Mr. 105« übonnementS'Bedlnsflhgett: Abonnements- Preis dränumeranda; Ticrtcljährl> 3P0 Mk, monatl. 1,10 27! t, wöchentlich 28 Psg. frei inS HauZ. einzelne Nummer 6 Psg. EonntagS» nummer mit illustrierter EonntagS- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pifl. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemarks ' olland. Italien, Luxemburg, Portugal. — Snien. Schweden und die Schweiz, 28. Jahrg. Die Tnfertions'Gebflbr teträgt für die fechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 60 Pig., für Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedru-kte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg'. Stellengesuche und Cchlafsicllemui- zeigen daS erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort B Psg. Worte über lö Buch- stoben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer Massen bis D Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Crfchtlnt lüglich anSer nzoDtae«. Berliner Volksblnll. Zentralorgan der fozialdemokrati feben Partei Deutfcbtatids. Telegramm-Adresse! „Sozisldcmolirat ntrlm1* Redahttons 8M. 68. Ltndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: 8M. 68, Lindcnetraase 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Univerfitätsrefctor oder Krimina!-- polizift? W!e5er ist Wer ein Todesopfer zu Berichten, daß der Berliner Kriminalpolizei zur Last fällt. Es handelt sich nicht etwa, wie im Fall H e r r m a n n, um einen deutschen Arbeiter, der von verbrecherischen Polizisten auf offener Straße nieder- gesäbelt worden ist. Es ist diesmal kein Mord und kein Tot- schlag verübt worden. Das Vorgehen der Berliner Kriminal- Polizei hat n u r einen russischen Studenten in den Selbstmord getrieben. Und die Kriminalpolizei hat dabei auch gar keine böse Absicht gehabt und gar nicht selbständig gehandelt. Sie fungierte nur als auswärtiges Departement der russischenpolitischenGeheimpolizei. Daß sie sich in den Dienst dieser verächtlichen Verbrechergesellschaft stellen muß, ist gleichfalls nicht ihre Schuld: sie folgt dabei nur den Anordnungen des preußischen Ministeriums, das sich ja von jeher mit dem russischen Zarismus völlig eins gefühlt hat. Der Fall, um den es sich handelt, ist folgender: Vor etwa drei Wochen war der russische Student Demetrius Du- b r 0 w s k y von Jena nach Berlin gekommen, um an der Universität seine mathematischen und physikalischen Studien fortzusetzen. Obzwar seine Papiere in musterhafter Ordnung waren, wurde seine Aufnahme von der Universität abgelehnt -*f auf Grund der„über seine Person eingezogenen Erkundi- güngen", wie es in dem vom Universitätsrektor R u b n e r und dem Universitätsrichter D a u d e unterzeichneten Schrift- stück heißt. Aus Verzweiflung über die Ablehnung verübte der Student S e l b st m 0 r d. Dubrowsky war der Sohn eines reichbegütertes russischen Staatsrats. Nach fünf Semestern russischen Universitäts- studiums studierte er seit dem Sommer 1909 hintereinander in Erlangen, Breslau und Jena. Nirgends wurden ihm Schwierigkeiten gemacht. Konnte er doch ein Attest der russi- schen Universitätsverwaltung vorweisen, das folgenden Wort- laut hatte: Ministerium der VolkScmfklärung. Prorektor der Kaiserlichen St. Petersburger Universität. Den 23. Februar 1311. M. 1898. Bescheinigung. Diese ist dem Studenten der Physik-Mathematischen Fakultät der kaiserlichen St. Petersburger Universität Dimitry Konstan. tinowitsch Dubrowsky zwecks Vorweisung in eine ausländische Universität, dah während seine? Aufenthaltes in der St. Peters- burger Universität ihm nichts Tadelnswertes nachgesagt werden konnte. Gegen sein Besuchen von Vorlesungen in einer auSlän- dischen Universität liegen seitens der Petersburger Universität keine Hindernisse vor. Prorektor I. AnSreeS. Sekretär i. B. B. K 0 r 0 t k 0 fit. Dubrowsky war ein sehr fleißiger Schüler, politischen Interessen war er völlig fremd. Zu anderen Russen unter- hielt er keinerlei Beziehungen. Einige Tage nach seiner An- Meldung bei der Universität erschien bei ihm ein Beamter der politsschen Polizei. Der Mann gab ihm den Rat, dem unter dein Protektorat des russischen Botschafters stehenden Verein beizutreten; dies werde seine Ausnahme erleichtern. Du- brows-fy lehnte dies ab. Und dies scheint nach den Entschuldigungen der Polizei selbst der einzige Grund ge- wesen zu sein, ihn als politisch verdächtig zu be- zeichnen und an der Fortsetzung seiner Studien zu hindern. Und dies ist das e r st e Skandalosum an diesem Fall. Wie darf sich die Berliner Kriminalpolizei unterstehen, fremde Staatsbürger zum Eintritt in bestimmte Vereine p r e s s e n zu wollen? Man hat sich ja allmählich daran gewöhnen müssen, daß die preußische Regierung den Ausländern gegen- Wer, die so unvorsichtig sind, nach Deutschland zu kommen, jede Barbare i für erlaubt hält. Aber vergebens frag! man sich, ob denn diese Willkür nirgends eine Grenze hat und ob denn wirklich der preußischen Regierung erlaubt sein soll, durch das unausgesetzt verübte Unrecht gegen die Aus- länder den deutschen Namen im Auslande verhaßt und ver- ächtlich zu machen. Aber die Kriminalpolizei und ihre Regierung sind nicht die einzig Kompromittierten dieser traurigen Affäre. Damit die Kriminalpolizei ihr häßlchcs Werk ausführen kann, bedarf sie ja der Unterstützung der Universität, dieser „ehrwürdigen Stätte freier Forschung und freier Wissenschaft". Wie verhält sich dre Universität zur Krimi- nalpolizei? Schon die Frage ist echt Preußisch und wäre in jedem anderen Lande einfach unverständlich. Universität und Kriminalpolizei— außerhalb Preußens würde man hoch- stens an Taschendiebe oder Rockmarder denken, die in Hör- sälen ihr Handwerk getrieben haben und derentwegen man nicht umhin konnte, einigen Detektws den Zugang zur Uni- versität zu gestatten. Aber unerhört wäre es in jedem anderen Lande, daß die Universstät sich von der K r i m i n a l p 0 l i z e i vorschreiben lassen inuß, welche Hörer sie aufnehmen darf und welche nicht. In Preußen ist dem aber so. und was das Schmählichste ist, die Professoren der Berliner Universi- tät haben für diese Schande nicht das geringste Gefühl und nehmen das Schmähliche als das Selbswerständliche hin. Das geht mit voller Bestimmtheit aus einer Unterredung hervor. die Herr Prof. Kühner, de? Rektor der Lerlivec Lgiversstät. mit einem Mitarbeiter des„Berliner Tageblatt" gehabt hatte. Dieses Dokument politischer Charakterschwäche verdient- sn� Wortlaut festgehalten zu werden. Dr. Rubner sagte: „Der Student der Mathematik, Demetrius Dubrowsky aus -Rußland, ist zur Immatrikulation an der Berliner Universität nicht zugelassen worden, weil er politisch verdächtig ist. Wenn es sich um die Immatrikulation von Ausländern handelt, dann sind wir verpflichtet, falls wir uns mit dem Mini st er nicht in einen Konflikt setzen wollen, diese Tatsache mit ein paar hinweisenden Worten der Kriminal- Polizei mitzuteilen. Nach acht bis vierzehn Tagen kommt dann der Bescheid der Kriminalpolizei, die sich inzwischen bei der Regie- rung des betreffenden Staates erkundigt hat, an uns zurück. Ent- weder ist gegen die Immatrikulation nichts einzuwenden, oder aber die Kriminalpolizei sagt Nein!, weil der betreffende Student politisch verdächtig ist oder aber die nötigen Subsistenz- mittel nicht besitzt. Wir können dabei weiter nichts tun, wir können weder selbständig nachforschen noch die Richtig- keit der polizeilichen Angaben in Zweifel ziehen. Wir können nur den Studenten davon in Kenntnis setzen und ihm aufgeben, den Versuch zu machen, die Sache zu redressieren. Es kommt nicht selten vor, daß es den Studenten, die nach der Bekundung der Poli- zei nicht genügend Geld besitzen, dann auch gelingt, Geld aufzu- treiben und das glaubwürdig nachzuweisen. Handelt es sich um politisch Verdächtige, kann der Betreffende eventuell nachweisen, daß er zu Unrecht denunziert worden ist. Die Polizei teilt uns übrigens bei den als politisch verdächtig Bezeichneten keine näheren Einzelheiten mit, da eS sich dabei um geheime Akten handelt. So lag der Fall auch bei dem russischen Studenten Demetrius Dubrowsky. Für ihn ist übrigens Geheimrat Prof. Dr. Blank, Professor der Mathematik, eingetreten, aber natürlich nur in wissenschaftlicher Beziehung, weil er ihn als einen fleißigen und strebsamen Studenten kannte. Dubrowsky hat mit dem Univer- sitätsrichter Dr. Daude, soviel ich weiß, konferiert. Dieser hat ihn von dem Bescheid der Kriminalpolizei in Kenntnis gesetzt und darauf aufmerksam gemacht, daß er durch seine Bemühungen viel- leicht die Sache wieder rückgängig machen kann. Dubrowsky hat dann aber weiter nichts von sich hören lassen. Nun war Dubrowsky früher in Jena immatrikuliert, ob- wohl dieselben Bestimmungen über Ausländer nicht nur für die preußischen, sondern auch für die Universitäten der Bundesstaaten existieren. Wenn Dubrowsky trotzdem in Jena seinerzeit zur Im- matrikulation zugelassen worden ist, so liegt das entweder daran, daß in den anderen Bundesstaaten die oben erwähnten Bestim- mungen nicht strikte befolgt werden. Doch das wage ich nicht genau zu behaupten. Der Grund kann aber auch der sein, daß Dubrowsky sich, seitdem er von Jena fort ist, polittsch verdächtig gemacht hat." Prof. Dr. Rubner ist ein sehr bedeutender Gelehrter, ein Hhgiemker von Wellruf. In seinem Fache hat er sich auch ziemliche Unbefangenheit über die sozialen Ursachen der hygie- nischen Not unserer Zeit bewahrt. Um so bezeichnender sind diese Aeußerungen, die einen so furchtbaren politischen Charaktermangel enthüllen. Für Herrn Rubner ist es ganz selbstverständlich, daß sich die Universität, deren Reprä- sentant er ist, zum Wille n-undurteilslosenWerk- zeug der russischen und preußischen politi- schenGeheimpolizei herabwürdigt. Er muß Order parieren, sonst könnte er— schrecklich zu sagen— in einen Konflikt mit dem preußischen Minister kommen! Herr Rubner ist, wie schon gesagt, ein Gelehrter von Weltruf. Der jeweilige preußische Minister ist ein Bureaukrat, von denen 12 auf ein Dutzend gehen. Herr Rubner kann in seiner Stel- lung kaum ersetzt werden. Der Gedanke, daß gegen ihn, falls er sich weigert, im Nebenamte die Funktionen eines Beauf- tragten der Kriminalpolizei zu vollziehen, ein Disziplinar- Versahren eingeleitet werden könnte, ist selbst in Preußen undenkbar. Herr Rubner hätte also nicht einmal etwas zu fürchten, wenn er Charakter zeigte. Aber dieser Gedanke liegt ihm und seinen Kollegen Werhaupt völlig fern. Er hat Hygiene studiert, aber nie Zeit gehabt, polittsche Charakterfestigkeit zu erwerben. Das, was den Intellektuellen anderer Nationen in ihrer Mehrzahl selbstverständlich ist, ist deutschen Professoren völlig verschlossen,. Daß ein Gelehrter auch politische Pflichten haben kann, und daß es für jeden politisch ge- bildeten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, sich solchen entwürdigenden Zumutungen der Geheimpolizei zu entziehen, ist dem Rektor der Berliner Universität völlig unbekannt. Prof. Rubner trifft für dieses Verhalten persönlich kaum eine besondere Verantwortung. Er ist ein Opfer der politischen Charakterlosigkeit seiner Klasse, des liberalen Bürgertums, aus dem hervorgegangen ist, dieses Bürger- tums, das nie einen großen Kampf zu Ende geführt und im entscheidenden Augenblick immer feig vor der halbabsolutisti- schen Staatsmacht kapituliert hat. Es wäre ungerecht, von den gelehrten Repräsentanten des deutschen Bürgertums jenen politischen Charakter und staatsbürgerlicher Stolz zu ver- langen, den seine Politiker nie besessen habeni, Die poUseilicke Darstellung. Daß die Darstellung über das Ende DubrowSkYS durchaus richtig ist. geht auch aus dem polizeilichen Rechtfertigungsversuch hervor, dem die schmutzige, zu solchen Geschäften trefflich geeignete Scherl-Presse Raum gibt. Sie bestätigt, daß Dubrowsky sich nur. MurK.politisch vechäMig" Zgt, daß et v j Z 1 d c B Botschafter-Verein beigetreten ist. Der OffiziosuS erzählt: „Die Berliner Polizei glaubte zu der Ansicht, daß Dubrowsky politisch nicht zuverlässig sei, aus folgenden Gründen berechtigt zu sein: Dubrowsky erkundigte sich bei dem recherchierenden Polizeibeamten, ob an der hiesigen Universität politische Vereine für russische Studenten existierten. Daraufhin nannte ihm der Beamte den„Verein Landsmannschaft", der unter dem Protektorat des hiesigen russischen Botschafters steht. Dubrowsky aber sagte, dieser Verein sei nichts für einen russischen Studen- ten, es müßte hier Vereine geben, wie sie trotz der politischen Ver» folgungen an verschiedenen russischen Hochschulen existieren, näm- iich politische Vereine; sie seien die einzigen, die sür russi» sche Studenten in Betracht kämen." Diese Erzählung trägt doch allzu offensichtlich den Stempel der Lüge. Wem will man denn vorreden, daß ein russischer Student» der schon mehrere Semester in Deutschland lebt, sich beifallen lassen wird, sich just bei einem Kriminalpolizisten nach politischen Vereinen zu erkundigen! Wäre aber die Erzählung so wahr, als sie erlogen ist, so bewiese sie erst recht die völlige„Und er» dächti gleit" des Studenten. Denn wer sich einen Berliner Kriminalpolizisten zum politischen Führer aussucht, bewiese damit doch aufs unwiderleglichste seine völlige politische Harmlosigkeit. Ebenso unwahrscheinlich ist die weitere Behauptung von der angeblichen Subsistenzlosigkeit, da ja sonst der Rektor diese sicher erwähnt hätte./ Es bleibt schon dabei: Die Berliner Polizei hat einen braven und fleißigen Studenten ohne jeden zureichenden Grund an der Fortsetzung seiner Studien geZind.erj und ihn dadurch in den Tod. getrieben. Line iozialdernoiiratiiclK Oberbürgernieiiter-Kandidatur. In Stuttgart findet am 12. Mai die Oberbürger- meisterwahl statt, die auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts der Bürger vorgenommen wird. Die sozialdemokratischen Vereine Groß-Stuttgarts nahmen nun am Donnerstagabend in einer überaus stark besuchten Verttauensmännerversammlung zu dieser Wahl Stellung. Die Parteileitung legte der Versammlung folgende Resolution vor: »Die Vertrauensmännnersammlung spricht sich für eine eigene Parteikandidatur aus. Unter der Voraussetzung, daß der Kandidat die für jeden Genossen geltenden Parteitags» und die Organisationsbeschlüsse grundsätzlicher Art auch für sich als bindend erachtet, spricht sich die Versammlung weiterhin für die Kandidatur des Genossen Dr. Lindemann aus. Sie be» auftragt die Parteileitung, die Verhandlungen mit dem Genosse» Lindemann sofort aufzunehmen." Daraufhin gab Genosse Lindemann eine Erklärung ab, die in ihrem entscheidenden Teile sagt, daß die Partei- beschlüsse, soweit sie ihm bekannt sind, kein Hindernis bilden für die Annahme einer Kandidatur, daß eine genaue Prüfung der Organisationsbeschlüsse ihm aber gezeigt habe, daß mit ihnen die Ausübung des Postens als Oberbürgermeister un« möglich sei. da er volle Freiheit in der Ausübung der Repräsentationspflichten, namentlich auch in dem amtlichen Verkehr mit der Krone, als Vorbedingung für die Ausübung seines Amtes betrachte. Die Resolution der Parteileitung wurde nach dieser Er- klärung mit 389 gegen 199 Stimmen abgelehnt. Angenommen wurde folgende Resolutton mit 451 gegen 1 15 Sttmmen: »Die Parteiversammlung hat nach der bisherigen Wirksamkeitt de? Genossen Lindemann und insbesondere auch nach seinen heuttgen Erklärungen zu ihm da? Vertrauen, daß er stets im Sinne unserer Bestrebu igen und Forderungen tätig sein wird. Die Pattei stellt ihn daher als Kandidaten für die bevorstehende Stadtvorstandswahl auf und wird mit aller ihr zu Gebote stehenden Energie für ihn eintreten." Wir werden auf die Versammlung, sobald ein näherer Bericht vorliegt, eventuell noch zurückzukommen haben. Den Beschluß der Stuttgarter Partcwersammlung aber halten wir für um so bedenklicher, da ihm die Ablehnung der Resolutton der Parteileitung vorausgegangen ist. Es ist doch einfach eine S e l b st v e r st ä n d l i ch k e i t, die die Grundlage jeder Parteidisziplin bildet, daß die Parteitags- und Organisattonsbeschlüsse für jeden Parteigenossen in welcher Stellung immer gelten müssen. ••• Der Beschluß der Stuttgarter Parteigenossen, mit einem eigenen Kandidaten den Kampf um die Besetzung des Ober- bürgermeisterpostens aufzunehmen, hat die gesamte bürgerliche Presse Württembergs in die größte Aufregung versetzt. Auf der ganzen Linie wird zur Sammlung des Bürgertums ge- rufen, um einen sozialdemokrattschen Oberbürgermeister für Stuttgart unmöglich zu machen. Der nattonalliberale .Schwäbische Merkur" schreibt: Nachdem sich durch die Aufstellung der Kandidatur Linde» mannS die Situation mit einem Schlage geändert habe, fei eine Einigung auf einen bürgerlichen Kandidaten eine unbedingte Not» wendigleit geworden, da jede Zersplitterung der Sozialdemokratie einen Erfolg garantieren würde. Der sozialdemolratische Vorstoß mache die Wahl zu einer großen Kraftprobe zwischen Bürgertum und Sozialdemokratie. DaS Blatt schließt seine Betrachtungen: Zurücktreten müßten alle Naben» rücksichten vor dem einen Hauptgedanken, die Stadt Stuttgart darf keinen Sozialdemokraten zum Stadtvorstand bekommen I Auch daS kvVrktsmbeWche Organ der Volkspartei bringt ähnliche Ausführungen und spricht von einer'Kraft- Probe zwischen Bürgertum und Sozialdemokratie. Wer in dieser Situation Sonderinteressen verfolge, versündige sich an der Gemeinsamkeit der bürgerlichen Gesamtinteressen. DaS ultramontane„Deutsche Volksblatt" sieht die Gefahr eines sozialdemokrattschen Sieges in bedenkliche Nähe gerückt, wenn es nicht gelinge, sich auf einen bürgerlichen Kandidaten zu einigen. In gleichem Sinne äußert sich die gesamte übrige bürgerliche Presse Württembergs. Zwei bürgerliche Kandidaten sind seit Donnerstagabend zurückgetreten. Bis jetzt sind noch fünf bürgerliche Kandidaten vorhanden. Unsere Partei versiigt über 42 bis 45 Proz. der Wähler. Als gewählt gilt der Kandidat, der die relative Mehrheit erreicht. Die Wahl unterliegt der Bestätigung des Königs. Wer Hann's am betten? DaS Zentrum ist bekanntlich eine Partei ohne Fehl und Makel, und jeder Zentrumsmann ist als Mitglied der allerchristlichsten Partei über jeden Verdacht erhaben, das; je über seine Lippen ein falsches Wort kommen könne. So darf man sich denn nicht wundern, datz jüngst die.Kölnische Volkszettung" einen Artikel brachte mit der Ueberichrist„Die Lage in der Politik", worin das Blatt halb mit Tntrüstung, halb mit wehmütigem Bedauern eine Anzahl von Fällen aufzählt zum Beweise, wie schwer in der Politik gelogen wird. Der Artikel schließt: »Es liehen sich noch manche ähnliche Beispiele zitteren, um das Umsichgreifen der Lüge in der Politik zu illustrieren. Nicht zum wenigsten zeigt sich das im Partei« kämpf. WaS von liberaler und sozialdemokratischer Seite schon über das Zentrum zusammengelogen worden ist, ginge kaum auf die Häute aller im Verlaufe eine» Jahres in Deutschland geschlachteten Kühe. Ein alter Geistlicher hat mir einmal gesagt, man solle an jedem hohen Festtage eigentlich einen guten Borsatz fassen, sich aber nicht zu viel vorzunehmen, damit man es auch halten könne. Ich möchte den Deutschen heute vorschlagen, das entsetzliche Lügen zunächst wenigstens auf dem Gebiete der Politik zu lassen. Das wäre eine gute Vorbereitung für die nächste NeichStagswahlkampagne. Aber werde ich mtt diesem Vorschlage bei denjenigen, die es hauptsächlich angeht, auch auf Beifall stoße«? Ich habe geringe Hoffnung." Die Moralapiftel deS ultramontanen BlatteS bringt den Führer der Kölner Nationalliberalen auf die Beine, der in der»Kölnischen Zeitung" den Spieß umdreht. Es sei kaum zn glauben, so schreibt der entrüstete Nationalliverale, WaS die führende ZentrumSpresie und ihr folgend die kleine Lokalpresse in immer vergröbertem Maß- stabe an Verdrehungen und Lügen gegen die national« liberale Partes zustande bringt. Und nun folgt eine lange Reihe von Stellen aus der ultramontanen Presse— mst dem jedesmaligen Zusatz, daß alles.bewußte politische Lüge" sei. Der Artikel schließt: »Ein Ekel erfaßt einen, wenn mau derartige Ausführungen lesen muß, und ein tiefes Bedauern, daß mit solchen Hand» greiflichen politischen Lügen die heranwachsende Jugend zu Zentrumsmännern erzogen wird. Wir können keine Hoffnung hegen, daß wir mit dem in der»Kölnischen Volks« zeitung' gemachten Borschlage,»das entsetzliche Lügen wenigstens auf dem Gebiete der Polink zu laffen", in der Zentrumspresse auf Beifall stoßen werden." Vielleicht erinnern wir die ultramontane und die liberale Presse an diesen Austausch von Liebenswürdigkeiten, wenn wir mal wieder von dem.Ton" in der sozialdemokratischen Presse zu hören be- kommen._ politifcbe Qcbcrfichn Berlin, den 5. Mal 1911. Der Drappistenblock zur Turchpeitschung der Reichsversicherungsordnung. Aus dem Reichstag. 5. Mai. Die zweite Lesung der Reichsversicherungsordnung hat heute begonnen. Dabei hat sich denn gleich herausgestellt, welche Taktik die Mehrheitsparteien einzuschlagen gedenken, um die Vorlage in der Fassung der Kommissionsberatung mit möglichster Be- schleunigung durch die zweite und dritte Lesung hindurchzu- peitschen. Sie haben einen Trappistenbund des beharrlichen Schweigens geschlossen. Seine Parole lautet: Stimme alle VerbesserungZanträge nieder, ohnezu reden! Nach diesem Grundsatz verfuhren die Mehrheitsparteien. die Rechtee. das Zentrum und die National- liberalen durchweg. Da es sich in dem heute in Angriff genommenen ersten Buch der Versicherungsordnung zunächst um die organisatorische Gestaltung der Versicherungsämter handelte, kanien allerdings diejenigen Fragen noch nicht zur Erörterung, bei denen die Arbeiterinteressen am ttefsten be- rührt werden und bei denen deshalb die Meinungen am weitesten auseinander klaffen. Trotzdem waren die erörterten Paragraphen wichtig genug, um ihren Verfassern Anlaß zu einer zutreffenden Begründung vor der Oeffentlichkeit zu geben. Da die Mehrheit offenbar ein festes Abkommen ge- troffen hatte, die Vorlage in ihrer gegenwärtigen Fassung mit Haut und Haaren herunterzuwürgen, entzog sie sich völlig ihrer Pflicht der Begründung und Rechtfertigung und die amtierenden Bureaukraten, die an den Bundedratstischen herumsaßen, schloffen sich mit Augurenlächeln dieser bequemen Schweigetaktik an. So entwickelte sich denn aus der Fülle der VerbeffcrungS- antrüge, die von den Sozialdemokraten, einige auch von den Freisinnigen einaebracht waren, eine eigentliche Debatte über- Haupt nicht. Unsere Genossen, Molkenbuhr, Hoch, Schmidt. Busold, Göhre, Leber. Emmel, Hengsbach. Severing. Drühne. Sachse begründeten abwechselnd die einzelnen Anträge. Hin und wieder ergriffen noch die Freisinnigen Dr. M u g d a n und C u n o und der Pole KulerSki das Wort: von den Mehrheitsparteien wurden nur vereinzcilte kurze Erwiderungen laut. Sie überließen es dem als Berichterstatter fungierenden Dr. D r ö s ch e r im Schlußwort, wenn ein Abgeordneter ihm nicht mehr erwidern tonnte, einige Abwehrworte zu sprechen. Bei diesen Dröscherschen Schlußworten entwickelten sich Kann mehr und mehr Szenen, die die ganze Unwürdigkeit der Mehrheitstaktik aufdeckten. Herr Dröscher befleißrgte sich allerdings, seinen Instruktionen gemäß, der möglichsten Kürze. Uder das war dem Trappistenblock noch immer nicht kurz genug. Ter freikonservative Abgeordnete Vahrenhorst batie offenbar die ehrenvolle Funttion des.tzeminjchnhS am Dröscherschen Redekarren zugewiesen erhalten. Als dann Herr Dröscher zu gründlich wurde, erhob er sich und suchte «in durch heftiges Handwinken zum Abbrechen zu oeranlaffen. SLÄex pftMZte st sich vsr der VednerftihMs«stf. schnitt a?ers?an? TlWelM'rrttkasseK M? klosiske sich seW ntf! P& Hand beständig auf den Mund, bis der Droschersche Redestrom unter dem lähmenden Einfluß dieser Mimrk versiegte. Ader der ungeduldigen Mehrheit genügte auch das noch nicht. Daß sie den sozialdemokratischen Rednern keine Aufmerksamkeit schenkte und beständig schwatzte, braucht kaum erwähnt zu werden. Schließlich aber lärmten diese Gemütsathleten bei ihrem eigenen Blockbruder Dröscher so stark, daß er trotz seines scharfen Organs nicht zu verstehen war. Dieses unwürdige Verhalten der Mehrheit machte einen so häßlichen Eindruck, daß der Gcuosse Bebel seiner Entrüstung durch eine paar kräftige Pfui! Lust machte. Wenn die Dinge schon einen solchen Verlauf nahmen am ersten Tage, dann kann man sich auf schöne Dinge gefaßt machen, sobald wir erst zu den wichtigen Streitfragen der Vorlage kommen. Alle sozialdemokratischen Anträge wurden abgelehnt von der Mehrheit, bei vielen schlugen sich auch die Freisinnigen auf die Seite der Kompromißpartsien. Unsere Parteigenossen werden natürlich unbeirrt ihre Pflicht tun, fiir die Arbeiterinteressen einzutreten, mag auch die Mehrheit, wie bei den Zollkämpfen im Jahre 1902, gleichzeitig das Ansehen des ReichMgs sie die Volksinteressen unter die Füße treten. Lokalschmerzen. Vor leeren Bänken begann das Abgeordnetenhaus am Freitag die Beratung der Sekundärbahnvorlage. Diese fast all- jährlich wiederkehrende Vorlage, die diesmal u. a. auch die Ein« richtung des elektrischen Betriebes auf verschiedenen Strecken fordert, übt zwei Wirkungen aus: einmal eine Saalflucht, die der Landflucht an Umfang nicht nachsteht, da außer dem jeweiligen Redner nur noch einige seiner allerbesten Freunde ausharren, und zweitens ruft sse Abgeordnete auf die Tribüne, von denen man sonst das ganze Jahr über nichts hört, und von denen man beinahe glauben könnte, sie seien nur als Vertreter der Kirchturmsinteressen ihrer Wahl- kreise gewählt. Bemerkenswert aus der diesmaligen Debatte ist nur die ein- leitende Rede des Eisenbahnministers v. Breitenbach, worin er mitteilte, daß die Versuche mit der Elektrisierung des Eisenbahn« betriebeS zu guten Resultaten geführt haben. DaS StaatSeiscnbahn« netz werde dadurch eine größere Leistungsfähigkeit erhalten, abgesehen von den Borteilen, die daraus dem Verkehr, dem Handel und den übrigen ErwerbSzweigen erwachsen. Sonnabend: Fortsetzung._ Reichstagsdispofitionen. Die Vorsitzenden der Kommisstonen des Reichstage? traten am Donnerstag unter dem Vorsitz des Grafen Schwerin-Löwitz zu einer unverbindlichen Besprechung zusammen. ES handelte sich un> die Festlegung der Tage, an denen die Kommissionen beraten sollen. Nach lebhafter Diskussion einigte man sich darauf, daß die Kom- Missionen stets Mittwoch und Donnerstag von S— 1 Uhr verhandeln, an den anderen Tagen wird das Plenum bereits um 12 Uhr be« ginnen und soll um 6 Uhr abends enden, damit den Fraktionen der Abend für ihre Berawngen zur Verfügung steht. Eine Ausnahme ist nur für die kommende Woche getroffen worden, für welche als KommiffionSfitzungStage Dienstag und Mittwoch bestimmt werden. Zur elsatz-lothringischen Verfaffungsfrage. Wie die„Preß-Centrale" von authentischer Seite er« fahren haben will, sind heute in einer besonderen geheimen Beratung zwischen der Regierung und den parlamentarischen Parteiführern die Verhandlungen wegen der elsaß-lothringi« schen Verfassungsfrage endgültig abgeschlossen worden. Die bezügliche Vorlage wird die Stemmen des Zentrums und der Liberalen, und damit die Majorität erhalten. Wie wir weiter in der Lage sind mitzuteilen, ist Hieruber dem Kaiser vom Reichskanzler in Karlsruhe bereits heute nachmittag Vortrag gehalten und den in dieser Beratung ge- faßte» Beschlüssen die kaiserliche Genehmigung erteilt worden. Die geplante hambnrgische„Finanzreform". In der nächsten Woche wird sich die Hamburger Bürger« schaft mtt der Aufbesserung der Staatseinnahmen zu beschäf« tigen haben. Wie bereits rmtgeteilt, sollen an neuen indirekten Steuern sowie Gebichren usw. 7 Millionen Mark aufgebracht werden, um der chronisch gewordenen Desizitwirtschaft im Staatshaushalt zu begegnen. Es sollen ergeben: die Zuschläge zur Reichserbschaftssteuer 700 900 M.. die Besteuerung der Konsumvereine 150 000 M., die Erhöhung des Stempels für Gesellschaftsverträge 230 000 M., die Erhöhung des Stempels für Unfall« und Haftpflichtversicherungen 150 000 M., die Erhöhung der hamburgischen Gerichtskosten 800 000 M., die Erhöhung der Baupolizeigebühren 280 000 Mark, die Erhöhung des Wassergeldes 1 200 000 M.» die Lustbarkeitssteuer 1 100 000 M., die Erhöhung der Kaigebühren 1 250 000 M. und die Erhöhung des Tounengeldes 600 000 M. Dieses anmutige Steuerbündel hat die interessierten Kreise in die Arena gerufen. In vielen Versammlungen ist Protest dagegen erhoben worden. Gegen die Erhöhung der Zuschläge zur Neichserbschastssteuer wird kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden haben, ebenso rechtfertigt sich die Erhöhung der Kaigebühren und des Tonnengeldes, da die in den letzten Jahrzehnten in die Hafenanlagen hineingesteckten Miillonen— über 300— sich nicht entfernt verzinsen. Trotz« dem schrien die millionenschweren königlichen Kaufleute und Reeder über ,.L«i ch t f e r ti g k ei t" der Steuerkünstler. Versclstm mein HauS, zünd' andre an! Was die E r h ö h u n g des Wassergeldes anlangt, so werden die Haus- agrarier, die zunächst die Abgabe zu zahlen haben, schon in Gestalt des erhöhten Metzinses auf ihre Kosten kommen. Von dieser Abgabe werden also in der Hauptsache die Armen ge- troffen. Ebenfo wird die Lustbarkeitssteuer über- wiegend die unteren Schichten der Bevölkerung treffen.