Ztr. 138. RbonnementS'Bedlnsnngen: Abonnements- Preis pränumerando i »iertcljöhrl. 3,30 Mk., monall. 1,10 Mk„ wöchentlich 28 Pjg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Kbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. ZeituugS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonncmeiitS nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Lurcinburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 28. Jahrg. Crfditlnt täglich außer CloDtagt. Vevlinev Volksblalk. Zentralorgfan der rozialdcmokratifchen Partei Deutfcbtands. DU InferflonS'Gebflbf SetiSgt für die sechsgespaltcne Kolonet» geile oder deren Rauiu 00 Psg,, für politische und gewerlschaftlichc BercinS- und Bersanimlungs-Aiizeigen 30 Psg. „Ulein- JJnzeigcn", das scttgedruckie Wort 20 Psg,(zulässig 2 settgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und' Schlasstcllenan- geigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort ö Pfg, Worte über lö Buch- ftaben zählen sür zivci Worte, Inserale für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Eipcdilion abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: uSozIsIildDoKrat Rcrün". Redaktion: SM. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecherz Amt IV. Nr. 1982. Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher? Amt IV, Nr. 1984. Reform des höheren Scijulwefens. Die Anhänger des humanistischen Gymnasiums befinden sich in großer Aufregung. Wird doch angekündigt, daß unsere höheren Schulen demnächst abermals einer Reform unter- warfen werden sollen, bei der dem humanistischen Gymnasium vollends der Todesstoß versetzt werden dürfte. Soll ihm nach den durch die Presse gehenden Meldungen doch der obligatorische Unterricht im Griechischen genommen und durch das Obligo- torium des Englischen ersetzt werden. Das Griechische soll nur noch einen fakultativen Lehrgegenstand bilden. Aber nicht nur das Griechische will nian entthronen, sondern auch das Lateinische soll zugunsten der Naturwissenschaften und der Körperpflege erheblich eingeschränkt werden. Kein Wunder, daß die Freunde des humanistischen Gymnasiums durch diese Hiobsnachrichten in höchste Be- stürzung versetzt worden sind. Ist es doch mit der Herrlich- keit des humanistischen Gyinnasiums in den letzten 20 Jahren jäh bergab gegangen. Es in noch kein Menschenalter her, da behauptete das humanistische Gymnasium, das heißt die Gattung der höheren Lehranstalt, in der Latein und Griechisch den gesamten Unterrichtsplan beherrschten, das Französische erst in zweiter Linie in Frage kam und das Englische bestenfalls gleich dem Hebräischen als fakultativer Lehrgegenstand vorgesehen war, eine fast unumstrittene Monopolstellung. Die Abiturienten der Realschule erster Ordnung waren den Gymnasialabiturienten gegenüber die Stiefkinder, die nur zu einigen wenigen Studienfächern zugelassen wurden. Dann kam der Umschwung. Die rapide EntwickeluNg der modernen Technik, verhalf den angewandten Naturwissenschaften zu einem mächtigen Aufschwung und drängte unwiderstehlich zu einer Reform des höheren Schulwesens. Neben dein humanistischen GtMnasium errangen sich das Realgymnasium, das von alten Sprachen nur das Lateinische als pflichtmäßigen Unterrichtsgegenstand kennt, und die Realschule, an der nur lebende Sprachen gelehrt.werden, immer breitere Geltung. Das Studienmonopol des reinen Gymnasiums fiel Stück für Stück, so daß gegenwärtig auch den Abiturienten des Real- gymnasiums und der Realschule, mit Ausnahme der Theologie, kein akademischer Beruf mehr verschlossen ist. Die drei höheren Schulgattungen stehen zurzeit vollkommen gleich- berechtigt nebeneinander. Trotzdem geht der Kampf zwischen den Anhängern und Gegnern des humanistischen Gymnasiums weiter. Und es scheint nachgerade fast, als ob das alte Gymnasium völlig auf der Strecke bleiben sollte. Man könnte meinen, daß man es jetzt, nachdem die Monopolstellung des humanistischen Gymnasiums so völlig gebrochen, dem freien Wettbewerb der einzelnen Schul- gattungcn überlassen könnte, sich gegenseitig auszustechen oder auch friedlich nebeneinander zu vertragen. Nur liegen die Verhältnisse so. daß in zahlreichen mittleren und kleineren Städten ein Nebeneinander der verschiedenen höheren Lehr- anstalten unmöglich ist, so daß hier der Kampf um die Existenzberechtigung der einen oder anderen mit der alten Schärfe und Rücksichtslosigkeit weitergeführt wird. Die Sozialdemokratie steht diesem Kampfe mit aller Ob- jektivität gegenüber. Nicht nur deshalb, weil sich ihr Haupt- intercsse ja auf die Volksschule konzentriert, und weil die Schulreform, die die Sozialdemokratie vor allen Dingen erstrebt, in der Schaffung der E i n h e i t s schule, das heißt dem einheitlichen Unterbau für das gesamte Schulwesen besteht, sondern auch, weil sie sämtlichen Gattungen der höheren Schule mit dem gleichen Kritizismus begegnet, während sich innerhalb der bürgerlichen Parteien die Anhänger der verschiedenen Richtungen unversöhnlich befehden. Wenn man die Anhänger des Gymnasiums hört, gibt es keine idealere und umfassendere Bildungsgelegenheit, als sie das humanistische Gymnasium mit seiner Pflege der alten Sprachen bietet. Das grammatikalische Studium des � Lateinischen und Griechischen wird uns als unvergleichliche Geistesgymnastik gepriesen. Aber, so wird uns versichert, das Sprachstudium, die Lektüre der Dichter und Philosophen, er- schließe zugleich auch die wunderbaren Geistesschätze der griechischen und römischen Kultur. Die Anhänger der realistischen Lehranstalten dagegen erklären, daß der gramma- tikalische Drill der alten Sprachen überschätzt werde und daß von einem tieferen Eindringen in die Kulturwelt der Antike gar keine Rede sei. Ueberdies sei die jetzige Generation nicht zu Griechen und Römern, sondern zu modernen Menschen zu er- ziehen, die die gegenwärtige Kultur und eine moderne natur- wissenschaftliche Bildung sich anzueignen hätten. Darin kann man den Gegnern des humanistischen Ghm- nasiums unbedingt recht geben, daß das rein philoAogische Element des Studiums der alten Sprachen ungeheuer überschätzt wird. Schon Paulsen hat einmal gesagt, daß dann ja die alten Griechen und Römer selbst uns gegenüber in eincnt enormen Nachteil gewesen seien, weil sie ihre Muttersprache nicht grammatikalisch erlernt hätten. Und mit dem Ein- dringen in den Geist der antiken Kultur ist es auch so eine Sache. Der typische Gymnasialprofcssor hat mit einem Perikles oder Alcibiades wirklich auch nicht die entfernteste l Aehnlichkeit. Weiterhin ist es zweifellos richtig, daß unser modernes Leben ganz andere Ansprüche an uns stellt, und daß das Eindringen in die Kultnrschätze der Neuzeit schließlich wichtiger ist als das Sichhineinleben in eine Kultur, die nicht nur 2000 Jahre alt ist, sondern auch mit dem sozialen Leben der Gegenwart nur recht entfernte Berührungspunkte hat. Wann die Sozialdemokratie trotzdem dem Eifer unserer modernen Schulreformer mit einem gewissen Skeptizismus gegenübersteht, so aus dem Grunde, den schon Friedrich Engels in seinem Anti-Dühring geltend gemacht hat. Engels meinte damals, die Ausschaltung des Griechischen und La- teinischen laufe schließlich nur darauf hinaus, die idealen Bildungsgllter, die in der Antike enthalten seien, und die bisher zwischen den Gebildeten aller Nationen ein inter- nationales geistiges Band geschlungen, aus dem Lehrbetriebe völlig auszuschalten und an seine Stelle ein Erlernen bloßer zusammenhangloser Realien, eine Bevorzugung des engherzig Nützlichen und Borniert-Nationalen treten zu lassen. Friedrich Engels mag die.Bedeutung des humanistischen Wissenschaftsbetriebs vielleicht überschätzt haben— aber sein Mißtrauen gegen gewisse Schulreformbestrebnngen bleibt dennoch vollauf berechtigt. Denn selbst die sympathischsten und geistig bedeutendsten Verfechter der modernen Schul- reform, wie z. B. Professor Ostwald, beurteilen unser Bil- dungswesen viel zu sehr vom Standpunkt des modernen kapitalistischen Bedürfnisses und des isolierten Fachstudiums aus. Gar nicht zu reden von den Gegnern des Humanis- mu's, die das Ziel einer Schulreform geradezu in der Züch- tung eines brutal-stupiden Chauvinismus erblicken. Wer den Kampf um die künftige Gestaltung des höheren Schulwesens objektiv beurteilen will, muß von der historisch- ökonomischen Betrachtungsweise ausgehen. Das humanistische Gymnasium im Zeitalter der Renaissance war zweifellos ein gewaltiger kultureller Fortschritt. Damals freilich schon diente es keineswegs einem abstvakt idealen Bildungsbedürf- nis, sondern vielmehr der Heranbildung von Beamten und Geistlichen, deren die Fürsten und Städte bedurften. Die großen Gekehrten. Philosophen und Dichter waren mehr ein unbeabsichtigtes und zufälliges Nebenprodukt, als Zweck und natürliches Resultat dieser Bildungsinstitute, die vielmehr für das politisch-ökonomische Bedürfnis und den geistigen Durchschnitt berechnet waren. Das Ende des neunzehnten und erst recht des zwanzigsten Jahrhunderts erheischten auch in Deutschland eine Umgestaltung des höheren Bildungs- Wesens. Nicht nur, daß sich die kolossal entwickelnde Industrie technische Schulen und Hochschulen in großem Maßstabe schuf — auch Mathematik, Physik, Chemie, kurz, die angewandten Naturwissenschaften eroberten sich einen Geltungsbereich, durch den die humanistische Wissenschaft mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden mußte. Naturwissen- schaften und moderne Sprachen errangen sich rasch Gleichbe- rechtigung, und schon sind sie im Begriff, die alten Geistes- Wissenschaften. Philologie und Philosophie- vollends zu ent- thronen. Dieser Prozeß war in der ökonomischen und sozialen Entwicklung begründet, also ebenso unzweifelhaft ein Fort- schritt, wie der Kapitalismus selbst einen Fortschritt über die mittelalterlich patriarchalische Produktionsform hinaus be- deutet. Aber so wenig der Kapitalismus das Ideal und Endziel der Entwickelung ist, so wenig unsere moderne, nur auf den kapitalistisch-ökonomischen Nutzeffekt eingestellte„rea- listische" Bildung. Eine tvahre Bildung hat nicht nur eine naturwissenschaftlich-exakte, sondern auch eine ästhetische und vor allen Dingen auch eine historische zu sein. Und so viel auch moderne Süpilreformer von historischer und staatsbürger- licher Erziehung zu reden belieben, so wenig ist daran zu denken, daß unsere höheren Schulen unter dem reaktionär kapitalistischen Regime an eine umfassende historische Be- lehrung, wie sie den Forderungen der modernen Kulturge- schichtsforschung entspricht, denken werden. Und ebenso wenig an eine ästhetische Erziehung zu einem hellenischen Voll- Menschentum, wie sie unseren Klassikern vorschwebte. Auch eine Reform unseres höheren Schulwesens wird erst dem Siege der sozialen Demokratie vorbehalten sein. Sie zugenagelte Stadt. Man schreibt unS aus London, 10. Juni: Das politische Zentrum des britischen Imperiums, der Stadt- teil in der Gegend des Parlamcntsgcbäudes, ist gegenwärtig von oben bis unten mit Brettern zugenagelt. Der australische Minister, der vor 50 Jahren auf einem englischen Auswandercrschiff geboren wurde und in diesem Jahre sein Mutterland zum ersten SKale sieht, wird sich wohl einige Wochen gedulden müssen, ehe er die Gebäude, die ihn an die Geschichte seiner Vorväter erinnern, in Augenschein nehmen kann. Aus den Gebäuden auf dem Wegs, den der Krönungszug nehmen wird, hat man riesige Holzkisten gemacht, die in dem Spaziergänger Empfindungen wachrufen, wie sie Gulliver gehabt haben mag, als er ein Warenlager in Brobdingnag, dem Lande der Riesen, besichtigte. Dies ist die neueste Phase des osfi- ziellen Patriotismus: der hölzerne Patriotismus. IllöOOOO Kubik- fufe Holz sind aufeinander getürmt worden, um Scbaugerüste her- zustellen, von wo aus sich 750 000 zahlungsfähige Monarchisten au dem Anblick des„patriotischen Karnevals" swie die Krönungsfest,- lichkeiten hier drolligerweise selbst von den Ueberpatrioten genannt werden) weiden können. 3 bis 15 Guineen(63—315 M.) werden augenblicklich für einen Sitz auf ciyem Gerüst am Krönuugsweg verlangt,, In dem Bestreben, den einzigen wirklich imposanten Teil Londons zu verunzieren, reichen sich Privatpersonen, die Regierung und die Geistlichkeit die Hände. Den Geschäftsleuten kann man es schwerlich verübeln, daß sie die gute Konjunktur auszunutzen der- suchen, aber die Handlungsweise der Regierung ist schwer zu ver- stehen. Die Westminster-Abtei versteckt sich hinter einer Bretter- tvand und der Platz vor dem ParlamentLgebäude ist ein großes Holzlager, aus dem die Standbilder der verstorbenen Staatsmänner resigniert die Köpfe stecken. Vor der Westnnnster-Hall erhebt sich ein hohes Schaugerüst, das bis zur Statue Cromwells reicht. Der grimme Feind des Königtums steht hinter einer Bretterwand, den Augen des Publikums entrückt. Vielleicht glaubte man, daß der Anblick des Mannes, der sich so siegesgewiß auf sein Schwert stützt, den Krönungsappctft beeinträchtigen könnte. Man hat daher das memenlo mori des Königstums ausgeschaltet. Am schlimmsten aber treiben es die Geistlichen, die ihre Kirchen zu einem Zirkus verwandelt haben. Von der kleinen Kirche vor der Westminster-Abtei ficht man kaum mehr als die Spitze des Kirch- turms. Die alte ehrwürdige Martinstirche am Trafalgar Square umgibt ein Schaugerüst, das bis zum Dache reicht und sich über den Gebeinen der verstorbenen Londoner erhebt. Große Plakate künden den Preis der Sitzplätze au, die um die Ecke in einer Bretterbude zu bestellen sind. Was würde wohl der Stifter der christlichen Religion dazu sagen, der die Wechsler aus dem Tempel zu Jerusalem trieb? Ehe man sich an die Zunagelung der Stadt machte, fing man an, die Geister zuzunageln. Die Schuljugend auf den utonar- chistischen Klimbim vorzubereiten, war nicht allzu schwer. Aber in bezug auf das allgemeine Publikum ergaben sich einige Schwierig- kciten. Vor allem galt es, das Ltönigspaar populär zu macheu, denn König Georg ist seinen Untertanen noch ein unbeschriebenes Blatt. Von ihm selbst weiß der Volksmund nur zu berichten, daß er ein guter Schütze ist und daß er unter dem Pantoffel seiner ihm physisch weit überlegenen Frau steht. Und von der Königin heißt es, daß sie mit aller Macht Königin von England werden wollte und sich daher nach dem Tode des ältesten Sohnes des Königs Eduard, ihres Bräutigams, bald mit dem zweitältesten Sohne des'Königshauses tröstete. Um ihren Namen volkstümlich zu macheu, hat eine Hof- dame den Vorschlag gemacht, eine Geldsammlung unter allen Mäd» chen und Frauen im britischen Reiche, die den Namen Mary tragen, zu veranstalten. Nachdem man den Klingelbeutel bis zu den Nege» rinnen im Pfefferlande hat wandern lassen, ist schließlich eine Summe von 13 000 Pfund Sterling zusammengebettelt worden, die der Königin zu irgendeinem mildtätigen Zwecke überreicht worden ist. König Georg aber hat sich selbst seiner Popularisierung tat- kräftig angenommen. Er läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um sich als„Vater seines Volkes" zu zeigen. Rettet einer seiner Untertanen eine Katze vor dem Ertrinken, so kann er sicher sein, vom König ein Anerkennungsschreiben oder gar eine Medaille zu erhalten. Einer seiner Bewunderer schlug neulich in einem be- denklichen Anfall von Pairiotiiis vor, daß sich jeder loyale Eng- länder, der den Namen Georg führe, wie König Georg den Bart wachsen, lassen sollte. Der Vorschlag fiel aber auf einen steinigen Boden. Den militärischen Charakter verleugnet das Königtum auch in England nicht, wo man ihm schon die gefährlichsten Zähne gezogen hat. London ist augenblicklich voll Militär, das dazu bestimmt ist, den hohlen Prunk der Krönungszeremonie zu erhöhen. Man hat die Kinder von den Spielplätzen in den Parks vertrieben, um dort die Zelte für die auswärtigen Regimenter aufzuschlagen. Der Militarismus mit seinen bunten Lappen und vergoldeten Tressen wird bei der Krönung die erste Geige spielen. Man kann die geistige Hohlheit des Monarchismus am besten aus der Hohlheit seines Prunkes ermessen. Die Szenerie des „patriotischen Karnevals" ist echte Theaterszencrie. Die breite Straße, die vom Norden nach der Westminster-Abtei führt, ist mit Säulen aus Holz und Gips bepflanzt worden. Auf jeder zweiten Säule steht ein Engel, der wie die meisten Gipsengel mit schlaffen Lippen, die eine bewundernswerte Unkenntnis der Blastechnik ver- raten, in eine Trompete stößt. Auf der einen Seite der Strasje blasen die Engel nach rechts, auf der anderen nach links: eine Art englischer Siegesallce. Auf den Säulen zwischen den Engeln sitzt jedesmal dasselbe Tier, ein feister gerupfter Adler, dein man die ausgebreiteten Schwingen unversehrt gelassen hat. Als ich vor einigen Tagen die Straße entlang ging, waren die Arbeiter gerade damit beschäftigt, die Engel und Ungeheuer zu vergolden. Vor einer der Säulen hatte sich eine kleine Gruppe Menschen ange- sammelt, eine Schar ausländischer Besucher, die neugierig den Fuß der Säule betrachteten. Dort lag ein Mensch im Schatten und schnarchte. Als Kleider trug er schmierige Lumpen, die kaum seine Blöße bedeckten, sein Schuhwerk bestand ans braunem Papier, das um die Füße gebunden war, die unbedeckten Teile seines Körpers starrten vor Schmutz. Es Ivar eine jener Jammergestalten, die man in zivilisierten Ländern vielleicht nur in London zu sehen bekommt und gegen die ein heruntergekommener Handwerksbursche noch ein Gentleman ist. Wer sie nie gesehen hat, wird es kaum glauben, daß man einen Menschen so entwürdigen kann. Nach einiger Zeit stellte sich ein großer wohlgenährter Konstablcr ein, der den Schnarcher aufforderte, sich zu entfernen. Mit mürrischem Blick und einem halblauten Finch raffte sich der Mann auf und verließ den Schatten der Säule, von dessen Kapitell der goldene Engel den Ruhm und die Macht des britischen Reiches und der Monarchie hin- ausschmetterte.______ poUtifcbc debcrHcbt Berlin, den 15. Juni 1911. Das deutsche Edelvolk. In einem Leitartikel, der von Rassenstolz strotzt, nimmt die„ K r e u z- Z e i t u n g" den ihrer Meinung nach zu Unrecht so häufig angegriffenen Adel in Schutz. Dabei offenbart sie ihr großes Herz, und möchte jedem Deutschen das er- hebende Bewußtsein einflößen, daß er blaues Blut in seinen Adern habe. Das Blatt der Junker schreibt: Als während der Völkerwanderung germanische Volksstämme nach Spanien kamen, sahen die dunkelhäutigen Eingeborenen mit Erstaunen die helle Hautfarbe der Germanen, die die blauen B&em türchschimmttN liep. Die©efinenfll fiTit�n in den eingeborenen Adel über, und seit jener Zeit hat man für den Adel auch den Ausdruck.blaues Blut". In Wirklich- keit ist damit germanisches Blut gemeint, und der ärmste deutsche Mann sollte sich nrit Stolz dessen be- wüßt sein, daß er der Sproß eines EdelvolkeSist, das unter den anderen Böllern dieser Erde den ersten Platz er- warben hat. An Stelle des von der Sozialdemokratie verlangten, auf Haß gegen seine Bolksgenossen beruhenden Klassenbewußtseins soll er ein stolzes Rafsenbewußtsein haben, nicht in dem Sinne dünkelhafter Uebcrhebung, sondern eingedenk des sozialaristokrati- schen Spruches:.Adel verpflichtet". Die„Kreuz-Zeitung" wird ihrer ganzen Haltung nach iem preußischen Volke eiire ganz bevorzugte Stelle in diesem„germanischen Edelvolke" einräumen. Warum sträubt sie sich aber mit aller Gewalt dagegen, daß den preußischen Sprossen deS Edelvolkes ein freies Wahlrecht verliehen wird? Ihr„sozialaristokratisches" Gemüt läßt es ruhig zu, daß das gepriesene„Edelvolk" politisch rechtloser ist, als z. B. die „dunkelhäutigcn Eingeborenen" Portugals. Ganz zu schweigen davon, daß die große Masse des„Edelvolkes" sich von den Lllleredelsten, den Junkern, aushungern lassen muß. Der „ärmste deutsche Mann" hat dank der wirtschaftlichen und politischen Herrschaft des.,Kreuz-Zeitungs"-Adels kein blaues Blut in den Adern, er ist vielmehr sehr blutarm! Nationalliberal gegen Nationalliberal. Nach einer Mitteilung der„Wormser Volkszeituttg" be- obsichtigen nationalliberale Kreise in Worms-Heppenheim- Wimpfen. dem„nationallibcralen" Reichstagsabgeordneten Freiherrn V. H e y l bei der nächsten ReichStagswahl in der Person eines angesehenen Mitgliedes der nationalliberalen Partei einen Gegenkandidaten entgegenzustellen. Dieses Vor- gehen erfolge im Einverständnis mit einer großen Zahl von nationalliberalcn Parlamentariern. Das„Verl. Tageblatt" meint, aus der Meldung gehe nicht hervor, wie sich die nationalliberale Zentralleitung zu dem Plane stelle. Nach- den: Stresemann mit ihrem Einverständnis nach Mainz ge- reist und von dort auS der„Wormser Ecke" den Kampf an- gesagt hätte, wäre es richtig, wenn sie den nationalliberalen Gegenkandidaten gegen Hehl zum offiziellen Parteikandidaten erklären würde, sofern man nicht annehmen müßte, daß sie inzwischen, um mit Geheimrat Rießer zu reden,«Angst vor ihrer eigenen Courage" bekommen habe. Der Mißerfolg der preußischen ZwattgspolUik in Schleswig-Holstein. ES jährt sich bald zum SO. Male, daß Preußen seine große Tatze auf Schleswig-Holstein legte, aber bis heute ist es der preußischen Verwaltung nicht gelungen, die Mehrzahl der Bewohner Nord» fchleSwigS mit ihrem Schicksal auszusöhnen. Ja man kann wohl sagen, die preußische Regierung steht ihrem Ziele, Nordschleswig zu verpreußen. ferner denn je. Mit der Zwangs- und Unterdrückung?- Politik schafft sich die preußische Negieruirg keine Freunde, sie zwingt vielmehr die dänische Bevölkerung Nordschleswigs zur Verteidigung ihrer Sprache, Sitten und Gebräuche zu immer festerem Zusammen- schluß. DaS beweist jedes Jahr die große danische Jahresversammlung. Ein ruhiger und sicherer Fortschritt der dänischen BereinStätigkeit, trotz des neuen KöllerkurseS, besten unsinnige und brutale Zwangs- maßregeln kürzlich im„Vorwärts' anschaulich geschildert wurden, daS ist das Bild, da« die Jahresberichte zeigen. Der dänische Sprachverein verzeichnet einen Mitglieder« zuwachS von 329, er zählt jetzt rund SS00 Mitglieder, darunter 812 weibliche. Er verteilte im Jahr« 1910 nicht weniger als 17 890 Bücher an feine Mitglieder und deren Kinder, darunter viele unent- geltlich. Der Verein hat jetzt in Nordschleswig 1S5 Büchereien und «in Hauptbuchlager in Apenrade. Der Wählerverein hat um 947 Mitglieder zugenommen und zählt jetzt 6635. darunter 845 weibliche; das ist«in gutes Verhältnis, wenn man bedenkt, daß in ganz RordschleSwig im Jahre 1907 15444 dänische Reichs- tagswahlstimmen abgegeben worden sind. Der Schulvcrein hat«ine Mitgliederzahl von 8696 erreicht, darunter 1665 weibliche; seine Mitgliederzunahme beträgt sogar 1484. Er ermög- licht durch sein« Unterstützungen 237 jungen Männern und 182 jungen Mädchen den Besuch von Hoch- und Nachschulen, Hand- werker-» landwirtschaftlichen und Meiereischulen in Dänemark. Da- für wandte der Verein 33 301,85 M. im Berichtsjahre auf. Seit seinem Bestehen hat der Verein schon 4731 junge Leute au« Nord- schleswig auf dänische Schulen geschickt. Es ist ein reiche» Geiste,- Li»»elttsg zur Zahnkeier. Diesen Sonnabend also soll eS losgehen. Tausende von Der- liner Schulkindern werden in der Hasenhcide zusammenströmen, werden ihre turnerischen Künste zeigen— eine weise Regierung hat dafür gesorgt, daß die Kinder der„höheren" und der„niederen Schulen ja nicht durcheinander kommen, sondern hübsch getrennt bleiben— und am Schluß wird ein leibhaftiger Minister eine Rede hakten, worin er den„großen Volksmann" Jahn feiern wird, der so viel für die Erweckung deutschen Geistes« für die Einheit und Freiheit des Vaterlandes getan hat.,_., Da wollen auch wir nicht zurückstehen, sondern unser Scherf- lein beisteuern z» der allgemeinen Festesfreude. Und wir werden uns gewiß den Dank einer hohen Obrigkeit erwerben, wenn wir ihrem Werk ergänzend zu Hilfe kommen, d. h. wenn wir über Friedrich Ludwig Jahn solche Dinge mitteilen, die die Kinder auf dem Turnplatz der Hasenheide und die Erwachsenen beim Kommers in der„Neuen Well" sicherlich nicht zu hören bekommen werden.'