volkes als Hauptzweck der„staatsbürger- lichen Erziehung" gelten, die jetzt ,n Preußen den Pslichtfort- bildungsschulen in dem soeben an das Abgeordnetenhaus gelangten Gesetzentwurf als eine ihrer Aufgaben zugewiesen wird. Unter- liegen kann in diesem Kampf um die Jugend nurdie Fort- bildungsschule. Treptotv-Baumschulenweg. Eine moralische Ohrfeige für die WahlrechtSräuber. In der gestrigen Gemeindevertretersitzung wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, die Selbständigkeit Treptows aufrecht- zuerhalten und weitere Verhandlungrn bezüglich einer Ein- gemeindung zu vertagen. Damit sind alle Machinationen der Rixdorfer Wahlrechtsräuber und sonstigen Schieber zu Nichte gemacht worden. Die einmütige Haltung der Bürger- schaft unter Fühmng der Sozialdemokratie hat auch hier zum Erfolge geführt. Schöneberg. StraßenreinigungSbepot für Automobile. Seit dem Jahre 1908 ist in Schöneberg die von den städtischen Körperschaften beschlossene Uebernahme der Straßemeinigung in eigene Regie energischgefördert worden. Die Verwaltung hat ins Auge gefaßt, statt des Pferde- Getriebes überall Automobilbetrieb einzuführen, und es werden dem- entsprechend Mitte des kommenden Sommers schon zwölf elektrische Waschautomobile in Tätigkeit sein, so daß im kommenden Jahre durch Einstellung zweier weiterer Automobile sämtliche mit Pferden bespannte Wa schivagen außer Betrieb gesetzt sein werden. Bis zum Jahre 1912 sollen ferner die mit Pferden bespannten Straßenkehr- Maschinen, Abfuhrwagen und Sprengwagen sämtlich durch auto- mobile Fahrzeuge ersetzt werden. Zur Unterbringung dieser Fahr- zeuge ist auf Antra., der Stratzenreinigungsdeputation nunmehr die Errichtung eines Straßenreinigungsdepots in der Maxstraße beschlossen worden, welches zur Aufnahme von zunächst 50. später- hin 70 automobilen Fahrzeugen geeignet ist. Das Depot wird aus einem Vordergebäude bestehen, welches die.Dienst-, Betriebs- und Wohnräume für Beamte enthält und an den drei übrigen Seiten durch Wagenhallen umschlossen werden, welche nach dem Bei- fpieldes Berliner Zentral-StraßenreinigungS- d e p o t s in Eisenbeton und ohne Zwischenstützen erbaut werden sollen. Das Depot enthält insbesondere umfangreiche Aufenthalts-, Wasch- und Baderäume für die städtischen Arbeiter, u. a. 14 Warm- wasser-Brausebäder. Die Baukosten, abgesehen von den Kosten des Grunderwerbs, konnten gegenüber dem ursprünglichen Vor- anschlag von 190 000 M. auf rund 102 000 M. herabgejetzt werden. Die Befürchtungen, daß die Kosten der Straßenreinigung bei Ein- führung des automobilen Betriebes sich steigern würden, sind bis- her nicht eingetreten; im Gegenteil, es sind nennenswerte Minder» ausgaben zu verzeichnen gewesen. Auf tragische Weise ist am Donnerstag das 21 jährige Kinder- fräulein Martha Belter, die bei dem Kaufmann Weise in der Kranerstr. ö4 bedienstet war, ums Leben gekommen. Die B, fuhr am Nachmittag in einem Kinderwagen ein ihr anvertrautes vier Monate altes Kind in der Rubenstraße auf dem Fahrdamm spazieren. Als sie einen vor ihr fahrenden Kinderwagen überholen wollte und dabei nach der Mitte der Straße zulenkte, sah sie nur wenige Schritte von sich eine zweispännige Equipage in voller Fahrt herannahen. Ein Zusammenstoß schien unvermeidlich, da der Kutscher die Pferde auf die kurze Entfernung hin, trotz größter Anstrengung nicht mehr zum Halten bringen konnte. Fräulein B. warf sich den Tieren entgegen und vermochte sie mit Aufgebot aller Kräfte nach der linken Seite hinüberdrängen, so daß das Gefährt den Kinderwagen nur leicht streifte. Das tapfere junge Mädchen wurde von dem aufbäumenden Gespann jedoch zu Boden gerissen, so daß die Hufe der Tiere und die Wagen- räder über ihren Körper hinweggingen. Mehrere Passanten hoben das Mädchen, das aus einer Kopfwunde stark blutete, in die Equipage und schafften es nach dem Schöneberger Krankenhaus; hier verstarb es jedoch kurz nach seiner Einlieferung infolge der schweren inneren Verletzungen, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Groft-Lichterfelde. Die am 29. März stattfindende Wahl zur Gemcinbebertrelung hat bereits eine lebhafte Bewegung unter der Wählerschaft hervor- gerufen. Zuerst ist die Sozialdemokratie auf dem Kampfplatz erschienen, und früher als sonst haben die„nationalen Parteien" mobil gemacht in der nicht unberechtigten Annahme, daß diesmal der Kampf um den freigswordenen Sitz auf dem Rathause ein weit schärferer werden wird als je vorher. Schon seit einer Woche prangt an den Anschlagsäulen der