Nr. 107. Ndoimementz-NeäingiilM: Abonnements> Preis pränumerando i Lierteljährl. 320 Ml.. Mona». 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well" 10 Psg. Post- ilbonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 28. Jahrg. olcheivt täglich außer tilontags. Vevlinev Volksblakt. Zetitralorgan der roztaldemokrati feben parte» Deutschlands. Die Ttiferfions-Geböör beträgt für die sechsgespaltenc Kolonel« zeile oder deren Raum 00 Psg., für Politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnreigen", das fctlgedruckie Wort 20 Pfg,(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- geigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über lö Buch- staben zählen für zioei Worte. Inserate für die nächste Nummer mLsscii bis fe Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 1 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse! „SozialötmoHrat Rcrlla", Redaktton: SAl. 68, Ltndcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Dienstag, den 9. Mai 1911. Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. Das Zwedivcrbandsgektz für Groß-Bcrlin, 11, Am Schlüsse unseres vorigeu Artikels haben wir bereits Saraus hingewiesen, daß die Kommission der Stadt Bertin außer dem Oberbürgermeister 4t) Vertreter in der Verbands Versammlung eingeräumt hat. Die Vertbiandsversammlung soll bestehen aus dem ersten Bürgermeister von Berlin und ÖtOO aus die Verbandsglieder nach dem Verhältnis der Ein- wohnerzahl zu verteilenden Vertretern. Der Stadt Berlin wird hierbei der erste Bürgermeister als Vertreter nicht an gerechnet. Wird diese Bestimmung Gesetz, dann erhalten serner Charlottenburg 10 Vertreter, Rixdors 8, Schöneberg 5, Wilmersdorf, Lichtenberg, Spandau je 3, Steglitz und Box Hagen-Rummelsburg je 2, Groß-Lichterfelde, Friedenau, Köpenick, Pankow, Weißensee, Reinickendorf je einen und die Kreise Teltow und Niederbarnim je 9 Vertreter. Weit gefährlicher als die Zusammensetzung der Verbands- Versammlung ist die Art, wie ihre Vertreter g e- wählt werden. Zunächst ist das passive Wahl- recht beschränkt aus diejenigen Angehörigen der be- teiligten Gemeinden und Landkreise, welche die Wählbarkeit sür den Gemeindevorstand oder die Gemeindevertretung bezw den Kreistag besitzen. Dies Wahlrecht aber ist bekanntlich ein sehr beschränktes, es wird bedingt einmal durch die Ver- onlagung zu einem gewissen Einkommen und ferner durch eine gewisse Aufenthaltsdauer, durch die Eigenschaft der Selb- ständigkeit, wobei der Begriff„selbständig" in der reaktionär sten Weise ausgelegt wird, sowie endlich durch ein Alter von mindestens 24 Jahren. Verloren wird das Wahlrecht u. a.. wenn man mit seinen Steuern im Rückstände ist, wenn man im letzten Jahre Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln empfangen hat, wenn man— soweit Stadtkreise in Betracht kommen— nicht die preußische Staatszugehörigkeit besitzt, Frauen haben in den Städten überhaupt kein Wahlrecht, in den Landgemeinden nur, wenn sie Grundbesitzerinnen sind, aber auch dann dürfen sie es beileibe nicht in eigener Person ausüben. Da die Städteordnung für die östlichen Provinzen in einigen Punkten von der Landgcmeindeordnung abweicht, so werden wir, wenn der Zweckverband Groß-Berlin das Licht der Welt erblickt, folgende lächerlickien Zustände haben: Um in die Verbandsversammlung, gewählt zu werden, genügt es unter der Voraussetzung, daß man die übrigen Anforderungen des Gesetzes erfüllt, für den Einwohner einer Landgemeinde, g. B. von Steglitz, daß er Deutscher ist: zieht er dagegen nach Wilmersdorf, so muß er schleunigst die preußische Staatszugehörigkeit erwerben. Hat ein Einwohner von Steglitz Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln empfangen, so ist er 6 Monate nach jEmpfang der Unter- stützung nicht wählbar, sofern er die früher empfangene lUnterstützung nicht zurückerstattet hat, er befindet sich also in einer glücklicheren Lage als der Bewohner der Nachbar- gemeinde Wilmersdorf, denn dieser ist in dem auf den Empfang der Unterstützung folgenden Jahre nicht wählbar, selbst dann nicht, wenn er die Unterstützung inzwischen längst zurück- gezahlt hat. Es ließe sich noch eine Reihe ähnlicher Schön- heitsfehler auszählen. Die gesetzgebenden Körperschaften Preußens stoßen sich daran natürlich nicht, ihnen kommt es in erster Linie auf die Verfolgung ihrer reaktiv- närenZielean. Das aktiv« Wahlrecht vollends wird nicht un- mittelbar durch die Einwohner der zum Zweckverband gehört- gen Gemeinden ausgeübt, sondern durch Mittelspersonen, es tstwederallgemeinnochgleichnochdirekt, und ob es geheim oder offen ist, darüber fehlt im Gesetz überhaupt jede Bestimmung. Nach§ 14 werden in Gemeinden die Ver- treter zur Verbandsversanrmlung durch die Gemeindevertre- tungen, in Städten unter Zutritt des Magistrats, in den Landkreisen durch die Kreistage gewählt. In den Städten treten also die Stadtverordneten mit dem Magistrat zu einer gemeinsamen Sitzung zwecks Vornahme der Wahl zusammen, die Stadwerordneten. die gewählt sind auf Grund eines plutokratischen Wahlsystems, und die Magistratsmitglieder, die von diesen schon ausgesiebten Männern gewählt, also doppelt gesiebt sind, wählen gemeinsam die Vertreter zur Ver- bandsversammlung. Eine dreifache Siebung, wie sie unsinniger kaum gedacht werden kann, und die selb st das preußische Klassenwahl- recht in- den Schatten stellt! Regierung und Land- tag müssen doch eine heillose Angst haben., daß einmal ihr nicht genehme Elemente in die Verbaichsversammlung kommen könnten. Aehnlich wie in den- Städten ist es in den Land- gemeinden. In den Kreistagen endlich vollzieht sich die Wahl so. daß überhaupt keine irgend wie politisch anrüchige Person durchschlüpfen kann. Die Zahl der Mitglieder des Kreistages wird nach der Bevölkerungszahl bemessen und nach demselben Maßstab auf Stadt und Land verteilt. Die Ver- tretung des Landes geht zu einer Hälfte aus den zu Wahl- bezirken vereinigten Landgemeinden, zur anderen aus dem Verband derjenigen größeren Grundbesitzer und Gewerbe- trechenden hervor, die zu einem Mindestsatz der Grund- und Gewerbesteuer oder mindestens zum Mittelsatze der Gewerbe- steuerklassen I und II veranlagt sind, und diese erlauchte Ge- fellschaft wählt nun ihrerseits die Vertreter zur Verbarchsver- sammlung Groß-Berlin. Daß die Kreistage jemals einen Sozialdemokraten in die Verbandsversammlung entsenden werden, halten wir für ausgeschlossen: in den Landgemeinden- erscheint und das wenig wahrscheinlich, in den Städten mit starker Arbeitervertretung ist die Möglichkeit dazu vorhanden. Immerhin aber werden die Sozialdemokraten in der Ver- bandsversammlung nur eine verschwindende Minderheit bil- den, eine Minderheit, die in gar keinem Verhältnis zu ihrer Zahl und Bedeutung steht. Das ist es ja auch, was die Re- gierung anstrebt, und der Landtag hat ihr, wie nicht anders zu erwarten war, bei dieser Entrechtung der Arbeiterklasse Helfershelferdienste geleistet. Einen- sozialdemokra- tischen Antragauf Einführungdes gleichen, geheimenunddirektenWahlrechtswürdigte die Kommission nicht einmal einer Debatte: er wurde gegen die Stimmen des Sozialdemokraten und der Fortschrittler abgelehnt. DasZentrum, dasbekannt- lich in der Theorie für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht ein- tritt, hat, wiesooft, soauchbeidieserGelegen- heit wieder einmal sein Prinzip mit Füßen getreten. Ja, einer dieser angeblich für Wahrheit und Recht kämpfenden Herren ging sogar soweit, in der Zweckver- bandskomnüssion einen Eventualantrag zu stellen, wonach zehn Mitglieder der Verbandsversamm- lung vom König von Preußen ernannt werden sollten. Allerdings blieb er mit dieser Idee, im Jahre 191 1 ein Herrenhaus sür Groß-Berlin zu schaffen, allein. Nicht nur seine eigenen Parteifreunde, sondern auch— und das ist charakteristisch für die reaktionäre Tendenz des Antrags— die Konservativen und Freikonservativen rückten von ihm ab. Wie in der Verbandsversammlung, so werden auch im Verbandsausschuß die Rechte Berlins ge- kürzt. Der Verbandsausschuß soll bestehen aus dem ersten Bürgermeister von Berlin als Vorsitzenden, einem von ihm zu bezeichnenden Magistratsmitgliede dieser Stadt, den ersten Bürgermeistern der sechs nächstgrößten Gemeinden, den Vor- sitzenden der Kreisausschüsse der ganz oder teilweise zum Ver- band gehörigen Kreise und acht von der Verbandsversamm- lung zu wählenden Mitgliedern, von denen vier in Berlin wohnen müssen. Berlin hat also von 18 Mitgliedern nur 6, also nur ein Drittel, und wenn Teile von Osthavelland ein- bezogen werden, sogar ntfr 6 von 19, also noch nicht ein Drittel. Das ist eine Vertretung, die auch nicht entfernt der Größe und Bedeutung der Reichshauptstadt entspricht. Wie sehr übrigens die reaktionären Elemente bestrebt sind, den Verbandsausschuß zu einem Instrument der Regierung zu machen, das beweist der nur mit knapper Mehrheit ab gelehnte Antrag, die Ausschußmitglieder dem Disziplinar gesetz für Beamte zu unterstellen. Die Folge dieses Antrages, der vielleicht im Plenum wiederkehrt, würde die sein, daß ein etwa in den Ausschuß gewählter Sozialdemokrat sofort dis zipliniert und seines Amtes entsetzt werden würde. Fern Haltung der Sozialdemokraten aus der Ver waltung um jeden Preis! Das ist der Grund- gedanke, von dem sich Regierung und Landtagsmehrheit leiten lassen, mag auch die Gesamtheit darunter Schaden leiden. Ein Organ der Regierung, nicht aber der Selbstverwal- hing, wird auch der Verbandsdirektor sein, den freilich die Verbandsversommlung wählt, der aber der B e st ä t i g u n g churchdenKönig bedarf. Also auch hier wieder ein E i n- griff in das Selbstverwaltungsrechtl Betrachtet man auf der einen Seite diese Fülle reak- tionärer Bestimmungen, auf der anderen Seite die Befugnisse des Zweckverbandes, und wägt man beides gegen einander ab, so wird man zu dem Resultat kommen, daß ein so gestaltetes Gebilde von vornherein zur Unfruchtbarkeit verdammt ist und das Ende der ohnehin schon beschränkten Selbstverwaltung in Preußen bedeutet. Der Regierung liegt ja auch weniger an einer Beseitigung der mißlichen Verhältnisse von Groß-Berlin, als an der Schaffung eines kaufkräftigen Abnehmers für ihre Wälder; sie entzieht sich ihrer Pflicht, selbst Luft und Licht für die Millionen der Großstadt zu schaffen und wälzt die Lasten auf die Steuerzahler von Groß-Berlin ob. Der sprüch- wörtliche Fiskalismus der preußischen Regierung entfaltet sich hier zu vollsten Blüte. Aber noch eine weitere Gefahr droht aus diesem Zweckverband. Es wird nicht allzulange dauern, dann wird sein« Zwecklosigkeit aller Welt offenbar werden-. Die VerhälMisse werden sich nicht verbessern, sondern verschlechtern. die Zerrissenheit des wirtschaftlich einheitlichen Gebildes wird immer größer werden. Und was dann? Dann steht drohend im Hintergrunde das G e s p e n st d e r S p r e e p r ä f e k t u r, das— mögen die Reaktionäre aus durchsichtigen Gründen auch noch so oft das Gegenteil erklären— noch keineswegs in der Versenkung verschwunden ist. Beseitigt können die unhaltbaren Zustände nur durch eine Eingemeindung großen Stils, durch die Schaffung eines kommunalen Groß-Berlin werden, dessen Verwaltung natürlich auf dem Grundsatz völlig freier Selbstverwaltung aufgebaut sein muß. In diesem Sinne zu wirken, wo immer sich Gelegenheit dazu bietet, in den Gemeindevertretungen, im Parlament und nicht zuletzt in der Presse und in Ver- samnilungen, das muß die Aufgabe der Sozialdemokratie von Groß-Bcrlin sein, eine Aufgabe, deren Lösung sie sich im Interesse der Gesamtheit nicht entziehen wird,„ Frciiinniger Uionarchismus. Sie sind unbelehrbar, unsere Liberalen, ob sie der Bassermann« schen halbentschiedenen Richtung oder der ganzentschiedenen Elite angehören, die sich um das Banner des„Verl. Tageblatt" schart. Hoffnungsseligkeit ist ihre hervorragendste Eigenschaft. Unbegrenzte Hoffnungsseligkeit. Sobald sich irgendwo am politischen Horizont ein Sonnenstäubchen zeigt, sehen sie bereits die große neue„libe« r ale Ll e r a", den„Triumph der liberalen Grund« s ä tz e" hereinbrechen und bereiten sich würdig durch Hervor- kehrung diplomatisch-staatsmännischer Allüren auf ihre dem« nächstige Regierungsfähigkeit vor. Als Wilhelms I. Lebenslage ge- zählt schienen, klammerte sich ihre Hoffnung an den srei- sinnigen Kronprinzen, den späteren Kaiser Friedrich: als Caprivi Reichskanzler wurde und die hochschutzzöllnerischen Bahnen Bismarcks verließ, wurde dieser„liberale" General zum Gegenstand der schönen Zukunftshoffnungcn unserer ganz- und halbentschiedenen Liberalen. Selbst die„ehrwürdige Gestalt" des alten Hohenlohe erschien den Liberalen zeitweilig als Begründer des heißersehnten liberalen Um- und Aufschwungs, und nun gar erst Bülow, dieser „feine Weltmann", dieser.espritvolle Diplomat". Als endlich Fürst Bülow, weil er in seiner Verlegenheit nicht mehr anders konnte, auch die Liberalen seinem Regierungsblock eingliederte, da jauchzte die freisinnige Seele— die Verwirklichung des liberalen Traumes begann, die große liberale Aera war gekommen. Indes Träume sind Schäume. Es war wieder nichts! Sobald die Liberalen daran dachten, den Lohn für ihre Unterstützung der Bülowschen konservativen Politik einzustreichen, war es mit der Vlockherrlichkeit vorbei. Drastisch wurde ihnen bewiesen, daß im Deutschen Reich preußischer Nation nicht ihre liberalen Grundsätze, sondern die feudalen Interessen des Junkertums Trumpf sind. Doch die schöne Hoffnung auf das Herannahen der großen live« ralen Aera ist unseren Liberalen geblieben. Zwar hat der zuerst ebenfalls als liberaler Staatsmann gepriesene Philosoph von Hohen-Finow sehr enttäuscht; aber nach der freisinnigen Kalku- lation werden die nächsten Reichstagswahlen einen großen Sieg des halb- und ganzentschiedenen liberalen Gedankens bringen und den Liberalismus regierungsfähig machen. Sich auf diese Regierungsfähigkeit vorzubereiten ist deshalb eine hoch- wohlweise Matzregel. Erforderlich ist dazu natürlich, daß der Re- gierung das Einlenken in liberale Bahnen möglichst bequem gemacht und zugleich den allerhöchsten Kreisen demonstriert wird, wie monarchistisch gesinnt selbst der ganz entschiedene Liberalismus ist. und um wie viel tiefer und fester die Monarchie in den breiten Schichten des liberalen Bürgertums wurzelt als in den feudalen Schichten des Junkertums. Seltsamerweise fühlt sich besonders das ganzentschiedene liberale „Verl. Tagebl." dazu berufen, diesen Beweis von der Borzüglichkeit und Dauerfestigkeit des liberalen Monarchismus zu liefern. Will- kommenen Anlaß dazu boten dem Blatt bereits vor einigen Tagen die vom„Wolfffchen Bureau" kastrierten Tischreden der Könige von Italien und Schweden. Tief durchdrungen von ihrem monarchischen Gefühl begnügte sich die Redaktion des Mosseschen Weltblattes nicht damit, die Weglassung der Aeutzerung von dem„Triumphzug der liberalen Grundsätze" als eine kindische Albernheit unserer RegierungSbureaukratie zu verspotte», sondern mit höchster sittlicher Entrüstung verteidigte sie zugleich daS Ansehen deS liberalen Monarchismus, prieS Viktor Emanuel als„modern gesinnten. volkstümlichen, auf den Plunder Mittelalter» lichen GotteSgnadentumS froh verzichtenden König", protestierte ehrfurchtsvoll gegen die„unerhörte Taktlosigkeit" der tendenziösen Entstellung der Reden„zweier mit dem Deutschen Reiche befreundeten Monarchen". und beklagte wehleidig den Mangel an Respekt und internationaler Höflichkeit, der in solcher Verstümmelung von„KönigStoastcn" ge- funden werden müsse. Doch diese liebliche Bekundung ihres Monarchismus scheint den leitenden politischen Strategen des„Berl. Tagebl." noch nicht zu geniigen, denn im MontagSmorgenblatt versucht sich Herr Theodor Wolff selbst auf diesem Gebiete. Er wendet sich mit einer langen Epistel an— den K r 0 n p r i n z e n. bei dem er eine„Abneigung gegen steifen Prunk" und„feinen Hang zu einer frischen Selb- ständigkeit" entdeckt swarum nicht gleich staunende Bewunderung der genialen Politik des„B. T."?), weist auf den Krön- Prinzen Friedrich hin, der das Glück hatte von einem Kreis feingcistigcr Männer(a la Theodor Wolff?) beraten zu werden. und schildert dann in folgender Weise die Nützlichkeit des liberalen Monarchisinus: „Und wird ihnen sdem Kronprinzen und seiner Gattin) auch bei ihren Staatsvisiten der außerordentliche Unterschied nicht ausfallen, der zwischen dem russischen und dem englischen Wionarchendascin besieht, und werden sie sich nicht fragen müssen, wo die höhere Regierungswcisheit und wo d a 3 bessere Ergebnis ist? Sie werden in Rußland, hinter den Kosakenpferden und Bajonetten, ein Volk sehen, dessen Ent- Wickelung man nicht in natürliche Bahnen gelenkt, sondern stets wieder unterbrochen und gehemmt, und abseits von diesem Volke einen bedauernsiverten Mann, der mit der ganzen Macht auch die ungeheuere Bürde der Verantwortung allein und ohne Schild» deckung trägt. In England werden sie ein Volk finden. das seit vierhundertzweiundzwanzig Jahren den Gebrauch seiner Freiheit kennt, und inmitten dieses Volkes ein Königtum, daS auf dem festen Boden der Kon- stitntion in erhabener Sicherheit und ge» schützt gegen alle Wechselfälle thront. Die englische Verfassung, welche die Verantwortung geteilt, hat das Königtum nicht geschwächt, sondern nur gestärlt. denn sie hat ihm eine innere Kraft, die Kraft der Beständigkeit und Un- anta st barkeit verliehen. Wo steht der Thron der Könige so hoch wie dort, wo er mitten im Volke steht— wie dort, wo jeder Gentleman und jeder Arbeiter den Hut zieht, wenn das „Go6 save tbo king" ertönt?" Vielleicht glauben die Politiker des.Tageblatts' tatsächlich, durch solche Anpreisungen.liberale Kronprinzen' und .modern gesinnte, volkstümliche Monarchen' züchten zu können. In Anbetracht der so oft bekundeten politischen Naivität der grohen Strategen des„Verl. Tagebl.' scheint uns das nicht ausgeschlossen zu sein. Hoffen und Harren macht bekanntlich manchen zum Karre» l_ Des Pudels Kern. London, 6. Mai.(Elg. VerJ Die Parlamentsdebatte über die Einleitung zur Parlamentsbill, in der die Regierung die Sub- stituierung des Hauses der Lords durch eine neue Zweite Kammer und die künstige Festlegung der Rechte dieser Zweiten Kammer verspricht, nahm wider Erwarten einen recht zahmen Verlauf. Nach den fürchterlichen Drohungen zu urteilen, die die linksliberalen Mannen noch vor kurzem gegen eine liberale Regierung ausstießen, die es wagen würde, die in der Einleitung der Vorlage niedergelegte Politik aus- zuführen, hätte man annehmen können, daß die Diskussion zu lebhaften Auftritten oder doch wenigstens zu mannhaften Erklärungen führen würde. Aber nur die Arbeiter- Partei unternahm einen Vorstoß gegen die Regierung. Der„entschiedene" Linksliberalismus blieb bis auf einen Ver- treter stumm. Vor Jahren hätte ihn nichts Geringeres als die gänzliche Abschaffung des Hauses der Lords befriedigt: heute nimmt er als Ersah auch einen Senat an. Er dokumentiert damit wieder einmal seine Wesensgleichheit mit dem Liberalismus anderer Länder. Um ein Königreich zu er- obern zieht er aus, und am Ende gibt er sich mit einer Wurst zufrieden. BarneS beantragte im Namen der Arbeiterpartei, den Teil der Einleitung, in dem von der Substituierung des Hauses der Lords die Rede ist, zu streichen. Er polemisierte gegen diesen Teil als prinzipieller Gegner des Zweikammer- fystems und wies darauf hin, daß der Versuch der Regierung, eine Zweite Kammer zu schaffen, zu langen politischen Kämpfen führen würde und daß unterdessen die Interessen des Volkes vernachlässigt werden würden. Er warnte die Regierung, daß sie bei dem Versuche, das in der Einleitung gegebene Versprechen zu halten, untergehen würde. Bis zu Anfang des letzten Jahres sei von dem Ersatz des Hauses der Lords durch eine neue Zweite Kammer nicht die Rede ge- Wesen. Der Passus sei gegen den Willen der Volksmehrheit eingeschoben worden. Die Arbeiterpartei sei gegen jede Zweite Kammer und würde unter allen Umständen an diesem Grundsatz festhalten. Der Ministerpräsident A s q u i t h legte darauf die Stellung der Regierung klar. Er führte aus, daß� sich die Mehrheit des Volkes bei den letzten Wahlen für die ganze Vorlage in der bestehenden Fassung ausgesprochen habe. Ohne die Einleitung sei die Vorlage nicht vollständig. Während der letzten zwölf oder fünfzehn Monate hätten die Liberalen immer darauf hingewiesen, daß die Klauseln der Vorlage die unerläßliche Vorbedingung für die künftige Regelung der Beziehungen zwischen den beiden Kammern, wie immer sie auch zusammengesetzt sein möchten, darstellten. Er erklärte sich als Anhänger des Zweikammersystems. Das Wesen der neuen Zweiten Kammer skizzierte er in folgenden Worten:„Wir sollten eine Körperschaft haben, deren Zu'- fammensetzuny nicht vorwiegend parteiisch ist, deren Mit- gliederzahl nicht zu groß ist. die fähig sein würde, jene Funktionen der Revision, Beratung und Verzögerung aus- zuüben, die ich erwähnt habe." Gegen den Vorwurf der Konservativen, daß die Regierung die in der Einleitung ge- gebenen Versprechen nicht einzuhalten gedenke, wandte sich Herr Asquith mit den Worten:„Ich habe mehr als einmal, und zwar in der ausdrücklichsten Weise, gesagt, daß die gegen- wärtige Regierung seiner Majestät es als ihre Pflicht an- sieht, wenn es die Zeit erlaubt, während der Dauer des be- stehenden Parlaments zu diesem Zwecke einen Plan vorzu- legen." Daß es der Regierung mit der Umgestaltung der Zweiten Kammer ernst sei, gehe schon allein daraus hervor, daß daS eigene Interesse der liberalen Partei gebiete, die in !der Einleitung der Bill niedergelegte Politik auszuführen. Unterlasse sie dieS, so könnte die konservative Partei, wenn sie ans Ruder komme, in einem Jahre alle Errungenschaften der Liberalen wieder zunichte machen.„Aus den einfachsten und elementarsten Motiven des Eigennutzes sollte es und muß es unser Ziel sein, eine Veränderung in dem Charakter und der Zusammensetzung jenen(Zweiten) Kammer herbei- zuführen." B a l s o u r entwickelte in einer längeren Rede die Stellung der konservativen Partei, die eine stärkere Zweite Kammer wünscht, sich aber nicht für eine nur aus gewühlten Mitgliedern bestehende entscheiden kann, weil sie sonst ihre Freunde, die LordS, vor den Kopf stoßen würde. In geschickter Weise argumentierte MacDonald yegen die Aus- sühruNgcn deS Ministerpräsidenten. Asquith hatte versucht, die neue Zweite Kammer und deren Funktionen als reckst harmlos hinzustellen, um seine radikaleren Parteifreunde nicht zu beunrichigcn. Der Führer der Arbeiterpartei fragte nun, welchen Zweck denn die von Asquith geschilderte schwache Zweite Kammer haben könnte. Welcher Mensch, der auch nur etwas Selbstgefühl besitze, würde sich in eine Kammer wählen lassen, die beraten könne, aber keinen wirklichen Ein- fluß habe, deren ganze Funktionen so geringfügig seien, daß sie nur Leute, die nach Titeln und leeren Auszeichnungen trachteten, anlocken würde. Er warnte vor dem Experiment, eine neue Zweite Kammer einzuführen, die vielleicht noch schlechter als die erbliche sein würde und mit der man schließ- lich dieselben Schwierigkeiten haben würde, die man jetzt mit dem Hause der Lords habe. Die Abstimmung ergab, daß außer den Arbeiterparteilern nur noch einige Liberale und Konservative für daS Amendement der Arbeiterpartei stimmten. Dieses wurde mit 47 gegen 218 Stimmen abgelehnt. Es ist recht interessant, den Entwickelungsgang der liberalen Partei in dieser Frage zu verfolgen. Bis zu An- fang des vorigen Jahres hieß die Parole: Kampf gegen die Lords! worunter das Volk die A b s chaff u n g des Hauses der Lords verstand und verstehen sollte. Dann änderte sich in der ersten Thronrede des Jahres 1910 plötzlich das Bild: die Z w e i t e Ka m in e r wurde in den Plan eingeschmuggelt. In der zweiten Lesung der Parlamentsbill erklärte dann Herr Asquith, daß die Schaffung einer Zweiten Kammer iß lanfllßifijm LvMÄIgM vonstattcn scHcb könne. Heüke führ! er ochs, daß die jetzige Regie rüng gewillt, ja ge- zwungen sei, die neue Zweite Kammer noch während der Dauer des bestehenden Parlaments einzuführen. Die nächste Etappe wird wohl die Einführung selbst sein. Nachdem die Wünsche der Iren: Wallser, Nonkonformisten und Tempe- renzler in dem durch die Parlamentsbill geschaffenen Interregnum befriedigt sind, wird die Periode der wenig um- schränkten Herrschaft der Volksvertretung zu Ende kommen und die Zweite Kammer unter einem neuen Namen auf- erstehen. Die geöffnete Tür schließt sich wieder vor der Nase der Demokrasie, die nun anstatt der Lords einen Senat zu bekämpfen haben wird. Das ist das Fazit des liberalen VerfgssMgskamPjes. Politische debcrficbt. Berlin, den 8. Mai 1911, Der Kampf um die Krankenhilfe. Aus dem Reichstag, 8. Mai. Der dritte Tag zweiter Lesung der Reichsversicherungsordnung wurde aus- gefüllt durch die Bemühungen der Sozialdemokratie, die Hilfe, die den Kranken durch die Krankenkassen gewährt werden soll, ausgiebiger und wirksamer zu gestalten. Wiederum befleißigte sich die Mehrheit der Taktik des Schweigens und Gleich- gültigtuns gegenüber den sozialdemokratischen Ausführungen und des geschlossenen Niederstimmens der sozialdemokratischen Anträge, jener Taktik, die Genosse Zubeil heute als Wanzen- tattik kennzeichnete. Aber die Atmosphäre wurde merklich gewitterschwül und entlud sich in verschiedenen Explosionen. Nacheinander traten unsere Genossen hervor, darunter auch Genosse Kuntze in einer wirksamen Jungfernrede, um die Vermehrung der Heilmittel, die Ausdehnung des Krankengeld- Zuschlags auch auf die Feiertage, die Bestimmung der wirklich gezahlten Löhne als Grundlage für die Krankengeldbemessung und andere Verbesserungen nachdrücklich, aber leider stets ver- geblich zu fordern. Mit den Kundgebungen der Gleichgültigkeit der Gegner steigerte sich auch die Enttüstung der Genossen und gegen Ende der Sitzung, bei der Rede des Genossen David zugunsten einer wirklich brauchbaren und zweckentsprechenden Mutterschaftsversicherung kam es zu heftigen Zusammenstößen. David hatte in einer ebenso gründlichen wie temperamentvollen Rede nachgewiesen, welch' unsägliches Elend über Hunderttausende von Frauen und Kinder die ungenügende Beihilfe in Mutterschaftsfällen jetzt herbei- führt, wie ungenügend auch die Kommissionsbeschlüfse sind und wie dringend notwendig auch im Interesse der Lebenskraft und Leistungsfähigkeit der Nation die Durchführung der von den Sozialdemokraten gestellten Forderungen ist. Als er dann an der Hand des Kommissions- berichts feststellte, daß die Regierung die Ablehnung dieser Forderung mit der Drohung erzielt hatte, sie werde sonst das ganze Gesetz scheitern lassen, entlud sich die Enttüstung der Sozialdemokraten in kräftigen Zurufen. David appellierte dann an die bürgerlichen Parteien, sich durch diese bureau- krattschen Drohungen nicht von der Zustimmung zu einer ausgiebigen Mutterschaftsversicheuung abhalten zu lassen, da sie sonst den berechtigten Vorwurf sich zuziehen würden, daß ihnen die Regierungsvorlage nur als Vorwand diene, um dem engherzigsten Kapitalisteninterefse Vorschub zu leisten. Hier sei wirklich einmal Gelegenheit, durch den Schutz der Frauen und Säuglinge eift wahrest nationales Werk zu tun. Nach ihm versuchte der Zenttumsabgeordnete Irl die Mehrheit zu verteidigen. Das Niveau seiner Ausführimgen kennzeichnet sich am besten durch den Satz, es lasse sich ja viel gegen David sagen, aber dann werde man gar nicht mit der Reichsversicherungsordnung ferttg. Nach Irl wurde die Debatte auf morgen vertagt. Da sich etwa auch ein halbes Dutzend bürgerlicher Abgeord- neter zu dem§ 210 als Redner haben eintragen lassen, wird hier also zum ersten Male eine wirkliche Debatte zustande kommen._ Immer noch Sekundarb a hndebatte! Man bittet den Sekundärbahnen alle Witze ab. wenn man der Sekundärbahndebatte des DreiklaffenhaufeS beiwohnen mutz. Kaum der 70. Redner redet eben und 140 sollen gar gemeldet sein; es ist nicht auszudenken! Welche Fülle von Wünschen, welch steigendes Begehren nach immer neuen Bahnen. Ja, denkt denn z. B. Herr M e r t i n- OclS, der dem mäkelnden Liberalen entgegenhält, datz das.konservative" Land weniger mit Bahnen gesegnet ist als die„liberalen" Städte, denkt der schlesische Konservative denn gar nicht daran, datz den Eisenbahnen entlang der Geist des Aufruhrs und der Auflehnung gegen alle Autorität, der sogar schon die sächsische Polizei durchseucht, durch die Lande zieht? Oder denkt er nur an seinen Herrn und Meister, Jordan v. Kröcher, der auf des Dampfrosses Schwingen den fürchterlichen Monologen seiner Getreuen entronnen und an den Rhein geeilt ist, um seine„ollen infamichten Jesuwitter" bundesbrüderlich zu er- freuen, nachdem sie JathoS Ketzerei schnöde erst gekränket? Jeden- falls hat der Präside das bessere Teil erwählt; er kennt seine Papvenheimcr und ihre alljährliche Lokalbahndebatte, und am Rhein istS doch noch schöner als in der Prinz-Albrechtstratzc! Wir anderen aber sind verdammt und vermaledeiet, noch einen Tag lang an- zuhören, wie alle nur erdenklichen Eisenbahnen und Anschlüsse dem abwesenden Minister und seinen einnickenden Räten vorgetragen werden,_, Der neue elsast-loth ringische Verfassungsplan. Die„Preß-Zentrale" hält trotz verschiedener halb- und vierteloffiziöser Ableugnungen ihre Meldung auftecht, daß es in der elsaß-lothringischen Verfasfungsfrage zu einer Ver- ständigung zwischen der Regierung, dem Zentrum und den liberalen Parteien gekommen ist. Zugleich teilt sie die wesent- lichsten Bestimmungen des neuen Vcrfassungsplanes mit: Nach der neuen Berfaffimg wird daS Zwrikammershslem eingeführt werden, die Erste Kammer wird 61, die Zweite Kammer tfv Mitglieder zählen. 