Mr. 157. RbonnaneiitS'ßedingiinsen: Aionnemcnls- Preis pränumerando i »iertcljährl. SLV SRI./ monatl. 1,10 SRI., wöchenllich 28 Psg. frei ins HauS. Emzclne Nummer 5 Psg, Sonntags» nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcilungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Tänemarl, Holland. Italien, Luxeniburg, Portugal, "Uänien, Schweden und die Schweiz. 28. Jahrg. vle Tntertions' Gebühr kekägt sür die sechZgespallene Kolonel- Zeile oder deren Rauin 00 Psg,, sür politische und gewerlschastliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen 30 Psg. „Uleine Plnreigen", das setigedruckle Wort 20 Psg. tzulässig 2settgedruilie Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über lö Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate ': die nächste Nunimer Müsjen bis _ Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden Die Expedition ist |üt die nächste bis 7 Uhr abends gebssnet. tsgiiid auOcr doDtaas. J Berliner Volksblnlt. Zentralorgan der fozialdanokrat» fehen Partei Deutfcblands. Telegramm-Adresset „Sojialdliiioiirat Rcrii»". Redaktton: 8Ll. 68. Linden Strasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 198». Daß die Wahlrechtsbewegung über den konser- vativen Widerstand Herr werden wird, das sehen nachgerade die Konservativen selbst ein, wenn sie es auch nicht zugeben wollen. Das Dreiklassen Wahlrecht ist politisch tot, wenn es auch noch viele Arbeit kosten wird, es endgültig zu verscharren. Aber nachdem die Thronrede bie Wahl- reform als dringendste politische Aufgabe der Gegenwart be- zeichnet und die Regierung selbst eine Wahlreform einge- bracht hatte, die das indirekte Wahlrecht fallen ließ, nach- dem Konservative und Zentrum gegen die O e f f e n t l i ch- k e i t der Wahl gestimmt hatten, nach alledem sind diese zwei Gemeinheiten des Entrechtungsgesctzes so un- möglich, daß man über sie gar nicht mehr zu reden braucht. Eine Wahlreform, die nicht mehr enthielte, würde heute selbst den sanftmütigsten Preußen nicht als Zu- g e st ä n d n i s, sondern nur als Verhöhnung einer wirk- lichen Reform erscheinen. Seit Herr v. B e t hm ann Hollwog in die elsaß- lothringische Verfassung das gleiche Wahlrecht aufgenommen hat unter dem Druck der Sozialdemokratie, der er den einzigen Erfolg seiner„Regierung" verdankt, wenn man dies Dahinvegetieren unter dem harten Machtgebot der Junker regieren nennen will, seitdem er feierlich proklamiert hat, daß es im Deutschen Reiche keine Staatsbürger zweiter Klasse mehr geben soll, ist auch das Dreiklassen- Wahlrecht nicht mehr zu halten. Die Re- gierung darf es gar nicht mehr wagen, es länger zu verteidigen. Denn jeder solcher Ver- such hätte nur die Wirkung, die Empörung über die Dreiklassenschmach noch stärker aufzupeitschen, die Intensität der Wahlrechtsbewegung zu steigern und unserer Wahlrechts- bewegung neue Kämpfer zuzuführen. Dieser Einsicht kann sich selbst ein so reaktionäres Blatt wie der konservative„Reichsbote", der in jeder Nummer den Kampf gegen das Reichstagswahlrecht predigt, nicht verschließen. Er ist sehr unglücklich über diese Ent- Wickelung, er sieht aber ihre Unvermeidbarkeit ein Er jammert also: „Der unselige Kuhhandel der Regierung, der die rcichsläw dische Verfassung auf Kosten des allgemeinen Wahlrechts unter Dach gebracht hat; er mutzte ja alsbald die Folgen zeitigen, datz inPreutzen ohne Verzug der gan ze Wah lrechts» unfug von neuem beginnen würde. Man hätte aller dingS annehmen können, datz man sich damit auch Sommer- ferien gönnen würde; aber unsere Sozialdemokratie braucht ständigen Zündstoff. Sie kennt keine Ferien, wo es gilt, die Maffen in Erregung zu halten... Lorläufig kommen Neuwahlen für den Landtag noch nicht in Frage. Bis dahin wird es noch ausreichende Gelegenheit geben, diese prinzipiell so wichtige Sache ihrer Wichtigkeit entsprechend mit genügender Gründlichkeit zu erörtern. Die Regierung hat durch die Billigung dcS NeichötagSwahlrcchtS für die RcichSlande leider ein Präjudiz geschaffen, ob sie das Wort haben will oder nicht, dessen Konsequenzen in Preußen über kurz oder lang