Wahlaufruf, in dem an das „nationale Em p f i n d e n" und noch an einige Dutzend andere patriotische Tugenden sowie an die„Einigkeit" des Bürgertums appelliert wird. Die gesamten bürgerlichen Ortsvereine haben sich in einem Verband zur gemeinsamen Bekämpfung der sozialdemo- kratischen Kandidatur zusammengefunden und sich auf einen ein- zigen Kandidaten geeinigt. Groß-Lichterfelde ist eine von den wenigen Gemeinden Groß--Berlins, in denen bisher noch kein Vertreter der Sozialdemokratie festen Fuß hat fassen können. Daß die besitzende Klasse in Groß-Lichterfelde, darunter in erster Linie die Eigner der Grundrente, alle Veranlassung haben, dem Einzug der Sozialdemokratie ins Rathaus sich mit aller Macht zu widersetzen, erscheint in Anbetracht der besonders aus- geprägten Politik des Eigennutzes dieser Gesellschaft durchaus be- greiflich. Wir haben vor einigen Wochen darauf bingewiesen, daß Groß-Lichterfelde von allen Vororten den Grundbesitz am niedrig st en einschätzt. Heute können wir konstatieren, daß in einem einzigen Bezirk die zu niedrige Einschätzung eine Million beträgt. Das ist schon amtlich zugegeben; wieviel mag diese Mindereinschätzung erst im ganzen Ort und in Wirklichkeit betragen! Sicher ist, daß die Grundbesitzer jährlich Hunderttausende an Steuern verdienen auf Kosten der Allgemeinheit. Da lohnt es sich allerdings, alle Segel aufzusetzen, um auch ferner die Beute in den sicheren Hafen bringen zu können. Das„nationale Empfinden" hat die herrschende Rathauskaste selbst nicht gehindert, von so niedrigen Jahreseinkommen wie 400 und 600 M., das nicht einmal das Existenzminimum darstellt, Ge- meindesteuern zu erheben. Erst im Jahre 1908 hat man von einer Besteuerung des Einkommens unter 6 0 0 M. Abstand genommen. — An einem Strang mit den Grundbesitzern zieht der„Verein der Handwerker", der ebenfalls bestrebt ist, an der kommunalen Futter- raufe nicht zu kurz zu kommen. Er verlangt für seine Mitglieder das Recht auf Gemcindearbeiten, selbstverständlich auch und erst recht für die Gemeindevertrcter selbst. Der Tag der Gemeindcwahl bietet nun die Gelegenheit, Bresche in diesen Wall zu legen, hinter dem bisher ungestört und unkontrolliert die nack- teste Jnteressenpolitik der verschiedenen kapi- talistiichen Gruppen betrieben werden konnte. So- lange die Sozialdemokratie auf dem Rathause keinen Einfluß hat, ist an einen sozialen Fortschritt in der Gemeinde nicht zu denken. Einer der Gcmeindeschöffen hat ja, man möchte fast sagen: mit einer gewissen Befriedigung, die Situation treffend in dem einen Satz skizziert: Für soziale Zwecke haben wir kein Geld übrig!— Aber nicht nur im höchsten Grade unsozial, sondern auch arbeiterfeindlich ist Lichterfelde. Es sei nur an den Versuch erinnert, das Gememdcwahlrecht durch eine andere Einteilung der Wählerklassen noch mehr zu verschlechtern, und an die Tatsache, daß in den Verträgen der Gemeinde mit Privatunternehmern die Streikklausel aufgenommen wird. Des- halb fordern wir die Arbeiterschaft von Groß-Lichterfelde auf, am Tage der Wahl voll ihre Pflicht zu tun und ausnahmslos unserem Kandidaten ihre Stimme zu geben. Die Wahl ist am Mittwoch, den 2 9. März, nachmittag? von 2biS8Uhrin Wolffs Kasino am Viktoriaplatz. Besonders wird darauf aufmerksam ge- macht, so früh wie möglich zur Wahl zu gehen. Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß der Wahlakt um 8 Uhr geschlossen wird. Bisher war es üblich, alle Wähler, welche um 8 Uhr sich im Wahllokal befanden, noch wählen zu lassen. Es besteht nun die Gefahr, daß je nach der Gestaltung des Wahlergebnisses vom Wahlvorsteher Punkt 8 Uhr kein Wähler zur Stimmabgabe mehr zugelassen wird. Diese Maßregel würde sich einzig und allein gegen die Arbeiterschaft richten. Wir lassen daher die dringende Aufforderung an alle Wähler ergehen, sich danach einzurichten und lieber eine halbe Stunde früher die Arbeitsstelle zu verlassen. Dies- mal müssen alle Hindernisse genommen, kein Opfer darf gescheut werden, um der Arbeiterklasse die ihr so nötige und von Rechts wegen zustehende Vertretung im Gemeindeparlament zg erkämpfen. Friedenau. AnS der Gemeindevertretung. Die Beratung des Voranschlags wurde in der letzten Sitzung zu Ende geführt. Während der Er- höhung der Hundesteuer in zweiter Lesung zugestimmt wurde, wurde die Vorlage des Gemeindevorstandes über die Einführung einer Schankkonzessionssteuer, nachdem sie von unserem Genossen Richter und dem Bürgerlichen Schu bekämpft worden war, abgelehnt. Beim Voranschlag