Ur. 80. nbonnementS'ßedingungeii: Lbonnem-ntz. Preis pränumerando: Lierteljährl. 3£0 Ml., monatl. 1,10 Ml., wöchenllich 2« Pfg. frei in- Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonruags- nunimcr nrit Muslricrlcr SonnIaaZ« Beilage.Die Neue Bell" 10 Pfg. Post- Abonncmcnl: 1,10 Marl pro Monat. Eingeiragcn in die Post-Zeitunas- Prci?Iiile. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslcrrclch- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. BostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien. Lureniburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 28. Jahrg. CrtdielDt liizllch uStr MoitZg». Verlinev VolksOlAtt. Zcntralorgan der foziatdemokratlfcbeii Partei Deutfcblands. Die Tnterfions'Gcbüljf beträgt für die fechsgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnzeigen", das fettgedrullic Wort 20 Pfg.(zulässtg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pjg. Stellengesuche und Schlafstellcnan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes wettere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: „5»lzl!lem»!lri>t BtrllD". Redaktion: SM. 68, Lindenatraasc 69. Fernsprecher: Amt rf, Nr. 1983. Dienstag, den 4. April 1911. Expedition! SM. 68, Lindenstraaac 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Der freiiinn und die Lehrer. Aus Lehrerkreisen wird uns geschrieben: Das Gros der Lehrerschaft durste der Freisinn von jeher zu seinen treuesten Wahlschutztruppen zählen. In der Be- zirksvereinsarbeit und bei den Wahlen verschiedenster Art konnte er auf die Hilfe der Lehrer mit Sicherheit bauen. � Besonderer Eifer in diesen„Laufburschendiensten" soll sogar vor Zeiten bei der Erlangung eines Rektorats recht förderlich gewesen sein. Auch eine Anzahl freisinniger Reichstagskan- didaturen, allerdings meist Durchfollsposten. wird regelmäßig mit Lehrern besetzt. Im allgemeinen hat sich aber der Frei- sinn diese Freundschaft nicht viel mehr als Worte kosten lassen. Seine Vertretung von Schulfragen war meist lau, fast, und kraftlos. Sie erschien immer mit dem Makel der Inkonsequenz und Unwahrhaftigkeit beladen, weil die Libe- uolen in den Kommunen so ziemlich niemals hielten, was sie ini Landtage mit dem Brustton der Ueberzeugung vertraten. Es gelang aber den trotz allem meist gut freisinnigen Führern der Lehrerschaft stets, etwa entstehende Wellen zu glätten und Ungestiime zu besänftigen, so daß diese Gefolgschaft dem Frei- sinn erhalten blieb. Nun scheint aber die Behandlung der Gehaltsfragen in den Reihen der städtischen Lehrer ein Maß von Unmut erzeugt zu haben, das die Leistungsfähigkeit jener freisinnigen Wellenbrecher übersteigt. Schon vor einigen Jahren sind auf dem Lande die Kon- scrvativen in die freisinnigen Lehrerhäuscr eingebrochen. Ein Konflikt zwischen Stadt- und Landlehrern im Preußischen Lehrerverein bot eine günstige Gelegenheit dazu. Und man muß es den Konservativen lassen, im preußischen Lehrerbesol- dungsgefetz haben sie eine für ihre Verhältnisse erkleckliche Leistung vollbracht. Ob die erhoffte politische Wirkung des Gesetzes lange vorhält, erscheint bei der traditionellen Bil- dungsfeindschaft der Junker freilich zweifelhaft. Bei der Beratung dieses Lehrerbesoldmigsgesetzes wußte sich der Freisinn vor Lehrerfreundlichkeit kaum zu lassen. Gleichstellung der Lehrer mit den Verwaltungssekretärea» war seine Parole! Gehaltssätze und Mietentschädigung waren ihm nimmer hoch genug zu bemessen, und die freisinnigen Lehrer schwammen in Wonne. Die Sache änderte sich sofort, als die Lehrer auf Einlösung des Wechsels drängtem Da wurden die freisinnigen Kämpen auf einmal die genügsamstan Leute von der Welt. Die meisten liberal regierten Kom- munen gewährten den Lehrern auch nicht entfernt das, was das eben noch als so unzulänglich verschrieene Gesetz zuließ. Allen voran Berlin, die Stadt der 0 b e r st e n Freisinns- größen. Berlin gewährte seinen Lehrern an Aufbesserung etwa die Hälfte dessen, was den städtischen Verwaltungs- beamten(Assistenten und Sekretären) zugestanden wurde. Schöneberger Lehrer beziehen in den meisten Gehaltsstufen 200, in mehreren 250, in einigen 300 M. mehr als ihre Ber- liner Kollegen. Recht pikant ist nebenher, daß die liberale Mehrheit der Berliner Stadtverordnetenversammlung die ängstlich geheim gehaltene Lehrerbesoldungsvorlage ohne Ausschußberatung en bloc verabschieden wollte, an- «eblich um den Lehrern recht schnell zu dem ihren zu ver- helfen. In Wirklichkeit wollten die fteisinnigen Macher das unangenehme Geschäft ohneRumor erledigen: der Lehrer- verein sollte nicht Zeit finden, erst noch Spektakel zu machen. Tie Cassel. Fischbeck. Wiemer, Weigert und Konsorten hätten dann hinterher mit Biedermannsmienen versichern können, die' lokalen Wünsche der Berliner Lehrer wären ihnen leider nicht bekannt gewesen. Freisinnige Tradition, nichts weiter! sagt der Kundige. Genosse Borg mann durch- kreuzte den sauberen Plan durch einen schon vor Eintritt in die Tagesordnung gestellten Antrag auf Ausschußberatung. Einem freisinnigen Stadtvater wäre dafür von den Lehrern sicher eine Dankeswallfahrt zuteil geworden. Freilich ist auch bei der Ausschußberatung nicht viel herausgekommen. Die Berliner Lehrer haben schließlich demonstrativ die preußische Cchulverwaltung um Hilfe gegen ihre liberale Freundschaft angerufen. Etwas possierlich ist es nun, wenn LehrSr in Wort und Schrift erklären, es käme ihnen auf die 150 M. Ortszulage nicht so sehr an als auf die Wertschätzung. Bei den Freisinnsmannen steht es nämlich umgekehrt. Und so versichern sie die Lehrer ihrer Hochachtung imd behalten das Geld in der Tasche. Obendrein hat der freisinnige Parteitag für Groß-Berlin unter Vorsitz des Rektors Kopsch zum Ausdruck gebracht, daß die ganze Affäre das freisinnige niefit berühre. Sllfo tootttc nuott im ßtMtb* tage nur den freisinnigen Parteitopf kochen! Aehnlich trübe Erfahrungen mußten die unentwegt frei- sinnigen Lehrer niit ihrer Mietentschädigung erleben. Das Lehrerbesoldungsgesetz sieht die entsprechenden Sätze des Cervistarifs für die preußischen Staatsbeamten als Minimal- sätze vor. Ten freisinnigen Erwählten der Lehrer war das »m Landtage wider den Strich gegangen: sie hatten beantragt: »Die Mietentschädigung für Lehrer ist vorbehaltlich weiter- gehender Srhöhuna regelmäßig auf«inen den für Beamte im Tarif 4 bestimmten Wohnungfgeldzuschuß um ein Drittel über- steigenden Betrag festzusetzen." Die„Freisinnige Zeitung" crmahnte damals die Bo- Hörden, den berechtigten Wünschen der preußischen Lehrer Rechnung zu tragen. Ein Jahr später wußte man in Berlin nicht mehr, was man im Abgeordnetenhaufe fo stünntfch ge-i fordert hatte und begnügte sich prompt mit dem, was der reaktionäre preußische Landtag als Mindestsatz zugelassen hatte! Als die Mietentschädigung in allen Instanzen bestätigt war, da führte der Freisinn in der Stadtverordneten- Versammlung ein lustiges Stücklein auf. Wie sollte auch der Herr Cassel gewußt haben, was kurz vorher Fischbeck und Wiemer im Magistrat zu tun für gut fanden. Man entdeckte also, als alles fertig war, das tapfere, weiche Freisinnsherz und beantragte nachträglich und einstimmig eine um 100 M. böhere Mietentschädigung für die allzeit treuen Wahlhelfer. Man weiß, was man sich Hand in Hand mit einem solchen Magistrat leisten kann ohne daß es dem Beutel wehe tut. Der Magistrat konnte sich nicht entschließen,„diesem Antrage zu entsprechen". Eine Gefahr mehr für den Satz von 100 Prozent Gemeindeeinkommenstener war damit vermieden. Man wählt sich doch eben einen solchen Magistrat nicht zum Spaß s e l be rl Die Lehrer revollieren nun. Die„Pädagogische Zeitung" hält Bildungsarbeft und Verwaltungstätigkeit für gleichwertig und fordert für die Lehrer entsprechende Bezahlung. Ter Magistrat hat sich kürzlich aufgerafft, um durch das Städtische Nachrichtenmnt dem Anschein entgegenzutreten, „als wären die Lehrer erheblich schlechter gestellt als die Bureaubeamten". Er hat damit in der Berliner Lehrerschaft heftige Erregung ausgelöst. Da die offiziöse Auslassung offenbare Irrtümer cntbält, so haben ihr nur die unent- wegten Freisinnsblätter Aufnahme gewährt, die ihren Lesern schon etwas zumuten dürfen. Der Magistrat stellt da nämlich das f r ü h e st e Anstellungsalter der Lehrer dem Durch- s ch n i t t s anstellungsalter der Assistenten und Sekretäre gegenüber und berechnet, daß diese drei Beamtengruppen bis zum 50. Lebensjahre 93 890, 78 800 und 63 700 M. von der Stadt Berlin erhalten, ein Lehrer folglich 30 190 M. mehr als ein Assistent bezw. 15 090 M. mehr als ein Magi stratssekretär. Er vergleicht seelenruhig das Gesamtgehalt von 29, 17 und 19 Dienstjahren miteinander! Sicher muß bei einer um die Hälfte größeren Zeit auch schließlich ein höherer Betrag sich summieren. Die Lehrer sind nun der Meinung, auf diese Weise ließe sich auch errechnen, daß ein Lehrer besser gestellt sei als z. B. ein Oberbürgermeister. Daß nur die Junker dem Stadtfreisinn diese Methode nicht für die Berechnung der Branntweinliebesgabe abgucken! Hätte man in der offiziösen Auslassung wenigstens die Gehaltssummen durch die Zahl der Tienstjahre geteilt, das hätte dann für Lehrer ein durchschnittliches Jahresgehall von 3237, für Assi stenten ein solches von 3747 und für Magistrotssekretäre 4147 M. ergeben. Damit wäre man der Wirklichkeit wenigl stens nahegekommen und hätte die Oeffantlichkeft nicht an ge— reckinet. So treibt man im roten Hause mit Schule und Lehrer Schindluder und träniert die Kräfte, die der Sozial- demokratie die proletarische Jugend abspenstig machen sollen Uns kann's recht sein! Wer die Geschichte des Berliner Schulwesens kennt, wird ohnehin wissen, daß Fortschritte hier nur dem steten Drängen der sozialdemokratischen Fraktion zu danken sind. Bei den kommenden Wahlen wer- den die Freisinnigen draußen im Lande mit ihrer Schul- und Lehrerfreundlichkeit wie immer Geschäfte' zu machen suchen. Ganz sicher werden das auch freisinnige Lchrer wieder tmr, denen ihre Durchfallskandidaturen im Laufe der Jahre lieb geworden sind. Es wird dann an der Zeit sein, den Freffinnshelden chre Schulmärchen um die Ohren zu schlagen. Man muß abwarten, ob speziell die Berliner Lehrer bis dahin auf die Fußtritte eine Antwort geftmden haben oder ob sie wirklich weiter mit dem Stimmzettel für Leute votieren werden, die wohl cm der höheren, nicht aber an der Volksschule direkt interessiert sind. Der Freisinn wird es ihnen bis dahin ja noch weiter einpauken, daß sie auch politisch dahin gehören, wo die Volksschichten stehen, deren Kinder sie in der Volksschule unterrichten. Die drille Celnng des€fats. Die Vertreter des deutschen Volkes kennen jetzt nur ein Be- dürsniS: möglichst bald Ferien zu machen. ES ist natürlich, daß die sozialdemokratische Fraltian nicht in der Lage ist. diesen Wunsch zu erfüllen und in die geplante Durchpeitschung deS Etat« zu willigen. Ist doch die Art und Weise, wie die bürgerlichen Parteien der Regierung helfen, die Verhandlungen de» Reichs- tag» auf das geringste Maß zu beschränken und diesen immer mehr zu einer Geld- und GesetzbewilligungS Maschine herabzu- drücken, nachgerade zum schlimmsten Skandal geworden. Das Initiativrecht des Reichstages geht völlig zum Teufel, und von einer sorgfältigen Verabschiedung' umfangreicherer Gesetze— wir haben da» ja bei der Finanzreform mit Schaudern erlebt— ist schon längst nicht die Rede. Gewiß ist das in erster Linie Schuld der Regierung, aber die bürgerlichen Parteien sind nicht weniger schuldig; ohne ihr Gewährenlassen hätte die Regierung schon längst dafür sorgen müssen, daß dem Reichstag die gebührende Zeit für feine Verhandlungen gewährt«erde. Die Sozialdemokratie hat wirklich nicht den geringsten Grund, dieser Bagatellisierung de« Reichstages irgendwie Vorschub zu leisten. Deshalb haben ihre Redner nicht nur in scharfen Worten an dieser Mißhandlung der Volksvertretung durch die Regierung Kritik geübt, sondern sie haben gezeigt daß sie sich auch von dem Bequemlichkeit»-> bedürfnis der bürgerlichen Parteien keine Beschränkungen anferlegen lassen und haben zur Sprache gebracht, was sie für notwendig hielten. Die dritte Lesung deS Etats gab zunächst Gen. Ledebour Gelegenheit, in einer etwa zweistündigen Rede eine General« abrechnung mit der Politik der herrschenden lllassen vorzunehmen- Ledebour begann mit dem Hinweis, daß die späte Einberufung deS Reichstages die Fertigstellung deS Etats vor dem 1. April unmöglich gemacht habe, so daß wir uns jetzt in einem gesetzlosen Zustande befinden. Diese späte Einberufung werde fich im nächsten Reichstag wiederholen, wenn die Regierung die Wahlen auf den Januar verschiebe— natürlich auS Angst vor der Volks- st i mm un g, die der Sozialdemokratie so günstig sei. Als ob uns, den stets Gerüsteten, der Wähltermin allzuviel Unterschied machen konnte I Darauf erörterte Ledebour ausführlich und glücklich die Stichwahltakti! der Sozialdemokratie. Stichwahlen seien ja überhaupt ein Uebel, und Zeit wäre es, sie zu vermeiden durch Ein- führung eines vernünftigen Proportionalwablrecffts. Für uns sei ja eine Stichwahlparole noch verhältnismäßig leicht. Wir unterstützen eben jene bürgerliche Partei, von der noch am ehesten etwas Opposition zu erwarten sei. 1907 sei eine solche Pattei noch das Zentrum gewesen, aber seitdem habe das Zentrum alle Oppositionsgelüste aufgegeben. Dafür ständen nun die Liberalen im Gegensatz zu der Regierung. Daß die Sozialdemokratie darauf verzichten würde, im ersten Wahlgang den Kampf überall mit aller Kraft durchzuführen, sei freilich eine komische Illusion. Aber in der Stichwahl sind wir immer bereit gewesen, die bürgerliche Opposition zu unterstützen, allerdings verlangen wir dafür die Gegenleistung. Höhnisch hielt Ledebour den Nationalliberalen ihre schwankende, heuchlerische und widerspruchsvolle Haltung vor, während die Fort- schrittSpartei in Gießen ihre Pflicht getan habe.(Genosse Ledebour lam hier infolge eine? Zwischenrufes Naumanns auf den Artikel deS„Vorwärts" über die Gießener Wahl zu sprechen. Wir können unö mit seinen Ausführungen insofern vollständig einvcr« standen erklären, als auch wir der Leitung der Fortschrittspartei keinen Vorwurf gemacht haben: wir hatten selbst das Verhalten der Leitung als vollständig richtig anerkannt. UnS kam es außer auf die Geißelung deS nationalliberalen Verhaltens hauptsächlich darauf an. de« FortstdriUlern zu sagen, daß der Absall eines Teiles ihrer Wähler ihnen politisch« Erziehungsaufgaben stelle, die sie bisher allzusehr toemach- lässigt haben.) Dann ging Ledebour nochmals auf die A b r ü st n n g S f r a g e ein. Er zeigte, wie die Rede des Reichskanzlers überall die chauvinistischen Treibereien verstärkt habe. In schärfster Weise polemisierte er gegen die.Unteroffiziersidee", alle Staaten müßten erst in eine Rangordnung gebracht werden, ehe an RüstungScinschränkung zu denken sei. Er wieS auf die kapitalistischen Strömungen hin, die zum Kriege führen könnten, und leitete gerade daraus die Notwendigkeit der Rüstungseinschränkungen ab. Auch die Wirtschaft- liche Entwickelung dränge dahin. Der Wirtschaftsmacht der Ver- einigten Staaten, die durch den Vertrag mit Kanada, der den Beginn der Abtragung der Hochschutzzollmauern bedeute, neue Stärkung erfahre, werde nur ein einheitliches Wirtschaftsgebiet der Vereinigten Staaten Europas gewachsen sein. Möge die Gegner diese Idee mit ebensolchem Abscheu erfüllen wie unser Be- kenntnis zur Republik, ihre Bekämpfung werde doch nur dieser Idee neue Anhänger zuführen. In knappen Strichen entwarf dann Ledebour ein Bild der sozialdemokratischen Kultur- Politik, deren Träger die Sozialdemokratie sei, die als solche die Verpflichtung habe, gegen die Greuel in den Gefängnissen des Zaren wie gegen die Justizmorde in Japan zu protestieren. In- dem wir diese Kulturpolitik treiben, schloß Ledebour seine Rede, steuern wir unserem Endziel zu, der Ueberwindung des Kapitalismus durch die sozialistische Gesellschaft. Die bürgerlichen Parteien hatten kein Bedürfnis, den Kampf aufzunehmen. Unmittelbar nach Ledebour wurde die Generaldebatie geschlossen. Doch schon beim Auswärtigen Amt kam es, wie uns aus dem Reichstage geschrieben wird, zu lebhaften Auseinander- setzungen. Zunächst wurde die vom Genossen David am Sonn- abend erwähnte Drangsalierimg österreichischerReisender in Deutschland von dem freisinnigen Abg. Hormann-Bremen angeschnitten. Herr Hormann verteidigte das Verfahren der Polizei als Köllig gesetz- mäßig und korrekt. Der Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter war über diesen Bundesgenossen sehr erfreut. Die Freude schwand aber, als Genosie David die völlige Haltlosigkeit jener BeschönigimgSversuche in gründlichen Ausführungen nachgewiesen hatte und ihm nicht nur der freikonservative Dr. Arendt zugestimmt halte, sondern sogar der freisinnige D 0 v e seinem FraktionSkollegen Hormann entgegentrat, Mit diesen BeschönignngSversuchen der preußischen Polizeipraxis hatte Herr v.Kiderlen-Wächter wieder einen recht Übeln Eindruck erzielt. Dann gab eS auS Anlaß der LuSlandSschulen ein hitzige? Gefecht zwischen dem nationalliberalen Pfarrer Everling und Herrn Erzberger über den Antimodernisteneid, wobei die evangelischen und katholischen Gemüter im Reichstage sich weid» lich erhitzten. Noch lärmender ging es zu, als Genosie Ledebour die Aus- Weisung eines Russen namens Montag zur Sprache brachte. Nach den brieflichen Angaben dieses Mannes war er m Kaiisch der russischen Polizei ausgeliefert worden. Der Staatssekretär behauptete, der Rusie sei nur ausgewiesen, weil er seine geschiedene Frau mit einem Re» dolver bedroht gehabt hätte. Ungelöst ist die Frage geblieben, wie er in Kalifch in das russische Gefängnis gekommen ist. Sowohl Genosse Ledebour wie der Freisinnige G 0 t h e i n gerieten mit dem Herr» v. Kiderlen-Wächter scharf nneinander. Die Rechte und daS Zentrum nahmen lärmend für ihn Partei. Die Leute amüsierten sich königlich über de» Fall, weil eS fich offenbat„nur um eine» Juden" handelt«. ®dm R e i ch S a m t bei» Z n n e r n lag eins sozialdeino- Iratische Resolution bor, die eine Verbesserung derArbeitS- bedingungen in der Grobeisenindustrie verlangte. Genosie Hengsbach begründete sie in ausführlichen Dar- legungen, indem er die vielfach mißlichen Zustände in den großen Eisenwerken bloßlegte. Gegen diesen Antrag brachte der ZentrumSabg. GiesbertS das klassische Argument vor. daß die Sozialdemokraten sich bei der Annahme mit einem Siege brüsten könnten. Die Zentrumspartei stimmte denn auch geschlossen dagegen und brachte sie so zu Fall. Damit hat die Partei aber auch einen neuen Beweis geliefert, was man von ihrer angeblichen Arbeiter- freundlichkeit zu halten hat. Ueber die Bergarbeiter- beschwerden kam dann auch noch Genosse Sachse mit den Zentrumschristen in eine heftige Polemik. Schließlich gab es auch noch eine agrarpolitische Debatte über die merkwürdige tendenziöse Agrarpolitik, mit der der Bund der Landwirte auf dem Lande Propaganda für seine Ideen zu machen sucht. Herr N ö s i d o wurde dabei übel von dem Nationalliberalen Stresemann, dem Freisinnigen Gothein und dem Genossen Molkenbuhr zugedeckt. Die arbeits u n willige Mehrheit im Reichstag hatte sich mit dem Plan getragen, die dritte Lesung des Etats womöglich in einem Tage durch das HauS zu peitschen. Die Spekulanon hat getrogen. Um 8>/z Uhr, nach ll'/estündiger Sitzung, trat die V e r- tagung ein. Morgen soll es schon um 10 Uhr weitergehen. Zw Relchstagswal»! im 4. Berliner ReichstagSwahlkreise war mit Unterstützung der polnischen Genossen eine öffentliche polnische Wähler- Versammlung nach Freyers Festsälen, Koppenstraße, einberufen worden, die stark besucht war. R y b i c k i referierte über das Thema: Die Heuchelei der polnischen Neichstagsfraktion und die polnische Arbeiterklasse. ES waren auch eine Anzahl Nationalpolen erschienen, die sich, als der Referent die polnische Reichstagsfraktion und des weiteren das Vereins- recht, die Eriteignüngsfrage, die Erhöhung der Zivilliste, den Verkauf des„Polnischen Courier" einer gründlichen Kritik unterzog, durch Zwischenrufe bemerkbar machten. Hingegen entfesselte der Redner bei der übergroßen Mehrheit der An- wesenden stürmischen Beifall, ein Beweis dafür, daß er ihnen aus dem Herzen gesprochen hatte. In' der Diskussion machten denn auch die Gegner von der Redefreiheit in ausgiebiger Weise Gebrauch, um mit mehr Temperament als Klarheit ihre gegenteiligen Ansichten zu entwickeln. Ein Nationaler trat mit Emphase dafür ein, daß alle polnischen Stimmen bei der Wahl im 4. Kreise dem polnischen Kandidaten zufallen müßten, doch blieb der Redner nicht im Zweifel darüber, daß die Aufforderung in der Ver- sammlung keinen Resonanzboden fand. Inzwischen hatte der Vorsitzende bekannt gemacht, daß der sozialdemokratische Kandidat Büchner anwesend sei und eine kurze Ansprache halten werde, doch auf Deutsch, da er der polnischen Sprache nicht mächtig sei. Diese Mitteilung, besonders aber der letzte Umstand, brachte die Nationalpolen in große Erregung, so daß der Kandidat vorerst nicht den Tumult durchdringen- konnte und der Vorsitzende die Ver- sammlung auf kurze Zeit vertagen mußte. Die Gegner verließen hierauf demonstrativ den Saal und Genosse Büchner konnte nun unter großer Aufmerksamkeit und Ruhe das Wort nehmen. Er wies darauf hin, daß wie beim Vereinsgesetz, so auch bei dem Bestreben, den Polen ihre Muttersprache rauben zu wollen und wie überhaupt bei allen Entrechtungsversvchen die Sozialdemokratie jederzeit mit Nach- druck und Entschiedenheit für die Rechte des Volkes eingetreten sei. (Stürmischer Beifall.) Was wir vorausgesehen, sei auch ein- getroffen. Es wäre nicht möglich gewesen, hier in dieser Ver- sammlung die polnische Sprache zu gebrauchen, wenn wir nicht vor der Reichstagswahl ständen. Nach den Wahlen werde es gleich wieder vorbei sein mit dieser Freiheit. In markigen Worten streift Büchner noch die Ostmarkenpolitik. die Finanzreform, die Haltung der Polenfraktion und die Un- einigkeit innerhalb derselben. Ferner teilte er einen Fall mit, der für unsere preußischen Ausweisungspraktiken bezeichnend ist. Ein junger Mechaniker österreichischer Abkunft hat unlängst als„lästiger Ausländer" seine Ausweisung aus Preußen erhalten. Sein Vergehen besteht darin. daß er im Deutschen Metallarbeiterverband organisiert ist. Grund genug, ihn auszuweisen. Der junge Mann hätte jedoch seinem Schicksal entgehen können, wenn er den Rat der Polizei befolgt hätte und— Landarbeiter geworden wäre. In diesen: Falle könnte er(der gelernte Mechaniker) in Preußen bleiben, war ihm gesagt worden. Wer mit all diesen Zuständen aufzuräumen ehrlich bestrebt ist, wer die freiheitliche Entwickelung fgxdern wolle, müffe geschlossen für die Sozial- demokratie eintreten.(Stürmischer Beifall.) Nachdem noch eine Frau im selben Sinne gesprochen und der Referent sein Schlußivort gehalten hatte, wurde folgende Resolution gegen etwa 12 Stimmen angenommen: Die am 2. April»911 bei Freyer(Keller) versammelten Polen deS 4. Berliner NeichStagSwahlkreifeS protestieren ganz energisch gegen das Verhalten der polnischen Reichstags- und Landtags- fraktion. Die Versammelten erklären, daß nur die Sozialdemo- kratie, welche im Geiste ihres Programms jede Unterdrückung be- kämpft, ganz gleich, ob dieselbe nationaler, kapitalistischer oder wirtschaftlicher Natur ist, das Vertrauen der polnischen Arbeiterklasse verdient. AuS diesem Grunde kann auch bei den bevorstehenden ReichStagSwahlen nur der sozialdemokratische Kandidat O tto Büchner in Frage kommen. Die Versammelten verpflichten sich, nur für diesen einzutreten und dafiir zu sorgen, daß die polnischen Stimmen nur für Büchner abgegeben werden, um damit gegen die Heuchelei der polnischen ReichötagSfraktion zu protestieren._ poUtifcbe Qcbcrlicbt. Berlin, den 3. April 19U. Landtagswahlfieg in Sachse«. Wie uns ein Privattelegramm meldet, wurde bei der heute stattgefundenen Landtagsersatzwahl im 28. sächsischen Kreise der sozialdemokratische Kandidat ge- wählt. Auf unseren Genossen Möller entfielen 5386 Stim- men, für den konservativen Mischniaschkandidaten Feller wur- den 5672 Stimmen abgegeben. Im ersten Wahlgange erhielt am 22. März Genoffe Möller 4312 Stimmen, die Freisinnigen 1726 Stimmen, die Nationalliberalen 2216 Stimmen und die Konservativen 2615 Stimmen. In der Stichwahl gingen die national- liberalen Stimmen geschlossen auf den konservativen Kandidaten über. Die Fortschrittliche Volkspartei hatte die Parole ausgegeben, in der Stichwahl für den sozial- deNLkrgjijchea Ksndiöatey doK uuf em Teil der freisiningen Wählerschaft kam dieser Ausforde- rung nach. Etwa 466 freisinnige Wähler sind der Stichwahl ferngeblieben, ein anderer kleiner Teil stimmte für den kon- servativen Kandidaten. Wenn auch gegen 1666 freisinnige Wähler der Parole gefolgt sind und für den Sozialdemo- kraten votiert haben, so zeigt doch auch diese Wahl, daß die Freisinnigen bei ihren Wählern noch ein gutes Stück Er- ziehungsarbeit zu verrichten haben, um den Kampf gegen die Reaktion erfolgreich führen zu können. Mit dem Ge- nossen Möller zieht der 2 6. Sozialdemokrat in das sächsische Landesparlament ein. Allerlei aus den: Treiklassenhause. Die gestrige Sitzung des Dreiklaflenhauses nahm wider Erwarten einen ganz intereflanten Verlauf. Beim Wegereinigungs- gefetz forderte Genosse Dr. Liebknecht Vorsorge dafür, daß die Gemeinden nicht die Reinigungspflicht einfach von sich völlig ab- wälzen und er zeigte, wie selbst in diesem Gesetz agrarische Findig- keit Sondervorteile für die Gutsbezirke herauZzuschlage» verstanden hat. Mit warmen, oberflächlich betrachtet höchst löblichen Worten be- gründete der Finanzminister L e n tz e dann eine Vorlage gegen un- redlichen LoZvertrieb. Der volksparteiliche Abg. Peltasohn kehrte sich schon gegen diesen Eingriff in daS Reichs recht, den Abg. Dr. Liebknecht aus dem BedürfuiS erklärte, möglichst hohe Strafen in noch reichlicherem Maße als bisher verhängen zu können. Unser Redner konnte aber auch eine direkte Verletzung reichSgesetz- sicher Grundsätze feststellen, und er unterließ nicht, auf den Kontrast zwischen staatlicher Entrüstung über„erwerbömäßige AuSbeuwng der Spielsucht" und— der staatlichen Nutznießung kräftig hinzuweisen. So bleibt von der Vorlage trotz ihrer guten Tendenz nicht viel mehr übrig als das Bestreben, dem Staat das M o n o p o l auf die Ausbeutung der Spielsucht zu sichern Z Der Verhandlungsbericht des Wasserstraßenbeirats gab unserem Genossen L e i n e r t Gelegenheit, die auf einer Verordnung von— 1846 beruhenden Arbeiterverhältnisse bei den Kanalbauten und die famose Unterscheidung zu besprechen, die bei Einführung des staatlichen Schleppmonopols zwar Unternehmern und Beamten Entschädigung (zum Teil in verhüllter Gestalt) bringen, die brotlos werdenden Arbeiter aber unentschädigt lassen will. Ein Regierungsvertreter konnte diese Anklagen, die ja nur eine Erscheinungsform des stets gleichen Systems geißelten, nicht entkräften. Genosse L e i n e r t kennzeichnete dann bei den Petitionen noch das Gehaben einiger Oberlehrer, die die Lehrerinnen nicht leiden können, nach Verdienst. Die betreffende Pesition wurde auch vom Hause verworfen.