unzweifelhaft werden gezogen werden. Man schafft diese Tatsache damit nicht aus der Welt, datz man ihr gegenüber den Blick verschließ t. Im Gegenteil, man wird weiter kommen, wenn man ruhig und sachlich mit diesen Dingen als gegebenen Faktoren rechnet. Die jüngste Erklärung deS Reichskanzlers, man könne in der Frage des Wahlrechts den Süden Deutschlands nicht mit dem Norden an gleichem Matzstabe messen, diese Erklärung ist lahm und wird vor dcrj nackten Wirklichkeit nicht standhalten. Das Stammland der Hohenzollernmonarchie, daS in jeder Beziehung treu bewährte Preutzen, kann ein leitender Staats- mann unmöglich im Ernste für politisch unzuverlässiger erklären wollen als die mit den Franzosen liebäugelnden Reichslande. Wir sogen das alles nicht etwa, um das allgemeine Wahlrecht für Preutzen nun plötzlich zu befürworten, sondern lediglich, um die Gefahren zu konstatieren, die Preußen drohen, nacbdem eS sich die Regierung für die Reichslande hat einfach diktieren lassen. Vielleicht kommt es sogar gegen ein neues Zugeständnis seitens der Sozialdemokratie, also ebenfalls im Wege des Kuhhandels." Aus diesen Auslassungen mag Herr v. Bethmann Hollweg lernen, daß die nachträglichen Bemerkungen der„Nordd. Allg. Ztg." über die Wahrechtsdebatte selbst von den Wahlrechts- feinden als absolut unzureichende Ausreden und Verlegenheitsausflüchte bewertet werden. Die Einführung des gleichen Wahlrechts in Elsaß-Lothringen hat eben Konsequenzen, die von dem Willen der preußischen Ober- bureaukraten ganz unabhängig sind. Die wichtigste Konsequenz ist, daß den Massen in Preußen das Messen mit zweierleiMaß in einer Weise zu Gemüte geführt worden ist, die ihre Erbitterung hervorrufen, ihren Entschluß, die politische Gleichberechtigung auch in Preußen durchzusetzen, zu einem unwiderruflichen machen muß. Die preußische Regierung, die das leugnet, steht noch hinter den politisch wirklich nicht sehr erleuchteten Herren des„Rcichsboten" zurück. Aber ihr Leugnen nützt nichts mehr. Denn was sie verneinen, bejaht das Volk und gegen den Willen deS Volkes, das entschlossen ist, an die Durchsetzung des gleichen Wahlrechts in Preußen alles dranzusetzen, vor diesem Willen wird schließlich auch die preußische Regierungsclique kapitulieren müssen. 1 Konservative Bekleniraungen. eine batbolifche Cclcgrapbeuagentiir. Ungefähr seit einem Monat funktioniert ein neues Telegraphen Korrespondenzbureau für die Presse, dessen etwas langatmiger Titel:„Internationale unabhängige Telegraphen-Agentur" nach englischer Manier in ein Wort,„Juta", zusaminengefaht wird. Dieses neue Unternehmen dient den Zwecken Roms, denn„im Zeitalter, in dem der elektrische Draht eine Weltherrschaft ange- treten hat, bedarf vielleicht keine Institution mehr einer ergebenen Weltdepeschenagentur als die katholische Kirche". Niemand würde denn auch den geringsten Anstand nehmen, wenn der Welt eine katholische Depeschenagentur beschert würde. Aber so einfach geht das bei den Schwarzen nicht. Der Plan wird nicht offen bckanntgemacht, die Herren bekennen sich nicht als Katholiken, sondern sie sehen einen Hauptzweck ihrer Tätigkeit in der Einschmuggelung klerikaler Stimmungsmache in antiklerikale Blätter. Sie wagen nicht zu scheinen, was sie sind. Als vor Monatsfrist die liberalen Blätter auf die Wölfe im Schafspelz aufmerksam machten, konnten sich die Arrangeure der Juta nickst genug entrüsten. Ihre Karlsruher Filiale erlietz einen Protest, in dem die ersten Punkte heißen:„1. Die Juta, ist eine GründunA von Privatpersonen und ohne irgendeine finanzielle Unterstützung des Vatikans oder auf Veranlassung desselben zu- stände gekommen; 2. die Juta steht weder in finanzieller noch in sonstiger Verbindung mit dem Augustinnsverein oder dem Katho- lischen Prcsseverein.. und schlietzlich der„Berliner liberalen Korrespondenz" gedroht wird,„gerichtlich vorzugehen", da die Be- hauptung, datz die„unabhängige" Korrespondenz im Dienste Roms stehe, eine arge Schädigung des Kredits der Juta bedeute. Zu klagen haben die Herren nicht gewagt, dagegen hat unser Züricher Brudcrorgan, das„Volksrecht", in