Nr. 78. NdsnnementL-KeZingüngK»: AkonncmenIS, Preis präiinmerando i Bicrtcljnhrl. 3£0 Ml, monall. 1,10 Ml, wvchenüiÄ 2s Psg, frei ins Haus. Ginjclnc Nummer 6 Pfg. SonntagS- numm« mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- LbounemeiU: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungz. Preisliste. Unter Krcngland für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonncmenlS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Limnänicn, Schweden und die Schweis Vorwürts" Äi. sÄiUi 28 Jahrg. Die TnlertlonS'GebQisr beträgt für die fechSgefpallene Kolons« geile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und VersammlungS-Anzeigen 30 Psz. „Kleine Hnzcigen", daS fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Etcllengesuche und Schlasstellenan- zeigen da» erste Wort 10 Pfg., jedes loeitcre Wort S Psg. Worte über 1Z Buch. ! laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssel i:........." > Uhr nachmittags in der Expedition ' geben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Crfiiiiint täglich außer IHontag«. Vevltnev VolksblAkk Zentralorgan der fozialdemokrati feben parte! Deutfcblands. Delegramm. Adresse: «Sozlaldtmolirat ßtrll»". Redaktion: SCC. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 10S3. Sonnabend, den 1. Zlpril 1911. Expedition: 8M. 68, Lindcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981« IMIendung. Dieser deutsche Reichstag ist doch ein armseliges Parla ment! Nicht nur, daß ihm die Verfassung eine ganze Reihe wichtiger Kompetenzen vorenthält, die sonst dem Zentral Parlament zustehen. Es ist vor allem die Schwachmütigkeit der liberalen Parteien und die Ncichstagsfeindschaft der Reaktionäre, die das deutsche Parlament immer wieder an jeder ernsthafteren Ausübung des ihm zustehenden Einflusses hindert. Und nirgends zeigt sich unverhüllter der Absolutismus, der uns wirklich regiert, als in der auswärtigen Politik. Der Reichskanzler hat Donnerstag eine Rede gehalten, deren Wirkung in der Verschlechterung unserer internationalen Be Ziehungen, in der weiteren Steigerung der militärischen Lasten noch lange nachhalten wird. Herr v. Bethmann Hollweg sprach als vierter Redner und erzielte dadurch, daß die Rede zunächst der parlamentarischen Kritik entzogen blieb. Aber wer gedacht hätte, daß gestern das Programm des Rüstungswahnsinns, das Herr v. Bethmann Holl weg dem deutschen Volke oktroyieren will, im Mittelpunkt der Debatte stehen würde, hätte sich arg getäuscht. Nur Genosse Frank und der süddeutsche Fortschrittler H a u ß- mann übten Kritik, die Redner aller anderen Parteien gaben durch ihr Stillschweigen die Zustimmung zu der Politik des Imperialismus zu erkennen. Und noch ein anderes zeigt die unverhüllte und unum- schränkte Herrschaft des Absolutismus auf jenem Gebiete der Politik, wo über Krieg und Frieden, über Gut und Blut der Nationen entschieden wird. Die Redner aus dem Hause hatten eine ganze Reihe wichtiger Fragen angeschnitten, über die jede wirklich konstitutionelle Negierung der Volksvertretung Auskunft geben müßte. Der Reichskanzler beschränkte sich auf die Frage der Abrüstung und Herr v. Kiderlen- Wächter machte einige schneidige Bemerkungen gegen das kleine und noch dazu republikanische Portugal, die von jener Untcroffizicrscnergie zeugen. die nian in Preußen- Deutschland so hoch einschätzt. Das war aber auch alles. Ein englischer oder französischer Minister des Auswärtigen muß bei der Verhandlung seines Etats seine gesamte Politik darlegen und gegen die Kritiker verteidigen. Er muß im Laufe des Jahres auf eine große Zahl von Interpellationen antworten. Die deutsche Regierung hat das nicht notwendig. Sie macht, was sie für gut hält und das Parlament darf hinterher die vollzogene Tatsache zur Kenntnis nehmen. Und die bürgerlichen Parteien lassen es sich widerspruchslos gefallen und werden damit zu Mit- schuldigen und Helfershelfern des Absolu- t i s m u s. Aber so notwendig es ist. diese Tatsache zu konstatieren, so ist sie doch weder neu noch überraschend. Es ist das g e- m einsame Klasseninteresse, das gerade auf dem Gebiet der auswärtigen Politik jede ernsthafte Opposition der bürgerlichen Parteien mit der Zeit zum Verstummen ge bracht hat. Sie mögen mamlpnal über die Methoden un einig sein, wie der Drang nach kapitalistischer Expansion, nach neuen Absatzmärkten, nach neuvn Kolonialgebieten, die als Rohstofflieferanten dienen können, befriedigt wird, daß er ober befriedigt werden muß, daß alle Kraft der vom Kapita- lismus zu seinen Zwecken beherrschten Nationen diesem Stre- ben dienen muß. darin sind sie alle ein einig Volk von Brü- der«. Und wenn die internoticmale Situation kritisch wird, dann lassen sie den Methodenstrcit und vertrauen der Regie- rung, daß sie ihre Geschäfte schon richtig besorgen werde. So darf man sich denn auch nicht wundern, daß die Rede Bethmanns von der bürgerlichen Presse Deutschalnds fast widerspruchslos aufgenommen wird. Selbstverständ- lich ist das ja bei der konservativen und nationalliberalen Presse.«Tie Rede hat die Besorgnisse, die man hier und da gehabt haben mochte, völlig zerstreut, jubelt die«Deutsche Tageszeitung", das Organ der Nutznießer des Militarismus, die es bei der Finanzresorm so treffend Verstandon haben, alle Lasten des Wettrüstens von sich abzuwälzen. Und mit ihr jubelt alles, was in der deutschen Presse den Militarismus in konservativer, klerikaler und notionalliberaler Färbung vertritt. Aber noch bezeichnender ist dos Vcrhaltcin der frei- s i n i g e n P r e s s e. Tie„Vossische Zeitung"— und ihre Betrachtungen sind typisch �— hat an der Rede Bethmanns eigentlich nur die Offenheit aussetzen. Wozu vor dem Ausland und wozu vor dem deutschen Volke das alles so gerade heraus sagen?� In der S a ch e ist ja die„Vossische Zeitung" mit der Regierung einverstanden. Aber die Offeir- heit und brutale Härte fällt ihr auf die Nerven. Den ein- zigon Vorzug dieser Rede hält das Fortschrittsblat« für ihren einzigen Nachteil! Klarer und deutlicher hätte die Wandlung der Forttschritspartei nicht zum Ausdruck kommen können. Nur eine gleichgültige Nuance in der Methode unterscheidet sie von den offenen Verteidigern des Rüstungswahnsinns und wieder zeigt es sich, daß es heute nur einen ernsrhafen Feind imperialistischer Politik in Teutschland gibt: die deutsche Arbeiterklasse. Viel stärker als in Teutschland war die Wirkung der Negierungskundgebung im Auslande. jEinen Appell an die Chauvinisten aller Länder haben wir gestern die Rede ge- nannt, und heute antwortet aus allen Länder» der entzückte Chorus, an der Spitze natürlich die englisch enKowser v a t i v e n. Ihnen hat Herr v, Bethmann Hollweg ans dem Herzen gesprochew. Die Agitation für das Wettrüsten ha dank dem deutschen Reichskanzler und dank der Schwäche des Reichstages neue Nahrung erfahren.„Diejenigen," schreibt der unionistische„Daily Expreß",„welche hofften, daß, die Er klärungen Sir Edward G r e y s einen hervorragewöen Ehr druck in Teutschland machen würden, sind enttäuscht. Der Deutsche Reichstag weigert sich, jede Begrenzung der Waffen rüstungent als realisierbar anzusehen, und das pangermanische Parlament beharrt darauf, die Idee des allgemeinen Schicds gerichts als eine Illusion zu betrachten. Mit dieser Tatsache müssen wir uns abfinden. Aber wir müssen versichern, daß die Anstrengungen, die in Deutschland gemacht werden, uns unsere Vorherrschaft zur See zu entreißen, beantwortet werden müssen mit Kanone für Kanone, Schiff für S ch i f f. M i l l i 0 n f ü r M i l l i 0 n." Und in dem gleichen Sinne schreiben» die reaktionären Blätter Frankreichs. Eines der reaktionärsten, der „Goulois", meint: „Der Reichskanzler hat erklärt, daß die Verwirklichung der Abrüstung jetzt weniger denn je möglich sei. Die Kraft sei die Bürgschaft des Friedens. Aus dieser Formel tönt das Echo jenes mittelalterlichen Wortes Bismarcks: Kraft geht vor Recht. Es ist keine Selbsttäuschung mehr möglich. Wir sind dem Reichskanzler für seine Erklärung sehr dankbar, denn unsere Pazifisten können— es wäre denn, daß sie zu Verrätern würden und Frankreich an Deutschland ausliefern wollten— nicht mehr P a z i f i ft e n fein. Sie können uns nicht mehr mit dem Haager Dribunat foppen: unser Tribunal, unser Bollwerk, unsere Sicherheit, unsere Existenz ist unsere Armee und unsere Flottc." Die englische liberale Regierungspartei aber verbirgt ihr Bedauern nicht.„Wie ein kalter W i n t e r st u r m hat die Rede Bethmanns die Hoffnungen abgekühlt," sagt das liberale„Daily Chronicle". Und wenn sich auch der radikale „Morning Leader" damit tröstet, daß schließlich auch die deutsche Regierung sich dem Druck der öffentlichen Meinung nicht wird entziehen können, so wissen doch die englischen Libe ralen, daß diese Rede die Stellung der Kons er- vativengestärkt hat, daß die Hoffnung Greys, die eng lischen Rüstungen hätten ihre„Hochwassermarke" erreicht, sich nicht erfüllen wird. Es wirdweiter gerüstet, noch schneller, noch wahnsinniger als bisher. Und noch eine Frage drängt sich auf. Werden die eng> lischen Liberalen noch ihren Widerstand gegen die Schutzzölle aufrecht erhalten können, wo dieses System indirekter Be steuerung sich auch der besitzenden Klasse so lockend als das einzige zeigt, die Millionen für die Rüstungen ohne neue Besitz steuern aufzubringen? Einen Ansporn zu neuen Anstrengungen, die letzten Blutstropfen aus den Völkern herauszupressen, um alles in den Dienst des Militarismus zu stellen, die Beförderung der Schutzzollagitation in England, deren Erfolg der schwerste Schlag für die Wirtschaft Deutschlands wäre, das ist die aus wärttge Politik, die die deutsche Regierung treibt und die bürgerliche» Parteien Deutschlands ruhkg akzeptieren. lüeichspoliliii ohne Hcichslianzlcr. Die bürgerliche Mehrheit des Deutschen Reichstags hat eS sich leider seit Jahren widerspruchslos gefallen lasten, daß der einzige politisch verantwortliche Reichsbeamte, der Reichskanzler, den Ver« Handlungen dcS Reichstags sich mehr und mehr entzieht. Man braucht nicht die Finger einer Hand, um die Fälle aufzuzählen, in denen der Reichskanzler im Laufe dieser Session kometenarlig im Reichstag auftauchte, allenfalls eine Zchnminutenrede hielt, lächelte und verschwand. Die bürgerlichen Parteien nehmen daS hin wie eine unerforschliche Fügung des Schicksals. Als gestern und heute der Etat des Reichskanzlers zur Verhandlung stand, suchte Herr v. Bethmann Hollweg seiner Ab- neigung. Rede und Antwort zu stehen, einen besonders prägnanten Ausdruck zu geben, trotzdcm er bei diesen Verhandlungen als Ressortminister ganz besonders zur dauernden Anwesenheit ver- pflichtet gewesen wäre. Eine besondere Feinheit Bethmamischer Staatskunst war es, daß er bei den Reden sozialdemokratischer Mitglieder überhaupt dem Hause fernblieb. Er verschivand sofort von seinem Platz, als gestern Scheidemann sprach. Er kam heute erst in die Sitzung, nachdem Frank bereits gesprochen hatte, und er war auch nicht zu sehen, als Genosse David zum Aus- wältigen Amte sprach. Damit will er wahrscheinlich sinnfällig seine staatsmännische Gesinnung markieren. Heute war er überhaupt nur ganz kurze Zeit während eines Teiles der Reden zweier bürger» lichcr Abgeordneter anwesend. Das Wort ergriffen hat er über- Haupt nicht mehr. Genosse Frank eröffnete seine Rede mit einem scharfen An- griff auf die gestrige Stellungnahme des Reichskanzlers zu den Abrüstungsresolutionen. Zutreffend hob er hervor, daß mau in künftigen Zeiten eine solche dürftige Begründung der ablehnenden Haltung der Reichsregierung gegen eine Kulturforderung kaum für möglich halten würde, wenn sie nicht in den Akten zu finden wäre. Aber ein solches Eingeständnis der Unfähigkeit zur Initiative in einer zwar schwierigen, aber doch nicht unlösbaren Frage t>er internationalen Politik stehe ja leider völlig im Einklang mit der gleichfalls erwiesenen Unfähigkeit, wirklich schöpferisch und Gestal. tung gebend dem Kulturfortschritt auch in der inneren Politik Bahn zu brechen. Bewähre sich doch überall die Reichsregierung und die mit ihp durch Personalunion derbundene preußische Regierung als Hort der Reaktion. Frank wies bei dieser Gelegenheit auf die unqualifizierbaren Aeußerungen des preußischen Ministers v. Dallwitz über die Moabiter Vorgänge hin. Habe doch der Minister sogar die Gerichtsurteile, soweit sie die Mitschuld der Polizei fest- stellen, einfach beiseite geschoben und dem Sinne nach das wieder- holt, was vor jenen gerichtlichen Feststellungen die Herren v. Bcth- mann Hollweg und v. Jagow zur Beschönigung der Polizeitatcn vorgebracht hätten. Schließlich wandte sich Frank auch den Aus- cinandersetzungen innerhalb der bürgerlichen Parteien über die Neichspolitik und über ihr Verhältnis zur Sozialdemokratie zu. WaS die Fehde wegen der Finanzreforin angehe, so könne die Sozialdemokratie so ziemlich alle? billigen, was Herr Bassermann gestern den Konservativen zum Vorwurf gemacht habe. Mit großer Gemütsruhe könne unsere Partei der konservativen Erwiderung entgegensehen, in der zweifellos nachgewiesen werde, daß die Nationalliberalen gleichfalls zur Bewilligung von 400 Millionen indirekter Steuern bereit gewesen wären. Der folgende Redner, Graf Westarp, bewahrheitete gleich die Franksche Ankündigung. Er brachte zur Verteidigung seiner Partei alle die alten konservativen Ladenhüter aus den Finanz» reforinkämpfen bor und ging dann zum Angriff auf die National- liberalen und die Fortschrittler über, deren Ton ihm höchlichst miß». fallen hatte. Er erwähnte dabei natürlich nicht, daß der konservative Ton im Wahlkampf an Klobigkeit von keiner anderen Partei über- troffen wird. Als Leitsatz der konservativen Politik stellte er den Kampf gegen die Sozialdemokratie hin. Die bürger- lichcn Parteien seien danach zu bewerten, wie weit sie als verläß» liche Bundesgenossen der Konservativen in diesem Kampfe zu ver» wenden seien. Er warnte die Nationalliberalen und Fortschrittler, sich vor Kränkungen der Konservativen zu hüten, damit es den konservativen Wählern nicht zu schwer falle, bei Stichwahlen ihrer nationalen Pflicht zur Bekämpfung der Sozialdemokratie nachzu» kommen« Als dieser ehemalige Polizeipräsident bon Schöneberg, dem seine parlamentarische Tätigkeit den Beinamen.Jagow der Kleine" verschafft hat, sich beikommen ließ, von einer Mitschuld der Sozialdemokratie an dem Blutvergießen in Moabit zu reden, quittierten die Sozialdemokraten diese Nichtachtung gerichtsnoto- rischer Tatsachen mit einem kräftigen Pfui. Zur Beantwortung der Westarpschen Angriffe schickte die nationalliberale Partei Herrn F u h r m a nn vor, der als ein Per- treter des agrarischen Flügels seiner Partei gilt. So war es denn auch erklärlich, daß seine Abwehr so schwächlich wie möglich ausfiel und einer Unterwerfung unter die konservative Hegemonie so ähn- lich sah wie ein Ei dem andern. Rühmte er sich doch, gegen die So- zialdemokratie würde die nationalliberale Partei stets ihre„natio- nale" Pflicht erfüllen. Als dritter konservativer Redner trat dann der Abgeordnete Dr. R 0 e s i ck e auf den Plan. Auch er machte sich die Fehde mit den liberalen Parteien vom Standpunkte des Bundes der Land- Wirte aus zur Aufgabe. Kräftiger und würdiger als der National- liberale Fuhrmann ging der volksparteiliche Herr Haußmann mit der konservativ-agrarischen Reaktion ins Gericht. Er prägte dabei das glückliche Wort, daß diese Sippe mit Hilfe von Staats- geldern sich K a l i- K u l i s für die Agitation anwerben könne. In Vertretung der Abrüstungsidce empfahl er die schwächliche fort- schrittlichc Resolution, die sich von der sozialdemokratischen wesent- lich dadurch unterscheidet, daß sie von dem Reichskanzler nicht die Initiative zu Verhandlungen verlangt, sondern nur ein Eni» gegenkommen gegen die eventuelle Initiative anderer Staaten. Herr Haußmann schwang sich aber doch auch zu einem entschiedenen Protest gegen die kläglichen Ausreden Bethmann Hollwcgs auf. die Deutschlands Ansehen keineswegs förderlich fein könnten. Um dem dritten konservativen Redner zu antworten, wollten die schwer angegriffenen Nationalliberalen auch noch als dritten Redner Herrn Stresemann vorschicken. Die Konservativen bewiesen ihre Auffassung von anständiger Kampfesweise aber dadurch, daß sie einen Antrag auf Schluß der Debatte einbrachten, der denn auch gegen Liberale, Sozialdemokraten und Polen an- genommen wurde. Nunmehr stellte Genosse Frank unter großer Heiterkeit fest, daß dadurch dem abwesenden Reichskanzler die Gelegenheit genommen fei, im Laufe dieser Debatte die Angriffe auf feine Politik zu beantworten. Genosse Ledebour verlangte Ab» timmung über das Gehalt des Reichskanzlers, damit die Abgeordneten, die sich überzeugt hätten, daß der Reichs- kanzler unfähig fei, feine Politik zu vertreten, dies durch Ab- 'timmung zum Ausdruck bringen können. Großer Lärm der Rechten und ein völlig ordnungswidriger Ordnungsruf des Vizepräsidenten Schultz quittierten für diese Bemerkungen. Bethmann Hollwxg erhielt dann sein Gehalt gegen die Stimmen der Sozialdemokratie bewilligt. Bei der Abstimmung über die Abrüstungsresolu» t i 0 n e n wurde die sozialdemokratische gegen unsere Partei abgelehnt, die der fortschrittlichen Volks- Partei dann gegen die Stimmen der Rechten und eines Teils dcS Zentrums angenommen. Tie Debatte über den Etat dcS Auswärtigen Amts nahm hei dem Durchpeitschungsbedürfnis der Mehrheit nur geringe Zeit in Anspruch. Großen Eindruck machten jedoch die Mitteilungen, die Genosse David auf Grund der Verhandlungen in der deutsch- österreichischen Delegation über die Drangsalierung österreichischer Reisender in Deutschland machte. Es ist nämlich wiederholt vorgekommen, daß Oesterreicher, die durch Deutschland und Holland nach England oder Amerika reisen woll- ten, in der deutsch-hvlländischen Grenzstqtio.n Rheine von der Krevßische» PoNzci üvgeMM MiL vMe unechort'en salierungen gezwungen wurden, den Weg über Bremen und vuw dort mit den Schiffen des Norddeutschen Lloyd zu nehmen. Eis stellte sich nun heraus, daß das Auswärtige Llnü längst von diesen Tatsachen unterrichtet war, aber sich begnügt hatte, bei dem preußischen Minister von Dallwitz anzufragen, was er dazu zu sagen habe. Herr von Dallwitz hat bisher noch nicht zu antworten geruht, und so konnte Herr von Kiderlen-Wächter sich auf den bequemen Standpunkt stellen, er könne vorläufig keine weitere Auskunft geben; übrigens sei das ja auch preußische Polizeiangelegenheit. Gegen diese auswcickzeirde Ant- wort ging sowohl Genosse David wie der fortschrittliche Herr G o t h e i n scharf vor. Beide erklärten es für eine Schande, wenn jene polizeilichen Untaten nicht gesühnt würden. Von dem ZentrnmSabgeordncten Pfeiffer wie vom Ge- nassen David wurde auch der Rechtsbruch besprochen, den der Zar und seine Handlanger dem finnischen Volke gegenüber betreiben. Auch hierbei stellte sich Herr von Kiderlen-Wächter natürlich auf den Standpunkt, daß ihm die Möglichkeit irgendwelcher Eingriffe fehle. Immerhin wurde der Protest der Kulturwelt gegen die Vergewaltigung Finnlands durch diese Kundgebung im Reichstag verstärkt. So hat denn auch dieser Verhandlungstag ebenso wie der gestrige den Eindruck verstärkt, daß in Deutschland ein reaktiv- nörrs Regiment am Ruder ist. das nicht bloß jeden ernstlichen Fortschritt im Reich hemmt, sondern auch das Ansehen Deutsch- lands im Auslände schädigt. Dabei erweckt dieser reaktionäre Bc° trieb den Eindruck hilfloser Zerfahrenheit, weil da offenbar Rcichsxolitik ohne Reichskanzler gemacht wird. MiMerW und Prinzipientreue, Rom, den 28. März.(Eig. Ber.) Was die sozialistischen Prinzipien und die Einsicht in die Bedingungen des Klassenkampfes nicht vermocht haben, das hat die Scheu vor der Ministeruniform zustande ge- bracht: den Rücktritt Bissolatis. So unglaublich es scheint, daß ein gescheuter Mann die inneren Hindernisse seines Temperaments nicht von Anfang an erkannt und in Rechnung gesetzt hat, so kann man doch nicht daran zweifeln, daß das Schreiben Bissolatis wirklich den Grund enthielt, der seinen Rücktritt verarüaßte. Man kann nicht daran zweifeln, weil gerade dieser Grund am allerwenigsten geeignet war, Sympathie zu erwecken, und weder Freund noch Feind zu- frieden stellen konnte. Hätte Bissolati einen Vorwand ge- sucht, so müssen wir zu seiner Ehre annchmen. daß er einen besseren, weniger kleinlichen, ge- s u n d e n hätte. Es ist also wahr, daß ihn lediglich die offiziellen Repräsentationspflichten und die Lächerlichkeit des Zeremoniells abgeschreckt haben, nicht die Aussichtslosigkeit eines ans einer persönlichen Laune geborenen Experiments. nicht die Zweideutigkeit einiger Mitarbeiter, nicht der Schmerz und die Entrüstung der Partei. Bissolati hat es fertig gebracht, mit seinen sozialistischen Traditionen, mit seiner geschichtsmaterialistischen Erkenntnis zu brechen, aber vor Frack und Ministeruniform ist er ausgerissen. Man kann nun sagen, daß ein Ende mrt Lächerlichkeit sicher denk Gelingen des Ministeriums Giolitti-Bissolati vor- zuziehen ist, aber nichtsdestoweniger muß sich eine gewisse Erbitterung darüber geltend machen, daß die Partei leicht- fertig in eine so ungeheure Erregung versetzt worden ist, wie die es war, die die Nachricht von Bissolatis Eintritt in das Kabinett in Italien hervorgerufen hat. Uns sagte heute ein Parteigenosse, der als einer der Unterstaatssekretäre in Be- kracht gekommen wäre, daß Bissolati eben seinen Mut über- schätzt hätte und. wie ein Patient im Wartezimmer des Zahn- arztes, im entscheidenden Moment die Courage verloren hätte. Wer aber so unzuverlässige Nerven hat. der sollte wirklich von vornherein der Möglichkeit ähnlicher Situationen aus dem Wege gehen. Was dieses berühmte Zeremoniell betrifft, das schwerer»vog als Prinzipien und Logik, so ist zu bemerken. daß bereits der konservative Baron Ricasoli seinen Ein- tritt in das Kabinett von der Bewilligung abhängig machte, nie Ministeruniform zu tragen. Diese Bedingung wurde anstandslos zugestanden, ebenso wie sie dem Radikalen P an- tano im jüngsten Kabinett Sonnino zugestanden worden war. Selbst den zahllosen Kongreßreden hätte sich Bissolati entziehen können, indem er Giolittis Vorschlag annahm, das Portefeuille des Ministers für Industrie, Landwirtschaft und del mit dem des Ministers der öffentlichen Arbeiten zu vertauschen. Und das bißchen Formelkram, was noch übrig blieb, brachte den Rücktritt zu Wege, den die Aussicht auf einen furchtbaren inneren Partcizwist nicht hatte durchsetzen können! �, 4._ Die bürgerlichen Blätter, von denen namentlich die kon- fervativen bei der Möglichkeit des Eintritts eines Sozialisten Wut geschnaubt hatten, sind durch den Entschluß Bissolatis sehr befriedigt. Was nun die Situation besonders interessant macht, ist die Frage, ob Giolitti dem mit Bissolati verein- borten Programm treu bleiben werde oder.nicht. Man bc- denke, daß er sich auf das allgemeine Wahlrecht, auf Abge- ordnetendiäten, Abgabenreform. Alters- und Jnvalidenver- ficherung und auf Konsolidierung der Ausgaben für Heer und Marine festgelegt hatte und auch zum Zugeständnis anti- klerikaler Reformen des Familienrechtes bereit war. Wird Giolitti ohne Bissolati an diesem Programm festhalten, oder wird er es wegwerfen, wie man den Köder wegwirft, der nach Entschlüpfen der gewünschten Beute nutzlos wird? Für die Partei ist es sehr befremdend, daß Bissolati sich in der„Tribuna" vom 28. hat interviewen lassen und die Unterstützung des Kabinetts durch die Sozia- listen mit Bestimmtheit in Aussicht gestellt hat. Man weiß, daß Bissolati bei allen Unterhandlungen n i ch t im Namen der Fraktion gesprochen hckt, weshalb z. B. die Meldung deutscher bürgerlicher Blätter, daß Giolitti die Budgetbewilligung der Fraktion zur Bedingung gemacht hätte, ganz aus der Luft gegriffen ist. Wie kann aber Bissolati jetzt im Namen der Fraktion eine Unterstützung zusagen, deren Bewilligung aus- schließlich von einem Mehrheitsbeschlüsse dieser Fraktion ab- hängen kann? Natürlich werden zahllose Vermutungen laut, die Visso- latis Schritt audere Motive unterschieben als die offiziell ein- gestandenen. Einmal sagt man, und zwar von konservativer Seite, daß Bissolati eine Verschärfung der antiklerikalen Politik gefordert hätte, die Giolitti nicht bewilligen konnite. Dann spricht man davon, daß ein Brief Morgaris an Bissolati diesem die Unhaltbarkeit einer Situation vorgestellt hätte, in der ein sozialistischer Minister an der Seite des Kardinals und des Bürgermeisters von Turin die Ausstellung in dieser Stadt einweihen müßte. Es heißt auch, daß Bissolati darauf bestanden hätte, an der italienisch-österxeichischen Zusammen? küilft vossl 9. April teilzunehmen und hier das Work zu K greifen, was für einen Ministep allerdings nicht recht an gängig gewesen wäre. Die Partei wird nunmehr zu entscheiden haben, ob sie es noch für nötig hält, das Ausschlußverfahren gegen Bisso lati anzustrengen. Gewiß hat sich Bissolati im Sinne der Leitsätze des revolutionären Sozialismus einen ernsten Schritt vom Wege zuschulden kommen lassen. Ter Eintritt in .das Kabinett ist nur aus äußerlichen Gründen unterblieben. Vlber die Prinzipien, die Bissolati bis zu diesem Eintritt siühren konnten, sind dieselben, die der ganze reformistische Flügel, die Turati, Cabrini, Rigola usw. seit Jtahren offen vertreten haben, und die auf dem Mailänder Parteitag die Mehrheit behaupteten. Wenn diese Prinzipien alho volles Heimätrecht in der Partei haben, so kann man auf sie allein keinen Ausschlußantrag gründen. In dem tat sächtfichcn Eintritt in ein Kabinett hätte eine Disziplinver letzitng gelegen, die den Ausschluß unvermeidlich machte. Da der Eintritt unterblieb, wenn auch nur um einer Bagatelle wegen, so ist eben die Disziplinverletzung unterblieben. Wer etwa die Lust verspüren sollte, für die bloße Absicht eine Strafe zu fordern, der mag bedenken, wie bitter der Schiff bruch an den Klippen der Lächerlichkeit den Irrtum ge- ahndoj; hat._ Cfyauviniltilches Geschäft. Baris, 30. März.