139. Bbomumcnts-Bcdlngungsn: >konnsmcntS- PrciZ pränumer-mda i «icrtcljährl. ZL0®if., monatl. 1,10 Mk, wöchentlich W Pig. frei ins Hau». einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nuniuicr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pjg, Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, eingetragen in die Post- Zeitung»- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland L Mark pro Monat. PostabonncmcMS cnchellii Ogii» anfitr noitMs. S8. Jahrg. Die Inlertlons-Gcböfcr Betragt für die fechsgespaltene Kolonek- »eile oder deren Raum 00 Pfg., für holil"' und Vevlinev Zentralorgan der rozialdcmokrati fehen partei Dcutfcblande. Wort 20 Pfg. szulässig 2 settgedruclte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Worts Pfg. Worte über IS Buch- ftaben zählen für zwei Worte. Inserats für die nächste Nummer müssen bis b Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpeditio» ist bis � Uhr abends geöffnet. relegramm. Adresse: „SotlaliKniclu'at Btrlla". Redaktion: SA. 68, Lindcnstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 17. Juni 1911. 6xpeditton: SM. 68, Lindenstrasde 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. An die Entrechteten in Preußen! Die Verfassung für Elsaß-Lothringen ist Gesetz. In wenigen Monaten wird dort das Volk an die Urnen treten. Das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht gibt ihm die Möglichkeit, seinen politischen Willen zu bekunden und ein Abgeordnetenhaus zu wählen, das der politischen Meinung des Volkes entspricht. Elsaß-Lothringen ist der jüngste Bestandteil des Deutschen Reiches. In seiner Bevölkerung sind noch starke Sympathien mit Frankreich lebendig. Die französische Demokratie hat sich als starkes Werbe- mittel bewährt. Um die Elsaß-Lothringer moralisch zu erobern, um endlich aus den Muß-Deutschen deutschfühlcnde Bürger zu machen, dazu gewährt man eine demo- tratische Verfassung. Mit dem gleichen Wahlrecht sollen Elsaß-Lothringen und seine Bewohner dem Reiche gewonnen werden. Preußen ist kein neues Reichsland; die demokratische Gesinnung lebt nur in der Arbeiterklasse: das Bürgertum ist hier fügsamer und bedientcnhafter als irgendwo sonst und nur allzu willig, sich der Führung einer übermächtigen Bureaukratie und eines herrschsüchtigen und herrschgewohnten Adels unterzuordnen. Die Elsaß-Lothringer waren immer rebellisch gegen Königs-, Adels- und Bureaukratenherrschaft. Deshalb haben sie heute das gleiche Wahlrecht. Tie Schafsgeduld deS preußischen BolkeS wird bestraft durch die Infamie der Dreiklassenschmach!., Die Elsaß-Lothringer wählen geheim, und genaue Bestimmungen über die Art der Urnen sorgen, daß das Wahlgeheimnis streng gewahrt wird. Die Preußen müssen öffentlich ihre Stimme abgeben, damit die Junker, Kapitalisten und Klerikalen die geistig und wirtschaftlich Abhängigen zwingen können, ihrem Willen zu gehorchen. Die Elsaß-Lothringer wählen direkt; sie wählen an einem Sonntag. In Preußen sorgt das indirekte Wahlrecht und ein ganzes System listig ausgeklügelter Schikanen dafür, daß dem Wähler aus dem Volke das Wählen verekelt wird. Der größere Teil der Wähler geht in Preußen überhaupt zu keiner Wahl. Die Elsaß-Lothringer sind bei der Wahl gleich; jede Stimme hat so viel politisches Gewicht wie die andere. In Preußen werden die Stimmen von 90 Prozent der Bevölkerung zwar gezählt, aber ihr politisches Gewicht verschwindet; 10 Prozent der Bevölkerung, die Wähler der ersten und zweiten Klasse, entscheiden souverän über die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses. Kein Volkshaus, eine Kammer der Adligen und Reichen erzeugt diese Wahl! Politische Freiheit und Gleichheit bei den Wahlen in Elsaß-Lothringen— politische Unterdrückung und Entrechtung in Preußen! Soll es, darf es so bleiben? Bei der Beratung der Verfassung im Reichstage hat Herr v. Bethmann Holl- weg, Kanzler des Reiches und Ministerpräsident in Preußen, erklärt, fortan solle es keine Staatsbürger zweiter Klasse mehr geben. Für den Reichskanzler und Ministerpräsidenten von Preußen mag dies Wort eine schöne Redewendung gewesen sein; dein preußischen Volke ist es heiliger Ernst damit, das Wort zur Wahrheit zu machen. Ja, cS ist höchste Zeit, daß aus den Untertanen Preußens endlich gleich- und vollberechtigte Staatsbürger werden. Zeit, daß Preußen erhalte, was Elsaß-Lothringen billig war! Ueberall in der Welt hat das gleiche Recht seinen Siegcszug vollendet. In Oesterreich wählt schon zum zweiten Male das Volk nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht sein Parlament; im republikanischen Frankreich, wo das gleiche Wahlrecht zu allen Vertretungskörpern im Reiche eine Selbstverständlichkeit ist. schickt man sich an. das Wahlrecht durch Einführung des Proporzes zu verbessern; in Belgien hat die Sozialdemokratie, unter- stützt von einem politisch reiferen und energischeren Liberalismus, als ihn Deutschland und bc- sonders Preußen besitzt, durch eine kräftig durchgeführte Massenaktion die klerikale Reaktion auf's Haupt geschlagen, das Ministerium zum Rücktritt gezwungen und bereitet sich zum letzten Sturmangriff vor, um das Pluralwahlrecht zu beseitigen. Aber auch in D eutschland ist der SiegeSzug des gleichen Rechtes unaufhaltsam. In ganz Süddeutschland gehen die Arbeiter als gleichberechtigte Staats» bürger zur Urne, und für Elsaß-Lothringen ist das Attentat eines freilich schon sehr ab- geschwächten PluralwaHlröchts dank dem Eingreifen der sozialdemokratischen Fraktjon vereitelt worden. Und in Preußen— und im Banne Preußens in Sachsen, Braunschweig, Mecklenburg und in ein paar kleineren Staatsfetzcn soll die infame Entrechtung ewig währen? Sie soll es, wenn es nach dem Willen der Junker, Großkapitalisten und Klerikalen geht. Je demokratischer die Entwickelung in der übrigen Welt vor sich geht, je größer in Deutsch- land selbst das Gebiet wird, das sich das gleiche Wahlrecht erobert, desto wichtiger sei es. so versichern die Junker und ihre Helfershelfer, daß in Preußen der Demokratie Einhalt ge- boten werde, daß Preußen die Festung bleibe, an deren Wällen der demokratische Ansturm zerschelle. Je größere Rechte die Völker erringen, in desto drückenderer Rechtlosigkeit müsse das preußische Volk erhalten bleiben. So wollen sie das preußische Volk zum Prngeljnnge» der Freiheit machen. Es soll an Rechten einbüßen, was andere Völker an Rechten ge» Winnen. Als wichtig st e und drängend st e Aufgabe der Gegenwart hat die Thronrede Wilhelms II. die preußische Wahlreform bezeichnet. Hat die Krone so wenig Kraft, die Einlösung ihres Versprechens durchzusetzen? Die sozialdemokratische Fraktion im Reichstage hat der elsässischen Verfassung ihre Zu- stimmung erteilt, sobald das gleiche Wahlrecht gesichert war. Sie hat es getan, weil die Eroberung des gleichen Rechts wichtig genug war, um alle anderen Bedenken in den Hinter- grund zu drängen. Sie hqt es getan, weil die Einführung des gleichen Wahlrechts im Elsaß die beste Agitation für die preußische Wahlreform ist. Wenn im Elsaß die zweite Klasse der Staatsbürgerschaft beseitigt wird, kann und darf sie in Preußen nicht länge r be stehen bleiben! Eben ist der Dreiklasscnlandtag zusammengetreten. Herr v. Bethmann Hollwcg scheint kein Bedürfnis zu haben, den Junkern zu sagen, daß für ihr Privileg die Stunde ge- schlagen h ä t. Um so unabweisbarer ist es, daß die Regierung, daß die Parteien deS Landtages aufs neue vor die Frage gestellt werden: Was isfs mit dem Rechte des Volkes in Preußen? Die Wahlrechtsfrage muß im Landtage und auch draußen im Lande wieder in ihrer ganzen Schärfe und ihrer ganzen Dringlichkeit gestellt werden. Die kleine sozialdemokratische Fraktion wird nicht zögern, immer wieder die Herrschenden an die„dringendste Auf- gäbe der Gegenwart" zu erinnern. Die Massen aber werden zur richtigen Zeit ihr Wort zu sprechen, ihre Macht zu gebrauchen wissen. Immer näher rückt die Zeit, in der die g r 0 ß e A b r e ch n u n g niit den. Feinden des Volkes, den Steucrplünderern. den Witwenbcdrückern und Arbcitcrkncchtcrn heranrückt. Für uns in Preußen aber werden die Rcichstagswahlcn auch der Tag der Vergeltung werden für die Wahlrcchtsfeinde und Privilegicnritter. Wir werden sie fragen, warum die Preußen schlechter und politisch unreifer sein sollen als die Elsässer. Wir werden sie fragen, welchen Grad der Erregung denn die politische Erbitterung des preußischen Volkes annehmen müsse, bevor ihm sein Recht wird. Nicht eine Wahlstimme wird dem zugute kommen, der uns unser wichtigstes Recht in Preußen vcrsggcn will. So wird unser Wahlrechtskampf in Preußen aufs engste verknüpft werden mit dem beginnenden Wahlkampf. Denn der Fortschritt im Reiche ist un- trennbar von unserem Erfolge in Preußen! Und so wenden wir unS heute an Euch alle, Staatsbürger dritter Klasse, Entrechtete in Preußen l Schließt Euch an unseren festen organisierten Reihen, tretet ein in die Partei der Kämpfer für das volle Recht der arbeitenden Menschheit! Stärkt durch Euren Eintritt unsere Macht und helft mit in dem großen Kampfe um die Erringung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts für Preußen! Nieder mit dem Dreiklassenwahlrecht! Preußen, der Hort der Reaktion, muß zu eineln Hort der Gleichheit und Freiheit werden! Die Landeskommission der Sozialdemokratie Preußens. llieoschevichut? und GgentliMichiit?. In einer der Schriften, die unser Reichsversichcrungs- a m zur Weltausstellung von St. Louis herausgegeben hat, ist schlagend nachgewiesen, wie unzutreffend die Bchauptüng in- dustrieller Wortführer von einer fast unerträglichen Belastung der Industrie durch die A r b e i t e r v e r s i ch e r u n g ist. Denn die gesteigerte Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Arbeiter kommt auch den Unternehmern, in höherem Maß«, als ihre Auslagen be- tragen, zugute. Ist doch die mächtige Steigerung der deutschen Produktion und ihrer angeblich durch erhöhte Produktionskosten gefährdeten Ausfuhr auf dem Weltmarkt in dcnstlben letzten Jahr- zehnten vor sich gegangen, in denen die Arbeltcrvcrsichcrung ge- schaffen und ausgebaut worden ist. In wirksamen Worten rechnete der tatkräftige englische Minister L-loYd George mit dem gleichen Fehlgedanken ab in einer in Birmingham gehaltenen Rede, in der er unter anderem ausführte:„Mancher Arbeiter erzählte mir. daß ein Arbeiter sich nicht entschließen kann, sich krank zu melden. Warum? Er weiß, daß, sobald er zum Arzt geht und ein paar Tage seine Kräfte sammelt, niemand für seine Familie sorgt. Wenn dieser Zustand für Pferde und Vieh gälte, würden die Landwirte bankerott werden. Man denke an ein Vrauerpferd. Wi« gut ist es versorgt, gut gefüttert, gut be- handelt. Fühlt es sich nicht wohl, dann ist ein Wärter da, der sich speziell um es zu kümmern hat. Er sagt: Es ist etwas mit ihm nicht in Ordnung. An diesem Tage bleibt sein Arbeitsplatz leer. Es wird vorgenommen und ärztlich behandelt, bis es wieder in Ordnung ist. Das ist nicht bloß Humanität: es ist üuch g e s ch ä f t- I j ch richtig. Nehmt eine Maschine. Wird daran nur eine Kleinigkeit vernachlässigt, so wird es eine große Sache. Vielleicht gilt es nur, die Lager zu ölen oder eine Schraube anzuziehen. Aber wenn der Maschinist ilft nicht ein paar Tage Ruhe zur Reparatur gönnen will� dann bricht sie früher oder später zusammen und wird altes Eisen. Es ist geschäftlich richtig, einem solchen Ding die nötige Ruhezeit zu lassen, ehe das Uebcl sich entwickelt. Wie viel wert- voller aber ist der Mensch als eine Maschine! Er ist etwas Besseres, aber er ist nicht besser daran. Niemand fühlt sich verantwortlich. nach ihm zu sehen. Niemand denkt daran, nachzu- sehen, ob dieses wunderbare Stück Maschinerie in Ordnung ist Die Maschine hat ihren Eigentümer. Das Tier hat seinen Herrn. Wenn sie zusammenbrechen, kostet ihr Ersatz Geld-fch w'll euch sagen, was in diesem Lande und in vielen anderen nottut- Im Staate mutz das Bewußtsein, entwickelt werden, daß diese Arbeiter sein Eigentum sind. SiesinddaskostbarsteGut jedes Landes. Geht nach Kanada und bietet ihnen in einer Hand eine Million unserer geschulten Arbeiter, in der anderen t00 Millionen Pfund Sterling. Sie werden keinen Augenblick zcildern. Es ist der Mann, das Weib, die sie brauchen, um Wohlstand und Gedeihen ihre? LgndcS zu entwickeln und zu vervolllogMueu, Jjrt jfltteürt fnFuPtieffcrt ßVgffftlfaifoft ist zit tuffttj SoM um daZ geistige und körperliche Wohl des Arbeiters. Das ist der Kern der Frage. Gestern erhielt ich ein Schreiben der Handels- kämm er Birmingham, in dem gegen den sogenannten Beitrag des Unternehmers protestiert wurde. Tatsächlich zahltnicht der Unternehmer den Beitrag, sondern die In- dustrie. Bei der Fabrikgesetzgebung der letzten 40, 50 Jahre zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Verkürzung der Arbeitszeit, Schaffung von Luft und Licht gab es gewitz auch Handelskammern, die darin eine grohe Belastung des Unternehmers erblickten. Sie haben aber entdecken müssen, datz die L e i st u n g s- sah i gleit des Arbeiters in einem Matze gestiegen ist, datz beide Teile davon Vorteil haben. � Die Handelskammer sagt:„Euer Viertelshilling wöchentlich ist ein Aufschlag auf unsere Ein- kommensteuer." Das ist ein Grundirrtum. Sie rechnen doch auch nicht die Kosten fürdasSchmierenihrerMaschinen, die Ausbesserung'ihrer Werkzeuge zu ährer Ein- kommcnsteuer. Es ist einer der Grundirrtümer, deren Ausrottung wesentlich ist für die Steigerung von Wachstum und Wohlstand des Landes. Alles das trägt zur Steigerung der Tüchtigkeit und Leistungsf�skeit der Rasse bei, und alles das ist wertvoll für Arbeitgeber und Arbeiter. Geld, das ausgegeben wird zur Er- Haltung der Gesundheit und Kraft, der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit unserer Arbeiter, ist die beste Kapital- onlage." Zur Begründung der Einsetzung von Bezirks-Gesund- h e i t s r ä t e n zur Ueberwachung der örtlichen Behörden führte L. George aus:„Sie sollen dafür sorgen, datz die Landesge- setze betreffend Gesundheitspflege auch wirksam werden. ES gibt keinen schärferen Gegensatz in diesem Lande, in den meisten Ländern, als die Schärfe und Rücksichtslosigkeit, mit der die Eigentumsgesetze durchgeführt werden, und der Trägheit und Schlappheit, wo eS sich um die Gesundheit des Volkes handelt. Diese Behörden werden vom Volke selb st verwaltet werden. Sie werden ihm eine große Schule der Selbst- Verwaltung fein. Zum erstenmal werden die Arbeiter wirklich berufen zur Verwaltung von Geschäften, die für ihr wirk- liches Glück und Wohlergehen von Bedeutung sind. Der Eigcntumsschutz ist bei uns die vollkommenste Maschine, die jemals menschliches Gehirn ausgedacht hat. Die Eigentumswächter durchwandeln jede�Stratze, und wenn der Ueber- trcter ihrer Wachsamkeit entgangen ist, wird er bis ans Ends der Welt verfolgt. Damit vergleiche man, wie das Ge- sundheitSgesetz, das Wohnungsgesetz bei unS durch- geführt werden. Gesundheitsgefetze gab es schon vor meiner Ge- burt, und jetzt haben wir daS Wohnungsgesetz, und doch gibt eS keine Stadt und kein Dorf, indemwirnichtmitgesundheits- widrigen Wohnungszu ständen zu tun haben. Ge- Witz will ich, datz daS Gesetz das Eigentum schützt. Aber ich will auch, datz es dcS Arbeiters Heim schütze. Ich möchte den Mann, der Mieten oder Grundrenten zieht aus u n g e« sunden Wohnungen, die kleine Kinder töten, behandeln wie den Hehler gestohlenen Gutes. Sie sollten sehr wenig in Zukunft zu sagen haben. Seht, mit welcher Peinlichkeit das unbedeutendste Eigentum geschützt wird. Denkt an die Speku- lation im Bodenbesitz. Warum sollte nicht Leben und Gesundheit mit derselben Sorgfalt, derselben Rückstchtslosigkeit geschützt werden? Wenn wir dieses Land würdig machen wollen des glänzenden Reiches, dessen Mittelpunkt eS ist, wenn wir ihm den Platz in der Menschheitsgeschichte verschaffen wollen, den es erstreben mutz, dann müssen wir eS vor allem reinigen von den scheußlichen Wohnungen, di« Verderbnis, Krankheit Md Tod in unseren großen Städten verbreiten."—. Eine Sprache, wie sie dieser auch nur entfernt ähnelt, pflegen bei uns Minister erst zu finden, Ivenn sie längst außer Diensten sind. Aber die Wahrheiten, die Lloyd George auch diesmal ausgesprochen hat. verdienen alle Beachtung auch in unserem„Lande der Sozial» aeform", dem die Sätze über Eigentums- und Menschenschutz minde- stens so gut passen wie England, und in dem man, in schneidigem Gegensatz zu der englischen Reformgesetzgebung, alles tut, um die Bewegungsfreiheit und Selbstverwaltung der Arbeiterklasse aus- ZusMell._____ Die Ashlkechtsreform. NuS m wird Ms geschrieben: Die Giolittischa Wahlrechtsreform entspricht in allem Wesentlichen dem schon seit langer Zeit offiziell bekannt ge- wachten Leitsätzen. Während heute alle männlichen Bürger, die dag 21. Lebensjahr erreicht haben, wahlberechtigt find, falls sie die vier ersten Volksschulklassen absolviert haben, wird durch das neue Gesetz die Zahl der Wahlberechtigten vermehrt: erstens um all die An- alphabeten, die ihrer Militärpflicht genügt haben, waS in der Regel im 22. Lebensjahre der Fall ist, zweitens um olle, die weder lesen noch schreiben können, noch militärtmfg- ilich waren, soweit sie die Altersgrenze von 30 Jahren erreicht haben. Vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben also außer dem weiblichen Teil der Bevökerung nur die Personen unter 30 Jahren, soweit sie nicht die vier Volksschulklassen absolviert und nicht ihrer Militärpflicht genügt haben. Zu- verlässigg Berechnungen über die Zahlen dieser Ausge- fchlossenen liegen noch nicht vor. Es sind dieselben Land- schaften. die sowohl den geriilgsten Schulbesuch, als den ge- ringsten Prozentsatz der Militärtauglichkeit aufweisen, näm- ilich die süditalienischen Mb Sardinien und Sizilien. Da das neue Gesetz die Analphabeten zur Wahl zuläßt, wußte es auch eine Prozedur vorsehen, bei der sich ein Mensch, ohne lesen und schreiben zu können, auSzukcnnen vermag. Man ist da auf eine ganz ausgefallene und sicher recht kostspielige Einrichtung gekommm. Jeder Wähler erhält einen Zettel, «ms dem untereinander gedruckt die Namen der Kandidaten stehen, und zwar ist auf jedem Zettel Raum für 9 Namen. Vor jedem Namen steht eine Nummer, und am Schluß der Linie befindet sich«me weiße Stelle, auf die der unglückliche Wähler einen Stempel, der ihm im Wahllokal ausgehändigt wird, drücken muß. Ist ihm dies geglückt und hat er genau die richtige Stell« erwischt, so muß er einen äußerst kompli- zierten Faltungsprozeß beginnen, dm man ohne eine Zeich- nung des Wahlzettels überhaupt kaum beschreiben kann. Na- türlich muß der Präsident der Wahlsektion dann noch aus den gefalteten Zettel einen Stempel und ein Kontrolleur des WahlbureauS fernen Namen setzen, worauf glücklich der mysteriös gefaltete Zettel der Urne übergeben werden kann. Wenn man bedenkt, daß dieser ganz« knifsliche Mechanismus doch gerade für die Analphabeten ausgeklügelt wurde, olso doch sicher für Leute, bei denen man keine Handgeschicklichkeit urid keine feinen Finger voraussetzen kann, so bleibt man wirklich vor Verwunderung starr. Ein gebildeter Mensch mich lange an dem Zettel herumstudieven, um überhaupt hinter seine Geheimnisse zu kommen. Wie wird sich erst ein armer Pferde- kntzcht au Sache stellen Z � "§111 uFnöflt enWält Gesetz, sine sä Sic osfiziellesi Telegraphenburxaus berichtet habyn, Bestimmungen gegen Wahlmogelei und endlich auch die Einsetzung von Abge- ordnetendiäten, die in der Höhe von LOOO Lire nur von den Abgeordneten bezogen werden dürfen, die nicht bereits Gehälter aus öffentlichen Kassen beziehen. Ten 14. oder 15. d. M. wird der Entwurf vor die Parlamentskommissionen kommen, bei welcher Gelegenheit sich gleich zeigen wird, daß natürlich heute alle eifrige Ver- fechter der Wahlreform sind. Wie die Kreuzfahrer unter dem Rufe„Gott will es" ins heilige Land zogen, so werfen sich die reaktionären Abgeordneten mit den Worten„Giolittt will es" der unsicheren Zukunft des erweiterten Wahlrechts in die Arme. Was die So z i a l i st e n betrifft, so sind sie zufrieden. Bissolati hat einem Redakteur des „Avanti" gesagt, daß der Entwurf„bei weitem das übersteigt, was die Sozialisten auf Grund ihrer eigenen Kräfte erreichm konnten. Aber ihre Kräfte wurden eben durch die Methode erhöht, und die Methode, der der ganze Erfolg zu danken ist. ist eben der Reformismus, der mit uubeugbarer Logik vnge- wandt wurde, ohne demagogische Schwächen, ohne apprio- ristische Hemmungen, ohne Sektengeist und ohne Furcht vor irgend jemand." Es ist wunderbar, daß der diktatorische Macht- akt des Ministerpräsidenten Giolitti, der von der ganzen reaktionären Mehrheit mit Schweifwedeln angenommen wurde, eine Ausgeburt der reformistischen Methode sein soll, oder sich als solche im Bewußtsein der Reformisten spiegelt. Wie die Wege des Herrn, so sind offenbar die des italienischen Reformismus dunkel, und er wählt seine Werkzeuge so wunder- bar, daß bei dem gemeinen Sterblichen der Eindruck hervorgerufen wird, als würde gerade der Reformismus von den Ereignissen weggerissen, während er sie, nach der Auffassung BissolatiS wenigstens, hervorruft, leitet und bestimmt. Politische deberlickt. Berlin, den 16. Juni 1311. Wiederbeginn der Landtagsarbeiten. Nach mehrwöchentlicher Pfingstpause ist am Freitag der preußische Landtag wieder zusammengetreten, um den Rest an Regierungsvorlagen aufzuarbeiten. Voraussichtlich dauert dieser Sessionsabschluß nur noch wenige Wochen, und es ist höchst unwahrscheinlich, daß von den zahlreichen Initiativ- antrügen auch nur noch ein bescheidener Teil erledigt wird. Ganz besonders ungewiß ist daS Schicksal des freijinni- gen WahlrechtsantrageS, denn wie der Präsident v. Kroch er auf Anfrage unseres Genossen Hirsch erklärte. sollen, bevor überhaupt ein Initiativantrag an die Reihe kommt, die Regierungsvorlagen erledigt werden. Und was dann wird, wissen die Götter. