Ur. 109. flbonnementS'Bedingtingen: Nbonnemenls- Preis pränumerando i Bicrteljährl. 3P0 Ml., monaU. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg, Sonntag«. nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitung«. Nrcislislc. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonncmcnts nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 28. Jahrg. Crlchcint täglich außer montags. Vevlinev Volksblnkk. Zentralorgan der fozialdetnokrati feben Partei Deutfcblands. die Infertions'Gebüftr (eitägt für die sechsgespaltene Kolonel» geile oder deren Raum 60 Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Bcrsamnuungs-Anzeigen 30 Psg. „AUüi- Hnxeigen", das fettgedruckte Wort 20 Pig.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 1» Psg. Stellengesuche und Schlajstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- stabcn zählen für zwei Worte. Fnserale für die nächste Nummer mästen biS t> Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben»erden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „SoziaidsrooHrat Btrlin". Rcdahtion; 8M. 68, Lindenstrasoe 69« Fernsprecher: Amt IV, Str. 1983. Donnerstag, den 11. Mai 1911. Expedition: 8M. 68, Lindcnatraase 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die McfterverndKruDg in Cngland. Aus London wird uns geschrieben: Die Versicherungsvorlage Lloyd Georges ist von allen Parteien im britischen Parlament— die Konservativen nicht ausgeschlossen!— mit Glückwünschen, denen sich mehr als eine Spur des Erstaunens beimischte, empfangen worden Dieses Erstaunen kam deutlich in den Reden Chamberlains wie auch Macdonalds zum Ausdruck, die ganz sichtlich nach den offiziösen Erklärungen des Anfangs des Jahres eine viel weniger weitgehende Vill erwartet hotten. Damals hieß es, daß die Regierung beabsichtige, im Parlament eine Vor- läge einzubringen, nach der eine Minimalkrankenunter- stühung von 5 Schillingen die Woche bezahlt werden sollte, Die Beratungen, die der Schahkanzler mit den Vertretern der Gewerkschaften seitdem gepflogen hat, haben offenbar einen wohltuenden Einfluß auf die endgültige Gestaltung der Versicherungsvorlage ausgeübt. Da der Wortlaut der Bill noch nicht bekannt ist, drücken sich die Vertreter der Arbeiter noch sehr vorsichtig in ihren Urteilen aus. Im allgemeinen kann man jedoch feststellen, daß die Vorlage in Arbeiterkreisen wohlwollende Aufnahme gefunden hat. Was den Teil, der von der Kranken- und Invalidenversicherung handelt, anlangt, wurde bis jetzt nur Kritik an Einzelheiten geübt. Die Ärbeitslosenversicherung hat jedoch zu prinzipiellen Bedenken Anlaß gegeben.„Die Vorlage ist geeignet, die k'rieuckl� Kociekies zu stärken und die Gewerkschaften zu schwächen", äußerte sich mir gegenüber der Sekretär der Gewerkschaftsföderation, Appleton. Die Vorlage besteht aus zwei Teilen: der erste handelt von der Kranken- und Invalidenversicherung, der zweite von der Arbeitslosenversicherung: die erste erstreckt sich praktisch auf die ganze erwerbstätige Bevölkerung, die ein Einkommen von weniger als 160 Lstrl. im Jahre hat, die zweite ist auf einige wichtige Industrien beschränkt. l. Kranken- und Invalidenversicherung. Von der Versicherungspflicht sind hier ausgeschlossen: das Personal des Heeres und der Flotte, Lehrer, Angestellte des Staates und der Gemeinde und Agenten, die von mehr als einer Firma beschäftigt werden, Arbeiter, die nur zeitweilig Beschäftigung haben, sind so weit wie möglich einbezogen worden.« Die Beiträge sind für alle männlichen Versicherten die selben. Sie betragen 9 Pence(76 Pf.) die Woche, wovon der Arbeiter 4 Pence, der Arbeitgeber 3 Pence und der Staat 2 Pence bezahlt. Arbeiterinnen zahlen nur 3 Pence. Bc sondere Beachtung verdient die Bestimmung, nach der ein Arbeitgeber, der niedrige Löhne zahlt, einen größeren Anteil an dem Gesamtbeitrag aufbringen muß. Verdient ein Ar- beiter zum Beispiel nur bis zu 2 Sch. 6 Pence(2,50 M.) den Tag, so zahlt er nur 3 Pence Beitrag: der fehlende Penny des Minimalbeitrags niuß von dem Arbeitgeber bezahlt werden. Bei einem Lohn bis zu 2 Sch.(2 M.) beträgt der Beitrag des Arbeiters nur 2 Pence und bei einem Tagelohn von 1 Sch. und 6 Pence(1.30 M.) nur einen Penny die Woche. In allen diesen Fällen muß der Unternehmer den Rest des Vierpennybeitrags selbst zahlen. Tie Zahlung der Beiträge geschieht nach dem Muster des deutschen Klebegesetzes mittels Markön» die der Arbeitgeber einklebt. Tic allgemeine untere Altersgrenze für die Versicherungspflichtigen ist 16 Jahre, die obere 65 Jahre. Tritt jemand im Alter von über 50 Jahren der Versicherung bei, so muß er entweder höhere Beiträge bezahlen oder er bezieht geringere Unterstützungen. Die Beiträge können Wärend drei Wochen im Jahre oder während 12 Wochen in vier Jahren gestundet werden: wäh- rend der Periode der Unterstützung brauchen sie nicht bezahlt werden. Kleine Geschäftsleute und Personen in ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen sind versicherungsberechtigt: derartige männliche Personen bezahlen einen Beitrag von 7 Pence, weibliche einen solchen von 6 Pence und der Staat zahlt wie bei den Versicherungspflichtigen 2 Pence hinzu. Die Zahl der Versicherungspflichtigen wird auf 13 300 000 und die der Versichcrungsberechtigten auf 800 000, die Ge- samtzahl mithin auf 14 700 000 geschätzt. Die Unterstützungen umfassen: freie ärztliche BeHand- lung und Heilmittel: eine Wöchnerinnenunterstützung in der Höhe von 30 Sch. unter der Voraussetzung, daß die Mutter nicht eher als 4 Wochen nach der Geburt des Kindes zur Arbest zurückkehrt(auf eine Frage Chamberlains antwortete Lloyd George, daß auch die Frauen der Versicherten diese Unterstützung beziehen würden!): Heilung der Schwind- süchtigen in Sanatorien, die mit Staatshilfe gebaut werden sollen: 10 Schilling die Woche Krankengeld für Männer wäh- rend der ersten drei Monate und 5 Schilling während der folgenden drei Monate: für Frauen 7 Sch. und 6 Pence, be- züglich 5 Sch. Tie Invalidenrente soll für beide Geschlechter 5 Sch. betragen. In bezug auf die Krankenunterstiitzung ist eine Wartezeit von 6 Monaten und in bezug auf die In- validenrente eine solche von 2 Jahren vorgeschrieben. Ein Versicherter, der sich durch eigenes Verschulden eine Krankheit zugezogen hat, hat nur ein Anrecht auf ärztliche Behandlung und bezieht keinerlei Geldunterstützung. Das unvermeidliche Stückchen Puritanismus. Von den Ausnahmebestimmungen seien hervorgehoben: männliche Personen über 50 Jahre be- ziehen während der ersten drei Monate eine Unterstützung von nur 7 Sch. und 6 Pence die Woche, weibliche im selben Alter nur eine solche von 6 Sch. Für jugendliche Personen im Alter von 16 bis 21 Jahren beträgt die dreimonatliche Unterstützung 5 Sch.(männliche) und 4.Sch.(weibliche). Kinder unter 16 Jahren, die gegen Lohn beschäftigt werden, sind versicherungspflichtig, erhalten aber nur freie ärztliche Pflege. Sterbegelder werden nicht bezahlt. Nach den aktuarischen Berechnungen wird die Versiche- rung in den ersten Jahren schwer belastet sein. Diese aus dem Einbeziehen der alten Leute entstehende Last soll auf loi/o Jahre verteilt werden. Am Ende dieser Periode würden dann mit dem Staatszuschuß 7 Millionen Lstrl. vorhanden sein, die dazu verwendet werden könnten, entweder das zum Bezug einer Altersrente berechtigende Alter auf 65 Jahre (jetzt 70) herabzusetzen oder die Altersrenten aufzubessern (jetzt 5 Sch. die Woche). Die Träger der Versicherung bilden die von der Regie- rung anerkannten freiwilligen Unterstützungskassen, die min- bestens 10 000 Mitglieder haben müssen. Kassen, die ihren Ueberschuß am Ende des Jahres verteilen, kommen nicht in Betracht. Alle Kassen müssen auf dem Grundsatze der Gegen- seitigkeit beruhen und unter der absoluten Kontrolle der Mit glieder stehen! Jede Kasse muß sowohl Lokalkomitees wie ein Zentralkomitee haben. Es wird ihnen keinerlei Verpflich- tung aufgebürdet, eine Person als Mitglied aufzunehmen. Eine Person, die bei keiner Kasse Aufnahme finden kann, muß der„Postkasse" beitreten. Diese bildet eine Art Spar- kasse mit Staatszuschuß. Was die Finanzen des Projekts anlangt, so werden sie wie folgt angegeben: Beiträge der Arbeitgeber pro Jahr. 9 000 000 Lstrl. Beiträge der Arbeitnehmer pro Jahr 11 000 000 Lstrl. Staatszuschuß. Im laufenden Jahre,.---- 1912—13....... 1 742 000 Lstrl. 1913—14....... 3 359 000 Lstrl. 1915—16....... 4563000 Lstrl. II. Die Arbeitslosenversicherung. Die von dem Schatzkanzler entworfene Arbeitslosenver sicherung bietet in ihren Hauptziigen folgendes Bild. Ver sicherungspflichtig sind alle Arbeiter in der Maschinenbau-, Schiffsbau- und Bauindustrie. Die Zahl dieser Arbeiter wird auf 2 400 000 geschätzt. Die Versicherungsorgane sind die staatlichen Arbeitsnachweise. Tie Beiträge werden von den Arbeitnehmern, den Arbeitgebern und dem Staate auf- gebracht. Arbeiter und Unternehmer zahlen beide einen Wochenbeitrag in der Höhe von 2� Pence(21 Pf.): der Staat trägt ein Viertel der Gesamtkosten der Versicherung oder in anderen Worten, er zahlt der Versicherung einen Zuschuß in der Höhe eines Drittels der Gesamtbeiträge. Ter gesamte Jahresbeitrag, den der Unternehmer abzu- führen hat, würde demnach 21 Schilling und 8 Pence(etwa 22,08 M.) für jeden Arbeiter betragen. Um nun den Arbeit- geber zu veranlassen, seine Arbeiter weniger häufig zu wechseln, wird es ihm gestattet, den Jahresbeitrag im voraus in Gestalt einer Pauschalsumme von nur 15 Schillingen ab zuführen. Die Höhe der Unterstützung, die dem Versicherten bezahlt wird, ist verschieden. In der Bauindustrie soll die Arbeits- losenunterstützung 6 Sch. wöchentlich betragen und in der Maschinen- und Schiffsbauindustrie, in der die Arbeitslosig- keit nicht so groß ist wie in der Bauindustrie, 7 Sch Die Unterstützung wird 15 Wochen lang bezahlt. Eine Woche Unterstützung für 5 Wochen Beitrag ist die Grenze der Unter- slützungsdauer. Die Unterstützung nimmt eine Woche nach dem Eintritt der Arbeitslosigkeit ihren Anfang. Wird ein Arbeiter wegen schlechter Führung(miseouckuet) entlassen, so hat er keinerlei Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung. Ein Arbeitsloser muß Arbeit, die ihm von dem staatlichen Arbeits- nachveise zu einem anständigen Lohne angeboten wird, an- nehmen, widrigenfalls er die Unterstützung verliert. Ein Schiedsgericht wird die aus dieser Bestimmung entstehenden Streitfälle entscheiden. Die Stellung der Gewerkschaften, die Arbcitslosenuntcr- stützung zahlen, ist weder durch die Rede des Schatzkanzlers noch durch die des Ministers Burton ganz klar gemacht worden. Der Schatzkanzler führte zu diesem Punkte in seiner Rede aus:„Wir können keine Gelder des Staates und sicherlich nicht die Gelder der Arbeitgeber einer Organisation aushändigen, deren Zweck hauptsächlich der ist, mit den Ar- beitgebeni über Lohn- und Arbeitssragen zu kämpfen. Wir schlagen daher vor, daß die Gewerkschaften ihren Leuten die (bestehende) Arbeitslosenunterstützung zahlen sollen und von dem(Versicherungs-) Fonds die Rückzahlung des Betrages fordern, den der Staat den Leuten zahlen würde, wenn diese zu den Arbeitsnachweisen gegangen wären. Dies gestattet den Gewerkschaften, das Geld zu verteilen, und zu gleicher Zeit schützt es uns gegen die Unbilligkeit, etwas zu unter- stützen, was doch wirklich nur eine Kriegskasse ist: das geben die Gewerkschaften ja selbst zu." Außer der Einführung der Zwangsunterstlltzung für die zwei genannten großen Jndustriegruppen ist auch noch die staatliche Förderung aller freiwilligen Bestrebungen auf dem Gebiete der Arbeitslosenunterstützung in Aussicht genommen. Alle Vereine und Gewerkschaften, die Arbeitslosenunter- stützung zahlen, spyen aus der Staatskasse einen Zuschuß von ein Sechstel der zu diesem Zwecke von ihnen ausgegebenen Gelder erhalten. Auch die Gewerkschaften der der Zivangs- Versicherung unterworfenen Berufe beziehen diesen Zuschuß. Eine Klausel in der Vorlage bestimmt ferner, daß die Ar- beitslosenversicherung, falls sie sich bewähren sollte, in Zu». kunft auch auf andere Betriebe ausgedehnt werden soll. Ein flüchtiger Blick auf die Hauptbestimmungen dieses Teils des Versicherungsgesetzes belehrt einen, daß gar manches an dem Plan geändert werden muß, um die Bedenken der Ge- werkschaften zu zerstreuen. Ganz abgesehen von Einzelheiten wie die Höhe des Beitrages, die durch die Erfahrungen der Gewerkschaften nicht gerechtfertigt erscheint, muß allein schon die Gefahr, daß die Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt der Werbekraft der Gewerkschaften Abbruch tun wird, zur Skepsis Anlaß geben. Jedenfalls werden sich die britischen GeWerk- schafter die Sache Wohl überlegen müssen, ehe sie den Sprung ins Ungewisse wagen. In einem weiteren Artikel soll versucht werden, einzelne Punkte, die bisher der Uebersichtlichkeit wegen nur. gestreist werden konnten, näher zu erörtern. Zm Lage in tüaroKlso. Es wird von Tag zu Tag klarer, daß die kapitalistischen und militärischen Macher der französischen Marokkopolitik ein Spiel mit verdeckten Karten gespielt haben. So unklar und verworren auch die Nachrichten sind, die aus dem„belagerten" Fes und von der Hilfscxpedition zu uns komnien, so läßt sich doch mehr und mehr mit ziemlicher Deutlichkeit erkennen, welche geheimen Pläne bei der ganzen Aktion verfolgt werden. Blätter wie der„Tenips", der„Figaro", der„Matin" usw., die in der Behandlung der Marokkoaffäre offenbar von über- eifrigen Militärs bedient werden, verraten hier und da einmal unwillkürlich, in welchen Topf man den marokkanischen Braten haben will. Der Sultan von Marokko Muley Hafid wird in seiner Residenz Fes von aufrührerischen Stämmen eingeschlossen. Es handelt sich dabei, das muß ausdrücklich betont werden, nicht um eine Belagerung in europäischem Sinne. Die Zahl der aufständischen Krieger reicht sicherlich nicht aus, die Stadt in ihrem ganzen Umfangtz zu zernieren, außerdem haben die Be- lagerer keine Artillerie, und mit der Einigkeit der Stämme und damit mit einer einheitlichen Aktion ist es auch nicht weit her. Es ist ja auch dem französischen Major Brümond, einem In- strukteur der Sultanstruppen, gelungen, mit seiner Mahalla, d.h. einem Alifgebot von Kriegern aus Stämmen, die dem Sultan treu geblieben sind, in Fes einzudringen. Nichtsdestoweniger kommen in den letzten Tagen düstere Nachrichten aus Fes: Die Situation soll für die Belagerten sehr gefährlich sein, es soll an Lebensmitteln und Munition fehlen, die Sicherheit der in Fes eingeschlossenen Enropäer soll bedroht sein. Die französische„patriotische" Presse verlangt daher ein energischeres Vorgehen der Hilfsexpcditionen. Daß diese Hilfsexpeditionen bis jetzt noch nicht in Aktion getreten sind und sich kaum von der Basis ihrer Operationen sowohl im Schauja- wie im Muluja-Gcbict entfernt haben, ist in erster Linie wohl darauf zurückzuführen, daß man in Paris der Schwierigkeiten mit den anderen Mächten, vor allein Spanien und Deutschland, noch nicht Herr geworden ist und daß man vielleicht auf irgend einen„gesegneten" Zwischenfall gewartet hat, um dann die Expeditionskolonnen losrücken zu lassen. Aber die französischen Offiziere und Unteroffiziere im Dienste des Sultans haben den Marokkotreibcrn in Paris nicht den Gefallen getan, sie haben sich nicht töten oder ver- Wunden lassen, uni eine große Aktion für die„nationale Ehre" zu rechtfertigen. Wobei noch zu bedenken ist, daß Militärs. die sich als Instrukteure in fremde Dienste begeben, dies auf eigene Rechnung und Gefahr tun und nicht verlangen können, daß um ihrer eigenen werten Person willen ein kostspieliger Krieg angefangen wird. � Aber darüber kann keinDiplomatengeschwätz hinwegtäuschen- die französischen Kolonialkapitalisten und Arm in Arm mit ihnen abentcuerlüsterne Militärkreise haben die feste Absicht, den nordafrikanischen Besitz Frankreichs abzurunden und Marokko ungefähr in dasselbe Abhängigkeitsverhältnis zu bringen wie Tunis. In diesem Vorhaben fühlen sie sich beengt durch die an sich recht unzulängliche Algeciras-Akte und durch die Eifer- sucht Spaniens und durch die Haltung Deutschlands, das jetzt wieder einmal in bezug auf Marokko eine ganz unberechtigte Empfindlichkeit zeigt. Man wird daher in Paris mit Un- geduld auf einen Zwischenfall gewartet haben, um im Namen des vergossenen französischen oder europäischen Blutes die ersten Okkupationsmaßnahmcn zu rechtfertigen. Denn das Hinelmnarschieren nach Marokko ist sehr leicht, das Hinaus- marschieren aber bei der inneren Zerrissenheit der Stämme und der Machtlosigkeit der Sultansregierung sehr schwer. Der von den Marokkohetzern ersehnte Zwischenfall ist nicht eingetreten; nicht ernmal von einem angeschossenen Goum- oder Spahigaule konnte berichtet werden. Und so müssen denn allerlei unkontrollierbare Hiobsposten auö Fes herhalten das Vorgehen der beiden Expeditionskorps von Osten und Westen zu rechtfertigen. Die Regierung hat die ungeduldigen militanstischen und kapitalistischen Treiber durch allerlei Er- klarungen um gut Wetter gebeten und schließlich Marschorder gegeben. Und so ist ja auch schon bei dem Vortrupp des Majors Bmlard(vom Schanjakorps) Blut geflossen, Immer mehr zeigt sich, daß bei der Durchführung der Hilfsexpedition von der militärischen Seite aus ein bestimmter geheimer Plan verfolgt wurde. Fast alle Meldungen, die über die militärischen Aktionen der letzten Tage einliefen, bezogen sich auf das Expeditionskorps, das im Schaujagebiete, d. h. von Casablanca und Rabat aus, operieren und von dem kleinen Hafen Meddija aus unter dem Befehl des Generals Moinier den Vormarsch nach Fes antreten soll. Ein Teil dieses Korps, das aus ungefähr 22 000 Mann bestehen wird, unter dem Major Brulard ist bis jetzt nur wenige Kilometer von Knidra vorgerückt und ist immer noch zirka 90 Kilometer von Fes entfernt. Von dem anderen Hilfskorps, das im Mulujagebiete, an der algerisch-marokkanischen Grenze in ungefähr derselben Stärke zusammengezogen wird. war eS bisher merkwürdig still. Das Schaujakorps setzt sich zusammen aus Teilen der Besatzungen von Casablanca, in erster Linie aber aus Ab- tcilungen Kolonialinfanterie und Kolonialartillerie. Diese Kolonialtruppen sind verschiedenen Garnisonen Frankreichs ent- nommen, sie werden in„petita paquets", in kleinen Verbänden nach Rabat oder Casablanca verschifft und dort zu Marsch- regimentern zusammengestellt. Diese Art der Mobilisation wird den französischen Steuerzahlern sehr teuer zu stehen kommen. Die nach Afrika bestimmten Batterien und Maschinengewehrabteilungen mußten erst ihren Pferde- und Maultierbestand in Südfrankreich und Algerien ergänzen, die Schiffe mußten für den Transport der Tiere(auch für Kamele) hergerichtet werden u. dergl. mehr. Daß unter diesen Umständen die Komplettierung dieses Schaujakorps ziemliche Zeit in Anspruch nahm, liegt klar auf der Hand. Das gibt den französischen Militaristen Gelegen- heit, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie verlangen für die Zukunft eine ständig auf Kriegsfuß stehende Kolonialarmee. Dann aber fordern sie mit immer größerem Nachdruck, daß das im Mulujagebiet konzentrierte Korps den Vormarsch auf Fes antrete. Sie wissen ganz genau, daß die zwischen Fes und der algerisch- marokkanischen Grenze wohnenden Stämme dem französischen Vormarsch Widerstand entgegensetzen werden und daß damit der schönste Anlaß zu einer Okkupation gegeben ist. Dazu kommt dann die Möglichkeit. aus Algerien immer neue Truppen- Verstärkungen heranziehen zu können. Die Truppen des Mulujakorps bestehen schon jetzt ausschließlich aus Kon- tingenten der algerischen Armee, sogar aus Tunis sind Ab- teilungen zum Einmarsch in Marokko herangezogen worden. In der Zwischenzeit ist dann auch das Korps im Schauja- gebiete komplettiert und marschfähig, so daß der„pönötratiou xaoiLgue" nichts mehr im Wege steht. Das ist der feine Plan, der immer mehr aus den Spalten des„Temps" und anderer militaristischer Blätter herausleuchtet. In der„Humanitü" wird er dagegen von Iaurös rund und nett als Hochverrat gekennzeichnet. In Spanien wird man immer mißtrauischer und das arme spanische Volk wird über kurz oder lang mit neuen Opfern an Gut und Blut in Marokko rechnen müssen. Schon jetzt haben spanische Truppenabteilungen marokkanisches Gebiet besetzt. So wächst die kapitalistische Kolonialpolitik immer mehr zu einer verderbenbringenden Lawine an, die ihre Ver- heerungen nicht auf ein einzelnes Land beschränkt. Und wie ist'S mit Deutschland? Wir haben die gegenwärtige Lage in Marokko etwas ausführlicher geschildert, weil man in deutschen regierenden Kreisen bei Nennung des Namens Marokko wieder nervös zu werden beginnt. Die kalt- feindselige Haltung der„Nordd. Allg. Ztg." in den letzten Tagen gibt genug zu denken. Wenn auch die Tataren- nachricht von der Entsendung deutscher Kriegsschiffe in marokkanische Gewässer offiziös dementiert wurde, so dürfen wir uns nicht verhehlen, daß die innerpolitische Lage Deutschlands, vor allem die vor der Tür stehenden Reichstagswahlen, nicht ohne Einfluß auf die aus- wärtige Politik sein können. Die„Post" und andere Scharf- macherblätter haben schon verschiedene Vorstöße nach dieser Richtung hin versucht.. Und selbst bei den liberalen Blättern hat Herr von Kiderlen-Wächter einen Stein im Brett, sprach doch die„Freisinnige Zeitung" beim letzten Fremdenlegions- streit ihre Freude über dessen„energisches" Vorgehen aus. Beiläufig sei erwähnt, daß bei dem im Mulujagebiet konzentrierten Korps auch wieder starke Abteilungen der Fremden- legion stehen, woraus sich unter Umständen auch wieder Konfliktsmöglichkeiten mit Deutschland ergeben können. Von der hirnverbrannten Forderung der Alldeutschen und anderer an nationalen! Größenwahnsinn leidender Schreier wollen wir nicht viel Aufhebens machen. Aber immer und immer wieder mutz betont werden, daß das deutsche Volk und vor allem die deutsche Arbeiterschaft um Marokkos willen mit Frankreich keinen Konflikt, am allerwenigsten einen Krieg haben will. Unsere französischen Genossen werden ihren Kolonial-Kapitalisten und Militaristen schon scharf auf die Finger sehen. Die deutschen Arbeiter müssen aber ihrerseits darüber klar sein, daß deutsche Interessen nur in ganz ge- ringem Umfange in Marokko in Frage kommen. Der deutsche Handel ist im Vergleich zum englischen und französischen nur gering, und die Profitinteressen einiger Bankiers und Groß- industriellen, die sich in Marokko engagiert haben, sind noch lange nicht gleichbedeutend mit den Interessen der ganzen deutschen Nation. Bei einem einigennaßen taktvollen und ruhigen Auftreten kann die deutsche Diplomatie alle not- wendigen Garantien für die Freiheit des deutschen Handels erlangen. Die deutschen Arbeiter haben nicht den all ermindesten Anlaß, um Marokkos willen ihre Haut zu Martte zu tragen, am allerwenigsten um der„Sou- veränität" eines Despoten wie des Sultans von Marokko willen, der fest in den goldenen Ketten sitzt, mit denen ihn das französische Kapital gefesselt hat. Wir haben alle Ursache. die Vorgänge in Marokko aufmerksam zu verfolgen, um den Herrschaften, die die nordafrikanischen Händel benutzen wollen. um sich aus der inneren politischen Klemme zu helfen, das saubere Handwerk zu legen. Wir haben ihnen klarzu- machen, daß in Marokko keine Wahlparole zu holen ist. � Ei« Angriff auf Moinier? Madrid, 10. Mai. Heralbo meldet aus Tanger: Gestern bor« mittag gegen 10 Uhr stürzten sich Taufende von Ein« geborenen in geschlossenem Zuge auf das bei Belarofi, etwa drei Kilometer von Saleh errichtete Lager, wo sich General Moinier befindet. Dieser übernahm den Oberbefehl über die Truppe». Det Feind wurde durch Gewehr- und Artillenefcuer zurückgeworfen: er wiederholte jedoch dreimal seinen Angriff und zog sich erst dann nach dem Heiligtum von Sidi Labe, io der Nähe von Saleh. zurück. Die französische Truppen- abieilung verließ sofort Saleh und eröffnete da? Feuer auf den Feind, der nach heftigem Widerstand mit einem Verlust von 30 Toten und zahlreichen Verwundeten den Rückzug antreten mußte. Wie eS weiter in dem Telegramm heißt, wurde eine Pionierabteilung nach dem Lager von Belarofi entsandt, um ahn« liche Vorkommnisse zu verhüten. Schließlich besagt da» Telegramm, daß nach Meldungen aus El K n i t r a die vereinzelten Angriffe auf die französischen Posten und die Truppen, welche die Ver- proviantierungszüge begleiten, fortdauern. Ei« erfolgreicher Ausfall. Londo«, 9. Mai. Wie das Reutersche Bureau aus Tanger meldet, hat die Mahalla einen Ausfall aus Fes gemacht. die Aufständischen geschlagen und den festen Punkt Najala Faradji genommen. Spauische Besorgnisse. Madrid, 10. Mai. Ministerpräsident CanalejaS erklärte einem Berichterstatter: Wir haben freundschaftlich Einspruch erhoben, als Frankreich kürzlich mit Marokko ein Abkommen ab- geschlossen hatte, ohne unS zu verständigen. Ebenso haben wir bei Frankreich in überaus herzlichem Tone einige Vorstellungen über seine militärische Mission in Marokko erhoben. Wir haben über gewisse Fragen verschiedene Anschauungen, was nicht erstaunlich ist; denn unsere Interessen find häufig entgegen- gesetzt; aber das schließt keineswegs Reibungen und Erbitterung in sich. BelchrMnog des Petitionsrechts der Kommunen. Am 15. Februar 1910 hatte die Stadtverordnetenversammlung von Königsberg i. Pr. beschlossen, eine Petition an die beiden Häuser des preußischen Landtages zu senden, in der um die Ab- änderung der Wahlrechtsvorlage der preußischen Re- gierung ersucht wurde. Der Antrag ging dahin, daß durch die Aenderung der Lorlage das Klassensystem beseitigt werden und das geheime Sti,nmrecht eingeführt werden möge, und daß eine den veränderten Bcvölkerungsverhält- nissen entsprechende Wahlkreiseinteilung zu schaffen sei. In der Begründung wurde unter anderm darauf verwiesen, daß die Wahlrechtsvorlage durch Beibehaltung des Klassensystems, der bis- herigen Wahlkreiseinteilung und der öffentlichen Stimmabgabe in den großen Städten, namentlich in Königsberg den größten Teil der Bürgerschaft benachteilige und daß insbesondere durch die öffentliche Stimmabgabe viele Bürger in der Wahlfreiheit beeinträchtigt würden. Der Magistrat trat am nächsten Tage dem Beschlüsse der Stadtverordneten bei. und schon am folgenden Tage ging die Petition im Druck den beiden Häusern des Landtags zu. Sechs Tage später beanstandete der Oberbürger- meister auf Anordnung des RegierungSpräsi- deuten den Zu st immungsbeschluß deS Magistrats, weil diese Petition keine GemeindeangelegenSeit sei und der Magistrat durch seine Zustimmung zu dem angeblich auch von den Stadtverordneten unbefugter Weise gefaßten Beschluß seine Be- fugnisse überschritten habe. Der Magistrat focht die Beanstandung durch die Klage an und machte geltend, daß es sich doch um eine die Gemeinde stark be- rührende Angelegenheit handele. Der Bezirksausschuß wies dje Klage mit. folgender Begründung ab: Die Stadtverordnetenversammlung könne, abgesehen von be- sonderen, hier nicht in Betracht kommenden Ausnahmefällen, nur über Gemeindeangelegenheiten beschließen. In diesem Rahmen müsse sich auch ihr Petitionsrecht halten. Dasselbe treffe auch auf den Magistrat zu, wenn besondere Be- stimmungen für ihn auch nicht existierten. Er sei die Ortsobrigkeit und Gemeindeverwaltungsbehörde; deshalb gingen seine Befugnisse in Sachen der Zuständigkeit nicht weiter, als die der Stadt- verordneten. Es frage sich deshalb, ob es sich bei dieser Petition um eine Gemeindeangelegenheit handele. Gemeinde- angelegenheiten seien nur solche, bei denen die Gemeinde als korporative Gemeinschaft beteiligt sei. Petitionen städtischer Korporationen auch in Angelegenheiten der Staats- gesetzgebung könnten unter Umständen auch Gemeindeangelegenheiten sein. Sie seien eS aber nur d a nn, wenn sie objektiv in der Besonderheit der Verhältnisse der örtlichen Gemeinschaft ihren Ausgangspunkt und in der Förderung und im Schutze dieser Verhältnisse ihr Ziel hätten. Natürlich müßten die Beziehungen zu den lokalen Verhältnissen tatsächlich und nicht nur dem Wortlaut der Petition nach zutreffen. Wie sei eS nun hier? Was die Wahl- kreiseinteilung betreffe, so müsse ja zugegeben werden, daß einzelne große Stadtgemeinden benachteiligt sein könnten, da sich die Bevölkerungsverhältnisse verschoben hätten. ES sei denk- bar. daß an der Aenderung eine einzelne Gemeinde ein lokales Interesse habe. DaS erledige sich hier aber dadurch, daß auf jeden Fall die übrigen Punkte der als Einheit zu nehmenden Petition(die Ab- fchaffung des KlassensystemS und der öffent» liche n Stimmabgabe) nicht als solche angesehen werden könnten, an denen die Gemeinde als korporative Ge- in e i n s ch a f t ein Interesse habe. Der Magistrat sage zwar, daß gerade wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse der großen Stadt ein großer Teil der Bürger nicht unabhängig genug sei. um öffenllich nach seiner Wahl zu stimmen. Eine Beziehung zu den besonderen örtlichen Verhältnissen sei aber nicht dargetan. Wirtschaftlich abhängige Personen befänden sich in jeder Stadt. Es läge also nicht ein„besonderes örtliches Interesse" bor. Auch werde die Gemeinde nicht als Korporation berührt, sondern nur das einzelne Gemeinde Mitglied. So liege es auch bei der Klasseneinteilung. Da diese Punkte aber wesentliche Bestandteile der Petition bildeten, so rechtfertige sich die Beanstandung deS Be- schlusseS, weil er die Befugnisse überschritt. Die Beanstandung habe auch noch nach Absendung der Petitton erfolgen können. Das OberverwaltungSgericht bat jetzt dieses Urteil als durchaus zutreffend bestätigt und die Berufung des Magistrats abgewiesen. Diese juristische Auslegung des Petitionsrechts der Kommunen ist ebenso engherzig, wie widersinnigl Danach dürfen sich die Kommunen nur wegen lokaler Schmerzen und Benachteiligungen an die gesetzgebenden Körperschaften mit Petitionen wenden. Andere, allgemeine Nachteile, die nicht die Kommune X oder g) speziell, sondern gemeinsame Interessen zahlreicher Kommunen betreffen, dürfen nicht zum Gegenstand von Petitionen gemacht werden, auch wenn sie für die Gemeinden zehnmal wichtiger and einschneidender find! Eine echt sormaljuristische Silben stecherei, die unseM Reaktionären natürlich höchft tziNkogsW«!» isti poUtifcbc Oebcrlicht Berlin, den 10. Mai 1911. Die Krankenkassenorganisatio«. Aus dem Reichstag, 10. Mai. Der Kampf der Sozialdemokraten gegen dieKassenzersplitterung wurde in der heutigen Sitzung unermüdlich, leider aber wieder ohne Erfolg durchgeführt.' Dabei kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung mit dem Berichterstatter Horn-Reuß (natl.) wegen einer irreführenden Darstellung in seinem Bericht. Nachdem Genoffe Leber den sozialdemokratischen Antrag gegen die Zulassung.besonderer Ortskrankenkassen neben den allgemeinen Ortskrankenkassen nachdrücklich, aber erfolglos be- gründet hatte, bekämpfte Genosse Hoch die Verschlechterung des Regierungsentwurfs durch die Kommission, die die Mindest grenze für besondere Ortskassen von 500 auf 250 Mitglieder herabgesetzt hat. Dabei wies er nach, daß der Berichterstatter fälsch- lich behauptet hatte, jene Verschlechterung sei durch die Komnilssionsmehrheit kompensiert worden durch einen Zusatz, der die Sicherung der dauernden LeistungS- fähigkeit der Kasse verlangt. Hoch wies nun nach. daß die Mehrheit jene Verschlechterung zunächst ohne Kompensation vorgenommen hatte und daß der Zusatz erst auf Antrag der Sozialdemokraten in das Gesetz hinein- gekommen sei. Herr Horn reagierte zunächst überhaupt nicht. Erst ein abermaliger Hinweis Molkenbuhrs auf jenen Vorgang veranlaßte ihn zu einem Protest. Er schlug dabei aber das wenig rühmliche Verfahren ein, diesen Protest im Referentenschlußwort zu einem anderen Paragraphen unterzubringen, als ihm nicht mehr geantwortet werden konnte. Eine ausgiebige Erörterung gab es dann noch bei der Frage der Betriebskrankenkassen und Jnnungs- krankenkassen. Genosse E m m e l wies für die Be« triebskassen und Genosse Brühne für die Jnnungskassen nach, in wie schmachvoller Weise die Unternehmer diese Kassenorganisattonen ausnutzen, um die Arbeiter zu drangsa- lieren und ihnen die Bezüge zu kürzen. Für die Jnnungs- lassen legte sich dann der antisemittsche Bäckermeister Riese- berg mit einigen überaus dürfttgen Ausführungen ins Zeug, und unter der Führung dieses hervorragenden Sozialpolittkers stimmten die Blockparteien, einschließlich der Freisinnigen, alle Verbesserungsversuche der Sozialdemokraten nieder. Morgen Fortsetzung._ Die Gesetzmaschine in Betrieb. Die Sekundärbahndebatte hat ausgetobt und unter dem Vorfitz des zurückgekehrten Herrn v. Kröcher widmet sich das Dreiklassenhaus erneut der erstklassigen Akkordarbeit seiner Gesetzmacherei, die zu- nächst wenigstens das eine Ergebnis hat, das preußische Parlament um eine neue Kommission zu bereichern. Mittwoch setzte ma« einen Ausschuß zur Entlastung des OberverwaltungS- g e r i ch t s ein, nachdem man die erste Lesung einer diesem Zweck dienenden Borlage absolviert hatte. Es soll eine RevisionS- summe eingeführt und daS Richterpersonal durch Hilfsrichter ergänzt werden. Selten lvohl hat ein Gesetz, dos doch keiner Volks- freundlichkeit oder auch nur Modernität verdächtig ist, eine solche Aufnahme gefunden. Bedenken recht?. Bedenken links. Bedenken in der Mitte und selbst der Polizeiministcr ent- schuldigt sich mit dem„Notgesetz".