des Elektrizitätswerks wies unser Redner auf die schlechte Bezahlung der dort beschäftigten Arbeiter hin und ersuchte, nicht am falschen Platz Sparsamkeit zu üben. Ein Antrag des Ge- meindevorstandes, die Nachtwächter am 1. April durch Anstellung von fünf Polizeisergeanten zu ersetzen, wurde abgelehnt. Beim Voranschlag der Allgemeinen Verwaltung lagen zwei Anträge vor, und zwar vom Schöffen Bache und einer von unseren Genossen. welche die Erhöhung der Bezüge der Gemeindebeamten und Lehrer auf die in Schöneberg üblichen Sätze verlangen. Da den Herrschaften die Behandlung derartiger Fragen in der Oeffentlichkeit immer unangenehm ist, versuchte Herr Wrochem, durch ein paar jesuitische Geschäftsordnungsanträge die Verhandlung der Anträge unmöglich zu machen, was ihm jedoch dank seiner parlamentarischen Unge- schicklichkeit nicht gelang. Bei der von unseren Genossen beantragten namentlichen Abstimmung wurden beide Anträge abgelehnt. Für dieselben stimmten außer unseren Genossen der Gemeindevertreter Hendrich, Bürgermeister Walger und Schöffe Bache. Die Gehalts- sätze bleiben also wie bisher noch unter den gewiß niedrigen Sätzen von Steglitz bestehen. Bei demselben Titel kam Genosse Richter noch einmal auf die von ihm in der borhergehenden Sitzung gerügte Bummelei in der Gemeindeverwaltung zurück. Er fragte an. wie weit die Angelegenheit betr. Verlängerung der Sonntagsruhe ge- diehen sei. Sodann vermißte er noch immer die Vorlage betr. Er- richtung eines Gewerbegerichts. Ueberhaupt wäre es wünschenswert, wenn der Gemeindevorstand den Fragen der allgemeinen Sozial- Politik etwas mehr Verständnis abgewinnen würde. Ferner regte er die Einrichtung von Seefisch-Kochkursen, wie sie Wilmersdorf und Steglitz hat, an. Mit einer Entrüstung, die den, der die Verhält- nisse kennt, lächerlich anmutet, wies der Bürgermeister den Vorwurf der Bummelei zurück; es trat hierbei merklich zutage, wie unan- genehm es ist, immer von den verflixten Sozis an seine Pflichten den Minderbemittelten gegenüber erinnert zu werden. Bei dieser Gelegenheit glaubte auch der als der olle ehrliche Seemann am Orte bekannte Herr Gerken, dem Genossen Richter vorhalten zu müssen, daß er Wahlreden zum Fenster hinaus halte. Beim Titel „Gymnasium" beantragte Genosse Richter, daß der den Schülern der höheren Lehranstalten im Grunewald zur Verfügung stehende Spiel- platz auch für Volksschulkinder freigegeben werde. Der Schöffe Bache machte eine befriedigende Zusage, worauf der Antrag zurückgezogen wurde. � Beim außerordentlichen Etat beantragte Genosse Huhn, daß bei Vergebung von Gemeindearbeiten nur solche Firmen be- rttcksichtigt werden sollen, die die mit den Arbeiterorganisationen vereinbarten Tariflöhne zahlen. Nach einer vortrefflichen Begrün- dung durch den Antragsteller, in der er ganz besonders auf die Schäden der Akkordarbeit hinwies, fand der Antrag Annahme. Zum Schluß stand die Frage, ob 100 oder 110 Proz. Steuerzuschlag er- hoben werden soll, zur Beratung. Auf Vorschlag des Gemeindevor- stggdes wurtze ejne ErWung auf 110 Proz. abgelehnt,- Zehlendorf(Wannseebahn). Die Gepflogenheit, Dinge von weitlüchjendster öffentlicher Bedeutung hinter verschlossenen Türen zu verhandeln, hat unsere Gemeindevertretung in eine recht unangenehme Situation gebracht. Am 17. Januar wurde in nichtöffentlicher Sitzung der Ausbau der höheren Mädchenschule beschlossen. Jetzt sollten in der letzten Sitzung der Gemeindevertretung die Mittel für diesen Ausbau bewilligt werden. Gefordert wurden vom Bauamt zirka 400 000 M. Ter hohen Forderung ist es sckließlich zu danken, daß die Oeffentlichkeit etwas mehr von diesem Projekt erfuhr. Nach der stattgefundenen Aussprache war der Ausbau als Anbau an die jetzt in der Nähe des Hauptbahnhofes liegende Anstalt gedacht, der 180— 250 000 M. kosten sollte. Der gewaltige Unterschied zwischen der damaligen Angabe und der jetzigen Forderung brachte die Vertreter von Zchlendorf-West und Schlachtensee auf den Plan, d-e forderten» da man es nach diesem Voranschlag nicht mehr mit einem Anbau, sondern mit einem völlig neuen Schulbauprojekt zu tun habe, den früheren Beschluß umzustoßen und den Bau der Mädchenschule mit der Lage tn ihrem Ortsteil zu beschließen. Den Entgegnungen des Bürgermeisters und seiner Getreuen, daß heute über den Lagcplan nicht mehr gesprochen werden dürfe, weil derselbe endgültig fest- gelegt sei, traten sie mit dem Argument entgegen, daß in der ein- viertelstündigen Debatte vom 17. Januar nicht genügende Klarheit