(Eig. Ver.) VieAeicht gibt eS anderAvo noch naive Gemüter, die den Glauben beivahrt haben, daß es so etwas gebe wie große Gegen- stände der Menschheit, und die noch nicht dahinter gekommen sind, daß der K�nnpf um sie in Wirklichkeit um so vernünftige, greifbare Dinge wia den Profit von Zeitungsgcschäften geht. Der Leser der Pariser Presse ist darüber gründlich aufgellärt. Er weiß, daß die Weltgeschichte ihre Fragen zu dein Zwecke entwickelt hat. damit der „Matin" und das„Journal" ihren Konkurrenzkampf auf eine er- habene Weisie ausfechten können. Diese bedeutenden Organe haben dem Weltgeist die ihm von Hegel zugeschriebene Aufgabe ab genommen, stch dialektisch zu spalten und in ewigen Gegensätzen zu arbeiten,©ie haben Zeit und Ewigkeit für sich reserviert und haben weiter nichts mehr zu tun, als um jedes einzelne Stück mit- einander zu rotufen. Der Platz des einen bestimmt den des anderen, das Prinzip der Wippe wird Herrfcher im Reich der Ideen. Wenn es gilt, das Ehrlichsche Präparat zu beurteilen, fragt der„Matin" nicht etwa:„Heilt es die Syphilis?", sondern:„Was schreibt das „Journal" darüber?" Weil der„Matin" aus Geschäftsinteresse einmal für die Menschlichkeit eingetreten war und eine Kampagne für den Gewerkschaftler Durand führte, ließ das„Journal" dem unschuldig Verurteilten sein Uebclwollen fühlen. Und wenn der „Matin" den chauvinistischen Nationalismus mit Beschlag belegt hat, bleibt dem„Journal" nur der Pazifismus und die Idee der «allgemeinen Kultur übrig. Damit ist aber derzeit kein Geschäft zu machen. Der„Matin" darf sich rühmen, das„Journal" gründlich abgeführt zu haben. Bekanntlich hatte der„Circuit de l'Est", die vom„Matin" im letzten Sommer an der französischen Ostgrenze veranstaltete Flugfahrt nicht nur einen Triumph des erfindenden und wagenden Menschen- geistes, sondern dank dem infamen Treiben gewissenloser Geschäfts- journalisten auch eine Steigerung der chauvinistischen Bewegung herbeigeführt. Da das„Journal" nun die Popularität der Aviatik und die in ihr liegende Reklamsgelegenheit gleichfalls nicht un- genützt lassen wollte, mußte es, bei der Notwendigkeit, das Unter- nehmen des„Matin" zu übertreffen, über die Schranken der Grenze und der nationalen Beschränktheit hinwegsteigen und für eine inter- nationale Flugfahrt, die mehrere europäische Hauptstädte, darunter auch Berlin, berühren sollte, den ideologischen Hintergrund de? Friedensgedankens wählen. Worauf der„Matin" mit einem tückischen Appell an den Fanatismus und die Dummheit der Chauvinisten erwiderte. Akademische Jünglinge und sonstige Patrioten" fanden sich, vielleicht in uneigennütziger Einfalt, bereit, in unsäglich albernen Aufrufen gegen den vorbereiteten nationalen Verrat zu protestieren und so dem„Matin" zu Nutz dem„Journal" das Geschäft zu stören. ObeiÄrein arbeitete der„Matin" mit einem eigens ausgegebenen Extrablatt, das den patriotischen Titel„Die drei Farben" bekam. Das„Journal" setzte sich zur Wehr, und nun ging ein herrlicher Kampf mit gefüllten Nachttöpfen los. Der „Matin" aber siegte. Nicht etwa, weil er wirklich hätte nachweisen können, daß ein Ensembleflug von französischen Aviatikern nach Deutschland, wo man die einzelnen Flieger dutzendweise gesehen hat, irgendwie eine„nationale Gefahr" bedeuten und ein mili- tärisches Geheimnis bedrohen würde, sondern weil er es zuwege brachte, die skandalsüchtigen und die fanatischen Gemüter dermaßen zu erhitzen, daß die Durchführung des von:„Journal" geplanten Sportunternehmens in der Tat internationale Verlegenheiten hätte schaffen können. Wobei nicht zu verschweigen ist. daß die über« schwängliche Begeisterung der—„Guerre Sociale" dem„Journal" einen richtigen Bärendienst geleistet hat. Das„Journal" gibt heute bekannt, daß es seinen Plan geändert hat. also das Ziel Berlin aus der Rundfahrt ausscheidet. Also auch diese Erpressung ist dem„Matin" gelungen. Sie hat ihm allerdings borläufig mehr Geld gekostet als eingetragen. Der„Matin" hatte sich auch der Hilfe anderer Zeitungen versichert. Derlei Kampagnen werden jetzt immer leichter infolge der Vertrustung, die in der Pariser Presse um sich greift. Der chauvinistischen Hetze sekundierte besonders die„Action" des be- rüchtigten Herrn 58 et enger, mit so widerlichen lieber- treibungen, daß man, wenn man nach dem Auftraggeber forscht, auf allerhand Vermutungen geraten könnte. Zweifellos liegen die Treibereien der Pfcudopatrioten im Interesse der großkapitalisti- scheu Kreise, die dem jetzigen Ministerium um jeden Preis Ver- legenheiten, selbst solche internationaler Art bereiten und eine Rückkehr Briands ermöglichen möchten. Aber die gemeine Hetze, die das Interesse des Weltfriedens und damit der Nation selbst freventlich«mfS Spiel setzt, kommt niemandem gelegener als der deutschen Regierung, die so angstvoll nach einer rettenden Wahlparole umschaut! Sicherlich kann man das französische Volk, das in seinen werktätigen Massen friedliebend geblieben ist, nicht mit den nichtswürdigen chauvinistischen Geschäftsblättern und auch nicht mit ihrer Pariser Klientel identifizieren, aber die Tollheiten und Ordinärheiten dieser Presse werden sicher, zur Verleumdung der vaterlandslosen deutschen Sozialdemokraten, ihren.Rundflug" durch die staatserhaltende deutsche Presse machen. 555er weiß, welche seltsame Entdeckung man machen würde, wenn man den Lauf der deutschen Korruptionsfonds verfolgen könnte? politische deberslcbt. Berlin, den 31. März 1911. Tie eutrüstetc» Hakatiste». Der geschässführende Ausschuß des Hauptvorstandes des deutschen Ostmarkenbereins erhebt Protest gegen die Absicht der Regierung,' auch in diesem Jahre keinen Gebrauch bon dem Enteignungsparagraphen zu machen. „Die Erklärung des Herrn LandwirtschaftSministerS vom 28. März in der Finanzkommission des Herrenhauses bewegt sich in denselben allgemeinen, den Kern der Sache vermeidenden Wendungen, wie die Mit- teilungen derselben Stelle vom 17. Januar im Abgeordnetenhause. Die einzige tatsächliche Angabe besteht jetzt darin, daß für das laufende Jahr 2220 Ansiedlerstellen(also etwa über 200001»») ver- ttigbar seien. Daß aber damit die planmäßige Fort- führuicg des Ansiedelungswerkes nicht gesichert wird, darüber geht der Herr Minister schweigend hinweg. Zu diesem Zwecke mußte nach dem durchschnittlichen Jahresbedarf des letzten Jahrzehnts mehr als das Doppelte der heut zur Verftigung stehenden Bodenfläche, nämlich statt einiger 20000 Hektar 45— 50 000 Hektar, vorhanden fei«. Die Mitteilung, daß gegen- wärtig Verhandlungen über den freihändigen Ankauf einiger Güter schweben, hat geringen Wert. Solche Verhandlungen finden seit Bestehen der Ansiedelungskommission ununterbrochen statt. Soweit sie aber die Erwerbung polnischen Bodens bezwecken, und hierauf muß doch nach dein Zwecke des Ansiedlungsgesetzes zur Ausgleichung des fortdauernden Verlustes deutschen Bodens das Hauptgewicht gelegt werden, sind sie bei dem polnischer- seits geübten Terrorismus aussichtslos. ES bleibt also nichts übrig, als der Weg der Enteignung, den die Gesetz- geber von 1007/08 bereits damals als unumgänglich not- wendig und tn h ö ch st e m Maße dringlich erkannt hatten. Der Herr Minister bezeichnet die Staatsregierung als allein verantwortlich für die in der Enteignungsfrage zu fassende Entscheidung und lehnt daher den Versuch der Beeinflussung durch die in der Presse und von Vereinen und Versammlungen ge- äußerten Wünsche ab. Demgegenüber erklärt für seinen Teil der Deutsche Ostmarkenvercin: In den weitesten nationalen Kreisen besteht die stelig wachsende Besorgnis, daß es sich um eine neue Wendung— sie würde die elfte in der Gc- schichte der letzten hundert Jahre sein— in der preußischen Pole«Politik handele und daß die Unterlassung der Rc- gierung, die ihr gewährten Machtmittel zu gebrauchen, einen Anfang dieser Umkehr bedeute. Eine solche Wendung toäre für Preußen und Deutschland Verhängnis- voll." Unsere Ostmarkenvereinler werden sich schon mit der Tatsache abfinden müssen, daß die schwarz-blaue Majorität der preußischen Regierung die Anwendung des EnteignungSparographen nicht erlaubt! Die preußische Polenfraltion würde ja auch schwerlich für die Erhöhung der Zivilliste gestimmt haben, wenn ihr nicht von kompetenter Seite die beruhigendsten Zusicherungen gemacht worden wären. Obendrein bemühen sich ja die Polen, sich durch reaktionäre Handlangerdienste aller Art für das Wohlwollen der Schnapsblockmehrheit dankbar zu erweisen. Die biederen Nationalliberalen sollten wirklich endlich einsehen, daß eS mit der Enteignung auf absehbare Zeit nichts ist. Die Erfolge des Bauern- bundeS unter den Ansiedlern haben die Konservativen vollends köpf- scheu gemacht. Und wenn die Junker ihre Spezialinteresseu ge« fährdet sehen, pfeifen sie auf alle.nationalen' Pflichten! Das preußische Abgeordnetenhaus gegen die Redefreiheit. Die Geschäftsordnungskommissioii des Abgeordnete» Hauses beschäftigte sich in ihren letzten- Sitzungen mit der von den Konservativen angeregten Revssion der Geschäftsordnung. Die Absicht der Mehrheit geht dahin, die Befrag ungdes Hauses darüber, ob ein vom Präsidenten zweimal zur Sache gerufener Redner weitersprechen dürfe, abzuschaffen. Bei Gcfchäftsordmlngs- und persönlichen Bemerkungen soll der Präsident allein befugt sein, das Wort zu ent- ziehen. Die Kommissionsmehrheit hat einen fortschrittlichen Antrag abgelehnt, wonach bei Vorhandensein von Wort- Meldungen der Schluß der(Debatte nicht zulässig sein soll, bevor wenig st ens ein Redner gesprochen hat. Der Seniorenkonvent soll als offizielle Einrichtung ein- geführt werden, und zwar sollen als Fraktionen nur Ver» einigungen von wenigstens 15 Mitgliedern betrachtet werden». (Der Zusammenschluß mehrerer Fraktionen soll gestattet sein. Zur Besetzung der Kommissionen sollen Vereinigungen von mindestens 5 Mitgliedern schon zugelassen werden, jedoch soll ihre Beteiligung an den einzelnen Kommissionen» vom Semorenkonvent geregelt werden. Natürlich will man auf diese Weise weiterhin die Sozialdemokraten von deo wichtigsten Kommissionen ferghalteg- Awetkverband Groß-Berlin. Die Zweckverbandskommission hat am Freitag einen Beschluß von weittragender Bedeutung gefaßt, indem sie dem Zweckverband auch die Regelung des Kleinwohnungsbaues überwiesen hat. Dagegen stimmten Konservative und Fortschrittler. Die Frage, ob auch die Regelung des Schulwesens durch den Ver- band erfolgen solle, wurde nach unerheblicher Debatte abgelehnt. Zur Frage der V e r b a n d s b e i t r ä g e(§ 10) lag ein konservativer Antrag vor, wonach der Verband berechtigt ist, in sinn- gemäßer Anwendung des KreiS- und ProvinzialabgabengesetzcS Gebühren zu erheben. „Soweit die eigenen Einnahmen des Verbandes zur Be» streitung der gemeinsamen Ausgaben nicht ausreichen, werden diese durch Beschluß der Verbandsversammlung aus die Ver- bandsmitglieder umgelegt. Durch die Satzung kann für einzelne oder alle Arten dön Vcrbandslastcn ein anderer Verteilungsmaßstab eingeführt oder auch vorgeschrieben werden, daß und in welcher Weise bei Ver- teilnng der Lasten ans die Verbandsglieder das Uebcrgewicht der Vorteile eines Verbandsunternehmens für einzelne Ver- bandSglieder bereits bor Erlaß des gegenwärtigen Gesetzes für Verbandszwecke geliefert haben." Die Debatte drehte sich in der Hauptsache darum, ob außer dem gesetzlichen Maßstab für die Verteilung der Verbandsbeiträgc noch die Regelung der 5Seiträge durch Statut oder Beschluß der Ver- bandsversammlung zugelassen werden soll; ferner darum, was unter Verteilung der Beiträge nach Maßgabe des Interesses der Gemein- den für den Betrieb von Bahnen zu verstehen sei. Aus die Aeußerung eine nationalliberalen Vertreters, für die freisinnigen Anträge, wonach die Entscheidung über die Verbandsbeiträge in letzter Instanz dem Oberverwaltungsgericht zuzuweisen sei, würden wohl nur die Urberliner stimmen, erwiderte ein 5Serliner Abgeord- neter, daß auch die Berliner Anspruch auf die Berücksichtigung ihrer Interessen hätten, wenn sie auch durchaus nicht wollten, daß die Interessen Dritter dadurch leiden, daß im übrigen aber sämtliche Abgeordnete ttie Verpflichtung hätten, auch die Interessen der größten Gemeinde des Verbandes nicht aus dem Auge zu lassen, Die Abstimmung ergab die Annahme deS konservativen Antrags. Eine lebhafte Debatte entspann sich über den§ 13, der bekanntlich bestimmt, daß kein Verbandsmitglicd mehr als ein Drittel der Gesamtvertreterzahl erhalten darf. Die Freisinnigen bean- tragten die Streichung dieser Bestimmung, demzufolge Berlin statt S1 nur 33 Vertreter erhalten würde, eventuell erklärten sie sich mit der Beschränkung auf 50 Proz. einverstanden, während die Frei- konservativen 40 Proz. beantragten. Die Abstimmung wurde aus» gesetzt.» Zu ß 14 wurde eln sozialdemokratischer Ankrag abgelehnt, �cr für hie Bahlen zur. Verbantzsversammlung hss gleiche, bireltc uu5'geheime Wahlre'chk Lorsiehk. Tafür stimmicn außer dem Antragsteller nur die Fortschrittler. Es bleibt demnach bei der Regierungsvorlage, wonach die Vertreter in Gemeinden durch die Gemeindevertretungen(in Städten unter Zutritt des Magistrats) gewählt werden� in den Landkreisen durch die Kreistage. Endlich gelangte noch ein konservativer Antrag zu§ 1ö zur Annahme, wonach die Vertreter auf 6 Jahre gewählt werden und, ebenso wie nach der Städteordnung, alle zwei.Jahre ein Drittel ausscheidet. Nächste Sitzung: Montag. Die Geldquellen der Agrarier. Vor einigen Tagen hat das„Berliner Tageblatt" den Agrariern vorgerechnet, welchen Betrag der Bund der Landwirie von den Kalischmiergeldern erhalten hat. Justizrat Flatau teilt nun dem„Berliner Tageblatt" an der Hand gerichtlichen Akten- Materials Tatsachen mit, die immerhin einiges Interesse ver- dienen. Tie„Verkaufsstelle des Bundes der Landwirte" hat am 3. März IgClg 170 000 M. aus dem erzielten Gewinn an den Bund der Landwirte abgeliefert. Tas Geschäftskapital dieser Verkaufs- stelle beträgt im ganzen 48 000 M. An Tantiemen floß in die Taschen der Geschäftsleiter 13 765,05 M. Der Gewinn der Ver- kaufsstclle ist aber noch wesentlich höher, denn neben dem Reserve- fonds ist noch ein Rücklagefonds I und ein Rücklagefonds II gc- schaffen. Diese drei Fonds weisen zusammen einen Bestand von 323 000 M. auf. Einen Betrag in der Höhe des vollen Geschäfts- kapitals stellt die Verkaufsstelle den Direktoren, Abg. Dr. Ltoesickc, Major Endell und Paul Plaskuta zur freien Verfügung. Aus diesem Fonds dürfen, ohne jede Kontrolle. Zahlungen im Interesse des Bundes der Landwirte geleistet Ivcrden. Diese Einrichtung darf man mit Recht als einen Reptilienfonds des Bundes der Landwirte bezeichnen, und Justizrat Flatau läßt auch durchblicken, daß aus diesem Fonds die Reisekosten jener Schar von Bündlern bezahlt werden, die die Bundeshäuptlinge in ihre Versammlungen begleiten, um dort die Rolle der Elaquc zu über- nehmen. Tie Agrarier verstehen es aber auch sonst, sich Mittel zu schaffen. In Schwerin i. M. besteht eine Viehversicherungsgesell- schaft a. E., die an ihre Mitglieder Sammellisten des Bundes der Landwirte versandt hat. In einem Zirkular wird vorgeschlagen, in jedem Torf eine Sammelstelle zu errichten und freiwillige Bei- träge einzutreiben. Auf je 1000 Öuadratruten Acker sollen 20 Pf. für den Wahlfonds bezahlt werden. Kleine Gewerbetreibende, die keine großen Grundstücke besitzen, müssen 1,00 M. für den Wahlfonds des Bundes der Landwirte abladen. Die Gelder werden cindezahlt an die Viehversichcrungsgesellschaft a. G. auf das Konto„Bund". Dieser Fall dürfte kaum vereinzelt sein, denn offenbar be- dienen sich die Agrarier auch anderwärts der Viehvcrsicherungs- gesellschaften zur Eintreibung ihrer Wahlkosten. In welche. Taschen die großen Mittel des Bundes der Land- Wirte fließen, das deckt die Korrespondenz des Bauernbundes auf, indem sie schreibt: „Die Großagrarier hätten wirklich allen Anlaß, den Mund zu halten. Wir haben schon oft darauf hingewiesen, daß der höchstbezahlte Beamte des Deutschen Bauernbundes noch nicht den dritten Teil der 25 000 M., die Herr Dr. O e r t e l von der „Deutschen Tageszeitung" als Gehalt bekommt, seinerseits be- zieht. Der neue Landesdirektor der Provinz Brandenburg, Oberpräsident v. Winterfeldt. erhalt nach Zeitungs- Nachrichten 23 000 M. Der in den Ruhestand tretende Landes- direttor erhält sein gesamtes Gehalt von 13000 M. weiter. Ganz toll stehen die Tinge aber in der agrarischen Spiritus- zentrale. Tort erhält der Reichstagsabgeordnete K r c t h 50 000 M. Gehalt, seine beiden Mitdirektoren dürften kaum weniger erhalten. Das Agrariertum hat deshalb allen Anlaß, den Mund zu halten und uns nicht immer wieder zu ver- anlassen, darauf hinzuweisen, welche Gehälter es selbst zahlt." > Es ist übrigens allgemein bekannt, daß die agrarischen Führer außerordentlich hohe Gehälter beziehen. Was die Hahn und Roesicke, die die Geschäfte des Bundes der Landwirte im Reichs- tage zu besorgen haben, jährlich einstecken, das läßt sich auch nicht annähernd feststellen. Neben den Gehältern fließen noch Tantiemen, Unkosten, Reisekosten, besondere Aufwendungen usw. in ihre Tasche, so daß man mit Recht behaupten kann, daß die Führer des Bundes der Landwirte besser bezahlt sind als ein preußischer Minister. Und dieses Geschmeiß erdreistet sich, bei jeder Gelegenheit über die Vergeudung der Arbeitergroschcn durch die Sozialdemokratie zu zetern. Es kann bei der Wahl unseren Genossen sicher recht gute Dienste leisten, wenn sie darauf hin- weisen, wie der Bund der Landwirte selbst den kleinsten Gewvbe- treibenden und den kleinsten Landwirt besteuert, und wie diese Gelder dann Verwendung finden. Die Flottentrciber an der Arbeit. Die„Berk. N e u e st. Nachr." geben jetzt gleichfalls zu verstehen, daß sie eine Beschleunigung unserer Flottcnbauten für notwendig halten. England, so führen sie in einem Leitartikel aus, könne nur dann mit seiner bis- herigen Ucberlegcnheit gegenüber Deutschland rechnen, wenn Deutschland den Bauplan des Flottengesetzes, nach dem vom Jahre 1912 ab nur zivei Schlachtschiffe jährlich gebaut werden sollen, nicht ändere. Denn die Voll- cndung des Panamakanals. die dann erfolgende Verlegung der Hauptflottenmacht der Vereinigten Staaten nach dem Stillen Ozean und der Ausbau der japanischen Flotte würden dann England zwingen. eine erhebliche Flottenmacht in Australien zu stationieren, ivodurch seine Flottenmacht in der Nordsee erheblich geschwächt werde. Da nun durch eine solche Situation die Möglichkeit gegeben sei. Eng- lands Ueberlegenheit zu beseitigen, dürfe Deutschland sich nie und nimmer auf das bisher vorgesehene Bantempo festlegen! Wenn England angesichts solch freundschaftlicher Er- wägungen unserer Flottcntreiber wieder von Mißtrauen be- fallen wird, braucht man sich nicht zu wunden,! Und daß England, wenn es für die Austechterhaltnng des bisherigen Kräfteverhältnisses die ungeheuerlichsten Auf- Wendungen zu machen gezwungen wird, nicht von Liebe für das offizielle Deutschland überfließt, ist ebenso selbst- Verständlich I So sorgt die Rüstungshetze unserer Flottentreiber für eine ständige, verhängnisvolle Verschärfung der internationalen Beziehungen!_ Zur Nachwahl in Lindau-Jmmenstadt. Die„Münchener Post" veröffentlicht die nachstehende Erklärung des jüngst gewählten nationalliberalen Reichs- tagsabgeordneten Dr. Thoma: Um jeder weiteren Legendenbildung ein Eirde zu machen, erkläre ich hiermit, daß ich nach wie vor materiell auf dem Boden der 4 Jmmenstädter Punkte stehe und dies durch meine Abstimmung jederzeit bekunden werde. Formell muß ich mich aber verwahren gegen die Sachdarstellung in der gegnc- tischen Presse, als ob ich zur Anerkennung der 4 Punkte erst zwischen der Haupt- und Stichivahl durch Unterschreibung eines sozialdemokratischen„Reverses" hätte gezwungen werden müssen und als ob ich dadurch eine unzulässige Bindung bei Ausübung meines Mandats eingegangen sei. Ich haoe auf Anfrage einfach erklärt, daß ich getreu meinem Programm und meiner seitherigen politischen Haltung und Ueberzevgung gegy, jei* VgxfchlechterWg fcfi BelMsg»lLMe rechts und des KoalitloNsÄchis, gegen Auskähmcgeseh's ilnd gegen die Einschränkung der Selbstverwaltung bei der Sozial- gcsctzgebung stimmen werde. Berlin. 28. März 1911. Dr. Fr. Schoma. M. d. R. Dazu bemerkt unser Münchener Parteiblatt: In der sozialdemokratischen Presse ist nie von einem„Revers" die Rede gewesen, sondern nur von der „schriftlichen Zusicherung" des liberalen Kandidaten. Um weitere Irrtümer oder„freundschaftliche" Auslegungen zu verhüten, sei deshalb dem Schreiben des Herrn Dr. Thoma er- gänzend hinzugefügt, daß seine als Endergebnis der von seinen Freunden herbeigeführten Verhandlungen erfolgte Erklärung schriftlich war. Es ergibt sich aus dieser Erklärung mit aller Deutlich- keil, daß die Stilübung der„Natwnolli'bewlen Korrespond." in der Tat nichts weiter ist, als Wortklauberei und daß insbesondere die Behauptung, die von dem liberalen Kandidaten abgegebene Erklärung bedeute„keinerlei Bindung gegenüber der sozialdemokratischen Partei", nicht der Wahrheit entspricht. Verfassung für Elsast-Lothringeu. Tie Beratung der Reichstagskominission wird fortgesetzt bei § 2 des Wahlgesetzes. Nach der Regierungsvorlage soll das Wahl- recht an dreijährigem Wohnsitz im Wahlkreise oder— wenn eine Gemeinde mehrere Wahlkreise umfaßt— in der Gemeinde ge- Kunden sein. Selbständige Gewerbetreibende. Hausbesitzer, Beamte, Lehrer oder Geistliche brauchen nur ein Jahr im Kreise zu wohnen. Der Verlust des Wahlrechts soll u. a. auch auf die Dauer von drei Jahren für solche Personen eintreten, die wegen Bettelns ver- urteilt worden sind. Unsere Genossen beantragten, das Wahlrecht auch auf die Frauen auszudehnen, die Wohnsitz-Karenzzcit auf ein Jahr herabzusetzen und die Beschränkungen des Wahlrechts wegen erlittener Strafen überhaupt zu streichen. Ter Antrag auf Einführung des Fraucnwahlrechts wurde gegen 6 Stimmen(vier Sozialdemokraten und zwei Fortschrittlcr) abgelehnt; abgelehnt wurde gegen die vier sozialdemokratischen Stimmen der Antrag, das Wahlberechtigungsalter auf das 21. Lebensjahr herabzusetzen. Das gleiche Schicksal hatte der Antrag, die einjährige Ansässigkeit an Stelle der dreijährigen zu setzen; für den Antrag stimmten außer unseren Genossen Fortschrittler und Nationalliberale. Ab- gelehnt wurde ferner ein Antrag des Zentrums, die Wahlberechti- gung von dem Besitz der elsaß-lothringischen Staats- ange Hörigkeit abhängig zu machen. Dagegen wurde ein An- trag unseres Genossen angenommen, wonach nicht ein Wohnsitz im Wahlkreise, sondern nur ein solcher in Elsaß- Lothringen für die Wahlberechtigung erforderlich ist. Ange- nommen wurde ferner der Antrag unserer Genossen, den Bettler- Paragraphen zu streichen. Das in der Regierungsvorlage vorgesehene Pluralwahlrecht wurde gleichfalls auf Antrag unserer Genossen gestrichen. Für den Antrag stimmten außer unseren Genossen die Fortschrittler und das Zentrum. Mit 14 gegen 12 Stimmen wurden endlich die sozialdemokratischen Anträge angenommen, wonach der Wahl- tag ein Sonntag sein muß und abgeschlossene Wahlurnen zu verwenden sind. Die anderen Paragraphen wurden meist ohne Debatte im wesentlichen nach der Regierungsborlage angenommen. Damit ist die zweite Lesung auch der Wahlgesetzvorlage erledigt. In der dritten Lesung, die erst nach den Osterfericn stattfindet, soll zunächst versucht werden, die durch die Ablehnung des§ 1 entstandene Lücke auszufüllen._ Die Kommission zur Verekelnng der Leichenverbrennung hielt am Freitag im Landtag die zweite Lesung ab. Natürlich kam, wenn auch inzwischen ein Personenwechsel stattgefunden hatte, bei gleicher Besetzung der bürgerlichen Parteien nichts anderes dabei heranS. Die Sozialdemokratie ist natürlich ausgeschlossen. Uiigeheuer spaßig war eS, beim§ 2 den ZentrumSmann Bell gegen das plutokratifche Wahlrecht zur Gemeindebertretung wettern zu hören, von dem er befürchtet, daß eine Stadtverwaltung gegen den Willen der Mehrheit der Einwohner der Stadt ein Krematorium aufhalsen könnte. Ach, wenn das plutokratifche Wahlrecht keine anderen Gefahren für die Mehrheit in sich trüge, dann wäre es leichter zu ertragen, als es leider der Fall ist! Betreffs der Minderjährigen wurde der Schlußsatz des§ 9 der Regierungsvorlage wieder hergestellt; außerdem analog dem sächsischen Gesetz ein§ 9» angehängt, welcher das beschleunigte Beschwerderecht regelt.