Nr. 155. Bbonnements-Bcdingang«!)! Monnements. PrciS pränumerando i vierteljährig 3£0n k e i l der B e t o b i l l ausgenommen lverden sollen. ViSeount M o r I e y sprach sich nachdrücklich gegen die Annahme des Amendements aus. Er gab jedoch keine Andeutung darüber, was die Regierung zu tun beabsichtige, wenn die PeerS auf der Annahme des Amendements bestehen sollten. Rußland. Eitivcrlcibilng des„GonvernementS Wiborg"? Unser finnländischer Mitarbeiter schreibt uns: Wiederum kursieren hier Gerüchte, die russische Regierung beabsichtige, die öst- liche Hälfte de« Gouvernements Wiborg dem Petersburger Gouverne- ment einzuverleiben und die Stadt Wiborg zur Zoll- grenze zwischen Rußland und Finnland zu machen. Dieses freche Ansinnen soll auf die Forderung des KnegSministerS gestellt worden sein, der die neuangelegten Befestigungen bei Terijoki inner- halb der russischen Grenze wissen möchte, um die„strategische Stellung" Petersburg« zu sichern. Die Erfindungsgabe der russischen Gewaltpolitiler ist Ivirllich aus den Hund gekommen, wenn sie zur Rechtfertigung ihres Raub- zugeü gegen Wiborg immer wieder das Ammenmärchen von der »bedrohten Lage" der Residenzstadt hervorheben müssen. Eue der Partei. AuS dem russischen Parteilebc». Vor kurzem fand in Rußland eine sozialdemokratische Konferenz statt, die für die Weiterentwickelung der politischen und Wirtschaft- lichen Organisation des Proletariats von großer Bedeutung sein dürfte. Es war eine— natürlich geheime— Konferenz von Sozial- demokraten, die in den legalen Arbeiterorganisationen der größten Städte des Reiches tätig sind. Es war hierbei äußerst charakteristisch, daß die auf dieser Konferenz gefaßten Veschlüsse im großen und ganzen mit denen zusammen fielen, die auf den jüngsten Konferenzen der Sozialdcmolrane Lettlands, des Jüdischen Arbeiterbnndes und der Irans- kaukasischen Parteiorganisationen, d. h. aus den wichtigsten der in Rußland stattaesundenen Parteikonferenzen, gefaßt wurden. Diese Identität der Bestrebungen der legalen Arbeiterorgaiiisalionsn mit denen der alten, illegalen Organisationen, die sich den ver- änderten Zeitverhältnissen anzupassen suchen, zeigt, daß die jetzt»och gesondert verlaufenden Ströme der Arbeiterbewegung sich einander nähern und— allen äußeren und inneren Hindernissen zum Trotz— die Konsolidation der sozialdemokratischen Arbeüerbcwegung im Reiche anbahnen. Bloß ein Teil der auf der Konferenz gefaßten Beschlüsse wurde in Resolutionen festgelegt und unterliegt der Veröffentlichung. Die Resolutionen über die Gcwerlschaftsbewegung können erst in der Folge veröffentlicht lverden. Wir bringen nachstehend einen Auszug aus dem Text de>� wichtigsten Resolutionen, die auf der Konferenz zur Annahme gelangten. Zu Punkt 1(Wiederaufnahme der sozial- demokratischen Tätigkeit in den Massen): � „Die merkliche Belebung des Interesses der Arbeiter für da? gesellschaftliche und polilische Leben verlangt mackitvoll die Wieder- geburt der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. Diese Wiedergeburt kann nur ersolgen durch die Heranziehung der breilen Arbeitermasien zu offenen politifckien Akliouen, durch die aktive und selbstlätige Beteiligung der Arbeiterklasse an dem gescllschast- lickien und politischen Leben dos Landes." Die Konferenz sieht für diesen Zweck folgende Aufgaben vor: Konzentration der Aufniertsamleit der Arbeitermasien auf die bevor- stehenden Dumawahlen und Vorbereitung derselben; umfassende sozialdemokratische Agitation in Verbindung mit der Tätigkeit der Duina und der Regierung; aktive Einmischung in die Tätigleit der Duma. Kamps um daS Koalitionsrecht usw. Dann heißt eS in der Resolution weiter: „Die gesamte, von der Konferenz borgezeichnete Arbeit muß unverzüglich begonnen werden. In den Ortschaften, wo tätige sozialdemokratische Parteiorganisationen existieren, die eine politische Massentätigkeit führen, muß die gesamte Arbeit von diesen Organ»- sationen übernoinmen werden. Wo sie aber fehlen, müssen un- verzüglich sozialdemokratische„Jiriliative- Gruppen" gegründet werden, die in» Prozeß der Arbeit selbst die Bildung von form- vollendeten Parteiorganisationen fördern werden. lieber den K a m p f u>n das Koalitionsrecht, der seit einiger Zeit im Mittelpunkte des Interesses der russischen Arbeiter- presse steht, faßte die Konserenz folgenden Beschluß: „Die Konserenz empsiehlt, die Vorbereitungen für eine Kam- pagne zugunsten der Koalitionsfreiheit unverzüglich in Angriff zu nehmen. Als erster Schritt in dieser Kampagne gilt die Ausarbeitung einer Protest Petition und deren Annahme durch die Arbeiter gegen die Verfolgungen der Gewerkschaften und anderer Arbeiterorganisationen, die Verhaftung ihrer Führer, die Streik- Verfolgungen der Arbeiter usw." Die skandinavische interparlamentarische Friedenskonferenz und die Sozialdemolratie. Der nordische interparlamentarische Verband, ein Zusammenschluß der Friedeusgruppen der Parlamente, hielt kürzlich in K r i st i a n i a eine Konferenz ab, an der aus jedem der drei Länder 1b Delegierte, worunter zwei S ozialdemolraten, teilnahmen. Unter dem Einfluß unserer Genossen fielen die Beschlüsse entschiedener ans, als man bisher für mög- lich hielt. Zu der»vichtigsten Frage, der Abrrüstung, waren drei Sozialdemokraten als R e f er e n t e»bestellt:Egede Nissen(Norwegen), Stauning(Dänemark), Palmstierna(Schweden). Eine Resolution wurde angenomlnen, nach der die skandinavischen Delegierten aus der im Oktober in Rom stattfindenden allgemeinen interparlamen- tarischen Friedenskonferenz für die Einschränkung der Rüstungen zu Lande und zu Wasser eintreten sollen. Weiter soll mit den Gruppen der übrigen Kleinstaaten wegen einer A n f f o r d e- r u n g der K l e i n st a a t e n an die Großmächte zur allmäh- lichen Verminderung der Rüstungen verhandelt werde». Diese Resolution wird in de»ltscher, englischer und französischer Sprache der Konferenz in Rom vorgelegt lverden. Ueber die Konferenz schreibt Genosse Brant in g. der daran teilgenommen hat:„Das Ergebnis, das einen bedeutenden Fort- schritt in positiver Fricdcnsarbeit bedeutet, wurde von den Sozial- demokraten und LinksmänNern den Bedenklichleiten der Konservativen gegenüber durchgedrückt. Die Stimmung war sehr gut. Die Konserenz wird überall als die beste und ergebnisreichste bezeichnet, die bisher stattgefunden hat."_ Ein tapferer rnssischer Streiter, Genosse E. Levit, ist in Heidelberg in der Nacht vom 3. zum 4. Juli an einem Herz« leiden gestorben. Genosse Levit hat lange aktiv in der rnssichen Re- volutionSbelveguiig gestanden, erst als Sozialrevolutionär, dani» als Sozialdemokrat. Er war auch Mitarbeiter der„Neuen Zeit" und des„Vorwärts", da er ein hervorragender Kenner des Orients und Ostasiens war. Die Leiche des dahingegangenen Kämpfers wird am Donner«» tag im Krematorium zu Heidelberg eingeäschert werden. Di« Asche- urne soll nach Berlin übergeführt und dort bestattet werden. polieeillcbe«, 0mchtl»cbc9 uCrv. Erfurter Justiz. Genosse P e tz o l d von der in E r s u r t erscheinenden„Tri- bnne" wurde am 14. März von der Erfurter Strafkammer unter dem Vorsitz von Tr. Sichert zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Die Klage wegen Vergehens gegen§ 153 G.-O. war zusammengebrochen, dafür erhielt Genosse P. wegen deS Ausdruckes ..Rausreitzer" in bezug auf einen Arbeitswilligen genannte Ge- fängnisstrafe. Aus der Beweisaufnahme ergab sich auch, daß der als Zeuge zugelassene Kläger Heinrich sich nicht beleidigt gefühlt hat durch jene Notiz, sondern sich nur bei der Direktion der Ma» schinenfabrik„Erfordia" erkundigte, ob er wirklich nur über den Streik als„Rausreitzer" beschäftigt sei. Auf die Versicherung, er sc, dauernd beschäftigt, gab er sich zufrieden. Dann wurde er zum Amtsanwalt geladen und dieser habe ihm dann zugeredet. Straf- autrag zu stellen. Er habe dann das»hin vorgelegte Formular unterschrieben und darauf in der Fabrik weitergearbeitet, bis er krank wurde. Erst sei er drei Wochen zu Hause krank gewesen, dann habe er iin Krankenhaus gelegen. Nach seiner Genesung bat er nicht wieder bei der Firma um Arbeit gefragt. Wegen dieser Feststellungen im Bericht über die Verhandlung stand nun Genosse Petzold am Di«iStag wieder vor der Erfurter Strafkainlner, tocil er mit diesen Feststellungen den Richtern habe Rechtsbeugung zum Vorwurf machen wollen. Er habe wider besseres Wissen unwahre Tatsachen über die Richter verbreitet und dafür erhielt er jetzt drei Monate Gefängnis!§ 193 wurde dem Angeklagten n» ch t zugebilligt, da es sich n i ch t um n a h e l i e g e n d e p c r- s ö n l i ch c Angelegenheiten gehandelt habe. Genosse Petzold hatte jetzt den Arbeitswilligen Heinrich als Zeugen geladen, der wieder in gleicher Weise aussagte wie im Termin am 14. März! Aber auch die Strafkammer in der jetzigen Besetzung kam zu einer Verurteilung, da der Zeuge Heinrich auch noch weiter aussagte, er habe sich dann wohl gekränkt gefühlt und sei lediglich deshalb- nicht wieder in das Arbeitsverhältnis zurück- gekehrt, weil er der Hetzerei der Nebenarbeiter aus dem Wege gehen wollte. Es half nichts, datz sich Genosse Petzold ausdrücklich nochmals bestätigen ließ, daß H. sich ursprünglich nicht beleidigt fühlte und daß er nur wegen seiner Er- lrankung die Arbeit eingestellt hatte— also im wesentlichen Genossen Pctzolds Feststellungen und dann auch die Schlutzsoig!-- rungen richtig waren—, es erfolgte die Verurteilung PctzoldS wegen Verleumdung der Richter zu drei Mo» n a t e n Gefängnis! Das sind also zusammen drei Monate und vier Wochen Gefängnisstrafe, nur weil das Gericht in beiden Fällen einseitig die jux den Angeklagten ungünstigen Aussagen V» LktisHt zog. GcweHtfchaftUcbeo. CbriftUcbe„Siege". Der Bericht des christlichen„Zentralblatts" über den Stand der christlichen Gewerkschaften im Jahre 1910 enthält einen Abschnitt über die Lohn- und Streikbewe- g u n g en dieser Organisationen. Danach waren die christ lichen Gewerkschaften beteiligt an: beteiligte Personen ISOS 1910 1909 1910 «lngriffSstreikZ 112 182 2686 4756 Abwehrstreiks 74 55 1772 1454 Aussperrungen 49 53 2552 16166 v Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß es sich bei den Am griffsstreiks nur um handwerksmäßige Betriebe handeln kann, was auch im„Zentralblatt" zugeg�>en wird: ebenso gingen auch die Abwehrstreiks in kleineren Betrieben vor sich. Anders bei den Aussperrungen, die im Metall- und Baugewerbe auch die christlichen Arbeiter einschlössen. Es waren die Bauarbeiter niit 13 978, die Metallarbeiter mit 1303 Arbeitern an den Aussperrungen beteiligt. In allen christlichen Gewerkschaften waren es 16 156 Arbeiter, so daß also die übrigen Berufe, außer den Bau- und Metallarbeitern, in den christlichen Gewerkschaften kaum für die Aussperrungen in Betracht kamen. Welche Rolle aber die Christen in bezug der Streik- und Aussperrungsbewegung einnehmen in der Gesamtbewegung, darüber gibt uns— wenn auch dürftig— Auskunft die amtliche Statistik über Streiks und Lohnbewe- gungen im Jahre 1910. Danach sind im Jahre 1910 2113 Streiks mit 155 680 Streikenden beendet worden und 214 129 Arbeiter wurden im gleichen Jahre ausgesperrt, insgesamt sind also an den Kämpfen beteiligt gewesen 369 809 Personen; die Christen stellen hiervon nach ihrer Statistik 22 366 Personen, das ist nicht ganz 7 Prozent. Wenn wir nun auch zugeben, daß selbst diese im Ver- hältnis zu der gesamten Kampfbewegung geringe Anzahl der kämpfenden christlichen Arbeiter schon der wieder aufge- wärmten Prinzipienerklärung der christlichen Gewerkschaften von der Gewerbesolidarität der Unternehmer und der Arbeiter ein tiefes Lock) schlägt, so sind doch die Bemerkungen inter- essanter. die die christlichen Gewerkschaftsorgane an die Streiks »»nd Lohnbewegungen im Gewerbe knüpfen. Wer die christlichen Organe liest, sollte meinen, alle Kämpfe und Aussperrungen hätten sich nur um die christlichen Gewerkschaften gedreht, alle Erfolge der Bewegung seien ihnen zuzufchreiben, auch da, wo sie pro 100 Kämpfer 7, 6, 6, 4, 3 oder noch weniger Personen ins Feld stellten. Diese Aufblaserei ist sogar der„Kölnischen Zeitung" aufgefallen, die in Nr. 733 am 1. Juli sich auch mit dem Ausgang der großen Kämpfe, in die die christlichen Organisationen gewiß wider Willen hineingerieten, beschäftigt. Die„Kölnische Zeitung" erklärt unumwunden, daß die christlichen Gewerkschaften sich Erfolge zuschreiben, die doch auf die freien Gewerkschaften zu buchen sind! Was das Kölner Organ sogar doppelt unterstreicht. Die Christen hätten das leicht zu verstehende Bestreben, auch einmal die Propagandamittel der freien Gewerkschaften heranzuziehen, um die nicht sozialdemokratischen Arbeiter von dem roten Lager fernzuhalten und in das christliche zu führen. So ist es! Die Christen schmücken sich mit fremden Federn. Was sie bisher in den Lohnkämpfen erreich- ren.istimSchattenderfreienGewerkschafts- bewegung erkämpft worden. Wo sie aber allein im Vordertreffen standen, da war die Zahl der Streikenden in den einzelnen Betrieben entweder an den zehn Fingern abzuzählen oder sie erfochtsn„Siege", wie in Schretzheim, Rheinfelden, in der Münsterländer Textilbranche usw., Siege, die die Gewerkschaften Nicht nur moralisch zugrunde richten können. Nicht alle Streiks werden gewonnen. Aber das einzu- gestehen, ist Sache der beteiligten Gewerkschaften. Wer aber weiß, wie sie in Schretzheim, im Mllnsterland und anderswo sich Siege andichteten, wo es zu blamabelsten Niederlagen kam. der hat alle Ursache, den Statistiken der christlichen Ge- werkschaften über ihre Erfolge mit großem Mißtrauen zu begegnen. Nein, die Christen haben keinen Anteil an der Arbeit zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterklasse Deutschlands: dazu sind ihre Organisationen zu unbedeutend, um Unternehmern imponieren zu können. Ohne die christ- licheGewerkschaftsbewegungständediedeut- fcheArbeiterschaftbesserund noch gerüsteter da, als das jetzt in dem Stand der freien Gewerkschaften zum Ausdruck kommt. Die christlichen Gewerkschaften sind ja auch nur gegründet worden, um Streiks zu bekämpfen, die Gewerkfchaftskraft der deutschen Arbeiter zu schwächen! Wenn trotzdem die christlichen Ge- werkschaften sich an den Kämpfen beteiligen, dann nur ge- zwungenermaßen, weil die Geschichte und die Entwickelung sie in die Kämpfe hineinreißt. OhnediefreienGewerk- schatten hingegen keine chri st lichen Gewerk- schaftsersolge. Mehr noch! Ohne freie Gewerkschaften hätten die Drahtzieher der christlichen Gewerkschaftsbewegung überhaupt nicht daran gedacht, ihre Organisationen ins Leben zu rufen. Das kann nicht genug betont werden. Wo sie es können, zum Beispiel wie in der Bergarbeiterbewegung, machen die Christen Lohnbewegungen zu fchanden. In den anderen Gewerkschaften reicht die Luft hierzu meist nicht aus. Sonst hätten wir im Metall- sowie im Baugewerbe dieselben Verrätereien bei den großen Kämpfen erlebt, die sich die Christen in den letzten Jahren in Dutzenden anderen Fällen erlaubt haben. Damit sie ihre Anhängerschaft nicht verloren, kämpften sie die Aussperrungen in den genannten Gewerben mit durch. Auch wirkt es lächerlich, wenn die christlichen Gewerk- schaftsorgane fortgesetzt auf den Unterschied hinweisen, der in der Auffassung über die T a r i f f r a g e in den Gewerk- schaften besteht. Ter Tarifvertrag sei für die christliche Ge- werkschaftsbewegung keine Machtfrage, er sei eine notwendige Folge unserer heutigen Wirtschaftsordnung. Auf einmal de- geben sich die Christen, wie wir sehen, auf den Boden der materialistischen Geschichtsauffassung: die Verhältnisse bestimmen die Menschen, nicht die Menschen die Verhältnisse. Sonst wird das christlicherseits lebhaft bestritten. Aber wer sich, wie wir, dem letzteren Grundsatz auch an- schließt, kann um die Tatsache nichi herumkommen, daß die Macht, die die Gewerkschaften in die Wagschale der Wirtschaft- lichen Kämpfe geworfen haben, die Tarifbewegun� marschieren ließ. Der Charakter der Tarife wird lediglich bestimnit durch die Macht, die Arbeiter und Unternehmer aufzuwenden vermögen. Und da der christlichen Gewerkschaften Macht in ver Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse Ohnmacht wa?, predigen die christlichen Organe und auch das Zentral- organ von wirtschaftlichen Notwendigkeiten, von„hysterischem Materialismus", nur um den deutschen Arbeitern plausibel zu machen, daß die freien Gewerkschaften n i ch t den Anteil an dem Aufstieg der Arbeiterklasse haben, den selbst deren Gegner diesen zuschreiben. Welcher Widersinn in dem Verhalten der christlichen Gewerkschaftsorgane! Berlin und Umgegend. An die Rohrleger und Helfer Berlins nnd Umgegend! Seit einiger Zeit versuchen die Organisationszersplitterer. ge- nannt Wiesenthaler, bei den Firmen, welche ihren Tarif nicht an« erkennen, Streiks und Lohnbewegungen in Szene zu setzen. Nun versucht man auch, unseren Mitgliedern bei derartigen Gelegenheiten einzureden, daß durch die Anerkennung des Tarifs(gemeint aller- dings ist die Anerkennung ihres Vereins) eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse eintreten wird. Obwohl diejenigen Kollegen, welche die Machinationen der Wiesenthaler kennen, sich nicht täuschen lassen, so wollen wir hierdurch ausdrücklich unsere Verbandskollegen und alle Bauarbeiter, denen es mit der Wahrung ihrer Interessen ernst ist, darauf aufmerksam machen, daß unsere Mitglieder eine etwaige Aufforderung seitens der Wiesen- thaler. da und dort die Arbeit einzustellen, nicht zu befolgen haben. Alle derartigen Versuche, einen Streik oder eine Lohn- bewegung mit Hilfe unserer Mitglieder zu unternehmen, müssen sofort nach unserem Verbandsbureau gemeldet werden. Wenn auch bei einer ablehnenden Haltung unsererseits die Wiesenthaler dann von Streikbruch und ähnlichen Dingen reden werden, so können wir derartiges Gerede bei dem besten Willen nicht ernst nehmen. Denn solche Leute, wie die Vereiusleitung der Wiesenthaler, welche im Jahre 1908 den Streikbruch engroS beirieben haben, können uns und jeden ehrlich denkenden Arbeiter in keiner Weife beleidigen. Wenn man noch ferner berücksichtigt, daß die Wiesenthalcr von den Firmen, welche ihren Tarif anerkannt haben. und wo unsere Verbandskollegen arbeiten, die Entlassung derselben fordern und oftmals auch erzielten, dann kann es jeder vernünftig denkende Mensch verstehen, wenn wir jede Gemeinschaft mit dieser Gesellschaft ablehnen. Bei dieser Gelegenheit sei auch darauf hingewiesen, daß der Arbeitsvermittler des Facharbeitsnachweiscs, welcher auch Mitglied bei den Wiesenthalern ist, bei dem verflossenen Bauklempnerstreik durch Vermittelung von Arbeitswilligen die Arbeitgeber unter- stützt hat. Aus allen diesen Gründen müssen unsere Kollegen jedes gemeinsame Vorgehen mit den Wiesenthalern ablehnen. Die Bau- arbeiter ersuchen wir, von dieser Mitteilung Kenntnis zu nehmen. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Marmorardeiter! Da über den Zuschlag bei auSwär- tigen Arbeiten noch kein Einvernehmen mit dem Verband der Stein- metzgeschäfte zustande gekommen ist, derselbe aber ebeusalls im Tarif- verlrage Aufnahme finden soll, so gelten ab 1. Juli nur die bis- her vertraglich festgelegten Bestimmungen und zwar: Minimal- stundenlöhne a) für Steinmetzen: In der Werkstelle 80 Pf., außerhalb der- selben 85 Pf., bei reinen Bersetzfirmen 90 Pf. b) für Schleifer, Fräser, Dreher: In der Werkstelle sofort 65 Pf.. ab 1. 1. 