„Die letzte Maifeier ohne Lustbarkeitssteuer," lautete bezelchuender« weise ein Plakat im Festzuge am 1. Mai. Abr schlimmer noch steht es um die Besteuerung derKonsumvereine, während man sich an die Waren- Hausbesteuerung nicht herantraut. Auch die Großdetaillisten, von denen allein zwölf der größten 410 Filialen in Hamburg unterhalten, bleiben von einer Sondersteuer verschont, da in der Handelsmetropole dem Handel keine künstlichen Schranken gefetzt weiden dürfen. Mit Recht nennt die Verwaltung des über 50 000 Mitglieder zählenden Hamburger Konsumvereins „Produktion" in einer Eingabe au die gesetzgebenden Faktoren die Unisatzsteuer eine grobe soziale Ungerecht! g» keit. die für sich allein jedem sozial nicht völlig verhärteten Menschen genügen muß, sie unter allen Umständen abzuweisen. In geradezu widerlicher Weise suchen die Detaillistcw- vereiue, beherrscht von echten Krämerseelen, die Herren Gesetz- gebe? scharfzumachen, damit endlich ihr Herzenswunsch iu Erfüllung gehe.„Versteuerung der wirklichen Einnahmen," lautet die Parole. Die lediglich einen Er- sparniScharakter tragende Rückvergüteing wird zur Einnahme gestempelt. Der EllwAtt rechnet MsSch Wt Wer NllMhmx siöff 8 ffiel sie? Xrmfafe?; KeM? Sasi ä!5 V» steuerbar in Betracht kommen soll.„Die Konsunwereine tragen nichts zu den Lasten des Staates bei," wird heuchlerisch behauptet. Nun hat aber allein im letzten Jahre die„Pro- duktion" an Steuern und Abgaben aller Art an den Staat die nette Summe von 57 258 Mark abgeführt. Die neue Steuerbelastung würde fiir eine Familie 7,50 M. pro Jahr betragen, die zu der enormen Verteuerung der Lebensmittel durch indirekte Steuern hinzukamen. Das ist manchem noch nicht genug. In einem zur Verteilung ge- langten Flugblatt der Krämer verlangen diese sogar„eine wesentliche Erhöhung hex geplantes Kon- snmvereinssteue t"»_ Der Maifeier-„Exzeß" in Glogau. Tatarennachrilbten über von Sozialdemokraten bei der Maifeier in Glogau verübte RoheitSexzesie werden von der reakttonären »Niederschlesistben Zeitung" veröffentlicht. Danach soll bei einem anläßlich der Maifeier veranstalteten Ausfluge in die Umgebung von Glogau ein Besitzer von AuSflüglern mir einem Schlagring in un« erhörter Weise mißhandelt worden sein. Eine Prügelei hat an dem betreffenden Tage im Orte stattgefunden, weil Ausflügler von dem Besitzer und einigen Knechten schwer gereizt worden waren. Aber es war an dem Tage keine von der Partei arrangierte Maifeier, sondern einer der gewöhnlichen Sonntagsausflüge, die mit der Mai- feier der Sozialdemokraten nicht das geringste zu tun haben. Die Sozialdemokraten von Glogau begingen ihre Maifeier einen Tag nach den Exzessen, und diese verlief in würdiger Weise. Also für diesmal ist es wieder nichts mit den außerordentlich rohcn Ausschreitungen der Genossen am I.Mai." Ein Polizeipräsident und ein Kreisdirektor als Duellforderer! Im Landesausschuß für Elsaß«8othringen, wo die Etatsberatung durch allerlei Klatsch und Tratsch derart verzögert wird, daß die Annahme des Budgets dieses Jahr er st im Mai erfolgen kann, in der»Quasselbude am Kaiserplatz" zu Straßburg, wie in gut bürgerlichen Blättern dieses sozialisten- reine Parlament neuerdings benamset worden ist. hat vor einigen Wochen der Abgeordnete Blumenthal in einer im all- gemeinen recht guten Rede über den Prozeß gegen die „I-omüno sportive" in Metz den Herrn Polizeipräsidenten von Metz, Baumbach von Kaimberg, scharf angegriffen. Er warf ihm direkt Unfähigkeit vor und soll dabei den feudalen Namen des Herren Polizeipräsidenten jedesmal mit so eigentümlich gedehnter Betonung ausgesprochen haben, daß er das ganze Haus einschließlich der Tribünen wiederholt zum lauten Lachen brachte. Wie min der»Elsäffer Courier' in Colmar, daS den Abgordneten Blumenthal. Wetterls und Preiß nahestehende Zentrumsblatt. meldet, ist dem Abg. Blumenthal von dem Kreisdirektor von Straßburg- Land, Freiherrn v. Gemmingen-Zornberg. jetzt dieserhalb eine Duellforderung deS Metzer Polizeipräsi» d e n t e n überreicht worden. DaS Blatt nennt die Forderung eine »meuchelmörderische": Pistolen, IS Schritt Distanz, dreimaliger Kugelwechsel; es erinnert daran, daß die Provokation zum Duell und das Kartelltragen im Strafgesetzbuch mit Festungshaft von S Monaten bis zu 5 Jahren bedroht ist, und spricht die Er- Wartung auS, daß Staatsanwaltschaft und Polizei die beiden duellfreudigen Herren mit ihrem Schießeisen sofort hinter Schloß und Riegel setzen. Der»Witz" der Gc- schichte lieg» darin, daß der angebliche Kartellträger Kreisdirektor Freiherr v. Gemmingeu identisch ist mtt dem konservativen ReichStagSkandidaten für den Wahlkreis Karlsruhe, zu dessen Unterstützung schon im ersten Wahlgang das Zentrum, daS in dem Wahlkreis 1907 sbei nur 2Ö84 konservativen Stemmen) 9569 Stimmen zählte, jetzt auf eine eigene Kandidatur zu verzichten gedenkt!... Die segen- bringende blauschwarze Blockbrüderschaft hat doch auch ihre recht schmerzlichen Begleiterscheinungen T Die„Reform" der Geschäftsordnnsg im preustksche» Drciklassenhause. Die GeschäftSordnungSkommisston des preußischen Mgeordneten- hauseS hat jetzt die ihr zur Erledigung überwiesene Reform tn erster Lesung erledigt. Zur Rrdeordnung war ein Antrag gestellt worden, der dem Präsideiuen vorschreiben wollte, daß zunächst die Redner der Fraktionen und nach ihnen erst die Redner solcher Parteien zum Worte kommen sollten, die nicht die Stärke von Fraktionen haben. Der Antrag wurde abgelehnt. Verschiedene Anträge auf Ein- schränkung der Redezeit find nicht von der Kommission verbandelt worden, da sie über den Rahmen der der Kommission gestellten Ausgaben hinausgehen. Ein fortschrittlicher Antrag, die Bildung einer Fraktion nicht von der Mindestzahl von 16 Mttgliederu abhängig zu machen, wurde abgelehnt. Eine Vertretung der Sozialdemokraten hat man voll der Ge- schästSordnungSlommission ferngehalten. Gegangen. � Der Unterstaaissekretär im Auswärtigen Amt, Wirklicher Ge« heimer Legationsrat Stemrich, ist seinem Ansuchen entsprechend von seinem bisherigen Amte entbunden und unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz zur DiS- Position gestellt worden. Zu seinem Nachfolger ist der Dirigent der politischen Abteilung deS Auswärtigen Amtes, Wirklicher Geheimer LegationSrat Zimmermann, ernannt worden, während die Funkteonm deS Dirigenten der politischen Abteilung deS Auswärtigen Amtes dem Bortragenden Rat im Auswärtigen Amt, Geheimen LegationS- rat v. Stumm, unter Verleihung deS Titels und Ranges eines außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers übertragen worden find.__ Das berechtigte Ehrgefühl des Fahnenjunkers. Vor dem Kriegsgericht der 8. Division in Halle stand am DienStag der Fahnenjunker Ritter Walter v. Ehoring vom Infanterie- regiment Nr. 156 in Altenburg. Der junge Mensch wurde wegen schweren Diebstahl»—«S handelte sich um die Entwendung von Zigarren und Zigaretten aus einem verschlossenen Schranke des Offizierkasinos— zu drei Monaten und einer Woche Gefängnis und Degradation verurteilt. Wir würden von dem Falle keine Notiz nehmen, wenn nicdt die Praxis der Kriegsgerichte, die Oeffentlichkeit auszuschließen, wieder einmal in Erscheinung getreten wäre. Diesmal wmde der Ausschluß der Oeffcnilichkeit aber nicht mit dem beliebten »mtiitärdienstlichen Interesse" begründet, sondern daS Kriegs» gericht nahm Rücksicht auf das.berechtigte Ehrgefühl des An- geklagte» und seiner Familie." So sehr vom rein menschlichen «landpunkt an» der junge Mensch zu bedauern ist, dem um eines leichtsinnigen Streiches willen die aanze gutuust zerstört wird, so muß doch betont werde», daß die Kriegsgerichte nicht so seinfühlig sind, wenn es sich um.Gemeine" und gewöhnliche Plebejer handelte Um einer armseligen Zehnpfennigmarke willen haben schon einfache Soldaten Justezaktionen wegen Diebstahls tn aller Oeffentlichteit über sich ergehen lassen müssen. Da« Prinzip der Oeffentlichkeit der KriegSgerichiSverhandlungen muß für alle Klassen gelten. Solange das nicht der Fall ist, muß die Mililärjustiz, deren drakonische Straf« bejtiivmungsn schon genug zur Kittet herauSsordun, sich auch de» Vorwurf der Klasseitmstiz gciallen lassen. Die einsichtige Presse wird schon ihre Venchierstattung so taktvoll gestalten, daß jede unnötige Härte für den Angeklagte» twd dessen Famtlte vermieden wird. £ Kastrierte Tischreden. »SSoTffS Telegraphenbureau' führt in einer Erklärung die Kastrierung der Trinksprüche deZ italienischen und schwedischen Königs, die verschiedene deutsche liberale Zeitungen so in den Harnisch gebracht hat, auf einen Irrtum seines Redakteurs bei der Uebersetzung der von der„Agenzia Stefani" im Auszuge übermittelten Trinksprüche zurück. Außerdem seien dem Uebersetzer.chrono« logische Bedenken" bezüglich der Proklarnierung RomS zur italienischen Hauptstadt aufgestiegen. DaS.Verl. Tagebl.". das sich wie ein Kind über die Rehabilitierung der schönen Phrase vom.Triumphzug der liberalen Grundsätze" fteut, erklärt sich durch die Richtigstellung des offiziösen Telegraphenbureaus zuftiedengestellt. Uns kann'S auch recht sein._ Noch einmal„Marine-Rundschau" und Marineamt. Genosie Severins ersucht uns um Aufnahme des nach- stehenden Schreibens: In den Berichten einiger Blätter über die ReichStagSverhand- lungen vom 2. Mai wird die von mir abgegebene Erklärung und die Zurückziehung meiner Beschwerde gegen den mir erteilten Orb« nungSruf als ein Rückzug bezeichnet. Daß sich unter den Blättern, die ihre Leser aus diese Weise unterrichlen, auch die > P o st" befindet, ist angesichts der Beziehungen zwischen der ReichSpartei und der.Post" und der daraus für das Blatt resultierenden Verpflichtungen, den reichspartcilichen Vizepräsidenten Schultz zu decken, nicht weiter verwunderlich. Befremden muh es aber, daß auch das.Berliner Tageblatt' in seiner Besprechung der Angelegenheit von einem Rückzug meinerseits spricht. Um einer Legendcnbildung vorzubeugen, bitte ich die Redaktion des.Vorwärts um Aufnahme der folgenden. Zeilen, die eine knappe Schilderung der Vorgänge bei der Borbereitung der abgegebenen Erklärungen fein sollen. Dabei möchte ich zunächst bemerken, daß die Anregung U dem Austausch der Erklärrmgen von Freunden des Herr» bg. Schultz ausgegangen ist. die sich zur Vermittelung an Herren der Fortschrittlichen BvlkSpartei gewandt haben, was ich besonders dem.Berliner Tageblatt' gegenüber feststellen will. Ich wurde gefragt, ob ich bereit sei, zu erklären, daß ich den Vor- wurf der erlogenen Darstellung nicht gegen das Reichsmarineamt habe richten wollen, wenn der Bizepräsident Abg. Schultz den Ordnungsruf zurücknehmen würde. Ich habe mich grundsätzlich dazu bereit erklärt, da ja mit der Zurücknahme des Ordnungsrufs der Zweck meines Protestes, dem Herrn Präsidenten eine Warnung?- tafel zu errichten, vollständig erreicht war. Die von mir unter Zu- stimmung einiger meiner Fraktionskollegen formulierte Erklärung ist dann von einem Herrn der fortschrittlichen Volkspartei, dem Abg. Schultz vorgelegt worden. Herr Abg. Schultz beanstandete die an die Spitze der Erklärung gestellte Bemerkung: .Für den Fall, dah der Herr Bizepräsident Abg. Schultz den mir in der Sitzung vom 4. April erteilten Ordnungsruf zurück nimmt, bin ich bereit, zu erklären" mit dem Hinweis darauf, dah er nach der Geschäftsordnung keine Möglichkeit habe, einen Ordnungsruf zurückzunehmen, er könne dann nur erklären, dah die Voraussetzungen flir einen Ordnungsruf nicht vorgelegen hätten. Auherdem wünschte er die Streichung einer Stelle rn meiner Erklärung, in der ich sagte, dah ich den Vorwurf der erlogenen Darstellung gegen die Herren habe richten wollen, die als die Verfasser der betreffenden Mitteilungen der.Marine-Rundschau' in Frage kämen. In der sicheren Erwartung, dah der Herr Vize Präsident bei Berücksichtigung dieser seiner Wünsche in der von mir abzugebenden Erklärung nunmehr klipp und klar und ohne wenn und aber seinerseits zugeben würde, dah die Voraussetzungen für einen Ordnungsruf nicht vorgelegen hätten, habe ich wieder mit Zustimmung einiger meiner Fraklionskollegcn den geäuhertcil Wünschen entsprochen. Allerdings muh ich gestehen, dah ich meine Erwartungen von der Loyalität deS Herrn Vizepräsidenten zu hoch gespannt habe. Denn der Herr Vizepräsident, dem ich in der Tat goldene Brücken gebaut hatte, hat nicht einfach revoziert, sondern durch eine starke Verllausulierung seiner Worte den Eindruck zu er- wecke» gesucht, als ob er am 4. April wenigstens scheinbar im Rechte gewesen wäre. Er sagte nach dem heute ausgegebenen amt- lichcn Stenogramm: .Herr Abgeordneter, ich habe nach dem Zusammenhange Ihrer Rede vom 4. April annehmen müsien, dah Ihr Vorwurf der Lüge gegen das ReichSmarineamt gerichtet war. Hätten Sie damals, i'o wie heute, durch eine so einwandsfreie Erklärung diese An- nähme beseitigt, so würde ein Aulah zu einem Ordnungsruf meinerseits nicht vorgelegen haben, und ich würde diesen OrdnungS- ruf nicht erteilt haben." Das muh, wie gesagt, den Eindruck erwecken, als ob ich erst am 2. Mai gesagt hätte, dah sich mein Vorwurf nicht gegen das ReichSmarineamt oder den Staatssekretär richte, während ich schon in der Sitzung vom 4. April so einwandfrei und deutlich gesagt habe, wen ich treffen wollte, daß ein Zweifel darüber nicht entstehen konnte. Ich stelle meine Ausführungen, die unmittelbar dem ersten Ordnungsruf in der Sitzung vom 4. April folgten, den gleichartigen Bemerkungen in meiner Erklärung vom 2. Mai gegenüber, um den Lesern ein Urteil darüber zu ermöglichen, wo ich klarer und.ein- wandfrcier" gewesen bin. Erklärung vom 2. Mai: Gegen den Herr» Staatssekretär des Marineamtö konnte ich sckon um deswillen den Vorwurf nicht richten wollen, als mir bekannt war, dah der Herr Staatssekretär durch die Verhandlungen in der Budgetkommission und im Reichs- läge über den tatsächlichen Ur- sprung der Abstriche an den Heizer- zulagen unterrichtet sein muhte. zugeben müssen, dah die beiden Rede v o'm 4. A r i l: Die verantwortlichen Redalteure der.Marine-Anndschau" können sich nicht darauf berufen, daß ihnen die Dinge nicht bekannt ge- ivesen sind, und sie sich nur geirrt haben. Ich meine, die Herren hätten die Pflicht gehabt, sich an der Hand der annlichen Druck- fchrifien zu ioformirrcn. und die Berbandlungrn des Reichstages geben klares Bild darüber, dah ie Mitteilungen der.Marine- Rundschau" nicht zutreffen. Der unbefangene Leier wird Auslassungen sachttch darin übereinstimmen, daß sie sich nicht gegen das Reichsmarineamt oder den Staatssekretär eichten. Ganz klar und eiinoandfrei aber geht aus meinen Ausführungen vom 4. April hervor, wer gemeint war, nämlich die Redaktton der nichtamtlichen „Marine-Rundschau". Das hinderte den Vizepräsidenten inde« nicht, mir wegen des gleichen Deliktes den zweiten Ordnungsruf zu er- keilen, wie es ihn am 2. Mai nicht daran hinderte, zu behaupten. dah ich seine.irrige Annahme" erst durch meine Erklärung vom 2. Mai beseitigt hätte. Von eincin.tiliickzug" meinerseits kann als« nicht die Rede sein. Wie aber das Verhalten des Herrn Abg. Schultz, dem ich auf seinen Wunsch in der loyalsten Weise entgegenkam, zu bezeichnen ist. das zu entscheiden darf'ich getrost der Oeffcntlichleit überlassen. Berlin. 4. Mai._ Karl Severing. Snglanä. Annahme der BerflcherungSvorlage.' London, 4. Mat. Das Unterhaus hat die Der- fichcrungSvorlage in erster Lesung einstimmig angenommen. In seiner BcgritndungSrcdc führte Lord George folgendes aus: Der Gesetzentwurf gliedert sich in zwei Teile, wovon emer die Versicherung gegen Krankheit, der andere die Versicherung gegen « r 0 e i t s l o s i g l e it betrifft. Die Kr-nkenversichtrung gliedert sich in die obligatorische und die freiwillige. Erjtere besteht in, obligalo- rischen Abzügen vom Wochen lohn oder vom Verdienst von Heer und Flotte, für die besonders Vorsorge ge« troffen werden soll. Der Lohnabzug wird bei Männern vier Pence, bei Frauen drei Pence wöchentlich betragen. Die Arbeitgeber sollen wöchentlich drei Pence für jeden ihrer Angestellten, der Staat zwei Pence beitragen. Die Gesamtzahl der von dem Gesetzentwurf betroffenen Männer, Frauen und Jugendlichen bettägt 14700 000. Um der Geißel der Schwindsucht zu begegnen, schlägt die Regierung vor, den Lokalbehörden und den Spitälern bei der Errichtung von Sanatorien im ganzen Lande Beihilfe zu leisten. Ter Staat wird hierfür ein Kapital von lich Millionen Pfund Sterling vorsehen. Die Krankenunterstützung soll für die ersten drei Monate 10 Schilling wöchentlich, für die nächsten drei Monate fünf Schilling wöchentlich betragen. Dauernd Arbeits- unfähige sollen fünf Schilling wöchentlich erhalten. Der Entwurf soll hauptsächlich mit Hilfe der Arbeiter- unter st ützungSvereine durchgeführt werden: doch können die Beiträge auch durch die Post entrichtet werden. Der Gesetzent- Wurf werde erst am 1. Mai 1012 in Kraft treten. Die Belastung des Staates für 1912/13 werde sich auf 1 742 000 Pfund Sterling belaufen, für 1913/14 auf 3 350 000 und für 1915/lö auf 4503 000 Pfund Sterling. Was die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit betreffe, fo werde sie obligatorisch, vorläufig aber auf das Maschinen-undBau- gewerbe beschränkt sein. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten je 2'/6 P e n c e für die Woche entrichten, während der Staat ein Viertel der Kosten tragen werde. Die Arbeitslosen- Unterstützung werde bei den Maschinenbauern 7 Schilling wöchentlich betragen. Im Falle von Ausständen oder Aus- sperrungen würden aber keine Zahlungen geleistet wer- den. Von dem Gesetzentwurf würden 2 400 000 Arbeiter betroffen werden, deren Gesamtbeitrag 1 100 000 Pfund Sterling betragen würde; die Arbeitgeber würden 900 000 und der Staat 750 000 Pfund beitragen. Die gesamte im ersten Jahre für beide Arten der Versicherung zu erhebende Summe beziffere sich auf 24 500 000, wo- von der Staat 2 500 000 Pfund beitrage. Im vierten Jahre würden die Ltzjträgc des Stgates schon auf 5 500 Mg Pfund gestiegen fein. Mexiko. Die Friede iiSuntcrhandlnngett. New Dork, 5. Mai. Nach einem Telegramm aus E I P a s o erbietet sich M a d e r o in seiner dem mexikanischem Unter Händler überreichten Erklärung, auf die provisorische Präsi dentschaft zu verzichten und verlangt, daß Präsident D i a z und Vizepräsident Corralzurücktretn. und daß der Minister des Aeußern de la V a r r a bis zu den Neuwahlen als Präsident fungiere. Miaderos Note wurde Carabajal von den Rebellenführern erst nach einer heftigen Debatte überreicht, in der diese darauf bestanden, daß die vom Präsidenten Di a z den Unterhändlern mitgeteilte Absicht, von der Präsidentschaft zurückzutreten, öffentlich bekannt gemacht werde. Friede in her Provinz. New Uork, 5. Mai. Wie aus Mexiko gemeldet wird, haben sich der Kriegsminister General Gonzalez C o s i o und der Führer der Insurgenten in der Provinz. Guerrero Figueroa, über die'Friedensbedingungengceinigt. Figueroa erklärte, er und seine Anhänger seien durch die versprochenen Reformen befriedigt, besonder? durch die Neubesetzung der Gouverneurs stellen und anderer Aemter. Die Gelüste der Vereinigten Staaten. Washington, 4. Mai. Im Repräsentantenhause prophezeite heute der republikanische Vertreter von Pennsylvanicn, Focht, den Einmarsch der amerikanischen Truppen in M e x i k o für die nächste Zukunft. Er erklärte, die Vereinigten Staaten brauchten das Reich und seien im Begriff, der Lockung des Goldes und dem Reiz des Abenteuers zu folgest Er glaube. Taft werde sich w.i ch t widersetzen. Seit Jahren nähmen die Vereinigten Staaten alles, was Europa nicht wolle. Focht spielte hierbei auf die Philippinen an, die anderen Weihen eine Last wären, und fragte, warum Amerika nicht etwas in Besitz nehmen könnte, das der Mühe wert sei. Focht sagte auch, eine schliehliche Annektierung Kanadas durch die Per- einigten Staaten voraus und erklärte, die Mehrheit der kanadischen Volkes sei dex Annexion geneigt." Susgmsmmen Hus Induftric und ftandef. Die deutsch-atnerikanischen Handelsbeziehungen. Dir neuerliche Erklärung des amerikanischen Staatssekretärs Knor, daß die in dem neue» amerikanisch-kanadischen Abkommen an Kanada eingeräumten Sondervergünstiguirgen auf andere Länder nicht ausgedehnt werden sollen, da Kanada sich diest Vor- teile durch besondere Gegenleistungen erkauft habe, hat in Deutsch- land mit Recht lebhafte Erregung hervorgerufen. Allerdings hat Dcutschlund weder ein Vertrags- noch ein Mcistbcaünstigungsverhältnis mit den Vereinigten Staaten, in- folgedcssci! auch keiucn rechtlichen Anspruch auf die neuen Jollcrmähigungen. Vielmehr ist die vorjährige Neuvegelung unserer Handelsbeziehungen beiderseits durch autonomes Gesetz er- folgt. Auf Grund des neuen Provisoriums vani 7. Februar 1910 haben die Vereinigten Staaten uns durch eine Proklamatio» des Präsidenten ihren Mininmltarif, wir ihnen unseren gesamten Per- traastarif cingeräumt. Der deutsche Bundesrat wurde durch bs- sondereS Reichsgesetz ermächtigt, für die Einsuhr auS den Ler- einigten Staaten unsere Vertragssätze„in angemessenem Umfange" zur Anwendung zu bringen. Wenn der Bundesrat darauf bis auf weiteres der Union den gesamten VcrtraaSiarif zugestanden hat. so war er dazu berechtigt, aber nicht verpflichlet. Er ist jederzeit in der Lage, ohne Befragen des Rcickstages den Vereinigten Claaten den Mitgenuh des deutschen Vertraastarifes ganz oder teilweise wieder zu entziehen, wenn sich die zollpolitischen Verhält- nisse auf amerikanischer Seite ändern. Hierfür kommt die folgende Bestimmung d?S Ermächtigungsgesetzes in Betracht:„Lassen die Vereinigten Staaten durch Gesetze, Verträge mit dritten Ländern oder auf irgendeine andeve Weise bezüglich des Warenaustausches zwischen dem Deutschen Reich und den Vereinigten Siaai.m irgend- welch« den gegenwärtigen Zustand zmmgnnsttn Deutschlands verschiebende Acnderungcn eintreten, so wird der Bundesrat nach seinem Ermessen die den Erzeugnissen der Vereinigten Staaten gewährten Begünstigungen ganz oder teilweise zurückziehen." Dazu schreibt der H»ndelsvertraySverein:„Eine solche Aende- rung zu unseren Ungunsten würde aber durch die Richteinräumung der an Kanada gewäbrten Vergünstigungen zweifellos eintreten, und die Vereinigten Staaten müssen sich darüber klar sein, dah sie damit auch eine Schlechterstellung ihrer Einfuhr nach Deut'ch- land hevaubfordern, wenn niäü gar die Weiterexistenz des deutsch- amerikanische« HandelSäbkouimenS gefährden. Dieses gibt dem deutschen Bundesrat ausdrücklich das Recht, den Vereinigten Staaten den Mitgenuh unseres Vertragstarifes ganz oder teil- Weise ohne weiteres und ohne Kündigung des Abkommens wieder zu entziehen, sofern die Vereinigten Staaten uns von neuen Zoll» ermähigungen ausschließen sollten." Moorkultur. Ter preußische LandlvirtschaftSminIster hat die RcgicruugSpräsldcutcu aufgesorsert, eine Statistik über die in ihren Bezirken tulturfähigen Moorböden aufzunthmen und hat außerdem in Gemeinschaft mit dem Finanzinintfter cirto OrientieruNgsrcise in die verschiedenen Moorgebiete unternommen. MS« ZxD MyehllM. dsß viese Rets« Ast tzrti üngökünd�tgL stsst» Ische« Maßnahm-i, zvr NMaMiUMi kö? MVstM s« 80 sammenhang steht, wofür im preußischen Etat bereits Mittel vor- gesehen sind. Biehseuche«. Die Seuchenverhältnisse wollen sich noch nickst bessern. Jetzt ist das 12. Tausend ocr verseuchten Gehöfte über. schritten worden. Insbesondere gewinnt die Seuche in Südwest-- deutschland(Elsah-Lothringen, Baden. Hessen und der Pfalz) immer weitere Ausdehnung; in Württemberg ist sie zwar im Abflauen begriffen, aber immer noch erheblich. Auch im Rheinland, der Provinz Hannover und Sachsen breitet sich die Seuche immer weiter aus, während im Osten des Reiches deutlich ein erhebliches und ständiges Zurückweichen der Seuche feststellbar ist. Die Einrichtung der Beobachtungsgebiete wird von verschiedenen Seiten bekämpft und der Durchseuchung der Viehbestände das Wort geredet. An- gesichtS der Erfolge der Seuchebekämpfung im Osten wird ein solcher Vorschlag aber doppelt zu überlegen sein, umsomehr. als eine gesetzliche Handhabe fehlt, die Landwirte zur Duldung der kunWchtzg Infektion zu zwingen.;«*y W Soziales* Die NeichsversicherungSorbnung nach der 3. Lesung der 10. Kommission deS Reichstages. Dieses Thema beschäftigte am Donnerstag eine Versammlung der Vor- standSmitglieder und Generalversammlungsvcrtrcter sowie«er- waltungsvcamten sämtlicher Krankenkassen Berlins und der«or- orte. Man hatte dazu den gröhten Saal Berlins genommen. Wer an dem Abend die Hasenheide entlang ging, konnte glauben, dag dort in der„Neuen Welt" eine allgemeine Mchsenversammlung stattfand, und doch waren es nur die persönlich durch Karten ein- geladenen Vertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeber ftüpts dte Verwaltungsbeamten der Kassen, die hier zusammenkamen, �er Riesensaal bot nicht Sitzplätze genug und auch die Galerien lvaren überfüllt. ES waren wohl mindestens 5000 Personen anwqenb. Der Referent E. Koblenzer schilderte in großen Zügen, welche Schädigungen und welche Entrechtung diese Lteichsversicherungs« ordnung schon nach dem Regierungsentwurf und in noch größeren» Maße nach den Beschlüssen der KommissionsMehrheit den Kassew- Mitgliedern und den Kassenbeamten bringen muß, e»ne Entrcch. tung, die nebenbei nicht nur die Arbeitnehmer sondern auch die kleineren und mittleren Arbeitgeber trifft. Institutionen,, die sich in den 25 Jahren der Selbswertvaltung zum Nutzen der Müglieder: großartig entwickelt haben, will man in ihrer weiteren EntWickelung hemmen, und was in jenem Picrteljahchundert durch unermno- liche Arbeit geleistet worden ist, soll zum großen Teile zunichte ge- macht werden. Als Grund führt man an, daß die Kaßen von der Arbeiterschaft zu politischen Zwecken ausgenutzt wurden, aber das ist längst widerlegt. Man hat diese Dinge gemacht, um die Gunst- linge der herrschenden Klassen mit Stellungen zu versorgen. An» Verbesserungen für die Mitglieder der Kassen wird so viel wie nichts geschaffen. Die Aerztefrag« sollte gelöst werden, aber«S ist! nichts Ordentliches dabei herausgekommen.