18 Mitglieder der Ersten Kammer werden vom Kaiser ernannt. Sländige Mitglieder werden die katholischen Bischöfe von Metz und Stratzdurg, sowie die beiden evan- gelischen Konsistorialpräsidenten und der Präsident des Ober- landesgericht» zu Colmar sein. Die Universität Stratzburg sowie die vier großen Städte Colmar, Metz, Mülhausen und Straß- bürg werden je ein Mitglied zu wählen haben. Ferner werden die großen Körperschaften, die LandwirtschastSkammern, die Handelskammern, die Handwerkskammern und neu zu gründenden Arbeiter- kammern. über deren Schaffung der Reichstag demnächst beschließen wird, Vertreter in die Erste Kammer entsenden. Die WuhlkreiSeinteilung wird sich nach den bestehenden poli- tischen Vcrwaltungskreisen richten. Bei den Wahlen zur Zweiten Kammer wird geheime, direkte und allgemeine Wahl erfolgen. Doch wird daS Pluratoahlrelkst in der Weise eingeführt, daß jeder Wahlberechtigte, der das 36. Lebensjahr überschritten,«ine weitere. und jeder Wahlberechtigte, dex dgS 60. Lebensjahr überschritten, Sias ÄiiiJs ZttLWe xrMt. J*-'"-- t Die Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl. Die„S ch w ä b i s ch e T a g w a ch t" veröffentlicht folgende Erklärung: „In unserer Parteipresse ist die Aufstellung der Kandidatur Lindemann durch die Stuttgarter Parteiversammlung bereits lebhaft besprochen worden, was der Bedeutung des Ereignisses auch durchaus entspricht. Einige dieser Aeutzerungen scheinen uns aber aus einer unrichtigen Auffassung des in der„Tachwacht" er- schienenen Versammlungsberichts zu beruhen, der naturgemäß nur kurz und summarisch sein konnte. Wir wollen diesen Bericht daher heute insoweit ergänzen als nötig erscheint, die Fort- spinnung dieser mißverständlichen Auffassung unmöglich zu machen. In der Stuttgarter Versammlung ist unterschieden worden zwischen Parteitagsbeschlüssen(nicht, wie es irrtümlich im Be- richte hieß: Parteibeschlüssen) und Beschlüssen der O r g a n i« s a t i o n. Wie den Teilnehmern der Versammlung bekannt ist. besagte die Erklärung des Genossen Dr. Lindemann, daß die ersteren der Uebernahme der Kandidatur und der Ausübung des Amtes nach seiner Ueberzeugung nicht im Wege ständen, während von ihm näher bezeichnete Beschlüsse der Stuttgarter Organisation vorliegen, die er als hindernd bezeichnen müsse. Wenn darauf nun die Parteibersammlung mit ihren bekannten Beschlüssen gekommen ist, so hat sie daher nicht, wie ein Parteiblatt meint, ihre Befugnisse überschritten, sondern hat sich darauf beschränkt, die einem Erfolge der Partei in diesem Falle entgegenstehenden Beschlüsse der eigenen Organisation aufzuheben, wozu sie natürlich durchaus zuständig war. Der Wunsch des Kandidaten, der zu dieser Haltung der Parteiversammlung führte, war, wie ein anderes Parteiblatt zu- treffend bemerkt, genau umgrenzt und in der Sache begründet. Im übrigen wird man es, wie wir glauben, in der ganzen Partei verstehen, wenn wir es im gegenwärtigen Augenblick ablehnen, Diskussionen zu führen, die zwar kaum Schaden anrichten, aber auch keinen Nutzen bringen, uns aber auf jeden Fall Raum und Zeit kosten würden, die im Kampfe gegen die Gegner besser zu verwerten find." Durch diese Erklärung werden unsere Bemerkungen nicht berührt._ Staatswächter. Die Kazikett der sächsischen Konservativen sind wegen der Ab- fertigung, die ihnen das amtliche„Dresdener Journal" angedeihen lassen hat, arg verschnupft. Um sich Erleichterung zu verschaffen, hat deshalb der engere Vorstand des Landesvereins eine wort- gewaltige Erklärung abgefaßt, in der er der sächsischen Regierung eine Anweisung erteilt, wie sie sich künftig zu verhalten hat. In dem recht interessanten Schriftstück heißt es: Dreister denn je erhebt in letzter Zeit die Sozialdemokratie ihr Haupt. Nicht nur auf dem Magdeburger Parteitag, auch im Deutschen Reichstag hat sie in den letzten Monaten sich offen und unzweideutig zur Republik bekannt. Durch eine systematische raffinierte Aufhetzung der heranwachsenden Jugend sucht sie gleichzeitig die Armee innerlich zu schwächen und unzuverlässig zu machen. Ihr Zentralorgan, der„Vorwärts", bezeichnete erst im März dieses Jahres Deutschland als schwanger mit einer Revolution, gegen welche diejenige von 1848 ein Kinderspiel sein werde. Tiefste Besorgnis müssen daher Vorgänge in unserem Sachsenlande aus der jüngsten Vergangenheit erwecken, die von weitgehendem Entgegenkommen der Regierung gegenüber der Sozialdemokratie zeugen.... Und was die Maifeier anbelangt, so ist die Sozialdemokratie in Preußen die. gleiche wie in Sachsen, wie im ganzen Reiche— die Partei des Umsturzes und der Revolution! Die Moabiter Vorgänge sind nicht nur in Preußen, sondern im ganzen Reiche gleichartig von der Sozialdemokratie behandelt und ausgebeutet worden. Die Verhältnisse der beiden so eng aneinandergrenzen- den Bundesstaaten Preußen und Sachsen sind keine so ver- schiedenartigen, daß man die Auffassung der Königlich Preußi- schen Regierung, die die Masteier auf Grund des gemeinsamen ReichSgcsetzes verbot, für Sachsen als ungesetzlich bezeichnen kann. Hierbei möge doch auch nicht vergessen werden, daß revo- lutionäre Kundgebungen, indem sie die staatliche Ordnung er- schüttern, die auf die staatliche Ordnung begründete und mit ihr fallende öffentliche Ordnung stets unmittelbar gefährden. Ja. sie ist schrecklich, diese Erschütterung der schönen sdgatstchen Ordnung in Sachsen: Ja, da unten in den düstern Jammersphären der Gesellschaft, In den nieder» Tierweltschichten Brütet Elend, Stolz und Groll. Was naturgeschichtlich immer, Also auch gewohnheitsrechtlich. Seit Jahrtausenden bestanden, Wird negiert mit frecher Schnauze. Links der Feind, rechts der Gegner. In Nürnberg fand am Sonnabend eine nationalliberal« Ver- sammlung statt, die als Kundgebung der nationalliberalen Partei Bayerns angekündigt war. Der preußische Landtagsabgeordnete Dr. Lohmann, der über die Nationalliöeralen im ReichstagSwahl- kämpfe referierte, führte auS:„Links stehe die Sozialdemo- kratie, die unversöhnliche Gegnerin der bürgerlichen Gesellschaft, als Feind, der scharf bekämpft werden müsse, rechts der Gegner, die Konservativen, gegen den die Nationalliberalen einen offenen, ehrlichen, mannhaften Kampf ohne alle Schonung kämpfen werden, aber so, datz eine Aussöhnung nicht unmöglich sei. Trotz mancherlei Trennendem wolle die nationalliberale Partei als Mittelpartei Schulter an Schulter mit der Fortschrittspartei kämpfen; aber es werden auch wieder Fragen auftauchen. wo sie Schulter an Schulter mit den Konser» vativcn stehen würden. Dem bitteren Kampfe müsse ein Frieden folgen, damit das ganze Volk Freude an seinem Latcrlande habe." Bald so, bald- so— wies trefft. Morgen oder übermorgen wird vielleicht eine andere nationallibcrale„Kapazität" das Gegen- teil erklären. Im nationalliberalen Lager herrscht zurzeit noch größere Konfusion als sonst._ Das Todesopfer der kkriminalpolizei. Das Verhalten der Berliner Universitätsbchörden im Falle Dubrowsky stellt sich nach neueren Meldungen als noch unbegreiflicher und blamabler heraus, als eS die ersten Nach- richten erkennen ließen. Wie die„Vossische Zettung" aus Petersburg meldet, veröffentlichen die bekannten Physiker Prof. Borgmann und Prof. Chwelssohn in den Blättern Erklärungen, daß der russische Student Dubrowsky. der in Berlin Selbstmord verübte, weil ihm die Berliner Universität die Aufnahme verweigerte, trotz seiner Jugend ein bekannter Gelehrter auf dem Gebiete der Optik getvcsen sei, auf den man die größten Hoffnungen t csetzt habe. Chwelssohn führt ein an ihn selbst gerichtetes -chreiben des Akademikers Max Planck an, worin dieser erklärt, er habe alles getan, um die Immatrikulation DubrowSkys in Berlin durchzusetzen, doch seien die UniversitäSbehörden machtlos gegen die polt- tische Polizei. Die Maßnahmen gegen Dubrowsky sind übrigens ein Ausfluß des verschärften Systems, das die preußischen UniversitätSbehördeu neuerdings gegen die Studierenden aus Rußland in Amvendung bringen. Schon seit Monaten be- treibt Professor S ch i e m a n n in der„Kreuz-Zeitung" eine systemattsche Hetze gegen die russischen Studenten, von deren verstärktem Zufluß zu den deutschen Universitäten er die öpgstsn.Gesghritt deiürchtkt- Diese Txeibereiell icheinen auch aus dankbaren Boden gefallen zu sein. Ms wir erfahren, hat der' Berliner Universitätsrichter D a u d e einigen russischen Studenten erklärt, daß kein relegierter russischer Student an der Universität aufgenommen werden würde. Diese Tatsache wird bestätigt durch eine Stotiz, die in den russischen Zeitungen veröffentlicht worden ist:.... „Einer Gruppe russischer Studenten, die aus den Universitäten relegiert wurde, wurde vom Rektor der Berliner Universität erklärt, daß sie keinesfalls in die Universität auf- genommen werden könnte. Auf die Frage der Studenten über die Ursache dieser Erklärung, und auf ihren Hinweis, daß alle ihre Papiere in vollster Ordnung seien, erklärte der anwesende Vertreter des Kultusministeriums, daß dieser Tage in dem Ministerium eine besondere Beratung stattgefunden habe, in welcher der Beschluß gefaßt wurde, keine relegierten r u s s i s ch e n S t u d e n t e n in die preußischen Universitäten auf- zunehmen." Das russische Regierungsblatt..Rossija". dem wir diese Notiz entnehmen, lobt die Haltung der preußischen Be- Hörden über alle Maßen. Dieses Blatt wird auch sicherlich das System loben, das dem Studenten Dudrowsky in den Tod getrieben hat._ Wieder einer. AuS Deütsch-Ostafrika meldet ein am SoilllabeNb eingelaufenes Telegramm des Gouverneurs, daß der Referent beim Gouverne- ment, Regierungsrat Freiherr v. Wächter, gegen den, wie seinerzeit mitgeteilt wurde, ein Verfahren wegen Meineids eröffnet war, am Sonnabend durch Urteil des Gerichts erster Instanz wegen Mein- eids zu 16� Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Einzel- Sheiten über die Verhandlungen stehen noch aus. Dex Iftgellagte war fchog lest Mgergx Zeit vom Dienst suspeMcrt,/ franhmcb. Die Eisenbahnerfrage. Paris, 6. Mai. Die Eisenbahner hielten heute abend in tiev Arbeitsbörse eine Versammlung ab, die sich mit der Frage der Wiedereinstellung der infolge des Ausstandes entlassenen Kollegen beschäftigte. Es wurde eine Tagesordnung angenommen, in der festgestellt wird, daß die Eisenbahngesellschasten durch die Entlassungen vornehmlich die ShndikatSorganisation treffen wollten, und in der die Hoffnung ausgesprochen wird, daß die Regierung die Gesellschaften zu zwingen wissen werde, sich der Entscheidung des Parlaments zu fügen.— Aehnliche Verfamm- langen wur.deg in vielen anderen Städten Äsehaltev. � Spanien. Die sozial?emokratischen Demonstrationen.... Madrid, 7. Mai. Das republikanisch-sozialistische Komitee veranstaltete heute in ganz Spanien Versammlungen oder Kundgebungen zugunsten einer Reform des Militärstvafgesetzbuchs und einer Revision der aus Anlaß der Unruhen in Barcelona eingeleiteten Prozesse, ferner zugunsten der Einführung des allgemeinen obligatorischen Militärdienstes und zum Protest gegen alle kriegerischen Abenteuer der Regierung in Afrika. Die Versammlungen waren in den größeren Städten zahlreich besucht. Ueber Störungen der öffentlichen Ordnung liegen keine Meldungen vor. Das VmiuSgrsetz. Madrid, 8. Mai. Dem Vernehmen nach setzt der Entwurf �zum Vereinsgesetz, den die Regierung heute der Kammer unterbreiten wird, namentlich fest, daß alle Vereinigung dem ge- ineinen Recht unterliegen sollen. Die Vereinigungen Lind verpflichtet, der Regierung alle drei Jahre eine Ueberstcht über ihre Güter und Einkünfte einzureichen. Jede religiöse Vereinigung bedarf zu ihrer Gründung der Erlaubnis der Regierung; auch die Klöster unterliegen dem gemeinen Recht. Die Staatsbeamten dürfen Vereinigungen bilden, unter der Bedingung jedoch, daß durch diese Vereinigungen keine Störung des öffentlichen Dienstes hervorgerufen wird. Ausländer dürfen keine religiöse Vereinigung auf spanischem Boden gründen, ohne zuvor die Naturalisation erlangt zu haben. Auch dürfen Ausländer an keiner politischen Vereinigung teil- nehmen. Ebenso wird keine Vereinigung gestattet werden, von der mehr als ein Drittel der Mitglieder au» Ausländern besteht, selbst wenL bi.vje ggturalisiert wären. Marokko. Der französische Vormarsch._----- Paris, 8. Mai. Nach den Meldungen eine? die Kolonne Erulard begleitenden Sonderberichterstatters befand sich die Kolonne am 2. Mai noch in El Knitra. Der Marsch ist mit Schwierigkeiten verbunden, da die Pfade in schlechtem Zu- stand und die Stämme, die sich vor der Kolonne zurückziehen, zu- meist feindselig sind. Der Versuch, die Artillerie mit Gerste zu versorgen, scheiterte daran, daß die Bewohner deS Dorfes, dessen Kaid die Lieferung übernommen hatte, in den Wald bei Maroma slüchteten. Dort findet eine große Ansammlung verschiedener Stämme statt, die wahrscheinlich einen Angriff auf die Kolonne Wrulard planen. Nur ein einziger Äaid des Zcmmurstammes gab dem Obersten Brulard die Versicherung, daß die Zemmurs wenig- stenS während deS Durchmarsches der Kolonne eine wohlwollende Neutralität beobachten würden. Mch den letzten Nachrichten ist die Kolonne genötigt, mindestens bis 4. Mai bei El Knitra zu lagern. Spanische Truppenbewegungen. Madrid, 7. Mai. Ministerpräsident Canalejas gab be- tannt, daß zum Zwecke militärischer Operationen eine Truppen- - GewerkfchaftUcbee. Berltn und Nmzegend« Eine Lohnbewegung der Arbeiter in den Eisenkonftrnktionswerkstatten. Der Deutsche Metallarbeiterverband hatte zum Sonntagvormittag eine Branchenversanimlung der in den Eisenkonstrultionswerlstätten beschäftigten Arbeiter nach der Brauerei Friedrichshain einberufen. Die Versammlung war stark besucht und der Referent Maus fand ungeteilte Aufmerksamkeit, als er seinen Bericht über den Verlauf der Lohnbewegung, die durch eine Versammlung der Arbeiter am 23. April eingeleitet war, erstattete. Die eingesetzte Kommisston hatte in Konferenzen mit den Vertrauensmännern der verschiedenen Betriebe einen Entwurf für einen Tarifvertrag ausgearbeitet, der jetzt der Versammlung unterbreitet wurde. Unter Rücksicht auf die dringenden Wünsche nach einer Verbesserung der jetzigen Lage sind die folgenden Forderungen. in bezug auf Lohn und Arbeitszeit auf- gestellt worden: Die tägliche Arbeitszeit(bisher zehn Stunden) soll neun Stunden betragen, an Sonnabenden S'/a Stunden. Der Mindest- und Einstellungslohn ist folgendermaßen festgesetzt worden: pro Stunde Für Kolonnenführer und Monteure.. i.... 85 Pf. # Vorreißer, selbständige Schlosser u. Zusammenbauer 70„ # Schlosser und Schmiede in der Kolonne.... 55„ » Nieter und selbständige Schmiede...... 70„ » Helfer in der Nietkolonne und Stockgesellen... 55, v Maschinenarbeiter............ 55„ a sämtliche Hilfsarbeiter.......... 50, Diejenigen Arbeiter, welche diesen und einen höheren Lohn schon haben, erhalten eine Zulage von 5 Pf. die Stunde. In be�ug auf die Akkordarbeit wird bestimmt: „Bei Akkordarbeit muß der Stundenlohn garan- tiert sein. Akkordüberschllsse werden der Lohnhöhe und der Stundenzahl gemäst prozentual verteilt. Die Verteilung des Akkord- Überschusses geschieht durch den Arbeitgeber, jedoch ist der Kolonnen- führer mit seinen Helfern verpflichtet, die Berechnung aufzustellen und ist diese vom Meister zu prüfen. Scheidet jemand freiwillig aus dem Arbeitsverhältnis vor Beendigung des Akkords, so hat derselbe nur Anspruch auf seinen Stundenlohn. Wird jedoch ein am Akkord Beteiligter von der Firma entlassen, und ist die Eni- lassung nicht auf eigene Schuld zurückzuführen, so hat der Eni- lassene Anspruch auf mindestens 10 Proz. Zuschlag zum Stunden« lohn von der Akkordsumme. Akkordüberschllsse dürfen von einem aus den anderen Akkord nicht verrechnet werden.� Die Regelung der Akkordsrage ist besonders dringend geworden, da sich in dieser Beziehung schwere Mißstände herausgebildet haben. Die übrigen Bestimmungen des vorgelegten Entwurfs sind die in Tarifverträgen üblichen und wurden ohne Diskussion angenommen, wie überhaupt der gesamte Entwurf schließlich ohne Widerspruch die Zustimmung der Versammelten fand.— Der Borsitzende Krüger erteilte dann verschiedene Anweisungen für die Ueberreichung der Forderungen bei den folgenden Firmen: Thiessen; Hirsch; Gossen; Drucken müller; Steffen u. Nölle; Brest; Belker u. Schneevogel; Hein. Lehmann u. Co.; Del- schau; Kamerische Werke. Bis zum Freitag mittag wird der Bescheid von den Unternehmern erwartet. Schon seit Jahren haben die Arbeiter in diesen Werkstätten auf eine Verbesserung ihrer Lage gewartet. Alle Bestrebungen, für die schwere und gefahrvolle Arbeit, die von ihnen verlangt wird, flllnstigere Bedingungen zu erzielen, waren fruchtlos. Darum sind ie jetzt um so mehr entschlossen, Verbesserungen zu erringen und die aufgestellten mäßigen Forderungen einig und geschlossen zu vertreten. Die Lohnbewegung der Bauklempner. Gestern fanden Verhandlungen vor dem Einigungsamk des Gewerbegerichts zur Beilegung der Streitigkeiten im Klempner- gewerbe statt. Dieselben begannen damit, daß die Arbeitgeber einen Tarifentwurf vorlegten, der in verschiedenen Punkten Ver- schlechterungcn gegenüber der Vorlage der Arbeitnehmer enthält. Es folgte dann eine längere Aussprache zwischen den Vertretern der beiden Parteien. In der Hauptsache handelt es sich um fol- gende Streitfragen: Aus dem§ 1, die Arbeitszeit betreffend, wollen die Arbeitgeber die Worte„für Berlin und außerhalb auf Montage" beseitigen, so daß es nur heißen soll:„Die Arbeitszeit beträgt 9 Stunden pro Tag." An dem Sinn dieses Satzes haben die Arbeitnehmer nichts auszusetzen; da die Arbeitgeber jedoch mit ihrer Fasiung bezwecken, daß Bauklempner auf Montage die Ar- beitszeit innehalten, die am Orte der Montagearbeit üblich ist, also unter Umständen 10 Stunden und länger arbeiten, können die Arbeitnehmer sich nicht damit einverstanden erklären. Ferner lehnen es die Arbeitgeber ab, für die halbe Stunde, die Sonn- abends, und für die 2 Stunden, die am Tage vor den hohen Festen früher Feierabend gemacht wird, den Lohn zu bezahlen. Zur Frage der Akkordarbeit schlagen die Arbeitgeber vor, daß auf Bau nur in Zeitlohn gearbeitet wird, die Arbeit in der Werkstatt jedoch in Akkord ausgeführt werden kann, wogegen nach der Vorlage der Arbeitnehmer alle Arbeiten auf und'für Bauten nur in Zeitlohn ausgeführt werden sollen. Als Mindestlohn schlagen die Arbeitgeber zunächst 75 Pf. vor, vom 1. Oktober 1911 an 76 Pf. und vom 1. April 1912 an 7754 Pf., während die Arbeit- nehmer sogleich 80 Pf., vom 1. April 1912 ab 82� und nach Verlauf eines weiteren Jahres 85 Pf. verlangen. Die Löhne der Jungausgelernten betreffend, lautet der Vorschlag der Arbeit- (jeder so: JungauSgelernte, d. h. Klempnergesellen, die daS 21. Lebens- jähr noch nicht vollendet haben, erhalten als Mindestlohn bis zum vollendeten 19. Jahre 55 Pf., bis zum vollendeten 20. Jahre 65 Pf. und bis zum vollendeten 21. Jahre 70 Pf. pro Stunde. Diese Sätze steigen im gleichen Verhältnis wie Absatz 1. Demgegenüber ist die Forderung der Arbeitnehmer: Für Jungausgelernte kann der Lohn geringer sein, jedoch im ersten Jahre nach beendeter Lehrzeit nicht unter 6754 Pf., im zweiten Jahre nach beendeter Lehrzeit nicht unter 7254 Pf. pro Stunde. Diese Sätze steigen am 1. April 1912 um 2� Pf. und am 1. April 1913 nochmals um 2)4 Pf., so daß der Stunden- lohn am 1. April 1913 für Jungausgelernte im ersten Jahre nach beendeter Lehrzeit 7254 Pf. und im zweiten Jahre nach beendeter Lehrzeit 77 Z4 Pf. pro Stunde beträgt. Die Grenze für die Fahrgcldvcrgütung wollen die Arbeitgeber Suf 4 Kilometer, die Arbeitnehmer auf 3 Kilometer festgesetzt wissen, und als Grenze für die Fahr- oder Laufzeitvergütung schlagen jene 15, diese 10 Kilometer Entfernung vor. Bei Ar- bäten, wo der Wohnort abends nicht zu erreichen ist, wollen die Arbeitgeber 3 M. pro Arbeitstag vergüten, während die Arbeit- nehmer 3,50 M. fordern und dies auch für Reise-, Sonn, und Feiertage. Dauern soll der Tarifvertrag nach dem Wunsche der Arbeitgeber bis zum 1. April 1913, nach dem Vorschlage der Ar- beitnehmer bis zum 1. April 1914. Im übrigen" wird noch seitens der Arbeitnehmer, um Umgehungen des Vertrages zu verhüten, 5in Schlußsatz von ungefähr folgender Fassung vorgeschlagen: „Alle Streitigkeiten aus diesem Tarifvertrag, gleichgültig, welchen Gegenstand sie betreffen, sind unter Ausschluß des Rechts- Weges durch die in diesem Vertrag vorgesehene Schlichtungskom- Mission als Schiedsgericht im Sinne der§8 1025 lk der Zivil- Prozeßordnung zu entscheiden. Gegen die Entscheidung des Schiedsgerichts ist eine Berufung zulässig. Als Berufungsinstanz entscheidet das Einigungsamt des Gewerbcgerichts endgültig. Arbeitsverträge, durch die für die Arbeitnehmer ungünstigere Lohn- und Arbeitsbedingungen, als im Tarifvertrag vorgesehen, festgesetzt werden, sind unzulässig. Das Schiedsgericht ist berech- tigt, dem gegen diese Vorschrift Handelnden eine Konventional- strafe aufzuerlegen. Diese ist zu einem gemeinnützigen vom Schiedsgericht zu bestimmenden Zweck zu verwenden." Im übrigen stimmen die Tarifvorlagen beider Parteien, von Merantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Jn jeratenteil verantw.; einigeit ivenigen wesentlichett Puitkkekt ähgesehetk, Stikeiitckklder übe?- ein. Ueber die Streitfragen eine Einigung zu erzielen, schien zu- nächst unmöglich, namentlich hinsichtlich der Löhne und der Bestim- mung über die Akkordarbeit sowie auch die Arbeitszeit bei Montage- arbeit betreffend. Die gegenseitige Aussprache der Parteien führte zu keinem Ergebnis. Die Parteien zogen sich darauf zu gesonder- ten Beratungen zurück, die den ganzen Nachmittag in Anspruch nahmen. Erst um 914 Uhr waren die Beratungen soweit gediehen, daß der Vorsitzende, Magistratsrat v. Schulz, den Schiedsspruch des Einigungsamts verkünden konnte und den auf dieser Grundlage zustande gekommenen Tarifvertrag verlas. Der Mindest- lohn soll danach bis zum 30. September 191L 76 Pf. betragen, von da ab bis zum 31. März 1912 77 Pf. und vom 1. April 1912 bis 31. März 1913 78 Pf. Für Jungausgelernte ist er im ersten Ge- Hilfenjahre auf 62 Pf., im zweiten auf 65 Pf. bemessen, und mit dem dritten Jahre tritt der allgemeine Mindestlohn in Kraft. Hin- sichtlich der Ueberstundenvergütung waren die Parteien sich von vornherein einig. Für die Vergütung von Fahrgeld sollen 314 Kilo- meter als Mindestengrenze gelten, und für die Vergütung von Fahr- oder Laufzeit 1214. Kilometer. Bei Montagearbeit, wo Uebernachten am Arbeitsort nötig ist, wird die Vergütung auf 3 M. pro Tag be- messen, was sich jedoch, den Forderungen der Arbeitnehmer ent- sprechend, auch auf die Reise-, Sonn- und Feiertage bezieht. Der Tarifvertrag soll bis zum 1. April 1913 gelten. Die Bestimmungen über die Schlichtungskommissionen sind im wesentlichen so, wie sie von beiden Parteien vorgeschlagen waren, jedoch ist Vorsorge ge- troffen, daß auch Gewerkschaftsbeamte Mitglieder dieser Kom- Missionen sein können. Ueber Matznahmen zur Verhinderung von Durchbrechungen des Tarifvertrages soll noch in der Kommission beraten werden. Festgelegt ist in dieser Hinsicht bereits, daß Arbeit- geber auch dann noch an den Vertrag gebunden sind, wenn sie aus der vertragschließenden Organisation austreten. Abgeschlossen wird der Tarifvertrag zwischen der Klempnerinnung für die Bau- klempnermeister sowie dem Arbeitgeberverband für das Bau- klempnergewerbe einerseits und dem Deutschen Metallarbeiterver- band andererseits. Die Versammlung der Bauklempner hat den Schiedsspruch des Einigungsamtes mit allen gegen eine Stimme abgelehnt und in geheimer Abstimmung die Arbeitsniederlegung beschlossen. Der Beschluß tritt mit dem heutigen Tage in Kraft. Ueier die Lohnbewegung der Putzertröger wurde meiner Branchen- Versammlung derselben berichtet, die am Sonntag bei Obiglo statt- fand. Soweit festgestellt ist, sind es jetzt 95 Proz. aller Putzerträger, die, der Forderung entsprechend, den Lohn von 9 M. erhalten. Es ist ziemlich leicht geworden, der Forderung Geltung zu verschaffen. jedoch ist, wie der Zweigvorsitzende Hanke und andere in der Ver- sammlung ausführten, damit zu rechnen, daß Schwierigkeiten ent- stehen, wenn nach einigen Wochen die Konjunktur abflaut, weshalb es notwendig ist, daß die Putzerträger nun ihre ganze Aufmerksam- keit darauf richten, daß das Errungene auch dauernd erhalten bleibt. Die Versammlung zeugte übrigens dafür, daß die Organi- sation in der Gruppe wieder dermaßen im Erstarken begriffen ist, daß die Putzerträger mit den besten Hoffnungen der Zukunft ent- gegengehen können.