Nr. 135. Ndsnnementz-IkckiliMMi Nbonnements- PrciZ pränumerando 1 Bicrteljkhrl. 330 TOt., monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psq. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- Dlbonncment: 1,10 Marl pro Monat, Einaetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn L Marl, für daS übrige AuSIanl» s Mark pro Mona«. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien. Schweden und die Schweiz. 28. Jahrg. Die TnlerflcnS'Gcbilltr heträgt für die sechsgespaltcne Kolonel« zeile oder deren Raum 00 Pfz„ für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versainmlungs.Anzeigen 30 Pfg. „Kleine»nieigen", das fettgedruckt« «ort 20 Pfg.(zuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere«ort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nuinmer lnugen bis I GlUlint Wich außtr fflentaas- Berliner VolkslrlnK- Zentralorgan der roziatdemokratifeben parte» Deutfcblande. „ Uhr nachniittags in der Erpeditton abgegeben werden. Die Expeditton ijt bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: ..S»la>tliinol!»l ßetlin". Redaktion» SA. 68, Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Dienstag, den 13. Juni 1911. Expedition: 8Äl. 68, Lindenetraeac 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981» Heuivahlen in Seitemich. tV. Die Sozialdemokratie im Wahlkampfe. Wie steht es nun um die Stellung und die Aussichten unserer Partei in dem Wahlkampfe, der zu ihrer„Zersplitte- rung" eingeleitet ward? Ungewißheit birgt jegliche Wahl in sich, aber trotzdem dürfen wir es vielleicht schon vor dem Tage der Wahl sagen: es wird mit dem„Zerschmettern", vielleicht euch nur mit dem„Schwächen" der Sozialdemokratie gute Wege haben: wir dürfen nach allen Anzeichen hoffen, daß die Partei aus dem großen und schweren Wahlkampfe, wie immer auch die Lose fallen mögen, gefestigt und gestärkt hervorgehen wird. Aus den allgemeinen Wahlen im Jahre 1907 ging die Sozialdemokratie mit einem Erfolge von 87 Mandaten her- vor, einem Erfolge, der alle Vorstellungen übertraf, die die Gegner gehegt haben mögen, und wahrscheinlich auch die Hoffnungen weit hinter sich ließ, die die Partei an die Ein- führung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes selber gc» knüpft hatte. Die Mandate verteilten sich auf die Nationen folgendermaßen: 50 deutsche, 24 tschechische, 6 polnische, 5 italienische und 2 ruthenische Mandate. Dieser Besitz ist durch Nachwahlen nur insofern verändert worden, daß die deutsche Partei in Nachwahlen 2 weitere Mandate(eines in Schlesien, eines in Innsbruck) gewann, eines dagegen (Gablonz-Land) verlor, und daß die Italiener ein Triester Mandat einbüßten: der Besitzstand der anderen Nationen blieb unverändert. Von den 50 deutschen Mandaten wurden 34 in der Hauptwahl, 16 in Stichwahlen erobert: von den tschechischen 21 in der Haupt-, 3 in der Stichwahl, von den polnischen 4 in der Hauptwahl und 2 in der Stichwahl, von den italienischen 1 in der Hauptwahl, 4 in der Stichwahl. Es bilden also, da Stichwahlen ein schwankendes, trügerisches Element darstellen, etwa sechzig Mandate den eigentlichen Besitzstand der Partei, der nicht verringert werden darf, wenn die Partei des Wahlkampfes nicht mit einem Mandatsrück- gang abschließen soll. Daß darüber hinaus für die sozial- demokratische Partei die erreichte Stimmenzahl der eigentliche Maßstab ihres Fortschrittes und ihrer Macht ist, ist natürlich selbstverständlich. Doch daß wir in der Zahl der Stimmen nicht zurückgehen, daß wir da eher Fortschritte machen werden, darf schon vor der Abstimmung als sicher an- genommen werden. Wohl ziehen wir diesmal in den Krieg unter Umständen, die in vielfacher Hinsicht ungünstigere sind als die, die den ersten Wahlen des allgemeinen Wahlrechtes ihr Ge- präge gaben. Den vorigen Wahlen ging der glorreiche Wahl- rechtskampf voraus, der die weitesten Schichten aufgerüttelt und in den Bannkreis der Sozialdemokratie geführt hatte: jene Sympathie, die sich die Sozialdemokratie mit der Er- oberung des allgemeinen Wahlrechtes weit über das Prole- tariat gewonnen hatte, führte unzweifelhaft auch viele Mit- läufer in unsere Reihen. Die werden sich durch die Steige- rung der nationalen Wirren aber längst verflüchtigt haben, und so ist die Partei nun in der Hauptsache auf die prole- tarische Kraft angewiesen. Auch ist seither die Organisation der Bürgerlichen, wenngleich es nur die Organisation von Lügen und Verleumdungen ist, in mancher Beziehung ausgebaut worden: die Gegner sind widerstandsfähiger und angriffslustiger geworden. Dazu trat, wenigstens anfänglich, als erschwerendes Moment die Verdrossenheit, die Eni- täuschung über das neue Parlament, die sich, so unlogisch es war— da die Verantwortung für das Schicksal des Paria- mentes die Regierungsparteien zu treffen hätte— gegen uns kehren zu wollen schien. Indes hat die Wahlbewegung ge- zeigt, daß diesen ungünstigen Momenten, und zwar sie über- wiegend, wieder günstige Momente entgegenwirken. Da ist vor allem, was das Allerwichtigste ist, der in den vier Jahren fortgeführte Ausbau der Organisation, der einen ganz ande- ren Kampf ermöglicht, als er mit den improvisierten Mitteln vor vier Jahren möglich war. Ebenso unschätzbar ist die Kompromittierung aller bürgerlichen Parteien durch die Bienertherei, ihr Aufgehen in dem halb absolutistischen und ganz unfähigen Regierungssystem, das auch von den bürger- lichen Wählern nicht geteilt wird und das der bürgerlichen Wahlbewegung jeden Elan nimmt. So wie es Bienerth ge- wünscht und die bürgerlichen Parteien gehofft: daß sich das Bürgertum gegen die Sozialdemokratie zu einem förmlichen Aufstand erheben, um gegen die verhaßten Sozialdemokraten zu stimmen, zu den Urnen geradezu eilen werde, so wird es am Wahltage wohl nirgends erblickt werden. Und das Wich- tigste: wir können mit gutem Grunde hoffen, daß sich die Treue der Arbeiter gegen die Partei, ihr Zusammenhalt und ihr Kampfesmut bewähren werden, daß die Arbeiter fest sind: und das ist natürlich das Entscheidende. Selbst die traurigen Zerwürfnisse mit den Tschechen, die zu so betrüb- lichen Erscheinungen geführt haben(unter ihnen die un- begreiflichste und tadelnswerteste, die Aufstellung von drei tschechischen Trutzkandidaturen gegen deutsche Sozialdemo- kraten in Deutschböhmen) werden hoffentlich nicht viel Schaden bringen: der gesunde Sinn des Proletariats stößt die�Unbegreiflichkeiten, in denen sich die tschechische Führung gefällt, wie einen Fremdkörper aus. Der Wahltag wird, so können wir hoffen, kein Tag der Entmutigung werden. 1 l Die technische Ausrüstung für den Wahlkampf war in der deutschen Partei einfach musterhaft. Zu den hervor- ragendsten agitatorischen Mitteln dürfen wir wohl die zwanzig Broschüren rechnen, die sich über alle wich- tigen Fragen verbreiten und jeden Punkt des Wahlkampfes mit unwiderleglichen Argumenten besetzen: ihr für die Massen- Verbreitung bestimmter Preis von 6 Hellern hat es er- möglicht, daß das ganze Kampfgebiet mit ihnen überzogen werden konnte. Unter der Leitung Otto B a u e r s ist da eine ausgezeichnete Arbeit geleistet worden, wie sich überhaupt unser sachlicher Kampf von dem unsäglich niedrigen Niveau der Gegner abhebt, und dem allein es zu danken ist, daß der politische Klassenkampf nicht ganz in einem ordinären Ver- leumdungsfeldzug übergeht. Was die Kandidaten betrifft, so kandidieren in den allermeisten Bezirken die früheren Kandi- daten und Abgeordneten; von neuen Leuten wäre vielleicht die Kandidatur des bekannten Gelehrten Ludo Hartmann zu nennen, der zwar nicht in einem aussichtsreichen Wiener Be- zirke kandidiert, der Wahlbewegung aber jedenfalls inter- essante Impulse gegeben hat. Am Dienstag, den 13. Juni, wird nun gewählt werden. Hoffentlich wird es der Partei in Oesterreich in allen Nationen vergönnt sein, den Bruderparteien im Auslande diesmal ebenso fröhliche Siege kündigen zu können, wie sie vor vier Jahren am 14. Mai gemeldet werden konnten! ysulatag. Gestern, Montag, hielt der Hansabund im Sportpalast in der Potsdamer Straße seine.�Heerschau" ah. Recht vergnügt waren die Mitglieder mit ihren Damen nach Berlin gekommen, und neu- gierig sah manch elegante Frau aus dem Westen in das unge- wohnte Bild einer Massenversammlung. Freilich, so wie die not- leidenden Agrarier strömen die Männer aus dem Handel nicht noch der amüsanteren Hauptstadt, und man war froh, daß der Riesensaal voll war, obgleich man ihn durch Aufstellung von Tischen teilweise beschränkt hatte. Immerhin waren sicherlich an die 8 bis 10 000 Menschen beisammen. Die Verhandlungen waren, wie immer bei solchen in vorhinein genau bis ins Detail geregelten Schaustellungen, wenig interessant. Schließlich weiß heute jeder Deutsche, was es geschlagen hat, auch wenn es ihm Herr Kämpf nicht zum so und so dielten Male erzählt. Aber manche der Reden verdienen wohl Beachtung. Herrn Stresemann, den Syndikus der sächsischen Scharfmacher, für die Gleichberechtigung aller Stände eintreten und gegen den politischen Absolutismus gestern zu sehen, ist nicht übel. Denn seine Mandatare verweigern nicht nur ihren Arbeitern die Ein- führung einer konstitutionellen Verfassung in der Fabrik, sondern sie beklagen dann auch noch durch Stresemanns Mund, daß die Arbeiter verblendet sind vom Dogma des Klassenkampfes und daß sie gar nicht gemeinsam vorgehen wollen mit den Industriellen, die sich bisher noch stets mit den Agrariern in der Forderung von Ausnahmegesetzen gegen streikende Arbeiter zusammengefunden! Pikant ist es gewiß auch, ein Mitglied jener Nationalliberalen, die eben erst in der ReichSversichcrungsordnung gezeigt, welch Geistes Kind sie sind, über das Mißtrauen der Proletarier, einen Nationalliberalen, dessen Partei stets in Ehrfurcht erstirbt vor dem preußischen Absolutismus, über das Herrenhaus Beschwerde führen zu hören. Es war eben wieder mal„andererseits", und schon verhandelt man ja oder übt wenigstens wohlwollende Neu tralität mit den schwarzblauen Wahlmogeleien, durch die die Berg- arbeiter deS Ruhrreviers um das bißchen Vertretung im Reichstag gebracht werden sollen! Der Präsident, Herr Geheimrat R i e ß e r, sprach ander?. Und wir müssen gestehen, der Energie, mit der dieser Mann den Kern der„Sammlung gegen die Sozialdemokratie" aufdeckte, ge bührt Achtung. Es war ganz auffallend, mit welcher Schärfe Herr Rießer sich gegen diese Sammlung wendete, wie er sie als Deck- mantel aller reaktionären Gelüste, aller agrarischen Wucher interessen enthüllte, wie er klar und entschieden für diese Reichs tagSwahlen die Parole„Alles auf gegen rechts!"(ohne sie direkt so zu formulieren) aussprach, und wie er rückhaltlos die Gleich- berechtigung der Arbeiterklasse und ihrer politischen Erscheinungs- form forderte. Anderswo wäre das vielleicht weiter nicht ver- wunderlich, aber Herr Rießer ist Geheimrat, und königlich preußi- scher dazu, und da ist schlechterdings überhaupt nichts mehr an politischer Einsicht zu verlangen. Aber deshaw dürfen die„Kreuz-Zeitung" und der„Reichs- böte" den Hansabund doch noch nicht als einen revolutionären Orden hinstellen. Denn man Höchte und telegraphierte nicht nur den Kaiser als den„Schirmherrn der Gleichberechti- gung aller deutschen Arbeit" an, sondern man erhob sich sogar bei der Verlesung des völlig in der konventionellen Form gehaltenen Danktelegramms. Das deutsche Bürgertum, dem Herr Rießer einige ganz vor- zügliche Wahrheiten, namentlich über die Nationallibe- ralen der Richtung Fuhrmann-Schiffer-Friedberg sagte, wird zeigen müssen, ob es so einsichtig ist, wie dieser sein Sprecher. Gerade seine schärfsten Worte fanden manchen demonstrativen Beifall. ftonlirekh und Spanien in filarohlio. Paris, 11. Juni.(Eig. Ber.) Was alle einsichtigen Beurteiler vorausgesehen und die- jenigen, die nicht im Sold oder im Jnteresscnverband der kapitalistischen und militaristischen Kolonialclique stehen, auch vorausgesagt haben, ist eingetroffen. Die„Polizeiaktion" der Franzosen hat eine„Polizeiaktion" der Spanier hervorgerufen. Wie jene Fes besetzt haben und auf Meknes losmarschieren, so setzen sich diese in Larrasch und El Ksar fest. Die Wut- ausbrüche, die diese Replik bei der französischen Klüngel- presse hervorruft, würden komisch wirken, wenn die entfesselte kapitalistische Profitgier die Situation nicht so gefährlich erscheinen ließe. Genau dasselbe, was man den Exekutoren der Reynault-Etienne vorgehalten hat— die Tatsache, daß Fes gar nicht in den von den inter- essierten Leuten in den brennendsten Farben geschilderten Nöten war, die Unvereinbarkeit eines kriegerischen Einmarsches mit der von der Konferenz von Algeciras eingeräumten Polizeigewalt, die Mißachtung der ebendort anerkannten Souveränität Marokkos— wiederholen nun der„Temps" und seine Kollegen gegen die Spanier. Es ist die verkehrte Welt. Vor kurzem noch schrie die Marokko-Presse, der Ein- marsch der Franzosen sei eine bloße Ausübung der Polizei und gehe darum die Mächte nicht das geringste an. Jetzt aber bedroht sie Spanien mit einer Intervention Europas und der Einberufung einer neuen Konferenz. Schon hat man den Sultan, der finanziell und persönlich in den Händen der Franzosen ist, einen„Protest" gegen die von Spanien ausgeübte Bedrohung seiner„Unabhängigkeit" unter- schreiben lassen. In ein paar Tagen kann der Marokkohandel wieder im Zustand des ärgsten Durcheinander wie vor sechs Jahren sein, mit dem bedenklichen Unterschied, daß sich jetzt die Unfähigkeit der kapitalistischen Staaten herausgestellt hat, diese Frage im Zeichen selbstloser Zurückhaltung friedlich zu lösen. Die jetzige Situation ist notwendig aus dem Konflikt zwischen den Spekulationen der französischen weltpolitischen Piratenbande und den militaristisch-dynastischen Interessen und nationalen Ideologien Spaniens hervorgegangen, aber ihre Eut- Wicklung erhielt ihre Formen von der gloriosen Diplomatie Del- c a s s s s, der 1904 in seinem Scheinvcrtrag mitSpanicn Marokko für den Fall der Auflösung des Reiches in zwei Zonen ein- teilte, von denen sich Spanien die nördliche holen sollte. Die Algeciras-Akte dagegen hat die Souveränität des Sultans zur Voraussetzung. Die französischen Kolonialen, die jetzt ganz Marokko schlucken wollen, müssen die verzwickte Aufgabe lösen, die Zustände in diesem Lande gleichzeitig so schlecht erscheinen zu lassen, daß die militärische Intervention Frankreichs gerecht- fertigt erscheint, und so gut, daß der 1904 vorgesehene Vertrags- fall nicht gegeben ist. Daß das Losgehen Spaniens auch mit seinen innerpolitischen Zuständen zusammenhängt, liegt auf der Hand. Sicher ist das heutige Spanien mit seiner finanziellen Ohnmacht und industriellen Rückständigkeit durchaus außerstande, eine wirk- liche kapitalistische Kolonialpolitik zu betreiben. Aber der Unterschied zwischen den französischen und den spanischen Handelsinteressen und Aussichten in Marokko kann natürlich für den französischen Kapitalismus kein„Recht" auf dieses Land begründen. Tatsächlich steht die Sache nun so, daß der spanische„Patriotismus" nur dann ein wirksamer FaUor bei der Entscheidung über diesen nordafrikanischen Staat werden kann. wenn sich hinter ihn die Interessen anderer kapitalistischer Groß- staatcn als bewegende Kraft stellen. In Frankreich bezichtigt man Deutschland, der Unternehmung des spanischen Militarismus stillen Vorschub zu leisten. In der Tat scheinen die weltpolitischen Scharfmacher Deutschlands keine Gelegenheit auslassen zu wollen, die die internasionalen Beziehungen zu trüben gestattet. Es ist aber auch zu erkennen, daß die englischen Kapitalisten eine Beherrschung des Mittel- ländischcn Meeres durch Frankreich durchaus nicht wünschen und das ohnmächtige Spanien als Visavis von Gibraltar vorziehen. Die unfreundliche Objektivität, mit der z. B. die„Times" die Greuel von Lemta beschrieben haben, sind ein deutliches Anzeichen. Auch hier war Delcasss der Geleimte. Die englischen Kapitalisten haben Frankreich Marokko großmütig überlassen, als seine Okkupation noch nicht möglich erschien. Sie denken jetzt aber ganz anders, besonders seitdem in der deutschen Politik Anzeichen einer Neigung zutage getreten sind, sich mit den französischen Ansprüchen um den Preis von entscheidenden wirtschaftlichen Konzessionen abzufinden und die Lust der Franzosen, um der Revanche-Jllusion willen den Landsknecht Englands in allen Weltteilen zu spielen, ab- nimmt. Für das Proletariat der beteiligten Länder gibt es, wie die Dinge heute stehen, nur die Politik, die von der Er- kenntnis ausgeht, daß eine„gerechte" Kolonialpolitik inner- halb der kapitalistischen Weltwirtschaft unmöglich ist und die in der unausgesetzten, nachdrücklichsten Opposition gegen jedes militaristische Abenteuer des eigenen Staates be- steht. Die Internationale hat nicht zu suchen, wer in einem gegebenen Augenblick als der„Friedensstörer", der provozierende Teil erscheint. Die Schuldigen sind in allen Ländern, und die Bemühung der sozialistischen Parteien, sie unschädlich zu machen, ist die wichtigste Aufgabe der internationalen proletarischen Friedenspolitik. .» Die sranzösisch-spanischen Händel wegen Marokkos rufen auch die deutschen Marokkohetzer wieder auf den Plan. So schreibt die Scharfmacher-„Post",„die ganze französische Politik in Marokko seit der Besetzung von Udschoa sei eine ununterbrochene Verletzung der Algecirasakte, eine Verhöhnung und Verspottung Deutschlands, eine Mißachtung unserer Macht und Stellung". Der .Post" ist»der Humor vergangen", die Scham sei ihr geblieben, die Scham über die Halillng hin deutschen auStvaritgckl Politik. Das Beschämende erblickt die»Post" hauptsächlich darin, dah eine Macht wie Spanien, die sich in keiner Weise mit dem Deutschen Reiche der- gleichen könne, die Klugheit und den Mut besitze, aus der Besetzung von Fes durch die Franzosen die freie Aktion für sich herzuleiten und die Konsequenz tapfer zu ziehen. Deutschland habe solche Folgen der Besetzung von Fes amtlich in der»Norddeutschen Allgemeinen" zwar angekündigt, aber bisher noch nicht den Mut gefunden, auch durchzuführen. Der Deutsche müsse bald anfangen, die Spanier um ihre auswärtige Politik zu beneiden. Im spanischen Ministerrat sei erklärt worden, Untätigkeit im gegenwärtigen Augenblick sei Vernachlässigung der obliegenden Pflicht. Im deutschen Aus- wärtigen Amt scheine man leider ganz anderer Ansicht zu sein. Wahrscheinlich wäre der„Post" und ihren Gönnern jetzt, in der Zeit vor den Wahlen, nichts angenehmer und gelegener, als„Tätig- teit im gegenwärtigen Augenblicke". Man hätte dann ja eine-- Wahlparole. *** Die wichtigsten Depeschen über den Stand der Marokkoaffäre lauten folgendermaßen: Paris, 1l. Juni. In einer offiziösen Note wird mitgeteilt, die französische Regierung habe schon vor mehreren Tagen dem spa- nischen Kabinett erklärt, daß sie, falls die spanische Militärbehörde in der Gegend von Tetuan und Larrasch vorgehe, dies als eine Uebcrschrsitung der Algecirasakte ansehen und hierzu ihre Zu- stimmung nicht geben könne. Madrid, II. Juni. Nach Meldungen aus Larrasch ist die von dort aufgebrochene spanische Abteilung, die unter dem Kommando des Hauvtmanns Ovilo steht, in der vergangenen Nacht in Udenzac vor Elksar eingetroffen und hat dort ein Lager bezogen. Die Abteilung wird bei Tagesanbruch in Elksar einrücken. Madrid, II. Juni. Zweihundert Mann sind heute von Cadix nach Larrasch abgegangen, um die Verbindung zwischen Larrasch und Elksar sicherzustellen. Madrid, II. Juni. Die Regierung hat eine Note von dem Ver. treter des Sultans in Tanger el Gebbas erhalten, in der gegen die Ausschiffung spanischer Truppen in Larrasch Einspruch erhoben wird. Tanger, II. Juni. Der Pascha von Elksar hat bei Raifuli und Gebbas gegen die Entsendung spanischer Truppen nach Elksar Ein- spruch erhoben. Tanger, II. Juni.