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Regierung dann ohne Rücksicht auf die Wünsche der „Volksvertreter" die Session schließen. Am Freitag beriet daS Haus nur kleinere Vor- lagen und Petitionen. Am längsten verweilte es bei der Erörterung eines Antrages, der die Regierung auffordert. mehr Mittel zur Förderung der Ziegenzucht in den Etat ein- zustellen. Das ist ein Thema, dem dies Haus, das für die Wahlrechtsfrage keine Zeit übrig hat, das größte Interesse entgegenbringt. Von den Petitionen interessiert nur die des Bundes deutscher Buchbinderinnugen in Berlin betreffend den Wettbewerb der Gefangenenanstalten und das Unterbieten der freien Arbeit durch GefängniSarbeit;. sie wurde der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Am Sonnabend steht die zweite Lesung der Novelle zur rheinischen Gemeindeordnung auf der TageZ- ordnung. Herrenhaussitzung. Unsere geborenen, präsentierten und befohlenen Gesetzgeber be- mühten sich am gestrigen Freitag erfolgreich, jeder interessanten Ver- Handlung aus dem Wege zu gehen. Zunächst sorgte man für Ber» längerung der Session, indem man das Gesetz über die Beschulung blinder und taubstummer Kinder abänderte, so daß eS noch einmal vom DreiklastenhauS beraten werden mutz. Natürlich ist diese Aendenmg eine Verschlechterung. Dem Antrag der Eltern auf .anderweite'(I) Unterbringung deS Kinde» al» in der k o n f e s s i o» nellen Anstalt soll nur tunlichst Folge gegeben werden. So- gar Herr Schwarzkopff vom Kultusministerium trat vergeblich gegen den Antrag auf. Nach dieser Tat erledigt« man debattelos eine ganze Menge von Denkschriften und Berichten. Ueber eine Petition nordschlcSwig- scher Lehrer gegen die Anstellung von Lehrerinnen überhaupt und besonder» als Echulleiteriimen, ging man zur Tages- ordnung über. Auf der gewöhnlich ganz leeren Publikumtrivllne Watteten eine Anzahl Studenten auf die Verhandlung der Bittschrift der Berliner Freien Studentenschaft und der Freien wissenschaftlichen Vereinigung um Aenderung der Disziplinarvorschriften an den Universitäten. Die Studenten kamen nicht auf die Kosten ihrer Langenweile. Man verwies die Sache an die Unter- richtskommijsion zurück. Oberbürgermeister R i v e- Halle sagte, die Kommission wolle daS neue Material noch prüfen, ob sie auch jetzt noch Uebergang zur Tages- ordnung beantragen müsse. Die einzig richtige Reform der Disziplinarvorschriften kann aber nur der Uebergang zur TageS- ordnung über dieses ganze System von Universitätsrichtern, Bor- tragsverboten und Vereinspolizei bis herab zum akademischen Sitten- schutzmann sein. Heute Sonnabend wird das Groß-Berliner Zweck» verbandZges etz beraten werden. Herabsetzung der Altersgrenze in Frankreich. Wie aus Paris telegraphiert wird, erklärte Finanz- minister C a i I l a u x in Beantworttmg einiger Interpellationen betreffend die Alterspensionen der Ar- b e i t e r, die Regierung lehne eS ab, bei dem Gesetze irgend- eine Aenderung vorzunehmen, bevor eS noch zur Anwendung gelangt sei. Die Regierung werde jedoch im Oktober einenGesetzentwurf vorlegen, der den Versicherten die Möglichkeit geben werde, im Älter von 66 Jahren die Alterspensiouen zu erhalten. Eine Tagesordnung, welche die Erklärungen der Regierung billigt, wurde von der Kammer mit 3-56 gegen 64 Stimmen angenommen. Und in Deutschland verweigerten die Regierung, die Kon- servativen. Klerikalen und Nationalliberalen selbst die Herab- setzung auf nur 65 Jahre. Diese Arbeiterfeinde haben es dahin gebracht, daß Deutschland selbst auf dem Gebiet des Versicherungswesens bald das rückständigste Land der Welt sein wird. Aber bei den W a h l e n soll dafür auch mit diesen Leuten Fraktur gesprochen werden! Offiziöse Verleumder. Eine niederträchtige Verleumdung leistet sich wieder einmal das Ministerblatt, die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung". In ihrer Nummer 140 vom 16. Juni druckt sie eine Notiz ab, in der sie u. a. auf ein Zirkular der all- gemeinen OrtSkrankcnkasse zu Witten«.Ruhr zurückkommt, das als Beweis für die Hartherzigkeit der Ar- beitervertreter in den Krankenkassen Invaliden und kränklichen Arbeitern gegenüber dienen soll. Die„Norddeutsche" folgt dem Beispiel der schwarzen Verleumderpresse, die dieses Zirkulär auf das Konto„Doppelte Moral und Sozialdemo- kratie" gebucht hatte. Der„Vorwärts" hat bereits in Nr. 133 vom 10. Juni in dem Artikel„Die schwarze Verlcumdersippe am Pranger" nachgewiesen, was es mit dem Zirkular für eine Bewanornis hat: Es ist o h n e Wissen unserer Genossen verianot und durch ein Gegenzirkular derselben außer Wirkung gesetzt worden. Das braucht das ehrenwerte Ministerorgan nicht zu wissen. Für alles, was sich vielleicht gegen die Sozialdemokratie ausschlachten läßt, hat es eine feine Nase, nur bei der Wahr- heit versagt sein Spürsinn. Die Herren, die in der„Nord- derckschen" ihre ministeriell genehmigte politische Weisheit ver- zapfen, tun sich ja viel auf ihre Korrektheit zugute. Ob die auch so weil reichen wird, die Wahrheit über das Wittener Zirkular mitzuteilen?_ Zentrum und Arbeiterverhetzung. 1 Auf Sern Delegicrtentage des bergischen Bezirksverban8es katholischer Arbeitervereine hat jüngst der Diözesanpräses Dr. Müller eine Rede gehalten über„Grundsätzliche Fragen im öffentlichen Leben", worin er u. a. sagte: Wir müssen den Kampf aufnehmen und denselben führen gegen die Brutalität des Gegners im Wirtschaft» lichen Leben. Diese Brutalität wird geübt von dem libe- r a l e n Unternehmertum, das sich im wirtschaftlichen Leben nur von materiellen Gesichtspunkten leiten läßt und darum jeden sozialen Fortschritt be- kämpft. Bei einem Siege der liberalen Ideen hat die Ar- beiterschaft nichts Gutes für sich zu erhoffen. Die„K ö l n i s ch e Z e i t u n g" erblickt in diesen Worten eine«ganz regelrechte Arbeiterverhetzung. wie sie gehässiger auch von der Sozialdemokratie kaum be- trieben werden kann." Das nationalliberale Blatt macht da- für den„Volksverein für das katholische Deutschland" ver- antwortlich, wogegen sich die„K ö l n i s ch e V o l k s z e i- tun g" wendet mit der Bemerkung, daß der Volksverein für die Reden der Arbeitervereinsführer nicht verantwortlich zu machen sei; es sei„unehrlich und gehässig", die soziale Er- ziehungsarbeit des Volksvereins als Arbeiterverhetzung hin- zustellen. Warum denn auf einmal so empfindlich, liebes Zentrum? Es gab Zeiten, da war man im ultramontanen Lager doch noch ganz andere Töne gewohnt, als sie die heutigen katho- lischen Arbeitervereinsführer von sich geben. Das Zsntrum schickt sich an, den hundertsten Geburtstag des Bischofs Ketteler zu feiern, den es als einen Bahnbrecher und Führer der katholischen Sozialpolitik preist. In seinem 1864 erschienenen Buckw«Die Arbeiterfrage Md das Christentum" redet er von dem„Sklavenmarkt unseres libe- ralenEuropas" und versteht darunter die Tatsache,-„daß die ganze materielle Existenz fast des ganzen AxbeitSrstandes, also des weitaus größten Teils der Menschen in den modernen Staaten, die Existenz ihrer Familien, die tägliche Frage um das notwendige Brot für Mann, Frau und Kinder, allen Schwankungen des Marktes pnd des Warenpreises aus- gesetzt ist." Er schildert an derselben Stelle den Lebensgang und die Tätigkeit eines modernen Fabrikarbeiters mit seinein Elend und seiner Leib und Geist verzehrenden Beschäftigung und schreibt dann: Mag die liberale Partei noch so viel von Gewerbefreihett reden, für diesen Mann— und das ist der Zustand fast aller Arbeiter der Welt in einem gewissen Alter— gibt es weder Frei- zügigkeit noch Gewerbefreiheit: er ist, wenn er nicht verhungern will, mit seiner Familie an diesen bestimmten Ort und an diese bestimmte Fabrik gebunden; er muß bei diesem reichen Fabrik- Herrn arbeiten— und dieses Muß ist für ihn ebenso zwingend wie für jeden Sklaven, dem man daS Muß mit der Peitsche und Kette beibringt. Auch Ketteler verfiel der Denunziation der Liberalen. Der Abgeordnete Jung(Köln) empfahl in emer seiner Reden die Kettlerschen Schriften der Beachtung des Staats- anwalts, und die„National-Zcitu'ng" schrieb 1873, Bischof Ketteler sei nicht Politikerz sondern Demvgoge!, und zwar, weil er wirtschaftliche und religiöse Hetzerei treibe, ein noch viel schlimmerer und gefährlicherer De- magoge, als Las falle einer war. Das Zentrum hat heute noch einen Mann in seinen Reihen, der, als er noch nicht preußischer Professor und päpst- licher Prälat war, die„Arbeiterverhetzurig" in ganz anderem Tone betrieb, als seine schwächlichen Gladbacher Kollegen von heute. Im Jahre 1877 gab Kaplan Franz Hitze ein Buch heraus über die soziale Frage und die Be- streb» ii genzuihrerLösung. Darin geht er mächtig mit dem Kapitalismus ins Gericht, Md am Schlüsse seiner Untersuchungen über die Lage des modernen Proletariats kommt er zu dem Ergebnis: Das Los eines Sklaven(st fast beneidenS- wert gegenüber einem solchen„weißen Sklaven". Jener hatte doch wenigstens zu essen; sein Herr sorgte doch für seine Erhaltung, da der Verlust eines Sklaven die Anschaffung eines neuen nötig machte. Ter Unternehmer. der Kapitalist aber beutet seinen Sklaven, seinen sogenannten freien Arbeiter, möglichst aus, und wenn seine Kraft verbraucht ist, dann mag er gehen, eine neue, frische Arbeitskrast tritt an seine Stelle,«ine Arbeitskraft, die der Arbeiter vielleicht selbst mit schweren Opfern ihm in seinen Söhnen großgezogen hat. Handelt ein solcher Kapitalist ander? als der römische Sklavenhalter, der seinen ausgedienten Sklaven auf die Insel des AcSkulap aussetzte oder den Fischen zur Speise vorwarf. Und auch noch in den achtziger und neunziger Jahren konnte man. ähnliches in ultramontanen Schriften und Blättern lesen. ES sei erinnert an die temperamentvollen Artikel, worin der selige Johannes F u s a n g e l in der „Westfälischen Volkszeitung" das liberale Unternehmertum kennzeichnete, worin er dem„liberalen Mastbürger mit dem wohlgefüllten Geldsack und dem steinharten Herzen" in Aussicht stellte, daß er der erste sein werde, dem das empörte Volk„die Gurgel abschneidet". Das Zentrum wirbt in letzter Zeit mit ausfälligem Eifer »m die ifii-: SnMüicfctryi: es bemüht sich um den Nachweis, öaß eS durchaus incht indusinefeindlich sei imS erklärt sich bereit, dem Unternehmertum den ihm gebührenden Einfluß in der parlainentarischen Vertretung zu gewähren. Man weiß, daß das Zentrum im Westen mit den Nationab liberalen große Tinge vor hat: Aufteilung des Jn> dustriegebictes bei den nächsten Reichstags- Wahlen. Daher sein Bestreben, den Vorwurf der Arbeiter- Verhetzung von sich abzuwehren! Oeffentliche Gelder für den agrarischen Wahlfonds. Wie das„Berliner Tageblatt" mitteilt, hat der konser- dative Abgeordnete Graf v. d. Rccke-Volmcrstein, der zusammen mit dem Rittergutsbesitzer Q u e h l den Wahl- kreis Glogau-Lüben im Preußischen Abgeordnetenhause vertritt, an den Landtag der Glogau-Sagan-Fürsten tumslandschaft den Antrag gestellt: „Aus dem Glognuer landschaftlichen KcciSlondS un- des »MWDWWWWWWWIW«» berzüglich zweitausend Marl dem Wahlfonds Bundes der Landwirte zu itberweisen." Aus der Begründung des Antrages geht hervor, daß der Bund der Landwirte ans dem landschaftlichen KreiSfonds schon früher unterstützt worden ist. ES wird darin nämlich gesagt: „Bei Gründung des Bundes der Landwirte im Jjahre 1803 wurden aus diesen, Fonds 200V M. gezahlt, und ebenio beschloß das Fürstentiimskollegium. auS dem landwirtschaftlichen Extra- ordinarium 3000 M. zu diesem Zwecke zu entnehmen. AuS vorstehenden, ist ersichtlich, daß der Antrag nichts Neues bedeutet." Dann folgt die Begründung dieser erstaunlichen Forderung unter Hinweis auf die politische Lage: „Der nächste Wahllampf wird»och nie dagewesene Anforde- rungen an den Wahlsonds deS Bundes der Landwirte stellen, diese müssen erfüllt werden, wenn anders nicht der nächste Reichölag ein« Zusammensetzung erfahren soll, welche beim Abschluß der neuen Handelsveriräge den Untergang der Landwirtschast und damit de-Z Baterlandes herbeiführen wird." Weiter kann die agrarische Unverschämtheit wohl kaum getrieben werden. WaS für ein böses Gewissen müssen die agrarischen Volksaushungerer haben, wenn sie ihren Wahl- kämpf mit solchen verzweifelten Streichen einleiten, die die öffentliche Meinung noch mehr als bisher gegen sie aufrütteln müssen.__ Unsere„freien" Studenten. Der Fall Dubrowski wurde am Schluß einer Versammlung der Berliner nichtinkorporierten Studenten, die am 15. d. M. von der Berliner freien Studenten- s ch a f t einberufen worden war, noch einmal verhandelt. Nachdem die Tagesordnung, bei der einige Resolutionen gegen das Lorgehen der Universitätsbehörden in Halle und Leipzig gegen die dortigen Freien Studentenschaften, natürlich immer mit der obligaten Ergebenheit und Loyalität. gefaßt worden waren, brachte einer der Nichtinkorporierten die Interpellation ein,„was das Präsidium der Freien Studenten- schaft, die doch die allgemein studentischen I n t e r- essen zu wahren vorgibt, im Falle Dubrowski unternommen hätte resp. zu unternehmen gedenke". Obwohl man erst am Vorstandstische mit sichtbarer Angst vor solch einem heiklen Thema die Verhandlung hierüber zu verhindern suchte, gelang es dem Interpellanten doch, zum Wort zu kommen. Innerhalb weniger Minuten zog er sich von dem immer nervöser werdenden Präses drei Ordnungs- �ufe zu; mehrere Redner erklärten, die Sache Dubrowski ge- höre nicht in eine Versammlung, andere hatten den traurigen Mut, zu raten, von einem Vorgehen im Sinne des Interpellanten Abstand zu nehmen, um mit den Nniversitäts- behörden nicht in Konflikt zu kommen und sich mißliebig zumachen. Mit einem Tumult schloß die Versammlung, die ein beredtes Zeugnis dafür ablegte, welchen Wert die„Freie" Studentenschaft hat, wenn es sich darum handelt, eine wirklich freiheitliche Regung unter den Studierenden zu unterstützen_ J« der heutigen Laiidtagsersatzwahl im Wahlkreise Eschwege- Schmalkalden für die ungültig erklärte Wahl des Abg. Wend- landt wnrde der nationalliberale Kandidat mit 103 gegen 131 Stimmen, die auf den konservativen Landrat v. K e u d e l l entfielen, wiedergewählt. Eine Arveiterschutzk»»fere»z hat am Mittwoch im ReichtagS- gebäude stattgefunden. Es handelte sich um' eine Beratung über einen neuen Entwurf von Grundzügen für die Einrichtung und den Betrieb von Anilin- und gwischenproduklfabriken. Es nahmen an der Konferenz teil vom NeichSamt deö Innern die Referenten für Arbeiterschlitz. Delegierte verschiedener Bundesregierungen, fach- verständige Aerzte, GewerbcaufsichtSbeamt« sowie Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer der chemischen Industrie. Den Be- ratungen war ein im NeichSamt des Innern aufgestellter Entwurf zugrunde gelegt, der. wie in der bürgerlichen Presse behauptet wird. mit unwesentlichen Aenderungen die Zustimmung sowohl der be- teiligten Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer fand. Sobald die Grundsätze endgültig festgestellt sind, wird ihre LZeröffentlichung erfolgen. Hauptmann und Sergeant. Vor dem Kriegsgericht der badischen Garnisoiistadt Lahr stand der ehemalige Sergeant Gust. Kampe, jetzt Buchhalter in Lahr, unter der Anklage der Beleidigung militärischer Vorgesetzter. Er wurde zu sWochen Mittelarrest verurteilt. unter Zubilligung mildernder Umstände. Die Verurteilung erfolgte wegen der Kritik, die der in das ZivilverhältniS übergetretene Kampe in einem an den General ge« sandten Briefe üble, die aber vor einem Zivilgericht straflos ge- blieben wäre, weil die erwiesenen Tatsachen eine derarttge AchtungS- verletzungfentschuldbar erscheinen lassen. Der Hauptmann Branden- bürg der achten Kompagnie des 169. Infanterie- Regiments verfolgte den Kampe, der unter seinem srüheren Vor- gesetzten acht Jahre lang den Dienst.recht gut" tat, im letzten Jahre mit einer feindseligen Abneigung, bracht« den unbestraften Sergeanten wegen Geringfügigem in den Arrest und entzog ihn der weiteren Kapitulation. Dem also um seine Karriere gekommenen Manne stellte Hauptmann Brandenburg das notorisch un w a h r e Zeugnis aus. daß er sich während der Militärzeit„schlecht" geführt habe. K. verkehrte mit seiner Familie in Lahr beim Gastwirt Umenhofer, wo auch die Soldaten seiner früheren Kompagnie einkehrten. Der Hauptmann setzte die Verfolgung auch gegen den Zivilisten K. fort und es kam deshalb dahin, daß der Wirt, weil er die Entziehung der Kaiserfeier, die in seinem Lokale stattfinden sollte, befürchtete, der anständigen Familie Kampe das Betreten seines Etablissements verbot. Eine Beleidigung des Hauptmanns Brandenburg erblickte das Kriegsgericht in den brieflichen Ausdrücken:„dieser Mensch"— eine Unverschämtheil— etwa» sehr Gemeines usw. Wegen dieser Formalitäten sollte der schwer verfolgte und ungerecht um seine Zivilversorgung geprellte Sergeant nach dem Antrage des Klägers 2 Monate Gefängnis erhalte«. Oefterreick». Die Stichwahlparole der Sozialdemokratie. Die Parteivertretung der deutschen Sozialdemo« kxatie in Oesterreich faßte folgenden Beschluß: „Bei den Stichwahlen am 2l). Juni werden die Sozial- demokraten in Wien und Niederösterreich mit dem ganzen Aufwand ihrer Kraft in allen Wahlbezirken gegen die christlichsozialen Kandidaten vorgehen. Die Sozialdemokratie hält es für ihre Pflicht und für das Jnter- esse des Proletariats, den Niedergang der Herrschaft der volksfeindlichen christlichsozialen Partei möglichst zu be- schleunigen und zu fördern. Insbesondere wird den Partei- genossen im Städtewahlbezirk Mi sie Ibach die Pflicht er- wachsen. Mann für Mann ihre Stimme gegen Äeßmann abzugeben und in die Agitation gegen den Häuptling der schlvarzen Gesellschaft einzugreifen. In den übrigen Krouländern steht die Sozialdemokratie einem Kartell dar Regierungsparteien gegen- über, gegen das sie mit der ganzen Energie und mit ge- wohntcm Pflichteifer ankämpfen wird. In jenen Bezirken, in denen der Sozialdemokratie die Entscheidung zwischen ver- schiedenen bürgerlichen Parteien zufällt, muß diese Entschei- dung zumeist den Landesparteileitungen über- lassen werden. Prinzipiell wird aber daran festzuhalten sein, daß. wo ein Kandidat dieser Regierungsparteien mit einem bürgerlichen Kandidaten, der der Regierung Bie- nerth in ausgesprochener Opposition gegenübersteht, in Stichwahl steht, die Sozialdemokraten ihre Stimme für den Kandidaten der Oppositionspartei und gegen den Gefolgsmann der Regierung Bienerth abgebe» werden. Die Parteivertrctung fordert die Parteigenossen auf. mit voller Kraft in den letzten Kampf einzutreten und ihre Pflicht wie bisher mit gewohnter Energie zu tun." Wie vorauszusehen war. wird das bürgerliche Wahl- kartell nur in den Sudetenländern befolgt werden. In W i e n haben die Liberalen die Parole gegen die Christlichsozialen ausgegeben. Daraufhin beschloß heute die Leitung der Christlichsozialen Partei, den Vertretern des deutschen Nationalverbandes ihren Beschluß bekannt zu geben, daß die Christlichsoziale Partei nicht in der Lage sei, eine allgemeine Weisung in bezug auf das Verhalten bei den Stichwahlen auszugeben, und es den Landes- Parteileitungen überlasse, in dieser Frage eine Entscheidung zu treffen..». w 6d)wetz. Die Konsumvereine gegen die Lebensmittelverteuerung. Ter Aufsichtsrat des Verbandes schweizerischer Konsumvereine schlägt der am 24. Juni zusammentretenden Delegiertenversammlung eine Resolution vor, in der P r o t e st erhoben wird gegen die schutzzöllnerischen Tendenzen der Bundes- gesetze und deren importfeindliche Handhabung, die die Ver- sorgung mit Lebensmitteln nicht nur verteuert, sondern auch er- schwert und zum Teil unmöglich macht: eine in Verletzung klarer Vorschriften der Bundesverfassung erfolgte Begünstigung einer kleinen Zahl von Produzenten, die gerade die bedürftigsten Kreise unerträglich belaste. Die Verbandsbehörden werden beauftragt. sei es allein, sei es in Verbindung mit anderen Organisationen, alle Schritte zu tun, um den Gebrauch der öffentlichen Macht zur Förderung enger Interessentenkreise auf Kosten drsLebenSunterhakts der Volksmasse zu hindern. Die anderen Organisationen, die hier in Betracht kommen, werden wohl nur die auf dem Boden der Arbeiterbewegung stehenden sein können, da die bürgerlichen Parteien sich bisher ganz überwiegend de» Geboten des HerrenbauernitzinS gebeugt haben.----«rn m« franbmcb. Neue Erregung der Winzer« Paris, 13. Juni. Der von der Regierung in der gestrigen Sitzung des Senats angekündigte Gesetzentwurf hat im Weinbaubezirk der Marne einen sehr ungünstigen Eindruck hervorgerufen. Die Winzer erklären, sie würden nicht zugeben, daß in die Kellereien im Marnedepartement fremde Weine gelangten. Die militärische Besetzung dauere nicht ewig, sie würden, da ihnen durch Gesetz kein Schutz gewährt werde, sich selbst zu ihrem Recht verhelfen. Der Ordnungsdienst ist verschärft worden, da man den Ausbruch neuer Gewalttätigkeiten! befürchtet. Auch die Winzer der Gironde sind mit dem geplanten Gesetz sehr unzufrieden, dagegen wird es von den Führern der Winzcr des Departements Au be mit Genugtuung aufgenommen. Marokko. Unruhen in der Gegend von Marakesch. Paris, 16. Juni. AuS Mazagan wird der Agence Havas vom 13. d. M. gemeldet: Der Stamm der Rahamna. der zu El Glaui hält, hat sich empört und die Absetzung Mulay HafidS erklärt. In Sukdjemao bei Marakesch wurde der Markt geplündert und mehrere Personen wurden getötet. Bis zum S. d. M. herrschte in Marakesch Ruhe. Hmeriba. Castros Geheimnis. Washington, 13. Juni. Wie hier bekannt gegeben! wird, sollen mehrere amerikanische Kriegsschiffe auSgesandt werden, um das Schiff Consul GrothuS zu überwachen. Wie cS heißt, soll Castro, wenn er sich an Bord befindet, mit dm ersten verfügbaren Dampfer nach Europa befördert werden. Der Eigentümer des Schiffes, ein Deutscher, der sich gewerbsmäßig mit dem Verkauf von Kriegsmaterial an südameri- konische Regierungen(und vielleicht auch an revolutionslüsterne Generäle?) beschäftigt, versichert allerdings, daß ihm von der An» Wesenheit Castros aü Bord seines Schiffes nichts bekannt sei. Das Schiff sei vielmehr an Haiti verkauft und solle in Port au Prince der haiticnischen Regierung übergeben werden, j Hu9 der Partei. Zum Parteitag in Jena. In einer stark besuchten Mitgliederversammlung des Sozial- demokratische» Vereins nahmen die Jenaer Genossen Stellung zum Parteilag. Die Beschlüsse.dcS Vorstandes:„Ueberuahme des Partei- tage? nach Jena" wurden einstimmig gntgeheißen. Anschließend daran wurde das ParteitagSkomitee gewählt. Die Adresse deS Vor« sitzenden lautet: H. Leber, Jena, Magdel stieg 3. DaS Programm einer schweizerischen Arieiterhochschule entwickelt Genosse Pflüg er im„Volksrecht". Er gibt eine Darstellung der Einrichtungen solcher Art in England. Belgien, Oester- reich und Deutschlaud, um die Schaffung einer Abendschule in Zürich vorzuschlagen. Er gibt einer solchen den Vorzug, da sie nicht nur leichler und billiger zu erhalten sei, sondern auch infolge der längeren Ausdehnung der Studienzeit eine bessere Vertiefung m den Stoff ermögliche,»IS dies bei einer kurzfristigen Ganztagsschule geschehen könue. Er denkt die Ausbildungszeit bemessen auf vier Semester von je 22 Wochen. Die Hörer sollen zerfallen in regel« mätzige Parteischüler, die sich verpflichten, den ganzen Unterricht mit- zunehmen, und Hospitanten, die nur einzelne Kurse besuchen. Wöchentlich sollen 4 Stunden an 4 Abenden erteilt iverden. so daß aus ein Semester 88� aus den ganzen zwr jährigen Unlerricht 352 Stunden cnlfielen. Als Unterrichtsfächer schlägt er vor: A. Volkswirtschaft: 1, Einführung in die soziale Frage(Nationalökonomie): 2. Theorie und Praxis der GcwerkschaflS- bewegung: 3. GeuossenschaftSwesen: 4. GemeiudeiozialiSmus; 5. öffentliches und PrivatversicherungSwcien: 6. Schweizer und ausländische Arbeiterschnyqeietzoeblnig.