._ Heute ist Friedrich Ludwig Jahn«in viel gefeierter Mann. Aber freilich, heute ist er ja tot. Bei seinen Lebzeiten war es anders, ganz anders. Wie da eine hohe Obrigkeit mit ihm um- sprang, darüber ist vor etwa 1� Jahren in den„Preußischen Jahrbüchern"(also einem sehr staatserhaltcnden Blatte) das Urteil gefällt worden, daß„ein Menschenleben geknickt. «ine Existenz moralisch zugrunde gerichtet wurde". Zwar, so lange der gute König von Preußen seinen Thron in Gefahr wußte, sah man JahnS Turnerei, die„Erziehung der Jugend zur Wehrhaftigkeit"(heute eine Forderung des sozial- demokratischen Programms) nicht ungern. Sogar als er 1310 erneu geheimen Bund gründete, legte man ihm nichts in den Weg. Und sehr zufrieden war man, als er 1813 als einer der ersten Frei- willigen in den Krieg zog. Aber nachdem der Krieg beendet, der „Erbfeind" aus Deutschland hinausgejagt war, da setzte Jahn seine Turnerei in der Hasenheide fort. Das mußte ,hn verdächtig machen! Das wollte ver Mann nun noch? Das„Vaterland war doch befreit", will sagen, der Thron des preußischen Königs war vor Napoleon gerettet I Was brauchte da die Jugend noch we»ter zur Wehrhaftigkeit erzogen zu werden? Da konnten nur gefähr- fiche Absichten dahinter schlummern. Gewiß sann er auf Hoch- verrat, gewiß wollte er nur deshalb den Jungen Kraft und körper- licke Gewandtheit beibringen, damit sie sie zum Umsturz der bc- stehenden Staatsordnung verwenden könnten. Wenn die preußischen Behörden einen für verdächtig hielten, so gingen sie damals schon ebenso„tatkräftig" vor wie heutzutage. Im Jahre 1819, in der Nacht vom 13. auf d«n 14. Juli, wurde Jqhn verhsftet Md guf die Festung Spuizdoy gebischt. Uni» UIld Kulturleben, was sich l't» Sem fchittakett Gttltzsirfch rm Norden der Provinz SchleSwig-Holstein abspielt. Und mit verbissener Wut sehen die alldeutschen Reaktionäre und Hetzer, wie ohnmächtig alle ihre Gewalt- und Zwangsmaßregeln dagegen find. Der Kampf um die Konsumvereinssteuer in Hamburg. Am Mittwochabend gelangte in Hamburgs Parlament die Konsumvereinssteuer, diese übelduftende Blume im Steuerbukett, zur Beratung und entfesselte eine sich bis Mitternacht hinziehende Redeschlacht. Ueber die Grundzüge dieser Steuer(8 Proz. vom Hundert des Erlöse?) haben wir bereits berichtet. Die„Mittel- ständler" verlangen einen um etwa fünfmal höheren Steuer- betrag, den sie dann bis zur völligen Erdrosselung der Konsum- vereine erhöhen möchten. Diesen Vorschlag bezeichnete Genosse Stalten als wahnsinnig. Die Mittelständler würden jeden für verrückt erklären, der von ihrem eigenen Einkom menden selbenSteuersatzerhebenwollte. den man hier den Konsumvereinen, das heißt den Arbeitern, zu« mutet. Die Rückvergütung sei kein geschäftlicher Gewinn, sondern das beim Einkauf zuviel gezahlte Geld. Bei den Hofenabgaben sträube man sich, die eigenen Gc- schäfte zu belasten, während man hier die Arbeiter belasten wolle, damit der Mittelstand bessere Geschäfte mache. Das sei Politik in die eigene Tasche. Gegen diesen Raub an ihrem Eigentum, diese Revolution der ganzen Rechtsbegriffe wehren sich die Arbeiter mit Recht. WeShaW besteuere man nicht die kaufmännischen Geschäfte in ihren verschiedenen Variationen? Die von den großen Unter- nehmern ins Leben gerufenen Filialgeschäste trügen viel mehr zur Vernichtung deS Mittelstandes bei als die Konsum- vereine der Arbeiter. Aber an den„kapitalistischen Wagemut" traue man sich nicht heran, der Konsequenzen wegen. Die„Mittelständler" gebürdeten sich wie wütend und möchten am liebsten tabula rasa mit den Konsumvereinen machen, die„die Vernichtung deS gewerblichen Mittelstandes auf ihre Fahne geschrieben hätten". Auch eine blanke Denunziation wurde ausgesprochen. Der Notfonds der„Produktion" wurde als ein eigentlicher Streikfonds bezeichnet, wie überhaupt die tollsten Dinge gegen die verpönten Konsumvereine losgelassen wurden. Nach diesen vom krassesten Eigennutz diktierten Ausführungen bezeichnete Senator Dr. Schaefer den Einwand Stoltens, daß die Konsumvereinssteuer eine Doppelbesteuerung darstelle, in ge- wissem Sinne als richtig; aber dann müßte auch jede Besteuerung juristischer Personen aufhören. Dann ließ der Regierungsvertreter die volkswirtschaftliche Weisheit vom Stapel, daß die Aktien- gesellschaften im Grunde genommen auch weiter nichts feien als Konsumvereine. Einkaufsgenossenschaften seien wieder etwas anderes als Konsumvereine usw. Die auf der Reichsgesetz- gebung beruhenden Konsumvereine zu vernichten, könne er keines- Wegs empfehlen« daher müsse die mittlere Linie innegehalten werden. Nach Ablehnung des Erdrosselungsantrages wurde in namentlicher Abstimmung der Kom» missionsantrag in erster Lesung mit 65 gegen 64 Stimmen hesKlossen. Wie sich die Agrarier von den Steuern drücken! Daß die Herren Agrarier keine Freunde vom Steuerzahlen sind, ist bekannt, daß aber bei Gutskäufen die Steuerhinterziehung geradezu nach einem System betrieben wird, ist erst jetzt gerichtlich nach- gewiesen. Vor ewiger Zeit ging das Gut Ernstfelde bei Reu- brandenburg in Mecklenburg-Strelitz in andere Hände über. Bei dem Kauf fühlte sich der Käufer von dem Verkäufer übervor« teilt und es kam zum Prozeß. In der Verhandlung vor dem Amts- gericht Neubrandenburg stellte sich nun heraus, daß an lebendem und totem Inventar nur das notwendigste Ackergerät und 8 Pferde, 3 Kühe, 3 Kälber sowie ein Ziegenbock vorhanden war. Dieses „Inventar" war aber in der Kaufsumme mit 55 000 M. an- gesetzt. Der Lorsitzende drückte dem al» Zeugen vernommenen Landwirt Möller gegenüber feine Verwunderung über die Höhe dieser Summe aus. Der Zeuge gab unumwunden zu, daß bei Gutskäufen„für gewöhnlich" der Preis für das vorhandene Inventar höher angegeben werde als der tatsächliche Wert aus- mache. Die» geschehe deshalb, um die Grundrente in den Augen der Steuerbehörde niedriger erscheinen zu lassen. Nach diesem Usus sei„jedenfalls" auch beim Verlauf des Gutes Ernstfelde verfahren worden. Ob der StaatSawalt, dessen Vertreter diese» Bekenntnis einer schönen agrarischen Seele mit angehört hat, nunmehr gegen den Schuldigen das Verfahren wegen Betruges einleiten wird? was die Wertschätzung des„großen Patrioten" durch die preußische Polizei ins rechte Licht setzt: man riß ihn in jener Nacht vom Bette eines sterbenden Kindes hinweg, daS er nicht mehr wiedersehen sollte. Auf die Brutalität folgte die Verleumdung. Am folgenden Tage stand in der„Vossischen" und noch einer anderen Berliner Zeitung eine polizei-offiziose Notiz, welche mitteilte: Nach den bc- schlagnahmten Papieren habe Jahn„nicht allein auf den Turn- Plätzen demagogische Politik jeder Art getrieben, sondern auch fort- gesetzt versucht, die Jugend gegen die bestehend« Regierung einzu- nehmen und zu revoluttonäven und andern gefährlichen Grund- sätzen, z. B. der bedingten Rechtmäßigkeit des Meuchelmordes der Staatsdiener, der Zierde des Dolche« für jeden Mann--- bei ihm fand man deren zwei— zu verführen" usw. Wem fällt hier nicht die frappante Aehnlichkeit auf mit Vor- gängcn unserer Tage? In denselben«Preußischen Jahrbüchern". denen wir diese Angaben entnehmen, loar im April d. I. ein drolliger Aussay eines GhmnasialdiroktorS auS Prenzlau zu lesen, worin über die Sozialdemokratie unter anderem folgendes behauptet wurde: „Immer neue Geschlechter wachsen heran, die mit der Muttermilch schon den Haß gegen alle Bessergestellten eingesogen haben, die erzogen werben zur Auflehnung gegen alle bestehende Ordnung, die hinjauchzen möchtrn ,in Blut und Mord ihrer ver- mcinilichen Feinde." Also damals so wie heute. Aber nun kommt doch ein großer Unterschied: aus der Festung heraus konnte Jahn den Verfasser obiger Notiz wegen Verleumdung verklagen. Heutzutage kriegt ein Untersuchungsgefangener solche Dinge, die draußen in der Oeffentlichkeit über ihn verbreitet werden, nicht einmal zu er- fahren, geschweige denn, daß er sich dagegen»vehren kann. Der Verlauf der Klage jedoch erinnert wieder ganz an heutige Zustände. Die amtliche Untersuchung ergab, daß die Notiz den beiden Zeitungen mit einem gleichlautenden Begleitschreiben zugegangen war, wonach„Se. Durchlaucht der Herr Fürst Staatskanzler" die Veröffentlichung wünsche. Das genügte den beiden„unabhängigen" Blättern. ES war aber dieselbe Notiz mit demselben Begleit- schreiben auch noch einer dritten in Berlin erscheinenden Zeitung zugegangen, der amtlichen„Staatszeiwng". Deren Redakteur zedoch, der Geheime Hofrat Staegemann, hatte erste den Nach- weis verlangt, daß die Sache auch wirklich vom Fürsten Staats- kanzler herrühre, und al» man ihm den Nachweis schuldig blieb, hat er den Abdruck verweigert. Im übrigen wurde das Verfahren gegen den Urheber der Ver- leumdung, den berüchtigten Gehcimrat von Kamptz, Direktor des Polizeidepartements, bald eingestellt, weil er—— amtlich ge- handelt Habel Heute würde man sagen, es wurde der„Konflikt erhoben". Jqhn blieb 4 Tage in Spandau, bm wurde er auf die Feshing Kaserne»- Bestialität. Die Mißhandlungsprozesse beim Ulanen- Regiment Nr. 17 in Oschatz i. S. nehmen kein Ende. In Schindereien und Quälereien hat dieses Regiment in den letzten Jahren einen unerreichbaren Re- kord aufgestellt. Vor länger als Jahresfrist wurde diese Eiterbeule aufgestochen, es folgte Prozeß auf Prozeß und noch immer ist ein Ende in dieser Aufsehen erregenden Affäre nicht abzusehen. Jetzt wurde vor dem Dresdener Kriegsgericht abermals ein Prozeß verhandelt, der an Zahl der Mißhandlungen alle bisherigen übertrifft. Aber alle diese Quälereien bleiben ungesühnt. weil der Täter strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden kann!! Es handelt sich im vorliegenden Falle um den Unter- o f f i z i e r K e l l e r von der 2. ESkadron des genannten Regiments, bei der überhaupt die meisten Schindereien vorgekommen sind. Keller ist nur wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Die übrigen unzähligen Mißhandlungen hat Keller als Gefreiter, aber nicht in Vorgesetzteneigenschaft begangen. Ist schon nach den gesetzlichen Bestimmungen— und daS ist eine große Lücke— deshalb eine Bestrafung unmöglich, so fehlt es in allen Fällen an dem erforderlichen Strafantrag der Verletzten zur Verfolgung wegen einfacher Körperverletzung. ES ist allenthalben Verjährung eingetreten. Im vorliegenden Falle haben die mißhandelten Soldaten aus Furcht vor weiteren Mißhandlungen keine Meldung erstattet und auch keinen Strafanttag gestellt. Erst nach Ablauf ihrer Dienstzeit haben sie das Martyrium zur Sprache gebracht. AuS der Fülle der Miß- Handlungen sind nur die Fälle herausgegriffen, die sich als gefähr- liche Körperverletzung qualifizieren. Der ehemalige Ulan Lorenz, der die haarsträubenden Zu- stände zuerst aufgedeckt hat, ist täglich geschlagen worden. Stockhiebe und Ohrfeigen waren an der Tagesordnung. Die Mißhandlungen liegen bis in die Rekrutenzeit 1906/07 zurück. Bei zwei verschiedenen Gelegenheiten ist Lorenz mit dem Obergurt in furchtbar schmerzhafter Weise über Kopf und Rücken und ins Gesicht geschlagen worden. Nasen- bluten, Beulen und Kopfschmerzen waren die Folgen dieser Quälerei. Nach einer neuen Mißhandlung ist Lorenz dann von der Truppe weggelaufen. Der Ulan Schumann ist mit einer Reitpeitsche mit Stahleinlage derart mal- trätiert worden, daß die Striemen fingerdick auf dem Körperlagen. Bei zwei anderen Gelegenheiten wurde derselbe Soldat mit schweren Holzpantoffeln in den Leib getreten; die Tritte waren sehr schmerzhaft, und einige Zeit später trat auf der einen Seite der Bruch heraus. Der Ulan Kümmel wurde eines Sonntags nach dem Kirchgang unmenschlich mit beiden Fäusten ins Gesicht ge- ch l a g e n. daß er blutete und gegen dir Schränke flog. Das sind nur die unter Anklage stehenden Fälle, von denen der An- geklagte wahrscheinlich infolge seiner vielen Roheiten nichts wissen will. Die übrigen Mißhandlungen wurden in der Verhandlung nur gestreift. Fest steht aber, daß dieser Rohling vom R o h r st o ck, den er ständig bei sich führte, täglich ausgiebigen Gebrauch gemacht hat. Auch mit Lanze und Reitpeifchr wurde oft geschlagen. Keller war al» roher und gewalt- tätiger Mensch gefürchtet, die Soldaten nannte er nicht anders wie Mi st Viech, Dreckschwein und so fort. Vervollständigt wurde dieses düstere Kasernenbild durch die Zeugenaussagen- Sie sind so bezeichnend für die Abscheulichkeiten bei ge- nanntem Regiment, daß sie kurz wiedergegeben zu werden verdienen. Lorenz bekundete: Ich kann mich auf die einzelnen Vorgänge nicht besinnen, weil ich täglich mit allerlei Gegenständen geschlagen worden bin. Nach einer furchtbaren Mißhandlung bin ich dann in meiner Angst weggelaufen. In der Hauptsache wurde ich über den Kopf geschlagen;ichbinheutenoch ganz kaput von diesen Mißhandlungen; bin oft sehr nervös und habe Kopfschmerzen. Schumann sagte aus: Mit der Reitpritsche bin ich e n t s e tz- lich mißhandelt worden, Keller war furchtbar roh und hat täglich gedroschen. Gemeldet habe ich nichts. weil wir sehr eingeschüchtert waren. ES waren schreckliche Zustände. Kümmel erklärte als Zeuge: In der Stube wie im Stalle wurden wir immer der Reihe nach geschlagen. Keller ging vonMannzuMann zuMann und hiebmit einem Ochsenziemer drauflos, ganz gleich, wohin er traf. Küstrin gebracht. Dort blieb er in strenger Haft, ohne daß auch nur eine Untersuchung gegen ihn eröffnet wurde, ohnedaßman ihn, auch nur mitteilte, wessen er eigentlich be- schuldigt war. Durch diese Ungewißheit wurde der Ge- fangene zur Verzweiflung gebracht, körperlich und seelisch aufs schwerste gepeinigt. Wie er sich befand und wie man ihn behandelte, mögen folgende Stellen aus einem Briefe zeigen, den er am 13. September 1819(also nach zwei Monaten Gefangenschaft) an den Polizeiminister v. Schuckniann richtete, der ihn erlaubt hatte. täglich eine Stunde auf der menschenleeren Bastei in Begleitung einer Wache spazieren zu gehen: „Die Erhörung meiner Bitte ist ein Linderungsmittel meiner " harten Gefangenschaft. Noch mehr Trost habe, ich aus Ihrer Zuschrift geschöpft. Es ist die erste mir von einer Behörde gewordenen Antwort seit meiner g!« fange nschaft... Können Sie nicht meine vorläufige Freilassung bcivirkcn, werden Sic doch menschenfreundlichst Sorge tragen, daß ich schnell vor ein gehöriges Gericht gestellt werde. Aber dieser Mittelzustand, in dem ich mein Dasein hinleben mutz, ist das /Schrecklichste, was nur zu denken ist.... Mein Zustand ist eine wahre Verdammnis. wo ich weder Ankläger noch Anklage erfahre, nicht zum Verhör und Gehör gelange und ohne Richter und Recht bereits ein« schöne Zeit verloren habe.... ... Ich habe viel erlitten und ausgestanden� und das Schlimmste, der Winter, steht bevor. Da werden die Trümmer meiner Gesundheit scheitern. An den Arzt kehren Sie sich Nicht; der lügt wie ein Bulletin. An dem nämlichen Tage, wo er von meinem„ungetrübten Wohlsein" falsch Zeugnis ausgestellt hat, verschrieb er mir Arznei...." Und wenige Tage später, am 16. September, schrieb Jahn: „Ich scheine gesund, fühle mich aber sehr krank. Kein Arzt kann helfen. Mein Uebel ist Seelenleid. Gram, Kummer, die lebhafte Erinnerung aller erlittenen Kränkungen, die Unmög- lichkeit, in gegenwärtiger Lage meine Unschuld darzutun, die Trennung von den Meinigen, die Ungewißheit, wie lange dieser schreckliche, verteidigungslose Zustand noch fortdauern muß, der Glaube, daß die UntersuchungSkommission auf mein Verderben sinnt— alles die» zusammengenommen hat mein Gemüt sehr gesttkrt, nachdem zuvor die LcibeSgesundhett zerrüttet worden... Täglich, stündlich, ja augenblicklich fühle ich die Abnahme meiner GeisteÄräfte.... Die Schwäche mehrt sich auffallend. Dazu kommt der Kopfschmerz von der Art, waZ Migräne genannt wird und wogegen kein Heilmittel Kräfte hat. Alles daS sehe ich als Vorboten meiner völligen Gcisteszerrüttung an." Zu dieser taurtgen Verfassung trpg wesentlich auch die aus- «suchte Niedertracht bei, mit der man ihn in Küstrin «handelte. In dem erwähnten Artikel der„Preußischen Jahr- fiü&x" heißt tö;»Iah« mste il» Küsten nicht ÄS FchilugS: Er keß uns gar nicht zu SZerfiande kommen. Ich wurde mal so geschlagen, daß ich nicht wußte, wo ich war. Ein anderer Zeuge faßte seine Aussage dahin zusammen: Erst hatte Keller eine Reitpeitsche, dann schaffte er sich einen Ochsenziemer an. damit die Schläge schmerzhafter waren. Es war furchtbar, wie beiuuS geschlagen wurde. Ost wurden wir mit dem Rohrstock die Treppen herunter- gejagt. Der ehemalige Ulan GwaS bekundete: Keller war sehr grob und roh. er schlug rücksichtslos darauf l o S. Mehrfach wurden wir niit Reitstiefeln getreten und auch mit der Klopfpeitsche geschlagen. Man merkte allen Zeugen an, daß sie mit Schrecken an ihre Dienstzeit denken. Das gab"selbst der Anklagevertreter mit bitterer Miene zu. Das Urteil gegen Keller lautete auf drei Wochen Gefängnis wegen Körperverletzung in vier Fällen, in zwei Fällen erfolgte Frei- sprechung. Diese Enthüllung typischer Kasernenroheit zeigt wieder einmal, wie jämmerlich es in den Kasernen um die Aufsicht durch die höheren Borgesetzten bestellt ist. Der Redakteur OanS Weber zu Berlin ist wegen Beleidigung des Landrats Axel Baron von Rolcken in Riga durch Urteil des Königlichen Landgerichts I zu Berlin, Strafkammer 9, vorn 16. Mai 1911 zu 300 M.— dreihundert Mark— Geldstrafe, im Nichtbei- trcibungsfalle für je 10 M.— zehn Mark— zu einem Tage Ge- fängnis und zu den Kosten verurteilt worden. Die Kosten des Verfahrens werden dem Angeklagtes zijy Last yelegt,_ Die Cdahten in Oesterreich. DaS Gesamtresultat der bisherigen ReichSratS- tvahlen ergibt für 449 am 13. d. Mts. vorgenommene Wahlen 23 1 endgültig gewählte Abgeordnete, 171 Stichwahlen und 14 zweite Wahlgänge, letztere in Galizien mit zusammen 27 Mandaten. Zur Vervollständigung des Hauses auf 516 Mandate sind noch 67 Mandate in Galizien und Dalmaticn zu besetzen. Der Besitzstand der Parteien stellt sich mit Einrechnung der Stichwahlergebnisse für solche Stichwahlen, wo sich Kandidaten derselben Partei» gruppe gegenüberstehen, folgendermaßen: die Christlich- sozialen besitzen 68 von 96 im letzten Reichsrat inne- gehabten Mandaten, die Tschechen 55 von 84, die Deutschfreiheitlichen 47 von 79, die Sozial» domokraten 44 von 87, darunter 12 im Besitze der tschechischen Sozialdemokratie, die S ü d s l a w e n 28 von 37, die Polen 14 von 71, die Italiener 12 von 15, die Bukowinaer Ruthenen 5 von 5, die R u m ä n e n 5 von 5 und Wilde 4 von 13 Mandaten. Alle Bemühungen der Regierung sind darauf ge- richtet, eine Koalition der Deutschnationalen und Christlichsozialen gegen die Sozial» demokratie zustande zu bringen. Die Führer der Deutschnationalen hatten mit den Christlichsozialen eine Bc- sprechung, der der Ministerpräsident, der deutschnationale Justizminister Hachenburger und der durchgefallene Handels- minister Weißkirchner beiwohnten. Den Ministern gelang es schließlich, nachdem sich die braven Deutsch.,freiheitlicheii" etwas gesperrt hatten, die Sache zum Abschluß zu bringen, und es wurde ein Wahlkartell gegen die Sozialdemokratie vereinbart. In den Sudetenländern, namentlich in Böhmen, wo dem Stande der industriellen Ent- Wickelung entsprechend auch die Klassengegensätze am schärfsten sind, wird diese Vereinigung zu der einen reaktio» n ä r e n Masse ivahrscheinlich von den bürgerlichen Wählern anerkannt werden. Dies mag der Sozialdemokratie vielleicht Mandate kosten, ist aber vom Standpunkt der sozialdemokra» tischen Aufklärung auS nur zu begrüßen. Anders steht es in Niederösterreich und Wien. Hier, wo man die Christlichsozialen und ihre Herrschaft über das Nathans aus nächster Nähe kennt, ihre Gefährlichkeit und Korruptheit durchschaut hat, werden die Wähler kaum Lust haben, den Abmachungen der deutschnationalen Mandats- streber und RegierungSmameluckcn zu folgen. Das wissen auch die Bürgerlichen und deshalb werden sie in Wien keine andere Parole ausgeben als gegen die Christlichsozialen. Sie müssen das um so eher, da sonst unsere Genossen sie als Helfershelfer der Christlichsozialen nicht anders als diese gefangener behandelt, sondern als gemeiner Der» p rech er, dem man da» schlimmste zutrauen mußte." Messer, Gabel, selbst Schreibzeug wurde ihm entzogen. Er durfte in Gegen» wart eine» Unteroffiziers mit Bleistift schreiben, aber dann wurde ihm der Bleistift zusammen mit dem Geschriebenen sofort weg- genommen. Dadurch wurde ihm die einzige Freude, die der so regsame und lebhafte Mann in der schrecklichen Ocde seiner ein- samen Zelle hatte, Verkehr mit den Seinen und wissenschaftliches Arbeite», vergällt, letzteres überhaupt unmöglich gemacht." Briefe, die et an seine Frau und seine Frau an ihn schrieb, wurden Wochen- lang zurückgehalten, und dergleichen mehr. Am 10. September endlich wurde die Sackie einer gerichtlichen Untersuchungskommission überwiesen(der unter anderen der als Dichter bekannte Äammergerichtsrat E. Th. A. Hofmann angehörte). Für Jahn bedeutete das aber noch auf lange Zeit hinaus keine Aenderuiijj. Denn noch am 18. Oktober, also wieder einen vollen Monat spater, schreibt er an den Minister: „Auch diese Kommission ist in Berlin und ich 12 Meilen von ihr entfernt. Da sitze ich nach wie vor in meinem Verließ.... Bei schönem Wetter ist nach vollen 2 Monaten ein Herr von der Kommission auf einige flüchtige Stunden erschienen und ist dann wieder verschwunden. Das sind traurige Aussichten für den Winter. Was kann in solchen Augenblicken ausgcmittelt tverden? Da komme ich nicht züm Gehör. Da bleibe ich nach wie vor ein vorvcrurteilter Verbrecher, der ohne Urteil und Recht Festung»- strafe erleiden muß.... Noch immer weiß ich am 77. Tage meiner Einkerkerung nicht, weshalb ich verhaftet worden, was man überhaupt gegen mich haben will... Am 110. Tage seiner Haft wurde Jahn zum erstenmal richterlich vernommen! Trotzdem das Allgemeine Landrecht verfügt, daß ein Richter, der einen Arrestanten über einen Monat ohne Unter- suchiung sitzen läßt, seines Amte» einsetzt werden soll.— Am 22. Oktober wurde Jahn von Küstrin abgeholt und nach der Ber- liner Stadtvogtei gebracht. In der Verordnung, die das verfügte, hieß es. man solle einen Polizeikommissar nach Küstrin senden, „der den Jahn von dort abhole, für den Transport die dem Grade seiner Verschuldung und bekannten Brutalität ange- messenen Sicherheitsmaßregeln treffe, und die Transportmittel so einrichte, daß derselbe ohne Aufsehen hier in der Nacht abgeliefert werde". In Berlin ging es ihm zwar etwas besser, er konnte arbeiten und zwei- bis dreimal wöchentlich Besuche seiner Frau empfangen, aber in Gefangenschaft blieb er nach wie vor. Am IS. Februar des folgenden Jahr?» erschien der Bericht der gerichtlichen Koni- Mission, der mit den Worten schloß,„daß den Jahn in keinem Falle eine Strafe treffen könne, die sein« Hast während der Untersuchung rechtlich begründet, er dgher jcsM Arrestes zu evtlasscg fei", selbst behandelst würden. Jlnd das würde ihnett schlecht be- kommen._ 1 frankrcich, Ärisengcruchte. Paris, 15. Juni. Trotz des Dementis der„Agence HabaS" der- breiteten sich gestern nachmittag in den Wandelgängen der Kammer die Gerüchte über angeblich im Ministerium herrschende Mißhelligkeiten so hartnäckig von neuem, daß sich der Ob- mann der sozialistisch-radikalen Gruppe Pell et an zum Minister- Präsidenten Monis begab, der ihm versicherte, daß alle Gerüchte unbegründet seien. Es hieß, daß die Jnterpellationsdebatte über die Alterspens ionen Schwierigkeiten im Gefolge haben könnte, da Jaures beabsichtige, einen Bcschlußantrag einzu- bringen, wonach das Pensionsalter auf 60 Jahre herabge- setzt werde. Man glaubt jedoch, daß auch in diesem Punkte eine Verständigung ziemlich leicht zu erlangen sein wird. Tie Winzerftage. Paris, 15. Junk. Der Ministerrat hat beschlossen, un- verzüglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, der den Zweck hat, in der Frage der Abgrenzungen der Weingeb i.ete auf das allgemeine Recht zurückzugehen, das heißt zum Gesetz von 1824. wo- nach die Erzeugnisse auf Grund der Ursprungsbezeichnung geschützt iverden. Die Hauptpunkte de? Gesetzentwurfs sind die folgenden: 1. Abschaffung der durch das Gesetz von 1908 eingesetzten administra- tiven Abgrenzung und Ersetzung derselben durch die juridische Ab- grenzung; 2. Ergänzungsmaßnahmen zur Unterdrückung von Warenfälschungcn; 3. Wirksamer Schutz der Ursprungsbezeichnung; 4. eine Bestimmung, nach der den Grundbesitzern und den Syn- dikaten der Erzeuger die Möglichkeit eines gerichtlichen Verfahrens gegeben werden soll. Der Gesetzentwurf wird Ufitl} pOf Cflbf dieses Monats im Wilaweat vorgelegt werden« � England Australiea und die englisches Kapitalisten. London, 14. Juni.