Nr. 134. HbonncmentS'Bedingungen: ITBonncmentä- Preis pränumerando Z »icrtcljährl. 3�0 Ml., monall. 1,10 Mü, wöchentlich 28 Psg, frei ins HauS. Einzelne Nunmier 5 Pfg. Sonntags« Hummer mit illustrierter Sonnlags» BcUagc.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- tlbonnemenl: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Posi-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonnements nchnien an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 38. Jahrg. v!e InIekNonz-Ledllhi' beträgt sür die sechSgespaliene Kolonel« >eile oder deren Nauin«0 Pig„ für politische und gewerlschastlichc Vereins- und Bcrsainntlnngs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnreigen", das scttgedruclie Wort 20 Pfg, lzulässig 2 sctlgedrntlte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. 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Obgleich seit dem Urteilsspnich des kirchlichen Spruchkollegiums bereits mehr als eine Woche vergangen ist. bringen noch immer die liberalen Blätter lange Artikel über den„Fall Jatho". in denen mit leidenschaftlicher Entrüstung gegen das orthodoxe preußische Kirchenregiment protestiert, Jatho als großer Glaubensstreiter und Märtyrer seiner Ueberzeugung gefeiert und die kirchlich-liberale Richtung als Vertreterin aller Geistesfreiheit angepriesen wird. Und neben diesen Artikeln stehen kürzere und längere Berichte über Massenversammlungen, die Jatho und seine Freunde abgehalten haben, über ältere und neuere Aussprüche Jatbos, über die Anhänglichkeit seiner Kölner Gemeinde, über die Fassung, mit der er sich in sein Märtyrium zu finden weiß usw. usw. Die schläfrige liberale Presse, die sonst so selten ein Wort scharfen Protestes gegen die reaktionären Leisümgen des preußischen Staatsregiments findet, bietet plötzlich das Bild eines stürmischen, wilden Aufruhrs. Was sämtliche ungleich wichtigeren kulturellen und politischen Fragen der letzten Jahre nicht vermochten, die Amtsentsetzung des Pfarrers Jatho in Köln hat es zu stände gebracht: das liberale Gemüt fühlte sich bis in seine Grundticfen erschüttert und macht sich in wildem Drohungsgcschrei gegen die„Kirchen- Päpste" und die„orthodoxen Mucker" Luft. Tatsächlich ist es der liberalen Presse durch ihr Gelärm gelungen, eine Bagatelle. eine nebensächliche Episode des seit vielen Jahren zwischen der orthodoxen und liberalen Richtung in der evangelischen Landeskirche ausgefochtenen Rivalitätskampfes zu einer großen Kulturfrage aufzubauschen. Selbst in einem Teil unserer Parteiprcsse hat dieses Treiben ein unserer Meinung nach ganz unberechtigtes Echo gefunden— und was schlimmer ist, vereinzelt findet auch die liberale Argumentation in unserer Presse Anklang und Nachahmung. Lediglich diese Thatsache veranlaßt uns. nachdem wir früher schon in zwei kurzen Artikeln unsere Meinung darüber dargelegt haben, nochmals auf den Fall Jatho und den Machtstreit zwischen der liberal-evangelischen und orthodox-evangelischen Richtung in der evangelischen Landeskirche PrelißcnS zurückzukommen, wenngleich ivir den internen Kampf zwischen diesen beiden der sozialistischen Weltanschauung gleich frenid und gleich feindlich gegenüberstehenden kirchlichen Parteirichtnngen nur eine sehr geringe Bedeutung für unsere kulturelle EntWickelung beizu- niessen vermögen. Zweifellos macht die gegen Jatho unternommene Aktion einen höchst widerlichen Eindruck, da infolge des Charakters der preußischen evangelischen Landeskirche als einer bureau- kratisch regierten Staatskirche das ganze Verfahren gegen Jatho von der Staatsgeivalt ausgeht und als ein Akt staats- politischer Intoleranz und polizeilichen Gcisteszwanges erscheint, und zivar um so mehr, als hinter dieser Staatsgewalt eine reaktionäre, halbfeudale Kaste steht, der das „Seelenheil" des Volkes, uin das sie so beweglich jammert. höchst gleichgültig ist. die vielmehr in der christlichen Lehre. wie sie sie gepredigt wissen will, lediglich ein Mittel sieht, den preußischen Junkerstaat als eine(ivie der feudale Staats- rechtStheoretiker Friedrich Julius Stahl sich ausdrückt)„Ver- austaltung Gottes" hinzustellen und seine rückständigen politischen Einrichtungen als in„Gottes Weiser Stände- ordnung" begründete göttliche Institutionen. Dadurch wird zweifellos dem Vorgehen gegen Jatho ein ge- hässigcr staatspolizeilicher Charakter aufgeprägt. Aber sieht man von dieser Begleiterscheinung ab und prüft rein formell die Frage:„Ist eine religiöse Gemeinschaft(und das ist doch wohl die evangelische preußische Landeskirche) berechtigt, jene Religionslehrer vom Lehramt auszuschließen, die ihre Grund- anschauungen verneinen?"— so läßt sich gegen ein die Aus- schließung eines„irrlchrenden" Priesters bezweckendes Ver- fahren absolut nichts einwenden— vorausgesetzt natürlich. daß ein solches Verfahren gültigen gesetzlichen Vor- fchriftcn entspricht. Das Geschrei über Intoleranz, das die liberale Presse erhebt, beweist nur ihre Inkonsequenz. Was ist denn eine Kirchengemeindc? Eine Gemeinschaft, die eine auf gewissen Glaubcnsgrundlehren bc- gründete gemeinsame Gottcsverehrung(Kultus) bezlveckt: eine „Gemeinschaft der Gläubigen", wie es in der christlichen Ter- minologie heißt. Es ist aber ganz selbstverständlich, daß dieser Zweck vereitelt wird, wenn jene, die dazu bestiinmt sind, diese Lehren zu verkünden, sie verneinen. Deshalb muß der Gemeinschaft das Recht zustehen, zur Durchführung ihres Zweckes solche„Nichtgläubigcn" oder„Jrrlchrcr" vom Lehramt auszuschließen. Ebcnsoivenig, wie einer politischen Partei auferlegt werden kann, ein Mitglied, das die Berechtigung ihrer Grund- aufsassungen bestreitet, in ihrer Mitte zu dulden oder gar als Agitator und Partcilehrcr anzustellen, kann eine Kirchengemeinschast gezwungen werden, priesterliche Funktionäre zu dulden, die ihre anerkannten Glaubenslehren leugnen oder diesen einen der allgemeinen Auffassung ividersprechenden, fremden Sinn unterlegen. In solchem Fall bleibt, lvill nicht die Kirche jeden festen Inhalt verlieren und zu einem Tummel- platz aller möglichen individuellen Einfälle und Ansichten werden, nur der Ausschluß vom Lehramt übrig, wenn nicht der Ausstoß aus der ganzen Gemeinschaft. Mag auch in allerlei Nebendingen sogenannte Lehrfreiheit zugestanden werden, immer wird es für jede Kirche wie für jede andere öffentliche Zwecke verfolgende Gemeinschaft eine Summe von Grundsätzen und Bekenntnissen geben, die sie nicht antasten lassen kann, wenn sie nicht ihren eigenen Zweck in Frage stellen tvill. Freisinnige Blätter haben in den letzten Tagen mit allerlei Ausdrücken wie„evangelische Toleranz",„Persönliches Gotteserlebnis".„Persönlichkeitsglauben",„freie persönliche religiöse Ueberzeugung" um sich geivorsen und behauptet, der Protestantismus gebe sich selbst auf, wenn er die angeblich seit Luthers Zeiten bestehende und anerkannte„evan- gelische Lehrfreiheit" verkümmere. Nichts als absolut un- historische leere Phrasen. Eine widerliche Fälschung historischer Tatsachen zugunsten des Protestantismus. Eine solche Lehrfreiheit hat nie bestanden und wird nie bestehen. Jnimer ist Vorbedingung, daß sich die sogen. Lchrfreiheit auf dem Boden der Kirche stellt und im Rahmen des von der Kirche als ihre Grundlage betrachteten Glaubensbekenntnisses bleibt, ohne das keine Kirchengenieinschaft möglich ist. Zu verlangen, der Geistliche der evangelischen Landeskirche müsse völlig unbeschränkte Lehrfreiheit haben, heißt nichts anderes als verlangen, daß ein Geistlicher dieser Kirche auch dann nicht in seiner Lehrtätigkeit gehindert werden darf, wenn er von der Kanzel herab römisch- oder griechisch-katholische, mormonische oder gar islamitische Glaubenssätze verkündet. Was würden wohl die freisinnigen Blätter sagen, wenn unter Berufung auf die von ihnen geforderte Toleranz und Lchrfreiheit die von freisinnigen Vereinen zur Propagandierung freisinniger Auffassungen angestellten Wander- redner sozialdemokratische oder konservative Lehren vortrügen? Demnach handelt es sich nur um die Frage: Hat Jatho sich mit seinen Lehren innerhalb des Rahmens jenes Glaubens- bekenntnisses gehalten, aus dem das Fundament der evan- geltschen Landeskirche ruht? Ob dieses Glaubensbekenntnis nach seiner eigenen Ansicht und der irgend welcher anderen Personen „ungeeignet",„unzeitgemäß" oder„unsinnig" ist, ändert nicht das geringste daran, daß er, so lange er bestellter Geistlicher ist, die Lehren seiner Kirche zu lehren hat; genau so wie ein sozialdemokratischer Abgeordneter oder Redakteur nicht deshalb ohne weiteres liberale Ansichten propagieren darf, weil er und seine liberalen Freunde vielleicht die sozialdemokrati- schen Grundsätze„unsinnig" und„hirnverbrannt" finden. Kommt er zu der Ansicht, daß er die Lehren, zu deren Vertretung er bestellt ist, nicht mit gutem Gelvissen mehr vertreten kann. so hat er einfach als ehrlicher Mann von seinem Posten zurückzutreten und sich einen anderen seinen Uebcrzeugungen entsprechenden Wirkungskreis zu suchen, mag ihin das immerhin manches Opfer und die Anfgebung mancher lieben Gewohnheit kosten. Das ist eine der einfachsten Grundregeln proletarisch-sozialistischer Ethik; von der wir zugunsten des Herrn Jatho keine Ausnahine machen können I Daß aber Herr Jatho nicht mehr auf dem Boden des Glaubensbekenntnisses seiner 5lirchengemeinschaft steht, daran ist nach seinen eigenen Ansführungen nicht zu zweifeln. Der Begriff eines Persönlichen Gottes ist bei ihm völlig verflüchtigt. Sein Gott ist keine Persönlichkeit, aber er ist anch nicht im Sinne des Pantheismus identisch mit dem Weltall, nnt der sogenannten Urkraft oder der Unvernunft des Universums. Ist sein Gott deshalb auch wirksam in der Weltsubstanz, so ist er doch etwas von dieser getrenntes Außerweltliches— so eine Art Mittelding zwischen dem Gott der offenbarungsgläubigcn Thcistcn und dem der Pantheisten, wie denn anch Jatho vor dem kirchlichen Spruchkollcgium nach dem Bericht links- liberaler Blätter die Bezeichnungen Monist und Pantheist abgelehnt und sich selbst als„Panentheist" bezeichnet hat. Eine Halbheit.'Allerdings ist auch Jatho selbst nur eine Halbheit, ein Mann ganz Gefühl, ganz Stimmung, der keinen Gedanken logisch zu Ende zu denken vermag. So faßt Jatho denn anch. wie er selbst in seiner dem kirchlichen Spruchkollegium überreichten Bekenntnisschrift er- klärt. Christus nur als„Idee, d. h. als die Lebensmacht per- sönlicher Erlösung zum Ziveck sozialer Bindung" auf. Aber in anderen Auslassungen Jathos erscheint Christus wieder als historische Figur, und den Konfirmanden hat er, wie er sich rühmt, das„Apostolikum in seinen: ursprünglichen Sinne" er- klärt, ihnen von Christi Geburt, Auferstehung und Höllenfahrt gesprochen, obgleich er wußte, daß diese Erzählungen von den meisten Kindern in einem ganz anderen Sinn als dem seinigen aufgefaßt wurden. Vielleicht werden manche solche christlichen Lehren trotz ihrer Unbestimmtheit imnierhin für vernünftiger halten, als die seltsame Lehre, daß der christliche Gott ans drei Personen besteht und doch nur ein einziger Gott ist, also 3X1— 1 sein soll; aber darauf kommt es hier absolut nicht an. Die Frage ist lediglich:„Steht Jatho mit diesen religiösen An- sichten auf dem Boden der preußisch-evangclischen Landes- kirche?" Und diese Frage muß bei vorurteilsloser Prüfung entschieden verneint werden! Um Stimmung gegen das Urteil des kirchlichen Spruch- kollcginms zu machen, feiert die liberale Presse Jatho als einen Märtyrer seiner Ueberzeugung, als einen von heißem Wissensdrang getriebenen Wahrheitssucher, der in stolzem Be- lennermut sür deutsche Geistesfreiheit streitet. Wäre tatsächlich Jatho die Persönlichkeit, als welche er in diesen Apologien geschildert wird, so bewiese auch das nicht das geringste gegen das von dem Spruchkollegium gefällte Urteil; denn dessen Berechtigung oder Nichtberechtigung hängt nicht davon ab, ob Jatho ein mehr oder minder sympathischer Charakter ist. Obendrein ist es aber um das Martyrium recht mäßig bestellt. Jatho erhält, da er bereits 30 Jahre als Pfarrer fungiert hat, ein beträchtliches Ruhegehalt(über 5000 M.), einige seiner Freunde haben bedeutende Geldsummen für ihn bei rheinischen Banken hinterlegt und zudem wird für ihn eine Jätho-Spende gesamnielt. Selbst seine Lehrtätigkeit ist ihm nicht genommen. Zwar darf er nicht mehr von der Kanzel herab als Staatsdiener seine religiösen Ansichten verkünden, aber in öffentlichen Versammlungen oder kirchlichen Vereinen Vorträge zu halten, das kann ihm keiner verwehren. Wo bleibt da das große Martyriuni? Hunderte, Tausende von sozialdemokratischen Arbeitern, die wegen ihrer politischen Gesinnung von einer Arbeitsstätte zur anderen gehetzt, schließlich arbeitslos und mittellos zugrunde gegangen sind— sie haben weit mehr für ihre Ueberzeugung gelitten als Jatho, und sie stehen uns auch als Märtyrer, niögen ihre Namen gleich der großen Oeffentlichkeit ganz un- bekannt geblieben sein, in ethischer Hinsicht weit höher als Jatho. »Besäße Jatho jenen unerschrockenen Bekennermut, der an ihm gerühmt wird, er hätte längst die Amtsfesseln ab- geschüttelt und erklärt:„Ich kann nicht lehren, was ihr verlangt!" Er hätte nicht die von ihm unter- richteten Kinder fromme Lieder von der Krippe in Bethlehems Stall und der Auferstehung des Heilands singen lassen; denn die biblischen Berichte von der Geburt und Auferstehung Christi sind anch seiner Auffassung nach nur fromme Märchen. Und ebensowenig ist Jatho ein freier Forscher auf religionsgeschichtlichem Gebiet, der der Welt durch emsige Studien errungene neue Forschungsresultate bringt. Er ist überhaupt kein Forscher, auch kein Denker; er ist ein Gefühls-, ein Siimmungstuensch, der nicht die historische Sonde anlegt, sondern die religiösen Lehren nach seinem Gefühl beurteilt— nach dem Eindruck, den sie auf sein Gemüt machen. Sein Kriterium für die Nichtigkeit eines Glaubenssatzes ist lediglich sein„religiöse Erlebnis", das Echo von Empfiu- düngen, das solcher Satz in seinem Innersten weckt. Wie die „Nordd. Allgen:. Ztg." berichtet und von anderen Blättern bestätigt wird, soll selbst der Verteidiger Jathos vor dem Spruchkollegium, Professor D. Baumgarten, erklärt haben: „Jatho sei kein Theologe. Mit Jathos Theologie, könne er, Baumgartcn, nichts anfangen. Jatho und diese Lchrvcrhand- lungen wären inkommensurabel. Seine Lehr begriffe seien ganz flüchtig. Bei ihm sei allcsGefühl. Namen seien ihm Schall u n d N a u ch. Diese Ge- fühlssprache könne er, Baunigartcn, sich freilich nicht aneignen. Jatho lege den größten Wert auf seine Erlebnisse. Ein Politiker sei er nicht. Weder habe er sich staats- noch kirchenpolitisch betätigt. Darin sei er d a s r e i n e K i n d." Ob Professor Baumgartcn sich genau so ausgedrückt hat. wissen wir nicht; aber die Charakteristik stimmt— kein Forscher, kein Denker, kein Politiker, sondern ein Schwärmer, dem fein Empfinden als Maßstab aller Dingo dient. Als Entschuldigung dafür, daß Jatho nicht längst sein Pastorales Lehramt niedergelegt hat, mag allerdings dienen. daß sich die evangelische Kirche Preußens in einem Zustand der Zersetzung befindet. Der überwuchernde religiöse Jndivi- dualismus ist zu einem Element der inneren?liiflösung ge- worden. Was findet noch von den Glaubenssätzen in der evangelisch- kirchlichen Theologie allgemeine Anerkennung; was ist noch nicht strittig geworden? WaS ist ge- sicherter Bekenntnisstand, und wo beginnt die Irrlehre? Selbst die alte Grundlchren haben vielfach ihre Autorität verloren und werden zum Teil selbst von den Orthodoxen nicht mehr ihrem ganzen Inhalt nach als bindend anerkannt. Wären die Theologen, die in dem drcizchnköpfigen Spruchkollegium über Jatho zu Gericht saßen, genötigt gewesen, die Grenzen abzustecken, wo nach ihrer individuellen Auffassung das Falsche und Irrige beginnt, wir würden recht verschiedene Grenzlinien erhalten haben. Unter solchen Umständen mochte auch Jatho, obgleich seine religiösen Ansichten im ganzen weit über die Theologie der liberalen Richtung hinausgehen, in seiner religiösen Naivität glauben, noch immer auf dem Boden der evangelischen Landeskirche zu stehen. Aas will die Regierung? Tsie Parlamente sind vertagt, der Absolutismus regiert Deutschland auf Monate hinaus ohne Feigenblatt und die Regierung hält es nicht für nötig, über ihre Absichten irgend welche Aufklärung zu geben. Denn die spärlichen offiziösen Bemerkungen über den„Schutz der deutschen Interessen" sind ja nur leere Redensarten, lieber das. was das deutsche Volk vor allem interessiert,-über das Ziel. das die Regierung mit der Beteiligung an dem marokkanischen Abenteuer verfolgt, herrscht tiefstes Schweigen. Dagegen hat die Negierung eine neue T a t s a ch e ge- schaffen. Offiziell wird bekanntgegeben: S. M. S.„Panther"» dcr bekanntlich ans der Heimreise »0» Siidwestasrika Teneriffa angelaufen hatte und von dort nach Agadir tuffaubi wurde, w'ird nuumehr durch S. M. T.„Berlin" abgelöst werden, da seine Rückkehr zu gründlicher Reparatur im Dock nicht länger aufschicbbar erscheint. Daß der„Panther" reparaturbedürftig ist, mag stimmen. Eben lvcil mit diesem kleinen Schiff nicht viel anzufangen war. wird eS abgelöst und durch den Kreuzer„Berlin" ersetzt. Dieser gehört zur Klasse der kleinen Kreuzer und stellt einen weit moderneren Schiffsthp dar, als ihn der„Panther" re- präsentierte. Er ist besser armiert imd verfügt über eine Besatzung von rund 300 Mann, während der „Panther" nur 12ö Mann hatte. Die Ausschiffung eines Landungscorps ist bei der„Berlin" also leichter zu bewerkstelligen. Dabei ist noch lange nicht gesagt, daß es mit der„Berlin" sein Bewenden haben wird. Die letzten Schiffsbewegungen der deutschen Marine in den westafrikanischen Gewässern sind überhaupt derart gewesen, daß man annehmen muß, die Aktion von Agadir sei schon länge vorbereitet. Vielleicht besteht der n ä ch st e Schritt, den die deutsche Negierung tut. darin, daß „Berlin" Gesellschaft erhält. Es kennzeichnet auch den Ernst der Situation, daß Wilhelm II. die Nordlandfahrt, deren Antritt bereits vor einigen Tagen erfolgen sollte, immer wieder hinausschiebt— wie offiziös erklärt>vird, wegen der ungünstigen Witterung. Das politische Wetter ist in der Tat schlecht. Unterdessen sind die Marokkotreiber an der Arbeit. Sie verlangen die Aufteilung Marokkos, wobei das Hinter land von Agadir Deutschland zufallen müsse. So schreiben die„Berk. Neuesten Nachrichten" folgendes: „An diesen durch die Verhältnisse erzwungenen Schutz unserer LandZlcute hängt sich nun mit einem Male auch die Pflicht, von diesem Posten aus die Wiederherstellung der Algecirasakle ab- zuwarten oder aber Deutschlands Interessen bei der eitd gültigen Teilung d e S von natürlicher und künstlicher Anarchie durchzogenen Landes wahrzunehmen. Herrn v. KiderlenS Wartezeit ist zu Ende. Die Stunde des Handelns ist gekommen." Diese Auffassung ist nun gerade für die Kreise typisch, die die Macht gehabt haben, die deutsche Regierung zu ihrem Vorgehen zu treiben. Sie wollen koloniale Erobe rungspolitik unter allen Umständen. Für sie es selbstverständlich, daß des deutschen Volkes Blut und Gut in den Dienst der kapitalistischen Bereicherungsinteressen gestellt werden. Und ihre Ausfassung ist für die Negierungspolitik bestimmend. In einem Teil der französischen Presse glaubt man allerdings, daß Deutschland sich mit Koni pensationen auf anderen Gebieten zufrieden geben wird. Man spricht von der Erweiterung der deutschen Besitzungen in Kamerun durch HinauSschiebung der Grenze gegen den französischen Kongo hin. Auch dies würde natürlich die Last»nseres Kolonialbesitzes mehren. Allein es ist sehr die Frage. ob unsere chauvinistischen Hetzer sich danüt zufrieden geben würden. In Fragen so ernster inter- nationaler Natur ist nie der erste Schritt ganz frei, dann beginnt die eigene Logik der Dinge und der unheilvolle Gegensatz der großen Nationen, die die imperialisttsche Politik geschaffen hat, legt schlimme Befürchtungen nahe. Nicht der Diplomatie der Regierungen dürfen wir vertrauen, sondern einzig und allein dem Willen der Arbeiterklasse aller Länder mit ganzer Kraft sich den kriege- rischen Gelüsten entgegenzuwersen. Eine Interpellation. Jetzt, wo die Marokkostage eine noch ungleich gefährlichere Wendung anzunehmen beginnt, hat der preußisch- deutsche Ab- solutismus sich wiederum aller Parlamente entledigt, und das Feld behauptet die gemeingefährliche Horde offiziöser Preß- reptile, die entweder ans Unwissenheit und Dummheit oder an« böswilliger Verlogenheit das Publikum für die dunklen Geschäfte der Diplomatie und der kapitalistischen Cliquen bearbeiten. Aber e i n Parlament tagt doch zurzeit in Deutschland; unsere Genossen in der württembergischen Kammer werden nicht unter- lassen, die Regierung sofort über die neue Marokkokrisis zu inter- pellieren; und ferner ist