Nr. 115. nbonnementS'ßedlngfingtn: Abonnements- Preis pränumerando? «ierteljährl. 3,30®ir., monofl. 1,10 Mk, «vöchentlich 28 Psg. frei ins HauS. Einzelne Nummer K Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" Kl Pfg. Poll. tlbonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, ""nänien, Schweden und die Schweiz, 28. Jahrg. Die InlertionS'Gcbilbr tetrigt für die sechsgespaltcne Koloncl- Peile oder deren Raum VO Pfg., für politische und aewerlschastliche Bereins- und Bersammlungs-Anzeigeii 30 Pfg. „Klcsne Hnzefgen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. fzulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstcllenan- zeigen daS erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- staden zähle» für zwei Worte. Jnseraia für die nächste Nummer müssen bis r> I m"M' M I Uta Crtttlnt tZgll» aofitr montags. Berliner Volksblnkl. Zentralorgan der fozialdcmokrati feben parte» Deutfchlanda. Telegramm-Adresse! „Sczialdcoolirat Btrli»". Redaktion: SM. 68. Lindendtrasse 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. CinfubridKine und Koggenpreile. Die Roggenpreise zeigen seit kurzer Zeit wieder eine bedenkliche Steigerung. Als die Ergebnisse der Welternte von 1910 sich übersehen ließen, stellte sich der Preis in Berlin in den Monaten vom 1. September bis Jahresschluß auf 145 bis 148 M. Schon damals rechnete man indessen mit einem Steigen des Preises vor der neuen Ernte, denn der Börsenpreis für im Mai zu liefernden Roggen stellte sich erheblich höher, als der Preis für Loco-Ware(d. h. für sofort lieferbaren Roggen). Am 1. Oktober z. B. wurde für Loco-Ware 146 M. gezahlt, für Mailieferung 160 M. Im ersten Quartal des laufenden Jahres schwankte dann der Preis für Loco-Ware zwischen 146 und 150 M. pro Tonne, während für Mckilieferung 155 bis 158 M. gezahlt wurde. Von Mitte April macht sich eine scharfe Steigerung be merkbar: am 12. April(vor Ostern) lautete die Notiz auf 150 und bis Ende des Monats wurde der Preis auf 160 M. getrieben: jetzt schwankt er um 170 M. Als Ursache dieser Preistreiberei wurden Befürchtungen in bezug auf die kommende Ernte geltend gemacht. Nun kann man über den Ernteausfall im April höchstens dann Prophezeiungen wagen, wenn ein sehr schlechter Winter vor ausgegangen ist, wenn„Kahlfröste" die von der Schneedecke nicht geschlitzten Wintersaaten zerstört haben. Davon war aber in diesem Jahre keine Rede. Im Gegenteil, die Saaten sind gut durch den Winter gekommen, die Nachtfröste im April lvaren auch nicht besonders schlimm und haben den Getreidesaaten kaum irgendwo Schaden zugefügt. Geklagt wird einzig stellenweise über den„Mäusefraß": der gelinde Winter bewirkte, das; hier und da die Feldmäuse sich stark vermehrt und die Saaten geschädigt haben, so daß Felder umgepflügt werden müssen. Im allgemeinen scheinen aber die Umpflanzungen nicht besonders erheblich zu fein, beson dcrs im Osten, dem Hauptproduktionsgebiet für Roggen. Auf der anderen Seite war die Witterung für die Bestellung der Sommersaaten sehr günstig: die Pflüge kamen rechtzeitig ins Feld, es fehlte weder an Regen noch an Wärme. Jeden falls liegen bisher normale Verhältnisse vor und gerade des halb ist jede Prophezeiung über die kommende Ernte müßig: es kann ebenso gut ein sehr fruchtbares Jahr, wie ein Hungerjahr werden. Von geradezu überwältigender Komik ist es deshalb, wenn man im Börsenblatt liest:„15. Mai, die Stimmung am heutigen Markt war schwankend. Zu Beginn erfuhren die Preise eine Ermäßigung infolge des hier eingetretenen Regens und der niedri- geren ausländischen Notierungen."„Des hier eingetretenen Regen" ist gut! Wenn es auf den Berliner Asphalt trippelt, haben die Börsianer„Stimmung" ü I a b a i s s e, wenn nicht — ä la Hausse. Dieweil aber auf dem Asphalt kein Roggen wächst— und in Ostpreußen, Pommern, Posen, Schle- fien die Witterung ganz anders sein kann, als es die Bör- fianer beim Gang nach der Burgstraße spüren, ist diese „Stimmung" im Zusammenhang mit dem„hier eingetretenen Regen" einer der faulsten von allen faulen Börsenwitzen. Schlauere Leute machen daher lieber die„Stimmung" ab- hängig von Wetterberichten aus Rußland. Indessen ist es auch damit nicht weit her, denn um die Situation genau zu beurteilen, müßte man wenigstens aus verschiedenen Teilen Rußlands glaubwürdige Berichte haben und die gibt es nicht. Die Saatenstandsberichte Rußlands aber sind längst zum Ge- fpött geworden, weil sie einfach im Finanzministerium fabri- ziert werden und nicht den Stand der Saaten, wohl aber die augenblicklichen Wünsche des Ministeriums widerspiegeln: steht Rußland vor einer Anleihe, sind die Saaten wunder- fchön, wünscht der Minister einen hohen Wechselkurs, der von hohen Getreidepreisen abhängt, so sind die Saaten mise- rabel. Mit einem Worte: über die Ernteaussichten in den beiden Hauptproduktionsgebieten des Roggens läßt sich zur- zeit noch gar nichts sagen und was in den Börsenberichten darüber steht, ist nur Vorwand. Tagegen gibt es einen Faktor, der zurzeit entscheidend ist für die Preisgestaltung, das ist der t a t s ä ch l i ch e V 0 r- r a t a n G e t r e i d e. Bei Weizen komnit dabei die Lage des Weltmarktes in' Betracht. Weil nämlich in London, Liver- Pool, Amsterdam und Antwerpen stets größere Weizenmengen lagern, die in kurzer Zeit auf den deutschen Markt geworfen werden können, so haben die Händler damit zu rechnen. Ueber diese Vorräte ist man auch stets ziemlich gut infor- miert, da an diesen Stapelplätzen eine zuverlässige Statistik geführt wird. Anders ist es mit Roggen. Hier kommen nur die Vorräte in Betracht, die in Deutschland und in Rußland lagern und über die besitzt man gar keine Berichte. Außer- dem liegen aber die DiflW so, daß. lvenn in Deutschland Mangel an Roggen fühlbar wird, stets eine ziemlich lange Zeit siergeht, ehe von den russischen Stapelplätzen, die zum Teil sich im Binnenlande befinden(Jeletz, Rhbinsk, RoShaw usw.). Roggen herbeigeschafft werden kann. Tatsache ist indessen, daß der deutsche Markt systematisch in künstlicher Weise von Roggen entblößt wird infolge des Systems der Einfuhr- scheine. Dieses System bildet ja einen unmittelbaren Anreiz zur Aussuhr. Solange nämlich der Preis im Jnlande nicht um den vollen Zollsatz von 50 M. pro Tonne höher ist, als der PreiZ im Auslände zuzüglich Fracht, wird deutscher Roggen ausgeführt, weil das ein profitables und risikofreies GesiMft ist. Ein Beispiel mag das erläutern: Gesetzt, der Preis für deutschen Roggen frei Stettin sei 150 M. und die Frachtspesen von Stettin bis Stockholm stellen sich auf 3 M. pro Tonne: dann wird es lohnen, diesen Roggen nach Stockholm zu verfrachten, selbst wenn dort der Preis sich aus 110 M. pro Tonne stellt. Die Kalkulation ist: der Roggen kostet dem deutschen Exporteur frei Stockholm 153 M.: der schwedische Importeur zahlt nur 110 M., aber das Stettiner Zollamt stellt einen„Einfuhrschein" aus, lautend auf 50 M. pro Tonne, der deutsche Exporteur erhält also in Wirklichkeit 160 M., verdient an der Tonne Roggen glatt sieben Mark. Bei einer Schiffsladung von mehreren Hundert Tonnen jeden- falls ein profitables Geschäft. Erst wenn die Differenz zwi- scheu dem Preise an deutschen und fremden Plätzen unter Berücksichtigung der Fracht volle 50 M. beträgt, hört dieser Export auf. In der Tat wird denn auch beständig deutscher Roggen in dieser Weise verschleudert, indem die Exporteure an fremden Plätzen diesen Preis unterbieten. In neuester Zeit ist dann noch eine besondere Mani- pulation in Schwung gekommen: die Ausfuhr von Roggen in Verbindung mit dem Import von Kleie. Da nämlich Kleie zollfrei eingeführt wird, hat sich folgendes Geschäft entwickelt: jenseits der russischen Grenze, iin Polen, sind Mühlen errichtet worden, die ausschließlich Roggen aus den Provinzen Posen und Westpreußen vermählen. Die Mühlen- besitzer— es find zum Teil Deutsche— erhalten den Roggen billig, weil ja das Reich die Ausfuhrprämie in Form des Einfuhrscheines zahlt. Das vermahlene Mehl bleibt jenseits der Grenze, die Kleie geht zurück nach Teutschland. Der Preis dieser Kleie zuzüglich der Aussuhrprämie beträgt trotz der Frachten so viel, wie der Roggenpreis ausmachte, das Mehl kostet gar nichts." Eine Folge der künstlich geförderten Ausfuhr ist, daß in Deutschland selbst in den Jahren reichlicher Ernten niemals Vorräte in größerem Maße aufgestapelt werden. Ein Um- stand, der jedenfalls den patriotischen Helden zu denken geben sollte, denn er führt dazu, daß im Falle eines Krieges Hungersnot droht. Eine weitere Folge ist, daß speziell in der Zeit vor der neuen Ernte regelmäßig Mangel an Roggen sich einstellen muß. Hier wirken speziell folgende Umstände ein: die Ernte reift in Deutschland früher als in den Roggengebieten Rußlands, außerdem kommt russischer Roggen zum Teil auch spät auf den Markt. Das letztere ist erklärlich, wenn man bedenkt, daß die russischen Landstraßen zumeist in trostlosem Zustande sind und im Herbst, wenn sie vom Regen aufge weicht, mit Lastwagen überhaupt nicht zu passieren find. Des- halb muß der Bauer mit der Lieferung warten, bis Frost eingetreten ist. Dann kommt das Getreide an die russischen Märkte, aber da auch die Flüsse zugefroren sind, kann es nicht weiter, in die Häfen, verfrachtet werden. So erklärt sich, daß in der ersten Hälfte des Erntejahres die Zufuhr von Roggen nach Westeuropa sich in mäßigen Grenzen hält und erst im März und April lebhafter wird. Deshalb wird im Herbst und Winter deutscher Roggen nach Skandinavien, der Schweiz, Belgien und Holland ausgeführt, er beherrscht bis zu einem gewissen Grade den Markt. Dieses ausgeführte Korn fehlt dann aber im Mai, Juni und Juli auf den deutschen Märkten, die Nachfrage wird dringend, der Preis schnellt in die Höhe. Bemerkenswert ist, daß die russischen Exporteure jetzt auch beginnen, diese Marktlage auszunützen: sie halten im März und April mit der Ware zurück, um die künstlich geschaffene Leere des deutschen Marktes auszunützen. Die russische Re- gicrung kommt ihnen darin entgegen, indem sie die Banken veranlaßt, möglichst hohe Darlehen gegen Verpfändung der Getreidelager zu gewähren. Im vergangenen Jahre ist aller- dings diese Manipulation mißglückt: im April begann der Weizenpreis zu sinken, weil die Lager in Europa überfüllt waren: dadurch wurde auch der verpfändete Weizen in Ruß- land entwertet, die Banken wurden unruhig, kündigten die Darlehen, und die Händler mußten nun Hals über Kopf so- wohl Weizen als Roggen verkaufen und der Preis wurde dadurch auch in Deutschland im Mai gedrückt. Darauf hat dann der Finanzminister angeordnet, daß in diesem Jahre die Staatsbank sich in ganz hervorragendem Maße an diesem Lombardgeschäfte beteiligt und durchhält: der Erfolg ist, daß seit dem Steigen der Preise in Deutschland russischer Roggen durchaus nicht, wie man es ohne diese Lombardierung hätte erwarten müssen, auf den Markt drückt: die russischen Händler warten, bis sie noch höhere Preise diktieren können. Deshalb lauten eben auch die Nachrichten über die Saaten aus Nuß- land jetzt so trübe! So werden die Verbraucher in Deutschland zwischen zwei Feuer genommen: in der ersten Hälfte des Erntejahres wird Roggen aus Deutschland ausgeführt, weil die deutsche Re- gierung Ausfuhrprämien zahlt: so wird der Preis gesteigert; in der zweiten Hälfte des Erntejahres entsteht Mangel, aber der russische Roggen kommtnicht ins Land, weil die russische Regierung ihren Händlern hilft, die Lage auszunützen. Das ist der Grund, warum trotz der reichen Ernten der letzten Jahre der Roggenpreis im Laufe einiger Wockjen von 150 auf 170 M. emporschnellen konnte und vielleicht noch weiterhin steigen wird bis zur neuen Ernte. Wie reich die Ernten der drei letzten Jahre waren, er- geben folgende Zahlen: Im Durchschnitt der Jahre 1891 bis 1910 wurdest 8,98 Mill. Tvnnen Roggen geerntet, dagegen Expedition: 8Al. 68» Lindenatraose 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. 1908 10,74 Mill.. 1909 11,35 Mill., 1910 10,51 Mill. Aber während früher die Ausfuhr von Roggen ganz minimal war, wurden in der Zeit vom 1. August bis 31. März in den drei letzten Jahren ausgeführt: 1908 bis 1909 rund 653 700 Tonnen, 1909 bis 1910 484 600 Tonnen. 1910 bis 1911 634 200 Tonnen. Daß dieser künstlich erzeugte Mangel an Roggen oben- drein von Spekulanten aller Art ausgenützt wird, versteht sich am Rande. Vor allem kommt da der Maitermin in Betracht. Wie wir gesehen, wurde zu Anfang des Jahres Roggen für Mailieferung mit 155 bis 158 M. gehandelt. Die Verkäufer, die zu diesem Preis verkauft haben, müssen jetzt Ware herbeischaffen oder die Differenz zahlen. Da am Berliner Markts jetzt der Preis für Loco-Ware bereits 170 Mark ist, so haben die Verkäufer bereits eine Differenz von 12 bis 15 M. zu decken und das schlimmste ist, daß selbst zu diesem Preise effektive Ware nicht zu haben ist. Die Händler, die wirklich Roggen auf Lager haben, halten ihn zurück, weil sie darauf rechnen, den Preis noch weiter treiben zu können. Diese Lage machen sich auch die Großgrundbesitzer und die agrarischen Verkaufsgenossenschaftcn zunutze, indem sie eben- falls den Roggen zurückhalten, auf ein weiteres Steigen der Preise spekulieren. Inzwischen liegen aber die Mühlen still, weil kein Roggen vorhanden ist, und deshalb schmelzen auch die Mehlvorräte zusammen, Müller und Bäcker schröpfen die Konsumenten. So sehen die Folgen dieses infamen Wuchersystems aus, von dem Herr v. Bethmann Hollweg erklärt, daß es sich „vollauf bewährt hat". Für Agrarier und Händler ist aller- dings dieses System der Einfuhrscheine profitabel. Wie lange aber werden die Konsumenten diese Stockschläge auf den Magen noch in Geduld ertragen, ny Der neue Köllcrlturs. AuS Schleswig wird uns geschrieben: Um die dänischgesinnte Bevölkerung Nordschleswigs zu guten, vorschriftsmäßigen Preußen zu machen, haben die Behörden dieser Provinz in den letzten Wochen wieder einen schärferen Ton an- geschlagen. Die Methode Mathias v. KöllerS, die schon einmal ab- gewirtschaftct hatte, hat wieder die Oberhand gewonnen. Bon den behördlichen Gcwaltmaßregeln der letzten Wochen seien folgende verzeichnet: In Fol wurden zwei dänische Dienstmädchen ausge- wiesen, weil sie an einem Bazar teilgenommen hatten, der im dänischen Versammlungshause abgehalten wurde. Eine Frau O t t 0 s e n aus Dänemark wurde ausgewiesen, weil sie in einer Versammlung einen Vortrag rein hygienischen Inhalts gehalten hatte. Die Ausweisung soll erfolgt sein, weil eine Verordnung bestehen soll, nach der auswärtige Redner zum Reden die Erlaubnis der Regierung haben müssen, diese aber nicht eingeholt worden sei. Nun schreiben aber§ S und 12 des Reichsvereinsgesetzez die Anmeldung von Versammlungen nur für öffentliche Versamm- langen vor. Im vorliegenden Falle war die Versammlung jedoch keine öffentliche. Die Schikanierung dänischgcsinnter Personen, die man nicht ausweisen kann, weil sie preußische Untertanen sind, durch Aus- Weisung ihrer auS Dänemark stammenden Dienstboten: eine Er. findung des weiland Köllerschcn Systems, ist gleichfalls zu neuem Leben erstanden. Jn Braendstrup wurden zwei Dienstmädchen ausgewiesen, weil ihr Dienstherr im Dorfe Unter- schriften für einen Antrag gesammelt hatte, der den Kreistag aufforderte, in den Kleinbahn» wirtschaften der Kreisbahnen nur alkoholfreie Getränke zum Verkauf kommen zu lassen. Zum besseren Verständnis sei hier mitgeteilt, daß der Landrat des Kreises Hadcrsleben ein energischer Gegner dieses Bestrebens ist. Das eine der ausgewiesenen Mädchen konnte aber im Lande bleiben, nachdem es sich auf Veranlassung des Gemeindevorstehers bereit erklärt hatte, bei einem anderen Bauern, natürlich einen gesinnungstüchtigen, in Dienst zu treten. Am brutalsten und skandalösesten aber sieht die Regierung gegen die sogenannten Heimatlosen vor. Diese Heimatlosen sind die Kinder von Dänen aus dem Königreiche, die in NordschlcSwig eingewandert sind und sich hier verheiratet haben. Die Regierung verweigert ihnen fast ausnahmslos die Niederlassungserlaubnis. und wenn sie sich trotzdem verheiraten, erhalten sie die Auffordc- rung, sich von ihrer Frau zu trennen. Wenn sie daS nicht wollen, werden sie aus dem Lande hinausschikaniert oder auS» gewiesen. Das HinauSschikanicren geschieht dadurch, daß sie von einem Kreise in den anderen abgeschoben werden, bis sie schließlich dieser Hetzerei satt sind und nach Dänemark gehen, um dort ihr Brot zu suchen. Däneyiark ist aber nach einem Vertrage von 1873 nicht verpflichtet, sie aufzunehmen, so daß sie im wahrsten Sinne des Wortes heimatlos sind. Die meisten dieser Heimatloseic sind Landarbeiter. 1 Der allerneueste Fall dieser Art ist der Fall E g h 0 l m. Mads Egholm wohnte in Scherrebek und war als fleißiger und nüchterner Arbeiter bekannt. Er ist in Nordschleswig geboren und nie aus Nordschleswig herausgekommen, aber er gehört zu den sogenannten Heimatlosen. Die Niederlassungserlaubnis wurde ihm verweigert, und als er trotzdem heiratete, ging die Hetze gegen ihn loS. Als die Abschiebungsvcrsuche von einem Kreis in den anderen keinen Erfolg hatten, wurde er im April d. I. ausgewiesen. Egholm kehrte aber bald wieder über die Grenze zurück. Jetzt wurde eine Geldstrafe gegen ihn festgesetzt und er dann zum zweiten Male ausgewiesen. Er beschwerte sich und in feiner Beschwerde ersuchte er die Behörde, sie möge ihm ein Land angeben, top et sich nieder- ßfib" füt siH ifhS seine FMHIe böl Vrol bcrbTenefi köM?. Diese Beschwerde ist bis zum Oberpräsidenten hinauf abgelehnt worden. Der Obcrpräsident v. Bülow hat in seinem Bescheide an Egholm sich herbeigelassen, auch Antwort aus seine Frage zu geben, und zwar in einer Weise, die diese Antwort zu einem preußischen„Kultur''dokument ersten Ranges macht, das verdient, von der Geschichtsschreibung späteren Geschlechtern erhalten zu bleiben. In dem Bescheide heißt es nämlich: „Die Behauptung, daß es Ihnen unmöglich ist, der Aus- Weisungsanordnung nachzukommen, weil Sie keinem Staate zu- gehören, ist unrichtig. ES ist ausschließlich ihre Auf- gäbe, durch ein gesetzgemäßes Auftreten indem nichtpreußischen Staate, indem Sie Aufenthalt nehmen, zu verhindern, daß Sie zur Beschwerde fallen und daß Ihnen die Fortsetzung des Auf- enthalteS verwehrt wird. Ihre Ausweisung aus .Preußen ist rechtmäßig erfolgt." Solche Zustände herrschen jetzt wieder in Nordschleswig. Es wird wirklich Zeit, daß den verantwortlichen Behörden das Hand- werk gelegt wird, ehe sie vor dem Auslande den letzten Rest preußi- scheu Ansehens vernichtet haben, vorausgesetzt, daß Preußen einen solchen Rest von Ansehen noch vor dem Auslande besitzt. Typisch für die gegenwärtigen Verhältnisse in Nordschleswig ist auch eine Vereinbarung, die zwei so gegensätzliche Vereine wie der „Deutsche Verein für Nordschleswig" und der„Friedensverein" dieser Tage abgeschlossen haben. Der Deutsche Verein ist der un- verantwortliche Treiber des kulturschänderischen Treibens der Re- gierung,»in Hetzverein schlimmster Sorte; der Friedensverein aber hat sich die Aufgabe gestellt, durch kulturelle Mahnahmen und Ar- deit Nordschleswig mit dem Deutschtum zu durchdringen. Es ge- reicht dem Friedensverein sicher nicht zum Ruhm, wenn er einer Vereinbarung zustimmt, nach der beide Vereine sich gegenseitige Achtung und Anerkennung der selbstgewählten Aufgaben sichern und jede herabsetzende Kritik des anderen Vereins vermeiden wollen; der FriedcnSverein ferner gelobt, weder eigene Paria- mentskandidaten aufstellen, noch einen von deutscher Seite auf- gestellten Kandidaten bekämpfen zu wollen. Die Dänen Nordschleswigs werden— wie alle anderen fremd- sprachigen Elemente des Deutschen Reiches— nur bei der Sozial- demokratie Verständnis und Unterstützung in ihrem Kampfe für Erhaltung ihrer Sprache, Sitten und ihre politische Gleichberechti- gung finden."■ entlarvte„Ordnungs'MPrätorlaner. New York. 5. Mai 1911. Die bürgerlichen Blätter, welche Tag für Tag in spalten- langen Berichten über die Verhaftung und die Belastung der drei„Mörder und Dynamitarden von Los Angeles" ihren gläubigen Lesern das Gruseln vor I. I. McNamara, Sekretär des Nationalverbandes der Brückenbauer und Bau- schlosser, desien Bruder I. B. McNamara und Ortie M c M a- n i g le beizubringen suchten, schweigen sich in allen Sprachen über den weiteren Fortgang der Untersuchung aus. Um das Verfahren, welches gleich der schandbaren Willkür gegen die Genossen Moyer, Haywood und Pettibone aus dem giftigen Hasse gegen die Gewerkschaftsbewegung geboren ist und auf die Vernichtung der Arbeiterorganisationen abzielt, steht es schlecht, sehr schlecht. I. I. McNamara hat nach den„Ermittlungen" des Distriktsanwalts von Los Angeles und des würdigen W. I. ' Vurns, Inhabers der nach ihm benannten Detektiv-Agentur, die Explosion, bei welcher das Gebäude der in Los Angeles Kalifornien) erscheinenden„Times" teilweise zerstört wurde und 21 Männer ums Leben kamen, zwei Wochen lang an Ort und Stelle vorbereitet und schließlich an der Ausführung teilgenommen. Nun wurde aber festgestellt, daß der Ange- klagte zu der in Frage kommenden Zeit gar nxcht tn Los Angeles war. Privatdetektives, welche die Brüder McNamara und McManigle von Indianapolis bezw. von Detroit aus nach Los Angeles transportierten, wußten von einem umfastenden Geständnis McManigles zu erzählen. Es mag dahingestellt bleiben, öb McManigle die ihn« vielfach zugeschriebene Rolle eines Harry Orchardt, dieses berüchtigten Verbrechers und meineidigen Belastungszeugen im Prozesse gegen Haywood, spielte. Jedenfalls sah sich Burns nachträglich veranlaßt, zu erklären, daß von einem Geständnis keine Rede sein könne. Anklagebehörde und Privatdetektivs hatten Zeugen auf- getrieben, welche I. B. McNamara unmittelbar nach dessen Ankunft in Los Angeles als„Bryce" identifizierten. Ein Mann, der sich Bryce nannte, soll nämlich bei der Mcmt Powder Co. Dynamit gekauft haben, das angeblich bei der Sprengung des Gebäudes der„Times" Verwendung fand. Scheinbar stimmte alles; der Galgen schien den beiden Brii- ietn McNamara sicher. Denn an der Tatsache, daß man eS bei dem unheilvollen Ereignisse mit einer durch die ver« brecherische Nachlässigkeit des Verlags der„Times" verschul- deten Gasexplosion zu tun hat. hätte sich eine recht gesinnungstllchtige Geschworenenbank wohl kaum gestoßen. Da kam der fette Strich durch die mit teuflischer Tücke aufgemachte Rechnung. McNamara, der die Dynamit- erplosion in Los Angeles an Ort und Stelle geplant, vor- bereitet und ausgeführt haben soll, wohnte fünf Tage vorher anläßlich der Konvention der Brückenbauer und Bauschlosser noch in einem Hotel zu Rochester, New Kork. Nun ist Rochester in der Nähe des Atlantischen Ozeans gelegen, während Los Angeles nicht weit vom Stillen Weltmeere liegt. McNamara hätte einen Extrazug benutzen müssen, um während des fünf- tägigen Zwischenraumes von Rochester nach Los Angeles zu kommen. Wie steht es aber mit dem Planen und Vordere, ten des„Attentats"? Bryce wohnte die dem„Anschlag" voran- gegangenen zwei Wochen in einem Hotel garni zu Los An« geles. Er kann also nicht mit McNamara ldenttsch sein. Wie der Distriktsanwalt von Los Angeles und Agenten von Burns behaupteten, hat Frau Jngersoll, Inhaberin des fraglichen Hotel garni. in McNamara nach dessen Ankunft in der kalifornischen Stadt ihren früheren Gast Bryce wwder- erkannt. Natürlich ließ sich diese„Identifizierung" nicht auf- recht erhalten, nachdem mit Hilfe des Fremdenbuches und deS Verbandsprotokolls der Bruckenbauer und Bauschlosser nach- gewiesen worden war, daß McNamara zu der in Frage stehenden Zeit in der Tausende von(englischen) Meilen ent- fernten Stadt Rochester weilte. Frau Jngersoll bekundete benn auch, daß McNamara zwar eine nicht geringe Aehnlich- keit mit Bryce lmbe, aber wesentlich kleiner als dieser sei. Vielleicht hatten die Angaben der Frau von Anfang an nicht anders gelautet; vielleicht suchten Distriktsonwaltschast und Detektivs durch die Veröffentlichung der angeblichen Aus- iagen suggestiv auf die Zeugin einzuwirken. Wer glaubt, daß die Brunssche Detektiv-Agentur durch töwi iu£k£l isiimiü[ich jß cia�i[chwWü Irrtum. Sie fährt fort, Veweisistakeria? zll«beschaffen�. So konfiszierte sie bei der in Cincinnati wohnenden Mutter der beiden McNamara„mechanische Vorrichtungen, welche möglicherweise zur Herstellung von Höllenmaschinen verwend- bar sind." Die Privatdetektivs bringen die„mechanischen Vorrichtungen" in einem Koffer nach Los Angeles. Bis sie die kalifornische Stadt erreichen, enthält der Koffer vielleicht schon fertige Höllenmaschinen. Burns und McFarland, der seinerzeit das„Beweis- Material" gegen Moyer, Haywood und Pettibone fabrizierte, sind nicht nur gleichen Berufs, sondern auch von demselben Kaliber., Auf der andern Seite setzen die Sozialistische Partei und die Gewerkschaften ihre Vorbereitungen für die Verteidigung der Angeklagten mit unverminderter Energie fort. Samuel G o m p c r s, Präsident der American Federation of Labor, trat in Indianapolis mit anderen Gewerkschaftsführern zu- sammen, um über die Aufbringung eines ausreichenden Fonds zur Bestreitung der Kosten der teueren Verteidigung zu be- raten. Unser Genosse William Haywood richtete in einer zu St. Louis abgehaltenen Versammlung an die Arbeiter die Aufforderung, zum Ausdruck ihres Protestes gegen das schmachvolle Verfahren am ersten Tage der Haupwerhandlung gegen McNamara im ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten die Arbeit ruhen zu lassen. Während das organisierte Unternehmertum mit der Ver- Haftung und Prozessierung John I. McNamaras und seines Bruders einen vernichtenden Streich gegen die Gewerkschafts- bewegung zu führen gedachte, schließen die Arbeiter ihre Phalanx zur Abwehr des hinterhältigen Angriffs. Und der Sozialistischen Partei wurde Gelegenheit geboten, ihren Cha- rakter als Sachwalterin des werktätigen Volkes zu be- tätigen._ poUtifebe CUberHcbt» Berlin, den 17. Mai 1911. Unfallverfichernng. Aus dem Reichstag, 17. Mai. Die Fragen der Unfallversicherung, die in der gestrigen Sitzung bereits ange- schnitten waren, wurden heute weiter erörtert. Für die Sozialdemokratie kam es) noch auf die Durchsetzung einer langen Reihe von Aenderungen an. So wurde versucht, den Versicherten in den Berufsgenossenschvften eine wirkliche, von ihnen selbst gewählte Vertretung aus ihrer Mitts zu geben. Ferner handelte es sich um die Erhöhung der Unterstützungsgelder an Verunglückte, um wirklich auskömm- liche Zuwendungen zu sichern. Aber wiederum befolgten die Parteien des Entrcchtungsblocks die Taktik, die rednerischen Begründungen der Sozialdemokraten für ihre Anträge schioei- gend oder nur mit kurzen Reden zu beantworten und dann die Anträge abzulehnen. In drei nicht unwichtigen Fällen gelang es aber doch diesmal, Verbesserungen in das Gesetz hineinzubringen. In dem einen Fall handelte es sich darum, daß nach der Kommissionsfassung ein freiwillig Versicherter seinen Anspruch auf Unterstützung überhaupt verwirkt, wenn er einmal die Beitragszahlung unterfaßt. Genosse A l b r e ch t begründete einen sozialdemokratischen Antrag, daß erst nach wiederholter Mahnung der Anspruch verfallen soll. Schließlich wurde ein Vermittelungscmtrag angenommen. der eine einmalige Mahnung voraussetzt für die Ver- Wirkung des Anspruches. Dann gelang es, einen polnischen, vom Abg. K o r fa n t y begründeten und vom Abg. G o th e i n modifizierten Antrag zur Annahme zu bringen, der vorschreibt, daß die Unfall- verhlltungSvorschriftön in Betrieben, in denen mehr als 25 Arbeiter, die eine fremde Sprache sprechen, beschäftigt sind, in dieser Sprache außer in der deutschen bekanntgegeben werden wüstem Schließlich gelangte noch ein sozialdemokratischer, vöm Ge- nossen Frank begründeter Antrag zur Annahme, der Ver« letzten oder deren Hinterbliebenen auch dann die volle Verstche- rungsunterstützung sichert, wenn dem Unternehmer nicht nach- gewiesen werden kann, daß er den Unfall vorsätzlich herbei- geführt hat, während die KommisstonSfassung in solchen Fällen es den Unternehmern ermöglicht, sich auch bei Nicht- versicherten in solchen Fällen der Schadenersatzverpflichtung zu entziehen. Sonst wurden alle Anträge abgelehnt- Zkulturkampf um die Feuerbestattung. Nachdem so ziemlich alle anderen Staaten Deutschlands in der Frage der Feuerbestattung längst den einzig möglichen Standpunkt eingenommen haben, jeden nach seiner Fasson, sei eS durch Feuer, sei es durch Begräbnis, bestatten zu lassen, hat sich endlich auch die preußische Negienmg genötigt gesehen, durch ein Gesetz die fakultative Feuerbestattung zuzulassen. Um dies Gesetz nun, da» doch nur einen ganz unhaltbaren Zustand beseitigen will, ent- brannte am Mtttivoch im preußischen Junker- und Pfaffen« Parlament eine wüste KulturkampfdeSatte. Da» Zentrum gebärdet« sich, als werde durch die Zulassung der Feuerbestattung die religiöse Freiheit in der furchtbarsten Weise bedroht, als bedeute dies Gesetz einen infernalischen Anschlag der Freidenker. Freimaurer und Jakobiner, einen Todesstoß in das Herz der allein selig« machenden Kirche. Wahre Brandreden wurden von beiden Zentrums- rednern gegen das frevelhaste Sttrntut auf die religiösen Srnpfin- düngen deS Volke» gehalten. Und merkwürdigerweise waren es nicht etwa zwei Zentrums g eist! i che, die sich zum Sprachrohr der religiösen Intoleranz und unglaublichsten kulturellen Rllckständlgkeit machten, sondern zwei Juristen, die Rechtsanwälte Müller- Koblenz und B e l l« Essen. Die beiden Herren gefielen sich in einem so gespreizten Pathos und in so krampfigen Witzen, daß das HauS in die animirteste Stimmung geriet und Mehr als ein HetterkeitSsturm den Saal dnrchvrauste. Sogar die Regierung wurde von ihnen heftig angegriffen, weil sie die Kühnheit habe, ein vom Fürsten Bülow dem doch längst erledigten Blockfreisinn gegebene» Versprechen ein« zulösen. Die fadenscheinigsten kriminellen Bedenken Mußten schließ- ltch noch herhalten, um die muckerische Intoleranz der herrschenden Partei zu bemänteln, so daß sich der Jusiizminister genötigt sah. den lächerlichen Uebertreibungen der beiden ultramontanen Kämpen mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Für das Gesetz erklärten sich die Redner der Freikonservativen, Nationalliberalen und Freifinnigen. Für die Sozialdemokratie wandte sich Genosse Hoffmann mit dem gewohnten drastischen Humor gegen die hitzigen Zentrumsstrategen. Ob man von Feuer- bestattuug oder Leicheiiverbrennung spreche, sei ihm herzlich gleich- gültig. Allerdings lönne nicht vcrtauiit werden, daß das Zentrum in der Kommisfiou schon alles aufgeboten habe. um durch die unsiimigstcn und abgeschmacktesten Anträge da« Gesetz zu verunstalten und die Feuerbestattung zu verekeln. Dabei sei die Zimperlichkeit de» Zentrum» eigentlich unverständlich. Ler llkkidle Horror vor itt Einäscherung vvo öeichso berühre um so seltsamer, als doch die Geistlichkeit früher sogar in dem Btt» brennen lebender Menschen so gar nichts Anstößiges gesehen habe. Für die Sozialdemolratie sei die Feuerbestattung absolut keine Prinzipienfrage, sondern lediglich eine Frage der Toleranz und deS Kulturfortschritts. Es sei eigentlich höchst unklug vom Zentrum, sich gegen ein so unvermeidliches Zugeständnis so heftig zu sperren; während es sonst eine so große AnpassimgS- fähigleit beweise, scheine es hier wirklich den Anschluß verpaßt zu haben. Die Abstimmung wird erst am Donnerstag stattfinden, da das HauS nach der Rede Hoffmanns mit Rücksicht aus einen konser- vativen FraktionSauSflug vertagt wurde. Da außer den Frei- konservativen auch ein Teil der Konservativen für das Gesetz stimmen werden, scheint trotz des theatralischen Spektakels des Zentrums die Annahme der Regierungsvorlage gesichert zu fem. i Die Erledigung der Reichsverficherungsorduung. Die Kommission, die die Reichsversicherungsordnung vorzuberaten hatte, erhielt vom Plenum des Reichstags auch den Auftrag, den Gesetzentwurf über die Aufhebung der freien Hilfskassen und das Einführungsgesetz zu beraten. In der Mittwochsitzung der Kommission wurde von sozialdemokratischer Seite beantragt, mit Rücksicht auf die Ueberlastung der Kommissionsmitglieder die Beratung des Hilfs- kasiengesetzeS auf den Herbst zu vertagen. Die Kommission nahm den Antrag an und trat in die Beratung deS Einführungsgesetzes ein. Auf mehrfache Anfrage wurde von sozialdemokratischer Seite die Erklärung abgegeben: die sozialdemokratische Fraktion beabsichtige keine Berschleppung. Wenn nichts be- sondereS Passiere, könne die zweite Lesung der Reichsversicherungs- ordmmg noch imLaufedieserWoche erledigt werden. Diäten für die Herbstsesfion. Die Regierung besteht darauf, aus dem Reichstag und sekner Schnapsblockmajorität herauszupressen, was an volksfeindlichen Beschlüssen herauszupressen ist. Da sie aber Angst hat, daß die Abgeordneten im Herbst, wenn die Diäten erschöpft find, nicht mehr beisammen zu halten wären, so beabsichtigt sie besondere Bestimmungen für den Diätenbezug in der Herbstsesfion zu treffen. Das deutsche Volk wird also das Vergnügen haben, die Angst du Herrschenden vor den Reuwahlen noch bar zu bezahlen. Roheitsexzefse. Wenn da? so weiter geht, wird der chaublnistisch-konservative Zeitungsschwindel ihre echtrusfischen Lehrmeister bald übertroffen haben. Die»Rhein.