(Eig. Ber.) Zu einer recht lebhaften AuS- einandersetzung kam eS gestern ani finde eines Interviews, das der augenblicklich in London weilende australische Mi- nisterpräsident Fisher einer Deputation der Londoner Handelskammer gab. Von den Millionen, die englische Ka- pitalisten in Australien angelegt haben, entfällt ein großer Teil auf Ländereien, die von der von der Arbeiterpartei ein- geführten Landsteuer ziemlich empfindlich getroffen worden sind, was die großkapitalistischen Spekulanten natürlich als eine Infamie ansehen. Mit der Landsteuer wollte die australische Regierung hauptsächlich bezwecken, die gewaltigen Terrains, die jetzt so gut wie brach liegen und deren Bestehen die EntWickelung des Landes aufhält, zu zerstören und das Land der Besiedelung zugängig zu machen. Der höchste Steuer» satz trifft die abwesenden Besitzer, d. h., die in England an- sässigen Landesspekulanten. Seitdem die Labour Party in Australien ans Ruder kam, haben diese Kapitalisten in der englischen Presse einen organisierten Verleumdungsfeldzug gegen die neue Regierung geführt und nichts unversucht ge- lassen, um die drohende Landsteuer abzuwenden. Die Deputation der Londoner Handelskammer setzte sich aus den Vertretern der verschiedenen englischen Gesellschaften zusammen, die Gelder in australischen Unternehmungen in- vestiert haben. Diese beklagten sich darüber, daß die neue Landsteuer mit großer Härte die englischen« Gesellschaften bedrücke, die Geld in australischen Ländereien angelegt hätten. Australien habe das britische Kapital angelockt und nun be- strafe man die Kapitalisten als abwesende Landbesitzer(nb- sentees). Das sei ungerecht. Australien vertreibe das Ka- pital, das sich in Zukunft anderen Ländern zuwenden werde. Der Ministerpräsident Fisher verteidigte die Labour Party sehr energisch gegen diese Angriffe. Er wies daraus hin. daß die in Frage kommenden Ländereien zu spekulativen Zwecken zurückbehalten und in einer Weise benützt würden» die die wirtschaftliche Entwicklung Australiens aufhalte. DaS ganze australische Volk sei sich darin einiss, daß diese« Hemm- ni« aus dem Wege geschafft werden müsse. Die britischen Kapitalisten, die Profite aus Australien zögen, trügen nichts zu den Steuern bei; die ganze Landsteuer bringe kaum eine Million Pfund Sterling ein. Die Behauptung, daß die Politik der Regierung den Kredit Australiens untergrabe, Aber er blieb trotzdem in Gefangenschaft. Eine Ein» gäbe an den König selbst war nötig, um ihn am 31. Mai 1820, nach lO�monatlicher Einkerkerung, die Pforten des Ge- füngnisses zu öffnen! Aber auch dann wurde er nickt etwa frei» gelassen, sondern er mußte sich nach Kolberg begeben und sich dort unter Aufsicht des FestungSkom Mandanten stellen. In Kolberg hörte Jahn jahrelang nicht; von der Sache; auf Anfragen wurde ausweichend geantwortet. Es vergingen zwei Jahre und drei Monate, bis das Oberlandesgericht zu Breslau ihn zu zwei Jahre» Festung und den gesamten Kosten ohne Air- rechnung der 4«,b Jahre langen Freiheitsberaubung verurteilte. In zweiter Instanz jedoch, abermals 14 Monate später, wurde Jahn vom OberlaudeSgerickvt zu Frankfurt a. O. freigesprochen! aber die Kosten der zweiten Instanz mußte er dennoch bezahlen. So hat der„Turnvater" 5 Jahre und 8 Monat« eines LebcnS durch die Richtsivürdigkeit prcu- ßischer Behörden verlöre m I» dieser Zeit starb ihm noch ein zweites Kind und in Kolberg auch seine grau, deren Leiche er nichr nach Berlin zur Beerdigung begleiten durfte. Und nach der Freisprechung-- wurde er unter Polizei- nufsicht gestellt! ES wurde ihm verboten, in einer Universitäts- oder Gymnasialstadt, sowie 10 Meilen im Umkreis von Berlin zu wohnen. Zuerst lebte er in Freiburg an der Unstrut, 1828 wurde er von dort noch Kölleda ausgewiesen. Und was war nun eigentlich sein Verbrechen, das ihn den „ordnungsliebenden" Elementen des jßtaales so verhaßt gemacht hat? In einem Bericht der späteren Bundestagskommission ist eS ausgesprochen, daß er„die höchst gefährliche Lehre von der Einheit Teutfchlanos aufgebracht" habe! Um keine falschen Vorstellungen zu erwecken, ist«S notwendig hinzuzufügen, daß Jahn im großen und ganzen ein herzlich unbe- deutender Mensch gewesen. Im höheren Alter ist er mehr und mehr konservativ geworden. 1852 ist er gestorben. Aber sein Verdienst, als erster die Turnerei planmäßig gepflegt zu haben, bleibt unbestritten. Deshalb ist auch nichts dagegen ein- zuwenden, daß man am HuudertjahrStage der Eröffnung seines Turnplatzes gedenkt. Nur ob gerade die preußischen Be- Hörden dazu berufen sind, deren Amtsvorganger Jahn so schnöde mißhandelt Habe», und die doch heute noch genau in demselben Geiste leben wie damals, da» ist die Frage. Wir anderen aber können auch aus dieser Geschichte eine tröst- licke Gcivißheit ziehen: so sehr die Machthaber den Mann geplagt und verfolgt haben, seine Idee, die Lehre von der Einheit Deutsch. landS, ist dennoch siegreich geblieben. Vielleicht ahnt dem Herrn Kultusminister, wenn er am Sonnabend seine Festrede schwingen wird, etwas davon, daß auch die Ideen, deren Verkünder heute so ha;! verfolgt werden, ggt sende siegreich bleiben müssen. sei all? 8er Lust �Sgristen'? kiie sei 8s§ Lcm8 finanziell kräftiger gewesen. Die australische Regierung wünsche nicht, die Kapitalisten, die Geld inr Lande anlegten, zu belästigen: wo aber die Interessen dieser Leute mit den Interessen der Allgemeinheit in Konflikt gerieten, sei die Regierung verpflichtet, das offen t- licheJnteresse hochzuhalten. Mit diesem Grund- satz würde die Regierung stehen und fallen. Der Vertreter der Australischen Grundstücks- und Hhpo- thekengesellschaft, ein Herr Williamson, griff den Minister- Präsidenten besonders heftig on. Er behauptete, daß nie so viele Streiks in Australien stattgefunden hätten, wie jetzt unter der Regierung der Arbeiterpartei und daß diese Re- gierung das Prinzip der Klassenbesteuerung eingeführt habe. Fisher wies diese Behauptungen als unwahr zurück; zu keiner Zeit hätten in Australien so wenige Streiks stattgefunden wie jetzt. Das Ende der zweistündigen Auseiuaildersetzuugen nahm einen stürmischen Verlauf. Herr Fisher sagte schließ- lich:„Es hat keinen Zweck sich aufzuregen. Sie gebrauchten die Worte„Klassenbesteuerung" und„Streiks"._ Könnte mir etwas anstößiger sein, als zu hören, daß Sie die Regierung beschuldigen, Klassenbesteuerung zu treiben?" Herr Williamson: Es ist Klassenbesteuernng. Herr Fisher: Tann behaupte ich, daß Sie die Lage der Regierung nicht verstehen. Die Wohlfahrt des Volkes ist das oberste Gesetz. Herr Fisher ivird- die Vertreter der Grundstücksspeku- lanten wohl kaum überzeugt haben. Leichter als diesen Leuten die Wohlfahrt des Volkes zu predigen wäre es, den Haifischen die zehn Gebote beizubringen. Streik in der englischen Wollindustrie. Bradford, 14. Juni.(P.-E.) 8000 Arbeiter der Woll- kämmereien sind in den Ausstand getreten, weil ihnen eine Er- höhung des Wochcnlohnes von den Arbeitgebern nicht bewilligt worden ist. Die in der Umgebung beschäftigten Arbeiter anderer großer Wollkämmereien beabsichtigen, dem Ausstand beizutreten. Die ganze Gegend ist durch den Ausstand schwer geschädigt, ds die meiste» Ärfceitzr i» Wollkämmereien beschäftigt sind. Rußland. Russische Greuel. AuS Warschau wird unS geschrieben: Grauenhafte Zustände herrschen in dem hiesigen Gefängnis, das während der Revolution in der Vorstadt Motrokow erbaut wurde. DaS Gefängnis ist für höchstens 1560 Gefangene berechnet, zurzeit sind jedoch 1800 darin untergebracht und zuweilen sind es noch mehr. Unter anderem sind hier auch„Politische" unter- gebracht, die zu Zuchthaus verurteilt sind. Gegen diese richtet sich die Wut der Beamten ganz besonders. Diese Beamten stehlen wie die Stäben. Trotzdem � das Gefängnis neu ist, ist es vollständig verwahrlost und starrt von Schmutz, weil die Kosten für Reinigung„gespart" werden. d. h. das Geld verschwindet in den Taschen der Beamten. Ebenso wird bei der Beköstigung„gespart". Nach dem Reglement sollen die Gefangenen zweimal in der Woche Fleisch erhalten, aber sie bekommen es oft Monate lang nicht. Auch andere Lebensmittel sind derart verdorben, daß sie ungenießbar sind. Von den Groschen, die die Gefangenen von Verwandten angewiesen erhalten, bleibt stets ein Teil in den schmutzigen Fingern der Beamten kleben. Beschwerden der Gefangenen werden mit grausamen Strafen beantwortet. Körperliche Züchtigungen sind an der Tagesordnung. Bei geringsten Verstößen gegen daS Reglement werden Hiebe ausgeteilt. Dabei besteht eine infame Ausbeutung. Die Ge- fangencn müssen nämlich Arbeiten für private Unternehmer verrichten und diese haben im Einvernehmen mit den be- stochenen Beamten in den letzten Wochen die Löhne herab- gedrückt. Dagegen lehnten sich die Gefangenen auf, besonders die Sozialdemokraten, und das Resultat war, daß eine Anzahl von ihnen mit Hieben be st rast wurden. Einer von ihnen, der 21jährige U r b a n i a k, hat sich erhängt, als sie ihn schlagen wollten. „DaS Leben ist uns zur Hölle geworden— so schreibt einer der Gefangenen— und manch einer trägt sich mit dem Gedanken, dem Beispiel des Genossen Urbaniak zu folgen." So nimmt die zarische Regierung Rache an dem über- wundenen Gegner. Man bedenke, daß diese polnischen Ge- nossen kein anderes Verbrechen begangen haben, als das, der Sozialdemokratischen Partei anzugehören. Dafür werden sie jetzt der Willkür entmenschter Bestien ausgeliefert. OrKek. Der Aufstand in Albanien. Budapest, 14. Juni. Ter Pcstcr Lloyd bringt aus Wiener diplomatischer Quelle eine Darstellung der Lage pi Albanien, in der es heißt: Die Türkei zeigt bezüglich Albaniens nunmehr günstige Dispositionen. Die Zllbanese» werden hoffentlich das türkische Entgegenkommen auf die richtige Art erwidern. Der Schtverpunkt der Situation liegt jedoch in Montenegro. Die Regierung in Eetinje mutz ihren ganzen Einfluß auf die Auf- ständiscben aufbieten und ihnen die Rückkehr zu normalen Zustanden nachdrücklich empfehlen. Die Mächte Europas erwarten ohne Unterschied, daß Montenegro in dieser für die Wiederherstellung des Friedens entscheidenden Stunde seine Korrektheit be- weisen wird. Marokko. Die diplomatische Sitnätio» hat sich seit gestern fast gar nicht verändert. Im französischen Senat kam eine Marokko-Jnterpcllation zur Verbandlung, die vom Minister des Aeußcren Eruppi beantwortet wurde. Eruppi sprach von den humanen und uneigennützige» Absichten Frankreichs in Marokko, und von den Herren Senatoren hatte keiner Lust, etwas daraus zu erwidern. Andererseits hat der spanische Minister des Auswärtigen ein Tagebuch veröffentlicht, das die Ereignisse in Elksar schildert, mit denen der spanische Einmarsch begründet werden soll. Natürlich wird sowohl von Frankreich wie von Spanien behauptet, daß sie sich an die Bestimmungen der Algeciras. akte gehalten hätten. Die Spanier in Elksar. Paris, 15. Juni.„Echo de Paris" berichtet aus Tanger: AuS Elksar wird gemeldet, daß unter der dortigen ottomanischen Be- völkerung algerischer Abstammung große Aufregung herrsche wegen d«S Verhaltens der Spanier. Letzter« drangen mit Gewalt in das Eigentum eines Muselmanen Charud ein, der sich geweigert hatte, die.Spanier freiwillig den Eintritt auf sein Eigentum zu gestatten, und besetzten die zahlreichen Brunnen, die sich auf dem Anwesen befinden. Die Mitbürger EharudS haben beschlossen, ihr Eigentum, wenn nötig,' mit Gewalt zu verteidigen, wenn sich die Spanier neu: Eivgrifs, dieser Alt erllmbc» sollten, Ein internationaler Seemannsstreik? Von Vir Inkermkionalen TranSportarbeiter-Federation wird UNS geschrieben: Die bürgerliche Presse war tn letzter Zeit in großen Aengsten. Alle nur irgendwo auftauchenden� Gerüchte von einem internationalen Seemannsstreik wurden von lang. ohrigen Korrespondenten der bürgerlichen Presse und der Depeschenbureaus begierig aufgefangen und schnell weiter verbreitet, mochte der Inhalt auch noch so absurd, noch so unwahrscheinlich klingen. Gewiß, eine alle Länder umfassende Bewegung der Seeleute war vorbereitet worden, da der inter- nationale Transportarbeiterkongreß in Kopenhagen (1910) anerkannte, daß die wirtschaftliche Lage der See- leute außerordentlich schlecht und deshalb sehr verbesserungs» bedürftig sei. Es wurde der Zentralleitung der internatio» nalen Federation ein seemännisches Komitee, bestehend aus vier Vertretern, zur Seite gestellt, um gemeinschaftlich mit ihr die Möglichkeit und Durchführbarkeit einer internatio- nalen Aktion zu beraten. Eine gemeinschaftliche Konferenz fand darauf in Antwerpen noch vor Schluß des Jahres statt, auf der man zu dem Beschluß kam, überall dort sofort Forderungen zu stellen, wo das noch nicht geschehen war. Auch sollte versucht werden, mit den Reedern zu verhandeln. Im Frühjahr sollte dann eine neue Konferenz abgehalten werden mit einer erweiterten Beteiligung der Vertreter see- männischer Organisationen, um über den Stand der Be- wegung. Bericht zu erstatten und auch darüber, ob die Reeder Entgegenkommen gezeigt hätten, ob und inwieweit auf fried- lichem Wege die Forderungen zu verwirklichen seien. Ueber die Art der aufzustellenden Forderungen wurden keine be- stimmten Beschlüsse gefaßt, diese festzusetzen wurde der Or- ganisation selbst überlassen. Darauf wurden in fast allen Ländern den Reedern die Forderungen übermittelt. In- zwischen wurde von der International Shipping Federation, der die Reeder fast aller Länder angeschlossen sind, der Be» schluß gefaßt, daß es den Landesorganisationen der Reeder nicht gestattet sei, der seemännischen Organisation ihres Lan- des irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Dieser Beschluß wurde zuerst von den deutschen Reedern durchbrochen. In allen Hafenstädten der Nord- und Ostsee erfolgte eine Er- höhung der Heuer und des Ueberstundengeldes sowie noch andere Verbesserungen. Auch die österreichischen Schiffahrts- gesellschaften mußten Zugeständnisse machen. Dagegen ver- weigerten die Reeder in den andern Ländern jede Zugeständnisse. Im März d. I. fand dann die erweiterte Konferenz wiederum in Antwerpen statt. Aus der Berichterstattung der Vertreter ging hervor, daß Deutschland und Oesterreich für eine Beteiligung nicht mehr in Betracht Lamen, da die Reeder in diesen Ländern Zugeständnisse gemacht hatten: Italien schied gleichfalls aus, weil dort die Entlohnung und Arbeits- zeit unter Mitwirkung der Organisation gesetzlich festgelegt worden war. Schweden und Norwegen sahen aus taktischen Gründen von einer Beteiligung ab. Es blieben nur noch England, Belgien, Holland, Dänemark und Nordamerika. Frankreich war nicht vertreten. Don einer internationalen Aktion, die alle Länder einschloß, konnte nicht mehr die Rede sein, wes- halb die Zentralleitung der Internationalen Transport- arbeiter-Federation den Ländern, die die Aktion durchführen wollten, das Recht zugestand, einzeln oder gemeinsam die Maßnahmen zu ergreifen, die sie für notwendig halten, um ihre Forderungen zur Anerkennung zu bringen. Die Bericht- erstattung an die Zentralleitung über alle Maßnahmen, zu der jede Organisation an sich verpflichtet ist. darf durch die Bildung eines Komitees in keiner Weise eingeschränkt werden und muß prompt erfolgen. Die Vertreter der an der Äktion beteiligten Länder schlössen sich darauf zu einem Komitee zusammen, prüften noch einmal die aufgestellten Forderungen und beschlossen,- besondere Verholtungsmaß- regeln für jeden Fall eines Konflikts. Die Reeder zeigten sich auch nach dieser Konferenz einer Verständigung unzu- gänglich, wobei sie immer hervorhoben, daß ein internatio- naler Beschluß sie hindere, den Forderungen der Seeleute in den einzelnen Ländern entgegenzukommen. Am 1. Mai trat darauf das Komitee in L o n d o n zu einer Konferenz zu- sammen, in der Bericht über die Situation erstattet und be- schlössen wurde, die International Shipping Fedemtion schriftlich aufzufordern, in der von ihr selbst geschaffenen Situation eine Entscheidung zu treffen. Entweder sie er- fülle die Wünsche der Seeleute durch internationale Hand- lungen und Konzessionen oder sie gebe den nationalen Recderverbänden freie Hand, selbständig zu verhandeln und Konzessionen machen zu können. Auf ein Schreiben in diesem Sinne an die International Shipping Fedemtion sollte bis zum 15. Mai eine Antwort verlangt werden. Erfolge keine oder eine ausweichende Antwort, dann sei der 14. Juni als der Tag festgesetzt, an dem der Streik in den beteiligten Ländern zu beginnen habe. Auf das Schreiben erfolgte bis zum 15. Mai keine Antwort. In den beteiligten Ländern fetzte nun eine rege Tätig- keit ein. Versammlungen und Konferenzen wurden abge- halten. Verhandlungen mit den Reedern geführt und überall zum letzten entscheidenden Schlag die Vorbereitungen ge- troffen. In Dänemark purzelte der größte Scharfmacher unter den Reedern, Krön man, und machte einem weniger rücksichtslosen Vertreter der Seekapitalisten Platz, dem es denn auch gelang, mit den beiden dänischen Seemanns- Organisationen(Matrosen und Heizer) einen Tarif abzu- schließen. Damit schieden die dänischen Seeleute auch aus der Bewegung aus. Es blieben nun noch Belgien, Holland. England und Nordamerika. Kurz bor dem H. Futn Begann in Southampton ein Streik der Kohlenbunkerleute, der sich auf die Schiffsmaler und Seeleute ausdehnte. Einige Tage vorher hatte sich schon die neue Besatzung des„Kroonland" in Antwerpen geweigert, unier Bedingungen zu mustern, die sie für den Streik lahmgelegt hätte. Der Streik der Kohlen- bunkerleute und Seeleute in Southampton dauert an und wird sich zunächst auf die Mannschaften der Wochendampser andere englischer Hafenstädte ausdehnen, höchstivahrscheinlich auch auf die Hafenarbeiter und Fuhrleute. In Amsterdam bewilligten noch in letzter Stunde vier große Schiffahrtsge- fellschaften eine Erhöhung der Heuer um 2 Fl. pro Monat. Dos genügte den Seeleuten nicht und sie verweigerten des- halb am 14. Juni die Anmusterung. Der Streik ist. bis jetzt offiziell in Amsterdam und Rotterdam erklärt. Aus Belgien liegt noch keine sichere Mitteilung vor, aber der Streik ist sehr wahrscheinlich, ob- gleich der Bürgermeister von Antwerpen sich alle Mühe gibt, die Reeder umzustimmen und sie auch soweit zu bekommen, daß sie eine Vertretung aufs Rathaus entsenden, um dort mit den Vertretern der Seeleute zu verhandeln. Mitteilungen über den Ausgang der Verhandlungen liegen noch nicht vor. In England wir der Hauptvorstotz am 19. Juni geführt werden, weil Ende der Woche die großen Postdampfer ein- laufen, deren Mannschaften sich dann den Streikenden an- schließen werden. In Nordamerika stehen, an der atlantischen Küste die organisierten Seeleute ebenfalls in einer Lohn- bewegung. und wahrscheinlich wird von dort auch� bald eine Streiknachricht in Europa eintreffen. Auch die Hafen- arbefter und Seeleute in Frankreich rüsten sich. Wenn die Hafenarbeiter in den einzelnen Ländern sich den Seeleuten anschließen, oder in den Streik gezwungen hineingezogen werden, dann wird eine Bewegung entstehen, die sicherlich große Kreise ziehen wird. Die Reeder lverden dann zu spät gewahr werden, daß sie durch ihre Hartnäckigkeit eine Be- wegung heraufbeschworen haben, die ihnen schivere Opfer kosten wird. % Die gegenwärtige Lage. London, IS. Juni. Aus Belfast wird gemeldet, daß die Mann- schaften von zwei englischen Kanaldampfern ihren Dienst gekündigt haben.— Die großen Passagierdampfer, die von Liverpool aus- laufen sollen, haben bisher keine Schwierigkeiten, obschon 650 Mann, zumeist zum Mannschaftsbestand des„Teutonic" und der „Empreß of Jreland" gehörig, sich weigern, an Bord zu gehen.— Am Clyde dehnt sich der Ausstand weiter aus, doch wird die Lage erst morgen kritisch werden, wenn die großen atlantischen Dampfer von Glasgow auslaufen. In Southampton sind fast alle Seeleute in den Ausstand getreten. Die White Star-Dampfer-Gesellschaft beabsichtigt, die genannte Mannschaft des„Majestic", die heute er- wartet wird, abzulohnen und den Dampfer vorläufig außer Dienst zu stellen.— In Newport in der Grafschaft Monmouth wurde eine gewisse Erregung durch das Eintreffen von 250 Mann des Devonshire-Regiments verursacht. Man bringt diese Truppen- entsendung mit dem Ausstand der Seeleute in Verbindung. » London, 14. Juni. Vier der bedeutendsten Reedereifirmen in Liverpool haben eingewilligt, mit einer Deputation der See- leute zu verhandeln. * London, 15. Juni.(Meldung der.Preß-Centrale'.) Gestern abend ist auch in London der Seemannsausstand erklärt worden. In oriner Massenversammlung in Eastend erklärte der General- sekretär Wilson, daß jetzt der Streik in allen Häfen dcS Königreichs eröffnet fei und daß London an der Spitze der Bewegung stehen müsse. Unter den begeisterten Zurufen der anwesenden Matrosen, Heizer und Hafenarbeiter wurde sodann eine gewaltige Fahne entfaltet, die die Inschrift trug:„Internationaler See- mannsausftand 1911. Der Krieg ist erklärt. Kämpft für Ewre Freiheit." Der Seemannsstreik kann eine Wendung zum Schlimmen für die Unternehmer dadurch erfahren, daß auch dir Dock- und Hafen- transportarbeiter in den Ausstand treten. Sie haben plötzlich ihre alten Forderungen wieder aufgegriffen und verlangen deren Er- füllung innerhalb 24 Stunden. Am meisten betroffen vom Aus- stand sind bisher Southampton, Liverpool, Glasgow, South Shields und Blyth. Antwerpen, IS. Juni. Die ausständigen Seeleute hielten heute vormittag eine Versammlung ab, in welcher der Gewerkschafts- führer mitteilte, daß die deutschen Seeleute telegraphisch erklärt hätten, sie würden die Anwerbung deutscher Seeleute für alle Schiffe unter belgischer, englischer«der holländischer Flagge verf hindern, sich aber gegenüber der Anwerbung für Schiffe unter deutscher Flagge nicht ablehnend verhalten, da die Forderungen der deutschen Seeleute bewilligt worden seien. Ferner erklärte der Ge- werkschaftsführer, der Handclsminifter Hubert habe ihm mitge- teilt, daß feine Bemühungen, die Reeder zum Nachgeben zu ver- anlassen, ohne Erfolg geblieben seien. Die Behauptung des Vor- sitzenden der Antwerpener Reedereigenossenschaft, daß nur 39 Proz. aller Seeleute die Vermittelung der Shippingmaster in Anspruch nähmen, bezeichnete der Gewerkschaftssekretär für unrichtig. Ein erheblich größerer Prozentsatz benutze die Vermittelung der Heuer- institute. « New Dork, 15. Juni. Der Generalsekretär Wilson hat den nordamerikanischen Vertreter der„Nationalen Seemanns- und Heizervereinigung" benachrichtigt, daß britische Matrosen in nord- amerikanischen Hafen nicht in den Ausstand treten sollen. Die arbeitslosen Matrosen würden wahrscheinlich Schwierigkeiten mit der Einwanderungsbehörde haben, die sie als lästige Ausländer betrachten könnte. Alle gegenwärtig in amerikanischen Gewässern weilende englischen Schiffe werden mit ihrer Mannschaft in die Heimatshäfen zurückkehren. Erst hier dürfen die Matrosen die Arbeit niederlegen. Immerhin hoffen die englischen Seeleute auf die starke finanzielle Unterstützung durch ihre nordamerikanischen Kameraden. <3e\verklckaftUckes. Berlin und Umgegend. Schuhmacher! Wir ersuchen die Kollegen in Fabriken und Werkstätten, die in der Schuhindustrie zahlreich tätigen Taub- stummen auf die am Sonnabend, den 17. Juni, abends 8 Uhr, im Rosenthaler Hof, Roscnthaler Straße 11-12, stattfindende Zu- fammenkunft für Taubstumme aufmerksam machen zu wollen und zum Besuch derselben anzuregen. Weiter weisen wir erneut darauf hin, daß die Sperre über die Firma Hamann U. Co., Michaelkirchstr. 15, unverändert fortbesteht. Zentralvcrband der Schuhmacher. Ortsverwaltung Berlin. Deutsches Reich. TaS Reichsmarineamt als Arbeitgeber. Durch einen großen Teil der Tagespresse ging vor kurzem die Nachricht, daß auf Anordnung deS ReichSmarineamtS in den Marine- betrieben auf den Kieler Wersten allen Technikern gekündigt worden sei, die noch nicht fest angestellt sind. Das Reichsmarineamt soll Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Jv jeratenteil verantw.: Iin einer Eingabe an das ReichSmarineamt um die Festsetzung einer angemessenen Entschädigung für die Ueberführung in das Privatdienstverhältnis gebeten. Bevor jedoch diese Ein- gäbe eine Antwort gefunden hat. sind nun die erwähnten Kündigungen erfolgt. Ohne Zweifel widersprechen diese Kündigungen der Verfügung vom 3. Februar, denn darin heißt es ausdrücklich, daß die Ueberführung in das PrivatdicnstverbältniS nur auf eigenen Wunsch der Betreffenden geschehen solle. � ES gibt aber eine ganze Anzahl Hilfstechniker, die das nicht wünschen, und denen jetzt doch gelündigt worden ist. Außerdem aber hätte man zum mindestens erwarten dürfen, daß den gekündigten Bau- technikern für den Verlust der Beamtenprivilegien eine bestimmte finanzielle Entschädigung zu teil geworden wäre und daS ist nicht der Fall. Statt dessen soll der Privatdienstvertrag, der den G)S- kündigten vorgelegt worden ist, Bestimmungen enthalten, die sich an Einseitigkeit mit den unsozialsten Dienstverträgen der Privat« industrie messen können._ Ter Streik im Helmstedt-Magdeburger Braunkohlen« revier. Seit Montag sind in dem Revier zirka 1999 Mann ausständig. Auf die Tarifforderung der Arbeiter hatten die Unternehmer in einer derart provozierenden Weise geantwotet, daß der Ausstand für die Arbeiter unvermeidlich wurde. Die drei im Revier ver- tretenen Organisationen, der Verband der Bergarbeiter, der Ge- werkverein christlicher Bergarbeiter und die polnische Berufsver- einigung, führen gemeinsam den Kampf gegen den Uebermut der Grubenherren. Große Anstrengungen machten die Werke noch in den letzten Tagen der Kündigungsfrist, um die Phalanx der A» briter zu brechen, jedoch ohne großen Erfolg. So wurden den Ar- beitern die Werkswohnungen gekündigt, vielfach unter der Ver- sicherung, daß die Kündigung wieder zurückgenommen würde, wenn der Betroffene nicht mitstreike. Auch ein starkes Aufgebot von Gendarmen gehen auf die Suche nach Arbeitswilligen, zum Gaudium des Publikums bisher mit negativem Erfolg. In einem Falle hat es ein Gendarm in der Werkskaserne der Grube Marie Luise doch fertig gebracht, einen jungen Arbeiter zum Streikbruch zu be- wegen. Der Beamte kam des Morgens an das Bett des Arbeiters und eröffnete ihm, daß er zur Arbeit gehen solle, anderenfalls eS ihm schlecht ergehen könne, wenn er später zum Militär komme. Anscheinend sind aber die Werksherren mit der Wirkung ihrer Einschüchterungsversuche nicht zufrieden. Sonst brauchten sie doch in den Unternehmerzeitungen nicht gar so ärgerlich über die Streikleitung herzuziehen. Die Mätzchen, die sie hierbei vorbrin- gen, verraten ihre äußerst gereizte Stimmung nur zu gut. Ueber die Aktiengesellschaft Hahn für Optik und Mechanik in Ihringshausen war die Sperre verhängt worden. Jetzt haben die Arbeiter einen erfreulichen Erfolg zu verzeichnen. Die Firma hat den Obermeister Wagner unter Auszahlung einer Absin- dungssumme von 6999 M. sofort entlassen und die eingereichten Forderungen der Arbeiter mit unwesentlichen Aenderungen akzep- tiert. Die Arbeitszeit wurde auf 8 Stunden pro Tag festgesetzt. Der Mindestlohn beträgt für gejernte Arbeiter 55 Pf., für die älteren Arbeiter 69 Pf. pro Stunde, für die Hilfsarbeiter aller Art bis zum 19. Jahre 45 Pf., darüber 59 Pf. pro Stunde. Für Akkordarbeit ist der Stundenlohn garantiert. Ein Akkordpreis- Verzeichnis, in das die Arbeiter jederzeit Einsicht nehmen können. wird von einem Vertrauensmann der Arbeiter geführt. Auch Ferien wurden bewilligt, die Sperre ist aufgehoben. Diesen Fort- schritt haben die Arbeiter ihrem Zusammenhalten und dem Um- stände zu danken, daß„fie geschlossen dem MetallarbeiterverbanU angehören. In der Sächsischen Waggonfabrik zu Leubnitz bei Werdau (Sachsen) haben sämtliche Arbeiter(Metallarbeiter aller Branchen. Ti'chler, Stellmacher. Sattler, Maler und Tapezierer) wegen Lohn« differenzen ihre Kündigung vollzogen. Die Leitung dieses Werkes bemüht sich. Ersatz aus allen Gauen Deutschlands, vorzüglich auS Posen und Schlesien, heranzulocken. Wir ersuchen die Arbeiterschaft, dafür zu sorgen, daß der Zuzug unter allen Umständen ferngehalten wird.— Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck dieser Notiz gebeten. Deutscher Metallarbeiterverband. Verwaltungsstelle Zwickau(Werdau). Zentralverband der Schmiede. Deutscher Holzarbeitcrverband. Gewerkverein der Holzarbeiter(H.-D.�, Zentralverband der Sattler. Zentralverband der Maler. Tarifvertrag im Steinsetzgewerve in Rheinland» Westfalen. Nock langwierigen Verhandlungen ist nun auch für die Pro« vinzen Rheinland und Westfalen ein Tarifvertrag zum Abschluß ge- langt. Bon den Arbeitern war eine Lohnzulage von 5 Pf. pro Stunde gefordert worden, entsprechend den im Baugewerbe er- folgten Zugeständnissen, auch, weil der Arbeitgeberverband dort bis- her im Glieds des ArbeirgeberbundeS für das Baugewerbe war. Die Arbeitgeber lehnten anfänglich jede Lohnerhöhung für dieses Jahr ab. Jetzt nun ist vor dem Gewerbegerichl Bochum ein drei- jähriger Vertrag zustande gekommen, der den Steinsetzern 4 Pf. und den Äammern 5 Pf. Lohnzulage pro Stunde mnerhalo der Vertrags- dauer bringt. Bemerkenswert ist. daß der Arbeitgeberverband im Laufe der Verhandlungen die Erklärung abgab, keine Aussperrung vorzunehmen, wenn nicht von Lrbeiterseite ein Angriff erfolge. Vor drei Jahren war eS anders._ Der Bäckerstreik in Mannheim. Wie schon berichtet, haben am 13. Juni 399 Bäcker die Arbeit niedergelegt. Die Bäckermeister haben den Schiedsspruch des Gewerbegerichts bezüglich der Beseitigung des Wohnungszwanges beim Unternehmer abgelehnt. Die Gehilfen hatten dem Schieds» spruch zugestimmt. Trotzdem vom JnnungSvorstande an die Mitglieder ein Zirkular versendet wurde, in dem ausgefordert wird, keine Einzelverträge abzuschließen, hatten bis zum Ausbruch des Streiks 67 Betriebe mit 1l8 Gehilfen die Forderungen anerkannt. Bon der sozialdemokratischen Partei und dem GcwerkschaftSkartell wird die organisierte Arbeiterschaft zur Unterstützung in dem von der Lohnkommission verhängten Bohkott über die nicht geregelten Betriebe aufgefordert. Zuzug von Bäckern nach Mannheim ist sireng fernzuhalten. ?usl»nck. WerfiarbciterausstanV. 4999 Arbeiter der Werft der Messagerle Maritimes In T o u l o n sind in den Ausstand getreten. Die Ursache de» Aus- standes ist die Entlassung einer Anzahl Arbeiter. Die Ausständigen veranstalteten Straßenkundgebungen und verhinderten Ingenieure und Arbeitswillige an der Arbeit. Sie sangen die Internationale und führten eine rote Fahne mit sich. Eine Delegation der Aus- ständigen sprach bei der Direktion vor und machte die Forderungen der Arbeiter geltend. Der Direktor erklärte, er werde seit, Mög- lichstes tun, um den Ardeitern Genugtuung zu geben. sich aber bereit erklärt haben, sämtliche Techniker in ihren Stellungen zu belassen, wenn sie einen Privatdien st vertrag eingehen. Der Zweck der Maßregel ist der, die bisher mit Steuerprivileg, Aussicht auf feste Anstellung und auf PensionS- und Hinterbliebenen- Versorgung angestellten Techniker zwangsweise in ein privatrechtliches Dienstverhältnis zu überführen. Wie min der„Deutschen Industrie- beamten-Zeitung", dem Organ des Bundes der technisch, industriellen Beamten, bekannt geworden ist, sind von der Kündigung etwa 79 Techniker der zum ReichSmarineamt gehörigen Bauämter betroffen worden. Diese Kündigungen sind allem Anscheine nach alS Folge einer Verfügung des Reichsmarineamts vom 3. Februar d. I. an- zusehen, in der bestimmt wird, daß das Hilfspersonal der kaiser- lichen Werften in Zukunft nur noch auf Privatdienstvertrag anzn- stellen sei, und daß auch von den zurzeit im Beamtenverhältnis stehenden Hilsttechnikern diejenigen auf Privatdienstvertrag anzn- nehmen seien, die es wünschen. Es war schon damals vor- auszusehen, daß die im Beamtenverhältnis stehenden Hilfstechniker keine Lust haben würden, ihre Vorrechte ohne entsprechende Eni- schädigung aufzugeben, und tatsächlich haben die Hilfstechniker auch schaft soll gänzlich verwüstet sein.(Siehe auch Aus aller Welt.) ' Tb- Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt PaulSinger& Co.,Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen«. UnterhaltimgSbl. Letzte Nachrfcbtcm ' Zu dem Unwetter am Adriatischen Meer. Wien, 15. Juni. Die„Neue Freie Presse" meldet auS Trlest: Aus den meisten Küstenstädten Jstriens fehlen bisher Nachrichten. Aus Porto Rose wird gemeldet, daß auch dort die Springflut wütete und ungeheuren Schaden anrichtete. Eine benachbarte Ort- schaft soll gänzlich verwüstet sein.(Siehe Nr. 138. 28.Ialjrgltvg« l. KeilU Ks Jomiiilo" Kerlim loMiitt kttitsg, 16. Ittoi 1911 StadtverordneteD'VertaiDmlung. 22. Sitzung vom Donnerstag, den 1ö. Juni 1S11, nachmittags S UHr. Die Sitzung wird vom Vorsteher Michelet nach k'/z Uhr er- öffnet. Vor der Sitzung sind fünf Ausschüsse gewählt worden. Von der sozialdemokratischen Fraktion wurden deputiert: in den Ausschutz für die Vorlage betreffend das städtische Nachrichtenamt die Stadtvv. Bruns und Leid; in den Ausschutz für die Vorlage wegen Herstellung eines Gemeindeverwaltungsberichts für die fünf Jahre 1906—1910 Stadtvv. Dr. AronS, Heimann, Dr. Wehl(zugleich Vorsitzender des Ausschusses); in den Ausschutz für die Vorlage wegen Subvention des Vereins»Berliner Jugend- Haus* für die jugendlichen Obdachlosen Berlins Stadtvv. Hoff- mann, Ritter, Dr. Rosenseld, Zucht. Dem Verkauf des städtischen Grundstücks an der Gotzkowskybrücke und an der S p r e e an eine speziell für diesen Kauf begründete G. m. b. H. für 120 000 M.(653 Quadratmeter) hat der eingesetzte AuSschutz einstimmig zugestimmt. Dem Magistrat wird anheim- gestellt, den Vertrag mit dem jetzigen Pächter Brüning tunlichst bis zum 1. Oktober d. I. zu verlängern. Ohne Debatte befchlietzt die Versammlung nach de» Auhschutzvorschlägen. Im Schnlgebäude Tegeler Strotze 18/20 sind Räume für cnien Kindergarten eingerichtet worden. Der Verein für Volkskindergärten will daselbst sofort einen Kindergarten eröffnen, erbittet aber zum Betriebe eine Beihilfe. Der Magistrat befürwortet bei der Versammlung die Gewährung eines Zuschusses von jährlich 2000 M. Die Be- willioung erfolgt ohne Diskussion. Am 8. Juni hat die sozialdemokratische Fraktion(Stadtvv. Dr. AronS u. Gen.) folgenden Antrag eingebracht: »Die Versammlung ersucht den Magistrat, in einer an das Abgeordnetcnbaus zu richtenden Petition die durch den Gesetz- entwurf betreffend das Fortbildungsschulwcscn in Preußen gefährdeten Interessen der Stadtgemeinde Berlin zu Wabren und insbesondere dagegen Widerspruch zu erheben, daß die Einführung des Religionsunterrichts in die Fortbildungsschulen und die Notwendigkeit der B e st ä t i g u n g der in der Verwaltung der Fortbildungsschulen tätigen Personen beschlossen wird.* Stadtv. Hcimann(Soz.): Als die Einbringung des Antrages Von meinen Freunden beraten wurde, wußten wir nicht, daß der Magistrat eine bezügliche Petition bereits an den Landlag gerichtet hatte. Inzwischen haben wir von ihrer Existenz Kenntnis erhalten, und ich erkenne gern an, daß die Petition gut abgesatzt ist und alles enthält, was wir zum Ausdruck gebracht haben wollen. Bei dieser Sachlage und da wir überzeugt sind, daß die gesamte Versammlung einmütig und geschlossen hinter der Petition des Magistrats steht, legen wir auf die Beratung unseres Antrages keinen Wert und ich ziehe ihn hiermit zurück. Ich möchte aber die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne an den Magistrat ein Ersuchen zu richten, dessen Ausführung mir ganz selbstverständlich zu sein scheint. Die Petitionen der städtischen Körperschaften ergehen formell im Namen des Magistrats, in Wirk- lichkeil doch aber namens der interessierten Bürgerschaft und der zu ihrer Vertretung berufenen Kreise. Dazu gehören doch die Stadtverordneten genau in gleicher Weise wie die Mitglieder des Magistrats. Wenn ich. um nicht zu viel auf einmal zu verlangen. heule davon absehe, da« Ersuchen zu stellen, der Magistrat möchte vor Abschickung der Petitionen diese in der zuständigen Deputation vortragen lassen, so stehen doch gewiß keine Bedenken entgegen, daß wenn solche Petitionen abgeschickt werden, der Magistrat 141 Exem- plare niehr drucken und jedem von uns eins zustellen läßt. Dann würden wir ofsszielle Kenntnis von den Schritten erhalten, welche der Magistrat jeweils zu tun für gut befindet, und würden nicht auf mehr oder minder genaue Zeitungsnachrichten angewiesen sein. (Beifall.) Cm LelucK in ficllevau, der ersten deutschen Gartenstadt. Die Deutsche Gartenstadtgesellschaft hatte ihre diesjährige Ge- neralversammlung für den 10. und 11. Juni nach der Stadt der Ausstellungen an der Elbe einberufen. Nickst allzu groß war die Zahl der Mitglieder— noch kein halbes Hundert—, die dem Rufe gefolgt waren; dafür hatten wir die Freude, eine Anzahl von Städtevertretern bei uns zu sehen. Der Vormittag des 10. brackste zunächst zwei sehr instruk- tive Referate, das eine von Dr. Kcller-Berlin über:„Die Wirkung von Baubeschränkungen auf den Bodenpreis", das andere von dem bekannten Architekten Wagncr-Bremen über:„Die Frage des Ein- und Mehrfamilienhauses". Wagner führte an der Hand genauer Berechnungen und gestützt auf eigene praktische Erfahrungen den außerordentlich bedeutungsvollen Nachweis, daß unter sonst gleichen Umständen die gleiche Wohnfläche im Einfamilienhaus billiger zu stehen kommt wie im Mehrfamilienhaus, in der Mietskaserne. Sodann ließen wir uns vom Vorsitzenden Bernhard Kampfs- weher erzählen, daß die Idee der Gartenstadt im vergangenen Jahre eine weitere Ausbreitung gefunden hat, indem eine Reihe neuer Ortsgruppen gegründet wurden und mehrere von den vor- hcmdenen Ortsgruppen dazu übergegangen sind, die Idee in die Praxis umzusetzen. Am Nachmittage gingS dann hinaus zur Besichtigung der ersten deutschen Gartenstadt, H e l l e r a u.„Der ersten deutschen Garten- staot?" wird mancher erstaunt fragen, der sich entsinnt, dem Namen Gartenstadt auf so und so vielen Plakaten, Annoncen usw. begegnet zu sein. Den müssen wir belehren, daß zwischen diesen „Gartenstädten" und den eigentlichen Gartenstädten etwa derselbe Unterschied besteht wie zwischen einem sogenannten„Konsum- geschäft", das irgendein findiger Kaufmann in spekulativer Aus- nutzung des Renommees, das der„Konsum" in weiten Volkskreisen besitzt, gründet, und einem wirklichen Konsumverein. Was ge- wöhnlich als„Gartenstadt" angepriesen wird, das sind meist für Besserbcmittelte bestimmte Schöpfungen von privaten Terrain, und Bauspekulanten, die wohl äußerlich einen gartenähnlichen Charakter tragen mögen, mit dem die Grundlage der eigentlichen Gartenstadt bildenden Prinzip aber nicht das mindeste zu tun haben. Dieses Prinzip ist der Gemeinbesitz des Bodens. Niemand kann sich in der Gartenstadt ein Grundstück zu eigenem Besitz erwerben. Es kann also auch niemand Boden- oder Häuserspekulation treiben. Aller Wert, der durch die Ausdehnung der Siedelung dem einzelnen Grundstück hinzugefügt wird, fällt so der Allgemeinheit zu, die ihn ja auch gcsfyjffen hat. So wird eine dauernde Niederhaltung der Mieten garantiert. Dennoch kann und soll auch der Bewohner der Gartenstadt des Besitzes eines eigenen Heimes, des Heimats- gefühles, das ein solches gibt, teilhaftig werden. Während der Mieter eines Hauses selbst zedcrzeit kündigen kann, kann ihm nicht gekündigt werden. Wer seine Verpflichtungen gegen die Gartenstadt erfüllt, der kann nie aus seinem Heim verjagt werden und seine Rechte gehen auf seine Kinder und Erben über. Den Selbst- Die Angelegenheit ist damit erledigt. Vom städtischen Gasbehältergrundstück an der Fichtestraße, Ecke Hascnheide, soll eine unbebaute Parzelle von 3870 Quadrat- meter, wovon 3524 Quadratmeter Bauland, 346 Quadratmeter Bor- aartenland, an den Maurermeister Josef Demme für 409 252 M. freihändig verkauft werden. Stadtv. Ewald(Soz.): Wir beantragen, diese Vorlage einem AuSschutz von 15 Mitgliedern zu überweisen. Vor 38 Jahren haben wir da§ Grundstück erworben für 30 M. pro Ouadraimeter. Das Grundstück liegt hart an der Hasenheide, es ist dort ein sehr guter Verkehr, und wir halten den Preis von 105,75 M., der uns jetzt ge- zahlt werden soll, für viel zu niedrig. In der Gegend sind neuer- dingS 1700—2100 M. für die Ouadratrute gezahlr worden, durch- schnittlich 130 M. pro Quadratmeter. ES handelt sich also event. um eine Differenz von etwa 100000 M. DaS Grundstück ist bisher im ganzen ousgeboten worden. DaS war ein Fehler. Wenn ein einzelner ein Grundstück von 8600 Quadratmeter erwerben soll, gehört natürlich auch ein größeres Kapital dazu. Erst jetzt hat man sich entschlossen, das Grundstück zu parzellieren, und sofort hat sich auch ein Käufer gefunden. Ohne größte Notwendigkeit soll nach unserer Anschauung städtisches Terrain überhaupt nicht verkauft werden; wenn man aber schon verkauft, dann darf man nicht in den Fehler verfallen, zu billig zu verkaufen. Es geht das Gerücht, daß m der Gegend eine höhere Mädchenschule gebaut werden soll; ist etwas Wahres daran, dann hätten wir doch überhaupt keinen Anlaß, das Grundstück zu verkaufen. Stadtrat Rast: Es wird hier das Vorgartenland mitbezahlt. das kostet allein 36000 Mark, die auf das Bauland mit verteilt werden müssen. Stadtv. Ewald: Nach den bei der Stadt üblichen Bedingungen dürfte doch der Käufer von Anliegerbeiträgen befreit bleiben; das wird den eben hervorgehobenen Nachteil doch wohl ausgleichen, und der Preis von 105 M. bleibt derselbe. Die Vorlage geht an einen AuSschutz, der vom Vorstand sofort ernannt wird und dem von der sozialdemokratischen Fraktion Börner, Ewald, MarS, Metzke angehören. Das städtische Grundstück Blumen st ratze 63» beabsichtigt der Magistrat, nachdem die im Vorderhaus untergebrachten Fach- schulen verlegt worden sind, anderweitig nutzbar zu machen. Im ersten Stock soll eine Schulzahnklinik eingerichtet werden, im übrigen ist die Einrichtung von M i e t- Wohnungen geplant. Zu baulichen Veränderungen und Aus- bcsferungcn sind 8600 M. erforderlich. Das gesamte Grundstück soll der Verwaltung durch die Schuldeputation unterstellt werden. Die Versammlung stimmt der Vorlage zu. Die Prenzlauer Straße mutz ans Verkehrsrücksichten verbreitert werden. Die Tiefbaudeputation hat 24 Meter Breite �für er- forderlich gehalten; der Magistrat hält 19 Meter für ausreichend. Die Verbreiterung soll auf der älteren Ostseite erfolgen; die Kosten sind auf 3130 000 M. geschätzt. Stadtv. Hildebrandt(N. L.): Die Ausführung in der Begründung, dah der Verkehr in der Prenzlauer Straße eine Verbreite- rung auf 24 Meter nicht rechtfertigen würde, weil er doch nicht so stark sich entwickeln, vielmehr durch die Weydingerstratze abgelenkt werden würde, trifft nicht zu. Es wäre geradezu ein Malheur, wenn man jetzt die Gelegenheit zu einer durchgreifenden Verbreite- rung verpaßte. Wir beantragen aus diesem Grunde Ausschuß- beratung. Stadtv. Leid(Soz.): Auch wir halten Ausschutzberatung für erforderlich und sehen die Vorlage für durchaus unzulänglich cm, da sie dem Verkehrsbedürfnis in der Prenzlauer Straße absolut nicht gerecht wird. Eine Stratzenbreite von 24 Meter ist für diesen Stratzenzug dringend notwendig. Stadtv. Galland(A. L.): Wir sind ja ebenfalls bereit, allem, was nachweisbar erforderlich ist, zuzustimmen, aber es ist durchaus unrichtig, wenn behauptet wird, daß die Prenzlauer Straße auch nur entfernt denselben Verkehr aufzunehmen hat wie etwa die Neue Königstratze oder die Landsberger Straße. Ein Bedürfnis, über 19 Meter hinauszugehen, ist nicht nachzuweisen. Stadtv. Körte(Fr. Fr.): Die Prenzlauer Allee ist 61 Meter breit; die Einführung des Verkehrs von dort in eine Straße von erbauern von Häusern aber wird bei einem Wegzuge der Wert der Baukosten abzüglich einer gewissen Abnutzungsquote ersetzt. Daß die Gartenstadt außerdem eine Menge volkshygienischer, ästhetischer und sonstiger Aufgaben zu lösen hat, braucht als selbstverständlich kaum erwähnt zu werden. Hellerau bei Dresden ist also die erste deutsche Siedelung, die auf diesen Prinzipien errichtet ist. In weniger als einer halben Stunde bringt uns die Elektrische für einen Fahrpreis von 20 Pf. vom Mittelpunkt der Stadt bis hinaus an die Grenze des Stadt- gebietes. Auf einem Waldweg, der herrliche Ausblicke auf das sanft hügelige Gelände eröffnet, kommen wir in wenigen Minuten bis an den Rand des bebauten Ortsteiles. Gern würden wir uns gleich in die Schönheiten des Ortes vertiefen, doch zuerst heißt es einer Einladung der„Deutschen Werkstätten für Hand- w e r k s k u n st" folgen, deren Besitzer, Karl Schmidt, die erste Initiative zur Gründung der Hellerauer Gartenstadt ergriffen hat. Wir machen einen Rundgang durch die überaus hellen luf- tigen Fabrikräume, in denen über 200 Arbeiter bei recht günstigen Bedingungen beschäftigt sind. Es werden hier in erster Linie Möbel hergestellt, von den kostbarsten bis zu den einfachsten. Aber auch diese einfachsten, für Arbeiterhaushalte berechneten, sind gut und solid und mit Geschmack gearbeitet und himmelweit von dem entfernt, womit sich gewöhnlich der Arbeiter begnügen muß. Nur will es uns scheinen, als ob die Preise, selbst in Anbetracht der Haltbarkeit der Möbel für Arbeiter doch noch etwas zu hoch wären. Wir verlassen die Werkstätten und ziehen nun m Trupps durch den Ort, bald in dieses, bald in jenes Haus, das uns be- sonderer Besichtigung wert erscheint, einfallend. Die Bewohner sind dies freilich schon gewöhnt und zeigen uns freundlich ihre Räume, auf alle Fragen gern Auskunft gebend. Hellerau besitzt bis jetzt zirka 200 Ein-, Zwei- und Dreifamilienhäuser, von denen 140 mit 150 Wohnungen von der Bangenossenschaft Hellerau hergestellt wurden. Die weitaus meisten Häuser sind also Ein- familienhäuser. Ende 1910 gehörten der Baugenossenschaft 449 Mit- glieder an, so daß etwa der dritte Teil der Mitglieder bis jetzt ein eigenes Heim bekommen hat. Die Baumittel wurden durch die Geschäftsanteile, die auf 200 M. bemessen sind, und durch die Beleihungen der Sächsischen LandcSversicherungsanstalt(bis zu vier Fünftel des Wertes) aufgebracht. Die Hellerauer Häuser sind fast alle von Künstlerhand ent- warfen. Die ganze erste Straße, durch die wir kommen,,„Am grünen Zipfel", hat Prof. Ricmcrschmied gebaut. Wir treten zur rechten Hand in eines der schmucken Häuser. Im Parterre finden wir ein großes, durch die ganze Tiefe des Hauses gehendes Wohn- zimmer, das also durch seine beiden breiten Fenster die Morgen- und Abendsonne bekommt, und eine hübsche Küche. In der ersten Etage sind die Schlafzimmer, ein sehr großes und zwei kleinere, untergebracht. Alles sauber, freundlich, die Zimmer in satten Farben gestrichen, mit schönen Majolikakachelöfen und mit Anschluß an die elektrische und die städtische GaSanlage versehen. DaS ganze Haus ist unterkellert. Im Keller befindet sich die Wasch- küche, oben ein großer Speicher mit Trockenboden. Und der Preis für ein solches VierzimmerhauS? 340 M. Dazu kommt die Miete für den Garten mit 13 Pf. pro Quadratmeter, die aber durch den Anbau von Gemüse und Obst reichlich wieder hereingebracht wird. nur 19 Meter Breite würde sehr bald neue kostspielige Verbreite- rungcn erforderlich machen. Es wird beschlossen, die Verbreiterungsfrage in einem Aus« schusse prüfen zu lassen. Zum 3. Deutschen Städtetag. der vom 10.— 12. September in Posen stattfindet, sollen 9 Ma- gistratsmitglieder und 13 Stadtverordnete abgeordnet werden. Die Vertretung der Versammlung wird aus den beiden Vorstehern und 11 Mitgliedern bestehen, die nach Maßgabe des Stärkeverhältnisses der Fraktionen ausgewählt werden sollen. Hinsichtlich der Eingemeindung von Teilen der Gutsbezirke Plötzensee und Jungferw- Heide hat der Magistrat nach siebenjährigen Verhandlungen mit den beteiligten Ressorts eine Vereinbarung dahin erzielt, daß zirka 220 Hektar eingemeindet werden sollen, daß dem Kreise Nieder- Barnim für 99 Hektar je 2080 M. Entschädigung für entgehende Steuern zu zahlen sind und daß u. a. in dem östlichen Teile des Geländes auch Straßen anzulegen sind, die den dort geplanten Hagenbeckschen Tierpark zugänglich machen sollen. Stadtv. Bruns:(Soz.): Die Vorverhandlungen haben ja tat« sächlich eine recht erhebliche Zeit gedauert. Unsere weitergehenden Forderungen sind gescheitert, weil die Regierung einfach„nein* gesagt hat. Wenn der Stadt Berlin bezüglich der Wohnungsfür« sorge beständig Vorwürfe gemacht werden, so sieht man auch hier wieder, wie ein gut Teil der Schuld daran aus der Seite der Re- gierung liegt, die der Stadt ein Vorgehen auf diesem Gebiete durch Verhinderung von Eingemeindungen usw. außerordentlich erschwert. Hoffentlich wird es nicht wieder 7 Jahre dauern, bis auf diesem Terrain in dieser Hinsicht etwas geschieht. Sehr auffällig ist die Zumutung, daß Berlin an den Kreis Nieder-Aarnim ein« Abfindungssumme zahlen soll. ES wird bemerkt, daß Charlottenburg sehr gern dazu bereit sei. Ein wenig mehr Solidaritätsgefühl sollten die be» tciligten Gemeinden doch beweisen; werden solche durch die Gesetze absolut nicht begründeten Forderungen erfüllt, so kann dadurch auf der anderen Seite doch der Appetit naturgemäß nur noch mehr gesteigert werden. An den Einzelheiten des Vertrages wird ja wohl kaum noch etwas geändert werden können; den Ver- such, etwas zu bessern, sollten wir aber deshalb doch nicht unter» lassen. Gar nicht gefallen will uns die Bestimmung, daß nach einem zwischen Fiskus und Straßenbahn geschlossenen Vertrage der letzteren gestattet sein soll, ihre Gleise über die Brücken zu führen. Wir beantragen Ueberweisung der Vorlage an einen Ausschuß, um zu prüfen, ob nicht doch noch günstigere Bedingungen für die Stadtgemeinde herauszuholen wären. Stadtv. Cassel(A. L.): Ich kann diesen Darlegungen durch- weg zustimmen; ich erkenne auch volltornmen die Uebelstände an, welche uns daraus erwachsen, daß das Terrain nur zu einem Teil eingemeindet werden soll, weil der Tegeler Schießplatz bleiben mutz und andererseits Charlottenburg protestiert hat. Höchst bedauerlich ist das gegenseitige Sichiiberbieten der einzelnen Gemeinden; es beweist das aber auch, daß die ZweckverbandSvorlo�e auf die Dauer nicht dem erstrebten Zwecke genügen wird. Ein Teil des TerrainS soll nach der Absicht des Magistrats zu Spiel- Plätzen und zu Erholungszwecken benutzt werden; an einer ein- heitlichen großzügigen Durchführung dieser Absichten werden wir gerade durch die Art, wie die Zweckverbandsvorlage gestaltet ist, ge- hindert worden. Was nützt uns aber auch ein Ausschuß? Nehmen wir die Vorlage nicht sofort an, so können uns vielleicht später noch härtere Bedingungen auferlegt werden. Zur Erreichung irgend» eines weiteren Vorteils ist nicht die geringste Aussicht. Wir Wollen das uns angesonnene Opfer bringen im Interesse der Bevölkerung. (Beifall.) Stadtv. Rosenow(N. L.) spricht sich in gleichem Sinne aus. Die Einsetzung eines Ausschusses wird ab g e l e h n t, di< Vorlage in der zweiten Beratung einstimmig genehmigt. Schließlich wird ohne Debatte eine Nachtragsvorlage ange» nommen, wonach das Grundstück Dresdener Straße 6 6— Annen st ratze 29 für 285 000 M. stir e i hä n d i g und da? Grundstück Dresdener Straße 6 7/6 8— A nnenstraße 2 8/2 8a auf dem Wege der Enteignung erworben wird. Schluß 7 Uhr. Aber es gibt auch Häuser für bescheidenere Ansprüche, Drei- zimmerhäuser, die einschließlich der Gartenmiete nur 250 M. jährlich kosten. Hier sind die Räume freilich ein bißchen eng. Ein anderer Haustyp enthält im Parterre neben einer Verhältnis- mäßig kleinen„guten Stube" eine schöne große Wohnküche, zu der dann noch eine Spül- und Schmutzküche gehört. In den Zwei- familienhäusern befindet sich eine Wohnung im Parterre und eine in der ersten Etage. Die größten Einfamilienhäuser haben sechs Wohnräume und kosten bis zu 700 M. Doch ist der kleinere Typ bei weitem vorherrschend, da ja die Bewohner fast ausschließlich Arbeiter, meist Angestellte der„Werkstätten" sind. Außer Riemerschmied haben noch Prof. Muthesius(Wannsee- Berlin) und der in Hellerau wohnende Architekt Tessenow mit- gebaut. Muthesius' Häuser zeichnen sich durch ein gefällige» Acußere aus, während Tessenow auf jedes dekorative Beiwerk verzichtet und sich auf große Raumwirkungen der ganzen Häuser» gruppen beschränkt. Die junge Siedelung hat auch schon einen Marktplatz, an dem die Geschäftshäuser mit den Läden liegen. Hier soll noch in diesem Jahre mit dem Bau eines Ledigenheimes und eines Gasthauses mit Fremdenzimmern begonnen werden. Der ganze Ort macht einen sehr malerischen Eindruck. DaS einzige, was noch fehlt, sind schattige Gärten und größere Bäume auf Straßen und Plätzen. Etivas entschädigt für diese Kahlheit freilich der Fernblick auf die wundervolle, von Wäldern und Hügeln durchzogene Umgebung, der sich nach allen Seiten er» öffnet. Inzwischen ist es 6 Uhr geworden und das Festprogramm ruft uns zur Waldschänke, zu einer UcbungSstunde in rhythmischer Gymnastik des bekannten Schweizer Professors JacqueS Dalcroze, Etwa 20 Hellerauer Kinder, fast alles Proletarier» linder, im Alter von 6— 14 Jahren, stehen in schwarzen Trikots im Kreise, bereit, im Rhythmus der von Meister Dalcroze am Klavier angeschlagenen Akkorde ihre entzückend graziösen Uebungen auszuführen. Durch diese Uebungen wird ebenso sehr der Gehör- sinn wie die Aesthctik und Gewandtheit des Körpers ausgebildet. Alles klgppt vortrefflich, Dalcroze hat auch eine Klasse für Er». wachsene, und seine älteste Schülerin— so wurde uns erzählt— soll 70 Lenze zählen. Hellerau soll dem Schwiezer Meister zur zweiten Heimat werden. Nach Entwürfen von H. Tessenow wird ihm hier eine„Bildungsanstalt" im Werte von einer Million Mark errichtet, die mit kleinen Pensionshäusern für dse von auswärts kommenden Schüler und Schülerinnen verbunden ist. So wird Hellerau zu einer Art Bayreuth auf dem Gebiete der Tanzkunst werden. Nur mit dem Unterschiede, daß es nicht eine Kunst nur für die obersten Zehntausend, sondern eine wahre Volkskunst bieten wird. Und abends gab es noch ein Waldfest mit Tanz rmd aus» gelassener Lebensfreude. Ist Hellerau wirklich ein Stückchen ver» wirklichter Sozialismus, wie der Leiter der Genossenschaft, K. Dohm, in einer Ansprache an die Besucher meinte? Gewiß nicht, aber eS gibt doch wenigstens eine Ahnung von der Freiheit und Schönheit, die einmal in eine« sozialistischen Gemeinwesen herrschen wird.' G. D. Hus der parte!