geschaffen werden konnte. Das wollten aber die Befür- worter nicht gelten lassen. Die schädigende Wirkung dieses Ein- wandes suchten sie mit der Behauptung auszuheben, daß in jener Sitzung eine volle halbe Stunde über dieses Projekt gesprochen worden sei. Kopfschütteln erregte das Auftreten des Herrn Bau« inspcktors Lang, der erst den Herren vom Westen entgegentrat mit der Behauptung, daß in jener Sitzung alles für und wider beraten worden sei, etwas später aber den Antrag Backhausen auf Absetzung und Verweisung der Vorlage an eine Kommission unterstützte, weil selbst dem Hochbauausschuß nicht die Untertagen gegeben worden seien, lvodurch dieser sich hätte völl'ge Klarheit verschaffen können. Diese ganze Behandlung des Projekts zeigt die Leichtfertigkeit mit der die erste Beratung abgetan worden sein muß. Der§ 9 der Grunderwerbsordnung wurde dahin geändert, daß in Zukunft nur von der Steuer befreit sind: Der König, die Königin und die Witwen verstorbener Könige, der Fiskus des Deutschen Reiches und des preußischen Staates und alle öffentlichen Anstalten und Kassen, die für Rechnung des Reiches oder des preußischen Staates ver- waltet werden oder diesen gleichgestellt sind. Einer Reihe anderer öffentlicher Organisationen wurde unter bestimmten Voraus- sctzungen Steuerfreiheit gewährt. Die Aenderung hat sich not- wendig gemacht, weil jetzt bei einer Veranlagung des Prinzen Leopold, der im Zehlendorfer Gebiet umfangreiche Ländereien besitzt und kürzlich emen großen Komplex veräußert hat, vom Hofmarschall- amt Einspruch erhoben ist. Zugleich weil nach neueren Forschungen das Rittergut Düppel höchstlvahrscheinlich Kronfideikommiß ist, was, wenn diese Forschuirgen sich bewahrhrten, für den Zehlendorfer Steriersäckel von sehr einschneidender Bedeutung sein wird. Viel- leicht handelt es sich bei dieser Angelegenheit auch nur um einen neuen Plan des Hofmarschallamts, wicht extra durch Gesetz vom Steuerzahlen befreiten Prinzen durch eine Hintertür die Steuer» freiheit zu erzwingen. Der Landrat des Kreises Teltow hat an die Vertretung d�e Anfrage gerichtet, ob sie von dein durch das Reichszuwachssteuergesetz den Gemeinden überlassenen Recht, die bis- herige Gemeindezuwachssteuerordnung bis 1915 zu behalten, Gebrauch machen will. Die Vertretung behält sich einen solchen An- trag an den Reichskanzler vor, um erst zu prüfen, ob die Gemeinde nach der gesetzlichen Regelung besser abschneiden wird. Der„Zehlendorf-West-Tcrraingesellschaft" wird auf ihren An» trag ein der Gemeinde gehöriges Terrain am Bahnhof Zehlendorf» Beerenstraße zur Anlegung eines Schmuckplatzes kostenfrei zur Ver» sügung gestellt. Die Bewässerung geschieht auf Kosten der Gemeinde. Wir haben schon bei anderer Gelegenheit darauf hingewiesen, daß sich die Vertretung durch solche Aktionen zum Vasallen der Terrain» gesellschasten herabwürdigt. Nieder- Schönhansen. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich gestem morgen in der Brandenburger Straße. Der 22 jährige Väcktjjßcselle Franz Jauerhig. der Backwaren bei Kunden in der Buckiholzer Straße abliesern sollte, hängte sich, als er auf seinem Dreirade die Kaiser-Wilhelmstraße passierte, an einen Straßenbahnwagen an, um schneller und leichter vorwärts zu kommen. Als der Radfahrer plötzlich hinter dem Bahnwagen hervorbog, um in die Blankenburger Straße einzufahren, kam ihm in ziemlich schnellem Tempo ein beladener Möbelivagen entgegen, dem I. nicht mehr ausweichen konnte, weil in demselben Augenblick in der gleichen Richtung mit dem Fuhr- werk ein zweiter Stratzenbahnzug herannahte. Bei dem Zuiammen» prall wurde der Bäckergeselle von dem Fahrrad heruntergeschlcudert und geriet unter den Möbelwagen, dessen Vorderräder über ihn hin» weg gingen. Der Verunglückte erlitt außer schweren inneren Ver» letzungen, Bruch des linken Oberarmes, mehrere Kopfwunden und erhebliche Kontusionen an den Händen. Er wurde nach der Unfall» stalion in der Badstraße geschafft und von dort nach Anlegung von Notverbänden nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt. Ober-Schöneweide. Aus der Gemeindevertretung. Die am Dienstag stattgefundene Sitzung beschäftigte sich mit der Beratung des Etats. Eine P e t i- tion der Kommunalbeamten betreffs Aufbesserung ihres Gehaltes um 250 M. wurde von unseren Genossen als Antrag auf- genommen. Genosse G r u n o w führte begründend auS, daß, nachdem die Kommunalbeamten infolge der Aufbesserung der Staats- beamten und Lehrer um zirka 500 M. mit ihren Dienstbezügen hinter denen dieser Beamten zurückbleiben, die Petition wohl ge- rechtfertigt erscheine. Der Antrag wurde nach kurzer Debatte ab- gelehnt.