Ar. 143. Nbonnementz-KecklnMgent Abonnements- Preis pränumerando t Wiertcljährl. 3,30 Mb, monatl, l.lv Mb. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg.(Sonntags« Nummer mit illustrierter Soiultags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post« iibonnemcnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband'für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonncmcnts nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz, vlcheiii» tsglifb auüer Mass. 38. Jahrg. Die TnfertionS'GebObr beträgt für die fechSgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bcreins- Und Vcrfammlungs-Anzeigc» 30 Pfg. „Alefne Slnrefgen", das feltgcdruckle Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafftellcnan« zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch« Ilaben zählen für zwei Worte. Jnleraie ür die nächste Nummer müssen bis » Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, Berliner Volksblnkt. Zcntralonyan der rozialdcmokratifchcn Partei Deutfcbtands. Telegramm« Adreff«: „Sozialdtmomt kuU»-. Redaktion; 8M. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 198». Mittwoch, den 21. Jnni 1911. Expedition: SM. 68, Lindenetrasae 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Das Ministerium und die Mbiidlingslchule. 1. Der Gesetzentivurf der preußischen Regierung über die Errichtung und den Besuch von Pflichtfortbildungsschulen sieht die Einführung des Religionsunterrichts nicht vor. Der Eilt- Wurf enthält über die eigentliche Aufgabe der Fortbildungs« schule überhaupt kein Wort; die Ausarbeiter, Geheimräte im Handelsministerium, haben diese Aufgabe als bekannt voraus- gesetzt. Man hätte sich bei der heutigen Situation in Preußen damit zufrieden geben können, da es immer besser ist, wenn der Entwickelung die Wege offen gehalten werden, als wenn durch kurzsichtige und engherzige Zielbestimmung eine frische Entwickelung von vornherein unterbunden worden wäre. Umso unvermittelter wirkt ein Absatz 2 im ersten Para- graphen des Gesetzentwurfs, in dem es heißt:„Zu den Auf- gaben der Fortbildungsschule gehört auch die staatsbürgerliche Erziehung und der Unterricht in körperlichen Uebungen". Dieser Absatz lvirkt in seiner Umgebung wie ein nachträglich aufgepfropftes Reis. Es klingt deshalb durchaus glaubhaft, wenn von eingeweihter Seite erklärt wird, daß diese Be- stimmung eine vom Kultusministerium durch- gesetzte nachträgliche 5?orrektur des ursprüng- Jüchen Entwurfs ist. Das Kultusministerium soll auch der schwarzblauen Reaktion bei den Versuchen, den Religions- Unterricht in die Fortbildungsschnle einzuführen, den Steig- bügel halten in der Hoffnung, damit den ersten Schritt zur Wiedergewinnung der Fortbildungsschule für das Ressort des Kultusministeriums zu tun. Es mag dem Laien rätselhaft erscheinen, daß das Fortbildungsschulwesen in Preußen dem Handels- und nicht dem Kultusministerium untersteht: und noch auffallender wird es dem Unein- geweihten sein, daß sich alle Interessenten, ganz besonders die Fortbildungs schulmänner, mit Händen und Füßen dagegen st r ä u b e n. daß die Fortbildungsschule wieder dem Kultusministerium angegliedert ivird. Wiederl Denn das Fortbildungsschulwesen hat schon zweimal zuin Ressort des Kultus gehört; aber zweimal hat man es ihm wieder ge- nommen, weil es im Schatten des Kultus gar nicht gedeihen wollte. Als Bismarck Mitte der achtziger Jahre seine glor- reiche Ostmarkenpolitik begann und für seine Gcrmauisicrungs- bcstrebungen auch die Fortbildungsschule benutzen wollte, nahm er diese zunächst einmal dem Kultusministerium fort in der zutreffenden Erkenntnis, daß unter dessen Leitung das magere Bäumchen der Fortbildungsschule niemals Früchte tragen werde. Das Handelsministerium hat die Aufgaben der Fortbildungsschule nüchtern und realistisch und ohne besondere Liebe, aber auch ohne das reaktionäre religiöse Brimborium des Kultusministeriums, auf dem Gebiete des Handels und Gewerbes gesucht, und wenn es auch keine Großtaten für die Fortbildungsschule geleistet hat, so hat sie sich doch im Bereiche des Handelsministeriums langsam fortentivickeln können. Um ihr Ivenigstens diese bescheidene Entivickelungsmöglichkeit zu erhalten, sind alle Freunde der Fortbildungsschule Tag und Nacht auf der Wacht, um sie vor dem Kultus-, dein Schul- Ministerium, zu schützen! Welches ehrenvolle Zeugnis für das Vertrauen, das man in die schnlpolitischcn und pädagogischen Fähigkeiten des preußischen Kultusministeriums setzt! Man vermutet nicht mit Unrecht, daß die'schwarzköpfigen Freunde der schwarzblauen Reaktion im preußischen Kultus- Ministerium mit dem oben zitierten Absatz 2 ein bequemes Sprungbrett für die Einfügung des Religionsunterrichts schaffen wollten. Ob sie auch unmittelbar versucht haben, den Religions- Unterricht den anderen Aufgaben mit anzufügen, weiß man nicht; jedenfalls ist ihnen dieser Vorstoß nicht gelungen. Das Haiidelsmimstcrium will vom Religionsunterricht nichts wissen. Natürlich nicht aus Feindschaft gegen die Religion! Der Handelsministcr will sich in der Hochschätzung der Religion von niemand den Rang ablaufen lassen. Aber er sieht wenigstens ein. daß bei den kargen 4—6 Stunden wöchentlichen Fortbildungsschnluntcrrichts keine Minute für den Religionsunterricht zu erübrigen ist.„Denn wenn Sie an den 6 oder 4 Stunden etwas kürzen, kommt die fachliche Seite, die in erster Linie steht, zu kurz," so führte er bei der ersten Lesung des Gesetzentwurfes im Plenum aus. Er ist ferner auch so bescheiden menschcnkundig, daß er einsieht, tvie Wenig nützlich, ja wie gefährlich für die Religion ein Zwangs- Unterricht an 14— 18jährige junge Leute ist, die täglich im Elternhause wie in der Fabrik und Werkstatt im Sinne der proletarischen Weltanschauung beeinflußt werden. Freilich hat er auch eine Ahnung von den Schlvierigkeiten, die die konfessionelle Trennung der Fortbildnngsschüler mit sich bringen würde. Das Handlsministerium hat die Mehrheit der Regierung für seine Anschauung gewonnen, was man daraus schließen muß, daß der Religionsunterricht im Gesctzentlvurf fehlt. In- deni das Kultusministerium aber gegen das Handelsministerium die staatsbürgerliche Erziehung und die körperlichen Uebungen durchgesetzt hat, hat es damit mittelbar dem Religionsunterricht doch ein Türlein offen zu halten vermocht. Staatsbürgerlicher Unterricht und Turnen, so argumentieren die schwarzblaucn Reaktionäre ksicht ohne etn«» schwachen Schein von Recht, ge- hören auch nicht zur eigentlichen Berufsbildung; wenn für sie Platz da ist, muß für den Religionsunterricht erst recht Platz da sein.„Was für den Turnunterricht recht ist," so sagte der Zentrumsredner Schmcdding,„muß mindestens für den Religionsunterricht billig sein." Und der konservative Ab- geordnete v. Richthofen ging gleich noch einen Schritt weiter auf das eigentliche Ziel los: die staatsbürgerliche und die sittlich- religiöse Erziehung sollten zu den Haupt- aufgaben der Fortbildungsschule gehören,„die doch tatsächlich eine gewisse Fortsetzung der allgemeinen Volksschule werden soll". Er will also kurzerhand mit der erfreulichen Entwicke- luNg der Fortbildungsschule zur Berufsschule brechen und sie wieder zur Lückenbüßerin der Volksschule und damit zur Magd der Kirche degradieren. Dann ist es freilich auch konsequent, wenn er fortfährt:„Daher ist mir der Gedanke sehr erwägenswert, ob es, wenn man diese Fortbildungsschulen so ausgestaltet, nicht notwendig ist, sie sowohl unter die Aufsicht des Herrn Handelsministcrs als auch unter die Mitwirkung des Herrn Kultusmini st ers stellt." So verständlich und richtig es in einem demokratischen Staatswesen wäre, die Fortbildungsschule als einen Teil der gesamten Schulerziehung anzusehen und sie demgemäß auch dem Schulministerium zu unterstellen, fo falsch und gefährlich wäre es in dem hensigen aristokratisch-bureaukratisch-klerikalen Preußen, diese naheliegende Selbstverständlichkeit auszuführen. Von den zwei liebeln des Kultus- und des Handelsministeriums ist das Handelsministerium in der vorliegenden Frage das weitaus kleinere, hier würde die Fortbildungsschule sich in be- fcheidenem Ausniaße zwar, aber doch ohne innere Erschütte- rung im Sinne des praktischen Bedürfnisses entwickeln können. Im Kultusministerium aber würde sie sofort wie die Volks- schule in den Dienst schul- und lebensfremder kirchlicher Jnter- essen gestellt werden, der Religionsunterricht würde die Hauptsache, seine Ansprüche an den Lehrplan und die„sittlich- religiöse" Durchdringung der übrigen Lehrfächer würden den eigentlichen Zweck der Fortbildungsschule in kürzester Frist vollkonimen überwuchern. Dieser Entwickelung sollte der Beschluß der ersten Kommissionslesung dienen; w ö ch e n t- lich eine halbe Stunde Religionsunterricht in der Fortbildungsschule zu erteilen. Im übrigen ist dieser Beschluß ein Stück Unsinn, wie er in solcher Reinkultur nur auf den Brachfeldern der ostelbischen und klerikalen Kulturpolitiker erblühen kann. Der Beschluß ist pädagogischer Unsinn, und er ist in schultechnischer Be- ziehung undurchführbarer Unsinn. Wird er trotzdem Gesetz, was im Lande der unbegrenzten reaktionären Möglichkeiten natürlich nicht unmöglich ist, so dürfen wir wenigstens mit dem erheiternden Tröste in die Zukunft schauen, daß den zu- künftigen Forlbildungsschülern einige muntere Stunden inner- halb und außerhalb der Fortbildungsschule bevorstehen. » Die Kommission weicht zurück. Am Montag begann in der Pflichtfortbildungsschulkommission des Abgeordnetenhauses die zweite Lesung. Handelsminister S Y d 0 w erklärte im Namen der Staatsregierung das Gesetz für unannehmbar, wenn die Forderung des 0 b l i- gatorischen Rcligionsuntervichts, ferner die der obligatorischen Heranziehung der G e i st l i ch c n in den Schulvor- stand und endlich die Mitwirkung des Kultus mini st ers nicht fallen gelassen werden. Ter Finanz mini st er fügte dieser Erklärung noch hinzu, daß, wenn die Kosten noch größer würden, wie sie bisher gewesen seien, das Gesetz auch aus diesem Grunde unannehmbar würde. Die Debatte betraf hauptsächlich den Religionsunter- r i ch t; zum Schluß erklärten die Konservativen, ihre Forderung vorläufig fallen zu lassen, nur müßten sie durch- aus fordern, daß die Erziehung auf sittlich-religiöser Grundlage erfolge, und daß durch Ortsstatut der fakul- tative Religionsunterricht eingeführt werden könne. Das Zentrum beharrte auf seiner Forderung, wie in der ersten Lesung. Die A b st i m m u n g ergab die Ablehnung des obli- gatorischen Religionsunterrichts mit allen gegen die Stimmen des Zentrums. Mit dieser Abänderung wurde der§ 1 angenommen. Bei§ 3 wurde gemäß dem Vorschlag des Finanziniyistcrs der Staatszuschuß auf 8M. pro Kops begrenzt; es sollen aber, wenn die Verhältnisse der Ge- meinden und die weitere Entwickelung der Fortbildungsschule es erfordern, auch größere Beträge in den Etat später eingestellt werden. ifctloitsllibei'sles CiiniKhentum. Die nationalliberale Partei ist in der politischen Welt, was die Qualle in der Tierwelt. Sie erkennt in ihrer politischen Charakter- losigkeit mir ein Prinzip an: das Prinzip absoluter Prinzipien- losigkeit. Selbst von ihren nächsten liberalen Freunden werden ihre großen«Staatsmänner" als politische Eunuchen eingeschätzt. Und doch, man kann die Wertschätzung der Nationallibcralcn noch so tief schrauben, man wird doch mit jedem Tage ansS neue entdecken, daß man sie noch zn hoch bewertet hat. In der Nr. 303 der „Magdeburgischen Zeitung" vom 20. Jnni beschäftigt sich ein Leit- artikel mit dem Wahlrecht in Preußen. Die Frage der Wahlrechts- reform in Preußen erscheint diesem nationalliberalcn Blatt als günstigste Gelegenheit, sich den Konservativen und der preußischen Regierung wieder einmal unentbehrlich zu erweisen. Um den Preis der GesinnungSluinperei in dieser Frage ist vielleicht ein Teil des Einflusses zurückzuholen, der beim Bruch des Bülow-Blocks verloren gegangen ist. Das Blatt findet es selbstverständlich, daß die Einführung des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in Elsaß-Lothringen eine verschärfte Agitation für dasselbe Wahlrecht in Preußen zur Folge haben muß. Der Sozialdemokratie will es deshalb eine Agitation in diesem Sinne auch nicht übel nehmen. Dagegen versuchte, eS, dem Fortschritt so viel geschäftliche Klugheit einzupauken, auf alle Prinzipien zu pfeifen und mit den Nationalliberalen gegen die So» zialdemokratie Front zu machen. Das ehemals jungliberale, jetzt rechtsnationalliberale Organ schreibt nämlich: Für die Sozialdemokratie bedeutet zweifellos die Einführung des Reichstagswahlrechtes für die Landlage die Eroberung zahl- reicher Mandate auch in diesen Parlamenten. Weniger verstand- lich bleibt nach tvie vor die sreisinuige Begeisterung für die Ein- führung des NeichstagSwahlrechteS in die Landtage, weil für den Freisinn und seinen Mandatsbesitz in den Landstnben die Ein- führung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes höchstwahrscheinlich nur die Ablösung durch die Sozialdemokratie bedeuten wird. Es ist auch ganz zweifellos feststehende Tatsache, daß mindestens die Hälfte der freisinnigen Wähler gar nicht daran denkt, einer solchen S e l b st v e r n i ch t u n g der Partei zuzustimmen. Was die Fraktion der fortschrittlichen Volkspartei bewegen mag, an der Forderung des Reichstagswahlrechts für Preußen festzuhalten, dürfte in der Konkurrenz mit der Demokratie, in dem alten Be- harren auf doktrinären Ideen und schließlich in der Hoff- nmig, durch eine„populäre Forderung" neue Anhänger zu gewinnen, zu suchen sein. Nach außen aber werden durch solches Verhalten die Grenzlinien zwischen Sozialdemokratie, Demokratie und entschiedenem LiberalisniuS mehr und mehr vcr- wischt. Wir zweifeln keinen Moment, daß es den Führern über- zeugter Ernst ist mit ihrer innerlichen Stellungnahme gegen die Sozialdemokratie. Aber die taktischen Maßnahmen, die sie treffen, und die Worte, die sie finden, um den Kampf gegen den un» erträglichen Druck der Agrar-Konservativen mitsamt dem Zentrum zu führen, sind nur zu leicht geeignet, aus die große Masse, die nicht tiefer schaut und nicht weiter hört, als der Augenblick zu sehen und zu hören gewährt, sinnverwirrend zu wirken. Dann fordert die„Magdeb. Ztg.", daß die nationalliberale Partei künftig mit fester Beharrlichkeit allen Lockungen und Drohungen von links widerstehen und besonders die Demokrati« sierung des preußischen Landtagswahlrechts bekämpfen soll: „Aber auch daran darf die Partei keinen Moment Zweifel aufkommen lassen, daß sie sich der Uebertragung des Reichstags- Wahlrechts, so unantastbar es ihr für daS Reich' ist, auf Preußen unbedingt widersetzen lvird. Jetzt mehr wie je tut eine so unzweideutige klipp und klare Stell ungn ah nie zum Wahlrecht bitter not. Wer Land und Leute in Preußen kennt, der weiß, daß die weiten Schichten gerade des erwerbstätigen Mittelstandes auf solche Stellungnahme warten." Wie sagt doch Hebbel? „Immer schien mir die Schlange der giftigste Wurm, doch noch schlimmer Ist der Kanimer-Lakai, der die Karriere verfehlt. Sie Stichwahlen in Oeftemich. Tie Niederlage der Christlichsozialen vollendet.— Sozial« demokratische Erfolge.— Die Blamage der Regierung. Wien, 20. Juni.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Dienstag war Stichwahl in Oesterreich. Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf die Wahlen in Wien und Nieder- ö st e r r e i ch, wo die Frage entschieden werden sollte, ob dort, wo die Macht der Christlichsozialen ihren Aufstieg begonnen hatte, ihrer verderblichen Herrschaft der Todesstoß versetzt werden könnte. Und, um es gleich zu sagen: die Nieder» läge der C h r i st l i ch s 0 z i a l e n ist zu einer z e r- malmenden geworden, die Hauptstadt des Reiches ist vpn dieser politischen Pest fast völlig befreit. Zu den zwei Mandaten, die die Christlichsozialen in der Hauptwahl erhalten haben, sind heute in Wien nur noch zwei gekommen. Wie im Sturm ist die Bande weggefegt worden. Mit Begeisterung gingen die Wähler zur Wahl. Der Versuch der Regierung, ein Kompromiß gegen die Sozialdemokratie zustande zu bringen, ist nicht nur völlig ge- scheitert: gerade durch die Einmischung der Regierung wurde die Begeisterung noch angefacht und mit den sozialdemokra- tischen Massen stürmten die sonst so indolenten Wiener Bürger zur Urne, um das Werk der Reinigung zu vollenden. A l l e christlichsozialenFührersindaufderStrecke geblieben. Gefallen sind der Präsident des Abgeordneten- Hauses Dr. P a t t a i, der offizielle Parteiführer Prinz Liechtenstein, der Haiidclsininister Dr. W e i s k i r ch- 11 e r, der zweimal kandidiert hat und nun zweimal durch- gefallen ist, der frühere Eisenbahnminister Wittel, der Wiener Bürgermeister Dr. Neumeyer, der den Wahl- bezirk Luegers verloren hat. Gewählt ist hier in Hietzing unser Genosse, der Buchdrucker S ch i e g l. Dem Bürger- meister, dein Chef des Magistrats, haben also alle berüchtigten Schwindclkiinste dieser christlichso�ialen Amtsmißbrauchs» organisation, nichts geholfen. Und sein Vertreter, Vizebürger- meister Hier Harn in er, vertritt ihn auch bei der Niederlage. Die größte Freude aber löst die Kunde aus, daß es ge» lungcn ist, in Mistelbach den Dr. G e ß m a n n. den eigentlichen Führer der Partei, den gewissenlosesten Knecht des silenkcilisnuis, zu werfen. Hiex hat die Sozialdemokratie� bei der die Entscheidung lag, ihre ganze Kraft eingesetzt, um dem deutschnationalen Gcgei,kandldaten zum Siege zu der- helfen, und in ganz Oesterreich wird es begeisterten Widerhall finden, daß dieser verhaßteste Organisator der christlichsozialen Korruption erlegen ist. 23 Mandate sind heute in Wien zur Besetzung gelangt. Zwei Resultate sind noch ausständig. Ebenso vernichtend wie die Niederlage der Christlichsozialen, ebenso glänzend ist der Erfolg der Sozialdemokratie. Elf Mandate sind ihr heute zugefallen. Wien schickt unter 33 Abgeordneten l8 Sozialdemokraten in den Reichsrat. Im Jahre l9l)7 verfügten die Christlichsozialen über 23 Wiener Mandate, die Freiheitlichen hatten 3 Sitze, die Sozial- demokratie 13. Heute sind den Christlichsozialen im ganzen 4 Mandate geblieben, die Freiheitlichen haben 9 und es ist wahrscheinlich, daß auch die zwei fehlenden Mandate den .Christlichsozialen verloren gegangen sind. Tie Niederlage der Christlichsozialen beraubt diese Partei all ihrer Führer. Zugleich hört die Partei auf, eine städtische Partei zu sein und wird eine re i n klerikal- a g r a r i s ch e G r u p p e. Ob es gelingen wird, den pbdach- losen Führern noch Sitze im Parlament zu verschaffen, indem in den Landbezirken gewählte Strohmänner zurücktreten, ist überaus fraglich. Nicht aus Mangel an Strohmännern, wohl aber aus Mangel yn deren guten Willen. Tie Niederlage der Christlichsozialen ist zugleich eine schwere Niederlage des Ministeriums Bie- n e r t h. Mit den Häuptern der Christlichsozialen sind zu- gleich die verläßlichsten Regierungsstützen gefallen. Die Re- gierungsmajorität ist geschwächt, das moralische Prestige des Ministerpräsidenten B i e n e r t h vernichtet. Mit dem Klerikalismus ist zugleich die österreichische Regierung die Besiegte dieser Mahlen. Und noch jemand wird die Nachricht vom Wiener Zu- fammenbruch mit Groll vernehmen i der Mann in Belvedere, der klerikal- imperialistische Erzherzog, T.hron» so l g e r. In G a l i z i e n war Montag Wahltag. In siebzig Wahl- kreisen West- und Ostgaliziens mit insgesamt 106 Mandaten sind bisher 38 Abgeordnete endgültig gewählt worden und zwar dreißig Mitglieder der Polenklubs, fünf Sozialdemokraten, unter ihnen Daszynski zweimal, ferner der Unabhängige Breiter und zwei Ruthcnen. Der Polenklub gewinnt bisher drei und verliert zwei Mandate, die Sozialdemokraten gewinnen zwei, die Zionisten verlieren zwei, die Ruthenen ein Mandat. Der infame Terrorismus und Wahlschwindcl der Schlachtschitzen hat im Lande vielfach zu blutigen Unruhen geführt. Ueber das bereits gemeldete Massaker in Drohobycz wird noch berichtet: Auf das Gerücht, daß für den Kandidaten Löwenstein eine große Anzahl gefälschter Stimmzettel abgegeben worden seien, erfolgte nachmittags von zionistischer Seite ein Sturm aus dessen Agitationslokal. Polizei, Gendarmerie und Kavallerie waren ohnmächtig gegen die aufgeregte Menge, welche Steine, Stühle, Biergläfer und andere Gegenstände auf sie schleuderten. Ein im Laufschritt mit gefälltem Bajonett herbeieilender Trupp Infanterie wurde ebenfalls mit einem Hagel von Steinen emp- fangen. Als die Menge trotz der Aufforderung des befehligenden 'Oberleutnants, sich zu zerstreuen, weiterhin mit Steinwurfen ant-s wartete, erscholl das Kommando:»Schießen!" Fünf Sal- den wurden auf eine Entfernung von 15— L0 Schritt abgegeben.' Den Blättern zufolge wurden achtzehn Personen ge- tötet und 37 schwerverletzt, darunter mehrere Frauen. Nach der Flucht der Exzedenten wurde der Platz militärisch abge- sperrt. Der Zustand vieler Verletzten ist besorgniserregend. Einige der Projektile müssen durch mehrere Körper durchgegangen sein, da sonst die große Zahl der Opfer nicht zu erklären wäre. Nachts war in Drohobycz Ruhe. Heute herrscht ungeheure Aufregung. Es wird befürchtet, daß eS beim Leichenbegängnis der Opfer zu großen Demonstrationen kommen wird. Auch in Lemberg kam eS nach Verkündigung der Wahl zu Zusammenstößen mit Militär und Polizei, wobei von der Waffe Gebrauch gemacht wurde und dreizehn Per- sonen verletzt wurden. Aus S a m b o r wird gemeldet, daß nach Veröffentlichung des Wahlresultats die christliche und jüdische Bevölkerung einander angriffen. Das einschreitende Militär ging mit gefälltem Bajonett vor. Zehn Personen wurden ver- letzt._ Das CiquMationsitiiniftcrium. Aus Brüssel wird uns geschrieben: Das Ministexium Bxocqpeville wird höchstens elf Monate Lebenslauf besitzen. Merklyürdig an ihm ist nur, daß es vier ausgesprochen„j u n g- k l e r i k a l e" Mit- glieder zählt. Das könnte auf den ersten Blick den Anschein erwecken, daß mit der Aushängung des jungklerikalen Schil- des auch die d e m o k r a t i s ch e R i ch t u n g im Klerikalis- mus Oberwasser hat. Ein jungklcrikales Ministerium! Da soll die Bevölke- rung doch mal merken, daß nicht die„Alten" um Waeste herum, sondern die, die das vielversprechende, schimmernde Wörtchen..Jung" dem„Klerikal" voranstellen, die das ino- derne, soziale, einer erweiterten demokratischen Idee zu- gängliche Prinzip darstellen, die Zügel führen. Vor den Wahlen, die der pfall des Schulgesetzes und die Niederlage Schollaerts ohnehin so bedenklich erscheinen läßt, kann es nur nützen, wenn die Wähler sehen, daß die„christliche De- mokratie" obenan ist. � Nur daß gerade die letzten Ereignisse, die dem Mi- nisterium die jnngklerikalen Minister zugeführt haben, die Jungklerikalen— die zweifellos das treibende und in- transigente Element in der Schulfrage gewesen sind als die starken Vertreter einer rücksichtslosen, sek- toristischen und den Klerikalismus eines Waeste noch über- trumpfenden Parteipolitik gezeigt haben. Wie weit es aber überhaupt mit dem allerdings einst der Demokratie zuneigenden Jungklerikalismus gekommen ist, veranschaulichen am besten zwei der berüchtigsten jung- klerikalen Fahnenträger, die jetzt als Mitglieder des Mi- nisteriums Brocquepille diesem wohl eine besondere Garantie für eine demokratische Politik aufdrücken sollen: der Kolo- nienminister N e n k i n und der Justizminister C a r t o n de W i a r t. die beide Muster des Renegaten- und Streber- tums darstellen. Für den geopferten intoleranten und fana- tischen Helleputte ist insbesondere der„literarisch"-elegante, vom Sozialpolitiker zum glatten Streber gesunkene Carton de Wiart mehr als Ersatz. Die Jungklerikalen sind heute nur mehr die Renegaten der Demokra tie und als solche eine weit gefährlichere Sorte Politiker, als die offen Und ehrlich reaktionären Altklerikalen. Der jungklerikale Flügel repräsentiert heute in Wirk- llichkeit die Tendenzen der schärfsten Intoleranz und des äußersten Klexikglismps. In der Tat hat ja das Schollaert- sche Klostergesetz gezeigt, bis zu welchen Konsequenzen und Grenze�» der Klerikalismus von den Jungklerikalen geführt werden soll: auf dem Schulgehiete zur vollständigen Aus- lieferung des Unterrichts an die Gewalten von Kloster und Kirche.. Mit dem Ministerium Brocquebille ist aber kein durch irgendeine Formel von christlicher Demokratie gemilderter Klerikalismus ans Ziel gelangt, sondern die Verkörpe- rung des schroff st en Katholizismus, der alten kulturfeindlichen Intoleranz. So kurz es auch zur Herrschaft berufen und so eingeengt auch sein Aktionsfeld ist, so wird auch in der kurzen Spanne seines geschäfts- mäßigen Wirkens aus jedem seiner Träger die gefährliche und feindliche Macht des Klerikalismus sprechen. Und die Wähler werden auf diese hoffentlich letzte Episode der klerikalen Herrschast den richtigen Bescheid geben. Das Ministerium vor der Kammer. Brüssel. 