-Westf. Ztg." verübt bei Besprechung der Jnter- pellation aus Anlaß des Falles Dubowsky folgende Niederträchtigkeit, die natürlich von Knuten-Oertel mit widerlichem Behagen nachgedruckt wird. DaS Blatt der Panzerplattenpatrioten schreibt: .Wird mit irgend einem ausländischen Kerl mit mehr oder minder roter Gesinnung, ganz besonders wenn er aus dem Osten stammt, genau nach dem Gesetze verfahren, so ist gleich unsere ganze sozialdemokratisch- freisinnige Presse in Hellem Auftuhr und die freifinnigen und sozialdemokratischen Abgeordneten verprügeln sich förmlich um die zweifelhafte Ehre, als Erste eine Anfrage darüber bei der Regierung einbringen zu können. Um Deutsche kümmern sie sich nicht, eS sind ja nur Deutsche, keineswegs so interessante Persönlich- keilen wie der Heu Montag, oder der Demetrius Dubio wSky oder Feitet.' Daß das Blatt, das bewußtermaßen beständig zum Massen- mord hetzt, um die Profite seiner Auftraggeber zu steigen', einen vereinzelten Selbstmord für eine Gelegenheit zur journalistischen Leichenschändung ansieht, ist aber nicht einmal mehr besonders erstaunlich, wenn man sieht, was der christliche.Reichsbote" zn- sammenschimpst. Da?»Blatt der Kaiserin" beginnt mit der tief- gründigen Behauptung, die.amtlichen Einrichtungen zur Sicherung der staatlichen Ordnung' flies: die Spitzel und die Kriminal- Veamten) dürften in keinem Falle für den Selbstmord DubrowSkyS verantwortlich gemacht werden, da die Motive zu diesem Schritt jedenfalls tiefer liegen müßten. Die UeberzeugungSkrast dieser Behauptung steht etwa auf derselben Höhe, wie die blödsinnige Be- hauptung der.Post', DubrowSkyS Selbstmord sei ein.Akt des Eigensinns' gewesen,.aus dem revolutionären Streben heraus, den Behörden Schwierigkeiten zu machen.' Nach diesem dummdreisten Fälschungsversuche bringt aber das fromme Blatt folgende Gemeinheit: .ES kommt gerade von Rußland genug verdächtiges Volk über die Grenze, so daß die Polizei nicht wachsam genug sein kann. Die raffiniertesten Taschendiebe, die gesähr- lichsten Mädchenhändler konunen auf diesem Wege nach Deutsch- land. und die große Schar der Anarchisten sind auch nicht gerade behagliche Gäste. Wir wissen der Polizei für ihre Wach- samkeit und Vorsicht Dank. Die von der Sozialdemokratie und dem Fortschritt geplanten Interpellationen im Abgeordnetenhause werden jedenfalls eine recht deutliche Antwort vom Re- gierungStische her finden. Unsere Universitäten sind kein Asyl für landesflüchtige Ausländer, die Unterschlupf suche» für ihre uto- pischen. eventuell gemeingefährlichen Bestrebungen.' Pfui Teufel l_ vor welchen Gefahren Prof. Schiemann Deutschland rettet. In der..Kreuzztg.' vom 3. Mai brachte Prof. Schi«mann, der weltpolitische Leitartikler des konservativen Zentralorgans und Herold des Auswärtigen Amtes, zwei Spalten über eine gefähr- liche„polnisch-katholische Aktion'. Ein Graf Or- l o w s k i habe in llö Tausend Exemplaren schon im Jahre 19!0 einen offenen Brief an die Welt gerichtet, der die Gründung einer „Ligue des UnislaveS' ankündet und als ihr Ziel die Vereinigung aller slawischen Länder zum Bundesstaat proklamiert. Obwohl sich der Graf Adam Orlowski„als Neffe der Fürstin Karoline von Sahn-Wittgenstein' einführte, hielt anfangs der vorsichtige Ber- liner Professor„das Ganze als wtsenSlosc Utopie eincS Phantasten". Aber er hat sich getäuscht— führt er weiter auS—, denn soeben erhielt er ei" zweites Opus deS gefährlichen Grafen, tn 35 000 Exemplaren gedruckt, das nicht nur die Unabhängigkeit Polen,. sondern auch die Rückgabe Elsaß-LothringeN» an Frankreich pro- klamiert. Aber mehr noch al» diese schrecklichen Ziele fiel Herrn Schicmann auf die Nerven die Erklärung de« Trafen, Kardinal V. Kopp, die Bischöfe von Münster, Freiburg und Paderborn hätten diesem Programm zugestimmt. Schicmann schloß seine Aus- führungen:„In Summa der Eindruck, den wir gewonnen haben, ist der, daß mit unredlichen Mitteln eine ungeheure(!) Reklame für eine verbrecherische Utopie gemacht wird, und wir erwarten mit Bestimmtheit, daß die genannten hohen deutschen katholischen Geistlichen sich mit aller Entschiedenheit von der Ge- nossenschaft lossagen, der man durch die Autorität ihrer Namen ein Relief gibt." Dieser Blödsinn gab weiter demselben führenden Organ der in Teutschland regierenden Partei Anlaß, am 1 2. M a i in einem Artikel üher die großpolnischc Agitation die Deutschland während eines Krieges drohenden Gefahren zu unter» suchen. Schließlich bringt Schicmann in seiner gestrigen Ueber- sicht der auswärtigen Politik die feierliche Erklärung von vier beut- scheu Bischöfen, sie hätten nichts mtt den hochverräterischen Plänen icl QijclM tf» tta vflfc« bWNMtiext kU Klllärjillg Vit folgenden Worten?«ES«st d'ieselve lNeivisseNlosigkeit und Leichtfertigkeit, die von jeher ein Charak- iteristikum der polnischen Politik gebildet hat." Für jeden, der nur die geringsten Begriffe von polnischen Per- Hältnissen hat, war es klar, daß es sich hier um irgend einen Humbug handelt, wenn nicht um ein Geschreibsel eines Verrückten; Denn erstens haben die polnischen besitzenden Klassen den Kampf um die Unabhängigkeit Polens schon lange an den Nagel gehängt, zweitens ist ein polnischer Politiker Graf Orlowski absolut un- bekannt. Wenn also Schiemann, der das gut weih, aus der Sache Kapital schlägt, um vom polnischen Hochverrat zu faseln, so bc- weist er nur„dieselbe Gewissenlosigkeit und Leichtfertigkeit, die von jeher ein Charakteristikum"... der n a t i o n a l i st i s ch c n Politik gebildet hat. Aber diese Gewissenlosigkeit sollte bestraft werden. Schon nach dem ersten Artikel Schieinanns erklärte näm- Hch der„Kurjer Warschawski", die beiden von Schiemann ange- führten Briefe stammen von einem Geistoskranken. Man sage jetzt, was von einem politischen Schriftsteller zu denken ist, der sich mit Produkten Geisteskranker wochenlang herum- schlägt, ihretwegen Bischöfe zu Erklärungen auffordert und sich als Retter Deutschlands aufspielt, weil ein Geisteskranker, in- stinktiv den richtigen Mann witternd, ihm seine Epistel zuschickt. Und man sage, was von einem führenden politischen Blatt zu denken ist. das solche Dinge druckt, ohne zu bemerken, daß das ihnen zugrundeliegende Material aus Dalldorf stammt. Entweder ist es Skrupellosigkcit oh»»->seichcn oder eben geistige Verwandtschaft. „Liberale Weltanschauung." In Nr. 16 der„J u n g,l i b e r a l e n Blätter" bersucht ein Herr R. Jonas darzutun, dah man Fragen der Sozialpolitik nicht mit parteipolitischen oder wahltaktischen Gründen beurteilen und behandeln, sondern daß man sich halten müsse an der liberalen Weltanschauung und von dieser aus das Wesen der Sozial- Politik und die Berechtigung sozialpolitischer Matznahmen beurteilen müsse. Die liberale Weltanschauung wolle das Recht der Persön- lichkeit, die Möglichkeit der Entwickelung zur Persönlichkeit, die moderne Arbeiterfürsorge aber trage die Abstumpfung und Nivellierung persönlicher Werte und Eigenarten in sich. Daraus ergibt sich für den jungliberalen Weltanschauungs- und Sozialpolitiker, „wie sehr heute die bei uns gepflogene Sozial- Politik mit der liberalen Weltanschauung kolli- d i e r t, wie im besonderen die Persönlichkeitsfrage, die in nicht mehr ferner Zeit den Brennpunkt des politischen Jdeenkampfes bilden wird, unvereinbar ist mit der bei uns üblichen Art und Form der Fürsorgepolitik". In Nr. 18 des jungliberalen Organs kommt ein anderer, Dr. Kaufmann(Stuttgart) zu ganz entgegengesetzten Ergebnissen. Er forde r-t Sozialpolitik gerade aus den Grund- sähen der liberalen Weltanschauung heraus, der Liberalismus muh Sozialpolitik machen gerade für Erreichung feiner Endziele, und nach diesem Jungliberalen widerspricht das, was bisher in Deutschland an sozialpoli- tischen Gesetzgebung geleistet worden ist. grund- fätzlich in keinem Punkte liberaler Welt- anschauung, das könne man weder von der Arbeiterschutzgesetz- gebung noch von den Arbeiterversicherungsgesetzgebung auch nur mit einem Schein von Recht behaupten. Mit Recht und Stolz dürfe sich der Liberalismus sagen, dah seine Wege in der Sozialpolitik die richtigen seien; st« kommen aus den besten humanen Ueberliefc- rungen seiner Vergangenheit, sie erfüllen die Bedürfnisse der'Gegen- wart und sind die Bürgschaft einer erstrebenswerten Zukunft. In derselben Nr. 13 beweist ein dritter Jungliberaler, daß es eine liberale Weltanschauung gar nicht gibt, dah sich die nationalliberale Partei auf eine bestimmte Weltanschauung gar nicht festlegen könne und dürfe. Der Verfasser schreibt:„Was heißt überhaupt liberale Weltanschauung? Ich habe diese Frage hunderte Male an Parteigenossen gerichtet, die das Wort bei ihrer politischen Unterhaltung hinter jeder blauen Wolke ihrer Zigarre hergeben, und habe niemals eine bestimmte Antwort erhalten. Es ist in der Tat ein ganz nebelhafter Begriff und um so gefährlicher, als er die reinen Linien unseres Parteigebildes verschleiert." Wer mag nun recht haben von den Dreien? Derjenige, der stuS Gründen der liberalen Weltanschauung die Sozialpolitik ver- wirft, oder derjenige, der vom Standpunkte der liberalen Welt- anschauung die Sozialpolitik fordert, oder endlich derjenige, der die liberale Weltanschauung für ein Unding erklärt� Ein Volksnrteil gegen die Entrechtung der Arbeiter durch die Reichsversichernngsordnung war die am Montag und Dienstag in Frankfurt a. M. statt- gefundene Wahl der Generalversammlungsvertreter zur OrtSkranken- kasse. Sie zeitigte eine außerordentlich zahlreiche Beteiligung seitens der Versicherten. Damit ist der Beweis erbracht, daß die skandalöse Art, wie die bürgerlichen Parteien im Reichstag an der Entrechtung der Arbeiter in den Krankenkassen arbeilen, die Massen aufpeitscht. Dgß die Arbeitgeber mit der bisherigen Verlvaltung sehr zufrieden sind, zeigt, daß von ihnen nur 50 zur Wahl gegangen sind. Aus die Liste des Gewirkschaftskartells, die einzige, die aufgestellt war, fielen 10 029 Stimmen. So hat die sogenannte ReichSverstcherungS- Ordnung wenigstens da» eine gute, daß die Arbeiter lernen, sich mehr um diese Dinge zu kümmern. Aus dem„freiheitlichen" Süddeutschland. Wie überall in Deutschland sollte auch in Kaiserslautern , da« Flugblatt gegen die Reichsversicherungsordnuiig. betitelt »Nicht Arbeiterschutz, sondern Arbeitertrutz", zur Verbreitung gelangen. Da die Verteilung öffentlich, d. h. auf der Straße, an Fabnkausgäitgen usw. geschehen sollte, war die Er- lanbniS de? Bezirksamtes einzuholen. Die Erlaubnis wurde jedoch verweigert. I» der schtifllichen Degründung deS Bezirksamtes wurde ausgeführt, daß„die Bersagung im Vollzüge des Art. tü des baqrriichen AnSführungSgesetzeS zur RelchSstrafprozehordnuNg erfolgt fei". Weiter heitzt es:„Das BezirlSanrt als staatliche Pretzpolizel- behörde kann nicht die Verleitung eine« Flugblaltes billigen, welches der Regierung den Vorwurf des„geplanten Raubes tvohlerworbener Rechtes der„Sttatichrstterpolstik" uiw. macht und öensn Inhalt Überhaupt die StaatSaUtorttät erheblich zu schadige» geeignet ist." Höchstwahrschetlilich handelt eS sich bei diesem UkaS des königlich bayrischen Bezirksamts weniger um den Schutz der„Staatsautor, tat" als um den Sckiutz der Autorität de« Zentrum», da» seine er- bärmli-be Haltuug bei der Bchaudlmig der Neichsv-rsichcrungsorduuiig möglichst vertuschen möchte. Immerhin ist beachtenswert, datz die einzige behördliche Aktion gegen das Flugblatt, das sogar in ganz Rorddeutschland unbeanstandet verbreitet werden konnte, im.denio- tratischen' Süddeutschland erfolgt ist. Gegen da« Verbot de» Bezirksamts ist Beschwerde bei der Re- gierung eingelegt worden. ES wird sich m zeigen, ob die bayrische Regierung mit dem Borgehen deS Bezirksamts von Kaiserslautern, das stark an die ostclbische LandratS- Despotie erinnert, ein- verstanden ist.__ Ans dem Kasernenlcben. Unker der Anklage deS tätlichen Angriffs gegen einen Vor- gefetzten stand am DienStag der Grenadier Helbig von der 4. Kom- pagnis des 2. Sarderrgiment« vor dem OberkriegSgcricht des Barde- korpS. Helbig lag auf Stube 56, auf der der Gefreite Rfngel als StMMtejt» der Vorgesetzte über die Mgiwschaftest«ae. Sinee Tages befahl Ringel dem Angeklagten, nach dem Hof htnunterzu« gehen und den Stubeneimer am Brunnen zu scheuern. Als Helbig mit dem Eimer zurückkehrte, schickte ihn der Stubenälteste noch einmal nach dem Brunnen, damit er die Kaffeekanne reinigen solle. Der Angeklagte sagte hierauf, er gehe nicht nach dem Hof, weil es regne und weil die Mannschaften der anderen Stuben ja" auch die Kannen nicht reinigten. Noch zweimal wiederholte der Gefreite den Befehl, aber ohne Erfolg. Hierauf rief der Angeklagte:.Sie sind mir doch nicht gewachsen!" und schüttelte den Gefreiten an der Brust. Es entwickelte sich zwischen den beiden eine förmliche Rauferei. Der Gefreite wagte es später nicht, den Vorfall dem Vorgesetzten zu melden. Einige Kratzwunden, die er bei dem Zusammenstoß davongetrogen, wurden von einem Offizier be- merkt, der den Gefreiten fragte, wo die Verletzungen herstammten. Ringel hatte sich durch das Verschweigen der Unterlassung der Meldung eines militärischen Verbrechens schuldig gemacht und mußte infolge- dessen neben dem Angeklagten auf der Anklagebank Platz nehmen. Er kam mit drei Tagen Mittelarrest davon, wahrend gegen Helbig auf sechs Monate Gefängnis erkannt wurde. Eine Ratzebnrger Landtagswahl. Zu Mecklenburg-Strelitz gehört daS Fürstentum Ratzeburg. welches seinen eigenen„Landtag" hat, der alljährlich in Schönberg zusammentritt. Die Abgeordneten zu diesem Landtage werden gewählt, und zwar ist dasfWahlrecht an einen gewissen Besitz an Grund und Boden gebunden. Dieser Tage mußte nun für den nach Mecklenburg-Schwerin übersiedelnden Hofbesitzer I a b s-Carlow eine Nachwahl vorgenommen werden. Die Wahl beleuchtete grell die inecklenburgische BerfassungSkarikatur. Wahlberechtigt waren 25 — fünfundzwanzig— Personen. Von diesen übten ganze neun ihr Wahlrecht aus. Diese wohlgezählten S Stimmen fielen auf den Schulzen Hartmann in Demern, der also, getragen von dem Vertrauen seiner neun Wähler in das Parlament von Ratzeburg einzieht I_ Der deutsch-schwedische Handelsvertrag ist am Dienstag von den beiden Kamniern des schwedischen Reichstages nach kurzer Debatte angenommen worden. Im Deutschen Reichstage wird die erste Lesung des Handelsvertrages voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche er- folgen. Der Handelsvertrag soll möglichst vor Pfingsten noch ab- solviert werden._ franhmeh. Forderungen der Postbeamten. Paris, 17. Mai. Die Post- und Telegraphen beamten hielten gestern abend eine Versammlung ab, in welcher sie eine zwanzigprozentige Erhöhung der Gehälter aller derjenigen Beamten verlaugten, die weniger als 6000 Frank jährlich verdienen. Cnglanck. Verminderung der Flotteurüstungen? London, 16. Mai. Unterhaus. Bei Erörterung des B u d- g e t s und der künftigen Ausgaben, besonders in Verbindung mit dem BersicherungSgesetzentwurf, erklärte Lloyd George, kein vcriiünstigcr Mensch könne die Fortdauer der gegenwärtigen ange- fchwollencn Heeres- und Flottcnbudgets wünschen. Er nahm sodann Bezug auf die nach dem Flottengesetz erfolgende Ver- Minderung der Auftvendungen für die deutschen Schiffs- bauten und sagte, dies mache auch eine Verminderung der englischen Flotte nrü st un gen notwendig, wenn nicht eine neue Drohung, die man nicht voraussehen könne, dazwischou kommen sollte. Der Erste Lord der Admiralität M e K e»» a habe bereits angedeutet, daß England die hoch st e Steigerung in seinen Flottenausgaben erreicht habe, und man könne für das nächste Jahr einer wesentlichen Bcrmindcrung und in dem darauf folgenden Jahre einer noch größeren entgegensehen. Er hoffe, daß das für das BersicheningSgesetz notwendige Geld in den folgenden Jahren ohne Steuererhöhung werde beschafft werden können. Wir fürchten nur, daß sich zur rechten Zeit in Deutschland und in England schon die nötige»neue Drohung"«in- stellen wird. Marokko. Eine Debatte in der spanischen Kammer. Madrid, 16. Mai. In der Kamm er unterzog der Republikaner Azcarate die Operationen bei Eeuta einer Kritik. Sie seien geeignet, einen Z u s a m m en st o ß heraufzubeschwören. DaS Land wolle keinen Krieg. Welches auch immer die Haltung Frank- reichs sei, Spanien dürfe Frankreich nicht folgen, denn da» wäre sein Verderben. In seiner Antwort versicherte Canalejas, Spanion wolle weder Krieg noch Streit, sondern vollkommene Neutralität be- wahren.»Aber", fuhr der Ministerpräsident fort,„wir haben die Pflicht. Unordnung in der Umgebling unserer festen Plätze hintan- zuhalten. Spanien hat polizeilich« Aufgaben in seiner Einflußzonc zu erfüllen und hierbei darf es sich von keiner Nation ersehen lassen. Wir haben unsere Stellungen in der Umgebung von Eeuta besetzt, um freien Durchzug und freie Ausübung des Handels zu sichern. Wir werden nicht vorrücken, wenn das Ansehen unserer Wäffen da« ge- gegebene Ziel erreicht. Im entgegengesetzten Falle, wenn sich nämlich Dinge ereignen sollten, die wir n i ch l v o r a u S s e h e n können. müßte die Linie der von uns eingenommene» Stellungen vor- geschoben werden. DaS Vorgehen Frankreichs kann in ver- schiedcnen Gebieten einen Widerhall finden. Wenn e» einen Ziistand der Anarchie schaffen und Angriffe auf die spanischen Waffen in der spanischen Einflußzone mit sich bringen sollt«, würden wir zu allen Mittel» greifen, um dies zu verhindern. Mexiko. Waffenstillstand. New York, 16. Mai. Wie die..«ssociatsd Preß» aus I u a r e z erfährt, werden die Regierung und die Aufständischen innerhalb 24 Stunden einen allgemeinen Waffen- st t l l st a n d für ganz Mexiko erklären. New York, 17. Mai. Wie die„New York TimeS" aus der Stadt Mexiko meldet, soll die A b d a n k>, u g s- Urkunde des Präsidenten D i a z bereits unterzeichnet sein.._ Hua der Partei. Zur Stuttgarter Wahl. Die D r e« d e il e r„V o l k S z e t t u n g", der man gewiß nicht überiricbenen„RaditaliSimiS' vorwerfen kann, bemerkt zu den Aeußerungen des Genossen L i n d e t» a II n gegen den»Vorwärts": »Es ist für uns nicht möglich zu beurteilen, ob die kritischen Bemerkungen der genannten Parteiblätter, die übrigens weit von- einander abweichend waren, wirklich nennenswerten Einfluß auf die Wahl gehabt haben. Nach sonstigen Erfahrungen in Wahl- kämpfen haben wir aber den Eindruck, als wenn Genosse Lindemann dieses Moment doch wohl überschätzt habe» dürste. Unsere Gegner haben stets Aeußerungen, die aus unseren Reihen kamen, für sich auszunützcu gesucht und damit doch unsere Wahlsiege nicht verhindern können. So sehr wir es befürworten, daß alle unsere Parteiblätter sich sorgsam bemühen, den Gegnern kein Material zur Ausnutzung und zum Mißbrauch zu liefern, so wäre es doch verfehlt, gegen jede kritische Seuherung so laute Klage zu erhebe,«. Wie die, Dinge bei der Stuttgarter Wahl gelaufen sind, bei der Plötzlich» 1 keit der Aufstellung der Kandidatur, war«S doch nicht bttlvunder» lich, daß hie und da einige abweichende Worte vorgekommen fini» Gewiß sind einige Ausdrücke gebraucht worden, die unnötig� be-- leidigende Schärfen enthielten und den Gegnern bequeme Aus- nützungsmöglichkeiten gaben. Aber der„Vorwärts hat seine Bedenken doch in so ruhiger Form ge- äußert, daß auch derjenige, der diese Bedenken nicht hegt, dagegen nichts einwenden kann. Es wäre gar kein würdiges Nachspiel der Stuttgarter Wahl, die so ehrenvoll für unsere Partei verlaufen ist, wenn jetzt nach- träglich ein Zank über dieses oder jenes Wort, das vor der Wahl gefallen ist, die Spalten unserer Parteipresse füllen sollte." Der»Karlsruher Volksfreund" glaubt die Gelegen- heit für günstig zu halten, um für Revision der Partei- tagsbeschlüsse gegen die würdelose Hofgängerei zu plädieren I Nach der Veröffentlichung des„Württembergischen StaatsanzeigerS" erscheint dieser Vorschlag zu komisch, um an ihn ein Wort der Wider- legung zu verschwenden. Aber vielleicht hat der„Volksfreund" mehr Glück, wenn er den deutschen Monarchen zuzureden ver- sucht, den W illen d es V o lke s zu respektieren und den gewählten Republikanern nicht die Bestätigung zu versagen. Wenn es mit dieser»Revision" Erfolg hat, dann kann man ja weiter sehen. Vom sozialdemokratischen Redakteur zum Reichsverbanbsagitator. Vom Reichsverband wird gegenwärtig in verschieoenen Wahl- kreisen eine Broschüre verteilt, die von dem früheren sozialdemo- kratischcn Redakteur Otto Bürge meist er unter dem Titel: „Die Sozialdemokratie eine Kulturpartci?" lTeuionia-Verlag, Berlin) verfaßt worden ist. Als„Opfer der Sozialdemokratie" preist sich Burgcmeister in seiner Broschüre an, nachdem er zuvor schon in K a s s c l in einer vom Rcichsverbande einberufenen öffent- lichen Versammlung den staunciiden Hörern sich als solches vor- gestellt hatte und von der bürgerlichen Presse auch geslissentlichjUS solches hingestellt wird. Burgcmeister ist vom Februar vis Scp- tember 1608 als Redakteur an unserem Parteiblatte in Hof, der ..Oberfränkischen Volkszeitun g", tätig gewesen. Nach kurzer Tätigkeit Burgemeisters stellte sich heraus, daß man einen argen Mißgriff getan hatte, da Burgemeister absolut nicht in der Lage war, auch nur im entferntesten irgendeine Frage vom sozial- demokratischen Standpunkte aus zu bchandeln. Seine Unfähigkeit zeigte sich in drastischer Weise in der Polemik mit der gegnerische» Presse. Burgemeister ist schon bei seinem Eintritt in die Partei u n- ehrlich gewesen. Bekanntlich hatie er in unserem in Bant er- scheinenden„Norddeutschen Volksblatt" am 14. Dezember 1907 seinen Eintritt in die Partei mit einem gewaltigen Wortschwall erklärt. Er behauptete, er habe sich aus Gründen der Weltanschauung vom Liberalismus zum Sozialismus gewandt. Später hat er stll'st zu- gegeben, datz die eigentliche Ursache seines Uebertritts zur Sozial- demokratie ein Zerwürfnis mit seinem bürgerlichen Verleger wegen eines Theaierbilletts gewesen sei. Unser Hofer Parteiblatt bringt eine ganze Menge von Mnzel» heiten, die dartun, mit was für einem Musterexemplar von sozial- demokratischen Redakteur die Genossen in der Person Burgemeisters zu tun gehabt haben. Im Oktober 1908 hat Burgcmeister dann die Partei von seiner Gegentvart befreit. Bedauerlich ist nur, daß Genossen in Wilhelmshaven einen solchen Mann der Hofer Partei» leituug als Redakteur empfehlen konnten. Nicht ohne pikanten Beigeschmack ist die Tatsache, daß der -„H o f e r A» z e i g e r", dessen Redakteure früher von Burgemeister in so rüder Weise angerempelt wurden, daß sich selbst die Genossen ins Mittel legen mutzten, jetzt den Reichsverbändlcr Burgemeister in seinen liebevollen Schlitz nimmt. Als letzterer noch Redalteur war, wurde ervon.demsclbenBlatt als„unheilbar geisteskrank" bezeichnet. Viel Staat kann der Reichsverband mit diesem„Opfer der So- zialdewokratie" nicht machen. Wir gönnen ihm den Burgemeister. Vierzig Jahre Kampf! Am 15. Mai konnte der B ra u n s chw e ig e r„Volks- freund" auf ein vierzigjähriges Bestehen zurückblicken. Am 15. Mai 1871 gründete Wilhelm Bracke den„VoUsfreund" als politisches Wochenblatt, das als erstes dem Ausnahmegesetz zum Opfer fiel. So gut es ging, hielt dann das..Braunschweigische UnterhaltuiigSblatt" die Verbindungen unter den Parteigenossen aufrecht. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes trat der„Volks- freund" wieder in den politischen Tageskampf ein. Seit 1890 er- scheint er täglich. 1907 wurde eine eigene Druckerei für das Blatt gegründet; es zählt jetzt 14 000 Leser. Wohl nur selten hat ein sozialdemokratisches Organ mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt wie der„Volksfreund". Als Redakteure waren die Ge- nassen Becker, Kokoski, Blas. Jacckh, Heymann. Calwer, Hcrzberg und Friedrich tätig; gegenwärtig wird die Redaktion von den Ge- Nossen Richard Wagner und Otto Günther geführt. Die Genossen August Wesemeier und Brenner verbüßen gegenwärtig GesäiigniS. strafen, die ibnen aus Anlaß der WahlrechtSkämpfe in Braun- schweig zudiktiert wurden. An Gefängnisstrafen wurden im ganzen 9 Jahre verhängt. Die Geldstrafen betragen bisher etwa 20 000 M.— Die vom„Volksfreund" ausgestreute Saat hat reiche Früchte getragen.__ Aus den Organisationen. Die Mitgliederzahl deS sozialdemokratischen Vereins Frankfurt a. M. stieg im erste» Quartal 1911 um rund 400. darunter 70 Frauen. Der Verein zählte damit am Schluß des OuartalS 7852 Mitglieder, in- zwischen sind die 8000 voll geworden. Besonders bemerkenswert ist die Bewegung unter den Frönen, die seil dem Frauentag dem Verein ständig neue Anhänger brachte, ein Beweis, daß diese Art der Agitalion gute Früchte bringt. poUreillcKe», Ocrichtttcbee ukw. Wahrung berechtigter Interessen. Ein nicht alltägliches Urteil hat da« Schöffengericht in Plauen i. B. gefällt. Angeklagt war der Redalteur des Fachblattes„Der Kunstgewerbezeichner". Genosse W e i ß, der in diesem Blatt durch Aufnahme eines Vcrsammluugs- BcrichtS die Zustände in einem Plauenschen Atelier scharf gegeißelt hatte. Der Kläger verlangte Bestrafung deS Angeklagten, weil»ie- mand das Recht habe, sich in seinen Geschäftsbetrieb hineinzumischen. Das Gericht teilte diese Auffassung nicht, sondern sprach den An- geklagten frei. In der Vegriiudung wurde ausgeführt: „Die Zeitung ist zu dem auSgesprocheucn Zwecke da, durch Kritik besteheude Mißstände zu beseitigen.„Der Kunstgewerbe« zeichner" vertritt die Interessen der Zeichner und haben sich diese mit Recht an ihr Fachorgan gewandt. Der Redakteur hat mit Abdruck deS BerfammlungsberichteS berechtigte Jnttresseu wahr- genommen, wobei«hm eine Beleidigung de? Privalklägcrs fern gelegen hat. Auch in dm Worten„Der Herr Junggeselle" ist eine Beleidigung nicht zu erblicken. ES mußte deiiigemäß dem Redakteur der Z 193 zugebilligt und auf Freisprechung erkaimr werdeil." Wann werde» sich einmal preußische Gerichte zu einer solch vernünftigen Beutteilung der Aufgabe der Presse aufschwingen? Beleidigte Gelb». Wegen Beleidiguilg der Augsburger Gelben hatte sich am Montag der frühere Redakteur der „Schwäbischen V o I k S z e i t u» g", Genosse Thiel vor dem Schöffengericht Augsburg zu verantworten. Durch zwei vor einiger Zeit erschicnene Artikel fühlten sich die Borstände der 14 in AllgSburg bestehenden gelbe» Werkvereine beleidigt. Thiel wurde zu 50 und 75 M. Geld st rase verurteilt. Von prinzipieller Bedeutung war die Stellungnahme de« Gerichts zur redaktionellen Verantwortlichkeit. Der Beklagte zeichnete nur als verantwortlich für den poli- tischen Teil und daS Feuilleton, für den übrigen Teil aber der zweite Redakteur Genosse Simon. Die inkriminierten Artikel erschienen aber im lokale» Teile und inigen lediglich einen gewerkschaftlichen Charakter. Trotz der geiimien Abgreiiznug der redaktionellen Tätigkeit der beiden Redakteure stellte sich das Gericht auf den Slaiidpinikt. daß u a ch dem Inhalt enlschiedc» werden müsse. Dieser sei bei beiden Artikeln ein politischer, folglich habe dafür der Beklagte al« der für den polittschen Teil zeichnende Redakteur aufzukommen. Exgeu die unhaltbare» Urteile ist Be- rufting eingelegt worden. GewerfefcbaftUchee. Ktaffcnhampf im„rcbwarzcn" Mnfterlanä. Im frommen Münsterlande in Westfalen droht ein großer Kampf der christlichen Arbeiter auszubrechen. Die frommen zentrnmschristlichen Unternehmer fanden die Forderung der Textilarbeiter nach einer geringen Lohnerhöhung„vollständig unberechtigt" und sie unterschieden sich dadurch in nichts von den liberalen großindustriellen Scharfmachern. Statt die ge- ringen Wünsche der christlichen Arbeiter zu befriedigen, wurde eine allgemeine Aussperrung im Bezirk angedroht. Am 6. Mai ist den Textilarbeitern im Münsterland gekündigt worden. Wenn keine Einigung erfolgt, steht ein Riesenkampf bevor. Die schlechte Lage der Arbeiter im Münsterlande wird zurzeit wieder amtlich konstatiert. So heißt es im Jahres- bericht der Handelskammer für den Bezirk Münster, daß die Kauffähigkeit der Arbeiterkundschaft durch die Teuerung notwendiger Lebens- mittel beeinträchtigt sei. An einer anderen Stelle wird betont, daß gerade gegenivärtig in dem Artikel Baum- wollwarcn mit einer um so größeren Sparsamkeit der Ver- braucher zu rechnen sei, als die notwendig st en Lebens- und Unterhaltsmittel eine empfind- liche Preis st eigerung durchgemacht hätten. Ueber die Tabakindustrie heißt es, daß sich die Wirkungen des neuen Tabaksteuergesetzes noch schlimmer gezeigt hätten, als befürchtet worden sei. Und im Jahresbericht der Fabrikinspektoren für den Re- gierungsbezirk Münster wird konstatiert, daß die Lebens- mittelprcise, insbesondere die Fleischpreise, gestiegen sind. „Da ein Ausgleich dafür den Arbeitern in Form von Lohn- erhöhnngen nicht zugewendet werde» konnte, ist die Annahme be- rechtigt, daß für die Mitglieder kinderreicher Familien nicht selten Untcrernährnng eintrat." Das ist der„Segen" der gloriosen Finanzreformpolitik. Hoffentlich geht den katholischen Arbeitern im Münsterlande ein Licht darüber ans, wem sie solche Zustände zu verdanken haben. Jedenfalls kriselt es für das Zentrum im„schwarzen" Münsterlande jetzt schon mächtig. Serlin und Umgegend« Der Streik in den Eisenkonstruktionsbetrieben. Die Unternehmer der Eisenkonstruktionsbranche wurden am Mittwochmorgen durch eine einmütige Arbeitsniederlegung über- rascht. Der Streikbeschluß vom Dienstagabend, der in geheimer Abstimmung mit 1282 gegen 63 Stimmen gefaßt worden war, kam bei den zehn im„Vorwärts" bereits angeführten Betrieben strikt zur Ausführung: auf den Bauten wie in den Werkstätten ruhte die Arbeit.— Die Arbeiter waren entrüstet über die Haltung der Unternehmer, die, wie der Referent Maus vom Deutschen Metall- arbeiterverband berichtete, als Mitglieder des Verbandes der Ber- liner Metallindustriellen von Verhandlungen zum Zwecke eines Tarifabschlusses überhaupt nichts wissen wollten. Es konnte sich nach Ansicht der Unternehmer nur um eine Besprechung der Forderungen der Arbeiter handeln, die endlich am Dienstag zu- stände kam. Die Arbeiter hatten allen Wünschen der Unternehmer nachgegeben; eine Kommission von 16 Mann und Maus als Ver- tretcr vom Deutschen Metallarbeiterverband trugen ihre Forde- rungen vor. Die übrigen Organisationsvertreter hatten sich zurück- gezogen, als ihre Anwesenheit beanstandet wurde; alles dies im Interesse der Verhandlungen. Der Entwurf des Tarifvertrages, der von den Arbeitern in der Versammlung vom 7. Mai gut- geheißen wurde, diente als Grundlage der aufgenommenen Be- sprechung, zu der die zehn in Frage kommenden Betriebe ihre Vertreter gesandt hatten. In bezug auf die Arbeitszeit wollten die Unternehmer eine halbe Stunde Verkürzung und 6 Proz. Lohnzuschlag bewilligen, so daß derselbe Lohn für 9)4 Stun- den gezahlt würde wie vorher für 16 Stunden. Die Arbeiter hatten 9 Stunden verlangt. Für die Akkordarbeiter wollten die Unternehmer aber keinen Zuschlag wegen der verkürzten Arbeitszeit bewilligen. Für Ueber st unden wollte man 26 Proz. Zuschlag geben. Die Arbeiter hatten 25 Proz. resp. 56 Proz.