— Der Antrag unserer Genossen auf Aenderung des Amtsbezirkes in der Weise, daß das kleine forstfiskalische Terrain auszuscheiden sei, führte zu längerer Aussprache, in der unsere Genossen vergebens das Widersinnige des jetzigen ZustandeS darlegten, welcher der Gemeindevertretung nicht das geringste Ver- sügungsrecht über Amtsangelegenheiten gibt; es erfolgte Ablehnung des Antrages.— Beim S ch u I e t a t kam es anläßlich der Be- willigung von 1000 M., welche bestimmungsgemäß auch zur Für» sorge für die schu lentlasseneJugend dienen sollen, zu einer prinzipiellen Auseinandersetzung zwischen unseren Genossen und bürgerlichen Vertretern. Genosse M u t h legte eingehend dar, daß dieses Erwachen der liebevollen Fürsorge wohl nur den Intentionen einer höheren Stelle zu danken sei, welche dadurch den Bestrebungen der Arbeiterschaft für die Weiterbildung der Jugend das Wasser ab- graben möchte; ein Vorkommnis in der Fortbildungsschule, wo zwei junge Leute, welche sich weigerten, einem von der Schule prote- gierten Verein beizutreten, aus ihren Arbeitsstätten entlassen wur- den, sei wahrlich geeignet, den schärfsten Protest gegen solche Züch- tung vaterländischer und patriotischer Gesinnung herauszufordern. Unsere Genossen stimmten gegen diese Petition; die Angelegenheft aus der Fortbildungsschule wurde dem Kuratorium überwiesen.— Die Anregungen unserer Vertreter betreffs Zahnpflegeinder Schule und Anstellung eines Schularztes im Hauptamt wurden der Schuldeputation überwiesen; der weitere Antrag, den Turnvereinen die unentgeltliche Benutzung der Turnhallen zu gestatten, wurde, wie üblich, abgelehnt(auch ein Beweis der oben- erwähnten Fürsorge).— Eine Petition der Standinhaber des W ochenmarktes um Verlängerung der Verkaufszeit im Som- mer wurde gegen die Stimme unserer Genossen abschlägig be- schieden.— Der vom Genossen M u t h begründete Antrag auf Ge» Währung eines achttägigen Urlaubs für die Arbeiter des Kanalisationswerkes wurde an die Baukommission verwiesen.— Der Itzntrag unserer Vertreter auf Streichung der Beihilfen für die Kirchengemeinden in Höhe von 4000 M. fand die Unter- stützung dreier bürgerlicher Vertreter insofern, als sie sich bei der Abstimmung der Stimme enthielten.— Die Subventionierung des vaterländischen Frauenvereins in Höhe von 300 M. zur Unterhaltung eines Kinderhortes lehnten unsere Vertreter ah, Genosse G r u n o w Tegh dar, Lah es zweckentsprechender sei. solche und ofsn- liche Einrichtungen der Privatwohltätigkeit zu entziehen und in Ge- meinderegie zu nehmen. Den Schluß der Beratungen bildete die Fesstetzung der Steuern für 1911. Die Erhöhung des Ein- kommensteuerzuschlages von 12S auf 135 Prozent gab Anlaß zu den verschiedensten Vorschlägen zur Abwendung dieses Uebels. Genosse G r u n o w betonte, daß die schlechte Finanzlage der Gemeinden aus der völlig unzulänglichen Progression in der Besteuerung der großen Einkommen resultiere; eine Acnderung dieses Zustandes von Staats oder Reichs wegen würde die Gemeinden der Notwendigkeit über- beben, fortwährend auch die ärmere Bevölkerung heranzuziehen. Wenn die sozialdemokratischen Vertreter nach Würdigung der Ver- Hältnisse einer solchen Erhöhung die Zustimmung geben, so geschieht dies in der Erkenntnis, daß bei Ablehnung wichtige Allgemein- interessen leiden würden. Ter Zuschlag von 135 Proz. wurde an- genommen. Die Gewerbe st euer würde für die Klassen 1 und 2 auf 270 Proz. Zuschlag erhöht, dagegen für Klasse 3 von 250 auf 202 Proz. herabgesetzt. Die Ablehnung der B i e r- und L u st b a r- k e i t s st e u e r wurde durch den Genossen Imberg eingehend be- gründet; bei der Abstimmung fand die Biersteuer nur eine Stimme Majorität. Zu dieser Angelegenheit lag auch eine Petition der Gast- Wirte vor. Die Hunde st euer wurde insofern geändert, als die Steuer für jeden zweiten Hund eines Besitzers auf 30 M. erhöht wurde. Ucbcrfahrcn und sofort getötet wurde am Donncrstagnachmittag in der Edisonslraße von der nach Karlshorst fahrenden Straßenbahn ein vierjähriger Knabe; er geriet mit Kopf und Hals unter den Schutzrahmen des Wagens. Die Schüldfrage konnte bisher nicht festgestellt werden. Jedoch ist schon vielfach Beschwerde geführt worden über das unsinnig schnelle Fahren der Wagen. Als ein Wunder muß es bezeichnet werden, daß durch die ohne besondere Aufsicht erfolgenden Gütertransporte durch die OrtSstratzen nicht