RecUhtiom SM. 68, Luidenstraaac 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1S8Z. Mittwoch, de» S. Mai 1911. Expedition: 8M. 68, Lindcnetrasae 69» Fernsprecher: Amt lV. Nr. Tentralorgan der so2ialäemokratiscken Partei Veuttcklands Dr. WZ. 38. Iahess. Nbonnementz.NeSingvngen: NkonnemenIS> Preis prSnumermida i Lierteljöhrl. S&l SKI, monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Psg. srei ins Haus. Einzelne Nunimer 6 Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Sonntnas- Bcllage.Die Neue Welt» 10 Psg. Post. tlbonncment: t.lv Mark pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeihings- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Pelgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. vlchtW lZgll»»llöer lllsistzgt. Vit InltfflonS'Gcbülsr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel. geile oder deren Raum M Pfg, für politische und gewerlschaftliche Vereins- und Versaminlungs, Anzeigen 30 Pfg. „KUlnt Hnrclgen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche Und Schlasstellenan- g ei gen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- itaben zähle» für zwei Worte. Inserate ür die nächste NilNlmer müssen bis i Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm.Adrestet „SMtäldUDOlittt Berlik*. Der keichsverbanä. i. Seit einer Reihe von Jahren macht sich im Leben der bürgerlichen Parteien Deutschlands eine eigentümliche Er- scheinung bemerkbar. Sie besteht darin, daß die eigentliche politische Arbeit im Lande draußen, besonders die finanzielle Vorbereitung und die Durchführung der Wahlkämpfe, immer weniger von den eigentlichen politischen Parteiorganisationen selbst geleistet wird, sondern von Sonderorgani- s a t i o n e n, von einer Art Propagandagesellschaften, die nur zum Teil offen den Charakter ausgesprochener wirtschaftlicher Interessenvertretungen zur Schau tragen. Die Anfänge dieser Entwickelung gehen schon auf den Beginn der neunziger Jahre zurück: unmittelbar nach dem Fall des Sozialistengesetzes. bereits im November 1890, gründete das Zentrum seinen „Volksverein für das katholische Deutsch- l a n d", dem von vornherein zur Aufgabe gestellt wurde,„die Irrtümer und Umsturzbcstrebungen auf sozialem Gebiete zu bekämpfen und die christliche Gesellschaftsordnung zu verteidi- gen". Jedermann, der in Zentrumsgegenden tätig gewesen ist, weiß, daß dieser Volksverein, dessen Mitgliederzahl heute in die Hunderttausende geht, der Jahr für Jahr annähernd 3000 Volksversammlungen veranstaltet und Millionen von Flugblättern verbreitet— jedermann weiß, daß dieser Volks- verein, ganz besonders in Westdeutschland, die eigentliche Stütze der ganzen Zentrumspartei bildet. Seine Zentrale in München-Gladbach, in der Jahr für Jahr Scharen von Zentrumsagitatoren ausgebildet werden, die vorzüglich aus- gerüstete literarische. Preß- und sonstige Bureaus enthält und in ihren zahlreichen Unterabteilungen ein ganzes Heer geschulter Beamter beschäftigt, ist die eigentliche Seele des Zentrums, das, wie in manchen anderen Dingen so auch hierin für die bürgerlichen Parteien vorbildlich gewesen ist. Hatte der„Volksverein für das katholische Deutschland" von vornherein den ausgesprochenen Zweck, dem nach dem Falle des Sozialistengesetzes mit Sicherheit zu erwartenden Ansturm der Sozialdemokratie auf bisheriges Zentrumsgebiet eine Gegenaktion großen Maßstabes entgegenzusetzen, so liegen die Wurzeln der zweiten großen bürgerlichen Propaganda- gesellschast auf wesentlich anderem Gebiete: der am 18. Fe- bruar 1893 zu Berlin gegründete Bund der Landwirte ging hervor aus dem Kampfe der Agrarier gegen die Caprivi- sche Handelsvertragspolitik. Sein eigentlicher Vater, der in jenen Tagen vielgenannte Herr Ruprecht-Ransern, hatte ge- sagt, er schlage„nichts mehr und nichts weniger vor, als daß wir unter die Sozialdemokraten gehen", und er hatte hinzu- gefügt, die Landwirte müßten„aushören, liberal, ultramontan oder konservativ zu sein", statt dessen sich aber„zu einer großen agrarischen Partei zusammenschließen." In der Praxis jedoch ist die Sache bekanntlich so gekommen, daß der Bund der Landwirte, der sich heute so gerne„unparteiisch" nennt, in der Hauptsache zu der eigentlichen politischen Organisationsgrundlage der Rechten draußen im Lande geworden ist: wenn auch in anderer Weise, so leistet er im Grunde doch für die Konservativen das gleiche, was der Volksverein für das katholische Deutschland dem Zentrum leistet. Erheblich später, als die jetzt im Schnapsblock brüderlich vereinigten Schwarz- Blauen, standen, wie gewöhnlich, die Liberalen auf. Erst im Frühjahr 1909, während der Kämpfe um den vorläufig letzten Steuerraubzug, wurde von den nicht direkt am Hochschußzoll interessierten Kreisen des Handels und der Industrie der Hansabund gegründet, der seine Spitze zwar zunächst gegen rechts richtete und der in der Tat auch bei mehr als einer Nachwahl der letzten Jahre in Ostelbiens gesegneten Gefilden besonders mit seinen gewalti- gen finanziellen Hilfsmitteln den Junkern schwer zu schaffen gemacht hat. der aber als politische Propagandaorganisation der„Gemäßigt-Liberalen"— mögen sie auf dem linken Flügel der Nationalliberalen oder auf dem rechten Flügel der Fort- schrittspartei sitzen— bei den bevorstehenden allgemeinen Wahlen seine Hauptstoßkraft gegen links, gegen die Sozial- demokratie, richten wird. In noch weit höherem Maße gilt das von der besonderen Wahlorganisation der schutzzöllnerischen Schwer industrie, die bei einein Teile der natiorkalliberalen Partei, besonders des Westens, und einem Teile der Freikonservativen ihre politische Vertretung findet. Wir sprechen hier von dem im Herbst 1909 geschaffenen„WahlfondsderJndustri e", der Organisation der sogenannten„Juliustürme r", der — gelegentlich mit dem Hansabunde in lustige finanzielle Grcnzstrcitigkciten geratend— gleich diesem über sehr be- deutende Geldquellen verfügt und schon jetzt durch Massen- Verbreitung sozialistentöterischer Verleumdungsbroschürcn und ähnliches aufs eifrigste in die Wahlbewegung eingetreten ist. Der Volksverein für das katholische Deutschland, der Bund der Landwirte, der Hansabund, der Juliusturm: das sind schon nichtweniger alsvier außerhalb der eigentlichen bürgerlichen Parteiorganisationen stehende politische Pro- pagandagesellschasten, mit denen im bevorstehenden Wahl- kämpfe die Sozialdemokratie in der ernsthaftesten Weise zu rechnen haben wird. Zu diesen vier Gegnern kommt dann noch ein fünf- ier, der in dieser Reihe eine besondere Stellung einnimmt, hje allerdings alles andere eher ist als glänzend: der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozial- demokratie. Während allen den anderen Organisationen wenigstens die Vertretung bestimmter wirtschaftlicher Interessengruppen zugrunde liegt, gegen die an sich— mögen diese Interessen dem Proletariat auch noch so schroff gegenüberstehen— vom sozialistischen Standpunkt aus natürlich nichts eingewendet werden kann, während alle jene anderen obengenannten Or- ganisationen daneben auch bestimmte politische Grundauf- sassungen und unserthalben auch— man gestatte das Wort in diesem Zusammenhange— so etwas wie„Weltanschauungen" vertreten, handelt es sich bei dem Reichsverbande gegen die Sozialdemokratie um eine politische Prätorianer» g a r d e, die sich heute dieser, morgen jener und nach zwei Wochen einer dritten bürgerlichen Partei zur Verfügung stellt, die gelegentlichauch schon in e i n e m Wahlkreise z u g l e i ch e r Zeit mehreren bürgerlichen Kandidaten ihre unsauberen Dienste angeboten hat und die, ohne in positiver Hinsicht, sei es nun auf dem Gebiete wirtschaftlicher, politischer oder religiöser Anschauungen, die geringste innere Gemeinschaft zu besitzen, durch nichts anderes zusammengehalten wird als durch das negative Moment des gemeinsamen Hasses gegen die Sozialdemokratie. Und wäre es nur noch immer aufrich- tiger, ehrlicher Haß! Aber leider gewinnt man bei der sorg- fältigen Beobachtung des Reichsverbandes und seiner Tätig- keit nur allzu oft den Eindruck, daß manchein seiner Leute der ganze Kampf gegen die Sozialdemokratie viel weniger Herzens, und Verstandessache, als vielmehr Geschäfts- fache, Sache des bloßen Broterwerbs ist. Man mißver- stehe uns nicht: nicht, daß die Leute sich für ihre politische Ar- beit überhaupt bezahlen lassen, ist an dieser Reichsver- bandserscheinung das so stark Deprimierende: Anstellung fest besoldeter Kräfte ist bei der Entwickelung, die das politische Leben heute in Deutschland genommen hat, schlechterdings un- vermeidlich. Aber der Eindruck, den man immer wieder ge- winnt, daß manche dieser Leute die Bezahlung nicht nehmen, um ihre(sozusagen) politische Arbeit leisten zu können, fon- dern daß sie umgekehrt diese politische Arbeit nur leisten, um sie bezahlt zu bekommen, daß es sich um gut gedrillte. Rede- und Schreibautomaten handelt, daß diese Leute aber mit ihrem Gefühl keineswegs bei der Sache sind, die sie der- treten: das ist das Beschämende an der Sache, das ist das, was für den Tiefstand der politischen Sitten in dieser Phase des Kapitalismus so überaus charakteristisch ist. Aber über die moralische Verwerflichkeit dieses ganzen Reichsvcrbandstreibens, über die sittlichen Qualitäten der vom Reichsverbande, wenn auch nicht erfundenen, so doch von ihm zu höchster Vollendung gebrachten Agitationsmethoden braucht ja eigentlich kein Wort mehr verloren zu werden. Selbst an- ständige Gegner der Sozialdemokratie haben sich darüber oft genug in der unzweideutigsten Weise ausgesprochen. Be- stehen bleibt trotz alledem die Tatsache, daß der Reichsverband ungeachtet der Erbärmlichkeit seiner Methoden nicht nur bei vielen Einzelwahlen in der Legislaturperiode des Reichstages von 1903 bis 1906 gewisse Erfolge aufzuweisen gehabt hat. Und da der Reichsverband neuerdings wieder in eine ganz besonders eifrige Werbearbeit eingetreten ist, so tut die Sozialdemokratie gut daran, will sie sich vor unangenehnien Ueberraschungen schützen, dieser Arbeit sortgesetzt die größte Aufmerksamkeit zu schenken. Durch den üblen Duft, den die(seien wir höflich!)„Kanäle" des Reichsverbandes ausströmen, darf sich die Sozialdemo- kratie von der Erfüllung dieser Pflicht nicht abhalten lassen. Im folgenden Artikel wollen wir deshalb die Entwicke- lung und Tätigkeit des Reichsverbandes näher ins Auge fassen.—_ Die„neue Cahtik" der Klerllialen. Das Blatt der katholischen Arbeitervereine Süddeutschlands, der in München erscheinende„Arbeiter", bringt in seiner letzten Nummer(27. April) einen Artikel„Wir und die Sozial- demokraten". Darin wird angesichts der Tatsache, daß„all- jährlich neue Zehntausende dem Götzen Sozial- demokratie zulaufen", zur„Gcwissensforschung" aufge- fordert, was demgegenüber getan werden könne. DaS Ergebnis ist: noch größerer Eifer in der Bekämpfung der Sozialdemokratie. Dazu fei aber, so wird weiter ausgeführt, nötig, daß sich die katholischen Arbeiter die Formen ihrer Agitation gegen die Sozialdemo- kratie ansähen und prüften, ob diese bisher gebrauchten Formen auch immer der prinzipiellen Gegnerschaft zur Sozialdemokratie entsprochen hätten: „Man wird hier zu unterscheiden� haben zwischen den v e r- alteten Formen in der Bekämpfung der Sozialdemokratie und zwischen den jetzt notwendig gewordenen. Unter veraltete Formen deS Kamvfes zählen wir jene, die das Ziel in der Bekämpfung der Personen in der Sozialdemokratie sahen. Sie gellen uns noch in die Ohren, diese Versammlungs- tiraden und Preffeblüten über die„gemästeten Führer", die von den„Arbeitergroschen ein schönes Leben sich auftun".(Die „Villa des Obergenossen Bebel" haben wir so ungefähr fünf- hundertmal zu lejen bekommen.) Und die„hohen Beiträge, die den„armen sozialdemokratischen Arbeitern" abgeknöpft werden, spielen in Blättern, die der Arbeiterbewegung an sich nicht ab- geneigt sind, auch heute noch öfter eine Rolle, als man glauben möchte. Sogar das Abtreiben von Versammlungs- lokalen kann man da und dort lesen; eine„Tätigkeit" zur Bekämpfung des Sozialismus, die eigentlich schon längst nur Wehr geschichtlich, und zwar als eine ganz verkehrte, üherlchte Taktik, geartet werden sollte. Denn im letzten Grunde schlagen all diese Kampfmethoden, insbesondere die persönliche Verun- glimpfung der Führer und die Jeremiaden über die„hohen Beiträge" zum Schaden unserer eigenen Bewegung aus, der diese Blätter sogar damit zu dienen glauben. Von diesem Gesichtspunkte aus sollten schon derartige Anrempelungen weggelassen werden, denn Tatsache ist doch, daß man damit auch noch nicht einen einzigen Anhänger der Sozialdemokratie abwendig gemacht hat." Also die bisherige Methode des Kampfes gegen die Sozial- demokratie: die Verunglimpfung der Personen, da» Abtreiben von Versammlungslokalen usw., schlagen zum Schaden des Zentrums aus und deshalb sollen sie nicht mehr angewendet werden. Wenn derartige Kampfesmittel Erfolg versprächen, würde man sich ihrer, und wären sie noch so schäbig und gemein, ruhig weiter bedienen. Die Unanständigkeit würden die frommen Leute, bei denen der Zweck das Mittel heiligt, gern in Kauf nehmen! Aber weil sie nicht mehr ziehen, die Gewaltmittel und Schimpfereien, deshalb werden sie als„veraltet" beiseite gestellt. Und jetzt sollen„neue Methoden" gegen die Sozialdemokratie angewendet werden: „Wir müssen unseren Kampf auf das grundsätz.« liche Gebiet lenken... Diese grundsätzliche Be- kämpfung ist die Kampfesform der Zukunft. Wir müssen sie schon deshalb anwenden, weil gerade die Sozialdemokratie in diesem Punkte am meisten„sterblich" ist, weil hier die meisten Forderungen des sozialdemokratischen Programms, mit der Praxis verglichen und in Parallele mit unseren aufbauenden Zielen gestellt, als etwas in sich Unwahres, Unmögliches er- scheinen müssen... An unsere Freunde im Verbanve, an die Referenten in den Vereinen, an die Präsides und Ausschüsse richten wir die Bitte, bei allen Besprechungen über sozialistische Einrichtungen und Ziele stets den grundsätzlichen Kamps gegen die Sozialdemokratie über die persönlichen Methoden zu stellen. Grundsätzlich denken und grundsätzlich kämpfen, das ist heute unsere Mahnung! Befolgen wir sie, dann werden wir auch Erfolge erreichen." An die Stelle der persönlichen und gewaltmäßigen Bekämpfung der Sozialdemokratie soll also jetzt die„grundsätzliche Bekämpfung" treten. Wir sind es zufrieden! Nur glauben wir nicht daran, daß daS Zentrum seine bisherige Methode fahren lassen wird. die„veralteten Formen" werden nach wie vor beim Zentrum in Flor stehen und die Gewohnheit des LokalabtreibenS und der Mundtotmachung des politischen Gegners wird sobald nicht auS dem Waffenbestand der Partei von Wahrheit� Freiheit und Recht verschwinden. eil,»euer Schurkeiistreich der russischen Regierung. Verhaftung der Arbeiterdelegierten auf dem Kongreß der Fabrikärzte in Moskau. Der Kampf der russischen Regierung gegen die legalen Formen der Arbeiterbewegung ist in ein neues, höchst ernstes Stadium eingetreten. Die Regierung des Zaren begnügt sich nicht mehr damit, daß sie die Vereine und Verbände der Arbeiter zerstört, ihre Presse unterdrückt, ihren Kampf gegen das profitgierige Unternehmertum unmöglich macht, ihre tüchtigsten Kräfte heimtückisch aus ihren Reihen reißt. Sie hat offenbar beschlossen, der Arbeiterklasse endgültig die Mög- lichkeit zu rauben, durch die Teilnahme an öffentlichen Kon- gressen das Elend der Arbeiter vor aller Welt aufzudecken und die Oeffentlichkeit von ihren Forderungen zu unterrichten. Während sie sich bei den bisherigen Kongressen: dem Anti- alkoholkongreß, dem Handwerkerkongreß usw., damit be- gnügte, die Redefteiheit'der Arbeiterdelegierten einzu- schränken, und an den unbequemen Kritikern nachträglich ihr Mütchen zu kühlen, ließ sie jetzt, am Tage vor der Eröffnung des„Zweiten allrussischen Kongresses der Fabrikärzte und Vertreter der Fabrikindustrie" in Moskau fast die g esamte Delegation der Arbeiterverbände— von insgesamt 27 Delegierten 20— durch die Polizei verhaften! Bereits früher war es zwischen dem Organisationskomitee des Kon- gresses und der Administration zu Reibungen gekommen, da diese die Mandate von 12 Gewerkschaften kurzerhand für un- gültig erklärte. Auf die Vorstellungen des Organisations- komitees hielt sie dieses Verbot nur für 5 Gewerkschaften auf- recht, während sie die übrigen Mandate der Arbeiterverbände anerkennen mußte. Um so heimtückischer war der Schlag, den sie ausführte, indem sie in der Nacht vor der Eröffnung des Kongresses 20 Arbeitcrdelegierte verhaftete. In derselben Nacht erfolgte in Petersburg die Verhaftung der Ar» beiterdelegierten auf dem vor 2 Jahren stattgefundenen ersten Kongreß der Fabrikärzte. In welchem Zusammen- hange diese Verhaftungen mit dem jetzt tagenden Kongreß stehen, ist vollkommen rätselhaft. Vorläufig sucht nun die Administration die Moskauer Verhaftungen zu rechtfertigen, indem sie der Oeffentlichkeit einen Bericht auftischt, dessen handgreiflich lügnerischer Charakter nur von seinen schamlosen Insinuationen gegen die Sozialdemokratie übertrumpft wird. In diesem offiziellen Bericht wird erzählt, daß zirka 10 Tage vor dem Kongreß auf einem Moskauer Boulevard 4 Arbeiter wegen„Ausschreitun- gen" verhaftet wurden, darunter ein gewisser Pletnew, bei welchem verschiedene Briefe gefunden wurden. Aus diesen Briefen sei hervorgegangen, daß in den Arbeiterkreisen dafür agitiert wurde, aus den Reihen der Mitglieder der sozialdcmo- kratischen Arbeiterpartei„fiktive Arbeitervertreter" auf den Kongreß zu entsenden! Die politische Schutzabteilung sei außerdem unterrichtet worden, daß eine bestimmte Gruppe '..dm Wottgfcl zu PMelMÄen ausnützen und seine sachliche Seite ignorieren wollte." Bei den aus Grund der gefundenen Briefe erfolgten Haussuchungen und Verhaftungen bei den „sozialdemokratischen Agitatoren" feien„wichtige Dokumente" gefunden worden, die den Charakter der-„geplanten Propa- ganda" aufdeckten. So fei die Annahme von„konspirativen Resolutionen" empfohlen worden, außerdem seien„Parolen und Adressen" gefunden worden. Diese gruselige Geschichte, an der natürlich kein Wo r t wahr ist, wird dein Spießer aufgetischt, um die Verhaftung der Arbeiterdelsgierteu zu rechtfertigen. Bei der Eröffnung des Kongresses nahm der Redner der Arbeiterdelegierten die Gelegenheit wahr, um gegen den Schurkenstreich der Regierung zu protestieren, aber der Ver- treter der Polizei schnitt ihm das Wort ab. Unter den stürmischen Ovationen der ganzen Versammlung verließ er die Rednertribüne, um am Schluß der Sitzung zu erklären, daß die Aebeiterdelegierten es ablehnen, an dein Kongreß weiter teilzunehmen, da nicht nur der größte Teil der Dele- gation verhaftet sondern auch sämtliche Berichte der Arbeiterorganisationen von der Polizei beschlagnahmt 'worden seien. Das Vorgehen der Regierung wird nicht verfehlen, bei den klassenbewußten Arbeitern inr ganzen Reiche flammende Entrüstung zu wecken. Die Regierung rechnet offenbar daraus. durch ihren Terror die Arbeiter einzuschüchtern und ihnen den Wunsch auszutreiben, sich fernerhin öffentlich zu betätigen. Wie sie durch die Verhaftung des sozialdemokratischen Kandi- daten bei den letzten Duinawahlen in Moskau die politische Betätigung der Arbeiterklasse unmöglich zu machen suchte, so sucht sie sie jetzt von den öffentlichen Kongressen fernzuhalten, um die Erörterung der Arbeiterfrage und der sozialpolitischen Forderungen der Arbeiter aus der Welt zu schaffen. Ihre Ewartungen werden aber getäuscht werden. Keine Macht der Welt vermag die aufsteigende Bewegung der Arbeiterklasse niederzuhalten. Keine Jnfaniie ist imstande, ihr das öffent- liche Tätigkeitsfeld zu rauben, das sie nach so vielen Kämpfen, wenn auch in verkümmerter Form erobert hat. Verhaftungen in Kiew. Kiew, 2. Mai. Achtzehn Personen, meist Mitglieder von Gewerkschaften, sind hier verhaftet worden. Bei ihnen wurden verbotene Schriften und zur Verbreitung am 1. Mai vor- bereitete Aufrufe beschlagnahmt...<<, politifcbc(leberficdt. Berlin, den 2. Mai 1911. Kassenrcaktion. AuS dem Reichstag, 2. Mai. Die beginnenden Reichstagsarbeiten nach den Osterferien wurden entsprechend den Plänen der Regierung und der herrschenden Parteien tvürdig eingeleitet mit einem neuen reaktionären Attentat auf die Arbeiterrechte. Als Versuchsobjekt waren dazu die Kassen- Verwaltungen auserkoren. Zur Einführung der Ler- sicherungsordnung, tvie sie demnächst im Reichstag zur zweiten Lesung kommen wird, ist ein besonderes Gesetz erforderlich, das heute in erster Lesung zur Verhandlung stand, aber natürlich vor Erledigung der Reichsversicherungs- ordnung nicht endgültig fertiggestellt werden kann. Im Sinne der reaktionären Beschlüsse der Versicherungskonimission hat die Regierung nun auch in dem Einführungsgesetz Bestim- niungen untergebracht, die tief in die Stechte der Kranken- kassenmitglieder eingreifen und sogar wohlerworbene Rechte der Kassenbeamten antasten. Unter dem Vorwand nämlich, däß unberechtigte Verträge zwischen den Kasscnverwaltungeu und den Kassenbeamten abgeschlossen werden, sollen die Ver- träge ganz allgemein neugeregelt und event.„ungeeignet e" Kassenbeamte durch neue ersetzt werden. An diesen vexatorischen Bestimmungen übte in der Dis- kussion Genösse Hoch eine ebenso scharfe wie zutreffende Kritik, indem er der Regierung und den maßgebenden Par« teien auf den Kops zusagte, daß sie mit diesem Ausnahme- gesetz sich eine Waffe gegen den Einfluß der sozialdemo- kratischeu Arbeiter auf die Krankenkassen schaffeil wolle. Bei dieser Gelegenheit rechnete Hoch auch mit den christlich-sozialen Arbeitcrabgeordneten, dem Stöckerling Behrens und dem ZentrumSmann B e ck e r- Arnsberg ab. die ihre arbeiter- freundliche Maske in der Kommission gelüftet und ihre Arbeiter- feindlichkeit durch Unterstützung der reaktionären Pläne gezeigt hätten. Mit der harmlosesten Miene von der Welt suchte der Staatssekretär Delbrück die Regierungsabsichten auf Be- seitigung sozialdemokratischer Kassenbeamter aus der Welt zu deuteln: es steht ja nichts iin Gesetz, folglich bestehe eine solche Absicht nicht. Als ob es nicht aller Welt bekannt wäre, daß schon die Maßregelungsmöglichkeit, die man einer reaktionären Regie- rung iil die Hand gibt, von ihr auch im reaktionären Sinne ausgenutzt werden wird. Dem christlichen Gemüt des Herrn Behrens ist eine solche Regierungsvollmacht natürlich nur willkomnien. Er schämte sich nicht zu sagen, die Kassenbeamten. die ein ..reines Gewissen" haben, brauchten nichts zu fürchten. Genosse S ch m i d t- Berlin wies diese christlich-sozialen Spiegelfechtereien gebührend zurück und erklärte, daß die Sozialdemokraten jedenfalls mit aller Kraft dahin wirken würden, auch das Sinführungsgesetz von solchen gefährlichen Kautschukbestimmungen zu säubern. DaS Gesetz wurde dann der Versichcrungskommission überwiesen und das Haus trat noch in die erste Lesung des Hilfskassengesetzes ein. Nachdem der Staatssekretär Delbrück gesprochen, wurde indes die Weiterberatung auf Mittwoch vertagt. Bei Festsetzung der Tagesordnung kam es dann zu einen: Erklärungsaustausch zwichcn dem Genossen S e v e r i n g und dem Vizepräsidenten Schul tz. Letzterer hatte am Tage vor den Ferien Severing einen Ordnungsruf erteilt, weil er Bemerkungen des Marinesekretärs als erlogen hingestellt hatte. Gegen diesen Ordnungsruf hatte Severing Widerspruch erhoben, der auf die morgige Tagesordnung gesetzt wurde. Durch Vsrmitteluug von Ab- geordneten anderer Parteien war es nun zwischen Severing und Schultz zu einer Vereinbarung gekommen. Severing er- klärte, daß er den Vorwurf der Lüge� nicht gegen das Marincam t erhoben hätte und Schultz erklärte, lvenn das auS SeveringS damaligen Worten klar hervorgegangen wäre, so hätte er den O r d n n n g S r u f nicht erteilt. Darauf zogSevering seinen Widerspruch zurück. Flickwerke. Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag seine Arbeiten wieder WsgenpmKen, und zwar trat cs, nachdem Präsident v. KxpHex Lei in den Ferien öerstorbekten Mikglicöer LorMänit, ß. Negelein und Reinecke gedacht hatte, in die Beratung deS Gesetzentwurfs betr. Abänderung der rheinischen Gemeindeordnung. Die Vorlage hatte bereits das Herrenhaus beschäftigt. Im wesent- lichen handelt es sich bei dieser„Reform" um eine Abänderung, nicht etwa eine Beseitigung des Rechts der Meistbegüterten, eine Vorschrift, die den plutokratischen Charakter der rheinischen Land- gemeindeordnung noch verschärft und zur Folge hat, daß in einer Reihe von Gemeinden die Meistbegüterten, die ohne Wahl dem Gemeindevorstand angehören, die absolute Mehrheit haben. Außer- dem hat die Regierung die Einführung einer Bestimmung be° antragt, die die beschränkte Oefsentlichkeit der Sitzungen vorsieht, während heute die Sitzungen im Geltungsbereich dieses Gesetzes nicht öffentlich sind. Das Herrenhaus hat aus Furchb bor dem Eindringen der Sozialdemokraten in die Gemeindevertretungen diese Bestimmung wieder gestrichen und damit die einzig nennens- werte Reform beseitigt. Abgesehen vom Zentrum, das aus Parteiinteresse weitergehende Reformen verlangt, erklärten sich die Vertreter der bürger- lichen Parteien mit dem Grundgedanken des Entwurfs einver- standen. Im Gegensatz dazu verurteilte unser Redner, Genosse Hirsch, die Vorlage auf das allerschärfste. In kurzen Worten brandmarkte er diese Karikatur eines Gemeindeverfassungsgesetzes, zeigte, ioic die Regierung und die Parteien auS Furcht vor der Sozialdemokratie jedem Fortschritt abhold sind, und verlangte das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Männer und Frauen, ohne welches für die Sozialdemokraten der Entwurf unannehmbar sei. Der Entwurf wurde einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen.• i• Am Mittwoch steht das AuZführungSgesetz zstm Viehseuchengesetz aus der Tagesordnung._ Ein gescheiterter Plan. Der schöne Plan, den die konservativen und ZentrumSmaNager mit Hilfe gewisser RegicrungSkreise ausgebrütet hatten, noch von dem gegenwärtigen Reichstag den Etat für 1812 beraten zu lassen, scheint als gescheitert betrachtet werden zu können. Die Regierung will sich allem Anschein nach nicht zu der ihr zugemuteten schönen Rolle verstehen. Die..Münchener Reuesten Nachrichten", die zuerst den sauberen Plan an die Oefsentlichkeit brachten, wissen über die Unwilligkeit der Regierung zu berichten: „Wir rechnen es uns als Verdienst an, zu seiner Zerstörung dadurch beigetragen zu haben, daß wir ihn schon im Stadium des Werdens der Oefsentlichkeit preisgaben, deren scharfes Licht er nicht vertragen hat. Und wir vermuten auch, daß von der ent- scheidenden Stelle recht kräftig abgewinkt worden fft; wenigstens hörten wir, daß in amtlichen Kreisen, wo man früher die Möglichkeit erörterte, zetzt die Unzulässigkeit anerkannt wird. Auch in der Presse des ZentrmnS und der �konservativen ist es still von dem Projekt geworden; nur als Rückzitgsdeckung er- scheint es, wenn noch der schüchterne Wunsck geäußert wird, dem Reichstag möge doch ivenigstens noch am Schlüsse seines Lebens- lauses eine Denkschrist über die Reichsfinanzreform vorgelegt werden, wie man schönklingend aber irreführend die neuen Steuern z» nennen liebt. Als ob es damit allein getan wäre, daß Hunderte von Millionen Mark neu aufgebracht würden! Daran hat aber doch kein Mensch gezweifelt, und wir möchten andererseits uns da- gegen verwahren, daß auf diesen Hansen Geld einfach dos nem olet angewendet wird. Auch die schönste Denkschrift, die liebevoll im Reichsschatzamt für die schwarzblaue Mehrheit gebaut wird, kann nicht die politischen, wirtschaftlichen, finanztechn.i scheu Schäden dieser Art von Finanzreform verhüllen." � Das Marokkoabenteuer. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: „In der vergangenen Woche hat sich mehr und mehr heraus- gestellt, wie sehr sich die f r a n z ö s i s ch e Regierung besorgt zeigt, für die als Instrukteure in und bei Fez wellenden franzöfi- Ichen Offiziere Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Eine Ge- fährdnng der europäischen Kolonien ist nach den in Berlin ein- gelaufenen Nachrichten glücklicherweise vorläufig nicht zu befürchten. Frankreich ist es nicht zu verdenken, daß es auf alle Mittel sinnt, die geeignet ericheinen, daß Leben seiner Offiziere zu sichern. Es bleibt natürlich dem Ermessen Frankreichs über- lassen, welche Mittel ihm geeignet erscheinen, da cS auch die Verantwortung für die Folgen der angewandten Mittel trägt. Nach bündigen Versicherungen der französischen Regierung hat sie lediglich die Abficht, die zur Sicherung ihrer Staatsangehörigen nötigen Maßregeln zu ergreifen, insbesondere beabsichtigt sie nicht, die Integrität Marolko» und die Souveränität de? Sultans anzutasten. Auch liegt eine Besetzung von Fez nicht in ihren Absichten. ES ist zu hoffen, daß die Ereigniffe der französischen Regierung die Jnnehaltung ihres Pro- grammS gestatten werden. Ein Hinausgehen über das- selbe würde deshalb mit der Algecirasalte nicht in Einklang stehen, weil ein wesentlicher Bestandteil der Akte ein unabhängiger marokkanischer Herrscher ist. Ein Durchbrechen wesentlicher Bestimmungen der Algecirasalte, selbst wenn ZeS durch zwingende äußere Umstände und gegen den Willen der handelnden Macht herbeigeführt würde, würde sämtlichen Mächten ihre volle AktionS- f r e i h e i t wiedergeben und könnte damit zu Konsequenzen führen, die sich zurzeit nicht übersehen lasseu. Wir können aber nur wiederholen, daß vorläufig kein Anlaß vorliegt, bei der bisherigen vorsichtigen Haltung der französischen Regierung eine so weitgehende Entwickelung der derzeitigen Verhältniffe vorauszusehen." Diese offiziöse Auslassung ist für Deutschland nicht gerade beruhigend. Wenn es den französischen Kolonialabenteurern gelingen sollte, ihre Absichten bis zum schlechten Ende zu führen, so fühlt sich die deutsche Regierung— dies kündigt daS offiziöse Organ mit aller Deutlichkeit an— verpflichtet, sich ihrerseits an diesem, dann um so gefährlicherem Abenteuer zu beteiligen. Um so dringender wird es sein, daß solchen Absichten gegenüber der unerschütterliche Friedenswille der Völker den Herrschenden zum Bewußtsein gebracht wird. Die französische Regierung betont im übrigen eifrig ihren Vorsatz, die Algecirasakte zu respektieren. So schreibt heute die„Petite Republique" offiziös: Die fliegende Kolonne wird ihr ursprüngliche« Ziel verfolgen. Fez entsetzen und die Autorität deS SultanS befestigen. Die Frage ist nur die. wie weit die Kolonne gehen wird; wird sie in Fez einmarschieren oder wird sie etwa 30 Kilometer vor der üsladt st e h e n bleiben? Bisher ist noch keinerlei Ent- s ch e i d n n g getroffen. Alles wird von den Ereigniffen ab- hängen. Entsprechend den eingegangenen Verpflickiiungen be- zweckt die französische Regierung nur die Bestätigung der Autorität des SultanS. Sie wird ihre Haltung gemäß den Erfordernissen der Lage einrichten, welche in ihren Einretheiten niemand voraussehen kann. Deshalb wäre e« auch verfrüht, eine Antwort auf die Note der»Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" schon jetzt zu erteilen. Die entscheidende Frage ist mm,»b die Regierung gegenüber dem Drängen der Kolonialtreiber auch fest bleiben wird, wenn u« berechenbare Ereignisse eintreten. Aber auf keinen Fall ist her verbrecherische Leichtsinn des französischen Imperialismus ein Grund, dem deutschen ein gleiches frivoles Spiel zu gestatten. ES lohnt sich. " Dieser Tage Kurde berichtet, daß der Kardinal-Fürstvischof Kopp in Breslau bei dem Konkurs des Bankhauses Pistorius in Hildesheim zugunsten der übrigen Gläubiger auf seine Forderung im Betrage von 400 000 M. verzichtet habe. Dieser Verzicht, wird verständlich, wenn man hört, daß der Inhaber des Bankhauses eine der eifrigsten Stützen des Hildesheimer Klerikalismus ist, und daß ferner der Fürstbischof Kopp, der ehemalige arme Eichsfelder Weber- söhn, heute ein Jahreseinkommen von etwa 1400 000 M. versteuern soll. Angesichts des Verzichtes des Fürstbischofs Kopp wird von seinen Jugendfreunden daran erinnert, wie er den ersten Schritt inS Erwerbsleben tat. Kopp hat bekanntlich das katholische Gym- nasium zu Duderstadt.(Eichsfeld) besucht. Er verließ es nach der Erlangung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst, um die subalterne Eisenbahnkarriere«inzuschlagen. So kam er als HilfStelegraphist nach Hannover. Dort galt er bei der Verwaltung als ein sehr mäßiger Beamter, der den Anforderungen einer große- ren Station nicht gewachsen sei. Aus diesem Grunde wurde er eines Tages nach Neustadt am Rübenberge, einem kleinen hau- noverschen Orte, versetzt, wo er dem Vorsteher der kleinen Station zugleich beim Zugabsertigen usw. behilflich sein mußte. Da wendete sich plötzlich sein Geschick! Eine reiche Duderstädter Dame, die sich schon früher für ihn interessiert hatte, ermöglichte es ihm, das Duderstädter Gymnasium weiter zu besuchen und sorgte dann für seine Ausbildung zum katholischen Priester. Daß Kopp sich für das priesterliche Handwerk besser eignete als für die Bahnverwaltung, haben seine Erfolge bewiesen. Der arme königlich hannoversche Eisenbahnhilfstclegraphist, der sich mit einem Tagegelde von einem halben Taler kümmerlich durch die Welt schlug, kann heute groß- mütig auf nahezu eine halbe Million verzichten. Deutsch-schwedischer Handelsvertrag.! Heute ist in Berlin der neue deutsch-schwedische Handels- vertrag vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Herrn v. Kiderlen-Wächtcr und dem schwedischen Gesandten v. Trolle unterzeichnet worden. Der Wortlaut soll morgen in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht werden. Neue Eisenbahnbaute« in Württemberg« Der tvürttembergischen Zweiten Kammer ist ein Gesetzentwurf betreffend Beschaffung von Geldmitteln für Eisenbahnbau und für außerordentliche Bedürfnisse der BerkehrSanstalten und Verwaltungen in der Finanzperiode 1911/12 zugegangen. Angefordert werden ins- gesamt 40 781 000 M.; davon sind für Nebenbahnen 6 433 000 M.. für den Bau von zweiten Gleisen 5 000 000 M., für den Umbau des NordbahnhofeS in Stuttgart 14 000 000 M., für notwendige Er- Weiterungen und Verbssserungen 7 554 500 M., für die Erbauung von Wohngebäuden 861 000 M,. für Vermehrung der Fahrzeug- 6 770 000 M., für Zwecke der Post- und Telegraphenverwaltung 163000 M. bcstinnnt._ Die Veruntreuungen bei den landwirtschaftliche» Kreisvereinen in Elsaft-Lothringe«. Der dritte Skandalfall binnen wenigen Monaten k.«« Am 17. November 1910„verunglückte" tödlich— unter Umständen, die einen Selbstmord annehmen ließen— der Kaffeninspektor Gierte in Molsheim. Nach seinem Tode ergab sich, daß dieser kaiserliche Kasseninspektor alsKassiererdeSlandwirtschaftlichen KreiLvereins Mölsheim seit Jahren umfangreiche Unterschlagungen begangen hatte, derart, daß die Ver- l u st e infolge seiner unredlichen Manipulationen in der 4. Kam- Mission de» LandeSauSschusscS auf nicht weuizcr als 74 399 M. hc- messcn wurden. Einige Zeit darauf stand in Colmar, ebenfalls wegen nicht unbedeutender Unterschlagungen, der Kassierer Mach- w i r t h vom dortigen landwirtschaftlichen KreiSverein vor der Strafkammer und wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Beide Fälle kamen im Landesausschuß zur Sprache und führten zu langwierigen heftigen Debatten, in deren Verlauf die Regierung geeignete„Vorsichtsmaßregelu" versprach, um die Wiederkehr solcher Fälle zu verhindern. Den ungeheuerlichen Umfang der Gierkeschcn Veruntreuungen suchte der Regierungsvertreter damit zu erklären. daß Gierke ein besonders gearteter Mensch,„ein Mcistcrdieb" ge- wesen sei, dem es gelang, alle Welt zu täuschen.(Ter..Meisterdieb" hatte u. a. sogar einen Gemeindeschreiber angepumpt, dessen Ge- schäftssührung er als Kasseninspcktor zu prüfen hatte!) Es scheint nun aber, daß die agrarische Regierung in Elsaß-Lothringeu und die landwirtschaftlichen Kreisvereine ein besonderes Faible für solch- „Meisterdiebe" haben, denn schon wieder hat sich gezeigt, daß ein solcher Verein im Elsaß den Bock zum Gärtner gemacht hat. Am Mittwoch letzter Woche hat sich nämlich der Kreissekretär Pfefferkorn, im Nebenamt Kassierer des landwirt- schaftlichen KreiLvereins Zabern I, in seinem Jagd- revier im Banne von Stcinburg bei Zabern auf freiem Felde durch einen Schutz in die Schläfe getötet: und jetzt wird bekannt, daß dem Selbstmord eine Revision der Kasse des landwirtschaftlichen Kreis- Vereins vorausging, die auch hier umfangreiche Verun- treuungen feststellen ließ. Es wird die Summe von 15 990 Mark genannt. Der Selbstmörder war 49 Jahre alt, verheiratet und hat zwei noch unerzogene Kinder. Er bekleidete die Stellung als Kassierer seit ungefähr acht Jahren und lebte über seine Ver- Hältnisse hinaus. Welches Mordsgeschrei würde die„staatserhaltende" Presse er- heben, wenn in einem Teile Teutschlands Schlag auf Schlag solche umfangreiche Veruntreuungen bei sozialdemokratisch ver- walteten Kassen festgestellt würden! Die Vorgänge würden mit Eiser gesammelt werden als„Material" für den Raub der Selbst- Verwaltung in den Krankenkassen der Arbeiter. So, wie die Dinge nun aber liegen, darf ohne Ucberhcbung gesagt werden, daß in Kassen, wo die Arbeiterschaft die Sclbstverwal- tung ausübt, eine solche Häufung großer Unter» schlagungsskandale ganz ausgeschlossen i st. Die sich jagenden Skandale der ländwirtschaftlichen Kreisvereine in Elsaß-Lothringen sind ebensovicle sprechende Zeugen gegen den An- schlag auf die Selbstverwaltung der Arbeiter bei der ReichSversiche- rungsordnung. Die Gtichwahlparole der Potsdamer Konservativem Vor einigen Tagen verhandelte der Potsdamer Neue Wahl- verein, die politische Organisation der konservativen Wählerschaft. über die Stellungnahme bei einer eventuellen Stichwahl in der ReichStagSwahlkampagne. Der Vorsitzende dieses Vereins, Major a. D. v. Stößel, vertrat in seinen Darlegungen den Standpunkt, daß man im Falle einer Stichwahl«tmschen dem sozialdemokratischen Kandidaten und einem bürgerlichen Kandidaten vom Potsdamer Liberalen Wahlverein nach den bisherigen Verlautbarungen deS liberalen Kandidaten, Justizrat KenneS, ein Eintreten für den konservativen Kandidaten nicht erwarten dürfe. Zum mindesten würde die liberale Parteileitung Wahlenthalrung proklamieren, wenn sie nicht direkt eine Nnterstütznng deS sozialdemokratischen Kandidaten empfehle. Diese Stellungnahme der Liberalen fordere eigentlich zu einer gleichen Maßnahme— nämlich WahleNthalinng dem liberalen Kandidaten gegenüber heraus. Au» nationalen Rücksichten habe sich aber die konservative Parteileitung, so schwer es ihr auch angesichts der extremen Haltung des LmkSliheraliSiiM falle, entschlossen, in der Stichwahl de» freisinnigen Kandidaten gegen den Sozialdemokraten zu unterstützen. Die>elbe Parole wurde vom Vorstand der Ortsgruppe des ReichZverbandeS gegen die So- zialdemokratie für die Stichwahl ausgegeben. Damit ist über die Haltung der Konservativen in der Stichwahl Klarheit geschaffen._ Tie Polizei gegen das Neichsvereinsgesetz. Am Sonnabendabend bewies die hannoversche Polizei wieder einmal die.loyale Handhabung" des Reichsveteirisges�tzeS, indem sie in einer geschlossenen Mitgliedervetsanin, lung des sozialdemokratischen WahlvcreinS erschien,«rtö als der Vorsitzende dagegen Einspruch erhob, die Versamnilung auflöste. Die hannoverschen Genossen haben seit der Einführung des ReichsvereinögesetzeS einen erbitterten Kampf Mit dir Polizei geführt, die trotz des neuen Gesetzes und seiner von der Regierung ver- sprochenen„loyalen Handhabung" nach wie vor'die Bersammlungen des sozialdemokratischen Wahlvereins polizeilich iibttwdchen will und da« Ueberwachungsrecht selbst für die Versammlungen der einzelnen Bezirke beansprucht. Da sie ein solches Recht' nicht hat und die Partei sich gegen die Polizei wehrt, war die-Folge, dafc zahlreiche Versammlungen aufgelöst wurden. Eine Flut von Anklagen, die sich durch alle Instanzen über zwei Jahre hiuzogen,- folgte. Während nun Schöffengericht und Berufungskammer sich zunächst auf den Standpunkt stellten, dag der sozialdemokratische Wahlverein ein Berein im Sinne des Reichsvereinsgesetzes und die polizeiliche Ueberwachung deshalb ungesetzlich sei, entschied das Oberlandesgericht Celle, dah der sozialdemokratische Wahlverein kein Berein sei, weil er.kein in sich ab- geschlossener KreiS innerlich mit einander ver- bundener Personen" sci. Die polizeiliche Ueber- wachung sei also gerechtfertigt. Nach dieser Entscheidung waren Schöffengericht und Straf- kammern gezwungen, ihre weiteren Entscheidungen wider ihre eigene bisherige Ueberzeugung zu fällen. Schweiz» Das Wahlergebnis. Zürich, 30. April.(Eig. Ber.) Die heutigen Wahlen im Kanton Zürich haben unserer Partei leider die erhofften Erfolge nicht gebracht. In den RegierrzngLrat ist unser Genosse Ernst mit der höchsten Stimmenzahl von 63 861 wiedergewählt worden. »nährend der beanstandete Demokrat Dr. Stötzel nur mit 3SS16 Stimmen Wiedergewählt wurde. Für den ZdantonSrat hatte unsere Partei in 28 von 83 Kreisen insgesamt 132 Kandidaten auf- gestellt, von denen aber nur 42 gewählt wurden. Insgesamt sind gewählt 93 Liberale, 73 Demokraten, 42(gegen 43) Sozial- Demokraten und 2 Wilde. An zwei Stichwahlen ist unsere Partei nicht beteiligt. Snglanci. Eine neue Auslegung des Ostorneurtekls. 7 London, 28. April.(Eig. Ber.)' Die englischen Richter übertreffen einander in Spitzfindig» leiten, um die politische Bewegung der englischen Arbeiter lahm- gulegen. In dem Kanzlcigerichtshof gab der Richter Parker gestern dem Osborneurteil eine Auslegung, die jede politische Regung der britischen Gewerkschaften zu ersticken droht. Folgendes war der zu entscheidende Fall: Manche der mit JichibitionSbefehlen bedachten Gewerkschaften haben in der letzten Zeit versucht, ihre politische Tätigkeit fortzusetzen, indem sie frei- willige Beiträge zu diesem Zwecke erhoben. Diese Gelder wurden auf dem gewöhnlichen Wege durch die Organe der Gewerkschaft «inkassiert; Mitglieder, die gegen die Zahlung dieser Beiträge Einspruch erhoben, brauchten sie nicht zu zahlen. Zu diesen Gewerk- schaften gehört auch die Trade Union der Maschinenbauer, die in diesem Falle als Beklagte evschien. Ein Glasgotver Mitglied er- suchte den Gerichtshof, der Gewerkschaft zu untersagen, derartige freiwillige Beiträge zu erheben und die Organisation als Mttel gur Verteilung dieser Gelder zu benutzen. In seinem Urteil drückte der Richter die Ansicht auS, daß die in Frage kommenden Beiträge in Wirklichkeit nicht freiwillige, sondern obligatorische Äontri. dutionen darstellten, und erließ den verlangten Jnhibitionsbefehl. Er untersagte ferner der Gewerkschaft nicht allein die Beteiligung an. Parlamentswahlen, sondern auch an Gemeindewahlen. Nur die Anteilnahme an den Wahlen zur Armenverwaltung ließ er aus- drücklich frei.— Diese Ausnahmebestimmung klingt fast wie ein Hohn. Sie akzentuiert aber auch zu gleicher Zeit den wahren Zweck des Osborneurteil». nämlich die englische ArbeiterNaffe von jeder wirksamen selbständigen Beteiligung an dem politischen Leben des Landes auszuschließen. Eine Marokkodebatte. London, 2. Mai. Unterhaus. Dillon fragte, ob die britische Regierung von der französischen bezüglich der beabsichtigten militärischen Operationen gegen Fes nmlffiat gefragt worden sei und ob die britische Regierung in irgendeiner Weise diesen A n- griff aus die Unabhängigkeit des marokkanischen Reiches gebilligt oder die Verantwortung für ihn übernommen habe,©ir Edward G r ey erwiderte, die britische Regierung sei dürch die französische von den Maßnahmen in Kenntnis gesetzt »rorden, die jetzt für den Entsatz der Europäer in FeS ergriffen würden. Die britische Regierung habe vernommen, daß auch anderen Regierungen diese Mitteilung gemacht worden sc«. Die von Frankreich unternpmmene Aktion ziele nicht darauf ab, den politischen Status von Marokko zu ändern. Die britische Regierung könne daher nicht sehen, warum irgendein Einwand gegen sie erhoben werden sollte. Schaffung eines Reichsrats. Eine auS Vertretern beider großen Parteien bestehende Deputation von UnterhauSmitgliedern überreichte dem Ministerpräsidenten eine von 292 konservativen und liberalen Abgeordneten unterschriebene Erklärung, die ihre lebhafte Zu- stimmung von der von der Regierung von Neuseeland für die bevorstehende Reichskonferenz gegebene Anregung der Schaffung eines aus Vertretern de? Mutterlandes und der Kolonien bestehenden Rates für ReichSangelegenheiten ausspricht. Asquith erklärte auf die Ansprachen der Parteiredner, daß er noch in keinem Falle einer solchen Uebereinstimmung der verschiedenen politischen Richtungen sich erinnere. Gr werde die Erklärung. wenn der Antrag Neuseelands zur Beratung stehe, der Konferenz mit Vergnügen vorlegen. Natürlich könne ein Beschlutz nur mit boller Zustimmung der überseeischen Reichsteile gefaßt werden, Marohfto. Raisuli.' Tanger, 2. Mai. AuS E l k sa r wird gemeldet: Die Loyalität R a i s u l i s ist mehr als zweifelhaft. Nachdem der ehemalige Röuberhauptmann. der jetzt die Stellung eines Kaids einnimmt, «ine merklich« Nachlässigkeit in der Unterstützung der Sache de» Scherifen gezeigt hatte, soll er jetzt sogar die Chef» der Mahalla von Elksar zur Revolte aufreizen, Soziales. BetriebSkrankenkasien und BersicherungSordnung.'• Der Ausschuß des Verbandes zur Wahrung der Interessen der feMchin Bsttiebskr«,kBösssep ngjm 455 lctztyi SlvngbtAd zu dep RelchSbersicherungSorduMg Trf der Fassung der KoWnssionS- beschlüsse Stellung. In einer Resolution wird gegen die Be- schränkung der Betriebskrankenkassen und gegen die erschwerenden Voraussetzungen für ihre Zulassung„entschiedener Widerspruch" erhoben. Die Bctriebskrankcnkassen hätten sich„aufs beste be- währt", seien„besonders leistungsfähig" und hatten große Vorzüge. Das gelte besonders auch von den kleinen Betricbskrankenkaffen, „die häufig mehr leisten wie große Ortskrankenkasicn".„Voll- kommen unannehmbar" sei die Festsetzung, daß BetriebSkrankcn- kaffen nur zugelassen werden sollen, wenn und solange sie die all- gemeine Orts- und Landkrankenkasse nicht gefährden. Die Re- solution versucht dann mit einem plumpen Ausfall die„geringere Leistungsfähigkeit einer Ortskrankenkasse"„»um guten Teil auf die Art zurückzufuhren, wie sie verwaltet wird. Auch die(Kgen das Versicherungsamt erhobenen Bedenken seien durch die Kommissionsberatung keineswegs erledigt. Es ver« mehre die Zahl der ehrenamtlich tätigen Personen und das Bs- amtenheer und leiste auck» einer Verstaatlichung der Reichsversiche- rung Vorschub. Das Verfahren vor dem VersichcrungSamt sei zu umständlich, es erschwere und verlangsame den Geschäftsgang. Dei Arztfrage sei ungelöst geblieben.„Trotz der anerkannt schlimmen Lage, in der sich die Krankenkassen den Aerzten gegen- über befinden, ist eS unter dem Drucke der Generalstreik- drohungen des Leipziger Verbandes unterlassen worden, dem von diesem Verbände geübten KoalitionSzwang und der mißbräuchlichen Ausnutzung der Standes- Organisation und der Ehrengerichtsbarkeit durch geeignete gesetzliche Vorschriften entgegenzutreten. Wenn auch zugegeben werden soll, daß die Ermächtigung, an Stelle der ärztlichen Be- Handlung einen Barbetrag zu gewähren, den Krankenkassen in ge- ivissen Fällen bei Kämpfen mit den koalierten Aerzten eine Er- leichtorung verschaffen kann, so bleibt.doch im wesentlichen der gegenwärtige schlimme Zustand bestehen, bei welchem dieAerzteinderLage sind, den Krankenkassen ihre Bedingungen aufzuzwingen." Den Krankenkassen müsse das Recht bleiben, nur bestimmte Apotheken zur Lieferung zuzulassen. Auch eine Reihe einzelner Bestimmimgen rufe die größten Bedenken hervor,„so namentlich die mangelnde Sicherung der Kran?enkassen gegenüber der AuS- Nutzung bei Doppel- und Ueberversicherung(8 205); die Einschrän- lung für die Festsetzung einer Wartezeit bei Mehrleistungen(§ 221); die viel zu hohe Beinessung des Ersatzes für Kraulen- und Krankenhauspflege(§§ 228a, 232, 1485); die Fortsetzung der Versicherung in der früheren Lohnhöhe bei Lohnminderung«§ 412«); die un- gerechte Bestimmung im 8 414, daß der Arbeitgeber allein zu höheren Beiträgen herangezogen werden soll, wenn in seinem Be- triebe eine größere Krankheitsgefahr besteht: die Gewährung von Doppelleistungen an Unfallverletzte nach Ablauf der 13. Woche (S. Buch). Tie Resolution schließt mit folgenden Sätzen: „Insgesamt bietet die Rcichsversicherungsordnung zwar manche Fortschritte in der sozialen Fürsorge. Demgegenüber legt sie aber den ErwerbSständen, insbesondere der Industrie, neue große Lasten auf, enthält vielerlei Beschränkungen und Er- schwerungen und in dem Versicherungsamt höchst bedenkliche Ent- wickelungsmöglichkeitcn. Obendrein werden die Betriebskranken- lassen wesentlich beschränkt, stark gefährdet und in eine für alle Zukunft unsichere Lage gebracht. Sollte in diesem Punkte nicht noch eine Aenderung erzielt werden, die den ungeschmälerten Fortbcstand der Betriebskrankentassen sichert, so ist die gesamte Neuregelung der Versicherungsgesetzgebung für de» Verband un- aynehmbar."