20. Juni. In der heutigen Sitzung der Kammer vev- las Ministerpräsident Brocqueville eine programmatische Er- klärung deS' neuen Ministeriums. Tie Regierung wende ihre Auf- merksamkeit besonders dem Kinderschutz, den Arbeiter- Pensionen sowie der Forderung des Mittelstandes und der Vermehrung des kleinen Besitzes zu. Auch die Lage der Beamten solle gebessert und noch heute ein Gesetz über di« OsfizierSpensionen eingebracht werden. Bezüglich des Schulgesetzes erklärte der Ministerpräsident, daß die Frage mit Ruhe und Ueberlegung ge- prüft werden solle, um durch Abänderungsanträge zu einer Verständigung zu gelangen. Nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung entspreche es dem Prinzip der Gerechtigkeit, die Parlamentssitze zu vermehren. Der Ministerpräsident schloß mit der Aufforderung an das Parlament, das Budget nunmehr zu bewilligen, um einen regelmäßigen Gang der Staatsgeschäfte zu ermöglichen. politilcbe debcrlicbt. Berlin, den 30, Jnnt 1911, Agrarische Demagogie. Wie wenig die Agrarier trotz ihrer gegenteiligen Ver- sicherungen auf das Interesse des kleinen Mannes bedacht sind, haben sie aufs neue bei der Beratung des A u s s ü h- rungsgesetzes zuni Reichsviehscuchengesetz bewiesen, womit sich das Abgeordnetenhaus am Dienstag in zweiter Lesung beschäftigte. Bei ihrer Agitation im Lande predigen sie, daß es Pflicht des Staates sei, Entschädi- gungen für Verluste durch Viehseuchen zu zahlen, und auch in ihrem Handbuch nehmen die Agrarier diesen Standpunkt ein. Aber für sie gilt mehr als für irgendeine andere Partei der Satz: Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten. Wo es ihnen möglich ist, ihren Worten die Tat folgen zu lassen, in den gesetzgebenden Körperschaften, da versagen sie einfach und treten die Interessen derjenigen, um deren Stimmen bei den Wahlen sie buhlen, r ü ck s i ch t s- los mit Füßen. Würden sie sich damit begnügen, von der Stellung von Anträgen zugunsten der Landproletarier Abstand zu nehmen, so könnte man sich darauf beschränken, ihnen den Vorwurf grober Pstichtvergest'enheit zu machen. Aber daß sie die von anderen Parteien ausgehenden, diese Tendenz verfolgenden Anträge- niederstimmen,'ist schnöder Verrat. Insbesondere die Sozialdemokraten hatten eine große Reihe von Abändern ngsanträgen einge- bracht, die sich samt und sonders in der Richtung einer Ent- lastung der kleinen Leute auf dem Lande bewegten. Lei- nert, der die Anträge begründete, verstand es, mit recht geschickten Argumenten zu operieren und gleichzeitig die Zweiseelenthcorie der Agrarier zu brandmarken. Indes kam der Präsident v. K r ö ch e r seinen Freunden wieder eininal zu Hilfe, indem er unseren Redner zweimal zur Sache rief, weil Leinert zum Beweis dafür, daß in Preußen Geld genug vorhanden ist, die Erhöhung der Zivilliste kurz erwähnte. Aber es nutzte ihm nichts, unser Genosse konnte seine Rede trotzdem zu Ende halten. Wie unparteiisch Herr v. Kröcher ist, zeigte er wieder mal dadurch, daß er einen freikonservativen Redner, der die Rede Leinerts als Hetz« rede bezeichnete, nicht zur Ordnung rief, sondern sich mit einer minder scharfen Zurückweisung begnügte. Am Schluß der Sitzung gab es noch eine recht charakte- ristische Geschäftsordnungsdebatte. Die konservativ-klerikale Mehrheit will den Sessionsschluß gewaltsam herbeiführen und verlangt deshalb, daß die Zweckverbandsgesetze, noch bevor die Beschlüsse des Herrenhauses offiziell dem Abge- ordnetenhause mitgeteilt sind, und ohne daß die Fraktionen Zeit zur Besprechung haben, schon auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt werden. Die anderen Fraktionen erhoben dagegen Einspruch, und nach mehr als einstündiger Debatte, in der es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Sozialdemokratie und der konservativ-klerikalen Gesell- schaft kam, wurde der Antrag schließlich zurückgezogen. Ein Vorschlag unseres Genossen Hirsch, am Mittwoch endlich den Wahlrechtsantrag zur Beratung zu stellen, fand vor den Augen der Mehrheit kein? Gnade. Annahme des Fenerbcstattungsgesehes im Herrenhause. WciS im Geldsackparloment nur mit Hilfe der Sozialdemo- kraten möglich war, hat das Haus der Standesherren und Ernann- ten aus eigenem geleistet und sogar mit sechs Stimmen Mehrheit. Immerhin waren es 86 der Edelsten und Besten des preußischen Baterlandes, die bereit waren, das Herrenhaus durch Verwerfung dieses schon ohnehin für die große Masse der Untertanen un- praktikabel gemachten Gesetzes zu blamieren. Ein ganzer Heer- bann marschierte da auf unter der strategischen Führung d«s Generalfeldniarschalls Graf H ä s e l e r, der sich upter der Herr- schaft der o b l i g a t o r i s ch e n j I) Feuerbestattung keine Krieger- gröber mehr denken kann(andere können sich dann bloß keine Epidemien im Feldlager mehr denken), und unter dem Segen de? Erzbischofs von Köln, des Kardinals Fischer. Dieser hohe Beamte der Romkirche sieht sogar schon die Fundamente von Staat und Kirche erzittern, wenn in Preußen eine Anzahl begüterter Leute sich durch Feuer bestatten lassen können. TaS war denn doch selbst dem Herrenhaus- zu arg, und es ertönten einige ganz kräftige Oho-Rufell Aber was ist das selbst gegen den Grafen Droste, V i s ch e r i n g, der der Regierung der Dallwitz und v. Trptt zu Solz allen Ernstes nachsagt, daß sie überhaupt«ine auffallende Gegnerschaft gegen das Christentum zeige!.., Herr Graf Oppersdorf packt die Sache beim preußischen Patriotismus an: denn, so verkündet er der staunenden Welt, das Erdgrab hat Preußen groß gemacht. Aber Preußen begibt sich nun auf die schiefe Wasserrutschbahn. Hs ist traurig! Ein leib- haftiger Kronsyndikus und Oberlandesgerichtspräsident mit dem allen echtborusfischen Männern teuren Nqmen v. Pkehwe begibt sidj in di« Gemeinschaft des verruchten Mödernistxn Zvrk v. Mar- lenbürg, d'eS Kathedersozialisten Adolf Wagner und, des sicherlich glaubensschwachen Medizinmannes Waldeyer und tritt gleich dem Polizeiminister füx das Gesetz ein. Und so geschieht cS, daß in namentlicher Abstimmung der§ 1 mit 92 gegen 86 Stimmen ange- nommen wird. In der Spezialdiskussion versuchte Graf Strachwitz ver- geblich, das Gesetz noch weiter abzuändern, damit es im Dreiklassen- Haus umgebracht werde» könnte. So beantragte er, statt der schon festgesetzten Zweidrittelmehrheit die Dreiviertelmehrheit einer Ge- mcindevertretung zur Beschlußfassung über die Errichtung eines Krematoriums zu fordern, worauf ihm der Berichterstatter, Ober- bürgermeister R i v e- Halle, den Rat gab, doch lieber gleich die Neunzehntelmehrheit zu verlangen. Etliche Herren murrten über diese bürgerliche Anmaßung, was ihnen aber nichts half. Mit sechs Stimmen Mehrheit wurde schließlich das ganze Gesetz unverändert angenommen. Debattclos geruhte man dann noch, die rheinisch-westfälischen Jndustricbczirke mit der Staatspolizei zu begnaden und unterhielt sich über Petitionen. Erst nach fast siebenstündiger Sitzung machte map Schluß, Heute, Mittwoch: Allgemeines Zweckverbandsgesetz- Die gefährliche Begegnung. Ter„Deutschen Tageszeitung" ist Leid widerfahren. Es machte sich so hübsch, daß Herr v. Bethmann Hollweg durch die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" für Wilhelm II. um Entschuldigung bat und die Junker, die natürlich an einem offenen Konflikt mit ihrer Monarchie kein Jnter- esse haben, waren auch großmütigst geneigt, Verzeihung 5» gewähren und Wilhelm II. die Begegnung mit Macdonald (der übrigens nicht nur, wie die schämige„Nordd. Allg," sagt, der Führer der Arbeiterpartei, sondern auch ihres so- zialistischen Flügels, der Jndependent Labour Party ist) gütigst nachzusehen. Leider folgte dem Dementi der „Nprdd.", nach dem die Einladung Macdonalds vom eng- lischen Kriegsminister ausgegangen wäre, prompt das De- menti des„V o r w ä r t s" und da dieses Dementi denn doch in allen Kreisen größere Glaubwürdigkeit besitzt, io wird die„D. Tagesztg." wieder aus ihrer Ruhe ausgescheucht. Nochmals versichert sie: „Jedenfalls aber werden alle monarchischen Kreise in Deutschland mit Genugtuung das Dementi der Behauptung begrüßt haben, daß Kaiser Wilhelm das Zusammen- treffen und das Gespräch mit Herrn Macdonald gewünscht und veranlaßt habe." Aber diese Versicherung soll doch nur ausdrücken, daß die „monarchischen Kreise" es unverzeihlich finden würden, wenn Wilhelm II. die Initiative zur Einladung MacdonaldS wirklich ergriffen hätte. Und gerade dies hat ja der„Vor- wärts" behauptet und deshalb verlangt das Ägrarierblatt von der„Nordd." ein zweites Dementi. Das ist wirk- lich ungewohnte Bescheidenheit. Denn die Behauptung dep „Nordd." würde durch Wiederholung an Wahrheit nichts ge- Winnen und das Eine könnte sich schließlich die„D. Tages- zestung", wenn sie sich schon so stellt, als würde sie unserer Tarstellung nicht glauben wollen, doch selbst sagen, daß wohl der englische Kriegsminister aus freien Stücken nie aus den absonderlichen Einfall gekommen wäre, just Wilhelm II. die Begegnung mit einem Sozialdemokraten vorzuschlagen. Und warum ist die„D. Tagesztg." Überhaupt plötzlich fd milde. Wenn schon Macdonald als einziger Parlamcn- tarier zu jenem Essen erschienen war,, warum hat Wik- Helm II-, wenn die Darstellung der„Nordd. Allg. Zeitung" richtig war, sich gerade mit ihm in ein langes Gespräch ein- gelassen, statt ihn zu ignorieren? Warum wir die ganze Geschichte überhaupt erwähnen? Erstens, weil das demütige Berzeihungbitten für Bethmann Hollweg so charakteristisch ist: zweitens, weil es sehr lustig ist, zu sehen, wie dabei die„Nordd. Allg. Ztg." zu unwahrer und alberner Ausrede Zuflucht nimmt und drittens, weil cS sehr hübsch ist, wie energisch die Agrarier gegen Wilhelm II. aufzutrumpfen wissen. Tagegen ist die„D. Tagesztg." völlig im Irrtum, wenn sie meint, die Deutsche Sozialdemokratie erblicke in diesem Einfall Wilhelm II. ein„Entgegenkommen" und messe der Begegnung irgend welche politische Bederrtung bei. Wir haben ja schon zu oft gesagt, was wir von solchen Dingen halten, als daß wir tzs nötig hätten, unsere Skepsis nochmals zu betonen. Fahrkartensteuer. Die„Rordd. Allgem. Ztg." dementiert die Mitteilungen des „Berk. Lok.-Anz." über eine Aenderung der Fahrkartensteuer. Sie bezeichnet die Meldung des Scherlschen Blattes als„aus der Luft gegriffen" und verweist auf die öffentlichen Zusicherungen deS Minister« der öffentlichen Arbeiten im Reichstage und im Prcußi» schen Abgeordnetenhause, Eine minderjährige„Aufhetzeriu". In Märzdorf. Kreis Ohlau lSchlesien) fand bor kurzem auf dem GeHöst eines Stellenbesitzers eine sozialdemokratische Versainm- lung unter freiem Himmel statt. Die jugendliche Enkeltochter de» Besitzers befand sich in der Wohnung, und da ein Fenster offenstand, mögen ein paar Worte des Redners bis in die Stube gedruugcu sein. Das Mädchen erhielt darauf einen Strafbcfehl über 3 M.. weil eS„als Person unter 13 Jahren an einer politischen Versamm- l»ng teilgenommen" habe. Auch das Schöffengericht hielt eine Uebertretung des VereinsgesetzeS für vorliegend, ermäßigte aber die Geldstrafe auf 1 M. Der überwachende Gendarm als Zeuge be- lunijete, das Mädchen sei ihm trotz seiner Jugend bereits als»Aus, h e tz e r i ii unter den Tabakarbeiterinnen" bekannt. Die brutale» Erziehungsmethoden der Kaserne. Das Kriegsgericht der 15. Division in Koblenz verhandelt« gegen den Unteroffizier Mechtenberg vom Fcldartillerck. Regiment Nr. 23 wegen Mißhandlung Untergebener und Miß. brauch der Tienstgcwalt. Er mißhandelte Untergebene nicht nur selbst mit der Hand oder mit einem Gurt, sondern beauftragte eine Anzahl Leute des älteren Jahrganges, in einem dunklen Zimmer diejenigen Rekruten abzufassen und zu mißhandeln, die er eigens zu diesem Zweck abends auf sein Zimmer befahl untex dem Vorwand, daß sie Zaumzeug vor- zeigen sollten. Der Vertreter der Anklage beantragte wegen Miß- Handlung und Verleitung zur Mißhandlung in elf Fällen ein« Gesamtstrafe von zwei Monaten Gefängnis. Das Kriegsgericht ttlamste auf nur v i e r Wochen Mitte larre st i Der Reichsverband der deutschen Presse und der Verband Deutscher Journalisten- und Schriftstellerbcreine beriet sich heute, wie aus Eisenach gemeldet wird, nach offizieller Begrüßung der Delegierten durch R-gierungSrat Krauß im Namen der Regierung und durch Oberbürgcnneister Schmieder inr Namen der Stadt Eisenach in gemeinsamer Sitzung über di» Privatbeamtenverstcherung. Nach einem Referat Prägers- München wurde eine Refolution aiigenoinmen, in ivelcher die Fassung des Bundesrats als geeignete Lösung bezeichnet wird. Der Reichsverband der Deutschen Presse setzte darauf sein« gestern abgebrochenen Berhandluogen fort und nahm eine» Antrag des HauptborstandeS an, der Verband möge in einer Eingabe an den Reichstag seine Zustimmung dazu aussprechen, dafs durch die©traf« prozeßreform bei Nachdruckösachen die Privatklage eingeführt werden soll. Weiter wurde eine Resolution angenommen, welche die Per- anstaltung einer Enquete über soziale Lage der Angehörigen der Presse betrifft. Als Ort der nächsten Delegiertenversammlung wurde München gewählt.___ Zentrumsversammluugen als Gottesdienst. Im„Brühler Volksblatt", einem ZentrumSblatt, daS in Brühl bei Köln erscheint, konnte man in der Nr. 135 vom 17. Juni folgende G o t t e s d i e n st o r d n u n g für daS be- nachbarte Kierberg lesen: „6 Uhr Frühmesse. 7� Uhr hl. Messe. Uhr Hochamt mit Predigt. 3 Uhr Andacht zu Ehren deS hl. Herzens Jesu und des hl. Aloysius mit Predigt. Morgen, Sonntag, abends 7 Uhr, grohe Zentrums- Versammlung ilU Lokale de! Herrn Lichtenberg zu Heide. Herr Pfarrer Kastert von Köln-Kalk und noch ein anderer Herv werden reden. Morgen, Sonntag, Beginn der sechs aloysianischen Sonn- tage; jeden Sonntag Andacht und Predigt zu Ehren des hl. Aloysius. Jeden Sonntag vollkommener Ablast unter den be- kannten Bedingungen.(Clemens XII. 1740.)" In Zcntrumskreisen wird den Kölnern der Vorwurf gemacht, dast sie nicht kirchlich genug gesinnt seien. Der Vorwurf ist, wie das vorstehende Beispiel zeigt, durchaus unberechtigt. Weiter kann die Verschmelzung zwischen Kirche und Zentrumspartei doch wohl nicht gehen, als dast mitten in einer Gottesdicnstordnung eine Zentrumsversammlung angekündigt wird. Auch der Lazarcttkranke hat die Knochen zusammen, zureiften! Die im Dresdener Garnison-Lazarett untergebrachten Soldaten waren fast ausnahmslos der Meinung, sie seien nicht verpflichtet, die dort bcfindlickicn kranken Unteroffiziere zu grüben. Selbst daS Sanitätspersonal war in dieser Frage im unklaren. Diese Auf« sassung sollte für den Fahrer Ulbricht vom Artillerieregiment Nr. 43 schwere Folgen haben. Am 12. April ging Ulbricht mit einem Kaineraden im Lazarettgarten spazieren, wobei er zwei an ihm vorübergehende kranke Unteroffiziere in dem Glauben, er sei dazu im Lazarett nicht verpflichtet, nicht grübt e. Einer der Unteroffiziere fühlte sich dadurch offenbar gekränkt; er hielt U. an und stellte ihn zur Rede. Dabei hat der Soldat, der wegen eines schweren BeinleidenS im Lazarett war— nicht Stellung genoinmenl Um sich genau zu informieren, ob er grüben müsse, ging U. zum SanitätSgerfreiten, der aber erklärte: „Jch glaube, das brauchst Du nicht!" Durch diese AuS- kunft glaubte er feine Auffassung bestärkt, ging wieder in den Garten und sagte zu seinem Kameraden:.Wenn wir die Unteroffiziere nocbinal treffen, grüben wir wieder nicht I" Die Unteroffiziere kamen und der Grub unterblieb. U. wurde abermals zurRede gestellt, wobei er„keine Stellung" genonvuen. eine„lächerliche Miene" und„mit den Händen herumgefuchtelt" haben soll. Ulbricht hat auf Befragen geäubert'• „Das gibts nicht, vor einen kranken Unteroffizier brauche ich keine Stellung zu nehmen und auch nicht grüben!" Er soll dann noch mehrere„Befehle" in„frecher Weise" unbefolgt gelassen haben. Dieser Vorfall brachte dem kranken Soldaten—« dessen Entlassung wegen D i e n st u n b r a u ch b a r k e i t bevorsteht eine Anklage wegen AchtungSverletzung, Ungehorsam, Beharren im Un« gehorsam, Gehorsamsverweigerung und erfolgloser Ausforderuug zum Ungehorsam ein. In der Verhandlung wendete der Angeklagte eiu, die Soldaten seien allgemein der Auffassung gewesen, dab kranke Unteroffiziere nicht gegrüstt lv erden brauchen. Dab dies zu geschehen habe, stehe nicht in den Verhaltungsvorschriften. Anders fei e» bei SanitätSunteroffiziereu. Auch war seiner Auffassung nach der Bor» fall k e i n e d i e n st l i ch e Angelegenheit. Dem Angeklagten wurde entgegengehalten, dah hier die militärischen Dienst- Vorschriften in Frage kommen, und solange diese nicht abgeändert seien, hätten sie auch für daS Lazarett Gültig- k e i t I Das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis im Interesse der Disziplin I U. wurde sofort in Haft genommen l „Ausreichende" Entschädigung. Nach einer Meldung auS Essen erhält der Bergmann Willing aus Scharnhorst, der im Essener Meineidsprozest zu drei Jahren Zuchthau» verurteilt und im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde, auf Beschluß des Gericht» 4000 M. Entschädigung. Willing hatte 7162 M. gefordert._ franhrcith. Eine Lepinedcbatte. Paris, 26. Juni. Die Kammer hat gemäß dem Ersuchen der Regierung mit 423 gegen 125 Stimmen die Anträge Perriffoud und Rouanet, durch die Beamten die Annahme eines Postens in der Verwaltung eines FinanzunternehwenS verboten werden soll, an die Kommission zurückverwiesen. Die Anträge zielten auf den Fall des Polizeipräsidenten L e p i n e» der Administrator der Suezianal-Gefellschaft ist. Portugal. Die Anerkennung der Republik. Lissabon, 20. Juni. Nach Schluß der Sitzung der konstitu- kerenden Versammlung machte der amerikanischen Geschäftsträger dem Minister des Aeustern Mitteilung von der Anerkennung der portugiesischen Republik seitens der Vereinigten Staaten. Das Publikum veranstaltete bor der amerikanischen Gesandtschaft eine begeisterte Kundgebung. Nach hier eingegangenen Nachrichten ist eS gestern nirgend» zu Ruhestörungen gekommen. Im ganzen Lande herrscht grohe A e g e i st e r u n g. die öffentlichen Gebäude und viele Privat- Häuser hatten geflaggt und am Abend illuminiert- Die Botschaft der republikanischen Regierung. Lissabon, 20. Juni. Die Botschaft der provisorischen Regierung besagt: Tie Revolution war die Folge der l a n g e n Krise, fn der die Braganza ihre unheilvolle Tätigkeit v e r s ch l j m- Merten durch die Zerstückelung des Landes und die Unter- drückung aller Freiheiten. Die einmütige Zu- ft i m m u n g zur Republik ist ein wahres VolkSurteil gewesen. Die Botschaft hebt den Feldzug hervor, der in der öffentlichen Meinung des Auslandes gegen die Republik geführt wurde, und erinnert an die Versuche einer Gegenrevolution. Es war notwendig, so führt die Botschaft aus, die Diktatur zu ver- längern, um die Republik zu festigen. Diese mutzte gegen den Kleriialismus kämpfen, dessen Tätigkeit sich in Briefen von wahr- Haft hochverräterischer Natur enthüllte. Gegenüber den religiösen Orden hat sich die provisorische Negierung darauf beschränkt, die destehenden Gesetze wieder in Kraft zu setzen. Die neue Regierung ist von der Nation anerkannt worden, die Oeffent- lichkeit verfolgt mit Vertrauen ihre Reformen. Die provisorische Regierung ist glücklich, daß sie imstande war, ohne Anleihe die Ver- brauchsstcuern zu vermindern. Die auswärtigen Beziehungen sind mit einer Würde aufrechterhalten worden, die das monarchische Regiment nicht immer gewahrt habe. Die Botschaft betont zum Schluß, dast die provisorische Regierung gewünscht habe, der kon- ftituierenden Versammlung die Initiative zu Überlassen, gleich» falls die Republik zu erklären. Die konstituierende Sitzung. Lissabon, 19. Juni. Der konstituierenden Lee» sammlung wohnten auf den Tribünen die Vertreter Argen- ti nienS, Uruguays, Brasiliens und der Schweiz bei. Der Präsident Braamcamp saß unter einer Büste der Republik und der Nationalflagge. Auch die Minister waren anwesend. Der Präsident verlas das Dekret, nach welchem die Monarchie für immer abgeschafft und die Dynastie Braganza des Landes verwiesen ist. Die Regierungsform in Por- tugal ist die demokratische Republik. Diejenigen, die für den Sturz der Monarchie Heldenhast gekämpft haben, werden als Wohltäter des Vaterlandes betrachtet. Die Verlesung des Dekrets wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, Der Präsident schwenkte die Fahne und verlas sodann ein zweites Dekret, in welchem die Annahme der Nationalflagge und der „Portugueza" als Nationalhymne erklärt wird.