� In der Apotheker, ftage wird der Ausbeutung der Kassen Tür und Tor geöffnet. Der Redner ging noch näher auf die verschiedenen Bestimmungen der Vorlage ein und wies nach, wie verderblich ihre Wirfungen sein werden, wenn sie wirklich Gesetz wird. Er schloß mit den Worten, daß cS nickst im Interesse irgendeiner Partei liege, sondern im Interesse aller Versicherten, daß dieses Monstrum versckstvindet. Zur Diskussion wurden zunächst Anhänger der Reichs veesichS- rungsordnung, wie sie jetzt im Reichstag vorliegt, ausgefordert, ihre Meinung zu sagen. Aber eS meldete sich niemand zum Wort und so wurde auf die Diskussion verzichtet. Der Vorsitzende Simanvwski verlas die Resolution, die am Sonntag vom Kranken- kassentag beschloffen wurde und dann in der Extraausgabe des „Vorwärts" vom Dienstag veröffentlicht worden ist und empfahl sie der Versammlung zur Annahme. Die Resolution wurde dcma auch hier einstimmig angenommen.»• Ein ElcndSbild zeigt folgend« Notiz, die durch die Hinter. pommerschen.Kreisblätter die Runde macht.„Rügenwalde.� Bc- sonders groß ist hier die Zahl derjenigen Schulkinder, die alljährlich von ihren Eltern für die Sommermonate als Hütekinder aufs Land vermietet werden. In diesem Jahre sind eS 02 solcher Kinder, die am 1. Mai die Schule verließen und ihrem neuen Heim zustrebten. Der Verdienst dieser armen Kinder stellt sich für den Sommer auf 2» bis 24 M., außerdem erhalten sie einige Zentner Kartoffeln." Wie man sieht, verstehen unsere Agrarier es. sich billige Arbeitskräfte zu besorgen, zumal ja die Mehrzahl der Kinder auf Rittergütern beschäftigt werden. Unterernährung des Volkes. Den Rückgang der Volksernährung illustriert der letzte Gene- ralbcricht der bayerischen Sanitätsverwaltung. Milch und Milch. Produkte verschwinden immer mehr auS den kleinen Haushaltungen, um unzureichenden Surrogaten Platz zu machen. So berichtet der Amtsarzt von SberSbcrg über einen starken Rückgang in der Er- nährung. Die gewerbliche Milchvcrwertung fei derart intensw. „daß trotz der hohen Produktion von zirka 30 Millionen Litern eine Verwertung im Haushalt bereits kaum mehr in Frage kommt". Der Bericht von Mindelheim besagt:„Mit Zunahme der Dampf- Molkereien und Käsereien verschwindet bei den Kleinsöldnern auch der letzte Tropfen Milch, ohne Rücksicht auf den Bedarf für die her- anwachsende Jugend, die Säuglinge und die Armen, für welche dls Mischmilch aus den Molkereien um 15 Pf. pro Liter zurückgekauft werden muß. Außerdem erhalten die Säuglinge Mchlbrrt, di? übrigen Kinder statt Milch Wassersuppen, sogenannten Kaffee oder Brei. Der Milchmangel verschlechtert die Säuglingsernährung, bc» günstigt im zweiten bis fünften Jahre Rachitis, bei den Adoleszcntcn (Heranwachsenden) Zurückbleiben des Knochenwachswms, bei den Acltcron Nachlassen der Widerstandskraft gegen Schädlichkeiten." Dßr AmtSarzt in Neuniarkt läßt sich folgendermaßen ver- nehmen:„Die fast gänzliche Ausschaltung der Vollmilch bewirkt eine Unterernährung der ohnedies schwächlichen KiNdcr, und bei deren Verwendung zu härten Arbeiten Zuimhme von WirbelsäüleNder» krümmung, auch Höhsren Formen von Kyphose(Verbuckelung) und Skoliose(seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule)." Der Amtsarzt von Wcißenburg i. B. zählt nnter den nachteili. gen Folgen des MolkereibetrlebeS auf: DäS Fehlen der bisherigen nahrhaften Mehlspeisen; statt der früheren Mtlchsuppc als Zwischen. mahlzeit Altoholkonsum. In Oberschlesion, in rein industriellen Gegenden, gibt man kleinen Kindern heißes Wasser mit Alkohol ver» mischt als MorgengStränk. Auch der Amtsarzt von Krumbach bc- richtet über Unterernährung infolge des gänzlichen Entzuges der Milchnahrung. Sogar in den besten Bauernhäusern werde jetzt statt Butter Kunstfctt verkocht, die Kinder erhielten, statt wie früher Butterbrot oder Milch, jetzt Zichoricnbrühe oder Bier. Der AmtSarzt von Lindau führt den Rückgang der Mililär- tauglichkcit �durchschnittlich nur 42 Proz. Taugliche gegen 00 Proz. im Jahre 1902) vorwiegend auf Unterernährung infolge Ausschlusses der Milchnahrung zurück. Aus den Berichten der zahlreichen anderen Bezirke klingt dä!. selbe Lied. Trotzdem verlangt der SchnapSblock einen Einfuhrzoll auf Milch, damit sich die Interessenten noch mehr dio Taschen auf Kosten des Volkes füllen können. Ein Einfuhrzoll auf Milch würde den Jnlandpreis natürlich noch höher schrauben und damit die Erimh- rung der Land- wie Stadtbevölkerung noch schlechter grstalton. Was kümmert die Zoll- und Wuchskpolltiker das Wohl und die Gesund, SM SSL Voll-ZL Das Dohi S« ZtMex ist fcl ohersteö Gesetz. GewerkfcbaftUcbce. Eine dimimfrecbe„cbriftUcbc" Drohung! Das Zentralblatt der christlichen Gewerk- s ch a f t e n berichtet in seiner Nr. 9 über eine Ausschuß- sitzung des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Vom 19. bis 21. April. In dem Bericht heißt es: „Uebereinstimmend wurde von mehreren Seiten auf den ver- siärlten Druck hingewiesen, der von der sozialdemokratischen Rich- tung in letzter Zeit auf alle Andersdenkenden ausgeübt wird, um die Alleinherrschaft auf dem Gebiet des Arbeitsvertrages zu er- zwingen. Demgegenüber kam mit vollster Einmütigkeit die feste Absicht zum Ausdruck, seitens der christlicher Gewerkschaften dem sozialdemokratischen Terrorismus, insbesondere den krampf- haften Bestrebungen zur Schaffung von Arbeilsmonopolen mit aller Entschiedenheit entgegenzuwirken. Die sozialdemo- kratischen Führer sollten sich wohl hüten, den Bogen zu st raff zu spannen, damit nicht schließlich durch gesetzliche Maßnahmen dem sozialdemokratische» Mißbrauch gewerk- schaftlicher Machtmittel in ähnlicher Weise Schranken gezogen werde» uiüßteii, wie es jetzt gegenüber dem Mißbrauch mit den Beamten st elleir in der Arbeiterversiche- rung zur Notwendigkeit geworden sei." Es genügt wohl, diese infame Sudelei hier anzunageln. Der kleine Zentrums christliche Gernegroß wächst ja förmlich über sich selbst hinaus. Er„fühlt" sich nicht bloß mehr als Unternehmerstütze, sondern gar als leibhaftige Regierung! Berlin und llmgegend. Die organisierten Gastwirtsgehilfen liegen mit dem Inhaber des Lokals„Warschauer Bierhallen" in Konflikt. Das hat natür- lich auch sofort unsere Polizei auf den Plan gerufen. In der Nacht zum 3. Mai wurde an der Warschauer Ecke Romintener Straße vor dem Rostaurant„Warschauer Bierhallen" ein Herr seitens eines dort postierten Schutzmanns(Nr. 2Sl16), nachdem eine bei dem Beamten stehende Frau denselben auf den Herrn auf- merksam gemacht hatte, ohne jede äußere Veranlaffung verhaftet. Als der Verhaftete fragte, was für einen Grund der Polizeibeamte zu dieser Maßnahme habe, erklärte dieser, daß der Betreffende verdächtig wäre, im Lokale„Warschauer Bierhallen", mit dem der Verband deutscher Gastwirtsgehilfen seit längerer Zeit im Kampfe liegt, Flugblätter verteilen zu wollen. Alle Verwahrungen gegen eine derartige Verhaftung nutzten nichts; der Delinquent mußte zur Wache folgen, von wo er aber nach erfolgter Legitimation wieder entlassen wurde.— In letzter Zeit ist es direkt augenfällig, daß vor dem Lokal„Warschauer Bierhallen" fortwährend Schutz- leute postiert sind, und man wird vielleicht nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß diese Maßnahme sich gegen die organisierten Gastwirtsgehilfen richtet. Die Berliner Polizei will es offenbar nicht lernen, daß sie kein Recht und keinen Grund hat, in die Wirt- schaftlichen Kämpfe der Arbeiter einzugreifen. Achtung für die in der Schilderbranch« Beschäftigten! Wir machen darauf aufmerksam, daß die Differenzen bei der Firma Polenz G. m. b. H., Schönhauser Allee 34, noch nicht erledigt sind. Da die Firma die Organisierten durch Unorganisierte er- setzen will, um willige Arbeitskräfte zu haben, bitten wir dringend, Arbeitsangebote dort zu unterlassen. Mit welcher Schärfe man vorgehen will, beweist der Umstand, daß die dortigen Posten von der Polizei möglichst aus der Straße entfernt werden; man hat ihnen schon den Aufenthalt vor der Türe und auch vor dem in demselben Hause befindlichen Lokal illusorisch gemacht. Die im Kampf Stehenden werden es sich aber nicht nehmen lassen, ihre Pflicht zu tun, und die dort Anfragenden auf die Situation auf- mcrksam zu machen. Verband der Porzellanarbeiter, Zahlstelle Berlin. Achtung, Schuhmacher! Bei den Firmen Hamann u. Co., Michaelkirchstr. 15, und Müllern. Schlitzweg, Nungestr. 17. sind im Anschluß an die von feiten des Verbandes der deutschen Schuh- und Schäftefabrikanten verhängte dreitägige Maiaus- sperrung Differenzen entstanden, die teils durch Maßregelungen und teils durch Lohnforderungen herbeigeführt wurden. Die Arbeit wurde daher nicht wieder aufgenommen. Diese beiden Firmen sind deshalb gesperrt. Ebenso besteht die Sperre bei der Firma Schröter, Koppenstr. 81, unverändert fort. Dagegen ist der Streik bei der Firma Heß u. Dörr, Audreasstr. 43, durch Verhandlungen beigelegt worden, und wird die Arbeit in den nach- sten Tagen wieder aufgenommen. Zentralverwaltung der Schuhmacher, Ortsverwaltung Berlins Deutfches Reich. Unternehmerrache an den Maifekernden. Auf der Zeche„Schwerin" bei Dortmund ließen am I. Mai auch viele Arbeiter die Arbeit ruhen. Die Verwaltung der Zeche ahndete dies mit mehreren hundert Mark Geldstrafe. Zwei Tage später, am Mittwoch, war in Castrop Pferdewettrennen. Die Arbeiter haben mit diesem Sport zwar nichts zu tun, aber die Verwaltung dekretiert eine— Feierschicht. Und dagegen können die Arbeiter nichts machen, sie können die Verwaltung nicht bestrafen. Die Wandfliesenfabrik von Villeroy u. B o ch in Dänischburg bei Lübeck maßregelte 220 Arbeiter und �Arbeiterinnen, die den 1. Mai durch ArbeitSruhe gefeiert hatten. Wegen der Feier des 1. Mai haben in Augsburg zwei Firmen der Holzindustrie ihre Arbeiter nachträglich auf die Dauer von vier Tagen a u S g'e f p e r r t, insgesamt 35 Arbeiter. In einer an die Unternehmer verschickten schwarzen Liste werden diese ver- pflichtet, keinen der Ausgesperrten während der Dauer der Aus- sperrung einzustellen._ Die Bewegung in der Krefelder Samtindustrie. Die Samtweber haben ihren Beschluß, in allen Betrieben die Kiindigung einzureichen nicht wahr gemacht. Die Verbandsleiter haben längere Verhandlungen mit den Vertretern deS Fabrikanten- Verbandes gepflogen, die noch kein festes Ergebnis gezeitigt haben, ober erhoffen lassen, daß der große Ausstand vermieden wird. Es ist bereits eine Versammlung des ArbeitgeberverbandeS einberufen worden, in der die Entscheidung fallen wird. Eine erfolgreiche Lohnbewegung setzten die Dachdecker in Waldenburg durch. Sie erzielten eine Aufbesserung des Stundenlohnes um 5 Pf., 13 Pf. Aufschlag für jede Ueberstunde iund die Einführung der 13stündigen Arbeitszeit. Tarifbetvegung auf der Werft in Wilhelmshaven. Mit dem am 33. April flir die Arbeiter der kaiserlichen Werft in Kraft getretenen Lohntarif beschäftigte sich am Donnerstagabend eine öffentliche Werftarbeiterversammlung. Der von der Werft- direktion ausgearbeitete neue Tarif befriedigt in den Lohnfestsetzungen keinesfalls. Die stark besuchte Versammlung beauftragte deshalb den Arbeiterausschuß, der Oberwerftdirektion einen neuen Lohntarif zu unterbreiten, der u. a. verlangt: Eiustellungslohn für alle ge- lernte Berufe 45 Pf. für die Stund, nach vierwöchentlicher Probe- zeit 53 Pf., nach einjähriger Tätigkeit 54 Pf., nach dreijähriger Tätigkeit 33 Pf.; Einstellnngslohn für Hilfsarbeiter 45 Pf., nach einjähriger Tätigkeit 48 Pf., nach dreijähriger Tätigkeit 53 Pf. Die Nieter, Stemmer usw. sind den gelernten Berufen gleichzustellen und die Akkordsätze entsprechend zu erhöhen. Der Lohn der im MonatSlohn Beschäftigten soll den Stundenlöhnen ent- sprechend erhöht werden. Die Arbeitszeit soll einschließlich einer viertelstündigen Frühstücks- und einer halbstündigen Mittagspause v Stunden betragen. Für die beiden ersten Ueberstunden wird ein Aufschlag von 25 Proz., für die folgenden und für Sonntagsarbeit 50 Proz. Aufschlag verlangt. Schließlich wird noch ein Urlaub von S Tagen nach2jähriger und ein solcher von 12 Tagen nach 13jähriger Beschäftigung verlangt; endlich wird eine Erweiterung der Kompe- tenzen des Arbeilerausschusses gefordert.__ B�antw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil vergntw.� Die Lohnbewegung der Mainzer Holzarbeiter beendet. Nachdem sich die Verhandlungen zwischen den Arbeiterverbänden und den Prinzipalen Anfang dieser Woche zerschlagen hatten und für Doquerstag abend die Arbeitsniederlegung in Aussicht genommen war, suchten Donnerstag früh die Arbeitgeber um noch- malige Unterhandlung nach. Es wurde dabei vereinbart, daß der neue Tarif vier Jahre Gültigkeit haben und die Lohn- erhöhung pro Woche 2,73 M. beiragen soll. Mindestlohn 46 Pf. die Stunde, ansteigend bis zu 53 Pf. Für Ueberstunden wird ein Aufschlag von 15 Pf., für Sonntags- und Nachtarbeit von 23 Pf. pro Stunde gewährt. Eine Schlichtungskommission wurde eingesetzt. Donnerstag abend haben die Holzarbeiter diesen Abmachungen zu- gestimmt._ Die Hamburger Bäckermeister wollen den Streik. Die Hamburger Bäckerinnung unter Führung des Bürgerschasts- Mitgliedes B l i n k m a n n hat es verstanden, die Unterhandlung über die eingereichten Forderungen der Gesellen fünf Wochen hin- zuzieben, ohne den Arbeitern auch nur einigermaßen annehmbare Zngeständnisse zu machen. Am Mittwoch hat nun die Jnnungs« Versammlung beschlossen, das Angebot nicht mehr zu erweitern; somit sind die Verhandlungen als gescheitert zu betrachten. Wie wenig ernst es den Unternehmern mit einer friedlichen Bei- legung der Streitfrage ist, geht daraus hervor, daß anschließend an die Jnnungsversammlung eine Besprechung der BäckerinnungS- Obermeister von der Provinz Schleswig-Holstein zur weiteren Be- ratung des Kriegsplanes und der Streikbrecherzufuhr stattfand. Für die Großbetriebe fordern die Arbeiter den Achtstundentag. Die kleinen kapitalschwachen Unternehmer schützen nun diese Kapitalisten insofern, als sie lieber die Unterhandlungen abbrechen und für die Großen eintreten. Wie erleben also dasselbe Schau- spiel wie bei unzähligen Lohnkämpfen: die Kleinhandwerker sind die Beschützer des Großkapitalismus, ihres eigenen Todfeindes. Zuzug von Bäckern und Konditoren nach Hamburg ist streng fernzuhalten._ Modelltischler. In Chemnitz wurde vor einigen Tagen der Formerstreik erfolgreich beendet und damit die Aussperrung in den Maschinenfabriken aufgehoben. Unter den Ausgesperrten be- fanden sich auch ca. 433 Modell- und Fabriktischler. Diese be- schlössen, die Arbeit zu den alten Bedingungen nicht wieder auf- zunehmen und haben Forderungen gestellt; befinden sich also jetzt im Streik. Modellarbeiten aus Chemnitz sind nach wie vor Streik- arbeit und werden speziell die Berliner Modelltischler hierdurch gebeten, auf zweifelhafte Arbeit besonders Obacht zu geben, ob diese nicht verkappte Chemnitzer Arbeit ist. Beendeter Schneiderstreik. Nach zweimonatiger Dauer ist der Streik der Konfektions- s-bneider in Jchenhausen in Schwaben mit einem teilweisen Erfolg beendet worden. Die erzielte Lohnerhöhung beträgt 13 Proz., auch sonst bringt der abgeschlossene Tarif Verbcsserungen. Die lange Dauer des Streiks wurde durch den' Umstand herbeigeführt, daß der christliche Schueiderverband hinter dem Rücken der Frei- organisierten einen Sondertarif mit ganz geringen Zugeständnissen abschloß und nach Kräften Streikbrecher lieferte. Hustanck. Die Aussperrnngen in Dänemark sind trotz der vor acht Tagen erzielten Einigung noch immer nicht aufgehoben und zwar des- wegen nicht, weil der außerhalb des Gesamtverbandes der Gewerk- schaften stehende Klempnerverband die Einigungsvorschläge des Schlichtungsbeamten auch jetzt noch nicht mierkannt hat, während die Maurerarbeitsleute, die ja auch bei der Einigung zwischen den Zentralen der beiden Parteien abseits standen, Frieden mit dem Unternehmertum geschlossen haben. Die Dänische Arbeitgeberver- einigung hält aber nicht nur alle die formell erledigten Aus- sperrungen auftecht, sondern droht noch sortdauernd mit Aus- dehnung der Aussperrungen auf die verschiedenen anderen Berufe, falls die Klempner die Einigungsvorschläge nicht schleunigst gut- heißen. Der Klempnerverband veranstaltet jetzt im ganzen Lande eine Urabstimmung seiner Mitglieder. Fällt sie nicht zugunsten der Einigungsvorschläge aus, so ist damit zu rechnen, daß von neuem ein allgemeiner Kampf zwischen der Arbeiterschaft und dem Unter- nehmertum Dänemarks entbrennt. Englische Bergarbeiterorganisation und parlamentarische Aktion. AuS dem Bericht de? Generalsekretärs der MinerS Federation of Grant Britain für 1V13 geht hervor, welche große Summen die britischen Trade UnionS für die parlamentarische Aktion ausgeben. Die Miners Federation erhebt für diesen Zweck eigens Beiträge von den angeschlossenen Distriktsverbänden. 1313 kamen für den.Labonr Fund" 548 218 M. ein. Bei den letzten all- gemeinen Wahlen zum Unterhause kandidierten 27 organi- sierte Bergleute, die entweder der Labour Party oder der Jndependent Labour Party oder der Sozialdemokratischen Partei angehörten. An Wahlunkosten für diese Kandidaten zahlte die Miners Federation direkt und indirekt über 733 333 M. 21 Mit- glieder der Miners Federation wurden in das Unterhaus gewählt. Für ste zahlte die Miners Federation an Parlamentsdiäten und Eisen- bahnfahrtgeldcr fast133033M. Derjährliche Bollbetrag der Parlaments- diäten belief sich pro Gewählter auf 7333 M. Daß die parteipolitisch neutrale britische Lergarbeiterfederation in so hervorragender Weise die Zusammensetzung des Parlaments beeinflußt, dürste den bürgerlichen Gewerkschaftskritikern in Deutschland, die unter einer„neutralen Gewerkschaft nach englischem Muster" eine in nurgewerkschastlicher Fachsimpelei versunkene Organisation ver- stehen, kaum in die Schablone passen. Die MinerS Federation besaß vorjährig mit 17 angeschlossenen Distriktsverbänden eine Mitgliedschaft von 633327. Im Jahre 1935 waren es 323 799. Daß eine solche Arbeiterorganisation, wenn sie, wie wir sehen, aktiv in die Politik deS Landes eingreift, auch ein politischer Machtfaktor ersten Ranges ist. darüber besteht kein Zweifel. Internationale Solidarität. Der städtische Magistrat in Sebastopol(Krim) unterbreitete jüngst der Stadtverordnetenversammlung eine Vorlage, wonach die tägliche Arbeitszeit der Bauarbeiter willkürlich um eine Stunde ver- längert wurde(von 6 bis 6 mit 2stüiidiger Mittagspause). Als einer der Stadtverordneten fragte, ob die Arbeitet mit einer solchen Ver- längerung der Arbeitszeit einverstanden seien, entgegnete das Stadt- Haupt Jergopulo:„Wir haben die Arbeiter nicht um ihr Ein- versiäudnis gefragt. Das hängt ganz von uns ab." Indessen zeiglcn die Arbeiter nach der Annahme der Vorlage, daß auch sie ein Wvrtchen milzusprecheit haben. Am Tage nach der Jukrafttretuiig der neuen Vorschrift erklärten sämtliche russische Bauarbeiter Scbastopols, daß sie wie früher nur bis fünf arbeiten würden. Darauf sperrte der„patriotische" Magistrat auf den städtischen Bauten sämtliche Russen aus und stellte an ihrer statt türkische Arbeiter ein. Nach drei Tagen erklärten sich diese aber solidarisch mit ihren russischen Arbeits- k o l l e g e n und weigerten sich, die obligalorische Verfügung deS Magistrats anzuerkennen. Die Spekulation der Hausagrarier und Bodeitipekulauien auf die nalioualen Gegensätze innerhalb der Ar- beiterschaft ist dank dem Umsichgreifen des internationalen Ge- dankens auch bei den türkischen Proletariern schinählich zuschanden geworden.__ SH. Glocke» Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Lerlagsanstalt Ei« Prozeß gegen die amerikanische Hutmacher« organifation. Man wird sich noch des Urteils erinnern, das vor einigen Jahren gegen 243 Hutmacher von D o m b u r y gefällt wurde. Danach sollten die beklagten Hutmacher an die Firma L o e w e die Summe von rund 933 333 M. Schadenersatz zahlen. Das Urteil erging 1938, die Sache selbst liegt bis zum Jahre 1932 zurück. Die betreffenden Hutmacher hatten gestreikt und die Firma wurde boykottiert. Die Unternehmerorganisation, die die Sacke zu der ihrigen machte, klagte auf Grund der Sherman Anti-Trust Akte. In der ersten Instanz wurden die Kläger abgewiesen mit der Be« gründung, daß die Hutmacher nicht Gewerbe oder Handel betreiben und somit unter das Gesetz nicht fallen. Auf die Berufung der Anti-Boykott-Vereinigung entschied der höchste Gerichtshof, daß die Sache doch dem bezeichneten Gesetz zu unterstellen sei und verwies dieselbe an die erste Instanz zurück, worauf das obige Urteil erging. Seit 1932 bis zum Beginn des Prozesses waren bereits 26 von den 243 Angeklagten gestorben. Die amerika« nische„Federation of Labor", welche die Angelegenheit für die Hutmacher führte, legte hiergegen wieder Berusimg ein und mm- mehr entschied das Appellationsgericht von New Dork zugunsten der Angeklagten. Damit wird aber die Angelegenheit, die nun schon 9 Jahre schwebt, noch nickt erledigt sein. Wie eine von der amerika- niscken Arbeiterfederation herausgegebene Korrespondenz vom 16. April mitteilt, will die Anti-Boykott-Vereinigung den höchsten Gerichtshof anrufen._ Versammlungen. Der Zentralverbanb der Fleischer hielt am MtikwoH seine regelmäßige Mitgliederversammlung ab. Genosse Wald eck Mauas se hielt einen mit großer Aufmerksamkeit und Begeiste» rung aufgenommenen Vortrag über:„Der Weg des Volkes zu Licht und Freiheit". Den Geschäftsbericht vom 1. Quartal gab Bergmann. Einnahme und Ausgabe der Hauptkasse betrugen 13 782,53 M., an Unterstützungen wurden 985,35 M. gezahlt. Die Einnahme und Ausgabe der Lokalkasse betrug 7673,14 M., der Kassenbestand 1342,69 M. Durch die Gründung eines gelben Fleischergesellenbundes für Brandenburg sowie durch dessen Kampfesweise sind vielen Kollegen die Augen geöffnet worden; 488 Neuaufnahmen waren zu verzeichnen. An Beitragsmarken wurde gegen das letzte Quartal ein Mehr von 1736 eingesetzt; gegenüber dem 1. Quartal beträgt der Mehrumsatz 4942. Die Organisation hat in der letzten Zeit sehr gute Fortschritte gemacht. An Ver- sammlungen und Sitzungen wurden 85 abgehalten. Weiter des- merkte Bergmann, daß die Maifeier in diesem Jahre gut ver- laufen sei. In 5 Betrieben feierten 123 Kollegen. Die Arbeid- geber machten bei den Verhandlungen keinerlei Schwierigkeiten. Die Stellung des Zentralvorsitzenden in Sachen der Maifeier wurde von einer Anzahl Kollegen einer scharfen Kritik unterzogen. Die Versammlung war der Meinung, daß in denjenigen Betrieben, wo die Organisation in bczug auf Lohn- und Arbeitsbedingungen ein Wort mitzureden hat, auch der 1. Mai— wenn auch gegen den Willen des Zentralvorsitzenden— gefeiert werden müsse. Ferner gab Bergmann bekannt, daß die Delegicrtenwahlen zur In- rningskrankenkasse am Dienstag, den 16. Mai, von 5— 10 Uhr in den Bismarcksälen, Neue Grünstraße 28, stattfinden und forderte zur fleißigen Agitation auf. letzte ffochrlchtcn« Wiederanstreten der Wurmkrankheit. Bochum, 6. Mai.