(für Nacht- und Sonntagsarbeit) verlangt. Interessant war bei diesem Punkte, daß Dr. Kühnemann das Ueberstundenwesen ver- urteilte und sich als Gegner der Ueberstunden erklärte, weil die Unternehmer so wenig Vorteil davon hätten wie die Arbeiter. Als Maus bemerkte, daß die Arbeiter Nacht- und Sonntagsarbeit nicht mehr leisten würden, wenn man ihnen nicht den geforderten höheren Zuschlag bewilligte, war Dr. Kühnemann mit dieser eventuellen Arbeitsverweigerung einverstanden. Bei den weiteren Verhandlungen bewilligten die Unternehmer, daß an Sonnabenden eine halbe Stunde früher Feierabend sein sollte und zwar für Ausräumungsarbeiten usw. Dagegen wurden alle Forderungen in bezug aus die Mindest- oder Einstellungslöhne rundweg ab- gelehnt. Dann wurden wieder kleinere Zugeständnisse gemacht. die Arbeiten außerhalb der Werkstatt betreffend. Dagegen wurde die wichtige Forderung, bei Akkordarbeiten den Stundenlohn zu garantieren, als unannehmbar erklärt. Die Unter- nehmer machten das Anerbieten,„den Akkordpreis so zu berechnen, daß der Stundenlohn erreicht wird". Das aber war für die Arbeiter unannehmbar. Die Frage der«Akkordüberschüsse" führte noch zu lebhaften Auseinandersetzungen; es gab manche Aufregung und manches Erstaunen, als die Praktiken einzelner Firmen bei der Verteilung der Ueberschüsse von den Vertretern der Arbeiter ibeleuchtet wurden. Das Resultat dieser Verhandlungen war natürlich für die Ar- heiter höchst unbefriedigend und sie antworteten darauf mit dem Streik. Vollzählig erschienen sie am Mittwochvormittag im Gewerk- schaftshause zur ersten Streikversammlung, in der M a u s die not- wendigen Anweisungen erteilte. Auf eine Anfrage teilte er mit, daß auch die Arbeiter auf den Stabeisenplätzen zu den Streikenden gerechnet werden. Er erklärte auch, daß die Arbeiter zu jeder Zeit zu Verhandlungen bereit seien und ruhig abwarten werden, wie die Unternehmer sich zu der jetzigen Situation, wie sie durch den Streik gegeben ist, verhalten. Unter den bestreikten Firmen führten wir gestern infolge eines Druckfehlers auch eine Firma Schumann u. Co. auf. Die Firma heißt, wie hier berichtigend mitgeteilt sei, Lehmann u- Co.' Der Streik der Gasmesserklempner wird mit unverbrüchlicher Einmütigkeit fortgesetzt. Die Streikenden hatten sich gestern vor- mittag wiederum vollzählig im Gewerkschaftshause versammelt. Ueber irgend welche wichtigen Veränderungen der Lage konnte der Streikleiter Dietrich ntöHtS berichten. Die Arbeitgeber haben es noch nicht für nötig befunden, die Hand zum Frieden zu bieten, und auf feiten der Streikenden liegt kein Grund vor, in dieser Hinsicht irgend welche Schritte zu tun, da es ja den Unternehmern bekannt ist, daß sie stets zu Verhandlungen bereit sind, wenn auf jener Seite die ernste Absicht zur Beilegung der Streitigkeiten vorhanden ist. Arbeitswillige in die Betriebe hineinzubringen, ist den Unternehmern nicht gelungen, und in den wenigen Fällen, wo sich solche eingefunden hatten, wurden sie mit Erfolg auf die Pflicht der Solidarität aufmerksam gemacht, so daß sie auf die Arbeit verzichteten. Mit dem Streik steht es also durchaus günstig. Die Streikenden können in aller Ruhe abwarten, wie sich die Sache weiter entwickelt. Drahtarbeiter k Die Firma H e f ch, Wilhelm-Stoltzestraße 16. ist für Drahtarbeiter noch gesperrt. Die Kollegen werden ersucht, etwaige Arbeitsangebote zurückzuweisen. Deutscher Metallarbeiter-Verband. _ Ortsverwaltung Berlin._ Lttaottv. Redakteurl LlbkN WaD, Bexsto. Lnfergtllsteil mmits,; Bäckermeister- Zweckverband und Polizeipräsident gegen ein Plakat. Der Inhaber der Großbäckerei von Blottner. die in verschiedenen westlichen Vororten Geschäftslokale hat, lebte lange Zeit auf dem Kriegsfuße mit dem Verbände der Bäcker und Konditoren, weil Herr Blottner sich beharrlich weigerte, die von einem, großen Teil der Bäckermeister anerkannten Forderungen des Verbandes zu erfüllen. Kürzlich ist Herr Blottner zu der Ueberzeugung ge- kommen, daß er sein geschäftliches Interesse am besten wahrt, wenn er die Forderungen bewilligt. Er schloß also eine Vereinbarung mit dem Verbände ab und teilte dies seiner Kundschaft mit durch ein Plakat, welches in den Schaufenstern der Blottnerschen Läden aufgehängt wurde. Eine der Vorortsinnungen verlangt nun von Herrn Blottner, daß er wegen Aushang des Plakats eine Strafe an die Jnnungskasse zahle und der Zweckvcrband der Bäcker- innungen hat sogar die Polizei gegen das Plakat mobil gemacht. Die neuste Nummer der„Bäckerzeitung" teilt mit, daß der Polizei- Präsident auf eine Eingabe des Zweckverbandsvorstandes die Eni- fernung der Plakate aus den Blottnerschen Geschäften veranlaßt habe(mit welchem Recht wird nicht gesagt) und daß solche Plakate, wo sie noch vorhanden sein sollten, mit Hilfe des ersten besten Schutzmanns entfernt werden könnten. Also zu derselben Zeit, wo die im Zweckverbande vereinigten Innungen mit der Arbeiterorganisation über deren jetzige Forde- rungen verhandelten, riefen sie die Polizei auf gegen einen Meister, der erst jetzt die Forderungen von 1967 bewilligt hat. Das läßt für die gegenwärtige Lohnbewegung keineswegs auf Friedensliebe der Innungen schließen. Uebrigens sollen ja, wie bürgerliche Blätter mitteilten, die Jnnungsvorstände bereits den Beschlutz ge- faßt haben, ihren Mitgliedern die Ablehnung des vom Einigungs- amt gefällten Schiedsspruches zu empfehlen. Es scheint also, daß die Innungen einen Kampf von unabsehbarer Tragweite herauf- beschwören wollen. Würden die Bäckermeister ihr Interesse richtig verstehen, dann müßten sie den Kampf vermeiden. Tie Bäckerinnungen gegen den Schiedsspruch. In einer gestern abend im Lehrervereinshause abgehaltenen Ver- sammlung der Bäckerinnungen Grotz-Berlins wurde mitgeteilt, daß dieselben mit Ausnahme von Rixdorf, Ober-Schöneweide und Lichtenberg sämtlich den Schiedsspruch abgelehnt haben. Aus Spandau, Zehlendorf. Britz lagen keine Mitteilungen vor. Es wurde beschlossen, heute eine Deputation an den Berliner Polizeipräsidenten mit der Bitte zu schicken, ein Backverbot von Sonntagfrüh 8 Uhr bis Montagfrüh 6 Uhr zu erlassen. Im übri- gen sind die Meister geneigt, mit den Gesellen bezüglich der Lohn- forderungen in weitere Unterhandlungen zu treten. Oeutkekes Reich. Der Streik der Holzarbeiter bei der Firma K. E. W e i s e in Fin st er walde dauert bereits zehn Wochen. Herr Weise hatte es bei der diesjährigen Tarifbewegung im Holzgewerbe verweigert. sich dem zentralen Schiedsgericht zu unterwerfen. Nicht aus sich selbst heraus war er zu diesem ablehnenden Standpunkt gekommen, sondern Herr Drechslermeister O. W a l t e r- Berlin, Vorsitzender der Drechslermeister-Vereinigung Dencschlands, hatte Herrn Weise dazu gebracht. Als es dann zum Streik kam, hoffte Herr Weise mit Hilfe von Streikbrecheragenten und nicht zuletzt der des Herrn Walter seinen Betrieb bald vollzählig zu besetzen. Nach vieler Mühe und reichlichen Geldopfern sind einige kleinere Trnpps der be- kannten„nützlichen Elemente" in Finsterwalde eingetroffen, die von Herrn Weise jun. unter dem Hohngelächter vieler Einwohner am Bahnhof in Empfang genommen und nach der Fabrik geleitet wurden. Viel Freude scheint der Herr an seinen Schützlingen nicht erlebt zu haben. Auch wollten die großen Trupps Arbeitswilliger, auf die er rechnete, nicht eintreffen. In dieser Not sprang Herr Walter in die Bresche, indem er seinen einzigen Gesellen als Streikbrecher nach Finsterwalde vermittelte. Nun wissen wir nicht, gibt Herr Walter seine Drechslerei auf und will er sich seinem Kolonialwaren- geschäft, welches er im Osten Berlins, in der Roch o wstr. 14. besitzt, widmen, oder will er sich auf die Suche nach RauSreißern sür den Betrieb von Weise begeben? Am Sonntag und Montag voriger Woche kam eS unter den Arbeitswilligen bei Weise zu einer großen Prügelei, bei der auch ein Werkführer den Helden unter die Finger geriet. Die Polizei mußte einschreiten, konnte aber wenig ausrichten. Nachdem sie den Betrieb zum Stillstand gebracht und nach Verübung von weiterem Unfug zogen die dem Staate besonders nützlichen Elemente unter großer Menschenansammlung und Polizeibegleitung nach der Bahn. um den Ort ihrer Rausreißertätigkeit zu verlassen. Als sicher ist anzunehmen, daß der Agent sie nach einem anderen Orte bringt, um den Judaslohn für den Verkauf dieser Mcnschenware wiederholt einzuheimsen. Es heißt darum allerorts, wo sich die Holzarbeiter in einer Lohnbewegung befinden, Augen offen zu halten. Zuzug nach der Fabrik von Weise, Finsterwalde, ist streng fern- zuhalten. Deutscher Holzarbeiterverband. Gauvorstand. Lohnbewegung der Former und Giestereiarbelter im pommersche« Industriegebiet. In den Orten Torgelow, Ueckermünde, Pasewalk, Prenzlau, Wolgast und Stargard stehen in 28 Gießereibetrieben etwa 1866 Former und Gießereiarbeiter in einer Lohnbewegung. Diese Orte liefern für eine Reihe von Industriestädten wie Berlin, Hamburg, Magdeburg und auch nach Provinzstädten Eisen- und Stahlguß zu so billigen Preisen, daß diese Arbeit eine ständige Lohndrückerei für die Gießereiarbeiter dieser Orte bildet. Die Forderungen der Arbeiter erstrecken sich auf: 1. ll'/zstündige Arbeitszeit, 2. Vermeidung resp. Höherbezahlung der Ueberstunden, 3. Regelung der Akkordarbeit durch Verbot willkürlicher Abzüge. Ga- rantie eines Durchschnittsverdienstes bei neuen Arbeiten und Festsetzung von Mindestlöhnen zu diesem Zweck, 3. Regelung der Frage der AuS- ichußbezahlung, 5. sanitäre Forderungen, 6. Aufhebung derKündigungS- frist, 7. Lohnzahlung am Freitag jeder Woche und 8. Einsetzung eines ArbeiterauSschusses. Außer diesen für alle Betriebe zur Einführung zu bringenden Bestimmungen wird Zuschlag von 2—3 Pf. für die ständig in Lohn beschäftigten Arbeiter je nach den örtlichen Verhält- nissen und Erhöhung nur der niedrigen Alkordpreise für jeden ein- zelnen Betrieb gefordert. Diese Forderungen sind den 23 Betriebsleitern zugestellt worden. und außerdem dem„Verein der Eisenwerke PommernS und der Mark" und der Untergruppe Torgelow. Die Antwort ist bis zum Freitag, den 19. Mai, erbeten worden. Es wird sich nun zeigen, ob die Unternehmer aus dem Chemnitzer Streik die Lehre gezogen haben, daß es zweckmäßig ist, mit den Vertretern der beteiligten Organisationen(Deutscher Metallarbeiter- verband und Gewerkverein der Maschinenbau» und Metallarbeiter, Hirsch-Duncker) zu verhandeln. Sämtliche 85 Arbeiter der Rohrgewebefavriken in F i d i ch o w nmern) stehen seit acht Tagen im Streik. Die Arbeiter fordern einen Stundenlohn von 36 Pf., bisher beträgt der Lohn 25 Pf. Ein gütlicher Vergleich war nicht zu erzielen, denn- die Unternehmer wollen weder mit dei Organisationsleitung noch mit„ihren" Arbeitern verhandeln.— Zuzug ist fernzuhalten. Ein guter Erfolg ist der jetzt zwischen dem Verbände der Brauerei- und Mühlenarbeiter und dem Verbände der Brauereien von Hannover abgeschlossene Tarifvertrag. Die Arbeitszeit wurde um>/, Stunde auf 9 Stunden pro Tag ver- kürzt; die Löhne erhöhen sich durch den Tarif für die einzelnen Arbeitergruppen um 2 M. bis 4,56 M. pro Woche, jedoch beträgt die Lohnerhöhung für die Gruppen, deren EinstelluugSlohn gleichzeitig um 3 und 4 M. pro Woche höher gesetzt wurde, bedeutend mehr und zwar für Handwerker 7 M.. für Bierfahrer, Mitfahrer, Chauffeure 6,56 bis 7,56 M, für Heizer und Maschinisten 8,56 M. Druck u, Vxrlag; Vorwärts Bpchdr. ji Perlagsanstalt pro Woche gegenüber dem alten Tarif. Die Neberstimden werden um 16 Pf. pro Stunde höher bezahlt, Sonntagsbierfahren wird mit 5 M. pro Sonntag entschädigt, auch ein Urlaub ohne Lohnabzug von 3 bis 6 Arbeitstagen jährlich wurde neu eingeführt.�— Die hannoverschen Brauereiarbeiter sind seit Jahren gut organisiert und haben sich dadurch eine gute Position errungen.� Der abgeschlossene Tarif umfaßt 6 Brauereien mit zirka 756 beschäftigten Personen. In der Norddeutschen Zellulosefnbrik zu Königsberg i. Pr. ist es plötzlich zum Streik gekommen. Sämtliche Arbeiter der Fabrik, zirka 566 an Zahl, die zu 9 Prozent im Zentralverband der beut- schen Fabrikarbeiter organisiert sind, stellten ihre Tätigkeit ein, nach- dem die Lohnkommission bei der Direktion absolut kein Entgegen- kommen gefunden hatte. Die Fabrikleitung versucht, von auswärts Arbeitswillige herbeizuziehen, da sich in Königsberg selbst keine Streikbrecher finden wollen. Ein Teil Arbeiter der Königsberger Zellstofffabrik, die leider entweder gar keiner Organisation angehören oder vom„Gelben Verbände" eingefangen sind, sollten zum Streik- brecherdienst nach der Norddeutschen Zellulosefabrik abkommandiert werden. Aber selbst diese Arbeiter weigerten sich, die Verräterrolle gegen ihre Leidensgenossen anzunehmen. So ist die Direktion der Norddeutschen Zellulosefabrik schwer im Druck, weil fast der ganze Betrieb still steht, da es ihr bisher nur gelungen ist, einige Polen nach Königsberg zu locken._ Streik der Maschinenbauer auf der Hamburger Werst von Blohm u. Vosi. Dienstag nacht beschloß eine stark besuchte Versammlung der Maschinenbauer die sofortige Arbeitsniederlegung. Die Veranlassung dazic ist in Akkordabzügen und Maßregelungen der Vertrauensleute zu suchen. Etwa 466 Akkordarbeiter haben Mittwoch früh einmütig die Arbeit eingestellt. Bemerkt sei extra, daß die Differenzen nicht etwa ihren Ursprung in der in diesem Jahre stärkeren Beteiligung der Hamburger Werftarbeiter an der Maifeier haben. Auf der Werft von Blohm u. Voß haben die Arbeiter den 1. Mai nicht durch Arbeitsruhe gefeiert mit Rücksicht darauf, daß zu der Zeit schon die Differenzen bestanden und die Arbeiter der Werftdirektion keine Handhabe geben wollten, die Maifeier für eine Verschärfung der Situation benutzen zu können._ Tarifabschlusi im Militär-Sattlergewerbe. In der Militär-Sattlerbranche des Königreichs Sachsen ist eS auf dem Verhandlungswege ohne Arbeitseinstellung zur Anerkennung des Berliner Tarifs gekommen, der im wesentlichen Aufbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen bedeutet und geeignet ist, die Schmutzkonkurrenz der Unternehmer einzudämmen. Für Nähfäden und Wachs werden ab 1. Januar 1913 3 Proz. des Arbeitslohnes als Entschädigung gezahlt. Der Tarif gilt bis 31. März 1914. Streik in der Pianofortefabrik von Bliithner in Leipzig. Wegen Entlassung deS Vorsitzenden des Arbeiterausschusses und wegen Verweigerung der Angabe der Gründe hierzu haben Mittwoch vormittag 566 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Der Schlosserstreik in Stuttgart ist jetzt nach sieben Wochen sieg- reich beendet. Die Arbeit der christlichen Streikürecheragenten war vergeblich. Sie konnten keine brauchbaren Kräfte auftreiben, da an- ständige Leute sich nicht zu Streikbrecherdiensten hergeben, und die Meister mußten nun wohl oder übel die„großen Zugeständnisse" an die Christen gegen den Deutschen Metallarbeiter-Verband bedeutend ergänzen. Erzielt wurden: die 55 ständige Arbeitszeit, Mindestlöhne von 46 Pf. für ausgelernte, 45 Pf. im zweiten und dritten Jahre, 52 im vierten Jahre. 56 im fünften Jahre, 62 Pf. für selbständige Gesellen, während die Christen 33—46, 46— 56 und 56—66 Pf. bei 56 stündiger Arbeitszeit zugestanden erhielten. Diese Zugeständnisse waren von unserer Seite abgelehnt worden. Neben dem schönen Erfolge sind die Christlichen, die mit Polizeihilfe Streikbrecher aus ganz Deutschland herbeischleppten, nun in der Lage, dem Gespött und der Verachtung preisgegeben zu sein. Ausland. Keine Aussperrung in Dänemark. WolffS Telegraphen-Bureau meldet unter dem 17. Mai aus Kopenhagen: Die durch den Ausstand der Klempner veranlaßte etwa 46666 Arbeiter umfassende Aussperrung ist heute aufgehoben worden, nachdem ein Uebereinkommen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern in allen stritttgen Punkten erzielt worden ist. Hetzte Nachrkhtern Obstruktion in der belgischen Kammer. Brüssel, 17. Mai.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung ber Deputiertenkammer setzte die Obstruktion der Linken und Sozia, listen gegen das Schulgesetz ein. Der liberale Deputierte von Namur, Hambursin, sprach die ganze Sitzung zum Etat des Ministeriums deS Innern. Als er gegen 5 Uhr seine Rede ab- brechen wollte, um sie morgen fortzusetzen, brach ein unbeschreib- lichcr Lärm los. Die Saaldiener waren genötigt, Tätlichkeiten zu verhindern. Der Präsident mußte schließlich die Sitzung abbrechen. Er ließ gleichzeitig die Tribünen, auch die Pressetribüne, räumen. Nach einer halbstündigen Pause wurde die Sitzung wieder eröffnet, aber auf dringendes Verlangen der Linken bald wieder ge- schlössen, damit der Sprecher der liberalen Partei seine Rede morgen fortsetzen kann. Schließung deö finnischen Landtages. Petersburg, 17. Mai.(W. T. B.) Durch ein Manifest deS Kaisers wird die Schließung des jetzigen finnischen Landtages durch den Keneralgouverneur für den 24. Mai angeordnet. Brückeneinstnrz in Deutsch-Weftafrika. Hamburg, 17. Mai. Das«Fremdenblatt" bringt eins einer hiesigen Firma zugegangene Depesche, wonach die LaudungSbrücke in Lome(Togo) infolge schwerer See eingestürzt wäre. Todessprung aus dem Zuge. M.-Gladbach, 17. Mai.(H. B.) Heute vormittag wurde in der Nähe des Bahnhofes Korschenbroich an einer Böschung des Bahn- körperS der junge Arbeiter Braun aus Korschenbroich tot aufgefunden. Der junge Mann ist gestern abend in einen falschen Zug gestiegen und hat, als er merkte, daß dieser Zug nicht in Korschenbroich hielt. die Tür geöffnet und ist dann hinauSgesprungen, wobei er den Tod fand. Explosion. Budapest, 17. Mai.(B. H.) Infolge der herrschenden großen Hitze explodierte im Frachtenbahnhof von Kobanya eine mit Salzsäure- Ammoniak gefü/> eiserne Röhre. Ein Bahnbediensteter wurde schwer verletzt, ein Tirgon zertrümmert. Eine Ortschaft in Westrußland abgebrannt. Petersburg, 17. Mai.(W. T. B.) In dem Orte Dhwin im Bezirke Kobrin sind durch eine FeuerSbrunst über 666 Häuser zer- stört worden, darunter eine Volksschule und ein Hospital. Zwei Menschen sind verbrannt._ Rassenhaß. Kapstadt, 17. Mai 1911.(Meldung der„P.-C.") Zu einer großen Manifestation kam eS heute in Port Elisabeth. Ein Neger hatte gestern abend ein Attentat auf ein junges Mädchen begangen. Die Bevölkerung war aufs äußerste entrüstet. 6666 Men- schen versammelten sich heute, zogen vor das Regierungsgebäude und ließen eine Resolution übergeben, die die Aufforderung ent- hält, daß den Negern nicht mehr gestattet sein soll, nach Sonnen- Untergang die Straße zu betreten. Der Attentäter ist heute ver- Haftel worden und konnte nur mit Mühe vor der Wut der Menge geschützt werden, die ihn lynchen wollte._ Paul Singer öe Co., Berliv LZV. Hierzu i Beilagen«.yntcrhaltvvgSÄ. Hr. 115. 28.Illhrgllvg. L Kilige i>ts Jotiüärts" Sctlinet lolblilnlt. Donnerslllg, 18. Mai 191L Die Keichsvei'ilchel'uvgsorckvuvg im Plenum des Reichstages. Die Sozialdemokraten beantragten, dah auch in den Ztnappschaftskrankenkassen die Mitglieder aus den Arbeitgebern nur an der Wahl der Arbeitgcbervertreter und die Mitglieder aus den Versicherten nur an der Wahl der Versicherten teilnehmen sollen: Abgelehnt von den Kompromißparteien. Ferner beantragten die Sozialdemokraten, daß die Stimmzettel bei der Wahl der Arbeitervertreter von gleicher Größe und von weißem Papier sein müssen und daß die Größe der Stimm- zettel vom Kassenvorstand bestimmt wird. Jedem Wähler soll ein Kuvert ausgehändigt werden, in welches er, ohne beobachtet werden zu können, den Stimmzettel zu stecken und es dann dem Wahl- Vorsteher zu überreichen hat: Abgelehnt von den Kompromißparteieu. Ferner beantragten die SozialdemokrateNx daß auch Knappschaftsinvaliden wahlberechtigt sind:, Abgelehnt von den Kompromißparteien. Die Freien Hilfskassen sollen als Ersatzkassen nur dann zu- gelassen werden, wenn ihnen bereits vor dem 1. April 19(19 als eingeschriebene Hilfskasse eine Bescheinigung nach§ 7öa des Krankenversicherungsgesetzes erteilt worden ist. Die Sozial- demokraten beantragten, daß auch in Zukunft neue HilfS- krankenkassen als Ersatzkrankenkassen gegründet werden können: Abgelehnt von den Kompromißparteien. Ferner sollen jene Freien Hilfskassen nur dann als Ersatzkassen zugelassen werden, wenn ihnen dauernd mehr als tausend Mit- glieder angehören. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Mindestmitgliederzahl für die Ersatzkassen auf fünfhundert herabgesetzt werde: Abgelehnt von den Kompromißparteien. Endlich dürfen jene Freien Hilfskassen nur für den vor dem 1. April 1999 durch die Satzung bestimmten Bezirk und Kreis ihrer versicherungspflichtigen Mitglieder als Ersatzkassen zugelassen wer- den. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Freien Hilfskassen sich verschmelzen können und dann als Ersatzkassen für den vor dem 1. April 1999 durch die Satzung der einzelnen Kassen bestimmten Bezirk und Kreis ihrer versicherungspflichtigen Mit- glieder zugelassen werden müssen:, Abgelehnt von den Kompromißparteien. � Versicherungspflichtige, die Mitglieder einer Ersatzkasse sind, find zugleich auch Mitglieder der Zwangskasse, ihre Rechte und Pflichten als Mitglieder der Zwangskasse ruhen aber, solange sie Mitglieder der Ersatzkasse sind, wenn sie dies beantragen. Die Folge davon ist, daß sie auch keine Beiträge an die ZwangSkasse zu leisten haben; dagegen soll der Arbeitgeber seinen Beitragsteil (also ein Drittel der Beiträge) an die Zwangskasse abliefern. Die Sozialdemokraten beantragten, daß Versicherungspflichtige, die Mitglieder einer Ersatzkasse sind, von der Verpflichtung, einer Zwangskasse beizutreten, befreit find. Der Arbeitgeber dieser Ver- ficherungspflichtigen soll seinen Beitragsteil an die Ersatzkasse ab- Lie/ery: Abgelehnt von den Kompromißparteien. Ferner beantragten die Sozialdemokraten, daß wenig- stens die Zwangskassen die bei ihnen für die Mitglieder der Ersatz- lasse eingeführten Beitragsteile der Arbeitgeber zu vier Fünfteln an die Ersatzkasse abzuführen haben: Abgelehnt von den Kompromißparteien. In dem dritten Buche, das die Bestimmungen für die Gewerbe- Unfallversicherung enthält, beantragten die Sozialdemo- k r a t e n, daß die Versicherungspflicht auf denselben Personenkreis ausgedehnt wird, wie bei der Krankenversicherung und überdies kleines feuiUeton. FrühlingSfieber. Es ist gut, daß jede Jahreszeit ihre beson- deren Freunde hat. Den größten Ruhm in Prosa und Dichtung hat immerhin unziveifelhaft der Frühling davongetragen, und das erklärt sich von selbst. Die Freude am Wiederernxichcn der Natur aus dem Winterschlaf ist ein fast selbstverständliches Gefühl, und wenn die Kinder der gemäßigten Zone in wärmeren Gegenden etwas vermissen, so ist es gerade der Gegensatz von Winter und Frühling. Aber auch der Lenz hat seine Feinde. Wer mit sich und der Welt zerfallen ist, kommt gerade im Frühling auf die schwersten Gedanken, weil er fühlt, daß er den allgemeinen Auf- schwung in der Natur nicht mitmachen kann. Es ist eine längst bekannte Tatsache, daß im Frühjahr die meisten Selbstmorde vor- kommen. Auch andere Störungen des gesundheitlichen Gleichgewichts sind häufig, und man hat für ihre harmloseren Formen die Bezeichnung des Frühlingsfiebcrs erfunden. Es äußert sich je nach der Veranlagung des Einzelnen verschieden, bald in gesteiger- ter Erregung und Ruhelosigkeit, bald in Niedergeschlagenheit. Man könnte in einer naturwissenschaftlichen Betrachtung der Frage von einem Blick auf die Tierwelt ausgehen. Auch bei dieser müssen die Frühlingsgefühle von sehr verschiedener Art sein. Wie anders muß ein Zugvogel enchfinden, der eigentlich in einem dauernden Sommer lebt, als ein Murmeltier oder Hamster, der den ganzen Winter durch schläft. Der Mensch hat sich den Winterschlaf, den er vielleicht vor Jahrtausenden aus Zwang gepflegt hat, seit lauger Zeit vollständig abgewöhnt. Allerdings gibt es auch noch Menschen. die sich einem Winterschlaf hingeben, wie es von Landbewohnern in manchen Gegenden Rußlands glaubwürdig versichert und beschrie- ben worden ist. Da muß gleichfalls ein ungeheurer Gegensatz be- stehen zwischen solchen Menschen und einem Kulturwesen, das im ganzen Jahr keine Ruhe kennt und durch den Fortschritt der künst- lichen Beleuchtung die Nacht zum Tage und den Winter zum Sommer zu machen bestrebt ist. Aber wenn sich auch das Licht einigermaßen ersetzen läßt, so gibt es für die Sonnenwärme und die durch sie hervorgerufenen Wirkungen keinen Ersatz menschlicher Kunst, und solange das nicht erreicht ist, wird der Mensch für den Eintritt des Frühlings immer empfänglich bleiben, und es wird immer Leute, besonders unter der Jugend geben, die in dieser Jahreszeit in einen fieberhaften Zustand geraten..... 8990 Mk. für ein Paar Tanzschuhe! In Paris gibt«S einen Schuhmacher, richtiger gesagt: einen Schuhkünstler, der, ohne Bei- Hilfe eines Lehrlings oder Gesellen, jedes Paar Schuhe mit seinen eigenen Händen anfertigt; dabei stellt er nur Tanzschuhe oder Pan- töffelchcn für den Hausgebrauch her. Jedes Paar, das er aus- stellt, ist ein Meisterwerk. Dieser Schuster trägt zwar noch beim Arbeiten sein Schurzfell, aber sonst erinnert den Besucher in seinem Atelier nichts an sein Gewerbe. Doch sieht man in einem großen Glaskasten zahlreiche Wunderwerke seiner Kunst ausgestellt. Kein Paar ist darunter, das für weniger als 169 bis 299 Mk. verkauft wurde. Es ist der kurze Rock, dem er seinen großen Ruhm ver» baaitt im- die ZZariser Xamn und M mehr die Sjmilamima auf die Personen, die bei der Rettung von Personen oder Sachen verunglückt sind:>>■■ r-, Abgelehnt von den Kompromißparteien. Hierauf beantragten die Sozialdemokraten, daß wenig- stens die Versicherung auf alle kaufmännischen Betriebe, auf die gewerbsmäßigen Schauftellungen und. Bühnenbetriebe ausgedehnt werde:'*' Abgelehnt von den Kompromißparteien. Als versicherungspflichtige Fabriken gelten u. a. die Betriebe, die gewerbsmäßig Gegenstände bearbeiten oder verarbeiten und hierzu mindestens zehn Arbeiter regelmäßig beschäftigen. Die Sozialdemokraten beantragten, daß diese Betriebe schon dann als versicherungspflichtige Betriebe gelten sollen, wenn in ihnen Mindestens drei Arbeiter regelmäßig beschäftigt werden.; Abgelehnt von den Kompromißparteien, Reichstag. 177. Sitzung. Mittwoch, den 17. Mai, vormittags 12 Uhr. Am Bundesratstisch: Dr. Delbrück. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Lesung der Reichsversichernngsordnung Die Beratung wird fortgesetzt beim§ S69a. Nach§ 669a kann die Berufsgenosseuschaft Belriebsunternehmer, die keiner be sonderen Unfallgefahr unterliegen, für v e r s i ch e r u n g S f r e i er- klären. Ein sozialdemokratischer Antrag will.beitragsfcei" statt „versicherungsfrei- setzen. Abg. Busold(Soz.): Den kleinen Handwerken: geht es oft schlechter als dem Arbeiter; aber der kleine Handwerker heuchelt in seinem äußeren Auftreten eine gewisse Wohlhabenheit, weil er sonst in der bürgerlichen Gesell schaft seine Stellung nicht behaupten kann. Wenn ein solcher Mann verunglückt und er ist nicht versichert, so steht er ganz hilflos da. Mit der Befreiung von der Versicherung erweist man diesen Leuten keine Wohltat, wohl aber mit der B e- freiung von der Beitragspflicht, wie es unser An- trag will. Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt. § 672 a gibt die Möglichkeit, durch Satzung zu bestimmen, daß die freiwillige Versicherung außer Kraft tritt, wenn der Beitrag»nicht rechtzeitig- bezahlt worden ist. Ein sozialdemokratischer Antrag will statt»nicht rechtzeitig setzen:»trotz wiederholter Mahnung nicht". Abg. Albrecht(Soz.): Diesen Antrag werden Sie wohl annehmen; es handelt sich ja bei diesen freiwillig Versicherten um Ihre Leute, um den kleinen Mittelstand. Diese kleinen Handwerker konnten aber, wenn die KommissiouSfassung Gesetz wird, sehr leicht ihre wohlerworbenen Rechte verlieren. (Während der Rede deS Abg. A l b r e ch t wird eine Frau, die von der Tribüne herab in den Saal herunter gerufen hatte, hinausgewiesen, und da sie nicht gutwillig geht, von mehreren Dienern mit Gewalt hinausgebracht, wobei sie, laut schreiend, heftigen Widerstand leistet. Auf dem Korridor verfällt sie in S ch r e i k r ä m p f e.) Abg. Irl(Z.): Den Antrag in seinem Wortlaut können wir nicht annehmen, denn»wiederholte" Mahnungen halten wir nicht für angebracht. Der Antrag A l b r e ch t wird mit Ausnahme des Wortes„wieder Holter" angenommen. In§ 677 will ein Antrag A l b r e ch t(Soz.), daß die Leistungen der Unfallversicherung nicht„vom Beginn der 14. Woche nach dem Unfall", sondern»vom Tage des Unfalls ab" zu leisten sind. Abg. Büchner(Soz.): Unser Antrag liegt im Interesse der Krankenkassen, die jetzt während der ersten 13 Wochen eintreten müssen. Die Unfallziffern legen unter dem Zwang dieser Mode einen übertrieben hohen Wert auf ihr Schuhwerk. Jüngst hat sich eine Südamerikanerin bei ihm ein Paar Schuhe anfertigen lassen, die er ihr mit 8999 Mk. be- rechnet hat. Etwa 299 Kolibribrüste hat der Schuhmacher sich ver- schaffen müssen, um diese Schühchen herzustellen. Die Seltenheit dieser Vögel wie die Mühe, sie zu fangen, verursachte den hohen Preis. Der Künstler behandelte das Gefieder so zart, daß, als die Schuhe fertig waren, sie so aussahen, als beständen sie aus starker und reicher schillernder Seide. Die Täuschung wird noch gesteigert dadurch, daß die Absätze zu dem tiefsten Ton des Ge- fiedcrs passen. Kleine Federn, die rund um die Schühchen befestigt sind, vollenden das Meisterwerk, das ganz schnallenlos ist. Ein zweites Paar ebenso kostbarer Fußbekleidung besteht aus Gold- und Silbergcwebe, das mit echter Spitze besetzt ist; diese Spitze ist natürlich sehr alt und von hohem Wert. Winzige Schnallen, besetzt mit imitierten Edelsteinen, und der Einsatz einer einzigen Brust eines Kolibris, deren Farbe das Ganze bestimmt, krönen das Werk.(Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die Eitelkeit und Gedankenlosigkeit des Menschen verwüstend und zerstörend in der Natur haust. Damit eine eitle Dame mit einem Paar außer- gewöhnlich teuerer Schuhe ihre Nebenbuhlerinnen ausstechen und ärgern kann, müssen 299 der seltensten und schönsten Vögel ihr Leben lassen. Eine empörende Roheit.) Die jüdische Kolonisation Palästinas. Seit Einführung der Ver- fasinng in der Türkei hat die jüdische Kolonisation Valästmas, viel- facher Fesseln ledig, einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. so daß die türkische Regierung aus nationaler Besorgnis schon an- fängt, Schwierigkeiten bei der Zuwanderung und beim Vodenerwerb von Israeliten zu machen. Die Zentrale dieser Kolonisation ist Jerusalem; mit seiner Einwohnerzahl von 85 909 Juden und 129 jüdischen Schulen und Synagogen, den hebräischen Inschriften allerorten hat die Stadt unter Zurückdrängung der übrigen Be- völkerungSclcinente ein rein jüdisches Gepräge. Die Juden tragen hier meist die überkommene faltige Kleidung, und zur Zeit deS LaubhüttenfcsteS ruht die Arbeit in allen Straßen. Auch die jüdische Bevölkerung in Jaffa. Haiffa(das soeben ein jüdisches Technikum baut) und Tiberias wäwst mit jedem Monat. Diese starke Einwanderung ist fast ausschließlich eine Folge der Be- drnckungen. unter denen die Juden Rußlands leiden; fast jedes Schiff bringt neue jüdische Ansiedler aus dem Zarenreiche. Die jüdische Kolonisationsgesellschaft kauft mit den großen Geldsummen, über die sie verfügt, weite Ländcreien auf und siedelt auf den einzelnen Parzellen die Kolonisten an. So ist bereits die ganze Gegend zwischen Jaffa und Ghasa und die Ebene Saron mit solchen Kolonien schachbrettartig bedeckt, ebenso sind vier Fünftel von Galiläa mit der fruchtbaren Ebene JeSreel von jüdischen Bauern besiedelt. Man ist ferner dabei, durch Ankauf geeigneter Teile deS JordantaleS und der fetten Haurangefilde wcilere Kolo- niiationen vorzubereiten. Dici'e jüdischen Bancrnkolonien sind, früheren Prophezeiungen zum Trotz, in ihrer wirtschaftlichen Er- giebigkeit und Blüte der Stolz des Landes geworden. Die Türkei hat in diesen eingewanderten Juden ein wertvolles Kulturelement gewonnen, dessen ganzer Segen sich in dem jahrhundertelang Wüst gelegenen Lande erst später bemerkbar machen wird.