— L. Geschichte: 7. Allgemeine Kultnr- und Wirtichaftsgesldichte; 8. Geschichte der Schweiz im 19. Jahr« hundert; 9. Geschichte deS Sozialismus und der sozialistischen Be- wegungen.— C. RechtSlehre: 10. Allgemeine� Rechtslehre; 11. Schweizerisches Haftpflicht- und Fabrikgesetz: 12. Schweizerisches Zivilrecht.— D. S e m i n a r i e n: 13. Journalistisches; 14. Rednerisches Praktikum; 15. Statistik und statistische Uebungcn.— Die Mite! sollen aufgebracht werden durch Beiträge der Schüler und Zuschüsse der Partei und der Gewerlstdaften der Stadt, der Partei deS Kantons und der Schweiz. Die Kosten werden, wohl zu ge- ring, aus jährlich 2500 Fr. berechnet. Die Zahl der Teilnehmer wird auf 40 angenommen. Den regelmäßigen Schülern soll am Schluß ihrer Studien eine Art Diplom als Ausweis erteilt worden. DaS Schriftenverzeichnis der Buchhandlung Vorwärts ist soeben neu erschienen und wird gratis und franko abgegeben. Der Inhalt umfaßt folgende Gebiete: Volkswirtichaft, Sozial- wihenschaft, Sozialismus und Sozialdemokratie. Geschichte. Lebensbeschreibungen, Brief- toechsel. Naturwissenschaft. Geographie. Reisen, Völkerkunde, Rechts- und Staats wissen schaft, Philosophie, Religion, Pädagogik. Gedichte. Romane. Dramatisches, Klassiker. Kunstblätter. Porträts, Photographien. Gelege nhetskauf, Autoren-, Titel-, Sachregister. Man erhält das Verzeichnis sowie die darin aufgeführten Schriften in der am Ort« oder im Bezirk bestehenden Parteibuch- Handlung, wohin sich die Besteller gefälligst wenden wollen. Wo eine Parteibuchhandlung nicht besteht oder eine andere Buchhandlung nicht liefern will, bitte» wir uin direkte Bestellung an die V U ch- Handlung Vorwärts in Berlin L1V. 68. polizeilichts, Omchtilches iiftr, Ein Prozeß gcge« unser polnisches Partciblatt. Wegen angeblicher Beleidigung des Bergdirektors Tlach und deS Bergverwallers Lorenz wurde Genosse(! a S p a r i am Mittwoch von der Straskammer des Landgerichts in Leuth»» zu LMM. Geld- strafe verurteilt. Als Verantwortlicher der. Gazeta Robot- nicza" hatte er eine Zuschrift Über Mißstände ans dem Gotthard- schacht, der der Schaffgollschen Verwaltung untersteht, aufgenommen. Obgleich eine ganze Reihe von Mißständen nachgewiesen werden konnte— Mißhandlung und Beschimpfung von Arbeitern, Mangel an gutem Trinkwasser, schivarze Listen— erfolgte doch Verurteilung, da nicht nachgewiesen werden konnte, daß auf dem Gotlhardschacht nicht, wie es in der Zuschrift hieß, sür die Sicherheit der Arbeiter gesorgt werde._ Tausend Mark Geldstrafe. � In dem AgitationSblatt der Bremer Genossen war auch der Tätigkeit der Polizei bei den Oltob�rkrawallen anläßlich des Straßenbahnerstreils gedacht. Genosse Rauch, der dieses Agitations- orgän, den allmonatlich erscheinenden„Sozialdemokrat", verant- wortlich zeichnete, wurde deshalb wegen Beleidigung der bremischen Polizei nach ßZ 135. 186 angeklagt und stand am Freitag vor der Strafkammer in Bremen. DaS Gericht nahm die Beleidigung, be- gangen durch einige scharfe Worte über das Verhalten der Polizei, als erwiesen an und pernrleilte Rauch zu tausendMark Geld- strafe. Der Staatsanwalt hatte ein Jahr Gefängnis und sofortige Verhaftung beantragi._ DaS„staatsgeföhrliche" Liederbuch. DaS Dortmunder Liederbuch für Masscngesang, das so gut an- gesprochen hatte, daß in kurzer Zeit 300 000 Exemplare abgesetzt werden konnten, ist schon wieder einmal beschlagnahmt worden und zwar auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft am Landgericht Berit n I. Die Beschlagnahme ist ersolgt wegen der Lieder„Die ArbeilSmänner" und„Bundeslied". Schon einmal erfolgte die Be- schlagnahme wegen dieser und einiger anderer Lieder und zwar ebenfalls auf Veranlassung der genannten Behörde. Mit der Be- schlagnahme war eine Strafverfolgung des Geschäftsführers der Dortmunder„Arbeiterzeitung". Genossen Umbreit, ver- bunden. Genosse Umbreit lonrde aber freigesprochen. Da« Bundes- lied wurde völlig freigegeben, weil es die Klassen nicht verhetze, sonder» nur ökonomische Mittel, Streik usw. zur Hebung der Lage der Arbeiterschaft empfehle. Von dem Liede„Die Arbeitsmänner' blieben die drei ersten Strophen beanstandet, jedoch sagt auch hier das Urteil, daß der Gesang deS Liedes keineswegs eine Stimmung hervorrufe, die zu Gewalttätigkeiten führen könne. Der Tenor des Urteils ist der Neu- aufläge de« Liederbuches vorgedruckt. In der Neuauflage fehlen die übrigen beanstandeten Lieder und auch die drei ersten Strophen von dem Liede„Die ArbeitSmänniier". DaS Liederbuch in feinerjetzigenForm ist also nach demUrteil des D o r t m u n d« r Landgerichts e i n w a n d S f r e i. Die Polizei, die in den Räumen der„Arbeiterzeitung" nach dem Lieder- buch suchte, hat 221 Exemplare mitgenommen. Es ist natürlich sofort Beschwerde erhoben worden. Man darf nun gespannt sein. ob daS Dortmunder Gericht sich selbst desavouieren und sich dem Willen deS Berliner Staatsanwalts unterordnen oder ob es seinen alten Standpunkt behaupten wird. Auch in der Provinz Sachsen pfeift man aus daS BersammlungSrecht. Ein krasser Fall der Nichtachtung des klaren Wortlautes deS .liberalen" vereinSgesctzeS hat sich wieder in der Provinz Sachsen zugetragen, in der anscheinend da« Verhalten der Polizeiverwallung deS liberalen Magistrats in Halle auf die konservativen Landräte und Amtsvorsteher bedenklich ansteckend wirkt. Der AintSvorsteher Heinrot aus Obersdorf. Ärei« Sangerhausen, hat unseren Genossen in G o n n a die Abhaltung einer äui dem Hofe eines Eigentümers geplanten Versammlung unter freiem Himmel am 11. Juni verboten mir der nachstehende» durch keine Gesetzcövorschrist unterstützten dreisten Begründung: „Der Hof des Herrn Wieprich genügt nicht zur Aufnahme einer größeren Anzahl von Personen, welche sich eventuell ans Sangerhausen und den umliegenden Ortschaften zusammenfinden. Die Personen, welche im Hofe keine Unterkunft finden, wären gezwungen, auf dem Chaussectecrain Aufstellung zu nehmen, hier- durch könnte eventuell eine Störung des öffentlichen Verkehrs verursacht werden.(gez.) Heinrot." Zunächst entbehrt die Eventualannahme deS AmtSvorstehcrS jeder Begründung. Auch wenn man. wie er es anscheinend tut. de» Grad der Erregung über die Wandelpolitil der bürgerlichen Parteien seh« hoch schätzt, ist an eine Uederfüllung des über 100 Personen fassenden Hofraume» in dem Dorfe gar nicht zu denken. Und für einen solchen glücklichen Ausnahmefall steht außerdem»och— wie der Behörde bekannt ist— ein angrenzender Garten den Ver- sammelten ,»r Verfügling. Ist also der zum VersammlungS- verbot willkürlich hergesuchte Grund sachlich nicht haltbar, so steht er in noch schreiendcrem Widerspruch mit dem Gesetz. Der Amts- Vorsteher schreibt da, daß durch die überzähligen Personen eventuell eine Störung deS öffentlichen Verkehrs eintreten könnte. Das Gesetz läßt aber bekanntlich in S 7 einzig nur die Gefahr für die öffentliche Sicherheit als Grund. für die Nichtgcnehmigung einer Versammlung unter steiem Himmel zu. Gegen diese offene Mißachtung de« ReichSversammlungSrechtS ist sÄbstverständlich sofort der Beschwerdeweg beschriiten worden Gewerkfcbaftlichca. Der Seemannsftreik. D?e Reeder sind in den von der Bewegung betroffetten Ländern sehr optimistisch gestimmt. Sie stellen sich, als ob sie die ganze Sache nur mätzig interessiert. Ob sie so zuversichtlich bleiben werden, wenn ihre Schiffe fertig zum Ausfahren an der Wasserkante liegen bleiben müssen, ist eine andere Frage. Ein Streik der Seeleute kann nicht plötzlich wirken, sondern er beginnt erst allmählich immer stärker und stärker zu werden, sobald die auf Fahrt befindlichen Seeleute in den Heimatshafen zurückkehren und sich den Streiken- den anschlietzen. Es ist durch internationales Verständigungsmittel Vorsorge getroffen, datz, sobald der Streik proklamiert wird, über- all in allen ausländischen Häfen durch Abgesandte der Organisa- tionen die Besatzungen der vom Streike betroffenen Schiffe infor miert und aufgefordert werden, rechtzeitig ihre Kündigung einzw reichen. Es besagt also gar nichts, wenn hier und da eine gross artige Wirkung des Streiks noch nicht zu verspüren ist. oder wenn noch Schiffe in See gehen können, denn die Mannschaft dieser Schiffe hat noch vor der Streikproklamation angemustert und darf selbstverständlich nicht kontraktbrüchig werden, da sie sonst mit dem Strafgesetz in Konflikt kommt. Amsterdam. Die Amsterdamer Seeleute sind organisiert in dem Alg. Ncderl. Zeemansbond. Die Abteilung zählt 900 Mit glieder, ist bei dem anarchistischen„Nationaal Arbeidssekretariat" (N. A. S.) angeschlossen und steht auf dem Standpunkt der„un- abhängigen" Gewerkschaftsbewegung. Am 25. Juli vorigen Jahres reichte diese Abteilung den örtlichen Reedereien ihre Forderungen ein. In der Hauptsache wurde gefordert: Erhöhung des Ueber- stundenlohnes von 19 auf 25 Cents pro Stunde; eine detaillierte Regelung der Arbeitszeit und Wachen; gehörige Verpflegung an Bord, von den Reedereien in eigene Regie zu nehmen; bei Unfällen eine Unterstützung gleich den Bestimmungen des nicht für die See- leute gültigen Unfallgesetzes: bei Krankheit ärztliche Behandlung und Verpflegung nebst Unterstützung wie bei Unfällen bis zu sechs Monaten; Erhöhung der Heuer um 6 Fl. pro Monat, für See- leute. die weniger als 25 Fl. pro Monat haben, um 3 Fl.; Ab- schaffung der Prämien und Erhöhung der Heuer; freier Zugang der Organisationsleitung zu den Schiffen; Abschaffung der Zeug. nisbücher über Betragen, Beguemheit und Eifer bei der Arbeit an Bord; Abschaffung der körperlichen Untersuchung vor jeder Reise. Für einzelne Reedereien wurden noch besondere Forderungen aufgestellt. t Nach einigen Konferenzen bekam die Organisationsleitung im Laufe des September von fünf grotzen Reedereien die Mitteilung, datz man einige Verbesserungen einführen wolle, Verbesserungen, die von der Organisation im Verhältnis zu ihren Forderungen für zu gering erachtet wurden. Am 12. Mai d. I. wurden die Reedereien neuerdings um Auf nähme der Unterhandlungen über die Forderungen vom Juli 1910 ersucht. Nur eine Reederei war zu Unterhandlungen bereit. Der „Hollandsche Lloyd" und die„Nederland" erhöhten die Heuer um 2 Fl. pro Monat.— In einer Versammlung am 6. Juni wurde erklärt, mit den eingegangenen Antworten nicht zuftieden zu sein und deshalb nochmals bei den Reedern vorstellig zu werden. Das Hatte keinen Erfolg. Zu den Forderungen vom Juli 1910 waren inzwischen einige neue hinzugekommen, und zwar: Ernennung einer aus beiden Par- teien zusammengestellten Kommission, die unter Leitung eines unparteiischen Vorsitzenden eine Verbesserung der Mannschafts- räume an Bord anstreben soll. Ausserdem wurden verschiedene Aenderungen der Musterrolle gewünscht. Am 13. Juni fand nun in Amsterdam eine Versammlung der Abteilung statt. Es waren ungefähr 250 Personen anwesend. In dieser Versammlung sollte die Entscheidung fallen. An der Ab� stimmung durften sich nur die Seeleute beteiligen, die vollständig frei waren, nicht solche, die noch unter der Musterrolle standen. Aus diesem Grunde nahmen nur 153 Mitglieder an de» Abstimmung teil. 150 stimmten für den Streik, zwei dagegen, einer enthielt sich der Stimme. Damit war der allgemeine Streik der Seeleute für Amsterdam vom 14. Juni ab proklamiert. Die Zahl der Fahrens leute von Amsterdam wird auf 2300 bis 2500 geschätzt. In letzter Zeit hat die Abteilung gute Fortschritte gemacht, so datz sie jetzt 1400 Mitglieder zählt, also etwa 70 Proz. Etwa 200 Mann traten zunächst in den Ausstand und verweigerten die Anmusterung auf „Pollux",„Flora" und„Tellus", alle drei von der„Kon. Ned. Stoombootmaatodrappij". Für die„Rijnland", von dem„Kon. Holl. Lloyd", und der„Rotterdam", von der„American Petr. Comp.", haben sich nur einige Maschinisten, Offiziere und Köche anmustern lassen. Matrosen und Heizer waren fern geblieben. Der Streik wird allmählich den grotzen Schiffahrtsverkehr von Amsterdam unterbinden. Rotterdam. Die Seeleute sind hier in der Vereinigung„Volhar- ding" organisiert, die sich unlängst in eine Landesorganisation um- wandelte und der N. V. V., der holländischen Gewerkschaftszentrale, angeschlossen ist. Der Verband steht auf dem Boden der modernen, zentralistischen Gewerkschaften. Die Reeder haben auch hier jede Verständigung abgelehnt. Am 14. Juni wurde der Streik prokla- miert. Da die meisten holländischen Schiffe, in Rotterdam an- wesend, bereits gemustert haben, so wird der Streik in den ersten Tagen klein einsetzen, doch sich allmählich mehr und mehr aus- breiten. Die Bemannung der Wochendampfer kündigte sofort ihr Dienstverhältnis. In Rotterdam bereitet man sich auf einen langen Kampf vor. Der N. V. V. hat Unterstützung zugesagt. Antwerpen. Der Streik ist erklärt. Obgleich sich der Bürger- meister von Antwerpen alle Mühe gibt, einen Vergleich herbei- zuführen, scheiterte dieser Versuch doch bisher an der Halsstarrig- keit der Reeder in der„Federation Maritime". Die gesamte orga- nisierte Arbeiterschaft von Antwerpen wird schon jetzt zur finan- ziellen Unterstützung des Streiks herangezogen. Alle belgischen Gewerkschaften haben ihre Unterstützung zugesagt. England. Eine bedeutende Rolle in der Streikbewegung wird die Union der Schiffsköche, Stewards, Bäcker und Schlachter spielen, die ihren Hauptsitz in Liverpool hat, dem Hauptquartier bedeuten- der Reedereien. Diese Gruppen seemännischer Arbeiter haben sich erst vor zwei Jahren modern organisiert und zählen jetzt 3000 Mit- glieder. Es besteht noch eine Organisation, die„Society of Sea- going Stewards", eine alte Streikbrccherorganisation, welche aber von der Union mit grossem Erfolge bekämpft wird. Gelingt es der Union, ihre Mitglieder von den Riesendampfern herunter- zuholen, woran gar nicht zu zweifeln ist, dann wird Mister Laws, der Manager von der„Shipping Federation", nicht mehr so von oben herab zu den Organisationsvertretern reden. Das Bedie- nungSpersonal bildet auf den Riesendampfern, wie„Lusitiana". „Mauretania",„Olympia" usw. immerhin einen so wichtigen Be- standteil der Besatzung, datz ohne solches das Schiff nicht in See gehen kann. Southampton, Glasgow und Liverpool, die Orte mit Filialen der Union, werden zunächst die Ausgangspunkte des Streiks sein. Andere Häfen folgen nach. In Liverpool wird Tom Mann den Streik leiten. Ob in London der Anschlutz der Docker (Hafenarbeiter), Carmen(Fuhrleute). Lightermen(Leichtcrschiffer auf der Themse) und Stevedores(Schauerleute) an die Seemanns bekSegung siessorsiehk, katzt sich noch nicht sagen, ist aber sehr Kohr- scheinlich. Nordamerika. Die Abteilungen der„International Seamens Union of America" an der Atlantischen Küste sind ebenfalls in eine Lohnbewegung eingetreten. Die Abteilung der Stewards und Köche, der Heizer und die der Matrosen haben sich in einem ge- meinschaftlichen Schreiben an die verschiedenen Dampfschiffsgesell- schaften in New Dork und Boston gewandt, mit dem dringenden Ersuchen, bis zum 1. Juni Antwort zu geben, ob sie zu einer Kon- ferenz mit den Vertretern der Organisation bereit sind, um mit diesen die Forderungen der Seeleute zu besprechen. Im Falle keine Antwort erfolgt, soll, sobald der Ausbruch des Streiks der euro- päischen Seeleute bekannt wird, auch an der atlantischen Küste der Streik erklärt werden. Norwegen. Die„Norsk Matros og Fyrböter Union", welche ihren Sitz in Kristiania hat, reichte den Schiffsreedern auch For- derungen ein mit dem Ersuchen um Unterhandlung. Die Reeder antworteten, datz sie vor September nicht in der Lage seien, mit der Union in Unterhandlungen zu'treten. Die Union beschlotz dar auf. ihre Mitglieder aufzufordern, vom 14. Juni ab nicht unter 70 Kronen anzumustern. Vielleicht erklären sich die Reeder dann eher dazu bereit, das Verlangen der Union, einen Tarif mit ihr abzuschlietzen. zu erfüllen. Die Union hat bereits Tarife mit mehreren Reedereien abgeschlossen, so kürzlich mit einer in Skin, wo eine Heuer von 60 Kr. pro Monat und 40 Oere für die Ueber- stunde festgesetzt wurde. »» London, 16. Juni. Aus den heutigen Berichten aus den verschiedenen Schiffahrtszentren geht hervor, datz in vielen Fällen sich die Dampfer ihre Mannschaften nur unter Gewährung höherer Löhne beschaffen konnten, während einige Mannschaften sich über Haupt weigerten, sich anmustern zu lassen und andere gekündigt haben. Alle Schiffe auf dem Tyne konnten sich heute Morgen ihre übliche Mannschaft verschaffen, am Nachmittag dagegen verweigerten in Newcastle die Mannschaften die Anmusterung. In Leith dehnt sich der Ausstand aus; vierhundert Seeleute lehnten es ab, sich an- werben zu lassen. Lerlkn und Omgegenck. Die streikenden Bauklempner Groh-BerlinS hatten sich gestern vormittag von neuem vollzählig in den Andreas- Festsälen versammelt, um den Bericht über den Stand des Streiks entgegenzunehmen. Es hat sich jedoch, wie der Streikleiter Dietrich berichtete, seit der vorigen Streikversammlung nichts ereignet, was eine Veränderung herbeiführen könnte. Nachdem am Montag die Verhandlungen sich wieder einmal zerschlagen haben, wird der Kampf von den Streikenden mit unverminderter Kraft fortgesetzt. Verschiedene Klempnermeister, die sich nach dem Frieden sehnen, haben erklärt, datz sie in einer zum Donnerstag einberufenen Versammlung der Arbeitgeber Herrn Thom, der durch sein scharfmacherisches Verhalten die Verhandlungen zum Scheitern brachte, ordentlich den Kopf waschen wollten. Wie weit sie das getan haben, ist bis jetzt noch nicht bekannt geworden. Im allgemeinen liegt die Sache so bei den Arbeitgebern, datz die vielen Friedfertigen unter ihnen gegenüber den Scharfmachern nicht durchzudringen vermögen oder sich auch mit ihrer Meinung nicht recht hervortrauen. Das Bestreben der Unternehmer, Streikbrecher heranzuholen, hat keinen Erfolg. Am Dienstagmorgen sollte ein grösserer Transport auf dem Lehrter Bahnhof eintreffen; es stand auch ein Kremser bereit und die Polizei war ziemlich stark ver- treten; Bauklempner kamen jedoch nicht mit dem Zuge, sondern nur einzelne Leute, die in der Eisenkonstruktionsbranche Streik- brecherdienste leisten sollten, wurden von den bekannten Agenten transportiert. Es waren offenbar Personen, die dem Streik in jener Branche ebensowenig Abbruch tun können wie die paar Streikbrecher im Bauklempnergewerbe es hier vermögen, den Unternehmern aus der Klemme zu helfen. Bei der Firma Werner, wo die Verhältnisse als geregelt zu betrachten waren, ist die Arbeit aufs neue niedergelegt worden, weil sie auf einem Bau die Anfertigung von Streikarbeit der- langte.— Im weiteren Verlauf der Versammlung machte der Bevollmächtigte Cohen noch einige Ausführungen über die Lage im allgemeinen und bemerkte unter anderem folgendes: Es war in Aussicht genommen, die Verhandlungen vom Montag am Freitag fortzusetzen; das wurde jedoch durch das Dazwischenfahren des Herrn Thom verhindert. Wenn die Arbeitgeber nun glauben, daß die Streikenden jetzt wieder Verbindung mit ihnen an- zuknüpfen suchen, so täuschen sie sich. Die Arbeitgeber können nicht durch Worte, sondern müssen durch Tatsachen überzeugt werden, datz der Friedensschlutz ohne ausreichende gegenseitige Verständigung nicht möglich ist. Von Kleinmeistern wird zu- gegeben, datz sie, wenn sie von Anfang an die Forderungen der Arbeiter bewilligt hätten, während der ganzen Vertragsdauer mit weit weniger Mehrausgaben zu rechnen gehabt hätten, als der Schaden ausmacht, den sie jetzt bereits durch den Streik er- litten haben. Dabei müssen die Herren bedenken, datz der Kampf noch nicht zu Ende ist, der Schaden also immer grösser wird. TaS Unternehmertum der Bauberufe hat in den Klempnermeistern offenbar wieder einmal die Gruppe von Arbeitgebern vorgeschickt, die töricht genug war, sich vorschicken zu lassen und die Opfer des für sie aussichtslosen Kampfes auf sich zu nehmen. Die Bau- klempner, gestützt auf den starken Metallarbeiterverband, können den Kampf selbstverständlich noch lange aushalten und werden ihn mit allem Nachdruck fortführen, bis die Klempnermeister zu der vernünftigen Einsicht kommen, datz eS in ihrem Interesse liegt, Frieden zu schlietzen.— Die Worte wurden mit allgemeinem Beifall aufgenommen, wie denn auch der ganze Verlauf der Ver- sammlung deutlich erkennen Uetz, datz die Streikenden fortdauernd einmütig im Kampfe ausharren. Achtstundentag in Bäckereien. Die Grotzbäckerei von Liebing in Reinickendorf hat sich jetzt auch den Betrieben zugesellt, welche den Achtstundentag eingeführt haben. Das ist insofern besonders bemerkenswert, als Herr Liebing, der Inhaber der Bäckerei, der Sohn des Reinickerdorfer Obermeisters ist, welcher sich als einer der Entschiedensten gegen die Forderungen des Bäckerverbandes gewandt hat. Herr Liebing junior sieht eben gleich den Inhabern anderer Grotzbctriebe, ein, datz die Einführung des Achtstundentages in seinem eigenen Jnter- esse liegt. Es sind jetzt sieben Grotzbäckereien, welche die achtstündige Arbeitszeit haben. Gefordert hat der Verband von den Grotz- bctrieben nur die neunstündige Arbeitszeit(10 Stunden mit ein- stündiger Pause). Die Betriebsinhaber sehen aber ein, datz es für ie vorteilhafter ist, bei ununterbrochenem Betriebe drei Schichten zu je 8 Stunden arbeiten zu lassen. Dieser Zeiteinteilung werden ich voraussichtlich in nächster Zeit noch einige andere Großbetriebe anschlietzen. So ist also der Achtstundentag in den Großbäckereien ein unmittelbarer Erfolg des Kampfes, den der Bäckcrvcrband seit Jahren für die Verkürzung der Arbeitszeit führt. Tarifbewegung der Marmorarbciter. Die Marmorarbeiter nahmen am Donnerstag in einer gut be- lichten Versammlung die Anlwort de-Z Verbandes der Steinmetz- gcschäfte auf das von der Organisation der Arbeitnehmer gestellle Ultimatum entgegen. Särntliche Forderungen wurden glatt bewilligt. Bezüglich des Termins, an dem der neue Tarif ablaufen soll, er- klärten die Unternehmer, datz als frühester Zeitpunkt nur der 31. De- zember 1913 in Betracht kommen könnte. Sollte den Arbeitern üeser Termin jedoch zu ungünstig liegen, so stände es ihnen frei, den Ablauf deS Tarifs weiter hinauszuschieben. Nach längerer DiS- kussion, in der mehrere Redner die Dauer des Tarifs als zu lange bekämpften, wurde mit Stimmenmehrheit beschlossen, als Ablaufs- termin den 1. März 1914 zu nehmen. Zum Streik der Parkettbodenleger berichteten wir u. a. in Nummer 133 deS„Vorwärts", datz vier lokalorganisierte Zimmerer bei Kampfmeier als Streikbrecher eingetreten seien. In einer Zuschrift, die uns der Vorsitzende I u p p e n l a tz des Vereins der Zimmerer Berlins sendet, wird das bestritten. Herr Juppenlatz schreibt uns:„Die Bauten, die mir auf meine Anfrage im Streik- bureau als von Zinimerern besetzt angegeben worden sind, habe ich mit den Bodenlegern M e H m a n n und I o st a u am Dienstag, den 13. Juni, kontrolliert und haben wir gemeinsam festgestellt, datz kein Zimmermann Streikbrecherarbeiten verrichtet." Deutfcbes Reich, Der Zigarettenarbciterstreik in Hagen i. Wests, ist nach acht- tägiger Dauer erfolgreich beendet. Die Firmen Zigaretten- kompagnie Keßler und Westdeutsche Zigarettenfabrik W. Bauer, Hagen i. Wests., schlössen mit dem Deutschen Tabakarbeiterverbands Tarifverträge. Die neunstündige Arbeitszeit und Lohnzulagen von 5— 10 Proz. wurden bewilligt. Ter Kampf im Hamburger Holzgewerbe. Weil die grosse Ernte, die die Unternehmer von ihrer Werbe- tätigkeit zur Erlangung von Arbeitswilligen erhoffen, ausblieb, schreien sie jetzt wieder kräftig nach der Polizei. Die„Hamburger Nachrichten" bringen alle Tage neue Schauernachrichten über Miss- Handlungen ArbeuSwilliger. Wenn aber irgendwer die persönliche Freiheit in Hamburg bedroht, so sind eS die Arbeitswilligen, und wenn irgendwer die persönliche Freiheit nicht schützt, so ist es in vielen Fällen die— Polizei. Die Holzarbeiter sehen sich sogar gezwungen, an die Hamburger Arbeiterschaft in einem in Hundert« taufenden von Exemplaren verbreiteten Flugblatt zu appelliere», weil die Ueberfälle durch Streikbrecher sich mehren. Einer ganzen Anzahl der Arbeitswilligen konnten geladene Revolver, Messer, Schlag- ringe und Gummiknüppel abgenommen werden, so datz ein ganzes Zimmer mit den den Streikbrechern abgenommenen Mordwaffen ausstaffiert werden konnte. Und dabei wagt es dieses Pressegelichler noch, die kämpfenden Holzarbeiter— fast durchweg Familienväter— in dieser Weise zu besudeln. Nur der straffen Disziplin der Arbeiter ist es zu danken, datz eS noch nicht zu Ausschreitungen gekommen ist. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die Differenzen der Monteure bei der Firma Albert u. Co. in Frankenthal sind beigelegt. ES wurde zwischen der Firma und den Monteuren eine Vereinbarung getroffen, die die einzelnen Montagesätze regelt, bezw. dieselben erhöht. Die Montagearbeilszelt wurde von 10 auf 9 Stunden herabgesetzt. Die Verständigung wurde auf friedlichem Wege, durch Verhandlungen, herbeigeführt. Vom 1. Juli ab wird in den Betrieben die Arbeitszeit pro Woche um l8/4 Stunden verkürzt.(Sonnabends nachmittags 4Vz Uhr statt 6'/« Uhr Arbeitsschlutz.) Diese Arbeitszeit wird bis zum 30. Sep- tember d. I. als Uebergangsstadium beibehalten. Vom 2. Oktober ab wird dann die Arbeitszeit pro Woche um 3 Stunden gekürzt, also statt der bisher 60stll»digen wöchentlichen Arbeitszeit wird die 57 stündige wöchentliche Arbeitszeit eingeführt. Der Ausfall an Lohn wird den Arbeitern auf ihre Stundenlöhne aufgerechnet. Letztere Bestimmungen betreffs der Arbeitszeit wurden von sämt- lichen Fabrikanten Frankenthals in ihren Betrieben eingeführt. Die Sperre über Frankenthal ist aufgehoben. Tluotand. Der Mailänder Gasarbeiterausstand. Rom, den 14. Juni 1911.(Eig. Bcr.) Das Personal der Mailänder„Union des Gas" ist am 13. d. Mi. in den Ausstand getreten. Anlaß des sehr ernst zu nehmenden Streiks ist das Be- streben der Gesellschaft, einen grotzen Teil ihres festen Personals zu entlassen, um direkt öder durch Zwischenglieder Hilfspersonal anzustellen. Gerade in diesen Tagen wurde 99 Arbeitern ge. kündigt, darunter auch solchen, die seit mehr als 5 Jahren in der Fimna arbeiteten. Die Direktion der Gasgescllschaft will neue Maschinen einführen und die Zahl ihrer qualifizcrten Arbeiter immer mehr herabsetzen. Die Zahl der Streikenden beträgt 650. Einige 40 Gasarbeiter haben sich zu' Streikbrechern hergegeben und leben und schlafen in den Gasanstalten. Durch nächtliche Extra- züge sind unter starker Polizeibedeckung in zwei Abteilungen eng- tische Streikbrecher eingetroffen, die die Gesellschaft in Erwartung des Konfliktes schon angeworben hatte; die Zahl der Engländer, die ihren italienischen Kollegen in den Rücken fallen. beträgt 105.� Wie international zeigt sich nicht der Kapitalismus: auf italienischem Boden verwendet eine französische Aktiengesellschaft, deren Direktor zum Ueberflutz ein Deutscher ist, englische Streikbrecher! Diese Idylle des internationalen Kapitals läßt sich übrigens recht ungemütlich an, da die Streikenden durch lang- dauernde Drangsalierung gereizt und der Geduld müde sind, Hetzte]Vach nebten. Marokko vor der französischen Kammer. Paris, 16. Juni.(W. T. B.) Die Kammer verhandelte heute über die Marokko-Jnterpcllationen. I a u r e s sprach seine Genug. tuung darüber aus, datz die Lage zwischen Frankreich und Spanien, die eine Zeitlang gespannt schien, sich gebessert habe(Beifall auf vielen Bänken), und forderte sodann nähere Erklärungen über den Stand der Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die durch die Algecirasakte und den Geheimvertrag geregelt seien. B e n o i st erklärte, der frühere spanische Ministerpräsident Maura hätte 1904 diesen Vertrag allen Parteiführern mitgeteilt. I a u r s s forderte sodann die Regierung auf, in Verhandlungen wegen Veröffent- lichung des Geheimvertrags einzutreten, um den Mißverständnissen ein Ende zu setzen und zur Befolgung der Algecirasakte zurückzu- kehren. Wir wollten, fuhr Jaures fort, nach Fes gehen, weil unsere Agenten die Lage als verzweifelt darstellten. Nun erklären die spanischen und heute auch die französischen Agenten, datz das Land vollkommen ruhig sei. Jaures verlangte schließlich, datz Frank- reich und Spanien gemeinsam Marokko räumen sollten. Des- ch a n e l wies darauf hin, datz das Einvernehmen zwischen Deutsch- land und Frankreich die deutschen Handelsinteressen sicherstelle. Die Ereignisse hätten das Bündnis mit Rußland, trotz der Entrevue von Potsdam, und die Entente mit England, trotz des Todes des Königs Eduard, bewiesen. Deschanel schlotz, Frankreich könne die Ruhe und das kalte Blut eines grotzen Volkes bewahren. Die Kammer hat mit 471 gegen 112 Stimmen die Priorität der Tagesordnung Jaures abgelehnt, die die gefährliche Politik der Geheimverträge verurteilt und die Regierung auffordert, zur ge- nauen Einhaltung der Algecirasakte zurückzukehren und von einer militärischen Besetzung Marokkos abzusehen. Die Kammer hat da- gegen eine Tagesordnung Ferry angenommen, die die Erklärungen der Regierung billigt und ihr das Vertrauen ausdrückt. Der Passus, der das Vertrauensvotum enthält, wurde mit 434 gegen 77 Stim- men angenommen. Monarchistische Umtriebe in Portugal. Paris, 16. Juni. Die„Liberte" läßt sich aus Lissabon melden, datz die Führer der monarchistischen Parteien, die sich zurzeit in Spanien aufhalten, Concciro und Cagas, verhaftet worden sind. In Lissabon wurde gleichfalls einer der Hauptführer der monarchi- ftischen Gegenpartei verhaftet. Zu Tode geschleift. MySlowitz, 16. Juni.(B. H.) Der achtjährige Sohn des Landwirts Ziaski beauffichtigte die Kühe und band sich dabei den Strick, an dem eine Kuh befestigt war, um den Leib. Plötzlich scheute die Kuh, ritz den Knaben zu Boden und schleifte ihn mit, bis er eine unförmliche Leichenmasse war. ms ver Themse) und Stevedores(Schauerleute) an d,e Seemanns, den Ablauf des Tarifs weiter hinauszuschieben. Nach längerer DiS- bis er eine unförmliche Leichenmasse war._ verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. In feratenteil verantw.: Th. Glacke, Berlin. Druck u. Verlag: vorwärts Buchdr. u, vcrlagSanstalt Paul Singer i Co., Berlin L W. Hierzu 3 Beilage»«.vnterhaltungsbü Nr. 139. 28. Jahrgang. 1. fitilnje des.Idtmiitte" Sctlin« BolbHiitl. SoMbtlld, 17. IM m. Oer Slelßenfelfer CandfrledensbrucI)- Prozeß. Vor dem Schwurgericht in Naumburg begann am Mitt- woch ein Landfriedensbruchprozetz, der sich gegen 14 Weihenfelser Arbeiter und Arbeiterinnen richtet. Die Ursachen dieses Prozesses liegen nicht zuletzt in der Berleumdungssucht und niedrigen Kampfeswrrse der arbeiterfeindlichen Presse. Bei den Angeklagten handelt es sich meist um junge Leute im Alter von 16 bis 2» Fahren. Sie haben am 21. Februar d. F.— zur Zeit des Streiks der Weihenfelser Schuhmacher— vor der Böhms chen Schuhfabrik aus dem Betriebe kommende Arbeitswillige auf ihrem Nachhausewege nach Selau begleitet, sie angerempelt beleidigt und teilweise auch mihhandelt. Während des Lohnkampfes hatte die Streikleitung den Streikenden Ruhe und Besonnen- heit strengstens zur Pflicht gemacht. Die Parole ist auch im all- gemeinen befolgt worden. Am 21. Februar hatten sich vor der Böhnischcn Fabrik Hunderte von Neugierigen, meist halbwüchsige Burschen und am Streik nicht Beteiligte, angesammelt, die auf die Arbeitswilligen einzuwirken versuchten. Es kam darauf zu den Vorfälle», die jetzt Gegenstand des Prozesses sind. Die bürgerliche Presse schlug Lärm und schrie nach dem Staatsanwalt. Die Angeklagten sind sich wohl alle der Tragweite chrer Hand- lung nicht bewutzt gewesen. Das geht schon daraus hervor, daß sie ihre Verfehlungen, soweit solche begangen wurden, ohne weiteres eingestanden. Die Anklage legt ihnen zur Last, dah sie sämtlich an einer öffentlichen Zusammenrottung, bei welcher mit vereinten Kräften gegen Personen Gewalttätigkeiten be gangen wurden, teilgenommen haben; ein Teil von ihnen: Gewalttätigkeiten gegen Personen be- gangen und Arbeitswillige öffentlich beleidigt haben. Wie sehr damals von'der bürgerlichen Presse übertrieben und entstellt wurde, beweist folgender Satz der Anklageschrift:.. im übrigen aber waren die Verletzungen, wenn auch nach dem ärzt- lichen Befund die Angaben über ihre Entstehung zutreffen, u n e r h e b l i ch und jedenfalls nicht geeignet, eine dauernde Schädigung der Gesundheit der Betroffenen heribeizufühnen." Ausdsrücklich betont die Anklageschrift, dah von der Streikleitung stets und noch am Vormittag des 21. Februar ausdrücklich vor jeder Be- lästigung von Arbeitswilligen gewarnt worden sei.— Die Verteidigung der Angeklagten haben drei Naumburger Rechtsanwälte und Genosse Heine- Berlin übernommen. Der 18 Fahre alte Zimmermann K l e i n s i m o n gibt bei seiner Vernehmung an, er sei aus Neugierde vor die Böhmsche Fabrik gegangen, da er im„Weihenfelser Tageblatt" gelesen hatte, in jenem Betriebe arbeiteten 44 Arbeitswillige. Mit einigen hundert anderen sei auch er den Arbeitswilligen gefolgt. Er gibt zu. Arbeitswillige vom Wege ab auf das Feld gedrängt zu haben. Die 17 Fahre alte Frida Pechmann soll Arbeitswillige mit Erde geworfen haben; sie bestreitet das. Auch der 16 Fahre alte Eisendreherlehrling Geyer soll mit Erde geworfen haben; ferner wird er beschuldigt, einen Arbeitswilligen getreten und„Streik- brecher" gerufen zu haben. Der Beschuldigte gibt den Ruf zu, alles andere bestreitet er. Auf Vorhalt bei seiner polizeilichen Vernehmung habe er mehr zugestanden, behauptet er, durch Drohungen, man werde ihn„einstecken", zu seiner Aussage genötigt worden zu sein. Der 21 Fahre alte Arbeiter Böttger hat einen Arbeitswilligen geschlagen; er gibt das zu, behauptet aber, der Arbeitswillige habe zuerst geschlagen. Der 15 Fahre alte Arbeitsbursche Dettmar soll mit Erde geworfen, vor einer Ar- beitswilligen ausgespuckt und gesagt haben:„Schämst Du Dich nicht, getraust Du Dich noch aufzugucken." Er gibt die Aeutzerung zu, bestreitet aber alles andere. Auch er hat bei seiner Polizei- lichen Vernehmung mehr zugestanden, behauptet aber, durch die Dro Hungen:„Du wirst eingesteckt" und„Wir legen Dich über den Stuhl" dazu veranlaßt worden zu sein. Ter 19 Fahre alte Arbeiter W e tz e l t gibt zu, einen Arbeitswilligen zu Boden ge- warfen zu haben. Der 29 Fahre alte Ofensetzer Franke be- streitet. Arbeitswillige in den Straßengraben gedrängt zu haben. Auch der 39 Fahre alte Zwicker Heuschkel bestreitet jede Steil- nähme an den Borfällen. Der Maschinenarbcitcr T ä n tz e r kann sich nicht erinnern, das Wort„Schmierlappen" gebraucht zu haben. Frau Friedrich bestreitet, einen Arbeitswilligen angespuckt zu haben. Auch die Angeklagten Frau Friedrich, Arbeiter H o r a ck, Arbeiter Schönt an und Dachdecker Hohnemann, die eben- falls an den Vorgängen beteiligt sein sollen, bestreiten die ihnen zur Last gelegten Ausschreitungen. Bei der Zeugenvernehmung bekundete Franz Böhme, Be- triebsführer in der Fabrik seines Bruders, von den 188 Arbeitern seien bei Beginn des Streiks 54 im Betriebe geblieben; durch Neu- cinstellungen sei die Zahl auf 64 gebracht worden. Er habe tele- phonisch die Polizei benachrichtigt, als es am 21. Februar vor der Fabrik zu einer Ansammlung gekommen sei. Einige Beamte und sein Bruder hätten die in der Stadt wohneden Arbeitswilligen be- kleines feuilleton. Neue Funde aus NntinoS. Der französische Archäologe Albert Gayet, der sich bereits seit einer Reihe von Jahren die Trümmer- statten des alten Antinoö in Aegypten zltln Schauplatz seiner Gra- Hungen auserlesen hat, bietet auch in diesem Sommer wieder einen Ueberblick über die reichhaltigen Funde, die ihm während der Ar- beiten des letzten FahreS geglückt find. In den Räumen des Pariser Musöe d'Ennery hat er eine stattliche Sammlung von Dingen aller Art ausgestellt, die uns eine vielhundertjährige Vergangenheit in anschaulichster Form nahebringen. Gayat hat ja in den Ruinen von Antinoö eine ganz neue, uns eigenartig anmutende Welt entdeckt. ein Stück jener späten, überfeinerten und dem Untergange geweihien Kultur der letzten römischen Kaiserzeit, da noch einmal auf dem ägypti- scheu Bode» die uralten Kulte der Mysterien zu frischem Leben er- wachten, bevor das Christentum sie vernichtete. Solche Vorstellungen, aus ferner ägyptischer und griechischer Zeit noch hinüberklingend in das Leben der„letzten Heiden" von Antinoö, gewinnen in dem wichtigsten dieser neuesten Funde Gayets Gestalt, in der M u m i e einer P r i e st e r> n, die sich der Verehrung des unter der Ge- stall dcS schönen A.inous wieder auflebenden OsiriS geweiht hatte. Diese Dienerin es Osiris- Dionysos- AntinouS, heute eine alle schwärzlich gebräunte Mumie, ein Bild trauriger Ver- gänglichleit. war vor 1699 oder 1799 Jahren eine Haupt- perion bei jenen wilden, in Raserei ausartenden Festen, in denen die Vernichtung deS Frühlings durch den Sommer dar« gestellt wurde. Es waren das die„Panegyrien" der Ekstase und die Priestcrin stellte in ihren leidenichaftlichen Gebärden und in der Ausübung des strengen, von altersher überlonlmeuen Zeremoniells die schwüle Gewalt und den heistglühenden Odem des Sommers dar. Die Raserei ihrer religiösen Uebung steigerte sich zu Selbst- Verletzungen, die sie sich beibrachte. Gayet hat, nachdem er die Binden der Mumie gelöst, noch die Wunden, Schnitte und Rilse an ihrem Körper aufgefunden. Sie lag im Sarge, bedeckt mit einer Maske und geschmückt mit einem.Blumengewande". von dem die alten Schrisien erzählen. Das ganze Kleid war ein Gewebe aus Blumenornamenten, über und über mit blühenden Zweigen bedeckt. Musik. In der unseligen Zeit des seligen Ucberbrettls gab es auch eine oder die andere Pantomime mit einem tragischen Pierrot. mit charakteristischer Musik von einem Klavier hinter der Bühne und von einem anderen auf der Bühne, das am schaurigen Schluß von selber zu spielen beginnt, und dergleichen mehr. Der Inhalt einer> gleitet, an die in Selau und Borau Wohnenden sei leider nicht gedacht worden; erst zu spät habe er bemerkt, daß diese von Hirn- derten von Menschen vcrsolgt wurden. Was aus der Landstraße geschehen sei, könne er nicht angeben; aber gegen Abend habe der Arbeitswillige Mothes von Selau aus telephoniert, es sei ihnen so arg mitgespielt worden, daß keiner mehr zur Arbeit kommen könne. Der Werkmeister Mettkessel und der Arbeitswillige Hering bekunden im wesentlichen das gleiche wie Böhme; ähnlich äußern sich auch die Polizeibeamten Freudenberg und Stein- b rech er. Verschiedene Arbeitswillige bekunden Einzelheiten; man habe sie beschimpft und ihnen gedroht. Polizeikommisiar D a e h n bestreitet, bei der Vernehmung der Angeklagten mit Drohungen operiert zu haben. Am zweiten Verhandlungstage wurde die Zeugenvernehmung fortgesetzt. Dr. Scheibe bekundet als Sachverständiger und Zeuge, er habe in Selau vier verletzte Arbeitswillige behandelt, die sich vier Tage krank gemeldet hätten. Nach einer Reihe von Zeugen, die nur Bekanntes oder UiNvesentliches aussagen, macht Gewerkschaftssekretär G ö p p e r t Angaben über die Entstehung des Streiks. Die Ansammlung vor der Böhmsche» Fabrik sei auf Gvund der Meldung des„Weitzenfelser Tageblattes" entstanden, nach der der Betrieb durch 64 Arbeitswillige aufrechterhalten werde; hinzu komme noch, daß die Firma einen Beschluß des Ver- bandes der Schuhfabrikanten dadurch verletzt habe. Immer wieder seien die Streikenden ermahnt worden, sich jeder Belästigung der Arbeitswilligen zu enthalten, anderenfalls müsse ihnen die Streikunterstützung entzogen werden. In seinem Plaidoyer behauptete der Staatsanwalt, eS fei eine „Zusammenkunft" geplant gewesen, um den Arbeitswilligen einen Denkzettel zu geben. Den Polizeikommissar Daehn nahm der Staatsanwalt gegen die von einigen Angeklagten erhobenen Vor- würfe über die Art ihrer Vernehmung in Schutz. Er beantragte, die Schuldfrage auf LandfriedenSbruch zu bejahen, plädierte aber auf mildernde Umstände. Die Angeklagten hätten allerdings frivol gehandelt und sogar die Ermahnungen der Streikleitung, sich jeder Belästigung!der Arbeitswilligen zu enthalten, in den Wind ge- schlagen. Verteidiger Rechtsanwalt Heine-Berlin führte aus: Er mißbillige die Vorkommnisse vom 21. Februar, sie seien durch die sensationelle Nachricht hervorgerufen worden, daß im Böhmschen Betriebe so viele Arbeitswillige tätig seien. Die Ansammlung sei dann aus Neugierde entstanden. Die Vorkommnisse auf dem Wege nach Selau könnten nur als grober Unfug oder als Fälle von Mißhandlung charakterisiert werden. Von den meist noch jugend- lichen Angeklagten anzunehmen, daß sie sich bewutzt gewesen seien, ihre Ausschreitungen könnten als Verbrechen angeschen werden, denen Zuchthausstrafe droht, sei nicht angängig. Bei den Angeklagten unter 18 Jahren sei nicht anzunehmen, daß sie die Einsicht der Strafbarkeit besessen hätten. Nach etwa zweistündiger Beratung wurde das Urteil gefällt. Der Spruch der Geschworenen lautete auf: schuldig des schweren Landfricdensbruchs gegen K l e i n s i m o n, Pechmann. Geyer, Böttcher, Dettmar(ihm wird zu- gebtlligt, ihm habe die erforderliche Einsicht gefehlt) und W e tz e l t; des einfachen Landfricdensbruchs gegen Franke, Heuschkel, Täntzer, Frau Friedrich, Horrack und Schönian; Hahnemann wird freigesprochen. Den des schweren Land- friedensbruchs schuldig gesprochenen werden mildernde Um- stände zugebilligt. Abends 9 Uhr verkündet das Gericht folgendes Urteil: Klein- simon 7 Monate Gefängnis(vom Staatsanwalt 1 Jahr und eine Woche Gefängnis beantragt); Frida Pechmann 1 Woche Gefängnis(beantragt 3 Monate); Geyer 2 Wochen Gefängnis (beantragt 4 Monate); Böttger 6 Monate Gefängnis(becm- tragt 7 Monate); D e t tm a r 1 Woche Gefängnis in bedingter Verurteilung(beantragt 14 Tage); W e tz e l t 6 Monate Gesang- nis(beantragt 7 Monate); Frau Friedrich 3 Monate eine Woche Gefängnis(beantragt 4 Monate); Franke, Heuschkel, Täntzer, Horrack und Schönian je drei Monate Ge- fängnis(beantragt je 3 Monate>. Das Gericht'hat durchgängig auf die gesetzlichen Mindeststrafen erkannt. Jugendbewegung. Die Regierung gegen die jungen Arbeiterturner. Das Reichsgericht hat im Vorjahr gegenüber den Zöglings- turnverboten eine Entscheidung gefällt, daß eine Kabinettsorder des Jahres 1834 und eine Regierungsinstruktion des Jahres 1817 über den Privatunterricht der schulpflichtigen Jugend keine gesetz- liche Grundlage bilden, den Begriff Jugend auf alle Personen auszudehnen, die noch nicht das 21. Lebensjahr erreicht haben, wie z. B. die Zöglinge der freien Turncrschaften. Trotz dieser höchstgerichtlichen Entscheidung ist die Regierung in Merseburg der Zeitzer freien Turnerschaft doch wieder mit diesen vergilbten, für unzureichend erklärten Paragraphen auf den Leib gerückt. Sie hat dem Vorsitzenden der Zeitzer freien Turnerschaft e i n neues Zöglingsturnverbot zugeschickt, in dem es heißt: Pantomime, die am Donnerstag im„Kleinen Theater" ge- spielt wurde, könnte ganz wohl den Boden für eine Musik abgeben, die mindestens soviel leisten würde, wie bei Derartigem schon ge- leistet worden ist.„Die vier Toten der Fiametta" sind deren drej Liebhgbcr, die sie in einer Kiste verbirgt; der Herr Gemahl setzt sich darauf, sie ersticken, werden von einem Bettler zum Fenster hinausgeworfen; aber der Gemahl fliegt als vierter nach. Herwarth Walde», aus dem Konzertsaal bekannt dadurch, daß er sich auf den Beethoven setzt und ihn erstickt, wollte nun einen neuen Musikstil erfinden: die übergeschnappte Klavieretüde, die charakterisieren soll, aber hauptfächlich einen wild gewordenen Klavierschüler parodiert, der sich an ihr rächt. In übereinstimmen- der Weise auf einem Klavier hinter der Bühne gespielt, bildete sie die Musik zu der genannten Pantomime. Die Mimiker, voran RosaValetti, spielten so gut, daß man sie ob ihrer Gebunden- heit an eine solche Ilnmusik von Herzen bedauern konnte. Wie eine Erlösung klang nachl)cr das„Mnsiklustspicl". das den Titel„Karneval in Nizza" führt. Ein Ehe- und ein Liebespaar amüsieren sich kreuzweis in Chambres separeeS, wollen einander zum Mondänfcin erziehen und bringen das Ganze zu einem mehr oder minder lieblichen Schluß. Zu dem Texte von R. Misch hat H. Roland eine Musik gemacht, die mit ihrer Anmut über die Operettenschablone hinausstrebt und uns wünschen läßt, den Komponisten bei einer würdigeren Aufgabe ßvicder- zufinden. Vorher gab's«in altes, doch trotz harmloser Fabel und Musik immer noch frisch blühendes Opcrettchvn von I. Offenbach: „Die verwandelte Katze". Hervorgegangen aus einer Pantomime von 1837, dann das Entzücken unserer Großmütter und Mütter, wurde das Stück vor einigen Jahren in einem fSommer- Winkel bei Kroll gegeben. Die jetzigen Sänger erwiesen der Musik, deren Ensemblesätze viel Anspruch an Gesangskunst machen, die gebührende Ehre. In der Hauptrolle ersetzte Adelheid Pickert die Tradition eines Katzenkostüms durch eine bloß auf Sang und Spiel gestellte Darstellung.— Orchester hier und im vorigen: ein paar Geigen mit Klavier hinter der Bühne. Direktor W. W a u e r macht mit seiner guten Regie der drei Einakter Aussicht auf eine hübsche Sommersaison. Die Phanto- mime ist von ihm—„nach einem Einakter von Pordes Milo", wie schließlich auf einigen Ankündigungen notgedrungen vermerkt wurde- si, Humor und Satire. Blumentag. Der dicke Bürger greift in seine Weste: »Da nimm l mein Kind l" „Die Heranziehung von Personen im Alter von 14 bis 17 Jahren zu den Turnstunden stellt sich als Jugendunterricht dar und untersteht, wie jede Art privaten Schulunternehmens, gemäß der Allerhöchsten Kabinettsorder vom 19. Juni 1834 und der dazu ergangenen Ausführungsbestimmungen vom 31. De- zcmber 1839 unserer Aufsicht. Nach den Bestimmungen der genannten Vorschriften habe» Leiter oder in der Unterweisung tätige Personen dieser Uebungen zunächst den Nachweis ihrer Wissenschaft» lichen und sittlichen Befähigung zur Jugend» erziehung zu erbringen, sowie die Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde einzuholen. SOa sie diesen Bestimmungen nicht genügt haben, untersagen wir Ihnen bis zur Erfüllung dieser Erfordernisse die Zulassung jugendlicher Personen zu den Uebungen und Veranstaltungen des Turnvereins Freie Turnerschaft in Zeitz, sowie die Er- teilung von Turnunterricht an jungendliche Personen oder die Abhaltung von Uebungen mit solchen. Für den Fall der Zuwiderhandlung gegen diese Verfügung drohen wir Ihnen gemäß Z 18 der Regierungsinstruktion vom 23. Oktober 1817 in Verbindung mit§ 48,2 der Verordnung vom 26. Dezember 1898 eine Exekutivstrafe von 199 M. eventl. 