1912 68 Pf., außerhalb derselben sofort 70 Pf., ab 1. 1. 1912 73 Pfennig. o) für Anfänger im Beruf: In der Werkstelle im ersten Halbjahr 50 Pf., im zweiten Halbjahr 65 Pf., im dritten Halbjahr 60 Pf., im vierten Halbjahr 65 Pf., nach zwei Jahren werden die vollen Lohnsätze gezahlt; außerhalb der Werkstelle in allen Punkten b Pf. mehr. Ueber stunden werden mit 25 Proz., Nachtstunden(von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens) mit 50 Proz. und Sonntags- arbeit mit 100 Proz. Zuschlag bezahlt. Bestehende Löhne dürfen nicht herabgesetzt werden. Die Kollegen werden ersucht, auf strengste Einhaltung dieser Bestimmungen zu achten und alle Fälle, in denen gegen dieselben verstoßen wird, unverzüglich im Verbandsbureau Engeluser 15 I, Zimmer 7a(Telephon Amt IV 11371) zu melden. Zentralverband der Steinarbeiter. Orlsverwaltung Berlin. Zur Lohnbewegung der Bretterträger ist zu berichten, daß die Differenzen bei der Firma Welke u. Elbe erledigt sind. Die Sperren über die Firmen Beyer u. Erdmenger, Treptow, sowie Schiffer u. Sohn und S ch ö n f e l d, Charlottenburg, be- stehen nach wie vor und darf auf diesen Plätzen kein organisierter Bretterträger Arbeit annehmen. Deutscher TranSportarbeiter-Verband. Die Lohnkommission. Oeutfchea Reich. Erfolgreiche Lohnbewegungen im Sattler« und Portefeuillergewerbe. Nachdem die Tarifabschlüsse in der Portefeuille-, Reiseartikel-, Album-, Mappen- und Galanteriewaren-Jndustrie in Berlin, Freiberg i. S., Offenbach a. M. und Stuttgart für rund 8600 Personen perfekt geworden find, haben auch in Erlangen die Portefeuiller in Gemeinichaft mit den im Buchbinderverbande organisierten Berufs- genossen auf dem Verhandlungswege und ohne Streik einen fünf- jährigen Vertrag abgeschlossen. In der Automobilreisenfabrik der Firma E. KI a u e n b e r g, Braunschweig, ist e« nach kurzem Streik zum Abschluß eines für zwei Jahre geltenden Tarifvertrages gekommen, wonach die OOstündige Arbeitswoche auf 53>/z Stunden verkürzt worden ist. Der Mindestlohn für Sattler beträgt 21,— M. die Woche, der für HilfS- arbeiter 35 Pf. die Stunde. SonntagSarbeit wird mit 50 Proz., Ueberftunden werden mit 25 Proz. Zuschlag bewertet. Die Lohn- erhöbung beträgt mindestens 10 Proz. für jeden Arbeiter. In der Geschirrsattlerei der Firma Voigt in Potsdam ist die Lohnbewegung günstig verlaufen. Ohne Arbeitseinstellung wurden Lohnerhöhungen von 5—25 Proz. erzielt. Durch den Tarifabschluß der Luxuswagen- und Karrosseriefabrik Ludwig Käthe u. Sohn in Halle a. S. mit den in Betracht kommenden freien Gewerkschaften wurde der Mindestlohn für ungelernte Saitler auf 43 Pf., für im Automobil- und Wagenbou eingerichtete Gehilfen auf 48 Pf,, für selbständige Gehilfen auf 52 Pf. pro Sinnde festgesetzt. Ueberftunden werden mit 10 Pf. SonntagSarbeit mit 25 Pf, pro Stunde Zuschlag vergütet. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt bis zum 30. Juni 1913 56. von da ab 55 Stunden. Die Arbeitsnachweise der Gewerkschaften find bei Neu- einstellungen zu benutzen. Der 1. Mai ist den Arbeitern als Feier- tag freizugeben. Bei Differenzen, die den Betrieb betreffen, bat die Firma mit dem Arbeiterausschuß unter Hinzuziehung eines Gewerk- ichaftSbeamten zu verhandeln. Ist eine Einigung nicht zu erzielen, so ist unter Ausschluß von Kampfmaßregeln daS EinigungSamt des Gewerbegerichts anzurufen. Der Vertrag gilt bis zum 30. Juni 1914. Ausland. Der Streik der Seeleute siegreich! Land»», 4. Juli 1911.(Tig. Ber.) Der Streik der Seeleute und Hafenarbeiter nähert sich seinem Ende. Die Streikenden siegen auf der ganzen Linie zum großen Verdruß des NeederverbandeS, der jeden Einfluß auf seine Mitglieder verloren zu haben scheint. Als der Sekretär des NeederverbandeS. Herr Cuthvert LaivS, gestern erfuhr, daß die Verbandsmitglieder in Hull bereit seien, ihren Arbeitern große Zugeständnisse zu machen. reiste er sogleich nach Hull, um den Mitgliedern die Verwerflichkeit ihrer Handlungsweise vor Augen zu halten. Die Reeder HullS bereiteten ihm ober einen recht kühlen Empfang und teilten ihm mit. daß sie den Streik satt hätten und übrigens ihre Geschäfte ohne seine Einmischung besorgen könnten. Die Shipping Federation ist wenigstens für den Augenblick gänzlich demoralistert. Die Hauptergebnisse ber Konferenz, die gestern zwischen bA« Vertretern der Unternehmer und Arbeiter in Hull stattfand, find folgende: Die Gewerkschaften der Arbeiter werden anerkannt; die Shipping Federation geht in die Brüche, denn die obligatorische Benutzung des Arbeitsnachweises der Reeder wird abgeschafft; bei der ärztlichen Untersuchung der Mannschaften kann ein von den Arbeitern beauftragter Arzt zugegen sein; die Löhne der Seeleute wie auch die der Dockarbeiter werden erhöht, und zwar sollen See- leute in allen Handelszweigen 90 Schilling<90 M.) und Heizer 95 Schilling(95 M.), Dockarbeiter eine Zulage von einem Halfpennh<4 Pf.) die Stunde erhalten; für verschiedene Arbeiter« kategorien wird der halbe Feiertag(SamstagS) eingeführt; Stteitig« keiten, die von den beiden Parteien auf dem Einigungswege nicht beigelegt werden können, sollen vom Handelsministerium entschieden werden. Großer Jubel herrscht unter den Arbeitern HullS über den glücklichen Ausgang deS Kampfes, zu dem die Sozialisten der Stadt nicht wenig beigetragen haben; die Mitgliedschaft der I. L. P. in Hull organisierte während deS Streik« von ihrem Lokal aus die Unterstützung der großen Masse der Unorganisierten. Vollständig ist aber auch in Hull der Friede noch nicht wieder hergestellt worden. Noch streiken die in den Kornmühlen und einigen anderen Betrieben der Stadt beschäftigten Personen, die letzte Woche entlassen wurden, weil das Rohmaterial ausblieb. Diese Arbeiter habe eine Lohn- forderung gestellt. In Liverpool ist die Arbeit zu den von den Führern des Streiks letzten Mittwoch exwirkten Bedingungen fast allgemein wieder auf« genommen worden, nachdem es den Führern gelungen war, den streikenden Dockarbeitern die großen Vorteile des abgeschlossenen Vertrags klar zu machen. Infolge deS Streiks ist die Mitgliedschaft der Sektion North-end der Dockarbeiter von 700 auf 5000 gestiegen. In Glasgow dauert der Streik mit unveränderter Schärfe fort. In Manchester haben sich die 4000 Mitglieder der Gewerkschaft der Fuhrleute der Bewegung angeschlossen und verhindern die Beförde- rnng der von Streikbrechern nach der Stadt gebrachten Güter. In London hat die Hafenverwaltung den mit der Arbeitseinstellung drohenden Dockarbeitern großes Entgegenkommen bewiesen. Zwischen den Vertretern der Arbeiter und den hervorragendsten Reedern soll sofort eine Konferenz stattfinden. Die Frage der Anerkennung der Gewerkschaft spielt hier keine Rolle, da die Gewerkschaften schon seit langem im Namen ihrer Mitglieder verhandeln und Verträge schließen. Die bürgerliche Presse spricht von einer Beendigung des Streiks. Wenn diese Angabe auch nicht ganz der Wahrheit entspricht, so ist sie dennoch insofern richtig, als der Sieg der Arbeiter in Hull dem Streik— oder besser gesagt dem Reederverband— das Rückgrat gebrochen hat. Da» Neinlaute Benehmen dieser Scharfmacher« organisation, die noch vor einer Woche mit ihrer unwiderstehlichen Macht prahlte, nimmt sich heute sehr komisch aus. Die Stimmung unter den Arbeitern kommt am besten in der Rede zum Ausdruck, in der der Streilführer Bell gestern in Hull den Sieg der Be- wegung verkündete. Er sagte:.Leute, wir haben gesiegt. Die Karten deS Arbeitsnachweises des Reederverbandes find abgeschafft. Morgen wird jeder ehrliche Mann seine Karte verbrennen. Im Jahre 1893 wurden wir geschlagen nnd mußten mit dem Schwanz zwischen den Beinen zurückmarschieren. Morgen marschieren wir mit fliegenden Fahnen zur Arbeit zurück, denn wir haben unsere Freiheit gewonnen."_ Letzte rfochriclrten. Bewußtlos aufgefunden wurde heute nachmittag im Grüne» Wald der 36 Jahre alte Bäcker Georg Andreas au» der Demminer Straße 32. Er wurde nach dem Krankenhaus Westend gebracht. wo der Arzt Morphiumvergiftung feststellte, Andreas hatte zu seinen Verwandten nach Dresden geschrieben, daß er sich das Leben nehmen wolle. Sie telegraphierten sofort an die hiesige Behörde. Gleichzeitig wurde vom Polizeirevier Grunewald gemeldet, daß der Bäcker Georg Andreas 100 M. mit dem Vermerk geschickt hätte. ihn beerdigen zu lassen, da er sich das Leben nehmen wolle. Motiv der Tat noch nicht bekannt. Ter �franenmord am Hnmboldthafen. Um 2 Uhr nachts wurde das Urteil gefällt: Die Ange- klagten Wächter Gustav W e g e n e r und die Gelegenheits- arbeiter Meißner und Otto W o l f f wurden von der An- klage. Notzucht mit Todeserfolg bezw. Beihilfe verübt zu haben, freigesprochen» Die Kolonialtreiber in Italien. Rom, 6. Juli.(P. C.) Die italienischen Zeitungen, die in keiner Beziehung zum Ministerium stehen und daher von der poli» tischen Ansicht der offiziellen Kreise unabhängig sind, tadeln die Untätigkeit Italiens in der marokkanischen Frage. Sie wenden sich dagegen, daß die Regierung das Land ausschließlich mit der Vorlage über eine staatliche Lebensversicherung beschäftige, während jetzt offenbar die Aufteilung Marokkos vor sich gehe.„Giornale d'Jtalia" erinnert daran, daß auch Italien zu den Signatar- mächten von Algeeiras gehöre und ebenfalls ein Interesse an Ma- rokko habe. Das Blatt fragt, ob Italien in seiner Untätigkeit be- harren wolle, während sich die anderen Länder an der Kolonial- tafel behaglich niedergelassen hätten. Der Artikel schließt mit einem deutlichen Hinweis auf Tripolis. Auch die übrigen Blätter halten diesem Augenblick für geeignet, um die tripolitanische Frage ihrer Lösung näher zu bringen. Brückeimeuba» eingestürzt. Klein-Laufenburg bei WaldShul(Oberrhein), 5. Juli.(B. H.) Gestern abend ist unter donnernden. Krachen ein Holchogen der im Bau begriffenen Nene» Rheinbrücke eingestürzt. Bier auf der Brücke deschäftigte Arbeiter wurden mit in den Fluß gerissen. Drei konnten gerettet werden, einer ertrank. Die vom Wasser sortgerissenen Holzmassen betrugen insgesamt 200 Kubikmeter. Die Ursache des Unglücks ist darauf zurückzuführen, daß entgegen den An- ordnungen der Bauverwallunge» zu früh die Verankerung des Gerüstes gelöst worden war._ Die Stahlindnstrirllen und die Arbeiter. Brüssel, 5. Juni.(W. T. B.) Der internationale Kongreß der Interessenten der Stahl- und Eisenindustrie beschloh die Ein- setzung einer Kommission, die untersuchen soll, inwie- weit die Stahlindustriellen der interessierten Länder eine Verstän- digung untereinander anbahnen können. Die Verständigung soll sich nicht ausdehnen auf die Preise und die Abgrenzung der Absatz- gebiete, sondern unter anderem auf die Löhne der Arbeiter und die Transportfragen._ ExplosionSkatastrophe in Casablanca. Tanger, 5. Juli.(P. C.) Aus Casablanea wird hierher ge» meldet, daß eine in der dortigen französischen Apotheke aus unbekannten Ursachen entstandene Explosion fast das ganze Gebäude zerstört habe. Ein Brand, der unmittelbar hierauf entstanden sei, hätte die noch übrig gebliebene Einrichtung der Apotheke gänzlich vernichtet. Bei dem Unglück seien drei Personen getötet und acht schwer verletzt worden. Da man an ein Verbrechen glaubt, hätte man e-ie strenge Untersuchung eingeleitet. Oerälttw. Stedakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil vergntw.i z:h.BI»cke, Berlin. Drucku.vxrlag:Vora>ärtSBuchdr.i4 Verlagsanstalt Paul Singer s- Co., Berlin LW. Hierzu 2 Beilagen«.Unterhaltungsbl. Nr. 155. 28. Jahrgang. I Kciltte des Jimirl»" Krlim Dolliililott. Donnerstag, 6. Juli 1911 Die IProteftbewegung. In ganz Preußen haben die Versammlungen, die zum Protest gegen die elende Wahlrechtskomödie im Landtag ein- berufen worden sind, massenhaften Besuch auszuweisen. Namentlich in Kleinstädten und Landorten weist der Versamm- lungsbesuch eine außerordentlich starke Beteiligung auf. Aber nicht nur einer Massendemonstration des proletari- schen Wahlrechtswillens dienen jetzt unsere Kundgebungen. Wie am Dienstag in den Berliner Versammlungen, so konimen alle Redner auch im Lande auf das neue weltpoliti- sche Abenteuer zu sprechen, das die Regierung mit der Entsendung des Kriegsschiffes in den marokkanischen Hafen be- gönnen hat. Die Referenten verweisen darauf, wie die bürger- lichen Reaktionäre drauf und dran sind, aus dem Abenteuer eine rettende Wahlparole zumachen, die Zauberformel, die sie vor den roten G e i st e r n schützen soll, die ihre Volks- feindlichen Taten heraufbeschworen haben. Das hohnvolle Gelächter, mit der die Massen diese Schilderung der natio- nalistischen Wählerfangversuche aufnehmen, zeigt, daß aus Marokko alles andere eher als eine begeisternde Wahlparole zu suchen ist. Besondere Beachtung findet in den Versamm- lungen stets der Hinweis auf die großen internatio- n a l e n Gefahren, die die imperialistische Politik der Kapitalistenklasse aller Nationen heraufbeschwört. Gegen diese Politik der kolonialen Eroberung und der Gefähr- dung des Weltfriedens wird in allen Versammlungen in den entschiedensten Worten nachdrücklicher Protest erhoben. Die deutschen Arbeiter hegen keine Feindschaft gegen ihre französischen Brüder und keiner Regierung wird es gelingen, die arbeitenden Klassen in solche wahnsinnige selbst- mörderische Feindschaft hineinzuhetzen. Den arbeitenden Klassen Frankreichs gehört unsere ganze Sympathie, wir kennen nur einen Feind: den Kapitalismus. Adlershof. Im überfüllten Saale don Wöllsteins Lustgarten waren 600 Personen versammelt, unter denen sich viele unorgani- sierte Männer und Frauen befanden. Das Referat des Genossen Walde! Manass e wurde mit großer Spannung entgegen- genommen. Der Gesangverein„Frohsinn" sang das Lied„Empor zum Licht". Alt-Glienicke. In der von etwa 250 Personen besuchten Ver- sammlung rechnete die Genossin L u n g w i tz mit den Wahlrechts« feinden unter brausendem Beifall der Anwesenden ab. Die Resolution wurde einstimmig ohne Diskussion angenommen.— Der hiesige Arbeitergesangverein eröffnete und schloß die Versammlung mit einem beifällig aufgenommenen Kampflied. Britz. Ueber die Wahlrechtskomödie im Landtag referierte hier vor etwa 400 Personen Genosse E y s ch e. Unter lebhaftem Beifall forderte er die Anwesenden zum Anschluß an die gewerkschaftliche und besonders an die politische Organisation, sowie zum Lesen der Arbeiterpresse, des„Vorwärts", auf. Die Resolution wurde ein- stimmig angenommen. Charlottcnburg. Die Versammlung im Volkshause war schon lange vor Beginn polizeilich gesperrt, so daß im kleinen Saale ein« zweite Versammlung anberaumt werden muhte. Auch hier fanden die Anwesenden bei weitem nicht Platz, hunderte füllten den Garten. Zur Einleitung sang die Liedertafel einige Kampfes- weisen. Im großen Saale referierte Genosse Jul. Borchardt, im kleinen Scale Genosse Zempelburg. Beide Referenten fanden begeisterten Beifall. Köpenick. Der große Saal des Stadttheaters war überfüllt. Das Referat der Genossin Wulf wurde mit Begeisterung auf- genommen. Rixdorf. Die Versammlung in Hoppes Festsälen war schon um b/�g Uhr abgesperrt. Referent war Julius K a l i s k i. Die Ver- sammlung verlief ruhig. Tausende von Menschen, die keinen Einlaß fanden, bewegten sich während des Vortrags auf der Straße. Nach der Versammlung bewegte sich die Menschenmenge in losem Zuge vom Versammlungslokal durch die Straßen fort. kleines feuilieton. Agadlr. Agadir Jgir nennen die Marokkaner das kleine Hafen- städtchen an der atlantischen Küste, das nun mit einem Schlage in unseren Gesichtskreis geireten ist. Kaum hatte man früher etwas von dem Orte gehört, über dessen starken, aber verfallenen Lehm- mauern die glühende Sonne Afrikas brennt und in dessen Hütten und flachen maurischen Häusern kaum 700 armselige Berber wohnen, die sich teils vom Handel, hauptsächlich aber vom Fischfang nähren. Vierhundert Jahre alt ist jetzt die Geschichte AgadirS. Als die Portugiesen die Beherrscher der Meere waren, gründeten sie in dieser Bucht einen Zuflnchtshafen und nannten ihn, wie so viele Orte, die sie in der Alten und Neuen Well gegründet, Santa Cruz. Die Fischer sollten in diesem Hafen eine sichere Zuflucht finden, und es läßt sich, zumal an der so wenig gegliederten Küste Afrikas, in der Tat kein günstigerer Hafen denken als diese „Fest: des Ellbogens", sogenannt nach der Gestalt der Bucht, die von Norden her durch eine weithin gegen das Meer vorspringende ellbogcnförmig gestaltete Landzunge geschützt ist..Aber nicht lange konnten die Portugiesen den Platz halten. Die Marokkaner be- lagerten und eroberten ihn. um ihn nie tvicder herauszugeben. Agadir blühte aber unter der islamitischen Herrschast schnell empor i es wurde zum natürlichen Sammelplatz für alle Karawanen, die den Weg nach dem Innern der frucht- baren Provinz Sus und weiter hinein nach der Sahara nahmen. Und aus dem fernen Sudan kamen die Karawanen ans der ciilgcgengeietzten Richtung nach Agadir, von wo die Waren nach Europa verfrachict wurden. Seine höchste Blüte erreichte Agadir unter dem Sultan Mulay Ismail, der von 1672 bis 1727 regierte. Dem Sultan Mulay Sidi Mohammed, der von 1757 bis 178g auf dem Throne der Scherife saß. war aber die Handelsstadt Agadir zu reich und mächtig ge- worden, und als sie sich gar offen gegen ihn empörte, was bekannt- lich in Marokko bis auf den heutigen Tag bei jeder Gelegenheit geschieht, da beschloß der Sultan, die Stadt vollkommen zu vernichten. Er eroberte Agadir, machte es fast völlig dem Erdboden gleich und zwang die wohlhabenden Kaufleute, sich in dem weiter nordwärts liegenden, von ihm neugegründeten Mogador anzusiedeln. Der Hasen von Agadir wurde sür fremde Schiffe gesperrt und der ganze Handel war infolgedessen genötigt, seinen Weg über Mogador zu nehmen, das dadurch schnell zur Blüte kam. N o h l f Z war der Ueberzcugung, daß für den Handel kein Hasen nützlicher sein würde als Agadir. Nichtsdestoweniger blieb der Hafen bis auf den heuligen Tag sür fremde Schiffe gesperrt, und nur einmal, iin Jahre 1832. als in der Provinz Sus eine schlimme Hungersnot herrschte, war Agadir sieben Monate hindurch für die Einfuhr von Lebensmitteln europäischen Schiffen zugänglich. Sus ist von Natur ein reiche?, subtropisches Land, das in regenreichen Jahren sehr viel Getreide hervorbringt. Bleibt das be- fruchtende Naß aber aus, so gerät die Bevölkerung in Not. da die Einfuhr von Brolfrucht von den Kaids u, schamloser Weise zur «igenen Bereicherung ausgenutzt wird. Schöneberg. In den„Neuen Rathaussälen" sprach Genosse Ed. Bernstein. Die Versammlung mußte während seiner Rede unterbrochen werden, da der 800 Personen fassende Saal überfüllt war und eine ebenso große Menge draußen harrte, die gleichfalls das Referat hören wollte. So fand denn unter großem Beifall Wechsel der Zuhörerschaft statt. Die Ausführungen des Referenten fanden tosenden Beifall. Der Schöneberger Männer- chor intonierte am Anfang jeder Versammlung ein Lied, das eben- falls Beifall fand. Mit einem Hoch auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht wurde die imposante Versammlung geschlossen. Steglitz. Die Versammlung im Birkenwäldchcn war von 500 Personen besucht. Das Referat des Genossen Hönisch wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Der Steglitzer Gesang- verein leitete die Versammlung ein und schloß sie mit einem Liedc. Treptow. Im„Treptower Lustgarten" waren Saal und Nebenräume stark überfüllt. Ueberwachung war nicht vorhanden. Referent war Genosse Barenthin. Wilmersdorf-Halensee. Vor einer