* ElKt Konferenz der sozialdemokratischen Gemeinievkrtttttt des Stadt- und Landkreises Solingen, an der auch Stadtverordnete aus den benachbarten Kreisen Remscheid und Mettmann teilnahmen, tagte im GewerlschaftZhause in Solingen und nahm u. a. zuder bevor st ehe»den Bürgermeister- Wahl in Höhscheid bei Solingen, wo unsere Genossen die Majorität haben, Stellung. Es wurde die Frage erörtert, ob ein Sozialdemokrat, ohne gegen da? sozialdemokratische Programm zu verstohen, den Posten eines Bürgermeisters in einer preußischen Gemeinde annehmen könne. Der Referent, Genosse Kreuzer- Solingen führte aus, daß schon die Borgänge gelegentlich der Stuttgarter Bürgermeisterwahl gezeigt hätten, daß dies selbst in Süddeutschland, wo doch fortschrittlichere Bcrhältnisse herrschten, als in Preußen, große Schwierigkeiten habe und den Kandidaten zu Verstößen gegen das Parteiprogramm veranlasse. Für Preußen, wo viel reaktionärer regiert werde, müsse die Frage verneint werden- Der ß 63 der Rheinischen Städteordnung verlange: „Der Bürgermeister hat folgende Geschäfte zu erledigen: 1. Die Ge- setze und Verordnungen sowie die Verfügungen der ihm vorgesetzten Behörden auszuführen und den ganzen Geschäftsgang bei der städti- schen Verwaltung zu leiten und zu beaufsichtigen". Dies würde in der Praxis dahin führen, daß bei einem etwa ausbrechenden S t r e i k der Landrat verfüge, daß die Geineinde zun, Schutze der Fabrikanten Schutzleute zu stelle» habe, wie dies auch schon geschehen sei. Der sozialdemokratische Bürgermeister müßte also diese landrätliche Ver- sügung ausführen und überwachen. In Preußen würden aber sowieso Bürgermeister mit sozialdemokratischer Gesinnung nicht bestätigt, und die Aufstellung eines sozialdemokratischen Kandidaten hätte nur zur Folge, daß letzten Endes ein dem Landrat wiMigeS Werkzeug als Bürgermeister ernannt würde. denn§ 32 der Rheinischen Städteordnung besage:«Wird die Bestätigung versagt. so schreitet die Stadtverordnetenversammlung zu einer neuen Wahl. Wird auch diese Wahl nicht bestätigt, so steht dem König beziehungS- weise dem Regierungspräsidenten die Ernennung auf höchstens zwölf Jahre zu." Die Genossen würden also gut tun, einem Manne die Stimme zu geben, der sein Amt in liberaler Weise ausführt.— Genosse Deifel-Höhscheid führte aus, daß in Höhscheid kein Mensch daran denke, einen sozialdemokratischen Bürgermeister zu wählen. Die sozialdemokratische Stadtratsfraktion habe sich den Kopf über diese Wahl noch nicht zerbrochen. Unter den gegen- wältigen politischen Verhältnissen in Preußen sei eS ein Ding der Unmöglichkeit, daß ein Sozialdemokrat Bürgermeister einer preußi- schen Gemeinde werden könne, wenn er seiner Ueberzeugung treu bleiben wolle. Dieser Ansicht schloß sich auch die sozialdemokratische Gemeindevertretung einstimmig an. Die portugiesischen Sozialisten nach den Wahle». AuS Lissabon vom 10. Juni wird uns geschrieben: Die letzten ParlamcntSwahlen sind für die sozialistische Partei Portugals von guter Vorbedeutung. In Oporto haben die neun Kandidaten der Sozialisten im Durchschnitt SOO Stimmen gehabt i die neun in Lissabon aufgestellten Kandidaten erhielten im Durchschnitt mehr als 400, die beiden in Goya mehr als 600. In Torres Bedras entfielen 226 Stimmen, und auf dem Lande, wie Aldea Gallega, 1S2 auf den sozialistischen Kandidaten. Selbst in der alten Stadt Coimbra hat unser Kandidat 38 Stimmen erhalten. Jetzt, da der Wahlkampf beendet ist, beginnt für die Partei die Aufgabe der Organisation und Propaganda. Dem neuen politischen Regiment entspricht eine neue Parteikaktik. Um darüber zu entscheiden, hat die Partei sich entschlossen, einen Parteitag abzuhalten. Es ist der e r st e sozialistische Parteitag seit der Errichtung der Republik und der vierte seit der Gründung der Partei. Der Parteitag findet am IL. Juni in dem Hause der Arbeiter-Föderation in Lissabon statt. Die Tagesordnung des Parteitages ist folgende: Soll die sozialistische Partei in Anbetracht der Umwandlung des politischen Regiments in Portugal ihr Programm und ihre Organisation ändern? Die portugiesische Revolution, die zum größten Teil durch da« portugiesische Proletariat vollendet wurde, hat die Wirkung gehabt, die Arbeiter aus ihrer Erstarrung aufzurütteln. So vergrößern sich die Reihen der Partei von Tag zu Tag. Die Partei hat schon vier Zeitungen, davon zwei in Lissabon mit einer Auflage von 62000 Nummern._ polizeiliches,©erlcbtltches ufw. Auch eine LaudratSbeleidiguug. Am Mittwochnachmittag hatten sich vor der Strafkammer II des Landgerichts Hamburg Chefredakteur Dr. Trefz vom „Hamb. Fremdenbl.", Redakteur Dr. Heile von der„Neuen Hamb. Zeitung" und Genosse Köpke vom„Hamb. Echo" wegen Be- leidigung des Landrats von Mettenheimer(Kreis Rotenburg bei Breinen) zu verantworten. Die drei Blätter hatten im September ISIO der„Weserzeitung" eine Notiz entnommen, in der unter Hin- weis auf das schreckliche Eisenbahnunglück am 23. Dezember 1909 auf den, Bahnhof zu Scheeßel ein angebliches Bureaukratenstücklein glossiert und koinmentiert wurde. Bei dem Eisenbahnunglück hatte der Rittmeister von Maltzohn und der Privatdozent an der Bonner Universität und Direktor der Irren- onstalt Dr.Kölpin den Tod gefunden, während de« letzteren Gattin— das Ehepaar war vier Monate verheiratet— sich mit übermenschlicher Kraft dem nahenden Flammentode hatte entreißen können. In der Notiz wird sodann behauptet, der Landrat habe sechs Monate nach dem Vorfall auf polizeilichem Wege von der Witwe de« durch Verschulden der Eisenbahn getöteten Dr. Kölpin ,8 M. für Reinigen und Säubern der Kegelbahn von Blulspuren an zwei Scheuerfrauen' eintreiben lasten. Die.Weserzeitung", der diese Darstellung von „durchaus glaubwürdiger Seite" zugegangen war, bemerkte am Schluß:„So weit die Zuschrift über den nahezu unglaublichen Vorfall. Der Staat zerstört zwei Menschenleben. Die Leichname Hinterlasten Blutspuren. Für deren Entfernung zieht der Staat von den Hinterbliebenen der von ihm getöteten Personen acht Mark ein l Sogar auf polizeilichem Wege, wobei die Zwangsvollstreckung in Aussicht steht. Ist derartiges wirklich schon dagewesen?" Unrichtig an dieser Notiz ist, daß die Leichen in der Kegel« bahn(eS kommt ein Klubzimmer in Frage) aufgebahrt waren und daß für die Reinigung und Säuberung der Kegelbahn von Blut- spuren 8 M. gezahlt werden mußten. Aber wenn der Sachverhalt auch ohne Schminke und Zutaten veröffentlicht worden wäre, dann hätte er, wie die Verteidiger Dr. Herz- Altona und Dr. A. Cohen- Hamburg behaupteten, noch mehr gewirkt. Als nömlich die Leiche des Dr. Kölpin überführt werden sollte, mußte eine Physikatsbescheinigung eingeholt werden, ohne die eine Ueber- führung nicht möglich war. KreisphysikuS Dr. Müller-Rotenburg erhob zunächst S M., hierzu kam die Stempelgebühr,' beide Beträge wurden von der Familie des verunglückten Doktors bezahlt. Später besann sich Dr. Müller, daß er eine Gebühr bis zu zehn Mark erheben könne, was ihm auch vom Landrat bestätigt wurde. Mit Hilfe der Behörden wurde dieser„Rest- betrag" eingefordert, wobei man sich in Bonn, wo Frau Dr. Kölpin wohnt, eines Polizisten bediente. Frau Dr. Kölpin. die bei dem Unfall selbst verletzt worden ist und infolge deS Todes ihres Mannes an einer starken Nerven- zerrüttung litt, hat bei ihrer kommissarischen Vernehmung ausgesagt: alS sie vom LandratSamt die Aufforderung erhielt, noch vier Mark zu zahlen, habe sie angenommen, das Geld sollte für die Reinigung bezahlt werden, zumal die Quittung keine weiteren Angaben ent» hielt. Den Vorfall, wie er in der«Weserzeitung" geschildert worden ist, hat sie in der Eisenbahn einem Bremer Herrn geschildert, der in seiner Entrüstung die Sache dieser Zeitung mitteilte. Der Landrat hat, wie behauptet wird, einem Drucke von oben folgend, gegen etwa 26 Zeitungen, welche die Notiz übernahmen, Strafantrag gestellt. Redakteur Fitger(„Weser-Ztg.") ist zu 300 M., ein anderer zu 200 M. verurteilt worden, während weitere Redakteure billiger davongekommen sein sollen. Da? Gericht war der Meinung, daß es Pflicht der Preffe fei, in solchen Dingen Erkundigungen einzuziehen, auch wenn darunter die Aktualität leiden sollte oder eine solche Notiz gar nicht gebracht werden könnte. Dem Landrat werde der Vorwurf gemacht, den amtlichen Apparat im Interesse eines Privatmannes m Bewegung gesetzt zu haben, wenn man auch über die Art der Ein« ziehung der Gebühr zweierlei Meinung sein könne. Genosse Köpke und Dr. Heil werden zu je 76 M. und Dr. X r e f, nur wegen Fahrlässigkeit auS ß 21 des Preßgesetzes zu 50 M. Geldstrafe verurteilt._ OstelbifcheS Versammlungsrecht. Am 7. Juni ersuchte ei» Vorstandsmitglied deS sozialdemo- kratischen Verein« im Wahlkreise Görlitz-Lauban den Amt«- Vorsteher in S ch ö n b r u n n um die Genehmigung zur Abhaltung einer Versammlung unter freiem Himmel. Als am 12. Juni noch kein Bescheid cingettoffen war, fragten unsere Genossen beim Landrat an, warum keine Antwort vom«mtsvorsteher einlaufe. Der Landrat versprach, Rücksprache mit dem Amtsvorsteher zu nehmen, der dann auch endlich am 13. Juni folgende Antwort gab: „Zu der am 18. Juni... beabsichtigten politischen Ver« sammlung kann die Genehmigung nicht erteilt werden, weil zu wenig Raum vorhanden ist auf Nr. 101.(Dem betreffenden Grundstück.) ES sind auch in der Gemeinde Schönbrunn zu viel anderer Meinung denkende Personen vorhanden, eS könnte dadurch leicht zu Reibereien kommen, welche schließlich in Tätlichkeiten ausarteten. Der Amtsvorsteher. Domsch." SeMberständlich haben unsere Genoffen Beschwerde eingelegt und darauf hingewiesen, daß auf dem betreffenden Grundstück Raum genug für die geplante Versammlung vorhanden sei. Sie wiesen weiter darauf hin, daß unsere Partei im Landkreise Lauban schon sehr viele Versammlungen abgehalten hat, ohne daß e« zu Reibereien gekommen wäre. Dem Amtsvorsteher ist daS auch nicht unbekannt. Wahrscheinlich traut er den„anderer Meinung denkenden Personen" in Schönbrunn nichts Gutes zu, denn die„anderer Meinung denkenden Personen" sind meistens Mitglieder deS Bundes der Landwirte. Jugendbewegung. „Arbeiter-Jugrnd". Aus dem Inhalt der soeben erschienenen Nr. 12 heben wir fjerdor: Sind wir antimilitaristisch?— Die Revolution in Eng- land. III. Republik, Restauration,„glorreiche Revolution". Von A. Conrady.— Briefe cuS der Fremde.(Fortsetzung.)— Der Mensch der Vorzeit. Von Hannah Lewin.(Illustriert.)— Preußische Polizeipfingsten.— Der zweite Thüringer Jugendtag in Weimar.— Jugendtag der rheinischen Arbeiterjugend.— Die Dresdener Jugendbewegung.— Vom Kriegsschauplatz usw.— Beilage: Auf Vorposten. Von E. Jaschnow.— Die Ent- wickelung unserer Muttersprache. Von E. Hoernle.— Der Krieg in der Kunst.(Mit Illustrationen nach Werken von Callot, Goya, Daumier, Kubin.) Bon W. Hausenstein.— Die Schlacht. Gedicht von E. Rieger.— Vom Kriege und von Kriegsgreueln.— Indessen schlummert die Kanone. Gedicht von Karl Henckell.— DaS eiserne Kreuz. Bon A. Mosegaard. Soziales. Gin humaner Chef. Während in der Oeffentlichkeit mehr und mehr das Ver- ständnis für die Forderung der Arbeiter und Angestellten nach einem ausreichenden Erholungsurlaub zum Durchbruch gelangt, gibt eS auf der anderen Seite noch immer Arbeitgeber, die sich aus sozialer Verständnislosigkeit derartigen„neumodischen Ideen" gegenüber strikt« ablehnend verhalten. Ein interessantes Kultur- dokument stellt in dieser Richtung ein von der„Deutschen Industrie- beamten-Zeitung" mitgeteilte» Rundschreiben dar, in dem der Direktor der Maschi«enbau-Akt.-Ges. vorm. Stark« u. Hoffmann in Hirschberg die Urlaubsgesuche seiner Angestellten zurückweist. In ihm heißt eS: ES sind mir während deS fast zehnjährigen Zeiträume», in welchem ich die Firma leite, noch niemals derartig viel Urlaubs- gesuche vorgelegt worden wie gerade diese» Jahr. Die Urlaubsgesuche sind dabei keineswegs bescheiden und er- strecken sich ohne weitere» auf Termine von 6 bis 20 Tagen, und zwar von feiten jüngerer Beamten, bei denen von einem Er» holungSbedürfniS bei ihrer geringen und einfachen SrbeitStätig- keit gar keine Rede fein kann. Ich stehe überhaupt auf dem Standpunkt, daß besonders die jüngeren Herren, die sich bei unserer Arbeitseinteilung wirNich nicht überanstrengen, pünktlich zur Sekunde zu arbeiten aufhören und ihr« Stellungen öfters wechseln, dabei also doch immer einige Zeit nicht arbeiten, Erholungsurlaub überhaupt nicht brauchen. Dazu kommen noch die miltärischen Nebungen, die man ja auch sowohl in Reserve, als auch Landwehr, als Ferien bezeichnen kann(l). Bei dieser Gelegenheit erinne« ich mich meiner eigenen Tätigkeit, wo ich den ersten achttägigen Urlaub als Obcringenieur erhielt, während mir in rheinischen und bayrischen Fabriken Urlaubsgesuche von 1 bis 2 Tagen rundweg abgeschlagen wurden. sogar im Anschluß an Feiertag«. Ich gebe hiermit diesen Gesichtspunkt der gesamten Beamten- schaft bekannt und werde— ohne zwingende Gründe,— keinerlei Erholungsurlaub gewähren. E» wird also gut sein, wenn man in Zukunft mit solchen Gesuchen nicht an mich herantritt. gez. Schmidt. Der Herr Direktor entwickelt in seinem UkaS sehr originelle Ideen. Von eingehenden sozialen Studien zeugt der Gedanke, daß ein Erholungsurlaub nicht nötig sei, weil verschiedene Angestellte ihre Stellungen SsterS wechseln und die Zeit der Erwerbslosigkeit als Ferienzeit zu betrachten sei. Wenn jemand Direktorssohn ist und von dem sehr auskömmlichen Gehalt seines Baters mitzehren kann, mag da» vielleicht zutreffen. In den meisten Fällen ist aber auch bei den technischen Beamten Arbeitslosigkeit gleichbedeutend mit Existenzlosigkeit. Jeder einigermaßen einsichtige Mensch weiß, daß die Sorge um die Zukunft, die bei längerer Arbeitslosigkeit hereinbrechende materielle Not die Nerven des Betroffenen aufreibt. die Unterernährung den Körper weniger widerstandsfähig macht. Herrn Direktor Schmidt jedoch ist e» vorbehalten geblieben, die glänzenden Vorzüge der Arbeitslosigkeit zu entdecken, die so groß sind, daß sie Ferienurlaub überflüssig machen. Bei dem zweiten genialen Gedanken, daß die miltärischen Uebungen alS Ferien zu betrachten sind, ist leider nicht zu erkennen, ob er daS Produkt eigener angestrengter GeisteStättgkeit des Herrn Direktors ist, oder ob er nur eine Variante der Auffassung deS früheren KriegSministerS Bronsart v. Schellendorf über die mili- tärischen Ferienkolonien darstellt. Aber sei dem wie ihm wolle: jedenfalls wird das Schreiben des Herrn Direktors manchen tcch- nischen Angestellten über sein Verhältnis zu dem Unternehmertum «rufklären. ES wird ihnen aber auch klar machen, daß nicht„G«- meinschastlichkeit der gewerblichen Interessen" und wie die schönen Phrasen alle heißen, sondern rücksichtslose Machttzer�ältgisse hie Stellung ds Jic&n Mfarbeitw" djktiMZK Die Unfallgefahr der Berliner Holzarieitek. Bekanntlich hatte es das Komitee der Internationalen Hygiene« auSstellung auf Drängen der Scharfmacher verhindert, daß auch die Gewerkschaften sich an dieser Veranstaltung beteiligen. Einige Arbeiterorganisationen haben allerdings ein wesentliches Material zu diesem Zwecke angesammelt. So haben die Maschincnarbeiter in der Berliner Holzindustrie eine wertvolle Statistik über die Unfallgefahr in den Berliner Betrieben aufgenommen. Von 902 beantworteten Fragebogen entfielen 868 auf ständig« Maschinen- arbeiter, während 44 Beantworter nur vorübergehend an Maschinen arbeiteten. Von den 853 ständigen Arbeitern sind nicht weniger als 703 schon ein- oder mehrmals verunglückt. 86 von ihnen hatten sogar schon mehr als 6 Unfälle an den Maschinen erlitten. Ins- gesamt fielen auf die 703 Arbeiter 2180 Unfälle. Bei 238 Arbeitern lagen so schwere Verletzungen vor, daß sie von der Berufsgenossen- schaft Rente bezogen. Von den 44 vorübergehend Beschäftigten sind 42 verunglückt, mit zusammen 63 Unfällen. Von ihnen mußten 19 von den BerufSgenossenschasten entschädigt werden, also fast die Hälfte! Der weitaus größte Prozentsatz aller Unfälle entfällt auf die Fräse. An di-se Maschine passierten 1102. also mehr als die Hälfte aller Unfälle. Ihr folgen die Abrichtmaschine mit 184 und die Kreissäge mit 124 Unglücksfällen. Auch die so notwendigen Sicherheitsvorrichtungen fehlten hier und die 317 Arbeiter ar- betteten in Betrieben, in denen keine Staubabsauger vorhanden waren, 641 Arbeiter in solchen, wo nur an einem Teil der Ma- schinen solche existierten, in 9 Betrieben waren sie völlig unbrauch- bar und in 3 Werkstätten durften sie nicht in Betrieb genommen werden, weil es dem Unternehmer zuviel kostete. Man sieht: Die ermittelten Ziffern sprechen Bände und die industriellen Scharfmacher wußten wohl, waS sie taten, als sie mit allen Mitteln das Material der Gewerkschaften von ihrer Parade. ausstellung fernhielten. Das Anrecht auf ein Zeugnis vor Verlassen der Stellung. Während bisher die deutschen Kanfmannsgerichte, u. a. auch daS Berliner KaufmannSgericht, entschieden haben, daß dem aus der Stellung ausscheidenden Gehilfen erst am Tage des Austritts das Dienstzeugnis zusteht, hat sich da? KaufmannSgericht Trier jetzt auf den Standpunkt gestellt, daß der Angestellte bereits vom Tage des Beginns des Kündigungsverhältnisses Anspruch auf ein Zeugnis hat. Der in dem betreffenden Prozesse als Kläger auf- tretende Buchhalter G. kündigte nach 3 �jähriger Tätigkeit seine Stellung bei dem Beklagten B. mit sechswöchiger Kündigungsfrist und erbat sich zugleich zum Zwecke erfolgreicher Stellenbewerbung ein Zeugnis. Nachdem ihm letzteres verweigert wurde und er daraufhin stellungslos blieb, erhob G. Klage auf Schadenersatz für zwei Monate in Höhe von 300 M.— Der Beklagte wandte ein, ein gesetzliches Recht auf ein Zeugnis stünde einem Handlungsgehilfen erst beim Abgang zu. Chef», die eventuell auf Kläger reflektierten. hätten sich bei ihm, dem Beklagten, erkundigen können, er hätte dann bereitwilligst Auskunft gegeben. Da» KaufmannSgericht verurteilte den Beklagten zur Zahlung der geforderten 300 M.— Beklagter hätte zuerst die Ausstellung deS Zeugnisses versprochen und konnte eS später nicht mehr zurück. ziehen. DaS Gericht war aber auch einstimmig der Ansicht, daß Kläger ein gesetzliches Stecht auf sofortige Ausstellung de? Zeug- nisseS hat. Der Begriff„bei Beendigung" im 8 73 Handelsgesetz- buch ist nicht gleichbedeutend mit„nach Beendigung", sondern ist dahin auszulegen, daß das Zeugnis fällig ist, wenn durch Kündi- aung der Tag der Beendigung des Dienstverhältnisses feststeht. Der Arbeitgeber muh alles das tun, was geeignet ist, dem im Kün- digungSverhältniS Stehenden die Erlangung einer neuen Stelle zu ermöglichen. An erster Stelle gehört dazu die Ausstellung eines Zeugnisse». Wenn Beklagter ferner ernstlich Auskunft erteilen wollte, so ist nicht einzusehen, weshalb er dem Kläger so hartnäckig das Zeugnis verweigerte. Eine Auskunft ist auch bei weitem kein eugnis. Die jedesmalige Auskunft kann je nach der Person deS nfragendcn verschieden ausfallen, während das Zeugnis ein für allemal feststeht. Endlich ist der Gehilfe auch in der Lage, da» Zeugnis zu kontrollieren und sich gegen Ungerechtigkeiten zu schützen, während er einer diskreten Auskunft schutzlos preisgegeben ist. Beklagter war darum zu verurteilen. Die Pflicht zur Errichtung eines Gtwersse» ttttb KaufmannSgerichl.S besteht nach§ 2 des Gewerbeger ichtsge setze? und einer gleichen Be, stimmung de» KaufmannSgerichtSgesetzes für die einzelnen Ge, meinden dann, wenn sie mehr alS 20 000 Einwohner besitzen. Bei der letzten am 1. Dezember stottgefundenen Volkszählung wurden eine ganze Reihe von Gemeinden festgestellt, die diese Einwohner, zahl überschritten haben, aber noch kein derartige» Gericht besitzen, Obgleich sie hiernach dazu verpflichtet waren, besaßen noch kein Ge, werbe- und auch noch kein KaufmannSgericht die Gemeinden Dud- Weiler, Horst-Emscher, NownweS, Tempelhof. Treptow, Wittenberg. Nur ein Gewerbegericht, aber noch kein KaufmannSgericht bestand in Biebrich, BiSmarckhütte, Haspe, Merheim, MoerS, Roßberg in Schlesien, Velbert, Werdau, Wittenberge. Nur ein Kaufmarrns. gericht, aber kein Gewerbcgericht hatten Eschweiler. Friedenau, Langendreer. Die aufgeführten Gemeinden sind nun natürlich gehalten, die fehlenden Gerichte einzuführen; in einer Anzahl von ihnen sind die Vorbereitungen dazu auch schon im Gange. Die Zahl sämtlicher im Deutschen Reiche Ende des JahreS 1910 vor- handcnen Gewerbegerichte betrug rund 330 und dürfte inzwischen Wohl auf 400 angewachsen sein. Die Gerichte können bekanntlich von allen, auch den kleineren Gemeinden, errichtet werde». Hus Inckuftrie und Dandcl. WaS geschieht mit den Angestellten? Bekanntlich wurde ftn Oktober vorigen JahreS in den Generalversammlungen der Felten- Guilleaume-Lahmeyer-Werke und der A. E. G. die Fusion der beiden Firmen beschlossen. In der Aktionärversammlung der A. E. G. wurde damals von Vertretern des Bundes der technisch- industriellen Beamten, die als Aktionäre zugegen waren, die Be- fürchtung ausgesprochen, die A. E. G. würde als Siegerin im Kampfe nun den Angestellten der früheren Konkurrenzfirma nicht das Entgegenkommen zeigen, zu dem sie vom moralischen Stand- Punkt verpflichtet wäre. Da war eS Geheimrat Rathenau. der die Zusicherung gab, mit größter Schonung vorgehen zu wollen und bei eintretendem Bedarf an Beamten in den Berliner Werken an erster Stelle die Angestellten der F. G. L. W. berück- sichtigen zu wollen. Heute zeigt sich, wie Herr Rathenau sein Versprechen zu halten gesonnen ist. Angestellte, die 10—20 Jahre im Dienst der F. G. L. Ä. gestanden haben, und nach aufopfernder Tätigkeit wohl Anspruch darauf hatten, von der A. E. G. weiter- beschäftigt zu werden, werden ohne die geringste Aussicht auf spätere Neueinstellung entlassen. Höchstens ganz junge Kräfte werden übernommen.