— Daß der„protestantische Heckenroth mit den katholischen Gegnern der Feuerbestattung wieder die „Margarine blau färben", d. h. die Feuerbestattung durch das Wort„Leichenverbrennung" ersetzen wollte, kann ja bei bei dem zartbesaiteten Gemüt dieses Christen ebenso wenig Wunder nehmen, als die katholische„Toleranz", die sich mit gleicher christlicher Menschenliebe ihren Mitmenschen gegenüber gebärdet. Der Versuch wurde übrigens mit Stimmengleichheit abgelehnt, ebenso der§ 1 und schließlich daS gesamte Gesetz. Jetzt hat das Plenum das Wort. Von Interesse war. daß der Negier ungSvertreter vom Justizministerium mit aller Entsch iedenh eit erklärte, daß mit Bezug auf Verbrechen daS Gesetz eine vollständig ge» nügende Sicherheit gewähre. Ja, wenn den Schwarzkünstlern und ihren Helfershelfern nur darum zu tun wäre— ihre Besorgnis liegt auf ganz anderem Gebiete. Nach Osteru im Pleimm werden sie nochmals darüber jammern. Ter Lanbesansschuh für Elsasi-Lothringen befaßte sich am Mittwoch in zwei Sitzungen mit dem Fall Gicrke. Nicht genug mit den 75 000 M., die der kaiserliche Kassen- inspektor Gierle als Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Kreis- Vereins Molsheim unterschlagen hat, der R e g i e r u n g S v e r t r e t e r Geheünrat Lichtenberg mußte im Landesausschuß weiter ge- stehe», daß„eine ganze Reihe von Geschäftsführern landwirtschaftlicher Kreisvereine auf der Strecke geblieben find." Im Laufe des vergangenen Sommers seien bei einem anderen Kreisverein auch bedeutende Unter- schlagungen festgestellt worden, für die der Bewag allerdings nachträglich wieder ersetzt wurde. Der Regierungsvertreter mußte ferner zugeben, daß man den Kassen inspektor Gierke im Amte ließ, obwohl der Regierung bekannt war, daß er bei einem Genieindeschreiber Schulden machte, dessen Amtsführung erselb st zukontrol- lieren hatte! Es lebe die Autorität l Einblicke in ei» Offizierkasino gewährke ein Mißhandlungsprozeß, der gestern vor dein Kriegs- gericht der I. Gardedivision stattfand. Unter Anklage stand der Sergeant Breuer vom 2. Garderegiment; er hatte sich wegen Miß- Handlung Untergebener zu verantworten. Der Ange- klagte hat den Posten eines Kasinounteroffizicrs innegehabt, und wie der als Zeuge vernommene Kompagniechef, Hauptmann von Schönstedt, erklärte, ist ein derartiger Posten der schwierigste und verantwortungsvollste. Die Stellung eines Kasinovorstehers ver- lange von den Nerven eines Unteroffiziers die größten Anforde- rungen. Die Buchführung sei außerordentlich kompliziert, und wenn z. B. bei einem Liebes mahl 36 Ordonnanzen daraufhin nachgesehen werden müssen, ob die Livreen und Krawatten sitzen, so sei dies für den Vor- steher eine schwierige Aufgabe, und wenn er dabei erregt werde, so wäre dies menschlich. Der Angeklagte wurde beschuldigt, tMmid MiMiMes ill g�t Fallcv Uüt crgepx.ye. mißhandelt zu haben. So verfeMe Sr eliMal dem Gkelkadier Kaufmann, als dieser zur Livrecausgabe bei einem größeren Fest zu spät kam. mit den Worten:„Hier haben Sie den Kram!" eine Backpfeife. Als der Grenadier Lorenz eines Tages im Kasino die lange Tafel zusammenstellte, und dies etwas länger als sonst dauerte, faßte ihn der Unteroffizier vor die Brust, dann an die Gurgel und stieß ihn gegen das Büfett. Bei einer an- deren Gelegenheit erhielt er einen Schlag ins Gesicht. Grenadier Mau, der beim Auflegen der Silbcrgeräte etwas über- sehen hatte, wurde vom Angeklagten ins Gesicht geschlagen, daß er Nasenbluten bekam. Als er beim Liebcsmahl zu Kaisers Geburtstag für die Offiziere nicht schnell genug Ananas aus dem Keller holte, eilte ihm B. entgegen und versetzte ihm eine Ohrfeige. Am nächsten Tage faßte er Mau beim Hals und drückte ihn gegen das Spind. Grenadier Erich wurde einmal vom Angeklagten mit den Worten:„Ich schlage Dir A.. die Backzähne ein!" ins Gesicht gestoßen. Mit Rücksicht darauf, daß B. sonst ein tüchtiger Unteroffizier sei. erkannte Pas KricgsgcrW äuj drei WoKev Mittelarrest l frankreicb. Durand nervenkrank« Paris, 30. März. Der Arbeitersekretär Durand, der bor einiger Zeit zum T o de verurteilt und vom Präsidenten zu einer Gefängnisstrafe begnadigt worden war. ist jetzt, da er Spuren von Geistesstörung zeigt, zur ärztlichen Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht worden. Spanien. Tic Ferrer-Tebatte." Madrid, 80. März. In der D e pu t i er ten k a m m c r er- klärte der Republikaner Alvarez, daß das Militärstrafgesetzbuch lückenhaft sei. Die Richter Ferrcrs hätten unter suggestiven Einflüsscii gehandelt und das von ihnen eingeschlagene Versahren sei notorisch parteiisch gewesen. In seiner Antwort er- kannte Ministerpräsident Eanalcjas an, daß das Militärstras- gcsetzbuch abänderungsbedürftig sei, das Urteil über Ferrer aber sei gerecht und endgültig. Tie Regierung könne auf den Prozeß nicht zurückkommen. Er fürchte, die gegenwärtige Kampagne sei nur der Anfang einer Reihe von Handlungen, die das Parlament zu mißbilligen verpflichtet sei. Alvarez kündigle darauf an, die Republikaner würden Anträge auf eine R e v i» s i o n des Prozesses Ferrer und aus eine Abänderung des Militär- strafgesetzbuchcs stellen. Dato erklärte namens der K o n s e r» vativcn, seine Partei übernehme jede Verantlvortung für die Handlungen des Kabinetts M a u r a, das dem Könige den Rat, Ferrer zu begnadigen, nicht habe erteilen können,. Rußland. Die Verfassnngskrise in Rußland. Die Parlamentskrise, die durch den brutalen Getvaltstreichi Stolypins heraufbeschworen wurde, ist noch immer nicht geklärt. Die Maßregeln, die Stolypin anwandte, um im Anite zu verbleiben und die Duma nicht auflösen zu müssen, haben nicht nur die hohe Bureaukratie, die sich durch die Maß- regeluna der Reichsratsmitglieder Durnowo und Trepow in ihrer Machtstellung bedroht fühlt, gegen den Diktator auf- gebracht, sie haben auch die Oktobristen gezimingen, öffentlich mit Stolypin zu brechen. Die Ministerkrise ist in eine akute P a r l a m c u t s k r i s e umgeschlagen, deren Konsequenzen schwer abzusehen sind. Es herrscht eine Verworrenheit und Unsicherheit, die täglich neue Ueberraschungen verspricht. Der Tumapräsident G u t s ch k o w, der zuerst als Führer der Oktrobristeni und dann als Vorsitzender der Duma mit Stolypin durch dick und dünn ging, ist von seinem Posten zurückgetreten. Auch der Vorsitzende des Reichsrates, A k i m o w, trägt sich mit Rücktrittsgedanken. Der bisher ss gefügige Reichsrat will sogar— zum erstenmal seit seinem Bestehen— über eine Interpellation wegen des ungesetzlichen Vorgehens Stolypins beraten. In der Duma fand eine solche Beratung gleich nach der Wiederausnahnie ihrer Sitzungen am 28. März statt. Nachdem die Dringlichkeit mit 198 gegen» 119 Stimmen angenommen wurde, wurden sämtliche Jnter- pellationen: der Oktobristen, der Progressisten, der Kadetten, der Sozialdemokraten fast mit Zweidrittelmehrheit angenommen. Die endgültige Fassung der Dumainterpellation wird laut dem Reglement in der Sitzung des Präsidiums und der ersten Antragsteller vorgenommen. Allgemein wird dieser Fassung mit der größten Spannung entgegengesehen, da von ihr in bedeutendem Maße der Ausgang der Krise abhängt. Die„Realpolitiker" des Zentrums, denen nach dem ersten mannhasten Schritt bereits das Herz in die Hosen gefallen ist. suchen bereits nach einer Formel, die das Mißtrauensvotum der Duma soweit abschwächen könnte, daß Stolypin von einer Auflösung der Duma Abstand nimmt. Ein solcher Ausgang würde der ganzen Haltung der Oktobristen entsprechen, die einerseits bestrebt sind, sich vor den Wahlen als die Ver- leidiger der Verfassimg pur vxcellenck den Wählern zu Prä- sentieren, andererseits aber vor einem Konflikt mit Stolypin heillose Furcht haben, da sie ohne Unterstützung der AdMini- srration bei den nächsten Wahlen aufs Haupt geschlagen lverdcn. Diese Helden von der traurigen Gestalt erwähnen nunmehr mit keiner Silbe die angedrohte kollektive Nieder- lcgung der Mandate und weisen mit patriotischer Entrüstung das Ansinnen der Linken zurück, ihre oppositionelle Gesinnung doch durch die A b I c h n u n g d c s Budget szur Geltung zu bringen._„ Soziales. Wie Grubeicherren die Schnapspest bekämpfen« Eine eigenartige Bekämpfung der Fuselpest, die leidee unler den Bergleuten immer noch sehr arg grassiert, leisten sich ver, schiedene Zechenverwaltungen. Die Zeche„Concordia" in Ober» Hausen hat die lobenswerte Einrichtung getroffen, Milch und SelterStvasser auf dem Zcchcnplatz zum Ausschank zu bringen. Nun wurde dem Bezirksleiter des Bergarbeiterverbandes mitgeteilt, daß in diesen„Milchhäuschen" Schnaps in großen M i lchg l ä s er n zum Ausschank komme und am meisten verlangt wurde. Nachdem, der ArbeiterauSschuß vergeblich hei der Zechenverwaltung zur Be- seitigung dieses Skandals vorstellig geworden war, wandte sich der Bezirksleiter beschlverdefiihrend an die B e r g b e h ö r d e. In dem Antwortschreiben der Bergbehörde wird die Tatsache des Schnaps- ausschanks zugegeben; es müsse aber von einem Einschreiten Ab- stand genommen werden, weil die Ausschankstelle nicht mehr auf dem Zechengrundstück stehe! Auf Beschwerde bei der Polizei- bchörde erhielt dann der BezirkSleitcr die Antivort, daß der Aus- schank konzessioniert sei. Der Zeche Neumühl hat der Kreisausschuß ebenfalls, trotz beS Widerspruchs der Ortspolizeibchörde, die Konzession zum Betriebe einer Schnapsbudike erteilt. Freilich ist man hier nicht auf den Ausweg des MilchhäuschenS verfallen, sondern schenkt treu und brav Fusel aus. Wie weit aber der Arm der Grubeuherrcn reicht, ersieht man aus der Tatsache, daß die Konzession trotz des Widerspruchs der Ortspolizeibehördc erteilt wurde. Durch die Schnapsbudiken verdienen die Bergbarone und er- hoffen wohl vor allem,, daß der Fusel die Bergarbeiter willensschwach llnö im AMimen der Seiztojaiie geMig mqctze.. GcwerhfcbaftUches. Der MtaUarbeiterverbanä im jfabre 1910. Nach der soeben veröffentlichten Abrechnung hat der Verband im Jahre ISIt) beispiellose Fortschritte gemacht. Die Zunahme an Mit- gliedern übertraf die aller früheren Jahre: Sie betrug 90 667. Die Zahl der männlichen Mitglieder stieg von 349 941 auf 426 989, die der Jugendlichen von 7860 auf 13 355, die der weiblichen von 15 548 auf 23 672. Die Gesamtmitgliederzahl am Jahresschluß betrug 464 016. Die JahrcSrechnung bilanziert mit der Summe von 13 039 463,05 Mark. Die reinen Einnahmen waren: Beitrittsgelder 86 784,20 M., Beiträge 11 580 886,80 M. Sonstige Einnahmen 193404,86 M., zu- fanrmen 12 166 075,86 M. Für Unterstützungen wurden aus der Hauptkasse gezahlt: Neise- geld 291 264,69 M,, Uinzugsunterstützung 98 787,93 M., Kranken- unterstiitzung 2 745 838,73 M., Arbeitslosenunterstützung 1 536 318,11 M., Unterstützung bei Maßregelungen 149 500,40 M,, Unterstützung in besonderen Notsällen 58 637,55 M., Sterbegeld 83 247 M., Rechts- schütz 43 471,36 M., Streilunterstützung 2 803 476,40 M., zusammen 7 313 592.17 M. Der Verband hatte im Berichtsjahre 1370 Lohnbewegungen zu führen, unter denen sich opferreiche Kämpfe befanden. Es sei nur erinnert an die Werftarbeiterbewegung, die l8/« Millionen Mark kostete, an die Kämpfe in Hagen- Schwelm, Remscheid und Pforzheim, die ebenfalls bedeutende Summen erforderten. Das Vermögen des Verbandes hat trotz der großen Ausgaben zugenommen. Es stieg in der Hanptkasse um 848 555,66 M., in den Lokalkaffen um zirka 500 000 M.. sodaß das Gesanitvermögen am Jahresschluß 7>/., Millionen Mark betrug. Die.Metallarbeiter-Zeitung" kommt bei der Besprechung der Abrechnung zu dem Schlüsse, daß der Hauptkaffe mehr finanzielle Mittel als bisher zugeführt werden müssen. DaS müsse geschehen, uin die günstige Konjunktur ausnützen zu können, aber auch, um für die Zukunft zu sorgen, denn bei der folgenden Krise würden die Aufwendungen für Krauken- und Arbeitslosen- Unterstützung steigen. Auch wird auf den jetzigen Kampf in Chemnitz hingewiesen, der nicht der letzte derartige Kampf sein werde, den der Verband durchzufechten habe. Dieser Hinweis auf den Kampf in Chemnitz ist unseres Erachtens auch zu beherzigen von allen den Metallarbeitern, die sich bis jetzt dem Metallarbeitervcrbaude noch nicht angeschlossen haben. In Chemnitz werden auch die un- organisierten Arbeiter rücksichtslos auf die Straß« gesetzt. Das ist bei den großen Arbcitökämpfen der letzten Zeit fast überall der Fall gelvcscn. Die Arbeiter, die keiner Organisation angehöre», stehen in solchen Fällen schutzlos da. Nur die Gewerkschaft steht ihnen in der Gefahr bei. Darum säume kein Arbeiter länger mit der Er- füllung der Pflicht, sich der Gewerkschaft seiner Kollege» an- zuschließen._ Berlin und Umgegend. Ein neuer Tnrifvertrng für die Geldschrankschlosser. Mit dem Schutzverband der Berliner Schlossereien usw. hat der Deutsche Metallarbeiterverband einen Tarifvertrag für die Gcldschrankschlosser vereinbart, der gestern abend die Zustimmung der Arbeiter fand. Die Tarifbewegung ist mit einem Erfolg be- endet worden. Die Unternehmer machten das Zugeständnis, die Mindestlöhne Vom 1. April 1911 ab um 4 Pf. und vom 1. April 1913 ab um weitere 2 Pf. zu erhöhen. Die tatsächlich gezahlten Löhne sollen vom 1. April 1911 ab um 2 Pf., vom 1. April 1912 ab um weitere 2 Pf. und vom 1. April 1913 ab nochmals um 2 Pf. erhöht werden. Die Löhne von 75. Pf. und mehr werden vom 1. April 1911 einmalig um 2 Pf. erhöht.— Der Tarif soll bis zum 1. April 1915 gelten. Die letztere Bestimmung rief in der Versammlung einigen Wider- spruch hervor, aber die Unternehmer hatten diesen Punkt zu einer Bedingung für den Tarif überhaupt gemacht und die Arbeiter waren schließlich damit einverstanden. Achtung, Metallarbeiter! Der Betrieb der Firma N i e m a n n Ist nach wie vor streng gesperrt. Da die Firma und die von ihr beauftragten Streikbrccheragentcn sich in auswärtigen Zeitungen bemühen, durch allerhand unklare Inserate Arbeitswillige nach Berlin zu locken, ersuchen wir auswärtige Blätter um Nachdruck. Deutscher Metallarbeitervcrband Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Frifeurgrhilfen! Tariflich geregelt in Oberfchöne- weide: Stippekohl, Rathenaustr. 4; Berndt, Luisenstr. 16; Piedke, Klarastr. 13; Nabenstein, Edinsonstr. 49; Rothe und Kola, Watt- siraße 8 und 77; für Berlin: Hanne, Boeckhstr. 50. Die Sperre ist aufgehoben bei Schulz, Rixdorf, Richardstr. 53. Verband der Friscurgclifen. Zweigverein Berlin. Die Lohnbewegung der Flaschenmacher in Stralau und den Zweigfabriken dieser Firma in Rüdnitz und R a u s ch a ist durch Verhandlungen zum Abschluß gekommen. Den Arbeitern in Stralau und in Rädnitz wurde eine 4prozentige und den Ar- beitern in Kauscha«ine 3prozentigs Lohnzulage auf den zurzeit gültigen Lohntarif gewährt. Dazu kommen noch einige andere Vergünstigungen im Arbeitsverhältnis. Oeutfctus Reich. Lohnbewegungen im Gartnercigewerbe. In Dresden legten am 27. März die Arbeiter der Land- schaftsgärtnereibetriebe die Arbeit nieder, nachdem die Unter- nehmer Verhandlungen abgelehnt hatten. Gefordert wird für Gehilfen 50 Pf., für Arbeiter 45 Pf. Stundenlohn. Nach ztvci- täglgem Ausstande hatten 18 Firmen mit 81 Beschäftigten diese Forderungen bewilligt, insgesamt haben 150 Mann die Arbeit niedergelegt. In Leipzig sind für dieselbe Branche gleiche Forde- rungen gestellt worden."In der Handelsgärtnerei werden Wochen- löhne verlangt. In Nürnberg sind für alle Branchen Forde- rungen gestellt worden. In Stuttgart befinden sich die Land- schaftSgärtner in einer Lohnbewegung, gefordert wird 48 Pf. Stundenlohn. Die Unternehmerorganisation lehnt Unterhand- lungen ab mit der Begründung, daß die Forderungen bereits durchgeführt seien. waS aber nicht zutrifft. In Solingen wird die zehnstündige Arbeitszeit verlangt; für Landschaftsgärtner pro Stunde 46 Pf., für gemischte Betriebe 25 M. Wochen lohn, für Friedhofsarbeiter 26 M. In Bremen haben die Unternehmer abermals alle Verhandlungen abgelehnt, sie werden dieser Tage über weitere Maßnahmen entscheiden. Auch in Kiel lehnten die Unternehmer Verhandlungen ab, sie wollen nicht mit der Organi- sation, aber mit ihren Gehilfen verhandeln. In Berlin wird in der Handelsgärtuerei am 8. April die Arbeit eingestellt werden, soweit die Unternehmer die Forderungen nicht anerkannt haben. Erfolgloser Bergarbciterstrcik. Gendarmen, Gerichtsvollzieher und Siebenmonatskinder haben eS fertiggebracht, den Bergarbeiterstreik auf der Grube Finkenherd bei F r a n k f u r t a. O. ergebnislos zu beenden. Seit 8 Wochen streikten die Bergarbeiter wegen Gcdingelohnkürzung und um ver- schiedene Mißstände zu beseitigen. Gleich zu Beginn des Streiks zeigte es sich, daß die WerkSverwaltnng über Hilfskräfte verfügte, die nicht jedem Unternehmer zu Gebote stehen. Ihre Beamten erhielten vom zuständigen Amtsvorstcher v. Burzsdorff Waffenscheine ausgestellt. Dazu kam noch, daß etwa ein Dutzend Gendarmen für die.Sicherheit der Arbeitswilligen" sorgte. Da ober für die Gendarmen nichts zu tun war, so versuchten sie d i e Streikenden zum Streikbruch zu bewegen! Später Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: trafen in zwei Transporten etiva 30 Hamburger Streikbrecher ein, die Revolver trugen und den weitesten„Schutz" der Sicherheits- organe' genossen. Dieser„Schutz" ging so weit, daß die Hamburger Pinkertowns auf offener Straße Streikende anfallen konnten und auf sie schössen. Ein andermal wurde ein Streikposten von den Hamburgern verprügelt; der in der Nähe stehende Gendarm konnte davon nichts sehen, weil er gleich Kehrt machte und verschwand. Ueberhaupt hatten die Streikposten schwere Tage; sie wurden von den Gendarmen nirgends geduldet. Einer der SicherHeitsbeamtew drohte sogar einem Ausständigen, daß, wenn er sich nicht füge, er niedergeschlagen würde wie ein Ochse vom Schlächter. Als die Streikenden ihre Papiere vom Werke ab- holten, wurden ihnen diese von drei Gendarmen ausgestellt.und übergeben. Daneben regnete es Anzeigen über Anzeigen auf die Aus- ständigen herab und die gerichtlichen Vernehmungen wegen angeb- licher Vergehen nahmen kein Ende. Auch der Gerichtsvollzieher trat gegen sie in Tätigkeit, indem er die in Werkhäusern wohnen- den Bergleute auf die Straße setzte. Dem von diesem Schicksal gleichfalls betroffenen Kassierer wurde hierbei ein Schrank zer- brachen, in dem er die Streikgelder verwahrte. Von dem hierbei herausgefallenen Gelds beschlagnahmte der Gerichtsvollzieher einen Teil zur Deckung der Räumungskosten. Die Wertsleitung ist Sieger geblieben. Sie wird sich dieses Sieges aber nicht sonderlich freuen können, denn von ihren einge- arbeiteten Leuten kehrt nur die knappe Hälfte in den Betrieb zu- rück, die anderen haben anderweitig sich eine Existenz gesucht. Streik in de» Maschinenfabriken von Brandenburg a. H. In B r a n d e n b u r g a. H. befinden sich die Metallarbeiter in den Maschinenfabriken in einer Lohnbewegung. Sie fordern eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Die Unternehmer haben so geringe Zu- gesländnisse gemacht, daß die Arbeiter das als eine Verhöhmmg ansehen. Bei den Firmen Gebr. W i e m a n n und in der Deutschen M ä h m a s ch i n e n f a b r i i ist es bereits zur Arbeitseinstellung gekommen. Ob mit den beiden übrigen Firmen, Gottfried Krüger- folg hat. Wann die Wahlen kommen, ist für uns Sozialdemokraten gnnz gleichgültig, ob im Sommer, Winter oder Frühling. Für uns wird es eine herrliche Erntezeit sein. Wir werden ernten, was Sie und die Regierung gesät haben.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Westarp(k.): Die Herren Wiemer und Bassermann haben über die Absichten der konservativen Partei gesprochen. Da hätten Sie sich doch zunächst informieren sollen. In der„Kreuz- zeitung" stand in der Mittwochnummer ein Artikel, in welchem dargelegt wurde, daß es sich bei dem Vorfall im WgeovdnetenHause keineswegs um einen persönlichen Vorstoß gegen den Reichs- kanzler handelte. Die Herren hätten also die Behauptung nicht wiederholen sollen.(Zustimmung bei den Konservativen.) Der Reichskanzler sagte gestern über den Kampf um die Reichsfinanz- rcform:„Gesunde Reichsfinanzen sind seine Folgen und diesem Faktum wird das Volk sich nicht auf die Dauer entziehen können." Die..Nationalzeitung", das„Berliner Tageblatt". überhaupt alle liberalen Blätter haben diesen Satz unterschlagen.(Große Unruhe bei der Volkspartei und den Nationalliberalen.) Es ist das eine absichtliche Entstellung des Be- richts(andauernde Unruhe) und ich erwarte von der Loyalität der Zeitungen, daß sie ihre Leser davon unterrichten. Im ganzen handelte es sich bei den Ausführungen der linken Parteien um ein Rückzugsgefecht; die gute Wirkung der Finanz. r e f o r m auf den Reichshaushalt kann eben nicht mehr geleugnet Zwerden.(Lebhafte Zustimmung rechts.) In dem Rückzugsgefecht der linken Parteien ist als zweite Position aufgegeben worden die Darstellung der Wirkung der Reichsfinanzreform auf den Einzel- Haushalt. Was ist im Jahre 1909 nicht alles darüber in der liberalen Presse geschrieben worden. Eine Berechnung setzte die Wiersteuer so hoch ein, daß danach die Familie täglich 80 Seidel Bier hätte konsumieren müssen.(Heiterkeit rechts. Rufe links: Das war wohl eine Bierzeitung?) Das war ein ernsthaftes politisches Blatt im Kreise Löwenberg.(Heiterkeit links.) Wenn eine Industrie durch die Finanzreform wirklich schwer ge. troffen worden ist, so ist es das B r e n n e r e i g e w e r b e gewesen, für das das Brennvecht und Kontingent herabgesetzt worden ist. (Lacken liifts.) Die übrigen Angriffe auf unsere Politik bei der Rcichsfinanzveform sind so unhaltbar, daß man sich förmlich geniert, sie immer wieder zu widerlegen.(Beifall rechts.) Die Erb'anfallsteuer wird zetzt von den Parteien der Linken als soziale Steuer gepriesen und ihre Ablehnung wird uns zum Vorwurf gemacht. Von nationalliberalen Rednern, wie den Abgg. Dr. Paasche und Dr. Weber, ist aber seinerzeit die Nachlaßsteuer als unsozial bekämpft worden. Wenn Abg. Basscrmann gestern sagte, lieber keine Finanzreform als eine so unsoziale, so hätte er es richtiger so ausdrücken können: Lieber keine Finanz- reform, als eine, die das nationalliberale Partei» interesse verletzt.(Sehr gut! rechts. Unruhe bei den Rationallibcralen.) Es muß ja ein unangenehmes Gefühl sein, wenn man durch die Unfähigkeit zu positiver politischer Arbeit aus einer Position gedrängt wich, ia der msn hoffte, maß«. gebenden politischen Einfluß zu erlangen. Aus diesem unangenehmen Gefühl heraus erklären sich vielleicht die maßlosen Angriffe der Nationalliberalen auf unsere Partei.(Bravo! rechts. Der Reichskanzler erscheint im Saal.) Es ist eine schwere Schuld der gegenwärtigen Parteileitung der Natwnalliberalen, daß sie eine solche Art des Kampfes inauguriert hat, bei der dem politischen Gegner unlautere Motive unterschoben werden. Diese KampfcSart kann das uns abgegrabene Wasser nur auf die Mühlen der Sozialdemokratie leiten. Um so mehr muß ein solches Vorgehen bekämpft werden. Für uns ist die Stellungnahme einer Partei zur Sozialbemokratie die beherrschende Frage für die nächsten Wahle». Die Sozialdemo- kratie hat sich erst neuerdings wieder ganz unverhüllt als Um- sturzpartei bekannt, ihr brutaler Terrorismus gegenüber anders Denkenden tritt immer unverhüllter zutage.(Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Daß sie die moralische Verant- Wartung für die Moabiter Vorgänge trägt, ist un- widcrleglich bewiesen.(Stürmischer Widerspruch bei den Sozial- demokraten, Pfui-Rufe, Zuruf: Das glauben Sie ja selber nicht.) Man hat gesagt, wir hätten uns die Wahlhilfe von Sozial- demokraten gefallen lassen. Wenn sozialistische Mitläufer sich bei einer Stichwahl entschließen sollten, einen Konservativen zu wählen— nur für meine Person würde das ja nicht lieb sein (Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), so können wir da- ?cgen nichts machen. In den Fällen F c l d m a n n und B o l k o at unsere Partei das Eingehen auf die sozialdemokratischen Wünsche nicht gebilligt, die fortschrittliche Volkspartei aber hat wiederhalt offiziell Stellung genommen für den sozialdemokratischen Kandidaten. Ich will anerkennen, daß bei den Nationallioe- ralen solche Aufrufe nicht zu verzeichnen sind. Aber die Tatsache, daß von der Parteileitung der Großblock in Baden nicht gemißbilligt worden ist. muß uns mißtrauisch machen und ebenso die Parole des Herrn Paasche. stramm gegen rechts. (Sehr richtig! rechts.) Für uns Konservative ist es also unmög- lich, in irgendeiner Form, aus irgendeinem Versuch, parteipolitische Vorteile herauszuschlagen, einen Sozialdemokraten zu unterstützen tLebhaftes Bravo! rechts.) Aber unsere Wähler sind keine Ma schinen. Ich richte die ernste Mahnung an die Nationalliberalen und die Freisinnigen, es unseren Wählern unmöglich zu machen, an diesem Grundsatz festzuhalten, indem sie durch gewissenlose Verhetzung (Oho! links) und durch in der Form verletzende Angriffe die Ge� duld unserer Wähler aufs äußerste reizen.(Große Unruhe links/ Präsident Graf Schwcrin-Löwitz: Ich nehme an, daß Sie mit dieser Aeußerung nicht Mitglieder dieses Hauses meinen. Abg. Graf Westarp(fortf.): Soweit die Aeußerung auf Pav teien dieses Hauses bezogen werden konnte, nehme ich sie zurück� Machen Sie durch Bündnisse mit der Sozialdemo- kratie unseren Wählern nicht unmöglich, den Unterschied zwischen einem Freisinnigen und Sozialdemokraten bei den Stichwahlen noch zu erkennen.— Ich bin mir der Verantwortung voll bewußt, angesichts der noch zu lösenden großen gesetzgeberischen Aufgaben hier eine solche Kampfrcde zu halten. Aber wir sind dazu ge- zwungen worden durch die Reden der Herren Bassermann und Wiemer.(Lachen links.) Unsere Hauptpflicht bei den nächsten Wahlen ist es. der revolutionären und republikanischen Sozialdemokratie entgegenzutreten. (Huhuk bei den Sozialdemokraten.) Wir führen diesen Kamp mit der Siegeszuversicht, die ein gutes Gewissen gibt. (Stürmischer Beifall rechts, Zischen links.) Abg. Fürst Hahfcldt(Rp.): Der Reichskanzler hat sich über die Abrüstungsfrage in sehr realpolitischer Weise geäußert, die wir nur billigen können.— Die Reichspartei hat an der Reichsfinanzreform mitgearbeitet, ohne sich für alle Einzelheiten zu begeistern. Wir hätten gern manches anders gemacht(Hört, hört! links) aber wir sind der Meinung, daß die bürgerlichen Parteien Besseres tun sollten, als fortgesetzt aufdiese Dinge zurückzu- kommen.(Brabol rechts.) Bei manchen UnVollkommenheiten im einzelnen kann nicht bestritten werden, daß die Reichsfinanzreform schließlich doch außerordentlich günstig auf das deutsche Wirtschafts- leben gewirkt hat.(Sehr wahr! rechts.)— Gute Finanzen sind die Vorbedingung einer positiven nationalen Politik.— Wir wünschen dringend die Erledigung der Reichsversicherungs- o r d n u n g noch in dieser Session.— Die Reichspartei stellt stets das Gemeinwohl über den Parteigeist.(Bravo! rechts.) Abg. Fuhrmann(natl.): Im preußischen Abgeordnetenhause haben die Konservativen fortgesetzt die f r i e d l i ch st e n Aus- führungen der Nationalliberalen mit den heftig st en Kriegs� crklärungen beantwortet. Und da wundern sich die Konserva tiven über die Ausführungen meines Freundes Bassermann. Ganz unzweifelhaft haben die Vorgänge bei der Reichsfinanzreform und hat besonders das Verhalten der Konservatwen schwere Verwirrung im Lande hervorgerufen. Der Gras Westarp spricht von den Wir- kungen der Finanzreform für die Reichskasse. Aber wie steht es mit den Wirkungen für den Haushalt des einzelnen? Die Tabak- st euer, die Begünstigung der SpirituS-Zentrale haben zahlreiche mittelständische Existenzen schwer geschädigt. (Lebhaftes Hört, hört! links.) Das ist die berühmte Mittelstands- freundlichkeit der Rechten!(Lebhafte Zustimmung links, Unruhe rechts.) Niemals hat die SpirituS-Zentrale so glänzend ver- dient wie im vorigen Jahre. Ist das Unecgennützigkeit?(Sehr gut! links.) Aus ethischen Erwägungen heraus haben wir die Reichsfinanzreform abgelehnt, die keine allgemeine Besitzsteuer ent- hielt. Und da wirft uns der Abg. v. Heydebrand bor. unsere patriotische Pflicht verletzt zu haben. Das sagt ein Führer derselben konservativen Partei, deren Wortführer das große nationale Werk des Bürgerlichen Gesetzbuchs an der Frage des Hasen- schadens scheitern lassen wollte.(Hört, hört! und Bewegung links.) Die Konservativen tun so, als ob wir Nationalliberale Gelüste nach einem Bündnis mit der Sozialdemokratie hätten. Wo haben wir Nationalliberalen bei den Nachwahlen unsere patriotische Pflicht vernachlässigt? In LandSberg-Soldin, in Friedberg- Büdingen, in Gießen-Ridda haben wir die bürgerlichen Mandate gerettet.(Ironischer Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Dagegen haben hervorragende Konservative mit konservativer Stimmenthaltung bei Stichwahlen zwischen Nationalliberalen und Sozialdemokraten gedroht!(Hört, hört! bei den Liberalen.) Der Graf Westarp sagt: Wir Konservativen wollen mit keiner Partei zu tun haben, die nicht zweifelsfrei gegen die Sozialdemokratie Stellung nimmt. Da wundert mich wahrhaftig das schwarzblaue Bündnis. Denn das Zentrum hat niemals Bedenken getragen, sich mit den Sozialdemokraten zu verbünden. Ich erinnere an den badischen Zentrumsmann Wacker und an das langjährige Zusammengehen von Zentrum und Sozialdemo. kraten in Bayern.(Sehr gutl links.)— Herrn v. Heyde- brand hat es das deutsche Volk zu verdanken, daß die Borherr- schaft des Zentrums wiederhergestellt ist. Mit der Zerstörung des Bülow-Blocks ist manche Hoffnung des deutschen Volkes zugleich zerstört.(Zuruf rechts: Liberale Hoffnungenl) Der LinkSlibe- raliSmuS, der in vielversprechender Weise zur positiven Mitarbeit herangezogen war ich erinnere an die bedeutsamen AuS- führungen des Herrn v. Payer— ist wieder in die Opposition zurückgeschleudert worden.—— Ein paar Worte zur el s a ß» lothringischen Frage. Wir haben Bedenken gegen Einzel- yeiten der Vorlage. Aber viel bedenklichere Folgen, als einige Un- Vollkommenheiten der Vorlage, würde das Scheitern der Vorlage haben. Wir werden daher für sie stimmen, und wir wünschen, daß sie Deutschland und Elsaß-Lothringen zum Segen gereichen möge. Stets werden wir Nationalliberalen zur p o s i t i v e n M i t- arbeit bereit sein.(Lebhafter Beifall bei den Liberalen. Zischen rechts.) Abg. Dr. Rösicke(k.): Mit der Haltung, die sie nach der Ableh- nung der Erbschaftssteuer eingenommen haben, find die National- liberalen auf die schiefe Ebene gelangt.— Redner wirft den Ratio- llMbersIea unzählige Sünden vor« u, u, daß jie DlderiK Ha ho, Traf Otldltf, R He h k- Pauk L e? K ck n n- Fekkck fTroße Heiterkeit links) genötigt haben, sich anderswo politische Unterkunft zu suchen. Redner verbreitet sich sodann über das Thema„Zolltarif und Handelsvertrag" unter besonderer Be- rücksichtigung der Vorgänge von 1902 und wirst den Nationallibe- ralen vor, mit ihrem Widerstande gegen die Bindung der Vieh-, Gemüse-, Hopfen-, Wein- usw. Zölle bauernfeindliche Politik ge- trieben zu haben.