Nr. S». RbonnementS'Bedingungeft: Abonnements- Preis pränumerando i Lierteljährb SM 2Hf., nionofl. 1,10 Mk, WSchenilich 28 Pfg, frei inS HauS. einjtinc Nummer 5 Pfg. SonntagS- uunimer mit Mustrierler Sonntngs- Bcilage.Die Reue Bell' 10 Pfp. Pojt- Vbonncincnt: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.Zcitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarch Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schmeden und die Schweis, 38. Jahrg. Die Tnlerticns» Gebühr Geträgt für die fechsgesdaltene Kolonel. geile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins» und Versamnilungs-Anzeigen ZO Pfg. „Klein« Hnitigcn", das fcttgedrmlte Wort 20 Pfg. fzulässig 2 fettgedrulkle Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Etellcngcsuche und Schlafstcllcnan» geigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort ö Pfg. Worte üoer 15 Auch- stabcn zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer niiijse» bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition gpaegeben werden. Die Expedition ilt vis 1 Uhr abends geofsnei, vlchciiit tazllch anfitr MovlZR. Vevlinev Volksblatk. Zcntvalovgan der fozialdcmohrati fehen parte» Deutfcblaräds. Telegramm-Adresse: „Soilsldtmolsrat Bcrlia". Redahtton: 8Äl. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt FV, Nr. 1983. Donnerstag, den 30. April 1911. Expedition: 8W. 68, Lindcnatrassc 69» Fernsprcckier: Amt I\, Nr. 1984. Das Steigen der Rodenpreise. L Allen Argumenten gegen den Brotwucher setzen die Agrarier die Behauptung entgegen, ohne die Zölle auf Lebens- mittel würde„die Landwirtschaft ruiniert". Ganz abgesehen davon, daß in Ländern, die ebenso wie Deutschland, Lebens- mittel einführen müssen und trotzdem keine„Schutzzölle" haben, die Landwirtschaft technisch und wirtschaftlich Fortschritte macht— z. B. in England, Holland, Dänemark—, wird dieses Gerede durch die einfache Tatsache widerlegt, daß die Preise für landwirtschaftlich genützten Boden unablässig steigen. Es ist ja auf den ersten Blick klar, daß steigende Boden- preise mit abnehmender Rentabilität der Landwirtschaft durch- aus unvereinbar sind. Der landwirtschaftliche Unternehmer, der sich entschließt Boden zu hohem Preise zu kaufen, während er mit abnehmender Rentabilität rechnen muß, würde absolut unwirtschaftlich handeln und verdiente unter Kuratel gestellt zu werden. Allerdings gibt es von dieser, wie von jeder national- ökonomischen Regel Ausnahmen. Es ist z. B. bekannt, daß sehr oft Parzelleninhaber den Boden zu teuer kaufen, weil für sie die Rentabilität überhaupt nicht in Betracht kommt. Der Parzellenbesitzer, der sein Einkommen nur zu geringem Teil aus dem landwirtschaftlichen Betriebe erzielt, in der Haupt- fache aber aus dem Verkaufe seiner Arbeitskraft, handelt wohl unwirtschaftlich, wenn er den Boden so teuer kauft, daß eine Rentabilität ausgeschlossen ist; aber er setzt sich dadurch nicht dem Ruin aus. Er wird dann einfach gezwungen, Verluste, die ihm entstehen, aus seinem Arbeitslohn zu decken. Auf der anderen Seite kommt es vor, daß für Landgüter Liebhaber- preise gezahlt werden, bei der die Rentabilität von vornherein ausgeschlossen ist. Das Motiv ist dann Protzentum, die Sucht nach„gesellschaftlicher Stellung", die der Bodenbesitz verleiht. Schließlich mögen Bauern des öfteren Preise für ihre Höfe zahlen, bei denen sie unmöglich die Zinsen herauswirtschasten, einfach, weil sie nicht zu rechnen verstehen und sich in einer Zwangslage befinden. Sie können nur als Ackerbauer leben, tvehren sich dagegen, auf eine tiefere soziale Stufe zu sinken und setzen ihre Arbeitskraft zu. statt ihr Kapital zu verzinsen. Aber all das kann die Regel nicht umstoßen, daß auch das in der Landwirtschaft angelegte Kapital sich rentieren muß, da ja sonst die landwirtschaftlichen Besitzer, indem sie jahrein jahraus zusetzen, verarmen müßten. Es genügt auch nur zu beachten, wie in der Praxis die Bodenpreise festgesetzt werden. Ih� Grundlage bildet der Rein- ertrag, der unter normalen Verhältnissen bei der Bewirt- schaftung des gegebenen Gutes erzielt wird. Dieser Reinertrag wird kapitalisiert, indem man ihn mit 20 bis 23 multipliziert (je nach dem landesüblichen Zinsfuß) und das Resultat gilt als der normale Preis. Wirft das Gut 10000 M. Reinertrag ab und ist der Zinsfuß 5 Proz., so wird man 200000 M. als den normalen Preis dieses Gutes betrachten. Wird dieses Gut nach einer Reihe von Jahren für 250 000 M- verkauft, während der landesübliche Zinsfuß unverändert geblieben ist, so unterliegt keinem Zweifel, daß der Käufer, der diesen er- höhten Preis zahlt, damit rechnet, statt der bisherigen 10000 M., 12 500 M. herauszuwirtschaften. Freilich spielen bei jedem einzelnen derartigen Kaufe die verschiedensten Gründe mit. Spekulationslust aus feiten des Käufers, Notlage auf feiten des Verkäufers, der Wunsch des Käufers, gerade dieses Gut(z. B. zum Zwecke der Arrondicrung) in seinen Besitz zu bringen und mancherlei andere Umstände mögen dabei in Betracht kommen, so daß Güter bald über, bald unter dem normalen Preise verkauft werden. Die zu- fälligen Schwankungen gleichen sich indessen aus und der Durch- schnittspreis ist der normale Preis. Ein allgemeines Steigen der Gütcrpreise zwingt daher unweigerlich zu dem Schlüsse. daß der Reinertrag gestiegen ist. Um indessen den Vorgang richtig zn erfassen, müssen wir uns von der rohen Empirie zur Theorie wenden, zur Theorie der Grundrente, und folgendes festhalten. Der landwirtschaftliche Unternehmer schindet aus seinen Arbeitern genau so Mehrwert heraus wie der industrielle. Es besteht indessen ein Unter- schied: der zur landwirtschaftlichen Produktion geeignete Boden ist beschränkt; es ist nicht möglich, die Produktion von Nah- rungsmittcln willkülich zu steigern. Bei wachsender Nach- frage— und sie wächst naturgemäß mit der Vermehrung der Menschen— haben daher die landwirtschaftlichen Produzenten die Möglichkeit, den Preis zu steigern. Deshalb scheint die Möglichkeit gegeben, auch den Profit der landwirtschaftlichen Unternehmer über den normalen Profit der Unternehmer in anderen Produktionszweigen hinaus zu steigern; die landwirt- schastliche Profitrate hat die Tendenz, über die durch- schnittliche Profitrate zu steigen._(Durchbrochen wird diese Tendenz nur dann, wenn plötzlich die Zufuhr von Lebensmitteln über den Bedarf hinaus steigt und die Preise sinken, wie das zur Zeit der„amerikanischen Konkurrenz" der Fall war). Dieser Tendenz zur Steigerung der Profitrate in der landwirtschaftlichen Produktion wirkt aber entgegen das Steigen der Grundrente. Den land- wirtschaftlichen Unternehmern wird so viel von ihrem Profite abgejagt, bis ihre Profitrate der in anderen Sphären der kapitalistischen Wirtschaft üblichen gleich kommt. Wo, wie in England, Bodeneigentümer und landwirtschaft- Richer Unternehmer zwei verschiedene Personen sind, da voll- zieht sich dieser Prozeß sehr einfach: Steigt die Profitrate in der Landwirtschaft über das normale Matz hinaus, so werden sofort die Pachtschillinge erhöht, bis der Ausgleich stattgefunden, bis die Profitrate der Pächter auf den Durch- fchnitt herabgedrückt ist. In Deutschland, wo das Pachtsystem wenig ausgebildet ist, wo die landwirtschaftlichen Unternehmer zumeist auch Eigentümer des Bodens sind, vollzieht sich dieser Prozeß auf Umwegen. Hier tritt eine Scheidung zwischen dem landwirtschaftlichen Profit und der Bodenrente erst beim Besitzwechsel ein, das Mittel, reine Bodenrente einzustreichen, ist der Verkauf des Bodens. Es wird bei einem solchen Verkaufe die Bodenrente kapitalisiert, und gerade dieser Vorgang dient auch dazu, die Profitrate herabzudrücken. Je höher nämlich die Profitrate, die in der Landwirtschaft erzielt wird. über der Durchschnittsprofitrate steht, desto höher wird auch der Betrag der kapitalistischen Rente bemessen, und der neue Käufer wird nun, da er eben die Rente vorweg gezahlt hat, eine geringere Profitrate erzielen» als sein Vorgänger. Zum Beispiel: ist die Durchschnittsprofitrate 10 Proz., das gegebene Landgut wirft aber seinem Besitzer eine Profitrate von 15 Proz. ab. so wird er beim Verkaufe trachten, diese 5 Proz. im Preise zu kapitalisieren, vorwegzunehmen. Er wird dabei auch Erfolg haben, da für den neuen Besitzer immer noch die Durchschnittsprofitrate von 10 Proz. verbleibt. So betrachtet, und es ist die einzig stichhaltige wissen- schastliche Betrachtungsweise, ergibt das Steigen der Boden- preise einen noch viel weiter gehenden Schluß, nämlich den, daß die Profitrate in der Landwirtschaft in einer Periode steigender Preise höher ist als in der Industrie, und erst durch die Vorwegnähme der Grundrente in den hohen Boden- preisen wieder herabgedrückt wird auf die Durchschnittsrate. Profittate ist das Verhältnis des erzielten Profits zu dem aufgewendeten Kapital. Der Profit hängt ab in erster Linie vom Mehrwert, von dem Grade der Ausbeutung des Ar- beiters. Je geringer der Lohn, desto höher der Profit. Aber der Profit hängt auch ab von: Preise: je höher der Unter- nehmcr den Preis der landwirtschaftlichen Produkte schrauben kann, desto höher wird offenbar sein Profit. Drittens hängt auch der Profit ab von den Produkttonskosten abgesehen von dem Lohn: gelingt es, die Produktionskosten hcrabzudrücken, so steigt selbst bei unverändertem Preise der Profit. In der Landwirtschaft hat sich nun eine Reduktton der Produktionskosten gerade in den letzten Jahrzehnten in ganz ungeahntem Matze vollzogen. Das ist die Folge vor allem der Errungenschaften der Wissenschaft. Die Chemie, die Biologie im allgemeinen und speziell ihr jüngster Zweig, die Bakterio- logie, haben ganz ungeahnte Fortschritte gemacht, und die Lehren kamen der landwirtschaftlichen Produktion zugute. Man kam so zu dem rationellen Fruchtwechsel, zur Anwendung der Lehren vom Stoffwechsel auf das System des Düngens. Schon daß auf Grund dessen die Brache aufgehoben, also der- mieden wurde, daß ein Drittel des Ackerlandes brach liegt, steigert die Erträge der Landwirtschaft. Außerdem aber hat sich infolge dieser rattonellen Ausbeutung des Bodens der Er- trag an Korn und Hackfrüchten pro Hektar bei gleichem Auf- wände von Arbeit gewalttg gesteigert. Auch in der Viehzucht führten die Lehren der Biologie zu einer rationellen Auslese der Zuchtttere, zu einer möglichst vollständigen Aus- Nutzung des Futters bei der Fleischproduttion, wäh- rend die EntWickelung der Bakteriologie dazu führte, die Natur der Seuchen zu erkennen und diese Seuchen zu be- kämpfen, was die Verluste des Landwirtes reduziert. Ebenso sind die Fortschritte der Mechanik, durch Verbesserung der Maschinen, und die Fortschritte der Jngenieurwissenschaft. durch Erleichterung der Entwässerungs- und Bewässerungs- anlagen der Landwirtschaft zugute gekommen. Alle diese Er- rungenschastcn sind das Produkt der geistigen Arbeit der ganzen Menschheit, sie kosten den landwirtschaftlichen Unter- nchmer gar nichts, aber sie erhöhen seinen Profit, indem sie die Produkttvität der Arbeit steigern. Und noch auf anderen Gebieten ergaben sich Fortschritte, die wiederum den landwirtschaftlichen Unternehmern Nutzen brachten, indem sie die Produktionskosten herabsetzten. Hierher sind zu zählen die EntWickelung des Verkehrswesens und der Ausbau der Genossenschaften. Es hat in den letzten Jahr- zehnten der Bau von Chausseen eine gewalttge Aus- dehnung gewonnen und ebenso ist das Eisenbahnnetz vervollkommnet, und zwar nicht nur die Fernbahnen, fondern ganz besonders die Stebenbahnen. Das hat eine immense Bedeutung, denn es ist auch für den Laien sofort klar, was es heißt, wenn der Gutsbesitzer sein Getreide zur Bahnstation schafft, die dicht am GutShofe gelegen ist, oder doch auf ein paar Kilometern guter Chaussee zu erreichen ist. oder ob er feine Getteidefuhren meilenweit auf schlechten Wegen trans- porttcren muß, wobei Pferde. Wagen und Geschirr ruiniert werden und enorme Zeitverluste entstehen. Allerdings sucht der. Händler den Preis des Getreides um die verringerten Transportkosten zu drücken, aber es unterliegt keinem Zweifel. daß auch die Gutsbesitzer Vorteile erzielen, wofür der beste Beweis ist, daß der Preis eines Gutes sofort steigt, wenn in der Nähe eine Bahnstation eröffnet wird.— Das Genossenschafts- wesen wiederum führt dazu, daß sowohl die Produktionskosten durch Einkauf der Produttionsmittel(Sämereien, künstlicher Dünger, Zuchtvieh. Maschinen) zu billigem Preise reduziert werden, daß andererseits die Produkte durch Ausschaltung des Zwischenhandels besser verwertet werden(Molkerei-Genossen- schaffen, Viehverwertungs-Genossenschaften, genossenschaftliche Kornlagerhäuser). Ferner ist zu berücksichtigen, ldaß die rapide EntWickelung der Städte den landwirtschaftlichen Unternehmern die Möglichkeit bietet, zu rentablen Formen der Wirtschaft zu schreiten. die früher unmöglich waren, weil der Absatz fehlte: Milch- und Fleischproduktion, Anbau von Gemüse und Obst, Anbau von sogenannten Handclsgewächsen. Schließlich isr ein weiterer Umstand zu erwähnen: die Verbilligung des Kredites. Es ist der Zinsfuß für Hypo- theken in den letzten Jahrzehnten zweifellos gesunken und es ist der Personalkredit in ganz enormem Matze erleichtert und verbilligt worden. Dies bewirkt, daß der landwirtschaftliche Unternehmer einen bei weitem geringeren Teil seines Profites an den Gcldkapitalistcn in Form des Zinses abtreten»nutz, als das früher der Fall war. Alle diese Umstände bewirken, daß die Produktivität der Arbeit gerade in der Landwirtschaft enorm gesteigert worden ist, daß die Produttionskosten verringert wurden. Von diesen sind zwar die Arbeitslöhne im Laufe der letzten Jahrzehnte gestiegen(obschon nicht allgemein, Weil durch Herbeiziehung billiger Saisonarbeiter dem entgegengewirkt wird). Aber diese Steigerung ist über und über wettgemacht durch die anderen Faktoren. Nur so erttärt es sich, daß selbst in der Zeit der fallenden Getreidepreise, in der Periode der scharfen ameri- kanischen Konkurrenz, in jenen Ländern, die nicht zu der künstlichen Erhöhung dieser Preise griffen, die Profitrate in der Landwirtschaft nicht gesunken ist, daß die Pachtschillinge in England im allgemeinen nicht gefnnken sind, ebensowenig wie die Bodenprcise in Holland und Dänemark. In Deutschland aber kam zu all jenen Faktoren der Hebung der Produktivität der Arbeit und der Reduktion der Produktionskosten noch hinzu die künstliche Hoch- Haltung der Preise landwirtschaftlicher Pro- dukte durch das Schutzzollsystem und die Grenzsperren, ferner die Zuschanzung von Extraprofiten für die Großgrundbesitzer auf Gnind der„Liebesgaben" an die Schnapsbrenner, der Ausfuhrprämien für die Produzenten der Zuckerrüben. Soinit liegt der Gedanke nahe, daß die Profitrate der landwirtschaftlichen Unternehmer in Deutschland ganz enorm steigen mußte. Diese Profitrate wird dann auf den landesüblichen Durchschnitt reduziert. � durch die Steigerung der Rente, was zum Ausdruck kommt im Steigen der Bodenpreise. ES liegt nun eine wissenschaftliche Arbeit vor, die unS Aufschluß gibt über die tatsächliche Gestaltung der Bodeupreise in Preußen, und wir werden in einem zweiten Arttkel diese Preisbewegung darlegen. cehmiche Zahlen. In diesem Augenblick, wo sich die Verleumdermeute anschickt, den letzten Ansturm gegen die Selbstverwaltung der Arbeiter in den OrtSkrankenknssen mit ihrem Geheul über„sozialdemokratische Mitz- wirtschoft' in den Kassen zu sekundieren, ist eS angebracht, einmal eingehend zu untersuchen, wie sich die Ortskrankenkassen unter der tatkräftigen Mithilfe der Arbeiterschaft entwickelt haben. Die amtliche Statistik ist allerdings so mangelhaft, daß sie kein an- nähernd zutreffendes Bild gibt, es läßt sich nur an einigen Bei« spielen zeigen, wie sich die Kassen, trotz der großen Zersplitterung und trotz der einer Erweiterung der Leistungen sehr hinderlichen ge- setzlichen Bestimmungen seit 18S5 geradezu glänzend entwickelten. DaS Gesetz unterscheidet belanntlich Pflichtleistungen, welche die Kassen unter allen Umständen einhalten müssen, und Mehr- leistungen, die die Kassen freiwillig gewähren können. An dem Um- fang der Mehrleistungen könnte man die Vorteile der Selbst- Verwaltung der Krankenkassen ermessen. Leider versagt aber gerade hier die aintliche Statistik gänzlich. Nur einige nebensächliche Dinge können festgestellt werden. Soweit zunächst das Krankengeld in Betracht kommt, stieg bei ollen Kassen der auf ein Mitglied entfallende Durchschnitt«- betrag von£>,58 M. im Jahre 188S auf 10,74 M. im Jahre 1909. An dieser Zunahme sind die OrtSkranlenkassen, die weit mehr als die Hälfte aller gegen Krankheit versicherten Personen umfassen, am hervorragendsten beteiligt. DaS Krankenversicherungsgesetz schreibt vor, daß das Krankengeld vom dritten Tage nach dem Tage der Erkrankung an gewährt werden soll. ES ist indes den Kasse» freigestellt, diese Wartezeit abzuschaffen. Im Jahre 1909 hatten ISOS OrtSkrankenkaffeu, das ist mehr als der dritte Teil aller Ortskassen, die Karenzzeit ganz oder zum Teil beseitigt. 749 Ortskrankenkassen bezahlten das Krankengeld auch Sonntag?. Die KranlheitSkosten bei sämtlichen Kassen stiegen von 47 Mill. Mark im Jahre 1885 auf 305 Millionen Mark im Jahre 1909. Bei den Ortskrankenkassen allein stiegen diese Aufwendungen von 14 auf 157 Millionen Mark oder etwa um daS elffache, bei den Be- triebskrankenkassen von 17 auf 93 Millionen Mark oder etwa um da? fünffache, bei den Gemeindekrankenversicherungen von 4 auf 21 Millionen Mark oder ebenfalls nur um das f ü n f f a ch e. Unter den Gemeindekrankenkassen, die bekanntlich überhaupt keine Selbstverwaltung haben, war im Jahre 1909 keine einzige. die ihre Krankenunterstntzung über die Dauer von 26 Wochen hinaus ausgedehnt hatte. Von den JnnungSkrankenkassen, bei denen die Arbeiter ebenfalls nichts zu sagen haben, gewährten nur 15 eine über 26 Wochen hinausgehende Unterstützung. Unter den Orts- ttankenkassen gab es 56, die über 20 bis 39 Wochen; 60, die über Sö bis 52 Wochen, und eine, die über 52 Wochen Unterstützung ge- währte. Von 1588 bis 1809 stieg die Zahl der Kassen, die mehr als die Hälfte, und zwar bis fu zwei Drittel des Lohnes als Kranlengeld gewähren, von 705 am 2070 oder um 193,0 Proz., und der mehr als zwei Drittel gewährenden Kassen von LOS auf 455 oder um 71,7 Proz. Im Jahre 1909 gewährten von den 8254 Gemeinde- krankenverficherungen nur 11(elf l) oder 0.1 Proz. ein über die Hälfte des Lohnes(bei diesen noch dazu des„ortsüblichen Tagelohnes ge- wohnlicher Tagearbeiter") hinausgehendes Krankengeld. Bei den 4775 OrtSkrankenkassen waren dies indes 796 oder 16,7 Proz. Die verhältnismähige Zahl der Erkrankungsfälle ist bei den BetriebSkrankcnkassen eine gröstere; das ist auf die häufigeren Un- fälle und die mit dem Großbetriebe verbundenen erhöhten Gefahren für die Gesundheit der Arbeiter zurückzuführen. Die durchschnittliche Dauer der Unterstützung mit Krankengeld ist aber bei den Orts- krankenkassen ständig länger gewesen und zwar am l ä n g st e n u n t e r a l l e n K a s s e n a r t e n. Sie betrug im Jahre 1909 bei den Betriepskrankenkassen 19,1, bei den Ortskranken- lassen aber 21.3 Tage. Die Ausgaben für Schwangere und Wöchnerinnen find bei den Ortskrankenkasse, von 2 936 499 M. im Jahre 1905 auf 4 187 322 M. im Jahre 1909 oder um 42,6 Proz., bei den Betriebs- krankenkassen indes nur von 1 562 126 M. auf 1 848 956 M. oder um 18,4 Proz. gestiegen. Für diese Unterstützung gewährten 1909 pro Mitglied die OrtSkrankenkassen 04 Pf., BctriebSlranlenkassen 59 Pf., Jnnungslrankenkasse» 14 Pf. und Gemeindekrankenversicherungen gar nichts. Auch hier stehen die OrtSkrankenkassen oben an, namentlich da sie vielfach statutarisch die Schwanger- fürsorge eingeführt haben, worüber aber auch die Statistik keine Auskunft gibt. Au Fürforgeleüstungen für Genesende nach Beeudignug der Kra»kenu»terstutzung— auch eine Mehrleistung— wendeten 1909 die OrtSkrankenkassen 166 837 M., die Betriebskrankenkassen aber nur 45 931 M. auf. Hinfichtlich der wichtigste» Mehrleistung, der unentgelt- lichen Gewährung ärztlicher Behandlung ündtzeil- mittel an die Familienangehörigen der Kassen- Mitglieder läßt uns die Statistik gänzlich im Stich. Sie sagt nicht, von wieviel Kasten ditrse Fürsorge eingeführt ist. sondern gibt nur an. wieviel Kassen hierfür Zusatzbciträge nach§ 6a Absatz 1 Ziffer 5 des KrankenversicherungögesetzeS erheben. DaS läßt aber nur einen unzulänglichen Rückschluß auf die Zahl der Kassen, welche die Mehrleistung gewähren, zu. Die OrtSkrankenkassen. die in sehr großer Zahl die Fürsorge eingeführt haben, gewähren sie meist allgemein, also ohne Erhebung von Extra- beitragen. Am jämmerlichsten stehen auch hier wieder die Gemeinde- krankenversicherungen da. Sie haben 1909 mir 10605 M. solcher Beiträge erhoben. Damit ist aber auch die ganze Familienunter- stützung dieser Versicherungen erschöpft, denn nach 8 9 Absatz 1 des KrankenversicherungSgesotzeS muß diese Kassenart für solche Unter- stützungen Zusatzbeiträge erheben. Die Zahlen zeige«, daß die Arbeiter ihren Aufgaben und Pflichten innerhalb der Kasienverwaltungen vollkomme» gerecht ge- worden find. Würbe für die Betriebsunternehmer nicht die Mög- lichkeit bestehen, ohne toeitereS aus einer Ortskrankenkaste aus- zutreten swcnn ihm dort die Beiträge zu hoch erscheinen) und eine eigene BetriebSkrankenkasse zu gründen, so würde noch manche OrtSlrankenkaste in der Lage gewesen sein, ihre Beiträge zu erhöhen. Sollte bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung wirklich nur das Interesse der Versicherten maßgebend sein, so müßte das Selbstverwaltungsrecht der Arbeiter nicht nur aufrechterhalten, sondern erweitert werden. SostollMche Nahliiege in flmerllia. New York, 9. Zlpril.