die Forderung der sofortigen Einberufung des Deutschen Reichstages mit allem Nachdruck zu erheben. Die Stimmnng in Frankreich. Paris, 3. Juli. lEig. Ber.) Die öffentliche Meinung ist über die Intervention Deutschlands doch stärker beunruhigt, als die anerkennenswerte, wenn auch auf verschiedene Motive und einen Wink von oben zurückzuführende Zurückhaltung der Presse annehmen lassen könnte. Sicherlich wünscht— vielleicht mit Ausnahme von einigen monarchistischen Intriganten, die als das Resultat jedes Krieges, mag er nun glücklich oder unglücklich ausfallen, die Restauration erwarten— niemand eine Suseinandefr- setzung mit den Waffen und die Länge des ganzen marokka- nischen Handels, der sich immer wieder nach bedrohlichen Wendungen in ein ruhigeres Fahrwasser bringen ließ, hat die Aengstlichkeit des Publikums in bezug auf diesen Gegenstand etwas, abgeschwächt. Aber die Meinung, daß Deutschland einen Konflikt suche, ist im französischen Voll noch immer stark verbreitet und die Art der jetzigen Intervention gibt ihr neue Nahrung. Nun ist schon die neuerliche Aufstachelung der chauvinistischen Ge- fühle eine offenlundige Tatsache. Die infame Geschäftspresse vom Schlag des„Matin" hat hierin seit einem Jahr namentlich durch den Mißbrauch der Begeisterung des Volkes für den Flugsport erfolg- reich operiert und die alberne Anmaßung und Unanständigkeit der deutschen Rationalistenpresse trug das ihre bei. Immerhin muß man sich hüten, renommistischen Demonstrationen, wie die der Studenten gegen die unflätigen und heuchlerischen Trotteleien der. Straßburger Post", allzuviel Bedeutung zu geben. Sie beweisen, daß der größere Teil der jungen Bourgeoisie in Frankreich für moderne Kultur- bestrebungcn ebenso verloren ist. wie in Deutschland. Im praktischen Leben der kapitalistischen Ausbeutung werden die jungen Leute ebenso nüchterne Rechner und Profitmacher werden, wie ihre deutschen Klassengenossen und wie derzeit ihre Väter. Die Revanche-Leiden- schaft wird also in der jetzigen Spannung kein Unglück anrichten, aber das darf man doch wohl sagen, daß die schweren Bemühungen der Leute. die für eine Annähcrung an Deutschland ein- treten, für Jahre hinaus vernichtet sind, weil der Glaube an die Zuverlässigkeit und die Aufrichtig. keit des offiziellen Deutschlands reinen Boden finden wird. Dazu kommt die erstaunlichste Un- kenntnis des wirklichen Deutschland, des deutschen Volke«, das man in der bürgerlichen Preffe als eine gefügige, im Kasernendrill zum unbedingten Gehorsam gegen die Herrschenden erzogene Maffe darstellt, wobei dann die deutsche Sozialdemokratie mit Vorliebe als willenlose oder gar noch in monarchistischem Patriotismus erglühende Truppe präsentiert wird. Selbst ein lediglich von der doch einigermaßen politisch unterrichteten „Gesellschaft" gelesene? Blatt wie der„Figaro" kann heute ein Interview mit einem angeblich hervorragenden beut- schen Diplomaten veröffentlichen, worin wohl als der Hauptzweck der deutschen Jnierbslltion ein Wahl manöver der Regierung er- scheint, dieses Wuhlmanöver aber seine Spitze gegen— die All- deutschen richten soll, vor denen die Regierung nicht als untätig dastehen wolle. Als ob es die Alldeutschen wären, deren Wahl aussichten die Regierung bange machten! Und derlei Unsinn wird von den anderen großen Blättern nachgedruckt. Aber gerade schon um dieser Unkenntnis der wirUichen Stimmung de? deutschen Volkes willen ist die gemeinsame Intervention des deutschen nnd französischen Proletariats und der ganzen Inter nationale, die Jaurds heute fordert, von eminenter Wichtigkeit für die Entwickelung der künftige» Ereignisse im Sinnt des Weltsriedcns, des Sozialismus und der Kultur. Der Standpunkt Euglauds. London, 4. Juli.(W. T. B.) Mehrere Blätter fahren fort, die Sendung des„Panther" nach Agadir zu besprechen.„Daily Chronicle" schreibt: Wir erwarten, daß der gegenwärtige Zwischen fall sich als nicht sehr bedeutungsvoll erweisen wird und daß die überwiegenden französischen Interessen in Marokko. die die deutsche Regierung nicht zu hindern und die England zu unterstützen versprach, durch die deutsche Aktion nicht berührt werden. England wird seine Verpflichtungen gegenüber Frankreich loyal erfüllen.„Standard" gibt zu. daß die französische Okkupation von Fez wenigstens technisch einen Bruch der AlgeciraSakte bedeute. Das Blatt fährt dann fort:„Wir können gegen die Anwesenheit des deutschen Kriegsschiffes an einem Punkt, wo die deutschen Interessen wirklich gefährdet sind, keinen Einspruch erheben, aber wir müssen hoffen, daß die Gefahr nicht so dringend ist, um Schritte zu veranlassen, die zu weiteren, sehr riner wünschten Verivickelungen führen würden. Zugleich hoffen wir, daß Frankreich und Spanien alles tun werden, um keinen weiteren Grund für die Ansicht zu geben, daß die Akte von Algeciras bereits außer Kraft gesetzt worden fft."„Daily Graphic' erhofft von den bevorstehenden Verhandlungen eine umfassende definitive Lösung der Marokko frage. DaS Blatt fährt fort: Die AlgeciraSakte enthalte nichts, was eine deutsche Aktion, wie sie in der deutschen Note erklärt wird, verbieten konnte. ES sei sehr zweifelhaft, ob daS Abkommen von 1909 so ausgelegt werden könne, daß es Deutschland verboten wäre, seine eigenen Untertanen gegen innere Unruhen in Marokko zu schützen. Die ganze Frage erfordere eine ruhige und geduldige Erörterung. Im Unterhause fragte heute B a l f o u r den Minister Präsidenten, ob eS im öffentlichen Interesse möglich sei, eine Mit- teilung über Marokko zu machen. A S q u i t h erwiderte: Die Angelegenheit, auf die Balfour hinweist, zieht, das brauche ich nicht erst zu sagen, die e r n st e Aufmerksamkeit der Regierung auf sich. Diplomatische Mitteilungen werden in diesem Augenblick auS- gelauscht; ich glaube aber nicht, daß eS angebracht wäre, im gegew wältigen Augenblick mehr zu sagen. Ber„nallonaldund", Den Namen„Elsaß-Lothringischer Nationalbund" hat sich die vor wenigen Wochen erst gegründete„Elsaß-Lothringische Nationalpartei" in ihrer konstituierenden Versammlung beigelegt, die am Donnerstag, den 29. Juni, im„Hotel zur Krone" in Straßburg stattfand. Der Reichstags« und LandcsauSschuß-Abgeordiiete Preiß, der die Versammlung leitete, ist auch der Vorsitzende des neuen „Bundes", dessen konstituierende Versammlung von 134 Personen be- sucht war, nach der eigenen Angabe der Nationalistenpresse. „Angehörige der elsaß-lothringischen Bourgeoisie aus allen Kreisen, Grundbesitzer, Industrielle, Kaufleute, Serzte, Ad- vokaten usw." Aus allen Kreisen der Bourgeoisie— Arbeiter waren nicht da. Schon diese Analyse der Versammlung, die das Organ des Vorfitzenden Preiß. der„Elsässer Kurier", giebt, zeigt, daß cS sich um eine Klassenpartei handelt. Der neue„Bund" igno riert die Arbeiterbewegung, er sieht sie gar nicht, er spricht in der Rubrik VI seines sogenannten Programm», worüber„Wirtschastliche Fragen" steht, nur immer von der„wirtschaftlichen Eutwick lung unseres Landes' ohne die sozialen Interessengegensätze zuzugeben oder auch nur zu erwähnen. Sie existieren für den.Bund' nicht, diese Gegensätze. Das kann nur heißen, daß der.Bund' voll und ganz auf dem Boden der WirtschaftS- Irdnung' der heutigen Gesellschaft, auf dem Boden der kapi- talistischen Klassenherrschaft steht. Einzig im Interesse dieser Herrschast und in deren Dienst bemüht sich in der Tat der sogenannte Nationalbund um die A b l e n k u n g von den Ereignissen und den Zielen deS Klassenkampfes. Dieselbe Vogelstraußpolitik auf dem Gebiete deS Unterrichts« Wesens, der Steuerfragen usw. ja auf dem Gebiete der Ber» fassung selbst, wo weder für die Monarchie noch stir die Republik Stellung genommen wird. Nur die„völlige Autonomie" will man, die auch jede andere Partei will. Die konfessionelle Schule, die unter dem Drucke der klerikalen Bewegung im Lande Fortschritte macht, wird nicht erwähnt: ein Stellungnahme f ü r sie oder gegen sie würde den„Nationalbund" in zwei Lager spalten. So drückt man die Augen vor ihr zu und ergeht sich dafür in billigen Redensarten über die„praktischen Auf- gaben" des Schulwesens u. dgl. Die Frage der Einkommen» und V e r m ö g e n s st e u e r, die für das Land brennend geworden ist, ist nicht nach dem Geschmack der elsässischen und lothringischen Großindustriellen und Bergherren, der„Notabeln", deren Wieder- wähl der.Nationalbund" betreiben will; daher umgeht man auch diese Frage und proklamiert dafür eine„Politik der Ersparnisse", den Widerstand gegen„jede neue Vermehrung der Ausgaben unseres Budget»" und:„Insbesondere werden wir jeden neuen Kredit für dasHeer. die Marine und das höhere Beamten« tum verweigern." Da ist der Köder! Es fehlen nur die Massen, die darauf anbeißen. Fürs erste sieht'» keineswegs danach aus, als ob sie sich ein- stellen wollten, diese Massen. Der Rationalbund hat im Lande, wie man zu sagen pflegt, eine schlechte Presse. Sogar die oberelsässische Zentrumspresse ist von ihrer ersten Schwärmerei geheilt, und die „Oberelsässische LandeSzeitung". daS Organ der Herren H a u ß und Ricklin, die sich von der konstituierenden Versammlung fern- gehalten haben, um ihre„abwartende Stellung' darzutun. entdeckt jetzt plötzlich:„Wir haben ja in unserem Zentrum schon längst die Partei, die auf das entschiedenste in allen nationalen Fragen für un» eintritt!' So- mit kann der Nationalbund wieder einpacken. Etwas verständlicher wird diese plötzliche Ernüchterung, wenn man b-rückfichttgt, daß in Hagenau, in dem LandtagSwahlkreise deS Abgeordneten Hanß. die dem Reichszentrum treu gebliebeneu Zentrumsknappen Anstalt getroffen haben, dem des Nationalismus hinreichend verdächti- gen Hauß eine reichstreue ZentrumSkandtdatur in der Person des Straßburger UmversttätSprofessorS Dr. Marttn Spahn, des ReichstagSabgeordneten von Marburg-Höxter, entgegenzustellen. «ofort reiste Hauß bei den ZentrumsvertrauenSmännern im Kreise herum, um zu versichern, daß er der Nationalpartei nicht angehöre und ihr auch nicht beitreten werde. In der konstituierenden Versammlung vom letzten Donneritag m«.traßburg sagte nach dt« Bericht de».Eist Kuli«" der Vor» »Die neue Gründung soll kein Werkzeug des KlerikaliS« MUS fei», wie man auf gewisser Seite gesagt hat, noch ein Unternehmen des A n t i k l e r i k a l i s m u s. wie andere be- hauptet haben. Diese Kämpfe unserer Volksgenossen haben uns in den letzten 15 Jahren empfindlich geschadet. Wir haben besseres zu tu n." Jawohl, sie haben besseres zu tun, die Herren l S i e w o l l e n sich über die großen Gegensätze und Kämpfe der Zeit hinweg gegenseitig Mandate sichern. Nachdem Rezepte des Vogels Strauß! jDer ehrenwerte Döputö Hauß hat nun aber bereits die Erfahrung gemacht, daß dieses Rezept nicht in allen Fällen das beste ist. Vivant bequemes! Ludere werden folgen._ politifcbc Qeberlicbt. Berlin, den 4. Juli 1911. Ter Marasmus des preußischen Abgeorduetenhauses. Es muß höchst schmerzlich für die Dirigenten des schwarz- blauen Blocks iin preußischen Abgeordnetenhause sein, daß ihre Führung selbst von ihnen recht nahe stehenden Parla- mentariern als ganz unzulänglich eingeschätzt und das Dreiklassenhaus als dem Marasmus verfallen geschildert»vird. So äußert sich z. B. der frei- konservative Abgeordnete Freiherr v. Zedlitz und Neukirch im roten„Tag" über die Leistungsfähigkeit der konservativ- klerikalen Koalition während der letzten Tagungsperiode: Ich kann mich nicht erinnern, in meiner bald vierzigjährigen parlamentarischen Tätigkeit jemals mit so unbedingter Nicht- befriedignng auf einen SessionSabschnitt zurückgeblickt zu haben wie aus den letzten seit Ostern. Der Abschluß am 28. v. M. war geradezu beschämend, aber er war doch nur das Endergebnis eines stetig fortschreitende» Niederganges der Leistungsfähigkeit deS Abgeordnetenhauses. Es war, als ob mit der Osterpause dieses Haus jede Spannkraft verloren hätte und einem zunehmenden Marasmus verfalle» wäre. Die ersten Spuren traten hervor, als die ausdrücklich für Kommissionsberatungen freigelegte zweite Woche nach Ostern nur von den Zweckverbandskommissionen ausgenutzt wurde. Unter diesen Umständen war die Verlängerung der Osterpause um diese Woche geradezu unverantwortlich. Aber auch später kamen die Kommissionsverhandlungen ungewöhnlich langsam vorwärts. Die Pfingstpause mußte insolgedessen gleichfalls verlängert werden und selbst nach Fronleichnam befürchtete der Präsident Mangel an Beratungsstoff. Trotz der langen Ausdehnung der Session ist nahezu die wichtigste Vorlage. daS Pflichtfortbildungsschulgesetz, in der Kommission stecken geblieben, die Beratung der Vorlage betreffend die länd- lichen Fortbildungsschulen gar nicht begonnen worden. Was über den Gang der Verhandlungen in dieser Kommission ver» lautet, läßt, wenn man bei der klerikal-konservativen Mehrheit nicht Mangel an gutem Willen annehmen will, auf ein un- gewöhnlich geringes Maß von gesetzgeberischer Leistungsfähigkeit schließen. Aber mit dem Plenum war eS auch nicht besser bestellt. E S glich geradezu einem Taubenschlage. Nur bei be» sonderS wichtigen Abstimmungen gelang es mit Mühe und Not, ein beschlußfähiges Haus zusammenzubringen; im Handumdrehen war eS aber wieder geleert. Selbst bei dem FenerbestattungZ« gesetz ließ sich die ohnehin schon knappe Mehrheit der zweiten Lesung nicht bis zur dritten Lesung zusammenhalten, und eS hat nur an zwei Stimmen gehangen, daß das Ab» geordnetenhauS sich nicht durch Ablehnung dieser Vorlage unsterblich blamierte. Das Zentrum, daS hier und bei der Novelle zur Landgemeindeordnung alle Reserven herangezogen hatte, konnte bei der zweiten Lesung dieser Novelle einmal seinen Willen gegen alle anderen Parteien durchsetzen. Schließlich legte bekanntlich die Obstrultion von nicht ganz einem Viertel der Mitglieder das Abgeordnetenhaus gänzlich lahm. Das Gefühl dieser Beschämung über diesen Niedergang des Abgeordnetenhauses wird noch verstärkt, wenn nian damit die gewaltigen Leistungen des Reichstages in der letzten Tagung, namentlich aber keineswegs allein bei der Verabschiedung der Reichsversicherungsordnung vergleicht.' Zum Schluß vergleicht Frhr. v. Zedlitz gar den Nieder- zang des Abgeordnetenhauses mit der Niederlage Preußens bei Jena. Als ein Mittel, dem Dreiklassen- larlament wieder regeres Leben einzuflößen, empfiehlt er die Aenderung des jetzigen Diätengesetzes. Anstatt der bisherigen Tagegelder, die auch dann gezahlt werden, wenn die Landtags» abgeordneten die Sitzungen schwänzen, sollen künftig nach dem Muster des Reichstages nur Anwesenheitsgelder gezahlt werden. Helfen wird natürlich auch dieses Mittel nicht, denn der Kräfteverfall des Abgeordnetenhauses ist in seiner ganzen Konstitution begründet. Eine wirtliche Auffrischung dewirkt nur die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und sirekten Wahlrechts. daS einen Teil der heute sich spreizenden aulen und unfähigen Elemente ausmerzt und dem jemlen lörper neues Blut einpumpt. Martin Spahn als„Modernist". Der„Tägl. Rundschau" wird von ihrem römischen Mitarbeiter berichtet, daß das offiziöse Organ des päpstlichen StaatSsekretariatZ, die, Correspondance de Rome" vom 4. Juli ein Geheimzirkular veröffentlicht. daS wahrscheinlich von der, K ö l n e r R i ch t u n g' an die katholische Presse und an Politiker Deutschlands gegen das neueste. Buch de» Dominikaners Weiß, be- titelt„Lebens- und Gewisscnsfragen der Gegenwart" gerichtet wurde. Auffallend sei, daß die im Geheimzirbilar gegen Weiß er» hobenen Vorwürfe vorher fast wörtlich in der„Köln. Volksztg." ge» landen hätten. Die„Köln. Volksztg." brachte nämlich jüngst mehrere Artikel gegen das Buch de» Dominikaners zu derselben Zeit, wo die offiziöse„Correspondance de Rome' eS auSsilhrlich und dringend empfahl und eine italienische Uebersetzung in Aussicht stellte. In seinen Bemerkungen zum Geheimzirkular nennt das vatikanisch» offiziöse Organ Martin Spahn einen antirömischen Schrift» st eller. Di« Zeitschrist. Hochland' sei eine» der Zentren deS deutschen Modernismus, nicht nur wegen der Spahnschen Beiträge, sondern auch wegen der Artikel von Platz gegen die Auflösung der stanzösischen Sillon-Bewegung durch den Papst. Endlich behauptet die„Correspondance', daß manche katholische Journalisten gar keine Katholiken m e h r s e i e n. sitzende Preitzi Die„sehr unerfreuliche Erscheinung" beruhigt sich. Die Zentrumspresse kann, wenn sie sich Nutzen für die lerikale Politik davon verspricht, auch sehr bescheiden tun und ogar in einem Nasenstüber einen Beweis sreundschaftlicher Lertschätznng erkennen. So stellt sich besspiclsiveise die alt- WtzserUche.GUMWi?'» als sei sie völlig befriedigt durch die in der gestrigen Nummer des..Vorivärls' don uns wicdergegebenen Ausführungen der„Kreuz-Zeitung" über die «sehr unerfreuliche Erscheinung" des Zentrums. Das ultramontane Blatt schreibt nämlich: Das scharfe Urteil des NeichstagSpräsidenten Grafen Schwerin über das Zentrum wird in der neuesten Wochenrundschau der „Äreuz-Zeitung" ganz erheblich abgeschwächt. Das Blatt meint man könne von den Konservativen doch nicht verlangen, daß sie das Lorhandenfein der Zentrumspartei als eine erfreuliche Er- scheinung ansehe. Das Zentrum entziehe der konservativen Partei wertvolle Kräfte und bringe in der konservativen Partei eine gewisse konfessionelle Einseitigkeit hervor, ost genug würden im Zentrum auch die konservativ gerichteten Mitglieder von den demokratischen überstimmt. Das alles beklage die„Kreuz-Zeitung" und darum könne sie von ihrem Standpunkte aus das Zentrum nicht als eine er- freuliche Erscheinung ansehen. Wir wollen nicht darauf hinweisen, daß diese Aus- legung mit den Worten des Reichstagspräsidenten kaum in Einklang zu bringen ist. wir heben vielmehr hervor, dah das leitende Blatt der Konservativen das Bestreben zeigt, den unangenehmen Eindruck derRede desGrafen Schwerin zu mildern. Es hebt auch am Schluß seiner Besprechung ausdrücklich hervor, daß das Zentrum zu den natio- nalen Parteien zu rechnen ist und daß niemand das Recht habe, ihm diesen Charakter abzusprechen. Durch die Stellungnahme des führenden konservative» Blattes wird unsere kürzliche Ausfassung der Dinge nur bestätigt. Wahrscheinlich haben inzwischen die geistlichen Drahtzieher der„Germania" entdeckt, daß sie zur Durchführung ihrer römischen Politik die Konservativen nicht weniger nötig haben, als die Konservativen das Zenttum, und deshalb dem klerikalen Blatt weise Mäßigung und Nachgiebigkeit an- empfohlen._ Neichstagsersatzwahl in Düsseldorf. Wie das„Berliner Tageblatt' erfährt, ist die ReichStagSersatz- Wahl in Düsseldorf auf Dienstag, den IS. September, angesetzt worden. Das Zentrum ist bereits fieberhaft tätig; es hat in erster Linie seine Arbeiterabgeordneten vorgeschickt, die das schändliche Verhalten des Zentrums bei der Beratung der ReichsverficherungS- ordnung verteidigen müssen._ Keine Einheitsschule in Hesse«. Die hessische Zweite Kammer hat. wie telegraphisch auS Darm« stadt gemeldet wird, heute nach mehrstündiger Beratung die sozial- demokratischen Anträge auf Schaffung einer nationalen EinheitS- schule, die für alle Schüler obligatorisch sein sollte, abgelehnt. Polnische Ueberagrarier. Die diesjährige Generalversammlung der polnischen Bauern- vereine in Westpreußen fand am 26. Juni in B«rent statt. Aus den Verhandlungen sind insbesondere die Ausführungen des ehe- maligen national-polnischen Reichstagsabgeordneten Dr. Komie- rowski sowie des Patrons der Banernvereine Dr. Polczynski über die Agrarzölle hervorzuheben. Die Ausführungen dieser beiden Redner gingen dahin: Die Getreidezölle haben zur Hebung der Landwirtschaft beigetragen, ihre Ermäßigung würde den Ruin der Landwirte herbeiführen. Von der Diskussion wurde abgesehen, es wurde auch kein« Resolution beschlossen. Immerhin war es interessant, daß der Großagrarier Dr. Komierowski, der ein Ritter. gut im Posenschen besitzt, dabei erklärte, daß die polnischen Groß- grnndbesitzcr in der Provinz Posen in bezug aus die Agrarzölle fol- gende Forderungen erheben: 1. Steigerung der Getreidezölle. 