— Redner wendet sich sodann wieder der Reichs- finanzresorm zu und verteidigt die Liebesgabe. Die Landwirte wissen, daß sie von einer Partei nichts Gutes zu erwarten haben. die den H a n s a b u n d und den B a u e r n b u n d ins Leben ge- rufen hat. Tie Nationalliberalen werfen uns immer vor. daß wir Konservative mit dem Zentrum zusammengehen. Es hat aber auch schon Nationalliberale gegeben, die die Verdienste des Zentrums um den Schutz der nationalen Arbeit anerkannt haben, während die Nationalliberalen jetzt mit den freihändlerischen Freisinnigen, den alten Feinden Bismarcks, zusammengehen. Damit verlassen die Nationalliberalen auch die Politik Bennigsens, der stets für den Zusammenschluß der staatserhaltcnden Kräfte eingetreten ist.(Hört, hört! rechts.) Vor einigen Jahren noch stand auch Herr Basser- mann auf diesem Standpunkt. Wir rufen den Nationalliberalen zu: Kehrt um von eurem verhängnisvollen Wege!(Ironische Rufe bei den Sozialdemokraten: Ernst» kehre zurück, dir ist alles vergeben! Stürmische Heiterkeit.) Abg. Haußmann(Vp.): Zu der inneren Politik hat der Reichs- kanzler überhaupt nicht gesprochen; er hat nur die ihm angebotene Mitarbeit der Natwnalliberalen und Freisinnigen bei der elsaß-wthringischen Frage mit einer Handbewegung gewisser- maßen als lästig abgetan. Dagegen wird seine Rede über die Frage der internationalen Verständigung in Europa Beachtung finden. In England hat diese Rede gewirkt wie ein kalter leschickter riedens- Wintersturm. Er hat die Gelegenheit, in diplomatisch Weise die in Englaich und Frankreich kundgegebene � strömung auszunutzen, vorübergehen lassen und hat uns statt dessen Borlesungen über die Menschennatur gehalten. Für ihn scheitert die ganze Sache an der Frage der Kontrolle an dem Mangel einer Formel! Was soll das heißen an- gesichtS der Publizität der Etatsaufstellung in allen in Betracht kommenden Ländern? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.(Sehr richtig! links.) Er hat Deutschland erneut mit dem Odium be- lastet, daß an seinem Widerstand alle Abrüstungsbestrcbungen schei- tern.(Sehr wahr! links.) Wir halten fest an unserem Antrag, der die Regierung ausfordert, die von anderer Seite gebotene Hand zu ergreifen, um eine Verständigung über eine Beschränkung der Rüstungen herbeizuführen. Der Reichskanzler hat an- erkannt, daß unser Antrag vorsichtig gefaßt ist, daher bitte ich Sie, ihm zuzustimmen, damit wenigstens etwas geschieht, und damit der Eindruck, als ob Deutschland als Störenfried in der Welt auftritt, nicht weiter aufkommt.— Die Herren der Rechten be- haupten, Herr Bassermann habe das Niveau des Reichstags herabgedrückt. Lieber Gott, wie oft haben die Konservativen das Niveau des Reichstags herabgedrückt, ehe der Hahn dreimal gekräht hat.(Sehr gut! und Große Heiterkeit links.) Nicht von einem Rückzugsgefecht ist auf unserer Seite die Rede, sondern von einem Vorpostengefecht für die große Hauptschlacht, vor der Sie (nach rechts) Angst haben.(Gelächter rechts.) Daher wollen Sie ja auch die Wahlen noch ein Jahr hinausschieben.(Lebhafte Zustimmung links, Zuruf rechts: Gießen!)— Was bei den AuS- führungen über Stichwahlabkommen an Heuchelei geleistet worden ist, übersteigt alles Maß.(Sehr richtig! links.) Sie(nach rechts) predigen gegen den Materialismus und lehnen die Erb- schaftssteuer aus„Familiensinn" ab. Sie macheu für sich Gesetze und schaffen sich Kali-Kuli.(Große Heiterkeit.) Wir gehen mit fester Entschlossenheit in den Wahlkampf. Die öffentliche Meinung ist durch die Politik der Rechten genügend auf. geklärt. Die Entwickelung Deutschlands ist nach vorwärts gerichtet trotz alledem.(Bravo! links.) Ein Schlußantrag der Rechten wird angenomme» Abg. Frank(Soz.): v Ich stelle fest, daß es durch den Schluß der Debatke dem Reichskanzler unmöglich gemacht ist, zu antworten.(Schallend« Heiterkeit im ganzen Hause.) Abg. Dr. Weber(natl.): Dev Schlußantrag ist von der Rechten in dem Moment eingebrocht worden, als ihr dritter Redner aus« schließlich gegen die Natwnalliberalen polemisiert hatte.(Hört! hört! bei den Nationalliberalen. Zuruf links: Vornehm!) Abg. Dr. Rösicke(k.): ES handelte sich bei meinen Ausführungen lediglich um eine Abwehr.(Lachen links.) Abg. Ledebour(Soz.): Ich halte es für notwendig, wenn wir jcht zur Abstimmung über den Titel„Gehalt des Reichskanzlers" kommen, von dem gewöhnlichen Brauch, ak�uweichen und besondere! d die Bewilligung anzunehmen, bsti m m ung zu verlangen, da- mit diejenigen Mitglieder de? Hauses zu ihrem Reckt kommen, die nach den heutigen und gestrigen Vorkommnissen zu der Erkenntnis gekommen sind, daß der gegenwärtige Reichskanzler absolut un- fähig ist, eine Politik im Interesse des deutschen Boll» zu treiben. (Große Unruhe bei der Mehrheit. Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Dr. Schultz: Diese Aeußerung ist ortmungS- widrig. Das Gehalt des Reichskanzlers wird hierauf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten bewilligt. Die Resolution Albrecht(Soz.) auf sofortige Herbei« führung einer internationalen Verständigung über die allgemeine Einschränkung der Rüstungen wird abgelehnt, die Resolution Ablaß(Vp.) auf Erklärung der Bereitwilligkeit auf von einer Großmacht gemachte Vorschläge betr. Begrenzung der Rüstungsausgaben und auf Abschließung von Sch i eds ge ri cht S v er t rä ge n wird gegen die Stimmen der Rechten uni> eines Teils der Nationalliberalen angenommen. Eine Resolution der Polen auf reichsgesetz- liche Regelung des Aufenthalts der Ausländer und ein« konservative Resolution auf Errichtung eines Kolonial- krcegerdenkmals in Berlin werden ebenfalls a n g e- nommen. Abgelehnt wird eine Resolution Albrecht (Soz.) auf Vergebung von Lieferungen für die einzelnen Zweige der Reichsverwaltung nur an Firmen, die für den A b s ch l u ß von Tarifverträgen sind und auf Ordnung der Arbeits- bedingungen in den Reichs betrieben unter Mitwirkung der A r- beiterauSschsüsse. Gegen dies« Resolution(stimmt auch das Zentrum. Es folgt der Etat des Auswärtigen Amtes. Mg. Dr. Pfeiffer(Z.) verbreitet sich über die Wahrnehmung der deutschen Handelsinteressen in Finnland, die durch den neuen russischen Tarif ganz außerordentlich geschädigt sind. Dann beschwert sich der Redner über den deutschen Konsul in Alaska, der sich der Interessen eines deutsche» Kaufmanns in Alas ka nicht genügend angenommen hätte. Staatssekretär des Auswärtigen v. Kiderlen-WLchter: Von dem zuletzt erwähnten Fall ist uns nichs bekannt.— Die Zölle in Finnland sind erhöht nicht auf Betreiben der russischen, sondern der innländischen Regierung. Gegen eine Einverleibung den ßrovinz in Rußland können wir nichts machen, doch haben wir für«inen Schutz der deutschen Interessen in diesen» Fall Vorsorge getragen insofern, als Rußland sich verpflichtet hat, uns von semer etwaigen Absicht rechtzeitig in Kenntnis zu setze». Abg. Dr. David(Soz.): Die Vorgänge in Finnland sind nicht nur vom Standpunkt sser deutschen HandelSintercssen zu beurteilen. Da» Verbreche», das am finnländischen Volke begangen werden soll ist in höchstem Maße geeignet, in der ganzen zivilisierten Welt Protest hervyrzumfW.(Lebhafte ZustiZWMg bei de» Sozial. Demokraten.) Der Rechtsbruch muß ftden empören, der überhaupt noch Empfinden für Recht hat. Der Staatssekretär sprach von einer russischen Provinz, vorläufig ist Finnland ein in Personalunion mit Rutzland verbundenes selbständiges Land. Das finnische Volk darf der Sympathie aller für Freiheit und Gerechtig- keit fühlender Menschen sicher sein.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Leider machen diese Sympathien wenig Eindruck auf die Gewalthaber in Petersburg, denen daS Gefühl für Moral und Gerechtigkeit gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint. Wir wollen hoffen, daß die Zeit nicht fern ist, w» dieses Schandregiment den längstverdienten Zusammenbruch erleidet und an seiner inneren Fäulnis zugrunde geht. Dieser Tag wird ein Jubel tag sein für die ganze aufstrebende Mensch- heit.(Anhaltender Beifall bei den Sozialdemokraten.) Der Redner schildert dann ausführlich die Schicksale österreichischer Staats- angehöriger, die im Personenzug durch Deutschland nach Holland und von da nach London reisen wollten. Sie wurden an der Grenzstation Rheine von Polizeibeamten angehalten, weil sie in keiner Kontrollstation deS Norddeutschen Lloyd gewesen waren, sie mußten ihre Barschast ausliefern, und da sie sich nich bereit- erklärten, ein« Karte des Norddeutschen Lloyd zu lösen und über Bremen zu fahren, wurden sie nach P a s s a u an der österreichischen Grenze zurückgebracht.(Hörtl hört! bei den Sozialdemo- kraien.) Das Verfahren charakterisiert sich als eine Beraubung und als eine Freiheitsentziehung. Der Reichskanzler sagt« gestern, die Beziehungen der Völker zu einander beruhten auf dem Volks- empfinden. Er sollte sich doch einmal fragen, wie denn diese Ding«, die im österreichischen Pärlament zur Sprache kommen, auf das Volksempfinden Oesterreichs wirken.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokratcn.) Wenn der Staatssekretär ein Mann ist, wird er in diese die Ehre und das Ansehen der Nation schwer schädigende Polizeiwirtschaft mit einem Donnerwetrer dreinfahren. (Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär des Auswärtigen v. Kiderlen-Wüchter: Wir können nicht auf die den Einzclstaaten zustehende Fremdenpolizei einwirken.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Recht schwach!) Das mag sein, aber es ist richtig. Der Abg. David übchschätzt mich, tvcnn er meint, ich könnte in die preußische Regierung wie ein Donnerwetter dreiirfahren.(Große Heiterkeit.) Wir sind mit der Sache nur insoweit befaßt worden, als die österreichisch-ungariiche Botschaft beim preußischen Ministerium des Innern angestagt hat, wie die Sache steht. Eine vollständige Aufklärung ist bisher noch nicht ersolgt. Sobald die Auskunft vollständig da ist, bin ich bereit, sie mitzuteilen.(Zuruf bei den Sozialdemokrateu: Wenn wir zu Hause sind.) Abg. Dr. Görcke(natl.) begrüßt die Errichtung eines deutschen Konsulats in Wladiwostok und beschwert sich über das ungenügende Konsulatsgcbäude in Tientsin. Sodann begründet er eine Resolu- tion der bürgerlichen Parteien auf Erhöhung des Fonds zur Förde- rung deutscher Schul- und Unterrichtszweckc im Auslände und verlangt die Abänderung des Gesetzes über die Rcichsangehörigkeit, die dringend notwendig sei. Staatssekretär v. Kiderlen-Wüchter: Die vom Vorredner ge- tvünschte Novelle zum Gesetz über die Rcichsangehörigkeit liegt fertig da, wird aber in Rücksicht auf die Geschäftslage dem Reichs- jtage nicht vorgelegt. Abg. Kaempf(Vp.) tritt für die Resolution Görcke ein und führt Klage über die Behandlung deutscher Staatsangehöriger in Rußland. Deutsche Behörden kommen in durchaus unange- messener Weise den antisemitischen Forderungen der ruffischen Be- Hörden nach. Gewiß gehören die Ausweisungen fremder Staatangehöriger nicht zum Ressort des Auswärtigen Amtes; aber da diese Ausweisungen recht wenig geeignet sind, das Ansehen Deutschlands im Ausland zu erhöhen, so macht vielleicht der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes seine Kollegen auf die üblen Folgen dieser Verwaltungspraxis aufmerksam.(Lebhaste Zustimmung links.) Abg. Frank-Ratibor(Z.) macht ebenfalls auf die bedenk- lichen Folgen der Massenausweisungen für die aus- wältigen Beziehungen Deutschlands aufmerksam und verweist auf die Verhandlungen im österreichischen Reichsrat über die Aus- Weisung böhmischer Arbeiter.— Redner wendet sich sodann seinem Lieblingsthema, der.Zigeunerplage", zu und regt eine internatio- pale Regelung der Zigeunersrage an. Abg. Gothein(Vp.) führt Klage über die ungenügende Wah- rung kaufmännischer Interessen durch die Konsulate. Es wäre jsehr wünschenswert, wenn der Ausdruck„U n t e r t a n e n" in den Handelsverträgen durch den modernem Empfinden angemessenen Ausdruck.Staatsbürger" ersetzt würde.— Wenn die Sache mit dem österreichschen Reisenden sich wirklich so zugetragen hat, wie der Abg. David geschildert hat. so hat das Reich allerdings alle Ursache, sich mit dieser preuhischcn Praxis zu beschäftigen, die für das Ansehen Deutschlands im Auslände sicher nicht förderlich ist. (Lebhafte Zustimmung links.) Ein Fall wie dieser und wie der Fall der Josepha C r i st o n zeigen deutlich, daß das Reich seine Aufsicht über die Fremdenpolizei schärfer ausüben muß.(Weder- holte Zustimmung links.) Abg. Dr. David(Soz.): Die Fälle, die ich vorgetragen habe, dürsten dem Staatssekretär picht unbekannt sein. Zum Teil kannte er sie durch den öfter- reichischen Botschafter in Berlin.(Hört! hörtl links.) Der Staatssekretär hat unS in seiner Jungfernrede erzählt, wie schön alles im Reichsamt deS Auswärtigen eingerichtet sei.(Große Heiterkeit.) Zur guten Einrichtung des Auswärtigen Amtes gehört aber doch auch sicherlich einige Kenntnis der Borgänge in den anS« landischen Parlamenten, soweit diese Tinge betreffen, die für Deutschland wichtig sind.(Sehr wahr! links.) Unzweifelhaft waren aber die Verhandlungen im österreichischen Reichsrat über die Ausweisungen von größter Wichtigkeit für Deutschland. Und da kommt man und sagt, das sei eine preußische und keine deutsche Angelegenheit. Das ist einfach nicht wahr. Werden die Handels- und Freundschaftsverträge von Preußen oder vom Reiche abgeschlossen?(Sehr gut! links.) Man stelle sich einmal vor, welche Erregung in Deutschland entstehen würde, wenn mit deutschen Staatsangehörigen ,n Oesterreich verfahren würde, wie mit öfter- reichischen Staatsangehörigen in Deutschland! Bergißt man denn die Wirkung, die diese Praxis auf die Volksstimmung im Auslände haben muß? Der Staatssekretär hätte alle Veranlassung, bei dieser Angelegenheit mit der Faust auf den Tisch zu schlagen— moralisch wenigstens.(Große Heiterkeit.) Sein Ansehen im Auslände, seine Autorität bei seinen ausländischen Kollegen wird sicher nicht wachsen, wenn er seine Ohnmacht gegenüber den einheimischen Behörden in Angelegenheiten eingestehen muß, die die auswärtigen Beziehungen Deutschlands berühren.(Lebhaftes Sehr richtig! links.) Das Reich ist es sich schuldig, darauf zu sehen, daß die polizeiliche Praxis der Einzelsiaa»en sich nicht störend in seine aus- wärtigen Beziehungen einmengt.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- bemokraten.) Staatssekretär v. Kiberlen-Wächter: Gewiß hat daS Reich die Befugnis, sie Fremdenpolizei gesetzlich zu regeln, aber es hat von dieser Befugnis bisher noch keinen Gebrauch gemacht.(Leb- hafte Zurufe links: Leider, leider!) Wir sind durchaus von den Vorgängen im österreichischen Reichsrat unterrichtet gewesen.— Der Reichskanzler kann doch nicht alle Einzelfälle nachprüfen. (Erregte Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Der Konfessions- vermerk in den Pässen deutscher Untertanen, die nach Rußland reisen, geschieht in ihrem eigenen Interesse. /Zuruf bei den Sezialdemokraten: Untertanen? Wir haben Staatsbürger, nur Staatsmänner haben wir nicht? Große Heiterkeit.) Ich knüpfe doch an den landläufigen Ausdruck »Untertanen" keine staatsrechtlichen Konsequenzen.(Lachen links.) Die Debatte schließt. Die fortdauernden Ausgaben werden Gewilligt unter Annahme des Antrages Eickhoff, der den Betrag zur Förderung deutscher Schul« und Unterrichtszwecke im Auslände Kon 900 000 M. im nächsten Eiert aüf 1 Million zu er« höhen wünscht. In den Einmaligen Ausgaben hat die Vudgetkommission die dritte Rate zum Erwerb eines Botschaftsgebäudes in St. Peters- bürg 450 000 M. in eine Schlußrate von 401640 M. verwandelt. Abg. Heckscher(Vp.): Die Verhältnisse in unserem Botschafts- gebäude in St. Petersburg sind ganz unwürdig; der Botschafter hat sein Schlafaemach in den Kellerräumen.(Oh! ohl bei den Sozialdemokraten.) Wir haben bereits zweimal über eine halbe Million zum Erwerb des Palais Michael, das zum Botschaftspalais bestimmt war, bewilligt, und jetzt hören wir, daß daS Haus noch gar nicht gekauft ist. Der Staatssekretär v. Schön schilderte in beweglichen Klagen die Zustände im Bot- chaftspalais; wenn der Botschafter einen Ball gebe, so drängen ich Männlein und Weiblein in einer Art, welche geradezu be- klemmend sei.(Große Heiterkeit.) Und jetzt will man einfach eine Etage aufsetzen, und dann soll alles in schönster Ord- nung sein. Staatssekretär v. Kiberlen-Wächter: Das Palais Michael war bereits gekauft, aber unter der Bedingung, daß der Großfürst noch bestimmte B e s i tz t i t e l beibrächte. Da er sie nicht bei- brachte— es hatte sich unter anderem herausgestellt, daß das HauS nicht überall auf seinen richtigen Grenzen stanv (Schallende Heiterkeit)—, traten wir von dem Kauf zurück, und wollen nunmehr das alte Botschaftspalais von Grund aus um- bauen. Die Einmaligen Ausgaben werden bewilligt. Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Sonnabend 11 Uhr» Schluß S Uhr. parlamentarircbca* Tie Gewerbeordnungskommissio» beendete am Freitag die zweite Lesung der GewerbeordnungS- Novelle. Die Tagung wurde ausgefüllt mit der Beratung eines sozialdemokratischen Abänderungsantrages zum 2. Absatz des§ 134. Unsere Genossen forderten in diesem Antrage, daß den Arbeitern bei der regelmäßigen Lohnzahlung ein schriftlicher Nach- weis über den Betrag des verdienten Lohnes mit der Angabe der geleisteten Arbeits stunden oder Tage ausgehändigt werde. Alle bürgerlichen Parteien wandten sich gegen diesen Antrag, nur zwei Zentrumsabgeordneie stellten sich bei der Abstimmung aus die Seite der sozialdemokratischen Kommissionsmitgliedcr. Man wolle den Arbeitern keine Mittel in die Hand geben, um die Lohnverhält- nisse in den einzelnen Betrieben kontrollieren zu können, so lauteten übereinstimmend die Gründe, die die Vertreter aller bürgerlichen Parteien gegen den Antrag geltend machten. Die sozialdemokratischen Vertreter brachten von den in der bor- jährigen Gewerbeordnungs-Kommission angenommenen Anträgen diejenigen wieder ein, die einige wichtige Materien zu regeln be- zweckten. Sie betrafen u. a. die Beseitigung bezw. Beschrän- k u n g der Ko n k u r r e n z k l a u s el in den Verträgen der Tech- niker und Handlungsgehilfen, die Einsetzung von Arbeiter- auSschüssen, den Achtuhrladenschluß und die Ein- führung von Handelsinspektoren. Die bürgerliche Mehrheit der Kommission wollte sich nicht dazu entschließen, diese Anträge im Nahmen der Regierungsvorlage mit zu beraten. Nach der Feststellung des Berichtes über den Regierungscntwurf wollen sich die Herren darüber entscheiden, ob die sozialdemokratischen Anträge überhaupt beraten werden sollen. Die sozialdemokratischen Kommissionsmitglieder werden jedenfalls dafür sorgen, daß die An- träge nicht in Vergessenheit geraten. Die nächste Sitzung wird nach den Osterferien stMinkn» Hub der Partei. Die Parteischule beendete am Freitag mittag ihren fünften Kursus, der wie die früheren Kurse wiederum ein halbes Jahr gedauert hat. Die Zahl der Teilnehmer betrug diesesmal nur 24, weil nicht alle Plätze, die seit einigen Jahren den gewerkschaftlichen Zentralver- bänden zur Verfügung gestellt werden, besetzt worden waren. Neben zwanzig Teilnehmern, die von den Parteiorganisationen Deutsch- lands geschickt worden waren, nahmen vier Genossen teil, die die Gewerkschaften, und zwar je zwei die Bergarbeiter und die Bau- arbeiter auf die Parteischule gesandt hatten. Der Lehrplan war im wesentlichen der gleiche wie in den früheren Jahren. Ge- schichte und Nationalökonomie standen im Vordergrund. Der geschichtliche Unterricht erforderte im ganzen 2S4 Stunden, von denen 06 auf die deutsche Geschichte und die Parteigeschichte, 74 auf die Geschichte deS Sozialismus, 102 auf die Geschichte der gesell- schaftlichcn EntWickelung und 22 auf die materialistische GeschichtS- auffassung entfielen. Wirtschaftsgeschichte und N a- tionalökonomie beanspruchten zusammen 23S Stunden. Auf das Arbeiterrecht entfielen 74, aus Naturerkennt- n i s 40. auf S t r a f r e ch t und Strafvollzug 22, auf das Erfurter Programm 14 Stunden. Den formalen Unter- richtsfächern waren insgesamt 104 Stunden eingeräumt, und zwar der Grammatik 24, der Aufsatz lehre 46, der Stil» lehre 10, den Redeübungen 16 und der ZeitungS- t e ch n i k 8 Stunden. In seinem Abschiedswort an die Parteischüler wie? der Ob- mann der Parteischule, Genosse Heinrich Schulz, darauf hin, daß der Unterricht nicht den Zweck gehabt habe, dem einzelnen ein besseres.Ausleben der Persönlichkeit" zu ermöglichen, sondern daß alles Lehren und Lernen an der Parteischule im Dienste der Gesamtheit stehe. Jeder Parteischüler müsse neben dem nötigen Eifer auch ein gutes Stück Opferwilligkeit und beharrlicher Aus- dauer mitbringen. Da die Parteischule nur eine Einrichtung der Gesamtheit sei und von den Genossinnen und Genossen zum Zwecke besserer Kampfbereitschaft besucht wende, lege die Leitung der Schule auch großen Wert auf das Urteil, das die Schüler am Schlüsse eines jeden Kurses über die Schule im allgemeinen und über ihre einzelnen Einrichtungen abgeben. Ueber Einzelheiten seien in jedem Kursus Wünsche laut geworden, die auch nach Mög- lichkeit berücksichtigt würden. Ueber die Schule an sich, über ihren Wert für die deutsche Sozialdemokratie herrsche erfreulicherweise auch in den schriftlichen und mündlichen Urteilen der diesjährigen KursuSteilnehmer ebenso wie in früheren Jahren nur eine Stimme der Anerkennung. Trotz des eingehenden Unterrichts werde aber kein Parteischüler glauben, daß er jetzt fertig sei. im Gegenteil, die meisten würden jetzt erst ein Augenmaß für das, was ihnen noch fehle, erlangt haben. Daher möge jeder Schüler auch in seinem späteren Leben fleißig weiterstudieren. Daneben aber habe er die ernste Pflicht, das Gelernte anzuwenden im Dienste der Arbeiterbewegung, im Kampfe gegen die Gegner. Die beste Gelegenheit dafür bieten die bevorstehenden ReichStagZwahlen. bei denen jeder ehemalige Par. teischüler seine volle Pflicht tun möge. Im Namen der Parteislhüler nahm zunächst deren Obmann, F i s ch e r- Hannover, daS Wort. Die Schüler würden da» bessere geistige Rüstzeug. daS sie v«n der Schule mitnehmen, nicht als ihr persönliches Eigentum betrachten, sondern damit der Partei dienen und ihr damit zugleich den Dank für daS halbe Jahr Parteischule abstatten. Sodann sprach noch Genosse Horter. Karlsruhe, der Gauleiter des BauarbeiterverbandeS, der von seiner Gewerkschaft aus die Parteischule entsandt worden war. Für ihn habe e» noch nie eine» Gegensatz zwischen Partei und Gewerkschaft gegeben. Ftk dieser Auffassung sei er durch seinen Aufenthalt in der Parket« schule nur bestärkt worden. Er wünsche daher sehr, daß die Gewerkschaften sich zahlreicher an der Parteischule beteiligen möchten als bisher, da es auch für den gewerkschaftlichen Kampf notwendig sei, daß das Wissen erweitert werde. LLaS er in diesem Sinne tun könne, solle geschehen. Hierauf schloß Genosse Schulz den fünften Kursus der Partei- schule. Eine originelle Anklage. Die Z e i tz e r Staatsanwaltschaft glaubt ein neue? Mittel entdeckt zu haben, um Besprechung von Mißständen in der Presse zu verhüten. In unserem Brudcrorgan, dem„Volksboten für Naumburg-Weißenfels-Zeitz", war folgender Bericht erschienen: Kretzschau. Ter Stock als Erziehungsmittel. Die Tochter deS Arbeiters Walotka ist dieser Tage von ihrem Klassenlehrer, Herrn Brühahn, auf eine Art und Weise mißhandelt worden, die den schärfiten Protest aller derjenigen herausfordert, die aus pädagogischen Gründen für Abschaffung der Prügelstrafe in den Volksschulen eintreten. Der Vater des mißhandelten Mädchens war so vernünftig, sich von einem Arzte die sichtbaren Spuren der Mißhandlung attestieren zu lassen. Nachstehend das Attest: „Frida Walotka ist am 10. Februar 1911 von mir ärztlich untersucht worden. Es wird hierdurch zum Zwecke der Ein- leitung einer Beschwerde ärztlich bescheinigt, daß das Kind 1. eine auf Druck schmerzhaste Schwellung der linken Wange (Gegend vor dem Ohr) und der linken Schläfe, 2. auf der rechten Wange einige Fingerabdrücke entsprechend aufweist. Außerdem findet sich über dem rechten Schulterblatt auf dem Rücken eine stärkere zirka hühnereigrotze Blutunter» l a u f u n g mit oberflächlicher Hautabschürfung. Ferner zeigten rechte Schulter und Oberarm 6 bis 6 von Stockschlägen herrührende Striemen. Die Verletzungen, welche das Kind aufweist, können recht wohl durch Mißhandlungen seitens'des Lehircüs entstandon sein. Abgesehen durch den von Stockschlägen entstandenen Striemen seien sie derart(besonders die iÄhtoellung und Blutunterlausung an der linken Schläfe und Wange), daß ohne weitere? klar ist, daß der betreffende Lehrer in diesem Falle da? ihm zu» stehende Züchtigungsrecht weit überschritten und wahrscheinlich in Wut auf das Kind losgeschlagen hat. Dag hierdurch, besonders durch Schläge in das Gesicht und auf den Kopf unabsehbarer Schaden entstehen kann, ist allgemein bekannt. Zufällig ist es in diesem Falle nicht zu schweren, Leben oder Gesundheit bedrohenden, Erscheinungen gekommen. Zeitz, den 10. Februar 1911. Dr. Purrucker." Die„ Erziehung?"