(Erneuter Bei- fall.) Die Damen auf den Tribünen warfen Blumen in den Saal und Rufe erschallten: Es lebe das unabhängige Portugal und das freie Vaterland. Der Präsident und die Sekretäre gingen auf den Balkon, um vor dem Volke die Proklamation zu verlesen. Militärkapellen spielten die Nationalhymne. Das Volk nahm die Verlesung der Proklamation mit begeisterten Kund- gedungen entgegen. Von den Schiffen und der Festung er dröhnte Geschützdonner. Nach Verlesung der Proklamation hielt der Präsident eine patriotische Ansprache an das Volk. Darauf zogen die Truppen vor dem Regierungspalast vorbei, von der Menge mit lebhaften Zurufen begrüßt. Nachdem der Präsident den Saal wieder betreten und der Versammlung von dem Vorbei- marsch der Truppen Mitteilung gemacht hatte, legte Theophil B r a g a im Namen der provisorstchen Regierung Die Regierungs gewalt vor der Versammlung nieder und kündigte an, daß die Rfr gierung morgen einen zusammenfassenden Bericht über ihre Tätig keit vorlegen werde. Der Präsident schlug darauf vor, dast die provisorische Regierung ihre Funktionen be- halten möge. Der Vorschlag wurde mit Beifall angenommen und darauf die Sitzung auf morgen vertagt, Marokko. Ucber die französische Besetzung des Muluja-GebieteS machte der abberufene General Toutee, der in Paris eingetroffen ist, einige interessante Mitteilungen. Er sagte, daß er mit seinen Truppen nur 150 Kilometer von FcS entfernt gewesen sei und die Hauptstadt mindestens sechs Tage früher hätte erreichen hönnen, als die Kolonne Moinier. Er machte sich anheischig, den Weg von Oran nach FeS teils zu Pferde und teils im Automobil in 24 Stirn. den zurückzulegen. Die Gegend bis Taza sei vollkommen pazifiziert und die Eingeborenen brächten ihre Erzeugnisse den französischen Truppen, sichtlich von dem Wunsche beseelt, deren Wohlwollen zu er- langen. Auch Gewehre, darunter viele wertvolle Stücke, hätten die Marokkaner herausgegeben. In kurzer Zeit würde über Taza ein« funkentelegraphische Verbindung mit Fes hergestellt sein. Französische Truppen in Stärke von 13000 Mann hielten gegen- wältig ein Gebiet besetzt, das an Ausdehnung drei französischen Departements gleichkommt. Ohne diesen Landstrich erobern zu wollen, müsse man ihm doch die Wohltat der französischen Jnter- vention zugute kommen lassen. Man werde militärische Posten einrichten, die dort die Ordnung und Sicherheit an der algerischen Grenze verbürgten. Dies sei der Zweck seiner Reise nach Paris. wo er einig« Tage bleiben werde, um mit den Ministexn und dem Gesandten Renault zu konferieren. Der General Toutee sollte angeblich in Ungnade gefallen sein. Seine Ausführungen klinge» aber recht selbstbewußt. Auch dost er und General Moinier zu Dwisionsgeneralen ernannt worden find» beweist, dast seine Abberufung nur ein diplomatischer Kniff gegen Spaist«» B?«,.....:.......> Eue der Partei... Wie zur Zeit des©»zialisteugesetze» müssen unsere Genossen in Halle(Saale) heute in der Aera deS „liberalen" Pereinsgesetzes verfahren, wenn sie eine Mitglieder- Versammlung deS sozialdemokratischen Vereins abhalten wollen. Sie müssen zu heimlichen Zusammenkünften im Walde greifen, um ihre Vereinsangelegenheiten, wie es da! Reichsvereinsgesetz„zusichert"— ohne polizeiliche U e b e r- wachung zu erledigen. Da die Polizei des liberalen Magistrat» in Halle Mitgliederversammlungen und sogar Distriktssitzungen des Sozialdemokratischen Vereins als öffentliche politische Versamm- lungen behandelt und sie überwachen läßt, hielten die Halleschen Genossen am Sonntagbormittag«ine Mitgliederversammlung aus dem Roten Berge im Walde bei Dölau ab. Obwohl annähernd 500 Genossen in teilweise recht großen Trupps sich zu dem eine Stunde von der Stadt belegenen Versammlungsort begeben hatten, hatte die Polizei nichts von der Veranstaltung bemerkt. Erst nach- dem die Versammlung über eine Stunde getagt hatte, und die wichtigen Angelegenheiten-- Besprechung der gegen die Polizei- mastnahmen einzuschlagenden Taktik und die notwendigen Geld- bcwilligungen erledigt waren, brachten Radfahrer die Meldung, dast Gendarmen in der Nähe seien. Einige Mitteilungen des Vor» standeS fanden trotzdem auch uoch ihre Erledigung und dann wurde die Versammlung mit dreifachem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen. Unter Absingen der Internationale verließen die Ge- nossen den Roten Berg, auf dem die Gendarmen nichts mehr zn tun fanden.__ Personalien. Zum Parteisekretär für den Wahlkreis Naumburg-Weißenfels-Zeitz(wurde Geitpsse Tischler Karl G ehr mann-Berlin gewählt. polireUicbts, Gerichtliches ufw. Eine für die Presse wichtige RcichSgerichtSentscheidung. Der Redakteur der Erfurter„Tribüne", Genosse Dahl, hatte einen Artikel„Das andere Allenstein" veröffentlicht, in welchem von einem Prozesse die Rede war, bei dem ein Mädchen und ihr Bräutigam sowie zwei Allensteiner Offiziere eine Rolle spielten. Durch diesen Artikel fühlten sich die Allensteiner Offi- ziere beleidigt und die Erfurter Strafkammer verurteilte auf den gestellten Strafantrag hin Genossen Dahl zu Strafe. Uxber die gegen ihn geführte Verhandlung berichtete er in seinem Blatte sehr ausführlich in der Nummer vom 22. September 1310 unter der Ueberfchrift„Allenstein vor der Erfurter Strafkammer". In diesem Berichte ist zum besseren Verständnis der inkriminierte Artikel nochmals abgedruckt. Durch diesen wiederholten Abdruck sollte sich nun Genosse Dahl abermals der Beleidigung der Allensteiner Offiziere schuldig gemacht haben. Die Strafkammer hat ihn aber am 81, Februar dieses Jahres nicht nur von dieser Anklage frei- gesprochen, sondern außer den gewöhnlichen Prozestkosten auch die notwendigen Auslag e n und die Kosten der Verteidigung de» Angeklagten der Staatskasse auferlegt. In der Urteilsbegründung wird dargelegt, daß der Angeklagte lediglich berechtigte eigenste Interessen vertrat, als er den Bericht nebst dem inkriminierten Artikel veröffentlichte. Da er sich, so heißt eS dann, für zu Unrecht verurteilt hielt, so durfte er das gesamte Material den Lesern unterbreiten. Eine solche Wiedergabe kann er sogar für nötig erachtet haben zum besseren Verständnis der von ihm geübten Kritik, um dadurch denjenigen Lesern, die sich etwa des Jnbaliö de» frühere« Artikels nicht mehr erinnerten, ihn in» Ge. dächtnis zurückzurufen oder um ihn denjenigen, die ihn nicht kannten, vorzuführen. Er brauchte sich nicht mit einem Hinweis oder einer verkürzten Wiedergabc zu begnügen. Die bloße Wieder- gäbe dieser Stelle läht nicht auf diö Beleidigungsabsicht schlietzen. Die jetzt gewählte Ueberfchrift läht gleichfalls die Bcleidigungs- absicht nicht erkennen und ist nicht gleichlautend mit dpr früheren. Wenn der Angeklagte die Ueberfchrift„Allenstein vor der Er- fürte! Stea�ammn" gewählt hat, so braucht dg» fewSMtzS ij, beleidigender Absicht geschehen zu sein. Wenn er eingangs kefiiertk, daß er wegen angeblicher Beleidigung sich zu veraiworten hatte, so tat er das, weil er sich zu Unrecht verurteilt glauotr. Jm Dext ist daß Wort angeblich weder durch Druck noch durch An- führungszeichen besonders kenntlich gemacht. Die übrigen Stellen des Artikels deuten ebenfalls nicht auf die Absicht der Beleidigung; ebensowenig deuten die Form und die Umstände, unter denen der Artikel geschrieben worden ist, auf die Absicht der Beleidigung. Die vom Ersten Staatsanwalt gegen den Freispruch eingelegte Revision wurde vom Reichsanwalt vertreten. Das Urteil werde zweifellos der Sachlage nicht gerecht und in England würde der Angeklagte zweifellos wegen contempt of court verurteilt wor- den sein. Obwohl der Reichsanwalt zugab, dast daS Urteil wenig Angriffspunkte biete, beantragte er die Aufhebung desselben.— Das Reichsgericht verwarf die Revision. Die Feststellungen bewegen sich durchaus auf tatsächlichem Boden und wenn der Vor- derrichter ausführt, dast der Angeklagte lediglich handelte, um sich vor seinen Lesern zu rechtfertigen, so ist das n i ch t r e ch t» i r r i g. Im Wiederaufnahmeverfahren verurteilt. -In Nr. 103 des„Vorwärts" teilten wir mit, dast Parteisekretär Günther in Bernburg(Anhalt) wegen Beleidigung der Feuerwehr und dreier Kriegervereine in Hecklingen unter Anklage gestellt worden sei. Das Bcrnburger Schöffengericht erkannte damals mangels eines formgerechten Strafantrages auf Einstellung des Verfahrens, wogegen der AmtsaMvalt Berufung einlegte, diese aber kurz vor dem Berufungstermin zurückzog. Di« Zurücknahme der Berufung beruhte jedoch auf einem groben Irrtum des Ge. r ich ts schrei bers- In Wirklichkeit war die Berufung nicht zurückgenommen worden. Im Berufungstermin am 6. Mai, den Günther als hinfällig betrachten mutzte, wurde dieser in seiner Abwese.nheit zu 500 M. Geldstrafe verurteilt. Von seiner Verurteilung erfuhr Günther erst durch die Zeitungsberichte. Wohl oder übel sah sich das Gericht gezwungen, wegen des groben Ver- sehens des Gerichtsschreibers, das übrigen« auch die Unterschrift des Gerichtsvorsitzenden trug, das Wiederaufnahmever. fahren anzuordnen. Am 17. Juni fand die Verhandlung zum zweiten Male vor dem Dessauer Landgericht als Berufungsinstanz statt. Die Befürchtung, daß sich das Gericht nicht selbst des- avouieren werde, hat sich leider bestätigt. ES war derselbe Staats. anwalt, der wie im voraufgegangenen Termin 200 M. Geldstrafe beantragte, und es war deSselbe Gericht, das wieder auf 500 Mark Geldstrafe erkannte. Die Beleidigung soll in einem anläßlich der Gemeindewahl in Hecklingen verbreiteten Flugblatt enthalten sein, worin der Feuerwehr und den Kriegervereincn, die aktiv in den Wahlkampf eingriffen, zum Vorwurf gemacht wurde, daß sie den Grostkavitalisten in ihrem Bestreben, auch die Matidaie der dritten Klasse mit ihren Kreaturen zu besetzen, Handlangerdienste leisteten. Auch die Bezeichnung„Klimbimvereine" ward als„schwcx beleidigend" aufgefaßt._ Weil Sozialdemokraten mit der Polizei nicht in Frieden lebe«. In dieser traurigen Zeit der Mißhandlung des Versamm- lungsrechts hat die Bitterfelder Polizei sich das Verdienst errungen, eine geniale Begründung für ein Veranstaltungsverbot zn finden. Der Magistrat von Bitterfeld hatte für ein Bezirks- sängerfest des Arbeitersängerbundes zum 15.. 16. und 17. Juli eine städtische Wiese hergegeben. In letzter Stunde hat aber die hoch, wohllöbliche Polizei die Abhaltung des.Sängerfestes auf der Wiese mit folgender Begründung verboten: „Auf Ihren Antrag betreffend Abhaltung eines Sänger» festes auf der MiKiengärtenwicse und Veranstaltung eines Uw. zugeS durch die Straßen hiesiger Stadt im Monat Juli d. I., erhalten Sic zum Bescheid, dast diese Veranstaltungen aut folgen» den Gründen versagt werden.... Unter den 6000 Personen, welche zum Teil aus Gegenden kommen, in welchen da« Verhält�. nis Kwischen de r sozialdemokratischen Partei eii nerseitS uud der Polizei andererseits ein sehp gespanntes ist,'befinven sich solche Personen, Ulriche leicht zu Ausschreiküngcn, Skandalen und Wi� dersetzlichkeiten gegen die öffentlichen Sicher» heitsorgane neigen. Eine Verantwortung für die Auf- rechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und den Schutz de» Rechtsfriedens der Allgemeinheit bei Zulassung de» Festes auf der Wiese hezw. des Umzuges, kann daher unter diesen Um- ständen nicht übernommen werden. Es ist daher eine Gefährdung des öffentlichen Verkehrs und zugleich der öffentlichen Sicherheit im hohen Maße zu befürchten, gez.': I. V.: Pempe.-• Die Spitze dieser geistvollen Begründung richtet sich gegen die Hallcschen Genossen, die an dem Feste teilnehmen werden. DaS Fest findet dann im Parteilokal statt, ohne daß sich die Bitter. fei der Polizei zur Wahrung des Friedens wird in Unkosten stürze» müssen.' Hus Inckuktrie und klsnclel. Die Unternehmu««Slust i« Bau- und Terraingeschäft hält sich in diesem Jahre in auffallend engen Grenzen. Im Monat Mai wurden überhaupt nur 3,26 Millionen Mark in Bau- und Terrain- gesellschaften, sei es durch Sieugründungen oder infolge von Kapi» talserhöhungen, investiert, gegen 9,73 Millionen im Mai 1910. In den ersten fünf Monaten zusammen betrugen die Ncuinvcsticrungen 33,73 Millionen Mark, während in derselben Zeit 1910 39,23 Millsi, onen investiert worden waren. Aber auch die Summen früherer Jahre sind nicht erreicht worden, denn in den Monaten Januar bis Mai 1909 flössen den Bau- und Terraingcscllschasten 38,15 Milli- onen, in der gleichen Zeit de? Jahres 1908 36,10 Millionen Mark zu. Die diesjährige Summe ist also besonders niedrig. Die An- sprüchc für neue Aktiengesellschaften waren noch nicht halb so groß wie im letzten Jahre; sie betrugen nur 5,02 Millionen Mark, gegen 13,35 Millionen in der Parallclzeit 1910. In den Monaten Ja. nuar bis Mai 1909 waren für neue Aktiengesellschaften 10,01 Millionen Mark angefordert worden und im Jahre 1303 betrug die entsprechende Ziffer 9,80 Millionen. Bei den Ncugründungcn von Gesellschaften in. b. H. stellen sich die diesjährigen Anforde- runge» auf 20,98 Willionen Mark; sie sind etwas größer als im Borjahre, wo sie 20,20 Millionen betragen hatten. Zu Kapitals- erhöhungen von Aktiengesellschaften wurden 4.45 gegen 3.53 Milli. onen Mark beansprucht, zu KapüalScrhöhungen bei Gesellschaften m. b. H. 3.27 gegen 2.15 Millionen Mark. Die diesjährige 18. Deutsche Gersten- und Hopfenausstellung in Berlin, die der Verein„Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin" unter Mitwirkung der Deutschen Laiidwirtschaflsge'sell, schaft und des Deutschen Hopfcubauvereink wie alljährlich ver- austaltet, wird gleichzeitig mit der Oktobertagung und der Brauerei- maschinen-AuSstelluug des genannten Vereins vom 10. bis 15. Oktober dieses Jahres in dem AuSstellungsgebäude des Institut» für Gärungsgewerbe, Berlin dl., Seestraße, stattfinden. Zur AuS, stellung gelangen deutsche Braugersten, Brauwcizen, Malze und Hopfcn sowie Kultur- und Lehrmittel und Gcrälichaften für de» Gersten- und tzopfeubau. Die Bedingungen für die Zulassung zur Ausstellung und zu dem mit ihr verbundenen Preisbewerb für Braugersten, Brauweizen und Hopfen, sowie für den Siegerpreis- bewerb der mit ersten Preisen emSgezeichneten Braugersten, und Hopfen sind im allgemeinen die gleichen wie in früheren Jahren. Für die Preisverteilung werden wieder vom Königlich Preußischen Landwirtschaftsministerium zwei silberne Staatsmcdaillen erbeten und voraussichtlich wie in früheren Jahren gestiftet werden. An Geldpreisen werden außerdem insgesamt wieder gegen 10 000 M., gestiftet von Staatsbehörden uud maßgebenden Korporationen der Landwirtschaft und Brauerei, zur Versügunz stehen. Mit der Ver, sendung der Satzungen und der sonstigen AuSstellungsdrucksachen wird demnächst begonnen. Alle die Ausstellung betreffenden An, fragen und Gendungen sind an die Adresse de« Instituts für WrungkAewnbkt Berlin& tb. KechrHe. hü richten» Gew�rkfcbaftUchee. Die Bewegung in der Berliner Zeitungs- ;6roß»ndurtrie ist beendet. Den Ä)taschinenmeistern der beiden Firmen Müsse und U l I st e i n ist es gelungen, das Verlangen ab- zuWehren, daß sie die Arbeit von Kollegen verrichten sollten, welche ihren gcniaßregelteu Vertrauensleuten an die Seite traten.� Die beiden genannten Firmen haben recht gehandelt, wenn sie ihre Arbeiter nicht so weit in den Konflikt zwischen Disziplin und Solidaritätsgefühl hineinhetzten, Wie dies die Firma Scherl tat. Wenn diese sich allerdings auch auf den Spruch des Tarifamtes berufen konnte, der da aussprach, daß ein Verbleiben der beiden Vertrauensleute bei der klägerischen Firma einem friedlichen Arbeitsverhältnis nicht dienen könne, so steht doch unzweifelhaft fest, daß eine solche Wendung keinen Zwang zur Entlassung der beiden ausspricht und die Firma mit dieser Entlassung ihr Personal schwer provozierte. Und das nicht zum ersten Male. Die Streikenden haben es zu büßen, daß sie sich durch diese Provokation verleiten ließen, ohne die Zustimmung und ohne die Unterstützung ihrer Organisation Schritte zu unter- nehmen, die menschlich begreiflich sind, sich aber nicht in dem Rahmen bewegen, den die geschlossenen Verträge abgeben. Ans sich angewiesen, konnten sie den Kampf nicht fortführen und so mußten sie sich mit der Genugtuung begnügen, die Solidarität mit den Kameraden in eindringlichster Weise demonstriert zu haben, ohne materiell etwas zu erreichen. Im Gegenteil zwingt die Wirklichkeit, zu sagen, daß sie eine Niederlage erlitten. Die Firma Scherl verpflichtete sich: t. Tas ausständige Hilfsarbeiter personal und die Falzer wieder e i n z u st e l l e n, und zwar ohne A u s na h in e. Die Einstellung erfolgt nach Bedarf, und zwar dergestalt, daß sich die Zahl der wieder einzustellenden Personen nach der Zahl der wieder in Betrieb gestcllicn Druckmaschinen und der Komplettierung des Gesamtbetricbcs richtet. Bcdin- «ung für die Wiedereinstellung ist, daß sich das wieder einzu- stellende Hilfspersonal nicht weigert, mit den zurzeit an den Maschinen tätigen Obermeistern oder neu einzustellenden Ma- schincnmeistern ordnungsgemäß und in friedlicher Weise zu ar- beiten. 2. Von den vor Einstellung der Arbeit tätigen 37 R o t a- tionsmaschinenmeistern sollen 30 wieder ein- g e st e l l t werden. Die Einstellung dieser Maschinenmeister erfolgt nach Bedarf. 3. Diejenigen Maschinenmeister, Hilfsarbeiter und Falzer, die von der Firma wieder eingestellt werden, haben sich s p ä- teste ns innerhalb 24 Stunden nach ergangener Auf- forderung seitens der Firma derselben zur Verfügung zu stellen. Geschieht dies nicht, wird an Stelle des ausbleibenden Personals neues Personal eingestellt, für dessen Zuweisung die tariflichen Arbeitsnachweise die Verpflichtung zu übernehmen haben. Die drei Firmen hatten anfangs vorgeschlagen, die sieben zu entlassenden Maschinenmeister sollten von der Ge- schäftsleitung bezeichnet iverden. Die Kommission bat. die Auswahl dem Personal selbst zu überlassen. Man einigte sich dahin, daß drei der zu entlassend«» Maschinenmeister von der Gcschäftsleitnng und drei vom Personal zu be- zeichnen wären; der siebente erklärte freiwillig seinen Anstritt. So bleiben also nicht nur die zwei vom Tarifamt Geächteten auf der Strecke, sondern auch noch eine Anzahl ihrer Kollegen. Wir haben keinen Zweifel, daß die Streikenden auch einen solchen Ausgang mit in Rechnung gesetzt haben. Aber ihre maßlose Erbitterung zwang sie,„irgend etwas" zu unternehmen, selbst auf Kosten aller Vernunft. Die Scharfmacher jubilieren. Sie schöpfen aus dem Aus- gang dieser Affäre Hoffnungen für die kiinftigen Tarifberatun- gen. Aber sie triumphieren zu früh! Die Arbeiter, die sich so eleinentar auflehnten gegen das Herren- tum eines Großunternehmers, sie standen allein. Mit gebundenen Händen mußten ihre Klassengenosscn ihrem ohnmächtigen Beginnen zusehen oder gar sich von ihnen abwenden, weil es galt, das Interesse der Gesamtheit über das einzelner zu stellen. Bringen die Tarifverhandlungcn durch die Unvernunft der Unternehmer Krieg, so— man täusche sich nicht I— steht die gesamte Buchdruckergehilfenschaft einig und geschlossen zusammen, ebenso impulsiv, wie ihre Schcrlschen Kollegen, aber mit der'Zielsicherheit, welche die wohldisziplinierte Organisation, und der elementaren Wucht, welche die im Wollen einige Masse gibt l Berlin und llmgegend. Der Streik der Eisenkonstruktionsarbeiter hak einen Teil der übrigen Arbeiter in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb beschäftigte sich am Montag eine außerordentliche General- Versammlung des Bauarbeitcrverbandcs mit der Festsetzung der Unterstützung der Betreffenden.— Der Vorsitzende Hanke konsta- tierte zunächst, daß die Bauarbeiter dem Streik der Eisenkonstruk- tionsarbeiter volle Sympathie entgegenbringen und ihnen den Sieg wünschen. Weiter führte der Redner aus: In den ersten Tagen des Streiks seien nur wenige Bauarbeiter durch den Streik in Mit- leidcnschaft gezogen worden, nämlich die, welche die Ausführung von Streikarbeit verweigerten. Nachdem aber die Unternehmer der Eisenbranchc am 3. Juni den Beschluß gefaßt hatten, Eisen überhaupt nicht mehr den Bauten zu liefern, vermehrte sich von Woche zu Woche die Zahl derjenigen Bauarbeiter, die wegen Mangel an Eisenzcug nicht weiterarbeiten konnten. Es handelt sich um 7t Bauten von 11 Firmen, wo die Bauarbeiter in dieser Weise durch den Streik in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Das ist bei der Zahl von 4 Rohbauten, die gegenwärtig in Arbeit sind, ein erheblicher Teil. Der Verbandsvorstand hat aus eine Anfrage erklärt, daß die in Mitleidenschaft gezogenen Mitglieder unterstützt werden müssen. Der Zwcigvereinsvorstand geht noch weiter und befürwortet, daß auch alle arbeitslosen Mitglieder die Streikunter- stützung erhalten, um so den Streik der Eisenkonstruktionsarbeitcr noch wirksamer zu fördern. Der Vorstand des Zwcigvercins und die Vertretersitzung empfiehlt, die Unterstützung in folgender Weise zu regeln: Jedes Mitglied, welches länger als zwei Wochen arbeitslos ist, hat sich sofort im Zweigvereinsburcau, Engelufcr 15, Zimmer 51, zu melden. Die Gemeldeten bekommen eine Kontrollkarte und haben sich täglich einmal in der Zeit von 8— 12 und von 3— 6 Uhr zur Kontrolle zu melden, wobei auch Krankenkassenbesuch und In- validenkarte mitzubringen sind.