_ Hus der Partei. Von der Maifeier. Die Maifeier in der jüngsten deutschen Stadt. An dem Um- zuge nach der Irühfeier durch die aus den Gemeinden Bant, Heppens und Reuende neugebildete Stadt Rüstringen be- teiligten sich etiva 3000 Personen. Das Betreten des Wilhelms- havcner Gebietes und die Ansprache auf dem Banter Marktplatz war verboten worden. Die Abendfeier war überfüllt. Wie immer wurde daS Militär wieder bereitgehalten. In Vegesack beteiligten sich am Morgenspaziergang 800 Personen. In Vergedorf und Sande fand vormittags ein gemeinsamer Demonstrationszug statt, an dem sich über 2000 Personen be- teiligten. In Bonn fand in diesem Jahre zum ersten Male eine Mai- Versammlung statt, die sehr gut besucht war. Die Abend- Veranstaltung war überfüllt. Warschau. AuS Berichten, die in den Morgenstunden abgefaßt sind, geht hervor, daß die Arbeiterviertel am 1. Mai mit Militär und Gendarmerie überfüllt waren. Einzelne Fabriken waren von der Polizei umzingelt. Trotzdem feierten fast alle großen Fabriken. Die Zahl der Feiernden wird auf 20 000 bis 25 000 angegeben. Der Zugang von den Borstädten zu den Hauptstraßen wgr ab- gesperrt. » Zusammenstoß zwischen Polizei und Maidcmonstranten. Man schreibt uns aus Mülhausen i. E.: Zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen der Polizei und Maife. ierdemonstranten kam eS am Abend des t. Mai in Mülhausen i. E. bei der Rückkehr der MaiauSflügler nach der Stadt. Ein erster Zusammenstoß, der ohne ernstere Folgen verlief, ereignete sich in der Altkirchcroorstadtstraße, wo ein Polizeikommissar mit zwei Schutzleuten beim Vorbeimarsch der Manifestanten an einem kleineu roten Fähnchen Anstoß nahm, daS von einem Teilnehmer mitgeführt wurde. Ein Schutzmann, der sich aus daS ärgerniverrcgcnde Stück Zeug stürzte, verfehlte sein Ziel und kam zu Fall, worauf eine kleine Prügelei entstand, wobei die Schutzleute nicht eben gut von der Parade kamen. Etwas tiefer in der Stadt, am Spicgeltor. entstand aus ebenso nichtigem Anlaß— wie man hört, wegen eines roten Zylinders, den ein Zugtcilnehmer trug— ein ernsterer Krawall. Die hier etwas zahlreichere Polizei fuhr wiederum in herausfordernder Weise da- zwischen; es entstand ein unentwirrbarer Knäuel, vier oder fünf Uniformierte zogen blank und auf der anderen Seite wurde zum Teil mit Messerstichen geantwortet; jedenfalls wurde ein Schutz- mann derart verletzt, daß er in einer benachbarten Apotheke ver- Kunden werden mußte. Ter Helm eines Schutzmann» wurde unter den Tritten der gereizten Menge übel zugerichtet, anderen wurde der Säbel entwunden usw. Einem höheren Polizeibeamten ge- lang eS endlich, die Schutzleute aus dem Gewühl zurückzuziehen, da» sie selbst durch ihr ganz unnötiges, unangebrachtes Eingreisen herbeigeführt hatten. Schwere Verletzungen scheinen weder auf der einen noch auf der anderen Seite vorgekommen zu sein. Ver» Haftungen erfolgten keine. Die beiden Abendversammlungen nahmen trotz starker Ueberfüllung ohne polizeiliche Störung den besten Verlauf._ Aus den Organisationen. Ei», Generalversammlung de» Wahlkreises Züllichau-Kroffen beschloß am Sonntag die Erhöhung de» Beitrages. Pom 1. Juli ab beträgt der Wochenbsitrag 10 Pf. und 5 Pf. für Frauen. Die Schaffung möglichst kleiner Agiiation»bezirke und eine intensive Agitation für die Presse und die Organisation wurde gleichfalls erörtert, nachdem der Kandidat des Kreises. Genosse Grauer» Lichtenberg über die politische Lage und die Reichstagswahlen ge- sprachen hatte. Auch in diesem überwiegend ländlichen Kreis« macht die Parteibewegung erfreuliche Fortschritte. Gcmeindewahlfieg. Der Gemeiuderat in VoigtSberg bei OekSnitz behält seine sozialdemokratische Mehrheit. Am Sonntag fanden die Ersatz- wählen zum Gemeinderat statt, der länger als drei Monate be. schlußunfähig war, nachdem die fünf sozialdemokratischen Ge» DkiokratimUglieder, aus Beschluß einet Emwo.hnetlletsaowiliulg, l ihre Aemler niedergekegk hattest. Die fllns(SogiaTEemofrofett wurden wiedergewählt und damit ist die sozialdemokratische Mehr- heit wieder hergestellt._ Folge» des Separatismus. Die Zerschlagung der internationalen Gewerkschaften Oester- reichs durch die ins nationalistische Fahrwasser geratenen Führer der tschechischen Sozialdemokratie hat zur Spaltung innerhalb der tschechischen Partei geführt. Tie tschechischen Zentralisten, die auf dem Boden der vom Internationalen Kongreß in Kopenhagen beschlossenen Resolution stehen, die die Einheit der Gewerkschafts- Organisation fordert, haben die Gründung einer eigenen Partei beschlossen, die sich in allernächster Zeit als„Tschechische Sektion der internationalen Sozialdemokratie" konstituieren will und in Wien als ihr Organ ein tschechisches Tageblatt „Delnicky Demick"(„Arbeitertagblatt") erscheinen läßt. Gegen eine Reihe von Kandidaten der alten, will die neue Partei eigene Kandidaten aufstellen. Preßverfolgungen in Finnland. Unser finnländischer Mitarbeiter schreibt unS: Vor einiger Zeit verlangte der finnländiscke Diktator v. Sehn, daß die Verlags- genossenschast unseres Tammerforser Parteiblattes„ftansan Lehti" an Stell« des angemeldeten Genossen Santeri Nuor» tewa eine„geeignetere" Person als verantwortlichen Redakteur nominiere. Dem kam die Genossenschaft natürlich nicht nach, da die Verfassung bloß die Anmeldepflicht vorsieht und dem General- gouverneur nicht die Befugnis einräumt, die Redakteure zu„ge- nehmigen". Nun ist der Preßgewaltige von Tammersor» im Auf- trage V, Sehns beim RathauSgericht klagbar geworden. Er verlangt die gerichtliche SuSpendieruna des Blattes, da eS keinen„Veranl- wortlichen" habe. Die Genossenschaft wird eS auf die Entscheidung deS Gerichts ankommen lassen. Mögen die finnischen Richter den Beweis erbringen, dgß sie die Landesverfassung auch dann zu ver« teidigen verstehen, wenn es sich um einen Rechtsbruch gegenüber einem Sozialdemokraten handelt._ AuS der italirnischen Partei: Genosse Agni ni legt sein Mandat nieder. Wie der„Mcssaggero" erfährt, hat Genosse Agnini sein Parlamentsmandat niedergelegt. Anlaß zu diesem Schritt war die Mißbilligung, die sein Austritt aus der sozia- listischen Parlamentsfraltion bei einem Teil seiner Wähler ge- wnden hatte. An der Wiederwahl unseres Genossen ist nicht zu zweifeln. Aus der englischen S. D. P. ausgetreten sind, wie man uns mitteilt, die Genossen Herbert Burrows und der Kassierer D. I. Green, weil sie mit der Resolution, die vom letzten Partei« tage in der Rüstungsfrage angenommen wurde, nicht einver« standen sind. poUrelllcheo» Ocricbtlichcs uh». Was die Halleschi Polizei nicht verantworte» kann. Nach wiederholter Aufforderung hat sich die Polizeiverwaltung in Halle nun doch noch nachträglich dazu bequemt, eine„Be- gründung" für ihr Verbot des Maiumzuges zu geben. In edelstem Polizeideutsch heißt es darin:„Bei dem Wege, den der Aufzug nehmen sollte, ist eine Gefährdung des öffentlichen Verkehr», die zugleich die öffentliche Sicherheit betroffen hätte, zu besorgen." Weiter heißt eS:„ES muß auf den demonstrativen Charakter der geplanten Veranstaltung und darauf Rücksicht genommen werden, daß in einer Stadt von über 180 000 Einwohnern, wie in der Bevölkerung jeder Groß- stadt, notorisch zahlreiche Elemente vorhanden sind, die ausgesprochene Nei g ung zu S kand a l en und Widersetzlichkeiten gegen die öffent- lichen Sicherheitsorgane haben und nur auf die Gelegenheit solcher Veranstaltungen warten, um ihrerNeigung zufrönen. Unter diesen Umständen kann die Verantwortung für die Aufrecht» erhaltung der öffentlichen Sicherheit und den Schutz des Rechtsfriedens der Allgemeinheit bei Zulassung des Maiumzuges nicht übern ommeu werde n." Abteilung II. I. V.:(gez.) v. D o f s o w. Diese„Begründling" reiht sich den früheren staatSrctterischen Großtaten der Halleschen Polizei würdig an. Wegen Beleidigung eines vereidigten Bücherrevisors wurde der verantwortliche Redakteur der„Bielefelder Bolkswacht", Genosse Schädlich, vom Landgericht Bielefeld zu 300 M. Geldstrafe verurteilt. Die tatsächlichen Angaben des unter Anklage stehenden Artikels konnten nicht bestritten werden, die Verurteilung erfolgte aber wegen formeller Beleidigung. Ein in der Angelegen- heit wegen StaatSanwaltSbeleidigung angeklagter Fabrikant erhielt 80 M. Geldstrafe._ Preßprozeß. Wegen angeblicher Beleidigung deS christlichen Arbeitersekretärs Schmitz in Ncisse wurde der verantwortliche Redakteur de,„Düsseldorfer V o I ks z e i t u n g", Genosse Müller, zu 100 R. Geldstrafe verurteilt. Eue Industrie und Kandel. Pulver. Die Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken erzielten im letzten Geschäftsjahre einen Umsatz von 19'/, Millionen Mark. DaS sind 6 Millionen Mark mehr, als daS Vorjahr gebracht hatte. In der Hauptsache entfällt das Mehr auf die Ablieferung von rauch» losem Militärpulver. Wenn auch für Kulturzwecke e» an Geld mangelt, ein Trost bleibt unS: der Militarismus braucht keine Not zu leiden, er findet immer volle Kassen! Und wenn eS zu einem Kriege kommt, auf den das wahnsinnige Wettrüsten hindrängt, dann ivird man ein entsetzliches Morden, ei» grauenhaftes Zerstören er- leben. DaS ist die Oulutessenz der kapitalistischen GesellschaftS- ordnung, für diese treten alle bürgerlichen Parteien ein, die Demo- kraten eingeschlossen. AuS dem Geschäftsbericht der Pulvergesellschast ist noch zu erwähnen, daß die Gesamterzeugung Bl/t Millionen Kilo» gramm Pulver betrug. Die Aktionäre, die für daS voraufgegaugen« Jahr„nur" 16 Proz. erhalten hatten, können für das letzte Jahr 18 Proz. einheimsen. Und wie wird die Dividende erst steigen. wenn im nächsten VolkSmorden das Pulver tüchtig verpulvert wird! •• • Jetzt wird auch näheres über die Kartellverlängerungsbestrebungen deS internationalen PulvertrustS resp. seiner deutschen Gruppe be- kannt. Der Generallartellan schlußvertrag, welcher die inten, ational« Gemeinschaft der Explosivfabriken darstellt und 1894 gegründet worden ist. soll jetzt bis auf den 31. Dezember 1 980 festgelegt und die Rheinisch-westfälische-Spreng» st off Aktiengesellschaft Köln im ganzen mit der Firma an die vereinigten Köln-Rottweiler Pulver» f a b r i k e n veräußert werden. Die Rheinlsch-westfälische Spreng» stoff-Aktiengesellschaft wird durch einen neuen Vertragsparagraphen an den Rücklagen der Nobel Dhnamite Co. beteiligt. ES handelt sich hier in erster Linie um Fonds, welche den Aktionären eine gleichmäßig hohe Dividende und KampfeSmittel gegen Außen- seiter sichern sollen. Die Nobel-Kompagni hat zu diesem Zwecke seit 1905 Rücklagen aufgesammelt. In diese», Jahre überwies sie. bei Ausschüttung einer Dividende von 10 Prozent. 70 000 Pfund Sterling an diesen Fonds, der jetzt schon die nette Summe von 500000 Pfund Sterling oder über 10 Millionen Matt erreicht hat, bei einem Kapital von zirka 70 Millionen. GewerfcrcbaftUcbca« IMai-Husrpcrrungen. UeBer den Umfang der diesjährigen Mai-Aussperrungen liegen bisher nur wenig Nachrichten vor. In Berlin sind die Aussperrungen— außer bei den Holzarbeitern— offen bar nirgends erheblich. Von den Berliner Holzarbeitern wurden in 320 Betrieben 6768 ausgesperrt. In 17 Betrieben der Berliner Metallindustrie wurden 501 Personen ausgesperrt. Der größte der aussperrenden Betriebe setzte etwa 200 Personen auf die Straße. Die Berliner Z i m m e rer zählten 1-10 Mai-Ausgesperrte. Bei den Steinarbeitern sind 234 Kollegen aus gesperrt in 10 Sandstein-, 3 Marmor- und 2 Grabsteinge schäften. Die ziemlich umfassende Aussperrung in den Sand steinbetrieben ist zurückzuführen aus den Aussperrungsbeschluß des Verbandes der Baugeschäfte, dem der Verband der Stein- metzgeschäfte angeschlossen ist. In Hamburg sind zusammen etwa zehntausend Ar beiter ausgesperrt, davon 2 300 Bauarbeiter einen Tag, mehrere Tausend Metallarbeiter zehn Tage. Eine größere Aussperrung von Holzarbeitern dürfte rn Hannover erfolgen. Die Unternehmer hatten durch An schlag die Aussperrung im Falle der Arbeitsruhe angedroht. Nach vorläufiger Schätzung werden 600 Holzarbeiter davon getroffen. In G e r a sperren die Bauunternehmer die Arbeiter eine Woche lang aus. Neun Braunschweiger Maschinenfabriken haben wie die dortige„Landeszeitung" meldet, im ganzen drei tausend Arbeiter für die Dauer einer Woche aus gesperrt. Weiter wird aus Bremen mitgeteilt, daß die Aktien gesellschaft„Weser" ebenfalls dreitausend Arbeiter bi Donnerstag ausgesperrt habe. Auf der Werft in F l e n s bürg sollen von zirka 2200 Arbeitern die Hälfte bis zum 5. Mai ausgesperrt sein. Alle diese Nachrichten sind für die Beurteilung der Ge- samtsituation um so weniger als zureichend zu betrachten, als sie mit Ausnahme der Berliner und Hamburger Meldungen durch bürgerliche Depeschenbureaus übermittelt wurden. Die Ziffern stammen also offenbar aus dem Unternehmerlager und haben kaum eine Nachprüfung von gewerkschaftlicher Seite erfahren. Berlin und Qmgegend. Die Lohnbewegung der Banklempner sollte am Dienstag vor dem Einigungsamt des Gelverbegerichts verhandelt werden. Anfangs schien es, es würden die Verhandlungen obgleich die Parteien über die Forderungen der Arbeiter ver- schiedcner Meinung waren, glatt vonstatten gehen. Aber da ein Jurist als Vertrauensmann der Arbeitgeber im Einigungsamt sah. war es nichts mit einer glatten Erledigung. Schon beim dritten Punkt der Forderungen machte der Syndikus der Klempner- innung, Justizrat Dr. l a s ch k a u e r. derartige Schwierigkeiten, daß die Verbandlungen abgebrochen werden mußten. Und das kam so: Als Grundlage der Verhandlungen diente eine von den Arbeitern eingereichte Vorlage, deren dritter Punkt lautet:„Die Arbeit wird nur in Zeitlohn ausgeführt." Wie Cohen als Ver- treter der Arbeiter bemerkte, besteht über diesen Punkt Einig- keit zwischen beiden Parteien schon seit sder vorigen Lohn- bewegung. Die Vertreter der Arbeitgeber sagten zu dieser Erklärung zunächst nichts. Dann aber wollte Justizrat Dr. B l a s ch k a u e r die auf dieser. Punkl bezüglichen stimmungeu eines bor zwei Jahren abgelehnten Schiedsspruches den Verhandlungen zugrunde legen. Dem widersprach Cohen ganz ent- schieden. Dann machte Dr. Bla schlauer den Einwand, die Arbeitgeber hätten die jetzige Vorlage noch nicht studiert. Cohen verwies darauf, daß die Arbeitgeber Zeit genug zum Studium ge- habt hätten. Aber die Arbeitgeber traten nun aus die Seite ihres Vertrauensmannes Blaschkauer. Die Folge davon war, daß die Verhandlungen vertagt werden mußten. Die Arbeiter wünschten. daß die Fortsetzung am Donnerstag stattfinde, weil für diesen Tag eine Versammlung angesetzt ist. die über die Lohnbewegung zu beschließen hat. Nach längeren Verhand lungen wurde aus Wunsch der Arbeitgeber die Verhandlung bis Montag vertagt, womit sich die Vertreter der Arbeiter einverstanden erklärten unter der Voraussetzung, daß die Versammlung am Donnerstag ebenfalls damit einverstanden ist. Deutscher Bauarbeiterverband. Durch ein Versehen sind die Kontrollokale für Nord-Osten und Groß-Lichterfelde für mai- ausgesperrte und zurzeit arbeitslose Kollegen in der Anzeige nicht ausgeführt worden. Wir weisen darum darauf hin, daß sich die be- treffenden Kollegen in Groß-Lichterfelde noch im Kaiserhof, Am Kranoldplatz, melden mögen, da eS so in der Mai Versammlung durch Plakat bekannt gemacht worden ist. Im Nord- Osten gilt das Verkehrslokal, Späth. Georgenkirch st r. 63. auch als Kontrollolal. Der Zweigvereinsvorstand. Deutsches Kelch. Beendeter Töpfcrstreik in Posen. Nach vierwöchentlicher Dauer wurde der Streik der Töpfer beendet. Die Gehilsen erhalten eine durchschnittliche Lohnaufbesserung von 7>/z Prozent. Der drohende Ausstand der Zcmentierer und Patentdeckenleger w Posen ist durch Vermittelung bor dem Gewerbegericht abgewandt worden. Die berechtigten Wünsche der Arbeiter mußte auch die Einigungskommission, die unter Vorsitz eines Stadtrates tagte, an- erkennen. Transportarbeiterstreik. In Barmen und Elberfeld haben am 29. April 360 Fuhrleute und Ablader die Arbeit eingestellt, nachdem die Unternehmer auf ihre am Osterdienstag eingereichten Forderungen eine ablehnende Antwort erteilt hatten. Die Fuhrleute fordern einen Lohn von 27 M. und vom 1. Mai 1912 ab 28 M., eine Arbeitszeit von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, Bezahlung der Ueberarbeit und jeden zweiten Sonntag frei. Die Ablader haben ähnliche Forderungen gestellt. Die Arbeitseinstellung ist in den Betrieben einmütig er- folgt und es ist zu hoffen, daß die Streikenden mit ihren be- scheidcnen Forderungen durchkommen. Vor Zuzug von Transport- arbeitern nach den beiden Wupperstädten wird dringend gewarnt. Der Kamp? im Hafengebiet Mannheim- Ludwigshafen beendet! Unter dem Vorsitz des Gewerbegerichtsvorsitzenden Dr. Erde! ln Mannheim tagten die Parteien in voriger Woche täglich fast ununterbrochen; Sonnabend dauerte die Sitzung bis nach 10 Uhr abends. Am Mittwoch soll die Arbeit wieder ausgenommen werden. Es kamen fünf Tarifverträge zustande mit durchschnittlicher Lohn- erhöhung von 1,30—2,— M. pro Woche auf vier Vertragsjahre ver- teilt. Ab 1. April 1912 tritt für die Mehrzahl der Arbeiter eine halbe Stunde Arbeitszeitverkürzung pro Tag ein. Für das Ma- schinenpersonal der oberrheinischen Reedereien wurden erhebliche Ver- besserungen erreicht in bezug aus Sonntags- und Nachtruhe sowie auch in den Löhnen. Huoland. Der Kampf der graphischen Arbeiter Finnlands, der Buchdrucker, Lithographen, Chemigraphen, Steindrucker, Buchbinder usw., an dem 2000 Arbeiter beteiligt waren, ist, wie bereits kurz berichtet, nach einer Dauer von drei Monaten und fünf Tagen beendet worden. Und zwar ist eS nach erneuten Verhandlungen zu einem Tarif- abschluß gekommen. Heute sind wir in der Lage, darüber näheres zu berichten: Die Arbeitszeit bleibt wie früher; für Litho- graphen und Chemigraphen täglich Z'/g und Sonnabends sechs Stunden; für Buch- und Stcindrucker usw. täglich neun und Sonn- abends sechs Stunden. Für die in zwei Schichten arbeitenden Maschinensetzer beträgt die tägliche Arbeitszeit acht und am Sonnabend sechs Stunden. Der Minimallohn der Buchdrucker. Steindrncker, Lithographen und Chemigraphen beträgt 27,54 Frank in der Woche, wozu noch ein Lokalzuschlag bis zu 23 Proz. kommt, je nach den versckiedenen Städten. Die Städte HelsingsorS, Abo und Wiborg gehören zur ersten Klasse. Es ist dies eine Erhöhung von etwa 6 Proz., gegenüber den früheren Minimallöhnen. Das Lehr- lin g s r e g u l a tiv bleibt wie früher. Die Gültigkeitsdauer des abgeschlossenen T a r i f e s ist auf fünf Jahre festgesetzt. Ein Schiedsgericht in Tarifstreitigkeiten soll eingesetzt werden. Jeder Verband wählt drei Repräsentanten. Diese Kommission hat alle Tarifstreitigkeiten zu entscheiden. Während der Gültigkeitsdauer des TarifeS darf es weder zur Aussperrung, noch zum Streik kommen. Wenn auch das Resultat eines 14 wöchentlichen verzweifelten Kampfes nicht dazu angetan ist, volle Befriedigung zu erwecken, so muß mgn aber andererseits in Betracht ziehen, daß bei den sinn- ländiswen Unternehmern die feste Absicht bestand, überhaupt kein Kollektivabkommen mehr zu treffen, und daß sich das gesamte Groß- kapital gegen die berechtigten Forderungen der finnischen Bucharbeiter verbündet hatte. Aus diesen Gründen können die graphischen Arbeiter Finnlands mir dem Erfolg zufrieden sein, und sie werden ihre Lehren aus dem. Kampfe zu ziehen wissen. Da noch ein größerer Teil der Ausständigen arbeitslos ist. soll Zuzug nach Finnland fern- gehalten werden._ Eisenbahnerkougrest in Italien. Rom, 29. April.(Eig. Ber.) Das Syndikat der italienischen Eisenbahner, die stärkste Organi- sation des Eisenbahnpersonals, hat an, 28. d. M. in Mailand ihren Kongreß beendet. Soweit sich die Verhandlungen um die Stellung- nähme gegenüber der Regierung drehten, wurde Ausschluß der Presse beschlossen. Es heißt, daß die Eisenbahner weitere Forde- rungen an die Regierung stellen und nach einein Monat, im Falle der Nichtberücksichtigung, zu passiver Resistenz schreiten würden. Es sei ausdrücklich hervorgehoben, daß wir hier nur ein Gerücht wiedergeben.— Der Kongreß beschloß weiter, der Konföderation der Arbeit beizutreten. Auch wurde die Notwendigkeit betont, ein Organ zur Vertretung der Interessen der Eisenbahner zu haben, da die eine Zeitlang in Mai- land erscheinende Tageszeitung des Syndikats„La Conquista" mit einem Defizit von 23 500 Lire ihre Veröffentlichungen einstellen mußte. Der Kongreß sprach in einer Tagesordnung der republi- kanischen„Nagione" für ihr Verhalten wahrend der Eisenbahner- agitalion seinen Dank aus._ Versammlungen. der Sterblichkeit vereinzelt noch Steigerungen gegenüber. Kon WOO ehelich Geborenen starben durchschnittlich im Jahre: SterblichkeitS» Verband der Brauerei- und Mühlenarbeiter, Zahlstelle Berlin. Der Generalversammlung, die am Sonntag nachmittag im Ge Werkschaftshause stattfand, lag der Geschäfts- und Kasienbericht vom ersten Quartal 1911 vor. Zunächst berichtete Schuldt über die Tätigkeit der Verwaltung, die stark in Anspruch genommen wurde. Die Arbeitslosigkeit, die im letzten Quartal 1910 schon einen großen Umfang erreicht hatte, nahm im ersten Quartal 1911 noch weiter zu. Die Benutzung des Arbeitsnachweises ist in erfreulicher Weise gestiegen; in der Berichtszeit sind 239 Stellen vermittelt worden, darunter 200 als feste Stellen. Die Erhöhung der Ver- bandsbeiträge hat— wenige Fälle ausgenommen— keine nach- teilige Wirkung für den Mitgliederbestand gehabt. Außer der Ge- neralversammlung fanden im Quartal 6 Gruppenversammlungen, 101 Betriebsversammlungen(darunter eine Versammlung aller Schultheißbetriebes, 11 Sitzungen des Vorstandes und der Ver- twuensleute, 3 Sitzungen des-Einigungsamtes und 32 Unterhand- lungen mit den Unternehmern statt. Bei diesen Unterhandlungen machten einige Mühlenbesitzer, die sehr anmaßend auftraten, be sondere Schwierigkeiten, indem sie die Anerkennung des Verbandes verweigerten. In 71 Fällen der Agitation, in 6 Fällen vor Ge richt und durch eine Bczirksleiterkonserenz wurden die Funktionäre des Verbandes ferner in Anspruch genommen, neben der großen Bureautätigkeit; das Bureau wurde durchschnittlich von 83 Per sonen pro Tag in der Berichtszeit besucht.— Schuldt ging auf die Verhandlungen des Einigungsamtes näher ein, wobei er die Frage der Sonntagsarbeit der Biersahrer berührte und die Hoff- nung aussprach, daß die Frage in diesem Sommer zur Erledigung kommen werde. Den gedruckt vorliegenden Kassenbericht erläuterte H o dapp. Die Abrechnung der Hauptkasse zeigt in Einnahme und Ausgabe eine Bilanz von 28 093 M. Unter den Ausgaben stehen 9673 M. als Unterstützung für Kranke und 5046 M. für Arbeitslose, 490 M. in Sterbefällen und 50 M. in Notfällen verzeichnet.— Die Abrechnung der Lokalkasse zeigt ebenfalls für Ar- beitslose eine Unterstützung, und zwar im Bettage von 2365 M. Die Einnahme der Lokalkasse im ersten Quartal 1911 betrug 11 579,28 M., die Ausgabe betrug 5400,95 M., mithin wäre ein Ueberschuß von 6178,33 M. vorhanden, aber dazu gehört ein Dar- lehen von 5000 M. aus der Hauptkasse. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung, die Maifeier betreffend, machte H o d a p p bekannt, welche Antworten von den Brauereien auf die Forderung, den 1. Mai freizugeben, eingegangen waren. Der Verein der Brauereien weist die Forderung wie bisher zurück, dagegen sind— mit einigen Ausnahmen— von einer ganzen Reihe Brauereien mehr oder weniger entgegenkommende Autworten ein- gelaufen. Dorvker entspann sich dann eine längere Diskussion. Die Versammctten beschäftigten sich zum Schluß mit verschiedenen Verbandsangelegenheiten interner Art und beschlossen unter an- derem auch eine Regelung der Entschädigung für die Einkassicrer. Hus der frauenbcwegung. Mutterschutz und Säuglingssterblichkeit. Mutter- und SäugliugSscbutz gehören zusammen. Ein guter Mutterschutz ist auch gleichzeitig ein guter Säuglingsschutz. Man kann daher einen Zusammenhang zwischen Säuglingssterblickikeit und Mutterschutz voraussetzen. Von dieser Voraussetzung ausgehend, ist ein gewisser Fortschritt in dem Schutz von Mutter und Kind zu konstatieren. In den letzten 30 Jahren hat die Säuglingssterblichleit in Preußen etwas abgenommen. Von 1000 Lebendgeborenen starben im ersten Lebensjahre durchschnittlich jährlich: in der Zeit von 1875 bis 1880 194, in der Zeit von 1331 bis 1890 194,8, von 1890 bis 1900 190,6 und von 1901 bis 1909 131,1. Diese Ziffern gelten für die ehelich geborenen Kinder. Für die unehelicb geborenen ergeben Ich die folgenden Angaben: 353,1, 354,7, 355,3, 312,5. In der Zeit der wirtschaftlichen Aufschwungsperiode nach der-schweren Krise in der zweiten Hälfte der 80er Jahre ist noch eine Zunahme der Säug- lingSsterblichkeit ersichtlich. Im letzten Jahrzehnt, in dem auf allen Gebieten der Gesetzgebung und Verwaltung die Sozialdemo- kratie einen größeren Einfluß ausübte, sieht man ein Sinken der Sterblichkeitsziffern. Sie sind trotzdem immer noch erschreckend hoch. Aber es muß auch festgestellt werden, daß die Sterblichkeit in den verschiedenen Bezirken und Städten sehr verschieden groß ist. Während z. B. im Regierungsbezirk Breslau von 1000 lebend- zeborenen ehelichen Kindern im letzten Jahrzehnt durchschnittlich ährlich im ersten Jahre 237 starben, waren es im Bezirk Aurich nur 97. Bei den unehelich geborenen Kindern kommt die Verschiedenheit der Sterblichkeit in folgenden Vergleichsziffern in die Erscheinung: Bromberg 408, Aurich 174. In geringem Maße mögen die klima- tischen und die besonderen örtlichen Verhältnisse die Differenzen er- klären, in der Hauptsache dürften sie jedoch auf soziale Faktoren zurückzuführen sein. Das wird bestätigt durch die Verschiedenheit in der SterblichleitSbelvegung. Stellt man z. B, die Ziffern aus der letzten Periode nach Regierungsbezirken und Städten zusammen, so ergeben sich sehr unterschiedliche Ziffern. Bon einer Parallelbewegung kann keine Rede sein. Ja. erheblichen Rückgängen stehen sogar in Es lassen sich zwei charakteristische Merkmale feststellen: In den Städten ist die Sterblichkeit heute zum Teil geringer als auf dem Lande, während früher das Land den Säuglingen hervorragend günstigere Lebensbedingungen bot. Mit Ausnahme von Königshütte ist die Sterblichkeit in allen Städten erheblich zurückgegangen, da- gegen zeigt die Vergleichimg nach Regierungsbezirken teilweise eine bedeutende Steigerung. Nur der Bezirk Potsdam kann eine starke Abnahme der Sterblichkeit nachweisen. Das flache Land dürfte daran aber weniger beteiligt sein, denn die Stadt Potsdam allein hat eine Abnahme von 27,5 Proz. zu verzeichnen. Die besseren Ver- hältnisse in den Städten erklären auch den Unterschied der Sterb- lichkeitsbewegung im Regierungsbezirk und in der Stadt Münster. Jener figuriert mit einer Steigerung der Sterblichkeit von 6,4 Proz., dagegen ist in der Stadt die Sterb» lichkeit der Säuglinge um 14 Proz. zurückgegangen. Es unter- liegt wohl keinem Zweifel, daß die ganz unverkennbare Verschiebung zugunsten der Stadt, wenigstens in der Hauptsache auf die bessere Fürsorge zurückzuführen ist, die speziell die Ortskranken- lassen in den letzten Jahren den Müttern angedeihen lassen. Als wcilere Ursache der Verminderung der Säuglingssterblichkeit in den Städten darf auch wohl die Säuglingssürsorge,' die sich zwar noch keiner hervorragenden, aber doch einer wachsenden Berücksichtigung erfreut, angesehen werden. Die Statistik ist eine gewichtige Stimme. die auf die Unterlassungssünden hinweist, die in der Frage des Mutter- und Säuglingsschutzes früher, und zwar besonders auf dem Lande, aber auch in den meisten Städten, begangen worden sind und auch heute noch begangen werden. Große Scharen Mütter und Kinder gehen noch immer zugrunde, die der Gesellschaft sehr gut erhalten werden könnten._ Versauunlnngen— Veranstaltunge«. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Heute Mittwoch. den 3. Mai, abends Sffz Uhr, im„Englischen Garten", Alexander- straße 27o: Vortrag.„Die erzieherischen Aufgaben vor und nach der Schulzeit". Referent: Heinrich Schulz. Gäste will« kommen._ Letzte ffaehrichten, Die Parlamentsbill im englischen Unterhause. London, 2. Mai.(W. T. B.) Das Unterhaus hat die zweiie Klausel der Parlamentsbill, die das Vetorecht der Lords in der allgemeinen Gcschgcbung einschränkt, mit 299 gegen 194 Stimmen angenommen. Man erwartet, daß die Diskussion über die übrigen Klauseln der Bill mvrgen abend zu Ende geführt werden wird. Unfallversicherung der Arbeiter vor der russischen Duma. �Petersburg, 2. Mai..(W. T. B.) Die Reichsduma crörterts heute die Regierungsvorlage über die Unfallversicherung der Ar- beiter. Der Referent, Baron Tiesenhausen, wies darauf hin, daß alle Mitglieder der Dumakommission für Einmischung deS Staates in die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit seien. Die Regierung sei jetzt entschlossen, die in den westlichen Staaten, besonders in Deutschland erprobten Maßregeln durchzuführen. Die Vorlage sei für Rußland bedeutungsvoll und müsse auf den«vette- ren Entwickelungsgang des russischen StaatSgedankens einwirken. Als Redner traten meist Sozialdemokraten auf. PokrowSki erklärte, die Sozialdemokraten feien für dio Versicherung, doch müßten die Kosten der Vorlage durch Besteuerung der Arbeitgeber aufgebracht werden; der Arbeitslohn, das Existenz- Minimum, dürfe nicht geschmälert werden. Da die Vorlage die Versicherung den Arbeitgebern übertrage, würden die Sozialdemo- traten dagegen stimmen. Der Kadett Stepanoff meinte, die Vorlage lasse zuviel Einmischungen der Lökalverwaltung zu und weise zu wenig Staatshilfe auf. Außerdem habe die Duma- kommission die Regierungsvorlage entgegen den Interessen der Arbeiter umgearbeitet�_ Vom marokkanischen Kriegsschauplatz. Tanger, 2. Mai.(Meldung des Reuterschen Bureau».) Briefe auS Alkassar, die gestern abgesandt worden sind, melden, daß die eingeborenen Soldaten in jenem Dijtrilt, die unter französischen Instrukteuren stehen, gemeutert haben, deserttert sind und sich weigern, unter den Franzosen Dienst zu tun. Die Nachricht, daß französische Truppen von Casablanca und Rabat nach Fes aufge- brachen sind, hat alle Stämme im Gharbgebiet in Aufregung ver» setzt. Tie Stämme proklamieren den heiligen Krieg. Unterschlagungen in einer städtischen Verwaltung. München, 2. Mai.(B. H.) Der„Bayer. Kurier" meldet au» Burg-hausen: Eine noch nicht zum Abschluß gelangte Revision der städtischen Kassen weist seit den letzten drei Jahren Veruntreu» ungen in Höhe von 12 690 M. aus. Es wird befürchtet? daß die Unterschlagungen eine noch viel größere Summe erreichen. Von einer städtischen Kasse fehlen seit fünf Jahren sämtliche Belege. Außerdem zirkulieren Gerüchte, daß von den tzochwasserunter» stützungen des Jahres 1899 der größte Teil unterschlagen wurde. Ungluckssall beim schweizerischen Tunnelbau. Bern, 2. Mai.(W. T. B.) Beim Vortrieb des TunnelS durch den Mont d'or bei Vallorbe erfolgte heute abend ein Un» glücksfall durch eine zu spät explodierende Mine. Zehn Arbeiter wurden dabei verletzt, davon drei schwer. Ein Arbeiter hat beide Augen verloren, sein Zustand ist hoffnungslos. Große Brandkatastrophe. Limoges(Frankreich), 2. Mai.(Meldung der..P. C.'.) Eine furchtbare Explosion erschreckte iheute morgen um Uhr die hiesigen Einwohner. In einer großen Schuhwarenfabrik explo- vierte beim Anzünden ein Gasofen, da man am Tage vorher ver- gessen hatte, den Hahn zu schließen, so daß sich das Zimmer fast völlig mit Gas angefüllt hatte. In wenigen Sekunden schlugen helle Flammen empor, und die Fabrik verwandelte sich in-ein Feuermeer. Obgleich die städtische Feuerwehr sowie die Hilfs- seuerwehr sofort zur Stelle waren, gelang es ihreen nicht, de» FeuerS Herr zu werden. Das Feuer griff so schnell um sich, daß 10 Minuten nach Entstehung deS Brandes bereits 10 Nachbarhäuser in Mitleidenschaft gezogen waren. Erst gegen Mittag ge- lang es, den Brandherd einzudämmen und ein weiteres Ueber- springen der Flammen zu verhindern. Einige Feuerwehrleute wurden verletzt. Der Besitzer der Schuhfabrik kam in den Flammen um, und sein Leichnam wurde völlig verkohlt unter den Trümmern _________ hervorgezogen.__ Lerantw. Redakteur: Albert Wach?, Berlin, Inseratenteil vergntw.; Zh. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdr.iz Verlagsanstalt PauISingertCo..BerlivS1V. Hierzu gPeU(Jgrtz«.ttntrrji<»lt»»gSl£ Nr. 102. 28. Jahrgang. 1 Keilsge des Dmiills" WMlh. 3. Mai 1911. Keickstag. 164. Sitzung. Dienstag, den 2. Mal, nachmittags 2 Uhr. Am Bundesratstiscb: Delbrück. Präsident Graf Schwerin-Löwitz heißt die Abgeordneten nach der tnerwüchigen Pause herzlich willkommen und gedenkt des Todes des Fürsten von Schaumburg-Lippe.(Die Abgeordneten haben sich von den Plätzen erhoben.) Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Einfnhrungsgesetzes zur Reichsverficherungsordnung. Staatssekretär Delbrück: Das Einführungsgesetz und das Gesetz betr. die Aushebung des Hilfskassengesetzes sind notwendige Folgen der Reichsverficherungsordnung. Das Einführungsgesetz zur Reichs- Versicherungsordnung schafft Uebergangsbestimmnngen für die Feit des Wechsels der gesetzlichen Vorschriften. Zunächst bestimmt es den Termin des Inkrafttretens der neuen Bestimnmngen; zum Teil wird ein Termin im Gesetz festgesetzt, zum Teil wird seine Festsetzung einer Bundesratsverordnung überlassen. Für die H i n t e r b l i e b e n e n- Versicherung wird der 1. Januar 1912 eingesetzt werden müssen, nachdem das Zolltarifgesetz entsprechend abgeändert ist; aber die Hinterbliebenen-Versicherung wird am 1. Januar 1912 nur dann in Kraft treten können, wenn die Reichsversicherungsordnung selbst erheblich früher erledigt ist. Der Redner geht dann, bei seiner leisen Stimme.schwer verständlich, auf einige Uebergangs- bestimmungen ein. Abg. Trimbor»(Z.): Das Einführungsgesetz zur Reichs- Versicherungsordnung wird namentlich in den ersten Jahren von größerer Bedeutung sein, als das Hauptgesetz selbst. Deshalb wird es notwendig sein, das Gesetz an eine Kommission zu ver- weisen, was ich beantrage. Die Hinterbliebenenversicherung kann, wie schon der Staatssekretär hervorgehoben hat, nur dann am 1. Januar 1912 in Kraft treten, wenn die Reichsversicherungsordnung erhebliche Zeit vorher erledigt ist; das ist eine e r n st e Mahnung an uns.— Das Einführungsgesetz enthält Uebergangsbestimmungen auch für die bisherigen Kassen- beamten. Die materielle Regelung der Verhältnisse der Kassenbeamten wird bei dem Hauptgesetz erfolgen. Daß die vorhandenen Kassenbeamten der neuen Dienstordnung unter- worfen werden sollen, erregt bei mir, wenigstens prima vista, keine Bedenken; erheblichere Bedenken sind dagegen erhoben gegen die Art und Weise, wie die Gehaltsverhältnisse der bisherigen Beamten geregelt werden sollen. Wir meinen, daß wohl- erworbene Rechte respektiert werden müssen; aber Verträge, die offenbar in krauäom legis geschlossen sind, um in Rücksicht auf die kommende Reichsversicherungsordnung sich Vorteile zu sichern, die bei der neuen Ordnung der Verhältnisse nicht möglich wären, können wir als mit bona ficlss(gutgläubig) geschlossene nicht an- erkennen.(Zustimmung im Zentrum.)— Das Gesetz wird auch dem Umstände Rechnung tragen müssen, daß die Einführung der Hinterbliebenenversicherung ursprünglich zum 1. Januar 1919 ver- sprochen war; deshalb wird eine gewisse Rückdatierung not- wendig werden.(Sehr richtig I im Zentrum.)— Zum Schluß ist dem Bundesrat vorbehalten, noch andere ihm erforderlich erscheinende Uebergangsbestimmungen zu treffen. Hier wird man mindestens verlangen müssen, daß sie dem Reichstage zur nachträglichen Genehmigung vorgelegt werden.(Bravo I im Zentrum.) Abg. Schickert(k.): Zu der Anregung, der Hinterbliebenen- Versicherung rückwirkende Kraft zu geben, haben meine Freunde noch nicht Stellung nehmen können; doch glaube ich, sie werden dieser Anregung aus finanziellen Erwägungen nicht zustimmen können.— Besonders stark sind die Bestimmungen angegriffen worden, welche sich mit der Regelung der Verhältnisse der bisherigen Kassenangestellten beschäftigen. Ver- träge in lrauckom legis, Verträge, die geradezu zur Umgehung des Gesetzes geschloffen sind, werden wir nicht respektieren, und ebenso billigen wir, daß unangemessen hohe Bezüge weiter an Kassenbeamte gezahlt werden. Meine Freunde wünschen aber, daß hierbei in jedem einzelnen Falle mit Schonung und Rücksicht vorgegangen wird.(Beifall rechts.) Abg. Hoch(Soz.): Die Bestimmungen des Einführungsgesetzes, welche die Verhält- niffe der bisherigen Kassenangestellten regeln, sind von grundsätzlicher Bedeutung, sie bringen etwas Neues, noch nie Dagewesenes in die Gesetzgebung hinein, es soll ohne jeden zwingenden Grund das geschehen, was sonst nur in revolutionäre» Zeiten als ein Akt der Revolution durchgeführt wird, nämlich die Entziehung wohlerworbener Rechte. Eine Begründung dafür, daß wohlerworbene Rechte ohne jede Entschädigung entzogen werden sollen, ist nirgends gegeben. Es handelt sich dabei um die Aufhebung eines Rechtsgrundsatzes nach bürgerlicher Anschauung, der bisher als erster Grundsatz der kleines f cuUlcton. „Damen der Berliner Gesellschaft". Man bezahlt 1 M. und be- kommt sie zu sehen, nicht auf einem Fünfuhrtee im„Kaiserhof". wo sie für ein Täßchen Tee mehr Geld hinlegen, als ein Heimarbeiter oder eine Näherin an einem schweren Arbeitstag verdienen— nicht bei einer inhaltsreichen Premiere— nicht bei der Eröffnung irgendeines Ver- gnügungSpalasteS— nicht auf einem„Elitcball"' für lediglich wohltätige Zwecke— nicht zu Roß im Tiergarten und nicht bei Rennen im Grunewald oder Hoppegarten. Man hört sie nicht maniriert über Firlefanz plauschen, sieht sie nicht geschnnnkten Antlitzes flirten— man bewundert nicht die voruehm-gleichgültige Eleganz, mit denen sie an den ersten Erdbeeren, Kiebitzeiern und Spargel» nippen, noch die fesche Art, wie ihnen die parsüinierten Zigaretten in den Puppen- fingerchen wippen. Man riecht kein Odeur und vergöttert keine Fünfhundert- und Tausendmarkhüte— nein, man begegnet ihnen allesamt in vollster Glorie: der Frail Gräfin, der Frau Stadtrat, der Frau Kommerzienrat, der Frau General, der Frau Geheimrat, der Frau Bankdirektor, der Frau Doktor, den Schauspielerinnen und Sängerinnen, man begegnet ihnen für den Spottpreis von einer Mark im Kunstsalon von»Keller u. Reiner". Sie haben ihre Pariser Kostüme angezogen, halte» den Mund geschloffen, sofern sie orientalisch-dicke Lippen haben, lachen jedoch freimütig, wenn die Zähne echt und nicht zu goldig flimmern, kokettieren mit kostbaren Ringen, Luxusgewändern und kostspieligen Hüten, sind dekollettiert und zu 99 Proz. auffallend häßlich. Aber das letztere ist Nebensache. Die größten Meister haben häßliche Frauen für alle Zeit verewigt. Hier hat fast keine Malerhand etwas zu erreichen verstanden. Hier weilt man im Land der Vogel- scheuchen und enipfindet Mitleid mit den Opfern. DaS sind wir, die eine Mark geblecht haben, in zweiter Reihe— das sind die Maler, die Männer»nt verlorenem oder verloren gehendem Talent an erster Stelle. Diese Ausstellung ist ein normales Zeichen der Zeit. Hält man fünf Minuten darin aus, länger erträgt man es nicht, dann blickt man nach keiner Frau Bankdirektor, nach keiner Frau Eisenbahn- direktionspräsident mehr, dann eilt man befreit auf die Straße und schaut mit zehnnial größerem Interesse das erste Grün der staubigen Läuinc. • Um einen bestimmten Teil des Publikums heranzuziehen ist diese Ausstellung:.Damen der Berliner Gesellschaft" bc- nannt. Es ist keine Angelegenheit, sich darüber aufzuregen. Ich wiederhole, es ist ein normales Zeichen der Zeit, die sich der eigenen Staatserhaltung gegolten hat. Alle Juristen, die bisher sich mi* dieser Frage beschäftigt haben, können es gar nicht begreifen, wie die Regierung zu einem solchen Vorschlag gekommen ist. Ein so reaktionärer Jurist wie Professor Zorn— um von anderen ganz zu schweigen— erklärt es für die selbstverständliche Pflicht einer jeden Regierung, die Staatsbürger nicht bloß gegen rechtswidrige Handlungen zu schützen, sondern sich auch selbst jedes ungesetzlichen Eingriffs in das Eigentum und die Rechte der Staatsbürger zu enthalten. Und ungesetzlich ist dieser Eingriff, denn die Verträge sind geschloffen auf Grund der Gesetze und im Vertrauen auf die Gesetze. Deshalb dürfen die mohlerworbenen Rechte nicht ohne Entschädigung entzogen werden.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Dieser Grundsatz ist hier auch stets anerkannt worden. Ich erinnere an da« Gesetz, durch welches die Privatposten aufgehoben wurden, ferner an das Verbot der Phosphorzündhölzer; erst kürzlich beschäftigte man sich in diesem Hause bei der Wert- zuwachssteuer mit derBesteuerung der Landesfür st en, und da erklärten dieselben Herren, welche jetzt den Kassen- beamten ihre Rechte nehmen wollen, die Fürsten müßten steuerfrei bleiben aus staatsrechtlichen Gründen. Bei den Kassenbeamten haben sie staatsrechtliche Bedenken dagegen nicht. Bei der Einführung des preußischen Einkommensteuer- gesetzes wurden an die Reichsunmittelbaren sehr erhebliche Ent- schädigungen gezahlt, weil ihre wohlerworbenen Rechte geschädigt wurden. Bei den Kasienbeamten, die ja nur gewöhnliche einfache Menschen sind, setzt man sich darüber hinweg. Dieses Vorgehen der Regierung ist so ungeheuerlich, daß selbst ein Mann wie der AmtsgerichtSrat Hahn die Frage aufgeworfen hat, wie es möglich sei, daß eine solche GesctzeSvorlnge gemacht wird, und er macht für die Herren Geheimräte das Privilegium der Dummheit geltend und meint, sie übersehen die Tragiveite ihrer Handlungen nicht. Ich meine aber, die Herren wußten sehr wohl, was sie taten, ich glaube gar nicht, daß es ihnen mit dieser Bestimmung ernst ist, ich sehe darin nur ein abgekartetes Spiel, die Regierung soll einen solchen Vorschlag machen und dann werden die bürger- lichen Parteien sich als die Verteidiger der bürgerlichen Rechte hin- stellen und eine kleine Entschädigung zubilligen.(Widerspruch im Zentrum,) Jawohl, Herr Kollege Becker, in dem langen Sommer, in dem ich mit Ihnen zusammengearbeitet habe, habe ich gelernt, auch an solche Dinge zu glauben. Wenn meine Voraussetzung richtig ist— und darin bestärken mich die ungenügenden Entschädigungsanträge, die in der Kommission gestellt sind— so muß ich doch betonen, mit Entschädigungen sind nur Einzelpersonen abzufinden, hier aber dreht es sich nicht nur um An- sprüche und Rechte der in Betracht kommenden Personen, sondern um die Leistungsfähigkeit der Kran kenfür sorge, um das Selb st verwaltungsrecht der Arbeiter, darum, ob die Krankenfllrsorge weiter ausgebaut und ver- bessert oder heruntergedrückt werden soll.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Und wenn eine Ent- schädigung für die Kassenbeamten ausgesprochen wird, wer soll sie bezahlen? Die Regierung wird sagen, das sollen die Kassen tun. Liegt denn aber irgend ein Grund zu solcher Maßnahme vor? Die Regierung, der Staatssekretär Herr T r i m b o r n und Herr Schickert hätten doch die Pflicht gehabt, den Nachweis zu er- bringen, daß eine Notwendigkeit vorliegt, die Kassen zu ent- rechten, sie zu bevormunden und ihnen ihre Beamten zu nehmen. In der Kommission ist Herr Becker als Wortführer seiner Partei aufgetreten und sagte, er hätte ivohl Material, er wolle es aber erst im Plenum vorbringen. Im Plenum sagt jetzt Herr Trimborn. das sind Einzelheiten, das werden sie erst später vorbringen. Bei so ungeheuerlichen Dingen ist man verpflichtet, das Material vorzubringen. Aber sie haben kein Material und drücken sich deshalb von einem Tage zum andern.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Sie müssen ja fürchten, tvenn Sie mit Ihren Schauergeschichten kommen, daß wir in jedem einzelnen Falle die Unwahrheit nachweisen, und deshalb wagen Sie nicht, mit der Sprache herauszugehen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Was hat denn die Regierung für Material vorgebracht? Nur die Verträge, die hier und in der Presse wiederholt schon besprochen sind. Zu meinem Bedauern hat Herr Trimborn auch heute die Hand dazu geboten, gewisse Lügennachrichten über diese Verträge zu unterstützen, denn er sprach von Verträgen, die in böslicher Absicht, um dem Gesetze ein Schnippchen zu schlagen, geschlossen sind. Die Verträge reichen bis zum Jahre 1999 zurück. Damals hat bereits Regierungsrat Dr. H o f f m a n n, der einfluß- reichste Mann in diesen Dingen— er ist viel einflußreicher, als die Herren auf dem Ministersessel— geschrieben, eine Verbesserung der Verwaltung der Krankenkassen würde nur dadurch zu erreichen sein, daß die Verwaltung der Gemeindeverwaltung oder der des weiteren KoininunalverbandeS angegliedert wird, wie es jetzt der Entwurf indirekt vorsieht. Weiter verlange er, daß im Streitfalle der Vorsitzende aus der Zahl Mißgeburten nicht schämt. Keine dieser Damen der Berliner Ge- sellschaft. eine einzelne Schauspielerin vielleicht ausgenommen, ist von der Hand des Malers aus Verlangen, aus innerem Drang, ans Leidenschaft, aus freiem Willen, geschaffen worden. Es ist alles be- stellte Kunst, Modeleistung. Nur ein Künstler mit Talent, der z. B. die erste beste Straßendirne in sein Atelier führt, weil in ihm die Be- gierde entstand, diese Dirne ihres GesichtsauSdruckes wegen zu malen und der dabei, in glücklicher Schöpferstunde, an leinen Verkauf denkt, vollbringt etwas— der Modemaler, der in Person gekaust wird.Znie nichts. In einem halben Jahrhundert— den Fall gesetzt, daß dann von der Massenindustric, die heute Gemälde, Romane, Dramen in unberechenbarer Anzahl auf den Markt wirft, etwas übrig bleibt!— wird es keinen Sterblichen interessieren, ob die Dame mit dem Schülerschen Kostüm eine Frau Geheimrat oder eine Frau Ritter- gutsbesitzer der«Berliner Gesellschaft" war. Dann lvird man das Gemälde als Gemälde und den Maler nach seiner Hingabe und Be- geisterung für das Werk beurteilen. Wir fragen auch jetzt nicht nach den belanglosen Namen der gutsituierten Bürger und Philister, die sich von einem Rembrandt, einem Dürer, einem Holbein malen ließen; wir bewundern daS Talent der vergangenen Jahrhunderte, nur das Talent, und ärgern uns höchstens über die vornehme Gelassenheit, mit der so eine„Frau von Ansehen" oder so ein„Mann von Ansehen" für den Maler jener Zeit posierten. Die Ausstellung in der Potsdamer Straße lehrt mit zynischer Offenherzigkeit, nach welcher Mchtung hin die Künstler gedrängt werden. So lange kein Name vorhanden, wird am Hungertuch gesogen. Hat man einen Namen, dann malt man Damen der Berliner Gesellschaft und saugt am Geldeutel der Protzen. An eine Ausstellung von„Arbeitern der Berliner Fabrikwelt" würde kein Mensch mit gesundem Hirn denken. Geht hin, beschaut Euch die PorträtauSstellung in der Potsdamer Straße, die Frau Kommerzienrat, die Frau Bankdirektor, die Frau Generalissimus, die Frau Wirkliche Geheimrat, Exzellenz Soundso--- � Es hat seit langer Zeit keine solche lehrreiche, erhebende, von unfreier Kunst Zeugnis ablegende Ausstellung gegeben, meint HeinzSperber. Theater. Trianon-Theater(Gastspiel des Neuen Schauspielhaus- Ensenible): Das Prinzchen. Schwank von Robert Misch. Wieder eine jener mit wenig Witz und viel Behagen versuchten Nachahmungen der schon in den Originalthpen bei allem aus- geschminkten Uebermut meist so frostig gekünstelten Pariser Schwank- inanier. Plumpe Frivolität, der nicht nur jede Kraft, auch jede Absicht zur Satire fehlt, soll für das Manko lustspielmäßiger Er- der Kommunalbeamten genommen wird, wie es ebenfalls der Entwurf vorsieht und ebenso wollte er, daß die Kasienbeamten von der Gemeinde zur Verfiiguna gestellt würden. Damals suchten die Kasienbeamten sich gegen solche Vergewaltigung zu schützen und traten in Berlin zusammen und verlangten den Abschluß eines Tarifvertrages, in dem sich der ominöse Z 1 schon wörtlich findet. Ist das etwa böswillig geschehen gegen die spätere Gesetzgebung, und nicht vielmehr ganz loyal, um ihre Stellung zu sichern. Aus der Vorlage sehen Sie ja, wie berechtigt die Furcht der Kassenbeamten war. Und es handelt sich bei diesen Beamten nicht um Leute, die heute und gestern oder vor wenigen Jahren ihre Stellungen angetreten haben und sich ebenso leicht andere Stellungen suchen können. Die Krankenversicherung besteht jetzt 26 Jahre und wir haben Beamte, die seit 29 und mehr Jahren in ihren Stellungen sind, sich vorzüglich eingearbeitet haben, aber bei ihrem vorgerückten Alter und ihrer seitherigen einseitigen Beschäftigung für andere Stellungen unfähig geworden sind. Daß solche Leute sich in ihrer Stellung schützen wollen, ist doch selbstverständlich, und auch Herr Trimborn würde in einem solchen Falle als Familienvater diese Verpflichtung empfinden.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Es handelt sich also nicht um eine Täuschung des Gesetzes, sondern um einen Akt der Notwehr, und bei der Notwehr muß man e§ den Leuten auch zu gute halten, wenn sie etwas über das Ziel hinausschießen. Ich trage nicht Bedenken zu sagen, daß das geschehen ist, eS sind Bestimmungen ungeschickt abgefaßt, weil die Leute sich vor Vergewaltigung schützen wollten. Mit großer Eile ist nicht vorgegangen worden, im Jahre 1999 sind die Berliner Angestellten mit ihrer Forderung aufgetreten, und erst im Jahre 1996 wurde der Vertrag angenommen, und in der ganzen Zeit ist öffentlich darüber diskutiert worden, und bei den Vertragsverhandlungen 1996 war Dr. Hoffmann und noch ein Rcgierungsvertreter zugegen. Aber diese fanden nichts dagegen zu erinnern und ebensowenig die Aufsichtsbehörden, die sich in den näÄsten Jahre» damit zu beschäftigen hatte». Erst 1919 wurde der Spandauer Fall vom Oberverwaltungsgericht entschieden, und die von ihm beanstandeten Bestimmungen sind dann sofort be« seitigt worden. Schon 1997 ist der Vertrag auch im Reichsarbeits- blatt veröffentlicht worden, und weder der Staatssekretär noch irgend einer der anderen Herren haben sich damals darüber entrüstet. Es ist auch unrichtig, daß nur sozial- demokratische Kassen solche Bestimmungen getroffen haben. Herr v. Westarp liest freilich aus der Bestimmung, daß politische Gründe kein Grund zur Entlassung sein dürfen, heraus, daß die Kassen sogar Königsmörder anstellen wollen.(Lachen bei den Sozial« dsmokraten.) Solche Einwände sind natürlich nicht ernst zu nehmen. Von Kassen, deren Vorstandsmitglieder überwiegend dem Zentrum angehören, sind diese Verträge ebenfalls geschlossen worden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Und in einem nicht von einer Krankenlasse, sondern von der Aufsichtsbehörde geschlossenen Vertrage heißt eS, daß nur Bei wiederholter grober Verletzung der Dienstpflicht eine Kündigung zu- lässig i st. Warum stellt man denn dann eine solche Aufsichts- behörde nicht unter Kuratel?