-Methode des Herrn Brühahn ist im„Volks, blatt" schon öfters einer Kritik unterzogen worden. Hoffentlich macht ihm nunmehr seine vorgesetzte Behörde auf die einge- gelegte Beschwerde klar, daß er kein Recht hat, die Kinder der Arbeiter zu mißhandeln. Daraufhin hat jetzt die Staatsanwaltschaft den verantwort» lichen Redakteur des„Volksboten" wegen Vergehen gegen daS— Urheberrechtsgesetz vernehmen lassen. Dieses Vergehen soll in der Veröffentlichung des Attestes liegen. Strafantrag hat der betreffende Arzt gestellt._ Das Attest■— so wird deduziert— ist ein auf individueller geistiger Tätigkeit be- ruhendes Schriftwerk. Das Autorrecht des Arztes sei also durch den Abdruck verletzt. Diese originelle Konstruktion dürfte ein ge- wältige? Loch haben. Auf den Ausgang der famosen Anklage, die auch auf die Anschauung des Arztes ein interessantes Licht wirst, lars map gestzaiuit sein. Soziales. Ei« soziales Urteil in einem Konkurrenzklauselprozess. Die Firma G. Polysius, Eisengießerei und Maschinenfabrik ilt Dessau, hatte einem Angestellten einen Vertrag unterbreitet, in dem eS u. a. heißt:„Sie stellen Ihre gesamte Tätigkeit in den Dienst meiner Firma und verpflichten sich auf Ehreuwort, nach Ihrem etwaigen Austritt aus Ihrer Stellung 3 Jahre lang meiner Firma in Europa weder direkt noch indirekt Konkurvenz in der Zementbranche und in Drehöfen zu machen bei einer 5!onoentional« strafe von 15 000 M. für jeden einzelnen Fall..." Als der Angestellte im Oktober v. I. in eine Konkurrenzfirma eintrat, verklagte ihn Polysius. Im Klageantrag forderte er zu» nächst, daß der Angestellte verurteilt werde, aus der neuen Stellung sofort wieber auszutreten bei Vermeidung einer fiskalischen Strafe und daß er außerdem die 15 000 M. Konventionalstrafe zahlen solle. Von dem Angestellten war Abweisung der Klage beantragt worden, u. a. mit der Begründung, daß der Vertrag nichtig sei, da sein In- halt, soweit er die Konkurrenzklausel umfasse, gegeu die guten Sitten verstoße. Die dritte Zivilkammer des Herzog!. Landgerichts in Braun- schweig hat am 22. Februar die Firma mit ihrer Forderung ab» gewiesen und sie verurteilt, die Kosten des Rechtsstreits zu tragen. Aus den Urteilsgründen berichtet die„Deutsche Jndustriebeamten» Zeitung", daS Organ des Bunde? der technisch industriellen Be« amten, folgende prinzipiell wichtigen Abschnitte: „Augenscheinlich will der Kläger allerdings den Beklagten nicht für drei Jahre in irgendwelcher Tätigkeit in der Zementbranche für ganz Europa lahmlegen, was mit einer völligen Existenzvernichtung gleichlautend, sondern ihn nur vor der direkten oder indirekten Be- tätigung bei der Herstellung von Maschinen für die Zementbranch« und von Drehöfen ausschließen. So verstanden, würde das Weit» bewerbsverbot in der Tat weder zeitlich noch örtlich die zuläffigen Grenzen der Bewegungsfreiheit deS Beklagten inschränkcn. Zweifelsohne ist dies der Fall bei der für jede einzelne Ueber» tretung des Wettbewerbsverbots normierten Vertragsstrafe von 15 000 M., die fast daS Fünffache der festen Jahreseinnahme des Beklagten erreicht, noch mehr als daS Dreifache seines Einkommens inkl. Tantieme beträgt, in ihrer Häufung den völligen Ruin deS Beklagten herbeiführen würde und mangels anderweiter Geltend- machungen durch daS reelle Interesse der Klägerin nicht geboten erscheint. Die Vertragsbestimmungen nehmen lediglich(Reichs- gerichtSenffcheidungen 68 231) unter Nichtberücksichtigung der Ver. mögenSstellung deS Beklagten während seiner ganzen Lebenszeit in einseitiger Weise daS Interesse der Klägerin wahr, während von einem auch nur versuchten Ausgleich der beiderseitigen Interessen keine Rede ist." „Mit Recht hat aber Beklagter neben jenen Bestimmungen daS schwerste Gewicht aus seine Verpflichtungen mittels Ehrenwortes zum Schutze der lediglich finanziellen einseitigen Interessen der Klägerin gelegt. ES ist bereits in der oben angeführten Ent» scheibung deS Reichsgerichts ausgesprochen und in einer ferneren (Juristische Wochenschrist 1911 Seite 29 Nr. 7) wiederholt, daß die Ehre, weil sie als ideales Gut einen, Teil des PersönlichkeitSrechtS deS Menschen bilde und seine Grundlage seiner Existenz ist, nicht ohne weiteres in vermögensrechtlichen Beziehungen zugunsten an. derer verwendet werden kann. Irgend ein ideales oder Person- licheS Moment aber, das die Bindung des Beklagten an seine Ver» pflichtungen mittels des RechtSgutS der Ehre zu rechtfertigen go» eignet fem könnt«, ist hier nicht herangetreten; namentlich ist von einer besonderen Vertrauensstellung des Beklagten oder von der Geheimhaltung bestimmter anvertrauter Tatsachen nicht die Rede. Klägerinn wollte offenbar durch die ehrenwörtliche Verpflichtung de» Beklagten«inen besonders wirksamen Druck auf ihn aus- üben, den Vertrag peinlich genau innezuhalten und sich nicht der Gefahr auszusetzen, deS Ehrenwortbruchs geziehen zu werden und damit eine Minderung seines Ansehens zu erleiden. Klägerin rechnete derart, und konnte damit rechnen, daß der Beklagte als Angehöriger der Kreise mit Hochschulbildung den Druck der ehren» wörtlichen Bindung weit stärker empfinden mußte, al» den der Vertragsstrafe." ,A?/ ta / a&ratllchen ÄlllimMK-WIielll. .SctoeMefle elen Lli n, 6 StU 30 lo vielen Linift- tnxen, 6 Stück Pt SGlmlmappen, Rindleder, für Knaben oder Mädchen 3.75 Apfelsinen Dutzend 25, 35, 45 pf- Blut-Apfelsinen Dutzend 35, 45 Citronen............ Dutzend 25, 35p(- Erbelli- Feigen.............. Pfand 35pt Kopfsalat....................... Kopf Grüne Gurken................ stock 35 n Spinat........................... Pfund 15 pt Rhabarber...................... BandlO« Radieschen...................... Bund 5«- A.Dandorf&6 BeUe-Alliancestrasse Grosse Frankfurterstrasse Brunnenstmsse Kottbuser-Oamm s Sowtü Vorrai Cerveiaiwurst.............. Pfand 1,25 Salamiwurst................. Pfund 1.25 Teewurst...................... Pfand 1.10 Schinkenwurst............. Pfand 1,25 Thüringer Knoblauchwurst Pfd. 1,25 ff. Leberwurst.............. Pfand 95 pt Rausmacher Leberwurst Pfand 95 t Landleberwurst............. Pfand 78?/. RotWUrSt I..................... Pfand 75 Pf. Rot-o.Zwiebelleberwurst Pfand 48 Nusschinken............... � 1.25 Schinkenspeck.............. Pfand 1,10 Kaffee 1.10 "1.20 1.Z5 ■ /4r\ jäK' 7? A Kasseler Rippespeer... 68 Brech- 0. Schnittbohnenca2vo-ö 28pt Brech-o.Schnittbohnenca3DodSe42pt Kohlrabi in Scheiben mit GrOn'/iDose 28?/• Wirsingkohl.................-/.Do-e 30?-. Spinat.......................... Dose 42?/. Suppenschoten............. ��38� Junge Schoten..............-,,Doee45p«> Feine Junge Schoten% Do« 55 t Gemischtes Gemüse>/.Do,e45, 85 n Gemischtes Gemüse«ztr aViDoee 95 pt- Bruchspargel ohne Kopf.....«dDose 72k. Bruchspargel mit Kopf.......-/.Do« 95?/- Stangenspargel ,�«1.20, 1.35 Sardinen m sei. dos« 25, 33, 48?t- Bismarck- 0. Bratheringe Do« 42 rt Brat-Heringe....... 4 uter-Do« 98 pt Delikatess-HeringeDoM.SS, 63» Sardellen..........«. 1 Pfund do« 63» Sardinen 0. Anchovis....... eus 22» Bücklinge.................. 5 stock 18» Schweizer Käse........... Pfand 80» Edamer-Käse.................. p/ond 78» Tilsiter Käse................. Pfand68» Brie-Käse..................... Pfand 35» Frühstücks-Käse.............. stock 5pt Camembert o.Neuchafellerstock19pt PL Sonntag den 2. April von 12—2 Uhr geöffnet Verkaufsstelle für Abonnementsmarken der Brossen Berliner Strassenbahn und der Allnemoinen Berliner Omnibus-Aktien-Sesellschaft 1 Ganze Einrichtungen BC-MrSREI pr- PIWOCb-MD Einzelne Ersatzstücke Polsterwaren, Teppiche, Portieren, Gardinen, Betten, Tischdecken, Steppdecken usw. Grosse Auswahl von einfach bürgerlicher bis zu elegantester Ausführung. Täglich Eingang von Neuheitenl KONFEKTION Täglich Eingang von Neuheitenl C. Wachsmann& Co. Ecke Ravenbstrasse Reinickendorfer Strasse 15 neben d. Feuerwache Abzahlung von 1 Mark an\[Anzahlung von 5 Mark an KreditI ftpwa»"i Lerantwortlich» Redakteur: Zllbert Wachs, Berlin. Zur den Jnjeratenleüverantw.: TH.Gl«cke, Berlin. Druckü.Lerlag:LouvärtS Luchdruckerei u. LerlagSanstalt Paut�inger u. So., Berlin SW. Ar. 78. 28. Jahrgang 2. Knill« Ks JotiStls" SmnaM, 1. Jpril I91L Die belgllche Schulreform. AuS Brüssel wird uns geschrieben: Die monatelang angekündigte Schulvorlage der Regierung liegt nun der Oeffentlichkeit vor. Vorige Woche ist sie der Kammer zugegangen, und diese Woche werden die SeZtionen über sie be- raten. Das Schollaertsch: Elaborat ist ein Parteigesetz schlimmster Sorte, das die Verwirklichung aller klerikalen Wünsche birgt, da- gegen die Grundforderung für jede ernsthaste Schulreform in Belgien: den obligatorischen Unterricht, mit Ver- schleierungen und jesuitischen Winkelzügen umgeht. Die Vorlage wird außerhalb des klerikalen Lagers, das ihr natürlich zujubelt. einhellig als kühnster klerikaler Vorstoß— vom finanziellen wie schulpolitischen Standpunkt aus— verurteilt. Seine Annahme wäre gleichbedeutend mit einem verhängnisvollen Schulkrieg, dem peinlichsten Kampf gegen den offiziellen Schulunterricht und schließ- kich einem System schlimmster moralischer Pressionen. Vor allem aber bebeutete die Zuwendung neuer Millionen an die klerikalen Unterrichtsanstalten, die die Vorlage borsieht, eine den jetzigen Zustand weit überflügelnde maßlose Verklerikalisierung des Volksschulunterrichts und damit eine Festigung und Ausdehnung des klerikalen Geistes in Belgien. Herr Schollaert hat ja alle Geschicklichkeit aufgeboten, das klerikale Parteiwcrk in einer Sauce zuzubereiten, die auch auf der Linken den Geschmack für die Vorlage etwas reizen sollte. Wie sich schon jetzt zeigt, mit geringem Erfolg. Wietvohl man in den 26 Jahren ihrer Herrschaft wenig Be- Meisterung bei den Klerikalen für die Volkserziehung wahrgenommen hat, weist der Motivenbericht auf den Wert des Unterrichts und der Erziehung auf die Entwickelung des Volksganzen mit großer Emphase hin. Er verzeichnet die Fortschritte mit Genugtuung und erklärt weitere für unerläßlich. Aber obligatorischen Unter- richt? Nein, liebe Belgier, sagt Herr Schollaert, das kann ich Euch, die Ihr»die Freiheit im Blute habt", nicht zumuten. Zwingen darf man den Belgier zu nichts, auch nicht zum Lernen. Also proklamiert Herr Schollaert nicht einfach den„rohen ZwangSunterricht", wie er in Ländern mit weniger ausgebildetem FrciheitSgcfühl eingeführt ist, sondern er wählt einen anderen Weg und ein anderes System. Tie Erfindung Herrn Schollaerts und der übrigen Mitwirkenden heißt:„Hon seokire",„Schulschein". Die Kommune hat nach dem Vorschlag der Regierung sämtlichen Familienvätern, die Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren haben, soviele„BonS" auszuliefern, als sie Kinder haben. Der Familien- Vater ist verpflichtet— nicht„gezwungen"—, diesen Schulschein(oder mehrere) zu akzeptieren. Tut er eS nicht, verweigert er die Annahme und dannt die„Verpflichtung", sein Kind zur Schule zu schicken, so„kann" er vor den Friedensrichter zitiert werden, der gegebenenfalls bei anhaltendem„bösen Willen" zu einem— Verweis schreiten oder„sogar" den Namen de» schulfeind- lichen Vaters öffentlich anschlagen lassen kann! Daß diese Maß- rcgel. die mit„ivenn" und„kann" und choralischen Verweisen operiert, in Wirklichkeit wenig an dem heutigen Zustand, vor allem an der Unregelmäßigkeit des Schulbesuchs, für den das Gesetz überhaupt keine Vorkehrungen trifft, ändern wird, ist klar. Die Konzession eines scheinbar obligatorischen Unterrichts an die Linksparteien hat aber nur den Zweck, den Kern der klerikalen Forderungen bezüglich einer Schulreform dekorativ einzuhüllen. Dieser Kern ist die alte Forderung der Klerikalen auf Gleichstellung der staatlichen. Suhsidien der klerikalen„freien" Schulen mit den offiziellen Schulen, und die ganze Reformerci der Schollaertschen Vorlage ist nur«in verkapptes Millionengeschenk an die klerikalen Schulen und Kongregationen. Der Schulschstn der Klerikalen ist nämlich nicht schlechtweg eine Anweisung auf eine offizielle(kommunale) Schule, sondern auf eine vom Familienvater zu wählende Schule, also ebenso auf eine der klerikalen Schulen, die schon jetzt reichlich vom Staate Subventionen erhalten, nach der Gesetzwerdung des Schollaertschen Projekts jedoch auf eine jährliche Einnahme von 13 bis IS Millionen Frank zu rechnen hätten. Ein Schulschein repräsentiert nämlich einen durchschnittlichen Wert von 33 Frank, in dessen Kosten sich Staat. Provinz und Gemeinde aufzuteilen hätten. Von den 015 000 Kindern, pie heute die Schulen Belgiens besuchen, entfallen zirka 400 000 Kinder auf die klerikalen Schulanstalten. Multipliziert man diese 400 000 mit den 33 Frank, die Staat. Provinz und Kommune durchschnittlich pro Kind zu bezahlen hätten, so erhält man rund 13 Millionen 200000 Frank! Dies unter der Annahme der gegenwärtigen Schülerzahl. Nimmt man aber eine durch das Gesetz bewirkte Steigerung der Schüleranzahl an, so mag man getrost noch zwei Millionen dazu rechnen. Denn das ist die andere Seit« der Erfindung mit dem Schulschein: er wird, zumal in den ländlichen Gemeinden, wo der Pfarrer eine ungeniertere Gewalt ausübt, zum Mittel niedriger und schamloser Pressionen und Spekulationen werden, nicht unähnlich jenen, die heute von den Klerikalen bei den Wahlen ausgeübt werden— und gegen die die gesetzlichen Vorkehrungen ebenso unwirksam sein würden, wie sie es heute gegen jene sind. Wenn schon heute die klerikalen Wohl. tätigkeitSvereine ihre Unterstützungen nur gewähren, wenn die Eltern nachweisen, daß ihre Kinder nicht die„gottlosen" offiziellen Schulen, sondern die der Kongregationen besuchen, uitd gegebenen- falls ihre Unterstützungen davon abhängig machen, daß die Kinder aus den offiziellen Schulen herausgenommen werden: welch einen unsauberen Schacher, welche Quelle von Korruption wird erst daS System mit dem Schulschein nach sich ziehen! Nicht davon zu sprechen, wie da das gehässige Nachspüren blühen wird— nun. tza für die klerikalen Schulen jedes Kind nicht nur einen moralischen. Gewinn, sondern einen mathematisch genau zu berechnenden materiellen Wert— mindestens 30 Frank!— darstellen würde! Und es begreift sich am Rande, daß unter diesen Umständen der Kampf der Geistlichkeit und ihres Anhangs gegen die.konfessionslosen' Rommunalschulen noch viel rücksichtsloser würde» als er heute schon ist, und daß mithin nicht zuviel gesagt ist, wenn die Liberalen und Sozialisten die Gasetzwerdung der Schollaertschen Schulreform als mit einem Schulkrieg identisch er- klären. Herr Schollaert freilich erklärt in dem Motivenbericht zu seinem Vorschlag, daß dieser Schulschein, der dem Vater die F r e i» jjeit der Wahl der Schule sichert, eine notwendige Kon» zession an die„Freiheit deS Familienvaters" ist, die nach ihm neben der Unentgeltksthkeit deL VolkSschulunterrichtS die wichtigste Grundlage einer Schulreform sein muß. Um das klerikale Gericht der Opposition schmackhafter zu Dwchen, hat Herr Schollaert neben seinem schwindelhaften„obli- Katarischen" Unterricht noch zwei Bestimmungen in daS Gesetz aufgenommen, die sich al» Konzessionen an die Linksparteien geben, dl»«her auch nur halbe Maßregeln sind. Die eine Bestimmung dekretiert das Verbot des Anwerbens von Kindern unter 14 Jahren für Dienste jeder Art(mit einer höchst anfechtbaren Einschränkung), die zweite Bestimmung betrifft den Ausbau der Volksschule durch Angliederung eines Unterrichtsjahres— einer an sich ja wertvollen pädagogischen Maßregel, für deren Wirksammachung aber eine lange Zeit erforderlich sein wird, da die klerikale Regierung damit ungefähr 2000 Klassen schafft, für deren Besetzung ihr aber die Lehrkräfte vollständig mangeln. So bleibt nur der klerikale Gehalt der Schulreform: das Millionengeschenk an die Kongregationen und die Aussicht auf eine gründliche Verklerikalisierung des Volksschul- Unterrichts mit allen aus ihm fliehenden kulturellen und morali- scheu Konsequenzen. Die Aufnahme, die diese Vorlage mit dieser Karikatur von Zwangsunterricht bei den Parteien der Opposition wie in der ganzen antiklerikalen Oeffentlichkeit gefunden, verheißt den schärf- sten Kampf aller freiheitlichen Kräfte Belgiens gegen das klerikale Parteiwerk. Der Prosen gegen die.Corraine Spcrtive'. Vor der Strafkammer des Metzer Landgerichts begann gestern 9 Uhr im großen Schwurgerichtssaal unter ganz gewaltigem An- drang des Publkums, sowie der in- und ausländischen Presse, der mit großer Spannung erwartete Prozeß gegen die Mitglieder der „Lorraine Sportive". Die.Lorraine Sportive" ist eine Vereint- gung, die in dem Verdacht steht, daß sie unter dem Deckmantel sportlicher Veranstaltungen in der Hauptsack)« das Ziel verfolgt, unter der oltlothringischen Jugend nationalfranzösische Gesinnung wachzuhalten. Am 8. Januar war ein Konzert im Hotel Terminus geplant, zu dem 2500 Einladungskarten ausgegeben waren. Ob- wohl die Polizei das Konzert verboten hatte, drang die Menge unter Führung von Vorstandsmitgliedern dennoch gewaltsam m den vom Wirt abgeschlossenen Saal ein und begann mit dem Kon- zert. Als dann die Polizei die Veranstaltungen auflöste, kam es zu Straßendemoustrationen. Wegen dieser Vorgänge sind folgende Personen angeklagt: 1. der 27 Jahre alte Kaufmann Alex Marie Samain, 2. der 33 Jahre alte Baugewerksmeister August Sehl, 3. der 28 Jahre alte Installateur Nicolas, 4. der 37 Jahre alte Schlosser Sebastian Schneider, 5. der 27 Jahre alte Bankbeamte Karl Marin, 6. der 20 Jahre alte Möbelschreiner Lorcnzer,7. der 18 Fahre alte berufs- lose Josef Tournois, 8. der 17 Jahre alte Kaufmann Ernst Marin. 9. der 18 Jahre alte Laufbursche Johann Brvcchi. Den Vorsitz im Gerichtshof führt Landgerichtsrat Tappermann, die Anklage ver« treten Erster Staatsanwalt Geh. Justizrat Gombart und Staats- anwaltschaftsrat Richert. Die Verteidigung der Angeklagten haben übernommen die Rechtsanwälte Dr. Bona und Braun aus Metz, der frühere Reichstagsabgeordnete Blumenthal-Kolmar und Gennig- Stratzbury. Die Anklage zerfällt in zwei verschiedene Gruppen. Es sind angeklagt Alexis Samain, Sehl und Karl Marin, in die Räume des Hotel Terminus widerrechtlich eingedrungen zu sein und zwar gemeinschaftlich, ferner Samain durch zwei weitere selb- ständige Handlungen vor einer Menschenmenge öffentlich zum Un- gehorsam gegen die Gesetze und gegen die von der Obrigkeit ge- troffenen Anordnungen aufgefordert und ein öffentliches Konzert ohne polizeiliche Genehmigung veranstaltet zu haben. Nicolas. Karl Marin, Lorenzer. Tournois, Ernst Marin und Bracchi sind angeklagt und zwar: Karl Marin durch weitere selbständige Hand- lungcn, durch Teilnahme an einem lärmenden Umzug ruhestörenden Lärm und groben Unfug verübt zu haben, Ernst Marin und Lo- rcnzer einen Umzug ohne die vorgeschriebene Genehmigung ver- anstoltet zu haben. Nicolas soll durch eine weiter« selbständige Handlung an einer öffentlichen Zusammenrotlung teilgenommen haben, bei welcher mit vereinten Kräften dem Schutzmann Bohn II in der rechtmäßigen Ausübung seines Amtes durch Drohung mit Gewalt Widerstand geleistet worden ist. Außerdem soll der Be- amte durch Drohung mit Gewalt zur Unterlassung einer Amts- Handlung genötigt worden sein. Schließlich wird Schneider, der nicht Mitglied der„Lorraine Sportive" und im übrigen eine 13mal vorbestrafte, dem Janhagel der Stadt angehörige übclberüchtigte Persönlichkeit ist, angeklagt, durch zwei selbständige Handlungen sich schuldig gemacht zu haben und zwar durch aufrührerisch« Rufe, ferner dem Leutnant Rossura und dem Musketier Gereschinski durch Drohungen Widerstand geleistet und Gereschinski durch An- gebot von Geschenken eine Verletzung seiner Dienstpflicht zugemutet zu haben. In Frage kommen folgende Strasparagraphen:§ 123 Absatz 1. ß 3. 115, 110, 360. 11. 33. 113, 73. 74. 47 Str.-G.-B., die Artikel 471 und 15 des Code pönal und Verstoß gegen Z 79 des RcichsvcreinSgcsches. Der Code pönal findet Anwendung wegen Abhaltung eines polizeilich nicht genehmigten Konzertes ent- sprechend der Polizciverordnung der Stadt Metz vom Jahre 1878. Die hierfür bestehende Strafe beträgt 1—5 Frank. Von den An< geklagten befinden sich Nicolas und Schneider in Untersuchungshaft, während Samain gegen Kaution auf freien Fuß gefetzt worden ist. Ueber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Etos Itiduftric und FtendcL Elektnzitatsgesellschafktr und Straßenbahnen. Die Monopolstellung der großen Elektrizitätsgcscllschaften firtrd kaum angetastet, geschweige erschüttert werden, wenn den ihnen ge- hörenden Unternehmungen eine Erlangung der in letzter Zeit viel diskutierten Jnftallations- und Materialmonopole unmöglich ge. macht würde. So wünschenswert eine Verhinderung vertraglich ge währleisteter Jnftallationsmonopole an eine einzelne Gesellschaft ist, die Tragweite derartiger Maßnahmen wird außerordentlich übertrieben. Geflissentlich übersieht man. daß die drei Elektri zitätskonzerne, die Allgemeine Elektrizitätsgescllschaft, Siemens Halske-Schuckert und die BergmannS-Werke, die dazu noch auf vielen Gebieten untereinander verbündet sind, nicht nur als Pro duktionsunternehmungen, sondern auch als Finanzierung s gesellschaften die überragende Stellung einnehmen. Tie von ihnen gegründeten und beherrschten Betriebe kommen nun als Besteller in Frage, und selbstverständlich wird die kontrollierende Elektrizitäts-Gesellschaft stets alle Aufträge ihrer Tochterunterl nchmungen erhalten. In Verfolg dieser Politik haben die ElektrizitätSkonzerne und die ihnen nahestehenden Banken sich auch vieler S t r a ß e n l bahn- und Kleinbahngesellschaften bemächtigt. Ein mal ließen sie sich dabei von der Absicht leiten, die E l e k t r i s i e> rung früher mit Dampf betriebener Strecken durchzuführen, häusig jedoch bestand da? noch größere Interesse der Elektrizitäts- gesellschaften an dem Erwerb der verschiedenen Straßen- und Klein- bahnen darin, daß diese auch zum Teil schon kleine Elektri- zitätswerke besaßen und über Konzessionen für Errichtung von K r a f t z e n t r a l e n in verschiedenen Gemeinden verfügten. Mit der Uebcrnahme der ver- schiedenen kleineren Gesellschaften erfolgte dann zumeist eine Still- tcgung der kleinen Elektrizitätswerke, an ihre Stelle trat dann eine Ueberlandzentrale. die natürlich die Stromversorgung für weite Gebiete an sich riß. Zu dem schier unabsehbaren Kreis von Gesell- schaften, mit denen sich die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft um- geben hat. gehört auch die Allgemeine Lokal- und Straßenba Hn-Gesellschaft. deren Kapital 17 Millionen Mark beträgt, die ferner Obligationen im Betrage von 27,89 Mil- lionen Mark ausgegeben hat. Im Besitz und im Betriebe der Ge- sellschaft befinden sich folgende Bahnen und Elektrizitätswerke: die Elektrische Straßenbahn in Bromberg nebst Zentralstation für Licht und Kraft; die Bergbahn von Königswinter auf den Drachen- fels; die EMrische Hörder-Krejsbahn; Elektrische Straßenbahn und Elektrizitätswerk Frankfurt a. O.; Elektrische Straßenbahn Görlitz; Elektrische Straßenbahn in Duisburg: die Elektrische Straßenbahn in Kiel, ferner besitzt die Gesellschaft maßgebende Beteiligungen an der Braunschweiger Straßbahn, Danziger elektrischen Straßenbahn, Düsseldorf-Duisburger Kleinbahn G. m. b. G., dem Syndikat der Stadtbahn Halle, der Tramwah-Eleftrizitäts-Gesellschaft Linz-Ur- fahr, Petersberg-Zahnradbahn, der Gesellschaft für Straßenbahnen im Saartal, Straßburger Straßenbahn, dem Elektrizitätswerk Wels, der Schlesifchen Kleinbahn, dem Elektrizitätswerk Warnsdorf, der ElektrizitätS-Aktiengesellschaft Wihorg. Veränderungen der Großhandelspreise seit 10 Jahre». DaS letzterschienene VierteljahrSheft zur Statistik deS Deutschen Reiches bringt eine interessante, auf die an den einzelnen Markt» Plätzen und für die einzelnen Arten gezahlten Preise sich stützende Durchschnittsberechnung über die Bewegung der Großhandelspreise einer Reihe der wichtigsten Waren in den letzten 10 Jahren. Wir geben aus der Aufstellung, bei der die Durchschnittspreise der Jahre 1839 bis 1893 gleich 100 gesetzt wurden, nachstehend einen kleinen Auszug wieder. Es kostete: Roggen... Weizen... Hafer... Gerste... Kartoffeln.. Butter... Heringe.. Kaffee... Tee» G»„ Reis.... Schmalz.. Rohtabak.. Häute u. Felle Wolle... 1905 1909 1910 93 115 101 130 119 112 115 120 107 62 87 62 171 112 143 132 98 102 101 126 112 136 62 81 81 109 92 132 123 116 107 103 93 123 121 74 94 74 183 129 156 135 Baumwolle.. Rohseide... Robjute... Eisen(deutsches, roh).... Eisen(schweb., Stab)... Blei..... Kattun.... Zinn.... Steinkohlen (deutsche).. Petroleum (amerikanisch.) 1905 1909 1910 114 137 172 99 128 99 149 96 131 104 101 107 114 118 103 130 116 112 113 169 124 III 121 193 113 129 127 99 110 105 Mit Ausnahme der überseeischen Produkte Kaffee, Tee. Reis und von Kartoffeln sind also alle Lebensmittel im Preise ge» st i e g e n. Dabei ist zu beachten, daß die am meisten gestiegenen tierischen Lebensmittel, Vieh und Fleisch, noch gar nicht in der Ta- belle aufgeführt sind. Interessant ist es, daß fast noch stärker als Lebensmittel die industriellen Rohprodukte und Halbfabrikate von der Teuerung ergriffen worden sind. So nahm Baumwolle im letzten Jahre einen um 72 Prozent höheren Preisstand ein als in dem Jahrzehnt 1389—1898. Häute und Felle einen um 66 Prozent und Zinn einen um 93 Prozent höheren. Wir haben hier die Wirkungen der immer weiter um sich greifenden und inter» nationalen Charakter gewinnenden Vertrustung der kapitalistische» Industrien vor uns._ Hus der Frauenbewegung. Dienstboten und Scharfmacher. fTs ist eine täglich wiederkehrende und durchaus logische Erscheinung, daß der Kampf der Scharfmacher gegen die Ar- beiterbewegung und deren einzelne Zweige sich im gleichen Grade erbitterter und heftiger gestaltet, in dem die einzelnen Zweige oder auch die ganze Klasse zum Bewußtsein ihrer politischen und sozialen Stellung erwachen. Zwar sind und' waren die Scharfmacher zu fast allen Zeiten und in allen Wirt- schaftlich erschlossenen Ländern heimisch— tauchten sie doch iin Gefolge der allgemeinen wirtschaftlichen Entwickelung ge- wissermaßen als deren notwendige Reflexerscheinung, gleich- zeitig aber auch als Faktor in den sich anbahnenden sozialen und politischen Kämpfen auf— da ihnen jedoch— wie allen Parteien!— der Grad ihrer jeweiligen Machtstellung unab- hängig von ihnen von den entscheidenden Kräften im wirtschaftlichen und politischen Kampfe diktiert wurde, so mußte sich not» wendigerweise auch die Taktik ihrer Z�riegsführung, ob gewollt oder ungewollt, diesem Spruche unterordnen. Die jeweilige Toktik der Scharfmacher läßt somit zweifellos interessante Rückschlüsse nicht nur auf die Kraftstellung der Parteien, son- denn auch auf die zunehmende Entwickelung des Proletartschan Klassenkampfes auf den verschiedenen Gebieten des Wirt- schaftslebens zu. Sie zei�t mit untrüglicher Sicherheit an, wie es um die Zunft steht: je gehässiger, je niederträchtiger— um so schlimmer: wo die Niedertracht am größten— das ist das Zeichen—, da gewinnt die Arbeiterbewegung das meiste Terrain. So hartnäckig wir sie also einerseits bekämpfen und so verächtlich sie an sich auch sein mag, so gern konstatieren wir doch andererseits die immer zunehmende Scharfmacherarbeit auch auf dem Gebiete der Dienstbotenbewegung als sicheres Anzeichen, daß wir auch dort immer mehr Boden fassen. Ob und wie lächerlich sich unsere Gegner bei dieser Arbeit machen, soll uns wenig kümmern. Für heute ein Beispiel aus der „StraßburgerPo st", das dieser— o heilige Einfalt!— angeblich von einer„Hausfrau in Heidelberg" zugegangen ist und selbstredend auch von Berliner und anderen Scharfmacher- blättern mit Freuden begrüßt wurde. Es lautet: „Dort ließ ein. Dienstmädchen dieser Tage in einem Blatt« folgende Anzeige einmal erscheinen:„Tüchtiges Alleinmädchen. 22 Jahre alt. das gut bürgerlich kochen kann und alle Hausarbeit versteht, 3 Jahre lang in einer Beamtenfamilie in K. war, sucht gute Stelle auf 1. März. Gesl. Anträge mit Lohnangabe unter Chiffer... Postlagernd erbeten."