— Mitglieder, die seit dem 29. Mai ununterbrochen'arbeitslos sind, können vom 12. Juni an Unter- stützung erhalten. Auch in diesem Falle muß Krankcnkassenbuch und Jnvalidenkarte mit zur Stelle sein, diese Unterstützung ist aber nur in der Woche zwischen dem 19. und 24. Juni zu zahlen. Spätere Meldungen können nicht berücksichtigt werden. Mitglieder, die später arbeitslos geworden sind, erhalten nach einer Karenzzeit von zwei Wochen(12 aufeinanderfolgende Arbeitstage) ebenfalls die Unterstützung. Die Höhe der letzteren richtet sich in allen Fällen nach Z 36 Abs. 4 des Verbandsstatuts.— Bcitragsfreie Mit- glieder, ebenso diejenigen, welche während des Streits der Eisen- konstruktionsarbeitcr zureiscn sowie die seit dem 15. Juni neu aufgenommenen Mitglieder können Unterstützung nicht erhalten. Unterstützung beanspruchende arbeitslose unverheiratete Mitglieder, denen Arbeit in der Provinz nachgewiesen werden kann, sind zur Annahme der Arbeit verpflichtet. Anderenfalls bekommen sie keine Unterstützung. Der Zweigverein zahlt diesen Kollegen das Fahr- Derantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.» geld nach dem Arbeitsöt?.— Die Unterstützung an die in Mit- leidenschaft gezogenen und arbeitslosen Mitglieder wird solange gezahlt, bis der Metallarbeiterverband den Streik der Eisenkon- struktionsarbeitcr aufgehoben hat.— Restierende Streikbeiträge sowie länger als zwei Wochen restierende Verbandsbeiträge werden von der Unterstützung abgezogen. Wer mit der Bezahlung der restierendcn Streikbeiträge noch gar nicht begonnen hat, bekommt keine Unterstützung. Diese Vorschläge des Vorstandes wurden nach kurzer Debatte einstimmig angenommen._ Achtung, Zimmerer! Hiermit machen wir unsere Kameraden darauf aufmerksam, daß die Holz- und Bretterträger Groß-Berlins sich gegenwärtig in einer Lohnbewegung befinden. Bei der über- großen Mehrzahl der in Betracht kommenden Firmen sind die Differenzen bereits beigelegt. Bei 3 Firmen dagegen, so unter an- derem auch bei der Firma Welke u. Elbe, wird zurzeit noch gestreikt. Infolge dieses Ausstandes bemühen sich nun die betreffenden Firmen und deren Handlanger, Zimmerleute zur Verrichtung dieser Arbeiten heranzuziehen. Wir richten deshalb an alle unsere Kameraden das dringende Ersuchen, den streikenden Holz- und Bretterträgern gegenüber nach jeder Richtung hin die Treue zu bewahren und die Ausführung derartiger Arbeiten strikte zu verweigern. Die Verbandsleitung. Ein Lohntarif für Kaffeehauskellner. Es ist hinlänglich bekannt, daß die Kellner in den Berliner Kaffeehäusern ohne jeglichen Lohn arbeiten müssen, oder aber eine lächerlich geringe Entschädigung für ihre schwere Arbeit erhalten. Vielfach müssen ja die Kellner noch allerhand Abgaben an ihre Prinzipale zahlen in der Form von Bruchgeld, Putzgeld usw. Selbst die Hilfskräfte(Zuträger) müssen sie zum Teil ganz oder doch teil- weise aus ihrer Tasche bezahlen. v In einer Versammlung, die in den„Germania-Festsälen" tagte, wurde zur Frage eines Lohntarifs Stellung genommen. Die Versammlung war von etwa 499 Personen besucht; sie nahm ein- stimmig die nachstehende Resolution an: „In Rücksicht darauf, daß sich die Verdienstverhältnisse für die Angestellten im Kasfeehausgewerbe infolge der verschiedensten Umstände dauernd verschlechtert haben und andererseits die Le- benshaltung durch Erhöhung der Preise für die notwendigsten Gebrauchsgegenstände, Wohnungsmieten usw. sich ganz bedeutend verteuert hat, beschließt die Versammlung der Berliner Kaffee- Hausangestellten, für die Aushilfskellner im Kaffeehausgewerbe folgende Mindestlohnsätze aufzustellen: Für Zuträger 5 M. und Beköstigung, 6 M. ohne Beköstigung; Rcvicrkellner 2 M. ohne Putzarbeiten, 3 M. mit Vor- oder Nach- putzarbeit. Die Versammlung nimmt an, daß sich kein Kaffeehausbesitzer weigern wird, diesen geringen Lohntarif anzuerkennen, zumal derselbe teilweise bereits bezahlt wird und eine bemerkenswerte Belastung der Betriebskosten nicht verursacht. Die Versammlung erwartet ferner, daß von den Arbeits- nachweisen unter den festgesetzten Tarif zukünftig nicht mehr ver- mittelt wird. Im übrigen verpflichten sich die Versammelten, um die Durch- führung des Tarifs zu sichern, für den festen Zusammenschluß in der Organisation zu wirken und die noch fernstehenden Kollegen zum Anschluß zu veranlassen." Außer den freiorganisierten Kaffeehausangestellten war auch eine Anzahl Mitglieder eines lckkalen Kaffeehauskellnervereins ver- treten, der sich schon mehrfach auf die Seite der Unternehmer gestellt hat. Von einigen Vorstandsmitgliedern wurde aber ausdrücklich erklärt, daß die Vereinigung in dieser Frage mit dem Verband deut- scher G a st w i r t s g e h i l f e n Hand in Hand gehen werde. Zu bemerken ist noch, daß die obigen Lohnsätze nur eine geringe Er- höhung der jetzt schon üblichen bedeuten, in manchen schon jetzt ge- zahlt werden. Es steht also zu hoffen, daß diobcschcidenen Forde- rungcn der Kellner ohne Schwierigkeiten durchgehen werden. Selbst- verständlich kann das nur als eine bescheidene Abschlagszahlung betrachtet werden; das Ziel muß sein die gänzliche Beseiti- gung des elenden Trinkgeldwesens. Leitergerüstarbeiter! Die Firma Otto Eckstein, Karlshorst, weigert sich, den neuvercinbarten Lohntarif unterschriftlich anzu- erkennen, obgleich sie sich während der Verhandlungen hierzu bc- reit erklärt hatte. Als am Sonnabend die bei ihr beschäftigte Rüstkolonne deshalb bei Herrn Eckstein vorstellig wurde, wurden die betreffenden Kollegen sofort entlassen. Der Betrieb gilt als bestreikt zu betrachten und ist für alle organisierten Gerüstbauer gesperrt. Die Firma versucht mit Arbeitswilligen zurzeit in der Zentralmarkthalle Rüstarbeit zu verrichten. Deutscher Transportarbeitevverband. Deutsches Reich. Zum Streik im mitteldeutschen Braunkohlenrevier. Tie Polizei ist emsig bemüht, das gesetzlich gewährleistete Recht des Streikpostcnstehcns den Arbeitern völlig unmöglich zu machen. Wegen Streikpostenstchen werden unzählige Strafmandate ver- hängt. Davon einige Proben. Ein Streikposten erhielt 15 M. Geldstrafe mit folgender Begründung:„Sie sind am 23. v. M. nach- mittags gegen 4 Uhr mit noch mehreren Personen als Streik- Posten an der Donalics- und Tiergartcnstraße betroffen worden, wodurch der freie und sichere Verkehr an dieser Stelle gehemmt und gefährdet worden ist." Diese Strafverfügung ist von der Polizei- Verwaltung in Zeitz erlassen worden.— Ein anderer Streikposten erhielt ebenfalls 15 M. Geldstrafe mit der Begründung:„Sie haben am 9. d. M. der zum Schutze der Ordnung, Sicherheit und Leichtig- keit des Verkehrs ergangenen Aufforderung des Gendarmeriewacht- mcistcrs Reinhardt, sich vom Thcißen-Granaerweg an Grube 397 zu entfernen, nicht Folge geleistet." Die Straße, von der sich der Streikposten cnlscrnen sollte, um„die Leichtigkeit des freien Ver- kehr" nicht zu behindern, wird den ganzen Tag über noch nicht von 59 Personen benutzt. Die Streikposten können beginnen, tvas sie wollen, Strafe setzt es immer. Bleiben sie stehen, gibt es Strafe, gehen sie auf und ab. gibt es Strafe, selbst wenn sie sich in den Chaussccgraben setzen, gibt es Strafe.- Die gegen diese Strafvcrfügungen eingelegten Berufungen haben, sofern sie vor dem Schöffengericht in Zeitz verhandelt wer- den, den Erfolg, daß fast durchweg die Strafe auf das doppelte erhöht wird. In ivelchcr Art dort Recht gesprochen wird, geht aus einem Satze einer Urteilsbegründung hervor. Tort heißt es:„Mit Rücksichr auf die Gefährlichkeit, die in dem weiteren Schüren des Streikes liegt, erschien die anerkannte Strafe angemessen." lieber die Entscheidungen des Zeitzer Schöffengerichts ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ein anderer Bergarbeiter, der schon 11 Jahre im Revier be- schäftigt war, aber österreichischer Staatsangehöriger ist, wurde ausgewiesen, sicher, weil er sich lästig gemacht hatte. So stehen Unternehmer und Polizei in holder Uebereinstimmung gegen die Bergarbeiter. Ausland. Ter Seeuiannsstreik. London, den 19. Juni.(Eig. Ber.) Der englische Seemanns- streik schreitet noch immer von Erfolg zu Erfolg. Einer nach dem anderen sehen sich die Schiffsreeder gezwungen, die geforderte Lohn- erhöhung zu bewilligen. Bisher haben die Eigentümer von nicht weniger als 259 Dampfern den von der Seemanns- und Heizer- gewerkschaft geforderten Minimallohn bewilligen müssen. Bisher ist es keinem einzigen Schiffe gelungen, mit Hilfe von Streikbrechern in See zu stechen. Besonders befriedigend sind die Erfolge der Arbeiter namentlich auch in London. Jn Sout- hampton, wo die Unternehmer am hartnäckigsten Widerstand leisten, befinden sich über 1999 Seeleute im Streik. Th�Glockc, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstglt' Sie Keichskatzmhlen i» Settemich. Die sozialdemokratischen Mandate. Wien, 20. Juni, 11� Uhr nachts.(Privattelegramm des „Vorwärts".) Bis zur Stunde sind 78 Sozialdemokraten ge- wählt, darunter 44 deutsche, 25 tschechische, 6 polnische und 3 italienische. Die deutschen Sozialdemokraten haben in Böhmen das Mandat von A s ch erobert, wo Genosse Hille- b r a n d gewählt ist. In sämtlichen anderen Stichwahlen in Deutsch-Böhmen unterlagen wir der geschlossenen Koalition aller bürgerlichen Gegner, so daß wir die bisher innegehabten Mandate von Tetschen(Reitzner), Dux(Beer), Friedland(Winarsky) und Außig-Land(Beutel) verloren haben. Ebensowenig gelang es uns, in Mähren und Schle- sien Stichwahlerfolge zu erzielen, wir verlieren dadurch drer Mandate. Für die Stimmung der Bürgerlichen ist bezeichnend, daß sie in Falkenau-Land(Westböhmen) selbst einen der schmutzigsten Verleunidungen und versönlicher Korruption überführten Menschen wie Simon Starck gegen den Sozial- demokraten mit Begeisterung wählten! Um so wichtiger ist es, festzustellen, daß, wie die deutsche Sozialdemokratie im Ganzen, wir auch in Böhmen, entgegen den ersten Meldungen, Stimmenzuwachs zu verzeichnen haben. In Kärnten ist Genosse Riese wiedergewählt, ein Resultat aus Steiermark, wo Genosse T ä u b l e r in aussichtsreicher Stichwahl ist, steht noch aus. Geradezu unfaßbar ist der glänzende Sieg über die Christlichsozialen in Wien und Niederösterreich. Außer dem unabhängigen Christlichsozialen Dr. H e i l i n g e r ist nur ihr Parteigänger Kuhn in Töbling Wien(XIX) gewählt worden. Die Gegner der Christlichsozialen erzielten überall Riesenmehrheiten. Die Christlichsozialen haben auch in der Provinz überall einen Rückgang zu verzeichnen. In Vor- arlberg fielen Dr. Drerel und in Tirol Dr. Mayer, die für die fähigsten Köpfe der Christlichsozialen außerhalb Wiens galten. Die tschechische Sozialdemokratie hat namentlich in Mähren starke Fortschritte gemacht und dort acht Man- date erobert. Dagegen hat sie in Böhmen 3� Miandate verloren. Genosse Dr. S o u k u p ist auch in Pilsen unter- legen. Von italienischen Genossen wurden P i t t o n i und Oliva in Trieft wieder- und Genosse Dr. B a t t i st i in Trient(Südtirol) neugewählt. Da noch ruthenische und polnische Mandate zu besetzen sind, wird unsere Fraktion im neuen Reichsrat über 80 Sitze haben. Die Lage der Regierung ist infolge des Ausfalls der Wahlen eine kritische geworden. Die Wahlresultate in Wien. Wien, 20. Juni.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Gewählt wurden Sozialdemokrat Fritz Si l b e r e r gegen den Christlichsozialen Prohaska, Genosse Karl L e u t h n e r mit 2718 Stimmen gegen den Präsidenten Dr. Pattai, der 2354 Stimmen erhielt, Genosse August F o r st n e r mit 4739 gegen 3427 Stimmen; sein Gegenkandidat war her bekannte Rcwau- antisemit Ernst Schneider. Genosse Winarski mit 5532 gegen 5046 Stimmen, die auf den christlichsozialen Führer Steiner fielen; Genosse Mar Winter gegen Handelsminister Weiskirchner, Genosse V o l k e r t gegen den christlichsozialen Arbeiterführer Kunschak. Ferner wurden gewählt die Ge- nassen Don es, Wutsche/, Widholz, Reifmüllcr und Genosse S ch u h m e i e r, der somit zweimal gewählt ist. Leider unterlag Genosse Dr. Ludo Hart mann gegen den unabhängigen Christlichsozialen Heilinger. Ferner sind ge- wählt die Deutschfreiheitlichen Kurenda, Denk, Neumann; Waber, Zenker, Ganser, Pollauf und die Sozialpolitiker Ofner und Freiherr von Hock. In Niederösterreich wurden die Genossen S ch l i n g e r und P o l k e neu- und B r e t- s ch n e i d e r wiedergewählt. Versammlungen. Zentralverbanb' der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Deutschlands. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Bezirks Groß-Berlin tagte am 16. Juni d. I. in den..Arminhallen". Zur Beratung stand ein Antrag der Ortsverwaltung:„Erlaß eines Ortsstatuts für den Bezirk Groß-Berlin". Der vorgelegte Ent- wurf wurde mit einigen Abänderungen von der großen Majorität der Versammlung angenommen. DaS beschlossene Ortsstatut soll am 1. Januar 1912 in Kraft treten. Dasselbe sieht u. a. die Bil- dung eines aus 7 Ortsverwaltungsmitgliedern bestehenden Aktions» ausschuffes vor. dessen Wahl durch die Generalversammlung des Bezirks Groß-Berlins zu erfolgen hat. Der Aktionsausschuß hat die Aufgabe. Anregungen für den Ausbau und die gewerkschaft- liche Betätigung der Organisation zu geben, in Dringenden Fällen agitatorische Maßnahmen zu treffen und deS wei�Tren zur Entlastung der Ortsverwaltung geschäftliche Angelegenheiten von unwesent- licher Bedeutung zu erledigen. Gleichfalls wurde im Ortsstatut das Bestehen einer Agitationskommission für die Vororte fest- gelegt und die Neuwahl zu derselben von der Versammlung vor- genommen. Zum Schluß wurde auf die Jugendsektion des Ber- liner Bezirks hingewiesen und zu eifriger Agitation für dieselbe aufgefordert. letzte ffocbrlchtcm Sozialdemokratische Wahlerfolge in Freiburg. Freiburg(Breisgau). 29. Juni.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Bei der Gemeindevertreterwahl haben die Sozialdemokraten 1359 Stimmen und 14 Mandate, die Libe- ralen 459 Stimmen und 4 Mandate, das Zentrum 1329 Stimmen und 14 Mandate, die Bürgervereinigung 159 Stimmen und kein Mandat erhalten. Zur Eisenbahnerfrage in Frankreich. Paris, 29. Juni.(W. T. B.) Das Ministerium der öfsent- lichen Arbeiten bereitet einen Gesetzentwurf vor, betreffend da» Statut der Eisenbahnbeamten. Der Entwurf erkennt das Recht zum Ausstand an und schreibt hinsichtlich dessen Ausübung vor, daß der Streik nur nach einem Referendum mit geheimer Abstim- mung erklärt werden kann. An der Abstimmung müssen die Be- amten teilnehmen._ Zum internationalen Seemannsstreik. New Jork, 29. Juni.(P.-C.) Heute fanden hier drei große Versammlungen von Matrosen statt, in den« beschlossen wurde, umfangreiche Vorbereitungen zu einem allgcGeinen See. manuSstreik zu treffen. Auf allen Linien soll zu gleicher Zeit der Betrieb eingestellt werden. Paul Singer i(so., Sellin SW, Hierzu 3 Beilagen u.UnterhaltungSbl. Nr. 142. 28. Jahrgang. 1. StilnjE Ks.loraitts" firrlintt WWlR Mmch, 21. Juni 1911. fjemnbaus» 14. Sitzung, Dienstag. 20. Juni, 12 Uhr. Am Ministertisch: v. Dallwitz. Dr. Bcselcr. Tie Tribünen sind sehr stark besetzt. Das Feuerbestattungsgesetz. Die Kommission beantragt Annahme der Vorlage in der Fassung des Abgeordnetenhauses. Es findet zunächst eine allgemeine Aussprache statt. Gcneralscldmarschall Graf Haeseler: Tie Vorlage bedeutet einen Schritt rückwärts, denn die Feuerbestattung geht rückwärts bis über die christliche Zeitrechnung hinaus. Ein Ideal soll hier zu Grabe getragen werden. Ter Familiensinn und der Familienzufammenhalt wird schwer leiden, die Erinnerung an die Anverwandten verloren gehen. Ich kann mir nicht denken, daß in den Krematorien die Er- innerung an die Verschiedenen eine gleiche sein wird wie auf den Friedhöfen. Wer die Schlachtfelder besucht hat, wird angesichts der vielen Gräber das Gefühl gehabt haben, sich an geweihter Stätte zu befinden. Und nun denken Sie sich ein Schlachtfeld per Zukunft, nach 50 oder 100 Jahren, wo vielleicht die Feuerbestattung obliga- torisch geworden ist-- da sehen wir einen gewaltigen schciter- Haufen und später cinen-Gedenkstein ohne Kreuz mit der Inschrift: „Hier wurden die für Ehre und Ruhm des Vaterlandes Gefallenen derbrannt!" Wir lehnen die Vorlage ab.(Beifall.) Minister des Innern». Dallwitz: Kein christliches Dogma, kein Gotteswort und kein Gottesgebot steht der Feuerbestattung entgegen. Wenn trotzdem eine so lebhafte Gegnerschaft gegen die Feuerbestattung entstanden ist, so ist das zurückzuführen auf Uebertreibung und Exzesse agitatorischer Art mancher AnhäRher der Feuerbestattung und dann auch be- sonders darauf, daß diese Frage keine reine Verstandcssache ist. sondern daß hierbei auf beiden Seiten Imponderabilien höchst persönlicher Art mitsprechen und daß vielfach das Gefühl obwaltet, als ob die fakultative Zulassung der Feuerbestattung geeignet und bestimmt sein könnte, die christliche Sitte der Erdbestattung zurück- zudrängen. Diese Befürchtung ist nicht begründet. Wenn man mit voller Berechtigung davon ausgeht, daß das deutsche Volk in seiner übcrlvicgcndcn Mehrheit fest und treu an der ihr lieb ge- wordenen Sitte der Erdbcstaltung festhält, dann ergibt sich zur Evidenz, daß die Befürchtung, die Erdbestattung könnte zurück- gedrängt werden, hinfällig ist.(Beifall und Widerspruch.) Nach wie vor soll die Erdbestattung die normale und regelmäßige Form der Lcichenbcseitigung bleiben. Sie soll überall eintreten, wo nicht ausdrücklich etwas anderes von dem Verstorbenen an- geordnet worden ist. Tic Feuerbestattung wird unbedingt aus- geschlossen sein in allen Fällen, in denen sie den Empfindungen und Wünschen des Verstorbenen nicht entspricht. Wie kann da von einem unzulässigen Eingriff in bestehende Sitten die Rede sein. Etwas anderes ist es, in eine bestehende Sitte einzugreifen, etwas anderes, diese Sitte anderen aufzuzwingen und den Zwang aufrecht- zuerhaltcn auch denen gegenüber, die nach ihrer Ucberzeugung von dem bestehenden Gebrauch für ihre Person abzuweichen die Absicht haben. Es ist nicht Sache des Staates, durch polizeiliche Maß- nahmen einer Bcstattungsform entgegenzutreten, die gesetzlich nicht verboten ist und die einer immerhin beachtlichen Minorität in .unserem Volke erstrebenswert erscheint. Ich bitte Sie. den Gesetz- entwurf anzunehmen und den langwierigen Streit zum Abschluß zu bringen, der dem Frieden im Volke nicht nützlich gewesen ist. ,(Beifall.) Oberlandesgerichtspräsident Dr. v. Plchwe: Ich verwahre mich dagegen, daß ich ein Anhänger der obligatorischen Feuer bestattung wäre. Ich halte es für ausgeschlossen, daß sie in afr sehbarer Zeit bei uns eingeführt wird. Trotzdem werde ich der Vorlage zustimmen. Kardinal Fischcr-Köln: Das Gesetz ist eine schwächliche Konzession an nichtchristliche Kreise und ein Eingriff in die unserem deutschen Volke heilige Sitte. Von einer starken Strömung zugunsten der Feuerbestattung habe ich nichts bemerkt. Die Geistlichen haben bei der Feuerbestattung ihre Mitwirkung zu versagen. Die Folge dieses Ge- sctzcs wird ein Anschwellen der Partei sein, die an dem Fundament des Staates und der Gesellschaftsordnung rüttelt.(Lebhaftes Ohol und Zustimmung.) Mein Wunsch geht dahin, daß dieses Hohe Haus als Träger der alten gediegenen, bewährten Tradition sich auch jetzt bewähren möge und das Gesetz zu Grabe bestattet. (Be'iall.) Dr. Graf Dork v. Wartenburg: Ich kann dem Vorredner nicht bc/vflichten. Ich halte die christliche Sitte der Erdbestattung für xj.'fie Person stets in Ehren, aber ist das ein Grund, anderen aJ'. Kleines feirilleton. Der Tyrann. Ludwig Thoma veröffentlicht in der.Franks. Zeitung" folgende Charakterftudie des Münchener GhmnasialrektorS und LandlagSpräsidenten Orterer: In M ü n ch e n ist er seit vielen Jahren eine komische Figur. Als ihm seinerzeit die Kunststudicrenden eine Katzenmusik gebracht hatten, erzählte man sich lachend, daß der grimmige Tyrann dcS Parlaments und der Schule in daS Kostüm seiner Schwiegermutter geschlüpft war, um sein Leben vor der vermeintlichen Gefahr zu retten. Bielleicht ist das Erfindung, aber jedermann hat es dem Ritter Georg v. Orterer zugetraut. Die kleinen Leute bleiben auf der Straße stehen und blinzeln sich lustig zu, wenn der nunmehrige Kammerpräsident einherwandelt. Auch an warmen Tagen trägt er einen riefen Pelzmantel: das Haupt ist majestätisch erhöben; unter dem großen Zylinderhut schaut ein grämlich verzogenes Gesicht unglaublich hochmütig jeden Begegnenden an: Weißt du, wer ich bin? Alle wissen es und lachen. Aber wehe dem kleinen Angestellten, dem Briefträger oder Schaffner, der Seiner Hoheit dem Kammerpräsidenten nicht devot genug entgegentritt!. Dann bricht die wilde Tyrannennatur durch. Dieser staatlich besoldete Sünder ist ja abhängig und kann gctrieht und geschurigelt und durch ein Drohwort an den Minister vernichtet werden. Der PaidagogoS brüllt ihn an und beschimpft ihn. An der Perronsperre im Zentralbahnhof hat er einem Schaffner gröbliche Namen gegeben, weil der Unselige von ihm, dem freifahrt- berechtigten Herrscher Vorzeigung der Fahrkarte verlangt hatte. Die bäuerlichen ZentrumSabgcordneten fürchten und hassen ihn. Er erwidert ihren Gruß nicht und— jeder Zoll ein Tier- bündiger, schreitet er, durchbohrenden AugeS die scheuen Parlamen- tarier anblickend, an ihnen vorüber. Es ist keine Erfindung des Abgeordneten Josef Filscr,") daß der Kammerpräsident die agrikolen Elemente mit ausgesuchter Strenge behandelt. Und daß er das Klosetlpapicr durch einen UkaS auS dem ihnen angewiesenen Oertlein entfernen und durch ultramontaneS Zeitnngs- Papier ersetzen ließ. Der Gedanke, daß' die Filser, Ninangl und Salvcrmoser die gleichen Errungenschaften der Neuzeit benutzen sollten wie er, war dem Lenker der bayerischen Geschicke einfach unerträglich. Auch bestand er mit Heftigkeit und Hoheit darauf, daß das Kabinettlein der rustioi weit entfernt von dem seinigcn läge, damit *) Bon Thoma geschaffene Figur eines ländlichen Zentrums- Mannes.' Leuten, die eine andere Ucberzeugung haben, entgegenzutreten? (Sehr richtig!) Vom Toleranzstandpunkt aus trete ich für die Vorlage ein. Graf Troste-Bischering: Die Vorlage ist in religiöser und politischer Beziehung verhängnisvoll. Es ist bedenklich, daß eine christliche Regierung heidnische Gepflogenheiten einführen will, wenn auch einstweilen fakultativ, aber die obligatorische Bestimmung wird noch kommen. Schon im Ab- gcordnetenhause wurde darauf hingewiesen, daß die Regierung in letzter Zeit überall, wo es sich um Betätigung christlicher Grund- sätze in der Gesetzgebung handelt, sich fast ablehnend verhalten hat. Die Anhänger der Feuerbestattung bestehen zunächst aus Sozialdemokraten. Diese Umsturzpartei ist erfolgreich nur dadurch zu bekämpfen, daß die Regierung auf den ewigen Grundsätzen des Christentums stehen bleibt. Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Walbeyer: Namens der neuen Fraktion habe ich für die Annahme des Gesetzes zu sprechen, wenn ich mich auch selbst niemals verbrennen lasse. Das Christentum hat die Erdbestattung einfach von den Heiden und Juden übernommen; die Germanen hatten die Feuer- bestattung. Die Anhänger der Feuerbestattung darf man nicht ohne weiteres zu Gegnern des Christentums zählen. Es sprechen auch ethische Gründe für die Feuerbestattung. v. Graf v. Zieten-Schwerin: Die Generalsynode hat ihren Standpunkt in bezug aus die Erdbestattung nicht aufgegeben, aber nachdem rings um Preußen herum Krematorien bestehen, die von, preußischen Einwohnern ziemlich häufig benutzt werden, ist das Bedürfnis für die Feuerbestattung in Preußen a n- zuerkennen. Oberhofprediger v. Dryander: Die Gencralsynode hat ihren früheren Standpunkt nur nach einer Seite hin geändert, genötigt durch die fortschreitende Bewegung. Die Gencralsynode hat in Erkenntnis der Gewisscnsbcdrängnis der Geistlichen die Petition einer Provinzialsynode, die Beteiligung der Geistlichen an der Feuerbestattung neu zu regeln, dem evangelischen Obcrkirchenrat zur Erwägung weitergegeben. Aber auch die Generalsynode hat anerkannt, daß kein Dogma zur Ablehnung der Leichenverbrennung verpflichtet. Die sozialen Folgen dieses Gesetzes können sehr verhängnisvoll sein. Ich lehne es deshalb ab. Gras v. Strachwiy wendet sich gegen die Feuerbestattung. Professor Adolf Wagner: Ich halte die alte deutsche christliche Sitte der Erdbestattung hoch, halte mich aber nicht für berechtigt. meine persönliche Meinung jedem anderen aufzudrängen. Die Ablehnung der Vorlage würde eine scharfe Agitation der Anhänger der Feuerbestattung hervor- rufen, die sich in starkem Maße gegen das Herrenhaus wenden würde. Ich sage: in dudiU überlas! Die Sache ist sehr Zweifel- hast; hüten wir uns, uns gegenseitig zu verunglimpfen, weil wir in dieser Angelegenheit verschieden stimmen!(Beifall.) Ein Schlußantrag beendet die allgemeine Aussprache. Die Abstimmung über Z 1 ist namentlich. Er wird mit 92 gegen 8K Stimmen angenommen. Die zu den übrigen Paragraphen gestellten Abänderung»- anträge werden teils abgelehnt, teijs zurückgezogen. Die G e s a m t a b st i m m u n g ist auf Antrag des Grafen Haeseler namentlich; sie ergibt die Annahme der Borlage mit 90 gegen 84 Stimmen. Nächste Sitzung Mittwoch 11 Uhr: Allgemeines Zweckverbands- gesetz. Schluß 7 Uhr._ lichter ordentlicher Genoffenfchaftstag. Leipzig. 19. Juni 1910. Im großen Saale des Volkshauses wurde heute abend 7 Uhr der achte ordentliche Gcnossenschaftstag des Zentralverbandcs deutscher Konsumvereine eröffnet. Der Genossenschaftstag ist dies- mal stärker als früher besucht, es sind gegen 850 Delegierte und Gäste anwesend, die von dem Vorsitzenden R a d e st o ck. Dresden herzlich begrüßt werden. Radestock hebt in seiner Eröffnungsrede mit Freude hervor, daß das Geschäftsjahr 1910 eine gute Weiter- cntwickelung des Verbandes gezeigt habe. Wenn aus diesmal keine Begrüßungsreden von Vertretern der Stadt oder dcS Staates ge- halten werden und die bürgerliche Presse auch keine Begrüßung?- artikel bringt, so kümmert uns das nicht. Diese sind der Ueber- zeugung, daß der Mittelstand ein Recht darauf hat, die Konsumcn- ten für sich zu reklamieren. Sie verkennen die volkswirtschaftliche Bedeutung unserer Bewegung, mit der es die bürgerliche Presse nicht ehrlich meint. Redner spricht zum Schluß die Hoffnung aus, daß die Arbeiten des GcnossenschaftStageS befruchtend wirken keine Schwäche seines göttlichen Wesens von der xleds bemerkt werden könne. Man sieht. Orterer ist eine Jmperatoren-Natur. Seine Herrschsucht drückt sich auch deutlich in seiner Stimme auS. Sie klingt barsch, unhöflich, befehlend. Sie ist von einer ganz bestimmten Nuance deS Befehlshaberischen: nicht schmetternd, kriege- risch, sondern dumpf und drohend, die Stimme des ins Klaffen- zimmer eintretenden Schulgottes. Sie klingt, wie wenn ein Mann durch ein langes Ofenrohr hin- durch schrie, oder wie wenn ein Knabe in eine Gießkanne seine über- mütigen Rufe ertönen ließe. Diese Stimme ist keiner Modulation fähig, ist nie verbindlich, angenehm oder besänftigend. Eine Rede zu Ehren des Prinzregenten mußte der ferner Stehende für eine von Zorn erfüllte Pemiälerpauke halten. Das ist also das Magisterlein, von dem jetzt wieder so nette Menschlichkeiten erzählt werden. Ein paar Gymnasiasten haben mit ihren Eltern eine Tanzstunde besucht und nicht genug, so die Vorschrift ihres Rektors vergessen zu haben, gingen sie sogar in ihrer Ver- blendnng sö weit, die Arme an weibliche Backfische anzulegen mid Versuche anzustellen, mit ihnen kreisende Bewegungen aus- zuführen. Der Mann, dem das Präsidium des bayerischen Abgeordneten- hauseS anvertraut ist, sieht in diesen Versuchen einer heran- wamsenden Jugend etwas Verbrecherisches, Herausforderndes, Ge« fährliches. Diese präsäkulare Schulineisternatur, der Eingriffe in unser öffentliches Leben gestattet sind, empört sich bei dem Gedanke», daß junge Buben mit jungen Mädeln tanzen wollen. Orterer ist nicht bloß Rektor, er ist Mitglied deS SchulrateS, und als Politiker der Vorgesetzte de- Kultusministers. Also konnte er gegen die Majorität dcS ProfefforenkollegiumS die Dimission der Verbrecher, einen Monat vor der Abiturientenprüfung, durchdrücken, und es gelang ihm, in einige Familien Unglück und den Glauben an seine Macht zu tragen. Die letzte Katzenmusik, welche diesem beliebten Schulmanne ge- bracht worden ist. liegt leider schon zwei Dezennien zurück. Ich war mit dabei; und ich verpflichte mich, bei der nächsten ungleich krästiger mitzuwirken, und es jedem althayerischen Lands- manne klarzumachen, daß es seine Pflicht ist, mit Hundspfeife oder ausgebohrtem Hausschlüffel an Ort und Stelle sich einzn- finden. Humor und Satire. Pst! ES gibt so gewisse Dinge in Preußen. davon wird nicht gerne gesprochen.... Ein jeder weiß zwar, wie bei Namen sie heißen. mögen. Als Gäste sind anwesend Vertreter von Genossenschaften in England, Schottland, Dänemark. N i e d c r l a n d, Schweiz, Schweden und Ungarn: der Internationale Ge- nosscnschaftsbund hat ebenfalls einen Vertreter entsandt. Die Gc- neralkommission der Gewerkschaften Deutschlands vertritt Um- b re i t- Berlin, außerdem haben die Gewerkschaften, die in engen Beziehungen mit den Genossenschaften stehen, Vertreter delegiert, so die Bäcker, Tabakarbeiter, Transportarbeiter, Lagerhalter und Handlungsgehilsen. Die Vor- standsmitglieder genossenschaftlicher Unternehmungen haben eben- falls eine Delegation entsandt. Das Bureau der Tagung wird gebildet von Radestock- Dresden, Barth- München und Arnold- Leipzig als Vor- sitzende und Lorenz- Hamburg als Schriftführer. Es folgen nun die Begrüßungsansprachen. Zunächst überbringen die ausländischen Delegierten herzliche Grütze. Alle Redner geben ein Bild der Genossenschastsbewegung ihres Landes und schildern deren EntWickelung; sie alle berichten von einem erfreulichen Fortschritt. Ein englischer Redner schloß seine Ausführungen mit der Betonung, die genossenschaftlichen Bestrebun- gen würden dazu beitragen, die Elemente der Zwietracht auszuschei. den und den Weltfrieden zu fördern.(Beifall.)— Die Genossenschaftsbewegung in der Schweiz, erklärte der Vertreter dieses Landes mit Stolz, habe nach verschiedenen Richtungen hin das englische Vorbild erreicht. U m b r e i t° Berlin begrüßt den Genvsscnschaftstag namens der Generalkommission und der anwesenden Gewerkschaftsvertreter. Die Gewerkschafts- und Genossenschastsbewegung seien zu einem Machtfaktor geworden, mit dem man rechnen müsse. Wie die Gc- wcrkschaftcn die wirtschaftliche Besserstellung der Arbeiter anstrebe, so hätten die Genossenschaften die Interessen der konsumie- r e n d e n Bevölkerung zu vertreten, die zu neun Zehntel dem Ar- beiterstande angehöre. Diese beiden großen Bewegungen könnten nicht nebeneinander bestehen, ohne sich, zu ergänzen und zu ver- ständigen. So sei denn auch ein stetes Zusammenarbeiten mit der Generalkommission bewiesen. Heute sei man im Begriff, einen weiteren gmeinschaftlichen Schritt zu tun, der die Organisa- tion des Unter st ützungs Wesens der deutschen Arbeiter- schaft(Volksversichcrung) betrifft. Der GewerksckMftskongreß werde hierzu Beschlüsse fassen. Umbreit hofft, daß dieses Werk zu- stände kommt, als ein dauerndes Denkmal gemeinsamer Arbeit und im Interesse der deutschen Arbeiterschaft. Umbreit schließt: Wir werden auch künftig zusammenarbeiten, zum Nutzen unserer beiden Bewegungen und zum Trutz aller Gegner der gesamten Arbeiter- bewegung.(Beifall.) Der Generalsekretär K a u f m a n n. Hamburg referierte nun zum zweiten Punkt der Tagesordnung:„Der Beitritt des Zentralvcrbandes deutscher Konsumvereine zum Internationalen Genossen schaftsbund e". Redner plädiert für Anschluß an den Bund und begründet ausführlich fol- gende Resolution: Ter achte ordentliche Genossenschaftstag des Zcntralverhan- des deutscher Konsumvereine vom 19. bis 21. Juni 1911 in Leip» zig beschließt auf Grund des§ 8 der Satzungen des Jnternatio- nalen Genossenschastsbundes den Beitritt zum Internationalen Genosscnschastsbunde mit seinen sämtlichen Organisationen, den Rcvisionsvcrbändcn, der Großeinkaussgesellschast und den ein. zelncn Genoffcnschaftcn und Gesellschaften. Dabei wird ausdrücklich festgestellt, daß, nachdem der Beitritt des Zentralberbandcs mit sämtlichen angeschlossenen genossen- schaftlichen Organisationen erfolgt ist, die einzelnen angeschlosse. neu Organisationen nicht mehr berechtigt sein sollen, die Mit- gliedschast des Internationalen Genossenschastsbundes zu er« werben. � Die Beiträge für den Internationalen Genoffenschaftsbund werden von den einzelnen an den Zentralverband angeschlossenen Organisationen nicht erhoben. Die einzelnen genossenschaftlichen Organisationen de? Zcn» tralverbandes deutscher Konsumvereine sind berechtigt, auf eigene Kosten die internationalen Genosscnschaftstage durch einen oder mehrere Delegierte zu beschicken. Die dem Zcntralvcrbande zustehenden Stimmen auf den in- ternationalen Gcnossenschaflstagcn werden auf den Zentralvcr- band, die Großeinkaussgesellschast und die Rcvisionsverbände ver- teilt, jedoch mit der Maßgabe, daß falls die Dclegiertengesamtzahl geringer ist als die Zahl der dem Zentralverbande zustehenden Stimmen, zunächst jeder Delegierte eine Stimme zu erhalten hat. Beträgt die Gesamtzahl der Delegierten weniger als die Hälfte der zur Gesamtzahl zur Verfügung stehenden Stimmen. so hat jeder Delegierte wenigstens zwei Stimmen zu erhalten und in gleicher Weise fort. Nach dem Statut des Internationalen Gcnosscnschafts- bundcS stehen im Falle dcS Beitritts der Gesamtorganisation doch nie wird das Schweigen gebrochen. Da war mal ein Fürst, der schwor einst— daneben doch dann erkältet er sich, und wurde krank und jetzt ist er eben.., Pst! Pst! Still! I— Lieber nicht Da haben zum Beispiel zwei Uniformierte den Arbeiter Herrmann erschlagen— und wie man auch suchte und eruierte» man kriegte sie nicht beim Kragen. Der Berliner Präses der Polizisten, der hat nämlich stark auf dem Strich die roten Nörgler... weiß Gott! man müßt'n.. Pst! Pst! Still 1 1— Lieber nich l Zum Beispiel die Klagen beim Militäre die nehmen nun einmal kein Ende—| schon manchem zerquetschte im deutschen Heere der grausame Drill die Hände.— Beschwerden? Gerichte? Lirnm, larum l Der Untertan denkt nur bei sich: Die halten so ruhig?— ja, Herrgott— warum.., Pst! Pst! Still I!- Lieber nicht Da ist doch unsre Agrariersorte aus ganz, ganz anderem Holze sie spielt sogar mit dem Fürstenworte... Und sagt roh. gebläht von Stolze: „Erlauben Sie mall Bei uns ist der Fürst doch der Hort der Treue— so sprich: „Du glaubst zu schieben, und ach! Du wirst doch.. Pst! Pst! Still! I- Lieber nich!" Kurt. Notizen. --Drei neueBöcklinS in der Nationalgalerie. AuS Privatbesitz sind der Nationalgalerie drei Gemälde BöcklinS als Leihgabe überlassen worden. Die„Toten in sei" auS dein Jahre 1830 ist eine der ersten Fassungen des Themas, das Vöcklin öfter behandelte. DaS Bild ist aber nicht vollendet.„Es muß so still wirken, daß man erschrickt, wenn angeklopft wird— ein Bild zum Träumen", so soll Böcklin selber einmal die Wirkung der Toteninsel geschildert haben. Die„Herbftgedanken"(1886) stellen eine Frau dar. die zwischen Blumen und Bäumen an eine»! Bach hinschreitet und den Blättern»achschaut, die ins Wasser wehem AuS der letzten Schaffenszeit BöcklinS stammt das humorvolle Doppelbild„Die Fischpredigt"(1892). Auf den» obere» Teil predigt Antonius den Fischen und auf dem unteren fressen sie ein» ander ans. Die Bilder bleiben bis zum Herbst in der Galerie. Sen einzelnen angeschlossenen genossenschaftlichen TtganisatioNen die offiziellen Publikationen des Internationalen Genossen- schaflsbundes nicht zu. Es wird daher den genossenschaftlichen Organisationen hiermit nahegelegt, auf eigene Kosten diese Pu° iblikationen, speziell das„Internationale Genosscnschaftsbulletin und das Jahrbuch in einem oder mehreren Exemplaren zu abon- niercn. Das Abonnement erfolgt nur durch das Sekretariat des Zentraloerbandcs deutscher Konsumvereine. Auf die Tagesordnung der Genossenschaftstage des Zentral Verbandes deutscher Konsumvereine ist regelmässig der Gegen- stand:„Die Angelegenheiten des Internationalen Genossen- schaftsbundcs" zu setzen. ES ist über die Entwickelung des Bun- des hier ein kurzer Bericht zu erstatten. Wichtige Angelegen- heiten des Bundes, die von allgemeinem Interesse sind und für deren Entscheidung die internationalen Gcnossenschaftstage zu- ständig sind, können hierbei zur Vorbesprechung gestellt loerdcn. Die Resolution wird einstimmig angenommen. Abends Q'A Uhr werden die Verhandlungen vertagt. •* * Mit dem Genossenschaftstag ist eine genossenschaftliche Ausstellung verbunden, die in den Seitcnräumen des Volkshauses untergebracht ist. In dieser Ausstellung, die ja ein Teil der Hygieneausstellung in Dresden werden sollte, zeigen graphische Darstellungen die gewaltige Entwickelung des Zentralverbandes deutscher Konsumver- eine, der Großeinkaussgcsellschaft und deren Betriebe. Zahlreiche Modelle und Photographien veranschaulichen die Bctriebseinrich- tungcn verschiedener Konsumvereine in technischer und hygienischer Hinsicht. Mit ausgestellt sind Erzeugnisse von Betrieben des„Kon- fumvcreins der Konsumvereine", der Grosscinkaufsgescllschaft beut- scher Konsumvereine, die im Vorjahre den horrenden Warenumsatz von 88V3 Millionen hatte. Eröffnet wurde die Ausstellung heute nachmittag 4 Uhr durch das Vorstandsmitglied des Zentral- Verbandes deutscher Konsumvereine, Heinrich Lo r e n z- Hamburg. In einer kurzen Ansprache betonte dieser, dah, als im vorigen Jahre die Aufforderung an sie erging, sich an der Hygieneaus- stellung zu beteiligen, der Zcntralvcrband dies bcgrüsst hätte. Wir wollten dort zeigen, welche Erfolge die Konsumgenossenschaften auf dem Gebiete der Organisierung des Konsums erzielt, welche Bedeutung die Konsumgenossenschaften im Wirtschaftsleben des Volkes haben. Wir wollten ferner zeigen, ivelche Einrichtungen die Betriebe der Konsumvereine in technischer sowie sanitärer Hinsicht haben, und welche Lohn- und Arbeitsverhältnisse dort vorhanden sind. Es sollten sich durch den Augenschein Freund und Feind selbst überzeugen von dem, was ist. Wir sind der Meinung, dass wir in dieser Beziehung bisher viel zu viel zurückgehalten haben. Darum haben wir die Ausforderung zur Beteiligung an der Hygicneaus- stellung mit Freuden bcgrüsst. Leider wurde diese unsere Beteili- gung verhindert. Unseren Kameraden, den Gewerkschaften, machte man Schwierigkeiten, sie sollten das Elend in der Heimarbeit nicht zeigen, und sind darum von der beabsichtigten Beteiligung zurückgetreten. Wir haben treue Käme- vadschaft gehalten und sind darum auch ferngeblieben. Achter Iutttuationliler MtorbeiterKlivgreß. A m st e r d a m. 17. Juni 1911. In dct Woche vom 12. bis 17. Juni fand in Amsterdam der achte Internationale Textilarbcttcrkongrcss statt. Der Tcxtil- arbciter-Jnternationalc gehören die freien Textilarbeitervcrbände aus England, Teutschland, Oesterreich, Frankreich, Belgien, Schweiz, Dänemark, Holland, Ungarn, Bulgarien, Schweden und Serbien an. Zusammen umfassen diese Organisationen 480 036 Mitglieder. Von diesen entfallen auf England 200 000, Teutschland 117 000, Frank- reich 40 000, Oesterreich 38 000, Belgien 18 000, bei den übrigen Ländern handelt es sich um Hunderte oder wenige Tauscnde. Die Fortschritte der Organisationen seit dem letzten Kongress vor drei Jahren in Wien sind recht gering; Teutschland, Oesterreich, Schweiz haben sogar einen kleinen Rückschritt gemacht, doch ist dies offen- bar nur der Krise geschuldet und wird sich bessern, sobald die Wirt- schaftsvcrhältnisse sich wieder allgemein in aufsteigender Linie bc- finden. Aber an innerer Festigkeit haben die Organisationen ohne Zweifel und trotz der Krise gewonnen; das zeigten die Beitrags- erhöhungen, die in Deutschland, Oesterreich, Frankreich und Holland während der Berichtszeit durchgeführt wurden.— Wie in den Einzclorganisationen, so macht diese innere Festigung sich auch innerhalb der Internationale bemerkbar. Der internationale Se- kretär MarSland- England konnte berichten, dass die Sitzungen und Arbeiten des internationalen Komitees im Vergleiche zu früher viel leichter und fruchtbringender geworden sind. Die Mitglieder des Komitees haben im Laufe der Zeit sich persönlich und auch die Verhältnisse der einzelnen Organisationen viel besser kennen ge- lernt, und dadurch ist die Verständigung eine viel leichtere und bessere geworden.— Auch die Beitröge zum internationalen Streikfonds, den der Sekretär verwaltet, beträgt gegenwärtig 136000 Frank. In der Berichtszeit wurden 2700 Personen aus diesem Fonds unterstützt, und die belgischen Organisaiionsvertrctcr sprechen es offen und mit Tank aus, dass es ihnen ohne die Hilfe aus dem internationalen Streikfonds nicht möglich gewesen wäre, ihren Kampf so zu führen, wie es in Wirklichkeit geschehen ist.— Dem internationalen Sekretär wurde für seine Geschäfts- und Kassensilhru»tg einstimmig Dccharge erteilt. Der Kongress beschloss im Laufe seiner Verhandlungen, dah die Inanspruchnahme des internationalen Streikfonds nie so weit gehen darf, daß der Fonds unter 100 000 Frank stehen bleibt. Sinkt er unter diese Summe, so ist er durch Extrabeiträge, die aber 5 Centimes pro Woche und Mitglied nicht übersteigen dürfen, wieder auf 100 000 Frank zu bringen. Die Unterstützung aus diesem Fonds tritt ein, wenn mindestens 10 Prozent der Mitglieder einer Landesorganisation im Streik stehen und die Organisation aus eigener Kraft den Kampf nicht mehr weiterführen kann.— Damit in Zukunft jede angeschlossene Organisation auf allen Kongressen und Sitzungen de? internationalen Komitees vertreten ist, beschloss der Kongress, einem Delegierten jeder Nation jedesmal freie Fahrt und Spesen aus der Kasse des internationalen Sekretariats zu bezahlen. Das Stimmrecht auf den internationalen Kon- fercnzcn und Kongressen wurde so geregelt, dah in Zukunft auf je 1000 Mitglieder oder auf den Bruchteil von 1000 Mitgliedern, für die an die internationale Streikkasse gezahlt wird, ein Delegierter entfällt.— Die gesamten Debatten und Beschlüsse zeigten die er- freuliche. Erscheinung einer forlschrittlichen Tendenz innerhalb der englischen Organisation. Gerade aus England kam der An- trag,„dah der Kongress sich zugunsten des Achtstundentages für alle Textilbetriebe in allen Ländern aussprechen soll." Der englische Redner führte aus, dass es ihn mit besonderem Stolz er- fülle, als Engländer diese Resolution zu begründen und dabei mitteilen zu können, dass alle englischen Tcxtilarbcitcrorganisa- tionen heute geschlossen hinter dieser Forderung stehen. Vor drei Jahren auf dem letzten Kongress in Wien waren die Engländer noch nicht geschlossen zu diesem Standpunkt vorgeschritten, sondern ein Teil von ihnen stand damals noch ablehnend dem Achtstundentag gegenüber. Ter ötcfercnt meinte mit Recht, wenn die internatio- nalcn Kongresse weiter nichts bewirkt hätten, als dass sie jetzt alle Nationen auf diese grosse Kulturforderung des Proletariats ver- einigt haben, dann wäre durch diese eine Tat die Notwendigkeit der Kongresse schon erwiesen.— Ter Antrag der Engländer wurde einstimmig angenommen. Weiter war aus England der Antrag gestellt, in allen Ländern eine einheitliche Agitation zu entfalten für die genügende Ein- stellung männlicher und weiblicher Fabrikinspek- t 0 r e n, die aus der Arbeiterklasse entnommen sind.— Der Referent gab der Resolution eine Begründung, aus der her- vorgeht, dass die englischen Arbeiter trotz"ihrer älteren, stärkeren und anders gerichteten Arbeiterbewegung unter einem ähnlichen ZNangcl an sozialem Schutz für Leben und Gesundheit in den Be- trieben leiden, wie die Arbeiter des Kontinents. Die sogenannten praktischen" englischen Arbeiter, die nach der Behauptung unserer bürgerlichen und„christlichen" Sozialpolitiker keine„perfiden, un- crfüWärcn'" Forb'etlltngett stelleil, filid deshalb p geMu ifttfelBeÄ Forderungen gekommen, wie die„sozialdemokratisch verhetzten" deutschen Arbeiter. Deutscherseits wurde die Resolution noch durch den Zusatz erweitert, dass die Gewerbeaufsichtsbcamten von den Arbeitern in direkter Wahl gewählt werden sollen und dass die Ge- Werbeaufsicht auch auf die Heimarbeit auszudehnen ist. Gleichfalls aus England stammte eine einstimmig angenommene Resolution,„dass der Kongress das System der Geldstrafen und Lohnabzüge verurteilt und sich verpflichtet, für die Schaffung eines Gesetzes einzutreten, welches jenes System als ungesetzlich bezeichnet". An der Hand zahlreicher Beispiele führte der Referent den Beweis, dass auch in England die Unter- nchmcr die Lohn- und Geldstrafen als ein Mittel betrachten, sich in der schofelsten Weise zu bereichern.