längst ein solches Unglück passiert ist; es wäre eine wirklich dankbare Aufgabe der Polizei, hier auf Abhilfe zu dringen. Schmargendorf. In einer interessanten öffentlichen Versammlung am Diens tag referierte Genosse Mermuth über das Thema: Schule und Kirche. In der anregenden Diskussion meinte Herr Lehmann, die Sozialdemokratie sei in bezug auf die Bekämpfung der heutigen Kirche sehr inkonsequent, indem sie in Kreisen mit überwiegend christlicher Bevölkerung wegen der Erringung eines Mandats nicht so kämpfe, wie es eigentlich ihr Programm fordere. Dieser Auf fassung trat der Referent entgegen. Die Sozialdemokratie verlange in ihrem Programm die Trennung von Kirche und Staat, das bedeute aber noch nicht, daß sie ihre An Hänger zum Austritt aus der Kirche zwingen oder gar diese Frage zum Hauptkampfmittel in ihrer politischen Agitation stem» peln wolle. Schon die von der Sozialdemokratie geleistete Auf klärungsarbeit bewirke auch in christlichen Gegenden, daß der noch im Banne der Kirche stehenden Bevölkerung über tüe im Grunde höchst unchristliche, ja volksfeindliche Stellung der Kirche die Augen geöffnet würden. Genosse Lauke forderte am Schluß der interessanten Ver sammlung die Anwesenden zum Austritt aus der Landeskirche auf. Der Ortsgeistliche hatte in einem höflichen Schreiben Mitteilung gemacht, daß, da die Sozialdemokratie die Frage zu einer politi schen stemple und er den EUrdruck habe, daß die Einladung seiner Person auf dem Handzettel reklamehaften Charakters sei, er von seinem anfänglich geplanten Besuch in der Versammlung Abstand zu nehmen sich entschlossen habe. Kalkberge- Rüdersdorf. Beinahe erstickt wären gestern die am Stalp Nr. 6 wohnhafte Frau und Kind des erst am Dienstag einem Herzschlag erlegene» Schiffseigeners Robert Hinze. Die 38jährige Frau war noch einmal bei ihreni in der Waschküche aufgebahrten Gatten gewesen und hatte alsdann ihr Töchterchen schlafen gelegt. Hierauf legte sie sich, die Lampe brennen lassend, gleichfalls nieder. Die Frau muß wohl nicht beachtet haben, daß die Lampe stark blakte. Die gegen Morgen durch die Rauchentwickelung aufgeschreckten Nachbaren fanden Mutter und Kind bewußtlos im Bett auf.. Nach einiger Zeit gelang es jedoch beide wieder WS Bewußtsein zurückzubringen. Eichwalde. Die Gemcindevertreterwahl findet heute im GemeindesitzungS» saal, Grünauer Str. 45. statt. Die Hl. Abteilung wählt nachmittag von S'/z bis 7 Uhr, die H. Abteilung von 7 bis 7>/z Uhr. Genossen! seid pünktlich zur Stelle und sorgt dafür, daß auch der letzte Wähler für den Kandidaten der Sozialdemokratie eintritt. Friedrichsfelde. Die Etatbcratungen. für die anfänglich drei Sitzungen anbe- räumt waren, wurden in zwei Sitzungen zu Ende geführt. Bor Beginn derselben hatten die Vertreter der Einführung des o r t h o- pädischen Turnunterrichts ohne Debatte zugestimmt. Der Etat war— wie wir seinerzeit berichteten— emer besonderen Kommission zur Vorberatung überwiesen worden, der auch Genosse Pin- seler angehörte. Durch die eigenartige Geschäftsführung des Bür- germeistcrs sah er sich, jedoch genötigt, den Beratungen fern zu bleiben. Der Bürgermeister erklärte es nämlich für technisch un- möglich, den Kominissionsmitgliedern vor jeder Sitzung mitzuteilen, welche Etatskapitcl zur Beratung kommen sollten, so daß es also nicht möglich war, sich entsprechend vorzubereiten und mit einschla- gigcm Material zu versehen. Der neue Etat balanciert mit 1 161 847,56 M. gegen 1 112 949,91 M. im Vorjahre. Von genann- tem Betrag sind durch Steuern zu decken 736 296,20 M., und zwar sollen bringen: an indirekten Steuern, wie Umsatz-, Wertzu- wachs-, Hunde- und Biersteuer zusammen 111500 M., an direkten Steuern ein Zuschlag von 125 Proz. zur Einkommensteuer 250 000 M.; die Grund- und Gebäudesteuer a> für bebauten Grundbesitz 2,7 pro Mille:= 143 100 M.; b) für unbebauten Grundbesitz 5 pro Mille 195 000 M., und die in vier Klassen ab- gestufte Gewerbesteuer 34 836 M. Hierzu bemerkte der Bürger- meister Ungewitter, daß man ohne eine Erhöhung des Einkommen- steuerzuschlags von 120 auf 125 Proz. nicht habe auskommen können. Die scheinbar ungünstige Finanzlage sei darauf zurückzuführen, daß unser Ort in der EntWickelung begriffen und genötigt sei, große Aufwendungen zu machen, deren Nutzen erst später in Erscheinung treten werde. Es komme noch hinzu, daß durch dt» sehr sonderbare Entscheidung des Obcrverwaltnngsgerichts die Rennbahn von der Lustbarkeitösteuer freigestellt sei, wodurch ein bedeutender Ein- nahmeausfall