— Es wurde sodann die Gruppenleitung ge- wählt und zwar als erster Obmann Zapf, als zweiter Obmann Gruppe und als Schriftführer B e n a tz. Schließlich beschäftigte man sich mit der Regelung der Beiträge und beschloß ein- stimmig, daß die Putzerträger von jetzt ab denselben Beitrag zu entrichten haben wie die Maurer, Putzer und Töpferträger, nämlich 90 Pf. wöchentlich, wie es der Höhe ihres Lohnes entspricht und den Bestimmungen des Verbandsstatuts. An die Arbeiterschaft Groß-Berlins richten wir die dringende Bitte, Kassierer, Einnehmer und Akquisiteure nach der abgestempel- ten braunen Kontrollkarte zu fragen. Die Direktion der„V i k- toria" macht unfern Mitgliedern fortgesetzt Schwierigkeiten bei Ausübung ihrer gewerkschaftlichen Funktionen. Es ist deshalb not- wendig, daß bei Abschluß von Versicherungen nur organisierte Ver- sicherungsangestellte berücksichtig werden. Verband der Bureauangestellten. I. A.: A. Patt loch. Pankstr. 57. Achtung! Für die in den Schildcrfabriken Beschäftigten ist immer noch maßgebend, daß bei der Firma P 0 l e n z G. m. b. H. die Differenzen noch nicht beigelegt sind. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß Hamburg und Breslau gesperrt sind. Ebenfalls befinden sich die Kollegen in Budapest im Kamps und sind Angebote nach dort un- bedingt nicht anzunehmen. Verband der Porzellanorbeiter. Zahlstelle Berlin. Der Streik der Fleischergesellen bei der Firma O. D ö r f f l e r. Greifswalder Str. 33s, hatte am Montag früh ein starkes Polizei- aufgebot auf die Beine gebracht, sogar ein Polizeihund war zum Schutz der eventuell kommenden Streikbrecher anwesend. Das Recht Streikposten zu stehen, ist von der Polizei aufgehoben. Dem Vorsitzenden Bergmann wurde auf dem Polizeirevier erklärt, das Gesetz gehe die Polizei nichts an, sie habe das Streikpostenstehen verboten, weil ein Arbeitswilliger geschlagen worden sei, und damit basta. Auf der Straße wurde Bergmann, als er auf und ab ging, erklärt, wenn er nicht die Gegend verlasse, werde er bis Mittag festgehalten. In der Nähe der Firma wurden alle Personen, die stehen blieben oder sich auf einer der Bänke, die auf dem Prome- nadenweg aufgestellt sind, niedersetzten, vertrieben. Der Innung?- arbeitsnachweiS in der Mulackstratze versucht auch diesmal wiederum Äreikbrecher zu liefern. Ebenso werden Streikbrecher durch die Zeitung gesucht. Zuzug ist streng fern zu halten. Die„Allg. Fleischerzeitung" kann es auch hier nicht unterlassen, allerlei Unwahrheiten zu verbreiten. Zentralverband der Fleischer. Ortsverwaltung Berlin. Oeutfches Reich. Streik im Braunkohlenbergbau. Im Zeitz-Weitzenfelscr Braunkohlenrevier haben die Arbeiter am Sonntag nach Ablauf der Kündigungsfrist die Arbeit eingestellt. Zur Organisierung des Streiks fanden am Sonntag 21 Streikver- sammlungen statt, die sehr stark besucht waren. An einzelnen Orten konnten die Lokale die anströmenden Massen nicht fassen. Soweit bisher ein Ueberblick möglich ist, kann gesagt werden, daß der Streikbeschluß von den Arbeitern einmütig durchgeführt wird. ES dürften etwa 6000 Arbeiter im Streik stehen. Uei mehreren Gruben ist auch nicht ein Mann stehen geblieben. Einige Gruben haben die Arbeiter, die nicht streiken wollten, auch entlassen, weil sie keine Be- schäftigung für sie hatten. Da eö den Werksverwaltungen nicht möglich ist. den Betrieb auf allen Gruben aufrecht zu erhalten, so wurden die nützlichen Elemente von mehreren Gruben nach einem Werk geschickt. Einzelne Werke haben auch schon Agenten mit der Anwerbung von ausländischen Arbeitern beauftragt. Ein solcher Agent wurde am Sonntag in Theissen verhastet. Es war ein von der Polizei lange gesuchter Verbrecher. Zur Anwerbung von Streikbrechern war er den Unternehmern jedoch gut genug. Zur Aufrechterhaltung der nicht gestörten Ruhe haben die Behörden zahlreiche Gendarmen herangezogen. Die Streikenden verhalten sich musterhaft. Achtung, Bauschlosser! Die Bewegung der Bauschlosser in Cassel ist, entgegen den Berichten bürgerlicher Blätter, noch nicht beendet und Cassel bleibt weiter für Bauschlosser gesperrt. Die Verhandlungen haben zwar zur Anerkennung der Forderungen (9 stündige Arbeitszeit), 10 Proz. Lohnerhöhung in zwei Raten und Ueberstundeuzuschlag) bei vier Firmen geführt. Da aber 40 Betriebe in Frage kommen und außerdem die Arbeit in einer größeren Werkstätte niedergelegt wird, so ist Zuzug auch weiterhin fernzuhalten._ Lohnbewegung der Waldenburger Strastenbahner und Elcktrizitätsarbciter. Eine Nachtversammlung, die von fast allen Arbeitern des Waldenburger Elektrizitätswerkes besucht war, faßte einstimmig den � TH.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, Veriagsanstali Beschluß, der Direktion Forderffffgen auf eine mäßige Lohnerhöhung zu stellen. Außerdem werden gefordert: zehnstündige Arbeitszeit, tn jeder Woche einen freien Tag. freie Dienstkleidung, anstandige Behandlung durch Vorgesetzte. Entschädigung der Ueberstunden. Bildung eines Arbeiterausschusses und Sicherung der Koalitions- freiheit. Waldenburg steht nach einer Statistik der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse aus 80 Orten an 77. Stelle. Die Lohnbewegung, die ursprünglich für eine spätere Zeit vorgesehen war, wurde durch das Verhalten der Direktion, die drei Straßenbahnschaffner wegen ihrer Zugehörigkeit zur Organisation auf das Straßenpflaster warf, be- schleunigt. Bis aus ganz geringe Ausnahmen gehören alle Arbeiter und Straßenbahner des Waldenburger Elektrizitätswerkes den frei- gewerkschaftlichen Organisationen an..„ � �„ Wie telegraphisch gemeldet wird, ruht der Betneb der Bahn zurzeit vollständig. Susland. Straßenbahner- und Maurerstreik in Rom. Rom, 3. Mai.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Hier ssnff die Straßenbahnangestellten der Privatgesellschaft in den Streik getreten. Anlaß dazu gaben rigorose Dienstvorschriften, die von der Direktion erlassen wurden. Der Straßenbahnverkehr ruht, außer bei den kommunalen Bahnen, völlig. An dem Maurer st reik beteiligen sich 12 000 Arbeiter. Es bandelt sich hierbei um Lohnforderungen. Der Streik legt die ganze Bautätigkeit, für die jetzt Hochkonjunktur ist, lahm. Versammlungen. Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Die Filiale Gross- Berlin hielt am Freitag im großen Saale des Gewerkschaftshauses eine Generalversammlung ab, in der als erster Punkt der K a s s e n- bericht für das 1. Quartal 1911 auf der Tagesordnung stand. Er liegt den Mitgliedern gedruckt vor. Die Abrechnung der Hauptkasse schließt mit der Bilanzsumme von 36 913 M. ab. Unter den Ausgaben sind 8478 M. für Krankenunterstützung. 1400 M. für Sterbcunterstützung, 1082,66 M. für Arbeitslosenunterstützung, 491,80 M. für Gematzregeltenunterstützung. An die Zentralkasse wurden 15 631,32 M. abgeliefert. Die Lokalkasse hatte 20 308,33 M. Einnahmen und 17 692,46 M. Ausgaben zu verzeichnen. Der Be- stand ist von 34 659,73 M. auf 37 275,60 M. angewachsen. Für Krankenunterstützung wurden aus der Lokalkasse 2286 M. ausge- geben, für Sterbeunterstützung 1130 M., für Arbeitsloscnunter- stützung 1677,50 M. Die Mitgliederzahl ist im Laufe des Quartals von 7465 auf 7620 gestiegen. Unter den Mitgliedern sind 240 weib- liche und 57 jugendliche.— Sodann sprach W u tz k y über den 8. deutschen Gewerkschaftskongreß, der vom 26. Juni bis 1. Juli in Dresden stattfindet. Von den 14 Delegierten des Gemeindearbeiterverbandes sind von der Filiale Groß-Bcrlin zwei zu wählen. Die Wahl geschieht durch Urabstimmung und findet am Sonntag, den 23. Mai, statt......' letzte Nachrichten« Ein Hirtenbrief an Wiens Arbeiterschaft. Wien, 8. Mai.(Meldung der„P.-C.") Der Kardinal-Fürst- erzbischof von Wien, Dr. G r u s ch a, hat mit Rücksicht auf die be- vorstehenden Wahlen an die Arbeiterschaft Wiens einen Hirten. brief gerichtet, in dem er sie auffordert, sich bei den Wahlen um die katholische Kirche zu scharen und die Wahlfonds zu»dtterstützen. Der Erzbischof führt aus: Die Zustände, wie sie hcüte die Ar- beiterschaft beklagen muß, sind nicht von der katholischen Kirche verschuldet, sondern haben zur Ursache jene unchristlichen Lehr- Meinungen, die sich unter dem bestehenden Titel Humanität eingeschlichen haben. So sehr wir auch den industriellen Fortschritt bewundern, so wollen wir uns doch durch diesen nicht blenden lassen, sondern mit vereinten Kräften an der Wiederherstellung der engen Verbindung zwischen Arbeiterschaft und Kirche arbeiten. Russische Arbciterversicherung. Petersburg, 3. Mai.(W. T. B.) In der Reichsdüma ivarnte der Handelsminister bei der fortgesetzten Beratung der Gesetzvorlage über die Arbeiterversicherung vor einer allzu großen Ausdehnung der Vorlage. Auch Deutschland habe seine Arbeiterversicherung all- mählich durchgeführt. Die Regierungsvorlage betreffe zwar nur die Versicherung gegen Unglücksfalle, aber für die Zukunft seien auch weitere Versicherungsarten vorgesehen. Bon einer Teilnahme der Arbeiter an der Verwaltung, die sich in Oesterreich durchaus nicht bewährt habe, habe die Regierung abgesehen und sich dem deutschen System angeschlossen. Die Aenderungen der Kommission, welche die Sicherstellung der Arbeiter in Krankheitsfällen beträchtlich herab.« setzten, lehne die Regierung entschieden ab. Die beiden Rivalen in Marokko. Paris, 8. Mai.(W. T. B.) Die Sprache der Blätter gegen Spanien nimmt an Schärfe zu. So schreibt die„Liberte": Es heißt, die Spanier hätten durch ihre polizeilichen Operationen bei Ceuta Frankreich„zum Nachdenken gezwungen". Die französische öffent- liche Meinung hat in den letzten Tagen in der Tat sehr viel nach- gedacht, und ist zu dem Ergebnis gelangt, daß Frankreich die Tätig- keit Spaniens durchaus ehrlich und entschieden unterstützt hat. Daß Frankreich für alles, was es für Spanien geleistet hat, nur Ver- leomdung und Beleidigung sowie Gefährdung seiueS eigenen Kapitals einheimst, das möge sich Spanien vor Augen halten, ehe es zu weit gehe. In einer anderen Meldung aus Tanger wird be- hauptet, daß die spanischen Nachrichten aus Tetuan über Unruhen durchaus erfunden feien. ES trete immer deullicher zutage, daß Spanien mit allen Mitteln nur den Vorwand zu einer ebenso un- gerechtfertigten wie gefährlichen militärischen Demonstration schaffen wolle. Der Kampf geht fort. El Paso, 8. Mai.(Meldung der Associated Preß.) Die Auf» ständischen rückten gegen Juarez vor und es entspann sich bald ein Kamps, obwohl Madero anordnete, das Feuern einzustellen. Ver- schiedene Kugeln trafen die amerikanische Einwanderungsstation und verletzten dort stehende Mexikaner. Die Schule im Nordwest- lichen Teile von El Paso wurde geschlossen. Einer späteren Mel- dung zufolge haben Madero und der Kommandant von Juarez einen Waffenstillstand abgeschlossen. Eine weitere Meldung derselben Quelle besagk: Trotz beS Waffenstillstandes und der Ankündigung Maderos, daß er die Friedensverhandlungen wiederaufnehmä, werde, dauert das Gefecht fort. Maderos Bote mit der Parlamentärflagge wurde vom Pferde geschossen. Die Rebellen fuhren darauf schwere Geschütze auf, Mehrere Häuser im Wvhnviertel wurden von den Geschossen ge- troffen. Maderos Unterfeldherren sind anscheinend ungehalten über seinen gestrigen Entschluß. Juarez nicht anzugreifen. Streik am Talsperrenbau. � Hirschberg, 8. Mai. Dem„Boten aus dem Riesengebirge" zu- folge legten sämtliche am Talsperrenbau beschäftigten Maurer und Arbeiter, rund 1000, die Arbeit nieder, Sie verlangen eine Er- höhung des Stundenlohnes._ Aussperrung in Dänemark. Kopenhagen, 8. Mai.(W.T.B.) Nachdem der Verband ber Klempner den Vorschlag der Vermittler mit 472 gegen 314 Stim- men abgelehnt hat, hat der Verband der Arbeitgeber den ver- einigten Fachverbänden mitgeteilt, daß vom 16. Mai ab die früher angekündigte erweiterte Aussperrung, die vorläufig verschoben worden ist. in Kraft treten wird, falls nicht bis dahin der Vermitte- lungsvorschlag angenommen wird. Im Falle einer erweiterten Aussperrung würde die Zahl der ausgesperrten Arbeiter im ganzen 40 000 betragen. Paul Singer sc Co., Berlin LW-. Hierzu 3 Beilagen u.llnterHaltungSbl, Nr. 107. 28. Jahrgang. 1. Itilsjc des JotiPärts" Sttlin« MIKsM Dienstag, 9. Mar 1911. Sie lieichsvel'lichesungzoränung im Plenum des Reichstags. In zwei Sitzungen hat der Reichstag da? ganze Erste Buch mit seinen 17k Paragraphen und außerdem noch einige Be- stimmungen des Zweiten Buches erledigt. In dem Ersten Buche handelt es sich um die gemeinsamen Bestimmungen, von denen die folgenden die wichtigsten sind: Wählbar zu den Organen der Versicherungsträger, also zu den Vorständen und Ausschüssen der Krankenkassen, der Berufs- gcnossenschaften und der Jnvalidenversicherungsanstalten sind nur volljährige Deutsche.— Die Sozialdemokraten hatten be antragt, daß auch Ausländer als Arbeitervertreter gewählt werden können. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Die höchste Instanz in Verwältungssachen ist die oberste Ver waltungsbehörde(das Ministerium).— Die Sozialdemokraten beantragten, daß dafür als eine unabhängige Be- Hörde das Reichsversicherungsamt gesetzt wird. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Das Versicherungsamt wird als eine Abteilung der unteren Verwaltungsbehörde, also der Polizei, errichtet.— Die Sozialdemokraten beantragten, daß es eine selb ständige Behörde werde. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Der Leiter der unteren Verwaltungsbehörde, also ein Magi- stratsrat in der Stadt und der Landrat auf dem Lande, ist der Vorsitzende des Vevsicherungsamtes.— Die Sozialdemokraten wollten eine möglich st unabhängige Person zum Vorsitzenden des Versicherungsamtcs machen. Abgelehnt von den Kompromißparteien. �Konservative, Zentrum, Wirtschaftliche Vereinigung und National- liberale.) Zum stellvertretenden Vorsitzenden des Versicherungsamtcs können auch ausgediente Offiziere gemacht werden.— Die Sozialdemokraten wollten dies verhindern, indem sie für derartige Fälle die Zustimmung der Versicherungsträger be antragten. Abgelehnt von den Kompromißparteien. Die Vertreter der Arbeiter bei den Versicherungsbchörden, also beim Vcrsicherungsamt, Oberversicherungsamt und ReichSver sicherungsamt, werden durch ein indirektes Wahlver- fahren gewählt.— Die Sozialdemokraten forderten das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl- recht nach der Verhältniswahl. Abgelehnt von den Kompromißparteien. Die indirekte Wahl erfolgt durch die Vorstandsmitglieder aller Krankenkassen.— Die Sozialdemokraten forderten, daß die Vertreter der Arbeiter nur von solchen Vorstandsmitgliedern ge wählt werden,(die von den Arbeitern selb st gewählt worden sind. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Die indirekte Wahl findet von den Vorständen aller Kassen zu- sammen statt.— Die Sozialdemokraten forderten, daß die Wahl von den Vorständen der einzelnen Kassenarten ge- sondert erfolgt, damit nicht die frei gewählten Arbeitcrvertreter von den anderen sogenannten Arbeitervertrctern bei der Gesamt- wähl überstimmt werden. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Wählbar als Vertreter der Versicherten in den Verficherungs- bchörden sind nur Männer.— Die Sozialdemokraten beantragten, daß auch Frauen wählbar seien. Abgelehnt von de» bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Fortschrittler. Die Kosten der Vcrsicherungsämter, die bei einer gemeindlichen Behörde errichtet werden, tragen die Gemeinden.— Die Zur ISaturgercbicbtc des deutfeben Gelehrten. (Herrn Professor Max Rubner gewidmet.) Die Worte, in denen der jetzige Rektor der Berliner Universität, Prof. Mar Rubner, seine Pflichten der Kriminalpolizei gegenüber mit unnachahmlicher Schärfe präzisierte, sind gewiß wert, dein alles verschlingende» Zeitenstrudcl entrissen zu werden. Da aber alles Erhabene und Schöne zu seiner rechten Wirkung eine» passenden Hintergrundes bedarf, so denken wir dem Herrn Rektor einen großen Dienst damit zu erweisen, daß wir einigen von seinen Borgängern im Rektoren- und Professorenamt das Wort in dieser Angelegenheit gestatten. Wir lassen zuerst den ersten Rektor der Berliner Uni- versität, dev Philosophen Johann Gottlieb Fichte, zu Worte kommen. Ueber die Pflichten und Wesen des Gelehrten. .Wir lehren nicht bloß durch Worte: wir lehren auch weit ein- dringlicher durch unser Beispiel: und jeder, der in der Gesellschaft lebt, ist ihr ein gutes Beispiel schuldig, weil die Kraft eines Beispiels erst durch unser Leben in der Gesellschaft entsteht. Wie viel mehr ist der Gelehrte dies schuldig, der in allen Stücken der Kultur den übrigen Ständen zuvor sein soll! Ist er in dem ersten und höchsten, demjenigen, was auf alle Kultur ab- zweckt, zurück, wie kann er Muster sein, das er doch sein soll: und wie kann er glauben. daß die anderen seinen Lehren folgen werden, denen er vor allen Augen durch jede Handlung feines Lebens widerspricht(Ueber die Bestimmung des Gelehrten 1791.) � � Bom Rektor. .Wer nicht mit dem freien Blicke die menschlichen Verhältnisse betrachtet, der ist niemals Regent, an welcher Stelle er auch stehe, und er kann es nie werden. Seine Ansicht selbst und sein Glaube an die llnveränderlichkeit des Bestehenden macht ihn zum Unter- geordneten und zum Werkzeuge derer, welche die Einrichtung machten, an deren UnVeränderlichkeit er glaubt."(Ueber das Wesen des Ge- lehrten.) Ueber die Zulassung der Ausländer. »So wünschen wir ohne Zweifel, daß die Unsrigen(Studierenden) den unbeschränktesten Zutritt zu allen wissenschaftlichen Ucbungen der Auswärtigen erhalten und müssen diesen denselben Zutritt bei, �Sozialdemokraten beantragten, daß diese Kosten dem l Staate auferlegt werden.„ Abgelehnt von den Kompromißparteien. 1 Auch die Oberversicherungsämter können an höhere Staats- behörden angegliedert werden.— Die Sozialdemokraten verlangten, daß die Obrrdersicherungsämter als selbständige B e h ü r d e n errichtet werden. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Für gewisse Betriebsgruppen des Reiches, der Bundesstaaten, für Bergwerke usw. können besondere Oberversicherungsämter er- richtet werden.— Die Sozialdemokraten forderten die Beseitigung der besonderen Oberverficherungsämter. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien.> Von den Mitgliedern des Obcrversicherungsamtes ist nur der Direktor auf Lebenszeit oder nach Landesrecht unwiderruflich an- zustellen.— Die Sozialdemokraten verlangten die An- stellung auf Lebenszeit oder die unwiderrufliche Anstellung für alle Mitglieder des Oberversicherungsamtes. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Bei der Festsetzung des ortsüblichen Tagesentgelts gewöhnlicher Tagearbeiter(Ortslohn) sind, so beantragten die Sozialdemo k r a t e n, die Ausschüsse der Gewcrbegerichte, und, wo solche nicht vorhanden sind, die Vertreter der beteiligten Gewerkschaftsorgani sationen zu hören. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Nach einem weiteren sozialdemokratischen Antrage sollte als Ortslohn für männliche Personen über 21 Jahr nicht weniger als 3 M. und für weibliche Pevsonen über 21 Jahr nicht weniger als2 M. festgesetzt werden dürfen Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Für ausländische Arbeiter, die in Deutschland beschäftigt werden, sollen unter Umständen noch geringere Rechte gelten als für die Inländer.— Die Sozialdemokraten bean tragten, daß für Angehörige der Staaten, in denen deutsche Reichs, angehörige in bezug auf die Arbeiterversicherung nicht u n, günstiger als die Inländer gestellt sind, während ihres Aufeni Halts im Reichsgebiete dieselben Bestimmungen der Reichsversiche, rungsordnung gelten als für die Inländer. Abgelehnt von den Kompromißparteien. Die Beschäftigung eines Ehegatten durch den anderen begründet keine Versicherungspflicht.— Die Sozialdemokraten forderten, daß auch die Frauen der Kleinbauern usw., die in dem Betriebe ihres Mannes beschäftigt sind, versichert werden sollen. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Als Hausgewerbetreibende im Sinne der Reichsversicherungs ordnung sollen nur die Hausgewerbetreibenden gelten, die in ihren eigenen Betriebsstätten arbeiten.— Die Sozialdemokraten verlangten die Ausdehnung der Versicherung auch auf Hausgewerbetreibende, die in fremden Betriebsstätten ar- beiten. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. In der Krankenversicherung sind von dem Versichcrungszwange ausgeschlossen die kleinen Unternehmer. Die Sozial- "demokratcn forderten die Ausdehnung des VersicherungS, zwanges auf alle selbständigen Gewerbetreibenden, deren Jahres einkommcn weniger als 5909 M. beträgt. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Ferner sind von dem Versichcrungszwange ausgeschlossen die Angestellten, die einen Jahresarbeitsverdienst von mehr als 2999 M haben.— Die Sozialdemokraten forderten die Ausdehnung des Versicherungszwangcs auf alle Angestellten mit einem Jahres arbeitsvcrdienst bis zu S999 M. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Endlich sind vom Versichcrungszwange ausgeschlossen diejenige» Angestellten mit einem Jahresarbeitsverdicnst von weniger als 2999 M.. die eine wissenschaftliche Tätigkeit ausüben.— Tie Sozialdemokraten forderten, daß alle Angestellten mit einem so geringen Einkommen versicherungspflichtig sein sollen. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Die Kommission hatte den Vorschlag der Regierung gestrichen, daß der Bundesrat oder der Gcmeindeverband die Bersicherungs- Pflicht auf bestimmte Gewerbetreibende oder deren Familien« angehörige ausdehnen darf.— Die Sozialdemokraten beantragten, diese Bestimmungen des Entwurfs wieder herzu» st e l l e n. j Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. � Reichstag uns geben."(Deducierter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höher» Lehranstalt, 1897). ••* Nach dem Philosophen Fichte mag der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher, die einstige Leuchte der Berliner Universität, das Wort ergreifen. Ueber die Beziehungen zwischen Staat und Universität. .... Die natürliche Richtung der Universitäten geht dahin, den allmählich vorherrschend gewordenen Einfluß des Staates wieder in feine natürlichen Grenzen zurückzuweisen und dagegen immer mehr den Charakter des wissenschaftlichen Vereins in diesen ihm zunächst angehörigen Anstalten hervortreten zu lassen... ES muß sich all- mählich immer genauer trennen, was zum inneren häuslichen Lebe» der Anstalt selbst gehört, von allem, wobei sie selbst oder ihre ein- zelncn Glieder nur als Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft au- zusehen sind. In allem, waS zu jenem Gebiet sicher gehört, muß die Universität sich frei und unabhängig ihr Hausrccht selbst bilden und es nach Beschaffenheit der Umstände verändern können: der Staat kann sich dabei keine Leitung anmaßen, sondern nur Mitwissenschast fordern und Aufsicht führen, damit dieses Gebiet nicht überschritten swerdc. Nur von den Vorteilen und Besitztümern, welche er verliehen hat, mag er Rechenschast fordern und verlangen, daß sie durch von ihm dafür anerkannte Sachverständige, au» deren Zahl aber doch die Universität muß auswählen können, verwaltet werden. Alles übrige ist Vor- mundschast, ivclche nur in der Kindheil der Wissenschaft an ihrer Stelle sein kann, und gegen welche die natürliche Widersetzlichkeit um so stärker sein muß, je mehr die Universität ihre Mündigkeit fühlt und zu festen Ansichten und einem» gründlichen Stil ihres Lebens gelangt ist."(Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn, 1898.) •#• Jetzt lassen wir ein paar Sätze des großen Sprachforschers Wilhelm v. Humboldt folgen, dessen Standbild den Eingang zur Berliner Universität ziert. Ueber die Organisation der Universitäten. »WaS man höhere wissenschaftliche Anstalten nennt, ist, von aller Fotm im Staate losgemacht, nichts anderes als das geistige Leben der Menschen, die äußere Masse oder inneres Streben zur Wissen- chaft und Forschung hinführt.... Diesem Bilde muß auch der Staat treu bleiben.... Er muß sich eben immer bewußt bleiben, daß... er immer hinderlich ist, sobald er sich hineinmischt, daß die Sache an sich ohne ihn unendlich besser gehen würde."(„Ueber die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen An- stalten in Berlin"; 1319.) 169. Sitzung. Montag, den 8. Mai. mittags 12 Uhr. Am Bundesratstisch: Dr. Delbrück. Die Beratung der Rcichsversicherungsordnung wird fortgesetzt, und zwar mit der Abstimmung über den Antrag A l b r e ch t und Genossen(Soz.), den von der Kommission ge« strichenen§ 181 der Regierungsvorlage wieder herzustellen, welcher gestattet, die Versicherungspflicht statutarisch auf Familienmitglieder des Arbeitgebers auszudehnen, die in feinem Betriebe ohne Entgelt und Arbeitsvertrag tätig sind. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. § 182 befugt den Bundesrat, zu bestimmen, wie weit vorüber« gehende Dienstleistungen vcrsicherungSfrei bleiben. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.) begründet einen Antrag A l b r e ch t und Genossen(Soz.), hinter „Dienstleistungen" einzuschieben:»die nicht über eine Woche hinausgehen". Es muß verhindert werden, daß große Kreise von versicherungspflichtigen Arbeitern, namentlich in der Landwirtschaft, von der Versicherungspflicht ausgeschlossen werden. Die Arbeit der Frauen wird in der Landwirtschaft immer größer, und es besteht die Gefahr, daß sie als nur vorübergehend beschäftigt nicht versichert werden. Drr Antrag Albrecht wird abgelehnt. § 183 läßt die in Reichs-, Staats- und Gemeindebetrieben tätigen Arbeiter versicherungsfrei, wenn ihnen gegen ihren Arbeit- geber ein Anspruch mindestens entweder auf Krankenhilfe in Höhe und Dauer der Regelleistung der Krankenkassen oder für die gleiche Zeit auf Gehalt, Ruhegeld, Wartegeld oder ähnliche Bezüge im 1>/zfachen Betrage des Krankengeldes gewährleistet wird. Die Abgg. A l b r e ch t und Genossen(Soz.) beantragen, die Worte.mindestens"... bis.Krankenkassen" zu ersetzen durch: »zusteht, der mindestens den satzungSmäßigen Leistungen der maß- gebenden Krankenkasse gleichwertig ist." Abg. Scvcring(Soz.) (bleibt bei der ungenierten lanten Unterhaltung, die besondere rechts herrscht, zunächst unverständlich): Ich bitte um Eni» sckmldigung, meine Herren, wenn ich Ihre Privatgespräche störe.(Da die Unruhe andauert, schweigt der Redner.) Präsident Graf Schwerin: Sind Sie fertig? Abg. Scvrring(Soz.): Nein, ich will nur warten, bis die Herren sich etwas beruhigt haben.(Sehr gutl bei den Sozialdemokraten.) Es ist einmal von hoher Stelle das Wort gefallen, daß Staatsbetriebe Musterbetriebe sein sollen. Meine Freunde meinten, das solle nicht bloß in bezug auf die Arbeitszeit und den Arbeitslohn gelten, sondern auch in be- zug auf den Arbeiterschutz und die Arbeiterversiche» r u n g. Nach dem§ 133 der Vorlage würden aber die Arbeiter in öffentlichen Betrieben in bezug auf die Krankenversicherung schlechter gestellt sein als die in Privatbetrieben. Zahl- reiche Sladtgcmeinden zahlen ihren Arbeitern die Differenz zwischen dem Krankengeld und dem Arbeitslohn; wir begrüßen das, aber wir wünschen eine gesetzliche Festlegung. Man sagt, der Begriff der„maßgebenden Krankenkasse" in unserem Antrag sei nicht klar. Wenn alle Bestimmungen des Gesetzes so klar wären. wie dieser Begriff und unser Antrag, kömitcn Sie sehr zufrieden sein.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Nehmen Sie also unfern Antrag an.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag A l b r e ch t wird abgelehnt. Präsident Graf Schwerin stellt den folgenden Paragraphen zur Diskussion. Abg. Hoch(Soz.) (zur Geschäftsordnung): Ich bitte den Präsidenten dafür zu sorgen, „Der Staat muß seine Universitäten weder als Gymnasien noch als Spezialschulen behandeln, und sich seiner Akademie nicht als einer technischen oder wissenschaftlichen Deputation bedienen. Er muß im ganzen... von ihnen nichts fordern, was sich unmittelbar und geradezu auf ihn bezieht, sondern die innere Ueberzeugung hegen, daß, wenn sie ihren Endzweck erreichen, sie auch seine Zwecke und zwar von einem viel höheren Gesichtspunkte auS erfüllen, von einem, von dem sich viel mehr zusammenfassen läßt und ganz andere Kräfte und Hebel angebracht werden können als er in Bewegung zu setzen vermag."(Ebenda.) '.» Beschließen wollen wir die Runde mit einem kräftigen Wort von Henrik Steffens(weil. Professor der philosophischen Natur- Wissenschaft), das sich in seinen Vorlesungen„Ueber die Idee der Universilätcn"(1899) sindet:„Etwas aber muß dasein, welches der Staat schlechterdings zu achten hat, so daß er nie und unter keiner Be- dingung eine Anfopserung von diesem von irgend einem Bürger fordern darf, ohne sich selbst aufzuheben und sein Wesen zu vernichten.... Es ist die Wahrheit und Sittlichkeit und deren äußere Erscheinung die heilige und unantastbare Ehre." Soweit die Vorgänge des jetzigen Rektors an der Berliner Universität. Wir werden menschlich genug sein, um nicht unmittelbar nach ihren Reden, die alles andere als den Geist der knechtischen Unterwerfung unter die Befehle der Berliner Kriminalpolizei und ihrer russischen Auftraggeber atmen, den Menschen und den Gelehrten(im Sinne F i ch t e s> Rubner reden zu lassen. Aber als Fachmann lvird er uns hoffentlich eine kleine Belehrung nicht versagen. In seinem„Lehrbuch der Hygiene". 1997, wird als Grundsatz der hygienischen Forschung folgende Regel proklamiert: „Die Hygiene ist eine Wissenschaft, in welcher Theorie oder Praxis nicht getrennt werden können und nur insofern sie im Leben Verwertbares bietet, erfüllt sie ihren Zweck. ES muß also unser Blick stets diesem zugewandt bleiben"(Seite 4). Wir unterschreiben diesen Satz Wort für Wort. Und Nim sei uns eine bescheidene Frage erlaubt: Worauf waren die Blicke des Fachmanns(beileibe nicht Politikers!) Rubner gerichtet, als er die ihm anvertraute„Stätte der freien Forschung" zur Falle für die Studierenden einer fremden Nation werden ließ? Sieht er selbst nicht den„Witz" der Geschichte darin, daß cS gerade unter dem akademischen Szepter eines HygienikerS den lichtscheuen knltnrfeind- lichen Mächten gelungen ist. das blühende Menschenleben eines akademischen Bürgers, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. zu vernichten» baß etwas mehr Ruhe eintritt. ES ist uns unmöglich, auch nur ein Wort zu verstehen. Präsident Graf Schwerin bittet um Ruhe.(Es tritt auch all- mählich etwas Ruhe ein, vor allem, weil sich die Bänle der bürgev licheu Parteien außerordentlich st ark lichten.) Die Nbgg. A l b r e ch't u. Gen.(Soz.) beantragen, den Z 184 zu streichen, welcher der obersten Verwaltungsbehörde die Befugnis gibt, zu bestimmen, wie weit auch die in Betrieben oder im Dienste nicht öffentlicher Körperschaften oder als Lehrer und Erzieher an nicht öffentlichen Schulen oder Anstalten Beschäftigten versicherungs- frei sind. Abg. Göhre(Soz.): Wenn eine Privatanstalt unter dem Druck der Konkurrenz zu- sammenbricht, so würden die Angestellten, falls sie von der Per- ficherungspflicht befreit sind, gar keine Fürsorge im Falle der Krank- heit haben. Abg. Dr. Mugdan(Vp.) meint, daß keine Gefahr besieht, weil die Befreiung von der VcrsicherungSpflicht ja an die Genehmigung der obersten Verwaltungsbehörde gebunden ist. Abg. Göhre Soz.): DaS Vertrauen des Vorredners haben wir nicht. Es handelt fich hier vor allem darum, das Gefühl solcher Personen zu schonen, welche die Versicherung nicht für vereinbar halten mit ihrer Würde als Reserveoffiziere. Wir sollten aber darauf keine Rücksicht nehmen im Interesse aller derer, denen der Reserve- offizier nichts oder so gut wie nichts bedeutet. Abg. Dr. Mugdan(Vp.): Wie soll es denn mit denen gehalten werden, die nur mit zwei oder drei Stunden an Privatschulen be- schäftigt sind? Abg. Molkenbuhr(Soz.): Die Lehrer, soweit sie weniger als 2000 M. Gehalt beziehen, sind nach§ 177 versicherungspflichtig, darunter sind auch akademisch gebildete Lehrer an Privatschulen. Es ist lein Grund vorhanden, für sie wieder Ausnahmebestimmungen zu schaffen. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. 8 136 lautet:„Auf seinen Antrag wird von der Versicherungs Pflicht befreit, wer auf die Dauer nur zu einem geringen Teil arbeitsfähig ist, so lange der vorläufig unterstützungspflichtige Armenverband einverstanden ist. Die Abgg. Albrecht und Genossen beantragen, diesen Paragraphen zu streichen. Abg. Hue(Soz.): Auch in dem jetzt geltenden Gesetz steht dieser Paragraph, aber er ist erst 1392 in das Gesetz hineingekommen. Die Unternehmer vertraten damals die Ansicht, die Kassen würden durch die Halb invaliden sehr stark belastet und man fürchtete, die halb' invaliden Arbeiter würden, falls die Bestimmung nicht allst genommen werde, entlassen werden und gar keine Beschäftigung finden. Es hat sich aber gezeigt, daß die Halbinvaliden eine nennenswerte Belastung der Krankenkassen n i ch t d a r st e l l e n. In dem Paragraphen heißt es recht harmlos, die Halbinvaliden können „auf ihren Antrag" von der Versicheruiigspflicht befreit werden. In der Praxis werden die Berginvaliden einfach �vor die Wahl gestellt, sich von der Versicherungspflicht entbinden zu lassen, oder die Abkehr zu erhalten. Die Folge dieses Paragraphen wird sein, daß man sämtliche Berginvaliden in die ausgedehnten Uebertagarbeiten steckt und sie zwingt, sich von der Versicherungs-- Pflicht entbinden zu lassen. In der Kommission meinte ein Re- gieruugsvertreter. es handele sich nur um wenige Personen rn den Bergbetrieben, die so beschäftigt werden könnten. Das ist unrichtig, es find Zehntausende undAberzehntausende. Wenn alle diese dann nicht versichert sind, springt der Vorteil für die Unternehmer in die Augen und daS ist auch die Absicht der Br- stimmung. In der Kommission sprach ein preußischer Bergbeamter auch von den nicht unerheblichen Pensionen der Bergarbeiter. Sie be- tragen 80 Pf. pro Tag. Wer eine solche Versorgung abgerackerter Bergknappen für nicht unerheblich erklärt, bekundet einen starken Mangel an Mit- g e f ü h l für hilfsbedürftige Personen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Es kommen auch keineswegs nur ältere Per- sonen in Frage, die Bergleute werden oft so früh Invalide, daß vielfach Leute von kaum 30 Jahren darunter sind.(Hört I hört I bei den Sozialdeinokraten.) Wenn sie nicht versichert sind, fallen diese Personen der Armenpflege zur Last, und die Armenlasten in den BergwerkSindustrieorten sind auch ganz außerordentlich gestiegen. Solche Leute an die Armenkasse zu weisen, ist doch kein würdiger Zustand, es i st ein Skandal.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Man sagt, der§ 522 a bietet einen hinreichenden Schutz, weil er bestimmt, daß der Antrag auf Befreiung von der Versicherungspflicht der Zustimmung der Mehrheit, sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmemrtreter im Vorstande bedarf. Es gibt aber nur sehr wenige Knappschafts- kleines femUeton. Theater. Schiller-Theater O. Der große Name. Lustspiel von Viktor Leon und Leo Feld. Das anspruchslose Lustspiel der beiden Wiener Autoren fand im Schillertheater ein anspruchs- loses, beifallsfrohes Publikum. Es ist zur Abwechselung wieder einmal ein Stück mit lauter guten Menschen. Ein Operetten- dichter, der mit seinen seichten Walzermelodien Millionen verdient, Hilst einem alten Freunde, einem wahren Künstler, zum Erfolg, indem er Lessen überall von den Konzertleitungen abgewiesene Meistersvmphonie unter seinem Namen zur Aufführung bringt und dann am Schluß nach dem begeisterten Applaus den wirklichen Ver- fasser nennt. Einiges ist ganz launig erfunden. Aber das Ganze schmeckt wie ein fader Aufguß, verglichen mit der prächtigen, zu Unrecht vergessenen Musikerkoinödie„Tedeum" von E. Rosmer, an «die der Schluß sich deutlich anlehnt. Herr Jwald. der Operettenheros, hatte namentlich in den letzten Szenen sehr gelungene Momente. Herr Köstlin als Li- brettist akkompagnierte ihn mit gutem Humor. ckt. Modernes Theater.(Verein für Kunst.) Irrwege, Szenen von Ossip Dymow. Dymoios dramatische Skizze„Nju" in der intim verständnisvollen Aufführung der Kammerspiele bot höchst eigenartig stimmungsvolle Eindrücke. Eine in geschlossener Folge sich entwickelnde, durch notwendige Verkettung überzeugende Handlung gab er so wenig wie die anderen modernen russischen Dramatiker. Lose verbundene Bilder— aber nicht wie sonst in breiter, ermüdender Ausführung, sondern in knappen, andeutungs- reichen Umrißlinien— reihten sich dort aneinander und hielten eine konzentrierte Spannung bis zum Schluffe wach. Leider wurden die Erwartungen, die sich an den Namen knüpf- ten, durch die Aufführung der„Irrwege" arg enttäuscht. Auch eine Darstellung, die auf der Höhe jener ersten in den Kammer- spielen gestanden hätte, würde an diesem Resultat schwerlich viel geändert haben. Das Aphoristische des Dialogs schlägt hier viel- -fach in launenhafte Willkür um und das Streben, die ver- schlungenen Gewebe unbewußter Seelenregungen in ihrer unendq lichen Kompliziertheit andeutend zu durchleuchten, wird zu outrier� fem Experimentieren, das erst durch eine nachträgliche Ueberlegung eine Art Verständlichkeit erhält. Die Absichten sind abstrakt geblie- den, nicht umgeschmolzen in Leben und Bewegung und darum, zu- mal auf der Buhne, ohne künstlerische Wirkung. Tie Macht einer leidenden Liebe, die durch ihr grenzenloses Leiden den von einer fremden Leidenschaft erfaßten Geliebten zurückzwingt, zu schil- tem, sie als läuternde Ueberwinderin des egoistisch blinden Natur- triM symbolisch zu vcrhcrrfichep-7- das Mg scheisit be® Dichter bereine, in denen die Hälfte der Vorstandsmitglieder Arbeiter- Vertreter sind, in den meisten Fällen sind auch unter denen, die als Arbeitervertreter gellen, solche, die nicht als Arbeitervertreter an- erkannt werden, weder von uns, noch von den christlichen Gewerk- schaften; eS find das Personen, die durch den kapitalistischen Terror hineingebracht werden. Deshalb haben auch wir. sowie die christ- lichen Organisationen uns gegen die Verhältniswahl erklärt, weil dadurch die in den letzten Jahren durch den kapitalistischen Terror gegründeten gelben Vereine eine Vertretung im Vorstand erhalten würden und ein e i n z i g e r G e l b e r, der sich aus die Seite der Unternehmer schlägt, würde genügen, eine Mehrheit der Arbeiter unmöglich zu machen. Der§ 522a ist also ein untaugliches oder mindestens unzureichendes Mittel, die Arbeiterinteressen zu schützen. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Behrens(Wirtich. Vg.) wünscht die Regelung der Materie im Abschnitt 9, wo die Verhältnisse der Knappschaftskaffen geregelt werden. Im übrigen hält er den§ 522a für eine ausreichende Siche- rung, da die Mitglieder der Knappschaftsvorstände in geheimer Wahl gewählt werden. Abg. Korfanty(Pole): Da wir die geheime Wahl der Knapp- schaftsältesten erreicht haben, scheint uns der§ 522a für die Bergarbeiter eine genügende Sicherheit zu geben; aber bedenklich ist die Bestimmung des K 186 für die Arbeiter der Hütten- und Eisen- werke, und deshalb werden wir für den sozialdemokratischen Antrag stimmen. Abg. Hue(Soz.): Der Vorredner betont mit Recht, daß den Hüttenarbeitern der § 522a gar keinen Schutz gewährt, diese sind in den Vorständen gar nicht vertreten und ganz hilflos den Hüttenbesitzern ausgeliefert. Die geheime Wahl hält der Vorredner für einen genügenden Schutz bei den Bergarbeitern, aber wenn die Leute gewählt find, stehen sie aus dem Präsentierteller und werde» hinausgeworfen, wenn nicht eine starke Organisation hinter ihnen steht. Herrn Behrens mache ich darauf aufmerksam, daß unser Antrag dem einmütigen Willen der organisierten Bergarbeiter aller Richtungen ohne Parteinnterschied entspricht.(Sehr wahr bei den Sozial- demokraten.) Abg. Becker(Z.): Die angefochtene Bestimmung wird von vielen Arbeitern gewünscht, damit auch die Invaliden noch Beschäftigung finden. Für die Bergarbeiter enthält der 8 522a eine ausreichende Sicherung. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt, 8 186 wird ange n 0 m m e n. Nach§ 186a sollen auf Antrag des Arbeitgebers von der Ver- ficherungspflicht befreit werden auch Personen, die bei Arbeitslofig- keit in Arbeiterkolonien oder ähnlichen WohltäfigieitS- anstalten vorübergehend beschäftigt werden. Ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) will hinzufügen: „Und für die Zeit der Krankheit Anspruch auf Krankenpflege haben." Abg. Schmidt(Soz.): Es handelt fich hier um die Elenden der Landstraße; wir wollen, daß auch diese Arbeiter wenigstens«in Teil der Kranken- fürsorge erhalten. Der Antrag wird abgelehnt. 8 190 handelt von der freiwilligen Versicherung, die für Gewerbetreibende usw. gewisser Art gestattet wird, wenn nicht ihr jährliches Gesamteinkommen 2000 M. übersteigt. Ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) will diese Beschränkung auf ein bestimmtes Einkoinmen st r e i ch e n. Ferner bestimmt der Paragraph, daß die Satzung der Kranken- kästen das Recht zum Beitritt solcher Personen von einer be- stimmten Altersgrenze und von der Vorlegung eines ä r z t- lichen Gesundheitszeugnisses abhängig machen kann. Ein Antrag Alb recht(Soz.) will von diesen Erfordernissen Personen ausschließen, die unmittelbar vor ihrem Beitritt einer anderen Krankenkasse angehört haben. Abg. Hoch(Soz.): Die Beschränkung auf 2000 M. ist ganz unberechtigt. Wenn ein Handlungsgehilfe, der bisher 2000 M. hat, etwa 50 M. Zulage bekommt, so verliert er das Recht, fich freiwillig zu versichern. Auch wird ein Handlungsgehilfe, der in Hamburg versichert war und vielleicht eine Stellung in München annimmt, gezwungen, in der Hamburger Kasse zu bleiben. Ich bitte Sie deshalb unserem An« trage zuzustimmen und ebenso dem zweiten Teile unseres Antrages. Wer dauernd einer Kaste angehört, soll sein Recht nicht dadurch verlieren, daß er an einen anderen Ort kommt. 8 190 wird unter Ablehnung der Anträge Albrecht an- genommen. Nach 8 191 kann ein Gemeindeverband sowie eine Krankenkafie durch Statut für ihren Bezirk dies Recht auch anderen Versicherungs- freien einräumen. Diesen Paragraphen hat die Kommission gestrichen. Abg. Schmidt(Soz.): Nachdem Sie den§ 190 angenommen haben, bitte ick Sie, wenigstens diese Milderung besonders im Interesse der Privat- angestellten anzunehmen. als Idee des Werkes vorgeschwebt zu haben. Aber keine beseelende, keine vereinheitlichende Kraft geht davon aus. Weder der Mann, noch die beiden Frauen, die um ihn ringen, erhalten eine typisch- individuelle Ausgestaltung, durch die sie als Personen oder auch nur als Träger des Gedankens interessieren könnten. Das Jrratio- nelle ihrer Handlungen scheint nicht mehr psychologisch motivierte Unvernunft, sondern Unvernunft schlechthin. Der Holzhändler, der in die pikante Häßlichkeit Lenas wahnsinnig verliebt ist, bekommt von der gleich stark verliebten Dame, weiß Gott warum, einen Korb nn-d freit dann fünf Minuten spater, weiß Gott, ob nur aus Aerger oder welchen anderen Gründen, die hübsche kleine Sonetschka, der er ihr Ein und Alles wird. Kaum verheiratet, geht er, die Rolle des Brutalen weiterspielend, mit Lena durch, um dann, als seine Frau ihm anvertraut, daß sie sich Mutter fühle— in der Verzweiflung hat sie sich einem anderen hingegeben— ihr reuig schuldbewußt zu folgen. Auch Sonetschka wird eine andere. Nach dem Tode ihres Kindes ringt sie sich das Geständnis ab, das Töchterchen sei nicht von ihm gewesen. Sie glaubt, sie dürfe ihm um jenes Kindes willen nie mehr als Gattin angehören und stirbt in seinen Armen. Die Schauspieler— die Hauptrollen lagen in den Händen von Herrn Harlan und Fräulein Marie B 0 r cha r d t— setzten geschultes Können und ehrliches Bemühen für das Drama ein. Wenn es scheiterte, lag das nicht so sehr an den mitunterlaufenden Man- geln der Wiedergabe, als an der widerspruchsvollen Sprunghaftig- leit des Werkes selbst. dt. Musik. Eine Art von höherem„Ausverkauf" ist es, wenn die Komische Oper ihr jetziges Repertoire al§„M a i- Festspiele" bezeichnet. Vom sonstigen unterscheidet es sich durch Gastspiele. Ihre Knnstwidrigkeit(sofern es fich nicht um Probespiele auf Engagement handelt) und der Vorzug eines geschlossenen Ensembles, das sich täglich mehr ineinander einlebt, sind nichts Neues mehr. Auch eine Neueinstudierung von Mozarts„Don Juan", die wir am Sonnabend hörten, änderte für uns an dem Gesagten nichts. Es gab manche anerkennenswerte Bemühung. L. M antler als Leporello und zum Teil auch der Gast F. Feinhals als Don Juan sangen mit ausdrucksvollen Abstufungen der Tonstärke; H. Stolzenberg als„Donna Elvira" und besonders I. Bach- rich als„Zerline� holten aus ihre» Rollen schauspielerisch viel Gutes heraus. Wie einheitslos aber das ganze durchgeführt war, zeigte namentlich folgender Umstand: der Gast aus München sang den Text der L e v y scheu Bearbeitung, auf deren Schwächen wir bei früherer Gelegenheit hingewiesen hatten; von den hiesigen jedoch sang— soweit wir bei dem häufig lärmenden Orchester unterscheide» konnten— nur K. Ärmster als„Comthur" den neuen Text, während alle übrigen beim altgewohnten(und bewährten) Texte blieben. ez. DaS HauS beschließt im Sinne der Kommisso». 8 192 a bestimmt: Die Versicherungsberechtigung erlischt in allen Fällen, wenn das regelmäßige jährliche Gesamteinkommen 4000 M. übersteigt. Abg. Molkenbuhr(Soz.) begründet einen Antrag, statt 4000 M. 5000 M. zu setzen. Man sollte all denen, die gegen Unfall versichert sind, auch das Recht der Krankenversicherung geben. Es liegt ein Widerspruch, eine Lückeim Gesetz vor, die beseitigt werden muß.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Mugdan(Vp.) wünscht, daß solche Personen nur Krankengeld, aber keine Krankenpflege erhalten. Zum mindesten sollten sie das Recht haben, sobald sie wieder unter 4000 M. verdienen, der Versicherung wieder beizutreten. Abg. Hoch(Soz.): Ich will nur der Ansicht entgegentreten, als ob wir etwa die Väter dieses Paragraphen sind. Er ist vielmehr auf Anregung des Leipziger Aerzteverbandes in das Gesetz gekommen, der hoffte, dadurch eine größere Zahl Personen aus der Krankenversicherung herauszuziehen und sie damit zu zwingen, die ärztliche Hilfe nach den Söven zu bezahlen, die die Aerzte in Rechuung stellen. Wir stellen den Antrag nur vom Standpunkt der Mehrheit aus, um einen Widerspruch aus dem Gesetz zu beseitigen. Daß solche Widersprücke nock vorhanden sind, ist ja bei einem so umfangreichen Gesetz leicht verständlich. Bis in die letzte Minute haben wir uns in der Kam- Mission Mißverständnisse und Fehler vorhalten müssen. Jetzt haben wir das ganze Gesetz eingehend studiert. Sachverständige haben uns auf Mängel aufmerksam gemacht und niemand von Ihnen wird die Stirn haben, zu behaupten, daß Sie an diese Fehler vorher über- Haupt gedacht haben. Aber wir können hier die� best- begründeten Anträge vorbringen, Sic sitzen einfach da wie die Puppe». Sie treiben mit dem Parlamentarismus Schindluder! (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten, Oho! bei der Mehrheit. Vizepräsident Dr. Spahn ruft den Redner zur Ordnung.) Zwischen der zweiten und dritten Lesung wird dann wieder in Bauich und Bogen etwas OberfläcklicheS gemacht werde» und wir bekommen ein Gesetz, das von Widersprüchen wimmelt.— Es handelt sich hier nicht um Parteigegensätze, sondern um den Ans- gleich von Unebenheiten aus dem Gesetz, aber Sie stimmen einfach alles nieder.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Molkenbuhr(Soz.): Wenn zwischen der zweiten und dritten Lesung wieder der Block zusammentritt und dann ohne jede Begründung irgend welche Aende« rungen beschlossen werden, wird später bei der Durchführung de? Gesetzes vielfach gar keine Handhabe dafür auS den Motiven usw. zu finden sein, was gewisse Bestimmungen überhaupt zu bedeuten haben.— Wenn der Wunsch des Herrn Mugdan erfüllt würde, würde man die Krankenversicherung schädigen, denn diese Personen würden dann ausscheiden in der Zeit, wo sie am leistungsfähigsten wären, und erst wieder Beiträge zahlen, wenn sie für die Kasse große Risiken bedeuten.(Sehr wahr! bei den Sozial« demokraten.) Abg. Dr. Mugdan(Vp.): Das gebe ich zu. Um dem zu be« gegnen, könnte man ja bestimmen, daß nach einer Reihe von Jahren, nachdem daS Einkommen von 4000 M. überstiegen ist, die Verjiche- rungsberechligung überhaupt erlischt. Daß in den 4000 M. ein Schönheitsfehler liegt, da sonst im Gesetz die Grenze immer 5000 M. ist, g e b e i ch z u. Der Antrag Albrecht wird hierauf abgelehnt. 8 195 bemißt die baren Leistungen der Kassen nach dem durchschnittlichen Tagelohn der betreffenden Klaffen der Versicherten, für die die Kasse errichtet ist. Die Bemessung hat durch Satzung zu erfolgen. Als Maximum des zur Berechnung gelangenden TagelohnS sind 5 M. vorgesehen. Durch Satzung kann jedoch Erhöhung des Bercchnungsmaximums auf 6 M. erfolgen. Die Festsetzung bedarf der Zustimmung der Beschlußkammer deL Oberversicherungsamts. Ferner kann sotzungS» gemäß statt des durchschnittlichen Tagesentgelts der wirkliche Arbeitsverdienst bis ö Marl als Grundlohn bestimmt werden. «vg. Sachse(Soz.): Wir beantragen, diesen Paragraphen von Grund aus za ändern, der in der Kommissionsfassung eine schwere Schädigung der höher entlohnten Arbeiterkategorien, speziell auch der Bergarbeiter. bedeutet. Wir beantragen, daß der durchschnittliche Tages- e n t g e l t der Bemessung ohne weiteres zugrunde gelegt wird, ohne daß erst eine Satzungsbestimmung notwendig ist; wir beantragen ferner, die Maximumsgrenze von 6 M. zu streicken und die Be- stünmung zu beseitigen, daß die Zustimmung des OberversicherungS» amts zur Erhöhung des Maximums notwendig sein soll.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag Albrecht und Genossen wird abgelehnt. 8 195 in der Kommissionssassung angenommen. § 196 bestimmt, daß bei Landkrankenkassen die Satzung den Ortslohn als Grundlohn bestimmen kann. Humor«nd Satire. An den verlängerten Reichstag. Schon auf deinem Totenschragen Sah man dich dahingestreckt. Eigentlich und sozusagen Warst du— Gott sei Dank!— verreckt. Viele wünschten, noch geschwinder Sollte es zu Ende geh», Fröhlich nahm man den Zylinder, Um an deinem Grub zu stehn. Doch der Kanzler, der voll Kummer Und als Arzt am Bette sitzt, Hat dir vor dem letzten Schlummer Nochmal Aether eingespritzt. Liebt er dich, daß er den herben Tod von deinem Lager scheucht? Nein!— Nur Angst vor deinen Erben Macht ihm Aug' und Hose feucht. (P. Schlemihl im„SimpliclsiimuS".) Notizen. — Theater chronik. Tilla D u r i e u x. die mit Ablau dieser Saison anS dem Verbände des Deutschen Theaters aus- scheidet, wird dort am DienStag in Hebbels„Judith" zum letzten Male die Titelrolle darstellen. — Die dekadenze Oper. DÄnnunzio, der stärlste Artist der bürgerlichen Dekadence, soll beabsicktigen, für den stärksten deka- deuten Musiker. Richard Strauß, ein Operntextbuch zuschreiben. DaS kann ja entsetzlich schön werden. — Die deutsche Sndpolarexpedition trat am Sonntag auf ihrem Schiff„Deutschland" in Bremerhaven unter be« drohlickem Redeschwall die Ausreise an. Der Leiter Filchner geht aber erst in Buenos Aires an Bord. — Wie das offizielle Rußland Tolstoi ehrt. Tolstoi ist in Rußland zum großen Teile noch immer verboten. Dieser Tage erst hat die Gerichtskammer von Moskau die vom offiziellen Preßkomitee angeordnete Konfiszierung der Bände XVI, XIX und XX der zwölften Gesamtauflage von Tolstoi bestätigt. Die betreffenden Bände enthalten eine Reihe seiner bekannten Schriften und Aufsätze, wie:„Patriotismus und Regierung", «Töte nicht!",„Heber die gesellschaftliche Bewegung in Rußland", „Appell an die russischen Männer".„Wahrhafte Freiheit".„Ich kann nicht schweigen",„Ein Brief an den Zaren und seine Mitarbeiter", „Die Antwort an den Synod",„Glauben" u. a. Die Schriften werden wegen GotteSlästeriWg und Aufreizung deS Volkes konfisziert und vernichtet. 