überfüllten Versammlung sprach Reichstagsabgeordneter Molkenbuhr im Kurfürstenpark zu Halensee. Brausender Beifall lohnte den Redner. Die Reso- lution wurde einstimmig angenommen. Ein Lied des Wilmers- dorfer Männerchors bildete den Schluß der agitatorisch wirksam verlaufenen Versammlung. Lichtenberg. Einen recht stimmungsvollen Eindruck machte die Versammlung im„Schwarzen Adler", da diese durch Gesang ein- geleitet wurde. Lange vor Eröffnung der Versammlung wurden Stühle und Tische entfernt, um die immer stärker nachströmendc Menge zu fassen. Kurz nach Beginn des Vortrages mutzte die Versammlung wegen Ucberfüllung polizeilich abgesperrt werden, ein Beweis dafür, daß die arbeitende Bevölkerung nicht mehr Luit hat, sich länger als rechtlos behandeln zu lassen. Mit großer Freude war zu begrüßen, daß die Frauen recht zahlreich vertretAr waren. Das oft durch zustimmende Zwischenrufe unterbrochene Referat des Genossen Barth wurde mit großem Beifall aufge- nommen. Die vorgelegte Resolution wurde einstimmig ange- nommen. Mit einem Liede des Gesangvereins und mit einem begeisterten Hoch wurde die Versammlung geschlossen. Ober- Schöncwcide. Die Versammlung im Restaurant„Wil- helminenhof" war von 1300 Personen besucht. Referent war Genosse F e n d e l. Der Gesangverein„Ober-Schöneweider Liedertafel" er- öffnete und schloß die Versammlung mit einem stimmungsvollen Liede. Unter Hochrufen auf das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht gingen die Teilnehmer auseinander. Pankow. Im Restaurant„Zum Kurfürsten" herrschte große Begeisterung. Die Besucherzahl betrug 1000 Personen. Referent war Genosse T h u r o w. In Reinickendorf, wo im Schützenhaus, Residenzstraße. Genosse Emil U n g e r referierte, mußten schon frühzeitig die Tische entfernt werden. Doch auch das genügte nicht für die an- drängenden Massen, und so verlegte man die Versammlung in den Garten— die erste Versammlung unter freiem Himmel in Reinickendorf—, wo die 1400 Personen, darunter viele Frauen, sich niederließen. Nach einem anfeuernden Schlußwort des Genossen Schönberg schloß die Versammlung mit einem dreifachen Hoch. Rummelsburg. Die Versammlung im Cafe Bellevue leiteten die Nuinmelsburger Sängerchöre„Frohsinn" und„Vorwärts" mit dem Liede„Empor zum Licht" ein. Im großen Saale des Eta- blissements waren 5000 Personen versammelt. Referent war Gc- nosse Haß. Der Referent erntete reichen Beifall. Tegel. Die Versammlung in Trapps Festsäleu war überfüllt. Schubert- Spandau referierte. Es herrschte große Begeisterung, Der Gesangverein„Immergrün" eröffnete die Versammlung. Man schätzt die Zahl der Anwesenden mit 1200 Personen nicht zu hoch. Spandau. Die Wahlrechtsdemonstrationsversammlung, die in der Pichelsdorfer Brauerei abgehalten wurde/ war von weit über 2000 Personen besucht. Die Ausführungen des Genossen Dr. Karl Liebknecht fanden begeisterten Beifall. Die Resolution gelangte einstimmig zur Annahme. Zu der Versammlung war der frei- konservative Landtagsabgeordnete, Rechtsanwalt L ü d i ck e, brieflich eingeladen worden. Er hatte folgenden Absagebrief geschrieben: Spandau, den 4. Juli 1911. Herrn Emil Köppen Spandau. Ihrer Einladung werde ich nicht Folge leisten. Zufolge ärzt- sicher Anordnung darf ich zwar zurzeit wegen meines Halsleideus Soziales aus Hellcrau. Unser Feuilleton in Nr. 138(Ein Be- such in H e l l e r a u> hat in Dresden Widerspruch erregt. In einer längeren Zuschrift, die wir im Feuilleton unmöglich wiedergeben können — dergleichen gehört ins Soziale—, werden die Kehrseiten der Garten- stadt geschildert. Es wird darin betont, daß die Deutschen Werkstätten aus sehr realen Gründen die Gartenstadt abgezweigt haben, daß die Klassen in Hellerau hübsch gesondert wohnen, daß zur Wohuungsmicte noch der Zins für die GaS- und Wasseruhr, sür die elektrische Anlage und Wassergeld für den Verbrauch über 40 Kubikmeter kommt. Auch die Arbeitsbedingungen werden bemängelt.(Die geichner und HilfS- arbeiler hatten Differenzen mit der Geschäftsleitung). Demgegenüber weist der Verfasser unseres Feuilletons darauf hin, daß die Gartenstadt den Boden zum Buchivert erhielt, daß die Werkstätten damit aussichtsreiche Bodenspekulation hätten betreiben können. Auch sind nach unserem Geivährsmanne die Löhne die höchsten, die in Dresden in der Holzbranche bezahlt iverden. Die hygienischen Einrichtungen der Fabrik sind von der „Holzarbeiter-Zeitung" anerkannt worden. Alle Arbeiter des Be- triebe? sind organisiert. Zusammenfassend möchten wir dazu bemerken, daß die Deutschen Werkstätten selbstverständlich eine kapitalistische Unternehmung sind. Aber die selbständige Gartenstadt Hellcrau kann ja trotzdem eine interessante und sozial wertvolle Gründung sein. Theater. Kleine? Theater(Direktion Wauer): Norachen: Schwank von Hermann Ketsch. Auch unter Anrechnung der sommerlich mildernden Umstände läßt sich für diesen Schwank, der »ach dem Titel ja wohl so etwas wie eine Jbsenpersiflage werden sollte, kein Wörtchen der Entschuldigung sagen. Keine Spur einer launigen Beziehung zu dem Original. Norachen, sür die alle drei Männer im Stücke, ein bedauernswürdiger Gatte, ein Dun Juan von Rechtsanwalt und ein alter Erbonkel um die Wette schwärmen, ist eine unausstehlich dumme Gans,«ine von ollem graziösen Sprudclgeiste sorglich gesäuberte, auf ein paar armselige Anzüglich- keilen reduzierte Cypricnne. Bei der Heimkehr vom Balle, als der Gemahl zu ihrer ivie zur Qual des Publikums unendlich lange vergebens knipst, um Licht zu machen und ihre Ungeduld durch eine Fülle von erstens— zweitens— drittens— Argumenten zu beschwichtigen strebt, erkennt sie, daß die Ehe mit einem solchen Menschen ihrer unwert ist. Sie läßt denn auch sofort, nachdem die schlechtere Ehehälfte resigniert ins Bett ge- krochen, den Advokaten aus der oberen Etage als juristischen Bei- stand auf den Knegsplatz rufen. Um keine Zeit zu verlieren, geht das Dämchen mit dem galanten Herrn gleich in seine Wohnung mit, spielt tadellos Kokotte, trinkt sich im Vollgenusse der neucrrungcnen Freiheit einen Schwips an, bis das Elend des ausbrechenden Katzen- jammers sie zur reuigen Erinnerung an ihr wohlgeborcnes Ich zurückführt. Am Ende lohnt der Tausch sich gar nicht. Die geistigen Kosten deS ehelichen VcriöhnungSaktes werden von dem vorsorglichen Gatten bestritten, der auf den intelligenten Maskeradeneinfall gerät, beim Erscheinen deS Erbonkels die Köchin in die Kleider von Madame zu stecken. Fräulein Edelsberg spielte mit pikanter Verve. Der männlichen Rollen nahmen sich, so weit daS irgend möglich durch Individualisierung nachhelfend. Kaiser- Titz. L e o p o l d und H e rz f e l d an. fit. nicht in öffentlichen Versammlungen sprechen. Ich würde aber auch abgesehen hiervon in Ihrem Schreiben vom 1. d. M. keinen Anlaß finden, von meiner Gepflogenheit, Einladungen der fraglichen Art nicht nachzukommen, abzugehen. Derartige Anseinandersetzungen, wie Sie sie herbeizuführen beabsichtigen, haben praktisch gar keinen Erfolg und bedeuten für mich eine Zeitversäumnis, die ich mir nicht gestatten kann. Hochachtungsvoll ergevenst Der Rechtsanwalt Lüdicke. Der Brief wurde mit großen Mißfallenslundgebungen auf- genommen. Auch die Patienten in der Heimstätte Gütergotz haben sich mit der neuesten Preußenschmach beschäftigt und folgende Resolution angenommen: „Die Patienten in der Heimstätte Gütergotz erklären ihre volle Solidarität mit allen denen, die für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in Preußen für alle 20 Jahre alten Staatsbürger beiderlei Geschlechts kämpfen. Wir verpflichren uns ferner, mit allen gesetzlichen Mitteln dafür zu sorgen, daß die Indifferenten sich mit uns unter die stolze Fahne des Sozialismus scharen." Die Protestbewegung im Lande. In der Provinz hat die Protestbewegung bereits am Sonntag eingesetzt. In zahlreichen Orten der Provinz Brandenburg, in Kassel usw. fanden Versammlungen statt, die sehr st a r k besucht waren und in denen die vorgeschlagene Resolusion begeisterte Annahme fand. Ein Teil der Versammlungen konnte unter freiem Himmel abgehalten werden. Außer den Protestversammlungen, die wie in Groß>Berlin am Dienstag auch noch an vielen Orten Preußens abgehalten wurden, sind in einer großen Zahl Orte noch Versammlungen auf andere Tage dieser Woche bis ein- schließlich Sonntag angekündigt worden. Z. Konferenz der flrbeitersehretärc. Ueber Zweiter Verhandlungstag. Dresden, 4. Juli. UntcrrichtSkurse für Arbeitersekretäre berichtet Robert S ch m i d t- Berlin: Das Inkrafttreten der Rcichsversicherungsordnung macht einen neuen Kurs für die Ar- beitersekretäre nötig. Aus der Aussprache am Ende der Kurse haben wir den Eindruck gewonnen, daß alle Teilnehmer zufrieden waren und daß nur gewünscht wurde, daß noch mehr Teilnehmer zugelassen, werden. Ich glaube, die neuen Kurse werden ebenso Ihren Beifall finden.(Bravo!) Osterroth- Waldenburg wünscht Ausdehnung der Zeit der Kurse von vier auf sechs Wochen.— G r o ß e- Hamburg: Gewiß ist es notwendig, die Kollegen mit dem praktischen Recht zu be- trauen. Aber trotz der praktischen Tätigkeit wollen wir juristisch mehr wissen.(Sehr richtigl) Was uns so anstrengt, ist der Mangel an Kentnis der Entwickelüng der verschiedenen Rechts- shsteme. Das sollte in den Kursen berücksichtigt werden, wenigstens von Zeit zu Zeit.(Zustimmung.)— Heiden- Frankfurt: Vielen Kollegen fehlt in der Tat die juristische Grundlage zur Erkenntnis der Zusammenhänge des Rechts. Die Ausbildung der Sekretäre wird zu sehr nur unter dem Gesichtswinkel der Arbeiterversicherung geleitet.— Krüger- Barmen betont die Notwendigkeit der Aus- bildung im bürgerlichen Recht.— W e g e n e r- Hildesheim: Nur die großen Sekretariate können die Kosten für die Teilnahme am Kurs aufbringen, den kleineren Kartellen sollten Beihilfen gewährt werden.(Zuruf vom Vorstandstisch: Ist geschehen.)— Tho- m as- Heidelberg: Unsere agitatorische Tätigkeit beeinflußt unsere juristische Auffassung, daher ist Beschäftigung mit der Theorie nötig.— Aufd erstratze-Bochum: Nicht theoretisches, sondern nur praktisches Recht ist uns notwendig. Referent R. S ch m i d t- Berlin(Schlußwort): Es war so schwierig, die Sekretäre auf vier Wochen loszubekommen, daß wir Reinhardt kontra Offenbach. Mein schreibt unS aus München: Wer kommt nun dran? Im Vorjahr hat Max Rein- Hardt Sophokles für die Maschinenhalle und den Zirkus erlöst, jetzt Hot er O f f e» b a ch(im Künstlerthcater) neu entdeckt, der mit dem älteren unmusikalischen Kollegen aus Griechenland seit dem Beginn dieses JahreS den Vorzug teilt, keine Tantiemen zu beanspruchen. Auch wer den Reinhardtschen Oedipus ablehnte, durfte von der„Schönen Helena" ein Fest erwarten, ES war aber wieder nur ein dem Regisseur und Dekorateur geopfertes Kunstwerk. An Offenbach könnte endlich die Schande der Nen-Wiener Operette verenden. Zu diesem Zwecke müßte zunächst Offenbach selbst von allem befreit werden, womit die Bühne ihn mißhandelt hat. Der völlig verkrautete Text müßte von Grund aus ausgejätet, die Musik ans dem Wust klownhafter Soloszenen herausgeholt werden. Wir brauchten Darsteller, die singen können, voll moussierender Laune, beschwingter Ausgelassenheit und kecker Anmut; »nd ein Orchester von zugleich mozartischcr Süße und kankanierender Tollheit. Herr Reinhardt ging genau den entgegengesetzten Weg. Er rottete die Musik ans. Es ward eine Posse nnt Gesang. Dumpf und stumpf klang aus dem Loch in der Tiefe mitunter das Orchester. Keiner der Darsteller(mit einer Ausnahme) war sangesknndig. Zäh dehnten sich daher die vielen alten und einige neuen Späße des Textes. Die Ausrottung der Musik war vorsätzlich und zielbewußt. Schon die Ouvertüre wurde brutal zerschlagen, indem plötzlich durch das Publikum— auf dem japanischen Blumenweg— nacktbcinige Tänzerinnen dahertollten. So wurde Offenbach ebenso erfolgreich und gründlich beseitigt wie Sophokles. Herr Reinhardt behauptete das Feld; mit den erprobten Künsten, die jetzt deutlich zeigen, wohin sie sich verstohlen sehnen: nach dem Berliner Metropol» t h e a t e r. Das Ausstattungsslück, die„Revue"— das ist das End- ziel. Nur daß Herr Reinhardt das Fett nicht liebt und die hager- schlanken Beine seiner zierlichen Tanzmädel vom Trikot befreit. Daß Reinhard die Statisten naturalistisch zu bewegen versteht, weiß man. Das gelang ihm auch in der„Schönen Helena". Auch schöne Bühnenbilder gab es— die Ernst Stern mit leiser pnrodistischer Verzerrung und doch sinnlich heißer Stimmung stili- siert hat— und luftige, lustige Textilphantasien um nackte, gelenkige Menscheiiglieder. Fehlte nur das, worauf eS.ankam: Offenbach, der Musiker. Aber gerade diese Metropol- und ZirkuSrichtung Reinhardts bringt den Erfolg. Die ernsthafte Kritik sollte doch endlich, so laut und rauh wie möglich, die Wahrheit verteidigen, daß die Bühne dem dichtenden, musizierenden und darstellenden Künstler gehört, und nicht den Regisseuren, Dekorateuren und GardcrobegenieS. Notizen. — Theater chronik. Die von Reinhaidt inszenierte „Schöne Helena" wird in der Münchener Ausstattung von Di- rektor Ambcrg auf Reisen geführt werden und voraussichtlich auch in Berlin(bei Kroll) vorgezeigt werden. — Bühnenchronik. Die Komische Oper erhält vom 1. September ab einen weiblichen Direktor; die Sängerin Rövy. die im Nebenberuf eine reiche Frau sein soll, hat sie gepachtet. fffl eine Verlängerung 5er Kurse n'HI 5en?en können. Awei Kurse im Jahre können wegen der realen Verhältnisse nicht abgehalten werden. Am liebsten wäre es mir, daß jeder, der Sekretär werden soll, praktisch und theoretisch dafür ausgebildet würde. Es wird heute schon thcorctisch-historischer Rechtsuntcrricht erteilt. Er kann aber vielleicht noch ausgedehnt werden. Ueber Die Rechtsprechung des ReichöversichcrungsamteS referierte Zentralarbcitersekretär H. M ü lle r- Berlin. Er bcr- wies nachdrücklich auf den deutlich zutage tretenden Umschumng in der Rechtsprechung des Reichsversicherungsamtes. Daß von einer zunehmenden Rcntensucht nicht gesprochen werden kann, ergibt sich daraus, daß die Zahl der Rekurse von Verletzten nicht gestiegen ist, dagegen aber auf Seite der Berufsgenossenschaften. iHört, hört!) Tie Rekurse der Berufsgenossenschaftcn stiegen von 13.8 Proz. in 1880 auf 35 Proz. in 1910, dagegen sank die Zahl der Rekurse der Verletzten von 42 Proz. in 1886 auf 27 Proz. in 1910.(Hört, hört!? � Das Moment der„Gewöhnung" an Unfallsfolgcn, das in dem be- kannten Buch der Nordwestlichen Stahlberufsgenosscnschaft behau- delt ist, spielt eine immer größere Rolle auch beim ReichSvcrsiche- rungsamt. Wie sich die Rechtsprechung entwickelt hat, beweist der Umstand, daß die erfolgreichsten Rekurse der Verletzten von 23 Proz. in 1890 auf 17,3 Proz. in 1910 heruntergegangen find, dagegen sind die erfolgreichen Rekurse der Berussgenossenschaften in diesem Zeitraum von 35 Proz. auf 55 Proz. der rekursfähigen Sachen gestiegen.(Erneutes Hört, hört!) Insbesondere ist die Herabsetzung der Renten bei Verlust eines Auges von 33 Proz. auf 25 Proz. zu beachten. Während sich das Reichsgericht mehrfach als weitherziger erwiesen hat als das Reichsversicherungsamt, ist doch anzuerkennen, daß das Reichsversicherungsamt den Begriff der Unfallverletzung dahin erweitert hat, auch„Unfälle des täglichen Lebens", wenn sie sich bei der Arbeit ereignet haben, als Unfälle zu betrachten. Wir müssen der systematischen Arbeit der Berufs- genossenschaften durch Aufklärung entgegentreten; wenn Kritik geübt wird, mutz sie matzvoll gehalten sein.(Beifall.) Es folgte eine lebhafte Diskussion, die sich im Sinne des Referats bewegte und interessantes Material zur Erkenntnis der Entwickelung der sozialen Rechtsprechung beibrachte. In seinem Schlußwort machte Müller unter anderem darauf aufmerkfam, daß von Amts wegen Verjährung nicht geltend ge- macht werden kann. Wenn zur Frage der„Gewöhnung" das s Scherzwort:„man kann sich an alles gewöhnen, sogar an die Recht- sprechung", zitiert worden ist, so kann ich Ihnen sagen, daß wir fehr oft in gedrückter Stinimung aus dem Reichsversicherungsamt nach Haufe gehen, wenn Rekurse, die wir aus Ucberzeugung für berechtigt halten, abgewiesen werden. Es folgt das Referat über Die Haftpflicht der Sekretäre. Referent Fette- Stuttgart: Er verweist auf die überaus starke Inanspruchnahme der Arbeitersekretärc. Nach§ 676 des B. G.-B. kann unter Umständen wohl in der Tätigkeit der Arbeiter- sckretäre vertragsmäßige RatSerteilung angenommen werden. Daraus könnte bei Vorsatz oder Fahrlässigkeit eine Haftpflicht entstehen. Der bloße Anschlag, daß eine Haftung abgelehnt wird, dürfte kaum rechtswirksam sein. DaS wäre nur schriftlicher Ver- trag. Durch Ausschluß der Haftung würde aber das Vertrauen zu uns erschüttert werden. Selbst bei Ausschluß der Haftung bleibt aber noch die Haftung für unerlaubte Handlungen. Nach 8 831 des B. G.-B. könnte immer auch der Träger des Sekretariats zum Schadenersatz herangezogen werden. Bisher ist noch nicht l mehr geschehen, als daß die Sekretäre hie und da durch Verträge geschützt sind, aber nicht die Träger. Ich bejahe die Haftplicht auf Grund der Gesetze und bin für rechtzeitige Vorsorge. Ter Einwand, daß nur an Verbandsmstglieder Auskunft er- teilt wird, trifft nur bei 33 von 112 Sekretariaten zu, außerdem wäre es auch gar nicht wirksam, denn dem Verbandsmitglied gegen- über bestünde die Haftung ebenso wie gegen andere. Konfessionelle und gemeinnützige Sekretariate haben Haftung ausgeschlossen, sind aber trotzdem zum Teil einer Schlvcizerischen Haftpflichtversiche- rung beigetreten. Sie werden keinen Rechtsanioalt ohne Haftpflicht- Versicherung finden, wiegen Sie sich nicht in Sicherheit!(Bravo!) In der Diskussion wird Ueberweisung dieser Frage an das Zen- tralarbeitersckretariat empfohlen, damit nach einer Umfrage nach Beratung mit den der Arbeiterbewegung zur Seite stehenden Ju- listen Positives geschaffen wird. Der Auffassung des Referenten tritt Heiden- Frankfurt entgegen: Wir haben aber die moralische Haftpflicht, und ich bin unbedingt dagegen, die Haftpflicht irgend- wie auszuschließen.