— Freilich gilt die Sympathie der Junker und Heiligen für die Lehrerinnen nur ihrer Billigkeit und ihrer politischen Mindergefährlichkeit.... Eine Petition wegen der Fcrienfestsetzung an Volks- und höheren Schulen gab Herrn Dr. S ch e p p von der Fortschrittspartei und unserem Genossen H o f f m a n n Gelegenheit, die Unfreundlichkeit zu besprechen, mit der die Eisenbahnverwaltung den Veranstaltungen gegenübersteht, die die Berliner Schuljugend in den Ferientagen aus Mietskasernen und staubigen Straßen in die freie Umgebung hinausführen wollen. Junker und Zentrum haften natürlich kein Verständnis dafür.. t Das schönste aber war der Schluß. Herr v. Kr Scher be- antragte, am Mittwoch auch den sozialdemokratischen Antrag auf Einstellung des Disziplinarverfahrens gegen Genossen Liebknecht für die Dauer der Session zu verhandeln. Die Mehrheit des schwach- besetzten HauseS entschied aber gegen Kröcher und die Kröcherianer, weil der von unserer Fraktion mit dieser An- gelegenheit beftaute Genosse Hirsch verreist ist. Ausdrücklich sei bemerkt, daß Herr v. Kröcher auf die Mitteilung dieses UmstandeS hin feinen Borschlag— natürlich— nicht zurückgezogen hatte- So mußte er dran glauben! Mittwoch: Wahlprüfung Dr. Ehlers; Petitionen. Die geängstigten„Schwachen". Die„Raubtierpolitik", die Herr v. Bethmamt Hollweg in seiner Rede gegen Abrüstung und wirksame Schiedsver- träge proklamiert Hätz hat in den„schwachen" Staaten, denen sie angekündigt hat, sie müßten zur Beute der Starken wer- den, natürlich gebührende Beachtung gefunden. Selbst em so gemäßigtes Blatt wie die„Jndependence Belge" schreibt: Belgren habe aus dieser Rede ernste Lehren zu ziehen. Die Verkündigung des Prinzips, wonach der Schwächere das Opfer des Stärkeren werden müsse, ist nicht nur für Belgien eine Lehre, sondern auch für die übrigen Nationen, die überzeugt sein müssen, daß sie entweder stark seien oder das Opfer einer stärke- ren Nation sein werden. Diese Erklärungen des deutschen Reichs- kanzlers bedeuten, daß alle Jd e a l e über die Beschränkung der Rüstungen, sowie Einführung der Schiedsgerichte verschwun- den sind, und daß die Aeußerungen Bismarcks, wonach der Schwächere das Opfer des Stärkeren sein müsse, zu einem Prinzip der deutschen auswärtigen Politik er- hoben wird. Soviel wird wohl selbst Herrn v. Bethmann Hollweg klar werden, daß diese Rede die Hoffnung aller Feinde Deutsch- erfüllt und die kleinen Staaten in die Arme Frankreichs und Englands treiben wird, die ihnen bereittvilligst den Schutz der Schwachen gegen dm: beutegierigen Starken— so faßt das Ausland nun einmal die Rede auf— in Aussicht stellen werden. Aber bezieht der Kanzler des Deutschen Reichs wirk- lich sein Gehalt dazu, um, um den Ministern des Aus- landes ihre Geschäfte zu erleichtern? Kein frisch-fröhlicher Krieg in Sicht? Die„Post" veröffentlicht einen ißr„von militärischer Seite" zugegangenm Artikels in dem über den bedauerlichen Offizicrmangel geklagt wird. Trotzdem schon ein 26jähriger Leutnant monatlich 125 M. Gehalt einstecke, also jemand, der die Offiziersloufbahn einschlage, schon weit früher in den Be- sitz eines Gehalts komme als derjenige, der sich einem anderen Staatsberufe zuwende, sei doch der Zudrang zum Offiziers- beruf ein sehr geringer. Das liege daran, daß die Offiziers- laufbahn zu unsicher sei. Ein großer Teil der Offiziere werde alS Major oder Oberstleutnant verabschiedet und habe dann„nur" ungefähr 4666 bis 5666 M. Pension zu ver- zehren. Da er damit unmöglich auskommen könne, 'eien viele Offiziere gezwungen, sich als 43jährige einen neuen Beruf zu suchen. Das falle ihnen begreiflicherweise schwer. Wir sollten meinen, daß es sehr wenigen Sterb- lichen beschieden sei, bereits mit 45 Jahren in einen Pensionsgenuß von 4666 bis 5666 M. zu kommen i Wenn trotzdem Mangel an Offizieren vorhanden ist, so beweist das doch, daß unseren besitzenden Klassen andere Berufe be- gehrenswerter erscheinen, daß also der„vornehme Rock" trotz aller Privilegien sehr wenig Anziehungskraft auszuüben vermag. Besonders interessant aber ist es, daß der Artikel auch darauf hinweist, daß„infolge der Friedcnsver- hält Visse" die BefördermigSchamez, iv dex ArzvU„Mi gerade sehr günstige" seien. Diesem langsamen! STöflkUffiferil sei es eben zuzuschreiben, daß der Offizier es erst nach 25jähriger Tätigkeit zum Major und nach weiteren 5 bis 6 Jahren zum Oberstleutnant bringt. Den Herren Offizieren wäre es also angenehmer, wenn infolge eines frisch-fröhlichen Krieges die Aussichten zum Aufrücken sich verbesserten! So zeigt sich auch hier wieder, daß dem Militari s- mus keineswegs eine sriedensfreundliche Tendenz innewohnt! Im Gegenteil: je größer die Armee, je zahlreicher das Offizierskorps, je beträchtlicher die Zahl derjenigen, deren Avancements- und Pensionsverhält- niffe durch ein Kriegsaberüeuer gebessert werden würden, eine desto bedrohlichere Gefahr für den Völkerfrieden liegt im Militarismusl Konservative Einschüchterungsversuche. Die Konservativen drohen den Liberalen mit Zerreibung, wenn sie bei den nächsten ReichStagSwahlen den Kampf nicht mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Sozialdemokratie führen oder sich gar einfallen lassen sollten, bei der Stichwahl der Sozialdemokratie Wahlhilfe zu leisten.„Kreuz-Ztg." und„Deutsche TageSztg." erklären, daß die Parole des Abg. Paasche„stramm gegen recht«" im Falle ihrer Befolgnng, von den Konservativen mit der Gegen- parole„st ramm gegen links" beantwortet werden würde. Die konservative Presse kommentiert besonders bissig die Stellungnahme nationalliberaler Landesorganisationen, sofern sie nicht eine unum- wundene KampseSansage an die Sozialdemokratie erlassen haben. Einigermaßen Gnade findet noch der Beschluß der bayerischen Nationalliberalen, die Sozialdemokratie„entschieden zu bekämpfen". Dagegen wird die abwartende Haltung der sächsischen Nattonal- liberalen in der schärssten Form mißbilligt. Die Liberalen könnten es ruhig darauf ankommen lassen, ob die Konservativen ihre Drohung ausführen. Denn wenn infolge der Wahlenthaltnng der Konservativen sozialdemokratische Kandidaten über die Liberalen den Sieg davontragen, so bedeutete daS ja keineswegs eine Schwächung der Linken. Und was die Liberalen auf der einen Seite an die Sozial- demokratie verlieren, würden sie ja auf der anderen Seite durch die energische sozialdemokrattsche Sttchwahlhilfe aus Kosten der Konservativen zurückgewinnen. Sollten sich die Liberalen trotzdem eingeschüchtert fühlen, so wäre da? nurßein Beweis dafür, daß es ihnen gar nicht auf die Stärkung der Linken und die Schwächung der Rechten an- kommt, sondern nur darauf, durch eine elende Schacher- Politik jeder ernstlichen politischen Entscheidung aus dem Wege zu gehen! Die ReichsverficherungsordnungSkommisfio» hielt am Montag eine Sitzung ab, um sich über die Art und Weise zu verständigen, wie die Berichte der Kommission fertiggestellt roerden sollen. Bis jetzt liegt erst der Bericht über das e r st e B u ch vor. Er ist aber so unvollständig, daß die Kommission auch die Be- sprechung dieses Berichtes vertagte. Damit das Plenum des Reichstages sofort nach Beginn der Osterferien in die zweite Beratung des Gesetzentwurses eintreten kann, bestanden die Kompromißparteien daraus, daß die Berichte in den Osterferien festgestellt werden. Eine Subkommission sollte die eingegangenen Beanstandungen prüfen und die notwen- digcn Aenderungen vornehmen. Dann sollte die Kommission etwa am 25. dieses Monats zur endgültigen Feststellung des Berichts zu- sammenkommey. Dagegen wurde kein Widerspruch erhoben. Die Kompromißparteien forderten aber auch, daß die von der Subkommission einstimmig erledigten Punkte in dem Plenum der Kommission nicht mehr besprochen werden dürfen. Hier- gegen erhob Abg. Hoch Einspruch. Demgemäß nahmen die Kompromißparteien von der Subkommission Abstand. Die Berichte werden von der Kommission selbst in allen Punkten festgestellt werden. Der Vorsitzende wird die Sitzung einberufen, sobald die Berichte eingegangen und von den Mitgliedern der Kommission ge- prüft worden find. Ueber die Art. wie die Berichte abgefaßt werden sollen, fand eine kängere Aussprache statt. Von mehreren Rednern wurde leb- hast bedauert, daß den Berichterstattern die Arbeit durch ma. terielle Verschlechterungen, die die Kompromißparteien in der sogenannten Ausgleichslesung durchgesetzt haben, sowie durcki die vielen redaktionellen Aenderungen im letzten Augenblick, und endlich durch die ungenügende Zeit zur Abfassung der Berichte sehr erschwert worden ist. Notwendig seien gerade bei diesem wichtigen und wenig übersichtlichen Gesetz zuverlässige, gründliche und über» sichtliche Berichte._ Zur reichöländischcn Verfassungsfrage. AuS Berlin wird der„Kölnischen Zeitung" gemeldet, durch die veränderte Stellung des Zentrums zur Verfassungsstage in Elsaß- Lothringen sei da» Gesetz natürlich schwer gefährdet. Gegenwärtig fänden Erwägungen statt, ob sich dle Regierung wegen der für Ausübung des Wahlrechts erforderlichen Aufent- haltSzeit im Reichslande oder in den Gemeinden auf gewisse Aenderungen einlassen könne. Nach der Regierungsvorlage ist die dreijährige Anwesenheit vorgesehen, während die Kommission die einjährige beschlossen hat. Daß auf anderem Gebiete die Zustim- mung der Regierung zu weitergehenden Forderungen in wesent« lichen oder grundsätzlichen Punkten zu erreichen sein werde, werde von unterrichteten Kreisen in Abrede gestellt. Namentlich sei ein Verzicht auf die Mehr stimmen ausgeschlossen.- Liberale Einigungsbestrebungen. Für die Provinz Pommern ist zwischen Freisinnigen und Rj- tionalliberalen eine Einigung erzielt worden. Den Nationallibe» ralen wurden die Wahlkreise ilsedom-Wollin, Naugard-Rügen Walde, Pyritz-Satzig und Kammin-Greifenberg überlassen. Die übrigen Kreis« werden von den Fortschrittlern mit Kandidaten besetzt.— Dagegen sieht eS mit der Einigkeit der Liberalen in Thüringen noch sehr brüchig aus. ES kommen hier zwölf Wahlkreis« in Frage, von denen bisher drei, nämlich Jena, Coburg und Greiz, von der Einigung ausgeschlossen werden mußten. In diesen Kreisen werden ich Fortschrittler und Nationalliberale feindlich gegenüberstehen. Auch in Sondershauscn. das gegenwärtig nationalliberal vertreten ist. sind starke Differenzen hervorgetreten, und zwar namentlich deshalb, weil die Nationalliberalen in Nordhausen, dem Kreis deS Abg. Dr. Wicmer, mit einem eigenen Kandidaten vorgehen wollen. Das Opfer. Der Herausgeber der„Apologetischen Rundschau", Dr. Kauf- mann- Köln, der im Kampfe zwischen der Kolner und der Bcr- lincr Richtung im Zentrum auf der Seite der Roeren-Bitter stritt und den Kölnern Bachem und Kardinal Fischer durch seine Ver- öffentlichungen wiederholt Aergernis bereitete, muhte auf Be- treiben des Kardinals Fiscker Köln verlassen. Er löste sein Bureau auf und soll die Absickt haben, nach München zu gehen. Die Jen- trumSpresse steut sich deS zur Strecke gebrachten Opfer» und billigt das Vorgehen des Kardinals._____ Polizistcu-Anfzeichnuuge«. Der Wert von polizeilichen Aufzeichnungen über den verlaus von Versammlungen wurde wieder einmal durch eine Verhandlung vor der Schweidnitzer Strafkammer beleuchtet, vor der sich der Gau- leiter des deutschen TranSportarbeiterverbandcS. Genosse Z.immer« Breslau zu verantworten hatte. Nach Anficht deS Polizeiinspektor« Lehmann-Striegau und der Schweidnitzer Staatsanwalt- 'chas: soll Genosse Zimmer in einer öffentlichen Versammlung in Sttiegau in einem Referate über die Moabiter Krawalle die Massen AU Gewalttätigkeiten aufgereizt haben. Nach den Notizen veZ überwachenden PolizeiinspektorZ Lehmann soll Zimmer geäugert haben:„Wenn die Arbeiter alle organisiert find, wäre es ein Leichtes, eine Revolution zu machen wie in Portugal, und die schwarze Gesellschaft hinauszuschmeißen." Obgleich Genosse Zimmer schon bei der ersten Vernehmung nachwies, die Aufzeichnungen des Beamten seien willkürlich aus ihrem inneren Zulammenhange herausgerissen, erhob der Staats- anwalt Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß. In der Verhandlung erklärte der Polizeiinspektor,„ein Irr- tum sei ausgeschlossen". Die Glaubwürdigkeit von sieben Entlastungszeugen versuchte er dadurch zu ent- kräften, daß er sie als bekannte Agitatoren der Sozial- demokratie bezeichnete. Auch der Staatsanwalt hielt Genossen Zimmer für schuldig und Wollte ihn zu 300 M. Geldstrafe verurteilt wissen. Es half aber alles nichts. Nach kurzer Beratung erkannte das Gericht auf Frei- sprechung. Die Kosten trägt die Staatskasse. Schweis. Eine Niederlage des Proporzgedattkens. - Zürich, 2. April.(Eig. Wer.) In der heutigen Volksabstimmung ist die Einführung der Proportionalwahl des Kantonrates mit 42 227 gegen 39 467 Stimmen verworfen worden. Die beiden städtisch-industriellen Bezirke Zürich und Winterthur haben ihn angenommen, namentlich der erstere mit der großen Mehrheit von 29 000 gegen 10 000 Stimineu> während ihn die verhetzten Bauern, unter denen wieder einmal mit dem roten Tuch gearbeitet worden war, in allen rein ländlichen Bezirken verworfen haben. Der Proporz wird natürlich wiederkommen, denn er gehört zu jenen unverwüstlichen Hdeen, die tiegeu oder wiederkommen, um zu siegen. ftaukreich. Zu der Wnzerbcweguug in Frankreich. Paris, 3. April. In der heutigen Kammersitzung trat Andre Lefevre für die sofortige Beratung eines Antrags ein, durch den die Abgrenzung der Weingebiete abgeschafft und das Vorgehen der Syndikate gegen den Betrug bei der Bezeichnung von Weinen unterstützt werden soll. Der Redner, dessen Ausfuhrungen von den Deputierten der Abgrenzungsgebiete lebhaft unterbrochen wur- den, erklärte, die Abgrenzung fei ungerecht, unwirksam und Hetze die Departements gegeneinander. I a u r ö s schlug die Ueber- Weisung des Antrags an die Ackerbaukommission vor. Minister- Präsident Monis unterstützte diesen Vorschlag mit dem Bemerken, daß er einer Aenderung nicht abgeneigt sei; die Kammer könne tjedoch den Gesetzestext in einer so schwierigen Frage nicht aus dem Stegreif formulieren. Die Ueberweisung an die Kommission wurde schließlich mit 323 gegen 223 Stimmen beschlossen. Spanten. Die Lösung der Mimsterkrise. > Madrid, 3. April.(Privattelegrainm des„Vorwärts".) Die Ministerkrise ist rascher gelöst worden, als man erwartet hatte. General W e y l e r wartete vergebens auf seine Be- rnfung. Die Monarchie fühlt sich zu schwach, um eine solche Herausforderung zu wagen. Und so hat der König Ganalejas sein Vertrauen ausgesprochen und ihn mit der Neubildung des Kabinetts beaustragt. Canalejas hat zwei klerikal angehauchte Minister ausgeschifft und daS neue Kapinett dürfte sich bereits morgen der Kammer präsew- ticren. DaS weitere wird davon abhängen, ob Canalejas endlich die Energie zu einer liberalen Politik finden wird. Wahr- scheinlich ist das nicht der Fall. Die republikanisch-sozialistische Koalition, der sich auch die Radikalen anschließen werden, ist aber entschlossen, auf der Revision des Ferrerpro- z e s s e s zu bestehen. Dies begegnet jedoch dem schärfsten Widerstände der Generale. So dauert also der Konflikt trotz der momentanen Beilegung der Ministerkrise fort und kam? jeden Augenblick zu ernsten Ereignissm führen, Cnglancl. Tie OberHausresorm. London, 3. April. Im Ober hause verlas Lord Ehester» s i e l d eine Botschaft des Königs, welche die Antwort auf die von Lord Lansdowne in der vorigen Woche beantragte Adresse bildet. In der Botschaft wird erklärt, im Vertrauen auf die Weisheit des Parlaments wünsche seine Majestät, daß seine Prärogative für die Ernennung von Peers Erwägungen des Parlaments über irgend eine Maßnahme zur Reform de» Hauses der Lords nicht im Wege stehen sollten. Im Untcrha.usv bcganw heute unter Beifallrufen der Ministeriellen die Debatte über die Vetobill. Obschon die Vorlage nur aus vier Klauseln außer der Einleitung besteht, so sind doch«neunhundert Abänderungsvorschläge, «vter ihnen achthundert von Unionisten, eingebracht worden, Jungtürkische Justiz. t*" Wir haben neulich nach dem„Mescherutjet". der Pariser Monatsschrift der türkischen Radikalen, einige Dokumente wiedergegeben, die die vom„Komitee" betriebene Lock- spitzelei und seine Einmischung in das Justizverfahren illustrieren. Das genannte Blatt veröffentlicht nun in seiner Märznummer einen weiteren Beitrag zur Geschichte des von den Provokateuren präparierten ,.Verschwörungs"'Prozesses. Waren das letzte Mal der„Freiheitsheld" E n V c r B e y und der Polizeipräfekt von Konstantinopel die Kompromittierten, so diesmal der ehemalige Minister deS Innern, Talagt Bey. Sein Brief lautet: „An den Herrn Staatsanwalt(Vertraulich)'. Mein lieber Bey Esfendi! Durch die Freilassung F e t h i B c Y s(des Oberspitzels. Anm. t>. Red.) haben Sie alle unsere Freunde sehr erfreut. Waö aber K i a z i m Bey betrifft, so machte die Rücksicht auf die öffentliche Meinung die Aufrcchterhaltung seiner Haft bis zum Gerichtsspruch notwendig. Indes befiehlt jetzt die Zentralbehörde des ComiteL. infolge einer Jnterven- tion feiner Mutter, ausdrücklich unverzügliche Frei- l a s s u n g. Bringen Sie also bei der morgigen KonfrontationS- Verhandlung die Sache zum Abschluß, indem Sie für die Frei- sprechung Kiazims und die strenge Verurteilung Ahmed Hamdis plädieren. Es ist dringend notwendig, die Konfrontierung Ahmed Hamdis mit Semi Pascha zu verweigern. Haben Sie gut Obacht darauf! UebrigenS hat man dem Gerichtspräsidenten und den Mitgliedern der Jury entsprechende Weisungen gegeben. K. Mai 1325. gez. Talaat." Eine saubere Justiz! Ter Ausstand in Albanien. Konstantinepcl, 3. April. Die von den aufständischen Malis- loten belagerte Stadt T u z i on der montenegrinischen Grenze »st am Sonnabend durch die türkischen Truppen nach siegreichem Kampf entsetzt worden. Damit ist die Niederlage der Aufständischen entschieden. Die türkischen Truppen haben ihren Erfolg erzielt, noch bevor die Bon hier abgesandken Verstärkungen aus dem Schauplatz eintreffen konnten. Sriecbetilanä. Zur Nachahmung für das preußische Abgeordnetenhaus. Athen, 2. April. Die Kammer hat nach langer Debatte einen Antrag angenommen, der sich für die Enteignung des Großgrundbesitzes in Thessalien und für dessen Aufteilung unter kleine Ackerbauer ausspricht. China. Ei» Konflikt mit Japan. Mnkden» 3. April. Die sich in die Länge ziehende«, SB er«. Handlungen des japanischen Konsulats mit den chine- fischen Behörden über eine Entschädigung für die Ermordung eines Japaners durch die chinesische Polizei haben auf beiden Seiten Erregung hervorgerufen. Der japanische Generalkonsul hat offiziell erklärt, er sei genötigt, die Verhandlungen ab- zubrechen und seine Regierung von der Notwendigkeit emes selbständigen Vorgehens zur Sicherung des Lebens und Eigentums der Japaner in der Mandschurei in Kenntnis zu setzen. Bon japanischer offiziöser Seite«vird die Haltung der chinesischen Behörden eine grobe Beleidigung der Interessen und des Prestiges Japans genannt, während die chinesische Presse die Japaner beschulbßjt, daß sie einen Bruch der freund- schastlichen Beziehungen mit China provozierten, um von ihnen geplante entschiedeneSchritje zstzer Manh- schüret zu rechtfertigen. Marokko. Der Sultan in seiner Hauptstadt belagert. Tanger, 3. April. Der Stamm der Beni Älter hat nach seinem Erfolg vom 26. März alle Stä,nme bis zum Eharb-Gebiet aufgefordert, sich ihm zur Belagerung von Fes anzu- schließen. Nach Gerüchten, die von den Eingeborenen verbreitet werden, sollen die Berber in Fes eingedrungen sein und dort Mulay Jsmael zum Sultan ausgerufen haben. ZZmeriKa. Die Lage in Mexiko. Köln, 3. April. Der Sonderberichterstatter der„Kölnischen Zeitung" meldet: DaS Hauptquartier der Aufständischen ist von der Botschaft deS Präsidenten Diaz zwar nicht ganz befriedigt, erblickt aber darin einen großen Sieg. Es traut indes seinen Versprechungen nicht und fordert Bürgschaft für die Durchführung. Maderos Vater und Gastavo sind nach El Paso gereist, wo sie mit den Abgesandten des Finanzministers Lim an- tour zusainmentrefsen, um die morgen dort eintreffende Antwort des Rebellenführers Francisco M a d e r o zu besprechen.— Nach einer späteren Meldung desselben BlatteS aus San Antonio ist Salvador Madero, der Oheim des Rcbellenführers, ans der Reise Von San Antonio nach Mexiko in Laredo verhaftet worden. Hus der Partei. Tie B. P. S. Deutschlands im Jahre 1910. Der Vorstand der Polnischen Sozialistischen Partei(P. P. S.) Deutschlands hat auf Grund der ihm vom lebten Parteitage Ostern 1910 auferlegten Verpflichtung in dem polrn'schen Parteiorgan, der Kattowitzer„Gazcta Rabytnicza" den Bericht über die Tätigkeit der polnischen Parteiorganisation im Jahre 1910 veröffentlicht. Das Haupttätigkeitsgebict der polnischen Sozialdemokratie umfaßt den oberschlesischen Jndustricbezirk. Im Wahlkreise Kattowitz.� Zabrze bestanden am Ende des Jahres 12 lokale Vereine; im Lauf« des Jahres wurden d r e i n e u e gegründet. Ihre Mitglieder- zahl stieg von 588 am Anfange des JahreS auf 719 am Jahres» «chluß. Im Wahlkreise Beuthen-Tarnowitz stieg die Zahl der lokalen Vereine von 10 auf II. die Mitgliederzahl(535) ver- änderte sich nicht. In drei anderen oberschlesischen Wahlkreisen zählte die Organisation am Ende des Berickstsiahres nur 86 Mit- glieder. In R h e i n l a n d- W e st f a l e n ist die Zahl der lokalen Vereine von 5 auf 9, ihre Mitgliederzahl von 157 auf 204 gestiegen. Zur Förderung planmäßiger Agitation wurde hier ein Komitee gegründet. Polnische Parteiorganisationen besteben außer- dem noch in Berlin. Hamburg, Bremen, Wilhelms- bürg, Schulau und S ch i f f b e ck. Ueberall wurde eine rege Agitationstätigkeit entfaltet. In den beiden Jndustricwahlkreisen und auch in Bauckau hat je«ine Be- zirkskonferevz stattgefunden. Die paluische Parteiorganisation beteiligte sich gemeinsam mit dev deutschen Genossen an der Nackevahl zum Reichstage in Posen. Der gemeinsame Kandidat, Genosse Matüschew ski, erhielt 2302 Stimmen, 926 Stimmen mehr als bei den allgemeinen Wahlen von 1907.— Der Kassenbericht verzeichnet 5081 M. Einnahme und 4887 M. Ausgaben. Zur Unterhaltung der polnischen Parteisekre- tariate in Oberschlesien und in Nheinland-Westsalen steuerte der Gesamtparteivorstand 3134 M. bei. Eine Haussuchung fand dieser Tage in den Geschäftsräumen der„Weimarischen Volks- zeitung" in Jena statt. Der Staatsanwalt hat Anstoß genommen an einen Feuilletonartikel„Mein letztes Gebet", in dem eine greise Genossin schilderte, wie sie durch bitterste Not im eigenen Familien- leben uin ihren GotteSglauben gekommen ist. Wahrscheinlich will man daraus eine Gotteslästerung konstruieren. Personalien. Mit dem 1. April ist in die Redaktion des„Volts- willens" in Hannover Genosse Ernst Andree, bisher Re» daktcur misercS Kölner Parteiorgans, als Lokalrcdakteur ein- getreten. Die Vermehrung des Redaktionsstabes machte sich durch Ausgestaltung deS„VolkswillenS" nötig.— An Stelle des Genossen Andree ist in die Redaktion der„Rheinischen Zeitung" Genosse Wilhelm Sollmann, der Borsitzende deS Kölner Jugendausschusses, getreten. Eue Industrie und Kandel. Wucherprämicn muß das Volk aufbringen! Der Wille der Zuckerwucherer hat in Oesterreich, wo jedes Kilo- granim mit 38 Hellern Verbrauchssteuern belastet ist, binnen sechs Wochen den Kilopreis in vier Etappen um 5 Heller hinausgetrieben, obgleich die Rafsineure den Rohzucker jetzt billiger bekommen als vor der Teuerungsattacke k Ihn die Außenseiter einzubringen, die übrigens das Raffinenrkartell nur ganz»venig unterbieten, ar- betten die raffinierten Rafsineure auf die Gründung eines Kartells der Rohzuckerfabriken hin, die den Außenseitern keinen Rohzucker inehr liefern und die dafür pro Meterzentner 3�4 Kronen, also jährlich mehr alS elf Millionen Krorren Voylottprämien erhalten sollen! Und um diesen Ueber„verdienst" aufzubringen, müssen eben die Konsumenten den Zucker teurer bezahlen. ES ist doch alles so einfach in unserer sittlich-religiösen Weltordnung! Der unpersönliche Kapitalismus in Oesterreich. Trotz aller Unternehmerklagen über schlechte Zeiten und unerträgliche sozial- politische Belastung haben sich die österreichischen Aktiengesellschaften 1910 vermehrt wie noch nie: um 64 Gesellschaften mit 141,86 Mil- lionen Kapital. Darunter sind 9 neue Banken, wovon wieder sechs tschechische und polnisch« und 42 Jndustriegesellschaften. Allerdings sind viele der Gesellschaktsgrü,«düngen nur die Ersetzung des ficht- bare««, persönlichen Kapitalisten durch die anonyme Gesellschaft. Die Banken beteiligten sich an 25 Gründungen mit 86,6 Millionen Kronen. Sehr erheblich sind die KapitalLerhöhunaen: oei 60 Gesellschaften insgesamt 243,5 Millionen Kronen. An all diesen Investitionen haben den Hauptanteil die chemisch« und Petroleum- iafcüßjiej die AgviMlstrje(eine einzige Untcrnchmung in JnzerS- dorf bei Wien ist in eine Eesellschast mit 3,25 Millionen Kapital umgewandelt ivorden); den Bergwerksniiternehmungeii, die sich zum! Teil in Gesellschaften' m. b. H. umgebildet haben, sind zwciemdrittel Millionen neues Kapital zugcslossen«isiv. Die G. m. b. H. haben ihre Stammkapitalien um 1 1 Vi Millionen erhöht, ebenfalls da» Doppelte lvie im Vorjahre. Es bestehen insgesamt l!00 G. m. b. H. mit etwa 280 Millionen Kapital, und im Jahre 1910 haben die Personen der Kapitalisten und ihre Bereinigungen insgesamt 461,67 Millionen in der angeblich von der Arbciterbctvegung so schiver bedrohten Industrie investiert— mehr als daö Doppelte des Jahres 1909. Es muß sich also doch noch lohnen! Soziales. Idyllische Wohnstöttc». Am 7. März veröffentlichten wir einen Artikel' über grobe Mißstände in der Kolonie Radbod. Der zum Himmel schreiende Zustand der Straßen und Schulen war darin beschrieben. Ter Artikel hat seine Wirkung getan. Bereits wenige Tage später sah man auf der Kolonie Radbod in mehreren Straßen Fuhrwerke, die Steine und Asche herbeischafften, und Arbeiter mit Hacken und Schippen, die die Steine zurechtsetzten und die Straße planierten. Dampfwalzen, die man bisher auf dieser Kolonie nicht gesehen, übten ihre Tätigkeit aus, um angeschüttete Wege zu ebnen. Be- merken möchten«vir hierzu, daß in dem Prozeß gegen den Redak- teur Nottebohm, der sich lediglich mit den Zuständen aus der Kolonie beschäftigte, der Direktor Andree ausführte: Die Straßen zu befestigen und zu walzen, daran denke man nicht, weil der Kolonie dadurch das ländliche Ansehen genommen würde, dieS soll unter allen Umständen beibehalten«Verden. Man sieht auch hier, daß die Verhältnisse stärker sind als die Menschen. Indes, la««ge hielt das verständige Eingehen der Verwaltung auf die öffcnt» liche Kritik nicht an. Mitte März erschien dann ein Artikel, der die Praktiken in der Grube scharf beleuchtete. Das erschien wohl der Verwaltung zu weitgehend. Diese ungeheuerlichen Mißstände zu beseitigen, kostet Geld. Man versucht es wieder mit dem alten Rezept. Herr Andree ließ einen Arbeiter, von dem er vermutete. daß er den Artikelschreiber kenne, in» Bureau kommen. Tort meinte er:„Sie können uns, wenn Sie den Artikelschrciber nicht kennen, vielleicht behilflich sein, daß«vir denselben a«isfindig machen können. Tun Sie Ihre Pflicht, dann werden wir uns Ihnen gegenüber ebenfalls erkenntlich zeige»." Derartige Praktiken werden natürlich der Neugierde der Ver- waltung Befriedigung nicht bringen. Die Verwaltung fdllte unserer Kritik dadurch den Wind aus den Segeln nehmen, daß sie die Miß» stände beseitigt. Spioniererei nach der Quelle unserer Mitteilun« gen ist höchst nutzlos und offenbart kein dankbares Gemüt der Per- Verwaltung für unsere Hinweise. Blitzstrahl und Betriebsunsall. Der Fahrer Reinhold D. passierte als Führer eines Motor» Wagens am 29. April 1908«vährend eines Gcivitters die Gneisenau» stratze. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er durch einen hellen Blitz- strahl, welcher ihn erschreckte, eine starke Blendung der Augen. D, konnte seinen Dienst nicht beenden; er muhte sich in die ärztliche Behandlung des Herrn Dr. K. und Prof. Dr. H. begeben. In- folge der nervösen Beschlverden und des Bindehautkatarrhs an den Augen mußte D. seinen Dienst endgültig aufgeben. Er stellte bei der Straßen- und Kleinbahn-BerufIgenossen« schaft den Antrag auf Unfallrente. Er würde indessen damit zu« rückgewiesen, weil ein Betriebsunfall nicht vorliegt. ES handle sich um einen Unfall des gewöhnlichen täglichen Lebens. Gegen den Ablehnuiiasbescheid legte D. beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung für den Stadtkreis Berlin Berufung ein. Die Berufimg hatte Erfolg. Das Schiedsgericht verurteilte die Straßen- und Kleinbahn-Bernfsgenossenschaft, dem D. vom 13. Juli bis 80. November 1909 die Vollrente und vom 1. Dezember 1909 ein« solche von 25 Proz. zu zahlen. Das Schiedsgericht hat in dem' Vorgang das Vorliegen eines Betriebsunfalls anerkannt. D. Hobe sich während der Fuhrt im Dienst befunden. Die Fahrt erfolgte im Betriebsinteresse. Die Blendung, die den Kläger erwerbSunsäbig machte, müsse daher, da sie während der Betriebstätigkeit erfolgte. alS Betriebsunfall angesehen werden. Von einem Unfall deS gewöhnlichen alltäglichen Lebens könne keitie Rede sein. Die Berufsgenossenschaft legte gegen das Urteil des Schieds. gerichts Returs ein. Der Rekurs der Berussgenossenschaft wurde dieser Tage zurückgewiesen. Auch der erkennende Senat de? Reichs- verficherungöamts nahm das Vorliegen eines Betriebsunfalles an. In der mündlichen Begründung des Urteils wurde zum Ausdnick gebracht, daß von einem Unfall des„alltäglichen" Lebens der jeden treffen könne, gar keine Rede sein kann. Hier handle es- sich nur um einen Betriebsunfall._ Die Stellenvermittelung in der Landwirtschaft. Die deutsche Feldarbeiterzentrale klagt in ihrem Geschäfts« bericht für das Jahr 1910 über die Konkurrenz der privaten Stellen« vermittler. Diese zeigt sich nicht nur in einer größeren Kulanz bei Berechnung der Vermittlergebühren, sondern auch in dem Be» streben, die vermittelten Ausländer den deutschen Gutsbesitzern zu noch niedrigeren Löhnen zu verschaffen, als solche bei der Feldarbeiterzentrale zu haben sind. Diese Klage ist nicht ganz unberechtigt. So niedrig schon die Löhne der ausländischen Feld- arbeiter sind, zu«v eichen die Feldarbeiterzentrale Verträge ob- schließt, es finden sich doch immer noch russische oder österreichische Arbeiter, die sich zu billigeren Sätzen verschachern lassen. Ein Breslauer Vermittler Korack„liefert" Leute zu Bedin. gungen, die fast durchweg unter den Sätzen der deutschen Feld- arbeiterzentrale stehen. Letztere schließt ab für Wanderarbeiter aus Rußland. Männer und starken Burschen, die mähen können. 