entstanden ist. Eine erhebliche Mehrbelastung er- wachse durch die Erhöhung der Beamten- und Lehrergehälter um 11453 und 17 977,50 M.'Die Aufwendungen für Schulzwecke betragen insgesamt 222 576 M., das sind 111,29 Proz. des Ein- kommensteuersolls. Im Verlaus seiner weiteren Ausführungen wies der Bürgermeister darauf hin, daß man sich entschlossen habe eine Neuregelung des Bespannungsdienstes für die Feuerwehr zu treffen, dergestalt, daß derselbe den Unternehmern übertragen wird, die die Müllabfuhr usw. für die Gemeinde besorgen. Ferner habe man die Einrichtung eines Grundstückserwerbsfonds ins Auge gefaßt. Die Gemeinde will dadurch Mittel bereitstellen, um zu gelegener Zeit Grundstücke zu günstigen Bedingungen er- werben zu können, die man später zu öffentlichen Zwecken haben muß, dann aber sicher weit höher bezahlen müßte. Es sind auch wiederum Mittel zur Bekämpfung der Tuberkulose und der Kindersterblichkeit bereitgestellt. Schließlich be- rührte er die von unseren Genossen eingereichten Anträge aus Ein- sührung von Arbeitslosenunterstützung und eines A r- beitsnachweises. Leider seien die Anträge zu spät einge- reickt, so daß ex keine Unterlagen habe beschaffen können. Da aber elbst größere und finanzkräftigere Gemeinden die Unterstützung� Er halte«S für taktisch nnllüg, den Einkommensteuerzuschlckg Um 5 Proz. zu erhöhen. Man solle es beim alten Satz belassen, dafür aber den unbebauten Grundbesitz stärker heranziehen, und zwar anstatt mit 5, mit 5,4 pro Mille. Genosse P i n s e I e r schloß sich dem Antrag des Vorredners an, indem er noch auf die Be- günstigung des unbebauten Grundbesitzes hinweist, den man mit 5 pro Mille belasten wolle, gegen 2,7 pro Mille für bebauten. Das Verhältnis sei fast durchweg 1:2, so daß also 5,4 pro Mille ein- gestellt werden müsse. Ferner kritisierte er die örtlichen Schulder- Hältnisse. Ein Klasscnftequenz von 60 und mehr Schülern sei zu hoch. Bor allem aber sei zu bedauern, daß die im Vorjahre einge- stellten 120 M. für Verabreichung warmer Milch ge- strichen seien; er müsse verlangen, diese Summe wieder zu beWilli- gen, oder besser noch, zu erhöhen. Wenn aus dem Fonds zur B e- kämpfung der K i n d e r ste r b l i ch k e i t, der 1000 M. be- trage, nur 74 M. verwendet wurden, so liege der Schluß nahe, daß die Verwaltung nicht ihre Schuldigkeit getan habe, um die ausge- worfeneu Mittel auch ihrem Zwecke zuzuführen. Andererseits müsse er aber auch das Vorgehen des Bürgermeisters mißbilligen, der über die Köpfe der Armeukom Mission hinweg aus dem ihr unter- stellten Fonds zur Bekämpfung der Tuberkulose all- jährlich 300 M, dem vaterländischen Frauenverein zur Verfügung gestellt habe. Beigeordneter Caßebaum entgegnete: eine Klassen- srequenz von 60, die übrigens nur ausnahmsweise vorkomme, sei beim besten Willen nicht immer zu vermeiden und es werde durch Teilung der Klassen sobald als möglich für Abhilfe gesorgt. Bei der Verabreichung warmer Milch sei man auf große Schwierig- ketten gestoßen. Vor allem seien bedeutend größere Summen nötig, wenn man die Sache weiterführen wolle. Die Schuldeputatioii glaubte deshalb diese Einrichtung fallen lassen zu sollen und dafür Mittel für Schülerwanderungen einzustellen. Genosse Pinseler fertigte die unglaubliche Methode, Unterernährung durch Wandermtgen beseitigen zu wollen, mit gebührendem Spott ab.— Schließlich gelangte dann der Antrag Schäfer, wonach nur 120 Proz. Einkommensteuerzuschlag, vom unbebauten Grundbesitz aber 5,4 pro Mille erhoben werden sollen, mit 11 gegen 10 Stimmen zur An- nähme. Dies hinderte jedoch die Gemeindevertretung nicht, am nächsten Abend bereits den Beschluß wieder umzustoßen und die Grund- und Gebäudesteuer auf 2,6 für bebaute und 5,2 pro Tausend für unbebaute Grundstücke herabzusetzen. Die Sache war aber auch von Herrn von Treskoio— der den bedeutendsten Grundbesitz am Orte sein eigen nennt— zu schön eingefädelt. Die ursprünglich beabsichtigte Verwendung von 15 000 M. eines Sparguthabens zur Schulden Verzinsung und Auffüllung des Dispositionsfonds war vom Landrat nicht genehmigt worden. Nun schlug der ge- nannte Vertreter vor, zwei Sparguthaben in Höhe von 61 567 M. zur Tilgung älterer Anleihen zu verwenden und die dadurch gesparten Zinsbeträge und Tilgungsquoten, die mit 11 630 M. im Etat bereitgestellt waren, zur oben angegebenen Steuerherabsetzung zu benutzen. Gegen diesen Antrag stimmte nur Genosse Ochlert. Bei dem Kapitel Schulverwaltung stellte derselbe den Antrag, an Stelle der gestrichenen 