— D e ck e r- Stettin: Selbstverständlich haben wir die moralische Haftung und wollen sie gar nicht abwälzen. Aber für eventuellen Schaden soll Ersatz geleistet werden. Es wird beschlossen, die Frage durch eine Umfrage der General- kommission zu klären und ihre eventuelle Lösung der Generalkom- Mission zu überlassen, die nach Bauers Meinung gegebenenfalls eine Gesamtversicherung der Sekretariate abschließen könnte. Das letzte Referat ist das über Das Rechtsmittelverfahren nach der Reichsversicherungsordnung. gkefercnt Robert Schmidt: Das Verficherungsamt tritt jetzt auch für die Kranken- und Unfallversicherung ein. Die Arbeiter- Vertreter für alle Instanzen werden nach Verhältniswahl gewählt. Auch die nicht als Zuschußkasse fungierende Hilfskasse kann, wenn sie sich dazu meldet, an der Wahl teilnehmen. In einigen Bezir- ken wird diesen Kassen großer Einfluß zufallen. Bei den Landkran- kenkassen wird der Landrat der eigentlicl� Wähler sein. Die Arbei- tervertreter jeder Instanz wählen die für die nächst höhere. Für Streitigkeiten über die Leistungen aus der Krankenversicherung wird das Verficherungsamt erste Instanz sein. Bei Streit über die rechnerische Höhe, über Gewährung der Krankenhauspflege und bei Ansprüchen, deren Wert weniger wie 50 M. ist, entscheidet der Vorsitzende selbst. Die Berufung geht an das OberversichcrungSamt. D" Revision an das Landes- bezw. Reick>sversick?erungsamt ist in mn-gen Fällen zulässig. Die Oberversicherungsämter müssen, wo letzte Instanz sind, im Urteil aussprechen, daß kein weiteres Rechtsmittel stattfindet. DaS Verfahren in Unfallsachen wird viel verwickelter. Bei Unfalluntersuchungcn kann die Polizei Arbeitersekrotäre zurüch- weisen, dagegen können die BerusSgenosscnschaften durch einen nicht geschäftsmäßigen Vertreter daran teilnehmen. Beschwerde gegen Ablehnung einer Unfallserhebung kann beim Vcrsichcrungs- amt erhoben werden, das die Polizei darum—„ersuchen" kann. (Hört, hört!) Tie Rentenfcstsetzung bleibt zunächst den Berufsge- nossenscfyasten. Es gibt„vorläufige" und„D a u e r rente", die aber jederzeit herabgesetzt werden können. Die letztere allein kann bis zum Reichsversicherungsamt angefochten werden. Für das Vor- eub Endbescheidverfahren kommt das komplizierte Einspruchsver- fahren. Hier hat der Verletzte die Wahl, bor dem VersicherungSamt vor det Berufsgcnoffenschaft Beschwerde zu führen. Er kann ober das Einspruchsversahren fein lassen und gegen den rechtskräftig gewordenen Bescheid Berufung an das Oberversicherungsamt er- s heben. In der Berufungsinstanz kann die Anhörung eines anderen Arztes durch)gesetzt werden, dem die Aktencinsicht gewährt werden muß. Aerzte, die von den Berufsgenossenschaften regelmäßig als Gutachter herangezogen werden, dürfen nach dem Gesetz nicht Sach- verständige sein. Nach dem Gesetz ist es immerhin möglich, daß hier ein Unfug abgestellt wird. In den Fragen der Ren- tenherabsctzung hört das Rekursverfahren auf, da wird das Oberverfich erungsamt die letzte Fn- stanz sein.(Bewegung.) Es gibt auch keine Revision mehr! Da können grundlegende Entscheidungen des Reichsversiche- Tungsamtes außer acht gelassen werden! "Daraus dürfte eine außerordentliche Ungleichheit der Renten-� festfetzung entstehen. Bei den Sonderoberschiedsgcrichten im Berg-' jbgu ist dann dev Einfluß der Zechen noch viel mehr zu fürchten. In Jnvalidensachen ist im tcefentlichen der heutige Zustand! Oekbehalten. Ins Gesetz aufgenommen ist die Anforderung einer genügenden Begründung der Revision. Bei Verwechselung der ort- lichen Zuständigkeit eines Amtes ist die Frist nicht versäumt. Zü- lässige Revisionen und Rekurse der Berufsgenossenschaften und Krankenkassen, die nicht über den Bundesstaat hinausgehen, ge- hören vor das Landes-, alle anderen vor das Reichsversicherungs- „mt.— Verbotswidriges Handeln schließt nicht den Unfallentschä- digungSanspruch aus. wenn sich der Arbeiter dadurch nicht außerhalb des Betriebes gestellt hat. Die Verjährung in Unfallsachen ist im Falle gleichmäßiger Entwickelung des Leidens hinausgeschoben bezw. unterbrochen. Gegen die Verweigerung der Zulassung von Parteienvertretern, die aus politischen Gründen nicht erfolgen darf, findet jetzt die Be- schwerdc an das Oberversicherungsamt und die oberste Verwaltungs- behörde statt. Der instruktive Vortrag Robert Schmidts wurde durch lebhaf- ten Beifall belohnt. In der Diskussion wurde gewünscht, daß die sozialpolitische Abteilung rasch Erläuterungen zur Reichsversicheruugsordnung er- scheinen lasse. Bauer sagt Erwägung zu. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Bauer: Ich schließe die Konferenz mit dem Wunsche, daß sie die Tätigkeit der Aroeitersekretariate noch nutzbringende? für die Arbeiterschaft gestalten möge.(Beifall.) •• « Berichtigung: Nicht 54, wie gestern irrtümlich berichtet, sondern 85 Sekretariate sind durch 91 Sekretäre vertreten, Soziales. Bon der Behandlung der Arbeiter in den Kolonie». Der Maurer G. war von dem Bau- und Betriebskonsortium Bachstein u. Koppel bei 10 M. Lohn pro Tag nach Südwestafrika engagiert worden. Er wurde jedoch gar nicht als Maurer beschäf- tigt, sondern mußte dieselben Arbeiten machen wie die Einge- borenen, nämlich Minenbohrungen und Sprengungen, wobei er allerdings als Vorarbeiter tätig war. Nach dem Vertrag konnte er aber verlangen, als Maurer beschäftigt zu werden. Die Ar- beitstätigkeit führte zu Differenzen mit den leitenden Ingenieuren. G. wurde bald aus einer Kolonne in die andere versetzt, mit der Begründung, daß er sich für die jeweilige Kolonne nicht eigne; obwohl es sich immer um die gleichen Arbeiten handelte. Schließ- lich wurde er fristlos entlassen. Er klagte nunmehr beim hiesigen Gcwcrbegericht gegen das Unternehmen auf Zahlung von 581 M. für die Rückreise und Schadenersatz für die Kündigungsfrist. Die beklagte Firma bestritt die Entlassung und behauptete, Kläger habe selbst aufgehört. Die Beweisaufnahme war für den Kläger insofern nicht günstig, als die beteiligten Ingenieure, die als Zcu- gen vernommen wurden, die fristlose Lösung durch den Kläger be- kündeten. Ter Vertreter des Klägers blieb jedoch dabei, daß der Kläger von den Ingenieuren schikaniert worden ist und die vom Kläger gebrauchte Aeußerung, aus der jetzt ein Recht auf Lösung des Vertrages durch den Kläger gefolgert wird, sei nur auf die Verärgerung und gereizte Stimmung zurückzuführen. Der Läge- rische Vertreter führte unter anderem an, daß die Firma die Herabsetzung der Tagelöhne für die Eingeborenen von 40 auf 30 Pf. angeordnet hätte und als die Leute in drohender Haltung daS Geschäftshaus umstanden und den ihnen zustehenden Lohn forderten, sei auf Veranlassung des Unternehmens von der Schutz- truppe auf die 60 Eingeborenen geschossen worden, so daß 20 Tote den Boden bedeckten. Der Vertreter der Beklagten wußte auf diese Anschuldigungen nichts zu erwidern. Das Gewerbcgericht, unter Vorsitz des Magistratsrats Dr. Schalhorn, riet zu einem Vergleich. Schon der mit dem Kläger geschlossene Bertrag mit seiner gegen die guten Sitten verstoßende Kündigungsvereinbarung sei dazu angetan. Die Firma hatte den Kläger für die ganze Dauer der fraglichen Arbeit, voraussichtlich drei Jahre engagiert. Ihm war kein vorheriges Kündigungsrecht eingeräumt, während sich die Firma das Recht vorbehalten hatte, ihn mit vierwöchiger Frist ent- lassen zu dürfen. Den vielen Bemühungen des Gerichts gelang es denn auch, die Parteien auf 300 M. zu vergleichen. Durch diese Verhandlung erfährt man von einer ganz eigen- artigen Benutzung der Schutztruppe. Sind dem Staatssekretär für die Kolonien die Vorgänge bekannt und billigt er das Töten von 20 Eingeborenen, die nach dem Vortrag in der Verhandlung nichts weiter getan haben, als darauf zu bestehen, daß ihr Bertrag inne- gehalten werde. Sollen deutsch« Truppen' dazu verwendet werden, zugunsten der privaten Interessen eines Unternehmers, ja zum Schutze seines Vertragsbruches verwendet zu werden? Der„Billardkünstlev" als Gewerbegchilfe. In vielen großstädtischen CafeS find zur Unterhaltung der das Billardspicl liebenden Gäste Billardkünstler, sogenannte „Billardmeister", engagiert. Das Gewerbegericht Eharlottenbnrg war dieser Tage vor die Frage gestellt, zu welcher Angestellten- gattung diese besondere Berufsklass« zu rechnen sei. Der die Klage erhebende Billardmeister war mit 100 M. festem Gehalt und 2 Proz. vom Billardumsatz angestellt, der verklagte Kaffeehaus- befitzer wendet aber vor Eintritt in die Verhandlung Unzuständig. keit des Gerichts ein. Kläger bezeichne sich selbst als„Meister deS Billardspiels" und Künstler auf seinem Gebiete, er habe auch nichts mit der Bedienung der Gäste zu tun gehabt und könne daher als Gewerbegehilfe wohl kaum in Frage konimen.— Das Gewerbcgericht erklärt sich aber trotz dieser Einwände für zuständig. Der Beklagte betreibt mit dem Cafe ein gewerbliches Unternehmen und Kläger hatte die Leitung des Billardsaals unter sich.' Er empfängt die Gäste, spielt mit ihnen Billard, zeigt ihnen auf Wunsch seine besondere Fertigkeit und unterrichtet sie auch. Kläger ist als Gewerbegehilfe anzusehen in Rücksicht auf den Betrieb deS Beklagten und auf die Stellung des Klägers, dessen Einkommen dem sines Gaitwirtsgebilfen entspricht. Betriebsbeamter und mit höheren technischen Leistungen betrauter Angestellter ist er nicht, auch wenn er sich.Billardmeister" nennt. siuQ Industrie und Handel. Die Industrie-Internationale. Brüssel, 5. Juli. Heute vormittag trat hier die internationale Versammlung von Vertretern der Eisen- und Stahlindustrie der gesaniten Welt zusammen. Den Vorsitz führt Richter Gary aus Nord- amerika. Vertreten sind die Vereinigten Staaten von Amerika, Deutsch- land, England, Belgien, Frankreich, Italien, Oesterreich- Ungarn, Spanien, Rußland undKanada. DerZweck der Beratung ist, die Frage zu erörtern, ob eine internationale Vereinigung geschaffen werden kann, wodurch gemeinschaftliche Fragen wirtschaftlicher Natur zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen Körperschaften der einzelnen inter- essierten Länder auf freundschaftlichem Wege von Zeit zu Zeit zur Erörterung gebracht werden können. Deutschland ist auf der Kon- fferenz durch zwanzig Persönlichkeiten vertreten, deren Wortführer Freiherr v. Bvdeuhausen von der Firma Friedrich Krupp in Essen ist.— Die Internat! onalität zwecks Erlangung höherer Preise, wobei die Bescheidenheit nicht die Zügel hält, ist natürlich ein verdienstliches, nationales Unterfangen. Aber wenn Arbeiter international über Arbeiterschlitz sich verständigen, dann heult daS Scharfmachertum über vaterlandsverräterisches Treiben, das es am liebsten mit Zuchthaus bestrafen lassen möchte. Plündersucht ist der Regulator der Moral- begriffe. Was den Profit bedroht, oder nur zu bedrohen scheint, ist unmoralisch, was dem Profit ftonunt, ist immer löblich und lugend- hast. Und es gibt noch Arbeiter, die das nicht kupieren. Alltagsarbelt deutscher GroschankeN. Wir geben nachfolgend eine Uebersicht über die Tätigkeit einige? der größten Banken des Deutschen Reiches, wie sie sich im Monat April d. I. bemerkbar machte und durch eine bekannte Finanzzeit- schrist registriert wurde. Beginnen wir mit der Deutschen Bank, dem größten Finanz« Institut. Ihr Direktor Klönne trat während der Berichtszeik in de» Aufsichtsrat der Westsälischeu Drahtindustrie A.-G. ein, ferner auch in den der Rütgerswerke A.-G., Berlin. Der Direktor Kaufmann wird Aussichtsrat in der Constautinopler Trambahn A.-G., Direktor Helfferich belastet sich mit solchem Amt in der Berliner Hochbahn- gesellschast. Jedes dieser neuen Auffichtsratsmandate bedeutet natürlich eine Verstärkung des Einflusses der Bank auf diese Gesell- schciften. Aus 300— 400 Unternehmen hat die Deutsche Bank durch diese Methode ihre Hand gelegt. Umsonst tut sie das nicht! Die Deutsche Bank bewilligte sodann der Türkischen Regieruncz eine Stundung auf die von ihr verauslagten 17 Millionen Mark. die für den Ankauf zweier deutscher Kriegsschiffe durch die Türkei verwendet worden waren. Die Bank'verwandelte weiter die Molkereifirma C. Bolle in eine Aktiengesellschaft mit 4 Mill:onen Mark Kapital. In das neue Unternehmen tritt natürlich ei» Direktor der Deutschen Bank als Auffichtsratsmitglied ein. Mit ihren überseeischen Goldgruben, die in der Goerz u. Co�Gesellschaft vereinigt find, hat sie 1910 offiziell nichts verdient. Das Aktien-, Obligationen- und Anleihegeschäft blühte im April 1911„nur" normal. Es wurde durch die Deutsche Bank die Zulassung zum Börsenhandel für 118,70 Millionen Kronen vier- prozentige österreichische Rente, 0,82 Millionen Mark der 4proz. Schöneberger Stadtanleihe, 10 Millionen Mark der Mannheimer 4proz. Stadtanleihe erwirkt. Dazu kamen die durchgeführte» Neuemissionen: 5 Millionen Mark Aktien des Essener Bankvereins. 4 Millionen Mark Aktien der Königsberger Bereinsbank und 6 Millionen Mark Aktien der Norddeutschen Kreditbank. Das Börseneinführungsgeschäft für 3 Millionen Mark Oblk- gationcn des Hochofenwerks Lübeck und für 2 Millionen Mark Aktien der Hannoverschen Waggonfabrik A.-G. klappte noch nicht, die Kontrollinstanz war mit den Auskünften über die Unternehmen noch nicht zufrieden. Auch bei der Dresdner Bank erhielten verschiedene Direktoren neue Aufsichtsratsmandate: im Schafshausenschen Bankverein, der Berlinischen Bodengesellschaft und der Deutschen Kabelwerke A.-G. Unter Mitwirkung der Dresdner Bank wird die Maschinen- fabrik und Eisengießerei Heiligstaedt u. Co. in eine Akticngesell- schaft umgewandelt. Die 1,25 Millionen Mark deS so geschaffenen Aktienkapitals bedeuten zugleich ein Einführungsgeschäft. Aktien der Metzeler u. Co. A.-G. und der Kasseler Federstahl A.-G. werden ebenfalls übernommen, die Börsenzulaffung wird für 6 Millionen Mark Münchener Stadtanleihe erwirkt. Als drittes der großen Bankunternehmungen sei hier noch der Schaffhausensche Bankverein in seiner Aprilarbeit beleuchtet. Aufsichtsratsmitglieder sandte er in die Ludwig Loewe A.-G.» Berlin, die Dürener Metall A.-G., Deutsche Eisenbahngesellschaft und die Glas- und Spiegelmanufaktur Schalke A.-G. Aktienübernahmen erfolgten für das Faffoneisenwerk Mann- staedt A.-G. im Betrage von 4,2 Millionen Mark, für die Dürener Metall A.-G. im Betrage von 1 Million Mark. In Verbindung mit anderen Banken wurden übernommen: 4,53 Millionen Mark Aktien der Deutzer Gasmotorensabrik A.-G., 10 Millionen Mark 4 �prozentige Anleihe der durch das fiirchterliche Grubenunglück berüchtigt gewordenen Bergwerksgesellschaft Trier, weiter 5 Mil- l tonen Mark 5prozentige Kaiserhofanleihe. Die Zulassung zum Börsenhandel erwirkte die Bank für 3 Millionen Mark Aktien der Vereinigten Stahlwerke van der Zhpen, 7 Millionen Mark Aktien und 12 Millionen Mark Obligationen der Deutsch-Südamerikanischen Telegraphengesellschaft. So sieht die Arbeit der Banken auS! Hinzu kommt aber noch die sonstige Geschäftspraxis, die im besonderen durch den Effekten. Handel und den eigentlichen Geldverkehr Riesensummen in den Händen weniger Finanzhäuptlinge konzentriert. Die Krise im Kohlenstzndikat. Nach den Aeußerungen, die in letzter Zeit an maßgebenden Stellen getan worden sind, hat es den Anschein, daß die Zechen- befitzer resp. die Verwaltungen mit sehr großer Skepsis in die Zukunft sehen. Die größte Schwierigkeit, die sich der Verlängerung deS Syndikates entgegenstellt, ist die Lösung der Frage, wie eine Einigung zwischen den Hüttcnzechen und den reinen Zechen mög- lich sei. In der Grwerkcnversammlung der Gewerkschaft König Ludwig, die zu Anfang Juni dieses Jahres abgehalten wurde, äußerte sich der Grubenvorstand folgendermaßen:„Der Syndikats. vertrag vom Jahre 1903 hat die darauf gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, sondern die reinen Zechen von Jahr zu Jahr in größere Bedrängnis gebracht. Nach dem Willen der Vertragschließenden sollten nur diejenigen Zechenbesitzer, die bei Abschluß Eigentümer von Hüttenwerken waren, das Recht erhalten, den Selbstverbrauch dieser Hüttenwerke mit Zubehör aus eigener Förderung zu decken. Leider wurde diese Absichi des Vertrages schon im Jahre 1904 beim Uebergang der Zeche„Friedlicher Nachbar" an Deutsch-Luxcmburg durch die im Prozeßwege erstrittene Hüttenzecheneigenschast für diese Zeche durchbrochen. Tudurch wurde den Besitzern von Hütten. zechen der Weg freigemacht für die Erwerbung von Hütten und Zechen." Aehnliche Klagen wurden in den kürzlich abgehaltenen Hauptversammlungen der Steinkohlenbergwerksgesellschaft Moni CeniS und der Zeche Etvald erhoben. Die Zahl der Süttenzechen resp. die Erweiterung der Umlagefreiheit ist von Jahr zu Jahr ge- wachsen. Eine reine Zeche nach der anderen ist an Hüttenzechcu übergegangen, deren abgabefreier Selbstverbrauch dadurch-u» Ungunsten der reinen Zechen stieg. Zwar sind die reinen Zecken, was die Ziffer angeht, noch in der Uebermacht, aber die tatsächlichen Machtverhältnisse sind so verteilt, daß die Absichten der Hütten- zechen maßgebend sind. DaS geht schon daraus hervor, daß die Hüttenzechenvertreter die kürzlich gestellte Forderung der reinen Zechen, die gemischten Werke sollten auch ihrerseits mit jeder Tonne ihrer Förderung an der Syndikatsumlage teilnehmen. mit einem glatten Nein beantworteten. Preußischer Saatenssand. Der Saatenstand in Preußen zu An- fang Juli war, wenn zwei gut, drei mittel und vier gering bedeutet. für Winterweizen 2,7, Sommerweizen 3,1, WinterspelS 2,5, Winter. roggen 2.8, Sommerroggen 3.2, Sommergerste 2.8. Hafer 8.0. Erbsen 3.0.«ckerbohnen g.l. Wicken 2.8. Kartoffeln 2.6. Zuckerrüben 8.1, Winterraps und Rüben 2,7, Flachs 2,8, Klee 3.3. Luzerne 3.2. Rieselwiesen 2,7, andere Wiesen 3,2. Nach diesen Ziffern ergibt sich eine Verschlechterung gegen den Vormonat. Der Kälterückfall im Juni hat die auf diesen Monat gesetzten Hoffnungen illusorisch ge- macht; auch waren strichweise die Niederschläge nicht reichlich genug. Verstaatlichung der Lebensversicherung in Italien. Die italienische Regierung erstrebt die Verstaatlichung deS Der- sicherungswesens. Das ist ein löbliches Tun. Der Negierung in Deutschland ist auch schon oft angeraten worden, die kapitalistische Suinpsp stanze der Prvfitmacherei mit dem Unglück auszureißen 1 Vergeblich I Sie sah ruhig zu, wie die sogen. Vollsversichcrung die Aernisten der Armen in uuerhörier Weise benachteiligte. Nun hat der Gewerkschastskongrek die Initiative ergriffe», um die mittel- losen Volksgenossen vor der Schädigung durch die private Volksversicherung zu schützen. Die Gewerkschaften in Verbindung mit den Konsumgenossenschaften werden eine eigene Versicherung einrichten. Gegen die Monopolbestrebungen der italienischen Re- gierung haben natürlich die»apito listen energisch protestiert. Sie wollen die Heiligkeit des Profils nicht antasten lassen. Auch bei uns regten die Interessenten sich schon, sie forderten Maßnahmen, damit ihre Geschäfte durch das italienische Gesetz nicht ge- stört würden. Und die Regierung in Rom bereitet sich an» scheinend auch schon darauf vor, dem Druck des Kapitals wenigstens etwas nschzugeben. Nach Meldungen römischer Blätter hat der Deputicrte Berrolini im Bureau der Kainmer zu dem Gesetzentwurf über die Verstaatlichung der Lebensversicherungen Abänderungen eingebracht, durch die dem nationalen Lebens- versicherungSinstitnl unter der Herrschaft des Monopols nur Ver? sicherungen aus ein Kapital von höchstens IS 000 Lire oder auf eine jährlich: Rente von höchstens 1S00 Lire vorbehalten bleiben. Die Ber- sicherungsgeiellschasien sollen zur Fortsetzung ihrer Geschäfte auch für die oben erwähnten Verträge für einen Zeilraum von höchstens sechs Jahren ermächtigt werden können, um ihnen die Amorlisierung ihrer Einrichtungskosten zu erleichtern. Die Steuer für die mit Lebensversicherungsgesellschasten abgeschlossenen Verträge soll auf 5 Proz. erhöht werden. Der Ueberschutz soll in die Nationalkasse fließen und später für die Altersversorgung der Arbeiter Verwendung finden.— Wie die„Tribuna" hierzu meldet, dürften diese Anträge die Zustimmung der Regierung finden. Die mit der Prüfung des Gesetzentwurfes betraute Parlainentskommission werde sich bereits morgen mir ihnen befassen. Iugenäbe\vegiing. Tie Informationen der Behörden. Der Polizeipräsident von Lichtenberg verlangte in seinem Schreiben vom 24. Februar 1911 nach§§ 3, 18,1 des neuen Reichs» Vereinsgesetzes das Verzeichnis der Vorstandsmitglieder sowie die Statuten der„V e r e i ,t i g u n g Jugendheim, Lichten- berg-Friedrichsfelde". Da die genannte Vereinigung mit Politik gar nichts zu tun hat, so konnte dem nicht entsprochen wer- den. Der Rechtsbeistand des Genossen Klicm, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld, erhob Beschwerde über den Lichtenberger sowie den Berliner Polizeipräsidenten dieses Vorgehens wegen. Dieser Tage traf vom Oberpräsidentcn der Provinz Brandenburg die Ant- wort auf die über den Berliner Polizeipräsidenten erhobene Beschwerde ein.' Die BesAverde ist im echten preußischen Polizei, geist beantwortet worden z sie lautet: Potsdam, den 13. Juni 1911. Die namens des Herrn Alfred Kliem gegen den Bescheid de? Herrn Polizeipräsidenten in Berlin vom 20. März d. I.