(Meldung der Agence Havas.) Dem diplo- matischcn Korps sind von verschiedenen Stämmen der Umgegend Proteste gegen die Ausschiffung spanischer Truppen bei Larrasch zu- gegangen. Paris, It. Juni. Aus Toulon wird gemeldet, Marineminister Delcasse habe für den Hafen von Mehedia, welcher als Ver- proviantierungspunkt für die französischen Truppen dient, eine Hafenverwaltungsbehörde geschaffen, bei der Seeoffiziere unter be. sonders günstigen Bedingungen angestellt werden sollen. Madrid, 12. Juni. Im heutigen Ministerrat gab der Minister des Acußeren Garzia Prieto Kenntnis von einem Telegramm des spanischen Botschafters in Paris, das über dessen Besprechung am Sonnabend mft dem franzöfischen Minister des Aeutzeren Cruppi berichtet. Cruppi habe im Laufe dieser Unterredung dem Bot» fchafter Perez Caballero erklärt, daß er sich, da er die näheren Um- stände, unter denen die Ausschiffung dep spanischen Truppen in Larrasch erfolgt sei, nicht vollständig kenne, darauf beschränke, von der Mitteilung des Botschafters Kenntnis zu nehmen, und um weitere Aufklärungen bitten werde. Garzia Prieto wurde ermäch. tigt, die Verhandlungen fortzusetzen, um bei dem Pariser Kabinett jeden Zweifel über die Bedeutung und Tragwefie des berechtigten Schrittes Spaniens zu zerstreuen. Madrid, 12. Juni. Mimsterpräsidenk Canalejas dementiert »ie Nachricht der Blätter von der bevorstehenden Besetzung von Zlrzilg._ Politische deberfiebt. Berlin, den 13. Juni 1911. Einen Versuchsballon ilkistl die.Germania" aufsteigen. Sie gibt die Sorgebliche Mel. düng wieder, dast die Fertig st ellung des Reichshaus» haltSetatS für 1S12/1g keine Ueberraschungen bringen werde. Die Aufnahme einer Anleihe sei ausgeschlossen. ES liege eine Stellungnahme des Reichskanzlers vor, wonach für den kommenden Etat eine Balanzierung zwischen Einnahmen untzj Ausgaben unbedingt herbeigeführt Werden solle. Die„Germania" memk offenbar jenen etatsmäßigen Vor- a n s ch l a g. der nach den Wünschen der bedrängten Schnapsblock- brüder bereits dem alten Reichstag im Herbst vorgelegt werden soll. um den Vätern der neuen Finanzrcform die Verantwortung für diese Steuerschröpfung zu erleichtern. Ein solcher Voranschlag ließe sich natürlich mit Leichtigkeit so gestalten, daß Ausgaben und Einnahmen balanzieren und eine Anleihe unnötig erscheint. Selbst- verständlich würden in ihm z. B. die Kosten für eine neue Flottenvorlage fehlen. Sollte dann der neue Reichstag die Wünsche des Flottenvereins erfüllen, so würde einfach ein Nach» entlsmiiig von Polizei-flnarchiften. Paris, 10. Juni.(Eig. Ber.) Ein ausgezeichneter Fang ist den revolutionären Jungmannschaften der„Guerre Sociale" gelungen. Sie haben ein ganzes Nest von Lockspitzeln und Polizeivertrauten aufgestöbert und einen der ge- fährlichsten der Bande zur Ablegung eines Geständnisses gebracht. nachdem sie ihn mit einem Spießgesellen bnchstäblich verhaftet und zwei Tage lang in Gewahrsam gehalten hatten. Die ganze Ge- schichte ist merklvürdig genug, um in den Details wiedergegeben zu werden. Die Gruppe der„Guerre Sociale", die bekanntlich mit„Kampf- organifationen" arbeitet, hatte feit einem Jahr die Gewißheit ge- Wonnen, daß sich Spitzel in ihrer Mitte befanden. Es wurde in aller Heimlichkeit eine Gegenspionage organisiert. Bald faßte man gegen bestimmte Personen einen Verdacht, der sich immer mehr ver- dichtete. Schließlich waren die Beweise gegen eine von ihnen bei- sammen. Man hätte noch zugewartet, um da? J gegen andere vorliegende Material zu vervollständigen, aber das Treiben der Sippe beschränkte sich nicht auf Spionage. sondern hatte den Charakter der Lockspitzelei und wuchs sich zu- letzt zu einer unmittelbaren Gefahr aus. So beschloß man denn, zuzugreifen. Ein seltsamer Zufall führte den be- kannten Hauptschuldigen ins Netz. Am Mittwochnachmittag erschien er auf der Redaktion der„Guerre Sociale" und ersuchte um die Aufnahme unter die„jungen Garden" des Blattes. Er heißt Eugen B l e d. alias Bonnet. und ist 35 Jahre alt. Als Referenzen gab er einige revolutionäre Gruppen an. Der Redakteur Almerehda aber nahm ihn sofort ins Verhör. BIed geriet in Verwirrung, zitterte, stammelte. Er wurde nun von den anwesenden„jungen Garden" festgenommen und bis Freitag in Gefangenschaft gehalten, wobei ihm großmütig die Behandlung als „politischer Häftling" gewährt wurde: neben ausreichender Kost Ver- abreichung von Tabak und freie Lektüre. Am Donnerstag wurde in dem Bureau des Blattes ein zweites Individuum verhaftet: Dudragne. derzeit verantwortlicher Redakteur des anarchistischen Wochenblattes„Libertaire". Gegen ihn konnte indes eine vollständig geschlossene Beweiskette nicht ge- liefert werden, wenn auch die Verdachtsmomente ausreichend er- scheinen. Er wurde am Freitag freigelassen, ohne ein Geständnis abgelegt zu haben. Bled aber hat ein schriftliche» Geständnis abgelegt. Iragsekak aufgestellt Verden, BTe sich denn überhaupt für jede Ueberschreitung de» Etats in einem RachtragSetat die Mittel be- schaffen ließen, und zwar auf dem ja nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Anleihe. Die ganze Etatübersicht wäre ja überhaupt nichts«IS plumpster Wahlschwindet. Schmerzliche Refignation« Die„Germania" ergibt sich, freilich nicht mit sonderlicher Fassung in ihr Schicksal. Sie gibt zu, daß ihre Hoffnungen, die sie in Sachen des FeuerbestattungSgesetzes auf das Herrenhaus ge- setzt hatte, eitel gewesen sind. Denn nach der Annahme d«S Ge- setzes durch die Kommission sei auch von der Verhandlung im Plenum kein anderer Ausgang mehr zu erwarten. Die Schuld dafür mißt das führende Zentrumsorgan der konservativen Presse bei, die Mar eine Zeitlang mit anerkennenswerter End- schiedenheit die„Einäscherung" bekämpft, in der letzten Zeit diesen Kampf aber eingestellt habe. Wohl nicht infolge eines Wim- dels der bisherigen Ueberzeugung, sondern mit Rücksicht auf den Teil der konservativen Abgeordneten, die auch für daS Gesetz gestimmt. Gleichwohl will das Zentrum den aussichtslosen Kampf gegen die Leichenverbrennung nicht aufgeben. Sein Trost im Leiden ist, daß das Zentrum die einzige Partei gewesen sei, die die„altchristliche Sitte gegen daS neuheidnische Verlangen" mit zäher Energie verteidigt habe. Daß das Bundesverhältnis zwischen Zentrum und Konservativen irgendwelche Trübung erfahre, deutet die„Germania" mit keinem Wort an. Wir hatten das ja auch bereits in einem ftüheren Stadium der Angelegenheit verausgesagt. Ebenso erfüllt die„Germania" wörtlich unsere Voraussage durch die Bemerkung, daß die Regierung„kein Bedenken getragen" habe, „das Gesetz als Morgengabe aus den Händen der Sozialdemokratie entgegenzunehmem." Ein Scherz, der nachgerade nicht nur recht abgegrifstn, sondern auch nicht einmal ganz berechtigt ist, da ja eigentlich nicht die Stimmen der Sozialdemokraten den Ausschlag gegeben haben, sondern die der fünf Zentrumsabgeord- n e t e n. die trotz der krampfhaften Änpeitscherei des Zentrums bei der entscheidenden Abstimmung fehlten. l Des„Reichsboten" Klage. Im„Reichsboten", dem Organ zur Erheiterung der Gott- losen, schreibt ein„Vaterlandsfreund" und Feind der deutschen Sprache also: WaS wir in den letzten Tagen und Wochen im Reiche und in Preußen erlebt haben, ist im höchsten Grade geeignet, die Gemüter aller guten Patrioten mit Besorgnis zu erfüllen. Man ist in der Tat versucht zu ftagen, ob unsere leitenden Kreise mit Blind- heit geschlagen und unfähig sind, zu erkennen, wohin bei dem fortwährenden Nachgeben der nimmersatten Demo- kratie gegenüber die Reise geht. Dabei bleibt man weit davon entfernt, die ungestümen Schreier und Dränger zu befriedigen, im Gegenteil, man macht sie nur immer verlangender(stimmt!), während man andererseits Gafahr läuft, die zuverlässigsten Stützen des Staates und die treueften Freunde sich zu entfremden. Das ist wahrlich nicht nur eine kurzsichtige, sondern ein« ganz gefährliche Politik. War es nötig, die LeichenverbrennungS Vorlage im preußischen Landtage eiryubringen? Nun ist sie im Ab- geordnctenhause, allerdings mit einer Majorität, wie sie knapper nicht möglich war(und nur mit Hilfe der Sozialdemo- k r a t e n) angenommen worden, und das Herrenhaus hat da? Wort, das sie ihren eigentlichen Vätern, den christentumsfeindlichen Demokraten, welche sie der Regierung abgerungen haben, hoffent- lich vor die Füße werfen wird.... Und die Regie- r u n g? Sollte sie nicht merftn, was auf dem Spiele steht? Kann sie ruhig zusehen, wie durch langsame aber stetige Maul- Wurfsarbeit die Fundameute de« Staates unterminiert werden?(Aber gerade das Graben ist doch Maulwurfs- arbeit, während das Verbrennen— denk' doch an die Ketzerverbrennungen Deiner geliebten Brüder in Christo von der anderen Couleur— das wahrhaft Gottgefällige ist!) Und nun die elfaß-lothringifche BerfafsungS« Vorlage mit ihrem demokratischenWahlrecht... Wahr- lich, man kann nur staunen und fragen:„Wie war so etwas möglich?" Doch wir stehen vor einer vollendeten Tatfache, welche die mannhafte Stellungnahme der Konservativen nicht zu Verhindern vermochte. Nun heißt«S aber, doppelt die Augen auf- femacht und das Pulver trocken gehalten, denn schon letscht der Löwe, nachdem er in Elsaß-Lothringen Blut geleckt hat, die Zähne und-bereitet sich zum Sprunge, um über daspreußischeLandtagSwa h Ire cht herzufallen und ihm den Garaus zu machen.(Stimmt!) Hier ober wird hoffentlich der preußische Konservativismus mit seinem entschiedenen und kraft» vollen„Bis hierher und nicht weiter" auf die Schanzen treten, hier muß die Demokratie ihren Meister finden und eS d a r f nicht geschehen, daß ein einziges Steindjen aus dem Gefüge des preußischen Landtagöwahlrechts herausgebrochen wird....' So möge denn an die konservativen Fraktionen des Landtag? hiermit die dringende Bitte ergehen, schon frühzeitig darüber keinen Zweifel zu lassen, daß man in keine Aenderung des preußischen Landtags» Wahlrecht» willigen wird." Nun, der„Vaterlandsfreund' wird schon noch sehen, ob das„Bis hierher und nicht weiter" der Konservativen das Es lautet: „Ich erkenne an, feit zwei Jahren die revolutionären und anarchijstischen Kreise überwacht und über sie regelmäßige und detaillierte Berichte andieGe- brüder F o u r n y. Rue Rameh 21, geliefert zu haben. Ich bekenne weiter, für Rechnung derselben Individuen d i e Streikenden und die Manifestanten der Cham» pagne überwacht zu haben. Ich bekenne, mich in Gesellschaft von Geo Fsournh besonders mit den Revolutionären von Epernay befaßt und einen Abgesandten der„Guerre Sociale" und die zwei Genossen von Epernah, die ihn begleiteten. beobachtet zu haben. Ich bekenne überdies, auf die„Guerre Sociale" zu dem Zweck gekommen zu fein, um zu versuchen, mich in die revolutionären jungen Garden einzuführen. Hierbei wurde ich entlarvt. E. Bled, alias Bonnet, derzeit Mitglied der kommunistisch- revolutionären Föderation, der Gruppe der revolutionären Presse und der revolutionären Sektion des 18. ArrondissementS." Die„Gebrüder Fourny— Mario und Geo— von denen in diesem Geständnis die Rede ist. verdienen auch eine besondere Betrachtung. Diese Firma, die sich als Preßagentur unter dem Titel„Presse Jnter- nationale Jlluströe" präsentiert, befaßt sich mit allerhand Geschäften. vor allem aber mit Detektivdiensten. Sie ließ nicht nur die revolmionären Gruppen— Sozialisten, Syndikalisten und Anarchisten — sondern auch die„Camelots du Roy" die Gruppe„Pro-Argentin", den Verband ehemaliger Militärsträfling«, die„Reformisten" der Schutzmannschast— sehr zahme Fachvereinler—, den Verein der Gefangenenwärter usw. durch Angestellte ausspitzeln. Sie organisierte auch— mit Hilfe des Gemeinderats und Direktors der„Patrie" Messard—. eine private Schutzwach«, die der Unsicherheit von Paris steuern sollte. Zu ihren Angestellten gehörte der Redakteur des Wochen« blattS„Anarchie" Boulanger, der Anarchist Candoli, der rumänische Hochstapler-Anarchist und zarische Spitzel„Dr." Reichmann, Dudragne vom„Libertaire" usw. Bled schrieb gelegentlich für die„Etoile Belge" und die „Patrie". Nachdem er in den revolutionären Kreisen„gearbeitet" hatte, ging er zu den„CamelotS du Roh" über, die ihn aber nach einer Verurteilung wegen eines gemeinrechtlichen Delikte» aus- schifften, worauf er wieder zu den Revolutionären zurückkehrte. Aus Notizbuchaufzeichnungen BledS geht feine provokatorische Rolle in der Champagne auf da» klarste hervor. Auch die Ber- letzte Wort sein wird oder das Vorwärts der Sozial- demokratte._ Deutsche Hilfe für China. Die„kkreuzzeitung" wirbt in einem Leitartikel um materielle Unterstützung für China, d. h. die Provinz Echan tung, das Hinterland unseres Sonnenplatzes Kiautschou. Durch diese Unter- stützung hofft sie eine weitere Ausdehnung der deutschen Handels- beziehungen zur Provinz Schantung zu erreichen. Da sich die „Kreuzzeitung" hauptsächlich an die Kreise des deutschen Handels und der Industrie wendet, wäre ja nichts dagegen einzuwenden, wenn diese Herren einen Griff in ihren Geldbeutel täten. Eine gelinde Dreistigkeit aber ist es, wenn das konservative Hauptorgan von dem Vorteil faselt, der Deutschland durch die Erwer- bung seines Sonnenplatzes in wirtschaftlicher Beziehung zuteil geworden sei. Wenn das Blatt den Bruttowert des Gesamthandels von Tsingtau auf 40 Millionen Taels beziffert, gegenüber durchschnittlich nur 22,7 Millionen im Durchschnitt des Jahrzehnts 1900 bis 1909, und daraus einen Vorteil für den deutschen Handel herleiten will, so möchten wir es nur gebeten haben, uns doch gefälligst anzugeben, wie hoch sich der deutsche Anteil an diesem Handel beläuft. Nach dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich vom Jahre 1910 betrug die deutsche Ausfuhr nach Kiautschou im Jahre 1909 ganze 3,3 Millionen Mark, während sie im Jahre 1902 bereits 6,9 Millionen Mark betragen hatte. Ein wahrhaft phänomenales „Wjachstum"! Aber auch die deutsche Gesamtausfuhr nach China bezifferte sich'm Jahre 1909 nur auf 66,8 Millionen Mark, während sie 1905 bereits 75,3 Millionen Mark betragen hatte. Wenn das die„Vorteile" find, die uns unsere glorreiche ostasiatische Kolonie verschafft hat, so wäre es in der Tat besser, wir schlügen den Sonnenplatz so rasch als möglich meistbieten!» an den ersten besten Reflektanten los.'_ Die grundsätzliche Grundsatzlosigkeit der Netional- liberalen wird sehr hübsch in einer Ulkausgabe des„Freien Volkes" charak- terisiert, die auf dem Parteitage der Demokratischen Vereinigung in Gotha verteilt wurde. Die Charakteristik entspricht so sehr der Chamäleonnatur der nationaMberalen Partei, daß der Scherz in Wirklichkeit bitterer Ernst ist. Die nationalliberalen Kautschukmänner werden folgendermaßen abgemalt: „Auf dem naftonaNiberalen Parteitag hielt der Abgeordnete Strohmann ein begeistert aufgenommenes Referat, in dem er die Stellung seiner Partei ebenso klar wie überzeugend dahin präzi- sierte: Rechts steht der Feind, in der Mitte der Erzfeind, links der Totfeind, vor uns der Widersacher, hinter uns der Gegner. Wir haben die schwere, aber erhebende Pflicht, den Kampf nach allen Fronten zu führen. Unbekümmert wird unsere Partei den Weg gerade- aus gehen und rücksichtslos ihre Kompromisse sowohl nach rechts wie nach links hin schließen. Unserer Partei schweben voran die alten, großen, edlen Worte: National und liberal. Vaterland und Freiheit, Disziplin und Duldung, vertikal und horizontal: Herrscher des Vaterlands, Heil, Kaiser dir! Nachdem der Beifallssturm zwei Stunden und siebenundvierzig Minuten getobt hatte, beschloß man, in die Diskussion einzutreten. Zuerst sprach Wassermann für den B ü l o w- B l o ck. dann Reb- mann für den G r o ß b l o ck, dann Fuhrmann für den Block aller Bürgerlichen, dann Lehmann für einen national- liberal-konservativ-antisemitischen Block. Alle Reden wurden mit Begeisterung aufgenommen. Wohl hütete man sich aber diesmal, wieder in den Fehler von Anno 1910 zu verfallen und ohne eine Resolution auseinanderzugehen. Nein, einmütig brachten zum Schluß Stroh-, Wasser-, Fuhr-, Reb« und Lehmann einen Antrag ein, ber dann einstimmig angenommen wurde: Die in Quassel heute versammelten Mämter sind der Ansicht, daß die deutsche Politik nur durch einen Block gefördert werden kann. Sie fordern die Freunde im Lande auf, mit diesem Gesichtspunkte in den Kampf zu ziehen und Blöcke zu schließen, wo und mit wem immer sich eine Möglichkeit bieter, da- bei aber nie zu vergessen, daß im Prinzip sich die nationalliberale Partei nur auf sich selbst verlassen lann." Die elsaß-lothringische Zentrumspartei hat am Sonntag in Straßburg wieder eine Delegiertensitzung ah« gehalten, in der folgende Resolution angenommen wurde: Der Delegiertentag der elsaß-Iothringischen Zentrumspartei verurteilt aufs schärfste die ablehnende Haltung, welche die Reichs- tagSfraktion des Zentrums seinen Beschlüssen in Sachen der Ber- fnssungSreform Slsaß-LothringenS hat angedeihen lassen und beschließt: 1. den Reichstagsabgeordneten Delfor, Hauß, Hoen, Dr. Ricklin, Wetterle. Dr. Will und Wiltberger. sowie den der Partei angehörtgen LandesauSschutz- Abgeordneten volle» Vertrauen für ihre Haltung gelegentlich der Be- ratung deL Verfassungsgesetze» auszudrücken; 2. an seiner eigenen unabhängigen Landeöorganisation mit deren Namen und Programm festzuhalten, dagegen den Beitritt zum neu zu gründen- den Ausschuß der Zentrumspartei abzulehnen; 3. darüber, ob in Zukunft di« dem elsaß-lothringischen Zentrum angehörtgen Ab- geordneten gleichzeitig der Zentrumsfraktion des Reichstags an- Haftung eines Verkäufers der„Guerre Sociale" bei der Rückkehr aus der Champagne ist auf ihn zurückzuführen. In der letzten Zeit befaßte er sich insbesondere mit der Uebcrwachung der revotu- tionären Eisenbahner und drängte sich an den gemaßregelten Streikführer Le Guennic heran. Weitere Enthüllungen stehen bevor. Die„Guerre Soelake" schickt sich an, der Oeffentlichkeit mit einem in der revolutionären Bewegung sehr bekannten Namen aufzuwarten. Almerehda bekennt übrigens offen, an den Personen der beiden Spitzel Freiheitsberaubung geübt zu haben und fordert den Polizeipräfekten auf, gegen ihn einzuschreiten. Herr Lepine wird'S bleiben lassen. Es wäre ihm wohl nicht angenehm, wenn etwa auch noch die Affäre der famosen Bombenverschwörung, die neulich„entdeckt", aber schleunigst wieder verscharrt wurde, ausgehellt werden würde. Daß die Bombenaffären des Eisenbahner st retks der Firma Fourny nicht fernlagen, ist zweifellos. Man hat daS Klischee der einen aufgefundenen Bombe im Vorzimmer der Firma gefunden. Und die bei einem jungen Redakteur des„Libertaire" bei seiner Verhaftung im Genosseiischastsrestaurant der Rue de Bretagne gefundenen drei Bombenhülsen waren, wie die Polizei berichtete, von demselben Modell! Ob nicht auch weitere Enthüllungen, die auf den vorzeitigen Susbruch des Eisenbahner st reikS selbst Licht werfen könnten, folgen werden, bleibe einstweilen dahingestellt. Ein Hauptmacher in der ganzen Spitzelunternehmung war der genannte„Dr." Reichmann, der unterdes gleichfalls geständig worden ist. Ueber Talen und Werke dieses Edlen, der ein Blättchen unter dem Titel„Der Umsturz, internationales Organ für praktischen Anarchismus undTerroriS« mus" herausgab, ein andermal. Der Reichmann war vielseitig. Er arbeitete hier für die russische Polizei, bereitete Bombenattentate gegen die nach der Champagne gesendeten Soldaten vor und suchte in den deutschen Arbeiterkreiien der sozialdemokratischen Organi- sation entgegenzuarbeiten. Die Leute von der„Guerre Sociale' empfinden über ihr gelungenes Werk eine begreifliche Genugtuung. Sie dürsten sich aber nicht Rechenschast darüber abgeben, daß es vor allem ein neues Zeugnis gegen ihre Taktik erbringt. Die Verschwörertaktik züchtet immer und überall das Lockspitzeltum. Auf dem Boden der„Kampf- organisation" wachsen mit Naturnotwendigkeit die Azew. Und sie vergiften und zerstören sie, während die organisierte proletarische Massen« bewegung die Polizeinetze, die über sie geworfen werden, wie Spinn- geweoe zerreißt. gehören sollen, hat siatutmgemäß die KreiZorganisation zu De« schliefen. Die„Germania" erblickt in dieser Resolution eine gewisse „Mäßigung", sie hegt die Hoffnung, daß die„Mißstimmung" der Elsässer bald schwinden werde, eine Hoffnung, die wohl in Erfüllung gehen dürfte, denn die feindlichen Brüder werden sich schon auf ihrem reaktionären Wege wieder zusammenfinden. Ein sonderbarer Schwärmer. Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Stresemann hat am Sonnabend in München gesprochen. Nach den.Münchener Reuest. Nachr." erklärte er: „In ihrer Stellung zur Sozialdemokratie warte die nationalliberale Partei ab, ob die R e v i s i o n i st e n oder die Radikalen die Oberhand behalten, ob die Sozial- demokratie fich in den Rahmen des heutigen Staates ein- fügen werde und sachlich mit der nationalliberalen Partei zusammenzuarbeiten gesonnen sei. Das nächste Flotten- gesetz, so meinte der Redner ironisch, werde hierzu der Prüf« stein sein." Der Brave wird lange warten können! Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen zur Vereitelung der Sozialpolitik, zur Stärkung des MariniSmus und Militarismus— der Gedanke kann in der Partei nur ungetrübte Heiterkeit wecken. Wenn die National- liberalen mit der Sozialdemokratie zusammenarbeiten wollen— zum Beispiel bei der Durchsetzung des gleichen Wahlrechts in Preußen, bei der demokratischen Aus- gestaltung der ReichSgesetzgebung usw., dann sind sie es, die gründlich zu revidieren haben. Aber freilich, darauf zu warten, fällt uns nicht ein._ Die Meincidsbeschuldigung der Sozialdemokratie durch denDanziger Gerichtsassessor Warmbrunn be- schästigte eine am 8. Juni in Danzig tagende überfüllte Volks- Versammlung. Nach einer Abrechnung des Reichstagskandidaten Marckwald- Königsberg mit den Danziger Gerichts« und Polizei- zuständen wurde die folgende Resolution beschlossen: „Die Versammlung hat davon Kenntnis genommen, daß ein Vorsitzender des Danziger Schöffengerichts, Affessor Warmbrunn, am 1. Jnni dieses Jahres amtlich und öffentlich die unwahre Behauptung aufgestellt hat, die sozialdemokratische Partei habe offen erklärt, daß für ihre Anhänger der gerichtliche Eid nicht bindend sei. Die Versammlung spricht ihre Erbitterung über die deutsche Gesetzgebung auS, welche eS zuläßt, daß ein Mann, welcher Millionen deutscher Männer und Frauen wahrheitswidrig der Neigung zum Meineide bezichtigte, auch weiter das Richteramt be- kleiden darf. Die Versammlung sieht in dem Verhalten deS AffefforS eine neue Bestätigung der sozialdemokratischen Auffassung, daß die meisten Gerichtshöfe, wenn eS fich um Klaffen- und Parteiinteressen handelt, unbewußt in Klaffenvorurteilen befangen sind; sie tritt dementsprechend für die sozialdemokratische Forderung ein, daß die Rechtsprechung durch vom Volle gewählte Richter zu er- folgen hat."