— Nicht weniger als 45 An- erbieten liefen ein. Davon wurden 40 als ungenügend beiseite gelegt, teils wegen zu geringen Lohnes, teils wegen nicht zusagen- der Stadtviertel oder aus anderen Gründen, wie Wohnung in einem oberen Stock usw. Fünf Anträge, selbstverständlich mit höchstem Lohnangebot, kamen in die engere Wahl. Die fünf Damen erhielten nun ein gleichlautendes Schreiben� worin das Mädchen ankündigte, daß sie sich am nächsten Sonntag von 2 bis 4 Uhr vorstellen werde. Nach gründlicher Nachforschung über die Arbeit in den einzelnen Häusern, über die Zahl der Bewohner, über von Zeit zu Zeit eintretende Lohnerhöhungen, über Ge- schenke an bestimmten Jahreszeiten, über SonntagSnachmittags- ausgänge und Sommerferien und Sonstiges stellte das stellen- suchende Mädchen die Gewissensfrage: Sie verlange zu crfabrcn. ob man sie annehme, wenn sie sich entschlösse zuzusagen. Denn. bemerkte sie. sie habe fünf angebotene gute Stellen, davon wolle sie sich die beste auswählen, müsse sich aus diesem Grunde also die Entscheidung vorbehalten. Tags darauf erhielten vier Haus- frauen eine Postkarte mit folgendem Wortlaut:„Ich bedauere. Ihnen mitteilen zu müssen, daß meine Wahl nicht auf Sie gefallen ist." Ein Kommentar erübrigt sich eigentlich: wir dürsten denn nicht wissen, wie jeder, selbst der lappischste Unsinn von den Scharfmachern aller Schattierungen heißhungrig aufgegriffen wird, sobald sie nur glauben, der Arbeiterbewegung— und der der Dienstboten insbesondere— eins auswischen zu können. Interessant ober ist doch der niederträchtige, gehässige Ton und die ohnmächtige Wut, daß endlich auch die Dienstboten sich auf ihre Menschenrechte besonnen haben—- gewiß der beste Beweis, daß wir auch hier nmrschierm, •" Die neue FriklMMMeHiSM, die SüN d'M AbMrd'Mcn Sir lNeörge Kemp im englischen Unterhause eingebracht worden ist, bc- stimmt, daß jede Frau wahlberechtigt sein soll, die einen Haushalt führt im Sinne des Gesetzes von 1864 über die Lolksvertretuny in den Gemeinden. Sic darf, wenn sie in der Wählerliste steht, ihre Stimme in dem Wahlbezirk abgeben, in dem ihr Haushalt sich be- findet. Durch Verehelichung verliert die Frau nicht das Recht, in die Wählerliste aufgenommen zu werden; vorausgesetzt, daß Mann und Frau nicht in den Listen desselben Mahlkreises als stimm berechtigt verzeichnet werden. Diese zweite Auflage der Versöhnungsbill wird aller Währ- scheinlichkeit nach in dem neuen Unterhause ungefähr dieselbe Stiinmenzahl auf sich vereinigen wie der Antrag Shackleton in dem verflossenen Parlament. In frauenwahlrechtlerischen Kreisen nimmt man an, daß sie 407 Stimmen erhalten wird; S Abgeordnete sind für das Wahlrecht aller Großjährigen, die einzige wirklich demokratische Gesetzcsrcform, 3 Abgeordnete wollen ein Fraucnwahl recht, das noch hinter der Versöhnungsbill zurückbleibt, und 17ö sind erklärte Gegner der politischen Frauenbefreiung. Neutral und gleichgültig verhalten sich 76. Wenn die englische Regierung ibr durch den Premierminister Asquith gegebenes Versprechen hält, dann muß sie auch in den kommenden Verhandlungen über das Fraucnwahlrccht gegen die Versöhnungsbill und für ein dcmo- Irakisches Wahlrecht beider Geschlechter Stellung nehmen. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.) Huö aller Alelt. Dk Rache cles Galeeren ftrafluigG. Auf eine fürchterliche Weise nahm am Donnerstag in San Nemo ein Galeerensträfling P a l m e r i Rache dafür, daß vor 24 Iahren mehrere Zeugen in seinem Prozesse ihn belastende Aussagen gemacht hatten. AlS junger Bursche wurde er wegen Mordes zu 30 I a h r e ir Zuchthaus verurteilt.- Nachdem er 22 Jahre in der Strafanstalt zugebracht hatte, reichte et ein Gesuch ein, aus Gesundheitsrücksichten entlassen zn werden. Das Gesuch wurde jedoch abschlägig beschicken. Palmeri glaubte nun, die Ab- lehnung des Gesuches sei auf den AnstaltSarzt zurückzuführen. Bei passender Gelegenheit überfiel er den Arzt und verletzte ihn durch mehrere Messerstiche. Nachdem Palmeri noch zwei Jahre in einer Irrenanstalt interniert war. kehrte er endlich dieser Tage in seine Heimat zurück. Hier tötete er nun vorgestern seine Schwägerin aus Rache darüber, weil diese vor 24 Jahren gegen ihn ungünstige Aussagen gemacht hatte. Daun suchte er einen Gendarm auf, der ebenfalls damals als Belastungszeuge aufgetreten war, und tötete auch diesen. Einen dritten Zeugen fand er nicht zu Hause. Er tötete deshalb an dessen Stelle die Gattin. Hierauf begab er sich nach dem Kirchhof, wo er sich eine Kugel in den Kopf schoß._ Schwere Explosion auf einem deutschen Panzerkreuzer. Ein sehr bedauerlicher Unglücksfall, der den Tod mehrerer Angehörigen der Marine zur Folge hatte, hat sich gestern nachmittag im Kieler Hasen auf dem Panzerkrellzer „Jork" zugetragen. Auf dem in der kaiserlichen Werft vor Anker liegenden„Zork" tvurde Spiritus übernommen. Dabei kam es aus bisher unbekannter Ursache zu einer Explo s i o n. durch die der Obermaschinistenmaat G e n s k e und die Maschinistenmaate E i ck und Päthe getötet wurden. Mehr oder weniger schwer verletzt wurden ein M a schinistenmaat, zwei Heizer und ein Werft- a r b e i t e r. Die im Hafen bor Anker liegende Flotte hatte zum Zeichen der Trauer auf Halbstock geflaggt. Neue Erfolge der Aviatik. Der französische Aviatüer Sommer stellte mit seinem Doppel decker, der mit einen: Motor von 80 Pferdekräften ausgerüstet ist, am Donnerstag einen neuen Weltrekord für Flüge mit Passagieren auf. Er stieg au: dem Flugfelde von Charles- v i l l e mit acht Passagieren au Bord auf und flog in 20 Meter Höhe eine Strecke von 100 Kilo»neteru. Für die Strecke brauchte er 1 Stunde und 30 Minuten. ... Ein anderer französischer Flieger, V e d r i n e. verbesserte den Weltrekord für SchnelligSkeitSslüge. Vcdrine stieg mit seinem Apparat gestern morgen S Uhr 18 Minuten in PoitierS auf und landete um 8 Uhr 30 Minuten in Paris. Die von ihm durchflöge»« Strecke beträgt zirka 320 Kilometer; die Stundengeschwindigkeit demnach 140 Kilometer. Die beiden deutschen Militärabiatiker Leutnant von Macken- t h u» und E r l e r. die mit ihrem Albatros-Doppeldecker einen recht bemerkensiverten Fernfluz Döberitz-Hamburg-Bremen gemacht haben, sind auf ihrer Rückfahrt wenig von: Glück begünstigt. Am Donnerstag waren sie in Bremen aufgestiegen, um nach Hannover zu fliegen. Aber schon in Verden a. d. Aller mußten sie widriger Winde wegen nach einem Fluge von etwa 40 Kilometern inedergehe». Noch schlimmer erging eS ihnen auf ihrer gestrigen Fahrt, die gegen 7'/z Uhr früh begonnen wurde. Nicht weniger als vier Zwischenlandungen nuißten die beiden Flieger auf der etwa 65 Kilometer langen Strecke vor- nehmen. Erst abends gegen C3/* Uhr konnte die endgültige Landung auf der LahrenwalderHeide bei Hannover erfolgen. 2900 Schüler in Gefahr. Durch die Besonnenheit des Lehrerkollegiums wurde an: Donnerstag in einer-NewJorker Schule eine Panik verhütet, die in ihren Folgen zu einer furchtbaren Kata- 't r o p h e geführt hätte. In dem betreffenden Schulgebäude. das von etwa 2900 Schülern besucht war, kam ein Brand aus. Das Lehrerkollegium ließ die Jungen klassenweise an- treten und erzählte den Kindern, daß eine Feuerprobe vorgenoinmeu werden solle. Erst auf der Straße merkten die Schüler an den Flammen und Ranchmassen, die au8 einem Teile des Gebäudes drangen, daß die spaßige Uebung blutiger Ernst war. Der durch den Brand angerichtete Schaden ist ziemlich bedeutend._ Ter Durchschlag des Lötschbergtuunels. Gestern morgen 3 Uhr 60 Minuten erfolgte der Durchschlag im Lötschbergtunnel. Die Arbeiter trafen von beide» Seiten unter großer Begeisterung zusammen. Die Lötschberglinie bedeutet eine wichtige Zufahrt zum Simplon. Die Tunnelarbeiten begannen am 1ö. Oktober 1906. Die Länge des Tunnels beträgt 15 Kilo- meter 977 Meter. DaS Nordportal befindet sich st: Kandersteg (Berner Oberland), das Südportal bei Goppenstein(Kanton Wallis). Die Linie erreicht bei Brig die Simplonlinie. Trotz großer Schwierigkeiten erfolgte der Durchschlag vor der vertraglich fest- gesetzten Zeit. Der Tunnelbau war zweimal von Katastrophen begleitet. Im Februar 1908 tötete eine Lawine zwölf Mann und im Juli desselben Jahres kostete ein Einbruch der Steinmasseu 25 Mann das Leben._ Kleine Notizen. Bou Gcsteinsmasscu verschüttet wurde ein 18jähr:ger Schlepper auf der Gustav-Grube bei Rothenbach im Kreise Landeshut. Erst nach elfftüiidiger RetiungSorbeit konnte die Leiche geborgen werden. Durch ciue» heftigen Erdstoß wurde in der letzten Nacht die Einwohnerschaft des Bezirkes Charleroi(Belgien) in Schrecken versetzt. Zahlreiche Häuser erhielten Risse; in Rensart stürzte der Schornstein einer Töchterschule ein. LrUfKafon der Redaktion. Sie iiirNtlsche Sprechstunde findet Lindenftruße S?, vorn vier Treppen — F» h r ft u st l—, wocheutS glich von 4% bis 7!-. Uhr abend?, Sonnabends von tist bis L Uhr astcnvs statt. Jeder für den Srirfkaften deftiivntten'Aafrage ist ein Buchstabe«ad eine Zahl als Merkzeichen beiznsnqen. Briefliche Antwort wird»icht erteilt. Eilige Kragen trage man in der Sprechstunde vor. stA. 17. l. Solange die Mutier unterstüstungsbcdüriti,: ist und die EinkommenSverhälwisse des Sohnes die Unterstühung ennögtichcn. Z Zu- ig wohl, aber nicht üblich. 3. Ja, tvenn der Soön ein ent'vrechcndcZ Einkommen hat.— H. 7. 14. 1. Nein. DaS ist aber schon im Stcuerinter- esse zweckmäßig. 2. Bei der OrtSpolizeidehörde de» betreffenden Orte«, in dem Sie das Gewerbe betreiben wollen. Die Kosten find geringsügi-t. 3. Die Auflassung kann ohne vorgängigen Berlrag erfolgen. 4. Durch Ein- tragung im Grundbuch. Dazu müssen beide Teile ibre Zustimmung geben. — H. 228. 1. Nein, jedoch bei Bruchanlage. 2. Zur Ergänzung deS tecres bei Mobilmachungen bestimmt.— Arbeitslos. L Ja. 2. Lom erliner Polizeipräsidium aus Antrag der Firma. 3. 1 Mark.— O. I. V2. Nein.— G. D. B. 7. Ja. 1310.— B. Zd). 12. 1. Theaterdirektionen, z. B. Thalia», Luisen.Theater, sowie Theateragenturen. 2. Zensur- abteilung, Polizeipräsidium. 3. Die Frage ist unklar.— O. F. BS. Ja. — A. G. 100. Der Standpunkt des Magistrats ist falsch. Die Klage wird an: zweckmäßigsten gegen den Unternehmer gerichtet; dieser kann der Stadtgemeinde, vertreten durch den Magistrat, den Streit verkünden. Zu- ständig für die Klage ist das Amtsgericht.— H. 8. 28. Beschweren Sie sich beim Magistrat. Nach der Steuerordnung besteht Steuerfreiheit.— F « kl, <» <» <» (6 | K- Unserer langjährigen Kollegin �nna Cirall nebst Ehcnmnu zu ihrer eutigcn Silber- Hochzeit die «rzüchste Gratulation. vis Boienkrauov der Vorwärts-Speditlsn Bturnann, Bernauerstr. v. «SSSSSSAA fe Unserem Genossen u. Genossin% 55 Ewaid und Anna Graii-• V/ <1/ V/ v> % zu ihrer Silberhochzeit die herzlichsten Glückwünsche I Olo Genossen u. Genossinnen des 560. Bezirks. 66 BrunnenstraBe Eröffnung unseres neuen Geschäfts Arn Eroftnungstage erhält jeder Käufer ein Geschenk. ffl WilirMr SU. 115/116 Heute Sonnabend, den 1. April, nachmittags 4 Uhr. Orts-Krankenkaffe bei Vergolder «nd Berufsgenosse». Einladung zu der am Montng. den 10. April 1011, abends 8 Uhr, stattsuidciiden General-Versammlung der Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer im GewerrschaftShanse. Saal S, Eugcl-Ufer lä. TagcS-Orduung: I. Abnahme der Jahresrechnung IStv. 2. Stawtenändermig(Erhöhung der Leistungen). 8. Wahl der dttank-nbesucher. «. Verschiedenes. 272/20 Ter Vorstand. ls FUr Damen! Orts-Kr-mkenkaffe der Klempner. Am Sonntag, de« 0. April d.J.. vormittags 10 Uhr. findet im Ge> «erksmaftShause(Saal I), Engel. uscr IS, die Genenü-VörLäminllmii der Vertreter der Kassenmitgliedcr »nd der Arbeitgeber unserer Kasse statt. 101Kb Tagesordnung: 1. Verlesung der Protololle. 2. Bericht de» NcchnungSausschusseS «US Dechargeerteilung. g. Verschiedenes. Oer Tontand. Orts-Krankenkaffe Pankow. Bezugnehmend aus die Bekannt- machnng in Nr. 73 dieses BlatteS vom 26. März d. I. bringen wir nochmals in Erinnerung, daß die -Delegiertrnwable« am Montag. de« 3. April 1011. im Restaurant von koorpeltl, Pankow, Kreuz str. 3-4, stattfinden. Es wählen die Rrbeituehmer von >/,«-8 llhr abends. Die«rbeitgebe« von 8— v Uhr «deudS. 27311 Pankow, dm 31. März 1911. Der Vorstand Otto Ribmann, Vorsitzender. 5 Proz. Rabatt beiVorzeig. dieses Inserats Wei.*OFieriie![t.Engr.-Saison einzel-Verllauf halben Ä. Eleg. Frühjahrs-Kostüme_ aus blau Pa. 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Wichtige vereinsrechtliche Grundsätze, die namentlich die Genehmigung von öffentlichen Ver» fainmlungen unter freiem Himmel betreffen, stellte das Oberverwaltungsgericht in Berlin auf. Ter Arbeitersekretär W i c z o r e k als damaliger Vorsitzender des „Oberschlesischen christlichen Arbeitervereins zur gegenseitigen Hilfe", einer polnisch katholischen Gewerkschaft, hatte zum 5. September 19(19 nach Birkenthal(Kreis Kattowitz) eine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel einberufen, in der über Arbeiterangelegenheiten in polnischer Sprache verhandelt werden sollte. Und zwar sagte er in dem Genehmigungsgesuch, dag die Versammlung in dem Garten des betreffenden Grundstücks oder auf dem da- neben liegenden Felde desselben Besitzers stattfinden solle. Der Amtsvorsteher versagte die Genehmigung, weil eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu befürch- ten sei(Z 7 des Rcichsvereinsgesetzes). Der Amtsvorsteher machte geltend, daß der Gartcneingang nur anderthalb Meter breit sei und so nicht genüge. Zweitens sei das beim Garten liegende Gebäude zum Teil mit Stroh bedeckt, so daß bei der Gewohnheit der dortigen ILevölkerung, Tabak und namentlich Zigaretten zu rauchen, Feuersgefahr entstehe. Drittens seien auf dem ebenfalls in Aussicht genommenen Felde Senkun- gen infolge früheren Bergbaues vorhanden, die gefährlich werden könnten. Auch gebe es da ebenfalls in der Nähe Gebäude mit Strohdächern. W.s Klage gegen den Amtsvorsteher wurde sowohl vom Kreisausschuß als auch vom Bezirksausschuß abgewiesen. Zwar sei bezüglich der Benutzung des Feldes nichts zu befürchten, so- weit es sich um die Zugänge zum Felde und um die Scn- kungen handele, da in der Beziehung die Beweisaufnahme zugunsten des Klägers ausgefallen sei. Anders liege es aber mit der Feuersgcfahr. Diese bestände und ein Rauchverbot würde nichts nutzen, weil die Leute es nicht beachten würden. Das Oberverwaltungsgericht hob aber in seiner letzten Sitzung(am Donnerstag) d i e V o r- entscheidungen auf und erklärte das Ver- bot beziehungsweise die Versagung der Genehmigung für ungerechtfertigt. Begrün- dend wurde ausgeführt: Die Zugänglichkeit des Platzes, na- mentlich des wahlweise angegebenen Feldes, sei genügend ge- sichert und die Bruchstellen böten nach einem Gütachten des Bergrevierbeamten keine Gefahr.(Bergbetrieb schon seit 1845 eingestellt.) Und wenn die Versammlung nach Meinung des Amtsvorstehers nicht hätte im Garten abgehalten werden dürfen, dann hätte sie auf dem Felde abgehalten werden können. Ter Amtsvorsteher hätte berücksichtigen müssen, daß dieses wahlweise zur Ver- fügung stand, und hätte eventuell die Genehmigung auf das Feld beschränken können. Bleibe der letzte Grund: die Feuersgefahr. Es sei richtig, daß diefe Gefahr hätte entstehen können. Aber die Polizei sei in der Lage gewesen, der Gefahr durch ein Rauch- verbot entgegenzutreten. Grundsätzlich komme für solche Fälle in Betracht, daß das V e r s a m m- lungsrecht garantiert sei. Wenn Gefahren äußerer Art entgegenständen, s c i e s d a r u m i m m e r P f l i ch t der Polizei, zu prüfen, ob die Gefahr nicht durch entsprechende Vorkehrungen beseitigt werden könne. Das wäre hier der Fall gewesen durch ein Rauchverbot und eine darauf bezügliche Kontrolle der Polizei. Deshalb sei das Verbot der Versammlung aufzu- heben._ Die Konkurrenzklausel im Mietvertrag. Der§ 74 des Handelsgesetzbuchs erklärt eine zwischen dem Prinzipal und dem Handlungsgehilfen vereinbarte Konkurrenz- klausel alsdann für unverbindlich, wenn als Erfolg eine unbillige Erschwerung des Fortkommens des Handlungsgehilfen durch die Vertragsbedingungen eintritt. Im Zusammenhang mit dieser Be- stimmung steht die Ausführung des 8 7o des Handelsgesetzbuches, die unter anderem den Anspruch des Prinzipals aus der Kon- kurrenzklausel für den Fall ausschließt, daß der Prinzipal das Dienstverhältnis ohne erheblichen Anlaß kündigt. Daß diese ge- setzlichcn Bestimmungen sich auf das Dienstverhältnis zwischen Prinzipal und Angestellten beziehen, ist zweifellos. Am Mittwoch ist dem Reichsgericht aber die Frage vorgelegt worden, ob es an- gängig sei, auf die Ausschlußbestimmung des 8 1b des Handels- gesetzbuches Bezug zu nehmen, wenn bei einem mehrseitigen Ver- trage die Konkurrenzklauscl Aufnahme im Mietverträge gefunden hat, an den später ein Anstellungsvertrag geschlossen worden ist. Zwei Kausleute T. und M. hatten mit der Elsasi-Lothringischcn Zentralwinzergcnossenschast in Straßburg ein Abkommen getroffen, demzufolge sie die ihnen gehörige Weingroßhandlung in Schiltig- heim an die Elsaß-Lothringische Zcntralwinzcrgenossenschaft ver- mieteten. Der Mietvertrag sollte mit Wirkung vom 1». August 1806 fünf Jahre lang Geltung haben, der Mietpreis 8 diesen Mietvertrag war die Klausel aufgenommen worden: Den Vermietern ist es nicht gestattet, während der Dauer des Mietvertrages in Elsaß-Lothringen eine Weingroßhandlung zu errichten, zu betreiben oder betreiben zu lassen, noch sonstwie dafür tätig zu sein. Zuwiderhandlungen sollten eine Vertragsstrafe von 10 000 M. nach sich ziehen. Fünf Tage nach Abschluß dieses Ber- träges kam ein weiterer Vertrag zustande, auf Grund dessen T. und M.— unter Fortbestehen des Mietvertrages— das Inventar nnd die Kundschaft ihrer Weingroßhandlung an die Winzergenossen- schaft verkauften und selbst in die Dienste der Winzcrgenosienschaft traten. M. wurde Direktor des Anwesens in Schiltigheim mit einem jährlichen Gehalt von 5000 M.; die Winzergcnossenschaft sollte berechtigt sein, den Vertrag unter Einhaltung einer Kündi- gungssrist von sechs Monaten zu kündigen. Infolge von Schwierig- leiten zwischen M. und den anderen Angestellten kündigte die Winzergcnossenschaft dem M. am 1. Oktober 1907 zum 1. April 1908. Und zwar enthob sie ihn jeder Tätigkeit schon vom Oktober 1907 an, zahlte ihm aber sein Gehalt bis zum April 1908 weiter. Ter im Februar 1908 ausgeschiedene T. errichtete in Straßburg eine Weingroßhandlung und verglich sich mit der Winzergenossen- schaft. M. trat bei T. als Reisender ein und besuchte von April 1908 ach auch die Kunden der Winzcrgenossenschaft. Diese hat dann gegen M. die vorliegende Klage auf Zahlung der Vertrags- strafe von 10 000 M. erhoben. Dieser Klage hat M. zunächst entgegengehalten, daß der ganze Vertrag gegen die guten Sitten verstoße, weil er eine unbillige Erschwerung seines Fortkommens durch die Beschränkung seiner gewerblichen Freiheit enthalte. Außerdem berief er sich auf 8 15 des Handelsgesetzbuches, weil die Klägerin ihn ohne Grund entlassen habe. Das Landgericht Straßburg und das OberlandeSgericht Colmar haben den Beklagten zur Zahlung der Vertragsstrafe verurteilt. Das Landgericht legt dar. daß der§ 75 des Handelsgesetzbuchs nicht in Betracht komme, weil die Konkurrenzklausel nicht im An- slcllungsvertrage, sondern im Mietvertrage enthalten sei. Das Oberlandesgcricht Colmar begründet seine Entscheidung mit der Erlvägung, daß der Beklagte verpflichtet sei, während der Dauer des Mietvertrages in Elfaß-Lothringen keine Weingroßhandlung zu betreiben oder dafür tätig zu sein und daß dieser Vertrag auch späterhin in seinem ganzen Umfange aufrecht erhalten worden sei. Auf 8 15 des Handelsgesetzbuches könne der Beklagte sich nicht berufen, auch nicht darauf, daß sein Mitkontrahent T. sich ver- glichen habe und zum Betriebe berechtigt sei. Die vom Beklagten gegen das Urteil des OberlandeSgerichts Colmar eingelegte Revision ist vom 3. Zivilsenat des Reichsgericht? zurückgewiesen worden._ Der Bierärgcr eines Oberwachtmeisters. Eine befremdliche Freisprechung eines Oberlvachtmeisters hoL das Reichsgericht am Tonnerstag auf. Wegen widerrechtlicher Vornahme einer Verhaftung hatte sich am 6. Dezember v. I. vor dem Landgericht Zweibrücken der Gendarmerie-Obertvachtmeister Adam Weidncr zu verantworten. Das Gericht erkannte jedoch auf Freisprechung. Seine Frau hatte Bier geholt und sich über die Kellnerin geärgert. Der An- geklagte wollte der Kellnerin N. seine Meinung sagen und be- auftragte den Gendarm T., sie herbeizuholen, da er sie wegen Be- truges zu vernehmen habe. T. kam wieder und sagte, die N. wolle nicht mitkommen. Der Angeklagte ließ den T. scharf an und sagte:„Ich gebe Ihnen den dienstlichen Befehl, sie vor- zuführen." T. ging nun nochmals hin und brachte sie mit Geivalt zum Angeklagten. Dieser schimpfte sie aus, drohte ihr mit An» zeige wegen Betruges, stellte ihre Personalien fest und entließ sie sodann. Eine Anzeige wegen Betruges hat er nicht eingereicht. Ein Recht, die N. vorführen zu lassen, hatte er nicht. Das Gericht hat aber angenommen, daß er, weil er aufs höchste erregt war. sich der Widerrechtlichkeit seines Befehles nicht bewußt gewesen sei!— Auf die Revision des Staatsamvalts hob das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Ucbersehen ist, daß die Zwangsgestellung nicht mit der Erteilung des Befehles zu Ende ist, sondern erst mit der Aufhebung des Zwanges. Daß der Angeklagte lvährend der ganzen Dauer der Zwangsgestellung so aufgeregt gewesen wäre, um die Widcrrecht- lichkeit seines Handelns nicht einzusehen, ist nicht festgestellt. rSitterungSisderftchl vom 31. März 1011. Clattonen L E ~ B E« S- 5 a BS=H Slotntmvt. damburg »erlir jjranfi.a SR. •DJ in(Heu Wien £ Vetter i 755 OSO 2 wollen! 755 WSW 2 Nebel 756 SW 2 heiler 759 SW 762 SW 4 Regen 2 heiter 1761 Still—bedeckt toe til i? Ctattoncn «- = S "•c Havaranda 1 736 NW Petersburg 752 SSW Scill? Aberdeen Paris 755 SO 762 N 759 SO Vetter B!« t* 6 wölken! 1 4 bedeckt 1 1 2 Dunst! 8 3 wolkig! S 2 wollen! 9 Wetterprognose für Freitag, de« 1. April iiUl. Kuh!er, veränderlich, vielfach wolkig mit leichten Regeusällen und zieuw lich srischen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. s* I« i* k ]• • I» 1* 5» )• I» I# I» 1» : GEGRÜNDET 1867 Zentrale und Versand: : Jerusalemer Str. 38-39 •% s Friedrich-Strasse 75 s Potsdamer Strasse 2 : Tauentzien- Strasse 19 a : König-Strasse 25-26 : Schöneberg, hauptstr. 146 | Rixdorf, Berg-Str. 25-26 s Tauentzien- Strasse 7 b • Mark 12.50 Spezial-Verkauf Neu eröffnet; : Rosenthaler StrasseS :_____« : REICH ILLUSTRIERTER • HAUPT- KAT ALOQ GRATIS Was ist modern? Auf diese Frage erteilen wir gern Auskunft und bitten wir gleichzeitig um Besichtigung der letzten Schuh-Moden. Kein Kaufzwang! 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Verantwortlicher Redatteur� Zllbert Wachs, Berlin. Zür den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag:LorwärtsKjichdruckerei g. BerlagSanstalt.Paul Singer».Co, Berlin LW. Ar. 78. 28. Iahrgaug. i KkllW des Jitraärls" Sftlinn ZouNbttld, 1. April 1911. Serickts- Leitung. Die falsche„Hofdame" vor Gericht« Ein vom psychologischen Standpunkt aus interessanter Betrugs- Prozeß gegen die falsche„Hofdame" Gräfin Manuela von Arnim recte Kaufmann Franz Eichbaum und seinen Komplizen, den Kaufmann Paul Klennt, beschäftigte gestern das Schöffengericht Potsdam. Die Anklage gegen Eichbaum lautet auf versuchten Betrug und Beilegung eines falschen Stamens bezw. unbefugter Führung eines Adesprädikats und gegen Klennt auf Beihilfe zum Betrüge. Der auf freiem Fuß befindliche Angeklagte Eichbaum ist mit einer gewissen Eleganz gekleidet, die man vielfach in den Nachtcafes der Friedrichstadt antrifft. In seinen Gesichtszügen macht� sich ein gewisser femininer Einschlag bemerkbar. Sein damaliger Be- gleiter Klennt ist eine auffallend schlanke Erscheinung und eben- falls mit einer gewissen Eleganz gekleidet. Das Ergebnis der Ermittelungen ist im einzelnen folgendes: Der Angeklagte Eichbaum ist der Sohn eines im Alter von KV Jähren verstorbenen Kanzleirats, der zuletzt bei dem Pots- damer Landgericht angestellt war. Wie sich ergeben hat, war der Vater ein sehr nervöser Mann, der in der letzten Zeit seines Dienstes von Wahnideen befallen war, in Armut zu versinken und der wiederholte Selbstmordversuche unternommen hatte. Er wurde deshalb krankheitshalber pensioniert. Der einzige Sohn, der jetzige Augeklagte, zeigte schon von frühester Jugend an ein etwas auf- fälliges Wesen. Er spielte noch im Alter von 15 Jahren mit Puppen und hatte eine große Puppenstube. Er wurde dann, da er auf der Schule nicht weiter kam, von seinem Vormund als Lehrling in ein Eisenwarengeschäft in Warmbrunn geschickt. Dies verließ er bei Nacht und Nebel. Er ist wegen eines in Warm- drunn verübten Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Bald darauf wurde er dicht aufeinanderfolgend zweimal wegen Betruges zu Geldstrafen verurteilt. Im März v. I. fuhr er dann über den„großen Teich" nach Texas, wo einer seiner Be- kannten eine Farm besitzt. Von Amerika schrieb er an seine Mutter und ersuchte sie um Zusendung von Geld, da er sich dort eine Apselsincufarm kaufen wollte. Seine Mutter sandte ihm auch L000 M., die E. aber in kurzer Zeit drüben an den Mann brachte und dann fast mittellos nach Deutschland zurückkehrte. In Berlin trat er dann- sehr nobel auf, ohne daß man recht wußte, woher er die Mittel zu diesem luxuriösen Lebenswandel bezog. Nach einer Auskunft des Berliner Polizeipräsidiums an die Potsdamer Kriminalpolizei soll E. um diese Zeit viel in homosexuellen Kreisen verkehrt haben. Nach seiner Behauptung will er am K. September bei einem Diner im Hotel Adlon, nachdem er große Quantitäten Sekt zu sich genommen hatte, ganz plötzlich auf den Gedanken ge- kommen sein, sich als Hofdame der Kaiserin zu kostümieren und in dieser Verkleidung nach Potsdam zu fahren, um hier irgend einen Scherz zu machen. Diesen Gedanken habe er dann am nächsten Tage in die Tat umgesetzt. Er habe sich unter dem Vorwand Theater spielen zu wollen von seiner Mutter ein elegantes Kostüm geliehen und sei dann in diesem mit seinem Freunde Klennt nach dem Espalanade-Hotel gegangen. Von hier aus sei er in einer Equipage nach Potsdam gefahren. E. fuhr hier bei dem kronprinzlichen Palais vor und suchte hier von einem Lakai die Erlaubnis nach, die Räume besichtigen zu können. Diese wurde ihm versagt, da die kronprinzliche Familie gerade anwesend war. Bon dort fuhr er nach dem Landgerichts- gebäude, wo er sich bei dem Kastellan nach der Wohnung des— Ersten Staatsanwalts erkundigte. Schließlich fuhr er nach dem Geschäft des Juweliers Bärtgcs.— Während des Besuches des kronprinzlichen Schlosses hatte sich der dort postierte Schutzmann die angebliche Hofdame etwas näher angeschen und war dabei auf einen eigenartigen Verdacht gekommen. Er machte einen anderen Schutzmann auf die Equipage aufmerksam, der dieser unauffällig nachlief. Bei dem Juwelier B. hatte etwa eine halbe Stunde vorher der Angeklagte Klennt telephonisch angerufen. Er teilte dem Juwelier angeblich im Auftrage des Hofmarschallamts deS Kaisers mit daß er, wenn die Gräfin von Arnim zu ihm komme, dieser auch noch mit Brillanten besetzte Damenuhren und ebensolche Kettenarmbänder mitgeben solle, welche zum Geburtstagsgeschenk für die Prinzessin Viktoria Luise bestimmt' seien. Eichbaum ließ sich auch diese Sachen im Gesamtwerte von 1470 M. einpacken und hatte sie sich schon in'die Equipage bringen lassen. In diesem Augenblick betrat der Schutzmann den Laden und nahm die an- gebliche Hofdame fest. Auf der Polizeiwache wurden bei E. Visiten- karten mit dem Namen„Manuela Gräfin von Arnim, am Hofe Ihrer Majestät der Kaiserin" gefunden. Obwohl sich bereits er- geben hatte, daß in den Frauenkleidern ein Mann steckte, passierte in dem hiesigen Gefängnis ein kleines Malheur. Eichbaum wurde nämlich in dem— Fraucngefängnis interniert!