(Eig. Bor.) Die sozialistische Partei erzielte bei den Kommunal- lv a h l e n während der letzten Wochen ganz überraschende Erfolge, hauptsächlich in den Weststaaten. Etliche Stadt- und Gemeindeverwaltungen wurden erobert, eine Anzahl Bürgermeister. Stadträte und andere städtische Beanito er- wählt und selbst in die Schulbehörden drangen unsere Genossen ein. Wo keine direkten Erfolge erzielt wurden, ist ein S t i ni ni e n z u w a ch s zu verzeichnen. So stieg in C h i t a g o. wo der Demokrat Barrison zum Oberbürgermeister erwählt wurde, unsere Stimmenzahl von etwa 13 000 bei der vorigen Bürgermeisterwahl aus über 24000, trotzdem die Demokraten und Republikaner den Stimmenkaus im großen betrieben und am Wahltage das Geld durch ihre Schlepper mit vollen Händen ausgabst. In St. Louis entfielen auf die sozialistischen Kandidaten 12000 Stimmen gegen 8000 im November letzten Jahres; hingegen erlitten Demokraten und Republikaner bedeutende Stimmenverluste. In Wichita. einer größeren Stadt in Kansas, schnellten die sozialistischen Stimmen von wenigen Hundert auf 5100 cinpor. in Fort Worth innerhalb eines Jahres von 120 aus 1270 Stimmen, und so weiter...„, Wohl die beachtenswertesten Erfolge sind jene m der bedeutenden Industriestadt Butte in Montana und in Flint in Michigan. In Butte, das 40000 Einwohner zählt,»vurde Genosse Lewis I. Duncau. ein früherer Unitarier-Prediger, zum Bürgermeister erwählt, Bergarbeiter Genosse Shevelin zum Stadtschatzmeister und Genosse Thomas Locher zun, Polizeirichter: außerdem eroberte die Partei ö von insgesamt 8 Stadtratssitzen. In Flint. einer Stadt von 30000 Ein- wohnern, wurden sämtliche sozialistischen Kandidaten mit Ausnahme deZ Bewerbers um den Stadtschatzmeisterposten, erwählt. Dort wuchs die Zahl unserer Stimmen— auch die Frauen haben das Wahlrecht--von 700 auf über 7000. Genosse Mcntou. ein Zigarrenmachcr. ist der neue Bürgernleister der Stadt. Ebenso sind die Gemeindeverwaltungen in Frankfort im Staate Michigan und in Victor im Staate Kolorado jetzt in sozialistischen Händen. Sozialistische Bürgermeister wurden ferner erwählt in Berkeley, den, Sitze der Universität des Staates Kalifornien. wo Genoffe Stitt Wilson. der Gouvcrneurkandidat der Partei bei den letztjährigen Wahlen, mit 289 Stimmen Mehrheit über seinen Gegner siegte, in Girard, Kansas, den, Erscheinungsorte des einflußreichen ParieiwochenblatteS„Appeal to Reason". in Two Harbers im Staate Minnesota, wo wir auch trotz des Druckes des Stahltrusts die Mehrheit im Stadtrate(4 von 7) eroberten. in Mantowoc in Wiskonsin(hier siegten außer dem Bürger- Meisterkandidaten Genossen Henry Stolze ein Stadtrats- kandidat und ein Magistratskandidat), in Cardwell in Missouri(ebenfalls Stadträte und em City- Marschall er- wählt), in Greenville in Michigan(ebenfalls Stadtschatz- meister. etliche Stadträte und Aiifsichtsbeamtc) und in Green Bay in WiSkonsin. Stadtrats- und Gcmeinderatssitze und andere Gemeindö- ämter eroberte die Partei in Krebs in Oklahoma(2 Stadt- ritte), in Bellevills in Illinois(1 Stadtrat), wo unsere Sttmmcnzahl sich von 129 im Jahre 1909 auf 937 erhöht hat, in Elroy in Wiskonsin(1 Stadtrat), in Bohne City in Michigan(1 Stadtrat) und in Calfax in Iowa(1 Stadtrat). Nur die Wahl in der Großstadt Milwaukee(Wis- konsin). deren Bürgermeister Genosse Seidel ist. brachte eine Enttäuschung. Nach den wiederholten Siegen während der letzten Jahre hatten die dortigen Genossen gehofft, auch einen Kreisrichter, der sich einer Neuwahl unterziehen mußte, durch einen Sozialisten ersetzen zu können; aber den vereinten Demokraten und Nepublikaneni gelang es, den Posten zu behaupten, trotzdem tvir unsere Stimmenzahl vermehrten. Auch die Schulratswahlen in Millvaukee endeten mit einem Mißerfolg der Partei. Seit Monaten Hatto die Kaplano- kratie in der stark katholischen Stadt gegen die Sozialisten mobil gemacht und einen ekelhaften Verleumdungsfeldzug nach München-Gladbacher Art(als Giesberts im vorigen Jahre in den Vereinigten Staaten weilte, erteilte er die nötigen Anweisungen) gegen unsere Partei geführt. Im Beichtstuhl wurde gegen die Sozialdemokratie agitiert, von den Kanzeln herab gegen sie gewettert und am Wahltage wurden die„katholischen Männer und Frauen"— bei den Schulratswahlen haben auch die Frauen das Stimmrecht— herdenweise von den Pfaffen nach den Wahllokalen geführt und die des Lesens unkundigen und jeder politischen Schulung baren Italienerinnen und Polinnen von den Geschorenen in der Ausübung der Wahlhandlung„unterrichtet". Auf diese Drei- einigkcit der katholischen Kirche, des republikanischen und demokratischen Geldsacks und auf die Wahlkorruptton ist unser Mißerfolg zurückzuführen. Aber was will angesichts der vielen glänzenden Erfolge— jede Post bringt neue Sieges- Nachrichten— und angesichts der steigenden Abkehr der Wählermassen von den durch und durch korrupten«großen Parteien", die weder fähig noch gewillt sind, Wandel zu schaffen— was will demgegenüber das Milwaukeer Wahl- ergebnis besagen? Die Genossen in Milwaukee werden über- dies die Scharte bei der nächsten Wahl auswetzen. Schon am Tage nach der Wahlschlacht wurden Schritte zur baldigen Herausgabe einer sozialistischen Tageszeitung in Milwaukee unternommen, um den Verleumdungen der Pfaffen mit Erfolg entgegentteten zu können. Ihres„Sieges" dürste sich die Kaplanokratte nicht lange erfreuen. Politische(leberltckt. Berlin, den 19. April 1911. (Sin ueueS Verlegenheitsprojekt des Fuselblocks? Wie die„Münchener Neuesten Nachrichten" zu melden wissen, soll in gewissen einflußreichen Regierungskreisen der Wunsch bestehen, daß der Reichstag nicht nur zu einer Herbst- tagung berufen, sondern auch nach Weihnachten so lange als möglich zusammengehalten wird, damit von ihm noch der Etat für 1912 erledigt werden könne— und zwar sollen, wie das Münchener nationalliberale Blatt behauptet, die Führer des klerikal- konservattven Fuselblocks mit diesem schönen Plan einverstanden sein. Das Motiv dieser Kreise sei folgendes: „Der Etat für 1912 würde verhältnismäßig einfach und klar sein, da die Heeresvorlage in diesem Jahre neu geregelt worden ist und die Bauten für große Schiffe sinken. Die Legislatur- Periode läuft nicht am fünften Jahrestage der Auflösung des Reichstages, sondern mit der fünften Wiederkehr dcS HaupttageS der Neuwahl ab, so daß der Reichstag von November bis Ende Januar Zeit für die Beratung und Bearbeitung des Budgets haben würde, was ausreichend wäre. Dann hätte die Regierung freieHand, einen ihrpassenden Termin für die Wahlen anzusetzen." Zuzutrauen ist es sicherlich den ehrsamen Leitern der profitpolitischen SchnapSkoalitton, daß sie in ihrem Bestreben, die nächsten Reichstagswahlen möglichst weit hinauszuschieben, sich auch mit Plänen dieser Art tragen; aber eine andere Frage ist, ob sie auch die Gelegenheit und Macht haben werden, den obigen sauberen Plan auszuführen! Oder sind die Herren bereits zu der Ansicht gekommen, daß es auf weitere offene, gewaltsame Brüche der Geschäftsordnung nicht ankommt?_ Zentrum und Wahlgerechtigkeit. Im Hauptorgan des reichsländischen Zentrums, dem„Elsäffer", wird der Versuch gemacht, der offiziösen„Süddeutschen Reichs- korrespondenz" gegenüber die Behauptung zu rechtfertigen, daß die von der Regierung vorgelegte Wahlkreiseinteilung für die Zweite Kammer in Elsaß-Lothringen das be- stimmte Ziel verfolgte, die Liberalen und Sozial- demokraten auf Kosten dcS Zentrums im künstigen Landtage zu begünstigen. Es ist an dieser Stelle sofort nach dem Bekanntwerden dieser angeblich vom UnterstaatS» sekretär Mandel herrührenden Einteilung, welche dem Zentrum zu- liebe von der Reichsregierung bereits wieder preisgegeben worden ist, hervorgehoben worden, daß die gouvernementale Wahlkreis- geometrie ganz zweifellos— z. B. durch die Bildung eines einzigen Wahlkreises mit vier Mandaten au» Straßburg-Stadt innerhalb der Verwaltung— die Liberalen begünstigt: es ist aber direkt absurd, zu behaupten, daß die Mandeische Einteilung auch die Sozialdemokratie begünstige. Die genaue Prüfung der WahlkreiSemteilung mit Würdigung aller Chancen unserer Partei durch industrielle Entivickelung und Parteikonstellation ergibt, daß selbst bei Ablehnung des vorgeschlagenen Pluralwahlrechtes die Sozialdemokratie im günstig- ften Falle ein halb Dutzend Mandate im ganzen Lande gewinnen könnte,— ein Besitzstand, der der Stärke der Partei bei den letzten Reichstagswahlen nicht entfernt entspricht, da am 25. Januar 1907 von den im Lande abgegebenen gültigen Stimmen 23,7 Proz. auf die Sozialdemo- kratie entfallen sind. Auf 60 Mitglieder, welche die zu- künftige Zweite Kammer zählen soll, wären das 14 Mandate. Warum wehrt sich das Zentrum denn gegen daS Verhältnis- Wahlrecht, wenn es, wie es vorgibt, Gegnerin jeder einseitigen Begünstigung ist? Auf diese Frage bleiben die Zentrumsblätter wie die Zentrums- abgeordneten die Antwort schuldig. Der„Elsässer" weiß auch jetzt wieder nur zu drohen: Die RegierimgSpresis habe mit dem Hin- weis auf die„klerilal-nationalistische Parlamentsmehrheit" schon im Jahre 1910 ihren Zweck nicht erreicht, als sie damit den Proporz empfehlen wollte I es werde ihr heute mit der WahlkreiSeintsilung nicht besser ergehen. Mit anderen Worten: die parlamenta- rischen Machtmittel vor und hinter den Kulissen, durch welche das Zentrum im Verein mit dem milinteressierten Lothringer Block im Jahre 1910 die Aufnahme deS noch kurz vor- her vom Zentrum ebenfalls vertretenen ProporzgedankenS in die VerfasimigSvorlags verhinderte, werden auch jetzt wieder zur Anwendung kommen, um nur eine dem Zentrum gefällige Wahlkreis- eintellung zustande kommen zu lasten. Und nicht eimnal der Versuch wird gemacht, die Ablehnung des Proporze» au» Gründen der Wahlgerechtigkeit zu rechtfertigen— aus denselben Gründen doch. auS welchen das Zentrum auge blich die Mandelsche WahlkreiSgeometrie verwirft! Ein solcher Versuch wäre ja auch aussichtslos. DaS Zentrum bekämpft das angeblich Mandelsche Wahlkreisunrecht, um ein eigenes, dem Zentrum dienendes Unrecht an dessen Stelle zu setzen. Noch deutlicher womöglich redet in dieser Beziehung die Haltung de? Zentrums gegenüber dem vorgeschlagenen Pluralwahlrecht. Vor wenigen Wochen ist im Landesausschuß für Elsaß-Lothringen ein von 43 Abgeordneten unterzeichneter Antrag eingebracht worden, der auch die Unterschristen der Klerikalen Laugel, Heinrich, Pfleger. Preiß, Reymann, Ricklin, Wetterls usw. trägt. Darin verlangt das Zentrum, Schulter an Schulter mit dem Demokraten Blumen- thal. mit den Liberalen und mit den Abgeordneten vom Block der Lothringer, für die Neuordnung der verfastungs- rechtlichen Verhältnisse Elsaß- Lothringens u. a. die„Ein- führung einer mittels des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu wählenden Volksvertretung". Der „Elsässer" aber, das führende Organ des reichsländischen Zentrums, hebt jetzt in der Polemik gegen die„Süddeutsche Reichskorrespondenz" scharf hervor, daß die Pluralstimmen nicht durch die Straß- b u r g e r(Landes-) Regierung in den Verfastungs- mid Wahlrechts- entwurf hineingekommen seien, sondern durch die Berliner (Reichs-) Regierung: „Wir erinnern daran, daß gelegentlich gewisser V o r b e- sprechungen vor allem Vertreter der Berliner Regierung von diesen Pluralstimmen sprachen, und nicht solche der Straß- burger. Wir erinnern ferner daran, daß die. Straßburger Post", also ein der Straßburger Regierung sehr nahe- stehendes Blatt, aus die Pluralstimmen in diesem Entwurs schlecht zu sprechen Ivar.. Hier wird es der Straßburger Regierung und der ihr nahe- stehenden„Straßb. Post" nachgerade zum Verbrechen angerechner, daß die Pluralstimnien nicht ihre Erfindung find, und die Landes- regiernng wird bei der Reichsregierung sorgfältig denunziert, weil sie durch ihre Offiziösen im Lande die Pluralstimmen nicht mit geziemender Begeisterung aufnehmen lätztl Daran kann man die Ausrichtigkeit des Zentrum» bei der Forderung des gleichen Wahlrechts ermessen. Die Religion in der Fortbildungsschule. Um dem Volke die Religion zu erhalten, das heißt es in dem Glauben zu bestärken, die Mißstände der heuttgen GesellschastS- und Staatsordnung seien nichts anderes als notwendige Bestandteile der „ewigen göttlichen Weltordnung", verlangen die Konservativen, daß. wie in den Volksschulen, so auch in den Fortbildungsschulen de» Zöglingen möglichst viel christliche Religion eingepautt werde— und zwar in streng konfessioneller, dogmattscher Faffung. Gegen diese Forderung wendet sich auf Grund der bisherigen Erfahrungen in energischer Weise der Pfarrer Gotthold Richter im roten„Tag". Er meint: „Und nun gar der Religionsunterricht! ES sind mir verschiedene Fälle bekannt, wo die betreffenden Geistlichen den Unter- rieht in der Fortbildungsschule wiederaufgeaeben haben. Es war schade um die Mühe. Den Fortbildungsschülern konnten die interessantesten Dinge geboten werden: Lebensbilder auS der Inneren Mission, Bilder auS dem Gustav-Sdols-Verein, soziale Fragen in religiöser Beleuchtung. eS fruchtete alle» nichts. Die Beteiligung am Unterricht war erschreckend gering. UebrigenS ist ja auch an den höheren Schulen bei den Schülern von 14 bis 13 Jahren der Religionsunterricht er- fahrungsgemäß der am wenigsten beliebte, mag auck ab und zu ein besonder» begabter Lehrer bestere Erfahrungen machen. Ganz berkehrt ist die Auffassung, daß man durch religiöscv Unterricht in der Fortbildungsschule auf daS sittliche Leben der jungen Leute einwirken könne. Wenn das der Kirche sonst nicht gelingt und wenn die Erziehung im Elternhause eS bis zum 14. Lebensjahre nicht erreicht hat. daß die Jugend einen gewissen moralischen Halt hat. dann wird die halbe oder ganze wöchentliche Religionsffunde auch vergeben» seil». Endlich habe ich beobachtet, daß die Kirche durch BeteMgung deS Geistlichen am FortbildungSunterncht geradezu Schaden hat. Den Schülern ist— was selbstverständlich dem Staate nicht gleichgültig sein kann— der FortbüdungSschulunterricht gemeiniglich eine verhaßte Institution. Wenn der Diener der Kirche in der Fortbildungsschule mit unterrichtet, dann darf er sich bei dem Unverstand der jungen Leute nicht wundern, lv« n n e r und dir Kirche von diesem Haß etwas abbekommen. Ob der etwaige, bei einzelnen vielleicht erzielte Nutzen diesen nicht zu unterschätzenden Nachteil aufwiegt, ist mir fraglich. Jedenfalls sollte tS sich jeder Geistliche wohl überlegen, ob er nicht al» Seelsorger verliert, was er vielleicht als Lehrer gewinnt." DaS stimmt sicherlich: wird aber die Konservativen schwerlich veranlassen, auf ihre Forderung zu verzichten. Sie halten nun ein- mal eine Ergänzung der staatSerhaltenden Tätigkeit der Polizei durch«ine geistliche Dreffur für durchaus nötig im Interesse ihrer politischen Machtstellung._ Delbrücks Stellung erschüttert? Staatssekretär Delbrück weilt momentan auf Urlaub im Schwarzwald, um dort Kräfte zu sammeln für die schweren Kämpfe, die er demnächst im Reichstag oiiSzufechten haben wird. Ein Berliner SeilsationSblatt. dessen Mitteilungen freilich immer nur mit großer Vorsicht'ausgenommen werden muffen, will nun von wohlinformierter Seite erfahren haben, daß die Tage der Minister- Herrlichkeit Delbrücks gezählt seien. Daran soll hie elsaß-lothringische BcrfassnngSfrage schuld sein. Wie bekannt, wurden die Beratungen der Verfasslingskommission plötzlich abgebrochen, damit der Bundesrat zu den gefaßten Beschlüssen Stellung nehmen konnte. In Wirklichkeit mußte Zeit gewonnen werden, uni hinter den Kuliffen—„kuhhandeln" zu können. DaS Resultat dcS politischen„Kuhhandels" war. daß der Bundesrat nachgab. Dieses Resultat soll erreicht worden sein, weil Staatssekretär Delbrück versichert hatte, daß die Beratung der Vor- läge auf weitere Hindernisse dann nicht mehr stoßen werde. Schließlich stellte sich aber heraus, daß auch die Frage der Wahl- kreiseintcilung Beschlüsse zeitigte, die mit den Absichten der Regierung nicht in Einklang standen. Delbrück wird deshalb der Vorwurfe gemacht, daß er den Ernst der Situation nicht erkannt und den Reichskanzler veranlaßt habe, Zugeständnisie zu machen, die erst in einem späteren Stadium der Beratungen als Kompensationen hätten in die Wagschale geworfen werden sollen. Der Reichskanzler als der„Versührte" bleibt; Delbrück, der„Verführer" soll gehen. Als verspäteten Aprilscherz will der„Kölner Lolal-Anzeiger" seine abgeschmackten Bettach- tungen über da» Ergebnis der ReichstagSersatzivahl in Berlin IV, angeschen wissen. Dieses Bachem. Organ, dessen törichte Bemerkungen wir nach der„Rheinischen Ztg." den AuSkasiungen der „Kölnischen Bolkszig." gegenübergestellt hatten, sucht sich jetzt damit herauszureden, daß seine Glosien ja gar nicht ernst gemeint ge- wcsen seien, sondern nur eine Retourkutsche dargestellt hätten. Es habe nämlich feine Bemerkungen wörtlich den ÄuSlaffungen entnommen, die die„Rheinische Ztg." selbst seinerzeit über den Wahl- auSfall in Kobienz-St. Goar gemacht habe. Dort hätten die Dinge für daS Zentrum ähnlich gelegen, wie für die Sozialdemokratie rn Pciiiö I.V. AllÄ iilt 5ös dW Zei'trumslqndidatey U'ü VW- basier<8c§e«!aubibai KeHenubttgestSndeV, so datz auZ denselben Gründen wie in Berlin IV die Wahlbeteiligung eine beträchtlich geringere gewesen sei. Da nun aber die.Rheinische Ztg." diesen Äimmenruckgang des Zentrums alS eine schwere ultramontane Schlappe bezeichnet habe, habe es jetzt bei dem Berliner Wahl- ausfall die sozialdemokratische Kritik der Sozialdemokratie einfach zurückgegeben. Besonders viel tut sich das Zentrumsblatt darauf zugute, daß die.Rheinische Ztg." nicht einmal gemerkt Hobe, das; der Wortlaut der Kritik mit den derzeitigen Auslassungen der .Rheinischen Ztg." wörtlich übereingestimmt habe. Auf diesen Triumph braucht sich das Kölnische ZentrumSblatt nun wirklich nicht allzu viel zugute zu tun. Waren doch die AuS- lasjungen nicht weniger als drei verschiedenen Nummern der.Rheinischen Ztg." entnommen und satzweise derartig zu- sammengestoppelt, daß es begreiflich ist, daß unser rheinisches Bruderorgan seine ehemaligen Worte nicht mehr wiedererkannte. Was aber den Aprilsckerz vollends deplaciert erscheinen läßt, ist der Umstand, daß der Wahlausfall in Äoblenz-St. Goar im Ernste gar nicht mit dem Ergebnis der Berliner Ersatzwahl verglichen werden kann. In Kob!enz-St. Goar gingen nämlich die Zentrums- stimmen von 19 237 auf 114Ü2 zurück, also um mehr als ein volles Drittel, während die sozialdemokratische Stimmenzahl in Berlin IV bei Anrechnung der beträchtlichen Verminderung der Zahl der Wahlberechtigten sich kaum um ein Achtel vermindert hat. Es kommt noch hinzu, daß der größte Teil der Wähler, die sich diesmal der Wahl enthielten, sicherlich aus solchen Personen bestand, die sich durch eine Abstimmung Nachteilen aus- zusetzen fürchten tonnten, da ja infolge der eigenartigen Situation die Wohl diesmal geradezu zu einer öffentlichen geworden tvar. Ein solches Moment spielte aber für die Wahl von Koblenz- St. Goar natürlich nicht die geringste Nolle. Ter Aprilscherz des„KÄner Lokal-Anzeigers" war also so geistvoll, wie man das von der ZentrumSprefse dieses Schlages nur erwarten kann!_ Zur Verletzuug des Beichtgeheimnisses im Vatikan. Die Angelegenheit des auS der römisch-katholischen Kirch« ans- getretenen Jesuitenpaters Verdefi, über die wir am Sonntag be- richteten, zieht, wie aus Rom gemeldet wird, innner weitere Kreise. Während Don Verdefi in öffentlicher Erklärung gegen den Pater Becarelli die Anschuldigung de§ Bruchs des Beichtgeheimnisses aufrechterhält, kündigt der.Osiervatore" die Verleumdungsklage des PaterS Becarelli gegen Verdefi an. Verdefi veröffentlicht das folgende Schreiben: .Als Beichtvater Becarelli auf Befehl des Papstes von mir eine förmliche geheime und schriftliche Denunziation seiner modernistischen Freunde verlangte, wandte Verdest sich in der Beichte an den hohen Geistlichen Monfignore Bianchi Eagliesi um Rat. Der Monfignore machte keinen Hehl aus dem Ekel über das Vorgehen gegen Verdefi, sagte aber, als Priester müffe Verdefi gehorchen. Ich gc- horchte, weil ich mich erst im Anfangsstadium dcS Zweifels befand. Schon zwei Monate später hätte ich die Kraft vesessen, zu antworten, daß die Furcht vor einer Todsünde mich nicht zun« Verrat meiner Freunde verleiten könne. Ich bin heute froh, das meinen Freunden zugefügte Unrecht gutmachen zu können, indem ich die schändlichen Mittel bekanntgebe, deren die Kirche sich bediente, um mich zu knechten I* Die Wahlparole der bayerischen Konservativen. Am Lsterdienstag tagte in Nürnberg die General« verfammlmrg der konservativen Partei Bayerns. In der Hauptsache wurde der Versuch gemacht, die Finanzresorm als.nationale Tat" zu verteidigen, wobei sich der Führer der Konservativen, Freiherr v. Ebner, den schlechten Scherz leistete, zu behaupten, in Deutschland sei Armut— ein Märchen I Als er die Frage der Erbschaftssteuer berührte, meinte er, nach ihrer Annahme wäre eS leicht möglich ge- tvesen. daß bei einem Todesfall die Hinterbliebenen mehr Trauer über das Eingreifen der Steuerbehörde, als über den Verstorbenen empfinden müßten. Er gab damit eine neue Illustration zu dem rührenden Kapital vom agrarisch-konservativen Familienfinn I Den Liberalen wollen die Konservativen bei den nächsten RcichStagSwahlen eine Abfuhr bereiten. Es wurde eine Resolution angenommen, in der es heißt, die nächsten ReichStagSwahlen erforderten.ein treues Zusammenstehen aller national und monarchisch gesinnten Parteien". Jede rechtsstehende Partei könne im Kampfe gegen den Umsturz auf Unterstützung durch die bayerischen Kon- scrvativen rechiien. Die.wahrheitswidrige und verhetzende Agitation des Liberalismus" gegen die Reichsfinanzreiorm und die Konservativen habe jedoch bei diesen eine tiefgehend« Er- bitterung hervorgerufen. ES müsse demnach zurzeit als aus- geschlossen gelten, daß konservative Wähler emer Parole der Führer zugunsten eines liberalen Kandidaten Folge leisten würden. Der Wahlverem der bayerischen Konservativen würde seinen politischen Freunden die Unterstützung eines liberalen Kandi- baten nur daun empfehlen können, tvemi er seine monarchische und nationale Gesinnung.deutlich" kundgebe. eine Bekämpsting der Konservativen mit Hilf« der Sozialdemokratie oder zu deren Gunsten entschieden und unzweideutig abgelehnt habe und wenn im Wahlkampfe gegenseitige Unterstützung geleistet werde.