19 Tagen Haft an.* (gez.) v. Gcrsdorff. Goltze."'" Ehrwürdige, über hundert Jahre alle Paragraphen kramk man aus, um der Jugend beikommcn zu können. Ob diese ver- moderten Dinger noch rechtsgültig sind, ist nebensächlich, wenn man nur vorläufig mit ihnen seinen Zweck erreicht. Systematisch soll nämlich der Arbeiterjugend auch in Zeitz die Bcwegungs- und Beteiligungsfreiheit vernichtet werden. Man ist nicht allein gegen ihre turnerischen Zusammenkünfte, sondern auch gegen die geselligen Veranstaltungen der Arbeiterjugend vorgegangen. Wiederholt ist die Polizei in den letzten Wochen in solche Ver- anstaltungen eingedrungen und hat sofort an Ort und Stelle lange Verhöre mit den Anwesenden vorgenommen. Bei den Eltern einzelner der jungen Leute sind diese Aushorchungen dann mög. lichst eingehend fortgesetzt worden, doch glücklicherweise stets mit einem für die Polizei sehr negativen Erfolg. Die Beteiligten haben sich nie einschüchtern lassen, und so wird auch der jetzt gegen die Turnerjugend geplante Schlag wohl kräftjg pariert werden können._ t. Jugendlirderduch. Herausgegeben von der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands. Verlag Buchhandlung Vorwärts. Berlin LIV. 68. Zweite erweiterte Auflage(51—199999). Preis der kartonierten Exemplare 25 Pf., der gebundenen Exemplare 35 Pf. Das Jngendliederbuch hat bei der proletarischen Jugend bereit» gute Aufnahme gefunden, die in verhältnismäßig kurzer Zeit eine neue Auflage veranlaßt hat. Das vorliegende, geschmackvoll aus- gestattete neue Büchlein übertrifft noch bedeutend seine Vorgänger an Inhalt und Umfang; es enthält auf 144 Seiten 169 unserer schönsten Volks-, Wander- und Freiheitslieder mit Angabe der Sing« weisen. Trotz der Preiserhöhung von 5 Pf., die durch die bedeutende Erweiterung deS Umfanges sich notwendig machte, ist der Preis im Verhältnis zu der gebotenen Fülle auserwählter Lieder ein erfreulich niedriger, der jedem jugendlichen Arbeiter die Anschaffung deS reichen Liederschatzes ermöglichen dürfte. Soziales* Kommunale Arbeitslosenversicherung. An Stelle der bisherigen„Stadtkölnischen VersichcrüngSkasse gegen Arbeitslosigkeit im Winter" soll in Köln a. Rh. mit dem 1. Juli d. I. eine VersichcrüngSkasse inS Leben treten, die sich von der alten Einrichtung, einer Gründung des Industriellen Kom» merzienratS Schmalbcin, an die die Stadt jährlich 29 999 M. Zu» schuh zahlte, wesentlich unterscheidet. Zunächst wird die Kasse die Arbeitslosigkeit während des ganzen Jahre? erfassen. Dann werden die Arbeiterorganisationen in hervorragendem Maße an der Kasse beteiligt. Die Stadt erhöht ihren Zuschuß im Bedarfs« falle bis auf 199 999 M., wofür sie 6 von den 29 Sitzen im Gesamtvorstand erhält. Die Versicherten und die Gewerkschaften erhalten 19 Sitze; einen Sitz hat der Vorsitzende der Aufsickstskommission des Allgemeinen Arbeitsnachweises der Stadt Köln und drei cnt» fallen auf die„Stifter" und„Ehrenmitglieder". Diese beiden Anhängsel sind ein Zugeständnis an die alte Kasse, die man mit ihren 149999 M. Vermögen herübernahm.„Stifter" ist der- jenige, der einen einmaligen Beitrag von 399 M.,„Ehrenmitglied", wer jährlich 5 M. Beitrag zahlt. Den Gewerkschaften hat man erhebliche Zugeständnisse gegenüber dem ersten Statutentwurf machen müssen; indes war die Ausschaltung jenes patriarchalischen Anhängsels nicht zu erreichen. Die Mitglieder sind ja nach der in ihrem Berufe mehr oder Er gibt den Sechser mit gerührter Geste— die Träne rinnt I— Das Auge tropft. Der dicke Bauch schlägt Wellen. Er schenkte ivaS II-- In solchen Patriotenrummelfällen da tut er das I Er sorgt für Veteranenpensionierung von Stolz geschwellt— Bei uns hat nämlich dafür die Regierung, weiß Gott l kein Geld. Denn sie muß eifrig auf die fchf Roten fahnden— sie darf nicht ruhn. Sie muß politische Verbrechen ahnde»— sie hat zu tun— 1 1 Das leert bor allem andern ihre Kassen.•— Für'S Kriegerpack da betteln sie derweil auf allen Gassen— Kornblumentag... Der Bürger denkt bei Tisch, nach süßen Torten und blauem Aal, (Hupp I stößt'S ihm auf—):»Wie sind wir allerorten christlich-sozial I"—_ Kurt. Notizen. — Der Cha�lottenburgerOpernloiter. Mit eine» Ausdauer, die an Papstkonllaven erinnert, beriet der AufsichtSrat des Charlottenburger Opernhauses über die Besetzung deS Direktor» Postens. Was sicb dabei hinter den Kulissen abgespielt hat. entzieht sich öffentlicher Kenntnis. Genug: Charlottenburg bekommt in Georg Hartmann, dem bisherigen Direktor des Effener Stadt» rheaters, einem geschulten Musiker, den Leiter seines Opernhauses. Dr. N e u n, a n n- H o f e r, der in dem Rennen um den Posten vielfach als Favorit galt, wurde zum künstlerischen Beirat �dtS AufsichtSrats ernannt. — Der L-auchstedter Theaterverein veranstaltet im dortigen Gocthe-Theater unter Leitung Paul SchlentherS nächsten Freitag, Sonnabend und Sonntag, jedesmal von 3—6 Uhr nach- mittags, Aufführungen von„Dem zerbrochenen Krug" von Kleist und„RaSmus Berg" von Holberg. Der Billett- verkauf findet nur in Halle a. S., Gr. Ulrichstr. 38, statt. An allen drei Spieltagen verkehren Sonderzüge von Halle au». keniger häufigen Arbeitslosigkeit in b'rci Gefahrenklassett'ein geteilt. Innerhalb jeder Gefahrenklasse gibt es zwei Tarife, die je nach der Beitragshöhe eine geringere oder höhere Unterstützung festsetzen. Nach dem ersten Tarif zahlt man, sofern die zuständige Gewerlschaft nicht der Kasse angeschlossen ist, 15, 20 und 40 Pf. Wochenbcitrag, je nach der Gefahrenklasse, und erhält dafür pro Tag 1,50 M. Arbeitslosenunterstützung während der ersten 20 Tage und 0,75 M. während weiterer 40 Tage. Nach dem höheren Tarif erhält man bei 20, 30 bczw. M Pf. Wochenbeitrag 2 M. bezw. 1 M. Unterstützung. Im Jahre kann hier also an 60 Tagen Unter- stützung bezogen werden, die sich im Höchstfalle auf 80 M. beläuft. Für die ersten sechs Tage der Arbeitslosigkeit wird nichts gezahlt. Die Gewerkschaften zahlen bedeutend geringere Beiträge, bis hinunter zu 2 Pf. pro Woche und Mitglied. Auf Grund mit der Kasse abzuschließender Verträge können die Gewerkschaften eine Rückversicherung eingehen, so daß ihnen die Kasse je nach der Beitragsdauer pro Tag der Arbeitslosigkeit von 0,75 M. bis 1,50 M. zahlt, und zwar innerhalb 52 Wochen bis zu 60 Tagen bei dem einzelnen Mitglied. Die von der Organisation gewährte Arbeitslosenunterstützung muß um mindestens 25 Pf. pro Tag höher als die Rückvergütung sein. Die Gewerkschaften zahlen, wenn sie in den ersten sechs Wochen nach Gründung der Kasse bei- treten, je nach der Gefahrenklasse 2, 5 oder 15 Pf., für später bei- tretende Organisationen jedesmal das Doppelte pro Woche und Mitglied. Eine Konferenz der Kölner GcwerkschaftSvorstände bedauerte zwar, daß bei dem Statut einige grundsätzliche Bedenken nicht ausgeräumt wurden, empfahl im übrigen aber den Beitritt, in der Envartung, daß nach Ablauf der zwei Jahre, für die die ganze Einrichtung Versuchsweise gedacht ist, weitere Reformen eintreten. TIiis aller Älelt. ein fkberes JVHttcl gegen äle peft. Da zerbrechen sich Staatsmänner. Aerzte und Hygieniker die Köpfe, wie man am besten den schwarzen Tod bekämpfe. Man schickt unter großen Opfern ärztliche Studienkommissionen nach Asien. man hält in der Mandschurei intemationale Sanitätskonferenzcn ab und unternimmt alles Mögliche und doch ist das alles über- flüssig. Der beabsichtigte Zweck kann viel einfacher erreicht werden. Dieses wird von dem Oberpfälzer Zentrumsblatt, der „Amberger Volkszeitung" klipp und klar konstatiert. Das genannte Blatt schrieb dieser Tage in einem Artikel über das 200j ährige Jubiläum der dortigen Wohlfahrtskirche unter anderem über das Wirken der im 17. Jahrhundert in Amberg grassierenden Pest das folgende: „Die Zahl der Toten betrug nach pfarramtlichen Aufschrei- bungen 856; zur Pest gesellte sich die Hungersnot. Die Leute fürchteten sich, die Stadt zu betreten oder mit Lebensmitteln zu versehen. So war die Lage eine überaus trostlose: alle irdischen Mittel, welche das Ratskollegium und die eingesetzte Sanitäts- kommission anwandten, erwiesen sich als fruchtlos. Da gab der Rektor des JesuitenkollegS, Pater Kaspar Hell, den schwer heimgesuchten Bewohnern den Rat, sich an die mächtige Helferin der Christen, an die gebenedeite Mutter GotteS, um ihre Fürbitte zu wenden und auf dem Berge an Stelle des alten WachturmeS eine Kapelle zu Ehren der Himmelskönigin zu erbauen und erbot sich dafür, ein Bild der seligsten Jungfrau aus dem Kolleg abzutreten. Die Bürger, an jeder menschlichen Hilfe verzweifelnd, gingen gerne auf den Rat ein, ließen den Wachturm in Stand setzen und errichteten darin einen provisorische» Altar, der das Bild aufnehmen sollte. Am 8. September 1634 bewegte sich von der Georgskirche zum Berge hinauf eine feierliche, ernste Prozession, an der sich, der Garnisonskommandant an der Spitze, alle Offiziere, nebst dem Klerus und eine große Zahl aus dem Volke beteiligte; in dem zur Kapelle umgestalteten Wachturm wurde daS Bild der Gottesmutter zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Der Würgengel der Pest st eckte sein Schwert in die Scheide, die Krankheit erlös ch." Also, wozu denn Aerzte. wozu Lungemchützer und andere Vor- beugungsmittel, wozu Quarantänen und andere Sicherheits- maßnahmen I Man wallfahre zu irgend einem Bild der„Himmels- königin" und der Würgengel der Pest steckt sein Schwert in die Scheide. Und das erzählt allen Ernstes eine deutsche Zeitung noch im Jahre 1011 und dabei spöttelt man über die Rückständigkeit der Chinesen. Ter deutsche Rundflug. Zu den beiden Fliegern Lindpaintner und B ü ch n e r i die die Strecke Schwerin-Hamburg durchflogen haben, hat sich als dritter der Albatrospilot König gesellt. König ist mit Passagier am Donnerstagabend in Schwerin aufgestiegen und hat bei Siebeneichen eine Zwischenlandung vorgenommen. In den ersten Morgenstunden ist er von dort wieder aufgestiegen und landete gegen 5>/z Uhr glatt auf dcni Flugplätze bei Hamburg. Nachdem am Freitag in Hamburg S ch a u f l ü g e unternommen waren, ist für heute Sonnabend, der Start nach Kiel festgesetzt- Voraussichtlich wird der Flug eine stärkere Beteiligung aufweisen- da mehrere der gemeldeten Flieger erst von Hamburg aus starten. Wild-West in New Aork. Ein dreister Einbruchsdiebstahl wurde in einem Hotel auf dem Broadway verübt. Acht bewaffnete Männer drangen gestern morgen in das Bureau des Hotels ein, hielten dem dort anwesenden An- gestellten einen Revolver unter die Nase und zwangen ihn, sich ruhig zu verhalten. Währenddessen raubten die anderen den Geldschrank aus. Alle acht entfernten sich dann fluchtartig. Die zu Hilfe gerufene Polizei, der sich eine große Menschenmenge anschloß, verfolgte die Räuber. Sowohl die Polizisten wie die Räuber gaben mehrere Schüsse ab; durch die Kugeln der Polizisten wurden aber nicht die Räuber getroffen, sondern nur einige Personen auS dem Publikum. In dem völligen Wirrwarr gelang es sechs von den Räubern, zu«nt« kommen, während zwei verhaftet werden konnten. 5tlei»e Notizen. Im Namen des Königs! Der durch Urteil des Schwurgerichts in Halle am 30. November 1010 loegen Ermordung des galizischen Arbeiters zum Tode verurteilte Steintrüger Albert Opitz wurde gestern früh 6 Uhr aus dem Hose des Gcrichtsgefäugnisses in Halle vom Scharfrichter Gröbler aus Magdeburg hingerichtet. Der Mörder war gefaßt und ruhig. Durch einen Felsblock zerschmettert. Im Schieferbruch Ste. Anne-Buny bei Charleville sind durch den Einsturz eines Fels- blockes zwei Arbeiter getötet und fünf verwuntztt worden. fllüSiT Todes-Anzeigen MM SoziAldeinokralisciier Watiiverein für den 4. Herl. keicktM-MIIM. Köpenicker Viertel. Bezirk 200. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Buchbinder widert Roßteutsclier Skalitzer Str. 82 gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, 17. Junl, nachmittags Ist, Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus-Kirchhofes, Hermann- straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 21g/1Z»ei- Gesangverein„Liberte" Berlin. SR. d. D. A..S.-». Am Donnerstag, den 15. Juni, verstarb nach längerem Leiden unser SangeSbruder AM Roßteutscher im noch nicht vollendeten 84. Lebensjahre. 61/3 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 17. Juni, nach- mittags'/zb Uhr, aus dem Emmaus- Kirchhos in Rixdors, Hermann straße 125— 135, statt. Die Mitglieder werden ersucht, recht zahlreich daS letzte Gelei! zu geben. Der Vorstand. Reutseher Holzarbeiter- Verband Den Mitgliedern zur Nachrichl. daß unser Kollege, der Tischler �uxust Grund am 11. Juni gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 17. Juni, nach- miitags 3'/, Uhr, von der Leichen- l balle de» Zentral. Friedhoses in I Friedrichsfelde auS statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler FrtedricK Zibell am 14. Juni gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet beute l Sonnabend, den 17. Juni, nach- mittags 3'/, Uhr. von der Leichen- halle des Zentral-Friedhoses In | FriedrichSselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht >84/15 Die OrtSverwaltnng. n Reutseher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachrichl. daß unser langjähriges Mitglied, der Buchbinder Albert Roßteutscher nach langen und schwerem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Zlndenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Juni, nach- mittags 47, Uhr, von der Leichenhalle des irmmaus-KirchhoseS in Rixdors. tzcrmannstraße 120/187, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 24/7 Die Ortsverwaltung. Zentral-Verband der Zimmerer Deutschlands. Zahlstelle Berlin und Umgegend. Bezirk II. Den Berufs genossen zur Nach« richt, daß unser Mitglied IBrnst Schmidt am Mittwoch, den 14. Juni, ver. storben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 17. Juni, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle deS städtischen Zentral-FnedhoseS in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 254/ H Oer Vorstand. Spar-n. Mtverein„Solidaria". Slm 14. Juni starb unser Mit- glied, Freund Friedrich Zibell. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am 17. Junl, nacknniitagS Vz4 Uhr aus dem Zenlralsriedhos, FriedrichSselde statt. 2-2486 Am 13. Junl, vormittags 11 Uhr, verschied plötzlich mein liebcr Mann, unser lreusorgender Vater, Schwieger- und Großvater, der Kohienhändler Gottlieb Vorverk im 68. Lebensjahre. 22526 Dies zeigen tiefbetrübt, um stille Teilnahme bittend, an Marie Vorwerk, geb. Hiller nebst Kindern. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 17. Juni, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle de» Getbsemane-Kirchhoses, Nordend, auS statt. Or.Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41,«".Ä. 10— 2, 5— 7. Sonntags 10—12. 2— t ßlohcl-Hngebot. 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Sonntag, abends 8 Uhr: Hevolntionnhochaelt. Montag, abends 8 Uhr: Bevolutlonnhochuelt. Neues Kgl. Opern-Theater ocroii) Eonnabend. 17. Juni, abends 8 Uhr: Rheingold. Vorabend Ring der Nibelungen v. Richard Wagner. Sonntag: Meietereinger v. Wagner. Montag: Gastspiel d. Herrn"'-" aus Äiünchen: Walkfire v. I0SE=THEATE Grotze Frankfurter Str. 132. Ansang 8V« Uhr. AerSelhjllttördtrkluh Auf der Gartenbühne täglich: Konzert, Theatervorstellung. Speziali- tüten. Ans. 4V, Uhr.— Um 8 Uhr: Die grotze Revue: Es gibt uur ein Berlin. Ansang 8'/« Uhr. lile großen Weltstadt-Attraktionen. Lachen ohne Ende l oerierdroelieneZplesel Kom. Original der Gebr. Schwarz. Um ein Weib. GrotzeS amerilan. Ausstattungsstück. (er. I Maroussia | Abends 8 Uhr: Die schöne die TSnzerin Mass. Kunst Nina Bitowey kaukas. Volksaängerin, aad das neue sroßo I I'rogranini! 14 ertiklass. Attraktionen. Junaßatk heute Sonnabend: Elite»Tag. Monster• Feuerwerk.— Alpenidyll• Apotheose. Neueste ittraktlonen! Straße von Kairo. 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Ueber dieses für Arbeiter besonders wichtige Thema bringt das letzte Heft von Schmollers„Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft' einen instruktiven Artikel des englischen National- Ökonomen A s h l e y aus Birmingham. Wir entnehmen dem Aufsatz die folgenden Tatsachen, die unsere Leser interessieren dürften. Nach den Feststellungen des englischen Handelsministeriums be- trug der Durchschnittspreis eineS Weizenbrotes zu 4 Pfund in ganz Großbritannien: im Jahre 1900 rund Pf. .. 1905. 43-/,. 1908 fast 50. 1. Septbr. 1909 über 54-/,. 1. Dezbr. 1910 fast 50 Ganz ebenso bewegte sich der Weizenpreis. Er stand pro Ouarter(ein wenig mehr als 25 Pfd.): im Jahre 1900 auf 27,45 M. , 1905„ 30,26„ 1908„ 82,64, 1. Juni 1909. 44,96, 1. Dezbr. 1910„ 30,84, DaS Handelsministerium hat ferner 23 verschiedene NahrungS« mittel, die für den Haushalt deS Arbeiters wichtig sind, auf ihren Preis in London untersucht und hat festgestellt, daß sie seit 1895 ganz bedeutend teuerer geworden sind. Wenn man nämlich die Preishöhe, die sie im Jahre 1900 hatten, gleich 100 setzt, so kosteten sie im Jahre: die Preishöhe dieses JahreS gleich 100, so zeigt die folgend« Linie !die Bewegung der Preise in den letzten 40 Jahren: l18?0 75 80 85 90 95 1 900 05 09 10 1895 1896 1897 189» 1399 1900 1901 1902 93,2 92 96,2 100,8 96,4 100 101,9 101,6 1908 1904 1905 1906 1907 1903 1909 1910 103,2 104,3 103.7 103,2 105,8 108,4 108,2 109,9 Die Nahrungsmittelpreise standen also in 1909 um über 8 Proz., 1910 sogar fast 10 Proz. höher als 1900, obgleich sie in jenem Jahre schon um 7 Proz. höher waren als 1895. Nach weiteren Untersuchungen machen im Haushalt deS eng- lischen Arbeiters die Ausgaben für Nahrungsmittel etwa '/h aller Ausgaben aus, die für Miete für Kleidung s/l3, für Feuerung und Beleuchtung-/,,. Im Jahre 1903 hat das englische Handelsministerium eine Statistik veröffentlicht über die Preise für WohnungSmiete, Kleidung und Heizung in allen Groß- städten Großbritanniens während der Jahre 1880— 1903. Sie zeigt, daß während des Zeitraums von 1895—1903 die Preise für diese Gegenstände ebenso gestiegen sind wie die der Nahrungsmittel. Die» sind die Detail preise, wie sie der Konsument bei seinen Einkäufen zu zahlen hat. Wie steht es nun mit den EngroS- preisen? Hierüber gibt Aufschluß eine sehr sorgfältige Untersuchung deS englischen Handelsministeriums über die Preise von 45 verschiedenen Waren seit 1871. SlSvtrglei»Sjahristhier1900angtnommen. Setztman 150 140 130 120 110 100 90 Man steht auf den ersten Blick: bis 1896 sind die Preise, wenn auch mit Schwankungen, ziemlich regelmäßig herabgegangen, von über 150 bis unter 90; dann aber sind sie wieder ebenso regelmäßig gestiegen und haben im Jahre 1910 die Höhe von fast 110 erreicht. Betrachtet man speziell die Preise seit dem Jahre 1890, so er- gibt sich folgende Reihe: Danach haben die Preise ihren tiefsten Punkt im Jahre 1896 erreicht und sind seitdem in fast ununterbrochener Reihe gestiegen, bis 1910 um 23 Prozent(verglichen mit 1896). ES ergibt sich eine weitgehende Uebereinstimmung zwischen der Bewegung der EngroS- und Detailpreise. Die gleiche Erscheinung, daß die Preise seit 1896 stark in die Höhe gegangen sind, findet sich, außer in Großbritannien, auch in anderen Ländern. In Deutschland sind, nach einer Schätzung des britischen Handelsministeriums, die Detailpreise für NahrungS- mittel in der Zeit von 1896 bis 1907 um etwa 22 Prozent gestiegen, in New York noch etwas mehr. Für K a n a d a hat der dortige Arbeits« minister eine Steigerung der Preise für die gesamte Lebenshaltung des Arbeiter? in der Zeit von 1397 bi« 1907 um 30 bis 35 Prozent angegeben. Dasselbe gilt von den Engrospreisen; auch sie haben sich in allen großen Staaten Europas und Amerika? erhöht. Nach de» An gaben eines der maßgebenden Finanzblätter der Vereinigten Staaten war auch dort der tiefste Punkt im Jahre 1896 erreicht, und die Steigerung vom Durchschnitt jene» Jahre» bis zum Durch- schnitt 1909 stellte sich auf ungefähr 47 Proz. In Kanada hat das Arbeitsministerium, gegenüber dem Durchschnittspreis von 1890 bis 1899, eine Zunahme um 40 Proz. bis zum Jahre 1909 be- rechnet._ DaS AdmiralSgartenbad in Berlin ist nach dem Verkauf des Hauptgrundstückes an die Admiralspalast Sicscllschaft einer Ruine zu vergleichen und zwar einer sehr baufälligen, wenn die große Unterbilanz in Betracht gezogen wird, die das Unternehmen mit sich herumschleppt. In der Generalversammlung, die am Donnerstag stattfand, wurde von AktionärS-Scite wieder verschiedentlich zum Ausdruck gebracht, daß die Verwaltung doch bald die Liquidation einleiten solle. Von einem Rechtsanwalt wurde der Ernst der Ver- waltung, die Liquidation überliaupt durchzuführen, bestrirtc» und eine Revisionskommission beantragt. Der Vorsitzende des Aufsichts- ratcs hielt mit seinen Ansichten über die Forderungen und Be- hauptungen der Aktionäre nicht zurück und bezeichnete sie als aus tiefster Unkenntnis der Sachlage geboren. Die Verwertung der Gumdstücke, deren die Gesellschaft eine ganze Anzahl in Berlin besitzt, stoße bei der gegenwärtigen Verfassung des Terrainmarktes auf große Schwierigkeiten. Eine Sanierung wolle die Verwaltung »ich: vornehmen und lehne es auch ab, in eine Liquidation einzu- treten, bevor eine solche ernsthaft durchgeführt werden könne. Die Admiralsgartenbad-Gesellschaft ist bekanntlich noch aus den Zeiten Adolf Eberbachs hart mitgenommen worden, der sie zum Mittel- punkte eines Riesenhotelö am Bahnhof Friedrichstraße machn wollte. Das Savoyhotel und das Terminushotel, sowie das Monopol- Hotel und das Hotel Belvedere sollten gleichfalls in den neuen Komplex einbezogen werden. Diese großzügige, aber überspannte Idee schlug dann aber fehl und sämtliche beteiligte-- Gesellschaften gingen arg ramponiert aus dem Feldzug hervor. Das Admirals- gartenbad leidet an seiner riesiger» Unterbilanz, das Monopolhotel hat jüngst Konkurs anmelden müssen. Dem Savoyhotel, dessen Aktien sich noch ganz im Besitz des AdmiralSgartenbades befinden, geht es ettvas besser. Doch ist es immer noch recht toeit davon entfernt, eine Dividende zu zahlen. Bei dem Adrniralsgartenbad ist nun an einen Gewinn schon gar nicht zu denken. Die einzige Hoffnung ist die Liquidation der Gesellschaft, der Verkauf der Grundstücke. Bei der heutigen Lage dürfte dieser aber in der Tat nur einen weiteren Verlust bringen. Eine starke Erhöhung der Kartoffelpreise gegenüber dem Vor- jähre macht. sich nach den Angaben des Karwffelhandels an den inländischen Märkten bemerkbar. Der Preis für 50 Kilogramm bei Wagenladungen von 10 000 Kilogramm stellte sich Mitte Juni dieses Jahres in Königsberg bei roten Kartoffeln auf 2,50 bis 3,00 M. gegen nur 2,30 M. Mitte Juni 1910. In Berlin kosten rote Daber 2,70 bis 3,10 M., während sie im Vorjahre 1,40 bis 1.60 M. kosteten, andere rote Sorten weisen einen Preis von 1,90 bis 2,00 M. auf gegen 1,15 bis 1,25 M. im vorigen Jahr. Der Preis für Magnum bonum ist von 1,60 bis 1,80 M. auf 2,75 bis 3,00 M. hinaufgegangen. Stettin hat im laufenden Jahre bei roten Dabern einen Preis von 2,30 bis 2,50 M. aufzuweisen gegen 1,10 bis IM) M. im vergangenen Jahre. Magnum bonum kosten in Breslau 1,80 bis 2,00 M., im Juni 1910 dagegen nur 1,40 bis 1,60 M.; rote Dabern kosten 1,50 gegen 1,25 M. In Hamburg kosten Magnum bonum 3,00 M. gegen 2,10 M. im letzten Jahre, in Dortmund ist der Preis der gleichen Sorte von 2,60 aus 3,00 M. hinaufgegangen. Magdeburg weist ebenfalls eine scharfe Preis- steigerung auf; während 50 Kilogramm Magnum bonum im vorigen Jahre nur 1B5 M. kosteten, stellt sich der jetzige Preis auf 2,50 bis 2,80 M. Der Preis für rote Daber stieg von 1,70 auf 1,90 Mark. JJus der Frauenbewegung. Bersammlungen— Veranstaltungen. Stralau. Sonntag, den 18. Juni: Familienausflug nach Pferde» bucht. Treffpunkt früh V-/, Uhr auf Bahnsteig E Bahnhof Stralau- RummelSburg. Abfahrt 9 Uhr 27 Min., Nachzügler 9 Uhr 54 Min. Fahrt bis Sadowa, von da gemeinschaftlich nach Pferdebucht. Die Bezirksleitung. LcWuK: morgen Sonntag. 