8für BetnevZbeamte, Werkmeister usw. sollen!edoch die Bestimnumgen des§ 19S gelten. Abg. Büchner sSoz.): Wir beantragen Streichung des ganzen Paragraphen, der eine durch nichts zu rechtfertigende Benachteiligung der Landarbeiter bedeutet.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Fegter(Vp.) tritt ebenfalls sür Streichung des Para- graphen ein. Gegen Fortschrittler und Sozialdemokraten wird§ 196 i n d e r Kommissionsfassung angenommen. § 197 bestimmt, das; als Krankenhilfe gewährt wird: 1. Kranken- pflege von Beginn der Krankheit an(ärztliche Behandlung und Versorgung mit Arznei, Brillen, Bruchbändern und kleineren Heil- Mitteln), Krankengeld in Höhe des halben Grundlohns für jeden Arbeitstag, wenn die Krankheit den Versicherten arbeits- unfähig macht: es wird vom vierten Krankheitstage an, wenn aber die Arbeitsunfähigkeit erst später eintritt, vom Tage ihres Eintritts an gewährt. Abg. Sachse(Soz.): Wir beantragen, auch diesen Paragraphen völlig umzu- g e st a l t e n. Wir bitten zunächst, den unklaren und zu Zwistig- leiten Anlast gebenden Ausdruck„kleinere Heilmittel" zu ersetzen durch„Heilmittel und Hilfsmittel, die erforderlich sind, um den Erfolg des Heilverfahrens zu sichern oder die Nachteile der Krankheit zu mildern. Ferner beantragen wir als Krankengeld den ganzen Grundlohn zu zahlen, die Beschränkung auf den Arbeits- tag zu beseitigen und ebenso die Bestimmung: dost es erst vom vierten Krankheitstage an zu zahlen ist.— Da wir jedoch leider auf Annahme unseres Prinzipalantrages nicht rechnen können, so be- antragen wir eventuell: 1. drei Viertel statt der Hälfte des Grundlohnes zu gewähren; 2. das Krankengeld schon vom ersten Tage der Arbeitsunfähigkeit an zuzubilligen) bei Krankheiten, die länger als eine Woche dauern, zu Tode führen oder durch Betriebsunfall verursacht werden.— Wir bitten dringend, mindestens diesen Eventualantrag, zumal aber seinen ersten Teil, die Gewährung von 8/i statt Va des Grundlohnes als Krankengeld anzunehmen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Molkenbuhr(Soz.): Die Annahme unseres Prinzipal- oder mindestens unseres Eventualantrages würde nicht nur im Interesse der Arbeiter liegen. denen die KonunissionSfassung völlig unzureichende Krankenhilfe gewährt, sondern auch im wohlverstandenen Interesse der Kassen selbst. Gründlichere Hilfe ist besser als völlig un- zureichende Hilfe, die den Kranken in Not und Sorge um die Existenz seiner Familie läßt.(Lebhafte Zustimmung bei. den Sozialdemokraten.) Die Debatte schließt. Der Prinzipal- und der Eventualantrag Albrecht werden in allen ihren Teilen abgelehnt. Die Abstimmung über den Teil des Eventualantrags, der'/« statt Va des Grundlohns gewähren will, ist namentlich. Die Abstimmung ergibt Ablehnung mit 212 gegen 69(Polen und Sozialdemokraten). 8 197 wird in der Kommissionsfassung angenommen. 8 199 bestimmt, daß an Stelle der Krankenpflege und deS Krankengeldes Krankenhauspflege gewährt werden kann. Wenn eine Behandlung in der Familie deS Erkrankten nicht möglich, wenn die Krankheit ansteckend und Zustand oder Verhalten des Kranken fortgesetzte Behandlung erfordern, soll die Kasse möglichst Krankenhauspflege gewähren. Abg. Zubeil(Soz.): Wir beantragen obligatorische Gewährung der Kranken« hauSpflege, wenn sie nach dem Gutachten des behandelnden Arztes notwendig ist. wenn der erwerbsunfähige Kranke einen eigenen Haushalt nicht hat und nach der KrankenhauSpflege selbst verlangt.— Wir Sozialdemokraten sehen in der Krankenhaus- pflege das Ideal, selbstredend nur dann, wenn die Kranken- Häuser den fortgeschritten st enAnforderungen der Jqgiene entsprechen.— Ferner beantragen wir. datz die asse eine Hauspflegerin stellen must, wenn die Leiterin eines Haushalts durch ihre Erkrankung an der ordnungsgemäßen Aufrechterhaltung des Haushalts verhindert wird. Dafür mag die Kasse das Recht haben, für die Zeit, da sie eine HauS- Pflegerin stellt, das Krankengeld um ein Viertel zu kürzen.— Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, wie es oftmals zur Ver- schlimmerung des Zustandes einer kranken Frau beiträgt, wenn sie sehen muß, wie wahrend der Zeit ihrer Krankheit der Haushalt zer- rüttet wird. Darum stellen wir unseren Antrag.— Wenn die Mehrheit sich durch nichts bewegen läßt, aus ihrer Wanzentaktik (Sehr gut I bei den Sozialdemokraten) herauszutreten, so bitte ich den Präsidenten, in Zukunft die Abstimmung nur negativ vornehmen zu lassen, damit die Herren der Mehrheit nicht in ihrer Bequemlichkeit gestört werden.(Sehr gut l bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Schulz: Ich werde die Abstimmungen so vor nehmen lassen, wie die Geschäftsordnung es vorschreibt. Die Anträge Albrecht werden abgelehnt. 8 291 bevollmächtigt die Kassen, neben KrankenhauSpflege an die Familie deS Erkrankten— eventuell unmittelbar— ein Haushalts- geld in der Höhe der Hälfte des Krankengeldes zu zahlen. Ein Antrag Albrecht will den Kassen gestatten, eventuell bis zu drei Viertel des Krankengeldes als Haushalts- geld zu gewähren. Abg. Busold(So,.) begründet den Antrag. Wenn wir uns die niedrigen Löhne ansehen, die vielerorts, speziell in den östlichen Provinzen gezahlt werden, so ergibt sich, daß mit der Gewährung des halben Kranken- gelbes als HauShaltungsgeld oftmals die Familien der Kranken nicht einmal vor der schlimmsten Not bewahrt bleiben werden. Die Kommission hat unseren Antrag abgelehnt, hoffentlich erweist sich das Plenum weniger schwerhörig gegenüber den Geboten der Menschlichkeit.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Molkenbuhr(Soz.): Auch hier gilt der Satz, daß die Erhöhung der Leistungen der Kassen keineswegs eine Erhöhung ihrer finanziellen Belastung bedeutet. Manches Kranken Zustand wird verschlimmert werden, wenn er sich in Angst und Sorge um seine daheim mit der Not des Lebens ringende Familie befindet. Ferner macht auch die Verteuerung der Lebenshaltung durch die Wirt- fchaftspolitik der Mehrheit eine Erhöhung des Haushalts- gelbes zur zwingenden Notwendigkeit.(Sehr richtig! bei den Sozial- deinokraten.) Abg. Hue(Soz.): Die an sich so sehr wünschenswerte Krankenhauspflege wird aus einer Wohltat zur Plage, wenn sie die unerfreuliche Neben- erscheinung zeitigt, daß die Familien der in den Krankenhäusern liegenden Arbeiter sich wegen des ungenügenden Haushaltsgeldes in Not und Elend befinden. Im Ruhrrevier sträuben sich daher die Arbeiter mit Händen und Füßen gegen die Krankenhauspflege, und dieses Sträuben bewirkt, daß die Krankheitsziffern im Ruhrrevier weit höher sind als in Oberschlesien, woselbst die allgemeinen sozialen Verhältnisse zwar viel ungünstiger sind, die kranken Arbeiter aber geradezu in die Krankenhäuser hineingezwungen werden.— Unser Antrag soll nun dazu beitragen, das Sträuben, das wir selbst am meisten bedauern, gegen die KrankenhauSpflege zu beseitigen. Ein luxuriöses Dasein gewährleistet auch unser An- trag ganz sicher nicht den Familien �er kranken Arbeiter. Für die Bergknappen bedeutet er nicht eiimial die Wiederherstellung des alten Zustandes— welcher bis zu jener Zeit herrschte, da die Knapp schaftSkassen aus einer Wohltat in einen Fluch der Bergarbeiter wurden— daß die kranken Knappen den vollen Tageslohn erhielten. � Wir bitten dringend um Annahme unseres Antrags. (Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag Mrecht wird abgelehnt. 8 294 bestimmt, daß, wenn ein Versicherter gleichzeitig Kranken- geld aus einer anderen Versicherung erhält, die Leistung der Krankenkasse bis auf den D u r ch s ch n i t t s b e t r a g des täglichen Arbeitsverdienstes zu kürzen ist, daß diese Kürzung jedoch durch Satzung ganz oder teilweise ausgeschlossen werden kann. Mit der Beratung des 8 294 wird die Beratung des 8 29S verbunden, welcher lautet:„Die Satzung kann die Mitglieder ver- pflichten. Bersicherungsverhältnisse, die Anspruch aus Krankengeld geben, binnen einer Woche anzuzeigen. Bestehen diese Verhältnisse bereits beim Eintritt in die Kasse, so sind sie binnen einer Woche nach dem EinWitt anzuzeigen. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Wir beantragen Streichung der beiden Paragraphen. Die Besorgnis, daß ein kranker Arbeiter nur ja nicht einmal über seinen Tagelohn hinaus Krankengeld erhält, ist wirklich zu kleinlich. (Lebhasle Zustimmung links.) Als die Regierung Abänderung des Handelsgesetzbuchs im Sinne der uns jetzt hier vorliegenden Be- stimmung vorschlug, stieß sie fast beim ganzen Reichstag auf Widern stand. Wir bitten daher, beide Paragraphen zu streichen.(Lebhafte Zustimmung links.) Abg. Dr. Mugdan(Vp.) schließt sich den Ausführungen an. Gerade ein Kranker lann gut eine lleine Zulage gebrauchen.(Sehr wahr I links.) Gegen Fortschrittlern und Sozialdemokraten wird der Sweichungs- antrag abgelehnt. Die§8 294 und 29Z werden in der Kommissionsfassung angenommen. Nach§ 296 kann das Krankengeld durch Satzung auf drei Viertel des Grundlohnes erhöht werden und schon vom ersten Tage der Krankheit an zugebilligt werden bei Krankheiten, die länger als eine Woche dauern, zum Tode führen oder durch Betriebsunfall verursacht worden sind. Die Abgg. A l b r e ch t u. Gen. beantragen, die Worte von»bei Krankheiten" an zu streichen. Abg. Mugdan(Vp.) befürwortet diesen Antrag, da man eS ruhig den Kassen selbst überlassen könne, von der Karenzzeit abzusehen. Abg. Brühne(Soz.): Es ist vollkommen richtig, daß den Kassen selbst es überlassen bleiben muß. die Karenzzeit herabzusetzen, oder auszuschließen. Man wollte durch diese Bindung den Mißbrauch durch Simulanten verhindern: dieser Grund ist aber ganz hinfällig. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. 8 297 bestimmt, daß die Kasse solchen Mitgliedern das Kranken- geld versagen kann, welche die Kasse vorsätzlich durch eine straf- bare Handlung geschädigt und die Krankheit sich durch schuldhaste Beteiligung an Raufereien zugezogen haben. Abg. Busold(Soz.): Wir beantragen, hier zuzufligen:„Haben diese Mtglieder An- gehörige, deren Unterhalt sie ganz oder überwiegend bestritten haben, so ist da§ Krankengeld den Angehörigen zu zahlen." Es ist nicht richtig, die Familienangehörigen zu st rasen für etwas, was die Ernährer getan haben. Wie leicht kann übrigens nicht jemand in eine Schlägerei verwickelt werden. Im Heere wird den Soldaten anbefohlen, Kameraden bei einer Schlägerei stets beizuspringen, und mancher nimmt diese gute Sitte ins spätere Leben mit. Dazu kommt, daß die meisten Schlägereien nach dem Alkohol- genuß entstehen. Wir treten ja dem Alkoholgenuß entgegen und treten für den S ch nap s b o h ko tt ein. Aber die sogenannten patriotischen Kreise preisen jetzt die deutschen Trinksilten: namentlich bei der Finanzresorm erschienen Artikel in den Kreisblättern, die etwa besagten: Leute, sauft, das deutsche Boll braucht neue Steuern, und die Junker Liebesgaben, hätte man hinzufügen können.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen nicht, daß durch Alkoholgenuß die Raufhändel gefördert werden: aber nur die Familienangehörigen unter den Folgen eines Raushandels leiden zu lassen, ist ganz und gar unberechtigt.(Zustimmung bei den Sozial- demolraten.) Abg. Brühne(Soz.): Uns ist die Bestimmung des§ 297 viel zu dehnbar. Wie leicht jemand unschuldig in eine Schlägerei verwickelt werden kann, haben wir bei den M o a b i t e r Vorfällen gesehen. Ganz unschuldig sind viele Leute von den Schutzleuten nach allen Regeln der Kunst verhauen worden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn man aber schon die Bestimmung beibehalten will, so darf man doch die Familie, die schon durch die Krankheit des Ernährers be- straft ist, nicht noch extra mit Entziehung des Krankengeldes bestrafen. (Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. Nach 8 293 kann die Kasse auch für kleinere Heilmittel mit Zustimmung des Oberversicherungsamtes einen Höchstbetrag fest- setzen. Abg. Alvrecht(Soz.): Wir beantragen, die Worte„mit Zustimmung deS Oberverfiche- rungsamtcS" zu st r e i ch e n. ES liegt gar kein Grund für diese Bindung der Kassen vor, die nur im Interesse der sozial rück« ständigen Arbeitgeber liegt.(Zustimmung bei den Sozialdemo- kraten.) Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. Die Diskusston über die§8 219—213(Wochenhilfe) wird ver- bunden. Die Abgg. A l b r e ch t u. Gen.(Soz.) beantragen, in der Zeit. in der die Versicherten infolge der Schwangerschaft arbeitsunfähig sind, ein Schwangerengeld in Höhe des Krankengeldes, sowie die erforderlichen Hebammendienste und ärztliche Behandlung, und ein Wochengeld während der ersten acht Wochen nach der Niederkunft in Höhe des Krankengeldes. Die Vorlage gewährt nur ein Wochengeld von acht Wochen, von denen mindestens sechs in die Zeit nach der Niederlunst fallen müssen. Die Abgg. Hufnagel(k.) und Irl(Z.) beantragen, daß bei Wöchnerinnen, die in der Landwirlschast oder als Dienstboten beschäftigt sind, die Gewährung der Wochenhilfe durch die Satzung geregelt wird. Die Hebammenhilfe und ärztliche Hilfe, Geburtshilfe, gewährt die Vorlage nur fakultativ durch Satzung der Kasse. Weiter verlangt ein Antrag Alb recht(Soz.) auf Verlangen der Wöchnerin oder ihres Ehemannes die Z u w e i s u n g einer Hauspflegerin, wofür ein Viertel des Krankengeldes abgezogen werden darf. Die Vorlage gestattet nur fakultativ diese Zulveisung einer Hauspflegerin, wofür sie die Hälfte des Krankengeldes abzu- ziehen erlaubt. Weiter verlangt ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) für Wöchnerinnen ein Stillgeld in Höhe des halben Krankengeldes sür die Dauer von 23 Wochen, während die Vorlage ein solches nur gestattet für 12 Wochen. Abg. Dr. David(Soz.): Sie haben bisher alle unsere VerbesserungS- antrage abgelehnt. Ich hoffe aber, datz Sie diesmal Ihr gepanzertes Herz werden erweichen lassen im Interesse der Mütter und der heraufkommenden Generation. Jeder fühlende Mensch muß es für dringend notwendig halten, daß von den Schwangeren in ihrer schweren Zeit wenigstens materielle Sorgen ferngehalten loerden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Gesellschaft schützt ihr eigen st es, wertvoll st eS Gut, wenn sie für den Schutz der Schwangeren eintritt. Es handelt sich hier um die Gc- sundhaltung der Gattung, um unser höchstes nationales Gut.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Heute steht nach der Statistik Deutschland in bezug aus den Säuglingsschutz an hinterster Stelle; nur noch Rußland, Ungarn und Oe st erreich stehen hinter Deutschland. In anderen Ländern ist die Säuglingssterblichkeit weit geringer als i« Deutschland, in Norwegen z. B. um ganze 19 Prozent, 359 000 Säuglinge fiarken 1908 iA Deutsche« Reich. (HörtI hört! bei den Sozialdemokraten.) Beim Volksgesundheits- schütz ist die Prophylaxe da? Entscheidende. Schutz des werdenden Menschen so früh wie möglich, das muß die Losung sein. Dazu ist der Weg der Schutz der Mutter. Mutterschutz, das ist nichts anderes als Kinderschutz. Ich muß das harte Wort aus- sprechen, daß in Deutschland mit seiner berühmten Sozialpolitik Hunderttausende von Kindern schon im Muttcrleiie hungern müssen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Besonders schwer liegen die Verhältnisse für die erwerbstätigen Frauen. Seit 1882, wo deren Zahl 4,2 Millionen betrug, hat sie sich bis 1997 nahezu verdoppelt, auf 8,2 Millionen. Die Kinder dieser Mütter leiden zunächst an Unterernährung, weil die Mütter unterernährt sind. Daran tragen diejenigen die Mitschuld, die die Verantwortung dafür haben, daß die notwendigen Lebens« mittel immer teurer geworden sind!(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dazu kommt dann die Wirkung der Er- werbsarbeit auf die werdenden Mütter. Die zunächst berufenen medizinischen Sachverständigen haben aus diesem Grunde eine drei- monatliche Ruhezeit für die Schwangeren verlangt. (HörtI hört! bei den Soziaidemolraten.) Die Aerzte haben fest- gestellt, daß die Folge der Arbeit der Schwangeren bis kurz vor der Geburt in sehr vielen Fällen Frühgeburten und zu leichtes Gewicht der Säuglinge sind; also zu früh zur Welt ge- kommene unreife Früchte sind die Folge, wie auch eine sehr lehrreiche Statistik der Leipziger Ortskrankenkasse beweist. Diese Tatsachen sollten Sie doch veranlassen, wenigstens hier sich eines Besseren zu besinnen. Unsere Anträge find außerordentlich bescheiden, sie bleiben weit hinter dem zurück, was die berufenen Aerzte im Interesse der werdenden Mütter fordern. Sie sind so bescheiden gehalten, weil wir noch in dieser Entscheidungsstunde erwarten, daß Sie uns wenigstens so weit entgegenkommen werden. Nun haben die Herren Hufnagel und Irl von den Konservativen und dem Zentrum noch im letzten Augenblick einen Antrag eingebracht, der eS fertig bringt, sogar die unter dem Maß des Allcrnotmcndigsten zurückbleibende Regierungsvorlage noch weiter verschlechtern zu wolle».(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Christlich I Pfuirufe. Präsident Graf Schwerin-Löwitz rügt die Pfuirufe.) Einen solchen Antrag hätte niemand von uns für möglich gehalten.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokr.) Die Herren kommen mit diesem Antrag, die Hilfeleistung an Wöchnerinnen in der Landwirtschast in das Ermessen der Kasse zu stellen deshalb, weil sie hoffen, es möchte viele Kassen geben, die diesen Wöchnerinnen auch diese�geringste Hilfe versagen. Wir haben über diesen Antrag namentliche Abstimmung beantragt, weil wir doch vor dem deutschen Volke auszählen wollery wer den Mut hat, solche Verschlechterungen gerade in diesem Falle zu beantragen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wen» die Herren etwa der Meinung sein sollten, daß die große Säuglingssterblichkeit nur eine städtische Erscheinung sei, so verweise ich Sie aus die Statistik. die beweist, daß in den letzten Jahren die Säugkingssterblichkeit auf dem Lande sogar eine höhere gewesen ist als in den Städte».(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Namentliche Abstimmung be- antragenffwir auch über den Teil unseres Antrags, wonach die Gewährung von Hebammen und sonst nötiger ärztlicher Hilfe bei der Niederlunst von den Kassen als Pflichtleistung festgelegt werden soll. Wenn das nicht geschieht, wird man in Tausenden von Fällen aus finanziellen Bedenken die ärztliche Hilfe nicht zuziehen.(Sehr wahr! bei den Soz.) Wenn Sie bedenken, daß noch über 6000 Mütter in Deutschland Jahr für Jahr ihr Leben lasse» müssen im Wochenbett, daß eine Armee von Müttern sich im Wochenbett verblutet, dann werden Sie zugeben, daß eS notwendig ist, das LebenSrettungS» Werl als staatlich garantiertes Werk im Gesetz festzulegen.(Sehr gut! bei den Soz.) Besonders wichtig ist auch die obligatorische Gewährung von Stillgeld. Ein gleichwertiger Ersatz für die Muttermilch ist bis heute noch nicht ge- fiinden und die Statistik beweist, daß die Kinder, die nicht die na» türliche Nahrung der Muttermilch erhalten, sehr viel mehr Eni- wickelungsstörungen, Krankheiten oder) dem Tode ausgesetzt sind. Die Entziehung der natürlichen Nahrung wirkt nach bis in das Alter der Hecrespflichtigkeit. Nach der Statistik waren 39 Proz. militärtauglich, die drei Monate gestillt waren, 42 Proz., die drei bis sechs Monate gestillt waren, und 4S Proz. von denen, die sechs bis neun Monate gestillt waren. Ich empfehle Ihnen die Broschüre von Professor Mayet zur Lektüre, die eine Fülle von Tatsachenmaterial bietet. Die Herren Irl und Hufnagel sind ja aus Bayern. Gerade für dort hat Professor Mayet auch Untersuchungen angestellt und hat festgestellt, daß in Baqevu SänglingSstcrblichkeiteu in verschiedenen Gegenden VI» 30 bis 49 Proz. vorkommen. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Mayet hat auch die Gründe der großen Unterschiede in der Säuglingssterblichkeit unter- sucht und hat festgestellt, daß sie um so geringer war, je länger die Kinder gestillt waren. Würde die Fähigkeit der Mütter, ihre Kinder zu stillen, so rapide abgenommen haben, lvie das Stillen abgenommen hat, so wäre dies ein Zeichen schlimmen Verfalls.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Aber so liegt eS nicht.(Zuruf im Zentrum: Die Mütter wollen nicht stillen.) Wenn für ausreichende Ernährung der Mütter gesorgt wird, werden sie stillen können. Ein Kollege rief mir zu, die Mütter wollen nicht stillen. Warum nicht?(Zuruf im Zentrum: Aus Eitelkeit!) Es gibt auch solche Mütter, die, um sich eine jugendliche Büste zu erhalten, ihrem Kinde das Not- wendigste versagen, worauf es Anspruch hat. Aber diese Mütter finden Sie nicht in den arbeitenden Kreisen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Solchen Müttern gegenüber wäre ein Gesetz angebracht, wie da? französische, welches jeder Mutter das Stillen eines fremden Kindes verbietet, solange ihr eigenes bis zum 7. Monat die Muttermilch noch braucht. Die arbeitenden Mütter wollen nicht stillen, nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie sobald als möglich zur: Arbeit müsse» und weil bei der mangelhaften Ernährung ihr- Körper versagt. Sorgen Sie dafür, datz die Mütter ökonomisch in der Lage sind, ihre Kinder zu stillen, dann können Sie auch eine Stillpflicht aussprechen, die eine Pflicht der Mutter gegen sich und gegen ihr Kind ist, und auch eine Pflicht der Mutter gegen die Ge- sellschaft.(Lebh. Sehr richtig! b. d. Soz.) Niemand hier im Hause wird die Richtigkeit dieser Sätze bestreiten. Warum stimmen Sie trotzdem gegen unsere Anträge? Wegen derKo st en. Man sagt, unsere Volkswirtschaft kann diese Kosten nicht tragen.(Sehr richtig! im Zentrum.) Werden denn heute diese Kosten nicht getragen? Aber heute werden sie den Aermsten und Schwächsten auf- erlegt.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten I) Ucbrigens psrziilst sich keine Kapilalsanlage so gut, als eine Ausgabe zum Schutz der Mutter und Kinder. Ein Arzt berechnet, daß wir an Arztkosten, Arzneikosten, Beerdigungskosten 199 Millionen Mark in Säuglingsgräbern verausgaben. Dabei ist noch gar nicht in Betracht gezogen die Beeinflussung der Arbeitskraft der Mütter. Würden wir die Säuglingssterblichkeit auf das Niveau der dänischen herabdriicken, so würden wir vb'/a Millionen Mark sparen, und würde eS uns gelingen, sie bis auf das Niveau der norwegischen Säuglingssterblichkeit herabzudrücken, so würde die Ersparnis noch größer werden. Zu den Kosten kommen die Schulden, die sich in Geld nicht ausdrücken lassen. Nicht nur Sozialdemokraten stellen solche Betrachtungen an. Der Statistiker v. Mahr sagt bei Besprechung dieses Gesetzes. 209 900 Säuglings- todcsfälle könnten wir jährlich bei genügender Regelung der Sache in diesem Gesetz veriueiden. In Hunderttausenden von Fällen könnten wir Freude statt Leid hervorrufen, und dazu«vollen Sie uns Ihre Mithilfe verweigern.(Hört, hört! bei den Soz.) Und das Unglaublichste ist, daß die Regierung erklärt, daß, wenn der Reichstag unsere Forderung annimmt, daß auch nur die Hebammen- Hilfe obligatorisch gewährt wird, für sie dann daS ganze Gesetz unannehmbar ist.(Lebhaftes Hört l hört I und Pfui I bei den Sozial- demokaten.) Präsident Graf Schwerin bittet, die Pfuirufe zu unterlassen. Abg. David(foryahrend): DaS hat der S t a a t s s e k r e t ä r in der Kommission gesagt. lHörtl hört! bei den Sozialdemokraben.) Wenn die Regierung einen Punkt für ein Unannehmbar aussuchen wollte, so hätte dies der allerletzte Punkt sein sollen. Dah sie das fertig gebracht hat, daß sie die Forderung nach StaatZhilfe bei der um das Leben ihres Kindes ringenden Frau benutzt, um zu sasen, wenn sie bewilligt wird, lassen wir das ganze Gesetz icheitern, das hat mit grellem Schlaglicht be- leuchtet, wie tief die sozialpolitische Einsicht und Empfindung an weiten Stellen de» Deutschen Reiches ist.(«ehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Es gibt ein solches Unannehmbar bei der Ge- schichte des Bürgerlichen Gesetzbuches, bei der Beratung des Hasen- schadenersatzes. Dies Dokument der Schande, daS die konservative Partei sich gesetzt hat, wird nicht untergehen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Hier ist ein neues Dokument der Schande. Das wird dem Volke ein Fingerzeig sein, was eS von all den schönen Worten über das gute Herz zu erwarten hat. Man sagt, man mutz unffere Forderungen ablehne» wegen der Kostenfrage. Dabei tragen zum grötzten Teil doch die Versilberten die Kosten, die Kapitalisten nur zum kleinen Teil, und doch ist ihr Einfluß auf die matzgebenden Stellen so groh, datz die Regierung hier ihr„Unannehmbar" aufpflanzt. Man sagt, der Widerstand steckt in der p r e u tz i s ch e n Regierung. Datz die Reichsregierung sich der preutzischen Regierung gebeugt hat, ist bezeichnend für unsere politischen Zustände. Ich will Sie an ein Wort erinnern, das auf der internationalen Arbeiterschutzkonferenz im Jahre 1890 der Kaiser zu Jules Simon sagte, nämlich,„das Arbeitsverbot der Wöchnerinnen steht im engsten Zusammenhange mit der Regeneration der Rasse und für eine solche Sache spielt das Geld keine Rolle". Zwei Jahrzehnte später Pflanzt die Regierung ihr Unannehmbar auf, weil die Sache zu viel kostet. (Hortl hört! b. d. Soz.) Wer regiert also das Reich? Der Kaiser und der Reichstag oder die Kapitalisten, die die matzgebenden Stellen so beeinflussen, datz auch in dieser Frage das Geld eine Rolle spielt. Wenn eure Frage eine nationale genannt zu werden verdient, so diese.(Lebhaftes Sehr richtig! b. d. Soz.) Diese Frage sollte ganz aus dem Streit der Parteien ausscheiden, bei dieser Frage sollten alle Parteien einig sein. Und doch sehen wir eine Mehrheit sich zum Widerstand einigen, und diese Mehr- heit hat die Regierung zu ihrem Nein veranlatzt, um dann bor dem Lande sagen zu können, wir wollten wohl, aber wir konnten doch an dem Nein der Regierung das ganze Gesetz nicht scheitern lassen. Diesen Deckmantel reitze ich Ihnen weg. Niemand aus dem Volke wird glauben, datz die Negierung den moralischen Mut hat, an dieser Frage daS Gesetz scheitern zu lassen, und auch Sie selbst glauben das nicht.(Lebhaste Zussimmung bei den Sozialdemokraten.) Die RegierunK wird ihr Unannehmbar nicht aufrechterhalten, wenn Sie sich unserem Antrag anschließen. Wir fordern Sie auf, hier einmal ein wirklich nationales Werk mit uns ge« meinsam zu vollbringen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemo- kraten. Zischen rechts, erneutes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Irl(Z.): Dem Herrn Vorredner möchte ich bemerken, datz auf dem Lande sehr viel Kinder sterben, die nicht auf dem Lande geboren werden. Ich weiß nicht, ob die Statistik das berücksichtigt. Auch gibt es ja ländliche Gegenden, wo gar nicht so viel Säuglinge geboren, also anch nicht so viel sterben können.