— Krätzig aus Teutschland, Orbau aus Frankreich, Bewers aus Holland zeigten, wie in ihren Ländern die Lohn- und Geldstrafen der Textilarbeiter förm lich zum Himmel schreien. Der deutsche Verband hat dieses dunkle Kapitel bereits auf seiner letzten Generalversammlung in Berlin behandelt und an einer Unzahl von Fällen ein förmliches System festgestellt, welches einer Konfiskation des Bcrmögens gleichkommt� Die deutsche Organisation hat seitdem Vorsorge zur Sammlung des Materials getroffen, welches von ihr an die sozialdemokratische Reichstagsfraktion und den sozialpolitischen Ausschuh der General kommission zur Weiterverwendiftig gegeben wird; ausserdem werden die krassesten Fälle im Jahrbuch des Verbandes veröffentlicht, damit sie in der Agitation zur Aufrüttelung der Textilarbeiter benutzt werden. Die Deutschen bcgrühen es deshalb mit ganz besonderer Freude, dass jetzt auch die Engländer gegen diese Beraubung der Arbeiter Front mache» und ein Gesetz verlangen, das den Unter nebmern das Recht nimmt, aus eigener Machtvollkommenheit eine selbstherrliche Justiz zu üben und mit Geld- und Lohnstrafcn den Arbeitern den verdienten Lohn zu schmälern. Eine weitere einstimmig angenommene Resolution aus Eng- land fordert die Arbeiter auf, sich der Propaganda gegen die Kriege und Rüstungen anzusch liehen und eine Bewegung zu entfachen, die dahin führt, dass jedesmal, wenn die herrschenden Klassen aufrufen zu einem grossen Krieg, die Arbeiter aller Länder ihnen zurufen: Schlagt Euch felbstl Wir haben keine Veranlassung, unsere Knochen für Euch zu Markte zu tragen. Eine lange und eingehende Debatte entspann sich über eine von Frankreich eingebrachte Resolution zum Nortroph-Web st u h l s y st e m. Die Vertreter aller Länder erklärten, dass kein Arbeitcrvertrcter etwas gegen die Vervollkommnung und Bereiche- rung der technische» Mittel haben kann; aber gegen die Ueberbür- dung der menschlichen Arbeitskrast, wie sie bor allem auch durch das Z w e i st u h l s y st e m in der Tuchindustrie betrieben wird, und die in dieser und bestimmten anderen Branchen geradezu zu einer Beeinträchtigung der menschlichen Rasse führt, müssen die Gewcrtschaften mit Entschiedenheit sich wenden. Ter hauptsäch lichstc Passus, der zu dieser Frage angenommenen Resolution lautet: „Der Kongress ist der Meinung, daß, solange die Produk tionsmittel in Händen einer Klasse und nicht der Gemeinschaft sein werden, alles, was die organisierten Arbeiter tun können, in bczug auf Arbeiten in der Textilindustrie, die bei Bedienung von mehreren vervollkommneten oder automatischen Maschinen durch einen Arbeiter verrichtet werden können, darin besteht. dah sie Lohnerhöhungen, Verkürzungen der Arbeitszeit und allge- meine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen fordern, die soweit wie möglich tariflich festgelegt werden sollen, und zwar in einem der verwirklichten Vermehrung der Pro» duktivität der Arbeit entsprechenden Masse." Einer der allerwichtigstcn Punkte des Stongresses war die Er örterung der Frage der internationalen Solidarität, wobei von Rössel- Deutschland als Referent rückhaltlos die Sün- den gegeisselt wurden, die sich vor allem die millionenschweren Or ganisationen Englands bis jetzt im Punkte der internationalen Hilfeleistung bei grossen Kämpfen von Bruderorganisationen zu schulden kommen liehen. Die zu diesem Punkt angenommene Re. solution besagt, dass dem Proletariat aller Länder die Pflicht soli- darischer Hilfeleistung bei Riescnkämpfcn erwächst. Dabei ist eS gleich, ob die Ursachen des Kampfes rein wirtschaftlicher Natur sind, oder ob freiheitlichere Institutionen erkämpft oder Rechte verteidigt werden müssen. Die der Internationale der Textilarbeiter ange- schlossencn Organisationen verpflichten sich, ihre Mitglieder nach Kräften in Wort und Schrift in diesem Sinne zu erziehen.— Man kann wohl erwarten, dass die ungeschminkten Ausführuirgen des Referenten und die Stellungnahme des Kongresses die säumigen Na- tionen in Zukunft zu einem besseren, solidarischeren Verhalten drängen wird.— Das internationale Sekretariat wurde in England belassen. ebenfalls wird der nächste internationale Kongress in England statt- finden. Zmite ßgllfttm der Kaliarbeiter Deutschlauds. H i l d c s h e i m, den 18. Juni. Unter zahlreicher Beteiligung aus allen Kalirevieren Deutsch- lands, mit Ausnahme von Elsah-Lothringcn, fand heute im hiesigen Gcwcrkschaftshaus die ztvcite vom Bergarbeiterverband einberufene Konferenz der in der Kaliindustrie beschäftigten Ar beiter statt. Im ganzen waren 66 Delegierte anwesond. Zunächst hielt Rcichstagsabgeordnet« Genosse Hue ein grosszügiges Referat über das neue Ääligcsetz und seine Wirkung auf die Arbeiter. Ein- leitend wies der Redner auf die Monopolstellung der deutschen Kaliindustrie hin, die sich deshalb ausserordentlich entwickelte. Der grossartigen äusseren Entwickelung entspreche nicht die innere Ent Wickelung, und das habe hauptsächlich darin seinen Grund, dass die Gründung neuer Schächte weit über den Bedarf hinausging. Das war sowohl unter dem Kalisyndikat als auch unter dem im per- gangenen Jahr in Kraft getretenen Kaligesetz der Fall. Das Kali- gesetz brachte eine gesetzliche Kontrolle der Kaliindustric, setzte für das Inland Höchstpreise fest, die nur unter Mitwirkung des Reichs- tageS alle fünf Jahre revidiert werden sollen, und wies den Werken eine Absatzquote zu. Bei diesem Versuch, in eine In- dustrie regelnd einzugreifen, indem man den Absatz regelt, ist das freie Spiel der Kräfte ausser Geltung gebracht. Die Allgemeinheit kontrolliert durch die Staatsregierung und Gesetzgebung die In- dustrie. Das ist ein prinzipiell wichtiges Zugeständnis an die sozialistische Wirtschaftlslchre. Das Gesetz habe aber die Gründer- Wirtschaft nicht verhindert. Tie Ursache dieser Erscheinung ist in der ausserordentlich hohen Verzinsung von 40 bis 60 Proz. des in der Kaliindustrie angelegten Kapitals zu suchen. Und je höher die Rente in der Kaliindustric, desto mehr Kapital flieht ihr zu. Tann wandte sich der Redner der Schilderung der Arbeiter- Verhältnisse zu; es war ein düsteres Bild der Not und des Elends, dass der Redner entwarf. Tie Arbeiter' müssen sich die schäbigste Behandlung gefallen lassen. Auch die Löhne sind ausserordentlich niedrig und stehen in keinem Verhältnis zu den Riesenprofiten der Unternehmer. In neunzehn Jahren sei der Turchschniitslohn der Kaliarbeiter nur um ganze 63 Pf. gestiegen; in einigen Bezirken, so zum Bei- spiel in den Oberbergwerksbezirkcn Halle und Clausthal, sei der Lohn sogar in den letzten Jahren gefallen. Es sei ein Skandal, dass in dieser Industrie Löhne, unter 3 Mk. gezahlt würden. Tie Arbeitszeit betrage unter Tag pro Schicht 8 bis 9 Stunden, über Tag dagegen 12 Stunden. Ein Krebsschaden sei das Uebcr- stundenwcsen. Es seien ihm Fälle mitgeteilt worden, wo Arbeiter bis zu 40 Schichten im Monat verfahren hätten. Auch die übrigen Arbeitsverhältnisse liehen viel zu wünschen übrig. Tas Gedinge werde in der Regel selbstherrlich von den Werksleitungen fest- gesetzt. Der Redner erörterte dann die Bedeutung des Gesetzes für die Arbeiter. ES müsse festgestellt werden, dass der Entwurf der Re- gicrung keine einzige Bestimmung zum Schutze der Arbeiter cnt- halten habe. Allein die sozialdemokratischen Vertreter hätten solche Anträge zum Schutze der Arbeiter gestellt. Zwar habe auch das Zentrum einen Antrgg eingebracht, der die Gewinnbeteiligung der Kaliarbeiter forderte; aber bei d'er Abstimmüng über diesen Ankrag stimmten so viele Zentrumsleutc gegen ihren eigenen Antrag, dass er zu Fall kam. Ein bedeutender Vorteils sei in das Gesetz hineingebracht worden durch den von den Sozialdemokraten beantragten tj 10, der den Arbeitern und Beamte», falls ein Kaliwerksbesitzc� seinen Absatz auf andere Werke überträgt, den entstehenden Einnahme- ausfall bis zur Dauer von 26 Wochen ersetzt. Auch andere Ver- besscrungsanträge, die den Schutz der Arbeiter bezweckten, seien von den bürgerlichen Parteien abgelehnt worden, aber trotzdem haben die Sozialdemokraten für das Gesetz gestimmt, weil es wenigstens keine Verschlechterung brachte. Jedoch die notwendige Beruhigung habe das Gesetz immer noch nicht gebracht und die Arbeiter forderten daher eine entsprechende Umgestaltung. Nach eingehender Debatte wurde folgende Resolution an� genommen: „Die am 18. Juni in Hildesheim tagende Zweite Telegierteiw konferenz der deutschen Kaliarbeiter erklärt: Eine gesetzliche Regelung der Kaliindustrieverhältnisse ist mik Rücksicht auf die zutage getretene Gründcrwirtschaft durchaus geboten. Tas Reichsgesetz über den Absatz on Kalisalzen vom 26. Mai 1910 erfüllt leider den angegebenen Zweck, den Raub- bau an dem ausserordentlich wertvollen Nationalschatz von Kali- salzen zu verhindern, nur in sehr unzulänglicher Weise. Die Gesetzgebung muss daher so schnell wie möglich der beispiellos unwirtschaftlichen Uebcrproduktion von Förderanlagen einen erheblich stärkeren Riegel vorschieben, überhaupt dafür Sorge tragen, dass die Hebung unserer nationale» Bodenschätze in erster Linie zum allgemeinen Nutzen, nicht zu privatkapitalistischen Spekulationen geschieht. Die auf die A r b e i t er v e r h ä l t- nisse bezugnehmenden Bestimmungen des Gesetzes vom 26. Mai 1910 haben sich in der Praxis als durchaus unzulänglich er- wiesen. Bei aller Anerkennung des guten Willens des Gesetz- gebers muss doch festgestellt werden, dah die unbestimmte Fassung der betreffenden Paragraphen Umgehungen ermöglicht, soweit nicht ihre direkte Autzerachtlaffung zu konstatieren ist. Wohl in der materiellen Lage der Kaliarbeiter als auch hinsichtlich der Achtung ihrer staatsbürgerlichen Rechte seitens der Werksvcrwal- tungcn ist nicht die Wendung zur Besserung eingetreten, die bei der Schaffung des Reichskaligesetzes erwartet wurde und auf die die Arbeiterschaft mit Rücksicht auf den Wert ihrer Leistungen berechtigten Anspruch hat. Tie Konferenz fordert daher die Reichsregierung auf, bei der Materialiensammlung für die vom Reichstag beschlossene Denkschrift über die Verhältnisse in der Kali- in dustrie auch von der Arbeiterschaft vorgeschlagene Sach- verständige zu vernehmen und ihr Gutachten bei der dringend. notwenöigcn Revision des Gesetzes vom 25. Mai 1010 zu ver- werten. Mindestens erwartet die Konferenz die gesetzliche Vor- schrift des Zweischachtsystems für alle Bundesstaaten und die gesetzliche Begrenzung der Schichtzeit, inklusive Ein- und Aus- fahrt auf höchstens acht Stunden, vor Arbeitsorten mit mehr als 28 Grad Wärme auf höchstens sechs Stunden. An die Arbeiter in der Kaliindustrie richtet die Ko»- ferenz die kameradschaftliche Aufforderung, dem Beispiel der Werksbesitzer zu folgen und sich insgesamt zu organisieren. Sind die Belegschaftsmitglieder bis auf den letzten Mann dem Ver- bände der Bergarbeiter Deutschlands angeschlossen, dann erst wird die Kaliarbeiterschaft zu ihrem Rechte kommen." Hicrapf schloss Genosse Sachse die Konferenz. Soziales. Ter 8 153 der Gewerbeordnung in neuer Auslegung. Ist es möglich, dem sich als Ausnahmebestimmung gegen die Arbeiter qualifizierenden Z 153 der Gewerbeordnung noch eine neue Seite abzugewinnen? Fast sollte man es nicht für möglich halten, da schon so ziemlich alle Regungen der Arbeiterschaft unter dem Fallbeil des ominösen Paragraphen behandelt worden sind. Und doch ist er noch weiter ausdehnungsfähig, sein Kautschuk ist sehr elastisch, wofür am Montags vor der Strafkammer III des Landgerichts Hamburg der Beweis erbracht wurde. Nach Ansicht der Anklagebehörde gehört auch die Benuvung des paritätische» Arbeitsnachweises zu den besseren Lohn- und Arbeitsbedingungen. Am 1. Oktober 1910 ist bekanntlich für Hamburg-Altona der paritätische Arbeitsnachweis in Kraft getreten, den zu benutzen die Mitglieder der Innung wie des Holzarbcitcrverbandcs ver- pflichtet sind.(Der jetzige Kampf im Holzgewcrbe spielte damals noch keine Rolle.) Als die von beiden Seiten eingesetzten Leiter des Arbeitsnachweises in Erfahrung brachten, dass einige Mit- glieder des Holzarbeiterverbandcs mit Umgehung dieser Institution in Arbeit getreten waren, ging der Vertreter der Arbeiter auf den betreffenden Bau, um nach dem Rechten zu sehen. Die Sache wurde dem Vorstande des Holzarbeitervcrbandes mitgeteilt, worauf der erste Bevollmächtigte desselben, Genosse Momberg, sowie zwei andere Holzarbeiter die Angelegenheit schlichten wollten. M. soll zu den Beschlussbrecheren gesagt haben, das dürften sie nicht tun. sonst kämen die Arbeitslosen ihnen auf den Hals und ein zweites Moabit könnte daraus entstehen. Tarin soll eine Nötigung au? § 163 der Gewerbeordnung liegen, weil, wie der Staatsanwalt meinte, die Erhaltung des Arbeitsnachweises eine bessere Lohn- und Arbeitsbedingung enthalte, auch wenn die Genötigten Mit- glieder des Verbandes seien. Genosse Momberg sowie zwet andere Angeklagten erklärten, dass keinerlei Drohung oder Nötigung er- folgt sei, dass vielmehr nur gesagt worden sie, die Arbeitslosen, die durch die Umgehung des Arbeitsnachweises ins Hintertreffen gerieten, würden sich das nicht gefallen lassen. Ter Staatsanwalt betantragte gegen M. sechs Wochen, gegen die Mitangeklagten je einen Monat Gefängnis. Das Gericht verurteilte jeden Ange- klagten wegen Nötigung zu je vierzehn Tagen Gefängnis. Eine mündliche Begründung erfolgte nicht. Billige Flrischtage. Die Metzgcrinnung zu Passau hat in ihren Satzungen be- 'timmt, dass, falls ein Meister Fleisch unter dem ortsüblichen Preise öffentlich anbietet. Strafe zu zahlen hat. Aus Grund dieser Be- timmung wurde der Mctzgcrmeister Hausmann» da er stets billige Flcischtagc annoncierte, von der Innung in eine Geldstrafe von 20 M. genommen. Ter Magistrat als Berufungsinstanz entschied jedoch zugunsten Hausmanns und stellte sich auf den Standpunkt, dah es nur freudig zu bcgrühen sei, wenn ein Metzger billiges und dabei gutes fleisch dem Publikum liefere. JJus der frauenbewegung. Ginc Demonstration der Frauenstiminrechtlerinnen. London. 19. Juni 1911.(Eig. Ber.)' Das von Sir Edward G r e y gegebene und von Herrn As» quith bekräftigte Versprechen, in der nächsten Parlainentsiemon (1912) Gelegenheit zur Erledigung der FraucnslimmrechtSvorlage zu schaffen, hat den englischen Frauenrechtlerinnen, deren Bewc- gung noch vor kurzem auSeiuandcrzusallen drohte, neuen Mut ein. geflöht. Mit Hintansetzung aller Streitereien veranstalteten sie letzten Sonnabend einen Umzug durch die Strassen Londons, der an Grösse, Schönheit und Ordnung alles überbot, was mau sei? Jahren in dieser demonstrationsreichen Stadt gesehen hat. Wenn die Frauenrechtlerinnen beweisen wollten, dass die>0 oft gehörten Behauptungen, die Frauen könnten nicht zusammenarbeiten und den Frauen gehe der künstlerische Sinn ab, falsch seien, so ist ihnen der Beweis vollständig gelungen. a.ie Art und Weise, wie die Sektionsführer ihre Fähnlein zusammenhielten, häjte jeibst den heuischen sozialdemokratischen Arbeitern Ehre emgekegt und die � wundervolle Anordnung des Ganzen» wie der geschmackvolle Aufputz der einzelnen Gruppen und Charaktere mahnten mehr an einen Künstlcrfcstzug als an eine politische Demonstration. Tie künstlerische Vollkommenheit des Umzuges ist wohl einzig dem Umstand zuzuschreiben, dah die große Mehrheit der Dcmc�i- strantcn der bürgerlichen Klasse und der Aristokratie angehörten. Einfache Arbeiterinnen könnten sich auf keinen Fall den entfalte- ten Luxus leisten. Wohl waren sie vertreten: hier und da mar- schierte ein Häuflein Fabrikarbeiterinnen, die Lehrerinnen tvaren in stattlicher Zahl anwesend und auch die Krankenschwestern, die beim Volke sehr beliebt sind und fast allein mit lauten Zurufen begrüßt wurden, waren ziemlich stark vertreten. Die große Mehr- heit der demonstrierenden Frauen gehörte aber ganz untrüglich�den besser situierten Volksschichten an. SvlXX) Frauen mochten es sein, die vom Embankmcnt nach der Albert Hall marschierten. Aus allen Teilen der Welt waren Ver- kreter anwesend.(Sonderbarerweise marschierten die Vertrete- rinnen Teutschlands hinter einem Doppeladler auf schwarz- weißrotem Grunde.) Die Städte und Grafschaften Großbritan- niens hatten starke Vertretungen geschickt. Sehr auffallend war die graste Zahl der konservativen Franenrechtlerinnenvereine, die an dem Umzug teilnahmen. Tic Prozession der historischen Frauen- charaktere nahm sich recht artig aus; auch fielen die Banner auf, deren Inschriften den Vorkämpfern der Frauenstimmrechtsbowc- gung Tribut zollten. Unter dem Bildnis John Stuart Mills, der die erste Frauenstimmrechtsvorlage im englischen Parlament ein- brachte, stand der Vers:„Das Andenken der Gerechten ist gc- segnet." Die australischen Frauen trugen ein Banner, auf dem ein Bild Britannia und Australia darstellte; Australia sagt: »Mutter, trau den Frauen!" Ungeheure Volksmengen, die vielleicht gekommen llvarcn, um an dem* freien Sonnabendnachmittag die Dekorationen � für die Krönungsfeier in Augensthein zu nehmen, standen� in allen Straßen. Bei früheren Demonstrationen der Frauenstimmrccht- kerinnen waren stets die Spaßmacher und die zu allen Ungezogen- heitcn aufgelegten.jungen Burschen yr großer Zahl anwesend. Diesmal war wenig von diesen Elementen zu spüren. Bielleicht war es der faszinierende Eindruck, den der„Künstlcrfestzug" machte, der sie von einem überlauten Einmischen abhielt. Es kann kaum bezweifelt werden, daß die„Suffragettes" mit ihrem Umzug die Herzen aller Schönheit liebenden Menschen gc- fangen genommen haben. Aber diese ästhetischen Einflüsse dürfen uns nicht den Blick auf die rauhe Wirklichkeit umschlciern. Was die bürgerlichen Fraucnstimmrcchtlcrinnen wollen, ist keineswegs die Demokratie. Es ist zu defürchten, daß sie sich im nächsten Jahre, wenn die liberalen Minister ihr Versprechen erfüllen sollten, mit aller Macht dcr Ausdehnung des Fraucnstimmrechts widersetzen tverdcn. In der Versammlung in dcr Albert Hall, die nach Schluß der Demonstration stattfand, sagte Fräulein Pankhurst, daß die schlimmsten Feinde dcr Bewegung die„falschen Freunde", die Befürworter des allgemeinen Stimmrechts für beide Geschlechter, seien, die die StimiUrechtsborkäge so gdoß Zu machen wünschten, daß man sie nicht durch die Türe schaffen könne. Hus aller Alelt. , Krönungsrummel. Seit Wochen schon ist das ganze loyale England aus dem Häuschen, soll doch in dieser Woche die feierliche Krönung des jetzigen Königs vorgenommen werden. Dazu bedarf es natürlich aller möglichen Vorbereitungen. So werden seit einiger Zeit Dromedare und Elefanten abgerichtet, damit sie vor dem Königspaare einen hoffähigen Kniefall machen können. Bei Menschen soll die Abrichtung leichter vor sich gehen. Aber nicht nur Tiere müssen proben, sondern auch das Königspaar selbst muß seine Rolle einstudieren. Wie dem„B. T." aus London gemeldet wird, probte der König und die Königin gestern unter der Leitung des Herzogs von Norfolk und des Erzbischofs von Canterbury ihre Rollen in der Krönungsfeier in der Westminsterabtei. Die Probe dauerte über drei Viertel Stunde. Dcr König nahm die v e r- fchiedenen Stellungen ein, die ihm angewiesen wurden, probierte mehrfach die Krone und kniete ver- suchsweise auf dem B e t st u h l e. Hoffentlich klappt am Tage der Feier die Geschichte nach Wunsch.— Unter den Geschenken, die dem König aus Anlaß der Krönung überreicht werden, befinden sich u. a. 10 000 der ausgesuchten Havanna- zigarren, die einen Wert von 100 000 Mark haben. Ein anderes originelles Geschenk ist ein Krönungs- kuchen, dcr von der Konditorinnung dem König überreicht wurde. Av der Herstellung des Kuchens, der 1 Meter hoch ist, wird seit drei Monaten gearbeitet. Er ist also mittler- weile ganz gut altbacken geworden.— Natürlich ist mit den Feierlich- leiten eine gehörige Schröpfung des neugierigen Publikums verbunden. So haben die Eintrittspreise zur Krönungsgalavorstellung in Covent Garden eine geradezu Wahn- sinnige Höhe erreicht. Für Logen, die sonst 163 M. kosten, sollen Angebote von 20000 M. abgewiesen worden sein. Natürlich nur, weil die betreffende Agentur hofft, noch höhere Preise zu erzielen. Parkettsitze sind für 1000 N. verkauft worden._ Ein idealer Flugapparat. Wie die romischen Blätter melden, hat der italienische Leutnant R o m a n i einen neuen Flugapparat erfunden, der die bisherigen Systeme weit hinter sich lassen soll. Der neue Apparat gestattet dorn Flieger, von jedem bellicbigenPunkte der Erde und selbst vom Wasser sich zu erheben, er bewegt sich gegen den st ä r k st e n Wind und kann wie ein Fallschirm zur Erde gehen, wenn dar Motor versagt. Der Leutnant Romain soll von französischer SeÄe bereits drei Angebote aus seinen Apparat erhalten haben. Hoffentlich entpuppt sich der ideale Flugapparat nicht als eine fette Zeitungsente._ Kleine Notizen. I» den Flammen nmgckomricn. In dem Dorfe Sirkwitz in Schlesien brannte das Besitztum des Häuslers Friedrich nieder, ivobci der vierjährige Sohn das Besitzers in der Flammen umkam. Drei andere Kinder, die sich in dem brennenden Hanse befanden, konnten gerettet werden. Durch einen Blitzschlag sind in dem nahe Lübeck gelegenen Dorfe Ponten 17 Häuser eingeäschert worden. Ein sechs- wöchiges Kind ist dabei verbrannt. Schweres Eiscnbahimiigliick in Italic». Auf der Station S a m b e ii e d e t t o stieß gesteun ein Personenzug mit einer Rangier- lokomotive zusammen. Einige Wagen wurden dabei zertrümmert, zwei Personen getötet und über 20 verletzt. Noch ei« Absturz beim europäischen Ruudflng. Der Flieger C ach et, der gestern Nachmiltag zum Wciterslug nach Lüttich in M o h o n aufgestiegen Ivar, ist aus einer Hohe von 30 Meter a b g c st ü r z t. Der Flieger, der erhebliche Verletzungen erlitt, mußte in ein Krankenhaus gebracht werden. Lese- und Diskuticrklub„Tiid- Cfl". Heute Mittwoch, abends Ly- Uhr bei Ncidhardt. Görlitzer Straße 88: Vortrag. Gäste willkommen. Sozialdemolratifcher Lese- und Diskutietkluii„Heinrich Heine-. Heute Mittwoch: Sitzung bei EÄnberg, Rodenbergstr. 