— Aus diesem wurde er nach kurzer Zeit wieder entlassen. Auf den Rat des Dr. Magnus Hirschfeld hin suchte E. dann die psychiatrische Klinik der Kgl. Charit« auf, wo er von dem Stabsarzt Dr. Noack längere Zeit behandelt wurde. Diesem erklärte E., daß es ihm riesigen Spaß mache in Fvaucnkleidern zu gehen. Er habe sich schon ein- mal als Dienstmädchen verkleidet und dann in einem Modemagazin für eine bekannte Dame Hüte bestellt.— Diese Angabe erwies sich später als zutreffend.— Er gab weiter an, daß er von dem Diener eines Bekannten Bücher von Eulenburg, Kraft-Ebing, Moll und Hirschfeld erhalten habe, welche sich mit der homosexuellen Frage befaßten. Er habe auch, als Dame verkleidet, mehrere Bälle ge- wisser Art im„Dresdener Kasino" mitgemacht. Lediglich die Auf- regung und die Angst bei der Potsdamer Sache habe ihm Spaß gemacht. Der Angeklagte bestreitet nach wie vor, irgend welche betrügerische Absichten gehabt zu haben. Es habe ihm lediglich Spaß gemacht zu sehen, wie weit er in seiner Damenrolle komme. Die psychiatrischen Sachverständigen gaben fast übereinstim- mend folgendes Gutachten ab: Der Angeklagte entstamme einer schwer nervösen Familie und sei als ein erblich schwer belasteter Mensch anzusehen. Bei ihm sei ein starker femininer Einschlag zu kostatieren, der ihn dazu veranlasse, sich Frauenkleider anzuziehen und wie eine kokette Dame darin spazieren zu gehen und die Blicke der Männer auf sich zu lenken. Vom Standpunkte des Psychiaters aus habe er eine dcgenc-rative psychopatische Konstitution, welche ihn zu Jmpulsivhandlungen verleiten, bei welchen er sich über die Folgen nach keiner Richtung hin im klaren sei. Eichbaum sei eine geistig abnorme Persönlichkeit, deren Verkleidungstrieb aber nur zum Teil auf eine krankhafte Störung der Geistestätigkeit zurück- zuführen sei. Der Sachverständige Dr. Magnus Hirschfeld betonte insbesondere, daß die Tat selbst durch jenen Verkleidungstrieb veranlaßt worden sei. Für strafbare Handlungen innerhalb der Dauer dieses Verkleidungstriebes sei dagegen die freie Willensbe- stimmung nicht in einem erheblichen Matze für ausgeschlossen zu erachten. Für die Tatsache selbst könne der§ 51 St. G. B. nicht in Anwendung gebracht werden.— Nach Schluß der Beweisauf- nähme beantragte der Staatsanwalt je 6 Monate Gefängnis. Das Gericht verurteilte Eichbaum zu 1 Monat Gefängnis wegen der- suchten Betruges, den Angeklagten Klennt wegen Beihilfe zu 200 M. Geldstrafe. Vruhns Beleidigungsklage. Eine Beleidigungsklage des antisemitischen Abgeordneten und Verlegers der„Wahrheit" Wilhelm Bruhn gegen den verantwort- lichcn Redakteur des„Berliner Tageblattes" Max Schröder be- schäftigte gestern die 145. Abteilung des Schöffengerichts Berlin- Mitte unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Wollner. Die Privatklage richtete sich gegen zwei Artikel deS„Tageblattes". In einem Artikel vom 13. November 1900 wurde in einer Notiz über den„Fall Schock" die Bemerkung gemacht: Herr Bruhn sei der Verleger der„Erpresscr-Wahrheit" und wenn er die Stirn haben sollte im Reichstag zu erscheinen, würde er sehr bald sehen, daß er seine Rolle ausgespielt habe. Weiter ist ein Artikel in Nr. 38 vom 22. Januar d. I. unter Anklage gestellt. Darin wurde behauptet, daß der Abg. Bindewald die Beratung über den Etat der Reichseisenbahn benutzt habe, um mit hörbarem Ruck von seinem Fraktionsgenossen Bruhn abzurücken. Die Konservativen haben ihren Hammerstein, die Antisemiten ihren Bruhn.— Rechtsanwalt Dr. Löwen st ein beantragte die Erhebung eines Wahrheitsbeweises. Durch Vorlage der Stvafprozeßakten gegen Dahsel soll bewiese» werden, daß im Laufe der Jahre in der./Wahrheit" eine ganze Reihe erpresserischer Artikel erschienen seien, durch welche gegen Männer wie Jandorf, Wertheim u. a. schwerwiegende Angriffe erhoben worden seien. Nach Aufgabe von Annoncen seitens der Angegriffenen seien dann mit Rücksicht auf diese An- noncen die Angriffe weiterhin unterblieben. Justizrat Mossc: Die Vorlage der Akten sei auch notwendig, weil in den Artikeln nicht bloß eine Charakterisierung Bruhns, sondern auch der Zeitung „Wahrheit" enthalten sei und diese Zeitung überall im Reichstag und von der Regierung als das angesehen worden sei, was sie ist.— Rechtsanwalt Dr. Löwenfeld beantragte auch die Ladung des Ab- geordneten Bindewald und der Redakteure Leupold, Stägemann u. a.; letztere zum Beweise dafür, daß zahlreiche erpresserische Artikel in der„Wahrheit" erschienen sind.— Rechtsanwalt Bredc- reck: Die Vorladung des Abg. Bindewald sei überflüssig. Aus dem Urteil des Landgerichts in der Sache Bruhn werde sich ergeben, daß Bruhn völlig einwandsfrei dastehe. Gegenüber dem Wahr« heitsbewcise der Gegner hinsichtlich der Annoncen beantrage er die Beweiserhebung darüber, daß bezüglich der Inserate das„Berl. Tagebl." dasselbe Verfahren eingeschlagen, das man dem Privat- kläger als Erpressung auslege. Er beantrage die Vorladung eines Zeugen Toporski darüber, daß im August 1838 schwere Angriffe gegen die„Victoria" im Tageblatt erschienen seien, die aufgehört hätten, nachdem die„Victoria" Annoncen aufgegeben. Zu dem Kommerzienrat Leichner, gegen den gleichfalls Angriffe erhoben worden loaren, sei sogar ein Annoncen-Akquisiteur gekommen, der von Herrn Leichner aber abgewiesen worden sei.— Justizrat Mosse: Der Privatkläger und sein Verteidiger seien wohl die ein- zigen Personen in Deutschland, die es wagen, einen Vergleich zwischen dem„Berliner Tageblatt" und der„Wahrheit", die noto- risch als Revolverblatt gelte, zu ziehen. Gegen die Erhebung eines angekündigten Beweises werde nichts eingewendet.— Privatkläger Bruhn protestierte lebhaft gegen die Behauptung, daß festgestellt sei, die„Wahrheit" fei ein Erpresserblatt. Im übrigen sei Binde- wald gar nicht sein Fraktionsgenosse und Dahsel niemals Rcdak- teur der„Wahrheit" gewesen. DaS Gericht beschloß, die Sache zu vertagen und die Dahselschen Prozeßakten heranzuziehen. Die übrigen Beweisanträge wurden abgelehnt. Die Erhebuna der Widerklage wurde seitens des Angeklagten borbehalten. ©i®:©:®.® CXI 125 eigene Geschäfte davon in Berlin und Umgebung; C, Spittelmarkt 15(Tellhavw) C, Rosenlhalerstrasae 14 W, Potsdamerstrawe 50 W, Schillstrasse 16 NW, Turmstrasse 41 NW, �ilsnedcerstrasse 22 NW, Beusselstrasse 29 N, Friedrichslrasse 127 N, Müllers trasse 3 N. Reinickendorferstrasse 23 N, Brunne nstrasse nur 37 N, Danzigentrasse 1 O, Andreasstrasso 50 O, Frankfurter Allee 125 SO, Oranienstrasse 32 SO, Oranienstrasae 2a SO, Wranjfelstraase 49 SW, Friedricfastrasie 240*241 Chari Ottenburg; nur Wilmersdorfer Strasse 122*123 Rixdorf; Bergstrasse 30-31 Potsdam: Brandenfcurger Strasse 54 Zum Osterfest uniiertileichlich preiswerte Schuhwaren Damen-Mode-Halbschuhe 10.50 8.50 7.50 5.90 Damen• Mode- Halbschuhe in braun Chevrean, mit hübschen Stoffeinsätzen, unerreicht. 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April, abends 8 Uhr, tut„Gewerkschafti haus", Engelnfer 15(Saal I): Gruppen- Versammlung 1. Vortra gcwerkscha TageS-Ordnung: deS Stadio. Genossen J. Sassenbach übet:»Neue Probleme". 2. VerbandSangclegenhetten. Iskrpsrzonsl. jlofsrlioiter u. Stalleutel Mittwoch, den 5. April, abends 7 Uhr, im„Gewerkschafts- haas", Engelnfer 15(Saal I): Gruppen- Versammlung TageS-Ordnung- 1. Vortrag deS Stadw. Genossen P. Dnpont über:»Die politische Lage". 2. Die Antwort der Behörde aus unseren Antrag:.Beschränkung des BierauSfahrenS an Sonnlagen". 3. Verbandsangelegenheite». Wkiß-«nd Malibittdralicrei-Arbcilcr! ' reit gg. de» 7. April, abends 7 7, Uhr, im„Gewerkschatts- haas'S Engelufer 15(Saal V); Gruppen- Versammlung TageS-Ordnung: 1. Vortrag des stellvertretenden Verbandsvorsitzende» Koll. Bttppler „Der Kampf der Arbeiter ums tägliche Brot". L. BcrbandSangclegenheiten. Handwerker, Maschinisten, Heizer, Handwerker- hilfsarheiter, Kohlenschieber u. Abschmierer! Sonntag, den 9. April, vorm. 9 Uhr, im„Gewerkschafts- hans", Engelufer 15(Saal V): Gruppen- Vers ammlung TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Koll. Hodapp über:„Die kommunale Arbeits- losenvcrsicherung". 2. Berbandsangelegenheiteu. Kmer«.Hilsslirbkiter i. innkreilKttrielrt! Sonntag, den 9. April, nachm. 2'/zUhr, im„Gvwerkseliafts- haas", Engelnfer 15(Saal I): Gruppen- Versammlung Tages-Ordnun g: 1. Vortrag des Redakteurs Gen. Fr. DU well über:»Die nächste Reichstagswahl". 2. VerbandSangelegenheiteu. Kollegen! Die wichtige Tagesordnung macht eS jedem Kollegen zur strengsten Pflicht, m dieser Versammlung zu erscheinen. gggr Die Bersammluugen werden pünktlich eröffnet. 42/11' PI« Ortsverwaltnng. Möbel auf Rredil"! llSiJiPiKiÄ I.50 lj M. Anzahl. M. | Anzahl. an c Kein Detsllverksnf Gesunder Scblofn... Zu haben In allen besseren MBbel- und Bettgsschaften aus den Fabriken von Schickler, Bohe& Co., G.nn.b.H. Elberfeld, Berlin-Tempelbof, Breslau, Frankfurt s. M., Hamburj;. 15 2 s�ionn m Tepplehe, Betten. 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Laut Versammlungsbeschlüssen der beiden Sektionen ist daS Verbands« bureau Hinsort an Sonnabende» vor- mittags von 8—1 geöffnet, nach- mittag» geschlossen. An den übrigen Wochentagen bleibt die bisherige Bureauzeit vorm. v. 8—10, nachm. von 4—7 bestehen. Die Kollegen werden ersucht, den Vorfitzenden während der Bureau- dt außerhalb d«S Bureau» nicht ,u en. 171/10 Die Ortsverwaltnng. mtt selbsttätigen Trägern. D. R. G. S». Bester Schutz gegen Betriebsunfälle. Jeder Versuch ist lohnend! Praktische Erfindung! Obige Abbildung stellt Vorder» and Rückenanficht dar. Prima echt tndtgoblauer Köper. Die Schutzhose reicht bi» au die Achselhöhle heran und wird durch praMsch« verstellbare Träger befestigt. Hinten 2 Taschen. Preis für normale ManneSgrößeu.. 3 Mk. 95 4 Mk. 50 Burfchen-Srößm.. 3 Mk. 45 Bei Entnahme von S Stck. 51, Rabatt. Extra wette oder extra lange Größen.. Klcider-Werke BaerSohn 11 Brücken- Straße 11. Ehanffee» Straße SS/SO. Gr. Frankfurter Str. 20. 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Diskussion.' 178/9 **** SSÄ9:""'*" Tertraoensmägner-SItzgng. .*1 WHT Mitgliedsbuch oder Streikstarte legittwi� Alle Mitglieder müssen anwesend sein. Tie Ortsverwaltnng. WM Med- SAWUMM —(E. H. 29 Hamburi). Filiale Berlik S.-- Mitglieder- Versaniinlung SM" S-nutag. den 9.«dril. dormtttags'1,9 Uhr,"WW im Restaurant Wolfram, ffalckenftetuftraße 5. Wahl der Delegierteu zur GeneralversammlMtg. Die Wahlzeit ist von'i# Ubr biS 9 Uhr. 114/1« Um rege Beteiligung ersucht' ple Ortsverwaltnng. Unübertroffen an Elastizität und Dauerhaftigkeit�' mit und ohne federnde Seitenkanten J „ScMI)ocou-Hatratzen HM Ganze Efnriclitiiitteii auf KREDIT. CrässtES Ontemehmen der Kredlt-Branche Im Osten Berlin« 35 1 Frankfurter Allee 35 1 Wel Ganze Elnrichtunfien auf KREDIT Fertige Betten Inlett« Bezüge 15 M. 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Für den Inseratenteil verantw.: Th. Gfrcke. Berlin..Druck u- Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer«. S»., Berlin i,. 7& sl m.» 5. Skiltze des„Öotiiiiitö" ßttlintt KIKslilM Line flugblattverbreitung zw Keichztagzmhl findet morgen früh im vierten Kreise von den Bezirkslokalen aus statt. Partei-?Zngelegenkeiten. Rixdorf. BillettZ zu der am 9. d. Mts. stattfiudeiiden Theater- Vorstellung„Heimat" von Hermann Sndermann sind bei den Funktionären, in den Parteispeditionen Neckarstraste 2 und Siegfried- straste 28/29, sowie in den Lokalen bei Bartich(früher Hoppe), Hermannstraste 49/50, Meier, Prinz-Handjery-Straste 3 und ttrönke, Jdealpasiage, zu haben. Der BildungSausschust. Diariendorf. Sonntag früh 8 Uhr von den bekannten Bezirks- lokalen: Flugblattverbreitung. Dienstag, den 4. April, abends S1/- Uhr, bei Preust, Kurfürsten- straste 44: Oeffentliche Versammlung.' Tagesordnung: Bericht aus der Gemeindeverwaltung. Diskussion. Johannisthal. Sonntag früh 8 Uhr: Handzettelverbreitung von Gabie, Roonstr. 2 auS. Echcnkcndorf. Am Sonntag, den 2. April, nachmittags 3 Uhr, findet auf dem Grundstück des Genossen August Hertelt in Motzen eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen unter freiem Hinimel statt. Es spricht die Genossin Marie Juchacz-Rixdorf über: »Wer sind die Feinde des werktätigen Volkes Freie Aussprache. Berliner JVacbricbten. Im Zeichen des Möbelwagens. Das große Ungetüm auf Rädern, das jetzt wieder in Bunderten von grellfarbigen Exemplaren über die Weltstadt- straße rollt, hat sich verändert mit den Menschen und mit den Zeiten. Noch vor wenigen Jahren hatte die Möbelkutsche, die unsere Wirtschast von einer Wohnung in die andere schleppt, eine mehr als simple Gestalt. Ein gewöhnlicher Plattenwagen erhielt an den vier Ecken ebensoviel starke Streben aus Eisen oder noch öfter bloß aus Holz, und darüber kam ein teer- bestrichenes Dach, von dessen vier Seiten aufgerollte Vorhänge zum Schutze der Möbel gegen Witterungseinflüsse herab- gelassen werden konnten. Die eingebürgerte Farbe des Möbel- Wagens war durchweg grün, vielleicht in Anspielung auf die gute Hoffnung, die in die neue Wohnung miteinziehen sollte. Reklameaufschristen in Riesenbuchstaben kannte man noch nicht. Recht und schlecht hat dieses Universalfuhrwerk seine Mission erfüllt, bis der kolossale Luxus, der heutzutage in Wohnungs- einrichtungen getrieben»oird, nach erhöhter Umzugssicherheit verlangte. Ter Forderung, daß man mit dem Hab und Gut des Umziehenden wie mit rohen Eiern umgehe, konnten früher selbst vorzüglich einexerzierte„Ziehmänner" beim besten Willen nicht immer entsprechen. So gehörte nicht viel Talent dazu, den geschlossenen und gepolsterten Möbelwagen zu er- finden, der heute von allen, die seine nicht billige Verwendung bezahlen können, mit Vorliebe benutzt wird. In solche mo- derne„Arche Noah" geht unmenschlich viel hinein, und die kostbarsten Möbel ruhen hier so sicher wie in„Abrahams Schoß". Daneben eigneten sich die Möbeltransportarbeiter eine bewundernswerte Fertigkeit im praktischen Verstauen an. Was aber noch mehr wert war. ist nun die Möglichkeit, ganze Wohnungseinrichtungen in solchen Wagen direkt auf Eisen- bahnloren zu verladen. Das zeitraubende Umladen in Eisen- bahnwaggons als Stückgut ist nicht mehr erforderlich. Wenn man das nötige Kleingeld hat. Der Uinzug des„kleinen Mannes" sieht anders aus und ist zum großen Teil noch ebenso trostlos wie vor Jahrzehnten. Der Möbelsuhrmann pumpt nicht. Das Geld, vom Munde abgespart, muß also unfehlbar da sein, wie die erste Miete. So ist die Devise: so billig als möglich! Einen Einspänner für zehn Mark gibt es schon kaum mehr. Noch ein„Wagenrad", ein Fünfmarkstück, dazu, das ist so ziemlich die mäßigste Forderung. Man kann schließlich nicht mal behaupten, daß es bei den heutigen Zeitverhältnissen, wo ein Keil den anderen treibt. zu teuer ist, aber so viel Geld spielt im kleinen Haushalt eine gewichtige Rolle. Das muß wocksenlang markweise zurück- gelegt werden, damit man am Ziehtage gerüstet ist. Dafür gibt's aber noch nicht mal einen Verdeckwagem Hat man also Rech und trifft schlechtes Wetter, so wird von dem mühselig Angeschafften manches Stück ruiniert. Oder ein wild- gewordenes Auto rast gegen die hochbepackte, schwankende MLbelkutjche, und die ganze Bescherung liegt auf dem Straßendamm. Doch noch viel primitivere llnizüge sieht man in der Großstadt. Winzige, gebrechliche Handwagen werden beängstigend hoch mit Hausrat bepackt. Vater mit ein paar guten Freunden spannt sich an die Deichsel, Muller schiebt, und bie Kinder laufen mit„Nippsachew" nebenher. Wie oft bricht da unter der Last die Achse oder ein Rad. Jammernd steht bis Familie vor dem Häuschen Unglück. Für den, Schaden fjälle man sich einen hochfeinen Polsterwagen leisten können. Und da drüben wirdStück fürStück vorsichtig gar auf einen— Kinderkorbwagen, der morgens zum Zeitungsausllagen dient, transportiert. Fast alles nur Gerümcl. aber dem Armen unentbehrlich. Z>«>nzig.. dreißigmal rasselt die außer Kurs gesetzte Ehestandskutsche über das Pflaster. Und wenn man nach harter Arbeit glücklich ohne erheblichen Schaden drin ist in dem neuen Wohnungsloch, freut man sich, umsonst gezogen zu sein._ „(Ein Kollege vom«lexanderplatz." Unter dieser Uebersthrist schildert uns einer unserer Leser ein Erlebnis, das er vor einigen Tagen gehabt hat. Zu einem Schlosser T., der in Chambregarnie wohnt, kam am Vormittag — also zu einer Zeit, wo anzunehmen war, daß er nicht zu Hause sein würde— ein Besucher. Der Wirtin T.'s, die ihn empfing. sagte der Fremde, er komme vom Verband, es sei ein Mitgliedsbuch gefunden worden, das anscheinend T. gehöre.»Er ist doch im Verband?" setzte er fragend hinzu. Als die Wirttn antwortete, bas wisse sie nickst, erkundigte er sich, wann T. nach Hause komme, Und enipfahl sich. Am Abend desselben Tages, als ich— so erzählt unS T.— von der Arbeit heimgekehrt bin und in meinem Zimmer sitze, klingelt es draußen. Meine Wirtin macht auf, ich höre meinen Kamen fragen, und cS klopft an meine Tür. Auf mein„Herein!" reißt ein mir fremder Mann, so Mitte der Dreißiger, die Tür auf und kommt auf mich zugestürmt: ,Gvfev Sbejjd. StßlltßC! Na, Menschenskind, läßt Du von Dir denn gar nichts hören oder sehen!? Dein Buch liegt bei uns schon wer weist wie lange!" Ich frage:„Was für ein Buch?" Er:„Na, hast Tm nicht Dein Ver- bandsbuch verloren?" Ich:„Ja, von wo kommen Sie denn, und wer sind Sie?" Er:„Na, ich bin Wähler, vom Verband!" Ich:„Ja, was für'n Verband denn?" Er:„Na, vom Bureaul Mein Cousin schickt mich zu Dir." Ich: Ist Ihr Cousin auch Achtgroschenjunge—!?" Da ist es vorbei mit seinem sicheren Auftreten. Er wird leichenblaß und sängt an zu stottern: „Ab... aber Sie verkennen mich— ich Bin Kollege." Ich: „VomAlexandcrplatz! Für d i e Kollegen bedanke ich mich." Ich stelle nun den neuen Kollegen meiner Wirtin vor und frage, ob das derselbe ist, der am Vormittag da war. Sie verneint es. Er sagt, der am Vormittag da war, sei sein Bruder gÄvesen. Jetzt rücke ich mir die Jammergestalt ins Licht und frage, von wo er denn eigentlich kommt und welches Interesse er daran hat. Er: „Na, ich bin doch selbst im Verband!" Ich:„In welchem?" Er: „Im Transportarbeiterverband". Ich:„Und Ihr Bruder?" Er: „Im Schlosserverband". Als ich jetzt bei allem Aerger doch lachen mutz und ihm sage, daß sein„Bruder", der frühere„Cousin", das einzige Mitglied in einem„S ch l o s s e r v e r b a n d" ist, ant- wortet er:„Na, im Metallverband." Ich frage:„Und was sind Sie?" Er:„Tischler". Er gibt dann an, er sei im„Tischler- verband". Ich:„Auch als einziges Mitglied!" Auf meine Frage sagt er, er heiße Heinrich Wähler und wohne Gaudhstr. 13; sein Bruder heiße Karl Wähler und wohne Strelitzer Straße 29. Jetzt soll er sich legitimieren, aber er hat nichts bei sich. In einer Viertelstunde will er seine Papiere herbeischaffen. Ich frage, ob er mein Buch gesehen hat.„Ja", sagt er. Ob der Geburtsort „Dummsdorf" ist? Das weiß er nicht! Meinem Verlangen, mir seine Marke zu zeigen, kommt er nicht nach.—„Ich habe doch keine! Ich bin doch Kollege!"—„Also ein ganz gewöhn- licher Achtgroschenjunge sind Sie dann!"—„Nein, mein Herr, ich bin keiner! Ich bin Kollege."—„Wie kommen Sie übrigens dazu, als Polizeispitzel mich mit Du anzusprechen!?" Er bleibt dabei:„Nein, nein, ich bin Kollege. Unter uns Genossen und Kollegen spricht man sich doch mit Du an. Ich bitte Sie, Sie verkennen mich, ich bin Kollege."—„Sie kommen vom Alexander- platz!"—„Nein, nein, ich bin Kollege." Ich gebe ihm dann den Rat, sich von seinen Auftraggebern besser darüber instruieren zu lassen, was für Verbände wir haben. Auch solle er einen schönen Gruß an die„Genossen" von der VIl. bestellen. Wenn Sie noch eine Frage an mich haben, sollen sie eine Postkarte mit Rück- antwort schicken. Er atmet erleichtert auf. daß seine Leiden zu Ende sein werden. Aber, o Schreck, da komme ich auf den Gedanken, mit meinem neuen„Kollegen" zu seinem„Bruder" nach der Strelitzer Straße 29 zu gehen. Er weigert sich, doch was Hilsts! Er muß mit. Unten sagt er noch:„Sehen Sie doch im Adreßbuch nach!" Das Haus Strelitzer Straße 29 liegt an der Ecke der Bernauer Straße; er geht aber mit mir in das neben der anderen Ecke liegende Haus Bernauer Straße 15. Er will warten; ichsolle nur hinaufgehen. Nach langem Hin und Her geht er doch die Treppe hinauf, doch kaum oben an- gekommen, macht er kehrt. Ich laufe ihm nach und verlange unten wieder seine Legitimation; doch hat er die Sprache verloren und ist taub. Er holt dann etwas Blankes auS der Hosentasche und steckt es in die Rocktasche; ich vermute: einen Revolver. Ich lasse ihn stehen und gehe meiner Wege. T. hat leider darauf verzichtet, die Persönlichkeit dieses„Kollegen" durch die Polizei feststellen, zu lassen. Er meint, ihn schon genügend«festgestellt" zu haben. Sollte noch einmal ein solcher„Kollege" ihn heimsuchen, so will er anders mit ihm umspringen. An alle, die es angeht, richtet er die Jagowsche Mahnung:„Ich warne Neugierige." Warum eigentlich jener neugierige„Kollege" die Verbandszugehörigkeit T.'s erschnüffeln wollte, ist noch nicht klar. Mit dex Polizei hat T. bis- her nichts weiter zu tun gehabt, als daß er die Ausstellung eines polizeilichen Führungsattestes beantragt hatte. Heber eine Prügcllcistung, die der Gemeindeschullehrer Venz la ff vollbracht hatte, berichteten wir aus der 240. Knaben- Gemeindschule(Waldenser Straste). Wir teilten ein Arztattest mit(vgl.„Vorwärts" Nr. 74), aus dem geschlossen werden mustte, dast Herr Venzlass einen Schüler D. inein er weit überdaS Uebliche hinausgehenden Weise geprügelt hatte. Inzwischen hat Herr Venzlaff den Einfall gehabt, selber seine Prügel- leistung noch durch einen«r,t begutachten zn lassen. An demselben Tage, wo unser Artikel veröffentlicht wurde, führte Herr Venzlaff den Schüler D. aus der Schule zu einem Arzt, anscheinend zum Schularzt. Von diesem liest er die immer noch erkennbaren Spuren seines Stockes besichtigen und sich ein Attest darüber ausstellen. Wer mag Herrn Venzlaff den Austrag und das Recht gegeben haben, mit dem Jungen den Schularzt aufzusuchen? UebrigenS wird auch dieser «rzt, wiewohl er D. erst acht Tage nach der Prügelexekution zu sehen bekam, noch genug gefunden haben, waö Herrn VenzlaffS Prügel- letstung als eine ungewöhnlich reichliche kennzeichnet. Neue Gcwerbe-Jnspekti-licn treten mit dem heutigen Tage für die Stadtkreise Schöneberg und Wilmersdorf in Wirk- samkeit. Gleichzeitig hat der Handelsminister die Bezirke der Berliner Gewerbe-Jnspeltionen anderweit abgegrenzt. Ihre Zahl beträgt jetzt neun und e» befinden sich die Gewerbe-Jnspeltionen Berlin 0. in der Elisabethstr. 50/51, Berlin N. Prinzen-Allee 88, Berlin NO. Elbinger Strohe 19, Berlin NW. Philippstr. 21, Berlin O. Warschauer Straste 70, Berlin S. Gneiienaustr. 65, Berlin SO. Oranienstr. 14, Berlin SW. Wichmannstr. 12o. und Berlin W. Kirchstr. 16. Außerdem besteht noch für die Stadtgemeinden Charlottenbnrg, Rixdorf imd Schöneberg-WilmerSdorf je eine Gewerbe-Jnspektion._ Ein Kind alö Schauobjckt im Schaufenster. Uns wird berichtet: Eine skandalöse Reklame wird von der Tuchhandlung(Schneider» artikel) H. und I. Friedländer. Spaudauer Str. 49. ausgeübt. Die eine mechanische Figur, welche in dem einen Schaufenster Stoff- proben umwendet, scheint der spekulativen Firma nicht mehr zu ge- nügen, und so hat dieselbe ein lebendes Schulkind im Alter von 10—12 Jahren in das andere Schaufenster gesetzt, welches die Stoff- proben wechselt. Zahlreiche Passanten enq-ören sich ob dieser Ungchörigkeit. Der Firmen,» Haber scheint dafür gar kein Gefühl zu haben, sonst würde er nicht zn einem solchen höchst ungehörigen Reklamemittel gegriffen haben. Hoffentlich tragen diese Zeilen dazu bei, dem Unfug ein baldiges Ende zu machen. Gegen den Krankenwärter Grirhl ist die Voruntersuchung wegen des Mordes an der Witwe Hoffmann in der Blumenthasitraste 1 so weit vorgeschritten, dast sie bald abgeschlossen werden kann. Die Akten werden voranssichtlich schon in den nächsten Tagen der Staatsanwaltschaft zur Erhebung der Anklage zugehen. Der Schrecken der Schankwirte. Gestern morgen wurde in der Reinickendorfer Str. 24 ein Mann unschädlich gemacht, der in der ganzen Stadt, besonders aber im Weddingviertel, seit einiger Zeit sein Unwesen trieb. Er verstand es mit grostem Geschick, sich in die Kellerräume der Schanlwirtschaften einzuschleichen.®ort_ schnitt er überall die metallenen Bierschlangen ab und schädigte die Wirte nicht blost um den Wert dieser teueren Betriebs- mittel, sondern mittelbar auch noch dadurch, daß er sie in ihrem Geschäft empfindlich störte. Das Bier aber stellte er rücksichtsvoll jedesmal ab. Gestern morgen wurde er in der Reinickendorser Straste durch einen Zufall erwischt. Der Schankwirt hatte, während sich der Dieb schon im Keller befand, die Klappe über der Kellertreppe mit Schnnlgefästen aus Zink belastet. Nachdem nun der Einbrecher sich die Beute zum Mitnehmen zurecht- gemacht hatte, stieg er die Treppe empor und hob ahnungslos die Klappe hoch. Da rollten die Gesätze mit grostem Getöse hinunter und der Wirt erwachte. Weil er keinen anderen Ausweg mehr sah, so eilte der Einbrecher die HauS- treppe hinauf, kroch zur Dachluke hinaus und nach dem Nachbar- hause hinüber. Hier warf er durch die Luke den Sack mit der ichwercn Beute auf den Boden hinunter, um dann selbst nachzusteigen. DaS Gepolter auf dem Boden war aber so stark, dast mehrere Leute im Hause ans dem Schlafe aufgeschreckt wurden und herbeigeeilt kamen, um nachzusehen, was es gäbe. Sie trafen den fremden Kerl, nahmen ihn fest und übergaben ihn der Polizei. Diese stellte den Ertappten fest als einen Arbeiter Paul Schulz. Bei ihm fand man auster der Beute aus dem Keller auch allerhand DiebeSwerkzeug, u. a. einen Leierbohrer, den er benutzte, um Verschläge aufzubrechen. Der Ver» hastete hatte, wie sich ergab, mit den gestohlenen Bierschlangen einen schwunghasten Handel getrieben. Trödler waren seine Abnehmer. Trübe Erfahrungen in Berlin bei Nacht machte ein junger Mann auf der Durchreise nach Wien. Er hatte in seiner Heimat seine Barschaft von 1700 M. eingesteckt, um mit einem Freunde zusammen ein Geschäft aufzumachen. In Berlin unterbrach er die Reise, kaufte sich für 100 M. Kleinigkeiten, die er noch brauchte, brachte diese dann nach dem Hotel und ging dann wieder aus, um sich die Reichshauptstadt etwas näher anzusehen. Da traf er eine junge Ehefrau, die auch ab und zu nachts allein ausgeht. In ihr glaubte er eine vortreffliche Führerin gefunden zu haben. Sie zeigte ihm denn auch mehrere Cafes und einige Ballsäle. Dort. schloffen sich noch zwei Männer an, scheinbar ganz harmlose Leute. Gemeinsam besuchte man endlich ein Lokal in der Elsasserstraße. Es war eine richttge Kaschemme. Nachdem man tüchtig gezecht hatte, wußten es die beiden Männer so einzurichten, daß der Durch- reisende mit der jungen Ehefrau heftig zusammen geriet. Als Schlichterin des Streites trat jetzt ein Mädchen aus, das in jenem Viertel unter dem Spitznamen Potsdamer Betti bekannt ist. Dem jungen Manne war aber schon die Nase blutig geschlagen worden. Während sich jetzt die Wirtin eifrig bemühte, ihm die in dem Kamps etwas beschmutzte Kleidung zu säubern, empfahlen sich die beiden Männer, die junge Ehefrau und die Potsdamer Betti. Alle waren schon weg, als der Durchreisende zu seinem Schrecken ent-, deckte, daß ihm seine Brieftasche mit 1600 M. fehlte. Er fand sie zwar bald im Lokal wieder, doch war sie leer. Der junge Mann klagte sein Leid der Kriminalpolizei, und diese ermittelte gestern die ganze Gesellschaft und nahm sie fest. Die beiden Männer, ein Pförtner Karl Wulsert und ein gewisser Georg Kleinert, der unter dem Spitznamen Georg in jenen Kreisen bekannt ist, hatten den ganzen Streit geschickt„gemacht", um der Potsdamer Betti Ge- lcgenheit zu geben,„die Padde zu ziehen". Die Beute hatte sich die Bande gleich geteilt und zum größten Teil schon verjubelt. Ein schwerer Straßcnbahnunfall ereignete sich am Donnerstag- abend gegen l/38 Uhr in der Swinemünder Straße. Dort versuchte vor dem Hause Nr. 59 die in der Nügener Straste 15 wohnhafte 70jährige Rentiere Auguste Borges vor einem herannahenden Strasten- bahnwagen der Linie 30(Richtung Ramlerstraste) das Gleis zu überschreite». Frau B. wurde umgestosten und geriet unter den Border- perron. In bewusttlosem Zustande wurde die Verunglückte nach der Unfallstation in der Badstraste gebracht, wo ein Bruch des rechten UnterschenlelS, eine klaffende Kopfwunde, erhebliche Kontusionen an Armen und Händen und schwere innere Verletzungen festgestellt wurden. Nachdem der Greisin Notverbände angelegt worden waren, wurde sie in bedenklichem Zustande nach dem Nudols-Virchow-Kranlen- hause übergeführt. Durch einen eigenartigen Unglücksfall zum Krüppel geworden ist der 20jährige BootSmaim ZarenSki, der mit seiner Zille den Oder-Spreekanal bei Fürstenberg passierte. Der Kahn wurde von einem Dampfer geschleppt und daö Tau, das die beiden Fahrzeuge verband, bildete, als der Dampfer plötzlich stoppen mustte. eine Schleife. In diese trat versehentlich Zarensli hinein, als der Dampfer gerade anzog. Dem Bootsmann wurde der rechte Fuß durch das Drahtseil glatt über dem Knöchel abgetrennt. In bewußt- losem Zustande wurde der Verunglückte nach dem Fürftenwalder Krankenhause übergeführt. Dritte» Berliner Sechstagerennen. Das mit so vi«! Reklame und Tamtam inszenierte Rennen endete in der Freitagnacht mit einem Siege der deutsch-holländischen Mannschaft Rütt-Stol. die in 144 Stunden 3406,050 Kilometer zurücklegten. 