_ Sozialdemokratische Sparkassen. In der volkswirtschaftlichen Zeitschrift„Die Sparkasse", amtliches Fachblatt des Deutschen Sparkassen-VerbandeS, findet fich in der Nummer 702 vom l. Juni folgende Jeremiade über die sozial- demokratische Verworfenheit: „Der„ReiÄSbote" beleuchtet sehr richtig die Gefahren, die die beabsichtigte Gründung sozialdemokratischer Sparkassen vor allem für die Spargelder der Arbeiter selbst birgt. Es ist also auf nicht mehr und nicht weniger als auf die vollständige Auspowerung, auf die absolute Eni- rechtung der Arbeiterbevölkerung abgesehen. Auch der letzte Groschen ihrer sauren Arbeit soll ihnen zu Parteizwecken aus der Tasche gelockt werden. Das Märchen von der Berelendung der Massen soll dadurch zu buchstäblicher Wahrheit gemacht werden. Es soll also bei der absoluten politischen Willenslosigkeit des Arbeiters, wie sie heute schon geschaffen ist, noch nicht einmal sein Bewenden haben, sondern jede persönliche Willensbestimmung selbst übet das mühselig erworbene Stück Brot will man ihnen rauben. In wahrem Sinne des Wortes gefesselt will man das Arbeiterheer in seine Hände bekommen, um sich selbst auf diese Weise eine unbesiegbare Macht zu schaffen. Wahrlich, ein fein ausgeklügelter Plan! Seine Enthüllung kommt uns sehr zu rechter Zeit, denn vor den Wahlen ist es nötig, daS Volk auf diese AuS- pliinderungspläne der Sozialdemokratie hinzuweisen, aus daß es fich hüte, die Sozialdemokratie durch die Wahlen verstärken zu helfen. Was wollen die kleinen Plackereien der Finanzreform gegen diese planmäßige und vollkommene Ausplünderung der be- dauernswerten Arbeiter bedeuten, bei der man jetzt schon ganz ruhig den Zwang in Aussicht stellt, und wie der Zwang in sozial- demokratischer terroristischer Handhabung aussieht, daS ist be- kannt." Daß ein volkswirtschaftliches Organ ausgerechnet den „Reichsboten" als Kronzeugen anruft, genügt schon zur Cha- rakterisierung der Objektivität, mit der eS seine„Volkswirtschaft" bearbeitet. Es erübrigt sich daher auch, auf da» alberne Beschwätz von den„sozialdemokratischen Sparkassen" näher einzugehen. Wie der Militarismus das menschliche Selbstgefühl zertrampelt. Ein bemerkenswerter Militärprozeß beschäftigt» daS Dresdener OverkriegSg ericht als Berufungsinstanz. Wegen „Achtungsverletzung" war der Ulan Göpfert von der 4. Eskadron des UlanenregimentS Nr. 17 in Oschatz angeklagt. Am 25. März, nach dem Einrücken vom Exerzieren, machte der Sergeant Krande einem Ulan Vorhaltungen wegen einer Unregelmäßigkeit. Der Vor- gesetzte drohte dem Soldaten, ihn noch nach Dresden— d. h. ins FestungSgefängniS oder vor das Kriegsgericht— zu bringen. Göpfert fragte darauf seinen Kameraden, was er denn auSgefressen habe. Als der Sergeant nunmehr dem Göpfert gegenüber erklärte, ihm ginge die Sache nichts an und er sei auch nur als Lump zum Militär gekommen, erwiderte G.:„Ich bin als anständiger Mensch zum Militär gekommen und wenn ich ein Lump geworden bin, so nur durch das Einsperren in Arrest und durch die Unteroffiziere!" Obgleich der Sergeant bei dem Vorfall nicht einwandsfrei gebandelt hatte, brachte er die Sache zur Meldung. Das Kriegsgericht billigte dem Angeklagten den% 98 des Militärstrafgesetzbuches zu, indem es annahm, daß der Angeklagte durch das Wort Lump gereizt worden ist. ES warf aber trotzdem die 18 Tage strengen Arrest auS. Der Borgesetzte war mit einer Disziplinarstrafe von zwei Tagen ge- lindem Arrest davongekommen. Dem Gerichtsherrn war die Strafe noch zu niedrig, er legte Berufung ein und erstrebte eine Gefängnis- strafe. Vom Verhandlungsführer am Berufungsgericht wurde das verhalten GöpfertS als eine bodenlose Unverschämtheit bezeichnet. Der Anklagevertreter beantragte mit Rücksicht auf die grenzenlose Frechheit und Disziplinlosigkeit eine Gefängnisstrafe! Es sei an- gebracht, hier mit großer Strenge vorzugehen. Es mögen bei ge- nanntem Regiment in petzt« Zeit mehrfach unerquickliche Sachen vorgekommen sein, aber ein Soldat sei nicht berufen, sich zum Richter über die Vorgesetzten aufzuspielen. Das Berufungsgericht hob dann auch das erstinstanzliche Urteil auf und erkannte auf die exorbitante Strafe von vier Wochen strengem Arrests Oesterreich. Aus der Wahldewegung. Asch(Böhmen), 12. Juni. Der deutsche Landtagsabgeordnete Dr. Karl Liebknecht hielt gestern hier eine Versammlung ab, in der er einen Vortrag halten wollte, der bei der Regierung als„Sozialpolitisches Jena" angemeldet worden war. Als Liebknecht über die österreichischen Verhältniffe sprechen wollte, löste der anwesende Regierungsvertreter die Ver- s a m ni l u n g auf. Auf der Straße kam es zu Zusammen- stößcn zwischen der Gendarmerie und den Sozialisten. Nach- mittags wurde aus demselben Grunde eme Versammlung in der Nähe von Asch aufgelöst; auch hier kam es zu Zusammen- stoßen. Wien, 12. Juni. Wie die Blätter aus Troppau melden, kam es bei einer Wählerversammlung in O d e r f u r t bei Mährisch- Ostrau zu Zusammenstößen zwischen deutschsreiheitlichen und sozialdemokratischen Wählern, wobei zahlreiche Per- sonen verletzt wurden. Viele Personen wurden verhaftet. Die Gendarmerie stellte die Ordnung wieder her. fratikmcb. Die Winzerbewegung. Paris, 12. Juni. Der VerbandSausschuß der Winzer deS Aube Departements fordert in einem einstimmig gefaßten Beschluß sämtliche Gemeindevertretungen des Departe- ments auf. innerhalb von acht Tagen ihre Entlassung zu geben, falls das ganze Abgrenzungsgesetz bis dahin nicht ab- geschafft ist. Gleichzeitig wird die Bevölkerung unter Hinweis auf ihre Notlage aufgefordert, alle Steuern zu ver» weigern. In den Dörfern bei Bar-sur-Aube fanden gestern abend lärmende Kundgebungen gegen den AbgrenzungS- erlaß statt. Die Winzer zogen, revolutionäre Lieder singend, durch die Straßen; es kam dabei wiederholt zu Zusammen- stößen mit Gendarmen und mit Dragonerpatrouillen, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgeboten waren. In Bordeaux fand unter Vorsitz des Mitgliedes des Generalrats Eymon-d eine auch von mehreren Ab- geordneten des Departements Gironde besuchte Versamm- lung von etwa 1b(X> Winzern statt, die sich mit Ent- schiedenheit gegen die Abschaffung der Abgrenzung der Wem- baugebiete aussprach. Eymond hielt eine Ansprache, in der er Ruhe empfahl, jedoch hinzufügte, sie wären entschlossen, Gewalt anzuwenden, falls man gegen sie Gewalt braMe. Lelglen. Die Ministerkrisc. Brüssel» 12. Juni. Kabinettschef de Broquebille wird heute abend dem König die neue Min ist er liste vorlegen. Die Unterhandlungen über die Besetzung der Portefeuilles sind zum Abschluß gebracht und daS Kabinett ist so gut wie gebildet. Mit Ausnahme von vier Ministern bleibt das Kabinett dasselbe wie daS vorige. Die Erklärung des neuen Kabinetts vor der Kammer wird Vicht vor dem 20. d. M. verlesen werdeg. v- Hus der Partei. veberslüssige Polemik. Die„Schwöb. Tagw." kommt auf unsere Bemerkungen über die letzte Parteiversammlung zurück und teilt ihren Lesern zunächst mit, daß über diese Versammlung„vom Vorsitzenden der Stutt- garter Organisation ausführlicher berichtet worden sei, als die Stuttgarter Parteileitung in der„Schwab. Tagw." berichtet" habe. Wir können nicht annehmen, daß diese Mitteilung ein Vorwurf sein soll. Denn eS ist nicht unbekannt, daß die Stuttgarter Partei- leitung gerne bereit wäre, in der„Tagw." ausführlicher zu Wort zu kommen. Wir dürfen also hoffen, daß dieser offenbar auch bei der Redaktion vorhandene Wunsch künftighin in allen Parteifragen in höherem Maße als bisher erfüllt werde. Ebenso können wir es nur begrüßen, wenn die„Tagwacht" ganz in Uebereinstimmung mit uns und unserem Korrespondenten schreibt: „Ruhe und Frieden tut der Stuttgarter Parteiorga- nisation allerdings bitter npt, und auch oie Parteigenoffen im Lande, die unter den gegenwärtigen Zuständen schwer leiden, können mit Recht verlangen, daß endlich Ruhe und Ordnung eintritt." Nur können wir eS leider nicht als richtiges Mittel, diese dringende Notwendigkeit zu erfüllen, ansehen, wenn die„Tagw." dann fortfährt:„Die Voraussetzung dazu aber ist, daß die Partei» leitung die Parteigenossen eint, statt sie zu spalte n". Ein solch schwerer und unberechtigter Vorwurf ist sicher dem Frieden nicht förderlich. Ebensowenig erscheint es uns richtig, die in der ersten Erregung vielleicht menschlich begreifliche, aber sachlich ungerechtfertigte Aktion gegen daS Abstimmungsresultat fortzusetzen. Die Vorgänge in Stuttgart erregen schon jetzt dje Aufmerksamkeit der gegnerischen Presse, die in ihrer übertreibenden und entstellenden Art daraus Kapital gegen die Partei zu schlagen sucht. Wir sind überzeugt, daß in der Gesamt Partei der sehr nachdrückliche Wunsch besteht, daß der Fortführung des Streites in Stuttgart Einhalt geboten werde. Und gerade die Ausführungen der„Schwöb. Tagw." beweisen ja, daß derselbe Wunsch auch bei den Stuttgarter Genossen besteht— wie wir hinzu- fügen möchten, ohne Unterschied der Richtung. Denn diese kämpf- erfahrene Parteigenossenschaft weiß, daß sie in dem Jahre der ReichstagSwahlcn sich keine inneren Konflikt? ge- statten darf._ Tov eines russischen Freiheitskämpfers. Immer größer wird die Zahl der Opfer, die das russische Pro- letariat denr Moloch des Zarismus bringt, immer stärker Sie Lücken, die der Tod in den Reihen der sozialdemokratischen Partei Ruß- lands reißt. Der Besten einer ist nun in der Gestalt des Genossen Bogdan Knuniantz auS unseren Reihen geschieden. Plötzlich und unerwartet ist dieser starke, rüstige Mann, dessen Kämpfernatur aller Hindernisse spottete, dessen Energie und Tatkraft auch in den Jahren der finstersten Reaktion nicht versiegte, von seinen Feinden zur Strecke gebracht worden. In den finsteren, verseuchten Zellen des Gefängnisses zu Baku, wohin er nach seiner jüngsten Ver- Haftung gebracht wurde, ist er der dort herrschenden TyphuSepidemie zum Opfer gefallen. Genosse Knuniantz(weiten Kreisen der Partei auch unter dem Namen Rüben und Radin bekannt) stand fast ein Jahrzehnt lang in den ersten Reihen der russischen Sozialdemokratie, der er als Redner, als Schriftsteller, als Organisator diente. Schon auf dem 2. Parteikongretz im Jahre 1903, d« eigentlich den Grundstein für die Parteiorganisation legte, war er als Delegierter anwesend. Die folgenden Jahre verstrichen für ihn in fieberhafter Tätigkeit, in der sich seine slammende. hinreißende Beredsamkeit und seine organisatorische Fähigkeit entfalteten. Im Revolutionijahr 1905 war er einer der populärsten Redner aus den Petersburger Mee- tings. dem die Massen zujubelten, wie selten jemanden«. Als vor den entscheidenden Ereignissen im Oktober 1005 der Petersburger Lrbciterdelegiertenrat zusammentrat, Mche Genosse KvMigtch. ÄS Verlreler 8er sozralssemokrÄtschen Parke? SorMn entsaM unS nahm als Mitglied deS Exekutivkomitees hervorragenden Anteil an der Tätigkeit dieses revolutionären Arbeiterparlaments. Am 16. Dezember wurde er zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Delegiertenrates verhaftet und im nachfolgenden Prozeß zur Verbannung nach Sibirien verurteilt. Er flüchtete von dort ins Ausland, um nach kurzer Unterbrechung wieder zur revolutionären Tätigkeit in Rußland zurückzukehren. Er war einer von den wenigen, die den mörderischen Schlägen der Konterrevolution standhielten und zäh und unermüdlich in den Reihen des kämpfen- den Proletariats weiter arbeiteten. In Baku geriet er den Schergen der Polizei in die Hände, denen es infolge eines Unglück- seligen Zufalls gelang, seine Identität festzustellen, was zur Folge hatte, daß ein Verfahren wegen seiner Flucht aus der Verbannung gegen ihn eingeleitet wurde. Ihm drohte in diesem Prozeß eine langjährige Zwangsarbeitsstrafe. Noch ehe aber dieses Urteil gc- fällt wurde, fiel Genosse Knuniantz den grauenhaften Zuständen im Gefängnisse zum Opfer. Das russische, das internationale Pro- letariat wird den Namen dieses unermüdlichen Kämpfers in Ehren halten._ �"Höfliche Berichterstattung. Die„Mannheimer Volks- st i m m e" bringt einen Bericht vom Delegiertentage des Deutschen ChorsängerverbandeS in Mannheim. In dem Bericht findet sich folgende Stelle: In der Nachmittagssitzung beehrte Herr ReichStagSabgeord« veter Dr. Frank die Versammlung mit seinem Besuche. Aehnlich las man es bisher nur in Hofnachrichten. pollreUicbe», ßencbtllchco uTvv, Sonderbare Auslegung des Begrisss der öffentliche» Versammlung. Am 16. Oktober v. I. fand in der Wohnstube eine» Besitzers in Bittehnen, Kreis Labiau, eine Mitgliederversammlung des sozial- demokratischen Kreisvereins statt. Parteisekretär Linde aus Königsberg hatte hierzu nur die Mitglieder einzeln brieflich ein- geladen. Vor Beginn der Versammlung kontrollierte Gerwsse Linde die Anwesenden auf ihre Mitgliedschaft und forderte die Nichtmtt- glieder auf, den Raum zu verlassen. Während der Rode Lindes waren nun aber noch zwei Besitzer hinzugekommen, die noch nicht Mitglied waren. Der schlechten Lust wegen, die im voll besetzten Zimmer herrschte, wurde ein Fenster geöffnet und auch die Tür, die zum Flur führte, nicht geschlossen. Im Flur standen zwei Lehr- linge und draußen vor dem Fenster sah ein alte Frau, die auf ihren Mann wartete. Hieraus wurde den Veranstaltern der Versamm- lung ein Strick gedreht.— Vor Gericht erklärten diese drei Zeuge», von dem Vortrag nichts verstanden zu haben.— Die Veranstalter dieser Vereinsversammlung erhielten aber Bestrafungen über je 20 Mark wegen Abhaltung einer„öffentlichen Versammlung", die nicht polizeilich angemeldet worden war. Vom Schöffengericht wurde der Besitzer der Wohnung freigesprochen, weil natürlich nach dem Reichsvereinsgesetz nur der Veranstalter oder Leiter einer Ver- sammlung wegen Uebertretuna beraft werden kann. Die Bestrafung des Genossen Linde wurde jevoch vom Schöffengericht und von der Strafkammer aufrecht erhalten und die hiergegen eingelegte Re» Vision vom Oberlandesgericht in Königsberg verworfe««. In dem sonderbaren Urteil des Berufungsgerichts heißt es: „Die in Rede stehende Versammlung sei sowohl eine politische als auch eine öffentliche und fei daher anmeldepflichtig gewesen. Der Angeklagte habe damit rechnen müssen, daß sich die Nachricht von der sozialdemokratischen Versammlung schnell herumsprechen würde und daß infolgedessen sich viele NichtMitglieder einfinden würden. AuS diesem besonderen Grunde sei eine strengere Kon- trolle im vorliegenden Falle erforderlich gewesen, um die Ver- sammlung als eine Mttgliederversammlung zu begrenze». Die von ihm geübte Kontrolle sei gänzlich unzureichend gewesen. Der Angeklagte habe aber auch garnicht die NichtMitglieder ausschließen wollen, ihm sei ihre Aniuesenhett im Gegenteil sehr er- Wünscht gewesen. Ausschlaggebend hierfür sei, daß die Fenster und die Türe des VersauinuungSraums offen gestanden hätten, obgleich die Bersammlung am 16. Oktober, also bereits zu kühler Jahreszeit(l) stattgefunden hatte. Hiermit habe der Angettagte nur den Zweck verfolge», Tonnen� den Vortrag einer unbe- schränkten Personenzahl zugänglich zu inachen. Er habe di« von ihm«inberufene Bersammlung gar nicht als eine BereinSver- ftimmluii� gewollt, vielmehr sei er lediglich in der Abficht, das Vereinsgefei; zu umgehen, bemüht geivesen, der Versammlung äußerlich den Charakter einer Vereinsversanimkung zu geben." Das Oberlandesgericht lieh die in der Revision des Angeklagten gerügte„Verkennung der Oeffentlichkeit" nicht gelte», Auch er- kannte es keinen Rechtsirrtum des Vorderrichters an und verwarf die Revision. Bei dieser Handhabung und AuSlsgung deS ReichSveveinSge- setzeS ist eS in Ostpreußen überhaupt nicht mehr möglich, Vereins- Versammlungen abzuhalten, ohne sie polizeilich anzumelden und überwachen zu lassen. Denn in ähnlich liegenden Fällen sind bereits i» sechs verschiedenen ReichSiagSwahlkreisen Ostpreußens unsere Genossen, die dort Bereinsversammlungen abhielten, ohne sie poli- zeilich anzumelden, bestraft worden. Di« Berufungen wurden aus ähnlichen� wie hier angegebenen Gründen verworfen. Mg Incluktrie und Dandel. Die deutschen Aktiengesellschaften im 1. Viertelsahr 1911,� Nach den Ermittelungen des Kaiserlichen Statistischen AmteS auf Grund der Bekanntmachungen der Gerichte im„Reichs- anzeiger" wurden in den Monaten Januar. Februar und März 1911 33 Gesellschaften mit einem nominellen Aktienkapital von 48,11 Millionen Mark gegründet. 10 Gesellschaften hiervon mit 17,74 Millionen Mark Kapital wurden unter Einbringung be- stehender Unternehmungen gegründet; für die Sacheinlagen bei Siefen Umlagen wurden 10,7! Millionen Mark in Aktien gewährt. Bemerkt sei, daß das Kaiserliche Statistische Amt nur diejenigen Sacheinlagen feststellen kann, welche unter Beobachtung der Schutz- Vorschriften bei§ 186 Absatz 2 deS Handelsgesetzbuches eingebracht sind. Kapitalerhöhungen erfolgten im ersten Vierteljahr 1911 bei 89 Gesellschaften um 162,39 Millionen Mark. 28 Gesellschaften nahmen Kapitalherabsetzungen um 12,83 Millionen Mark vor. Im elben Zeiträume traten 21 Gesellschaften mit einem Aktienkapital von 31,74 Millionen Mark in Liquidation. Bei 3 Gesellschaften mit 2,80 Millionen Mark Kapital wurde das Konkursverfahren eröffnet. Zunahme der Auswanderung. In den Monaten Januar bis April des laufenden Jahres hatte die Auswanderung über die deut- schcn Nordseehäfen Hamburg und Bremen einen ständigen Rück- zang erfahren. Im Mai ist eine Wendung eingetreten. Ueber Hamburg sind nämlich im Mai ausgewandert 0700 Personen gegen 6900 Personen«in April und über Bremen 13 300 Personen gegen 10 200 Personen. Zwar bleiben in beiden Häfen die diesjährigen Ziffern immer noch wesentlich hinter denen des Vorjahres zurück, doch lesst anscheinend die Börse der Wendung nach oben bereits eine größere Bedeutung bei. Die Ursache für den Rückgang der Auswanderer, die in der Hauptsache aus den ostpreußischen Län- dexn stammen, war in der Stockung des Geschäfts in den Vereinig- ten Staaten zu suchen. Obwohl es gegenwärtig in Nordamerika noch nicht besser geht, hat doch die Auswanderung zugenommen. Doch darf nicht übersehen werden, daß nicht mehr ein so großer Teil der Auswanderer sich nach den Bereinigten Staaten wendet wie früher,' sondern daß wesentliche Verschiebungen zugunsten Kanadas stattgefunden haben. Sehr viele Auswanderer lassen sich auch in den Häfen der Vereinigten Staaten ansschiffen, wegen des kürzeren SchiffßwegeS und begeben sich erst dann zu Land nach Kanada, veM sie jn fee? flytoZ ZkM Beschäftigung gefunden haben. GewerkfcbaftUchca» Berlin und llmgegend. Ter Abschluß eines neuen Tarifvertrages für das Schmiedegewerbe scheint jetzt gesichert zu sein, nachdem die weiteren Verhandlungen mit der Berliner Schmiedeinnung zu einem Ergebnis geführt haben, mit dem sich am Sonntag eine Versammlung der Jnnungs- gesellen, die den grotzen Saal von Boeker in der Weberstraße füllte, einverstanden erklärte. Wie der Altgeselle Engelhardt dort berichtete, haben die Meister nun bei den letzten. Verhandlungen noch die Forderung anerkannt, daß Sonnabends eine Stunde früher Feierabend gemacht wird, jedoch ohne Bezahlung für die ausfallende Stunde. Sollte es, bis die Kundschaft sich an diese Neuerung ge- wöhnt, hier und da einmal vorkommen, daß Sonnabends länger gearbeitet werden mutz, so mutz auch diese Stunde als Ueberstunde mit dem allgemeinen Zuschlag von 20 Pf. bezahlt werden. Bei den Bestimmungen über die Mindestlöhne, die wir ja bereits in Nr. 133 des„Vorwärts" mitteilten, haben die Meister sich damit einver- standen erklärt, daß der Nachsatz gestrichen wird, der besagt, daß solchen Arbeitnehmern, die sich weiter ausbilden wollen, geringerer Lohn bezahlt werden kann. Da es ja das Bestreben jedes Gesellen ist und sein mutz, sich weiter auszubilden in seinem Beruf, mutzte es Wohl als selbstverständlich gelten, daß eine solche Bestimmung nicht in den Tarifvertrag hineinkommt. Nicht verzichten wollen die Meister auf die Bestimmung, daß der Lohn für Ausgelernte und Zugereiste nach Leistungen vereinbart werden kann. Für Gesellen, die schon einmal in Berlin gearbeitet haben und von neuem zu- reisen, soll diese Bestimmung keine Geltung haben. Es wird jedoch noch notwendig sein, festzulegen, innerhalb welcher Frist die Aus- gelernten und