1,70 M. Tagelohn, während der Ernte 2.20 M.. fiir andere Männer 1,40 vcsp. 1,80 M.. für Frauen, Mädchen und schwächere Burschen 1,20 resp. 1,60 M.; für Galizier wird verlangt für Männer und Burschen, d«'e mähen können, bis 1. Juni 1,10 M., von da bis 1. Septeinber 1,20 M.. während 5 Erntewochen 1,50 M.?lndere Männer und Burschen bekommen in derselben Zeit 1 M., 1,10 M. und 1,40 M.; Frauen 0,80 M.. 0.-90 M. und 1,20 M. Dazu kommt für beide Arten von Ausländer«» cm kleines Deputat von Brot« Kartoffeln, einige Hülsenstüchte. 1 Pfund Fleisch ui»d 7 Liter Magermilch pro Woche. Der Vermittler in Breslau hat nach Schleswig-Holstein Miinner und starke Burschen, die mähen können. vermittelt für einen Tagelohn, der je nach der Jahreszeit 0,80 bis 1 M. beträgt und 5 Wochen lang während der Ernte auf 1,40 M. steigt. Burschen, Frauen und Mädchen erhalten 0,60— 0,90 M. und während der Ernte 1,20 M. pro Tag. DaS Deputat steht auf gleicher Höhe wie das der Feldarbeiterzentrale. Dagegen«veist der sehr umfangreiche Arbeitskontrakt eine Reihe von sehr rigorosen Bestimmungen auf, darunter scharfe Strafbestimmungen und Friß- angeln, die der Arbeitgeber nach Willkür zur sofortige«» Lösung des Arbeitsverhältnisses und Einhaltung der hohen Kaution be- nützen kann._ Ein Königlicher Kreisarzt unter Anklage der Unterschlagung. Der Vorsteher deS Medizinal-UntersuchimgsamteS in Düsse!» dorf. Kreisarzt Dr.«ned. Alb. Hermann Krüger, 32 Jahre alt, der vorher in gleicher Stellung in Hannover tätig war, hat bei seiner Versetzung nach Düsseldorf im vorigen Jahre ein Mikroskop im Werte von 570 M., ein Mikrotom(Schneide-Apparat) im Werte von etwa 100 M. und ztvei medizinische Werke, Sachen, die dem Staatsinstitut gehörten, sich angeeignet und mit nach Düsseldorf genommen. Zur Verdeckung dieser Unterschlagung hat er«in In- ventarienverzeichniS entsprechend geändert. Er behauptet, das Mikrotom habe er, weil es ihm von einer Firma für das Jirstitut dediziert sei, für sein Eigentum gchalte«». Dieser gute Glaube konnte ihm auch nicht abgesprochen«Verden; insofern erfolgte Freisprechung. Wegen Unterschlagung des Mikroskop» und der beiden Werke, die er übrigens auf Reklamation hin zurückgeschickt hat. ver» urteilte die Strafkammer Hannover den Angeklagten Sonnabend SN 4 Monaten Gcjönggis. Gewcrk rchaftliche� Berlin und Qmzezend. Achtung. Holzarbeiter! In der Kisten fabrik Pflugrath, Elsenstr. 52, haben unsere Verbandsmitglieder die Arbeit ein- gestellt, toeil Herr Pflugrath die Ausübung des den Arbeitern gesetzlich zustehenden Vercinigungsrcchts in seiner Fabrik nichtduldet. Er hat diejenigen unserer Kollegen, von denen er erfahren, dast sie sich dem Holzarbertervcrband angeschlossen haben, rücksichtslos entlassen und gedroht, jeden zu entlassen, der dem Holzarbeiter- verband angehört. Die Fabrik ist deshalb für unsere Verbands- Mitglieder, sowie für jeden Arbeiter der Wert auf das ihm zu- stehende Koalitionsrecht legt, gesperrt. Die Ortsverwaltung. (Herr Pflugrath hat gleichwohl die Naivität, vom Verlag des .Vorwärts" zu verlangen, das Sperrinserat aus dem„Vorwärts" herauszunehmen. Vielleicht macht er sich mit den Paragraphen 152 und 153 der Gewerbeordnung etwas näher bekannt.) Der Kampf im Tapezierergelverbe. _ Die Tapezierer versammelten sich am Sonntagmorgen in den „Sophiensälen", um Stellung zu dem im„Vorwärts" bereits mit- geteilten Ultimatum der Unternehmer zu nehmen. Vor Beginn der Versammlung fand eine Konferenz der Vertrauensmänner statt, in der beschlossen wurde, der Gehilfenschaft zu empfehlen, mit aller Energie und Zähigkeit den Kampf fortzusetzen, um in allen Werkstätten, wo gestreikt wird ober wo ausgesperrt worden ist, die Arbeitsbedingungen einzuführen, die bereits in einer großen An- zahl von Betrieben zur Anerkennung gebracht wurden. Dieser Em- pfehlung stimmte die Versammlung nach einem Referat von Z i tz e w i tz zu. Wie bekannt wurde, hatten die Unternehmer selbst die Verhandlungen gewünscht. Um so mehr erregte ihr geringes Entgegenkommen die Verwunderung der Arbeiter. Bereits arbeiten 550 Leute(darunter 20 Näherinnen) in 72 Betrieben zu besseren Bedingungen als die jetzt von den Unternehmern vorgeschlagenen. Dieser Erfolg wurde erzielt, obgleich die Konjunktur im Tapezierer. gewerbe noch immer nicht gut zu nenen ist. Die Aussperrung hat keinen weiteren Umfang angenommen. Bisher hat man im ganzen 86 Streikbrecher gezählt. Mehr als bisher muß streng darauf ge- achtet werden, daß in keinem Betriebe, wo bewilligt wurde, Streikarbeit geleistet wird; auch müssen alle Ueber- stunden vermieden werden. Bor Angeboten aus Frankfurt a. O. von der Firma Gersten- berger wurde gewarnt; dort streiken die Magazinarbeiter. Der Streik der Kutscher und Lagerarbeiter bei der Firma R. Weichhardt Nachf. zu Spandau dauert unverändert fort. Die Firma läßt ihre Arbeit bei den Speditionsfirmen W. Wagner Wwe. und Blofemeister ausführen und ist deshalb alle Arbeit bei genannten Firmen zu verweigern, da dieselben Streikarbeit verrichten. Der Inhaber der Firma F. W. Müller, Mehltransport, hat der Frau eines Streikenden den Dienst der Hausreinigung ge- kündigt, indem er erklärte:„Da Ihr Mann ebenfalls zu den Faulenzern, welche bei Weichhardt streiken, gehört, kündige ich Ihnen hiermit die Hausreinigung. Die Situation ist für die Streikenden nach wie vor günstig, da die Gespanne der Spedition, trotz„Hamburger Arbeitswilligen" und Inseraten, bereits 14 Tage stillstehen. Die Arbeiter werden den Kampf nicht eher aufgeben, bis die Organisation anerkannt ist. Deutscher TranSportarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Spandau. Achtung» Galanteriearbeiterinnen! Bei der Firma Wilhelm Böhm. Rrtterftr. 83, Rahmenfabrik, haben die Arbeiterinnen wegen Reduzierung der Akkordlöhne die Arbeit niedergelegt. Ver- Handlungen wurden abgelehnt mit dem Bemerken: Wem es nicht passe, der könne gehen. Der Betrieb ist für Arbeiterinnen gesperrt. Die Ortsverwaltung des Deutschen Buchbinderverbandes. Achtung, Töpfer! Die Sperre Reusche hat sich erledigt, da die noch zu zahlende Differenzsumme beglichen ist. Die Kollegen können ihre noch zu erhaltenden Summen im Filialburau abheben. Die VerbandSleiwng. Der Königliche Hos-Maummeister Max veyertt in Potsdam verweigert den Maurern und Bauhilfsarbeitern den Vertragslohn. Behertt gehört dem Srbeitgeberbunde nicht an und glaubt, sich her» ausnehmen zu dürfen, die Tariflöhne nicht zu zahlen. Die Maurer und Bauhilfsarbeiter haben nach wiederholten ergebnislosen Ver Handlungen zur Selbsthilfe gegriffen und die Arbeit eingestellt. Den einzelnen Arbeitern wird zwar versprochen, daß nach dem 1. April der Tariflohn gezahlt werden soll. Die Bauarbeiterorganisation kann die Sperre aber nicht früher als beendet ansehen, bis Herr Beyertt der Organisation ausreichende Garantien dafür gegeben hat. daß er die mit dem Arbeitgeberverein vereinbarten tariflichen Be- dingungen auch für sich als verbindlich anerkennt. Deutsches Reich. Giimtkiche Sau» and Möbeltischler, Maschinen», Platz- und Schuppen «rbeiter sowie Schlosser derFirma Fe rd ina nd B e n d ix Söhne in Pos en haben beschlosien, von Monrag, den 3. d.M., ab in den Streik zu treten, weil der Direktor P o ch a r d t zwar für die Bautischler. für die soeben mit den vereinigten Arbeitgebern und den Arbeiter- Organisationen ein Vertrag abgeschlossen wurde, eine Regelung der Arbeitsverhältnisse vornehmen will, sich aber weigert, die» für alle Arbeiter durch einheitlichen Vertrag zu tun. Es kommen zirka 250 Arbeiter in Frage. Die Konjunktur im Holzgewerbe in Posen ist gut und wird durch die ostdeutsche Industrieausstellung noch be giinstigt. Es ist deshalb anzunehmen, daß die Differenz von nicht allzu langer Zeit sein wird. Bei dem Streik find beteiligt der Deutsche Holzarbeiterverband, der Polnische Berufsverband, der Gewerkverein der Holzarbeiter(H.-D.). Sämtliche«rbeiter sind organisiert. Erfolgreiche Lohnbewegung der Oderschiffer. Sm 1. April wurden die in B e r l i n unterbrochenen Verhand- lungen in Breslau fortgesetzt. Nach langwierigen Beratungen wurde eine Einigung erzielt. Die Schiffsmannschaften erhalten ab 1. Juli dieses Jahres eine Lohnzulage von 5 Mk. pro Monat. Das bisherige Entlohnungssystem, einen Teil des Lohnes einzubehalten und diesen nur bei guter Führung und ununterbrochener Arbeits- dauer während der ganzen Schiffahrtsperiode an die Mannschaften auszuzahlen, wird aufgehoben. Diese sogenannten Nachschüsse und Dienstzulagen werden ab 1. Juli zum Lohn zugeschlagen. Am 1. Juli muffen die bis dahin einbehaltenen Nachschösse und Dienst- zulagen zur Auszahlung gelangen. Für Ueberstunden werden an- statt bisher 25 Pf. 50 Pf. gezahlt. Die Bebunkerung der Dampfer außer der regelmäßigen Arbeitszeit wird gleich den Ueberstunden vergütet, und zwar an den Kopfstationen Breslau, Cosel, Stettin, Hamburg und Fürstenberg. In letzterem Ort jedoch nur dann, wenn er Ausgangspunkt für bergwärts gehende Züge ist; diese Arbeit wurde bisher nicht vergütet. Auch die Sonntagsarbeit wird vergütet. Wenn die Mannschaften an den Stationen nicht auf ihren Fahrzeugen beschäftigt sind und hierdurch behindert sind, ihr Essen auf ihren Fahrzeugen einzunehmen, erhalten sie eine Entschädigung von 75 Pst. in Hamburg 1 M. Das Reisegeld von und nach der HeimatSstation wird den Schiffsmannschaften bei Beginn und Schluß der Schiffahrtsperiode vergütet. Ferner wurde beschlossen. eine Kommission, gebildet aus Vertretern der Organisation der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zu bestimmen, die eintretende Diffe- renzen, die sich aus den Vereinbarungen ergeben, zu schlichten hat. Tie Vereinbarungen treten am 1. Juli dieses Jahres in Krckft und gelten bis zum 31. Dezember des Jahres 1012. Die Kündigungsfrist für die Abmachung beträgt zwei Monate. Die Bewegung der Oderschiffer ist somit mit gutem Erfolg be- endet worden, was allerdings verbürgt war durch die auSgezeich- ncre Organisation der Mannschaften. Die Kernfragen, die ohne Zweifel zum Kampf geführt hätten, sind zugunsten der Mannschaften erledigt. Es war dies in allererster Linie die Frage des Nach- schusses(Einbehaltung des Lohnes), dann Erhöhung des Monats- lohneS und zeitgemäße Vergütung der Ueberstunden. Der Wider- > stand der großen Reedereien war sehr groß, er wurde oder durch die Geschlossenheit der Mannschaften gebrochen. Der Deutsche Transportarbeiterverband hat auf der Oder die erste erfolgreiche Bewegung hiermit durchgeführt; er hat dafür ge sorgt, daß mit einem mittelalterlichen Lohnsystem aufgeräumt wurde. Die größten Firmen haben den Transportarbeiterverband als Ver- trcter der Mannschaften anerkannt. Es bleiben nur noch eine An zahl Kleinbetriebe übrig, die bald kapitulieren werden müssen. Von Bedeutung für den Verlauf der Bewegung ist sicher die ausgezeichnete Haltung der Schiffsmannschaften und insbesondere der Schiffsführer. Alles in allem: die Oderschiffer können mit dem Ausgang der Bewegung zufrieden sein. Ter Streik der Maschinisten auf der„Union" in Tortmund beendet! Durch Vermittlung des Orberbürgermeisters hatten sich die streikenden Maschinisten, Heizer, Kranführer und das Lokomotiv- personal mit einer Anfrage an die Direktion der„Union" gewandt, um zu erfahren, ob die Werksverwaltung zu Verhandlungen ge- neigt sei. Die Direktion hat es abgelehnt, zu verhandeln. Als Grund wird in der Hauptsache angegeben, daß die Arbeiter „gewaltsam"(unter Kontraktbruch) in ten Streik getreten seien. Die Ausständigen beschlossen am Sonnabend in geheimer Ad- stimmung mit großer Mehrheit, den Streik abzubrechen und die Bewegung zu geeigneter Zeit mit vermehrter Kraft wieder aufzu- nehmen. Die Situation hatte sich in den letzten Tagen wesentlich zu Ungunsten der Streikenden verändert, da ein erheblicher Teil fahnenflüchtig geworden war. In Betracht kam, daß ein großer Teil der in Frage kommenden Arbeiter noch keine lange Gewerk- schaftsarbeit hinter sich hatte. Der der Direktion der„Union" fühl- bar gewordene Schaden ist sicher erheblich genug, um fortab als ernstlicher Faktor zugunstpn, der Arbeiter zu wirken. Durch Schaden wird man klug. Bei allen späteren Lohnbewegungen wird der jetzt entstandene gewaltige Schaden als veole Größe von der Werksverwaltung in Rechnung gestellt werden, wenn die Arbeiter auch ihre Forderungen bei der jetzt beendeten Bewegung nicht durch- setzen konnten._ In der Hofwagcnfabrik vonFranzNitzschke in Stolp ist ein Streik ausgebrochen. Zirka 90 Schmiede und Schlosser haben die Arbeit nieder- gelegt. Die eingeleiteten Verhandlungen waren resultatlos verlaufen, weil der Fabrikant es abgelehnt hatte, eine allgemeine Lohnerhöhung von 5 Pf. pro Stunde zu bewilligen. Er wollte nur den ihm passenden Arbeitern Lohnerhöhungen von 3 bis 1 Pf. geben. Außerdem wollte er 14 Arbeiter entlassen, darunter Mitglieder des ArbeiterauSsckiiisseS. An der Bewegung sind die Verbände der Schmiede und der Metall- arbeiter beteiligt. Außerdem der Gewerkverein der Maschinenbauer und Metallarbeiter sonderen Kräften sogar 250 bis 400 M. Gehalt verheißt, der das Aussetzen der Arbeit im Winter wie im Sommer als ein rein illusorisches bezeichnet, und der auch nach Austritt aus dem Gr» schäst glänzende Versorgung und Selbständigkeit durch glänzend bezahlte Hausarbeit in Aussicht stellt. Leider ist dies'.s schöne Bild nichts als fauler Zauber, und muß der Animierartikelschreiber auf das härteste verurteilt und zurückgewiesen werden. Denn wehe dem jungen Mädchen, das sich durch solche Lockartikel verleiten läßt, den Putzberuf zu ergreifen. In kurzer Zeit wird sie aufs grausamste enttäuscht, in vielen Fällen dem Elende in die Arme getrieben werden. Wie sind die Verhältnisse in Wirklichkeit? Nach halb- bis eineinhalbjähriger Lehrzeit erhält die junge Pützarbeiterin die Stelle einer Zuarbeiterin und fängt mit einem Monatsgehalt von 15 M. an. Allmählich, das heißt in einem Zeit. räum von 8 bis 10 Jahren, erreicht sie die Höchstsumme von 60 M. monatlich. Dieses Gehalt bezieht sie in Wirklichkeit aber nur während der Saison, und zwar in der Frühjahrssaison 4, in der Herbstsaison 3 Monate hindurch. Die übrigen 5 Monate deS Jahres muß sie von ihren— Ersparnissen leben. Im günstigsten Falle hat sie also auf das Jahr berechnet 35 M. monatlich zu ver» zehren. Nach erfolgreicher Zuarbeiterinnentätigkeit wird sie Garniererin. Das Anfangsgehalt einer solchen beträgt 50 M., es steigt im Laufe von 6 bis 8 Jahren auf 100 biS 110 M. Selbst- verständlich verdient auch sie in der stillen Zeit nichts, und wird somit nur 7 Monate im Jahre honoriert. Das macht auf das Jahr berechnet einen Durchschnittsverdienst von höchstens 64,17 M. Einzelne Direktricen freilich können derart hohe Gehälter erreichen, wie der Herr Artikelschreiber sie angibt. Es gibt aber in ganz Berlin wohl nicht mehr als 18 solcher Ausnahmestellungen. Und wer sie einnehmen will, muß ganz besonders künstlerisch talentiert sein und muß eiserne Arbeitskraft und auch hervorragende kauf» männische Fähigkeiten besitzen. So sind die Verhältnisse deS Putzgewerbes in Wirklichkeit! Der Markt ist mit Arbeitskräften überhäuft, und die Putzarbeite» rinnen stecken genau wie die Vertteterinnen der meisten anderen Gowerbezweige in tiefstem Elend! Den Arbeitgebern und Ge- schäftSinhabern freilich kommt es darauf an, durch möglichst rosige Darstellung der Dinge ein möglichst großes Ueberangebot von Ar. beitskräften zu erzielen. Bezeichnend genug ist es ja für die Ge- finnung dieser Herren, daß sie jetzt große Protestkundgebungen gegen die Gewerbeordnungsnovelle veranstalteten, welche die Putz. arbeiterinncn vor Ausnutzung durch Ueberstunden schützt. Auch die Putzmacherinnen täten gut, derartigen Bestrebungen durch organisatorischen Zusammenschluß nach Möglichkeit zu begegnen. Ausland. Erfolgreiche Beendigung des Wiener Schneiderstreiks. Der lange Streik konnte mit einem recht günstigen Tarifabschluß beendet werden, der u. a. das Neue enthält, daß die längere Dauer der Arbeit im Beruf, nicht im Betrieb, von selbst den Auf- lieg in höhere Lohnklassen bewirkt. Die Löhne sind sämtlich an- ebnlich erhöht, die Vertrauensleute werden anerkannt, die Mindest- löhne nicht mehr für Einzelfirmen, sondern für ganz Wien gelten. Ueberstunden werden mit 100 Proz. Aufschlag entlohnt und Maß- regelungen dürfen wegen des Streiks nicht erfolgen. Die Ge- werbeinspektorin Alice R i t t o r hat viel zur Beilegung des Konflikts beigetragen._ Ei« Generalstreik der französischen Hafenarbeiter 7 Paris, 3. April. Wie mehrere Blätter berichten, hat der nationale Verband der Hafenarbeiter Frankreichs in der vergangenen Nacht einen Aufruf erlassen, der die Hafenarbeiter auffordert, von heute ab in den Häfen des Atlantischen OzeanS mid des AermclkanalS in den Ausstand zu treten, weil die Reeder angeblich beabsichtigen, die Organisation der Hafenarbeiter zu zerstören. LrCtztc ffochrlchtcn« Auch eine Wirkung der Bethmanu-Rcde. London, 3. April. Oberhaus. Lord Roberts beantragt« die folgende Resolution: Angesichts der veränderten strategischen Verhältnisse in Europa betrachtet daS Haus die unzureichenden militärischen Vorbereitungen der RHsierung für die Verteidigung des Reiches mit schwerer Sorge. Der Feldmarschall sagte zur Be- gründung seiner Resolution: Ich war einigermaßen in Verlegen» heit, daß ich diese Resolution einbringen sollte während der Er» regung, welch« durch die Hoffnung auf allgemeine Abrüstung und allgemeinen Frieden hervorgerufen worden ist, eine Hoffnung, die, wie man uns sagt, sicher und schnell in Erfüllung gehen soll. Meine Verlegenheit ist aber durch ein gänzlich unerwartetes Ereignis gemindert worden, nämlich durch die Rede des deutschen Reichskanzlers. Diese bemerkenswerte Rede, so voll von mann- haftem Empfinden, wirkt auf mich in einer Weise ein, für die ich nur schwer einen Ausdruck zu finden vermag. Als der Reichs- kanzler feine Meinung über die wahre Beziehung des Volks und Reichs zu seinen bewaffneten Streitkräften auseinandersetzte, kleidete er nur die Grundsätze in Worte, die meinen Geist während der letzten Monate wiederholt beschäftigt haben. Feldmarschall Roberts, der Besieger der Buren, ist einer der Vorkämpfer des englischen Imperialismus und Militarismus. Und ein solcher kann sich für die Unterstützung seiner Teutschland abträglichen Pläne auf den deutschen Reichskanzler berufen! Tie Rüstungsfrage im englischen Oberhanse. London, 3. April.(W. T. B.) In der Fortsetzung der Debatte über die Rüstungsfrage im Oberhaus erwiderte Lord Haldane, was sich auch für strategische Aenderungen vollzogen hätten, es befinde sich doch stets ein Streifen See zwischen Großbritannien und jedem möglichen Feind. Wenn Großbritannien die Herrschaft zur See besitze, so könne eS seine Seestreitkräfte zur ersten VerteidigungS- linie gegen eine Invasion machen. Das habe Großbritannien stets getan und werde es auch weiter tun. Haldane wies auf die Schwierigkeiten einer Invasion hin, solange Großbritannien die Nordsee beherrsche, und wendete sich in ausführlicher Weise gegen die Einführung der obligatorischen Dienstpflicht. Gerade in der jetzigen Zeit befinde sich Großbritannien in einem Meinungs» austaufch mit den Vereinigten Staaten, um, wenn möglich, einen allgemeinen Schiedsgerichtsvertrag abzuschließen.— Der deutsche Reichskanzler habe von der Bereitwilligkeit Deutsch. landS gesprochen, mit England Informationen über die Flotte auszutauschen. Wenn ein solches Verfahren eingeschlagen würde, so müsse es etwas dazu beitragen, die Gefahr einer Panik zu verringern, die so viel getan habe, die Flottenbudgets nicht nur Großbritanniens, sondern auch anderer Länder in die Höhe zu treiben. Die Gefahr eines Krieges mit Frankreich oder Rußland sei jetzt viel weniger wahrscheinlich als seit vielen Generationen. WaS die übrige Welt angehe, so fingen die Bevölkerungen aller Länder an. ein Verlangen zn bekunden, daß die schreckliche Last der Rüstungen abnehmen solle. Vom Streik der franzSfischen Dockarbeiter. La Rochelle, 3. April.(W. T. B.) In La P a l l i c e ver- suchten ausständige Dockarbeiter zur Entladung der Kohlenschiffe dienende Karren aufzuhalten, wurden aber von der Polizei zeistreut. Uuternehmerbrutalität. Kopenhagen, 3. März.(W. T. B.) Die EiaignngSverhandluugen zwischen Vertretern der Arbeitgeberorganisationen und den Maurern und Tischlern find gescheitert und in?olgedessen wird morgen früh die von den Arbeitgebern angekündigte Aussperrung in Kraft treten. Die Aussperrung umsaßt 11 500 Arbeiter. Verhängnisvoller Fund. Danzig, 3. April. Auf einem Spaziergang von Weichselmünde nach Heubude fanden vier Knaben Wasscrschirling und asjrn von den Wurzeln. Der neunjährige Schüler Thiel verfiel in Tobsucht und starb auf dem Felde. Ter achtjährige Hirth konnte noch nach Haus« gebracht werden, wo er aber trotz ärztlicher Hilfe starb. Die beide» anderen Knaben konnten am Leben erhalten werden. verantw. Redakteur: Albert Wach?» Berlin. Ja feratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.» Verlagsanstalt Paul Singer t Co.. Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u.vllterha1tu»g«bl. Kr. 80. 28. Jahrgang. I StilU i>cs Jotrairls" Klllim Ncksdklt. Dienstag, 4. April IM Reichstag. 162. Sitzung. Montag, den3. Zlpril, vormittags 11 Uhr. Am Bundesratstisch: Mermuth, Dr. Delbrück, V. Kiderlen- Wächter. Dritte Beratung deS Entwurfs eines Reichsbesteuerungsgesetzes. Der Entwurf führt die kommunale Besteuerung der Reichs- betriebe unter bestimmten Bedingungen ein; nach der Fassung in der zweiten Beratung entsteht die Steuerpflicht, wenn die in den Betrieben beschäftigten Arbeiter und Beamten sowie die Witwen und unversorgten Slinder der früher in Reichsbetrieben beschäftigt ge- wesenen Personen mehr als 6 Proz. oder, falls in der Gemeinde weder Truppen- noch Marineteile ihren Standort haben, mehr als 2 Proz. der Zivilbevölkerung ausmachen. Abg. Ahlhorn, d e r l« n- W ä ch t e r vor mir sehe(Heiterkeit), können wir den Witzblättern überlassen. Nun geben wir uns durchaus nicht der Illusion hin, daß durch formale RüstungSabmachungen, durch Schiedsgerichts Verträge oder durch schöne Reden leitender oder nichtleitender Staatsmänner die Kriegsgefahr völlig aus der Welt geschafft werden könnte. Wir wissen, daß innerhalb eines jeden Staates wirtschaftliche Kräfte und Bestrebungen, kapitalistische Gelüste, am Werke find, die unter der Hand und offen ans Rüstungen hinarbeiten, und daß diese KrirgStteibereien und Rüstungen auch dann noch vorhanden sein werden, wenn e« zu Abmachungen kommt. Auf eins möchte ich da bei hinweisen: eine der Gefahren, die von den Interessenten der KriegZrüstungen immer geltend gemacht werden, ist die, daß in einem Kriegsfälle die Handels schiffahrt deS einen krieg» führenden Lande« oder beider Länder ruiniert iverden könnte. Um dieser Gefahr zu begegnen und diese Ausrede aus der Welt zu schaffen, haben wir ja unseren Vorschlag auf Beseitigung deS SeebeutmchtS gemacht, dem selbst Herr Bassermann zugestimmt hat. Wird daS Seebeuterecht abgeschafft, wozu Deutschland bekanntlich früher Neigung verspürt hat, während nur die englische Regierung Wider stand leistete, so wäre dieser Vorwand für die Marinerüstungen vollständig aus der Welt geschafft. Wir haben diesen Borschlag in einer Resolutton niedergelegt. Trotzdem zuckt Herr v. Bethmann Hollweg mit den Achseln und, wa« das Traurige ist die Herren Freisinnigen zucken ihm nach, wenigstens Herr Eickhoff, der neulich gesagt hat, er wäre vollkommen mit der Rede des Herrn v. Bethmann zufrieden. DaS ist für einen Vorkämpfer der Friedensbewegung doch r e ch t b e s ch e i d e n. Mit dieser Bescheidenheit erreicht man im StaatSleben nicht«.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Von dem Geist dieser Be scheidenheit ist ja auch der freisiunige Antrag getragen, der die Re« gierung auffordert, ihrerseits die Initiativ« zu ergreifeil.(Abg. Gothein: Denken Sie doch, eine Bethmannsche Juitiattve l Heiter lest.) Ja, Sie haben vollkommen recht, aber Sie wissen. Herr V. Bethmann ist keine immerwährende Einrichtung, er ist nur eine dürre BerlegenheitSunzulänglichkeit. (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Innerhalb der kapitalistischen Elitwickelung gibt eS bewegende sMftc, die selbst den kapitalkräftigen Völkern und Staaten. inS besondere den europäischen und speziell Deutschland, die dringende Notwendigkeit der NüstungSeinschränkunge» geradezu mit Gewalt vor Augen führt. Einer dieser Kräfte ist die Entwickelung, die gegenwärtig in den Vereimgteii Staaten von Amerika und Kanada vor sich geht. Graf Kanitz hat mit einer gewissen bangen Sorg« festgestellt, daß die Vereinigten Staaten einen wirtschaftlicben Bertrag mit Kanada schließen, die, wie er sagt, so erhebliche gegenseitige Meistbegünstigungen bei den Zöllen festsetzt, wie sie überhaupt noch nie vorgekommen sind. In den Vertragsbestimmungen und in den Reden beim Austausch der Ver« träge findet er ganz entsetzliche Dinge. So heißt es in der Botschaft deS Präsidenten Taft:.Die Identität der Interessen von zwei Völkern, verbunden durch Rasse, Sprache, polittsche Institution und geographische Nachbarschaft bietet die Grundlage deS Vertrages.' Kanada wird hier also einfach als Republik behandelt. Den Konservativen ist wohl eine Gänsehaut über das Gesicht gelaufen(Heiterkeit), als sie das hörten. In der Botschaft heißt es weiter:.Seitdem eS eine Nation geworden ist. war Kanada stet» unser guter Rachbar.' Die Zugehörig feit Kanadas zu England wird also einfach ignoriert, ent- setzlich, meine Herren! DaS Merkwürdige an der ganzen Sache ist nur, daß sich Graf Kanitz allein darüber erregt. England haben diese Worte vollkommen kalt gelassen und Graf Kanitz irrt anch, wenn er meint, daß die Vereinigten Staaten sich damit als ein Feind Englands dokumentteren. Auch der kanadische Premierminister, dre unter Zusttmmung deS englischen Königs auf Grund der Ernennung deS Statthalters die VerwaltungSgeschäste in Kanada führt, hat vor einiger Zeit Kanada als Natton bezeichnet, also als ein polittsch felbständigeS Gebilde. DaS ist eben allgemeine Anficht in Kanada und in Eng- kand. Wenn morgen das Parlament in Kanada beschließt: Wir lösen uns hiermit vom britischen Weltreiche los. und eS notifiziert daS mit einer Fünfpfennig-Postkarte(Heiterkeit), dann wird man in England sagen: Ja, schade, aber was läßt sich dagegen machen! «ein verantwortlicher englischer Staatsmann, auch kein Hochtory, würde auf den Gedanken kommen, einen Krieg mit Kanada oder zu fjchttit. wenn Kanada fich dm Bereinigten Staaten anschließen würde. Und das wird die Entwickelung innerhalb abseh barer Zeit bringen. Kanada wird sich den Vereinigten Staaten au- schließen, vielleicht zunächst bloß wirtschaftlich. Dann aber wird die� kanadisch- amerikanische Konkurrenz noch viel fühlbarer auf uns drücken. Die Einbeziehung Kanadas in die Vereinigten Staaten würde die freihändlerischrn Bestrebungen in der Union noch mehr fördern. Schon jetzt baut die Union allmählich ihre ganze Hochschutzzollpolitik ab. Der Endprozeß— eine sreihändlerische Aera— wird unbedingt dann eintreten, wenn die Vereinigten Staaten in noch höherem Maße ein industrieexporlierendeS Land ge worden sind als jetzt.(Sahr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dann werden die Interessen der exportsähigen Industrien und die Interessen der Agrarier im heutigen Kanada und im Westen von Nord- amerika dahin wirken, Amerika in sreihändlerische Wirtschaflsbahnen zu bringen. Dann wird die Zeit der größten Gefahr für die schütz- zöllnerisch eingeengten enrspäischrn Länder kommen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Agrarier ziehen daraus die törichte Schlußfolgerung, Misere Schutzzölle unübersteiglich zu machen und ans langfristige Handelsverträge zu verzichten. Eine ganz andere Schlußfolgerung müßten die deutschen Politiker daraus zieben, nämlich die, daß wir den WirtSschaftSprozetz, der sich in Amerika vollzieht, nachmachen, daß wir uns stärken gegen diese Konkurrenz. Und das könnten wir dadurch, wenn wenigstens zunächst innerhalb Europas durch SegenfeitigkeitSverträge die Zellschranke» ermäßigt oder aufgehoben werden, damit wir in eine iuoereuropäisch« Wirtschaftspolitik eintreten, die Europa zu eine« einheitlichen Wirtschaftsgebiet« macht. Ein zerrissenes, mit Zollschranken durchschnittenes Europa kann auf die Dauer einem Gemeinwesen, daS den ganzen Kontinent Nordamerika umfaßt, gar nicht standbalten.