2. Steigerung der Zölle auf Geflügel und Eier. 3. Verschärfung den veterinär-polizeilichen Vorschriften an der Grenze gegen die Einfuhr des fremden Viehes, insbesondere gegen die Schweineein- fuhr. Dieses Verlangen noch mehr Ausplünderung des armen Mannes durch Agrarzölle werden sich für die nächsten Reichstags- Wahlen die polnischen Arbeiter merken müssen. Keine Reichstagsnachwahl in Köln-Land. Die„Kölnische Volkszeitung' teilt mit, daß der ReichstagSabg. Hamecher nicht zum Oberpostselretär besördert, sondern nur mit der Verwaltung einer Oberpostsekretärstelle betraut worden ist, womit keine Beförderung mit höherem Rang oder Gehalt verbunden sei. Erst mit dem 1. Februar 1312 werde voraussichtlich die Beförderung zum Oberpostsekretär erfolgen, wo die Legislaturperiode des Reichs» tageS zu Ende ist._ Mecklenburgischer Verfassungsstreit. Die mecklenburgischen„Ritter' scheinen in der Verfassungsfrage eine Schwenkung vollziehen zu wollen. Für Donnerstag, Iii. Juli, ist im StändehauS zu Rostock ein Konvent der.Ritterschaft' (d. h. der Rittergutsbesitzer) beider Mecklenburg bernfem Zur Verhandlung steht als einziger Punkt die Frage der Abäuderung der Landesverfassung beider Mecklenburg. Man hofft, daß sich die Führer der Ritters-baft unter den, Druck der drohenden Oltroyierung zu einer Aenderung ihrer bisher rein ablehnenden Haltung verstehen werden. Die Konvente werden nicht von der Regierung, sondern vom engeren Ausschuß oder den Landräten ein- berufen. Regelmäßig findet ei» Frühjahr«- und ein dem Landtag vorarbeitender Herbstkonvent statt. In diesem Falle handelt eS sich aber um eine außerordentliche Tagung, die wahrscheinlich durch die Drohung der Regierung veranlaßt ist. daß. falls die.Ritterschaft' ihren Widerstand gegen eine Äerfassungsreform nicht aufgeben würde, die Regierung auS eigenem eine solche Refonn durchführen, also zur Aufoltrohieruiig einer Verfassung schreiten werde. Ter Polizist als Voykottposten. Wegen Beamtenbeleidigung hatte sich vor dem Breslauer Schöffengericht ei» Gastwirt aus dem Landkreise zu verantworten. Die Militärbehörde hatte den Bohkott über sein Lokal verhängt, weil er eS zu sozialdemokralischen Versammlungen hergegeben halle. Als Bohkottposten sungierte nun der Dorfpolizist: er ging in die S-v a» t r ä u in e und forderte dort befindliche Soldaten zum Ver- lassen de« Lokals auf. Als er dann auch im Saale feine Tätigkeit jonfetzte. kam es zu ernsthaften Störungen, worauf ihm der Wirt sagte:„Verlassen Sie mein Lokal, denn Sie verursachen hier nur Aufruhr!' Ter Gastwirt hat diese.Beleidigung' des Polizisten mit 10 M. Geldstrafe zu büßen._ Rcntencmpfängerinnen als gesuchte Heiratsobjekte. Das Rentenquetschsystem hat eine neue Art von»Wissenschaft« licher Begründung' gefunden. In Breslau ist einer landwirtschaft- licheu Arbeiterin, die infolge Unfalls beide Unterschenkel verloren hatte, kürzlich ihre monatliche Rente von 14 M. aus 10,90 M. gekürzt worden. Sie sollte sich an den Verlust ihrer Unterschenkel soweit .gewöhnt' haben, daß nicht mehr 60 Prozent, sondern nur noch 70 Prozent Rente angemessen seien. Der Regierungsassessor Schwenthner vom Schiedsgericht für«rbeiterversicherung in Breslau schreibt nun im.Türmer' über den Fall folgendes: „Ich persönlich würde ohne Aktenkenntnis die Herabsetzung der Rente auf 70 Proz.. also um 10 Proz. für angemessen angesehen haben, falls wirklich völlige Gewöhnung in verhältnismäßig kurzer Zeit eingetreten ist. Letzteres scheint in der Tat der Fall zu sein und das Mädchen muß eine, medizinisch betrachtet, geradezu hervor- ragende Behandlung erfahren haben. Denn es ist nicht leicht, Unter- sch-ukcl so zu amputiere», daß die Stümpfe für Prothesen aufnohmc- sähig werden, ohne die Gefahr, gedrückt und dadurch dauernd wund zu werden, was natürlich Gehen und Stehen fast völlig ausschließen I würde. Der Prozentsatz der Rente ist nach meiner Kenntnis s der Praxis und der Rechtsprechung des ReichsversicherungSamts in diesem offenbar medizinisch sehr günstig liegenden Falle nicht niedrig, er entspricht durchaus der Norm. Wenn trotz des hohen Prozentsatzes eine im Geldwert niedrige Rente sich ergibt, die freilich als Entschädigung für die wirklichen Unsallfolgen nicht angesehen werden kann, so liegt das nicht an der Berufsgenossen- schaft, sondern an den gesetzlichen Bestimmungen, die sicher Härten enthalten, die aber eben angewendet werden müssen. UebrigenS find, wie ich cus der Praxis weiß, Renten- empfängerinnen mit derartigen dauernden Schäden gesuchte— Heiratsobjelte." Diese neue Rententheorie fehlte gerate noch, um die„Seg- nungen" der deutschen Arbeicerversicherling ins volle Licht zu rücken. Die Arbeiterinnen sollen schließlich noch froh sein, wenn sie an der Maschine verstümmelt werden, denn bei zehn Mark monatlicher Rente haben sie eher Aussicht auf einen Mann. X_ Ocrtcmicb. Dre sozialdemokratische Fraktion. Die sozialdemokratischen Abgeordneten bildeten im früheren ReichSrat einen gemeinsamen Verband, imierhalb des Ver- bandeS waren die Vertreter der verschiedenen Nationen in KlubS organisiert. Die deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten werden Donnerstag über das Klubstatut beschließen. ES ist aber z w e i f e l- Haft gewordorn, ob auch jetzt wieder eine enge Zusammenfassung dieser nation-alen Klubs in einen gemeinsamen Verband der sozialdemokratischen Abgeordneten, wie er bisher bestanden hat, zweckentsprechend und durchführbar sein wird. Die Schwier'.gkeiten, die dabei iu Betracht kommen, entspringen anS- schließlich aus den bekannten Vorgängen in der tschechischen Partei, die, ausgehend von dem unglückseligen Gewerkschafts- streit, auf das politische Gebiet übergegriffen haben und schließlich auch höchst bedauerliche Erscheinungen bei der Wahlbewegung zur Folge hatten. Daß von alledem das Verhältnis der tschechischen zur deutschen Sozialdemokratie nicht unberührt bleiben konnte, ist klar. UeberdieS zeigten sich in den letzte» Zeiten des ver- flossenen Parlaments einzelne Erscheinungen, die bewiesen, daß der tschechische Klub über die jeder nationalen Gruppe statutarisch gewährleistete Autonomie in nationalen Dingen hinaus eine Bewegungsfreiheit beanspruchte, die mit dem Nahmen des gemeinsamen Verbandes schwer vereinbar war. Unter diesen Umständen dürste es wohl geboten erscheinen, nach einer anderen Methode zu suchen, die im neuen Parlament eine einheitliche Aktion der sozialdemokratischen Ab- geordneten aller Nationen in allen Fragen deS proletarischen Jnter- esseS auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet sichert. Sache der Klubvorstände wird es sein, diese wichtige Aufgabe zu lösen, was unseres ErachtenS keineswegs allzu schwer sein wird. Dazu meldet unS ein Telegramm aus Kladno: Der Partei- tag der tschechischen Sozialdemokratie beschloß, einen selbständigen Klub im Reichsrat zu gründen. Dem Klub, dessen Gründung sofort vorgenommen wurde, gehören sämtliche 22 tschechischen Sozialdemokraten an. Damit-ist natürlich über die Frage deS gememsamen.VerbandeS noch nichts entschieden. franhmcb. Tic Wahlrechtsvorlagc. Poris, 3. Juli. Deputiertenkammer. In forigesetzter Bera- timg der Wahlreform Vorlage schlug D u m e n i l folgende Fassung vor: Die Mitglieder der Deputiertenkammer werden ge» wächlt durch Listenwahl mit Minderheitsvertretung. PvinkevS erklärte, die Fassung sei vor der Sitzung durch die ver- einigten Vertreter aller Gruppen der Linken ausgearbeitet worden, die von der Richtigkeit des Prinzips der Proportionalvertretung durchdrungen seien, wie es durch die voraufgegangenen Abstim- mungen gebilligt sei, und die so hofften, die Unterstützung der größtmöglichen Zahl von Republikanern der Linken zu erhalten. Lemire verlangte Rückverwcisung an die Kommission. Millerand bekämpfte die vorgeschlagene Fassung, die geeignet sei. die ganze Proportionalreform wieder in Frage zu stellen, da ihr die Klar- heit fehle. Thomson sprach sich für die Fassung aus, während JaureS' sie lebhaft bekämpfte. Der erste Teil des Amendements Dumcnil „Die Mitglieder der Deputiertenkammer werden durch Listen- Wahl gewählt', wurde mit 232 gegen 28 Stimmen, der zweite Teil„mit Minderheitsvertretung" mit 303 gegen 244 Stimmen angenommen, ebenso das Amendement im ganzen mit 266 gegen 4 Stimmen, nachdem die Kommission sich damit ein- verstanden erklärt hatte, da es nach Angabe seiner Urheber das Proportionalprinzip enthalte. Darauf wurde die Sitzung ge- schloffen.. Portugal. Ter portugiesische Berfassungsentwurf. Lissabon, 3. Juli. Die Sonderkommission, die be- auftragt ist, der Nationalversammlung den Verfassungs- entwurf vorzulegen, hat folgende Bestimmungen angenommen: Die Republik wird einen Präsidenten haben, dessen Gehalt vor seiner Wahl festgesetzt werden wird. ES wird zwei Kam- m e r n geben, deren eine conseil des municipalites heißen und von den Munizipalräten deS ganzen Landes gewählt wird. Der Präsi, dent wird mit den gesetzgebenden Körperschaften durch Botschaften verkehren. Die Minister werden sich dem Parlament nicht vorzustellen haben. Der Verfassungsentwurf sieht drei Ge- walten vor. die gesetzgebende, die ausführende und die richterliche. Die erste Kammer wird durch direkte Wahl auf drei Jahre gewählt und Nationalrat heißen. Die zweite, der Rat der Vertreter der Gemeinden, wird zur Hälfte alle drei Jahre zu erneuern sein. Beide Kammern werden vereinigt den Kongreß bilden. Der Präsident der Republik wird von beiden Kammern auf vier Jahre gewählt. Er ernennt und beruft die Minister ab, die durch Botschaften auf alle Fragen antworten müssen, die auS dem Parlamente an sie gerichtet werden. Sie sind verpflichtet, vor den parlamentarischen Kommissionen zu erscheinen. Der Präsident und die Minister sind verantwortlich und können vor einen Gerichtshof der Republik gezogen werden, der von dem obersten Gerichtshof und aus einer Jury von 22 Mit- gliedern gebildet wird, die durch Wahl aus den beiden Kammern hervorgehen. Alle konstitutionellen Garantien für die Entrichtung der Steuern, den Zusammentritt der Kammern, die Wahlen und die individuellen Rechte sind in der Verfassung festgelegt. Der Ver- sassungSentwurf bestimmt ferner, daß der erste Präsident der Re- publik durch die konstituierende Versammlung am Tage nach dem Inkrafttreten der Verfassung in geheimer Abstimmung gewählt werden, und daß sein Mandat am 12. Oktober 1912 ablaufen soll. Englancl. TaS SeerechtSsseseh. London, 4. Juli. Unterhaus. Nach einem Schlußwort des Ministetpräsidenten hat das Unterhaus die zweite Lesung der Seeprisenbill angenommen. Der Antrag der Oppo- sition, die Londoner Deklaration einer Kommission von Sachver- ständigen zu überweisen, wurde mit 30l gegen 231 Stimmen abgelehnt. Das Ergebnis der Abstimmung rief heftige Kund- gedungen auf den Bänken der Unionisten hervor. Man hörte I Lerräterl und; Ihr jp.eluliert mit der Nahrung des I mU&l„ Dle Ovamkosraze. London, 4. Juli. Unterhaus. Der Abgeordnete. Wolm er fragte Sir Edward Grey, ob seine Aufmerksamkeit auf den in Deutschland gemachten Vorschlag gelenkt worden sei, daß das Deutsche Reich das Ovambogebiet im Norden von Dcutsch-Südwest- asrika annektieren solle, und ob er allen weiteren Versuchen zu Uebergriffen seitens Deutschlands in Asrika Widerstand leisten wolle. Grey erwiderte: Ich höre, daß ein Vorschlag zur EntWicke- lung des Ovambogebiets in einem Lokalblatt gemackü worden ist. Da aber das Gebiet bereits ein Teil von Deutsch-�üdwcstofrika ist, so würde von keinem Uebergriff die Rede sein, wenn ein solcher Borschlag ausgeführt werden sollte. perNen. Kehre zurück, alles vergeben. Teheran, 4. Juli. Nach einem lebhaftem Telegrammwechsek mit dem Regeiitcn, dem Kabinett und den Führern der Majorität im Medscbtis hat der Sepehdar beschlossen, nach Teheran zurückzukehren und seine Tätigkeit als M i n i st e r p r ä s i d e n t wieder aufzunehmen. Es steht jedoch fest, daß keine von des Sepehdars Bedinaungen, die die Verfassung umzustürzen strebten, von der obersten Regierungsgewalt angenommen wurde. Besonders befriedigend wirkt die Versicherung, daß die Amerikaner nicht im geringsten i» ihrer Aufgabe der Finanzreforin gehindert werde» sollen._ Hue der Partei. Gcmeindewahlerfolg im Elsaß. Fünf neue Gemeinderatsniandate erobett haben unsere Genossen in Hüvingen(Kreis Mülhausen i. E.) bei den an,»sonntag, den L.Juli, im zweiten Wahlgange stattgefundenen G e m e i n d e r at s- ersatzwahlen. Es waren sechs Gemeinderatsmitgliedcr zn wählen, und bei dem am Sonntag zulM, den 22. Juni, erfolgten ersten Wahlgange hatte die Kandidatenliste keiner der drei in den Wahlkampf eingetretenen Parteien das erforderliche absolute Mehr erhalten. Jetzt traten alle drei Parteien wieder mit eigenen Listen in den Wahlkampf«in, und von der sozialdemokratischen� Liste wurden fünf Kandidaten mit 147—126 Stimmen gewählt, während für den sechsten Kandidaten der Partei, der 140 Stimmen erhielt, der erste der Zentrumsliste mit 149 Stimmen gewählt wurde. Sonst erhielten die Zentrumskaiididaten 102—139 Stimmen, die Liberalen 84—102 Stiunnen. Alle fünf Sitze sind Neugewinne für die Partei._ ManSfclder LandratswciShcit. Der KreiSvorsitzende Genosse C h r i st a n g e zn E i« k e b e n hatte zum 18. Juni um die Genehmigung eines öffentlichen Umzuges gelegentlich des KreisporteifesleS zu Teutschentfial ersucht. Das Gesuch war aber vom Amtsvorsteher ohne jegliche Begründung ab- gelehnt worden. C. legte Beschwerde beim Landrat zu Eisleben ein, der vierzehn Tage nach dem Feste auf die Beschwerde folgendes antwortete: Die Beschwerde gegen die Verfügung deS Amis Vorstehers zn Teutschenihal, durch welche die vom Vorstände des Sozialdemo- kratischen Vereins für die ManSfelder Kreise und den Stadtkreis Eisleben für diesen Verein nachgesucksie Genehmigimg zur Ver- anstaltung eines Umzuges durch die Straßen von Teutschenthal am 13. Juni versagt worden ist, weise ich nach Anstellung sehr eingehender Ermittelungen und nach genauer Prüfung der Such- läge als unbegründet zurück. Bei dem in Teutschenthal und Um- hegend zurzeit bestehenden Bergarbeiterstreil in der Braunkohlen- Industrie und den hierdurch bedingten sehr gespannten Verhält- nissen zwischen den bürgerlichen und der sozialdemokratischen Partei waren bei dieser Gelegenheit Ausschreitungen mit Sicherheit zu erwarten. Somit war durch diese Veranstalrung Gefahr sür die öffentliche Sicherheit zu befürchten und demgemäß der gejetz» liche Grund zur Versagung der Veranstaltung gegeben. A» den Zigarrenmacher v. Wedel. Ehrisiange. hier. Ob der gebildete Herr Landrat, wenn er an den Leiter deS Mansselder Bergbaus schreibt, auch bloß die Adresse„An den Berg- wcrksdirektor Vogelsang' formuliert, wissen wir nicht. Wir nehmen eS aber angesichts der Korrektheit und Unparteilichkeit, durch die sich die preußischen Landräte auszeichnen, ohne weiteres an. In, übrigen ist der Landrals-Entschcid echt mansfeldisch. Ein Streik in den Mansselder Gefilden ist ein-so fluchwürdiges Verbrechen, daß jede Regung der Arbeiter, und sei sie auch noch so harmlos und stehe sie mit dem Streik nicht im geringsten Zusammenhange, erdrosselt werde» muß._ polizelUchtB, Gericbttichcs uftv. Ein„nnbcfangcner" Richter. Ein für die Presse wichtiger Vorgang spielte sich am Sonnabend vor dem Schöffengericht in Kottbus ab. Der verantwortliche Re» dakteur der �.Märkischen V o l k s st im m e". Genosse Utz, hatte sich in einer Privatbeleidigungsklage, die ein Finsterlvalder Hutfabrikant gegen ihn angestrengt hatte, zu verantworten. Als der Genosse Utz den Schöffengerichtssaal betrat, wurde er von dem Vorsitzenden des Gerübts in die Anklagebank verwiese», was seinem Verteidiger, dem Genossen Theodor Liebknecht Veranlassung gab, den Amtsrichter unter dem Hinweis auf den bekannten Erlaß des Justizministers dahin zu belehren, daß Beklagte in Privat- beleidiguiigsprozessen nicht die Anklagebank betreten brauchen. Der Richter bestand aber auf seinem Willen mit dem Bemerken,„daß der Angeklagte doch schon vorbestraft sei.' Aus der menschenfreundlichen Bemerkung des Vorsitzenden schloß der Verteidiger nift Recht, daß der Richter gegen dcir Be- klagten voreingeiiominen sei und aus diesem Grunde lehnte er den Borsitzenden wegen Befangenheit ab. Dem Amtsrichter blieb nun nichts weiter übrig, als den Termin auf unbestimmte Zeit zu ver- tage». Man darf auf die Entscheidung gespannt sein, die das Land« gericht in dieser Richterablehmmg fällen wird. Dabei bandelt es sich beim Genossen Utz ilur um Vorstrafen wegen Pretzvergehen, Strafen, die bei einem Redalteur der oppositionellen Presse unvermeidlich sind, vor denen selbst der zahmste Amtsblatt-Redakteur nicht sicher ist. Für manchen preußischen Gcrechtigkeilsbeamten ist aber eilt Preßfünder ein„vor- bestraftes Subjekt', der bei ihm noch hinter irgend einem»schweren Jungen' rangiert._ Beleidigte Moaviter. Der Parteisekretär Genosse Steinhold D r e s ch e r in H a N e a. S. wurde am Montag von der Strafkammer zu E i s l e b e n zu 100 M. Geldstrafe oder 10 Tagen Gefängnis verurteilt, weil er die Berliner Schutzleute in Verbindung mit den Moabiter Vorgänge» gebracht hatte. In einer Versammlung zu Klostermansfeld sollte er nach der Anzeige des Ortsgcndarmen geiagt haben:»Der Schutzmann, der einen ruhig seines Weges gehenden Mann mit dem Säbel von hinten durchstochen habe, sei schlimmer als ein Raubmörder. Solche Leute, die als Helden gelten, haben vorn auf der Brust noch solch ei» Ding bekommen, das man in Berlin Orden nennt. Es sind die größten Schufte von Beamten in Berlin gewesen, die emeil Orden be- kommen haben.' Drescher bestritt entschieden, eine solche plumpe Wendung gebraucht zu haben. Gerade das Gegen« teil habe er gesagt, nämlich er nehme an, daß die beiden Beamten, die den Arbeiter Herrmann erschlagen haben, sich nicht unter den mit Orden bedachten Schutzleuten befinden. Aber der Gendarm Panzrain beschwor seine Notizen. Die fünf Eni- lastungszeilgen konnten zwar Positives nicht mehr nach fünf Monaten behaupten, aber keiner hat auch solche Redewendung gehört. Allen ist der Genosse Drescher als ein geschickter Redner be- kannt, und keiner traut ihm auch solche plunipen Aussühlungen zu. Der Staatsanwalt beantragte 300 M. und Publikationsbefugnis für den Berliner Polizeipräsidenten. Man ließ es mit 100 M. geniig sein, da das Gericht annahm, daß sich„der sonst ruhige und aci'chickle Redner im Drucke der öffentlichen Meinung über die da» maligen Moabiter Borgänge hghy hinreißen lasset»', diese Rede» KMultg dpch& gebrauchen Der Protest Dke 31 VersaMmIuttgSK, die Dienstag abend in Berlin abgehalten wurden, waren masseichast besucht. Die meisten Säle mußten bald nach Beginn gesperrt werden. Dort, wo neben den Sälen auch Gärten zur Verfügung standen, wurden auch im Freien Versammlungen abgehalten. Die Tausende, die nicht mehr in die Säle konnten, warteten auf den Straßen den Ausgang der Versaminlungen ab. Namentlich in den proletarischen Zentren erhielt so das Bild durch die in Scharen die Straßen einnehmenden Wahlrechtskämpfer ein charakteristisches Gepräge. Besonders die in und bei Rixdorf gelegenen Lokale übten eine große Anziehungskrast aus. Originell wirkte der Zuzug nach dem Gewerkschaftshause, wohin die> Besucher teilweise in geschlossenen Missen anrückten. Im vierten Wahlkreise waren besonders die Prachtsäle des Ostens stark gefüllt. Tie Brauerei Friedrichshain im fünften Kreise übte ebenfalls die gewohnte Anziehungskraft aus. Aber imponierend war das Straßenbild vor allem in Rixdorf und im sechstm Wahlkreise, wo die Besucher bis auf die Straße hinaus standen. Beson- ders vor dem Prater in der Kastanien-Allee und in der Bad- straße sowie vor den Pharussälen in der Müllerstraße hatte die Straße ihr gewohntes Aussehen völlig verloren. Die Bürgersteig? waren dort auf beiden Seiten durch Tausende von Personen besetzt, denen der Eintritt in die überfüllten Säle unmöglich war. Nach Schluß der Versammlungen bildeten sich spontan einzelne Demonstrationszüge. Die Marseillaise ertönte und Hochrufe auf das Wahlrecht wurden laut. Im oberen Teile der Schönhauser Allee kam es leider zu einem durch die Nervosttät der Polizei verursachten Zwischen- fall. Tort erhebt sich oberhalb des Ningbahnhofes ein neues Stadtviertel von der Größe einer mittleren Provinzstadt. Dieses ganze � Stadtviertel besitzt als Zugang zur inneren Stadt nur die Brücke über den Nordring beim Bahnhof Schönhauser Allee. Es war ganz natürlich, daß sich nach Schluß der Versammlung im Prater eine auf zirka 7000 Personen geschätzte Menschenmenge auf dem Heimwege durch die Schönhauser Allee nach jener Brücke hin ergoß. Jeder, der die dortigen Verhältnisse kennt, wird das. begreifen können. Aber was an sich natürlich ist, ist es noch nicht in den Augen unserer Berliner Polizei. Diese.machte den Versuch, die Menge in bekannter Manier an der Stargarder Straße zu zerstreuen. Wie überflüssig dieses Manöver war, ergab die Entwickelung der Dinge. Die Menge gelangte trotz der poli- zeilichen Strategie über die Brücke und zerstreute sich dann ohne jede„freundliche" Nachhilfe ap der Ecke der Schivel- beiner Straße, wo sie rechts und lin/s Gelegenheit zum Aus- einandergehen fand. In den Versammlungen begründeten die Redner folgende Resolution: „Die Versammlung nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß die Majorität des preußischen GeldsackparlameNts die Forde- rung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl- rechts verworfen und damit die dringend st e Aufgabe der Gegenwart wiederum verschleppt hat. Sie konstatiert, daß die konservativen WahlrechtSfeinde allein zu schwach wären, der Forderung des gleichen Rechts länger Widerstand zu leisten, wenn sie nicht die Unterstützung des Zentrums und der Nationalliberalen gefunden. Sie brandmarkt das Verhalten der Nationalliberalen, die im Bunde mit den Konservativen das gleiche Wahlrecht zu Fall brachten; aber die Versammelten durchschauen auch das heuchlerische Spiel des Zentrums. Dieses stimmte für das gleiche Wahlrecht in der Gewißheit, daß es durch die Nationalliberalen ohnehin verworfen wird. Es eilte aber den Konservativen sofort zu Hilfe, als eS galt, die abscheuliche Ungerechtigkeit der Wahlkreis- e i n t e i l u n g aufrechtzuerhalten. Die Versammlung betrachtet es als eine Mißachtung des Volkes, daß die Regierung ihre Demut vor den herrschenden Parteien des DreiklassenhauseS soweit getrieben hat, in dieser wichtigsten politischen Frage des preußischen, und deS deutschen Volkes nicht einmal das Wort zu ergreifen. Die Versammelten erklären, alle Kräfte einsetzen zu wollen. um dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht zum Siege zu verhelfen. Sie empfinden es als eine unerträgliche Schmach, daß Preußen dem Dreiklassenunrecht ausgeliefert bleiben soll, während das Volk von Elsaß-Lothringen bereits im Herbst seinen Landtag nach dem gleichen Wahlrecht wählen wird. AIS eines der wichtigsten Mittel im Kampfe um die Wahl- reform erkennt die Versammlung den richtigen Gebrauch des ReichstagSwahlrechtS. Keine Stimme soll' einem Wahlrechtsfeind gegeben werden. Die Niederwerfung der volksfeindlichen Reaktion bei den ReichstagSwahlen schafft zugleich freie Bahn für die Wahlreform in Preußen. Deshalb werden die Versammelten all ihre Kraft aufbieten, um bei der ReichstagSwahl den Sieg der Sozialdemokratie zu einem überwältigenden zu gestalten." Tie Versammlungen gestalteten sich zu einer ein- drucksvollcn Kundgebung der Arbeiter Berlins für die Er- oberung der politischen Freiheit und zu einer imposanten Bekundung der internationalen proletarische« Solidarität. Erster Wahlkreis. Außergewöhnlich zahlreich hatte sich die Bevölkerung deS 1. Wahlkreises in Trösels großem Saal in der Neuen Friedrich- straße versammelt. Die Sitzplätze reichten lange nicht aus, und es zeigte sich, daß auch in dieser Stadtgegend, wo doch im Ver- hältnis wenige Arbeiter wohnen, die Komödie, die die Regierung und ihre Helfershelfer mit der Wahlrechtsfrage zu spielen suchen, aufpeitschend gewirkt hat. Das trefstiche Referat deS Genossen Pieck fand stürmischen Beifall, und ebenso die darauffolgende Ansprache des ReichStagSkandidaten Redakteur Düwell, der mit beißendem Spott das Verhalten der Regierung und ihres schwarz- blauen Anhangs geißelte und in kraftvollen Worten zum Kampf gegen die Wahlrechtsfeinde aufforderte.. Im zweite» Wahlkreis im großen Saal der Bockbrauerei. Tempelhofer Berg, sprach unter großem Beifall der Reichstagsabgeordnete Eichhorn vor einer dichtgedrängten Menge von Männern und Frauen.