120 M. für Verabreichung warmer Milch 200 M. für jede der vier Schulen einzufügen und fand dafür erfreulicherweise eine Mehrheit. Zum Schluß fand noch eine geheime Sitzung statt. Das vor nicht langer Zeit gerügte Verfahren des Bürger- meisters Ungewitter, den Beginn der Sitzung durch vorangehende Kommissionssitzungen zu verzögern, scheint fortgesetzt werden zu sollen. Da die Berichterstatter der Presse keine Neigung haben, wegen einer solchen Rücksichtslosigkeit ihre kostbare Zeit zu ver- trödeln, lverden sie es bei einer Wiederholung vorziehen, nach Hause zu gehen. Mahlsdorf an der Ostbahn. Die Gemeindevertretung beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit dem Etatsvoranschlage für 19911/12. Beim Titel„Allgetiteiite Verwaltung' wurden entsprechend dem Vorschlage der VorberatungS- kommission verschiedene Ausgabepositionen gestrickten bezw. gekürzt und die bieraus sich ergebende Summe von 2940 M. zur Versügung der Gemeindevertretung gestellt. Titel.Grundbesitz und Gebäude Verwaltung' erfuhr in Einnahme eine Erhöhung um 750 M. Auch bei Titel.Verkehrswesen' wurden in Ausgabe insgesamt 500 M. ab- gesetzt. Der Beitrag zur Deckmtg der llu kosten süp die Polizei Verwaltung an den Amtsvorsteher erhöhte sich von 2400 auf 3500 M. Hierbei wurde erneut der Wunsch nach einem eigenen Amtsbezirk von den Vertretern der verschiedenen Richtungen geäußert.— Zu recht lebhaften Erörterungen kam eS bei Beratung des Titels.Schulverwaltung'. Die Ursache hierfür war in dem eigenartigen Verhalten des Schttlvorstattdes bei Vergebung der Turn halle und Schulaula gegeben. Während dem hier domizilierenden .Deutschen Turnverein' die Turnhalle zur Verfügung steht, wird deren Benutzung dem hiesigen Arbeilerturnverein.Eintracht' grund- sätzlich verweigert mit dem Hinweis auf eine Verfügung der Re- gierung vom 22. März 1904, wonach die Hergabe derartiger Räume an Vereine.mit sozialdeinolratischer Tendenz' unzulässig sei usw. Auch die Schulaula, die verschiedentlich hierorts domizilierenden Vereinen zu Vortragsabenden, Konzerten usw. überlassen worden ist, wurde dem Wahlverein, der dieselbe für einen Vortragsabend haben wollte, ohne Angabe von Gründen verweigert. Dieses Verhalten des Schulvorstandes wurde von tmseren Vertretern einer scharfen Kritik unterzogen. Dieser schlössen sich auch einige Redner der bürgerlichen Parteien an. Nusere Vertreter gaben schließlich die Erklärung ab, so lange Ge- meiitdentittel dem Schulvorstand nicht zur Verfügung zu stellen, bis derselbe sich zu gleichmäßiger Behandlung aller Einwohner der Gemeinde bequemt. Die Abstimmmig ergab sodattn d i e A b l e h nuttg des gesamten Schuletats mit 10 gegen 5 Stimmen.— Beim Titel.Gesundheils- und Wohlfahrtspflege' brachten unsere Vertreter den im vorigen Jahre bereits gestellten Antrag auf Anstellung einer Gemeindekraitkeupflegerin erneut ein. Die Gemeindevertretung lehnte denselben jedoch auch diesmal wieder mit 8 gegen 7 Stimmen ab. Schließlich gelangte der Gesamtetat, welcher in Einnahme und Ausgabe mit 124 000 M. abschließt, mit 10 gegen 5 Stimmen zur Annahme. In der hierauf folgenden geheimen Sitzung wurde über einige Aenderungen des Bebauungsplanes Beschluß gefaßt. Abgelehnt wurde ferner die Errichtung einer gelverblichen Fort- vildungsschule. Nenenhagen(Ostbahn). Die letzte Mitgliederversammlung des Wahlvereins beschloß, am 1. Mai, vormittags 10 Uhr, im Lokal von Wortmann-Neuen- Hagen eine Versammlung stattfinden zu lassen. Die allgemeine Feier für den ganzen Bezirk wird abends 7 Uhr in Petershagen im„Alien Desiauer' abgehalten. Der Lokalboykott in Neuenhagen sowohl wie auch in Fredersdorf soll durch eine Handzettelverbrei- tung verschärft werden. Als zweiter Bezirksletter wurde Genosse Müller-FrederSdorf gewählt. loupets, Locken, Zöpfe billigste Beziursqnelle. -\nr reelle Ware.—— 0. Kafka, Bixdorf, Erkstr. 3. !- rage zurückgestellt haben, sei cS fraglich, ob unser Ort schon dazu werde Stellung nehmen können. Anders liege es mit dem Ar- beitsnachweis. Namentlich für einen Anschluß an Berlin sei er zu haben. In der Debatte ergriff zunächst Herr Schäfer das Wort. Uhren uMwaren Ausnahme-Preise Sonnabend und Sonntag. Schweitieschinken u. Schulter. So Pf. Bauch, Rückcnsett, Liesen.. 60 Ps. Kamm und Schuft.... 70Ps. Kotelettstück....... 75 Pf. Katzler-Kamm«. Schuft.. 70 Pf. . Kolelcttstück..... 75 Pf. Schwelnekletnfleifch.... 30Pf. 5 Pfd. gemischte Wurst. 3 u. 4 M. Tcc-Cervelatwurst pro Pfund 1,05 M. 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