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Rummelsburg: �üVcn�nnn'"�n�' Cülrlankaviialra•(itewerkHchai'tehaae, Engel, Ufer IS. SUUCilUCAinkC. Saal 4, abends«»/, Uhr. UkaistaMaaa» Peakcrte Ucstaurant, Berliner Allee 251, H CIIICDSCC. abends 8'/, Uhr. Rixdorf: Hoppes Festskle, Hermannstr. 49, abends 8'/, Uhr. Cliarlotteilburg: Volkshane,«ostnenstr. 3, abends 8'/, Uhr. CtanlifT* Mchellhaece Feat-Sttle, Steglift. Ahornstr. 15. dlCgillZ. abends 8-/. Uhr. Köpeiiieli«. Fi'ieAicdZdsgeo: strafte 74, abends 81/, Uhr. Ober-Scliöne weide: Spandau: Heataorant BUble, Havelstr. so, abends L>/,Uhr. Tagesordnung In allen Versammlungen: Kencht von der Gtueraloersammlllns in Mannheim. nitglledsbneh legitimiert. 118/11 Die Versammlungen werden pünktlich eröffnet. Zahlreicher Besuch wird erwartet. laubstumme psrteigenossea! «m Sonnabend, de» 17. Juni, findeiim Röftiithaler Hof, Rofenthaler Straße 11/12,°m- Für VstnüslrRNtniv statt. Ansang abends 8 Uhr.— Daselbst können auch Beiträge entrichtet werden. 205/8» Ter Bertrauensman». Siegsried Weyer, Huttenstr. 88. B- und anderer gewerb! eher Arbeiter(E. H. 3 Verwaltung Berlin O. n Hamburg) Dienstag, den 20. Juni, abends 8 Uhr, in Manns Fortnnasälen, Strausberger Str. 3: MZölglisüvF- Versammlung. Tagesordnung: Lichtbtlder.Bortrag des Herrn I»r. meck. Brnnn über:»Chronische Beinleiden und ihre soziale Bedeutung». Wir ersuchen um rege Beteiligung der Mitglieder sowie deren grauen. Mitglieder anderer Verwaltungen unh deren Frauen haben Zutritt. 184/3_ Die Ortsverwaltnng. Die Branchen-Terfatimilimcv der Eisen-, Metall- vnd Kevoloerdreher sowie Knadschleiser findet wegen RenovierungsdeS SaaleS NttHt Sonntag, dm 18. Juni, sondern Sonntag, de« 25, Juni, statt. Die Ortsvcrwaltnng. Verband der Maler, Laelderer, Jlnstreieher ete. Melchtorstrafte 28, Part. Filiale Berlin. gemspr.: Amt 4, 4787. Küchenmöbelbrauche. Montag, den 19. Juni 1911, abends 8'/» Uhr: Krauche»- Versammlung im Englischen Garten, Alcxanderstr. 27o. Tagesordnung: Die Beschlüsse deS Berbandötages. Diskussion. Branchen- angeleaenheit. 129/12 ES wird erwartet, daft kein Kollege in der Bersammlung fehlt. ____ Die Branchenleitung. unc verwandter Berufsgenossen Zahlstelle Berlin. GeschSftSslelle Berlin C. 64, Mula-Istr. 10, I.— Fernsprecher Amt m, 4518. Sonntag, de« 18. Juni, nachmittags 2 Uhr, im GewerkschastS. _ Haus. Engelufer 16. Saal 1 s N Versammlung der Mühlenarbeiter TageS-Ordnung: Jle Dilrera mit der DiiipHle Ciaeier."„SSV Das Erscheinen aller Mühlenarbeiter ist unbedingt erforderlich. S3/6_____ Ple Ortevcrwaltang. Rezepte für Hans und Familie Von Hr. B. Gegen Fußschweiß. Man reibt die Füfte mit einem Teelöffel voll reinem Chfoform*) ein und Wäscht sie alSdann mit lauwarmem Waffer.(Vor dem Schlasengeben.) ........"........«asche mit wetfter Umhüllt *) Lhsosorm ist überall erhältlich(grüne Flasche mit ro mhllllung). 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In Neu-Ahlbcck I.-K., vis-a-vis Hirschgarten liei Köpenick, sieht uns das Lokal von Karl Binsch zu allen Veranstaltungen zur Ver- fiigung; gleichzeitig weisen wir darauf hin, datz in Friedenau die Lokale„Hohenzollern" und«Kaiser Wilhelmgarten" nach wie vor gesperrt sind._ Die Lokalkommission. Zweiter Wahlkreis(Friedrichstadt). Zahlmorgen für Buchdruckerei- Nachtarbeiter: Sonntag, den 18. Juni er., bei Jul. Meyer, Oranienstr. 103. Der Vorstand. Sechster Wahlkreis. Die Parteigenossen werden auf die am Sonntag, den 13. Juni, stattfindende Wahl eines dritten Ange st eilten aufmerksam gemacht. Gewählt wird in der Zeit von S—l Uhr. Die Wahllokale werden in der Sonntagsnummer 'des»Vorwärls* nochmals bekannt gegeben. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Charlotteilbnrg. Der Wahlverein veranstaltet morgen Sonntag von nachmittags 4 Uhr ab in den Gesamträumen des Volkshauses, Rosinenstr. 3, ein Sommerfest. Um den Parteigenossen und deren Angehörigen einige vergnügte Stunden zu bereiten, ist ein gutes Programm zusammengestellt. Eintritt 25 Pf. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Karlshorst. Morgen Sonntag: Familienausflug nach Restaurant .Waldburg", Bahnhof Hirschgarten. Abniarsch 1>/z Uhr vom Bahn hos Karlshorst, für Nachzügler Treffpunkt in der„Waldburg". Schönciche und Umgegend. Sonntag, den 18. Juni, nachmittags 4 Uhr. im Restaurant Kurpark in Fichtenau: Graste öffentliche Ver- sammlung. Tagesordnung:„Die Sünden der Reichstagsmehrheit und die bevorstehenden Wahlen." Referent: Reichslagsabgeordneter Otto Büchner, Verlin. Diskussion. Um rege Agitation für die Versammlung ersucht Der Einberufer. Hcrzbcrg(Kreis Beeskow). Sonntag, den 18. Juni, nachmittags 6 Uhr: Ocffentliche Versammlung unter freiem Himmel, auf dem Grundstück des Herrn Karl Schulze. Referent: Gemeindevertreter Wilhelm K u b i g, Pankow.— Die Genossen aus Lindenberg, Glienicke. Grost- und Klein Rietz sind zu dieser Versammlung ganz besonders eingeladen. Töpchin, Motzen und Umgegend. Sonntag, den 18. Juni, nach mittags 3 Uhr, auf dem Hofe des Dachdeckermeisters Franz Kühne in Töpchin: Oeffentliche Volksversammlung. Reserent: Alex Pagets, Charlottenbnrg. Mariendorf. Tie Genossen und Genossinnen werden ersucht, sich Sonnlag morgen 10 Uhr zu einer Besprechung wegen des Besuches des Botanischen Gartens mit Führung bei Prcust, Kurfllrstew straffe 44, einzufinden. Der Vorstand. Bernau. Heute, Sonnabend: Generalversammlung im Lokale de? Genossen Franz Salzmann. Tagesordnung: 1. Jahresbericht. 2. Neuivahl der Bezirksleitung. 3. Ausstellung der Kandidaten zur Stadtverordnetenwahl. 4. Vereins- und Kreisangelegenheiten.— Die Parteigenossen werden ersucht, sich recht rege an dem Ausflug des Gewerkschaftskartells zu beteiligen, welcher am Sonntag, den 18. d. M., nachmittags 1 Uhr, vom Lokale des Genossen Salzmann nach dem Schieffstand stattfindet. Die Bezirksleitung. Berliner JVaebnebten. In der Chronik der Strafvollstreckung bringt der Juni zwei denkwürdige Tage. Heute, am 17., sind 150 Jahre verflossen, seitdem die Strafe des„Säckens" für Kindesmörderinnen abgeschafft wurde, und seit dem 19. Juni >1811 werden Hinrichtungen in Preußen nicht mehr mit dem Schwerte vollzogen. Beide Tage erinnern also an die tram rige Zeit, da sich die öffentlich vollstreckten Strafen durch mittelalterliche Grausamkeit auszeichneten. Die Strafe des Säckens war feit alter Zeit in Berlin üblich, aber schon im 17. Jahrhundert außer Hebung gekommen. König Fried rich I. führte sie wieder ein, weil die Kindesmorde erheblich zunahmen. Die Prozedur wurde an der„Langen Brücke vollzogen: hier wurde die Kindesmörderin in einem Sacke, den sie selbst nähen mußte, in die Spree versenkt. Später fand das Säcken bald vor dem Spandauer, bald vor dem Stralauer Tore statt: praktisch wurde die Strafe seit 1739 nicht mehr angewandt, jedoch erst 1761 ganz abgeschafft. Auch die Hinrichtungen durch das Schwert waren eine alte Strafe in Berlin und Preußen, nur wurde früher bei geringeren Anlässen als heute auf Todesstrafe erkannt.„Wer einen Mann schlägt oder beraubt, wer Feuer anlegt ohne Mord- brand, wer den Frieden bricht oder wer im Ehebruch be> griffen wird, dem soll mau das Haupt abschlagen" heißt es schon im alten Berliner Stadtbuch, und auch der Hehler geraubter Sachen erlitt die gleiche Strafe. Die Hinrichtung mit dem Schwerte galt sogar als besonders ehrenvoll gegeu über den sonstigen Todesstrafen, die man früher anwendete, Rädern, in einer Küpe verbrennen, lebendig begraben, Hängen usw., und es ist bezeichnend für die Anschauungen jener Zeit, daß das Rädern noch bis zum Jahre 1837 in Berlin beibehalten wurde, und daß erst 1839 die letzte öffent liche Hinrichtung in Berlin stattgefunden hat, worauf 1842 das Hochgericht vom Gartenplatz endgültig entfernt wurde. Wie die Gegenwart mit Entsetzen auf das Martyrium eines damals zum Tode Verurteilten blickt, so wird die Zukunft auch in der heute noch zur Anwendung kommenden Todesstrafe nur noch deu letzten Rest aus einer barbarischen Epoche betrachten._ Der Stock des Lehrers! Wieder mal hat ein Lehrer gegen ein Schulkind den Stock so nachdrücklich gebraucht, daff der Vater des geprügelten Kindes es für seine Pflicht gehalten hat, einen Arzt um ein Gutachten über die Prügelleistung' zu ersuchen. In der 18 3. Knaben-Ge- meinde schule(Müllerstratze) hat der Lehrer Raute in Klaffe V O 2 einen neunjährigen Schüler St. im Erdkundcunter- richt mit Stockhieben gestraft, nachdem St. auf einem Plan der Stadt Berlin eine ihm genannte Straffe nicht hatte finden können. Der Arzt, dem am nächsten Tage der Knabe vorgestellt wurde, bc- merkte auf dessen Körper folgende Prügelspuren: auf dem rechten Oberarm einen Striemen, auf dem rechten Schulterblatt einen Striemen, auf der linken Gcsäffhälfte zwei blaue Flecke, umgeben von bläuiichgelblicher Hautverfärbung, auf der rechten Gcsäffhälfte vier Streifen und weiter unten zwei Streifen, das Ganze umgeben von bräunlich-bläulicher Haut- Verfärbung, oberhalb dieser Partie noch zwei Streifen, in Verbindung mit bräunlicher Hautverfärbung, auf dem rechten Hüftgelenk zwei Striemen, umgeben von bläulicher Hautver- färbung. Die Züchtigung wurde ausgeführt, nachdem St., wie schon ge- Sagt, auf dem Stadtplan eine Straffe nicht hatte finden können. fr hat seinen Eltern versichert, daff ihm nicht bewußt sei, noch anderes verschuldet zu haben. Auch uns gegenüber hat er nur tiefe Angabe gemacht und sie nach eindringlichster Ermahnung �aufrechterhalten. St.s Zensuren, die uns sämtlich vorgelegt wur- den, ergeben, daß er zu den schwächeren Schülern gehört. Sein Betragen wurde während seiner ganzen bisherigen Schul- laufbahn auf den Zensuren nie anders als mit„sehr gut" oder „gut" beurteilt. Ein einziges Mal begegnet uns auf einer der früheren Zensuren ein Vermerk über eine Nachbleibestrafe, kein einziges Mal finden wir einen Tadel verzeichnet. Daraus möchte» wir den Schluß ziehen, daß St. im ganzen doch wohl nach Kräften bemüht ist, seine Pflicht zu tun. Jene Züchtigung war so nachdrücklich, daß St. fünf Tage hindurch Schmerzen hatte. Um sich über Lehrer Raute zu beschweren, suchte die Mutter den Rektor Streichan auf. Der Herr Rektor ant- wartete ihr, sie solle dafür sorgen, daß ihr Sohn immer gut auf- pafft. Frau St. erfuhr nicht, welche Gründe der Lehrer Raute für die von ihm verabreichten Stockhiebe angibt. Die Eltern des geprügelten Knaben sind mit dieser Erledi- gung der Angelegenheit nicht zufrieden. Der Vater wird durch Beschwerde bei der Schuldeputation und durch Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft die Sache weitcrverfolgen. Ter Magistrat beriet in seiner gestrigen Sitzung den Entwurf des Vertrages zwischen der Stadtgemeinde Berlin und der Gesell- schaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen, betreffend die Untergrundbahn von der Klosterstraffe über den Alexanderplatz zur Frankfurter Allee und betreffend die Führung einer Linie vom Nollendorfplatz durch die Motz- und Kurfürstenstraße nach dem jetzigen Gleisdreieck, durch welche dieses als solches zur Auf- lösung kommt. Der Magistrat stimmte dem Vertrage in der von der Verkehrsdeputation angenommenen Fassung zu. Eine Vor- läge hierüber wird unverzüglich der Stadtverordnetenversammlung zugehen. Die Frage der Sonntagsruhe im Bäckergewerbe ist, wie wir gestern mitteilten, Gegenstand der Verhandlung in der Gewerbedeputation gewesen. Gegen das von den Jnnungsvor- ständen geforderte Sountagsbackverbot durch Polizeiverordnung sind in der Gewerbedeputation Bedenken erhoben worden, die, wie es scheint, hauptsächlich vom Standpunkt der Konsumenten begründet wurden. Es scheint deshalb angebracht, die von unseren Genoffen in der Gewerbedeputation geltend gemachten Bedenken, die vom Standpunkt der Bäckereiarbeiter erhoben werden, etwas eingehender darzulegen. Die Gründe, welche der Bäckerverband gegen die von den Jnnungsführern geforderte Sonntagsruhe anführt, sind schon während der verflossenen Lohnbewegung der Bäcker von uns mit- geteilt worden. Es ist aber notwendig, die Gründe auch bei dieser Gelegenheit anzuführen, denn es ist tausend gegen eins zu wetten, daß man in der arbeiterfeindlichen Presse und in der arbeiterfeind- lichcn Agitation nur die Tatfache erwähnen wird, daff der Bäcker- Verband gegen die Sonntagsruhe sei, daß aber die Gründe, welche den Verband zu dieser Stellung geradezu zwingen, verschwiegen werden. Selbstverständlich ist der Bäckerverband nicht Gegner der Sonn- tagsruhe an sich. Ohne weiteres würde er auch eine Polizeiver- ordnung mit Freuden begrüßen, wenn sie den Bäckereiarbeitern wirklich einen arbeitsfreien Tag brächte. Das geschieht aber durch die Sonntagsruhe, wie sie die Jnnungsvorstände fordern, keines- Wegs. Hiernach soll die Arbeit von Sonntag früh 8 Uhr bis Man- tag früh 6 Uhr ruhen. Das bedeutet in der Praxis, daff die Bäcker in der Nacht vom Sonntag zum Montag nicht arbeiten dürfen.— Das wäre an sich sehr schön und gut, wenn nicht der Pferdefuß hinterherkäme. Als Ersatz für die ihnen verloren gegangene Nacht- arbeit vom Sonntag zum Montag wollen die Bäckermeister eine neue Arbeitsschicht einführen, die am Montray früh 6 Uhr beginnt und mittags 12 Uhr oder noch später endet. Es wurde also dabei bleiben, daff die Bäckereiarbeiter wie bisher sieben Arbeitstage be- ziehungsweise.Arbeitsnächte in der Woche zu leisten haben. Die von den Jnnungsvorständen geforderte Sonntagsruhe würde also den Bäckern keinen Ruhetag bringen, sondern die wöchentliche Ar- beitszeit nur verschieben, ohne sie nennenswert zu kürzen. Die Forderung des Bäckcrvcrbandes ist: Gewährung eine? 30 stündigen Ruhetages in jeder Woche. Diese Forderung ist gegen wärtig schon in einem großen Teil der Bäckereien Berlins und der Vororte erfüllt. Alle Betriebe, welche mit dem Bäckerverbande im Vertragsvcrhältnis stehen, gewähren den Arbeitern allwöchent lich einen vollen 36 stündigen Ruhetag. Nur die kleinen Betriebe haben den Ruhetag vorläufig nur alle zwei Wochen, vom nächsten Jahre aber auch jede Woche zu gewähren. Sobald nun die Polizeivcrordnung das Sonntagsbackverbot nach dem Wunsche der Jnnungsvorstände einführt, wird der wirk liche Ruhetag, welchen der Bäckcrverband nach jahrelangen Kämpfen errungen hat, nicht mehr innegehalten werden. Das ist auch der wahre Grund für die Jnnungsvorstände, sich jetzt für die Sonn- tagsruhe ins Zeug zu legen. Sie wollen für alle Arbeiter die Woche mit sieben Arbeitsschichten beibehaten und der groffen Zahl von Bäckerciarbeitcrn, welche jetzt laut Tarifvertrag nur sechs Arbeitsschichten in der Woche haben, den Ruhetag nehmen und ihnen dafür eine zweifelhafte Sonntagsruhe bieten, deren Durch- führung gar nicht kontrolliert werden kann, die aber am Montag durch eine neue Arbeitsschicht nachgeholt werden muff. � Hiernach erscheint es selbstverständlich, daß der Bäckerverband von der durch die Jnnungsvorstände geforderten 22 stündigen Sonn tagsruhe nichts wissen will. Einer 36 stündigen Sonntagsruhe würde auch der Verband zustimmen, doch eine solche wird sich nicht durchführen lassen, weil ihr berechtigte Interessen der Konsumenten entgegenstehen._ Der Kornblumcnrummcl hat gestern, namentlich in den Haupt verkchrsstraffen, geradezu Aufsehen erregt. Nicht nur, daß die jungen Damen der gegenwärtig in so widerwärtiger Weise den Sport der Wohltätigkeit treibenden besseren Gesellschaft den Verkauf von Blumen übernommen hatten, wurden auch Kinder bei diesem Ge lchäft augetroffen. In der Oranienstraffe zwischen Moritzplatz und Lindcnstraffe konnte man beobachten, wie ein gelähmtes Schul- mädchen Kornblumen feilbot und mit dieser Ware sogar die Straffen- bahn bestieg. Auch an anderen Stellen haben Kinder im Dienst dieser„Wohltätigkeit" gestanden. In wessen Auftrag, konnte leider nicht ermittelt werden. Als Karnevalsfest hatten anscheinend ein halbes Dutzend Studenten den Kornblumentag betrachtet, die man im Laufe des Nachmittags in der Potsdamer Straffe daherschlendern sah. Nicht aLein, daff sie sich selbst übermäßig mit dem zarten Blau au?- geputzt, hatten sie einen mitgefiihrten Köter über und über mit Kornblumen behangen. So marschierten denn die gelahrten Herren zum Gaudium des Publikums die Straffe entlang. Die„Tägliche Rundschau" erteilt der Stadt Berlin einen, wenn auch etwa? zaghaften Rüffel, daff sie sich in xunoto Ausschmückung des Brandenburger ToreS so ungalant gezeigt habe. DaS Blatt bemerkt: „Unter den Linden hatten viele Häuser geflaggt, ebenso die Gebäude am Pariser Platz mit Ausnahme der srauzöstschen Bot- schaft, was ja natürlich ist. Auch das Brandenburger Tor war geschmückt, man sagt so, wie es 1371 geschmückt war. Wir wollen nicht viel davon reden, denn ein Privatmann hat die Schmückung aus Eigenem übernommen. Wir meinen aber, wenn das Branden- bnrgcr Tor durchaus geschmückt werden sollte— es hat aber keinen Schmuck nötig—, so hätte es die Stadt mit einigem Auf- wand tun müssen. Der Sinn für„künstlerisches Repräsentieren", der anderwärts so stark entwickelt ist, ist in Berlin leider ver- kümmert." So ist es richtig. Nicht genug, daß die armen Invaliden schon durch Bettelpfennige unterstützt werden müssen, weil das Reich das Geld zu wichtigeren Dingen gebraucht, soll auch noch auf Kosten der Berliner Steuerzahler der patriotische Rummel ins Werk gesetzt werden. Ein anfechtbares Statut hat die Berliner Schneiderinnung vor einiger Zeit beschlossen. In einem zweiten Nachtrag zum Nebenstatut, die Sterbekasse betreffend, heißt es: „Den Hinterbliebenen Angehörigen, welche die Beerdigung des Verstorbenen besorgen, hat die Kasse ein Sterbegeld zu zahlen, welches nach 6monatigdr Mitgliedschaft 75 M., nach bjähriger Mitgliedschaft 100 M., nach Ivjähriger Mitgliedschaft 150 M., nach Wjähriger Mitgliedschaft 200 M., nach 30jähriger Mitgliedschaft 250 M., nach 40jähriger Mitgliedschaft 300 M. beträgt, jedoch mit der Maßgabe, daß diejenigen Mitglieder, welche eingetreten sind: a) 1869 und früher an Sterbegeld nur 100,00 M.. b) 1870 bis 1879 an Sterbegeld nur 111,00 M.. c) 1880 bis 1889 an Sterbegeld nur 136,50 M.. ck) 1890 bis 1895 an Sterbegeld nur 164,00 M. erhalten. Berlin, den 9. Februar 1911. Der Vorstand der Schneiderinnung zu Berlin." Daraus ergibt sich, daß für Mitglieder, die im Jahre 1869 und früher eingetreten sind, nur 100 M., für diejenigen, die 1890 bis 1895 Mitglied geworden sind, 164 M. an Sterbegeld gezahlt wird; für die alten Mitglieder wird also weniger gezahlt als für die jüngeren. Diese Bestimmung ist seltsamerweise von dem Polizeipräsidium genehmigt worden. Wie wir hören, soll das Statut angefochten werden, und wir zweifeln nicht, daff es von den gerichtlichen Instanzen als den guten Sitten widersprechend bezeichnet werden und ungültig erklärt werden wird. Müttcr-Beratungsstcllen. Die„Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kinderrecht", Geschäftsstelle: Charlottenburg, Dahl- mannstraße 25, unterhält in allen Teilen der Stadt Auskunfts- stellen, in denen eheliche und uneheliche Mütter vor und nach der Entbindung kostenlos Rat und Unterstützung finden. Erfreulicher- weise hat sich eine Anzahl Aerzte und Rechtsanwälte der Gesell- schaft in uneigennütziger Weise zur Verfügung gestellt, um den Hilfe und Schutz Suchenden zur Seite zu stehen. Die Mütter- Beratungsstellen befinden sich: Im Norden: Schönhauser Allee 181, Mittwochs 7— 8 Uhr abends, Sonnabends 10— 11 Uhr; Koloniestraffe 1, Donnerstags Ii— 2 Uhr, Dienstags 6— 7 Uhr nachmittags. Im Süden: Dresdener Straffe 31, Dienstags Z410— KU Uhr. Im Westen: Stcinmetzstr. 11, Montags 1— 2 Uhr. In Charlottenburg: Spandauer Straffe 34, Donnerstags 11— 12 Uhr mittags und 8—9 Uhr abends. In Pankow: Rathaus, Armenamt, Sonn- tags 11— lä Uhr. In Rixdorf: Steinmetzstr. 113, Mittwochs 10 bis 11 Uhr, Sonnabends 7— 8 Uhr abends. In Charlottenburg: Dahl- mannstraße 25, täglich �2— 3 Uhr. Eine Flucht über die Dächer ist in der vorgestrigen Nacht drei Einbrechern in der Elisabethstraffe geglückt. Sie hatten in dem Hause Nr. 20 bei einer Firma Rathke versucht, einen Geldschrank- einbrach auszuführen. Bei der„Arbeit" wurden sie von Haus- bewohnern beobachtet, die alsbald einen Wächter benachrichtigten. Dieser schloff das Haus ab und sorgte dafür, daß den Einbrechern die Flucht aus dem Hause nach der Straffe unmöglich gemacht wurde. Den Einbrechern war aber inzwischen auch nicht cnt- gangen, daff sie entdeckt waren und beobachtet wurden. Sie be- gaben sich schleunigst nach dem Boden, öffneten eine Tür und verschlossen diese von innen. Dann begaben sie sich auf das Dach und gebrauchten hierbei die weitere Vorsicht, die dort hinauf- führende Leiter mit auf das Dach zu nehmen. Bevor die Ver- folger die Tür geöffnet und eine zweite Leiter herbeigeschäfft hatten, waren die Einbrecher längst über die- Dächer der an- grenzenden Häuser entkommen. Beim Fcnstcrpntzcn abgestürzt und tödlich verlinglückt ist vor- gestern mittag die 39 Jahre alte Ehefrau Alma des Maurers Garske aus der Kösliner Str. 14. Die Frau putzte in der Mandelbrennerei der Gebr. Stollwerk auf dem Grundstück Chausseestr. 