— In der Nähe de« Lokals lag die Polizei bereit, als fürchte man Siraßcndemonstrationen. ober die Menge dachte nicht an Demon- strationen anderer Art, sie begnügte sich damit ihren Willen und ihre Meinung klar und deutlich in friedlicher Versammlung zum Ausdruck gebracht zu habe». In KliemS Festsälen, Hasenheide, war der große Saal schon vor 8 llhr so gefüllt, daß der Vorsitzende die Ver- sammelte» auffordern mußte, reckt eng zusammenzurücken, um für die Andrängenden noch Platz zu schaffen. Der Redner. Genosse Düwell, fand die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden und allgemeine stürmische Zustimmung.— Die Polizei beobachtete die Versammlung sehr scharf. Zwei radfahrende Beamte standen vor dem Tor bereit. Polizeiosfizicre kamen und ließen sichl berichten, waS etwa im An» äuge sein könnte, aber es geschah nichts; die Versammelten zerstreuten sich in größter Ruhe. Ansammlungen auf der Straße fanden nicht statt._ Perontw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. In jeratenteil vergntw./ der Masten. Dritter Wahlkreis.' Vor einer erdrückend überfüllten Versammlung sprach in den Arminhallen Genosse Mermuth. Saal und Galerien konnten die Massen kaum aufnehmen, in dem Vorraum standen die zu spät ge- kommenen Vcrsammlungsbesucher Kopf an Kopf. Graumanns Saal in der Naunhnstraße und das Gc- werkschaftshaus, Engelufer, waren schon kurz nach Uhc polizeilich abgesperrt. Im großen Saal des Gewerkschaftshauses sprach, oft von Beifall unterbrochen, Genosse Hildebrand und nach ihm Frau M c i st e r, die einen außerordentlich wrrkungs- vollen Appell an die zahlreich anwesenden Frauen richtete. Hun- dcrte von Wahlrechtsdemonstranten warteten im Hofe des Gewcrk- schaftshauses und auf der Straße den Versammlungsschluß ab. Als dieser mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie und auf das freie Wahlrecht gegen 10 Uhr erfolgte, bildete sich ein aus etwa 100 Personen bestehender Zug, der seinen Weg über die Adal- bertbrücke, durch die Adalbertstraße nach der Oranienstraße nahm, ungehindert bis nach dem Moritzplatz gelangte, wo er sich unter be- geisterten Hochrufen von selbst auflöste. Als dieser nächtliche De- monstrationszug in der Naunhnstraße, wo bei Graumann Genosse Kubig referierte, beantwortete die dort vor dem Lokal harrende mehr als hundertköpfige Menge das Wahlrechtshoch der Vorüber- ziehenden mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie. Unter stürmischen Hochrufen verließen die Versammlungsbesucher das Lokal in der Naunhnstraße, um den Heimweg einzuschlagen, Vierter Kreis. Sämtliche Säle im Osten, die unsere Genossen belegt hatten, waren überfüllt in einem Maße, wie es wohl selten vorkommt. Das Wort vom allerletzten Platz, der besetzt gewesen, traf niemals mehr zu, als diesmal. In den AndrcaS-Festsälen schaffte man schon von vornherein mehr Platz durch Hinausbringen von Tisckjen, und doch wollten Saal und Lalerien nicht ausreichen für alle, die herzuströmten, um ihre Stimme zu erheben für ein gerechtes Wahl- recht und gegen die selbstsüchtigen Frevler, die in unverantwort- licher Weise mit den Gefahren eines Völkerkrieges spielen. Bald mußten viele davon absehen, noch unterzulommen. Ebenio war es bei L i t f i n in der Memeler Straße, wo Genossin I u cha r e z re- fcrierte. Nachdem im Saal und im Vorraum beim besten Willen fchon frühzeitig kein Plätzchen mehr zu haben war und die Polizei abgesperrt hatte, fluteten noch lange die Ueberzähligen auf der Straße hin und her oder verweilten auf dem nahen Platze. Die gleichgültigen Passanten wurden so daran erinnert, daß das Voll wieder ,mal die vorenthaltenen Rechte forderte. Die„Prachtsäle des Ostens" wurden schon gegen 8 Uhr poli- zeilich gesperrt. Eine erhebliche Zahl von Demonstranten mußte umkehren. Viele füllten den großen Vorhof beziehungsweise Garten. Draußen in der Landsberger Allee war das„Elhsium" das Ziel von Tausenden. Im großen Saal waren mindestens 2000 Personen versammelt und im Garten vor den geöffneten Fenstern lauschten noch Hunderte den Ausführungen des Genossen Oscar Cohn, während im kleinen Saal schnell noch eine zweite Versamm- lung improvisiert wurde, an der auch 000 Personen teilnahmen. Hierzu kommen noch die anderen, welche sich im Garten zerstreuten. Sicher waren es so an 3500 Personen, die ssich zur Versammlung in diesem Etablissement eingefunden hatten. Der fünfte Kreis hatte nur eine Versammlung einberufen und zwar nach der Brauerei„Friedrichshain". Schon in den frühen Abendstunden fanden sich die ersten Versammlungsbesucher ein und nicht lange dauerte es, da war der große geräumige Saal samt seinen Gallcrien dicht besetzt. An die 5000 Menschen waren es sicher, die sich hier zusammengefunden hatten. Genosse Adolf Hosfmann refe- rierte. Seine an sich schon sarkastische Rede tonnte er, infolge seiner Kenntnisse, die in seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter beruhen, mit recht drastischen Bildern aus dem Dreiklassenparla- ment zieren. Es ist wohl selbstverständlich, daß seine Ausführungen den ungeteilten Beifall der Versammlung fanden. Nur ein Herr Schneider, der sich in der Diskussion zum Worte meldete und sich sofort als Gegner vorstellte, hielt eS nicht für richtig, daß die Versammlung sich auch mit der Marokkofrage beschäftige: sie sollte es bei dem Protest gegen das Wahlunrccht bewenden lassen, weil auch die Arbeiterbevölkerung an dem Bc- streben, die kolonialen Besitzungen zu vergrößern, interessiert wäre. Der Genosse Wels verwies den Herrn auf den im Abendblatt deS„Berliner Tageblatts" enthaltene» Artikel: Die Vorgeschichte der Pantherfrage betitelt, die ihm hinsichtlich der Behauptung, daß die Frage der Entsendung eincS Kriegsschiffes erst Wochen nach dem Dementi der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" akut ge- worden wäre, gänzlich ins Unrecht setze. Redner verlangte, daß die Regierung den Reichstag, die Volksvertretung zusammen- berufen und dem Volke über die Angelegenheit Aufklärung gebe» solle, wie es in Frankreich und England geschieht. Genosse Hoffmann machte sich in seinem Schlußwort über die Moral des Herrn Schneider natürlich unter fortwährenden HeiterkeitSausbrüchen der Versammelten recht lustig. Die Resolutionen wurden beide einstimmig angenommen. Ein kräftiges Schlußwort des Vorsitzenden Friedländer, ein Hoch auf die Partei und die Versammlung ging unter Absingung der Mar- seillaise auseinander. Sechster Kreis. Die Germania-Festsäle waren wohl selten bei ernsten Anlässen von lo gewaltigen Menschenmasscn besucht, wie am gestri- gen Abend. Schon vor 8 Uhr war der große Saal gefüllt. Aber es kamen immer mehr Menschen herbeigeströmt, und man drängte sich im Saale so eng wie nur irgend möglich zusammen, um Raum zu schaffen, doch gelang es bei weitem nicht, allen Einlaß zu ge- währen. Es war kaum HQ Uhr, da ließ die Polizei den Torweg absperren. Die Empörung des Volkes über die fortdauernde Wahl- rechtsschmach in Preußen, wie über die neuesten weltpolitischen Machenschaften der ReichSregicrung im Bunde mit den kapitalisti- scheu Parteien, durchzitterte die versammelten Missen und kam in der kernigen Rede deS Reichstagsabgeordneten Ledebour zum Ausdruck. Im Prater-Tbeater in der Kastanienallee war der Saal sehr bald überfüllt. Selbst in den Vorballen und Nebenräumen standen die Massen dicht gedrängt Kopf an Kopf. Der große Garten mußte schließlich ein gut Teil der Besucher aufnehmen. Im Saale behandelte Genosse Davidsohn unter wiederholtem Beifall der Versammelten das Thema des TageS. Die vorgeschlagenen Resolutionen wurden einstimmig angenommen. Mit dem begeisternden Hoch auf die Partei schloß die Versammlung. In F r a n k e S F e st f ä l e n in der B a d st r a ß e hatte man vorsichtigerweise sämtliche Tische und Stühle aus dem Saale cnt- fcrnt. Aber um �8 Uhr schon standen Männer und Frauen Kopf an Kopf dicht gedrängt und es war noch nicht 8 Uhr, da gab? auch schon in dem geräumigen Garten fast kein Plätzchen mehr. Von draußen her drängten aber immer neue Massen herein und man war gezwungen, die Rednertribüne im Garten zu plazieren. Die kühle Temperatur vermochte der Versammlung unter freiem Himmel keinen Abbruch zu tun. Der Ernst der Sache ließ bei der den Worten deS Redners lauschenden Menge körperliches Un- behagen nicht aufkommen. Draußen auf der Straße wogte bis Schluß der imposanten Versammlung eine tausendköpfige Menge hin und her, ernst und ruhig, ohne den bei hurrapatriotlschen An- lassen üblichen Spektakel. Ernst und ruhig gingen die Tausende nach der eindrucksvollen Kundgebung auseinander. Eine gewaltige Demonstration sah die M ü l l e r st r a ß e. Das große Etablissement der„Pharussäle" war von Menschen- masscn geradezu überflutet. Beide Säle sollten der Kundgebung dienen, sechs solcher Säle aber wären notwendig gewesen, die Bataillone der anmarschierenden Proletarier aufzunehmen. Wer konnte sie zählen, die Massen, die im oberen Saale Schulter an TH.Glockr, Berlin. 2 ruck n. Verlag; Vorwärts Luüdr. lt«erlagSanstalt| Schulter standen, litt unleren Saale wie festgemauerl jeden Versuch. durchzukommen, unmöglich erscheinen ließen und in den Fluren und Treppen sich stauten, den riesigen Garten schwarz belagerten! Und Hunderte und neue Hunderte drängten fortgesetzt heran. Es war ein imposantes Bild, als einer der Redner hoch von der Freitreppe aus begann zu den Massen zu sprechen, während ein zweiter Redner im oberen Saale seiner schweren Aufgabe gerecht wurde. Und draußen auf der breiten Straße wimmelte es von Demonstranten, die ruhig ausharrten, bis der gewaltige Strom aus den Sälen und dem Garten sich zu ihnen ergoß. Im Moabiter Ge s e l l sch a f t sh a u s war der Andrang der Massen schon lange vor der angesetzten Zeit so stark, daß der Vorsitzende gezwungen war, einen Teil der Versammlung in den zweiten unteren Saal, und da sich auch dieser als viel zu klein er- wies, in den großen Garten zu verlegen. Genosse Grunwaldt fand die begeistertste Zustimmung, als er der Versammlung einen Nachsatz zu der verlesenen Resolution vorschlug: „Die Versammlung verurteilt zugleich auf das schärfste den eben von neuem ausgebrochenen Marokkorummel und verpflichtet sich, einmütig für den Frieden und gegen den Krieg zu kämpfen. In diesem Sinne grüßt sie voll brüderlicher Eintracht die Pro- letarier aller Länder." Im großen Garten sprach unterdes Genosse M o s e S. Sowohl im großen Saal als auch hier wurde die Resolution einstimmig angenommen� � Außerdem fanden noch eine Anzahl Versammlungen in den Vororten statt, über die wir aus Raummangel morgen berichten müssen.-# Frankfurt a. M.. 4. Juli.(Privattelegramm deS „Vorwärts".) Die Arbeiterschaft von Frankfurt a. M. pro- testierte heute abend in einer imposanten Versammlung gegen daS Verhalten des schwarzblauen Blocks im Landtag. Die Versamm- lung fand gleich nach Arbeitsschluß unter freiem Himmel im großen Tivoligarten auf dem Sachsenhauser Berg statt. Von zwei Tri- bünen hielten die Genossen E m m e l- Mülhausen und Dr. Q u a r ck- Frankfurt a. M. zündende Ansprachen. Unter stürmischer Zustimmung der über 5000 Versammelten geißelten die Redner die Haltung der Mehrheit des preußischen Geldsacksparla- ments und der Regierung. Sie erhoben unsere Forderung deS gleichen, allgemeinen, freien Wahlrechts. Sie kündigten die Ab- rechnung mit der Reaktion bei den ReichstagSwahlen an. Die Berliner Resolution des PartcivorstandeS wurde angenommen. Die Polizei hatte wieder umfassende Vorkehrungen getroffen, die Main. brücken besetzt und auch sonst an verschiedenen Stellen Mannschaften untergebracht. ES kam aber zu keinen Zwischenfällen. Die De- monstranten zogen in losen Gruppen, teilweise die Marseillaise singend, heimwärts. Ii Gewerkschaftliches siehe 1. Beilage. Hetzte Nachrichten. Tie deutsche Marokkoaktion. Paris, 4. Juli.(H. B.) Der heute nachmittag auS Anlaß der Marokkoereignisse abgehaltene Kabinettsrat war nur kurz. Die endgültige Antwort der englischen Regie- rung zur deutschen Intervention lag noch nicht vor, weil in London selbst ein KabinettSrat zur Verhandlung anberaumt war. Infolgedessen wurde auch keinerlei offizielle Note über die Bc- ratung deS französischen Ministeriums ausgegeben. Offiziös wird jedoch versichert, daß nach den bisher auS London und Petersburg eingetroffenen Berichten keinerlei Grund vorliege, an der voll- kommenen Uebereinstimmung der englischen und russischen Regierung mit der französischen Repu- blik zu zweifeln._ Frankreich über Teutschlands Vorgehe«. PariS- 4. Juli.(Privattelegramm d eS.Vor- wärtS".) In einem Leitartikel führt.. TempS" aus, daß er nicht glaube, Deutschland wolle sich in Aga dir festsetzen, dazu hätte eS nicht ein einfaches Kanonenboot geschickt, auch wäre eine Kohlenstation in Agadir im Kriegsfalle nicht sehr nützlich. Für eine mittelmäßige Erwerbung würde Deutschland nicht den Ge- winn der fortgesetzten Bemühungen der englischen-deutschen und französisch-deutschen Annäherung der letzten Monate riskieren. Die Demonstration von Agadir ist wahrscheinlich nur ein Mittel. um Frankreich an die Nützlichkeit einer Verständigung zu mahnen. die P i ch o n 1909 erfolgreich begonnen, 1910 über verschiedene Gegenstände sortgesetzt hat, Monis aber 1911 fallen ließ. Was Deutschland will, ist ein G e s chä f t, was Frankreich bieten wird. ist ungewiß. ES wäre jedenfalls lächerlich, daS kleine Boot tragisch zu nehmen. Die von der Presse demonstrierte Kaltblütigkeit wird vom Publikum nicht ganz geteilt und auch heute schloß die Börse mit einem Rückgang der Kurse. „TempS" berichtet über die Landschaft S u S. daß eS agri- kolen Reichtum besitzt, aber furchtbaren Trockenheiten ausgesetzt ist. Ob der Bergbau so ertragreich, sei erst noch zu beweisen. In Agadir ist zurzeit kein Europäer; in Tarudat drei oder vier. Der gesamte deutsche Handel beträgt 75 000 Pesetas. ES komme hauptsächlich Mannesmann in Frage, daneben zwei andere Häuser, die besonders Zicgenfelle kauften. Für Europäer ist derzeit eine Landung unmöglich: der einzige Punkt, wo Deutsche sind, ist 80 Kilometer von der Küste entfernt, 100 Kilometer von Aga- dir, so daß eS sehr fraglich wäre, waS die Besatzung Panther im Notfall nützte. Interpellationen in der französischen Kammer. PariS, 4. Juli.(W. T. B.) Deputiertenkammer. Im Laufe der Sitzung heute nachmittag erklärte Präsident Brisson, er habe von den Deputierten Pourquery, de Boisserin. I a u r e s und V a i l l a n t Juterpcllationsanträge betreffend die deutsche Tcmonstration in Marokko erhalten. Ministerpräsident Caillaux erklärte, da der Minister des Aeußcren abwesend sei, könne ein Zeitpunkt für diese Interpellationen nicht festgesetzt werden, falls die Regierung sie annehme, bevor der Minister zu» rückgekehrt sei. Die Festsetzung deS Zeitpunkte» wurde darauf ver- tagt._ Spanien in Marokko. Madrid, 4. Juli. Die spanischen Truppen nahmen gestern neue Stellungen im Rifgebict ein, die den oberen und unteren K e i n t f l u ß sowie das linke Ufer des M u l u j a beherrschen. Sie besetzten ebenfalls die nächste Umgebung von Tetuan, so daß diese Stadt tatsächlich in ihrer Gewalt ist. Tie Räumung Ceutas durch die Strafkolonie wird eiligst bewerkstelligt� da Ceuta in einen Hand nicht von großer Bedeutung zu sein. Die konservative Presse macht von den Geschichten nicht viel Aufhebens. Zweifelsohne ist die bestehende politische Lage den Streikenden günstig. Mit unverhohlener Freude sehen die Konservativen zu, wie sich die liberale Regierung in ihrer Abhängigkeit von den großen Reedern unpopulär macht. Bemerkenswert ist die Hand- lungsweise des Vorsitzenden des internationdlcn Komitees der eng- tischen Seeleute, der dem konservativen„Daly Telegraph" einen langen Brief geschrieben hat, in dem er dieses Blatt wegen seiner unparteiischen Stellungnahme lobt. Masseuaussperrnngen in Skandinavien. Nachdem es erst im Frühjahr mit viel Mühe und Rot ge« lungen war, die MassenauSsperrungßgclüste deS dänischen Unternehmertums abzuwehren, ist jetzt das Unternehmertum in Schweden und in Norwegen dabei, gewaltige wirtschaftliche Kämpfe zu entfesseln. Wie schon telegraphisch gemeldet, beginnt in Schweden mit dem 10. Juli die allgemeine Aussperrung im Baugewerbe und den verwandten Berufen, soweit die Macht des hier maßgebenden„Zentralen Arbeitgeberverbandes" reicht. Die Ursache des Kampfes ist, daß das Unternehmertum einen Teil der Arbeiterschaft Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen aufzuzwingen sucht, was die Arbeiter sich nicht ruhig gefallen lassen. — Die Norwegische Arbeitgebcrvercinigung hat zum 8. Juli eine allgemeine Aussperrung der Sägewerks-, Zellulose- und Papier» fabrikarbeiterschaft beschlossen, wobei ungefähr 17 000 Mann in Frange kommen, und zum 15. Juli«ine ungefähr 15 000 Mann umfassende allgemeine Aussperrung in der Eisen« und Metall- industrie. so daß also in Norwegen rund 32 000 Arbeiter zum Feiern verdammt werden sollen. Die Ursache ist hier, daß die 3000 Bergarbeiter«ine bescheidene Aufbesserung ihrer Löhne verlangen. Das Unternehmertum hat herausgerechnet, daß in den Bergwerken bei Akkordarbeit immer noch 42 Oer« die Stunde verdient werden, und will deshalb auf die Forderungen der Arbeiter, die noch viel ge- ringcren Zeitlöhne zn erhöhen, nicht eingehen. Die norwegische Regierung hat sich bemüht, eine Einigung zwischen den Parteien zustande zu bringen, und auch in Schtveden versuchte man, durch die staatsangestellten Vermittler der MassenouSsperrung, die hier gegen 40 000 Mann treffen wird, vorzubeugen. Aber die Friedens- bestrcbungen scheiterten hier wie dort an der Unnachgiebigkeit des Unternehmertums, das offenbar in beiden Ländern übereinge- kommen ist, glcichzeittg gegen die Arbeiterschaft vorzugehen, um dadurch leichteres Spiel zu haben. Die Arbeiterschaft ist jedoch auf diese Kämpfe gefaßt und wird sie, nachdem sie sich als unver» meidlich erwiesen haben, auch mit Erfolg zu führen wissen. ver FraucDinord am Humbolckthafeii. Die