- Aber diese Entschuldigung ist in der Tat eine Selbstanklage. Wird doch damit der Ansang dazu ge- macht, dem Preußenvolk auch diesen letzten Schutz gegen behördliche Ungesetzlichkeit zu schmälern und wird doch in den Hilfsrichtern ein Richlertum von mindestens fraglicher Unabhängigkeit über die Verwaltungsbehörden gesetzt. Genosse Dr. Liebknecht sprach deswegen für die Sozialdemokratie ein wohlbegründetes Un» annehmbar I Ein Gesetz von lokaler Eednitung für Posen wird von Poscnschen Abgeordneten durchgesprochen, geht an die Gemeinde- kommission und dann befürwortet der reuige Ostmarksünder v. Schorlemer eine Vorlage, die die Pflicht zum Besuch ländlicher Fortbildungsschulen auf etliche Provinzen mehr ausdehnt. Posen, Westpreußen und SchleSwig-Holstein sind trotz alter Regierungsversprechungen, an die der Volkspartcilcr Ernst erinnert, nicht dabei. Aber man hat wichtigere Dinge fcier» licher versprochen, ein Königswort für die Wahlreform!... Der Landwirtschaftsminister hielt eS für nötig, die Nichteinführung des SonntagSunterrichts erst noch zu begründen; er tat das mit den Vorrechten der Kirche auf den Sonntag I Ein hübsches Gegen» argument brachte der Konservative v. G e s ch e r: Ohne Sonntagsschule würden die jungen Landlente in die Kneipen gehen, um Schnaps zu trinken. Den obligatorischen Religionsunterricht forderte diesmal nur das Zentrum. Die übrigen Patrioten vertrauen getrost der fakultativen Schulverpfaffuitg und das können sie ruhig tun. Man überwies diese Vorlage der Kommission, die schon die Jugend der Pflichtfortbildungsschule mit 80 Minuten Religion pro Woche zu beglücken beschloß, erledigte debattelos noch ein Gesetz über die Aushebung der Tertialverhältnisse in der Landwirtschaft VorpommenS und vertagte sich dann auf heute Donnerstag, um Anträge und Petitionen zu erledigen. Schließung des elsaß-lothringischen Landesausschuffes. Seit mehreren Wochen führte die von den Herren Preiß und Wetter!« geleitete klerikale Gruppe im elsaß-lothringischen Landes- ausschuß einen eigenartigen ObstrultionSfeldzug gegen die elsaß- lothringische Regierung, zu dem sich in letzter Zeit allerlei un- erquickliche lokale Skandalasfären gesellten, wie die alberne Duellkomödie des Metz er Polizeipräsidenten, des Herrn Baumbach v. Kraiberg. Da die Regierung bei diesen Kämpfen recht schlecht abschnitt, hat sie den Verhandlungen durch einen Ge- waltakt ein Ende gemacht, indem sie den Landesausschuß auflöste. In der gestrigen Sitzung verlas der Staatssekretär Freiherr Zorn v. Bulach nach einer kurzen Rede des Präsidenten Jaimez folgende kaiserliche Kabinettsorder: An Meinen Statthalter in Elsaß-Lothringen. Auf Ihren Bericht vom 6. d. Mts. bestimme Ich, daß die am 1. Februar 1911 eröffnete Sitzuug des Landesausschusses für Elsaß-Lotbringen geschlossen wird. Gegeben zu Straßburg, den ö. Mai 1911. Wilhelm. Staatssekretär Freiherr Zorn V. Bulach erklärte sodann auf Grund dieser allerhöchsten Kabinettsorder und im Austrage des Statthalters die 88. Tagung des LandeSauSschusseS für geschlossen. Die Mitglieder der obenerwähnten Gruppe haben sofort gegen diese Parlamentsschließung Protest erhoben. Wie dem„Berk. Lokal- Anzeiger" telegraphisch aus Straßburg gemeldet wird, haben el-M 30—35 Abgeordnete, meist Vertreter des oberen Elsaß und Lothringen?, folgende Resolution gefaßt: „Die zum Aoschied versammelten Mitglieder des Landes- anSschusseS find überzeugt, daß angesichts der Haltung der elsaß- lö&utgischfl} Regieawa, die der Vo�pertretuvg Schweigen auferlegt. da-Z Interesse deZ Volles eZ mehr als je erfordert, der von der Regierung geplanten Verfassung den energischsten Widerstand entgegenzusetzen, und ersucht die elsab-lothringischen Abgeordneten im Reichstage, zum Wohle unseres Landes in diesem Sinne zu wirlen." Der.Lokal-Anzeiger' fügt hinzu, es könne gar keine Rede sein, dah diese Ausfassung der wahren Volksstimmung im Reichslande entspräche. Der Schritt der Regierung werde vielmehr von der überwiegenden Mehrzahl der Blätter des Landes, mit Ausnahme der klerikalen, die von Entrechtung sprächen, zustimmend begrübt.(?) Besonders gestehe die liberale und die demokratische Presse der Regierung zu, daß sie bei der sich immer breiter machenden Obstruktion des LandcSausschusses unmöglich mit einem solchen Parlament weiter arbeiten könne. Was geht i» Kamerun vor? Eine halboffiziöse Korrespondenz weiß mitzuteilen:. In letzter Zeit find aus Kamerun Nachrichten eingekausen, die von eineni nahe bevorstehenden A u f st a n d e wissen wollten. Diese Nachrichten sind an amtlichen Stellen bestritten worden. Wie es scheint, dürfte die Lage in Kamerun doch nicht so zufrieden- stellend sein, wie im allgemeinen angenommen wird. Gewisse Verwaltungsmatznahmen des Gouvernements deuten darauf hin, dah man in Kamerun noch immer mit einem Aufstande rechnet. So hat das Gouvernement angeordnet, daß mit Rücksicht auf die Sicherheit der in den Jnnenbezirken wohnenden. immer mehr anwachsenden weihen Bevölkerung Stützpunkte zu schaffen sind, die im. Falle eines Aufstandes der Verwaltung einen Rückhalt und der weihen Bevölkerung eine Zuflucht bieten können. Die gröheren Jnnenstationen sind infolge» deffen mit Befestigungen versehen worden. Neuerdings ist an- geordnet worden, dah diese Befestigungen nicht aus etatSmähigen Mitteln bestritten werden sollen, sondern dah durch die politischen Verhältnisse im mittleren und südlicheren Teile von Kamerun gezwungen, die Befestigungen ohne Rückficht aus die EtatSmittel in möglichst kurzer Zeit ausgeführt werden sollen. Wenn auch die Volksstrimme dieser Gegenden dank der in den letzten Jahren durchgeführten Expeditionen(?) und der regen Verwaltungs- tätigleit der Stationen im allgemeinen als friedliche gelten können, so besteht doch noch, wie es auch der Mackaaufstand im Jahre 1910 bewiesen hat. stets die Gefahr eines plötzlichen Losbrechens. Diese Gefahr ist am gröhten in Jaunde und im benachbarten Teile der Bezirke Dume und Lomie. Ein Aufstand der Jaundes, dieses intelligentesten und durch eine relativ straffe Organisation zusammengehaltenen BolksstammeS, würde bei dem am Jaundebezirke recht ausgedehnten Handelsverkehr zu unabseh- baren Folgen führen und das Signal zu einem allgemeinen Auf- stände geben. Da die Stimmung unter der Bevölkerung nament- lich m letzter Zeit sehr unruhig geworden ist, so hat das Gou- vernement die Jaundebefestigung beschleunigt ausbauen lassen. Die beschleunigte Fertigstellung dieser Befestigung hat das Ansehen der Verwaltung gestärkt und man hofft, in Zukunft Aufstände im Keime unterdrücken zu können. Das sind ja recht nette Geschichten I Werden die Eingeborenen durch solche Mahnahmen nicht erst recht unruhig gemacht? Die Nervosität der Europäer, und diese spielt bei den Aufstandsängsten sicher eine Rolle, hat in den Tropenkolonien noch nie zu etwas Gutem geführt. Besonders erbaulich klingt, dah die„SicherheitS"- mahregeln der Regierung mit Mitteln bestritten werden sollen, die nicht un Etat vorgesehen find. Das kann eine nette Rechnung werden. Will man etwa in Deutschland auch ein kleines Kolonial? abentcuer haben?_ Es entspricht den konservativen Wünschen nicht! Wie weit die Anmahung der Konservativen in Preußen bereits geht, zeigt folgende allerhöchste Kundgebung des Herrn v. Heyde- brand, die die parteiamtliche.Konservative Korrespondenz" vom V. Mai in Sperrdruck mitteilt: .Von der Errichtung einer neuen nationalökonomischen Pro- keffur an der Berliner Universiät ist in der Presse seit einiger Zeit die Rede. Es soll hierfür ein Schüler Schmollers. Profeffor Her- mann Schumacher, Ordinarius der Nationalökonomie in Bonn, in Aussicht genommen fein. Professor Schumacher sei, so heißt es. zunächst zur Entlastung der Herren Wagner und v. Schmoller be- stimmt, die aber ihre Lehrtätigkeit noch in vollem Umfange aus- üben, und'sei zugleich dazu auSersehcn, später diese beiden Pro- fessuren in einer Person zu vereinigen.— Da die Forde- rung einer neuen Professur in den Etat eingestellt werden muh, so wird die konservative Fraktion deS Abgeordnetenhauses Gelegenheit finden, zu der Frage Ste'llung zu nehmen. Es mag aber schon jetzt darauf hingewiesen werden, dah es konservativen Wünschen nicht entspricht, der kathedersozialistischen Richtung in der Nationalökonomie im Lehrplane der gröhten deutschen Universität andauernd Uebergewicht zu verleihen. Es muh vielmehr nach unserer Anficht namentlich auch in. Berlin unbedingt Gelegenheit gegeben werden, dah die Studenten die andere Richtung der Nationalökonomie durch berufene Vertreter ausreichend kennen und sich in ihr praktisch betätigen lernen." Es gab eine Zeit, da die kathedersozialistische Richtung deS Herrn Professor Wagner den konservativen Wünschen sehr entsprach; aber da sich diese Wünsche nunmehr gewandelt haben, wird die preuhische Regierung sich beeilen, ihnen nachzukommen. Ein Presseverband gegen die Interessen der Presse! Der bürgerliche Verband der Presse für Rheinland u n d W e st f a l e n hat an die Oberlandesgerichtspräsidenten in Düsseldorf und in Hamm Schreiben gerichtet, die sich, wie in der Presse bemerkt wird, gegen die sensationelle Bericht- erstattung der Zeitungsschreiber wenden. Darauf haben die Justizbehörden beider Provinzen die Anordnung getroffen, dah in Zukunft ganz generell auch die Vertreter der Presse den Saal verlassen müssen, wenn bei einer Gerichtsverhandlung die Oesfent- lichkeit ausgeschlossen wird. Eine sehr einschneidende Mahregel, da bekanntlich der Ausichluh der Oeffentlichkeit sehr leicht und oft verfiigt wird. Dah die anständige Presse etwa bei Sittlichkeitövergehen die Einzelheiten nicht breit ausmalt, ist selbstverständlich. Wenn ein sensationslüsternes Blatt anders vcr- fährt, haben die Borsitzenden der Gerichte immer die Möglichkeit, solche Berichterstatter auszuscheiden. Andererseits kommen sehr oft, besonders bei K i n d e s m o r d p r o z e s s e n, die ja durchgängig unter AuSschluh der Oeffentlichkeit verhandelt werden, Umstände sozialer Natur als zum Verbrechen anregende oder drängende Faktoren zur Aufrollung. die es durchaus zweckmähig erscheinen lassen, in der Oeffentlichkeit auf sie hinzuweisen. Wir erinnern hier nur an die traurige Geschichte jenes Dienstmädchens, die in G l a y wegen KindeSmordeS verurteilt wurde. Das Mädchen wurde von.christlichen" Personen von einem Dorf zum anderen getrieben und wieder v e r- trieben, und damit zum Verbrechen veranlaßt. Wird die Oeffent- lichkeit bei solchen Verhandlungen auch für die Presse generell ausgeschloffen, wie es nun in Rheiuland-Westsalen angeordnet worden ist, so gehen solche empörenden Vorkommnisse für die Zu- kunft in den GerichtSakten verloren. Kann aber nicht mehr die nötige Kritik in der Oeffentlichkeit geübt werden, so Besteht Ge- sahr. dah die zum Verbrechen treibenden Umstände bestehen bleiben. Damit werden aber auch die Verbrechen sebst vermehrt I Sensationslüsterne Blätter finden übrigen?— durch Aushorchung von Zeugen und andern Personen— auch dann Gelegenheit. prickelnde Details zu bringen, wenn die Presse völlig auö- geschloffen wird. In Dortmund ist dem Gerichtsberichterstatter von«mein Sandgerichtsdirektor diese allgemeine Anordnung zur Kenntnis ge- K&s Wd aMsMiS bMu Upkdkfl, dgh die Mhnahme o u f.j Anregung de» Verbandes der Presse für Rhein- land und Westfalen getroffen worden sei; und zwar hat der Vorstand dieses PrehverbandeS, wie verlautet, ohne Vorwissen seiner Mitglieder gehandelt. Wer herrscht an der Berliner Universität? Der bekannte Gelehrte Prof. O. Chwolson veröffentlicht in der Petersburger Zeitung.Retsch" eine Anzahl von Briefen, die ihm über den Studenten DubrowSky von deutschen Prosefforen zu- gegangen sind. Der Erlanger Professor E. Wiedemann schrieb ihm nach dem Aufenthalt Dubrowskys in Erlangen im Sommer ISOS: .Er hat mir mit seinem großen Fleiß und feinen reichen Kenntnissen viele Freude gemacht." So charakterisierte ein bekannter Gelehrter den jungen Studenten, der erst das dritte Semester an der Univer- sität studierte. Von noch aktuellerem Jntereffe ist der Brief, den das bekannte Mitglied der Berliner Akademie, Prof. Max Plank, unmittelbar nach dem Selbstmorde Dubrowskys an Prof. Chwolson richtete. In.tiefer Erschütterung" teilt er ihm mit, daß er alles Mögliche getan habe, um die Immatrikulation Dubrowskys an der Berliner Universität durchzusetzen. Aber der Universitätsrichter und der Rektor hätten ihm erklärt,„die UniverfitätSbehörde fei der politischen Polizei gegenüber machtlos und diese habe gegen die Zulaffung Protest erhoben." Es bleibt also dabei, dah die VII. Abteilung des Polizei- Präsidiums die leitende I n st a n z der Berliner Universität ist, und daß selbst ein Gelehrter vom Rufe de« Herrn Prof. Rubner sich nicht dagegen empört, als Büttel der Kriminalpolizei zu fungieren._ Zur Privatbeamtenversicherung. Die Regierung scheint jetzt den Gedanken aufgegeben zu haben. daS PrivatbeamtenversicherungSgesetz noch im gegenwärtigen Reichs- tage zur Erledigung zu bringen. Nach Mitteilung einer offiziös bedienten Korrespondenz ist der Entwurf vom Bundesrate noch nicht verabschiedet worden. Die ursprüngliche Absicht, die Vorlage gleich beim Zusammentritt des Reichstags einzubringen, fei mithin auf- gegeben. Es scheine danach nickt mehr der Plan zu bestehen, daS Gesetz in der Tagung bis Pfingsten überhaupt uoch zur Beratung zu stellen. Nach einem Hinweis auf die Reichsversicherungsordnung. das Gesetz für die elsah-lothringifche Verfasiung und den deutsch- schwedischen Handelsvertrag heißt es in der Mitteilung:.Auf jeden Fall aber dürfte die Vorlage demnächst der öffentlichen Kritik unter- breitet werden, so dah in den kommenden Sominermonaten den beteiligten Kreisen ausreichende Zeit gegeben ist, zu allen Einzel- heiten Stellung zu nehmen."_ frankmch. Soldatenpflicht und Bütteldienst. Paris, 3. Mai.(Eig. Ber.) Ein Offizier des 11. Kürassierregiments, Hauptmann de Gail, ist in Untersuchung gezogen worden, weil er am 1. Mai seinem Eskadronschef gesagt haben soll, daß er niemals auf das Volk schießen werde. � Daß diese Meinung dem Vorgesetzten de Gails, Oberst R o ch e r, nicht gefiel, ist begreiflich, denn dieser ist einer der Helden von Draveil traurigen Angedenkens. Wie die„Humanitö" berichtet, ist noch ein zweiter Offizier an diesem Tage für nicht zuverlässig befunden worden. Bei der grundlosen Attacke in den Alleen der Champs Elysöes soll er zu„langsam" gewesen sein. Einer seiner Kameraden der- traute ihm bei dieser Gelegenheit an, daß er„auf höheren Befehl" beobachtet werde.■ Als Urheber dieser Spitzelei wird G e n e r a l d e l-a a r e n n e genannt. Im Atisammenhang mit diesen Affären verdient eine Erklärung des im reaktionären Lager stehenden Generals N c g r i e r wiedergegeben zu werdet,, die der„Eclair" heute veröffentlicht. Sie lautet: .Das Prinzip des passiven Gehorsams ist eine Mystifikation, die dem Kadavergehorsam der Jesuiten ent- lehnt ist. Die öffentlichen Gewalten nützen es zum Schutz ihrer Interessen aus und verwenden so die Armee zu Polizei« diensten, für diesre n i ch t d a ist.— Der Oberst ist vor seinem Regiment feierlich durch die Worte anerkannt:„und ihr habt ihm in allem zu gehorchen, was er im Interesse des Dienstes und- zpr Ausführung der militärischen Reglements befiehlt". Außerhalb dieses ist nichts vorgeschrieben, der Gehör- sam nicht verlangt. Man kann nun fragen:„Woran er- kennt man, dah ein Befehl in diese vorgesehenen Kategorien fallt? Das Gefühl der Pflicht und ihrer uneigennützigen Erfüllung ist der Führer. Eine Armee von Söldnern kann zu häßlichen-Diensten herangezogen werden: in Klöster einzudringen und Streikende zu attakieren. Eine Armee der allgemeinen Wehrpflicht kann eS nicht." Das sind sehr vernünftige Auslassungen, die von ihrem Wert auch nichts verlieren, wenn man der Meinung ist, daß General Negrier zu seinen Ansichten wohl nicht gekommen wäre, wenn seine Partei nicht zu einer wenig hoffnungsreichen Minoritätsrolle verurteilt wäre und gerne das gegen die Bourgeoisrepubli! erbitterte Proletariat zu sich hinüberziehen möchte. Im übrigen werden wohl auch die jetzigen Beherrscher der Republik noch zur Erkenntnis gelangen, daß der Kadaver gehorsam in einer Armee der Demokratie nicht nur eine nioralische, sondern mit der Zeit auch eine faktische Unmöglich keit ist._ Unregelmäßigkeiten im Ackerb auministerium. Paris, 10. Mai. Der Berichterstatter des RechuungSausschusses der Deputiertenkammer B r o U s s e hat nach einer ZeitungSmeldung bei der Prüfung der vom Ackerbauministerium in den Jahren 1907 und 1908/09 gemachten Ausgaben zahlreiche Un- regelmähigleiten entdeckt. Unter anderen habe er fest- gestellt, dah die für die Förderung der Viehzucht und des Ackerbau? bestimmten Summen ihrem Zweck teilweise entzogen, und dah— ähnlich wie im Ministerium des Aeuhern— höher« Beträge als die wirklich ausgegebenen verrechnet wurden. Die veruntreute Summe soll angeblich eine Million Frank betragen. Ackerbauminister Pom« erklärte einem Bericht- erstatter, daß jedenfalls kein einziger der gegenwärtig seinem Ministerium augehörigen Beamten in die Angelegenheit verwickelt sei. Sobald genaue Angaben vorlägen, werde er die er« forderliche Untersuchung etnleiten. Der Reckinungsdirektor im Ackerbauministerium C a b a r e t erklärte, seines Wissens seien keine wirklichen Unregelmäßigkeiten festgestellt worden. Zur Kritik könnten vielleicht nur die den Beamten gewährten Rcisezulagen Anlah geben. Cnglancl. Die Selbstreform der Lords. Man schreibt uns aus London: Lio transit gloria Biundi! Melancholische Gefühle muhten die geborenen Gesetzgeber beschleichen, als ihr Führer, Lord LanSdowne, gestern seinen mit Ungeduld erwarteten Plan ber Reform des Oberhauses entfaltete. Es war keine Uebertreibung, wenn LanSdowne selber resigniert erklärte, daß seine Vorlage ptm Hause der LordS, ig der Gestalt, wie cS bisher bekannt war, d e.n Todes st oh versetze. Eine Körper- schaft, die noch vor wenigen Tagen der Welt Trotz ge- boten hätte, wird jetzt von ihrem eigenen Führer aufgefordert, Eslbstmsrd-zu beschm. Dcim auf nichts wenig« lauft Lpkd LanS-. downeS Vorlage hinaus. DaS ErblichksitSprinzkp, auf dem daS Oberhaus bisher ausschließlich beruhte, wird danach fast gänzlich abgeschafft. Das neue Oberhaus soll nur aus etwa 350 Mitgliedern bestehen. Davon sollen 100 von den gegenwärtigen Peers aus ihren eigenen Reihen gewählt werden. Aber auch diese Gewählten müssen außer ihrem Geburtsadel noch andere wichtige Qualifikationen besitzen. Weitere 120 OberhauSmitglieder sollen von den jeweiligen Mitgliedern deS Unterhauses gewählt werden Die Regierung deS TageS soll nach bestimmten Regeln wieder 100 er- nennen. Die Wahlen gelten für 12 Jahre und aller 3 Jahre soll ein vierter Teil der Oberhausmitglieder abtreten. Die LordS, denen diese Vorlage die Gesetzgeberwürde nehmen will, hätten die Aus- führungen ihres Führers mit eisiger Stille an, und da sie, im Gegensatz zu den Mitgliedern des Unterhauses, vorläufig weder von Ministern, noch von Exministern abhängig sind, so ist es noch sehr zweifelhaft, ob sie sich zu dem ihnen zugemuteten Selbstmord vcr- stehen werden. Der Vettreter der Regierung, Lord Morley, empfing die Vor- läge sympathisch, aber war mit ihr nicht ganz zufrieden. Denn bei aller Selbstaufopferung sorgt Lord LanSdownes Plan doch dafür, dah die Konservativen unter allen Umständen eine Mehrheit im reformierten Oberhause haben würden. Und das ist es ja gerade, was die Liberalen verhindern wollen. LanSdownes Reformplan. meinte Lord Morley, könnte vielleicht nach der Verabschiedung der Vetovorlage als Grundlage zu Verhandlungen dienen- Die LordS aber wollen die Reform natürlich nur als Ersatz für die Vetovorlage gelten lassen. Die LordS sind also weder mit der Re- gierung noch auch unter sich einig. Unter diesen Umständen wird der Reformvorlage Lord LansdowneS in ihrer gegenwärtigen Form schwerlich ein langes Leben beschieden sein. Rußland. Die Korruption. Petersburg, 10. Mai. Auf Verfügung deS revidierenden Senators N ei d h art ist gegen den Präsidenten der Stadtduma UnkowSky und den ehemaligen Stadtsekretär Subarew ein strafgerichtliches Verfahren wegen ungesetzlicher Hand- langen bei den Lieferungen zu einem Brückenbau ein- geleitet worden. Unlowsly wurde aus seinein Amte entfernt. Der I u st i z m i n i st e r hat in der R e i ch S d u m a eine» Gesetzentwurf eingebracht, wonach diejenigen, welche im Staats« oder Gemeindedienst Stehende durch Geld, Geschenke oder auf andere Weise bestechen, be st rast werden. Die Debatte über den Verfassungsbruch. Petersburg, 10. Mai. In der heutigen Sitzung der Reichs- duma beantwortete Ministerpräsident Stolypin eine Jnter- pellation betreffend Einführung der S e m st w o i n st i t u t i o n in die Westgebiete. Der Saal war überfüllt, da§ ganze Kabinett war anwesend. Stolypin erllärte, das NotverordnungS- recht könne von der Regierung nicht als eine g e« wohnliche Waffe ihres Arsenals betrachtet werden. Der Reichsrat habe seinen Standpunkt zur Semstwofrage nicht rniS politischen Erwägungen eingenommen, sondern nur weil er sich i» dem hier gegebenen Fall durch die hohe Bureaukratie geschädigt halte. Die Duma habe in der Angelegenheit etwas Schlimmeres erblickt, nämlich eine Hinterlist, die eine Rückkehr zum bureaukratischen Absolutismus ermöglichen sollte. Die Regierung habe die Meinungsverschiedenheit zwischen Duma und ReichSrat zum Anlah genommen, entschiedene Mahnahmen zu er- greifen. Die Semstwoinstitution erscheine als eine notwendige Verleidi- gung der Rechte der russischen Bevölkerung, die niemals m schweren Zeiten am Staate Verrat geübt habe. Von einer Bedrängung der Nichtrussen durch diese Rahnahine sei keine Rede. Durch ein fruchtloses Wiedereinbringen der Vorlage bei der Duma hätte die Regierung dieser die Veräntwottung zugewälzt. So habe sie selbst die Verantwortung aus sich genommen und die russischen Grundlagen ihrer Politik gerettet. Der Beschluß der Duma sei aus politischen Erwägungen heraus bereits schon im voraus ent- schieden, aber in der Tiefe ihrer Seele fühlten wohl viele,, dah di» Tatsache, dah der Monarch frühere patriotische Absichten der Duma in der Semstwofrage gebilligt habe, eine Befestigung, aber nicht eine Schwächung der jungen russischen VollSbettretung bedeute. (Beifall rechts.) Ckina. Eiuberufung des Parlaments. Peking, 10. Mai. In einem heute veröffentlichten Erlaß der Rcgienina ist die Eröffnung deS Vorparlaments aus den 23. Oktober 1911 angesetzt»vorden. fflexlko. Fortdauer des Kampfe». Die Friedensnachricht bestätigt sich nicht; im Gegenteil, die Kämpfe werden mit größerer Erbitterung und Energie fottgeführt; die Aufständischen sind dabei überall im Vor- dringen begriffen, und in der Umgebung des Präsidenten scheint vollständige Ratlosigkeit zu herrschen. Auf der anderen Seite zeigen aber die neuesten Vorgänge auch deutlich, daß Madero die revolutionäre Bewegung nicht mehr in der Gewalt hat. Der Kampf um I u a r e z ist gegen seinen Willen begonnen worden, und im Innern haben sich zahl- reiche revolutionäre Gruppen gebildet, die seine Führung, wenn überhaupt, nur bedingt und bis zu einem gewissen Um» fang anerkennen. Unter diesen Umständen rückt eine Jnter» vention der Vereinigten Staaten wieder in den Bereich der Wahrscheinlichkeit, und wenn auch bis nun der Kongreß die erforderliche Zustimmung verweigert hat, so ist es doch leicht möglich, daß er unter dem Druck der neu belebten Preßagitation für die Intervention seine bisherige ab- lehnende Haltung aufgibt._ Juarez In Flamme». El Paso, 9. Mai. Die Aufständischen haben Juarez in Brand gesteckt. Da scharfer Wind weht, greift das F e u e r schnell um sich und ist meilenweit zu sehen. Die Aufftändischen setzen den Kampf fort._ Erneuermig des Angriffs. New Aurk, 10. Mai. Der Kampf um Juarez ist, wie aus El Paso gemeldet wird, wieder ausgenommen worden. Di« Aufftändischen schleudern Dynamitbomben. Erobert! El Paso, 10. Mai. Die Bundestruppen haben Juarez geräumt, nachdem die Aufständischen die Kirche und die letzte Stellung der Verteidiger erobert haben. Die Auf- ständischen befreiten die Insassen der Gefängnisse. Auch Agua Prieta ist von den Bundestrupben ge- räumt worden. �iaitf. Ei» Aufstaud. . Washingtou, 10. Mai. Nach einer Meldung des amerikanischen Gesandten in Haiti gewinnt eine aus st ä irdische Bewegung, die ihre» Mittelpunkt in PortLiPerty hat. schnell an Ausdehnung. Die Regierung ist mit alltN Kräften bestrebt, des Aufstand zu unterdrücken, GctmkrcbaftUcbea. Hcbtung, Dolzarbcitcr Dcutfchlanda I Die Hamburger Holzindustriellen inserieren gegenwärtig in L2 Städten nach Streikbrechern, und zwar erschienen solche Inserate am Mittwoch in den bürgerlichen Blättern in Oppeln, Hirschberg, Anklam, Köslin, Stettin, Fürstenberg a. O., Wittenberg,(Bezirk Halle), Frankfurt a, O,, Essen a. R., Köln, Bielefeld, München, Leipzig, Dresden, Kassel, Herford, Magdeburg, Mühlhausen i. Th., Stendal, Braunschweig und Görlitz. Auch in Prag in Böhmen erschienen solche Inserate.— Außerdem sind eine ganze Anzahl Streikbrecher- agenten und Tischlermeister gegenwärtig in Verlin und anderen Städten auf der Arbeitswilligensuche. Die bisher nach Hamburg geschleppten Streikbrecher können die Unternehmer nicht retten. Die Unternehmer versuchen daher mit allen Mitteln, solche in größerer Anzahl heranzuziehen. Die Arbeiter werden dringend ersucht, für Fernhaltung des Zu- zuges zu sorgen. Berlin und Umgegend. Die Sonntagsarbeit im Handelsgetverbe. hat tvieder einen bedeutenden Umfang angenommen. Nur ständige Kontrolle der Ueberwachungskommission der Handelshilfsarbeiter kann ihr Einhalt gebieten. Als am ersten Osterfeiertag Berlin noch nicht vollständig aus den Betten war, konnten in der Leip- ziger Straße, am Potsdamer Platz und am Bahnhof Zoologischer Garten um 8 Uhr bereits die ersten Hausdiener bepackt mit Kar- tons, Handwagen mit großen Musterkoffern belastet, Geschäfts- Drei- und Zweiräder und mit Lieferdecken beladen, angehalten werden. Mit der Zeit mehrte sich die Zahl der Beschäftigten, gegen 10% Uhr waren bereits 42 Uebertretungen beobachtet. Davon war es leider nur möglich, 26 der Polizei zu übergeben, die in diesem Jahre sich den Verhältnissen schon mehr angepaßt hatte und den überwachenden Kommissionsmitgliedern, von Ausnahmen ab- gesehen, nicht so viel Schwierigkeiten machte, wie im vorigen Jahre. Gegen die Firmen derjenigen Hausdiener, die sich der Feststellung durch die Flucht entzogen und dennoch bekannt sind, wird die Kon- trollkommission gerichtliche Bestrafung beantragen. Bei denjeni- gen Firmen, die im vorigen Jahre zur Anzeige gebracht wurden, ist die Arbeit so eingeteilt, daß den Angestellten ein freier Tag geworden ist. Bei einem der ersten Herrenmoden-Geschäfte in der Krausenstraße sind kaufmännische Angestellte, Lehrlinge und Hand- lungsgehilfen zum Austragen der Anzüge tn Lieferdecken ver- wendet worden. Ein Zeichen der Zeit: wo tausende arbeitslose, steuerzahlende Familienväter auf Beschäftigung hungern, müssen diese Stehkragenproletarier derartige Rausreißerdienste leisten. Im Interesse der Sache ist es gelungen, Kaufleute wie Hausdiener dieser Firma feststellen zu lassen. Eine neue Art der Beschäftigung, die das Verhängen der Schaufenster während der Kirchzeit erforderlich macht, wird jetzt verlangt. In der Großen Frankfurter Straße wurden derartige Uebertretungen bei einem großen Warenhause an der Andreas- straße und bei einem Spezialgeschäft an der Koppenstraße zur An- zeige gebracht. Da die Polizei bei jeder Gelegenheit über die Arbeiterschaft enorm hohe Strafen für Vergehen geringfügigster Art verhängt, wird erwartet, daß bei der Bestrafung der Unter- nehmer ein anderes Verfahren als im vorigen Jahr zur Anwerr- dung kommt. Wir müssen verlangen, daß auf derart schwere Sonntagsruheentheiligung eine Strafe zu folgen hat, die eine fernere Uebertretung kostspielig macht. Mit dem Privileg des Unternehmertums, die Handelshilfs- arbeiter während der Sonntagsruhe weiter zu beschäftigen, wird die� Kontrollkommission des Deutschen Transportarbeiterverbandes aufräumen. Auch den Transportarbeitern mutz ein Recht auf Ruhe werden, da an den Tagen vor den Festen und am Sonn- abend bis in die Nacht hinein gearbeitet werden mutz. Der Streik der Gasmesser-Kleuipner dauert unverändert fort, wie aus dem Bericht zu entnehmen war, den der Vertrauensmann Dietrich gestern vormittag in der Ver- sammlung der Streikenden gab. Die Lage ist durchaus günstig für die Streikenden. Abgesehen davon, daß bei der Firma Bessin zwei Klempner stehengeblieben sind, haben sich Arbeitswillige nicht ein- gefunden. Uebrigens hält es auch schwer, außer den Streikenden Leute zu finden, die die Arbeit der Gasmesser-Klempner auszuführen imstande sind, und daß aus den eigenen Reihen der Streikenden welche abtrünnig werden sollten, erscheint ganz ausgeschlossen. Außerhalb Berlins sind die Berussangehörigen überall von der Tatsache des Streiks in Kenntnis gesetzt, so daß etwaige Bemühungen der Unternehmer nach dieser Richtung hin auch vergeblich sein werden. Der Referent meinte, daß die Unternehmer sich allem Anschein nach auf einen lang dauernden Kampf einrichteten; dem gegenüber wurden in der Dis- kussion verschiedene Tatsachen erwähnt, die darauf hindeuten, daß wenigstens einzelne Unternehmer ernstlich auf Abschluß des Kampfes drängen und Verhandlungen mit der Streikleitung anknüpfen möchten. Zu Verhandlungen sind die Streikenden selbstverständlich ebenso bereit, wie sie andererseits auf einen langen Kgmpf gefaßt und vorbereitet sind.