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Die Stasistik gibt doch die prozentualen Zahlen!) Im übrigen kann man auf alle Behauptungen des Herrn Vorredners nicht eingehen, wir würden sonst mit der Reichsversicherungsordnung nicht fertig werden(Aha! bei den Sozialdemokraten) und dann könnten überhaupt keine Mehrleistungen gewährt werden. Wir gönnen gewiß den Wöchnerinnen jeden Schutz, aber wir dürfen nicht vergessen, datz es sich hier um eine Krankenversicherung handelt. Man darf auch nicht vergessen, datz Väter und Mütter die sittliche Pflicht haben, in er st er Linie für ihre Kinder selbst z u sorgen. Bei allem sozialen Empfinden mutz man sich doch fragen: was kostet es? Leider fehlt es uns an einer Auf- stellung darüber, wie viel Millionen wohl der„bescheidene" Antrag der Sozialdemokraten kosten würde. Aus dem Lande liegen die Verhältnisse jedenfalls ganz anders als in den Städten, daher bitte ich Sie, unserem Antrage zuzustimmen.(Bravo I im Zentrum und rechts.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Diens- tag 1 Uhr. Schluß 6s/4 Uhr._ Gerichts- Zeitung« Polizei und Gerichte gegen eine Kartoffel- und Heringspartie. An einem Oktobersonntag im vorigen Jahre fanden sich an der Ecke der Gneisenau- und Bellealliancestratze 49— 50 junge Männer ein, die sich zu einer sogenannten Kartoffel- und HcringSpartie nach Kiekemal verabredet hatten. Einer der Teilnehmer, der Maler Louis Levin, hatte zur Verherrlichung der Partie und zur Freuds aller Beteiligten ein Schild von Pappe angefertigt. Darauf stan- den die Worte:„Etsch, wir machen eine Landpartie!" Am Rande des Schildes, das an einem Schrubber befestigt war, baumelten einige Salzheringe und eine Anzahl Kartoffeln. Dies Pannier, um das sich die zum Ulk aufgelegten Ausflügler scharten, trug der Arbeitsbursche Felix Äevin. Die lustige Gesellschaft machte sich auf den Weg nach dem Schlesischen Bahnhofe, von wo die Fahrt angetreten werden sollte. Bis zum Kaiser-Friedrichplatz an der Hasenheide kamen die jungen Leute unbehelligt. Da aber machten drei Schutzlieute dem Scherz ein Ende und traten mit dem ganzen Ernst, der den Repräsentanten der Staatsgewalt ziemt, gegen die Kartoffel- und Heringspartie auf. Der zuständigen Polizeiwache war nämlich telephonisch mitgeteilt, datz„ein Zug" nahe. Die Schutzleute trieben also den„Zug", das heißt die ungeordnete Gruppe der nach Kiekemal strebenden Leute auseinander. Der Träger des Kartoffel- und Heringsplakates wurde sistiert. Die weitere Folge dieses polizeilichen Einschreitens war eine Anklage gegen Felix und Louis Levin. Dieser soll durch das Anfertigen, jener durch das Tragen des Pappschildes mit den baumelnden Heringen groben Unfug verübt haben. Auch eine Uebertretung des Vereinsgesetzes wird beiden zur Last gelegt. Sie sollen näm- lich ohne polizeiliche Genehmigung einen öffentlichen Aufzug ver- anstaltet und geleitet haben. Das Schöffengericht Berlin-Tempelhof hat in richtiger Er- kenntnis der Situation die ganze Sache als einen harmlosen Ulk aufgefaßt und die Angeklagten freigesprochen. Doch damit war die gewiß recht bedeutungslose Sache noch nicht erledigt. Die Staats- anwaltschaft nahm den Kartoffel- und Heringsscherz so bitter ernst, daß sie Berufung einlegte. Zwar auf den groben Unfug versteifte sich die Staatsanwaltschaft nicht, wohl aber wollte sie, daß die Brüder Levin wegen Veranstaltung eines öffentlichen Aufzuges straft werden. In der Berufungsverhandlung, die gestern vor dem Land- gcricht II stattfand, gab dar Staatsanwalt zwar zu, daß es sich um eine Bagatelle handele, aber er erklärte es für zweifellos, daß ein öffentlicher Aufzug vorliege, den die Angeklagten, der eine durch die Anfertigung, der andere durch das Tragen des Pappschildes geleitet hätten. Der Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld, erwiderte. es sei wirklich zu bedauern, daß mit so einer Bagatelle, die nie- mandcn beunruhigt, niemanden belästigt, sondern nur das Publi- kum belustigt habe, die Gerichte beschäftigt werden. Weiter wies der Verteidiger nach, daß es dem Reichsvereinsgesetz Gewalt antun hieße, wenn man den Gang einer Gruppe von Ausflüglern nach dem Bahnhofe als einen genehmigungspflichtigen öffentlichen Auf- zug ansehen wollte. Der Verteidiger beantragte nicht nur die Be- stätigung des freisprechenden Urteils, sondern auch die Erstattung der Vcrteidigungskosten durch die Staatskasse. Eine Viertelstunde beriet das Gericht— fünf gelehrte Richter!— die Frage, ob die Teilnehmer einer Kartoffel- und Herings- Partie nach Kiekemal das Reichsvereinsgesetz verletzt haben, indem sie es unterliehen, für ihren Gang nach dem Bahnhofe die Ge, nehmigung des Polizeipräsidenten einzuholen. Die fünf gelehrten Richter haben diese, wie es scheint, schwierige und für den Bestand der preußischen Ordnung äußerst wichtige Frage noch nicht gelöst. Deshalb wurde die Verkündung des Urteils auf nächsten Montag vertagt. Noch ein Spiclerklub. Die bekannte Duplizität der Ereignisse zeigte sich auch wieder in der Tatsache, daß während des Spielerprozesses Matiske vor der Strafkammer des Landgerichts III ein Termin in einer Straf- fache anstand, bei welcher es sich auch um einen Spielklub handelte. Angeklagt waren der Kaufmann Otto Fischer in Wilmersdorf und dessen Ehefrau, welche des gemeinschaftlichen Betruges in mehreren Fällen beschuldigt waren. Auf Fischers Anregung wurde im Herbst 1999 ein Spielklub gegründet, der in dem Hause des Angeklagten in der Spichernstraße 8/9 seine Klubräume zu unentgeltlicher Be- Nutzung erhalten sollte. Dafür sollte Fischer 75 Proz. der Mit- gliederbeiträge, die für jedes Mitglied 199 M. jährlich betrugen. und 75 Proz. der Spielgelder sowie die Oekonomie erhalten. Beide Angeklagten sollen nun mehrere Firmen böse hineingelegt haben. insbesondere sollen sie mehrere Personen um hohe Summen be- trogen haben, indem sie ihnen durch Hinweis auf die kostbaren Klubmöbel, die einen Wert von 19 999 M. repräsentierten, aber von ihnen auf Kredit entnommen waren, Sand in die Augen streuten. Ein Oekonom, den er gegen eine Kaution von 5999 M. engagierte, ist fast um dieses ganze Geld gekommen. Eine Firma ist um 4999 M. oder wenigstens um einen Teil dieser Summe ge- schädigt, eine Charlottenburger Dame hat einen Verlust von 7999 Mark zu beklagen; sie hatte diese Summe als Darlehen gegen Zession von Mieten gegeben, doch waren letztere schon anderweitig verwertet. In gleicher Weise haben sich die Angeklagten Darlehen von 7599 M., 5999 M., nochmals 5999 M. zu verschaffen gewußt.— In einem früheren Termin, bei dem es zur Vertagung kam, beschloß das Gericht, den Angeklagten gegen Kaution aus der Haft zu ent- lassen. Der jetzt angesetzt gewesene neue Termin verfiel wiederum der Vertagung, da einige unentbehrliche Zeugen.fehlten. UKeater. Dienstag, den 9. Mai." Anfang 7'/, Uhr. Königl. Opernhaus. Die Zauber« flöte. Königl. Schauspielhans. Wilhelm Till. Deutsches. Judith. Anfang 8 Uhr. Kammerspiele. Simson und Delila. Komische Oper. Die Bohsme. Neues königl. Opern-Theater. Geschlossen. Nenes SMaui'PielhauS. Wienerinnen. Lessing. Glaube und Heimat. Kleines. Der Lcibgardist. Berliner. Bummelstudente». Westen. Die lusbgen Nibelungen. Neues. Mein erlauchter Ahnherr. LustspielhauS. Der Negistrator aus Reisen. Trianon. DaS Prinzchen. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller«».««nüner. Dheater.) Nathan der Weise. SchtUe,-Eharlottenburg. Liebelei. Literatur. Friedrich- WilhelmstädtischeS. Kasernenluft. Herrnfcld. ScheidunzS-Souper. Die Original-KIabriaspartie. Neues Operetten. Der Gras von Luxemburg. Bolksoper. Der Wildschütz. Luisen. Ohne Mutter. Modernes. Großstadtluft.(Ansang 8'/. Uhr.) Rose. Aus nach New Jork. Folicö Caprice. Wertheim wird platzen! AI. Klasse.(Ansang Lediller-Ideslero.�11™ ■ Thealer. Dienstag, abends 8 Uhr: Dtatlrnn der Welse. Mittwoch, abends 8 Uhr: Der grofie Käme. Donnerstag, abends 8 Uhr: Im Klnbsesscl, S'l, Uhr.) »l. sich! Metropol. Hoheit amüsiert Kasino. Zwei Wappen. Boigt. Geschlossen. Apollo. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. Roack. Geschlossen. Reichshaileu. Stettiner Sänger. Wiutergartr». Spezialitäten. Walhalla. Prinz und Bettlerin. (Anfang 8V3 Uhr.) Urania. Taubenstraste 48/49. Abends 8 Uhr: Lebende Tierbilder von nah und sern. Sternwarte, Jnoalidenstr. 57—«2. Kaiser-Panorama. Wanderung durch den Harz. Hochgebirge in der Schweiz. Intimes. Die neue Geliebte. Pan und Daphnis.(Ansang 8�/, Uhr.) Karl Haverland. Spezialitäten. Wcdding. Lichtspiele. Schiller-Theater"ST' Dienstag, abends 8 Uhr: Liebelei. Hieraus: Literatur. Mittwoch, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: König Heinrich. Donnerstag, abends 8 Uhr: Liebelei. Hieraus: Literatur. Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Die lustigen Nibelungen. Sonntag 3lU Uhr: Der fidele Bauer. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Dienstag, den 9. Mai, 8 Uhr: Rasernenluft. Mittwoch: Die Jungfrau von Orleans. t-uisen-Tkeater. Täglich 8 Uhr: Ohne Mutter. Preisgekröntes SensationS-Schauspiel in 5 Akten von Benjamin Depaire. Sonntag, den 14. Mai, nachm. 3 Uhr: _ Aus erster Ehe. i.us'tsplviksus. Abends 8 Uhr: fleMaw»iifMni. 0SE=THEATE Große gianfsuLlci Str. 132. Abends 8 Uhr: JJluf mi) New Ijoth.jJ Voltsftück mit Gesang und Tanz in 5 Akten von Philipp und Richard. Morg.u. folg. Tage: Auf nach New g ork. Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Bninmelstndcnten. Morgen: Biimmelftudenten. Neues Theater. Täglich: Ansang 8 Uhr. Theater Original-Klabriaspartie. Ein VerlobungS-Geschäft. Das Scheidungs-Souper. Ans. 8 Uhr. Vorverkauf U— 2 Uhr. Polles Caprice. Täglich 8'/. Uhr: Wer tlieim wird platzen! iV Banter Solo-Teil."Mg III. Klasse. „CLOU BERLINER KONZERTHAES Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90-91 Täglich! nachmittag* und abends Große Konzerte ausgeführt von Garde-Regiments-Kapellen bei freiem Eintritt. VerzDgliche Küche. Spezlalaussehank von MOnehener Mathöser Bräu. Neue Welt. Große Spezialitäten-Vorstellung Auftreten der spanisch. Nationaltänzerin Sennorita Dolina and der indischen Schönheit Miß Laladea. Im Kinema ausgewähltes Programm. Täglich 4 Uhr nachmittags 49Q Oroßes Promenaden-Konzert. Wasserrutschbahn— Liebesmülile— Lachkabinett. Heute Eintrittspreis IQ Pf._ Urania. Wissenschaftliches Theater. Tanbenstraße 48/49. Abonds 8 Uhr: Lebende Tierbilder von nah und lern. 81/« Uhr: DaS neue Programm der Attraktionen. 9-/. Uhr: Berlins Sensation: Olm ein Äleib. Großes amerikanisches AuSstattungS- Sensationsstück in acht Bildern. y Nie gesehene Effekte. Jßetropol- Theater. Hoheit amliert sich! Operette in 3 Alten von I. Freund. Mufik von Rudols Nelson. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. keieh8dAlleii'llieAlLi'. Mm Sänger. Britton als Mieze im Bmek Biene* Programm! Li TORTAJADi. The surf Bathers eine Idylle am Meeresgestade. De Dio in ihren neuesten Schöpfungen von Phantasietänzon und der von Publikum und Presse glänzend beurteilte MaisSpielplan. — Rauchen gestattet.—» (I Alt-Hoablt 47/48. Donnerstag, den 11. Mai 1911: Die Am-Ue. Ans. 8'/« Uhr. Kassenerüssn. 7 Uhr. Nach der Vorstellung: Tanz.= Stacks Theater. Direktion: Robert Dill. Berlin N., Brumienstratze 16. Heute geschlossen! Nächste Vorftcllnilg: Sonnabend, den 13. Mai 1911. oeizcue« GARTEN Täglich ab 4 Uhr: GfoSes Militär-Konzert. Eintritt 1 ülark, von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren die Halste. Jahrcs-AbonnementS an allen drei Schalterkassen. Zensstionelle �ttrsktionen! Ben Ali Bey Klassische Zauberkunst des Orients. Tanagra-Theater. □ Laciiliaus u. a. Translatenr- und Militär-Konzerte. Eintrittspreis 50 Pfg. Königstadt-Kasmo. Holzmarltstr. 72. Sensationeller Erfolg: Mslw als Her. The 3 Luissets. Otto Bayer. Ouelt Hengrich. Anite Raversa usw. Ansang-/,8 Uhr. Sonntags»/s6 Uhr. m T,p'a,,on-Tlienter. Gastspiel des Neuen Schauspielhauses. Taglich abends 8 Uhr: ,. Da* Prinzchen. LiebiSlchwanI in 3 Akten v. 91. Misch. Casino-Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Letzter eptclmonat vor den Ferien. Gaslsp. d. berühmt. Tscherkessentruppe: Lebe» und Treibe» im Kaukasus. Dazu d. gr. Lachersolg in dieser Saison „�wei Wappen". Sonntag 3'/, Uhr:„Marianne-. Zirkow Busch Heute abend 8 Uhr: OrblJer Gala- Abend! General Zacharcc Ermakov, der Meister tartarischer Kriegs- Waffen(Lanze, Bajonett, Gewehr. Säbel, Aexte). Der urkomische Jansly-Jansen mit seinen dres- sierten Tieren. Herr Burkhardt- Foottit, Schulreiter. Herr Ernst Schumann, Original-Dress., usw. Um zirka 9'/, Uhr zum 12. Male: Die neue grosse Frühjahrs- Pantomime Ein Jagdfest am Hofe König Ludwig XIV. Vorher das grotze Galaprogramm. V olgt-Theater Gesundbrunnen, Badstratze 58. Dienstag, den 9. Mai 1911: Gastspiel in PuhlmannS Theater» Schönhauser Allee 148. Dns Glück im Winkel. Sä ausp. in 3 Alt. v. H. Sudermann. nffeneiöffming 7, Ansang 8 Uhr. Geöffnet ununterbrochen von 10 Uhr vormittags. Zahlreiche Kunstlauf- Produktionen. Allab endlich: { Das feenhaft ausgest. Eisballett 1 Bontreal iDieStadt auf Schlittschuhen! Bis 7 Uhr und von 103/4 Uhr abends: halbe Kassenpreise. Unterricht im Schlittschuh- und Kunstlaufen wird erteilt. Nißles Fest-Säle Dennewitzstraße 13. Jeden iüonntag: Canzkränzchen. 1607b_ C. KiBle. Berliner [ilk-Trio lalmstr.74.i.i- aixdorf-Berlin. M» lalinstr.74.i- gur den Inhalt der Juierare itbctmmmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Kcrantwortung. Vergntsvo-tli�cr Repgktxisr� Als�rt WeKF, Berlin. Für den Lnferatenteli veranttv.) TH.Glockc. Berlin. Drijckll..Pxrlgg: Bsrsgrtz BllKdrMrri u. BerlggSanitakt Kaul Singer a. Es.. Berlin SÄ. Kr. 107. 28. Jahrgang. 2. KeilW des Joraiiitts" Krlim JulteMntt. Sitnsfuj, 9. Ulli 1911. 13. EcuililrrilWilliuiig der Maler Deutschlaads. München, S. Mcii ISII. Der Zentnalverband der Maler, Lackierer, Anstreicher, Tünchcr und Weitzbinder Deutschlands hält in der Woche vom 8.— 13. Mai in der hiesigen Schwabinger Brauerei seine 13. ordentliche General- Versammlung ab. Im vorigen Jahre hatte der Verband eine außerordentliche Tagung, die sich durch die Tarifbewegung nötig machte. Der diesjährigen Generalversammlung ist die Aufgabe gestellt, einen inneren Ausbau der Organisation vorzunehmen; und sie dürfte eine der bedeutungsvollsten Tagungen des Verbandes werden. Die Tagesordnung umsaht neben den Rechenschaftsberichten n. a. diese Punkte: Einführung der Erwerbslosenunterftützung; Durchführung des Reichstarifvertrages und die Lohnbewegungen; Statutenberatung; die gesetzlichen Vorschriften und die Gefahren der Bleivergiftung; Internationale Beziehungen im Malergewerbe. Im Mittelpunkte der Verhandlungen dürfte die Frage der eventuellen Einführung der Erwerbslosenunter st ützung stehen. Dieser Punkt wurde in den Mitgliederkreisen besonders eifrig diskutiert. Der Verband besaht sich ja nicht zum erstenmale mit dieser Frage. Schon im Jahre 1903 fand eine Urabstimmung über die Einfuhrung der Erwerbslosenunterstützung statt, wobei diese mit 7344 gegen 7995 Stimmen verworfen wurde. Im Jahre 1906 war die Strömung gegen diese Unterstützung in der vorge- schlagenen Form noch größer, da stimmten 15 640 Mitglieder gegen und nur 4739 für die Einführung. 1909 war die Stim- mung umgeschlagen: die Generalversammlung zu Köln führte die fakultative Erwerbslosenunterstützung ein(d. h. die Ar- b e i t s l o s e n untcrstützlung, die Krankenuntcrstützung hat der Verband schon seit 11 Jahren), und bearftragte den Vorstand, der nächsten Generalversammlung eine Vorlage über die Einführung der obligatorischen Erwerbslosenunterftützung zu unterbreiten. Diesem Auftrag kam nun der Vorstand nach. Er unterbreitet der Generalversammlung eine Vorlage. Nach dieser kann Mitgliedern, die zwei Jahre dem Verbände angehören und 104 Wochenbeiträge bezahlt haben, wenn sie arbeitslos oder krank werden, nach einer Karenzzeit von 6 Wochentagen während der Dauer der Erwerbs- losigkeit eine Unterstützung in folgender Höhe bezahlt werden: Nach zweijähriger Mitgliedschaft und Bezahlung von 104 Wochen- beiträgen für 18 Tage a 1,50 M., bis zur Höhe von 27 M. Dieser Satz ist als unterste Staffel gedacht. Ueber eine höhere Staffelung soll die übernächste Generalversammlung bcschliehen. Bis dahin sollen Mitglieder, die länger als fünf Jahre der Organisation an- gehören und die Erwerbslosenunterftützung von 27 M. bereits be- zogen haben, noch eine Unterstützung von 75 Pf. bis zu 1 M. pro Tag auf die Dauer von 9 bis 43 Tagen erhalten. Zur Deckung der Ausgaben für diese Unterstützung schlägt Ixr Vorstand, der mit einer Erwerbslosigkeit von 75 Proz. rechnet, einen erhöhten Wochenbeitrag um durchschnittlich 2 5 P f. vor, die voll an die Hauptkasse abzu- führen sind. Gegen diese Vorschläge hat sich in den Mitglieder» kreisen teilweise eine starke Opposition erhoben. Ein Teil der Opponenten ist prinzipieller Gegner der Erwerbslosenunterstützung, der andere größere Teil ist nur gegen die Unterstützung in der vor- geschlagenen Form. Unter den Anträgen zur Generalversamm- lung befinden sich demgemäß auch eine Reihe Abänderungsvor- schlüge. Zahlreiche Mitgliedschaften verlangen überdies eine Ur- abstimmung über diese Frage. Von den ionst noch vorliegenden Anträgen ist ein Antrag Straßburg vorzuheben, der den Vorstand beauftragt haben will, bei dem Reichstarifabschluß im Jahre 1913 auf die Verkürzung der Arbeitszeit von mindestens einer halben Stunde täglich hinzuwirken. Ein Antrag Mainz verlangt, daß. wie bei anderen Organisationen, dem Vorstand ein Beirat beigegeben wird, der aus dem Vorsitzenden des Ausschusses und den Bezirks- leitern gebildet werden soll. Elf Zahlstellen beantragen die Ver- schmelzung mit anderen Verbanden. Und zwar wünschen die Mitgliedschaften Breslau, Dresden, Düsseldorf, Heidelberg, Stettin, Stratzburg und Wilhelmshaven die Verschmelzung mit dem Bau- arbeiterverband. Eine Zahlstelle beantragt, zunächst eine Verschmelzung mit dem Tapezierer- und Glascrvcrband in die Wege zu leiten. Der t* Geschäftsbericht-JT des Vorstandes umfaßt die Jahre 1909 und 1910, die beide in wirtschaftlicher Beziehung nicht günstig für dos Malergewerbe waren. Dem Verkmde gelang es trotzdem, für seine Mitglieder ganz erhebliche Borteile zu erringen. Das Jahr 1909 war ja ver- hältnismäßig schwach an Lohnbewegungen. Das Jahr 1910 war aber wie für das Baugewerbe auch für die Maler ein Kampftahr in ganz besonderem Maße; brachte es doch die große Tarifbcwcgung mit dem Abschluß eines Tarifes, der sich über ganz Deutschland erstreckt. Durch diese Tarifbcwcgung wurden die Lohn- und Ar- beitsverhältnisse von rund 58 000 Personen tariflich geregelt. Mit dem Ergebnis dieser Tarifbewegung, das durch längere VerHand- lungen und Schiedssprüche der Unparteiischen festgelegt wurde, waren die Mitglieder des Verbandes in einigen Zählstellen, be- sonders in Hamburg und Bremen, völlig unzufrieden. Da auch die Beteiligung an der allgemeinen Abstimmung über die Schieds- sprüche sehr gering war, hielt der Vorstand es für geraten, eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen. Diese hat durch ihre Beschlüsse die getroffenen Maßnahmen unterstützt und gegen einige Stimmen die eingeschlagene Taktik des Vorstandes gutgeheißen. Trotz dieser Beschlüsse der höchsten Instanz stellte sich ein Teil der opponierenden Mitglieder außerhalb der Organi- sation, und in Hamburg wurde eine Sonder organisation ge- gründet. Durch Vermittelung der dortigen Parteiorganisation gelang es aber, eine Einigung zwischen dem Verband und der Sonderorganisation zu erzielen. Die dabei getroffenen Ab- machungen bedürfen noch der Bestätigung der Generalversammlung. Mit dem Ergebnis der Tarifbewegung 1910 ist ja auch der Vorstand nicht ganz zufrieden. Er sagt aber in dem Geschäfts- bericht, daß dos Errungene die Grenze dessen sei, was bei fried- lichen Verhandlungen überhaupt erreicht werden konnte. Es sei fraglich, ob bei einem Kampfe mehr erzielt worden wäre. � JnS- gesamt wurden 1910 376 Lohnbewegungen geführt, die sich auf 555 Orte mit 17 406 Betrieben und 61 086 Beschäfigten erstrecken. 309 Bewegungen mit 58 415 Beteiligten wurden ohne Arbeitsein- ftellung zum Abschluß gebracht, die übrigen fanden ihre Erledigung durch Streiks und Aussperrungen. Von den Bewegungen endeten mit vollem Erfolg 56 mit 1945 Personen, mit teilweisem Erfolg 311 mit 58 585 und ohne Erfolg nur 7 mit 61 Beteiligten. Er- zielt wurde durch diese Lohnbewegungen: eine Arbeitszeit- Verkürzung für 24 049 Personen um wöchentlich 25 177>4 Stunden, und eine Lohnerhöhung für 59 772 Beteiligte um wöchentlich 94 698 M. Außerdem wurden noch sonstige verschiedene Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse errungen. Die Gesamt- kosten der Lohnbewegungen, Streiks und Aussperrungen betrugen «0 225.26 M..., Im Jahre 1909 wurden nur msgesamt 68 Lohnbewegungen mit 2615 Beschäftigten geführt. 29 Bewegungen mit 1930 Be- tciligten wurden ohne Arbeitseinstellung und 22 mit 650 Personen durch Streiks und Aussperrungen zum Abschluß gebracht. Von den Bewegungen endeten mit vollem Erfolg 8 mit 190 Beteiligten, mit teilweisem Erfolg 36 mit 2170 und ohne Erfolg 7 mit 124 Per- sonen. Erreicht wurde durch diese Kämpfe«ine ArbeitSzeitver- kürzung für 387 Arbeiter um wöchentlich 2035 Stunden und eine Lohnerhöhung für 1861 Beteiligte um 1974,93 M. wöchentlich. Die Gcsamtkosten für dies- Bewegungen bcliefen sich auf 16 553.05 M. Die Mitglied erbewegüng zeigt trotz der wenig gün- st, gen Geschäftslage einen erfreulichen Aufschwung. Bei Beginn der Geschäftsperiode zählte der Verband 36 319 Mitglieder. Das Jahr 1909 brachte ein« Zunahme um 2414 und das Jahr 1910 eine weitere Gteigerimg u» 3149; die Mitglied- rzahl stieg bis Ende 1910 auf ,41 882. Die durchschnittliche Mitgliederzahl für 1910 betrug 42 692— die höchste Zahl zeigt das 3. Quartal mit 44 158—, das sind 51,76 Proz. der Organisationsfähigen. Daß die Agitation eine sehr rege war, beweisen die zahlreichen Aufnahmen: 1909 18197 und 1910 20 534. Der Verband hat aber unter einer sehr starken Fluktuation zu leiden, ein hoher Prozentsatz der Aufge- nommenen hat dem Verband schon wieder den Rücken gekehrt. Eine vom Verband im September 1910 veranstaltete Erhebung über die Mitgliedschaftsdauer der Kollegen ergab fol- gendes lehrreiches Ergebnis: 13 546 Mitglieder gehören dem Ver- bände bis zu einem Jahre an, 21 219 Wer 1 bis zu 5 Jahren, 7650 über 5 bis zu 10 Jahren, 1631 über 10 bis zu 15 Jahren und 325 Mitglieder über 15 Jahre. Also nur 4,5 Proz. sämtlicher Mit- glieder sind länger als 10 Jahre Mitglied des Verbandes. Nach dem Kassenbericht belaufen sich die Einnahmen für beide Jahre auf 1 986 806,82 M. und die Ausgaben auf 1 532 149,78 M. An Beitragsmarken wurden 1909 862 111,45 M. und 19l0 946 918,80 M. vereinnahmt. Von den Ausgaben sind hervorzuheben: Für Agitation und Konferenzen 1909 37 648,50 M. Und 1910 43 483,42 M.; Krankenunterstützung 1909 107 983,60 M. und 1910 112 394,25 M.; Streikunterstützung 1909 16 379,15 M. und 1910 93 377,45 M. hierunter sind 50 000 M. für die ausge- sperrten Bauarbeiter); Reiseunterstützung 1909 10172,73 M. und 1910 9216,67 M.; Arbeitslosenunterstützung(fakultativ) nur 1910 64 115,40 M.; für das Verbandsorgan, dem„Vereinsanzeiger". wurden 1909 43 759,38 M. und 1910 47 435,57 M. ausgegeben. Das Gesamtvermögen des Verbandes betrug am Schlüsse der Geschäftsperiode 1 329 431,75 M. gegen 1 097 866,52 M. Ende 1909. Die Abrechnung zeigt, daß die Kasseuverhältnisse des Ver- bandes ganz günstige sind._ Die 12. Generalversammlung des Ientralverbandes der SchiffsMmerer IeuMlands wurde am Sonntagnachmittag im Berliner Gewerkschaftshause er- öffnet. Anwesend waren 28 Delegierte aus 23 Wahlbezirken mit 54 Orten.(Hamburg hatte 6 und Reiherstieg 2 Delegierte ge- sandt.) Vom Hauptvorstand in Hamburg waren Müller, Wichcrs und Z i e h l. von der Kontrollkommission Klein- s ch m i d t erschienen. Die Gcneralkommission der Gewerkschaften vertrat Gustav Bauer. Am Sonntag wurden nur die ein- leitenden Arbeiten vorgenommen; die Verhandlungen des Kon- gresses begannen am Montagmorgen um 8 Uhr mit der Diskussion über den gedruckt vorliegenden Vorstandsbericht für die Fahre 1909 und 1910. Im Jahre 1909 mußte der Verband sich darauf beschränken, Angriffe der Unternehmer abzuwehren, was manchmal glänzend gelang wie z. B. in Sachsenhaufen, wo ein hartnäckiger Kampf entbrannte, als die Unternehmer den Lohn um 6 Pf. pro Stunde kürzen wollten, nämlich von 48 bis auf 42 Pf. Trotz einer Aussperrung der Schiffszimmerer an den märkischen Wasserstraßen schloß der Kampf mit einem Erfolge für den Ver- band, indem die Unternehmer sich bequemen mußten, statt 48 Pf. 52 Pf. pro Stunde zu zahlen. Im Jahre 1D10 setzte eine bessere Konjunktur ein, und es gelang, für 73 Proz. der Mitglieder bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erringen. Ohne Streik erreichten 19 Zahlstellen mit 1219 Mitgliedern eine Lohnerhöhung von 2 bis 6 Pf. pro Stunde. In 22 Zahlstellen wurde durch Arbeitsniederlegungen eine Lohnerhöhung von 2 bis 5 Pf. für 1621 Mitglieder erzielt. Bedeutungsvoll toav auch für den Verband die Aussperrung auf den deutschen Seeschiffswerften im Herbst 1910. Direkt be- troffen wurden davon 14 Zahlstellen mit 1417 Mitgliedern. Die Generalkommission bewilligte dem Verbände zur Führung dieses Kampfes 38 000 M.; es gelang jedoch dem Verbände, mit den eigenen Mitteln auszukommen. Mit Genugtuung wird konstatiert, daß die Aussperrungstaktik der Unternehmer scheiterte, weil die Arbeiter fest und geschlossen zusammenstanden. Durch die hierbei notwendig gewordene Erhebung der Extrabciträge wurde eine ge- wisse Mißstimmung unter den Mitgliedern erregt, und der Bestand an Mitgliedern ging etwas zurück, wobei freilich zu berücksichtigen ist, daß die Zahlstelle Bremen dem Holzarbeiterverbande beitrat. Am Anfang des Jahres 1909 hatte der Verband 3821 Mitglieder; am Anfang des Jahres 1910 wurden 4089 gewählt, die sich bis zum dritten Quartal auf 4207 vermehrten und sich am Schlüsse desselben Jahres wieder auf 3891 verminderten. Nach der Abrechnung der Hauptkasse für das Jahr 1909 betrugen die Einnahmen 48 592,33 M., die Ausgaben 52 043,83 Mark. Demnach betrugen die Mehrausgaben 3451,50 M. Für Aussperrungen und Streiks wurden 20327 M. ausgegeben.