„Mit größter Scbonung" wird das technische Personal so gut wie das kaufmännische auf die Straße gesetzt. Ueber 200 Angestellte hatten bereits bis Ende März ihre Kündigung erhalten und die„Schonung", die man ihnen angedeihen ließ, bestand einzig und allein darin, daß man die Kündigung auf den letzten gesetzlich zulässigen Tag verschob. Mit Recht bemerkt die„Deutsche Jndustriebeamten-Zeitung zu diesem Vorgehen altgedienten Angestellten gegetiüber:„Man nutzt die Arbeitskraft der Angestellten aus und dann entledigt man sich ihrer nach klassischem Beispiel:„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." Der Verwaltung der Felten» Guilleaume-Lahmeyer-Werke kann der � Vorwurf nicht erspart bleiben, ungenügend für ihre Angestellten gesorgt zu haben, als sie der übermächtigen Gegnerin das Feld räumen mußte; Herr Generaldirektor Geheimrat Rathenau aber hat nicht bloß im höchsten Maße unsozial gehandelt, er hat gegen die Gebote der KUB&mtät verstoßen und seine Maßnahmen zeigen« daß Schonung Cnb Menschlichkeit zur Phrase werben, wenn sich die Snferejjen der Aktionäre mit denen der Angestellten krenzen,*. Gerichts-Zeitung. In der Mordsache vom HumboldthafeN ist nunmehr Termin auf den 27. bis 29. Juni vor dem Schwur- gericht I Berlin anberaumt worden. Wie erinnerlich, haben sich der Wächter Gustav Wegcner und die Gelegenheitsarbeiter Georg Meißner und Otto Wölfs wegen Notzucht mit Todeserfolg bezw. Beihilfe dazu, begangen an einer Prostituierten, deren Person- lichkeit trotz 409 verfolgter Spuren bisher noch nicht festgestellt werden konnte, zu verantworten. Den Vorsitz führt Landgerichts- direktor S6>midt, die Anklage vertritt Staatsanwaltschaftsrat Carl, die Verteidigung führen die Rechtsanwälte Dr. Puppe, Dr. H. Philipp und Dr. Pickardt. ES sind sechs Sachverständige, näm- lich Dr. Frankel, Geh. Mcd.-Rat Dr. Straßmann, Gerichtsarzt Dr. Strauch, Zahnarzt Dr. Peters, Dr. Roesky vom Leichenschau- hause und Gerichtschemiker Dr. Jeserich, sowie 57 Zeugen geladen. Letztere bestehen zumeist aus den den Humboldthafen observierenden Beamten und Kommissaren sowie aus Prostituierten und Zuhältern jener Gegend. Die Hauptbelastungszeugin Wesenmeyer befindet sich in Fürsorgeerziehung, ebenso die Zeugin Wolter, mit denen die Ermordete bis zuletzt zusammen gewesen sein soll. Jnter- essant ist die bisherige Art der Ermittelung der Toten. Diese sollte nach den Angaben der beiden letztgenannten Mädchen im „Aschinger" in der Friedrichstraste eine Portion Fleisch mit Pfesferlingen sehr hastig gegessen haben, ebenso später an einem Wagen gekaufte Birnen. Tatsächlich haben dann auch die Aerzte Geh. Med.-Rat Dr. Straßmann und Dr. Strauch bei der Ob- duktion Reste von Pfesferlingen sowie einen Birnenkern im Magen der Toten festgestellt. Trotzdem schwebt noch bis heute ein Dunkel über deren Persönlichkeit._ Ein„Ehrenmann". der Tischler Otto Mitschke, stand gestern unter der Anklage der schweren Kuppelei vor der 6. Strafkammer des Landgerichts l. Die Verhandlung entrollte ein abstostendes� Sittenbild. Der An- geklagte befand sich mit seiner Frau im Sommer 1908 in einem Gartenlokal. Dort machte die Frau die Bekanntschaft eines EchlosierS€>., dem sie sich als Fräulein und ihren Ehemann als ihren Bruder vorstellte. Der Ehemann hatte gar nichts dagegen, daß der neue Freund die Frau nach Hause begleitete und ihr auch fernerhin noch häufig Besuche abstattete, ja, er öffnete wiederholt selbst die Tür und komplimentierte den jungen Mann in das Zimmer der Schwester, auch begleitete er die beiden manchmal auf ihren gemeinsamen Ausgängen. Dieser liebliche Ver- kehr zog sich über Jahr und Tag hin, kam aber schließlich zur Kenntnis der Staatsanwaltschaft, die sich diese naive Triole vom Standpunkt der schweren Kuppelei aus näher betrachtete. Der Staatsanwalt beantragte 2 Jahre Gefängnis. Der Gerichtshof verurteilte den würdigen Ehemann zu 1 Jahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Von einer Zuchthausstrafe wurde nur deshalb Abstand genommen, weil der Angeklagte noch nicht vor- bestraft ist._ Hus der frauenbewegung. Sittlichkeitsreform in Holland. Bekanntlich hat die Zweite Kammer in Holland Mitte März mit zirka zwei Drittel gegen ein Drittel der Stimmen das neueste Produkt der christlichen Politik, die sogenaimte„Sittlichkeits- reform' angenonimen. Die Gesetzesvorlage hat am 17. Mai die Zustimmung der Ersten Kammer erhalten und tritt nunmehr in Kraft. Die wichtigsten Bestimmungen dieser Gesetzesvorlage lauten: „Mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen bis zu dreitausend Gulden ist zu bestrafe», wer Gegenstände oder Schriften verfertigt, einführt, ausführt usw., deren Inhalt er kennt und.die anstöstig für die Ehrbarkeit" sind. Die öffentliche Ausstellung. Verbreitung und ungeftagte Anpreisung n e u m a l t h u- sianischer Schriften wird mit Haft bis zu drei Monaten oder Geldstrafe bis zu dreihundert Gulden, die Unzucht mit Minder- jährigen gleichen Geschlechts mit Gefängnis bi» zu vier Jahren, der Mädchenhandel mit Gefängnis bis zu fünf Jahren, die Abtreibung der Leibesfrucht mit Gefängnis bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bi» zu dreitausend Gulden, jede Ausübung des HazardspieleS und der Gebrauch de» Totalisators bei Wettrennen mit Gefängnis bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe bis zu achttausend Gulden bedroht. Dazu schreibt die„Chronik der christlichen Welt': Die Zukunft muß entscheiden, ob der strenge Geist, der dieses Gesetz geichaffen hat, wirklich der Geist des holländischen BolkeS ist, oder ob nicht vielmehr daS ganze Volk„die Atmosphäre von Heuchelei und falscher Sittlichkeit" bedecken wird, die während der Beratung des Gesetze«, wie die liberale Presse versicherte, über den Häuptern der Abgeordneten geschwebt hat.- � �. Zunächst wäre es nunmehr wohl angebracht, für Holland eine Doktorsrage darüber auszuschreiben, wa«„anstöstig für die Ehrbarkeit' istl Die Aufgabe, den Neumalthusianismus, der gerade, wie bekannt, in Holland festen Fust gefastt hat, auszurotten. würde man am besten dann rein theologischen Händen überweisen, da ihre Besitzer durch»en eventuellen Ausfall von Geburten und den daraus resultierenden Ausfall von Begräbnissen. Beerdigungen zu kurz kommen. Für Abtreibung wären, wenn die scharfen Vorschriften sich noch al» zu schwach erweisen sollten, vielleicht wieder mittelalterliche, doch modern-technisch verfeinerte Folterwerkzeuge anzuschaffen. Und die vom Spielteufel Besessenen würden vielleicht gleich bester mit eisernem Besen aus Niederland herausgekehrt. Und die alsdann ge« züchlete neuholländisch« Rasse würde vielleicht für die ganze übrige Erdenwelt als Primazuchtmaterial verwendet werden können. So. scheint es uns. träumen sich die Schwarzen Hollands die Zukunft. Wir aber glauben, so gern wir auch in Nied erlaub, wie überall, den„Mädchenhandel", die„anMinderjährigen ver- übte Unzucht" und noch viel mehr der Straftaten ein für alle mal ausgetilgt wüßten, dah besonders gerade die„Ab treibung'(wo beginnt Abtreibung?) auch in Niederland von einer anderen Menschenrichterwarte aus betrachtet werden sollte, und dah durch diese allzu scharfe und darum schartige chrichstlich-orthodoxe Sittlichkeitsreform ein„alter Raubstaat an der See, zwischen Ost- friesland und der Scheide", wollte sagen„Holland in Not" kommen könnte._ Hus aller Melt. Der deutsche Rundflug. Am Donnerstag tvar die dritte Etappe Schwerin— Hamburg zurückzulegen. Trotz des windigen und nebligen Wetters starteten Wiencziers, Lindpaintner und Büchner am frühen Morgen. Wiencziers landete infolge des Nebels 12 Kilometer vor Hamburg, während Büchner und Lind- p a i n t n e r Hamburg, wenn auch nach mehrfachen durch den Nebel verursachten Zwischenlandungen erreichten. Wiencziers zerbrach bei dem Versuche, wieder aufzusteigen, den Propeller. Er wird erst nach Reparatur des Schadens das Ziel erreichen können. Am Abend startete auch Benno König zum Flug nach Hamburg. Die inMagdeburg zurückgebliebenen Flieger Thelen und Vollmöl'ler haben wegen der ungünstigen Witterung den Flug nach Schwerin, wo sie spätestens Donnerstag abend 9 Uhr eintreffen müßten, nicht fortsetzen können. Thelen hat seinen Apparat per Bahn nach Hamburg schaffen lassen; Voll- möller, der noch auf günstige Fluggelegenheit hoffte, wird seinem Beispiel folgen müssen. Auch Laitsch ist von Wernitz noch nicht abgekommen. Von Hamburg und Kiel aus werden sich dem Fluge noch mehrere Wettbewerber anschließen. Nämlich Paul Lange, dessen Etrich- Apparat inzwischen nach Hamburg geschafft worden ist. G o r i s s e n und I a h n o w, der auf dem Harlan» Eindecker an dem weiteren Wettbewerb teilnehmen will. Ein neues Erdbeben in Mexiko. Wie der„Franks. Ztg." aus New Jork telegraphiert wird, hat in Mexiko abermals ein Erbeben stattgefunden. Der Erderschütterung fielen diesmal 122 Personen zum Opfer, darunter mehrere Personen, die in dem früheren Erdbeben verwundet wurden und in den Hospitälern lagen. Eine amtliche Mitteilung gibt die Anzahl der Opfer der Katastrophe vom 7. Juni auf 1450— 1390 an. Schwere Unwetter. Ueber der österreichischen Hafenstadt Trieft entlud sich am Mittwochabend ein schweres Gewitter, das gegen 1 Uhr nachts in einen orkanartigen Sturm ausartete. Sogar im inneren Hasen bildeten sich fünf bis sechs Meter hohe Wellen, und das Wasser wurde bis zur Piazza Grande getrieben. Viele im Hafen und auf der Reede verankerten Schiffe wurden stark beschädigt. Zwei griechische Barken, die außerhalb des Wellenbrechers des Franz- Joseph-HafenS verankert waren, find untergegangen; vier- zehn Mann der Besatzungen sind ertrunken. Zwei größere Segler liegen auf dem Wellenbrecher, wohin sie der Sturm geschleudert hat. Ein größerer Dampfer namenS„Andromeda" ist beim Molo Sanita untergegangen. Es ist nur der Mast sichtbar. Die Besatzung wurde gerettet. Am Eingang vom Canal grande riß der Sturm einem Segler den Mast um, der den Kapitän und einen zweiten Mann erschlug. Mehrere Fischcrbarken sind gesunken oder schwer beschädigt. Dem im inneren Hafen verankerten Stationsschiff deS Oesterreichischen Lloyd, einem älteren Schraubendampfer, wurde der Bug weggerissen. Ein schwimmendes Bad wurde total zer st ört. In Trieft sind bisher zwanzig Leichen geborgen worden. Auch aus Norditalien kommen Meldungen über schwere Unwetterschäden. In der Stadt Brei cia riß der Sturm daS Dach einergroßenSpinnerei ab. Das Unglück ereignete sich während der Arbeitszeit. Unter dem aus mehreren hundert Personen bestehenden Personal brach eine wilde Panik auS. Durch die herabstürzenden Trümmer wurden acht Arbeiterinnen er- schlagen, eine Anzahl Arbeiterinnenist schwerverletzt worden. Kleine Siotlzen. Mordversuch vnd Selbstmord a»S Eifersucht. In dem Dorfe L a n z bei Eberswalde hat der Knecht Müller seine Geliebte, ein Dienstmädchen Wesse, überfallen und durch Messerstiche schwer verwundet. Dann flüchtete Müller sich in einen nahen Wald, wo er sich erhängte. Bon einem Fahrgast ermordet. In der Nähe von Dresden wurde in der letzten Nacht der Droschkenkutscher Winkler aus seinem Gefährt ermordet und beraubt aufgefunden. Ver- mutlich ist er von einem Fahrgast erschossen worden. Blitzschlag. Während eines Gewitters in St. CreSpin (Frankreich) fuhr ein Blitzstrahl in eine Gruppe von Arbeitern. Einer von ibnen wurde getötet, fünf schwer verletzt. Drr Geldschrank als Menschenfalle. Ein eigenartiger Vorfall ereignete sich in einem größeren Finanzinstitut in Brüssel. Zwei Arbeiter waren mit dem Anstreichen der Innenwände eines Tresors beschäftigt, als auf noch unaufgeklärte Weise die Tür deS Tresors ins Schloß fiel, so daß die beiden Anstreicher gefangen waren. Auf ihre Hilferufe erschienen mehrere Bankangestellte, denen eS aber nicht gelang, die Tür zu öffnen. ES mußten Geldschrankarbeiter herbeigerufen werden, und diese konnten den Tresor erst nach ein- ei n halb st ündiger Arbeit öffnen. Die beiden Anstreicher lagen bewußtlos a m B o d e n und eS bedurfte längerer Zeit, sie wieder ins Bewußtsein zu bringen. ßrUfkaftcn der Redaktion. Tie juristische Sprechstunde findet L t» d e» st r a i> e LS, dorn vier Tredden — F- st r st u h l—, w-chentäglich von bis Uhr-dends, SonnabrndS, von ty. bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Bricflaftrn bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mcrizcichc» beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Ansragcn, denen keine Aboniiemeiitsauittung beigefügt ist, «erden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Svrechstunde bor. I. SOO. i. Unseres Erachtens ja. 2. Ja, außer VerbandSbeiträae. 3. In der Regel ja. 4. Nur den 28,85 M. wöchentlich übcrstctgenden Be- trag.— Hans 24. Die Steuerbehörde ist im Recht. Berücksichtigung er- folgt erst im nächsten Jahre.— O. 25. Soweit der Lohnbetrag 28,83 M. wöchentlich übersteigt.— F. B. IS. 1. Aus Antrag kann Befreiung von dem Beibot durch den Justizminister erfolgen. Der Antrag ist bei dem Landgericht, das in erster Instanz entschieden hat, einzureichen. 2. Die Antragssiist aus Bestrasung wegen Ehebruch ist nach Ablauf von 8 Monaten, von der Rcchtskrast des Scheidungsurteils ab gerechnet, verstrichen. Einem sväteren Autrag wird nicht gohje gegeben.— Pankow 44. Wenn Ihre Behauptung beweisbar ist, so können Sie den Anzug zur Verjügung stellen und Rückzahlung des Kauspreiscs, eventuell im Klagewege, fordern. — Rixdorf 403. Nein.— 31.«. 23. Nein.— G. 100. Zum Teil ja.— O. M. 50. Wenn die Aufwärterin im Gewerbebetriebe beschästigt ist, ja. Privathoushalt, nein.— H. 25. Vom 8. Jult bis 15. August. Unter 4 Jahren frei, von 4 bis 10 Jahren die Hälfte.— Z. W. Die halbbürtigen Geschwister.— M.®.. Nein.— 100 M. R. Sohn. An- trag ist an daS Vormundschastsgericht in Potsdam zu richten.— O. W. 25. Unzulässig.— R. M. 100. 1. Unterliegt der Vereinbarung. 2. und 3. Einen Teil nur dann, wenn daS im Urleil zum Ausdruck gebracht ist.— W. Ich. gg. Beschweren Sie sich, vielleicht in Acmeinschast mit anderen Mietern, bei dem Polizeirevier.— 31, 91. 50. 1. bis 3. Nein. 4. Sie sind nicht zahlungspflichttg. In diesem Falle ist eine Beschwerde bei der AnwaltSkammer angebracht.— E. B. 2. Aus Grund der üblichen Miets- Verträge nicht.— H. H. 13. 1.-Ja. 2. Den angemessenen Preis, den im Streitsalle ein gerichtlicher Sachverständiger seststellt.— A. G. 17. 1. Nein. 2. Die Erlaubnis des Wirte» genügt.— W. T. 70. 1. Nein. 2. Ja. 3. Unterliegt der Bereinbarung.— F. B. 300. 1. Nein. 2. Ja. — ff. D. 44. Frau Gertrud Swicnty, Charlottenburg, Stuttgarter Platz S.— 31. B. 24. Teupitz, Gr.-Köri», Station der Görlttzer Bahil. Fahrpreis 1.45 M. Besuchszeit uns nicht bekannt.— SR.®. 58. Rezepte wie verlangt, können wir im Briefkasten nicht verösscnllichen. Befragen Sie einen Fachmann.— R. 18. Eine sachgemäße Auskunst würde Ihnen der Genosse Paul Schlegel, Rixdors, Fuldastr. 51(Tel, 1314), gern geben.— N. O. 55. Aus Ihrem Polizeirevier erfahren Sie die Adresse.— A. R. 10. LettchauS, W. 30, Viktorta-Luise-PIatz 6. Meldungen: Wochentag» von 9—6 Uhr.— Paul Kut. Lasten Sie sich den Katalog der Vorwärts. Buchhandlung schicken.— G. B. 27. Um die Ausnahme zu sichern, ist vorherige Meldung im Bureau einer der genannten Anstalten, die beide gleiche Bedeutung in Anspruch nehmen, zu empfehlen. Die Kosten sind die Sätze aller Krankenhäuser.— Sohm 1000. Die Geschichte deS Kanals. dessen Bau 1831 begonnen, lesen Sie im Lexikon in jeder Bibliothek. teuerwehr und Polizei in Berlin ist königlich. Die Stadt hat in Form des oliietkostenbeitrag» die Kosten zu tragen.— A. B. 34. Die Frage ist ohne nähere Angabe der Verhäitnisse nicht zu beantworten. Kommen Sie abends aus die Redaltion. »öbelksbriit„Fortuna" Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Bilanz für das Gcscbältsjabr 1910. Aktiva. M. Kassakonto...... 378,40 Bankkonto...... 1 380,— Jnventarkonto..... 2 223,— KautionSkonto..... 184,50 Warenkonto...... 6 191,— Konlokorrentkonto...«353,50 19 710,40 Passiva. M. Kapitalkonto..... 2 250,— RescrvcsondSIonto... 78,05 EilsSsondSkonto.... 312,18 ahrichnslonto.... 5 944,66 Wcchscltonto..... 6 864,92 Konwlorrenlkonto... 4 034,43 Gewinn» und Verlustkonto 226, l 6 19 710,40 Die Zahl der Mitglieder betrug 9. Eingetreten—. Ausgetreten—. Die Haftsumme betrug 2250 M. Das Geschästsgutbaben betrug 2250 M., dieselben haben sich weder vermehrt noch vennindert. S2Z7b voi- Voratnnd. Gustav Berger. Fritz Wollt. Otto Schroepp. Noch 2 Parzellen a 750 M. (kleine Anxahlff.) in.Tin(.Indorf, ca. 5000 Einwohner, SO l'f.- Fahrt vom Alexanderplatz. 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Sonnabend, den 17. Juni, abends 8>/s Uhr: Zahl- abend im Lokale de» Herrn Janke, Hohenzollern- und Kriigerstraßen« Ecke. Die Genossen wollen Gewerkschafls- und Parteilegitimation owie„Vorwärts"-Quittung mitbringen. Der Vorstand. Pankow. Am Sonntag, den LS. Juni, in Schönwalde am Gorinsee: Oeffentliche Versammlung unter freiem Himmel. Zu diesem Zweck am Sonntag, den 13. Juni: Handzettelverbreitnng. Die radfahrenden Genossen, welche sich hieran beteiligen wollen, treffen sich am Sonntag früh b'/a Uhr an der Bahnbrücke, Mühlen- straße. Die Agitationskommission. Blankenfelde, Schildow, Schönflicß, Summt und Schönwalde! Die Genossen obiger Orte werden zu der am Sonntag, nachmittags 4 Uhr, in Mühlenbeck im Gasthof zur Sonne lJnh. A. Bürschs stattfindenden Volksversammlung eingeladen. Da der Geistliche des OrteS fein Erscheinen zugesagt hat, dürften die Auseinandersetzungen über das Thema„Kirche, Schule und Sozialdemokratie' interessant werden. Der Abmarsch der Nieder- Schönhausencr Genossen erfolgt um 12 Uhr von Schüßler, Nordend, aus. Die Agitationslommission., Berliner JNaebriebten. Muß-Begeisterung für die Jahnfcier. Vei der Jahrhundertfeier zum Andenken an den„Turnvater" Jahn, der im Jahre 1811 in der Hasenheide den ersten Turnplatz einrichtete, wird auch die Schuljugend mitwirken. In dem Programm sind Turnübungen und Spiele angesetzt, die auf dem Tempelhofcr Feld von Knaben und Mädchen der höheren Lehr- anstalten und Gemeindeschulen Berlins und der Vororte ausgeführt werden. Da aber die Veranstalter dieser Jahnfeier sich von vorn- herein alle Mühe gegeben Hadem sie in ein h u r r a pat r i o ti- sches Fest umzutauschen, so wollen viele Eltern sich keineswegs dafür begeistern, daß ihre Kinder daran teilnehmen sollen. Sogar Fortbildungsschülern wird zugemutet, an der Jahnfeier sich zu be- teiligen, die nach ihrem ganzen Drum und Dran auf eine Ver- anstaltung zur höheren Ehre der„Deutschen Turner- Schaft" hinausläuft. Unsere Leser wissen, wie die„Deutsche Turnerschaft" die Arbeiter-Turnvereine bekämpft, denen eben des- halb der Nachwuchs der Arbeiterklasse immer zahlreicher zuströmt. Da wird man in Fortbildungsschulen sich nicht wundern dürfen, wenn Arbeitersöhne, die Bescheid wissen über die„Deutsche Turnerschaft" und ihre Jahnfeier, die für eine Mitwirkung er- forderliche Begeisterung nicht aufzubringen vermögen. Aus der von der Korporation der Berliner Kaufmannschaft unterhaltenen Kauf mä nnischen Fachschule in der Elisa- bcthstraße wird uns bekannt, daß in einer Klasse durch den Lehrer eine Verfügung des Direktors verlesen wurde, die die Jahnfeier betraf. Wir dürfen wohl als selbstverständlich voraussetzen, daß dieselbe Verfügung auch den anderen Klassen dieser Anstalt zuge- gangen ist. Und wir werden vielleicht nicht fehl gehen, wenn wir vermuten, daß in den anderen Fachschulen der Korporation gleiche oder ähnliche Verfügungen in Umlauf gesetzt worden sind. Der Direktor der Fachschule in der Elisabethstraße hat den Wunsch, daß zum Gelingen der Jahnfeier die Schüler seiner Anstalt durch möglichst zahlreiche Beteiligung an einem für Sonntag geplanten Festzug beitragen. Er fordert, daß sie über etwaige Nicht- beteiligung vorher einen schriftlichen Ausweis beibringen. Angekündigt hat er, daß die Schüler hinsichtlich ihrer Teilnahme an der Feier kontrolliert werden sollen. Es ist nur zu möglich, daß dieses Zirkular des Direktors bei manchem seiner Zöglinge, der sehr kühl der hurrapatriotischen Jahnfeier gegen- über steht, und bei manchen Eltern, die in der„Deutschen Turner- schaft" den erbittertsten Feind der Arbeiter-Turnvereine sehen, doch eine äußerliche Muß-Begeisterung zur Folge hat. Leider hat nicht jeder den Mut, rund heraus zu erklären: Wir machen euer Fest nicht mit, weil zwischen uns und euch eine unüberbrück- bare Kluft gähnt! Zu wünschen wäre aber, daß doch recht viele Eltern in Uebereinstimmung mit ihren Söhnen dem Herrn Direktor in aller Deutlichkeit durch offene Ablehnung belehrten, wie sie über solche Veranstaltungen denken. Auch in diesen Fachschulen der Korporation der Berliner Kaufmannschaft sitzt mancher junge Mann, der Arbeitersohn ist und sich als Arbeitersohn fühlt. Weder hie Kaufmännische Fachschule noch irgendeine andere Fach- oder Fortbildungsschule hat ein Recht, von ihren Zöglingen eine Be- teiligung an der Jahnfeicr zu fordern, die trotz aller Protektion der Behörden eine private Veranstaltung ist. Im übrigen wird derjenige Teil der Jahnfeier, für den man die Zöglinge der Kauf- männischen Fachschule als Mitwirkende zu werben sucht, am Sonntag veranstaltet, an einem Tage, der für sie sonst stets unterrichtsfrei ist. Auch aus der Handelsschule für Mädchen, die in dem Haus der ff-ophienschule untergebracht ist und gleichfalls von der Korporation der Kaufmannschaft unterhalten wird, erfahren wir. daß eine Beteiligung an der für Sonntag geplanten Jahn- fcicr verlangt wird. Als in einer Klasse eine Schülerin sagte, ihr Vater dulde das nicht, erklärte die Lehrerin, der Rektor lasse keine Entschuldigung gelten. Der Herr Rektor scheint nicht zu wissen, daß für den Sonntag, der auch hier stets unterrichtsfrei ist, d i e Schule kein Anrecht an die Zöglinge hat, auch nicht aus Anlaß einer hurrapatriotischen Jahnfeier. Aus der Gcwerbcbcpntation. In der letzten Sitzung der Gewerbedcputation stand als erster Punkt die weitere Beschlußfassung in der Angelegenheit betreffend die Herberge und den Arbeitsnachweis der Fleischerinnung auf der Tagesordnung. Die Deputation hatte am 19. Oktober v. I. beschlossen, der Fleischerinnung aufzu- geben, den Mietsvcrtrag mit dem Sprechmeistcr Dräbcrt zum 30. Juni 1911 zu kündigen und den Arbeitsnachweis von der Her- berge zu trennen und aus dem Hause Mulackstraße 3 zu verlegen. Die Innung teilte in einem längeren Schreiben mit, daß sie dem ersteren Beschluß nachgekommen sei und den Mietsvertrag mit dem Sprechmeister Dräbert gekündigt habe, daß sie sich aber nicht veranlaßt sehe, dem zweiten Beschluß, den Arbeitsimckweis von der Herberge zu trennen, zu erfüllen. In dem Schreiben wird er- wähnt, daß auch der„sozialdemokratisch" paritätische Arbeitsnach- weis in der Gormannstraße mit Restaurationsbetrieb verbunden fei, mich wird weiter von„unzufriedenen Elementen" gesprochen, die mit dem jetzigen Arbeitsnachweis, der ebenso wie die Herberge Igar nicht so schlecht sei, wie er hingestellt werde, unzufrieden seien. Es wird also in dem Jnnungsschreiben gehörig mit dem roten Lappen geschwenkt, offenbar in der Absicht, auf die bürgerlichen Mitglieder der Deputation Eindruck zu machen. Die Magistrats- Vertreter führten aus, daß sich die früheren mißlichen Zustände gebessert hätten und daß die Gewerbedeputation nach den gesetzlichen Bestimmungen kein Recht hätte, mit Exekutivmaßregeln gegen die Fleischerinnung vorzugehen und ihr Ordnungsstrafen bei dem Nichtnachkommen des Beschlusses vom 19. Oktober 1910 anzudrohen. Sie stützten sich insbesondere auf ein Schreiben des Ministers für Handel und Gewerbe, in dem sehr vorsichtig und, wie sie meinten, mit Absicht gesagt ist, die Gelverb-dcputation möge auf die Besse- rung dieser Zustände nur„hinwirken". Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, somit ist die ganze Sache wie das Hornberger Schießen ver- laufen. Der Sprechmeister Dräbert wird, auch wenn er nicht mehr im Mietsberhältni» zur Innung steht, Arbeit ruhig weiter ver- Mitteln. Ein Antrag des Vorstandes der Barbier-, Friseur- und Pe- rückenmacher-Jnnung, ihm zu gestatten, die zur Bildung eines Sicherheitsfonds geforderten jährlichen Rücklagen von S000 M. für Amortisationszwecke verwenden zu dürfen, kam nicht zur definitiven Erledigung. Die Deputation hatte seinerzeit der genannten Innung die Genehmigung zur Aufnahme von Hypotheken auf ihr Grundstück in der Ohmstraße nur unter der Bedingung erteilt, daß für die hierfür zu zahlenden Zinsen ein Sicherheitsfonds ge- bildet werde. Diesen auf die obige Summe festgesetzten Betrag will der Vorstand zu Amortisationszwecken benutzen. Die Depu- tation beschloß die Genehmigung so lange zu versagen, bis die Innung durch Vorlegung von Urkunden nachweist, daß sie gegen die Bank, die die Hypothek im Betrage von los 090 M. hergegeben hat und auch gegen einen Vermittler, der ursprünglich diesen Betrag aus eigenen Mitteln beschaffen wollte, keine weiteren Vcrpflich- tungen hat. Abgelehnt wurde der Antrag der hiesigen freien Feilenhauer- Innung, die Errichtung einer Zwangsinnung und die Erweiterung des Jnnungsgebietcs bei dem Oberpräsidenten zu befürworten. Diese Innung will ihren Geltungsbereich bis auf die Orte Bran- denburg, Eberswalde, Fürstenwalde, Nauen, Wriezen, Oranienburg u. a. ausdehnen. Bei solchen Entfernungen kann nach Meinung der Deputation von einem gemeinsamen Jnnungsleben nicht mehr die Rede sein, auch besitzen Brandenburg, Nauen und Eberswalde bereits Zwangsinnungen. Von unserer Seite wurde der Errichtung einer solchen Zwangs- Innung auch noch aus einem anderen Grunde widersprochen. Die Feilenhauer-Jnnung gehört dem hiesigen Ausschusse vereinigter Innungen an, der auf Grund 8 81b der Gewerbeordnung für seine Mitglieder und Arbeitnehmer ein eigenes Schiedsgericht besitzt. Gebe man dem Antrage der genannten Innung statt, dann seien bei Streitigkeiten aus dem Arbeitsverhältnis Arbeiter oder Ge- sellen aus den genannten von Berlin weit entfernten Ortschaften gezwungen, in umständlicher und kostspieliger Weise bei dem In- nungsschiedsgericht Recht zu suchen, wie dies bei der ncugebildcten Zwangsinnung des Bildhauer- und Stukkateurhandwerks und auch bei einigen anderen Innungen der Fall sei. Damit sei die Absicht des Gesetzgebers im Gcwerbcgerichtsgesetz, dem Arbeiter eine mög- lichst schnelle und wenig kostspielige Rechtsprechung zu verschaffen, völlig vereitelt. Eine längere Debatte zeitigte das Ersuchen des hiesigen Polizei- Präsidiums, die Gewerbedeputation möge sich äußern über den von dem Zweckverband der Bäckerinnungen von Berlin und Umgegend gestellten Antrag, für die Zeit vom Sonntag früh 8 Uhr bis Mon- tag früh 6 Uhr in den Bäckereien eine völlige Betriebsruhc anzu- ordnen. Wie der Vorsitzende der Deputation, Stadtrat Maatz, mit- teilte, hatte der Magistrat bereits zu dieser Angelegenheit Stellung genommen und beschlossen, dem Polizeipräsidium Mitteilung zu machen, daß er gegen den Erlaß eines solchen Backverbots ver- schiedene Bedenken habe. Vei Erlaß eines Verbots müßte dies dann aber auf Groß-Berlin ausgedehnt werden. Diesen Bedenken wurde von unserer Seite, auf Grund der Verhandlungen vor dem Einigungsamt des Berliner Gewerbcgerichts, eine Reihe anderer zugesellt. So schön wie sich dieses Backverbot äußerlich betrachtet ansehe, so bringe es in der Praxis für beide Teile, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, nicht den Nutzen, den man sich von Jnnungs- seite davon verspreche, und eS sei ferner geeignet, die Erfolge der Gesellen, die diese in den letzten Wochen auf dem Wege der Selbst- Hilfe errungen hätten, in Frage zu stellen und neue Streitigkeiten. heraufzubeschwören. Die Bäckermeister seien in ihrer Kurzsichtig- keit dabei, sich selbst zu schädigen, denn es sei sicher zu erwarten, daß die Konkurrenz in den nicht von dem Backverbot getroffenen, in der Umgebung Berlins und der Vororte gelegenen Ortschaften die Situation sich sofort zunutze machen würden. Ein erst von unseren Genossen gestellter Antrag, die Angelegenheit dem Aus schuß-des Gewcrbegerichts für Gutachten und Anträge zur Aeuße rung zu überweisen, wurde aus praktischen Gründen zurückgezogen. Die Gewerbedeputation empfiehlt aber diesem Ausschuß, auf dem SSege des Initiativantrages sich seinerseits selbst gegenüber dem Polizeipräsidium über den Antrag der Bäckerinnungen zu äußern. Nach einer bei der Gewerbedeputation eingegangenen Anzeige haben sich in dem Betriebe von Heinrich Sklarz, Landsberger Straße 58, Krawattcnnäherei, Mißstände im LehrlingsauSbilden herausgestellt. Es werden dort Mädchen und Frauen als Lehrlinge für die Krawattcnnäherei angenommen, die S, 10 und IS M. Lehrgeld für eine verhältnismäßig kurze Lehrzeit zahlen müssen und, wie in der Deputation von dem Magistratsvertreter ausdrücklich hervorgehoben wurde, nach den eigenen Angaben der dieses„Lchrinstitut" leitenden Direktorin, nicht diejenige Fähigkeit und Geschicklichkeit erlangen, später in einem anderen Betriebe als selbständige Arbeiterin tätig sein zu können. Ein Beschluß, dem Inhaber dieses Betriebes zu untersagen, in Zukunft Lehrlinge auszubilden, wurde nicht gefaßt, es sollen noch weitere Erhebungen angestellt werden. Auch wurde die Besichtigung des Betriebes durch die Gcwerbeinspektion im Bei sein eines Sachverständigen beschlossen. Vor Eintritt in die Verhandlungen wurde an Stelle des ver- storbencn Stadtverordneten Borger der Stadtverordnete Rettig als Mitglied der Deputation eingeführt. Der deutsche Stndtetag wird am 10., 11. und 12. September in Posen stattfinden. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Bericht des Vorstandes über die Prüfung der Kredit- Verhältnisse der deutschen Städte(auf Beschluß der Haupt- Versammlung in München 1908). 2. Stellungnahme zur Frage der Arbeitslosenversicherung. 3. Antrag München betreffend Neueinteilung der Reichstagswahlbezirke. 4. Geschäftliches. Die Stadt Berlin wird 22 Vertreter entsenden. 9 Magistrats- Mitglieder und 13 Stadtverordnete. Die sozialdemokratische Fraktion, die auf drei Vertreter Anspruch hat, hat die Ge- nassen Dupont, Glocke und Ritter der Stadtverordneten- Versammlung vorgeschlagen zur Teilnahme an den Verhand- lungen des StädtetageS. In der Sitzung des Kuratoriums der stadtischen Heimstätten am 14. d. M. wurde das Projekt zum Erweiterungsbau der Heim- statte zu Heinersdorf genehmigt und beschlossen, erneut mit der Armendirektion in Verbindung zu treten, um erholungsbedürftigen Knaben die Wohltaten eines Hcimstättcnaufcnthaltes zu ermög- lichen. Durch den projektierten Anbau wird die Belcgungsfähigkeit der Heimstätten auf 120 Betten erhöht. Zur Umtaufe der Berliner Fernsprechämter. Bekanntlich hört im Herbst dieses Jahres die Bezeichnung der Vermittelungsämter durch Zahlen auf, und jedes Amt bekommt dann seinen besonders „charakteristischen" Namen. Für das jetzige Amt il(Französische Straße) ist nun die Bezeichnung„Zentrum" in Aussicht genommen. Daran scheinen gewisse Deutschtümler Anstoß genommen zu haben, denn der Postverwaltung wurde als Ersatz hierfür die Bezeichnung „Altstadt" empfohlen. Erfreulicherweise haben sich die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft gegen diesen Vorschlag energisch auSge- sprachen und betont, daß die Bezeichnung auch nicht einmal historisch zuträfe. Es ist demnach zu erwarten, daß es bei der Bezeichnung „Zentrum" für den Mittelpunkt des Berliner Geschäftslebens bleibt. Ob im übrigen in der Tat die Umtaufe nötig ist, kann be» zweifelt werden. Als seinerzeit das Amt„Moabit" geschaffen wurde, war dieses durchaus zweckmäßig, weil namentlich am Telephon Amt„zwei" leicht mit„drei" verwechselt wurde. Welche Notwendigkeit aber besteht, statt der kurzen und deutlichen Be- Zeichnung„Amt IV" in Zukunft den langen Namen„Amt Moritz- platz" zu gebrauchen, ist nicht einzusehen. Besonders unpraktisch ist aber die soeben vollzogene Umtaufe, die den Namen „Amt Pfalzburg" gezeitigt hat. Es gibt nämlich einen Ort dieses Namens, so daß diese durchaus unpraktische Namensänderung zu Komplikationen im telephonischen Fernverkehr führen kann. Von den Namensänderungen sind am meisten die Druckereien und Stempelfabriken entzückt, da sie zahlreiche Aufträge infolge der dadurch erforderlichen Aenderungen bekommen. Kirschncr bestätigt. Die königliche Bestätigung der Wiederwahl des Oberbürgermeisters Kirschner ist gestern vormittag beim Mä- gistrat eingegangen. Die Meldung ist amtlich. Ein neuer Schleifcnbetrieb wird von der Straßenbahn am nächsten Sonntag, den 18. Juni, bei der Linie 19, Bahnhof Puttlitz- straße— Rirdorf im Anschlußbetricb zwischen der Großen Berliner Straßenbahn und der Südlichen Berliner Vorortbahn eingerichtet. Diese Linie wird an ihrem südöstlichen Ende über einen Ring ge- führt. Der Ring macht von der Ecke der Brücken- und Neander- straße folgenden Weg: Köpenicker und Schlesische Straße, Treptower Chaussee, Elsen-, Harzer-, Wildenbruch- Erk-, Berliner-, Berg-, Zieten- und Hermannstraße, Hcrmannplatz, Kottbuser Damm, Kott- buser Straße, Kottbuser Tor/Dresdener u. Oranienstraße, Moritzplatz, Prinzen- u. Neanderstraße bis zur Ecke Köpcnicker Straße. In umge- kehrter Richtung geht die Schleife durch die Steinmetz-, Witzmann- und Karlsgartenstraße. Der Fahrpreis für die ganze Strecke be- trägt 10 Pf. Dem neuen Fahrplan der Linie 19 wird der der Linie 10, Bahnhof Puttlitzstraße— Küstrincr Platz angepaßt, so daß sich die Heiden Linien zwischen dem Bahnhof Puttlitzstraße und der Ecke der Alexander- und Blumenstraße zu einem Fünfminutcn- betrieb ergänzen. Die Linie 89 geht dann nur noch bis zum Wildcnbruchplatz. Die Linie war vorübergehend und außerfahr- planmäßig bis zur Ecke der Elsey- und Heidelberger Straße ver- längert worden. Schützet die Parkanlagen. Die städtische Parkdeputation richtet folgende Bitte an die Bürgerschaft:„Der Magistrat Rixdorf hat kürzlich Veranlassung geiwmmen, wegen Beschädigung der Straßen- bäume auf das Strafbare dieser Handlungen aufmerksam zu machen und bor Zuwiderhandlungen zn warnen. Gleichzeitig ist die Bürgerschaft gebeten worden, im Interesse der Erhaltung des Baumschmucks der Straßen und Plätze Nixdorfs darauf zu achten, daß auch die Mahnung befolgt wird. Die gerügten Beschädigungen von Stratzenbäumen sind leider auch in Berlin oft beobachtet worden. Zunächst ist geradezu erstaunlich, was alles in die die Bäume zur Aufnahme frischen Wassers umgebenden Löcher hinein- gegossen wird. Dann hat das Rütteln und Schütteln der Bäume und das Hineinwerfen von Steinen in dieselben, besonders während der Maikäferzeit, stellenweise � einen die Fußgänger geradezu ge- fährdenden Charakter angenommen. Im Humboldthain ist stellen- 'weise sogar das Mosaikpflaster von den jugendlichen Vandalen auf- gerissen worden, um Steine zum Werfen zu gewinnen. Bei der großen Zahl der Kinder sind die Parkwächter ziemlich machtlos. Auch die Polizei kann selbst bei sorgfältigster Bewachung der öffent- lichen Anlagen nicht überall und zu jeder Zeit eingreifen. Hier kann nur die Bürgerschaft selbst den Schutz der Anlagen wirksam in die Hand nehmen. Die Parkdcputation richtet daher von neuem an die Bevölkerung Berlins die Bitte um tatkräftige Mithilfe bei dem Schutz der städtischen Anlagen, die große Opfer an Fleiß und Zeit erfordern." Wir können uns der Bitte der Parkdeputation nur anschließen. Das Provinzial-Sängcrfest des Arbeiter-Sängerbundes, da? vom 17. bis 19. Juni in Ncu-Ruppin stattfindet, ist der„Mär- tischen Zeitung", einem konservativen Provinzblättchcn, in die Glieder gefahren, obwohl es noch gar nicht stattgefunden hat. Das Blättchen hatte im Inseratenteil eine Annonce veröffentlicht, in der Einwohner von Neu-Ruppin aufgefordert wurden, sich zu melden zwecks Unterbringung von Sängern während des Sängerfestcs. Im redaktionellen Teil wettert das Junkerorgan wie folgt gegen diese Aufforderung:„Ein Arbcitcr-Provinzial-Sängerfest soll vom 17. bis 19. Juni d. I. in Ncu-Ruppin stattfinden, weshalb im An- zeigenteil von fünf Einsendern eine Aufforderung an die Ein» wohnerschaft ergeht, den Sängern durch Beschaffung von 1000 Frei- quartieren Gastfreundschaft zu gewähren. Wir machen den national- gesinnten Teil unserer Bürgerschaft darauf aufmerksam, daß das ganze Unternehmen von sozialdemokratischer Seite ausgeht und möchten hier die größte Zurückhaltung und Vorsicht empfehlen. Vor allem machen wir die Besitzer von Sälen und anderen Lokalen auf die bekannten Folgen(!!) aufmerksam, die sich jedesmal in den von den Sozialdemokraten in breiter Oejfcntlichkcit besndjten Lokale» eingestellt haben. Anhänger einer Partei, die die herrschende Ge- sellschaftsordnung und den Gegenwartsstaat umstürzen wollen, sollten soviel Selbstzucht besitzen, diejenigen, deren Untergang sie beschlossen haben, nicht noch um eine Gefälligkeit zn bitten. Mögen sie sehen, wie sie allein fertig werden. Und im Briefkasten heißt es: R. K. Können Sie uns vielleicht eine kurze Auskunft über das hier stattfindende Arbeiter-Provinzial-Sängerfest geben? Uns sind die Namen der Aufgeber der gestrigen Anzeige vollkommen nnbe- kannt. Antwort der Schriftleftung. Das Arbeiter-Provinzial-Sänger. fest ist ein sozialdemokratisches Unternehmen, dem gegenüber Vorsicht und Zurückhaltung geboten ist." Hier wird also stark mit dem roten Lappen geschwenkt und bestimmten Geschäftsleuten und Privatpersonen mit geschäftlichen Nachteilen gedroht. Das sind dieselben Leute, die sich sonst nicht genug tun können, über sozialdemokratischen Terrorismns zu zetern. Allzuviel Glück dürfte das Blättel mit seinen Einschüchterungsver- suchen kaum haben. Vor einem Tninksuchtsmittrl warnt der hiesige Polizei- Präsident in folgender Bekanntmachung:„Von der Firma Physicians Coopcrative Association in Chicago wird in deutschen Zeitungen dem Publikum ein Trunksuchtsmittel„Alcola" in auf- dringlicher Weise angeboten. Ein Teil der Präparate besteht nach einer Analyse des Professors Karl Th. Mörner in Stockholm aus Brechweinstein; nach einer Warnung des Stadtpolizeiamts in Stuttgart vom 17. Oktober 1910 enthält„Alcola" neben anderen Stoffen auch Strychnin. Der für das Mittel geforderte Preis von 20 M. ist übertrieben hoch. Vor dem Bezüge der für die Be- kämpfung der Trunksucht wertlosen, unter gewissen Umständen gesundheitsschädlichen Alcolapräparate wird hiermit gewarnt." Automobilunfall des Kronprinzen. Gestern mittag gegen HVs Uhr wurde der Kronprinz am Reichskanzlerplatz von einem Automobilunfall betroffen. Der Kronprinz führte das Auto selbst und kam aus der Döberitzer Heerstraße in der Richtung nach Berlin, 5Meit ihm saß sein AbsutanZ, während die be'ld?» Chauffeure iM Fonds des Wagens Platz genommen hatten. Ms das Autouwbil den Reichskanzlcrplatz kreuzen wollte, um in den Kaiserdamm einzubiegen. geriet der Wagen derart ins Schlendern, daß er mit dem rechten Hinterrad gegen die Bordschwelle fuhr. Bei dem An- prall ging das rechte Hinterrad in Trümmer nnd die beiden tshauffeure wurden von ihren Sitzen geschleudert. Der Kronprinz selbst und sein Adjutant hielten sich am Steuer fest und kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Auch die Chauffeure haben nur geringfügige Verletzungen davongetragen. Ter Kronprinz bestieg nach dem Unfall mit seinem Adjutanten eine Automobildroschke unh fuhr damit nach Berlin. Das verunglückte Automobil blieb auf dem Reichskanzlerplatz liegen und wurde erst am Nachmittag nach der Reparaturwerkstatt geschafft. Der dirigierende Arzt an der inneren Abteilung des städtischen Kranlenhauses im Friedrichshain, Prof. Dr. Georg Kroenig. ist gestern morgen 7 Uhr an Herzschwäche infolge von doppelseitiger Lungenentzündung im Alter von SS Jahren gestorben. Ein schwerer Strnßrnbahnunfall ereignete sich am gestrigen Donnerstag, mittag gegen 12 Uhr. vor dem Hause Königgrätzer Straße 84. Der 16 jährige Milchausträger der Meierei C. Bolle, Max Frohning, Britz. Rudower Straße 36 wohnhast, fuhr mit seinem Fweirad unmittelbar vor dem Motorwagen 23yö der Linie I über die Gleise, wurde jedoch umgestoßen und geriet unter den Vorder- Perron vor dem Schutzrahmen. F., der eine Gehirnerschütterung und schwere Kopfwunden davongetragen hatte, mußte nach dem Kranken- haus Britz geschafft werden. Ein netter Klubgrllnder. Ueber den Hauptgründer des „Traveller Klubs", der vor einiger Zeit so glanzvoll eröffnet wurde und bald ein jämmerliches Ende nahm, werden jetzt Einzel- heiten bekannt, die Helgenosscn umzusehen. So kam der„Traveller Klub" zustande. Der Geschäftsführer Faur wurde, wie wir seinerzeit mitteilten, auf Betreiben Drapers fest, genommen. Er erklärte, daß er das Geld, das er unterschlagen haben sollte, als fein eigenes in das Geschäft hineingesteckt habe. Der Untersuchungsrichter ließ den Mann, der in Frankreich Hotel- besitzer ist, nach einem Tage wieder frei. Faur hatte cS sehr eilig, über die Grenze zu kommen. Seinen Koffer ließ er in Stich. Jetzt hat ihn die Kriminalpolizei beschlagnahmt. Auch Herrn Draper scheint es bei uns nicht mehr zu gefallen. Er ist inzwischen auch von der Mldfläche verschwunden. Wahrscheinlich wird er nächstens irgendwo anders mit einer neuen Klubgründung wieder auftauchen.— Der Mann hat aber sein Metier verstanden, indem Leute mit klangvollen Namen ihm ins Netz gingen. Bekanntlich wurde bei Gründung des Klubs der Kaiser antelegraphiert, der dann auch telegraphisch dem Klub Glück wünschte. Da» Spielen mit einer Schußwaffe hat wiederum einen schweren Unglücksfall herbeigeführt. Am Mittwochabend gegen 'XlO Uhr machte sich der 17jährige Kaufmannslehrling Karl Kriewe. Schwartzkopffstraße 3 wohnhaft, mit einem Revolver zu schaffen, von dem er annahm, daß er nicht geladen war. Beim Hantieren kam der junge Mann dem Hahn zu nahe, die Waffe entlud sich und die Kugel drang ihm in den Unterleib. Der Lehr- ling sank sofort blutüberströmt und besinnungslos zusammen und wurde von Hausbewohnern nach der nahe belegenen Unfall- statlon in der Eichendorfsstraße gebracht, wo der Arzt feststellte, daß das Geschoß tief in die Eingeweide gedrungen war. Nach Anlegung von Notverbänden wurde der Schwerverletzte nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt, wo er in sehr bedenk» lichcm Zustande darniederliegt. Au» der Selbstmordchronik. In seinem Bureau mit Gas der- giftet hat sich der 49 Jahre alte Ingenieur Werner Bock aus der Weihenburger Straße 61. der bei der Direktion der Städtischen Straßenreinigung in der Klosterstraße 68 angestellt war.— Sorgen um die Zukunft haben den S6 Jahre alten Schankwirt Paul Georg! aus der Fürstenvcrger Straße 8 in den Tod getrieben. In ver- zweifelter Stimmung schrieb er Abschiedöbriese und erhängte sich bann auf dem HauSboden. Mit durchschossener Schläfe wurde gestern nachmittag im Grüne- Wald, unweit der Döberitzer Heerstraße,«in junger Mann in den zwanziger Jahren aufgefunden. Waldarbeiter hatten gegen 3 Uhr in der genannten Richtung einen Sckuß gehört. Sie gingen der Richtung nach und fanden den erwähnten Mann in den letzten Zügen. Er starb bald darauf. Die benachrichtigte Polizei ließ die Leiche nach dem Schauhause in Schildhorn überführen. Legitima- tiouspapiers wurden nicht vorgefunden. Jedoch fand man in den Kleidern ein Portemonnaie mit 2,30 M. in Nickel- und Kupfer- münzen und eins Ansichtskarte vom Lunapark. Anscheinend handelt ei sich um einen stellungslosen Kaufmann ans Berlin. Tourtstenverctn„Die Naturfreunde«. Ortsgruppe Berlin. Sonn- tag, den t«. d. M. Wanderung nach Fri-drtchshaaen. Mliggelheim, Köv-ntck. Absah! t nach FriedrichShagen: Alcxanderplqtz 1,16, Schlefischer Bahnhos 1,23. Gäste willtoinmen._ Slrbeiter-Wanderverein.Berlin«. Wandersabrten am Sonnlag, den 13. Juni: 1. Heilstätte Beelitz. Kölpinsee. Damsdorf. Abfahrt 5,06 Uhr Schlejilcher Bahnhos. tlharlotienburg umsteize». 2. Tsefenfee, Blumenthal, Tiefcnscc. Abfahrt 5,32 Uhr Wriezener Bahnhos. Programme de» Fritz Kruse, Viarianneultr. 11._ Vorort- Nachrichtctra Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung. In der Erwartinig. daß eK infolge verschiedener Zeitungsartikel zu heftigen Auseinandersetzungen in der Angelegenheit de» neu zu errichtenden Opernhauses kommen würde, hatten sich zu der Sitzung am Mittwoch zahlreiche Zuhörer eingefunden. Aber sie kamen nicht auf ihre Rechnung. Es dürfie bekannt sein, daß in jenen geitunas- artileln vor allein der Sladtverordiictenvorsteher Kaufmann heftig angegriffen war. Seine Freunde hatten denn auch eine Vertrauens- kundgebung für ihn vorbereitet, sie zogen es jedoch in letzter Stunde vor. den Antrag nicht«inzubringen, da die Sozialdemokraten sowohl als auch ein Teil der nicht der liberalen Fraktion angehörigen bürgerlichen Stadtverordneten erklärt hatten. daß sie nicht nur dagegen stimme», sondern auch ihre Abstimmung motivieren würden. So wandt» sich die Versammlung dann sofort den auf der Tagesordnung stehenden BeratuiigSgegenständen zu. die in kurzer Ze>t erledigt wurden. E« handelt sich fast durchweg um Vorlagen von nur geringer Bedeutung. Erwähnenswert ist die Annahme einer Magistratsvorlage auf Errichtung einer iveiteren Zweigstelle lFranenabteiluiig) des städtischen Arbeilsnachweises in der Kantstraße im Dezember diese« Jahres, und die Vorlage betreffend Wieder- Herstellung der Badeanstalt im Kochsee. Beide Vorlagen wurden angenommen.— Di« in Form einer Interpellation von den Liberalen angeschnittene Frag« der Vorlegung deS Bebauungsplanes für Nord« Westend führte zu einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Magistrat. Stadtverordneter Dr. Frentzel beschränkte sich in der Begründung nicht auf die Frage des Zeitpunktes des Bebauungsplanes, sondern er erörterte gleich- zeitig auch den Bebauungsplan selbst und wandte sich gegen jedwede Beschränkung. Er ging dabei von der in einer Petition der Grund- besiyer aufgestellten Behauptung aus, daß die Absicht bestehe, die Bauordnung für dieses Gelände aufzuheben. Oberbürgermeister Schustehrus bestritt dos. Stadtverordneter Gredy trat für eine möglichst luftige Bebauung, für eine Art Villenkolonie auf Nord- Westend ein. Naniens der Sozialdemokratie betonte Genosse Dr. Borchardt, daß seine Freunde nicht dafür zu haben seien, daß überhaupt keine Beschränkung des Bebauungsplanes eintreten solle. Die Stadt müsse vielmehr alle? tun, um dem Mielskasernenwesen und seinen schlimmen Folge» in sittlicher und gesundheitlicher Hinsicht zu Leibe zu gehen. Schließlich genehmigte die Versammlung noch gegen die Stimmen der liberalen Fraktion die Magistratsvorlage betreffend öffentliche Uhrenan lagen. Es handelt sich darum, daß der Magistrat die Ausnutzung der 21 Kilo>neter-Kabel, die in den Straßen gelegt sind, vorschlägt. Die Liberalen suchten die Vorlage mit dem Hin- weis auf ihren sozialistischen Charakter zu bekämpfen, sie drangen aber nicht durch._ Rixdorf. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich vorgestern nachmittag um 6 Uhr in der Chudomastraße S. Die Frau de« Kanzlisten Wetzel, die dort im zweiten Stock wohnt, hatte ihrem fünf Jahre alten Söhnchen Kurt etwa? versprochen. AI« sie sich nun vorgestern nach- mittag aus den Weg machte, um das Versprochene in der Nachbar- schaft zu kaufen, konnte es der Kleine gar nicht abwarten, daß seine Mutter zurückkehrte; et ging daher a»f den Balkon hinaus, um ihr nachzusehe». Im Eifer lehnte er sich zu weit über die Brüstung und fiel in die Tiefe. Im ersten Stock schlug er auf die Blumen- töpfe des Balkons auf, die in Stücke gingen. Der Knabe blieb dann an der Brüstung hängen. Sofort eilten die Insasse» der Wohnung, die das Unglück sahen, hinaus, um ihm beizuspringen. In diesem Augenblick aber fiel er auch schon vor ihren Augen weiter hinab auf die Straße. Der Verunglückle zog sich schwere äußere Kopsverletzungen zu und wurde mit gebrochenem Schädel nach dem Krankenhause in Lukow gebracht. Beim Rollschuhlaufen verunglückt ist vorgestern nachmittag in der Böhmischenstraße die acht Jahre alte Tochter Mathilde des Fabrik- arbeiters König au« der Johann-Huß-Stroße 7. Sie wollte vor einem schweren Lastwagen noch rasch vorüberfahren, geriet aber unter die Räder und erlitt außer äußeren Verletzungen am Kopfe eine Gehirnerschütterung. Das Mädchen mußte mußte nach dem Krankenhause gebracht werden. Stralau. Aus der Gemeindevertretung. Der Platt zltr Herstellung einer neuen VerbindungSstrahs zwischen Mnrkgrafendamin und Bödikerstrahe wurde genehmigt. Mit dem 1. Juli d. I. wird an der Genieindeschule der orthopädische Turnunterricht eingeführt; vorgesehen sind 40 Jahresstunden. Der Unterricht soll an den freien Nachmittagen erteilt werden; nach dem Bericht des Schul- arztes kommen 26 Kinder in Frage. Die Eltern dieser Kinder werden durch den Schulvorstand von der Neueinrichtung in Kenntnis gesetzt. Mit der Einrichtung von Spielstunden sind im vorigen Jahre gute Erfahrungen gemacht; für dieses Jahr wurden daher wiederum ISO M. bewilligt. Die Spiele finden auf dem Gemeindespielplatz an der Krachtstraße statt; die Leitung liegt in Händen des Lehrers Franke. Vorgelegt wurde der Entwurf eines Aufrufes gegen die Schundliteratur; derselbe fand im allgemeinen die Zustimmung der Versammlung. Der Aufruf soll durch die Schullinder den Eltern zugestellt werden. Gegen diese Art der Zustellung wurden lebhafte Bedenken geäußert; mit dieser und einer weiteren Anregung unseres Vertreters, der gesamten Le- völlerung den Aufruf zu übermitteln, werden sich der Gemeinde- und Schulvorstand nochmals beschäftigen. Der Errichtung einer zweiklassigen Schulbaracke auf oem Grundstück hinter dem Rat- hause wurde zugestimmt. Die Kosten in Höhe von 12 000 M. werden durch Anleihe gedeckt. Durch dieses Provisorium wird endlich der Uebelstand der„fliegenden Klassen" beseitigt und eS wird dadurch möglich sein, den Schulbeginn der einzelnen Klassen einheitlicher'zu regeln. Da mit der Entwickclung des Ortes die Frage des Schulbaucs immer brennender wird, sollen der Lcr- lretung in nächster Zeit Projekte über einen eventuellen Anbau der vorhandenen Schule bezw. Neubau einer Schule auf dem für diesen Zweck bereits vorgesehenen Grundstück hinter dem Rathause vorgelegt werden, so daß im nächsten Frühjahr mit dem Bau be- gönnen werden kann. Di« Berichte über Säuglingsfürsorge und die Tätigkeit des Schularztes wurden verlesen. Der wiederholten Forderung unseres Genossen sowie einiger bürgerlicher Herren. dies« Berichte den einzelnen Vertretern zuzustellen, ist der Gc- meindevorstand auch in diesem Jahre nicht nachgekommen, so daß es uns nicht möglich ist, auf Einzelheiten einzugchen. Von den im Etat vorhandenen 1000 M. für Säuglingsfursorge sind nur 639 M. verbraucht worden. Die Ursache hierfür ist hauptsächlich in der für den Bezug der Prämien usw. geltenden festgesetzten niedrigen Einkommensteuergrenze von 1600 M. zu suchen, welche erhöht werden soll. In Fürsorge befanden sich 20 Kinder. Ober-Schönetveide. Die Maßnahmen gegen de» Arbelterturnverei» vor der Ge- meiiidevertretiing. Die Verfügung des Gemeindevorstehers gegen den Arbeiterturnverein, wonach demselben aus Anweisung der Schul- aussichtSbehörde die Benutzung der Gemeindeturiihallen entzöge» wurde, gab unseren Vertretern Anlaß, den Genieindevorsteher in der letzten Sitzung über die Beweggründe zu dieser Maßnahme zu inter- pellieren. Räch einer Anfrage erklärte der Gemeindevorsteher: die Auf- fichtSbehörd« habe verfügt und er habe dieser Verfügung Geltung verschafft, daS genüge für ihn; im übrigen wäre ein Erlaß vom Jahre 1S17 vorhanden, welcher diese Maßnahme stütze. Genosse Grunow übte an dieser sonderbaren Begründung herbe Kritik. ES sei ein starkes Stück, daß ein Gemeindevorsteher, der doch in erster Linie die Interessen der Bürger zu wahren verpflichtet fei. sich einfach als Bedienter der Behörden aufspiele und über die Eemeindemstalizen hinwegsetze. Die Turnhallen seien Eigentum der Gemeinde, der auch das Verfügungsrecht zustehe. Im Zeichen der Jahnfeier nehme sich dieses kleinlich-gehässige Vorgehen besonders nett aus und wenn jemand glaube, den Arbeiterturnvereinen damit zu schade», so be- finde er sich im großen Irrtum; den Turnern der Deutschen T u r n s r s ch a f t sei der Vorwurf zu machen, daß sie solchem Beginnen ohne Protest zusehen. Habe denn der Bürgermeister nicht gewußt, daß neben dem Erlaß von 1317 noch eine Verfassung bestehe, nach welcher olle Bürger vor dem Gesetze gleich seien? Den beschäinenden Zustand wonach die Verwaltungsbeamte» zu Heloten herabgedrückt werden, bekämpfe die Sozialdemokratie ganz energisch. In einer Erwide- rung verbat sich der Bürgermeister solche„Anwürfe" sowie den Vergleich, daß er von der Behörde Hingeworfenes apportiere. Gen. M u t h ergänzte die Kennzeichnung solcher Gewaltmaßregel». Ein Vertreter der ersten Klasse, Herr Schweitzer, er- loubte sich die Ungehörigkeit,„Unsinn' dazwischen zu rufen; das war auch die einzige Leistung der Herren von der ersten Klasse. Herr Nollenberg kritisierte scharf daS Verhalten des Vorstehers. Schließlich wurde der Antrag unserer Genossen, dem Verein auch ferner die Hallen zu belassen. mit 9 gegen 8 Stimmen angenommen; man darf nun gespannt sein, was die Folg« diese» Beschlusses fein wird; dem Gemeinde- Vorsteher ist er sicherlich nicht sehr angenehm gewesen. Adlershof. Drangsalierungen durch die Behörden ist auch der hiesig« Arbeiterturnverein seit längerer Zeit ausgesetzt. Der Vorsitzende des Vereins hat ein Schreiben erhalten, worin ihm bei Strafe von 100 Mark untersagt wird, daß in der bestehenden Kinderabteitung Turn- Unterricht erteilt wird von Personen, die sich nicht im Besitze eineS Befähigungsnachweises befinden. Die Turnwarte der beiden Ab- teilungen haben hierauf der Regierung ihre Zeugnisse eingesandt; e? ist ihnen jedoch mitgeteilt worden, daß die Zeugnisse nicht dem Gesetze entsprechen.