— In unserem Bericht von der vorigen Streikversammlung ist die Rede davon, daß in der Branche bei Akkordarbeit schon Löhne von 70, 75 bis 80 Pf. die Stunde verdient werden, und daß man sich deshalb nicht mit dem Satz von 65 Pf. zufrieden geben konnte. Da in dem Berichte kurz vorher die Firma P i n t s ch genannt wird, könnte der Irrtum entstehen, daß die erwähnten Akkordverdienste sich auf diese Firma beziehen. Aus diesem Grunde wurde in der gestrigen Versammlung festgestellt, daß, wenn auch bei Pintsch hier und da bei einer Arbeit einmal unter besonders günstigen Umständen 75 oder 80 Pf. verdient wurden, die Akkordsätze doch im allgemeinen so gering sind, daß solcher Verdienst nicht erreicht werden kann, ja daß es bei einem im Fache tüchtigen Gasmeffer-Klempner vor- gekommen ist, daß er es nur aus 54 Pf. die Stunde brachte. Ferner wurde mitgeteilt, daß sich neben anderen Firmen auch die Firma Pintsch namentlich in der Zeit der schlechten Konjunktur in der Easinesserbranche durch fortwährende Lohndrückereien ausgezeichnet hat. Achtung, Metallarbeiter! Der Streik bei der Firma Niemann, Kommandantenstraße, ist beendet; die Sperre ist aufgehoben. Mctallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Tarifverhandlungen der Buchbinder. Im Buchgewerbehaus zu Leipzig fanden kürzlich Verhandlungen zwischen dem Buchbinderverbande und dem Verbände der Buch- bindereibesitzer über den Tarif für die Städte Berlin, Leipzig und Stuttgart, den sogenannten Drcistädtetarif, statt, die vorläufig die Nachstehenden Ergebnisse brachten: Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 52�, Stunden. Sie darf 9 Stunden täglich und Sonnabends 8 Stunden nicht überschreiten. In der Regel dürste daher Sonnabends nur 7%. Stunden zukünftig gearbeitet werden. Die Minimalstundenlöhne der Gehilfen werden rnsgesamt um 6 Pf. erhöht; sie betragen danach vom 1. Juli 1911 an für Stuttgart 52 Pf., für Leipzig 54 Pf. und für Berlin 56 Pf. und erhöhen sich am 1. Oktober 1913 um je 2 Pf. Für ausgelernte Gehilfen tritt eine zweimalige Lohnerhöhung der Minimallöhne am 1. Juli 1911 und am 1. Oktober 1913 von je 2 Pf. ein.— Schnell- -presser erhalten während der Lehrzeit von 6 Wochen 53, 55, 58 Pf., was einer. Lohnerhöhung von 3 Pf. gleichkommt. Nach der Lehrzeit treten die Lohnsätze von 64, 66, 69 Pf. in Kraft, die sich am 1. Ok- tober 1913 auf 66, 68 und 71 Pf. erhöhen, so daß eine Lohnsteige- rung von 6 Pf. für alle 3 Städte zu verzeichnen ist. Die für Berlin üblichen Minimallöhne für Spezialarbeiter(Beschneider, Marmo- rierer und Presser) werden ab 1. Juli 1911 um 4 Pf. und ab 1. Ok- tober 1913 um weitere 2 Pf. erhöht. Geübten Arbeiterinnen über 16 Jahre wird nach einjähriger Tätigkeit im Beruf eine zweimalige Erhöhung ihrer Minimallöhne von je 3 bezw. 1 Pf. gewährt— für Berlin nur eine einmalige von 3 Pf. am 1. Juli 1911—, so daß die Minimallöhne am 1. Juli 1911 bezw. am 1. Oktober 1913. SBlianitv. Reiflktsati Wbm WaM, SSßilin. txwu&S beftagen werben: 28, 29, S5 Pf. bezw. 29, 30, 35 Pf. für Skulkgär?. Leipzig, Berlin. Der Minimallohn der Spezialarbeiterinnen steigt in Stuttgart und Leipzig um 2 und 1 Pf., für Berlin einmal um IVz Pf., und ergibt für den 1. Juli d. I. einen Stand von 29, 30. 39 Pf. für Stuttgart, Leipzig, Berlin; am 1. Oktober 1913 dagegen 30, 31, 39 Pf. Für lernende Spezialarbeiterinnen— Lehrzeit 13 Wochen— wird ein um 2 Pf. höherer Minimallohn als für oben genannte geübte Arbeiterinnen bezahlt. Entsprechend einem Vor- schlage der Arbeitgeber wurde eine neue Kategorie von Löhnen für Arbeiterinnen im Alter von unter 16 Jahren geschaffen, die im ersten Jahre der Berufstätigkeit 14, 15, 17 Pf., und im zweiten Jahre 20, 21, 23 Pf. für Stuttgart bezw. Leipzig bezw. Berlin betragen. Am 1. Oktober 1913 erhöhen sich diese Löhne um 1 Pf. Ungeübte Arbeiterinnen, über 16 Jahre alt, erhalten im ersten Halb- jähre ihrer Berufstätigkeit 15, 16, 20 Pf., im zweiten Halbjahre 18, 19, 24 Pf. für Stuttgart bezw. Leipzig bezw. Berlin. Bezüglich der über Minimum Entlohnten gaben die Prinzipals- Vertreter eine Erklärung ab, derzufolge den Arbeitgebern eine an- gemessene Lohnerhöhung empfohlen wird.— Ueber die Ueberstunden- Mehrbezahlung kam es wegen des Widerstandes der Leipziger Prin- zipale zu keiner Verständigung. Darüber wird also später noch- mals verhandelt werden müssen. Ebenso wurde die Forderung der Arbeiter nach Einrichtung paritätischer Arbeitsnachweise zurüch- gestellt. Dagegen kam es wegen der zu haltenden Lehrlinge�ssu einer Einigung: auf 3 Gehilsen dürfen 2 Lehrlinge, auf 6: 2, auf 10: 4, auf 15: ö und auf je weitere 5 Gehilfen 1 Lehrling gehalten werden. Heimarbeit mutz tariflich entlohnt werden. Das sind die wesentlichsten Abmachungen, während wir die mehr nebensächlichen Bestimmungen hier unerwähnt gelassen haben. Da ein Teil der Arbeitgebervertreter verhindert war, länger an den Verhandlungen teilzunehmen, so wurden die weiteren Verhandlun- gen auf Montag, den 22. Mai, und folgende Tage vertagt. Es sind noch Teile des Vorworts und der Akkordtarif zu beraten. Es läßt sich noch nicht voraussagen, ob bei den vorhandenen starken Gegen- sätzen ein neuer Tarif ohne Kampf zustande kommt. Die Buchbinder und Buchbindereiarbeiterinnen Berlins hielten gestern abend im großen Saale von Happolds Brauerei eine außer- ordentlich zahlreich besuchte Versammlung ab, in der W i e n i ck e als Vertreter der Tarifkommission über die Verhandlungen berich- tete, wobei der Redner hervorhob, daß die Berliner Vertreter in Leipzig ausdrücklich erklärt haben, daß sie mit den allzu geringen Zugeständnissen nicht einverstanden sein konnten, sich jedoch der Mehrheit der Vertreter der drei Städte fügen mutzten. Man werde natürlich wie bisher danach trachten, die Lohnbewegung, wenn irgend möglich, auf friedlichem Wege zu Ende zu führen. Ob das möglich sein werde, müßten aber erst die weiteren Verhand- lungen ergeben, bei der ja noch sehr wichtige Fragen zu entscheiden sind.— In der lebhasten Diskussion machte sich eine starke Unzu- friedenheit über das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gel- tend, und neben den Gehilfen waren es in ganz besonderem Matze auch die Arbeiterinnen, die sich sehr absprechend über das Ergebnis der Verhandlungen äußerten, nicht allein wegen der allzu geringen Erhöhung der Arbeiterinncnlöhne, sondern auch weil den Unter- nchmern mehr Möglichkeit zur Ausbeutung der jugendlichen Ar- beitcrinnen geboten wird als bisher.— Es wurde schließlich fol- gende Resolution angenommen: „Die Versammlung nimmt Kenntnis von den gepflogenen Ver- Handlungen und kann in den gemachten Zugeständnissen eine Gewähr für die Erhaltung des gewerblichen Friedens nicht erblicken. Nament- lich sind die erreichten Minimalstundenlöhne für Arbeiter und Ar- beitcrinnen den gesteigerten Lebensbedingungen keinesfalls ent- sprechend. Im Hinblick jedoch darauf, daß weitere Verhandlungen stattfinden sollen, erklären die Versammelten, sich vorläufig damit abzufinden und erwarten von den Berliner Vertretern, daß sie nach wie vor die Interessen der Berliner Kollegenschaft in energischer Weise wahrnehmen."_ Die Bäcker vor dem Einigungsamt. Am Mittwoch um 1 Uhr sollte der Schiedsspruch verkündet werden. In Erwartung desselben hatten sich die Vertreter der Parteien sowie eine sehr große Zahl von Zuhörern eingefunden. Zunächst gab es nochmals längere Besprechungen der Beisitzer mit den Vertretern der Parteien. Um 2l/2 Uhr verkündete der Vor- sitzende, der Schiedsspruch könne erst am Freitag um 10 Uhr ver- kündet werden, weil die Beisitzer und einige Vertreter beider Parteien erst die Räume im Hause der Konkordiainnung in der Andreas- straße in Augenschein nehmen wollten, um festzustellen, ob dieselben für den in Aussicht genommenen Zentralarbeitsnachweis aus- reichend seien._ Erklärung. In Nummer 103 des„Vorwärts" vom Sonntag, den 7. Mai dieses Jahres, wird von der Subkommisston der A. E.-G-, Brunnen- stratze. eine Richtigstellung gegeben, die bei Einstellung der streikenden Transportarbeiter mit Hervorhebung der älteren Leute betrifft. In dieser Erklärung wird zum Ausdruck gebracht, daß die Ansicht, welche in einer Notiz im„Vorwärts" vom 26. April d. I. vertreten wurde, nicht richtig sei und wird von der Subkommission in der Richtig- stellung besonders auf die Worte:„unter allen Umständen usw." Gewicht gelegt. Die Unterzeichneten der Subkommission behaupten: Die Direktion habe nur erklärt, daß die älteren Leute in erster Linie bei der Einstellung berücksichtigt werden sollten. Bei einem Vergleich zwischen dem in der fraglichen Notiz Ge- sagten und der von der Subkommission gegebenen Nichtigstellung läßt sich in Wirklichkeit ein allzu großer Unterschied durchaus nicht konstruieren. Fest steht und das ist das Wichtigste, daß von der Direktion zugestanden wurde, daß die älteren Leute bei der Ein- stellung bevorzugt werden sollten, was aber, wie durch Tatsachen bewiesen, nicht eingehalten worden ist. Der Streik fand am 13. April d. I. sein Ende und trotz der Zusage befinden sich heute noch zirka 10V ältere Leute außerhalb des Betriebes, darunter auch solche, die nicht nur drei, sondern fünf, sechs, acht, zehn und mehr Jahre ununterbrochen im Betriebe tätig waren. Nach eigenen Angaben der Direktion sollten unter den 1234 Streikenden nur 240 sich befinden, die länger als drei Jahre im Be- triebe beschäftigt gewesen waren. Daraus ist zur Evidenz bewiesen, daß die in den Vordergrund geschobene Toleranz, die man alten Leuten gegenüber üben wollte, keineswegs gehalten worden ist. Ferner wurde auch zugesagt, daß betriebsfremde Arbeiter nicht zur Einstellung gelangen sollten, solange Streikende vorhanden sind. Aber bereits am vierten Tage ließ die Direktion erklären, daß mit der Einstellung von Streikenden ausgehört würde. Im übrigen ist der Zusage, Betriebsfremde nicht einzustellen, gar keine Beachtung ge- schenkt worden. Denn schon am ersten Tage nach Aushebung des Streiks, wurde wahrgenommen, daß eine Anzahl Betriebsfreinder zur Einstellung gelangten, von denen die Plätze derjenigen besetzt wurden, die am Streik beteiligt gewesen waren. Deutscher Transportarbeiterverband, Sektion 6. I. A.: Karl Fromke. Die Sperre über die Brotbäckerei von G. Liebing, Reinickendorf, Residenzstr. 150, dauert unverändert fort. Eine Anzahl der Arbeits- willigen, die dort angefangen hatten, weil sie vom Streik und der Sperre nicht unterrichiel waren, haben die Arbeit wieder eingestellt. Für unsere Berbandsmitglieder sowie für alle ehrlichen Bäcker- gesellen bleibt der. Betrieb von Liebing, Reinickendorf, Residenz- ftratze 150, nach wie vor gesperrt. Der Vertrauensmann der Bäcker Berlins imd Umgegend. Der Streik der Fleischergesellen bei der Firma O. Dörffler bringt jeden Morgen und Abend ein starles Polizeiaufgebot aus die Beine. Die Streikbrecher erfreuen sich des größten Schutzes der Polizei. Der Arbeitswillige Schulz, Danziger Straße 39, wird morgens von seiner Wohnung abgeholt und abends hingebracht. Die übrigen werden im Auto abgeholt und nach verschiedenen Stadtteilen gebracht. Die meisten sind ungelernte Arbester. Fleischergesellen hat die Firma nur wenige bekommen. Der Fahr- Lid Gluckt, äkNiri, Dracka- Pstrlag: Pptwarts Lachdr. aMiöMnWt stuhlfü?ter hat ebenfalls die Arbeit eingestellt. Der Fahrstuhl wird angeblich von Personen bedient, die keinen polizeilichen Erlaubnis- schein haben. Der Firma ist es bis jetzt noch nicht gelungen, den Betrieb aufrecht erhalten zu können. Zuzug ist nach wie vor streng fern zu halten. � � Zentralverband der Fleischer. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Schildermaler! Zu der bei der Schilderfabril Polenz, G.m.b.H. bestehenden Differenz ist zu berichten, daß sich auch da bereits einige von den„nützlichen Arbeitswilligen" gebunden haben. Eingetreten sind als Schildermaler: Olewsky, Vetter, Reizes, Fried mann. Außerdem auch zwei Anstreicher und ein früherer Schlossermeister. Die Firma dürste bereits in diesen paar Tagen erfahren haben, was sie an ihren alten eingerichteten Leuten verloren hat. Allerdings haben dieselben sich� von ihren Rechten nichts nehmen lassen. Die Firma hat es darauf abgesehen, Unorganisierte zu beschästigen, was die von ihr versandten Arbeits- angebote beweisen. Bei 14 aus dein Betrieb Ausgetretenen sind am frühen Morgen schon ein Leutnant, ein Wachtmeister und zwei Schutz- leute auf den Beinen gewesen. Außerdem sollen auch noch die Ge- Heimen im Gange sein. Es ist doch gefährlich, wenn Arbeiter ihre Rechte verteidigen!._„ Verband der Porzellanarbeiter, Zahlstelle Berlin. Die Arveiter der Bereinigten Berliner Mörtelwerke in Nieder- lehme befinden sich im Streik. Sie verlangen Aufbesserung ihrer Löhne, welche bis jetzt 30 und 31 Pf. pro Stunde betragen haben. Wie bei allen solchen Vorkommnissen, so auch hier wieder muß die Polizei dabei sein. Etwa 15 berittene, bis an die Zähne bewaffnete Gendarmen bewachen die Betriebe, obgleich sich nur ganz vereinzelt Arbeitswillige gefunden haben. Alle Versuche, die Arbeiter der Firmen Gebr. Tabbert sowie G u t h m a n n unch Meißner als Rausreißer zu benutzen, sind an dem Solidaritätsgefühl der Betreffenden gescheitert. Diese haben das Ansinnen mit der Arbeits- niederlegung beantwortet. Zuzug von Arbeitern nach Niederlehme bei Königs-Wusterhausen ist streng fernzuhalten. Alle arbeitersreundlichen Blätter, besonders m Posen und Schlesien, werden um Abdruck gebeten. Verband der Fabrikarbeiter. Polnische Berufsvereinigung. Deutfchcs Reich. Vom Streik im Hamburg-Altonaer Bäckergewerbe. Der Stand des Kampfes war am Mittwochbormittag folgender: Zu den neuen, bereits mitgeteilten Bedingungen arbeiten im Städte- komplex 1250 Bäcker und Konditoren, während die Zahl der Streikenden nur noch 250 beträgt. Durch irreführende Bekannt- machungen in der bürgerlichen Presse lassen die Jnnungskrauter das Angebot von auswärtigen Arbeitskräften„sehr groß" erscheinen. Mit Ausnahme von zwei Großbetrieben sind sämtliche übrigen Groß- betriebe geregelt. Es handelt sich in der Hauptsache nur noch um die rückständigsten Buden, die bestreikt werden. Das„große Angebot* von gelben Meistersöhnen usw. kann also dorthin dirigiert werden. Der Wirtschaftliche Schutzverband leistet sich da? etwas kostbare Vergnügen, in großen Anzeigen den.Gegenboykott" zu inszenieren, indem er das bürgerliche Publikum auffordert, nur von u n- geregelten Betrieben die Backware zu beziehen, um so die armen Bäckermeister in dem ihnen„aufgezwungenen" Kampfe zu unterstützen. Die verrotteten Zustände sollen nach deren Meinung aufrechterhalten bleiben._ Achtung, Musiker! Der Norddeutsche Lloyd hat den Musiker- stewards auf seinen Schnelldampfern gekündigt. Zuzug von Musikern nach Bremerhaven ist auf das dringendste fernzuhalten l Erfolgreicher Brauereiarbeiterstreik. Nach kurzem Streik erreichten die Arbeiter der Vereinsbrauerei K o b u r g den Abschluß eines Tarifvertrages mit wesentlichen Ver- besserungen, u. a. Lohnerhöhung von 1,50 M. bis 2,75 M. für die Woche, Bezahlung der lleberstunden mit 50 und 60 Pf., Bezahlung für Bierausfahren an Sonntagen, Anerkennung des Z 61« des Bürgerlichen Gesetzbuches und Urlaub ohne Lohnabzug von drei bis sechs Arbeitstagen im Jahre. In Koburg ist dies der erste Tarifvertrag für die Brauindustrie. So lange haben die Unter- nehmer es verstanden, die Organisation der Arbeiter niederzu« halten._ Hafenarbeiterstreik in Sond erborg. Seit dem 3. Mai d. I. befinden sich die Hasenarbeiter in Sonderburg in einem Abwehrstreik. Der seit zwei Jahren ab- geschlossene Tarif war abgelaufen. Zu der Erneuerung des Tarifs wurden einige wenige Erhöhungen der Akkordsätze und des Zeitlohnes gefordert. Im letzten Moment, nachdem die Arbeitgeber zwei Monate nichts von sich hören ließen, sandte der Arbeitgeberverein einen Tarisentwurf ein, der erhebliche Reduzierungen und sogar Herabsetzung des bereits gezahlten Zeitlohnes von 48 aus 46 Pf. in sich barg. Verhandlungen verliefen resullalloS, so daß die Arbeiter gezwungen waren, in den Abwehrkamps einzutreten. Insgesamt haben 66 Arbeiter die Arbeit eingestellt. Arbeitswillige sind unter allen Umständen fernzuhalten. letzte Nadwlchten. Eimgnngsvcrhandlungen bei den Transportarbeitern. Barmen, 10. Mai.(B. H.) Unter der Leitung des Beigeordneten Dr. Hartmann fanden gestern nachmittag zwischen den Vertretern der ausständigen Fuhrleute und Transportarbeiter und den Ver« tretern der Unrernehmer Verhandlungen statt. Auf beiden Seiten kam der Wille zum.Friedensschluß durch einiges Entgegenkommen in den Angeboten und Forderungen zum Ausdruck. Die Verhandlungen konnten indes trotz 4>/2sIündiger Daner noch nicht zu Ende geführt werden. Man hofft, daß heute bei der Fortsetzung der VerHand- lungen der Friede im TraiiSPortgewerbe hcrbcigcsührt werden wird. Vertagte Lohnbewegung der sächsischen Bergarbeiter. Dresden, 10. Mai.(B. H.) Die Arbeiterausschüsse und Schacht- delegierten der sächsischen Bergarbeiter haben in einer Zusammen- kunft beschlossen, die Lohnbewegung zu vertagen und abzuwarten, ob die Werkverwaltungen die Versprechungen bezüglich Lohnauf- besserung beim Eintritt einer günstigeren Geschäftslage durchführen werden. Noch ein Opfer des Deutzer Krawallprozesies. Köln, 10. Mai. Die Strafkammer verurteilte heute den Bau- arbeiter Arnold T e I l m a n n von hier wegen LandfriedenSbruchS zu 5 Monat Gefängnis. ES wurde ihm die volle Untersuchungshast angerechnet und mir Rücksicht auf die Bausaison die sofortige Haft- entlassung angeordnet. Es handelt sich im vorliegenden Fall um den vierzehnten Augeklagten im Deutzer Krawallprozeß. Meidet den Junkerfnscl. Essen, 10. Mai.(B. H.) Im benachbarten Steele kletterte der Arbeiter Johann Ehrlich in betrunkenem Zustande ans Uebermut auf das Dach eines Hauses. Er kam zu Fall und stürzte auf die Straße, wobei er einen Schädelbruch erlitt, der seinen sofortigen Tod herbeiführte. Das Wettrüsten in den Lüsten. Wien, 10. Mai.(W. T. B.) Die Kriegsverwaltung beab- sichtigt. im nächsten Jahre 60 Flugzeuge für Kriegszwecke anzu- kaufen._ Tödlicher Absturz eines Fliegers. San Antonio(Texas). 10. Mai.(W. T. B.)! Leutnant Kelly vom 30. Infanterieregiment ist durch einen Sturz aus einem Curtiß-Flugzeug bei dem Fort Sam Houston getötet worden. In einer Höhe von 50 Fuß wurde er aus seinem Sitz geschleudert und erlitt bei dem Aufschlagen auf den Boden einen Schädelbruch. 3&alSiv2er�SAtBxrliaLW. Hiera« 3 Beilsaea a. vnterhaltuvgSdk. Kr. 109. 28. Iahrgallg. i Wage des.Famärts" Keelim oililersküg, 11. Uni 1911.' Die keichsversicherungsorckmiog im Plenum des Reichstages. Ablehnung aller sozialdemokratischen Anträge! Das ist das Fazit eines jeden Beratungstages. Mögen die Anträge auch noch so sachgemäß begründet, durchaus notwendig im Interesse der Ar- beiterschaft sein, sie werden niedergestimmt. Nur wenige weiße Raben unter den bürgerlichen Parlamentariern sind zu finden, die sich hin und wieder einmal der Begründung der Verbesserungs- anträge nicht verschließen können. Wie die Sozialpolitik der bürger- lichen Parteien ausschaut, dafür gibt die folgende Ucbersicht eine neue Probe. Die Wöchnerinnenhilfe besteht nach dem Entwurf nur in einer einzigen obligatorischen Leistung, nämlich, wie bisher, in einem Wochengeld. Die übrigen Leistungen, das Schwangerengeld, die Gewährung der Hebeammendienste und ärztlichen Behandlung sowie das Stillgeld und Kur und Verpflegung in einem Wöchne- rinnenheim ist in das Belieben der Kasse gestellt. Die Sozial- demokraten verlangten, vaß auch die letzteren Leistungen der Kasse als Pflichtlei st ungen auferlegt und erweitert würden. Abgelehnt don allen bürgerlichen Parteien. mit Ausnahme der Polen, des Freisinnigen Träger und des Dänen H a n s s e n. Ferner enthielten sich der Stimme die frei- finnigen Abgg. Dr. Naumann- Heilbronn und Neumann- H o f e r. Die Freisinnigen beschränkten sich darauf, daß die dem Delieben der Kasse überlassenen Leistungen unverändert der Kasse als Pflicht auferlegt würden. Abgelehnt von den Kompromißparteien, mit Ausnahme einiger Nationalliberaler. Die Sozialdemokraten verlangten: auf Antrag der Wöchnerin oder deren Ehemannes hat die Kasse eine Haus- Pflegerin für die Zeit oder einen Teil derselben zu stellen, in per sie Schwangeren- und Wochengeld zahlt. Abgelehnt von den Kompromißparteicn. Als Sterbegeld wird beim Tode des Versicherten das Zwanzig- fache des Grundlohns gezahlt.— Die Sozialdemokraten verlangten, daß mindestens sechzig Marl gewährt werden müßten. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Das Sterbegeld wird nur gewährt, wenn eine Person, die Mit- glied der Krankenkasse gewesen ist, binnen einem Jahre nach Ablauf der Krankenhilfe an derselben Krankheit stirbt und bis zum Tode arbeitsunfähig gewesen ist.— Die Sozialdemokraten bean- tragten, daß das Sterbegeld unter den angeführten Voraussetzungen auch dann gewährt wird, wenn der Tod infolge einer anderen Krankheit eingetreten ist. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Nach Ablauf eines Jahres verliert der Kranke seinen Anspruch auf Sterbegeld.— Die Sozial de mokraten beantragten, daß sich der Kranke seinen Anspruch durch einen geringen Beitrag erhalten darf.' ,, Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Die Familienhilfe ist in das Belieben der Kasse gestellt.— Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Jamilienhilfe u n- bedingt gewährt werden muß. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien. Räch dem Entwurf sollen neben den allgemeinen Ortskranken- lassen und Landkrankenkassen auch noch besondere Ortskranken- kassen, Betriebskrankenkassen und Jnnungskrankenkassen zugelassen werden.— Die Sozialdemokraten beantragten, daß für den kleines feuilleton. Zauberkünstler und Spiritisten. In Paris existiert eine.Ge- werkschaft der Illusionisten-, zu der sich die Zauberkünstler Frank- reichs vereinigt haben und die sich in letzter Zeit mit den Praktiken gewisser Spiritisten beschäftigt hat. Einer der bekanntesten französi- schen Taschenspieler. M. Rcmy. hat nun cm Buch über die spiritistische Praxis erscheinen lassen, in dem er die Vorträge zu- sammenfaßt, die er über dieses Thema vor der Gewerkschaft der Illusionisten gehalten hat. Er sieht in 50 Proz. aller sogenannten spiritistischen'Manifestationen Betrügereien der Medien. In New gork besteht eine regelrechte Schule, wo angehende Medien gelehrt werden, Gegenstände mit den Zähnen zu schleudern, durch einen be- sonderen Mechanismus Tische knacken zu lassen, mit Phosphor und »Wasserstoff.übernatürliches Licht' zu erzeugen oder mit fünf Metern seinen Stoffes» die in einer Eierschale Platz finden, ein Gespenst zu machen. M. Remy enthüllt allerlei kleine Tricks solcher betrügerischer Medien, Wie gut ist z. B. das Mediunr daran, das bauchredet. Wieviel Gcschicklichleit gehört dazu, dem skeptischen Gaste, der während der Experimente die Hand des Mediums halten will, statt deren eine Kautschukhand zu reichen. Ein anderer läßt Ui einem Wassergefäß Fische erscheinen: er hielt sie in kleinen Tuben bereit, die an den Hüsten befestigt waren. Am ein- sachsten machte eS sich freilich ein Medium, das zwei berühmte Pariser Gelehrte einmal düpierte. Die beiden Herren waren sehr mißtrauisch und bestanden darauf, während der Experimente je eine Hand des Mediums zu hallen. Durch einen Negieseblcr leuchtete plötzlich das Licht auf und die beiden gelehrten Herren sahen, Wieste dasaßen und— sich gegenseitig die Hände drückten. DaS Medium hatte inzwischen inir ihren beiden sreien Händen die allerschönsten »Phänomene' hervorgerufen.... Die ersten Elefanten«nd Giraffen in Europa. Die Gelegenheit, in Enropa ivilde Tiere ferner Zonen zu sehen, ist in frühere» Jahr- Hunderten nicht so selten gewesen, wie die SchiMerigkeiten des Transports vermuten lassen. Schon in vorchristlicher Zeit hat die schaulustige Menge Roms daö Vergnügen gehabt, aus Asien und Afrika herbeigeschaffte grimme Katzen, Leopard, Löwe, Tiger, Schakal, Gepard und Hhäne, anzustaunen und zu füttern. Später, während der Kaiserzeit, als cS galt, das Volk mittels sensationeller Schauspiele bei Suter Laune zu erhalten, nahm der Import wilder Bestien noch zu: atten sie doch bei den blutigen Kämpfen im Amphitheater als furcht- bare Gegner der VenatoraS,' der gewerbsmäßigen Tierkämpfer, auf- zutreten. Kämpfe waren cS. von deren Entsetzlichkeit Cassiodor sagt, daß sie die der Oual in Virgils Hölle noch übertreffe. Auch sahen die Römer sehr frühzeitig auf italienischem Boden Elefanten, und zwar die ersten im Jahre 283 v. Chr., als Phrrhus aus Epirus während de? Tarentinischen Kriege? mit ihnen zum Entsetzen der römischen Soldaten ausmarschierte und seine siegreichen Schlachten schlug. Der erste Elefant, der deutschen Boden betrat, war ein Ge- schenk Harun al Raschids, des mächtigen Kalifen von Bagdad, an Karl den Großen. Karl hatte an den Kalifen eine Gesandtschaft zum Anknüpfen frenndschaftlicher Beziehungen geschickt. Sie brachte Bezirk eines Versicherungsamtes nur eine Krankenkasse er- richtet wird. Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien.' Reichstag. 171. Sitzung, Mittwoch, den 10. Mai, nachmittags 1 ll h r. Am Bundesratstisch: Dr. D e l b r ü ck. Die Beratung der Rcichsversicherungsordnung wird fortgesetzt bei§ 249, der Bestimmungen für die Znkassung besonderer OrtZkrankcnkassen enthält. Abg. Leber(Soz.): Wir beantragen, diesen Paragraphen zu streichen. Gerade die im Krankenkassenwesen erfahrenen Personen verwerfen die be- sonderen Ortskrankenkassen. Der Fünfte allgemeine Kranken- kassenkongreß hat das getan, wie überhaupt alle Fachleute, denn d>e besonderen Ortskrankenkasfen fördern d>e Z e r- splittern n g der Kassen und bewirken daher, daß die allgemeinen Ortskrankenkasse» leistnngsunsähiger werden. Der Re- gierungsentwurf schrieb als Mindestzahl einer besonderen Orts- krankenlasse im§ 250 die Mitgliedcrzahl von SOV vor und gab im Z 251 der obersten Verwaltungsbehörde die Befugnis, in Bezirken mit über 200 000 Einwohnern die Mindestzahl der Mitglieder für eine besondere Ortskrankenkasse ans 5000, in Bezirken mit über 500 000 Einwohnern auf 10 000 zu erhöhen. Diesen SicherimgS- Paragraphen hat die Kommission gestrichen und iin Z 250 hat sie die Mindestzahl auf 250 herabgesetzt, also die Regierungsvorlage noch erheblich verschlechtert. Wenn unser Antrag auf Streichung des 8 249 abgelehnt wird, so verlangen wir mindestens, daß in 8A 250 und 251 die Regierungsvorlage wiederhergestellt wird. Berichterstatter Abg. Horn: Es handelt sich nicht um die Neugründung, sondern nur um das Bestehenbleiben schon bestehender besonderer Ortslrankeukassen. Auch hat die Kommission im§ 250 für die Herabsetzung der Mindestziffer der Mitglieder auf 250 als Aequivalent die Bedingung für die Zulassung besonderer Orts- krankenkassen hinzugefügt: tvenn ihre Leistungsfähigkeit für die Dauer sicher ist. 8 249 wird unter Ablehnung des sozialdemokratischen Antrages angenommen. Abg. Hoch sSoz.): Die Ortskrankenkassen noch kleiner zu machen, wie der Re- gierungsentwurf vorsah, ist ein starkes Stück. Es ist unauf- richtig, größere Leistungen der Kassen zu versprechen und dann die Kasse» so auszugestalten, daß ihre Zersplitterung gefördert wird, sie also leistungsunfahiger werden. Deshalb haben w�r beantragt, in den 88 250 und 251 die Regierungsvorlage wieder herzustellen, deren Zahlen doch nicht willkürlich gegriffen sind, sondern aus 26jähriger Ersahrung beruhen. Der Referent machte vorhin daraus aufmerksam, daß die Herabsetzung der Mitgliedcrzahl ans 250 begründet sei, weil im 8 250 auch der Zusatz für die Zulassung der besonderen Orts- krankenkasse enthalten sei,.wenn ihre Leistungsfähigkeit für die Dauer sicher sei'. Wie kommt der Referent dazu, so leicht- fertig eine unrichtige Behauptung aufzustellen. Die Zahl ist in der Kommission herabgesetzt worden, ohne daß dies Aequivalent eingesetzt wurde. Das ist vielmehr erst später geschehen, sHört l hört! b. d. Soz.) Den 8 251 hat die Kommission gestrichen, weil sie der obersten Verwaltungsbehörde nicht eine so weitgehende Be- fugnis einräumen wollte. Das tun dieselben Leute, die da, w o es sich um die Entrechtung der Arbeiter handelt, sogar der unteren Verwaltungsbehörde die weitgehendsten Rechte einräumen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die sozialdemokratischen Anträge werden abgelehnt. 8 253 bestimmt, daß die allgemeine Ortskrankenkasse als ge- fährdet gilt, wenn ihr bei Zulassung besonderer Ortskrankenkassen nicht mindestens 250 Mitglieder verbleiben. Ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) will dafür 1000 setzen, Wie die Regierungsvorlage. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Ich bedauere, daß der Referent nicht auf die Vorwürfe des Ab- geordneten Hoch geantwortet hat. Tatsächlick ist die Darstellung u. a. auch einen vom Kaiser begehrten Elefanten mit. Am 20. Juli 802 was der Elefant im Hoflager zu Aachen ein. DaS Staunen über die Gesamterscheinung, die Größe und die Stärke des Kolosses war allgemein und Abul-Abbas, so lautete der Name de- TiereS, der Held des TageS. So kann Aachen den Ruhm für sich in'Anspruch nehmen. zuerst von allen deutschen Städten einen Elefanten in seinen Mauern gesehen zu haben. Erst tausend Jahre später, 1827. betrat eine Giraffe den Boden Europas. Das prächtige Tier war mit Hilfe von Arabern aus den Savannen Afrikas an die Küste und auf einem simplen Segelschiff unter vielen Fährnissen nach Frankreich geschafft worden. Im Triumph wurde die Giraffe nach Paris geführt, wo sie im Jlrclia des plantes Unterkunft fand. Die Pariser hatten eine Seil- sation ersten Ranges— in Scharen strömten sie nach dem Garten an der Place Valhubcrt hin, um das mehr als sechs Meter hohe Wundertier anzustannen, und in enthusiastischen Schilderungen priesen die Zeitungen seinen riesigen Schwanenhals, seine großen, sanften Augen, sein kurzhaariges Fell mit der saudgelbcn Grund« färbe und den unregelmäßig eckigen, großen, Heller oder dunkler braunroten Flecken, seine lange Zunge, die weit beweglicher als die der redegewandtesten Evastochter iei, und seinen vorzüglichen Paßgang, der den des besten Zirkuspferdes übertreffe. Da eine Sensation in Paris sofort ihren Niederschlag in der Mode findet, so tauchten auch im Handumdrehen Kostüme und Schmucksachen ä la estrafe auf. Sogar die Haarkünstler frisierten ihre eleganten Klindinnen a la girafe. Wer nicht ä la girafe erschien, galt für rückständig. Endlich hatte auch diese Tollheit ein Ende— die Giraffcnbegeisterung ebbte ab, der langhatsige Gast sank zum Gewöhnlichen hinab und schließlich, weil ihm die warme Sonne Afrikas fehlte, ins Grab. Die Ergebnisse der Sonnenfinsternis am 28. April lassen sich nach den jetzt eingegangenen Nachrichten einigermaßen übersehen. Leider mutz die Auskunft dahin lauten, daß hier ein großer Auf- wand an Zeit und Mühe ziemlich nutzlos vertan worden ist, weil das Wetter der Beobachtung ungünstig war. Diese unerfreuliche Tatsache ist um so mehr zu bedauern, als das Naturschauspiel nur aus wenigen Inseln in der fernen Südsee als vollständige Verfinste- rung zu verfolgen war. Dorthin waren außer einer australischen) mehrere englische Expeditionen entsandt worden, während Deutsch- land von Samoa aus einen Beobachter gestellt hatte. Wirklich er- folgreich scheint nicht eine einzige dieser Expeditionen gewesen zu sein. Die Expedition der australischen Regierung auf der Insel Wawau hat nur wenige Ergebnisse erzielt, da der Himmel bewölkt war. Es sind aber im ganzen doch 30 Bilder von der Sonnenkorona angefertigt worden. Aus derselben Insel arbeitete der englische Astronom Dr. Lockyer, dem es natürlich nicht besser ergangen ist. Mit den beiden großen spektroskopischen Instrumenten hat er nur recht unzulängliche Ausnahmen machen können. Die Sonncnkorona wurde allerdings mit zwei Apparaten photographiert, aber auch diese Bilder sind minderwertig ausgefallen. Ein kapitalistischer Maren. Herr Picrpont Morgan ist nickt nur ein Räuberhauptmann der Industrie, sondern, wie das schon so der Brauch ist, auch ein edler Förderer von Kultur, Wissenschaft und ffuifft.{soeben äjgi ej fccjß �etiler 2fiu&e sine MgeMill lsMre des Abg. Hoch richtig gewesen, jener Zusatz ist nicht als Aequivalent für die Herabsetzung der Ziffer, sondern erst später in den 8 250 hinein- gekoinmen,— Der 8 253 ist ganz überflüssig, denn wenn die Zahl der Mitglieder der Ortskrankenkasse bis auf 250 herabsinkt, muß es schon sehr merkwürdig aussehen. Wenn man nicht mindestens 1000 sagt, streicht man die Bestimmung am besten; denn sonst muß jeder, der von diesen Dingen etwas weiß, darüber lächeln, was alles in ein sogenanntes soziales Gesetz hineingeschrieben wird.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Debatte schließt. Berichterstatter Abg. Horn(natl.): Ich verwahre mich entschieden gegen den Vorwurf der leichtfertigen Berichterstattung. Ich habe nur auf die Bestimmung im 8 250 als Aequivalent für die Herab- setzung der Zahl hingewiesen, nicht aber gesagt, daß die Kommission sie als Aequivalent angenommen hat.(Lachen bei den Sozialdemo- krateu.) Abg. Hoch(Soz., persönlich): Ich habe die Worte des Referenten so wiedergegeben, wie er sie gebraucht hat. Berichterstatter Abg. Horn(natl., persönlich): Ich verweise auf das unkorrigierte Stenogramm meiner Rede. 8 253 wird in der Kommissionsfasfung angenommen. 8 257 enthält Bestimmungen über die Betriebskranlcnkassen. Abg. Emmcl(Soz.): Wir beantragen, den 8 257 und damit die BetriebSkrankenkassen ganz zu streichen. Falls Sie das ablehnen, beantragen wir, dem 8 257 die Fassung zu geben:„Wo bei Inkrafttreten dieses Gesetzes Betriebskrankettkassen bestehen, die mindestens 500 versicherungS- Pflichtige Mitglieder haben, werden sie auf Antrag als Krankeniassen zugelassen, so lange sie den Anforderungen deS 8 230 entsprechen.' Da Sie gewohnheitsmäßig alle unsere Anträge ablehnen, fürchten wir, daß es auch mit diesem Eventualantrag geschieht und beantragen für diesen Fall die Wiederherstellung derRegierungs» Vorlage, wonach also nnndestens 500 Versicherungspflichtige im Betriebe beschäftigt sein müssen, wenn eine Vetriebskrankcnkajse er« richtet werden soll, und hinzuzufügen, daß die beteiligten Ver- sichcrungSpflichtigen vorher nicht nur zu hören sind, wie der Entwurf will, sondern in geheimer Abstimmung durch Mehrheitsbeschluß ihre Zustimmung zu geben haben. Die BetriebSkrankenkassen sollen doch die Interessen der Versicherten ivahrnchmen und daher müssen ihre Vertreter vor Maßregelmig ge« schützt werden. Bisher genügten zur Gründung einer Betriebs- krankenkasse 50 Mitglieder. Die Regierung schlug vor, daß diese Zahl auf 500 herausgesetzt werde. Die Kommission hat das wesent- lich verschlechtert, sie hat die Zahl auf 150 herabgesetzt und für die landlvirtichaftlichcu Betriebe und die der Binnenschiffahrt es sogar bei 50 belasse». Von manchen wurde in der Kommiision verlangt, daß in der Landwirtschaft schon 20 Beschäftigte genügen sollten; da»» würde der Untcruchmer allein Einfluß in der Kasse haben. Wir haben in der Kmnmission beantragt, daß mindestens tausend Beschäftigte vorhanden sein müßten, um eine BctriebSkrankenkasse zu gründen, denn bei einer geringeren Zahl von Mitgliedern ist eine Kasse nicht l e i st u n g S f ä h i g. Von anderer Seite wurde beantragt, daß mehrere Betriebe ihre Beschäftigten zu einer Be» triebSkrankenkasse zusammenschließen körnien. Das hätte den Ruin der Ortskrankenkassen bedeutet. Man behauptet. die BetriebSkrankenkassen seien die besten und leistuligsfähigsten. DaS ist falsch. Billiger sind sie freilich als die Ortskraiikenkassen. Das rührt daher, daß sie nur in gesundheitlicher Beziehung erstklassiges Material aufnehmen, während die Ortskrankenkassen alle von den Betriebskrankenkassen Zurückgewiesenen aufnehmen müssen. Eine der Petitionen flir die Betriebs- krankenkassen weist darauf hin, daß zentralisierte Ortskrankenkassen auch eine politische Gefahr bilden. DaS mutz entschieden zurück- gewiesen werden, die Arbeiter haben Gelegenheit genug, sich politisch zu organisieren.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ueber die Leistungen der BetriebSkrankenkassen hat die General» kom Mission der Gewerkschaften eine Umfrage ver- an st alt et. DaS Material ist so reichhaltig, daß ich nur einiges weniges daraus mitteilen kann. An der Kaiserlichen Werft in Kiel wurde ein Vorstandsinitglied der Betriebskasse entlassen, weil er das Verbrechen beging— Einsicht in die Protokolle zu ver» langen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)— Der Schlosser R ö s ch m a n n wurde entlassen und auf eine Beschwerde hin hielt das Reichsmarineamt die Entlassung aufrecht, weil er, der gleichzeitig Darstellung des heiligen Demetrius auf Email, aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammend, geschenkt. Derselbe Herr hat aber kürz- lich das„Haupt des heiligen Martin", dem gestohlenen Reliquien- behälter der Kirche von Soudeilles, über dessen unterhaltliche Eni- führungsgeschichte wir seinerzeit berichtet haben, angekauft, trotzdem er über seine Herkunft unmöglich im Zweifel sein konnte. Die rechte Hand weiß bei diesem Biedermann nicht, was die linke tut. Aber die beiden Arten gehören schon zusammen, um das zu illustrieren, was man in der Periode des entwickelten Kapitalismus Kunstsinn und Kunstsördcrung nennt. Notizen. Tü— Vorträge. In der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft spricht am 12. Mai im NathauZ, Zimmer Nr. 109 (Eingang Jiidenstraße)»m 8'/� Uhr Dr. W. W e i g a n d über: „Das Salz in seiner Bedeutung für den Haushalt der Natur und des Menschen'.(Mit Demonstrationen.) Eintritt frei. — M a l h e r b e und der Deutsche Arbeitersänger» bund. Der Deutsche Arbciteriängerbnnd schreibt unS: Wenn Herr Malherbe in den Pariser Tageszeitungen erklären läßt, daß ihm der Deutsche Arbeitersängerbund für Ueberlassung der Schumann- Chöre gar nichts angeboten hat, so ist dies an sich schon richtig, aber doch insofern.falsch, als gleichzeitig u m A n g a b e der Bedingungen für eine ab schriftliche Ueber» l a s s u n g der S ch n m a n n- C h ö r e ersucht wurde. — Heinrich Braun, einer unserer ersten Chirurgen und Operateure, ist in G ö t t i n g e n einem Lmigenschlag plötzlich erlegen. Tags zuvor hatte er noch operiert nnd Examen abgehalten. Braun ist 64 Jahre alt geworden. Als Lehrer hat er sich auf einer Reihe von Universitäten einen guten Namen gemacht. Das F r a n e n st» d i u»i an den preußischen Universitäten. An den preußischen Universitäten studierten im ab- gelaufenen Wintersemester 2039 Frauen, im Vorjahr» Ivarcu es iin Wintersemester 2324. Die 2339 Studentinnen verteilen sich folgender- maßen auf die Fakultäten, wobei die Zahlen in der Klammer sich auf das Wintersemester 1909/10 beziehen: In der theologischen Fakultät 41(39), in der juristischen Fakultät 17(15), in der medizi» nischen 324(233) und in der philosophischen Fakultät 2253<20S4,. Von den 2339 im Wintersemester 1910/11 studierenden Frauen waren 1338 unmatrilulicrt, die übrigen 951 waren als Gastznhörcrinnen zugelassen. — Das Wettrennen zum Südpol. Ernest Shackleton fordert in einen: Aufruf das englische Volk auf. die Mittel zu einer neuen antarktischen Expedition beizusteuern, die Dr. Mawson von der Universität in Adelaide(Australien) plant. Mawson ist in der wissenschaftlichen Welt durch seine Besteigung und Ersorsckmng des Mouut Erebus. des größten tätigen Vulkans in der Antarktis, bekannt und einer jener drei Forscher, die bis zum magnetischen Südpol vor- gedrungen sind. Er war einer der Begleiter Shackletons. Der Zweck der neuen Expedition ist in erster Linie die Erforschung der in"einer Länge von 2500 Meilen lmbckannten Küste an der Nordscite der Antarktis und das Studium der sehr interessanten meteorologischen Verhaltnisse dieses Gebiets. Die Königliche geographische Gesellschaft »n London steht dem Unternehmen sympathisch gegenüber. Borsitzender bcS ArbeiteranSschusseS war, in den Vorstandssitzungen der Betriebskasse die Rechte der Arbeiter«ertreten hatte.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Mit Vorliebe suchen sich die Be- lriebskassen der Reichsbctriebe alter und kränklicher Mitglieder zu entledige», die dann den Ortskrankenkassen oder den Armenetats der Gemeinde zur Last fallen oder aber das Opfer von Schwindekassen werden. sHört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Man spricht so viel von Schwindelkassen: hier aber sehen wir, wie Reichsbetriebe als indirekte Förderer des SchwindelkassenwcsenS wirken.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Auf denselben Wegen wandelt die Betriebskasse der Germaniawerft, die bekanntlich der Firma Krupp gehört, wandeln die Kassen der großen Finnen der Textilindustrie, z. B. auch in der von mir vertretenen Stadt M ü l h a u s e n i.E. Das Wahlrecht der Arbeiter wird illusorisch gemacht, indem man die gesetzlichen Bestimmungen um- geht oder auch sich ungeniert über sie hinwegsetzt.(Lebhaftes Hört! hört l bei den Sozialdemokraten. Zuruf: Die Hüter der Gesetzlich- keit!) Systematisch sucht man die Mitwirkung der Arbeiter aus- zuschließen. Dabei wird ein Terrorismus geübt, mit dem ver- alichen der angebliche Terrorismus der Gewerkschaften, über den so sehr gezetert wird, völlig verschwindet.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) In einem großen Betriebe wurde eine B e- triebskrankenkasse errichtet, obwohl von ca. 1000 abstimmenden Arbeitern sich ganze— fünf für diese total unnütze, nur aus Rancune gegen die Ortskrankcnkasse erfolgende Neuerrichtung erklärten. (Stürmisches Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auch die Arbeiter werden entlassen, wenn sie krank werden und die Krankheit auch nur kurze Zeit dauert. Bei der Einstellung müssen die Arbeiter ein G e sun d h eits a ttest beibringen, und zwar auf ihre Kosten, eine Garantie für die Einstellung haben sie aber nicht. In inanchen Betriebskrankenkassen werden die Arbeitervertreter während der Arbeitszeit gewählt, aber die Arbeiter dürfen fich vom Arbeitsplatz nicht entfernen; ihr Wahlrecht ist also illusorisch gemacht. Werden Gewerkschaftsmitglieder gewählt, so werden sie solange drangsaliert, bis sie dem Betrieb den Rücken kehren; so geht eS nicht nur den freien Gewerkschaftlern, sondern auch den christ- lichen.(Hört I hört 1 links.) Aus Legesack und anderen Städten wird gemeldet, daß die Betriebe»nit eigenen Kassen leinen Arbeiter annehmen, der nicht nachweist, daß er im Falle längerer Krankheit Annenunterstütziing erhält. (Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Also immer das Ab- wälzungsgelüste I Hinterlisten schmählichster Art werden angewandt, um die Arbeiter um ihre Bezüge aus den Betriebskassen zu prellen; von einer hannoverschen Fabrik werden die Wöchnerinnen beredet, sich Urlaub zu nehmen; auf diese Weise kommen sie um die ihnen statutengemäß zustehende Wöchnerinnen-Bcihilfe.(Hört! hört! bei den Sozialdeinokraten.) In skandalöser Weise zeigen sich A e r z t e und Polizeibehörden, Landräte zum Beispiel, bereit, im Interesse der Betriebskrankenkassen, das heißt der Unter- nehmer. ihre Augen zu allen Ungesetzlichkeiten zuzudrücken.— In den FlenSburger Betriebskrankenkassen steht diefteie Arztwahl auf dem Papier; man darf sich seinen Arzt aussuchen; aber wenn man sich einen anderen Arzt aussucht, als den von der Firma protegierten, wird man hinausschikaniert.— In einem Betriebe wurden Arbeiter mit der Erklärung entlassen: sie seien Mitglieder eines Turnvereins und daher fei zu befürchten, daß sie zuviel die Betriebskrankenkasse in Anspruch nehmen würden.(Heiterkeit und lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Ein weib- lichcs Mitglied einer BetriebSkrankeukasse, das an einer an- st eckenden Krankheit litt, ließ man ruhig in der Wohnung ihrer Angehörigen, obwohl man wußte, daß die Krankheit ansteckend war.(Hört! hört!) So ge- sährdete man die Gesundheit einer ganzen Familie, ja, viel- leicht einer ganzen Stadtgegend, nur, um die Differenz zwischen den Kosten der Krankenhauspflege und dem Krankengeld zu sparen.(EmeuteS lebhaftes Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) In einem anderen Betriebe wurde eine Arbeiterin entlassen, weil sie gewagt hatt�, das ihr zustehende Krankengeld zu verlangen; gleich- zeitig wurde ihr Sohn mit entlassen.(Lebhaftes Hört I hört I) Wieder in einem anderen Betriebe müssen sich alle Arbeiterinnen, nicht nur die neu eintretenden, einer periodischen Untersuchung unterziehen, die den Zweck hat, festzustellen, ob sie schwanger sind oder nicht.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Im Krupp-Gruson-Werk in Magdeburg wurde ein seit 27 Jahren im)Betriebe beschäftigter Arbeiter entlassen, weil er als Vorstandsmitglied der Betriebskasse die Interessen seiner Mit- arbeiter zu vertreten gewagt hatte.— Wie schon erwähnt, sind direkte Gesetzwidrigkeiten bei den Betriebskassen nicht gerade selten. Aber kein Staatsanwalt greift ein. Wie schnell ist die Staatsanwaltschaft bei der Hand, wenn eS gegen Arbeiter geht; aber bei Unternehmern— ja, das ist etwas anderes. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich bedaure, daß ich ge- nötigt bin, auf so viele Einzelfälle einzugehen; aber ich fasse mich so kurz als möglich.(Heiterkeit bei der Mehrheit.)— Ja, ohne Einzel- sälle geht es doch nicht(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten); aber ich mache es wirklich so gnädig wie möglich.(Heiterkeit.)— Vielsach werden die Betriebskassen benutzt, um mißliebige Organisationen fernzuhalten und die Gelben zu begünstigen.— Diese oder jene Firma hat die Gewohnheit, Ansprüche, die lästig werden können, dadurch abzukaufen, daß sie dem betreffenden Arbeiter bei seinem Ausscheiden aus dem Betrieb 100—200 M. gibt, mit der Aufforderung, ein eigenes Geschäft zu gründen. Dafür muß dann der arme Kerl auf alle An- sprüche an die Betriebskasse verzichte». Er kauft sich einen kleinen Schank oder einen Grünkram. In einem halben, höchstens einem halben Jahr ist er pleite; die Firma aber ist ihn loS. Die Betriebskassen sind eine wahre Prämiierung der Drückebergerei der Unternehmer. Schon darum verdienen sie, beseitigt zu werden. Ueber die Notwendigkeit ihrer Beseitigung sind sich alle ökonomischen und ärztlichen Autoritäten und Sachverständigen einig. Es ist be- zeichnend, daß von den Borständen der Betriebsiassen selbst die große Mehrheit für einheitliche Ortskranken- lassen i st.(Lcbh. Hört! hört I b. d. Soz.) Die Krankenversicherung soll doch dem Wohl der Arbeiter dienen. Aber nur große leistungs- sähige Ortskrankenkassen können diesen Zweck erfüllen. Darum sollte der Reichstag, wenn es ihm ernst ist mit der Förderung der Ar« beiterinteressen, sich auf den Boden unseres Antrages stellen und die Beseitigung der Betriebskassen beschließen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Stresemann(natl.): Wenn die Generalkommission der Gewerkschaften'eine eingehende, sachgemäße parlamentarische Behandlung dieser Frage gewünscht hätte, so hätte sie das ein- schlägige Material als Broschüre veröffentlichen oder sonstwie der Oeffentlichkeit zugängig machen sollen. Das aber kann von uns nicht verlangt werden, daß wir alle die Fälle, die unS Herr Emmel hier vorgetragen hat, unbesehen und ungeprüft als objektive Dar- stellung akzeptieren. Aber selbst wenn alle die vorgetragenen Fälle sich wirklich so zugetragen hätten, wie Herr Emmel sie unS vorgetragen hat, waS wäre damit bewiesen? Solche Einzelsälle beweisen nichts, rein gar nichts. Die BetrievSkassen können fich sehr Wohl' neben den OrtSkrankenkossen sehen lassen; oder vielmehr: ihre Leistungen sind im Durch- schnitt bessere als die der Ortskrankenkassen.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Wir suchen, allen Kassenformen nach Möglichkeit gerecht zu werden. Es liegt gar kein Grnnd vor, die bewährten Betriebskrankenkassen abzuschaffen. Der Kommissions- beschluß trifft das Richtige und wir werden daher für ihn stimmen. (Bravo! bei der Mehrheit.) Abg. Hormann(Lp.): Das Material, das Herr Einmel vor- Sebracht hat. verdient sorgfältige Prüfung. Ganz gewiß sind böse Hißständp hsi dyi VMjMMp WhgLdkS, Aber jWA tzixsc Organisationsform einfach abzuschaffen, könne» Vir nicht gehen. Wir wollen diese historische Kaffeuforw behalten. Wir wollen aber die kleinen landwirtschaftlichen Kassen und Käßchen nicht haben, die eine schwere Gefährdung der Land- krankenkasien bedeuten würden und beantragen deshalb, im§ 257 die Beschränkung der Mitgliederzahl auf 60 bei den landwirt- schaftlichen Betriebskrankenkassen zu streichen.(Bravo i bei den Sozialdemokraten.) Abg. Sachse(Soz.): Der Abg. Stresemann wünschte, daß das vom Abg. Emmel vorgebrachte Material in Broschürenform der Kommission bereits übergeben worden wäre. Nun, bis zur dritten Lesung ist noch wochenlang Zeit, da kann Stresemann die Fälle noch nachprüfen. Uebrigens hat Emmel nur etwa den fünften Teil seines Materials vorgetragen. Auch ich könnte bei den Knapp- schaftskassen mit einem reichen Material, besonders über Maßregelungen aufwarten. Ich will aber darauf verzichten. Herr Stresemann sang dann ein Loblied auf die Leistungen der Betriebskrankenkassen. Wenn bei ihnen ein etwas höheres Kranken- geld herauskommt, so darf nian nicht vergessen, daß die schwere Industrie bei ihnen beteiligt ist, bei welcher die Unfallzisfer ganz besonders hoch ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Bergarbeiter oller Richtungen haben sich gegen die Errichtung weiterer Knappschaftskrankenkasse« erklärt. Es existieren solche mit 37 und 39 Mitgliedern, ja eine mit nur acht Mitglieder». DaS sind keine Kassen mehr, sondern Kassenspielerei.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Um das zu verhindern, müssen Sie unsere Anträge annehmen.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.)— Weiter will ich an die Regierung die Frage richten, ob sie es für zulässig hält, daß Betriebskrankenkassen in bezug auf die Ein- schränkung der Bezüge so verfahren, wie es der Abg. Emmel hier dargestellt hat. Geheimrat Caspar: Auf diese Frage habe ich zu erwidern, daß wenn die von dem Abg. Emmel vorgetragenen Fälle erwiesen wären, die gesetzlichen Bestimmungen Anwendung finden würden, die das verbieten. Diese Fälle aber als sicher nachzuweisen, muß den Beteiligten überlassen bleiben. Abg. Emmel(Soz.): Das ist freilich richtig. Aber die Aufsichtsbehörde kommt ihrer Pflicht nicht nach, wenn sie solche Dinge passieren läßt. Sie hat die Pflicht einzugreifen, wenn solche Dinge zu ihrer Kenntnis koinmen und sie darf sie nicht einfach als angeblich anonyme Beschwerden abweisen.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Unter Ablehnung aller Abänderungsanträge wird§ 257 in der Kommissionsfassung angenommen. Z 259 bestimmt nach der Kommissionsfassung, daß bei Saison betrieben die Mindestzahl für die Errichtung einer Betriebskranken- lasse für zwei Monate vorhanden sein muß. Ein Antrag Albrecht(Soz.) will diesen Paragraphen streichen. Abg. Busold(Soz.): Dieser Paragraph bedeutet lediglich eine außerordentliche Be- günstigung der Agrarier. Derartig kleine Kranlenkassen können ihren Verpflichtungen gar nicht nachkommen; deshalb liegt darin auch eine große Gefahr für die Volks- gesundheit. Es kommen ja auch alljährlich Massen von galizischen und anderen ausländischen Arbeitern herein, die vielfach Krankheiten mitbringen. Diese Miniaturkrankenkassen können naturgemäß nichts leisten; mit Röntgen st rahlen wird man bei ihnen höchstens einmal den Kassenschrank durchleuchten.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Nutzen von diesen Kassen haben nicht die Versicherten, sonder» nur dir großen Gutsbesitzer; die kleinen Bauern haben nie soviel Personen in ihrem Betriebe und müssen ihre Arbeiter daher in den Landkrankenkassen versichern. Diese werden auch dadurch ein erhöhte? Risiko haben, weil die Gutsbesitzer nur gesunde Leute beschäftigen, während die Kleinbauern auch die halbinvaliden Arbeiter beschäftigen. Die Mittelbauern können sich unter gewissen Kauteln von den Landkrankenkassen befreien. Das ganze Risiko bleibt also bei den kleinen Bauern. Am besten kommen die großen Gutsbesitzer weg, die in der Regel zehn Personen be- schäftigen und zeitweise noch 40 dazu nehmen. Und für diese können sie eine BetriebSkrankenkaffe einrichten. Wer von den Arbeitern im Verdacht steht, krank zu sein, der wird von ihnen ent- lassen, und für diesen müssen dann der Kleinbauer und die Land krankcnkasse eintreten. Diese Bestimmungen find in unverschämtester Weise aus die Interessen der Großbauern zugeschnitten, entgegen denen der Kleinbauern. Und gerade die Herren, die sich hier immer als Vertreter der Kleinbauem aufspielen, weiden hier die markanteste unverschämteste Jnteressenpolitik für die große» Gnuidbefitzer. (Lebhafte Zustimmung.) Leider haben wir keine Bestimmung, daß solche Mitglieder, die ein persönliches Interesse an der Sache haben, sich an der Abstimmung nicht beteiligen dürfen, sonst müßten hier mindestens 90 Mitglieder bei der Abstimmung hinaus� gehen.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Wenn Sie diesen Paragraphen annehmen, werden Ihnen bei den nächsten Wahlen die Kleinbauern die Quittung geben.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozialdemowaten.) Abg. Fegter(Vp.) wendet sich gleichfalls gegen den Paragraphen. Bei 50 Mitgliedern ist eine Kasse auf keinen Fall leistungs- fähig. In der Kommission haben die Regierungsvertreter selbst gesagt, dieser Antrag bedeute die völlige Auflösung der Landkranken- lassen.(Hörtl hört! links.) Also hier, wo es sich darum handelt, eine kleine Minderheit von den Losten zu befreien, die alle anderen Unternehmer tragen müssen, hat die Regierung sich wieder den Agrariern gefügt, dieselbe Regierung, die mit ihrem Unannehm- bar kam, als eS sich um größeren Schutz für die Wöchnerinnen handelte. (Lachen rechts.) Es wird die Zeit kommen, wo Ihnen das Lachen vergehen wird. Bei den Wahlen werden Sie die richtige Quittung bekommen für dies Lachen und für Ihre ganze Haltung bei der Reichsversiche- rungsordnung.(Sehr gut! links.) Wem die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Sie kommen hier nur in den Saal, wen» abgestimmt wird. Wenn wir unsere Verbesserungsanträge begründen, halten Sie eS nicht einmal für nötig, unsere Gründe anzuhören. Wir lassen uns dadurch nicht irritieren, aber ich nagle dies Verhalten der Mehr- heit vor dem Lande fest.(Bravo l links.) In der Abstimmung wird der Paragraph aufrechterhalten. § 260 setzt gewisse Voraussetzungen fest, unter denen eine Be- triebskrankenkasse nur errichtet werden darf. Ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) will das Wort.errichtet' ersetzen durch„zugeben' oder für den Fall der Ablehnung dieses Antrages die weiiere Voraussetzung für die Errichtung hinzufügen, daß die Mehrheit der versicherungspflichtigen Mitglieder zustimmt. Ein Kompromißantrag will bei der Voraussetzung, daß durch die Errichtung der Betriebskrankenkasse eine Orts- oder Landkrankenkasse nicht gefährdet werden darf, einfügen:„Dabei gilt eine Kasse nicht als gefährdet, wenn sie nach Errichtung der Betriebs- lrankenkasie mehr als 1000 Mitglieder behält. Abg. Schickert(k.) begründe: den Antrag damit, daß der Be- griff der Gefährdung im Interesse der Kassen näher umgrenzt werden müsse. Abg. Schmidt(Soz.): Der Kompromißantrag bedeutet eine weitere Ver- schlechterung des Gesetzes. Wenn ein großer Betrieb mit über 1000 Arbeitern plötzlich an einem Orte errichtet wird, der nicht be- anders gesundheitsschädlich ist, würde die Herausnahme dieser Mitglieder die Ortskrankenkasse zwingen, ihre Leistungen herabzu- etzen, wenn die ihr verbliebenen Arbeiter etwa gesuiidheitsgefähr- Ijchskl©ttfifhfji rn Pfs ch?misch?v LlMstlle eitt d?r schMM Eisenindustrie usw. augehorsn. Ich bitke Sie deshalb, dksfen Art« trag abzulehnen. Unser Antrag will den Paragraphen auch auf die bereits bestehenden Kassen ausdehnen und will im übrigen den Arbeitern die Entscheidung darüber vorbehalten, ob sie aus einer Ortskrankenkasse in eine BetriebSkrankeukasse übergehen wollen. (Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Hiermit verbunden wird der g 262, der die Errichtung von Jnnungskrankenkassen zuläßt und§ 263, der die Boraus- setzungen ihrer Errichtung regelt Ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) wünscht die Streichung des§ 262 eventuell im§ 263 als weitere Voraussetzungen hinzuzufügen, daß die Kasse mindestens 500 Mitglieder hat und daß der Gesellen- ausschutz in geheimer Abstimmung der Errichtung zustimmt. Abg. Brühne(Soz.): Die freien Hilfskassen will man kassieren, aber die Z e r« splitterung in Betriebs- und Junungskasseu läßtmanzu. Dabei gibt eS Jnnungskassen mit 5, 6, 10 Mitglieder» Solche Zwergkassen können natürlich nichts leisten. Wird der § 262 angenommen, so werden solche Zwergkassen wie Pilze aus dem Boden schießen. In diesen Jnnungskassen sitzen die kleinen Scharfmacher, wie in den Betriebskaffen die großen Scharfmacher. (Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Gewöhnlich entstehen solche Kassen bei großen Streiks auf Veranlassung der Streik- brecher. So war es bei einem Maurerstreik in Königsberg. Wenn Sie diese Jnnungskassen nicht ganz beseitigen wollen, so nehme» Sie wenigstens unseren weiteren Antrag an, der die Gründung- solcher Zwergkassen ausschließt.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Rieseberg(Wirtsch. Vg.) befürwortet einen Kompromiß- antrag, auch bei den Jnnungskassen die Gefährdungsgrenze auf 1000 Mitglieder festzulegen. Die Herren Sozialdemokraten wollen die Jnnungskassen beseitigen, weil sie in ihnen keinen Einfluß haben.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Jnnungskassen sind manchmal leistungsfähiger als sozialdemokratische Krankenkasien. Eine Bäckerinnungskasse zahlt noch für Sonntags Krankengeld. Welche Kasse bietet das sonst noch? Wird die Gefährdungsgrenze nicht festgelegt, so erklären fich einfach die Ortskrankenkassen durch eine Jnnungskasse gefährdet, und diese muß aufgelöst werden. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Wenn eine Bäckerinnungskasse auch fiir den Sonntag Krankengeld zahlt, so ist sie dazu verpflichtet, denn im Bäckergewerbe be- steht das Jahr aus 365 Arbeitstagen. Herr Rieseberg hat also durch seine Ausführungen nur bestätigt, daß das Bäcker- gewerbe das allerrück st ändig sie ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Im allgemeinen bleiben die Leistungen der Jnnungskassen ganz erheblich hinter denen der Ortskrankenkassen zurück. Das ist auch gar nicht verwunderlich bei ihrer meist sehr ge- ringen Mitgliederzahl.— Für uns kommt dazu der Mißbrauch, der mit den Jnnungskassen getrieben wird. Nach den Motiven bilden sie ein gutes Mittel, um das Jnnungsleben zu heben und zu fördern. Das Jnnungsleben ist doch nichts als die Tätigkeit der Arbeitgeber- organifationen und wenn sie zu dessen Hebung die Jnnungskassen benutzen, so ist das ein Mißbrauch dieser Kassen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Die Anträge Albrecht werden abgelehnt, die Kompromiß- antrüge angenommen. § 273 bestimmt, daß bei Berechnung der Gleichwertigkeit der Leistungen von Kassen Leistungen der maßgebenden Kasse, die noch kein volles Jahr gelten und ebenso gewisse Mehrleisluugen nicht berücksichtigt werden. Abg. Molkenbuhr(Soz.) tritt für die Streichung dieses Paragraphen ei«. Wir wollen, daß die Versicherten in einer Betriebs- oder Jnnungskasse Anspruch auf alle Leistungen haben, die sie in der Ortskrankenkasse genossen haben. § 273 wird nach den Beschlüssen der Kommission an» genommen. § 275 lautet:„Die Gleichwertigkeit wird von vier zu vier Jahren festgestellt, wenn Tatsachen vorliegen, welche die frühere Festsetzung als uicht zutreffend erscheinen lassen.' Abg. Hoch(Soz.): Wir beantragen, die Worte.von vier zu vier Jahren' zu streichen. ES liegt keine Veranlassung vor, vier Jahre hindurch die Versicherten zu schädigen.(Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. tz 277 bestimmt, daß eine Landkrankenkasse, deren Bestand dauernd unter 500 Mitglieder sinkt, mit der allgemeinen Orts- lrankenkasie deS Bezirks vereinigt werden kann. Absatz 2 de»§ 277 lautet:.Dies kann geschehen, wenn das Versicherungsamt daS Bedürfnis für ihr Fortbestehen verneint.' Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Wir beantragen Streichung des völlig überflüssigen zweiten Absatzes. Der StroichungSantrag wird abgelehnt. Die 8Z 278— 32S werden debattelos angenommen.