(Graf Westarp F.]: Deshalb machen wir eben das Gesetz!) Nein, Sie machen das Gesetz als ein Ausnahmegesetz gegen die sozialdemokratischen Beamte» der Ortskrankciikaffcn. (Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich verweise auf eine Zuschrift in der„Kölnischen Volkszeitung", eititt» Zentrumsblatt, worin Verwahrung dagegen eingelegt wird, daß bei der Ab» fassung der Verträge das sozialdemokratische Parteiinteresse maß- gebend war. Es existieren eine große Zahl von Kassenbeamten, die nicht auf sozialdemokratischem Boden stehen und sich dagegen ver- wahren, daß diese Verträge als sozialdemokratische Mache hingestellt werden. So urteilen politische Gegner, die von der Sache etwas verstehen, sie bestätigen, daß hier em Akt der Notwehr ohne Verbindung mit irgend welcher Partcibestrevuny vorlag. Alle anfechtbaren Bestimmungen in dem Vertrage sind übrigens nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch ungültig, existieren also rechtlich gar nicht. Deshalb sagt Prof. Stier-Somlo mit Recht: Was will denn die Regierung, die Bestimmungen sind ja ungültig und brauchen deshalb nicht erst durch Gesetz aufgehoben zu werden. In den Ausnahmebestimmungen gegen die Kassenbeamten ist auch vorgesehen, daß unangemessen hohe Besoldungssätze gekürzt werden können. Ist denn aber nur eiir einziger Fall einer un- geheuer hohen Besoldung nachgewiesen? Die Beamten behaupten im Gegenteil, sie werden ungenügend bezahlt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Gehen Sie doch aber einmal an die Berufsgenossenschaften, da sind wiederholt Gehälter von so und soviel Tausenden von Mark nachgewiesen. Weiter meinte Herr Trimborn. er hätte nichts dagegen findung und Durchführung entschädigen. Lang und breit bekommt man die galanten Lumpereien eines Prinzen, den des Autors merk- würdiger Geschmack' für einen ganz famosen Kerl zu halten scheint, aufgetischt. Ein Theaterdämchen nimmt sich, der Ehre und des Geldes halber, seiner Erziehung in dem Fache an und beschäftigt sich außerdem zu ihrem eigenen Vergnügen mit der Verführung eines pedantisch unbeholfenen Philologiestudenten, den sie ols Literaturlehrer engagiert. Sie will den guten Jüngling, nachdem er unter ihrer Leitung sich zu annähernd prinzlichen Bummelleistungen entwickelt hat. heiraten und standesgemäß versorgen. Diesem Zweck dient die Erfindung eines Prinzchens, das sie angeblich erwartet. Der alte Herzog, dem sie die Komödie einer verlassenen Geliebten und künftigen Mutter vorspielt, ist gern zu jeder Abfindung bereit, und macht den Philologen, der gar nicht merkt, welch' klägliche Figur er bei dem Handel spielt, zum Hof- bibliothekar. Eine flotte Aufführung— Ida Wüst ließ in der Hauptrolle höchst ergötzlich alle drolligen Durchtriebenheiten ihres urwüchsig frischen Temperaments spielen— verhalf dem Stück trotz seiner Oede zum Applaus, tU. Notizen. — Theaterchronik. Als einmalige Veranstaltung geht am Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, im Modernen Theater Ossip D y m o w s neues Drama„Irrwege" in Szene. Es wird vom„Verein für Kunst" aufgeführt. — In der Turiner A»'s st e l l u n g wurde die deutsche Abteilung für Industrie und zwar als erste am 1. Mai eröffnet. — Die Sonnenfinsternis, die nur auf der siidlichstci Halbkugel sichtbar werden konnte, wurde nach Meldungen anS Melbourne an verschiedenen Punkten Australiens beobachtet. Der Regierungsastronom Baracchi telegraphierte von Vavau, die Ergebnisse der anstralische» Expedition seien besser, als ma>, er- wartet hätte. Es sei gelungen, dreißig Bilder der Korona auf- zunehmen. — Radium und D i p h t h e r i e g i f t. Im Laboratorium Prof. Metschnikoffs in Paris sind interessante Beobachtungen über die Wirksamkeit von Radium aus die von den Diphtheriebazillen ge- bildeten Gifte angestellt worden. Wurden diese Toxine mit einer radiumhaltigen Flüssigkeit vermischt oder von Radiumplatten her bestrahlt und dann Tieren eingespritzt, so war ihre Gistwirkung stark herabgesetzt. Ebenso wurden gewisse Stoffwechselprodnkte von Tuberkelbazillen zwar uickit völlig entgiftet, aber doch in ihrer Wirksamkeit geschädigt. Wenn es sich hierbei auch nur um Laboratoriumsversuche in geringem Maßstabe handelt, so eröffuea sich dpch aus ihnen wertvolle Gesichtspunkte für die Praxis. emzulve'ndeis, dag die Beamlcn der nclifti Tienstordnunz unlcr stellt würden. Es kommt aber dabei die Kündigungsfrist in Be� rracbt, auch regelt die Dienstordnung die Alterszulagen und die Pcnsionsbezüge. Wenn also Pensionen und Hinter- bliebe n en vers orgung vertraglich ausgemacht ist, so kann man solche Rechte den Angestellten und ihren Witwen und Waisen doch nicht mit einem Federstrich entziehen. Deshalb ist auch das Unterstellen der Beamten unter die Dienstordnung eine sehr wichtige Frage. Um diese ungeheuerlichen Vorschläge zu recht- fertigen, wird von„Mißständen" in den Krankenkassen gesprochen. Aber trotz krampfhaften Suchens hat man kein Material bekommen können, um diese„Mißstände" zu beweisen. Die ein- schlägige Broschüre des Reichsvcrbandcs, den man ja im Parlament nicht mit seinem wahren Namen nennen darf(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), steht so unter aller Kritik, daß kein Mitglied der Kommission sich mit ihr zu identifizieren gewagt. (Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Nur ein paar Stichproben von diesem„Material" des Reichsverbandes: da soll Nepotismus geübt sein, weil eine Tochter Fräßdorss in einer Krankenkasse angestellt ist. Fräulein Fräßdors bezieht auch nicht einen Pfennig mehr Gehalt als irgendeine andere Angestellte. In der gemeinsten und feigsten Weise hat der Reichsverband den Nor- sitzenden der Mannheimer Ortskrankenkasse, einen an- gesehenen Kaufmann und bürgerlichen Demokraten, angegriffen. Der Mann ist in Mannheim allseitig als unantastbarer Ehrenmann bekannt, wie Herr Bassermann bestätigt.(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Ter Vorsitzende einer sächsischen Ortskrankenkasse wurde beschuldigt, einen Kasse nbeamten durch Schikanen in den Tod getrieben zu haben. Die Untersuchung ergab, daß, wenn den Vorsitzenden ein Vorwurf trifft, es der ist, daß er zu milde vorgegangen ist.(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Herr P a u l i- Potsdam, der auch allerlei Schauergeschichten von„Mißständen" zu erzählen wußte, berief sich auf einen Gewährsmann, der nachher erklärte, daß Herr Pauli ihn völlig mißverstanden habe.(Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) Ebenso hat sich die Geschichte vom Plakat im Bureau einer Ortskrankenkasse, daS zum Austritt aus der Landeskirche aufforderte, als völlig erlogen erwiesen. >(Zuruf des Abgeordneten Becker.) Gewiß steht diese Geschichte im Bericht der Kommission; aber oieser Bericht ist in einer geradezu unerhörten Weise zuswnde gekommen.(Wiederholte Zurufe bei den bürgerlichen Parteien; lebhaste Zustimmung bei den Sozial- dcmokraten.— Vizepräsident Dr. Spahn bittet, alle Zwischen- rufe zu unterlassen.) Wir unsererseits lehnen jede Verant- Wartung für den so zustande gekommenen Bericht ab.— Herr Becker wurde im vorigen Jahre in eine Kommission gewählt, die gegen die Entrechtung der Krankenkassen wirken sollte, und er nahm diese Wahl an. In der Reichstagstommission aber machte er die ganze Entrechtung der Krankenkassen mit.(Stürmisches Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) Ich nehme an, daß der Abgeordnete G i e s b e r t s eine andere Stellung einnimmt. �Widerspruch im Zentrum.) Nein? Tos ist ja sehr interessant zu hören. Vor einigen Jahren nahm noch Herr Giesberts gegen jede Entrechtung der Krankenkassen Stellung und sprach sich mit Entschiedenheit gegen die Rückwärtsrevidie- rung der Versicherungsgesetzgebung aus. Das entsprach ja auch der Haltung, wie sie das Zentrum z. B. gegenüber der Umsturzvorlage einnahm. Arbeitersekretäre saßen damals noch nickt im Reichs- tagSzentrum, aber die Interessen der katholischen Arbeiter wurden entschieden besser wahrgenommen als jetzt.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir sind durchaus dabei, Mißstände abzustellen. Es handelt sich aber hier nicht um die Abstellung von Mißbräuchen, sondern es handelt sich, wie Professor Francke mit Recht hervorgehoben hat, um ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter- '(Lebhaftes Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)' Schon seit ISW sammelt man Material für dieses Gesetz; schon Fürst B ü l o w hör ein solches Ausnahmegesetz in Aussicht gestellt, und da will man behaupten, der Vertrag von 1906 zwischen den Kassen und ihren Angestellten sei die Veranlassung dieses Vorgehens I Man sei doch offen. Man will ganz im Sinne des Herrn v. S t u m m. der frei- lich ehrlich genug war, diese seine Ansicht auch einzugestehen, dem Zustande ein Ende machen, daß Arbeiter sich in autoritären Stellungen befinden. Darum schützt man Fehler vor, wie sie über- all vorkommen, nicht zum wenigsten bei Berufsgenossen- schaften und bei Ministern(Heiterkeit), um den Kassen ihren Stab von Beamten zu nehmen, den sie sich unter Mühen und Opfern aufgezogen haben. Mitten im Sozialistengesetz hat der Reichstag nicht gewagt, den Arbeitern das Recht auf Verwaltung ihrer Kassen abzusprechen, und Herr von Bötticher, der da- malige Staatssekretär, erklärte, daß man die Versicherung auf die wertvollen Vorarbeiten aufbauen müsse, die die freien Hilfs- kassen geleistet haben.(Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) Jetzt aber will man an die proletarische Selbstverwaltung der Kassen heran: man will den Arbeitermassen die Beamten nehmen. zu denen sie Vertrauen haben, man will ihnen gerade die Versiche- rungsform verekeln, die ihnen ans Herz gewachsen ist. Der Arbeiter spricht von„seiner" Krankenkasse; er wird niemals von seiner Unfall- oder Invalidenversicherung sprechen. Es ist geradezu lächerlich, wenn die Regierung die Leistungen der Berufs genossenschaften gegeniiber denen der Krankenkassen feiert. Damit wird sie nicht die Tatsache aus der Welt schaffen, daß der sprin- gende Punkt der ist, daß die Konservativen die Leistungen der LrtSkrankenkassen herabdrücken wollen, damit diese nicht in gar zu grellem Mißverhältnis zu den jämmerlichen Leistungen der Land- krankenkassen stehen. Weil sich zu dieser Herabdrückung der Leistun- gen nicht Beamte hergeben, die Ehre im Leibe haben und die daS Vertrauen der Arbeiter besitzen, darum will man den Kassen Militäranwärter aufzwingen, dir im Tone des KasernenhofS zu Arbeitern reden und mit völliger Berständnislosigkeit an soziale Fragen herantreten. Und die Regierung zeigt sich diesen Wünschen gegenüber so willfährig, daß sie nicht einmal auf die Ausführung ver Arbeitgebervertreter in den Krankenkassen achtet, die so gar nichts von ihrer angeblichen Entrechtung durch die„sozialdemo- kratischen Verwaltungen" wissen. Die Regierung sagt diesen Leuten: Ihr wißt ja selbst nicht, wie entrechtet Ihr seid!(Heiter- keit bei den Sozialdemokraten.)— Die Arbeiter werden es sich merken, wie leicht die sogenannten staatserhaltenden Parteien und mit ihnen die Regierung über wohlerworbene Rechte hinweg- schreitet, wenn es sich um Erfüllung scharfmacherischer Wünsche handelt. Wir aber werden alles wn, was in unseren Kräften steht, um dieses Attentat auf die Arbeiterklasse zu vereiteln.(Stürmischer anhaltender Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Delbrück: Der Abgeordnete Hoch stellt mich als Vollstrecker der Wünsche der Industriellen hin.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In den Kreisen der Industriellen selbst denkt man anders darüber. Da beschuldigt man mich im Gegenteil, den Wünschen und Interessen der Industriellen kein genügendes Verständnis entgegenzubringen.(Heiterkeit bei den Sozial- demokraten.)— Der Abgeordnete Hoch stellt es so hin, als ob die Regierung beabsichtige, alle Kasscnbeamten, die irgendwie mit der Sozialdemokratie in Verbindung stehen, auf die Straße zu werfen. Wo steht das geschrieben, daß die Regierung eine solche Absicht hat?(Stürmische Heiterkeit bei den Sozial- demokraten. Zurufe: Seit wann schreibt man so etwas offen in Gesetzestexte?> Die wohlerworbenen Rechte sollen in keiner Weise angetastet werden, die Verträge, die zu keinen erheblichen Bedenken Anlaß geben, sollen geachtet werden. Aber es handelt fick bei diesen Verträgen doch nicht um Verträge rein privatrechtlichen Charakters zwischen Privatperionen, sondern um öffentlich-rechtliche durch Reichs- Seietze geregelte Angelegenheiten. Darum muß der Anfsichtsbehölde das techt gegeben werden, die Verträge zu beaufsichtigen, u n a n- gemessene Vertrage zu verhindern oder, falls solche bestrittstt Wörden, daß Verträge abgeschlossen sind, die den guten Sitte» zuwiderlaufen. Die weiteren Ausführungen des Redners bleiben im Zusammenhang unverständlich. Abg. Horn-Reuß(natl.): Der Abg. Hoch hat eine Anzahl Fragen angeschnitten, die mit dem vorliegenden Gesetze nur in sehr losem Zusammenhange stehen und auf die ich jetzt nicht näher ein- gehen will, weil zu ihrer Behandlung im Laufe der nächsten Wochen sehr reichliche Gelegenheit sein wird. Der Staatssekretär hat schon erklärt, daß niemand daran denkt, die sozialdemokratischen Kassen- beamten aufs Pflaster zu werfen. Wir werden das Gesetz in der Kommission vorurteilsfrei und mit großem Wohlwollen gegenüber den Kassenbeamten prüfen. Abg. Behrens(wirtsch. Vg.): Ueber Einzelheiten wird sich in der Kommission reden lassen. Wohlerworbene Rechts sollen nicht ver- letzt werden, aber Mißstände, die sich herausgestellt haben, müssen beseitigt werden. Die Sozialdemokraten verwechseln immer sozial- demokratische Interessen mit Arbeiterinteressen. Sozialdemokratische Interessen mögen gefährdet sein; Arbeiterinteressen aber sind nicht durch das Einführungsgesetz und durch die ReichSversiche- rungsordnimg gefährdet.(Bravo I rechts.) Abg. Dovr(Fortschr. Bp.): Die erste Lesung ist in der Tat nicht der geeignete Ort, schon zu sehr auf alle Einzelheiten einzugehen. Es handelt sich zunächst einmal um Festlegung der Grundlinien. Gewiß muß für eine neutrale und objektive Verwaltung der Kranken- kassen gesorgt werden. ES ist aber uns mehr als fraglich, ob eS zu diesem Zweck notwendig ist, die Verwaltungsbehörden mit so weitgehenden Befugnissen auszustatten. Es wird die Aufgabe der Kommission sein, in ernste Erwägungen darüber ein- zutreten, wie die wohlerworbenen Rechie der Kassenbeamten durch wirksamere Garantien zu schützen sind. Das Gesetz ist sehr verbesserungsbedürftig, wenn ich auch nicht so weit gehen möchte, es als Ausnahmegesetz zu bezeichnen.(Bravo! bei den Fortschrittlern.) Abg. Dr. Schultz(Rp.): Ich muß mich gegen die Angriffe des Abg. Hoch auf die Feststellimg des Kommisnonsberichts wenden. Ich habe als Vorsitzender der Kommission selbstredend die För- derung der Geschäfte als meine Hauptaufgabe bstrachtet und in diesem Sinne auch die Feststellung des Berichts behandelt. Die Parteigenosien des Abgeordneten Hoch in der Kommission haben in keiner Weise gegen diese Feststellung deS Berichts Protest erhoben.(Hört! hörtl rechts.)— Zur Sache selbst habe ich zu bemerken: eS handelt sich in keiner Weise um ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter, wohl aber darum, die Arbeiter gegen zu hohe Bezahlung der Kastenbeamten zu schützen. Wir werden die ein« schlägigen Bestimmungen in der Kommission wohlwollend prüfen und nach Möglichkeit darauf Bedacht nehmen, daß wohlerworbene Rechte nicht verletzt werden.(Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Zum Studium der sehr eingehenden Berichte war eine ge» nügende Zeit nicht vorhanden. Daß die sozialdemo- kratischen Mitglieder der Kommisston sich gegen die Feststellung nicht gewehrt haben, liegt daran, daß wir einer kompakten Mehrheit gegenüberstanden, so daß eS nichts genützt hätte.— Die Nachprüfung der Vertröge wird allerdings nicht dazu führen, alle sozialdemokratischen Beamten aus den Kranken- kassen zu bringen. Aber die Bestimmung, zu prüfen, ob ein Be« amter die Befähigung für sein hohes Gehalt hat, ist eine Aus- iiahmcbestimmuiig, weil nur gegen Sozialdemokraten davon Gebrauch gemacht werden wird(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) und das ist politischer Mißbrauch und Willkür. Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Staats- sekretär hat sich dagegen gewendet, daß die Regierung eine zu enge Verbindung mit dem Zentralverband deutscher Industrieller habe. Nun in jeder Sitzung des Ausschusses dieses Verbandes ist die Ne- gierung nicht nur durch einen, sondern durch mehrere Vertreter ver- treten, und jetzt ist im Ausschuß deö Zentralverbandes erklärt worden, der Referent im Reickisamt des Innern habe sich zusammen mit dem Zentralverbande sehr eingehend mit der Blaterie be- schäftigt. Die enge Beziehung ist also gar nicht zu be- streiten, und wenn der Zentralverband jetzt erklärt, mit dem Gesetz sei er nicht einverstanden, so ist das nichts als politischer Theaterdonner. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auf dem Krankenkassenkongreß, der am Sonntag in Berlin tagte und von 1586 Delegierten beschickt war, die 6 Millionen 379 000 Mitglieder vertreten, war die Regierung nicht vertreten. Sie hätte auf die Einladung antworten können:.Wir sind beim tentralverband deutscher Industrieller engagiert und da hat es keinen weck, zu Euch zu kommen". Weshalb denn die Ausrede, kein Ver- lreter bätte Zeit.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Sagen Sie doch offen und ehrlich, wir brauchen Eure Informationen nicht, wir kennen Eure Wünsche, wir können ihnen aber nicht nachkommen, weil es der Zentralverband deutscher Industrieller nicht erlaubt, und die Verbindung mit ihm uns wertvoller ist als die mit den Kranken- kassen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr T r i m b o r n hat in seiner Rede einige Bedenken geäußert. DaS waren die bekanntenRedenSarten deö Zentrums in der ersten Lesung. Er sagt, wir werden prüfen. Jawohl, soweit nämlich, wie es Graf Westarp erlaubt. Das Zentrum ist ja jetzt für die Konservativen ein dankbares Objekt der Prüfung der politischen Folgsamkeit. Die Interessen der Arbeiterschaft hat das Zentrum überall aufgegeben. Offen und ehrlich haben auf dem letzten Kongreß der christlichen Gewerkschaften auch diese sich gegen die Entrechtung der Krankenkassen ausgesprochen, aber irgend ein Einfluß der christlichen Arbeiter ist beim Zentrum jetzt nicht zu spüren. Wenn Herr Behrens behauptet, auch die christlichen Arbeiter haben sich über den Einfluß der Sozialdemo kraten bei den Krankenkaffen beschwert, so sage ich wo. weisen Sie mir daS nach. GieSbertS hat das ausdrücklich zurückgewiesen. Wir haben den christlichen Arbeitern die Verhältniswahl konzediert, um auch ihnen eine Vertretung zu ge- währen. In Frankfurt a. Di. waren wir die ersten, die das raten, aber die Aufsichtsbehörde gestattete daS nicht, angeblich weil eS dem Gesetz widerspräche.(Hort! hört! bei den Sozialdemokraten.) In ihrer Wirkung richten sich die Maßnahmen, die wir bekämpfen, gegen die gesamte Arbeiterschaft. Wer demokratisch fühlt, muß der Arbeiterschaft das Recht geben, zu bestimmen. wen sie in verantwortliche Stellungen nehmen will, ohne daß die Aufsichtsbehörde ein Recht der Bestätigung und Nachprüfung hat. Ein solches Recht bringt immer die Gefahr der Willkür und de? politischen MißbraucheS mit sich. Dagegen wenden wir unS und dagegen müßte sich jeder wenden, dem die Fortentwickelung der Arbeiterschaft am Herzen liegt.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozial- demokraten.) Damit s ch l i e ß t die Diskussion. Persönlich benierkt Abg. Hoch(Soz.), er habe nicht gesagt, bei der Leriiehmung im Reichsamt des Innern seien die Arbeitnehmer- Vertreter nach einem falschen System ausgewählt, sondern ihre Aus- sagen seien nicht beachtet event. vom Staatssekretär mit der Bcmer- kung abgetan worden, daß sie gar nicht merken, wie sie von den Arbeitnehmern terrorisiert werden. Es folgt die erste Beratung deS Gesetzentwurfs betr. Aufhebung des Hilfskassciigesetzc-Z. Staatssekretär Delbrück erklärt, daß sich Mißstände bei den Hilfskassen herausgestellt hätten, da das Recht der Aufsichtsbehörde zur Kontrolle sich nur darauf erstrecke, ob die HilsSkassen die gesetz- lichen Vorschriften beachten, dagegen könne bei Gründung neuer Hilfskassen nicht kontrolliert werden, ob die Gründung auf schwinde!- hafter Grundlage beruhe. Deswegen sollen sie dem AnisichtLamt für Privatvcrficherung unterstellt werden. Abg. Trimdorn(Z.) stellt sich auf den Boden dcZ Entwurfs, wünscht aber seine Verweisung an eine Kommission. Hierauf wird ein VertagungSau trag angenommen. abgeschloffen sind, r ü ck g ä n g i g zu machen. Dieses'Recht festzu- Vizepräsident Schultz schlagt als Tagesordnung vor: End legen, ist bf( LNkji bes vttllegwdvl Gesetzes. Es kann doch mcht I scheidung über ble LMwttde des A>g. Sev eriog gegen den ihm am l. April erteilten OrdnUttg-tüf, Forifetzüktz heuffgen Beratung und Petitionen. Abg. Severins(Soz.)(zur Geschäftsordnung): Meine Ausq führungen über die„Marine-Rundschau" tvcgcn der Heizerzulagen am 4. April richteten sich nicht gegen das Reichslnarineamt. Gegen den Staatssekretär des Marineamts konnte ich den Borwurf der verlogenen Darstellung schon um deswillen nicht richten wollen, da mir bekannt war, daß der Staatssekretär durch die VerHand- lungen in der Budgetkommission und im Reichstage über den tav- sächlichen Ursprung der Abstriche der Heizerzulagen unterrichtet! sein mußte. Vizepräsident Schultz: Wäre am 4. April eine so einwandfreie Erklärung abgegeben worden, so hatte ein Anlaß zu einem Orb- nungsrus nicht vorgelegen. Abg. Severins(Soz.): Nach dieser Erklärung des Präsidenten ziehe ich meine Beschwerde gegen den Ordnungsruf zsu rütk. Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr. Schluß 6 Uhr. Gcricbtö-Zcltuncf* Bankdirektor Kaempf als Schmiergeldspenb'er stand im Mittelpunkt eines Prozesses, der gestern vor dem Land- gericht I Berlin verhandelt wurde. Ein„Schriftsteller" Georg Geißel war angeklagt, mit einem Erpreffungsoersuch die Direktion der Bank für Handel und Industrie und den Reichstagsabgeordneteu Kaempf bedrängt zu haben, wozu Herrn Kaempfs frühere Tätig- keit als Direktor dieser Bank ihm eine Handhabe geboten hatte. Dieser Geißel war vor einer Reihe von Jahren in den Besitz eines einst von Kaempf selber geschriebenen Zettels gelangt,� aus dem für die beabsichtigte Emission eines portugiesischen Papiercs eine Unkostenkaltulation notiert war. Die eigenhändigen Aufzeich. nungen des Herrn Bankdirektors boten ein besonderes Interesse insofern, als er zu den Unkosten auch Schmiergelder für die Börsen- presse gerechnet hatte. Aus dem Zettel standen Redakteure ver- schiedener Blätter, z. B. der„Bossischen Zeitung" und der„Ber- liner Börsen-Zeitung", mit Gratifikationen von 7500 M. abwärts. Geißel meinte, es handle sich um die im Jahre 1888 durch Herrn Kaempfs Bemühungen untergebrachte portugiesische Staatsanleihe, an der die deutsehen Käufer soviel Geld verloren haben. Und weil er annahm, einem Bankdircktor werde besonders im Hinblick auf jene Anleiheaffäre die Aufdeckung der von ihm getriebenen Schmiergcldgeberei peinlich sein, so hoffte er, daß Herr Kaempf. den Zettel durch Kauf werde aus der Welt schassen wollen. Herr Kaempf ließ im Jahre 1904 sich zunächst auf Unterhandlungen ein, lehnte dann aber jede Zahlung ab. Ein Versuch Geißels, im Jahre 1905 durch Vermittelung des Geh. Justizrats Lessing als des Besitzers der„Voffischen Zeitung" die aus dem Zettel geschöpfte Kenntnis in bar Geld umzusetzen, führte zu einer Berurteilung wegen Erpreffungsvrrsuchs. Im Jahre 1907 begann Geißel mir neuen Anzapfungen des Herrn Kaempf, aber noch immer unter- nahm dieser nichts hiergegen. Erst als Geißel im Jahre 1910 den Kaempfschen Zettel in photographischen Nachbildungen an ver� schiedene Herrn Kaempf nahestehende Personen versandte und Ge- suche um Kreditgewährung hinzufügte, rief Kaempf di« Staats« anwaltschaft an. die dann Anklage gegen Geißel erhob. In der Verhandlung vor der Strafkammer 16 unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Crüger verweigerte der An« geklagte genauere Auskunft darüber, wie er zu dem Zettel ge» kommen war. Er bestreitet, daß ein entlassener Beamter der BanS seine Hände im Spiel gehabt habe. Der Zettel sei ihm von politisch interessierter Seite übergeben worden mit dem Auftrag. darüber eine Broschüre zu schrecken. Zu allererst habe er in Jahre 1903 dem Stadtrat Münsterberg davon Mitteilung gemacht. und der habe ihm gesagt, er solle, bevor er ettvaS umernehme, sich an Kaempf persönlich ivenden. DaS habe er getan, worauf dann zunächst Stadtrat Kalisch mit ihm(Geißel) verhandelt habe, Es sei ein« Zusammenkunft zwischen Kaempf und Geißel in Kaempfs Wohnung zustande gekommen, bei der Kaempf gebeten habe, seine Familie zu schonen. Die weiteren Verhandlungen wurden mit Justizrat Wreschner, dem Rechtsbeistand Kaempfs, ge« führt. Geißel behauptet. Wreschner habe ihm allerlei Ver« sprechungen gemacht und ihm eine Stelle im Ausland angeboten. iveil er ihn abschieben wollte. Schließlich aber habe er ihn mit 10 M. abgespeist, die er, Geißel, wieder zurückgeschickt habe. Dev Angeklagte versichert, keine Erpressungen beabsichtigt zu haben» als er später sich von neuem an Kaempf wandte. Vor der Reichs« tagSwahl von 1907 schrieb er ihm:„Es dürfte besser sein, wem? Sie nicht kandidieren würden." Auch in den Briefen, die er 1910 und 1911 an verschiedene Herrn Kaempf nahestehende Personell verschickte, wies er auf die politische Bedeutung der Affäre hin- In einem Brief an Stadtrat Panofsky kündigte er an, daß er schließlich den Zettel dem Reichskanzler übergeben nerbe. Dem Abgeordneten Naumann schrieb er. daß er mit der Redaktion des „Vorwärts" wegen Ankauf des Zettels verhandelt habe. Selbst- verständlich ist diese Behauptung unwahr. Herrn Kaempf selber teilte er mit, daß er, falls es ihm nicht gelinge,„rein kaufmännisch Geld auS dem Skriptum zu schlagen",„nach rechts abschwenken" wolle. Unter seinen Gesuchen um Kreditgewährung war daSl tveitostgehende ein Gesuch an die Bank für Handel und Industrie, von der er, unter Beifügung einer photographischen Nachbildung des Kaempfschen Zettels, auf das in seinem Besitz befindliche Original einen«Kredit bis zur Höhe von 1 Million Mark" forderte. Sogleich nach Vernehmung des Angeklagten erklärt Staats- anwalt Weißmaun, er habe„gar lein Bedürfnis nach weiterer Bc. weiSanfnahme". Aber der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld, forderte, daß in die Beweisaufnahme eingetreten werde. Eintz Frau Bartoszewska. bei der Geißel gewohnt hat. de- kündet, daß sie in GeißelS Sache im Jahre 1908 eine Unterredung mit Justizrat Wreschner gehabt und dieser ihr gesagt habe, sie solle sich ber ihm melden, ehe sie etwas unternehme. Justizrat Wreschner versichert ,n seiner Zeugenaussage, daß er dem Geißel, den er im Jahre 1904 zum Zweck von Unterhandlungen zu sich be- stellt hatte, keinerlei Versprechungen oder Anerbirtungen gemacht habe. Für die Aushändigung deS Zettels sei schon deshalb keine Gegenleistung in Aussicht gesrellt worden, weil das den Anschein erweckt hätte, daß Kaempf sich eine unstatthafte Handlung habe zu schulden kommen lassen. Kaempf secker habe 1904 erklärt, daß er die Verhandlungen nicht fortsetzen und den Ankauf deS Manuskripts ablehnen solle. Ter Angeklagte, der nur AnkaufSvcrhand- lungen. aber keinen Erpressungsversuch beabsichtigt haben will. bemerkt hierzu:„Hätte Herr Justizrat Wreschner mir das damals sofort mitgeteilt, so stände ich heute nicht hier als Angeklagter." Wieder will jetzt der Staatsanwalt schon Schluß machen, indem er anregt, auf Vernehmung des Herrn Kaempf zu verzichten. Der Verteidiger erhebt Widerspruch, und es wird dann der Reichstags- abgeordnete Kaempf vernommen. Zeuge bekundet, er habe Geißel zu Wreschner verwiesen, ihn aber keineswegs gebeten,„seine Familie zu schonen". Jener Zettel sei sehr wahrscheinlich von ihm geichrieben, er beziehe sich aber nicht auf die portugiesische Staatsanleihe, sondern auf die schon 1886 emittierte Lissaboner Stadtanleihe, die als KapitalSanlage durchaus die Erwartungen gerechtfertigt habe. Bezüglich der auf dem Zettel vermerkten Gratifikationen aa die Presse erklärt Herr Kaempf: vor 25 Jahee� war die Sachlage eine andere als heute. Damals wurde der Presse für Dienste bei Emissionen Honorar bezahlt.— Vorsitzender: Für Anpreisungen! Damit ist aber nicht gesagt, daß sie unwahr ge. Wesen sein müssen?— Zeuge Kaempf: Ich verwahre mich und meine Bank dagegen, jemals dafür gesorgt zu haben, daß unwahre Berichte in die Presse kamen.— Auf die Frage de» Borsitzenden wie denn der Zettel Tobe abhanden kommen können, antwortet Herr Kaempf, es sei damals kein Wert auf die Sache gelegt worden, weil man nichts Ungrwölinliches darin gefunden habe. Inzwischen sei durch die Börsengcsctzgcbung bestimmt worden, daß solche Honorare nicht in einem Mißverhältnis zu den geleisteten Dienste« sieben dürfen.— Ter Staatsanwalt wünscht zu wissen. &<£&!& ffitss tmlmtei dsb ZMcs Arbeite» tu zahlen. Zeuge ÄaÄnpf beiaht Las. Verteidigst ReMaMabt Dr. Rosenfeld: Hier handelt es sich doch um Arbeiten, für die die Redakteure von ihrer Zeitung bezahlt wurden! Als der Ver- teidiger hinzufügt:„Wir haben es hier doch wohl mit Bcstechungs- geldern zu tun!" erfolgt zunächst von teincr Seite eine Antwort. Erst nach Schluß der Beweisaufnahme, während schon der Staats- onwalt sein Plädoyer beginnen will, meldet sich Herr Kaemps und erbittet noch einmal das Wort. Ihm sei soeben mitgeteilt worden, daß der Verteidiger von„Bestcchungsgeldcru" gesprochen habe. Gegen dieses Wort, das er überhört habe, verwahre er sich. Vor- teidiger: Bestechungsgelder nach meiner Auffassung, wenn auch nicht nach damaligem Brauch. Zeuge: Der Ausdruck ist unbe- gründet. Verteidiger: Ist Ihnen bekannt, daß in den Verhand- lungen über die Börsengesetzgebung gleichfalls die Auffassung zum Ausdruck kam, solche Gelder seien Bcstcchungsgelder? Zeuge: Das kann sich nur auf Gelder bezogen haben, die unrechtmäßig gegeben wurden. Staatsanwalt Dr. Weißmann beantragt gegen den Angeklag- ten 3 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust. Er betonte die große Hartnäckigkeit, womit der Geißel immer wieder gegen Kaempf vorgegangen sei. Vor der Oeffentlichkeit wolle er, der Staatsanwalt, ausdrücklich feststellen, daß Kaempf sich und seine Wank dagegen verwahrt habe, unwahre Berichte in die Zeitungen gebracht zu haben. Die Bezeichnung„Bestcchungsgelder" sei durch- aus unberechtigt, sie setze unerlaubte Handlungen voraus. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Roscnfeld hebt hervor, daß dieser Prozeß denn doch einen lehrreichen Einblick in gewisse Zustände des Borsenwissens gewährt habe. Mindestens von Schmiergeldern dürfe man hier reden. Schon immer habe es Leute gegeben, die es für unfair hielten, solche Gelder für Anpreisungen zu nehmen. Diese Auffassung sei glücklicherweise durch die Börsengesetzgebung akzeptiert worden, so daß sie nun Allgemeingut werden dürfte. Ein eigentümliches Licht falle doch auch auf diejenigen, die solche Schmiergelder gezahlt haben. Für den Angeklagten beantragt der Verteidiger die Freisprechung, oder eventuell mildere Strafe, da Geißel nicht das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit hatte� sondern regelrechte Verkaufsverhandlungen zu führen meinte. In einer Erwiderung nimmt der Staatsanwalt erneut Herrn Kaempf und seine Bank in Schutz. Was sie getan, sei damals üblich gewesen, und was üblich ist, dem habe ein Bankdirektor sich zu fügen. Dem- gegenüber stellt der Verteidiger nochmals fest, daß vielen solche Schmiergelder schon damals als ein Krebsschaden des Börsenwesens gegolten haben. DaS Gericht fällte das Urteil, Geißel sei schuldig deS Erpressungsversuchs und fei zu bestrafen mit 2 Jahren Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust. Di« Begründung des Urteils begann mit dem Satz:„Mag das Verfahren bei Ausgabe der Emission fair gewesen sein oder nicht, sicher ist, daß Geißel annahm, durch Veröffentlichung des Zettels könne er Herrn Kaempf in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht kompromittieren." Herr Kaempf selber ist, wenn wir seine Bekundungen vor Gc- richt recht verstehen, nicht der Meinung, daß er durch den Zettel kompromittiert werden könne. Gin Sittenbild vom Lande sollte gestern vor der 1. Strafkammer des Landgerichts II zur Verhandlung kommen. Aus der Untersuchungshaft wurde der Lehrer Georg Arndt vorgeführt, um sich wegen schweren Sittlich- keitsverbrechens in etwa 20 Fällen und ferner wegen versuchten Verbrechens gegen das keimende Leben zu verantworten.— Der Angeklagte, welcher in GadSdorf bei Trebbin als Lehrer angestellt war, ist verheiratet und Vater von fünf unmündigen Kindern. Er wird beschuldigt, sich an 20 seiner Schülerinnen in unsittlicher Weise ssedgMAst zll habest. MS bei der IZjährtgest Schülsntt L. diese We» zichungen nicht ohne Folgen blieben, soll er sich an dem Mädchen im Sinne des Z 213 vergangen haben. Diese Manipulation hatte jedoch eine Erkrankung des Mädchens zur Folge, welches nach dem Krankenhaus geschafft wurde. Hier erzählte die L., was mit ihr ge- schehen war. Arndt wurde daraufhin sofort verhaftet. Zu der gestrigen Verhandlung war vom Rechtsanwalt Bahn auf das Zeugnis mehrerer Personen Bezug genommen worden, welche be- künden sollen, daß A. offenbar geisteskrank ist. Medizinalrat Dr. Hoffmann stellte daraufhin den Antrag aus Z 81 St.-P.-O., den Angeklagten auf die Dauer von sechs Wochen einer öffentlichen Irrenanstalt zur Beobachtung zu überweisen. Tie Verhandlung fiel deshalb, einer Vertagung anheim. Ein Stadtbahnräuber wurde gestern von der 4. Strafkammer des Landgerichts II auf längere Zeit unschädlich gemacht. Aus der Untersuchungshaft wurde der Sckwhmacher Felix Pätschik vorgeführt, um sich wegen Dieb- stahls im strafverschärfenden Rückfalle zu verantworten. Der An- geklagte ist der Berliner jtriminalpolizei seit Jahren als gewerbs- mäßiger Eisenbahnräuber bekannt. Er ist schon wiederholt in den Stadtbahnzügen dabei abgepaßt worden, wie er eingeschlafene Fahr- gäste ausplünderte. Kurz nach seiner Entlassung aus der Straf- anstalt nahm P. sein altes Gewerbe als Fledderer wieder auf. Er war jedoch anscheinend estvas aus der Uebung gekommen, denn schon bei dem ersten Coup wurde er von der Kriminalpolizei abgefaßt. In der Nacht zum 2. März plünderte er zwischen den Stationen Grunewald und Nikolassee den Hausdiener Gericke aus, der im Coupee eingeschlafen war.— Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf das ganz gewerbsmäßige Vorgehen des Angeklagten auf 2 Jahre Znchthaus und die üblichen NÄenstrafen. Unberechtigte polizeiliche Verfügung gegen ein Plakat. Die Polizeiverwaltung in Memel hatte an den Fleischermeister Klein in Memel eine Verfügung ergchen lassen, durch die er aufge- fordert wurde, aus seinem Laden ein Plakat zu entfernen, auf dem er ankündigte, daß seine Fleischwurst mit etwa 8 Proz. Mehl und dem dazu gehörigen Wasser versetzt sei. Der Regierungspräsident und der Oberprasident verwarfen die Beschwerden des Fleischer- meisters. Sie gingen davon aus, daß ein solches Nahrungsmittel als verfälscht anzusehen sei und nicht feilgeboten und nicht ange- kündigt werden dürfe. Sie stützten sich dabei auf Gutachten des Nahrungsmittel-Untcrsuchungsamts in Jnsterburg und Königsberg. Das Oberverwaltungsgericht erkannte aber auf dir Klage Kleins dahin, daß die polizeiliche Verfügung aufzuheben sei. Begründend wurde ausgeführt: Es handele sich hier um ein gedrucktes Plakat, das als ein Erzeugnis der Buchdruckerpresse anzusehen sei. Es frage sich nun zunächst, ob es etwa ein Plakat sei, gegen das auf Grund des preußischen Preßgesetzes(§§ 9 und 10) eingeschritten werden könne. Das sei nicht der Fall, denn eS handele sich um eins der nach§ 9 des preußischen Preßgesetzcs zulässigen Plakate, nämlich um eine Nachricht für den geschäftlichen Verkehr. Somit sei die Frage, ob die Beseitigung des Plakates verlangt werden könne, nur nach dem Reichs-Preßgesetz zu beantworten. Danach könne aber die Polizei keine Prävcntivmaßregelu gegen Preßerzeugnisse vor. nehmen. Die Polizei könnte da höchstens die Beschlagnahme bei der dafür zuständigen Behörde beantragen. Somit müsse die Polizei- liche Verfügung außer Kraft gesetzt werden. Hat ein Schulleiter ein Schimpfrecht? Herr Herbeck, Lehrer an der Schule für Handwerk und Jndu- strie in Düsseldorf, war vor Antritt der Stelle in Düsseldorf Lehrer Ski der städFischcft'Haüdivctlcrschüle tft Dorltnund. Den Direkior dieser Dortmunder Schule hatte er wegen Beleidigung verklagt. Direktor Regling wurde zum Vorwurf gemacht, er habe in einem Gespräch mit einem Kollegen des Klägers diesen einen„versoffenen Menschen" genannt. Nachdem das Amtsgericht den Direktor zu einer Geldstrafe von 90 Mark verurteilt hatte, legte Negling Berufung ein. Nunmehr erhob die Regierung in Arnsberg den Konflikt zu- gunsten des Direktors und verlangte die Einstellung deS Verfahrens, weil der Direktor in Ausübung seiner Amtsbefugnis gehandelt habe, als er jene Unterredung mit dem Kollegen des Klägers hatte, und weil er die Amtsbefugnisse nicht überschritten habe. Das preußische Obcmrwaltungsgericht in Berlin verwarf aber dieser Tage den Konflikt der Regierung als unbegründet, so daß das Verfahren in der Bcleidigungssache seinen Fortgang zu nehmen hat. Der entscheidende erste Senat führte aus: Selbstverständlich könne der Direktor in seiner amtlichen Eigenschaft von einem ihm unterstellten Lehrer eventuell sagen, daß er dem Trünke ergeben sei, wenn er begründeten Anlaß dazu habe. Hier habe aber kein Anlaß vorgelegen, den Kläger als„versoffenen Menschen", das heißt als vollständig dem Trünke ergebenen Menschen hinzustellen. Als Tat- fachen seien nur angeführt, daß Herbeck bei der Kaisergeburtstags- feier mehr getrunken hatte, als ihm zuträglich war, und daß er bei einer Konferenz nach Alkohol gerochen haben solle. Das reiche nicht aus. den Untergebenen als„versoffen" hinzustelleu, Zer Konflikt sei darum unbegründet, WitternngSüberstckit vom S. Mai ISIS. Etalfonffl 2* ö a Bf i SwMnndr 764 333® Hamburg 765 SSW verlin>766 SW strantl.a l>t.!766 SW München>768 NO Wien!767 WNW B BettR Zhalbbd. 1 wolkenl 2 wolkig 1 Dunst 3 heiter Zhalbbd, »es di äH ff M* I Havaranda 766 NO Petersburg 76S NW if Ii if Sctllh ilberdeen Pari» 755 S 750 SSO 765 S Better 2 wölken! 1 Nebel 7 bedeckt 5 bedeckt 2 wollen! Ii 8 5 10 8 9 Wetterproguote für Mittwoch, den 3. Mai 1911. Etwas wärmer, vielfach heiter, bei ziemlich lebhaften füdwestlichen Winden; leine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterburea«. WafferftaudS-Siaitirtchte» der LandeZanflalt für Gewässerkunde, mitgelellt vom Berliner Wetierbureau. st+ bedeutet«Such».— Fall.— st Unlerpegel. deutscher flietallarbeiter-Verband. ===== Vcrwaltnngsatelle Berlin.= Arbeitsnachweis: Hof I. Amt IQ, 1239. Charitsstraße 3. Hauptbureau i Hos NI. 3tmt III, 1987. Die für Donnerstag, den 4. Mai, geplante Klempiiei'-veriamwlullg findet erst am Montag, den 8. Mai, statt, weil die Verhandlungen noch nicht zu Ende geführt sind. __ Die Ortsverwaltung. Verband der deieinde- und Staatsarbeiter. Filiale Qroß-Berlin.- Freitag, den 5« Mai 1911, abends 8Vs Uhr im„Gewerkschaftshaus", Engelnfer 15: General- Versammlung. TageS-Ordnuug: 1. Kassenbericht sür daS erste Vierteljahr 1911. Referent: Kollege Hoffmann. 2. Der 8. deutsche Keiverkschast«. Kongreß vom 26. Juni bis 1. In«. Rcserent: Kollege Wniiky. 3. Ersatzwahl sür ein Mitglied der OrtSverwaltuna. 4. Ausstellung der Delegierten-Kandidaten sür den GewertschaslSkongreß. S. Verbandsangelegenhesten. Zutritt nur gegen Vorzeigung deS Mitgliedsbuches: _ Ple Ortw Verwaltung._ ■¥ Hygienische BaeÄfr Drogerle Zaremba, BScinbergöweg l. dir. a.Rosenthaler Tor. Billigste Bezugsquelle I Versuch s. zur dauernden Kiindschast: Verdsnü der Haler, Saekierer, Jlnstreieher etc. Melchiorstiatze 28. Part. Filiale Berlin. Fernspr.: Slmt 4. 4737. Donnerstag, den 4. Mai 1911, abcnds�S'/, Uhr: SektionsTersammlungder Lackierer W mit Frauen im Gewerkschaftshaus. Engelufer 15. T a g es-Ordnung: I.„Die wirtschaftlichen Aufgaben der Arbeiterorganisationen". Referent: Geiv-rklchastSsettetar Genosse Ad. Ritter.— 2. Diskussion.— 8. VerbandSangclegenheiten. Zahlreichen Besuch der Kollegen nebst deren Frauen erwartet Die NektionHleltaeg. ir in Filiale Berlin II» Zuschneider. Freitag, den 5. Mai 1911, abends 6 Uhr, bei Schulz, Königsgrabe»: Oeffenfliehe Versammlung der Zuslhueider und Zuschneidtmutu Kcrlins. TageS-Ordnung: Zwanzigjährige Kulturarbeit dcö Verbandes der Schneider, Schneiderinnen, Wäschcarbeiter und Zuschneider. Rcserent: Kollege H. Büscher-Hannover. 163/6 ES werden hierdurch alle Zaschncider und Zuschneiderinnen(auch nicht im Verbände) ausgejordert, an dieser Versammlung teilzunehmen. Die OrtSvcrwaltung. Heute, Mittwoch, den 3. Mai, im Köhnrischeu Krauhaufe, Faudsberger Allee 11—13: General- Vers ammlung. Tagesordnung: 1. Die Malaussperrung. 2. Beschlußfassung über die Unterstützung der Ausgesperrten. 3. Ausstellung eines Delcglerlcnkandidatcn zum Sewerlschasts- kongreß. Wahl de» Angestellten für die wcjllichen Boroiche. Delegiertenkarte und Mitgliedsbuch legitimiert. 82/19 Ule Drlnverirallimg. NB. In der Maiversammlung im Saale der Neuen Welt hat ein Kollege ein Portemonnaie mit zirla 25 M. verloren. Der Finder wird er- such!, dasselbe aus dem NerbandSbureau abzugeben Verein für fraucn u. Iftädcben der Hrbcitcrktassc. v!!ttw»ch, den 3. Min, abends S>', Uhr, im Englischen Garten, Alexanderstraße 27 c: .Tie erzieherischen Aufgaben vor und nach der Schulzeit«. «äst» �"'bs?l0�"'oer Worßtand. Damenkonfektion! Musterbranciie! Mittwoch, 3. Mai, abends 7'/, Uhr, bei Rösner. Jmmanuelkirchstr. 12.: gey Versammlung"Wk TageS-Ordnuug: 1. Vortrag deS Kollegen«neep. 2. Tarisberatung. 3. Verschiedenes. Wir erwarten von jedem Kollegen, ganz besonders aber von den organisierten Kollegen und Kollegiimen, in dieser Versammlung zu er- scheinen. Es müssen sämtliche Werkstätten, auch solche, wo kein Tarif existiert, vertreten sein. 163/7 Die Kommisston der Kostüm- und Musterbranche. Steinarbeiter! in den leute, abends 8 Uhr lrminhallen, Kommandantenstr. 58/59: Kombinierte Versammlung. TagcS- Ordnung: Stcllnngnaliinc xar Mai-Ansspcrrnng. pgp- DaS Erschcüicu ggcr, auch der»uhtauSgcsperrlen Kollegen ist dringend liotlvcndig."WS 171/15 Die OrtSverwaltung. Unentbelirlicli im Hanslialt ■OCTHOMPSIWSl zmmrmiz SEIFENPULVER iH DLThompson'5 SEIFENPULVER Oberall zu haben.' Stoffe Damentuche, Damen• Kostümstoffe. prinia Qualitäten. Mir. 2.50. 8,50 rc. Tuchlager Kock& Seeland G. m. b H. GertraudlensMfl-21�ferchc. Sareniatxazin von J. Schumacher, Swinenründer Straße 120.* Informieren Sie sich bevor Sie eine Parzelle kaufen und verlangen Sie kostenlos Pläne mil Terr in Karlshorft, Biesdorf, KaulS- dorf.MahlSdorf, Karow, Bernanzc. J. Rleger, Berlin, Gontardstr. 5. ©8i Pollmanns andagen- Gefchäft, nebft Artikel zur Gesundheits- u. Krankenpflege, Verbandstoffe, Gommiwaren etc. Berlin X., Lothringer Str. 60. Lieleranl lür Krankenkassen. Eigene Werkstatt._ Ztuckeuflklsch, Knocheiifltisch und alle Wurstsorten, jeden Morgen von 7—9 billiger Verkauf in der Wurstfabrit Wilhelmstr. 30, _ Hos rechts._ Gartenland 10 Ps.-Tour) mit Obstbäumen, Erd- >cercii zu verpachte» oder zu ver- lausen, geringe Anzahlung. 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Um rege Beteiligung ersucht 2l8/13 Der Vorstand.| Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Kutscher üustav ttolilcamm am 30. d. MlS. im Alter von 48 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den4. d. MtS.. nach- mittaas 4'/, Uhr, von der Leichen- balle des alten NIederschönhaiiser Fricdhoscs aus statt. 67/18 Ten Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Roll- kutscher tiermana l(gkmekl am 30. d. MtS. im Alter von 35 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 3. d. Mts., nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle des Zentral-Friedhoss in Friedrichsseide auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Tie Bczirksverwaltung. ZMdeiligjll'aAh.Nahtfei'etti! kör den i.gMki'lleieiickMahüti'etz. Landsberger Viertel. Bezirk 338 II. Nachruf, Den Mitglieder» zur Nachricht. daß unser Genosse, der Gastwirt Fritz Teichert Thorner Str. 65/66 gestorben ist. Ehre seinem Zlndenken: 218/14 vor Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstolle Berlin. Todes-Anzeigcn. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Arbeiterin Meta Birke am 30. o. M. an Lungenleiden gestorben ist. Ehre ihrem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Mai.»ach- mittags 7 Uhr. von der Leichen- Halle des Markus-Kirchhoses in Wilhelmsberg aus statt. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied, der Metall- arbeiter Paul Litta am 1. d M. an Nierenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Mai, nach- niiltags 4 Uhr, von der Leichenhalle deS EmmauS- KirchhvseS in Rixdorf, Hermannstratze, aus statt. Ziege Beteiligung erwartet 116/6 llie Orlsverwaltung Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung bei der Beerdigung ineineS lieben Sohnes Dier sage ich hiermit allen meinen besten Dank. l>ic trauernde Mutter. Zillen Verwandle», Kollegen und Freunden die traurige Nach- richt, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, der Schrislsetzer Paul WaBther nach langem, schwerem Leiden im 35. Lebensjahre am 1. Mai, vor- mittags>/zg Uhr, verstorben ist. Um stilles Beileid bitten IM« trauernde Witwe nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Mai, nach- mittags'/,4Uhr. von der Leichen- Halle des Gemeinde> Friedhofes Lichtenberg in Marzahn aus statt. Am Montag, den 1. Mai, starb I nach langen Leiden unser Mit- arbeiter, der Schriftsetzer iPaul Walther. Wir werden dem Verstorbenen, der nur ein Alter von 35 Jahren erreichte, ein ehrendes Andenken bewahren. Vorwärts-BucHllmlierel und Verlagsanstalt Paul Singer& Co. Am 1. Mai, vormittags>/,S Uhr, verstarb nach langem, schwerem Leiden unser lieber Mitarbeiter, der Schrislsetzer Paul Waltder im 35. Lebensjahre. Sein kollegiales Wesen und sein biederer Charakter sichern ihm bei allen Kollegen und Mitarbeitern ein dauerndes ehrendes An- denken. Das persona! der„Vorwiirts"-Bue))druckerei Paul Singer& Co. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Mai, nach- mittags'1,4 Uhr, von der Leichen- Halle deS Gemeinde- Friedhofes Lichtenberg in Marzahn aus statt. Verband der Zteinselier. Mlereru.kerutsg.I!eiitsehIanl!s Filiale GroB-Berlin. Bez. Berlin I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege ?auI Habreeht l im Alter von 43 Jahren ver- I starben ist. I Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute > Mittwoch, den 3. Mai er., nach- 1 mittags 3 Uhr, von der Halle I de? städtischen FriedhoseS in Fried- I richsjelde aus statt. > Rege Beteiligung erwartet 1 175/4 Ter Vorstand. Verband der freien Dast- und Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß die Ffau Ä. Geisler, Theophila, geb. Wrnck, Veteranenstr. 4(Bezirk 2) verstorben ist. Ehre ihrem Andenke»: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Mai, nachm. S Uhr, von der Leichenhalle deS Zentral-Friedhoses in Friedrichs- selde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 71/19 Die OrtSvertvaltung. Sonntag srüh entriß uns der Tod nach langen Leiden meine inniggeliebteFrau, unsere herzensgute Mutter, Tochter, Schwieger- tochter und Schwägerin Lelma Dotninick geb. Zabel im Alier von 35 Jahren. 15L8b P. Doniinlck Riydors, > Herrsurlhstr. 27. Beerdigung Mittwoch,»ach- mittags 4'/, Uhr, aus dem Rix- dorser Kemeindesriedhos, Marien- dorser Weg. Dnnksagttttg. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme, die mir anläßlich des Todes meines unvergeßlichen Mannes, des Restaurateurs priedricli Rosin zuteil geworden sind, sage ich allen Beteiligten meinen herzlichsten Dank. Wwe. Lina Rosin. Kttdand der Mnler, Lackierer, Anstreicher usw. Filiale Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Maler Hermann Rogosch am Montag verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 3. Mai, vormittags 9'/, Uhr, von der Halle des städtischen Friedhoss in Friedrichs- selde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 129/7 Die Ortsverwaltung. 1 Am Sonntag, den 30. April, I verstarb nach langem, schwerem I Leiden unser Mitglied, Paul Habrecht sen. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 3. Mai, nachmittags 31/« Uhr, von der Leichenhalle deS Zeniralsriedhojes in FriedrichSselde aus statt. 1589b Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. I Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine s liebe Frau, unsere gute Mutter Auguste Jentsch geb. Zik am Sonntag, den 30. April, nach langem Leiden sanft entschlasen ist. Um stilles Beileid bittet Brns« Jentsch, Töpfer nebst Kindern. Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 3. Mai. nachmittags 'JJi Uhr, von der Leichenhalle des Wilmersdorser Friedhofes, Ber- liner Straße, aus statt. Am 29. April entschlief nach schweren Leiden meine innigst- geliebte Frau, unsere gute Mutter, Großmutter und Schwiegermutter Teotila Geisler geb. Wruck im 62. Lebensjahre. Die? zeigen mit der Bitte um stille Teilnahme tiefbetrübt an Oie trauernden Hinterbliebenen. Angnst Oelsler, Schankwirt, Veteranenstr. 4. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Mai, nach- mittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Friedhoses in Friedrichsseide aus statt. 1570b Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und die schönen Kranzspenden bei der Be- erdigung unseres geliebten Sohnes PaaB sagen wir Freunden und Bekannten, sowie dem Herrn Chef und dem Personal der Firma Louis Littauer unseren tiegesühltesten Dank. Berlin, RüderSdorserstraße 41. Marl Soluilz und Frau geb. Flitter. Danksagung. Für die bei der Beerdigung meines inniggeliebten Mannes vom Chef. den Meistern und dem Keiangverein der Fabrik F. F. A. Schulze, Fehr- belliner Straße 47. bewiesene Teil- nähme sagen wir unseren tief« gesühltesien Dank. 1591b nebst Kindern. Wwe, Stoltenburg «SSSSSSS» � Unserem Genossen � «> Anton Boeker« � nebst Frau jjs Jk die herzlichst. Glückwünsche � W zur Silbernen Hochzeit. � Oio Genossen des 298. Bezirks. V. 4 Kreis 1594ti �»pezissl-Arzt für Iluut- and llarnloidcn Hr Dnnlra Rosenthalor Str. 70. Ul. rUjJRC,Spr.9-2, 6-9, Sonnt. 9-3 9 BM 10 Jahre Garant. Teilz. wöchentl. 1 BI. Plomben A-eBCdaltS eS"•■i,50M. Fast vollk. schmerzlas. Zahnziehen. Um- arbeitunj»; schlecht sitzender Gebisse Reparaturen sofort.* Zahn-Arzt Wolf. Potsdamer Str. 55.(Hochbahnst. Bülowstr.) 8—7. Teilzahlung istcr Anzahlung in beliefert auf bequeme bei kleinster Anzahlung in kannler Güte• (mit grö'Btor Rücksicht bei Krankheit und Arbeitslosigkeit) E.Cohü,Cr.Franktuiterstr.58 Danksagung. Für die vielen Beweise der Liebe und Teilnahme während der Krank» heil sowie bei der Beerdigung unseres lieben Bruders ifsrnR Oles© sage» wir den Arbeitern der D. W. und M. F., dem Wahlvcrcin Alt- Drewitz-Küstrin sowie dem Zlgitations- leiter des Königsb. Kreises Genossen Bcthke-Berlin sür die trostreichen Worte am Sarge unseren herzlichsten Dank. Gebrüder Giese. 3 AusnahmeTage REISE-MXHTEL feinsten Genres in Seide, Leinen. Bast, Sbantungr, Loden, echt englische und deutsche Stoffe in ganz ▼orziiglichen Schnitten— für drei Tage;— z.T. 8- 12.- 18.- 24.- 34.->>i, 120.- 1». regulär 18.- 26.- 25.- 42.- 28.- 50.- 75.- bis 200 M. REISE- KOSTÜME hochelegame Ausführungen in echt englischen Pbantasiestoffen, Leinen. Kammgurn. Bast etc., pass. für Reise, Gebirge, Strasse— für drei T agc— z.T.l 2.- 1 5.- 1 8.- 25.- 36- 48.-bis 1 58.-«. regulär 18.- 25.- 36.- 45.- 50.- 70.- 80.. 90.- bis 280.- M. 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Heute abend S'/a Uhr findet in WilkeS fisälen, Sebastianftr. 39, der sechste Vortrag des Genossen Eich- orn statt. Die Mitglieder werden ersucht, den letzten Vortrag noch recht zahlreich zu besuchen. Der Vorstand. Groß-Lichterfelde. Mittwoch, den 3. Mai et., abends'/jS Uhr: Flugblattverbreitung. Der Vorstand. Steglitz. Heute Mittwoch: Flugblattverbreiwng von allen Be- zirken aus. Freitag, den 5. Mai, abends S'/a Uhr: Große öffentliche Protestverkammlung im„Birkenwäldchen'. Vortrag des Reichs- tagsabgeordneten E. Eichhorn über:»Die Reichsvcrsiche- rungsordnung, eine Gefahr für die Arbeiter- k l a s s e'. Freit Aussprache. Arbeiter, Parteigenossen, erscheint in Massen. Der Vorstand. Friedenau. Heute Mittwoch, den 3. Mai, von den bekannten Lokalen aus: Flugblattverbreitung. Der Vorstand. Zur Maifeier. Lankwitz. In der VormitwgSversamnrlung referierte Genosse Barth. Besuch: 100 Personen. Die NachmittagSfeier war von 300—400 Besuchern gefüllt. Festrebe des Genossen Eichhorn fand reichen Beifall. Zehlendorf. Vormittagsverfammlung war von 230 Personen besucht. Genosse Ulm referierte. Die Nachmittags- und Abendfeier wies einen Desuch von SS0 Personen auf. Eine derartige Beteiligung hat Zehlendorf noch zu keiner Maifeier gehabt. Rcuenhagen und Petershagen. Versammlung gut besucht. Der Gesangverein von Neuenhagen leitete die Feier ein, worauf Genosse Hesse einen Vortrag über die gegenwärtige politische Situation und speziell die arbeiterfeindlichen Bestrebungen der reaktionären Regierung hielt._ Berliner Nachrichten� Wenn man sein Kind der Waiscnpflcge überlassen muß. Die Waisenverwaltung der Stadt Berlin hält es für richtig, die in ihre Obhut gelangenden Kinder möglichst nicht in Anstalten, sondern in fremden Familien unterzubringen, und zwar meist außerhalb Berlins. Der Eifer, die Kinder allerbaldigst aus Berlin hinauszuschaffen, ist so groß, daß nur zu oft auch solche Kinder nach außerhalb verschickt werden, bei denen die Unterbringung in Waisenpslege eine nur vorübergehende sein soll. Verschickt hatte die Waisenverwaltung auch ein einjähriges Mädchen Ella St., das von ihr in Obhut genommen worden war, weil die Eltern einst- weilen nicht selber für das Kind sorgen konnten. Der Vater war arbeitslos geworden, und die Mutter hatte sich dann mit dem Mädchen in das Obdach begeben, wo sie nicht lange nachher ein zweites Kind gebar. Sofort nach der Entbindung wurde ihr daS ältere Kind abgenommen und in das Waisenhaus gebracht. Obwohl nun die Waisenverwaltung sich� sagen konnte, daß sie die Sorge für das Kind baldigst wieder den Eltern werde überlassen müssen wurde Ella nicht in Berlin behalten, sondern nach einem Dorf bei Vetschau weggegeben. Als dann um Mitte Tpril die Rückgabe an die Eltern erfolgen sollte, mußten diese eine sehr traurige Erfahrung machen. Am 12. April wurde dein Vater mitgeteilt daß er in den nach st en Tagen das Kind aus dem Waisenhaus abholen könne. Am IS. April ging er hin und bat, man möge das Kind noch bis zum 1. Mai behalten. Seine Frau hatte in fremdem Haushalt eine Stellung als Wirtschafterin angenommen und wollte diese zum 1. Mai aufgeben, nachdem er endlich wieder Arbeit gefunden hatte. Am 18. April kam ganz unerwartet aus dem Virchowkrankenhaus die Nach- richt, daß dort an demselben Tage die Kleine gestorben war. Erschrocken lief St. zum Krankenhaus, und nun erfuhr er, daß Ella bereits seit dem 6. April mit einem Keuchhusten im Virchow- krankenbaus gelegen hatte. Im Waisenhaus aber hatte man noch am 13. April ihm nichts davon zu sagen getvußtl Doch jetzt beeilte sich das Waisenbureau. an Frau St. die Nachricht abzuschicken, daß das Kind wegen Keuchhustens in das Virchowkrankenhaus ge- bracht worden sei. Der Brief trug innen das Datum„6. April 1911" und meldete, daS Kind fei„heute" dem Krankenhaus über- wiesen worden. Auf dem Umschlag aber fand sich der Stempel „Zentralbureau 20. April 1 9 1 l", der Brief war also tatsächlich erst am 20. April abgeschickt worden. Wo die Eltern zu finden waren, hatte man im Waisenhaus sehr wohl gewußt. Dessen- ungeachtet war ihnen keine rechtzeitige Benachrichtigung darüber zugegangen, daß das Kind aus dem ferngelegenen Pflegeort nach Berlin zurückgebracht worden war un-d im Virchowkrankenhaus lag. Die Eltern hätten daS Kind gern im Krankenhaus besucht, wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätten, daß cS sich hier befand. Sie erfuhren das erst in dem Augenblick, wo es ihnen durch den Tod entrissen war. WaS sagt zu diesem Vorkommnis die Waisenver- waltung?_ Die BerkehrSdeputatiou stimmte in ihrer gestrigen Sitzung dem Antrag der Gesellschaft für Hoch- und Untergrundbahnen auf Erteilung der Genehmigung zur Weiterführung der Hoch- und Untergrundbahn über den Alexanderplatz als Unter- grundbahn nach der Frankfurter Allee bis zur Stadtgrenze vorbehaltlich der vertraglichen Regelung zu. Um die direkte Durchführung sowohl der aus der Schönhauser Allee wie auch der aus der Frankfurter Allee kommenden Züge über den Alexanderplatz nach dem Westen zu ermöglichen, gc nehmigte die Deputation die dazu erforderliche Umgestaltung der Untergrundbahnhöfe Alexandcrplatz und Klosterstraße. Die Regelung erfolgt in der Weise, daß die Frankfurter Allee Linie über den Alexanderplatz durch die Königstraße in die Klostcrstraße geführt wird, während die Linie aus der Schön hauser Allee über den Alexanderplatz durch die Gruner-Straße in die Klosterstraße mündet. Der Maulkorbzwang für Hunde ist am l. Mai für den Landespolizeibezirt Berlin gemäß der Polizeiverordnung vom 15. April aufgehoben worden. Nur bissige Hunde müssen nach wie vor den Maulkorb tragen, zumal die Hundebesitzer für eventuellen Schaden, den der Hund anrichtet, haftbar find. Die Direktion der Straßenbahn weist auf die Polizei Verordnung hin. erklärt aber, keine Verantwortung tragen zu können, wenn ein maulkorbloser Hund etwa Schaden anrichtet. Verantwortlich sei der Besitzer oder Begleiter des HundeS. Belästigungen der Fahrgäste durch den vierbeinigen Passagier dürfen nicht stattfinden. Lebhaften Einspruch gegen die Polizeiderordnung haben die Hersteller und Verkäufer von Maulkörben erhoben. Die Leute weisen auf die wirtschaftlichen Schädigungen besonders für daS Sattterhandwerk und für die Hundeartikelgefchäfte in Groß-Berlin hin und sie erklären, der Polizeipräsident hätte wenigstens Ende November oder Dezember der Sattlerinnung Mitteilung von seiner Absicht machen sollen. Sexuelle Fragen für Schüler und Lehrer.» Heber dieses Thema referierte dieser Tage Herr Dt. P. «siß«ei im Berliv ex Sehr erverein. Der Portragende knüpfte an die geschichtliche Tatsache an, daß am Ende des acht- zehnten Jahrhunderts nach einer Periode der Laxheit in sexuellen Dingen die Meinung herrschend wurde, man dürfe über dergleichen öffentlich überhaupt nicht sprechen. Demgegenüber müsse man be- tonen, daß auch das Schamgefühl im Wechsel der Zeiten Wand- lungen unterworfen war und daß eine offene Aussprache die Vor- bedingung für eine Lösung der sexuellen Probleme fei. Man könne heute das Geschlechtsleben keinesfalls mehr bloß als eine un-» angenehme Beigabe des Lebens ansehen, sondern müsse es not- wendigerwcise in seiner vollen Wichtigkeit würdigen, insbesondere seit die Wissenschaft seine Bedeutung für die Entwickelung der Gc- Hirnzellen festgestellt habe. Gerade letzterer Umstand bedinge eine erhöhte Beachtung der Serualfrage durch die Schule. Un- mündigen und Erwachsenen sollte eine Kenntnis der Sexualsragen vermittelt werden etwa in demselben Sinne, in dem sie über Atmung und Verdauung unterrichtet würden. Vielfache Verhält nisse der Großstadt seien besonders geeignet, zu einer vorzeitigen und ungesunden EntWickelung des Geschlechtstriebes anzureizen� Nur zweckdienliche Aufklärung könne vor Schaden bewahren. Eine glückliche Lösung der Frage der sexuellen Aufklärung werde erst einem Geschlechte möglich sein, daß selbst in seiner Jugend einigermaßen zweckdienlich über dies Gebiet aufgeklärt worden und darum fähig sei, bei diesen Fragen unbefangen und vorurteilslos zu bleiben. Eine solche Stellung, sowie ausreichende Sachkenntnis müsse sich vor allem der Lehrer zu eigen machen. Die Lehrerschaft solle darum dem sexuellen Problem volles Interesse zuwenden. Um der Individualität des Kindes und der großen Vielgestaltigkeit des Geschlechtslebens gerecht werden zu können, ist die sexuelle Be- lehrung am besten als erziehliche Aufgabe des Elternhauses zu lösen. Die Kommunen sollten darum zunächst durch Kurse den Er- wachsenen die nötige Sachkenntnis vermitteln. Die Schule habe im naturkundlichen Unterricht die sexuell« Belehrung vorzubereiten Auch die Fortbildungsschule müsse diesen Dingen in ernstester Wei Beachtung schenken. Der Redner weist ferner auf die tiefgehenden seelischen Veränderungen hin, die Knaben und in noch höherem Matze Mädchen zur Zeit ihrer Geschlechtsreife erleiden. Die Aus- bildung der Geschlechtsorgane erfolge naturgemäß unter erhöhtem Blutandrang nach diesen Organen hin. Dies Blut würde in erster Linie den Gehirnzellen entzogen, wodurch diese zu anhaltender geistiger Arbeit geradezu unfähig würden. Unaufmerksamkeit hohe Ermüdbarkeit, Träumerei seien die Folgeerscheinungen. Vcr ständnisvolle Rücksichtnahme durch Schule und Haus sei in dieser Entwickelungsperiode eine dringende Notwendigkeit. Für Mädchen fordert der Vortragende eine Beurlaubung vom Schulbesuch in der Pubertätszeit für sechs bis sieben Monate.(Unsere Schulmonarchen aller Art, Revisoren und Prozentpädagogen befleißigen sich jähr- aus, jahrein am Semesterschlutz, mit der Elle das Halbfabrikat der„religiös-sittlichen Bildung" Stück für Stück peinlichst nachziu messen und die„Versetzungsreife" festzustellen. WaS werden s i zu dieser sehr verständigen Forderung sagen?) Der Magistrat gegen Schmiergelder. Aus dem Rathause wird berichtet: Der Magistrat hat beschlosten, sämtlichen städtischen Amts stellen zu empfehlen, unter den Lieferungsbedingungen der Verträge eine Bestimmung aufzunehmen, wonach jeder Unternehmer oder Lieferant sich verpflichtet, wenn er oder fein Vertreter oder feiu An gestellter einem Angestellten der Stadtgemeinde Berlin eine Zuwen dung direkt oder indirekt gewährt oder zusagt, für jeden Fall der Zuwiderhandlung eine festgesetzte Konventionalstrafe zu zahlen. Dadurch soll jede Zuwendung durch Unternehmer usw. an städtische Angestellte, gleichviel welcher Art sie sex zu welchem Zweck sie geschehe, und welche Folge sie habe. ausgeschaltet werden. Bei den vielfachen Verträgen, welche die Stadt abschließen mutz, ist es unerläßlich, daß ihre Angestellten zu den Lieferanten in einem völlig unabhängigen Verhältnis steheix da andernfalls, wenn die Lieferanten durch Gewährung von Vor- teilen Einfluß auf die Angestellten der Stadt gewinnen, die geschäft- lichcn Beziehungen zwischen Lieferanten undjAvnehmern auf eine un- lautere Basis gedrängt werden, ein Umstand, der in neuester Zeit auch Anlaß zur Ergreifung gesetzgeberischer Maßnahmen gegeben hat. Durch die erwähnte Bestimmung wird die Integrität der Be amten gewahrt; ebenso liegt sie aber auch im Interesse der Unter- nehmer. Die Patienten der Heimstätte Gütergotz veranstalteten am 1. Mai einen AnSflng nach dem l3/4 Stunden entfernten Saarmund. Das dortige Hildebrandsche Lokal war dicht besetzt. Genosse Gärtner aus Lucken Wolde würdigte die Bedeutung des ArbeiterfeiertageS. Die Arbeiter- schast von Saarmund und Umgegend gaben ihrer Freude Ausdruck über den trotz des etwas mißlichen Wetters gemachten Besuch»nd räumten ihren Gästen in der bereitwilligsten Weise einen großen Teil des SaaleS ein, wo die maifeiernden Patienten ihren Kaffee unter den Klängen der Arbeitermarseillaise einnahmen. Nur allzu schnell verfloß die Zeit, und nach herzlichen Abschiedsworten wurde der Heimweg angetreten, um daS der Anstaltsleitung gegebene Ver- sprechen, pünktlich um 7 Uhr in der Anstalt zu sein, einzulösen. Eilige«nb bringende Pakete. Bei der Beförderung von eiligen Paketen wird nach der Wahrnehmung der Postanstaltcn von feiten der Absender nicht immer genügend zwischen zwei Einrichtungen unterschieden, die an sich nichts miteinander zu tun haben. Unter dringenden Paketen versteht die Post solche, die mit der schnellsten Gelegenheit befördert werden. Es werden dazu auch Schnellzüge usw. benutzt. Die Absender derartiger Pakete sind nun mitunter der irrtümlichen Meinung, daß dringende Pakete nach ihrer Ankunft ohne weiteres auch durch Eilboten bestellt würden. Die Bestellung durch besondere Boten ist jedoch eine Einrichtung für sich, die mit der Beförderung dringender Pakete nicht zusammenhängt. Slb- sender von dringenden Paketen, die gleichzeitig eine Eilbestellung wünschen, müssen deshalb auf den Paketen und auf der Paket adresse einen zweiten geeigneten Vermerk, wie„Eilboten",„durch Eilboten zu bestellen",„durch besonderen Boten" usw., anbringen. Selbstverständlich sind auch die Gebühren für die beiden Arten der Beschleunigung besonders zu entrichten. DaS Monopol-Hatel ist in Konkurs geraten. Nationale Jugendfürsorge. In den Berliner Pflichtfort- bildungSschuIen finden zurzeit Erhebungen statt über die Mit- gliedschast der Pflichtfortbildungsschüler in national gefärbten Sportvereinigungen. Die Zählung erstreckt sich auch auf die ge- legentlichen Besucher. Dies« Erhebungen werden in den Unter» richtSstunden vorgenommen und bedeuten natürlich eine Störung des Unterrichtes, die aber hier nicht schadet, da eS sich um nationale Jugendfürsorge handelt. Ueberhanpt ist jetzt Jugendfürsorge Trumpf. Wenn da» so weiter geht, wachsen sich unsere Pflicht- fortbildungSschulen noch zu Großkinderbcwahranstalten aus. Viel Zweck wird daS viele Geld und die viele Mühe der Lehrer nicht haben, denn die Lehrlinge nehmen wohl das gebotene Vergnügen teilweise mit, aber sonst kann der Einfluß solcher Bestrebungen kaum groß sein, denn der Lehrling steht doch die größte Zeit der Woche unter dem Einflüsse seiner arbeitenden Umgebung und nur zu einem geringen Teile unter dem Einfluß seiner Schule mit ihren Veranstaltungen. Ob nun aber Schiller»„Räuber" oder „Don Carlos"' oder ein Lichtbildervortrag über die Marienburg geeignete Darbietungen sind, nationalen Sinn zu pflegen, wird wohl jeder bezweifeln. Die freien Jugendorganisationen bekämpft man durch Verbote doch nur äußerlich. Innerlich fördert man aber ihre Tendenz durch obige Borführung. Das ist wahr, qbeu wcht traurig., j-< Wirkung des Schnapsboykotts. Ueber die segensreiche Wirkung des von der sozialdemokratischen Partei proklamierten Schnapsboykotts äußert sich auch der soeben erschienene Rechenschaftsbericht der Ortskrankenkasse für das Berliner Buchdruckgewerbe pro 1910 in sehr anerkennender Weise. Der Bericht konstatiert nach einem Hinweis auf die großen gesundheitlichen Schädigungen des Alkoholmiß- brauchs, daß die 5tasse im letzten Jahre nur 4 Erkrankungsfälle an Alkoholismus mit 220 Krankheitstagen hatte gegenüber 13 Er- krankungsfällen mit 981 Tagen in 1909 und sagt dazu:„Vielleicht tragen zu dieser großen Besserung die wiederholten Be- schlüsse der sozialdemokratischen Parteitage in bezug auf den Schnapsboykott das ihrige bei, denn diese Beschlüsse erweisci, sich immer mehr und mehr als im Interesse der Volksgesundheit liegend." Auch ein bürgerliches Blatt schreibt in einer Betrachtung über die soeben zur Veröffentlichung gelangten Ergebnisse über die Branntweinbrennerei und-besteuerung im deutschen Brannt- Weinsteuergebiet für das Betriebsjahr 1909/10, die ein rapides Sinken des Trinkbranntweinkonsums zeigen, anerkennend:„Die rapide Abnahme der Branntweintrinkerei von 4,2 Liter auf 2,3 Liter pro Kopf ist ein hocherfreuliches Zeichen der Zeit, an dem der sozialdemokratische Schnapsboykott sicher- lich ein Hauptverdien st hat." Das steht außer allem Zweifel, und wir können den Genossen nur immer von neuem die Mahnung zurufen: Meidet den Fusels_ Herr v. Jagow auf dem KnegSpfade. Herr v. Jagow arbeitet an der Jugend im Sinne des neuesten Kurses. Um die Jugend vor Berührung mit klassenbewußten Arbeitern zu bewahren, hat er von neuem den Versuch gemacht, den Turnverein.Fichte' zu einem politischen Verein zu stempeln. Gelingt dem Polizeigewaltigen der neueste Streich, dann dürfen jugendliche Personen dem Verein nicht mehr angehören. Daß das der Zweck der Uebung ist, ist offenkundig. Vor kurzem hat Herr v. Jagow auch dem Berliner Arbeiter-Radfahrerverein eine gleiche Versügnng zugehen lassen, diese lautet: „Der Berliner Arbeiter-Radfahrerverein(Mitglied des Berliner Nadfahrerbundes„Solidarität") ist als politischer Verein im Sinne de§ ReichsvcreinSgesetzeS anzusehen. Der Vorstand wird hierdurch ausgefordert, binnen vierzehn Tagen die Satzung sowie das Verzeichnis der Mitglieder des Vorstandes gemäß§ 3 des genannten Gesetzes an mich ein- zureichen. Jagow." Die Verfügung des Herrn v. Jagow wird durch nichts gestützt. Sie verfolgt den gleichen Zweck, wie die gegen den Turnverein „Fichte" gerichtete, nämlich den. die Jugendabteilungen zu erdrosseln. Wie„Fichte" so ist auch der Arbeiter-Radfahrerverein Berlin nicht gewillt, den neuesten Jagowstreich ruhig hinzunehmen. Spezialisten für Körperpflege. Mir die Schönheitspflege der Damen hat man namentlich in Berlin eine große Reihe diskreter Institute, die eine riesige Reklame entfalten und sich eines ungemein regen Zuspruchs erfreuen. Bon diesen un- abhängig haben sich in neuerer Zeit Spezialisten etabliert, welche die Verbesserung des Gesichtes, die Pflege der Hand, die Verschönerung des Fußes usw. sich als Aufgabe erkoren haben, ja es gibt sogar kluge Frauen, die nur die Nasenpflege kultivieren und den Vesucherinnen an Stelle eines miß- gestalteten Riechorgans nach geeigneter Behandlung ein normales verschaffen»vollen. Das Neueste auf dem Gebiete der Schönheitspflege sind die Institute zur Beseitigung schlechter Getvohnheiten. Besonderen Wert legt man. wie aus einem uns vorliegenden Prospekt hervorgeht, auf die Be- seittgung des— Nägelkauens. Eine Berliner Firma ist an- geblich im Besitze eines deutschen Reichspatents für ein der- artiges Mittel und garantiert die Beseitigung der schlechten Gewohnheit in zwei Behandlungen. Den Hauptvcrdienst haben alle diese Firmen nicht in dein gezahlten Honorar, sondern in den unzähligen kosmetischen Mitteln, die sie den Gläubigen gegen teures Geld verkaufen. Da die Damenlvelt bekanntlich, wenn es sich darum handelt, dem Manne zu ge- 'allen, nicht knausert, so machen die Schönheitsinstifiite alle ein glänzendes Geschäft. Und das ist für sie lediglich der Zweck des Unternehmens. Walbcrholungsstätten vom Roten Kreuz. In den ersten Togen des Monat Mai wird der Sommerbetrieb in sämtlichen Wald- erholungsstätten vom Roten Kreuz wieder aufgenommen. In den Anstalten für Erwachsene erfolgt die Uebenveisung meistens durch die zuständigen Llrankcnkasscn. Patienten, die keiner Krankenkasse angehören, stellen die Aufnahmcanträge im Bureau der Erholungs- tätten, Berlin, Friedrichstr. 207. In den drei Kinder-Erholungs» tätten Schönholz, Sadowa und Eichkamp können im ganzen un- gefähr 000 Kinder täglich Aufnahme finden. Anträge hierzu sind möglichst bald an das Bureau, Friedrichstr. 