(Gemeint ist die verstaubte und vergilbte Kabinettsorder von 1834. die einen Befähigungsnachweis für die Er- teilung von Turnunterricht an schulpflichlige Kinder verlangt.) Ferner hal die Behörde beim Vorsitzenden nachforschen lassen, aus welchen Personen der Vorstand des Vereins besteht. Eine Auskunft hierüber ist nicht gegeben worden. Der Verein hat nunmehr das Turnen für Kinder eingestellt i dafür veranstaltet derselbe jeden Sonntag Spiele und Badepartien. Die Arbeiterschaft wird ersucht, ihre Kinder auch fernerhin und zwar in noch größerer Anzahl der Obhut des Vereins anzuvertrauen. Sie kann damit den besten Protest gegen die endlosen Drangsalie- rungen der Behörde, deren Streben darauf hinauszugehen scheint, die Kinder den Hurraschreiern der deutschen Turnerschast in die Arme zu treiben, einlegen. Schöneiche bei Zossen. Endlich ist es auch hier gelungen, ein Versammlungslokal zu er- halten. Es konnte daher am letzten Sonntag eine imposante öffent- liche Versammlung abgehalten werden. Da der Abgeordnete deS Kreises, Gen. Z u b e i l, am Erscheinen verhindert war, übernahm es Gen. G e h r k e° Steglitz, die Sünden der Reichsregieruna und der ReichStagSmehrheit zu kennzeichnen. Die von etwa 300 Personen be- suchte Vcrsanimlung zollte dem Referenten am Schluß seiner Rede großen Beifall. An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Wendorf, Sanpe, Walther, Greulich, Domke und ein Genosse auS Groß-Besten. Der Vorsitzinde gab bekannt, daß in nächster Zeit wieder eine Versamm- lung tage, in welcher Gen. Z u b e i l bestimmt erscheinen werde. Bor und nach der Versammlung trugen die Arbeiter-Gesang- vereine aus Miltenwalde und Zossen einige stimmungsvolle Lieder vor. Friedrichshagen. Jahnfeier. Zur Erinnerung an die vor hundert Jahren erfolgte Eröffnung des Turnplatzes„Hasenheide" durch Friedrich Ludwig Jahn, veranstaltet am Sonntag, den 13. Juni, die 4. und 5. Gruppe vom 1. Bezirk deS 1. Kreises auf dem Turnplatz der Gemeinde Friedrichshagen jim Wald zwischen Friedrichshagen und Hirschgarten) eine Gedenkfeier. Anfang: Nochmittag l/z2 Uhr. Massenfreiübungen, volkstümliches Wetturnen. 600 Meter Staffettenläufe, Faustball-, Barlauf« und Schlagballwettspiele. Die Gruppenleiter ersuchen die arbeitende Bevölkerung FriedrichShagenS und Umgegend, sich an dieser Veranstaltung rege zu beteiligen. Am Abend findet ein ge- mütlicheS Beisammensein im Friedrichshagener Gesellschaftshaus statt. Alt-Glienicke. In der Sitzung der Gemeindevertretung am Dienstag wurde vosthlossen, die Kohlen- und Holzlieferung für die Schulen und Ge- meindeburcaus an die drei hiesigen Kohlenhändler zu vergeben. Zur LehrerbesoldungSordnung hatte die Schuldeputation, weil unser Ort in eine höhere Servisklasse aufgerückt ist. folgenden Nachtrag empfohlen. Die Mietsentschädigungen betragen für die Rektoren 600 M., für Lehrer 450 M., für einstweilig angestellte oder unverheiratete Lehrer 300 M. Für technische Lehrerinnen beträgt dos Gehalt 1000 bez. 800 M. Da die am 3. Februar stattgefundene Wahl unseres Genossen Winkelmaim als Mitglied der Schuldeputation nicht die Zustimmung der Negicrllng gefunden hat, wurde Gemeindevertreter Schneider mit sechs Stimmen gewählt. Genosse Bartel erhielt drei Stimmen, während Vertreter Hnnnemann zwei Stimmen erhielt. Bei Punkt Jahnfeier entspann sich eine heftige Debatte wegen Beihilfe von 60 M. Nach einer längeren Auseinandersetzung wurde der Betrag gegen die Stimmen unserer Genossen bewilligt. Nachdem in der letzten Sitzung der Antrag: Arbeiten und Lieferungen für die Gemeinde nicht an Mitglieder der Gemeinde- Vertretung zu vergeben, mit Majorilät angenommen wurde, sah sich der Gemeindevorsteher veranlaßt, folgenden Antrag einzubringen und als Ortöstatut zu erlassen:.1. Arbeiten und Lieferungen, welche die Gemeinde vergibt, dürfen Mtgliedern oder Firmen, bei denen Mitglieder beteiligt oder beschäftigt sind, zur Ausführung nicht übertragen werden. 2. Die Unternehmer haben sich in rechtsverbindlicher Form zu verpflichten, Mitglieder der Gemeindevertretung oder Firmen, an denen solche irgend welche Anteile haben oder bei ihnen beschäftigt werden, an den auszuführenden Arbeiten und Lieferungen nicht zu beteiligen." An diesen Antrag knüpfte sich ein» länger« Debatte. in der Genosse Kaiser sich einen Ordnungsrus zuzog. Der Antrag wurde mit großer Majorität abgelehnt. Eine Beschlußfassung über die Ehrung der hierorts wohnenden Veteranen wurde auf Antrag des Genossen Ritze zur nächsten Sitzung vertagt. Spandau. Ans dem Fenster gestürzt ist in der Nacht zum Donnerstag der im Dienst der 7. Batterie deS Garde- Fuß- Artillerie-Regiment« stehende Sergeant Oertner. Oe. hatte sich anscheinend zu weit aus dem Fenster gebeugt, stürzte ab und wurde schwer verletzt nach dem Garnisonlazarett gebracht._ Jugeudveranstaltuilge». Lichtenberg-Rummelsbiirg. Am Sonntag, dentis. Junl, findet ein 'dNiIlienmisflim der Aebeiterschast von 2ichteribkin.,�icdrich«Ield« und lummelsdurg-«tralau mit den Jugendliche» nach sadowa, Restaurant Pfei dcbucht, statt. Di« Jugendlichen tretse» sich früh 8 Uhr in den Jugendheimen: Lichtenberg. Bürgerheimstr. SS; RummelSburg,«Ilt.Sox- Hagen 56, zu einer Zutzpartie. Die Erwachsenen tressen nachmtltagS in Pscrdebucht zusammen, um dann gegen 4 Uhr ein gemeinsame« Kaffee- kochen volzuiiehnien. Bon 4>/, Uhr smden dann gemeinsam« Spiele ouj dem Spielplätze statt. Um rege Beteiligung wird ersucht. eingegangene Dmchfdmften. Bon der„Neuen Zeit« ist soeben da« 37. Hest de» 29. Jahrgang» erschienen. Aus dem Inhalt des Helte» heben wir hervor: Sommer» nachtstraum. Der Kleinbetrieb in der Landwirtschaft. Bon K. Kaut«kv — Ein Menschenaller Kapitalismus in England. Bon F. M. Wibaut._ Zwei Bücher zum zentrilinSchristllchen iLewerlschastsstreit. Bon WIIh. Häusgen.— Literarische Rundichau: Dr. August Müller. Die Eeiiensabrik der Ärosjeinkaussgescllschast deutscher Konsumvereine iu Gröba-Niesa. Bon I. Karsli.— Zeiischrislenschau. Feuilleton der Neuen Zeit Nr. 46: Und abermal« Kant. Von F. Mehring. Religionsgeschichtliche Streisziige Vl. Bon Heinrich Eunow. — Bücherschau: Bon unien ans. John Henrh Mackah, Gedichte. Herbert Eulenberg, Schiller. Lily Braun, Memoiren einer Sozialisttn.— Lose Biälter: Zur Äcilealogie von Karl Marx. Enge,» Richter für die Freiheit beS Vereinswesens 1897. (Hest 27, Vorkämpfer deutscher Freiheit.) 25 Ps. Nationaloereui. M.-Gladbach. Was junge Leute wissen sollten»nd Eheleute wissen mühten. Von Dr. Schoeneiiberger und W. Siegelt. 3,— M. Verlag: LebenSlui.lt. Heillunsl, Berlin 8\V. 11. Das keimende Leben. LluS dem Nachlaß eines jungen jüdischen Nechlsanivalls. Herausgegeben von H. Eulenberg. Geh. 1,50 M. E. Rowohlt, Leipzig.__ Marktpreise von Berlin am 14. Juni 1911. nach Ermittelung be« Königlichen Polizeipräsidiums. Marttdallcnpretse.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00—50.00. Sveisebohnen, weiße 30.00—50.00. Linsen 20.00-60,00. Kartoffeln 6.00— S.00. 1 Kilo» »ramm Rilidfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch. Bauchfl'isch 1.20 biS 1,80. Schweinefleisch 1,10— 1,80. Kalbfleisch 1,50—2,50. Hammelfleisch 1.50—2,20. Butter 2.20-2.80. 60 Stück Eier 2,80—4,40. I Kilogramm Karpsen 1,40—2,20. Aale 1.60—3.00. Zander 1.50—3,60. Hechte 1.20 bis 2.80. Barsche 0.80-2,00. Schleie 1,20-3.40. Bleie 0,80-1.60.«> Stück Krebse 3,00— ZSM Sechster Wahlkreis. sim Sonntag, den 18. Inn», findet«. Wahl eines dritten Angestellten in folgenden Lokalen statt: Obiglo. Schwedter Straße Schirmer, Wörther Straße 15. Dobrohlaw, Schliemannstraße 39, Hönisch, Wichertstraße 3. Henkel, Stralsunder Straße 17« Möckel, Anklamer Straße 51, Hevse, Boyenstraße 19. Köhler, Wittftocker Straße 19. Paersch, Oldenburger Sttaße 19. Bachstein, Salzwedeler Straße 19. Melzer, Wiesenstraße 29. Engler, Tegeler Straße 23. Doye, Müllerstraße 38. (Slawe, Liebenwalder Straße 4. Gritsch, Drontheimer Sttaße 4» Franke, Badsttaße 19. Hoffmann, Swinemünder Straße 47. Gewählt Wird in der Zeit von 9 bis 1 Uhr« mtglledsbnch Icffltlmiert.— Wer länger als drei Monate mit seinen Beiträgen restiert, hat kein Wahlrecht. 228/14* D«r Torstand. Filiale Groß-Berliti. Heute Freitag, den 19. Juni 1911, abends 9'/, Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 15, großer Saal: UIgememe Mitglieder-Tersammlung. TageS-Ordnung: 1. Stellungnahme zu der Konferenz der heiztechnischcn Kommissionen Deutschland? am 21. Juni 1911 in Dresden. 2. Bericht von den letzten BczirtSversammlmlgen betreff» der Arbeit»- «achweisfrage und weitere Stellungnahme dazu. g. Verschiedenes. 192/19 Kein Kollege darf fehlen.'ME Der Vorstand. Taubstumme Parteigenossen! «rm SottudM, dt» 17. Juni, findet im Rosenthaltt Ssf, RfistSlhuler öttll�t 11/12, eme Ziisammenlmiift für TaubstamBue statt. Ansang abends 8 Uhr.— Daselbst können auch Beiträge entrichtet iverden. Der Bertranensmann. Sicgfri ed M e N e r, Huttenstr. 38. SM,'S* ,■ �>___- .aacher Probe mit Rucksenöungsredtt bei Nidit- gefallen, also ohne jeöe Kaufverpflichtung unö ohne Anzahlung lediglich gegen Monats-Raten von 2 Mark an liefern wir: Sprech- Apparate mit Path�- Hatten, Musik-Instrumente aller Art, photo- graphisdie Apparate, Waffen etc. Kaufen Sie niemals ohne mehrtägige Probe! Kaufen Sie nur unsere nadellose.i Path6- Platten. Alle anderen Platten Werden durch den ständigen Nadelwech?*el angegriffen u.schließlich völlig zerstört. Gratis UN» franko senden wir auf Verlangen an ieSentiann unseren illustr. Katalog. Postkarte genfigt. BIAL& FREUND Breslau Postfach 120/26 Tiseöler-lereia s. o. Sonuadend. den 17. Juni» abends 8'J, Uhr. Melchtorstrage 15s Versammlung. Vereinsangelegenheiten.— Ausgabe der Billetts»u der am 9. Juli iiack Hessenwinkcl stattfindenden Dampterpartie. 0Z wird ersucht, sich rechtzeitig Mit Billetts zu versehen. Ferner wird aus§ 3 Absatz e dcZ Statuts ausmcrtsam gemacht. tgß/tt Der Topstand. Hollersclier Ärbeiter- Slenograpben-ferein „Picnier" Berlin. Unentgeltliche Unterrichtökurse in der leicht zu erlernenden scheu WkttkuWrlft beginnen am nächsten Montag, abends 9 Uhr, im Arbeiter-Stenographen-Bercia „Pionier", Veriiu, Lhausscestr. K4, und Dienstags im Berliner Klub- hau§, Ohmstr. 2. Dauer der Kurse 19 Stundcu. Die Lehrmittel kosten 2 Mark. Anmeldungen werde» dort entgegengenommen. Jede nähere Nusluuft ertcUt Gen. iülsiss, Pankow, Nordbahapr. 3. □ □□ □OD □OD Thealer und Vergnügungen ODO DÖD □□□ Freitag, den IS. Juni. NeneS köntgl. Opernhaus.?Die Meistersinger von Nürnberg. kAn. sang 7 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Komische Oper. OrpheuS w der Unterwelt. Lessing. Sommerspuk.(Ansang 8'/, Uhr.) Steuee Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Kleines. Die verwandelte Katze. 4 Tote der Fiametta. Karneval in Nizza. SustlPielhauS. Unsere Pepi. Drianon. Da» Prinzchen. Ansang 8-/, Uhr. Tbalta. Polnische ZLirtschast. Schiller«».'Uafinei:• ächealet.) Im Klubsessel. Schmn.(fiioriottcnbnrg. Der Probekandidat. Friedrich.«SilhelmftädtischeS. Im lmlbaren Lustschiff. Neues Operetten. Sme Million. (Ansang 8'/. Uhr.) Luisen. Neue Heimat.(Ansang 8'/, Uhr.) Roie. Der Gelvstmörderllub.(An- sang S-/. Uhr.) Folie« Snprice. Die letzte Nacht. Die tzochzelltreise.(Ansang 6'/t Uhr.) Metropol. Hoheit amüsiert sich! Apoll«. Sveziatttäten. Äasinge. Spezialitäten. ReichSliaNrn. Steitiner Sänger. Wintergarten. Spezialität-n. Karl»nverland. Spezialitäten. Walhalla. Prinz und Bettlerin. (Ansang 8'/. Uhr.) Boigt. Sotdcne Fugend. Ronkt. Paula»«eichte oder: So wtrd'S gemacht. Kaiser- Panorama. Wanderung in Nordiirol. Reise nach Teylon und Indien. Urania. Panbenstratz« 48/19. 8 Uhr: Ledende Tierbilder von nah und sern. Sternwarte. Invalldenstr. 87— 82. Sehlller-TheilerOÄV. Freitag, abend» 8 Uhr: Im Klubsessel. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Der Traom ein I-cbea. Sonntag, abend» 8 Uhr: Ifasarenfleber. Urania. Wiflsenschaftliches Theater TsabenstraOe 48/49. Abends 8 Uhr: Lebende Tierbllder von nah und fern. IOCIS_ CARTE Täglich ab 4 Uhr: Großes Militirkonzerl Eintritt I Hark, von abend» 6 Uhr ob 60 Ps., Kinder unter 10 Fahren die Halste. Fahre». Abonnement» an allen drei Schaitertoflen._ ScUller-Thealer Freitag, abend» 8 Ubr: Der Probekandidat. Sonnabend, abend» 8 Uhr: ReTolatlonHhochseit. Sonnlag. nachmittag» 8 Uhr: D ilhelm Teil. Sonntag, abend» 8 Uhr: Revolntionshochselt. Neuss Kgl. Opern-Theater(Kren) Freitag, den 16. Juni, abend» 7 Uhr: Gastspiel Fritz Feinhali. Die Melstersiooer von Nürnberg. Hans Sachs: grttz geinhal» a. A. Sonnabend: ildelngolil. Sonntag: Ueislersingse. Montag: Easllpiel Fritz Fetnhal«: vie«»Ikllre. frieltrleh-V/IIhelmstSljtisvhei Lchauepielhaue. Freitag, den 16. Juni er., abends 8 Uhr: Int lenkbaren Luftschiff. Sonnabend und folgende Im lenkbare» L«'"" IOSE=THEATE| Neue Welt. Amerikan. Vergnügungs»Park, Hasenheide. Heute Freitag: Sommerfest der„Berliner Hausfrau". Große Spezialitäten-Vorstellung Ganz nenes Programm: Ermakow, tatarische Kriegsspiele.— Smeerlape mit seinen dressierten Schweinen.— Malre, Tenor der Metropolitan-Oper New York.— Scnsatlonollo Attraktionen. (jibirgtbalin, Wasserrufschbahn, l-lebesmiidle, Tcufelsrad u. a. Doppel- Konzert. Dienstag, den SO. Juni: Sommertest der BÜcker-Innung zu Berlin. �iiwinmiiii....... ii...................... wimi i........................... JunaJatk Groge Arantsurler Etr. Uü. Ansang 8'l4 Uhr. �DerAellijimördtrhlub Auf der Gartenbiihne täglich: Konzert, Theatervorstellung. Speziali» täten. Ans. 4'/, Uhr.— Um 8 Uhr: Die grotze Revue: E» gibt nur ein Berlin. Ansang 8'/« Ubr. Di» groben Woltetadt-Atlraktlonen. Lachen ahne Ende! Der zerbrochene Spiegel Horn. Original der(Kefir. Schwarz. Um ein Weib. KrotzeS amerikan. SlutstattungSstllck, Matropol-Tlieater. Operette in 3 Akten von I. Freund. Musik von Rudolt Nelson. I In Szene gesetzt vom Dir. R. Ansang 8 Uhr. vom Dir. R. Schultz. Rauchen gestattet. Hoabiter Vintergarlen ArtusoHof Perlaberger Str. 26, Stemialer Str. Ig. Dtreltion: Karl Pirna». tft8~ Bitte. Tag! IM Der Totentanz von St Ssäoi. Mimodrama. Vollständig neue Spezialitaten. V.ca Garba wird in einem G tassarge vor den Augen de» Publikums eingegraben. Neueste Sensation! Konzert 6 Ubr. Vorstellung?>/, Uhr. Ttoscks Theater. Diretlion: Robert Dill. verlin N., Brunnenstratze 16. Konzert, Theater, Spezialitäten. Durchschlagender Lacherfolgi PaulaS Beichte oder: So«trd'S gemacht. Ansang« Uhr. «ei schlechtem Better: Lorsiellung 8trske von Kairo. S« (Zstrous Kaohdildung von Vsuteu dem Pharaonenlande. BS Eingeborene aus dem Nillandg, Kamel- und Niieseirciton. Johnsfowns Untergang. GrfiCte elotttroteohniache Lichtsohau der Erde. Sensationelle Attraktionen '■' Tollbetrlob. 1 Entree SO PPennle. Morgen, Sonnabend: ElitecTag. Monster• Feuerwerk.— Alpenldyll• Apotbeose. Alt-noablt 4,7/4», Sonntag, den 18. Juni 1911: THratrr und SptMlitiiten. Ansang de» Konzerts S Uhr, der Vor» stellung 6 Uhr. Nach der Vorstellung: Tan». Sperrfitz numeriert 75 Ps. Sntree 50 Pf. Jeden Montag u. Eonnabend: Btzntlgse SSncer. Tplanon-Tbeatcr. Heute und folgende Tage: Da» Prinaehen. LiebeSschwank in 8 Akten o. R. Misch. Ansang 8'/, Uhr. | Abends 8 Uhr; Die schöno Maroussia die Tänzerin Waas. Kunst| Nina Biiovey kanhas. Volkss&ngerin. und das neue große| Programm! 14 arstklass. AHraktieaaa. Die auserlesenen Attraktionen! LA TORTAJADA. Die 7 Korlnnas, klassische Tanzstudien. Karl Relnscb nnd Bacla mit ihren Vollblutpferden und Hunden. De Dlo. Chnrle» Barons Burleske- Menagerie. TschlaMaas Sbeil.Chnngusen nnd eine Kette* hervorragender Kunstkräffe I Berliner Prater-Theater Kastanienallee 7—9. BV Täglich:-TDQ Die drei Grazien. Post« in 4 Akten von Treptow. Spezialitäten und Konzert. Anfang 4'/, Uhr. Eintritt 30 Pf. Kreuzberger Harmonie Chormoister: Franz Lot de. M. d. D. A.-S.-E. Sonntag, den 18. Juni 1911: \ KONZERT,* im Garten der Biauei ei Friedriebshaio, Am Königstor, unter Mitwirkung des llopllnep tzinfonfe- Orchesters,{ Kapellmeister Max Fischer. Anfang 4 Ubr. Billetts 25 pk. Bei ungünstiger Witterung findet das Konzert im Saale statt.| Vulksgaitun-Thoater Freitag, den 16. gunt: Konzert, Theater- n. Spczialitälea» Lorftelliing. Neue» Programm. C«ald Trettsr.— Kropps SrolsiorH. ttorrnss Dsllett. "® n e r B öden." Passage-Panoptikum. Die Z�sgsr- Mssin Abomah, die grollte j Frau, die je gelobt. Alles ohne Extra-Entreel Polles Capriee. Täglich 8'/, Uhr: Parisiana-Ensemble. Die letzte Rächt. Ei» Fenster zu vermieten. Die Hochzeitsreise. Da« Strumpfband._ Relchshailen-Theater. Stettiner Singer. Britton! Mictzc im Hosenrock. Ansang Wochentag« S Uhr. Somitag» 7 Uhr. föiiig8lal!l'ff.az!iio. Hoizmarltstr. 72. Irrungen. Posse in 1 Akt. Tbt Oderos. Neubert und Rte. Rosa Horst. Otto Römer. Ans.'s�Uhr. Sonntag»'/� Uhr. An vahiü»ch tttt/z5 Uhr, von der Halle des städtischen Gemeinde- EricdhofeS in Schöneberg(Blanke ölle) aus statt. 36/13 Die Ortsvcrwaltung. Terhand der Steinsetzer, SFIlastererD.BeniIsg.DeDtsclilands Filiale GroB-Berlin. Am 14. Juni er. verstarb unser | Ehrenmitglied, der Kollege W. Ileyde [im Alter von 78 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung' findet am > Sonnabend, den 17. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des neuen St. Pauls- lirchhoscs in Plötzcnsee, Seestraße, | aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 1 175/10 Der Vorstand. IfeM der ireien Gast- und Schankwirte ßeutsebiands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Huxo Bergemann (Gcrichtstr. 74— Bezirk 2) verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag, den 16. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-FriedhojcS in Fricdrichsfelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 75/3 Die Ortsverwaltnng. Heute nachmittag 3 Uhr ent- schlies sanst nach langem, schwerem Leiden insolge eines Unfalls mein inniggcliebter, unvergeßlicher Mann, der Zimmerer Ernst Sclimklt im Ilster von 43 Jahren.. Dies zeigt tiefbetrübt an Berlin, 14. Juni ISN. 4671L Anna Schmidt gab. Gaul. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des städt Zentral-FriedhosS in Fricdrichsselde auS statt. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroS-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschlen- sührer Otto Behnisch am 13. d. ms. im Alter von 43 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andeute«: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. d. M., nachmittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle der Markus- und Andreas- Gemeinde. Wilhelmsberg, aus statt. 68/15 Die Bezirksleitung. SozlaldemokratisclierWaliiYerein des S. Berl. Reichstags-Wahlkrelses. Nachruf. Am 11. Juni verstarb unser Genosse, der Kohlenarbester Theoctor Ruhnke Weißenburger Str. 48. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung hat bereits stattgesunden. 228/14 Der Vorstand. Nach langem schweren Leiden entschlies am Dienstagabend sanst und unerwartet meine innig- geliebte Frau, unsere herzensgute Mutter, Schwester, Schwägerin und Tante 216/g ITvintR geb. Brendel im 45. LebenSsahre. Reinidendorf, d, 14. Juni 1311. Kopcnhagencr Straße 71. Uni stille Teilnahme bitten Bio trauernden tiinlerdliebenen. Augnst Feind nebst Kinder». Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Juni, nach- mittags 2'/, Uhr, vom Trauer- Hause, Kopcnhagcner Straße 71, aus, nach dem Friedhos der Gc- mcindc Rciiiickendors(Humboldt- straße 87—90) statt. i Jeder Herr wUohftf ichön und billig fich kleiden will,•mpftbl* •inta Posten gebrauchter Horron-Anzftgre, Paletots sto� Iftr jsde Figur passond. solango der Vorrat reichk Die Soobtn sind aas prima Uaßstoften angefertigt, teils toq ersten Finnen, einzelne aus AbonDemeotsbäusern stammend, früher bis 100 Mark, jetst zu folgenden Preisen: J&okett-AnzUgo•• M. 10, 14, 18, 20 et«, Berren-Paletoti..„ 8, 12, 14, Hook- Mode-Ansllge„ 12, 16, 18, 20„ Oehrook- Anzüge.•, 18, 22, 26, 29 9 Herren-Hoson... � 3, 4. 5, 7 v % % M. II: SUgante neue tjarberobe. j 1. Glind Haupt- Geschäft: Gr. Frankfurter Str. IIS, % kl« Wlim TL Qescbaft: OlMMSlk. 89 SH Virkaofsstelie ffir dto Westes: Jägerstr. 11,? TtrUHraa� tob«leg;, rrask- n. OonoUaobsna-Aaatt�b BMT BiUe uman dl* Haancmmgr bsaeht.n. m »%»%*%%**%%%%%%%**% JMobcl-Hugcbot. 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Abb: am 17., 3 Uhr abends: Oderberg(Meyer): am 18., 1 Uhr: Bicsenthal. Start: Lderberger Str. 28. 7. Abt.: 6 Uhr: BiejenthaL Start: Köslincr Str. 8. 8. Abt. 6 und 10 Uhr: BiesenthaL Start: Beusselstr. 22. 9. Abt.: 12'/, Uhr: Schönwalde. Start: SchMugstr. 22. __ 11/12 Achtung!-�3 Am Sonntag, den 18.. 5 Uhr, findet in Pelershagen(Kuntsch) eine öffent- liche Nadsahrer-Versammlung statt. Die Abteilungen werden ersucht, die Versammlung möglichst zahlreich zu besuchen. Der Zcntraleorstand. Lichtenberg«nd Umgegend. 1. und 6. Abt.: 5 und 12 Uhr: Liepnitzsee. Slart: Psarrstr. 74. 2. Abt.: 12 Uhr: Herzselde. Start: Berliner Str. 98. 4. Abt.: am 17., 8 Uhr: Unter- spreewald. Start: Grünberger Str. 5. Ä. Bezirk. Sonntag, 13. Juni: 7. Bezirks« fest im Etablissement Neu-Seeland (Jnh.: Ww. Schoneri). Alt-Stralau. Slart zur Korsofahrt de, Bereine und Abteilungen:'�2 Ubr in den Markgrafcnsälcn, Markgrascn- dämm, an der Slralaucr Allee. Bc- ginn der Korsosahit 3 Uhr. Pünlt- lichcs und zahlreiches Erscheinen e» wartet Die Bezirlsleitung. Kasseler 8 Opl ohne Knochen— auch bei einzelnen Pfunden KT.3. � ohne 2240b b SS 5 U Schwarte 2 Pfd. 95 Pf., 0 Pfd. 2.80. Versand nach auswärts 55 Ps. franko. Zu Partien und Rgi'sg empfehle; unsere beliebte rohe Polnische 9y Ps. HohEBzolIernwiirsI 1.10 KZ FKiotcrh Friedrichstrafie 245, . lUClalU, Wilhelmstr. 109-110. Land-, Wässer-Parzellen. nascher, 0 barlottenburg, Damkclmannstr. 38 32 eigene k'isehdainpker. Seefische werden im Frühjahr| and Sommer in ganx j hervorragender <*Ute angebracht. Wir empfehlen dieselben deshalb jetzt ganz besonder». Täglich treffen frische Sendungen bei uns ein. Ditt DipüseM-l Hanptgcschäft: Berlin C.(Bahnhof Börse)?ä:. Z I Eigene Filialen: Invalidenstraße 131. Prinzenstraße 94. Madaistraße, Bogen 8— 9, Fruchtstraße gegenüber, Cbar- lottenburg, Wtlmersdorfer Straße III. IVIcdcrIagcn: Berlins., Oranienstraße 3. Spandau, Breite Straße 54. ScHSneborg. Akazienstraße 31. 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