— Im Jahre 1910 betrugen die Einnahmen 132 574,83 M, die Ausgaben 160 841,53 M. Demnach war wieder eine Mehrausgabe vorhanden, diesmal im Betrage von 28 266,70 M. Für Aussperrungen und Streiks wurden 139 517 M. ausgegeben. Der Bestand der Haupt- lasse am Jahresschluß 1910 inklusive des in den Zahlstellen vor- handenen Vermögens wird auf 68 678,43 M. angegeben. An Ar- beitSlosenunterstützung wurden in der Berichtszeit von zwei Jahren 27 641,90 M. ausgezahlt, an Krankenunterstützung 30 682,30 M, an Reiseunterstützung 511,70 M. Ueber Streiks und Aussperrungen lagen aus 25 Orten Berichte vor. Im Vorstandsbericht wird hervorgehoben, daß während der Jahre 1909 und 1910 kein einziger von allen Streiks und Lohnkämpfen verloren ging. Aus 9 Zahlstellen lagen gesonderte Berichte über die EntWickelung der Organisation und die bestehenden Verhältnisse gedruckt vor, besonders ausführlich aus Breslau, Hamburg und Wilhelmsh mangeln. Sehrprakt. W Wml ■ Volle Gs JFjiüa-ffii; rantie sDauerbastig- �"• Leistg. Tiich- mangelnp M. I»an Sestellniangelwt« Abbild, ivt.»5. 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Diskussion. Kollegen! Kolleginnen! Nachdem der Zentrolvorstand der Lederwaren- Industriellen Deutichlands den örtlichen �abrikanten-Berelnigunzen ver» boten hat, mit den örtlichen Arbelterorganijationen zu verhandeln, haben doch am. 5. Mai in Berlin Verhandlungen stattgesunden, deren Ergebnis jeden Kollegen interessieren muß. Wir erwarten daher, daß alle Kollegen und Kolleginnen die Versammlung besuchen. 157/1 Die Branchenleitnng. Aclitimg! Achtung! Bäcker, Konditoren und verwandte Bernfsgenossen! Tie zn heute Dienstag, de» 9. Mai, angesagten Versammlungen in der Neuen Welt, Haseuheide, bezw. dem Berliner Gewerkschaftshaus, einschliesilich der Versammlung der Hilfs-«nd Werkstattkassierer sind aufgehoben. Dieselben finden nunmehr bestimmt Dienstag, de« 16. Mai statt und zwar für die Sällitt öniins und der Nnmtc in der Neuen Welt, Hasenheide, nachm. 3 Uhr. Silsg- mld WerlistnlikHerer ebensalls in der Neuen Welt, Hasenheide, mittags 1 Uhr. Kendilorell nnii Tngtsbiilllcr Kcrlins und der Usrorte im Berliner Gewerkschastshans, Engeluser 13 (grofter Saal), abends 8 Ur. In Anbetracht des Ernstes der Situation ist das Erscheinen aller Kollegen zu den Versammlungen unbedingt ersorderlich. 40/ö vor Vertrauensmann. Leukeiler Sanarbeifer-VerW. Sektion der Putzer. Donnerstag, den 11. Mai, abends« Uhr, in Dräsels großem Saale, Neue Fricdrichstr. 3S: Mity/Iiedei'» ¥ er�ammluii�. TageS-Ordnung: 1. Situationsbericht und das Resultat der Bautenkontrolle vom 27. April. 2. Verschiedenes. 133/11 Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Die örtliche Verwaltung. KsZaswM kiesonauevalil allse gualitSteii. Vkollo- rz»««»« Naequvtts. pllliok-«t?siv.?:?>tteltssc!ien. Satteltsscden. asennWeu hlustor bei nulrorsr kraulro. Ml Lettre, 0®�"�. 158. "löfnubleihc MarluSitraße 27.* RrbcitonachwciS: SjcrwaltnngSsteNe Berlin. Hanptdnreau: Hos l. Sin» 3. 1S3S. obaeittGtrabv Z. Hos IH. Amt 3. 1SS7. Tonnerstag, den 11. Mai 1911, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15, Saal I: Versammlung der Bauanschläger. Tagcs-Ordnung: 1. Bortrag.— 2, Diskussion.— 3. Verbands- und Branchenangelegen- heiten.— 4. Verschiedenes. 116/12 Zahlreichen Besuch erwartet_ Ple OriBvcrwaltnng. Verband der Bureauangestellten. Ortsgruppe Groß-Ilcrlln. Stellennachweis: Linienstraße 8, Amt VII, 605. Geöffnet von 9—5 Ahr. Branche der Versicherungsangestellten. Heute, Dienstag, de» v. Mai, abends 8'/, Uhr: Versavtimlung in den»Mufikersalen«. Kaiser Wilhelmftr. 18m. TageS- Ordnung: 1. Bencht von der Reichstonscrenz.— 2. Unsere Agitation.— 3. Ver- bandsangelegenheiten.'_ Donnerstag, den II. Mai 1011. abendS 8 Uhr: Jngend-Berfammlung im Rofeuthaler Hof, Rofcnthalcr Str. 11/13. Tages- Ordnung: 1.„Die Agitation unter den jugendlichen Kollegen". Referent: Kollege Giebel.— 2. Wahl einer Agitation Skommission. ZM- Die jugendlichen VerbandSmitglieder sind zu dieser wichtigen Veranstaltung ganz besonders dringend eingeladen."MW 48/5 Vollzähliges Erscheinen aller Berbandsmltglieder zu diesen Veran» stallun g cn ist dringend ersorderlich._ Ple Ortsverwaltung. Heute Dienstag, den 0. Mai 1011, abendS Präzise 8 Uhr» in den Jndustrie-Festsälen. Bcuthstraße 20: Vereinsversammlnng. Tagesordnung: Die Vorgänge i» der Gauvereinsversammlung vom 3. Mai. Vollzähliges und pllnlllicheS Erscheinen dringend geboten. 291/4 Der Borstand. I. A.: F. S ch a a s. /laklstello Porliu. BueliMnderhrauclie! Mittwoch, 10. Mai, abends O'/ä Ul)r,Jttt"ber Brauerei Happoldt, Hasenheide 33—38. Ecke Gräfestraffe: Branchen-Versainnilung Tages-Ordnung: Bericht von den Leipziger Tarifverhandlungen. Pflicht eines jedes Mitgliedes ist eS, in dieser Versammlung zu erscheinen. Eintritt nur gegen Mitgliedsbuckk Der Eingang zum Saal befindet in der Gräfestraste neben dem Konzertgarten.! 23/"" Die Ortsverwaltung. Die Darifkommisston. vreilttipkeli H* Kaol flüssige Metall-Politur machen das schmutzigste Metall spiegelblank In Flaschen von 10 bis 50 Pf. Feberail zu haben. Fabrik: I.ubszynski& Co., Berlin-L-ichtcnber«. r Heinrich Franck Tel.: Amt III. 4352. Brunnenstr. 33. 8—7 Uhr geöfinet. Java-Ümblatt bedeutend billiger: No. 1639. Besookl-Art, Voliblatt, 3. Länge, zart, reif, H tyrfh . eehr blattig• V No. 1654. lioemadjaug, Voliblatt, 2. Länge, reif, leicht-g sehi groß, M--l?®", 2. Ziehung 5. Kl. 224. Kgl. Preuss. Lotterte. Ziehung vom 8. Uli 1911, Tornlttsga. Kur dl« Gewinne Uber 91» Mark>ind den betreffendes Nummern in Klammern beigefügt. ivle Gewinne teilen auf die bexeiebnetea Lote beider Abteflungen. (Ohne Gew&br.)(Nachdruck: verboten.)' 387 714 70»64 1 008« 536 319 485«08 7J4 930 9013 914 49 479 83 615[1000] 33[3000] 60 608 69 778 85«[3000] 3081 209 40 357[500] 411 535 843«69 73 ff 500] 4017 81 87«[8000] 576 639 71 7t7 80 64 876 918 «218 424 87 713 68 94 854 989 6070 199 266[3000] 73 301 SO 604 67[3000] 68 795 928 7 065 186 293 1 3000] blO 94 801 914 75 8188 304 44 84[lOOOl 510[ 500] 844 M 019 44 83 9045 281«4 42 4 29 51 551[3000] 61 89 047 , 10082[ 500] 124 51 216 383 570 628 04 738 031 58 !»»[1000] 1 1057 72 98 178 682 9« 824 5« 60[1000]«20 «5 1 8088 105 18 357 462 585 656 749 875 907[ 8000] :130"G 142 89 598 600 54 819 936 1 4040 866[ 8900] 520 »7»3 771 72 825 905 1 5223 S28 471 718 48 687 1 6039 366[500] 885 831 020 1 7005 149 1500] 7« 279 320 455 «37 730 891 18115 ZOT 33 569 983 1 9127 SU 506 66 (703 81, 934., 20005 75 631 041 868[500] 807 2 1 049»20(1000] [418 64[500] 77 91 564 698 824 SO 820 2 2000[500] IM 1403[1000] 580 651 846 2 3049 94 107 flflOO) 98»Ol ■i« 44 73 404 8 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JU.»(KkV 3734 10 1000, 0676 zu 50Q ,2. Ziehung 5. Kl. 224. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 8, Mai 1011, nachmittags. Kur die Gewinno Uber 240 Mark sind den betreffenden Nummern In Klammern beigefügt. vis Gewinne fallen auf die bexelchnelien Loa« b e i d e t Abteilungen. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.)] 76 214 SOS 58 42« 78 576(500) 86«52 707 857«t 076[ 500] 85 1181 218 352 612 60 609 750 2121 60 270 612 830[100V] 3142 47 369[5000] 62 448 641«44 62 83 781 4172 251 58 289 718 823 503« 14« 210 67 321 457 88 762 808»7 79[500] 042 6017 200 401 642 45 88 873 991 7069 87 410 589 620 807 50 65 904 0006 162 22« [1000] 610 70 004 43 603 1» 914 17«3 04 95 0692 US «0 205 283 402 635 03« 738 78 83« 10051 77 376»94 784 968 73 11121 318 768 072 12,19 SOJ"9 45 91 427 33 63 715 820[1000] 13050 476 770 800 17 20 993 1 4170[lOOO] 221 88 45[1000] 587 98 708 80 931 15029 127 55 77 274 330 42» 83 593 662 -731 900 42 6« 73 1 6032 136[1000] 216 30 332 39[500] 501 32[1000] 69 9 958 6» 17168 78 480 501 50[500] 640 973 1 0093 182 41 368 403 508 88 40 676 72« 855 63 64 7« 70 10082 88 Ol 185 250 73»81 40«[1000] 570 98«92 20105 281»1 74 31» 707«17 50 210« 89 200 7[5001 23 4M[500]«41 50 711 938 75 88 98 2 2048 IM 87« 467 «57 843 65 85 20079 97 125(1500) 354( 3000) 134 83« 89 2 4091 154 305[ 500] 566«21 991 20080 150»43(1000] 305 50t 38 721 62 2 6054 18« 27» 404 1 9 73(500]«63 821 2 7 010 03 310[500] 32 496 580 661«0 763(500] 55« «[500] 900 20021 47«1«5 31» 45» 640 020 709 06 ,500] 99 937 84 2 0040 33 73 148 60 259 770 030[lOOO] 8« 30065 255[300-1] 328 417 506 884[500] 81» 40 030 31072 105 85 318 Ml[500]«20 88506 160 319 802 451 33250 372 419[ 5001»« 71 542 794 3 4068 82 155 SO 350 625 21 704 804 54 3 5320[1000] 27 78[601] 410 807 754 70«85 026 3 0041 133 4 4 38« 938 710 58 8««2» 930 3725« 30« 400 81« 1? 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Die OrtSverwaltuug Berlin de» Deutfch. Holzarbeiterverbande». KerantwortliHer Redakteprst Albert Wach», Berlin, jjür dey Lnseratenteil verantv..: Ttz. Glocke, Berlin. Druck Verlag: Borsgltz jöuchdrpckerei u. VerlasScnstalt Paul Sifiger Lerlm SSL ir. 107. 28. IahrgWg. 3. KeilM Ks Jotmiitls" Serlim WldsblM. Aituskllg. 9. Mai 19tt. Partei- TJugelegenKeiten. Dritter Wahlkreis. Für die Bezirke 254, 255, 263, 264, 276 und 277 findet ein gemeinschaftlicher Zahlabend mit einem Vor- trag deS Reichstagsabgeordneten Hildenbrand' bei Wille. S e b a st i a n st r.'39 statt. Für die Bezirle 265—267 und 274 bis 275 findet der gemeinsame Zahlabend im Gewerkschafts- haus. Saal 1. mit einem Vortrag des Stadtverordneten Genossen Ritter, statt. Französisch-Buchholz. Morgen Mittwoch, abends 8'/z Uhr. bei Kähne: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Vereinsangelegen- heiten, Gemeindeangelegenheiten. berliner JVadmcbtcn* Die Ersatzwahl im 4. Berliner Landtagswahlkreise. Die am 24. April d. I. im 4. Landtagswahlkreise statt- gefundenen 378 Wahlmänner-Ersatzwahlen haben sechs engere Wahlen erforderlich gemacht, die gestern zum Austrag ge- langten. Es handelte sich um zwei Stich- und vier Neu- Wahlen; davon entfielen die beiden Stichwahlen und zwei Neuwahlen auf die zweite, zwei Neuwahlen auf die erste Ab- teilung. Aus den Wahlen gingen die freisinnigen Wahlmanns- kandidaten als Sieger hervor. Es stehen sich 281 fortschritt- liche und 215 sozialdemokratische Wahlmänner gegenüber. Städtische Negienrbeit. Das städtische Tiefbauamt in Aachen hat eine Denkschrift über die städtische Regiearbeit herausgegeben, die auch für die Grofi-Berliner Gemeinden Interesse haben dürfte. In dieser Denkschrift heiht es unter anderem:„Die Ausführung in Regie bewährt sich durchaus und bot für die Stadt eine Reihe von Vorteilen. Es wurden die Arbeiten mit der nötigen Sorgfalt und Sachkenntnis, und daher besser als durch die bisherigen Unterneh- mer ausgeführt, ferner waren die Arbeiten billiger als durch die Unternehmer, da der Unternehmergcwinn in Fortfall kommt und die Stadt nur die durch die tatfäckstich vorhandenen Bodenverhält- Nisse bedingten Kosten zu tragen hat. Der mit den schwierigen und oft aus kurzer Entfernung stark wechselnden Bodenverhält- nissen nur einigermaßen bekannte Unternehmer mußte der Sicher- heit halber bei seiner Kalkulation die ungünstigsten Verhältnisse zu- gründe legen, wodurch höhere Kosten entstehen. Die Stadt ist ferner in der Lage, das umfangreiche und teure Material an Ge- raten, Gerüsten. Transportwerkzeugen usw. besser auszunutzen, und daher auch mit weit geringeren Amortisationsquoten zu rechnen, als ein Unternehmer, der der Konkurrenz wegen nicht auf fort- dauernde Beschäftigung bei der Stadt rechnen kann und daher hohe Beträge auf seine Geräte usw. abschreiben muß. Die Fuhrleistun- gen waren früher gleichfalls an Unternehmer vergeben. Di« Miß- stände, die sich beim Untcrnehmerbetriebe, insbesondere bei der Müllabfuhr ergaben, führten dazu, die Müllabfuhr so weit zu über- nehmen, daß Stallungen und Abfuhrwagcn durch die Stadt gestellt Wunden, während die Gestellung von Pferden und Fuhrleuten an Unternehmer vergeben wurde. Bei der Regiearbeit des Aachener Tiefbauamtes sind jetzt 656 Arbeiter beschäftigt." In der Säuglingssürsorgestelle Vl, Großbeerenstr. 10, findet «NN 23. Mai beginnend ein dreiwöchiger Kursus über die Pflege des Säuglings, und zwar Dienstag?, Mittwochs und Freitags von 3 bis 4 Uhr, unter Leitung des leitenden Arztes der Säuglingsfürsorge- stelle VI, Dr. Hans Schmoller, statt. Die Teilnahme für Frauen und junge Mädchen jeden Standes ist unentgeltlich. Meldungen stnd schriftlich oder mündlich in der Fürsorgestelle täglich von 1 bis 2 Uhr anzubringen. Bei genügender Beteiligung soll im Herbst ein zweiter Kursus abgehalten werden, dessen Termin seinerzeit mit- geteilt werden wird. Die Strahenbahn-Menschenfalle zwischen Universität und Neue Wache wird demnächst einen besonderen Schutzmannsposten er- halten. Hier fährt die Elektrische beim Einbiegen von der Sing- akademie her auf etwa 36 Meter Länge so dicht an der Umgitterung des Vorgartens beim Universitätszebäude vorüber, daß das Ab- steigen mit Lebensgefahr verbunden ist. Wenn nun mehrere Wagen hintereinander halten und die hintersten die eigentliche Haltestelle nicht schnell genug erreichen können, so springen eilfertige Fahr- gaste auf den meterbreitcn Erdstreifen hinter der Umgitterung. auf dem infolgedessen natürlich kein Graswuchs mehr gedeiht. Andere Fahrgäste wagen den Sprung auf fiskalisches Terrain schon wäh- rend der verlangsamten Fahrt, obwohl die Schaffner stets warnen. Der Schutzmann, der bereits Probe gestanden hat, soll nun nicht etwa aufpassen, daß hier kein Unglück geschieht, sondern ist dazu bestimmt, sich möglichst jeden, der den Fuß auf staatliches Gebiet setzt, für sein Strafmandats-Notizbuch zu greifen..Der Fiskus würde den außerordentlich verkehrshinderlichen Streifen vielleicht mit Vergnügen opfern, wenn er dafür, ohne zu erröten, ein kleines Vermögen in die Tasch: stecken könnte. Hier stand ftüher auch ein Prellstein, an dem sich ein absteigender Fahrgast den Tod holte. Dann erst wurde der Stein des Anstoßes beseitigt. So wird auch Wohl das gefährliche Vorgartengittcr von seiner jetzigen Stelle nicht eher verschwinden, als bis hier mal ein höherer Staatsdiener verunglückt. Die Bubdclei an der Fricdrichsbrücke dauert unentwegt fort. Länger als ein Jahr hat man hier zwischen Brücke und Zirkus Busch an dem großen Kanalisations-Rotauslaß gebaut, wodurch der an sich schon an dieser Stelle beengte Verkehr ungemein beeinträchtigt wurde. Vor kurzem atmeten die Anwohner und Passanten crleich- tert auf, als der Bürgerstcig an der Wasserscite.vor der Anlege- stelle der böhmischen Obstkähne endlich reguliert schien. Jetzt soll die Buddelet von neuem anfangen. Zahlreiche Baubuden sind auf- gerichtet und ganze Stöße von Bauhölzern angefahren. Es sieht beinahe so aus, als ob sich da wieder mal zwei behördliche Instanzen nicht rechtzeitig verständigt haben, um beide Arbeiten gleichzeitig oder doch unmittelbar hintereinander ausführen zu lassen.. Die doppelten Kosten für Pflasterung und Erdschüttung bezahlt ja der geduldige Steuermichcl. Mit Vildern vom Genossen Singer, die als Wandschmuck für Arbeitcrwohnungcn gedacht sind, hausiert in Arbeitervierteln Ber- lins ein Mann, über dessen Anpreisungseifcr eine Leserin unseres Blattes uns sehr Sonderbares mitteilt. Die Bilder wurden ihr mit Worten empfohlen, aus denen sie schließen zu sollen glaubte, daß die sozialdemokratische Partei es sei, die den Vertrieb besorge. Sie verstand den Mann dahin, daß jeder, der ein solches Bild kauft, fürdieParteieinge schrieben werde und dann in Rechts- angelegenheiten den Sdhutz der Partei genieße.>Erst als er einen Bestellschein zur Unterschrift vorlegte, wurde erkannt, daß er der Beauftragte eines privaten Unternehmers war, worauf dann die beabsichtigte Bestellung eines Bildes unterblieb. Es ist möglich, daß der Mann in seinem Eifer, ein Geschäft, zu machen und sich seine Provision zu verdienen, ein bißchen viel geredet hat und dabei falsch verstanden worden ist. Aber wie kommt er dazu, bei dem Vertrieb der Bilder in seinen Anpreisungen einen Hinweis aus die sozialdemokratische Parter hineinzumcngen? Vielleicht können andere Leserinnen unseres Blattes, die ctwa gleichfalls von diesem Bildervcrkäufer heimgesucht worden sind, uns sagen, was er ihnen erzählt hat. In der Lichtenbcrger Mordsache ist ein Schlächter Försterling verhastet worden, von dem die Kriminalpolizei annimmt, er wisse von dem Morde, wenn er auch nicht als Täter in Frage kommt. Försterling war früher bei dem Groß-Schlächtermeister Nickel bc-, schäftigt. er bestreitet auf das lebhafteste, von dem Morde etwas zu wissen._ EisenbahnerloS. Uns wird geschrieben:„Fortgesetzt bringt die TageSpresse Mit- teilungen, nach denen Eisenbahner zwischen den Puffern totgequetscht werden. Schon öfter ist in den Verhandlungen der Parlamente der Minister der öffentlichen Arbeiten aufgefordert worden, endlich der Lösung der großen Frage näher zu treten, wie eine selbsttätige Kuppelung der Wagen herbeizuführen ist. Die Schwierigkeiten der Aufgabe wären dadurch erheblich zu mindern, wenn vor- läufig von den Bearbeitern der Frage verlangt würde, nur die selbsttätige Ankuppelung zu konstruieren, denn nur beim Ankuppeln sind die Quetschungen und Todesfälle besonders häufig, das Loskuppeln der Wagen könnte ja von Hand weiter geschehen. Wenn nur vorläufig bei der Schwierigkeit und Kostspieligkeit einstweilen die Hälfte der Aufgabe gelöst würde, könnten jährlich schon Hunderte von Todesfällen vermieden werden. Daß gerade im preußischen Eisenbahnwesen ein so auffallender Mangel an technischer Erfindungskraft zutage tritt, hat eine eigenartige aber einfache Ursache. Es existiert noch von Maybach her ein Ministerialerlaß, wonach Erfindungen der Eisen- bahnbeamten(also der Techniker und fähigen Ingenieure) als Eigentum der Verwaltung angesehen werden sollen, der Erfinder soll kein Anrecht aus Ansprüche oder auf Ausbeutung seiner Erfindung haben, wenn er das Unglück hat. Beamter zu sein. Diese Bestimmung und Rechtsbeschränkung findet man in allen großindustriellen Konstruktionsbureaus wieder. Es ist etwa? Aehn- liches, wie die Konkurrenzklausel. Anstatt daß ein Minister im Gegenteil durch weitherziges Eni- gegenkommen fein Personal zur Erfindung anspornen sollte, bemüht sich der preußische Eisenbahn-Jurist, die Erfindungsfähigkeiten seines Personals durch besondere Bestimmungen zu ertöten. DaS ist ja bisher auch glänzend gelungen und die dürftigen Verbesserungen unserer Eisenbahntechnik kommen deshalb meist von außerhalb deS Staatsbetriebes stehenden Technikern. Daß bei uns zur Vermeidung dieses alten Elends der Tot- quetfchung zwischen Puffern nichts geschieht, liegt eben daran, weil zu Eisenbahnministern in der Regel I u r i st e n berufen werden. die technischen Verbesserungen teilnahmlos gegenüberstehen. We halb wird eigentlich zum Kriegsminister nicht auch ein Justizrat berufen?"——_ Zwei Personen ertrunken. Sonntag vormittag mieteten drei Personen bei Nieder-Schöneweide ein Wasserveloziped, um eine Spazierfahrt zu unternehmen. Unterwegs nahmen sie noch drei Personen auf. so daß das Wasserrad überlastet wurde. Zum Uccher- fluß machten zwei Jnsaffen, junge Burschen von 16— 17 Jahren, alle möglichen Dummheiten. Plötzlich schlug das Rad um und alle sechs Personen stürzten ins Wasser. Mannschaften des Ruderklubs Wiking eilten herbei und retteten zwei junge Männer, Marzahn und Strauß, sowie die beiden jungen Mädchen Agnes Scholz und Anna Torrack. Die beiden Urheber des Unheils konnten leider nicht mehr gerettet werden. Die geborgenen Personen wurden nach dem Klubhaus der braven Wikinglcute gebracht. Besuch an der Reichstagspforte. Uns wird geschrieben:«Am Montag früh etwa um �lO Uhr bewegte sich eine Gruppe wackliger Gestalten unter einer strengen Aussicht nach dem ReichStagSgebäude, vom Tiergarten her beim Brandenburger Tore. War's der Leutnant des Junkers Oldenburg, der gegen das Haus der deutschen Parla mentarier zog, um der Debatte über die Reichsversicherungsordnung ein jähes Ende zu bereiten? Nein. DaS war ein Aufmarsch be� scheidener Geschöpfe, dem aber die Mannen des Polizeidirektors Jagow den Verkehr auf der Straße nicht verwehren mochten. Und die? auch dann nicht, als ein Auflauf an der Ecke des Reichstags entstand und der erste Vizepräsident Dr. Spahn sich zu den 9tcw gierigen gesellte, die den Aufzug mit herzlichem Wohlgefallen be gleiteten. ES war eine Mutter mit ihrem halben Dutzend gleiche alteri�er Kinder, die aus dem jungen Grasgrün dahergewatschelt kam und ihre Jugend auf dem glatten Asphalt der Simsonstraße eine Polonaise marschieren ließ. Eine allerliebste Entenfamilie, von der unbekannt blieb, woher sie am Frühlingsmorgen kam. Aengstlich tippelte die besorgte Brutmutter voran, immer wieder die Häupter ihrer Lieben zählend, die vor kurzem noch in den Eier schalen staken und jetzt schon nach dem Reichstage trachteten. Am Bordstein des Trottoirs entstand den noch unflüg�en Entelein der Widerstand. Da ergriffen Hilfteiche Menschenhände die sich vergebens abmühenden Tiergartengeschöpfchen und hoben sie auf den Steig an der Ecke deS Hohen Hauses. Die Entenmutter pfiff wie ein un- gebildeter Kanarienvogel, bis alle um ihre Fittige sich vereinigt hatten. Dann wackelten sie zusammen gegen die Hinterpforte bei der JnfpektorSwohnung, wo der Eingang für die Journalisten ist. Ob sie sich zu Zeitungsenten anboten? Ob sie sich auf dem Wege, den auch die Köche des Restaurants nehmen, direkt in die Bratpfanne begeben wollten? Eine Entenmutter ist keine Rabenmutter. Auf der Speisekarte der ReichstagSwirtschast befand sich heute kein Enten- braten." Ein gefährlicher Kinderfreund war der Schankwirt und Haus- besitzer Finke aus der Sebastianstr. 63, der von der Kriminalpolizei verhaftet wurde. Finke lockte mehrere Kinder aus der Nachbar- schaft an sich, indem er ihnen kleine Geldgeschenke machte, und schaffte sich dann Gelegenheiten, sich an ihnen zu vergehen. Als sein Treiben ruchbar wurde, gelang es ihm in einem Falle, einen Vater dadurch zum Schweigen zu veranlassen, daß er für ein Kind ein Sparkassenbuch über einige Hundert Mark anlegte. Seine Ver- fchlungen kamen aber doch zur Kenntnis der Behörden, die ihn jetzt unschädlich machte. Ein gräßlicher Unglücksfall ereignete sich gestern nachmittag l/�6 Uhr in der Wagenfabrik von Rudowsly, Rostocker Straße 46. Dort geriet der Tischler Reinhold Wille, Semmeringstr. 9 wohnhaft, beim Bretterhobeln mit der linken Hand in die Hobelmaschine. Die Messer der Maschine zerfleischten ihm die ganze Hand. Der Ver unglückte wurde zunächst nach der Unfallstation in der EraSmusstraße gebracht, wo ihm ein Notverband angelegt wurde. .Die Leiche eines neugeborenen Knaben wurde gestern morgen auf dem Georgenkirchplatz in den Anlagen aufgefunden. Die Leiche war in blutige Windeln eingewickelt und wurde zur Feststellung der Todesursache nach dem Schauhause gebracht. Nachforschungen nach der Mutter wurden von der Kriminalpolizei sofort eingeleitet. Ein Kleiderausschlitzer treibt seit einiger Zeit wieder sein Un- Wesen. Zuletzt hat der Bursche in der Nähe des Ringbahnhofes Prenzlauer Allee zwei junge Mädchen Rock und Jackett zerschnitten, wie aus der Art der Schnitte zu schließen ist, wahrscheinlich mit einem scharfen Messer. Eine Beschreibung können die Mädchen von dem Täter nicht geben. Ein Kautionsschwindler ist in der Person des Ballettmeisters Artur Keil verhaftet worden. K. hatte jungen Leuten unter der Vorspiegelung einen Saal zu pachten und sie als Tanzgeldsammler anzunehmen, erhebliche Summen abgeschwindelt. Ein Dahlfiuhlbrand kam gestern in Moabit aus. Dort stand der Dachstuhl des von mehr als 566 Personen bewohnten HauseS Unionstr. 6/7 in großer Ausdehnung total in Flammen. Der Mieter hatte sich eine große Aufregung bemächtigt. Haushoch schlugen die Flammen gen Himmel. Krachend stürzten die Balken zusammen. Die Feuerwehr war mit mehreren Löschzügen zur Stelle und griff mit vier Schlauchleitungen über die schon völlig verqualmten Treppen und zwei nrechanische Leitern wirksam an. Die Flamineu hatten an dem Hausrat der Mieter, Brennmaterialien, der Dachkonstruktion usw. so reiche Nahrung gefunden, daß es mehrstündiger Löschtätigkeit be- durfte, um das Feuer zu löschen. Es konnte nicht verhindert werden, daß die oberen Stockwerke durch Wasser beschädigt wurden. Ueber die Entstehung des Brandes war nichts mehr festzustellen. Die Hausbewohner nehmen Brandstiftung an, weil ihrer Ansicht nach das Feuer an mehreren Stellen ausgekommen fein soll. Die Polizei hat Ermittelungen angestellt, die aber noch nicht abgeschlossen sind. den Da an- Vorort- Z>fockmd)ten. Schöneberg. Die Arbriterpolitik des„liberalen" Magistrats wird in Kreisen der städtischen Arbeiter nicht gerade lobend besprochen. die städtischen Finanzen nicht so rosig sind, wie allgemein genommen, so versucht die städttsche Verwaltung namentlich an den Arbeitslöhnen zu sparen. Wie mitgeteilt wird, hat der liberale Stadtrat Härder, Dezernent für den Gärtnereibetrieb, angeordnet, daß die Gärtnereiarbeiter, die an Sonn- und Feiertagen beschäftigt sind, nicht mehr wie bisher für die ersten drei Stunden 166, sondern nur noch 56 Prozent erhalten. Dieser Verschlechterung jubelten die liberalen Stadtverordneten zu. Ferner wurde für die Kanali« sationSarbeiter im Pumpwerk verfügt, daß die Arbeitszeit ohne Berechnung auf 9>/z Stunden verlängert werde, weil angeblich einige Leute erkrankt und notwendige Reparaturen zu erledigen sind. Als für diese Leute die achtstündige Arbeitszeit verlangt wurde, da kamen wieder die Liberalen mit einem Verschleppung�« antrag, um erst in anderen Gemeinden eine Uinfrage abhalten zu lassen, ob eine derartige Arbeitszeit bereits besteht. Jetzt beginnt man auch in der Straßenreinigung allmählich Verschlechte« runge» einzuführen. Die städtischen Straßenreiniger durften bisher am LohnzahlungStage eine Stunde früher die Arbeitsstätte verlassen. Nuninehr ist em Ukas erlassen worden, der bestimmt, daß die Arbeitszeit bis zur letzten Minute ausgedehnt und der Lohn erst am Schluß ausgezahlt wird. Auf diese Weise sollen die vorhandenen reduzierten Arbeitsgruppen besser ausgenutzt werden. Bei alledem werden die Straßenreiniger durch die Errichtung neuer Märkte immer mehr in Anspruch genommen, ohne daß man an die Einstellung neuer ArbeitSlräfte denkt. Eine solche nur auf Kosten der städtischen Arbeiter betriebene Sparsamkeitspolitik ist nur geeignet, den bereits vorhandenen Unwillen in den Kreisen der Arbeiter noch zu verstärken. Rixdorf. Ein Straßenbahnunfall ereignete sich am Sonnabendnachmittag gegen 21lt Uhr vor dem Hause Kaiser-Friedrich-Str. 81. Dort ver- suchte der vierjährige Knabe Max Rumbucher, Roseggerstr. 