— Schließlich wird empfohlen, in Bayern in möglichst vielen Kreisen jelbständige konservative Kandidaten aufzustellen. Eine Berichtigung folgenden Inhalts geht uns zu: In Nr. 72 des..Vorwärts" vom 25. März, 1. Beilage, Seite 2. heißt eS in dem Bericht über die Rode dcS sozialdemokratischen Abgeordneten H o f f in a n n i», Landtage zum Etat der Berg-, Hütten, und Salinenverlvaltuiig. nickt einmal Sozial- deniokraren, sondern die Hirsch- Dunckerschen Eicherheitsmänner und Arbefterausschußmitalieder der Zeche Königsgrub« hätte» gegen eine gemeine Fälschung der Zecke protestiert. Die Behauptung, die Zechenverioaltung habe in der fraglichen Angelegenheit eine Fälschung begangen, ist unwahr. Der Ab- geordnete hat diese Anschuldigung erhoben auf Grund einer von i hm verleseneu in Rr. 48 des Hrrsch-Dunckerschen Organs.Ter Bergarbeher" veröffentlichte» Mitteilung ziueict ArbeiterauS- fchußmitälieder unserer Zeche. ES wird darin behauptet, letztere Hätten die Unterschrift zu einer vom gesamten ArberterauSschuß in der Presse veröffentlichten Erklärung, die sich gegen ein vom alten Bcrgarbeiterverband herausgegebenes Flugblatt richtet, lediglich auf Grund der auf sie von der Zechenverwaltung gc- übten Beeinflussung geleistet. In der Tat ist, wie auch in Nr. 49 des.Bergarbeiter">n einer Berichtigung mitgeteilt ist, die betr. Erklärung ohne jeglickes Zutun der Verwaltung ein- stimmig und einmütig vom ArbeiterauSfchuß aus freier Eni- schließung erfolgt. Die Redaktion des.Bergarbeiter" hat, an- knüpfend an diese Berichtigung, die auch in Nr. LL(l des.Vorwärts" abgedruckte MitteiluiiI veröffenUicht. sie sei nach der Aussprache mit der Zechenverwaltung zu der Ueberzeugunz ge- kommen, daß diese den Artikel de? ArdeiterauSschusieS nickt ver- anlaßt habe. Im Anschluß daran ist ferner eine Zuschrift der beiden Arbeiterauischußmitgliedcr aufgenommen, in der diese selbst erklären, daß die Anaaben in dem von ihnen unter- zeichneten, im.Bergarbeiter" veröffentlichten Schriftstück nicht den Tatsachen entsprächen. Hochachtungsvoll Ragdeburger BergwerkS-Aktien-Gefellschast. Bruacker. Schmidt. Genosse Hofsmann hat die Erklärung der beiden Sicherheits- männer Peter Bahn und Paul Rehm im Wortlaut wiedergegeben und dann laut stenographischen Berichts vom 24. März 1911 wärt- ilich hinzugesetzt: ..Also nicht einmal Sozialdemokraten, sondern die von Herrn Jmbujch auch anerkannte Gewerkschaft der Hirsch- Dunckerschen erhebt Protest gegen die gemein« ZälschWg der Daß die Zeche selber die Fälschung v'orgenoöimen oder den ArbeiterauSfchuß mobil gemacht habe, hat Genosse Hoffmann also nicht gesagt. Er konnte es auch nicht sagen, da dafür Beweise natürlich nicht zu erbringen sind. So unvorsichtig, etwas Der- artiges selbst zu inszenieren, ist natürlich keine Zechenverwaltung. Wenn später die genannten Sicherheitsmänner ihre Erklärungen eingeschränkt oder teilweise zurückgenommen habe», so konnte Hoffmann schon deswegen davon keine Mitteilung macheu, da ihm weder bekannt war, daß eine solche Erklärung später ver- öffentlicht worden ist, noch auch, wie dieselbe zustande ge- kommen ist._ fratihrdch. Die Intervention i« Marokko. Paris, 19. April. In einer offiziösen Zeitungsnotiz wird erklärt, daß es augenblicklich noch unmöglich sei, zu sagen, ob eine Erpeditionskolonne nach Fes entsandt werden müsse oder nicht. Sollte die Lage in Fes verzweifelt erscheinen und das Leben der französischen Instrukteure und der Europäer gefährdet sein, so werde Frankreich keinen Augenblick zögern, Hilfe zu leisten. Die Expedition, welche ohne jeden Hinlergedanken unter- nommen würde, werde in internationaler Hinficht keinerlei S ch w i er ig keit en hervorrufen können, weil alle fremden Re- gierungen wüßten, daß die Politik Frankreichs in Marokko ehrlich und aufrichtig fei und von der Algccirasakte und den mit ver- fchiedenen Mächten abgeschlossenen Verträgen nicht abgehen werde. Der Ordensschwindel. Paris, 19. April. Die Untersuchung der Angelegenheit des O r d e n s s ch w i n d e l s hat ergeben, daß einige Sekre- tärc von Deputierten sich der 3!amen dieser Deputierten be- dient:», um Auszeichnungen für andere zu erhalten. Mehrere teilten mit Valensi die Summen, die von den Bewerbern gezahlt wurden. Valensi bediente sich gleichfalls der Namen gewisser Deputierter, um Diplome des tunesischen Ordens Nicham Jftikhar zu erlangen, die er nach Bedarf weiter ver- kaufte. Sein Mitschuldiger C l e m c n t i lieferte ihm gefälschte Diplome für 2000 bis 5000 Francs. Im Verlauf der Untersuchung erklärte der verhaftete Leiter der„Diplomatischen Revue" MeulemanS. er habe auf die Aufforderung zahlreicher Personen, insbesondere zweier Freunde aus Holland und der Direktoren eines deutschen ProvinztheaterS hin, welche Auszeichnungen zu erhalten wünschten, mit Valensi darüber gesprochen, mit dem er in engen Beziehungen stand. Valensi habe versprochen, seinen Einfluß geltend zu inachen, und ihm einige Tage darauf zwei Diplome übergeben, in denen die beiden Holländer zu Offizieren der Akademie ernannt wurden. MeulemanS beteuerte seinen guten Glauben: er habe nicht vermutet, daß die Diplome gefälscht oder gestohlen sein könnten._,. Die Nnterschleife im Auswärtigen Amt. Paris, 19. April. Der Untersuchungsrichter verhörte gestern den Architekten Cbödanne wegen des Verschwinden» ge« wisser Teppiche und sodann über die Rechnungslegung über 30(XX) Fr. für Arbeiten im Wiener VotschaftSpalaiS, für die der Unternehmer seincrzeit nur eine Rechnung von 17 000 Fr.«ingereicht hatte, wovon er übrigens nur 8000 Fr. erhielt. Auch zahlreiche andere Fälle kamen zur Sprache. Da die Erklärungen ChödanneS ungenügend waren, beschuldigte ihn der Richter der Mitschuld an den Ver- untreuungen im Ministerium deS Acußern und ließ ihn ver- haften. Chödanne gilt als sehr reicher Mann und als einer der hervorragendsten Künstler seines Fachs. Als Verdachts- moment gegen Chödanne wird die Tatfache angesehen, daß er im Dezember vorigen JahreS Hamon 200000 Frank lieh, um dessen Kassenabgäng« zu decken. Ferner melden die Blätter, daß eine An- zahl kostbarer Tapisserien, die dem Ministerium deS Auswärtigen gehörten, verschwunden sind und Chödanne auch in diese Angelegen- heit verwickelt sei. Chödanne hat gegen die verschiedenen Be- schuldigungen energischen Einspruch erhoben. Portugal. Die Trennung von Staat und Kirche. Paris, 19. April. Der„New Jork Herald" meldet au» Lissabon, daß die Erregung unter der Landbevölkerung über die in fünf Tagen in Aussicht stehende Trennung von Staat und Kirche immer größere Dimenslonen annimmt. In verschiedenen Bezirken plant man große Manifestationen. Die Bewohner deS Nordens von Portugal, die besonders kirchlich gesinnt sind, stehen einer Trennung von Staat und Kirche äußerst unsympathisch gegen- über. Eine offizielle Rote de» I u st i z m i n i st e r« sticht die Be- völkerung zu beruhigen, indem sie erklärt, daß in religiösen Dingen die größtmöglich st«n Freiheiten gewährleistet werden sollen find daß auch den Priestern sür ihre amtliche Tätigkeit nicht die geringsten Vorschriften gemacht werden würden. Ferner wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die Trennung von Kirche und Staat ohne Opposition der Bevölkerung vor sich gehen wird. Snglancl. tziue Dauersitzung. London, 19. April. Das Unterhaus hielt biS4V. Uhr morgens Sitzung, um die Debatte über die erste Klausel der Parlamcnt'sbill abzuschließen. Die Annahme er- folgte mit 143 gegen 78 Stimmen. Mexiko. Keine Intervention. Washington, lg. April. Präsident Taft hat mit den vor- sitzenden der Senats- und AbgeordnetenhauSlommisfionen für die auswärtigen Angelegenheiten C u l l o m und S u l z e r Besprechungen über die Lage in Mexiko gehabt. Cullom war der Ansicht, daß zurzeit kein Grund zu einer Intervention vorliege; ebenso ver- sprach Eulzer, daß der Kongreß nicht voreilig handeln werde. Sulzer sprach sich aber dafür au«, daß, um die Gefahr für die amerikanischen Bürger in der Nähe der Grenze z» beseitigen, eine neutrale Zone von fünf bis zehn Meilen Breite längs der Grenze dereiu- bart werden müffe._ Die Bediugunge» des WaffeustillsiaudtS. Mexiko, 18. April. Beim Auswärtigen Amt ist von dem Leiter der mexikanischen Junta in Washington der Abschluß eines Waffenstillstandes angeregt worden. Die Antwort der merika- nischen Regierung aus die W a ff e n st t ll st a n ds v o r sch lä g e enthält einige Bedingungen von geringerer Bedeutung, gegen die. wie man glaubt, von revolutionärer Seite keine Einwendung erhoben werden wird. Man nimmt an. daß man keine Zeit verlieren wird, um über die Bedingungen für den Abschluß eines dauernden Friedens einig zu werden. Es geht das Gerücht, die Revolutionäre stellten als Bedingung: Rücktritt des Präsidenten Diaz, eine sofortige Abänderung der Wahlgesetze und die Ernennung von de la Barra zum provisorischen Priisihenjrv bis zur Entfcheidlmg her vorzunchinenden Wählest.. Ein Erfolg der Aufftändischea. Washington, 19. April. Wie dem Staatsdepartement gemeldet wird, haben die Aufständischen Papasquiaro ein- genommen. Die Verluste auf beiden Seiten beziffern sich auf mehr als 100 Mann. Hus der parte!» Kulturarbeit im Osten. Durch intensive Agitation ist eS den Genossen in D a n z i g« Stadt gelungen, im letzlen Quartal die Mitgliederzahl um 2 22 zu erhöhen. Der dorrige Sozialdemolratncke Verein zählte am Schlüsse des ersten Ouartals 1911 1406 Mitglieder. Bis zur Rcichstagswahl hoffen die Genossen, noch das zweite Tausend Mit- glieder voll zu machen. Auch eine an den beiden letzten Sonntagen vorgenommene H a u§ a g i t a t i o n zur Gewinnung von Abonnenten für die„Volkswacht" war von bestem Erfolge begleitet. ES gelang, der.Volksmacht" 620 neue Abonnenten zuzuführen. Ein erfreuliches Zeichen, daß die Sünde» der schwarzblauen Reaktionäre in den Domänen der Junker verständnisvoll gewürdigt werden. Der Tod einer Kämpferin. In Paris ist vor einigen Tagen die Genossin Wand« Cenzarqua Wojnarowskci gestorben. Sie gehörte zu der Schar jeuer, die als erste die revolutionären sozialistischen Ideen unter die Arbeiter in Polen trugen. Im Jahre 1879 wurde sie in Warschan verhastet und verbüßte eine langjährige Kerkerstrafe. Daun be- gönnen für sie die Qualen des Flüchtlingslebens. Sie ging nach Paris und war hier als Schristftellerin für ihre Ideen tätig. Stets mit der Entwickelung der sozialistischen Bewegung fortschreitend, schloß sie sich bei Siitstehen der Sozialdemokratie Russisch-Polens und Litauens dieser Partei an(in den neunziger Jahren) und ver- trat sie eine Zeitlang im internationalen sozialistischen Bureau. Gleichzeitig arbeitete sie auch nach Lkräften für die proletarische Be- wegmig in Frankreich, wo sie sich der Gruppe der GueSdisten anschloß. Unter den schweren Lebensbedingniigen deS Exils blieb Ge- nosfin WojnarowSka stets die ousopfernde und treue Mickänipferin des Proletariats. Ehre ihrem Andenlen. Ein Mandat durch daS L»S. Bor kurzem starb der einzige Vertreter unserer Partei in der Ersten schwe dischen Kammer, der Genosse Blomberg. Er war erst bei den letzten Wahlen für den Kreis Geste gewählt. Nach ihm hatten ein Konservativer und der Genosse W i ck m a n n, der Hauptkaisierer der schwedischen Partei, eine gleiche Anzahl Stimmen. Zwischen diesen beiden mußte nun das LoS entscheiden. wer der Nachfolger Blombergs werden sollte. Diesmal war Fortuna gerecht, denn das Los entschied für unseren Genossen, so daß unS daS einzige Mandat in der.Kammer der Edlen" erhalten blieb. Jugendbewegung. 4 Konferenz der Jugcndausfchüsse Thüringen». In Jena tagte an den beiden Oftertagen eine Konferenz der Thüringer Jugendausschüsse, an der sich 36 Ausschüsse, vertreten durch 40 Delegierte, beteiligten. Außerdem hatten die Zentralstelle in Berlin und mehrere Parteiorganisationen Thüringens Vertreter entsandt. Den Bericht der Jugcndzentral stelle Thü- ringens gab Schumann-Jcna. Ter Zentralstelle sind jetzt 38 Orte angeschlossen: das letzte Jahr brachte der Thüringer Jugendbewegung einen erfreulichen Aufschwung. Die Tätigkeit der Zentralstelle beschränkte sich vorläufig darauf, da« Arbeitsfeld gründlich kennenzulernen. Uebcr den gegenwärtigen Stand der Jugendbewegung in Deutschland sprach Peters-Berlin. Am zweiten Verhandlungstage beschäftigte sich die Konferenz mit Fragen der Organisation und Agitation. Die Konferenz arbci- tete ein Regulativ für die Thüringer Zentralstelle aus, wobei beschlosseu wurde, die Bezeichuung„Zentralstelle für Thüringen" in»Jugend-Agitationsbezirk für Thüringen" umzuwandeln. Tie Frage der Beitragsleistung wurde nach äußerst lebhafter Diskussion durch einstimmigen Beschluß geregelt. Die Einrick- tung eines Mitteilungsblattes wurde einstimmig ab- gelehnt, da der Stutzen vorsäufig die Kosten nicht lohnen würde. Dagegen soll der Zentralstelle in Berlin die Anregung gegeben werden, ein Korrespondenzblatt für die Funktionäre in der Jugend- bcwegung Deutschlands zu schaffen. Die Vorschläge für den Jugend- tag, der zu Pfingsten in Weimar stattfindet, wurden angenom» mcn. Die Konferenz im Jahr« 1912 findet wieder in Jena statt. Als Vorsitzender dcS Agitationsbezirks für Thüringen wurde Schumann-Jcna, als Kassierer T i c tz- I c n a gewählt. Den Schriftführer und die zwei Beisitzer wählt der Ausschuß, dem der Vorsitzende angehört. Ter nächste Jugendtag soll im Jahre 1912 in Jlmeisap qhgehMett werden. Sozialed» Ein Fehlspruch. GesetzeSunkenninia des Rixdorfer BewerberichterS. Magistrat?« assessorS Dr. M a r e tz k y. liegt vor bei einer Entscheidung, die ge- nannter Herr unter dein 3. Aprtl in einer Sache Sch. gegen K. Lv. 1. 1911 erlassen hat. Der Kläger hatte einen Anspruch von insgesamt 298,77 M. für ausgeführte Arbeiten geltend gemacht. Durch Urteil vom 27. März diese» Jahre» wurde die Klage in Höhe eines Teilbetrages von 171.27 M. abgewiesen. Inwieweit die Enlscheiduug zu Recht oder zu Unrecht ergangen ist. interessiert hier nicht, darüber wird das Landgericht als BernstingSinstanz enlscheide». Wegen des Rest- detrages von 124,80 M. erkannte va» Gericht auf einen Eid für den Beklagten. So weit, so gut. Wenigste»» waren bis dahin die formalgesetzlichen Porkchristen erfüllt. Nun folgt aber das u»- gesetzliche Verfahre», das irr seinem Resultat be- wirkt hat. daß dem Kläger wegen des Restanspruchs von 1Z4.S0 M. eine Instanz entzogen ist. DaS Gewerbe- geeicht bat nämlich am 27. März,»ack Berkündung dcS Urteils. einen neu», Termin auf den 3. April 1911 anberaumt zwecks Ab- nabine deS dem Beklagten auferlegten Eides, dieser Eid wurde dann auch in» Termin am 3. April abgenommen und daraushin der Kläger durch sogenanntes Läiiteruiigsurieil mit dem Rcftanspruch endgültig abgewiesen. Da« lv a r unzulässig. Nach§ 85 deS GewerbegerichiSgesetzeS ist gegen Urteile des GewcrbcgerichtS Be- rufung zulässig, sobald der Wert dcS Streitgegenstandes 100 M. übersteigt, Aach tz 816 der Zivilprozeßordnung beirägt die Be- rufungsfrist«inen Monat. Nach tz 460 Absatz 2 der Zivilprozeß- ordnung, welche Bestimmung auch für die Gewerbegerichte Geltung hat, darf die E i d e s l e i st l, ir g erst nach Eintritt der RecktSkraftdeS Urteils erfolgen. Da im vorliegenden Falle da« Urteil vom 27. März am 6. April zu- gestellt worden ist. trat die Rechtskraft dieses Urleil» erst am 6. Mai ein. Erst nach diesen, Zeitpunkte durfte daS Gewerbegerickt de» Eid abnehmt, r, falls nicht der Kläger Be» nifung eingelegt hätte. Nach tz 463 Abf. 1 der Zivilprozeßordnung ivird durch die Leistung de» Eide« voller Beiveis der beschworeiien Tatsache erbracht. Da diese beschivprene Tarsache von allein aus- schloggebender Bedeutung für den Ausgang dcS Prozesses ist,— Beklagter hat Zahlung derKlageforderung behauptet und beschworen ist dem Kläger die Berufungs Möglichkeit ge- nommen. Die Berufung hätte zu eine», anderen Resultat führen müsse», schon deswegen, weil das Gewerbegericht in Perkeimung der Borschristen über die BeweiSlast dem Beklagten den Eid über seine eigene Behauptung der erfolgten Zahlung auferlegt hat. Zudem crttärt Kläger, daß er den Beweis des Gegenteils hätte führen können. Der Vorsitzend« deS GewerbcgerichtS ist zu dem Zwecke juristisch vorgebildet, um zum miiidesteir die formalrechilichen Gesetzes- bestruununaen zu kennen. Eine Regreßklage gegen den Gewerbe» gerichttvorsttzenden dürfte nicht aukjichtslvS sein. Gcwcrhfcbaftlicbce. Pollzcifürforgc im Streikbred�erquarticr. Wir brachten wiederholt Mitteilungen über das Maffenquartier von Streikbrechern der Firma Thomas in Spandau, die ge- rade nicht von erbaulichen Zuständen berichteten. Der Polizei so- wohl, als auch der Besitzerin jenes Massenquartieres waren jene Veröffentlichungen offenbar unangenehm, beide zwangen uns durch den§ 11 des Pretzgesetzes, das von uns Mitgeteilte zu»berich- ligen". Wie sieht es nun in jenem Massenquartier wirklich aus? Obgleich wir für die von uns aufgestellten Behauptungen den Deweis zu erbringen in der Lage waren, haben wir doch vorsichtiger- weise eine erneute Prüfung der Verhältnisse vorgenommen und müssen nun schon sagen, daß wir nicht nur nichts von dem Be- richteten zurückzunehmen haben, sondern daß die Zustände noch weit grauenhaftere sind. Eine Polizeibehörde, die durch das, was wir im Massenquartier der Witwe Heyn in Tiefwerder 7a festzustellen vermochten, befriedigt wird, ist, rundheraus gesagt, zur Aufsicht über solche Massenquartiere ungeeignet. Entweder sieht sie nicht, was dort zu tadeln und zu bessern wäre, oder sie stellt zu geringe Anforderungen an eine menschenwürdige Behausung. Beides macht sie unbrauch- bar. ihre Aufgabe zu erfüllen. Als„Bettstellen" dienen in jenem Quartier aus rohen Kistenbrettern zusammengenagelte Behälter, in denen sich als Unterlage ein Strohsack befindet. Derartige„Bett- stellen"— wie Frau Heyn sie in ihrer„Berichtigung" nennt— be- finden sich Reihe an Reihe im Saale sowie im Tunnel(Keller), in welchem ebenfalls Leute beherbergt werden. Der Geruch in diesen kahlen Räumen ist ein geradezu pestilen- zialischer, was in einem derartig angelegten Quartier ohne weiteres begreiflich ist. Die„Kopfkissen" bestehen zum Teil aus Strohkissen, welche mit einem„Ueberzug" versehen sind. Die Unterlaken starren zum Teil vor Schmutz. Bezüglich der Handtücher konnten wir fest- stellen, daß die„Streikbrecher" acht Tage lang überhaupt keine Handtücher(!) hatten, da Frau Hehn diese zu spät bestellt und keine mehr im Besitz hatte. Allerdings soll Herr Thomas erklärt haben, daß e r alles selbst liefern würde, was aber unterblieb. Die„häufige Revidierung" des Massenquartiers erfolgt erst »ach Erscheinen unseres Artikels. Die„Schlafstelle" kostet allerdings 2.50 Mk. inklusive einer Tasse„Kaffee" und zwei Brötchen pro Woche. Für eine derartige Beherbergung aber dennoch ein allerdings unerhörter Preis. Die Speisen und Getränke, die sich in einem nicht gerade sehr appetitlichen Räume befinden und. ihrem Aussehen nach zu beur- teilen, nicht besonderer Qualität sind, find ebenfalls, wie erwähnt, den Verhältnissen entsprechend zu teuer. Als Abendbrot erhalten, wie wir uns überzeugt, die Arbeiter ein paar Kartoffeln und eine dünne Scheibe gekochten Schweinebauch zu dem Preise von 40 Pf. Die hauptsächlichsten Insassen des Quartiers sind polnische Arbeiter, die am Bahnbau usw. beschäftigt werden. Daß in einem solchen Räume, wo alle Arten Menschen zusammengepfercht sind, sehr leicht Epidemien ausbrechen können, ist selbstverständlich, von Ungeziefer gar nicht zu reden. Die Leute entkleiden sich zum größten Teil gar nicht, sondern gehen, um sich vor der Kälte zu schützen, mit Stiefel und Sporn in ihr„Bett". Die polizeiliche Anmeldung der Schlafstellenleute erfolgt bei den polnischen Arbeitern nach drei Tagen, bei den deutschen nach sechs Tagen, so daß die Polizeiverwaltung überhaupt nicht fest- stellen konnte, daß sich„keine steckbrieflich verfolgten Elemente" in dem Quartier aufgehalten haben. In einem Falle hat ein von der Behörde gesuchter Streikbrecher zwei Tage bei der Witwe Hehn gewohnt und sich alsdann, als ihm der Boden zu heiß wurde, aus dem Staube gemacht. Wir müssen schon dabei bleiben, daß die polizeiliche Fürsorge in diesem Massenquartier alles zu wünschen übrig läßt. Oder glaubt die Polizeiverwaltung, daß durch„Aushang der Polizeiver- ordnung über das Schlafftellenwesen" alle? in