207, zu richten. Zu mündlichen Besprechungen ist das Bureau werktäglich vormittags von 10—1 Uhr geöffnet. Das zerschellte Automobil beS Generals. Ein verhängnisvolles Automobilunglück lag einer Anklage, mit der sich das Oberkricgs- icricht des 3. Armeekorps zu befassen hatte, zugrunde. Unter der Seschuldigung des Ungehorsams unter Herbeiführung eines erheb- lichen Nachteils hatte sich der Pionier Krieger von der Versuchs- abteilung der VerkchrStruppen zu verantworten. Der Angeklagte hatte eines Tages den Generalleutnant von Lyncker zu einer Manöverübung nach den, Ostsecgeländc gefahren. Als er den wagen des Generals wieder nach Berlin zurücksteucrtc, befand ich als Begleitmann noch der Pionier Bötz im Automobil. B. sollte als Militärchauffeur ausgebildet werden und auf der Fahrt nach Berlin sollte ihn der Angeklagte etwas anleiten. Hinter Stettin machte sich Krieger die Sache etwas sehr leicht. Während Wtz den Wagen steuern mußte, zog sich der Angeklagte auf den Hintersitz zurück und überließ dem Begleiter die Aufgabe, das Automobil zu lenken. Bei einer Geschwindigkeit von sechzig Kilometern raste der Kraftwagen plötzlich zur Seite und fuhr gegen einen Chaussee- bäum. Im nächsten Augenblick flog das Auto in den Chaussee- zraben, wobei es sich zweimal überschlug. Die Folgen waren recht 'chwcre. Die beiden Chauffeure waren nicht unerheblich verletzt und daß Automobil fast vollständig zertrümmert. Die Verwundeten wurden nach dem nächsten Garnisonlazarett übergeführt, von Ivo ie erst nach längerem Krankenlager entlassen werden konnten. Man , nachte nun Krieger für das Unglück verantwortlich, weil er dem Befehl des Vorgesetzten entgegen den Pionier Bötz allein auf dem Vordersitz belassen hatte. Das Oberkriegsgericht kam jedoch zu cinrr Freisprechung, da durch die Vernehmung mehrerer Sachverständigen als festgestellt erachtet werden mußte, daß der Angeklagte auch von dem hinteren Sitz aus die Gewalt über das Steuer des Automobils hatte. Wegen Arbeitslosigkeit versuchte sich gestern abend der K2jäh. tigc Maurer Albert Schaumburg aus der Palisadcnstraße 35 das Leben zu nehmen. Sch. lvar vor einiger Zeit schwer erkrankt und feste ivfollledcsstu ftiM SjcviM vkitegz, Siptz vstlex Be, ftntfjmigürt lvar eS dem alken Monne nichk möglich, anderiveiiige Beschäftigung zu finden, und so geriet er mit seiner Familie in bittere Not. Dies nahm sich der außerordentlich fleißige Mann derart zu Herzen, daß er seinem Leben ein Ende zu machen be- schloß. Er entfernte sich gestern vormittag von Hause unter dem Vorgeben, Arbeit suchen zu lvollen, irrte aber in Berlin und Rix- dorf umher. Gegen 7 Uhr abends stürzte er sich von der Teupitzer Brücke aus in den Rixdorfer Schiffahrtslanal. Der Lebensmüde wurde jedoch von Augenzeugen des Vorfalls nach längeren Be- mühungen gerettet. Er wurde nach der Rixdorfer Unfallstation und von dort in bedenklichem Zustande nach dem Krankenhause am Friedrichshain geschafft. Ein trauriger Anblick wurde gestern nachmittag der Tochter der 60 Jahre alten Witwe Auguste Mendt, Naunynstraße S, zu teil. Beim Betreten der Wohnung strömte der ersteren ein starker Lysol- gcruch entgegen und, nichts Gutes ahnend, stürmte sie ins Wohnzimmer der Mutter. Dorr fand sie die alte Frau leblos auf dem Fußboden liegend auf; die Greisin hatte sich mit Lysol vergiftet. Das Gift hatte sie bei Begehung der Tat teilweise auf den Boden geschürtet. Ein hinzugerufener Arzt vermochte nichts mehr aus- zurichten. Frau W. scheint aus Furcht vor der Irrenanstalt in den Tod gegangen zu sein. Sie war bereits früher einmal in Herz- berge und befürchtete nun, man werde sie wieder dorthin bringen. Um diesem Schicksal zu entgehen, zog sie es vor, Selbstmord zu verüben. Die befiohlene Kuustailsstellung. Ein dreister Diebstahl ist in der Ausstellung des Berliner Künstlerbundes in der Potsdamer Straße ausgesiihrt worden. Dort wurde eine Bronzefigur, die einen erheblichen künstlerischen Wert besitzt, von unk.'kannter Hand gestohlen. Als Täter kommt wahrscheinlich ein diebischer Besucher der Aus- ftellung in Betracht. Das Kunstwerk ruht auf einem Sockel und stellt einen Pinguin dar. Die Ermittelungen der Kriminalpolizei nach dem Mörder der Frau Nickel in Lichtenberg gehen nach den verschiedensten Rick)- tungcn, haben aber zu einem positiven Ergebnis noch nicht geführt. Die Obduktion der Leiche der ermordeten Frau Nickel, die Ge- richtsarzt Dr. Strauch gestern nachmittag von 2 Uhr an im hiesigen Schauhause ausführte, ergab, daß der Mörder sein Opfer sieben- bis achtmal auf den Kopf geschlagen hat. Erst nachträglich legte er der Frau den Schlächterkittel ihres Sohnes um den Kopf, wahr- scheinlich, um einen allzu starken Austritt des Blutes zu ver- hindern, vielleicht aber auch, weil er den Anblick des blutigen Kopfes nicht vertragen konnte. Beim Zuschlagen hat er vielleicht den Kittel vorgehalten, um sich nicht mit Blut zu bespritzen. Was für ein Werkzeug der Mörder gebraucht hat, läßt sich auch nach der Obduktion nicht bestimmt sagen. Das Werkzeug scheint scharf und kantig gewesen zu sein, einige Wunden zeigen deutlich scharfe Ränder. Nach ärztlichem Gutachten hat der Mörder vielleicht ein Hackebeil benutzt. Einige Schläge sind mit der Schneide, andere mit dem Rücken des Instrumentes geführt worden. Mehrere Schläge haben die Schädeldecke zertrümmert, ohne jedoch das Gehirn zu verletzen. Der Tod trat infolge einer Gehirnerschütterung ein. Wahrscheinlich führte ihn gleich der erste Schlag über dem linken Auge herbei. Frau Nickel ist nach diesem SDage gleich hingefallen und der Mörder hat nun, wie die Lage der Verletzten zeigt, weiter auf ihren Kops eingeschlagen. Dann legte er den Schlächterkittel um ihren Kopf und schleifte die Leiche, wie aus Druckflecken hervorgeht, an den Armen nach dem Schlafzimmer. Nach der Obduktion wurden die Totenscheine ausgestellt und die Leiche zur Beerdigung freigegeben. Die Schädeldecke und die Kopf- und Gehirnhaut wurden jedoch zurückbehalten. Sie sollen präpariert werden, um als Beweismittel zu dienen, wenn man den Täter faßt und das Mordwerkzeug ermittelt. Die Freie Volksbühne hielt am Freitag, den 2g. April, im großen Saale des„GcwerkschafishauS ihre Quartalsversammlung ab. Nach einem mit Beifall aufgenommenen Vortrage von Max Grunlvald über Goethe erstattete der Vorsitzende Konrad Schmidt den Ouartalsbericht. Er konnte feststellen, daß sich die„Freie Volksbühne" in der letzten Zeit recht gut entwickelte und daß der Spielplan allgemein Anerkennung gefunden hat. Für das nächste Spieljahr sind die Verträge mit den bisherigen Theatern erneuert worden. Der vom Kassierer Winkler erstattete Kassenbericht wies ein- schließlich des am Ouartalsanfang vorhandenen Kassenbestandes von g97S,44 M. eine Einnahme von 60 866,59 M. auf, der eine Ausgabe von 52 517,30 M. gegenübersteht. Durch Unterschlagung des Zahlstelleu inhabers Ramm hat die„Freie Volksbühne" einen Schaden von 954 M. erlitten. Auf Antrag der Revisoren wurde Entlastung erteilt. Der zweite Vorsitzende Vaake unterbreitete der Versammlung einen Antrag des Vorstandes, des Ausschusses und der Obleute, in Berlin ein eigenes Bureau einzurichten und zur Entlastung des Geschäftsführers Winkler eine weitere Kraft einzustellen. Die dadurch entstehenden Mehrkosten sind auf 3000 M. veranschlagt. Stach kurzer Diskussion wird dieser Antrag einstimmig ange- nommcn. Metropolthenter.„Beifall beim Aufgehen de? Vorhanges für die schönen Bühnenbilder, Applaus schon beim ersten Auftreten der beliebten Metropol-StarS, Händellatschen für Pointen, Gesangs- nummern und Tänze in die Szene hinein, Wiederholungen der Schlager und mehr oder weniger stürmische Hervorrufe sämtlicher Beteiligten am Schluß der Akte— dies alles spricht für einen be- sonders glücklichen Verlauf des Abends, der vielleicht zum letztenmal vor den, großen Ausfliegen das sogenannte„Ganz Berlin" �mit feinen bekannten Premieren-Erscheinungen, mit seinen schönen Frauen, modernsten Toiletten, allermodernsten Hüten und kostbarsten Brillanten im Zuschauerraum eines Theaters vereinigt hat." Also schildert der„Lok.-Anz." den Eindruck der neuen Sommer- operette„Hoheit amüsiert s i ch". Text von I. Freund(nach zahlreichen französischen Borbildern), Musik von R, Nelson(Anleihe- geschäft für Musik o. H.)— die vom letzten Sonnabend ab auf ein halbes Jahr das kunstsinnige Berlin und die noch viel kunstsinnigere Provinz unterhalten loird. Und zweifellos stimmte der verehrljche Stimmungsmacher in seinem Urteil durchaus mit seinem Publikum überein. Das Metropol-Theater ist ja für die wirkliche und eingebildete Lebewelt und noch mehr für die unzähligen Spießer, die hier Hautgout wittern, das Dorado höchsten Kunst- und Lebensgenusses. Glanzbolle Inszenierung, eine üppige Toilettenscha», exotische Tänze, Paraden von Damen mit und ohne Hosenröcke, verhüllte Nuditäten im Text, Berlinisch- jüdische Witze— das Ganze dargeboten in irgend einen, Ragout von Handlung und begleitet von einer' bald süßlich schmachtenden, bald im Tingel- Tangelton rhythmisierenden„Original"musik— daS ist Metropolkultur, und die Metropolkultur ist ein Symbol einer gewissen Berliner Kultur überhaupt. Man will doch leben, nicht wahr! Man will sich amüsieren. ein paar Ein- bis Zweideutigkeiten hören und schike Kokotten(in der Pause) anschauen. Was kommt cS da so genau darauf an, ob dieser exotische König, der sich in Paris in der Lcbewelt ans- toben will(das Vorbild aller Metropol-Donjuans), eine schlechte Imitation und das ganze Genre eine Offenbachiade, aber ohne Offenbachs frechen Geist und ohne seine Anmut ist. Wenn mir Giampietro seine Schwerenöterrolle hat und als temperamentvoller Hengst losgelassen werden kann und Fritzi M a s s a r y durch ihre pikanten Chansons und ihre(beinahe) pariserischen Galanterien entzücken kann. Für die aber, die HanS- mcmnSkost vorziehen, sorgt Thielscher als unverwüstlicher Natur« bursche, der hier als genieiner Soldat und Zufallsgeliebter der die Hoheit um seinetwillen(vorübergehend natürlich) verschmähenden Sängerin(Massary) alle seine Spaße und Einfälle anbringen kann. Schließlich tritt er in Unterhosen und zu guter Letzt sogar als Eharleys Tante auf. Dazwischen aber entwickeln Madge L e s s i n g und Will B i s h o p ein ganzes Tanzrepertoire von der Tirolienne bis zum Apachentanz. Und immer gibt es etwas zu sehen. Be- sonders wenns regnet oder das BühnenkorpZ andere Veranlassungen hat, Waden zu zeigen.... Da sage noch einer, daß man sich in Berlin nicht zu amüsieren wisse und daß das Bürgertum keine Kultur habe.»Ganz Berlin" und die übrige Provinz geht ins Metropol. Bon Kießlings Berliner Berkehr ist soeben die SommerauSgabe zum Preise von 40 Pf. erschienen. Bedeutend erweitert sind die Eisenbahnpläne. Außer sämtlichen Haupt- und Kleinbahnen der Provinz Brandenburg sind auch die Verbindungen nach den wichtigeren Badeorten und Sommerfrischen sowie den größeren Städten Nord- und Mitteldeutschlands aufgenommen. Ein Kärtchen des Berliner Vorortverkehrs und der Stadt- und Ringbahn sind neu hinzu- gekommen. Bei den Straßenbahnlinien sind außer der Gesamt» Fahrzeit auch die Fahrzeiten bis zu wichtigen Verkehrspunkten an- gegeben. Eine neue Pantomime hat die Direktion des Zirkus Busch trotz vorgerückter Saison und trotzdem das Konkurrenzunternehmen in der Karlstraße Berlin schon verlassen hat, herausgebracht.„Ein Jagdfest am Hofe Ludwigs XIV." betitelt sich das neue Manege-Schaustück. Es führt an den Hof des französischen Sonnen- königs und bietet Gelegenheit, großen Glanz und Pomp zu ent- falten. Prachtvolle Ballettaufzüge wechseln ab mit Jägergesängen und einer Bärenjagd. Die letztere gibt besonders Veranlassung, die zirzensische Kunst zu zeigen. Fünf Meter hoch müssen die von der Meute verfolgten Bären ins Wasser springen; ihnen folgen kühne Reiter und Reiterinnen und stürzen in das Wasser. Eine ganze Weile währte diese tolle aufregende Jagd, wobei ein Pferd sich überschlug, ohne aber Schaden zu nehmen. Reizende Wasser- künste beschließen die groß angelegte Pantomime, die durch glänzende Kostüme und feenhafte Lichteffekte zu einem Schaustück ersten Ranges gestaltet worden ist. Die Radrennen zu Zehlendorf, 30. April und I.Mai waren nicht wie das Osterrennen vom Wetter begünstigt, denn sie mußten am Sonntag des gegen 6 Uhr einsetzenden Regens wegen abgebrochen und konnten auch am Montag abend noch nicht beendet werden, so daß der Endlauf des Goldenen Rades erst am Mittwoch abend ö'/z Uhr ausgefahren wird. Eingeleitet wurden die Rennen des Sonntags durch ein Hauptfahren über 2000 Meter<200, 100, 50 M.), das nach vier Vor- und drei Zwischenläufen folgenden Endlauf brachte: 1. Schilling, 2. Tecbmer, 3. Carapezzi; nicht placiert endeten Peter, Arend und Vinzelberg. DaS Goldene Rad(Gesamtpreise 5000 M.) wurde von 7 erstklassigen Fahrern und zwar Bruni(Italien), Günther(Köln), Hall (England), Jacquelin(Frankreich), Ryier(Schweiz), Theile(Berlin) und Vandcrstuyft(Belgien) bestritten. Den ersten Vorlauf über 50 Kilometer beendete Vanderstuyft in 49 Min. 26'/5 Sek. vor Ryser (760 Meter) und Günther<1690 Meter zurück). Jacquelin hatte beim 23. Kilometer, nachdem er drei Runden verloren hatte, aufgegeben. Bis zum 39 Kilometer hatte Ryser die Führung, wurde dann aber von dem sehr gut fahrenden Belgier überholt. Der zweite Vorlau wurde von Theile, Hall und Bruni gefahren. Theile hatte die Spitze vor Hall und Bruni, als nach dem 22. Kilometer der ein- setzende Regen dem Fahren ein Ende machte; am Montag fortgesetzt. legte Theile die 50 Kilometer in 45 Min. 26�/z Sek. vor Hall (460 Meter) und Bruni(1760 Meter) zurück. Der Endlauf mit Hall, Ryser, Theile und Vanderstuyft verspricht am Mittwochabend einen spannenden Kampf. Am Sonntag kam noch ein Mannschafts- Verfolgungsrennen, das Peter. Schilling, Kudela, Techmer gegen Arend, Carapezzi, Tadewald, Pawke nach sechs Runden ge- wannen, zum Austrag; die siegende Mannschaft erhielt 200 M.— Am Montag bildete ein Prämiensahren über 5000 Meter den Schluß. 1. Techmer in 7 Min. 34V« Sek., 2. Tadewald, 3. Pawke, 4. Carapezzi. Aufgegeben: König, Haufe, Peter und Kudela. Prämien nach jeder zweiten Runde gewannen König, Haufe, Kudela (2) und Pawle(3). Die Rennen verliefen bei sehr gutem Besuch ohne Unfall. Vorort- JVacbrlchtem Lichteuberg. In der letzten Stabtverorbnetensitzung wurden für den Schieds- mannsbezirk 1s, umfassend den ganzen nördlich der Frankfurter Chaussee liegenden Teil Lichtenberg, als Schiedsmann Herr Lehrer A. Martens, Möllendorfstraße 46. und als Stellvertreter Herr In- genieur F. Schützler, Frankfurter Chaussee 66, für den Schieds- mannsbezirk 1d, umfassend den ganzen südlich der Frankfurter Chaussee und östlich der Ringbahn gelegenen Teil Lichtenbergs, Herr f. Barsikow, Frankfurter Chaussee 16, als Schiedsmann, sowie Herr lunker, Eitelstraße 18, als dessen Stellvertreter gewählt.— Als Waisenrat für den 22. Bezirk(Scharnweberstraße 9—32) wurde Herr Lehrer Heidt, Scharnweberstraße 13, und als Waisenrat für den 16. Bezirk, umfassend Pfarrstraße und Verl. Lessingstratze, Herr Lehrer Zschiesche, Pfarrstrahe 72, gewählt, desgleichen als Armenkommissar für denselben Bezirk Herr Tischlermeister Meyer, Rummelsburger Straße 3.— Alsdann nahm die Versammlung Stellung zu den eingegangenen Petitionen betreffend Erlaß eines Ortsstatuts über die SonntagSarbeit im Handelsgewerbe. Genosse Grauer schilderte eingehend, wie notwendig es sei, die Sonntags- arbeit überhaupt zu verbieten, während der Petitionsausschuß und der Magistrat sich auf die Bestimmungen Berlins, Sonntagsarbeit in offenen Verkaufsstellen in der Zeit vom 1. Mai bis 30. September auf die Stunden von 8— 10 Uhr vormittags, vom 1. Oktober bis 30. April auf die Stunden von 12— 2 Uhr mittags festzulegen, beschränkten. Daß hierbei die Herren Plothen und Schachtel sich gegen die Sonntagsruhe wandten, angeblich um die kleinen Geschäftsleute vor dem gänzlichen Ruin zu be- schützen, soll besonders hervorgehoben werden; den Herren wurde iedoch auch von unseren Genoffen Spiekermann und Kertzscher die richtige Antwort zuteil. Alsdann wurde dem An- trag des PetitionSausfchusses zugestimmt.— Zu besonders heiteren Zwischenfällen kam eS beim folgenden Punkt, betreffend Neupflaste- rung der Frankfurter Chaussee und Ausschmückung der Mittel- Promenade zwischen Berliner Ringbahn und Rathausstraße. Wie notwendig die Neupflasterung der Frankfurter Chaussee ist, dürfte jedem einleuchten, der gezwungen ist, dieselbe zu passieren. Trotz- dem hielten es die Mehrzahl der bürgerlichen Vertreter nicht für angezeigt, der Neilpflasterung jetzt schon zuzustimmen. Die Gründe hierfür waren bei den meisten Herren so durchschlagende, daß schließ- lich die Versammlung bei diesen Ausführungen in allgemeine Heiter- keit verfiel. Die Herren Hausbesitzer, welche nicht in der Frank- 'urter Chaussee ansässig sind, hielten es nämlich für notwendig, der Reihe nach ihre Gründe gegen die Neupflasterung der Frankfurter Chaussee geltend zu machen. Diese Gründe bestanden nun aller- dings bei allen in dem Geständnis: erst muß die Straße, wo wir wohnen, neu gepflastert werden, dann wollen wir weiter sehen. Herr T h ü r m e r wies u. a. auch auf die schlechte Beschaffenheit des Zaunes vor dem Herrmannschen Grundstück in der Rummelsburger Straße hin und schilderte, wie auf eine An- zeige bei der Polizei hin ein Leutnant einem Wachtmeister anwies, den Fall zu notieren und den Eigentümer zur Bestrafung zu bringen. Als nun aber auf die Frage des Leutnants:„Wem gehört denn der Zaun?" geantwortet wurde:„Herrn Rittmeister Herrmann, da habe der Leutnant an den Wachtmeister die Weisung gegeben, noch mit dem Notieren zu warten.— Die Magi- 'tratsvorlage wurde alsdann mit den von Herrn Schachtel be- antragten Abänderungen, wonach die Pflasterung der ganzen Chaussee etwa 14 bis 20 Jahre dauern dürfte, ange- nommen. Die Anlegung von Schmuckstreifen wurde abgelehnt.— Alsdann wurden noch Etatsüberschreitüngen für 1910 in Höhe von insgesamt 36 302,83 M. bewilligt.— Weiter wurde beschlossen, das am Eingang zur Gasanstalt stehende Gasmeister-Wohngebäude in ein Arbeiterhaus umzubauen. Der Umbau, welcher einen Speisesaal usw. vorsieht, wird 8600 M. Kosten verursachen. Bei der Maifeier in'Schwartz' Etablissement wurde eine Damen- tasche, enthaltend Schlüssel und Portemonnaie, gefunden. Selbige kann bei B. Werner, Lichtenberg. Wilhelmstr. 77, abgeholt werden. SchSneverg. Aus der StabtöekorbnekenbersammlUng rsk zu Herichken, daß zunächst die Wahl eines Stadtbaurats für das Tiefbauamt statt» fand. Von 50 abgegebenen Stimmen wurde Stadtbaurat R o e m e r- Hagen mit 46 Stimmen gewählt.— Die Sommerferien der Stadt- verordnetenverfammlung wurden für Juli und August festgesetzt. — Das Projekt und der Kostenanschlag über die Kanalisierung des Geländes nördlich des Stadtparks zwischen der Freiherr-vom-Stein- und Wartburgstraße, sowie zwischen der Wilmersdorfer Ge- markungsgrenze und Jnnsbrucker Straße in Höhe von 175 006 M. wurden angenommen.— Die Beschaffung von sechs neuen Motor- wagen hat sich durch die stärkere Inanspruchnahme der Unter- grundbahn als unbedingt erforderlich herausgestellt. Während der Hauptverkehrszeiten sind die Wagen derartig überfüllt, daß es sehr häusig nicht möglich war, alle Fahrgäste auszunehmen. Ferner soll während dir Hauptverkehrszeiten eine Betriebsverstärkung durch Umwandlung des 5-Minuten-Betriebes in einen 3)4-Minuten- betrieb eintreten. Für einen Motorwagen sind jetzt 29 000 M. in Ansatz zu bringen, während der frühere Preis 44 000 M. betrug. Der Auftrag ist den Bergmann-Elektrizitätswerken für Motoren- bau übertragen worden. Bevor dieser Beschlutz zustande kam, war erst eine scharfe Auseinandersetzung erforderlich, da bekannt ge- worden war, daß die ausführende Firma ihren Angestellten und Arbeitern das Koalitionsrecht verweigert und Deputationen einfach abweist. Von sozialdemokratischer Seite wurde dieses Gebaren schon in der VerbehrSdeputation scharf gekennzeichnet. Es wurde inzwischen schleunigst mit der Firma Bergmann in Verhandlung getreten. Dieselbe hat sich nun verpflichtet, das Koalitionsrecht in vollem Umfange anzuerkennen, ebenfalls Deputationen der An- gestellten und Arbeiter zu empfangen und vorhandene Uebelstände zu beseitigen. Hierauf beschloß die Mehrheit, den Auftrag in Höhe von 174 000 M. den Bergmannwerken zu übertragen. Gegen die Reichsversicherungsordnung nahm die von Ver» sicherten und Arbeitgebern besuchte Generalversammlung der hiesi- gen Ortskrankenkasse Stellung. Eine Resolution, die sich ganz ent- schieden gegen die Aufhebung des Sclbstverwaltungsrechts ausspricht, fand einstimmige Annahme. Nixdorf. Vor den Augen der Seinen Selbstmord verübt hak am Montag der 40 jährige Zigarrenmacher Höpfner aus der Falkstr. 7. H. hatte sich nach dem Einnehmen des Kaffees auf dem Sofa nieder- gelegt, als er blitzschnell einen Revolver aus der Tasche zog und sich eine Kugel in die rechte Schläfe jagte. Der von der Unfallstation in der Steinmetzstratze herbeigerufene Arzt legte dem Schwerver- wundeten einen Notverband an; Höpfner verstarb jedoch schon nach wenigen Minuten. Das Motiv zu der Tat ist völlig unbekannt.' Steglitz. Mysteriöser Leichenfnnd. Am Dienstag abend 6 Uhr wurde an der Birkbuschbrücke im Steglitzer Hafen des Teltowkanals die Leiche eines zirla 35jährigen Mannes aufgefunden. Der Tote, der an- scheinend dem Arbeiterstand angebört, wies im Gesicht und an den Händen mehrere größere Verletzungen auf. Ob die Wunden von Bootshaken herrühren oder ob sie dem Manne schon bei Lebzeiten beigebracht waren, soll erst durch eine Untersuchung festgestellt werden. Pankow. Bei der Maifeier im.Kurfürsten', Berliner Straße WS. ist eine goldene Uhrkette(doppelte Schakenkette) verloren gegangen. Der ehrliche Finder wird gebeten, weil es sich um ein Andenken handelt, dieselbe in der ,Vorwärts''«Spedition. Pankow, Mühleo- straße 30, abzugeben. Friedrichshageu. Bei der Maifeier in Lerche S Bür'gersäletk ist ein Hetten. Portemonnaie mit Inhalt gefunden worden. Abzuholen bei H. Micke, Kaiserstr. 6. Weihensee. Ein Seminarist verschwunden. Seit dem verganMeN Sonn» abend ist der 19 Jahre alte Seminarist Otto Werdermann von hier, der das Königliche Lehrerseminar in Cöpenick besucht, verschwunden. Er wurde zuletzt auf einem Spaziergange in der Nähe der Müggel- berge gesehen. Auf diesem Spaziergange soll ihm ein junge? Mädchen, mit der er ein Verhältnis hatte, in Begleitung eines anderen Seminaristen begegnet sein,.Sejt diesem Augenblick fehlt jede Spur von ihm. h Wilhelmsberg-Hohen-Schönhausen. Der am 27. April gegründete Arbeitergesangverei»„MSnnerchor Harmonie", welcher sich zur Aufgabe macht, bei gewerkschaftlichen sowie politischen Veranstaltungen mitzuwirken, hält seine regelmäßigen Uebungen jeden Donnerstag bei Fr. Reyer, Berliner Str. os, von 9-11 Uhr ab. Spandau. Nach einem Beschluß der kirchliche« KörderschaskeN soll VSN jetzt ab auch jeder Sonntag eingeläutet werden, bisher war dies nur an den Feiertagen der Fall. Man hat aus diesem Grunde eine Aenderung zum Glockenziehen vorgenommen. Bisher waren drei Mann dazu nötig, jetzt soll ein kräftiger Knabe genügen, um die drei Glocken in Bewegung zu setzen. Jedenfalls ist der kräftige Schulknabe bedeutend billiger, als die bisherig?» drei Läutemänner. Die Kranken des in der Nähe der Lutherkirche liegenden Kranken. Hauses werden übrigens nicht gerade erbaut von der vermehrten Bimmelei sein. Die Stadt hat dort geräuschloses Straßenpflaster machen lassen, damit die Kranken nicht zu sehr gestört werden, die Kirche aber vermehrt die Läutetage. Hud aller Kielt, Schreckenstat eines Wahnsinnigen. Der am 1. April nach Manenburg versetzte Zahlmeister Legath zeigte Spuren geistiger Umnachtung und sollte am 1. Mai in das Marienburger DiakonissenkrankenhauS eingeliefert werden. Als die Wärter ihn in den Keller führten, um dort eine Untersuchung vorzunehmen, zog der Wahnsinnige sein Taschenmesser und stieß blindlings auf die Wärter ein. Der Tob- richtige verletzte zwei der Wärter so schwer, daß an ihrem Auf- kommen gezweifelt wird._ Gilt Riesenbrand. Durch eine FeuerSbrunst ist ein großer Teil der Stadt B a n g o r im nordamerikanischen Staat Maine vernichtet worden. DaS Feuer brach in einer Kohlenniederlage auS und wurde anfänglich für un« bedeutend gehalten. Mit größer Schnelligkeit jedoch züngelten die Flammen weiter und zerstörten etwa 100 Geschäftsgebäude, 275 Wohnhäuser und 7 Kirchen. Auch die städtische Bibliothek, die höhere Schule, das Feuerwehrgcbäude und ein Theater wurden ein Raub der Flammen. Zwei Personen sind bei dem Brande umgekommen, mehrere andere wurden schwer verletzt._ Marktprelse von Berlin am I. Mai ISH. nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. Martthallenpreise.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speisebohnen, weiße 30.00—50.00. Linsen 20.00—00,00. Kartoffeln 5,00—9,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,00—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch l,20 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20—1.90. Kalbfleisch 1,50-2.40. Hammelfleisch 1,40—2,20. Butter 2,20—2,80. 60 Stück Eier 2,60— 4,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,10—2,40. Aale 1,20-3,00. Zander 1,40—3,60. Hechte 1,20 bi» 2.80. Barsche 0,70-2,00. Schleie 1,20-3,40. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krcbje 8,50-30.00. Die neue Maivke ADHIRAL �=. BBsfeVPfeiinrg-CiqafE�e Wichtig fflr Töchter, Hausfrauen u. Schneiderinnen Ein neuer Zuschneide- Frei-Kursus beginnt am MODtäj}, dem 8. Mai 1911. £lntrittHzeit-biM auf weiteres täglich. DerFrci-Sursus dauert>je noch Vorkenntnissen, I-KMonate. Der Unterricht, welcher durch tüchtige �achlehrerinnen voll- ständig unentgeltlich erteilt wird, ersotgt vormittags von S— II, nachmittags von S— 1 und 5—7, adcndS 8 bis O1/« Uhr, Der Lehrvlan imifafet das akad. Schnittzeichne» und praktische Zuschneiden aller erdenllichen Damen- und Kinder-Garderobe vom einfachsten bis zum elegantesten Genre. 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Freitag, abendSSUhr: l-iebeiei. Hieraus: liiterntnr. Berliner Theater. AbendS 8 Uhr: Bnminclstudenten. Morgen: B u mmeistubente«. Idester des Westens. Abend» 8 Uhr: Tie lustigen Nibelungen. Sonntag 3>/, Uhr: Gas FuppsmnSdsI. Lusispielhaus. Abends 8 Uhr: Der Registrator auf Keisev. Fslsdslc!i-1ö/!l!!gliü8födf!8cfig8 8c!tsü8plslltgü8. Mittwoch, den 3. Mai, 8 Uhr: Krieg im Frieden. Donnerstag: Kaserneniust. Freitag: Kaserneniust. -Sonnabend: Kaserneniust._ OSE=THEATE „CLOU" BERLINER KOVZERTHACS Mauersir. 82 Zlmmerstr. 00-81 Tttgllch! nachmittags und abends Große Konzerte ausgeführt von Garde-Regiments-Kapellen bot freiem Eintritt. Vorzügliche Küche. Spezlalausschank von MQnchener MathBser Bräu. NEUE WELT Amerikanischer Ver�nügungs-- Park» Hasenheide 108/114. Varl�Vorstellunj:. Wasserrutschbahn, Gebirgsbahn, Liebesmuhle u. a. Großes Konzert...... SOT" Tttgllch nachmittags.-9� Keoe Direktion. Heue Sebaustellnngen. Hene Belustipngeii. Luisen-Theater. Heute und folgende Tage: Ohllk Mlilter. 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Herr Burlhardt-Foottit, Schulreil.. und daS groffe Galaprogramm. «sow Vielseitigen Wünschen entsprechend Die Original- Klabriaspartie. Ein Berlobnngs.Geschäft. BAU- Beide Stücke mit Anton u. Donal MW- Herrnseld in den Hauptrollen. Das ScheidungS Souper. Ans. 8 Uhr. Borvertaus ll— 2 Uhr. Koacks Theater. Direktion: Robert Dill. Berlin N., Brunnenstraffe 16. Der Wirrwarr. Posse in 5 Allen von A. v. Kotzebne. Ansang 8'/, Ubr. Entree 3« Ps. bi» 1 Mark. BW- Vorzugskarten gültig i Morgen: Dieselbe Vorstellung. Folies Caprice. Täglich 81/, Uhr: Wertheim wird platzen! ■T* Bunter Solo-Teil.-RSO III. Klasse. i»mnfL Berliner w°- 958a luinor-fluartett 6g. Trener ABKastauinallesM Für de» Inhalt der Juierate Nberuimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Mein Kind vergiß mir nie Denn sonst kommt Dir das Leben So nngeputzt nnd sehrantzig vor, „Glanz kann„Humor" nur geben*, Humor Putzt alle Metalle sauber und geruchlos. Ueberau zu haben in FläSClldl von 10 Pf. an. 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