Zugereisten den Mindestlohn erreicht haben müssen. Eine allgemeine Lohnzulage für diejenigen Gesellen, die die neuen Mindestlöhne schon erreicht haben, lehnen die Meister nach wie vor ab. Auch hinsichtlich der Abschaffung der Arbeitsvermittelung an den Sonntagen verhielten sie sich nach wie vor ablehnend, erklärten jedoch, daß die Gesellen sich ja nochmals an die Behörden wenden könnten und dann vielleicht mehr Erfolg als bisher haben würden. Der neue Vertrag soll bis zum 31. Mai 1914 gelten, jedoch ohne die für das Jahr 1913 geforderte weitere Lohnerhöhung. Die Bestim- mung, daß Abmachungen, die dem Tarifvertrag zuwiderlaufen, keine Gültigkeit haben, wurde von den Meistern abgelehnt, jedoch soll statt dessen folgende Erklärung aufgenommen werden: „Die Jnnungsversammlung gibt die Erklärung ab, daß diese Abmachungen innegehalten werden." Im übrigen will der Jnnungsvorstand auch dahin wirken, daß bei Klagen vor dem Jnnungsschiedsgericht die Abmachungen als rechtsverbindlich anerkannt werden. Weitere Zugeständnisse waren bei den Verhandlungen nicht zu erzielen. Es hatte sich nun bereit» am Sonntagmorgen um 7 Uhr eine Konferenz der Gesellenaus- schüsse, der Vertrauensmänner und der Ortsverwaltung des Schmiedeverbandes mit der Frage befaßt, ob die Abmachungen, wie sie jetzt vorlagen, gutgeheißen werden könnten, und sie war nach eingehender Beratung zu dem Entschluß gekommen, der Versamm- lung die Annahme zu empfehlen. In der Versammlung entspann sich über einzelne Punkte eine lebhafte Diskussion und es zeigte sich, daß man in mancher Hinsicht von den Abmachungen nicht befriedigt war. Dabei wurde es unter anderem auch scharf verurteilt, daß die Innung sich nicht zur Beseitigung des skanda- lösen Zustandes der Arbeitsvermittelung an den Sonntagen aufschwingen konnte, und es wurde betont, daß, wenn auch die weiteren Eingaben an die Behörden erfolglos bleiben sollten, es Sache der Arbeiter sein mutz, durch energische Anwendung der Selbsthilfe mit der sonntäglichen Arbeitsver- Mittelung gründlich aufzuräumen. Die Abmachungen wurden dann schließlich von der Versammlung gegen ungefähr 19 Stimmen gut- geheißen. Damit scheint die Lohnbewegung, soweit die Berliner Jnnungsbetriebe in Frage kommen und die Abmachungen endgültig festgelegt werden, erledigt. Von der Charlottenburger Schmiede- Innung liegt bereits eine Erklärung des Obermeisters vor, wonach sie sich dem, was in Berlin zustande kommt, anschließen wird. Von der Rixdorfer Innung ist eine Antwort noch nickt eingegangen, je- doch wurde von jener Seite im vorigen Jahre erklärt, daß man sich ebenfalls mit dem einverstanden erklären wollte, was in Berlin an- erkannt würde, und eS darf wohl erwartet werden, dah die Jnnungsmeister sich dort auch jetzt auf denselben Standpunkt stellen werden. ES wird nun sofort dafür gesorgt werden, daß der Tarif- vertrag mit der Berliner Innung endgültig festgelegt wird, um ihn dann auch den Innungen in den verschiedenen Vororten Berlins sowie den Meistern, die einer Innung nicht angehören, zur Auer- kennung vorzulegen, so daß er über das ganze Gebiet Grotz-Berlins Geltung erhält. Arbeitgeber, die die Anerkennung des Vertrages ablehnen, haben mit der Arbeitsniederlegung zu rechnen. Die- jenigen Arbeitgeber, die bereits vordem bewilligt hatten, sollen eben- falls um Anerkennung der Abmachungen in der Form, wie sie durch die Verhandlungen mit der Berliner Innung zustande gekommen sind, ersucht werden. Die Versammlung erklärte sich auch mit diesen Vorschlägen einverstanden. In einem Schlußwort erklärte der Vorsitzende Siering, datz die Lohnbewegung keineswegs auf der ganzen Linie als abgeschlossen anzusehen sei, sondern daß es noch einer energischen Tätigkeit bedürfe, um die Abmachungen auch wirk- lich überall und dauernd zur Geltung zu bringen. Voraussetzung dazu sei vor allem festes Zusammenhalten in der Organisation. Der Streik der Parkettbodenlcger. Neue Bewilligungen sind noch nicht wieder erfolgt, jedoch stehen mehrere Firmen mit der Streikleitung in Verhandlung. Wie in der Versammlung der Streikenden am Montag mitgeteilt wurde, sollen die Unternehmer in ihrer Zusammenkunft beschlossen haben. die Forderungen der Streikenden nur zum Teil zu bewilligen, das heißt, vorläufig nur 89 Pf. Grundtaxe zu bezahlen und dieselbe später auf den geforderten Satz von 99 Pf. zu erhöhen. Hierauf werden die Streikenden nicht eingehen. Dagegen ist die Streik- leitung bereit, mit den Unternehmern, wenn sie es wünschen, zu verhandeln.— Die Firmen, welche bewilligt haben, stellten am Montag eine Anzahl neuer Arbeitskräfte aus den Reihen der Streikenden ein. Bei der Firma E l b i n g e r sind zwei ArbeUSwillige be- fchäftigt, die es wirklich nicht nötig hätten, den Streikenden in den Rücken zu fallen, denn die beiden Leute betreiben gutgehende Schankwirtschaften. Blümke ist einer der beiden. Er hat auch bei früheren Lohnkämpfen schon Arbeitswilligendienste verrichtet. Er hat zwei Schankwirtschaften. Spenerstraße 5 und Birkenstraße 66. Der andere Arbeitswillige heißt Daugutt und betreibt eine Schank- Wirtschaft in Charlottenburg. Marchstr. 23.— Die Firma Kamps- meier sucht sich auf dieselbe Weise wie bei früheren Streiks Ar- beitswillige zu beschaffen. Sie verlangt durch Inserate in der ..Morgenpost" und in der..Voltszeitung" Holzarbeiter, als Tischler. Stellmacher. Zimmerer, die zum Bodenlegen angelernt werden sollen. Dabei werden den Leuten Verdienste in Aussicht gestellt, die sehr geübte Bodenleger nur unter günstigen Verhältnissen erzielen können. Die Streitleitung hat natürlich Vorsorge getroffen, daß Leute, die sich etwa auf solche Inserate melden sollten, über die Sachlage unterrichtet werden.— Bezeichnend ist. daß vier Zimmerer von der Lokalorganisation Katcrscher Richtung bei Kampfmeier als Streikbrecher eingetreten sind. Ueber ihr Verhalten zur Red- gestellt, sagten sie. in ihrem Organ, der„Einigkeit", stehe nichts über den Streik und den„Vorwärts" lesen sie grundsätzlich nicht. Die Herren haben aber auch, nachdem sie durch mündliche Mittel- lung Kenntnis von dem Streik erhalten hatten, ihre Arbeits- Willigentätigkeit fortgesetzt, Sie können sich also nicht mehr mit Unkenntnis entschuldigen, sondern sind bewußte Streikbrecher. Mühlcnarbeiter. Die Differenzen mit der Goldacker-Mühle bc- stehen unverändert fort. Dieser Betrieb, Besitzer Großbäckereibesitzer Eduard Goldacker, Brumienstr. 129/139, ist wegen Tarifbruch und Maßregelung der Mühlenarbeiter gesperrt.— Zuzug ist strengstens fernzuhalten._„ Die Ortsverwaltung Berlin perantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. In jeratenteil verantw Stellmacher i Unter Chiffreadreffe werden durch das Annoneen» Bureau von Rudolf Masse Kastenmacher. Kastenhelfer und Stell- macher nach Berlin, Arbeitsnachweis der Stellmacher-Jnnung, gesucht. Da dieses Inserat auch in Parteiblätter» Aufnahme gefunden hat, ersuchen wir, zu untersuchen, ob.die Stellmacher für Berlin be- stimmt sind. Der Arbeitsnachweis der Stellmacher-Jnnung ist g e- sperrt, das Umschauen streng verboten. Die Vermittelung von Stellmachern findet nur durch den paritätischen Arbeitsnachweis Gormannstr. 13, vormittags von 8—19 Uhr, statt. Wer ohne diesen Nachweis in Arbeit tritt, wird als Streikbrecher betrachtet. Alle arbeiterfreundlichen Blätter ersuchen wir, hiervon Notiz zu nehmen. Die Zentralkommission der Stellmacher Deutschlands. Deutsches Belch. Die Bewegung der Former. Am letzten Donnerstag fanden in P a s e w a l k weitere Ver» Handlungen mit dem Verein der Eisenwerke statt. Es waren 22 Unternehmer, drei Vertreter der Arbeiterorganisationen und sieben noch in den Betrieben beschäftigte Arbeiter vertreten. Nach siebenstündiger Verhandlung wurde folgendes Ergebnis erzielt: 1. Die S>/zstündige Arbeitszeit wird bewilligt. 2. Für Uberstunden, die vom Unternehmer angeordnet werden, sollen 25 Proz. Auf- schlag zum Lohn oder Äkkordverdienst kommen. 3. Bestehende Akkordpreise sollen nicht herabgesetzt werden; bei neuen Akkord- sätzen wird der Durchschnitlsverdienst der letzten sechs Wochen ein- schließlich des Akkordes für den betreffenden Arbeiter der Berech- mmg zugrunde gelegt und gewährleistet. 4. Unverschuldeter Aus- schütz wird in voller Höhe des Aklordpreises bezahlt; zur Prüfung der Schuldfrage wird eine paritätische Kommission eingesetzt. 5. Ueber Betricbseinrichtungcn(Sicherheitsvorrichtungen, Hilfs- arbeiter, hygienische Einrichtungen nsw.) soll betriebsweise verhandelt werden. 6. Lohnberechnung findet 14tägig statt, Lohnzahlung am Freitag jeder Woche. An den Zwischenfreitagen, an denen nicht ge- rechnet wird, soll der volle Durchschnittsverdienst zur Auszahlung kommen. 7. Einsetzung eines Arbeiterausschusses durch freie Wahl der Arbeiter selbst. Soweit war daS Ergebnis der Verhandlungen durchaus zu- friedenstellend. Die beiden wichtigsten Punkte waren aber noch im- erledigt: Aufhebung der vierzebntägigen Kündigung des Arbeits- Verhältnisses und Erhöhung der Stundenlöhne und Akkordsätze. Die Aufhebung der Kündigungsfrist ist ganz besonders für Torgelow unbedingt notwendig; das geht schon daraus hervor, daß die Torgclower Unternehmer keine Bindung auf 1, 2 oder 3 Jahre ein- gehen wollen; wenn sie die Vereinbarungen nicht innehalten, ist ein schnelles Handeln der Arbeiter ausgeschlossen. Die Forderung der Erhöhung der Lohn- und Akkordsätze liegt in den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen begründet, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß 1993 und 1999 geradezu ungeheuerliche Abzüge gemacht wurden und datz das Einkommen der Lohnarbeiter in einzelnen Ve- trieben geradezu erbärmlich niedrig ist. Vor und nach dem 1. Juni haben Verhandlungen mit einzelnen Unternehmern stattgefnnden. Die Firma Bähr u. Co. in Torgelow hat einen Vertrag mit zweijähriger Gültigkeit mit dem Metall- arbeiterverbande und dem Gewerkverein abgeschlossen und darin die vorstehenden allgemeinen Arbeitsbedingungen angenommen und außerdem nennenswerte Zulagen zu den Äkkordpreisen und Stundenlöhnen bewilligt. In Prenzlau haben die beiden dortigen Gießereifirmen den gleichen Vertrag angenommen; dort find Akkord- zulagen von 15—25 Proz. und mehr und Stundenlohnzulagen bis zu 6 Pf. bewilligt worden. Mit zwei Torgelower Firmen wird noch verhandelt. Der Verein der Eisenwerke PommernS und der Mark hat am Mittivoch eine Sitzung abgehalten und danach dem Bezirksleiter des MctallnrbeiterverbandcS seine Entschließung übermittelt, nach der die Kündigung des Arbeitsverhältnisses für jeden Ort besonders ge- regelt werden soll; eine Erhöhung der Löhne und Einzelverhand- lungen mit den Werken werden abgelehnt, Das ist die Kriegserklärung. Die Torgelower Unternehmer hatten schon vorher beschlossen, die Abschaffung der Kündigungsfrist unbedingt abzulehnen. Nach dieser Provokation ist nicht daran zu zweifeln, daß die Arbeitsniederlegung auf der ganzen Linie be- schloffen werden wird; ausgenommen werden nur die Firmen sein, die etwa in letzter Stunde noch bewilligen werden. Im Hamburger Holzgewerbe wird der Kampf mit Erbitterung von beiden Seiten weitergeführt. Der Sekretär de? ArbeitgeberschntzverbandeS, Herr Gurlitt, will den Holzarbeiterverband mit allen Mitteln niederringen, und um dieses Ziel zu erreichen, sind den Herrschaften alle Mittel recht. Weil die Streikenden eine musterhafte Haltung bewahren und sich zu Ausschreitungen nicht hinreißen lassen, sucht der Schutzverband elende Subjekte, die bereit sind, für 59 M. aus ihrer regen Phantasie etwas zurechte zu machen. In den Hamburger bürgerlichen Blättern erscheint folgendes Inserat: .Zunr Schutze der Arbeitswilligen des Holz« gewerbes. Infolge der wiederholt vorgekommenen Mitzhand- lungen von Arbeitswilligen durch Streikposten oder andere Ar« beiter ersuchen wir das gesamte Publikum, uns derartige Fälle mitzuteilen. Jeder, der hinreichendes Material bringt, sodatz die gerichtliche Bestrafung des Schuldigen erfolgen kann, erhält eine Belohnung von fünfzig Mark. Arbeitgeber-Schiitzverband der Holzindustrie von Hamburg und Nachbarstädten(E. V.). Bohnenstr. 12/14." Unter dem Gesindel, das nach Hamburg geschleppt wurde, befinden sich nun Leute, die den ganzen Tag weiter nichts machen, als von Betrieb zn Betrieb zu ziehen, um die Streikposten zu provozieren und die 59 M. Judaslohn für jeden einzelnen Fall ein- ziiheimsen. Daß es unter diesen Umständen einer geradezu eisernen Disziplin bedarf, um sich durch solche Burschen nicht zu Un« besonnenheiten hinreißen zu lassen, kann jeder ermessen.— Daß es den Streikenden in der vorigen Woche gelungen war, rund 59 Streikbrecher aus den Betrieben wieder herauszuholen, hat bei den Uiiternchmern helle Wucht entfacht. Die Streikbrecher« agenten, mit denen sie die„Geschäftsverbindung" abgebrochen hatten, sind sämtlich wieder engagiert, und auch die Tischlermeister bereisen in großer Anzahl Schlesien, Mittel- und Süddeutschland, um den Ausfall wieder weit zu machen. Einem der Agenten ist es am Mittwoch gelungen, zehn Arbeitswillige in Berlin zu kapern, die nach Hamburg und dort unter Polizcibedeckung in die Betriebe transportiert werden.— Die Hamburger Holzarbeiter bitten darum, diesen Menschenhändlern möglichst daS Handwerk zu legen. Schlechte Erfahrungen mit italienischen Streikbrechern machten die Ziegel- und Tonwerke in Bamberg-Bischberg. Wie sich die Leser erinnern, haben sich vor einigen Monaten dort aufregende Kämpfe abgespielt, weil die Direktion die minimalen Forderungen ihrer sehr miserabel bezahlten eingearbeiteten Arbeiter schroff ab- lehnte und einen Transport Streikbrecher aus Italien kommen ließ. Die ganze Bevölkerung nahm gegen dieses Vorgehen Stellung, und es kam oft zu turbulenten Szenen mit Polizei-Massen- aufgeboten, brutalem Einschreiten usw. Aber die Firma behielt die Oberhand, die einheimischen Arbeiter wurden brotlos gemacht, an ihrer Stelle blieben die Italiener. Doch selbst diese konnten auf die Dauer die Verhältnisse in dem Werk nicht ertragen, es kam so weit, datz sie jetzt selbst in den Streik eingetreten sind. Sie machen auch noch Forderungen auf rückständige Löhne geltend, aber die Direktion erklärt, datz die Firma nicht nur nichts schuldig, sondern durch die Italiener auch schwer geschädigt worden sei. Vorher waren es aber„fleißige und tüchtige Arbeiter", denen eine Anzahl braver Familienväter geopfert wurde, Hust*n4* Ter Streik der Maurer iu Madrid. Aus Madrid, unterm 5. Juni, wird UNS geschriekSK?------ Die erste Woche der Aussperrung hat mit guten Absfichteki fuö die Arbeiter begonnen. Bis jetzt hat es den Streikenden an Unter- stützungen nicht gefehlt. Heute hat man die Unterstützungen der siebenten Woche verteilt. Ein Mitglied des spanischen Adels hat den Streikenden die Summe von etwa 29 999 M. gespendet, um sie in ihrem Kampfe zu unterstützen. Das beweist, daß man selbst in der Klasse, die den Arbeitern feindlich gegenübersteht, die Gerech- tigkeit des Kampfes der Madrider Maurer anerkennt. Ihre Käme- raden zahlen regelmäßig pro Woche 1 M. Daraus läßt sich schließen, daß auch für die neunte Woche Mittel vorhanden sein werden. Auf diese Weise werden die Maurer keine Hypothek auf das„Volks- haus" aufnehmen brauchen und eS wird selbst nicht nötig sein, die Reservefonds anzugreifen. Die Unternehmer, welche nicht über große Mittel verfügen und welche infolgedessen hätten kapitulieren müssen, sind durch die mäch- tigeren Unternehmer unterstützt worden.— Die Madrider Arbeitersyndikate haben schon mehrmals die Notwendigkeit eines General- streiks erwogen. Aber da der Ausgang des Streiks für die Maurer günstig zu werden scheint, haben sie es für besser gehalten, noch da- mit zu warten. Das hat sie aber nicht verhindert, eine Monster- Versammlung abzuhalten, in welcher die Vertreter aller Syndikate das Wort ergriffen haben, um gegen die Gewalttätigkeit der Polizei gegen die Manifestation der Streikenden in der Puerta del Sol zu protestieren. Die Arbeiterorganisationen sind fest entschlossen, bis zum Ende und bis zur Erschöpfung aller ihrer Fonds zu kämpfen. Sie sind sogar entschlossen, selbst ohne Geld zu kämpfen und sich nicht pro- vozieren zu lassen. Angesichts eines solchen Entschlusses und des Zusammenhaltes der Arbeiter darf man annehmen, daß der Streik bald mit einem Siege enden wird. Versammlungen. Verband der Lederarbeiter. Die Zahlstelle Berlin hielt am Donnerstag ihre regelmäßige Versammlung ab. Beim 1. Punkt: Vorstandswahl, wurde der alte Vorstand wiedergewählt. Dann erstattete B u r k a r d Bericht vom letzten Verbandstag, aus dessen Verlauf und Ergebnis er ein günstiges Resümee zog, mit Ausnahme des Beschlusses, nach dem einem Kollegen, der freiwillig die Arbeit niederlegt, keine Unterstützung ausgezahlt wird. Doch könne ja auf der nächsten Generalversammlung gegen diesen Beschluß aufs neue angekämpft werden. Im übrigen ermahnte der Redner, sich mit den Tatsachen abzufinden und mit aller Kraft auch fernerhin für den Verband zu wirken. Den zweiten Teil des Berichts gab Krüger, der ebenfalls sich befriedigend über die Arbeit des Verbandstages äußerte. Auf eine Anfrage aus der Versammlung erklärte Krüger, daß er ebenso wie Burkard, gegen die das freiwillige Niederlegen der Arbeit be- treffende Bestimmung gestimmt habe. Dieser Beschlutz löste denn auch in der weiteren Diskussion lebhaften Unwillen aus. desgleichen die Anstellung eines neuen Beamten. Es seien Beschlüsse gefaßt worden, die unbedingt zum Schaden der Mitglieder ausschlagen würden und die auf dem nächsten Verbandstage unter allen Um- ständen wieder umgestoßen werden müßten. Auch die Aufhebung der Pretzkommission wurde moniert. Zum Teil kam aber doch auch Befriedigung mit dem Gesamtergebnis des Verbandstages zum Ausdruck. Gegen den bewilligten Wohnungsgeldzuschuß für die Angestellten wandte sich sehr scharf ein Redner unter lebhafter Zu- stimmung der Versammlung. Ein weiterer Redner hob die guten Seiten der gefaßten Beschlüsse hervor und ermahnte dringend zum Frieden im Interesse der Organisation. Auch der nächste Redner betonte die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der Neueinrichtun- gen, wenn er auch den Beschluß über die Verweigerung der Unter- stützung in seiner jetzigen Form mißbilligte. Nachdem noch E i t» l i n g e r, 2. Vorsitzender des Zentralvorstandes, in ruhiger, säch- licher Weise den Opponenten entgegengetreten war und noch einige Redner geantwortet hatten, trat Schluß der ausgedehnten Debatte ein. Hierauf wurden noch einige Ersatzwahlen vorgenommen. Letzte JVachncbten. Vom deutschen Rundflug. Magdeburg, 12. Juni.(W. T. B.) Dr. W i t t e n sich e i n ist mit seiner Gattin als Passagier um 3 Uhr 29 Minuten auf dem Flug- feld in Magdeburg glatt gelandet. Felix L a i t s ch. der ebenfalls aufgestiegen war, hat 1 Kilometer vor Magdeburg eine Notlandung vornehmen müssen und ist dann um 8 Uhr 49 Min. in Magdeburg eingetroffen. Der Flieger Schauenburg, der gestern bei Brandenburg gelandet war, ist heute abend 8 Uhr 29 Min. nochmals aufgestiegen, mutzte aber um 8?� Uhr bei Genthin abermals landen.— Der Flieger Karl Müller, der heute abend 7 Uhr 25 Min. von Stahnsdorf obge- flogen war, mußte auf dem Exerzierplatze in Brandenburg wegen eines Motordefektes landen. Nachklänge vom Essener Meineidsprozetz. Essen, 12. Juni.(H. B.) Der im Essener Mcineidsprozetz zu drei Jahren Zuchthaus verurteilte, im Wiederaufnahme- verfahren freigesprochene Bergmann Friedrich Beckmann aus Hamborn hatte einen Schadenersatz von 5483 M. gefordert. Da das Ministerium des Innern aber nur 3999 M. bewilligte, hat Beckmann den FiSkuS auf Zahlung des Restes verklagt. Internationaler Kongreß für Frauenstimmrecht. Stockholm, 12. Juni.(W. T. B.) Der sechste internationale Kongreß für Frauenstimmrecht ist in Anwesenheit von etwa tausend Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus allen Ländern Europas, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Südafrika und Australien hier eröffnet worden. Portugiesische Eisenbahner drohen mit dem Generalstreik. Lissabon, 12. Juni.(H. B.) Die Eisenbahner der Ost- und dev Südostlinien haben beschlossen, vom Justizminister die Freilassung von 29 verhafteten Kollegen zu fordern, widrigenfalls der General- streik verkündet werden soll._ Mordtat eines Wahnsinnigen. Paris, 12. Juni.(P. C.) Heute mittag gegen 12(4 Uhr er- eignet sich im Hotel de Bleu, dem großen Hospital von Paris, eine schreckerregende Szene. Ein wahnsinnig gewordener Kranker stürzte sich plötzlich auf den im Krankenhaus weilenden Chirurgen Dr. G u i n a r d und versuchte, ihn mit einem Revolver niederzu- schießen. Er gab schnell hintereinander vier Schüsse ab, die den Arzt, der bewußtlos zusammenbrach, schwer verletzten. Guinard ist einer der angesehensten Iterzte von Paris, der sich durch seine Leistungen aus chirurgischem Gebiete große Verdienste erworben hat. Unwetter in Ungarn. Budapest, 12. Juni.