(B. H.) Die Wurmkrankheit der Bergkeuke, durch die vor einer Reihe von Jahren eine große Anzahl Bergwerke des rheinisch-westfälischcn Jndustriebezirks verseucht war, die aber infolge energischer Matznahmen bis auf eine verschwindende Anzahl von Krankheitsfällen zurückgedrängt werden konnte, tritt in letzter Zeit wieder auf und hat neue Untersuchungen notwendig gemacht. So wurde, dem„Märk. Sprecher" zufolge, ein großer Teil der Belegschaft der Zeche Präsident bis vor wenigen Tagen im hiesigen katholischen Krankenhause zur Beobachtung gestellt. Bei einer An- zahl Bergleute wurden Wurmeier festgestellt. Auch auf einigen Zechen des Mülheimer Reviers und an der Lippe wurden unter der Belegschaft Krankheitserscheinungen beobachtet. Anscheinend ist die Krankheit vom Auslande neu eingeschleppt worden. Eine Niederlage der Türken. Wien, 6. Mai. Wie die„Neue Freie Presse" aus Cetinje meldet, versuchten die Türken eine Aufstellung der Ausstäitdischen bei Deds chisch zu erstürmen. Dabei verloren sie dreihundert Tote, Verwundete und Gefangene, die Aufständischen sechs Tote und Munzig Verwundete. Die Aufständischen erbeuteten über 233 Mansergewehre._ Spanien beruhigt sich. Madrid, 5. Mai.(W. T. B.) Ministerpräsident CanolejaS gab der Hoffnung Ausdruck, daß die zwischen Frankreich uttd Spanien schwebenden Verhandlungen zur Beseitigung von Miß» Verständnissen in der Marokkofrage zu einer freundschaftlichen Lösung führen werden.— Die Regierung beschloß, den in der Um» gegend von Ceuta auftretenden Plünderungszügen von Ginge» borcuen durch Entsendung einer Polizeitruppe«in Ende«i machen._ Jugendwehr in China. Chatbin, 5. Mai.(Meldung der„Petersburger Telegraphen» agentur".) Der chinesische Minister des Unterrichts hat die Ver» fügung erlassen, in den Mittel- und Volksschulen obligatorischen Turnunterricht und obligatorische Uebungen im Exerzieren und Schießen einzuführen. Die Schulen sollen mit der notwendigen Zahl von Flinten leichteren Typs versehen werden� in deren Handhabung Militärinstrukteure unterweisen sollen. Die Pest auf Formosa. Tokio, 5. Mai.(Meldung der„P. C.".) Auf der Insel Fov» mosa sind in den letzten Tagen 129 Erkrankungen an Pest vorge» kommen. Obgleich man die nötigen Sicherhettsmaßregeln gegen eine Weiterverbreitung der tückischen Krankheit getroffen hat, liegt doch die Befürchtung einer weiteren Ausdehnung der Seuche nahe, weil viele der Kranken erst, nachdem die Krankheit bei ihnen schon weit vorgeschritten war, ins Hospital eingeliefert worden sind, Eine große Anzahl der Kranken ringt mit dem Tode. Tie Bereinigten Staaten und Mexiko. Washington» 5. Mai.(W. T. B.) Nach einer Meldung des Botschafters Wilson sind die Zustände in Mexiko unerträglich. Da befürchtet wird, daß eine Krisis in Mexiko bevorsteht, werden wahrscheinlich unverzüglich Kriegsschiffe nach Acapulco entsandt werden, wo die Sicherheit der Amerikaner besonders bedroht er- scheint.(Siehe auch Politische Uebersicht.) Ei» nettes Früchtchen. Mannheim, 5. Mai.(H. B.) Der 17jährige Sekundaner Kurt Leist, der unlängst 53 633 M. im Finanzamt stahl, hatte sich gestern vor der Strafkammer zu verantworten. Wie die Untersuchung er» gab, hatte der Angeklagte schon vorher mit den Schlüsseln seines Paters, der Oberbuchhalter und Kassierer beim Finanzamt ist, di« Amtskasse wiederholt heimgesucht und Beträge von 3—73 M., 83 M. und 273 M. entwendet. Nach dem großen Diebstahl begab er sich nach Frankfurt, wo er am Tage vorher eine Wohnung ge» mietet hatte, und hier wurde er drei Tage später verhaftet. Man fand das gestohlene Geld noch vollständig bei ihm vor. DaS Gericht erkannte auf ein Jahr und drei Monate Gefängnis._ Paul Singer äe Co., Berlin L W. Hierzu 4 Beilagen u-Unterhaltungsbl. Kr. 105. 28. Jahrgang. 1. Ktilm des Jornätis" Kerl« WllsbIM ZoitNlltNd, 6. Mai 1911. Reichstag. 167. Sitzung. Freitag, den 6. Mai, nachmittags 1 Uhr. Zlm Bundesratstisch: Dr. Delbrück. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung deS Entwurfs einer Reichsversicherungsordnung. ZZ 1—6 werden debattelos angenommen. § 7 gestattet dem Vorstande der Versicherungsträger in eiligen Fällen schriftlich abzustimmen. Die Abgg. A l b r e ch t u. Gen.(Soz.) beantragen, diesen Paragraphen zu streichen. Abg. Schmidt-Berlin sSoz.): Eine eingehende Prüfung von Rentenfestsetzungen ist bei schrift- licher Abstimmung nicht möglich, und es besteht die Gefahr, daß man Rentenfestsetzungen als eilige Sachen ansehen wird. Die Debatte schließt, tj 7 wird angenommen. Zu§ 11: „Die Sitzungen des Vorstandes sind nicht öffentlich" beantragen die Abgg. Ä l b r c ch t u. Gen.(Soz.), zuzusiigen:„soweit nicht anders beschlossen wird". Abg. Busold(Soz.): Bei der Wichtigkeit der Verhandlungen des Vorstandes von Kassen.— die Jahresabschlüsse z. B. werden dort festgestellt— muß es möglich sein, öffentliche Verhandlungen zuzulassen. Die Versicherten und auch die Arbeitgeber müssen die Möglichkeit baben, Einspruch zu erheben. Bei dem großen Interesse, das die Versicherten nnd auch die Arbeitgeber an der Kasse mit ihren Ver- hällnissen haben, müssen sie die Möglichkeit haben, einen Rat zu er- teilen. Daher nehmen Sie unseren Anttag an. Wir wollen nicht, wie man uns nachsagt, den Entwurf zu Fall bringen, aber wir wollen ihn besser ausgestalte». Dieser Antrag soll das tun, indem er die Interessen der Versicherten wahrt. Die Debatte schließt. Abg. Dr. Kröchcr(k.) sals Berichterstatter) bittet um Ablehnung des Antrages Albrecht; die Aufsichtsbehörde sorge dafür, daß nichts Unrechtes vorkomme. Der Antrag A l b r e ch t wird abgelehnt. Zu K 12, welcher zu Ehrenämtern nur volljährige Deutsche wählbar erklärt, beantragen die Abgg. A l b r e ch t und Genossen (Soz.), statt„Deutsche" zu setzen„Personen". Abg. Hengsbach(Soz.): Zahlreich gehören ausländische Arbeiter zu den Versicherten, und es liegt kein Anlaß vor, diese zu den Ehrenämtern nicht zuzu- lassen. Sogar als Gesetzgeber haben wir im preußischen Herrenhause Herren, die weit mehr Ausländer als Deutsche sind. Aber bei Arbeitern meint man wohl,„Aus länder. Fremde. sind'S zumeist, die unter uns gesät den Geist der Rebellion".(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Molkenbuhr(Soz.): Für unseren Antrag spricht der Umstand, daß es bei unS gute Deutsche gibt, die nicht im Sinne des Gesetzes Deutsche sind, son- dern iveltfremd. Nach 1866 zogen manche Hannoveraner nach Hamburg und verloren nach fünf Jahren ihre Staatszugehörig- keit, ohne die hamburgische zu erwerben; auch deren Kinder sind nicht deutsch, sondern weltfremd. Auch unserem früheren Kollegen v. Elm wäre eS beinahe passiert, Däne zu sein, wenn näm- lich sein Vater, der aus Schleswig-Holstein nach Hamburg gezogen war, statt am 1. November etwa schon am 1. Mai, als Schleswig- Holstein noch nicht annektiert war, von Hamburg nach Alt- Haldensleben zurückgezogen wäre. Irgend ein Bedenken, Ausländer zur Wahl zuzulassen, liegt nicht vor, da doch nur Personen gewählt werden, die das Vertrauen ihrer Kollegen haben. Die Debatte schließt. Der Antrag Albrecht wird a b � gelehnt. § 14 erklärt bei der Kranken-, Invaliden- und Hinterbliebenen� Versicherung Versicherte als Arbeitgeber, wenn sie regelmäßig mehr als 2 Arbeitnehmer beschäftigen, bei der Unfallversicherung dagegen Mitglieder der Berufsgenossenschaften, auch wenn sie keine Ver- sicherungspflichtigen beschäftigen. Die Abgg. A l b r e ch t u. Gen.(Soz.) beantragen, den§ 14 so zu fassen:„Versicherte werden den Unternehmern zugerechnet wenn sie regelmäßig mindestens einen Versicherungspflichtigen be- schäftigen." Abg. Molkenbuhr(Soz.): Man darf doch in einem Gesetz, noch dazu in ein und demselben Paragraphen nicht den Begriff des Arbeitgebers verschieden definieren. Deshalb haben wir unfern Antrag eingebracht. Der Aulrag Albrecht wir abgelehnt. Zu§ 20 begründet Abg. Triinbor«(Z.) einen Antrag, wonach bei Beratung über solche Gegenstände, die das Privatinteresse eines Mitgliedes oder Aphorismen und Epigramme von Ernst Ziel. Die beiden flammenden Leuchten an, sonst so dunklen Wagen der Zeit sind die gewaltig aufblitzende» Naturwissenschaften und das heg erwachende Bewußtsein deS vierten Standes. Auf der Straße des Jahrhunderts, dieser Straße voll Kulturschutt und unschuldig vergossenem Blut, saust leuchtend der feurige Wagen dahin. Und erschrocken fliehen Despotenhochmut und Pfaffenaberwitz in das Drachcnnest der Finsternis zurück, woher sie stammen. Die Justiz im heutigen Deutschland ist nicht der Ausdruck deS öffentlichen Nechtsgefühls. sondern ein Vollzugsorgan der Regierung. Heute schützt bei uns zulande das Strasrecht nicht mehr in erster Linie die Person und die Freiheit deS Bürgers, sondern vor allem die Autorität des Herrschers.« Das beste Symbol des Kriegs? Ein Metzger mit dem Heiligenschein I Der Soldat von heute ist in erster Linie Prätorianer, ein Po- lizist im Dienste der Satten gegen die Hungrigen. Schafft den Hunger der Hungrigen ab, ihr Satten— und ihr braucht weder Prätorianer noch Polizisten mehr. Der Künstler soll ein Fechter seiner Zeit sein. Auf der Brust soll er die Narben ihrer Schlachten, ans der Stirn die Furchen ihrer Gedanken, am Arm den Schild ihrer Erkenntnisse tragen. Wissen ist des Levens Preis— Glücklich, wer weiß l Aber das macht keinen vollen Mann— Glücklich, wer weiß und kann l Die Presse? Für Niesen schuf sie ein Gott— Nun treiben Knirpse mit ihr Spott. Sie ist verberlinert und verwienert; Sie schachert und liebedienert. Sind mir da? Journalisten. Seiltänzer mit der Feder, Reklame-Juden und-Christen Und klug maskiert ein jeder! Sie tun. als könnten sie füglich Mit aufgeblasenen Backen Dir MenschheitSrätsel vergltüglich Und affmhurtig knacken seiner Angehörigen berühren, das Mitglied sich der Teilnahme an der Beratung und Abstimmung enthalten mutz. Der Antrag Trimborn wird angenommen. § 21 gestattet dem Vorstand, einen Gewählten, dessen Ver- trauenswürdigkeit zur Kassenführung zweifelhaft ist. vom Amte zu entheben, bei einer Krankenkasse soll die Aufsichtsbehörde dies Recht haben. Die Abgg. A I b r e ch t und Genossen(Soz.) beantragen, den letzten Passus zu streichen. Abg. H-ch(Soz.): Es handelt sich hier um eine Ausnahmebestimmung gegen die Krankenkassen, die ihren Vorstand gegenüber dem Vorstand der Berufsgcnossenschaft und dem der Versicherungs- anstalten degradieren muß. Die Debatte schließt. Abg. Dr. Dröschcr(k.) als Berichterstatter: Von einer Degradierung der Vorstände der Krankenkassen ist keine Rede; aber die Kranken- lassen haben nicht behördlichen Charakter wie die Berufsgenosscn« schaften und die Versicherungsanstalten. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. Weiter beantragen die Abgg. Alb recht u. Gen.(Soz.) die Zusügung eines 8 22a, wonach die Einnahmen und das Vermögen der Versicherungsträger von staatlicher und kommunaler direkter Steuer fowie von der Steuer vom Grundbesitz befreit sind. Abg. Göhre(Soz.): ES handelt sich hier um WohlfahrtSeinrichtungen; auch beim Wertzuwachssteuergesetz sind diese steuerfrei gelassen, und das sollte auch hier geschehen. Die Debatte schließt. Abg. Kröcher(k.j(als Berichterstatter): Der Gedanke deS An- trags ist uns sympathisch, aber seine Durchführung muß der Reichs- gesetzgebung überlassen bleiben. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. Zu 8 24, welcher der obersten Verwaltungsbehörde das Recht der Genehmigung dazu gibt, daß das Vermögen der Versicherten auch in Darlehen an Gemeinden und Gemeindcverbänden angelegt wird, beantragen die Abgg. A l b r e ch t undZ Genossen(Soz.) statt „der obersten Verwaltungsbehörde' zu setzen„das Reichsversicherungs- amt". Abg. Molkenbuhr(Soz.): Unser Antrag soll eine Einheitlichkeit des Rechts herbeiführen, wenigstens die Institutionen, die durch Reichsgesetz ge- schaffen werden. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. 8 33 erklärt zu öffentlichen Behörden der Reichsversicherung die Reichsversicherungsämter, die Oberversicherungsämter, daS Reichs- Versicherungsamt und die Landesversicherungsämter. Die Abgg. Albrecht und Gen.(Soz.) beantragen die Worte„und die Landes- versicherungsämter" zu streichen. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): In der ersten Lesung hat die Konimission unserem Antrage stattgegeben. Seine Folge würde sein, daß das Reichsversicherungs- amt überall die oberste Instanz wäre, und dadurch würde eine Einheitlichkeit der Rechtsprechung und deS Verfahrens herbeigeführt werden. Die Debatte schließt. Abg. Dr. Dröscher(k.)(als Berichterstatter): Die Zusügung der LandcSversicherungsämter ist notwendig, um das Reichsversicherungs- amt zu entlasten. Der Antrag Albrccht wird abgelehnt. Die Dcbatie über die 88 34 bis 46(Versicherungsamt, seine Er- richtung und sein Vorsitzender) wird verbunden. 8 34 verlangt bei jeder unteren Verwaltungsbehörde die Er- richtung einer Abteilung für Arbeiterversicherung(Versicherungsamt). Diesen Absatz beantragen Abgg. Alb recht u. Gen.(Soz.) so zu fassen:„Für den Bezirk jeder unteren Verwaltungsbehörde wird ein Versicherungsamt als s e l b st ä n d i g e Behörde errichtet." Abg. Srvering(Soz.): Die Angliedening der Versicherungsämter an die kommunalen Behörden würde nach der Zusammensetzung der Magistrate sicher kein sozialpolitischer Fortschritt sein. Das Wort, das ein Zentrums- abgeordneter einmal gesprochen:„Man muß sich schämen, ein Preuße zu sein", gilt auch heute noch, und deshalb ist es dringend nötig, hier den Amtsschimmel der preußischen Bureaukratie auszuschalten. Bleibt eS bei dem Kommissionsvorschlage, so wird in den Versicherungsämtern der kleinliche preußische Polizeigeist herrschen. Wie der Reichskanzler Caprivi alle Gesetze auf ihre Wirkung auf die Sozialdemokratie prüfte, so scheint es auch jetzt der Fall zu sein; Politische Tendenzen haben der Reichsversichcrungsordnung ihr Ge- präge ausgedrückt. Man fragt nicht danach, was gut und nützlich, sachlich und wertvoll ist, sondern nian will Bestimmungen schaffen, die eine Gewähr dafür geben, daß der Einfluß der Arbeiter Und haben doch nur ein dreistes, Ein kurze? Programm und Register: Bajazzosprünge deS Geistes Zum Amüsement der Philisterl Nene Anwendungen deS Salvarsan. Da daS Salvarsan(Ehrlich- Hata 606) nicht nur bei Syphilis, sondern auch bei Wechselfieber, Blutarmut und Tuberkulose günstige Wirkungen aufweist, so lag der Gedanke nahe, es auch bei bösartigen, nicht mehr vpcrierbaren Geschwülsten zu versuchen, zumal der Arsenik bei der Heilung der bösartigen Geschwülste von alters her eine große Rolle spielt. Es wurden daher im Heidelberger Institut für Krebsforschung eine An- zahl geeigneter Fälle, im ganzen 12, behandelt, über deren Resultate Professor Czeriiy und Dr. Caan berichten. ES wurde konstatiert, daß vielfach die Schmerzen nach der Einspritzmig nacbließen, und die Beschwerden gemildert wurden. Besser als die Krebse wurden die sogenannten Sarcome beeinflußt. Bei einem junge» Mann von 19 Jahren init einer derartigen Geschwulst am Brustbein war schon am folgenden Tage nach der Einspritzung Nachlassen der Schmerzen und eine geringe Bewegungsfähigkeit des Armes zu konstatieren. Vier Tage nach der Einspritzung waren die Schmerzen völlig geschwunden, es trat guter Schlaf ein und eine lebensfrohe Stimmung. Der Arm konnte nahezu bis zur wagrecbtcn Höhe gehoben werden, die Geschwulst flachte sich ab. Bei den Krebsen konnte nur vereinzelt eine merkbare Verkleinerung der Geschwülste durch die Ein- spritzung bewirkt werden. In einem Falle von Zungenkrebs kam es schon nach zwei Tagen zu einer erheblichen Verflüssigung der Geschwulst. Wenn man die suggestive Wirkung des Mittels ausschaltete, so durste man manchmal an die Wirkung eines Wundermittels glauben, das u. a. bei einem Kranken mit Zungenkrebs, dessen unbeschreiblich heftige Schmerzen selbst nach Verabreichung größerer Morphiumdosen nicht gelindert wurden, einen Zustand absoluter Schmcrzlosigkeit auslösen konnte. Schon die Talsache der Schmerzlindcrung allein dürfte eine gewisse Anzeige der Salvarsanbehaiidlnng bei Krebsen geben. Bei dem an Sarcom erkrankten jungen Mann trat Heilung ein, so daß er vor kurzem bei der Musterung als diensttauglich erklärt wurde. Znweit entkräftete Fälle dürfen mit Salvarsan nicht be- handelt werden. Der Sammclsport der amerikanischen Millionäre. Erst in diesen Tagen hat Pierpont Morgan für eine Bibel 200 000 Mark und für einen Lutherbrief 102 000 Mark bezahlt und sorgenvoll fragen sich die Liebhaber alter Kunstwerke, wie lange es noch dauern wird, bis die alte Welt ihrer noch freien keine ausschlaggebende Bedeutung gewinnt; daS ist auch bei diesem Paragraphen der Fall. Ich las heute in der Rede eines konservativen Abgeordneten das Zitat:„Der eine fragt: was folgt darauf, der zweite, was ist recht, und dadurch unterscheidet sich der Freie von dem Knecht." Auch bei diesem Paragraphen ist Ihr Motto gewesen: Was folgt daraus, unser Motto dagegen ist: Was ist recht.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Trimborn(Z.) begründet einen Antrag, dem 8 36 eine andere Fassung zu geben, wonach keinem anderen Bundesstaate als Hamburg gestattet wird, die Versicherungsämter auch als selbständige Behörden zu errichten. Nach der Fassung der Kommission würden der Absicht der Kommission zuwider auch Baden und Württemberg diese Befugnisse haben. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Daß bei einer Regierung, an deren Spitze ein Beth« mann Holl weg steht, von dem Bestreben, den Arbeitern wieder Recht zu verschaffen, keine Rede ist, versteht sich von selbst; aber bezeichnend ist es, daß den reaktionären Mehrheits- Parteien dieses Hauses die Vorschläge der reaktionären Regierung Bethmann Hollweg n o ch län g st nicht reaktionär genug waren. Der Rechten war der Rechtsweg für die Ansprüche kranker Arbeiter, den die Regierung vorschlug, noch viel zu gut. Das Zentrum macht natürlich wieder mit. und die Regierung, die immer mit einem„Unannehmbar" bei der Hand ist, wenn es sich um U n t e r n e h m e r i n t e r e s s e n handelt, akzeptiert alle Verschlechterungen, die die Arbeiter betreffen. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Fassung des 8 34, wie ihn die Kommission beschlossen hat, bedeutet einfach die Aus- licfcrung der unteren Bersicherungsinstanz an den Landrat.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Und damit nun ja außer Ham- bürg nicht ein anderer Bundesstaat eine etwas bessere Organisation der Versicherungsämter einführt, stellt Herr Trimborn seinen Antrag, der Baden und Württemberg verhindert, das preußisch- mecklenburgische Niveau zu überschreiten!— Unsere Anträge zu 8 34 und den folgenden Paragraphen bezwecken, die Versicherungsämter aus der Abhängigkeit von den unteren Verwaltungsbehörden zu lösen und eine untere Instanz für Versicherungswesen zu schaffen, die wirklich den Namen einer solchen verdient. Wenn man unsere Anträge ablehnt, so sollte mau wenigstens die Verschlechte- r u n g e n beseitigen, die die Kommission am Regierungsentwnrf vorgenommen hat. Diese Verschlechterungen sind bezeichnend für die Arbeiterpolitik der sogenannten Staatserhaltenden.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Cuuo(Bp.): Hätte man kurz und bündig in das Gesetz hineingeschrieben: Der Landrat ist die untere Versiche- rungsinstanz, so wäre das wenigstens offen und ehrlich gewesen.(Sehr gut! links.) Die Kommissionsbeschlüsse bedeuten, daß auf dem Lande das ganze untere Versicherungswesen in die Hand des Landrates gelegt wird. Was die Stadtverwaltungen betrifft, so werden ihnen Schwierigkeiten und Arbeiten aufgebürdet, an denen sie das Gegenteil von Freude erleben werden. Auch wir sind für die L o s l ö s u n g der unteren Versicherungsinstanz von den unteren Verwaltungsbehörden.(Beifall links.) Abg. Kulcrski(Pole) spricht sich für die sozialdemokratischen An« träge auS. Die Debatte schließt. Berichterstatter Dr. Dröscher bestreitet im Schlußwort, daß die Kommission von politischen Motiven bei ihren Beschlüssen über die untere Instanz geleitet worden sei. Es folgen die Abstimmungen. Die Abstimmung über den grundlegenden sozialdemokratischen Antrag zu 8 34(selbständiges Versicherungsamt) ist n a m e nt- lich. Der Antrag wird mit 229 gegen 65 Stimmen, bei einer Stimmenthaltung, abgelehnt. Außer den Sozialdemokraten stimmten nur die Polen, der Däne Hansen und ein paar vereinzelte Fortschrittler(Fegter, Do hrn) für den Antrag Albrecht. Jedoch stimmt die Fortschrittliche Volkspartei mit den Sozialdemokraten und Polen gegen den 8 34, der mit den Stimmen der übrigen Parteien angenommen wird. Der Antrag Trimborn zum 8 36 läßt nur für Hamburg die Möglichkeit zu, selbständige Versicherungsämter zu errichten. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Ich stelle fest, daß der Antrag Trimborn die süddeutschen Staaten an der Errichtung selbständiger Versicherungsämter hindert. weil das Staaten sind, in denen die Arbeiter einigermaßen als Staatsbürger behandelt werden. Selbstredend stimmen wir gegen den Antrag.(Lebhafte Zustimmung bei de» Sozialdemokraten.) Der Antrag Trimborn wird angenommen. Dafür stimmen von den Freisinnigen Dr. M u g d a n und Dr. P a ch n i ck e. 8 41 bestimmt zum Vorsitzenden des Reichsversicherungsamts den Leiter der unteren Verwaltungsbehörden und trifft Bestimmungen über die Stellvertreter des Vorsitzenden und ihre Bestätigung. Kunstschätze so gut wie völlig entblößt sein wird. Die Zahl der unersetzlichen Stücke, die besonders in den letzten zehn Jahren den Weg über den Atlantischen Ozean antreten mußten und für Europa wohl endgültig verloren sind, ist so gewaltig, daß die Fachleute der alten Welt nur mit Sorge der Zukunft entgegensehen. Bei den fast täglich auftauchenden Nachrichten von neuen großen Ankäufen der amerikanischen Sammler ist ein Aufsatz von besonderem Interesse, den ein New DorkerKenncr der großen amerikanischen Kunstmäzene in einem englischen Blatte veröffentlicht. Wer Gelegenheit hat, in der neuen Welt mit den reichen Sammlern zusammenzukommen und den Geist kennen zu lernen, der sie bei der Anhäufung ihrer Schätze, ins- besondere alter Meisterwerke, erfüllt, wird freilich nur in ganz ver- schwindenden Ansnahmcfällen von einer reinen Begeisterung für die Kunst und von einem wirklichen Verständnis für die Schöpfungen vergangener Meister zu erzählen wissen. Die amerikanischen Dollar- könige sammeln alte Meister, wie Schuljungen ihre Briefmarken; der ganze augenblickliche Sammeleifer ist eine Modeströmung und weiter nichts. Der amerikanische Geschäftsmann, der durch große Erfolge in seinem Unternehmen oder an der Börse in die Reihe der obersten Vierhundert einrückt, will den Mangel an Tradition, Abstammung und in vielen Fällen auch an feinerer Kultur einfach dadurch ersetzen, daß er die Wände seines Heims mit alten Bilder» bedeckt, ein echter Tizian, Rembrandt, ein Velasqnez oder ein schöner Gainsborough ersetzen für den Besitzer den Adelsbrief. Zugleich aber spielt noch etwas wie ein kindlicher Ehrgeiz mit: die Sehnsucht, auch aus dem intcr« nationalen Kunstmarkt große Erfolge zu erzielen, geniale Coups auszuführe», ja für manche amerikanische Sammler ist der geschickte Ankauf eines Meisterwerkes genau der gleiche Beweis für geschäft- liche Genialität wie etwa die Erringung deS maßgebenden Einflusses auf eine große Eiscnbahngescllschaft oder andere Geschäfts- Unternehmungen. Von der großen Zahl der amerikanischen Multi- Millionäre haben in der Tat nur zwei der Verlockung widerstehen können, sich als Kunstsammler, als vermeintliche Äulturförderer be- rühnit zu machen: Rockefeller und Carnegie. Sie sind durch den märckicnhastcn Umfang ihres Vermögens ohnehin schon so berühmt, daß sie auf die Gloriole des Kunstsammlers Verzicht leisten können. Aber die anderen Millionäre, hauptsächlich die neugebackenen, müssen alte Meister sammeln, um dem guten Ton zu genügen, nnd bis zu dem Tage, da plötzlich irgend eine andere Modclaune die Herrschaft erringt, werden sie europäische Kunsthändler reich machen. Sach- verständige Kenner schätzen, daß in den letzten zehn Jahren allein für mehr als 200 Millionen Mark alte Gemälde nach Amerika geschleppt worden sind. Ii» Wirklichkeit aber ist die Summe wohl noch höher. STBg. MoNenvuhr(Soz.): Wir beanimgen, daß zu Vorsitzenden nur Personen bestellt werden, die entweder zum höheren Verwaltungsdienst bezw. zum Richteramt befähigt sind oder aber Vorbildung und Erfahrung au� dem Gebiete des Versicherungswesens besitzen. Vor allem wenden wir uns dagegen, daß die Stellvertreter der B e st ä t i g u n g untev warfen werden. Abg. Cimo(Vp., schwer verständlich) scheint sich für den zweiten Teil des Antrages Albrecht zu Z 49(Beseitigung oder doch Ein* schränkung des Bestätigungsrechts) auszusprechen. Abg. Horn-Reuß(natl.) wendet sich gegen den sozialdemokratr schen Antrag. Abg. Molkcnbuhr(Soz.): Das BestätigimgSrecht wird fortgesetzt politisch mißbraucht, und zwar gerade von den Leuten, die nicht genug iiber angeblichen Mßbrauch in.sozialdemokratische Kassen" zetern können. Ebenso steht eS mit dem Aufsichtsrccht. Schon die bisherigen Bestimmungen über das Aufsichtsrecht der Verwaltungsbehörden werden arg miß braucht: ich nenne nur den Rainen des Landrats von Striegau, Herrn von Richthofen. Daß wir uns da gegen Verschlechterungen des geltenden Rechts wehren, ist doch wohl selbstverständlich.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Unter Ablehnung aller AbänderungSanträge werden die§§ 41 bis 48 in der Kommissionsfassung angenommen. Die Diskussion über die ZI 49 und 50 werden verbunden. Sie regeln die Wahl der Versicherungsvertreter, und zwar soll sie indirekt geschehen durch die Vorstandsmitglieder. Die Abgg. Albrecht u. Gen.