(Bravo l bei der Mehrheit.) 8 326 bestimmt, daß Mitglieder, die infolge Erhöhung ihre» Ein« kommens ausscheiden, binnen drei Wochen nach dem Ausscheiden eine Erklärung über ihre freiwillige Weiterführung der Mitgliedschaft abgeben können. Wer jedoch in der zweiten oder dritten dieser Wochen erkrankt, hat für diese Krankheit Anspruch auf die Kassen- leistungen nur dann, wenn er die Anzeige in der ersten Woche ge« macht hat. Mit Zustimnmug des Oberversicherungsamtes kann die. Satzung kürzere Fristen bestimmen. 4 326» bestimmt das Erlöschen der Mitgliedschaft, wenn zweimal nacheinander die Beiträge nicht entrichtet und seit dem ersten dieser Tage mindestens vier Wochen vergangen find. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Wir haben hierzu Abänderungsanträge eingebracht, die bezwecken, daß jemand, der auch erst am letzten Tage der nach den Paragraphen ihm zugebilligten Frist die Erklärung abgibt, daß er freiwillig Mit- glied bleiben will, dann das Anrecht auf vollen Bezug der Kranken- gelder hat, auch wenn er in den ersten Wochen erkrankt. Es ist nur gerechtfertigt, daß jemand für die Dauer der aanzea Krank- heit sein Krankengeld erhält, wenn ihm überhrn�a das Recht zugestanden wird. Mitglied der Kasse zu bleiben,(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): In dem letzten Satz des 8 926 beantragen wir statt.kürzerer Fristen' zu sagen„längere Fristen' können mit Zustimmung deS Ober- versicherungSainjes bestimmt werden. Wenigstens diesen Antrag werden Sie annehmen, da die Redaktion der Kommission ja offenbar auf einem Irrtum beruht und ein Zeugnis für die Eilfertiglest der Arbeit ist.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) . Abg. Sachse(Soz.): Die Fassung der Kommission ist ganz besonders nachteilig für die Bergleute. Wenn diese die Arbeitsstelle wechseln und noch nichr gleich andere Arbeit finden, so kommen sie leicht um ihre Kassen- rechte. Sie müssen die Probe auf die Wurmkrankheit noch einmal durchmachen, wobei sie zwei Tage versäumen, dann noch extra ei» Arztgutachten beibringen, das auch wieder 3 M. kostet. Auch die- jenigen Leute werden davon betroffen, die zu militärischen Hebungen eingezogen sind. Um alle diese Ungerechtigkeiten zu vermeiden, bitte» wir Sie, unsere Anträge anzunehmen. Der Antrag statt.kürzere Fristen' zu setzen„längere Fristen' wird angenommen.�(Ironisches Bravo I bei den Sozialdemo« traten.) Alle übrigen Abänderungsanträge werden abgelehnt. 1" iilir*0"* öcrta8t 005 HM djx Atzjtxrhnatung qu! TovMstag Schluß S»/. Uhr..... �• Parlamentarisches. AuS den Kommissionen des DreiklassenhauseS. In der Zuwachssteuerkommission wurde ein Antrag abgelehnt, nach dem sich die Steuerfreiheit der Landesfürsten und der Landesfürstinnen nicht auch auf die Steueranteile der Gemeinde beziehen soll. Abgelehnt wurde auch ein sozialdemokratischer Antrag, nach dem den Gemeinden ein für allemal die Befugnis zur Erhebung Von Zuschlägen erteilt werden sollte. In der Kommission für die Gemeindeordnung der Rheinprovinz wurde ein Antrag auf Einführung der vollen Oeffentlichkeit für die Gemeinderatssitzungen abgelehnt, jedoch beschlost man, die vom Herrenhaus gestrichene beschränkte Oeffentlichkeit wieder herzustellen. In der Justizkommission wurde das Gesetz über die Bildung Von Losgesellschasten verhandelt. Durch dieses Gesetz soll angeblich der Prämienlosschwindel betroffen werden. Obgleich in der Kom- Mission sehr starke Bedenken erhoben wurden, ob diese Materie nicht der Reichsgesetzgebung unterliege, beschlost die Mehrheit doch, die landesgcsetzliche Regelung vorzunehmen. In der Pflichtfortbildungsschulkommission wurde be» schloffen, dast die abgelegte Gesellenprüfung nach dreijähriger Lehr- zeit vom Schulbesuch befreien soll. Das gleiche soll auch für die ousgelernten Handlungsgehilfen gelten. Die Geschäftsordnungskommission hat ihre .Reformarbeit* beendet. Es wurde beschlossen, dast auch Ver- einigungen von mindestens drei Mitgliedern auf ihren Antrag bei der Bildung der Kommissionen berücksichtigt werden sollen. Die Bestimmungen über die persönlichen Bemerkungen und über die Bemerkungen zur Geschäftsordnung wurden so geregelt, dast eS da- nach nicht mehr möglich sein soll, dast umS Wort gebrachte Mit- glieder in einer solchen Bemerkung erklären, was sie in ihrer Rede ausführen wollten. Es wurde auch für solche Bemerkungen die Wortentziehung, ohne vorherige Mahnung zur Sache, zu- gelassen. Endlich wurde ein fortschrittlicher Antrag abgelehnt, nach dem Schlustanträge nicht zugelaffen werden sollten, bevor nicht wenigstens ein Redner zur Sache gesprochen hat. Diese Möglichkeit, noch gar nicht begonnene Debatten zu schliesten, wird sich die Junker- mehrhei t unter Umständen gewist zunutze zu machen wissen. Hus der Partei. Hofprediger und Untersuchungsrichter. Eine Erinnerung aus der Zeit des SchanL, g e s e tz e s. In der kürzlich in� Verlage der Buchhandlung Vor- wärts erschienenen Schrift des Genossen Eugen Ernst- Berlin, betitelt:„Polizeispitzeleien und Ausnahmegesetze 1878 bis 1910", ist eine solche Fülle von erdrückendem Material, über die Korruption der deutschen politischen Polizei im Kampfe gegen die Arbeiterbewegung zusammengetragen, dast diese wichtige Institution des„christlichen Ordnungsstaates" vor aller Welt an dem Pranger steht. Der gröstte Teil der bürgerlichen Presse freilich schweigt sich, getreu ihrer Totschweigetaktik, über das Buch des Genossen Ernst gründlich aus und macht sich dadurch indirekt zum Mit- schuldigen an dem abscheulichen Spitzelsystem mit all seiner Per- worfenheit, Tücke und Verlogenheit, das ja auch heute noch eine beliebte Waffe der Polizei im Kampfe gegen die Arbeiterbewegung «st. Einen grohen Wert hat das Buch<ü>er für die Sozialdemo- ikratie, denn der in ihm gelieferte Agitationsstoff ist ungeheuer wirksam. Kein Wunder daher, dast das Buch nicht allein in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Beachtung gefunden hat. Auch über den Ozean, nach Amerika, ist es gegangen. Dort iam es auch in die Hände eines Mannes, der im Buch mit als ein Opfer der deutschen Spitzelschande genannt wurde. Dieser sandte dem Genoffen Ernst ein Schreiben aus Brooklyn, in welchem er dem ihn betreffenden Vorfall eine etwas andere Lesart gibt, als sie Genoffe Ernst auf Grund seiner Informationen geben konnte. Es handelt sich um den Fall Metz low lSeite 24 und 25), der im Jahre 1880 wegen„Aufreizung von Soldaten zum Un- gehorsam" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In dem Verfahren gegen Metzkow sollte ein Gefängnisgeistlicher durch das ».Verlieren" eines vom Angeklagten an seine kranke Mutter ge- richteten Briefes dem Gericht Beweismaterial in die Hände ge- spielt haben. Metzkow selbst stellt den Vorgang im Gefängnis gu Berlin folgendermaßen dar: „Meine Mutter war schon am Tage meiner Verhaftung bett- lägerig, und da geschah es, ungefähr 6 Wochen später, und als jedes Bitten meiner Geschwister und Verwandten, mich nur für eine kurze Zeit sprechen zu dürfen, vom Untersuchungsrichter Hollmann(der Briefschreiber erwähnt den Mann noch jetzt nach 30 Jahren nur mit Ausdrücken grenzenloser Erbitterung. D. Red.) ganz entschieden verweigert wurde, daß dem Domprediger Bauer, der von meiner Mutter auf dem Sterbebette darum er- sucht wurde, sofort eine Besprechung mit mir gestattet ward. Bauer hatte, ehe er zu mir geführt wurde, auf jeden Fall eine „Besprechung" mit Hollmann, nach welcher der Hofprediger mich zu einer„Bekennung meiner Sünden" veranlassen sollte;— der Kichter machte während dieser Zeit den Horcher an der Wand. Als Bauer in das Zimmer trat, in das ich aus meiner Isolierzelle geführt war. reichte er mir die Hand und sagte, meine Mutter hätte ihn gebeten, mich einmal zu besuchen, auf daß sie noch vor ihrem Tode erfahre, wie es mir gehe. Sie liege auf dem «Sterbebett und gräme sich sehr usw. usw. Das ergriff mich in.meiner damaligen Lage sehr, zumal ich meiner schon seit 10 Jahren vertvitweten Mutter in den letzten sieben Jahren als fast einziger Ernährer— von meinen fünf Ge- schwiftern war nur eine Schwester älter als ich— zur Seite stand zind ich begann zu weinen. Diese meine Rührung benutzte nun der Mann Gottes, um mich über meinen„Fall" auszufragen. In demselben Augenblick ihörten meine Tränen auf; ich sagte:„Dast Sie mir. Herr Prediger, Nachricht von meiner sterbenden Mutter bringen, dafür bin ich Ihnen dankbar. Ucber alles andere aber habe ich nur mit meinem Untersuchungsrichter zu sprechen." Kaum hatte ich diese Worte gesagt, da öffnete sich schon die Tür des Zimmers und mein Untersuchungsrichter Hollmann trat ein und befahl dem ihm folgenden Gefängniswärter, mich wieder in meine Zelle zu bringen. Ich höre noch deutlich, wie er mit grober Stimme hinter mir herrief:„Metzkow, Sie werden Ihre Verstocktheit zu büßen haben." Soweit die Darstellung.des Falles Metzkow durch den Haupt- beteiligten. Die Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis erfolgte dann auf Grund anderer Beweismittel. Die Rolle, die hier ein hervorragender„Diener der christ- tichen Nächstenliebe" und ein Mann der Justiz gespielt haben, ist säst noch trauriger als die in Genoffen Ernst's Buch dem Ge- sängnisgeistlichen zugeschriebene. Sie beweist, wie korrumpierend die in dem Buche gebrandmarkte Praxis der Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie auch auf Vertreter der bürgerlichen Intelligenz gewirkt hat— und noch wirkt._ Die Organisation deS Bilbungswescns in Rheinland und Westfalen. Am Sonntag, den 7. Mai, tagte in Düffeldorf eine Konferenz deS niederrheinischen Agitationsbezirkes, die sich mit der Frage der Organisation des Bildungswesens beschäftigte. Die Konferenz war beschickt von den Parteiorganisationen, Gewerkschaftskartellen und örtlichen BildungSausschüssen. Zur Verhandlung stand das Thema: Ist die Zentral- kommission der Bildungsauschüsse für Rheinland- Westfalen für Partei und Gewerkschaften notwendig? Für das Gebiet des ober- und niederrheinischen Agitations- bezirks und das westliche Westfalen wurde im Juli 1010 eine Zen- tralkommifsion der Bildungsausschüsse aus 8 Personen mit einem Obmann an der Spitze gebildet. Als Sitz dieser Kommission, die «och durch Hinzuziehung von drei sachverständigen Genossen aus genqnnten vMtÄt Byy&i LW.de ZMMrj bestimmt. Diese Zenlrale sollte mit Letk örtlichen Wldunasaüs- schüffen in steter Fühlung bleiben und ihnen mit Anregungen und Vermiltelung von Kunftkräften zur Hand gehen. Die Kosten für die Zentralstelle sollten durch Beiträge des Agitationskomitees, der Gewerkschaftskartelle und des Bergarbeiterverbandes prozentual der Mitgliederzahlcn der einzelnen Korporationen aufgebracht werden,— pro Jahr und Mitglied% Pf.—* was auch im großen und ganzen geschehen ist.— Schon auf der damaligen Konferenz erklärte sich eine ziemliche Minderheit gegen eine Zentralstelle für ein so großes Gebiet. Es wurden Vorschläge gemacht auf Bildung von kleineren Bezirken mit den Städten Köln, Düsseldorf, Elber- feld und Dortmund als Vororte. Diese Vorschläge wurden damals abgelehnt. Nun hat sich der niederrheinische Parteitag in Neust im vorigen Jahre mit der Frage beschäftigt und sich für die Beibehal- tung des jetzigen Systems bis 1. Juli d. I. als Provisorium er- klärt; er hat weiter das Agitationskomitee beauftragt, in einer be- sonderen Konferenz die Frage erneut zu beraten und eventuelle Abänderungsvorschläge zu machen. Es handelt sich für die jetzige Konferenz also darum, Klarheit zu schaffen über die Fragen: Hat sich die Zentrale in ihrer jetzigen Gestalt bewährt? und: Stehen die Leistungen der Zentrale und die dafür gebrachten Opfer in einem entsprechenden Verhältnis? Nach einem ausführlichen Referat des Genossen Haberland und nach einer sehr lebhaften Diskussion, konnte folgendes Ergebnis der Aussprache konstatiert werden: Die Zentralstelle in der gegenwärtigen Form soll aufgehoben werden. Der Agitationsbezirk ist in Bezirke einzuteilen mit je einer grasten Stadt als Vorort. Auf dieser Grundlage ist eine Zentralisation im Agitationsbezirk aufzubauen zur periodischen Abhaltung von Konferenzen der Bildungsausschüsse zwecks Vera- tung allgemeiner Winterprogramme und Vermittelung von Kunst- krästen.— Die Konferenz beschlost demgemäß einstimmig. Zur Ausarbeitung eines Regulativs auf dieser Grundlage wurden die Genoffen Haberland, Schotte und Saupe gewählt. Es folgte noch eine kurze Aussprache über die Frage, ob die parteiwissenschaftlichen Kurse t Rühle, Dunker usw.) von den Partei- organisationen oder den Bildungsausschüssen veranstaltet werden sollen. Das Ergebnis der Aussprache ging dahin, diese Regelung den einzelnen Wahlkreisen derart zu überlassen, dast sich die in Betracht kommenden Korporationen— Parteiorganisation. Gewerkschaftskartell und Bildungsausschust— in den Kreisen darüber zu verständigen haben._ Die Maifeier in der Türkei. Genosse Parvus schreibt uns aus Konftantinopel: Noch vor drei Jahren wäre der Plan, in der Türkei eine mo- derne Maifeier abzuhalten, eine hirnverbrannte Idee: die Sache ist jetzt anders geworden. Allerdings noch voriges Jahr haben an der Maifeier in Konstantinopel nur genau gezählte 15 Arbeiter teilgenommen: außerdem gab es bloß eine Zusammenkunft armenischer Studenten. Aber im Laufe eines Jahres, in aller Stille, machte der sozialistische Einigungsgedanke einen hübschen Schritt nach vorwärts. Wir besitzen setzt in Konstantinopel eine Gewerkschaft der Damenjakettschneider, die, nach einem erfolgreichen Streik den Unternehmern die Bedingung abgetrotzt hatte: Frei- gäbe des 1. Mai! Diese Gewerkschaft, die gegenwärtig 120 Personen umfaßt, bildete die Kerntruppe der Feiernden. Ihnen schloffen sich aus Einladung der allgemeinen sozialistischen Organi- fation.Ergatis", der armenischen sozialistischen Partei„Doschnak- züiun", der anderen armenischen sozialistischen Fraktion„Hindschak" eine bedeutende Anzahl Arbeiter verschiedener Berufe und einige Dutzend Studenten an. Die Gesamtzahl der Arbeiter, die in Kon- stantinopel am 1. Mai die Arbeit niedergelegt haben, beträgt rund 500, die Zahl der Teilnehmer an der Feier v o r m i t- tags etwa 800. Wie schon aus dem obigen sich ergibt, haben die verschiedenen Organisationen sich geeinigt, um die Maifeier ge- m e l n s a in zu begehen. Der Erfolg war glänzend und wird sicher zur weiteren Einigung der jungen Bewegung beitragen. Es herrscht eine gehobene Stimmung angesichts der für hiesige Ver- Hältnisse ungewohnt grohen Zahl der Feiernden. Erfreulich war die recht rege Beteiligung der Arbeiter der Tabakregie. Diese Arbeiter haben soeben einen schweren Streik gegen die mächtige Monopolgesellschost auSgefochten. Sie haben zwar ihre Forderungen nicht durchsetzen können, aber sie sind mit Ehren aus dem Kampf getreten. Abends fanden drei Versammlungen statt, die sämtlich stark besucht waren. � Noch viel erhabener war die Maifeier in SalonikißHem großen Arbeiterzentrum. Dort nahmen über 3000 Personen an dem Demonstrationszug teil. Die Demonstration wurde polizeilich genehmigt, da Saloniki nicht unter dem Ausnahmegesetz steht. Der 1. R!ai wurde außerdem in U e s k u e b und an anderen Orten gefeiert._ Das Muttermal des Herrn Benefiziate«. Gegen den verantwortlichen Redakteur des„Wahren Ja- c o b", Genossen H e y m a n n, schwebt außer einem vor dem Stutt- garter Schtvurgericht anhängigen Prozeß wegen der Verbreitung angeblich unzüchtiger Bilder in der sogenannten Katholikentags- nummer, der jüngst wegen der Immunität des Angeklagten als Mitglied des württembergischen Landtags vertagt werden mußte, noch ein zweiter Prozeß wegen Beleidigung des Benefi- ziaten Gretzmann in Ganacker. Die Verhandlung in diesem Prozeß ist nunmehr auf den 24. Mai anberaumt worden und findet vor dem Schöffengericht in Landau a. Isar statt. Da es sich um eine außerhalb Württembergs anhängig gemachte Privatklage handelt, ist die auf der württembergischen Verfassung beruhende Immunität des Angeklagten hier unwirksam. Das Vergehen des Angeklagten besteht in der Veröffentlichung eines Gedichtes„Das Muttermal", in dem jener Schönheitsfehler des. Herrn Benesi- ziaten, der sich an einem intimen Körperteil befindet, und dessen Vorhandensein sogar schon gerichtlich festgestellt worden ist, eine poetische Würdigung gefunden hat. Mitangeklagt sind zwei Re- d a k t e u r e der„M ü n ch e n e r Post", die Genossen G r u b e r und Krätzsch, sowie Fräulein Lina Grubauer, die frühere Haushälterin des Benefiziaten, durch deren Indiskretion die schnöde Welt Kunde von seiner heimlichen Eigenschaft erhalten hat. Die Verhandlung wird zweifellos sehr interessant werden. Hus Industrie und Randel* Steigende Roggeupreise. Auf einmal sollen die in Deutschland vorhandenen Roggen- Vorräte nicht mehr bis zur neuen Ernte ausreichen. Nach einer Version ist die Knappheit an Ware auf merkwürdige Weise zustande gekommen. Von den recht reichlichen Andienungen am Berliner Markt haben die Eigner einen Teil zurückgenommen, weil sie sich vorteilhaftere Verwertung in der Provinz versprachen. Daraufhin schritten die Leerverläuser zu plötzlichen Deckungen und trieben die Preise für Mai ganz erheblich in die Höhe. Wenn dieser Vorgang richtig wiedergegeben ist, dann ist die ganze Hausse am Roggen- markt ein recht artiges Spekulationsmanöver, aber in dem wirklichen Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nicht begründet. Der Getreidehandel folgt der jetzigen haussierenden Strömung leider nur zu schnell und leicht. Wie die R o g g e n p r e i s e sich in aller- jüngster Zeit entwickelt haben, das zeigen folgende Berliner Notie- rungen für Mailieferung: 1. Mai 2. Mai 3. Mai 4. Mai 5. Mai S. Mai 8. Mai 162,50 165.75 168,75 170.00 172,00 172,50 169,00 Vom 1. bis 6. Mai ist die Notierung für die Tonne um 10 M. gestiegen; der 8. Mai hat eine Abschwächung gebracht, die aber an- gesichts der gegenwärtigen Stimmungsberichte kaum anhalten dürste._ Eine Anleihetragödie. Bor einiger Zeit hatte eine englische GMschost- dv AMwwlJtitftfäMllt TM. in EnglWd Wd auch ig Deutschland eine bulgarische Anleihe im Gesamtbetrage von einigen Millionen Mark zur Zeichnung aufgelegt. Die Anleihe hatte zwar einige Verwunderung hervorgerufen, doch wurde die Allgemeinheit eigentlich erst auf sie aufmerksam, als bekannt wurde, daß die bulgarische Regierung den Gegenwert der Anleihe nicht erhalten habe. Der National Investment Trust weigerte sich, die Summe abzuführen. Hinter diesem stak ein Herr Hugo Löwy, ein auch in Deutschland unrühmlich bekannter Finanzier. Es zeugt für seine finanzielle Geschicklichkeit, daß er auch die bulgarische Regierung hineinzulegen verstanden hat. Die bulgarische Negierung hat immer einige Schwierigkeiten mit der Deckung ihres Geldbedarfes gehabt. Sie hat zwar vor zwei Jahren eine größere Anleihe aus- genommen, der jedoch die Notierung in Berlin und den anderen deutschen Plätzen versagt wurde, iveil sie keine besondere Spezial« sicherheit besaß. Bulgarien war als neues Zartum zu stolz, sich eine Verpfändung für seine Anleihen gefallen zu lassen und versuchte es einmal auf eine andere Weise. Dabei geriet es Herrn Löwy in die Hände. Nun hat die bulgarische Negierung offiziell erklären lassen, daß sie die Anleihe annullieren werde; gewiß ein einfacher Weg, mit dem sie aber ihren Emissionskredit untergraben würde. Gewinne im Bergbau. Eifrig haben die Führer deS„GewerkvereinS christlicher Berg- leute", um ihre Nichtbeteiligung an der Lohnbewegung zu beschönigen, alle Nachrichten gesammelt und publiziert, die auf eine ungünstige Konjunktur schließen lassen können. Die Zechenbesitzer haben dann mit diesem„christlichen" Material die Lohnforderung der Bergleute bekämpft, ja, es den vorstellig werdenden Arbeiterausschüssen sogar direkt vorgelegt.„Was wollt Ihr denn?" Die Gewerkvereins- leilung selber versichert doch, wir könnten die Löhne nicht entsprechend den allerdings sehr gestiegenen Lebensmittelpreisen auf- bessern." So sprachen verschiedene Betriebsleiter zu den Arbeiter- ausschüssen. Damit waren diese abgewiesen! Wie unverantwortlich die zentrumschristliche GewerkvereinSleiwng die Arbeiterinterefjen mit Füßen getreten hat, ergibt sich nun selbst für einen Blinden aus den neuesten Quartalsabrechnungen der Ruhr- zechen. Nach einer Aufstellung der»Bergwerkszeitung hatten lieber- schüsse im ersten Quartal: Die meisten Zechen konnten also ihre Ueberschiisse bedeutend er- höhen, und wo es nicht geschah, da waren lokale Hindernisse. z. B. Betriebsstörungen und umfangreichere Neubauten, die Ursache. Kaltblütig dursten die Zechenbesitzer die Lohnforderung der Berg- leute ablehnen, stand doch die zentrumschristliche GewerkvereinS- führerschaft bereit,„im Notsalle" den Unternehmern mit Streikbruch- Proklamationen zu Hilfe zu eilen. Wie lange wollen sich die Berg- arbeiter dieses frivole Spiel mit ihren Lebensinteressen Noch ruhig gefallen lassen?_ Hus der frauenbewegung« Unverantwortliche Mütter? Als unser Genosse David am Montag im Reichstage für au?« reichenden Mutterschutz eintrat, tönte aus dem schwarzen Chor der Ruf:„Die Mütter wollen nicht stillen!" Das war wieder mal ein echt zentrümliches Heldenstückchen. Der Ausruf verrät die Gemütsroheit der Patentchristen. Gerade sie wissen ganz genau, daß die gierige, von keinem Menschlichkeitsgefühl an- gekränkelte Profitsucht, die wilde, zügellose Gewinnhascherei in Tausenden und Abertausenden von Fällen den proletarischen Müttern die Erfüllung der heiligsten Mutterpflichten verwehrt. Der frech- zynische AuSruf zielte nämlich auf proletarische Mütter. Genosse David sprach nicht für die Damen von Berlin IV., die im Winter nach Italien und im Sommer nach dem Norden reisen, um sich zu amüsieren. Die brauchen keine Stillprämien und Wöchnerinnenunter« stützung. Das wissen die schwarzen Edelinenschen ganz genau. Ihr Hohn galt daher zweifellos den arbeitenden Müttern. Und wer in Deutsch- land Umschau hält, wird finden, daß gerade in Zentrumsdomänen die proletarischen Mütter durch das verwüstende Kapital von dem Stillen ihrer Kinder abgehalten werden. In der rheinisch-westfäli- scheu Textilindustrie müssen sehr viel Mütter von morgens früh bis in den Abend hinein in der Fabrik schanzen. Sie sind gezwungen, ihre Kleinen als Ziehkinder den fremden Leuten zu geben. Katholi- schen so wenig als heidnischen Unternehmern fällt eS ein. Still- stubcn zu unterhalten, oder gar die Männer so zu entlohnen, daß die Frau und Mutter zu Hause bleiben kann. Und wie sieht es im katholischen Schlesien aus. wo Zentrumsgrafen das Szepter führen? Die elende Entlohnung der Münncr zwingt die Frauen im Bergbau und Hüttenbetrieb ein paar Groschen zu verdienen. Bei der ruinösen Arbeit versiegt die lebenspendende Kraft gar bald, und wo die physische Fähigkeit zum Stillen noch vorhanden ist, da fehlt eS an Zeit und Gelegenheit, den Säuglingen die Mutterbrust zu reichen. Da be- kommt das Kind den mordenden Leinenlutschpropfen, oft sogar mit Schnaps getränkt, damit die abgerackerte, unwissende Mutter mit der verdorrten Brust etwas schlafen kann, denn am frühen Morgen treibt das Kapital sie wieder in die Tretmühle der Arbeit. Solche Zu« stände passieren in Zentrumsdomäncn, und da wagen die von Frömmigkeit träufelnden Plünderdiener über die armen Mütter zu höhnen und zu spotten. Wann endlich erwacht das Voll und jagt die Pharisäergesellschaft zum Tempel hinaus I Die FrauenstiuimrechtSvorlage im englischen Parlament, die jeder Inhaberin eines selbständigen Haushalts, un» gefähr einer Million Personen daS Wahlrecht verleiht, ist, unterstützt von Angehörigen aller Parteien, im Hause der Gemeinen in zweiter Lesung mit 255 gegen 83 Stimmen, also fast Dreiviertelmehrheit angenommen worden. Bon der Arbeiterpartei wurde sie warm befürwortet von Lansbury, der die barbarischen Wir- klingen des jetzigen ZustandeS zum Beispiel in der Ehcgesetzgebung betonte und den Unsinn darlegte, daß zum Beispiel die weitaus bc> deutendsten Mitglieder der Armengesetzkommission(Frau Bosanquet und Beatrice Webb) über ihre Vorschläge nicht mitstimmen können. Einen kritischeren Standpunkt vertrat Henderson. Er betonte, daß nur ein kleiner Teil der Frauen das Recht erhalten solle und durch die Möglichkeit der Grundbesitzübertragung auf Familienmitglieder doch eine Bevorzugung der Besitzenden möglich sei. Leseabende. Mariendorf. DtzWiMg. h£0 Ui Mffi. 8 Uhr, hji LMS, ÄSffig, ittsb? 14,> Verwaltung Berlin* Heute Donnerstag, den 11. Mai. abends 8 Uhr: Kemksiittsllilimluilg für Schöuederg in den Neuen Rathaussäle«, Meiuinger Str. 8. TageZ-Ordnung: 1. Bericht der Kommission. 2, Neuwahl der Kommission und der LeitragSsammler. 83/ö vlo liomnil»»!«»!». Verband der Steinsetzer, Pflasterer und Berufsgenossen Deutschlands. ■w Filiale Oroß-Bcrlln.— Bezirk Berlin I. ! Achtung! Am Sonntag, den 14. Mai er., vormittags 91;, Uhr, findet eine ilukei'ortlentlicheMItglleäel'verismmIiing in den Sophien-Sälen, Sophicnstratze 17/18, mit folgender Tages- ordnung statt: 1. Beratung des Organisationsstatuts Groß-Berlin bezw. Anträge hierzu. 2. Diskussion. Der äußerst wichtigen Tagesordnung wegen ist daS Erscheinen aller Mitglieder dringend ersorderlich. »— Mitgliedsbuch legitimiert.- 175/5 Der Torstand. Arbeitsnachweis: Hos l. Amt 3. 123«. ZjerwalningSstcllc Berlin. Hauptbureau: LtiaritdotrsSo 3. Hos III. Amt 3. 1287. Freitag, den 12, Mai 1911, abends S'/a Uhr: Versammlung-m Maschiueusormer in den Borusfia-Sälen, Ackerstraße 6/7. TageS-Ordnung: 1. Die Lage in unserer Branche. 2. Neuwahl zweier KommissionS- Mitglieder. 3. Verschiedenes. Pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird erwartet. 115/15 . Sonntag, den 14, Mai. von 10|(l)t vormittags bis 1 Uhr nachmittags finden die Wahlen von 8 Delegierten zum diesjährigen Gewerkschaftskongreß in folgenden Lokalen statt: Kaczorowskis Feslsäle,»avenostr.«. Wernickes Feslsäle, Ackerstr. m. Frankes Feslsäle, Badstr. i». Hönischs Reslauranl, wichert«tr. a. Obiglos Feslsäle,»cuwedter str.«a. Earsowskys Reslauranl, Bemancr straue 8». Hoffinaiins Feslsäle, Dragoncrstr. 15. Lachmchls Reslauranl,»««tr. iah. Kronen-Brauerei, AimoaMt 47 48. Palzeuhofer Brauerei, Turmstr., Ecke stromstr. Cewerksehaflsliaus, Eneeinfer 15, sam 5. Fröhlichs Reslauranl, Mnskaner str. 1. Heilmanns Feslsäle, schnmemstr.«. Ilona DolhonecQlo früher Obst(Im Xuunel), Schttne- neue nailiaussaie bere, Marti,. Entherstr. 51. Wiemers Restaurant, BüioWStr. ss. LlliillS Feslsäle, Me.ne!er 8tr. 07. Hoekers Feslsäle, weberstr.w. EljSlUm, Eandsberger Allee 40/41. Rummelsburg, Blumes Restaurant,-6. RiXtlOrf, HOPpeS FeSlSäle, Hermannstr. 40. do. Zibells Reslauranl, Eibestr.s. do. Rückheims Restaurant, Bergstr. os. Tempelhof, Willielmsgarleu, Benmer str.». Cliarlollenburg, Volkshaus, Rosmenstr. a. Köpenick und Friedrichshagen, Lehmanns Reslauranl, B�niÄcnaick.44 Sleglilz, Clemeuls Reslauranl, Düppeistr.7. Ädlershof, Reslels Reslauranl, medenstr. 14. Ober-Schöneweide, ÄetaÄÄt™�. Weißensee, Peukerls Reslauranl, ilfÄi. Pankow, Rozyckis Restaurant, Krenzstr.«-4. Spandau, Reslauranl Bühle,»-«eistr.-o. leget, vlakies Restaurant, Beniner str»oe»«. Ohne Mitgliedsbuch bann niemand wählen! Die Stimmzettel werden am Eingang zu den Wahllokalen verteilt. Wahlleiter ist der Kollege Otto Uandke, Charitbstr. 3. «. DÄiNne s. KI. 224. Kgl. PfSitSs. toHeHe. Ziehung rora 10. Mai 1811, Tormitiag». Nut die Gewinne Uber 840 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. Die- Gewinne(allen auf die beieietmeten Lose W ' beider Abteilungen. �(Ohne Gewfibr.)(Nachdruck verboten.) r 138 238 396 781 693 1 082 199[500] 289 Sil[500] 929 76 89 2025 i3[1000] 85[1000] 109 97 ZOO 93 361 522 [1000] 51 643 61 906 9 3129 377 645 725 867 4156 233 312 83 546 5108 79 454 93 525 26 630 865 6009 178 237 363 97 439 78 740 7015 60 426 770 899 8141 212 48 51 328 81 478 504 82 653 756 889 9005 79 13000] 88 120 51 203 373 436 585 623 775 1500] 844 52 949 78 10115 23 220 356 403[3000] 24 44 49 591 701 923 84 11172 97 276 363 570 724 35 71 953 1 2047 48 117 312 27 [3000] 531 623 758 91 637 900 69 1 3013 274 304 8 415 60 6 40 758 801 46 981 80 94 1 40S0 117 52 226 03 99[500] 15100 47 356 1 6370 89 641 876 906 90 1 7188 263 72 389 671 628 98 832 53 960 1 8189 564 971[500] 85[500] 19073 17 3 284 510[500] 16 19 31 749 90 800 20163 292[ 500] 337[1000] 94 488 520 41 58 637 758 «12 906 43 21125[1000] 216 64 91 338 433 Ol 563 648 944 22008 216 22[ 500] 355 81 459 653 930 76*2 3001 133[500] 278 313 462 573 937 84 24161[500] 92 377[1000] 497 590 652 913 2 5076 137 370 503 637[500] 821 996 2 6119 46 420 64 542 611 2 7023 29 79 228 443 767 941 2 8017 43 236 SCX 421 26 28 33 54 560 686 818 92 2 9 638 719 893 948 76 30184 256 454 77 506 12 791 SOO 30 4 3 3 1 039 168 141 83 363 392 602 703 3 2342 456 530 902 3 3018 519 781 82 977 3 4045 63 133 48 4SI 572 1500] 609 26 83 789 3 5044 142 375[500] 480 786 913 50[500] 94 36112 317 28 580 632[500] 716 807 39[500] 908 23 3 7 236 43 SSZ 469 599 696 741 609 97 913[13000] 3 8047 115 393 422 595 640 783 93[5000] 603 943 3 9256 396 97 439 619 33 45 80 (500] 745 76 821 44[506] 90 40901 107 69 97 273 363 77 403 603 22 56 895 4 1 065 353 672 833 71 950 4 2060 157 203 45 53 63 544 871 80 43431[500] 562 637 725 61 990 44172 283 381 582 823 972 4 5022 129 66 258 337 743 98 885 964 81 46040 77 117[ 3000] 232 33 531[500] 735 863 47147 76 259 365 404 41 604 93 702 20 96 859 959 4 8031 79 IC» 327 424 83 [500] 531 93 620 59 755 818[3000] 37 49110 208 389 446 505[ 3000] 29[500] 748 873 50946 69 104 39 387 88 475 99 519 71 678 900 5 1 003 35 141 244 324 29 44 415 47 533 826 93 99 935 52151 240 [1000] 86 362 499 504 708[500] 66 841 88 5 3007 SO 79 115 30[500] 354 466 516 739 806 5 4032 221 64 96 306 434 [1000] 41 77 579 763 55115 367[1000] 87 93 495 633 41 56[3000] 647 766 816 5 6058 107 416 22[1000] 69 610 93 781 878 994 5 7 013 195 351[590] 400 592 605 33 804 38 42 84 92[500] 996 5 8039 80 421 44[500] 600 700 79 868 990[1000] 5 9010 30 556 633 6 4 82 92 815 6O064 211 29 50 96 347 425 506[500] 73 671 803 54 902 61001[1000] 17 253 395 589 502 39 6 2008[10000] 9 [560] 61 140 93 430[500] 32 718 983 63020 317 71 499 [500] 627 6 4027 102 232 63 93 308 490 508 95[1000] 760 651 66 6 5194 232 353 4SI 522 67 665 866 963 6 6137 272 373 477 80 551 63 601 707 19 3 2 45 805 969 6 7125 216 553 675 92 704 37 633 6 8017 271 81 565 718 23 836 61 74 69028 65 60[1000] 281 359 95 511[500] 66 641 730 70132 65 399 458 594 667 825 35 39[3000] 71076 224[1000] 51 84 353 471 662 75 798 821 973 7 2013 382 651 665 715 59[1000] 93[1000] 851 69 96 73251 92 381 633 721 954 60 7 4035 136 93 445 537 702 22 815 911 47 75017 13909] 160 213 53 436 550 76 679 769 807 21 956 *76023 161 386 440 315 673 771 828 906[500] 80 77004 133 262 89 413 52 691 733 835 923 74 82 7 8197 361 4SI [500] 83 600 16 826 912 78 7 9110 29 321 33 651 745 8O007 27 124 65 318 79 83 95 532 632 62 93[ 500] 745 «8 856 81047 213 37 73 82 83 371 420 43[1000] 873 82015 25 64[500] 208 392 96 409 530 610 12 71 806 67 83[500] 963 71 83113 267 490 623 798 84126 99 263 313 791 830 961 8 5210 7 3 346 73 89 420 509 953 8 6102 238 317 407 902 87192[3000] 665 832 988 8 8116 54 206 325 64 672 «22 23 89146 49 89 513 16 632[300] 873 978 90024[ 3000] 145 716 936 35[500] 48 9 1 062 218 84 395 757 843 903 11 81 94 9 2041 153 787 917[3000] 61 93188 422 541 662 900 73 9 4005 203 38[300] 77 86 38? 