schönster Ordnung und sie weiterer Pflichten enthoben sei? Deutscher Transportarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Spandau. Berlin und Umgegend. Allgemeiner Arbeiterinnenstreik im Glühlampenwerk von Bergmann. Die über 800 Arbeiterinnen des Glühlampenwerke» der Firma Bergmann Aktiengesellschaft, Seestraße, stehen seit gestern morgen einmütig im Streik. Die Ursache der Arbeitsniederlegung sind Lohn« abzüae, die da» Matz de» Erträglichen weit übersteigen und all» gemeine Empörung unter den Arbeiterinnen hervorgerufen haben. Am Montag voriger Woche hatte die Firma durch Anschlag im Be- triebe diese Abzüge bekannt gegeben, und sie betrugen 30 bis 40. ja bei einzelnen Arbeiten bis zu 60 Proz. von den bisherigen Akkordpreisen. Eine Kommission der Ar» beiterinnen wurde vorstellig und hatte damit auch den Erfolg. daß der Direktor versprach, die Abzüge vorläufig rückgängig zu machen. Am Mittwoch wurden gleichwohl in einzelnen Abteilungen die neuen herabgesetzten Akkordpreise in Anrechnung gebracht. Zur Entschuldigung wurde gesagt, daß die betreffenden Meister von der Zurücknahme der Abzüge noch nichts gewußt hätten. Die Kommission wurde von neuem vorstellig und erhielt nun die Antwort, daß sie der Direktion Zeit und Mutze lassen müsse, mit den Meistern zu be- raten, bevor eine endgültige Emscheidung getroffen werden könnte. Die Direktion hat der Kommission keine weitere Antwort zukommen lassen, sondern eS vorgezogen, am vorgestrigen Dienstag durch An- schlag folgendes bekannt zu geben: „Die Wünsche der am Donnerstag, den 13. April, vorstellig gewordenen Kommisston können nickt erfüllt werden. Zu unserem Bedauern sehen wir uns mit Rücksicht auf die stille Saison und die angesammelten Lagervorräte genötigt, die Anzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen erheblich zu verringern. Wiedereinstellungen werden in ungefähr sechs Wochen erfolgen." Damit war es also klar, daß die Firma trotz ihre? acht Tage vorher gegebenen Versprechens die Abzüge durchsetzen wollte und diesem Vorhaben durch Drohung mit Massenentlassungen weiteren Nachdruck zu verleihen suchte. Die Arbeiterinnen, die sich diese un- geheuerlicke Herabsetzung ihrer so wie so schon geringen Löhne nicht bieten lassen konnten, beschlossen daraus am Dienstagnachmittag in einer Versammlung, die den großen PharnSsaal bis auf den letzten Platz füllte, einstimmig die Arbeitsniederlegung. Gestern vormittag hielten sie im selben Saale ihre erste Streik» Versammlung ab. Die Kommission hatte dem Direktor von dem Streikbeschlutz Mitteilung gemacht und die Antwort erhalten, daß die Abzüge aufrechterhalten werden sollten. Inzwischen hat die Firma schon versucht, durch große Versprechungen Streikbrecherinnen heranzuziehen, aber damit so geringen Erfolg erzielt, daß es ihr gewiß nicht möglich werden wird, ihren Betrieb mich nur einiger» matzen aufrecht zu erhalten. � Die kleine Zahl Arbeitswilliger wird der Firma wohl auch noch wieder abtrünnig werden, wenn sie erst einmal richtig von dem Stand der Dinge unterrichtet ist. Die Streikversammlung bot ein Bild glänzender Solidarität und Ein- mütigkeit, wie man eS bisher selten be, großen Arbeiterinnenstreiks beobachten konnte, und die Aufforderung H a n d k e S. des Vertreters des MetallarbeiterverbandeS. nun treu im Kampfe auszuharren, wird sicherlich von allen befolgt werden._ 'Perantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. In jeratenteil verantv-l Ei« Streikbrecheragent in der Liebenwalder Str. 46, 4. Etage, sucht durch Inserat in der .Morgenpost" unorganisierte Dreher und Stanzer, angeblich nach Sachsen. Hoffentlich mißlingt der schöne Plan. Die Streikbewegung in den HandelSgärtnereibetrieben Groß- Berlins, die vor allem die Verkürzung der Arbeitszeit von 11 auf ly'/s Stunden und Minimalwochenlohniätze von 24 und 22 M. zum Ziele hat, vollzieht sick recht lebhaft, jedoch ohne besondere Schärfe hüben und drüben. Die Unternehmer wissen, daß die aufgestellten Forderungen sich in berechtigten und bescheidenen Grenzen bewegen. Demgemäß hatten einige bessere Firmen bereits bewilligt; aus» ständig wurden 252 Mann. Am 14. April waren in 63 Betrieben mit 200 Gehilfen die Forderungen anerkannt. Besonders erfreulich bei dieser Bewegung ist, daß die Arbeitszeitverkürzung nicht mehr solchem Widerstände begegnet, wie das der Fall war in den Jahren 1900 und 1908, wo selbst die Einführung des ElfstundentageS sich nur langsam und schwer eingebürgert hat. Der Streik der Holzpflasterarbeiter und der Jalousicarbeiter in der konstitutionellen Fabrik vonHeinrichFreesein Nieder- Schönhausen dauert noch unverändert fort. Herr F r e e s e versucht, so schwer wie ihm dies auch wird, sich mit den„lieben Arbeits- willigen", die ihm die Hirsche und Christlichen liefern, auszuhelfen. Seine aufsichtsführenden Beamten sind am allerwenigsten mit diesen Arbeitskräften zufrieden. Sie klagen darüber, daß die Ar- beiten nicht vorwärtsgehen, weil die Leute nicht fachkundig sind. Die Reparaturarbeit auf der Kaiser-Wilhelmbrücke und Neue Wil- Helmstraße ist bis heute, nach vierwöchiger Dauer, kaum fertig. Eine Arbeit, die nach Meinung der Streikenden in 5— 6 Tagen zu erledigen war, wenn s i e diese Arbeit ausgeführt hätten. Durch diesen Umstand ist wochenlang der Verkehr durch die Sperrung von Straßen an den genannten Stellen behindert und das Geschäfts- leben geschädigt. Was sagt Herr v. Jagow hierzu? Die Straße soll doch dem Verkehr dienen! Der Platzmeister Schi pull sagte vor einigen Tagen treuherzig zu den Streikenden:..Nach Ostern werdet Ihr wohl wiederkommen. Bis dahin werdet Ihr wohl aus- gehungert sein." Diesen Gefallen werden die streikenden Arbeiter Herrn F r e e s e nicht tun. Es sei denn, daß er die Erklärung ab- gibt, das Koalitionsrecht seiner Arbeiter respektieren zu wollen. Herr F r e e s e will aber lieber, wie er sich ausgedrückt haben soll, 50 000 M. ans Bein binden, als die freien Verbände in seinem Be- triebe anzuerkennen. Besonders ist Herr F r e e s e schlecht auf den „Vorwärts" zu sprechen, weil dieses Blatt niemals für sein Lebens- werk, seine Konstitution, eine Anerkennung übrig hatte, im Gegen- teil, dies in boshafter Weise kritisiert habe. Aber auch das„Corre- spondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutsch- lands" hat Herrn F r e e s e geärgert, weil es in seiner Literatur- beilage vom 7. Mai vorigen Jahres sein Buch:„Die konstitutionelle Fabrik" angeblich unfreundlich kritisiert haben soll. Herr F r e e s e scheint keine Kritik vertragen zu können, er will neben seiner Kon- stitution selbstherrlicher Monarch sein, und da sind wir derselben Meinung wie das„Correspondenzblatt" in seinem Schlußsatz: „Betracht ich die Sache ganz genau, so brauchen wir gar keinen Kaiser!" Zurzeit versucht die Firma, in Posen, Hannover, Hamburg, Breslau, Dortmund, Bonn a. Rh. und Leipzig Arbeitskräfte anzu- werben, weil sie dort Holzpflasterungsarbeiten auszuführen hat. Auch hier in Berlin hat die Firma an solche Arbeiter, die schon früher bei ihr tätig waren, schriftliche Aufforderungen auf Annahme von Arbeit bei ihr gerichtet. Herr F r e e s e hat aber auch hiermit wenig Glück. Wir machen die gesamte Arbeiterschaft daher nochmals beson- ders darauf aufmerksam, daß der Betrieb von Freese gesperrt ist und bitten dringend, jeden Zuzug fernzuhalten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Deutscher Transportarbeiterverband. Deutscher Holzarbeiterverband, Ocutfches Reich. Transportarbeiterstreik. Im Speditionsverein Wallwitzhafen bei Deflau sind wegen Matzregelung von 21 ihrer Kollegen 80 Arbeiter in den Streik ein» getreten. Eine Betriebsversammlung hatte beschlossen, die Direktion zu ersuchen, die bis vor drei Jahren gezahlten Akkordsätze wieder einzuführen und den bisher 26 Pf. betragenden Stundenlohn zu erhöhen. Noch bevor die Fordening eingereicht war, erfolgte die Entlassung. Eine von den Organisationsleitungen versuchte Ver- Mittelung wurde vom Direktor de» Betriebe« kurzerhand abgewiesen. Er, der selbst Vorfitzender des ArbeitgeberverbandeS ist, duldet keine organisierten Arbeiter und will in allen Dingen nur mit seinen Leuten verhandeln.— Die streikenden Arbeiter bitten um Fern» Haltung von Zuzug nach Wallwitzhafen. De» Streit in den Kinderwagenfairiken in Zeitz ist beendet. Nachdem mit zwei weiteren Fabriken eine Verständigung statt» gefunden hatte, blieb nur noch die Firma Näther übrig. Bei dieser war nicht mehr viel zu holen, da dort eine ganze Anzahl Arbeits» williger vorhanden war. Bei Näther wird die Arbeitszeit von 60 auf 58 Stunden verkürzt und findet auch hier eine entsprechende Erhöhung der Lohn» und Akkordsätze statt. Unter diesen Umständen beschlossen die Streikenden, den Kampf auch bei Räther für beendet zu erklären. Der Erfolg der Bewegung ist nun: Bei zwei Firmen wird die Arbeitszeit sofort von 57 auf 56, bei einer sofort von 60 auf 57. ab 1. Juli d. I. auf 56 Stunden verkürzt, bei einer Firma sofort von 60 auf 58 und am 1. Januar 1912 auf 57, und bei drei Firmen, darunter auch Näther, wird die Arbeitszeit von 60 auf 58 Stunden herabgesetzt. Die Zeitlöhne werden pro Stunde um 2—4 Pf. und die Akkordsätze um 5— 15 Proz. erböht. Bei dem vorhandenen Organisationsverhältnis und den sonstigen widrigen Umständen dürfen die Arbeiter mit dem Erfolg sehr zufrieden sein und die Fabrikanten dürften, wenn die Arbeiter die richtigen Nutz» anwendungen au» dem verflossenen Kampfe ziehen, so leicht einen Kampf nicht wieder suchen. Achtung, Gipsarbeiter! In den drei Gipsfabriken in Baden- Hausen am Harz haben etwa 80 Arbeiter die Arbeit eingestellt, weil die Unternehmer gegenüber eingereichten Lohnforderungen der Arbeiter sich ablehnend verhielten. Um Fernhaltung des Zuzuges von GipSarbeitern, besonders GipSmüllern, wird ersucht. Zu den Ttreikbrecherlieferungen aus Hamburg teilt daS Gewerkschaftskartell von Hamburg-Altona folgendes mit: Auf verschiedene Snftagen von Vertretern aus GcwerkschaftSkreisen wegen auS Hamburg-Altona kommender Streikbrecher diene folgendes zur Aufklärung: Die durch Agenten der Hamburg-Monaer Privat-ArbeitSnach- weise vermittelten Streikbrecher sind nicht organisierte Hamburger Arbeiter; wenigstens dürste dies nur ausnahmsweise der Fall sein. Die Streikbrecher werden durch Agenten besagter Arbeitsnachweise irgendwo, auch in Hamburg, geworben, an Eisenbahnknotenpunkten gesammelt und je nach Anweisung der Arbeitsnachweise nach den Streikorten dirigiert. Die Inhaber der privaten ArbeitSnach» weise in Hamburg beziehen von den auf diese Art angeworbenen Streikbrechern die zu zahlenden VermittelungSgebühren. Die von oder über Hamburg geschickten Streikbrecher bleiben in der Regel in geschlossenen Eisenbahnwagen auf Abstellgleisen, von wo aus die Wagen umgekoppelt und die Streikbrecher dann nach den Bestim- mungSorten weiter transportiert werden. Bon den organisierten Hamburger Arbeitern kann an diesen Dingen vorläufig wenig ge- ändert werden. Sache der sich im Lohnkamps Befindlichen wird eS sein, diesem Treiben mit der nötigen Aufmerksamkeit zu begegnen. Zh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, Lerlagsanstäli Zum Ausstand der Schuhmacher in Grost- Stuttgart. In der bürgerlichen Presse wird gegen die Streikenden Stimmung zu machen versucht. Es wird berichtet, daß der Zentral- verband der Schuhmacher den Christlichen gegenüber Terrorismus geübt habe und ein gemeinsames Vorgehen mit ihnen abgelehnt habe. Die Christlichen hätten diesen Terrorismus dadurch pariert, daß sie mit den Meistern einen Tarifvertrag abgeschlossen hätten. der eine Lohnerhöhung von 2,00 bis 3,00 M. pro Woche mit sich bringe. Dieser Erfolg dürfte in einem anderen Lichte erscheinen, wenn wir mitteilen, daß der Zentralverband zur Ablehnung eines gemeinsamen Vorgehens mit den Christlichen seine guten Gründe hatte, die aus dem sonderbaren Verhalten der Christlichen bei der Lohnbewegung im Jahre 1907 erklärlich sind. Diesmal haben die Christlichen zur selben Zeit, als sie an die Leitung des Zentralverbandes das Anerbieten stellten, gemeinsam vorzugehen, an die Meister die Mitteilung gerichtet, daß sie eventuell geneigt seien, zu den Bedingungen des alten Tarifes weiter zu arbeiten. Mit ihrem jetzigen Erfolg bei dem„Tarifabschluß" ist es eine eigentümliche Sache. Bei einigen ganz unwesentlichen Positionen wurden ihnen einige Pfennige Zulage gewährt, bei anderen Positionen dafür aber Abstriche gemacht, so daß in Wirklichkeit eine Lohnreduktion als Schlußergebnis dieser Tarifberatung herauskommt. Bei rund 200 Positionen des Tarifes wurde kein Pfennig zugelegt. Selbst der Kassierer des christlichen Verbandes erklärte, daß er sich schäme, zu diesen Bedingungen arbeiten zu müssen, und er hat denn auch die Arbeit niedergelegt. Welches Verlegenheitsprodukt dieser„Tarifvertrag" ist, geht daraus her- vor, daß vereinbart wurde, er solle nur so lange Gültigkeit haben. bis ein anderer Tarif zustande kommt. Wird also durch die Macht der Zentralorganisation ein besserer Tarif geschaffen, so war der christliche Tarifvertrag quasi nur ein Streikbrecherabkommen. Achtung. Schuhmacher! Bei der Firma W. Keller, Schuh- fabrik in Ebingen(Württemberg! hatten die Arbeiter einige ganz minimale Forderungen gestellt, wie Verkürzung der Arbeitszeit von 10V, auf 10 Stunden. Vergütung für Ueberstunden, alles Dinge, die in allen anderen Betrieben in Ebingen längst durchgeführt find. Die Firma zeigte sick anfangs nicht direkt ablehnend, und eS bestand alle Hoffnung, die Angelegenheit auf gütlichem Wege regeln zu können. Nun aber legte die Firma den Arbeitern plötzlich einen Revers zur Unterzeichnung vor, worin sich diese verpflichten sollen, aus dem Zenlralverbande der Schuhmacher Deutschland» auszutreten bezw. diesem nicht beizutreten. Ein Teil der Arbeiter ließ sich einschüchtern und unterzeicknete den Revers. Der andere Teil aber, zirka 70 Mann, reichte die Kündigung ein.— Zuzug nach Ebingen ist streng fernzuhalten. Beim Mannheimer Hafenarieiterstreik, für dessen kapitalisten» fteundlichen Verlauf sich die bewaffnete Macht des badischen Staates so tüchtig ins Zeug legt, haben auch die Privat-Nachtwächter eine Mission zum Streikbreckerschutz übernommen. ES sind die Beamten der„Wach- und Sckließges ellschaft", dort im Volks- munde Krach- und Schietzgefellschast genannt. Die meisten dieser bewaffneten Scklotzwächter haben von dem Sicherheitsdienst der Polizei keine Ahnung; sie genießen einen so geringen Sold, daß ihnen schon deshalb die Lust vergehen müßte, den um ihren Bissen Brot kämpfenden Arbeitern hindernd in den Weg zu treten und das in einer Weise, wie da? von staatlichen Polizeibeamten nicht geschieht. ES gäbe die Verwendung solcher Privatpersonen, die mit Säbel und Revolver ausgestattet sind, Veranlassung, die Frage der Verantwortlichkeit für die Bewaffnung solcher Leute, die meist nur vorübergehend solche Posten bekleiden, offiziell zu prüfen. Wenn sich die streikenden Arbeiter diesen Reisigen gegenüber nun etwa auch bewaffnen? Der Genosse O t t i l i e. der am Ostersonnabend als Gewerkschafts» beamter seinen Dienst bei Matrosen im Hafengebiet tat und rechtswidrig von der Polizei auf kurze Zeit fest- genommen wurde, beklagt sich über die unwürdige Vt- Handlung durch die Polizei, die mit dem Gewerkschaftsfunktionär wie mit einem Verbrecher umgegangen sei. Und es handelte sich nur um Feststellung der Personalien Ottilies, der in Mannheim sonst bekannt und als Beamter im Adreßbuch eingetragen ist. Vier Schutzleute machten sich mit ihm zu schaffen, der beim Anfassen die Empfindung hatte, als sollten ihm die Knochen zur Erlangung einer Schlangenmenscheneigenschast eingerichtet werden. Ein anderer Parteigenosse, der den Vorfall beobachtete und neugierigen Ar» beitern Auskunft gab, wurde ebenfalls zur Feststellung der Per» sonalien fistiert. Man scheint offizielles Material zur Begründung eines Streik» schutzgesetzes zu sammeln. In Rastati mahlen die Mühlen der Streikverbrecherjustiz noch immer hestta. In Karlsruhe hat eine Versammlung der dorttgen Hafenarbeiter sich zur solidarischen Unterstützung der streikenden Mannheimer Kollegen verpflichtet. LrCtzU Nachrichten. Die französische Regierung und die Eisenbahngesellschaste». Pari», 19. April.(W. T. B.) Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat an die Präsidenten der Eisenbahngesellschaften ein Schreiben gesandt, in welchem er ihnen die am 14. April von der Deputiertenkammer angenommene Tagesordnung, betreffend die Wiedereinstellung der entlassenen Eisenbahnbeamtea, mitteilt und hinzufügt:„Ich bin sicher, daß Sie dem formellen Wunsch, den Ihnen die Regierung im Namen der nationalen Vertretung in der einzigen Sorge um das allgemeine Interesse und den öffentlichen Frieden übermittelt, durch Taten entsprechen werden." Die französischen Winzerunruhen. Reim», 19. April.(W. T. B.) Heute wurden wieder mehrere Personen wegen Teilnahme an den Plünderungen in den Arron- dissementS Reims und Epernay verhaftet. Die Zahl der in dem letzten sechs Tagen Verhafteten beträgt nunmehr etwa 1SV. Zu dem RathauSbrand in Schaerbcek. Brüssel, 19. April.(W. T. B.) Wie das Gericht festgestellt hat, ist der Brand im Rathaus der Vorstadt Schaerbeek an sieben verschiedenen Stellen angelegt worden. Nach einem Abendblatt steht die Verhaftung eines der Brandstiftung Verdächtigen un» mittelbar bevor. Sturm auf dem Schwarzen Meere. Scbastopol, 19. April.(W. T. B.) Auf dem Schwarzen Meere herrscht ein heftiger Sturm, der bereits viele Schiffsunfälle im Gefolge gehabt hat._ Kampf gegen die Trusts in Amerika. Washington, 19. April.(W. T. B.) Der Vorfitzende deS AuS- fchusscs für Mittel und Wege legte dem Hause den Bericht der Mehrheit des Ausschusses vor, der sich zugunsten der Bill betreffend die Liste der zollfreien Gegenstände für die Farmer ausspricht. Der Bericht, der als ein demokratisches Manifest an- zusehen ist, erklärt, das Abkommen mit Kanada fyibe alle Schutz- zolle für Erzeugnisse der Landwirtschafttreibenden abgeschafft. ohne zu gleicher Zeit in entsprechender Weise die drückenden Zölle für die Bedürfnisse aufzuheben, die sie kaufen müßten, um ihre Betriebe aufrecht zu erhalten. Die Herstellung der landwirtschaft- lichen Geräte werde von Trusts beherrscht, die sie billiger im Ans- lande als im Jnlande verkauften. In dem Bericht werden ähnliche Anschuldigungen gegen die Stahl-, Bauholz- und Fleischtrusts er» hoben. Antarktische Expedition. Buenos Aires, 19. April.(W. T. B.) Tie„Fram", das Expeditionsschiff Amundsens, ist, aus der Antarktis kommend, hier eingetroffen._ Paul Singer a Co., Berlin L�V. Hierzu 2 Beilagen u. Unterhaltungsbl. 9i.92. 28.»« i. Wage des„Nmiilts" Kerlim Noldsdlillt. Franzötiklicr Parteitag. 2. Tag. Et. Oueutin, 17. April.(Eig.Ber.) Die Diskussion über den Fraktionsbericht wird fortgesetzt.> Fernand F a ur e» Dordogne: Ich teile nicht die Anschauung meines Freundes Nappoport, der in der Politik unserer Fraktion etwas Heroisches findet. Die Opposition gegen Briand war eine Selbstverständlichkeit. Der Enthusiasmus, der Monis entgegen- gebracht lourde. scheint mir mit der revolutionären Klassenpolitik unvereinbar. Raffin-DugenS: Ich habe im Fall Malvh für die Kredit- bewilligung gestimmt. Die meisten anderen Genossen hätten das gleiche getan, wenn dos Ministerium in Gefahr gewesen wäre. (Stürnnscher Beifall bei einem Teil des Parteitags. Der Vorsitzende Compere-Morel bemerkt: Das ist eine persönliche Ansicht!) Varenne erklärt, warum er bei der Nachwahl in St. Claude seine Kandidatur im zweiten Wahlgang gegen einen Republikaner aufrechterhalten hat, und bemerkt weiter: Als der gemäßigte Sozialist, der ich bleibe, bin ich doch der Ueberzeugung, daß sich die bürgerlichen Parteien gegen uns mehr und mehr zusammenschließen werden. Sicher will die große Mehrheit dem radikalen Experiment des Kabinetts Monis kein Hindernis in den Weg legen. Bewahren wir aber Vorsicht und Zurückhaltung! Jaurss: Ich verkenne nicht die Notwendigkeit der an unserer Fraktion geübten Kritik, besonders wenn sie bei aller Entschiedenheit so freundschaftlich wie diesmal ausgeübt wird. Niemals war die Fraktion in ihrer Gesamttätigkeit mit der Partei und mit sich selbst in solcher Harmonie wie in der jetzigen Legislawrperiode. Gegenüber den in Zersetzung übergegangenen bürgerlichen Parteien stehen wir in frohem Kraftbcwnßtsein da. Die Einigkeit in der Fraktion braucht man nicht erst herzustellen, sie ist eine gegebene Tatsache. Mit Rappoport bin ich ganz einverstanden. Zwei Regeln müssen uns leiten: unsere snnda- mentale Opposition gegen die kapitalistische Gesellschaft, die erst mit dieser selbst aufhören kann und die Ausnutzung der wechselnden Situationen im Interesse der Arbeiterklasse. Keine Regierung will die sozialistische Idee verwirklichen. Jede ist ein Ausdruck dcS Kapitalismus, aber mit einem wechselnden Ein- schlag neuer Elemente. Nappoport zieht mit Recht 50 Schläge 100 Schlägen vor. Aber er sollte sich an das Marxsche Wort von den Ouantitätsdifferenzen erinnern, die in Oualitätsdifferenzen um« schlagen. Rappoport sprach von einer heroischen Periode. Wir haben schwere Kämpfe ausgefochten. Hätten loir nicht in der entscheidungsvollen Stunde des Eisenbahnerstreiks eine Verantwortlichkeit, die nicht die unsere war, auf uns genommen, wären wir Verräter an der Arbeiterklasse gewesen. (Stürmischer Beifall.) Aber gerade in dieser Zeit war eZ leicht für uns, unseren Weg zu finden. In Wahrheit fängt die heroische Periode erst da an, wo wir einem Ministerium gegenüberstehen, das unS unsere Entscheidungen nicht so leicht macht. Wir müssen da in jedem Augenblick die Interessen des Proletariats wahren, ohne von unserem Programm etwas aufzugeben. Wir sind vollständig un- abhängig. Hätten wir unS der Regierung gegenüber gebunden, würden wir beim Proletariat mehr verlieren als bei ihr gewinnen. Favre unterschätzt die Bedeutung deS Sturzes Briands. Damals sagte ich den Radikalen, als sich die kapitalistische Clique bemühte. Briand als den unentbehrlichen Mann wieder zurückzubringen. Laßt Euch Euren Sieg nicht stehlen I Zeigt, was Ihr könnt, wir werden Euch keine Steine in den Weg legen. Ver- wirklicht Euer Programm— aber wir Iverden unsere Uirabhängigkeit bewahren. Unabhängig entscheiden wir, sei es, daß wir uns über die einzelnen Fragen beraten haben oder in der Kammer eine Be- sprechung improvisieren müssen. Praktisch ist die Einstimmigkeit bei unS fast stets vorhanden. Beanstandet wird eigentlich nur die Ab- stimmung im Fall M a l V y. Wir haben da aber nicht dem Ministerium das Vertrauen, sondern einen Kredit bewilligt. bei dem es allerdings die Vertrauensfrage aufgeworfen hatte. Die Uebertragung des Strafvollzuges aus dem Resiort des Ministeriums des Innern und der Polizei in das dcS Justizministeriums hatten wir von jeher gefordert. Die Wut der Brian- disten und Konservativen zeigte uns ihren Wert. Als es dann zur Sturmszene im Parlament kam, waren eS nur ein paar arm« Re« formisten. die in ihrer Bank sitzen blieben. Wir stimmten für den Kredit. Ihr revolutionäres Temperament aber hatte sich in stürmi- scher Draufgängerei die vorherige Kompensation für die folgende kühle Abstinenz verschafft.