— 272. VII. 4— erhobene Beschwerde vom 3. April d. Js. Weste ich nach Prüfung der Sachlage als unbegründet zurück. In einer Entscheidung des Kgl. LberveavaltungSgerichts vo-.n 12. Juli 1901— I. 12— 2 ist ausgeführt, daß ein Verein bereits dann als politischer anzusehen ist, wenn er neben anderen Zielen auch die Förderung politischer Parteibestrebungen bezweckt. Die zu der vorliegenden Beschwerde angestellten amtlichen Ermittelungen lassen keinen Zweifel darüber, daß die„Vcreini- gung Jugcitdheim" in Lichtenberg in engem Zusammenhange mit der sozialdemokratischen Parteiorganisation den Zweck verfolgt. die Mitglieder in sozialdemokratischem Sinne zu beeinflussen. Tatsächlich hat der sozialdemolratifche Stadtverordnete Spieker- mann die Versammlung am 1. Februar v. IS. im Lokal von Echivarz. Möllendorfftr. 25/26, als politisch mit dem Stempel des sozialdemokratischen Wahlvereins angemeldet und alsdann auch in der als angeblich unpolitische abgehaltenen Versammlung den Vorsitz geführt. Auch ist in der Versammlung am 1. Februar d. Js. die Notwendigkeit der Gründung des Vereins, auf die de» teils der..Borlvärts" am 14. Dezember 1909 hingewiesen hatte, mit dem Entstehen bürgerlicher Jugendvereine und der behörd- liehen Bekämpfung der sozialdemokratischen Jugendorganisation dargctan worden. In der Mitgliederversammlung vom 28. Juni v. Js. führte der Genosse'Schulz aus, daß es für die sozialdemo- kratische Bewegung sehr notwendig sei, sich der Jugend recht warm anzunehmen. Er forderte Aufklärung über das Wahlsystem und über die schlechte wirtschaftliche Lage der Arbeiter. Nur durch Gründung von Jugendheimen wäre es möglich, den Jugendlichen Gelegenheit zu geben, sich die nötige Aufklärung zu verschaffen, damit diese dann nach vollendetem 18. Lcibensjahre als zietbe- wußte und treue Mitglieder in den sozialdemokratischen Wahlver- ein übertreten könnten. Die„Vereinigung Jugendheim" in Lichtenberg ist hiernach als ein Verein im Sinne des§ 3 des Reichsvereinsgesetzcs anzusehen. gez. v. Conrad." Ter Oberpräsident spricht in seinem Antwortschreiben lediglich Vermutungen aus. Er behauptet, daß die Neteinigung Jugendheim ihte Mitglieder im sozialdemokratischen Sinne beeinflussen wolle. Im Statut steht aber nur, daß die Vereinigung nur die Be- schaffung und Unterhaltung von Jugendheimen erstrebt. Dann soll der Stadtverordnete Shiekermann eine politische Versammlung mit dem Stempel des sozialdemokratischen Wahlver- einS angemeldet haben. Mit dieser Versammlung hat die„Ver- einigung Jugendheim" nichts zu tun. Die öfse»tliche unpolitische Versammlung beschäftigte sich mit der Gründung der„Vereinigung Jugendheim", in dieser wurde ein unpolitischer Vortrag ge- halten. Infolgedessen brauchte die Versammlung nicht angemeldet zu werden und ist auch nicht angemeldet worden. Wie genau die Informationen der Behörden gewesen sein müssen, ist schon daraus zu ersehen, daß der Stadtverordnete spieiermann die Versamm- lung geleitet haben soll. In Wirklichkeit ist es ein anderer Herr gewesen: der Herr Oberpräsident mutz sich schon genauer informieren lassen, wer der Leiter der Versammlung war. Vorläufig werden wir nicht verraten, wer der Versammlungsleiter war. Das Ganze beweist aber, wie objektiv der Berichterstatter der Behörde gearbeitet haben muß. Der Vortrag in der Versammlung vom 1. Februar 1910 war ein. rem unpolitischer. .Ebenso ist in der Mitgliederversammlung vom 28. Juni 1910 dem Genossen Heinrich Schulz gar nicht eingefallen, etwas von der Sozialdemokratie zu erzählen. Bei einer derartigen Beweisführung wird der Oberpräsident sehr wenig Glück vor dem Oberverwaltungsgericht haben. Eine Justizattioo. Wegen Beleidigung der Essener Polizei sowie Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze sind am 2. März vom Land- gericht Essen(Ruhr) der Redakteur der„Arbeiterzeitung", Ge- nasse Hans Steinbüchel, zu 500 M. und der jugendliche Ar- beiter Sauerbrei zuSOM. Geldstrafe verurteilt worden. Der Mitangeklagte Marx ist freigesprochen worden. Die Essener Genossen hatten einen VortragskursuS veranstaltet, an den auch die beiden noch nicht 18 Jahre alten Angeklagten Sauerbrei und Marx teilnahmen. Die Polizeidirektion Essen war der An- ficht, daß es sich hier um politische Versammlungen handelte, weil der Vortragende von der Steinzeit angefangen, aber auch einen Rück- blick auf die Zukunft gegeben und einen Umsturz vorausgesagt hatte. Deshalb hielt die Polizei die Teilnahme siugendlicher für unzulässig und stellte deren Namen fest. Steinbüchel veröffent- lichte dann einen Bericht Sauerbreis, in welchem das Verhalten der Polizei als unerhört bezeichnet wurde und die Jugendlichen aufgefordert wurden, sich auch fernerhin an dem Besuch der Vor- träge zu beteiligen. Auch wurde die Staatsanwaltschaft aufge- fordert, aus§ III gegen die Verfasser einzuschreiten. Diesen Wunsch erfüllte dann die Staatsanwaltschaft, worauf das oben erwähnte Urteil erging.— Auf die Revision der Staatsanwalt- schuft hob das Reichsgericht das Urteil gegen die beiden Verur- teilten a u f und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Die Verurteilung wegen Beleidigung hätte nicht auS§ 185, sondern aus§ 186 erfolgen müssen, da die Beleidigungen im Anschluß an einen ganz konkreten Vorfall begangen worden sind, also keine allgemeine Kritik darstellen. Die von den Verurteilten selbst ein, gelegte Revision wurde dagegen verworfen. £iiis der frauenbewegung, Weibliche Handwerker.„Es hieße das Rad der Zeit zurück- drehen wollen, wenn wir versuchten, dem Handwerk wieder zu größerer Bedeutung zu verhelfen. Durch die Bestrebungen des srauenrechtlerisch-reformlerischen„Verbandes für handwerksmäßige und fqchgewerhliche Ausbildung der Frau" kann dem Elend der Massen nicht vorgebeugt werden," so erklärt durchaus richtig die Genossin Gertrud Hanna in ihrem sehr lesenswerten Artikel der „Gleichheit", in dem sie mit diesen bürgerlichen Reformversuchen Abrechnung hält. Diese ewig-neuen Sonderbestrebungen bürger- licher Frauenkreise, an deren Spitze übrigens fast immer wieder bürgerliche Frauen stehen, die sich schon aus dem einer oder anderen frauenrechtlerischen Gehies genügend gekennzeichnet haben, um von dem Proletariat aus mit berechtigtem Mißtrauen auf jedem wei- teren Arbeitsfeld(in dessem Auffinden sie wunderbare Meiste- rinnen sind) beobachtet zu werden. Doppelt stutzig muß es natür- lich denkende Proletarier männlichen und weiblichen Geschlechts machen, wenn solchen bürgerlichen Halbheitsbestrebungen gleich die Gunst von oben herab lächelt. Dann heißt es immer besonders auf der Hut sein. So lesen wir, daß die Handelskammer zu Stettin die Damen, schneiderinnen in die Organisation der Handwerker mit einbezogen und die Lehrzeit für weibliche Lehrlinge in diesem Gewerbe auf zwei Jahre festgesetzt sowie Gesellen- und Meisterprüfungsord- nungen aufgestellt, welche die Genehmigung der zuständigen Be- Hörden gefunden haben. Als Lehrlinge sind dabei solche junge Mädchen zu betrachten, die das Lehrverhältnis zu Erwcrbszwecken eingehen. Die Anleitung von Lehrlingen können in diesem Ge- werbe nur solche Damen ausüben, welche die gesetzliche Befugnis besitzen, das heißt, die entweder die Bestätigungsurkunde der un, tereu Verwaltungsbehörde oder den Meistertitel erhalten haben. Das Wort„Dame" in dieser behördlichen Kundgebung sagt alles! Bleiben wir Proletarierinnen mit der Nase davon. Be- gnügen wir uns in unserer Spezialkulturperiode mit dem Namen Aermelarbeiterin. Rockarbeiterin, eventuell auch„Hosenrock, arbeiterin", und überlassen wir es rein-bürgerlichen Elementen. den Titel:„Madame Humpelrockschneidermeisterin" oder„Madame Hosenrockschneidermeisterin" zu führen und zu Ehren zu bringen. 6. Mahlkreis. Die Festsetzung der Kontrolle zum Sommerfest findet am Freitag, den 7, Jnli, statt. Die im Zahlabend mit der Kontrolle beauftragten Ge- nossen werden ersucht, sich abends 8 Uhr in Cranz� Festsälen, Kösliner Str. 8, einzufinden. 229/6 Der Borftand. (jeAründet 1867 Billige Reise-Angebote : Zentrale und Versand:• : Jerusalemer Str. 38-39 i Für Herren: Boxrind- und Ross- Chevreau- Schnur* st ief ol in schlanker u. breiter Form, mit od. ohn« Derby-Schaftschnitt, auch m. Lackkappe, Mastbox» Zug- u. SchaaUenstiefel, in bequemer, halbbr.Form Boxcalf- und Chevreau• Schnürstiefel, in schlank, u. breit. 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Knopfstiefel m. od. ohne Derby-Schaftschn., auch mit Lackkappen, in den allerneust, Fassons, feinste Qualität und Ausführung, Goodyear Welt 1050 1250 1550 . 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Stiefel Ruder- und Turn-Schuhe Sandalen in allen Formen Elegante farbige Stiefel und Schuhe Naturgemäße Kinder"Stiefel in vielen Preislagen Freitag, den 7. Juli, abends 8 Uhr, im kleinen Saal der„Neuen Welt", Hasenheide: WerorMidle General- Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Bericht von der Gnuvorsteherkonferenz. 2. Geldbewilligungen. By Di« Kollegen werden ersucht, sosort ihre Delegierten ZU wählen auf Grund des§ 4 des Berliner BereinS-statutS.(Aus je 10 Mitglieder 1 Delegierten,) Die Konditionslosen und die Druckereien unter 5 Mitglieder wählen ihre Delegierten in der Versammlung, die am Donnerstag, den S. Juli, abends S'/z Uhr, im Gewerkichaftshause stattfindet. SIV Die Delegiertenkarten sind vom Mittwoch srüh an aus der Verwaltung zu haben. Alle Druckereien müssen ihre Karten selbst abholen. Der Gauvorstand. I. A.: Massini. »>»«!—■■IIIIII II III! MANOLI ■bbbbi Cigarcttes Bsrnmam Belieble Speclalmarken Abbas Dandy Glbson GM Theater und Vergnügungen ÜDD Donnerstag, den 6. Juli. Ansang VI, Uhr. Skenes königliches Opernhaus. Lohengrin. Ansang 8 Uhr. Komische Oper. Der verbotene Kuh. Neues Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Neues. Der Rodelzigeuner. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller<». ,Wal1nel. Theater.) Geschlossen. Schiller. t-tharlotienburg. Der dunkle Punkt. LustsvielhauS. Die dritte Eskadron. (Ansang 8,20 Uhr.) Luisen. Jke StecnbachS Erbe. (Anfang 8'/. Uhr.) Roic. Kasernenlust.(Ans. 8'/4 Uhr.) Folics tknprice. Die letzte Nacht. Die Hochzeitsreise.(Ansang 8'/t Uhr.) Lessing. Sommerspul.(Ansang 8 Uhr 20 Min.) Kleines. Norachen.(Ans. 8'/, Uhr.) Trianon. Das Prinzchen.(Ansang 8% Uhr.) Nene:. Overctten. Eine Million. (Ansang 8'/, Uhr.) Metropo!. Hoheit amüsiert sich! Apollo. Svezialitälen. ivaisagc. Spezialitäten. Neichsballeu. Stcilincr Sänger. lwintergarten. Spezialitäten. Karl£>averla»d. Spezialitäten. Walhalla. Prinz und Belllcrin. (Ansang 8'/4 Uhr.) Voigt. Goldene Jugend. Nonck. Leute von heute. Speziali- täten. Kaiser- Panorama. HI. Zyklus: Indien.— IV.: Wanderung im Riesengebirge. Urania. Tanbcnftrafte 48/49. 8 Uhr: Helgoland im Wechsel der Zeit. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57— 62. Schiller-Theater ChabrÄeB Der dunkle Punkt. Lustspiel in 3 Akten o. G. Kadelburg und Rudols Presbcr. Ansang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und folgende Tage: Der dunkle Punkt. Urania. Wissenschaftliches Theater, Tanbeustraße 48/19. Abends 8 Uhr: Helgoland Im Wechsel der Zeit. Neues Kgl.Opern-Tlieatertxroii) Donnerstag, den 6. Juli, abends 7'/, Uhr: Lohengrin. Freitag: 2. Kastsp. Anton v. Rooh: Die Walküre. Sonnabend: Tannhllnscr. Sonntag: Tristan n. Isolde. Neoes Theater. 8 Uhr. 8 Uhr. Täglich: Der Rosiglzigsuner. iAdlmiablspökisiti I Am Bahnhof Rösdi-itfeiiröss«? | Elss Arena. Geöffnet v. 10 Uhr vorm. In der heißen Jahreszeit angenehm kühler Aufenthalt. Allabendlish: D. prunkvolle Eisballett 1 .Hontrcul Die Stadt au! Scblilt- schuhen. Zahlreiche KunstlaufproduMionen. Exquisite Restauration bis t Uhr nachts. 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Jnlit Volkstag SpeMlitätkn— Theattt Konzert. EntPcc nur 10 Pf. Konzert 4 Uhr. Vorstellung'/»S Uhr. Ul-H ialll Alt-noablt 47/48. Donnerstag, den 6. Juli 1911: Theater mid Spenalitäteu. Ansang des Konzerts 6 Uhr, der Bor» stellung 7 Uhr. Korznaskaiten haben Gnttigkeit. Jeden Montag: Lustige Sänger. Verantwortlicher Siedaltepr: Allirrt Wachs. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.. Tb. Glocke, Berlin. Drucku.Berlag: Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer u.To, Berlin LVV, Kr. 153. 28. Zahrgavs. 2. KtilM Ks.Amiirls" Krim KldsdlM DoTersIltg, 6. IM lSU. Partei- �ngelegendeiten. Muster Wahlkreis(1. Abteilung). Die Versammlung der ersten Abteilung findet am Freitag, den 7. Juli, S'/a Uhr abends, in den Lunasälen, Neue König st r. 7, statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genosien Redakteur Barth, ferner Bericht und Wahl des Ab- teilungsführers, Besprechung über die Wahlen zur Ver- bandsgeneralversammlung.Provinzialkonferenz und zum Parteitag. Der Abteilungsführer. Hcrmsdorf i. M. Zu der am kommenden Sonntag in Bergfelde stattfindenden öffentlichen Versammlung treffen sich die Hermsdorfer Genossinnen und Genossen 2.45 Minuten nachmittags auf dem Platz vorm Bahnhof. Der Gruppenführer. Zernsdorf. Sonnabend, den 8. Juli, abends 8 Uhr, im Lokale von I. Knorr: Generalversammlung deS Wahlvereins für Zernsdorf und Umgegend._ Der Vorstand. Berliner JVaebnebten» Die HauSruhe zur Nachtzeit. Die aufreibende Tätigkeit des WeltstädterS im hastenden Tagesgetriebe erfordert mehr wie früher eine ungestörte Nacht- ruhe. Es sieht damit nicht zum besten bei uns aus. Wenn der Nachtwächter kurz nach zehn Uhr die Haustür schließt, ist es auf den meisten Straßen, selbst in entfernten Vorstädten, noch überaus lebhaft, und auch in den Häusern selbst kehrt noch lange nicht die nötige Ruhe ein. Wer von der elften Stunde an auf seinem Lager ungestört sein will, muß schon über einen sehr gesunden Schlaf verfügen. Sonst hört er fast alle fünf Minuten den Hausschlüssel knirschen und die Haustür ins Schloß donnern. In unseren großen Mietskasernen zählen diejenigen, die in elfter und zwölfter Stunde nach Hause kommen, nach Dutzenden, und die Mehrzahl nimmt gewohnheitsmäßig auf die übrigen Mieter zu wenig oder gar keine Rücksicht. Am meisten macht sich neuerdings diese Untugend da bemerkbar, wo elektrische Treppenbeleuchtung zur Nachtzeit vorhanden ist. Im Dunkeln tappt sich der Großstadtmensch vorsichtig die Treppe hinauf und meidet, um nicht zu fallen, instinktmäßig jeden über- flüssigen Lärm. Brennt aber Licht, so poltert er von Treppe zu Treppe und wirft oben recht kräftig die Tür. Sind es zwei oder noch mehr Personen, so werden sie bei hellster Beleuchtung äußerst mitteilsam werden. Die elektrische Be- leuchtung auf den Treppen, die ja vorläufig erst in den zum TeU auch schon von Arbeiterfamlien bewohnten Vorderhäusern eingeführt ist, hat entschieden großen Nutzen. Nur besser erziehen soll sich der Nachtschwärmer, auch für den Fall, daß er nicht„des süßen Weines voll" sich auf dem letzten Ende zu den heimischen Penaten befindet. In der Wohnung selbst geht der Spektakel gewöhnlich von neuem los. Stühle werden gerückt und Stiefel geworfen. Gerade diese nächtlichen Lärmmacher pflegen sich zu beschweren über Unruhe, die von anderer Seite am Tage oder zur Nachtzeit an ihre eigenen empfindlichen Nerven dringt. Die gleiche Rücksicht für fremde Ohren wollen sie nicht anerkennen. Nächtliche Ruhestörer sind auch oft die musikalischen Haus bewohner. Viele Leute fühlen das Bedürfnis, noch weit nach 10 Uhr das Klavier zu bearbeiten oder mit schmalziger Stimme die Nacht anzuschwärmen. Wo eine Familienfeier stattfindet, wird man zu so etwas gutmütig beide Ohren zuhalten. Höfliche Menschen bitten zuvor ihre Nachbarn um Eni schuldigung. daß es ausnahmsweise etwas laut zugehen wird. Andere oder sogar die meisten glauben ein Recht zu haben, ihre Wohnung während der halben Nacht zum Tanz- und Musiksalon zu machen. Ein solches Recht besteht jedoch in keinem Falle über die elfte Abendstunde hinaus. Wo öffentliche Lokale im Hanse sind, sollte aus die pünktlichste Jnnehaltung der Ruhezeit ganz besonders Bedacht genommen werden. Die Unsitte, bis in die späten Nachtstunden noch übermäßigen Lärm zu verzapfen, ist sehr verbreitet, aber schließlich selbst vom geschäftlichen Standpunkte nicht zu ver- teidigen. So sind es im Berliner Nachtleben eigentlich nur die Stunden von zwei bis vier, während deren die Nachtruhe im großen und ganzen einwandfrei bleibt. In der fünften Morgenstunde wird es schon wieder lebendig. Es sollte daher jeder bestrebt sein, auf seine Hausgenossen die größtmöglichste Rücksicht zu üben, um ihnen die Nachtruhe nicht zu verkürzen. Tie Einnahmen der städtischen Straßenbahnen im Juni betrugen 180 814,75 M. gegen 128 434,75 M. im Juni 1313, d. i. eine Tages- einnähme von 5353,83 M. gegen 4216,48 M. im Juni 1313. Es wurden insgesamt 1743 518 Personen gegen 1383384 Personen im Vorjahre befördert. Die Anzahl der im Juni gefahrenen Wagen- kilometer(Motormagen und Anhängewagcn) ist von 232 378 des Vorjahres auf 337 877 gestiegen. Die Einnahme für das Wagenkilo- meter beträgt 47.53 Pf. gegen 54.23 Pf. im Vorjahre. Die Berliner Nmsahstenerordnung ungültig? Unter dieser Uebcrschrift hat ein hiesiges Blatt dieser Tage einen Artikel ver- öffentlicht, der den Eindruck erweckt, als ob die Berliner Umsatz- steuerordnung in ihrer Gesamtheit am 2. Mai vom Bezirksausschuß für ungültig erklärt worden sei. Demgegenüber schreibt das städtische Nachrichtenamt: „Die Berliner Umsatzsteucrordnung in ihrer Gesamtheit ist nicht für ungültig erklärt worden, vielmehr nur eine Verhältnis- mäßig unbedeutende Einzelbcstimmimg. welche besonders Gesell- schaften m. b. H.. Kommanditgesellschaften und dergleichen betrifft. Und auch diese Entscheidung ist keine endgültige, sondern sie unter» liegt zurzeit der Nachprüfung des Obcrverlvaltungsgerichts. Der beste Beweis dafür, daß die Gültigkeit der Umsatzsteuerordnung an sich auch vom Bezirksausschutz bis auf den heutigen Tag nicht be- zweifelt wird, liegt darin, daß auch noch nach dem 2. Mai d. I. und bis in die jüngste Zeit verschiedene Urteile des Bezirksausschusses ergangen sind, welche Klagen, die gegen die Umsatzsteuervcraula- gung der Stadt Berlin erhoben sind, zurückweisen. Ebenso hat sich das Oberverwaltungsgericht gestellt." Hieraus erhelle auch, fährt das Nachrichtenamt fort, daß die Behauptung, ein erheblicher Teil des in den städtischen Haushalts- plan eingestellten Umsatzstcuersolls werde nicht erhoben werden können oder gar zurückgezahlt werden müssen, selbst dann unzu- treffend ist, wenn das Oberverwaltungsgericht etwa der Entschci- dung des Bezirksausschusses beipflichten sollte. Bei solcher Rechts- läge erscheine eS auch yänzlich unerfindlich, wie jener Artikel sich zu der Forderung versteigen kann, die Stadtgemeinde solle nun ein- fach die Anwendung der ganzen Steuerordnung sistieren, wo doch nur eine einzige ihrer zahlreichen Einzclbestimmungen in einem Falle von der ersten Instanz für rcchtsunwirksam erklärt worden ist. Völlig hinfällig müsse aber der in dem letzten Teil des Artikels steckende Vorwurf erscheinen daß die Stadtgemeinde die Prozesse willkürlich in die Länge ziehe und dadurch sich deS ZinSgenusseS von Steuerbeträgen erfreue, inbetrejf deren sie nicht im Zweifel sein könne, daß ihre Erhebung einer gesetzlichen Grundlage ent- behre. 