2. Mac Farland- Moran, 3 Runden, 3. Brocca-Schilling, 5 Runden, 4. StellbrinI- de Maro, 7 Runden, 6. Saldow-Schallwig, 13 Runden, 6. Georget- Grotzmann, weit zurück. Der Sieg und die Ehrenrunde jede? Paares wurde mit lautem Beifall der tausendköpfigen Menge be- grüßt. Der Verlauf des Rennens zeitigte oft unerquickliche Szenen, die gelegentlich in Streitigkeiten ausarteten. Die amerikanische Mannschaft Mac Farland-Moran. von der man sich in Sportkreisen so viel versprach, muhte sich sck/on am ersten Tage überrunden lassen und alle Zurückeroberungsversuche waren erfolglos. Die Berliner Mannschaft Lorenz-Saldow hielt am längsten stand und kam erst durch einen Sturz von Lorenz am vierten Tage auS dem Gefecht. Das Rennen war reich an Zwischenfällen aller Art. Besonders zahlreich waren die Stürze und verschiedene Fahrer mußten aus diesem Grunde das Rennen aufgeben. Schon am ersten Tage schied der Schtveizer Ryser aus, während an dem für die SechStagc- Rennen tritisckssten dritten Tage Arend und von Natzmer durch Schlüsselbcinbruch kampsunfähig wurden. Am vierten Tage schieden Lorenz und Demke aus, die sich jeder einen Rippenbruch zugezogen hatten. Bon den 15 Paaren beendeten nur noch 6 das Rennen. Die letzten Runden des Rennens verliefen ohne ausregende Kämpfe� da das Resultat bereits ja scbon entschieden war. Ein Rekordver- such des französischen Weltmeisters Ed. Jacquelin über 1 Kilometer ergab 1 Minute 14� Sekunden als Resultat. Zieht man das Fazit des Rennens, so ergibt sich eine stattliche Gewinnsumme für den Unternehmer, dem das in Scharen herbei- strömende Publikum in seiner Sensationslust die unsinnig hohen Preise gerne zahlte, und solange diese Summen aufgebracht wer- ben. wird eS?mMr Unkernehmer He&eti, bis laHend solche GS» tvinne einstreichen. Ein weiteres gutes Geschäft machen die der- schiedenen Fahrrad- und Pneumatilfabriken. die mit„ihren" Sechs tage-Fahrern mehr oder minder geschmackvolle Reklame treiben� Und zum Schluh: welch einen tiefen Einblick in die Seele der Massen lätzt solch ein Rennen tun; wie wenig Geist verratend ist das stunden- und tagelange Zuschauen der die Bahn umkreisenden Fahrer und das Aufstacheln derselben zu schnellerem Tempo, zu gegenseitigen Kämpfen mit eventuell schweren Stürzen. Und die Fahrer selbst? Lediglich die Sucht, möglichst viel Geld auf einmal zu ergattern, ist die Triebfeder, daß die Leute mit ihrer Gesundheit SchiMuder treiben. Vermißt wird seit dem 11. März er. der Gürtlerlehrling Hans Küppers, geb. 17. September 1896 in Reydt, Groß-Lichterfelde Berliner Strasse 21 bei den Eltern wohnhaft gewesen. Küppers ist 1,66 Meter gross, hat kurzgeschnittenes dunkelblondes Haar, vorn rechts einen zweiten Haarwirbel, rundes volles Gesicht, graublaue Augen, grosse Hände und linken Auge in der Nähe Züsse. nachlässige Haltung und unter dem der Nase ein roteS Knötchen. Kleidung: rehfarbener, weicher, brauneingefasster Hut. dunkelgraugestreifter Cheviotüberzieher, grauer oder dunkelblauer Cheviotanzug, schwarze Schnürstiefel, schmaler Selbstbinder, Normalwäsche gezeichnet H. K. Auf Ermittelung des. Bermissten ist vom Bater eine Belohnung von ö00 M. ausgesetzt. Seinen Verletzungen erlegen ist der 22 Jahre alte Handlung� gehilfe Alexander Hertel aus der WiSbherstraße, der am Mittwoch in übergroßem Eifer, einen Straßenbahnwagen noch zu erreichen� mit dem Kopf gegen den Wagen lief, umfiel und unter die Platt- form geriet. Der Verunglückte starb im Krankenhaus an den Folgen eines Schädelbruches. Wegen eines größeren Kellerbranbes wurde am Freitag der 8. Zug nach der Reichenberger Straße 197 alarmiert. Als der Zug unter Leitung des Brandmeisters Berg dort ankam, stand auf dem Hofe im Quergebäude ein Vorratskellcr mit Polstermaterialien, Werg usw. der Möbelfabrik von W. Appelt in geraumer Aus- dehnung in Flammen. Brandmeister Berg ließ wegen der grossen Gefahr sofort mehrere Schlauchleitungen vornehmen und es ge- klang dann durch kräftiges Löschen den Brand auf den Keller zu beschränken. Die Aufräumung nahm dann noch einige Zeit in Anspruch. Die Entstehung des Brandes ist auf Unvorsichtigkeit Durückzu fuhren. Als Leiche wiedergefunden wurde der 29 Jahre alte Schreiber Karl Sarow, der ieit dem 17. Februar verschwunden war. Der junge Mann wurde vor zwei Jahren von einem Straßenbahnwagen überfahren und verlor dabei den linken Fuss. Er klagte oft über dieses Unglück, das ihn schwermütig machte und ihn jetzt wahrschein- lich in den Tod getrieben bat. Gestern landete man ihn am Nord- «lfer als Leiche aus dem Schiffahrtskanal. Ein« polnische Wählerversammlung findet am Sonntag. 2. April, nachmittags 2 Uhr, im Lokal von Keller, Koppeustr. 29. statt mit der Tagesordnung:„Die Heuchelei der polnischen ReichstagSfraktion und die polnische Arbeiterklasse". Arbeiter-BildungSschule. Heute Sonnabend, den 1. April, fällt der Unterricht in Gesetzeskunde aus. Letzte Stunde am Montag, den 3. April. Die neuen Unterrichtskurse beginnen am 29. April. Bis dahin ist die Bibliothek jeden Donnerstag von L— S Uhr geöffnet. Wer ist der Tote? Gestern vormittag kwurde auS dem Der- bindungskanal in Baumschulenweg die Leiche eines unbekannten. ungefähr 29 Jahre alten Mannes gelandet, die schon längere Zeit im Wasser gelegen haben muß. Der Tore trug ein dunlies Jackett, einen dunklen Sweater, ein graugestreifte Hose, gestrickte graue Hand« schuhe, rechts und links gestrickte wollene Strümpfe, schwarze Schnallen- schuhe und ein blaugestreiftes Barchenthemd. Zwei größere Brände beschäftigten die Schöneberger und Berliner Feuerwehr gestern nachmittag in der D e lzi g e r S tr. 27 und in der Reichenberger Str. 197. In der Belziger Strasse brannte daS Dachgeschoß eines Fabrikgebäudes. Die Schöneberger Feuer- wehr war mit beiden Löjchzügen zur Stelle und griff das Feuer mit Jlwei Schlauchleitungen an. Die�Löscharbeiten ivurden durch eine tarke Rauchentwickelung sehr erschwert. Erst als von Nachbardächern aus genügend Luft geschaffen worden war. konnten die Flammen. die Kartons. Kisten und Materialien einer chemischen Fabrik ergriffen hatten, wirksam bekämpft werden� Die vollständige Ablöschung und Auftäumung zog sich über zwei Stunden hin. � Die Brandursache ist noch nicht ermittelt.— In der Reichenberger Strasse stand ein Holz- keller in Flammen. Hier mußte die Berliner Feuerwehr gleichfalls längere Zeit Wasser geben, um die Gefahr zu beseitigen. Abonncmentsmarkcn für die Große Berliner Straßenbahn sind in den Geschäften von Jandorf und H. Joseph u. Co. ÜI Nixdorf, Berliner Strasse öl/öS, zu haben. Vorort- JVacbricbtcm Rixdsrf. Die Stadtverordneten-Versammlung begann am Donnerstag die Beratungen des Stadthaushalt- Vo ran schlageS für 1911. Zuvor fanden noch einige kleinere Vorlagen ihre Er- jedigung. Der Magistrat will in Boddinsfelde eine eigene Guts- lasse einrichten, die von einem verheirateten Landwirt mit guter Schulbildung als Rechnungsführer verwaltet werden soll; derselbe soll auch zugleich Hofverwalter sein. Das Gehalt ist einschiiess- lich Nebendezügen in Höhe von 799 M. mit 2499 M., steigend in LI Jahren auf 4999 M.. veranschlagt. Die Wirtschaftsdeputation hatte demgegenüber 2199— 3090 M. Gehalt als genügend erachtet. Stadtv. N i e m e tz nahm den Antrag wieder auf und vertrat ihn in längeren Ausführungen. Stadtbaurat W« i g a n d wandte sich dagegen, weil man einen tüchtigen Landwirt nicht bei so geringem Gehalt bekäme. Einen Kassenführer, der mit so erheblichen Geld- Mitteln jju arbeiten habe, dürfe man nicht kärglich entlohnen.— Die Versammlung beschloß mit Mehrheit im Sinne der Magistrats- Vorlage. Debattelos genehmigt wurde die Anlegung einer neuen Strasse zwischen Kaiser-Friedrichstrasse und Donaustrasse, schräg gegenüber der Berthelsdorferstraße. Kr der Mitte derselben ist ein kleiner Platz vorgesehen. Auf der Schillerpromenade, an der Ecke der Steinmetzstrasse, beabsichtigt der Magistrat eine Vollbedürfnisanstalt zu errichten, der auch ein Raum für die Marltbeomten angeschlossen werden soll. Stadtv. Dr. Silber st« in(Soz.) vermißt in der Vorlage die Einrichtung eines FreiklofettS für Frauen. Nachdem Stadtrat Meier versichert hatte, daß ein solches vorgesehen ist, wird die Vorlage einstimmig angenommen. Zwecks Beschickung der Internationalen hygienischen Ausstellung in Dresden und der Großen Ber- liner Kunstausstellung 1911 suchte der Magistrat die Be- willigung von 1699 M. auS dem Stadtverordneten-Dispositionsfonds nach. Gegen die Berücksichtigung des ersteren Unternehmens wandte sich lebhaft Stadtv. Ja eck Boz.). Er schilderte die be- kannten Lorgänge über die von der Generalkommission der Gvwerk- schaften Deutschlands beabsichtigten Beteiligung an der Au». siellung, welche bewiesen haben, paß letztere tendenziös im Sinne des Unternehmertums gestaltet wird. Die Ablehnung der von der Generalkommission geplanten Ausstellung über die elenden Zu- stände in der Heimindustrie fei zugestandenermaßen direkt durch die sächsischen Industriellen betrieben worden und habe die sofortige scharfe Absage hervorragender Kulturforscher an das Ausstellung»- tomitee zur Folge gehabt. Einer solchen Ausstellung von Unter- nehmer Gnaden, welche der Welt nur rosenrote Zustände vor- täascht, könne eine Stadtverwaltung nicht ihre Untersruyung leihen. Stadtballtat Kiel Küßte von diesen Dingen nichts, da sie Kie er sagte— in der Oeffentlichkeit nicht bekannt geworden seien, er ersucht um Zustimmung zur Vorlage. Nachdem noch Stadtv. Dr. Silber st ein(Soz.) energisch Protest eingelegt hatte gegen die der Hygiene inS Gesicht schlagenden Beiffchleierungstendenz der Dresdener Scharfmacher und ihrer Handlanger in der sächsischen Regierung, beschloß die Versammlung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten die Beteiligung an der Hygiene-Ausstellung. Die Beschickung der Berliner Kunstausstellung wurde einstimmig ge- nehmigt. Die Etatberatungen begannen mit dem Kapitel Schulder- waltung. Der Titel Gemeinde schulen balanziert mit 2 993 599 M. und erfordert einen Zuschuß von 2 995 799 M.— Zwecks Ermäßigung der Pflichtstunden der älteren Lehrpersonen sollen 5 neue Lehrkräfte eingestellt werden. 15 999 M. wurden dafür vom Magistrat beantragt und von der Versammlung ein- stimmig bewilligt.— Den vom EtatauSschuss abgelehnten Antrag W u tz k y und Genossen, zur Besoldung von 2 hauptamtlichen Schulärzten nebst den notwendigen sächlichen Aufwendungen in den Etat 15 999 M. einzustellen, nahm Stadtv. Groger(Soz.) wieder auf. Er sah von einer Begründung der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Schulärzte ab, die nachgerade jeden Kommunal- Politiker jetzt einleuchten muß, und polemisierte nur gegen die Stellungnahme des Dezernenten im EtatauSschuss. Obwohl sonst allgemein— allerdings mit Unrecht— der Sozialdemokratie vorgeworfen wurde, daß sie stets nach dem Grundsatz„Alles oder nichts" handle, hat in der Schularztfrage diesmal merkwürdiger- weise der Bürgermeister damit operiert. Die von diesem ausge- sprochcne Ansicht, daß sofort mindestens 7 Schulärzte angestellt werden mutzten, könne nicht stichhaltig sein. Es könne auch hier nach der bisher geübten Methode allmählich aufgebaut werden; der sozialdemokratische Antrag wolle den Anfang herbeiführen. Bürgermeister Dr. Weinreich meinte zwar, daß der Nutzen von Schulärzten natürlich festsieht; bei den vielen Volksschul- lindern RixdorfS würden aber erhebliche Kosten entstehen. Er machte darauf wieder seine Rechnung auf, in der 7 Aerzte mit 42 999 M. Gehalt figurieren, und malte dann die seiner Meinung nach sofort notwendigen unvermeidlichen Konsequenzen auS, als da sind: Formularmaterial, Mehrbelastung der Armenverwaltung durch ärztliche Behandlung unbemittelter erkrankter Kinder, Schul- Zahnklinik. Alles in allem wären dazu 199 999 M. pro Jahr auf zuwenden, an die nur gedacht werden könne, wenn— mal ein glücklicher Stern am kommunalen Himmel RixdorfS aufgeht. Von einem Teilanfang wollte der Bürgermeister hier aber nichts wissen da 2 Aerzte mit 32 999 Kindern nichts anzufangen wüßten. Stadtv. Dr. Silber st ein(Soz.) wies noch einmal die Haltlosigkeit der Argumente des Dezernenten nach. Gewiss sei die Finanzkraft RixdorfS schwach; trotzdem müsse die Schularztfrage in unserer so dicht bevölkerten Stadt gelöst werden. So wie andere Städte habe beispielsweise Mannheim auch erst mit einem Schularzt ange ängen. Wenn der Bürgermeister jetzt— entgegen seiner sonstigen Gewohnheit— gegen den Aufbau Schritt für Schritt sich erklärt und mit großen Ziffern operiert, so könne damit nur beabsichtigt bin, die Stadtverordneten gruselig zu machen und damit auch den Anfang zu verhindern. Diese Absicht wurde auch schliesslich er- reicht; denn sämtliche bürgerliche Stadtverordnete, einschliesslich der in der Neuen Fraktion sitzenden Lehrer, stimmten den sozial- demokratischen Antrag nieder.— Die Ausgabeposition„Zur Ver- anstallung von Schüler-Theatervorstekluugen" wurde von 399 auf 599 M. erhöht. Beim Titel.Li e a lg y m na s i u m", daS mit 214 600 M. balanziert und einen Zuschuß von 72 SSO M. erfordert, beantragte Stadtv. Dr. Silber st ein(Soz.), die für Erteilung von katho- lischem Religionsunterricht eingesetzten 339 Mk. zu streichen, da dies Sache der betreffenden Kirchengemeinschast sei. Der Bürger- meister trat für die Beibehaltung der Position ein; die Bersamm- lung beschloß demgemäß. Für die O b e r r ea l schu le wurde der Etat in Einnahme und-Ausgabe mit 147 799 M.(Zuschuß 71499 M.), für die Real- chule mit 83 699 M.(Zuschuß 38 415 M.) festgestellt. Die Höhere Mädchenschule erfordert einen Zuschuß von 35 899 M., die M ä dche n- M i t t e l f ch u l e einen solchen von 28 299 M.; die erstere schließt ab in Einnahme Lud Ausgabe mit 117 500 M., die letztere mit 85 700 M. Lichtenberg. Die KrankcnhauSbanfrage führte in einer Versammlung des ürgervereinS Lichtenberg zu einer eingehenden Debatte, in der deutlich zum Ausdruck kam, daß die vom Magisttat gewünschte Bettenzahl von 225 den Herren vorläufig noch alS viel zu hoch er- scheint. Herr Rott wünschte zwar, dass daS Krankenhaus bald ge- baut werde, jedoch sei er der Meinung, dass man sich vorläussg mit einem Ausbau von 125 Betten begnügen könne. Wenn daS Be- d ü r f n i S zu einer Vennehrnng der Bettenzahl da sei, würde sich niemand dagegen sträuben. Herr P l a t h e n glaubt, dass man vor« erst mit 170 Betten auskommen könne. Und Herr Dr. Bab warf die Frage auf, ob man nicht mit Berlin oder einer anderen Ge- meinde wegen Erbauung eine« SpezialkrankenhaufeS für JnfektionS- kranke und eines Krankenhauses für Leichtkranke in Verbindung tteten wolle, augenscheinlich um später daS Krankenhaus zu entlasten. Dem Vorschlage, noch weniger al» die festgesetzten 225 Betten einzurichten, muß mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Ist daS Krankenhaus erst einnial fertig, so wird sich zeigen, daß sich die vorgesehene Bellenzahl als viel zu gering erweist. Eichwalde. Morgen, Sonntag, den 2. April, vormittags von 8—0'/, Uhr. findet im GemeindesitzungSsaal die Stichwahl statt. Genosien l ES muß eines jeden Ehrenpflicht sein, bei der Stichwahl unserem Kandidaten Karl König zum Siege zu verHelsen. Der gesamte „OrdnuugSllüngel" macht Front gegen unS. Die Gegner schnorren bei den Behörden um die Klimmen ihrer Beamten und Arbeiter, sie fürchten für den guten Ruf de« Orte«, wenn noch ein zweiter Sozialdemokrat ins Dorfparlament einzieht. Der wahre Grund ist: Die Vertreter der Grundstücksspekulanten wollen unter sich bleiben, damit ihnen niemand auf die Finger sehen kann. Wer der Wahl fernbleibt, unterstützt die Gegner und ttägt mit Schuld an den kapitalistischen Sünden unserer Gemeindeverttetung. Niemand fehle. dann ist der Sieg unser. DaS Wahlbureau befindet sich im Restaurant Lindner, Bahnhof- und Grünauer Strassen-Ecke. Parteigenosien. die bei der Wahl helfen wollen, werden ersucht, sich dort Sonntag recht früh einzufinden. DaS Wahlkomitee. Rummelsburg. AuS ber Gemeinbevcrtretutlg. Vorerst fand die Wahl eines Gemeindeschöffen an Stelle des durch den Zusammenbruch des Ra- battsparvereins„Norden" unmöglich gewordenen Schöffen Stiebitz statt. Der Boxhagener Grundbefitzerverein präsentierte als wür- digen Nachfolger für seinen verloren gegangenen Stiebitz den Ge- meindevertrcter Vettrink, welcher Herr, trotz seiner erst kurzen Vertreterzeit, bereit» genügend Beweise dafür geliefert hat, Pätz er einen treuen Untergebenen seines Herrn— de« Souverän des Boxhagener Grundbesitzervereins, des Berliner VoltSschullehrerS Leppelt abgibt.— Aus taktischen Gründen stimmten unsere Ver- treter für den Kandidaten des Bürgervereins Apotheker Groß. welcher dann mit 14 gegen 19 Stimmen, die auf Bettrink entfallen waren,«wählt wurde. Hierauf laiige Gesichter der L«ppelt«,rde. Da die Boxhagener GnindbesitzervereinSvertreter au« purem Macht. dufel unsere Genossen au« den verschiedenen Acmtern wie Schul- deputation. Zweckverband, Kreistag usw. systematisch fernhalten— so blieb denigegenüber auch unseren Genossen kein anderer Weg als den der VergeltungSpoliH? übrig. Hierauf fand eine Aenderung der Friedhofsgebühren insofern statt, daß die bisherigen Sätze für Erbbegräbnisse und Wahlstellen wie für die Benutzung der Fried- bofshalle mit einer Pflanzenausschmückung wie auch die Sätze für die Errichtung von Denkmälern nicht unbedeutend erhöht wurden. Die Sätze für Reihengräber wie für die Benutzung der Halle ohne Pflanzenausschmückung bleiben dieselben wie bisher. Eine Gebühr für die Benutzung der Halle wie der Leichenkammer wird von ftaatseinkommensteuerfreien Personen nicht erhoben. Zur Einfüh- rung von chemischem, phsikalischem und biologischem Unterricht am Gymnasium wurden als erste Anschaffungskosten aus dem Fonds für die höheren Schulen 7909 M. bewilligt. Ferner wurden die Kosten für einen Zeichenkursus zur Ausbildung für hiesige Lehrer in Höhe von 299 M. bewilligt. Dieser Zeichenkursus macht sich notwendig, da der Bestand an zeichnerisch vorgebildeten Lehrkräften an den hiesigen Vollsschulen derartig knapp ist, daß in Krankheits- und Urlaubsfällen geeignete Stellvertretung nicht vorhanden ist.— Hieraus geheime Sitzung. Mühlenbeck. Uebcr„Reichs- und Kommunalpolitik" fM'ch am Sonntag in einer im Lokal des Genossen Bärsch stattgehabten Versamm- lung Genosse K u b i g- Pankow. An den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion im Sinne des Referenten. Bei der hierauf folgenden Besprechung der Buchhorster Gasangelegenheit wurde vom Genossen Bärsch auf den langsamen Gang der Sache hingewiesen, was seinen Grnnd darin hat, daß sich die Gemeinde Mühlenbcck mit der Gemeinde Pankow als Gutsbesitzerin des Gutes Mühlenbcck nicht einigen könne. Vom Genossen Kubig wurde bestritten, daß die Schuld der Verschleppung an Pankow liege, sie sei vielmehr in einigen schwer erfüllbaren Vertragsbestimmungen zu suchen. Lebhafte Beschwerde wurde über die schlechte Beleuchtung und Pflasterung der Bahn- Hofstraße geführt und Abhilfe von der Gutsverwaltung verlangt. Am Schluß der Versammlung forderte der Vorsitzende zum Ein- tritt in den Wahlverein und zum Abonnement auf die Parteiprege auf. Oranienburg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Ohne Widersvruch wurde dem Verkauf eines Teiles der MagifttatSwiefe für die Gleise der Nauen-Kremmen-Oranienburger Bahn an die Eisenbahnverwaltung für 5 M. pro Quadratmeter zugestimmt. Nack kurzer Debatte wurde die Magistratsvorlage, betreffend den Verzicht auf die städtische Wertzuwachssteueroronung. beim Inkrafttreten der Reichswerl- zuwackSsieuer angenommen. Gleichzeitig wird die Abänderung der Umsatzsteuerordnung besckloffen. Die Aenderung besteht darin, dass in Zukunft bei Steuerfreiheit des einen Teiles der andere die ganze Steuer ttagen muß. Die Druckkosten de? Verwaltungsberichts haben sich um 153 M. erhöht, die Summe wird nackbewilligt. Dem Berkauf eines städtischen Grundstücks an der Havel(249 Quadrat» meter gross) an die Elektrizitätswerke für den Preis von 6 M. pro Meter wird zugestimmt. Ueber den augenblichen Stand der Gas« frage äußerte sich der Bürgermeister in längeren«uSsührungen. Danach scheint die GaSfrage für Oranienburg endgültig gelöst jzu fein und zwar dahin, dass Oranienburg überhaupt kein GaS erhält. Die Ueberlandzentrale in Heegermühle, eine Tochtergesellschaft der A. E.-G., hat sich erboten, für Koch- und Heizzwecke Kraft abzu- geben, für den Kostenpreis von 8 Pf. pro Kilowattstunde, und zwar kann die direkte Abzweigung an bestehende Leitungen vorgenommen werden, nur ist ein besonderer Messer anzubringen, der 29 Pf. Miete pro Monat kosten soll. Um die Anschaffung der elektrischen Koch- und Heizapparate zu erleichtem, sollen dieselben auf Miete gegeben werden, die später beim Ankauf mit in Anrechnung kommt. Um die Zweckmässigkeit dieser Einrichtung nach- zuweisen, soll in nächster Zeit eine Ausstellung in Oranienburg ins Leben gerufen werden. wofür ein Enttee von 25 Pf. erhoben wird. Der Bettag fließt der Stadt zn wohltättgen Zwecken zu. In der Ausstellung selbst sollen zirka 39 Apparate aufgestellt werden. Köche sollen das Kochen und Braten praktisch vorführen. Beschlossen wird die sofortige Errichtung einer Slahllamma im Rathaus L Die Kosten betragen zirka 7090 M. Rowawes. Auf dem Rad« vom Tode überrascht wurde am Mittwochabend in der Berliner Straße der Kunstmaler Hans Schulz aus Charlotten» bürg. Als er auf dem Heimwege in die Nähe de« Bahnhofe« Reu- BobelSberg gekommen war. fiel er plötzlich vom Rade und verschied auf der Stelle. Die Leiche wurde nach der Friedhosshall« über« geführt._ Jugendveranstaltimge«. Rixdorf. Elve Frühling»fei er für die arbeitende Jugend vcranücillct am Sonntag, den«. April, abends 6 Uhr, der Öugend. auSichutz der Arbeiterschalt Rixdors» im grossen Saal« von Hoppe(Jnh. Bartsch), Hermannstr.«S. DaS Programm ist ein auserlesen künstlerisches und beucht auS Festrede, Konzert und Borführung lebender Bilder; Mitwirkende sind die Konzertfängerin Frl. Sternfeld. ew Stretch. quartett des Berliner Ginsonie- Orchesters und der Männer» gesangverein Rixdors. SwttittStarten für Jugendliche(bis zu IS Jahren) find im Jugendheim. Jdeal�ssassag« 2. unentgeltlich, für Ex. tuachiene bei Frau Fiieoa schulte, Niemehslr. l? III, Karl Lergmanu, Allecsttatze 46, im f Ziaarrengeschäst von haben. zigarrengeschäst von Zirkel, Jdeal-�aRag« 6, und im' Deising, Kaiser-Fried rich.Strasse 17xil72,» 39 Pf zu Fretreltgiöse Gemeinde. Sonntag', dm& April,»ormtttaq» 9 Uhr. Pappel-Allee 15—17 und Rixdors. Jdealpassaae: FreireligtSs« Vorlesung.— Vormittag» 11 Uhr. Kleine Franksurter Strasse«: Borttag von Frl. I. Altmann-„Glaube. Liebe. Hoffnung» Damen und f rren al» Gast» fcbr willkommen.— Montag, den 8. April, abend» Uhr, in„All- Berlin», Btmneosttasse 19: Beschllesseude Lerfammlung- (Wahlen.) Allgemeine Kranken- and«terbekasse der wictallardetter (3. H 29, Hamburg). Filiale Berlin 3. Sonntag. den 8. April, vormittags st, Uhr. bei Volsram. Falckensteinstr. 6: Milgtiederversammlung. Wahl der Delegierten._ «mtlicker Marktderickt der KSdMchm Markthallm-vtreMoa«der den Grotzbandel to den Zenwal-Rarttballen. stltarkiiaa«: Aleilib: ----"ufuht _______ ige: Zufuhr genügend, Gelckäst ruhig. Preis« unveränderi«tld: nicht ausreichend. Geschält still. Preise unverändert. A« s I ü 0 o l: Zusudr ungenügend. Geichäst etwas lebhaster, Preise sesl. Fisch-: Zufuhr reich» lich, Geschäst ruhig, IBretl- wenig verändert Suite r und Käs«: Ge- schäit ruhig, Preise unverändert. Gemüt« Ob« und Süd« flüchte Zusuhr reichlich, Geschäft lebhast, Preis« wenig verändert. SSofferftand».«achr,�tea„_ der Landesanstalt für Gewässerkunde, mUgeteilt vom Berkum Wetterbureau._ Wasserstand Memel, Till» P r e g e l. Jttsterburg Weichsel. Thor» Oder. Raiibor „ fteofiea , Frankwrt Warthe. Schrimm , LandSberg Netz», vordanun Elb«, Leitmat, , Dresden „ Varby „ Magdeburg am tett 39. S.>2? 3. am«rn') 357 156 272 330") 237 250 214 234 100 184 20 269 220 +48 +16 +8 +24 --3 +i —3 +10 +10 Wasserstand Saal». Broch Ith ftavel, Spandau st 0 Rathenow st «pr«», Sorembergst . v«e«kow Weser, Münden . Minden Rhein. Maxi mit ianSau , Kaub Kilo R e'ck a r, Herlbroiw Rain. Wertheu» Mosel. Trier am 39. 8. ora 139 136 17» 138 181 1 99 386 254 838 199 134 219 seit 29.3. am st —7 — I -1 —20 -2 -11 +9 0 +7 ±i4 -23 st+ bedeutet«Such«.—»all,— st Unterpegel.— st HSchfler WWWWWWWWWWWWWWWWWWMWWW________ Wasserstand: 399 cm am 30. NM 12 Uhr nstttMOM�WWI�WM Verantwortlicher Redakteur: Slvert Wachs. Berlill. Für den Lnscratenleil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck It.ve«täz: Lörwartg'�üchdrütkerei u. verlagsanstäls' Päül Sittg« u. Co., Lerliv SW.—