- in der Industrie sind erschreckend groß und es liegt im Interesse der Verunglückten und der Berufsgenossenschaft, daß die Verletzten sofort in die Unfallbehandlung k o m ni e n, die keineswegs bei der weit gesteigerten Spezialisierung von jedem Arzte so ausgeübt werden kann, wie von den Aerzten der Bcrufsgeiiossenschaflen. Wenn die Unternehmer die Kosten der Unfallversicherung trügen, könnten die Krankenkassen im Interesse der Arbeiter bedeutend mehr leisten.(Bravo l bei den Sozial- demokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. In 8 678 will ein Autrag Albrecht(Soz.) die Vollrente dem vollen Jahresarbeitsverdienst gleichsetzen statt%, wie es die Vorlage tut. Abg. Lchmann-Wiesbaden(Soz.): Die Vorlage geht offenbar von der Ansicht anS, der Arbeiter könne mit 3/8 seines Verdienstes auskommen. Diese Voraussetzung ist falsch, zumal bei den kolossal gestiegenen Lebensmittelpreisen. In der Kommission haben Sie unseren Antrag mit der Begründung abgelehnt, die Regierung wolle es nicht. Auf die Re- gierung beruft sich das Zentrum, wie es scheint, immer, wenn es einen Antrag ablehnen will. Bei der Finanzrcform und der Erbschaftssteuer waren die Wünsche der Regierung dem Zentrum sehr gleichgültig.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. 8 581 lautet:„Solange der Verletzte infolge des Unfalles un» verschuldet arbeitslos ist, kann die Genossenschaft auf Zeit die Teil- rente bis zur Bollrente erhöhen." Ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) will»muß- statt»kann' setzen und die Worte»auf Zeit" streichen. Abg. Bnsold(Soz.): Bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit zufolge eines Unfalles sollte man den Verletzten nicht von der Gnade des Vorstandes der Berufs- genossenschaft abhängig machen. Das Wort„kann" spielt in der sozialen Gesetzgebung eine sehr unangenehme Rolle.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. 8 684 legt der Berechnung der Rente den JahreSarbeitS» verdienst zugrunde, der über 1899 M. betragende Teil soll jedoch nur mit einem Drittel angerechnet werden. Ein Antrag Albrecht(Soz.) will diese beschränkende Be« stimmung streichen. Abg. Molkenviihr(Soz.) Sie haben Betriebsbeamte mit Gehältern bis zu 6999 M. unfallversicherungSpflichtig gemacht; ihre Rente setzen Sie aber erheb« lich herab, indem Sie ihr Einkommen über 1890 M. nur zu einem Drittel rechnen wollen. Unser Antrag liegt vor allem im Interesse der Privatbeamten. Bon einer zu starken Be» lastung der Industrie durch unseren Antrag kann keine Rede sein, denn die Stellungen mit höheren Gehältern sind verhältnismäßig selten. Bei Gefahr verlangt man gerade von diesen Leuten, daß sie voranstehen und ihr Leben gering achten; um so ungerechtfertigter ist es, ihr Gehalt bei der Renten« festsetzung nicht voll anzurechnen. Wer für die Privatangestellten wirklich etwas tun will, hat hier Gelegenheit dazu.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Sachse(Soz.) begründet den Antrag, folgenden 8 684a einzufügen:„Ist die Rente bei Lehrlingen und Arbeitern unter 25 Jahren nach einem geringeren Betrage bemessen, als der Jahresarbeitsverdicnst derjenigen Arbeiter« kategorie, in welche der Betreffende bei regelrechtem Gang auf« gerückt wäre, wenn ihm kein Unfall zugestoßen wäre, so ist deren Rente von 3 zu 3 Jahren, zuletzt nach vollendetem 25. Lebensjahre, entsprechend zu erhöhe n." Dieser Autrag soll dem Uebclstand abhelfen, daß ein in jungen Jahren Verunglückter zeitlebens dieselbe kleine Rente bezieht, er soll vielmehr allmählich mehr bekommen, wie eS der 8 dei der Seeuufa llversicherung bereits tut. Das dort anerkannte Prinzip sollten Sie auch für die Getverbeunfallversichcnmg einführen.(Sehr richtig!) Abg. Hne(Soz.): Zahlreiche Petitionen von Privatbeamten haben daS verlangt, was wir zu§ 584 beantragen. Bleibt es beim Kommissionsbeschluß, so würde beispielsweise ein Beamter mit 3699 M. nur 1699 M. Vollrente haben; er stände dann schlechter wie bisher ohne Humor und Satire» Neopathetiker. Als.Neopathetiker" brüsten sich stolz und hochtrabend Dichter, vereinigt zum Klub, und begriffen habend, Daß nach all dem verrückten, perversen modernen Stuß Man dem p. t. Publikum Slärk'rcs noch bieten muß. Am letzten Montag im stillen Salon Cassirer Präsentierten sie der engem Oeffentlichkeit einen ihrer Allerglänzendsten sogenannten Stars; Ein gewisser Hehm,„Ueberwinder von Goethe-, war's. Zu rubrizieren genau die Art seiner Lyrik, Ist für den gewissenhaft prüfenden Kritiker schwierigk. Er bevorzugt im menschlichen Dasein die„Kurve der Oual' Und besingt drum gräulich ein tropisches Fieberspital. Nicht minder schauderös die blutigen Einzelheiten. Die den interessanten Akt einer Fehlgeburt begleiten. Jedes„Jchgefllhl" ist ausgeschaltet bei diesem Mann, Den nichts, weder Krankheit noch Irrsinn, mehr rühren kann. Wir empfehlen diesen allerneuestcn Dichtcrgeniussen Zum Objekt der Betrachtung dringend das Land der Bornssen. Breslau und Moabit: welch ein unübertrefflicher Stoff, Wo manch Schutzmannssäbel vom Blute des Bürgers troff! Auch auf dem Gebiet der beliebten Militärmißhandlimgen Gibt es packende Moniente, die noch kein Poet hat betnngcn. Stockschläge, Fausthiebe, Tritte mit Stiefeln vor den Bauch: Wenn mau's hört, wird die Feder unwillkürlich zum Gummi- schlauch. Ueberhaupt ist Preußen, dank seinen Kommißdressuren, Das reinste Dorado für neopathetische Naturen. Denn hier, wo selbstherrlich nur Knüttel und Knute regiert, Ward daS»Jchgefühl" längst auf ein Minimum reduziert! _ Michel. Notizen. — Theaterchronik. Das Neue Theater, dessen Direktor Schmieder zu Ende der Saison zurücktritt, ist auf zwei Jahre von A. S l i w i n s k i, dem Inhaber des Theaterverlags F. Bloch Erben, gepachtet worden. Ein neues Theater in Hannover, die„Schau- bürg", das dem Schauspiel und der Operette dienen soll, wurde durch eine Aufführung des»Faust" und eine neue Operette(»Die Liebesjagd" von H. R i tz a u) eingeweiht. — Gegen die Lustbarkeitssteuer nahm die General- Versammlung des Deutschen B ü h n e n v e r e i n s(der Organi» sation der Direktoren), die in Gera tagte, folgende Resolution an: „Die Luslbnrkcilssteuer. insbesondere auch eine solche iu Form einer Billettjteuer, darf nicht von solchen Theatern erhoben werden, in denen ein höheres künstlerisches Interesse obwaltet. Ausnahmen dürfen nur bei stark besteuerten Gemeinden gemacht werden und bei solchen, die den Ertrag der Steuer zur Förderung de» Theaters be« nutzen wollen.' HaftpfNchtgesetzeS (Sehr richtig l bei den Versicherung� da fetzt auf Grund des der volle Schaden ersetzt werden darf. Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Semlcr snatl.): Die NegierungSdorlage setzte die Grenze auf IHR) Mark fest und die Kommission ging auf 1800 Mark berauf. Den Unternehmern wird durch die Ver, sicherungsordnung so viel an Lasten auferlegt datz wir vor einzelneu Härte» nicht zurückschrecken dürfen. Abg. Hne sSoz.): Wir sind überhaupt gegen das HexeueimnaleinS bei der Ein kommenSberechnung bei der Nentensestsetzung. das volle Einkommen mutz der Reute zugrunde gelegt werden. Hier aber handelt es sich um Leute, die durch die Versicherung noch schlechtergestellt werden als sie bisher ohne dieselbe auf Grund des Haft Pflichtgesetzes standen. Dabei ist stets versprochen worden, niemand solle durch die Neichsversicherungsordnung geschädigt werden. sSxhr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Anträge werden a b g e h n t. Die Sozialdemokraten beantragen die Einfügung eines neuen§ 592a mit folgendem Wortlaut:„Für Rentenempfänger ist der Jahresarbeitsverdienst, der der Berechnung der Rente zugrunde gelegt worden ist, nach je 10 Jahren in dem Verhältnis, in dem der Durchschnittslohn nach der Aufstellung der Berufsgenossenschaften gc stiegen ist. zu erhöhen. Hiernach ist dann der Betrag der Rente neu festzusetzen.* � �, Abg. Zuveil sSoz.): Die Berechtigung unseres Antrages ist begründet einmal in der steigenden Lebensmittelteuerung, zum anderen in der geradezu grauenhaften Steigerung der Unfälle, die eine furchtbare Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft bedeutet. sSehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Es ist auch direkt unwahr, dah die Annahme unseres Antrages eine unerträgliche Belastung der Berufsgenossenschaften mit sich führen würde. Bezeichnend aber ist, daß sich hinter diesen fadenscheinigen Vorwand auch das christ liche Zentrum versteckt, um seine Ablehnung aller orbeiter freundlichen Anträge zu rechtfertigen. Menschlichkeit und Gerechtig keit erfordern die Annahme unseres Antrages, dem keine durch schlagenden nationalökonomische Bedenken entgegenstehen. sLebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Semler snatl.) und Ministerialdirektor CoSPar bekämpfen den Antrag, der alsdann abgelehnt wird. § 593 bestimmt, da« ein Unfallverletzter kein Krankengeld er« hält, Ivenn er sich den Unfall beim Begehen eines Verbrechens oder vorsätzlichen Vergehens zugezogen hat. Abg. Hoch(Soz.): Wir beantragen hier ausdrücklich die Bezugnahme auf§ 576 einzufügen, wonach die Verletzung bergpolizeilicher Vorschriften nicht als Vergehen im Sinne dieses Para graphen gilt. Der Antrag wird einstimmig angenommen. ß 607 in der Kommissionsfassung bestimmt, daß die Rente für die Witwe und jedes Kind bis zum vollendete» 15. Jahre ein Fünftel des Jahresarbeitsverdienstes beträgt, für ein uneheliches Kind jedoch nur. soweit der Verstorbene ihm nach gesetzlicher Pflicht Unterhalt geivährt hat. Nach z 608 erhält die Witwe, die wieder heiratet, des Jahresarbeitsverdienstes als Abfindung.§ 609 bestimmt, daß die Witwe keinen Anspruch bat. wenn die Eh« erst nach dem Unfall geschlossen wird. Nach 8 612 erhalten Verwandte aufsteigender Linie, die der Verstorbene unterhalten hat, eine Rente von zusammen ein Fünftel des JahreSarbeitS-Ver- d i e n st e S, ebenso nach§ 613 elternlose Enkel des Ver- storbenen. Nach§ 614 dürfen die Renten der Hinterbliebenen zusammen nicht drei Fünftel deSJahreSarbeitSverdienstes übersteigen. Abg. Kunert/, Million ausländischer Arbeiter beschäftigt. Und diese Ausländer sind gegenüber dem deutschen Arbeiter sehr schlecht gestellt. Verunglückt ein ausländischer Arbeiter durch Verschulden des Unternehmers, so hat der Aus- lünder nach diesem Gesetz keinen Anspruch gegen den Unternehmer auf Grund des HaflpflichtgesetzeS, und die Renten fallen ebenfalls zum Teil weg. Damit verliert di« landwirtschaftliche BerufSgenosfen- Ichaft den Anreiz zum Erlaß von UnfallverhütungSvorschriften und die Landwirte erhalte»«inen Anreiz, iminer mehr Aus- lqnder zu beschäftigen, was im volkswirtschaftlichen Ginne zu beklagen ist. Auch im Bergbau sind viele Ausländer be- fchäftigt. Bei dem furchtbaren Unglück in Radbod sind drei Ausländer getötet und deren Hinterbliebene haben ?! a r keinen Anspruch, und da» soll bei dieser neuen Regelung o bleiben. Darin liegt eine große Ungerechtigkeit und Härte. DeS- halb haben wir unseren Antrag gestellt.(Bravo! bei den Sozial- demokraten.) Falls Sie ihn ablehnen, beantragen wir, die AuS- landet wenigstens durch eine einmalige Zahlung im drei- fachen Betrage der Jahresrente abzufinden. Abg. Dr. Neumanu-Hofer(Pp.) befürwortet die KoinmissionS- fasfung de« ß 614». Abg. Korsanty(Pole): Die Kommissiontbeschlüsie bedeuten einen auberordentliche» Rückschritt; diese Behandlung der ausländischen Arbeiter ist um so ungerechtfertigter, als die deutsche Industrie und Landwirtschast ohne den dauernde» Import auslandischer Arbeiter nicht bestehen kann, deshalb müssen sie auch. wenn sie im Dienste der deutschen Volkswirtschaft verunglücken, ent- schädigt werden.(Sehr richtig I bei den Polen und Sozialdemo- lraten.) Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Die ausländische Unfallversicherung steht keineswegs der unsrigen nach, und die Haftpflicht des Unternehmers reicht dort viel weiter als bei uns, und sie ist dort gegenüber dem Ausländer nicht aufgehoben, wie es bei uns geschehen soll auf Betreiben der Berufsgeuossenschaften. Darin liegt eine starke Ungerechtigkeit gegenüber den Ausländern, die massenhaft und oft geradezu gewissenlos ins Land hineingezogen werden.(Bravo! bei den Sozial- demokraten.) Der Antrag auf Streichung des§ 614» und der Eventualantrag werden abgelehnt. § 622 bindet die Verbringung eines Verletzten aus einer Heil- anstatt in eine andere an seine Zustimmung; doch kann das Ver- sicherungsamt die Zustimmung ergänzen. Ein Antrag A I b r e ch r(Soz.) will diesen letzten Satz streichen. Abg. Busold(Soz.): Der Zusatz macht den Paragraphen für uns unannehmbar. Wir bitten daher, ihn zu streichen. Dieser Zusatz bedeutet einen schweren und ungerechtfertigten Eingriff in die persönliche Freiheit des Ver- letzten. Geradezu ein JnternierungSrecht wird hier festgestellt.(Sehr wahr! Sehr gul! bei den Soz.) Dazu kommt, daß viele Heilanstalten direkt nach dem Grundsatz handeln, die Rente herabzudrücken. Daher der Name Rentenquetsche. Kann man es da den Ar- beitern verdenken, daß sie lieber Krankenhäusern als derartigen Rentenquetschen die Wiederherstellung ihrer Gesundheit anvertrauen. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Der Streichungsantrag wird abgelehnt, ß 628 lautet:„Er- höhung der Wiedergewährung der Rente kann nur für die Zeit nach Anmeldung des Anspruchs verlangt werden'. Abg. Kuntze(Soz.): Wir beantragen statt„für die Zeit nach Anmeldung des Anspruchs' zu sagen:„für eine längstens sechs Monate nach'Anmeldung des Anspruchs zurückliegende Zeit'.— Die Kommissionsfassung bedeutet eine große Härte gegen zahlreiche Rentenberechtigte, die aus irgend einem Grunde, oftmals ohne ihr Verschulden, die Anmeldung unterlassen haben. Auch werden zahlreiche Scherereien und Prozesse aus der Kommissionsfassung erwachsen.— Wir appellieren an das Gerechtigkeitsgefühl des Hauses und ersuchen im Namen der Veteranen der Arbeit um Annahme unseres Antrages.(Bravo I bei den Sozial« demokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. § 685 lautet:„Ueberzeugt sich die Genossenschast nach erneuter Prüfung, daß die Leistung zu Unrecht entzogen, abgelehnt oder ein- gestellt ist, so kann sie diese neu feststellen.' Abg. Hoch(Soz.): Wir beantragen statt.kann' zu sagen.muß', d. h. also die Leistung der Genoffenschaft i» den vorgesehenen Fällen obli- g a t o r i s ch zu machen, statt nur fakultativ, wie die Kommisston will. Zahlreiche Fälle, die zum Teil schon von unserer Seite in der Kommission angeführt worden sind, sprechen für die Berechtigung und Notwendigkeit unseres Amrages. Wurde doch z. B. nachgewiesen, daß«in Mann, der mit seinem Renten- anspruch auf Grund einer notorisch falschen Zeugenaussage abgewiesen wurde, auch nachher die Rente nicht erhielt, al« erwiesen war. daß der Zeuge falsch ausgesagt hatte.(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. Bei§ 636, der bestimmt, baß eine Genoffenschast eine Ent- schädigung nicht zurückzufordern braucht, die sie vor rechtslräftiger Entscheidung gezahlt hat, bittet Abg. Busold(Soz.), in der Praxis darauf hinzuwirken, daß von dieser Befugnis recht weitherziger Gebrauch gemacht werde, da die gegenteilige Praxi» vielfach große Härten im Gefolge habe.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) 8 638 lautet:„Die Berufsgenoffenschaften als Träger der Ver« sicherung umfassen die Unternehmer der versicherten Gewerbe.' Abg. Molkcnduhr(Soz.): Wir beantragen hinzuzufügen„einschließlich der Betriebe des Reiches, der Bundesstaaten, der Gemeinden und Gemeindeverbände.' Die an Zahl und Lrbeiterzahl immer mehr zunehmenden Betriebe des Reiches, der Staaten und Gemeinden gehören in die Berufs- genoffenschaften der betreffenden Gewerbe hinein. ES liegt absolut kein Grund vor. eine Extrawurst für die Reich«» und Staatsbetriebe zu braten.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und einiger Fortschrittler abgelehnt. 4040 bestimmt, daß da» Reich oder der Bundesstaat Träger erstcherung ist, wenn der Betrieb sür seine Rechnung geht, be den Baggeret-, BinnenschiffahrtS-, Flößerei-, Prahm- und Fähr- betrieben. Abg. vaffermann(natl.) wendet sich gegen die Kommisston»- äflung de«§ 640, die den Interessen der rheinischen Schiffahrt zuwiderlaufe, und stellt AbänderungSanträge für die dritte Lesung in Aussicht. «hg. Hu»(Soz.): Die Bedenken des Abg. Basiermann sind sehr berechtigt. Be achtung verdient übrigens auch der mehr und mehr maßgebende Einfluß, den die Kohlenkönige, die G t i n n e S und Genoffen, auf die Schiffahrt ausüben. 8 640 wird angenommen. Dafür stimmen auch die meisten Nationalliberalen.(Abg. H u e: Was sagen Sie dazu, Herr Bassermann?) § 693 lautet:„Der Vorstand verwaltet die Genoffenschaft, so weit Gesetz oder Satzung nichts andere« bestimmen'. Dazu liegt ein Antrag A l b r e ch t vor:„Der Vorstand besteht zu zwei Dritteln au» Verttetem der Arbeitgeber und zu einem Drittel au« Vertretern der Arbeiter.' Abg. Stückle»(Soz.): Nachdem man die Ortsstaukenlaffen entrechtet, die Landkranken lassen ohne jede Selbstverwaltung gelassen hat, ist eS um so not wendiger, den Arbeitern wenigstens einen gewissen Einfluß aus die BerufSgenossenschaften zu sichem.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Man komme uns nicht mit.'dem Einwand, daß di« Arbeiter keinen Anteil an den Lasten der Berufsgenoffenschaften tragen. Das ist nur scheinbar der Fall. Nur scheinbar bezahlt der Unternehmer die Bei- Man schreckt dabei bor sehr bebenffichen Mitteln nicht zurück; so behandelt ein Vertrauensarzt einen am Auge Verletzten„durch Anfeuern und Zureden'(Hört! hört I); jedenfalls hat er ihn so lange mit„Anfeuern und Zureden' gequält, bis der Mann er- klärte, er könne wieder besser sehen. Eine solche Vehand- lung mit„Anfeuern und Zureden' ist doch die schlimmste Kurpfuscherei. Einem andern, der sich weigerte, sich ein Auge herausnehmen zu lassen, wurde die Rente herabgesetzt. DaS grenzt an Erpressung.(LehhaftcS Sehr richtig I bei deir Soz.) Die Rentenquetscherei könnte nicht so im Schwange sein, wenn Arbeiter mitwirkten. Seit einigen Jahren hat man die.Gewöhnung' an verlorene Glieder eingeführt, um die Renten zu quetschen. Sogar an den V e r l u st eines FußeS, an eine zerschmetterte Schulter sollen die Leute sich so gewöhnt haben, daß sie wieder erwerbsfähig seien(Hört! hört I bei den Soz.); der Verlust einiger Finger mag nicht hinderlich fem bei der schwierigen Tätigkeit eines Kommerzienrats, die auf Vroterioerb gerichtete Tätigkeit eines Arbeiters wird dadurch er- heblich beeinträchtigt.(Sehr richtig I bei den Soz.) Die süddeutsche Textilberufsgenossenschaft hat einen ganz neuen Weg des RentenquetschenS gefunden; sie bietet dem Verletzten eine Kapitalaifindung mit der Androhung, würde erst die neue Versicherungsordnung ein« geführt, so würden die kleinen Renten überhaupt fort- fallen.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Der Tiefftand der sozialen Einsicht bei den Berufsgeuossenschaften fordert dringend die Mitwirkung der Arbeiter.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Die soziale Einsicht der Unternehmer beweist ein Brief des Ober- meisters R a h a r d t, in dem er energisch Einspruch dagegen erhebt, daß ein arbeiterfreundlicher Unternehmer zu dem wichtigen Amt bei der BerufSgenoffenschaft von der Innung vorgeschlagen würde.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wie wenig die Berufsgenossenschaften für UnfallverhütungSvorschriften tun, beweisen dir Berichte der Gewerbeinspektoren auS der Zeit, als ihnen noch nicht verboten war, zu schreiben, was ihr Gewissen ihnen gebot. Bei Mitwirkung der Arbeiter in den Bernfsaenossenschasten würden auch die Unfall- Verhütungsvorschriften besser werden. Unser Antrag ist so selbst- verständlich, daß jeder, dem vrbeiterfreundlichkeit keine bloße Phrase ist, ihn annehmen muß.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. Am Ende des Abschnitts„Vermögensverwaltung' beantragen die Abgg. A l b r e ch t und Genosse»(Soz.), einen 8 720b hinzu- zufügen, wonach die Mittel der Berufsgenossenschaften nicht zur Unterstützung solcher Verbände verwendet werden dürfen, die die Arbeiterversicherung oder die Arbeiterorganisationen bekämpfen. Abg. Molkendnhr(Soz.): Sie haben über den Mißbrauch der Krankenkaffen geklagt; vor allem hätten Sie Nagen sollen über politische» Mißbrauch der ArVeiterversichenrng durch die Unternehmer. ES gibt Berufsgenoffenschaften. die dem Zentralverband deutscher Industrieller angehören und Beiträge zu ihm zahlen, obwohl er sich mit keinem der Zwecke deS Gewerbeunfallversicherungsgesetzes beschäftigt. DaS ist„poli- tischer xMißbrauch der VersicherungSorganisa» t i o n e n.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Zentralverband deutscher Industrieller treibt Politik und zwar in einer jeder Sozialpolitik entgegengesetzten Richtung. Aber gegen den politischen Mißbrauch der Versicherungsorganisationen durch träge auS seiner Tasche: tatsächlich werden sie au» den Er- ttägniffen deS Betriebes, das heißt auS dem Wert, den die Arbeiter chaffeu, bezahlt. Da« hat auch Graf PosadowSky anerkannt. Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist dringend nötig, daß die Arbeiter Anteil an der Verwaltung der Berussgenoffenschaften erhalten. Der Baurat Fe lisch freilich hat erklärt, daß die Teilnahme der Arbeiter de» Tod der Berufsgenossenschastt« bedeute, und«in anderer Führer der Berufsgenoffenschaften sprach von der„Fortsetzung der Diktatur PosadowSky'. Und natürlich wich die Regierung bor dem Gtirnrunzeln der Scharfmacher zurück. ES ist eben der Zentralverband der Industriellen, der neben den Agrariern in Deutschland herrscht.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Viele B-rufSgenoffeuschaften sehen ihre Aufgabe dorm, die Renten herabzusetze» und durch solche Rentenquetscherei die Beiträge der Unternehmer niedrig zu gestalten. DaS ist Spar- samkeit am unrechten Ort».(Sehr richtig! bei den Sozialdemokaten.) die Kapitalisten schreitet die Rigiemng nicht ein.(Hörtl hörtl bei de» Sozialdemokraten.) Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Der Zentralverband deutscher Industrieller hat auch eine» j Wahlfonds gegründet, aus dem nicht nur die rechtsstehenden Parteien Gelt bekommen, sondern auch die«ationalliberale Partei. Zu diesem Fonds werden auch Wittel der BerufSgenossenschafte» gegeben. Gegen diese Politische Korruption hat Herr Kolleg« Heintze kein Wort der Entrüstung gefunden und die Regierung duldet diesen Mißbrauch ebenfalls. Gegen die Sozialdemokaten ist eben jedes Mittel recht. Abg. Dr. Mugdan(Vp.): Wenn di« gerügte Verwendung von Geldern der Berufsgenoffenschaften Tatsache wäre, würden wlr sie verurteilen; wir erwarten bis zur dritten Lesung eine Klar« sie l lung durch dt« Regierung. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Unser Material stammt au« der öffentlich bekanntgegebenen Mitgliederliste des Zentralverbandes Deutscher Industrieller.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Auch Unternehmerorganisotionen sind im Anschluß an die Tagungen der Berufsgeuossenschaften gegründet; auch das gehört nicht zu den Aufgaben der Berufsgenossenschaften, auch das ist ein Mißbrauch der Befugnisse öffentlich rechtlicher Organisationen zu politischen Zwecken. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Semlcr(natl.): Politische Agitation gehört nicht zu den Aufgaben der Berufsgenoffenschaften, auch wir würden das verurteilen, obwohl ich nicht übersehe, ob in der bloßen Mitgliedschaft zum Zentralverband beutscher Industrieller schon eine solche Agitation zu erblicken ist.(Aha! bei den Sozial- demokraten.) Bedenklich ist eS immerhin. Aber dagegen einzu» 'chreiten ist Aufgabe der Aufsichtsbehörde. Die Berufsgenoffenschaften ollen über den Parteien stehen, und nach unseren Erfahrungen tehen sie auch über den Parteien.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Ministerialdirektor Caspar: Zweifel an der richtigen Verwendung der Gelder der Berufsgenoffenschaften rechtfertigen noch nicht eine Erweiterung der gesetzlichen Befugnisse. Der Antrag Albrecht wird abgelehnt. Abg. Severmg(Soz.) befürwortet die Einfügung eine« 8 722», wonach da» Reichs- versicherungSamt von den Berufsgenoffenschaften Auskunft über die Durchführung der Unfallversicherung und Unfallverhütung ver« langen kann. Ministerialdirektor CaSpar: Diese DeftigniS hat das Reichs« versickerungSamt heute schon als Aufsichtsbehörde. Abg. Severins(Soz.): Nach dieser ausdrücklichen Erklärung ziehe ich unseren Antrag zurück. 8 747» verlangt, daß der Bundesrat im Jahre 1921 di« gesetz- lichen Vorschriften über Rücklagen dem Reichstage zur erneuten Be- schlutzfaffung vorlegt. Abg. Irl(Z.) befürwortet einen Kompronrißantrag, 1013 statt 1921 zu setzen. Abg. Doormann(Vp.) bittet um Ablehnung des Antrag». ES empfiehlt sich nicht, die Zukunft zugunsten der Gegenwart zu be- lasten. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Auch wir sind gegen den Antrag. Wir befürchten, daß. wenn die Lasten der Gegenwart der Zukunft aufgebürdet werden, die Lasten derart steigen werden, daß eine allgemeine Mißstimmung und Abneigung gegen die Versicherung die Folge sein würde. Es muß dafür Sorge gewogen werden, daß die Gelder der Berufs« genoffenschaften wieder der Industrie zugeführt uvd werbend an- gelegt werden. Zu befürchten steht auch, daß die Annahme deS KompromißantrageS eine weitere Beförderung der Tendenz bedeuten würde, die Renten herabzudrücken. Der Kompromißantrag wird gegen die Linke angenommen. 8 347 verpflichtet die Berussgenoffenschaften. Vorschriften zu erlassen über: 1. die Einrichtungen und Anordnungen, welche die Mitglieder zur Verhütung von Unfällen in ihren Betneben zu treffen haben, 2. daS Verhalten, da» die Versicherten zur Verhütung von Unfälle» in dett Bewikben SU beobachte» haben, Unfall- berhätungZvorschriflen können auch für einzelne Bezirke, Gelverbs- zweige und Betriebsarten erlasien werden. In den Vorschriften ist zu bestimmen, wie sie den Versicherten bekannt zu geben find. Abg. Kvrfanty sPole) befürwortet lebhaft einen AntragBrandhS: .Wenn in einem Betrieb mindestens 60 Arbeiter mit nichtdeutscher Muttersprache beschäftigt find, so sind ihnen die UnfallverhütungS- Vorschriften in ihrer Muttersprache bekannt zu machen." (Bravo l bei den Polen und Sozialdemokraten.) Abg. Leber(Soz.): Dir sehen den Antrag Brandys als sehr berechtigt an und werden daher für ihn stimmen.-- Wir beantragen unsererseits. daß die UnfaNverhütnngSvorschristen der BerufSgenofienschaften durch einen UnfallverhütungSauSschutz zu erlassen sind. Wir beantragen ferner, dost ein Abdruck der für den einzelnen Betrieb oder Betriebsteil geltenden Unfall« verhütungövorschriften jedem Arbeiter auf Verlangen zugestellt werden muß, sowie daß ein Abdruck der Vorschriften den Ver- sicherten in zweckmäßiger Weise zugänglich gemacht werde.— Der Entwurf sieht die Zuziehung von Vertretern der Versicherten vor. schlägt aber im Z 855 ein außerordentlich kompliziertes Verfahren vor. Wir beantragen statt dessen geheimes, gleiches, direktes Wahl- verfahren.— In der Kommission find unsere Anträge als b e- rechtigt anerkannt worden, wurden aber doch abgelehnt. Wir hoffen, daß ihnen im Plenum ein besseres Schicksal widerfahren möge.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Gothein(Vp.) erklärt sich mit der Tendenz deS polnischen Llntragö einverstanden, bemängelt aber die Fassung. Ministerialdirektor Caspar bittet um Ablehnung deS Antrags. Soweit er berechtigte Forderungen erhebe, würden dies« in der Praxis schon heute erfüllt/. Abg. Sachse(Soz.) verweist darauf, daß in Amerika schon für 20 fremb sprachige Arbeiter Bekanntgabe der Unfallverhütungsvorschristen in ihrer Muttersprache vorgeschrieben sei.(Hört! hört! bei Polen und Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Scwler(natl.): Wenn etwa politische'Tendenzen im An- trage Brandys enthalten sind, so sind diese naturlich für uns unannehmbar; soweit eS sich aber um rein praktische Forderungen handelt, sind wir zum Entgegenkommen bereit, falls bis zur dritten Lesung eine geeignete Fassung gefunden wird. Abg. Korfanty(Pole): Unserem Antrage liegen alle politischen Tendenzen fern. Abg. GieSbertS(Z.) erklärt sich für den Antrag. Abg. Gothein(Vp.) beantragt, daß, wenn 26 des Deutschen nicht mächtige Arbeiter in einem Betriebe vorhanden sind, die eine gemeinsame Muttersprache sprechen, diesen die Vorschriften in ihrer Muttersprache nntzuleilen sind. Der Antrag Gothein wird mit großer Mehrheit gegen di« Rechte angenommen. Die Antrage Albrecht zu 8 847 werden abgelehnt. Zu§ 865(Wahl der Vertreter der Versicherten) befürwortet Abg. Sachse(Soz.) einen Antrag, wonach sie von den Bersichertm in geheimer, gleicher, direkter Wahl nach dem VerhältnlSwahlverfahren zu Wählen sind. Der Antrag wird abgelehnt. Beim Abschnitt.Ueberwachung" begründet. Abg. Emme!(Soz.) den Antrag, einen 8 878» einzufügen, wonach die Eenosieiil schaften so viel technische«uftichtsbeamte anstellen müssen, daß sede in der Genosienschaft versicherte Betriebsstätte alljährlich einmal besichtigt wird. Heute wird nur der fünfte, bei manchen BerufSgenossenschasten aar nur der siebente Teil der Betriebe, und sogar noch weniger bis herab zum IS. Teil jährlich revidiert. Dabei find mafienhaft Betriebe ohne die notwendigen Einrichtungen zur Unfallverhütung: eine häufigere Revision wäre also dringend notwendig.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Weiter beantragen wir noch die Zw sügung eines 8 8786, wonach mindestens ein Viertel der technischen Aufsichtsbeamten in dem Gewerbezweige, dem die versicherten Betriebe angehören, als Arbeiter befchästigt gc oefen sein müssen. Da» ist notwendig, wenn die Beamten die not- wendige Erfahrung haben sollen.(Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Die beiden sozialdemokratischen Anträge werden abgelehnt. Zu 8 692 begründet Abg. Molkenbuhr(Soz.) den Antrag, die darin vorgesehenen AuSnahmevorschriften für Reichs-, Staats» und Gemeindebettiebe zu st r e i ch e n.— Es sind eine ganze Reihe von Bestimmungen dabei, die ohne weitere» auch auf Reichs- und Staatsbetriebe anwendbar sein müßten: so ist gar kein Grund vorhanden, da» Reichsversicherungsamt als Aufsichrsoehörde au»zu- schalten. Noch schlimmer ist, daß die UnfallverhütungSvorschrisren für die Reichs- und Staatsbetriebe nicht gelte» sollen.(Hört I hört' bei den Sozialdemokraten.) E« ist sehr bedauerlich, daß die Schutzvorschriften der Gewerbeordnung mcht für die Reichs- und Staaisbetriebe gelten, und jetzt sollen sie auch von den Unfall- Verhütungsvorschriften befreit werden. Eine solche Gesetzgebung muß den denkbar schlechtesten Eindruck machen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt. § 898 verpflichtet den Arbeitgeber zum Ersatz de» Schaden» für einen Unfall nur dann, wenn strafgerichtlich festgestellt wird, daß er den Unfall vorsätzlich herbeigeführt hat, und beschränkt die Ver- bindlichkeit des Unternehmer» in diesem Falle auf den Betrag, um den sie die Entschädigung aus der Unfallversicherung übersteigt. Abg. Frank-Mannheim begründet einen Antrag, wenigsten« in den Fällen, wo ein Anspruch auf Rente nicht besteht, den zivilrechtlichen Anspruch gegen den Unternehmer bestehen zu lassen, eventuell einen 8 898» einzufügen: .Für Versicherte, die, weil sie AuSlSnder sind, keinen Anspruch auf Rente haben, gilt 8 898 nicht." Die ganze VersicherungSgesetzgebnng zielt darauf ab. die Ersatzpflicht der Unternehmer auf- z u h e b e n. und dieser 8 896 gehört mit dazu. Abg. Dave(Vp.) befürwortet den Antrag ebenfalls. Abg. Dr. Semler(natl.): Wir können di« finanzielle Tragweite de» Antrages heute noch nicht über sehen und lehnen ihn da- her ab. behalten un» aber eine Aenderung unserer Haltung zur dritten Lesung vor. Abg. Dr. Frauk-Mannheim(Soz.): Die finanzielle Tragweite de» Antrage« ist gleich Null: denn e« handelt sich nur dämm, armen Leuten ihren zivilrechtlichen Anspruch zu belasten. Wie denkt denn da» Zentrum darüber? Abg. Trimborn(Z.): Wir werden un» die Sache bis zur dritten Lesung überlegen, jetzt lehnen wir den Antrag ab. Abg. Dove(Vp.): Tann nehmen Sie den Antrag doch jetzt an, und überlegen Sie, ob Sie ihn in der dritten Lesung ablehnen sollen.