170 Millionen Mark für die Berliner Kanalisation. Mit der Eröffnung des Notauslasses für das Radialsystem XI am Zirkus Busch, über die wir gestern berichteten, ist der Ausbau dieses ge- waltigen Unternehmens wieder ein bedeutendes Stück vorwärts gekommen. Der Bau des Notauslaffes hat rund 5 433 333 M. gekostet. Der volle Ausbau des NadialsystemS XI rund 15 333 333 Mark. Der Notauslatz stellt natürlich nur einen Verhältnis- mätzig kleinen Bruchteil deS riesigen unterirdischen Kanali- sationsnetzes dar. Die Kanalisationsarbeiten Hegannen im Jahre 1873, als Berlin erst 863 333 Einwohner hatte, die sich auf 14 233 Häuser mit 176 333 Wohnungen verteilten. Seit diesem Zeitraum hat der Ausbau der Kanalisation rund 173 Millionen Mark verschlungen. Die Kosten der Kanalisation ohne die mit ihr in engem Zusammenhang stehenden und für sie notwendigen Riesel- felder betragen rund 38 333 333 M.. Ankauf, Aptierung nud Drainage der Rieselfelder einschl. der auf ihnen errichteten Bauten, kosten rund 72 Millionen Mark. Die Länge der bis- her in der Stadt angelegten Kanäle beläuft sich auf 187 635 Meter, die der Tonrohrleitungen auf 875 487 Meter; das ist also eine Gesamtlänge von 1363 332 Meter oder 142 deutsche Meilen. Hierzu kommen noch die nach den Rieselfeldern führenden Druckrohr- leitungen, von denen 132 725 Meter fertig und 25 883 Meter im Bau sind. Die gesamte Kanalisation Berlins zerfällt in zwölf Radialsysteme, das elfte, das am Dienstag dem Betrieb übergeben worden ist, ist also das letzte der zwölf Systeme. Betriebsstörungen im Straßenbahnverkchr. Eine Betriebsstörung im Stratzenbahnverkehr. die sich namentlich im Westen bemerkbar machte, trat vorgestern nachmittag gegen 3 Uhr ein. Infolge Maschmendefektes in der Kraftzentrale Moabit waren eine Anzahl Speisepunkte dieses Werkes sowie der Zentrale Königin- Augustastraße während der Zeit von 2.55 bis 3.15 Uhr stromlos. Durch Hinzuschaltung anderer Speisepunkte konnte um diese Zeit der Betrieb wieder in vollem Umfange aufgenommen werden. Das Störungsgebiet erstreckte sich auf Müllerstratze bis Tegel, Potsdamer, Link-, Flottwell« und Bülowstratze, Martin-Luther-, Belziger, Hohen- stauffen-. Motz«, Westfälische und Ludwigskirchstraße, Lützow-, Kur- fürstenstratze, Hoffägerallee und Levetzowstratze. Gestern morgen trat in der Chausseestratze eine fast einstündige Störung im Stratzenbahnverkehr ein. Ein Motorwagen der Linie 26 wurde an der Ecke Luisenstratze von einem hoch mit Heu beladenen Wagen in die Flanke gefahren und durch den Anprall aus den Schienen gehoben. Dadurch trat eine fast einstündige Stockung im Verkehr der nach dem Norden und umgekehrt nach dem Innern verkehrenden Slratzenbahnen ein. Die Tegeler-, Reinickendorfer- und Gesundbrunnenlinien mußten über Moabit geleitet werden. Fensteröffnung im Eisenbahnabteil. Anekdotisch wird erzählt, der echte Berliner sei überall daran zu erkennen, daß es ihm„zieht", sei eS im Restaurant, aus der Eisenbahn oder im Stratzenbahnwagen. Wer viel herumkommt in der Welt, wird bald finden, daß man aller- orten gegen Zuglnst empfindlich ist. Die Frage der Fensteröffnung im Eisenbahnabteil gibt oft zu außerordentlich vielen Meinnngs- Verschiedenheiten, die sich mitunter in recht scharfen Wortgefechten äutzern, Anlaß. Das Eisenbahnreglement bestimmt, daß die beiderseitigen Fenster in ein und demselben Abteil nur mit Zustimmung sämtlicher Abteilgenossen geöffnet sein dürfen. Bei Streitigkeiten der Fahrgäste untereinander habe in jedem Einzelfall der Schaffner zu entscheiden. Diese Entscheidung fft nun aber gar nicht immer so leicht, obwohl auch für den Schaffner noch Sonderbestimmungen existieren. Die Hauptfrage ist nämlich, welches Fenster geöffnet und welches geschlossen bleiben soll. Wo an da? Abteil ein«bort grenzt, ist nicht zu verlangen, daß das dem«bort zunächst belegene Fenster geschlossen bleibt. In anderen Abteilen gilt als Grundsatz, daß ein Fahrgast nicht nach Belieben die Schließung des einen oder anderen der beiden Fenster, sondern nur desjenigen verlangen darf, dem er zunächst fitzt. Hat er beispielsweise in einer Ecke mit geöffnetem Fenster Platz genommen und verlangt die Schlietzung des gegenüberliegenden Fensters, so ist das eine Rücksichtslosigkeit gegen die entfernt sitzenden Fahrgäste. Die Schlietzung beider Fenster zu fordern, ist niemand berechtigt. Ein spräche von Fohrgästen aus Nebenabteilen, zu denen ein Durchgang führt, sind nicht zu berücksichtigen. Anstandsregel sollte es sein, daß jeder, der ein Fenster geschlossen haben will, zunächst die übrigen Fahrgäste höflich um ihre Zustimmung bittet. Vorteilhast ist es, beide Fenster nur halb zu öffnen. D»e Zuglust wird dann, fall» mcht da» Wetter besonder» stürmisch und regnerisch ist, keinen der Arbeilgenossen belästigen und nur gewohnheitSmätzige Nörgler zum Widerspruch reizen. Ter Spießgeselle des Einbrechers Görmar, nach dem die Poli zei seit längerer Zeit suchte, ist in Passau ergriffen worden. Gör- mar ist der Verbrecher, der am 13. Juni erst den Schutzmann Lucht in einem Lokal der Fricdrichstraße erschossen, einen Kellner schwer verletzt und sich dann selbst getötet hat. Die Feststellung der Per- sönlichkeit des G. war dadurch wesentlich erschwert worden, daß man keinerlei Ausweispapiere bei dem Toten fand. Erst durch das poli- zeiliche Meßverfahren ermittelte man, daß es sich um einen bekann. ten Einbrecher handelte, auf dessen Konto ein größerer Diebstahl bei dem Ratskellerwirt zu sehen war. Görmar hätte eigentlich noch im Besitze größerer, aus dem Diebstahl herrührender Geld- mittel sein müssen. Die Polizei ermittelte, daß an dem fraglichen Mordtage in der Begleitung des G. ein junger Mann war, der sich die allgemeine Verwirrung in dem Lokal zunutze gemacht und unter Mitnahme des G.schen Ueberziehers, in dem sich auch dessen Brief- tafche befand, heimlich entfernt hatte. Nach diesem Begleiter des Görmar, einem gewissen Büchner, wurde nun eifrigst gesucht. Jetzt hat man ihn in Passau verhaftet. Zum Brande der alten Alexander-Kaserne in der Alexander- straße. Das Ministerium des Innern hat, wie verlautet, über die Ursachen des Brandes in der� alten Alexander-Kaserne in der Älexanderstratze vom Polizeipräsidium eingehenden Bericht einge- fordert. Es soll die Absicht bestehen, die alten Kasernengrundstücke in der Alexanderstraße und weitere fiskalische Bauten der Neuen Friedrichstrahe für Wohnzwecke nicht mehr zuzulassen und die alten Baracken abzureißen und das Gelände zu parzellieren. Ein Teil des Geländes soll eventuell für einen Erweiterungsbau des Poli- zeipräsidiums Verwendung finden. Bei der Arbeit vom Tode überrascht wurde der 47 Jahre alte Arbeiter Hermann Holzbecher aus der Allensteiner Straße 24. Der Mann lud mit einem anderen auf dem Potsdamer Güterbahnhof am Scköncberger Ufer für die Spedition von Schur am Kurfürstendamm Kisten von einem Eisenbahmvagen auf einen Rollwagen über. Als er hierbei eine sehr schwere Kiste hob. bekam er plötzlich einen Blut- stürz und brach zusammen. Der Bahnarzt, der bald zur Stelle war. konnte nur noch den durch Lungenbluten eingetretenen Tod feststellen. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Auf der Wannsccbahn werdem wie Eistnbabndirektion bekannt gibt, von morgen, den 7. d. M. ab bis einschließlich den 13. August an den Werktagen noch die nachfolgenden Züge verkehren: ab Berlin. Wannseebahnhof 13 und 11 Uhr vorm.(bis Zehlendorf». 3,25, 4.25 und 8,23 nachm.(bis Schlachtensce), 13,13 und 11,13 vorm.(bis Wannscc); ob Wannsee 11,35 vorm. und 12,35 nachm., ab Schlachtcusee 4,32, 5,32 und 3,32 nachm.; ab Zehlendorf 12,54, 4,34 »md 5,34 nachm. Jammergeschrei und Hilferufe auf der Polizeiwache. Wie uns mitgeteilt wird, wurden die Bewohner der Häuser Wichertstr. 158 und Rodenbergstr. 3 am Montagabend dadurch in große Aufregung versetzt, daß aus den Räumen des 115. Polizeireviers herz- zerreißende Hilferufe erschallten, und Schreie, wie wenn jemand schwer mißhandelt wurde.„Ihr schlagt mich tot", und dergleichen Jammerrufe hörte man. Tie Mieter waren selbstverständlich empört darüber, durch dergleichen Vorgänge aus ihrer Feierabendruhe auf- geschreckt zu werden. Sie eilten an die Fenster, um zu sehen, was da eigentlich los war. und wenn möglich der Sache ein Ende zu machen. Da erlosch plötzlich das Licht in der Zelle des Reviers und man hörte deutlich em Klatschen wie von Schlägen und dazwischen immer wieder Hilferufe. Weitere Aufklärung über daS, was dort borgegangen ist, war nicht zu erhalten. Der Leutnant jenes Reviers in der Rodenbergstraße 3 wird uns als ein Mann geschildert, der sehr empfindlich gegen irgend ivelche Ruhestörungen durch die Mieter sein soll und in dieser Hin- ficht mit großer Strenge vorgeht. Um so weniger wird man es den Mietern verdenken können, weOi sie nicht von der Polizeiwache aus durch derartige jedes fühlende Menschenherz empörende Bor- gänge belästigt werden wollen. Fliegerunfall in Johnimisthal. Ein gefährlicher Unfall, der glück« licherlvcise ziemlich glimpflich auslief, bat sich am gestrigen Mittlvoch- nachmittag auf dem Flugplatz Johannisthal ereignet. Da am Nach- mittag der Wind fast ganz abgeflaut war, kamen mehrere Flieger, unter ihnen auch der neue Fluglehrer der Poulain-Schule, der Spanier C o l o m b o, mit ihren Maschinen ans das Feld. Colombo, der mit der Führung deS Eindeckers noch nicht ganz vertraut ist, benutzte den Lehrapparat, mit dem vor einiger Zeit der junge Bookemüller tödlich verunglückte. Als sich der Flieger an der Adlershofer Seile befand, verließ er daS Feld und flog über dem Walde dahin. Plötzlich schoß der Eindecker aus 33 Meter Höhe hernieder und bohrte sich in die Baumkronen ein, die durch däs Gewicht der Maschine zertrümmert wurden. Colombo ergriff mit rascher Geistesgegenwart einen Ast und vermochte so den sicheren Boden zu erreichen. Der Eindecker ist völlig zertrümmert und muß in seiner eigenartigen Lage, in der er sich wie ein gestrandeter Riesenvogel ausnimmt, abmontiert werden. Colombo hat zwar einige Risse und Schrammen bei seiner unsanften Landung erhalte», ist jedoch anscheinend nicht schwer verletzt. Auch der Rumpier- Schüler Oster, der einige Probeflüge machte, zertrümmerte sein Fahr- gestell, blieb aber unverletzt. Heber daS Postamt 76, Hackescher Markt, wird UNS folgende Klage übermittelt: Dieses Postamt hat 14 Schalter, und man sollte meinen, der Verkehr ließe sich hier in einer für daS Publikum befriedigenden Weise erledigen. Aber weit gefehlt, denn in den Vor- und Nachmittagsstunden sind nur zwei oder drei Schalter geöffnet und das Publikum hat sich zu gedulden, bis es den Herren paßt. Am Dienstag, den 4. Juli, war morgens um 13 Uhr der Andrang besonders stark. Schalter 11 und 12 waren für den Verkehr frei, wenigstens grinste einem nicht das ominöse Plakat:„Geschlossen" entgegen. Aber nur an einem Schalter saß fünf Minuten vor zehn ein Beamter, während 15 Personen aus Abfertigung warteten. Diese hatten daS Vergnügen, hinter den Glasfenstern die Herren Beamten vergnügt schmunzelnd sich unterhalten zu sehen; das Publikum abzufertigen halten die Herren, wie es schien, keinen Anlaß. Endlich, als dem Publikum die Geduld riß und man verschiedentlich laut protestierte, bequemte sich ein Beamter, es war inzwischen 13 Uhr vorbei, auch den Schalter 12 wieder dem Verkehr zu übergeben. Aber wie— so recht bedächtig und extra bequem, um zu zeigen, ich bin kaiserlich deutscher Beamter,„mir kann ieener". Vielleicht macht die Behörde die Herren mal darauf aufmerksam, daß die Geschäftsieute ihre Zeit nicht gestohlen haben. Ferner dürste es aber auch an der Zeit sein, daß die Schalter den ganzen Tag. wenigstens einige mehr als jetzt, in Betrieb gehalten werden. Eine Unverschämtheit leistete sich am Dienstagabend eine Be- wohnerin des Hauses Müllerstraße 33 gegenüber den aus der Ver- sammlung in den PharuS-Sälen kommenden Besuchern. Wie man uns mitteilt, wurde au« der zweiten Etage des Hauses«ine Tüte mit Flüssigkeit auf einige Versammlungsbrsucher herabgeschleudert. Die hiervon Getroffenen begaben sich zunächst nach dem dritten Stockwerk, da sie glaubten, daß Bewohner desselben die Tüte mit Flüssigkeit hernntergeworfen hätten. Dieselben stellten dies entschieden in Abrede. Der Mieter der Wohnung erklärte vielmehr, daß aus der Wohnung der zweiten Etage, die von einer Modistin Starke bewohnt wird, geworfen worden sei. Derselben Meinung war auch ein Mieter der ersten Etage. Frau Starke hat dies ans Vorhalten wobl in Abrede gestellt, jedoch wollen die von der Flüssigkeit Ge« troffenen durch das sonderbare Verhalten der Frau in der Annahme, daß letztere es gewesen sei, bestärkt worden sein. Betriebsstörung auf der Stadtbahn. In der zweiten Nachmittags- stunde entstand gestern auf der Stadtbahn eine große Betriebs- störung. Sie wurde dadurch herbeigeführt, daß am Bahnhof Bellevne die Maschine eines Vorortzuges defekt wurde. Sämtliche Stadtbahnzüge mußten unterwegs liegen bleiben, bis der ver- »»glückte Zug mit einer Reservemaschine weiterbefördert wurde. Die Störung dauerte nahezu eine halbe Stunde. Zu dem bedauerlichen Unfall in der photographischen Anstalt von Dirnstbach, Mathieustr. 6, wird uns von einem Kollegen des Verstorbenen noch mitgeteilt, daß der Verunglückte versebentlich eine Flasche mit Ammoniak gefaßt hatte. Obwohl die Mundhöhle de« R von der Flüssigkeit arg zerfressen gewesen sei. habe derselbe einen sein Leben bedrohenden Zustand nicht gezeigt. Der von der Unfall- station anwesende Arzt habe auch nichts nnternominen. waS die Lebensgefahr beseitigt hätte. Danach mutz man annehmen, daß der Arzt die gefährliche Situation, in der sich R. befunden, nicht erkannt hat. Lebhaftes Befremden ruft das Verschwinden de« im Jahre 1883 in Breslau geborenen Malergchilfen Gustav Müller hervor. Der- selbe hatte sich am 23. April bis abends'�12 Uhr in einem Vereinslokal, Nannynstraße, mit seinen Bekannten aufgehalten, seit- dem ist er verschwunden. Am Abend zuvor hatte M. seiner Wirtin die Miete sowie das Essen vorausbezahlt. Am 3. Mai ist an M. eine Vorladung zu einem Termin ergangen, der am 18. Mai statt- finden sollte. Sowohl die Behörde ivie auch die Anverwandten des M. haben bisher Spuren Über seinen Verbleib nicht auffinden können. Als M. wegging, trug er einen braunen Jackettanzng, einen bellgranen Hut und einen schwarzen Stahlstock. Personen, die über den Verbleib des Vermißten Auskunst geben können. werden gebeten, dies bei Georg Vogel, 80. 26. Naunynstr. 56 III, zu melden._ Vorort- j�aebriebtern Grost-Lichterfelde. Tie letzte Gemeindevertretersitznng bor den Sommerserien fand eine Tagesordnung vor mit nur wenigen die Oeffentlichkeit inter- essierenden Vorlagen. Die siir den neuen Gemeindefriedhof be- willigten Mittel von 173 333 M. sind verbraucht und darüberhinaus noch weitere 8733 M. erforderlich. Außerdem sind noch für die Russtattnng der Kapelle nnd Leichenhalle. Anschaffung von Gerät» schasten für die Gärtner zirka 23 333 M. nötig. Insgesamt wurden 80 333 M. bewilligt. Infolge der Errichtung der neuen Straßenbahn vom Händelplatz nach dem Friedhof hat sich aus öffentlichen VcrkchrSrücksichten heraus die Festlegung eines neuen Fluchtlinienplanes für den Thuner Platz als absolut notwendig herausgestellt, da der Platz in seiner jetzige» Gestalt jür len sich entwickelnden Berkehr zu klein und unpraktisch angelegt ist. Die als Anlieger in Frage kommende Terraingesellschaft hat merk- würdigerweise gegen die Festsetzung des Fluchtlinienplanes Einspruch erhoben, obwohl sie das meiste Interesse an dieser neuen Verkehrslinie hat. Desgleichen hat der EisenbahnfiskuS wegen der Festsetzung der Fluchtlinie bezüglich des Geländes der Volks-Baugesellschaft an der Fürsten- und Müllerstratze einige Aenderungen beantragt, die mit der Weiterführung des Vorortverkehrs über Lichterfelde-Süd hinaus zusammenhängen. Danach scheint der Eisenbahnfiskus gleichzeitig mit der Höherlegung des Bahnkörpers bei Station Ost den längst notwendigen und sehnlichst erwarteten Vorortverkehr auf der Anhalter Strecke endlich ins Auge zu fassen. Genehmigt wurde der Ankauf einer Fläche Landes an der Chansseestratze vom Eisenbahnfiskus zum Preise von 6000 M. Aus der Mitte der Gemeindevertretung wurde auf die in absehbarer Zeit nötig werdende Verbreiterung der Unterführung an der Potsdamer bezw. Wannseebahn in der Chausseestratze hin- gewiesen. Tatsächlich ist diese Verbreiterung jetzt schon eine Not- wendigkeit. Der Verkehr durch die Unterführung, die nur 11 Meter Breite hat, ist infolge der starken baulichen Entwickelung am Händel- platz und an der Steglitz-Lichterfelder Grenze autzerordentlich ge- stiegen. Die Bürgersteige sind dort so schmal, datz bei einer weiteren Steigerung des Slratzenbahn� und WagenverkehrS ein gefahr- drohender Zustand sich entwickeln muh. Es wäre angebracht, datz die Gemeinde beizeiten geeignete Schritte zur Verbreiterung der Unterführung beim EisenbahnfiSkus unternimmt. Wilmersdorf. Rein aus dem HauSchen ist die„Wilmersdorfer Zeiwng�, datz wir sie wegen ihrer kecken Anrempelung auf die Finger geklopft haben. Am meisten hat eS das Blättchen verschnupft, datz wir ihm den Rat gaben, den aus der Meinungsfabrik bezogenen politischen Text im Interesse seiner Leser mehr aus seine Richtigkeit zu prüfen. DaS ist immer eine wunde Stelle für Organchen vom Schlage der „Wilmersdorfer Zeitung", die in der Grotzstadt doch nur im der- iborgenen Winkel ihr Dasein fristet. Datz wir dem kecken Blättchen seine jämmerliche Position vorgehalten haben, hat uns den Vorwurf echten„KapitalprotzentumS* eingetragen. Es schilt daher den„Vor- wärts" als ein Unternehmen, was durch die„Aussaugung der Krbeiterknochen" und durch„kapitalistische Produktionsweise eine Monopolstellung einnimmt". Wir können eS dem Blättchen nachfühlen, wenn eS unangenehm davon berührt wird, datz die Arbeiter auf seine geistvolle Kost ver- zichten und sich lieber ein Blatt halten, datz mit allem Nachdruck für ibre Interessen eintritt. Denn die paar Leser, die das Blatt als Abonnenten zählt, rekrutieren sich aus jenen Kreisen, die die rück- ständige Politik des konservativen Klüngels in der Wilmersdorfer Stadtverordnetenversammlung gutheitzen. Feststellen möchten wir zum Schluß noch, datz das Blatt gegen unsere Mitteilung, der Arbeiter Lindner sei am Freitag noch nicht auf dem Bau erschienen, nichts anzuführen weih. Die WilmerSdorfer Schulzahnklinik in der WilhelmSaue 23 verzeichnete in den 31 Arbeitstagen seit ihrer Eröffnung 1170 Besuche, und zwar wurden behandelt 22S Knaben und 295 Mädchen. DaS ist eine Frequenz, so betont hierzu das Ortsblättchen wie sie sich nicht voraussehen ließ und die erneut daS Bedürfnis dieser Einrichtung bestätigt. Wie mit dieser Schulzahnklinik, so dürfte es auch mit zahlreichen anderen bisher allerdings noch nicht vorhandenen sozialen Ein- richtungen stehen, deren Bedürfnis die weisen Wilmersdorfer Stadt- Väter immer noch nicht„voraussehen" können. Die Erleuchtung kommt bei manchen Menschen erst wenn sie'S schwarz auf weiß haben. Tempelhof. Dem alten Bebauungsplan des westlichen Teiles des Tempel- hofer Feldes hatte die Stadt Schöneberg zugestimmt, den abge- änderten neuen Plan jedoch abgelehnt, obwohl nach Ansicht der Siesigen Gemeindeverwaltung der neue Plan nur geringfügige enderungen enthält. Schöneberg hatte bei dem neuen Plan auch neue Bedingungen gestellt, auf welche Tempelhof nicht eingehen zu können glaubte. Die Verhandlungen zwischen den beiden Gemeinden zogen sich immer mehr in die Länge, zeiliglen aber keine Einigung. Tempelhof stellte den Antrag aus Feststellung des Ergänzungsver- fahrenS. Da es aber die Angelegenbeit so schnell wie möglich er- ledigt wiffen und daS langweilige ErgänzungSverfahre» ebenfalls vermeiden wollte, einigten sich beide Gemeinden bereits vor dem Bezirksausschutz. Der dort geschlossene Bertrag fand die Zustimmung der Vertretung.