(Soz.) beantragen, die Wahl in besonderen Wahlgängen mittels des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts unter Anwendung der Verhältnis- Wahl. Abg. Brühne(Soz.): Die direkte Wahl ist notwendig, wenn die Gewählten daS Ver trauen der Versicherten genießen sollen. Abg. Mugda»(Vp.) und Abg. Korfanty(Pole) erklären sich für den sozialdemokratischen Antrag. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Wir haben noch einen Eventualantrag, den K 44a einzuschalten, gestellt, der auf die durch die Schaffung der Landkrankenkassen geschaffenen Verhältnisse Rücksicht nimmt. In diesen werden die Vertreter der Versicherten ohne Mitwirkung der Arbeiter g e wählt, und eS liegt die Gefahr vor. daß diese Landkranken- lassen einen überwiegenden Einfluß auf die Zusammensetzung der Vertretung der Versicherten bekommen. Auf de», letzten ch r i st- lichen Gewerkschaftskongreß wandte sich der Zentrums- abgeordnete Becker gegen den Ausschluß des ArbeitereinflusseS in den Landkrankenkassen. In der Kommission aber hat er mit dem Zentrum diese Kassen dem Landrat ausgeliefert. So werden die christlichen Arbeiter irregeführt über die Absichten des Zentrums. das die Interessen der Arbeiter hier preisgegeben hat. Unser Eventualantrag soll wenigstens ermöglichen, daß die Arbeiter der einzelnen Erwerbsgruppen gesondert ihre Vertreter wählen. Ich stelle hierbei noch einmal fest, daß das Zentrum sich nicht nur gegen die allgemeine Wahl gewendet hatte, sondern auch gegen das Wahlrecht der Landarbeiter.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bcckcr-Arnsberg(Z.): Die Sozialdemokraten haben selbst zu§ 105 eine indirekte Wahl beantragt. Auf dem christlichen Ge- werkschaftSkongreß habe ich nicht als Z e nt r ums a b a e o r d- neter gesprochen, sondern als Mitglied der christlichen Gewerkschaften.(Große Heiterkeit.) Ich habe damals auch von dem ersten RcgierungScutwurf gesprochen und gleich gesagt, unsere Anschanungen werden sich ändern, je nachdem wie die Haltung der Regierung sich ändert.(Schallende Heiterkeit.) Abg. Molkenbnhr(Soz.): Wir haben in unserem Antrag zu 8 105 deshalb die indirekte Wahl aufgenommen, weil Sie ja die direkte allgemeine Wahl hier ablehne» werden. Eine Entlastung des Reichsversicherungsamts, von der so viel die Rede ist, würde durch gute untere Instanzen eintreten, die so Recht sprechen, daß jeder damit zufrieden ist. Des- halb verlangen wir hierfür das allgemeine gl-iche Wahlrecht. Aber die Erwähnung eines allgemeinen gleichen Wahlrechts macht die Herren rechts immer wild, und nun gar ein allgemeines gleiches Wahlrecht für Arbeiter. Daher machen Sie hier ein so kompliziertes Wahlrecht. Auch die Landarbeiter und D i e n st b o t e n, die in die Landkrankenkassen kommen sollen, sollen ein Wahlrecht erhalten, ober nicht als Menschen, sondern als Sachen werden sie dabei behandelt. In einigen amerikanischen Südftaaten hatten auch die Sklaven ein Wahlrecht, ausgeübt aber wurde es von den Sklavenhaltern. Ebenso steht es mit vem Wahlrecht in den Landkrankeilkassen, das von den Ar- beitern selbst nicht ausgeübt werden darf. Die Folge Ihres kom- plizierten Wahlsystems ist, daß von 36 Vertretern 33 von den Unter- nehmern und»ur 13 von den Arbeitern gewählt werden. Um fest- zustellen, wer die Arbeiter entrechten will, haben wir über unseren Antrag na ni entliche Abstimmung verlangt.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Behrens(wirtsch. Vg.) erläutert einen Antrag, der den Knappschaflsältesten die Wahl der Vertreter der Versicherten bei den knappschastlichen Krankenkassen einräumen will. Abg. Sachse(Soz.) bittet um Ablehnung dieses Antrages, der große Konfusion an- richten würde; die sächsischen Knappschaftskassen stehen ja gar nicht unter dem Krankenkassengesetz. Der sozialdemokratische Antrag wird mit 193 gegen 97 Stimmen abgelehnt, die D 49 und 50 werden in der Fassung der Kom- Mission mit dem Zuiatzantrag Behrens angenommen. z 51 bestimmt, daß in den Kassenvorständen an der Wahl der Arbeitgcbervertrcter nur die Mitglieder ans den Arbeitgebern an der Wahl'der Versichertenvertreter die Mitglieder aus den Versicherten teilnehmen. Abg. Molkcnbuhr(Soz.): Wir beantragen, hinter„aus den Versicherten" zuzufügen,„so- weit sie von den Versicherten gewählt sind," damit die Vertreter in den Landkranlenkassen ausscheiden, die ja von den Versicherten nicht gewählt sind. Abg. Kulcrsli(Pole) schließt sich den Ausführungen Molken- buhrS an. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. 8 55 erklärt nur Männer für wählbar zu den Versicherungs- ämtern. Abg. Mugdan(Vp.) beantragt, auch Frauen für wählbar zu erkläre»; schon wegen der Hintcrbliebenenversichernng sei das nötig. Als Vertreter der Arbeitgeber können Frauen in den Oberversiche- rungsämtern gewählt iverden; um so notwendiger ist, sie in den Aersichcrungsämtcr» auch als Vertreter der Arbeitnehmer zuzulassen. Abg. Emmel(Soz.): Wir haben denselben Antrag gestellt. In der Kommission hat der Rcgierungsvertreter gesagt, Frauen können obrigkeitliche und richterliche Befugnisse unter keinen Umständen beigelegt werden. Diesem Standpunkt muß auf das schärfste entgegengetreten werden. eS ist das ein rückschrittlicher Gründl atz, den der Reichsrag entschieden zurückweisen müßte.(Bravo I bei den So- zialdemokraten.) Abg, Muzbim(Vp.): Ich werde darauf aufmerksam gemacht, daß 8 66 die Wahl von Frauen zu den Oberv-rsichernngSämtern ausschließt. Deshalb bleibt sie doch notwendig.(Sehr richtig! links.> Der Antrag auf Zulassung der Frauen wird abgelehnt. § 64 bestimmt, daß der Spruchausschuß des VersichermigsamteS aus dem Vorsitzenden und je einem Versicherungsvertreter der Arbeit- zeber und der Versicherten besteht. ' Mg. Eichhorn(Soz.) begründet einen Abänderungsantrag A l b r e ch t. dahingehend, daß je zwei Vertreter der Arbeitgeber und der Versicherten vorgesehen werden. Wir beantragen ferner die'clbe Verdoppelung bei den Ver- sicherungSvertretern im Beschlußausschuß, wie ihn§65 vorsieht, und bitten das Haus, im Interesse der Rechtsprechung unseren Antrag anzunehmen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dröscher(k.): Die Rechtsprechung hängt nicht von der Quantität, sondern der Qualität der Beisitzer ab. Die sozialdemokratischen Anträge werden abgelehnt(von den Freisinnigen stimmen nur einige wenige Abgeordnete. darunter Träger und F e g t e r, dafür), die§§ 64 und 65 in der Kommiisionsfassung angenommen. Die Beratung des 8 69, der von den Kosten der Versicherungsämter handelt, ward nach einer Geschäftsordnungsdebatte zurück- gestellt. Die Frage der Kosten der Versicherungsämter soll in Ver- bindung mit der Kostenfrage der ObervcrsicherungSämter erörtert werden. 8 76 bestimmt, daß besondere OberversicherungS- ä m t e r für Staatsbetriebe und besondere Gruppen von Betrieben (namentlich für solche, die Knappschaftskasscn angehören) errichtet werden können. Abg. Hoch(Soz.): Wir beantragen Streichung dieser Bestimmung. Diese Streichung war auch von der Kommission ursprünglich beschlossen worden. Sie wurde beschlossen aus sachlichen Gründen, sie wurde wieder rückgängig gemacht aus politischen Gründen! Wir be antragen den ursprünglichen Beschluß der Kommission wieder her zustellen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. Zu§ 77 begründet Abg. Molkenbuhr(Soz.) einen Antrag Albrecht, die Oberversicherungsämter obligatorisch (nicht bloß fakultativ, wie die Kommission vorschlägt), zu selb« ständigen Behörden zu machen. Dieselben Gründe, die für selb- ständige Versicherungsämter spreckien, sprechen in erhöhtem Maße für selbständige Oberversicherungsämter.(Beifall bei den Sozial- demokralen.) Der Antrag A l b r e ch t wird abgelehnt. Beim§ 82 begründet Abg. Leber(Soz.) einen Antrag, in den Oberversicherungsämtern nicht bloß, wie die Kommission will, den Direktor, sondern auch die übrigen Mit- glieder auf Lebenszeit zu berufen, um ihre Unabhängigkeit zusichern. Eine solche Sicherung erscheint sehr geboten.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. Die 88 82—90 werden in der Kommissionsfassung an- genommen. Hieraus vertagt daS Haus die Weiterberatung auf Sonn- abend 12 Uhr. Schluß 6»/, Uhr._ Die Bäciler vor dem Cinignngsamt. Am Freitag äußerten sich die Parteien zunächst über die in der Tarifvorlage geforderte Lehrlingsskala. Es wird ge- ordert, daß in Betrieben ohne Gesellen nicht mehr als ein Lehrling lehalten wird. Wo zwei Lehrlinge gehalten loerden, müssen min- )estens zwei Gesellen dauernd beschäftigt werden. Mehr wie zwei Lehrlinge darf kein Meister halten. H e tz s ch o l d begründete die Forderung und verwies darauf, daß in Deutschland 52 000 Gesellen und 32 000 Lehrlinge be- chäftigt werden. Das sei ein ungesunder Zustand, der als Lehr- lingszüchterei bezeichnet werden müsse. Dieser Zustand habe zur Folge, daß die gesamte Gesellenzahl in wenigen Jahren durch aus- aelernte Lehrlinge ersetzt werde, so daß durchschnittlich jeder Bäckergeselle, wenn er«in Alter von 24 Jahren erreicht habe, im Gewerbe überflüssig geworden sei und in einen anderen Beruf übergehen müsse. Wenn über diesen Punkt eine Erhebung veran- taltet würde, dann werde sich zeigen, daß mindestens zehnmal so viele gelernte Bäcker in den verfchiedensten Industrien avbeiten als wie im Bäckergewerbe selbst. Durch die Beschränkung der Lehr- lingszahl sollen die Gesellen dem erlernten Beruf erhalten und die Ausbeutung unbezahlter Arbeitskräfte eingeschränkt werden. Die Festlegung einer Lehrlingsstala liege auch im Interesse der Meister. denn ein Meister, der 4 Gesellen beschäftigt, könne doch nicht kon- kurrieren mit seinem Kollegen, der 4 Lehrlinge hält. Wer unter olcher Konkurrenz zu leiden habe, dem werde es natürlich schwer, sie Tarifbestimmungen innezuhalten. Also liege die Einführung einer Lehriingsskgla auch im Interesse der Durchführung des Tarifes. Obermeister Schmidt bestreitet, daß die von Hetzschold ange- ührten, für Deutschland geltenden Zahlenverhältnisse für Berlin i �treffen. In Berlin und den Vororten käme auf drei Bäckerei- betriebe nur ein Lehrling. Auch in Deutschlaich gehe die Zahl der Lehrlinge von Jahr zu Jahr zurück, wozu auch die Flugblätter des Bäckerverbandes beitragen, welche vor Erlernung des Bäckerhand- Werks warnen. Gegen LehrlingSzüchterei schreite die Handwerks- kammer ein. Bestimmungen über die Haltung von Lehrlingen ge- hören nicht in heu Tarif. Die Handwerkskammer habe der Innung verboten, derartige Bestimmungen zu treffen. In Berlin bestehe kein ungünstiges Verhältnis in der Lehrlingshaltung. Die Meister würden sich in keiner Form eine Bestimmung über Beschränkung der Lehrlingszahl aufdrängen lassen. Die Innung habe auch kein Recht dazu, denn die Handwerkskammer habe es verboten. Schneider bemerkt, er wolle nicht vestreitcn, daß die Per- bältnisse in der LehrlingSzahl in Berlin günstiger liegen als in der Provinz. Dabei sei aber zu berücksichtigen, daß es in Berlin viele Großbetriebe gebe und daß durch Miizählung derselben natürlich ein günstiges Verhältnis festgestellt werde» müsse. Würde man nur die Kleinbetriebe rechnen, dann wäre das Verhältnis weniger günstig. Durch die Lehrlingsskala solle nur verhindert werden, daß ein Meister 3 bis 4 Lehrlinge hält und dadurch anderen, die das nicht tut», die Jnnehaltung des Tarifes erschwert. Hierauf folgt die Verhandlung über die sanitären Be, st i m m u n g e n in der Tarifvorlage. Sie besagen, daß die Wasch- und Umkleideräume der Gesellen sowie die Schlasräume der Lehr- linge sich in menschenwürdigem Zustande befinden müssen, daß alle gesetzlichen Forderungen bezüglich Reinlichkeit, Volksgesund- heit, Arbeuerschutz zu befolgen sind unö namentlich die Bcstimmun- gen der Bäckereiverordnung vom 8. Juni 1908 streng einzuhalten sind, auch in den Fällen, Ivo behördlicher Dispens erteilt sein sollte. Obermeister Schmidt bezeichnet die Form dieser Forderung als verletzend für die IWeister und beruft sich darauf, daß alles, was in diesem Punkte gefordert wird, bereits durch die Polizeivex- ordnung geregelt werde, es brauche also nicht im Tarif aufge- nomme» werden. Hetzschold sagte, die Polizeivcrordnung enthalte nicht alles, was notwendig sei. Außerdem werde doch von den Meistern— wie ihre Petition an den Reichstag beweise— verlangt, daß dje Verordnung milde gehandhabt werde. Wir verlangen von den Gesellen strengste Sauberkeit. Diese kann aber nur durchgeführt werden, wenn die Meister die Vorbedingungen dafür schassen. Wo die Räume und die Einrichtungen nicht einwandfrei sind, da können die Forderungen der Sauberkeit beim besten Willen nicht durchge- nhrt werden. Die Meister müßten doch dieser Forderung des Tarifs freudig zustimmen und nicht der Ocffentlichkeir das Schau- 'piek bieten, sie abzulehnen. Obermeister Schmidt bemerkte hierzu: Die Innung wirke ür Durchführung der Sauberkeit: jeder Lehrling werde bei der Aufnahme in diesem Sinne ermahnt. Die Petition an den Reichs- tag beziehe sich nicht auf die sanitären, sondern nur auf(die bau- lichen Bestimmungen der Verordnung. Nur diese sollten milde gehandhabt werden. Hetzschold erwidert«, die Petition richte sich gegen die gggzc Verordnung. Ucbrigeps wüxden doch UnIggberkeiM und sänisabs Mängel durch schlechte Laüllchs Beschäffdnheik Sit PackÄ reien veranlaßt oder doch begünstigt. Nach mehrstündigen Besprechungen im Beratungszimmer ver- kündete der Vorsitzende, daß die Verhandlungen nun beendet sind, der Schiedsspruch aber erst am Mittwoch um 1 Uhr verkündet werden kann. Der Verband der Bäcker und Konditoren hattck zum Sonntag eine Gencralversainmlung nach dem Gcwerkschaftshause und zum Dienstag eine öffentliche Versammlung nach der„Neuen Welt" einberufen. Da der Schiedsspruch erst am Mittwoch verkündet wird, igcrdfiN beid e B e r s a m m l u n g e n nicht abgehalten. Jugenäbe�egung. Die Polizei im Kampfe gegen die Jugend. Nachdem der Amts« Vorsteher von Ober-Schöneweide bei Berlin mtt seinem ersten Streich znr Vernichtung der Jugendbewegung am Orte arg daneben gehauen hat, indem der aufgelöste Verein„Jugendheim", weil ihm gar keine jugendlichen Mitglieder angehören, nach wie vor weiter besteht, mußte nun etwas anderes herhalten. Man ist dazu über- gegangen, daß man nach Schluß der von der Partei veranstalteten öffentlichen Versammlungen jugendliche Teilnehmer unter 13 Jahren polizeilich feststellt. In letzter Zeit sind einige derselben mit Straf- Mandaten von je 3 M. bedacht worden. Es ist wohl ohne weiteres anzunehmen, daß die Betreffenden aus Unkenntnis handelten. Pflicht der Eltern ist eS, durch Auf- klärung der Jugend den Bestrebungen der Polizei, die prole- tarische Jugendbewegung zu unterdrücken, einen Damm entgegenzusetzen. Speziell den Fortbildungsschülern sollte das Wesen der Bereine, die von der Schule mit auffälligem Eifer protegiert werden, vor Augen geführt werden. Serickts- Leitung. Unter der Beschuldigung eines Mordversuch? wurde im Februar d. I. der 53 Jahre alte Schloffer Heinrich Jacobi aus Linden verhaftet. Seine Haushälterin Witwe Schmidt. geb. Kinne, die mit ihm zusammen lebte, hatte aus Anlaß einer ihr zuteil gewordenen Mißhandlung sich von dem Angeklagten ge- trennt und war nach der Kirschenstrahe verzogen. I., der wußte. daß die Sch. des Morgens ihre Tochter zur Arbeit brachte» lauerte dieser eines Tages in der Schlägerstratze auf, stellte sie zur Rede und gab unmittelbar darauf zwe» Revolvcrschüsse auf die Sch. ab. Er soll dabei in der Richtung auf das Herz gezielt haben, beide Schüsse gingen aber zum Glück fehl. Die Untersuchung wegen Mordversuchs gegen I. endete mit der Anklageerhcbung wegen Be- drohung, und I. wurde nach einem Monat aus der Haft entlassen. Der inzwischen von seiner Ehefrau geschiedene I. söhnte sich init der Sch. wieder aus, beide wirtschaften wieder zusammen. Vor dem Schöffengericht 26 Hannover hatte I. sich Donnerstag wegen Bedrohung zu verantworten. Die Ehefrau Sch. verweigerte als Braut des Angeklagten heute ihr Zeugnis. Auf Grund der übrigen Beweisaufnahme stellte das Gericht aber eine schwere Bedrohung fest und verurteilte ihn— unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft— zu sechs Monaten Gefängnis. Ein hübsches Gegenstück zu dem Prozeß Becker spielte sich vor dein Lcuenburger Schöffengericht ab. Handelke eS sich im Kreise Grimmen um die Beleidigung eines konservativen Landrats durch einen liberalen Gutsbesitzer, so handelte es sich im Kreise Leuenburg um die Beleidigung eines liberalen Lehrers durch einen konservativen Kreisschulinspekkor namens Schleyer. Dieser hatte den Lehrer Leddin in Verdacht, der Urheber eines„Einge- sandt" in einer liberalen Zeitung zu sein, in.dem die Schulver- Hältnisse kritisiert wurden. Auf der Lehrerkonferenz danach ge, fragt, stellte es der Lehrer in Abrede; darauf erklärte der Schul, inspcktor:„Sie sind ein unverschämter Mensch, und nun ver- klagen Sie mich." Der Lehrer tat dies auch. Der Angeklagte hatte den Vorfall anders dargestellt, als die Klage behauptete und die Zeugenvernehmung ergab, und deshalb war der Kläger mit seiner Klage abgewiesen worden? Darauf hatte sich der Kläger bei der Strafkammer über den Richter beschwert. Die Strafkammer ver- fügte Eröffnung de» Hauptverfahrens gegen den Kreisschulinspektor. Die Zeugenvernehmung ergab, daß der Kläger den Angeklagten nicht gereizt, sondern ruhig und sachlich gesprochen habe. Die Zeugen hatten den Eindruck von einer beabsichtigten tiefen Ehren- kränkung gehabt, und daß es dem Beklagten darum zu tun war, dem Kläger des Vorgesetzten Macht und deS Untergebenen Ohnmacht klarzumachen. Anstatt nun über das Strafmaß zu ver- handeln, beschloß daS Gericht, die Personalakten des— Kläger» kommen zu lassen, um zu sehen, ob doch nichts Verdächtiges vor- Händen ist. Das war aber nicht der Fall, trotz eifrigen Blätterns in den Akten. So wurde der Kreisschulinspektor zu ganzek drei Morl Geldstrafe verurteilt! Hue der Frauenbewegung. Schauspielerknnenbewegung. Nun sind auch die Wiener Schauspielerinnen wie die reichs- deutschen in eine Bewegung eingetreten. Eine Versammlung im großen Mufikvereinssaal, Schauspielerinnen am Präsidententisch und am Referentenpult, das war die Sensation am 2. Mai. Fünf Schauspielerinnen erstatteten Referate, die tiefen Eindruck machten. Schonungslos wurde der täuschende Flitter fortgerissen und gezeigt, welch gräßliches Elend sich oft unter ihm verbirgt. Die Toilettenfrage, die Macht der Direktoren, die Press» und das Publikum wurden eingehend und schars kritisiert. Von Schauspielerinen oder Choristinnen, die 100 Kronen(oft auch nur 90) MonatSgage haben, wird die Beistellung der Toiletten verlangt. Die gutbezahlten Salondamen, die ersten Heldinneu der Provinzbühnen haben eS bei den höheren Gagen nicht besser, da von ihnen glänzendere Toiletten gefordert werden.„Wie würde man es aufnehmen," so fragte eine Schauspielerin,„wenn der Konzipient beim Advokaten selbst seinen Schreibtisch- mitbringen müßte, oder der Chauffeur das Automobil, die Schauspielerin aber muß ihr Arbeitsgerät, die Toiletten, selbst beistellen." Ein Kostümatelier auf genossenschaftlicher Grundlage soll Abhilfe schaffen. Wie in einer Arbeiteriunenversammlung wurde auch über M u t t e r- schütz referiert. Die Schauspielerin darf nur heiraten, wenn der Direktor es erlaubt, die Eheschließung gibt ihm das Recht der so- fortigen Entlassung, während die Schauspielerin nicht das Rech» hat. den Vertrag zu lösen, wenn sie heiraten will. Die Schwangerschaft muß sie verbergen, will sie nicht entlassen werden.„Jede Arbeiterin". sagt die Referenlin,„hat in ihren schweren Stunden Hilfe durch die Krankenkassen, die Schauspielerin ist schutzlos, die Schwangerschaft wird im Vertrag wie eine ansteckende Krankheit behandelt." Eine Choristin der k. k. Hofoper spricht von dem Elend ihrer Kolleginnen — nicht bei der Hofoper. Man hält sie für unanständig, wer aber nur Chortsttn wird, um die eigentlichen Ziele zu verhüllen, sei keine Choristin, sondern Figurantin. Eine erschütternde, zum Herzen dringende Rede hielt Frau M a n g o m y vom Stadttheater in M ä h r.- O st r a u. Man hörte an dem Ton und der Bewegung der Rednerin. daß sie tief empfand, was sie sagte. Wie geißelten ihre einfachen Worte die Bourgeoisie der Kleinstadt. Die tugendsatten Herrschaften, die der Schau- spielerin die gesellschaftliche Gleichstellung versagen. die aber die tugendhafte Schauspielerin uninteressant find«», während sie bei der anderen das Rassige rühmen. Und die Toiletten- kritik im Foyer.„Den roten Hut setzt sie schon zum vierten Male auf" usw. Man will der Schauspielerin kein Zimmer vermieten, tut man es dennoch, so verlangt man u>u zehn Kronen mehr. Und dann die uriicksetzung der Schauspielerin vor dem Schauspieler. Eine erste «eldin in der Provinz bekommt 300 Kronen, ein Bonvivant 360; der Mann muß ins Gasthaus gehen, heißt es. die Frau ab« kann SSutterBroi essen. Eindrucksbolle Worte fand Frau Mangomh für das Los der alten Schauspielerin, die sich nichts ersparen konnte und nicht einmal mehr trockenes Brot hat. Wie auch, wenn die Provinz- bühnen ihre Leute nur 6 bis 7 Monate im Jahr beschäftigen. Frau Else Galafres-Habermann �Deutsches Volks- theater) sprach über Standesfragen. Es gibt Schauspielerinnen mit Verhältnissen. Gibt das eine Berechtigung, den ganzen Stand zu mißachten? Auch Königinnen haben schon Verhältnisse gehabt, verachtet man deshalb den Stand der Königinnen? Wenn ein Advokat Mündelgelder unterschlägt, brandmarkt man den ganzen Stand der Advokaten? Frau GalafreS verlangt, daß Publikum und Presse nicht dem Glanz der Toiletten, sondern dem Können der Schauspielerin ihre Aufmerksamkeit zuwenden sollen. Sie verlangt Gagen, die nur zur Lebensführung bestimmt sind. Weiter die Reorganisation der Verträge und die Organisation. ES müsse so weit kommen, daß unterschieden werde zwischen organisierten und unorganisierten Schauspielerinnen. Frau Marie Lang und Frau Mariane Hainisch vom Bund österreichischer Frouenvereine sichern die Unterstützung der Frauen zu. Frau Lang forderte auf, nun öfter KriegSrat zu halten, das Publikum werde die heutige Versammlung nicht ver- gessen, und wenn man in Zukunft schöne Toiletten auf der Bühne sehen werde, werde man nicht geblendet, sondern erschreckt sein. Sie verglich die Bewegung der Schauspielerinnen mit der Siebenuhr-Ladensperre im Handelsgewerbe. Zuerst war eS einem unbequem, nur bis sieben Uhr einkaufen zu können, jetzt wundere man sich, wie es die Mädchen in den Warenhäusern überhaupt bis sieben in der drückenden Luft aushalten können. Tins aller Alelt. Flugkonkurrenzen. In den nächsten Wochen werden die großen Flugkonkurrenzen in Deutschland ihren Anfang nehmen. Am 21. Mai wird der sächsische Rundflug beginnen, für den 171 000 M. an Preisen ausgesetzt sind. An diesem Rundflug werden boraussichtlich elf Piloten teilnehmen, darunter von bekannteren Fliegern Lind» paintner, Otto, Dr. Lissauer, Laitsch, König, Grade und Wienczier«. Auf dem Rundfluge, der alle größeren Städte Sachsens berühren wird, werden die verschiedensten Systeme vertreten sein, nämlich Ein» und Zweidecker System Sommer, Ein- und Zweidecker System Otto, Aviatik- und AlbatroS-Doppeldeckcr, Wright> Doppeldecker, Eindecker von Grade und Harlan und zwei Eindecker von WienczierS. Zur gleichen Zeit findet auch der oberrheinische Zu verlässigkeitsslug statt. Dieser Flug umfaßt folgende Etappen: Baden-Baden— Freiburg— Mülhausen fEls.)—Straßburg— Karlsruhe— Mannheim— Frankfurt(Main)—Darmstadt. Zur Teil- nähme sind nur solche Flieger berechtigt, die bereits einen Stunden- flug absolviert und eine Höhe von mindestens 100 Metern erreicht haben. Als Zuverlässigkeitsflug wird diese Fwgkonkurrenz des- halb bezeichnet, weil die Flieger auf der ganzen Strecke das gleiche Flugzeug benutzen müssen. An diesem Rundflug werden sich namentlich auch Euler-Doppeldecker sowie zwei Etrich-Rumpler-Fahr- zeuge beteiligen. Auch für diese Fwgkonkurrenz find sehr beträcht» liche Preise ausgesetzt. Vom t. bis 11. Juli soll in Johannisthal eine Flug» wache stattfinden, die jedoch nur für solche Piloten offensteht, die bisher noch keinen Preis von mehr als 8000 M. gewonnen haben. Vom 11. Juli ab beginnt dann der große norddeutsche U e b e r l a n d s l u g. für den bereits mehr al« eine halbe Million Mark Preise ausgesetzt sind.