(Sehr richtig! bei den Soz.) Wir müßten verlümmern, zurückgehen, wir würden aus dem Weltmarkt gänzlich aus dem Felde geschlagen werden durch die amerika- nische Exporttndustrie, die nicht belastet ist mit den furchtbaren RSstnngsaosgaben der europäischen Staaten.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die wirtschaftliche Entwickelung ist eS, die uns Europäer nötigt, unsere Rüstungen einzuschränken, damit wir bei dem in naher Zukunft bevorstehenden industriellen Wettkamps um den Weltmarkt zwischen Noidamerika und Suropa nicht voll- tändig in« Hinlertreffen geraten.(Sehr richtig!) Die Hochschutz- Zollpolitik führt mit logischer Konsequenz zur Zerreißung Deutsch- ands in verschiedene Wirtschaftsgebiete und das ist nicht etwa ein unwahrscheinliches Beispiel; in der preußischen Regierung find Kräfte am Werk, die praktisch darauf hinarbeiten, den einen Teil Deutsch- landS gegen den andern auszuspielen. Einer der engstirnigsten Bureaukraten, die wir in der Verwaltung haben, Minister v. B r e i t e n b a ch, hat jüngst eingestanden, daß die preußische Re qerung der Moselkanalisation Widerstand leistet, damit nicht die ! fuhrwerke durch die Eisenwerke deS MinettegebieteS in Lotbringen auS dem Felde geschlagen werden. DaS ist die direkte Protta- mieruug, durch künstliche Berkehrsbeschrönkungen und Erschwerungen Dentschlaud in Wirtschaftsgebiete zu zerreißen, um irgendwelchen großen Trusts ober Syndikaten ein AuSbruwngSmonopol ür ihr Gebiet z« sichern. Das ist die logische Konsequenz der Hochschutzzöllnerei, die Sie gegenüber anderen europäischen Staaten betreiben. Daran können Sie sehen, wie verderblich dieses System ist, da» ein Land gegen das andere ausspielt, und wie. sagen wir, minderfähig unsere heutigen StaatSleiter find, auch die allereinfachsten Bedürfinffe des gesamten deutschen Volkes zu Vertreten gegen solche flaudalöse provinzielle Monopolbcstrebungeo. Deutschland, Frankreich, Italien und Oesterreich und eventuell auch England, wenn eS die Torheit der Schutzzollbewegung durch- machen lallte, was ich aber bis jetzt nicht glaube, würden in naher Zukunft durch ihre innereuropästchen Schutzzollschranken gegenüber der werbenden Weltgroßmacht der Vereinigten Staaten genau in derselben Lage sein, als wenn heuligen Tages noch da« Deutsche Reich in eine Anzahl schutzzöllnerisch untereinander abgegrenzter Staaten zersplittert wäre,(«ehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Diese wirtschaftlichen EniwickelungSmöglichkeiten sind es, die unS darauf hindrängen, europäische Wirtschaftspolitik zu treiben, nicht bloß deutschagrarische Hochschutzzöllnerei Sie sind eS, die darauf hindrängen, daß wir die ungeheuren Rüstungen, die heute da» ganze deutsche Volk und damit seine industrielle Entwickelung bedrücken, einschränken. Wenn die europäischen Staaten im Hmblick aus diese wirtschaftliche Ent Wickelung zunächst übereinkommen sollten, das Abkommen zu treffen, dos ich eben als praktische Ausführung der AbrüstungZidee vorgeführt habe, dann würden wir in die Aera europästcher Politik eintreten, an der alle Nationen und Staaten mitzuarbeiten haben, um in der kommenden Weltentwickelung Europa seinen alten Platz AU sichern. Ich erwarte natürlich nicht, daß ich mit meinen Worten rrgend einen Eindruck machen werde auf die Herren von der Re« gierung oder auf deren leitendes Haupt. Oder soll ich das sächsisch aussprechen und sagen, das leidende Haupt dieser Regierung'' (Heiterkeit. Glocke des Präsidenten.) Abg. Ledebour(fortfahrend): Ich gebe dem Herrn Präsidenten recht, Herr v. Bethmann Hollweg ist wahrscheinlich so erfreut über die gegenwärttgen Zustande, daß er unter ihnen nicht leidet. (Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die wirtschaftliche Notwendigkeit drängt auf den Zusammenschluß der europäischen Nationen und dieser wirtschaftliche Zusammenschluß erfordert als Ergänzung eine fortgeschrittene kultnrpolittk auf allen Lebensgebieten. Dann wird nicht einmal mehr in der Theorie der Grundsatz Geltung haben, den der Reichskanzler in der DonnerStagsitzung proklamiert hat, daß der Schwache eine Beute des Stärkeren wird.(Zuruf deS Nationalliberalen Everling.) ES ist ja interessant, wahrzunehmen, daß der Philosoph Bethmann und der Theologe Evertling zu demselben Resultat gelangt sind. (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die alte Kinderfibelgeichicht», daß die Taube vom Sperber und der Sperber vom Adler gefressen wird, scheint den beiden großen Staatsmännern(Große Hetterkett bei den Sozialdemokraten) durch den Kopf geschwirrt zu sein. Aber so unbedingt gilt der Satz, daß der Schwächere de» Stärkeren Beute wird, nicht einmal in der Tierwelt, ja nicht einmal in der Beschränkung auf die Raubtiere. So frißt in einer Rotte Wölfe der starke Aols nicht den schwachen Wolf auf, sondern das ganze Rudel verbindet sich zu gemeinsamem Jagen. Und dieser Grundsatz deS ZusammenschließenS setzt sich in der menschlichen Gesellschaft fort. Wir Menschen find eben nicht bloß Raubtiere und die menschlichen Staaten sind nicht ausschließlich Roubtterorganisationen. Aber vielleicht hat Herr v. Bethmann Hollweg nur in feiner Weise den Kapitalismus ironi sieren wollen. Unzweifelhaft züchtet der Kapitalismus Raubtier« «zefühle und Raubtierinstintte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) •lad doch ist selbst im Zeitalter de» Kapitalismus auch im Staatenverkehr der Satz nicht ohne weiteres gültig, daß de» Stärkere immer den Schwächeren auffrißt. Ich glaube, daß selbst der grvße Raubtier- Philosoph(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten) e» sehr vernünftig inden wird, daß Deutschland nicht seine kleinen Nachbarn, etwa Holland und Belgien auffrißt, möglicherweise wird er freilich agen, daß das nur daran liegt, weil andere große Raubtiere, wie Frankreich und England, das verhindern. Aber ei tritt auch noch ein anderer HindernngSgrund hinzu. Auch im Verkehr der Staaten untereinander setzt sich allgemach der Grundsatz des GcmcinsinnZ durch und wirkt der brutalen Betätigung der Raubtiernatur ent- gegen. Und wir Sozialdemokraten sind bestrebt, diesen Gedanken deS internationalen Altruismus vorzuarbeiten. Sobald da« sicher nicht unerreichbare Ziel der Sozialisierung der Gesellschaft erreicht ein wird, wird der Grundsatz, daß der Schwache die Beute des Stärkeren sein wird, nur noch in verstaubten Akten sein Dasein risten.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir sind freilich noch nicht in der sozialistischen Gesellschaft, aber wir bestreiten die Gültigkeit des Bethmannsche« Satzes auch für die Zeit de» Kapitalismus. Wir luiterstützen alle die Einflüsse, die schon inner- halb des Kapitalismus eine Beseitigung der Raubtieremflüsse zu l erzielen suchi Wir unterstützen alle die Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, die fadenscheinigen Vorwände für dle unaufhörliche Kriegsrüstung zu beseitigen. Wir fordern den wirtschastlicheu und politische» Zusammenschluß de» europäischen Staaten. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir zweifeln nicht daran, daß es, und vielleicht noch vor der Periode des«ozia- lisnius, zu Bereinigten Staaten von Europa kommen wird, wie es es heute Bereinigte Staaten von Amerika gibt.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen von den Staatsmännern der heuligen Periode, daß sie im wohlverstandenen Interesse des Kapitalismus selbst diesen Zusammenschluß Europas vorbereiten. In den Augen der herrschenden Parteien freilich ist der Gedanke an die Vereinigten Staaten von Europa ein ebenso entsetzlicher Ge- danke wie an die deutsche Republik. So bin ich denn davon überzeugt, daß die Leute, die da proklamiert haben, sie würden unsere revublilanischen Grundsätze im Wahl- kämpfe ausnützen, auch von diesem meinem Bekenntnis zu den.Ver- einigten Staaten von Europa' redlichen Gebrauch machen werden. Ich bitte den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, sich nur ja keinen Zwang anzutun.(Sehr gut I bei den Sozial- demokraten.) Erzählen Sie nur den Leuten, daß wir Sozialdemo- kraten Republikaner sind, daß wir Zdie Vereinigten Staaten von Europa wünschen. Wenn die Leute dann erfahren, daß die Partei, die gegen die LebenSwittelzSllr, gegen das Slaffeuwahlrecht, gegen die Militärstaaten, gegen Erhöhung der Zivilliste, gegen Steuer- fteiheit der Fürsten ist, republikanisch ist, dann werden sie selbst Republikaner werden.(Lebhaste Zustimmung bei den Soz.) Die Wähler werden dann sagen: Dann find wir auch Republikaner, dann her mit der Republik. Und so werden Sie. indem Sie uns unseren RepublikaniSmus vorwerfen, gerade Propadanda snr die Republik de- treiben. Und die besten Agitatoren für den republikanischen Gedanken werden die Monarchen selbst sein.(Heiterkeit und Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Als eine Vorbedingung des Zusammenschlusses Europas fordern wir das Aufhöre« der Unterdrückung fremdsprachlicher RationalitStea im Innern der einzelnen Staaten. Hier in Deittschland betreiben Regierung und herrschende Parteien eine Polittk der Unterdrückung gegen Dänen, Pole», französisch sprechende Lothringer. Erreicht wird damit nur. daß die unterdrückten Völker, die sich ihre Muttersprache nicht werden entreißen lassen, mit unauslöschlichem Haß gegen die unterdrückende Regierung erfüllt werden. Ich erinnere an die hochinteressante Rede, die hier vor einiger Zeit der Abg. Wai da gehalten hat. Die tiefempfundene Rede dieses ManneS, der sicher kein Politiker ist, der ganz unzweifelhaft in seinem Herzen ein königstreuer Preuße ist. zeigt, wie eine, um mit Ihren Worten zu sprechen, höchst loyale patriotische Bevölkerung durch die Unter- drückungSpolitik in das Lager der staatsrechtlichen Opposition ge» drängt worden ist.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Und bei den Polen in den übrigen Provinzen ist das schon früher geschehen. In Deutschland werden die fremdsprachlichen Rattonalitäten unterdrückt, während in der Schweiz die Rationen friedlich nebeneinander leben, und fich der Gedanke der nattonalen Gleich- berechtigung auch in Oesterreich siegreich Anerkennung verschafft. Mit dieser Polrttk der Unterdrückung der Nationalitäten werden die wahren Interessen Deutschland« und der Deutschen nicht gefördert. sondern aufs schwerste geschädigt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) 15 Millionen Deutsche leben außerhalb Deutschlands, Oester- reich« und der Schweiz und diese haben auszubaden, wa-Z die vier Millionen fremdsprachlicher Einwohner in Deutschland zu leiden haben. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die UnterdrückungS- Politiker da draußen, der Zar, die Magharen berufen fich aus die deutschen Chauvinisten.(Hört! hört l bei den Sozialdemokraten.) Die Zukunft wird, wie den wirtschaftlichen Zusammenschluß der europäischen Staaten, so auch die Anerkennung zur nationale» Gleichberechttgung bringen. Der Gemeinfinn der Kulturvölker aller Welt betätigt fich schon heutigen Tage? gegenüber der UnterdnickungSpolittk aller der blutigen Despoten, die jetzt noch in den verschiedenen Ländern herrschen. Er hat fich betätigt in dem Protest gegen die Ermordung Ferrer«, in dem Protest gegen den Rechrsbruch, den der russische Zar mit seinen Handlangern an den Finnländer» begeht. Wir protestieren an dieser Stelle erneut dagegen, daß paö Kulturvoll der Finne», das fich würdig neben andere Kulturvölker stellen kann, von dem rückständigen Zarenregiment, dem Freunde unserer Konservattven, in der brutalsten Weise kulturell geschadigt wird. Wir hoffen, daß fich alle Kulturländer diesem Protest anschließen werden, und daß er auSgedehnr werden wird auf die Greuel gegea die polittsche» Gefangene« in den Katoraakerkern, wo 100000 unglückliche Menschen in der barbarischsten Weise von den Schergen des Zaren zu Tode gemartert werden.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Pro- testiert werden muß auch gegen die Regierung deS kulturell weitaus überschätzten Japan, die durch nichtswürdige Geheimprozeffe uu- schuldige Leute auf daS Schaffott gebracht hat(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Im japanischen Parlament hat der Minister gesagt, eS sei in Europa nicht dagegen protestiert worden.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Das hole ich hiermit nach. Wir Sozialdemokraten protestieren auch gegen diese scheußlichen Justizmorde. Wir hoffen, daß sich wenig- sien« die Herren Liberalen diesem Protest anschließen werden. Ein ähnlicher scheußlicher Unterdrückungsfall ist in vrafilie» vor« gekommen, wo man die Meuterer der Flotte begnadigt und sie dann heimtückisch in ein enges Gefängnis gesperrt hat. wo sie innerhalb einer Nacht an der schlechten Luft erpickt find. Eine kapitalistische Republik war es. in der das geschehen ist. Wir wissen sehr wohl, daß eS auch unter der StaatSform der Republik keine Sicherheit gegen kapitalisttfche Aus- beutung, gegen kapitalistische Scheußlichkeiten und UnterdrückungS- polittk gibt. Wenn wir uns als Republikaner bekennen, so deshalb, weil ohne republikanische Einrichtungen sozialistisch« Staat»- und Gesellschaftsformen überhaupt nicht möglich sind und weil, relattv genommen, die republikanische StaatSform selbst innerhalb der gegen- wärtigen Gesellschaft immer noch besser ist als eine der monarchischen StaatSformen. Alle diese Proteste hätten ebenso gut aus Ihren Reihen(zu den bürgerlchen Parteien) kommen körnten, wenn Sie fich wirklich der Pflicht bewußt wären, als Vertreter großer Kultundeale auch hier im Deutsche» Reichstag aufzutreten. Aber da» ist ja unser Schicksal, daß wir selbst diejenigen Kullurideale als Vor- kämpfer innerhalb der kapitalistischen Staaten vertreten müssen, die zu vertreten eigentlich zu den Aufgaben der bürgerlichen Parteien gehört. Sie aber können gehindert durch Ihre kapitalistischen Scheuklappen fich nicht mehr unbefangen zu den großen Kulturidealen durchringen.(Lehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Sie werden gehemmt in Ihrem Eintreten für die höchsten Ziele der Menschheit durch Ihre Furcht vor der Sozialdem». kratie. In allen großen politischen Fragen ist die Entwickelung der bürgerlichen Parteien in» Stocken grkowmai, weil Sie immer sagen, wenn wir den Fortschritt der Rechte des Volkes, der wirtschaftlichen Entwickelung fordern— schließlich kommt e» der Sozialdemokratie zu gute. Sie inögen nun machen, was Sie wollen, die kapitalistisch« Entwickelung geht ihren Weg. Sie entwickelt sich zu höheren Formen und sie erzeugt in ihrem Schöße notwendigerweise die sozialistische Entwickelung, die später die kapitalistische Entwickelung ablösen wird. Deshalb betreiben wir unsere etgene Sache, wenn wir den Fortschritt der kapitalistischen Entwickelung fördem. Wir werden gegen jeden zünftigen Rückichrttt, gegen jede Einschnürung der kapitalistischen Entwickelung mit iunstlichen Mitteln sein, weil wir wissen, daß damit nicht bloß die allgemeine kapitalistische, sondern auch dw allgemeine Kultur- entwickelung gehemmt wird. Diele Politik deS Kulturfortschritts' werden wir auf allen Lebensgebieten weiter treiben, und wenn Sie versuchen sollten, eine Unterdriickungspoliti! zu inszenieren, statt den ruhigen, geordneten Fortschritt zu besördern, dann werden Sie wiederum das Umgekehrte erreichen: dann sprengt die EntWickelung die Bande, die Schranken, den Kerker, in den Sie sie hineinziehen wollen, nnd Sie werden nur um so früher den Sozialismus über das System des Kapitalismus ttliimphicreu sehen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten,) Hiermit schließt die Generaldiskussion. Abg. Dr. Werncr-Gießen(Ant.) versucht im Rahmen einer per- sönlichen Bemerkung eine lange Rede über sein BerhältniS zu den Ratio ii alliberalen zu halten. Präsident Graf Schwerin-Löwitz unterbricht ihn unter zu- nehmender Heiterkeit des Hauses, besonders der Linken, S— ö Mal. Endlich gibt Dr. Werner seine Absicht auf und verläßt unter schallendem Gelächter die Rednertribüne, die er, mtt einem dicken Altenbündel bewaffnet, bestiegen hat. Es beginnt die SpezialdiSkussion. Die Etats des Reichstags und deS Reichskanzlers Verden debattelos bewilligt. Beim Etat des Auswärtigen AmtS begründet Abg. Oeser(Vp.) eine Resolution auf Einstellung eines Fonds in den nächstjährigen Etat, aus dem die amtliche Korrespondenz der Generalkonsulate und Konsulate mit Privaten bestritten werden soll. Abg. Hormaim-Bremen(Vp.): Der Abgeordnete David hat eine Darstellung von de» Vorfällen mit den österreichischen Durchreisenden gegeben, die zwar der Sache nach richtig war, an die er jedoch falsche Schlußfolgerungen geknüpft hat. Es geht nicht an, zu behauplen, daß die Polizeibehörden mit den Schiffahrts- geiellschaften in Verbindung stehen und ihnen fremde Auswanderer zutreiben. Solche Pflichtwidrigkeiten lasten sich unsere Behörden nicht zuschulden kommen, wenn auch wohleinmal Ver- st ö ß e v o r k o m m e n. In bezug auf die österreichischen Aus- Wanderer find die gesetzlichen Borschriften streng befolgt worden. Man soll doch die Tribüne des Reichstags nicht benutzen, um deutsche Institutionen zu diskreditieren.(Beifall rechts. Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. David(Soz.): Selten hat eine Ausführung mich in größeres Erstaunen verfetzt, als die Ausführungen des Abgeordneten H o r m a n n. Ich habe Fälle angeführt, in denen österreichische Staats- angehörige an der holländischen Grenze zurückgehalten, nach Bingerbrück zur Station deS Norddeutschen Lloyd gebracht und ängstlich untersucht wurden, und dann, al- sie sich weigerten, über Bremen und mit einer Schiffskarte des Nord- deutschen Lloyd zu fahren, nach Oesterreich zurückgebracht wurden. Herr H o r m a n n sagte, das Verfahren entspreche den gesetzlichen Bestimmungen und sei durchaus korrekt, und das Vortragen dieser Dinge so geeignet, Deutschlands Ansehen zu diskreditieren. Wenn etwas Deutschland diskreditieren kann, so ist eS der Versuch, diese skandalösen Fälle zn rechtfertigen. Entspräche dieS Verfahren wirklich den gesetzlichen Be- stimmungcn, so wäre das für Deutschland eine Situation, deren es sich vor der ganzen zivilisierten Welt zu schäme« hätte.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Herr Hormann hat sich auf das Aubwanderergesetz berufen. Aber in diesem Gesetz ist kein Anhaltspunkt für dieses Vorgehen vorhanden, dann aber handelte eS sich gar nicht um Auswanderer, sondern um Durch- reisende. Man brachte die Leute vom Rheine an der holländischen Grenze gewaltsam per Schub zu der Kontrollstanon des Norddeutschen Lloyd in Bingerbrück. untersuchte sie dort ärzllich, sie lourden gesund befunden, und nun verlangte man von den Leuten, die ihr Billett Wien-London über Rotterdam in der Tasche hatten, sie sollten über Bremen und von dort mit einer Schiffskarte des Norddeutschen Lloyd fahren. Da die Leute daS nicht wollten— sie konnten eS auch gar nicht mehr, ihr Geld reichte nicht mehr dazu aus,— brachte man sie nach der österreichischen Grenze zurück, und zwar auf ihre Kosten einschließlich der Kosten für die begleitenden Polizeibeamten. Herr Hormann fiihrte auch sanitäre Gründe an, Auswanderer könnten Krank« Helten einschleppen. Abgesehen davon, daß eS sich nicht um Auswanderer handelt, sondern um Durchreisende, mußte man dann doch die Leute beim Eintritt in dos Reich untersuchen, nicht aber sie zurückhalten, wenn sie die Grenze verlassen wollen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Hormann spricht von den gesetz« lichen Bestimmungen. Die Fälle liegen so skandalös, es Handell sich um Freiheitsenizithung und Geldbcraubung, daß sie durch keine Gesetze gerechtfertigt werden können. Sie erklären sich daraus, daß die großen Schiffsgesellschaften mit Hilfe der Polizei versuchen, jeden Durchreisenden, der mit dem Personenzug fährt, und von dem sie glauben, er könne sich nicht wehren, für ihre Routen zu pressen suchen, und die P o l i z e i— daS ist das Skandalöse dabei— leistet hierzu Hei scrsdicnste(Sehr richtig I b. d. Soz.) Da diese Vorgänge unsere auswärtigen Beziehungen berühren, so habe ich sie vorgetragen, damit der Staatssekretär des Auswärtigen solche Fälle verhindert. Ferner existiert ein deutsch- österreichisches Abkommen vom Jabre IbOS. wonach beide Staaten sich verpflichten, ihren gegenseitigen Angehörigen, die durch das Gebiet des anderen auswandern wollen, keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Dadurch ist die Sache keine preußische, sondern eine deutsche, um- soniehr, als sie daö Ansehen Deutschlands in der ganzen Welt schädigen muß.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemo- Katen.) StaaiSsekeKetär deS Auswärtigen v. Sidcrlen-Wächter: Ich be- tone nochmals im Namen des Reichskanzlers, daß die Fremden- Polizei ausschließlich Sache der Bundesstaaten ist. Mit den an- geführten Fällen bin ich durch den österreichisch-ungarischen Bot- sckaster befaßt worden. Bei dem von dem Abg. David erwähnten Abkommen von 1905 handelte es sich um ganz etwa? anderes, da- mals wollte Ungarn seine Auswanderer nicht über deutsche Häfen reiten lassen. Wir haben uns an den preußischen Minister des «tmnern gewandt und die Auskunft erhalten, daß die betreffenden Reisenden ausschließlich nach den gellenden Bestimmungen behandelt seien. Die betreffenden Reisenden sind ja außerordentlich hart betroffen worden, aber sie haben eS sich selbst zuzuschreiben, denn sie haben sich selbst als Auswanderer bezeichnet. Es wird jetzt geprüft, wie solche Härten zu vermeiden sind. Aber unkere Bestimmungen für Aus- und Durchwanderer aus fremden Staaten sind lediglich hervorgerufen durch ein Gebot der Notwehr, so lange werden Staaten die allerstrengsten Gesetze über Ein- Wanderer haben. Abg. Hormann(Vp.):$Jch muß die Behauptung de? Abg. David zurückweisen, daß die großen Schiffsgesellschaften und die Polizei sich in die Hände arbeiten.„. Abg. Dave(Vp.): Die angeführten Fälle beweisen, wie not- wendig eS ist. die Fremdenpolizei reichsgesetzlich zu regeln. (Zustimmung bei der Volkspartei.) Abg. Dr. Arendt(Rp.>: Als Dr. David in der zweiten Lesung den Fall vortrug, erschien er mir so ungeheuerlich, daß ich mir sagte, er kann unmöglich wahr sein. Aber nach der Art, wie Herr Hormann den Fall behandelt hat. und nach der Erklärmig des Staatssekretärs scheint er doch im wesentlich richtig zu sein. Dann aber liegt ein so schwerer Mißgriff— allerdings wohl von untergeordneten Beamten— vor. daß es dringend geboten er- scheint, den Fall weiter aufzuklären und dann mit aller Strenge gegen diejenigen vorzugehen, die sich vergangen haben. Man sagt, der Mann habe sich selbst als Auswanderer bezeichnet. Ich weiß nicht, wie ein Reisender mit einem Billett Wieii— London in der Tasche Gelegenheit hat. sich als Auswanderer vorzustellen.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Ich glaube nicht, daß eS richtig ist, dieftn Fag zu verallgemeiner»; jedenfalls werde ich Gelegenheit nrhinen, ihn auch im p r e uß i s ch en A b g e 0 rd ne ten h a u s e zur Sprache zu bringen. Abg. Dr. David(Soz.): ES handelt sich nicht um einen Fall, sondern um zwei, die genau gleich verlaufen sind: das beweist, baß es sich hier um ein System handelt. Der preußische Mintster des Innern hat l dem Staatsselretär gesagt, die Leute hätten sich selbst als Aus- Wanderer bezeichnet. Diesen Strohhalm hat schon derAbg. Arendt zerkaut.(Heiterkeit.) Herrn Hormanns Rede ist mir ganz unver- ständlich.(Abg. Scheidemann(Soz.): Es tut ihm Lloyd!)(Heiter- kell.) Er spricht von gesetzlicher Bestimmung. Ist denn eine Verordnung des preußischen Ministers Gesetz? Wenn sie den gesetzlichen Bestimmungen nicht entspricht, ist sie u n- gesetzlich.(Lebhafte Zustimmung� Wir kennen die Verordnung recht gut, ivir halten sie für ungesetzlich, und an den vorgetragenen Fällen zeigt sich, wie ungeheuerlich sie ausgeführt wird. Hoffentlich sind die Fälle nicht umsonst vorgetragen. Staatssekretär v. Kiderlm-Wächter: Für mich ist die Sache durch meine Mitteilung an den österreichisch-ungarischen Botschafter erledigt. Abg. Hormann(Vp.): Ich weise nochmals den Vorwurf, daß Polizei und Schiffsgesellschasten sich in die Hände arbeiten, also den Vorwurf der Korruption zurück. Abg. Dave(Vp.): Die Sache ist keineswegs erledigt. wenn sie zwischen dem österreichisch-ungarischen Botschafter und dem Staatssekretär erledigt ist; der Staatssekretär ist auch uns gegen- über verantwortlich. Abg. Dr. David(Soz.): Eine Verallgemeinerung liegt lediglich in den Ausführungen des Abg. H 0 r m a n n, der behauptet, das Vorgehen entspreche den gesetzlichen Bestimmungen. Dem Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter kann ich nur sagen, er ist ein sehr schlechter Wächter des Reiches. (Heiterkeit.) Abg. Prinz zu Schönaich-Carolath(natl.) dankt der Regierung. daß sie einen Bettag zur Unterstützung der interparlamentarischen Union, also der allgemeinen Schiedsgerichtsbewegung, in den Etat eingestellt hat. Darin liege eine Anerlennung der Schiedsgerichts- bewegung. für die der Reichskanzler wohl etwas wärmere Töne hätte finden können. Abg. Sttesemann(natl) befürwortet die Resolution Ablaß für Gewährung der Portolosten an die Konsulate. Die Resolution Ablaß wird angenommen. Abg. Everling(natl.) polemisiert gegen den Abg. Kohl, der in der zweiten Lesung eine Unterstützung deutscher Schulen im Aus- lande über die Zunicksetzung der Katholiken beklagt und damit konfessionelle Gesichtspunkte in diese nationale Sache hineingetragen habe. Abgg. Kohl(Z.), Pichler(Z.) weisen diesen Vorwurf zurück. Abg. Schräder(Vp.) schließt sich dem Abg. Everling an. Abg. Erzberger(Z.) behauptet, daß gerade Everling stets konfessionelle Punkte in die Debatte bringe und wirst dem Abg. Schräder vor, Freimaurer zu sein.(Heiterkeit.) Abg. Ledeionr(Soz.): Ein russischer Untertan.(Heiterkeit und Zuruf: Untertan?) Wenn man von Ruhland spricht, kommt einem das Wort.Untertan" sehr leicht in den Mund, ich will aber das korrektere Wort.Staatsbürger" gebrauchen. Also ein Russe namens Montag, der hier 43 Jahre lang als Kaufmann ansässig war, ist, wie er mir schreibt, ganz Plötz- lich nicht nur ausgewiesen, sonder» au die rnssischeu Behörden aus- geliefert worden. Nähere Angaben habe ich nicht erhalten können. Ich stelle an den Staatssekretär die Frage, ob der Mann in Wirklichkeit ausgeliefert ist? Und wenn dies der Fall, aus welchem Grunde? Staatssekretär v. Sidcrlen-Wächter: Der Herr Montag ist a u S- gewiesen worden. Er bewegte sich immer zwischen Ruß- land und hier hin und her und führte auch sonst ein be- wegteS Leben. Er bedrohte feine Frau mit dem Revolver und ist auf Ersuchen des Amtsrichters ausgewiesen worden. Ledrbour(Soz.): Der Mann behauptet, ausgeliefert zu sein an die russi- schen Behörden, die ihn sofort ins Gefängnis in Kalisch warfen. Ter Staatssekretär sagt, es liege nur eine Ausweisung vor, wie kommt es denn, daß der Mann dann nach Kaiisch gebracht wurde? Wir wissen, daß es in Dutzenden von Fällen vorgekommen ist, daß man unter dem Vorwande einer Ausweisung die Leute an die Grenze gebracht und der russischen Polizei übergeben hat. Der Staatssekretär kennt derartige Fälle offenbar nicht, weil er damals in Bukarest war. Er soll sich also nicht mit der Auskunft des Polizeipräsidenten v. I a g 0 w begnügen, auf die hin er wohl gesagt hat:„da kann ich ja den Sozialdemokraten eine ganz gehörige schnoddrige Antwort geben". Vizepräsident Schultz: Dieser Ausdruck ist ganz ungehörig. Abg. Ledebour(fortfahrend): Es muß festgestellt werden, ob die preußische Polizei hier ihre Hand im Spiele hatte, um den Mann der russischen Polizei in die Hände zu liefern. Dazu war sie unter keinen Umständen berechtigt. Wenn der Mann hier etwas getan hat, so war er hier vor Gericht zu stellen.(Redner wird mehrfach durch Gelächter der Rechten unter- krochen.) Daß Sie als Gesetzgeber bei dem Verlangen der Fest- stellung einer Gesetzesverletzung nichts als ein blödes Gelächter haben, ist bezeichnend für Sie und Ihre Auffassung von der Würde des Reichstages.(Lebhafte Zustimmung links.) Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter: Ich habe die amtliche Auskunft gegeben, daß der Mann ausgewiesen ist und damit müssen Sie sich beruhigen.(Lebhaftes Oho! links.) Abg. Gothein(Vp.): Die Sache ist so ernst, daß man sich damit nicht beruhigen kann. Wir haben hier das Interesse, das Ansehen des Deutschen Reiches und Reichstags zu wahren. Das verlangt, daß das Reich sich nicht zu Schergen-Diensten hergibt.(Lebhafte Zustimmung links.) Die Form der Aus- Weisung kann man aufrecht erhalten und doch eine Auslieferung vornehmen. Das Entscheidende ist, ob der Mann freiwillig an die russische Grenze gegangen ist. und darüber haben wir keine Aus- kunft erhalten und haben daS Recht, sie zu verlangen.