(H. B.) Schwere Unwetter haben im Komitat Virovitica unberechenbaren.Schasden angerichtet. Die Feldsaaten sind gröhtenteils, die Obsternte vollständig ver- nichtet. In E s s e g g fielen taubeneiergrotze Hagelkörner, die die städtischen Anlagen und die Militärschwimmschule verwüsteten. Große Feuersdrunst. Minsk, 12. Juni.eder an den Vorstand, noch an den Ausschuß und die Generalversammlung zulässig. c) Die dun Mitglied gewährte Beitragsermäßigung darf die Dauer von 26 Wochen nicht überschreiten. Ist nach Ablauf dieses Zeitraumes die wirischrstliche Notlage des Mitgliedes, die zur Beitragsermäßigung führte, noch nicht behoben, so hat daS Mit- glied erneut einen Antrag an die in Absatz 2a genannten Vcr» bandsstellen zu richten. d) Während der Dauer deS Unterstützungsbezuges finden Veränderungen der Beitragshöhe nicht statt. Verschlechterte Wirt- schaftliche Lage der Mitglieder infolge Berufs- oder allgemeiner Wirtschaftskrise ist kein Grund zur Festsetzung des Betrage» nach Absatz 2. Gegen diese Vorschläge, von denen der Referent der Kommission selbst sagte, es sei besser, wenn sie abgelehnt würden, erhebt sich eine heftige Opposition. Demmer-Wiesbaden bezeichnet sie als Almosen, um das die Mitglieder bei der Bezirksleitung betteln müßten.— Krause- Chemnitz brachte mit noch 6 Kollegen einen besonderen Vorschlag zur Regelung dieser Frage ein. Die Ortszuschläge sollten verschont bleiben und keine bestimmte Dauer für die Gewährung der Beitragsermähigung festgesetzt werde». Bei der Abstimmung fällt sowohl der erste Absatz deS Bor- schlagrs der Kommission, wie auch der des Antrages Krause und Genossen. Damit sind die ganzen Borschläge über die Gewährung von Ausnahmen abgelehnt. Der Generaloersammlung bemächtigt sich eine große Erregung. � Abgestimmt wird nun über den Kommissionsvorschlag, den Bei. trag von 60 auf 70 Pf. für männliche und von 2ö aus 30 Pf. für weibliche und jugendliche Mitglieder zu erhöhen. Durch AuS- zählung wird festgestellt, daß 137 für, aber 70 Delegierte gegen den Antrag stimmen. Da für eine Statutenänderung eine Zwe Mehrheit(140 Stimmen) nötig ist, wäre der Antrag, ge lediglich gestimmt wurde, weil die Ausnahmebestimmungen waren, abgelehnt. Gegen diese Abstimmung wurden von Delegierten Einwendungen erhoben. cS sei nicht richtig worden. Die Erregung der Generalversammlung steigert fö. sitzender Cohen schlägt vor, eine namentliche Ab st in m u n g vorzunehmen und die Sitzung auf 10 Minuten auszusetzen. In der Pause beraten sich die Delegierten der einzelnen Bezirke. Nach Wiedeveröffnung der Sitzung wird die namentliche Abstimmung vorgenommen. Nun stimmen 169 Delegierte f ü r die vorgeschlagene Beitragserhöhung und nur 40 dagegen. Damit ist die Beitragserhöhung beschlossen. DaS Resultat der Abstimmung wurde von der Generalversammlung mit Beifall aufgenommen. An den übrigen Bestimmungen deS ß 6 werden, dem Vorschlage der Kommission entsprechend, keine Aenderungen vorgenommen. Bei den Bestimmungen über die Unterstützungsein- r ichtungen wurde auf Antrag der Kommission beschlossen, daß aus anderen Gewerkschaften übergetretene Mitglieder in den ersten S2 Wochen ihrer Mitgliedschaft im Deutschen Metallarbeiterverband nur in dem Umfange Unterstützungen beziehen können, wie cS ihnen nach dem Statut ihrer bisherigen Organisation zusteht. Auf keinen Fall aber darf die Gesamtsumme der Unterstützungen höher sein, als es das Statut des Deutschen Metallarbeiterverbandes zuläßt. Eine große Reihe AbändcrungSanträge wird auf Vorschlag der Statutenbevatungslommission ohne größere Erörterungen abgelehnt. Zu dem A 16 über Unterstützungen bei Arbeits- niederlegung und Aussperrungen hat der Vorstand folgenden Antrag, der in den Mitgliederkreisen sehr eifrig erörtert und bielfach abgelehnt wurde, gestellt: Bei Aussperrungen, deren Unterstützung infolge ihrcS Um- fange? nur mit außergewöhnlichen Mitteln möglich ist, kann auf Beschluß des Vorstandes die Unterstützung für die ersten beiden Wochen ganz in Wegfall kommen und für die folgende Zeit auf die Unterstützungssätze der Erwerbslosenuntcrstützung herab« gesetzt werden. Die StatutenberatungSikommission hat in dem Antrag die Worte„aus die Unterstützungssätze der Erwerbslosenunterstützung" gestrichen und empfiehlt den so geänderten Antrag zur Annahme. Bei Eröffnung der Debatte findet gleich ein S ch l u ß a n t r a g Annahme. In namentlicher Abstimmung wird dann der Vorstands. antrag mit 110 gegen 99 Stimmen abgelehnt. ES wird aber später folgende Resolution zu dieser Frage angenommen: Die Generalversammlung billigt die vom Vorstand auS An- laß der im Vorjahre angedrohten Gesamtaussperrung der Metallarbeiter getroffenen Maßnahmen, insbesondere den Beschluß. daß für die ersten 14 Tage der Aussperrung keine Unterstützung gezahlt werden sollte. In Erkenntnis der Tatsache, daß sich die wi-rtschastlichen Kämpfe nicht nur mehren, sondern auch in ihrem Umfange immer mehr ausdehnen Wersen, erklärt die Generalversammlung: Bei Aussperrungen, deren Abwehr infolge ihr?» UmfangeS nur mit außergewöhnlichen Mitteln möglich ist, kann der Vor- stand nach Anhörung von Vertretern der Verwaltungsstellen, die in den einzelnen Bezirken zusammentreten, die Unterstützung für die.rsten beiden Wochen aufheben, und, wenn erforderlich, für die folgende Zeit herabsetzen. Dem K 82 über die Bezirks. und BerufSkonferen» z e n wird in seinem ersten Teil folgende Fassung gegeben: Zur wirksamen- Unterstützung der Bezirksleitungen, zur Grörterung laktischer Fragen, sowie zur Erleichterung der Durchführung der Generalversammlungsbeschlüsse können nach Bedarf Bezirks- konferenzen abgehalten werden. Die Einberufung einer Bezirks» konferenz erfolgt nach Verständigung mit dem Vorstand durch die zuständig« Bezirksleitung. Längere Erörterungen rufen die Anträge über die Bestim- mungen über di« örtliche Verwaltung hervor. Ein Antrag Berlin verlangt, daß die Angestellten sich alle zwei Jahre zur Wahl zu stellen haben. Die Kommission beantragt Ablehnung des An- träges. Demgemäß wird beschlossen. Von dem Verbandsbeitrag erhielten bisher die Lokal- kassen 20 Prozent. Der Vorstand beantragte nun, den Orts- Verwaltungen künftig vom Beitrage der männlichen Mitglieder nur 10 Pf. und vom Beitrage der weiblichen Mitglieder ö Pf. zur Ver- fügung zu stellen. Dagegen wurde in den verschiedenen Ver» waltungsstellen stark opponiert. Die Statutenbcratungskommission suchte nun einen Ausgleich und beantragte, anstatt 10 12 Pf. festzusetzen. Da» ist der gleiche Betrag, den die Verwaltungen auch bisher von jedem Beitrag der männlichen Mitglieder bekamen. Diesem Vorschlag stimmte die Genevalversammlung zu. Die 10 Pf. Beitragserhöhung fließen also voll in die Hauptkasse. Zu dem 8 26 über di« Anlegung der Verbands- gel der liegt ein Antrag vor. daß all« zu den laufenden Ausgaben nicht erforderlichen Geldbestände möglichst in den Genossen- schastSunternehmungen angelegt werden müssen. Die SlatutenberatungSkommission lehnte den Antrag ab. Die jetzige Fassung dieses Paragraphen schließ« nicht auS, daß schon jetzt m der vorgeschlagenen Weise verfahren wird, wenn die Unter» nehmungen sicher genug sind. Auf mündelsichere Anlage dürfe nicht verzichtet werden. Die Generalversammlung schloß sich diesem an. Ein Antrag Hamburg, der neue Bestimmungen bei dem § 38 über Arbeitseinstellungen schaffen will— wir gaben ihn bei der Generaldebatte zum Statut wieder—. wurde nach kurzer Debatte abgelehnt. Die allen Bestimmungen bleiben. DaS Gesamt st«tut wird dann mit den beschlossenen Aende- rungen en bloc einstimmig angenommen. Es tritt am 1. Juli in Kraft. Bei der Wahl deS LorstandeS werden Schlicke als 1. Vorsitzender, Reichel als 2. Vorsitzender, W e r n e r als Kassierer und M a s s a t s ch als Sekretär«instimmig wiedergewählt. Ebenso einstimmig wird die Wiederwahl der Redakteure S ch e r m- und O u i st. Stuttgart, und der Ausschuß- Vorsitzenden W e i ß i g» und Siegel. Frankfurt a. M. vorge- nomine». D e m m e r- Wiesbaden und Genossen bringen noch einen Antrag ein, der wünscht, daß die Generalversammlung eine Kam» Mission von 11 Mitgliedern einsetzt, die zur nächsten General» Versammlung ein« Vorlage für die Einführung einer weiteren Beitragsklasse ausarbeitet. Schlicke wendet sich gegen diesen Antrag, man solle die Mitglieder nicht immer wieder mit der Staffelungsfrage beunruhigen. Mit 97 gegen LI Stimmen wird der Antrag Demmer abgelehnt. In geschlossener Sitzung wird hierauf über den Stand deö Verbandsgeschäftes Alexander Schlicke u. Co. berichtet. Dann berichtet für die Rechnungskommission I ch i n g e r» München. Die Beamten des HauptbureauS in Stuttgart stellten an die Generalversammlung den Antrag, in Be- rücksichtigung der fortgesetzten Verteuerungen aller LebenSbedürf- nisse ihnen eine Teuerungszulage von monatlich 20 M. zu gewähren. Um eine allgemeine Regelung der Gehälter vorzu- nehmen, schlägt die Kommission eine lOprozentige Ge- Haltsaufbesserung vor,-die auch für dre Lo ka l v er» waltungen zur Verpflichtung gemacht werden soll. Der Antrag wird abgelehnt. Auch ein aus der Mitte der Generalversamm- lung gestellter Antrag, nur den Angestellten, die weniger als 3000 Mark Gehalt haben, eine lOprozentige Aufbesserung zu gewähren, wird abgelehnt. Die Rechnungskommission beantragt nun. dem Antrag, den Stuttgarter Angestellten deS Hauptburvaus eine Teuerungszulage von monatlich 20 M. zu gc» währen, zuzustimmen. Dieser Antrag wird ebenso abgelehnt. Zur Beratung und Abstimmung kommt dann ein Antrag der Kommissionen, das Endgehalt der Bezirksleiter auf 8600 M. festzusetzen. Der Berichterstatter der Kommission betont, daß daS bisherige Endgehalt schon von 1 0 Jahren festgesetzt worden und darum erhöhungSbedürstig sei. DaS Endqehalc von 3600 M., daS sie vorschlagen, erhalte der Bezirksleiter erst nach I3iähriger Dienst- zeit. Der Antlvg wird abgelehnt. Abgelehnt lmrh ein weiterer Antrag der Kommission, die beiden Bevollmächkkgten der Bers l i n e r Verwaltung in die GehaltSskala der Vorstandsmitglieder einrücken zu lassen. Zustimmung findet lediglich der Vorschlag, den Vorstand fB ermächtigen, wie den Abteilungschefs in der Hauptverwaltung, -iuch den Angestellten-der Bezirksleitungen eine Funktionszu- läge zu gewähren. Ferner wird der Wunsch ausgesprochen, daß die Lokalverwaltungen die angestellten Einka ssier er der Bei- träge besser als in manchen Filialen der Fall bezahlen. Bei all diesen Abstimmungen enthielten sich die Dele� gierten, die Angestellte des Verbandes sind, der Abstimmung. Damit waren die Arbeiten der Generalversammlung bc, endet. Mit einem kräftigen Schlußwort Cohens und einem Hoch auf den Verband wurde sie geschlossen. Die nächste Generalversammlung findet 1913 in Breslau statt. Sie soll aber nicht mehr zu Pfingsten tagen. Soziales* Leibeigenschaft auf Grund deS Reichsstrafgesetzbuches? Vor kurzem ging durch die Parteipresse eine Notiz, die an einem Beispiele aus Mecklenburg nachwies, wie dort die Be- stimmung des§ 361,7 St. G. B. durch eine mecklenburgische Landes- Verordnung vom Jahre 1869(nicht 1809, wie es wohl infolge eines Druckfehlers hieß) ergänzt wird. Danach können Ortöarme durch wiederholte Haftstrafen gezwungen werden, bei dem Orts- oder Gutsvorsteher für einen niedrigen Lohn zu arbeiten. Einige Parteiblätter meinten, solche Dinge seien nur in Mecklenburg mög- lich. ES wird jedoch von den Amtsgerichten versucht, auch ohne Zu- hilfenahme der Mecklenburgischen LandcSverordnung die OrtS- armen auf dem Lande um jeden Preis dem Gutsherren dienst- pflichtig zu machen. Aus einem Gute bei Lübtheen hat das eine Landarbeiter» familie erfahren müssen. Eines der Kinder sollte„eingesegnet" werden. Den Eltern fehlten die Mittel, um die Einkleidung des Jungen für die Konfirmation zu bestreiten. Der Gutsherr mußte deshalb einen Zuschuß aus„öffentlichen Armenmitteln" leisten. De- Vogt sagte eines TagcS'dcm Arbeiter, der Junge könne nach der Stadt gehen, um sich beim Kaufmann einen Konfirmanden- anzug anzupassen. Ter Junge bat seinen Vater, mit ihm zu gehen. Der Vater meldete sich beim Inspektor und ging am anderen Tage mit seinem Sohne nach der Stadt. Am nächsten Tage stellte er sich wieder bei der Arbeit ein. Natürlich war er sehr überrascht, als er kurze Zeit darauf einen Strafbefehl folgenden Wortlauts erhielt: „Auf Antrag der Grohherzoglichen Staatsanwaltschaft wird gegen Sie wegen der Beschuldigung, am 4. April 1911 zu..., wo Sie aus öffentlichen Armenmitteln Unterstützung empfangen, aus Arbeitsscheu sich geweigert zu haben, die Ihnen von der Be- Hörde, der... GutSobrigkeit, angewiesene, Ihren Kräften ange- messene Arbeit zu verrichten, indem sie nach Lübtheen gingen, ohne dazu Erlaubnis zu haben, und dadurch die Ihnen zugewiesene Hosarbcit versäumten— Uebertretung gegen § 361,7 St. G. B.—, wofür als Beweismittel bezeichnet ist: Zeugnis des Inspektors... zu..., eine Haft st rase von fünf Tagen festgesetzt. Zugleich werden Ihnen die Kosten des Ver, fahrens auferlegt. Großherzogl. Amtsgericht Lübtheen. Mit dieser Strafe war die Angelegenheit jedoch noch nicht er, ledigt. Auch die F r a u des Landarbeiters hatte„gegen den§ 361,7 R. St. G. B. übertreten", wie es in dem wundervollen Lübtheener Amtsdeutsch lautet. Sie hatte nämlich da» Verbrechen begangen. am Sonnabend, den 8. April, in ihrer Wohnung zu waschen. Den Tag zuvor war sie bei dem Inspektor gewesen« um ihn um Erlaubnis zu bitten, traf aber nur die Frau Jnspek- torin an. Sie glaubte, es genüge, wenn sie der Frau deS Inspektors Mitteilung von der eintägigen Arbeitsversäumnis mache. Damit hat sie sich bitter getäuscht. An dem gleichen Tage, an dem ihr Mann von dem Strafbefchl überrascht wurde, erhielt auch sie einen solchen mit dem gleichen Wortlaute. Auch ihr wurde unterstellt, sich„aus Arbeitsscheu" geweigert zu haben, die ihr angewiesene Arbeit zu verrichten. Luch ihre Strafe wurde auf d Ta>e Haft bemessen. Beide Eheleute haben gegen die Strafbefehle gerichtlichen Ein- spruch erhoben. Ueber den Einspruch hat das gleiche Amtsgericht zu befinden, da» die Strafen verhängte. Es wird sich nun zeigen, ob das Reichsstrafgesetzbuch in dieser ungeheuerlichen Weise gegen Landarbeiter angewandt werden kann. HandelSkammcrhctze gegen Sozialpolitik und KoalitionSrecht. Die Erfurter Handelskammer zeichnet sich von jeher durch verschrobene volkSwirtschofiliche Ansichten, völlige Stupidität in sozialen Fragen und öde scharfmacherische Tendenzen auS. Diese Eigenschaften betätigt sie auch wieder in ihrem soeben erschienenen Jahresbericht für 1910, auS dem wir hier einige Proben wiedergeben: „Die innerpolitische Gesetzgebung fäbrt fort, dem deutschen Unternehmer immer mehr Lasten und U n k o st e n aufzubürden. Durch die Reichsfinanz- reform find eine ganze Reihe von Industrien und Handelszweigen recht hart getroffen worden. Tabak. Bier, Branntwein, Tee. Kaffee, Zündhölzer, Leuchtmittel wurden verteuert, und es gelang nicht allenthalben, die höheren Unkosten auf die Verbraucher abzuwälzen. Danach aber fragen Ar- beiter und Angestellte nicht, wenn sie Lohn- und Gehaltserhöhungen mit dem Hinweis auf die teuere Lebenshaltung begründen.... Die Folge der teueren Lebenshaltung waren höhere Löhne und Gehälter, die ja auch oft freiwillig gewährt wurden. In Zukunft werden aber die in Aussicht genommenen Gesetze die Un- kosten der Betriebe weiter erhöhen, was naturgemäß weitere Preissteigerungen zur Folge haben wird.... Die Schiffahrt«- abgaben werden der thüringischen Industrie die Roh- stosfe verteuern, Angestelltenversicherung und Re i chs v e rsich e r un g s o r d n un g die Beiträge der Arbeitgeber erheblich st eifern, da« H e i m a r b e i t S« g e s e tz mit den vorgesehenen Lohnämtern den thüringischen, auf die Heimarbeit angewiesenen zahlreiche» Industriezweigen schwere Schädigungen bereiten... Diese Jeremiade über die Wirkungen der inneren Gesetz- gebungen ist noch verhältnismäßig harmlos im Vergleich zu der bösartigen Scharfmacherei und Hetzerei, die gegen die organrserte Arbeiterschaft betrieben werden, Der Bericht wendet sich zunächst dagegen, daß der Industrie noch irgendwelche neue Lasten auferlegt werden, beklagt, daß die Gesetzes« Maschine trotzdem nicht stillstehen werde, ist entsetzt darüber, daß der deutsche Landwirtschaftsrat die Ausdehnung des reichsgesetzlichen Schutzes jugendlicher Arbeiter, d. h. die Heraufsetzung der Alters- grenze für die Beschäftigung in gewerblichen Betrieben fordert, worin jedenfalls eine unlautere Konkurrenz in der AuSbeutungS» freiheit jugendlicher Arbeiter erblickt wird, und fährt dann fort: „WaS eine solche über das Ziel hinausschießende Sozialpolitik für Industrie und Handel bedeutet, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Arbeitszeit und Ar- beitsleistuna werden schon heute von der orga« nisierten Arbeiterschaft spstematisch herunter- geschraubt, während die Löhne st eigen... Zum Teil zeitigten die Arbeiterbewegungen recht bedenk« liche, die allgemeine Sicherheit gefährdende Begleiterscheinungen. Terrorismu» und Ge» Walt machen jede Koalitionsfreiheit hin- fällig. DaS Streikpostenstehen und der dabei geübte Zwang bedeuten einen schlimmen Aus- wuchs unseres Koalitionsrechtes, der beseitigt werden muß. Ein wirksamer Schutz der Arbeits- willigen wird heute mit allem Nachdruck von der Industrie gefordert. Der Staat hat die Koalitions- freiheit geschaften, er muß auch dafür sorgen, daß dieses Recht nicht mißbraucht wird und zum Zwange ausartet. Gegen- über dem Terrorismus hauptsächlich in den freien Gewerkschaften der organisierten Arbeiterschaft haben die Unternehmer alle Veranlassung, die nationale Arbeiterbewegung zu fördern. Diese Bestrebungen müssen aber bereits bei der Jugend einsetzen... die nicht mehr in dem Maße wie bisher dem Einflüsse der staatsfeindlichen Elemente überlassen bleiben dürfe.. Betrachtet man diese Hetze gegen daS Koalitionsrecht der Ar- heiter und zieht ferner in Betracht die gerade auch in Erfurt sehr scharfe Verfolgung sogenannter Streikvergehen, so kann man sich fast des Gedankens nicht erwehren, daß gewisse Kreise damit beabsichtigen,.Material' für eine reaktionäre Revidierung der Straf- gesetznovelle zu schaffen. Selbstverständlich wird an einer anderen Stelle des Berichts auch über die Schädigung des Kleinhandel» durch Konsumvereine geklagt. ES bleibt noch übrig hinzuzufügen, daß die Erfurter Handels- kammer mit ihrem an der Spitze stehenden Syndikus Dr. Allen- darf gänzlich unter nationalliberalem Einfluß steht. Man kann hieraus ersehen, wessen man sich von der Partei der Erfurter Hagemänner zu versehen hat. £Iiis der frauenbewegung» Das Betragen der Dienstboten und das Betragen der Herrschaften. Unter„Gerichtssaal' erschien unter diesem Titel bor einiger Zeit, ich glaube es war in einer der Märznummern der„Täglichen Rundschau', ein Artikel, in welchem weitere Kreise daraus auf- merksam gemacht wurden, daß Herrschaften in ihren Dienstboten- zeugnissen sich nicht nur auf rem tatsächliche Angaben zu beschränken hätten, da sich das Oberverwaltungsgericht auf einen anderen Standpunkt stelle. Bei einem kaiserlichen Lrgationsrat v. K. zu Charlottenburg waren nänrlich Abführpillen in den herrschaftlichen Suppentellern entdeckt worden. Die Suppe war den Herrschaften von einem Diener serviert worden, der seine Unschuld hinsichtlich der Abführpillen beteuerte, ebenso die Köchin Martha K. Diese letztere verließ, so hieß es in dem Artikel, ohne vorangegangene Kündigung, aber im Einverständnis mit der Herrschaft, den Dienst und Herr v. K. stellte ihr ein Zeugnis aus, in welchem er als Anlaß ihres Fortgehens das Vorhandensein von Abführpillen in den Suppentellern angab. Dann hieß es noch in dem Zeugnis,„ihr Betragen ließ zuweilen zu wünschen übrig". Durch diese beiden Stellen, schreibt die„Tägliche Rundschau', fühlte sich die Köchin herabgesetzt, und um eine Berichtigung des Zeugnisses zu erwirken, nahm sie die Behörden in ihren höchsten Instanzen in Anspruch. Der Berliner Polizeipräsident und ebenso der Oberpräsideut lehnten es ab einzuschreiten, und auch das Ober- Verwaltungsgericht wies die Klage der Köchin ab. Der Vorgang mit den Tabletten sei lediglich als Anlaß ihres Scheidens aus den« Dienste wiedergegeben und was den Satz angehe, ihr Betragen habe zuweilen zu wünschen übrig gelassen, so sei damit nur eine sub- jektive Meinung wiedergegeben. Solche Werturteile nach bestem Ermesse» abzugeben seien Herrschaften berechtigt. Dienstboten stehe nicht die Berechtigung zu. ein anderes Werturteil zu verlangen. Ich bin seit langer Zeit als Erzieherin in fremden Häusern tätig, kenn« das Verhältnis zwischen Herrschaften und Dienstboten, wie es in den meisten Fällen üblich zu sein pflegt, genau und muß gestehen, daß ich den Artikel mit sehr gemischten Gefühlen las. Es werden heutzutage leider nur allzudiel Zeugnisse in die Welt gesandt, in welchen der formgewandte, gebildete Mensch, ohne gerade den Buchstaben des Gesetzes zu verletzen, aber doch in raffiniert grausamer Weise dem ohne dies schwer genug mit dem Leben ringenden Angestellten eins auszuwischen sucht, wenn dieser letztere cS mal gewagt hat, sich gegen oft recht ungerechte Anschuldigungen von feiten der Prinzipalität zu verwahren oder nicht hündisch genug ist, eine Entschuldigung zu flüstern, wenn er in unverdienter Weise von der Herrschast brüskiert worden ist.