�(Sehr gut I link».) Der Antrag A l b r e ch t wird angenommen; ein Teil de» Zentrum» und der Reichspartei stimmt für ihn. 8«N gestattet dem Unternehmer, seine Pflichten auf de» Betriebs- leiter abzuwälzen. Abg. Lrhmaun-WieSbaden(Soz.): Der Betriebsleiter ist oft nur ein Strohmann; deshalb beantragen wir. diese Abwälzung der Pflichten zu streichen. Dieser Antrag wird abgelehnt. Mgeoränetenbaus. 7 8. Sitzung vom 17. Maix mittags 12 Uhr.'� Am Ministertisch: v. Dallwitz.>- Zweite Beratung des Gesetzentwurfs bell, die Feuerbestattung. Abg. v. Richthofen(!.): Die Mehrheit meiner politischen Freunde hält an dem Standpunkt fest, dem Gesetzentwurf nicht zuzustimmen. Die Kommission hat ja versucht, Ventile zu schaffen für diejenigen, die an sich nicht Gegner der Leichenver- brennung sind.(Große Unruhe links. Zurufe:„Feuer- Bestattung"!) Jawohl„Leichenverbrennung"! Soll ich die Aus- drücke der„Flamme" anwenden, die davon spricht, daß die Feuer- scele wieder zu Feuer wird?(Abg. Hoffmann(Soz.): Dazu muß �?ne �? e l e vorhanden sein!) Der Abg. Hoffmann ist nicht zuständig, um darüber zu entscheiden, ob eine Seele vorhanden ist oder nicht.(Beifall rechts.) Die von ineinen Freunden gegen die Vorlage geltend gemachten Gesichtspunkte sind nicht genügend entkräftet worden, weder nach der kriminalistischen Seite hin, noch m bezug auf die Aufrechterhaltung der christlichen Sitte. Dabei betone ich gleich, daß ich mit vielen anderen, die auf positiv christ- lichem Boden stehen, der Ansicht bin, daß auch die Leichenver- brennung keineswegs dem christlichen positiven Auferstehungs- glaube.» widerspricht.(„?)a also!" links.) Etwas anderes ist eS aber, ob durch die Leichenverbrennung die christliche Sitte verletzt wird. Das ist aber sicher der Fall. Uns ist die Erdbestattung eine he l l ige christliche Sitte, wir denken dabei an den biblischen Vergleich vom Samenkorn, das in die Erde versenkt wird. Ich bitte Sie namens meiner Freunde, an dem alten Standpunkt der Mehrheit festzuhalten und den Gesetzentwurf abzulehnen.(Leb- hafter Beifall rechts und im Zentrum.) Abg. Dr. Krause-Königsbera(natl.): Ich werde in meinen Ausführungen nicht Ausdrücke wählen, die geeignet sind, die Ge- fühle Andersdenkender zu verletzen. Ich will nicht behaupten, daß der Vorredner den Ausdruck„Leichenverbrennung" gewählt hat, um damit die Gefühle Andersdenkender zu verletzen. Dies« Wirkung hatte aber sein Ausdruck, der nicht einmal da? Wesen der Feuerbestattung trifft.(Sehr richtigl links.) Die Zu- lastung der fakultativen Feuerbestattung entspricht einfach u n s e- rem geltenden Recht nach der Rechtsprechung des Oberver- waltungsgerichtS. Der Vorredner meinte unter dem Beifall der Mehrheit, wir wollten die fakultative Feuerbestattung nur als ersten Schritt zur obligatorischen; so kann solche Meinung nur bei denen aufkommen, die s e l b st intolerant sind. Mit aller Bestimmt- heit kann ich erklären, daß niemand daran denkt, jemals die Erd- oestattung zu verbieten. Ein großer Teil der Freunde der Vorlage gehört aar nicht zu den Anhängern der Feuerbestattung, ich perfön- lich auch nicht. Wir wollen aber nicht den Anhängern der Feuer- bestattung in den Arm fallen. ES ist ein G e b o t d e r Toleranz, daß Sie dem Gesetzentwurf zustimmen und den Kreisen, die einer anderen Sitte huldigen wie Sie selbst, nicht den Weg versperren. (Beifall links.) Abg. Müller-Koblenz(Z.): Wir sind gegen die Leichenver. brennung, erstens weil die gewaltsame Zerstörung deS menschlichen Leichnam« dem natürlichen Gefühl widerspricht, zweitens, weil sie mit der altehrwürdigen, durch die kirchliche Lehre geheiligten ch r i st l i che n Sitte in Widerspruch steht und das Empfinden de» gläubigen christlichen Volkes schwer verletzt.(Sehr richtigl im Zentrum.) Dritten», weil diese Verletzung noch durch den Umstand gesteigert wird, daß die ganze Bewegung von Anfang an eine dem Christentum feindliche Tendenz hat.(Sehr richtigl im Zentrum.) Vierten?, weil die Leichenverbrennung jede nachträgliche Fe st st eilung von Verbrechen unmöglich macht. Viele moderne Männer sind gegen die Leichenverbrennung, wie Johannes Trojan und andere. lZuruf: Sie können sich mög- lichst gleich begraben lasten!— Große Unruhe.— Präsident von Kröcher: Der Zwischenruf ist durchaus ungehörig!— Sehr«ich- tigl recht».) Die eifrigsten Anhänger der Feuerbestattung sind Freimaurer und Sozialdemokraten. Darau» ergebt sich schon der christentumsfeindliche Charakter der Bewegung. Gerade die Sozialdemokraten sollten sich auf unseren Standpunkt stellen, denn die Leichenverbrennung können sich bisher nur die reichen Leute leisten.(Lebhafter, anhaltender,, lärmender Beifall recht» und beim Zentrum, Zischen links.) Minister v. Dallwitz: Die Regierung ist zu der Vorlage ver- anlaßt worden zunächst durch da» Oberverwaltungsgericht vom Jahre 1907, das ausdrücklich den Rechtssatz aufttellt, daß ein Ver- bot der Leichenverbrennung in Preußen nicht existiert. Ferner kamen die Beschlüsse deS Abgeordnetenhauses und Herrenhauses zur Feuerbestattung in Betracht.(Rufe rechts und im Zentrum:„Achl") Diese Beschlüffe waren zwar keineswegs allein bestimmend für die Regierung, aber doch ein Anlaß, der Frage nachzugehen, ob nicht doch Gesichtspunkte im Laufe der Jahre sich geklärt haben, die eS zweckmäßig erscheinen lassen, nunmehr eine Regelung vorzunehmen, die früher von der Regierung abgelehnt worden ist. Zu diesen Gesichtspunkten gehörte ein großer Teil der kriminalistischen Bedenken. ES ist die Möglichkeit gegeben, diese Bedenken auf ein Minimum durch die in der Vorlage geschaffenen Kautelen zu beseitigen. Maßgebend für die Regierung war aber die Tatsache, daß die Zahl der Krematorien sich an der preußischen Grenze in den letzten vier, fünf Jahren ganz außerordent- lich vermehrt habe(Sehr richtig! link») und daß jeder wohl- habende Preuße sich verbrennen lassen kann, ohne daß dabei die in der Vorlage enthaltenen Kautelen gewahrt werden. Die Regierung würde trotz der veränderten Verhältnisse nicht daran gedach: haben, eine derartige Vorlage zu machen, wenn sie der Ansicht gewesen wäre, daß dadurch irgendeine Schwächung der reli- giöfen Anschauungen in unserem Volke herbeigeführt werden könnte oder daß die berechtigten Empfindungen weiter christlicher Volkskreise durch die Vorlage verletzt werden könnten. Es ist lediglich ein Gebot der Billigkeit gegenüber Andersdenkenden. daß man ihnen gegenüber nicht emen Zwang aufrechterhält. Die Regierung ist nur aus dem Gesichtspunkt der Toleranz zu der Vor- läge gekommen.(Beifall links.) Abg. Dr. Schröck(fk.): Ein großer Teil meiner Freunde sind nicht Anhänger der Feuerbestattung, sie ssimmcn aber für die Vorlage aus Gründen der Toleranz. Abg. Stvezynski(Pole) erklärt kurz namen» seiner Freunde. daß sie aus den schon bei der ersten Lesung angeführten Gründen gegen die Vorlage stimmen werden. Abg. Dr. Pachnicke(Vp.): Tie hier vorgebrachten Einwände wären nur begreiflich, wenn eS sich um die obligatorische Feuer- bestattung handeln würde. Un» liegt aber nicht» ferner, als einen Zwang ausüben zu wollen. Wegen der Wichtigkeit der Vorlage beantrage ich namentliche A b st i in m u n g über den 8 1- Abg. Dr. Bell(Z.)': Man soll denn doch hier nicht immer die Toleranz im Munde führen. Toleranzi st einSchlagwort. (Lebhafte Zurufe links.) Da» Wort„Feuerbestattung" hat gar keine sprachliche Berechtigung. Die Vorlage ist nur die Einlösung eines Versprechens des früheren Ministerpräsidenten aus der Zeit, als hier eine andere Koalition bestand.(Lebhafte Zustimmung im Zentrum. Widerspruch link».) WaS haben Sie denn in Norderney verhandelt? Ei hat sich i» der Sache nichts geändert, nur die Auffassung der Regierung mit Rücksicht auf die liberalen Forderungen.(Zuruf link«: Die Regierung ist klüger geworden.) Wenn also die Regierung liberale Forderungen er- füllt, dann wird sie klüger!(Stürmische Zurufe links.) Nicht wir sind intolerant. Da» Ziel bei den Anhängern der Feuerbestattung ist die obligatorische Leichenverbrennung.«Lachen link».) Wir sagen: prmcipiis obsta(Widerstehe dem Anfang).(Bei- fall rechts und im Zentrum.) Justizminister Dr. Beseler: Die kriminalistischen Bedenken Abg. Hoffmann(Soz.): Auch ich meine, man sollte nicht so zimperlich sein unb zurückschrecken, wenn das Wort„Leichenverbrennung" gebrauckst wird. Bei der Mehrheit wird dieses Wort mit einer gewissen Ab- ficht gebraucht. Ich habe den KommissionSverhandlungen beige- wohnt, wenn auch nur als Zaunaast(Heiterkeit), und da sprach die Mehrheit von„Leichenbrand",„Leichenbrennen" usw. Es herrscht bei Ihnen die Tendenz, die Feuerbestattung durch solche Ausdrücke dem Volke zu verekeln.(Sehr richtig! links.) Das Zentrum denkt doch sonst nicht so zimperlich über die Verbrennung/ wenn eS sich um die früher so häufig vorgekommenb Verbrennung von Lebendigen handelte. Wenn der Abg. Müller ausführte, daß die©ozit'* demokratie gemeinsam mit Freimaurern und Freidenkern an der Spitze der Feuerbestattungsbewegung steht, so betone ich demgegen- über, wie ich das schon bei der ersten Lesung getan habe, daß n i e und an keiner Stelle die Sozialdemokratie die Feuer- bestattung zu einer prinzipiellen Frage gemacht hat. Wir sind aber immer dafür gewesen, daß auch denen, die sich verbrennen lassen wollen, ebenso Rechnung getragen wird, wie denen, die der Erdbestattung anhängen. Wie können Sie gegen die Bewilligung von Mitteln für die Einrichtung von Krematorien etwas haben, während doch auch die Friedhöfe aus allgemeinen Mitteln errichtet werden. Wenn Abg. Müller meint, die Krematorien sollen nur von den Feuerbestattungsvereinen selbst be- zahlt werden, so liehe sich darüber reden, aber wir wollen doch weiter gehen und dann sagen, daß auch für den Bau von Kirchen und die Besoldung von Geistlichen usw. nur diejenigen zahlen sollen, die daran ein Interesse haben, nicht die Allgemeinheit. Herr Müller-Koblenz hat heute sehr schlechte Witze gemacht. Präsident v. KrScher: Sie dürfen wohl sagen, daß ein Mitglied Witze gemacht hat, aber nicht, daß er schlechte gemacht hat. (Heiterkeit.) Abg. Hoffman»(Soz.): Ich bin dem Präsidenten dankbar und hoffe, daß ich in Zukunft denselben Schutz genieße. Herr Müller hat gesagt, es konnten sich auch Menschen finden, dm sich in Spiritus setzen lassen wollen. Ich überlasse eS Ihnen, zu sagen, welche Sorte Witz das gewesen ist. Es handelt sich dabei doch nur darum, der Bevölkerung die Feuerbestattung so geschmacklos wie möglich zu machen. Die Regie- rung hat mit ihrer Vorlage wohl weniger der Linken einen Gefallen tun wollen, sie ist dazu nur gekommen, weil jetzt an den Grenzen Preußens schon nahezu 30 Krematorien bestehen und die Regierung nicht weiterhin Preußen als den rückständigsten Staat Deutschlands blamieren wollte. Präs. v. Kröcher: Sie dürfen nicht sagen, daß die R e- gierung den Staat blamiert. Abg. Hoffmann(Soz.): Im Interesse der Kirche würde es auch liegen, tvettn Sie(zum Zentrum) den Widerstand gegen die Feuerbestattung aufgäben. Sie sind ja sonst mit der Anpassungstheorie immer noch zurechtgekommen. Diesmal scheinen Sie aber wirklich den Anschluß zu verpassen. Dabei lassen sich viele Fälle nachweisen, daß in ---...------ 0— �«r,r>rr: üic uinunamnichCN weoenien Darauf vertagt das Haus die Wkitttheratung auf Donnerstag haben wir nicht leicht genommen, sondern sehr eingehend geprüft. I Uhr. J Die Vorlage, wie sie gestaltet ist. bietet Gewähr, daß nicht ei» Mord Schluß lUB Uhr. luis/ß« du Feuerbestattung UDßejuhjü bleibt durch katholisches Mailand allein drei. Es ist auch nicht richtig, wenn Sie die Bewegung für die Feuerbestattung wieder auf das Konto der Sozialdemokratie setzen lassen. Wir sind ja schon daran gewöhnt, daß wir an allem schuld sein sollen, wenn es regnet oder nicht regnet, oder wenn die Kartoffeln schlecht sind.(Heiterkeit.) Die Feuerbestattung ist aber schon propagiert worden zu einer Zeit, als an die Sozialdemokratie noch nicht zu denken war, und von Leuten, die nicht in den Verdacht sozialdemokratischer Gesinnung kommen konnten, beispielsweise von dem Monarchen, den Sie Fried rech den Großen nennen. Auch die Tante dieses Monarchen, die Markgrafin von Bayreuth, haß sich verbrennen lassen. Reden Sie doch nicht davon, daß die Ver- brennung gegen die Pietät verstößt. Man benutzt in Deutschland sogar Leichen als Zielobjekte für die neuen Gewehre der Soldaten.. Da» Oberverwaltungsgericht hat klipp und klar ausgesprochen, daß die Leichenverbrennung in Preußen nicht gesetzlich verboten ist. Wenn da» Gesetz nicht zustande kommt, dann ist die Regierung geradezu verpflichtet, die Materie mittelst Verordnung zu regeln, so wenig ich sonst ein Freund von Verordnungen bin. Die katholische Kirche kann auch anders. ES ist nachgewiesen, daß ein frommer, streng katholischer Aristokrat in Wien der Kirchs 10 0 0 0 0 Gulden vermachte unter der Bedingung, daß sein Leichnam in Gotha verbrannt und die Asche in der Wiener Conventlirche beigesetzt würde, daß ferner ein katholischer Geist- licher bei der Verbrennung die Grabrede halte. Diese Bedingungen sind vollständig erfüllt worden.(Hört, hört! links.) In der Kom- Mission sind von der Mehrheit Anträge gestellt worden, die sogar den Regierungsvertreter zu der Aeußerung veranlatzten. Sie wollten durch eine Hintertür da« Gesetz wieder aufheben. Wären Ihre Vorschläge erfüllt worden, dann würde das Gesetz einfach lauten: Die Leichenverbrennung ist in Preußen gestattet, die Genehmigung aber von der Ortsbehorde st e t s z u v e r s a g e n.(Heiterkeit.) Wir werden für die Vorlage stimmen, wenn Sie uni auch nicht genügt. Wenn Sie(zur Rechten) die Vorlage ablehnen, so wird daS nicht unser Schade sein.(Lebhafter Beifall.) Präs. v. Kröcher schlagt die Vertagung der Besprechung vor." Abg. Menke(Vp.) erklärt persönlich, daß er mit seiner burschi- kosen Bemerkung vom„begraben lassen" den Abg. Müller nicht habe persönlich treffen wollen.(Die Abgg. Menke (Vp.) und Müll er- KMenz(Z.) reichen sich zur Versöhnung die Hand.) 1 Das Haus vertagt sich.— Donnerstag 12 Uhr: Fortsetzung. Schluß S?L Uhr.'_ Soziales. «kein Betriebsunfall, weil nicht versicherungspflichtig. Für Reklamezwecke wird alljährlich von den großen Geschäft»- Häusern viel Geld ausgegeben. Ein Teil der großen Firmen schaltet hierbei den Zwischenhändler, den Unternehmer auS, und läßt seine Reklamesachen im eigenen Betriebe herstellen. So werden auch Kataloge, die von Buchbindern und Buchbinderei- arbeiterinnen fertiggestellt werden, zu vielen Hunderttausend nicht in den Buchbindereien, sondern in den Räumen der großen Kauf» Häuser hergestellt. Hierdurch ergibt sich aber für die Buchbinder und Buchbindereiarbeiterinnen eine große Unsicherheit bezüglich ihrer Versicherungspflicht, besonders in bezug auf das Gewerbe» unfallversicherungSgcsetz. Das Anfertigen derartiger Kataloge kann zum kaufmännischen Teil deS Betriebes geschlagen werden, dann unterliegen die mit der Herstellung dieser Arbeiten betrauten Pcrfönen der Versilherungs- plicht nicht, wie folgender Fall beweist. Die Falzerin Auguste G. war«um Falzen von Katalogen(eS handelt sich um eine Auflacw vou'80000) von dem Inhaber der Krystall-Fahrradwer:'« m Verlm angenommen woroen. ES war Akkordlohn vereinbart, tiuvr- Am 12. Mai 1003 eflut Fraulein G. einen Unfall. DaS im Arbeitsraum befindliche Telephon läutete, da niemand weiter im Raum ivar, nahm sie vom Hauptgeschäft den Auftrag entgegen. daß von der eine Treppe tiefer gelegenen Werkstatt ein Fahrradständer nach dem Gcschäftslokol gebracht werden sollte. Auf dem Wege nach dieser Werkstatt stürzte die Falzerin die Treppe hinunter und zog sich einen Bruch des linken Ellenbogengelenks zu. Tie Verletzte erhob bei der Nordöstlichen Eisen- und Stahl» berufSgenossenschoft Sektion I, zu der der Betrieb der Krystall- Fahrradwerke gehörte, Anspruch auf Entschädigung. Dieser An- jpruK wurde zuruckgewiesw, dg«ch Aussag« der Letriebsivhaber die Falzerin das FalM der Kataloge als selbständige(!) Unter- nchinerln übernommen, und sie in keinem ArbeitsverTjäünisse im Betriebe gestanden habe. Eine Versicherungspflicht dieser Ar- bciterin, die Geschüftskataloge gesalzt habe, sei nicht bedingt. Auch sei sie noch nicht dadurch versicherungspflichtig geworden, dah sie men Auftrag des Geschäfts in der Werlstatt auszurichten erhalten habe. Hiergegen wurde Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiter- Versicherung, Stadtkreis Berlin, eingelegt und geltend gemacht, dasi im vorliegenden Falle die Tätigkeit in den Räumen der Fabrik ausgeführt wurde, das; von einer selbständigen Unternehmerin nicht gesprochen werden kann, da die Falzerin für ihre Arbeiten lediglich den für diese üblichen ortsanzemejsenen Preis erhielt, es wurden Marken zur Invalidenversicherung geklebt von dem Betriebsunter- nehmer. Der Unfall passierte aber auch als die Klägerin die Be- tricbsintercssen wahrnehmen wollte und einen direkten Auftrag des Geschäfts auszuführen im Begriff war. Die Herstellung der Kataloge sei als Nebenbetrieb des Hauptbetriebes anzusehen und daher Unfälle, die dabei passierten, zu entschädigen. Das Schiedsgericht verurteilte die Genossenschaft zur Zahlung einer LOprozentigcn Rente nach einem von der Genossenschaft noch zu ermittelnden Jahrcsarbeitsverdienst. In der Entscheidung ließ es das Schiedsgericht dahingestellt, ob die Verletzte in ihrer Be- fchäftignng als Falzerin der Versicherungspflicht unterliegt, an- genommen wurde jedoch, daß der Weg, auf den sie verunglückte, tm Interesse des Betriebes gemacht wurde. Durch diese vorüber- gehende Hilfeleistung sei die Verletzte während der Dauer derselben Arbeiterin des Betriebes geworden. Die Genossenschaft legte nun der Berechnung des Jahresarbeitsverdienstes den ortsüblichen Tage- lohn zugrunde, also den Betrag von 480 M. Auch hiergegen wurde Berufung beim Schiedsgericht eingelegt und nachgewiesen, datz G. als Falzerin einen bedeutend höheren Jahresarbeitsvcrdienst er- zielt habe. Das Schiedsgericht verurteilte die Genossenschast, der Rentenberechnung«inen"Jahresarbeitsverdienst von 1004,31 M. zugrunde zu legen. Die Genossenschaft legte jedoch gegen die Entscheidung deS Schiedsgerichts, worin die Entschädigungspflicht der Genossenschaft ausgesprochen wurde, Rekurs beim Reichsversicherungsamt ein. Von der Genossenschaft wurde geltend gemacht, dasi es sich bei der Ausführung des telephonischen Auftrages in der Werkstatt nur um eine Gefälligkeitsleistung gehandelt habe, und dadurch nicht versicherungspflichtig wird, des weiteren sei die G. doch auf der Haustreppe zu Fall gekommen. Das Reichsversicherungsamt gab leider dem Rekurse der Ge nossenschaft statt, hob die Vorentscheidung auf und bestätigte den ablehnenden Bescheid der Genossenschaft. In den Entscheidungsgründen führt daS Reichsversicherungsamt aus. daß die Klägerin als Falzerin als Arbeiterin der Krystall-Fahrradwerke anzusehen sei. Der von der G. erzielte Lohn spreche nicht dafür, daß sie Unternehmergewinn erzielt habe. „Der Unfall sei aber nicht in einem dem Unfallversicherungsgesetz versicherungspflichtigen Botriebe passiert. Die Herstellung der Katalogs, also eine Buchbinderarbeit, gehört an sich nicht zu den vev- sicherungspflichtigen Beschäftigungen. Insbesondere stand auch die Btzchbinderarbeit der Klägerin in keiner näheren Beziehung zu dem bei der Beklagten versicherten Betriebe der Fahrradschlosserei, welche die Arbeitgeber unterhielten. Die Herstellung der Kataloge diente lediglich Reklamezwecken und gehörte zu dem kaufmännischen Teil des Betriebes. Auch der Unistand, daß die Klägerin nach ihrer Behauptung verunglückt ist. als sie auf telephonischen Anruf die Haustreppe nach der Werkstatt hinabging, um dort die Ab- sendung eines Fahrradständers nach dem Verkaufsgeschäft zu be- stellen, vermag die Entschädigungspflicht der beklagten Berufs- genossenschaft nicht zu begründen. Denn ihre Handlung bewegte sich auch in diesem Falle noch innerhalb des unversicherten kauf- männischen Betriebsteils ihrer Arbeitgeber, in den versicherten technischen Betriebsteil trat sie durch Ausführung des Botengangs zur Werkstatt jedenfalls solange nicht ein, als sie sich außerhalb des räumlichen Bereiches des versicherten Betriebes auf der Haus- treppe befand." Diese Entscheidung zeigt unsere? Erachten? zur Genüge, wie notwendig und begründet die Forderung ist, alle gegen Lohn oder Gehalt beschäftigten Personen der Versicherungspflicht zu unter- stellen. Weil im vorliegenden Falle die Anfertigung der Kataloge Reklamezwecken diente und weil der Unternehmer dieselben nicht in einer Buchbinderei, sondern im eigenen Betriebe herstellen ließ, gehörte diese Arbeiterin zu dem kaufmännischen Teil des Betriebes. Leider bringt in diesen Anschauungen auch die neue Reichs- Versicherungsordnung keine Aenderung..../ Huö Xnduftne und Ftandel. Rückgang des Fleischkonsums. Die Versorgung Deutschlands mit Fleisch, die schon da? ganze Jahr 1V10 hindurch unbefriedigend war und sich nicht auf der früheren Höhe zu halten vermochte, geht im laufenden Jahr weiter zurück. Die Ergebnisse der Schlachtvieh« und Fleischbeschau im Deutschen Reiche weisen für das erste Viertel dieses Jahres eine Schlachtsgewichtsmenge von nur 649 858 Tonnen auf, während im ersten Quartal 1910 652 144 Tonnen dem Konsum zugeführt worden waren. Zieht man den Bevölkerungszuwachs seit dem Vorjahre in Betracht, so kommen auf den Kopf der Bevölkerung durchschnittlich V.99 Kilogramm Fleisch gegen 10,14 Kilogram n, im vergangenen Jahre. Es kamen im ersten Quartal der nachstehenden Jahre unter Berücksichtigung des monatlichen Be- völkeruugSzuwachses auf den Kops der Bevölkerung Rind- und Kalb- fleisch in Kilogramm: 1905 1906 1907 1908 1909 1910 1911 Rindfleisch... 3,74 3,95 3,44 3,64 3,85 4,00 3,55 Kalbfleisch... 0,74 0,69 0,68 0,73 0,73 0,82 0,65 Zusammen... 4.48 4,64 4,12 4,37 4,58 4,82 4,20 Die diesjährige Menge ist also beträchtlich niedriger als die vorjährige, sie ist aber auch geringer als in den Jahren 1909 und 1908. Die Versorgung mit Schweinefleisch belief sich im Berichts- quartal d. I. auf 363 925 Tonnen, während sie im vergangenen Jahre 328 944 Tonnen betragen hatte; auf den Kopf der Bevölke- rung kamen durchschnittlich 5,60 Kilogramm gegen 5,12 Kilogramm im Vorjahre. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß die Ver- sorgung mit Schweinefleisch gerade in beiden Vorjahren nicht be- friedigend gewesen war; nachdem sie im ersten Quartal 1907 bereits 5,27 Kilogramm und 1908 sogar 5,67 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung betragen hatte, war sie im ersten Quartal 1909 auf 5.18 und 1910 noch weiter auf 5,12 Kilogramm zurückgegangen. Die diesjährige Zunahme bringt also noch nicht einmal einen völligen Ausgleich, da die Versorgung sm ersten Quartal 1908 mit 5,67 K i l o g r a m m. noch um 0,07 Kilogramm größer ge- Wesen war, als sie es Up laufenden Jahre ist. Obwohl die Liefe- ruiig einheimischen Schweliüflüfches nöch nicht ganz wieder auf der früheren Höhe ist, ist doch die Mehreinfuhr weiter eingeschränkt worden. Und eS muß innner wieder bewnt werden, für diese Ver- Hältnisse sind neben den eigentlichen ilgrariern die Ultrainontanen verantwortlich zu machen. Da» Zentmy, ist die allerschlimmste Geißel deS Volkes.— Syndikats Glück und Ende. Im Jahre 1910 wurde das H e f e s y n d i ka t gegründet. Es sollte die Hefepreise, die im freien Wettbelverb Norddentschlands danmls zirka 27 Ps. pro Pfund ergaben, wieder höher treiben,„in nokmalen" Zeiten bis zu 50 Pf. pro Psund. Der Hauptmacher dieser Gründung war ein Herr S i n n e r, Kommerzienrat und Leiter der Ge- fellsch-stsit für Brauerei«, Spirituss und Preß« Hefenfabrikation dorm. Sinner in Grünwlnker. Sinner er- langte auch in der Spirituszentrale weitreichenden Einfluß. Das damals so große Aufregung erzeugende wirtschaftliche Duell zwischen Untncht und dem Hefeshudikat war, wie das„B. T." jetzt berichtet, eine abgekartete Sache zwischen Sinner und Untncht, die Sinner pro Jahr 30 000 M. einbringt. Untncht besaß zwei Melasse- fabriken und drohte, sie in Hefefabriken umzuwandeln, wenn ihm nicht eine besondere Vergütung auf Kosten des Hefe- syndikates zugestanden werde. Sinner erwarb darauf von Untucht, der dem Aufsichtsrate der Sinner-Gesellschaft angehörte, ein jährliches Produktionsrecht von 10 000 Zentner Hefe für 70 000 M. Dieses Produklionsrecht hat aber einen jähr- lichcn Wert von über 100 000 M.I Kürzlich hat dann das Syndikat beschlossen, den Hefepreis als Kampfmaßnahme gegen einen neuen Außenseiter, die Firma Paul Wulf, G. m. b. H., um 10 Pf. pro Pfund herabzusetzen. Ver- schiedene Shndikatsmitglieder protestierten dagegen. Auf Antrieb von Sinn er ist nun aber im Syndikatsvertrag bestimmt worden, daß, wenn ein Aufsichtsratsmitglied den Hefepreis für zu hoch hält. er gegen eine solche Festsetzung Veto einlegen kann. Spricht der Anfsichtsrat sich trotzdem gegen eine Ermäßigung auS, dann muß das Syndikat auf Antrag dem, der das Veto eingelegt hat, 95 Prozent seiner ihm zugestandenen Produktion zu dem von ihm als zu hoch beanstandeten Preise abkaufen I Sinner, der kürzlich die Preis- ermäßigung von 10 Ps. pro Pfund als Kampfmittel gegen den neuen Außenseiter beantragt hatte, kommt nun her, stützt sich auf den durch ihn geschaffenen Vetoparagraphen des Syndikats und verlangt, daß es ihm 95 Prozent seiner Produktion zu dem höheren Preise abkaufei! Für Herrn Sinner ein Bombengeschäft! Die anderen verspüren eine unbesiegbare Syndikatsverdrossenheit. Es soll versucht werden, den Bau zu halten, das Gelingen ist eine andere Sache. Moderne Formen der Bestechung. Im Anschluß an den Erpressungsprozeß, in dem kürzlich der Reichstagsabgeordnete und ehemalige Vankdirektor K a e m p f als Zeuge austrat, macht die„Bank" einige interessante Mitteilungen, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.„Schweigegelder zu geben und zu nehmen." so schreibt das genannte Fachblatt,„war zu jener Zeit(vor 25 Jahren) schon beinahe, was man„Usance" (Geschäftssitte) nennt. Damals kamen gewisse Finanzleute bei Bevor- stehen einer Emission regelmäßig in das Pressezimmer, um ungeniert Kuverts mit klingendem Inhalt zu verteilen, wie man heute die Mitteilungen über den Verlauf einer Generalversammlung verteilt. Zu jener Zeit würde die Darmstädter Bank mit ihren Eniissionen schlecht abgeschnitten haben, wenn sie sich dem herrschenden Usus hätte entziehen wollen.... Im übrigen ist trotz der strengeren Auffassung und trotz der Bestimmungen des Börsengesetzes die Preßbestechung heute wie ehemals inr Schwange. Sie hat nur die äußere Form gewechselt. So wurde im„März" kürzlich darauf hingewiesen, daß einige Verleger bei den Groß- danken Riesenkredite genießen. Das hat zur notwendigen Folge, daß nicht nur die Geschäftstätigkeit der Großbanken selbst, sondern auch die der von ihnen finanzierten Gesellschaften„in schamloser Weise geschont" wird. Da diesen großen Banken aber der aller- größte Teil der Jndustrieunternehmungen hellte bereits untersteht, „so steuern wir einer Zeit zu, in der gewisse, dem Laien noch als anständig geltende Handelszeitnngen nichts wie Animierblätter für die Banken und das Gros der industriellen Unternehmungen sind". Weiter macht das Blatt folgende Ausführungen: Wie viel größere geschäftliche Unternehmungen, wie viel im großen arbeitende Zeitnngsunternehmungen mit wichtigem Börsenteil gibt es denn, die ohne jede Beziehung zu einer kreditgebenden Bank sind? Und wenn es auch Börsenzeitungen gibt, die den Kredit der Banken entbehren können— können dieselben auch die„Informationen" der Banken entbehren? Eine der modernen Formen der Bestechung heißt Lieferung von Nachrichten. Ein Verleger, ein Re- dakteur, der nicht grundsätzlich jeden geschäftliche»(Konnex mit der Finanzwelt meidet, ist bestochen, ohne daß er sich dessen bewußt wird. Denn es ist klar, daß ein anständiger Redakteur die erhaltenen Informationen nicht gegen die Bank verwenden wird, die sie ihm gegeben hat. Es ist klar, daß er den Banken, in deren Chefbureaus oder an deren Börsentischen er sein Wissen auffüllt, und denen er vielleicht seinen Ruf eines kenntnisreichen und„gutinformierten" Redakteurs verdankt, nicht mit voller kritischer Unbefangenheit gegen- übertreten kann. Leider ist die Zahl der Handelsredakteure, die bewiißr oder instinktiv empfinden, daß die Einflußnahme auf ihr Anstandsgefühl nichts als eine besondere Art der Bestechung ist, und die sich daher grundsätzlich von den Informationsquellen fern- halten, verschwindend klein. Die meisten lassen sich mir zu gern informieren._ Jugendbewegung. Eine außerordentliche Konferenz der JugendauSschnsse deS Regierungsbezirks Merseburg fand am Sonntag in Halle statt. Die Bezirksleitung, die von elf Jugendausschüssen im Oktober vorigen Jahres in Halle ein« gesetzt wurde, hatte die Zusammenkunft veranstaltet, um zu der Frage der staatlichen«Jugendpflege" Stellung zu nehmen. Der Bezirks leitung, die vor einem halben Jahre elf Ortsausschüsse, 895 männ» liche und 117 weibliche Abonnenten der„Arbeiter-Jugend" zählte. sind jetzt 13 örtliche Jugendansschüsse und Jngendvereine an- geschlossen, und im Mai wurden 1515 männliche und 212 weibliche Abonnenten der„Arbeiter-Jugend" gezählt. Auf der Konferenz waren 15 Orte durch Delegierte vertreten. Der Bericht der Bezirks- leitung zeugte von freudigem Vorwärtsarbeiten, doch klagten die Vertreter einzelner Orte bitter über mangelnde Unterstützung der Jugendbewegung durch die Partei- und GewerkschaftSgcnossen. Auf eine Anregung aus einzelnen Orten halte die Bezirksleitung Vor- bereitiingen für einen„Jugendtag 1911" getroffen, die die Zu- stimmung der Delegierten fanden. Der Jugendtag deS Bezirks soll während der Pfingsttage in Halle stattfinden. Als Einleitung der Aussprache über Organisation und Agitation hielt Genosse PeterS-Berlin ein Referat über den gegen- wärtigen Stand der Jugendbewegung. Vortrag und Debatte brachten eine Reihe von branchbaren Vorschlägen und Anregungen für die Durchführung einer planmäßigen Agitation unter der Arbeiter- jugend unter völligen! Ausschluß alles Politischen. Ein von der Bezirksleitung entworfenes Regulativ über das Zusammenarbeiten von Ortsausschüssen und' Bezirksleitung soll den Ortsausschüssen vorgelegt und dann auf der nächsten ordentlichen Konferenz im Oktober dieses Jahres durchberaten werden. Zu dieser Konferenz sollen auch Vertreter der Gewerkschaftskartelle und Partei- organisationen des Bezirkes eingeladen werden, um eine Verständigung zu erzielen._ Hus der frauenbewegung. Das arbeiterfeindliche Zentrum. Wenn irgendwo ein Rückschritt bemerkbar wird, dann kann man fast darauf schwören, daß das Zentrum dabei seine Hand im Spiele habe. Besonders dann, wenn es sich um Maßnahmen gegen die Arbeiter resp. Arbeiterinnen handelt. Jetzt will der Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser durch eine Eingabe an den Bundesrat eine Verschlechterung des Schutzes der Arbeiterinnen in Pntzgeschäften herbeiführen. Der Reichstag hat den Antrag der Petitionskommission, der Regierung die Bitten der Interessenten, um Aenderung der Bestimmungen über die Arbeits zeit in P u tz a e s ch ä f t e», zur Erwägung zu überweisen, abgelehnt, dagegen den sozialdemokratischen Antrag, über die Petitionen zur Tagesordnung überzugehen, angenommen. Damit ist vorläufig der Zustand beibehalten, daß nach K 137 der Reichsgewerbcordunng in Putzgeschäften mit mehr als neun