(Große Unruhe rechts.) Abg. Ledebour(Soz.): Der mir absolut unbekannte Mann hat mir aus dem G.efäng- nis in Kalisch geschrieben, er sei ausgeliefert worden. Er versteht offenbar nicht den Unterschied zwischen einer zwangs- weisen Ausweisung über die russische Grenze und einer Ausliefe- rung. Rechtlich gibt es auch nicht eine zwangsweise Ausweisung. äber es ist ein Skandal, daß sie tatsächlich vorkommt. (Tierlaute bei den Junkern.) Wahrscheinlich handelt es sich um eine markierte Ausweisung, zu der der Polizeipräsident v. I a g 0 w kein Recht hatte. Wenn der Staatssekretär nicht ge- nügend informiert ist, so kann er das durch Benutzung des Tele- phonS in so kurzer Zeit sein, daß er die Auskunft geben kann, noch bevor sein Etat erledigt ist.(Lebhafte Zustimmung links.) Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter: Ich wiederhole, es ist nicht eine Auslieferung erfolgt, sondern es hat eine Ausweisung stattgefunden, und zwar nicht von Polizei wegen, sondern auf An- Weisung des Vormundschaftsrichters. �(Hört! hört! rechts.) Der Mann wird von dem Richter als ein gemeingefährlicher Mensch bezeichnet und es wird verlangt, das Polizeipräsidium solle ihn sofort an die Grenze befördern.(Bravo! rechts. Lebhaftes Hört! hört! links.) Ein solcher Mann hätte eine Aufforderung, gefälligst abzureisen, doch nicht befolgt, da bleibt doch nichts übrig, als ihn an die Grenze zu bringen.(Zustimmung rechts. Widerspruch links.) Abg. Frhr. v. Gamp-Massaunen(Rp.): Wenn man Beschwerden vorbringt, muß man sich vorher genügend informieren. Das hat der Kollege D a v i d in dem Falle, den er vortrug, getan, der Kollege Ledebour aber nicht.(Heiterkeit und Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Uebcr das Mißtrauensvotum deS Herrn Ledebour wird sich der Staatssekretär wohl trösten können.(Bravo! rechts.) Abg. Ledcbiur(Soz.): Daß Herr G a m p und Herr v. Kiderlen-Wächter der- selben Meinung über die Rechte der Ausländer in Deutschland sind, glaube ich schon.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Immer bleibt die Frage: warum wurde der Mann nach der r u s s i- j ch e n Grenze gebracht�(Sehr wshrl linkst Was meine Jvfor, mationen betrifft, so habe ich eine Menge Material; Aenn ich es nicht vorgebracht habe, so in Rücksicht darauf, daß der Reichstag heute oder morgen seine Debatte schließt. Ueber solche Vorgänge, wie den Fall Montag, zu Gericht zu sitzen, ist eine Ehrenpflicht des Reichstags und der Abg. v. Gamp sollte soviel parlamentarisches Ehr- und Anstandsgefühl besitzen, nicht Kollegen einem Vor- Wurf zu machen, die dafür sorgen, daß der Reichstag dieffe Auf- gäbe erfüllt.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Lärm und Unruhe rechts. Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Dr. Schultz ruft den Reoner zur Ordnung.(Stür- Mischer lärmender Beifall rechts. Zuruf: Der zweite Ordnungsruf.) Abg. Gothein(Vp., von der Rechten mit wütendem Lärm empfangen): Wenn der Staatssekretär gleich im Anfang die Liebenswürdigkeit gehabt hätte, sich etwas ausführlicher zu äußern, so hätte diese Debatte nicht diesen Umfang angenommen.(Sehr wahr! links.) Die Debatte schließt. Der Etat des Auswärtigen Amte» wird bewilligt. Es folgt der Etat des Reichsamts des Inner«»» Abg. Hengsbach(Soz.) begründet eine sozialdemokratische Resolution auf Ergänzung der Bundesratsverordnung betr. den Betrieb der Anlagen der Großeisenindustrie. Wir erheben folgende Forderungen: Erstens muß die Dauer der täglichen Arbeitszeit im allgemeinen festgesetzt werden. Zweitens ist für die in den Feuerbrtmbrn beschäftigten Arbeiter angesichts der Natur dieser Arbeit die acht- stündige Schicht vorzuschreiben.(Lebhaste Zustimmimg bei den Sozialdemokraten.) Drittens ist durch präzisierte Vorschriften dafür zu sorgen, daß die Pausen innerhalb der regelmäßigen Arbeitszeit einzuhalten sind. Den Versuchen der Unternehmer, von hinten herum diese Pausen illusorisch zu machen, muß ein wirksamer Riegel vorgeschoben werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- krvten.) Viertens verlangen wir die Einschränkung der Urberzeit- arbeit. Es bedeutet eine schwere Gefährdung von Leben und Ge- sundheit der Arbeiter, wenn Arbeitsschichten von 14, ja Iii Stunden vorkommen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) In derselben Richtung bewegen sich unsere fünfte und sechste Forderung auf strengste Durchführung der zum Schutze der Arbeiter erlassenen gesetzlichen Bestimmungen und auf durch- greifende Vorschriften über die sanitäre Einrichtung der Arbeitsräume, die Errichtung von Wasch und Badeanstalten, An- kleide- und Speiseräumen. Die fortgesetzten Unfälle bc- weisen die unbedingte Notwendigkeit strengster Vorschriften und gewissenhaftester Kontrolle.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Ich erinnere an den großen Unfall in den Duisburger Stahlwerken. Die Gewerbeinspektoren sind derart über- lastet, daß sie ihren Aufgaben einfach nicht genügen können. Die heilsamste Wirkung würde es ausüben, wenn endlich unsere Forde- rung erfüllt würde und Kontrolleure aus der Arbeiterschaft den Gewerbeinspektoren beigegeben werden.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)— Herr v. Gamp hat uns hier im März er- zählt, daß viele Arbeitgeber aus eigenem- Autrieb in ihren Betrieben die neun», ja die achtstündige Arbeitszeit eingeführt haben. Herr v. Gamp folgert daraus, daß eine gesetzliche Regelung der Arbeits- zeit nicht notwendig sei. Nun, in der Großeisenindustrie baben mindestens 63 000 Arbeiter in einem einzigen Regierungsbezirk eine mindestens zwölfstündige Arbeitsschicht. (Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Aber nur zu oft wird selbst diese zwölfstündige Schicht überschritten. Es ist berechnet worden, daß. wenn— eine doch überaus bescheidene Forderung!— die über 12 Stunden hinausgehenden Ueberstunden beseitigt würden, nicht weniger als 200 000 Arbeitslose eingestellt werden können.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Man sagt: viele Arbeiter machen gern Ueberstunden. Wenn das liXihr ist, so kommt das von den elenden Löhnen und von der Höhe der Lebensmittelpreise.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) >— Daß auf dem Gebiete der Arbeitsräume, der Errichtung von Wasch- und Badeanstalten vielerlei geschehen ist. erkennen wir an. Das schließt aber nicht aus, daß auch noch hier sehr viele Mißstände vorhanden find, wie in den Berichten der Gewerbeinspektoren häufig hervortritt. Gegenüber allen sozialen Forderungen erheben die Unternehmer die Klage von der übermäßigen Belastung.(Heiter- keit bei den Sozialdemokraten.) Indessen beweisen die Dividenden und der Stand der Aktien in der Großeisenindustrie, daß sie wahr- haftig noch einige„Lasten" tragen können, ohne darunter zu- sammenzubrechen.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Daß die Magen und Beschwerden der Arbeiter der Großeisenindustrie nur allzu berechtigt sind, hat auch das Zentrum anerkannt und es hat vor einiger Zeit eine Resolution im Sinne der Hauptfordc- rungen dieser Arbeiter eingebracht. Die Resolution wurde vor zwei Jahren auch vom Reichstag angenommen. Allerdings war dazu erst ein Hammelsprung nötig. Diese vom Zentrum ein- gebrachte und vom Reichstag angenommene Resolution erkennt aus- drücklich an, daß die Bundesratsverordnung nicht genügt.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und jetzt kommt das Zentrum mit einer Resolution, in der eine Denkschrift über die Wirlungen der Bundesratsverordnung gefordert wird. DaS bedeutet einfach eine Verschleppung. wenn die Resolution dann auch werter eine Erweittrung dieser Verordnung im Sinne des Reichstagsbeschlusses fordert. Eine so allgemein gehaltene Forderung hat keinen Wert und Erhebungen sind wirklich nicht mehr nötig, denn amtliches, unanfechtbares Material über die Lage der Großindustriearbeiter liegt ge- nügend vor. Wir bitten daher den Reichstag dringend, unserer Resolution und den in ihr enthaltenen, wahrlich außerordentlich bescheidenen Forderungen zuzustimmen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wenn der Reichstag auch nur eine Spur von Interesse und Empfindung für diese Arbeiter hat, muß er unseren Antrag annehmen.(Erneute Zustimmung bei den So» zialdemokraten.) Wir beantragen ferner eine Resolutton. in der der Reichs- kanzler aufgefordert wird, baldigst einen Gesetzentwurf über die Verhältnisse der Pensionskassen in den industriellen Werken vorzulegen. Unsere Resolution verlangt eine einheitliche R e g e l u n g für das ganze Reich. Wie nötig es ist. in die Ver- Hältnisse oder, besser gesagt, in die Mißstände der Werkkassen hinein- zuleuchten. ist hier pft und von verschiedenen Seiten dargelegt worden. Wir erleben es aber nur zu oft, daß unsere Resolutionen von den B e h r e n s u. C 0 m p. abgelehnt werden, die dann ähnliche Resolutionen beantragen und zur Annahme bringen, nur um draußen im Lande zu erzählen, daß die Sozialdemokraten keine positive Politik betreiben. Es ist dringend notwendig, daß durch die Reichsgesetzgebung der geradezu himmelschreiende Zustand beseitigt wird, daß Arbeiter, nachdxm sie ihr Leben lang an Kassen gezahlt haben, nachher aller Ansprüche beraubt werden. Neulich hat sich erst wieder ein außerordentlich krasser Fall in den Duisburger Spinnwerken zugetragen. Ich bitte also dringend um Annahme auch dieser unserer Resolution.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Noch eine Sache muß ich hier zur Sprache bringen. Wie oft wird hier gezetert über den sozialdemokratischen„Terroriömus". Wieviele Worte werden gemacht über angeblichen Terrorismus, der sich oftmals nachher als bloße Notwehr herausstellt. Llber wie steht es auf der anderen Seite? In Oberschlesien wird mit allen, Mitteln versucht, die Arbeiter wie die Steiger aus ihren Organisa- tionen heraus- und in dir gelben Vereine, sowie in die Krieger. vereine hineinzubringen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Mit Drohungen wird dabei nicht gespart, ebensowenig mit der Vrotlosmachung hartnäckiger Elemente.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Mit solchen Mitteln erreicht man nichts weiter, als daß man Heuchler heranzieht.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Die Wähler werden über diesen Terrorismus der Unternehmer und der Behörden c&Mo feig Quittung ausM rungen zu bestehen und auf Durchführung des BergarbciterschutzeS, den(zum Zentrum) Sie ja selbst verlangen. Ihr Vorgehen be. deutet nur eine Verschleppung des wirklichen BergarbeiterschutzeS; wenn Sie diesen fördern wollen, ziehen� Sie am besten Ihre Reso lution zurück.(Sehr richtigl bei den Sozialdemokraten.)— Herr v. G a m p behauptete bezüglich des Unglücks bei Dortmund, die gerichtliche Verhandlung habe erwiesen, datz Bergarbeiter selbst die Sichcrheitslampen beschädigt haben. Er hat verschwiegen, datz zahlreiche Zeugen dasGegenteilbes chw oren haben, und wir glauben diesen letzteren Zeugenaussagen, und das um so mehr, als die Arbeiter absolut kein Interesse haben und haben können, d:e Sicherheitslampen zu beschädigen.(Sehr richtigl bei den Sozialdemokraten.)— Wenn man die Löhne der Bergarbeiter in Betracht zieht, darf man nicht übersehen, wie enorm die Ueber schüsse in dieser Industrie gestiegen sind. Damit schliefet die Diskussion. Persönlich bemerkt Abg. Gräfe(Wirtsch. Vg.): Keine Behauptung, datz die Sozialdemokratie den Arbeitern daS Bröl verteuert, entspricht meiner Ueberz-ugung.(Schallende Heiterkeit links.) Die beiden Resolutionen Albrecht«Soz.) werden abge lehnt, die Resolution GieSbertS wird angenommen. Beim Kapitel„Zur Hebung des Kaliabsatzes" begründet Abg. Dr. Arendt(Rp.) einen von allen Parteien gestellten Antrag, den für die Propaganda in den Kolonien bestimmten Be trag von 100 000 M. auf 200 000 M. zu erhöhen. Ter Antrag wird angenommen. Beim Kapitel.Kanalamt" befürwortete Abg. W-mmclSdirff(natl.) einen Antrag auf Einsehung einer Kommission, um zu prüfen, wie der von Pctersen-Möhlhardt pro» jektierte Eckernförder Kanal am besten zu fördern sei. Ministerialdirektor v. JonquiereS bittet, hiervon abzusehen; dem Reich würden dadurch erhebliche Kosten erwachsen. Der Antrag wird abgelehnt. Beim Kapitel.Aufsichtsamt für Privatversicherung" polemi. fiert Abg. Dr. Stresemann(natl.) gegen den Abg. Dr. Rösicke, der in der zweiten Lesung ganz unhaltbare AuSführun- gen über den ProduktionSwert der landwirkschaftlichen und in- dustriellen Produktion gemacht hat. Abg. Dr. Rösicke(k.) hält seine Ausführungen aufrecht; die Ausführungen Strescmanns beruhten auf irrtümlichen rechnerischen Grundlagen. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Wenn eine ProduktionSstatijtik veranstaltet werden soll, so möge die Regierung sie ja nicht nach den Anweisungen deS Bundes der Liuidwirte machen? sonst würde wohl das Ergebnis heraus- kommet datz die 56 Proz. der Bevölkerung, die von Handel, Ge- werbe und Industrie leben, überhaupt keine Bedeutung für den ProduktionSwert haben. Herr Dr. Rösicke täte gut, ein. mal ein nationalökonomisches Werk zu studieren, um zu lernen, datz wertbildend vor allem die menschliche Ar- beit ist; dann könnte er nicht so ungeheuerliche Sätze aussprechen, wie den, datz z. B. das �TranSportgewerbe überhaupt nicht wertbildend sei. Seinen Berechnungen liegt zugrunde die Anschauung, datz nur landwirtschaftliche Arbeit wertbildend sei, und deshalb können sie vor einer ernsthasten Kritik nicht bestehen. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemolraten.) Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Gothein(Bp.), Dr. Rösicke(k.), Molkenbuhr(Soz.), Dr. Strese» mann(natl.) wird die Diskussion geschlossen und der Etat be- willigt. solutionen des Zentrums und der Polen auf Aufhebung �des Sprachenparagraphen und die freisinnige R e- solution auf sinngemätze Handhabung des Per einsgesehes werden angenommen. Hierauf vertagte das Haus die Fortsetzung der dritten Lesung des Etats auf Dienstag 10 Uhr. Schlutz 9 Uhr. 19. Gtneralversamllllttng des Ieutralottbandes der Ilmmercr Deutschlands. Der Zimmererverband hält im Volkshause in Leipzig seine ordentliche Generalversammlung ab. Der Geschäftsbericht des BirstandeS gibt neben anderem eine interessante und sehr ausführliche Darstellung über die Ursachen und den Verlauf der grossen neunwöchigen BauarbeiterauS» sperrung, die im vorigen Jahre vom organisierten Bauunter. nehmertum in allen Teilen Deutschlands in Szene gesetzt wurde. An dieser Aussperrung war der Zimmererverband mit 25 873 Mit- gliedern beteiligt und die Kosten für ihn beliefen sich auf die enorme Summe von 1 706 833 M. Das Ta rifvertragswesen hat auch für das Zimmerer- gewerbe eine immer grössere Bedeutung bekommen. Es waren am Ende des Jahres 1910 417 solcher Verträge für den Verband in Wirksamkeit, und zwar als eine Vereinbarung für einen Ort oder für mehrere Orte, die zusammen ein einheitliches Wirtschaftsgebiet bilden. In dieser Form, sagt der Vorstand, komme der Tarifvertrag seinem Zweck am nächsten. Aber der Vorstand wendet sich scharf gegen die Bestrebungen, den bisherigen fast rein örtlichen Charakter der Tarife abzuschaffen und statt dessen einen über das ganze Ver. bandSgebiet sich erstreckenden Reichs tat if einzuführen. Er führt aus. datz das Unternehmertum damit nur die Absicht verfolgt, den Tarifvertrag aus einem Instrument zur Hebung der Arbeiter- läge umzugestalten zu einer Fessel für die gewerkschaftliche Or< Er empfiehlt deshalb der an dem bisherigen Stand- . e Tarifvertrag die Grundlage von Vereinbarungen über Lohn- und Arbeitsbedingungen bleiben und alle Bestrebungen der Unternehmer auf Zentralisierung der Tarifverträge entschieden bekämpft werden müssen. Bemerkenswert ist auch die Feststellung, datz in den Zahlstellen, wo der von den Unternehmern brutal vom Zaun gebrochene Kampf am heftigsten tobte, die Mitgliederzahl nicht zurückgegangen, sondern noch gestiegen ist. Insgesamt ist in den letzten zwei Jahren die Mitgliederzahl von 49 296 auf 56 969 hinaufgegangen. Eine Steigerung, die ausschliesslich auf das letzte Jahr entfällt, da die Mitgliederzahl im Jcchre 1909 noch um 75 zurückging. An dem Vorwärtsschreiten der freien Zentralgewerkschaften, die im Jahre 1910 die Zahl ihrer Mitglieder um mehr als 200 000 steigerten. ist also auch der Zimmererverband tüchtig beteiligt gewesen. Er besatz am Schlüsse des Jahres 1910 718 Zahlstellen; unter den neugewonnenen Mitgliedern befanden sich 102 Uebergetretene aus dem christlichen Bauarbeiterverband. Abgesehen von der grossen Aussperrung hat der Verband noch eine Unmenge weiterer Lohnbewegungen in der Berichts- zeit geführt. Alles in allem 877 mit 65 481 Beteiligten. Davon führten 660 zu Streiks, woran sich 36 041 Mitglieder beteiligten. Für sämtliche Kämpfe zusammen brachte der Verband die grosse Summe von 2 178 736 SR, auf. Es würde zu weit führen, aus dem reichen Material hier die Wirkungen dieser Kämpfe im einzelnen zu besprechen, wir heben nur hervor, datz sie sich vielfach weit über die Zahlstellenorte hinaus erstrecken. Die folgende Tabelle illustriert die Höhe der Löhne und die Dauer der S om m er arb e i tsz e i ten, wie sie in den beiden letzten Jahren, und zwar jedesmal am Schlüsse des dritten Quartals, als für die Zimmerer üblich ermittelt wurden. Aus dem Kassenbericht heben wir hervor, datz der Ver- band inklusive eines am 31. Dezember 1908 vorhandenen Kassen- bestandes von 1 803 795,38 M. eine Nettoeinnahme hatte von 6 649 383,15 M. Ihr steht eine Nettoausgabe gegenüber von 4 750 013,73 M.. so datz ein Vermögensbestand des Gesamtverbandes verblieb von 1 899 369,32 M.. wovon 1 143 534,03 M. in der Haupt- lasse sich befinden. Unter den Ausgaben heben wir ausser den bereits erwähnten Summen für d'e Lohnkämpfe hervor: 963 553 M. für Arbeits- losen Unterstützung, 10 771 M. für Gematzregelten- unter st ützung, 18 953 M. für Rechtsschutz, 2180 M. für Bau« r bei t er schu tz, 45275 M. für Reiseunter- st ü h u n g. 3467 M. für verbranntes Werkzeug. Die Leistung pro Kopf der Mitglieder für den Verband betrug 1909 im Durchschnitt 32,72 M.. 1910 dagegen, hauptsächlich infolge der Extrabeiträge für die Ausgesperrten. 59,13 M. Ein Beweis. datz das Wort Solidarität im Verbände kein leerer Schall ist. Ueberhaupt kann ein Verband, der ein halbes Jahr nach dem der» zweifelte» Versuch des Unternehmertums, die Kassen der ihm cnt- gegenstehcnden Getverkschaften auszupumpen, in seiner Hauptkasse ein Vermögen von 1 143 354 M. aufweisen kann, mit der Sicherheit rechnen, datz er durch den Willen seiner Mitglieder auch für die Zukunft in der Lage sein wird, ähnliche Episoden siegreich zu über- stehen. Wir wünschen ihm, datz der Leipziger Verbandstag neue Waffen schmiedet zu ähnlichen, vielleicht noch grösseren Kämpfen. mit denen di« Arbeiterschaft in der Zukunft sicher wird rechnen müssen._ Marktpreise von verlin am l. April ISll. nach Snntttelung dcS Könialichen Polizeipräsidiums. Martthallenpreise.(Kleinbandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00— 50,00. Speiscbohnen, weiße 30.00—50,00. Linsen 20,00—60,00. Kartoffeln 5,00—9,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,30. Rindfleisch. Bauchfleisch 1,20 bi» 1,80. Lchweinefl-isch ILO— 1.90. Kalbfleisch 1,20—2,40. Hammelfleisch 1,40—2,20. Butter 2,20�-3,00. 60 Stück Eier 3,00-4.40. 1 Kilogramm Karpsen ILO— 2,40, Aale 1.60—3,00. Zander 1.50—3,60. Hechte 1.30 dt» 2.80. Barsche 0.80—2.00. Schleie 1.40—3,40. Bleie 0,30—1,60. 60 Stück Krebse 4,00-28,00._ iÄttterungsuderNN» vom 3. April 1911. Ii * 5 c— »e I Zwwemd» 749 ARB damdura 753 NNW verlin 751 S» jJrnnfl.aW 755 NW München"55 W Wien>753 OSO Wette» 3 bedeckt 4 Schnee 4 bedeckt 2 bedeckt 4 Regen 1 halb bd. MB -1! «tattonen h II Haparando 756RNO Peler-biirg 744 Still Seilt)! 765 NNO flbcrdecjj 769 NNW Parr» 761 N »et»« i! sf* Ha t 4 wölken!—12 Schnee 2 bedeckt 4 halb bd. 4 bedeckt I Tie Resolution Graf Kanitz(k.) auf Beschränkung Wetterprognose tnr Dienstag, den 1. April 1911. Zeitwelse ausllarend, aber kühl und unbeständig mit eüizelnen Regen-, Schnee- oder Graupelschauern und ziemlich starken nordwestliche» Würden. erliner Witterbureau. WaeMMederMmlo des S. Kerl. Reiehstags-Waiilkreises. Am 1. April verstarb unser Genosse, der Arbeiter Xlex �osctisck Antwerpener Str. 3. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 5. April, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Leichen- balle des städtischen Friedhoses, Müllersttaße Ecke Seestraßc, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht De»- Toratand. Sdngerchor Wedding. Den SangeSbrüdern zur Nach- richt, datz unser Mitglied Xlex Roschack am Sonnabend verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, nachmittags 4'/, Uhr, aus dem städtischen Friedhos See- ftraße. Ecke Müllerstratze, statt. Die SangeSbrüder wessen flch um S'L Uhr bei Gladow, Lieben- walderstratze 42. Um rege Beteiligung ersucht 1087b Der Vorstand. OeMer Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todcs-Anzclgcn. Den Kollegen zur Nachricht. datz unser Mitglied, der Schmied Karl Röhr am 1. d. M. an Herzleiden ge- starben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am DienStag, den 4. April cr.. nach- mittag« 4 Uhr, von der Leichen- balle des HeilandS-KichhoseS w Plötzensee, aus statt. Den Kollege» zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Metall- arbeitcr Älezander Rosebak am L April an Lungenleidcu gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 5. April, nach- mittags 4'/. Uhr, von der Leichen- Halle dcS städtischen 1 Friedhoses in der Seestratze, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 114/17 Die Orlsverwaltung. Zentral-Verband der Lederarbeiter. Filiale Berlin I. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Handschuh- mache» kttdiard Walter am 31. März gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Mitt- wock, den 5. April, nachmittags 5 Uhr. von der Halle de« Golgatha- Kirchhofe«, variu«ftratze. au« ftalt. Um rege Beteiligung ersucht 144/7 Der Borstand. Am 1. April, mittag«'/.IL Uhr, verichied sanst nach längerem Leiden mein guter Mann, unser lieber Bater, Bruder und Schwager, der Putzer Widert Lindow. Die« zeigt tiesbetrübt im Namen der Hinterbliebenen an Emma Lindow. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 4. April, nach- mittag« 5 Uhr. von der Leichen- halle de«� Gcmeinde-Friedhose« in Nieder-Schönhausen, Buchhoizcr Strahe, aus statt. i069b SozialdemMseiier WahlTerein Bezirk Mahlsdorf. Den Parteigenossen und Be> nossinnen machen wir bit.tr ourige Mitteilung, daß die Frau unseres Genossen Karl Schmidt verstorben ist. 888/8 Die Beerdigung findet am Dienstag, den 4. d. Mts., nach- mittags 5>/, Uhr, vom Trauer- Hause, Bahnhosstr.ls au» statt. Um recht zahlreiche Beteiligung ersucht Die Bezirksleitung. ZeHiddemokradseberVMenln| für Seböneberg. Bezirk 2. Am 31. März verstarb nach langen Leiden unser Mitglied, der Sattler Robert Raulenberg im Alter von 46 Jahren.- Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 5. April, nach- mittags 5 Uhr. von der Leichen- Halle dcS neuen Schöneberger Friedhoses, Südostgelände(Blaute Hölle), aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 15/10 Ter Borstand. Mitglieder de« Gesangvereins .Schöneberger Männerchor- wessen sich beim Gastw. Fintel, Stratze 12», ',.5 Uhr. Deutseber Boizarbeiter- Verband Bezirk Blxdorf. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Boden- leger Gustav Simund am 1 April verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am DienStag. nachmittag» 4'/, Uhr, von der Leichenhalle de« neuen Jakobi-Kirchhose«, Hermannstratze aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 81/11 Tie OrtSverwaltung. Verband der Sallier und Portefeuiller. Ortsverwaltung Berlin. Den Kollegen hiermit zur Nach- richt, datz unser Mitglied, der Mililäftattler Robert Ranlenberg verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 5. d. Mi«., nachmittag« 5 Uhr, von der Leichen- balle de« Neuen Schöneberger KirchhoseS(Blanke Hölle) au» statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 156/14 Die Ortsvernialtung. Deutsdier BanarbeiterreM Zweigverein Berlin. Sektion der Putzer. Unteren sowie den Mitgliedern des Gesangvereins zur Nachricht. datz da» Mitglied über! Lindow am I.April nach langem, schwerem Leiden im Aller von 39 Jahren verstorben ist. 137/17 Ehre seine« Andenke«! Die Beerdigung findet heute DienZtagnachmiltag 4 Uhr von der Leichenhalle de» Gemeinde. Kirchhose» in Nieder-Schönhausen. «uchholzer Strotze, au» statt. Um rege Beteiligung ersucht Tie örtl. B, rwaltung. 5 teppdecken Spezialhaus Emil Lettre Berlin, Oranienslr. 158 Höchste| eislungstahigkeit durch Selbstfabrikation aller bosseren Qualitäten. Steppd.» 2.50, 4. 6, bis 250 M. Schlafdecken ä 3. 4. 10 bis 50 Echt. Kameelhaar i 10 bis 36 Spezialkalaloo Ku? gratis u. franko. bt» Zwischenhandels mit Lebensmitteln, die Re. Verantwortlicher Redakteur: Slhrrl Vachs, Berlin. Kür de» Jnferatcoteil verantw.: Tb- Glocke, Berlin. Drucku-Verlag; Vorwärts Kvchdruckerei u. verlagKanktäl?m«U Singer u.s«ä, Lcrlin S� Dr. Simmel Spezlal-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Äp™*. 10—2, 5—7. Sonntag8 10—12. 2— 4 Stoffe . d. Brügghen: Der Gesetzentwurf tvill vor allem klares Recht schaffen auf dem Gebiet der Straßen- reinigungspflicht, das jetzt so sehr umstritten ist. Er vermeidet es, die Stratzenreinigungspflicht dort einzuführen, wo sie bisher noch nicht bestand. Zahlreiche Hausbesitzervereine haben sich gegen den Gesetzentwurf erklärt. Sie wollen die Reinigungspflicht möglichst auf die Gemeinden übertragen wissen. Die Regierung hat sich aber auf den Standpunkt gestellt, daß die Straßenreinigung in vielen Fällen besser, zweckmäßiger und billiger durch die Hausbesitzer er- folgt. In den Selbstverwaltungskörpern haben die Hausbesitzer auch so großen Einfluß, daß sie nicht durch die Gemeindebehörden übermäßig belastet werden können. Abg. Braemer(k.) begründet einen Antrag auf Ueberweisung der Vorlage an die Gemeindekommission und bemängelt Einzel- heiten der Vorlage. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.); Bedenklich scheint mir in dem Entwurf die Rücksichtnahme auf die Observanz. Der Zweck des Gesetzes ist doch, die bestehenden Un- klarheiten zu beseitigen. Diese Absicht wird aber durchkreuzt, wenn man die Observanzen bestehen läßt. Das Gesetz sollte ferner eine Bestimmung enthalten, wonach die Gemeinde nicht berechtigt ist, ihre Wegereinigungspflicht einfach auf die Adjazenten abzw wälzen. Wenn auch die Adjazenten zur Reinigung der Straßen herangezogen werden, so muß die Gemeinde doch immer die Reini- gungspflicht behalten. Es muß auch verhindert werden, daß alle Einzelheiten der Reinigungsverpflichtung durch Ortsstatut bestimmt werden. Das könnte leicht zu Schikanen führen. Im Z 10 wird für alle Streitigkeiten über die Reinigungsverpflichtung das Ver- waltungsstreitverfahren als zuständig erklärt. Es ist charakteristisch für preußische Verhältnisse, daß allenthalben nach Möglichkeit das Verwaltungsstreitversahren gefördert und das ordentliche Gericht ausgeschaltet wird. Ein schönes Vertrauensvotum für das ordentliche Gerichtsverfahren, das die Rechtssicher- heit garantieren soll.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Beim § 7 des Entwurfs wird den Agrariern wieder ein kleiner Extraprofit dadurch gesichert, daß den Gutsbesitzern das Recht gegeben wird, einfach den Adjazenten die Reinigungspflicht aufzu- erlegen. Man kann in Preußen hinsehen, wo man will, überall sieht man die eifrigste Tätigkeit zur Förderung der Interessen der Agrarier. Gegenüber diesem agrarischen Zielbewußtsein ist das sozialdemokratische Zielbewußtsein nicht konkurrenzfähig. Es ist bedauerlich, daß auch diesem Gesetz durch den§ 7 ein ausgeprägt agrarisch-politifcher Charakter aufgeprägt wird.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Auch die Abgg. Linz(Z.), Ecker-Winsen(natl.), v. Binin(k.) und Peltasohn(Vp.) bemängeln verschiedene Einzelheiten der Vor- läge. Die Vorlage tvirö der Wemeindekommission üder- Siefen. ES folgt die erste und zweite Beratung des Gesetzentwurfs de- treffend die Losgesellschaften, die Veräußerung von Inhaber- papieren mit Prämien und den Handel mit Lotterielosen. Finanzminister Lentze: Ter Gesetzentwurf will das Publikum schützen vor dem unreellen Losehandel, der bisher durch das Reichs- gesetz noch nicht getroffen werden kann. Es will diejenigen treffen, die daS Publikum dazu verleiten, erhebliche Aufwendungen zu machen für Lose, die nur geringe Gewinnchancen bieten. Besonders die sogenannten Prämien- und Serienlose richten viel Unheil an, und dem will das Gesetz entgegentreten.