gestrige Sitzung begann unter kolossalem Andrang deS Pu» blikums, welches sich schon vor 8� Uhr an den Eingangstürcn ange- sammelt hatte. Nach Eröffnung der Sitzung macht Rechtsanwalt Dr. Philipp darauf aufmerksam, daß in der gestrigen Vernehmung des Zeugen Brinkmann offenbar ein Punkt in seiner Aussage falsch verslanden worden sei. Brinkmann habe nur bekundet, daß Meißner ihm erzählt habe,„sie hätten ein Mädchen auf dem Kahu gehabt", und nicht gesagt habe, wir haben ein Mädchen usw. Zeuge Lossow, der gestern den Angeklagten Meißner stark be- lastet hat und von dem die Verteidigung behauptet, daß er nur auf die Belohnung spekuliert habe, behauptet, ckatz er zwar die Zeitung ständig gelesen habe, jedoch von der Aussetzung einer Belohnung nichts gelesen habe. Der Kriminalschutzmann Vrumm bekundet als Zeuge folgen» deS: Er kenne den früheren Mitbeschuldigten Richter als sogenannten„wilden Kofferträgcr" vom Lehrter Bahnhofe her. Als der Ver» dacht auftauchte, daß Nichter beteiligt sei, habe er sich den Richter geholt und ihm gleich inS Gesicht gesagt, er solle doch lieber die reine Wahchcit sagen. Die Sache sei ja gar nicht so schlimm, da es ja kein Mord sei. Sie hätten daL Mädchen nicht um es zu töten, sondern aus anderen Gründen auf den Kahn geschleppt. Erst als er, Zeuge, ihm daS Strafgesetzbuch vorlegte und ihm zeigte, daß der Mordparagraph nicht in Anwendung kommen könne, sei Richter zutraulicher geworden. Er habe jedoch trotzdem ge» äußert,„wenn er 15 Jahre„Z." kriegen sollte, nehme er sich daS Leben.'Nunmehr habe ihm Richter ei« umfassendes Geständnis abgelegt. Er habe ihm erzählt, daß er am Lehrler Bahnhof gei'tan» den habe, um bei dem 8,20 Uhr eintreffenden Zuge einen Auftrag zum Koffcrtragen zu erhalten. Als er einen solchen Auftrag nicht erhielt, sei er zum Hasen hinuntergegangen und habe hier den jetzig:» Mitangeklagten Wolfs getroffen. Schließlich sei auch noch ein Mann, der Schiffer gewesen sei und den Vornamen„Ernst" gehabt habe, und der Angeklagte Wegner hinzugekommen. Alle vier hätten dann zwei Mädchen angesprochen und auf den Kahn mitgenommen, auf welchem jener Ernst beschäftigt gewesen sei. Richter habe ihm eine sehr detaillierte Schilderung der Vorgänge in her Kajüte gegeben und unter anderem auch mitgeteilt, daß sich die Getötete mit Händen und Füßen gewehrt und um sich geschlagen habe, bis ihr, um sie am Schreien zu verhindern, von ihm selbst eine bunte Steppdecke auf den Kopf gedrückt worden sei. Als die Decke dann nach einiger Zeit hochgenommen wurde, sei die Gcnot- züchtigte tot gewesen. Der„Schiffer Ernst" habe zuerst den Plan gefaßt, die Tote in die Spree zu werfen. Die Leiche sei dann in einen Sack gesteckt und vom Hafen aus nach der Spree geschleppt worden. Unterwegs hätten sie den Sack einmal absetzen müssen,, da er sehr schwer gewesen sei. Auf dem Wege zum Polizeipräsi. dium habe ihm, Zcug:n, Richter noch erzählt, daß die Kleider der Getöteten in der Kajüte geblieben seien. Richter habe ihm diese ganze Geschichte in vollkommenem Zusammenhange und mit allen möglichen Details erzählt, so daß seine Angaben ihm nach jeder Richtung hin glaubwürdig erschienen. Als Richter dann sein Geständnis wiederrufcn hatte, habe er. Zeuge, und der Kri- mjnalschutzmann Kuhlmeh dm Auftrag erhalten, ihm de» iw LelcffensHau�ause befindlichen Kopf der Geiöteken zu zeigen. Auf der Fahrt habe er dem Richter seine Verwunderung darüber aus- gesprochen, daß er plötzlich mit seinem Geständnis„umgeschmissen" sei. Richter habe ihm geantwortet, daß die Sache doch schlimmer sei, denn der Oberaufseher im Untersuchungsgefängnis habe ihm gesagt, er solle nur seine Knochen in einen Sack packen, außerdem sei er gefesselt vorgeführt worden; er merke deshalb, was los sei. Der Zeuge hat hierdurch erkannt, daß Richter wieder auf den Gedanken gekommen sei, er könne wegen Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt werden. Aus Angst hiervor habe er sein Geständnis widerrufen. In dem Äeichenschauhause habe sich Richter dann schon vorsichtiger ausgedrückt und als ihm der Kopf der Getöteten gezeigt wurde, nur gesagt:„Das ist das Mädel vom Hurnboldthafen." Später habe Richter noch geäußert:„Na, 15 Jahre kriege ich ja dochl" Zum Schluß der Beweisaufnahme gaben die gerichtlichen Sach- verstängigen Geh. Medizinalrat Professor Dr. Straßmann. Gerichtsarzt Dr. Strauch und Dr. Magnus Hirschfeld Gutachten über die Intelligenz der Zeugin Wesemeyer ab. Die Gutachten gehen dahin: ber der Zeugin sei ein gewisser Schwachsinn zu konstatieren, sie stehe an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit, sei eine geistig tief stehende Persoir, die zwar unfähig ist, eine Er- zählung, wie sie sie gemacht hat, zu erfinden, aber schtverlich über das Wesen und die Bedeutung des Eides sich klar sei. Das Gericht beschloß darauf» die Zeugin Wesemeyer nicht zu beeiden. lieber den Geisteszustand des im Untersuchungsgefängnis der- storbenen Richter gehl die Ansicht des Dr. H i r f ch f e I d dahin, Richter sei ein hochgradiger Alloholiker gewesen. Daß Richter, wie von dem Untersuchungsrichter Wctzcl bekundet ist, den Eindruck eines völlig gebrochenen Menschen machte, der schließlich Selbstmord be- ging, könne ebensogut eine Folge der Alloholentziehung als ein Zeichen der Reue und des Schuldbewußtseins sein. Sollte es sich bei Richter um einen Fall von Alkoholverblödung handeln, so wäre auf seine Selbstbezichtigung nicht viel zu geben. Hierauf folgten die Plädoyers des Staatsanwalts und der Verteidiger. Da die Folmulierung der Schuld fragen infolge der nötigen mehrfachen Abschriften längere Zeit in Anspruch nahm, beschloß das Gericht um S>/, Uhr abends die Sitzung abzubrechen und auf Mittwoch 2 Uhr nachmittags zu vertagen. Eue Indiiftne und Randel. Zur Baumwollfrage. Man schreibt uns: Im Jahre 1892 fiel der Banmwollwurm über die mexikanische Grenze in den UnionSstaat Texas ein und breitete sich von Jahr zu Jahr langsam weiter aus. Man schenkte ihm wohl nicht die Auf- merlsamleit, die er verdiente. Als die Stürme, welche ün Sommer iOOO im.Golfe von Mexiko und an der Küste von Texas wüteten und den größten Teil der großen Hafenstadt Galveston ins Meer warfen, auch den Bauniwollwurm weit über die Lande trieben, erkannte man die Gefahr. Der kleine Schädling, der sich in einer Saison von einer Familie bis zu 15 000 000 Exemplaren entwickelt, vernichtete immer größere Teile der Baumwollernte von Texas, dann der der Staaten Oklahoma, Arkansas, Louisiana. Er drang weiter vor nach dem Staate Mississippi und in die Staaten östlich vom Misfissippi-Fluß. Ungeheueres Elend brach damit über die Bauniwollpflanzer herein, um so mehr als gerade in den Südstaate» viele der Farmer, in manchen bi« zu 55 Proz. aller Farmer, nur arme Pächter sind. Die wenigcit Staate», welche heule noch vom Bauinwoll» wurme verschont sind, wie Carolina, Alabama, haben große Summen bereitgesetzt. um den Kampf gegen den Baumwollwurm aufzunebmen, sobald er eindringen sollte. Aber die Gefahr, daß sich der Baum- wollwurm weiter ausbreitet und damit weiteres Elend über arme Farmer als auch über amerikanische und europäische Textilarbeiter bringt, scheiur nicht vorhanden zu sein. Das amerikanische Ackerbau- minislerium hat seit vielen Jahren mit dem Bodenbau vertraute Männer ausgebildet zum Kampfe gegen den kleinen Schäd- Img. Diese Agenten der Regierung, eS sind jetzt gegen 550. reisen das ganze Jahr unter den Baumwollpflanzern herum, suchen in jedem kleinen Beziile die tüchtigsten Farmer aus und veranlassen sie, einen Acre Baumwolle möglichst an einer Straßenkreuzung nach der Methode des AckcrbauminisicriumS anzu- bauen. Während bisher zwei bis drei Acre? zur Gewinnung eines Ballen Baumwolle nötig waren— im großen Baumwollstaate TexaS drachten im Jahre 1910 10094000 Acres sogar nur S 140000 Ballen— wurden auf den Versuchsfeldern vom Acre bis zu zwei Ballen erbautl Das Ackerbamninisterium hat nunmehr 75 000 Demonstrationsfarmer an der Hand, die wöchentlich einmal von den Negicrungsngenten aufgesucht werden und mit denen die EntWickelung der Ernte besprochen wird. Der Erfolg diese« großen Kampfes gegen den Baumwollschädliiig liegt be- reits klar zutage. Die in den nächsten Tage» er- folgenden statistischen Veröffentlichungen weisen eme Totalernte von 12 005 688 Ballen im Jahre 1910 gegen 10 OOS 139 Ballen ,m Jahre 1909 auf. Das sind noch 600 000 Ballen gegen die seitherigen Erntcsckätzungen für 1910 mehr. Wenn alle Pflanzer die ihnen demonstrierte verbesserte BetriebSmcthode anwenden und damit mög- licherweise nach und nach ein Verschwinden des Banmwollwurmes her- beiaeführl werden sollte, so wären die Südstaaten der Union, welche heute aller Baumwolle der Erde erzeugen, in der Lage. 20000 000 Ballen und mehr pro Jahr zu produzieren. Dazu kommt, daß gerade in den Südstaaten Millionen und Millionen Acres'reichsten BodenS von Sumpf- und Schwemmland der Ent- Wässerung harren, von denen sich ein großer Teil für den Baun»- Wolieiibau eignet.. Das Ackerbauministerinm kann, wie man sieht, dre Pflanzer an- spornen zu höheren Bctriebsmethoden, aber es kann nicht die kapitalistische Wiltschastsordnuiig wegzaubern I Wie schon erwähnt, sind viele der Farmer mir Pächter, in manchen der Südstaatc» 55 Proz. aller Farmer. Die Pachweriräge lanfeil aus ein Jahr und find häufig so, daß die Hälfte, bisweilen sogar Dreiviertel der Ernte dem Besitzer der Farm und nur der Rest dem Pächter als dem wirk- lichen Bebau er des Bodens zufließt! Der Pächter bat natürlich kein Jnteresie daran, Verbesserungen am Boden vorzunehmen, die für das Wachstum der Pflanzen länger als gerade für die laufende Saison von Vorteil sind. Im südlichen Kalisornie» hat ein Versuch mit Baumwollkulturen ein geradezu glänzendes Ergebnis erbracht. Im Jmpcrial-Tate (dieser Name paßt ansgezeichnel für die nordamerikaniiche Republikl, einer Taleb-"« von 2>/z Millionen Acres, von denen sich die Hälfte zur Leioässernng eignet, sind im Jahre 1910 zum ersten Male 1200 Acres mit Baumivolle bepflanzt worden. Die experimentierenden Farmer halten keine Erfahrung in der Baumwollzucht, hatten keine akklimatisierte Saat, und doch war der Erfolg ein durchschlagender hinsichtlich der Qualität wie der Quantität. Die Baumwolle liefert einen schneeweißen seidenartigen Faden, und die Spinner berichten, daß derselbe kräsliger ist als der der Baumwolle auS den Südstaaten und um 30Proz.ergiebiger.Jn diesem BewässenmgStale ist der Ertrag durchschnittlich IV? Ballen pro Acre I Der Baumwollwurm kann wegen der großen Trockenheit, 820 Tage Sonnenschein im Jahre, nicht gedeihen, während anderer- seitS der Boden bewässert werden kann je nach Bedarf. Die Aubau- fläche in diesem Jahre beträgt bereits 10 000 Acres. Während bisher die Bereinigten Staaten für ungefähr 16 000 000 Dollar Baumwolle jährlich von Aegypten kauften, wird in wenig Jahren das Jmperial-Tal diesen Bedarf decken. Die Erleichterung für den Welthandel in Baumwolle ist damit noch keine sehr große. Da aber einmal der Anfang niit Bmmilvollzncht in einem BewäsierungStale gemacht worden ist und ein vorzügliches Ergebnis gebracht hat, wird iiian in auderen Beivässerungstäleru des äußersten Südwestens der Union damit fortfahren. Und Tal- flächen, fähig zur Bewässerung, sind in unabsehbarer Ausdehnung vorhanden. Nicht aus dem Auge lassen darf man, daß in den heißen und trockenen Tälern des südlichen FclsengrbirgeS der Baumwoll- wurm leine Existenz findet und daß der Erlrag dreifach größer ist als in den Südstaaten. Nun gibt es ober auch heute schon in der Republik Mexiko große BewäsicrungStäler und Iveite Be- wSssermigsmöglichkeiten, so daß in absehbarer Zeit auch damit zu rechnen sein wird, daß von Mexiko aus dem Wellhandel Baumwoll- zufuhren erfolgen. Der jährliche Reingewinn im Jmperial-Tale belauft sich auf 70 Dollar pro Acre. Der Acre einschließlich Bewässerungsrecht ist für SO— 60 Dollar zu haben. Kein Wunder, daß bereits amerika- nische Millionäre große Flächen für den ausschließlichen Zweck der Baumwollzucht aligekauft haben. Und so interessant und lehrreich die Baumwöllfrage in ihren verschiedenen EntwickelungSstufen ist, für die arbeitende Klasse müßte gerade die EntWickelung der Baum- wollprodultion int Jmperial-Tale von aushellender Bedeutung sein. Die Zusammenarbeit von Kopf und Hand schafft für einen großen Landstrich eine Bewässerungsanlage von ungeheuerer Ausdehnung; damit wird reicher Boden, dem es aber an Regen fehlt, der Fruchtbarkeit erschlaffen; die Bcarbeitniig dieses Bodens ergibt riesige Erträge. Harte menschliche Arbeit in allen Phasen, aber den Gewinn steckt die Klaffe der Kapitalisten ein, die nie den Schweiß produktiver Arbeit gekannt hat. Die verstadtlichte Elektrizitätscrzeugung. Die Stadt Wien hat der letzten privaten Elektrizitälsunteriiehmung in der österreichischen Hanpistadt, der Allgemeinen Oesterreichischen Slektrizitälsgesellscdaft den Vertrag von 1837 zum 1. Juli 1914 gekündigt. An diesem Tage übernimmt die Gemeinde die Werke und Kabel zum geeicht- lichen Schätzwert, zum Teil mit einem lOprozentigen Abzug. Die Gemeinde bietet 12'/� Millionen Kronen, was der Gesellschaft zu wenig ist. ES ist das eine Gesellschaft, die seinerzeit Rechtsnachfolgerin der Firma Siemens u. Halske wurde. Es schweben übrigens noch Prozesse der Gesellschaft gegen die Stadt, darunter einer aus l'/z Millionen Schadenersatz, weil die Gemeinde, noch zu Luegers Zeiten, durch Brachialgewalt— Feuerwehrmänner— die Gesellschaft an der Herstellung weiterer Anschlüsse an ihr Kabelnetz hiirderte._ Marokko. Nach der Veröffentlichung des Comite des DouaneS, betreffend „Statistiques du Mouvement Coinmercial er Maritime du Maroc" für das Jahr 1909, bewertete sich der Gesamthandel Marokko? im Jahre 1909 einschließlich des Landhandels mit Algerien(17 184 006 Frank) auf 132 612 644 Frank im Vorjahre; davon entfielen auf die Gesamteinsuhr(einschließlich 9 816 006 Frank aus dem Land- Handel mit Algerien) 80 049 899 Frank gegenüber 61 528 479 Frank im Jahre 1908 und auf die Gesamtausfuhr 52 562 754 Frank (1903: 51872 986). Mit folgenden Quanten waren die verschiede- nen am Außenhandel mit Marokko' interessierten Länder an der Einfuhr nach dort beteiligt: Frankreich 25,9 Millionen Frank, England 32,3 Millionen Frank, Deutschland 5 Millionen Frank, Spanien 1,1 Millionen Frank, Belgien 1,9 Millionen Frank, Oesler- reich-Ungarn 2,2 Millionen Frank usw. Wenn auch die deutsche Einsuhr erst an dritter Stelle steht, so ergibt sich doch aus ihrer Steigerung gegen das Vorjahr 1903, die ungefähr 2,2 Millionen betrug, daß unser Export nach Marokko sehr ausdehnungsfähig ist. Die deutsche Einfuhr hat sich von 5,17 Proz. der Gesamtseeeinfuhr nach Marokko im Jahre 1908 auf 7,25 Proz. der Gesamteinfuhr gehoben. Die wichtigsten Warengattungcn, welche nach Marokko importiert werden, sind Weizenmehl, Zucker, Rohseide, Lichte, Baumwollen. Mousseline usw. Der marokkanische Export bleibt hinter dem Import weit zurück, im Jahre 1809 um beinahe 28 Milli- onen Frank. Exportiert werden hauptsächlich auS Marokko: Rinder, rohcS Wachs," Wollen. Eier, Ziegenfelle, Hammelsellc, Vusfbohnen, Ka- nariensamen, Mandeln, Schlappschuhe, Gerste. Der letztere Aus. fuhrposten erreichte im Jahre 1909 von allen Positionen die höchste Ziffer, nämlich 12,2 Millionen Frank. Marokko ist ein erzreiches Land und der Marokkominenstreik, der hauptsächlich im Jahre 1910 ausgefochten wurde, hat gezeigt, welch hohe Gewinne aus den marokkanischen Erzfeldern zu ziehen sind. Und dieser Gewinne wegen spielen die Profitjäger mit einem Kriege. /Zus der frauenbenngung. Leiden der Landsklaviancn. Der Juni, der Beginn der Reisezeit und des genußreichen AuSruhens in herrlicher Natur, bedeutet für die große Armee der hörigen Landarbciter so recht die Abforderung der letzten Arbeits- kräfte zum Wohle des agrarischen Gutsherrn. Wenn die Sonne länger scheint, dann wird auch die Arbeitszeit verlängert. Von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht hinein müssen für kargen Lohn Männer und Frauen auf den weiten Feldern in der Glut- Hitze und unter Regenschauern schuften und dazu immer in jenem ekelhaften Gefühl des zu ewiger Sklaverei verurteilten Menschen. Wenn die tägliche Arbeitszeit um ein bis zwei oder drei Stunden verlängert wird, dann erhalten die Bedauernswerten für den Tag eine Zulage von 10 oder 20 Pf. Ein Betrag, der zur Ausdehnung der Arbeitszeit in einein ebenso schreienden Verhältnis steht wie der Lohn der Landarbeiter, besonders der Arbeiterinnen, zu ihrer Leistung überhaupt. Es gibt in Teutschland noch viele Gutsdörfer. wo die„Herrschaft" den Frauen im Winter 56— 60 und im Sommer 60— 70, höchstens 80 Pf. als Tagelohn zahlt. In Schlesien und Posen und oben in Oft-- und Westpreußen findet man diese Domänen, wo, wie gelegentlich der Beratung des Wöchnerinnen. schutzes im Reichstage festgestellt tvurde, regelmäßig 30— 40 Proz. der Arbeiterinnen ohne die Hilfe einer Hebamme ihre Kinder zur Welt bringen müssen. Die Arbeiterfrauen in den Dörfern sind angewiesen, aus den Gutsfeldern zu arbeiten. Am Sonntag, den sie nach den frommen Bibelsprüchen heiligen sollen, müssen sie ihre Häuslichkeit besorgen. Ein Auflehiien gegen den Befehl des „gnädigen Herren" gibt es nicht. Der Spielraum in der Auswahl der Arbeit, wie er in der Großstadt vorhanden ist, fehlt auf dein Lande, und ebenso, leider, muß man sagen, auch der Schutz der Organisation. Und hält man es für angebracht, so wird die ein- heimische Arbeiterschaft gezüchtigt in der Form, daß man sie zum Teil entläßt und dafür Saisonarbeiter kommen läßt. Die großen schkesischen Magnaten, die Thurn und Taxis, Pleß, Schaffgotsch, Wied und wie sie alle heißen, mit ihren Millionenreichtümern, können die Mehrausgaben ertragen, wenn es gilt, den„Geist der Unzufriedenheit" auszutreiben. Der Juni ist auch der Monat, in dem die Schulkinder zu dem berüchtigten Rübenverziehen in die Ferien geschickt werten. Mit hungrigem Magen, auf Leiterwagen werden sie hinauSgesahrc». um für 30 oder 40 Pf. den Tag über im Sonnenbrände zu schuften. Das gibt junge krumme Rücken. Was nützen alle internationalen Sanitätskongresse, Hygieneaus- stellungen und sonstigen offiziellen Veranstaltungen, die zum Segen der Menschheit wirken sollen, wenn es nicht möglich ist, in Poinmern, Schlesien, Ostvrcußen und Mecklenburg dem gemein- gefährlichen Unfug der Rübciiverziehfericn ein Ende zu machen? Warum lehnen sich die Professoren mit den berühmten Namen, die in der„Woche", der„Gartenlaube" und an anderen Stellen die hygienischen» ästhetischen und sanitären Bedürfnisse deS Menschen nach Kubikmillimetern berechnen, nicht gegen diese gewerbs- mäßige Verhöhnung und Verletzung der naturnotwendigsten ge- sundheitlieben und sittlichen Bedürfnisse der Landkinder aus? Wäre nicht die Beseitigung des geschilderten Unfuges entschieden mehr wert als das„LcbenKverk" von so manchem Dutzend dieser prcußi. scheu Universitätsweisen? Freilich, auch für die ländlichen Prole. tarierüuien samt ihren unmündigen Kindern gilt das Wort unseres Altmeisters: ihre Befreiung kann nur ihr Werk selbst seinl Serickts-�eiUmg. Wegen Landfriedensbruchs fand gestern vor der Strafkammer des Landgerichts III ein Prozeß gegen vier Arbeiter statt. Es handelte sich dabei um Vorgänge vom 26. April 1910 heim Streik der Lritergerüstbauer der Firma Altmanu u.