— Die Errichtung des vollen Nachtdienstes bei derFernsprech- vermittelungSstelle Tempelhof ist eine wünIchenSwerte TinrichlUNg. Die bürgerlichen Herren de: Gemeindevertretung scheinen sich aber wenig um derartige Wünsche zu kümmern. Der Nachbarort Marlen- dorf. welcher an die FernsprechvermittelungSstelle Tempelhof an- geschlossen ist, versnchte in einem Antrage die Genieinde zur Be- teiligung an der Deckung einer an die Postverwaltung von den beteiligten Gemeinden zu zahlenden Summe von 1800 M. zu ge- Winnen. Betont wurde, daß dieses Verlangen der Post bei ihrer Monopolstellung ein unbilliges fei. Richtiger wäre es. datz den Garantieletstenden von den z» erwartenden Einnahmen über 1300 M. etwas zugute komme. Die Vertretung bejchlotz, sich an der Garantie nach dem Berhälmis der Einwohnerschaft zu beteiligen.— 50 M. wurden für die Rosenausstellung in Britz bewilligt, für den Verein für Mutterschutz und Säuglingssürsorge hatte die Vertretung in der vorigen Sitzung ganze fünf Mark übrig. Charlottenburg. Der Gesangverein Charlottenburger Liedertafel(M. d. A.-S.-B.) veranstaltet am Sonnabend, den ö. Juli, auf dem„Spandauer Bock" «in Sommernachtsfcst. Konzert, Gesang. Reiaenfahren, Fontänen- und Gröttenbeleuchtung, Ball. Eintritt 30 Pf. Da der Verein bei den Porteisesten stets mitwirkt, so ist ihm ein guter Besuch auch seitens der Parteigenoffen zu gönnen. Zehlendorf(Wannseebahn). Die Furcht vor der Sozialdemokratie treibt in dem hiesigen Epietzerblättchen, dem„Zehlendorfer Anzeiger", häufig die sonder- barsten Blüten. Wenn irgendwo von eigenartigem Vorgehen eines Sozialdemokraten geredet oder geschrieben wird, dann nimmt es solche Ergüsse vollständig in seinen Spalten auf. Irgendwelche Prüfung des Gehörten wird besonders dann nicht beliebt, wenn' durch die Wiedergabe die Jnteresten der Zehlen- dorfer Beamrenvereiniguiig gefördert werden könnten, die über die Redaktion ihre schwere Fuchtel schwingt. Ist da kürzlich in Teltow «in Konflikt ausgebrochen zwischen unserem Genossen Röder und dem dorrigen Ortsobcrhatipte, das den dortigen Ortsverband der Gemeindebeamlen zu einer ganz dePlazierten Abwehrstellung führte. Es wird dem Genossen vorgeworfen, datz er den Beamtenstand da- durch herabzuwürdigen suchte, datz er bei einer Vorlage über viertel- jährliche Vorausbezahlung des Gehalte« erklärt haben sollte, es sei nickt gut, den Beamten aus einmal so viel Geld zu geben, sie würden es bald verwirtschaften und zum Schluß genötigt sein, Kredit in Anspruch zu nehmen. Wie man uns versichert, ist der Ausspruch in dieser Faffung nickt gefallen. ES ist dem Genossen Röder gar nicht ein- gefallen, der Gesamtheit der Beamten einen solchen Vorwurf zu machen. In der fraglichen Stadtverordnetenversammlung wurde auch über eine einem Polizeibeamten zu überweisende Dienstwohnung verhandelt. Dabei soll unser Genosse gesagt haben, der Polizeisergeant stehe out derselben Stufe wie der Volksschullehrer und er habe deshalb auch Anrecht auf die gleiche Wohnung; man dürfe ihm deshalb auch keine Wohnung zumuten, die für einen Lehrer nicht als ausreichend angesehen werde. Mit diesem Ausspruch konnte unser Genosse natürlich die Lehrerschaft nicht beleidigen, sondern er hat damit nur festgestellt, datz wir bestrebt sind, auch dem niederen Beamten» stand menschenwürdige Wohnungen zu sichern. Er hat sich dagegen gewehrt, daß einem Beamten eine Wohnimg zii- gemutet werden sollte, die nach seiner Meinung völlig un« geeignet war. So und nicht anders wurden die Worte auch von den Zuhörern aufgefatzt, die in der Sitzung anwesend waren. Die Absicht, die den„Zehlendorfer Anzeiger" bei dem Abdruck dieses Artikels geleitet hat, ist etwas zu durchsichtig. Wir hätten geglaubt, datz die Zehlendorfer B. V. sich etwas sicherer fühlt, als datz sie jetzt schon durch solche Mittelchen für die nächste Gemeindewahl Stimmung zu machen sucht. Weihensee. Aus der BezirkSgeneralvcrsammlung. Der Kassenbericht lag ge- druckt vor und schlietzt mit einem Kassenbestand von 962,53 M. ab. Den Bericht der Bezirksleitung gab Genosse Schlemminger. Er wies darauf hin, datz die Mitglieder es oft an der gewünschten Beteiligung bei Versammlungen fehlen lassen. Die Mitgliederzahl ist auf 1616(1359 männliche und 257 weibliche) gestiegen. In den Landorten haben wir 39 Genossen und drei Genossinnen. Der„Vor- wärts" wird in 1850 Exemplare» gelesen gegen 1550 im Vorjahre. Die „Gleichheit" wird leider erst in 46 Exemplaren gelesen. Die Frauen- leseabende haben ihre Besucherzahl in erfreulicher Weise erhöht. Aus den einzelnen Kommissionen ist zu berichten, datz es der Lokal- konlinission nur möglich toar, in Malchow ein Lokal frei- zumachen. In Heinersdorf und Malchow haben vier Ver- lamnilungen, zum Teil unter freiem Himmel stattgefunden, die sämtlich gut besucht waren. Die Bezirksleitung schlug der Versammlung vor, die Lokalkommission auszuheben und die neuzubildende Landagitationskommission mit den Arbeite» der Lokalkommission zu betrauen. Die Aufnahmekommission soll auf- gelöst und die sich zur Aufnahme meldenden Geschäftsleute den zu- ständigen Zahlabenden überwiesen werden. Aehnlich so verhält es sich mtt dem Jngendausschutz. Hier schlug die Bezirksleitung vor, den Jugendausschutz aufzulösen und dafür einen Bildungsausschutz, der gleichzeitig die Jugendsache zu bearbeiten hat, zu wählen.— Die Maifeier schloß mit einem Ueberschutz von 892,50 M. ab. Zur.Bezirksleitung wurden einstimmig gewählt als 1. Bezirksleiter Genösse Franz Schlemminger, als 2. Bezirksleiter und Leiter der Landagitation Genosse Karl Diener, als Kassierer I o- Hannes Kaushold und als Schriftführer Emil Schunk. Als Revisoren wurden die Genossen Bachmann, Grauert und Rotzkopf, als Bibliothekare die Genossen Gründlerl. Mosch und Zieger und als Beisitzerin die Genossin Berg(Stcllvertrcterin Genossin Sützmann) gewählt. Als Mitglied des KreiSvorstandcS soll der Kreisgeneralversammlung der Genosse A n d r e e vorgeschlagen werden. Als Abteilungsführer werken die Genossen Frost, Kunkel. Geisel, Lippmann, Philipp. Neumann und Schmidt bestätigt. Als Delegierte zur Verbandsgeneralversammlung werden die sieben Abtcilungsfllhrer, die beiden Bezirksleiter, der Kassierer und die Beisitzerin gewählt. Zur Provinzialkonferenz wurde Genosse Diener und als Delegierter zum Parteitag soll der Kreisgcneralversammlung der Genosse Taubmann vorgeschlagen werden. Der Antrag auf Bildung der Landagitationskommission, die gleichzeitig Lokalkommission bildet, wurde angenommen. In diese Kommission werden die Genossen Snudat, Nerlich und Rotzkopf ge- wählt. Der zweite Antrag wurde ebenfalls angenommen. Der Antrag auf Auflosung des JugendaussckusseS wurde gut- geheißen und die Schaffung eines BildungSauSschusjeS im Prinzip angenommen. Am Schluß der von über 300 Personen besuchten Versammlung wurden noch einige örtliche Angelegenheiten be- sprochen. Große» Unheil wurde vorgestern durch ein durchgehendes Gespann angerichtet. Die jungen, feurigen Pferde eines vor der Gummi- Warenfabrik von Müller in der Belforterstratze haltenden Wagens einer Berliner Holzhandlung scheuten vor Papierfetzen, die durch den Wind ausgewirbelt wurden, und gingen durch. Die Tiere rasten nach der Gürtelstratze zu, liefen dort auf den Bürgersteig und rissen mehrere Bäume um. Dann jagten die Pjerde bis zur Greifswalder Straße und direkt gegen den Stand eines Obsthändlers. Der Obst- wagen wurde vollständig demoliert, der Händler erlitt nur gering- fügige Verletzungen. Der Kutscher des Gefährtes war bei der wilden Fahrt vom Bock gegen einen Baum geschleudert worden und trug eine Gehirnerschütterung und einen Bruch des Nasenbeines davon. Nach dem Zusammenstoß mit dem Obslwagen, bei dem die Pferde nicht unerheblich verletzt wurden, konnten die rasenden Tiere endlich aufgehalten werden. Markgrafpieske. „Ein rotes Dorf". Unter dieser sensationellen Ueverschrist machte kürzlich ein Artikel durch einige Berliner Blätter die Runde. Selbst diese bürgerlichen Blätter, die doch für unsere Partei gewiß keine Sympathien an den Tag legen, mutzten anerkennen, datz die sozialdemokratische Mehrheit der Gemeindevertretung mit manchem alten Zopf in der Genieindevertretung aufgeräumt hat. So wurden einige Einzelheilen aufgezählt, die alS verdienstvolle Tätigkeit der sozialdemokratischen Gemeindemehrheit gebucht werden. Obgleich nun von bürgerlicher Seite unseren Ge- nvssen attestiert wird, datz sie mit Geschick ihr Amt ver- sehen, würden denselben seitens der B e h ö r d e in jeder Beziehung die denkbar größten Schwierigkeiten bereitet. Die Tätig- keit unserer Genossen in dem Genteindepärlament in Markgrafpieske ist mit großen Opfern verbunden. Verstreut sind dieselben die Woche über in der Provinz oder in Berlin beschäftigt. Jede Sitzung der Gemeindevertretung bedeutet die Einbutze eines Tagesverdienstes. Sie setzten eS deshalb durch, datz die Sitzungen des Sonntags stattfinden. Nicht lange I Entgegen den Beschlüssen der Gemeinde- Vertretung setzte der Gemeindevorsteher die Sitzung selbstherrlich auf einen Wochentag fest. Aus einen Wink von oben? Kein Protest gegen diesen Absolutismus des Herrn Gemeindevorstehers hals. Wie überall, wo unsere Partei Gelegenheit zu positiver Arbeit hat, tut sie es mit gutem Erfolg. So auch in hiesig?« Ort. In kurzer Zeit brachten es unsere Genossen fertig. Ordnung in die Gcmeindeftnanzen zu bringen. Die S ch u l l a st e n wurden auf die Gemeinde übernommen. Die Bier st euer wurde a b- g e s ch a f s t. Eine Baukommisston wurde aus der Gemeinde- Vertretung gebildet, die alle Bauangelegenheiten zu kontrollieren Sat. Bisher konnte auch hier der Herr Gemeindevorsteher, der ommisfarifch tätig ist, selbstherrlich verfügen. Die Behörde sieht diese positive Tätigkeit einer sozialdemokratischen Gemeindemehrheit nicht gern, nicht mal in einem entlegenen märkischen Dorfe. Der zum Gemeindevorsteher gewählte Genosse Graß- nick wurde vom Landrat nicht bestätigt; auch nicht die zu Schöffen gewählten Genossen Pätel, Gleit z I und F ö r st e r. Bei einer erneuten Wahl, die im vergangenen Monat stattfand, wurden die drei Nichtbestätigten wiedergewählt. Ob sie jetzt bestätigt werden? Wir leben in Preutzen unter der Herrschaft des Landrats. Für die Abhängigkeit der Gemeinden von der Landratsherrschaft bildet Markgrafpieske geradezu ein Schulbeispiel, trotz der ge- prieseuen Selbstverwaltung in Preußen. Trotz aller kleinlichen Nadelstichpolitik werden unsere Genossen unbeirrt ihren Weg weiter gehen, trotz Landrat und Gemeindevorsteher, die nicht werden umhin können, sich mit dieser„roten Mehrheit" m dem roten Dorfe abzu- finden. Petershagen bei Fredersdorf. Für die„Borwärts".Ab»nneitten. Der am Bahnhof F r e d e r S- darf Assistentendienste verrichtende Weichensteller Ztegenbagen hat sich anscheinend die Bekämpfunng deS„Vorwärts" zur Aufgabe gemacht. Ohne einen ersichtlichen Grund wies er unseren Boten, der den Sbvttneitten die Zeitung, soweit sie früh nach Berlin fahren, bereits am Bahnhof aushändigt, mit den Worten vom Bahnhofs- gelände:„Machen Sie, datz Sie hier'runter kommen mit dem Dreck"(gemeint ist der„Vorwärts"). Diese Art der Verteilung be- steht bereits drei Jahre und hat nie zu Klagen Anlatz gegeben.— Die in Betracht kommenden Abonnenten wetden darauf aufmerksam gemacht, datz sich der Bote in Zukunft vor fcyn L?lgl von Glflke aufholt und dort die Zeitung aushändigt, Oranienvurg� Die Revolverschießerek. Wie Unseren Lesem erinnerlich sein dürfte, hat in der Nacht zum 21. Juni der Amtsvorsteher Rechnungs- rat Lauterbach zwei Revolverschüsse auf den Maurer Fritz Kaatz ab- gefeuert. Kaatz hatte sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft er- stattet, erhielt jedoch den Bescheid, datz die„objektivste Behörde der Welt" es ablehnen müsse, gegen den Revolverschietzer einzuschreiten. In dem ablehnenden Bescheid heißt es, datz eS dem Beschuldigten nicht widerlegt werden könne, datz er glaubte, einen Verbrecher vor sich zu haben. Sein Verhalten war somit aus keinen Fall bewußt rechtswidrig. Die Staatsanwaltschaft bestätigt also, datz in Oranienburg ohne irgend welchen Grund geschossen werden kann. Oder gehen nur schießende Personen in Amt und Würden straffrei aus? Friedrichsthal bei Oranienburg. Zu recht bezeichnenden Vorkommnisse« kam es hi«? in der Ge« meindevertretersitzung. Seit etwa einem Jahre befinden sich in der Gemeindevertretung zwei Genossen, denen es zum Teil gelungen ist, mit den früher hier herrschenden Zuständen aufzuräumen. Unsere Genossen wurden zu den Arbeiten in verschiedenen Kommissionen oft herangezogen. So wurden u. a. die beiden Sozialdemokraten und ein bürgerliches Gemeinderatsmitglied beauftragt, mit dem Lehrer zwecks Hergabe eines Teiles des Dienstbofes als Kinderspielplay zu verhandeln. Trotz monatelanger Verhandlungen, die früher zwischen dem Gemeindevorsteher und dem Lehrer gepflogen wurden, kam eS zu keiner Einigung. Unseren Genossen gelang es bald, mit dem Lehrer eine Verständigung im Interesse der Gemeindeangehörigen herbei- zuführen. Es war selbstverständlich, datz der Lehrer mit den beiden Sozialdemokraten, die von dem Gemeinderat beauftragt waren, verhandeln mutzte. Die Spießbürger und ähre reaktionären Trabanten sahen dadurch schon die Revolution und den Umsturz im Orte herannahen und bezichtigten den Lehrer eines„fluchwürdigen Verbrechens", das diesem schwer geahndet werden sollte. Sie gingen sogar so weit, eine Petition an den Landrat zu senden, in der die lächerlichsten Behauptungen gegen den Lehrer aufgestellt wurden, insbesondere auch wegen seines PaktterenS mit den verhaßten sozia- listischen Gemeindevertreiern. Gegen den Lehrer wurde ein Disziplinarverfahren anhängig gemacht, über dessen Ergebnis noch Ungewißheit schwebt. Eine an den Gemeinderat gerichtete Gegen« Petition wurde unbeachtet beiseite gelegt. In derselben Sitzung führten unsere Genossen Beschwerde gegen den Gemeindevorsteher wegen Nichtachtung der Gemeindevertretung. Ein Einwohner richtete ein Gesuch an die Gemeindevertretung wegen Rückerstattung von Kirchensteuern, die zu Unrecht von ihm erhoben find. Das Gcmeindcoberhaupt gab daS Gesuch, ohne der Gemeinde- Vertretung davon Kenntnis zu geben, an den Landrat weiter. Am Orte werden 150 Prozent Zuschlag als Kommunal- und Kirchen- steuern erhoben, wodurch auch Dissidenten, Juden usw. zur Zahlung der Kirchensteuern herangezogen werden. Bei Aufstellung deS laufenden Etats wurden auf Anregung unserer Genossen die Kirchen« steuern von den übrigen getrennt, und dadurch erkannten erst die „Gottlosen", daß sie zu Unrecht zur Zahlung von Kirchensteuern herangezogen wurden. Da noch andere Unregelmätzigleiten bei Buchung der ein« genommenen Steuern entdeckt wurden, wurde auf Antrag unserer Genossen beschlossen, mit der Nachprüfung deS Etats einen Bücherrevisor zU beaustragen. Dieser Bücherrevisor soll jedoch nur anerkannt werden, wenn er vom Landratsamt gesandt wird, erklärte der Gemeindevorsteher. Die Gemeindevertretung hätte nicht daS Nicht ihrerseits einen Revisor zu beauftragen. Spandau. Auf einen Doppelselbstmord läßt ein Fund schließen, der dar« gestern morgen am rechten Spreeufer, gegenüber Ruhleben, unweit der als Anglerkolonie dienenden Insel Sophicnwerder, von Arbeitern der Strombauverwaltung gemacht wurde. Hart am Ufer lagen ein schwarzer, runder Herrcnhut und der Strohhut eine? jungen Mädchen« und daneben eine Damenhandtasche; diese enthielt einen Zettel mit einer Ausschrift, welche besagte, datz die Unterzeichneten, beide aus Spandau stammend, freiwillig aus dem Leben scheiden wollen und ins Wasser gegangen find. Bisher konnte nichts ermittelt werden. Potsdam. Für die konservative Jugendorganisation, den mit reichlichen staatlichen und städtischen Mitteln auSgebaltenen.Berein für LetbeS- Übungen", sucht nian jetzt in der gewerblichen Fortbildungsschule die Schüler zu gewinnen. Die bisherigen Arrangements haben nur wenig Beteiligung gefunden. Man will jetzt an den Sonntagen Ausflüge in den Waldungen oder nach dem Spielplatz machen. Die fortbildungsschüler sollen sich dazu versammeln und— wie der ehrer in der Schule mitgeteilt hat— wird dann jedesmal eine Militärkapelle die Führung dieses Ausfluges übernehmen. Sogar Offiziere haben dazu ihr Erscheinen— in Aussicht gestellt. Erfreulicherweise haben sich bis jetzt Lehrlinge und jugendliche Ar« beiter im allgemeinen dieser staatlich-patriottscken Jugendorganisation ferngehalten. Die Scküler höherer Lehranstalten benutzen diese Gelegenheit dagegen aber recht auSgiebig, um sich auf- billige Art und Weise ihre Zeit zu vertreiben. So wird auch dieses Atrange» ment de» sehr rührigen konservativen Jugenderziehern wj�der nicht den erwünschten Erfolg bringen. Der Arbeiterschaft möge sie ober ein Ansporn zum weiteren Ausbau der proletarischen Jugendbewegung werden. Serickts-�eitung. Ein Dr. Vhil. unter der Anklage der BanknotenfalschUkt� Wegen versuchten MünzverbrechenS hatte gestern das Schwur. ?!richt des Landgerichts III unter Vorsitz deS LandgerichtsdirektorS efie gegen den 30jährigen Schriftsteller Dr. Phil. Max Uebelhör zu verhandeln. Ter in Konstanz gebürtige Angeklagte kam Ende v. I. nach Berlin, nachdem er sich über ein Jahr in Paris aufgehalten hatte. Hier wohnte er zuerst in der Joachim-Ariedrich-Stratze bei einem Fräulein Rosenthal. Er gab sich als Journalist aus und erklärte, datz er photographische Ausnahmen für Zeitschriften mache. Der Vermieterin untersagte er streng, sich um seine Photo« graphischen Arbeiten zu kümmern, auch schloß er sich stets in dem Badezimmer, welches er als Dunkelkammer benutzte ein. Um jeden Einblick in das Zimmer zu verhindern, verhängte er außerdem auch noch die Fenster. Ter Angeklagte zog dann zu einem Schauspieler Wergug, dessen Wirtschafterin, einer Frau Döring, er erklärte, datz er an einer Erfindung arbeite, die völlig geheim gehalten werden müsse. Am 3. März, als der Angeklagte weggegangen war, fand die D. in feinem Zimmer einen noch nicht fertiggestellten Zehn» markschein. Diesen nahm sie zu sich und beobachtete von nun an den Angeklagten. Sie entdeckte zahlreiche Platten mit Aufnahmen don Zehnmarkscheinen, auch fand sie im Abort Teile eines zerrissenen falschen Zehnmarkscheines. Sie erstattete nunmehr Anzeige bei der Kriminalpolizei, die daraufhin eine Haussuchung in der Wohnung des Angetlajzten vornahm. Bei dieser wurden außer allen mög- lichen Chetmkalien entwickelte Platten mit fraiizüsischen 50 Frank» scheinen und deutschen Zehnmarkscheinen, 27 unfertige Zehnmark. scheine gefunden. Der Angeklagte wurde nun u Itter dem dringenden Verdacht der Banknotenfälschung verhaftet. Er bestritt ganz ent. schieden, die Absicht gehabt zu haben, die von ihm angefertigen Scheine in den Verkehr zu bringen. Er gab an. er habe sich schon in Frankreich mit einem von ihm erfundenen neuen Lichtdruck- verfabren beschäftigt. Er habe diese Versuche dann in Deutschland fortgesetzt und habe hierbei auch das sogenannte Reliefverfahren angewendet. Hierbei sei er darauf aufmerksam geworden, daß sich gerade die Zehnmarkscheine wegen ihres kleinen Formats und wegen der Zeichnung mit den klaren Umrissen sehr güt zu seinen Experimenten eigneten. Die Anklage behauptet dagegen, daß sein Verhalten keineswegs so harmlos sei, wte eS der Ange. klagte darstellt. Betschiedene Zeugen, die in der Voruntersuchung vernommen worden waren, bekundeten, daß sie den Angeklagten darayf aufmerksam gemacht MM daß M lävn Bot 25 Jahren als unBtauc�Eat B eis eile gelegt worBen sei. ZtgeliB etwas NeueS sei hierbei auch nicht mehr zu erfinden. Die als Sach. verständigen vernommenen Buchdruckereibesitzer Neinert und der .Betriebsingenieur der Reichsdruckerei Zinke erklärten außerdem, daß der Angeklagte nach der ganzen Art seiner Arbeiten nur darauf ausgegangen sein könne, falsche Zehnmarkscheine herzustellen. Gerade das von ihm verwendete Lichtdruckverfahren sei das- jenige, welches am häufigsten zu Banknotenfälschungen verwendet werde. Nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses wurde auf Antrag des Staatsanwalts wegen Gesährdung der Staatssicherheit die Leffentlichkeit ausgeschlossen. Der Staatsanwalt plädierte auf schuldig unter Versagung wildernder Umstände. Nach eingehender Verteidigung des Rechts- anwalts Dr. Arlsberg verneinten die Geschworenen die Schuld- frage, worauf der Angeklagte freigesprochen wurde. Die beschlag- nahmtcn Platten usw. werden freigegeben. Die Kosten des Ver- �■ch»5ns werden der Staatskasse auferlegt. Der Angeklagte, der sich seit langer Zeit in Untersuchungshaft befindet, wurde sofort qus freien Fuß gescht.