> Abg. Dr. Frhr. v»n Erffa(kons.) ist mit der Grundtendenz d«S Gesetzes einverstanden und beantragt Verweisung des Entwurfes an die verstärkte Justizkommission. Abg. Reinhard(Z.) ist gleichfalls mit dem Prinzip deS Gesetzes einverstanden, äußert aber Bedenken, daß daS Gesetz in einzelnen Bestimmungen nicht im Einklang mit dem Reichsgesetze steht. Abg. BoiSltz(natl.) wünscht ein möglichst engmaschiges Gesetz, wenngleich zu fürchten sei, daß die LoSschwindler doch immer noch jhre Opfer finden würden. Abg. Peltasihn(Vp.): Die Bekämpfung der Spielsucht haben wir immer verlangt, der Staat fördert sie aber leider selbst durch seine Lotterie und den Totalisator. Die Materie dieses Gesetzes ist eigentlich der Reichsgesetzgebung überlassen. Ein Reichsgesetz würde die Mißstände auch viel besser beseitigen können. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.) 5 Wir sehen hier wieder die Sucht, immer neue Strafgesetze zu erlassen. Gewiß mutz der Schwindel verfolgt werden,� aber die heutigen Gesetze reichen aus. Alles kann man nicht kriminell er- fassen. Ich weiß nicht, ob man, wie§ 1 will, die Gründung zivil- rechtlich zulässiger Gesellschaften verfolgen und verbieten darf. Der Gesichtspunkt der unreellen Gesellschaften ist nicht in daS Gesetz hineingekommen. DaS Reichsrecht nimmt bei Rückfall an, daß die Strafe wirkungslos gewesen ist: sehr bedenklich ist h i e r die Fassung des Rückfallparagraphen. Im Z S wird jede kleine Ordnungswidrig- keit kriminell geahndet und Z 10 widerspricht geradezu dem Reichs strafrecht, da er den Begriff der fortgesetzten Handlung trotz dem einmal gefaßten, einheitlich durchgeführten Vorsatz ausschließt. Aus dem allgemeinen Teil des Reichsstrafgesetz. buchs ergibt sich klar die Definition der fortgesetzten Handlung. Durch einzelstaatliches Gesetz will man die Möglichkeit viel höherer Strafe erlangen, als sie das Reichsgesetz vorsieht. Man will nicht nur me Ausbeutung der Spiclsucht verhindern, sondern der Fis- kaliSmus will dem Staat ein Monopol auf die Ausbeutung der Spielsucht flchern. Ein Staat, der den Totalisator hat, hat kein Recht, sich moralisch über Ausbeutung der Spielsucht zu entrüsten und eben- sowenig daS Finanzministerium, das sich besonders inS Zeug legt und das doch den staatlichen Spielunternehmungen vorsteht(Bravo! bei den Sozialdemokraten). Nachdem Abg. Dr. Grunenberg(Z.) gewünscht hatte, daß man den Gcneralunternehmern den Losvertrieb zu einem gewissen Zu- schlagssatz gestatte, wird die Vorlage der Justizkommission über- 161 ES folgt die Uebersicht über die Verhandlungen des Gesamt- wasserstraßenbetrats. Mg. Leinert(Soz.): Wir begrüßen die Einführung des S ch l e p p m o n o p o l S. ob- gleich wir keine Lust haben, dieser Regierung noch mehr Arbeiter zu unterstellen. Wir hoffen aber doch, daß Preußen aus einem un- freien zu einem Kulturstaat werden wird! Gleich dem Minister er- kennen auch wir einen Entschädigungsanspruch der jetzigen«chlepp- Unternehmer nicht an, aber waS ist die für den Ankauf ihrer Schiffe festgesetzte nur öprozentige Abschreibung vom Anschaffungspreise anderes, als eine sehr erhebliche Entschädigung!(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir sind entschieden dagegen, dag die Unternehmer durch daS Schleppmonopol ein solches Geschäft machen. Dagegen erklärt die Regierung, auf die Arbeiter, die nicht übernommen würden, brauche der St aat keine Rücksicht zunehmen. Wir fordern unbedingt �ine dem Lohn entsprechende Entschädigung.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Bei der Reichsfinanzreform haben auch die Unternehmer Liebesgaben be- kommen, wahrend man unsere Anträge auf Unterstützung der Ar- beiter abgelehnt bat. Den Beamten aber erkennt man eine Schad- losHaltung zu! Nicht nur die Billigkeit, sondern b«» n st a» fe erfordern Unterstützung der entlassenen Arbeiter. Wir protestieren gegen das hierbei befolgte, geradezu den guten Sitten wider- sprechende Verfahren und werden von der Entscheidung über diese Frage unsere Zustimmung zur Einführung des Schleppmonopols abhängig machen. Bezeichnend ist, daß die Arbeiterannahme nach einer Verordnung von 1846 geregelt ist. Die Anstellung und Ent- lassung von Arbeitern bei dem Kanalbau in Hannover geschieht in sehr wenig anständiger Art. Das Essen der Arbeiter wird von den Beamten nicht in den Eßräumen der Arbeiter kontrolliert, sondern in einem Restaurant für Beamte und Fremde. Da bekommen die kontrollierenden Beamten natürlich gar nicht das Essen der Arbeiter vorgesetzt. Manchmal m e l d e t sich sogar die Kontrolle vorher. Im Widerspruch zu§ 8 der Verordnung von 1846 werden die Arbeiter über den zu erwartenden Lohn im Dunkeln gelassen. Diese einzige, nicht schikanöse Bestimmung der Verordnung wird nicht beachtet, die anderen um so mehr.(Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Es existiert bei den Kanal- arbeitern durch die Polizei ein S p i tz e l s y st e m. Wenn sich herausstellt, daß ein Arbeiter sozialdemokratisch oder g e- werkschaftlich organisiert ist, so verlangt die Polizei die Entlassung. Oft genug bekommen die auf diese Weise Entlassenen nicht ein- mal ihren Lohn rechtzeitig ausgezahlt. Es ist so, daß alle Bestim- mungen, die gegen die Arbeiter sprechen, durchgeführt werden, nicht aber die für die Arbeiter. Bedenklich scheint mir die Rücksichtnahme auf die angebliche Leutenot in der Landwirtschaft, die darin zum Ausdruck kommt, daß man landwirtschaftliche Arbeiter möglichst fernhalten und vor allem ausländische Arbeiter heranziehen will. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Heranziehung aus- ländischer Arbeiter soll also erleichtert werden, obwohl Hunderte von deutschen Arbeitern» die sich zum Kanalbau gemeldet haben, keine Arbeit erhalten haben. Gegen dieses Verfahren erheben wir Einspruch.(Beifall bei den Sozraldemokraten.) Die Herren von der Rechten sollten doch auch hier„patriotisch" handeln und ver- langen, daß für Arbeiten des preußischen Staates in erster Linie preußische Arbeiter herangezogen werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Stadt Hannover kann man nicht zu- muten, die Kosten für einen Hafen aufzubringen, der für die Stadt gar kein Interesse hat. Loyal hat der Staat nicht gegen die Stadt Hannover gehandelt. Wir wünschen nur, daß die Entschiedenheit, die die Stadt Hannover bisher dem Minister gegen- über bewiesen hat, beibehalten wird. Es ist übrigens interessant: der frühere Minister sagte: gebaut wird er doch, und der jetzige Minister wird von den Konservativen gezwungen, den Antikanaleid zu leiste«.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Er muß den Eid leisten, daß ihm auch nicht entfernt der Gedanke gekommen sei an eine Verlängerung des Kanals. Dieser Antikanaleid befähigt den Minister, von den Konservativen als Minister für das Ver- kehrswesen bezeichnet zu werden. Er muß aber dadurch notge- drungen als Minister gegen das Verkehrswesen wirken.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Unterstaatssekretär v. CoelS von der Brsigghen: Der Vorredner übersieht, daß die Allerhöchste Verordnung von 1346 ständig in An- Wendung gewesen ist. Sie ist eine erstklassige Verordnung. Wenn der Vorredner behauptet, daß einheimische Arbeiter zurückgewiesen worden sind zugunsten ausländischer Arbeiter, so sieht die Regierung der Mitteilung von Einzelfällen entgegen. Wir werden diese Fälle genau untersuchen. Abg. Leinert(Soz.): Ich stelle nur fest, daß die Regierung eine Verordnung von 1846 heute im Jahre löll als erstklassige für die Arbeiter bezeichnet. DaS kennzeichnet den Standpunkt, den die Re gierung den Arbeitern gegenüber einnimmt. Die Uebersicht wird zur Kenntnis genommen. Es folgt die Uebersicht über die Verteilung der nach§ 63 des Lehrerbesoldungsgesetzes zur Gewährung von Ergän- zungszuschüssen an Schulverbände mit 26 oder weniger Schulstellen bereitgestellten Mitteln. Abg. Hintzmann(natl.) wünscht, daß im nächsten Jahre eine dem Gesetz entsprechende vollständige Uebersicht vorgelegt werde. Ein Regierungskommissar stellt eine solche schon für die laufende Tagung in Aussicht. Die Uebersicht wird zur Kenntnis genommen. Es folgen Petitionen. lleber eine Petition des ProvinzialvereinS rheinischer und West fälischer Volksschullehrerinnen in Schwelm um Gleichlegung ver Ferien der Volksschulen mit denen der höhe- ren Schulen, beantragt die Kommission Uebergang zur Tagesordnung. Abg. DeliuS(Vp.) beantragt, Ueberweisung der Petition zur Berücksichtigung. Abg. Hoffmann(Soz.): Dem Vorredner schließe ich mich an. WaS die Ferien für die armen, in den Mietskasernen zusammen gedrängten, auf der Straße spielenden Großstadtkinder bedeuten, brauche ich nicht auszuführen. Leider läßt es das Eisenbahnministe rium an jeder Förderung von Schülerausflügen von Berlin aufS Land fehlen. Abg. Hintzmann(natl.) tritt für den Antrag der Kommission ein. Abg. Dr. Schcpp(Vp.) wendet sich gegen Ausführungen des Regierungsvertreters in der Kommission und wünscht mit dem Abg. Hoffmanv, daß die Eisenbahnverwaltung den Bestrebungen, die Kinder ins Freie hinauSzubringen, mehr entgegenkommen möge. Der Antrag DeliuS wird abgelehnt, der KommissionS antrag angenommen. Ueber Petitionen von Direktoren, Rektoren Oberlehrern, Lehrern u. a. gegen die Verstärkung des weiblichen Einflusses im Mädchenschulwesen und gegen die Zulassung der weiblichen Leitung öffentlicher M ä d chenschulen beantragt die Kommission, zur Tagesord- nungüberzugehen und hierdurch die Petition deS Landesver eins Preußischer Volksschullehrerinnen in Berlin um Ablehnung dieser Petitionen für erledigt zu erklären. Abg. Leinert(Soz.)z Ich kann dem Antrag der Kommission nur zustimmen. Die Ucberhebung und Arroganz, die in der Petition der Oberlehrer zum Ausdruck kommt, mutz aber entschieden niedriger gehängt werden Es wird da gesagt, die Lehrerinnen könnten im Verkehr mit dem� Publikum nicht die nötige rücksichtslose Schärfe aufbringen, wie ein Mann; ferner wird er- klärt, ein Mann, der unter der Leitung einer weiblichen Person stehe, werde dadurch in der öffentlichen Meinung herabgesetzt. Da> bei haben wir sogar weibliche Monarchen. Durch diese Petl tion haben sich allerdings ihre Unterzeichner selbst in der öffent lichen Meinung herabgesetzt und erwiesen, daß sie zur Erziehung der weiblichen Jugend höchst ungeeignet sind. Schließlich erklaren die Petenten, es würde durch die weibliche Schulleitung die»schwere politische Gefahr" heraufbeschworen, daß daS weibliche Element überhaupt die soziale und politische Gleichberechtigung mit all ihren.verderblichen Folgen" erlangen könnte. Diese.gelehrten Herren" scheinen gar nicht zu wissen, daß in skandinavischen Ländern die politische Gleichberechtigung der Frau schon durchgeführt ist und durchaus segensreich gewirkt hat Ich wollte die Arroganz dieser Petition nur in aller Ocffentlichkeit brandmarken und begrüße es um so mehr, daß die Gegenpctition der Lehrerinnen von so vielen Männern der Schule unterstützt . worden ist, die damit von jenen Rückjchrittlern abgerückt sind.(Beil 1 fall bei fecg Sozialdemokraten� Der Kommissionsantrag auf Ueberganz zur Tagesordnung wird angenommen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Der Präsident von K r ö ch e r schlägt für die nächste Sitzung am Mittwoch die Tages- ordnung vor: 1. Bericht der Wahlprüfungskommission über das Mandat des Abg. Ehlern. 2. Bericht der Geschäftsordnungskom- Mission über den schleunigen Antrag Borgmann(Soz.) und Gen. betreffend die Disziplinarstrafverfolgung des Abg. Dr. Liebknecht. Abg. Hoffmann(Soz.) bittet, den zweiten Punkt, betreffend die Strafverfolgung des Abg. Dr. Liebknecht, von der Tagesordnung abzusetzen, da der mit dieser Angelegenheit betraute Abg. Hirsch durch dringliche Geschäfte am Erscheinen verhindert sei. Bei der Abstimmung wird die Absetzung des Punktes 2 nach dem Antrag des Abg. Hoffmann gegen die Stimmen der Konser- vativen beschlossen. Schluß 4)4 Uhr. Nächste Sitzung Mittwoch, 11 Uhr.(Bericht der Wahlprüfungs- kommission, Petitionen.)_ Versammlungen. Verband der Maler, Lackierer, Anstreicher nsn». In der Mit- gliederversammlung der Filiale Berlin, die am Donnerstag abend in„Dräsels Festsälen" stattfand, wurde zuerst die Stichwahl über die Delegierten zur Generalversammlung in München vorgenom- men.— Der Vorsitzende Mi etz erläuterte dann den gedruckt vor- liegenden Jahresbericht der Ortsverwaltung. Der Bericht handelt zunächst von dem R e i ch s t a r i f für das Malergewerbe, dessen Durchführung hier ziemlich gut von statten ging, wenn auch einige Unternehmer sich gegen die Erhöhung der Löhne sträubten. Vor allen Dingen aber war es die Leistungsklausel, die für Berlin Schwierigkeiten machte und noch nicht zustande gekommen ist. Der Lohnbewegung in der Küchenmöbelbranche wird besonders Erwähnung getan. Die Bewegung hatte ein befriedi- gendes Ergebnis, indem eine Lohnerhöhung und andere Forderun» en durchgesetzt wurden. In dieser Branche sind in 73 Betrieben 85 Leute beschäftigt, davon sind 236 organisiert(226 im Maler- verband) und 40 nicht organisiert. Im Bericht werden noch 12 Fälle von Differenzen mit den Unternehmern resp. die Beteiligung von Mitgliedern des Verbandes an Streiks und Aussperrungen ange- ührt, die fast immer zur Zufriedenheit der Mitglieder erledigt wurden. Der Kampf des Verbandes um ein Verbot der bleihal» tigen Farben nimmt unter dem Titel„Soziales" einen be- merkenswerten Teil des Berichts ein. Die Bautenkontrolle im Frühjahr 1910 ergab, daß von! 1309 Beschäftigten(auf 217 Bauten) 912 Organisierte waren, davon gehörten 901 zum Malerverband. Die Lohnarbeit war überall vorherrschend, trotzdem die Unternehmer bestrebt waren, die Akkord- arbeit auszudehnen. Die tarifliche Arbeitszeit wurde fast überall «ingehalten. Statistische Erhebungen über die Verhältnisse in den Wagen- fabriken und in den Möbellackierereien werden im Bericht ange- führt, mit Rücksicht auf die in diesen Betrieben beschäftigten Maler und Lackierer. Der Arbeitsnachweis ist im Berichtsjahre stärker in Anspruch genommen als vorher. Es sind Verhandlungen im Gange, um verschiedene gewünschte Verbesserungen in der Benutzung ein- zuführen. Einschreiben ließen sich 10 476 Personen mit Gebühren, 1183 ohne Gebühren; im Vorjahre(1909) 8644 Personen mit Ge- bühren, 1068 ohne Gebühren. Im Jahre 1910 wurden 10 289 Stellen gemeldet und 7218 besetzt; im Jahre 1909 wurden 7047 Stellen gemeldet und 6872 besetzt. Das Ortstarifamt hielt im Laufe des Jahres 7 Sitzungen ab und erledigte eine Reihe von Streitfällen. Gegenstand der Beratung wckr mehrmals die Leiswngsklausel, ohne daß ein Resul- tat erzielt wurde. 15 Versammlungen des Verbandes fanden im Berichts- jähre statt, ferner 20 Vorstandssitzungen, 9 Verwaltungssitzunge» und eine Konferenz. Zur Agitation wurden Bezirksvcersammlungei. veranstaltet. 116 030 Flugblätter und Handzettel gelangten zur Verteilung. Mit Ablauf deS Jahres 1910 sind 10 Jahre verstrichen, seitdem sich die Organisation in größerem Maße am Orte ausge- bildet hat. Am Schlüsse des Jahres 1910 wurden 663 Mitglieder gezählt, 1910 waren es 5977. Dementsprechend sind auch die Kassen- Verhältnisse und die Leistungen des Verbandes gewachsen. Am Schlüsse des Jahres 1900 betrug der Kassenbestand 61,44 M., 1910 betrug er 100812,63 M. Im Jahre 1901 betrugen die gesamten Ausgaben 13 256,32 M., im Jahre 1910 dagegen 125 739,61 M. Aus den Angaben über die Mitgliederbewegung in» Berichtsjahre ist zu ersehen, daß zu dem Bestand von 6879 Mitglie» dern am Schlüsse deS Jahres 1909 ein Zugang von 2693 zu verzeich» nen war, dagegen betrug der Abgang 2695, so daß der Bestand am Schlüsse des Jahres 1910 sich auf 5977 erhöht hatte. Davon zählte die Sektion der Lackierer 674 Mitglieder. Die Krankenunter- stützung wurde an 964 Mitglieder für 20228 Tage gezahlt. Die Unterstützung in Sterbekällen erhielten 21 Frauen mit 45 Kin» dern oder andere Hinterbliebene für 22 Mitglieder. Der Kassenbericht zeigt für die.Hauptkasse in Einnahme und Ausgabe eine Bilanz von 93 927,36 M. Für die Filiale ist eine Einnahme von 133011,69 M., eine Ausgabe von 31812,16 M. gebucht. Insgesamt beträgt die Einnahme 226 562,04 M., die Aus- gäbe 126 739,51 M. Mithin oerbleibt als Bestand die Sunune von 100 812,53 M. An Unterstützungen wurden aus der Hauptkasse gezahlt: für Streiks 408,70 M., Krankenunterstützung 14 794,05 M., Reiseuntcrstützung 302,66 M., Sterbegelder 1920 M., Gemaßregel- tenunterstützung 162,20 M.. Rechtsschutz 104,30 M., Arbeitslosen'- Unterstützung 6246,50 M. Dazu kamen noch Zuschüsse aus der Filialkasse, unter anderem 82 M. zur Unterstützung für Streikende, 164,30 M. für Gemaßregelte. Für die streikenden Bauarbeiter be- willigte die Kasse 2000 M. Die Bibliothek umfaßt(mit den Sammlungen In ent« feinten Bezirken) 1418 Bände, davon wurden 1156 ausgeliehen. Die Sektionsleitung der Lackierer erstattet einen besonderen Bericht, in dem ausgeführt wird, daß die Mitgliederzahl gewachsen ist und daß die Agitation sehr rege war. Die Möbellackierer wollen in nächster Zeit Lohnforderungen stellen. In den Wagenlackiere- reien ist es dagegen noch etwas, schwer, Fuß zu fassen. 502 Mit» glieder wurden am Anfang und 674 am Schlüsse des Berichtsjahres gezählt. Es fanden im Geschäftsjahre 11 Sektionsversammlungen, 13 Bezirksversammlungen, 108 Werkstattversammlungen, 13 Be- triebsversammlungen und 54 Werkstattbesprechungen statt. Zur Regelung der. inneren Geschäfte waren 15 Vorstandssitzungen, 9 Vertrauensmännerkonferenzen und 2 Bezirtsführersitzungen nötig. Eine längere Diskussion entspann sich über den gesamten Bericht, in der mancherlei Kritik geübt wurde, besonders tn bezug auf den Arbeitsnachweis. Einige Redner verurteilten es scharf. daß bei der Vergebung der Arbeiten für den Bau der Konsum- genossenschaft in Lichtenberg die Abmachungen nicht eingehalten wurden, indem man den paritätischen Arbeitsnachweis nicht gebüh- rend berücksichtigte. Ein Redner wünschte, daß die Mitglieder durch Vorträge über den Wert der Verkürzung der Arbeitszeit belehrt würden. Ein Antrag wurde eingebracht, dahinlautend, daß bei Wahlen für Aemter, die der Verband zu vergeben hat, stets ver» langt werde, daß die Kandidaten 5 Jahre gewerkschaftlich und poli- tisch organisiert sind. Dieser Antrag wurde angenommen. Die dann vorgenommenen Wahlen zur Ortsverwaltung ergaben das folgende Resultat: H. Mi etz, Bevollmächtigter, Joh. Plum, Kassierer, M. Stein, Sckniftführer; Klotz und Richter, Bei, sitzer; Stein und Hausen. Revisoren. Nach dem am nächsten Tage festgestellten Resultat der Stich- wählen im ganzen Bezirk Berlin wurden als Delegierte zur Gene, ralversammlung tu München gewählt: Nicolai. Stein. W ey, del. Ma» Theater und Vergnügungen Dienltag, 4. April. Ansang?'/, Uhr. «Snigl. Opernhaus. Samson und Da lila. Köuigl. Tchauspielva«». FlachZ- mann alZ Erzieher. DontlcheS. Faust. II. Teil.(An- sang S Uhr.) Ansang 8 Uhr. Neues(Sit igt. Overn-TSeate«. Der Hcrrgotischniher von Am- mergau. Kammcrspiel». Sumurim. Lcsfiiig. Glaube und Heimat. Neues TctmiiiViellmus. DaZ kleine Schokoladenmädchen. Kleines. Der Leivgardist. Neues Lperetten. Die schöne Risette. Berliner. Bummclstudcnten. Weften. Die lusiigen Nibelungen. ?ieues. Mein erlauchter Abnherr. Kainiichr Oper. Figaro« Hochzei Luftspielhau«. Die grüne Neun«. Drianon. HippvlgleS Abenteuer. Residenz. Ferriond» Ebcköntralt. Thalia. Polnisch« Wirlschast. Schiller et. i»alliier» thealer.) Nathan der Weise. Tchlllee lxharlottenbarg. Sin idealer Gatte. Friedrich- iLilhelmftildtilche». Sine Ehe. BolkSoPer. Die Zauierfiöte.(An- sang 8',. Uhr.) Sülsen. Aus erster Ehe. Moderne«. Cotelette. rln» an- ständige Frau. Rose. An, Rande de« Avgrimde». Herrufcld. Scheidung«> Souper. Bar.Zchlvester. Folie« Eaprice. Soll und Haben. Ein lediger Ehemann.(Ansang SehilIer-Tliea(erB.lSS. Dienstag, abend« 8 Uhr Xathan der Weise. Mittwoch, abend« 8 U b r: Vau vrdUd des larttitC. Donnerstag, abends 8 Uhr Rlaria and Zlasdaleaa. Uhr.) ovl. Hürra— Wir leben Metro oo noch I B-igt. Geschlossen. Kasino. Zwei Wappen. Apollo. Svezialitälcn. Vxiinqe. Spezialitäten. Roact. Die Mlllloneiibraut. Rcichslmlleii.«telliner Sänger. Karl Haderland. SPciialttäten. «»ii'tergarren. Spezialitäten. Kaiser- Panorama. Im Banne de« Vesuv«. Neapel. Vesuv, Lava- selber usw. Französische Rlviera. Walhalla. Bravo I Dacapo l(An- sang S',. Uhr.) Intime«. Nachtarbeit. LiebcZrausch. (Ansang b'.', Uhr.) Weddiug. Sichtspiel«. Urania. Taubcuftrahe 48/4»- AbendS 8 Uhr: Mit dem idron- Prinzen durch Indien. Hirsaal ü Uhr: Prosessor Dr. B. Donath i Welleniehrr und Schall. Sternwarte. InvaNbenstr. 57—82. Zebiller-fdesier"v«??8''' Dienstag, abend« 8 U h r: Ela idealer Oattc. Mittwoch, abend« 8 Uhr! Der Traum ein Leben. Donnerstag, abend« 8 Uhr: Ein idealer«satte. Neues Theater. Täglich: Mein eHler iüeir. _ Anfang 8 Uhr. Berliner Volksoper Bclle.MIanc«streb« 7/8.-',.0 Uhr: Die Zauberflöte. Friedrich-Wilhelinstädtisclies Schauspielhaus. DIenStag, den t. April, 8 vht i Eine Ehe. Mttlwoch: NcvolulionShochzcii. Donnerstag: Eine Ehe. Frettag: Eine Eh«. Sonnabend: 2 X 2»» 5._ Lustspielhaus« Abend« 8 Uhr: Die grüne Neune. Luisen»Tkester. Dienstag, den 4. April, abend« 8 Uhr: Aus erster Ehe. Schauip. in 5 Akt. v. Emst Ritterseldt nach einer Erz�lung von H. Eourts Mittwoch, den 5. April, 8 Uhr: �ins erster litte. M CLOU" BERLIKER KOKZERTHACS Mauerslr. 82 Zlmmerstr. 90-81 Heute I und folgende Tage; Gastspiel des b. k. Hofbftll-Musikdirektors C. M. Zfelirer mit seiner aus 65 Wiener Künstlern bestehenden Kapelle. Anfang 8 Ehr. Eintritt 50 Pf. Uraiila. Wissenschaftliches Theater TaubenstraCa 48/49. Abends 8 Uhr: Dr. O. Bongard: Mit dem deotichtn Krenprinzen durch Indien. Hörsaal 6 Uhr: Professor Dr. B. Donath: Wellenlehre und Schall. Casino-Theater Lothringer Strahe 37. Täglich 8 Uhr; Zwei Wappen. Schwank in 4 Allen v. Oslar Blumen- thal mid Gustav Kadelburg. vorher erstklassiger bunter Teil. SonntaK 3'/, Uhr: tanilie Klinkert. Residenz-Theater, Direktion: Richard Alexander. Ansang 8 Uhr. Fernands Ebekontrakt. Schwant in 3 Akten von George» Fehdeau. In deutscher Bearbeitung von Benno Jacobson. Sonntag, g. April, nachm. 3 Uhr: Poriser Mcn». Morgen und solgend« Tag«: Acrnaud« Ehekontratt. __ Heute:'Piy Di« gesamten grosjen Spczialiätrn. S'/i Uhr: Heinrich Prang in dem Schwant Ein Gemütsmensch. ll8c-7Nc� berliner Tlieater. Abend» 8 Uhr: Bnnin>vist»dent«n. Morgen: Bumnielstudentru. Idester des Westeas. Abend« 8 Uhr: Die lustige» Nibelungen. Sonntag B'l, Uhr: Oa» Puppenwldel. Groye Fraiitiurter Str. 132. kB Rande des Äiipnds. Ans. 8 Uhr Ende 11 Uhr. Mittwoch> Am Rande des Abgrunds. Aletropol-TksAter. Abend« 8 Uhr: Rauchen gestattet. Hnrra I Wir leben noch! Groß« AuSNattimgSrcvue In 7 Bildern v.J. Freund. Musik v. v. Hollaender. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz� Ait-Svabit Donnerstag, den 6. April 1911: Maria Stuart. KaNeneroffn. 7 Uhr. Ans. 8'/, Uhr. Räch der Vorstellung: = Tanz.= Voigt-Theater Gesundbrunnen, Badsiraße 58. Dienstag, den 4. April: Gastspiel in Pnhlmann« DKeater, Schönhauser Allee 143: Ehrenabend sär Han. Knl.pci Der Meineidbauer. Neues Programm! Der sprechende Hund „Don" und weitere 12 Attraktionen 12 U. a: Roda Roda. Rauchen geetattet. Ohne Anzohlnnü Ueten so jedenpaon Möbel auf Kredit bat Zihlaog einer Monetärst« teat V.relnberun««ntt -■■ j— bcqaexnster Abzahlong------------ Komplette Wohnungseinrichtungen sowie elnxeln« Möbalttaeke. PoitUrwaran, t.rbi» Kucii.n, Portiircn, T.ppich», Otrslnm, Ltlh- und Bett' «Sien«, Steppdecken, Betten, Kronen, Klnderwspen etc. In aeodeiweter ANotCfarnng. Ferner MfO&e k. Herren, Deinen, Kinder Fieeont, grdute Auewehl. Woehenrate«. 1 M, t. S. DORN Alte Schönhausepstp. 3, Ecke ünienstr. ■TS" »» ms Abends 8 Uhr: Lina loos mit neuem Repertoir. i?attu 7ranU Truppe Deltmelster d. Atrobotil und das grob« April- VarletS-Frogromm. Walballa-Ibealei'. IsRoseiitb.Tor.) Weinberadw.LV> Allabendlich H'l, Uhr: j Bravo! Da Capo! April-tftnlaaen. Sonntagnachnj. 3'/, Uhr: En.ere l>on Jnaua. Kleine Preise. rünn Dienstag, dcn 4. Apri abends?>/, Uhr Mmbil- Deberholungs rennen in ILuft Große Senfation ausgeführt von La belle Georoina und ihrem Partner. S'/, uhr: A.gr. Goupd. Schmuggler Borher das gr. Programm, u. a.: PercsofT-Trappe, 8 Personen. Zirkus Busch.; Dienstag, 4. April, abd». T'/,l»hr: Cr. djiala- Vorst« I long. £>ebat: Oebnt! Oebat! Bon-Bon Der aprechende Ueberhundi Möns. Carlot fllndostanische Jongleurkünste Herr Georg Burkhardt• Footti», Schulreitor. Herr Ernst Schu mann, Freiheitsdressuren. 8 Gebr. Fratsllinl. urk. Clowns. Ol« Eredianl.. Um 9'/« Uhr aam 108. Meie; „Armin." Gr. Volks-Manege-Sch austüc' T rianon-Theater. Abend« 8 Uhr: Hippolyts Äbeuteaer. ■ ffi. Die drei sensationellen Novitäten: Das Schtiduugs-Sonper [i Die Bar-Schwester Anfang 8 Uhr. Vorverlaus 11—2 Uhr. pazsage-kallopllkum. Rod« Ko*«i> Das Midehan aui.der Stelnzalt I Da« Urbild der Menschwerdung I Leibvnd an sehen t Täglich von 11-1 u. ves 3-10 Uhr. Koacks Theater. Direktion: Roberl Dill. Berlin K., Brunnenstrahe 10. Zum lehtenmal: Die Milionenbraut. Lebensbild mit Gesang in 5 Akten. Anfang S>/,Ubr. Vorzugs karten güllia, ............ rt. Mittwoch, z letztenmal: Kelebsballell-Ibeste!'. Ztöttlnsr ZSiiggr. Brittni,»IS MlSBv Im Hosenrock Ansang Wochentag» 8 Uhr Sonntag« 7 Uhr. yelit8pjele Kottbuser Straße 6 ist erölloel! Unübertroffen iroßartiges 'rogramm. »r Fi Königstadl-Sasino. Holzmarttstr. 72. Neu! Les Orstllo» Musikal. AM. Heel Utf Victor Rittor Neu! Grklin Emilda Tlrttta. Neu! Adolf Holländer, Dtutlchl.«rsl.Jmprov. Uc. EUrstcr. TOohterieia Ltcdersptrl von D. Richter. Ilm 8 Uhr: Oer Weltmeietir-Beier. Folies Caprice. Täglich S'/c Uh»l SoU und Haben. «In lediger«bemann. Karl Haverland- Ansang ThnstfiP Kommandanten» präz. 8 Uhr luCulCr. strag« 77/7». 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Korgmann, Audreasstraße 21. „Urania", Uraugelstraße 19. Oer Liaderuker. Paul Hoftaiann, Stralauer Platz 1/2. Bentscher Holzarbeiter-Verband. Verwaltung Berlin. MF* Mittwoch, den 5. April 1911, abends 81/* Uhn Nertranensmanner-Versamurlnugeu der Kezirbe und Krauche». TageS-Ordnung: i. ZNsifeier. 2. Zeriellt llss Obmannes. 3. Scrichf der Werkstatt• Vertrauens- Isute. 4. Verbandsangelegenheiten. Cifchler. Nüdwostcn in Habels Braueret, Bergmann str. s— 7. bei WUcflnst, Dasseitorslr. VS. l u. II: Vlo Verti-anellomUoner.I'crsallun- lanix titUt««». Nate» l bei Kluge, Langestr. SZ. Oute»» II bei Ziel?, Warschauer Str. SO._ Osten III bei Bergmann, Lorhagener Ströhe 36. Oostllche Vororte bei W. Schulz. Lichtenber,, Kronprinzen' striche 47, Ecke Scharnwebelstrahe. Nordosten: S'/t Uhr bei Bocker, Weberstr. 17. Ziede Sarglischlerei muh einen Vertrauensmann nach dieser Versammlung senden. Uosenthnlcr and Schfinhaaaer Vorstadt bei Qbiglo, Schivedter Strotze 211. Weddinir and lloal>lt bei Kaczoraivskt, Ravenöslr. 6. WeiOcnsec im Prälaten, Lehderstr. 123. ßautifchlcr. Bezirk 1: Sfidwesten, SUdon, Südosten Bei Grahhosf. Adnnralstratze 18c. Bezirk»: Osten bei Zieh. Darschauer Slratze 61. Bezirk 3: Korden und nördliche Vororte Bei Glitsche, Kopenhagener Str. 74. Bezirk 4: Oesandbrnnnert, Weddlac and aonblt Bei Gachfe» Ltndower Strotze R. backen-, t�ontormöbelbrancke im.««glischen Garte»», Mexandevstratze 27c. Kilcbenmöbclbrandic Bei rrampe. Holzmarvstr. 3. f�Lbel- u. StublpoUcrcr fowie JVIagazinarbcitcr. Osten Bei Boeker. Deberstr. 17. Südosten im»Märkiiche« Hof». Admiralstr. IL c. Bezirk Korden bei Güuihcr, Lrunnevstr. 06. Mittung l«erkstattvertrauanzleuis i SiflO OmbrUr, CrcppetigelSndcr- und Luxuemsbet- ßrandx. Korden Bei Döhltng. Brunnenstr. 79. Osten bei Schneider, Frtedenslr. 67. Südosten and SUdreesten bei Stramm, Nitterstt. 139. KUdoartdto ffia.™./!. Marchinenarbeittr JVIodellHrcblcr Bei»albt, Psiugflr. 6. einretzer im vewerkschaUBhauS, Engelufer 15, Saal 11 (tiannerstag, den 8. April: Bezirksversammlungen.) ßtcllniacber im Nosenthaler Hof, Rofenthaler Straße 11/12. ßodenlegcr im EcwertschaftShauS, Sngeluser 15. Saal 2. �saloufiearbeiter Bei«alter» Adalbertstr. 62. Vei'Aolder Im Gewerkschaftshause. Engeluscr 14/16. Saal 6. killten- und Koffmnacber®CT,l8«tl Korbltiacbct* Bei«raufe, MuSlauer Sir. 20. ßtirftenmadierBcl urcat», Holzmarktstraße 65.; Kammacbcr M Preus». Holzmarvsir. 65. Bildcrrabmciimad)cr.|"a® � 6d Ötocharbeiter um 6 im Bei Lehma»«. Neue Friedrichstr. 1. Perlmutt-, Born- und LtelnnuKarbelter m»? uhr Mitgliederversammluug im GewerkichaftshauS. Kcbirmmacber um s Uhr Bei HSduer. Nommandantenstr. 10/11. alte« habe» bolc» lasse» imi für Mutlerschulz Tonnerslag, bei»«.April ISll. abends 8'/- llhr. i» Kellers Neue Philharmonie,«openider Str. i>S 97: ßöfsölitlielig Volksmmiiiiuiig. „Kurpfuschertigesktz uud 6ffd)Udjt5inorfll". Tie Wirkungen eines Schutzmittelverbotes auf dieBolksgesundheit. Rcserenien: Redakteur Zierich. M. b. R., Dr. med. Jgnaz Zadek, Luise Grubcri, Dr. med.-Heinz Stabet, Grete Mleistl-Heft u.a. Freie DtSiussion. 