3: Vortrag. Gäste willkommen._ _ WitternngSüberNcht vom SO. Juni 19H. etafionen � E K ss swtnemde. Eambnrg erlin Eranfl.a SS. tünche» Wien 754 SSB 756 SW 750 SB 758 SW 760 SiS 7S9WNW Setter. 4 bedeckt 5 bedeckt. 6 halb b d 6 wulkifj Zbedea! 4bedecjt --------- Mittwoch, den 2U Juni 1911. .Etwas kühler, veranderli� vielfach wolkig mit leichten Regenfälle» mit frischen westlichen Winden. ierliner Wckterbureau. Todes-Anzeigen für den i. Berl. Reiebstais-Walreis. Petersburger Viertel. Bezirk 365. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Gastwirt '"Ciulw Werner gestorben i i. '/z Uhr, im Gelverkschaftshaus, Engelufcr 15, Saal 4: Allgemeine Sranekn-Versammlung sämtlicher Rohrleger und Helfer Berlins und llmg. Tages-Orduung: 1. Brauch enangelegenhciten. 2. Berbandsaugclegenheiten. 3. Verschiedenes. Der Wichtigkeit der Tagesordnung wegen ist es Pflicht aller Kollegen, zur Versammlung zu kommen. Donnerstag, den SS. Juni tStt, abends 8 Uhr, in den Konkordia-Festsälen, Andreasstr. 64: MtgUsäer- Versammlung Mf der Klempner."MI TageS-Ordnung: 1. Bericht über den Stand unserer Bewegung. 2. Diskussion. 3. Mit- testung über die stattgcsnndenc Bewegung der Gasmesserklempner. 4. Branchenangelegonheiten. Es ist Pflicht eines jeden Kollegen, zu erscheinen. Insbesondere die Werkstellentlemper baben zu erscheinen. ZlltKUetlatmel» leglCliuicrt. 118/15 ___ Die Ortöverwaltung. (Z Wichtig für Hausfrauen Um die Rasenbteichs zu ersetzen, kaufen Sie sich für ISPfg. ein Paket„SEIFIXf Die Wäsche wird schneeweiß u, leidet nicht im Geringsten. Ein Versuch überzeugt. Verwaltung Berlin. Mittwoch, den 81. Juni, abends 8'/. Uhr, in den„Konkordiasälen", Andreasstr. 61: Vertrauensmänner-- Verfammiung für sämtliche„Brauchen und Bezirke. Tages-Ordliung: 1. Vorwag über„Sireikrecht". Neserent: Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld. 2. Der Schiedsspruch deS EinigungSamls über Lohngarantie und Nach- Prüfung deS Akkordpreises. 84/17 tUfg- Jede Werkställe muh vertreten sein. Vertrauensmänuerkarte und Mitgliedsbuch legitimiert._ W Die Zahlstelle 13 ist von Garlenstr. SO nach Pflugstr. 8 bei Waldt verlegt worden._ Achtniig. Blbliotliek! W egen Inventur und Herstellung eines neuen Katalogs bleibt die Bibliothek im Juli und August geschlossen. Alle Bücher müssen bis zum 36. Juni er. eingeliefert sein. Klavierarbeiter. Montag, den 86. Juni er., abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshanse, Engelufcr 13, Saal I:, SrandK«»Versammlung. WoWW-W anerkannt bettes deutsches Fabrikat Seit Jahren in jeder Hinsicht organisierter jüngerer, mit Verlrag fest angestellter Parteigenosse sucht zwecks Durchführung eines für ihn wichtigen Zivilprozcsses 366 M. als Darlehn gegen hohe Vergütung. Monatliche Raten-Rückzahlung. Offerten unter Z. 100 Spedition Kronprinzen str. 4. d* -6. Wzmark®� Union Augsburg ys> � Und Vertretung � �•O.MarkgratenW�" � |ö lo i° !□ Mittwoch, den 21. Juni. Kencs königl. Opernhaus. Die Meistersinger.(Ansang 7 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Komische Oper. Die Fledermaus. Lesjtng. Sommerspuk.(Ansang 8'/. Uhr.) Neues Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Kleines. Die verwandelte Katze. 4 Tote der Fiametta. Karneval i» Nizza.(Ans. 8-/, Uhr.) Snftspielhaiis. Unsere Pepi. Driniio». Das Prinzchen. Ansang 8'/, Uhr. Dhalia. Polnische Wirtschast. Schiller<».. Theater.) Maria und Magdalena. Schiller- Eharlottcndurg. Der große Name. Friedrich- Wilhelmstädtisches Kaserncnlust. Neues Operetten. Eine Million. (Ansang 8-/, Uhr.) Luisen. Neue Heimat.(Ansang 8'/t Uhr.) Nose. Stessen Langer auS Glogau. (Ansang 8-/. Uhr.) AolicS Eaprice. Die letzte Nacht. Die Hochzeilsrei�.(Ansang 8'/, Metropol. Hoheit amüsiert sich! Apollo. Svezialltäten. Baiiagc. Spezialitäten. Reichshalle». Steitincr Sänger. TLintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Walhalla. Prinz und Bettlerin. (Ansang 8'/« Uhr.) Boigt. Goldene Jugend. Noack. Paulas Beichte. Kaiser- Panorama. II. Zyklus Indien. Besteigung des Groß- glockner. Urania. Daubcnstraste 48/16. L Uhr: Lebende Tierbilder von nah und fern. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—62. Scbiller-ThealerO-lÄ- Mittwoch, abends 8 Hör: IHarin nnd Magdalena. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: Daune. Freitag, abends 8 Uhr: Panne. Sehiller-TliealeF ChC.en" Mittwoch, abend? 8 Uhr: Der große\ anto. Donnerstag,, abends 8 Uhr: Zum erste» Mal: Der dunkle Punkt. Freitag, abends 8 Uhr: Der dnnkle Punkt. □ □□ 000 □□□ Friedrich-Wilhelmstädtisciies Schauspielhaus. Mittwoch, den 81. Juni ct., abends 8 Ubr; „Kasernenluft". Donncrsiag und folgende Tage: „iltasernenlntt". Theater und Vergnügungen 08F-IN�IF! Große Frankfurter Str. 132. Zu dcv heuligcn Vorstellung: Steffen Laiiger ans Gto- gau, find iämttiche Billetts bereits vergriffen. Morgen: Stessen Langer ans Glogau. Auf den Gartcnbühne täglich: Konzert, Theatervorstellung, Speziali- täten. Ans. 4>/, Uhr.— Um 8 Uhr: Die große Revue: ES gibt nur ei» Berlin. Metr/pl-Theater. Operette in 3 Alten von I. Freund. Musik von Rudolf Nelson. In Szene goietzt vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Ansang 8'/, Uhr. Die großen Weltstadt-Attraktionen. Lacher: ohne Ende k veriefdrseiieve Spiegel Kom: Original der Gebr. Schwarz. Um ein Weib. Großes anierikim. Ausstattungsstück. Neues Kgl. Opern-Theater(Kroio Mittwoch, den 21. Juni, abends 7 Uhr: Letztes Gastspiel Fritz Feinhals: Die Meistersinger von Donnerstag. 22. Juni, abds.?>/, Uhr: erstes Gastspiel Karg. Kalzenauer, Lohcngrln. Trlanon-Theatcr. Heute und folgende Tage': Da« Prinzchen. Liebesschwank in 3 Akten v. R. Misch. Ansang S'/i Uhr. Die auserlesenen Attraktionen! LA TORTAJADA. Die 7 Korinnas, klassische Tanzstudien. Karl Rcinscli nnd I,acia mit ihren VoUblutpfecden und Hunden. I>e Dio. Charles Barons Burleske- Menagerie. Tschin Maas Sheil.Chungusen und eine Kette hervorragender Kunslkräfte! Königstadt-Kasino. Holzmarktstr.72. ickkeAlexanderstr. Vom 1. bis 16. Juni:. Das erfolgreichste Programm der Saison. U. a. The Stanleys, Intermezzo im Biwak. Die drei Durtons, moderner Kraftakt. Unsere Uäschermädels. Gr. Posse mit Gesang und Tanz. Jede» t. u. 16. Programmwechs. JunaJatk Ncneste Attraktionen. Johnstowns Untergang.- Gröiita elektrotechnische Lichtschaa der Erde. Straße von Cairo. 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Druck ü. Verlag: Vorwärts Bstchdrackerei g. Verlagsanstalt KaLl Singer u. Eo-i Berlin SU* It. 142. 28. Aahrgatts. 2. Ktilsge Ks Lmsrts" Krlim AlksblM. MWoch. 21 laut 1911, Gencbts- Zeitung. Politik im Gerichtssaale. In Breslau hat der Erpressungsparagraph wieder einmal eine dufsehenerregende Rolle gegen organisierte Arbeiter gespielt. Ange- klagt waren vier Stukkateure, die als Mitglieder einer Kommission mit der dortigen Firma Simlinger u. Gohde wegen Zurücknahme einer Maßregelung verhandelt hatten. Als die Firma sich nicht dazu verstehen wollte, den gemaßregelten Kollegen wieder einzu- stellen, soll die Kommission dem Unternehmer Simlinger gegenüber erklärt haben, daß sich dann die übrigen Arbeiter der Firma mit dem Gemaßregelten solidarisch erklären und die Arbeit nieder- legen würden. Tarin sah das Gericht Erpressung und verurteilte drei der Angeklagten zu Gefängnisstrafen von zwei Monaten, sechs Wochen und vier Wochen. Wie das Gericht zu einem solchen Urteil gekommen ist, ließ die Begründung des Landgerichtsdircktors Janske erkennem, der aus seinem Klassenempfinden heraus folgendes erklärte: „Die Machtstellung der organisierten Arbeiterschaft wird bielfach dazu ausgenützt, die Freiheit der Mitbürger zu be- schränken. So könne bei den kleinen Handels- und Gewerbe- treibenden von einem freien Wahlrecht keine Rede mehr sein, weil solche Leute, die gegen den Willen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft wählen, vvn dieser boykottiert werden. Jeder freie Wille werde dadurch gebröchen, der Rechtsstaat in einen Staar der Willkür verwandelt. Ein solches Vorgehen muß als gemein- gefährlich angesehen werden, und all diese Momente sind auch bei der Urteilsfindung mit berücksichtigt worden." Klassenurteile kommen wohl immer auf die Weise zustande, daß die politische und die Klassenanschauung, die an sich mit dem Spezialfall gar nichts zu tun haben, entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung des Urteils erlangen. Nur wird es wenige Richter geben, die so unverblümt aussprechen, daß in einem Prozeß, der sich mit der Maßregelung eines Arbeiters beschäftigt, die ganze Stellung der organisierten Arbeiterschaft im Staate maßgebend für die Urteilsfällung geworden ist. Es handelt sich in diesem Falle freilich um die Breslauer Strafkammer, die seinerzeit den Genossen Redakteur Lobe zu einem Jahr Gefängnis verurteilte, weil er der- antwortlich für einen Aufruf zugunsten eines besseren Wahlrechts zum preußischen Landtag war. Die energische Forderung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts wurde sicher auch damals lediglich aus der Klassenstellung des verurteilenden Richters heraus gewürdigt, was zu dem Resultat führte, daß Löbe seine Wahlrechtsforderung mit einem Jahr Gefängnis zu büßen hatte. Eine Preßbeleidigung. Ein Beleidigungsprozeß, den der Militärschriftsteller Oberst außer Dienst Gaedke gegen den Chefredakteur des„Chemnitzer Tageblatts" Kuschte angestrengt hatte, begann gestern in fünfter Nachmittagsstunde unter Vorsitz des Amtsrichters Dr. Volkmar vor dem Schöffengericht Berlin-Schönebcrg. Dem vom persönlichen Erscheinen entbundenen Beklagten Kaschke stand als Verteidiger Rechtsanwalt Paul Brcderek zur Seite, während der Privatkläger von Justizrat Masse vertreten wurde. Gegenstand der Privatklage bildet ein am 6. Januar d. I. in dem„Chemnitzer Tageblatt" er- "fchienener Artikel mit, der Ueberfchrift>,Pfust'. In diesem Artikel wird eine sehr scharfe Kritik daran geübt, daß in dem englischen Wochenblatt„Nash's Magazin" ein von dem Oberst a. D. Gaedke verfaßter Artikel erschienen sei. Es wurde in dem inkriminierten Artikel u. a. behauptet, daß es«inzig dastehe, daß ein früherer hoher Offizier und ehemaliger Angehöriger des preußischen Generalstabs in einer ausländischen Zeitschrist die betreffende Nation vor dem Deutschen Reiche warne. Es wurde ferner be- hauptet, daß dies eine„Schandtat" sei.— Wegen dieses Artikels wurde von dem Privatkläger die jetzige Beleidigungsklage ange- strengt.— In der gestrigen Verhandlung hob der Privatkläger be- sonders hervor, daß es vollkommen falsch sei, wenn in dem Artikel behauptet werde, der im„Nash's Magazin" erschienene Artikel „Peace and Disarncment" sei von ihm der englischen Zeitschrift geliefert worden. Er sei von einer großen amerikanischen Zeit- schrift beauftragt worden, einen Artikel über die Frage der allge- meinen Abrüstung zu schreiben. Dieser Artikel, der sich ganz all- gemein mit der Abrüstungsfrage beschäftige, vertrete den Stand- Punkt, daß gerade die drei großen germanischen Nationen England, Deutschland und Amerika in ihrem eigenen Interesse mit den Rüstungen einhalten sollten. Irgendeine Schädigung der Jntcr- essen Deutschlands sei durch den Artikel, wie sich durch die Ver- lesung beweisen lasse, nicht ersichtlich. Außerdem habe er den Artikel lediglich der amerikanischen Zeitschrift übcrsandt. Er sei dann ohne sein Wissen und Zutun in der englischen Zeitschrift abgedruckt worden.— Rechtsanwalt Brederck machte demgegenüber geltend, daß in dem Artikel des„Nash's Magazin" besonders darauf hingewiesen sei, daß er von dem früheren Oberst Gaedke verfaßt worden sei, so daß jedermann der Meinung sein mußte, daß der Artikel von dem Kläger direkt an die englische Zeitschrift gesandt worden sei.— Die Verhandlung, in welcher es zu recht scharfen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien kam, endete mit der Verurteilung des Beklagten Kaschke zu einer Geldstrafe von 100 M. Wie der Vorsitzende ausführte, habe das Gericht dem Angeklagten, soweit es sich um rein tatsächliche Aeußerungen handle, den Schutz des§ 193 zugebilligt. Dagegen lasse die Form und insbesondere die Ueberfchrift des Artikels die Absicht des An- geklagten, den Kläger zu beleidigen, deutlich erkennen. Richtig sei es, daß der Artikel zu einer Zeit erschienen sei, in welcher er unter den englischen Chauvinisten sehr leicht zu Mißdeutungen Anlaß geben konnte. Es sei daher als strafmildernd berücksichtigt worden, daß der Angeklagte von seinem nationalen Standpunkt aus sich für berechtigt gehalten habe, an dem Artikel eine scharfe Kritik zu üben. Ein Monstcrbetrugsprozeß, der voraussichtlich etwa einen ganzen Monat in Anspruch nehmen dürfte, begann heute in dem kleinen Schwurgerichtssaal des Moabiter Kriminalgerichts vor der 4. Strafkammer des Land- gcrichts l. Auf der Anklagebank haben Platz zu nehmen: der Kaufmann Simon Grünmandl, der Kaufmann Jacques Frankl, der Reisende Otto Jankc, der Reisende Otto Breviger und der Schmied Walter giudowsky. Die Anklage lautet auf fortgesetzten Betrug, gegen den unter anderem mit 114 Jahren Gefängnis vor-> bestraften Janke auch wegen Betruges im strafschärfenden Rückfall. Zu der Verhandlung sind nicht weniger als 2Z0 Zeugen geladen worden, die aus 25 Städten aus allen Gegenden Teutschlands bis an die französische Grenze heran kommen. Der Anklage liegt im einzelnen folgender Sachverhalt zu- gründe: Die fünf Angeklagten, die mit Ausnahme von Janke und Bectzinger unbestraft sind, sind seit mehreren Jahren als Wein- reisende tätig. Die Stellungen erlangten sie teils auf die Inserate der Firmen selbst, teils auf die von ihnen erlassenen Inserate. Außer den Spesen war ihnen eine Provision bis zu 25 Proz. zu- gesichert worden, die nach Abnahme der Ware durch den Besteller zahlbar sein sollte. Außerdem war die Vereinbarung getroffen worden, daß die Provision zurückgezahlt werden sollte, wenn der Kaufpreis nicht einging. Besonders vereinbart war, daß die An- geklagten nur zahlungsfähige Leute als Kunden bringen sollten. Wie die Anklage behauptet, sollen die Angeklagten nun in der Weise betrügerisch vorgegangen sein, daß sie von Leuten, die zum Teil schon den Offenbarungseid geleistet hatten und deren völlige Zahlungsunfähigkeit ihnen seit Jahren bekannt war, Aufträge überbrachten, um sich die Provision zu erschwindeln. Diese„faulen Kunden" sollen von den Angeklagten wider besseres Wissen als gut und sicher bezeichnet worden sein. In zahlreichen Fällen sollen die Angeklagten sogar die von den Firmen eingezogenen und äußerst ungünstig lautenden Auskünfte als falsch bezeichnet und schließlich auch selbst„frisierte" Auskünfte über insolvente Leute an die Firmen gesandt haben, um sie zur Hergabe der Waren zu bewegen.— Wie die Anklage ferner behauptet, sollen die Angeklagten hierbei ganz systematisch zu Werke gegangen sein. In einem Lokal von Stelze in der Dragoncrstraße. wo Bcetziger wohnte, und ferner in dem Lokal von Futh in der Kaiserstraße sollten Besprechungen unter den Angeklagten stattgefunden haben. bei welchen richtige Listen von faulen Knuden ausgetauscht wurden. In einer Anzahl von Fällen sollen die Angeklagten, wie behauptet wird, sich dann bei dem Absatz der Weine beteiligt und auch noch hierbei sich einen Verdienst verschafft haben. Zu den Geschädigten gehören unter anderem die Firmen Raffo u. Co., Fossati, Asbach u. Co.-Rüdcsheiin, Saemann u. Co.-Frankfurt a. M., A. Clemens- Frankfurt a. M.. Ed. Kaufmann-Köln usw.— Durch die Mani. pulationen der Angeklagten soll ein Schaden von mehreren hundert- tausend Mark entstanden sein. Mit den einzelnen Betrugssällen haben sich nacheinander einige Dutzend Polizeibehörden in den ver- schiedenstcn Städten Deutschlands beschäftig, bis die einzelnen Fäden in Berlin zusammenliefen und sich die Berliner Kriminal- Polizei mit dieser Sache beschäftigte.— Die Angeklagten bestreiten jede Schuld und behaupten, nicht gewußt zu haben, daß es sich um zahlungsunfähige Leute gehandelt habe. Da die Beweisaufnahme sehr eintönig verlaufen wird, werden wir uns auf die Zeitteilung des Urteils beschränken. Bmfhaften der Kedahtion. M. K. 83. 1. Die Anlagen zur Heerordnung über körperliche Fehler, Krankheiten und Gebrechen enthalten den Buchstaben„II" nicht. Es wird ein Schreibschler vorliegen. 2. Hecrordnung, im Verlag von Mittler u. Sohn, Kochstr. 68/71 erhältlich. Dieselbe kann in der Redaktion eingesehen werden. 3. Nein.— H. F. 100. Handelt es sich um geschlossene Vereins« Versammlungen, so ist der Ausschank statthast, bei öffentlichen Versamm» lungcn unseres Erachtcns nicht.- Sl. Z. N. 58. Wir halten Ihren Sohn zum Nachlcrnen nicht für verpflichtet. Sie können beim Gewerbe- geeicht eine FcstslcllungSklagc erheben, auch angemessenen Lohn ab 1. Mai nachgezahlt verlangen.— A. D-, Schwedter Strasse. 1. u. 2. Ich falls bewilligt. 3. Wegen der Strafe bei der Staatsanwaltschaft, wegen der Kosten bei der Kcrichtsknsse. 4. Ja, falls deswegen Scheidung und inner- halb dreier Monate nach Rechtskraft des ScheidungSnrleils von dem un» schuldigen Teil Strasantrag gestellt wird. 5. Geldstrasc bis zu 160 M., wenn sich der Betreffende einem zuständigen Beamten gegenüber des falschen Namens bedient.— K. N. 8. Nicht nötig.— W. N. 66. Nein. Marktpreise von Berlin am 16. Juni 1611, nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. N! a r k t b a I l e u p r e i s e.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speiscbobnen, wcisic 30,00-50,00. Linsen 20,00-60,00. Kartoffeln 6,00—9,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60— 2,40. 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Altberg, Berlin- Rixdors, Bergstratze 140.__ jvil Büglor, Knabensachen, Alt-Box- Hägen 48. 1124 Hnusreinignug zum T Juli, vier Ausgänge. Melden nachmittags 3— 5 Uhr. Krakow. Gerichtstr. 32 I. Beriraucnsstellung. Suche für meine Restauration und zur stütze der Frau ein Mädchen achtbarer Eltern. August Sauer, Levetzow- Itratzc 21._ 2361b Pakci-Kontroll-Daine, tüchtig, so- fort verlangt. Kaufhaus Paul Held Nachf., Jnvalidenstratzc 162. 27675t Berkäiifcriilneii, tüchtige, für Spitzen und Strumpfwaren sosort verlangt. Kaufhaus Paul Held Nachf., Jnvalidenstr. 162. 27685« Im Arbeitoiiiarkt durch besouderen Druck hervorgehobene Anzeigen koste» öO Pf. die Zeile. Wir beabsichtigen zum 1. Juli d. I. eineu für unsere in Treptow und Berlin wohnenden Kastenmitglieder anza- stellen. Geeignete Bewerber wollen sich unter Angabe ihrer bisherigen Tätigkeit sofort schriftlich bei dem Unterzeichneten unter Bezeichnung .Bewerbung' melden. Die Liste der Bewerber wird mit Ende des Monats geschlossen. Das Gehalt betrögt 1560— M. jährlich. 277/2* Adlershof, den 19. Juni 1911. ver Voratand der gemeinsamen Ortskrankenkasse iür Adlershot und Umgegend. Max Knappe, Vorsitzender. Berlin NO. 55, Esmarchstr. 20. Albrrt Wachs. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: TH.Gso(ke, Berlin. Druck u. Verlag: Borwärtz Buchdruckerei jj. Berlagsgnjtalt Paul Singer>j. Eo., Berlin LU» Nr.M. 38. Iahrgaltg. %. KeilM des, Amiirls" Kerlim UsllrsM Miwoch. 31. Inni 1911. Partei- Angelegenheiten. Marieudorf- Siidendc. Den Parteigenossen zur Kenntnisnahme, daß die zum Sonntag angesetzte Handzettclverbreitung nicht statt- findet, da der Wirt seine Unterschrift zur Hergäbe des Lokals zurück- gezogen hat: die öffentliche Versammlung muß daher ausfallen. Der Besuch des Botanischen Gartens findet am Sonntag, den 25. d. M., statt. Sollten außer den Parteigenossen, welche sich am Sonntag gemeldet haben, noch Genossen gewillt sein, sich an der Veranstaltung zu beteiligen, so werden dieselben ersucht, sich bei dem Genossen Huhn. Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft, Kaiser- straße 110, oder beim Genossen N e i ch a r d t, Kurfürstenstr. 34, bis spätestens Freitag zu melden. Zossen. Umständehalber findet unsere Generalversammlung nicht diesen Donnerstag, sondern erst über acht Tage statt. Der Vorstand. Biesdorf. Heute, abends 8'/z Uhr: Zahlabend bei Gustav Berlin, Marzahner Str. 24. Gewerkschaftsbücher und.Vorwärts"- Quittungen sind mitzubringen. Die Bezirksleitung. Wilhelmsruh- Nicder-Schöuhausen-Wtst. Dienstag, 27. Juni, abends 8 Uhr. im Lokal von Mielbrodt, Kronprinzen- und Walder- secstraßen- Ecke: Generalversammlung. Eventuelle Anträge sind bis Sonntag, 25. Juni, schristlich beim Genossen Junker� Sachsen- straße 13, einzureichen.