gewerblichen Arbeiterinnen diese an den Sonnabenden nicht über fünf Uhr hinaus beschäftigt werden dürfen. Die Firmeninhaber sind darüber höchlichst unzufrieden. Man hört die alte Leier von Geschäftsschädigung usw., wie sie das anti- soziale Reservoir der Krämer liefert, seitdem eine gesunde Bewegung gegen den Unfug der unbegrenzten Verkaufszeit einsetzte. Aber da es gegen arme Arbeiterinnen geht, finden die Unter- nehmer Hilfe beim— Zentrum. Der genannte Verband will nun die Schutzbestimmung unwirksam machen, indem er eine Bundesratsverordnung verlangt, die auf Grund des§ 139a der Gewerbeordnung für die Putzgeschäfle die verlängerte Arbeitszeit erlaubt. Nach dem angezogenen Paragraphen ist nämlich der Bundesrat befugt, für Gewerbezweige, in denen regelmäßig zu ge- wissen Zeiten des Jahres ein vermehrtes Arbeitsbedürfnis eintritt, auf höchstens 40 Tage im Kalenderjahre Ausnahmen von den Be- stimmungen des K 137, Absatz 1, 2, 4 mit der Maßgabe zuzulassen, daß die tägliche Arbeitszeit 12 Stunden, an den Sonnabenden acht Stunden, nicht überschreite, und die zu gewährende ununterbrochene Ruhezeit nicht weniger als 10 Stunden betrage. In der ununterbrochenen Ruhezeit müssen die Stunden zwischen 10 Uhr abends und 5 Uhr morgens liegen. Wenn der Bundesrat von dieser Befugnis sllr sie Gebrauch macht, dann haben die betreffenden Pntzgeschäfte auch Sonnabends die Möglichkeit, weit über die festgesetzte Schutz» zeit hinaus arbeiten zu lassen. Und die Unternehmer stützen sich bei ihrer Forderung auf das Zentrum. Der Verband weist darauf hin, daß schon bei der Beratung im Reichstage ein Zentrumsredner auf den§ 139a aufmerksam gemacht habe, als ein Mittel, den Arbeiterinnenschutz unwirksam zu machen. Wörtlich bemerkt die Interessenvertretung der Unternehmer weiter: Der Zenttumsredner erklärte ausdrücklich die Zustimmung seiner Partei dazu, daß der Bundesrat in Erwägungen darüber eintreten möge, ob von dieser Besttmmung des§ 139 a Gebrauch gemacht werden solle. Der„Zentralausschuß der vereinigten Putzdetaillisten- Verbände Deutschlands" wird nunmehr in Gemeinschaft mit dem „Verbände deutscher Waren- und Kaufhäuser" eine neue Eingabe an den Bundesrat richten, die nach diesen Erklärungen im Reichstage größere Aussicht auf Erfolg haben dürfte. Glückt der Plan, dann wissen die Arbeiterinnen doch wenigstens. wem sie die Verschlechterung zu verdanken haben. Leseabende. WilmerSdorf-Halensee. Auf dem Franenleseabend, der am Freitag bei Schilling, Lauenburger Straße 20, abgehalten wird. spricht die Genossin Lenz über„Mutterschutz uud Säuglingspflege". Steglitz. Morgen Freitag, den 19. Mai, abends 8V2 Uhr, findet bei Heizmann, Florastraße, der Franenleseabend statt. Vortrag des Genossen W. Piech über:„Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung"._ Versammlungen. Der Zentralverband der Stukkateure diskutierte in der am Montag abgehaltenen Mitgliederversammlung die Tagesordnung des bevorstehenden Verbandstages. Im Vordergrunde des Jnter- esscs stehen drei Punkte: Tie geplante Einführung der Erwerbs- losenunterstützung, die Verschmelzung mit dem Bauarbeiterver- bände unter Wahrung einer gewissen Selbständigkeit und einige vom Vorstande beantragte Statutenänderungen, darunter die Herabsetzung des den Filialen zugewiesenen Beitragsanteils auf 20 Proz., eine Herabsetzung der Streikunterstützung für noch nicht ein Jahr organisierte Mitglieder, sowie Festsetzung eines Extra- beitrages bei Streiks. Die Versammlung erklärte sich durch Ab» stimmung mit allen diesen Punkten einverstanden mit Ausnahme desjenigen, der den Beitragsanteil der Filialen herabsetzen will. — Als Delegierte zum Verbandstage wurden gewählt: Wegels und Dietrich mit 103 und 90 Stimmen. G i e b l e r und War» diu kamen mit 75 und 65 Stimmen in Stichwahl, Im ganzery wurden 157 gültige Stimmen abgegeben. Bezüglich der Maifeier wurde festgestellt, daß nur die Firmen C a s p a r i und F r i e s e k e die Maifeicrnden— zusammen 9— ausgesperrt haben. Gefeiert wurde allgemein, nur einzelne Stukkateure machten eine Ausnahme und arbeiteten am 1. Mai. Tie Versammlung beschloß, daß diese ihren Tagesverdienst abzu- geben haben. Auf Antrag der Ortsverwaltung wurde beschlossen, daß auf Warenhausbauten, sowie auf allen größeren Bauten, nur in Ge» meinschaftsakkord, an dem jeder in gleicher Weise beteiligt ist, ge, arbeitet werden soll. Die Versammlung stimmte einem Beschluß des ArbeitSnach» Weiskuratoriums zu, wonach erwartet wird, daß sich die Unter- nehmer bei Bedarf an Arbeitskräften stets an den Nachweis wenden._ Rrbeitcr-Wanderbuiid„Tic Naturfreunde». Wanderfahrten am Sonntag, den LI. Mai 1911� 1. Lübbenau- Spreewald. Abfahrt Görlitzer Bahnboj Sonnabendabend 12,40 Uhr. 2. Vetschau- Sprccwald. Abfahrt Görlitzer Bahnhof 6,45 Uhr früh. 3. Erkner-Fanglchlcuse. Abfahrt Schtcli» Icher Bahnhos 5,53 Uhr früh. 4. RahnSdors-Strausberg. Abfahrt Schtesi» scher Bahnhof 6,53 Uhr früh. 5. Zchleudorf-Grunewald. Abfahrt Wannsce- bahnhos 2 Uhr nachmittags. 6. Kinder-Wanderfahrt. HerinSdorj-Nordcnd. Treffpunkt: 1. Schtesifcher Bahnhos(Ecke Frucht- und Madaistraße) 7>/,Uhr. 2. Bahnhof Wedding(Eingang Ncttclbeckplatz) 7'/, Uhr. ö. Rixdors(Her- maimplatz Ecke Berliner Str.) 7 Uhr früh. Brnfhaften der Redaktion. DI« jHtlfiitiSt eprechfiund« findet L i» d e u st r a tz e 69, von, vier Iretztzei, — Fahrstuhl—,»>-cheii,»glich von t>z, vis 7>/h Uhr-dcndS, Svnnadcnd» von 414 bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Brtestasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen»rtzusiigen. Briesltche Antwert wird nicht erteil». Eilige Fragen trage man in der Specchstnudc vor. K. H. 100. Die Redaktion der„Holzarbeiter-Zeitung", Berlin. Nene Friedrichstr. 2, erteilt Ihnen darüber sachtiliidigeil Bescheid.— C. H.„ Seegefeld. Fragen Sie beim Bureau iür AuZwänderer, Ichclliugftr. 4, an.— A. M» 100. Verein für BoltSkiudcrgärtcn in Berlin, Vorsitzender Herr Iastrow, Eharlotlcnbnrg. JoachiniStbaler Sir. 39/40.— Kolonie 36. Uns ist nicht bewußt, welche 36 Schüsse Sic niciuc». Der Kostnipunkt richtet sich nach Art und Größe deS Geschütze».— I. BZ. 100. Am Karlsbad 4a.— I. I. 1. Uns ist dieses Institut nicht bekannt. Jedenfalls ist äußerste Vorsicht am Platze.— F. 5. Wenden Sie sich an Herrn Stadtschnlrat Dr. Michaelis. Nathans, Zimmer 102/103. — R. H. 7. Fragen Sie bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk der Erb- lasscr verstorben ist. an, ob ein Testament vorliegt, bejahcndensalls bean» tragen Sie die Eröffnung und Ucbersendung einer Abschrist. Ein Pflicht- teils recht steht Ihnen nicht zu.— BZ. Z. 77. 1. Nein. 2. Ja. falls zu- lässige Abzüge bereits berücksichtigt sind.— St. H. 222. Nein.— R. L. 1. Das Gericht hat kein Znrückbchnllungsrccht an den Urkunden wegen der Kosten. Wird Jhrcni Antrag aus Herausgabe nicht stattgegeben, so be- schweren Sie sich bei dem AintsgerichtSpräfideiite».—<£. I. 28. 1. Bei gewerblichem Arbeitsverhältnis ja, sonst nicht. 2. In der Regel nicht.— W. 21. 87. 1. und 2. Hat die Erwerbs losiakcit die 13 Wochen unnnter» krochen angedauett, nach dem diesjährigen, sonst nach dem Einkommen deS Kalenderjahres 1910. 3. Berusung an die Berusungskommisfion.— 9)1. I. 16. 1200 Beitragswochen. Für diejenigen, die die letzten drei Jahre vor Jnkrasttreten des Gesetzes eine versicherungspflichtige Beschästi- gung hatten, werden 40 Bcilragsivochcn sür jedes Jahr, um das daS 40. Lebensjahr überschritten war, angerechnet.— H. BZ. 4. Rein. ~(£. T. 100. Nein.— I.!)». 107. 1. Widerspruch ist nutzlos. Per» jährimg liegt nicht vor. 2. Die Bcschlagiinbine kann bis zur Deckung des Anspruchs c, folgen, sodaß der Abzug in aiiscinandersolgcndcn Wochcnrotcn ersolge» kann.— Zllttüiirinthc». Sie können ans Räum tilg klagen. Der Eobu hastet nur dann, iverni er die Schuldverbiiidlichkeit übernonliiitil bat. — F. K. 21. Nur dann, wenn es sich um einen BctricbSunsall handelt und die Mutter überwiegend Unterhalt erhalten hat.— 2l. P. 38. Rein. — P. A. 8. Der Richter kann denselben sür straflos erklären.— H. 9)1. 100. Leider nicht. LuavtwortttMr SiePaitsutj Slbttt WM. LerllZl. M des 2nwgtknteiI versu,tpz.i Tji..Gl,Sr«Be.rlin. Drslk s. Verlag-BprssrtS NÄZ!d.rsllsrei it. Perlsgsgnstglt Lsslll It. Es,. Vxxsig SiÜT i,. u5. 28. ZM..-. 2. Keilllze des Jotmütte" Derlim WldsdlM. �»>-- m Die vogiilllglielt der ßlxdorfer Stadt« verordnetenivahlei»! Wie ivir schon gestern kurz berichteten. Hat der Dezirksaus- schuß zu Potsdam sämtliche 28 im November 191» vollzogenen Stadwerordnetenwahlen für ungültig erklärt. Von den gowählten Sladtverordneten waren 9 in der 3. Abteilung. 11 in der zweiten und 8 in der 1. Abteilung gewählt worden. Bekanntlich führt der Vorstand des Rixdorfer Wahlvereins seit 2H Jahren einen energischen Rechtsstreit gegen die Wahl- rechtsschänder. Ueber den Wahlrcchtsraub selbst hat das Ober- verwaltungsgericht in seinem Urteil vom 7. März 1911 endgültig entschieden, daß das Wahlrechtsraub-Ortsstatut bei der Auf- stellung der Wählerlisten nicht zugrunde gelegt werden darf, und toenn es trotzdem geschieht, daß dann diese Wählerlisten ungültig sind. Damit ist also entschieden, daß der Wahlrechtsraub für die verflossene und nächste Zeit ein Schlag ins Wasser war. Damit ist jedoch noch nicht über die Wirkungen, welche eine solche ungül- tige Liste erzielt, entschieden, und so bedurfte es erst eines beson- deren Rechtsstreites, um auch die aus ungültigen Listen vorgenom- menen Wahlen für ungültig zu erklären.� ES wird vielleicht manchem sonderbar erscheinen, daß Wählerlisten ungültig sind, nicht ohne weiteres aber auch die Wahlen. DaS O.-B.-G. hat wiederholt Wählerlisten für ungültig, die auf Grund dieser Listen vollzogenen Wahlen aber für gültig erklärt, und zwar deS- halb, weil die Wahlen durch die Unrichtigkeiten der Wählerlisten nicht beeinflußt wurden. Andererseits hat aber das O.-V.-G. entschieden, daß, wenn «hebliche Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, diese ohne weiteres zur Kassierung der Wahl führen müssen. Die Kläger Alscher und Genossen behaupten nun, daß der artige erhebliche Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, indem bei Anlegung der Wählerlisten ein falsches Prinzip bei der Abgren- zung der Wählerabteilungen angewendet worden sei. j!ln Stelle des anderthalbfachen Durchschnitts des auf einen Wähler ent fallenden Steuerbetrages hätte das Prinzip der Drittelung der Gesamtsteuersumme zur Anwendung gelangen müssen. Durch den anderthalbfachen Durchschnitt sei eine große Benach- teiligung von Wählern eingetreten, welche auS der 2. Abteilung in die 3. Abteilung geworfen würden. Demzufolge ergab die Auf- stellung der Wählerliste folgendes Bild: I. Kl. SIS Wähler mit 831 257,47 M. Steuer» IL, 2 458,. 830 512,40, m.. 37 763., 1663 237,08, so daß die Wähler der 3. Abteilung ebensoviel Steuern aufzu- bringen hatten, wie die 1. und 2. Abteilung zusammen, während bei der Drittelung jede Wählerabteilung 1 108 332 M. Steuern aufbringen mußte. Durch diese Abgrenzung ist da? Gesetz über die Bildung der Wählerabteilungen vom 30. Juni 1900 verletzt worden und auch die Entscheidung deS O.-V.-G. vom 18. Januar 1910. Jedoch noch ein weiteres Moment führt zur Begründung der jlklge. Um den Wählern eine neue Ueberraschuna zu bieten, hatte der Magistrat bei der Aufstellung der Wählerlisten für 1910 sich die die dritte Wahlrechtsverschlechterung geleistet. Sie bestand darin. daß den Wählern, welche mehrere Kinder besitzen und deshalb Steuerermäßigungen genichen, nicht die volle Summe der� er- «näßigten Steuern angerechnet wurde, sondern nur die Hälfte. Der Magistrat war der Ausfassung, daß nur die ermäßigten StaatSeinkommensteuern angerechnet werden, nicht aber die Er» Mäßigung für die Gemeindeeinkommensteuer anzurechnen sei. Trotzdem von unseren Genossen im Stadtparlament auf diesen Fehler hingewiesen wurde, trotzdem man durch Umfrage in Berlin. Lharlottenburg und Schöneberg erfahren hatte, daß dort die Be- träge voll angerechnet werden, konnte sich die Stadtverordneten» Versammlung nicht entschließen, sämtlichen in Betracht kommenden Wählern die Steuern voll anzurechnen, sondern tat dies nur bei 29 Wählern, welche deshalb Einspruch erhoben hatten. Im Prinzip erklärte sie also den Eimvand unserer Genossen für berechtigt, zur Tat für sämtliche Wähler konnte sie sich nicht entschließen, sonst hätte sie diese schikanösen Wählerlisten selbst schon vor den Wahlen umstoßen müssen, und das konnte sie wiederum dem Magistrat nicht antun. Durch diese Nichtanrechnung von Steuern ist nun bewirkt worden, daß teilweise Wähler wegen nicht angerechneter Steuern in der 3. Abteilung wählen mußten, welche in oer 2. Ab- teilung wahlberechtigt waren, und umgekehrt haben Wähler in der 2. Abteilung gewählt, welche nur in der 3. Abteilung ,hr Wahl- recht ausüben durften.. �,. Aus allen diesen Gründen behaupten die Kläger, daß erheb- kiche Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, welche eine große Verschiebung von Wählern nach sich zogen und auf das Wahl- resultat einen entscheidenden Einfluß ausgeübt haben, da speziell die Stadtverordneten der 2. Abteilung mit sehr geringen Majoritäten wie 21 und 33 Stimmen Mehrheit in einzelnen Bc- zirken gewählt seien, sie beantragen daher, sämtliche im November 1910 vollzogenen Stadtverordnetenwahlen für ungültig zu er- klären. Gegen diesen Klageantrag hat beklagte Stadtverordneten- Versammlung eingewendet, daß sie gar nicht in der Lage gewesen wäre, nach einer anderen Wählerliste die Wahlen vorzunehmen, da eine solche nicht bestand. Deshalb beantrage sie, die Klage ab- zuweisen. Der Bezirksausschuß hatte sich schon am 7. März mit der Sache beschäftigt, konnte aber zu keinem abschließenden Urteil über die Wirlungen des Kinderprivilegs gelangen und beauftragte daher den Rixdorfer Magistrat, darüber Erhebungen vorzunehmen und diese bis zum nächsten Termin vorzulegen. In dem am Dienstag, den 16. Mai, stattgefundenen neuen Termin wurden die Kläger durch Rechtsanwalt W. Heine vertreten, die beklagte Stadtverordnetenversammlung durch Justizrat Gebhardt. Von den 28 beigeladenen Stadwcrordneten waren die Stadtverordneten Beiß, Siegelkow und Grog er erschienen, von den Klägern der Genosse Scholz. Den Vorsitz führte der Regierungspräsident v. Schulenburg. Der Referent des Bezirksausschusses ver- breitete sich ausführlich über die Rechtslage und teilt die Er- Hebungen des Rixdorfer Magistrats über das Kinderprivileg mit. Es wurden dadurch benachteiligt: in der 1. Abt. 37 Wähler mit 697 M. Steuern .. 2.. 528.. 7922 .. 3.. 11251., 77 953,40. In umfassender Weise begründete dann Rechtsanwalt W. Heine den Klageantrag. Er ging auf den jetzt kürzlich be- endeten Rechtsstreit über die Wählerlisten der vorhergehenden Jahre ein und zog daraus den Schluß, daß, wenn derartige erheb- liche Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, auch diese unbedingt das Wahlresultat beeinflussen. Das O.-V.-G. habe wiederholt entschieden, daß bei derartigen gesetzlichen Verstößen ohne weiteres die Wahlen ungültig sind. Diese Auffassung habe das O.-V.-G. im 36. Band seiner Entscheidungen deutlich zum Ausdruck gebracht. Auch bei weniger wichtigen Verstößen seien Wahlen für un- gültig erklärt, so wenn bei Auslegung der Wählerlisten oder bez. der Bildung deS Wahlvorstandes nicht alle Formalitäten inne- gehalten wurden. Es wäre gar nicht zu verstehen, wenn die jetzigen Wahlen für gültig erklärt werden, bei der die fundamentalsten ge- fetzlichen Bestimmungen verletzt seien. DaS seien die größten Un- regelmäßigkeiten, die überhaupt vorkommen können. Selbst wenn die Wählerlisten nicht angefochten wären, hätten diese Wahlen noch für ungültig erklärt werden müssen, da die vorgekommenen Fehler das Resultat der Wahlen in erheblichem Maße beeinflussen mußten. Wenn die Gegenpartei sich nun in ihrer Gegenschrift auf andere Entschei- düngen des O.-V.-G. stützt, so übersehe sie hierbei, daß diese Ent- scheidungen auf den vorliegenden Rechtsfall keine Anwendung finden können. In allen diesen angezogenen Fällen handele es sich um Verstöße, unter denen nur einzelne Personen zu leiden hatten, nicht aber wie im vorliegenden Fall um Fehler, unter der fast sämtliche Wähler gelitten haben. Wenn nach der Auffassung der Gegner die Wählerliste in jedem Fall Rechtskraft erlange, dann könnte es ja eintreten, daß der Rixdorfer Magistrat in jedem Jahre falsche Wählerlisten aufstellt. Die Wählerlisten würden dann für ungültig erklärt; aber die auf Grund dieser Wählerliste borge- nommenen Wahlen wären nach der Ausfassung der Gegner immer gültig. DaS habe der Gesetzgeber nicht gewollt und deshalb müssen die Wahlen für ungültig erklärt werden. Justizrat Gebhardt vertrat dann die Meinung der Stadtver- ordnetenversammlung. welche dahin geht, daß erhebliche Unregel- Mäßigkeiten nicht vorgekommen seien, da der Wahlakt selbst zu Einwänden keine Veranlassung gegeben habe. Die Ungültigkeit der Wählerliste könne jetzt nicht die Ungültigkeit der Wahlen nach sich ziehen, da die Wählerlisten zur Zeit der Wahl formelle Rechtskraft besessen haben. Er beantrage daher, die Klage abzuweisen. Nach kurzer Beratung verkündete der Bezirksausschuß das schon gestern mitgeteilte Urteil, daß sämtliche 28, im November 1910 vollzogenen Stadtverodrnetenwahlen für ungültig erklärt wurden._ partci- Angelegenheiten. Trebbin. Am Sonnabend, den 20. Mai, abends gl/s Uhr, im Gesellschaftshaus sEinil Schulze): Wahlvereinsversammlung. Tages- ordnung: 1. Kasse und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Die kommenden ReichStagSwahlen und die bürgerlichen Parteien. Referent: Max C r o g e r« Rixdorf. 3. Parteiangelegenheiten. WnidmannSlust und Umgegend. Am Sonnabend, den 20. Mai, abends i/.g Uhr. im.SchweizerhäuSchen" zu Waidmannslust: Mit- gliederveriammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Genossen Unger über„Religion und Christentum". 2. VereinSangelegen» heiten und Verschiedenes. Berliner Nachrichten. vorficht in Schaukel und Boot t Mit Beginn der warmen Jahreszeit kommen regelmäßig zahl- reiche Meldungen über Unglücksfälle, die durch Schaukel und Boot entstanden sind. Diese Berichterstattung gehört leider zum eisernen Bestand der Presse, denn jene Unsitte, durch welche solche oft tödlich verlaufenden Unfälle herbeigeführt werden, scheinen unausrottbar zu sein. Dessenungeachtet muß mau immer wieder warnen, damit nicht unnötig hoffnungsvolle junge Menschenleben verloren gehen. Fast immer sind diejenigen, welche vor der Zeit daran glauben und ins Gras beißen müssen, weil sie nicht hören wollten, junge Leute, die mit dem goldenen Leichtsinn der Jugend sich über Gefahren hinweg setzen. Was sie dann renommistisch zeigen, ist aber kein Mut, sondern freventliches Spiel mit dem Leben. Das Luftschaukeln ist an und für sich, wenigstens nach Hygie nischer Richtung ein sehr fragwürdiges Vergnügen. Wer nicht über gute Nerven verfügt, soll niemals eine Schaukel besteigen. Man wird leicht geneigt sein, den gewerbsmäßigen Besitzern von Ver- gnügungsfchaukeln einen Teil der Schuld aufzubürden. Sie können aber Kindern nicht an der Nasenspitze ansehen, ob sie die am Schaukelstand deutlich angeschlagene Warnung, während des SchaukelnS in der Schaukel nicht zu stehen, befolgen werden oder nicht. Stehen dann also Schaukelnde doch auf, so ist eS nicht immer leicht und für den Standinhaber sogar mit Selbstgefahr verbunden, die in vollem Schwung befindliche Schaukel plötzlich aufzuhalten. Ferner muß, sobald der Unfug nicht übertrieben wird, aus geschäftlichen Gründen eine gewisse Rücksicht genommen werden. Besondere Aufsicht und Strenge ist im allgemeinen auch nur bei noch recht jugendlichen Per» sonen nötig, deren Kraft und Verstand nicht ausreicht, um der Gefahr aus dem Wege zu gehen. DaS einfachste wäre ja, jede Schaukel mit einem Schlitznetz aus Drahtgeflecht zu umgeben. Aber solchen Käfig würde ein Erwachsener nicht benutzen wollen. Ebenso steht eS mit den Bootsunfällen. Der Bootsverleiher ist machtlos dagegen, daß auf dem Wasser geschaukelt oder der Platz gewechselt wird. Er kann auch nicht verhindern, daß die Boot- fahrenden nach dem Ufer lenken und hier noch Personen über die Tragkraft deS Bootes hinaus aufnehmen. Wohl aber kann und müßte eigentlich der Verleiher vor jeder Vermietung des Bootes eindringlich warnen, nicht Unfug zu treiben und Rücksicht zu nehmen auf daS Leben der Mitfahrenden. Hier hilft also im großen und ganzen nur die Erziehuug zur Vorsicht durch daS Elternhaus und immer von neuem durch die Oeffentlichkeit. In dem gestrigen Bericht über die Sitzung der Deputation für die städtische Straßenreinigung ist im zweiten Satz der gefaßte Beschluß durch den Ausfall zweier Worte in das Gegenteil ver- kehrt worden. Der Antrag des Direktors, eine Reife nach Rom zu unter- nehmen, zwecks Besichtigung einer neuen in Betrieb befindlichen Straßenreinigungsmaschine, ist von der Deputation abgelehnt und nicht angenommen worden. Zur Sonntagsruhe im HandelSgcwcrbe. Die sozialdemokratische Fraktion der Berliner Stadtverordneten- Versammlung hat folgenden Antrag eingebracht: „Die Stadtverordncten-Versammlung ersucht den Magistrat, daS am 16. Februar beschlossene Ortsstatut über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe unverzüglich zur Einführung zu bringen." Bekanntlich hatte der Magistrat die Inkraftsetzung deS OrtS- statuts abhängig gemacht von der Voraussetzung, daß auch die Vorortgemeinden sich anschließen. Einzelne Vorortgemeinden haben daS getan, eine hat abgelehnt. Charlottenburg hat einen anderen Beschluß gefaßt, so daß daS Statut nicht in Kraft tritt und die Angestellte» um ihre SonntagSerholung kommen, wenn der Magistrat auf feinem Entschlüsse beharrt._ Eine Berliner Polizciverordnung für die Kinos. Uns wird geschrieben: Eine neue Polizeiverordnung für die Kinematographentheater schafft endlich auch eine Besserung für die gewissermaßen wichtigste Person im ganzen sog. Kicntopp, nämlich für den Mann, der den Apparat bedient und dem Publikum tech- nisch all die Herrlichkeiten dcS lebenden Lichtbildes zugänglich macht. Die Männer, die diese Tätigkeit ausüben, die sogenannten „Operateure", müssen bis jetzt leider nicht selten in derartig engen Räumlichkeiten stundenlang verweilen, daß hier geradezu von modernen Marterkästen gesprochen werden muh. Das sich an den lebenden Bildern auf der Leinwand ergötzende Publikum ahnt meist überhaupt nicht, wie ungemein beschränkt sehr häusig der Raum ist, in dem der„Operateur" seines schweren AmteS waltet. Dazu kommt, daß in diesem„Vorführungsraum" gewöhnlich eine hocherhitzte Atmosphgre herrscht. Di? Erwürmxmg Mlt von der Hitze her, die durch das stundenlange Brennen der elek- irischen Proiektionsbogenlampe hervorgerufen wird. Es gibt„Vor- führungsräume", in denen der Arbeiter überhaupt nur in ge- bückte r Stellung sich bewegen kann! Wer berufsmäßig in diesen hocherhitzten Marterkästen viele Stunden lang vorgeführt het, ist zum Schluß total durchgeschwitzt und erschöpft. Die neue Berliner Polizeiverordnung sieht nun vor, daß diese Vorführungsräume wenigstens vier Quadratmeter Grundfläche und 10 Kubikmeter Luftraum besitzen müssen. Es wäre zu wünschen, daß die Polizeiverordnung wenigstens eine solche Höhe der Räume vorschreiben würde, daß ein erwachsener Mann darin stehen kann! Die eben erwähnte Bestimmung läßt sich nämlich auch einhalten, ohne daß gerade die Forderung genügender Höhe erfüllt wird, wenn diese nicht ebenfalls vorgeschneben ist. Da nun einmal die Polizei für den Bau der Kinotheater Normen ausarbeitet, so wäre weiter zu fordern, daß auch für eine genügende Ventilation der Vorführungsräume gesorgt wird. Diese würde am besten erreicht, wenn außer der Forderung genügender Zufuhr frischer Luft vor allen Dingen für die rationelle B e- seitcgung der Verbrennungsgase der Bogenlampe gesorgt würde. Diese Forderung läßt sich verhältnismäßig ein- fach dadurch erreichen, daß der Kasten mit der Lichteinrichtung des Kinematographen nicht mehr oben offen und durch ein Blechgehäuse mit seitlichen Oeffnungen abgedeckt ist, sondern daß der Aufsatz des Kastens direkt mit dem Schornstein des Gebäudes durch eine ge- schlossene Rohrleitung in Verbindung gesetzt wird. In den Fällen, in denen dieses technisch nicht durchführbar ist, wäre die Rohr- leitung ins Freie zu führen. Im Notfall müßte durch einen kleinen Ventilator am Ende der Rohrleitung für die Absaugung der Hitze- gase ins Freie gesorgt werden. Auf diesem Wege könnte man leicht die unerträgliche Hitze in den Vorführungsräumen rationell beseitigen und so einer sonst drohenden neuen Gewerbekrankheit der „Operateure" vorbeugen. Von den Bestimmungen, die auch das die Kinos besuchende Publikum interessieren, ist eine verfehlt. ES soll nämlich in Zukunft dafür gesorgt sein, daß der Zuschauerraum nicht mehr seine Beleuchtung durch Einschalten des elektrischen Lichtes im Vorführungsraum erhält, sondern daß im Theaterraum selbst der Schalter angebracht ist. Diese Vorschrift ist in dieser Form zweckwidrig! Die schnelle Beleuchtung dcS Zuschauerraums wird sich im allgemeinen immer durch Betätigung des im Vorführungs- räum angebrachten Schalters bewerkstelligen lassen. Will man diesen(jetzt bestehenden und zweckmäßigen) Zustand im Interesse höherer Sicherheit vervollkommnen, dann könnte man höchstens eine zweite Ein- und AuSschaltevorrichtung im Zuschauerraum ver- langen, damit hier im Falle der Not die Beleuchtung eingeschaltet werden kann, wenn etwa im Vorführungsraum durch einen Unfall der„Operateur" verhindert wird. daS Licht für das Publikum ein» zuschalten. Bei der großen Bedeutung, töelche die Kinotheater gewonnen haben— die Berliner KinoS bieten für zirka 120 000 Menschen Platz und sind im allgemeinen alle täglich gut besucht—, sind die Forderungen nach größtmöglicher Sicherheit für Publikum und An- gestellte durchaus berechtigt. Wenn aber neue Polizeiverordnungen erlassen werden, dann sollen diese auch wirklich zweckmäßig sein und allen berechtigten Forderungen genügenl Anschluß von Privatuhren an die öffentliche Uhrenanlage der Stadt Charlottenburg. Eine neue Art eines Gemeindebetriebes plant Charlotlenburg. Nach einer Vorlage an die Stadtverordneten- Versammlung beabsichtigt die Stadtverwaltung, elektrisch betriebene Privatuhren an das Kabelnetz für die öffentlichen Uhren anzu- schließen und die Uhren für die Privathäuser selbst zu liefern und aufzustellen. Bon dem in den Räumen der Hauptfeucrwache unter- gebrachien Hauptuhrenwerk werden dann nickt nur wie bisher die öffentlichen Uhren(etwa 200 an Zahl), sondern auch Privat- uhren einheitlich betrieben werden. Der Anschlußteiliiehmer soll lediglich die verhältnismäßig geringen Kosten für die Herstellung der Leitungen im Innern deS Grundstücks tragen und außerdem eine jährliche Miete zahlen. Ein einmaliger Beitrag für den Kabelanschluß, für die Lieferung der Uhren usw. wird dagegen nicht erhoben werden. In der Miete, die nach der Zahl der an- geschlossenen Uhren bemessen wird, sind die Entschädigungen für Kabelanschluß, Lieferung, Ueberwachung und Instandhaltung der Uhren insgesamt enthalten. Die Leitungen im Innern des Grund» stückS sind nach Borschrift des Magistrats anzulegen. Der Tarif, der wie die ganze Borlage noch der Genehmigung der Stadtverord- neten-Bersammlung bedarf, siebt für eine Uhr eine jährliche Gebühr von 24 M., für zwei Uhren eine Miete von 32 M. vor. Bon Interesse dürste auch die technische Seite der Einrichtung sein. Die Zentraluhrenanlage in der Hauptfeuerwache am Lützow besteht im wesentlichen aus zwei Betriebshauptuhren und einer BergleichSuhr. Die schon an und für sich genauen astronomischen Uhren werden außer der eigenen Kontrolle noch wöchentlich einmal(jeden Donners- tag vormittag 10 Uhr 35 Minuten) durch elektrische Signale mit der Normalzeit der königlichen Sternwarte verglichen. Kontrollapparate dienen dazu, um festzustellen, ob die angeschlossenen Uhren auch wirklich die richtige Zeit augeben und ob sich das Kabelnetz in tadellosem Zustande befindet. Jeder JsolationSfehler in den Kabeln wird durch sinnreiche Vorkehrungen in der Zentralstelle selbsttätig angezeigt. Bei einer größeren Zahl von Uhren kann außerdem in ahnlicher Weise jede örtliche Störung einer einzelnen Uhr im Hauptuhrenwerk automatisch fixiert werden. Die Anlage ist also mit allen Sicherheiten für einen dauernd zuverlässigen Betrieb versehen. Tatsächlich haben sich auch die Einrichtungen, die seit dem 1. Dezember 1909 ununterbrochen im Betriebe sind, durch- aus bewährt. Privilrgiertenwahle» sind gestern in drei Gemeindewahlbezirken vor- genommen worden und zwar in der zweiten und ersten Abteilung. Bon einer Wahl kann in diesen Abteilungen keine Rede sein und von einem Wahlkampf erst recht nicht. Es sind emtmnt worden im 3. Wahlbezirk der zweiten Abteilung an Stelle deS ausgeschiedenen Stadtverordneten FaSauel der Bezirksvorsteher Max Hömßen(Wik- helmstr. 