(so. Die vier Angeklagten sollen sich an einer Zusam- menrottung beteiligt haben, bei der Gewalttätigkeiten begangen wurden. Daß sie selbst Gewalttätigkeiten ausgeübt haben, nimmt auch die Anklage nicht an. Es ist deshalb die Anklage nur wegen einfachen Landfriedensbruches erhoben. In der umfangreichen Beweisaufnahme wurden Herr Altmann und zwei Schutzleute, solvie elf Perjonen als Zeugen vernommen, die während des Streiks bei der Firma als Arbeitswillige tätig waren. Die Arbeitswilligen waren, wie von einem Arbeitswilligen und von einem Schutzmann bekundet wurde, mit Revolvern bewaffnet! Gegen vier der Leute, die damals bei Altmann u. Co. als Streik- brecher tätig waren, schwebt noch ein Verfahren wegen schwe- ren Landfriedensbruch; die vier sind— noch nicht aufzufinden! Der Staatsanwalt beantragte gegen zwei der Angeklagten je 6 Mo- nate, gegen den dritten 9 Monate und gegen den vierten 1 Jahr Gefängnis. Nach seiner Ansickst genüge es für das Delikt des Landfriedensbruches, wenn der betreffende Teilnehmer an einer Zusammenrottung nur gewußt habe, es könne zu Gewalttätig- leiten kommen. Demgegenüber hob der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld hervor, daß Voraussetzung für die Feststellung eines Landfriedensbruches sei, daß die Teilnehmer der Wille ver- binde, als ei» Teil in der Menge zu verbleiben. Jedenfalls müsse ein gewisser Zusammenhang nachgewiesen werden. Gegenüber den vielen Widersprüchen und Unzuverlässigkeiten der Hauptzeugen- aussagen möge das Gericht, wenn es überhaupt zur Verurteilung der Angeklagten kommen sollte, berücksichtigen, daß die Arbeits- willigen, die aus anderen Städten herangeholt werden, im übelsten Rufe stehen, und darum eine gewisse Erregung unter den Streiken- den, die einige Pfennige mehr Lohn haben wollten, wohl begreiflich sei. Das Urteil lautete gegen einen Angeklagten auf 4 Monate» gegen zwei auf je 6 Monate gegen den vierten auf 9 Monate Ge- fängnis. Bei dem am härtesten Bestraften hat das Gericht als er- wiesen erachtet, daß er einen der Zeugen geschlagen habe. Das sei jedoch erst geschehen, als die Zusammenrottung schon vorüber war, so daß diese Tat nicht als schwerer Landsriedensbruch angesehen werden konnte. Hohe, harte Strafen gegenüber den schlimmstenfalls durch Streikbrecher Gereizten. Die schweren Landfriedensbrecher waren unzweifelhaft Streikbrecher und die— sind noch unauffindbar! Heimatlos! Die brutale Wirkung einer Ausweisung kam in einer gestrigen Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht wieder mal kra� zum Ausdruck. Der Arbeiter Mads Egholm zu Bröns(Amtsbezirk Scherrebeck) ist in SchleSwig-Holstein unehelich geboren als der Sohn einer Dänin, die seit 1874 in Preußen(SchleSwig-Holstein) lebte, al>u! nicht die preußische Staatszugehörigkeit erworben hat. Am 6. April 1911 erließ der Landrat zu Hadersleben an MadS Egholm eine Verfügung, durch die E. aufgegeben wurde, binnen 24 Stunden das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Die Ver- fügung ging davon aus, daß E. überhaupt keine Heimat habe und aus Preußen ausgewiesen werden könne, da er somit auch kein deutscher Reichsangehöriger sei.— Der Regierungspräsident und der Oberpräsident von Schleswig-Holstein wiesen die Beschwerden E.s ab. E. klagte nun beim Oberverwaltungsgericht und machte folgendes geltend: fer nehme an, daß er als der uneheliche Sohn seiner Mutter, die zur Zeit seiner Geburt in Deutschland bereit? lebte, Preuße und Deutscher sei, auch wenn die Mutter die preußische Staatsangehörigkeit und Reichszugehörigkeit nicht erworben habe. Er könnte aber auch nicht ausgewiesen werden, wenn er heimatlos wäre, d. h. keinerlei Staatszugehörigkeit habe, und zwar könne er dann deshalb nicht aus Preußen ausgewiesen werden, weil es ihm bei seiner BermögenSlosigkeit unmöglich sei, sich in einem andere» Staat niederzulassen. In Bröns, wo er seit 5 Jahren sich aus- halte und sich verheiratet habe, habe er seines Erachtens seinen Unterstützungswohnsitz. Das Oberverwaltungsgericht wies am 4. Juli die Klage mit folgender Begründung ab: Der Kläger würde ein Recht, zu klagen, überhaupt nur dann haben, wenn er nachweisen könnte, daß er Reichsangehöriger sei. Er selbst gebe aber zu, daß er von einer eingewanderten Dänin stamme, welche die preußische Staats- und damit die deutsche Reichszugehörigkeit nicht erworben habe. Somit sei E. nicht durch Geburt Deutscher geworden. Da er eS auch sonst nicht geworden sei, so sei die Klage unzulässig. Zur Darstellung der Widersinnigkeit der Folgen der Aus- Weisungspraxis fehlte nun nur noch, daß der Heimatlose, weil er mittellos ist und deshalb Deutschland nicht verlassen kann, mit Haftstrafe belegt, also gewaltsam in Deutschland zurückgehalten würde. Unechte Bilder. Der Sohn des berühmten Malers Giovanni Segantini, Maler Mario Leopolds Segantini, der seit dem 10. Februar d. I. in Un- tersiichungshaft sitzt, stand gestern unter der Anklage der Urkunden- säljchung und des Betruges vor der 3. Strafkammer des Landge- richts II. Er ist in Mailand geboren, schweizerischer und italieni- icher Staatsangehöriger. Er tvird beschuldigt, in Charlottenburg und Frankfurt a. M. durch 4 selbständige Handlungen Urkunden- fälschunaen und Betrug dadurch begangen zu haben, daß er von ihm verfertigte Bilder und Zeichnungen unter der Angabe, daß sie von seinem verstorbenen Vater Giovanni Segantini herrühren, an verschiedene Kunsthändler verlauft und diese dadurch geschÄigt habe. Außerdem hat er auch noch eine Versuchshandlung begangen. Der Angeklagt«, der schon einen abenteuerlichen Lebensgang hinker sich hat, ist im Januar 1910 nach Berlin gekommen und hat liier das unstete Leben der Boheme geführt und ist vielfack in große Not geraten. Diese war stellenweise so groß, daß er manchmal kein Nachtquartier hatte und die Nächte hier und da im Tiergarten zu- bringen mußte. Er kam nun aus den Gedanken, Kohlenzeichnungen. bunte Pastellbilder und Radierungen in Anlehnung an Motive seines Baters herzustellen und als nachgelassene Werke des berühm- ten Giovanni Segantini zu verkaufen. Der LOjährige jung« Mann, der selbst ein talentvoller Maker ist, hat 25— 30 solcher Bilder hergestellt, sie mit dem Signum seines Vaters versehen und hätte das Glück, solche Bilder ohne große Sckvvierigkeiten an Kunsthändler zu verkaufen.— Der Angeklagte gab zu, mit Bewußtsein die von ihm verfertigten Bilder als echte Segantinis verkauft zu haben, er bestritt aber, daß es ihm daran gelegen gewesen sei, sich einen Ver» mögeiisvorteil zu verschaffen. Er sei zu seinem abenteuerlichen Plan durch eine Wette gekommen. Erbittert und enttäuscht durch seine eigenen Mißerfolge mit seinen eigenen Werken sei ihm der Gedanke gekommen, die Unwissenheit der Kunsthändler, die die Künstler aussaugen, an den Pranger zu stelleg und zu zeigen, daß diese nur den Namen bezahlen und die Güte der Bilder gar nicht berücksichtigen. Er habe zeigen wollen, daß er jedem Kunsthändler mit leichter Mühe Bilder, die jeder Sachverständige sofort als Fäl- schungen hätte erkennen müssen, anschmieren und sich teuer be- zahlen lassen könne. Aus der Beweisausnahme ist hervorzuheben. daß der Kunstkritiker Stahl die Unechtheit der Bilder sofort er- kannte und daß in einigen Fällen ans Grund seines Gutachtens der Ankans unterblieb oder rückgängig gemacht wurde. Das Gericht verurteilte den Angetlagteu zu 9 Monaten Gefängnis unter An- rechnuna von 4 Monaten Untersuchungshaft. Der Angetlagte er, klärte, bei dem Urteil sich beruhigen zu wollen, Sozwldemokratischer Lese- und DiSkutierNub„Heinrich Heiner tute Mittwoch, abends S'/a Uhr: Sitzung bei Grünberg, Rodenbergstr. ö. äste willkommen, Lese- und Tiökuticrklub„Süd- Ost*. Heute Mittwoch, abends 8V1 Uhr, bei Ncidhardt, Görlitzer Stratze SL: Genernlversamnilung. LriekKaften der Redahtion. Dom Montag, den 26. Juni, bis Sonnabend, den 15. Jnli ein- schließlich, findet die Sprechstunde in der Zeit von 7'/, bis 9>/z abends statt. H. 3., Bornholiner Str. 93. Erinnern Sie an Antwort.— G. S. 81. Der Meister ist verpflichtet, das Lebniiädchen zur Krankenkasse anztnneldcn und wenn sie das 16 Lebensjahr vollendet bat, auch Invaliden» marken zu klebe», eventuell müsse» Sic sich an die Polizei wenden,— Müller 138. Die Auklage fällt dadurch, datz Sie weiter zahlen, nicht sort, Sie sichern sich aber eine milde Strafe, Sie müssen den Nechtsbetrag bezahlen. Es sei denn, dag Sie nach dein 31. Dezember 1968 keine Zahlung mehr geleistet babeu,— V. B. 30. Das Dienstmädchen kann den Dienst- Herrn aus Zahlung der 20 M, beim Amtsgericht verklagen: nur mug vorher ein Sühnctcrmin vor der Polizei slattgcsunden haben,— N. C. 55. Sie sind verpslichtct, die Prämien weiter zu bezahlen,— O. S. 72._ Sic brauchen nur soviel zu bezahlen, dag der Betrag der Anzahl der gelicscrtcn Zeitungen entspricht.—(f. P. 12. Die Alimente bekommen Sie auch dann weiter, wenn Sie den Knaben auf den Namen Ihres Mannes schreiben lassen, — R. G. 101. Kündigmigssrist 1 Monat, Vorsichtigerweise kündigen Sie aber schon setzt,— O. H. 39. Webt.— A. O. 3. I. und 2. Sie ist schadencrsatzvflichtig, die Wirtsleute auch, wenn sie von der Krankheit Kenntnis hatten. 3. Strafantrag.— F. W. 1. bis 3. Ansrage«beim Be» zirtskommando, 4, Empfiehlt sich nicht.— 108 E. Ja, falls der Vertrag nichts anderes bestimmt.— K. 7. 1, und 4. Der Prozeß ist ausfichtsvoll, trotzdem ist, falls der Schaden nicht allzugroß, zum Vergleich zu raten. Die Anwaltskosten brauchen Sie nicht zu übernehmen. 2, Ja, 3, Gericht- lich,— H- S. 200. Die 50 Mk, können Sie zurückverlangen, nicht aber die 25 Mk.— E. S. 33. 1. Amtsgericht, 2. Vormund des KindeS und Ehefrau und, falls Sie über 50 Lahre, Genehmigung des Justizministers, 3. Ja. 4, Nein, anher wenn Kind großjährig,— E. 11. L. 1857. Das müssen wir dem Empfinden der Genossen überlassen, prinzipielle Gegner- schajt besteht nicht._ Smgegangene Druchfchnftcn. Geschichte der Revolutionen. Vom niederländischen Aufstand bis zum Vorabend der französischen Revolution, Von Dr. A. Conrady. Mit zahlreichen Bildern und Dokumenten aus der Zeit. Erscheint in sünjzig Lieferungen a 20 Ps. Das Abonnement kann jederzeit beginnen, Hest 36 ist soeben heraus. Band 1 ist bereits gebunden zu haben zum Preise von 7 M, sür den Leincnband und 8 M. sür tzalbjranz. In neuer Auslage sind erschienen: Brau», Zeitnngsfrcmdtvörter und politische Schlagworte. 30 Ps, Marx,»lafienkämpfe in Jsrankreich 1818—50. Mit einer Ein- leitung von Fr. Engels und einem Vorort von August Bebel. Broschiert 1 M,. geb. 1,50 M, Sozialistische Theaterstücke, Hest IS t Wittich, M. Ulrich von Hütte». ?retS 53 Seiten. Sw geschichMcheS Spiel 1 M,: 16 Röllencxemplare 8 21}.~ Denkschrift über den Automobil-Pstasterzoll in Bayern. Verlag der Deutschen Motorfahrer-Vereinigung, München. Berliner Turn- und Sport-Adrestbnch 1911. Herausgegeben v om Hauptausschuß zur Förderung von Leibesübungen in Groß-Berliu. Preis 2 M. Verlag von Karl Heymann, Berlin W. 8. Wittcrnnqsiivertiltit vom 4. Juli 1911. ffftfiltwifn LS || £)- !S Bettet Swmemde Hamburg Serliv Franis.a M.i774NO München j774 WD Wien»! 772 NW 77 lW 773 WSW 773 NW aes c» »II i? mS> 3 wolkig 4 wolkig 4 halb bd. 2 wölken! 4 wolkig 4 heiter «tattonen L S - a Ä| c5 B? iä Havaranda 759 NW Petersburg 764 W Sctllh 775 Still ilberdeen>767 SSW PawS 1774 ZlD S Bettet »zi c« f- «A 6 wolkenl 14 1 wolkig 15 halb bd. 13 3 wolkig j 14 1 wolkeirl 13 Wetrerprognoic für Mittwoch, den 5. Jnli 1911. Etwas wärmer, zunächst ziemlich heiter, später zunehmende Bewölkung und vereinzelte leichte Regenjälle bei mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Welterbureau. Freitag, de» 7. Jnli, abends 8 Uhr, im kleinen Saal der„Nenen Welt", Hasenheide: LHeroräentlielie General- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht von der Ganvorsteherkonferenz. 2. Geldbewilligungen. Btr Die Kollegen werden ersucht, sosort ihre Delegierten zu wählen aus Grund des Z 4 des Berliner Bereius-�tatuts,(Aus-je 10 Mitglieder 1 Delegierten.) Die Kondilionslosen und die Druckereien unter 5 Mitglieder wählen Ihre Delegierten bt der Versammlung, hie am Donnerstag, den 0. Juli, abends 6'/, Uhr, im Gewerkschaftshause stattfindet. SPF* Die Delegiertenkarten sind vom Mittwoch früh an aus der Verwaltung zu haben. Alle Druckereien ihre K müssen ihre Karte» selbst abholen. Ter Gauvorstand. I. A.: Massini. Todes-Anzeigen KWDW SozialiieitiokraüselierWaliiverei]! für den i.fierlinerlieiefistagswalilkreis. Köpenietrr Viertel. Bezirk 201 II, Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Glaser- meistcr Villielm Hunecke (Oppelner Str. 47) gestorben ist. Ghre seinem Undenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle des ThomaS-kirchhoscs in Rixdors, Hermannstraße, auS iiatt. 220/3 Der Vorstand. WaliivereiD Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Schlosser Mreas Poltyuiack verstorben ist. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 5. Juli, nach« miltags 5 Uhr, vom Trauerhause Kailcrin-Auguste-Victoria-Str, 4, aus statt, 203/6 Die Genossen und Genossinnen werden ersucht sich zahlreich zu beteiligen, IIqi- Vorntand. Am 2. Juli, dem Tage seines 50jährigcn BuchdruckcrjubiläumS, verschied nach kurzer, schwerer Kranlhcit unser lieber Kollege, der Korrektor Martin Mehl im 67. Lebensjahre, 25936 Sin ehrende» Andenken be- wahrt ihm DaS Personal der Königl. Hosbuchdruckerei E. S. Mittler& Sohn. Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 5. Juli, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Kapelle des Kirch böses der Jerusalemer u»d Neuen Kirche, Hermann- straße 84/90, auS statt, lleutsetier aaetallgsbeitss-Vösdanllj vor«»itung»»tello Sorlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß| unser Mitglied, der Schleiser I�idiarä ßlümel am 2. d, M,, an Nippcnscllent- züudung gestorben ist. Toäes-.Aiueigeii. Ferner starb unser Mitglied, der J S-blosser Andreas Poltyniack am 1. d, M. an Lungcnlcidcn. Die Beerdigung findet am l Mittwoch, den 5. Juli, nach. mittags 5 Uhr, vom Trauerhause in Köpenick. Kaiserin- Augusta- Viktoria, Str. 4 aus, nach dem j Gcmeindcsricdhof statt. Ferner starb unser Mitglied, der Schlosscr ttsns Palm am 1. d. M, an Gehirnhautent« züudung, Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 5. Juli, nach- mittags 5 Ubr, von der Leichen- halle des Neuen Jacobi-Kirch- hojeS in Nixdorf, Hermannstraß« aus statt, Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. VeMileririiiem-iinil Miwrteiter SÄI.'S,. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern diene zur Nachricht, daß der Kolleg:, Braucr Oskar Weißbach (Patzenhoser NW.) am 2. Juli gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet ani Mittwoch, den 5, Juli, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle deS HeiiandS-Kirchhoses in Plötzensc« aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 43/10 Die Ortsverwallung. Deutscher Transportarbeiter-Verband.! ßeeirksverwaltung Gros-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, I daß unser Kollege, der Droschken-' sührer Karl Ihuar am 2, d. Mts. im Alter vons 76 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am> Mittwoch, den 5. d. Mts,, nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Georgen- KirchhoseS,\ Landsberger Allee, aus statt. Ferner verstarb unser Kollege, j der Kohlenarbciter Friedrich Krüger am 29. v. MtS. im Alter von 43 Jahren. 60/2 Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6. d. MIS„ nach- mittags Vj, Ubr, von der Leichenhalle des Heilig. Kreuz- Kirch- Hose», Eiscnachcr Straße, aus statt, �iacdnik! SozialdeiflQkratiseb.Waiilyereii] Sieder-Ilaim Bezirk Neuenhagen a. Ostb. Nach kurzem Krankenlager ver- schied am Sonntag, den 2. Juli, im Kranken Hause zu Alt-Lands- berg unser Mitglied, der schleiser Richard Blürael im Alter von 21 Jahren. Ehre seinem Andenken! IZentrafoerhaiül der flach Werl Verwaltungsstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, ! daß unser Kollege ! Ferdinand Neubauer am 2. Juli verstorben ist, Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, nachmittags 4 Ubr, von der Leichenhalle des MarkuS, Kirch- boscS in Hoben- Schönhausen, Berliner Str. 33/34, aus statt, Recht rege Beteiligung erwartet 54/14 Der Vorstand. Am Sonnabend früh 7 Uhrl verschied nach langem schweren! Leiden mein inniggelicbter Mann, I mein lieber, guter Vater, der j Ziaarrenmachcr Jakob Moos im 47. Lebensjahre. 2586b Dies zeigen ticsbetrübt an Frau Ella JIooh geb. Rüdiger und Tochter Frida. Spandau, 3, Juli 1911. Die Beerdigung findet heute Mittwoch, nachmittags 3 Uhr, ins Spandau von der Leichenhalle I aus dem Friedhos in den Kisseln I aus statt, Xacvrul. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, derFräsekutscher örimo Haberstroh am 27, Juni im Alter von 21 Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die VezirkSverwaltung. Allen lieben Freunden und Be- kannten die traurig« Nachricht, daß am 3. Juli, nachm.'/,4 Uhr, mein lieber Man», unser guter Vater, Bruder und Schwager, der Gastwirt Gustav Lindenhayn im Alter von 51 Jahren nach langem, schwerem Leiden ver- schieden ist. Um stilles Beileid bittet die trauernde Witwe Oäcilie Lindenhayn nebst Tochter, Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6, Juli, nachm. 5 Uhr, ans dem Friedhos in Grünau statt. Tnnksagltng. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau und guten Mutter Martlm Schmidt sage hiermit allen Bekannten und Verwandten, sowie dem Wahlvcrcin, Sangesbrüdern und Kollegen der Kunststeinwerke Rösberg meinen innigsten Dank. liarl Schmidt nebst Tochter. Verwaltung Berlin. Mittwoch, den 5. Jnli, abends S'/a Uhr, bei Vandersee, Holzmarktstrafte 3: Utckaukiismkiiiltt-UkrsWmimlg 85,8 der Kiicheumöbel-Ti schier. Tagesordnung: 1. Bericht deS ObmanneS. 2, Bericht der Werkstatt> Vertrauens- leute. 3, Verbandöangelegenheiten. 'Zchlnna nihitntltok? Wegen Inventur und Herstellung eines neuen (AlJjinuiJ, ölimiuijru. Katalogs bleibt die Bibliothek im Juli und Angnst geschlossen! Alle noch außenslehenden Bücher müssen umgehend eingeliesert werden._ Die Lrtsvcrwaltung. Pf Einsetzer. Donnerstag, den 6. Juli, abends 7'/, Uhr: Bezirks- Versammlungen in folgenden Lokalen: li. Bezirk: Merkowski, Andreasstraße 26. 2.„ Gliesche, Kopenhagencr Straße 74. 4.„ Preil, Rixdorf, Rosenstraße 24. <».„ Mix» Ska litzer Straße 59. 7.„ Tunack, Charlottenburg, Wielandstr. 4 8.„ Mclzer, Wiescnstraße 29. Sonntag, den 9. Juli, vormittags 9 Uhr 3. Bezirk: Sauer, Levetzowstraße 21. 5.„ Wie in er, Bülowstraße 58. Billetts zur Dampferpartie müssen in diesen sammlungen abgerechnet werden._ Ber- j_ iXolre-laout* 41*%. gitrdaoafiarS Wey* Ohne jede Anzahlung rericanfe ich Pianos erstklassiges Fabrikat (9mal prämiiert Staatsmedaille) in allen Holz- nnd Stilarten von wunderbarer Tonfülle. (Flüjjelton) zxczxcn kleine monatliche Teilzahlung�, ohne jeden PrciaaufKchlag. 91/0* Für jedes Instrument gewähre ich 20jähr. schriftl. Garantie. Conrad Krame lioiilz,, Auch SonntaerH eeOfTnet. lEstmannsTpauErniaiaziD | Extra- Abtoiliing 1 1. Gesch.: Berlin W., Mohren- StraBe 37a(2. Haus von der ierusalemer Straße). j II. Gesch.: Berlin NO., GroBe Frankfurt. Str.115(2. Haus *on der AndroasslraBe). 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Juni, eröfstrete Genosse P e r e i r a im Namen des Parteivorstandes die Verhandlungen. Genosse Manoel Jose da Silva, der erste sozialistische Abgeordnete in Portugal, wurde zum Kongrehleiter gewählt. Genosse Cesar N o g u e i r a schlägt betreffs der Haltung der sozialistischen Partei zu dem neuen Regime folgende Resolution vor: »Da die Republik seit dem 5. Oktober 1919 in Portugal ein- geführt worden ist, hat auch die sozialistische Partei ihre Haltung zu der neuen politischen Situation klarzulegen. Während der politischen Kämpfe der Bourgeoisie unter dem alten Regime hat die sozialistische Partei stets in Uebereinstimmung mit ihrem Pro- gramm und den nationalen und internationalen Beschlüssen eine unabhängige Stellung eingenommen. Die Republik ist jetzt eine vollendete Tatsache und da sie eine mehr demokratische Staats- form ist, und da ferner die Prinzipien des Sozialismus und das Programm der neuen Internationale in der Hauptsache revolutionär sind, lassen sie im Prinzip alle fortschrittlichen Umgestaltungen zu, die fich unter der Herrschaft des Kapitalismus durchführen lassen. Da aber der republikanische Staat den wirtschaftlichen, sozialen und selbst politischen Forderungen der Arbeiterklasse nicht ent- sprechen kann, weil er das Organ einer Klasse ist, die von der wirtschaftlichen Ungleichheit lebt, die internationale sozialistische Partei aber in erster Linie eine Partei ist, die den Klassenkampf zur Grundlage ihrer Anschauungen gemacht hat, so ist sie infolge- dessen eine Partei, die im schärfsten Gegensatz zu jedem Bourgeois- system steht. Da aber die Errichtung der Republik eine Notwendigkeit ge- worden wa.r infolge der jammervollen Lage, in der sich das Land unter der Monarchie befand, da ferner die republikanische Staats- form größere öffentliche Bewegungsfreiheit gewährt und der sozialistischen Betätigung größeren Spielraum läßt, entscheidet sich der vierte portugiesische Sozialistenkongreß während der ersten Etappe der republikanischen Periode und vor Eröffnung der kon- stituierenden Nationalversammlung für eine Uuierstützung� der portugiesischen Republik. Der Kongreß erklärt, daß die sozialistische Parte» bedingungslos für die portugiesische Republik eintritt, um ihren weiteren Ausbau herbeizuführen und sie gegen alle Angriffe zu verleidigen, die gegen sie ausgeführt werden. Dessenungeachtet behält sich die sozialistische Partei volle AktionSfreiheit für Iden Klassenkampf vor, da sie ihr Ziel in der radikalen Uingestaltung der Gesellschaft bis zur Errichtung der sozialen Republik erblickt." Eine andere vom Genossen Theodora Ribeiro vorgelegte Reso- lution erklärt sich mit der Errichtung der Republik einverstanden, die die Nation von der veralteten monarchischen Bedrückung befreit hat. Die Resolution erklärt serner, daß das Glück der Völker herbeige- führt werde durch die Abschaffung aller Staatsformen, die sich auf das Privateigentum stützen. Ribeiro entbietet den portugiesischen Revolutionären seinen Gruß, die am Morgen des 6. Oktober 1919 die Republik pro- klamierten, er ehrt die Gefallenen und bietet