„Ihr Betragen ließ zu wünschen übrig.'— Mich will bedünken, diese Köchin Martha K., welche e» durchaus nicht auf sich sitzen lassen will, was man ihr da aufbürdet, sei ein ehrlicher Mensch,„rotzdem sie den Mund auf dem rechten Fleck zu haben scheint. Und es ist nur nicht recht klar, warum gerade sie mit dem Vermerk von den Pillen das Haus ver- lassen mußte, in dem ja noch andere Bedienstete den Schabernack vollführt haben konnten. Wer engagiert eine Köchin, die ihrer Herrschaft Pillen in die Suppe mischt und deren Betragen zu wünschen übrig läßt? Es ist wohl nicht allein daS Gefühl der Herabsetzung, welches die Köchin K. veranlaßt hat, die Behörden bis zu ihren höchsten Instanzen für sich in Anspruch zu nehmen, sondern bielmehr daS instinktive Bewußtsein, daß mit diesem Zeugnis ihre Existenz vernichtet sei. Wie, wenn sie nun die Pillen, die auS Versehen von Kinderhand oder sonstwie in die herrschaftlichen Teller geraten sein können, nicht hineingetan hätte? Ist es erlaubt, je- mandem, der sich auf ehrliche Art zu ernähren bestrebt ist, die Existenz zu untergraben, nur weil er vielleicht auf eine brüske Anrede in gleichem Tone geantwortet hat?„Ihr Betragen ließ zu wünschen übrig.' Sollte hierin nicht des Pudels Kern zu suchen sein? Ich glaube mit Recht annehmen zu können, daß nicht samt- liche Angestellte des kaiserlichen LegationSratS bei ihrem Abgang die Pillenaffäre ins Zeugnis bekommen werden, was aber der Ge- rechtigkeit entsprechend geschehen müßte, da der Vorgang ja unauf- geklärt>oar. Oder gerade weil er unaufgeklärt war, durfte das Zeugnis der Köchin nicht damit belastet werden. Ich bin weit ent- fernt, den Richtern in dieser Affäre Parteilichkeit vorzuwerfen, aber ich habe mich doch unwillkürlich gefragt, ob das Urteil ebenso aus- gefallen wäre, wenn' sozialdemokratische Richter dasselbe gefällt hätten oder der Herr nicht gerade ein kaiserlicher Lcgationsrat v. K. gewesen wäre. Die Unterdrückung ist die Schöpferin der„Um- sturzpartei", welche man mit scheelen Augen ansieht. Solange es Menschen gibt, die sich ihres Menschentums bewußt und der Kriecherei abhold sind, wird der Satz vom üblen Betragen des An- gestellten in den Zeugnissen paradieren und den dienenden Mit- menschen als„Empfehlung" in feine ferneren Dienste mit- gegeben werden, falls die Gerechtigkeit hier nicht einen Riegel vorschiebt. Auch ich bin ein besserer Dienstbote. Im vorigen Jahre nahm ich eine Stellung bei einer Frau Rechtsanwalt H. in der Ku». fürstenstcaße an. In meiner Eigenschaft als Erzieherin hatte ich täglich 6 Betten zu machen, die Dame des Hauses zu bedienen, zu frisieren, ihr die Stiefel anzuziehen usw., ferner die ausge- dehnte Körperpflege dreier Kinder zu übernehmen, das jüngste zu unterrichten, die schauderhaft zerrissenen Garderoben und Wäsche- stücke sämtlicher Familienmitglied«' in Ordnung zu bringen und zirka 140 Geranien zu begießen, außerdem in verschiedenen Räumen Staub zu wischen und die Kinder zu überwachen. In Anbetracht der großen Ueberküllung in meinem Beruf übernahm ich bei 30 Dt. monatlich diese Srellung und habe meine Pflicht in so gewissenhafter Weise erfüllt, daß die Dame nicht umhin konnte, sich überall lobend über mich auszusprechen. Während der Sommerreise der Herr- schaft war ich mit den Kindern allein und habe den HauShalt aufs sparsamste und gewissenhafteste geführt. Die Dame hatte mir eine Ilnmenge Näharoeit gleichsam als Aufgabe zurückgelassen, auch sollte der Unterricht des Kleinen forciert werden; trotzdem verlangte die Dame brieflich von mir, ich sollte„recht viel spaziere» gehen??!!! Ich löste ineine Aufgabe, indem ick des Nachts am Nähtisch saß. Ter Winter kam und mit ihm das Weihnachtefest. Die Dame gab mir einen Büfettschlüssel, der an einer Durchlöcherung kenntlich war. zur Aufbewahrung. Als ich ihr denselben später wieder über- reichte, paßte er nicht ins Schloß. Auf meine Behauptung hin, paß ich dann wohl nicht den richtigen Schlüssel erhalten hätte, wurde ich eine Lügnerin geschimpft, die den Schlüssel verbummelt und einen anderen genommen hätte, um sich von der Bezahlung des verlorenen Gegenstandes zu drücken. Ich war der Dame als wahrheits- und ordnungsliebend bekannt und dennoch—. Mir kam unwillkürlich der Gedanke, daß unter Ehrenmännern eine derartige Beleidigung mit einer Ohrfeige beantwortet wird und es fiel mir bei, wie doch der Mensch immer noch wie in den finstersten Zeiten nur das i st, was er hat, nämlich der Repräsentant seines Ba- sitztums, mit dem lächerlichen Bedürfnis zu imponieren. Jede be- scheidene Gegenrede meinerseits wurde vom Herrn und der Frau Rechtsanwalt niedergedonnert mit:„Frechheit".„Was wagen Sie" usw. Als im weiteren Zeftenlaufe von mir verlangt wurde, daß ich für das Heißwerden des Badeofens verantwortlich sein solle, da riß mir endlich die Geduld, ich öffnete die Schleusen meiner Beredsamkeit und verließ ohne Kündigung, aber im„Einverständ- nis" mit meiner Herrschaft, das Haus. Der Sturm auf die Barr- kade war geglückt, ich ging vor Weihnachten und klagte nicht, denn der Herr war ja Rechtsanwalt und ich bildete mir ein, daß er Bescheid wisse mit dem Buchstaben des Gesetzes. In meinem Zeug- nis aber stand zu lesen:„Mit ihrem Betragen konnten wir uns. be- sonders in der letzten Zeit, nicht einverstanden erklären,'- Gerichts-Zeitung Di« Fahrerlaubnis für Kraftwagcnführer nach beut neuen Auto- mobilgesctz und der BunbesratSverordnung. Die ersten Fälle, bei denen auf Grund des neuen Gesetzes bei Anträgen auf Ausstellung des Fahrscheins für Kraftwagensührer Schwierigkeiten gemacht wurden, haben jetzt das Oberverwaltungs- gericht als letzte Instanz beschäftigt. Die Bundesratsverordnung, welche auf Grund des Automobilgesctzes vom 3. Mai 130L erlassen worden ist, macht von einer Erlaubnis der höheren Verwaltungs- behörde es abhängig, wenn jemand auf öffentlichen Plätzen und Wegen ein Kraftfahrzeug führen will. Die Erlaubnis ist zu er- teilen, wenn der Nachsuchende seine Befähigung durch eine Prü- fung dargetan hat und wen» nicht Tatsachen vorliegen, die die Annahme rechtfertige», daß er zum Führen von Kraftfahrzeugen ungeeignet sei. Und der§ 40 bestimmt:„Die vor dem 1. April 1010 aus Grund landcsrechtlicher Vorschriften erteilten Zeugnisse zum Eühren von Kraftfahrzeugen behalten bis zum 11. Oktober 1011 ültigkeit. Die Inhaber solcher Zeugnisse haben jedoch bis zum 1. Oktober 1010 die Erteilung eines neuen Führerscheins bei der höheren Verwaltungsbehörde gemäß§ 14 zu beantragen." Der Kraftwagensührer Golombiesli in Charlottenburg kam demgemäß um die Erteilung eines Scheins ein. Der Polizei- Präsident von Kerlin lehnte den Antrag ab, weil er toegen seiner Vorstrafen ungeeignet sei zum Kraftwagensührer. Er neige zu Ausschreitungen. Das sei zu entnehmen aus der im Jahre 1004 erlittenen Bestrafung mit 8 Tagen Gefängnis, die erfolgt sei wegen Mißhandlung und gemeinsamen Hausfriedensbruchs. Damals war G. noch Glaser und hatte als solcher eine Forderung, die er ein- zutreiben versuchte. Er nahm einen Verwandten mit. Er sollte kein Geld bekommen und sein Verwandter trat darauf dem Schuldner zu nahe, was dessen Frau veranlaßt«, auf seinen Ver- wandten loszugehen. Darauf war G. auch tällich geworden, und zwar der Frau gegenüber. Der Oberpräsident der Provinz Brandenburg WieS die Beschwerde G.s, durch welche dieser den ablehnenden Bescheid des Polizeipräsidenten anfocht, ab. Nun klagte G. beim OberderwaltungSgericht und berief sich darauf, daß jene Bestrafung doch sehr weit zurückliege und mit dem Fahren eines Automobils nichts zu tun hätte. Seit 1006 habe er einen Motorwagen geführt und in der ganzen Zeit nur zwei geringe Strafen aus Anlaß dieser Tätigkeit wegen Kleinigkeiten erlitten, zum Beispiel wegen starken Ausströmens von Rauch aus dem Benzinmotor, was leicht mal vorkommen könne. DaS Lberverwaltungsgericht gab der Klage statt, hob den Be- scheid des Oberpräsidenten auf und setzt« die Verfügung des Polizeipräsidenten, durch welche ihm der Schein verweigert worden war, außer Kraft. Begründend wurde ausgeführt: Es sei allerdings irrig, wenn Kläger meine, daß solche Strafen, wie die aus dem Jahre 1004, die nicht auS Anlaß der Führung eines Autos erfolgte, nicht berücksichtigt werden dürfte. Sehr wohl könne aus solchem Falle an sich geschlossen werden» daß jemand wegen Neigung zu Gewalttätigkeiten„ungeeignet" sei zur Führung eines Kraftwagens im Sinne des§ 14 der Bundcsratsverordnung. Dieser Fäll aus dem Jahre 1004 liege aber weit zurück und seitdem seien keine schweren Verfehlungen vorgekommen. Deshalb könne der immerhin schwere Fall von 1004 ihm jetzt nicht mit der Maßgabe entgegen- gehalten werden, daß er ungeeignet sei. Daraus folge, daß die ihm die Erlaubnis versagende Verfügung deS Polizeipräsidenten außer Kraft gesetzt werden müsse. Der Kläger aber möge sich jetzt hüten. Wenn auch nur geringes vorkomme, so könne im Eut- ziehungsverfahren zurückgegriffen werden auf das. was ftüher war. In einem zweiten Falle, den Kraftwagensührer Jänicke be- treffend, erkannte das Gericht zuungunsten des Klägers. Ent- scheidend war namentlich ein betrübender Borfall vom Jahre 1008. Durch zu schnelles Fahren und dadurch bedingtes Schleudern des Slutos war ein Restaurateur, den Kläger mitgenommen hatte, vom Wagen hinunter gegen einen Baum geschleudert worden, was den Tod des Manne» zur Folge hatte und dem Kläger eine Strafe von g Monaten wegen fahrlässiger Tötung eintrug. Wenn auch seitdem nichts vorgekommen sei, so wäre doch die Zwischenzeit zu kurz, Sehr bedenkliche Attentate auf Frauenkleiber hat der Stricker Karl Bauer ausgeübt, der sich gestern wegen Sach- beschädigung vor der ersten Strafkammer des Landgerichts III zu verantworten hatte. Der Angeklagte befand sich am 19. Juni 1010 abends auf einem Rummelplatz an der Landsberger Allee. Er machte sich dadurch verdächtig, daß er sich in auffallender Weise an Frauen und junge Mädchen herandrängte und es wurde fest- gestellt, daß er einer Frau mit einem scharfen Messer kreuzweise einen Schnitt an ihrem Kleide beigebracht hatte. ES lag noch ein zweiter Fall vor, in welchem an denselben Abend auf demselben Platze einer Frau das Kleid zerschnitten worden war. Welche Motive den Angeklagten geleitet haben, kann aus der Tatsache ent- nommcn Werden, daß der Angeklagte inzwischen in Chemnitz wegen Sittlichkeitsvergehens zu 0 Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Das Gericht verhängte über ihn eine Zusatzstrafe von 1 Monat Gefängnis._ Ein eigenartiger Fall der Verletzung bes Peirsonenstanbes führte gestern den Kutscher Max Bluhme und dessen Ehefrau vor die erste Strafkammer des Landgerichts III. Die beiden Angeklagten sind seit 1008 verheiratet, ihre Ehe entbehrte aber des Kindersegens und so kam ihnen ein Zeitungsinserat sehr gelegen, nach welchem eine Mutter ihr unehelich geborenes Kind an gute Leute vergeben wollte. Die Angeklagten nahmen das damals 14 Tage alte Kind an sich und hatten an ihm eine so helle Freude, daß ihr ganzes Sinnrn und Trachten darauf gerichtet war, daß das Kind ihnen dauernd als ihr eigenes verbleibe. Sie gingen mit dem Gedanken um, den kleinen Jungen, den sie sehr lieb gewonnen hatten, zu adoptieren und erkundigten sich zunächst bei einem Winkelkonsu- lenten nach den in solchen Fällen zu unternehmenden Schritten. Der Rechtskonsulent erläuterte ihnen, daß die Sache nicht so leicht sei, vielmehr dazu ein ärztliches Attest für die Ehefrau, ein Gesuch um Dispens bei dem Justizminister usw. nötig sei. Der Rechts- konsulent wußte aber einen Ausweg und riet den Angeklagten, daß der Ehemann die Sache dadurch sehr vereinfachen könnte, wenn er erklärte, daß der Knabe sein natürlicher Sohn und einem Umgang entsprossen sei, den cr mit der unehelichen Mutter gehabt habe. Diesen Rat befolgte der Angeklagte. Er begab sich zu einem Notar und gab eine dahin gehende Erklärung ab, die aber, wie sich in der gestrigen Verhandlung ergab, von den Angeklagten anders gedacht war, als sie aufgenommen wurde. Als dann der Assessor, dem die weiteren Maßnahmen zur Einleitung der Adoption oblagen, die Tatsache auffiel, daß die Angeklagte dieses einem unsittlichen Vex» kehr ihres Ehemannes entsprossene Kind annehmen wolle, bestätigta die Angeklagte, daß ihr Ehemann zu der Mutter des Kindes in Be- ziehung gestanden und daß sie selbst ihrem Manne verziehen habe. Durch Beftagen der Mutter des Kindes ergab sich dann, daß diese mit dem Angeklagten absolut leinen Verkehr gehabt habe und die Erhebung der Anklage war die Folge. Der Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht darauf, daß die Angeklagten aus edlen Motiven ge- handelt Hakan, die geringste Strafe von je 1 Tag Gefängnis. Der Gerichtshof erkannte jedoch auf Freisprechung, da den Angeklagten das Bewußtsein einer strafbaren Handlung gefehlt habe und der Angeklagte die vor dem Notar abgegebene Erklärung in anderem Sinne gemeint hatte._~- Hus aller Melt. Der deutfebe Rund f lug. Am Sonntag starteten in Johannisthal stehen Flieger. denen am Montag noch vier folgten. Das Ziel haben bis jetzt jedoch nur drei erreicht, nämlich bereits am Sonntag um 7 Uhr 24 Min. Lindpaintner(Farman-Zweidecker). Benno König(Albatros-Eindrecker), der um ö Uhr 1 Min. am Montag in Magdeburg landete, und Bruno Büchner(Aviatik-Zwei- decker), der am Montag früh von Johannisthal startete und um 7 Uhr 17 Min. in Magdeburg eintraf. Von den Gestarteten, die das Ziel nicht erreichten, ist endgültig ausgeschieden der Euler-Pilot Otto Reichardt, der wegen Benzinmangels bei Burg niedergehen mußte und dabei den Apparat derart beschädigte, daß er zur Reparatur nach Darmstadt geschafft werden mutz. Auch T h e l e n beschädigte seine Maschine bei einer vorzeitigen Landung schwer, ebenso Vollmöller jEtrich-Rumpler), der wegen Bruches der Kurbelwelle bei Potsdam landete. Er will jedoch, wenn möglich, noch von Berlin aus von neuem die Fahrt beginnen. Zur Wertung der Strecke ist eS notwendig, daß sämtliche Flieger bis zum Schluß des am Dienstag stattfindenden Starts zur zweiten Strecke Magdeburg-Schwerin die erste Etappe Berlin-Mogdeburg zurückgelegt haben. ES ist möglich, daß bis dahin noch mehrere der unterwegs befindlichen Flieger am Ziele eintreffen werden. Wiencziers will erst von Magdeburg ab starten, weil er sich am Sonnabend bei einem Probeflug seinen Morane-Apparat schwer beschädigte. Auch Gorrissen, Jeannin und Paul Lange(der bei einem vor einigen Tagen in Wien vor- genommenen Probefluge mit einem für den Rundflug bestimmten Etrich-Cindecker mit ILO?L-Motor gleichfalls Pech hatte und nun einen anderen Apparat benutzen muß) wollen erst später in den Rundflug eingreifen. Die Flieger haben an die Leitung des deutsches RundflugeS um den B.-Z.-Preis der Lüfte einen motivierten Antrag gestellt, statt um ö Uhr schon um 3 Uhr morgenS auffliegen zu können. Es habe sich während der zwei letzten Tage gezeigt, daß zwischen 6 und 7 Uhr morgens gerade immer mehr heftige Windböen einsetzen, nur so sei eS zu erklären, daß verhältnismäßig viele Flieger kurz vor Magdeburg niedergehen mußten. �» Wieder ein Todesstnrz. Wie ein Telegramm aus Wiener Neustadt meldet. ist bei dem dort am Sonntag begonnenen Wettfluge der österreichische Flieger Vinzenz W i e s e n b a ch mit seinem Flugzeuge aus einer Höhe von etwa 40 Meter abgestürzt. Wiesenbach wurde tot vom Platze getragen. Unwetterkatastrophen in New Uork. Am Sonnabendabend hat ein furchtbarer Gewittersturm New York und seine Vororte heimgesucht und enormen Schaben an« gerichtet. Eine ungeheure Wassermenge stürzte vom Himmel und verwandelte ganze Straßen in Seen. Untergrundbahn- und Straßenbahndienst mußten eingestellt werden. Durch das Eindringen des Wassers zu den elektrischen Zuleitungen ereigneten sich eine ganze Anzahl von Kurzschlüssen. Drei Personen wurden in den Straßen New UorkS vom Blitz getroffen und getötet, mehrere andere durch Blitzschläge leicht verletzt. Ein Vergnügungszug, der mit Hunderten von Passagieren vou Coney Island nach der Stadt zurückkehrte, wurde vom Blitzschlage getroffen. Mehrere Passagiere wurden erheblich verletzt, andere ohmnächtig. JnFlushing auf Coney Island fand in einem Z e l t z i r k u s eine WohltätigkeitS- Vorstellung statt. LlS der Sturm losbrach, versuchten viele Besucher der Vorstellung, nach dem Ausgange zu gelangen. Doch bevor sie ihn erreichen konnten, wurde daS Dach des Zelte« vom Sturme abgerissen. Die Elefanten wurden unruhig und fingen an zu brüllen und die Leute eilten in wilder Panik dem Ausgange zu. Frauen und Kinder wurden umgerissen und getreten. Schließlich brach der ganze ZirkuS zusammen. ES dauerte stundenlang, ehe man alle Personen auS den Trümmern hervorziehen konnte. Sonderbarerweise ist niemand getötet worden. Ein Dutzend Personen mußte schwerverletzt nach dem Hospital gebracht werden, während zahlreiche andere mit leichten Verletzungen davongekommen sind. Kleine Notizen. Verhafteter Falschmünzer. Bei der Haussuchung eines der Falsch« münzerei verdächrigen Haushälters Mufchke in Breslau wurden Apparate zur Herstellung von Ein- und Zweimarkstücken sowie mehrere Hundert Stück dieser Geldsorteu vorgefunden. Muschke ist geständig, bereits mehrere Hundert dieser Geldstücke, die sehr gut gemacht sind, verausgabt zu haben. 30 Personen ertrunken. In der Nähe der russischen Ortschaft U g l i t s ch ist bei der Fahrt über die Wolga eine Fähre, die mit Me» scheu ü b e r l a st e t war, gesunken. Dreißig Personen kamen in den Fluten nnr. Selbstmord eines Künstlers. Der Wiener Tonkünstler Joseph Fiedler hat mit seiner Gemahlin in seiner Villa Mals Selbst- nr o r d verübt. DaS Motiv zur Tat ist ein unheilbares Leiden Fiedlers. Der Tod in den Flammen. In einem Liverpooler Ge« schäftshause kam in der letzten Nacht ein Brand auS. Der Ge- schäftsinhaber, seine vier Kinder und sein Bruder stnd bei dem Brande umgekommen. WafferstandS-Stachrtchteu der LandcSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburean vasterftand Saale, Grochlltz Havel, Spandau') . Rathenow') Spree, Sdrencherg') , LeeSlow Weser, Münden , Rinden, Rhein, Mctxirn jOsisau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim W o I« l. Trier am 11. S. CIN 84 26 27 74 72 -103 -26 469 243 231 56 34 feit 10. 6. orn1) —4 _ 2 +11 -0 +4 —1 +2 0 -4 -3 —1 -3 *)+ bedratet Such».- Soll.— 1 Uvlerpegu. lilüSij Todes-Anzeigen SsiialilMükrat. Mrerelo für den 2. Berl. ßeiebstagswalreis. (Bezirk 110a.) Am Sonntag, den 11. Juni, verstarb an den Folgen einer Operation unser Mitglied WilKdm Karius Hasenheide 56. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Mittwoch, den 11. Juni, nachmittags 4'/, Uhr. von der Halle des Krcuz-Kirch- hoscs, Mariendors, Eijenachcr Straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Kopemvßu Sozialdemokrat. Mlvereiö. Den Genossen hiermit zur gefälligen Nachricht, daß unser Mit- glied, der Heizer Kar! �imkdberg im Kreiskrankcnhause zu Britz verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 13. Juni, nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- Halle des hiesigen Friedhoses aus statt. 202/18 Um zahlreiche Beteiligung er- sucht vei» Vorstand. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, Eisen- daß unser Kollege, der Platzarbeiter ]3mil Rohde am 9. d. M. im Alter von 26 Jahren verstorben ist. 68/12 Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 13. d. MtS., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Emmaus- Kirchhofes, Rixdorf, Hermannstraße, aus statt. Die Bezirksverwaltung. oeulseder öuedbinäer-Verb!»«!. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern die traurige Mitteilung, daß am 9. Juni unser Kollege, der Etuisarbeiter Qswsssld Weiß plötzlich gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 13. Jum. nach. mittags 5 Uhr, aus dem Weißen- seeer Gemeindejriedhos in der Rölckestraße statt. Rege Beteiligung erwartet 24/5 Die Orteverwaltnng. Dauksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die schönen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Gatten sage ich allen Wer- wandten, Freunden und Kollegen meinen herzliche» Dank. 4631L Wwe. Anna Anlczak. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied, der Metall- arbeiter Wilhelm Schneider am 8. d. D!. an Blinddarmleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 13. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Gemeinde-Friedhoses Tegel aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. �tackrut» Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher Hermann Völker gestorben ist. Ehre ihrem Andenken! 