- Die Bezirksleitung. berliner Nachrichten. Der Stock des Lehrers! Aus der 183. Knabcn-Gemeindc schule(Müllerstraße) meldeten wir(in Nr. 139), daß in der Klasse V02 ein neunjähriger Schüler St. von dem Lehrer Raute mit Stockhieben bestraft worden war. Wir teilten das Attest eines Arztes mit, der am Tage nach der Abstrafung den Jungen besichtigt hatte und über den Befund hauptsächlich folgendes bescheinigte: auf dem rechten Oberarm einen Striemen, auf dem rechten Schulter- blatt einen Striemen, auf der linken Gesäßhälfte zwei blaue Flecke, auf der rechten Gesäßhälfte vier Streifen und weiter unten zwei Streifen, oberhalb dieser Partie noch zwei Streifen, aus dem rechten Hüftgelenk z Iv c i Striemen, außerdem auf Gesäß und Hüftgelenk in der Uin- gebung der Striemen und Streifen bläuliche, bräunliche, gelbliche Hauwerfärbungcn. Zur Frage nach dem Verschülden des Jungen gaben wir an, daß St. geprügelt worden sei, nachdem er auf dem Stadtplan eine Straße nicht hatte finden können. Wir sagten dann:„Er hat seinen Eltern versichert, daß ihm nicht bewußt sei, noch anderes verschuldet zu haben. Auch uns gegenüber hat er nur diese Angabe gemacht und sie nach eindringlichster Er- Mahnung aufrechterhalten." Und über das Ergebnis eines Be- suchcs der Mutter bei dem Rektor berichteten wir:„Frau St. erfuhr nicht, welche Gründe der Lehrer Raute für die von ihm verabreichten Stockhiebe angibt." Hierzu hat jetzt Herr Raute uns einen Brief geschickt, der so beginnt: „Zu Ihrem Artikel„Der Stock des Lehrers" fordere ich Sie auf Grund deS Preßgesetzcs auf, folgende Berichtigung auf- zunehmen." Die Berufung auf das Prcßgesetz klingt sehr forsch. Form und Inhalt des Briefes sind aber nicht so, daß diese„Berichtigung" als eine den Bestimmungen des Pretzgesetzes entsprechende gelten fönntc. Das soll uns indes nicht hindern, sie unverkürzt wiederzugeben. Herr Raute schreibt: „1. Der Knabe St. ist gezüchtigt worden, weil er sich seit zirka t> Wochen hartnäckig weigert, eine Schularbeit, die bei sorgfältiger Ausführung ungefähr M Stunde Zeit in Anspruch nimmt, avnifcrtigcn. Tie Angaben des Knaben sind also er- logen; die Arbeit ist bis heute noch nicht abgegeben." Lehrer Raute gibt diese Auskunft über die Gründe der Bc- strafung in unnötig erregtem Ton. Daß er strafte, nachdem St. die Straße rächt gefunden hatte, bestreitet er nicht. St. hat jetzt zur großen llcberraschung seiner Eltern bestätigt, daß er auch eine geforderte Arbeit, eine Zeichnung nach einem Teil des Stadtplanes, nicht angefertigt host. Warum er„s i ch feit zirka b Wochen hartnäckig weigert", sie an- zufertigen, ist rätselhaft. Noch rätselhafter erscheint uns, daß Lehrer Raute so lange es nicht erreichen konnte, ihn zur Leistung dieser Arbeit zu bewegen. Auch mit jenen Prügeln, die er vor Pfingsten austeilte, hatte er das noch bis gestern nicht erreicht. In seinem Brief fährt Herr Raute fort: „2. Die Züchtigung ist in vorgeschriebener Weise innerhalb der gegebenen Grenzen erfolgt. Ueberschreitung deS Züchtigungs- rcchtcs hat nicht stattgefunden." Das ist seine Auffassung, mit der man das oben mitgeteilte Attest vergleichen wolle. Inzwischen hat er übrigens der Mutter des Jungen gesagt, über Schulter und Arme habe er ihn nicht gc- schlagen. St. hält das aufrecht. Die Mutter hatte sich gestern bei Lehrer Raute persönlich beschwert, weil.er am letzten Freitag den Jungen wieder geschlagen hatte. Herr Raute am- wartete:„Es ist meine Sache, was ich mit dem Jungen mache!" In der darauf folgenden Stunde bekam St. wieder Schläge von ihm. Warten wir ab. was zu dieser höchst sonderbaren Angelegen- heit die Schuldeputation sagen wird. Ter Vater hat wegen der von dem Arzt gefundenen Prügelspuren eine Beschwerde an die Schuldcputation gerichtet und eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gemacht. Ter Kaiser und Hagcnbecks Tierpark. Als am Montag der Kaiser den Tierpark in Stellingen bei Hamburg besuchte, soll er zu Herrn Karl Hagenbeck einige bemerkenswerte Aeutzerungen über die von ihm in der Jungfernhcide geplante Anlage eines ähnlichen Instituts gemacht haben. Nach den Berichten Hamburger Blätter hat der Kaiser zu Hagenbeck gesagt, daß dieser gar nicht glauben könne, welche Schwierigkeiten diese Angelegenheit mache, und wie man auf ihn einzuwirken versuche, die Genehmigung zu Hagen- becks Berliner Plänen zu versagen. Aber er werde auf die Aus- führung des Tierparks dringen. Der Berliner Zoologische Garten sei für viele Berliner zu vornehm. Mancher geniere sich, den Garten aufzusuchen. Hagenbecks Tierpark aber scheine ihm gerade dafür geeignet, auch den ärmeren Leuten Gelegenheit zur Erholung und zum Studium zu geben. Er hoffe, daß das Berliner Unter-' pehmcn bäkd fertiggestellt werde. 1 Hierzu wird der„Vossischen Zeitung" mit Recht geschrieben: „Wir können nicht annehmen, daß die Acußcrungen des Kaisers richtig wiedergegeben sind. Es ist oft genug festgestellt worden, daß sich unser Zoologischer Garten in allen Kreisen der Bcvölke- rung der größten Popularität erfreut. Gerade durch die Einrich- tung der 2 5 P f.- S o n n t a g e ist diese Popularität gefördert worden. Wäre der Besuch des Gartens für die ärmere Bevölkerung nicht zu erschwingen, wie käme es dann, daß an diesen Sonntagen durchschnittlich bei mäßigem Wetter 60 000 Menschen dorthin strö- men und daß sich diese Zahl noch steigert bei besonders schönem Wetter? Wie wäre die Tatsache damit zu vereinen, daß am Pfingstsonntage sogar 80 000 Personen den Garten besuchten? Wo sind nun die Berliner, denen der Zoo zu vornehm oder zu teuer ist, und weshalb sollte si�hemand genieren, dorthin zu gehen? Es ist ja niemand gezwungen, etwas zu verzehren, nicht einmal in der Migen Wsldscheplkck Ajp Misten Famisieo bringen sich bekannt; lieh auch Mundvorräte mit und verzehren sie im Garten, ohne daß sie jemand daran, hindert. Es ist ferner bekannt, daß an anderen Sonntagen der Eintritt nur 50 Pf. kostet und an den Wochentagen von 6 Uhr abends an nur derselbe Preis zu zahlen ist. Da der Besuch des Tierparks in Stellingen auch so viel kostet, so ist nicht einzusehen, weshalb er für ärmere Leute geeigneter sein soll als der Zoologische Garten mit seinen 2 Pf.-Sonntagen und der gleichfalls der ärmeren Bevölkerung zugute kommenden Vergünstigung für die Berliner Gemeindeschulkindcr, denen täglich die reichen Bildungs- schätze des Instituts vollkommen umsonst zur Verfügung stehen." Ein Fiasko ihrcS. Kornblnmentagcs haben Rixdorf und Tegel zu verzeichnen. Der Rixdorfer Kornblumentag, den am vergangenen Sonntag der Kreiskriegerverband für das Rote Kreuz abhielt, hat 800 Mark eingebracht. Das ist für die Kornblumcnenthusiasten eine recht bescheidene Leistung, die darauf schließen läßt, daß sie nicht zu tief in die Tasche gegriffen haben. Gleichfalls eine» Reinfall hat Tegel erlebt, das die Wieder- holung des am Freitag veranstalteten Kornblumentages für den Sonntag angesetzt hatte. Der Gemeindevorsteher Weigert hatte bekanntlich in einem Aufruf gesagt, daß sich die Wiederholung wegen des starken Sonntagsausflugsverkehrs von Berlinern nach Tegel rechtfertige, wer das nicht einsehe, stehe nicht auf der Höhe. Die Ausflügler ließen sich aber kein T für ein U machen, das Experiment hatte nicht den erwünschten Erfolg. In den weitaus meisten Fällen wurden die Kornblumenverkäuferinnen abgewiesen, so daß am Abend noch größere Vorräte vorhanden waren. Man hatte gehofft. 10 000—20 000 Kornblumen an den Mann zu bringen. Wie man sich erzählt, konnten jedoch nur rund 3000 Stück abgesetzt werden. Der Berein„Berliner JngendhauS" für jugendliche Obdachlose wünschte bekanntlich von der Stadt ein Grundstück auf 30 Jahre für eine gar nicht in Betracht kommende Anerkennungsgebühr von jähr- lich 100 M. So lautete wenigstens die Vorlage, die der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung machte. Genosse Hoffmann be- antragte Ausschußberatung und mit knapper Mehrheit wurde diese Ausschußberatung angenommen. Jetzt hat sich der Ausschuß in seiner ersten Sitzung nach kurzer Generaldiskussion einstimmig auf den Standpunkt gestellt, erst dann weiter zu verhandeln, wenn der Ma- gistrat die notwendigen Unterlagen herbeigeschafft hat, die Auskunft geben über Grundlagen, Vermögen, Altersgrenze der Aufzu- nehmenden usw., alles Dinge, über welche in den dem Ausschuß vorgelegten Statuten des Vereins kein Wort gesagt ist. Es ist dieser Fall wieder einmal ein Beweis dafür, wie notwendig oft die AuSschußberatungcn sind. Was der Pekinger Polizeipräsident in Berlin lernen kann. Der Polizeipräsident von Peking, Mr. C. C.Chan g, der seit kurzer Zeit in Berlin weilt, hat unter anderem auch den Polizei- Kinemalographen im Präsidialgebäude am Alcxanderplatz besucht. Der Leiter der Thcaterabteilung. Oberregierungsral v. Glasenapp, ließ, wie berichtet wird, verschiedene verbotene Films vorführen. Von den weiter gezeigten Bildern fand besonders eine„Dhnamit- Explosion" das Interesse deS fremden Besuchers, sowie ein kleiner photögraphischer Apparat zur Aufnahme von kinematographischen Augenblicksbildern. Ein Fabrikant hat ihn der Kriminalpolizei zur Verfügung gestellt für den Fall, daß sie etwa einige ihrer Beamten damit' ausrüsten will. Mr. Chang soll sich sehr anerkennend aus- gesprochen haben über die Vorführungen sowohl wie über die Ein- richtungen und»die Handhabung der Zensur". Das Automobilunglück am Sonntag auf der Treptower Chaussee hat ein Opfer gefordert. Die Frau Rothe aus der Elisabethstr. 24, die schwer verletzt wurde, ist gestern nacht ihren Verletzungen im Krankenhause Bethanien erlegen. Das Befinden des schwer der- letzten Ehemannes ist ebenfalls besorgniserregend. Nach den an- gestellten polizeilichen Ermittelungen geriet das ausgelaufene Benzin durch überspringende Funken der elektrischen Straßenbahn in Ex- plosion. In der Schrammschen Mordsachc hat der in Haft befindliche Arbeiter Voigt, nachdem sein Haftentlassungsantrag abgelehnt worden ist, durch seinen Verteidiger Rechtsanwalt Poseucr einen eingehend begründeten Antrag auf Untersuchung seines Geisteszustandes ein- reichen lassen. Voigt hat in seiner Jugend mehrere schwere Kopf- krankheiten durchgemacht und ist seitdem aus einen, Ohr taub; auch litt er seit jener Zeit an Schwindelanfällen, was für die Beurteilung der zweifellos im Affekt verübten Tat nicht ohne Bedeutung ist. Der Antrag des V. ist dem amtlichen medizinischen Sachverständigen zur Begutachtung vorgelegt worden. Wegen versuchten MordcS wurde gestern morgen die 25jährige Spreewälderin B., die bei einer Berliner Familie als Dicnstniädchcii in Stellung war, verhastet. Die B. hatte ihr jetzt drei Monate altes Kind bei einer Familie in Friedenau in Pflege gegeben, wo- für sie monatlich 25 M. zu entrichten hatte. Da der Vater des Kindes nichts zu dessen Unterhalt beisteuerte und das Mädchen nur 30 M. im Monat verdiente, so reifte allmählich in ihm der Eni- schluß, sich des Kindes zu entledigen. Auf Anraten„guter Freun- dinnen" begab sie sich vorgestern zu den Pflegeeltern ihres Kindes und mischte ihm Salmiakgeist in die Milch. Hierdurch erlitt es er- hebliche Verletzungen an der Zunge und dem Gaumen, jedoch scheint Lebensgefahr nicht zu bestehen. Die B. wurde, da sie offen zugab, die Absicht des Mordes gehabt zu haben, dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich gestern mittag �gegen 12'/� Uhr an der Ecke des SpittelmarkteS und der Wallstraße. Dort wird vor dem Hause Wallstraße 1 ein Gerüst errichtet. Als gestern ein Arbeiter in der Höhe der vierten Etage einen Balken zwischen zwei Leitern befestigen wollte, entglitt ihm die Bohle uud fiel auf die Straße hinab. Unglücklicherweise ging in diesem Augenblick der Hausdiener Karl Gerstmann von der Finna Hermann Gerson, Kantslraße 10 wohnhaft, an dem Hause vorüber, dem von dem schweren Holzstück die Schädeldecke total zertrümmert wurde. Man schaffte den Unglücklichen nach der nahen Unfallstation am Spittclmarkt, wo er jedoch unmittelbar nach seiner Einliefernng verstarb. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt und nach dem Schauhause übergeführt. Eine Schreckensbotschaft wurde am Montag, nachmittags S'/zUhr, der Fran des Arbeiters Wilhelm Thiele, Hussitenstr. 17 wohnhast, von einem Schutzmann des in der Nähe befindlichen Polizeireviers in die Wohnung gebracht. Nachdem sich der Beantte bei der Frau nach dem Vornamen und dem Allst ihres Mannes erkundigt hatte, richtete derselbe an die Frau T. die Frage, wann ihr Mann von Hause weggegangen sei. worauf ihm die Antwort wurde, daß er sich erst um Vzl Uhr zur Arbeit begeben habe. Frau T. war nicht minder erstaunt, als sie von dein Beamten den Bescheid erhielt, daß ihr Mann sich im Lcichenschanhause befinde, sie möge nur dorthin fahren. Diese in kurzer und, wie Angehörige der Familie behaupten, schonungsloser Form gemachte Mitteilung des Beamten hatte auf die Fran einen niederschmetternden Eindruck hinterlassen. Frau T. machte sich nun auf. um sich an der Arbeitsstelle ihres Mannes zu erkundigen, ob derselbe dort sei. Auf dem Wege dorthin traf sie ihren Sohn, dem sie von der Sache Mitteilung machte. Nun gingen beide zu dem Arbeitgeber des VaterS, um denselben zu fragen, ob er dort sei. Nach einigen Minuten stellte sich der Vater seiner Frau und seinem Sohne selbst vor. Hierauf begab sich der Sohn des T. nach dem Polizeirevier, um sich dort zu erkundigen, wie man so leichtfertig seine Mutter habe in Schrecken versetzen können. Wie uns der Sohn mitteilt, habe der fragliche Beamte an ihn die Frage gerichtet, ob der im Schauhause Liegende sein Vater sei oder nicht. Als er letzteres verneint habe, sei ihm nur noch ge» antwortet worden, daß dann die Sache für ihn erledigt sei. Auf de» Einwand des jungen Mannes, daß durch eine solche schonungS- lose Mitteilung doch hätte Unheil angerichtet werden k-znnen, soll der Beamte ihm nur noch barsch geantwortet haben. Im Leichenschauhause, wohin sich nunmehr der Sohn des tot- gesagten T. begab, erfuhr er, daß bereits seit Sonnabend ein un- bekannter auf der Straße am Herzschlag verstorbener Mann lag. In der Zwischenzeit vom Sonnabend bis Montag ist nun wahr- scheinlich ein der Familie T. bekannter Mann dort gewesen, der in dem Toten den T. vermutet hatte. Hierauf ist jedenfalls das Polizei- revier benachrichtigt worden, das auf Grund der Angaben nun den Beamten nach der T.schen Wohnung entsendet hat. Es lag also hier eine Verwechselung vor. Doch nach unserer Meinung hätte es keiner großen Mühe bedurft, um den Irrtum aufzuhellen, ohne die Frau tind den Sohn des Totgeglaubten erst in Erregung zu versetzen. Der Maulkorbzwang für Hunde ist zwar in Berlin und den zum Polizeibezirk Berlin gehörenden Vororten aufgehoben, nicht aber in allen Vorortgemcinden. Hieran wurden am Sonntag Spaziergänger erinnert, die mit ihren Hunden das an Berlin grenzende Reinicken- dorf betraten. Ein dortiger Fangbcamter fing maulkorblose Hunde ohne weiteres weg, so daß die Besitzer derfelben nur gegen Er- stattung von 3 M. ihre Hunde wieder zurückbekamen. Die Vorortgemeinden sollten selbst darauf dringen, daß durch Erlaß entsprechender ortspolizeilicher Vorschriften der jeweilige Zu- stand beseitigt wird. Eine Gasexplosion entstand gestern nachmittag V23 Uhr in dem Möbelgeschäft von Jakobsohn, Brückenstraße. Durch die Detonation wurde die Schaufensterscheibe auf die Straße geschleudert. Personen wurden zum Glück nicht verletzt. Ueber die Ursache der Explosion konnte noch nichts Bestimmtes mitgeteilt werden. Wegen eines großen Pachstuhlbrandes wurde die erste Kompagnie der Feuerivehr gestern abend ö'/z Uhr nach der Krausensir. 29, gegenüber von Tietz, gerufen. Als die Löschzüge anrückten, stand der Dachstuhl deS Vorderhauses in erheblicher Ausdehnung in Flammen. Da sich in der Umgebung des Dönhoffplatzes das Gerücht verbreitete, es brenne das Warenhaus Tietz, so strömten große Menschenmasscn nach der Krausenstraße, so daß die Krausenstraße an der Jerusalemer>md Markgrafenstraße ab- gesperrt wurde. Der Löschangriff der Feuerwehr erfolgte zuerst mit drei Schlauchleitungen, die über die Treppen gelegt wurde». Da dem Feuer aber wegen einer starken Verqualmung nur schwer bei» zukommen war, mußte auf der Straße noch eine mechanische Leiter errichtet und über diese hinweg noch mit einem Rohr Wasser ge» geben werden. Als von de» Feuerleuten das Dach an verschiedenen Stellen aufgeschlagen wurde, um dem erstickenden Rauch Abzug zu verschaffen, schlugen die Flammen meterhoch aus dem Dachgeschoß empor. Nach einstündiger Löscharbeit galt die Gefahr alö beseitigt, doch zog sich die vollständige Ablöschung mit de» Aufräumungsarbeiten noch mehrere Stunden hin. Der Dachsiuhl ist größtenteils zerstört. Die Brandursache ist nicht ermittelt. Die Sonderfahrt nach Dresden, die am Sonntag. 26. Juni, von der Rixdorfer Baugenossenschaft„Ideal" veranstaltet wird, erfolgt in zwei Extrazügen, da sich über 500 Teilnehmer gemeldet haben; und voraussichtlich noch 1—200 dazukommen. Bei der Eisenbahn» direktion sind um so viel mehr Fahrkarten bestellt worden. Eiu Sonderzug fährt am Sonntagabend»/„iv Uhr von Dresden wieder zurück, während der zweite Zug erst am Montag, 26. Juni, abends: Vz10 Uhr, zurückfährt. Die Abfahrt von Berlin, Anhalter Bahnhof, erfolgt schon morgens um 1 Uhr. Die Eintrittskarte zur Hygiene-- auSstcllung lostet inklusive Sonderfahrt per Straßenbahn durch. Dresden 1 M., welcher Betrag beim Abholen der Eisenbahnfahr» karten im Bureau der Genossenschaft gleich erhoben wird. Vom eigenen Mann überfallen. Eine Ehetragödie spielte sich gestern abend 8'A Uhr in dem Hause B lum enst ratze 64 ab. Dort überfiel der Holzarbeiter Kummer seine zwanzigjähriger Ehefrau Martha und verletzte sie durch mehrere Messerstiche am Kopf, Hals, an der Schulter und an den Händen. Kummer lebb seit einiger Zeit von seiner Frau getrennt, die bei ihren Eltern in der Blumcnstratze 64 Unterkunft gefunden hat. Gestern abend erschien der Ehemann plötzlich in dieser Wohnung und wünschte eine Aussprache mit seiner Frau. Es entspann sich ein erregter Wortwechsel, in dessen Verlauf Kummer zum Messer griff und auf die Frau einstach. Auf die Hilferufe der Uebcrfallcnen eilten die Eltern der jungen Frau hinzu und überwältigten den Mann. Kummer wurde von der Polizei festgenommen, während die vcr- letzte Frau auf der Unfallstation am Grünen Weg die erste Hilfe fand. Ein BcitragSsammclbuch mit 96 Beitragsmarken des Fabrik- arbeiter-VerbandeS a 65 Pf. sind von einem BertrauenSmanu in der Zeit vom Mittwoch, den 14. abends bis Sonnabend früh verloren gegangen. Der Finder des Buche? wird gebeten, dasselbe entweder im Bureau des Fabrikarbeiter-Berbandes, Engelufer 16, oder bei Anton Krüger, Britz, Chausseestr. 63, abzugeben. Vorort-Ffatbriebten. Schöneberg. In der letzten Stadtverordnetenversammlung, die vom Bor- steher-Stellvcrtrcter Genossen Molkenbuhr eröffnet wurde, waren von 66 Stadtverordneten nur 22 anwesend. Zunächst tvurden die incht erledigten Punkte der vorigen Sitzung verhandelt. Äsdann beschloß die Versammlung, auf den Bahnhöfen der Untergrundbahn Fernsprechzellen aufstellen zu lassen. Eine derartige Zelle kostet: 400 M., davon zahlt die Postvcrwaltung 200 M.. während der übrige Betrag zur besseren Ausgestaltung und Anpassung der Zellen vcr- wendet wird. Die Durchschnittsfrcquenz aller Klassen der Volks- schule, einschließlich der Hilfsklassen, beträgt 42,9, ohne HilfSllasscn 43,6 Proz. Zur Zeit bestehen 6 fliegende Klassen. Die Gemeinde- schule wird von 6191 Knaben und 6591 Mädchen, zusammen 12 782 Kindarn besucht.— Um den Zugang zur Hoch- und Untergrundbahn am Nollcndorfplatz den Fahrgästen zu erleichtern, sollen die gärtnc- rischen Anlagen auf der Südseite zweckentsprechend umgeändert werden. Damit soll auch eine größere Sicherheit für die Fußgänger geschaffen werden, die den verkehrsreichen Fahrdamm durchqseren müssen. Besondere Kosten erwachsen der Stadtgemeinde nicht, da einige Anlieger sich hierzu bereit erklärt haben. Zum dritten deut. scheu Städtetag in Posen werden Zobel(lib. Frakt.) und R eri ch e (Soz.) delegiert. Für die Bauwerke und Nebenanlagen des Straßcnrcinigungsdcpots in der Maxstraße wurden die Bausizsten von insgesamt 136 960 M. bewilligt.— Die Säuglingsfürsiorge- stelle in der Belziger Straße hat derartig an Umfang zugenon»nen. daß die jetzigen Räume nicht mehr ausreichen. Die Versamnrlung beschloß, 5 weitere Räume für den Preis von 1000 M. jährlich, hin- zuzumieten. Beim Nachtrag zu den Satzungen der Sparkasse<:mp- fahl der Ausschutz, in das Kuratorium 6 Stadtverordnete, statt bisher 6 zu wählen; ferner soll zur Sicherung der Liquidität ihrer Bestände die Sparkasse mindestens 30 Proz., jedoch nicht mehr, als 32 Proz. ihres verzinslich angelegten Vermögens in mündelsichercn Jnhaberpapiercn angelegt halten. Der Berichterstatter betonte, daß mehrere Städte sogar über 50 Proz. in Jnhaberpapicre amgc- lept hätten. Gcnojse Bernstein meinte, wer die Schwankungen ln Kurs- 11 itb SlaaisäNgclegenhciten kennt, beut sollte das Vor gehen der Stcgierung, unter allen Umständen zu Geld zu kommen, recht bedenklich mache». Darum solle man dem Kuratorium keine Fesseln anlegen, sondern möglichst viel Spielraum lassen. In crn- sten Krisen weiss man nicht voraus, was die Regierung unternehmen werde, und da sei es gut, wenn die Hände frei sind. Kämmerer Machowicz sprach sich ebenfalls dafür aus, dass eine andere Fassung gewählt wird. Der Ausschussantrag wurde nochmals an denselben Ausschuß zurückverwiesen.— Für die Aufstellung von insgesamt 26 Bogenlampen, die sich auf die Martin-Luther-, Kuf- stciner, Jnnsbrucker Straße sowie Strasse am Park, Rudolf-Wildc- Platz und Freiherr-von-Stein-Straßc verteilen, verlangt der Magi- strat 18 206 M.; der Betrag für eine Lampe stellt sich auf ungefähr 766 M. � Dem wurde zugestimmt. Hierauf nmrde der Bericht des Ausschusses des Obdachlosenheims gegeben. Der Ausschuß empfiehlt, wie Starke(lib. Frakt.) mitteilte, die Zahl der Insassen»och mehr einzuschränken und keine Männer aufzunehmen. Den Bc- wohnern des Obdachs bereite es keine Annehmlichkeit, dort zu woh- neu, darum sollte allgemeine Beköstigung stattfinden. Dies sei jedoch beseitigt worden. Es würden auch nur wenige Räume ge braucht werden, um die Armen unterzubringen. Salinger 'llib. Frakt.) kann sich mit der Vorlage nicht einverstanden er« klären, wenn man dazu übergehe, die Männer aus der Familie zu entfernen. Genosse D ä u m i g betonte, daß man das hiesige Obdach dem Berliner Obdach ähnlich gestalten sollte. Es sei eine Rücksichtslosigkeit, im Winter bei Schnee und schlechtem Wetter ob dachlose Männer abzuweisen und erfrieren zu lassen. Für einige Nächte müsse Platz vorhanden sein. Auch Männer gehören ins Obdach. Genosse Hoffmann erklärte, daß jede Gemeinde unter den heutigen Verhältnissen ein Obdach und Siechenheim haben müsse. Nach dem jetzigen Stand des Wohnungsmarktes dürfte es schwer halten, für die Armen anständige Wohnungen zu bekommen. Des öfteren haben Direktionsmitglieder eine Besichtigung der Woh nungen vornehmen wollen, in denen Arme untergebracht waren dies sei jedoch stets abgelehnt worden. Aus dem jetzigen Obdach könne ein Ledigenheim errichtet werden. Wie häufig äusserten ältere Leute den Wunsch, ihren Lebensabend in Ruhe zu beschließen. Oberbürgermeister T o m i n t c u s meinte, das Obdach solle er- zieherisch wirken. Einzelnen Männern, die obdachlos werden, solle eine Unterkunft nachgewiesen werden. Für den äußersten Fall seien einige Zimmer gemietet, worin die Männer vorübergehend sich aufhalten können. Die Polizei habe in die Selbstverwaltung nichts dreinzureden. Genosse B ä u m l e r meinte, daß die ange- führten Momente nicht neu sind. Solange jedock) die heutigen Verbältnisse beständen, müßte auch ein Obdäch vorhanden sein. Für die Armen scheine man die Wohnungen frei zu halten, die der Ver- mieter sonst nicht los würde. Tie Armut sei in den meisten Fällen unverschuldet. Darum sollte man bessere Zustände schaffen. Stach Schluß der Debatte stimmte außer der sozialdemokratischen Frak- tion nur Salinger