87 im dritten Stock des Ouergebäudcs die Fenster. Sie war hierbei angeseilt. Als sie jedoch bon dem Fensterblech abglitt, riß das Seil. Die Un- glückliche stürzte in die Tiefe und schlug auf die eiserne Einfassung des Kellerschachtcs auf. Sie erlitt Brüche des Rückgrats, des Schädels und eines Armes und war sofort tot. Von einem Sprengwagen überfahren wurde vorgestern nach- mittag an der Ecke der Hohenlohe- und Gofflerstraffe der 63 Jahre alte Arbeiter Gustav Borgwardt aus der Ackerstraffe 120. B. er- litt nach der Bekundung von Augenzeugen einen Ohnmachtsanfall und fiel so unglücklich� hin, daff er unter den Wagen geriet. Die Räder gingen ihm über den Köpf. Der Verunglückte war sofort tot.» Beim Baden ertrunken ist am Mittwoch der 13jährige Sohn Max des in der Lütticher Straffe 17 wohnenden Bankbeamten Heymann. Der Knabe hatte mit mehreren Freunden einen Aus- flug nach Tegel unternommen und gegen}47 Uhr abends nahmen die Schüler in der Nähe der Insel Valentinswerder ein Bad im Tegeler See. Als erster sprang Hcymann in die Fluten, worauf dcrsewe nicht mehr zum Vorschein kam. Die Knaben riefen sofort Hilfe herbei und ein in der Nähe haltendes Motorboot eilte als- bald an die Unfallstelle. Trotz energischster Bemühungen gelang es aber nicht, den Ertrunkenen zu retten. Die Leiche des Schülers ist bisher noch nicht geborgen worden. Allem Anschein nach hat Max H. einen Herzschlag erlitten. Im Eonpe 1. Klasse erschossen. Auf der Fahrt von Berlin nach Werder a. H. hat vorgestern nachmittag ein in Berlin wohn- haftcr, 25 Jahre alter Kaufmann Prüfer, dessen Eltern in der Groff-Görschenstraffe wohnen, Selbstmord verübt. Der Lebens- müde jagte sich eine Kugel in die rechte Schläfe; er wurde auf dem Bahnhof in Werder als Leiche gefunden und nach der Leichen- Halle gebracht. Was den Lebensmüden zu dem Wcrzwciflungs- schritt getrieben hat, ist unbekannt. Unter Brandstiftnngsvcrbacht verhaftet. Zu dem Brand in dem elektrischen Reparaturgeschäft von Draugott Bader in der Buttmannstr. 7, über den wir vor einigen Tagen berichteten, wird uns jetzt noch gemeldet, daff der Inhaber des Geschäfts, Bader, von der Kriminalpolizei unter dem dringenden Verdacht der Brandstiftung verhaftet worden ist und heute durch Kriminal. kommissar Gcnnät dem Untersuchungsrichter vorgeführt wird. Die Affäre war von Anfang an recht mysteriös und schaurig. Wie berichtet, wollte Bader von zwei maskierten Einbrecher»-"rn Bett geknebelt und gefesselt worden sein, worauf die Diebe 2g1 M. gestohlen und schließlich den Laden in Brand gesteckt haben sollten Die Kriminalpolizei stand den Angaben von vornherein sehr skeptisch gegenüber und leitete eine genaue Untersuchung ein. Bader wurde durch den Gcrichtsarzt Dr. Strauch untersucht, wobei sich herausstellte, daff Bader auch nicht die geringste Ver- Ictzung im Munde davongetragen hatte. Auch Fesselungsmarken wurden an den Händen nicht entdeckt. Um nichts ununtcrsucht zu lassen, wurde an Bader ein praktischer Kncbelungsversuch an- gestellt. Hierbei ergab sich, daß der Holzkncbel— eine etwa 10 Zentimeter lange Holzrolle— genau in den Mund Baders pafft. Hätten die Diebe diesen Knebel � auch nur einen Millimeter weiter in den Mund geschoben, so wäre Bader sicher erstickt. Uebcr die Herkunft des Knebels wollte Bader gar nichts wissen, doch wurde ihm nachgewiesen, daß er ihn selbst seit langer Zeit im Geschäft hatte. Hinzu kommt, daß Bader sein Geschäft überaus hoch versichert hat und schon mehrfach verkaufen wollte, weil er sich anscheinend in finanziellen Schwierigkeiten befand. Aus all diesen Gründen tvirS gefosgers. daß Dadtt dön Iledttfall fingktt! und den Brand selbst angelegt hat. Neuer Brand in der Tcppichfabrik von Feibisch in Treptow Gestern früh brach in der Teppich- und Läuferstoffabrik von G. Feibisch am Treptower Park L8/3V in Treptow, wo in der Nacht zum vergangenen Sonntag der Riesenbrand wütete, ein neues j�euer aus. Diesmal lag der Brandherd im ersten Stock des ersten Fabrikgebäudes in der sogenannten Spulerei. Tie Gefahr wurde bemerkt, als gegen 7 Uhr die Arbeiter zur Arbeit kamen. Ta von der Treptower Feuerwehr noch eine Brandwache zur Aufräumuna der ersten Brandstätte anwesend war, konnte sofort ein wirksamer Löschangriff ausgeführt werden. Zur Sicherheit alarmierte man aber auch die übrige Treptower Wehr. Nach einstündiger Tätigkeit Ivar das Feuer gelöscht, so dast größerer Schaden diesmal nicht entstanden ist. Die Ursache des Brandes konnte nicht ermittelt werden, obgleich auch die Kriminalpolizei an Ort und Stelle sofort Erhebungen anstellte. Eine Gefahr zu ertrinken besteht für diejenigen Kinder, die sich an Uferböschungen zu schaffen machen. Am Donnerstagabend st Uhr glitt erst ein Mädchen im Alter von 8— g Jahren die Böschung am Schlesischen Busch in der Lohmühlenstrahe hinab und fiel in den Kanal. Durch das Aufschreien des dabeistehenden älteren Bruders eilte der Libaucr Straße 22 wohnhafte Lithograph Adolf Friedrick hinzu, sprang dem Mädchen nach und rettete es vor dem Tode des Ertrinkens. Erst in der vorigen Woche ertrank MV Meter von jener Stelle entfernt ein Knabe. Tie Eltern sollten ihre Kinder eindringlichst ermahnen, nicht die Abgrenzungen zwischen Straße und Böschung zu überschreiten. Ta die Internationale NeiseauSstellung wegen technischer Schwierigkeiten unbedingt am 20. Juni geschlossen werden muß, hat sich die Ausstcllungsleitung zur Befriedigung der an sie heran- getretenen Wünsche entschlossen, am Sonnabend, den 17., Sonntag. den 18.. und Montag, den Ig. Juni die Ausstellung bis abends 10 Uhr geöffnet zu halten. Ter Schluß der Ausstellung erfolgt am Dienstagabend 8 Uhr. Die Mitgliedskarte 10 60? des Verbandes der Hut« und Filz- Warenarbeiter, auf den Namen Dahlmann lautend, ist verloren ge- gangen. Der Finder der Karte wird gebeten, dieselbe im Bureau der Hutmacher, Strelitzer Straße öS, bei Mäkel abzugeben. Vorort- J�admcbtcn, Rixdorf. Die Stadtverordnetenversammlung stand in Ihrer Donnerstag- sttzung wieder einmal im Zeichen des Wahlrechtsraubes. Unter ..Geschäftliches" machte Stadtverordnetenvorsteher Sander Mii> teilung von dem Erkenntnis des Bezirksausschusses, welches die Mandate der zuletzt gewählten 28 Stadtverordneten für ungültig erklärt, und stellt anhcim, über eventuelle Berufung beim Oberverwaltungsgericht Beschluß zu fassen. Dtadlverordneter Medizinalrat Dr. D i e t r i.ch spricht namens der beiden bürge» lichen Fraktionen für Einlegung der Berufung, da nach seiner Meinung das Urteil des Bezirksausschusses falsch ist. Es sei immer Grundsatz gewesen, strittige Fragen bis zur höchsten Instanz durch- zusetzen. Die Stellungnahme der bürgerlichen Fraktion wurde nicht, wie mancher behauptet, durch das Kleben am Mandat be- stimmt, sondern entspringt der ehrlichen Ucberzeugung.(Sturmi- sches Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Stadtverordneter Scholz(Soz.) gab seiner Freude Ausdruck, daß der Vorsteher im Gegensatz zu früher endlich den Bestimmungen der Städte- ordnung folgt und der Vcrsammlung die Entscheidung überläßt. Von objektiver Würdigung, so sagt er, kann vom Vorredner bei den angezogenen Urteilen des Oberverwaltüngsgerichts nicht die Rede sein? er weist dies an der Hand des vorliegenden Urteils und des Oertelschen Kommentars zur Städteordnung eingehend nach. Die Antragsteller können doch nicht im Ernst annehmen, daß das Ober- verwaltungSgrrichit ihnen bei den vorliegenden grundsätzlichen Vcr- stoßen gegen das Wahlgesetz(Anwendung des anderthalbfachen Steuerdurchschnitts und Nichtberücksichtigung des Kinderprivilegs) Recht geben wird, wo eS schon seinerzeit, bei der Klage gegen die drei sozialdemokratischen Mandat« im Südbezirk der zweiten Ab- teilung wegen eines formellen Verstoßes die Ungültigkeit aussprach. Die Herren wissen das auch ganz genau und wollen nur noch eine Galgenfrist haben, in der die jetzige bürgerlich« Mehrheit noch mehr Unheil über Ripdorf bringen wird.(Lachen und Proteste bei den Bürgerlichen.) Sie haben tatsächlich Unheil schon genug gestiftet, so durch die Verhinderung der städtischen Müllabfuhr, in der Treptower Eingemeindungsaffäre usw. Man will eben so lange wie möglich noch die Jntcrcssenclique am Ruder erhalten, welche bisher rücksichtslos die Rixdorfer Bürgerschaft bevormundet und rechtlos gemacht hat. Stadtrat M i e r springt den reaktio- näven Antragstellern bei; er hält die Aufstellung einer neuen Wählerliste in kurzer Zeit nicht für möglich, so daß Neuwahlen erst im November erfolgen könnten. Würde also das Urteil des Bezirksausschusses rechtskräftig, so könnten in der Verwaltung Stockungen eintreten, weil die Deputationen durch das Ausscheiden der 28 Stadtverordneten eventuell beschlußunfähig wären. Stadt- verordneter D r. D i ebr i ch behauptet, Scholz habe ihn nickt wider- legt, und bemüht sich wiederholt, die Nottvendigkeit der Berufung gegen das Urteil des Bezirksansschusses zu beweisen.'Siadtvcr- ordneter Dr. Silber st ein(Soz.) höhnt über die behauptete Objektivität, bei der natürlich wie immer der Magistrat zu Hilfe kommt und seine Jdeengemeinschaft mit den Wahlrechtsräubern nachweist. Seien Sie doch, so ruft Redner aus, wenigstens in letzter Stunde noch ehrlich! DaS vom Stadtrat geschilderte Vakuum ist nicht so gefährlich: die verbleibenden zwei Drittel der Stadtver- ordnetenversammlung können schon weiter regieren. Die Haltung der Mehrheit ist nichts weiter als ein Kleben an unrechtmüßig er- gatterten Mandate», sonst konnte man doch nun endlich abtreten. Das Anklammern an einem Strohhalm wird aber nichts nützen;. Sie werden trotzdem bald im Strome untergehen. Die Stadtver- ordneten Scholz(soz.) und K l o t h(Soz.) bemühen sich noch eiiinial, der Mehrheit dos Sinnlose ihres Antrages klar zu machen; es hilft nichts. Die von der sozialdemokratischen Fraktion bean- kragte namentliche Abstimmung ergibt 29 Stimmen für und 20 (ausschließlich sozialdemokratische) stimmen gegen die Einlegung der Berufung beim Oberverwaltungsgericht. Der Antrag der Altbürgerlichen, einen Pressedezer- nenten im Mogistrat zu bestimmen, dem es obliegen soll,„bei passender Gelegenheit und zwar möglichst oft in dw gelesensten .Berliner Tageszeitungen Artikel zu lanzieren, welche dazu angetgn sind, das Ansehen unserer Stadt zu heben", steht auf der Tages- Ordnung der öffentlichen Sitzung, nachdem seine geheime Beratung von den Sozialdemokraten in der vorigen Sitzung verhindert worden war. Stadtverordneter Serno bemüht sich in langen Ausführungen, welche er auS einem säuberlich in Schreibmaschinen- •schuft angefertigten Konzept vorträgt, die Motive des Antrages als ganz sachlich und vom städtischen Interesse diktiert hinzustellen. Stadtverordneter Dr. Silberstein(Soz.): Aus dem Antrag und seiner eben vorgetragenen Begründung ruht der Fluch der Lächerlichkeit, so daß beides entschieden zurückgewiesen werden muß. •Geschäftsmache für die Grundstücksspekulanten und Wahlmache für die bürgerliche Reaktion sind die Motive der ganzen Aktion. Wir wollen unter allen Umstanden, daß die Oeffentlichteit gut unter- richtet wird über die kommunalen Angelegenheiten; aber� das Lanzieren von zurechtgemachten Artikeln muß energisch bekämpft werden. Das Ansehen Ripdorfs wird wahrlich nicht durch Aus- lassungen eine? Pastors in einer Zeitung in Posen, über die Rix- dorfer Arbeiter, wie der Antragsteller meinte, gefährdet. Im übrigen mutet bis plötzliche Arbeiterfreundlichkeit der Antragsteller seltsam an und wird diesen bei den nächsten Wahlen sicher nichts mebr Helsen. Die Arbeiter bedanken sich nachdrücklichst für die Gunst der Wahlrechtsräuber. Stadtverordmter Walz(Neue bürgerliche Fraktion) wendet sich gegen den auf Schönfärberei der Rixdorfer Verhältnisse Mclgissra? sich keffeißigk. siip Press« siroßles EnkzeztnkowWn zlt zeigen. Stadtverordneter B ö S k e(Soz.) gibt den Antragstellern den Rat, in ihren eigenen Reihen mehr auf daS Ansehen Rixdorfs bedacht zu sein, das gerade durch Beiß und andere, welche stets und immer die Rixdorfer Arbeiter, Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder mit Schmutz bewerfen, dauernd heruntergerissen wird. Oberbürgermeister Kaiser sagt, daß ein Preßauskunftsbureau schon lange besteht, das sich fortgesetzt be >nüht, seine Aufgaben zu erfüllen. Stadtverordneter Mermuth (Soz.) bezeichnet den Antrag als ein Novum. Was man verlangt, kann ein Pressedezernent gar nicht erfüllen; ein ehrenhafter Re dakteur, der nicht zum bezahlten Preßlakaien herabgesunken ist, wird im Rathaus fertiggemachte Artikel niemals unbesehen auf nehmen. Der Nachrichtendienst muß allerdings besser werden, als bisher. Nicht bloß die Lokalpresse, welche der Oberbürgermeister so hervorhob, sondern die gesamte Groß- Berliner Presse mutz schnell bedient werden, aber unparteiisch und ohne jeden Versuch der Direktive. Die Stadtverordneten Heinrich und Dr. Dietrich behaupten, daß sie auch nichts anderes mit dem Antrage gewollt hätten.(Zurufe: Es steht aber ganz anders drin!) Stadtver ordneter Conrad(Soz.): Schaffen Sie gute Volksschulen, bauen Sie endlich die Badeanstalt und Schulbrauscbüder, schaffen Sie Spielplätze usw.; das wird das Ansehen Rixdorfs schon heben! Der Antrag Serno und Genossen wird darauf abgelehnt. Der Magistrat beantragt, das Ortsstatut vom 17. De zember 1908 betr. die Bildung der Wählerabteilungen für die Stadtverordnctenwahlen nach dem Maßstabe der 1 �fachen durchschnittlichen Steuerbetrages aufzuheben. Stadtv. Seilt mann (Alte bg. Fk.): Es wird mancher heute den Antrag begrüßen, der 1908 aus Fraktionsdisziplin für das Wahlrechtsortsstatut stimmen mußte. Das letztere hat tatsächlich in weiten Kreisen verstimmt und ist es gut so, wenn es aufgehoben wird. Stadtv. Winter (Neue bg. Fr.) beeilt sich ebenfalls die einmütige Zustimmung seiner Fraktion zum Magistratsantrag zu versichern. Stadtv. Scholz(Soz.) rügt die falsche Aufstellung der Tagesordnung. Der an neunter Stelle der Tagesordnung stehende, das gleiche Ziel verfolgende sozialdemokratische Antrag war viel früher beim Vor sicher, als derjenige des Magistrats, welch letzterer ja auch zugibt, daß sein Antrag erst durch jenen angeregt wurde. Seit L'/e Jahren kämpft meine Partei bereits gegen dieses ungesetzliche Ortsstatut und das Oberverwaltungsgericht hat uns in seinen Entscheidungen Recht gegeben. Es mutet doch unsinnig an, wenn die. welche genau vor ein Jahr noch geschlossen gegen die Aufhebung des Rechts- bruchs von 1908 stimmten, heute dafür eifern. Sie tätens ja auch nicht, wenn Sie nicht voller Angst an die kommenden Wahlen dächten. Das Manöver ist ja durchsichtig genug und wird Ihnen sicher nicht nützen.— Oberbürgermeister Kaiser will auf das Geschehene nicht mehr eingehen und die Streitaxt begraben. In milden Tönen empfahl auch dieser führende Kämpe der Wahlrechts- verschlechterer die Aufhebung des Ortsstatuts. Die ganze Korona hatte denn auch wirklich umgelernt und begrub einstimmig das mit so vielen Hoffnungen erzeugte Ortsstatut. Der sozialdemokratische Antrag war dadurch miterledigt. Die Abänderung deS Bebauungsplans Ab teilung l(nordöstlicher Bauteil), wird nach den Vorschlägen der Kommission genehmigt. Gegen die Delegation von Mitgliedern der städtischen Körper schaften zur Internationalen Hygiene- Aus st ellung in Dresden macht Stadtv. S e l t m a n n Sparsamkeitsgründe geltend. Stadtv. Dr. S i l b e r st e i n(Soz.) befürwortet den Bc such der Ausstellung, da Aufklärung über die moderne Gcsundheits pflege sehr not tut. Stadtv. E m in e l u t spricht auch für den Magistratsantrag, worauf dieser angenommen wird. Für die Vor- bereitungen wird eine gemischte Konimission eingesetzt Das Projekt für den neuen Ringbahnhof„Kaiser» F r i e d r i ch st r a ß e" findet die Zustimmung der Versammlung. Der Anregung des Stadtv. W u tz k y(Soz.), sofort einen zweiten Zu- und Ausgang vorzusehen, will der Oberbürgermeister durch Verhandlungen mit der Eifenbahnberwaltung Rechnung tragen; er teilt auch mit,. daß die Eröffnung des neuen Bahnhofs wahr- fcheintich schon im nächsten Sommer möglich sein wird. Tie Höfe der Schulen in der Boddin-, Erk-, Elbe-, Weser-, Kaiser-Friedrich-, Rüili- und Prinz-Handjery-Straße werden während der Ferien als Spielplätze zur Verfügung gestellt. Dem Entwurf für das Anschlußdruckrohr des Radial- systems Südost und dem Kostenanschlag dazu wird zugestimmt. Die Versammlung trat dana m eine geheime Sitzung ein. Wilmersdorf-Halensee. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Wie in mamvcn anderen Stücken, so gibt sich die kommunale Rückständigkeit Wilmersdorfs auch darin zu erkennen, daß die städtische Berwallung im Gegensatz zu den übrigen Groh-Berliner Gemeinden Personen, die sozial- »emokrati scher Gesinnung verdächtig sind, von k o in- munalen Ehrenämtern fern hält. Man sollte mm an- nehmen, daß sich bei solcher Gepflogenheit die Leute mit stuben- reiner Gesinnung um so rühriger nach öffentlicher Betätigung drängten. Aber das ist keineswegs der Fall. In der Sitzung vom 14. Juni hatte die Stadtverordnetenversammlung sich nnt einer Magistratsvorlage zu befassen, wonach statt der zebn Stadtbezirke, die jetzt bestehen, deren vierzehn gebildet werden 'ollen. Die Bezirke 1(Alter Ort, östlicher Teil), 2(Nord- Westen und Halensee), 7(Alter Ort, westlicher Teil) und 8(Kaiserplatzviertel) sollen halbiert werden. Die Vor- läge wird zutreffend damit begründet, daß die Vorsteher dieser Be- �irke infolge der Bevölkerungszunahme erheblich stärker mit Recherchen, Begutachtungen usw. belastet sind als die anderen. Doch klagte der Magistrat, daß-S ihm nicht möglich sei, dienen zu 'chaffenden Stellen alle zu besetzen; es fanden sich eben keine geeigneten Kandidaten. Als völlig verwaist kommen in Betracht die Bezirke S und 7a; Stellvertreter fehlen außerdem in den Bezirken 1a, 1b, 2b, ö und 3s. Als der Stadt- verordnete Dr. Heinitz an die Versammlung die Auffordemug gerichtet hatte, ihrerseits für Besetzung der Bezirksvorsteherämter zu sorgen, wurde von sozialdemokratischer Seite darauf hingewiesen, daß die unerhörte Anschauung, wonach bestimmte Schichten der Be- völkerung von der Gemeindeverwaltung auszuschließen seien, endlich auch in Wilmersdorf einer gerechteren Auffassung weichen müsse. Die Angelegenheir ging an einen Ausschuß. Weiter standen eine Anzahl Petitionen ans der Tagesordnung. Erwähnt sei die Behandlung, die ein vom VerbandejDeutscher Hand- lungSgehilfen an die Stadtverordnetenversammlung gerichtetes Ge- such fand. Der Verband wünschte, daß die sonntägliche Be- chäftigungszeit im Handelsgewerbe mehr ein« geschränkt werde. Als im vorigen Jahre der g e n t r a l v e r- band der Handlungsgehilfen eine Petition desselben Inhalts an die Stadtverordnetenversammlung gerichtet hatte, beschloß man ein- •ach Uebergang zur Tagesordnung. Diesmal empfahl der Petitionsausichuß, die Sonntagsverkaufszeit nur im Einvernehmen mit den übrigen Gemeinden Groß-Berlins zu regeln. Nachdem der Demokrat Moll im allgemeinen die Notwendigkeit einer erhöhten Sonntagsruhe betont hatte, wurde von sozialdemokratischer Seite darauf hingewiesen, daß der Vorschlag des PetitionSausschusseS wahrscheinlich keinerlei Erfolg haben werde. Im Februar diese» Jahres habe die Berliner Stadtverordnetenversammlung allerdings die auf völlige Beseitigung der Sonntagsarbeit ge- richteten Anträge der sozialdemokranschen/Fraklion abgelehnt, dafür aber immerhin beschlossen, daß während des Sommerhalbjahres ein Teil der öffentlichen Verkaufsstellen in den Mittagsstunden geschlossen zu halten seien. Nun zeige das Verhalten mancher Vorort- gemeinden, daß auch dieser mehr als bescheidene Fortschritt hinter« trieben werden solle; und da dürfe Wilmersdorf es sich nicht nehmen lassen, mit Energie auf eine baldige genieinsame Regelung zu dringen. Einen vom Demokraten und Sozialdemokraten unter- Zeichneten Antrag, der dem Magistrat diese Initiative zuwies, er- ilärte der Stadtrat Stein dorn für hinfällig, da der Magistrat bereits ohnedies die erforderlichen Schritte unternommen habe. Unsere Parteigenoffen find gespannt auf den Erfolg dieses Borgehens, und sie 1 werden selksttmstanhl!« deutlich mahnen, wenn die Sache bonneuem im Sande zu verlaufen droht. Ein erhebendes Beispiel bürgerlichen Gemeinsinnes brachte ein« Magistratsvorlage ans Licht, die die Bewilligung zur Vornahme eines Enleignungsverfahrens von der Stadtverordneten« Versammlung verlangte. Der Trauerkonfeklionär Weber ist seit langen Jahren in der Gemeindeverwaltung von Wilmersdorf ehren« amtlich tätig und bekleidet seit der Stadtwerdimg im Jahre 1906 das Amt eines Stadtrats. Herr Weber hatte um so eher die Pflicht, seine Kraft selbstlos in den Dienst der Gemeinde zu stellen, als er gleich manchen anderen alteingesessenen Bürgern allein durch den vor Jahrzehnten in Wilmersdorf spotibillig erworbenen Grund» besitz ein schioerreicher Mann geworden ist. Wie anderen, so fielen auch ihm diese Reichtümer in den Schoß, ohne daß er sich sonderlich anzustrengen brauchte; einzig der enorme Bevölkerungszuwachs half den Wert des Gutes mehren. Nun wäre es Vermessenheit, wenn man annehmen wollte, daß Leute dieses Schlages etwas von dem Wert« zuwachs, den sie der Gemeinde verdanken, dem allgemeinen System opfern sollten. Man ist schon froh, wenn sie dem öffentlichen Be» darf ihren Grundbesitz zu zwar hohen, aber doch einigermaßen ver» antwortlichen Preisen ablasien. Ander? Herr Weber. Die Stadt braucht von dem Teil seiner Ländereien, der seines sumpfigen Charakters wegen für den Häuserbau ohnedies nicht geeignet ist, zun, Bau der Untergrundbahn ein größeres Stück. Die von Hw-rrn Weber hierfür gcstelllen Forderungen nannte der Referent in der Angelegenheit. Stadtverordneter Zrechmann, unglaublich hoch; auch im übrigen brauchte Herr Ziechinann zur Kennzeichnung des Herr» Weber Ausdrücke, die dem Stadtverordnetenvorsteher mehrfach die Mahnung zur Mäßigung entlockten. Die Versammlung erklärte sich mit der erfolgten Enteignung des benötigten Straßen« landes einverstanden. Herr Weber hat übrigens notgedrungen sei« Stadt rat samt niedergelegt. Auch am letzten Mittwoch kam eS zwischen dem früheren Stadt« verordueten-Vorsteher Dr. Leidig und dem M a g i st r a t zu dem ortsüblichen Zusammenstoß. Ueber eine Vorhaltung, die Herr Leidig dem Magistrat in einer Rechnungssache gemacht hatte, quittierte Oberbürgermeister Habermann mit einem ironischen Bravo. Auf eine Anfrage des Herrn Leidig Sußdrte sich hierauf der Stadt- verordueten-Vorsteher Dr. Koch dahin, daß eres nicht für zu- lässig halte, wenn der Magistrat mit Kundgebungen de? Beifalls oder Mißfallens in die Verhandlungen der Stadtverordneten- Versanmilung eingreife. So erlebte denn auch Herr Leidig einmal einen Triumph. Der Gesangverein WilmerSdorfer Mäiinerchor feiert heute, Sonnabendabend, im Gesellschaftshause. WilheimSaue Nr. 112, sein Stiftungsfest. Der Verein hat immer, wenn der Ruf an ihn erging, freudig seine Kraft in den Dienst der Gesaintheit gestellt; und schon im Hinblick hierauf ist zu hoffen, daß die Arbeiterschaft an dem heutigen Abend zahlreich verireten sein wird. Der Beging ist um 5 Uhr, die Eintrittslarte lostet 36 Pf. Schöneberg. 