118/3 Die Ortsverwaltung. Am Sonnabend, den 10. Juni, starb nach langem, schwerem Lei- den an der Berusskraukheit unser herzensguter und sorgsamer Vater, Schwicger- und Großvater, der Zigarrensabrikant August Escbberger. Dies zeigen tiesbetrübt an llmma ssrleilrich geb. Escbberger. Karl Friedrich nebst Kind. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 13. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Britzer Gemeinde-Fried- hoss aus statt. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine innigstgeliebte Frau, unsere herzensgute Schwester, Schwäge- rin, Nichte und Tante DeliiiS Robrat geb. Wünsche nach einem schweren Leiden im Alter von 45 Jahren sanst ent- schlafen ist. Schmerzersüllt zeigt dteS an und bittet um stille Teilnahme im Namen der Hinterbliebenen August Dobrat, Schönleinstr. 4. Die Beerdigung findet am Mittiooch, 14. Juni, nachmittags um 5 Uhr, von der Kapelle des städtischen Friedhofs in Friedrichs- selbe aus statt. 2212b Danksagnng. Jür die Beweise herzlicher Teil- nähme und Kranzspenden bei der Beerdigung unseres Baters.Schwiegcr- und Großvaters 2205b August Ilmmermann sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, den Mitbewohnern des Hauses, dem Gesangverein„Mai- bund", dem Lottenevercin„Glück- spinne', und dem Wahlverein, Bezirk Wittenau, unseren besten Dank. Im Namen der Hinterbliebenen: W. üglnimerniann, Wittenau. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung unserer lieben Mutter sagen wir allen Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. Iturt Buslcpp 2211b und Geschwister. Am Sonnabend, den 10. Juni, vormittags 11'/� Uhr, verschied nach langem, sehr schwerem Leiden meine liebe Frau, unsere gute Mutter, Schwieger- und Großmutter �.uxuste Schulz geb. Krüger im 63. Lebensjahre. 2204b Um stilles Beileid bitten vi« traaernden Hinterbliebenen. Petershagen bei Fredersdorf, den 11. Juni 1911. Die Beerdigung findet heute Dienstag, nachmittags 3'/, Uhr, vom Traucrhause, Petershagenbei Fredersdorf, Hennikendorser Straße, aus statt. vis immsr, ko-ukt zur Reisezeit für Die Hausfrau praktisch, die ganze Familie Florians Zahnpflege-Kasten, Zahnpulver, Zahnbürste, Mundwasser. Preis zus. nur M. 1.—. Zu haben in Konsumvereinen, Genossenschaften und einschlägigen Geschäften sowie direkt 10 Stück M. 8,50, 24 Stück M. 1%— franko Nachnahme durch Arthur Wasservogel, G. m. b. H., Berlin W. 50, oder durch die Chemischen W erke Florian& Co., Britz-Berlin. Wirtschaftsverkauf! Beabsichtige sofort meine in Briesenhorst gelegene Wirtschaft mit zirka 87 Morgen gutem Land, Wald. Wiesen, sehr preiswert zu oerkaufen mit voller Ernte und Inventar. Herrlich am Walde gelegen. Seltenes An- gebot. Anzahlung 3—4000 M. 2213b» A. Schulz, Bäckermeister, Briesenhorst, KreiS Landsberg a. B. Dauer bis 18. 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In diesem zwischen Rosenthaler Tor und Gartenplatz sich erstreckenden Wahlbezirk, der von der Entvölkerung aller älteren Stadtteile Berlins gleichfalls längst in Mitleidenschast gezogen worden ist, hat schon seit einer Reihe von Jahren die Zahl der Wahlberechtigten sich andauernd verringert. Auch in der Zeit vom Juli vorletzten Jahres bis Juli letzten Jahres ist hier eine weitere Verminderung eingetreten, so daß für den 37. Bezirk die Liste von 1910 nur noch 5679 Wahlberechtigte enthielt. Seit der Aufstellung dieser Liste ist jetzt fast wieder ein Jahr vergangen, und zwischen ihr und der jetzigen Ersatzwahl liegen die beiden großen Umzüge vom Oktober vorigen Jahres und vom April dieses Jahres. Zahlreiche Wahlberechtigte, die im Sommer 1910 im 37. Kommunalwahlbezirk wohnten und in seine Wählerliste aufgenommen wurden, werden in- zwischen aus ihm weggezogen sein. Die in derselben Zeit neu zugezogenen Wahlberechtigten, deren Zahl sicherlich wieder geringer als die der weggezogenen Wahlberechtigten sein wird, kommen für die jetzige Ersatzwahl noch gar nicht in Betracht, weil sie ja noch nicht in der Liste für 1910 standen. Umsomehr müssen alle unsere Genossen, die im 37. Kommunal- Wahlbezirk zur Teilnahme an der Ersatzwahl berechtigt sind, es als ihre P fli ch t ansehen, Gebrauch von ihrem Wahl- recht zu machen und am 14. Juni ihre Stimme ab- zugeben für den Stadtverordnetenkandidaten der Sozial- demokratie, den Schriftsteller Max Grunwald. Das 8ilt nicht nur für diejenigen, die im 37. Wahlbezirk wohnen. lach wer aus ihm weggezogen ist, nimmt noch an der Ersatz- wähl teil, sofern er im Sommer 1916 in der Wählerliste dieses Bezirks stand. Keiner der weggezogenen Wahlberechtigten dieses Bezirks sollte eS für eine z« große Mühe halten, sich «och einmal nach seinem früheren Wahlbezirk zu begeben«nd dort fei» Wahlrecht auszuüben. Für die Stimmabgabe ist die Zeit von morgens 10 Uhr bis 8 Uhr abends festgesetzt, es wird also den meisten Wählern möglich sein, selbst aus größerer Entfernung noch rechtzeitig zum Wahllokal zu gelangen. Welche Straßen und Grund- stücke zum 37. Kommunalwahlbezirk gehören uuo in welchem der drei Wahllokale jeder Wähler seine Stimme abzugeben hat, das ist aus der im„Vorwärts"(Nr. 134 vom letzten Sonntag) veröffentlichten Zusammenstellung ersichtlich. Jeder, der Kollegen oder Bekannte hat, die im Sommer 1910 als wahlberechtigte Einwohner des 37. Wahl- bezirkes in die Wählerliste aufgenommen sein müssen, der sollte sie unter Hinweis auf jene Zusammen- stellung an ihre Wahlpflicht erinnern. Keine Stimme darf dem Stadtverordnetenkandidaten der Sozialdemokratie, SchriWeller Max Grunwald. verloren gehen! partei-Ungelegenkeiten. Dritter Wahlkreis. Für die Bezirke 246—249 findet am Mit. woch ein gemeinsamer Zahlabend mit einem Vortrag des Landtags- abgeordneter Paul Hirsch bei Gliesing, Wafiertorstr. 63, statt. V. KreiS, II. Abteilung. Gemeinschaftlicher Zahlabend der Wahlbezirke 420—427 in den.KönigSsälen", Neue Konigstr. 26. Vortrag der Genossin Ida Sltmann:»Partei, Kirche und Kirchen- austritt". Bohnsdorf. Am Mittwoch(Zahlabend) beim Genoffen Schäfer in Fallenberg: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Tages» ardnung: BereinSangelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Trebbin. Am Sonnabend, den 17. Juni, abends S'/z Uhr, im Schützenhaus: Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: Kasse und Aufnahme neuer Mitglieder. Parteiangelegenheiten. Jahresbericht deS Vorstandes. Neuwahl deS Vorstandes und sämtlicher Funktionäre. Pankow. Am Mittwoch finden wieder gemeinschaftliche Zahl- abende statt und zwar für die Abteilung Nord im Lokal von Rozicki, Kreuzstr. 3/4, für die Abteilung S ü d im Lokal von Rööler (Türmchen), Kaiser-Friedrich-Str. 13.• In diesen Zahlabenden sollen die Vorschläge zur Besetzung der Funktionäre in der Bezirksleitung erfolgen. Die Bezirksleitung. Spandau. Heute Dienstag, abmdS S'/, Uhr, bei Fritz Böhle, Havelstr. 26: Volksversammlung. Der Vorstand. berliner JVacbricbtcn. Der Kornblumentag in Preußen soll am 16. Juni in Szene gehen. Auch Groß-Berlin wird an diesem Tage seinen offiziellen Kornblumentag haben, nach- dem bereits kleinere Orte einen früheren Termin genommen haben. Bereits mehr als fünf Millionen Kornblumen und zwei Millionen Postkarten wurden versandt. Der Kaiser hat für die Garde-Regimenter den Ankauf von 30000 Post- karten befohlen. Die Margaretentage werden natürlich nach wie vor stattfinden. Aus bürgerlichen Kreisen melden sich immer mehr Stimmen, denen es selber zuviel wird mit diesen Blumentagen. Kornblumentag in der Kleinstadt. Eine Berlinerin schreibt unS aus einer pommerschen Klein« stadt: Am Sonntag hatten wir hier den mit großem Trara und Bumbum schon wochenlang vorher in den Amtsblättern angekündigten patriotischen Kornblumentag. Veranstalter war unter behördlicher Protektion natürlich der Militärverein am Orte; die Bettelgroschen sollen in die Kasse des Deutschen Kriegerbundes für dessen Waisen- Häuser fließen. Die zahlreichen Armen der Stadt bekommen keinen Deut davon. Außer Kornblumen gelangten auch patriotische Post- karten zum Mindestpreise von je zehn Pfennig zum Verkauf. Wer das Kleinstadtleben und seinen Kastengeist kennt, kann stch lebhaft vorstellen, welche Ausregung den bis auf die Fuß- Uppen patriotisch durchtränkte» Teil der neuntausend Einwohner erfaßt hatte. Obwohl durch Gratisinserate sämtliche Stände zur Beteiligung aufgerufen waren, sind die Blumenjungfern, die sich zum Verkauf meldeten, siebenmal gesiebt worden. Wessen Familie nicht als politisch völlig stubenrein gilt, durfte nicht mitmachen. So bestanden die neunzig Kornblumenmädels durchweg aus Damen, deren Eltern oder Männer auf Hurraschreien gedrillt sind. Schon in aller Morgenstühe wurden wir Berliner Sommer- frischler angebettelt. Unbezahlbar waren die Blicke der mit patriotischen Schleifen geschmückten jungen und alten Anreiße- rinnen, als wir ohne Heuchelei erklärten, für solchen Rummel auch nicht einen Pfennig übrig zu haben. Unsere Meinung mutzte sich wohl herumgesprochen haben, denn bald beglückte uns ein Stadt- sergeant, der sich an unsere Fersen heftete, mit seiner Aufmerksam- keit. Mehrmals traten uniformierte Kriegervereinler an uns heran und wiesen aufdringlich auf die Bedeutung des Tages hin. Während des Hauptgottesdienstes sollte der Straßenbettel unterbleiben. Umsomehr wurden die Frommen und die Frömmelnden abgefangen, als sie aus der Kirche traten. Der Klingelbeutel ging also diesmal außerhalb der Kirchenmauern herum. Am breitesten machten sich die Blumen- und Kartenverkäuferinnen auf dem Bahnhofe, den die Eisenbahn- direttion zum Verkauf freigegeben hatte. Viele Reisende schimpften in allen Tonarten, daß sie auf keinem Provinzbahnhofe mehr vor dieser Patriotensteuer sicher seien und sich oft gerade- zu loskaufen müßten, um nicht fortgesetzt belästigt zu werden. Die Geschäftsleute der Stadt waren schon vorher kräftig geschröpft worden. Manche hatten, da sie von einer bestimmten Kundschaft abhängig sind, Kornblumen bis zum Bettage von hundert Mark zum Schmuck der Schaufenster sich aufhalsen lassen müssen. Am Sonnabend kündigte ein Amtsblatt das Erscheinen des Oberpräsidenten zum Kornblumentage an. Sofort stieg das Patriotenthermometer beängstigend. Reichsdeutsche Fahnen flatterten, vorsintflutliche Zylinderhüte wurden in aller Eile aufgebügelt, Fracks und Uniformen aus dem Motten- schrank gezogen, Begrüßungsarien im stillen Kämmerlein ein- studiert. Aber zu Ehrenpforten langte die Zeit nicht mehr. Wer aber nicht kam, war der schon in Abwesenheit mit echt patrio- tischer Schwanzwedelei Gefeierte. So haben hier oben in.Pommer» die kleinsten Nester ihren Kornblumentag. Der Beginn des deutschen RuudstugeS am Sonntag früh hatte gewaltige Menschenmaffen nach Johannisthal hinausgezogen. Infolge der gewaltigen Reklame der Veranstalter machten sich schon kurz nach Mitternacht zahl- reiche Personen auf den Weg nach dem Startplatz. Es wird uns darüber berichtet: Noch lag ttefes Dunkel über dem Treptower Park, noch brannten die Laternen auf der endlosen Treptower Chaussee, als es am Schlesischen Busch, am Anfang des Parkes lebendig zu werden begann. Die Besucher der Stehplätze, die einen Morgenspaziergang durch den Wald der Eisenbahnfahrt vorzogen, Männlein und Weiblein zogen hinaus nach dem 18 Kilometer von Berlin entfernten Felde. Gegen S1/� Uhr setzte dann der Autoverkehr ein. der bald so gewaltig wurde, daß es in Johannisthal infolge der mangelhaften polizeilichen Vor- kehrungen zu langwierigen Verkehrsstörungen kam. Wer in Berlin um diese Zeit eine Autodroschke verlangte, konnte selbst um den erhöhten Preis einen Kraftwagen nicht auf- treiben. Die Zahl der auf dem Flugplatz haltenden Auto- mobile dürfte etwa 1500 betragen haben. Die Hochbahn sowie die Straßenbahn vermochten auch nicht im entferntesten die an den Haltestellen harrenden Fahrgäste zu be- fördern, obwohl diese Verkchrsinstitute alles der- fügbare Wagenmaterial in den Verkehr gebracht hatten. Zu sehr erregten �Szenen kam es auf dem Görlitzer und den Stadtbahnhöfen. Das Publikum, das die Bahnsteige überflutete, stürmte die Züge erkletterte die Wagen- dächer, stieg in die Gepäckwagen und machte zum Teil auf den Trittbrettern stehend die Fahrt nach Johannis- thal mit. In den Coupees standen und saßen, lagen in den Gepäcknetzen und unter den Bänken 30 bis 36 Personen. Zahlreiche Frauen und Mädchen wurden ohnmächttg und mußten auf den Zwischenstattonen aus den Zügen heraus- gebracht werden. Trotz dieser schwierigen Fahrt waren die meisten Fahrgäste in vorzüglicher Laune und der echte Berliner Humor trieb wieder einmal seine schönsten Blüten. Viel Heiterkeit erregte die Beförderung einer Militärkapelle auf der Eisenbahn. Das Musikkorps mußte Punkt 5 Uhr seinen Dienst auf dem Flug' platz antreten, sah jedoch keine Möglichkeit mitzukommen Der„Pauker" rettete jedoch die Situatton. Im Augenblick schwang er sich auf das vordere Drehgestell der Maschine und nahm mit seinem umfangreichen Apparat vor dem Schornstein zwischen den Puffern Platz. Sein Beispiel wirkte zündend. Im nächsten Augenblick hatte die gesamte Kapelle die Loko- mottve erklommen und konnte so rechtzeitig den Einzug in Johannistal halten. Es wurde jedoch allgemein darüber Klage geführt, daß auf der Stadtbahn und dem Görlitzer Bahnhofe nur ein oder zwei Schalter geöffnet waren, die selbstverständlich den Riesenaudrang nicht bewältigen konnten. Vom Bahnhof Niedcr-Schöneweide flutete unaufhaltsam zu beiden Seiten der Chaussee ein breiter Menschenstrom nach den Billettschaltern. Da naturgemäß die Abfertigung trotz der vorhandenen zahlreichen Verkaufsstellen nicht schnell genug erfolgen konnte, so durchbrach die Menge die Um- zäunungen an vielen Stellen und stürmte auf den Platz, ohne daß die Gendarmerie dem Unfug steuern konnte. Gegen 5 Uhr morgens waren die Tribünen und Startplätze völlig ausverkauft. Kurz nach 5 Uhr morgens starteten die ersten Flieger. Von den 24 angekündigten Fliegern beteiligten sich am Morgen nur sieben und riefen bei vielen Zuschauern große Enttäuschung hervor, die sich oft in nicht mißzuverstchenden Aeußerungen Luft machte. Nachmittag 4 Uhr sollte ein anderer Teil starten, es kam aber nur zu einigen Rundflügcn. Ueber die Flugfahrt selbst berichten wir an anderer Stelle. Eine Versammlung der Taubstumme» Groß-BerliaS. DaS politische Getriebe erfaßt Leute aller Kreise. Kein Stand, keine Schicht kann sich den brennenden Tagesftagen gegenüber teil- nahmSloS verhallen. Lebensinlereffen, Aufgaben wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Bedeutung sind eS, um die so heiß gestritten wird und deren endgültige Lösung um so dringender erscheint, je gedrückter und ungünstiger die Lage einer Kategorie von Menschen ist. Hier stößt man denn auch auf empfänglichen Boden, wo der Samen sozialistischer Aufklärung am ehesten und kräftigsten Wurzel schlägt. So hat die Idee der Menschheilserlösung auch bei jenen Eingang gesunde», die bis dahin einsam und unbeachtet an der Außenseite des Lebens wandelten, denen die Natur grausamerweise einen Teil der besten Sinne versagt hat. In die Reihen der blinden Proletarier ist der Sozialismus gedrungen und hat ihnen einen Lichtschein in ihr dunkles Dasein gebracht, und der letzte Sonntagnachmittag hat die erfreuliche Tat- fache ergeben, daß auch die Taubstummen nicht untätig abseits stehen wollen, sondern mit erstaunlichem Interesse ihre Aufmerksamkeit den politischen Vorgängen widmen., Hiermit ist der erste Schritt zur Sammlung der über Groß- Berlin berstreuten Taubstummen getan— der Weg zur weiteren Entwickelung ist frei. Es waren ihrer zirka 300— darunter auch Frauen, die da gekommen waren, um Stellung zu nehmen zu den kommenden ReichstagSwahlen, über welches Thema der Genoffe S.Meyer, in seiner Art refenerte und zwar recht geschickt und wirkungsvoll, wie sich aus dem be- geisterten Beifall der Anwesenden ersehen ließ. Dasselbe trifft für den nachfolgenden Genossen Puist zu. In dem Gebärden- und Zeichenspiel kam ein reichentwickeltes Innenleben zum Ausdruck— es unterliegt keinem Zweifel, daß die Zuhörer den ganzen auf- reizenden Charakter der angeführten politischen Ereignisse gebührend zu würdigen wußten. Die Vorgänge im Reichstag, die Taten des schwarz-blauen Blocks, die Verteuerung der Lebensmittel, das Ver« halten des Freisinns, die unheilvolle Machtentfaltimg deS Kapitals— alles ließen die beiden Genossen sowie die nachfolgenden Diskussionsteilnehmer mit drastischen Gebärden vorüberziehen. Deshalb müßten auch die taubstuinmen Proletarier zusammenstehen und Mann für Mann der Sozialdemokratie sich an- schließen 1 Rauschendes Händeklatschen zeugte dafür, daß die Dar- legungen die Versammelten gepackt hatten. Aber nicht nur ideelle Erfolge brachte die Veranstaltung, nein, auch praktische Ergebnisse waren zu verzeichnen. Ein großer Teil der Anwesenden ließ sich sofort in den Wahlverein aufnehmen und auch bei den anderen wird der zweite Anhieb nicht vergebens geführt werden. Immerhin kann das Agitationsfeld noch erweitert werden, denn Groß-Berlin allein beherbergt einige Tausend Taubstumme. Hierzu wird die Wahl eines Verttauensmannes, die einstimmig auf Genosse Meyer fiel, wesentlich mit beitragen. Eine Begrüßungsdepesche aus Hagen- Schwelm, wo zu derselben Zeit ebenfalls die taubstummen Genossen tagten, wurde mit stürmischem Jubel aufgenommen. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie endete die eigenartige Veranstaltung. Die Polizei hatte offenbar nicht gewußt, wie sie sich dieser Ver- sammlung gegenüber verhalten sollte. Immerhin—»zwar sichtbar nicht, doch fühlbar, von JagowS Geist umschwebt'.. H war auch diese Zusammenkunft!_ Ein ElendSbild. Ein Leser unseres Blattes schreibt unS? „Ich befand mich am Sonntag mit meiner Familie auf einem Spaziergang durch die Jungfernheide. An der südlichen Wald- grenze der Heide westlich von der Tegeler Ghauffee trafen wir eine aus Mann, Frau und sechs Kindern bestehende Familie, die ihr ganzes Hab und Gut in einem gebrechlichen Kinderwagen und in zwei Handmarkttörben hatten und die dort kampierten. Vor zirka 14 Tagen habe ich dieselbe Familie durch die Kolonie Nonnendamm ziehen sehen. Neugierig gesellte ich mich auch zu den Zuschauern, die dort schon um diese mitleidigen Geschöpfe standen. Ich fragte das Familienoberhaupt, wie es möglich sei. daß er vor 14 Tagen durch die Kolonie Nonnendamm zog und heute sich erst hier befände? Darauf erwiderte mir der Mann folgendes:„Ich heiße Eduard Fritsche, bin 41 Jahre alt, habe sechs Kinder, wovon das älteste 11 Jahre zählt. Ich habe von 1967 bis 1969 auf dem Vorwerk Selbelang— hinter Nauen gelegen—, einem dem Herrn Rittergutsbesitzer v. Elxleben gehörenden Rittergute, gearbeitet. Dort habe ich mir den rechten Oberschenkel gebrochen. Nachdem ich meiner Arbeit nicht mehr nachgehen konnte, wurde ich aus der Arbeit entlaffen. Von einem Ort zum anderen wandernd, war ich die letzte Zeit in der Uckermark; bin aber wieder arbeitslos geworden, da mich keiner als Invaliden behalten will. So kam ich mit meiner Familie auf der Wanderung hierher, und lebe hier im Walde." Es war ein Bild des Elends, des Jammers, und Mitleid ergriff jeden, der es mit ansah. Die Eltern ziemlich abgestumpft von ihrem Elend, die unschuldigen Kinder schmutzig, barfüßig, ohne Brot, ohne Erziehung, ohne Schulbesuch, kauern sie alle an der Erde, mit Ausnahme des jüngsten im zweiten Jahre stehenden, welches im Habseligkeitswagen in Lumpen gehüllt daliegt. Drei oder vier Kinder sind bereits schulpflichtig. Auch die Mattier ist scheinbar wieder in guter Hoffnung. So lagert die Familie, von Sonntagsausflüglern angestaunt, hilflos auf königlich preußischem Grund und Boden, und keiner hilft. Und die, die helfen möchten, können nichts weiter tun, wie die Polizei benachrichtigen; von dort mutz Hilfe gesandt werden. Unter Tränen des Mitleids er- zählt mir eine Frau, wie ihr Mann persönlich nach dem Polizei- revier Charlottenburg, Königin-Elisabech-Stratze, gegangen wäre, um Hilfe für die Obdachlosen zu holen; leider wäre er dort ab- gewiesen worden, da die Leute nicht ortsansässig wären. Von mitleidigen Leuten wurden den dem Hunger und Elend Preis- gegebenen einige Groschen überreicht." Von anderer Seite wird uns die obige Darstellung bestätigt. Der Mann könne dauernde Arbeit nicht finden; er bezieht infolge seines Unfalles IS M. monatliche Rente. Hat der Mann Arbeit, so wird er nach einigen Tagen wieder entlassen, weil er zu schweren Arbeite« infolge seines Unfalls zu schwach ist. Die Kinder sind in einem Alter von 11. 