447 78 9 5096 109 506 916 73 9 6056 144 216 74 537 44 [1000] 61 613 13 71 82 760 77 827«78 84 9 7074 88 158 4. Ziehung S. KI. 224. Kgl- Preuss. Lotterte. Ziehung vom 10. Mai 1911, nachmittags, Nut die Gewinne über 240 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. 'Die Gewinne(allen auf die bezeichneten Lose beider AbteOungen. [Ohne Gewähr.){(Nachdruck Terboten.) ,l 22 396 408 44 501 648 842 63 1 030 532[10 000] 828 2275 335 94 480 96 548 692- 740( 3000] 42 913 31 3050 ISS 297 53.3 634 9« 726[500] 9? 883[ 500] 4047 74[500] 115 225 377 82 96 417 583 620 40 936 68 5056 137 300 408[1000] 63 91 561 643 783 99 877 817 919 6 268[500] 303[1000] 481 701 30 91 989 7046 62 264«54 67 92 511 700 18 47 936 8055 86[500] 113 17 275 308 450 71 611 830 969[501] 9078 114 93 97 291 342 60 407 540 81 733 (5001�2 958 28 57 233 418 560[1000] 634 745[3000] 58 [lOÄr 84 889 983 11003 55[lOOO] 86 165 66 288 330 423 31 651 93 730 818 903 30 65 1 2110 262 63 397[ 3000] 416 28 534[500] 652[1000] 64 98 709 90 91 998[500] 13081 216 318[1000] 405[lOOfl] 63 91 766 CS 823 81 914 14126 233 333 60 456 71[soos äOD 725 15097 132 50 69 213 412 517 767[ 500] 943 16221 53 483 622 712 35 39 93 829 1 7161 507 408 42 72 590 780 055 1 8000 91 [1000] 135 253 391 412 570 639 53 81 736 78 IgOlS 129 41 233 93 361 515[590] 71 809 44 97» 20>m 36 225 48 72 317 433 607 708 41 21123 53 226 66[300] 453 79 720 856 969[500] 22062 163 357 91 480 85 90 717 800 39 23187[1000] 213 2« 364 403 [3000] 583 711 24006 33 88 278 42:1 86 522 2 5019 71 81 197 217 31 579 603 5 24 44 74[500] 738 56 941 2 6047 «7 123[500] 250 93 335 64 488 93 513 21 63 602 32 739 827 2 7221 65 374 509 629 939 2 8023 63 231 385[lOOO] 661 68 731 817 34[3000] 99 29051[500] 65 66 115 21 38 72[300] 76 285 411 32 574 663 SSO 958 93 3015» 69 337 544 006[ 3000] 96 755 95 897 3 1 038 143 255 300 81 452 572 753 333 3 2005 157 373 404 354 33135 771 34019 03 71 313 82 401[500] 60 314 52 034 720 35[ 3000] 903[500] 35061 235 420 544 59 86 941 36017 132 405 013[500] 737 909 5 7077 570 661 701 77 837[100U] 54 917 86[300] 38021 130 292 333 587 653 95 780 39625 170 244[lOOO]«17 20 42 530 72 621[1000] 62 77 788 92 867 948 40240 479 621 81 700 803[500] 4 1 006 218 313 455 [500] 715 SC 976 4 2073[10000] 105 316 47[lOOO] 427 62 63 551 939 43090 115 258 386[lOOO] 513 713 77 357 92 902 71 44317 400[lOOO] 23 679 712 78 802[1000] 58 [500] 67 85 939 4 5335 4 6109 454 568 09 653 4 709 i 14» 321 489[3000] 545 57 793 829 57[3000] 94 4 8990 382 [3000] 91 545 33 88[500C] 700 82 97 49033 194 225 408 596 700 19 823 917 50IS5 344 740 816 75 5 1 202 33 78 90 586 832 90 5 2010 265 503 72 674 808 922 4 7 5 3104[3000] 20 403 78 687 735 5 4243 656 786 98 5 5016 235 323 51 73 416 69 [500] 512 700 93 930 9z 56134[1000] 93 293 506 697 93 772 883 905 15 20 22 80 87[500] 5 7032 169 402 818 54 099[500] 5 8017 88 314 600[3000] 702 93 806 CTO [500] 59163 319 36 637[1900] 896 60224 60 728[1000] 947 61027 289 425 70 534[309], 803 930 6 2018[509] 142 601 64 67 654 846 900 9 63 63150 211 313 4SI 560 088 702 53 931 6 4219 406 33 592 60» 833 91 6 5010 187 228 63 324[1060] 36 489 640'74 6 6028 111 381 558[500] SS[500] 651 55 856 912 67913 35 8 2 263 49r9 31 573 79 SOS 59 900 6 8044 260 332 91 93 620 951 69108 370 434 43 519 698 796 879 992 70028 46 104 37 91 22? 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J>n Monat April gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Aachen-Stadt, 1. Qu. 1911 95,86; Argentinien, Hennig 5,—; Altona. 8. u. 10. schlesw.-holst. R.-W.-K., 1. Du. 11 2375,—. Berlin, Groß-, a konto seiner 3 Wahlkreise 20 090,—,(darunter Alexander F. 6,—, Uebersch. v. d. Kranzsp. b. Gen. Knhk, 3. Abt. 2,70, Kranzübersch. v. Singer u. d. Märzgefallenen v. d. Arb. d. Patzenhofer Brauerei Bln. U. 45,75, Kranzübersch. v. d. org. Arb. i>. Böhmischen Brauhauses d. Niederstadt 15,—, Bon d. Arb. d. Fa. Gebr. Meching 24,—, Bezirk 375 El 15,—, Kall. d. Tischlerei für Jnnenbau, Königsberger Str. 7 7,—, Bezirk 226 II 10,—, Kranz- Lbersch. Möbelfabrik Klug 7,75, Werkstatt Weiß, Fruchtstr. 29 10,—, Jubiläumsfest des 305. Bezirks 10,—, Frau Duolke 2,—, A. Z. d. Meinhardt 10.—, Rest der Sechserkasse V. Siegfried, Görlitzer Ufer 22/23 3,—, Abt. 2, Lebensfrage 2,20, Ueberschuß vom Märzkranz D. G. A. Angergesellschast 70,75, A. G. Ackerstr., d. Fehn 11,75, Bnchdruckerei Gießmann, Pankow, d. Kremp 4,75, d. Boy 11,90, Löffler 10,50, Schlicht 16,25, Märzkranz d. Deutschen Waffen- u. Munitionsfabrik 124,10, Von d. Argusmotoren statt d. Kranzes f. d. Gen. Borgmann zum Wahlfonds 10.—, Ueberschuß von einer roten Gesellenfeier 6,55, 3E. D. Z. zur Reichstagswahl 3.—, Ueber- schuß der Kranzsp. v. 18. März Schwartzkopff(Sibirien) 100,—, Baßkarl Monatsbeitrag 3,—, Rüben für 2 Maizettlingen d. Bogel 4,90, Bleisteg 1,—, Kranzübersch. d. Arb. v. Roller 6,15, Mühlen- bau Kappler Märzkranz 18,45) Artelt, Lychener Str. 22 20,—, Neu- mann Renchlin 13,75, A. B. Mister 1,—, Ueberschuß der Fuß- Partie v. Karfreitag, amerikan. Auktion 57,10, Höppner 2.—. Geburtstagsfeier b. Otto Zeitz 1,50. Uebersch. v. Märzkranz, Anilin- fabrik, Rummelsburg 5,75. Gefunden bei Keller 1,—. Uebersch. v. Märzkranz v. d. Arb. d. Fa. Bergmann, Elektriziiäts- Gesellschaft, Werk Rosenthal 150,05. Sechserkasse von den Arb. d. Fa. Schulz, Mariendorf 7.—. Dr. K. R. 50.—. 11 D.. Bezirk Rixdorf 20,—. 2. Kreis, Märzfeier III. und IV. Abt., Meßpalast 89,10. Vortrag Hildebrandt, Rixdorf 3,—. Von d. Arb. d. Fa. D. Hirsch, Lichten- berg, d. P. Räbke 22,80. Kranzübersch. v. Märzgefallenen v. d. Arb. d. Fa. Heupach 3,—. Gutenberg 30,60. Uebersch., Kranzspende der Fa. Freese, Ruheplatzstr. 13, d. R. St. 1,70. Kranzübersch. d. Koll. d. Fa. Immen u. Löbner 6,40. Kranzübersch. Borginann v. d. Arb. d. Fa. Sommerfeld, Skalitzer Str. 33 10,80. Uebersch d. Kranzsp. v. d. ArbeiternZu. Arbeiterinnen d. Fa. C. Lorenz, Berlin LO. 51,05.) Berlin, diverse Beiträge: Kranzübersch. v. Arb. u. Arbeiter, der deutsch. Telephonwerke, Zeughofslr. 7 35,15: Kranzübersch.(Singer u. 18. März) Koll. d. Fa. H. Lehmann u. Co., Reinickendorf 23,95; Arb. d. Karosferiefabrik M. Sasse, Charlottenburg 2,40: Jule, Ritter« straße 35, 1. Ou. 11 13,90; Arbeiter der Fa. Lehmann-Lichtenberg 7,10; Kurfürst von Hessen 200,—; Knabe 3,—; Sechserkasse d. Tischfabrik v. Brämer-Lichtenberg 20,—; F. Sch. 5,—; Arbeiter der Fa. F. Butzke u. Co. 24,30; Für Wahlzwecke v. Arb. d. Fa. Eggebrecht u. Schumann, Pankow 20,05; P. S. Nonnendamm 2,70; Gesang- verein„Unverzagt* d. I. Wagner, Hansaviertel 10,45; Josef Maly 1,15; Arb. d. Fa. Gebr. Wienicke Nacks., Pankow, an Stelle eine« Märzkranzes 50.—; Märzkranzübersch. v. Arb. d. Automobil- BetriebSges. 12,15; Märzkranzübersch. von Arb. u. Arbeit, d. opt. Anst. C. P. Goerz-Friedenau 180,45; Dr. L. A. 100,—; Märzkranz« übersch. v. Koll. d. Fa. Beling u. Lübke 8,50; Mitgl. d. Buchdr.-Verb. d. Buchdr. M. Kettenbeil-Schöneberg 10,—; Die Kontobncharb. vom Wedding 5.—; Machete« 10,—; Kranzübersch. Jsolatorenfabrik Oberschöneweide 5,50; Josef Maly 1,70; Soz. Lese- und Diskutierklub„Johann Jacobi* 5,—; Kranzübersch. v. Arb. d. Fa. A. Borsig, Tegel 80,—; A. B. 60,—; Märzkranzübersch. v. Arb. d. Fa. Carl Flehn- .Wittenau 17 40; Märzkranzübersch. v. Pers. d. Schultheiß-Brauerei 40,10; Märzkranzübersch. Handwerker u. Arbeiter d. Betriebswerkst. d. Gasanstalt VI, Tegel 5,10; An Stelle Kranzsp. f. Borgmann v. Koll. d. Fa. Riebe, Kugellager- u. Werkzeugbau, Wcißensee 10,05; jkranzübersch. v. Arb. d. Gummiwarenfabrik Ober-Schöneweide 4,—; M. W. 2,—; Knabe 3,—; Barmen-Elberfeld, 1. Du. 11 1300,—; Bant, 2. old. u. 2. hannov. R.-W.-K. 1. Du. 11 912,15; Breslauer Agitationsbezirk, 1. Du. 11, Wahlkreise: Guhrau-Wohlau 4,44; Militsch- Trebnitz 15,72; Namslau- Brieg 87,44; Dhlau- Nimptsch 79,86; Breslau-Ost u.-West 1221,36; Breslau- Land-Neumarkt 365,78; Neustadt 17,36; Liegnitz-Haynau 265,76; Sa. 2057,72; Chemnitz, 16. sächs. R.-W.-K. a Konto 4000,—; Cöln Reg.-W. 20.—; Calw, 7. württ. R.-W.-K., 4. Du. 10 118,44; Crefeld, 1. Du. 11 350,91; Calau-Luckau, 1. Du. 11 262,10; Caffel-Melsnngen, 1. Du. 11 625,98; Cöln a. Rh., Wahlkreisbeitrag 1. Du. 11 1000,—; Düsseldorf. 1. Du. 11 1135.50; Dessau(Anhalt I) 4. Du. 10 539,22; Dnisburg-Mühlheim(Ruhr) 1. Du. 11 864,63; Euskirchen-Bergheim, 1. Du. 11 18,50; Essen(Ruhr), 1. Du. 11 1037,78; Eßlingen a. N.. 1. Du. 11 676,06; Frankfurt- Lebus, 3. u. 4. Du. 10 481,90; Falkenberg D.-S., A. L. 4,—; Frankfurt a. M., 1. Du. 11 1634,—; Gebweiler i. Elf., 1. Du. 11 16,26; Güstrow i. M. 212,—; Gütergotz, Patienten d. Heimstätte an Stelle eines Kranzes für Borgmann 8,—; Goldbeck-Altmark, Parteigen. 15,—; Hägen-Schwelm, 1. Du. 11 654,56; Halberstadt-Dscheröleben, 4. Du. 10 412,39; Hechingen 8,02; Lennep- Remscheid- Mettmann, 4. Du. 10 673,44; Lörrach (Baden) 64,38; Mann im Mond. Extrabcitrag 80 000,—; Mülhausen i. E., 1. Du. 11 263,—; Meerane, 17. sächs. R.-W.-K., 200,—; Magdeburg, 1. Du. 11 1419,66; Mannheim, 11. bad. R.- W.-K., 1. Du. 11 500,—;„Neue Zeit",„Gleichheit",„Wahrer Jakob" 15 000,—; Nienburg, 7. Hann. R.-W.-K., 2. Halbjahr 10 131,24. Ottensen-Pinncberg, 6. holst. R.-W.-K., 4. Du. 10 u. Restbeitrag v. 3. Du. 10 2448,36; Oberfrohna, 15. sächs. R.-W.-K., 1. Du. 11 600,—; Dffenbach-Dieburg, 4. Du. 10 1146,—; Dberlangenbielaner Agitationsbezirk, 1. Du. 11, Wahlkreise: Waldenburg 460,63; Schweidnitz-Striegau 411,15; Reichenbach-Neurode 287,90; Landes- Hut 172,—; Hirschbcrg 83,59; Glatz 9,40; Sa. 1424,72. O,uedlin- burg-Aschersleben, 1. Du. 11 759,30. Recklinghausen, 1. Du. 11 350,—. Singen a. H., 1. bad. R.-W.-K. 1. Du. 11 40,76; Schleswig, 3. schl.-holst. R.-W.-Ä... 1. Du. 11 189,14; Skalsund. Gotthils Reschke 6,20; Vegesack. 13. Hann. R.-W.-K., 2., 3. u. 4. Du. 10 607,94. Witten- berg-Schweinitz 100,—; Worms-Heppenheim, 1. Du. 11 143,25. X g). Z. 5000,—; Zittau. 1. sächs. R.-W.-K., 2. a konto-Rate 200,—; Züllichau-Krossen, 1. Du. 11 85,12. Berlin, den 9. Mai 1911. Für den Partcivorstand: I.V.: Fr. Eb ert, Lindenstr. 3. 13. EeneralversamMlung der Mlüer, Lackierer, Allsttticher, Cüucher und Meipillder Deutschlands. Die Diskussion über die Berichte des Vorstandes nahm auch noch den Dienstag vormittag in Anspruch. Genosse S t u b b e- Hamburg, der Vertreter der Hainburger Parteiorgan!- sation, rekapitulierte den Gang der Verhandlungen zwischen dxr Sondcrorganisation und dem Vorstand des Malerverbandes. Die Parteiorganisation habe keinestvegs das Vorgehen der opponieren- den Mitglieder gebilligt, vielmehr entschieden verurteilt. Nachdem die Austritte vollzogen und die neue Organisation gegründet war, hielt es die Parteiorganisation als ihre Pflicht, vermittelnd ein- zugreifen. Die gegenseitig gestellten Bedingungen wurden schließ- kich zu Vereinbarungen formuliert. Die Sonderorganisation habe unter anderem verlangt, daß sich die Ortsbeamten alle zwei Jahre zur Mabl stellen müssen, daß auf der Generalversammlung nur die gewählten Delegierten Stimmrecht und die Vertreter des Vor- standcs usw. nur beratende Stimme haben, das Verbandsorgan seine persönliche Kampfesweise aufzugeben habe und auf der nach- ften Generalversammlung eine Preßkommission einzusetzen sei, die Beschwerden us®. zg entscheiden hqhe. Diesen Bedingungen könne man ruhig zustimmen.(Teilweise Zustimmung.) Wenn nun dagegen opponiert wird, so doch nur deswegen, weil dies Ausnahmezustände sind. In ruhigen Zeiten würden sich die Gemüter deswegen sicher nicht erregen, denn diese Forderungen sind in anderen Gewerkschaften durchgeführt. Gewiß solle die Generalver- sammlung das Verhalten der Hamburger verurteilen und den dringenden Wunsch aussprechen, daß sich solche Vorkommnisse nicht wiederholen. Redner richtet an die Delegierten den Appell, im Interesse der so notwendigen Einigkeit den Vereinbarungen zuzu- stimmen.— Lev h, der Wortführer der Hamburger Opposition, sucht das Verhalten der Hamburger zu verteidigen. Die Hamburger seien durch den Reichstarif vergewaltigt worden, daher die große Erregung und Zersplitterung. Man sagt, durch die Neugründung sei ein Verbrechen an der Organisation begangen worden.(Allge- meines Sehr richtig!) Nein, wir wollten den unberechtigten Ein- fluß der Beamtenschast zu schwächen versuchen und die Einrichtun- gen der Organisation demokratisieren. In Hamburg herrschte Autokratie und die wollten wir brechen. Gegen den ungebührlichen Einfluß der Beamten werden wir jederzeit die Rechte der Mitglie- der schützen. Darin werden wir auch in Zukunft unseren Mann stellen. H o l l- Wiesbaden meint, daß der Vorstand durch seine Zu- stimmung zu den Forderungen der Hamburger gegen das Statut verstoßen habe und bestreitet dem Vorstand das Recht, derartige Abmachungen einzugehen. Die Hamburger hätten einen Diszi- plinbruch begangen, der nicht scharf genug verurteilt werden könne. Es wäre ihre Pflicht gewesen, innerhalb des Verbandes für eine Aenderung der Verbandseinrichtungen zu wirken.(Zu- stimmung.) Die Vereinbarungen selbst sind für uns unannehmbar. (Zustimmung.)— Riff- Köln mißt auch dem Vorstand einen Teil der Schuld bei an den Hamburger Differenzen. Mit seiner Tarif- Politik seien auch andere Kollegen nicht einverstanden. Redner empsiehlt dem Vorstand, die Tariftaktik der Zimmerer sich als Muster zu nehmen. Die Hamburger dürfe man nicht in Bausch und Bogen verurteilen. Redner tritt für Zustimmung der Ver- einbarungen ein.— Strauß- Mannheim verurteilt ebenfalls das Vorgehen der Hamburger; den Konzessionen des Vorstandes könne er aber auch nicht zustimmen.— Delle- Stuttgart erinnert daran, daß die Generalversammlung in Dresden die Taktik in der Tariffrage gebilligt habe. Doch tönne das Verhalten des Vorstandes in der Hamburger Angelegenheit nicht gebilligt werden.— Gauleiter Zimmermann- Frankfurt a. M. verurteilt entschieden das Vorgehen der Hamburger;- es kann nicht angehen, daß eine kleine Minderheit der Mehrheit ihren Willen aufzwingt. Die Kon- zessionen des Vorstandes bedeuten einen weiteren Eingriff in die Verfassung der Organisation. Vor allem die Frage der Wahl der Lokalbeamten. Das heutige System wurde seinerzeit in Berlin geschaffen und es habe sich bewährt. Nun soll auf einmal wieder die Wahl der Lokalbeamten den Launen und Zufälligkeiten einer' Mitgliederversammlung überlassen werden!(Sehr rich.ig!) Weiter soll dem Vorstand und den Bezirkslcitcrn das Stimmrecht auf der Generalversammlung genommen werden. Dazu liegt kein berech- tigter Anlaß vor, weil die Beamten mit ihrem Stimmrecht noch niemals Mißbrauch getrieben haben.— Der Vorsitzende des Aus- sckmsses, L e i n e r t- Hannover, betont, daß der Ausschuß von dem Abschluß des Abkommens nichts gewußt habe und der Ausschuß den Vorstand nicht im Zweifel gelassen habe, daß diese Bestimmun- gen die Zustimmung des Ausschusses nicht finden werden. Es sei gar nicht richtig, daß, wie behauptet werde, alle Kollegen in Ham- bürg diesen Bestimmungen zustimmen. Redner empfiehlt die Ab- mochungen des Vorstandes mit den Hamburgern der Statutenbe- ratungskommission zu überweisen. In der weiteren Debatte wird das Verhalten der Hamburger Kollegen fast von allen Rednern verurteilt. Der Vorstandsbericht findet im allgemeinen Billigung. Gewünscht wird, daß auch die Lackierer eine Vertretung im Vorstande erhalten und mehr für die Lackierer getan wird. Ein Redner machte die Anregung, eine Ge- schichte des Verbandes herauszugeben. In seinem Schlußwort ging T o b l e r auf die in der Debatte erhobenen Vorwürfe gegen den Vorstand ein. Der Vorstand habe sich bei seinem Vorgehen von dem Gedanken leiten lassen, Friede und Einigkeit zu schassen und habe darum den gestellten Forde- rungen zugestimmt. Beim Abschluß der Vereinbarungen hätte der Vorstand wohl erklärt, für diese auf der Generalversammlung ein- zutreten. Da aber die Opponenten diese Vereinbarungen nicht ge- halten haben, könnte er dies auch nicht mehr voll tun. Er bitte aber trotzdem, im Interesse der Einigkeit im Verbände einen Teil dieser Forderungen zuzustimmen. Die Vereinbarungen sowie sämtliche zum Geschäftsbericht vor- liegenden Anträge werden der Statutenkommisswn überwiesen. Dem Gesamtvorstand wird gegen 1(Hamburger) Stimme De- charge erteilt. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Einführung einer Erwerbslosenunterstützung referierte Kassierer W e n t k e- Hamburg. In ausführlicher Weise begründete Referent die Vorlage des Vorstandes, aus der wir schon die wichtigsten Bestimmungen mitgeteilt haben. Redner glaubt, daß durch die Einführung der Arbeitslosenunterstützung die Kampfesfähigkeit des Verbandes erheblich gestärkt würde. Die ar- beitslosen Kollegen hätten in dieser Unterstützung einen guten Rück- halt und werden dadurch mehr an die Organisation gefesselt. Nach der finanziellen Berechnung des Referenten würde bei Einführung dieser Unterstützung eine Gesamtausgabe von 608 559 M. entstehen. Zur Deckung dieser Ausgabe schlägt der Vorstand eine Beitrags- crhöhung von 25 Pf. vor. 5 Pf. hiervon sind für die vorgesehene Beitragsbefreiung der Kranken und Arbeitslosen angesetzt. Der Referent bittet zum Schluß, über diese Frage nicht noch einmal eine Urabstimmung vorzunehmen, sondern schon auf der Generalversammlung eine klare Entscheidung zu treffen. Die Sitzung wird auf Mittwoch vertagt. Die 12. Gtneralvkrsmmlnng des Itickalverbandes der Kchiffsfimmerer Deutschlands Vierter Tag. Die Sitzung begann mit der Diskussion über Lohnbewegungen und Streiks. Einige Streitfragen wunden geklärt und der Vorstand erteilte über verschiedene Vorgänge bei einzelnen Lohnbewegungen die gewünschte Auskunft. Zum vierten Punkt der Tagesordnung: Agitation und Organisation machte C. Schmidt- Rathenow den Vorschlag, zu dem von der Kieler Generalversammlung aufgehobenen Bezirksleiter- s y st e m wieder zurückzukehren. Die Delegierten stimmten dem Vorschlage zu, der dahin präzisiert wurde, daß von der Zentral- stelle die Einteilung der Bezirke vorgenommen wird, daß aber die Zahlstellen über die geeignete Person, die für die Leitung ebenfalls von der Zentrale in Vorschlag gebracht wird, eine Abstimmung vornehmen können. Betont wurde ausdrücklich, daß die Bezirks- leiter in entscheidenden Angelegenheiten, zum Beispiel bei Lohn- bewegungen und Streiks, keine maßgebende Stimme haben, sondern sich nach der Hauptverwaltung richten müssen. Die Generalversammlung schritt dann zur Beratung der zum Statut gestellten Anträge. Zur Frage der Beiträge lagen 15 Anträge vor. Es hat sich als notwendig herausgestellt, daß eine Erhöhung des Beitvags- der jetzt 50 Ps. beträgt, eingeführt wird. Ilntcr den gestellten An- trägen richten sich nur drei gegen eine Erhöhung. Die Kommission, der die Anträge vorlagen, machte den Vorschlag, den wöchentlichen Beitrag auf 60 Pf. festzusetzen, wovon 10 Pf. in den Zahlstellen verhkeipßn SUZ Aeftxeikilog dex örtlichen Uusgabeg, Dieser Vorschlag wurde mit 24 gegen 3 Stimmen angenommen. Nach einer langen Diskussion über das Verfügungsrccht der Haupt- lasse über die Lokalbestände wurde bestimmt, daß die Hauptkasse über die festgesetzten 10 Pf. keinerlei Verfügnngsrecyt habe. Zur Frage der Lokalbeiträge wurde noch folgender Antrag angenommen: „Zur Deckung außerordentlicher örtlicher Ausgaben kann jede Verwaltung mit Genehmigung des Zentralvorstandes Extrabeiträge erheben. Die Nichtbezahlung dieser Exim? beitrage hat die Entziehung statutarischer Rechte zur Folge." Die Heranziehung der Lehrlinge für die Organisation und die Festsetzung ihrer Pflichten und Rechte innerhalb des Verbandes beschäftigte dann die Generalversammlung, und es wurde be- stimmt, daß der Wochenbeitrag für die Lehrlinge 16 Pf. betragen soll. Die Unterstützungsberechtigung tritt aber erst dann ein, wenn die Summe von 52 Beitragsmarken a 60 Pf. ge- zahlt worden ist. Ein Antrag, das Eintrittsgeld auf 50 Pf. zu erhöhen, wurde angenommen. Die Ausschreibung von Extrabeiträgen bleibt dem Zentralvorstande überlassen. In bezug auf Unter st ützungseinrichtungen deS Verbandes lagen der Generalversammlung 23 Anträge vor. Angenommen wurde der Antrag:„Die Arbeitslosen- und Kranken- Unterstützung ist wie bisher beizubehalten, auch wenn der Bei- trag erhöht wir d."> Eine Reihe von Anträgen bezieht sich auf Verwaltung?- geschäfte. Bestimmt wurde, daß der Ort, an welchem der Ver- band seinen Sitz hat, drei Revisoren zur Kontrolle der Kassen- geschäfte wählt, und weiter wird bestimmt, wie die Kontrolle vor- zunehmen ist.— Die Einsetzung eines Ausschusses an Stelle der bisherigen Kontrollkommission wird beschlossen. Der Ausschuß hat Beschwerden über den Vorstand entgegenzunehmen und über die Ausführung der Beschlüsse der Generalversammlung zu wachen. Zum Streikreglement wird folgender Antrag an- genommen: „Die Streikunterstützung wird vom vierten Tage an ge- währt, aber bei Solidaritätsstreiks, Maß rege» lungen und Aussperrungen vom ersten Tage an." Die übrigen Bestimmungen des betreffenden Paragraphen bleiben bestehen. Angenommen wurden auch die folgenden Anträge des Zentralvorstandcs: „Mitgliedern, welche bei Ausbruch des Streiks dem Verbände noch nicht drei Monate angehören, kann die halbe Streikunter- stützung gewahrt werden. Werden in einer Zahlstelle sämtliche Betriebe bestreikt, so entscheidet der Vorstand über entsprechende Unterstützung der arbeitslosen Kollegen, falls dieselben drei Monate dem Verbände angehören." Die Frage der Verschmelzung des Verbandes mit einer größeren Organisation wurde dann wieder zur Beratung gestellt. Das nach der ersten Beratung eingesetzte Komitee legte der Generalversammlung die folgende Resolution vor, die einstimmig angenommen wurde. Die Resolution lautet: „Die Generalversammlung nimmt Kenntnis von den An- trägen die den Anschluß des Verbandes der Schiffszimmerer an einen der größeren Verbände bezwecken. In Rücksicht jedoch, daß die Angelegenheit nicht genügend geklärt ist und die Meinungen über die Zweckmäßigkeit des Anschlusses an einen der größeren Verbände weit auseinander gehen, wird von einer endgültigen Beschlutzfassung Abstand genommen. Den Zahlstellen wird zur Pflicht gemacht, bis zur nächsten Generalversammlung zur Frage der Verschmelzung Stellung zu nehmen. Der Zentralvorstand erhält den Auftrag, sich mit den für den Anschluß in Frage kommenden Verbünden in Verbin- dung zu setzen, um festzustellen, ob und unter welchen Bedin- gungen eventuell der Anschluß erfolgen kann. Der nächsten Generalversammlung ist hierüber Bericht zu erstatten. Der Be- richt ist mit den anderen Anträgen zusammen acht Wochen vor- her im„Fachblatt" zu veröffentlichen." Am Schlüsse der Sitzung wurde Hamburg als Ort für die nächste Generalversammlung bestimmt. � Die Beratungen werden am Donnerstag fortgesetzt._ Sozialcö. Die famose Gesindeordnung. Der Reiz der Gesindeordnung wird nett illustriert durch eine Notiz in der„Goldaper Allgemeinen Zeitung". Danach hat ein Amtsvorsteher gegen einen Knecht wegen fortgesetzter Uebertret'ung der Gcsindevorschriften eine Reihe von Straf- Verfügungen erlassen. Der Knecht zog in einen anderen Amts- bezirk und nun wurde der betreffende Amtsvorsteher um Strafvollstreckung d. h. Einziehung der Geldstrafen von zu- sammen 240 M., im Unvermögensfalle 55 Tagen Haft, ersucht. Weil Geld nicht zu haben war und ein Ämtsgefängnis nicht vorhanden ist. mußte die Hilfe der Polizeiverwaltung wegen Ueberlassung des Polizeigesängnisscs in Anspruch ge- nommen werden. In diesem hat dann der Knecht ferne 55 Tage Haft verbüßt. Der Gerechtigkeit war damit Genüge getan. Es waren aber für Verpflegung täglich 60 Pf. und an Entschädigung für Mitbenutzung des Polizeigefängnisses täglich 1,50 M., im ganzen 1l5,50 M. Kosten entstanden, welche der Amtsbezirk zu tragen hat, dessen Vorsteher die Strafen festgesetzt hat. Nun werden die Kosten aus dem Steuersäckel bezahlt, zur Ehre der Gesindcordnung und zum Wohle der Krautjunker._ Auf der Suche nach dem zuständigen Gericht. Der Buchbinder S. war im Betriebe des Galanteriewaren- fabrikanten H. Margot gegen Akkordlohn beschäftigt; nebenher nahm er auch Arbeiten mit, die er zu Hause für denselben Arbeitgeber an- fertigte. Aus diesem Arbeitsverhältnis her glaubt S.»och An- sprüche zu haben. 10 M. für im Betriebe geleistete Akkordarbeit und 46 M. für die Heimarbeit. Seine Ansprüche machte er vor Monaten beim Gewerbegericht geltend, das sich aber für unzuständig erklärte und den Streitfall dem JnnungSschiedsgericht überwies, weil der Beklagte Mitglied der Buchbinderinnung ist. Beim JnnungSschiedsgericht erging VersäumniSurteil gegen den Beklagten, weil er zum Termin nicht erschienen war. Hiergegen legte der Beklagte Berufung beim Amtsgericht ein, das in eine materielle Prüfung des Streitfalles aber nicht erst eintrat, sondern das Urteil des JnnungsschiedSgerichts anstiob, da der Haupt- anspruch aus der Heimarbeit resultiere und für Heimarbeiter nicht daS JnnungSschiedsgericht, sondern das Gewerbegericht zuständig sei. Der Kläger wandte sich nun wieder an das Gewerbegericht, dessen Kammer II sich an das Urteil deS Amtsgerichts— oa es noch nicht rechtskräftig war— nicht gebunden fühlte; es erklärte sich wiederum für unzuständig. Nun hat der Kläger daS Kamm ergericht anzurufen, das nun be» stimmen wird, welches Gericht für seinen Anspruch zuständig ist. Wozu katholische Krankcuschwestem gut genug find. Die christlichen Gewerkschaften in Gelsenkirchen haben im vorigen Jahre ein Gewerkschastshqus errichtet, das den Namen.Gesellschafts» -> v;.» |auä Emiracht" führt. Der Bau hat über �00 000 M. verschlungen. Run soll Geld gemacht werden.. Alle möglichen Vergnügungsfestlich- reiten von Klimbimvereinen usw. werden abgehalten. Geld stinkt nichtig Krankenschwestern des benachbarten Sldwesternhauses bedienen vci diesen Festlichkeiten bis morgens 2—3 Uhr die Küche. Beim FastnachtStrubel waren sie als Auswärterinnen beschäftigt. Man sieht, die Frommen sind nicht sehr wählerisch in der Unterstützung der christlichen Gewerkschaften. Wie die österreichische Altersversicherung aussehen soll. Bekanntlich ist dank der bürgerlichen Verschleppungsarbeit die «ozkalversicherungSvorlage mir im AuSschüsi fertig beraren worden und die Auflösung des Hause? hat die Gesetzwerdung noch weiter hinausaeschobe». Aber die in zweijähriger Arbeit festgestellte Fassung wird in» grosien und ganzen schon so bleiben. Wie sie beschaffen ist. wird jetzt. wo die Reichs- Versicherungsordnung beraten wird, auch in Deutschland interessieren. Der Staatszuschusi soll SV Kronen zu jeder Rente betragen, doch hofft die Bienerthsche Dreadnought« Regierung, dag das Herrenhaus ihn auf öv Kronen heruntersetzen wird. Die Wahlen vom 13. Juni werden hierüber entscheiden mutzen. Der von unseren Genossen geforderte und billige Verwaltung sichernde Aufbau der Verwaltung auf den Krankenkatzen und Gemeinden, kuwtv. für die Selbständigcnversiche- rimg auf den Zwangsgenossenschüsyn lJnnungenj ist abgelehnt, aus Sozialistenhast und-Furcht hat man die bureaukratischen Bezirks- st eile n vorgezogen, was die Verwaltungskosten um 60—60 Millionen erhöhen wird. Von den 288 Millionen Kronen Beiträgen werden sie 20 Proz. verschlingen, gegen-»*-10 Pröz. in Deutschland. In den BezirkSstellen sollen aber lutmrnehiner und Selbständige die Dreifünftelmehrheit haben, was die Umwandlung der Vezirksstellpn sn autisozialistische Parteizentralen verbürgen soll. Gerichts-Deining. Im Spiclerprozest Matiske und Genoffen finirbe gestern die Verhandlung wieder aufgenommen. Der Gc- richtshof kam nach längerer Beratung zu folgendem Urteil, welches der Borsitzende, Landgerichtsdirektor L i e b e r, verkündete: Dem Matiske mag geglaubt werden, dasi er von großer Spielleidenschaft beherrscht wird; andererseits aber ist er ein Mann von aus- geprägtem Erwerbssinn, der daraus ausgegangen ist, das Spiel gleichzeitig zur Vergrößerung seines Einkommens zu benutzen. Er hat die Räume für den Spieltlub zur Verfügung gestellt und aus gestattet, er haj überwiegend die Pank gehalten und trat selten als Spieler ans. er war in der Hauptsache bei der Bank beteiligt, er gab gegen Hingabe von Pfändern Spickern die Mittel zum Weiter- spielen— kurz, dem Gerichtshos.Aar es nicht zweifelhaft, daß Äa- tiske das Roulettespicl gewerb-ibäßig betrieben hat. Die an geklagten Croupiers sind der Beihilfe schuldig befunden worden, da sie ganz genau wußten, wie die Sache lag. Anders liegt die Sache bei Paul Hahn, dessen neu begründeter Klub erst in den Anfangs stadien sich befunden habe. Paul Hahtr ist eine strafbare Handlung nicht nachzuweisen gewesen.— Bei der Strafabmessung ist zugunsten von Matiske erwogen worden, daß er einen regelrechten Erwerb als Generalagent der.�Victoria" gehabt und das gewerbsmäßige Spiel nur nebenbei betrieben hat. Ferner, daß er nicht leichtsinnige un- erfahrene Leute herangezogen hat. Die Besucher seines Vereins waren recht routinierte Spieler, die, wenn es bei ihm nicht möglich gewesen wäre, irgendwo anders dem Spiele gefrönt hätten. Anderer- scits sind berücksichtigt worden die Vorstrafen des M., die allerdings 20 Jahre zurückliegen, ferner der Umstand, daß mancher Spieler er- hebliche Verluste gehabt'-hat und die Hartnäckigkeit, mit der Matiske sich gegen das Gesetz vergangen hat. Das Gericht erkannte gegen Matiske avf 3 Monate Gefängnis, unter Anrechnung von 1 Monat Untersuchungshaft, gegen die fünf Croupiers auf je 1 Woche Gr- fängins und gegen Paul Hahn auf Freisprechung. Ferner wurden die beschlagnahmten Spielgeräte und das beschlagnahmte Geld in Höhe von 1402 M. für eingezogen erklärt.— Bei Matiske wurde der jetzt am 3. Mai erlassene Haftbefehl aufgehoben, so daß Matiske aus der Haft entlassen wird. Bestehen bleibt der frühere Haftbefehl, für dessen Aufhebung die Kaution Mst 20 000 M. gestellt war.' Nach .eingehender Erwägung ist das Weicht zu dem Beschlutz gekommen, über die Frage, ob die Kaution als verfallen zu erklären, noch Er- Mittelungen in cisiem befynderen Verfahren anzustellen. Ein Bilsi mcnfchlichc�jammcrS und Elends entrollte eine Verhandlung, welche gestern unter Vorsitz deS Land- pcrichtSratS Ellend das Schwurgericht des Landgerichts II beschäf- tigte. Aus der Untersuchungshaft wurde die 31jährige Arbeiterin Auguste Priem vorgeführt, Um sich wegen versuchten Mordes zu ver- -antworten.