(Heiterkeit und Beifall.) Die Errichtung des neuen Unterstaatsiekretariats hatte die Freilassung der verhafteten Eisenbahner und Redakteure, die Gewährung des für politische Häftlinge geltenden Regimes und— sprechen wir es offen aus— auch die Ent- scheidung deS KaffationShofes in der Frage der Mitschuld an allen auf kleines femUetou- Die Wiederkehr dcS Frühlings nach dem 14 Tage dauernden Kälterückfall ist während der Ostertage erfolgt und hat sofort zu einer ganz beträchtlichen Steigerung der Temperaturen geführt, ähnlich der rapiden Erwärmung, wie sie die letzten Märztage so unvermittelt gebracht hatten. Nachdem schon Ostermontag das Thermometer an einzelnen Orten 20 Grad überschritten hatte und zu Frankfurt am Main 22 Grad Celsius erreicht waren, erhob sich Dienstag das Quecksilber fast im ganzen Lande weit über 20 Grad hinaus. Berlin und viele andere Orte hatten mittags 23—25 Grad Wärme; im Westen und Nordwesten deS Landes, zum Teil auch in Mitteldeutschland, wie in Dresden, lagen Dienstag bereits die Morgentemperattiren 12—13 Grad über Null. Bemerkenswert bei dieser Erwärmung war die ungewöhnlich geringe relative Feuchtigkeit der Luft; diese betrug z. B. Dienstag mittag m Berlin nur 23 Proz., ein ungewöhnlich geringer Wert, der selbst im heißesten Sommer nur selten registriert wird. Den äußeren Anlaß zu der Umgestaltung der Wetterlage gab das Erscheinen eines neuen, Uesen Wirbels im hohen Norden Europas, dessen Minimum unter 737 Millimeter Tief« Sonnabend im nördlichen� Skandinavien lagerte. Während dieser Wirbel unter ziemlich lebhaften Westwinden ostwärts wanderte, drang auch gleichzeitig das atlantische Maximum endlich ostwärts vor. Westlich von Irland ist Dienstag ein neues tiefcS Minimum erschienen, das in Wechselwirkung mit dem östlichen Hoch Winde aus südlichen Richtungen verursacht. Bei seiner An- Näherung an den Kontinent dürften die Temperaturen �noch weiter steigen, woraus zunächst im Südwesten des Landes, später auch in Nordwest- und Mitteldeutschland verbreitete Wärmegewitter zur Ent- ladung komnien werden. Reinhardt aiif Reisen. Herr Reinhardt entwickelt sich immer mehr zu einem Universalregisseur und Bllhnenunternehmer größten Stils. Im Münchener Künftlertheater wird er diesen Sommer als Operettenregisseur auftreten. Inzwischen aber beglückt er die östlichen und nördlichen Völker mit seinem ZirkuS-OedipuS. Nach einem längeren Verweilen in Petersburg ist er jetzt in Stock- Holm.reformatorisch' tätig.� In Petersburg hat die in Berlin maßlos überschätzte ZirkuS- regierat künstlerisch keinen besonderen Eindruck gemacht. ES wird darüber berichtet: Der Zirkus Ciniselli war trotze der selbst für unsere Verhältniffe enorm hohen Preise sehr gut besucht. Die künstlerische Ausbeute freilich war geringer; eS war im wesentlichen der Erfolg einer un- gewöhnlichen Sensation, nicht aber einer zwingenden künstlerischen Tat. Wenn Moissi nicht die Oedipusrolle gespielt hätte, wäre das Gastspiel wohl kaum ans sechs Abende gekommen, da die übrigen Karjteller nach russischen Begriffen zur sogenannten dritten Garnitur französischem Boden verübten Sabotagen zur Folge. Alles dies haben wir ohne Kompromisse erreicht. Die Verhandlung über die Eisen- bahner war charakteristtsch, weil die Radikalen gezwungen wurden, die Gewaltakte, die sie mit auf ihr Gewissen geladen hatten, wieder gutzumachen. In Frankreich sind Regierungen nicht mehr möglich, die gegen die Arbeiterklaffe eine dauernde Gewalttätigkeit ausüben— eine Ordnung einer wenigstens halben Gerechtigkeit muß ihnen folgen. Was wird nun geschehen? Entweder»Verden die Gesellschaften nachgeben und das wird ein großer Sieg für die Sache der organisierten Arbeiterschaft sein.(Zwischenruf Rappoports: Nur der statu8 cjuol) Nein! Die Armee, die nach einer Niederlage das Schlachtfeld zurückgewinnt und ihre Gefangenen befreit, erlangt mehr als den status guo I Gebe» die Gesellschaften nach, so ist das eine weittragende Bekräftigung der Macht der Arbeiterklasse. Wenn die Gesellschaften aber widerstehen, so wird entweder die Regierung und ihre Mehrheit jämmerlich untergehen und wir bleiben einzig mit bewahrter Würde zurück oder sie erhält die verlangten Waffen und dann wird ein Kampf zwischen der Republik und den monopolistischen Gesell- schaften, eine neue Periode großer sozialer Entscheidungen anheben. Der Redner schließt mit einem Appell, im revolutionären, die Wirk- lichkeit wahrnehmendem Handeln dem Geiste Baboeufs treu zu bleiben. Minutenlanger sich wiederholender Beifall der Parteitags- Mehrheit folgt der Rede. NachmittagSfitzung. Die Diskussion über den Fraktionsbericht— in Wirklichkeit zieht sie allerdings eine Menge anderer Gegenstände in ihren Bereich— dauert fort. Prof. Edgar M i l h a u d- Rhöne, ein Spezialist sür die Fragen der Staats- und Gemeinderegie, beantragt eine Reso- lution für die allgemeine Verstaatlichung der Bahnen. G u e s d e und seine Freunde sind gegen eine Erörterung dieser Frage, die nicht auf der Tagesordnung stehe. Die Unterbrechungen nehmen einen sehr stürmischen Charakter an und der Redner schließt im Lärm unter andauerndem demonstrativen Beifall der Mehrheit. Der MinisterialiSmus unmöglich. V a i l l a n t bestätigt, daß noch niemals die Fraktion unter sich und mit der Partei so einig war. Wir alle wissen, daß jede Re- gierung die Geschäftsführerin der Kapitalisten ist(Beifall, besonders bei den Guesdisten) und die so notwendige Anpassung an die ge- gebenen Situationen uns nicht in Widerspruch mit unseren gegen den Staat und den Kapitalismus gerichteten Ideen bringen darf. Man hat vom MinisterialiSmus gesprochen. Aber seit Amsterdam sind wir mit ihm fertig.(Donnernder Bei- fall, an dem sich auch die Umgebung JauröS: Renaudel, Albert T h o in a s u. a. beteiligt.) Dieses Experiment wird sich nicht mehr wiederholen. Nicht nur die Alten der Bewegung, auch die Jungen sind darüber einer Ansicht. Kein MinisterialiSmus ist mehr möglich.(Minutenlanger Beifall, besonders demonstrativ bei den Guesdisten.) Compäre-Morel bringt eine Resolution in diesem Sinne ein. Renaudel ruft: Das steht schon im EinignngSpakt I P r e s s e n s ä spricht über den Proporz und wendet sich gegen daS.Apparenteinent", das im schärfsten Widerspruch zu unseren An- schauungen stehe. Wir wollen den KonfusionismuS, diese ärgste Plage der französischen Politik, beseitigen und die Parteien organi- sieren. DaS Apparentement würde aber die üblen Sitten des zweiten Wahlgang» schon vor den ersten verlegen. Ich frage mich, ob einem System, daß da? Apparentement mit Listenpanaschierung vorsieht, nicht die einstweilige Aufrechterhaltung des heutigen Systenrs vor- zuziehen ist. Wenn erst einmal eine Reform gemacht ist, vergeht vielleicht ein Menschenalter, bis es zu einer neuen kommt. G r o u s f i e r, der Berichterstatter der Wahlreformkoinmissio n der Kammer erwidert: DaS Apparentement ist iminer noch besser als das jetzige Wahlsystem. In Belgien, wo sie daS gute System des Proporzes herrschend glauben, gibt eS fast überall Wahlkartelle. S e m b a t will eine Kampagne gegen das Apparentement. Sollte aber die Frage im Parlament praktische Bedeutung bekommen, so soll die Fraktion im Einvernehmen mit dem Partei- vorstand die Entscheidung treffen. Nehmen wir jetzt schon das Apparentement an, so lähmen wir die Bewegung dagegen, lehnen wir es bedingungslos ab. so nützen wir vielleicht denen, die auf daS gefährlichste aller Systeme, daS Listenskrutinium, lauern. G u e s d e wendet sich in einer scharfen Rede gegen den Antrag, die von Milhaud beantragte Resolution in der Koinmission zu ver- handeln. Ueber die Frage der Nationalisation hat keine Föderation diskutiert. Keine Kommission kann sich den Föderationen und dem Parteitag substituieren. Ich fordere Rückverweisung an den nächsten Parteitag. Man fordert die Nationalisation im Interesse der Eisenbahner. Dasselbe Recht haben aber auch die Textil- arbeiter usw. Man fordert ja auch die Verstaatlichung der Berg- werke. Wo aber sind die»»ötigen Milliarden vorhanden? Wir gehören. Die Petersburger Kritik anerkennt die Regiekünste Rein- Hardts, verschweigt aber nicht, daß diese Künste den Eindruck des Gemachten hervorrufen und Stimmungswerte erzeugen, die nicht aus der Handlung fließen, sondern ausgeklügelt feien und keinen Vergleich mit der delikaten Regiekunst unseres StanislaSki oder Muaerhold aushalten könnten, weil diese von jeder.brutalen Effekthascherei"' absähen und daS Schwergewicht auf die aus- geglichene Einheitlichkeit der Darstellung verlegten, die bei Reinhardt vermißt werden müßte. Die maßgebende Kritik ist von Moissi entzückt, wenngleich sie erklärt, daß dieser wunderbare Darsteller den Oedipus auf den Kopf stellt, indem er ihn des Heroischen entkleidet und einen modernen Neurastheniker mimt. Die übrigen Darsteller tut die Kritik entweder mit einer abweisenden Handbewegung ab, oder sie gebraucht so harte Worte, als sie der russischen Kritik, die für Deklamation gar nichts übrig hat, zu Gebote stehen. Sehr energisch und zielbewußt sind die Ausstellungen, die man hinsichtlich der nichts weniger als schönen Kostüme und sonstiger Ausstattung geinacht hat. Un- verständlich bleibt es den Petersburger Theaterfreunden und Kritikern, wie man sich n,it»einer ganz mittelmäßigen Truppe. aus der nur die künstlerische Persönlichkeit MoissiS sich hoch hervor- hebt", in fremde Lande gehen kann. Das Urteil der russischen Kritik geht dahin, daß in der Reinhardtschen Inszenierung viele interessante und brauchbare Momente enthalten sind, namentlich be- wundert man seine geniale Verwendung bewegter Massen; doch man sieht in ihr nicht den Ausgang einer neuen deutschen Bühnen- kunst, sondern den Gipfelpunkt des Verfalls oder, wie man hier sagt, der Dekadenz. Imponiert hat Reinhardt den Russen nicht, eher hat er sie verblüfft. Ueber Fortschritte in der Rechtspflege-» leider nicht in Deutsch- land— wird in.H. Groß' Archiv für Kriininal-Anthropologie' (Bd. 41) berichtet. In Holland wurde in der letzten Zeit ein großer aufsehenerregender Prozeß, die sogenannte„Papendrectsche Straf- fache".(Papendrect ist ein Dorf) verhandelt. Dabei ergab sich die Nolwendigkeit, auch die Zeugen psychiatrisch und psychologisch zu untersuchen, was auch ausgeführt wurde. Die Ergebnisse der Unter- suchung»varen geradezu verblüffend. Mehrere Zeugen wurden für geistesschwach befunden, und einer davon entpuppte sich als Oueru- laut.»DaS Faktum müßten wir zur Nachahmung unserer Juristen niedriger hängen und besonders � letztere auf den geistigen Znstand eben deS Zeugen hinweisen, der bei der Urteilsfällnng das größte Unheil anrichten kann"— beinerkl hierzu die zitterte Zeitschrift. Ob sie mit ihrer Anregung bei der deutschen Justiz Erfolg haben wird, ist sehr zweifelhaft. Auch auf eine andere nachahmenswerte holländische Einrichtung— Beobachtungsstationen für verbrecherische Minderjährige— wird in derselben Notiz hingewiesen. Die Stationen arbeiten in Holland mit bestem Erfolg; die deutsche offizielle Rechtspflege will sich aber damit keine sind nicht eine Partei des Rückkaufs, sondern erne Partei der Expropriation.(Lebhafter Beifall.) Dazu kämpfen wir um die politische Macht. Der Rückkauf dient oft iiur der Bereicherung der Kapitalisten. Ich begreife, daß die Kapitalisten es vorziehen, sich heute auskaufen, statt sich später enteignen zu lassen. Uebergeben wir die Angelegenheit regelrecht den Föderationen »md ersparen wir uns Manisestalionen für etwas, was manchen Kapitalisten sehr zupaß käme. I a n r ö s: Nicht die Kommission soll ja das letzte Wort sagen, sondern der Parteitag. Dies aber erscheint mir wohl am Platze. Erstens, weil die Debatte über die konnnunale Regie ohnehin die Frage der öffentlichen Dienste aufrollen tvird. Zweitens aber ist die Fraktion oft gezwungen, Stellung in Fragen zu nehmen, die noch nicht von einem Parteitag diskutiert sind. Niemand wird die so- fortige allgemeine Nationalisation der Bahnen verlangen._ Wir müssen aber entscheiden, wie wir uns bis zu dem Tag, wo wir die kapitalistische Gesellschaft expropriiere», zu verhalten haben. (Guesde: Wenn Sie sie ausgekauft haben, können Sie sie nicht expropriieren!) Gerade weil die Frage schwierig ist und weil sie im Parlament praktische Bedeutung bekommen kann, muß der Kongreß Stellung nehmen. In einem Jahre kann die Fraktion den Parteitag vor ein kait aocompli gestellt haben..! Compsre-Morel lvendet sich«igen JauröS' Antrag, die Resolution Milhauds der Kommission für rw.'nizipale Regie zuzuweisen. Wir haben kein Mandat für diese Frage»nitbekonnnen. Stellen wir— der Parteitag— nicht die Partei vor ein fait aooompli I Der Frakttonsbericht wird einstimniig genehmigt. Internationales Bureau. Vaillant erstattet den Bericht und gedenkt besonders der Haager Konferenz der niederländischen und belgischen Genoffen und der geplanten österreichisch-italienischen Manifestation. L o n g u e t meint, auch wenn inan nicht in die Uebertreibung der englich-deutschen Konfliklsgefahr verfalle, müsse man eine Aktion des Proletariats namentlich im Hinblick auf die mögliche Rückkehr der englischen Konservativen zur Macht wünschen. Auch in der Marokkofrage sei der Stuttgarter Ententebeschluß für Frankreich und Spanien anzuwenden. L a f a r g u e fragt, ob der internatioirale Sekretär Huysmans mit dem„Flammgent" identisch sei, der den Völker« haß nähre. Vaillant erwidert, daß Huysmans nicht gegen die fran- zösische Kultur, sondern für Rechte der Vlämen, die er für gerecht halte, kämpfe und beruft sich auf das Zeugnis des Wallonen D e m b l o n aus Lüttich, der ihm beim neulichen Besuche der belgischen Bürgermeister in Paris Ausklärung gegeben hat. S e n» b a t meint, man müßte sich wohl etlvaS init dieser vlämischen Agitation beschäftigen, worauf Vaillant repliziert, daß Seinbat als Sekretär der interparlamentarischen Konfereirz Gelegen- heit zu weiteren Erkundigungen habe. Der Bericht wird einstimmig genehmigt und hierauf die Sitzung geschloffen._ Kongreß der belgischen Sozialdemokratie Brüssel, 17. April.(Eigenbericht.) Der 26. Jahreskongreß der belgischen Arbeiterpartei erhielt ebenso wie der letzte Parteitag seine Physiognomie durch die Dis- kussion einer Frage taktischer Natur. Die Vorlage des klerikalen SchulprojektS in der Kammer hat im sozialdemokratischen wie im liberalen Lager eine ungeheure Gärung hervorgerufen und hier wie dort»vird die Anspannung aller Kräfte gefordert, um das ver« hängnisvolle Attentat abzuwehren. ES muß dabei gesagt werden, daß die belgischen Liberalen, für die die Entwickelung hierzulande noch nicht abgeschlossen liegt, mit den blutlosen und senilen Liberalen Deutschlands schlechthin nicht zu vergleichen sind. Sie treiben hier noch ihre Wurzeln im Bürger« tum; sie haben ihre Organisationen, ihre„Burgen" sogar,»venn man will; sie gehen fleißig in Versammlungen mid sind darum weniger volksfremd, als etwa das liberale Kaliber des schwarz« blatten Blocks. Die letzten Wahlen haben sie sogar als vordrängende Partei gezeigt und auch im jetzigen Kampf gegen die Schulvorlage beweisen sie Schwung und Fleiß. Daß allerdings Temperament und Aktivität der Liberalen zu neun Zehnteln von dem Ehrgeiz und der Ungeduld, an die Macht zu kommen, gespeist werden,»st eine andere Sache. Wie die Dinge nun in Belgien liegen, hat die poli« tische und parlamentarische Situation die Parteien der Linken be« sonders in der letzten Zeit öfter zum gemeinsamen Ansturm gegen die klerikale Regierung zusammengeführt und eine Parallelität des Kampfes ergeben, die wie im Falle der Protestmanifeftation in Charleroi (es handelte sich um die von der Regierung verweigerte Anerkennung deS OeffentlichkeitSrechteS für die Lehrerscininare des Hennegau) zu einer Mühe machen und überläßt die Sache der privaten Initiative. Es scheint demnach auch hier mit den, stolzen Wort von Deutschland, das in der Welt voran marschiert, seine eigene Bewandtnis zu haben! Wieviel Einwohner hat China? Dieses an Naturschätzen un« gemein reiche Land, in dem dank der kulturellen Nückständigkeit und schlechten Verwaltung die Mehrzahl der Bevölkerung an ständiger Hungersnot leidet, beherbergt in seinen Grenzen rund ein Viertel des gesamten Menschengeschlechts. So lautet das Ergebnis der ersten genauen Volkszählung, die 1010 in China von militärischen Gesichtspunkten aus vorgenommen wurde. Allerdings kann man von der Genauigkeit dieser Volkszählung nur in sehr bedingtem Sinne reden, denn die chinesische Bevölkerung brachte in diesem Falle, wie immer, den administrativen Organen ein unverhohlenes Mißtranen entgegen»md hat vielfach die richtigen Angaben verweigert. Außer- dem kann man auch die wissenschaftlichen Methoden der chinesischen Statistik nicht allzu hoch bewerten. Jedenfalls aber besitzt auch diese Zählung, so unvollkommen sie sein mag. ein großes Interesse als erster Versuch, die viel um« sttittene Frage über die chinesische Bevölkerungszahl auf dem Wege der modernen Statistik zu lösen. Demnach beträgt die Gesamt- bevölkerung Chinas 449 214 000 Köpfe. Auf einzelne Provinzen verteilt sie sich wie folgt: Mandschurei 17 Mill., Tichi-li 29.4 Mill., Shantung 38 Mill., Szu-chuan 79,5 Mill., Hu-nan 22 Mill., Hu-pei 34 Mill., Kiang-si 24,5 Mill., An-hui 36 Mill., Kiang-su 23,9 Mill., Tscheh-kiang 11,8 Mill., Fuh-kien 30 Mill., Canton 32 Mill., Kan-si und Uun-nan je 8 Mill. und ftinf Provinzen: Shan-si, Ho-Han, Shen-si, Kan-su und Kwei-tschou zusanunen 55 Mill. Einwohner. Friß dich mager! Diesen erstaunlichen Rat gibt ein kühner Arzt seinen fettleibigen Zeitgenossen. Und seine Theorie hat nicht etwa in einem vagen„Anienka", sondern in Paris das Licht der Welt erblickt. In der letzten Sitzung der dortigen medizinischen Akademie legte Dr. Robin dar. daß die Fettsucht durch nichts besser be« kämpft werden könne als durch häufiges und ausgiebiges Essen. Er empfiehlt den Dicken, am Morgen mit kaltem Braten oder Fisch an- zufangen, warmeS aromatisches Wasser und ungezuckerten Tee dazu zu trinken und hiernach-eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Um lO'/s Uhr nehme man ein kleines Gabelfrühstück, z. B. zwei Eier. und gehe wieder 30 Minuten spazieren. Für Mittag ist eine große Mahlzeit mit beliebiger Zusammensetzung empfohlen, nur vermeide man, mehr als 40 bis 50 Gramm Brot zu essen, und ersetze eS wo- möglich ganz durch Salat. Wasser bezw. Tee und Spaziergang wie oben. Um 4 Uhr ein Vesperimbiß, um 7 Uhr Abendbrot. Man hüte sich aber vor Saucen I Dr. Robin hat nach dieser Methode einen 52jährigen Mann von 130.9 Kilogramm Gewicht in 90 Tagen um 30 Kilogramm erleichtert. Sie ist aber, wie man sieht, mir bei wohlhabenden Leuten anwendbar, die auch Zeit zum Spazierengehen haben. Fettleibigkeit wird zm Proletarierkrankheit. Gemeinsamkeit bA- Aktion führte». ES lag nach allem nicht ferne, baß auch der fiampf gegen die Schulvorlage eine solche Ge meinsamkeit irgendwie zutage fördern würde. In der Tat haben die liberale und sozialistische Fraktion geineinsame Beraluugen ge- pflogen nnd insbesondere Vandervelde hat die Taktik eines gemeinsamen Abwehrkampfes gegen das Schulprojckt mit großer Wärme verleidigt und durch eine in diesem Sinne gehaltene programmatische Nede in einem von den Liberalen veranstalteten Meeting sozusagen durch die Tat demonstriert. Die Tagesordnung, die Bandervelde als Berichterstatter über den Punkt„Wahlkampf und Schutvorlage' dem Kongreß vorlegte, empfiehlt denn auch die Taktik eines ge« ineinsamen Vorgehens und ZusammenmarschierenS mit den Liberalen zum Zwecke einer wirksamen und siegreichen Abwehr des klerikalen Anschlages. Wenn aber der Parteitag einig in dem Einen war: daß um jeden Preis die Gcsetzwerdung des Schulprojekts verhindert werden »nilß, so fehlte es andrerseits doch nicht