300 000 Mark Polizeikosten. Die hiesige Polizeiverwaltung hat jetzt der Stadt Schöneberg ihre Rechnung aus dem Jahre 1909 präsentieren losten. Zu seinem Erstaunen hat der Magistrat gesehen, daß er auch, wie so viele Gemeinden Groß-BerlinS, eine beträchtliche Nachzahlung zu leisten hat. Die Stadt hat für da? Jahr 1909 bereits den Betrag von 274 476,77 M. an die Polizei gezahlt. Nach der von der Polizei ausgestellten Rechnung beträgt jedoch die Schuld der Stadt Schöneberg 299 242.62 M., so daß noch 24 763,85 M. nachzuzahlen sind. Der Magistrat unterbreitet jetzt die Rechnung der Stadtverordnetenversammlung zur Genehmigung, Weiftensee. Eine Schöffenwahl findet für den am 2. Juli ausscheidenden Schöffen Backhaus in der nächsten Zeit statt. Backhaus wird seines hohen Alters wegen nicht mehr kandidieren. Die neue Fraktion mit ihren 13 Mitgliedern will ihren Vorsitzenden MeweS vorschlagen, die alte Fraktion mit' sieben Mitgliedern unterstützen die Kandidatur MeweS auf keinen Fall und da einer der ihrigen keine Aussicht bät gewählt zu werden, so werden sie eine der Geineindevertretung nicht angehörige Person m Vorschlag bringen. Die aus acht Mitgliedern bestehende sozialdemokratische Fraktion bringt einen Genossen in Vorschlag, sie dürfte daher in Stichwahl kommen. Nach einem früheren Aussprich, den der Borsitzende der alten Frakiion in einer Grundbesitzerversammliing getan hat, würden seine Fraktionsgenosien den Sozialdemokraten unterstützen,«he Herr MeweS von ihnen eine Stimme erlange; davon sei sogar der Land- rat unterrichtet. Seit diesem Ausspruch ist aber eine Spönne Zeit vergangen, die damalige Erregung hat sich abgekühlt und es gilt als sicher, daß auch unser Genosse auf die zweifelhaften Stimmen der alten Fraktion verzichten muß. Unsere Gemeindeverlreter werden sich daher die Schöffenwahl nicht so sehr zu Herzen nehmen, zumal eS mit der Bestätigung eines sozialdemokratischen Schöffen in Preußen, dem Lande der Gleichberechtigung aller Bürger", noch gute Weile hat. �riedrichsfelde. Die von der„Freien Turnerschaft" unter sachkundiger Leitung veranstalteten K i n d e r s p i e l e finden regelmäßig Sonntags, vor- mittags von 9—11 Uhr. im Schloßpark statt. Diese Einrichtung erfreut sich einer großen Beliebtheit bei Eltern sowohl, als auch namentlich bei den Kindeni, und es ist daher nur zu wünschen, daß noch weitere Kreise der Bevölkerung hiervon Kenntnis erlangen. Wir weisen deshalb darauf hin, daß sich die Kinder allsomrtäglich, vormittags 8% Uhr, an der Caprivi-, Ecke Prinzen-ANce, und an der Kirche treffen und nach beendetem Spiel auch wieder gegen 11'/, Uhr an die Sammelpunkte zurückgebracht werden., Wifhefmsruh. Ter Arbeiterturnvcrcin Wilhelmsruh veranstaltet vom Sonntag, den 18. d. Mls. ab, Spiele für Kinder im Alter von 6—14 Jahren. Die Spiele wiederholen sich jede» Söimtag bis auf weiteres und finden immer in �der Zeit von 10—12 Uhr vormittags. Sachsen- straße 13(Nieder-Schönhausen), schrägüber vom Gastwirt Ott« statt. Sanimelpnnlt: Wilhelmsruh, Niederstraße(am Wald). Tie Eltern werden ersucht, die Kinder recht zahlreich sich daran bekeiligen zu lassen. Die Kinder werden unter Aussicht hin« und wieder zurückgebracht. Spandau. Der Storch auf der Polizeiwache. Gestern morgen wurde eine imge Frau aus Gatow, die sich in einem Stroßenbabnwagen der Pichelsdvrfer Linie auf der Fahrt»ach dein Bahnhof befand, unter- wegs von Geburlswehen befallen. Die Patientin wnrde an der Haltestelle auf dem Markt auS dem Wagen nach der Polizeiwache geleilet, wo sie unter dem Beistand einer schnell ans der Nachbar« wast herbeigerufenen Hebamme einem Knaben da» Leben gab. Mutter und Kind wurden später mit einem KrankentranSporttvageu nach dem städtischen Krankenhause übergeführt. Jngendveranstaltungen. Schöneberg. Sonntag, den 18. Juni, Spiclpartia nach Mchkamp. Treffpunkt und Abfahrt mittags 2 Uhr, Bahnhof■ Ebersstratzc. Der Ausschuß. FreirellgiSse Gemeinde. Sonnlag, den 18. Juni, vormittag» Uhr, Pappel-Allee Nr. 15—17 und Rixdorf, Jdcalpaffage: Freireligiöse Vorlesimg. Vormittags 11 Uhr: Klcine Franlsurtcr Str. S- Vortrag von Herin W. Manaffe:„Allerlei Lebensfragen." Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. ZUlgrmetne Kraiiken- und Sterbekasse der Metallarbeiter (d. H. 29, Hamburg). Filiale Berlin 4. Heule abend S'/, Uhr bei MerkowSky, Andreasstr. 28: Wahl der Orisverwallung.— Filiale C h a r l o t t e n b u r g. Heule abend 8>/„ Uhr im VollshauS: Neuwahl der Ortsverwalliing.— Filiale g r i- d r i ch« h a g e n. Heule abend 8'l, Uhr bei TiniuS, Wilheluistr. 53: Generalversammlung.— Filiale R i r d o r s. Heute abend LH, Uhr bei Tabbert, istemmeKstr. 114: Reuwahl der LrlZucrloallimg. __________ abzielenden Antrag; eS genügt, wenn der... �_____.. Leräntwortlicher Ulklrt KgM. Berlin. Für dcg Lnseralcnteil vergvtLbl Th. Glocke, Berlin, Drjtckjj,Vzrlag; LgrvärtjsBLchdruckerei u. Perlagsanstalt Paul Sing» u. Co.. Berlin SW,"J Kr. 139. 28. Jahrg. leilW des„ ÄeiUü ftr Gßc«, SM, Wn 17.|ü«i 1911. pq Soziales. Gute Sitten?, Ter Kellner K. klagte gestern vor dem Gewerbegerichr gegen >i. Erben des inzwischen verstorbenen Gastwirts Krüger. Er K/ar drei Jahre lang im Betriebe des Verstorbenen beschäftigt und mußte vereinbarungsgemäß von seinen Trinkgeldeinnahmen— Lohn bezog er für seine Tätigkeit nicht— pro Tag 25 Pf. als Bruchgeld zahlen sowie 5« Pf. an Strafgeldern pro Woche für Zuspätkommen. Mit anderen Kellnern, die nach ihm beschäftigt wurden, waren zwar diese Abgaben ebenfalls vereinbart, sie sollten aber als ihnen gehörende Kaution angesammelt und spätestens bei Lösung des Arbeitsverhältnisses zurückgezahlt werden. Ter Kläger nimmt, obwohl nicht vereinbart, die gleiche Wergünstigung für sich in Anspruch und fordert deshalb die Zahlung von 303 M. Er stützt seinen Anspruch noch mit der Be- hauptung, daß die Vereinbarung mit dem Bruchgelde gegen die guten Sitten verstoße und somit nichtig sei. Er habe sich beim Engagement allerdings nicht gegen diese Verpflichtung gewehrt, da er zuvor ein halbes Jahr beschäftigungslos und dadurch in Not geraten war. Seine während des Arbeitsverhältnisses erfolgte Verheiratung habe ihm neue Lasten auferlegt, die ihn gezwungen hätten, solange als möglich auszuhalten.— Das Gewerbegericht unter Vorsitz des Magistratsrats Dr. Eeckt wies die Klage kosten- pflichtig ab, weil es sich nicht davon habe überzeugen können, daß sich der Kläger so lange in einer zwingenden Notlage befunden habe, noch daß die fragliche� Vereinbarung den guten Sitten widerspricht. Es ist nun allerdings schwer einzusehen, daß es eine gute Sitte sein soll, wenn ein Arbeitgeber einen Teil der Geschäftsunkosten auf den Arbeiter, der noch dazu nur auf Trinkgelder gngcwiesen ist, abwälzt._ Geriebtö- Zeitung. Ter PrSzest Herrmann gegen Gendarmeriewachtmeister Jude. Der Konflikt der Regierung zu Potsdam in Sachen der Witwe des Zimmerpoliers Herrmann gegen den Gendarmeriewachtmeister Jude, der in der Nacht vom 22. zum 23. September 1906 unseren Genossen Herrmann bei Stolpe bei Berlin erschossen hat, beschäftigte gestern in vielstündiger Verhandlung das Ober-Verwaltungsgericht. Unsere Leser erinnern sich der verschiedensten Prozesse, die aus Anlaß der Vorgänge jener Nacht geschwebt haben. In dem äugen» iblicklichen Konfliktsverfahren handelte es sich nun um den Z i v i l- Prozeß der Witwe Herrmann, durch den sie, zugleich namens ihrer Kinder, die Verurteilung des GendarmeriewachtmeisterS Jude zu Schadenersah erstrebte. Das Landgericht hatte den Gendarm dem Grunde nach verurteilt, Schadenersatz zu leisten. Es kam dazu auf Grund der Würdigung der Aussagen mehrerer Genossen Herrmanns, die ihn auf dem Wege vom Zahlabend im Bergmann- schen Lokal zu Stolpe in der Nacht vom 22. zum 23. September 11906 nach Hohen-Neuendorf begleiteten, und der Aussagen des Gendarmen Tieh, eines Feldhüters und eines Ziegeleibesitzers, sowie der Erklärungen Judes. Die in Betracht kommenden Zeugen aus der Gruppe des Erschossenen hatten im wesentlichen folgendes bekundet: Sie seien an den beiden Gendarmen Tietz uni> Jude �(welche in Zivilkleidung auf Felddiebe fahndeten und vor einem anderen Lokal standen) in der dunklen Nacht vorbeigekommen. Dabei sei eine der dort stehenden Personen angestoßen worden. von der sich dann herausstellte, daß es Jude war. Dieser habe sich das laut verbeten, worauf jemand aus der Gruppe der wandern- den Genossen sich entschuldigt habe. Beim Weitergehen hätten die Zeugen plötzlich die Stimme des Tietz:„Das seid Ihr ja. was wollt Ihr Schweinehunde!" Gleichzeitig hätten die Gendarmen mit Stocken auf sie eingeschlagen. Als sich verschiedene zur Wehr setzten, habe einer der beamteten Angreifer ses war Jude) ge- schössen.— Adolf Herrmann wurde in den Unterleib getroffen.— Die Gendarmen und ihre Zeugen stellten den Vorgang so dar, ills habe es sich um eine direkte Anrempelung durch einzelne der vom Zahlabend Heimkehrenden gehandelt. Tietz meinte, als die Leute erwas weiter gewesen seien, hätten sie geschimpft. Und nun habe man sich zu ihrer Verfolgung aufgemacht, um sie fest- zustellen. Sie, die Gendarmen, seien aber gleich mit Schlägen empfangen worden und Jude habe geglaubt, daß Gendarm Tietz jn großer Bedrängnis gewesen sei. Dadurch habe er sich veranlaßt gefühlt, zu schießen.— Das Landgericht(7. Zivilkammer) nahm an, daß von den Aussagen sowohl der Zeugen des Herrmanns als auch von der Aussage des Tietz mancherlei in Abzug zu bringen sei, u. a. auf Grund von Beobachtungsfehlern, die Beteiligte in der Erregung oft machten, namentlich in dunkler Nacht. So iam die Zivilkammer zu der Feststellung, das? Gendarm Jude nicht nachgewiesen habe, daß er in Notwehr handelte. Da aber hier im Zivilprozeß ihm die entsprechende Beweislast zufalle, so müHe er dem Grunde nach verurteilt werden, Schadenersatz zu leisten. Jude focht die Entscheidung an. Bevor es aber zur Äerhand- lung über das Rechtsmittel kam, erhob die Regierung den Konflikt und verlangte dadurch endgültige Einstellung des Prozeßverfahrens gegen Jude. Die Regierung faßte die Situation im Sinne der Gendarmen auf und machte geltend, daß der Schuß aus Anlaß der Amtsübung in Notwehr gefallen sei. Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht, der Sachwalter der Familie des erschossenen Genossen Herrmann, kam auf Grund einer ein- gehenden Würdigung der Aussagen in den verschiedenen Prozessen zu der Schlußfolgerung, daß von einer Notwehr Judes nicht die Rede sein könne uttd daß der Konflikt der Regierung für un- gründet erklärt werden müsse. Nach mehr als vierstündiger Verhandlung kam das Ober-Vcr- waltungsgericht am Freitag noch zu keiner Entscheidung. Die Entscheidung wurde„ausgesetzt". D. h. sie wird in einer späteren nichtöffentlichen Sitzung erfolgen und dann ohne Anberaumung eines Publikationstermins den Parteien schriftlich zugestellt werden. Hottehlli Wegen Vergehens gegen das NahrungSmittclgesetz hatten sich gestern der Rcstaurateur Otto Klawinski und der Reisende Dier- back? vor dem Amtsgericht Bcrlin-Schöneberg zu verantworten. Bei dem Angeklagten K. war das Dienstmädchen Blume angestellt. Sie erschien eines Tages auf der Polizei und überreichte ein Stück Fleisch, welches Pferdefleisch ivar, mit dem Bemerken� daß solches Fleisch in der Restauration zu Speisen verarbeitet würde. Es wurde daraufhin einiges Fleisch und Würste bei dem Angeklagten beschlagnahmt. Tie Untersuchung ergab, daß das von dem Dienst- Mädchen überreichte Stück Fleisch zweifellos Pferdefleisch war und auch das zur Wurst verarbeitete Fleisch. zum Teil aus Pferdefleisch bestand. Unter den übrigen Flcischprobcn befand sich aber kein Pferdefleisch. Die in Frage kommende Wurst hatte K. von dem zweiten Angeklagten bezogen.— K. behauptete vor Gericht, daß hier nur ein Racheakt des Dienstmädchens vorliegen könne und cS nicht ausgeschlossen sei, daß sie das der Polizei übergeben« Stück Fleisch erst angekmlft habe, um ihm zu schaden. Ihm sei nichts davon bekannt, daß in seiner Küche jemals Pferdefleisch verwandt worden sei, er würde dies auch nicht gelitten haben. Ebensowenig habe er davon gewußt, daß in der Wurst Pferdefleisch verarbeitet worden sei. Im Gegenteil habe ihm der zweite Angeklagte bei Anknüpfung der Geschäftsverbindung die Karte der von ihm ver- tretenen Wurstfabrik übergeben, auf welcher garantiert werde, daß nur reines Schreine- und Rindfleisch verarbeitet werde. Die Be- lastungszeugin verblieb dabei, daß das Fleisch aus der Nestau- Nationsküche stammte. Sie behauptete: die Frau K. hätte immer «inige Fleischpakete unter dem Sopha im Billardzimmer verborgen f gehalten und dieses Fleisch sei dann abgebrüht und verwendet ' worden.— Das Gericht kam zur Freisprechung des K. Es nahm zwar an, daß das Dienstmädchen sich das Fleisch nicht erst zum Zwecke der Anzeige gelauft habe, hielt aber nicht für erwiesen, daß der Angeklagte gewußt habe, was für Fleisch seine Frau eingekauft habe. Bezüglich der Wurst nahm der Gerichtshof an, daß der zweite Angeklagte dem K. verschwiegen, daß Pferdefleisch darin enthalten sei. Dierbach wurde zu 60 M. Geldstrafe verurteilt. Die Pslickit zum Grüßen. Bürgermeister Plewka, jetzt in Tondern, war von 1905 bis 1911 in Schleswig zweiter Bürgermeister. In die Zeit fiel der Amtsantritt des neuen ersten Bürgermeisters Dr. Brückner. Zwischen Plewka und Dr. Brückner entstand ein gespanntes Verhältnis, das auch in Befugnisstreiti�eiten seinen Ausdruck fand. In einer Magistrats- sitzung war es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen ihnen gekommen. Einige Tage später begegneten sich Dr. Brückner und Dr. Plewka auf der Straße. Dr. Brückner grüßte Plewka und seinen Begleiter. Bei Plewka wirkte noch die Erregung nach über die seiner Meinung nach äußerst ungerechte Behandlung durch Dr. Brückner in der Magistratssitzung. Er erwiderte deshalb den Gruß nicht. Wegen Versagung des Grußes und wegen angeblicher Unter- lassung der Benachrichtigung des ersten Bürgermeisters von einer .Kommissionssitzung nahm der Regierungspräsident in Schleswig Bürgermeister Dr. Plewka in eine Disziplinarstrafe von 90 M. Der Oberpräsident verwarf die von Plewka eingelegte Be- schwerde. Dr. Plewka klagte nunmehr. Das Oberverwaltungs- gericht entschied Freilag dahin, daß die Klage des Dr. Plewka ab- zuweisen sei. Begründend wurde ausgeführt: Eine wenn auch nicht erhebliche Verfehlung des Klägers liege darin, daß er nicht in jedem Einzelfalle überwachte, ob das Bureau den ersten Bürger- meister von der Kommissionssitzung benachrichtigte. Das hätte er tun müssen, weil eine Anweisung des Regierungspräsidenten vor- lag. daß der erste Bürgermeister von Sitzungen der Kommissionen, denen der zweite Bürgermeister vorstehe, zu benachrichtigen sei.— Ganz erheblich sei aber der zweite Punkt, daß Dr. Plewka es am 4. Oktober 1910 unterließ, den Gnih des ersten Bürgermeisters auf der Straße zu erwidern. Dr. Plewka sage, daß er es bewußt nicht getan habe, weil er glaubte, vom Bürgermeister Dr. Brückner einige Tage vorher in der Äiagistratssitzung unrichtig behandell worden zu sein. Es sei nicht nötig, über die Vorgänge in der Sitzung Beweis zu erheben. Es könne denn Kläger geglaubt werden, daß er der Meinung gewesen sei, vom ersten Bürger- metster ungerecht behandelt zu sein. Das habe ihn aber nicht veranlassen dürfen, dem ersten Bürgermeister den Gruß zu ver- sagen. Er sei nicht befugt gewesen, wegen einer amtlichen Rüge. die seiner Meinung nach ihm der erste Bürgermeister habe zuteil werden lassen, sich selbst Sühne zu verschaffen. Er habe nicht die nötige Selbstzucht geübt, die der Beamte üben müsse. Er hätte nur mit einer Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde versuchen können. Sühne zu erlangen. Die Verweigerung des Grußes sei um so mehr disziplinwidrig gewesen, als sie einmal auf öffentlicher Straße und zweitens in Gegenwart eines Dritten, eines Stadt- rats. erfolgte, und andererseits das Gericht der Meinung sei, daß in Schlcswig-Holstein der erste Bürgermeister'der Dienstvorgesctzte der übrigen Magistratsmitglieder und hier somit auch der des zweiten Bürgermeisters sei. Die Strafe von 90 M. sei ange- messen._ Wegen Beleidigung eines Zeugen im GerichtSsaale ivar der Techniker Wilhelm Jagutter in Rixdorf vom Schöffengericht zu Rirdorf zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Am 4. Oktober war der Angeklagte in einer Strafsache als Zeuge vor Gericht vernommen worden. In derselben Sache wurde auch der Gerichtssekretär Stüblcr vernommen, der über dieselbe Angelegen- heit eine wesentlich andere Aussage machte, als I. Als sich der Gerichtshof zur Beratung zurückgezogen hatte, apostrophierte I. den Gerichtssekretär St. laut durch beleidigende Redensarten. Insbesondere soll er ihm zugerufen haben:„Den Meineid werden wir Ihnen anstreichen! Sie kommen nach Moabit!" DaS Schöffen- gericht war der Ansicht, daß Zeugen vor Gericht nachdrücklich gegen solche Anwürfe zu schützen seien und verurteilte den Angeklagten zu drei Monaten Gefängnis. Auf die eingelegte Berufung setzte die Strafkammer die Strafe auf sechs Wochen Gefängnis herab. Eingegangene Druckschriften. „Kommunale Praxis". Wochenlchrist für Kommunalpolitik und Ge- meindesozialiSmus. Jede Woche erscheint 1 Hest. AbonnementsprnS 3 M. pro Quartal. Einzelnummern 30 Ps. Bestellungen nehmen alle Buch- Handlungen und Postanstalten entgegen. Arbeiter-GesundheitS-Bibliothek. Als Heft 26 erschien soeben un Verlag der Buchhandlung Vorwärts. Berlin: Dr. Hans Schwerin: Die Kraukheiten des Ohres, der Nase und de« RachenS. Mit s Abbildungen... � Als.Hest 27 der Arbeilcr-GesundheitS-Bibliothek erschien: Dr. Stiver« stein: Sport und Arbeiter... Die Hefte kosten, wie all- übrigen aus der Serie„Arbelter-Gesundheit--- Bibliothek", je 20 Vf., in besserer AuSstatung 50 Ps. und sind durch alle Buchhandlungen, Spediteure und Kolporteure zu beziehen. „In Freie» Stunden." Eine Wochenschrist. Romane und Er« Zählungen für das arbeitende Volk. Jede Woche ein Hest zum Preise von l» P. Die Hefte 20—23 sind erschienen. Bestellungen nehmen alle Buch- Handlungen, Spediteure und Kolporteure entgegen. Geschichte der Revolutionen. Vom niederländischen Ausstand b-Z zum Vorabend der französischen Revolution. Von Dr. A. Conrady.� Mit zahlreichen Bildern und Dokumenten auZ der Zeit. Erscheint in sünszig Lieferungen a 20 Ps. Das Abonnement kann jederzeit beginnen. Be- stellungm nehmen alle Buchhandlungen, Spediteure und Kolporteure entgegen._ BrUfkaften der Redaktion. Die juriftische Sprechstunde findet L i n d e n st r- st e 60, vorn bin Treppe» — Fahrstuhl—, wachentäglich von dis Uhr abends, Sonnadcnds, von«M, dis 6 Uhr abendS statt. Jeder für den Brieflasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine zahl als Mrrlzelchen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht crteilt. Anfragen, denen keine Adonnementsguittung beigefügt ist, «erden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man tu der Sprechstunde vor. M. S. 50. Ja. in Höhe von etwa 3 M.— F. B. 81. Ohne Einsicht in das Statut läßt sich die Frage nicht beantworten.— H. St. 100. Nur dann, wenn vereinbart oder wenn Ihnen die Zahlungsunfähigkeit bekannt war oder aus den Umständen heraus bekannt sein mußte. — F. S. Rixd. Es gilt als Regel über die ganze Linie. Lassen Sie sich in einer Bibliothek das Buch der Spiele vorlegen.— ILO Klm. Nicht nur die Wette, auch die Fragen sind unsinnig. Legen Sie diese einer Sportzeitung vor.— E. B. L. KK. Sicherer im Osten Berlins,— Meier. Brasilcn. 1. Blau, weiß, rot. 2. Schöneberg, Bennigsenstr. 19. — H. 77. Für Kinder unter 14 Jahren muß der Vater die Austritts« erklärung abgeben. Mit 14 Jahren tritt in den alten preußischen Provinzen die Religionsniündigkeit ein, es haben dann die Kinder den Austritt selbst zu erklären.— Ä. W. 1000, Rixdorf. Im Bureau der Firma Bachstcin. Koppel, Hallcsches User 16, dürsten Sie das Gewünschte erfahren.— G. K. 80. Beides gebräuchlich. Richtiger„seinen". — H. S. in O. 1000. l. Leider eutspricht der Standpunkt der Schul- behörde der herrschenden Rechtsprechung. 2. Zur Parteischule werden Ge- nassen nur durch die Organisation delegiert.— S. B.» Rixdorf 115. 1. und 2. Ja. 3. Vorher aussordern. 4. Bei dem Armcnvorsteher. 8el>iek m» elegant kleidet man eich nur bei M.Katz Schneidermeister Dresdener Str. 76 II. naho Thalia-Thoator. II. Geschäft: Scirönebery, Hauptstr. 158 L AU Spezialität empfehle meine 3 wundervollen nach Maß zum Preise von Mark 48, CO— 58,00— 68,00 in künstlerischorVoUendung des Sitzes. Große L&�er in deutschen und englischen Stoffen. Teilzahlungen gestattet Toupets, Locken, Zöpfe billigste Bezagsqaello. - Xur reelle Ware.—— 0. Kafka, Rixdorf, Erkstr. 3. Wanderer! Touristen! Wir empfehle«: Straube-Karten der Umgegend t. Berlin 88 Qu.-M eil u. Berlin 1; 130000 0,50 ufl.— M. 132.,. 1: 130 000 lr- U. 1,50 M. 500... 1: 300 000 l.-u. 1,50 M. iiarie von 246/5* Bernau-Biesenthal, Buckow, Eberswalde-Chorin, Freienwalde u. 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Speiscbobnen, weiße 30,00-50,00. Linsen 20,00-60,00. Kartoffeln 6,00—9,00. 1 Kilo. «ramm Rindfleisch, von der Keule 1,60-2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis 1,80. Schweinefleisch 1,10— 1,80. Kalbfleisch 1,50—2,50. Hammelfleisch 1,50—2,20. Butter 2,20—8,80. 60 Stück Eier 2,80—1,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,40—2,20. Aale 1,60—3,00. Zander 1,50—3,60. Hechte 1,20 bis WasserstandS-iKaiSriAte« der Landesansialt fiir GewäfErkunde. mitgeteilt vom Berliner Detterbureaik Wasserstand M e m e l. Tilstt Brezel, Jnsterbmg Weichsel, Thoru Oder, Natibor , Kroßen , Frankiurt Warthe, Schrimm , Lmissberg Netze, Bordamm Elbe, Leilmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg Lasserstand Saale, Grochlitz Havel,«vandaul , Rathenow') Spree, Svremberg') , Bccskow Weser, llllünden , Zitinoen Rhein, McwimilianSau . Staub Köln Neckar. Heilbronn Main, Wertheim Mosel. Trier >) 4- bedeutet Wuchs,— Fall.—') Unterpeaet. 2,80. Barsche 0,80—2,00, Schleie 1,20-3,40. Bleie 0,80-1,80. 60 Stück Krebse 3,00—36,00, ZBirterungsüdersicht vom 16. Juni 1911. Swmemde.'65©NS 767 WSW 1766© Hamöm g Serlin antf.a M/769 SO ünchen s76gS© 767 WN© 3 bedeckt 4 bedeckt 4 bedeckt 1 Dunst 3 wolkig 5 wolkig 8aoaranda 757 N Petersburg 751 NN© Sctllv Aberdeen Bans 760 SO -767 SSO 767 SSO Wetterprognose für Sonnabend, de» 17. Juni 1911. Nachts noch kühl, am Tage wärmer, vielfach heiter bei mäßigen lichen Winden, keine oder unerhebliche Niederschläge. süd- Etationen Ctatiomn