289/18 Eintritt 20 Ps Verband der Waler, Saekierer, Anstreivber etc. Melchtorstraße 28, pari, tz�ilialc Berlin. gernspr.: Amt 4, 4787. Donnerstag, 6. April, abends 8'.z Uhr, im Gcwerkschaftshause, tKngclufrr lö: Sektionsversammlung de. Lackierer. TageZ-Ordnung: rag:„25 Jahre Organisationstätigkeit". 2. Diskussion. 8. Tie Lohnbewegung der Möbellackirrer. 4. Verbands. i. Bortraa angkiegenheiien. Zahlreiche» Erscheinen«Ivavtei 127/3 Die Sektlonoleitang. Das Söjiihrige Stiftungsfest siudet am Sonnabend, 8. April, im großen Saale des GewerkschaftShauseS siatt. Mitwirkende: Joseph Wilhllmi(Rezitöiion), Tora Schöb sKesang), Käthe Soehug« sgeüoi, R»d. Tobias(Klavier), Gesangv. d. Lackierer», a. Aufana präzise» Uhr.— Eintritt i»t) Ps. DM- Wir ersuchen die Kollegen, sich rechlzeitig mit LilleltS bei den Vertrauensleuten und im Bureau zu versehen. D. O. Mark Marmorarbeiter! Donnerstag, den 6. April, abends 8 Uhr, im Englischen Garten, Aiexanderstr. 37 e: Mglieder- Versammlung. .. Tage». Ordnung: Bericht der Tarlskommissioii und Stellungnahme hierzu. 171/12' BWMt* ftein organisierter Kollege darf fehlen."liKltuta 1��* Agilleri stir guten Besuch. tNSM Zentralvcrliand der Steinarbeitcr. ___ OrtSverwaltung Berlin. Berliner Asylrereln für' Obdachlose. Seit unserer Bekanntmachung vom 8.� Januar 1911 sind folgende Be. träge bei UN» eingegangen: A) Legate; Paul Fi scher 5463.40 Mark, Awert Soldschmidt 1000 M. B) Einmalige Beiträge: 5000 M. durch Herrn Seh. Kommerzien« vat Ed. Arnhold, 1000 M. Frau Anna Friedberg»Zum 19. März 1911", S00 M. Nosenheim u. Co. d. Heinrich Singer, 300 M. Frau Nosalie Liep. mann, Dr. I. H Goldschmidt, Thöloe Buch d. Waldeck Manasse, 200 M. Justizrat Dr. Felix Maatz, 150 M. R. N. durch Th. Pincu«, 100 M. Wilh. KuczinSky durch Th. PincuS, Fräulein Hanl Meger-Eohn, ge- sammelt von den Arbeitern der Berg- mannschen Eleltr. Werk», Henning«, dorjer Etr-Seestraße, Moritz Pviockv- Nelken. Frau Minna Wallach. Leopolo Domnauer z. 50. Geburt»« tag, Ungenannt, 80 M. Freiherr v. Thielmann, 60 M. Ungenannt aus einer Streitsache, 30 M. L. Moses, 20 M. grau Franc, 10 M. Paul Oppenheim, Wilh. Lattä, Frau Baer- wald, Frau Cohn, zum Abieben Paul Singer«, Ungenannt, 3 M. Land- wöchenfliclie Teilzahlungen UekereelaKiBt. fertige rsetz ibr Maas Anlsrtig. n, Mast radenos.eusll.hr Jbüos Fadian Schneidermeister Gr, Frankfurter Strasse 37, II Einging Streue» berger Piltz (I. Geschäft: Turmstr.18 nur«rsle Etage. kein laden. :| band, 5 M. Frau F. F., Karl Zweig, Alwin Rudolph, Wahlbezirk 7leb, Schlotzbrancrei Schöneberg, 3 VI. Fr. Friedländer, Pros. Ä. Verltner, Guibier, E. Gutmann, L. M. 88, Wahlbezirk 537 u. 742. 2.50 M. Wahl. bezirk 723 u. 7S3a. Wir sagen den geehrten Spendern herzlichsten Dank und bitten, weitere Beilräge und Zeichnungen an unseren Schatzmeister Herrn y i r s ch s e l d, V.. Kieiststr 8. Postscheckkonto 2969 ober an dessen Stellvertreter Herr» ftemmetjlentat Dr. Aron», W., Mauerstrahe. Postscheckkonto 1153 des Banthauses Geb. Aron», IV., Mauer« stratze, einzusenden. Getragene KleldtmgSstllcke lallen wir durch unsere Voten oder durch die Paletsahrt gern abholen. Berlin, den 1. April 1911. Der Verwaltung»»! de» Berliner Asylrerolns(Ar Obdachlose. I. A.: Alfred Boehm. Wanzen tötet unfehlbar mit Brut Reichels Wanzenfluld„Radikal". Fl. 50 Ps.. 2.-. 3.-, Literfi.» Abiolul fleckfrei, nicht seuergesährltch. lce!ailbl.GeruoIt>aacdsiaIlIi»leUirkuag Leliwslien vernichtet mit Brut radikal und sicher Rolvtiele Sperial-tzcitsadea.poudrs „Uarilsi". Pak. SOPs.. 1.-, 2.-, Psd.4... Sl°iig ktit '"�.'"Tod ii. Teufel fn den Drojfcrien und bei Otto Reichel, Berlin43, Eisenbahnstr.4. ;Fcnt)pr.»9fn|chliifie IV 4751.4752,4753. 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Die Reichsversicherungsordnung(Krankenversicherung) nach der dritten Lesung der 16. Kommission des Reichstages. 2. Die Familienversicherung in den Krankenkassen als Mittel zur Bekämpfung der Volkskrankheiten. 3. Praktische Verwaltungsfragen auf dem Gebiete der Krankenversicherung. Wir ersuchen die geehrten Kassenvorstände unverzüglich hierzu Stellung zu nehmen, Delegierte zu wählen und den Kongreß zu beschicken. Der Kongreßbeitrag beträgt für jeden Kongreßteilnehmer 6 M. Es werden an die einzelnen Kasien auch noch schriftliche Einladungen ergehen. Berlin, dm 39. März 1911. � Engel-Ilfer 16 "-> Zentrale für daS Deutsche Krankenkasienvzesen. " V E- Simanowski, Vorsitzender. lhilkkaiienliongrek. An die Borstände der Freie» Hilfskassen Deutschlands! � Die Kommission zur Beratung der Vorlage zur Reichs- verficherungsordnung hat nunmehr ihre Arbeiten, soweit die Krankenversicherung in Frage kommt, beendet. Nach den Beschlüssen dieser Kommission werden die Hilfskassen als vollberechtigte Kassen ausscheiden müssm, da alle Be- stimmungen, die die Existcnzmöglichkeit einer Ersatzkasse von vornherein ausschließen, beibehalten wordm sind. Wie ver- lautet, soll dieser Entwurf schon zu Ostern an dm Reichstag eingebracht werden. Es ist daher notwendig, daß die Hilfs- kassen zu diesem Entwurf nochmals Stellung nehmen und durch einen einmütigen Protest die geplanten Erdrossclungs- versuche zurückwcism. Inzwischen hat die Regierung auch den Entwurf eines Gesetzes betreffend die Aufhebung des Hilfskassengesetzes ein» gebracht. Auch hier ist es notwendig, daß sich die HilfSkassm eingehend mit diesem Entwurf beschästigm. Tie unterzeichnete Kommission beruft daher zum 29. April 1911 einen Hilfskassenkongreß ein, der in Berlin im Gewerkschafts hause, Engel» User 15, abgehalten werden soll.(Beginn 3 Uhr vor» mittags.) Tagesordnung; 1. Tie Reichsvcrsicherungsordnung und die> einge» schriebencn HilfSkasscn. 2. Ter Entwurf des Gesetzes betreffend die Aufhebung des Hilfskassengesetzes. 3. Beratung der vorliegenden Anträge. Bei der Wichtigkeit der vorliegenden Entwürfe erwarten wir, daß sämtliche Hilfskassen auf dem Kongreß vertreten fein werden. Jede Hilfskasie oder HilfSkassenvereinigung soll sich durch einen oder mehrere Delegierte vertreten lassen. Diese habm sich durch ein von ihrem Vorstand ausgestelltes Mandat zu legitimieren. Auf demselben ist auch die Fahl der Mitglieder der betreffenden Kasse anzugeben. Anträge, die auf dem Kongreß zur Beratung kommm sollen, sind spätestens bis 18. April an die unterzeichnete Kommission einzusenden. Tie Kommission der Hilfskassen Deutschlands. G. S ch a a d. Altona. Gustavstr. 25. I. Z a f f k e. C. D e i f i n g c r.©.Blume. W. T h e m a r. C. T h i e m. Partei- lZngelegenbeiten. Johannisthal. Heute. Dienstag, abends S>/, Ubr: O-ffentliche Versammlung bei Schulz, striedrichstr. 10. Tagesordnung: 1. Der Stand der tommunalpolitischen Verhältnisse in Johannisthal. Re- ferent: Stadw. Franz T h u r o w- Rixdorf. 2. DlSkuffion. Der Borstand. Köpenick. Heute. Dienstag, abends 8 Uhr. im Stadttheater (Otto): Wahlvereinsversammlung. Maricnfelde. Mittwoch, den 6.«pril: Mitgliederversammlung bei Schuster, Kirchstratze. Tagesordnung: Bortrag des Genossen Wenzel:»Die RcichSverfassung". BohnSdarf. Die diesmalige MonatSversommlung findet eine Woche früher, am Mittwoch, den 6. d. MtS.. und zwar ,n Falken» b e r g im Lokal des Genossen Schäfer am Wasserturm statt. Tages» Ordnung: Wahl zweier Delegierten zur BerbandSgeneralversamm« lung; LereinS- und lokale Angelegenheiten sowie erneute Beschluß- fassung über die örtliche Lokalsperre. Beiträge werden vor Beginn der Versammlung in Empfang genommen. Diejenigen Mitglieder, die sich bisher zur Kontrolle über die GewerkichaftSzugehörigkeit nicht gemeldet haben, werden ersucht. ihr- BerbandSbücher mitzubringen. Der Vorstand. Reloickrndorf-Ost. Morgen. Mittwoch, abends 8 Uhr. im Schüvenhaufe. Residenzftr. 1—2: Lichtbildervortraa. Herr vaege spricht über:.Die EntWickelung des Menschengeschlechts'. Billett« find bei den Bezirksführern und an der Kasse zu haben. Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Zutritt. PotSd-m. Am Mittwoch, den S.«pril. abends 8V, Uhr, bei Wilhelm. Saifer-Wilhelmstraße: Wahlvereinsversammlung. Berliner Nachnchten. In der Reise- und FremdenverkehrS-Ausstelluag. Auf dem Gebiete des AusstellungSwesenS stellt die vor et» paar Tagen im Zoo eröffnete Internationale Reise- ousstellung entschieden einen neuen und originellen Typ dar. Die Manager, die sich ans so etwas verstehen, allen voran der AllenveltSmann Geheimrat Emil Jacob als Gründer der Zentralstelle für Jnteresien des Berliner Fremdenverkehrs, haben so geschickt gearbeitet, daß der Pferdefuß der meisten Ausstellungen, das Defizit, sich Sehl nicht Mleo lassen siid. Schon daß bei der Eröffnung die Ausstellung bis auf einen ganz geringen Teil fertig war. ist ein seltenes Ereignis. Und der Tamtam, den die gesamte übrige Presse für die hier auf dem Spiele stehenden Lebensinteressen der Besitzenden schlägt. wird zum Gelingen nicht wenig beitragen. Aber auch weite Schichten des Volkes dürfen, wie wir ganz ehrlich zugestehen wollen, an dieser Ausstellung so etwas wie Freude haben. Ist doch gerade im„vierten Stande" der brennende Wunsch, zu wandern und die Schönheiten der Natur zu bewundern, viel stärker und charakteristischer ausgeprägt als auf den exuklusiven Höhen des Lebens, wo die Reiselust mehr der Ber- gnügungssucht und Portemonnaiekraft als edleren Innen- trieben entspringt. Insbesondere auch für die vielen Hundert- tausende, die im internationalen Verkehr rein geschäftlich einen großen Teil des Jahres unterwegs sind und von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel pendeln, ist die gebotene An- regung äußerst zugkräftig. Endlich ist nicht von der Hand zu weisen, daß Berlin als Fremdenstadt in den letzten beiden Jahrzehnten einen ungeheuren Aufschwung genommen hat, der sich durch diese Ausstellung zweifellos noch heben wird. Wenn wir zunächst die deutsche, von den verschiedenen Staatsregierungen unterstützten Ausstellungen betrachten, so möchte man das fast die eine ganze Schmalseite der lang- gestreckten Ausstellungshallen auf einer breiten Empore im Halbrund einnehmende Panorama der Insel Rügen, der „Perle der Ostsee", fast als den Clou der Ausstellung be- zeichnen. Hinten als Kolossalgemälde die charakteristische Kreidefelsenformation, davor in unverfälschter Ausstattung Fischerhütten mit echten Rügenern darinnen und ringsherum Erzugnisse des köstlichen Eilandes. Nur schwer trennt man sich von dem lieblichen Bilde. Noch origineller ist im Mittel- bau auf der Verbindungsgalerie die braunschweigische Landes- ausstellunfl deutscher Städtebilder. In elektrisch erleuchteten Grotten ziehen wohl ein Dutzend Stadtpanoramen in selten schöner Wirkung am entzückten Auge vorüber. Das Rhein- land mit seiner Naturpracht ist leider sehr dürftig vertreten. Desto größere Anstrengungen haben die thüringischen, badischen und württembergischen Lande mit ihrer Gebirgssignatur ge» macht. Wer sich berauscht an der brillanten plastischen Dar- stellung der Tannen bei Ilmenau mit dem Goethehäuschen, der Wartburg, der Musenstädte Jena und Weimar, weilt wenigstens im Geiste im Thüringer Land und im deutschen Hochwald. Sehr geschmackvoll und dezent stellen die Reichs- lande prächtige Städteansichten und die hervorragendsten Landeserzeugnisse aus. Schmucke Elsässerinnen machen die Honneurs. Reich hat Sachsen die Ausstellung beschickt. Wir sehen unter anderem die Königliche Fachwerkschule und die Porzellanmanufaktur Meißen, Annaberger Posamenten, Plauener Spitzen, Altenberger Zinn, aus Zittau eine 3259 Meter lange Rodelbahn. Die sächsische Staats- Verwaltung stellt einen hocheleganten Wintersport-Eisenbahn- wagen mit Seitenbehältern für Schneeschuhe aus und regt damit zu Vergleichen an. wie wenig die preußische Kollegin für den Erholungsbedarf der naturhungrigen zwei Millionen Berliner übrig hat. Der Harz zeigt zwei prächtige Land- schaften von Schierke im Winter und Sommer, Schlitten» Modelle und ausgestopfte Hirsche, Lübeck ein paar famose Segelschiffmodelle, das praktische Württemberg einen Sekt- salon und eine schwäbische Kaffeestnbe mit Bedienung in Nationaltracht. Von deutschen Ächörden und Gesellschaften seien erwähnt die etwas sehr magere Sonderausstellung des Reichspostmuseums, eine Kollektion von Dampfschiffmodellen aus dem Museum für Meereskunde, die Große Berliner Straßenbahn mit einer Darstellung der Verkehrsstatistik, ein Luxusautobus der Berliner Omnibusgesellschaft. Viel Be- achtung findet eine Gegenüberstellung der Errungen» schaften im Frankfurter Straßenbahnverkehr, je ein Wagen- typ von 1884 und 1911. Wie anspruchslos man doch noch vor einem Vierteljahrhundert warl Von dem Frankfurter Modell 1911 kann unsere dividensüchtige„Große Berliner" recht viel lernen. Im Fluge können wir von der Beteiligung des Aus- landes, besonders der nordischen Lande, nur einige Stich- proben geben. Das grandiose Landschaftsbild der Schweiz will hier nicht recht imponieren. Schweden, das die Touristen- Welt immer mehr anlockt, versteht die Reisereklame besser. Die Aussicht auf Stadtdioramen durch Fenster im schwedischen Pavillonstil ist ein gelungener Trick. Dänemark hat be- sonderen Wert auf Dioramen von Kopenhagen»nd auf Szenen aus dem dänischen Volksleben gelegt. Finnland, das „Land der tausend Seen", wartet mit einer hochinteressanten Schärenlandschaft und Jndudrie-Erzeugnissen auf. Oester reich ragt hervor durch Trachten und Truhen. So schön und lehrreich diese außerdeutschen Rayons sind, vermißt man doch viele Großstaaten. Selbst Frankreich, Italien und Japan glänzen durch Abwesenheit. Die Jnternaüonalität hat also ein großes Loch. Ueber all dem Herrlichen für daS Auge wird doch gerade der Mann aus dem Volke ein bitteres Gefühl nicht unter- drücken können. Nicht Neid ist eS, nur Sehnsucht, die ihn packt. Man hat das Schönste, das Mutter Erde geben kann, greifbar vor sich und kann eS doch nicht erreichen. Das Aus- kosten der Naturwunder ist immer noch ein Vorrecht der Geld- kraft. Das Volk klebt an der Scholle und kommt kaum zum Bewußtsein, wie schön die weite Welt ist, die doch für alle Menschen geschaffen wurde. Eine andere Gesellschaftsordnung erst wird herbeiführen, daß das Volk auch genießt, was ihm diese auf den Reichtum zugeschnittene Ausstellung, die bis zum 29. Juni geöffnet bleibt, aus entrückter Ferne vor» gaukelt._ Nochmals:„Die helfend« Polizei". Zu unseren Mitteilungen(in Nr. Händen des. Arzte» verschied., Crtruttg km Straßenbahnbekriebe. Infolge Ueberlastung Ver, auch die Tchüler zu ungehSrlgen«euherungen prodoziert werden Speisepunkte 22 und 84 wurde gestern in der Zeit von 8 Uhr 35 Dem Vater hat Herr Fall noch erzählt, dah die Empfehlung des bis 3 Uhr 57 Minuten die Strecken Müllerstraste, Scharnweberstraste von uns(in Nr. 72) erwähnten bürgerlichen Jugendklubs, ...«... a.— r.» Borsitzender er übrigens nicht sei. von der Schul' Verwaltung den Lehrern anS Herz gelegt werde. Das wäre allerdings sehr merkwürdig! bis Wedding, See« und Gerichtsstraste zeitweise stromlos. Durch Zuschaltung anderer Speisepunkte wurde die Störung behoben. Ein aufregender Borfall spielt- sich gestern vormittag gegen 40 Uhr an der Stralauev Brücke, Ecke der Neuen Friedrichstratze, ab. Dort fuhr ein von der Waisenbrücke kommender Möbelwagen der Firma Paul Schur, Dircksenstratze, gegen die linke Seite des Straßenbahnwagens 1992 die Linie 29. Bei dem Zusammenstoß drang die Deichselstange durch die eine Glasscheibe des Motor- Wagens hindurch, streifte zwei Personen und durchstieß dann die auf der gegenüberliegenden Seite befindliche Scheibe. Unter den Fahrgästen entstand eine leichte Panik, doch stellte sich heraus, daß bei dem Zusammenstoß, so gefährlich er auch aussah, nur zwei Personen verhältnismäßig geringe Verletzungen davongetragen hatten. Bier Kinder von einem Automobil überfahren. Ein schwerer Stvaßenbahnunfall hat sich am Sonntag nachmittags gegen 3 Uhr in der Nähe des Schloßplatzes auf der Kurfürstenbrücke abgespielt. Der 8jährige Ernst Wegener, dessen Eltern in der Köllnischenstr. 14 wohnen, hatte mit seinem um 2 Fahre jüngeren Schwesterchen, denen sich die 14jährige Else Lauermann und deren 8jähriger Bruder Fritz angeschlossen,«inen Spaziergang nach dem Tiergarten ge� Als die Kinder auf dem Heimwege die Kurfürstenbrücke passierten, liefen die beiden Kleineren, Fritz Lauermann und Erna Wegener über den Fahrdamm und zwar dicht hinter einem Privat- automobil, dem das Droschkenautoinobil 9774 folgte. Die beiden größeren Kinder sahen die entsetzliche Gefahr, in welcher sich die Kinder befanden und stürzten hinterdreim Sie versuchten die er- schreckten Kinder zurückzuziehen, dabei fielen alle vier Kinder zu Boden und vor den Augen zahlreicher Passanten, die nicht mehr zu helfen vermochten, fuhr das Droschkenautomobil in die Gruppe hinein. Glücklicherweise besaß der Chauffeur die Geistesgegen wart die Vorderräder herumzureißen, so daß die Kinder zwischen die Räder des schweren Gefährtes zu liegen kamen. Mehrere Passanten sprangen nun hinzu und zogen die vor Schreck be sinnungsloS gewordenen Kleinen, die stark bluteten, unter dem Kraftwagen hervor. Mittels Droschken wurden die Verunglückten nach der Unfallstation am Spittelmarkt geschafft, wo der Arzt fest, stellte, daß Ernst Wegener eine Kopfverletzung, seine Schwester Quetschungen an beiden Händen davongetragen hatte. Die beiden anderen Kinder hatten ebenfalls Kopfverletzungen und Quetschungen an den Beinen erlitten. Nach Anlegung von Notverbänden wurden die Kleinen nach den elterlichen Wohnungen gebracht. Em tödlicher Straßendahnunfall hat sich am gestrigen Nachmittag gegen 2'/z Uhr am Schönhauser Tor ereignet. Dort versuchte der Löjährige Arbeiter Otto Lindemann, Zorndorfer Stt. 2 wohnhast, den Hinterperron des Motorwagens 1694 der Linie 49(Richtung Rieder-Schönhausen) während der Fahrt zu besteigen, obwohl der Schaffner ihm bereits durch Winken bedeutet hatte, daß alle Plätze beseöt seien. L. sprang darauf von dem Wagen herunter, kam jedoch zu Fall und geriet unter den Borderperron des Anhängewagens, dessen rechtes-Vorderrad ihm über den Unterleib hinwegging. Der Wagen wurde angehoben und L., der bereits tot war, hervorgezogen Die Leiche wurde nach dem Schauhause übergeführt. Ein töbtlicher Straßenbahnunfall ereignete sich am gestrigen Montag Abend gegen �48 Uhr in Rixdorf. Vor dem Hause Berg» straße 14 versuchte der Klempner Adolf Droschmann mit seinem Fahrrad unmittelbar vor einem Motorwagen der Linie 43 das Gleis zu kreuzen, wurde jedoch von einem aus entgegengesetzter Richtung kommenden Straßenbahnwagen der Linie 15 erfaßt und geriet unter den Vorderperron. In besinnungslosem Zustande wurde der Verunglückte, der einen schwevon Schadelbruch erlitten hatte, hervorgezogen und nach der Unfallstation in der Steinmetz» straße geschafft, wo er bald nach seiner Einlieferung verstarb. Die Leiche wurde nach dem SchauhauS überführt. Wie aus den Papieren des Mannes hervorgeht, hat er bis vor kurzer Zeit in der Weserstraße in Rixdorf gewohnt und sich dann nach Hannover begeben, von wo er am Sonntag zurückkehrte. DaS Apollo-Theater bringt in seinem neuen Monatsprogramm «in Ensemble-Gastspiel von Heinrich Prang. Ein»Gemüts- mensch' heißt der burleske Schwank, in dessen Mitte Prang selber steht. Als Rentter Ackermann markiett er seiner Frau gegenüber den Unschuldvollen, ist aber hinter ihrem Rücken ein furchtbarer Schwerenöter, dem eS an e i n e m Verhältnis nicht genug ist. Durch einen unglücklichen Zufall merkt der Schwiegersohn die Extratouren seines Schwiegervaters, aber Ackermann wendet alle Mittel an, um dem Schwiegersohn seine eigenen Sünden aufzupacken und um sich vor seiner Frau und Tochter als unschuldvollen Engel erscheinen zu lassen. Schließlich aber kommt der Schwindel doch heraus. Die da, durch geschaffenen VerlegenhettSsituationen gaben Herrn Prang Ge, legenheit, seine Mimik und seinen köstlichen Humor in rheinischer Mundatt vollauf zur Entfaltung zu bringen. DaS Publikum kam aus dem Lachen nicht heraus. Daneben erstellte eine plastische Gemälderebue»Magna ArS' die Zuschauer. Die Darstellungen: Sündflut, der Sieger, Nero, Bor Moskau 1812 mit prachtvollem Hintergrunde waren wirklich künstlenscher Natur. Als Klavierhumorist leistete Otto Röhr recht Vorzügliche» und The 6 JansteyS zeigten sich in ihren Jkarischen Spielen in höchster Vollendung. Vorort- JVadmcfotttt. Rtxdorf. Im Kampf u« dl« arbeitende Jugend. Aus der Fort bild u n g S s chule in der Erkstraße berichteten wir in Nr. 72 über die Erziehertätigkeit des dort beschäftigten LehrerS Falk, der im Hauptamt als Lehrer an der Gemeindeschule in der Elbestraße angestellt ist. DaS Vorkommnis, das wir schilderten, begann damit, daß Herr Falk im FottbildungSunterricht sich mit einem Schüler Sch. in eine sehr überflüssige Erörlerung über das Jugendheim der Rixdorfer Arbeiterschaft einließ. Und es endete damit, daß er diesem Schüler Sch., als ein anderer Schüler die»Arbeiter-Jugend' aus der Tasche zog und Lehrer Falk sie ihm abforderte, ein paar Ohrfeigen gab wegen einer dadurch veranlaßten Bemerkung, die er als vorlaut empfand. Wir erfahren jetzt, daß inzwischen Herr Falk dem Schüler Sch. eröffnet hat, er müsse ihn auS der Schule entlassen. Sch. sagt uns, den Grund habe er ans Lehrer Falk» Worten nicht ent- nehmen können. Aber dem Bater Herrn Sch., der den Lehrer darüber befragte, hat dieser geantwonet, der Sohn sei wiederholt zu spät gekommen, habe sich zuweilen vorlaut benommen und habe auch bei dem in Rede stehenden Vorfall selber die Erötterung über da» Jugendhe-»» veranlaßt. Man wird hier stagen, wie denn da» alle», auch wenn man Herrn Falk» Angaben unbesehen al» zu- treffend hinnehmen will, die plötzliche Entlassung aus der Schule rechtfertigen kann. In der Gewerbe- deputation. wo diese Angelegenheit bereits zur Sprache gekommen ist, wurde hierzu von dem Vertreter de» Magistrat» erklärt, daß Sch., der in Rixdorf bei seinem Vater wohnt, überhaupt kein Anrecht aus den Besuch einer Rixdorfer Fortbildungsschule habe, weil er seine Lehr- stelle in Berlin hat. Wenn es richtig ist, daß hiernach Sch. al» Rixdorfer Kind keine Rixdorfer Fortbildungsschule besuchen darf.— er hat tatsächlich sofort Anweisung erhallen, sich zur Umschulung nach einer Berliner Fortbildungsschule zu melden,— so bleibt immer noch aufzuklären, warilm er überhaupt erst in eine Rixdorfer Fortbildungsschule aufgenommen worden ist und warum aus« gerechnet erst nach Veröffentlichung des»Borwärt»'- Artikel» seine plötzliche Entlassung erfolgte. »ie auch da» Ergebnis der vom Magistratsvertreter angekündigten Untersuchung ausfallen möge— unter allen Umständen sollte Hm Lehrer Falk klar gemacht werden, daß er Erörterungen der Charlottenburg. Ein tödlicher Automodiluufall ereignete sich gestern am Knie Charlottenburg. Dort spielte um ein Uhr mittags die vierjährige Anna Pioseck, deren Eltern in der Wallstraße 85 wohnen. Die Kleine rannte, verfolgt von Kameradinnen auf den Fahrdamm und beachtete nicht, daß von der BiSmarckstraße ein Geschäftsauto der Firma Faß bender heransauste. Auch der Chauffeur deS Auto» vermochte die Kleine nicht zu sehen, die blindlings in das Fuhrwerk hineinrannte. DaS Kind wurde von einem der Vorderräder gefaßt und überfahren Passanten schafften daS Mädchen nach der Unfallstation in der Ber liner Straße, wo der Arzt einen schweren Schädelbruch konstatiette und sie dann nach dem Krankenhaus« Westend überführen ließ. Dort verstarb die Kleine bald noch der Einlieferung. Lichtenberg. Ucble Folgen de» SubmisfionSwesen» wurden bereit» in de� letzten Stadtverordnetenversammlung bei der Etatsberatung vom Genossen Grauer zur Sprache gebracht. Der Holzbearbeitungsfirma Konrad in Hennigsdorf bei Velten war durch die Baudepuwtion eine Teillieferung der Fensterflügel für den Neubau des Gymnasiums in Lichtenberg übertragen worden. Während die Höchstforderung auf 24 500 M. lautete, erhielt Konrad mit 13 999 M. den Zuschlag. AuS besonderen Gründen wurde die Arbeit in zwei Losen vergeben Arbeiten im Betrage von etwa 7999 M. führt Konrad in HennigSdor aus, während der Rest an eine Firma Wolter in Friedenau vergeben ist. Wolter in Friedenau? soll wohl heißen Stüßel, Architekt und Bauunternehmer, der seinerseits die Arbeiten in der Werkstatt Wolter in Neustrelitz ausführen läßt. Unser Redner wies bei der Begründung eines AnttageS, wonach die mit der Stadt in Geschäftsverbindung tretenden Unternehmer ge halten sein sollen, die in dem betreffenden Gewerbe zwischen Unter' nehmern und Arbeitern bestehenden Tarifabmachungen innezuhalten. darauf hin, daß der Unternehmer Konrad durch ZeitungSinserate nichtorganifiette Gesellen sucht. Weiter teilte er noch mit, daß die fragliche Lieferung Wasserschenkel aufweise, die ausnahmslos aus Holz vom Abbruch einer mehr als 299 Jahre alten Mühle herrühren, nicht die vorgeschriebenen Maße haben, zum Teil ver kittete Risse aufweisen und— Wurmlöcher zeigen. Herr Fabrikbesitzer Plathen sah die Ursachen solch verwerflichen Be ginnenS nun nicht etwa in der Skrupellostgkeit des Unternehmers, sondern in dem Umstände, daß nicht Lichtenberg« beziehungsweise Berliner Firmen trotz ihrer doppelt so hoben Preisforderung mit der Lieferung betraut worden seien I Nunmehr hat sich auch die Bau- deputation mit der Sache beschäftigt. Der Herr Stadibaurat bat zunächst unseren Genossen um— Angabe der Gewährsmänner, da festgestellt werden müsse, ob nicht etwa ein böser Wille der Gesellen dem Meister einen Streich gespielt habe. Wenn die verantwortlichen Herren de» Lichtenberg« BauamteS trotz der oben gemachten Angaben des Genossen Grauer die Arbeiter der Firma verdächtigen, als haben diese eS auf eine Schädigung der Firma abgesehen, so richtet sich ein solcher Verdacht von selbst. UeberdieS wäre eS Pflicht deS BauamteS, eine gerichtlich« Klar stellung über diese Angelegenheit in die Wege zu leiten. Schöneberg. Ein Todesstnrz aus dem Fenster trug sich in der gestttgen Nacht in dem Hanse Vorbergstraße 12 zu. Dort wohnt in der vierten Etage der 44 jährige Kaufmann Ftttz Fink mit seiner au» Frau und zwei Kindern bestehenden Familie in guten pekuniären Verhältnissen. Zufolge geschäftlicher Ueberanstrengung hatte sich bei dem Kaufmann eit längerer Zeit ein schweres Nervenleiden eingestellt, gegen das Zink vergeblich die Hilfe mehrerer S«zte in Anspruch nahm. Am --onntag hatte sich Fink besonder» wohl gefühlt. In der Nacht jedoch wurde er wiederum von einem sehr hefttgen Anfall seines Leiden» befallen. Er erhob sich, kleidete sich nur notdürftig an und stürzte sich dann kopfüb« aus dem Fenster des Schlafzimm«» auf die Straße hinab, wo er mit zerschmettertem Schädel liegen blieb. Der von der Unfallstation w derselben Sttaße herbeigerufene Arzt konnte nur den sofott eingetretenen Tod feststellen. Die Leiche de» Bedauernswerten wurde nach du Hall« in du Maxstraße übergeführt. Halensee. Ein eutsetzNchu Unfall hat sich am Sonntagnachmtttag auf dem Bahnhof Halensee abgespielt. Der 46jähng« Nachtwächter Albett Mießmann, Hagelberger Str. 33/34 wohnhaft, hatte mit seinem vier Jahre alten Söhnchen Gerhard einen Ausflug in den Brune- wald gemacht und wollte gegen Abend mit der Stadtbahn nach Haufe fahren. Als er den Bahnhof Halensee bettat, verließ gerade der nach dem Potsdamer Bahnhof fahrende Stadtbahnzug die Halle. M. riß die letzte Coupötür auf und stellte da» Kind auf da» obere Trittbrett. Als u selbst nachsteigen wollte, glitt« ab und fiel urück. In diesem Augenblick stürzte auch da» Kiud von dem Tritt« nett herunter und kam so unglücklich zu Fall, daß e» da» Genick brach und auf der Stelle verstarb. Ein hinzugerufenu Arzt konnte nur noch�ben Tod de» Knaben feststellen. Stralau. Trotzdem sich die Gemeindevertretung in ihrer letzten Sitzung mtt der Etatberatung zu beschästigen hatte, waren von 14 Mitglie- dein nur 9 erschienen; Stralau hat zurzeit Gemeindevertreter, die ich im Jahre höchstens ein- oder ztveimal in den Sitzungen sehen lassen. Der Gemeindeetat für das Rechnungsjahr 1911 balanciert in Einnahme und Ausgabe mit 252,999 M.