134); im 15. Wahlbezirk der zweite» Abteilung für den ver- storbcnen Stadtverordneten Dr. Bütow der Kaufmann Karl Bötticker (Moabit. Turmstraße), serner im 15. Gemcindcwahlbezirk der ersten Abteilung für den ausgeschiedenen Stadtverordneten Mosch Diplom- ingenieur Dr. Lcwy. In eigenartiger Beleuchtung erscheinen die Berliner Verkehrs- Verhältnisse durch eine Steglitzer Polizeivcrordnung. Kraftdroschken- führer, die mit einem Prüfungsschein deö Berliner PolizeiprästdininS versehen sind, können Fahrgäste nach Steglitz befördern, dürfen aber in Steglitz keine neuen Fahrgäste nach Berlin aufnehmen, wenn sie nicht auch in Steglitz die mit erheblichen Kosten verknüpfte Führer- Prüfung bestanden haben. Diese Bestimmung der Steglitzer Post, ei- Verordnung mutet recht sonderbar an und paßt in die heutige Zeit wirtlich nicht hinein. Sie sollte so schnell wie möglich aufgehoben werden. Ein empörender Vorfall spielte sich gestern mittag um V/3 Nhr in der Oranienstraße neben Wertheim ab. Dort sollte ein Kutscher arretiert werden und da dieser der Meinung war, daß seine Fest- stellung unberechtigt sei, kam es zu Auseinandersetzungen. Im Ber- laufe derselben wurde der Kutscher von dem einen Schutzmann am Arm gezerct, während ein anderer von hinten nachhalf. Vergeblich suchte der Kutscher den Schutzleuten klarzumachen, daß er auch seinen Wagen miliichmen müsse. Als er sich nun losmachte, um diesen zu holen, wurde er von neuem gepackt und nun endlich nahm der«ine Schutzmann den Wagen in die Hand und führte ihn nach der Prinzessinnenstraße. Schreiber dieser geilen konnte die Ursache der Feststellung nicht ermitteln. Aber fragen muß man sich doch: War eine solche Behandln»!; dem Kutscher gegenüber notwendig? Wäre es nicht ein leichtes gewesen, die Personalien des Kutschers eventuell auf andere Weise festzustellen, da dieser ja im Begriff war abzuladen und außerdem jeder Wagen in Berlin mit einer Firma Versehen sein muß. Beim„Fischen" ertrunken ist gestern nachmittag der acht Jahre alte Sohn Willi des Arbeiters Lawatsch aus der Steinmetzstratze 17. Der Knabe stand mit seinem neun Jahre alten Bruder Fritz am Hafen gegenüber dem Feuerwehrgebäude in der Schönebergerstraße auf der Spundmauer des Ufers, um nach Fischen zu haschen und fiel dabei ins Waffer. Sein Bruder, der ihn retten wollte, stürzte ihm nach und ging mit ihm unter. In der Nähe liegende Schiffer brachten nach einigem Suchen beide Kinder ans Land. Wieder- bclebungSversuche, die auf der Feuerwehrwache gemacht wurden, hatten aber nur noch bei Fritz Erfolg. Willi war schon tot. Seine Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Der gerettete Fritz liegt noch im Krankenhause am Urban. Entgleisung auf dem Gleisdreieck der Hoch- und Untergrund- bahn. Die Gerüchte von einer Katastrophe bei der Hoch- und Untergrundbahn, die heute gegen Abend in Berlin umliefen, hatten große Beunruhigung in der ganzen Stadt hervorgerufen. Allgemein war verbreitet worden, daß am Gleisdreieck, wo am 26. September 1903 ein Zug herabstürzte und viele Personen tödlich verunglückten, wiederum ein Zug aus dem Gleise in die Tiefe gefallen sei. In- dessen konnten wir feststellen, daß nur der letzte Wagen eines Zuges auf dem Gleisdreieck aus den Schienen gesprungen war. Die Auf- regung der in den Wagen befindlichen Insassen war eine ungeheure, da durch die Erschütterung die Meinung aufkam, daß einZusammen- stoß stattgefunden habe. Der Verkehr auf der Hoch- und Unter- grundbahn mußte auf fast eine Stunde unterbrochen werden und wurde dann mit erheblichen Stockungen wieder aufgenommen. Per- sonen sind nicht verunglückt. Der Unglücksfall wird die Frage nach einem Umbau des Gleisdreiecks, die schon so oft lebhaft erörtert wurde, aufs neue auf die Tagesordnung bringen. " Hilflos aufgefunden wurde gestern morgen ein geisteskranker junger Mann in der Scharnhorststraße. Man brachte ihn nach der Charite. Seine Persönlichkeit konnte noch nicht festgestellt werden. Der Mann ist etwa 18 bis 20 Jahre alt und etwa 1,66 Meter groß, hat ein blasses, mageres Gesicht und einen grauen Jakettanzug mit Radfahrerstulpen an den Hosen. Bei sich hatte er Fahrradpedale. Ter Gauner mit dem Wertbrief, der seit einigen Monaten viele Zimmer- und Schlafstellenvermieterinnen betrogen hat. ist jetzt endlich unschädlich gemacht worden. Der Schwindler trat in der Regel als Optiker auf. Sobald er gemietet hatte, ging er unter dem Vorwande, sein Gepäck vom Bahnhof holen zu wollen, wieder weg. Dabei fiel ihm ein, daß er nicht genügend kleines Geld bei sich habe, um die Sachen auslösen zu können. Er erbat sich von den Wirtinnen, die froh waren, daß sie vermietet hatten, fünf Mark oder etwas mehr oder weniger und erhielt sie um so eher, als er einen mit einer Bankfirma versehenen Brief zur Sicherheit hinterließ, der 500 Mk. enthalten sollte. In anderen Fällen brauchte er angeblich das Geld, um den Kraftwagenführer zu bezahlen, der unten mit dem Gepäck schon wartete. Einen sehr niederträchtigen Streich spielte derselbe Gauner der Witwe des Arbeiters Herrmann, der bei den Moabiter Vorfällen sein Leben verlor. Bei dieser erschien er mit einem Brief, der eine Sammlung für sie enthalten sollte. Er nahm der armen Frau drei Mark ab, wieder unter der Vorspiegelung, daß er den unten haltenden Autokutscher bezahlen müsse. In allen Fällen enthielt der Brief nur Papierschnitzel. Schon vor mehreren Wochen ermittelte die Kriminalpolizei, daß der Gauner ein 46 Jahre alter aus Dresden gebürtiger früherer Handlungsgehilfe Max Lüttich war, aber eS wollte trotz aller Bemühungen nicht gelingen, ihn zu erwischen. Gestern endlich sah eine betrogene Frau den Schwindler in der Brunnenstraße und ließ ihn festnehmen. AuS dem Fenster des dritten Stockwerks gestürzt hat sich der sn der Stolpischenstraße 6 wohnhafte Maurer Wilhelm Musold. Auf dem gepflasterten Hof blieb er blutüberströmt und besinnungs- los liegen. Auf der Unfallstation in der Gaudystraße, wohin M. gebracht wurde, wurden schwere innere Verletzungen, Arm. und Beinbrüche, sowie ein Bruch der Wirbelsäule festgestellt. Noch lebend zwar, aber in völlig hoffnungslosem Zustande wurde der Schwerverletzte nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt. Der Grund soll in häuslichen Zwistigkeiten liegen. Infolge eines Hitzschlages verstorben ist am Dienstag nach- mittag der 42 jährige Hausdiener Franz Schulz. Als Sch. gegen >)�4 Uhr, einen Handwagen vor sich herschiebend, die Chorinerstraße passierte, wurde er plötzlich an der Ecke der Fehrbellinerstratze von einem heftigen Unwohlsein betroffen und brach besinnungslos zu- sammen. Von Paffanten wurde der Erkrankte nach der Unfall- station in der Gaudystraße gebracht, wo festgestellt wurde, daß der Hausdiener einen Hitzschlag erlitten hatte. Unter den Händen des Arztes verstarb Sch. wenige Minuten nach seiner Einlieferung. Die Leiche wurde nach dem Schauhause übergeführt. Ein aufregender Borfall spielte sich in der Nacht zum Mittwoch am Tempelhofer Ufer ab. Dort sprang gegen-412 Uhr vor den Augen vieler Passanten ein junger, elegant gekleideter Herr in den Laudwehrkanal. Auf seine Hilferufe eilten zwei Arbeiter herbei, denen es gelang, den anscheinend Lebensmüden zu retten. Man brachte ihn nach der nahen Unfallstation, wo der Gerettete sich als der 23 jährige Leutnant im 2. Rheinischen Jnfanterie-Re- giment Nr. 29 von Scharnier-Gnischinski aus Trier, zurzeit Berlin, Monopol-Hotel wohnhaft, ausgab. Diese Angaben erwiesen sich dann auf der Polizeiwache als zutreffend. Der junge Offizier, der die Tat unter den Nachwirkungen einer durchzechten Nacht verübt haben dürfte, wurde nach dem Garnisonlazarett in Tempelhof übergeführt. � i Durch die Explosion einer Petroleumlampe schwer verletzt wurde am Dienstag abend der an der Schleuse Nr. 9 wohnhafte Kellner Johann Scholz. Als er gestern abend gegen 10 Uhr nach Hause kam, zündete er eine Tischlampe an, die jedoch nicht hell genug brannte, weil sie nicht mehr genügend Brennstoff enthielt. Sch. wollte deshalb die Lampe nachfüllen, ohne sie vorher aus- gelöscht zu haben. Kaum hatte er ein kleines Quantum Petroleum aufgegossen, als plötzlich die Lampe mit fürchterlichem Knall explo- dierte. Die Kleidung des Kellners wurde dabei von den Flammen ergriffen und Sch. glich in wenigen Sekunden einer lebenden Feuer- fäule. Auf seine gellenden Hilferufe eilten Nachbarn herbei, die durch Aufwerfen von Decken die Flammen erstickten. Scholz hatte jedoch bereits schwere Brandwunden an der Brust, den Armen, am Kopf und im Gesicht davongetragen. Der Verunglückte erhielt auf der Unfallstation am Spittelmarkt die erste Hilfe und mutzte von dort nach dem Krankenhause Moabit übergeführt werden. Bergiftet und ertränkt hat sich der 34 Jahre alte Vergolder Otto Reichardt aus der Exerzierstratze 1. R. war seit einige» Tagen spurlos verschwunden und jetzt entdeckte man ihn im Herms- dorfer Fließ als Leiche. Am Ufer de? Wassers stehend, hatte der Lebensmüde Gift zu sich genommen und sich dann in daS Ge- Wässer gestürzt. Die Leiche wurde nun angeschwemmt und geborgen. In der Ausstellung für Kleinhinisbau und Eigenwohnung flg. bis 25. Mai in Kliems Saaletablissement in der Hasenheide) spricht heute Donnerstag, abends 3 Uhr, Professor Berlepsch- BalendaS über das Projekt der großen Gartenstadt München. Die Ausstellung Wird heute Donnerstag, vormittags 11 Uhr. eröffnet. Vorort- JVaefmehtem Wilmersdorf-Halensee. Eine BolkSversammlnng, in der die Sozialpolitik im Vilniersdorfer Rathaus Gegenstand der Tagesordnung war, fand am Dienstagabend im Gesellschaftshause, Wilhelmsaue 112, statt. Die sozialdemokratischen Stadtverordneten Riedel und Schröder schilderten vor den zahlreich erschienenen Zuhörern die Widerstände, die der konservative Großblock im Rathanse einer Machterweiterung der Arbeiterschaft und aller ernsthaften Sozialreform entgegenstellt; gleichzeitig wiesen sie auf die Minderung des Ansehens hin, das Wilmersdorf sich durch die bisher geübte Politik kurzsichtigen Eigen- nutzes in Groß-Berlin zugefügt hat. In der Diskussion ergänzte der demokratische Stadtverordnete Moll durch Anführung ver- schiedener Einzelbeispiele die Darlegungen der Referenten; andere Redner brachten ebenfalls bedenkliche kommunale Mißstände zur Sprache. Die Versammlung nahm den besten Verlauf und wird ohne Zweifel eine vortreffliche agitatorische Wirkung auf die Be- völkerung ausüben. Mit der ReichSverficherungSordnung wird sich heute Donnerstag, abends 9 Uhr. im GesellschaftShauS, Wilhelmsaue 112, eine öffent- liche Versamnllung der Mitglieder und Arbeitgeber der OrtSkranken- lasse für Wilmersdorf und Umgegend beschäftigen. Charlottenburg. Einen Blutsturz erlitt gestern mittag um �12 Uhr die im Hanse Helmholtzstr. 25 wohnhaste Frau Franke. Frau Fr. war gerade im Begriff, ihren in den Siemcnswerken beschäftigten Ehe- gatten das Mittagessen zu tragen, als sie plötzlich vor dem Haust Helmholtzstr. 21 von einem Blutsturz befallen zur Erde sank. Wie man uns mitteilt, verging beinahe eine Stunde, ehe ein Kranken- wagen eintraf. Kurz darauf starb die Frau. Eine neue Hilfsschule für schwachbefähigte Kinder beabsichtigt der Magistrat auf dem Grundstück Blcibtreustr. 43 mit einem Kosten- aufwand von 194 000 M. zu errichten. Augenblicklich besitzt die Stadt drei solcher Anstalten. Eine entsprechende Vorlage des Magistrats ist der Stadtverordnetenversammlung zugegangen. Nixdorf. Auf einem Neubau schwer verunglückt ist gestern morgen ein 48 Jahre alter Arbeiter Wcgehop auS Berlin, der auf dem Grundstück Bergstr. 6 beschäftigt war. Eine Steinmasse, die aus den oberen Stockwerken herunterfiel, zerschmetterte dem Arbeiter beide Füße. Der Verunglückte wurde mit einem Wagen nach dem Krankenhause in Buckow gebracht. Lichtenberg. Das hiesige Ortsblatt hält sich für berufen, den Beschluß der Rixdorfer Stadtverordneten-Versammlung auf Einrichtung einer städtischen Druckerei lächerlich zu machen. Diese Aufgabe macht sich daS Blättchen, das nur über einen Redakteur verfügt, insofern sehr leicht, als es eine bereits am 6. Mai in der .Wilmersdorfer Zeitung- erschienene hämische, nur vom Standpunkt kleinlicher Privatinteressen diktierte Notiz abdruckt. In der Notiz macht sich der Verfasser lustig über die geringen Mittel, die für die zur Herstellung der Stadtverordnetenvorlagen usw. einzurichtende Druckerei eingesetzt sind. Am Schlüsse derselben heißt eS: .Aber man sollte doch meinen, wenn die bisherige Ver- vielfältigung in der Kanzlei sich nicht bewährt hätte, läge erst mal der Versuch am nächsten, nun den Druckereien am Orte diese Vervielfältigungen zum Buchdruck anzuvertrauen. Auch bei der Herstellung der Magistratsvorlagen, die bekanntlich geheim gehalten werden müssen, läßt sich. wenn man nur will, ein Modus finden, der beiden Teilen, Magistrat und Druckereien, nach jeder Richtung hin gerecht wird. Der Wert einer städtischen Druckerei liegt nur in ihrer Leistungsfähigkeit. Wenn sie nicht in de: Lage ist, oft gewissermaßen über Nacht selbst um- fangreiche Verordnungen und dergleichen herzustellen, ist sie wert- los. Dazu aber bedarf es eines Kapitals, wie eS nur wenige Städte für diesen Zweck aufwenden können. Mit einer Schürze Schrift, einem Druckmaschinchen— Format Westentasche— und einigen»Stiften- ist da nicht weit zu kommen. Diese Erkenntnis wird auch den Rixdorfern bald kommen. Blättchen, die ihren Text nicht einmal in eigener Druckerei her- stellen können, sondern wahllos, ja zum Teil völlig falsch von einem anderen Unternehmer entnehmen müssen, sollten sich in bezug auf —»Leistungsfähigkeit- etwas mehr Reserve auferlegen. Köpenick. Die FriedhofSverhältnisse in der hiesigen Gemeinde liegen sehr im argen. Ein Gemeindesriedhof ist leider bis heute noch nicht«in- gerichtet, obwohl die Sladt Köpenick eine alte Stadt ist und heute 31000 Eiuwohner zählt. Die Angehörigen Verstorbener sind aus- schließlich auf den kirchlichen Friedhof angewiesen. Die Kirchen- gemeinde betrachtet aber, wie überall, den Friedhof als gut« Er- werbSquelle. DaS unerhörteste ist, daß die Kirchengemeinde von Angehörigen von NichtMitgliedern noch eine Sondergebühr von 25 Proz. erhebt; auch sonst werden bei Beerdigung von Nichtmit- gliedern besondere Schwierigkeiten bereitet. Der Unmut der Be» völkerung über diese Zustände mehrt sich zusehends. Immer weitere Kreise erkennen den gegenwärtigen unhaltbaren Zustand, durch den die gesamte Bürgerschaft bei Todesfällen der evangelischen Kirchengemeinde in die Arme getrieben wird, und man verlangt energisch schleunigste Ab- Hilfe. Diesem Zwecke diente eine öffentliche Versammlung, die am DienS- tagabend im Stadt-Theater tagte und in der Stadtverordneter Karl Leid- Berlin die Friedhofsfrage eingehender behandelte. Der Referent wies nach, daß das BeerdigungSwefen nicht vom kirchlichen, sondern vom hygienischen Gesichtspunkte betrachtet werden müsse. Daraus ergebe sich die Pflicht der Gemeinde, das BeerdigungSwefen als Zweig der Gemeindcaufgaben zu betrachten. Die Erfüllung dieser Aufgabe sei von den städtischen Behörden der Stadt Köpenick in der ärgsten Weise vernachlässigt worden. Wenn zahlreiche Nachbnrgenicinden bereits«inen Gemeindefriedhof hätten, müßte die große Gemeinde Köpenick einen solche» schon längst haben. ES sei der Stadt unwürdig, sich in Lbhängiglcit einer kirchlichen Gemeinde zu begeben. ES wurde in der Versammlung eine Resolution be» schloffen, in der Protest eingelegt wird gegen den bisherigen Zu- stand und in der ferner von den städtischen Behörden schleunigst Ab- Hilfe gefordert wird durch Errichtung eine« GemcindestiedhofeS. Außerdem wurde eine zehngliedrige Kommission gewählt, die für eine den städtischen Behörden einzureichende Petition Unter- schriften sammeln soll. Neu-Golm(Kreis Beeskow-Storkow). Ueber die Sünden der NcichstagSmchrheit sprach am Sonntag hier im Lokal von Robert Treblin der Genosse Stürmer. Die clwa 100 erschienenen Männer und Frauen gaben durch ihren Bei- fall kund, daß sie mit den Ausführungen des Redners durchaus ein- verstanden waren. Petershagcn bei Fredersdorf. In der Versammlung deS PeterShagener HanS- und Grundbesitzer- oercins ist die Behauptung aufgestellt worden, daß in der letzten Gemeindevertreterfitzung ein Antrag auf Erbauung eines Brunnens und einer Leichenhalle von unserem Geiwssen S t i m m i n g be- kämpft worden sei. und er sich sogar dazu verstiegen hätte, das Armenhaus als Leichenhalle vorzuschlagen. Um nun jenen unwahren Behauptungen entgegenzutreten, erklärr Genosse Stimming folgendes: t. lag uns ein Antrag auf Anlegung eines Brunnens vor; 2. habe ich verlangt, daß eine Leichenhalle erbaut werden soll. Ich habe nicht den Brunnenbau bekämpft, sondern denselben verlangt. Allerdings habe ich den Standpunkt vertreten, daß die Schaffung de» Brunnens und der Leichenhalle durch die Kirche zu geschehen habe, da der Friedhof doch, trotzdem die politische Gemeinde ihn bezahlt hat, der Kirchengemeinde gehört, dieselbe auch das Geld für die Grabstellen einsteckt und von den Dissidenten sogar lv M. mehr verlangt als von ihren Schäflein. Die politische Gemeinde hat also doch schon die ganzen Kirchenlasten zu tragen. Haben die Herr- schaften nicht so viel Geld in ihrer Kasse, so mögen sie die Kirchen- stener einführen. Des weiteren habe ich nicht gesagt, daß eventuell das Armenhaus(übrigens nur eine baufällige Baracke) als Leichenhalle benutzt werden könnte, sondern aus hygie- nischen Gründen den Bau einer Leichenhalle verlangt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch der zweiten Lüge entgegen- treten, daß wir für die Müllabladestelle gestimmt haben. Dafür gestimmt haben sämtliche bürgerlichen Vertreter, dagegen die drei Sozialdemokraten. Daß die Herren des HauS- und Grundbesitzervereins mit solchen Segenden unter der hiesigen Bevölkerung Stimmung gegen die Sozialdemokratie machen können, glauben sie im Ernst doch wohl selbst nicht. Die Tatsache, daß sie sich bei der vorjährigen Wahl trotz reichsverbändlerischer Flugblätter und sonstiger unsauberer Mittel einen Durchfall geholt haben, sollte sie doch von einem solchen würdelosen Spiel abhalten. Herzfelde. In einer sehr gut besuchten Bollsversammlung referierte am Sonnabendabend im Jalsswen Lokale in Herzfelde der Genosse Redakteur Hugo P ö tz s ch- Berlin über das Thema:.Die politische Lage und die Entrechtung der Arbeiterklasse-. Redner legte der Versammlung in äußerst populärer Form das Treiben der Reaktion dar. Auch unterzog er die Reichsversicherungsordnung einer ge- bührenden Kritik. Ferner erörterte der Vortragende den Wert der Konsumgenossenschaften, er empfahl den Versammelten den Beitritt in den im Enlstehen begriffenen Konsumverein für Herzfelde und Umgegend. Die trefflichen Ausführungen deS Referenten wurden von den Versammelten, unter denen sich auch viele fremde Ziegelei- arbeiter(Deutsch- Russen) befanden, mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Neinickendorf-Ost. Der Bilduiigsansschusi veranstaltet heute abend 8'/z Uhr im .Schützen haus-, Residenzstraße 1/2, einen Lichtbildervortrag. Herr Felix Linke wird über das Thema.Werden und Vergehen der Welten- sprechen. Der gute Erfolg der bisherigen Vortragsabende lassen auch diesmal ein gutes Resultat erwarten. Der Eintritts» preis beträgt 20 Pf. Jugendliche unter 18 Jahren haben wie bisher freien Eintritt. Weisieufee. Der Hausarzt des Arbeiters. In der letzten Gemeindevertreter- fitzung kritisierte der Gemeindevertreter Leß beim Bericht des Sckml- arztes die Tatsache, daß der Schularzt den Eltern öfter den Rat erteilt, sich mit ihrem Kinde in eine Spezialklinik zu begeben; die hiesigen Aerzte fühlten sich durch solche Ratschläge benachteiligt, da die meisten Arbeiter ihren Hausarzt haben, so muß man auch die Kinder zum HauSarzt schicken. Unsere Vertreter gaben ihrer Ver- wundernng darüber Ausdruck, wie Herr Leß behaupten könne, daß sich die Arbeiter den Luxus eines Hausarztes leisten. Auf die be- scheiden« Aufrage an Herrn Leß. meinte dieser, daß in seinem Ge- schüft viele Arbeiter Einlaufe machten, von denen er wisse, daß sie auch einen HauSarzt haben. Der anwesende Gemeindearzt mußte erst die Erklärung abgeben, daß sich die Arbeiter leider keinen HauS- arzt leisten können, bevor sich Herr Leß ganz beruhigte. Unsere Genossen verlangten vom Schularzt, daß er sich nicht davon ab- bringen lassen niöge, den Ellern erkrankter Kinder weiter mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wegen Totschlag? wurde ein Kutscher Hermann Schmidt fest« genommen. Er wird beschuldigt, in der vergangenen Nacht den Steinkutscher Julius Müller bei einer Schlägerei an der Ecke der Lothringen- und Straßburgstraße so lange mißhandelt zu haben, bis er tot war. Pankow. Dir Gemeindevertreterfitzung am Dienstag beschäftigte sich zu» nächst mit der Bewilligung der Kosten für den ErweiterungS- und Umbau der Oberrealschule. Hochbaumeister Fentea begründete die Forderung damit, daß die Schulräume nicht mehr ausreichend seien und es namentlich an einer geeigneten Turnballe mangele. Nachdem nunmehr auch die Regierung auf den Bau einer Turnhalle dränge, fei eS zweckmäßig, hiermit gleichzeitig die Erweiterung der Schule zu verbinden. Die Kosten des Er- Weiterungsbaues, in welchem außer der Neueinrichtung von Klasien- und sonstigen Schulräumen die allen modernen An- forderungen entsprechende Turnhalle untergebracht werden soll, find auf 165 000 M. veranschlagt, wozu dann noch die Kosten für die dabei erforderlichen Umbauten und Wiederinstandsetzung der alten Schule in Höhe von im ganzen 25 000 M. kommen. Nach längerer Debatte stimmte die Vertretung dem Projekt zu und bewilligte die erforderliche Summe von insgesamt 190 000 M., die durch Anleihe gedeckt werden soll.— Da die Kesselanlagen für Heizung des Rathauses und der Oberrealschule seit längerer Zeit nicht mehr tanglich und der Betrieb mit allerlei Hilfsmitteln in Gang gehalten, dazu für den Erweiterungsbau der Oberrealschule eine Heizanlage beschafft werden muß, empfiehlt die Hochbau- und Finanzkominijsion den Anschluß des Rathauses und der Oberreal» schule an die SchulheizungSzentrale in der Görschftraße, was einen Kostenaufwand von 45 000 M. erfordert. Nach längerer Debatte. in der von bürgerlicher Seite lebhaste Bedenken gegen daS Projekt laut wurden, stimmte die Vertretung demselben dennoch zu.— Für den Bau der Bedürfnisanstalt an der Ecke der Berliner und Mühlenstraße, der nun endlich in Angriff genommen werden soll, wurde die Bewilligung der Mehrlosten gefordert. Bekanntlich waren für dieses Projekt bereits in den borjährigen Etat 10 000 M. eingestellt. Trotz mehrfacher Ausschreibung ist eS nicht gelungen, das Projekt in der vom Hochbauamt vorgesehenen Form für die disponiblen Mittel ausgeführt zu erhalten. DaS letzte Angebot übersteigt letztere immer noch um 2800 M., die nach kurzer Debatte bewilligt wurden.�— Die Beschlußfassung über die Breite des FahrdammeS der Kaiser-Frtedrichftraße bei deren Ncupflasterung zeitigte ausgedehnte Auseinandersetzungen. Entgegen den AuS- führungen deS Herrn Stadtrat a. D. Stawitz und einer Reihe bürgerlicher Vertreter, die die Breite de» FahrdammeS auf 7>/z Meter festgesetzt wissen wollten, vertraten unsere Genossen und einige bürgerliche Vertreter den Standpunkt, daß eS sich hier um eine VcrkehrSstraße handle, deren Fahrdamm in der bisherigen Breite von 10 Metern zu belassen, nniideftenS aber auf 9 Meter festzusetzen sei. Ein dahingehender Antrag unserer Genossen wurde gegen den Antrag auf 7'/z Meter Fahrdammbreite abgelehnt.— Daun genehmigte die Vertretung einen Vertrag mit der Ncuchatcl Asphalte Compagnie zu verlin, wonach dieser Gesellschaft die Hälfte der Neu« Pflasterungen und Reparaturen aus Pankower Ashaltstraßen zu- gesichert wird.— Ein Antrag deS Ausschusses der Berliner Tnnrgaue um Gewährung eineS Beitrages zu den Kosten der Hundertjahrfeier zur Eröffnung des Turnplatzes in der Hafenheide fand warme Befürwortung durch den Bürgermeister. Unser Genosse B r a l l wandte sich ganz entschieden gegen die Bewilligung von Gemeinde- mittel» für derartigen Klimbim. Wie vorauszusehen, predigte er tauben Ohren, die 200 M. wurden für diese» Zweck bewilligt.— Ganz anders aber stellte sich der Bürgermeister zu dem nun folgenden Berotungsgegenstand. Von verschiedenen Gemeindevertretcrn war beantragt worden, die Arbeiter in der Friedhofsverwaltung während des Sommer- und Winterhalbjahres im Lohne gleichzustellen. Hier ließ Herr Bürgermeister Kühr die vorher bekundete Wärme vermisjen und erklärte die gegenwärtige Bezahlung der drei in Frage kommenden Arbeiter im Einverständnis mit der Friedhofs- kommifsion für angemessen. Im übrigen seien die Arbeiter niemals an ihn mit einer Forderung herangetreten, woraus er schließe, daß sie mit ihrer Bezahlung sehr zufrieden seien. Genosse Kubig wies namentlich darauf hin, daß. wenn die Arbeiter auch im Winter eine Stunde weniger als im Soimner arbeiteten, sie dennoch genau dieselben, wenn nicht erhöhtere Bedürfnisse hätten. Bedauerlich sei allerding», daß die Arbeiter nicht mit Forderungen an den Bürger- «eister herangetreten tote die in dieser Beziehung etwaS mutigeren Gemeindebeamten. Diese Zurückhaltung aber als Ausdruck besonderer Zufriedenheit auszulegen, gehe wohl nicht an. Gegenüber der in der Debatte von Herrn Stadtrat a. D. Stawitz ausgesprochenen Befürchtung, daß bei Bewilligung dieser Forderung — es handelt sich um ganze 273 M. jährlich— auch andere Gemeindearbeiter dieselben Wünsche erheben könnten, betonten unsere Genossen, dies nicht als ein so großes Unglück betrachten zu können. Ein Erweiterungsantrag unserer Genossen, die Forderung auf alle Gemeindearbeiter auszudehnen, kam nicht zur Abstimmung, da die Vertretung die Angelegenheit mit ihrer Zustimmung der Finanz- kommission zur nochmaligen Prüfung unter Berücksichtigung auch der übrigen Gemeindearbeiter überwies.»-» Hierauf geheime Sitzung. Potsdam. Statt WalderholungSstätte— Naturtheater. Vor zirka zwei Jahren war sowohl in der Stadtverwaltung wie in verschiedenen in Frage kommenden Vereinen, Krankenkassen usw. die Errichtung einer Walderholungsstätte in den Waldungen der nächsten Nähe Potsdams so gut wie beschlossene Sache. Ein dringendes Bedürfnis dafür liegt vor. Für zahlreiche Personen, vor allem Kinder, muß jetzt durch Stadt und Wohltätigkeitsvereine eine Erholungsstätte außerhalb gesucht werden. Die Krankenkassen müssen wegen der hohen Kosten überhaupt darauf verzichten. Man hat nur in Erfahrung bringen können, daß die WalderholungS« ftätts jetzt aufgegeben ist, weil kein geeignetes Gelände dazu in der Potsdamer Forst vorhanden sein soll. Dies wird nur erklärlich, wenn man weiß, daß sozialen Einrichtungen nicht große Sym- pathien entgegengebracht werden. Ende dieses Monats wird aber dafür auf dem Brauhausberge ein Naturtheater eröffnet. Da- für hat man sofort einen Platz gefunden; selbstverständlich will man doch hiermit den patriotischen Sinn fördern. So müssen immer soziale Einrichtungen hinter patriotischen Fexereien zurück- treten._ 6encht9- Zeitung. Ein Nachspiel zur russischen Revolutioil. Die 9. Strafkammer des Landgerichts l, Berlin, hatte sich am gestrigen Tage als Berufungsinstanz mit dem vom Schöffen- gericht in Alt-Moabit gegen den Redakteur des„Vorwärts", Hans Weber, erkannten Urteil zu beschäftigen, das wegen Beleidigung des livländischen Barons v. Bolcken ergangen war und auf 500 M. Geldstrafe lautete. Nach kurzer Verhandlung, in der der An- geklagte sowie deffen Verteidiger Karl Liebknecht noch einmal die Gesichtspunkte hervorhoben, die während der Revolutionszeit zur Veröffentlichung des beklagten Artikels führten, verkündete der Vorsitzende, daß das Gericht die Strafe auf 300 M. ermäßigt habe. Als strafmildernd kämen folgende Umstände in Betracht: Der Angeklagte sei, als der Artikel erschien(am 14. Februar 1906) noch unbestraft gewesen, hierin habe sich die Borderinswnz geirrt. Auch habe Weber den Artikel nicht selbst geschrieben, sondern nur auf- genommen und verantwortlich gezeichnet. Ferner seien die polr- tischen Wogen damals außerordentlich hoch gegangen und angesichts der in jenen Tagen vollzogenen Ereignisse konnte der Angeklagte die in dem Artikel angegebenen Behauptungen als wahr aner- kennen, zumal auch die bürgerliche Presse in jener Zeit in ahn- sicher Weise über die Vorgänge in Rußland berichtete. Ein für die Presse wichtiges Urteil fällte gestern der 2. Strafsenat des Reichsgerichts, indem er aus» sprach, daß der Setzer einer periodischen Druckschrift sich strafbar macht, wenn er unrichtige Angaben über den verantwortlichen Re- dakteur nicht berichtigt. Der Redakteur der„Tribüne" in Berlin, Dr. R., war mehrere Wochen verreist. Der Herausgeber des Blattes, Karl Schneidt, lieh den Vermerk„Verantwortlicher Redakteur Dr. R." trotzdem auf dem Blatte stehen. Das Land- gericht I in Berlin hat ihn deshalb am 7. Januar nach§ 18,2 Preßgesetz verurteilt. Der gleichfalls angeklagte Setzer Karl Liick wurde dagegen freigesprochen. Er wußte zwar, daß Dr. R. die Redaktion zurzeit nicht führe, aber er war nach Ansicht des Ge- richteS nicht befugt, jene Notiz zu ändern; auch ist er nicht als Vertreter des Druckers(§ 21 Pr.-G.) anzusehen.— Auf die Revision des Staatsanwalts hob das Reichsgericht das freisprechende Urteil gegen Lück auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Weder§ 7 noch§ 8 beschränken die Haftung für unrichtige An- gaben in diesem Sinne auf bestimmte Personenkategorien. Bei beiden Bestimmungen kommen bezüglich der Täterschaft lediglich die allgemeinen Grundsätze in Anwendung und die Haftbarkeit des Angeklagten konnte nur davon abhängig gemacht werden, ob er die Unrichtigkeit kannte und trotzdem bei der Drucklegung mitwirkte. Das hat aber das Landgericht nach beiden Richtungen festgestellt. ES hat aber den Einwand des Angeklagten, daß er keine Befugnis oder Verpflichtung zur eigenmächtigen Aenderung der falschen An- gäbe zu haben geglaubt habe, für durchschlagend erachtet. Dieser Einwand war aber rechtlich unerheblich. Der Angeklagte hätte in diesem Falle seine Mitwirkung bei der Herstellung des Blattes ver- sagen müssen, wozu er auch in der Lage war. Ein Anarchistenprozeß gelangte gestern vor der 3. Strafkammer der Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber zur Verhandlung. Wegen Vergehens gegen den§ 166 St.-G.-B. tVerächtlichmachuug der Kirche) waren angeklagt: Der Druckerei- besitzer und Verleger Wilhelm Habicht, der Expedient und Tape- zierer Karl Kielmayer und der Schriftsetzer Paul Lehnigk.— In dem Verlage des Angeklagten Habicht erschien im Jahre 1908 eine von dem Anarchisten E. Steinle verfaßte Broschüre mit dem Titel: „Das Endziel des Anarchismus". In dieser wendet sich der Ver- fasser u. a. auch gegen die christliche Religion und zwar, wie die Anklage behauptet, in Worten, welche ohne jeden Zweifel die Ab- ficht des Verfassers, den christlichen Glauben verächtlich zu machen, erkennen läßt.— Der Staatsanwalt beantragte je einen Monat Gefängnis. DaS Gericht hielt jedoch den von den Angeklagten erhobenen Einwand der Verjährung für stichhaltig und erkannte auf Einstellung des Verfahrens. Die Broschüre wurde eingezogen. Preußische Schulpflicht und Erziehung im Auslände. Ter Bauer Drobinski hatte seinen Sohn in ein Kloster in Galizien gebracht, damit er dort erzogen werde. D. wurde an- geklagt und dafür strafrechtlich verantwortlich gemacht, daß sein Sohn mehrere Monate lang die Volksschule in Rottenberg nicht besucht habe, obwohl er schulpflichtig sei. D. berief sich dagegen darauf, daß der Junge in dem Kloster in Galizien erzogen werde. Er als Vater könne über den Aufenthalt des Sohnes bestimmen. DaS habe er mit der Unterbringung des Jungen in dem Kloster getan. Demzufolge hätte die Schulpflicht in Preußen für den Knaben aufgehört. Das Landgericht als Berufungsinstanz verurteilte den Ange- klagten mit folgender Begründung: Der Angeklagte habe ohne Ge- nehmigung der Schulbehörde den Knaben ins Ausland zur Er- ziehung gegeben. Das habe er nicht gedurft. Jedenfalls sei unter Viesen Umständen das Fernbleiben vom Unterricht in der zu- ständigen preußischen Schule als unberechtigte Schulversäumnis zu bestrafen. Nun habe der Angeklagte allerdings eingewendet, oer Lehrer habe seinerzeit auf seine Frage gesagt, er könne ruhig den Jungen nach Galizien in ein Kloster zur Erziehung geben. Selbst wenn der Lehrer das gesagt hätte, würde das den Ange- klagten nicht entschuldigen, da der Lehrer nicht die Schulbehörde fei und gar nicht berechtigt gewesen wäre, den Knaben von der Schulpflicht in Preußen zu entbinden. Das Kammergericht verwarf die nunmehr vom Angeklagten «och eingelegte Revision mit folgender Begründung: Nach§ 43 Teil 2 Titel 12 des allgemeinen preußischen Landrechts ist zeder Einwohner, welcher den nötigen Unterricht für seine Kinder in Deinem Hause nicht besorgen kann oder will, verpflichtet, dieselben Dir Schüfe zu schicken, Mch Urtifef 21 der preußischen Berfgjsuog ist der„nötige" Unleiricht der in der Volksschule, d. h. der in der preußischen Volksschule. Ob anderweitig(im Hause oder im Aus- lande) ein entsprechender Unterricht erteilt werde und deshalb ein solcher Unterricht als Ersatz des in der preußischen Volksschule erteilten zugelassen werden könne, darüber habe die zuständige preußische Schulbehörde zu entscheiden. Deshalb hätte der An- geklagte der Genehmigung der Schulbehörde bedurft, wenn er seinen Sohn, der in Preußen schulpflichtig war, im Auslande er- ziehen lassen und ihn so dem Unterricht in der preußischen Volks- schule entziehen wollte. Denn der Angeklagte könne sich nicht auf ß 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs berufen, wonach die dem Vater obliegende Sorge für die Person des Kindes auch das Recht mit umfasse, seinen Aufenthalt zu bestimmen. Diese Bestimmung sei nur privatrechtlicher Natur und berühre nicht das öffentliche Interesse, was der Staat daran habe, daß der obligatorische Unter- richt in einer preußischen Schule stattfinde. Mit Recht sei D. verurteilt worden. )Zus aller(Hielt* von Quichotte in neuer Huflage, Vor einigen Tagen meldete der Kommandant der in Nord- Marokko verschanzten spanischen Truppen nach Madrid einen großen Sieg über feindliche Mauren. Diese hatten nächt- licherwcile das Lager bei A n d j e r a angegriffen, mußten aber schließlich vor dem heftige nArtillerie-undJnfanterie- feuer der Spanier die Flucht ergreifen. Wie jetzt bekannt wird, haben sich in den, Kampfe mit den„Mauren" die Spanier als würdige Nachfahren ihres großen Vorbildes Don Quichotte erwiesen. Die fürchterlichen Feinde waren nämlich eine— Schweineheerde, die mit ihrem Grunzen die spanischen Helden erschreckt hatte. Ein Maure hatte seine 500 Schweine aus dem Lager weggeführt, damit der Platz für die anrückenden spanischen Truppen als Lagerplatz ftei wurde. Des Nachts brachen die Schweine aber wieder aus und kehrten nach dem alten Lagerplatz zurück. Als die Spanier das Grunzen der Tiere hörten, glaubten fie den Feind in der Nähe und entwickelten ein heftiges Jnfanteriefeuer gegen die Borstentiere. Schließlich trat noch Artillerie in Aktion. Die Tiere ergriffen darauf schleunigst die Flucht' und der Kommandant beglückwünschte die Truppen zu dem herrlichen Siege. Der spanische General mag sich damit trösten, daß seinerzeit der russische Admiral Roschdjestwensky in der Nordsee eine englische Fischerflottille, die er wahrscheinlich durch eine Rum- flasche beobachtet hatte, bombardieren ließ, weil er annahm, es fei eine feindliche japanische Flotte. Die Cholera in Smyrna. In der kleinasiatischen Stadt Smyrna droht von neuem eine Choleraepidemie auszubrechen. Während der letzten fünf Tage sind dort neun Cholerafälle vorgekommen, von denen sieben tödlich verliefen. Die Seuche soll durch eine kürzlich aus der Wüste dort eingetroffene Familie eingeschleppt worden sein. Die Europäer haben auf den ersten Alarm vom Aus- bruch der Cholera sofort die gefährdeten Stadtteile verlassen. Infolge des Schlendrians, der leider noch zum Teil unter den orientalischen Behörden im Schwange ist und bei den traurigen sanitären Zuständen steht zu befürchten, daß die Epidemie größeren Umfang annimmt. Unfall deS„P. S". DaS im Besitze de? Luftschifferbataillons befindliche Luftschiff „P. 2", das auf der Bitterfelder Werft der Lustfahrzeug- gesellschaft in Stand gesetzt worden war, erledigte am Mittwoch- abend seine erste Probefahrt. Im Begriff zu landen, wurde es gegen die Halle getrieben, die Hülle stieß an die Halle und erhielt einen Riß, wodurch das Schiff zu Boden kam. ES ist einiger Materialschaden an der Gondel ent- standen. Von den sechs Insassen erlitten zwei leichte Ver- st a u ch u n g e n des Fußes._ Unwetter in Oesterreich. Aus den verschiedensten Teilen Oesterreichs kommen Nachrichten über schwere Wolkenbrüche, die große U e b e r» schwemmungen im Gefolge hatten. Wien und U», gebung wurde durch ein Unwetter heimgesucht, bei dem«in halb« stündiger Hagelschlag an den Kulturen in Gärten und Weinbergen enormen Schaden anrichtete. Stellenweise lagen die Hagelkörner l'/z Zentimeter hoch. Ein Weinguts- besitzer aus Humboldtskirchen hat sich aus Kümmer über den erlittenen Schaden erhängt.