— Die Angeklagte gehört zu jenen bedauernswerten Ge- schöpfen, die von Jugend auf nur die Schattenseiten des Lebens kennen lernen. Der Vater der Angeklagten ist frühzeitig im Irren- .Hause gestorben, sie selbst leidet seit einer Reihe von Jahren an einer Gehirnhöhlcnverciterung und hat schon eine schwere Operation durchgemacht, die ihr jedoch keine Heilung brachte. Vor einigen Jahren kam sie, da sie keine Verwandten hatte, die sich um sie kümmern, nach Berlin. Sie nahm in Charlottenburg eine Stellung als Dienstmädchen an, in der sie zwei Jahre blieb und sich stets gut führte. Als sie dann den Straßenbahnschaffner Priem kennen lernte und dieser sie heiratete, hoffte sie, daß nun endlich das große Buchdruckerei eine Sielle, In welcher sie wöchenllich 12,50 M. ver- diente. Da sie sehr sparsam war und auch ihre Nähmaschine bis in die-späte Nacht hinein benutzte, konnte sie sich bald die fehlenden Hausgerätschaften wieder anschaffen. Eines Tages verlor die Frau ihre Arbeit.— Der Angeklagten bemächtigte sich nunmehr eine dumpfe Verzweiflung, die sie schließlich aus den Gedanken brachte, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Am Abend des 8. März d. I. steckte sie ihre letzten drei Zehnpfennigstücke in den Gasautomaten, öffnete den Hahn und legte sich in das Bett, ihr Kind fest an sich pressend. Ihr Vorhaben kam jedoch nicht zur Ausführung, da Hausbewohner durch den Gasgeruch aufmerksam wurden und die Polizei benachrichtigten. Die Wohnung wurde aufgebrochen und Mutter und Kind nach dem Krankenhaus am UrbaU geschafft, wo sie durch Sauerstoffinhalationen wieder ins Leben zurückgerufen wurden.— Vor Gericht erklärte die Angeklagte, daß sie nicht die Absicht gehabt habe, auch ihr Kind zu töten; sie habe das Mädchen deshalb unter dem Bett verborgen, so daß das Gas nicht an das Kind herankommen sollte.— Die Geschworenen verneinten die Schuldfrage, so daß die Angeklagte freigesprochen werden mußte.— Von den Geschworenen wurde eine Sammlung veranstaltet» deren Ertrag von 24 M. ihr sofort übergeben wurde, damit sie vor äugen- blicklicher Not geschützt ist._ Frau v. Gerlach und die Berliner Polizei. Vom Landgerichte l in Berlin wurde bekanntlich am 17. Fe- bruar die Gattin des demokratischen Politikers und Schriftstellers v. Gerlach wegen Ucbertretung der Straßenordnung zu 10 M. und wegen Beleidigung in vier Fällen zu 400 M. Geldstrafe verurteilt. Am 13. März 1010 hatte im„Feenpalast" eine von der Demokra- tischen Partei einberufene Volksrersammlung stattgefunden, in welcher zu der WahlrcchtSvorlage Stellung genommen wurde. Es kam nach der Versammlung zu jenen bekannten Szenen mit der Polizei, die in recht überflüssiger Weise Absperrungsmaßnahmen getroffen hatte. Auch Frau v. Gerlach wurde von der Polizei zurückgehalten und geriet dadurch in Erregung. Als ein Omnibus erschien', sprang sie schnell hinauf und suchte so die polizeilichen Pläne zu durchkreuzen. Schließlich wurde sie aber wieder herunter- gebracht und verhaftet. In ihrer Erregung sollte sie bei diesen An lassen die Schutzmannschaft und einen Polizeileutnant mit beleidigt haben.— Ihre Revision gegen das damals gefällte Urteil wurde vom Reichsgerichte verworfen, da als festgestellt erachtet wurde, daß Muck auch für sie gekommen sei. Diese Hoffnung erwieS sich jedoch als trügerisch. Die Ehe. welcher ein jetzt sechs Jahre alte« Mädchen Margarete entsproß, gestaltete sich schon nach kurzer Zeit zu einer sehr unglücklichen. Die Ehe wurde schließlich wegen Ehebruchs des Mannes, der als allein schuldigmi Teil angesehen wurde, und ihr das Kind zugcsprochen�Mußerdem wurde der geschieden Mann zur monatlichen Altmentenzahsung v?n 26 M. verurteilt. Von der Wohnungseinrichtung ließ ihr Mann ihr nur ein Bett Und eine Nähmaschine. Di« vom Leben schon so hart mitgenommene Frau begann nun aufs neue mutig b«i» schweren Kampf ums Dasein. Sie mietete sich in der GroßbesMistraße 10 im vierten Stock ein kleines Zimmerchen und eine Kammer. Sie fand in einer hiesigen die polizeilichen Anordnungen rechtmäßig getroffen waren und der § 193 nicht verletzt sei._ Der Tod unter dem Auto. Vom Landgericht I ist am 10. Februar der Chauffeur Hermann Höllger wegen fahrlässiger Tötung zu 3 Monaten Gefängnis ver- urteilt Wörden. Er wollte am Vormittag des 30. Juni v. I. in der Großbeerenstraße zwei Lastwagen mit seiner Kraftdroschke über- holen und tat dies von rechts her. Dabei überfuhr er die Näherin Frau A., welche die Straße überschreiten wollte und nicht ahnte, daß rechts hinter den Lastwagen ein Auw kommen würde. Frau A. starb noch auf dem Transporte.— Die Revision des Angeklagten, der betonte, schuldlos an jenem bedauerlichen Unfall zu fein, wurde gestern vom Reichsgerichte verworfen. Eine Revolverschießerei, die sehr lebhaft an die Zustände in Mld-West erinnerte, lag einer Anklage wegen versuchten Totschlags zugrunde, welche gestern das Schwurgericht des Landgerichts III unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Schmer beschäftigte. Aus der Untersuchungshaft wurde der Kaufmann Adolf Laux vor- .geführt, welcher von den Rechtsanwälten Justizrat Sell» und Dr. Bruno Friedländer verteidigt wurde. Der Angeklagte war in Ge- meinschaft mit dem Ingenieur Oskar Laß Inhaber eines Patent- bureauS, welches sich am Kaisevdamm 110 in Charlottenburg be- fand und in Form einer G. m. b. H. in daS Handelsregister ein- getragen war. Zwischen den beiden Kompagnons kam es schon nach kurzer Zeit der gemeinsamen Tätigkeit zu Differenzen, die nach Behauptung deS Angeklagten darin ihren Grund hatten, daß Loß ihn nicht wie einen Sozius, sondern wie einen Untergebenen be- handelte. Sobald die� beiden feindlichen Kompagnons in dem Pureau zusammentrafen, kam es zu einem Streit, der wiederholt um ein Haar in eine solenne Prügelei ausgeartet wäre. Der An- geklagte behauptet, daß er einmal von dem ihm körperlich über- legenen Loß mit einer Hundepeitsche bedroht worden sei. Er sei dann aus Aerger und Scham in den Grunewald gelaufen, wo er vor Erregung zusammengebrochen sei. Eine Lösung dieses un- erquicklichen Verhältnisses war jedoch trotz allem nickt möglich, da eine Trennung oder Liquidation der Gesellschaft nicht stattfinden konnte, weil Loß immer widersprach. Die gegenseitigen Feindselig- leiten spitzten sich immer mehr und mehr zu, so daß cS schließlich auch noch zu einer Privatbeleidigungsklage zwischen den beiden Kompagnons kam. Am 4. Januar dieses JahreS trafen Beide in dem Bureau zusammen, um auch gleich in einen heftigen Streit zu geraten. In der Erregung zog Laux plötzlich einen Revolver hervor und gab auf seinen Widersacher zwei Schüsse ab, die aber beide fehlgingen. Lötz stürzte davon und lief nach dein nahen Polizeipräsidium, um dort Anzeige zu erstatten. Während dieser Zeit richtete dev Angeklagte, welcher der Meinung war, Loß ge- troffen zu haben, die Waffe gegen sich selbst und schoß sich dreimal in den Kopf. Als dann die Polizei erschien, wurde er bewußtlos aufgefunden und sofort nach dem Krankenhause geschafft, wo er lange Zeit in Lebensgefahr schwebte. Bon den Kugeln konnten nur zwei entfernt werden, während die dritte fest im Schädel- knochen sitzt.— Während der Angeklagte-früher zugegeben hatte. die Absicht gehabt zu haben, den Loh niederzuschießen, da er sich nicht anders habe Genugtuung verschaffen können, bestritt er vor Gericht die TätungSabsicht und behauptete, daß er dem L. nur einen Schrecken habe einjagen wollen.— Die Geschworenen bejahten die Schuldftage nach versuchtem Totschlag unter Zubilligung mildernder Umstände. Staatsanw.-Assessor Weyermann beantragte, da dem Angeklagten die weitgehendsten Milderungsgründe zur Seite ständen, nur eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten. Das Urteil lautete diesem Antrage gemäß unter Anrechnung von einem Monat der erlittenen Urftersuchungshaft. Versammlungen. Zentralverein der BUdhauer. Die Ortsverwaltung Berlin hielt am Montag ihre Generalversammlung für das verflossene Quartal ab. Aßmann erstattete 5en Borstandsbertchk. ES fandets 13 Vorstands- und 3 kombinierte»Sitzungen statt. Ferner 3 gemein- schastliche Versammlungen mit Referaten. In 4 Fällen send voll- zogene Ausschlüsse zurückgezogen worden und zwar betrafen jw einen Stein- und drei Holzbildhauer. Außerdem wurden aus- geschlossen Steinbildhauer Zabel und Holzbildhauer Wittkcn. Der Vorstand hat auf Grund eines gefaßten Beschlusses 000 M. Lokalkassengclder abgehoben und dem Konsumverein als Spargoid eingezahlt. Den Funktionären tvurde die Broschüre Frohmes „Die Arbeiterbewegung eine Kulturmacht" unentgeltlich zugestellt. Vom 1. April d. I. ab wird den Mitgliedern das Fachorgan wieder frei ins Haus geliefert. Zwischen den Zentralvorständen der Bildhauer und der Porzellanarbeiter wurde die Vereinbarung gc- troffen, daß alle jene Personen, die gestaltende Arbeiten herrichten, wie: Maschinenarbeiter. Bilichauer. Zurichter usw. dem Bildhauer- verein und die Maler dem PorzeUanarbciterverband angehören sollen. Etwa in der Ortsverwaltung zu beschäftigenden Hrlfs- kräften soll von nun an statt 6 M. 6,60 M. gezahlt werden.—> Ter„Verein selbständiger Bildhauer"(60 Firmen) hat sich dem Arbeitgeberschutzverband des deutschen Holzgcwerbes angeschlossen. Vom Vorstande wurde der Versammlung empfohlen, den durch die Maifeier ausgesperrten Bildhauern die Ilntcrstiitzung vom ersten Tage an zu gewähren. Statutarisch besteht eine dreitägige Karenz- zeit. Der Vorschlag des Vorstandes wurde von der Versammlung gegen 2 Stimmen akzeptiert. Kassenbericht. Hauptkajje: Bestand vom 4. Quartal 1910: 403,54 M. Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 10 604,80 M. Die ausgezahlten Unter- stützungen betragen insgesamt 7408,25 M. An die Hauptkaffs ge» Kindt 1200 M. Bestand am 1. April 1011 424,09 M. Lokalkassc: Bestand vom 4. Quartal 1010 761,57 M. Einnahmen und Aus- gaben bilanzieren mit 5478,16 M. An Unterstützungen, Streik- zuschuß usw. wurden verausgabt 1474,60 M. Bestand am Ende de» 1. Quartals 571,49 M. Den Bericht vom Arbeitsnachweiis gab MieSbach: Am Beginn deS Jahres Ivaren an Arbeitslosen zu verzeichnen 287. Hinzu kamen 403 und zugereist sind 33. Stellen waren frei 174, davon wurden besetzt 166. Nach außerhalb wurden vermittelt 43. Der Stand der Arbeitslosen betrug am Ende des 1. Quartals 87. Mitgliederbestand 857. Den im Kampfe stehenden Kollegen in Fürth hatte der Vorstand eine Geldunterstützung gesandt. Die Versammlung sanktionierte die Handlung ohne Debatte und erteilte dem Vorstande die Vollmacht, wenn nötig, noch eine weitere Geld- scndung folgen zu lassen. Die Schirmmacher hielten am Montag eine Branchenvcrsamiu- lung ab, in der der Obmann T i n i u s den Bericht über die Mai- feier erstattete. Die Schirmmacher haben sich in diesem Jahre zum ersten Male an der Maifeier beteiligt. Von den etwa 110 orga- nisicrtcn Schirimnackjern haben 86 durch Arbcitsruhe den 1. Mai gefeiert, und zwar 54 Fabrikarbeiter und 28 Heimarbeiter. In mehreren kleinen Betrieben, wo nur ein und zwei Mann beschäftigt sind, ist die Arbcitsruhe nicht durchgeführt worden und nur ein größerer Betrieb, der der Firma R e m a ck u. S i I b e r, iir dem neben einer Anzahl von Gürtlern und Stockarbeitern auch 7 Schirmmacher beschäftigt sind, hat ebenfalls abseits gestanden. Der Obmann betonte, daß alle diejenigen, die nicht mitgefeiert haben, keine entschuldbaren Gründe für ihr Verhalten geltend machen können und er deshalb auf Beschluß der ZentralvertraucnS- männerversammlung ihnen allen eine öffentliche Rüge zu erteilen habe. In der Diskussion, die fast den ganzen Abend ausfüllte, er-« klärten sich mehrere Redner nicht dainil einverstanden, daß eS nur bei der Rüge gegenüber den Nichtfeiernden sein Bewenden haben sollte, sondern sie forderten, daß schärfere Matznahmen gegen diesa ergriffen werden sollen. Insbesondere sei das Verhalten der Ar» heiter bei der Firma R e m a ck u. Silber ein unverzeihliches. Auch daß der vorherige Obmann E. Geißler, bei Jordan u. Blumenfeld beschäftigt, sich an der Maifeier nicht beteiligt! hatte, rief den Unwillen der Versammelten aus. Schließlich wurde es doch, in Anbetracht dessen, daß es eben die erste Maiseier unte? den Schirmmachern war, bei der Rüge belassen. Den Arbeitern von Remack u. Silber wurde nachgesehen, wenn auch nicht entschuldigt, daß sie es in Anbetracht mehrerer Vergünstigungen, die sie in» Arbeitsverhältnis den anderen Kollegen voraus haben, mit ihrem Arbeitgeber wegen der Maifeier nicht verderben wollten. Wegen der Maifeier ausgesperrt ist, wie in der Versammlung fest» gestellt werden konnte, niemand worden. Die Versammlung nahm alsdann noch eine Ersatzwahl zur Branchcnkommission vor. � Verband der Fabrikarbeiter. Die Ortsverwaltung Berkin hielt am Sonntag ihre Generalversammlung ab. Den Vorstands» bericht erstattete Bruns, der vorerst die im letzten Quartal vor» gekommenen Lohnbewegungen und Differenzen besprach. Die- selben sind durchweg zugunsten der Organisation ausgefallen. Jni verflossenen Quartal sind über 1000 Ausnahmen zu verzeichnen. Eine Mitgliedschaft(Blankenfelde) von 30 Mitgliedern ist zu Berlin übergetreten. Unter Punkt Anträge wurde unter anderem die Sanktion der Versammlung zum Ausschluß einiger Mitglieder, die Strcikbrecherdicnste geleistet, eingeholt. Di« Abrechnung vom ersten Quartal 1011 ergab: Einnahmen und Ausgaben der Hauptkasso bilanzieren mft 41 738,25 M. Bei der Ausgabe sind hervorzu- heben: Unterstützmmen an Arbeitslose 5030,40 M., an Kranke 0830,80 M., an Reisend« 235,20 M., für Rechtsschutz 237 M. und für Maßregelungen 056,05 M., für Umzug 1108,80 M. usw. An die Hauptkasse gesairdt 15 301,61 M. Einnahmen und NuSga-ben der Lokalkasse bilanzieren mit 42 221,73 M. Als besoldeter Angestellter in die Ortsverwaltung wurde nach längerer Debatte R ü ck e r fast einstimmig gewählt. Als Vertreter der Mitglieder aus der chemischen Industrie in der OrtSverwaltung wählte die Versamm- lung K ä b i tz und für die Gewerkschaftskommission die Mitglie» der: Reimann, Edelmann, Lange, Krüger, Bentia und BrunS. Marktpreise von Berlin am S. Mai 1911, nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidium». M a r k t h a l l e n p r e i s e.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00— 50,00. Speisebobnen, weiße 80,00-50,00. Linsen 20,00-60,00. Kartosseln 6.00-9,00. 1 Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bi» 1,70. Schweinefleisch 1,20—1,90. Kalbfleisch 1,50-2,50. Hammelfleisch 1,40— 2,20. Butter 2,20-2,80. 60 Stück Eier 2,80—4,30. I Kilogramm Karpsen 1.20—2,40. Aale 1,40—3,00, Zander 1,40—3,60. Hechte 1,20 bi» 2.80. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,30-3,10. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,50-30.00. Haben Sie schon Ihren Sorech-Apparat mit u» zerstörbaren nadellosen PathB-Platten? Der Sprech.Apparat bellamlert, fingt, lacht, pfcist, spielt, gibt die herAichsten Konzerte wieder und ft'steut durch seinen Borttag Mg und alt, arm und reich. WaS man auch hören mag: die beliebtrsikn Qpeni und Operetten, Märsche. Walzer, Phantasien, Ou Couplets, bumortslische Borträge und Geiänge, alleS da» trögt un« der Sprech-Apparat in naturgetreuer Wiedergab« vor. üuvertllrcn und andere cssclwolle Orchester-Vorttäge, auch Unilbcrirossen sind die von un» gelieserten Paihö.Platten, die im Gegensatz zu den allgemein belannten Nadelplatten nahezu unzerstörbar find und serner mit eine« niemals auszuwechselnden polierten Edelstein gespielt werden. Viele Tausende, die von un« bisher_ einen Eprech-Äpparat mit nadellosen Paihö-Platten bezogen haben, preisen dieselben. Täglich gehen unS ungezählte Anerkennungen unausgefordert zu I Um auch Ihnen Gelegenheit zu geben, sich von der Gsit» unserer Apparate sowie unserer Pathö-Platten vor endgültigem Kause im eigenen Heim zu überzeugen, erklären wir un« bereit, Ihnen einen Spezial-LuxuS-sprech-Apparat mit echter Paths-schalldose und 20 ausgewählte Stücke aus zehn doppelseitig bespielten 29 am groben Patbö-Platten aus Berlangen ohne Anzahlung, ohne Nachnahme, ohne Emballageberechnung und ohne jede Kausvcrpflichtung S Tage zur Probe zuzulenden. Sie werden eiitjückt sein von den Leistungen des herrlichen Apparates und werden uns danken, daß wir Ihnen diese« außergewöhnliche Angebot machten. Haben Sie sich dann, also nach vorangegangener Probe, zum Kaufe entschlossen, so begnügen wir UNS mit ein« monatlichen Zahlung von S Mark, welcher Betrag emer täglichen Ausgabe von nur 10 Pfenn�— 1---'"A» «igen gleichlommt. Der Apparat kostet einschließlich der echten Pathä- Schalldose.v nur 45.— Mk., während wir die Platten zu dem von der Fabrik vor- qcschrirbeiien Verkaufspreise' von 2.30 Mk. pro Doppelplatte(also sür zwei Stücke) in Rechuupg stelle». Machen Sie also einen Versuch, der Sie' nichts kostet alS die ganz minimalen Spesen für die Hin- nnd eventuell« Rücksendung und> Werse» Sie den eingedruckten Bestellschein, den Sie nur m» Ihrer Unterschrist zu versehen brauchen, iE den ttächslea BriellülttN. Unsere Adresse tjU Bigl« Freund, Breslau 11, Postfach 120/38: ar.' Bestellschein 120/38 SÄI Hierdurch ersuche ich die Finna Bial& Freund in Breslau II. mir den angeboienen LuxuS-Sprech- Apparat mit echter Pathö» Schalldoie sowie 20 Stücke aus doppelseitig bespielten Pathö-Platten ohne Anzahlung, ohne Nachnahme, ohne Emballage- berechnung, insbesondere ohne jede Kausverpjltchtung zur Probe zuzusenden. Ich oervflichte mich, diese Sendung, fall« ich sie nicht zu behalten wünsche, imierhalb 5 Tagen, vom Tag« des Empfange» an gerechnet. franko zurückzusenden, andernsalls behalte ich sie und zahle unter Anerkennung des Eigentumsrechtes monatlich 3 Mk. vom Ablaut der Probezeit beginnend, bis der Wert des Apparates von 45.— Mk. und der der 10 Doppelplattea ü 2,30 MI. beglichen ist. Ersüllungsort ist Breslau. Ort und Datum: vor-, Zuname und Berus- tgjjsi j Todes-Anzeigen iSozlalöeniskralisEheFWaiilYereiD (ür den Görlitzer Viertel. Bezirk 220, Teil I. , Den Mitgliedern zur Nachricht, I dag unjer Genosse, der Schneider- ] mcister Franz Keil, S Zorster Str. 3, gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am i Donnerstag, den lt. Mai, nachm. 1 4 Uhr, von der Leichenhalle des | Zcntral-FriedhoseS in Friedrichs- I selde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 3 218/19 Der Vorstand. Zentral-Verein der Biidiiaiier Dsutseblandi Verwaltung Berlin. Am 9. Mai verstarb nach langlr I Krankheit im jugendlichen Alter von 19 fahren unser Mitglied, | der Holzbildhauer Henryk Woytanowski. Die Beerdigung findet am l Freitag, den 12. Mai, nach- I mittags 4 Uhr, auf dein PiuS- | Friedhof in Wilhelmsberg statt. Um Beteiligung ersucht 120/8 Der Vorstand. Danksagung. Für die Beweise herzlicher Teil- »ahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten sowie den Tabak, arbcitern Rixdorfs den besten Dank. �nAnste Hocpfaer nebst Kindern. Verband der Fabrikarbeiters Deutschlands. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unsere langjährige treue Mit- arbeiterin, Frau Nsgüslene Swenn verstorben ist. Ehre ihrem Andenke»! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 11. d. M., nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Lichtenberger Friedhoss statt. Rege Beteiligung erwartet 03/14 Die Orteverwaltung. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme bei der Beerdigung meines geliebten Mannes und unseres guten Vaters sagen wir allen, ins- besondere dem Verein der Former, den Kollegen der Firma L. Schwartz- lopfi, dem Deutschen Metallarbeiter- verband, den Genossen des(5. Wahlkreises, Bezirk S8S, und denBewohnern des Hauses Grenzstratze 10 unseren innigsten Dank. 1723b Witwe M. Struck nebst Kindern. Grenzstrabe 10. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau Klara Winnlevski sage allen Verwandten und Bekannten, insbesondere den drei Rauchklubs Adlcrshos, dem Wahlverew und Ge« sangverein Freier Sängerchor Alt- Glienicke meinen herzlichsten Dank. Bruno Wnnleweki nebst Kindern. BaugenossensehaH„Turaerheiin". Eingetragene Genossenschaft mit be- schränkter Hastpflicht. Donnerstag, den 18. Mai, abends 8'/, Uhr, bei H o P P e(Inh. Bartsch), Sermannstr. 49: lfciierat-VersammIiuig Tagesordnung: 1. Gcschöslsbericht. 2. Genehmigung der Bilanz und Entlastung des Vor- standes. 3. Verteilung des Rein- gcwinnes. 4. Antrag der Vorstandes und Aussichtsratcs: Auslösung der Genossenschaft. S. Eventuelle Wahl der Liquidatoren. Ter Vorstand. Kar Schünberg. Otto Klein. NB. Die Bilanz liegt bei dem Ge- nassen Klein, Prinz- Handjery- Straße 44/45, zur Einsicht aus. 105/7 puta In Paketen ä B,10u.20Pt. Gesellschastshaus Trebbin, E. Sclinlze, Bahnhofstr. 3. AeltesteS gr. Parteilokal, gr. Garten:c. im Ort. Bei Ausflügen nach und durch Trebbin empfehle mein obiges Lokal. Von cksr Reise zurück[1732b Dr. SuBniann, Augenarzt. Charlottenburg, Berliner Str. 130. HlUa-Sttle Schönhauser Allee 130. Jeden Donnerstag und Sonntag: Gavalier-Ball. Entree, Garderobe u. Tanz 20 PI. Anf. 8Uhr. Carl Eisner. Wir empfehlen: Griebens Reiseführer. Buckow und Umgebung. 80 Pj. Dresden und die Sächsische Schweiz....... 2,— M. Erzgebirge...... 2,—. Frcieuwalde und Eberswalde........ 60 Pf. Harz(kleine Ausgabe).. 1,— Ä. 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Tischlerei Schneider, Man- teusfelstraste 59 und Lausiber Strafte 49 v. p. Pianofabrik SpCthe, PatS, damer Str. 29. � SUmtUche Betriebe in Hamburg. Liegnil). Forst. Finster- wolde, Schönwalde u. Oranic», »nrg. Das Berliner Arbeitswilligen- vcrmittclnngSbnrea» d. gelben „HatidiverkerschmwerdaiideS*. Zie CttöbcrnialtunB Berlin de« Deutsch. HolzarbeiterverbaudeS. SJbtft Sßftlifl- Mr de» Lvseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Dc»d u.«erlag iBorkogrt» kuchdruckerei u. Verlagsanftalt Jßaul Smger B«rlio SÄ-, Hr. 109. 28. Zahrgauz. 3. Iciltge des Jotiuitts" Derlm lolUlntt. Doaverstag. 11. Mai 1911. parte!- Hngclegenbeitem Zur Lokalliste! In Heiligensee, Dorf, NB., stehen der Partei und den Gewerkschaften folgende Lokale zu allen Veranstaltungen zur Verfügung: Lokal S e e s ch l o tz, Jnh. Wilh. Kühn; Restaurant W i n d m ü l l e r, Jnh. P. Schmeitzer. Die Lolallommission. Bernau. Heute Donnerstag: Zahlaliend in den Bezirken. 1. und 2. Bezirk bei Hermann, Bürgermeisterstraße; 3. Bezirk bei Temmler, Wallstr. 2. Wnndlitz-Basdorf(Bez. Pankow). Am Sonntag, den 14. Mai, findet nachmittags 2 Uhr in Basdorf, um S Uhr in Wandlitz der regelmäßige Zahltag statt. Die Bezirkssührer. Berliner JVacbricbten. Im Lande der Terrainspekulation. Traußen in der sogenannten, Gartenstadt hatten sie den jTinarmigen als Bauwächter und Straßenwart untergebracht. Beide Titel waren nur Schall und Rauch. Denn außer der Wellblechbude des Vertreters der Terraingesellschaft gab es in dein dürren Oedland keine Bauten. Und die Straßen standen vor der Hand auch nur auf dem Papier. Ein paar Renommierparzellen waren ja schon m*t Drahtgeflecht umzäunt. Auch einen pompösen Bahnhos hatten sie aufgeschmet- tert. Denn die Herren Aktionäre hatten gute Beziehungen. Da dauerte es nicht allzu lange, daß ihrer Zukunftsstadt eine Bahnhaltestelle bewilligt wurde. Auf die„kleinen Leute" hatten sie es abgesehen, die nur cuf den Leim gingen, wenn sie mit Zahlungen in Wochen- oder Monatsraten beim Landerwerb geködert wurden. Da mußte der Einarinige das Aushängeschild und den Vermittler machen. An ihn wandten sich die Eigenheimlüsternen eher und lieber als an den Herrn Agenten, hinter dem sie doch mehr «oder weniger Unrat witterten. Ich war mit dem Einarmigen bald näher vertraut ge- worden. Denn nach getaner Arbeit führte mich der Weg in den schönen Frühjahrstagen öfters zu ihm hinaus. Ter Herr ».Vertreter" schloß zeitig sein„Kontor". Solange der an- wesend war, verhielt sich der Einarmige zugeknöpft. Dann ober taute er auf. Und bald merkte ich, daß es dem in der Einsamkeit Verbannten ein Bedürfnis war, zu sprechen. Denn Tag und Nacht, Alltag und Feiertag tvar er kontraktlich gegen ein Monatsgehalt, das mit dem Wocheneinkommen eines Durchschnittsarbeiters die Wage hielt, an das in den Reklame- Plakaten als„Idyll" bezeichnete Gelände gebunden. Nur Sonntags sah und sprach er einige Dutzend Neugieriger. Wochentags verirrte sich selten ein Fremdling in sein Sibirien. Er konnte lange wortlos neben einem hergehen. Dann ober hob er mit einem Seufzer an. Und bald sprudelte es gallig und bitter, anklagend und verwünschend aus ihm heraus. Sie hatten ihn ja nicht ganz auf die Straße gesetzt, als er damals vom Gerüst des Neubaues gestürzt war, den Arm gebrochen und vier Monate im K'rankenhause gelegen hatte. Aber der Arm war futsch. Den hatten sie ihm amputiert, als der Brand immer weiter fraß. Nun er nicht mehr als Bau- arbeiter für die Gesellschaft schuften konnte, hatten sie einen Wächter aus ihm gemacht. Einer der Herren Direktoren hatte ihn sogar einmal in einer guten Laune„Herr Aufsichtsrat" tituliert. Aber zu beaufsichtigen gab es ja nichts, als ein paar Pfähle, einige Rollen Stacheldraht und Drahtgeflecht. Vom Sumpf und Sand würde den Geldsäcken sicherlich niemand etwas forttragen. Nun zogen sie den Dummen das Fell über die Ohren, und er mußte mithelfen. Mußte das weiße Flugsandgerinsel Lehmboden und den schwarzen Morast der Sumpfstrecken fette Gartenerde nennen. Er, der die zähen atem- beklemmenden Nebel, die diesem Boden morgens und abends entstiegen, kannte, mußte die ozonreiche Waldluft und die „einzig gesunde" Lage der Kolonie rühmen. Wie er sie haßte, die ihm zu Lug und Trug zwangen, weil er ein Krüppel in ihren Diensten geworden war. In seinen Augen kam dann ein dunkles Glühen und sein gesunder Arm zuckte wie in Krämpfen fuchtelnd hin und her.. Er kannte ihre Kniffe, o ja! Wie ein Hohnlachen kam es hart und kurz aus seiner Kehle. Und war dann mit einemmal swmm, mürrisch, in sich gekehrt. Fast ohne Abschied ging ich oft von ihm. Aber an der Wegbiegung, wo die Straße leicht ansteigt, sah ich mich meist nochmals nach ihm um. Die Sonne stand gewöhnlich schon unter dem Horizont. Ein fahles Schwefellicht, in dem noch ein letztes rotes Leuchten glimmerte, hatte den Himmel über- gössen. Die Waldwände standen dunkelgrün, fast schwarz. Und mitten auf dem freien Felde, unweit der Wellbleckchude, stelzte der Einarmige. Seine Silhouette stand dunkel gegen den graugelben Himmel, über den schon die ersten Schatten der Nacht flatterten. Wie ein anklagender Geist belebte er diese Einöde und Einsamkeit, durch die nur hin und wieder ein Krähengeschnarr oder das Fauchen auf Raub ausgehender Eulen flog. Und doch hatte die Geldgier hier Anker geworfen, um im dürren Boden nach Goldklumpen zu graben. Denn wo der Kapitalismus seine Blüten treibt, ist auch das Un- mögliche möglich. Und Gartenstädte werden aus dem Nichts herausgezaubert im Lande der Terrainspekulation... Kirchlich-Liberale unter sich. In Berlin stehen sich in den Kirchenvertretungen Liberale und Positive gegenüber. Beide Richtungen kämpfen um die Herrschaft in den einzelnen Kirchengemeinden. Kürzlich sind nun aber Libe- rate gegen Liberale sich in die Haare geraten. Nach einer Sitzung des kirchi'ch-Iibcralen Parochial-Vereins haben sich die Mitglieder verprügelt. Dann traten einige aus und gründeten den neuen -Kirchlich-liberalen Wahlverein". Gegen diesen Verein verbreitet nun der Vorstand des liberalen Parochial-Vereins eine Warnung. die so hübsche Wendungen enthält, daß wir den Inhalt des Druck- erzeugnisscs hier wiedergeben wollen. Ueberschrieben ist das Flug- blatt:„Freunde der liberalen Sache!". Dann heißt es u. a.: »Halt! Halt! Halt! Geht keinen Schritt, laßt Euch nicht täuschen! Unsere Gegner stecken ein neues Gesicht auf. Es ist bedauerlich, aber leider allzu wahr, der„Kirchlich-libe- rale Wahlvcrcin" versucht, unter der Maske des unschuldig Ge- kränkten— in alter Gewohnheit die Wahrheit zu verschleiern— die kirchlichen Wähler auf seine Seite zu ziehen und zu verwirren. oder was noch verwerflicher ist, durch Quertreibereien die liberale Arbeit zu untergrgben. um dadurch den Ppsi.tspen Pionierarbeit «» lMen. Eigentlich sollte in bekannter und gerechter Würdigung der Tendenz des Wahlvereins und eines großen Teils seiner An- Hänger sich eine Mahnung an unsere liberalen Freunde erübrigen müssen, dennoch aber, um Täuschungen auszuschließen und Sie vor nutzloser Vergeudung Ihrer kostbaren Zeit zu bewahren, sagen wir Ihnen, daß die am S. Mai bei Ritzmann stattfindende, vom Wahlverein veranstaltete Versammlung mit der gerechten liberalen Sache nichts zu tun hat! Die Ausführungen in der Einladung zum 6. Mai sind unzu- treffend, das wissen Sie selbst, wenn Sie unserer Wählerversamm- lung am 26. April beigewohnt haben. Gewiß begann dort der Vorsitzende des Wahlvereins vom Frieden zu sprechen, der aber unter Bedingungen geschlossen werden sollte, die den Liberalen Parochialverein geknebelt und somit entrechtet hätten. Mit der Pistole in der einen und dem Meffer in der anderen Hand diktieren uns jene Männer den Frieden; trotz des Vor- Wurfs des Denunziantentums und der Spio- nage, so meinen sie würdevoll! Dieser Vorwurf aber ist gerecht! Kaum hatte sich in der Märzsitzung einer unserer liberalsten Männer ein Wort über die„positive Behörde" gestattet, schon ging am nächsten Tage eine Denunziation über diesen Mann an jene Behörde, und zwar ist der Inhalt der„Denunziation" aus unserem Verein„h e r a u s s p i o n i e r t" worden. Das nennt man im Trüben fischen, wenn man zu Denunziationen niedrig st er Art greift, um an- ständige Männer in ihrem Ansehen herabzuwürdigen. Das ist nicht„kirchlich-liberal". Nein, das ist wirklich mise- r a b e l! Und nun genug! Bilde sich jeder sein Urteil über diese Männer, die nach all dem Vorangegangenen noch Liberalismus heucheln wollen. Wir waren nicht abgeneigt, einen anständigen Vergleich einzugehen, obwohl der Vorsitzende des neuen Vereins selbst öffentlich erklärte:„seine Mitglieder im Wahlverein hätten sich unglaubliche Sachen zuschulden kommen lasse n". Wie sollten wir davon Betroffenen diese„unglaublichen Sachen" bezeichnen bei solcher Selbsterkenntnis, wovon wir den ersten Schritt zur Besierung erhofften. Doch unsere Hoffnung ward zuschanden, unser Wissen aber hielt stand! Wir wußten, daß sie heuchelten und nach Effekten haschten. Darum noch einmal die Mahnung! Haltet fest und treu zum Liberalen Parochialverein. Wir haben zu tun, um die Orthodoxie— die Positiven— wirksam zu bekämpfen. Meidet den neuen Wahlvcrcin und seine Anhänger, denen wir zurufen: Ein schlechter Vogel, der sein eigen Nest be- schmutz t." Soweit das Flugblatt. Es besagt genug und enthebt uns jeder kritischen Aeußerung. Die Leute kennen sich und müssen ja am besten wissen, wes Geistes Kinder sie sind. Der Inhalt des Flugblattes läßt tief blicken!