__ Folgenschwere Eiscnbahnunfälle. Bei der Einfahrt in die nahe Düsseldorf gelegene Station Rath entgleiste gestern ein von Ratingen kommender Eil» zug mit sämtlichen Achsen. Ter Lokomotivführer wurde getötet, der Heizer und ein Reisender wurden schwer, sechs Reisende leicht verletzt. Der durch die Entgleisung angerichtete Sachschaden ist sehr be- deutend. Bisher konnten die Ursachen deS Unglücks nicht festgestellt werden. Ein zweites schweres Eisenbahnunglück ereignete sich auf einer österreichischen Bahnlinie zwischen Wildenschwert und B r a n d e i s. Dort gab der Bahndamm infolge Unter spülung durch einen Wolkenbruch nach. Ein vorüberfahrender Güterzug entgleiste daher und streifte einen auf dem Nebengleis kreuzenden Güterzug. Vom Bahn- Personal wurden vier Personen getötet und drei schwer verletzt._ Das kommt davon. Wenn Sozialdemokraten bewacht werden und durch diese Maß- nahmen die Wachorgane ihren Bezirken entzogen werden, so lassen sich eine solche Gelegenheit Spitzbuben und Einbrecher nicht ent- gehen. So auch im oberschlesischen Rydultau. Während der für diesen Bezirk zuständige Gendarm das Grab unseres ver- storbenen Genossen Dr. Winter bewachte, machten sechs maskierte Gestalten bei dem Kaufmann W o d e tz k i einen ver- wegenen Ueberfall auf seine Ladenkasse. Die Banditen hielten dem Inhaber und dem Personal Revolver vor die Brust und zwangen diese, die Hände hoch zu halten. Einige er- leichterten dann die Ladenkasie ihre? Inhalts und verschwanden hierauf. Dies geschah am 1. Mai, abendsOUhr, während der zuständige Gendarm immer noch Wache am Grabe Dr. WinterShaltenmußte. DaS war sehr notwendig, denn welche Erschütterung des Staates hätte es gegeben, wenn schließlich ein Kranz mit roter Schleife am Grabe unseres verstorbenen Genossen niedergelegt worden wäre. von der Schußwaffe nieder, der nach Polizeiliche Musterknaben. Durch die T o u l o u s e r Polizeibehörde waren fünf Fässer Branntwein beschlagnahmt und auf einer Polizeiwachtstube unter- gestellt worden. In einer bei Polizisten unbegreiflichen Verblendung verspürten die auf der Wachtstube einquartierten Polizeibeamten Appetit auf den»edlen Tropfen'. Um das Getränk seiner Bestimmung zuzuführen, zapften sie die fünf Fässer an und veranstalteten auf der Wachtstube eine solenne Kneiperei. Aber auch über Polizisten wacht das Auge des Gesetzes. Nicht nur ein gewaltiger Kater war die Folge des Branntweingelages, sondern auch eine gerichtliche Untersuchung wurde gegen die durstigen Polizeier eingeleitet. Drei von ihnen sind bis auf weitere? ihres Am t-es enthoben worden. Das englische Militärluftschifs zerstört. DaS vor einiger Zeit dem englischen Staate geschenkte lenkbare Luftschiff.Lebaudy' ist am Donnerstag beim Abstieg von einer Ver- suchsfahrt vollständig vernichtet worden. Der Ballon hatte in der Nähe Londons bereits eine Stunde lang mit glücklichem Erfolgs Uebungen vorgenommen und stand eben im Begriff zu landen, als er sich stark zur Erde neigte. Die Besatzung warf Seile hinab, doch gelang eS den Soldaten nicht, sie zu fassen. Schließlich wurde der »Lebaudy' gegen einen Baum gedrückt, die Ballonhülle zerriß und der Ballon platzte mit furchtbarem Knall. Die Hülle bedeckte vollständig eine Villa, deren Dach stark beschädigt wurde. DaS Gerippe des Luftschiffes und der Tragkorb sind so ver- bogen, daß eine Reparatur unmöglich ist. Die sieben Personen, die sich an Bord befanden. find noch glücklich davongekommen; denn außer Hautabschürfungen uud leichten Kontusionen hat niemand schwere Verletzungen erlitten. Kleine Notizen. Auf frischer Tat gefaßt. Zwei Einbrecher, die Schlossergesellen renfch und Schulz versuchten in der letzten Nacht in die Fürsten walder Stadtkasse einzubrechen. Dabei wurden sie von einem Wächter gestellt und mit Hilfe herbeigerufener Polizeibeamten nach heftigem Widerstände festgenommen. Familicndrama. Im vierten Wiener Gemeindebezirk schnitt die Frau eines Arbeiters ihren beiden dreizehn- und sechs- jährigen Töchtern den Hals durch und verletzte sich selbst schwer. Die Kinder sind t o t. Ein rabiater Bauer. Im galizischen Dorfe Szare sollte der Bauer Kurowski verhaftet werden. Als die Gendarmen erschienen, schloß sich der Bauer in ein Haus ein und verteidigte sich durch Steinwürfe gegen die Gendarmen. Diese holten Verstärkungen und drangen dann mit Gewalt in das Haus KurowSkiS ein. Der Bauer stürzte sich aber in diesem Moment aus einem Versteck auf die Beamten und ver tvundete mehrere von ihnen mit der Mi st gäbe l. Die Gendarmen machten Gebrauch und st reckten den Angreifer wenigen Minuten starb. Absturz rincS belgischen Fliegers. Der Aviatiker Henri Le C a ch e u r ist, als er auf dem Aerodrom von K i e w i t unweit von Brüssel auf einem Eindecker einen Probeflug machte, infolge eines falschen Manövers auS einer Höhe von SO Meter abgestürzt. Der Unglückliche erlitt so schwere Verletzungen, daß an seinem Auf- kommen gezweifelt wird._ Briefkasten der Redaktion. Tie wrlftische Sprechstunde studet Linden st rnße SS, dorn dler Treppe» — Fahrstuhl—, lvochciitaglich von 4Vi bis~'/j Uhr abends, Sonnabends von i'i bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Brieflaften bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merfzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Eilige L-ragen trage man in der Sprechstunde vor. M. M. Lber-Schöneweide. Beschassen Sie sich die aus die Sache bezüglichen Schriststacke; alsdann sprechen Sie beim Arbcitersekretariat, Engcluser 18, vor.— I. 100. 1. Ja, ioweit der Lobn 28,88 M. wöcheni- lich übersteigt. 2. Megen den Beschluß können Sie innerhalb 11 Tage nach Zustellung Beschwerde einlegen. Zur Aufführung sämtlicher EhescheidungZ- gründe reicht der Raum des Brieslastens ntzht aus.— P. P. 80. 1. ES muß erst Klage erfolgen. 2. In 1 Jahren. I. Ja, sofern nicht Festsetzung erfolgt ist.—(S.®. 3«. Der§ 19 handelt von dem sog. Kinderprivilcg. Zum Abdruck der ganzen Gesetzesbestimmung reicht der Raum des Briestastens nicht auS.— W. B. 1. 1. Nein. 2. Ja, soweit sie nicht un- entbehrlich sind.— F. Z. 102. 1. Rur dann, lvenn'/„ des Jahreseinkommens eingebüßt wird. 2. Beantragen Sie Stundung.— F. E. 04. Führen Sie bei dem Amtsgericht, da» den Beschluß erlassen hat, Bc- schwcrde. Ihre Behauptungen müssen Sie durch Bescheinigung des Arbeitgebers oder sonstige Schriftstücke glaubhast machen.-- Z. 1X1. Rein WaiievstandS-Stacbrichte» der LandeSanstalt sür Eeivässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau Wasserstand M- m e l, TUN« V r e g e l, Jnfterbmg Beichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen . Frankiurt Warthe,-vchrimm , Landsberg Netz«, vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden » Barbh , Magdeburg >)+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unlirpegel. Zentrale u. Versand: Oranienstr. 34 Tauentzienst. 20 Konigstrasse 34 Oranienstr. ,47 a Leipziger Str. 65 bedeutend vergrossort Oranienstr. 34 Rixdorf, Bergtt.7-8 Müllerstrasse 3» C/m Besichtigung der Waren wird gebeten. . Dandorf&G BeUe-AIliancestrasse Grosse Frankfurterstrasse Brunnenstrasse Kottbuser Damm strömt m Kakao «« ••»«••••«*«••#«••••••«•*«•« PDlfid Haushattschokolade.. Mischnng n HI 65,95 Pfand Pf. Pt Kaffee IV PfBnd Zwiebelleber-o.Rotwurst Pfand 4L Landleberwurst............. Pfand 75?!. ff. Leberwurst.............. Pfand 95 pt Mettwurst 011,411 951 Teewurst..................... Pfand 1.19 Cervelat- 0. Salamiwurst Pfand 1,20 Schweizer Käse........... Pfand 80". Tilsiter Käse......... pmnd 4Z,©gpt Brie-Käse..................... Pfand 45" Limburger Käse............. Pfand 45pf. Romatour-Käse a............ stock 27" Camembert o.Neuehatellerstock19pf. Tischbutter................... �6 1.20 Tafelbutter................... Pfand 1.30 Brech- o.Schnittbohnen v°-- 28 Cemlschtes Cemllse....-,.iz»-«45p� Bfefferiinge.................',.v°-°50" Pflaumen mit stein......... von« 45 Ff. Stachelbeeren............ 0°°° 63 pt Preisseibeeren..............-?.o°-e 68 p� Putidmgpulver in verschiedenem Geschmack 5 Pakete 23 PO Rote Grütze................................... 5 Paket. 28pt Vanillen-Sauce................................. 3 pak-t« 20pt Himbeer- oder Kirschsaft.......... ria-che 48«. Apfelwein.......................................... 3 Flaschen 95pf. Johannisbeerwein........................... Fia-ch. 55 pt. Kasseler»..SO RUckanfatt...............................»---46 Bratenschmalz...................... 55 Hussdilnlien.......... �l.io Suppenhühner Z.00 z.50 Sehlnhenspeck üoIMinßen , Pfand .Pfand 88» 1.15 I 1.10 1.20 1.35 Giirken..................... 25, 30" Salat................................. Kopt 6" Spinat........................... Pfand 10" Rhabarber................. 3 Bond 10" Radieschen................ 3 Bund iQpt Schnittlauch.............. 4 Band 10" Malkräuter...................... Band 4� Bananen......................... Pfand 28" Citronen........... vat-end 25, 35" Apfelsinen vat-end 30, 40, 50" Erhsen(TI»17": 22" Reis............. Pfand 16, 19, 23" Gries.................... p�nd 18, 22" Malta-Kartoffeln............. Pfand 12 Dabersche Kartoffeln io ptnnd 33 pt Winterrote Kartoffeln io Pfund 29" Bücklinge.................. Sstnek 18" Aale geranohert.................. Pfand 1.25 Flundern geraoehert..................... 9pt Matjes-Heringe............ 10, 15" Sardinen w o-i ca. io stock vcs. 39" ßeieffenMskam Acfcermann's Spulen-Garn (Rot-Schild), schwarz oder weisss.... Rolle 15 Pf. iusnatamepreise für Mai, Juni, Juli � A. B. KOCH Ge3r 1893 Kohlen- u. Briketts-GroßhamHupg G-�'ggz Hauptkontor: l'etkI'Stllll'gei' Stf. 1 Vt �uni 30�?°�° Lagerplatz 1: O., Rüdersdorfer Str. 71(am Küstriner Platz, alt. Ostb.). Lagerplatz 2: O., FruchlstraBa 13(Ostbahn-Güterbahnhof) Lagerplatz 3; HT., Behmstr. 38(SchivelbeinerStr.,£ckeMalmöerStr.). Tel.; Amt 3, 7736. Preise für la Marken ab meinen Lagerplätzen von 10 Zentnern an: la Ilse Salon..... 90 pl la Balbsleine..... Um. la(westI.]ÄQthracitCaiIe 2.10 m. pr. Ztr. laSenW.Harienpck Salon 14 pl la Senltenh. Gotthoid Salon. 11 m la Diamant Salon.... 90 pf. (Gos.gesch. p.Ztr. 115— 120 Stck.) Bei Frankolieferung je nach Quantum per Ztr. 10—18 Pf. mehr. Bruchbrikeits, Steinkohlen billigsit. Koks zu AnstaUspreisen. 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Reichs« Verbandshetzer griffen diese Meldung auf, um damit die Notwendig- keil schärferer Gesetzesbestimmungen zum Schutze der Arbeitswilligen zu begründen. In dieser Tartaren- Nachricht Ivaren aber dieDinge direkt auf den Kopf gestellt, wie auch seinerzeit im.Vorwärts' mitgeteilt worden ist. Nicht Ausgesperrte halten den Ueberfall auf Streikbrecher auSgeführl, sondern die Arbeitswilligen waren es gewesen, welche sich zusamnr engerottet, in verschiedenen Wirtschaften skandaliert und demoliert, und harmlose Passanten überfallen, niederge stachen und mit Revolvern beschossen hatten! Auch nicht ei» einziger der Ausgesperrten ist an den Krawallen auch nnr im geringste» beteiligt gewesen! Bon der etwa 25 Mann starken Strcikbrecherhorde, die die Krawalle beging, wurden unächst 16 Mann verhaftet, von denen sich nunmehr 12 wegen andfriedenSbruch vor den Lübecker Geschworenen zu verantworten hatten. Der Prozest dauerte vom 1. bis 4. Mai und gab ein prächtiges Bild von der moralischen Verkommen» heit dieser deS besonderen Schutze» sich erfreuenden»nützlichen Elemente". Angeklagt waren der Zuschläger Trainer, der Schlosser K l ä h r e n, der Bohrer L a m» t t k e, der Monteur H ü n e r b e i n, der Schlosser S t a u b e r, der Arbeiter Schneider, der Tischler D i l l m a n n, sämtlich au» Essen a. d. Ruhr, der Schlosser S o d e r aus Leipzig, der Arbeiter B o n i n aus Dombrowken. der Arbeiter Schimanski aus Orlen und der Klempner Weg euer aus Carmen. Diese Hintzebrüder waren während der Werstaibeiter« ouSiperrung nach Lübeck gekommen, um in der Lübecker Masch neu- bangesellschaftStreikbrecherdiensie zu leisten. Da die WerkSleitungjcdc falls befürchtete, daß die unter grasten pekuniären Opfern an- geworbenen RauSreistcr nicht allzu viel ftreude an der Arbeit finden und möglichst bald daS Weite suchen würden, so sperrte man sie in in der Fabrik ein; nur am Sonnabend wurden sie auf die friedliche Stadt loSgelafien. Ilm wie roh« Patrone e» sich bandelt, ist schon daraus ersichtlich, daß die Arbeitswilligen den ihrer eigenen Kumpanei angehörigen Koch, der ihnen das Essen zubereiten mußte, einfach in die Trase werfen und ihn ersäufen wollten, als ihnen das Essen nicht recht mundete. Nur den A u S g e s p e r r t e n ist cS zu danlcn, wenn dieser Streikbrecherkoch mit dem Leben davon kam. Am Abend des 24. September bewaffnet« fich eine etwa 40 Mann starke Bande der Arbeitswilligen mit Revolvern, Messern, Gummi- ringen mit Messingeinlage. Totschlägern usw. und zog in die Stadt ein. Ein Trupp ging zunächst in eine Wirtschaft an der Trade, machte dort Krach und wurde, nachdem Gäste belästigt und Gläser zertrümmert lvaren, an die Luft gesetzt. Dann ging e» in die Bordelle in der Clemcnsturite. Unterwegs schlug man noch den Schriftsetzer Rotenberg nieder und verwundete ihn mit einem Messer, ohne dast von dem Verletzten die geringst« Veranlassung dazu gegeben war. Nach dem niehr oder weniger freiwilligen Vcr« lassen der Bordelle ging der Weg zum Restaurant zur„Eioigen Lampe', vor dem zum erstenmal aus purem Heldenmut, glücklicher- I weise ohne Unheil anzurichten, geschossen wurde. Im Lokal be- gannen die Streikbrecher mit den Gästen Streit und demo- lierten WirtschaftSgegenstände, so daß die Polizei «inschreit en mußte. Nunmehr machte sich die Horde zum An« ''griff auf da» Bariets.Puls Universum' bereit. Sie gingen zu- nächst in das Varictä und forderten Bier, dos ihnen auch gewährt wurde. AIS nach einiger Zeit die an der Aussperrung völlig un- beteiligten Zimmerleute Gamm und Buschow in daS Universum kamen und dem Wirt Puls erzählten, wie die in seinem Lokal anwesenden Streikbrecher bei Suckmann und in der Ewigen Lampe gehaust hatten, sah der Wirt, welche„nützlichen Elemente' bei ihm ein- gekehrt waren. Nach kurzer Anwesenheit entfernten sich die Zimmer- leuie. Die Streikbrecher bemerkten das, sprangen ihnen nach und schössen ohne irgend eine Veranlassung mit Re- v o l v e r n auf sie, so dast die beiden schleunigst flüchten mußten. Während es Gamm gelang, sich in das Ankleidekabinett der Barietvkünstler zu retten, flüchtete Buschow und der Wirt Puls in den Keller. Die Arbeitswilligen brüllten,„Die Hunde werden zerstückelt' und schössen fortwährend auf die im Keller befindlichen Leute. Buschow, der fich durch vorgehaltene Fässer zu schützen versuchte, wurde dabei in der Schulter getroffen und erheblich verletzt, während man Puls gestattete, mit erhobenen Händen den Keller zu verlassen. Als die Bande glaubte. Buschow sei tot, zerstörten sie wiederum diverse WirtschaftSgegenstände und mußten endlich von der Polizei mit blanker Waffe nuS dem Lokal getrieben werden. Hierauf erfolgten die Verhaftungen der Vandalcn. Die auch im Gerichtssaale recht flegelhaft auftretenden Angeklagten, Burschen im Alter von 18 bis 24 Jahren, die trotz ihrer Jugend meistens schon auf respektable Borstrasen zurückblicken können, gaben selbst an, dast sie von den Ausgesperrten weder belästigt noch bedrobt worden sind; d aS gleiche müssen die Leiter der Fabrik und der vor derselben po st ierte Schutzmann bekunden. Wie der Gerichtsvorsitzende bemerkte, war der einzige Grund der Arbeitswilligen für die �Begehung der Exzesse der. den Lübecker.Einwohnern zu zeigen, wer sie wären. Sogar derStaatSanwalt trat in seinein Plädoyer der Behauptung der bürgerlichen Presfe scharf �entgegen, als ivcnn die Streikenden— s o nannte er die Ausgesperrten— die Schuld an den schweren Ausschreitungen der Streikbrecher trügen. Die Streikenden hätte» keinen der ArdeitSwillijicn irgendwie belästigt. Wenn die Arbeitswilligen sich trotzdem mir Revolvern und Dolchen bewaffneten, so sei die R a d a u l u st das Motiv ihres schamlosen T ii n S gcivescn. So sprach der Staats- anwalt von den„nützlichen Elementen". Am Donnerstag abend in später Slunde erfolgte das Urteil. Die Angcklaglen Tränier, Hünerbein, Soder, Staubcr, Dillmann, Schimansli, Wegener und Schneider wurden des einfachen LandfriedenSbruchS für schuldig befunden, doch dem letzteren die Erkenntnis der Strafbarkeit seiner Handlung abgesprochen. Allen wurden mildernde Umstände zu- gebilligt. T r a in e r erhielt 5 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust, Hünerbein 8 Jahre Gefängnis, Staubcr IJahr»Monate Gefängnis, Soder und Wegener je 1 Jahr Gefängnis,.Kläyrcn, Weidner, Schimanski und D i I l m a n n j e s Monate Gefängnis. Die übrigen angeklagten Arbeitswilligen wurden freigesprochen.— Wenn die Scharfmacher wieder einmal nach besseren Schutz der Arbeitswilligen schreien und über den Terrorismus der Gewerkschaftler zetern, so wird der Verlauf und das Ergebnis des Lübecker ArbeitSwilligeii-LandfriedenSprozesses als irefflickeS Material dafür dienen, dast kein erhöhter ArbeiiZwillizenschutz, sondern ein erhöhter Schutz der anständigen Bevölkerung vor den Streikbrechern oft dringend not iv endig ist. Em der Partei. Die Maiscicr in Finnland. Unser finnländischer Mitarbeiter schreibt unS: In Finnland wurde der 1. Mai in der üblichen Weise allgemein gefeiert. In den gröberen Städten: Hclsingfors, TammerforS, Abo, Wiborg, Kotka usiv. fanden imposante DcmonfirationSzüge statt. Alle Arbeilcrorganisic- tionen durchschritten mit ihren Fahnen und Bannern, mit Musik- chören an der Spitze, die Hauptstrasten der Städte. Hinter den Musikchören marschierten die Hunderte sozialistischer Kinder, die in sogenannten.Jdealverböndcn' organisiert sind. Die Demonstranten zogen in einen nahen Wald, wo die Maircden gehalten wurden. Am Nachmittage fanden in den Volkshäuseni festliche Veranstaltungen statt. Die Beteiligung war allerorts eine sehr graste. Die Polizei griff in einigen Orten durch besondere Vorschriften in die Veranstaltungen ein, iudem sie politische Reden und das Tragen von Fahnen Unterseite. Als Kuriosum kann gemeldet werden, dast sie in einigen Orten anbefahl, neben den roten Bauneni der Arbeiterorganisationen— auch die russische Nationalfahne mit- zutragen._ Die sozialdemokratischen LandtagSabgeordneten der thüringischen Bundesstaaten halten am 2. Juli i« Gera(Reust) ihre erste Kon- ferenz ab. Auf der Tagesordnung stehen u. a. folgende Punkte: Die Domänensrage in den Thüringer Kleinstaaten; die Rentabilität der Kommcrgüter(Staatsregie oder Pachtverhältnis); gemeinsame VerwaltungSeinrichtungen der thüringischen Kleinstaaten. Bon der Partciprrssc. Zum zweiten Redakteur de» neuen Parteiblattes, das vom I.Juli ab unter dem Namen„Frei- burger Volkswacht' in Freiburg i. B. erscheinen wird, wurde Genosse Neinhold Zumrobel in Hausen gewählt. polizeilicbts, Ctrichtliches uTvc. Trotz deS Wahrheitsbeweises 100 M. Strafe! Wegen LffentlicheirBeletdigung hatten sich am 8. Mai inDüssel« darf der Redakteur Genosse Müller. Verantwortlicher der„Volks- z e i t u n g', und der Tischler Pfeiffer aus Holthausen zu verantworten. Der Strafantrag war vom Bürgermeister in Benrath als Vorsteher der Annenverwaltung und dem Vorsitzenden der Benrarher Krankenkasse gestellt worden. Die von den Angeklagten behaupteten Tatsachen wurden erwiesen, besonders auch, dast ein Kind acht Tage ohne ärztliche Behandlung in dem Krankenhause gelegen bat und dast es bei seinem Fortgange die alte, durch Blut und Eirer verunreinigte Wäsche wieder angezogen bekam. Der Angeklagte Pfeiffer wurde srcigefprnibcii, weil seine„Mittäter- schaft' nicht erwiesen werden konnte. Dem Genossen Müller wurde bestätigt, dast ihm der Wahrheitsbeweis geglückt fei. Dagegen wurde in einer an die Verwaltung der Armenpflege gerichteten Anfrage des Artikels, ob vielleicht eine Anweisung an die Beamten bestehe, die Er- langung von Arinenunterslützung so schwer wie möglich zu machen, eine Beleidigung erblickt, die mit 100 Mark Geldstrafe zu sühnen sei. Dlarktprcise von Berlin am 4. Mai ISIl, nach Ermiltelmiz d-S Königlichen Polizeipräsidiums. M a r l t h a l l c np r e i s e.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Et-bsen. gelbe, zum Kochen 30,00— bv, 00. Speffeboimen, weis;- 30,00-50,00. Linsen 20,00-00,00. Kartoffeln 5,00-9,00. 1 Kilo. »ramm Rindflcisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20—1,90. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch 1,40—2,20. Butter 2,20—2,60. 60 Stück Eier 2,80-4,40. 1 Kilogramm Karpsen 1.10—2,40. Aale 1.30-3.00. Zander 1.30—3,60. Hechte 1.20 bi» 2.80. Barsche 0,80-2,00. Schleie ILO— 3.40. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2, SO— 30,00. Schluß Sonntag Ausnahme- Angebot m&o ionntag -Angebote moderner Hei M vctje Schluß morgen Sonntag Herren" u. Jünglings- Anzüge Soweit die Vorräte reichen Oejlreifte und karierte Chevioh in rieten 23.50 Mt Herren-Anzüge Ü™,*"n.~" 30.50 Mt Bursdien- Anzüge S. 7-,?'"�..in.*' nÄSS 8.50 Hk. Burschen-Anzüge SÄ 10.50 Mk. Burschen-Anzüge 14.50 Mk. lünalinas- Anzüge"d 11.50 Mk. Günstige Kaufgelegenheit zu besonders billigen Preisen! BoenSohn Kleider- Werke o Deutschlands größte Fabrik dieser Art Chausseestraße29-30 an 11 Brückenstraße 11 Cr. 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Mr St« InVSi: ucr Ja, ernte nveruimmt die Nedafti»» de« Pndlirn« gegenüber keinerlei vernutwortung. Nr. 105. 28. Jahrgang. 3. Sfiliijt des Jumiife" Serlim KWIM Zonnabktld, 6. Mai l9ll. Spielerpi'ozeK IMislse. Nachdem am Donnerstag ermittelt worden war, daß der An- geklagte Matiske sich in dem Sanatorium des Dr. Grasleh in Woltersdorfer Schleuse befinde, und der auf Ersuchen des Gerichtes nach dem Sanatorium entsandte Medizinalrat Dr. Hoff- mann die Transportfähigkeit Matiskes festgestellt hatte, wurde der Angeklagte auf Grund eines erlassenen Haftbefehls in das Berliner Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Die Verhandlung am Freitag begann mit der Vernehmung ärztlicher Gutachter über den Ge- lsundheitszustand Matiskes, der sich selbst für durchaus vcrhand- lungsfähig erklärte und nur auf Anraten des Arztes Dr. Wolff das Sanatorium ausgesucht haben will. Der Leiter des Sanatoriums Woltersdorfer Schleuse, Dr. Grasley, erklärte, daß Matiske auf ihn den Eindruck eines außerordentlich nervösen Menschen Von wechselnder Stimmung und sprunghafter Geistestätigkeit ge- macht habe. Er habe deshalb den Angeklagten für nicht verHand- lungsfähig halten müssen. Medizinalrar Dr. Hoffmann hält Ma- tiske gleichfalls für einen nerväsen Menschen, bei dem deutliche ner- vöse Symptome zu konstatieren sind, jedoch für durchaus verhand- lungsfähig. Die Verteidigung versucht den Nachweis zu führen, daß Matiske sehr wohl der Ansicht habe sein können, daß die ärztlichen Atteste, denen zufolge er ein Sanatorium habe aufsuchen müssen, als aus- reichende Entschuldigung dem Gerichte gegenüber anzusehen seien. Sie beantragen deshalb die Haftentlassung Matiskes. Nachdem jedoch von der Staatsanwaltschaft darauf hingewiesen worden war, daß Matiske sich noch am Sonntag im Lunapark amüsiert habe, be- schließt der Gerichtshof, den Haftbefehl aufrecht zu erhalten. Vors.: Wir kommen nun zur Sache selbst. Angeklagter Ma- kiske, in Ihrer Wohnung Wilhelmstratze 19 hat sich häufig, beson- ders seit März 1999, ein Kreis von Bekannten und von Leuten, die diese mitbrachten, versammelt, um dort Roulette zu spielen. Sie sollen in der Hauptsache der Bankhalter gewesen sein und das Ganze organisiert haben. Im März 1909 erschien ein das Spielen in Klubs behan- delnder Artikel im„Berliner Tageblatt", durch diesen Artikel wurden Sie unsicher gemacht und Sie wandten sich an den Kriminalkom- missar von Manteuffel, von dem Sie Auskunft über die Grenzen des erlaubten und unerlaubtenSpiels erhielten. Die Dank soll die Gestalt eines Aktienunternehmens erhalten haben, eS wurden Aktien von 6 Mark aufwärts durch die Mitspieler genommen und so die Bank gebildet. Sie sollen Strohmänner dabei für fich verwendet und sollen auch Belohnungen von 20 bis 30 M. versprochen und gezahlt haben für jeden, der einen neuen Spieler mitbrachte. Sie sollen auch Spielern, die kein Geld mehr hatten, Darlehne zum Weiterspielen gegeben haben. Sie sollen s i ch Uhren, Ringe usw. als Psand haben geben lassen und in Ihrer Behausung ist eine ganze Menge sol- cher Wertsachen vorgefunden worden. Obgleich Ihr Berein, der nach Ansicht der Anklagebehörde nur ein Scheinverein war, im August von der Polizei aufgelöst wurde, ist ein neuer Scheinverein gegründet worden, bis auch dieser aufgehoben wurde. Angekl. Matiske: Ich habe in meinem Leben und besonders als Generalagent der„Viktoria" viel zu arbeiten gehabt, bin dadurch nervös geworden und bedurfte der Ablenkung. Ich ver- legte die Besuche meiner Bekannten auf einen bestimmten Tag, bei diesen Besuchen wurden zur Unterhaltung Brettspiele, wie Schach, Dame usw., gespielt und auch nach der Scheibe geschossen. Dann brachte einmal ein Herr ein Roulette für 60 Pf. mit, und man spielte um kleine Einsätze, um Pfennige bis hinauf zu Groschen. Allmählich brachten Bekannte wieder andere Be- kanntemit, und es tauchten einige Zweifel auf, ob solches Spiel erlaubt sei. Eine? Tages erschien ein vom Rechtsanwalt Dr. Jul. Meyer verfaßter Zeitungsartikel, der in dieser Beziehung unS völlig beruhigte, da er darauf hinausging, daß solches Spielen in Pri- vatzirkeln, wenn es nicht gewerbsmäßig sei, nicht verboten werden könne. Ich habe nicht gewerbsmäßig gespielt, bin dazu auch gar nicht in der Lage gewesen, denn ich habe als Generalagent der „Victoria" ein sehr gutes Einkommen gehabt, das sich mit Prämien, Bonifikationen und Provifionen auf 40 000 M. bezifferte. Alle», waS die Anklage gegen mich vorbringt, um die GewerbS» Mäßigkeit des Glücksspiels zu erweisen, trifft nicht zu. Richtig ist. daß Uhren und Wertsachen bei mir vorgefunden worden sind. Ich bin ein Geschäftsmann und machte auch sonst noch Geschäfte, kaufte Uhren, Brillanten, machte Hypothekengeschäfte usw. Da unsere Zweifel über die Zuläsfigkeit unseres Spielvergnügens nicht ganz beseitigt worden waren, wurde ich beauftragt, an den Kriminal- kommissar v. Manteuffel zu schreiben. Ich ging aber zu Herrn v. Manteuffel hin, nahm den Artikel mit und fragte r h n, was zulässig und nicht zulässig sei. Herr v. M. las mir ein kompliziertes ReichsgerichtSerkenntni» vor, welche» ich nicht verstand, und er sagte zum Schluß:„Ich weiß za, man spielt, um zu gewinnen, aber man soll nur spielen, um sich zu amüsieren, Kenn man eine Leidenschaft zum Spielen hat. Sobald man spielt, so daß eine Gewerbsmäßigkeit zum Vorschein kommt, ist da? Spiel verboten. Wenn Sie wieder Auskunft haben wollen, dann kommen Sie ruhig wieder zu mir." Nach dieser Auskunft waren wir alle der Ueberzeugung. daßwirspielenkonnten. >— Vors.: Sie haben dann für Ibre Spielabende die Form der Ver- «inSgründung gewählt. Die Spielabende sollen stark besucht ge- Wesen sein.— Angekl.: Da kamen Anwälte, Aerzte, ein angehender Staatsanwalt, ein Handelsrichter, ein Millionär. Wenn solche Leute sich beteiligten, brauchte man doch keine Angst zu haben. Alle diese Herren haben sich natürlich bei der polizeilichen Aushebung schleu- nigst gedrückt, um nicht weiter behelligt zu werden. Zur Sicherheit bin ich eine? TageS, als ich erfuhr, daß gegen mich eine Strafanzeige erstattet worden sein sollte, mit dem Angeklagten Zenk zur Polizei gefahren, trafen aber Herrn v. Manteuffel nicht an. Dagegen sah der Kriminalwachtmeister Sandtke nach und erklärte, es liege nichts vor. man könne ruhig weiter spielett. Ich bktt so in eine Falle gelockt worden.