den bestehende»» Staats- einrichtungen seine Unterstützung durch Wort und Tat an, für den Fall, daß»nan durch politische oder religiöse Uintriebe eine Wieder- lehr der alten reaktionären Zustände erstreben sollte. Ferner wurde über die Frage einer täglich erscheinenden Zei- tung diskutiert, die die sozialistischen Ideen verbreiten und die Ar- bciterinteressen wahrnehinen soll. Eine Kominission wurde mit den Vorarbeiten hierzu betraut. Genosse FernandeS AlveS protestierte gegen die Ausweisungs- androhung, die die Regierung gegen Pietro Gallimotti ausgesprochen hatte, falls er.als Freinder" an dem Kongreß teilnehmen würde. Gollimotti wohnt seil 33 Jahren in Portugal; er ist einer der ältesten Vorkämpfer des Sozialismus. Der Kongreß nahm eine Kundgebung des Unwillens gegen die angeblich liberale Regierung ai». Genosse Miguel Antonio Lopez legt einen Antrag vor, nach dem der Nationalkongreß der portugiesischen Sozialisten den Pro- letariern aller Länder seinen Gniß entbietet und gelobt, alles zu mn, was zur politischen und wirtschaftlichen Befreiung der Arbeiter- klaffe führen kal,n. Am zweiten Verhandlungstage entspann sich eine Diskussion über die Landarbeiterfrage; die schwierige Situation zwingt zunächst zur Organisierung einer großzügigen Aufklärungsaktion in den ländlichen Gegenden. Genosse Dr. Costa junior wendete sich gegen da« Rekru- tierungSgesetz, unter dem in erster Linie das Proletariat zu leiden hat. Eugcnie Maria verlangt von dem neuen sozialistischen Abgeord- neten, daß er sich im Parlamente besonders der proletarischen Frauen annehmen solle. Der Abg. Manuel Josü da Silva weist auf die Unfähigkeit der Republik hin und erklärt, daß die Revolutionär« von gestern, die heute die Macht in den Händen haben, keines der gegebenen Ver- sprechen halten werden. Ein Antrag, den ersten sozialistischen Abgeordneten beim ersten Gange zum Parlainent zu begleiten, wird emstimmig angenommen. Bei der Wahl des„Oonsslbo central" sParteivorstandes) werden die Genossen Pereira, Poinbo, dos Santos, Nogueira, Barao, Canellas und Lagiata gelvählt. Am dritten Verhandlungstage(19. Juni) berichtete der Vorsitzende Alves über die Demonstration, als»nan Genossen Silva zum Par« lament geleitete. Mehr als 3999 Personen haben unter lauten Zu- rufen daran teilgenoinmen. Das von Genoffen Ladislau Batalha vorgeschlagene Partei« statut wird angenommen. Kurz vor Schluß der Sitzung schi»itt»nan noch die Frage der genoffeiischaftlichcn Organisation an. Durch An« nähme einer voin Genossen dos Santos eingebrachten Resolution wird das Studium dieser Frage beschlossen. Der liächste Kongreß soll in Oporto stattfinden. Unter Hoch« rufen auf die sozialistische Partei, auf die Internationale und die Republik wird der Kongreß geschlossen. Zum ersten Male sind so zufriedenstellende Resultate auf einem sozialistischen Kongreß in Portugal zu stände gekommen. Während der ganzen Verhandlungen herrschte Begeisterung, Einigkeit und Disziplin. Das endlich erwachte Proletariat Portugals erkennt, daß der sozialistischen Partei die Zukunft gehört und diese Erkenntnis ist die Saat für eine kommende Ernte. Marktpreise von Berlin am 3. Juli 1911. nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. Markthalleir preise.(Kleinkiandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speisebobncn, weiße 30,00-50,00. Linsen 20,00- 60,00. Kartosseln 7,00-11,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40, Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis 1,80. Schweinefleisch 1,10— 1,80. Kalbfleisch 1,30—2,40. Hammelfleisch 1,59—2,20. Butter 2,20—2,80. 60 Stück Eier 3,00—4,40. 1 Kilogramm Karpsen 0,00—2,40, Aale 1,60—3,00. Zander 1.50—3,60. Hechte 1,20 bis 2,60. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,20—3,40. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00-40,00. WasserstandS-Naehrichte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetlerdureau- vaflerfland M- m e l. Tilflt V r e g e l, Jnflerbitrg V e i ch s e l. Thor» Oder, Ralibor , Krossen , Frantiurt Warthe, Schrnnm , LandSberg Netze, Bordamm Elbe, Leinncritz , Dresden , Barbv Magdeburg ss 4- bedeutet Wuch»,— ssall.—») llntervegel. Theater und Vergnügungen Mittwoch, den 5. Juli. Ansang 7 Uhr. Neues königliches Opernhaus. Siegsried. . Ansang 8 Uhr. Komische Oper. Der verbotene Kuß. Neuro Schauspielhaus. Die keusch« Susanne. Neues. Der Rodelzigenner. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller V.»Watuier- �peater.) Panne. Schltte,. litharlottenburg. Der dunkle Pmikt. Lusttpielhaus. Die drstte ESkadron. (Ansang 8,20 Uhr.) Luisen. Jkc StccnbachS Erbe. (Ansang 8'/« Ubr.) itioir. Kasernenlust. s?lnf. 8'/« Uhr.) FolicS Gaprice. Die letzte Nachl, Die Hochzeitsreise.(An sang 8'/, Uhr.) Lesiing. Sommerspuk.(Ansang 8 Uhr 29 Min.) Kleines. Norachen.(Ans. 3'/, Uhr.) Trianon. DaS Prinzchen.(Ansang «'/, Uhr.) Nene» Operetten. Eine Million. (Ansang 8'/, Uhr.) Merropoi. Hoheit amüsiert sichl Apoll«. Spezialitäten. !v»ilaae. Spezialitäten. RcichSballrn. Steltiner Sänger. &>i»«erflar»r». Spezialilätcii. Karl Haverlan». Spezialitäten. KLalballa. Prinz und BettlerM. (Ansang 81/« Uhr.) Voigt. Goldene Jugend. Roack. Leute von heute. Kaiser- Panorama. III. ZylluS: Indien.— IV.: Wanderung im Niesengebirge. Urania. Taudenftrahe 48/49. 8 Uhr: Lebende Tierbilder von nah und sern, Sternwarte. Jnvalidenstr. 57— 62. Schiller-Theater OÄ« Mittwoch, abends 8 Ubr: Letzte Borstellung vor den Ferien: �snno. Lustspiel in 3 Auszügen von Richard Skowronnek, Ansang 8 Uhr. Ende 10 Uhr, Kmiler-meAer Her dunkle Punkt. Lustspiel in 3 Akten o,. Kadelburg und Robert PreSber. Ansang S Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und solgende Tage: Ikei- dunkle I'unl»«�_ Relchshallen-Thealer. Slettinef Sänger. Hritkon! Miehe im Hosenrock. Ansang wochentags 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. Urania. Wissenschaftliches Theater. Taabonstraße 48/49. Abends 8 Ubr: Lebende Tierbilder von nah und fern. WCISCHER-�3 C ARTEN Täglich ab 4 Uhr: Großes Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1.Hark, von abelids<> Uhr ab SV Ps., Kinder unter 10 Jahren die Hälste�__________ Passage-Panoptikum. vi° Keger- fttesin Abomuh, die größte| Frau, die je gelebt. Alles ohne Extra-Entree! Neues Kgl. Opern-Theater(Kroio Mittwoch, den 5. Juli» abends 7 Uhr: Gastspiel Alice Guszntewicz: Siegfried. Donnerstag: Eohengrln. Freitag: 2. Gastsp, Anton o. Rooy: DI« Walktire. Neues Theater. 8 Uhr. 8 Uhr. Heute und folgende Tage: Del ßodelzigeuner. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Sommerspielzeit Direktion Nack. Sonnabend, den 8. Juli: Zum ersten Male: Dn.IIn«» EnttUhrnng. Roman, Operette i 3 Alt. o, Mb, Nack. Mus, v, Fil, de Cristosaro. Ans. 8 Uhr, folies Capriee. Täglich 8'/. Uhr: Parlsisna-Lnsemdle. 3 Frauenhüte. Die letzte Nacht. Ein Fenster zu veritiiete«. Das Strumpfband n Trlanon-Thcatep. Heute und folgende Tage: Da« I*rinzclien. Licbesjchwank in 3 Alten v. R, Misch. Anfang 8'/, Uhr. Dl« auserlesenen Attraktionen! LA TORTAJADA. Die 7 Korlnnas, klassische Tänze. Kaafmanns Lady cycle troupo. l>e IMo. Charles Barons Burleske- Menagerie. Tsckinltlacs 8 heil. Chunguscn und eine Kette hervorragender Kunstkräfte! Max Mllems Sommer-Theater RudoU Krüger, Haseuheide 13— 15. Täglich: Erstklassige Tbeater» und Speziaiiinteii- Vorstellungen. Zcllbedachtcr Theatcrgarten, bei un. günstiger Witterung Schutz bietend, Jed. Mittwoch: Gr. Kinderfest. Donnerstag: EHteta*;. Abends 8 Uhr: Toni Thoms Jim u. Jam iThe Hdos Comp. | n-dJarM-Festsplel-Progr.| Metropol-lMter. Kcheit miiliert(id Operette In 3 Alten von I. Freund. Mufik von Rudolf Nelson. In Szene gesetzt vom Dir, R. schnitz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestaltet. Seasatlonelle Attraktionen. Jobnstowns Untergang, Cairo, Lach- Haas, Hippodrom Lehmann, Tanagra- Tbeater, Teufelsrad, Moulln rouge, Gebirgsbahn, Wasserrutschbahn u. v. a. Sonnabend, den 8. Juli: Elitetag. Aufstieg und Fernfahrt des Frel- BnllonK„Carola" unter persönlicher Führung der berühmten Luft» schifferin Khte Paulus. Sonntag, den 9. Juli: Wiederholung des Aufstieges 6'/, Uhr sowie aller Festlichkeiten. IOSE=THEATE Grone Franflurlet str 132 Täglich: Ansang 8'/, Uhr. Kasernenluft. Li Auf der Gartenbiihne: Es gibt nur ciu Berliu.— Große Sicvue. Neue Welt. Amerikanischer Vcrgntigangspark, Hascnheldc. Sensationelle Attraktionen. Gebirgsbahn, Wasserrutschbahn, Liebesmüble, Tcufclsrad u. a. 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Woher sie ihren Namen haben, weiß man nicht, vielleicht kommt er daher, daß der Eingang und die Nebengänge stets mit Palmen geschmückt waren. Der Tod auf den Schienen. Auf der Station Eichbornstraße der Berlin— Kceinmcncr Bahn stürzte gestern morgen der Arbeiter Radotscheck aus Reinickendorf auf die Gleise und wurde von der Lo- komoiive erfaßt und überfahren. Die Verletzungen waren so schwer, daß der Mann kurze Zeit darauf starb. Aus dem Kahn gefallen und ertrunken ist vorgestern nachmittag der 54 Jahre alte Arbeiter Albert Schulze, der auf einem am Süd- ufer liegenden Fahrzeug beschäftigt»var. Als er gegen 7 Uhr mit einem Handkahn in der Nähe der Seestraße vom Nordufer»ach feinem Lastkahn hinüberfahren wollte, fiel er beim Einsteigen über Boro und ging unter. Rettungsversuche wurden von in der Nähe beschäftigten Leuten gleich unlernonimen. Man fand auch nach kurzer Zeit den Benmglückten und landete ihn. Wiederbclebnngö- versuche, die ein Schwinimlehrcr der Gardeinfanterie anstellte, blieben jedoch erfolglos. Eine GefundSeterm für„unglücklich Liebende" treibt gegenwärtig im Westen Berlins ihr Unwesen. Die Gaunerin, die einen durchaus ehrbaren Eindruck macht, knüpft ans der Straße Bekanntschaften niit junge» Dienstmädchen an. Sie behauptet, daß daS Mädchen schlecht aussehe und unbedingt Liebeskummer haben müsse. Rur sie allein fei mit Hilfe deS 7. Büches Moses, daS ihr durch Erbschaft überkommen wäre, inislande, die unglücklich Lie- bende von ihren» Kummer zu befreien. Sie verlangt dann nichts »vcniger, als daß ihr Opfer ihr die gesamten Schumcksachen »nd alle Ersparnisse für einige Zeit auSfolge. Sie müsse mit dem Gelde eine Wallfahrt autreten und am Ziel die Gold- und Silber- fachen des Mädchens an dem Altar einer Heiligen, deren Na»»e sie verschiveigen müsse, niederlegen. Obwohl dieser Schwindel ungemein plump angelegt ist, hat die Gaunerin doch eltva 15 bis 16 junge Dienstmädchen mn ihre Ersparnisse und Schmucksachen gebracht. Eins ihrer Opfer erstattete schließlich Anzeige bei der Schöneberger Kriminalpolizei. Bisher ist es noch nicht gelungen, der„Gesund- beteri»»' habhaft zu werde». Tie Einrichtung der PolizrikommandoS zur Regelung des Ver- kehrs an dessen Brennpuuktci»»st nun auch auf die stark überlastete Bellc-Alliance-Vrücke ausgcdehirt tvorden. Jetzt wird dort der ge- wallige Wageirverkehr borläufig zlw Probe durch ein Koininando geregelt. Ein schwerer Nnfall hat sich in einem Gartenrestaurant in Nieder» Schönhausci» zugetragen. Dort vergnügten sich»ichrcre Kinder an der russischen Schrnckel, und nnler»hiicl» befanden sich auch die 11jährige Tochter und der 5 jährige Sohn des in der Vcuiinenstraße� wohnende» Maurers Fischer. DaS Mädchen hatte während des SchankelnS ihren Binder ii» den Arm genommen. Als aber die Schaukel immer höher und höher ging, bckain es der Kleine mit der Angst zu tun. riß sich aus den» Arm der Schlvesler und sprang ans der vier bis ftmf Meter betragenden Höhe herab. Das Kind siel so unglücklich z»» Boden, daß' eS mit dem Kopf gegen einen Bann» schlug. Man brachte den blutüberströmten und be« fiimiingsloski» Knaben zu eine»» in der Nähe wohnenden Arzt, der bei dein verimgliicktei» Kinde einen Schädelbruch und Gehirn- erschütlerniig feststellte. Der kleine F. mußte nach dem Pankower Krankenhanse übergeführt werde». WaS bei polizeilichen Sistierungen möglich ist! Ein Vorgang, der beispiellos dasteht, bildete am Dienstag in der Gegend vor dem Schlesischen Tor das Tagesgespräch. Eine in der Cuvrystraße»vohnendc Handels frau Sch. sollte eine Polizei- strafe von 4 M. bezahlen, sie hatte aber die Bezahlung hinausgeschoben, weil sie und ihr Ehemann erst in den vorhergehenden Wochen mehrere Polizeistrafen im Betrage von einmal zusammen 39 M. und nach« her noch zusammen 49 M. hingegeben hatten. Am Diei»Stagfrüh »ach 4 Uhr erschienen vor der Wohnung des Ehepaares Sch. ein paar ilniforniicrte Schutzleute, verschafften sich Einlaß und forderten Fra» Sch. auf ihnen zur Polizeiwache zu folgen. Frau Sch. meinte. daß sie iioch jetzt ihre Strafe bezahlen könne, wie das oft bei solchen Sistierungen zugelassen wird. Aber die Polizisten bestanden darauf, daß sie mit ihnen zur Wache zu gehen habe. Frau Sch. lehnte das ab, weil sie sich nicht so am frühen Morgen von ihren Kindern trennen lassen ivollte, deren jüngstes noch kein Viertel« jähr alt ist. Als sie die Auffordcrnng, aufzustehen und sich anzuziehen, nicht Folge leistete, wurde sie von einem der Schutzleute genörigt, das Bett'zu verlassen. So, wie sie jetzt vor ihm stand, lediglich mit dem Hemd bekleidet, verließ sie dann die Wohnung. Im bloßen Hemd und iir Pantoffeln ging sie über die Strage zur nächsten Polizeiwache, begleitet von drei Schutzleuten. verfolgt von den Blicken verwunderter Zuschauer und von teils ent- rüstete», teils spottenden Bemerkungen. Auf der Wache wnrde Frau Sch. in eine Zelle gesteckt, wo man ihr später ein Stück Sackleinivand bin- warf,»nit der sie sich decken sollte. Nach mehreren Stunden überbrachte ein Kind ihr die Kleider, nach dcnei» die Polizei ausgeschickt hatte. Frau Sch. kleidete sich an und wurde aus der Zelle herausgelassen, mn nunmehr ihre vier Mark zu bezahle». Sie tat das und durfte dann nach Hause gehen. Wir denken uns, daß die Angelegenheit hiernnt noch nicht abgetan sein wird. ES»vird zu prüfen sein, wie weil Polizisten verpflichtet sind, zu verhüten, daß eine Frau bei Tageslicht im Hemd über die Straße läuft. Gelten ihr nicht solche Szene»» als „Erregung eines öffentlichen Aergernisfes'? Ein bedauerlicher Unfall ereignete sich gestern mittag in der photographischen Anstalt von Dienstbach, Maihienstraße 6. De seit längeren Jahren dort beschäftigte Arbeiter R. verwechselte it der Mittagspause die Flaschen und trank statt Bier Gift. Trotzdem zivei Aerztc sofort Gcgeinnittel anwasidten, war R. in einer halben Stunde eilte Leiche. Von einem schweren Automobilunfall wurde gestern abend zwischen 8 und!49 Uhr in der Brückenstraßc, Ecke Rungestraße, die Frau Sebartinger aus der Monumentenstr. 21 betroffen. Uu» einem herannahenden Straßenbahnnxigen auszuweichen,� ging sie zurück uird wurde von der Automobildroschke Nr. 8985 überfahren. Mit demselben Auto brachte man die Verunglückte bewußtlos nach dem Krankenhaus Bethanien. Dort wurde ein schwerer Nückgratbruch festgestellt. Dem Chausseur trifft nach Aussagen der Zeugen an dem Unfall keine Schuld. Infolge der vielen Unfälle beim Baden im Tegeler See usw. ist voin Oberpräsidenten in Potsdam eine Verfügung an die Ge» meinden und Oberjörstereien ergangen, daß die betreffenden Stellen der Seen, wo sich ein Freibad befindet, als solche gekennzeichnet werden. Außerdem sollen an den Stellen, die nicht zum Baden ge- eignet sind und früher durch- Tafeln:»Baden verboten!' martiert waren, diese wieder erneuert werden. Billige Reisen zur Dresdener HygieneauSstclliing für alle mann- liche» und weiblichen Mitglieder von Krankenkassen finden an jedem Sonntag statt. Für 19 M. Hin- und Rückfahrt, Führung durch Dresden, Besuch der Gemäldegalerie, Mitlagcssen, freier Eintritt in die Ausstellimg. Abendesien in Loschwitz und sachgemäße Führnug di»rch die Auöstellliug können diejenigen an der Fahrt teilnehmen, die vom Krankcnkasicnvorstand auf Eiscnbahnforinnlar 9 bescheinigen lassen, daß sie die HygieneanSsteNiing besuchen wollen. Die Rück- fahrkartcn haben vier Tage Gültigkeit, so daß eine Fahrt durch die Sächsische Schweiz unternoniincn werden kann. Die Anmeldungen »lllsjei» acht Tage vor Antritt der Reise niit Eiirzahlung des Be- träges beim Internationalen VerkehrSbund, Eharlottenstr. 34(Buchhandlung MucS) erfolgen. Beim MasseiilttiSflug der arbeitenden Jugend Berlins sind folgende Gegenstände verloren: eine goldene Halskette, zwei Spazier- stocke, ein Rucksack. Die Finder werden gebeten, die Gegeilställde .bei Manie, Rcinickeiidorfer Straße 77 II, abznzebcn. Vorort- Z�acb richten. Rixdorf. Wie Vertreter der ersten und zweite», Wählerklasse eio Ledigenheim für weibliche Personen beurteile». Der letzten Stadtverordnetenversammlung vor den Ferien war bekanntlich eine Lorlage unterbreitet worden, worin der Magistrat um die Zustimmung zur Wahl einer gemischten Kommission zweck« Begründung eines Ledigenheims für weibliche Personen ersuchte. Eine begüterte Dame in Berlin hatte sich für die Errichtung eines solchen HeiniS in Groß-Btrlin interessiert und sich bereit erklärt, die Summe von 199 999 M. ohne irgend welchen Anspruch aus die Er- trägnisse des Kapitals für das Ledigenheim zur Verfügung zu stellen, wenn diejenige Gemeinde, in welcher das Unternehmen erstehen soll, ihm ihr Interesse zuwendet und dieses Interesse dadurch bekundet, daß sie den Bauplatz hergibt und für die Bmigelder, die außer den 199 999 M. noch für das Uitteruehmen gebraucht werden, die Garantie übernimmt. Wahrscheinlich von der Einsicht geleitet, daß die Arbciterstadt Nixdorf der geeignete Ort für die Begründung eines solchen Heim» sei, hatte sich die Dame an den Stadtrat Dr. GlückSmann»nit der Bitte gewandt, sie bei dem Vorhaben, ein solches Heim ins Leben zu rufen, zu uutcrftntzen. Die GrundeigentumSdeputation, die sich zunächst wegen Hergabe deS städtischen Grnndstücks mit dieser Angelegenheit beschäftigte, war zu der Empfehlung gelangt, das Ledigenheim in Nixdorf aufzunehmen und ihm die etwa 128 Quadrat- ruten große Eckparzelle Ljsa- und Weichselstraße zur Versügiiiig zu stellen. Dieses Grundstück liegt in unmittelbarer Nähe des Berliner Südosten. Bei dem elenden Schlafstclleuwcfcn, unter dem gerade das schlecht bezahlte werttätige weibliche Element leidet und daS häufig zur lleberjnllung der Kleinwohmmgen und damit zu schweren gesundheitliche» und sittlichen Mißständen führt, wäre ein mit 399 Zimmer» eingerichtetes Heim, wie es der Rixdorfer Magistrat zu bauen vorschlägt, siwer sofort besetzt. Selbst der verbijscnste Feind jeder sozialen Neuerung kann nicht bestreiten, daß in der Einrichtung eines solchen Heims hygienische und sittliche Grundsätze die treibenden Kräfte sind, we»u anders ihn nicht egoistische Motive zu einer entgegengesetzten Lufiassmig führen. Man hätte daher auch erwarten sollen, daß sich die gewählte gemischte Kommission nur»och mit den internen Fragen des Baues, der zweckmäßigen Eimichtnug und der Verlvaltiuig deS Hcimö beschäftigen würde, nicht aber, daß unter den Mitgliedern der Koiu- Mission über die Bedürfnis- und Zweckmäßigkeitsfrage eines solchen Heims überhaupt noch gestritten werde. Die erste Sitzung'dieser Kommission dat in gerodczn üder« raschender Weise wieder einmal den Leweis dafür erbracht, datz in- bezug auf Niieksinndigkcit und Mangel an sozialer Einsicht die bürgerlichen Mitglieder der Slixdorfer Stadiverordnelenversammlung in Grotz-Berlin nicht mehr zu übertreffen sind. Nachdem Herr Stadirat Dr. Glncksmann in eingehender Weise d«r Kommission eine Rentabilitätsberechnung des Heimes gegeben und dabei versicherte, daß das Heim Pichl als Wohllätigkeitsanstalt, sondern als Wohlfahrtscinrichtung gedacht fei, bei der die Be- nutzerinnen ein angemessenes Entgelt von 8—12 M. nionatlich, je nach Lage des Einzelzimmers leisten müstten, ersuchte er die Kom- Mission das Projekt mit dem gebührenden Wohlwollen zu fördern- Jn der Diskussion wurde vom Stadtrat R o ch l i tz der Befürchtung Ausdruck gegeben, dah sich die Insassen des Heimes wohl nicht ver- tragen und daß sich bessere Kontoristinnen ein solches Zimmer nicht mieten würden. Im Charlottenburger Ledigenheim für Männer fei dies etwas anderes, da sich Männer eher vertragen wie Frauen. War eine solche Ansicht noch zu erklären aus einer kleinbiirger- lichen, das Weib völlig falsch beurteilenden rückständigen Welian- schauung, so mußte das, was die Herren Serno und Gröpler sich zu behaupten erkühnten, völlig anders bewertet werden. Herr Gröpler warf die Frage auf, ob Rixdorf überhaupt nötig habe ein Heim zu erbauen, in das vielleicht Damen der Berliner Geschäfte oder gar solche der Halbwelt einziehen werden. Im übrigen malte er die tollsten Orgien an die Wand: bald würde es durch d c n st ä n d i g e n S t r e i t u n d K r a k e e l, der in einem solchen Heim unter den Frauenspersonen herrsche, dahin kommen, daß eine Polizeiwache hin stationiert werden müsse. Und diese Behauptung wagte Herr Gröpler aufzustellen, trotzdem der Referent betont