_ Zur Hundertjahrfeier in der Hasenheide will der Berliner Magistrat 10(XX) M. hergeben. Diese Feier soll zur Er- innerung an die vor 100 Jahren erfolgte Eröffnung des ersten deutschen Turnplatzes in der Hasenheide am 17. und 18. Juni in der Hasenheide und auf dem Tempelhofer Felde unter dem Namen„Jahnfeier" veranstaltet werden. Teil- nehmer an dieser Feier sollen sein die Deutsche Turnerschaft, daneben eine Zahl von Sportvereinen und Schulen Groß- Berlins. Die Feier soll eine„Vaterländische Gedenkfeier" sein, in Wirklichkeit handelt es sich um einen von der Deutschen Turnerschaft veranstalteten patriotischen Rummel, zu dem die Gemeinden von Groß-Berlin die 25 000 M. betragenden Kosten bezahlen sollen. Es muß öffentlich ganz entschieden gegen die Verwendung von Steuergeldern zu diesem patriotischen Klimbim Protest eingelegt werden. Das Geld kann zu nützlicheren Zwecken Verwendung finden. Die sozialdemokratische Fraktion der Berliner Ttadtvemd- netenversammlung hat sich in ihrer letzten Fraktionssitzung neu konstituiert. Durch den Tod der Genossen Singer und Borgmann sind der Fraktion ihre langjährigen Vorsitzenden entrissen, und es mutzte nunmehr Ersatz geschaffen werden. Die Fraktion wählte Genossen H e i m a n n zum Vorsitzenden. Genossen Bruns zum Stellvertreter und Genossen Dr. Wehl zum Schriftführer. Zur Aufhebung der Jahrmärkte. Der Stadtverordnetenaus- schütz zur Vorbevatung der Magistratsvorlage über die Aufhebung der Jahrmärkte in Berlin hat nach eingehender Beratung die Vor- läge abgelehnt, auch gleichzeitig einen Antrag, der dahin ging, die Jahrmärkte im Jahre 1915 aufzuheben. Das Plenum der Stadt- verordnetenversammlung wird sich diesem Votum voraussichtlich anschließen. Zur Zulassung von Rechtsanwälten in Berlin und Bororten. Die Schönebergcr Stadtverordnetenversammlung hat am 28. Fe bruar 1919 beschlossen: „den Magistrat zu ersuchen, durch geeignete Maßnahmen dahin zu wirken, daß die Landesjustizverwaltung bestimmt: 1. Schönebcrg und Berlin werden als ein Ort im Sinne des § 18 Abs. 2 der deutschen Rechtsanwaltsordnung vom 1. Juli 1878 angesehen; 2. die bei dem Amtsgericht Bcrlin-Schöneberg zugelassenen Rechtsanwälte werden auf ihren Antrag auch bei dem Land- gcricht II Berlin zugelassen." Der Magistrat ist am 17. Juni 1919 diesem Beschluß beigetreten und hat ihn durch den Dezernenten im Justizministerium vertreten. Diese Anregung hat bezüglich der Anwälte des Kammer- gerichts bereits Erfolg gehabt. Der Kammergerichtspräsident hat am 22. April 1911 dem Magistrat mitgeteilt, „daß der Herr Justizminister auf Grund des§ 18 Abs. 2 der Rechtsanwaltsordnung bestimmt hat, daß hinsichtlich des Wohn- sitzes der bei dem Kammcrgerichte zugelassenen Rechtsanwälte Berlin, Charlottenburg, Schönebcrg. Deutsch-Wilmersdorf und Friedenau als ein Ort anzusehen sind." Der Magistrat von Schöneberg wird nunmehr Veranlassung nehmen, die Landes-Justizverwaltung zu ersuchen, dem oben er- Wähnten Antrage in vollem Umfange stattzugeben. Das Zusammenbaden der Geschlechter in den Freibädern. Eine Reform der Freibäder, insbesondere in bezug auf Trennung der Geschlechter, war von einer Reihe Berliner Vereine bei der Regie- rung befürwortet worden. Die gewünschten Aenderungen hat die Rgicrung jedoch in der Hauptsache abgelehnt. Auf die an den Ministerpräsidenten v. Bethmann' Hollweg und an den Regierungs Präsidenten von Potsdam gerichteten Eingaben hat jetzt der Regie rungspräsident v. d. Schulenburg einen Bescheid erteilt, iu dem es heißt: �. „Die Erfahrungen der letzten Jahre haben nicht den Beweis erbracht, daß die Bedenken, die gegen das Zusammenhaben der Geschlechter in den Familienbädern erhoben worden sind, und die beim Beginn des Bestehens der Freibäder Gegenstand der leb haftesten Erörterung gewesen sind, gerechtfertigt sind. Die Eiw richtung des Familienbades hat sich im allgemeinen bewährt. Daß hin und wieder in Ausnahmefällen Unziemlichkeiten und Aus- schreitungcn vorgekommen sind, will ich nicht in Abrede stellen; doch dürfte dies auch bei der großen Zahl der Badegäste erklärlich fein. Ich habe jedoch strenge Anweisung gegeben, daß im kom- Menden Sommer die Trennung der Geschlechter bei Benutzung der Auskleidezelte aufs peinlichste durchgeführt wird, und daß die bestehenden WizeibLrjchMes«Wü ejvgeMxst, M dsb als bisher auf die Heranziehung zuberlässigen und ausreichenden Aufsichtspcrsonals Bedacht genommen wird. Zu dem dort an- geregten Verbot des Zutritts Jugendlicher zum Familienbad ohne Begleitung Erwachsener habe ich mich nicht entschließen können. Denn einmal ist es ein Leichtes für die Jugendlichen, dieses Verbot zu umgehen; andererseits kann ich grundsätzlich nicht zugeben. daß durch das Familienbad die allgemeine Sittlichkeit gefährder wird. Zudem würde nicht der Augenblick des Betretens des Frei- bades, fondern der Aufenthalt im Freibade das Gefahrbringende sein. In diesem würde eine Konirolle aber darüber, welche Jugendlichen in Begleitung von Erwachsenen sind, und welche nicht, völlig undurchführbar sein. Weiterhin habe ich darauf hin- gewirkt, eine allmähliche Verbesserung der gesamten Einrichtungen zu erreichen. Mit ihr soll in diesem Sommer bereits begonnen werden; die Erneuerung der Auskleidezelte wird von Grund auf in Aussicht genommen werden, sobald die zukünftige Gestaltung der Verwaltung des Freibades endgültig feststeht." Der Regierungspräsident bemerkt dann noch, daß er sich durch gelegentliche Besichtigungen über die Zustände im Freibade unter- richten lassen werde. Mit diesem Bescheide sind die Vereine, die seinerzeit die Reformen befürwortet haben, nicht einverstanden. Es soll deshalb die Angelegenheit der Freibäder im Landtage zur Sprache gebracht werden. Wegen des Mordes an der Witwe Hoffmann fand gestern vor- mittag auf dem Grundstück Blumenthalstraße 1 noch einmal eine Ortsbcsichtigung unter Leitung des Landgerichtsrats Rudolph statt, an der der erste Staatsanwalt Hagemann, die Kriminalkommissare Vonberg und Flieger und der Verteidiger des Krankenpflegers Griehl, Dr. Klee, teilnahmen. Der beschuldigte Griehl wurde von Kriminalbeamten mit einem Kraftwagen vom Untersuchungs- gefängnis zu dem Termin abgeholt. Man versuchte, die Vorgänge in der Hoffmannschen Wohnung und im Hause zu„rekonstruieren", indem ein Schlosser die Tür öffnete, ein Mann in der Wohnung die Worte, die der Mörder mit verstellter Stimme ausrief, wiederholte usw. Auch die Zxiten wurden gemessen. Besonders die, die zwischen dem Oeffnen der Tür auf der Vordertreppe bis dahin vergangen sein kann, wo die Schutzmannsfrau Fabowski Griehl auf der Hinter- treppe gesehen haben will. Alles das und was sonst noch in Betracht kommt, wurde eingehend nachgeprüft. Griehl wurde auch den Zeugen gegenüber gestellt, insbesondere auch der Frau Fabowski und ihrer Tochter. Beide blieben bei ihren früheren Aussagen. Demgegenüber hielt aber auch Griehl daran fest, daß sie sich irren müßten, und versicherte nach wie vor, daß er mit dem Morde nichts zu tun habe. Auf Veranlassung der Verteidigung wurden auch die Verhältnisse auf dem Hofe des Grundstücks genau untersucht, be- sonders auch darauf hin, ob es dem Täter möglich gewesen sein kann, unbemerkt den Hos zu erreichen und von dort über die Mauer zu entkommen. Das zuständige Gericht wird nunmehr darüber be- schließen, ob gegen den Beschuldigten die Anklage zu erheben ist oder nicht. Griehl, der wie früher so auch jetzt wieder ein ganz ruhiges Wesen zeigte, wurde nach Beendigung des Termins mit der Kraft- droschke nach dem Untersuchungsgefängnis wieder zurückgebracht. DaS Platzen eines Kessels rief gestern mittag die Feuerwehr nach dem Grundstück des Hofschlächtermeisters Bicsold in der Wil- Helmstraße 43a. Es handelt sich um den Kessel der Kühlanlagen, dem nach dem Platzen soviel Ammoniak entströmte, daß der Aufent- halt in den Räumen unmöglich wurde. Da die Feuerwehr längere Zeit zu tun hatte, um mit Rauchhelmen ausgerüstet diesen Gasen Abzug zu verichaffen, so bildete sich vor dem Hause ein großer Auf- lauf, von dem aus dann sich allerhand übertreibende Gerüchte ver- breiteten. Wie versichert wird, ist bei dem Unfall niemand zu Schaden gekommen. Neber einen Jnseratenagente», der angeblich für den Verlag de« „Berliner Arbeiterkalender" Inserate sammelt, wird mis von einem Geschäftsmann in der Großen Frankfurter Straße berichtet, daß ein Akquisiteur zu ihm gekommen sei und mit der Bemerkung, eS handele sich um den Arbeiter-Sängerbund, ihn zur Aufgabe eines Inserats genötigt habe. Er habe im Februar eine Qnittuyh von 9 M. er- halten, die unterzeichnet war„Verlag des Berliner Arbeitcrkalender". Dieser Tage sei der Mann wiedergekommen und habe eine Quittung von 7 M. vorgelegt mit der Bemerkung, das Geld werde notwendig für den Agitationsfonds gebraucht, weil die Wahlen vor der Tür ständen. Infolge dessen hätte er, bei dem mehrere Gesangvereine tagen, auch diesen Betrag bezahlt. Auch bei anderen Geschäftsleuten, die sonst für das Sommerfestprogramm des Arbeiter- Sängerbundes Inserate aufgeben, sei der Mann erschienen, von ihnen aber abgewiesen worden. Soweit uns bekannt, existiert seit Jahren der Berliner Arbeiter- kalender nicht mehr; auch der„Verlag Berliner Arbeitrrkalendcr' ist uns gänzlich unbekannt. ES scheint sich im vorliegenden Falle um einen auSgefeimten Schwindler zu handeln, der bestimmte Geschäftsleute brandschatzt. Bemerken wollen wir, daß die Buchhandlung Vorwärts für Inserate für den von ihr verlegten Arbeiter- Notizkalender Quittungen mit dem Stempel der Firnia ausstellt. Ein gewerbsmässiger Fahrradmarder ist von der hiesigen Kriminalpolizei auf dem Stettincr Bahnhof abgefaßt worden. Der Bursche hatte mit einem Komplizen förmliche Dicbcsfahrtcn nach den nördlichen Vororten unternommen. Zahlreiche Fahrräder wurden von den Dieben gestohlen. Die Maschinen schafften beide nach Berlin, und hier wurden sie in einer sogenannten„Verkaufs- zentrale" abgegeben. Die Zentrale sorgte wiederum für das Ver- schärfen der Beute. Um sich vor Entdeckungen zu sichern, wurden die Erkennungsmarken an den Rädern beseitigt. Auf dem Stettincr Bahnhof glückte es gestern einem Beamten, den Hauptübcltäter, einen gewissen Berger, der gerade zwei gestohlene Räder nach hier transportierte, zu verhaften. Seinen Komplizen will B. natürlich nicht kennen.> Ein schwerer Strastenbahnunfall trug sich gestern Morgen gegen TV* Uhr an der Swinemünder- Ecke Gleimstraße zu. Dort wollte die 37iährige unverheiratete Verkäuferin Mathilde Bocklin, Gleinistr. 67 wohnhaft, auf dem Wege nach dem Geschäft auf einen schon in Fahrt befindlichen Motorwagen der Linie 49 aufspringen. glitt jedoch vom Trittbrett herab und kam mit dem linken Arm unter den seitlichen Schutzrahmen zu liegen. Der Wag-n mußte angehoben werden. Tie Verunglückte wurde in besinnungslosem Zustande hervorgezogen. Man schaffte sie nach der Unfallstation in der Gandystraße, wo der Arzt mehrere Armbrüche, sowie schwere innere Verletzungen feststellte. In fast hoffnungslosem Zustande wurde die Bedauernswerte nach dem Rudolf-Virchow-Krankcnhaus übergeführt.—.„.. Vor dem Hause Neanderstr. 19 geriet am Dienstag gegen 1 Ubv mittags der dreijährige Knabe Willi Botz, Neanderstr. 19 bei seinen Eltern wohnhaft, unter den Vorderperron des Motorwagens 2964 der Linie 11 und kam vor den Schutzrahmen zu liegen. Das Kind trug bei seinem Unfall Hautabschürfungen an der Stirn, sowie am rechten Bein davon und konnte in die elterliche Wohnung geschafft werden. Zwei Personen vom Blitz erschlagen. Ueber Berlin und seine Umgebung zogen am Dienstag und Mittwoch heftige Gewitter herauf, dem mehrere Menschen zum Opfer gefallen sind. In einer Kolonie in der Sccstraße wurde am Dienstag der zwölf Jahre alte Schüler Mandel aus der Hochstetter Straße von einem Blitzschlag getroffen und auf der Stelle getötet. Ein anderer Knabe, der dicht U&cj«iW«M W der re�W LörszerM«, Eine entsetzliche Szene spielte sich in einer LauVenIolonIe Mi Nonnendamm ab. Dort befand sich eine Frau mit ihren vier Kindern in einer noch im Bau begriffenen Laube, als das Gewitter heraufzog. Die vier Kinder versteckten sich unter einigen Kisten. Plötzlich schlug ein Blitz in die Laube. Die Frau wurde getroffen und war sofort tot. Eine teure Bekanntschaft machte der Ingenieur St. aus Groß Lichterfelde. Bei einem nächtlichen Bummel durch Berlin besuchte St. auch ein Tanzlokal in der Friedrichstadt, wo er ein hübsches junges Madchen, das anscheinend der Halbwelt angehört, kennen lernte. Er begab sich mit ihr in ein Weinrestaurant, und von dort verschwand die holde Begleiterin ganz plötzlich. St. wurde jetzt mißtrauisch, und nun entdeckte er zu seinem Schreck, daß ihm die goldene Uhr nebst Kette im Werte von S00 M. fehlte. Das junge Mädchen hatte ihm das Wertstück, das noch ein Andenken vom Pater des St. war, unbemerkt gestohlen. Berliner Adreßbuch. Der Nachtrag zum Jahrgang 1911 ist soeben erschienen und gelangt von heute an zur Ausgabe. Derselbe enthält alle seit Erscheinen der Hauptausgabe angemeldeten Ge schäftseröffnungen und Geschäftsverlegungen sowie die Wohnungs und Grundbesitzveränderungen und bildet somit eine wesentliche Bereicherung des Jahrganges 1911. Der Nachtrag wird allen Ab nehmern des diesjährigen Adreßbuches in der Haupt-Expedition des »Berliner Lokal-Anzeigers", SW. Zimmerstr. 36— 41, und in dessen sämtlichen Filialen bis Ende Mai d. I. unentgeltlich verabfolgt. Aus dem Urbanhafen gelandet wurde die Leiche deS 31 Jahre alten Kutschers Emtl Brauer aus der Pannicrstraße 17 zu Rixdorf, der seit dem 1. Mai verschwunden war. Brauer war bei der Müll> abfuhr beschäftigt und ein nüchterner Mensch. Am 1. Mai ist er abends mit mehreren Arbcitsgenossen noch zusammen gewesen, wahrscheinlich ist er dann, nachdem er sich von ihnen getrennt hatte, verunglückt. Zum Selbstmord hatte Brauer keine Veranlassung, da er in geordneten Verhältnissen und in glücklicher Ehe lebte. Wegen einer großen Gasexplosion wurde gestern vormittag um lO'/g Uhr die Charlottenburger Feuerwehr nach der Motzstr. 21 am Nollendorfplay alarmiert. Als die Ortsfeuerwehr dort ankam, stand im Erdgeschoß ein Laden vollständig in Flammen. Die Gas- explosion war in dem Jnstallationsgeschäft von M. G. Groß an« geblich durch Unvorsichtigkeit entstanden und hatte gezündet. Fenster und Türen waren demoliert. Durch kräftiges Wassergeben gelang eS eine weitere Ausdehnung des Brandes zu verhüten. Personen sind ernstlich nicht verletzt, sie kamen mit dem Schrecken davon. Der große Laden ist ausgebrannt, der Schaden soll erheblich sein. Ein Pistolenduell in der Jungfernheide. Gestern früh standen sich dort mit der Pistole in der Hand gegenüber der Frhr. Oswald v. Richthofen, Reserveoffizier eines hiesigen Garde-Kavallerie- regiments, und der in Sportkreisen bekannte Wilhelm v. Gaffron. b. G. wurde schwer verwundet und in das nahegelegene Paul- Gerhardt-Stift übergeführt, wo er nach einigen Stunden seinen Verletzungen erlag. Die Veranlassung zu der Angelegenheit soll in tätlichen Angriffen zu suchen sein, welche der Gefallene dem Frhr. v. R. zugefügt hatte. Frhr. v. R. ist ein Sohn des ver- storbenen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Frhr. Oswald v. R. Das Polizeipräsidium teilt mit: Am 6. Mai 1911, vormittags 4 Uhr, erschoß sich im Tiergarten, in der Nähe des Brandenburger Tores, ein ungefähr 45 Jahre alter Mann, zirka 1.70 Meter groß, mit blondem Haar und Schnurrbart, defekten Zähnen, schwarzem steifen Hut, grau und braun karriertem Jackett und Weste, schwarzen Hosen, schwarzen Schnürstiefeln, grauen Strümpfen. Derselbe soll mit einem Händler Ziebach, welcher im GewertschaftShause Engelufer 15 gewohnt haben soll, identisch sein. Zweckdienliche Angaben über die Persönlichkeit nimmt der 11. Kri- minalbezirk, Zimmer 499 III, sowie jedes Polizeirevier zu Nr, 2139 IV. 65, 11 entgegen._ Vorort- Nachrichten* Schoueverg. Eine Kesselexplosioo, die in weiter Umgegend verspürt wurde. fand am Montag nachmittag gegen 4 Uhr im städtischen Pumpwerk in der Speyerer Straße statt. Die beiden großen zusammen- geschlossenen in, Keller tätigen Preßluftkessel explodierten aus noch unbekannter Ursache. Die ungefähr 100 Zentner schweren Kessel wurden aus dem Fundament herausgerissen und fast drei Meter weit geschleudert. Auch die Rohrleitungen wurden abgerissen; einige Eisenstücke flogen durch den gewalligen Druck bis 10 Meter weit. Menschenleben sind hierbei nicht zu Schaden gekommen, da Heizer und Maschinisten anderweitig beschäftigt waren. Der Betrieb erleidet keine Unterbrechung. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich am gestrigen Mittwochnachmittag gegen 4 Uhr an der Ecke des Kaiser-Wilhelm Platzes und der Kolonnenstraße. Dort versuchte der 18 jährige Uhrmachergehilfe Oskar Hoffmann. Akazienstratze 7 wohnhaft, auf einem Zweirade unmittelbar vor dem herannahenden Straßenbahn- wagen Nr. 9 der Linie V Michtung Rixdorf) das Gleis zu kreuzen. Er wurde jedoch von dem Bohnwagen erfaßt und umgestoßen. Hoffmann, der einen schweren Schädelbruch erlitten hatte, wurde nach der Hilfswache in der Borbergstraße und von dort mittels Krankenautomobils der Feuerwehr in hoffnungslosem Zustande nach dem Schöneberger Krankenhause übergeführt. Charlottenburg. Ein tödlicher Straßenbahnunfall ereignete sich am Dienstag- abend gegen'/zlO Uhr an der Ecke der Johann-Friedrich- und Gervinusstraße. Dort versuchte der Radfahrer Georg Dühring, Sesenheimer Straße 3 wohnhaft, mit seinem Zwcirad unmittelbar vor einem Motorwagen der Linie 3 das Gleis zu passieren, wurde jedoch von dem Straßenbahnwagen erfaßt und so heftig zu Boden geworfen, daß er außer einem doppelten Oberschenkelbruch schwere innere Verletzungen erlitt. Der Verunglückte wurde nach dem Krankenhause Westend geschafft, wo er jedoch gegen 11 Uhr verstarb. Tod durch Ucberfahren. Gestern morgen fuhr an der Ecke der Niebuhr- und Leibnitzstraße der 25 Jahre alte Schlosser Karl Heide- bring, der auf einem Zweirade saß. mit einem Kraftwagen der Charlottenburger städtischen Straßenreinigung zusammen. Heidebring stürzte zu Boden und wurde überfahren. Man trug ihn nach einem in der Nähe befindlichen Schuppen der Straßenreinigung, wo ein herbeigerufener Arzt nur den bereits infolge Verletzung des Gehirns eingetretenen Tod feststellen konnte. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Eltcrnverein für freie Erziehung. Sonntag, den 14. Mai, findet ein Familienausflug nach dem Grunewald statt. Treffpunkt nach- mittags 2 Uhr pünktlich vor dem Bahnhof Eichkamp; für Nachzügler "/......""-_. Dem Führer des Wagens war es auch der Kürze der Zeit wegen f nicht mehr möglich, den Wagen herumzureißen, dann aber auch des loegen nicht, weil er auf der einen Seite in den Lastwagen, an der anderen Seite in die Elektrische geraten wäre. Der Wagenführer bestreitet auch nach dem beklagenswerten Un- glück sich aus dem Staube gemacht zu haben, er habe vielmehr noch längere Zeit auf der Unglücksstelle verweilt und sich Zeugen des Vorfalles notiert. Steglitz. Ein schwerer Bauunfall ereignete sich auf einem Neubau in der Rotenburgstr. IS. Dort brach eine zu schwache Betondecke infolge zu großer Belastung durch und verletzte den Arbeiter Julius Schultz aus Lankwitz so schwer, daß er nach kurzer Zeit starb. Der Bau wurde von der Polizei gesperrt. Ober-Schöneweide. Der hiesige katholische Arbeiterverein hat in einer außerordend lichen Mitgliederversammlung den Sozialismus durch zwei Geist liche und einen Arbeitersekretär totteden lassen. In bekannter Manier wurde vor dem Zulunstsstaate graulich gemacht unter Hin weis auf die„Eintracht und Brüderlichkeit", welche bei den Auseinandersetzungen zwischen den Führern der Sozialdemo kratie schon jetzt herrsche; als ob die Herren Referenten noch gar nichts an den Umgangsformen in ihrer Partei studiert haben— siehe gewisse Kaplansblättchen und Roheiten gegen sozial- demokratische Agitatoren in den Domänen der Katholiken. Speziell einem der Referenten wird es ja noch in Erinnerung sein, daß er es nicht verschmähte, sogar in einer Grabrede und am offenen Grabe in einer Art und Weise über die Sozialdemokratie Herzu ziehen, welche bei allen Leidtragen lebhaften Unwillen hervorrief.— In der Versammlung spielten auch die alten Ladenhüter über das Verhalten unserer Partei zu den Versicherungsgesetzen wieder eine Rolle; man vergaß, wie dies ja auch nötig ist. um Effekt zu machen, zu erzählen, aus welchem Grunde die Sozialdemokratie teilweise dagegen stimmte, und daß es ausgerechnet das Zentrum war, welches gegen das Jnvalidenversicherungsgesetz stimmte, weil es ihm zu weit ging. Wie sagte doch der verstorbene Dr. Sigl über das Zentrum:„Sie lügen wie die Teufel und schwindeln au» Prinzip." Ihren gläubigen Schäfchen können sie'S ja erzählen. Strausberg. Das Gerücht von eiuem Morde durcheilte vorgestern nachmittag Strausberg. In der Nähe der Rennbahn fand ein Arbeiter die Leiche eines etwa 20jährigen Mädchens. Die Tote, eine Blondine, lag mit dem Gesicht auf dem Erdboden, so daß ein Verbrechen ver- mutet wurde. Es scheint jedoch, daß das junge Mädchen, deren Personalien übrigens bisher nicht festzustellen waren, Selbstmord verübt hat. Schöneiche bei Zossen. Zum ersten Male ist es der Sozialdemokratie gelungen, auch am hiesigen Orte in einer Volksversammlung mit der Einwohnerschaft Fühlung zu nehmen. Etwa 150 Personen hatten sich am Sonntag im Lokale von Ewald Marbeck eingefunden, um einem Referat des Genoffen Störmer- Berlin über die Lasten der werktätigen Be-, völkerung zuzuhören. Der Beifall, der dem Referenten gezollt wurde, bewies, daß er den Versammellen aus dem Herzen gesprochen hatte. In der Diskussion sprachen noch Jrmschack- Mittenwalde, R i b b e ck e- Klein-Besten und M i s ch k e- Josten. Alle Redner übten an den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen herbe Kritik. Weihensee. Dcnkmal-DalleS. Der Vorfitzende des Königin-Luise-Denkmal« komitees gab in der Bürgervereinsversammlung bekannt, daß zu dem zu errichtenden Denkmal, daS etwa 10 000 M. erfordert, erst 3000 M. eingekommen seien. Eine alte Dame habe zwar den sehlenden Betrag zeichnen wollen, dafür habe sie jedoch einen Orden beansprucht. Dieses Ansinnen hat das Komitee dankend ablehnen müssen,.weil man doch keinen Ordensschacher treiben wolle. Es wurde bitter beklagt, daß in der Bürgerschaft so wenig Interesse für die Errichtung deS Denkmals vorhanden sei. Wenn nichts mehr helfe, dann müsse man sich an Berliner Jnterestenten wenden; man könne doch dieses Projekt nicht mehr fallen, lassen. Dieses Beispiel beweist wieder einmal, daß das honette Bürgertum nur in Patriotismus und Baterlandsschwärmerei macht, wenn'S nichts kostet. Wenn aber eine nennenswerte Summe geopfert wird, möchte man auch gleich so einen kleinen Piepmatz haben. Hierauf war sogar die betreffende alte Dame ganz wild. Sachsenhausen. Einen recht regen Besuch wies die am Sonntagnachmittag auf dem Hofe des Gastwirts Woelfke stattgehabte Volksversammlung auf, in der Genosse Fritz Düvell ein wirkungsvolles Referat über die gegenwärtige politische Situatton hielt. Einer der an- wesenden Gendarmen hatte alle Hände voll zu tun, um die noch nicht 18 Jahre alten Bersammlungsbesucher vom Hofe zu entfernen. Vor Schluß der Versammlung gedachte Genosse Schumann des Hin siandes, daß fast ein halbes Menschenalter verflossen sei, seit die Sozialdemokratie mit den Wählern Sachsenhausens durch das Statt- finden einer Versammlung in Berührung treten konnte. Pflicht der Arbeiterschaft sei eS nunmehr, den Wirt, der der Sozialdemokratie sein Grundstück für die Abhaltung einer Versammlung zur Ver- fügung gestellt habe, nach Kräften zu unterstützen. Mit einem be- geistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie schloß der Vorsitzende die Versammlung. Eine Anzahl Besucher meldeten ihren Beitritt in den Wahlverein an. Spandau. Dem Verdienste seine Krone. Zum Geheimen RegientngSrat ist der hiesige Oberbürgermeister Költze avanciert. Verdient hat sich Herr Költze diese Beförderung. BandalismuS in ewem Pariser Museum. Ein etwa 30jähriger Mann riß am Dienstag im Arn'.kensaäl deS Louvre in Paris eine Aeskulap darstellende Statuette vom Sockel, die beim Sturz in Stücke zerbrach.� Von einem Wächter festgenommen, erklärte er, er habe die Tot verübt, um sich verhaften zu lassen. Er habe übrigens einige Minuten vor- her ein Bild mit einem Rasiermesser durchschnitten. Es wurde tatsächlich festgestellt, daß ein von ihm bezeichnetes, aus Holz gemaltes Porträt Michelangelos mit einem Messer mehrfach geritzt war. Die Polizei ermittelte, daß der Täter ein gewisser Vigouroux ist, der bereits mehrfache Borstrafen verbüßt hat. Er ist wahrscheinlich geistesgestört. Gegen den Zopf. Durch ein Edikt des chinesischen Ministers des Aeußeren ist angeordnet worden, daß die chinesischen Diplomaten im Auslande nicht verpflichtet find, die chinesische Tracht und den dazu ge- hörigen Zopf zu wagen. Vielleicht macht die preußische Regierung sich die verständige Neuerung zu eigen und läßt auch den preußischen Bureaukratenzopf endlich verschwinden. Waldbrände in Nordamerika. Eine große F e u e r s b r u n st ist in den Staaten Northern M a n i t o b a und SaSkatschewan ausgebrochen; die großen Waldungen dieser Gebiete stehen in Brand. Der Brand wütet na- mentlich zu beiden Seiten der Canadian Northern Eisenbahn. Mehrere Städte sind ernstlich bedroht, namentlich D u p h i n und Swanriver, letztere Stadt in Northern Manitoba. Der Prinz- Albert- Distrikt in Swanriver mit seinem herrlichen Park bildet ein großes Flammenmeer. Große Quantitäten vertrockneten Laubes wagen zur Ausbreitung der Feuersbnmst bei._ Versteuerung des Patriotismus. Daß der Fiskus eine Steuer für ein Krieger« denkmal verlangt, dürfte Wohl mancher nicht für möglich halten, ist aber doch Tatsache, wie in der Abgeordnetenversammlung des Verbandes der Krieger- und Landwehrvereine des Kreises Solingen sStadt und Land), die am letzten Sonntag stattfand, fest- gestellt wurde. Kommerzienrat Römer in Bergisch-Neukirchen schenkte dem dortigen Krieger- und Landwehrverein die Summe von 10 000 M. zur Errichtung eines Kriegerdenkmals für die gefallenen und später verstorbenen.Krieger. Der Steuerfiskus verlangte nun von dieser Stiftungssumme 5 Proz.(!!!), also 5 0 0 Mark. Der Einspruch hiergegen blieb bisher erfolglos, weshalb der Verein den Beschwerdeweg beschritten hat. Der Fiskus ist also dabei, den Kriegervereinlern den Patriotismus auszutreiben. Wir haben natürlich gegen die Erhebung dieser Steuer nichts einzuwenden. Wenn man eine Webrsteuer verlangt, weshalb sollte man dann nicht auch eine Patriotensteuer verlangen. Kleine Notizen. Die Mutter ermordet. In Köln wurde gestern die Witwe Held in ihrer Wohnung erdrosselt aufgesunden. Täter ist der verhaftete Sohn, der bei seiner Vernehmung angab, daß er seine Mutter ermordet hatte, weil sie ihm 10 000 Mark zur Heirat verweigerte. Schweres Grubenunglück. Auf dem Andreasflöz der Konkordiagrube bei Zabrze wurden durch Zubruchgeben einer Swecke sechs Mann verschüttet. Drei Häuer wurden getötet und ein Mann schwer verletzt. Zwei Schlepper wurden unverletzt geborgen. Explofion eines Freiballons. Ein am Dienstag vormittag in Gersthofen bei Augsburg mit drei Insassen aufgestiegener Ballon explodierte nachmittags, als er zwischen Göppingen und Rechberg landen wollte. Die Ballonhülle wurde vernichtet. die Insassen blieben unverletzt. Die Ursache der Explosion ist unbekannt. 10 Millionen venintteut. Der wegen Unterschlagung von nahezu zehn Millionen Frank angeklagte frühere Direktor der LiquidationSkaffe in Havre, Juhel. ist vom Pariser Schwur« gericht zu fünf Jahren, der Mitangeklagte Justin zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. - bis 3l/z Uhr in der Försterei Eichkamp. Der Vorstand. Wilmersdorf. Zu dem Unglücksfall, der mit dem Tode eines Kindes endete. und über den loir in der Dienstagsnummer� berichteten, wird uns von dem Chauffeur des Automobils auf Grund von schriftlichen Zeugenaussagen folgende Darstellung des Vorfalles gegeben: Zwischen der Badenschenstraße und Wilhelinsaue fuhren am Sonnabend nachmittag drei Lastwagen hintereinander. Das Auto mußte infolgedessen zum Teil aus den Schienen fahren, um an den Wagen vorbeizukoinmen. Unterdessen kam von der entgegengesetzten Seite die Elektrische. Als das Auto sich dem ersten Lastwagen genähert hatte, kamen von der rechten Seite zwei Mädchen, um kurz vor den Pferden des Lastwagens über den Weg zu laufen. In demselben Augenblick kam das Auto und das eine Kind geriet unter die Räder. Der Führer des Aulos konnte die Kinder vorher wegen der Lastwagen nicht sehen und blitzartig spielt« sich daS Unglück ab. Jugendveranstaltungen. Schöneberg. Freitag, den 12. Mai, von abends 7ff, Uhr an: Unter haltungSabmd bei Pojchmann, Vorbergstr. S. Der Ausschuß. Eue aller Alelt. Brand eines Chcatcrs in Edinburgk. Acht Menschen umgekommen. Eine schwere Brandkatastrophe hat am Dienstag abend das Empire Patare-Theater in Edinburgh zu einem Teile vernichtet. In den Flammen, die sich mit rasender Geschwindigkeit verbreiteten, sind mehrere Künstler des Varietös umgekommen. Bisher wurden acht Leichen aus den Trümmern geborgen. Außer- dem ist eine größere Anzahl dressierter Tiere dem Brande zum Opfer gefallen. Das Feuer brach gegen Schluß der Vorstellung auf offener Bühne aus. Das Publikum glaubte zu- nächst, daß der sich entwickelnde Ranch künstlich erzeugt sei und zu dem Feuerwerk eines Darstellers gehöre. Erst durch das Niederlassen des eisernen Vorhanges wurde» die Zuschauer auf die drohende Gefahr aufmerksam. Einige brennende Draperien, die unter den eisernen Vorhang geraten waren, verhinderten, daß dieser bis zum Boden herunterging. Dicke Rauchwolken drangen in den Zu- schauerraum. Wilde Verwirrung herrschte, als die Angestellten des Theaters und die Feuerwehr versuchten, die Flammen zu unter- drücken. Schauspielerinnen im Kostüm stürzten auf die Straße, andere blieben in den Ankleidezimmern; obwohl die Flammen sie nicht erreichten, wurden einige vom Rauch erstickt.— Bis- her konnte noch nicht festgestellt werden, ob auch Zuschauer mns Leben gekommen sind, ebensowenig ist die Ursache deS entsetzlichen Brandes bekannt. Briefkasten der Redaktion. Die lnrlftllche Sveechstuade findet Linden st ratze SS,»ora vier Treddea Satzrftnhl—, wochentSgltch«UN 4� bis Tb Uhr adeodS, SounadendS vo» 4 Vi bis 6 Uhr abeodS statt. Jeder skr den Brieftasten bestimmten Antrage ist ein Buchstabe and eine Zahl als Mertjcichcn deiznikgeu. Briefliche Antwort wird nicht erteUt. Eilige Fragen trage mau in der Evrechftunic vor. H. I. 35. An einen beliebigen Notar.— P. 10. Reklamieren Sie. ffl. M. III. Wiederholen Sie Ihre Anfrage und geben Sie noch an, welche Tätigkeit Sie ausüben.— A. W. 44. Die Klage muß durch einen Rechtsanwalt beim Landgericht erhoben werden.— M. H. 14. Der Antrag ist binnen Jabressrist nach der Verheiratung zu stellen.— F. B. 100. 1. Nein. 2. Weiterversicherung ist ratsam. Die Frist beträgt ein Jahr. 3. Nur dann, wenn daS Mädchen minderjährig war, keinen Erwerb hatte und das Geld zum Unterhalt verwendet ist.— H. O. 300. 1. Sie sind noch zahlungspflichtig. 2. Fordern Sie vom Eigcnttinrer Freigabe deS Durchganges: eventuell klagen Sie.—