— In Boryslaw in Galizien richtete ein orkanartiger Sturm mit Wolkcnbruch große Verheerungen an. Die Stadt ist überschwemmt. DaS Wasser ist in die Häuser und Kaufläden eingedrungen, Die Wohnhäuser und Rohölschächte sind beschädigt, viele Bohrtürme sind mit ihren Einrichtungen w e g g e s ch w e m mst. Durch Blitzschlag gerieten sieben wenig ergiebige Rohöl schachte in Brand.— Auch über Mähren gingen schwere Wolkenbrüche nieder. In Groß-Meseritsch drang das Wasser in die Hänser ein, einzelne Hänser sind eingestürzt.— In der Nähe von Prag sollen durch das Unwetter drei Menschen ertrunken sein._ Kleine Notizen. Drei Bergleute erschlagen. In Schacht I der dem BergfiSkuS gehörenden Möllerschächte bei Gladbeck sind am Dienstag nach- mittag durch herabfallendes Gestein drei Arbeiter tödlich verunglückt. Schreckenstat eines Geisteskranken. In einem Anfalle von Geistesstörung hat in Mannheim der 23jährige Sohn deS städtischen Beamten KrauS seinen Vater erschossen. Die Mutter konnte sich durch die Flucht retten. Im Anschluß an die schwere Bluttat jagte sich der junge Mann eine Kugel in den Kopf, die s e i n e n T o d herbeiführten. Ein Ricsciibrand. Die vor einigen Tagen gemeldete FcuerS- brunst in Kirin in der Mandschurei hat 8387 Gebäude im Werte von 15 Millionen Rubel, 4046 Laden und 15 Bankkontore zerstört. Ueber 40000 Menschen sind obdachlos. Der Ge- samtverlust beträgt 40 Millionen Rubel. Unangenehme Geschäftsteilhaber. Die Polizei in Baku entdeckte einen Tunnel, welcher zur P e t r o l e u m l e i t u n g der Eisen- bahn führte. Die Polizei wurde mit Schüssen empfangen. Vier im Tunnel befindtiche Verbrecher wurden verhaftet. SSitteruuqSübersictir vom 17. Mai 1911. WWj> Todes-Anzeigen WM des 6. Kerl. Reichstags-WaUkreises. Todes• Anzeige. Am 15. Mai verstarb unser Ge- nosse, der Lederarbeiter •Julius Reich Soldmer Str. 70. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. Mai, nach. mittags i3l, Uhr, von der Leichen- halle des Neuen Pauls-Kirchhoses in Plötzensce aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Hee Vorstand. Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser lieber Qnkel und Schwager, der Einrichter Emil Tapper am Sonntag, den 14. d. M., vormittags 11'/z Uhr, nach kurzem schweren Leiden im 60. Lebens- jabre gestorben ist. Im Ramm der trauernden Verwandten ti'amllke Herbst, Reichenberger Straße 59. Die Beerdigung findet DonnerS. tag, nachm. 3Y, Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus-Kirch- hos es. Rixdors, Hermannstraße, aus statt. 4293L Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Macbrnt. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schmied Becker gestorben ist._ Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß uns» Mitglied, der Schrauben- dreh er iAlkert Bentz am 15. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 19. Mai, nachmittags ill, Uhr, von der Lei chenhalle des ThomaS-KirchhoseS in Rixdors, Hermannstraße, auS statt. Ferner starb unser Mitglied, der Einrichter 1£h»U Tapper am 14. d. M. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. Mai, nach mittags S1/, Uhr, von der Leichen- halle des EmmauS-ZlirchhoseS in Rixdors, Hermannstraße, auS stall. ferner starb unser Mitglied, der loffer Karl Medow am 15. d. M. an Herzschlag. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 13. Mai, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral-Fnedhotes in Friedrichsseide aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 117/1 Die OrtSverwaltung. 2= 82 te'ft II Bf Lwmemde. 760 NNO Hamburg 760 O S-rlin ,759 NO Franst.-«. 757 SB München 757 NW Wien!757 Still aetter 4 bald bd. 2 Dunst 3 bedeckt 1 Regen 2 halb bd. wolkig di s«. k? hS> «tattonen 1-2 SS E e "n I 1 Havaranda 1 763 SO DeterZburg 765 NNW Scillh! 761 NNW tlberdeen!763N Paris 757 NNO Vetter I 2 bedeckt 1 woltenl 1 heiter 1 wolkig Lbede-tt e* 4" 5� M« «Settervrognole für DonnerStag, den 18. Mai IN11. Ziemlich kühl, zunächst vorwiegend trübe mit Regensällen und mäßigen südwestlichen Winden; später langsam ausklarend. BerlinerWetterdurcg» Danksagung. Für die liebevolle Anteilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines sieben Mannes Max Burwlg sage ich allen Freunden. Verwandten und Bekannten, sinSbesonderc den Kollegen der Firma A. E.-G. meinen ficsgefllhltesten Dauk. Wwe. Helene Burwig geb. Krttger. Sozialdemokratiseher Wahln) für den 4. Berliner Reiehstags-Wahlkrels. Görlitzer Viertel. (Bezirk 175, erster Teil.) Den Mitgliedern zur Nachricht, f daß unser Genosse, der Metall-! arbeiter Albert Lentz Reichenberger Str. 81 am 15. Mai gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 19. Mai, nachmittags 4>/, Uhr, von der Leichenhalle des Thomas- Kirchhoses in Rixdors, Hermannstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Zentral-Kranken- nnil Steröe- kasseldentsehen Wagenbauer Filiale 5 Berlin. Am 16. Mai verstarb unser Ver- waltungsmitglied, der Schneider- meister Wilkelm Eggen Müllerstraße 174. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 19. Mai, nachmittags ö'h Uhr, von der Leichenhalle der Philippus-Slpostel. Gemeinde aus aus dem städlischen Friedhos in der Dlüllerstraße(Ecke Seestraße) statt. Um rege Beteiligung ersucht 257/11 Die Ortsverwaltung. Verband der RMarbelter Deutschlands. Zahlstelle Groß. Berlin. Am 15. Mai 1911 verstarb unser Mitglied kerSmaiiö Gondram. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 18. d. M., nach- mittags i'/, Uhr, von der Witte- naner Leichenhalle aus statt. Rege Beteiligung erwartet 63/16 vis Ortsverwaltung. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und die herrlichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes. unseres guten Vater? Wilhelm nuhlenbecfa sagen wir hiermit allen Teilnehmern, insbesondere dem Deutschen Metallarbeiterverband, Ver- waltungsstelle Berlin, sowie den Kollegen der Firma Schwartzkopjf, Abt. Torpedobmi, unfern hirzlichiten Dauk. Witwe Alwine Mliblenbeck 1828b nebst Pslegekiudern. Danksagimg. Für die Beteiligung bei der Be- erdigung meiner lieben Frau sage ich allen Verwandten, Bekannten sowie den Parteigenossen, Genossinnen und den Mitgliedern der Wagenbauer» Krankenkasse meinen herzlichsten Dank. Henusuu Sucht 1829b nebst Kindern. Danksagung. Für die Beweise inniger Teilnahme bcl der Beerdigung unseres leider zu ruh'aus dem Leben geschiedenen Sohnes sKm-I PUthgen erstallen allen, insbesondere den treunden vom Osten, Süden, dem eutfchen Metallarbeiterverbande, dem Sparverein Zuiunst für Nieder- legung der Kränze und der Wid» mungen. sernerßdcm vom Osten ge» stellten Quartett unsern Dank. 1823b Die trauernde Familie: G. Pöthgen, Urbanstr. 63. Möbelfabrik Einigkeit. Llnxetragene Geuvssenscliakt mit beschränkter Haftpflicht. Bilanz fUr das GcsclUltts- jahr 1010. Aktiva. An Kassakonto... , Bankkonto.., , Fabrikationskonto. . Materiaiienkoillo. „ Maschincnkonto.. . Werkzeugkonto.. , Utensilienkonto.. . Kontokorrentkonto 788,25 M. 6 420,87. 1590.-. 6130,55, 2 470,—. 1260,—„ 1458,-, 31577,05. 51 694,72 M. Passiva. Per Kreditorenkonto. 13330,13 M. , Geschästsanteil- lonto.... 210,—„ , Darichnskonto.. 35 669,40„ , Reseroekonto.. 340,—„ , Dclkrederekonto. 1 051,—„ , Reingewinn... 943,62„ , Ecwinnvortrag 1909 100,52„ 51 694,72 M. Die Zahl der Genossen betrug am 3t. Dezember 1910: 7, eingetreten keiner, ausgetreten keiner. Die eingezahlten Geschäftsanteile betrugen 210 M. Die Hastsumme der sieden Genossen 210 M. Die Geschästsan- teile und Haslsumme hat sich nicht verändert. ihzzb Der Borstand. I. Stephan. C. FiahbeJaer. Dr. Simmel Spezial-Arzt• für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄÄ, 10—2, 5—7. Sonntags 10—12, 2—4 Stoffe Fabrik-Reste u. Coupons sind eingetroff. Neuheiten f. Aitjugc, Ulster S!)Itr.3,4,5ffi. Xuchlager Koch& Saelanrt. G. m. b.H. Gertraudtenstr. 20-21�?� Buchhandlung Vorwärts Berlin SW. 68 Llndenstr. 60(I-aden). Soeben erschien: von I�rieUrieki Ltampker. In Leinen gebd.A M. IWWWWWVWWWWMVWWVWMSW Verband der Brauerei- und Mühlenarbeiter und verwandter Berutsgenossen. Geschäftsstelle: C. 54, Wulacksw 10 I. Zahlstelle Berlin. Fernsprecher: Amt 3, 4B18 Sonntag, den LI. Mai, nachmittags L Uhr: Mitglieder-Bersammlung im Gewerkschaftshaus, Engeluser 15(grotzer Saal). TageS-Ordnung: Bortrag des Genossen Ucko:„Des BolkeS Entrechtung.« VerbandSangelegenheiten. 42/15* Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder erwartet Die Ortsderwaltung. 3 An diesem Schild sind die Läden erkennbar, Hi in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. JHastercUItig/ In Konstrnktlon nnd Ansführang:, Slcicb vorziigrllch tür Hausse braue Ii n. Industrie. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. BERIilST, lidpzlger Straße 98. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. E jVISbel-Hngebot Eolidcs Mödelgeschäst liefert bürgerliche Wohnungseinrichtunze, zelne Möbel gegen mäßige Zinsvergüluna bei kleiner Anzahluni monatlichen Teilzahlungen. Ansragen unter Posllagertarte IS, Kein Hbzablungegeechäft. Konsutn-Senossensehaft Berlin nnd Umnegend - E. G. iii. b. II.■- 3 Berlin-Ll chtenberg, Rittergotsstr. 22/26. Fernspreclier; Amt Lichtenberg No. 524 and 525. Wir machen hierdurch bekannt, daß am Donnerstag, den 18. Mai, unsere 59. Verkaufs- stelle Tnanf n&v Cidlaiyftfnaffo RSI eröffnet wird. Die Verkaufsstellen in«»'SpAvAss, ao, sind geöffnet von 8-1 und von 3— 8 Uhr, Sonnabends bis 9 Uhr, Sonntags sind dieselben geschloffen. In unseren Ver» kaufsstellen wird jetzt nur unser vorzügliches reines Roggenbrot(zurzeit daS 50 Pfennig- Brot— 4,2 Pfd. schwer), welches mit peinlichster Sanberkeit in unserer Dampfbäckerei in Lichtenberg hergestellt wird, zu Preisen von 50 Pf., 60 Pf., 75 Pf. und 1 M. abgegeben, ferner Kommißbrot a 50 Pf., Schlüterbrot a 45 Pf., und angeschobenes Brot a 30 Pf., sowie Weizenbrot a 1 Pfd. zu 20 Pf. und l'/z Pfd. zu 30 Pf. Am Freitag und Sonnabend liefern wir auch Kuchen. Unseren werten Mitgliedern zur Nachricht, daß am Dienstag und Freitag ein Vor- standsmitglied in unserem Kontor bis 8 Uhr zu sprechen ist. An allen Wochentagen sind die Bureaus von 8'/, Uhr bis 5 Uhr ununterbrochen geöffnet, Sonntags geschloffen. Voranzeige! Um vielfachen Anfragen zu begegnen, teilen wir schon jetzt mit, daß an den Sonntagen, den 11, Juni, den 13. Juni, den 25. Juni und den 1. Juli, die Betriebs- anlagen bezirksweise besichtigt werden können. Näheres wird noch später bekanntgegeben. 105/8____ Per Vorstand. Ausstellung Kleinhausbau und 1827b» Freitag, den IS. Mai, abends«'/, Uhr, im Gewerkfchastshaufe, Engeluser 15, Saal 5: vettrauenswännel'-Versammlung TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Gustav Heinke über»Bauarbesterschutz-. 2. Die Situation im Gewerbe. 3. Verschiedenes. OOP" SUmtlicbc Bauten müssen vertreten sein.-MsZ 192/14 Der Vorstand. Eigenwohnung 18-85. Mai KHetns Festsäle, Hasenheide 13. Eintritt 10 Pf.— Führer durch die Auestellung gratis.* Speiseeis- Essenzen, unerreicht fein, uatür. UcheS Fruchtaroma. Alle zugehörig. Substanzen. Gute Rezepte gratis. Otto Reichel, Berlin L0., Eisenbahnst. 4. SlIilKt milbig nnd elegant Wimen Sie gehen. Neue Herren-Selletdung und«in Posten getraaener Maß- gardcrobe. An-stge. Paletots ic. teil» aus englli-den Elossen und in ersten WertstiUien gearbeitet sür l«de Figur p-sl-nd. Eo mm man sllr wenig « ein, z. JackeU-AnzOue H 14—18—22—, Herren-Peletot»„ 12— 1#— 21— Rock-Aniüg»„ 18-20- 27— Gehreck-AnzOge, 20-21— 32— Smoking-Anzüge 25—28—36— Frack-Anzüge„ 25-29—38- Belnkleider» 5—12—' » Verleihen von Frack- und«esell- Ichast«-Anztlgen stnd wir preiswert Abonnemenls- Sarderobe von M. 20.— auswärt». ßem«' GarbmbM'Ass. ziiedilsiilr. 121, vle-i-tls Pallage kkaosbauS. □ □□ Theater und Vergnügungen Donnerstags, den 18. Mai. Ansang Tl, Uhr. ftötiigl. Opernhaus. Nieuzi.(Anfang 1 Uhr. ftdiiigl. Schauspielhaus. Wie die Alten sungen. Neueö tönigl. Opern-Xheater. Geschlossen. deutsches. Faust. 2. Teil.(Ansang S Uhr. Ansang 8 Uhr. ttammerspiele. Der verwundete Vogel. «omi, che Oper. OrpheuS in der Unterwelt. Neues Schauspielhaus. Eine Million. Lessing. Glaube und Heimat. Kleines. Der Leibgardist. Berliner. Bummelstudcnten. Westen. Ein Walzertraum. Neues. Mein erlauchter Ahnherr. LustspielhanS. Der Feldherrnhügel. Drianon. Das Prinzchen. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller<>. Äollnez- Acheatei.) Der große Name. Schiiikl.Gharlotteuburg. König Heinrich. Friedrich- WilhelmstSdtischeS. Kasernenlujt. Herrnfeld. DaS Scheidungs-Souper. Eiti Verlobungs-Geschäst. Die Bar-Schwester. Neues Operetten. Der Gras von Luxemburg. Volksoper. Geschlossen. Luise». Ohne Mutter. Modernes. Wienerinnen.(Anfang 8'l4 Ubr.) Stoie. Aus nach New Bort. Folics(Cnpcice. Wcrthelm wird platzen l III. Klasse.(Ansang d'/. Uhr.) Wtetrovoi. Hoheit amüfiert sich! Kasino. Zwei Wappen. Voigt. Der Postillion von Mönche- bevg. Apollo. Spezialitäten. Paiiage. Spezialitäten. Noack. Geschlossen. ReichSiiallen. Steltwer Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Walhalla. Prinz und Bettlerin. (Ansang 8ll, Uhr.) Kaiser-Panorama. Besuch von Wiesbaden und der Saalburg. — Marokko während des Kriege«. Intimes. Dle neue Geliebte. Pan und Daphnis.(Ansang 81/, Uhr.) Karl Haverland. Spezialiläten. Wedding. Lichtspiele. Urania. Danbrnstrafte 48/43. Abends 8 Uhr: Lebende Tlerbilder von nah und sern. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57— 62 Schiller-Theater OÄ Donnerstag, abends 8 Uhr: Der große Käme. Freitag, abend? 8 Uhr: wer große Alante. Sonnabend, abends 8 Uhr: Nathan der Welse. Sonntag, nachmittag» 3 Uhr: I>le Ehre. Sonntag, abends 8 Uhr: Hnaarenflebcr. Schiller-Theater ChaburT Donnerstag, abends 8 Uhr: KUnlg Heinrich. Freitag, abends 8 Uhr: König Heinrich. Sonnabend, abends 8 Uhr: Der große Warne. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Zapfenatrclch. Sonntag, abends 8 uhr: Ein Idealer Gatte. Berliner Theater. Abend» 8 Uhr: Bnmmelatndenten. Morgen: vummelstndeuten Neues Theater. Täglich: r Ansang 8 Uhr. Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Ein Walzertranm. Sonntag 3'/4 Uhr: Die lustige» Nibelungen._ Friedrich-Wilhelmstadtisches Sciiauspielhaus. Donnerstag, den 18. Mai, 8 Uhr: Kasernenlaft. Morgen und solgende Tage: Ka- serncnlust.___ Lusispieihaus. Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhugel. Luisen- Theater. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Ohne Mutter. Preisgekröntes Sensations-Schauspiel in 5 Alien von Benjamin Depaire. Sonnabends 20. Mai, einmalige Aufführung: Der kritische Dag. Sonntag, 21. Mai, 3 Uhr: AuS erster Ehe. ose-mitte Große Frankfurter Str. 132. Auf mlh New|)Nt Ansang 8 Uhr. gteüag: Robert und Bertram. 3'/, Uhr: Das neue Programm der Attraktionen. 3'/, Uhr: Berlins Sensatton: Um ein Meib. Großes amerikanisches AuSftattungS- SenlationSstück in acht Bildern. NV Nie gesehene Effekte. Xu den Abendvorstellangen von Ludwig Thoma's im Thalia■ Theater für die 1., 8., 8., 8./0. Abteilnng am Montag, Dienstag, Mittwoch, den 29., 30., 31. Mai,' abend« 8 Ehr, werden im Theater beim Obmann einige Karten für die Angehörigen der Hitglieder aasgegeoen(1.30 M.) Ebenso bei den AbendvorsteUnngen yjEinG fö!lSllOnU im Neuen Schauspielhaute am 22. und 29. Mai. 240/19 Der VorMand. I. V.: G. Winkler. Neue Welt. Donnerstag: Elile(ag. Gr.£3r3l!e G3l3-k'ellerverIl. ausgeführt vom Feuerwerker E. Vleland. Wiederholung des Mühlenbrandes Große SpezäaBiiaien- Vorstellung Auftr. der indischen Schönheit Miß Lala'lea. Im Kinema ausgowähliss Programm.— Tügllch nachmittags: Oroßes Promcnaden-Konzerd;. Wasserrutschbahn— Liebesmuhle— Lachkabinett, Gebirgsbahn, Pake walk n. a.— Heute Eintrlttepreis 10 Pf. Urania. WiBsenschaftliches Theater Taubenatraße 48/49. Abends 8 Uhr: Lebende Tierbilder von nah und fern. Metropol-Tlieater, Operette in 3 Alten von I. Freund Admlfebpalast Ad Ik4nbctf RkonditoaMC Geöffnet ununterbrochen von 10 Uhr vormittags. Zahlreiche Kunstlauf- Produktionen. Allabendlich: Das feenhaft ausgest Eiiballett eClSCKCR GAlRTEN Täglich ab 4 Uhr: Großes Hilitär-konzert. Eintritt 1 Harb, von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. JahreS-AbonnementS an allen drei Schallerlassen. Leusstloueile Attraktionen! Ben Ali Bey Klassische Zauberkunst des Orients. Tanagra-Theater, □ Lachhaus Der harte Schttdcl Konlln Ronge u. a. Translatenr- und HUitlir-Konzerte. Eintrittspreis 50 Plennlg. ISfflRM Das ScheidungS Siouper Sin Vcrlobungs. Geschäft. Die Bar-Schwester. Ans. S Uhr. Vorvertaus U— 2 Uhr. Bfencs Programm! Li TORTiJiDi. The surf Bathers eine Idylle am Meeresgestade. De Dio in ihren neuesten Schöpfungen von Phantasietänzen und der von Publikum und Presse glänzend beurteilte MaiaSpielplan. — Rauchen gestattet— Königstadt-Xasino. Holzmarktstr. 72. Sensationeller Erfolgt Usiiaar als Mer. The 8 Luissets. Otto Bayer. Duett Hengrieh. Anite Raversa usw. Ansang'/ji Uhr, Sonntags>/,S Uhr. kolies Oapriee. Täglich 8'/, Uhr: Wer theim wird platsen t g�-'Bnnter»oIo-Tell. TM III. Klasse. Woacks Theater. Direktion: Robert Olli. Berlin N., Brumienftraße 16. Heute: Geschlossen. Nächste Vorstellung. Zonnabeud, dea Ä). Mai: Die Liebe auf den ersten Blick. Casina-Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Letzter Spielmonat vor den Ferien. Gastsp. d. berühmt. Tscherkeffentruppe: Leben und Treiben im Kaukasus. Dazu d. gr. Lachersolg in dieser Saison „Xwd Wappen". Sonntag 3'/, Uhr:„Marianne�. Klontreal Die Stadt auf Schlittschuhen Bis 7 Uhr und von 19'/, Uhr abends; halbe Kassonpreise. Unterricht im Schlittschuh- und Kunstlaufen wird erteilt. Reicbsbalien-Ttieater. Stettiner Sänger. Britton als Mietze Im Hosenrock. Anfang wochentags «Uhr. Sonntag» 7 Uhr. DH a n o n-V h c atcr. Heute und folgende Tage: Bas lPrlnschvn. LlibeSschwant in B Allen v. 9t Misch. Ansang 8'/, Uhr. Nur noch kurze Zettl � Zirkus Busch Heute abend 8 Uhr: Gala-.Abend. dreffuren. Der urtomiiche JanSIh. Jansen mit seinen dressiert. Tieren. 3 Gebr. Fratellini.uri. ital ElownS. Um 9'/, Uhr zum 22. Mal«: Ein dagdlcut am Hofe Ktfnig Endwlg XIV. Voranselge t Sonnabend, 20. Mai, abends 8 Uhr; Benefiz sür die Schulreiierw Frl. Hartha Hohnke. V olgt-Theatep Gesundbrunnen, Badstraße 58. Dovimstag, den 18. Mai: Keine Vorstellung. �It-Hoadlt 47/4«. Donnerstag, de» 18. MailSll» Letzte AbonnementS-Borstellung. Ehren abend für Dir. HanS Reich: Vater und Sohn. Ans. 8'/« Uhr. Kasseneröffn. 7 Uhr. Nach der Vorstellung: = Tanz.= Max Kliems Somnrer-Theater Rudolf KrDger, Hasenheide 13—15. Täglich: Erstklassige Theater- und SPezialitäten-Vorftellnugen. Zeltbedachter Theatergarten, bei un« er Witterung Schutz bietend. onnerStag: Elltctag. ——————— Böhmisch. Braubaus Landsberger Allee 11/13 Jeden Donnerstag: Großes Militärkonzert.: Kaiser Alexander- Regiment.' Königl. Musikdirektor Er. Brase. »wwwww.' Nißles Fest-Säle Dennewitzstraße 13. Jeden Donnerstag: Canzkränalsen. 1607b C. frlßlc. Mila-Säle SohBnhauser Allee 130 jeden Donnerstag und Sonntag: Gavalier-Ball. Entree, Garderobe u. Tanz 20 Pf. Anl. 8 Uhr. Carl Eis n er. Fiir den Inhalt der Inserate stbernimin» die Redaktion dem vubltknm gegenüber keinerlei Verantwortung. Verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin, gür den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SÄ!» Nr. 115. 28. Jahrgang. 3. WIM des Joraiitb" Kerlim Mdlck. Donnerstag, 18. Mai 1911. Siebente Generalversammlnng des Verbandes Devtscher Kvchdrncker. Hannover, 16. Mai 1911. Zweiter Berhandlungstag. Ueber die Gründung eines Jndustrievcrbande» referierte daS Vorstandsmitglied Graßmann; er betonte, daß die verlvandten Berufe, Buchbinder, Lithographen und Steindrucker und Buchdruckerethilfsqrbeiter, sich viel mehr mit dem Gedanken des Zusammenschlusses beschäftigt haben als die Buchdrucker. Redner gibt einen historischen Rückblick auf die Entwickelung dieses Verschmclzungsgedanrens, der durch den Halberstädte-r GeWerk- schaftskongreß Wurzel in den einzelnen Verbänden geschlagen und durch die wirtschaftliche Entwickelung weiter propagiert worden sei. Die Buchdrucker haben der Idee ziemlich kühl gegenübergestanden, weil sie nicht blindlings dem Zuge der Zeit folgen, sondern erst von der Notwendigkeit eines graphischen Jndustrieverbcrndes überzeugt sein wollen. Heute spreche in der Hauptfache folgendes da- gegen: 1. Der Tarif der Buchdrucker erstreckt sich auf alle Orte; er hat einen nationalen Charakter angenommen. Dagegen sind die Tarifabschlüsse der beteiligten Verbände erst sehr jungen Datums und haben noch nicht festen Fuß gefaßt. 2. Die Lithographen und Steindrucker sowohl als auch die Buchdrucker haben bisher Wert darauf gelegt, die Frauenarbeit fernzuhalten, und es ist ihnen dies auch zieMich gelungen. Die Verbände der Buch- binder und der Hilfsarbeiter bestehen aber zur Hauptsache aus Arbeiterinnen, da diese Berufe mit weiblichen Arbeitskräften durch- setzt sind.— Ferner ist auch die Kasscngebarung und der Ver- mögensstand der einzelnen Verbände zurzeit ein Hinderungsgrund für die Vereinigung. Berührungspunkte beständen ohne Zweifel eine ganze Anzahl und deshalb sei auch in weitgehendster Weise die gegenseitige Solidarität zu üben.(Lebhafter Beifall.) Ä l o t h(Vorsitzender des Buchbinderverbandeö) betont, daß die Beschlüsse seiner Generalversammlurrg ihn zum Reden zwängen. Er glaube nicht daran, daß dadurch die Frage in günstigem Sinne zum Abschluß gebracht werde. Ganz so ungünstig liege die Sache betreffs der Tarifverhältnisse im Buchbinderberufe gar nicht; «enn reichlich 25 000 seiner Kollegenschaft arbeite unter örtlichen Tarifverhältnissen. Die Frauenarbeit bestehe auch in jenen Be- rufen, deren Verbände heute noch keine weiblichen Mitglieder führen. Frau Thiede(Borsitzende der Buchdruckereihilfsarbeiter) meint, daß der rechte Zeitpunkt des Anschlusses verpaßt sei. Da- mals nach der großen Neunstundenbowegung der Buchdrucker sei der richtige Zeitpunkt für Gründung eines graphischen Verbandes gewesen; dann wären die einzelnen Berufe miteinander groß- geworden. Jetzt ständen die Buchdrucker mit ihrem Tarif auf der Höhe, und deshalb sei vorläufig an eine Aneinanderfügung der Organisationen nicht zu denken. Es könne nur gegenseitige Soli- darität in weitestem Maße gegeneinander geübt werden. Die Debatte darüber ist sehr kurz und kommt zum Ausdruck, daß im Prinzip niemand gegen diese Gründüng ist; daß aber erst die Wege dafür geebnet werden müßten. Die beiden Punkte Besprechung über die allgemeine und tarifliche Lag» und Stellungnahme zu den Anträgen auf ein größeres Mitbestimmungsrecht der Mitglieder bei Abschluß des Tarifs werden zusammen� behandelt und auS taktischen Gründen in geschlossener Sitzung beraten. Im nachstehenden ein Auszug aus diesen Verhandlungen. Der Vor- sitzende D ö b l i n unterzieht nach einem Rückblick auf die Eni- stehung und Entwickelung der Tarifgemcinschasten die vorliegen- den Anträge einer eingehenden Besprechung. Er kritisiert, daß verschiedentlich den realen Verhältnissen und den mit der Durch- führung erstehenden Schwierigkeiten zu wenig Rechnung getragen worden ist. Die Gegensätze zwischen Großstadt und Provinz dürften nicht durch falsche Matznahmen verschärft werden. Wenn den einzelnen Wünschen Rechnung getragen werde, dann würde vieles füx die Gehilfen selbst zum Nachteile ausschlagen. Gewiß sei, daß der Lohn den wirklichen Anforderungen an das Leben im allgemeinen bei weitem nicht entspreche: es müßte versucht werden, hier nach Möglichkeit für die Gehilfen Verbesserungen zu erzielen. Bei den Hauptpunkten das Für und Wider abwägend und bei der Frage der Arbeitszeitverkürzung die wirtschaftliche und technische Entwickelung des Gewerbes besonders berücksichtigend, finden auch Vorgänge aus der letzten Zeit Erwähnung, die den betreffenden Gehilfen ein schlechtes Zeugnis ihrer Disziplin ausstellen. Döblin schließt seine Ausführungen nach etwa IM Stunden mit den Worten, seine Ausführungen seien getragen von dem Be- streben, das Beste zu schaffen; sie wären aus langjähriger Er- fahrung diktiert. Redner erwartet von den Prinzipalen, daß sie den berechtigten Forderungen der Gehilfenschaft das notwendige Entgegenkommen bezeugen. Im Hinblick darauf, daß gerade im Buchdruckgewerbe beide Teile sehr auf friedlicher Zusammenarbeit angewiesen seien. Die Debatte wird von M a s s i n i- Berlin eröffnet. In län- grcen Ausführungen, gestützt auf statistisches Material, weist er die Notwendigkeit der Berliner Forderungen nach, dabei betonend, das, was man als Funktionär manchmal an dem Verhalten der Kollegen tadeln müsse, könne man als Mensch begreiflich finden. Denn das Bestreben, vorhandene bessere Verhältnisse in bestimmten Geschäften zu verschlechtern, verbittere jeden.— Beischmidt- Nürnberg spricht sich allgemein im gleichen Sinne aus. Die Verhandlungen werden auf Mittwoch vertagt. Iii. Generalversammlung desIeutralverbaudes derLeder- Arbeiter und-Arbeiterinnen Deutschlands. München, 16. Mai 1911. Die Anträge auf Aufhebung der Gaukonfcrenzen werden ab- gelehnt. Dem Hauptvorstand werden eine Reihe von Anträgen überwiesen, in denen u. a. verlangt wird, daß in gewissen Zeit- abschnitten Flugblätter herausgegeben werden, die der Aufklärung dienen und wichtige Vorkommnisse behandeln. Die Ortsvereine sollen angehalten werden, mehr belehrende Vorträge halten zu lassen. Die Lohnstatistiken sollen erweitert werden; ebenso soll der Vorstand die Herausgabe einer Geschichte des Verbandes in die Hand nehmen. Hierauf referierte Verbandsvorsitzender Mahl er kurz über die Verschmelzung mit den Handschuhmachern. Die Schaffung eines JndustrieverbandeS scheiterte an den Schuh- machern, Portcfeuillern und Sattlern. Von dcifi Lederarbeiter- verband stimmten 3683 Mitglieder für und 1168 gegen die Ver- schmelzung; von den Handschuhmachern stimmten 1458 für und 952 gegen die Verschmelzung. Am 1. Juli 1909 erfolgte der Zu- sammenschlutz. Die früheren Vorstandsmitglieder des Handschuh- macherverbandes G i l e k- und Eitlinger- Berlin unterstützten und ergänzten diese Ausführungen. In der Debatte äußerte Handschuhmacher A n g e r e r- Johanngeorgenstadt seine Unzu- friedenheit über die vollzogene Verschmelzung. Die Handschuh- macher seien über den Löffel barbiert worden; ihr Vorstand hätte sie im unklaren gelassen. Diese Mißstimmung verdichtete sich in Johanngeorgenstadt zu einem Zlntrage, der die Trennung der Handschuhmacher vom Lederarbeiterverband verlangt. Gegen die Ausführungen Angerers wenden sich eine Anzahl Hand- schuhmacher, die mit der Verschmelzung zufrieden sind, und er- klären, daß die Handschuhmacher durch die Verschmelzung nur ge- Wonnen haben. G ö b e l- Stuttgart und S t e t e n f e ld-Halber- stadt betonten, daß die Handschuhmacher bei Lohnveioegungen durch die Vereinigung größere Erfolge erzielt hätten als früher. Der Handschuhmacherverband habe früher zuviel für Unter- stützungen aufwenden müssen und dadurch nicht genügend Mittel für Kämpfe gehabt. Nach der Verschmelzung wurde das anders. Einige Redner(ebenfalls Handschuhmacher) erklärten, daß in ihren Filialen die Handschuhmacher mit den Lederarbeitern sehr gut zusammen arbeiten und den Antrag von Johanngeorgenstadt bedauern.— Christen» Hamburg befürwortet einen Antrag Tuttlingen, der wünscht, daß bei dem Schuhmacherverband nochmals die Schaffung eines Ledcrindustrieverbandes angeregt wird, doch soll bei den Schuhmachern die Abstimmung nach einem besseren Modus vorgenommen werden. Bei der letzten Abstimmung war dort die Bestimmung festgelegt, daß bei der Ur- abstimmung 50 Proz. der Mitglieder für die Verschmelzung votiereg mußten, wenn diese Zustandekommen solle.— Vorsitzender Mahler wandte sich gegen den Antrag Tuttlingen, man könne nicht schon wieder an die anderen Verbände in dieser Frage heran- treten, nachdem diese erst vor wenigen Jahren die Verschmelzung zu einem Jndustrieverband abgelehnt haben. Der Antrag Tuttlingen wurde hierauf zurückgezogen. der Antrag Johanngeorgenstadt mit allen gegen 1 Stimme ab- gelehnt. Aus dem vom Kassierer Bock- Berlin erstatteten Kassenbericht ist hervorzuheben, daß sich das Verbandsvermögen in der Berichts- zeit verdoppelt hat. Die sich an diesen Bericht anschließende Debatte hat kein all- gemeines Interesse._ Marktpreise von Berlin am IL. Mai ISll, nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gewe, zum Kochen 30,00— 50,00. Speisebohnen, weihe 30,00—50,00. Linsen 20,00—60,00. Kartoffeln 6,00—9,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,60— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20— 1,90. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,40— 2,20. Butter 2,20— 2,80. 60 Stück Eier 2,80— 1,50. 1 Kilogramm Karpfen 1,20-2,40. Aale 1,60-3,00. Zander 1,40—3,80. Hechte 1,20 bis 2,80. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,20—3,40. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00-30,00._ WnflerftandS-NacvrtÄte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau ') 4- bedeutet Wuchs,—(kalk.—-) Unterveael. fo) (§) (O) (5) (§) @ (o) @ ® ® ® © © © © © © © © © © © © © © © Dauer vom 18-25. Mai Dauer vom 18.-25. Mai «s. 20 000 Wasch-Anxüge, Blusen, Hosen usw. Ungewöhnlich billige Preise Serie 1 Wasch-Anzüge Serie 2 Blusen-Anzüge.Ä, fflr M. Serie 3 Blusen-Anzüge Für 10— 14 Jahre.................. durchweg M. 4.50 seri. 4 Kieler Anzüge Für 10— 14 Jahre.................. durchweg M. 4.50 » r\7*_ 1___)\_--__ pntreirter Kedettstoff odei bene D I\ IPIPF A\ nZHOP Kr.cen und Menichettcn in -- ck-A.ll�iay� Aettnel mit Stickerei. COr 4-9 oder veiß Satin, i zum Abknöpfen, 1-9 Jahre, durchvr. Für 10-14 Jahre.................... durchweg M. 6.25 Se"e 9 Hosen aus Resten gearbeitet, geitreifte und glatte Waschrtoffe, för 3— 8 Jahre..... durchweg Für 9— 12 Jahre,.»............... durchweg M. 1.10 60 pf. 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Verlag: Vorwärts Buchdruckerei«. VerlagSanftglt�Zgul Sipgtzr' ü. Co... erlin S\&