hatte, daß sich der Magistrat auf die Verwaltung des Heims einen entscheidenden Einfluß sichern werde. Gleich Herrn Gröpler versuchte Herr Serno in der ihm eigenen Geschicklichkeit die dos Heim beziehenden Mädchen als sittlich fragwürdig hinzustellen; im übrigen werde die Stadt ihre liebe Not haben, die Miete zu bekommen. Exmittierung ou mewss würde dann die Folge sein. Von unseren der Kommission angehörenden Genossen wurde den beiden Herren sowie dem Stadtrat Bürkner, der für die in Frage kommenden Mädchen ein städtisches Obdach zu errichten befürwortete, gehörig heimgeleuchtet. Mit Recht wies auch noch Stadtrat Dr. Glücksmann darauf hin, daß wenn Rixdorf diese Stiftung ausschlage, Schöneberg oder Charlottenburg ein solches Ledigenheim errichten würden. Herr Glücksmann hätte hinzusetzen können, daß sich die bürger- lichen Stadtverordneten dieser Städte nicht durch eine solche Ruch ständigkcit auszeichnen wir ihre Kollegen in Rixdorf. Noch vor einigen Wochen pries es das„Rixdorfer Tageblatt' als eine Großtat, daß die alte bürgerliche Fraktion Anmelde- stellen für kommunale Wünsche in den verschiedenen Stadtgegenden errichtet habe, um der Bürgerschaft Gelegenheit zu geben, Wünsche und Anregungen an geeigneter Stelle anzubringen. Als eine solche geeignete Stelle wurde u. a. auch Herr Serno an- gegeben. Nun weiß es die Rixdorfer Bürgerschaft, was sie von solcher Anmeldestelle für kommunale Wünsche zu halten habe. Herr Dr. Glücksmann will nun noch einmal versuchen, die dem Ledigenheim feindlich gesinnten Mitglieder der Kommission durch eine Besichtigung des Charlottenburger HeimS zu gewinnen, ob ihm dies gelingen wird, wagen wir stark zu bezweifeln. Denn am liebsten hätten die bürgerlichen Herren gleich durch Abstimmung dokumentiert, daß man sie mit einem solchen Ledigenheim gefälligst in Ruhe lassen soll. Charlottenburg. Durch dreifachen Alarm wurde gestern mittag 11'/, Uhr die Charlottenburger Feuerwehr nach der Goethestraße 6Ü an der Leibnizstraße gerufen. Als die Züge auS der Haupt- und Ostwache dort eintrafen, stand der Dachstuhl des Vorderhauses in großer Ausdehnung in Flammen. Da das Feuer auch für die angrenzenden Gebäude sehr bedrohlich aussah, ließ der Brandinspektor sofort mit vier Schlauchleitungen Wasser geben, die von der Dampfspritze ge- speist wurden. Die Rohrführer drangen teils über eine mechanische Leiter, teils über die Treppen gegen den Brand vor und brachten ihn»ach einftündiger Löschtätigkeit zum Stehen. Von dem Dach- stuhl des Vorderhauses ist aber nur wenig gerettet worden. Die Ursache des Feuers konnte noch nicht ermittelt werden. Mit den Aufräumungsarbeiten hatte die Wehr noch bis in den Spätnachmittag hinein zu tun. Lichtenberg. Der erste Bürgermeister Herr Ziethen ist aus Anlaß der am 3knri.t(ig erfolgten Grundsteinlegung zum städtischen Krankenhause z..m Oberbürgermeister ernannt worden. Die bürgerlichen Herren Schachtel. Plonz, Hoch und Genossen werden sich wundern. daß ausgerechnet der durch sie verschleppte Kraukenhausbau der An- laß zu diesem Ehrentitel ist. langt die Summe von 6(30 000 M. Die Leichenhalle soll so gebaut werden, daß später ein Lcichenverbrcnungsosen eingebaut werden kann. Das von der Stadtgemeinde Berlin für Friedhofszwecke an- gekaufte Gelände kostet 107 000 M. und muß mit 4 Proz. verzinst iverden. Ans diesem Grundstück befindet sich eine Laubenkolonie, an die 660 M. als Entschägigung zu zahlen sind.— Wilmersdorf hat zur einheitlichen Regelung der Sonntagsruhe Groß-Berlins vor- geschlagen, eine vorbemcude Versammlung der in Frage lammenden Gemeinden abzuhallen. Zur Teilnahme an dieser Versammlung wurden die Herren Neu mann, Nickel und Genosse C a r o w gewählt. Köpenick. Die Leiche eineS jungen MädcheuS wurde am Montagnachmittag aus dem Müggelsee gelandet. Es handelt sich um die 19jährig'e Modistin Luise Neumann von hier, die vor einige» Tagen auS der Wohnung ihrer Eltern verschwunden war. Die Lebensmüde soll in den Tod gegangen sein, weil ihre Eltern ein Liebesverhältnis, das sie mit einem jungen Mmnre. unterhielt, nicht billigten. FriedrichSfelde. Die Gemeindevertretung stimmte in ihrer letzten Sitzung zimächst der Anlegung eines Schmuck st reifens nuf dem nördlichen Biirgersteig der Berliner Straße zwischen Luisen» und Berliner Straße 90 und den hierfür erforderlichen Kosten in Höhe von 3000 M. zu. Eine längere Debatte gab es bei den miteinander verbundenen Punkten 5, 6 und 7 der Tagesordnung, galt es doch einen Kampf gegen die Heranziehung des Grundbesitzes zu den Kosten der Straßeuverbcsserungen. Die vorgelegten Orlsstatute be- zweckten, die Anlieger an den Straßen, die ausgebaut bezw. neu reguliert werden sollen, zu den notwendigen Kosten heranzuziehen, und zwar nach einem jedesmal einzuholenden Beschluß der Gemeinde- Vertretung aber im Höchstfalle mit zwei Dritteln der Gesamtkosten. Da die Gemeindevertretung bekanntlich in ihrer überwiegenden Mehr- heit aus Grundbesitzern besteht, wäre man natürlich nie zu der Höchst- grenze gekommen, außerdem aber waren die Bestimmungen von der Baukommission und dem Gemeindevorstand so gefaßt, daß den Grundbesitzern tatsächlich i,n weitesten Maße entgegengekommen war. Zwar wurde wiederholt betont, daß es nicht länger anginge, die gesamten Kosten der Straßenverbcsserung der Allgemeinheit aufzu bürden, noch dazu, wo einige gewissenlose Grundbesitzer die Notlage der Gemeinde, die gezwungen ist. im Interesse der Weitereiitwickeluiig unseres Ortes umfangreiche Straßenregulierungcn vorzunehmen, ausbeuten und für abzutretendes Land unverschämte Forderungen stellen. Man wies ferner darauf hin, daß die Grundbesitzer von den Verbesserungen der Straßen einen unverhältnismäßig viel höheren Nutzen haben, als selbst die Beiträge ausmachen würden, wenn sie bis zur Höchstgrenze gesteigert würden, aber man scheute sich trotz- dem, das Ortsstatut in entsprechender Weise auszugestalten. Unsere Genossen halten beantragt, eine besondere Kommission zu bilden, um eine zweckmäßigere Fassung zu ermöglichen, stimmten dann allerdings, als der Antrag fiel, ebenfalls gegen das Statut, aber aus ganz anderen Gründen, wie die Mehrheit der bürgerlichen Vertreter. Schließlich nahm man eine völlig unzulängliche Bs stimnning an— vermutlich nur um das Odium absoluter Rück stündigkeit und Jnteresienpolitik von sich abzulenken— praktisch wird es jedoch bei dem gegenwärtigen Zustand verbleiben, daß erst die Steuerzahler die Kosten der Straßeiiverbesserungen aufzubringen haben, damit sie dann höhere Mieten zahlen dürfen, weil der Boden und die Gebäude infolge der Straßeiiverbesserungen im Werte ge« stiegen sind. Dann wendete man sich den höheren Gemeindeschulen zu. Zur Vorbereitung war, wie erinnerlich sein dürfte, eine Kom- inission in der letzten Sitzung gebildet worden, die nun ihre Vor- schlüge unterbreitete. Danach soll am 1. April 1912 die Hortersche Schule übernommen werden, wofür deren Inhaberin eine jährliche Pension von 4000 M. erhalten und ihr das Schulinvenlar zu einem an- gemessenen Preise abgekauft werden soll. Als Schulgrundstück wurde ein dem Herrn v. Treskow gehöriges Grundstück an der Treskow-Allee, dicht an der Verbindungsbahn nach Karlshorst zu gelegen, gewählt. Dieses 10600 Quadratmeter umfassende Grundstück soll gegen das im Gemeindebesitz befindliche sogenannte Rathausgriindstück, welches 4500 Onadratmeter groß ist, eingetauscht werden. Die KarlShorster Vertreter, die in der letzten Sitzung so überaus heftig opponierten, hatten eS jetzt sonderbar eilig Und wollten ohne Debatte über die ganze Angelegenheit hinweggehen. In der Debatte>vies Genosse Pinseler auf den Widerspruch hin. der zwischen den früheren Klagen des Frl. Horter liegt, nach denen sie bisher nicht imstande gewesen 'ein wollte, ohne Zuschuß der Gemeinde auszukommen, während sie jetzt ihre keineswegs bescheidenen Entschädigungsansprüche auf einen recht beträchtlichen Einnahme- Ausweis stützt. Er lvarute auch vor der Wohl des Treskowschcu Grundstücks, weil dieses vo» allen Seiten von Siraßeu begrenzt sei, wodurch auch die Ge- meinde mit großen Straßeubaukonen belastet werde. Er müsse sich auch gegen Uebernahme der Vorschule wenden und schlage vor, die Schule nicht sogleich im vollen Umfange zu bauen, damit die Ge- meinde nicht sofort die gesamten Baukosten aufbringen müsse, sondern nach Bedarf erweitern könne. Alle diese Vorschläge wurden jedoch nicht beachtet. Zum Schluß der Sitzung konstatierte Herr Beigeordneter Cassebaum auf Wunsch der Lehrerschaft unseres Orts, daß seiner« zeit, als es sich um die Teiluahme an der I a h n s e i e r handelte, nicht— wie es in.einer Zeitung" geheißen habe— die gesamte Lehrerschaft die Ziirschaustellung vawcländisch-turnerischer Begeisterung mit 10 M. pro Tag bewertet habe, sondern— was doch unseres ErachtenS selbstverständlich ist— nur die beteiligten Damen und Herren. Nveptow-Baumschulenwcg. Aus der Gemeindevertretung. Zum Vorsitzenden deS Gewerbe- und Kausmannögerichts wurde Herr Bürgermeister S ch a b l o w, zum Stellvertreter Herr Schöffe Dr. Niese gewählt. Für die Privat-Mädchenschule. die am 1. Oktober von der Gemeinde über- nommen wird, werden zur Neueinrichtung einer Klasse 150 Mark bewilligt. DaS Nealgymiiasiuni besteht jetzt ans drei Klassen lScxta, Quinta, Ovaria), init zusammen 116 Schülern. Nach dem Voranschlag rechnete man mit 130 Schülern. Zur Anschaffung von Schulbänken für die Aula werden 500 Mark bewilligt. Der Verein RoleS Kreuz unterhält in Treptow mehrere Laubenkolonien und er- sucht die Gemeinde um Uebcrlasiung eines Klassenzimmers in der Schule Kiefholzstraße-Baumschulenweg. Mädchen der Laubenbesitzer im Alter von 8—14 Jahren soll dort Handarbeitsunterricht erteilt werden. Dem Gesuch wird zugestimmt. Für die Gemeindeschule wird eine neue Lehrerinnen-Stelle be- willigt. An dem Bahnkörper der Berliner elektrischen Straßenbahn in der Straße am Treptower Park sollen von der Ringbahn bis zum Heidekampgraben Einwässerungsanlagen eingebaut werden. Die Kosten für die Anlagen belaufen sich auf etwa 2300 M., wovon die Bahngesellschaft vertraglich 1700 M. übernimmt. Dieser Vertrag wird genehmigt. Am Ringbahnhof Treptow baut die Eiseubobnverwaltung ein Beamlcnwohnhaiis und tritt aus diesem Anlaß 162 Quadratmeter Straßenland unentgeltlich an die Gemeinde Treptow ab. Die Straße 36 im Zuge der Grätzslraße von der Lohmühleustraße bis zur Krills- straße soll anbauiäbig hergestellt werden. Anliegerin ist die Nord- deutsche Bodengesellschaft, die außer dem Beitrag zur Herstellung dieser Straße noch 10 000 M. zur Herstellung des Platzes II an der Mündung der Straße zur Verfügung stellt. Der Norddeutschen Bodengesellschaft ist dagegen das Recht zuerkannt worden, den Fahr- dämm, der mit Asphaltplatten belegt werden soll, von der Firma Kopp herstellen zu lassen. AuS der Gemeindevertretung wurden Be- denken gegen die Getvährung eines solchen Rechtes laut, da die Ge- meinde später leicht durch hohe Reparaturkosten geschädigt werden könne. Bürgermeister Schablow erwiderte, daß in diesem Falle nur ausnahmsweise der Norddeulschen Boden- Sesellschaft dieses Recht eingeräumt werocn solle. Die Gesell- Haft übernimmt auch die UuterhaltungSpflicht der Straße auf fünf Jahre. DaS Feuer lvehrdepol in der Kicfholzstraße soll mit Alarmglocken und Telephonanlagen versehen werden. Die Arricktung des neuen Treptower Gemeindefriedhofes ver Friedrichshagen. Bei einem Gcrüstciusturz Friedrichstr. 14 verunglückten vorgestern abend um 5 Uhr drei Arbeiter. Ter Arbeiter Paul Krüger aus Hirschgarten brach das Rückgrat und starb auf dem Wege zum Krankenhaus. Die beiden anderen Arbeiter mußten die Hilfe des Arztes in Anspruch nehmen. Eichwaldc-Zeuthen-Miersdorf. I» der Generalversammlung deS WahlvercinS gab der Vor- sitzende, Genosse M o l k e n t i n, den Bericht deS Vorstandes über das abgelaufene Geschäftsjahr. Die Milgliederzahl beträgt 92 <73 männliche und 19 weibliche Genossen), davon wohnen in Eich- walde 51, Zeuthen 26 und Micr-Zdorf 15 Mitglieder. Der Vor- sitzende erkannte die rege Beteiligung der Genossen bei den Wahlen an, klagte jedoch über den schlechien Bestick der Versammlungen. Dem Kässeubericht, den Genosse Mahle gab, ist zu entnehinen, daß einer Eiimahme von 101,25 Mark eine Ausgabe von 24.20 Mark gegenübersteht.— Um die Lenntznng der Bibliolhck und damit die Bildung der Mitglieder zu fördern, wurde beschlossen, Kataloge anfertigen zu lassen und den Mitgliedern zuzustellen.— Der neugrwählte Gesamtvorstand besteht aus folgendeu Geiiosscn: Brüichke 1., Lehmami 2. Vorsitzender, Alrih. Kassierer. Bensch, Schriftführer; Bezirksführer für Zeuthen Hüttig, für Miersdors Schulz,(für Eichwalde ist der Bczirksführer noch zu wählen.) Revisoren sind die Genossen Bchluig. Dammann und Feith. Der Agilationskommisfion gehören die Genossen KalieS, Thieme und Behling an; der Spedition Genosse Hüttig. In den BildnugS- ouSschuß wurden die Genossen Mahle. Behling und Hüttig, sowie als Bibliothekar Genosse Behling gewählt. Spandau. Arbeitcr-Samarlter-Kolonne. Heute Mittwoch, abends 8'/, Uhr: UebungSabend bei Fr. Bohle. Gäste willkommen. Reinickendorf. AuS der Gemeindevertretung. Zur Verteilung gelangte zunächst die spezialisierte Etatsübersicht deS RieselzweckverbandeS Reinicken- dorf-Wiltenan. Im ordentlichen Etat figurieren als eigentliche Ein- nähme aus landlvirtschaftlicher Nutzung 93 425 M., aus der Vieh- Wirtschaft 35 175 M.. auS der Obstanlage 200 M. und aus Ver Pachtungen 6 739,10 M.. insgesamt 135 539,10 N. Um die Aus« gaben in Höhe von 265 000 M. decken zu können, müssen daher 129 460,90 Mark aus dem Bestände der für den Erwerb und die Anlage des Rieselgnies aufgenommenen Anleihen entnommen werden. Von diesen Anleihen von insgesamt 3 472 000 M. sind noch 1 682 000 M. vorhanden, die die Eiimahme» posilion des außerordemlichen Elats bilden. Hiervon sollen ver« wandt werden 700000 M. für Verlegen des großen Druckrohrs, 159 000 M. für das Aptieren des Nieselgeländes, 135 000 M. für den Ankauf weiterer Grundstücke und 455 000 M. für Errichtung von diversen Baulichkeiten. Der Rest von 239 925 M. wird zur Zahlung von Zinsen für die aufgenommenen Darlehne gebraucht; und da- mit ist auch dieser Erat mit seinen reichen Mitteln am Ende. Im nächsten Jahre wird auch er zur Vergrößerung des Riesendalles, in dem die Gemeinde schwimmt, sein Erkleckliches beisteuern. Denn nochmals neue Anleihen für Schuldzinsenzahlung will die Regierung auf keinen Fall zulassen; dagegen wird der kommende Zweckverband die Lasten und Schwierigkeiten ins Ungeheure steigern. Alle Elatisiernngskünste retten nicht aus diesem Dilemma. Drastisch lehrt das wieder der zur Genehmigung der Gemeindevertretung vorgelegte Rechnungsabschluß für 1909. Er schließt mit einem an- sehnlichen Fehlbetrag, der auf zahlreiche Etatsüberschreilungeu znrückzuführcn ist. Die»eugewählte Rechnungsprüfungskommission bat das erste Mal in eingehender Weise eine Prüfung der JahreSrechnuiig vorgenommen und dabei zahlreiche Monitas zielten müssen. In einem längeren Protokoll wurden dies« gerügt und Abhilfe gefordert. Die Geiucindevertretcr stimmten nach längerer Debatte den Vorschlägen zu und bewilligten die Eni- lostnng mit der bestimmten Aufforderung, Etatsüberschreilungen künftig vorher nachzusuchen. Eine ebenfalls fühlbare Etats« Überschreitung und Ucberraschung brachte auch der Rechnungsabschluß des Kcankenhausverbandes. An seinen EtatSübcrschreilungen ist Reinickendorf mit 27 355 M. beteiligt, d. h. statt der vorgesehenen 30 000 M. hat es 57 000 M. zu zahlen. Auch dieser Nachtrag wurde erst angenommen nach langer, heftiger Debatte, in der unsere Ge» nossen wieder energisch die Einsetzung einer Krankenhausdeputation forderten, statt des jetzigen Direktoriums, bestehend aus den Gemeinde» Vorstehern der beteiligten vier Gemeinden. Das Material, daS gegen die bisherige Verwaltung zeugte, war so gewaltig, daß selbst der Bürgermeister, der bisher am lebhaftesten der Einsetzung eineS größeren Beirates widerstrebte, zögernd dessen Berechligung zugeben mußte. Unsere Genossen in den Gemeindevertretungen der übrigen angeschlossenen Gemeinden werden dafür sorgen, daß auch ihren VerbandSvertreiern diese Erleuchtung noch kommt. Der Neu« bau der VI. Gemeindeschule erfordert in der vorläufig vorgesehenen Größe einen Aufwand von 272 000 M.; die Mittel wurden nach längerer Debatte,' in der hauptsächlich Mängel früherer Echulbauten besprochen wurden, genehmigt. Den Verwaltern der Sparkassen- Annahmestellen soll eine Entschädigung in Höhe von'/a Prozent der Einzahlungen gewährt werden. Den Verwaltern der beiden Gemeindebibliothelcn soll ihre Entschädigung von 250 ans 300 Mark pro Jahr erhöht werden. Ferner halte sich die Gemeindevertretung als AmtSausschuß mir dem Erlaß einer neuen Hundepolizciverordnung zu beschäftigen. Ans Anregungen aus der Einwohnerschaft, des Landrats und nicht zuletzt den Scherereien, die die den Ort passierenden Berliner wegen ihrer Hunde mit der Polizei hatten, war es zu danken, daß der Amts» Vorsteher seine grundsätzliche Abneigung zur Aufhebung des Manlkorb» zwaugeS aufgab. Die neue.Huudepolizeiverordnung" schreibt die näheren Bedingungen hierfür vor. Diverse Bangesuche und Mit» teilungen füllten den Rest der öffentlichen Sitzung, der eine nicht» öffentliche folgte, aus. Wittenau-Borfigwalde. Der Bericht über die letzte Gcmeindevertretersitzung enthält einen ssnnstörenden Fehler, als er unseren Genossen unlerichiebt. daß sie beantragt hätten, daß in dein Bertrage bei Vergebung der AsphaltierungSarbeiten die tarifliche Bezahlung der Arbeiter nicht aufgenommen werden soll. Unsere Leser werden bereit» bemerkt haben, daß das Wort.nicht" in dem Satz nichts zu suchen hat. Euq aller Welt. Ein neuer Jack der Auf schlitz er. In der nordamcrikauischen Stadt Atlanta hat Jack che Ripper, der vor Jahren in London sein Unwesen trieb, einen Nach» ahmer gefunden. Am Sonnabend ist von einem unbekannten Atten- täter bereits der achte Mord an einer Mulattin verübt worden. Sämtliche Morde wurden in derselben Weise ausgeführt. Jeden Sonnabend schlich sich der Mörder hinter sein Opfer, das ge- wohnlich eine sehr schöne Mulattin war. ergriff die Frau bei de« Haaren und durchschnitt ihr mit einem Rasier utesser die Schlagader. Alsdann verstümmelte er sein Opfer in der entsetzlichsten Weise. DaS einzige Kennzeichen in der Per» sönlichkcit des Mörders hat die Polizei von einer Mulattin erhalten. Diese erzählte, daß sie von einein großen, kräftig gebauten Neger verfolgt worden sei. der ihr, als er sie erreichte, einen Dolch in den Rücken stieß, jedoch darauf die Flucht ergriff. Durch diese Massenmorde hat sich der Bevölkerung eine ungeheure Erregung bcmöchtigt._ Vom deutschen Rundflug. Der bisherige Favorit deS deutschen NundflugeS, der Münchener Lindpaintner, ist in den letzten Tagen von andauerndem Pech verfolgt worden. Auch haben die Anstrengungen des FlugcS bei ihm offenbar eine hochgradige Nervosität hervorgerufen, so daß er sein Können nicht voll entfalten kann. Bei dem Flug Dort» mund-Kassel startete er gestern früh, mußte aber bei War» bürg eine Notlandung vornehmen, bei der er durch den heftigen Aufprall seines Flugzeuges auf den Erdboden daS ganze Unter» ge stell des Apparates zertrümmerte. Durch den Unfall ist er an dritter Stelle gerückt. Erster ist König, der am Montag abend in Dortmund aufgestiegen war und nach einer Zwischen» landung bei A s s e l n am Dienstag vormittag das Zielband in Kassel passierte. An zweiter Stelle in der Konkurrenz liegt Vollmöller, der ebenso wie Hoffmanu wtdWienczierS bereits am Montagabend in Kassel eintraf. Die Hitze in Amerika. Die Hitzwelle setzt sich durch das ganze Land fort. Mehrere h n ndert Personen sind infolge der Hitze um» gekommen oder beim Baden ertrunken. Gestern sind mausende vom Hitzschlag getroffen Ivorden. ES ist kein Anzeichen dafür vorhanden, daß die Hitze abnehmen wird. In New Dort und Umgebung wurden 14 Todesfälle, in Chicago 27 fest» gestellt. Die Temperatur erreichte an einigen Stelle» mehr als 43 Grad Celsius._ Kleine Notizen. Schwere Grudenkatastrophe in Nordamerika. Durch einen Grubenbrand in South Porcupine wurde eine größere An» zahl Bergarbeiter von der Außenwelt abgeschnittcn. 18 von ihnen fanden den Tod durch Verbrennen. Russische Sicherhcitszustöndc. Auf die Reisenden eineS den Bahnhof BranSk(Gouv. Grodno) verlassenden Zuge» wurde e i u Raubanfall verübt. Eine Frau, die Widerstand leistete, wurde von den Räubern unter die Räder des Zuge» ge» warfen. Nach der Pest die Cholera. Wie ein Telegramm ans PeterS» bürg meldet, ist in Mulden die Cholera ausgebrochen. Bekanntlich hat im letzte» Winter dort, wie in der ganzen Maudschurei, die Pest schwer gewütet. Lerantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Luchdruckerei u. BerlagSanstalt äfcnl Singer u. Ck, Berlin SW.