— Präs.: Sie haben aber doch nach der Auflösung einen neuen Verein ge- gründet. Wie oft ist gespielt worden?— Angekl.: Anfangs einmal in der Woche, dann zweimal und nur ausnahmsweise dreimal. Weiter erzählt der Angeklagte auf Fragen des Vorsitzenden: Seine Wohnung bestand aus zehn Räumen, in einem Hauptzimmer wurde gespielt. Wer teilnehmen wollte, mußte erst eingeführt werden. An der Tür stand ein Diener und nur die wurden zugelassen, die von jemand, der dem Diener bekannt war, mitgebracht wurden. Richtig sei es, daß zur Bildung der Bank jeder Mitspie- lende gezwungen war, eine Aktie in Höhe von 6 bis 600 M. zu übernehmen.— Präs.: Ist es richtig, daß Sie für sich auch durch Strohmänner Bankanteile erwarben?— Angekl.: Fast alle Zeugen werden aussagen, daß sie alle solche Schiebungen gemacht haben, namentlich die Herren Direktoren und solche, die höher stan- den. wie die anderen. Einige Leute habest telephonisch, einige per Post den Auftrag gegeben, für sie Anteile zu nehmen, von Renn- bahnen kamen Ersuchen, doch mal für diesen oder jenen zu setzen, und das habe ich dann aus Gutmütigkeit getan.— Vors.: Wer hat die Kosten der Spielabende getragen? Angekl.: Die Kosten waren nicht groß. Das„Büfett" bestand aus einem ganzen Brot für vv Pf., einer Wurst sijr 1 3H,t Ääje für 50 Pf., zusammen also �2,60 M. Das Bier wurde von den Leuten selbst bezahlt.— Prof.: Wieviel Geld bekamen die Croupiers pro Abend?— Angekl.: Ich glaube 10 bis 12 M.— Präs.: Ist es richtig, daß Sie Belohnungen für die gezahlt haben, die neue Spieler mitbrachten?— Angekl.: Das hatte ich überhaupt nicht nötig. DieLeutewaren ganz meschugge aufs Roulette. Wir hätten ja eine ganze Kaserne am Alexander- platz mieten können, wenn wir alle unterbringen wollten, die mitspielen wollten. Die Mitangeklagten Croupiers behaupten übereinstimmend, daß ihnen nie der Gedanke gekommen sei. sich durch ihre Tätigkeit strafbar zu machen. Sie hätten aus der„V e r e i n s b a n k" für ihre Tätigkeit entweder 10 M. pro Abend oder auch 60 Pf. pro Spieler erhalten. Geld für Zuführung neuer Spieler hätten sie von Matiske nicht erhalten, ebenso sei es unrichtig, daß sie für Matiske als Strohmänner fungiert hätten. Der Angeklagte Paul Hahn bekundet u. a.. daß er mehrere Monate bei Matiske ver- kehrt habe und häufig auch Frau und Kind mitgenommen habe. Er habe ein gutgehendes Geschäft und könne sich deshalb hin und wieder ein kleines Spielchen zu seinem Vergnügen leisten. Daß dies gewerbsmäßig geschehen sei, sei gänzlich ausgeschlossen. Nach der Mittagspause wird der Geheime Medizinalrat Bern- Hardt vernommen. Er bekundet u. a.: Am 2. Mai sei Matiske, von dem er bis dahin nichts gewußt und gehört hatte, zu ihm ge- kommen und habe die Ausstellung eines Attestes gewünscht. Er habe erzählt, daß er schon längere Zeit sehr nervös sei, so daß er schon mehrfach Differenzen mit seinen Angestellten gehabt habe; er könne nicht schlafen, habe, wenn er auf der Eisenbahn fahre, das Gefühl, als ob er herausspringen müsse, wenn er etwas lese, könne er es nicht richtig ausfassen usw. Der Zeuge habe ihm ge- raten, sobald wie möglich ein Sanatorium aufzusuchen, um sich Ruhe zu schaffen. Er habe nicht den Eindruck gehabt, daß Matiske ein Simulant sei. Der Angeklagte habe auch von einem Termin gesprochen, vor dem er keine Angst habe, er habe aber nicht gesagt, worum es sich handele. Hätte er angedeutet, daß eS sich um einen Strafprozeß handelte und Matiske angeklagt war, so würde er(Zeuge) sich natürlich nicht mit den subjektiven Angaben des M. begnügt haben. Der Gerichtsarzt Dr. Strauch bekundet u. a.: Matiske sei am vergangenen Dienstag vormittags bei ihm gewesen. Seine Sekre- tärin habe ihm gemeldet, da draußen sei ein Mann, der heiße Matiske, sie werde gar nicht aus ihm klug. Matiske habe ihm gleich gesagt:„Ich weiß nicht, was mit mir loS ist, meine Freunde wollen mich in ein Sanatorium bringen." Matiske habe dann in seinen Papieren herumgekramt, wobei er eine gerichtliche Vor- ladung gesehen habe. Er habe dann gefragt, ob M. irgendein Attest haben wolle. Matiske habe ihm darauf geantwortet:„Ach, ich bin ja ganz gesund, aber meine Freund« wollen, daß ich in ein Sanatorium gehe." Matiske habe ihm dann auch ein A t t e st des Dr. Wolff gezeigt. Er habe ihm darauf geantwortet, das ge- nügeja, weiter brauche erjanichts.— Auf eine Frage eines Beisitzers erklärt der Sachverständige, daß der Angeklagte durch seine Bemerkung den Eindruck habe gewinnen können, er sei durch das Attest genügend bei Gericht entschuldigt. Rechtsanwalt Dr. Jul. Meyer wiederholt nunmehr den Antrag auf Haftentlassung des Angeklagten Matiske, nachdem man hier gehört habe, daß er des Glaubens sein konnte, daß das Attest des Dr. Wolff als eine genügende Entschuldigung anzusehen sei. Staatsanwalt Dr. Lehmann beantragt, den Haftbefehl be stehen zu lassen. Der Angeklagte habe ganz absichtlich eine Täuschung des Geheimrats Bernhardts herbeigeführt, indem er ihm verschwieg, daß er angeklagt sei. Aber auch die sub- jektiven Angaben seien offenbar erlogen, um daraufhin ein Attest zu erlangen. Der Gerichtshof beschließt nach kurzer Beratung, den Haft- befehl aufrechtzuerhalten. Das Gericht habe die Ueberzeugung ge- Wonnen, daß er absichtlich und ohne Entschuldigung sich von dem Termin, zu dem er ordnungsmäßig geladen war, ferngehalten habe und auf Grund seines ganzen Verhaltens anzunehmen sei, daß er sich die beiden Atteste erschlichen habe. Im weiteren Verlauf der Verhandlung berichtet Kriminal kommissar Hasenjäger über die Beobachtungen, die er gemacht, als er fich mit einem Kollegen am 19. Juli in die Matiskesche Woh- mmg begab, wo da» Spiel in volle« Gange war. Beide hatten ihre Visitenkarten zu Matiske hineingeschickt und waren daraufhin zugelassen worden. Beide Beamte haben sich dann am 19. August nochmals dorthin begeben und s i ch a m Spiel beteiligt, nachdem sie vorschriftsmäßig je eine Aktie für die Ba nk»5M. genommen hatten. Kriminal« kommissar v. Manteuffel drang schließlich mit mehreren Beamten in das Spielzimmer, wo das Geld auf dem Spieltisch und die zum Spiel gehörigen Utensilien mit Beschlag belegt wurden. Auf Befragen erklärt der Zeuge weiter, daß ihm und feinem Kollegen von dem Angeklagten Matiske gesagt worden sei: eS herrsche au» Sicherheit gegenüber der Polizei Bankzwang, so daß sie auch eine Aktie nehmen mußten. WaS mit dieser Aeußerung gemeint war, sei ihm nicht klar getvesen. Richtig sei eS, daß Ma- tiske ihnen den Zutritt gewährt habe, obgleich er genau wußte, welche Persönlichkeiten sie waren. Er sei damals Kriminal- anwärter gewesen und habe nur den Auftrag gehabt, zu seiner eigenen Ausbildung Beobachtungen anzustellen. Zeuge Hasenjäger kann nur sagen, daß er gehört habe, wie eine elektrische Glocke ertönte. Ob es die Telephonglocke war, wisse er nicht. Kriminalkommissar Rath macht ähnliche Aussagen. Al» er fich darüber gewundert, daß ihm nur ein Eintrittsgeld von 1 M. ab- verlangt wurde, habe Matiske gesagt: das sei ja nur zum Schein. um die Polizei hinter das Licht zu führen. In der Kasse seien etwa 3000 M. gewesen, nämlich 800 M. bar und das übrige in Gutscheinen. Als er sich dem Matiske vorgestellt hatte, hat dieser gegen seine Zulassung nichts einzuwenden gehabt, ihn in das Spielzimmer begleitet und ihm gesagt:„Nun tun Sie, als ob sie zu Hause sind!" Matiske schwebte über dem Ganzen, er ging ab und zu, sucht« alle bei guter Laune zu erhalten, tröstete diejenigen, die verloren hatten, ging hin und wieder an die Kasse und nahm daraus ohne weitere Kontrolle Geld. �ES sah so aus, als ob er frei über das Vermögen der Kasse verfügte. Am ersten Abend, 19. Juli, seien etwa 30 Personen am Roulettetisch ver- sammelt gewesen. Die Sitzung habe bis gegen)42 Uhr gedauert. zuletzt seien noch etwa sieben Personen beisammen gewesen. Auch am 19. August, als die Aufhebung der Spielgesellschast vor sich ging, ist der Zeuge Mitspieler gewesen und hat wieder den Eindruck gehabt, daß Matiske frei über die Kasse der Bank verfügen konnte. Auf zahlreiche Fragen der Rechts- anwälte Bahn, Dr. Julius Meyer und Dr. Alsberg erwidert der Zeuge, daß er bestimmte Tatsachen nicht angeben könne, die sonst noch darauf hindeuten könnten, daß Matiske das Glücksspiel ge- werbsmäßig betrieben habe. Die Verhandlung wird hierauf aaf SonnavenL S Uhr vertagt.__ Partei- Engclcgenbcitcn. Wilhelmsruh- Nieder-Schönhaufen-West. Zwecks Aufnahme einer Statistik zu unserer bevorstehenden Generalversammlung ist eS notwendig, daß sämtliche Genossinnen sowie Genossen am nächsten Zahl- abend, Mittwoch Jieo 10. Mai, in ihren Bezirlslokalen er» scheinen und das Mitgliedsbuch des WahlvereinS sowohl wie auch das der Gewerkschaft und die letzte Quittung der im Haushalt ge- lesenen Zeitung mitbringen. Die Bezirksleitung. Berliner JVacbncbtm An unsere Abonnenten! Unsere Spediteure sind nach einem Beschluß der Preß- kommission gehalten, die Abonnementsgelder am ersten Sonn- tag des Monats, sofern derselbe nicht vor dem vierten Tage im Monat fällt, kassieren zu lassen. Wir richten an unsere Abonnenten die Bitte, im Interesse des Geschäfts und um den Botenfrauen unnötige Wege zu ersparen, nach Möglichkeit am ersten Sonntag das Abonnementsgeld bereitzuhalten. _ Die Hauptexpedition« Die städtische Heimstätte Gütergotz im Kreise Teltow dient der Aufnahme genesender Männer sowie solcher, die an geschlossener Tuberkulose leiden. Hier, weitab von dem Trubel und dem Gewühl der Großstadt, sollen die vom Arzt nach der Heilstätte Verschriebenen Kräftigung und Erholung finden. Der Anstalt sieht man das ehemalige Rittergut an, das die Stadt Berlin seinerzeit von Bleichrödcr gekauft hat. Das hübsche Herrenhaus ist zum Aufenthalt für die Patienten umgewandelt worden. Die Zimmer für die Patienten sind hoch und luftig. Geräumige Liegehallen und Veranden er- möglichen den Aufenthalt außerhalb des Zimmers. Dazu kommt ein ausgedehnter, zum Teil mit alten Bäumen be- standener Park, und es muß bei der jetzigen Witterung ein wahres Vergnügen sein, darin zu lustwandeln. Aus den mit dichten Blättern besetzten Zweigen schmettern Nachtigallen, Drosseln und andere Vögel ihre Lieder. Neckisch ruft der Kuckuck den Spaziergängern sein„Kuckuck" zu. Bänke laden den Müden zum Sitzen ein. Eine große Wiese, mit Obstbäumen umstanden, eignet sich zu Spielgelegen- heiten. Bei schlechtem Wetter steht den Patienten ein ge- schützter Tagesraum zur Verfügung, der mit einem Klavier und einem Billard ausgestattet ist. Auch eine„Bühne" ist vorhanden, die zu Vorträgen benutzt werden kann und von den Patienten mit der vielversprechenden Bezeichnung„Komische Oper" belegt worden ist. Auch eine Kegelbahn ist angelegt, die stark in Anspruch genommen wird. So macht äußerlich die ganze Anlage keinen üblen Eindruck, und mancher Besucher, der hierher kommt, spricht den Wunsch aus. an dieser Stelle auch einmal mehrere Wochen ausruhen zu können. Gewiß werden die Patienten gern auf den Aufenthalt verzichten, wenn sie nur ihre Gesundheit und volle Erwerbsfähigkeit wieder haben. Dazu ist erforderlich, daß die Behandlung und die Ernährung in der Heimstätte so ist, daß keine berechtigten Klagen und Beschwerden erhoben werden können. Bei einem Besuch, den wir am letzten Sonntag in Gütergotz machten, haben wir teils auf Grund eigener Wahrnehmungen, teils nach Rücksprache mit Patienten folgendes zu bemängeln: Bevor wir nach der Anstalt kamen, mußten wir einen Weg von � Stunde— von Stahnsdorf aus— zu Fuß zurück- legen; wir kamen sehr verdurstet in der Anstalt an. Es war uns nicht möglich, in der Heimstätte für Geld und gute Worte ein Glas Milch kaufen zu können. Um uns zu erfrischen, muß- ten wir die Heimstätte wieder verlassen, um in einem nahe- gelegenen Restaurant uns Kaffee geben zu lassen. Die Be- sucher kommen aber dadurch in eine unangenehme Lage. Ent- weder müssen sie ihren Patienten, dem der Besuch gilt, solange in der Anstalt zurücklassen; dann geht Zeit verloren: oder aber sie müssen ihn mitnehmen, dann aber können dem Patienten für unbefugtes Verlassen der Anstalt Unannehm- lichkeiten erwachsen. Unserer Meinung nach müßte dafür ge- sorgt werden, daß Besucher in der Anstalt wenigstens Mich kaufen können. Viel zu wünschen läßt die Pflege der Parkwege übrig. Wir passierten Wege, auf denen große Haufen alteS Laub lagerten und teilweise die Passage hemmten. Auch die Klosett- einrichtungen lassen zu wünschen übrig. Die Klosetts ent- halten keine Türen, sie sind nach vorn offen. Und da drei Klosetts nebeneinanderliegen, nur durch eine Scheidewand ge- trennt und außerdem noch die Pissoirs sich in demselben Räume befinden, so muß diese Anlage als schleunigst verbesse- rungsbedürftig bezeichnet werden. Die Wasserspülung versagt zeitweise. Das Verhältnis der Patienten zur Anstaltsleitung ist zurzeit ein erträgliches. Wie uns Patienten versicherten, sei das erst seit kurzer Zeit so. Bis vor etwa 14 Tagen wur- den lebhafte Klagen der Patienten über die Behandlung er- hoben. Man empfand es verletzend, daß eine Schwester Frida die Patienten oft anherrschte, weil nach Meinung der Schwester das Bettemnachen nicht nach ihrem Geschmack war. Ueberhaupt scheint auf tadelloses Bettenmachen großes Ge- wicht gelegt zu Werdenz wer am besten das Bett macht, ist angesehen. Viele Familienväter, die nach der Heimstätte kommen, haben diese Arbeit in ihrem Haushalte der Frau überlassen und kommen als recht ungeübte Bettenmacher in die Anstalt. Wenn sie dann getadelt werden, so ist es ganz verständlich, wenn dadurch eine gewisse Gereiztheit zwischen Schwester und Patienten sich entwickelt. Eine andere Klage wurde über die Einhaltung der Hausordnung geführt. ES ist bestimmt, daß die Patienten im Winterhalbjahr um 9 Uhr, im Sommerhalbjahr um 19 Uhr sich schlafen legen müssen. Obwohl der Monat April zu dem Sommerhalbjahr gehört, bestimmte die Verwaltung, daß die Patienten nach wie vor um 9 Uhr zu Bett gehen mußtem Die Anstaltsleitung hat aber kein Recht, entgegen der Hausordnung, selbständige Be- stimmungen zu treffen: sie hat sich genau wie die Patienten nach der Hausordnung zu richten. Endlich wird noch Klage geführt über die Beköstigung. Nun ist es schwer, in einer Anstalt, in der für eine größere Anzahl Personen gekocht wird, es allen recht zu machen; was dem einen schmeckt, findet der andere ungenießbar. Aber die Ueberzeugung haben wir gewonnen, daß es mit dem Belag zum Frühstück wie zum Abendbrot etwas dürstig bestellt zu sein scheint, auch wenn man sehr bescheidene Ansprüche stellt. Diese Klagen werden uns schon seit Jahren vorgetragen und sie wollen nicht ver- stummen. Wir haben die Ueberzeugung bekommen, daß nach dieser Richtung hin in Gütergotz etwas allzusehr geknausert wird. So kommt es. daß Angehörige, die es irgend möglich machen können, ihren Patienten nach der Heimstätte kleine Pakete mit Wurst und Fleischwaren senden, um die Anstalts- kost aufzubessern. Täglich koirtmen in der Anstalt solche, Zubußekost enthaltenden Pakete an. Dieser Zustand ist be- zeichneyh lü® fee Keurteijuyg tzep Kekostigung. Der MeZ 5e§ UufütMaKeS 5et Wk?eMn fft 5ev �eitnfßffe ist, die Leute zu befähigen, bald wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können. Dazu gehört neben dem Aufenthalt in guter Luft auch gute kräftige Nahrung. Da sollte nicht allzu- schr geknapst werden. Vom Kuratorium für Heimstätten sollte dafür gesorgt werden, daß die oben dargelegten Mängel behoben werden und daß außerdem die Behandlung der Patienten eine angemessene bleibt. Natürlich ist auch von den Patienten zu verlangen, daß sie sich so betragen, daß die Verwaltung keinen Anlaß zu Klagen hat. Aber man soll die Verfehlungen einzelner auch nicht gseich die gesamten Patienten fühlen lassen. Die Heimstätten haben schon viel Gutes geleistet und werden das um so mehr können, wenn zwischen Patienten und Verwaltung der Heimstätten ein gutes Verhältnis herrscht und berechtigte Klagen Gehör und Abhilfe finden. Stadt«nd Straßenbahn. Aus dem Rathause wird ge- meldet: Die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Stadt Berlin und der Großen Berliner Straßenbahn sind so weit gediehen, daß der von ihnen fertiggestellte Vertrags- e n t w u r f heute dem Magistrat zugegangen ist. Mitteilungen über den Inhalt des Vertrages können nicht gemacht werden. da er vorläufig streng geheim gehalten werden muß. Die Beratungen werden streng vertraulich geführt; Nachrichten darüber können erst veröffentlicht werden, wenn die Verhand- lungen zu einem endgültigen Abschluß geführt haben. I» der letzten Sitzung des Kuratoriums der Stadtdibliothrk wurde beschlossen, da an anderer Stelle kein geeignete» Grundstiich für die Stadtbibliothe! zu annehmbarem Preise zu erlangen ist, dem Magistrat hierfür das Grundstück auf dem Jnselspeicher vor- zuscklagen, wegen dessen bereits das EnteignungSverfahren schwebt. — Dem Zuge der Zeit folgend und vielfachen Wünschen entsprechend, soll in vorsichtiger Weise ein Versuch mit der Einrichtung von Kindcrlesehallen gemacht werden. ES ist dazu zunächst eine Lesehalle in Aussicht genommen, welche von Erwachsenen nicht stark in Aw sprach genommen wird. Eine neue Gebühreuordmmg für die stadtischen Friedhöfe wird im.Gemeindeblatt" veröffentlicht und ist sofort in Kraft getreten. Die neue Ordnung enthält eine wesentliche Erhöhung der Gebühren. Die hauptsächlichsten Bestimmungen sind die folgenden: I». Land zu Familienbegräbnissen nach den besonderen Bedingungen für das Quadratmeter..... SSM. Ib. Heckennifchen von etwa S Quadratmeter Größe zur Aufstellung von Aschenurnen für jede Nische...... 200, und für jede Beisetzung von Aschen......... 10, n. Land zu einzelnen Grabstellen(auf die Dauer von 20 Jahren) a) Wahlstellen: 1. eine Grabstelle für Erwachsene und Kinder über 12 Jabre............... 80, 2. eine Grabstelle für Kinder unter 12 Jahren... IS» 3. eine auf die Dauer von 20 Jahren vorbehaltene Grabstelle............... 50, b) Stellen in gewöhnlicher Reihenfolge: 1. eine Grabstelle für Erwachsene und Kinder über 12 Jahre............... 10, 2. eine Grabstelle für Kinder von 8 bis 12 Jahren. 8, 8. eine Grabstelle für Kinder von 4 bis S Jahren. 4„ 4. eine Grabstelle für Kinder von 2 bi» 4 Jahren. 2„ 5. eine Grabstelle für Kinder bis zu 2 Jahren... 1„ M. Benutzung der Kapelle usw. a) Benutzung der Kapelle mit Kerzenbeleuchtung und Deckcnbelag............... 6. b) Mehrkoste» bei Ausschmückung mit Pflanzen seitens der Angehörigen.............. 8, o) Heizung der Kapelle bei Beerdigungen...... 3, d) für jedes Senktuch............. 1, e) für jeden Leichen träger........... 1, IV. Herstellung der Gruft. «0 bei Familienbegräbnissen und Wahlstellen..... 12„ d) bei Stellen in fortlaufender Reihe....... 5. Bei Gräbern von Kindern unter 12 Jahren werden die halben Gebühren berechnet. Die Inhaber vorbehaltener Grabstellen haben außer diesen Gebühren noch die Kosten für Wiederherstellung der an- ! renzenden, durch die Beerdigung auf der vorbehaltenen Stelle etwa eschädigten Grabhügel zu entrichten. V. Bepflanzen der Grabhügel. J. Rasen, einfacher Hügel, ohne Oberdecke...... 4M. mit Oberdecke...... 5., Rasen, Doppelhügel, ohne Oberdecke....... 8. mit Oberdecke....... 10„ 2. Efeu, einfacher Hügel, ohne Oberdecke...... 15„ mit Oberdecke...... 18, Efeu, Doppelhügel, ohne Oberdecke....... 27. mit Oberdecke....... 30, Bei Gräbern von Kindern unter 12 Jahren werden die halben Gebühren berechnet. Vl. Begießen der Gräber. a) bei Familienbegräbnissen, je nach der Größe und Be» Pflanzung mindestens............ 12 M. d) emfockier Hügel für Erwachsene und Kinder über 12 Jahre................ 6 c) Doppelhügel für Erwachsene und Kinder über 12 Jahre 10 d) Freigräber für Erwachsene und Kinder über 12 Jahre 2 Bei Gräbern von Kindern unter 12 Jahren werden die halben Gebühren berechnet. Vom 1. Juli bi» 1. Oktober jedes Jahres werden für das Begießen die halben Gebühren berechnet. Zu dem Zusammenbruch der Lichtenberger Bereinsbank wird mitgeteilt: Tie Vermutung, daß stch der Direktor Horstmann noch in Berlin befindet, hat sich bestätigt. Nachdem seine Verwandten für ihn eingetreten sind und infolgedessen die Geschädigten die Strafanzeige zurückgezogen haben, hat sich Horstmann hei der Staatsanwaltschaft in Moabit selbst gestellt. Da» Personal der Kraukenhäuser am FrirbrichShain nahm dieser Tage in einer Versammlung Stellung zu einer Verfügung der Anstaltsdirektion, die folgendermaßen lautet: »Infolge wiederholter Anzeigen, daß sich Anstaltspersonal allerlei Materialien, wie Oele, Farben, Seife, Kohlen, Holz, Bleche und dergleichen, widerrechtlich in der Anstalt aneigne und draußen für sich verwende, sehe ich mich veranlaßt, anzuordnen. daß es dem nicht in der Anstalt wohnenden Anstaltspersonal fortan njcht mehr gestattet ist. Pakete, Handtaschen, Körbe und dergleichen mit nach der Anstalt zu bringen oder mit hinaus zu nebmen. Müssen ausnahmsweise einmal Pakete usw. mit nach der Anstalt gebracht oder aus letzterer mit nach Hause genommen werden, so sind sie beim Pförtner abzugeben bezw. im letzteren Falle vor dem Pförtner zu öffnen. Nach wie vor bleibt es aber den Näherinnen gestattet, sich ihr Abendbrot mit nach Hause zu nehmen. Auch findet Absatz 1 keine Anwendung auf die Aerzte, Bureaubeamten und Krankenpflege- schülerinnen. Abschrift der vorstehenden Verfügung erhält die. Werkstatt. Berlin, den 29. April 1911. Der Verwaltungsdirektor des Krankenhauses im Friedrichshain. EL wurde dargelegt, daß diese Verfügung durch nicht» gerecht» ferrtgt fei unh guf mnbmJn DeLUnzigtippes beruhe. M Lero sMNeftetr sötffcN evchZrk EirtuEer, Eaf ein Teil Je» Persoffal» unter Polizeikontrolle gestellt werde. Bezeichnend sei, daß durch diese Maßnahme die in der Anstalt Beschäftigten in Ehrliche und der Unehrlichkeit Verdächtige eingeteilt werden, und eL wurde die baldige Aufhebung der Verfügung verlangt. DaS Opfer eines Unfalles ist nach halbjährigem Krankenlager der 76 Jahre alte Almosenempfänger Gottlieb Altmann aus der EberSwalder Str. 10 geworden. Der Greis wurde am 10. Na- vember v. I. vor dem Grundstück Schönhauser Allee 149 angefahren und so schwer verletzt, daß er nach dem LazarnS-Krankenhause ge- bracht werden mußte. Hier ist er jetzt an den Folgen eines Schenkel- Halsbruches gestorben. Unfälle im Straßenverkehr. Ein schwerer Straßenbähnunfall hat sich in der Nacht zum Freitag in der Kottbuser Straße ereignet. Dort versuchte gegen s�l Uhr nacht? der Bierzapfer PiczfchuwSki aus der Romintener Straße 23, vor dem Hause Nr. 23 den Fahrdamm zu überschreiten, er wurde von einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie 48 umgestoßen, obwohl der Führer, als er die Gefahr bemerkte, sofort alle ihm zur Verfügung stehenden Bremsmittel anwandte. P. geriet mit dem rechten Arm unter den Schutzrahmen, konnte jedoch, ohne daß der Waggon angehoben zu werden brauchte, befteit werden. Der Verunglückte wurde in be- sinnungSlosem Zustande nach dem Urban-Krankenhause überge- führt, wo festgestellt wurde, daß er einen Schädelbruch erlitten hatte. Zwei leichtere Stratzenbahnunfälle haben sich im Laufe des Donnerstags zugetragen. Gegen i>bO Uhr abends fuhr der 18jäh- rige Hausdiener Bruno Rudnick aus der Wilhelmshöher Straße 20 in Friedenau mit einem Geschäftsdreirad die Kaiser-Allee entlani und bog kurz vor einem Straßenbahnwagen der Linie W./E. au das Gleis. Hierbei klemmte sich das eine Rad der Maschine in der GleiSrille fest, so daß das Dreirad von dem nachfolgenden Bahn wagen angefahren und umgeworfen wurde. Der Hausdiener stürzte zu Boden und kam neben dem Straßenbahnwagen zu liegen. Er erlitt eine Knochensplitterung am rechten Handgelenk und wurde nach seiner Wohnung gebracht.— Gegen%7 Uhr wurde in der Pannierstraße in Ripdorf der vierjährige Knabe Artur Trenner. dessen Eltern Pannierstraße 15 wohnen, von einem in der Richtung nach der Knesebeckstraße fahrenden Straßenbahnwagen der Linie 94 umgestoßen und geriet mit dem linken Fuß unter den Schutze rahmen. Durch Anheben des Waggons konnte der Junge befreit werden. Man brachte das Kind nach der Rixdorfer Unfallstation, wo festgestellt wurde, daß es nur eine geringfügige Quetschung deS linken Oberschenkels davongetragen hatte. Schlechte Tage hatten in der letzten Zeit die Buchmacher. An den letzten Ronntagen auf der Grunewaldbahn ging es ihnen schlecht, Am Sonntag wurden dort von Gendarmen und Kriminalbeamten nicht weniger als zwanzig festgenommen, beim nächsten Wochentags- rennen noch sieben und dazu noch eine Frau wegen Beihilfe. Ein tödlicher Fahrstuhlunfall rief gestern früh um 9 Uhr die Feuerwehr nach den Linden. In dem Hause Unter den Linden 01 war der 28jährige Monteur A. Rohde aus der Neanderstrahe 27 im Jahrstuhl fest eingeklemmt. Der Verunglückte wurde befreit, und eS wurden Wiederbelebungsversuche angestellt, die aber er- folglos waren. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt. Peter Ganter, der Verfasser der blauen Briefe, die vor einigen Jahren in unzähligen Familien Auftegung und Verwirrung an- richteten, läßt wieder einmal von sich hören. Damen der Gesellschaft wandten sich kürzlich an die Kriminalpolizei und stellten Strafantrag gegen einen Herrn Paul GilmanS, der ihnen ein anstößiges Buch mit einem noch anstößigeren Briefe übersandt hatte. Die Flug- schrift, bie schön ausgestattet und in Leinen gebunden ist, befaßt stch mit der Verschönerung des WeibeS und enthält auch eine ganze Anzahl Aktbilder, die mit dem Text eigentlich in keinem unmittel- baren Zusammenhang stehen. Herr Gilmans bot sich den Damen nach zwei Richtungen cm. Einmal wollte er sie verschönern. Häß- liche schön machen, dann aber versprach er ihnen auch einen größeren Genuß des Geschlechtslebens. Zur praktischen Ausführung der Äallipädie wollte er in der Gleditfchstraße ein Laboratorium ein- richten. Er bat aber die Damen, nicht zu ihm zu kommen, sondern ihm zu schreiben. Er werde sie dann aufsuchen. Das braune Buch ist in Potsdam gedruckt und herausgegeben und von dort auch der- fandt worden. Die Kriminalpolizei ermittelte, daß Herr Paul Gil- manS niemand anders ist. als Peter Ganter, der Verfasser der .Doppelten Moral". Während der Vorbereitungen zu dem jetzt ver- eitelten Massenversand seines Buches ließ.GilmanS" junge Mäd- chen ausbilden, die später in seinem Laboratorium die Edelmassage ausüben sollten. Sie hatten nun die 100 M.. die sie für die Aus bildung bezahlten, umsonst geopfert. Auch die Lieferanten, die da» Institut in der Glcditschstraße einrichteten, haben das Nachsehen, denn Herr Ganter ist verschwunden. Beim Abspringen von einem fahrenden Straßenbahnwagen schwer verunglückt ist am Freitagnachmittag gegen 0 Uhr die in Reinicken- darf. GesellschaftSstr. 