41 wohn« hast, kurz vor dem Motorwagen 1764 der Linie 27 über das Gleis zu laufen, wurde jedoch umgestoßen und geriet unter den Schutz« rahmen. DaS Kind, das eine Verletzung im Gesicht erlitten hatte, wurde befteit und in die elterliche Wohnung gebracht. Bon einem Hnnde angefallen wurde vorgesMn die 34 Jahre alte Arbeiterfrau Julia Sonibrat vom Weigaisdufer 16. Als sie durch die Kaiser-Friedrich-Straße ging, sprang sie vor dem Hause 237 ein großer Schlächterhund an, biß sie mehrmals und warf sie zu Boden, so daß sie sich auch noch einen Knöchclbruch zuzog. Die Verletzte erhielt auf der Unfallstation in der Steinmetz- straße die erste Hilfe. Ihre Verletzungen sind sehr erheblich. Beim Spielen an einem Baugerüst ist vorgestern der 9>/z Jahre alte Sohn Willi des Lehrers Wietasch aus der Jimstraße 34' schwer verunglückt. Der Knabe kletterte in der Roscggerstraße auf ein Leitergerüst, fiel 8 Meter tief herab und zog sich bedeutende äußere und innere Verletzungen zu. Der Tod ans der Straße. An der Ecke der Schönhauser Allee und Stargcirder Straße wurde am Sonnabendnachmittag der 53jährige Schlosser Hermann Schroeder, Driesener Straße 36 wohn- hast, von einem plötzlichen Unwohlsein befallen und stürzte leblos zu Boden. Passanten brachten den Erkrankten nach der Unfall- station in der Gaudystraße, wo er jedoch nach wenigen Minuten am Herzschlag verstarb. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt und nach dem Schauhaus gebracht. Ein erheblicher Waldbrand richtete am Sonntag im Forst zwischen Schönfelde und Hoppegarten Schaden an. Das Feuer war von einer enormen Qualmentwickelung begleitet, so daß es den Löschmannschaften außerordentlich schtver wurde, an den Brand- Herd heranzukommen. Erst nach mehrstündiger angestrengter Tä- tigkeit gelang es den Feuerwehren der umliegenden Ortschaften, den Brand einzuschränken. Einen Selbstmordversuch unternahm am Montagnachmittag >/z4 Uhr der im Hauie Palisadenstraße 63 in Schlafstelle wohnende Metallarbeiter Otto Boehzen. Nachdem er noch am Vormittag ge- arbeitet hatte, kehrte er mittags heim und schoß sich, auf dem Sofa sitzend, aus einem sechSIänfigen Revolver eine Kugel in die Stirn. Bon einem schleunigst herbeigerufenen Arzt wurde dem Lebensmüden ein Notverband angelegt und dessen Ucbersührung nach dem Kranken- Hanse veranlaßt. Es soll wenig Hoffnung bestehe», den jungen Mann am Leben zu erhalten. Steglitz. Ans der Gemcmdevertretung. Weil der Gemeindeverordnete (Benner beim hiesigen Meldeamt nach Wilmersdorf abgemeldet wurde, hatte der Gcmeindevorstand beschlossen, dessen Mandat für erloschen zu erklären. Auf die Mitteilung von diesem Beschlüsse hat jedoch Herr Genner geantwortet, daß er immer noch in Steglitz und zwar in der Miquelstraße wohne, und daß er sich nach wie vor als Gemeindcverordneter betrachte. Der Gemeindevorstand wird zu» nächst feststellen, ob der Herr wirklich in der Miquelstraße „wohnt" im Sinne des Gesetzes, oder ob es sich um einen Scheinwohnsitz handelt, auf Grund dessen der Herr sein Mandat weiter ausüben will. Eine Anfrage nach dem Stande der S t a d t w e r d u n g s f a ch e beantwortete der Bürgermeister da« hin, daß die Akten im Ministerium lägen; weiteres könne er nicht mitteilen. Der Wohnungskongreß in Leipzig vom 11. bis 14. Juni wird durch drei Delegierte beschickt. Der R a st a t t e r Platz, auf dem in absehbarer Zeit ein Bahnhof der Untergrund» bahn Wilmersdorf— Dahlem erstehen wird, liegt in der Gemarkung dreier Gemeinden, und zwar Steglitz, Wilmersdorf und Dahlem. Die Kosten der Anlage und der späteren gärtnerischen Unter- Haltung werden in der Hauptsache von den drei Gemeinden zu gleichen Teilen getragen werden. Für die Jahnturn- feier wurden 666 M. bewilligt. Eine Anftage unseres Vertreters Aßmann, ob die dabei mitwirkenden Lehrer dafür bezahlt würden, wurde verneinend beantwortet. Die Erleichterung deS Ueberganges von Volksschülern auf bvbere Schulen war schon oft der Gegenstand von Anträgen und Debatten. Schließlich wurde eine Konnnission mit der weiteren Be- ratung beauftragt. Diese hatte vorgeschlagen, für Knaben, die drei Jahre die Volksschule besucht haben, halbjährige AusgleichSknrse, die von Volksschullehrern geleitet werden, einzurichten. Eine von den Kursusleitern vorzunehmende Abschlußprüfung sollte ent- scheidend sein für den Uebcrttitt in die Sexta der höheren Schulen. Die Schuldirektoren erklärten jedoch, daß eine Aufnahmeprüfung nach wie vor verlangt werden müsse. Selbst der Wunsch, diese Austmhmc- Prüfung wenigstens in Gegenwart der Kursusleiter vorznnehmen. wurde von dem Schulkuraiorium abgelehnt. Weil zurzeit nichts Besseres zu erreichen war. stimmte die Versammlung dem Borschlage zu. DaS Schulgeld wurde auf 16 M. pro Kursus festgesetzt. Es bleibt also wie es bisher war: nur das Kind, dessen Bater in der l�age ist, das Schulgeld für die B o r s ch u l e zu bezahlest, hat und Sätzen politischer Gegner die tollsten Fongleurlunst- stückchen Hokuspokus treiben kann, veröffentlicht er unter seinem Künstlernamen: M. Rath. Den geehrten Abnehmern seiner Fabri- kate teilt er ergebenst mit, Geldbeträge an den A. Schaaffhausenschen Bankverein Schmargendorf»Berlin(auf Konto M. Rath) einzusenden. In seinen Zirkularen vermerkt er, daß eine Reihe der an- gesehensten Persönlichkeiten bereits schon Beiträge von IVO, 200, 300 und 500 M. eingesandt baben. Damit die Gebelust angespornt wird, teilt er diesen angesehenen Persönlichkeiten weiter mit, daß bei dem bevorstehenden Wahlkampf die Sozialdemokratie 160—170 Reichstags sitze erobern wird, diese seien dann in der Lage, mit den Pole», den eisatz- lothringischen, welfischen, dänischen Protesilern und etwaigen Mitgliedern Ider Demokratischen Vereinigung eine aus- gesprochene reichsfeindliche Mehrheit zu bilden. Die Rechenkunst scheint M. Rath bei seinen Kunden nicht hoch einzuschätzen! So schwer wie er auch ist, muß der Kampf gegen die rote Flut auß genommen werden. Die wirksamste Bekämpfung geschieht durch Abnahme großer Posten seiner Zitatenkunststücke. Und tatsächlich haben sich schon einige Abnehmer gefunden. So sind nach Guben 500 Stück abgegangen, der.Volksbildungsverein" in Waldenburg hat eine ebensogroße Zahl abgenommen, ebenso das Rheinisch-west- fälische Kohlensyndikat in Essen und der Graf Arnim v. Boitzenburg in Straßburg in der Uckermark. Und dieser große Zitatenkünstler„erzieht" nun in Schmargen- dorf die Jugend im„nationalen" Sinne. Das tollste jedoch ist, daß die Gemeinde Schmargendorf für diese politische Brunnen- Vergiftung ihre Schulräume unentgeltlich zur Verfügung stellt. M. Rath, Oberlehrer, wenn möglich noch der Pfarrer usw., alle mit dem heiligen Oel des Reichsverbandes gesalbt, auf der Jagd nach Jung-Rotwild I Glückauf! Tegel. Mit einer schweren Schußwunde wurde am Sonntag früh in der Hermsdorfer Straße ein junger Mann aufgefunden, der später als der 20 jährige Handlungsgehilfe Wilhelm Stelle aus Spandau fest- gestellt wurde. St., der eine schwere Schubverletzung an der rechten Schläfe aufwies, wurde nach dem Verbandskrankenhause in Reinicken- dorf überführt. Hier gelang es, den Schwerverwundeten wieder zum Bewußtsein zu bringen. St. gab an, er sei im Tegeler Forst von zwei Männern überfallen und angeschossen worden. Eine nähere Schilderung konnte Stelle aber nicht geben, weshalb die Polizei dieser Behauptung sehr mißtrauisch gegenübersteht. Stelle hat am 1. Mai d. I. seine Stellung aufgeben müssen und eS wird angenommen. daß er aus diesem Grunde Selbstmord habe verüben wollen. Der Zustand des St. ist sehr bedenklich. Recht, nach deren Absolbierung die Aufnahme in die höhere Schule zu verlangen; den Uebertritt der Volksschüler wird wie bisher so auch tn Zukunft die Aufnahmeprüfung in den„wünschenswerten" Grenzen halten. Für die Umgestaltung der Straßenbeleuchtung in der Schloß-, Albrecht- und Schützenstraße wurden 4000 M. bewilligt. Außerhalb der Tagesordnung entspann sich eine lange Debatte über den Schutz der Bauhandwerkerforderungen. Es wurde behauptet. daß der B a u s ch w i n d e l in Steglitz in ungeahnter Blüte stehe und ein schärferes Vorgehen des Bauamtes und des Amtsvorstehers bei Prüfung der Anträge auf Bauerlaubnis gefordert. Der Amts Vorsteher entgegnete, daß alles geschähe, was möglich sei. Bedauer licherweise müsse er aber feststellen, daß ihm gerade aus den Kreisen der Handwerksmeister, diegeschützt werdensollten, wenig Unterstützung zuteil werde. Von anderer sachverständiger Seite wurde behauptet, daß die kleinen Handwerksmeister sich selbst die meiste Schuld beizumessen hätten, wenn fie Verluste erleiden. Leichtsinnige Kreditgewährung. mangelnde Uebersicht bei größeren Arbeiten und ein gewiffer Egoismus, der sich in die Worte kleiden ließe: Mögen andere bluten, wenn ich nur mein Geld kriege I, seien die Hauptursachen. die aber nur von den Handwerkern selbst beseitigt werden könnten. Zum Schluß erkundigte sich Genosse Aßmann nach dem Schicksal eines Antrages, der bei der Etatsberatung dem Schulkuratorium überwiesen wurde. Der Antrag forderte, der Freien Turner- sch aft eine Tu rn ha lle zur U ebung zu überlassen, was den bürgerlichen Turnvereinen seit Jahren schon gewährt wird. Beigeordneter Fabarius, der Borsitzende des Schulkuratormms, er- klärte, daß letzteres den Antrag abgelehnt habe, weil eine generelle Verfügung der Regiermig dies verbiete. Eine Frage unseres Ver treters nach dem Datum dieser Verfügung, die er wohl ganz neu ergangen wähnte, beantwortete Herr Fabarius dahin, er wisse augenblicklich daS Datum nicht, aber sie sei wohl schon einige Jahre alt. Außer Genossen Hamburg fand nun noch Oberst G ä d k e einige tadelnde Worte über die Ablehnung. Da es sich um Arbeiterturner handelte, schien auch die Mieterfraktion die Ablehnung ganz m der Ordnung zu finden. Wilmersdorf-Halensee. Eine aufregende Szene spielte sich am Sonntagnachmittag vor den Augen zahlreicher Spaziergänger vor dem Hause Kaiserallee 47 ab. Als die acht Jahre alte Tochter deS Schankwirts Melser, Will hclinsaue 2, den Fahrdamm überschreiten wollte, kam ein Chauffeur iin Auto dahergesaust, überfuhr das Mädchen und raste davon. Während einige Passanten das nur noch schwache Lebenszeichen von sich gebende Kind in die Wohnung der Eltern schaffen ließen, nahmen andere die Verfolgung des Chauffeurs auf. Es gelang zwei Herren, die in ein zufällig vorbeifahrendes Auto sprangen, den fliehenden Chauffeur, wenn auch nicht festzunehmen, so doch so weit einzuholen, dos; sie die Nummer deS Autos erkennen konnten. Die Nach- f«schungen ergaben, daß eS sich um einen in der Wartburgstr. 47 zu Schöneberg wohnenden Chauffeur handelt. Die Leiche des Kindes, daS einen Schädelbruch und schwere innere Verletzungen erlitten hatte, wurde nach der Halle in der Berliner Straße ge- schafft. Lankwitz. Ans der Gemeindevertretung. Die Uebernahme der KreiSÄauffee in der Kaiser-Wilhelm-Straße wurde nochmals von der Tages- ordnung abgesetzt, da die Anlieger der Straße sowie auch der Kreis bisher nicht genug Entgegenkommen gezeigt haben. Genosse Theurig führte Beschwerde, daß oer Gemeindevertretung nicht eininal Kenntnis gegeben worden ist von einer Eingabe der bei der Gemeinde be- schäftigten nichtständigen Gärtner betr. Erhöhung der Löhne, welche Ende März in die Hände deS Gemeindevorstandes gelangt ist. Der Ge- meindevorsteher erklärte, er sei von der Sache nicht unterrichtet. Hoffentlich kommt man jetzt dem gerechten Wunsche der Gärtner bald nach.— Die Turnhalle des Gymnasiums, welche seit einiger Zeit außer Betrieb gesetzt ist, soll nun neuen Fußboden erhalten. Es hat sich in den sechs Jahren seit der Erbauung derselben eine solche Echwammbildung bemerkbar gemacht, daß jetzt der Fußboden durch« gebrochen ist. Das ist auch kein Wunder, hat man doch die Unter- lagen des Bodens in die Erde eingebettet, weder für irgend welche Entlüftung, noch für Abfluß des Regenwassers ist gesorgt worden. Es wurden dem Gemeindebauamt, insbesondere von unfern Vertretern, heftige Vorwürfe gemacht über die Mißwirtschaft auf den Gemeindebauten, an welcher hauptsächlich der abgetretene Baurat schuld gewesen sei. Für die Wiederherstellung der Turnhalle wurden 5000 M. bewilligt. Tempelhof. In einer gutbesuchten Versammlung referierte Genosse Lehmann über„die Versch«tdelung der Reichsversicherungsordnung". Der Redner gab der Mrsammlung ein Bild von der großartigen Eni- Wickelung, die die Krankenversicherung durch die rege Mitarbeit der Arbeiterschaft genommen hat und bedauerte, daß mit der Zersplitte- rung, die in dem Bestehen der vielen kleinen, leisiungsunsähigen Kassen liegt, leider wieder nicht aufgeräumt worden ist. Scharf kritisierte er dann den neuen Angriff auf daS Selbstverwaltungsrecht der Arbeiterschaft. Eine Protestresolution fand hierauf einstimmige Annahme. Das«eue Realgymnasium, welches insgesamt eine Anleihe von 1050000 M. verursacht hat. ist nun vor geladenen Honoratioren in der festlich geschmückten Aula eingeweiht worden. Der Bau- Voranschlag ist überschritten worden, weshalb der Gemeindevorstand mit einer Nachbewilligung an die Gemeindevertretung herantreten wird. Um den Bau rechtzeitig fertigzustellen, mußte selbst am Kar- freitag gearbeitet werden. Rummelsburg. Vom Vorderperron eines AnhängewagettZ der Linie 26 stürzte Sonntag nachmittag gegen ß'/i Uhr der 89 jährige Möbelpolier Willi Kurtze, Liebigstr. 41 wohnhaft, während der Fahrt vor dem Hause Mt-Boxhagenerstr. 81 aus einem bisher nicht aufgeklärten Grunde herab und geriet unter den Schutzrahmen. Der Wagen konnte jedoch augenblicklich zum Halten gebracht werden. K. wurde aus seiner gefährlichen Lage befreit und nach dem Rummelsburger Kranken- In Brüssel begann gestern der Prozeß, den die Prin haus gebracht, wo der Arzt feststellte, daß der Verunglückte nur eine Hessin Luise, die Tochter des verstorbenen Königs Leopold, gegen den belgischen Staat wegen der Hinterlassenschaft Leopolds angestrengt hat. Der Prozeß wird mehrere Wochen Sericbts- Leitung. Unter der Beschuldigung des GattenmordcS wurde heute die verlvitwete Martha Marie Hodorf geb. Abraham dem Schwurgericht des Landgerichts III unter Vorsitz des Land- gerichtsdirektors Sehmer vorgeführt. Die Angeklagte wohnte mit ihrem Manne, dem Schlosser Max H.. in der Grünthaler Straße 3. Sie war mit ihrem Manne seit 12 Jahren verheiratet und ist Mutter zweier Kinder. Der dem Trünke ergebene Ehemann miß- handelte wiederholt seine Frau und daS Eheleben war häufig ge- trübt. Am 23. Januar wurde der Mann in seiner Wohnung mit Leuchtgas vergiftet tat aufgefunden. Da er schon wiederholt Selbst- mordgedanken geäußert hatte, wurde zunächst angenommen, daß er sich das Leben genommen habe, dann aber kam die Frau in Ver- dacht, daß sie ihren Mann ums Leben gebracht habe. Es wurde ds- hauptet, daß Frau S. ihrem Manne Geld zu Schnaps gegeben habe, so daß er sich sinnlos betrank. Als er oann ganz willenlos dagelegen, habe sie ihn in die Nähe des Gasofens gerückt und sich dann entfernt. Es wird von der Anklage behauptet, daß sie vor ihrem Weggehen heimlich den GaSautomaten geöffnet habe. Die Angeklagte bestreitet dies und behauptet, daß ihr Mann selbst den Automaten geöffnet haben müsse. Die Verdachtsmomente gegen sie verdichteten sich jedoch dermaßen, daß sie in Haft genommen wurde. Die heutige Sitzung begann mit einer aufregenden Szene. Unter den aufgerufenen 30 Zeugen befanden sich zwei Schwestern und die Tochter der Angeklagten, welche beim Anblick der Angeklag- ten in lautes Wehklagen ausbrachen und nicht beruhigt werden konnten. Die eine Schwester stürzte, vom Schmerz übermannt, zu Boden und mußte aus dem Saal geführt werden. Gleich darauf fiel im Anklageraum die Angeklagte in Ohnmacht, die eine so tiefe war, daß Meoizinalrat Dr. Hofsmann und eine Wärterin ihr zu Hilfe eilen mußten. Erst nach langer Zeit vermochte sie wieder die Augen zu öffnen, antwortete jedoch auf alle ihr vom Medizinal- rat Dr. Hoffmann vorgelegte Fragen in wirren Bemerkungen. Der Sachverständige gab sein Gutachten dahin ab, daß die Angeklagte sich in einem schweren hysterischen Zustande befinde und von einer Verhandlungssähigkeit in absehbarer Zeit gar keine Rede sein könne. Da sie im Untersuchungsgefängnis auch wiederholt Wahn- und Verfolgungsideen gehabt habe, so beantrage er ihre Uebev- Weisung an eine Anstalt gemäß Z 81 St.-G.-B. Rechtsanwalt Dr. Halpert unterstützte diesen Antrag durch Anführung einzelner Mo- mente aus dem Seelenleben der Angeklagten und auch Staats- anwalt Oltrogge schloß sich dem Antrage an. Der Gerichtshof be- schloß infolgedessen, die Verhandlung zu vertagen und die Ange- klagte zur Beobachtung auf 6 Wochen einer Irrenanstalt zu über- weisen._» Das Urteil im Metneibsprozetz gegen die Restaurateure Walter- stein und Fritz Haeller wurde gestern in der achten Abendstunde ge- fällt. Es lautete gemäß dem Antrage des Staatsanwalts, nach- dem die Geschworenen sämtliche Schuldfragen verneint hatten, auf kostenlose Freisprechung beider Angeklagten. Der gegen Walter- stein erlassene Haftbefehl wurde aufgehoben. Bekanntltch wax auch diefer Prozeß eine Folge der vielbekannten Ball-Affgre», Hus aller Tlelt. Der Kampf um die Leute. Quetschung der linken Hand erhalten hatte. Schmargendorf. ReichSverböndlerische„Jugendfürsorge". Selbst im Kampfe um die Eroberung der Jugend scheint schon die Methode des ReichSverbandes bodenständig werden zu sollen. Bor kurzem hat sich ein Ortsausschuß für„Jugendfürsorge" gebildet, der eS sich zur Aufgabe macht,„durch Darbietungen geeigneter nationaler Lektüre der verhetzenden Propaganda der Sozialdemokratie einen Damm entgegenzusetzen. An der Spitze des aus 40 Herren be- stehenden Ortsausschusses steht ein Herr Oberlehrer Professor Stock und als Schriftführer Herr Dr. Hei itrich Frankel. Wir sind überzeugt, daß unter dessen Leitung die nationalisierende Tätig- keit des Ortsausschusses Triumphe feiern wird— ganz im Stile des berit— hmieit NeichswahrhcitSverbandes. Dafür bürgt die schrift- stellerische Tätigkeit deS Herrn Schriftführers, dessen Verdienste um das Vaterland der Oeffentlichkeit leider noch lange nicht genügend bekannt sind. Herr Dr. Heinrich Fränkel bereichert nach seinem Ein- geständnis sein Wissen durch fleißiges Studium der reichhaltigen Bücherei des ReichSverbandes, er qualifiziert sich also dadurch zu einem besonderen Bekäntpfer der Sozialdemokratie. Aus uns unbekannten Gründen veröffentlichte er sein Sammelsurium von Zitaten,„Soziale Tatsachen und sozialdemokratische Theorien" unter dem Namen eines H. Bürger. Auch! zu dem bevorstehenden Wahlkampf hat dieser modernisierte Don Quichotte sein Waffenarsenal komplettiert. Einige niedliche Beiträge, womit man aus der politischen Schaubühne mit Worten dauern; nicht weniger als elf hervorragende Anwälte stehen als Vertreter der Parteien sich einander gegenüber. Das Aufgebot an Juristen macht sich jedenfalls bezahlt, denn das Streit- objelt beträgt 54 Millionen Frank. Die arnten Kinder des Königs mußten sich mit lumpigen 15 Millionen Frank Erb- s ch a f t begnügen, eine so lächerlich geringe Summe, daß ein an- ständiger Mensch davon absolut nicht existieren kann. So handelt denn die Prinzessin Luise, wie einer ihrer Verteidiger sich ausdnickte, nur als gute pietätvolle Tochter, wenn sie Anspruch auf die restlichen Millionen erhebt. Aber die freilich etwas spät entdeckte Pietät gegen ihren Bater wird ihr wohl wenig nützen. Der belgische Staat ist der Auffassting, daß die 54 Millionen aus Einkünften herstammen, um die der bei aller Lebenslustigkeit sehr industriell veranlagte Leopold den belgischen Staat be- trogen hat. In dieser Auffassung steht übrigens die belgische Regierung nicht allein; jeder Kundige weiß, daß der Verstorbene im Geschäftemachen einer der skrupellosesten Menschen war, dem jedes Mittel recht schien, wenn er dadurch seine Interessen fördern komtte.1_ Unglücklicher Abschluft eines Hochzeitsfestes. Von einem schweren Unglück wurde am Sonntagmorgen in der Nähe der sächsischen Ortschaft Malter eine Gesell- schaft betroffen, die von einer Hochzeitsfeier nach Hause fuhr Das Gefährt des Gutsbesitzers N ä ck e wurde durch Scheuen der Pferde gegen einen Baum geschleudert. Eine mitfahrende Frau Kästner wurde dabei getötet, der Besitzer des Wagens und seine Frau erlitten Schädelbrüche und schwere innere Verletzungen. Zwei andere Insassen des Wagens kamen mit leichteren Verletzungen davon. Ein deutscher Rekordflug. Dem Flieger Hirch gelang es am Sonntag, bei Schanflügen auf den Cannstatter Wasen den deutschen Höhenrekord für Passagierflüge zu verbessern. Es gelang dem Flieger, sich mit einem Pasiagier an Bord bis in eine Höhe von 800 Meter hinauf- zuschrauben. Die bisher bei einem deutschen Passagierflug erreichte Höhe betrug 650 Meter._ Tuet Büste. ! Nach dem Grundsatze scheint man im Kloster zum guten Hirten in München die weiblichen ZwangSzöglinge, die aus irgend einer Verfehlung der Obhut des Klosters unterstellt worden sind, zu behandeln. Die übermäßig viel verlangte Frömmigkeit hat die Zöglinge vor einiger Zeit zur Revolte gegen die An- staltsleitung getrieben, was verständlich wird, wenn man die den Zwangszöglingen auferlegte Erziehungsmethode kennt. Vor dem Münchener Jugendgericht wurden in einer Verhandlung die Gebetsübungen eines Tages bekanntgegeben. Sie sehen so aus: 5 Uhr: Aufstehen, dabei Beten des englischen Grußes; 6— 7 Uhr: Kirche; V28 Uhr: Morgengcbet gute Meinung; 8 Uhr: Stundengebet; 9 Uhr: Tageszeiten; 10 Uhr: Gebet mit Gesang; �11 Uhr: Gewissenserforschung; 11 Uhr: Mittagessen, vor und nach dem Essen Gebet; 12 Uhr: Gebet Engel des Herrn; 1 Uhr: Stundengebet: Z42 Uhr: Heiliger Geist mit Gesang; 2 Uhr: Gebet und geistige Lesung; 3 Uhr: Gebet für die Vorgesetzten; 144 Uhr: Gegrüßt seist du Maria; 4 Uhr: Stundengebet: 5 Uhr: Maiandacht; 6 Uhr: stundengebet; Z47 Uhr: Abendessen mit Gebet; 8 Uhr: Gemeinsames Nachtgebet. Da ist es begreiflich, daß die Zöglinge sich gegen die befürchtete Verblödung auflehnten, denn für einen normal-frommen Menschen genügt die im Kloster täglich verabreichte Dosis Frömmigkeit sicher für ein ganzes Quartal, Kleine Notizen. Vier Arbeiter abgestürzt. Auf der Friedrich-Wilhelmshütte in Mülheim a. R. stürzten vier Monteure von einem in Eisen- konstruktion aufgeführten Neubau ab. Drei von ihnen waren sofort tot, der vierte ist schwer verletzt. Brudermord wegen einer Erbschaft. In Ober-Jngelhetm ereignete sich am Sonntagnachmittag ein blutiges Drama. Die Gebrüder Eduard und Johann W 0 l f f lebten seit längerer Zeit wegen einer von ihrer Mutter hinterlaffenen Erbschaft tn Streit. Als sich die beiden Brüder gestern auf einem Feldwege zwischen Ober-Jngelheitn und Gau-Algesheim begegneten, zog Eduard Wolff einen Revolver und feuerte sechs Schüsse auf seinen Bruder ab, der auf der Stelle tot war. Der Mörder wurde verhastet. Unglückliche Liebe. Am Sonntag haben in Halle a. S. drei junge Mädchen aus Licbesgram Selbstmord verübt. Die eine war die Tochter eines hiesigen Maurermeisters. Sie erschoß sich mit dem Jagdgewehr ihres Vaters. Die andere vergiftete sich in einem hiesigen Hotel; sie konnte noch nicht rekognosziert werden. Die dritte, ebenfalls eine hiesige Bürgerstochter, ertränkte sich in der Saale._ Eingegangene Druckschriften. Handbuch für Heer und Flotte. Ltefcr. 34/35. Herausgegeben von G. v. Alten. Pro Liefer. 2 M. Bong u. Co., Berlin W. 57. Erster vergleichender Bericht über die zur Durchführung der Arbeiterschutzgesetze getroffeuru Mastoahmeu. 107 S. G. Fischer, Jena. Literatur als Ware von W. Fred. IM.— Maskerade der Seele von Friedenthal. Tragische Komodie. 2 M.— Sexualleben und Gesundheit von Nhström.(Oesterheld u. Co., Berlin W. 16) 5 M.. 6,50 M. geb.________ ßriefhaften der Redaktion. Sie laristtsche evreqsuvde findet«tndenstraße vs, vorn vier Teedde» — N-hrftuhl—, woqcnUigli» von tu 71/, Itüt abends, SoimadendS tan iMt tu 6 Uhr abends statt. Jeder ffir den ivrtrfkaften tefttmmtea Anfrage ist et» Buchstate nus eine Zahl als Merlzetchcn detzusttgea. Briefliche Rutwort wird nicht erteilt. Eilige Frage» trage mau t» der Sprechstunde vor. R. W. 67. Der Eigentümer, wenn im MietSvertrage nicht» anderes bestimmt ist.— P. N. Nein. Wenn Sie Inländer sind, können Sie dir Lerstcherung im Auslande sortsetze».— M. 260. Nein. Die Ausstellung eines Schristslückcs ist zweckmäßig.— G. L. 166. 1. Wir raten von dem Beitritt ab. 2. Ja.— K. H. in«. 52. Der Besitzer des FubrweriS ist für sämtlichen Schaden hastbar, lvenn Sie ihm das behauptete Verschulden nachweisen können.— A. M. 6. Wenn Ihr oder Ihrer Frau Unterhalt vom Sohn überwiegend bestritten ist, ja. Antrag an die LandcsvcrsicherungS- anstatt.— Rixdorf. Nichts abzugSsähig, da die Unterstützung nicht auf Grund gesetzlicher Verpflichtung gewährt wird.— P. K. 48. Steuer- ausschub, Zentralstelle, Klosterstr. 41.— R. St. 17. 1. Nach Ihrer Dar. stellung liegt«ine strasbare Handlung nicht vor. 2. Nein. 3. Ja. 4. Zunächst solange, wie die Ehe besteht.— M. P. 57». 1. u. 2. Ja.— Otto 36. Nein. Marktpreise von Berlin am 6. Mai 1911. nach Ermittelung de» Königlichen Polizeipräsidiums. Marktballenpretse.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speisebohnen. weiße 30,00—50,00. Linsen 20,00—60,00. Kartoffeln 5,00—9,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bi» 1,70. Schweinefleisch 1,20—1,90. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,40—2,20. Butter 2,20—2,80. 60 Stück Eier 2,80-4,50. 1 Kilogramm Karpjen 1,10—2.40. Aale 1.40-3,00. Zander 1.40-3.60. Hechte 1.20 bi» 2.80. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,26-3,40. Bleie 0,30-1,60. 66 Stück Krebse 2,50-30,00. Witternngvüderstckit vom 8. Mai 1911. Twwembe. Hamburg Berlin Frankia M. München Eo i| «= = 5 I 768 Still 768 NNO 767 D 765 NW 764 O Wien'>764 Still Wcttervrognoie kür Ein weing wärmer, uicljach südöstlichen Winden. Setter bedeckt 3hetter 3 bedeckt 3 bedeckt »bedeckt bedeckt S" §? w« «tattonen Haparanda Petersburg Ecillh Aberöee» Part, Ii Ii re S 765 W 769 SSW 765 D 764 SSW 766 NO «etter > c» »» 8* 8 16 2 wolkig 1 wolkenl 2 halb bd. 11 2halbbd. II 2 wolkenl, 10 Dienstag, den 9. Mai 1911. wollig mit etwas Regen und meist schwachen Berliner Wetterbureaa. WasserstandS-Nachrtchte» der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau Wasserstand Memel, Tilsit Prrgel, Jnsterbtlkg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Kroffen „ Frankfurt Warthe, Schrtmm , LotidSberg Netze, Lordanut» Elbe, Leittncritz „ Dresdu» „ Bardo , Magdeburg _')+ bedeutet Such»,— Fall.—*) Unlerpeael, Th. Glockk, Sellin. Druck».VerlsgiBorwärtö Buchdruckerei». Verlagsanstalt PaulSiygtzr».Co.. äBstlifl Si&/J LusutMUliScr Büdatteuri Albert WaM, Sellin. Für den JnjersteMil vergntw..