an Stimmen, die der An- ficht Ausdruck gaben, daß in einer solchen gemeinsamen Aktion mit einer bürgerlichen Partei Gefahren für die Autonomie der Partei liegen, die zur Trübung der Reinheit ihrer Kampssormen führen können. D e Broucköre und Mehsmans verwiesen dabei auf die vom letzten Kongreß angenommene Tagesordnung, die verlangt, daß die Arbeiterpartei bei allen ihren Kämpfen ihren Klassen- kampfcharakter zum Ausdruck zu bringen hat, gleichwie alles, was sie von dem Ziel und der Tätigkeit aller bürgerlichen Parteien scheidet und unterscheidet. Setzt aber eine Kampsgen�üienschast mit dem auS einem prinzipiellen Gegner zum politischen �BundeSgenosien gewordenen bürgerlichen Feind nicht voraus, daV; man zumindest während der Dauer dieses Bündnisses die angriffe und Feindseligkeiten ruhen läßt? Dies wareu die Bedenken, die de Broucköre und feine Freunde dem Kongreß zu erwägen gaben und die sie veranlaßten, für die Tagesordnung VanderveldeS Abänderungen beziehungsweise Amendicrungen vorzuschlagen. Nach der anderen Richtung hat die Diskussion über diesen Gegenstand auch gezeigt, daß nicht alle? den OplimismuS VanderveldeS in bczug auf die Schlagkraft und Zuverlässigkeit der Liberalen teilt und manche Genossen von einem auf die eigenen Kräfte der Arbeiterschaft gestellten Kampf gegen das Schulprojekt einen nicht minder sicheren Gewinn erwarten, der den Vorteil hätte, noch durch moralische Werte erhöht zu sein. UebrigenS soll von dieser Diskussion. deren Niveau ebenso erfreulich war wie der gemütlich-kameradschaft« liche Ton der Redner beider Tendenzen, noch in anderem Zu- fammenhang gesprochen werden. � Der Kongxeß fand an den Osterfeiertagen im Brüsseler.Maison du Peuple' statt. Vertreten waren 412 Gruppen durch 561 Delegierte. Auf Borschlag VanderveldeS wird einer der Senioren der Partei, LoniS Bertrand zum Vorsitzenden gewählt. Auf der Tribüne sitzen der Parteivorstand und die Vertreter der regionalen Föde rationen. In seiner Eröffnungsrede erinnert Bertrand an den ersten Kongreß der belgischen Partei— vor eben 26 Jahren. Hundert Delegierte waren damals da. die kaum 4 Dutzend schwache Gruppen vertraten. Heute zählt die Partei 1106 Vereinigungen, die eine Zahl von 200606 Mitgliedern repräsentieren. Als Blarter besaß die Partei bloß den vlännschen„Vooruit*. der fünfmal wöchentlich erschien, und noch zwei Wochenblätter. Heute verfügt die Partei über acht Tageblätter und 66 Blätter, die 14tägig, wöchentlich oder monatlich erscheinen. Im gleichen Maß sei der politische Einfluß der Partei gewachsen und die Arbeiterschaft hat ihre Vertretung in der Kammer, im Senat, in den Gemeinde- und Provinzvertretungen, und aller Fortschritt aus politischem und sozialem Gebiet ist ihr Werk. Die Arbeiterschaft hat im Kampfe gegen die bürgerlichen Parteien den Gedanken der gesetzlichen Siegelung der Arbeit und eine Anzahl. freilich unvollkommener Arbeiterschutzgesede durchgesetzt. Und die Sozialdemokratie selbst bietet dem aufstrebenden Arbeiter immer mehr geistige und moralische Mittel, sich zu entwickeln und der Gesamtheit zu dienen. Er schließt mit der Hoffnung, daß der Kampf der Arbeiterschaft gegen das P l u r a I w a h l r e ch t und das S ch u l- g e f e tz zum Sieg führen möge. Der Kongreß tritt in die Tagesordnung ein: Diskussion über die D e r i ch t e. Der parlamentarische Bericht bringt zunächst Beschwerden über das Fehlen der sozialistischen Deputierten bei wichtigen Ab- stimmungen in der Kammer, wie z. B. letzthin bei einer Abstimmung über einen Artikel deS Gesetze« für die Lergarbeiterpensiouen. Ein Genosse regte da eine Mißbilligung gegen die liberalen Abgeordneten an, von denen gleich 22, die Hälfte der Partei, fehlten. Diese Taten der Liberalen ständen nicht im Einklang mit den Worten einer Partei, die mit der Arbeiterschaft in den Kampf gegen die Regierung eintreten will.... Der Präsident vermerkte, daß eS den» Kongreß nicht zustehe, an die Deputierten einer anderen Partei ein Tadels- Votum zu richten. Beachtenswerte Ausführungen macht ein Lüttichcr Delegierter. Leblanc, über die unersprießliche Form der parlamentarischen Arbeit. Er wünscht, daß von seiten der Sozialisten mit etwas Methode voraegangen werde und die Redner nach Vereinbarung das Wort ergreifen. Der Berichterstatter, Deputierter W auterS, be» klagt gleich ihm das Uebel, dem nur zu steuern sei. wenn das Prinzip oer Arbeitsteilung und Disziplin in der Arbeit der Fraktion sich durchsetzen. ES müssen aber auch die Wählermassen dahin erzogen werden. die Tüchtigkeit ihreS Vertreters nicht nach der Länge und der Häufigkeit der Reden abzumessen, dann werden Reden, die nur Wiederholungen sein können, verschwinden und nützlicherer interner Arbeit weichen. B a e k stellt die Frage der„Pairage", gegen die sich die sozialistische Meinung schon öfters erhoben hat, zur Diskussion. Im belgischen Parlament ist es Sitte, daß Abgeordnete, die verhindert sind, an einem Votum teilzunehmen, mit einem Mitglied der gegnerischen Partei eine Vereinbarung treffen, damit dieses sich der Stimme enthalte. Diese Vereinbarungen, die für ge« gebene Fälle von Vorteil sein können, haben sich aber zu einem un« erhörten Mißbrauch entwickelt, zumal die„Pairage' �aus den nichtig- sten Gründen geübt wird. Back verlangt ein diesbezügliches Verbot des Parteitags. Vandervelde hält dafür, daß man nicht zu einem direkten Verbot schreiten soll, weil auch die Sozialisten dadurch zu Schaden kommen könnten. ES möge dem Kongreß ein Protest gegen die mißbräuchliche Anwendung genügen. Andere Redner, insbesondere Deputierter D elporte, lehnen die „Patrage' auch auö prinzipiellen Gründen ab. Die Auf- forderuiig zur.Pairage' sei eine Gefälligkeit, und wenn man von einem Gegner diesen Dienst verlangt, sei man zur Reziprozität verpflichtet— ein Einwand, dessen Berechtigung Vandervelde allerdings bestreitet. Der Antrag B a« k auf Verbot der.Pairage' wird mit großer Majorität angenommen, desgleichen der Vorschlag Leblancs. der auf eine wirksame Orgainfation der parlamen- tarischen Arbeit zielt._- Hus Induftrie und FtandeL Ein feudaler Reinfall. Die uradeligen Namen der Fürsten Fürflenberg. Hohenlohe. Senckel v. DonnerSniarck und anderer bedeuten für den modernen roßkapitaliSmuS ein Programm. Die Mehrzahl der agrarischen Granden hat in Deutschland schon längst mit der wirtschaftlichen Entwickelung seinen Frieden gemacht und einen großen Teil ihreS Vermögens m der Industrie angelegt. Da» Passage- Kaufhaus in der nördlichen Friedrichstraße ist ein Stück verwirklichte Finanz» Politik der Fürsten Fürstenberg und Hohenlohe. Da haben sie aller- dingS weniger Freude gehabt als an anderen Transaktionen. ES sind jetzt rund zwei Jahre her, daß der mächtige WarenhouSbau als Sammel- Hans für Dewilgeschäste, eröffnet wurde. Der offizielle Gründer deS im MufeumSstil und deswegen außerordentlich teuer gebauten Hause« war die Terrain- und Baugesellschaft, in der die Interessen der fürstlichen Herren stark vertreten ivaren. DaS Bank- hauS Ncubnrger. damals noch mit fürstlichem Vertraue!, beehrt— heute ist'S bankrott— betrieb die finanziellen Vorgeschäfte. Die bekannte Firma Marvewitz gab den Grund und Boden her. Sie «rhielt rund vier Millionen Marl dafür.~~ Die Baufinna Boswau u. Kiictuer übewahm den Bauauftrag. Die Hauptanteileigner dieses Bau Unternehmens waren die Deutsche Bank, resp. ihre bergisch-märkische Tochtergesellschaft und die Darmstädter Bank. Die mit übernommene Verpflichtung der Bau- Terraingesellschaft, 7'/, Millionen Mark Bau gelber heranzuschoffen, zumal in der damals'sehr gespannten Geld' läge, war das Sprungbrett, auf dem die Deutsche Bank in ihr die Macht gewann, eine Verschmelzung mit der Baufirnia Voswau u. Änailer durchzuführen. Fürstenberg wurde samt seinem Aktien« besitz an Bau- und Terrainaktien dem Bankier Neuburger untreu, die Deutsche Bank übernahm die Führung. Nach inancherlei Laborieren starb das D-elailgeschäfiskaufhaus endgültig. Das Aushängeschild, das für den Bau bei? Hauses notwendig ivar. lourde ja auch nicht mehr gebraucht. Zur reckten Zeit zankten sich die Brüder Wertheim. Damir war ein neuer Name gefunden, der die im Warenhause steckenden Werte er- halten konnte. Es ist seitdem aber anders geworden. Die Gewinne der W. Wertheim G. m. b. H. blieben aus und die Terrain- und Baugesellschaft, mit anderen Worten die Palästinabank der Fürsten- interessenten muß fortgesetzt Geld zuschießen. Die Deutsche Bank hat sich als klage Geldgcvenn für die von ihr übernommenen Schuld« venckireibungen der Ternain- und Baugesellschaft von den Fürsten selbstschuldnerische Bürgschaften geben lasten. Wertheim ist schon seit dem Juni vorigen Jahres nicht mehr der wirkliche Inhaber des nach ihm benannten Kaufhauses, dafür hat es aber allein 1916 5,6 Mill. Mark Kredit gebraucht und damit momentan einen Gesamtkredit— allein bei den fürstlichen Freunden— von rund 14 Millionen erreicht. Die auf dem Grundstücke lasiende« Hypotheken übersteigen schon be- trächtlich den Werl des Grund und Bodens und des ganzen Bau- Werks, sogar dann noch, wenn man die Feuerkasieneinschätzung zu Grunde legt. Das schadet ober alles nichts. Die Geschäfte der Warenhausfirma Wolf Wertheim gehen fröhlich weiter. Ueberall ist man fleißig am bauen. Es wird solange gehen, als die Fürsten Kredit geben, und wenn e» nicht mehr gehl, nun dann haben wir einen Bankrott und dazu noch einen gründlichen Krach mehr. JiUQ der Frauenbewegung. DaS Fra»e«wahlrecht i« französischer Beleuchtung. Ueber die politische Gleichberechtigung von Mann und Frau ver- öffentlicht Fernand M a z a d e in den»Document« du ProgröZ' eine Enquete und fügt hinzu: „Wer produziert, muß auch die Bedingungen seiner Produktton diskutieren dürfen, und es ist unbillig und unlogisch, den sieben Millionen Frauen, die durch ihre Arbeit jährlich für mehr als drei Milliarden zum Nationalreichtum beitrogen, das Recht zu weigern, diejenigen zu wählen, die in der Gesetzgebung die Bedingungen dieser Arbeit regeln. Die Frauen, die Steuern bezahlen, müssen das Budget kontrollieren dürfen.' Marcel P r ö v o st schreibt: .In keinem Lande der Welt ist die Majorität der Frauen feministisch gefinnt, einhunderlundzwanzig Jahre nach der ftan- zöfischen Revolution. AIS Verächterinnen deS politischen RechtS begeben die Frauen denselben Irrtum wie die Wähler, die fich ihres Wahlrechts ent- halten, die aus Abscheu vor den Kleinigkeiten der herrschenden Politik darauf verzichten, zu wählen. Dos heißt ins Wasser springen, um dem Regen zu entgehen. denn jede Stimmenthaltung aus Verachtung vermehrt die Kraft der Verachteten.' Maurice Barr.« sagt: »Wenn die Frauen daZ Stimmrecht haben, werden fie eS ebenso gut verdient haben wie drei Viertel der Männer.' Er steht kein ernstliches Hindernis für das allgemeine Wahlrecht der Frauen.— Alfred Fouillön denkt, daß die Frauen zu poli» tischer Kompetenz gelangen werden. DeSchanel und Clarelie sprechen fich kategorischer für da» Frauenstimmrecht auS. Paul Biollet äußert als Historiker, daß da« Frauenstimmrecht kein» Neuerung ist. ES führt uns einfach auf alte Gebräuche zurück. In den ersten Jahrhunderten deS Mittelalters sprachen Frauen Recht, andere regierten. Frauen waren Bürgermeister. SchiedS- richter und nahmen teil an politischen Versammlungen. Im Jahre 1315 tagte Mahaut, Gräfin von A r t o i s mit den Pairs. 1373 wohnten zwei Pairessen den Parlamentssitzungen bei. 1456 war Mlle. D o r v a l Mitglied der provinzialen Staaten von Limousin. 1363 vereinigten sich die Frauen aus dem Bolle von FerrierS mit den Männern, um die Deputierten für die General- staaten von Tours zu ernennen. Im Jahre 1566 und 1576 nahmen sie teil an verschiedenen Versammlungen für die Wahl der General- staaten. 1612 zur Abfassung der Gemeindecharte usw. Laut Dekret vom 25. Oktober 1793 schlössen sich die Witwen, die Familienmütter waren, den Familienvorständen und Vormündern an, um die Ernennung des Gemeindelehrers zu bewerkstelligen. Ein Dekret vom 16. Juni 1793 bewilligte den Frauen dasselbe Recht wie den Männern in bezug auf Abstimmung der Frage der Ver- teilung von Gemeindegütern. Paul Biollet kommt zu dem Schluß: „Wenn die Natur der Frau sich seit hundert und etlichen Jahren nicht sehr schlimm verändert hat, wenn ihre Intelligenz nicht geringer wurde, so ist es nur natürlich, ihr die Rechte zu- zuerkennen, die Papst Jnnocenz IV. ihr im 13. Jahrhundert zu- gestanden und die sie im Jahre 1793 noch nicht völlig eingebüßt hatte. Jedoch hoffe ich. daß man die Grenze politischer Reife nicht auf das 14. Lebensjahr verlegt, wie Jnnocenz IV. es tat.' Ch. Dumas, der sozialistische Abgeordnete, gibt seine Meinung in folgender Erklärung ab: „Wenn man will, daß die Frau aufhöre die ewige Sklavin der Unwissenheit zu sein, so muß mau sie teilnehmen lassen an dem tieferen Leben der Nation und der Städte'... Im Anfang des dreizehnleu Jahrhunderts stand das politische Recht der Frau höher als bei uns im zwanzigsten Jahrhundert l Während damals der Papst Jnnocenz IV. die Teilnahme der Frauen an der Polittk anerkannt hat, nimmt der deutsche Kaiser be- kanntlich eine gegenteilige Stellung ein und stützt dadurch die Reaktton in ihrem Bestreben der polittschen Entrechtung der Frau. Die Frauen haben am 19. März gezeigt, wie sie über die kulturwidrigen Bestrebungen denken. Aber der Protest der Frauen, der fich bei der nächsten ReichstagSwahl bemerkbar machen wird, soll unserer blau-schwarzen Reaktion noch ganz anders in die Ohren klingen. Leseabende. Bohnsdorf. Heute abend gl/, Uhr in„Villa Kahl': Vortrag der Genossin Fried län der- Berlin über:.Warum müssen sich die Frauen politisch organisieren'. Steglitz. Freitag, den 21. April, abends 8'/, Uhr. bei Heizmann, Flora«, Ecke Düntherstraße: Vortrag der Genossin S. W i s s e l l über:„Die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Organisation'. Vereinsangelegenheiten. Eerirkw- Teilung. Der Kampf gegen Bilder. Auch in der Osterwoche ist die Liste derjenigen Händler, gegen die wegen Verbreitens unzüchtiger Bilder und Scherzartikel ge- richtsjeitig Anklage erhoben wurde, nicht unwesentlich vermehrt worden. U. Uhr«nesebe-kstr, 48/49. Allen Freunden und Bekannten die traurig- Nachricht, daß metne lteb» gute Frau Auguste Strebblov geb. W a ch h o lz am Montag nach langem schweren Leiden sanft entschlasen ist. Um stille» Beileid bittet Julius Strehblow. Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachm. 2 Uhr, vom Trauerhause Wiener Str. 53 au« nach dem allen ThomaSkirchhos, Rirdori, statt._ 13466 Allen Freunden und Bekannte» die traurige Nachricht, daß meine lieb« Frau und gute Mutt« Fmma Wilke w im Dienstag, den 18. April, nach schwerem Leiden sanft entschlasen ist. Die« zeigen ttesbetrübt an, um stille» Beileid bittend Franz Wilk© nebst Kindern. Die Beerdigung findet Freitag, den LI. April, nachmittag« 5 Uhr, von der Leichenhalle de« Jerusa- tcmcr Kirchhoi» in Rixdort, Her mannstraße, au» statt. 1337! Für herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meine« wir unvergeßlichen Manne«, unsere« lieben Vater«, Bruder« und Schwa- ger«, der uns viel zu frilh entrissen wurde, sogen wir allen Freunde» und Bclannten. sowie dem Wahlverei», dem M-tallarbciterverband, sowie den näher bekannten Kollegen unseren herzlichsten Dank. Wwe. Auguste Reiche und Sohn. MAMOLI Clgareltes Beliebte Specialmarken Abbas Dandy Glbson Glfl Farben £anben,aestanrants Daebpii II. Dacbpixpappen.! etc. erzielt man durch weiB— grau— rot— grün leuchtend, 1 garantiert wetterbeständig.etreichlert. sofort trocknend, biUiger als Oelforbe.| Prospekte, Muster gratis. Telephon IV. 1 Poclipix-Gescllschatt. Berlin>. 61. Planufer 3» Syphilis- Nachweis In allen(riech, u.jreraltet. zweifelhaft. Ffill. durch wiffenschastl. Untersuchung. sosort; desgl. Harn-(spez. aus Gc norrhoe-Fäden) u. Spulinn-Analysen. 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Wahl von 2 Wgeordneten zur Pß« Ortaverwaltang. Deutscher Arheiter-Sängerbund. Gau Berlin und Umgegend. Der BelsetzungZfeier deS Genossen Porxioann wegm findet die angesetzte Ukbmizsjlmlbe««d AnsslhnWhnng am Mittwoch, den Ä6. April, abends 9 Uhr, in der Pnravr«! Friedrichshain statt. Per Torstand. HP. Sitte die Billetts der Sremer Konzerte gleich abzurechnen. «MM» für das BibMgert zu Berlin. Donnerstag, den 27. April 1911, abends pünktlich SVi Uhr, im großen Saal© der „Armlnhallen", Kommandantenstr. S8/50 i Ordentl. Generalversammlung. Isges-Ordnnng: 1. Kechnungslegnng für das Jahr 1910 durch den Bondsnten. 2. Bericht des Bechnungsansschnsses bezw. Erteilung der Entlastung. 3. Ersatzwahl für 1 Arbeitnehmer). 4. Verschiedenes. J. Blenz, Vorsitzender. 2 Vorstandsmitglieder(1 275/3 Arbeitgeber, Oer Vorstand O. Wonltskl, Schriftführer. Mf UM Orts- Krankenkasse sür daS Koldsdimiedk-Gmerbt zu Berlin. Am Sonnabend, den SS. April 1011. abends 8'/, Übt, findet die Ordentliche General- Yersammlung sämtlicher Delegier! en im Gewcrl- schaftohause, Engelufer IS, Saal 5. statt. 274/4 TageS-Ordnung: 1. Verlesung deS Protokolls. 2. Jähret- Stricht für das Geschästsjabr 1910. 3. Bericht d. Revisoren. 4. Verschiedenes. Der Vorstand. I. A.: Ott» Aimemiinger, Vorsitzender. Arbeitsnachweis: Hos I. Amt 3, 1239. »rrwaltnngSstelle Berlin. Hanptburea»: Charit6straBe 3. Hos m. Amt 3, 1987. Sonntag, 33. April, vormittags 19 Uhr bis nachm. 1 Uhr, finden die Aahlev der 36 Delegierten für den diesjährigen Verbandstag in Mannheim sowie der zwei Beisitzer für die Ortsverwaltung in folgenden Lokalen statt: kaeierovskls Festsäle, H»ven«.tr.«. Werniekes Feslslle, Acker.tr. is». Yoigl-Theater, B»d.tr. s». Hönischs Restaurant, wiciiert.tr. s. Obiglos Festsäle, Sclmedter Str. 23. Karsowskys Restaurant, Bemnner»träne s». HoRmanns Festsäle, Drasoner.tr. w. Laehnichts Restaurant, n«.tr. im». Funkes GesellschaRshans, Trut.tr.«s. Kronen-Brauerei, Aitimabit 47/4». Fatzenbofer Brauerei, Tnrm.tr., Ecke atromstr. GeWerkSCbaftShaUS, Engelnfer 15, Saal 5. Fröblichs Restaurant, Mnekancr str.». Heitmanns Feslsäle, schömemstr.«. Unna Datlianecalo irüher Ob«t(Im Tunnel), SchOno neue nainaussaie borg,»artin Qnthcr.tr. SR. Niemers Restaurant,»merr.tr. ss. I.itgns Festsäie.»omeler atr.«7. Boekers Festsäle, webewtr. Eiysium, Qandsberger Allee 40/41. Rommelsburg, filnmes Restaurant, Ait-Boxhagen ss. Rixdorf, Hoppes Festsäle, Hermann.tr. 4». do. Zibeils Restaurant,--ibe.tr. a. do. Rüekheims Restaurant,»«rs-tr.»» Tempelhof, Wilhelmsgarten, Berliner atr.». Cbarlottenburg, Volkshaus, Ho.inen.tr.». Köpenick und Friedrichsbagen, Orts- Krankenkasse fir dasKjerbraller-GeVtlbe jll Kerlin, Weinmeisterstraße 3. Freitag, den S«. Apttl 1911, abends 8 Uhr: ------ Ordentliche------ Guuulsl-Vumuluug im Englischen Garten. Alexander- strafte Nr. 27c(oberer Saal). TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht deS Vorstandes. 2. Bericht der RevifionSkommisfion und Tntlaswng deS Vorstandes und des Rendante». 3. Verschiedenes. Anfragen und Beschwerden, zu welchen die Einsicht in die Kassen- bücher oder Akten notwendig ist, müssen mündlich oder schriftlich be- hnss Beantwortung derselben in der Generalversammlung bis spätestens 26. April er. dem Vorstande mit- geteilt werden. Als Legitimation dient die zu dieser Versammlung gesandte Emladungs. karte. 275/2 Um recht pünktliches und zahlreiches Erschemen wird gebeten. Per Vorstand. Otto Ullrich, Vorsitzender. Pttppel.tr. 7. Frleden.tr. 14. Warneckcs Bestanrant, WIIhelmlnenhof-StraBe 18. König- Chan.see 88. Lehmanns Restaurant, B**n™*enick.44 Steglitz, Clements Restaurant, Kdiershof, Resteis Restaurant, Ober-Schöneweide, Weißensee, Penkerts Restaurant, Pankow, Rozyckis Restaurant, Kren..tr.«-4. Spandau, Restaurant Böhle, Havei.tr.»o. Tegel, Halfes Restaurant,»rnnowstr.«s. {g: Ghne Mitglikdsbnch kam mtlnand wählen! Die Stimmzettel werden am Eingang z« de« Wahllolalen vetteilt. «öahlleiter ist der Kolleg« Otto Handke, Eharittstr. 3. 15/12 Die Ort.Terwaltnng. Berantwottlicher Redakteur:«lbert wach». Berlin. Orts-Krankenkasse der Maler und verw. Gewerbe Berlins. Montag, den 24. April, abends 81/, Uhr, in den.Armiuhallen-. Kommandantenstr. 58/59: 1322b General-Versemmlung, TageS-Ordnung: 1. Abnahme der Jahresrechnung pro 1910. 2. Bericht der Prüfungskommission. 3. Kassenangelegenhetten. Der Borftand. I. A.: B. Oertel. Stiekerei-Blusen etc. der Jahreszeit entsprechend. In den nene.ten StofTarten, streng modernen Farben. erstklassiger Ausführung und reichlich Stoff— trotzdem billig— werden aus Wunsch in Kommission gegeben.— Guter Nebenverdienst sür Damen u. Herren. Reflektanten belieben ihre Off. unter Q. 714 an Hsazenetein iVoglerA.-G., Berlin W. 8, einzusenden. 183/14 Stnil Lestvre Berlin, Oranienstr.lSS abgepaBte Fenster. well! and cröme p.Fenster�S,4-Z0hl (mit. 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Laut Vorstandsbericht wurden im letzten Jahre 3 Zahlstellen verloren und 9 gewonnen, so daß die Zahl derselben jetzt 12 beträgt. Kassenbestand am 31. Dezember 1919 7169,93 M.. Mitgliederzahl 398. Zwecks intensiverer Agitation wurde der Vorsitzende Paul Schäfer auf Antrag der Ham- burger fest angestellt. Der Verband führt fortab den Namen „Zentralverband der Theater- und Kinoangestellten"; das Fach- organ heißt nicht mehr„Der Bühnenarbeiter", sondern„Theater und Kino". Alle anderen statutarischen Aenderungen sowie Zu- sätze treten am 1. September d. I. in Kraft. Der nächste Ver- bandstag findet am Karfreitag 1912 in Berlin statt. Partei- 5Znge!egenkeiten. Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend. Morgen, Freitag, den 21. April, 7 Uhr abends be- ginnend, findet die schon angekündigte Flugblattverbreitung statt. Wir hoffen, daß sich alle Genoffen und Genossinnen beteiligen. » Die Beisetzung des verstorbenen Genossen Borgman» er- folgt am Sonntag, den 23. April, 12 Uhr mittags, vom Trauerhause aus. Alles nähere hierüber wird in der Sonn- abendnummer des„Vorwärts" bekannt gegeben. Wir weisen aber auch heute darauf hin und erwarten, daß die organisierte Arbeiterschaft dem Dahingeschiedenen in reicher Zahl die letzte Ehre erweisen wird. Der geschäftsfnhrende Ausschuß. Steglitz. Freitag, den 21. April, abends 7 Uhr: Flugblatt- Verbreitung von allen Bezirkslokalen aus. Der Vorstand. Johannisthal. Freitag abend von ll28 Uhr ab: Flugblatt- Verbreitung von Gobin, Roonstr. 2, aus. Der Vorstand. Hoherlehmc-Wildau. Heute Donnerstag, den 29. d. MtS., abends 8 Uhr, im Lokale Heiser-Wildan: Oeffenlliche Versammlung. Tagesordnung: Ein Vergleich zwischen Werkskonsumanstalten und Konsum- genossenschaften. Referent: Gcwerkschaftssekretär Karl Giebel-Berli». Diskussion. Mohlsdorf(Ostbahn). Die nächste Mitgliederversammlung findet am Sonnabend, den 22. d. M., abends 8'/z Uhr, im Lokale des Herrn Obst. Berliner Chanssce, statt. Tagesordnung: 1. Vierte l- jahreSbericht. 2. Bericht der Gemeindevertreter. 3. Maifeier. 4. Verschiedenes. Die Bezirksleitung. Reinickendors-West. Freitag abend 7 Uhr: Flugblattverbreitung Von den Zahlabendlokalen aus. Die Bezirksleitung. ßerlinev JVacbvicbten. Maulkorb-Freiheit. Das edle Geschlecht derer von Köter auf Spreeathon wird im Kalender den 1. Mai des denkwürdigen Jahres 1911 blau anstreichen. Kein Geringerer als der Polizeipräsident v. Jagow, der in Potsdam den Leierkastenmännern so abhold war, daß sie in gebührendem Umkreise seiner Wohnung ihre lieblichen Dudelweisen nicht ertönen lassen durften, hat in Berlin seine mitfühlende Seele für die reichshauptstädtische Hnndezunft ent- deckt. Wenn es richtig ist, daß Tierfreunde auch Menschen- liebhaber sind, läßt diese plötzliche schöne Wandlung im Ge- tnüt des Alexanderplatz-Präsidenten noch Besseres erhoffen. Borläufig ahnen die Groß-Berliner Köter noch nicht, welches Glück ihnen bevorsteht. Sie sind nicht alle so gelehrt, wie der sprechende Försterhund, mit dem man sich auch über eine Polizeiverordnung unterhalten kann. Das Scherlblatt will diesem aus der Art geschlagenen Köter sogar einen Interviewer in den Wintergarten schicken mit der weltbewegenden Frage: „Wie denken Sie, Mister Don, über die geniale Maulkorb- freiheit?" Und Don wird ein paar Male die bekannte weg- werfende Bewegung mit der Hinterflosse machen, nachdenklich sich hinter den langen Ohren krauen und aus dem Born seiner hündischen Weisheit antworten:„Es ist einfach zum Hundeküssen. Unser Geschlecht wird es zu würdigen wissen, daß die Rollen vertauscht sind und der feinfühlige Herr Polizeipräsident dem gequälten Hundevieh den Maulkorb ab- nimmt, um ihn vielleicht den Erdenzweibcinen desto fester vorzubinden. Wir beabsichtigen, am 1. Mai zu Herrn v. Jagow eine Deputation zu entsenden, ihm ein Ständchen zu bringen solvie eine Dankadresse zu überreichen. Und ich werde dabei der Sprecher sein. Wahrscheinlich werden wir auch dem großen Hundcbefreier irgendwo in Berlin ein ge- mcinsames Denkmal setzen." Minna von Geheimrats, zu der aus Konkurrenzneid natürlich auch Ullsteins einen Ausfrager schicken, wird sagen: „Jottedoch... davon haben wir Küchenfeen jarnischt. Oder jlooben Sie etwa, dct unsre Jnädige nu ebenso feinfiehlig sein un uns von dem Amte als Hundezofe entbinden wird? Ick prophezeie Ihnen, wir werden Ihnen nach wie vor alle Tyrasse und Pitties, die Cäsars und Minkas zur Morjenandacht bejleiten müssen, damit se sich bei de Abwickelung ihrer Je- schäfte kcenen Schaden tun.- Was nützt uns de Maulkorb- freiheit for de Hunde, wenn man de Menschen oft noch schlimmer wie de Hunde behandelt I" Uud eine Stimme aus dem Berliner Publikum sagt:«Es ist ganz schön, daß mit der Maulkorbfreiheit beim Hunde der Anfang gemacht wird, aber lieber wäre es uns doch, wenn das dicke Ende, unsere eigene Befreiung vom Maulkorbzwang, diesmal zuerst gekommen wäre. Das Amt der auf den Frost gesetzten Hundcfänger wird nun wohl der Schutzmann über- nehmen, der jeden beißenden Köter in seinem dickleibigen Notizbuch aufschreibt, um die Massensammlung polizeilicher Strafmandate zu vermehren. Wie die unbotmäßigen Hunde sich dann zu legitimieren haben, ist einstweilen noch Polizei- gehcimnis. Aber schließlich wird man sich schnell an die Ge- schichte gewöhnen und sich freuen, daß wieder mal eine halb mittelalterliche Verfügung unter den grünen Tisch geflogen ist. Vor bissigen Menschen, besonders wenn sie Uniform und Amtscharakter tragen, muß man sich weit mehr in acht nehmen als vor bissigen Hunden." . Ist. Herr v. Jagow also glücklich über den Hundckopf ge- kommen, so kommt er vielleicht auch noch über den Hunde- schwänz und läßt in der Prinz-Albrechs-Stcaße. im Parlament �der Landräte, alles konfiszieren, was mit Maulkörben für Menschen auch nur entfernte Aehnlichkeit hat. Die Blüte der Obstbäume hat in den Ostertagen nun auch in den näher gelegenen Berliner Vororten eingesetzt. Pfirsiche und Aprikosen" haben ihre Knospen zu öffnen begonnen. Der zarte, weiße Blütenschmuck mit dem leichtrosigen Untergrund leuchtet silbrig aus dem kahlen Geäst. Das Schimmern der Blüten hat auch bereits allerlei Käfervolk lebendig gemacht. Braunhaarige Hummeln summen, gelbgemiederte Bienen fliegen, sogar ein paar erste Falter haben sich hervorgewagt. Auch die Süßkirschen beginnen an besonders geschützten Stellen vorsichtig die ersten Blütenblätter herauszustrecken. Ihnen dürften rasch die anderen Obstarten folgen und überall die Hausgärten unserer noch nicht groß- 'städtisch bebauten Vorortstraßen in schimmernden Frühlings- schmuck kleiden._ Waisenkinder in Familieupslege. Die Waisenverwaltung der Stadt Berlin gibt die allermeisten der ihr anvertrauten Kinder in Familienpflege. Von 7757 Kindern, die am 1. April 1919 unter der Obhut unserer Waisenverwaltunq standen, waren 1596 in Anstalten untergebracht, nämlich 791 in den eigenen Anstalten der Stadt und 895 in den von ihr mitbenutzten Privatanstalten. Die übrigen 6251 Kinder befanden sich in Familien, davon 1975 in Berlin und 4276 außerhalb Berlins. Es ist oft und heftig darüber gestritten worden, ob Anstaltspflege oder Familie»pflege besser sei. In d�r Berliner Waisenverwaltung hat die Familie den Sieg behalten, nicht weil sie wirklich besser wäre, fondern weil sie es billiger macht. Die Gefahr, daß die Waisenkinder ungeeigneten Erziehern in die Hände geraten, ist bei der Familienpflege noch größer als bei der Anstaltspflege. Und noch schwerer als in Anstalten ist in Familien eine regel- mäßige Kontrolle, durch die die Waisenverwaltung die von ihr in Familienpflege gegebenen Kinder vor Mißgriffen und Ausschreitungen zu schützen suchen muß. Zur Kontrolle der über 4999 auswärtigen Pflege- stellen, die sich auf mehr als 509 verschiendene Orte verteilen, sind ein Erziehungsinspektor und zwei Erziehungs- inspektorinnen angestellt. Obwohl sie fast das ganze Jahr hindurch auf Reisen sind, können sie im allgemeinen jede Pflege st eile nur einmal in jedem Jahr revidieren. Da ist es oft nur einem glücklichen Zufall zu danken, wenn Ungchörigkeiten zur Kenntnis der revidierenden Personen gelangen. Ueber das Ergebnis ihrer Revisionsbesuche stellen der Erziehungsinspektor und die beiden Erziehungsinspektorinnen für die alljährlichen Ver- waltungsberichte der Waisendeputation kleine Referate zu- sammen, die zur Veröffentlichung bestimmt sind. Viel steht ja gewöhnlich nicht drin, aber selbst ihre spärlichen Angaben lassen erkennen, daß in der Waisenpflege„manches faul ist". In dem neuesten Jahresbericht, der das Verwaltungs- jähr 1999/19 behandelt und vor einiger Zeit durch den Magistrat veröffentlicht worden ist, finden wir die Mit- teilung, daß wieder eine ganzeAnzahlvon Pflege- stellen an'fgehoben werden mußten. Sie genügten selbst den bescheidenen Anforderungen nicht, die die Berliner Waisenverwaltung bei der Dürftigkeit der von ihr gewährten Bezahlung stellen darf. Der Erziehungsinspektor Bertold meldet, daß er in 21 Fällen einen Wechsel der Pflege be- antragen mußte. Als Gründe gibt er an: zu kleine und un- saubere Wohnungen, zu weite Schulwege. Krankheit und un- gehöriges Verhalten der Pflegeeltern. Auch deshalb mußten Pflegestellen gewechselt werden, weil zu viel eigene Kinder in der Famiie waren, so daß den Waisenkindern nicht die nötige Sorgfalt zuteil wurde. Die Erziehungsinspektorin v. Trebra sagt in ihrem Bericht, die Pflegestellen seien fast durchweg mit„gut" zu' bezeichnen und fügt hinzu:„Nur wenige Stellen wurden aufgehoben." Was sie unter wenig versteht, erfährt man nicht, da sie keine bestimmten Zahlen nennt. Die Erziehungsinspektorin Arlt dagegen gibt wieder eine bestimmte Zahl an. Sie meldet, daß 13 Pflegestellen aufgehoben wurden. Bei 5 Pflegestellen waren die häuslichen Verhältnisse mit der Zeit ungünstig geworden, bei 6 reichte die Erziehung nicht aus, 2 Pflegestellen genügten im all- gemeinen nicht den Anforderungen der Waisenverwaltung. Besondere Beachtung verdient noch eine Bemerkung des Erziehungsinspektors Bartold. Er sagt:„Aus einer Kolonie in der Neumark mußten sämtliche Zöglinge entfernt werden, weil sie trotz wiederholten Ver- botesimmerwiederzurBeaufsichtigungdes Viehes herangezogen wurden, und auch der Waisen- Vater nicht mit der nötigen Strenge dagegen auftrat. Zu diesen! Mittel wird auch weiterhin gegriffen werden, bevor nicht das Viehhüten durch unsere Kinder gänzlich unterbleibt. Gewiß sollen unsere Kinder zur Hilfe im Haushalt, auch zu ländlichen Arbeiten herangezogen werden, aber nur, solange bei der Beschäftigung nickst die Gefahr der Ausnutzung be- steht. Wenn hier und da selbst wohlhabende Bauern glauben, in der Berliner Waise einen billigen Hütejungen erlangen zu können, so muß diesem Ansinnen von den Waisenvätern mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden." Das klingt sehr forsch, ist aber nicht neu. Schon in einem früheren Bericht lasen wir vor jetzt anderthalb Jahrzehnten fast wörtlich dasselbe über die Verwendung von Waisen- kindern als Hütejungen, und mit derselben Entschiedenheit wurde erklärt, daß so etwas nicht geduldet werden dürfe. Aus dem Jahre 1894/95 berichtete der damalige Erziehungs- inspekwr Poesche:„Die Arbeiternot auf dem Lande ist so chronisch geworden, daß selbst wohlhabende Bauern glauben, in einer Berliner Waise einen billigen Hütejungen erlangen zu können. Fürsorge gegen das Uebel ist durch Kollegialbeschluß bereits getroffen." Auch in den folgenden Jahren kam von Zeit zu Zeit immer wieder die Klage über die Verwendung zum Viehhiiten. trotz allen Beschlüssen und Verboten. Die wohl- habenden Bauern waren eben mit jenem Erziehungsinspektor der Meinung, daß„die Arbeiternot auf dem Lande zu chronisch geworden" sei. Daher begriffen sie nicht, waruw die Waisenverwaltung ihnen die Ausnutzung der Waisen- kinder verbot. Leider fehlt der Waisenverwaltuna die Macht, solche und ähnliche Mißbräuche gänzlich zu verhüten. Sie fehlt ihr und Wird ihr fehlen, solange sie ihre Kinder füreinBilliges in Familie»pflege gibt. Aber die FamilienpflegS bleibt trotzdem die„besser e" r— sagt die Waisenverwaltung I_ Schwedische Einladung an die Stadt Berlin. Der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung von Berlin tverden voraus- sichtlich von der Stadt Stockholm eine Einladung zum Besuch der schwedischen Hauptstadt erhalten. In der Stockholmer Bürger- Vertretung ist nämlich vom Ausschuss zur Vorbereitung städtischer Angelegenheiten der Vorschlag eingebracht worden, den Berliner Magistrat und die Stadtverordneten einzuladen und entsprechende Matzregeln anlätzlich des Besuches zu ergreifen. Mit diesem Vor- schlage wird sich die Stockholmer Bürgervertretung demnächst zu be« fassen haben, und eS liegt Grund zu der Annahme vor, datz Ober« bürgermeister Kirschner und zehn Vertreter des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung der Einladung nachkommen. Die von einem Stockholmer Prctzbureäu verbreitete Meldung, wonach schwe- dijcherseits bereits ein Beschlutz gefatzt wäre, ist jedoch unzutreffend. Die Müllbcrge an der Müllcrstraße werden jetzt entfernt. Ein Unternehmer, der dafür vom Magistrat Berlin eine halbe Million Marl erhält, schafft das Müll, das sich dort im Laufe vieler Jahre zu hohen Bergen angesammelt bat, nach der Tegeler Heide, wo das Müll zum Ausfüllen von Vertiefungen und zur Verbesserung der Grasnarbe mit ausgezeichnetem Erfolg benutzt wird. Die Arbeiten sind übrigens hochinteressant und für die meiste» Berliner ganz neu. Der Unternehmer benutzt nämlich nicht, wie bei der Beseitigung der Müllberge am Stralauer Anger, Menschen- kräfte, sondern einen Trockenbagger. Dieser leistet viel mehr als zahlreiche Menschenhände es vermögen. In wenigen Minuten ist ein Waggon von drei Kubikmeter Inhalt gefüllt. Greifen, drehen und das Füllen der Waggons geht mit einer solchen Präzision und Schnelligkeit vor sich, datz man immer wieder staunen mutz, ob der geleisteten Arbeit. Es ist daher auch nicht zu verwundern, datz der Unternehmer bei seinem Angebot von einer halben Million Marl alle Konkurrenten, die zum Teil mehr als 2 Millionen Mark ver« langten, ganz enorm unterbieten konnte. Falls die Arbeit in dem bisherigen Tempo weiter gefördert wird, sind die Berge in Kürze verschwunden und kann dort mit der Bautätigkeit, der Kanalisation und der Anlage der Straßen begonnen werden. Zu der Beerdigung des Stadtverordneten H. Borgmann sind von der Berliner Stadtverordnetenversammlung osfiziell abgeordnet die Stadtverordneten Bruns, Vitterhoff, Dr. Jsaac, Ad. Hoffmann, Waldeck Manasse, Modler, Thieme, Tolksdorf, Dr. Wehl und Zubeil. Sladtverordneten-Borstcher Mi ch e l e t, der zurzeit unpäßlich ist, aber die Geschäfte der Versammlung leitet, wird sich eventuell der Abordnung anschließen. Der Magistrat Berlin wird voraussichtlich durch den Geh. Rat Stadtrat Marggraff, seinem Ehrenbürger, sowie durch den Stadtschulrat Dr. Michaelis vertreten sein, denen sich wahrscheinlich die Bürgermeister anschließen dürften. Ertrunken sind zwei Kinder einer Schifferfamilie, die sich auf einem Schifferkahn bei Rampitz am Weißen Berge befanden. Der Kahn war mit Kies beladen und auf der Fahrt nach Berlin. Starke Wellen schlugen über das Schiff, das, bevor Rettung möglich war, unterging. Der Steuennann Wittig konnte sich mit seiner Frau und zwei älteren Kindern sowie einem Bootsmann nur mit Mühe retten. Die beiden anderen Kinder im Alter von sechs und zwei Jahren sind in der Kajüte ertrunken. Gasexplosion auf Bahnhof Grunewald, Eine gefährliche Gasexplosion fand am gestrigen Mittag gegen 1 Uhr in der nahe dem Bahnhof Grunewald gelegenen fiskalischen Gasanstalt statt. Ueber den Borfall, bei dem ein Monteur verletzt wurde, erhalten wir folgende Mitteilungen: Auf dem fiskalischen Terrain des Bahnhofs Grunewald ist feit einigen Jahren eine Gas- anstalt errichtet, die neben der Herstellung von FettgaS, das zur Be» leuchtung der Eisenbahnzüge benötigt wird, auch zu Versuchszwecken be- nutzt wird. In letzter Zeit war man damit beschäftigt, autzer dem FettgaS eine besondere Mischung zur Beleuchtung der nach Potsdam ver- kehrenden Stadt- und Vorortzüge herzustellen. Man hatte zu diesem Zwecke vor einiger Zeit ein Leitungsrohr nach der Pankower Gasanstalt verlegt und von dort das nötige Fettgas bezogen. Am gestrigen Mittwochmittag sollte nun das Rohr einen Anschluß erhalten und der Monteur Albert Birke war beauftragt worden, an das Mundstück des Rohres ein Ventil anzubringen. Der Mechaniker führte diese Arbeit auch auS. Trotzdem entwich aus dem Rohr das leicht ex« plosive FettgaS. DaS Ventil des RohreS befand sich in dem Re- tortenhauS, in welchem durch Verbrennung von Steinkohle in Retorten Leuchtgas gewonnen wird. Der ziemlich große Raum, der vollkommen feuersicher erbaut ist und dessen Dach aus Wellblech besteht, füllte sich langsam mit Gas an. AIS nun ein Heizer die Ofentüre öffnete, um den Ofen neu zu beschicken, schoß auS der Feuerbuxe infolge deS heftigen Luftzuges eine große Stichflamme hervor und entzündete das FettgaS. Im nächsten Augenblick erfolgte eine starke Detonation, durch welche die Scheiben des Gebäudes eingedrückt und das Dach angehoben wurde. Da sich die Gase zum grötzten Teil unter der Decke angesammelt hatten, blieb der Heizer un« verletzt, während der Mechaniker Birke durch die meterhohe Flamme, die auS dem in Reparatur befindlichem GaSrohr herausschoß, Brandwunden im Gesicht und an den Händen erlitt. In wenigen Minuten nach der Entstehung deS Brandes begann die Bahnhofsfeuerwehr ihre Tätigleit, die sich in der Hauptsache darauf beschränkte, die Maschinen und daS Dach. das durch die ungeheuren Flammen glühend geworden war, zu kühlen. Auf telcphonischen Anruf rückte auch der Automobil- löschzug der Kolonie Grunewald heran und nun began» der schwierigste Teil der Löscharbeiten, die Absperrung der Gas- reservoirS, die jede Minute zu explodieren drohten. Autzer- halb des Retortenhauses befinden sich etwa zehn bis zwölf längliche Kessel, die auf EisenbahnwaggonS verladen werden und von denen jeder etwa 699 bis 899 Kubikmeter FettgaS enthält. Diese Kessel sind mit dem Retortenhaus durch verschraubbare Leitungen verbunden und durch sogenannte Rauchventile verschließbar. Diese Kessel wurden unterWasser gesetzt und dann nahmen einige Feuerwehr» leute daS Abschrauben der Anschlutzleittmgen vor, daS mit hoher Gefahr verknüpft war, da zu befürchten stand, datz fich Stichflammen in den Leitungen bildeten und den Inhalt der Kessel entzündeten. Nachdem jedoch die Abdichtung der Reservoirs durch Holzpflöcke gelungen war, konnte die Hauptgefahr als beseitigt gelten. Immerhin dauerten die Löscharbeiteu etwa drei Stunden. Der Materialschaden ist ziemlich bedeutend, doch konnte die Gasanstalt in den Abendstunden wieder ihren Betrieb aufnehmen. Eine Fahrlässigkeit des betreffenden Monteurs liegt nicht vor._ Ein Straßendahnunfall, bei welchem ein Knabe verletzt wurde. ereignete sich am gestrigen Mittwochnachmittag gegen 6 Uhr am Prenzlauer Tor, Ecke Lothringer Stratze. Dort wollte der 4jährige Knabe Franz Sauer, Meyerbeerstr. 7 bei den Eltern wohnhaft, die Gleise überschreiten, wurde jedoch von einem Spiellameraden um- gestoßen und geriet unter den Vorderperron eines herannahenden Motorwagens der Linie DaS Kind erlitt eine blutende Stirn- wunde und wurde bei einem in der Nähe wohnenden Arzt ver- bunden. Der Knabe wurde nach der elterlichen Wohnung geschafft. KindeSmord. Sfls Polizeigefangene wurde die 19 Jahre alte unverehelichte Elise Menzel, die bei ihren Eltern in der Scharnhorst- straszs 10 wohnt, unter dem Verdacht deS KnideZmordeS in die Charitä eingeliefert. DaZ junge Mädchen, das sich in gesegneten Umftäude» befand, wuftte seinen Zustand seinen Anberwandten zu verbergen. In der vorgestrigen stacht gab eS einem Knaben daS lieben, ohne irgendwelche Hilfe herbeizurufe». DaS Kind ließ es in eine» mir Wasser gefüllten Eimer fallen, i» dem«S er- trank. Durch die Wehelanlc der jungen Mutter wurde» ihre Eltern auf die Vorgänge aufmerksam und holten eine Hebamme. Tiefe leistete der Wöchnerin nachträglich Hille, erstattete aber dem Polizeirevier 58 Anzeige, weil sie den Angaben der Menzel, das Kind lei tot zur Welt gekommen, keinen Glauben schenkle. Die ärztlicherseits vorgenommene Untersuchung ergab, daß daS Kind lebend zur Welt gekommen und auch lebensfähig geweien ist. Die Kindesleiche wurde in das SchauhauS gebracht und gegen die un- natürliche Mutier daS Unterfuchungsverfahren wegen Kindesmordes eingeleitet. Zwei Kinder totgcsahrca. Der vierjähn'ge Sohn Fritz de? Grün- kran, Händlers Karl Grahlmann wurde gestern nachmittag vor dem elterlicheil Wohnhause, Lübecker Straße 42. von einem Aktenwagen überfahren und tödlich verletzt.— Beim Spielen vor dein Hause Arndlstraße 31 ist gestern vormittag der dreijährige Sohn Erich deS Kohlenhändlers Zicinhold Kleiber von einem Faßbierwagen über- fahren worden. Das Kind starb gleichfalls an den erlittenen Per- letzungen. Schwerer BootSimfall auf dem Tegeler Ter. Sin Verhängnis voller Unfall, bei dem ein junger Mann den Tod fand, trug sich am TienStagvormittag auf dein Tegeler See zu. Der Lkjährige Techniker Fritz Hofmann aus der Wilbelmshavener Straße in Berlin hatte mit mehreren Freunden auf den» Gewässer eine Segelpartie unternommen. Bei der Insel Hasselwerder wollte» die jungen Leute die Segel umlegen. Hierbei wurde H. von der Stange des einen Segels so heftig am Kopfe getroffen, daß er rücklings über de» Bootsrand in das Wasser stürzte und sofort versank. Obwohl die anderen Insassen dem Verunglückten unverzüglich nachsprangen und wiederholt nach ihm untertauchten, gelang«S doch nicht, ihn zu retten. Die Leiche des Ertrunkenen konnte bisher noch nicht gelandet werden. Ein zweiter Bootsunfall ereignete sich auf dem Tegeler See am Nachmittag desselben Tages. Etwa 20 Meter von der Insel Hanel- Werder entfernt kenterte infolge deS böigen Windes ein Segelboot und die Insassen, zwei Herren und eine Dame, stürzten ms Wasser. Die drei vermochten sich aber so lange an der Oberfläche zu halten, bis ein Dampfer der Spandauer Schiffahrts-Gesellichaft. von dem aus der Vorfall bemerkt worden war. Hilfe brachte. Die Ver- rmglückle», von denen die Dame fast ohnmächtig war. wurden in etr'em Restaurant mit trockenen Kleidern»md Erfrischungen versehen und konnten sich später noch ihren Wohnungen begeben. Ein«euer Eispalast ist in der Nähe des Bahnhofes Friedrich- straße und der Weidendamm-Brücke erstanden: Der AdmiralSpalaft. Das ehemalige Admiralsgartenbad ist bekanntlich abgerissen worden und bat einem mit ollen Finessen der Neuzeit ausgestatteten Pracht- bau Platz gemacht. Architekten und Künstler haben dem Bau ein klinstlerischeS Gepräge aufgedrückt: auch die innere Ausstattung ist äußerst elegant ausgeführt und so recht geschaffen zu einer neuen Stätte, wo sich echt weltstädtisches Leben abwickeln wird, natürlich für Leute, die es dazu habe». Eine gewaltige Eisbahn ist ge- schaffen ivorde». den, Eissport und der Eislauftunst zu dienen, und andere Einrichtungen, wie Cafös. Lichtspielbühnen. Luxusbäder werden andere Bedürfniffe befriedigen. Welche gewaltigen Geld- mittel in diesem Bau gesteckt worden find, erhellt auS der Tatsache, daß die Kosten für den Bau nicht weniger denn 12V, Millionen be- tragen. Akademische Arbeiterkurse. Groß-Berlin. Beginn de? Sommer- scmesters i» der ersten Maiwoche. Unterrichtslokale: für Charlotten- bürg und Moabit: Gemeindeschule 3 in Charlottenburg. Schloß- straße 2. Für Berlin: Gemeindeschule GipSstr. 