__ Die rote Schleife am Totenkranz. � Ein bedenkliches Urteil gegen das Vereinsgesetz fällte das Reichsgericht am Dienstag. In Stockum, Kreis Bochum, wurde der Bergmann R. be- graben. Seine Wiitwe wünschte, daß dem Sarge ein Kranz mit der von der sozialdemokratischen Partei gestifteten roten Schleife vor- ausgetragen werde. Ter Bergmann Johann Burg trug den Kranz mit der Schleife und machte nach der Annahme des Landgerichts dadurch das Leichenbegängnis zu einem ungewöhnlichen im Sinne des Vercinsgesetzcs, welches der Anmeldung bedurft hätte. Dem Verlangen der Polizei, die Schleife zu entfernen, setzte Burg zu- nächst Widerstand entgegen, bis er sie hergab. Das Landgericht Bochum hat ihn am 20. Februar wegen Vergehens gegen§ 9 des Vercinsgesetzcs zu 10 M. und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt in Verbindung mit Uebertretung einer Oberprä- sidiolverordnung zu weiteren 5 M. Geldstrafe verurteilt.— In feiner Revision bemerkte der Angeklagte, an die rote Farbe dürfte man im westfälischen Jndustriebezirk bereits gewohnt sein, sie könne deshalb nicht aufreizend sein. Veranstalter sei der Angeklagte nicht gewesen, da er den Zug nicht aufgestellt und geordnet habe. Der Reichsanwalt war der Ansicht, daß das Urteil von zutreffenden Er- wägungen ausgehe. Sobald in ein Leichenbegängnis politische Ten- Benzen hineingetragen würden, wie es das Landgericht feststellt, fei es nicht mehr ein gewöhnliches und daher anmeldepflichtig. Der Träger des Kranzes sei derjenige gewesen, der das Leichenbegäng- ins zu einem ungewöhnlichen machte, und daher als Veranstalter anzusehen.— Das Reichsgericht war derselben Ansicht und erkannte auf Verwerfung der Revision. Durch dies Urteil ist freilich nicht erklärt, jedes Leichenbegäng- «iL. bei dem rote Schleifen verwendet werden, sei ein außergewöhir- Zliches. Es ist aber in das Belieben des Gerichts gestellt, festzu- ftcllcn, durch das Tragen der roten Schleife seien„politische Ten- Benzen hineingetragen". Diese Judikatur widerspricht dem Ver- einsgesetz. Ist es üblich, rote Schleifen in Anwendung zu bringen, so ist solches Leichenbegängnis eben kein außergewöhnliches. In- dessen die Neigung, dw Vorschriften des Veremsgesetzes entgegen den Versicklerungen des jetzigen Reichskanzlers zu Schikanen zu miß- brauchen, hat leider auch beim Reichsgericht eine breite Stätte ge- funden.__ Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorischer Bedeutung. Aus Gegenwart und Vergangenheit. Dargestellt von Hugo Fried- läuder. Verlag: Hermann BaSdorf, Berlin W 30. Preis: 3 M. Der bekannte Gerichtsberichterstatter Hugo Friedländer hat jetzt den dritten Band seiner Sammlung interessanter Kriminal- Prozesse herausgegeben. Der Band enthält die Darstellung des Tarnowökiprozesses in Venedig mit einem Bildnis der Gräfin. ferner den Prozeß über die Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter in Könitz und den Moltte-Harden-Prozeß. Die Darstellung der Prozesse ist eingehend, anschaulich und fesselnd geschrieben. In dem ersten Prozeß sehen wir, welche dämonischen Wirkungen Sug- gestio» auszuüben vermag. Er, noch mehr aber der Stoff des zweiten und dritten Prozesses ist von hoher kriminal-psychologifcher und kulturhistorischer Bedeutung. Der Konitzer Prozeh zeigt, welches Unheil die Auffrischung der unsinnigen Mär eines Ritual- mordes durch gewissenlose Hetzer selbst noch in unscrm Zeitalter anzurichten vermag. Der Moltke-Harden-Prozeß frischt den Ein-- blick in das skandalöse Leben und Treiben der exklusiven Kaste Deutschlands von neuem auf. Die Friedländerschen Darstellungen sind geeignet, zur Einengung der Schundliteratur etwas beizu- -tragen. Beim Moltke-Harden-Prozeß wirft sich unwillkürlich die Frage auf: wann wird denn,-nun die Verhandlung gegen den Fü.rsteo Eulegburg wegen Meineids stattfinden? Huö aller Melt. Vom deutschen Rundflug. Gestern morgen starteten die am Fluge beteiligten Aviatiker für die 101 Kilometer lange Strecke Kassel— Nordhausen. Das Ziel erreichten Vollmöller. Büchner und WienczierS. während Ha nuschle, der für die Strecke gemeldet hatte, sich verflog. Er landete bei H ö x t e r a. d. Weser. Die Ankunft der Flieger an der Abfahrtstelle in Johannisthal ist am Sonntag zu er- warten._ Die Hitzwelle in Amerika. Die tropische Hitze in den Vereinigten Staaten hat gestern mit einer Temperatur von 45 Grad Celsius im Schatten ihren Höchst- stand erreicht. In New York starben an Hitzschlag 20 Personen. in Chicago 19. in Pitts bürg 15. in Neu- England 31, in Philadelphia 9. Mehr als 300000 Personen brachten die Nacht in N e w g o r k im Freien zu. JnTommyJSland lagen hunderttausend Menschen am Strand, um frische Seelust zu schöpfen. Die Hospitäler und Ambulanzstationen sind von Kranken überfüllt. Es besteht auch keine Aussicht, daß di- mörderische Hitze nachläßt, vielmehr ist nach den BorauSsagungen der meteorologischen Stationen mit einer Steigerung der Tem- p e r a t u r zu rechnen._ Es muß„gerochen" werden. Ein Beispiel unfreiwilligen Humors in einer Strafverfügimg leistete sich eine kleine rheinische Bürgermeisterei, die an einen be kannten Kölner Fabrikbesitzer folgenden lustigen Ukas loslieh: »Sie hoben am 25. Mai d. I. in Dellbrück auf der sehr be- lebten Gladbacher Slraße als Führer des Kraftfahrzeuges „l. Z. 8477' fortgesetzt Gase ausgepufft, wodurch ein übler Geruch entstand und die Straßenpassanten belästigt wurden. Die Uebertretung wird bewiesen durch Gendarmetirwacht- meister X... zu X... usw.' Es ist auch ein bißchen stark, daß der Wagenführer förtgesetzt Gase auspufft, wenn'F noch das Fahrzeug wäre... Kleine Notizen. Der Suff. In Herne i. W. zogen am Mittwochnachmittag sechs bi» acht junge Leute, die von der militärischen Au»- Hebung kamen, lärmend und johlend durch die Straßen. Ein Schutzmann, dem sie begegneten, untersagte ihnen den Unfug. Bei dem daraus entstehenden Streit zog einer der jungen Leute ein Messer und verletzte den Beamten durch Stiche im Gesicht. Dem Beamten, der blank zog. wurde der Säbel entrissen, der Messerheld versetzte dem Schutzmann noch einen Stich rn d i« B r u st. In der Nacht ist der Gestochene seinen Verletzungen «rlegeu. Verllnglückter Wissenschaftler. Der französische Botaniker Dr. I e a n de Russe ist in den französischen Alpen bei einer Bergbesteigung verunglückt. Die Leiche ist am Mittwoch, teilweise mit Schnee bedeckt, in der Nähe einer Schutzhütte aufgefunden worden. Erdbeben in Zentralasien. Wie ein Telegramm aus Taschkent meldet, ist am Mittwoch in Turkestan ein starkes Erdbeben verspürt worden. Nachrichte» über die Wirkung des Bebens liegen noch nicht vor. Russeufeindliche Kundgebungen. In der persischen Stadt Urmia überfielen drei persische Fanatiker in einem Basar einen russischen Untertanen, der in der Notwehr einen der Angreiser erschlug und einen schwer verletzte. Die Volksmenge tötete hierauf d e n R u s s e n. In der Stadt herrscht großeErregung gegen die Russen._ Oessentlickje Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be. Nutzung für ledermann. LO., Adalbert straße 41. Geöffnet werktäglich von ö1/, bis 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 1 Uhr. In dem Lefefaal liege» zurzeit 541 Zeitungen und Zeitjchrijten jeder Art und Richtung aus. Verband der Frisenrgehilfeu Teutschlands. Zweigverew Berlin und Vororte. Donnerstag, abends 91/, Uhr. Rofenthaler Straße 11/12: Versammlung und Vortrag. Touristeuverei«»Die Naturfreunde-, Ortsgruppe Berlin. Sonnlag, 9. Juli: Wanderung von Melchow nach dem Nonnenfließ. Specht- Hausen, Schwärzetal, Eberswalde. Abfahrt früh ö Uhr Stettiner Bahnhos (Fernbahnsteig). Gäste willkommen. Arbeiter- Wanderbund»Die Naturfreunde-. Wanderfahrten am Sonntag, den 9. Juli. I. Nachtwanderung Kloster Ehorin— Paarsteiner See— Chorinchen. Abs. Sonnabendabend Stetliner Fernbahnhos 11.30 Uhr. — II. Wünsdorf— Mückendors. Abs. Anhalter Bahnhos 6 Uhr früh.— III. Bernau— Melchow. Abs. Stettiner Vorortbahnhos S.40 Uhr früh.— IV. Wanderung der Amateur-Photographen. Ebcrswalde— Kloster Chorin. Abs. Sletliner Fernbahnhos Sonnabendabend 11.30 Uhr.— V. Spandau— Tegel. Abs. Lehrter Fernbahnhos 2.2S Uhr nachmittags.— VI. Kinderwanderung. Köpenick— Müggelsee. Tresspaiikte: I. Bahnhos Wedding(Ein- gang Nellelbeckplatz) Sst, Uhr. II. Rixdors, Herniannplatz(Ecke Berliner Straße) 7 Uhr. III. Schlesischer Bahnhoj(Ecke Frucht« und Madaislraße) VI, Uhr srüh._ ßriefbaften der Redaktion. Vom Montag, den 26. Juni, bis Sonnabend, den 15. Juli ein- schließlich, findet die Sprechstunde i» der Zeit von 7l/a bis Q'/i abends statt. Rinnert. Kommen Sie in die Sprechstunde.— K. W. 100. 1. Zur .väterlichen Züchtigung' ja. 2. Rein. 3. Nach Möglichkeit ja.— Braun, Lyehcner Strafte. Nur Unfall, wenn die Folge einer außergewöhnlichen dienstlichen Anstrengung.—<£. Aape, Temprlhof. Erscheinen ist nötig. Dazu brauchen Sie üisdesonder« HetratS- und Sterbeurknnde des Vaters, Ihre und Ihrer sämtlichen Geschwister Geburtsurkunden. Antrag beim Amtsgericht.— A. T. 87. 1. Nur Endtermin. Beliebig früher. 2. Nein. 3. Ja, wenn sie Miete zahlt. 4. Angemessen ist die zur Abhils« ausreichende Frist. 5. Aufrechnung auch in solchen Fällen unzulässig.— Fahrschein 3SV6. 1. a) Klagen; b) 4 Jahre: c) Mahnung unterbricht nicht. 2. Ihr Bruder soll nochmals ans BormundschastSgericht schreiben, und erhält er dann keine Antwort, sich beim Landgerichtspräfidenten beschweren. 3. Man kann mahnen und dann klagen. 4. LandeZversicherungsanslalt. DaS halbe Krankengeld ist den Angehörigen zu zahlen. S. und S. Ja.— Zimmer- mann. Köpenick. Die 200 M brauchen Sie nicht zurückzuzahlen, wohl aber den Rest. Gegen den Zahlungsbefehl erheben Sie Widerspruch.— E. 200. Nein. — W. Ä. 70. Kann weiieraezahlt werden. Antrag an Polizeipräsidium. — P. Sch. 1. Alle WerdungSkosten. 2. Kranken- und Invaliden- Versicherungsbeiträge. 3. LebenSversicherungsprämien.— 3. II. 1. Ganz verschieden. 2. Ist es ein außereheliches Kind erbt nur die Mutter, sonst Vater und Mutter gleichmäßig. 8. Die Sache ist ganz in Ordnung.— A. W. 46. Rekurs aussichtslos.— A.®. 200. Sie können zum t. ONober ziehen. Wenn der Wirt da? bestreitet, verllagen Sie ihn.— Planet. 1. Steuerfrei. 2. Ja, stellen Sie den Antrag.— X. M. Nr. 49. 1. Witwenrente nur, wenn der Tod eine Folge deS Unsalle». 2. Bei der Berussgenossenschast.— Syndikalist. I. Wochentags 10— S. Sonntags 10—2, eine andere Zeit können Sie dem Wirt nicht vorschreiben; find Sic nicht zu Hause, müssen Sie den Schlüssel abgeben.— W. 99. Nein. — B. 100. Fragen Sie bei der Genossin selbst an.— E., Schisferstnbc. Di« Reichsdank ist eine Privatbank, doch ist die Slaaisregierung in der Verwaltmia vertreten.— Lippspringe 100. 1. 1905: SO 641 278, für 1910 ist eine amtliche Feststellung noch nicht publiziert. 1908 werden an- gegeben S2 980 075. 2. Ja. bedeutend.— 91.21. 100. Polilliniken Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinder-KrankenhauS, Reinickendorser Str. 32 (3-4 Uhr). Cbarttö. Luisenstr. 3(12-2 Uhr).— M. G. 100. Unter Umständen jawohl. Sehen Sie sich sosort mit Ihrem Bezirkssührer in Verbindung.— K. W. 100. Nein.— H. I. 10. Wir empseblen Anwälte nicht.— A. P. 88. Die Mängel müssen Sie dem Hauswirt anzeigen und auf Abhilfe dringen, eventuell klagen — W. H. 60. Der preußische Staat nimmt die Dummen zum Spiel. — M. H. 20. 1. Vielleicht für Sammler. 2. Münzenhändler oder Kaiser- Friedrich-Muscum.— W. V. 8. Wenn Sie den Vorsihenden der Kammer vorher schrisilich darum ersuchen, werden Sie wegen der Vorstrafen, wenn diese im besonderen so weit zurück liegen, nicht befragt.— Clipfcnzirkel B. O. 1 Rund 100 000. 5. Rund 9 Millionen. 3. Ueberstcht sehlt.— H. B. 100. Nein 1— T.<5. 10. Diese Fragen lassen Sie doch besser durch dl« Leitung Ihrer Gewerkschaft austragen.— P. N. Nein I Kranken- versicherungspslichtig ist die Portiersrau, wenn Sie im Gewerbebetriebe regelmäßig, wenn auch nur für kurze Zeit des Tages beschästigt wird.— D. 20. Wetten entscheiden wir nicht.— Münze. 1. Direktion der Königlichen Münze, Berlin 0. 2. Schrisilich. — P. H. 1. Sie könne» mit Ihrem Geld« machen, waS Sie wolle». Die erste Berechnung ist aus jeden Fall salsch. 2. Man kann nie 100 Proz. von der Berkausssumme oerdient haben, aber beim Verkauf zu 1 M., wenn der Einkauf 50 Ps. erfordert e, hat man 100 Proz. verdient.— H.(£. 3. An die OrtSpoiizeibehörde zur Weitergab« an die KreiSbehörde.— M. Z. 21. Herr Stadtrat Kalisch, Mübiendamm 1.— W— 02. Eiue Nachfrage in«wem größeren Spezialgeschäft der Branche, die im Adretz- buch verzeichnet sind, führt Sie vielleicht zum Ziele.— O. H. 46. Die Einkassierer und Kontrolleure gehören als Sektton dem Deutschen Transport- arbeiter-Verband an. Wenden Sie sich dorthin, Engeluser 15.— B. P., Rixdors. Das Verbot besteht noch, aber es wird niemand, der ruhig seines Weges geht, gehindert. Der Ursprung ist miS nicht bekannt. — E. N. 100. Ist jetzt nicht mehr möglich.— Wt. Vt, New. — Berndt, Wilbelntshavcnerstr. Städtische Sttstungsdeputatton Post- straße IS oder Rathaus. Zimmer 21.— A. R. 10. Im Lettehaus. Villoria-Lulje-Platz S und Viktoria-Fortbildungsschule. Kurjürstenstr. ISO. WitterungSüderftcki« vow 6.-Juli 1911. i1 1 Ii i? Swtnenidr 772 NNW 773 WSW 772 NW Setter 8«rtw Franst.- SR 773 NO München! 773 NO Sien>772 NW 2 heiter 2 bedeckt 4 heiter 2 heiter llwollenl 1 heiter «« ü» »II i* Mi •Mona |8 i| öh & s *3 •f J. Haparanda 764 SD Petersburg 762 NW Seilitz 774 NNW Aderbee» Pari» Setter ".ff c* !• Äs 2 heiter 1 bedeckt t bedeckt 768 SSW> 1 wölken! 19 773 NO Lwollenl 15 15 14 14 Todes-Anzeigen Wetterprognose kür Donnerstag, de» 0. Juli 191K. Sin wenig wärmer bei mäßigen westlichen Winden und veränderlicher Bewölkung ohne erhMche Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WasterstandS.Nacstrichtru der LandeSMistalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berlwer Wetlerbureau. Wasserstand M ,m et. TUN» P r« g e l, Jnsterbmg Weichsel, Tboru Oder, Rattbor , Krosien , Fransturt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Bordamm Elb«, Letwientz , Dresden , varbtz , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Svandaul _. Rathenow') Epre»,«vremberg') , Beeslow Weser, Münden , Min de» A h e i n, Maximiltansau » Kaub Köln Neckar, Helldrora Main. Wertheil» »ojel. Tri« SozialEHOkrat Werein für den 2. Berl. Reicbstagswalreis. (Bezirk 152.) Nachruf. Nach kurzem Krankenlager starb am 1. d. M. unjer Genosse, der Schlosser ttsns Palm Böckhstr. 40. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung hat bereits stattgesunden. 210/20 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser ImW Fangerow am 29. Juni er. sreiwillig aus dem Leben geschieden ist. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metallarbeiter Otto Thieme am 3. Juli an Herzlähmung ge- starben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Freitag, den 7. Ju», nachmittag» 5 Uhr, von der Leichenhalle des Rixdorser Friedhof es am Marten- dorscr Weg aus statt. Rege Belciligung erwartet 119/12 0i« ortevon-altong. Sozialtakratiseymswälil- vereio llMmm Bezirk Friedrichsfelde. Am Montag perstarb nach langer schwerer Krankheit unser lang- jährige« und eifriges Mitglied, der Tischler Ulbert Ldiroder. Wir werden ihm da treues Andenken bewahren. Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde- Friedhofes in Friedrichsselde aus statt. Rege Beteiligung erwartet 238/16 Tie Bezirksleitung. Deulscltfr Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Groß-Berlin. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- sührer 69/3 �tartiiiKrau8e am 29. v. MIS. im Sllter von 36 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beztrtsverwaltung. t)+ ttieuUt Luchs,-r Fall.—*) Unlupcgtl Anläßlich deS ylnscheldenS meiner lieben Frau, meiner guten, treu- sorgenden Mutter, Tochter, Schwester, Schwägerin und Tante Mrie Hanheiser geb. Fitzer find uns so Biel Beweise der Liebe und Teilnahme sowie kostbare Blumenspenden zugegangen, daß»s unmöglich ist, jedem einzelnen zu danken. Wir sagen daher aus diesem Wege unser aller tiescmpsundenen Dank. llie»(itten Hinterbliebeoen Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Ulbert Schröder am 3. Juli gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 6. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle deS Friedrichsfelder Ge- meinde-Friedhoses tu der Berlwer Straße aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 35/19 Die Ortsverwaltung Verband der Denteinde- und Staatsarbeiter. Filiale Groß-Berlin. Durch den Tod ist«tf der Kollege Willi Rehbein von der Gruppe der Privatbad«- angestellten entrissen worden. Wir werden ihm ew ehrendes Andcnlen bewahren. Nst��Die�rtsvcrwalt»� Danksagung. Für die vielen Beweise herzlich» Teilnahme und die zahlreichen Kranz« spenden bei der Beerdigung meines unvergeßlichen Mannes, herzensguten Vaters, de» Stcindmckers Panl Spielmann, sprechen wir dem Ge« sangverein Scneseldcr, dem Verband der Steindrucker und Lithograpben, dem Lotterieverein„Gute Hostnung", allen Verwandten, Kollegen und Be- kannten unseren innigsten Dank aus. Die trauernden Hinterbliebenen. Steglitz, den 5. Juli 1911.[2600B Danksagung. Für die Teilnahme bei der Beerdi- gung meines lieben Sohne» und Bruder» Msx SchSppke läge allen Freunden und Bekannten, insbesondere Herrn Dr. Schütte für die trostreichen Worte unseren herz. lichslen Dank. 4S03L Ww. Wllhelmln« SchOppbc, Paul SchOppke. Aach erhältlich in Lederhancklnngen und Schuhgeschäften, Schwelmer Qammiffaren-Iiidastrle, G. a.b. IL. S�Jjw�Un i, MMN Kasseler gOn obne Knochen— auch bei einzelnen Psunden BTa** ohne 2695b r tS** Schwarte 2 Pfd. 95 Pf., 6 Pfd. 2.80. Versand nach auswärts 55 Ps. sranko. Air Reise u. 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