(im vorigen Jahre 249 375 M.) Das Gemeindevermögen beträgt 772 961,55 M. Die Gemeindeschulden betragen 568 397,39 M. Die Steuerzuschläge werden wie folgt erhoben: Gemeindeeinkommensteuer 199 Proz., Ertrag 48 999 M. Gewerbesteuer in der 1. und 2. Klasse 299 Prozent, Ertrag 23 999 M.. in der 3. und 4. Klasse 150 Proz., Ertrag 3750 M. Di« Grundwertsteuer wird erhoben mit 2% pro Mille bei den bebauten und mit 5 pro Mille bei den unbebauten Grundstücken, Ertrag 88 625 M. Bon der BettiebSsteuer werden erhoben 190 Proz.. Ertrag 759 M. Die Umsatzsteuer soll 7599 M.. die Wertzuwachssteuer 1990 M.. die LustbarkettSsteuer 1999 M., die Hundesteuer 3999 M. bringen. Zu dem Antrage unseres Vertreters, Einkommen von 669— S90 M. steuerfrei zu lassen, versprach der Gemeindevorsteher, eine solche Vorlage zu machen. Die Kanalisa» tionSgebühren werden für den inneren OrtSteil mit 4 Proz., für den Ortsteil innerhalb der Ringbahn mit 3 Proz. de» NutzungS- werte» erhoben. Beim Titel»Allgemeine Verwaltung' forderte unser Vertreter Gebührenfreiheit bei der Desinfektion, evtl. Ein- kommen bis zu 3999 M. gebührenstei zu lassen. Der Gemeindevor- band will auch hier mit einer besonderen Vorlage kommen. Beim Titel»Schulwesen' verlangte unser Vertreter abermals die Er- richtung einer Sonderklasse für die tschechischen Kinder, deren Zahl jetzt 25 bettägt. Gemeindevertretung-und-Vorstand sind einig >nrin, daß der Unterricht durch diese nicht deutschsprechenden Kin- der empfindlich gestört wird, auch ein vorliegendes Schreiben de» Rektors Adam bestätigt da» und doch konnte man sich nicht zu einem Beschluß aufschwingen. Ferner regte unser Genosse an. Mittel berett zu stellen zur wirstamen Bekämpfung der Schundliteratur; da sich der Schulvorstand mit derselben Angelegenheit beschäftigt, ollen die erforderlichen Mittel später bewilligt werden. Auf einen Hinweis, daß mehrfach Kleidungsstücke im Schulgebäud« entwendet worden seien, erwiderte der Gemeindevorsteher, daß Ersatz geleistet werde, wenn nachgewiesen wird, daß dieselben in der Schule ab- handen gekommen find. Beim Titel»Krankenpflege und Beerdi- gungSkostcn' beantragte unser vertret«. die FriedhofSgebühren bei Beerdigung von Dissidenten und anderen der evangelischen als im Tarif vorgesehen, auf die Gemeinde zu übttklehm«. Lrckh hierfür soll den Vertretern eine besondere Vorlage zugehen. Beim Kapitel„Strahenbauwesen" forderte unser Vertreter Aufbesserung der Löhne der Gemeindearbeiter, Gewährung eines Urlaubs, Zah- lung der Differenz zwischen Krankengeld und Lohn bei Krankheits. fällen, Lieferung wasserdichter Pelerinen. Die Gemeindeardeiter erhatten einen Stundenlohn von sage und schreibe 35 Pf. Keiner der bürgerlichen Vertreter fand auch nur ein Wort, um die Forde- rungen unseres Genossen zu unterstützen. Der Gemeindevorstand antwortete in ablehnendem Sinne. Einer weiteren Anregung, den Markgrafendamm mit einer Baumreihe zu versehen, soll nachge- kommen werden, falls Berlin sich bereit erklärt, auch seinerseits die Anpflanzung vorzunehmen. Ein Fußgängertunnel von 4 Meter Breite soll auf der Ostseite der Straße Alt-Stralau durch den Bahndamm gebaut werden; beabsichtigt ist, gleichzeitig eine Bedürf- nisanstalt daselbst mit einzubauen. Unter„Woblfohrtseinrich- tungen' sind eingesetzt für Säuglingsfürsorge 1999 M., für Milch und Zubrot an bedürftige Schulkinder 659 M.(599 M.), Unterbrin- gung von schwächlichen Schulkindern in Heilstätten 599 M. Beim Titel»JnSgemein" sind eingesetzt: Für das Baden der Schulkinder 459 M.(359 M.), für Badebilletts für Erwachsene 299 M., Pacht für den Spielplatz Kracht-, Ecke Bahrseldstraße. 199 M., Beitrag zur Treptow-Sternwarte 75 M. Weistensee. Die EtatSberatungea sind in zwei weiteren Sitzungen»zu Ende geführt worden. Mit einer gewissen Spannung erwa�cte man den Schluß der Beratungen, sickerte es doch durch, daß die ob« geschildert« Art zu unterlassen hat. well durch sie ma»u letch«. Kirch« nicht angehörend« Einwohner, soweit dieselben höher find alte Fraktion gegen den Etat stimmen wollte. Unsere Vertreter mit der alten Fraktion waren bis abends 9 Uhr in der Mehrheit, weshalb Schöffe Severin die zur Mehrheit fehlenden»treuen Mannen' noch heranholen mußte. Der Etat wurde dann mit 12 gegen 11 Stimmen angenommen. Gegen den Etat stimmten sieben unserer Genossen, drei Vertreter der alten Fraktion und der besoldete Schöffe Dr. Pape. Vier Herren der alten Fraktion fehlten. In sichtlicher Erregung schloß der Bürgermeister di� Etatsberatung mit den Worten, baß es eigentlich nichts geschadet hätte, wenn sich die Gemeinde wiederum mit Hilfe gewisser Kreise nach außen blamiert hätte.— In der zweiten Sitzung kamen zur Erledigung die Kaufmännische Fortbildungsschule, Gemeinde» grundstücke, Säuglingskrankenhaus, Musterkuhftall, Reklame- und Jnstallationsbureau für daS Elektrizitätswerk, Grundeaverbs- fends, Gemeindefriedhöfe, Höhere Mädchenschule mit höherem Lehrerinnenseminar und Frauenschule, Rieselgut Birkholz, Leih- amt. Außerordentliche Einnahmen und Ausgaben. Diese Etats wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit erledigt. Ein Antrag deS Genossen Frentz, den drei Turnvereinen die Gemetndeturnhalle gegen eine ganz geringe Anerkennungsgebühr zur Vrfügung zu stellen, wurde abgelehnt. Beim Etat des RieselguteS kam eS zu einem Zusammenstoß Maischen dem ehemaligen Dezernenten Schöffen Severin und dem besoldeten Schöffen Dr. Pape. Durch einen Zwischenruf gereizt, wendete sich Severin gegen Pap« mit den Worten:»Fassen Sie sich an Ihre Nase, wir wissen genau, was Sie sind und was Sie leisttn. Wenn Sie Ihr Pflicht er- füllten wie ich, wäre es besser!'— Seit dem Bestehen des Leih- amttS waren zur Deckung von Verlusten 2869 M. aufzuwenden, die durch Ueberschätzungen entstanden sind, deshalb wurde die Summe des Taxators als zu niedrig befunden. Pom Vorstands» tische wurde ausgeführt, daß man mittlerweile vorsichtiger ge- worden sei und die Diamanten- und Jmvelennepper die Ver» waltung nicht mehr behelligen.— In der dritten Sitzung wurde der Rest des Etats erledigt. Zunächst gelangten die schon vorher verhandelten Etats zur Abstimmung. Der Bürgermeister urertte bald, daß unsere Genossen für keinen der Etats stimmten. Er lieh daher des öfteren unter allgemeiner Heiterkeit abstimmen, wer gegen diesen oder jenen Etat sei,»damit Sie auch etwas zu tun bekämen', bemerkte er lächelnd. Eine längere Debatte zeitigte der Etat der Volksschule. Genosse Taubmann machte in längeren Ausführungen unsere Forderungen geltend, zugleich reichte er einen Antrag ein. wonach dahin gewirkt werden solle, daß daS Be- tätigungSrecht der Regierung für die Mitglieder der Schul, kommission aufgehoben werden soll; ein solcher Antrag wurde an, genommen. Der Antrag, 129 999 M. für die Hingabe von Lehr, Mitteln einzusetzen, brachte mit einem Male Leben in die Bude. Alle Fraktionen waren mit einem Male redselig geworden; vom VorswndStisch wurde abgewinkt und betont, daß sich unsere Ge- nassen gerade den schlechtesten Zeitpunkt mit ihrer Anregung aus- gewählt hätten; auch die Herabsetzung der Summe bi« auß 39 999 M. fand keinen Anklang. Sehnlich erging eS unseren Ge- nassen mit der Lustbarkeitssteuer und mit der Bier» und Brau» teuer. Während im Vorjahre die letztere Steuer nur mit einer Stimme Mehrheit angenommen wurde, stimmten diesmal nur unsere Genossen dagegen. Zum Schluß brachte Genosse Fuhrmann zum Ausdruck, au» welchen Gründen die Vertreter der Linken gegen den Etat stimmen müssen.— Der Steuer-Etat wurde dann wie folgt festgesetzt: 115 Proz. Zuschlag zur StaatSeinkommen- teuer mit 347 875 M.. 245 Proz. Gewerbesteuer der Klaffen l bis IV mit 132 399 M.. 39 Proz. Zuschlag zur Betriebssteuer mit 1599 M., 9,6 Proz. deS gemeinen Wertes der unbebauten Grund- tücke mit 249999 M.. 9,36 Proz. deS gemeinen Wertes der be- bauten Grundstücke mit 345 699 M.. LuftbarkeitS- und Billettsteuer mit 33999 M.. Hundesteuer mit 32 999 M.. Brau- und Biersteuer mit 39 999 M.. Umsatzsteuer mit 159 999 M.. Wertzuwachssteuer mit 165 999 M.. insgesamt 1477 365 M. An Kreisstruern sind 24 Proz. abzuführen, was eine Summe von 122 691 M. erfordert. Die einzelnen Voranschläge stellen sich zusammen: Allgemeine Verwaltung: Einnahme 146 415 M., Ausgabe 599 775,94 M., Zu» chuß 363 369,94 M.; Kapital- und Schuldenverwaltung: Einnahme 588529 M.. Ausgabe 969747,96 M., Zuschuß 372227.96 M.; Gemeinde- grundstücke: Einnahme 69 849 M., Ausgabe 19 969 M., Ueberschuß 49 889 M.; Steuerverwaltung: Einnahme 1477 865 M.. Ausgabe 125 599 M.. Ueberschuß 1351 865 M.; Schulverwaltung: Einnahme 135 395 M.. Ausgabe 691958 M., Zuschuß 466 563 M.; Armen- Verwaltung: Einnahme 37 969 M., Ausgabe 144 365 M.. Zuschuß 197 395 M.; WohlfahrtSeinrichtungen: Einnahme 15 689 M.. AuS- gäbe 39 164 M., Zuschuß 14 484 M.; SäuglingSkrankenhauS l 19 Monate): Einnahme 21 359 M., Ausgabe 29 859 M.. Zuschuß 8599 M.; Musterkuhstall: Einnahme 27 299 M.. Ausgabe 25 449 M.. Ueberschuß 1769 M.; Straßen und Plätze: Einnahme 59 799 M.. Ausgabe 142 549 M., Zuschuß 91849 M.; Wasserdersovgung: Ein- nähme 185 699 M.. Ausgabe 172 199 M.. Ueberschuß 13 599 M.; Friedhöfe: Einnahme 23 875 M., Ausgabe 16 699 M.. Ueberschuß 7275 M.; Außerordentliche Einnahmen: 2 Millionen Mark. Folgende Etats stehen sich in Einnahme und Ausgabe gleich: Kanalisation mit 257 999 M., Rieselgut Birkholz mit 317 399 M.. Fleischschauamt mit 76 285 M.. Vermögensverwaltung mit 41248 Mark. Gewerblich« Fortbildungsschule mit 11 760 M.. Kauf- männische Fortbildungsschule mit 3125 M. ElektrizitStSwerk mtt 359 980 M., Reklame, und Jnstallationsbureau mrt 14 699 M.. Stiftungen mit 3098,06 M.. Leihamt mit 9999 M. Vom Grund. erwerbsfonds sind 394 893,77 M. auf daS Jahr 1912 zu über» tragen. Die Löhne der Gemeindearbeiter wurden einer Neu» regelung unterzogen. Es sollen erhalten: Vorarbeiter pro Tag 4,59 M.. Arbeiter 4,99 M.. alle zwei Jahre tritt eine Erhöhung um 25 Pf. pro Tag ein. statt wie bisher alle drei Jahre. Die in die Woche fallenden gesetzlichen Feiertage werden mitbezahlt; die an diesen Tagen notwendige Arbeit soll der Reihe nach Er. ledigung finden. Wer am 1. April 1011 zwei Jahre t« Dienst der Gemeinde beschäftigt ist, erhält die erste Zulage. Nieder» Sch öuhause«. Ja der letzten Snariadevertteterfitzung wurde beschlossen, die Anschlag, Sulen auf fünf Jahre an den Unternehmer Holzhauser gegen eine jährliche Pachtsumme von 215 M. zu verpachten. Die Ge- meinde verpflichtet sich, ans ihre Kosten noch drei Säulen aus- zustellen, dafür muß der Unternehmer sämtliche Bekanntmachungen unentgeltlich anschlagen. Eine längere Debatte zeittgte der Antrag der Gemeinde Rosenthal um Konzesfionierung einer Sttatzenbahn durch die Germanen straße. Dt« vaukommisfio» hatte vorgeschlagen. aus 40 Jahre d!e Konzession zu erteilen, dafür siezahlt Rosenthal in den ersten zehn Jahren SO Pf. für das laufende Meter einfachen GleiseS pro Jahr Pachtgebühr, für die übrige Zeit 1 M. Von der Mitführung von Anhäugewagen wurde Abstand genommen, da vor« läufig die Straßenbahn von den dortigen Anwohnern wenig oder gar nicht benutzt werden wird. Der Berttag ist übertragbar aus die Große Berliner/ Straßenbahngesellschast. Dem Vorschlag der Baukommission wurde zugestimmt. Eine weitere Gemcindevertretersitzung am Freitag hatte sich nur mit der Annahme einer vom Kultusministerium gestellten Bedingung für die Verwendung des Hermsschen Grundstücks zum Bau einer höheren Mädchenschule zu beschäftigen. Die Auflassung sollte am 1. April d. I. erfolgen, jedoch hat in letzter Stunde die Regierung ihre Zustimmung davon abhängig gemacht, dcktz die Schülerzahl in normalen Grenzen gehalten wird, außerdem darf kein ErweiterungS- bau vorgenommen werden, weil sonst der Schulhof �u klein würde. Da die Scbule sowie der Schulhof für zirka 70V Schulerinnen ausreicht, wurde die Bedingung der Regierung angenommen. Bürger« meister Abraham teilte noch mit, daß der Landrat die Mitteilung gemacht habe, daß vor Anfang Mai ein Eingehen aus die Ein- gemeindungsirage nicht möglich sei, da zunächst die Stellung deS Regierungspräsidenten erst abgewartet werden müfle. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Bürgermeister Abraham dem am 30. März verstorbenen Gemeindevertreter Havemann einen warmen Nachruf. Havemann war Vertreter der drillen Abteilung. „Der Mensch im Kampfe mit giftigen Gasen." Heber dieses Thema hielt in der letzten Mitgliederversammlung deS Wahlvereins Herr Morgen stein einen lehrreichen Vortrag. Zahlreiche Experimente, sowie die Vorführung von Schutzhelmen erleichterten das Verständnis des Gesagten in anschaulicher Weise. Dem Refe- renten wurde für seine Darlegungen lebhafter Beifall gezollt. So- dann wurden die Neuaufnal..nen verlesen und das Resultat der Abstimmung über die Maifeierresolution deS Zentralvorstandes bekannt gegeben. Für Einführung einer Montagsausgabe des „Vorwärts" war bei der zu erwartenden Erhöhung der Abonne- mentSgelder keine Stimmung. Unter„Verschiedenes" machte Gen. Vieth bekannt, daß der nächste Zahlabend des dritten Bezirkes bei Manke stattfindet. Die Genossen werden ersucht, sich heute nachmittag K Uhr an der Beerdigung des verstorbenen Genossen Albert Lindows die von der Leichenhalle des Gemeinde-FriedhofeS, Buchholzer Straße. auS stattfindet, rege zu beteiligen. Der Verstorbene hat, namentlich in früheren Jahren, rege für die Partei gearbeitet und auch bis vor seinem Tode nach Möglichkeit seine Pflicht erMt. Spandan. Stadtverordnetenversammlung. Befreiung der Kriegsinbaliden mit einem Einkommen von unter 300 M. von der Kommunalsteuer, lautete ein Antrag, der vor etwa einem Jahre von einigen Stadt- verordneten gestellt worden war. Nach etwa einjährigen VerHand- lungen kam der Magistrat zu dem Ergebnis, daß die Steuerbefreiung nicht gewährt werden könne, da dies das Kommunalabgabengesetz nicht zulasse; außerdem habe die Stadt ja im letzten Jahre aus- giebig gesorgt, jeder habe 30 M. bekommen und für die Zukunft werde ja der Staat für sie Sorge tragen, dazu sollen ja die Ueber- schüsse der Reichswertzuwachssteuer Verwendung finden. Von einigen Stadtverordneten wird die Ansicht, daß das Kommunalabgabengesetz die Befreiung nicht zulasse, widerlegt. Es wurde dann der Vorschlag gemacht, die Steuer einzuziehen und sie den Veteranen am Schluß des JahreS wieder zurückzuzahlen. Der Vorschlag fand bei der Versammlung Annahme. Genosse Pieper vertrat den Standpunkt, daß der Staat unter allen Umständen für die alten Krieger einzutreten habe. Wenn man aber denselben von der Stadt etwas zuwenden will, habe er nichts dagegen. Er bean- trage aber dann, daß allen Personen, die ein Einkommen von unter VOO M. haben, die Kommunalstcuern zu erlassen seien. Natürlich drang der Genosse mit seiner Ansicht nicht durch.— Zu dem im Mai 1912 stattfindenden Löjährigen Stiftungsfest der freiwilligen Feuerwehr hat der Magistrat beantragt, einen Zuschuß von 1500 M. und für jeden der 7 Feuerwehrleute, die 25 Jahre bei der Wehr tätig sind, eine goldene Uhr im Werte bis zu 100 M. zu bewilligen. Genosse Pieper wünschte, daß die Oberführer von der goldenen Uhr ausgeschlossen werden. Die Versammlung stimmte jedoch der Magi- stratsvorlage zu. Für den Verein Ferienkolonie Spandau wurde nach längerer Debatte ein einmaliger Zuschuß von 400 M. bewilligt. Genosse Pieper wies bei dieser GelegenheU darauf hin, daß jetzt auch verschiedene bürgerliche Stadtverordnete anerkannt hätten, daß die Leitung der früheren, vor mehreren Jahren entschlafenen Ferien. kolonie nicht in guten Händen war. DeS weiteren bemängelte Redner, daß man die Teilnahme an der Ferienkolonie von dem Fleiß der Kinder abhängig mache.— Für!fie Herstellung einer Wasserrohrleitung nach Gartenfelde bewilligte die Versammlung 33 000 M.— Nach Erledigung weiterer kleiner Vorlagen stimmte die Versammlung dann in geheimer Sitzung dem Ankauf der Ruft- wiesen zu. Unsere drei Genossen, die wegen dringender Angelegen- heit der vorigen Sitzung nicht beiwohnen konnten, waren diesmal anwesend: sie stimmten für den Ankauf. Der Flächenraum beträgt rund 30 Morgen; für den Quadratmeter wird 5 M. gezahlt. Die Verkäufer haben 4 Jahre die Zinsen zu erstatten. Der Kaufpreis kann, wie versichert wird, als ein nicht zu hoher angesehen werden. Arbeiter-Samariterkolonne. Die Besichtigung des Laborato- riums von Herrn Dr. Kallner findet am Dienstag wegen der Ver- sammlung in der Brauerei Pichelsdorf nicht statt. Dafür am Mitt- Wochabend: UebungSabend bei Bühle._ Cenchtö- Zeitung. Der grstSrte Schutzmann. Vor wemgen S.agen berichteten wir vom Amtsgericht Berlin- Mitte über eine Gerichtsverhandlung, die mit Verurteilung eines Ehepaares Meyberth zu 5 M. Geldstrafe endete. Meyberth und seine Frau sollten in der Nacht zum 3. Februar gegen VL2 Uhr morgens in der Warschauer Straße ruhestörenden Lärm verübt haben, so bekundete gegen sie der Schutzmann Zielke. Zwei Eni- lastungszeugen, die von dem Sachverhalt eine andere Auffassung hatten, wurden gar nicht erst vernommen. Gestern verhandelte dieselbe Schöffenabteilung, wieder unter Vorsitz des Amtsgerichts- ratS Wagler, auch gegen diese beiden Entlastungszeugen, einem Arbeiter Scholz und eine Näherin PaScal. Auch sie wurden von Schutzmann Zielke beschuldigt, bei der Sistierung jenes Ehepaare? ruhestörenden Lärm verübt und einen Auflauf verursacht zu haben. Die Polizei hatte gegen beide einen Strafbefehl von ö M. fest- gesetzt. Vor dem Amtsgericht, dem sie die Sache zur Entscheidung vorlegten, gaben beide Angeklagten an, sie seien dazu gekommen, als das Ehepaar sistiert werden sollte. Frau Meyberth habe zu Schutzmann Zielke gesagt, daß ih?' Mann doch nichts gemacht habe. Zielke habe geantwortet:„Na dann kommen Sie mit!" Als nun Scholz zu begütigen suchte:„Sie werden doch die Frau nicht mit- nehmen I" habe Zielke ihm erklärt:„Na. dann können Sie ja mit- kommen." Zeuge Schutzmann Zielke bekundete, beide Angeklagten hätten durch aufdringliche Einmischung ihn in feiner Amtshandlung gestört und von ihm immer wieder die Nummer verlangt. Zu dieser Aussage bemerkte Scholz, auf dem Wege zur Wache habe Zielke ihn gefragt, ob er schon mal Prügel auf einer Wache be- kommen habe. Nur der Anwesenheit des Fräulein» habe er es zu verdanken, daß nicht.... Der Vorsitzende unterbrach ihn. „DaS gehört uicht hierher! Die Rede können Sie anderswo halten!" Angeklagter:„Ich möchte den Beamten fiagen� ob er das gesagt hat." Vorsitzender:„DaS gehört nicht hierher. Sie können sich ja über ihn beschweren." Der Amtsanwalt hielt vre Angeklagt-� für überführt und beantragte, die Geldstrafe von 3 M. zu be- stätigen. Die Verkündigung des Urteils begann:„Der Schutz- mann Zielke bekundet in glaubwürdiger Weise... und endete mit der Festsetzung einer Geldstrafe von je S M. Wegen Beleidigung eines Schöffe» mußte sich gestern der Zimmermeister Adolf Thiele vor der 5. Strafkammer des Landgerichts III verantworten.— Der An- geklagte war im vorigen Jahre in Birkenwerder zum Gemeinde- Vertreter gewählt. Schon in der ersten Sitzung der Gemeinde- Vertretung, in welcher sehr stark hervortretende politische Gegen- sätze herrschten, kam eS zwischen dem neugewählten Gemeindever- treter und dem Amt», und Gemeindevorsteher Kühn zu einer er- regten Auseinandersetzung� welche mehrere Beleidigungsprozesse zur Folge hatte. Als der Angeklagte bald nach seiner Wahl an einer Sitzung teilnehmen wollte, wurde er von dem Gemeinde. Vorsteher mit der Begründung hinausgewiesen, daß seine Wahl noch nicht bestätigt worden sei. Da Thiele nicht sofort ging, er» stattete der Gemeindevorsteher gegen ihn Anzeige wegen Haus- friede nSbruch. DaS Schöffengericht Oranienburg verurteilte ihn auch zu 30 Mk. Geldstrafe, während die Straffammer auf die Berufung deS Angeklagten hin dieses Urteil aufhob und auf Frei- sprechung erkannte. Einige Tag« darauf richtete er an den Ge. meindevorsteher Lemcke in Schönsließ, der seinerzeit in der Sitzung deS Amtsgerichts in Oranienburg als Schöffe fungiert hatte, einen Brief, in welchem er ihm seine Freisprechung mitteilte und dabei die Wendung gebrauchte, daß er als Schöffe seinen Kollegen Kühn doch nicht habe retten können. Auf die von Lemcke erhobene Be- leidigungSklage hin wurde Thiele von dem Schöffengericht in Oranienburg zu K Wochen Gefängnis verurteilt, da in jener Be» merkung in dem Briefe der Vorwurf einer vorsätzlichen Rechts» beugung zu erblicken sei. DaS Landgericht erkannte gestern in der Berufungsinstanz unter Aufhebung des ersten Urteils auf 890 Mark Geldstrafe._ Eine empfindliche Strafe wurde gestern den beiden noch nicht ganz achtzehnjährigen Burschen Berthold Schneidewind unb Karl May zuteil, die unter der An- klage der Störung einer gotteSdienstlichen Handlung vor der siebenten Strafkammer des Landgerichts I standen. AIS die mit der Inneren Mission verbundene Christliche Gemeinschaft St. Michael zum Blauen Kreuz, die sich der Bekämpfung der Trunksucht widmet, in einem Saale in der Schönwalder Straße in Anwesenheit von etwa 50 Personen eine religiöse Andacht abhielt, hatten sich die beiden Angeklagten dort eingedrängt und hielten die Gelegenheit für geeignet, um allerlei„Ulk" zu treiben. Sie begleiteten den Gesang durch Brummstimmen und störten ihn durch allerlei Zwischenbemerkungen, richteten an anwesende junge Mädchen mit lauter Stimme unzüchtige Aufforderungen und betrugen sich so flegelhaft, daß sie zur Fesfftellung ihrer Persönlichkeiten festge» nommen werden mußten. DaS Gericht glaubte daS Benehmen der beiden Angeklagten durch eine empfindliche Strafe ahnden zu sollen und verurteilte sie zu je 1 Monat Gefängnis. Kaufmännische«ranken- und Sterbekaste von 1885.(E. H. 71.) Reanderstr. 4. DienStag, den 4. April, abend» 0 Uhr, im Restaurant, Jüdenslr. IS/tS: Sitzung. IZus aller Melk. Schwerer Unfall auf dem Borustädter Exerzierplatz. Bei militärischen Uebungen auf dem nahe Potsdam ge- legenen Bornstädter Felde ereignete sich gestern morgen durch Scheuwerden von Pferden ein bedauerlicher Unfall. Am Fuße de» Ruinenberges stand die erste Batterie des 2. Feld- artillerieregimentS abgeprotzt zu einer Uebung. Als die Maschinen- gewehrkompagnie deS 1. Garderegiments zu Fuß mit Schieß- Übungen begann, wurde die Artilleriebespannung scheu und ging mit den Protzen quer über das Bornstädter Feld nach der Srlilleriekaserne zu durch. Die Fahrer konnten die Pferde nicht halten und wurden niedergeworfen. Sieben Mann wurden überfahren und in das Kasernenlazarett gebracht. Fünf von ihnen konnten sofort wieder entlassen werden, während ein Kanonier einen Oberschenkelbruch und eiu zweiter Kanonier tnnereBerletzungen erlitten hatten. Der halbierte europäische Rundflug. Nach der Ausschaltung DeuischlandS bei dem vom Pariser „Journal" angeregten Rundflug hat die projektierte Route folgende Gestalt angenommen: Die Flieger steigen am 18. Mai in Bin« c e n n e S bei Paris auf, fliegen nach L ü t t i ch, von dort nach Utrecht. Brüssel, London und dann zum Ausgangspunkte Paris zurück. Der Weltflug, für den Preise im Gesamt» betrage von 412000 Franks zur Verfügung stehen, soll bis Ende Juni dauern. Die beiden Militärflieger Mackenthun und Erler find am Sonntagabend von ihrem Fernfluge wohlbehalten nach dem Döberitzer Felde zurückgekehrt. Am letzten Tage ihre« Aus« flugeS hatten sie etwa 200 Kilometer zu durchfliegen. Die Ab» fahrt von Braunschweig erfolgte kurz nach 7 Uhr morgen»; in M i e st e r h o r st und in Stendal gingen die beiden Flieger nieder. Die Anlunft m D ö b e r i tz erfolgt« zu Zwischenlandungen nie kurz nach 7 Uhr abends. Eine Kindertragödie. Rom, i. April.(Eig. Ber.) In Torchiarolo in der Pro« vinz Lecce hat sich in dem Haufe deS dortigen Bürgermeisters, eines ArzteS, eine furchtbare Tragödie abgespielt. Dem Bürgern meister war ein kleines Mädchen geboren worden, auf daS der älteste, sechsjährige Sohn leidenschaftlich eifer- süchtig war. Kein Mensch nahm die Abneigung deS kleinen Burschen ernst, bis dieser eines Morgens, als die Hebeamme das Neugeborene badete, mit dem Gewehr in der Hand heran» schlich und dicht vor dem Kinde die Waffe aib» drückte. Dem Säugling wurde die Schädeldecke zertrümmert. so daß der Todauf derStelle eintrat. Auch angesichts der furchtbaren Verzweiflung der Eltern blieb der kleine Mörder ruhig und ohne Reu« und erklärte mit großer Bestimmtheit, dag er fein Schwesterchen hätte töten wollen. Wir haben hier eine echte und rechte Tragödie des Kinderherzens vor unS, an der vielleicht die Fahrlässigkeit der Erwachsenen Schuld trug, di« die Gefühle deS Knaben nicht beachtet und berücksichtigt haben. Die Pest auf Java. Nachdem es gelungen ist. die Pest in China und in der Mandschurei zuriickzudrängen, kommt jetzt die Nachricht, daß aus der zum holländischen Kolonialbesitz gehörigen Insel Java die Beulenpest ihre Opfer sucht. In der Um» gebung von M alang auf Java sind nach amtlicher Fest» stellung 46 Fälle an Pest vorgekommen, von denen 26 tödlich verlaufen sind. Es sind mehrere Aerzte nach Malang abgesandt worden. Zur Verhütung der Weiterverbreitung sind strenge Maßnahmen getroffen worden. Kleine Notizen. Mutter und Kind verbrannt. In der Nacht zum Montag brannte in Misburg bei Hannover das Wohnhaus des Schmiedes Engelke nieder. D>e Frau de« Besitzers und sein sechsjähriges Kind sind in den Flammen umgekommen. Aus der göttlichen Weltordnung, vergangene Nacht legte sich ein obdachloser Mann mit einem Knaben bei der Station Schönwald in Schlesien zum Schlafen auf den Eisenbahn» körprr. Ein Arbeiterzug überfuhr den Mann, der sofort getötet wurde, der Knabe blieb unversehrt. L»m Blitz getötet. Bei einem über das Rheinland nieder» «egangenen Gewitter wurden in der Nähe von Siegburg drei t ers o n en, die in einer Scheune Zuflucht genommen hatten, durch den Blitz getötet. Ein Knecht und ein Kind werden noch ver» mißt. Unwetter i« Kanal. An der englischen Küste sind während eines Sturmes mehrere Dampfer untergegangen. Andere Schiffe wurden durch Kollisionen schwer beschädigt. Die Mannschaften der untergegangenen Schiffe konnten gerettet werden. Einladung zum Oster-Freikonzert! *||lt erbieten un«, Ihnen während der bevorstehen- N» den Osterseicrtage und noch lange darüber hinau«, Kcstkonzerte in Ihrem eigenen Heim zu veranstalten, wie Sie ste wahrscheinlich noch nicht gehört haben. Di« Veranstaltung ersolgt völlig kostenlos für Sie und hat den Zweck. Sie zu einem Abonnement aus diese Konzerte veranlassen, sall» da» Probe- konzert, daS Sie wahrend der Dauer von Li Tagen völlig unentgeltlich baden sollen, Ihnen und Ihren Anaebörlgen ssreud« berettet hat. Unser Angebot wird Sie aewttz interessieren, und deshalb bitten wir Sie, un« einige Minute« Gehör zu schenken- «ir wollen Ihnen— zunächst kostenlos auf fünf Tage— ei�en Spezial-Luxu«. Sprechapparat mit echter Palbö- Schalldose und 20 auSgiwählte Stücke aus l0 doppelseitig belpieltcn. LS ew großen Patbö-Platten »m enden Tiefen Apparat und diese Platten tonnen Sie während der Dauer von 6 Tagen spielen lassen und probieren, so oft und so viel Sie wollen. 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Die Vorzüge unterer P a t h ö-Platten find aber nicht nur hinfichtltch der Hallbartett, sondern auch hinfichllich ibre« Inhalte« so gewaltige, daß nie- mand, der diese Platten gehört bat, den Wunsch haben wird, andere Platten zu besitzen. Da gibt e« die neuesten lliffll.llliffMUMjli.VZljff und andere Tönze, Ouvertüren und Potpourri«, alle nur möglichen Instrumentals oli, wie Flügclhorn, Piston, Klarinette, Xylophon m, ernste und lustige Orchester- stücke, Jodler und Duette, humoristische Vorträge und Couplet«, und zwar aus allen Gebieten da« denk« bar Beste. Denn daS große Pathö-Repertotre mnsaßt mehr al» 25 000 Nummern. lauter Origwalausnahmen, von de» größten Künstler» gesungen und ge- spielt. Haben Sie fich nun während der Daner vonb Tagen von alledem, wa» wir vorstehend gesagt haben, persönlich überzeugt, so steht e» Ihnen srei, unser« Sendung läuftich zu erwerben. In diesem Falle haben Sie für Apparat und Platten nur einen Betraa von 8.— Mk. monatlich an un« zu zahlen. 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Postfach 120/13 Ginige Anerkennungen Besten Dank für den Pathö-Apparat. Derselbe cn betreffenden Apparat. spielt treffend Klan wunderbar und überragt be< JchönHett alle« Dagewesene. Ich bin stolz aus den betreffenden Apparat. Danzig. gez. P. P., Buchhalter. Die mir gelleserte Pathö. Sendung übertrifft bei weitem meine Erwartung und kann ich diese jedem aul» wärmste empfehlen. RadiS, Bezirk Halle. gez. W. Sch., Igl. Weichensteller. Ich habe die beiliegenden Pathö-PIalten gespielt bm mit denselben sehr zufrieden. meine Familie und bin mit denselben sehr Lusrieden. bin ich sowie Tonschönheit. Frantsurt a. M. Erstaunt über die gez.». M. iBÄ Bestellschein 120/13 SÄf Hierdurch ersuche ich di« Firma Bial& Freund tn Breslau II, mir den angebotenen LuxuS-Sprech- apparat mit echter Pathö-Schalldose und 20 Stücke aus doppelseitig bespielten Pathä-Platten ohne Anzahlung, ohne Nachnahme, ohne jede Emballageberechnung, insbesondere ohne jede Kausverpsltchtung zur Probe zuzusenden. � verpflichte mich, diese Sendung, sall« ich sie nicht zu wünsche, t--- beHallen wünsche, innerhalb 5 Tagen, vom Tage de« Empfange« an gerechnet, franko zurückzusenden, andernfalls behalte ich ste und zahle unter Anerkennung de« Eigen- lumSrechte« monatlich 3 Mk. vom Ablauf der Probezeit be- ginnend, bis der Wert deS Apparate« von 45 Mt. und der der 10 Doppelplatten � 3 Ml. beglichen ist.— ErsüllungS- ort ist Breslau. Ort und Datum: vor«, Zuname md BttUj: Jedes Wort 10 Pfennig. Dai fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.: das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. 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