23», Oberrealschule Niederwallstr. 12. 7. Realschule Marianneirstr. 47, Realgymnasium Rixdors, Kaiser-Friedrich-Straße 208. Im Osten ist noch ein Lokal am Schlesischen Bahnhof cröfinet, Langestr. 31(Schule). Die An- Meldungen erfolgen für die Kurse in Charlottenbnrg am 28.. 20.. 3V. April im Schrrllokal Schloßstraße 2, abends von 8— 9 Uhr. Für Berlin am 20., 21., 22., 25., 26. April, abends von 8— 10 Uhr, in der Kantine des Zentralarbeitsnachweises Rückertstrahe 9, außer- dem für Rixdorf am Sonntag, den 23. April, morgens von 10—12 Uhr, im Schrillokal Kaiser-Friedrich-Straße 208 und am Montag, den 24. April, abends 8—10 Uhr. Programme sind in den öffentlichen Lesehallen, GewerlschaftskasinoS. ArbeitSnach- weisen usw. zu haben. Auskünfte werden erteilt auf der Geschäfts- stelle Dorotheenstraße 00. täglich von 12.15— 1.S0. Vorort- JVachrichten. Nixdorf. Eine WohuuirgSailSstelluttg ist vom Donnerstag, den 18. Mar, bis Donnerstag, den 25. Mai(Himmelfahrt), in ÄliemS Festsälen in der Hasenheide etabliert. In großen Bildern soll die Schädlichleit des heutigen Wohnungsbaues als Mietskaserne gezeigt und als Gegenstück das neue große Projekt der Rixdorfer Baugenoffenschaft Ideal' in gemeinverständlicher Weise vargesübrr werden. Es handelt sich um einen großem Straßenblock, an dessen Rand nur noch in einer Höhe von drei Geschossen(Parterre und zwei Etagen) gebaut ivird, während das große Blockinnere mit Einfamilienhäusern und Gärten an der Wohn- oder Gartenstrahe den Charakter eines kleinen Städtchens erhält. Nach der Rentabilitätsberechnung kostet Stube, Klickie, Bad, Keller und Boden im EtnfamilienbauS als RethenhauS mit Garten 25— 27M., die gleiche Wohnung mit zwei Stuben 36— 38 Bd. mil drei Stuben 46—48 M. Der zweite Teil der Ausstellung gilt der Kultur der Wohnung im Innern. Einer Kommission zur Be- iÄaffuirg von schönen, geschmackvollen und billigen Wohnungs- eiNkichtungen ist eS nach langer Borbereitung gelungen, nsit leistungsfähigen Firmen ein Arrangement zu treffen zur Beschaffung gediegeno» und billigen Hausrats. Ire Koininission übernimmt in uneigennütziger Weise den Verlrieb und gibt den AusslelliingS- besuchen! in einen» kostenfreien«Führer' einen ständigen Ratgeber bei der Anschaffung von Möbeln sowohl als auch bei der Aus» statt», g von Klerngeräl, Gardinen. Teppichen, Wandschmuck usw. Durch Vorsührung vollständig eingerichteter Zimmer in guten, und schlechtem Beispiel soll das Verständuis für Wohnungskultur in der Bevölkerung geweckt werden. An der Ausstellung arbeilen hervor- ragende Künstler und Fachleute mit, und namhafte Redner haben Vorträge übernommen. Tie Eintrittspreise sind auf 10 Ps. fest- gesetzt. Charlottenburg. Ein Autoniobitimfall ereignete sich vorgestern nachmittag in der Schloßstraße. AIS der 31 jährige Arbeiter Albert Rouhaut aus der AardeS du Coipsstr. 18 auf einem Zweirode die genannte Straße entlang fuhr, geriet er offenbar infolge eigener Unvorstchirgkeit gegen eine in gleicher Richtung fahrende Automobildroschke. Bei den, Zusammenprall wurde R. umgestoßen und erlitt eine schlverc Kopfwunde und innere Verletzungen. In bcsinmingSlosem Zustande wurde der Verunglückte nach dem Kranlenhause Westend überführt. Wilmersdorf. Ein aufregender Borfall ereignete sich vorgestern, Osterdienstag. gegen 6 Uhr früh in der Johann-Georgftraße im Halenseer Orts- teil. Dort sprang aus einem Dachfenster des HauseS Johann- Georgstr. 19 in selbstmörderischer Absicht das Dienstmädchen Mar- garete Eichler aus die Straße hinab, wo e» mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen blieb. Ein hivzugerufener Arzt konnte nur den sofort eingetretenen Tod feststellen. Steglitz. Eine folgenschwere Gasexplosion, wobei drei Personen erheblich verletzt wurden, ereignete sich gestern in de», Hause Schloßstr. 117 in der Vovkosthandlung von Dorsch. In, Laufe des Tages hatte sich sin Vertruissranm viel Gas angesammelt und als ei» Bruder deS GeschäflSinhaberS die Leitung ableuchten wollt«, entstand in dem Augenblick, als er daS Streichholz anzündete, eine heftige Explosion. Unter lauter Detonation wurde fast der ganze Raum zertrümmert. Di« Rabitzwand wurde eingedrückt und die Schau- senster zerstört. Bei der» Unfall lanren drei Personen zu Schaden. D. wurde an beiden Armen und Händen schwer verbrannt und der Sohn des Inhabers, der gegen die Wand geschleudert worden war. erlitr am Kopse schwere Wunden. Er trug auch einen heftigen Nerveuchol davon. Ferner wurde der Arbeiter Silberberg, der gerade an dem Geschäst vorüderlam. durch die einstürzenden Fensterscheiben getroffen und nicht unerheblich verwundet. Er erlitt linier anderem Blutaderzerreißungen an, Unterschenkel. DaS AuS- strömen de« GaseS war dadurch herbeigeführt worden, daß ein Gas- Hahn nicht ordrnnjgSgemäß schloß. Köpenick. Jugendliche Brandstifter treiben zurzeit in Köpenick und Um» gegcnd ihr Unwefen. I» de» letzten Wochen sind wiederholt in der näheren»md weiteren Umgebung von Köpenick., tarne», lich in der Stadtforst, kleinere Brände entstanden, die zweifellos auf Brand- ittftung zurückzuführen sind. Am Dienstag machten Forstbeamte die Entdeckung, daß in der Nähe des sogenannten AnttSfeldes nicht weniger als an neun Stellen Brandherde gelegt waren, von denen das Feuer sich ziemlich schnell zu verbreiten drohte. Durch rasches Eingreifen wurde ein größerer Waldbrand verhindert. Am Dienstag- abend wurde dann der Versuch gemacht, die dem städtischen Forst- Hause gegenüberliegende Scheune des Besitzers Thiele in Brand zu stecken. Glücklicherweise wurde das Feuer bald nach Ausbruch be- lnerkt und konnte leicht gelöscht werden. Räch den bisherigen Er- Mittelungen sollen als Tnter jugendliche Personen»n Betracht kommen. Treptow. Ein«igeuartiger Unglücksfall trug sich im Straßenbahndepot m der Ellenstraße zu. Der Wagenwäscher Ferdinand Strosiber. Cuvry- straße 13 wohnhaft, hatte beim Reinigen einen Straßenbahnwaggon besnegen. Als er auf den. Dach des Wasens hantierte, verlor er plötzlich daS Gleichgewicht und stürzte kopfüber in die Tiefe. St. zog sich einen komplizierten Bruch des linken Armes zu, und ferner klagte er über innere Schmerzen. Er mußte nach dem Krankenhause über- geführt iverden. Teupitz. Bon seinem eigene» Fuhrwert geiötet wurde der 31 Jahre alte Ackerbürger Rnoppan von hier. Zum Umbau seiner Scheune wollte er noch einige Latten herbeiholen. Hierzu benutzte er seinen Acker» wagen, von dem er daS Bodenbrett abgenommen hatte. Beim Fahren auf dem Pflaster sprang der lange Nagel heraus und der Hinlerwagen löste sich ab; das Pferd wurde durch das Klappen, scheu und raste davon. AlS der Vorderwagen gegen einen Bordstein schleuderte, fiel Knoppan so unglücklich rücklings vom Wagen, daß die Speichen des reckten Vorderrades seinen Kopk faßten, gegen eine Eisenslange drücklen und in der rasenden Fahrt fast zermalmten. Auf der Chaussee nach Halbe wurde das unruhige Tier zum Halten gebracht. Als man de» schrecklich verstümmelten Körper vom Wagen nahm, war der Tod bereits eingetreten. Potsdam. DaS Gastspiel der falsche« Hosdame in Potsdam macht Schule. A», Ostcrsonnabend versuchte ein Herr aus Frankfurt a. M.„amenS Sittig, hinler dessen Perionlichkeil sich ein mit 2>/s Jahren Gefängnis vorbestrafter Gauner verbirgt, eine Prellerei bei! im Juwelier Brosche mit einem große» Solidär kaufen und besah sich die Pretiosen. Heiilichke u. Sohn in der Nauener Straße 52. Er wollte eine Der gewünschte große Brillant war aber in der verlangten Fassung nicht vorrätig. Der Fremde, der sich Dr. Schweder nannte, ver- sprach später wiederzukommen und bestellte das Schmuck- stück. Kaum hatte der Pieudo-Doktor das Geschäft verlassen. da bemerkte der Inhaber das Fehlen eines Brillantringes im Werte von 345 M. Er eilte sofort dem Kunden nach, stellte ihn in der Tharlottenstraße,»ahm ihm den Ring ab und veranlaßt« seine Ver- Haftung. Aus der Kriminalpolizei erklärte S.. aus Frankfurt a. R. zum Besuch von Verwandten gekommen zu sein und aus Not den Ring gestohlen zu haben. Di« letzte Gefängnisstrafe längerer Dauer hat sich S. in Wiesbaden geholt. Aus der Polizeidirektion unter- nahm S. einen Fluchtversuch. Er sprang während der Vernehmung in, Bureau au« den, Fenster aus den Hof, wurde dort aber vo» Be- muten ergriffen und zurückgebracht. AuS Furcht vor Strafe hat gestern der 17 Jahre alte Schrift- MM" Otto Groch, bei den Eltern Lennöstr. 13» wohnhaft. einen Selbstmordversuch unternommen. Er jagte sich ein« Kugel in die rechte Schläfe und wurde per Wagen ins itädtische KranlenhouS eingeliefert. Sein Zustand ist bedenklich. Die Tat verübte der Lehr- ling auf deni Bornstedter Feld gegenüber der Arlilleriekasern«. DaS Elend Lehrerverelnigunj Pädagogisc MattheS. 40 3. Clngegangene Druchfchnftcti. >d bor Hamburger Jngendschriftcnkritik. na für Kunsipslege. verlin XIV. 2l. »che Sünden im Beichtstuhl. Eine An! 32 S. Druck G. Prltz u. Co., Leipzig. Freie Anklagt von Pepi Viarttpreiie von verlin am 18. April ISU. nach Ermittelung de? Königlichen Polizelpräfidlums. Markthall«»preise.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00—50.00. Speijebobiie,,, weiße 80,00—50,00. Linien 20,00- 60,00, Kartoffeln 5,00—9,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfl-isch t.SO bis 1,70. Schweinefleisch 1,20-1, 9a Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch 1,40—2,20. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 8,00-4,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,10—2,40. Aale 1,60—3,00. Zander 1,40—4,00. Hecht« 1,30 bis 3,60. Barsche 0,80-3,00. Schleie 1,10-3,10. Bleie 0,80-1,80. 60 Stück Krebse 2,50-28,00. WitterungSüderNw« vom 19. April 1011. ttmntmfit Hamburg Berlin 761 SO 758 OSO )761iSO Arantl.a SR>759 SW München>761 S Wien!764 SO ANW i» 2 wölken! 2 wollig Zwotkenl,' 2 heiler 1 heiter 1 walke»! Ii i§ tt t* W« Haparando 759 ANW Petersburg 762 NW SclIU) ttberdeev Bans 740 SSW 1 715 3 SD 757 SSW 6 Wolken I 1 bedeckt> L bedeckt> dwollenl' 4 bedeckt! 2 5 s 8 11 VSetterprognoi« kür Donnerstag, de» SV. April 1911. Wann und vorwiegend heiter bei lebhasten südösMchm Dindm:(Ze. witter nicht ausgeschlossen, sonst trocken. Berliner Wetterboreo«, WasserstandS.Siachrtckttev der LandeSiMstalt für Eeiväfferkmde, mitgeteilt vom Berlin« Wetterbureau. Wafferfland M e m e l. Tilsit Brezel, Initerbmg Weichsel, Thorr, Oder, Rattbor , ftt offen , Arantiurt Warthe. Schrim» , LandSberg Rehe, Vordamm Elbe, Leilmerth » DreSdcv , Bardo , Magdeburg Wafferfland Saat«, Grochlltz Havel, Srandauch . Rathenow Spree, Sdremberg') » BeeStow Weser. Münde» . Minden Rhein, MarimilianSau » Kaub . Köln Neckar. Heilbronn Rai», WerlhÄw Rosal. Trier ') 4- bedeutet Tall.—»ttch«,—*) Um« veael. Einladnng zum Frei-Konzert! ktzki»durch»bitten wir von Ihnen die Erlaubnis, 51 ü, Ihrer Wohnung ein Konz»! veranstalte zu Mastii, wie Sie es wahrscheinlich noch nicht gehört habe«. Tie Veranslaltung«riolqt völlig kostenlos sür Sic und hat den Zweck, Sie zu einem Abonnement auf diese Koiizerte zu veralUaff'cn, salls das Probe- kolizert, da» Sie wahrend der Dauer vo» 5 Tagen völlig unentgeltlich baben sollen, Lihnen und Ihren Angehörigen Freude bereitet hat. Unser Angebot wird Sie gewig interessiercii, und deshalb bitten wir Sic, uns einige Minuten Gehör zu schenken: Wir wollen Ihne»— zuuächst kostenlos auf 5 Tage— einen Spezial-LuxuS-Sprechapparat mil echter Pathö-Schalldose und 20 ausgewählte Stück« au! 10 doppelseitig bespielten. 29 cm großen Künstler» Palbö-Platte» zuienden. Diesen Apparat und dies« Platten lönnen Sie während der Dauer von 5 Tagen spieien lassen und probieren, so ost und so viel Sie wollen. Wir süid sicher, daß Sie von den Leistungen de« " bö. i Apparates, das Vollendetste ist, was aus diesem Sebtete eriftiert. II n übert rossen aber sind die von mrS gelieserten Aünsit»'Pathö»Ptatleu, die nicht nur um ein Drittel gröjjcr als die allgemein bekannte,, Radelpiatlen, sondern auch im Gegensatz zu dielen nahezu unzer- slörbar sind und fern» ohne Stadelwechfel, mit einem nremals auczuwechieludru polierte« Edechtetn gespielt werden. Was dies» Neuerung bittet, kann nur derjenige beurteile», der schon«mmal ,«,«» Sprechapparai bestssei, hat. der den löftigen Aadetwechsel kennt und ' wcitz. wie rasch sich zede, auch die teuerslc Nadel- platte, von Anfang an abnutzt, um schließlich gänz- lich zerstört zu werden. Die Vorzüge unserer Pathö. Platten find ab» nicht nur Hinsichilich der Halibarkeit, londern auch hinsichilich ihres Inhaltes so gewaltige, daß nie- uiand, der diese Platten gehört bat, den Wunsch haben wird, andere Platten zu besitzen. Da gibt eS die neueste» Opera, Operetten, Märsche, Walzer und andere Tänze, Ouvertüren und Potpourris, alle nur mögliche» tZnstruinentalloli. wie Flügelhorn, Pillon, Kiarüiette, Zplophon?e., ernste und lustige Orchesterslücke, Jodler und Duett», humoristische Vor« träge und CoupietS, und zwar aus allen Gebieten das denkbar B e st c. Denn das große Pathö-Repertolre umfaßt mehr als 25 000 Nummern, lauter Origwalaufnahmen, von den größten Küuftlern gesuugeu oud ge- spielt. Haben Sie sich nun während der Dauer von 5 Tagen von alledem, was wir vorstehend gesagt babcn. persönlich überzeugt, so steht es Ihnen frei, unsere Sendung läuslich zu erwerbe». In diesem Fall« haben Sie sür Apparat und Platte» nur einen Betrag von 1.— Nil. mouatlich in Rechnung stellen. Weite« Platten lönuen Sie iu einem ebenfalls nur ganz geringe WonalSzahlungen erjordernden Abonncmeut in vclitbigen Mciigcn uachbezietjen. Wenn man bedenkt, wie leicht und achlloS man 10 Psemiig täglich sür gleichgütttne oder vergängliche Dinge ausgibt, ivird niemand zögern, sich und den Seineu den von uns gebotenen unvergänglichen Ge- nuß zu verschaffen. Die zahllosen uns täglich ohne Aufsordenmg zu- kommenden, zmn Tell in Worten des höchsten Lobes gehaltenen psilschristen find der beste Beweis dafür, daß nickst nur die von unS geführten Fabrikate, fondern auch die Bergünftigungen. welche wir gewähren, in den wettestcu Kreisen Anerkennung finden. Machen Sie also einen Versuch, der Sie nichts kostet, und werfen Sie den eingedruckten Bestellschew. den Sie nur mit Ihrer Unterschrist zu versehen brauchen, in den nächsten Brieskaslcn. Sie erhalieu dann schnellstens unsere Sendung. durch die Sie alleZ das bestätigt siudeu werden, was wir geiaest haben. Gefällt Ihnen der Apparat aber nicht, so können Sie die ganze Sendung 6 Tage nach empfang wieder an uns zurückgehen lassen. Wir sind aber überzeugt, daß auch Sie uns. wie viele Tausende unserer Kunden, dankbar sein werden, daß wir Sie aus miler« Vergünstigungen aufmerksam gemacht und Ihnen Gelegenheit geboten habe«, von deusclbut Gebrauch zu mache». ftiöUPRnJM) Breslau II, Postfach 120/23 Einige Auerkcnmingen Besten Dank sür den Pathö-Apparat. Derselbe spielt w u n d er da r und überragt de- tressend Klanglchönheit alles Dagewesene Ich bin stolz aus den betreffende» Apparat. Die mir geliefert» PathS�endung übertrifft bei weUem meine Erwartung und lanu ich Ihr Fabrikat jedem auss wärmste empsehieu. Ich Haie die beiliegenden Pathö-Platte» gespielt und bin mit denselbe« sehr zusrirpen. Erstaunt bin ich sowie meine Familie über die Zonschönheit. SÄ Bestellschein 120/23 XÄ ----------„................ ohne jede Emballage- berechnuna, iosbesonder« ohne jede Kauf. verpjltchtung zur Probe zuzusenden, sich verpflichte m,ch. diese Sendung, iallS ich sie nicht zu bchaiten wünsche, innerhalb 6 Tagen, vom Tage de« Empfanges an rechnet, sranko zurückzusenden, andernsup� bebalte ich sie und zahl» untcr Anerkennung deS Eigentumiicchies monat« vch 4 Ml. vom Abiaul der Probezeit bezinncnb. big Wert d-S Apparate» von«S Ml. der der echten Pathö. Lchalldaie von 10.— 2»t und der der 10 Doppelplattea » 8,30 Mk. beglich« ist- ErjülluogSort ist Breslau. Ott und Dalum: Bor-, Zuname und Berus: Elfeoe Fabrikation Im Hanse! Möbelfabrik Julius Apelt, Tischler-Meister 6. Adalbertstraße No. 6 Hochbahnhof Kottbuser Tor Komplette Wohnungs-Sindehtungen Moderne Musterzimmer stehen zur Ansicht n soliden Preisen in meinen großen Fabrik- und Verkaufsräumen.— Auf Wunsch Zahlungserleichterung. Stoffe Fabrik-Reste u. 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Resideuj. Fernands Shekonktrakl. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller et.«nltne,» Tbeam.) Liebelei. Lileratnr. Schiit. Eharlottendurg. JmKIud- s-ffel. Friedrich« WilhelmstSdtische». Käsern enlust. Bollsopcr. Der Troubadour.(An- sang 8'/, Uhr.) Luisen. Zapsenstreich. Modernes. Der FeldhcrrnhLzel. (Ans. Sff. Uhr.) Rase. Mulievtegen. Herrnfeld. Scheidungs-Souper. Die Bar- Schwester. Neues Operetteu. Der ledige Gatte. Folie« Saprice. Soll und Haben. (Ans. 8',. Uhr.) Mitronal. Hurra» Dir leben nochl Kasino. Zwei Wappen. Voigt. Der Wilderer. Apoll». SpeztalttSten. Vaiinge. Svezialitäten. Noact. Verführt und entehrt. SieichshaUen. Stetliner Sänger. Karl Haverlaud. Soezialitäteu. »»intergarten. Spezialitäten. Walhalla. Bravo! Da capo l fAnsang 8'L Uhr.) Weddtng. Lichtspiele. Intime«. Nachtarbeit. Madame Madelelnr. Urania. Tanbenftrahe 48/40. AbendS 8 Uhr! Dr. Wehrli: Die drei großen Alpendurchstiche: Gotthard— Eimpion— Lötsch. berg. Sicruwarte. Jnvalidevstr. 67—62. Kaiser.Pauorama. Besteigung der Zugspitz«. Reise über den Brenner nach vencdffr_ Schiller-Theater 0.1� Donnerstag, abends S Uhr: Qledelvl. Hieraus: Literatur. Freitag, abends 8 Ufir: Liebelei. Hieraus: Literatur. «onnabend. abend» 8 Uhr: __ Im Klubsessel. Schiller-Theater Donnerstag, abends S Uhr: In» lilubsessel. Freitag, abends 0 Uhr, Oer Tranm ein Leben. Sonnabend, tta chm. 3 Uhr: Die Braut von Slesslna. Sonnabend, abends 8 Ubr Liebelei,■cirraut: Literatur. Berliner Theater. Wend« 8 Uhr: Bummelstudenten. Morgen: Neues Tlieater. Täglich: MW Hrr. Ansaug 8 Uhr.__ Theater des Westens. _ IlbendS 8 Ubr- � T,- lustige» Nibelungen. Sonntag 3'/. Uhr:„in lustig» Witwe. Lustspielhau «dcnds 8 Uhr: üft Rkgistrator auf Ktiseu. ffielhlvk-WIKelmteMvlies Schauspielhaus. Donnerstag, den 20. April, 8 Uhr: Kasernenluft. Fftitaa: Kasernenlusl. .: Dlkheüs TtS- I Uhr: ilaseniMust, 240/16 Der Torstand. I. V.: Q. Winkler. Potsdamer Cm am# Clolo a4 Potsdamer Str. 72/72a l'ÄlSSi Str.72/72a Aul vielseitigen Wunsch bleibt bis out weiteres geöffnet als: Größter Eispalast der Wel Allabendlich: Glänzende sportliche Vorführungen and die Ansstattangs-Feerie „Eisfest an der Newa." Eintritt bis 6 Uhr 50 Pf. Nach 5 Uhr M. 1,—, reservierter Platz M. 2,—. »4 CLOU" BERLINER KONXERTBACS Mau erste. 82 Zlmmerstr. 90-81 Heute nachmittag: Gr. Promenaden-Konzert. AnBcrdcm abends: Kapelle des 2. Garderegiments. Max Graf bei freiem Eintritt. Urania. Wissenechaftliches Theater TsnbenstraCe 48/49. Abends 8 Uhr: Dr. Wehrli: Di» drsl großen Alpan- durchstich»: Gotthard— Simplon— LttUohbarg. Residenz-Theater. Direttto»: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Femsllds Ehekontrakt. Schwant in 3 Allen von Georges Feydeau. In deutsch« Bearbeitung von Benno Jacobson. Morgen und jolgende Tage: Feruaud« Ehekontrakt. kerliner Voiksoper Belle-Allianceftraße 7/8.—'1,9 Uhr: Der Troubadour. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Zapfenstreich. Drama in 4 Alten B. Adam Beherlein. Freitag:'Aus erster Ehe. Schau- spiel in 5 Akten von Ernst Ritterseidt nach einer Erzählung von H. EourlS Mahler._ Ab 8 Uhr; Nur noch kurze Zettl DaS gr. komische Programm. »-/, Uhr: «rSftter Lacherfolg: ktamnivk Prang in seiner Burleske Ein Gemütsmensch. OSE=THEATE| Große Frankiurl« Str. 132, Ans. 8 Uhr Ende 11 Uhr. Muttersegen. Schauspiel m. Ges. in 5 Alt. o. Friedrich. Freitag: Multersegen. Sonnabend: Robert und Bertram. ZKetropol-Tksater. Hnrra! Wir leben noch! Grotze AuSstattunaZrevue w 7 BUdern o. g. Freund Muftt v. B Hollaender. In Szene gesetz» von Dir. R, Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Voigt-Theater Gesundbrunnen. Badstrahe 58. greU-g. den iL Apnl 19U; Goldene Berge. DoltSstück mit Gesang in drei Men von H. Willen und S. Jacohsohn. Miisff von R. SiaL April-Spielplan! Der sprechende Hand „Don" and weitere 12 Attraktioaea 12 U. a.: Roda Roda. 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