10. wohnende Verkäuferin Klara Franz. Fräu- lein F. hatte am Potsdamer Platz einen Straßenbahnwagen der Linie 23 zur Nachhausefahrt benutzt und verließ den Wagen an der Moltke-Briicke während der Fahrt, obwohl sie der Schaffner bor dem Abspringen warnte. Die F. kam zu Fall und blieb be- simnmgSloS neben dem Wagen liegen. Die Verunglückte wurde nach der Ebaritü übergeführt, wo festgestellt wurde, daß sie eine Gehirn» erschlltterung erlitten hatte. Auf einen KlndeSmord läßt ein grauenvoller Fund' schließen, der vorgestern abend auf dem Wedding gemacht wurde. Spielende Kinder beobachteten in der Uferstraße, wie auf der Oberfläche der Panke ein Körper herumschwamm. Sie fischten ihn heraus, und nun ergab sich, daß eS die Leiche eines neugeborenen Kinde» war. Der tote Körper muß bereit« einige Zeit im Wasser gelegen haben, da der Verwesungtprozeß schon recht weit vorgeschritten war. Die Leiche'war vollständig nackt. Sie wurde beschlagnahmt und zur Obduktion nach dem Schauhause gebracht. Ein großer Brand kam in der vorletzten Nacht auf dem Gelände der Stettiner und Nordbahn an der Ecke der Behm- und Schwedter Sfraße aus unbekannter Ursache zum Ausbruch. ES brannten mit Preßstroh beladene Eisenbahnwagen. Die Flammen schlugen haushoch empor und gefährdeten die übrigen Betriebsmittel. Um diese zu schützen, mußte die Feuerwehr mit mehreren langen Schlauchleitungen Wasser geben. Ein Waggon ist bis auf die Eisen- teile niedergebrannt. Eine Brandwache blieb während der Nacht auf der Brandstelle. Oeffentliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Ve- nutzung für jedermann, SO., Adalbertstraße 41. Geöffnet werktäglich von Sib bis 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 0 bis 1 und 3 bis 0 Uhr. In dem Lesesaal liegen zurzeit 549 Zei- tungen und Zeitschriften jeder Art und Richtung aus. Einen erheblichen Lerlust hat am Mittwoch ein armer Lauf- bursche erlitten, der auf dem Wege vom Grünen Weg nach der Frankfurter Allee von einem Handwagen ein Paket verlor, das Bett- bezöge enthielt. Der Finder wird»m Abgabe an MichalSki, Alt- Boxhagen 56, gebeten. Da» Apollo-Theater hat in sein Maiprogramm ein ameri- tanischeS SensationS-AusftattungSstück:.Um ein Weib" auf- genommen. In ach» Bildern wird der Kampf um das Weib dar- zustellen versucht. Ein amerikanischer Lord nötigt eine hübsche Miß zur Verlobung mit ihm. Ein Baron liebt aber dasselbe Weib und dieses den Baron. Beide fliehen. Der Lord setzt mit einem Detektiv den Beiden nach. ES gibt eine wilde Jagd. Diese führt in eine wildromantische Gegend in Südamerika. wo halsbrecherische Kletterarbeit geleistet werden muß. Aus einem Wachsfiguren-Kabinett, in dem einem das Gruseln ankommen kann, geht» in die Schneeberge, dann nach dem wilden Westen, auf einen Maskenball und schließlich in da» Hau» de» Lord», m dem sich auf dem Dache de» Hause» zwischen dem Lord und dem Baron ein Kampf ans Leben und Tod enifpinnf, de» zur Rettung der Miß aus dem brennenden Hause und zur Ver- einigung der Liebenden führt. Die Ausstattung in dem Spektakel- stück ist das beste. Die fortgesetzt sich wiederholende eintön, ge Musik forderte den Spott des Publikums heraus. Eine recht drollige Novität bildete der kleine Sketfch:.Der zerbrochene Spiegel". Zeugengesuch. Am 25. April, abends 8.10 Uhr. hak an der Ecke Friedrich- und Puttkamerstraße ein Zusammenstoß zwischen einer Elektrischen der Linie 73 und einem Autoomnibus der Lime 4d stattgesunden, wobei Personen Unfälle erlitten haben. Zur genauen Feststellung werden alle diejenigen Personen um Abgabe ihrer Adressen gebeten, welche Augenzeugen des Unfalles waren, Kechts» anwalt Martin Pinkuß, Gitschiner Straße 100. Vorort- JVacbricbtein Rixdorf. Stadtverordnetenversammlung. Der Vorschlag LeS Magistrale für die Straße 135a(zwischen Berg» und Naumburger Straße) neue Baufluchtlinien festzusetzen, wird angenommen. Die Straße ist als ruhige Wohnstratze gedacht, soll 22,3 Meter breit und auf beiden Seiten mit 3,5 Meter breiten Vorgärten versehen werden; die Errichtung von Hintergebäuden wird dadurch unmöglich ge- macht. Einer weiteren Aenderung deS Bebauungsplans in Ab« teilung I stimmte die Versammlung ebenfalls zu, wonach am neuen Ringbahnhof an der Kaifer-Friedrich-Straße eine Diagonal- strahe(Straße 84c) von der Kreuzung der Schudomastraße mit der Teupitzer Straße ab bis direkt an den zu erbauenden Bahnhof heran angelegt werden soll.— Die Ergänzungswahlen für einige Deputationen und Kommissionen wurden im Sinne der Vorschläge deS Wahlausschusses erledigt. Die Vorlage auf Errichtung einer kleinen Druckerei im Rathause lag nach Beratung in einer Kommission erneut der Versammlung vor. Die Stadtvv. Beiß und T r i e S sprachen da- gegen, während die Stadtvv. Winter und Mermuth(Soz.) dafür eintraten. Letzterer hob besonder? hervor, daß bei Beratung einer ähnlichen Vorlage vor einigen Monaten in Schöneberg fest- gestellt worden ist, daß dort die Druckereien einen Ring gebildet hätten, um die Stadt zu schröpfen. Dagegen schützen sich die Stadtverwaltungen am besten, wenn sie die Drucksachen im eigenen Betriebe herstellen.— Gegen die Stimmen der alte» Fraktion wurde die Vorlage angenommen. Dem Komitee für die Hundertjahrfeier zur Eröff- nung des Jahn-TurnplatzeS in der Hasenhetde will der Magistrat 750 M. zur Verfügung stellen. Stadtv. Silberstein (Soz.) wandte sich dagegen und erklärte: So sympathisch eine Ge- denifeier für den seinerzeit von der preußischen Regierung als Demagogen verfolgten Friedrich Ludwig Jahn auch sein könnte, so muß trotzdem der vorliegende Antrag entschieden von den Sozial- demokraten abgelehnt werben. Die geplante Festfeier wird eine jener Komödien mit all ihrer Heuchelei, ihrem sogenannten Patrio« tiSmuS und ihrem Byzantinismus werden, wie sie in unserem Zeitalter so häufig sind. So war eS ja auch bei der Hundertjahr« feier der preußischen Städteordnung. Bald nachdem Oberbürger, meister Kaiser eine schöne Rede über die letztere und den Frei- Herrn vom Stein in diesem Saale gehalten und einen Hymnn» auf die Selbstverwaltung gesungen hatte, beschloß man unter Bruch von Gesetz und Recht den WahlrechtSraub.(Unterbrechungen bei der Mehrheit.) Die gleiche Heuchelei ist e», wenn jetzt zur Jahn« feier 708 Schüler der Gemeindeschulen herangezogen werde«, nach« dem man die turnende Jugend im hiesigen Arbeiter-Turnverein durch die Polizei von den Turnsälen trieb. Turnhallen gibt Rix- darf diesem Turnverein auch nicht, wie eS andere Städte tun; aber in der Schule geben sich Lehrer dazu her, den Arbeiterkindern die Neigung für d,e Freie Turnerschaft mit dem Stocke auszutreiben. Angesichts derartiger Hinderungen der körperlichen Uebung kann die beabsichtigte Feier nicht? als Komödie sein.— Die Stadtvv. Koye und Dr. Maaß wandten sich gegen vorstehende Aus- führunge». Besonder» letzterer fühlte sich stark in seinen partioti- scheu Empfindungen gekränkt, entrüstete sich über die Bezeichnung der geplanten Feier als Komödie, er verdächtigte schließlich die Stellungnahme der sozialdemokratischen Fraktion in sinnloser Weise. Das führte zu einer energischen Zurechtweisung diese» Ueberpatrioten durch die Stadtvv. Dr. Silber st ein(Soz.) unfl W u tz k y(Soz.). Ersterer hielt dem Stadtv. Dr. Maaß vor, daß er als Oberlehrer doch die Geschichte kennen und daher wissen müsse, daß Jahn zur Zeit der tiefsten preußischen Schmach sein Werk begonnen habe und infolgedessen durch die Schergen de» dem Volke gegenüber wortbrüchigen Friedrich Wilhelm III. in» Ge- fängnis geworfen wurde. Bei dieser Feststellung unterbrach der Vorsteher den Redner, um dem gekennzeichneten Hohenzollern bei- zuspringen, vermochte aber unseren Genossen nicht aus dem Konzept zu bringen. Dieser beendete vielmehr unbekümmert sein ge» schichtlichev Privattsfimum dem patriotischen Herrn Oberlehrer und Stadtverordneten gegenüber und erklärte schlichlich, daß der alt« Jahn für freiheitliche Ideen gekämpft habe und von den heutigen Byzantinern gar nicht reklamiert werden könne, welche gar bei einer Schulfeier von den Schülern zwölf Armeemärsche singen und einen besonderen Vortrag darüber halten lassen.(So geschehen im Kaiser-Friedrich-Realgymnasium unter besonderer Mitarbeit des Oberlehrers und Stadtverordneten Dr. Maaß!) Die Annagelung der..hervorragenden" Leistungen dieses bürgerlichen Ober-Byzan- tiners wirkte derart, daß er nur noch hilflos stammelnd erwiderte: Ich weiß nicht, waS ich darauf erwidern solll Ich sage gar nichts!" Unter dem Gelächter der Sozialdemokraten setzte er sich darauf nieder.— Gegen die Stimmen unserer Genossen beschloß die Ver, sammlung im Sinn« der Magistratsvorlage. Der spezielle Entwurf für den Bau einer Feuerwacheund Straß enreinigungSanstalt in der Emser Strahe mit einem Kostenaufwand von ü Million Mark wurde ohne Debatte J genehmigt. Ebenso stimmte die Versammlung der Vermietung der tädtische» Omnibusse für eine Außenreklame zu. Jngendveranstaltungeu. Reinickendorf-West. Der Jugeiidausschuz veranstaltet am Sonntag. den 7. d. M., ein« Spielpmtie nach Virkenwerder. Tresspunkt morgenS Punkt 7 Uhr am Bahnbos Sichbornslratz«. Die Genosse» werden ersucht, hre schulentlassenen Kinder daraus aufmerksam zu mawen. Lichtenbcrg-RummelSburg. Am Sonntag, den 7. d. M.; Großer AuSfiug sSpielparlte) der JngendauSschüsse Lichtenberg-FriedrlchSIelde, RummelSburg-Sttalau nach H i r s ch a a r t e n, Restaurant Raven« st e i n- M ü h l e. Trefipunkt in den Jugendheimen. Bürgerhetmstt. 94, und Alt-Boxhagen 50. Abmarsch pünktlich mittags 1 Uhr. Fretreltgiös« Gemeinde. Sonntag, den 7. Mai, vormittags g Uhr, Pappcl-Allee Nr.>5—17 und Rlrdovf. 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Mai, abends S% Ahr. im großen Saale der Kranerei KönWadt, Schönhauser Allee 10/U i Klempner sVersainmluns:. Tages-Ordnung: i. Sencht von den Nerhandlangen mit den Arbeitgebern. Referent: Alt. Vöde». L. Dtskusston. Ohne Mitgliedsbuch kein Zuyitt!-------- Wicht aller Kollegen ist es. in dieser Versammlung zu erscheine«. � Die Vertravenslentt werden erfvcht, um 7 Ahr im Fokale anwesend zo fein. �3S Mitglieder anderer Oraanisatione«. die alS Bauklempner beschäftigt sind, habe» gegen vor- zeignng ihres Mitgliedsbuches ebenfalls Zutritt. 116/9 IHe Ort»TerwaItnng. AN Pmger ttichNg«, ZikUur und et« Kunftformer 183/20 auf Bronz»-Arbeiten sofort gesucht. Banstgeiv«»-!»!. Anstalt Hannover, Heinrlchstr. 61. n SpezialHaus für wenig getra. gene, fast neue Jackett-Anzüge. Rock- Anzüge. Gehrock< An. züge, Smoking-Anzüge, Frack- Anzüge. Ulfterpaletots. Bein- kleider(auch für korpulente ' erren), sowie Kellner-JackettS. racks, schwarze Tuchhosen. 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Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. VerlagSanstatt Paul Singer».Co, Berlin LW. Nr. 105. 28. Iahrgaug. c Unserem lieben Freunde | Max Henjes n°d»t Braut| H zur heutigen Vermählung die%'■ O besten Glückwünsche! � Im Nsmcn der Hinterbliebene M Junggesellen: J. V iliebenen p Todes Anzeigen| Sozialfiemokratlsclier WiUveniD i des 8. Berl. Reiehstags-ffalilkreises.l Tode»- Anzeige. Am 2. W!ai verstarb unser Ge- j nasse, der Arbeiter S.Vpvi' Adolsstrasje 21.* Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I s Sonnabend, den K. Mai, nach- i mittags 4 Uhr, von der Leichen- 1 ' Halle des städtischen Friedhofes> in der Sceslrafie(Ecke Müller-( | itrajje) aus statt. 227/5 j Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. I »>>»<> MIiIeMMckMIme!!! Kreis»r-Barflim Bezirk Rummelsburg. Am 2. Mai verstarb unser Mit- glicd, der Buchdrucker Wildelm LucKer Wühlischstrafie 28(25. Bezirk). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 7. d. M., nachmittags 3 Ubr, von der Leichen- Halle des Rummelsburger Ge- meinde-Friedhoss, Lückstrage, aus statt. Rege Beteiligung erwartet S/t Die Bezirksleitung. Dsukciw Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Groß-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unsere Ävllegw, die Ar. b-iterw 67/20 �larie Ilokkmann am«. d. MtS. im Alter von 39 Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 7. d. MtS., nach- mittags 2'/, Ubr, von der Leichen- Halle des PiuS< ilirchhoseS in WlldelmSberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die BezirkSverwaltnng. Dp. Simmel Spezial-Arzt• für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41,«t", 10—2. 6— 7. Sonntags 10— 12. 2— 1 Greift zul Jed. Herrn, der sich sie?, n. bül. kleiden will, empfehle» leg. Monatsgarderobe in feinsten Werkstatt. Borlins gearb., von Herr- Bohaften, Doktoren, Kavalieren mir korze Zeit gebr.(für jed. Fig. pass.) Monats-Jackett-AnzBa» 8,10, 14,18«. Manats-Rock-Anzilge 10, 12, 16, 20 M. 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Co., Berlin SWT'' Nr. 105. 28. Jahrg. Scilaif Ks Jorairts"■ Initijcn fit(ölta, Situ, pto. C. Mai 1911. Vorort- JSachrlcbten. Treptow-Baumschulenweg. Eine» Bettel größeren Stils hat am Sonntag, den 14. Mai, »der Vaterländische Frauenverein zu Treptow' in Aussicht ge- nomineu. Wie allenthalben soll auch hier ein Margueriten-Tag der- onstaltet werden. Und da die vaterländischen Damen auch ein Herz für die Armen, Kranken und Elenden haben, so sollen am genannten Tage— bei schlechtem Wetter acht Tage später— Frauen und Mädchen„Blumen der Barmherzigkeit", wie es in einer dem Ortsblättchen beigefügten Beilage heißt, darbieten und jede Liebes- gäbe annehmen. Den sich zu diesem Liebesdienst meldenden Mädchen und Frauen wird bereits versprochen, daß Polizeibeamte, Parkwächter wie auch die Sanitätskolonne mit dem besonderen Schutze der Blunienträgerinnen betraut sind. Es wird für die Spaziergänger am Sonntag, den 14. Mai, daher besonders erhebend wirken, wenn sie wissen, daß sie Blumen der Barniherzigkeit kaufen können von Personen, die sich des be- sonderen Schutzes der Polizei erfreuen. Dieselbe Polizei hat unseren Genossen bei der diesjährigen Maifeier die mannigfaltigsten Schwierigkeiten bereitet. Da wurden Geschäftsleute behelligt, die in ihren Lokalen Maifeierplakate aus- gehängt hatten, sogar Frauen, deren Männer tagsüber auf Arbeit waren, wurden von der Polizei aufgesucht, um festzustellen, wer jene Plakate ausgegeben hat. Und am Tage der Veranstaltung selbst geboten Polizeibeamte bei einem Fackelzug den voranschreitenden Musikern, das Spielen einzustellen. Hier allerdings handelte es sich um Angehörige einer Partei, die dem Reichtum, der Ausbeutung und damit der Wurzel alles Elends und Leids den Krieg erklärt hat. Die„national" Damen indessen find hoch zufrieden mit der gegenwärtigen Gesellschafts- Ordnung. Das durch letztere gezeitigte, ihnen entgegenstarrende Massenelend wollen sie durch einen polizeilich konzessionierten Massen bette! mit einer mildtätigen Sauce begießen. Rumuielsbnrg. AuS der Gemeindevertretung. Eine Beihilfe zu den Kosten für die Hundertjahrfeier der Eröffnung des Jahn-Turnplatzes in der Hasenheide wurde von der bürgerlichen Mehrheit nach kurzer Debatte in Höhe von 200 M. bewilligt. Unsere Vertreter traten dieser Bewilligung entschieden entgegen, die Genossen Berger und Müller wiesen in der Begründung nach, daß das ganze Gepräge dieser Feier sich als heuchlerisch, byzantinisch kennzeichnet, da es im schroffsten Gegensatz zu dem tatsächlichen Vorgehen der Re- gierung gegen die Arbeiterturnvereine wie der freien Fugend- bewegung steht. Hierauf wurde die Benennung mehrerer neuer Straßen vorgenommen, so soll der Hochparallelweg, welcher von Stralau die Südringgleise entlang die Marktstraße kreuzt und hinter dem Sportplatz Berlin-Ost an dem Gelände der Lichten- bergcr Gasanstalt entlang führt, in Zukunft„Kynaststraße" heißen; ferner soll die neue durch den Wühlischpark zu legende Straße nach dem Gründer der hiesigen Fabrik„Knorr-Bremse" den Namen „Knorrstraße" erhalten. Die vom Gemeindevorstand beantragte Aufhebung des Fonds für die Hinterbliebenenversorgung der Lehrer des Gymnasiums führte zu einer längeren Aussprache; unsere Genossen wie auch der Vertreter des Bürgervereins, Ober- lehrer Aigte, wandten sich gegen die Aufhebung. Die Aushebung wurde mit 11 gegen 10 Stimmen beschlossen, für die Aushebung stimmten sämtliche Grundbcsitzervereinsvertreter. Die bereits ange- sammelten Fondsmittcl in Höhe von über 17 000 M. sollen zur Deckung vorhandener Vorschüsse verwendet werden. Gegen die Gül« tigkeit der Wahl des Eigentümers Robiczek zum Gemeindeverord- neten in der 1. Klasse hatte unser Genosse John wegen unrichtiger Wählerlisten Einspruch erhoben. Die der Wahl zugrunde gelegene Gemeindewählerliste für 1911 war nach den Vorschriften des Ge- fetzes, betreffend die Bildung der Wählerabteilungen bei den Ge- meindcwahlcn vom 30. Juni 1900 ohne„Berücksichtigung" des § 50 der Landgemeindeordnung aufgestellt worden. Danach sind sämtliche Stimmberechtigten einer Landgemeinde nach Maßgabe der von ihnen zu entrichtenden direkten Steuern in drei Klassen zu teilen und zwar in der Art, daß aus jede Klasse e'.n Drittel der Gesamtsumme der Steuern fällt. Die Liste war aber so auf« gestellt, daß nur alle diejenigen Wähler, deren Steuerbetrag den Durchschnitt der auf den einzelnen Wähler fallenden Steuer- I betrüge übersteigt, der zweiten oder ersten Abteilung zugewiesen fwurden. Durch dieses ungesetzliche Verfahren sind ca. 150 Wähler, welche rechtmäßig der zweiten Abteilung angehören, in die dritte Abteilung gekommen und ebenso eine entsprechende Anzahl Wähler der ersten Abteilung in die zweite Abteilung. Die Gemeinde- Vertretung erkannte die Unrichtigkeit der Wählerlisten voll an und beschloß einmütig, daß die Wählerlisten für 1912 entsprechend dein Einspruch unseres Vertreters aufzustellen sind. Da hiermit der Zweck des Einspruches erreicht war, zog Genosse John denselben zurück. Hierauf fanden die Wahlen zu den einzelnen Kommissionen und Verwaltungsausschüssen statt; außer in den Schuldeputationen sind unsere Vertreter in sämtlichen Ausschüssen vertreten. Als neue Ausschüsse kommen diesmal aus Antrag unserer Vertreter noch ein Wahl- und Wohlfahrtsausschuß hinzu. Auch in den Armenkommissionen sind diesmal verschiedene von unseren Partei- genossen gewählt worden. Auf eine Anfrage unserer Vertreter mußte der Bürgermeister zugeben, daß der Gemeindevorstand be- schlössen hat. auch die Krankcnhausgrundstücke an der Schlichtallee zur Bebauung zu verkaufen. Durch eine Bebauung dieser Grund- stücke würde den Kranken nicht nur jede Aussicht genommen und der volle Zutritt von Licht und Sonne gehindert werden, sondern es würde dadurch auch jede Möglichkeit genommen sein, eine in Betracht kommende Erweiterung des Krankenhauses vornehmen zu können. Wenn dieser rückständige, aller Vernunft hohnsprechende Plan des Gemeindevorstandes zur Ausführung kommt, dann würde das Krankenhaus von zwei Seiten von vierstöckigen, von dem eigentlichen Krankenhaus kaum 30 Meter entfernten Häusern und an den freien Seiten von der Eisenbahn vollständig ein- geschlossen sein. Besonders bedauerlich ist es, daß gerade das Oherhaupt der Gemeinde, Bürgermeister Dr. Hahn, der anderseits durch seine Schwärmerei für Seminar und höhere Schulen die Gemeinde in finanzielle Schwierigkeiten gebracht hat, hier durch seine Bemühungen für den Verkauf der Krankenhausgrundstücke zu Wohnhäusern ein solch auffälliges Unverständnis in künjt lerischer wie in hygienischer Beziehung bekundet. Zehlendorf(Wannseebahn). Die alte Gewohnheit unserer Gemeindevertretung, nicht zu häufig zu tagen, nimmt bereits wieder recht bedenkliche Formen an. Zwar hatte sich in der vorletzten Sitzung ein Gemeindevertreter über die Ausdehnung des Zwischenraumes zwischen den Sitzungen be schwert, aber der Gemeindevorstand kennt seine Pappenheimer und so zog er die Einberufung der Vertretersitznng diesmal noch mehr in die Länge. Die umfangreiche Tagesordnung wurde spielend erledigt, so daß sich selbst der neugebackene Gemeindeschöffe Herr Rhode bei einigen Punkten die Begriindung ersparte, indem er auf die— allerdings der Oeffentlichkeit nicht zugängliche— schrift- liche Begründung in den Vorlagen verwies. Er kann es sich leisten. Ist doch unter unseren Vertretern nicht ein einziger, der Sinn für die Rechte der Oeffentlichkeit hat. Dabei hat sich gerade infolge dieser Eigenart unserer Vertretung schon so oft ge zeigt, daß die wichtigsten Rechte der Selbstverwaltung von den verantwortlichen Beamten mißachtet werden. Die Abrechnung des Baues des Bahnhofes Beerenstraße wurde bewilligt. Gemeinde- Vertreter Thornton bemängelte, daß der RcchnungSauSschnß nichts zu erinnern gefunden, obwohl selbst nach dem letzten Beschluß, der be- sagte, daß Ueberschreitungcn nun nicht mehr vorkommen dürften, noch über 1000 M. mehr verbraucht worden waren. Im allgemeinen hat man sich nun aber mit der ganzen Angelegenheit abgefunden und es wurde nicht beliebt, auf die Anfrage' Thorntons einzugehen. Durch die schöne Lage hat sich die Umgegend des Bahnhofes Beerenstraße rapide entwickelt, daher findet man die Abrechnung jetzt verhältnismäßig günstig. Der Bau selbst kostet das nette Sümmchen von 819 341.06 M. Davon hat die Gemeinde 126 387,09 M. zu tragen, wovon noch 13 644,22 M. ungedeckt sind. Für diese Ausgabe soll eine Anleihe aufgenommen werden. Für den Linoleumbelag in der Turnhalle des Gymnasiums waren in dem laufenden Etat 1500 M. vorgesehen. Durch Anziehen der Linoleumpreise macht sich eine Ueberschreitung von 125 M. notwendig. Gemeindcvertreter Köppen regle an, die Ueberschreitung durch Verwendung von schwächeren Kork- unterlagen aufzuheben. Er wurde aber von dem Bau- meister Krug belehrt, daß sich nichts mehr machen lasse, da inzwischen die Arbeit schon ausgeführt lvcrde. Herr ClaS fragte an, wann die Arbeit gemacht sei, da am Freitag, den 28. April, noch gar nicht angefangen worden war. Er bekam die salomonische Antwort:„In den letzten Tagen". Die mangelhafte Aufstellung unserer Etats zeigte die Vorlage 10, die für eine Reihe Etatsüberschreitungen für das Rechnungsjahr 1910 eine Nachforderung von 4181,72 M. aufstellte. Dabei interessiert uns am meisten die Forderung von 560 M. zur Anschaffung von Schulbänken in der Gemeindeschule I. Diese An- Goldene Medaillen Carl Zobel Köpenicker Str. 121(Ecwans) Micbaelkirehstr. 9-10(Eckbaus) Baste Werten-«j Knaben-JXoden fertig und nach Maß. Beste Paßform. Werkstätten im Hause. - O Schanfcnster. vorrätig. Volle Garantie für jedes bei mir gekaufte Kleidungsstück. Der gute Sehr billige, aber feste Preise. Ruf meiner Firma bürgfc für gewissenhafte und billig® Bedieaung.- 9 Schanfenster.-- Sehr große Auswahl in- und ausländischer Stoffe für Maßanfertigung. 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Diese Sätze gingen einigen Vertretern noch zu weit; nach langer, zum Teil recht er- regier Debatte wurde das Regulativ mit ö gegen 3 Stimmen an- genommen.— Der Bebauungsplan des eingemeindeten forst- fiskalischen Geländes liegt nun mit einigen unwesentlichen Aende- rungen der Regierung zur Genehmigung vor. Es wird nach Ge- nehmigung desselben Pflicht der Geimeindevertretung sein, unverzüglich mit dem notwendigen Bau einer Turnhalle zu beginnen. Die Straßenmüllabfuhr, die bisher von dem Gemeinde- verordneten und Fuhrunternehmer Neuendorf ausgeführt wurde, ist dem Fuhrherrn Sommer übertragen worden. An Stelle des aus- geschiedenen• Mitgliedes der Schulkommission Herrn Karges ist der Lokalinhabcr Ehrhardt bestimmt. Eine recht rege und interessante Debatte brachte noch die Stellungnahme zum Ankauf der den» Forst- fiskus gehörenden Parkanlagen am Bahnhof. Der Gemcindevorstand wurde beauftragt, sofort Verhandlungen anzuknüpfen zwecks Ankaufs eines 40—60 Morgen großen Areals zur Schaffung eines Volks- parkeS. Ferner beabsichtigt die Gemeindevertretung von dem einzigen in der Nähe Grünaus am Wasser gelegenen Terrain am Sport- denkmal zirka 4 Morgen zu erwerben, um auch hier Parkanlagen zu schaffen. Petershagen bei Fredersdorf. In der letzten Gemcindevertretersitzung wurde zunächst der neugewählte Gemeindevertreter Genosse Claas eingeführt. Hier- auf wurde die Schaffung einer Müllabladestelle zwischen der Heu- nickendorfer Straße und Eggersdorfer Weg beschlossen. In die Rechnungsprüfungskommission für 1910/11 wurden die Herren Bugge, Lukas, Schulz und Genosse H ö s e l b a r t h gewählt. Vom Gemeindevorsteher war beantragt, ihm die Dienstreisen und Bureau- miete zu erstatten, beides wurde aber abgelehnt, da in der Eni- schädigung, die derselbe erhält, die geforderten Beträge mit ent- halten sind und ihm außerdem kürzlich zur Entlastung eine Schreib- Hilfe bewilligt worden ist. Eine größere Debatte rief ein Antrag der Kirchengemeinde hervor. Es wurden die Mittel für einen Brunnen und eine Leichenhalle verlangt. Dieser Antrag wurde von unseren Genossen bekämpft, da die politische Gemeinde hierzu nicht verpflichtet sei. Besonders wurde von Genossen S t i m m i n g hervorgehoben, in wie intoleranter Weise, die Kirche bei Beerdi- gungen usw. gegen nicht mehr der Kirche angehirige Personen vor- geht. Die Schaffung einer Leichenhalle wurde zunächst fallen ge- lassen, der Brunnen jedoch beschlossen.'Wegen Weitcrpflasterung der Bruchmühler Straße sind die Verhandlungen wieder aufgc- nommen und zu den.bereits bewilligten 4000 M, weitere 2000 M. bewilligt worden. 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