16, 9, 8, 4 und 114 Jahren und haben in letzter Zeit aus der Erholungsstätte in der Jungfern- Heide etwas Essen erhalten. Aüf die Dauer ist dieser Zustand unhaltbar. Die Polizei sollte sofort feststellen, in welcher Gemeinde die Leute Unterstützungswohnsitz haben und die betreffende Gemeinde zum Unterhalt anhalten. Natürlich werden auch dann nur Bettelpfennige gegeben werden, die zum Sattessen zu wenig und zum Verhungern zu viel sind. Angesichts solcher Zustände klingt eS wie blutiger Hohn, wenn in die Welt hinausposaunt wird, in welch großartiger Weise in Deutschland sür die Arbeiter gesorgt ist bis ins hohe Alter hinein.... Auf dem Gcmeindcfriedhofe in Friedrichsfelde, der beretts eine größere Zahl prächtiger Begräbnisstätten und Monumente enthält. hat neuerdings auch Baron von Bleichroeder eine Fläche von 166 Quadratmetern Größe zur Errichtung eines Mausoleums er, worben. Um Selbstentzündungen aufgestapelter Preßkohlen zu vermeiden, ime sie in letzter Zeit wieder mehrfach, vorgekommen sind, müssen bei der Packung der Kohlen lotrechte Luftkanäle von wenigstens 166 Quadratzentimetcr Querschnitt in Abständen von je 1 M e te r in der Breite und Tiefe angelegt werden. Diese Kanäle lassen sich leicht dadurch herstellen, daß zwei Preßkohlen mit 6 Zenti» meter Zwischenraum als Läufer und darüber gleichfalls zwei Preß- kohlen mit dem gleichen Zwischenraum als Binoer durch den ganzen Stapel flach hingelegt Kerken, so i>aß nicht Nu? ein seplrechle� fondern auch awci sich kreuzende horizontale Kanäle gebildet werden� Die hierdurch stattfindende Lufterneuerung erscheint geeignet. Selbstentzündungen der Preßkohlen zu verhindern. Die Höhe der einzelnen Stapel mutz ferner so bemessen sein, datz zwischen Kohlem stapel und Decke noch ein Aivischenraum von mindestens 30 Zenti- mcter bleibt. Außerdem ist für reichliche Entlüftung der Lager- räume zu sorgen. Fenster dürfen nicht verbaut tverden, sie müssen jederzeit zugänglich sein. DaS Revolverattentat in der Friedrlchstraßc. Den Bemühungen der Berliner Kriminalpolizei ist es noch mit Hilfe der Daklyloskopie gelungen, die Persönlichkeit des bisher unbekannten Mannes fest zustellen, der Sonnabend mittag im»Norddeutschen WirtShanS' in der Friedrichstrabe 114a den Schutzmann Lucht vom sechsten Polizei revier niededschotz und sich dann selbst tödlich verletzte. Der Mörder ist der 27jährige, langgesuchte Verbrecher Fritz Hugo Görmar, der trotz seines jugendliche» Alters schon zahlreiche schwere Straftaten begangen hat. Dur� die Alten wurde ermittelt, daß er schon wiederholt im Gefängnis.und im Zuchthaus gesessen hat. Görmar wurde seit kurzem polizeilich zeucht, da er abermals eine Strafe zu verbüßen hatte. Er pflegte stets n.'it großer Sicherheit und in sehr eleganter Kleidung aufzutreten. Auch tutl Sonnabend war er ganz neu gekleidet. Er trug einen modernen, brant'gestreiften Jackettanzug mit roten Punkten, eine hellgraue Tuchweste mit großen aufgesetzten Taschen und neue schwarze Schnürstiefel mit Lackspigen. Die Leiche des Mörders wurde mehrfacy photographicri und dann von der königlichen Klinik nach dem Schauhause gebracht. Binnenschiffahrt. Auf Ersuchen des Gerichts hat die Handels- kammer zu Berlin folgendes Gutachten erstattet: Im Binnenschiff- fahrtsverkehr mit Baggcrkies von der Oder nach Berlin bilden die Mühlendammschleuse, die Schleuse an der Stechbahn und die chere Schleuse, Tiergartenschleuse, die Grenze zwischen�„Berlin oberhalb" und„Berlin unterhalb". Der Urbanhafen gehört dem- nach zu„Berlin unterhalb", jedoch wird für Sendungen von der Oder der Regel nach hierher nur die Fracht für„Berlin oberhalb" zuzüglich der verauslagten Schleusengebühren vereinbart. Für Charlottenburg und Charlottenburger Ufer werden im allgemeinen die gleichen Frachtsätze wie noch„Berlin unterhalb" gezahlt. Für den Nordhafen erscheint ein Zuschlag von 15 anstatt 10 Ps. über „Berlin oberhalb" als Entgelt für die infolge Ueberfüllung häufig erforderliche längere Wartezeit berechtigt. Da der Kordhafen nicht im Stadtgebiet von Charlottenburg liegt, so läßt die im Schluß- schein enthaltene Wendung..Charlottenburg. Nordhafen", unseres Erachtens keine andere Auslegung zu, als daß auch für die im Char- lottenburger Stadtgebiet liegenden Löfchstellen der gleiche Zuschlag wie für den Nordhafen in Ansatz kommen soll, obwohl ein der- artiger Zuschlag ungewöhnlich ist. Die Taschendiebe beim Deutschen Rundflug. Gmen reichen Erntetag hatten am Sonntag die Berliner Taschendiebe. Aus An- laß des Deutschen Rundsluges. der Hunderttausende von Menschen nach dem Flugplatz in Johannisthal lockte, hatten sich auf den hiesigen Bahnhöfen ganz enorme Menschenansammlungen entwickelt. Kopf an Kopf gedrängt standen die Mengen, und für die Taschen- diebe war es unter diesen Umständen ein leichtes, ihrem verbreche- rischen Handwerk nochzugehen. Es wurden eine ganze Anzahl von Taschendiebstählen verübt. Besonders unangenehm bemerkbar machten sich die Spezialisten auf dem Bahnhof Friedrichstrafx und am Alexanderplatz, wo sie ergiebige Beutezüge veranstalteten. Auch draußen in Johannisthal waren die Taschendiebe„fleißig". Einige der Diebe konnten auf frischer Tat ertappt und der Polizei über- geben werden. Ein Erzschwinbler, der schon viele Leute um ihre Ersparnisse betrogen hat. ist von der Kriminalpolizei wieder einmal hinter Schloß und Riegel gesetzt. Der„Papierfabrilant" Albert Roth«, mit dem sich die Strafbehördcn unausgesetzt wegen Kaution-- schwinde! zu beschäftigen haben, kam Mitte Februar wieder einmal aus der Strafanstalt heraus. Er hatte zuletzt in der Skalitzer Straße einen kleinen Raum gemietet, etwas Papier und Kleister hineingeschafft und aus dem stanzen eine Tütenfabrik gemacht� für die er nun Reisende, Buchhalter und Kassierer mit möglichst hohen Bürgschaften anstellte. Nach Berbüßung der letzten Strafe ver- suchte er, seiner„Fabrik" einen etwas befleren Anstrich zu geben. Sein neuer„Fabrikraum" in der Neuen Hochstraße 4 war zwar auch nicht viel größer als die alten, aber er mietete noch einen Stall hinzu und hielt sich einen Gaul und einen Geschäftswagen. Dieser Vergrößerung des Betriebes entsprechend dehnte er auch die Schwindeleien aus. Nach und nach nahm er 20 Hausdiener, Kutscher. Buchhalter und Kassierer an, obwohl in der Fabrik kaum einige Dutzend Tüten hergestellt wurden. Der Schwindler verstand es vorzüglich, die Leute so zu beschäftigen, daß keiner von dem anderen etwas wußte. Bis nach Potsdam und Viagdeburg sandte er sie mit dem Auftrage, sich nach der Bonität von Gesckstistsleuten zu er- kundigen, von denen er Wechsel zu haben behauptete. Die Namen dieser Kunden erdichtete der Schwindler, die Wechsel stellte er selber aus. Erst jetzt wurde das Treiben des alten Sünders ruchbar und nun kam der ganze Schwindel bald an den Tag. Rothe wurde in seiner Wohnung verhastet und dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Es ergab sich, daß er den 20 Leuten seit Februar nicht weniger als 0000 M. an Bürgschaften abgeschwindelt hat. Ein Mann, der 000 M. Kaution stellen mußte, hatte ein Papier über 1000 M. Rothe konnte ihm darauf augenblicklich nur 300 M. herausgeben, und>0 büßte der Betrogene auch noch die übrigen 200 M. ein. Ein LeichentrauSport, der bei Zuschauern lebhafte Empörung hervorrief, wird aus Jörsfelde berichtet. Gegenüber von Jörsfelde erschoß sich am Sonnabend am Havelufer auf Spandauer Gebiet ein in den dreißiger Jahren stehender anscheinend gutsituierter Mann. Er hatte seinen Standort so gewählt, daß er nach der Tat ins Wasser fallen mußte. Nachdem die Leiche ans Land gebracht war. telephonierte man an die Spandauer Polizei, die auch sofort zwei Beamte zur Bergung der Leiche entsandte. Anstatt nun aber die Leiche in ein an ein Motorboot befestiateS Boot zu lege», wurde ihr ein Strick unter die Arme gebunden und so im Wasser fort- geschleppt. Diese Art deS Transportes muß höchst unangemessen und höchst widerwärtig bezeichnet werden. Ein schwerer StraßeNbahnunfall ereignete sich am Montag- nachmittag vor dem Hause Schönhauser Alle« 126». Dort verließ ein Herr Fritz Gerke, Gaudystr. 39 wohnhaft, den Hinterperron des Motorwagen 1374. der Linie 47 während der Fahrt, kam dabei zu Fall und blieb besiimungSloS neben dem Wagen liegen. Man schaffte den Verunglückten nach der nächsten Unfallstation, wo der Arzt eine starke Kopfverletzung und Gehirnerschütterung feststellte. G. wurde nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt. Arbcitrrbildungsschule. Wegen andauernder Krankheit deS Ge- noffen Dr. Conrady muß der Unterricht in Geschichte ausfallen. Der Wiederbeginn wird bekannt gemacht. Der Vorstand. Die Besichtigung der Betriebs anlnsjen der Konsumgenossenschaft in Lichtenberg wird im umfaiigmcheii Maße von Mitgliedern und Nicktmitgliedern ausgeübt. Am Sonntag waren Mitglieder aus dem Norden draußen in der Nittergutstraße. Etwa 2000 Personen be- teiligten sich mit großem Interesse daran; am konnnenden Sonntag ist der Osten an der Reihe. Festgestellt sei bei dieser Gelegenheit, daß die Behauvtung der .Wahrheit" und des Organs der Bäckerinnung„Concordia", der Bäckerstreik wäre hauptsächlich inS Leben gerufen worden, um dem „sozialdemotranslhen Riesenunternehmen in Lichtenberg" Arbeit zu verschaffen, eitel Flunkerei ist. Bereits vier Wochen nach Jnbetrieb- nähme der Bäckerei war die Verwaltung sich klar darüber, daß der Betrieb sofort verdoppelt werden müsse, um allen Ansprüchen zu genügen. In kürzester Frist wird mit dein Erweiterungsbau Ifc gonneii. Großfeucr in Treptow. Bon einem verheerenden Schadenfeuer wurdo Sonntag früh die Teppich- und Läuferstoffabrik von G. Feibisch am Treptower Park 23/30 in Treptow heimgesucht. Der Brand zerstörte etn 40 Meter langes, dreistöckiges Fabrikgebäude und richtete einen er- heblichen Schaden an. Mit der Ablöschung des Großfeuers hatten die Feuerwehren von Berlin, Treptow und Ober-Schönoweide den ganzen Sonntag über zu tun. Unfälle sind bei den Löscharbeiten nicht vorgekommen, obgleich ein Teil des Fabrikgebäudes während des Brandes einstürzte. Im einzelnen wird uns über den Riesen- brand folgendes gemeldet: Das Fabrikgrundstück der Tcppich- und Läuferstoffabrik von G. Feibisch ist mit mehreren Fabrikgebäuden bebaut und umfaßt drei Höfe. Zwischen dem zweiten und dritten Hof war vor sechs Jahren ein etwa vierzig Meter langes und 17 Meter tiefes, dreistöckiges Ouergebäude errichtet worden, in dem große Fabrikations- räume für Axniinsterfabrikation und Lagerräume für fertige Waren untergebracht wurden. In dem Keller dieses Ouergebäudes befand sich das umfangreiche Lager der Robmaterialien. Gestern morgen gegen S'/a Uhr schlugen plötzlich aus den Fenstern des zweiten Stocks Flammen hervor und klirrend flogen die zerplatzten Fenster scheiben auf den Hof hinab. Der Hofwächter schlug sofort Feuer lärm und alarmierte die Treptower Feuerwehr. Ehe diese eintraf, hatte sich der Brand schon derart ausgedehnt, daß die eine Hälfte der zweiten Etage lichterloh in Flammen stand. Von Minute zu Minute fraß sich das Feuer nun weiter bis zum Fahrstuhlschacht, wo es einen Weg nach den unteren und oberen Geschoffen fand. Auf den Feuer schein rückte auch die freiwillige Feuerwehr von Oberschöneweide an. Beide Wehren waren aber gegen den gewaltigen Brand machtlos, so daß man sich entschloß, die Berliner Feuerwehr zur Hilfe zu rufen. In kurzer Zeit waren daraufhin auch die Löschzüge 5 und 8 zur Stelle. Die beiden Dampffpritzen der Züge traten sofort in Tätigkeit, vermochten indes anfangs auch nichts auszurichten, da der Druck nicht genügend war. Erst als die Wasserwerke au telephonischen Anruf den Wafferdruck bedeutend erhöhten, war ein wirksamer Löschangriff möglich. Die Berliner Feuerwehr arbeitete mit vier Rohren stärksten Kalibers und die Frei willigen Feuerwehren mit zwei Rohren. Inzwischen war das Feuer durch den Fahrstuhlschacht nach unten und oben vorgedrungen, und bald brannte das ganze Gebäude vom Keller bis zum Dach. Alles Wassergeben schien vergeblich. Die Rohrführer mußten mit der größten Vorsicht zu Werke gehen, da immerwährend Mauerteile zusammenstürzten. Außerdem erfolgten im Keller mehrere Detonationen, die von Explosionen herrührten. WaS aber eigentlich dort gelagert hat. konnte die Feuerwehr nicht ermitteln. Nach etwa zwei Stunden stürzten die beiden Obergeschosse des linken Flügels krachend in sich zusammen. Das Mauerwerk iel teils auf den zweiten Hof, teils nach einem benach. barten Garten, wo mehrere Bäume durch die Eisenpfeiler um- geschlagen wurden. Mutig hielten die Feuerwehrleute aus und nach und nach konnte nun dem Feuer Terrain abgewonnen werden. Das Hauptaugenmerk wurde darauf gerichtet, einen angrenzenden Neubau und eine rechts liegende Velourshalle zu schützen. Von dem Fabrikgebäude selbst blieben nur die nackten Wände übrig. Selbst das Rohmaterialienlager im Keller wurde vollständig vernichtet. Das Lager repräsentierte allein einen Wert von einer halben Million Mark. Ebenso wertvoll war das Lager der ferttgen Waren im ersten und zweiten Stock, das gleichfalls aus- gebrannt ist. Der Gebäudeschaden beziffert sich auf rund 22S 000 Mark. Gegen mittag waren noch zwei Dampfspritzen der Berliner Feuerwehr in Aktion, da immer und immer wieder unter den Trümmermassen Flammen hervorzüngetten. Die vollständige Ablöschung dauerte bis in die späten Abendstunden hinein. Ueber Nacht blieb eine Brandwache zurück. Ueber die Ursache des Brandes konnte nichts Bestimmtes ennittelt werden. Die anderen Fabrik zweige arbeiten weiter, da das Maschinen- und Kesselhaus von dem Feuer verschont geblieben ist. Während d«S Brandes wurde das Grundstück der Firma von großen Menschenmassen umlagert, so daß die Gendarmerie Mühe hatte, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Berliner Löschzüge wurden im Laufe deS TageS mehrmals ab gelöst._ Der ZentralverVand der Töpfer bittet uns um Aufnahme folgender Notiz: Der Bezirkskassierer für Steglitz des Zentralverbandes der Töpfer Deutschlands, Filiale Berlin, hat am Sonnabend, den 1V. Juni, ein Paket mit 11 Verbandsmitgliedsbüchern und zwei Krankenkaffenbüchern im Zuge der Wannseebahn liegen lasten. Der ehrliche Finder wird ersucht, selbiges im Filialbureau, Berlin, Engel- ufer IS, GewerkschaftShauS, Zimmer 96—97 abzugeben. Etwaige Unkosten werden erstattet. Vorort- l�ackricbtm. Charlottenburg. Das nrugrgründete Arbeiterjugendheim ist am Sonntag eröffnet worden. Aus diesem Anlaß hatten fich zahlreiche Charlottenburger Arbeiter mit ihren Familien im großen Saale des Volkshauses ver« sammelt. Nachdem die.Charlottenburger Liedertafel" die Feier mit einem stimmungsvollen Gesang eingeleitet hatte, hielt Herr Dr Rosen selb die Festrede. jJa warmen Worten führte er den Jugendlichen wie den Erwachsenen vor Augen, welche Bedeutung das Arbeiterjugendheim für die geistige EntWickelung des Proletariats habe. Nicht polittscher Fanatismus, wie die wohllöbliche Polizei zu behaupten beliebe, sondern Entfaltung aller großen, menschlichen Eigenschaften, an denen die Jugend so reim tei, �solle angestrebt werden. Nach der Festrede folgten noch einige Liedervorträge sowie Mezita- tionen der Herren Katzen st ein und Jung. Dann fand eine allgemeine Besichtigung des Heime» statt. Das Jugendheim befindet sich R o f i n e n st r. S, Seiten« flügel parterre und ist geöffnet Dienstags, Donner»- tags und Sonnabends nachmittags von 7— O'/a und Sonntags von 4— S>/z Uhr. Zutritt haben all« Jugendliche, stNge Männer und junge Mädchen im Alter von 14—13 Iahren. Rixdorf. Auf der Straße vom Tode ereilt wurde der Rentenempfänger Sonnenberg, Rnppiner Str. 30. In der Bergstraße fanden Passanten S. in hilflosem Zustande auf. Man brachte ihn nach der Unfall- slation, doch starb S. bereits auf dem Transport dorthin. Die Todesursache konnte noch nicht festgestellt werden. Trebbin(Kreis Teltow). Im Laufe dieser Woche nimmt das Schützenfest im neuerbauten Lokal seinen Anfang. Da das Lokal der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung steht, der Wirt vielmehr vertraglich verpflichtet ist. seine Räume za politischen Zwecken nicht herzugeben, wird die Arbeiter- schast Trebbin? ersucht, da? Schiltzenfest zu meiden. Ehrenpflicht eines jeden ist es auch, auf dem Platz kein Bier zu konsumieren. Will man es nicht dulden, daß wir m» Lokale selbst über unser« politischen Interessen beraten kömien» dann möge jeder Arbeiter auch dieser Veranstaltung fernbleiben. Die Lokalkommission. Der Wahlvereinsvorstand. Reinickendorf. Di« von der Gemeinde unterhaltene öffentliche RechtSauStunftS' stelle veröffentlicht soeben den Bericht über ihre elsmonatige Tätig- kett vom 2. Mai 1910, dem Tag ihrer Eröffnung, brs SI. März 1911. Er zeigt, wie berechtigt die Forderung unserer Genossen in der Ge- meindebertretung auf Errichtung dieser jedermann unentgeltlich zu- gänglichen AuSkunfSstelle war. Die Sprechstunden fanden zweimal in jeder Woche im Rathause und zwar Montags nachmittags von S bis 7 Uhr und Donnerstags vormittags von 10 bis 1 Uhr statt. Die AnSkunftSerteilung erstreckte sich auf fast alle Gebiete des öffent- lichen Rechts, sowohl privaten wie auch StrasrechtS. Von den erteilten Auskünften betrafen 12 das bürgerliche Recht im allgemeinen, 91 daS Mietsrecht, 46 den Dienstvertrag, 101 sonstiges Forderungsrecht, 50 ba§_ Sachenrecht, 21 da» Eherecht, 43 AlimentalionSansprüche, 18 sonstige familienrechtliche Forderungen, 42 das Erbrecht, 7 die Gewerbeordnung(außer Dienstvertrag), 8 das Handelsrecht(außer Dienffvcrtrag), 63 die Zivilprozeßordnung. 23 das Strafrecht und die Slrafprozeßordnung, 30 die Krankenversicherung. 13 die Unfall- Versicherung, 16 die Invalidenversicherung, 3 die Staats- und Ge- meindeangehörigkeit. 8 Armen- und Unterstützungsangelegenheiten» ö Militärangelegenheiten, 8 Steuerangelegenheiten, 37 diverse anders Rechtsgebiete. Diese 645 Auskünfte wurden an 424 Auskunftssuchende erteilt, von denen ihrer Beschäftigung nach 8 Arbeitgeber, 90 kleinere selbständige Geschäftsleme und 219 männliche und 107 weibliche Arbeitnehmer waren. Wesentlich unterstützt wurde die Tätigkeit der AuSkunftsstelle und trug zu ihrer Benutzung bei. Durch die Anfertigung von Schriftsätzen. Auch hierfür werden ent- weder gar keine oder nur sehr geringe Gebühren be- rechnet. ES wurden Klagen eingeleitet und beantwortet, BerufungS-, Rekurs- und Revisionsschriften, Eingaben an Be- Hörden usw. angefertigt. In einigen Fällen wurde den Ratsuchenden die Erledigung der Sachen ganz oder teilweise abgenommen; aber auch als Vermittlerin war die Auskunftsstelle wiederholt mit Erfolg tätig. Daß sich die Ratsuchenden auch in den Fällen, in denen ihnen Auskünfte erteilt werden mußten, die nicht in ihrem Sinne ausfielen, mit diesen zufrieden gaben, möge die Auskunflsstelle als Beweis des Vertrauens buchen, das ihr allseitig entgegengebracht wird. An ihr wird eS liegen, durch unparteiische Auskunftserteilung, ohne Rücksichtnahme auf gelegentliche Scharfmachereien, fich dieses Vertrauens würdig zu erweisen. Spandau. Ein Waldbrand kam Sonntag nachmittag 2 Uhr im Jagen 32 der Stadtforst auS' die Flammen wurden zuerst von Schülern des JohaiineSstift« bemerkt, die einen Spaziergang antreten wollten. Einige von ihnen alarmierien die Feuerwehr, von der eine Abteilung er- schien und eine größere Gefahr beseitigte. Es wird vermutet, daß das Feuer durch Ausflügler verursacht worden ist. Kaufmännische Kranken- und Sterbekasse von 4885.(T. ß. 71. Heute abend S Uhr im Restaurant Iüdenstr. 18/lg: Sitzung. Lese- und Dtskntterklub.Wilhelm Liebknecht-. Heute, DlenS- tag. abends 9 Uhr, bei Karl Eichhorn, Danztger Str. 93; Bortrag. Gäste willkommen._______ ßmfkaften der Redafetfoit. Tie(ntiftifdn Sprechstunde findet L I n d e n st r a st e es, vorn vier rreppea — yahr stutzt—, wocheniägltch von 1V4 tis 7�4 Uhr abends, Sonnabends, don VA dt» 6 Uhr abend» statt. Jeder sttr den Briefkasten bestimmten Atisrage ist ein Buchstabe und»ine zahl als Merfzeichen»etznstigrn. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen leine AtonnementSauItmng beigefügt ist, werde» nicht deantwoetet.«kiltge Kragen trage man in der Sprcchstnude vor. — F. 100. Zum Zwecke der Buseinandersetzung kann da» Gericht einen Pfleger bestellen. Warten Sie ab.—»I.«. 70. Ja. bei dem Standes- aint, vor dem Sie die Ehe geschlossen haben. Die Kosten find geringsügig. —®l. 100. Ist— wie es den Anschein hat— JahrcSmiete verabredet, so kann zum Ablaus eines jeden Kalendervierteljahres gekündigt werden derart, daß der Vermieter spätestens an, dritten Tage deS Quartal» im Besitze der Kündigung ist.— M. A. IS. Ja.— Wachner- Ddeater.) Im Klubseflel. Schule,. tsvartotteubnrg,»Der Probekandidat. Friedrich- WilhelinftädtischeS. Im lenkbaren Lustjchiff. Neues Operetten. Eine Million. (Ansang 8'/, Uhr.) Luisen. Neue Heimat.(Ansang S'/« Uhr) Rote. Der Selbstmörderklub. golies Gaprice. Die letzte Nacht. Die HochzeitSreil«.(Ansang ü'l, Uhr.) Metropol. Hoheit amüstett sich! Apollo. Spezialitäten. Pnitag«. Spezialitäten. 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Besitzer Großbäckereibefitzer Eduard Goldacker, Brunnenstt. 123/130 ist wegen TarisbruchS und Maßregelung gjonperrt. 43/3 Verband der Brauerei- und Mühlenarbeiter. Ortsverwaltuna Berli». Verantwortlicher Redalteyr� Klhert Wachs, Berlin. Lür des Jnlergtenteil verantv-: Th. Glocke, Berlin. Druck U-Verlag: vorwärtz vuchdruckerei» Lerlagsanstalt Bau! Singer» Cik, Berliu LA,