den letzten Tagen den Beweis liefern können, wie„unabhängig" die Juta ist. Es ist ihm ein vertrauliches Memorial über die Juta auf den Tisch geweht worden, das einen so klaren Beweis der Grundlagen dieses Unternehmens liefert, datz jede weitere DiSkusjwn überflüssig wird. Dieses vertrauliche Memorial hat der Redakteur Georg Baumberg er in Zürich, der Führer der Katholischklerikalcn — oder, wie sie sich auch dort gern nennen, der Christlichsozialen — für einen auserlesenen schwarzen Kreis verfatzt. Herr Baum- berger stellt sich in der Einleitung mit folgenden Worten vor: Schreiber dieses, seit dem 20. Januar 1881 als leitender Redakteur katholischer Tagesblätter der Schweiz tätig, ist in den letzten Jahren von hohen kirchlichen und weltlichen Stellen verschiedener Länder wiederholt ersucht worden, ein vertrau- liches Memorial zuhanden der Spitzen der katholischen Welt über die Errichtung einer internationalen katholischen Depeschen- agentur auszuarbeiten. Er kommt hiemit diesem Wunsche nach unter Beifügung der herzlichen Bitte, die Mängel der Arbeit, die auch eine dreitzigjährige Erfahrung und Einsicht in die Dinge nicht zu beseitigen vermag, mit der guten Absicht des Verfassers und mit seiner Liebe und Verehrung sür die hl. katholische Kirche sowie für die katholische Sache zu entschuldigen.... Eine internationale kalholische Depeschenagentur ist zur Not- wendigkeit geworden für die katholische Presse, zur Notwendig- keit aber auch für die katholische Kirche, für die katholischen Regierungen, für katholische Parlaments- gruppen und Parteien, zur Notwendigkeit sür die gesamte katho- lische Oeffentlichkeit. Nur sie vermag der Katholizität das ihr auch in der Gegenwart zukommende Prestige in der allgemeinen Oeffentlichkeit zu erobern und dieselbe wieder in ihrer lvahren Grotzgestalt, in ihren Verdiensten und Wohltaten, in ihrem Schaffen und Wirken nach innen und außen in die breite öffent- liche Meinung der zivilisierten Welt einzuführen. Es bedarf wohl keines näheren Nachweises, welchen Wert eS für die leitenden Organe der Kirche hatte, eine ihr ergebene internationale Telegraphcnagentur zur Verfiigung zu haben, die ihre Intentionen getreu und korrekt der Presse aller Länder und der breitesten Oeffentlichkeit über- mittelte, wo es sein müßte, Be richtig ungen und De- menti anbrächte, und die selbst für Dinge nutzbar wäre, die nicht oder nur teilweise für die Presse bestimmt sind." Die katholische Kirche hat das unbestreitbare Recht, wie jede andere religiöse oder politische Gemeinschaft, Zeitungen, Korrespon- denzbureauS und Depeschenagenturen zu unterhalten. Wir werfen deshalb der Juta nicht vor. datz sie katholisch ist. sondern datz sie sich des Katholizismus schämt und unter falscher Flagge segelt, um unter dieser klerikal gefälschte Nachrichten in die ihr sonst un- zugängliche Presse einzuschmuggeln. Sa; marManiUHe Abenteuer. Die deutsche Regierung verweigert jede Aufklärung über ihre Gefahren bergenden Pläne. Aus Stuttgart wird telegraphiert: In der Freitagsitzung der Abgeordnetenkammer wurde die Anfrage der sozialdemokratischen Landtags- fraktion wegen der Marokkoangelegenheit verhandelt. Der Präsident verlas ein Schreiben des Ministerpräsidenten Dr. V.Weizsäcker, der dem Hause mitteilte, datz er zurzeit nicht in der Lage sei, die gestellte Frage zu beantworten, datz er aber später einen Zeitpunkt bestimmen werde, zu dem er auf die Anfrage zu antworten bereit sei. Hierauf er- klärte der Präsident, datz damit eine Besprechung der Anfrage gegenstandslos sei. Das englische Parlament erhält natürlich Auskunft; im französischen sind Interpellationen angekündigt. Selbst wenn die Regierung eine Vertagung erzielen wollte. so sind doch die Parlamente versammelt und können jederzeit eingreifen. Eine ausländische Regierung 6xpcdmon: SM. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» kann es nicht wagen, sie auszuschalten, sie ist auf die par- lamentarische Zustimmung angewiesen. In Deutschland stellt die Regierung das Volk vor eine fertige Tatsache. Der Reichstag ist nicht versammelt und seine Einberufung wird nur von der Sozialdemokratie gefordert. Und dann bestreitet man noch, daß wir in Deutschland insbesondere auf dem Gebiete der auswärtigen Angelegenheiten noch im reinen Absolutismus stecken! Allerdings, diese Ausschaltung der Volksvertretung kann ihre Konsequenzen haben. Wenn das Volk nicht durch seine Vertretung sprechen kann, so muß es eben seinen Willen direkt kundtun. Und die Protestversamnilungen dieser Woche haben ja keinen Zweifel daran gelassen, daß die deutschen Arbeiter von dem marokkanischen Abenteuer nichts wissen wollen und wahrlich nicht daran denken, wegen der Mincnkonzessioncn der Herren Mannesmann und Konsorten ihre Haut zu Markte zu tragen. Falls es nötig würde, könnten diese 5lundgebungen ja noch deutlicher werden. Ueber den Gang der diplomatischen Ver- Handlungen wird aus Paris gemeldet: Präsident F a I l i ö r e, der Freitagvormittag in Paris eintrifft, empfängt sofort nach seiner Rückkehr den Ministerpräsi- d e n t e n, der ihn über die mit dem Londoner Kabinett über den Agadirzwüchenfall geführten Besprechungen unterrichten wird. Am Nachmittag wird der Ministerpräsident mit dem Minister des Äußeren und dem Botschafter C a m b 0 n eine Besprechung über die Lage haben. In dem morgigen Ministerrat wird die Antwort festgestellt werden, die der Minister des Aeutzeren auf die angekündigten Int er» Pellationen zu erteilen haben wird. Man glaubt, datz der Minister deS Aeutzeren, ebenso wie gestern Premierminister A s q u i t h im Unterhause, eine kurze Erklärung abgeben wird, um eine Vertagung der Jnterpellationsdebatten bis nach Beendigung der diplomatischen Unterhandlungen zu erreichen. Von den sonstigen Nachrichten verdienen folgende Ve- achtung: Die radikalen„Daily News", vielleicht das am meisten deutsch- freundliche Blatt Englands, betonen, datz eine deutsche Flotten» basiS in Agadir oder Mogador die Verteidigung Englands zur See erschweren und seinen Flotte 11 etat um Millionen erhöhen würde. Es sei fraglich, ob England sie überhaupt dulden könne. Aber das einzige Mittel, dies zu vermeiden, sei, datz Frankreich Fez verlasse, oder datz für Deutschland eine andere Kompensation gefunden werde, die das maritime Gleichgewicht der Welt weniger heftig erschüttern würde. Wenn schon dieses anti-imperialistische Blatt sich gegen eine Festsetzung Deutschlands in Marokko erklärt, so kann man sich schon denken, wie erst die imperialistischen und deutschfeindlichen Organe gegen das deutsche Vorgehen Front machen. Interessant ist auch die kühle Sprache der ö st e r r e i ch i s ch e n Presse. Die„Neue Freie Presse", die gewöhnlich das Sprachrohr des österreichischen Auswärtigen Ministeriums ist, kommentiert die Stellungnahme der Regierung im„Fremdenblatt" folgendermahen: „Die Kundgebung mutz überall den Eindruck machen, datz die drei Besatzungsmächte zu größter Vorsicht ge» mahnt werden. Die österreichisch-migarische Regierung macht darin keinen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland.... Die österreichisch- ungarische Monarchie hat weder den Standpunkt Frankreichs noch voll und ganz den Deutschlands, sondern ihren eigenen. Sie möchte, datz iii der europäischen Konversation, die nötig geworden ist, um die Ver« Hältnisse in Marokko zu regeln, vor allem die Wirtschaft- lichen Interessen berücksichtigt werden. Marokko soll nicht dazu dienen, um Gebietserweiterungen nach der einen oder anderen Richtung durchzusetzen. DaS war nicht die Absicht der AlgeciraSaite. Oesterreich- Ungarn hat den Wunsch, datz sämtliche Mächte zu den Grundsätzen dieses Vertrages zurückkehren, ihre Besatzungen zurück- ziehen und da? Prinzip der offenen Tür aufrecht- erhalten. Die Aufregung, welche durch die militärischen Expe- dilionen in Marokko entstanden ist. macht das Land dem cur 0- päischen Handel unzugänglicher als früher. Die österreichisch-nngarische Formel lautet daher: Rückzug aller Mächte aus Marokko. Daraus kann Frankreich sehen, wie unbefangen in Wien die marokkanische Frage behandelt wird, und datz wir der Republik nicht mehr zumute« als unserem eigenen Bundesgenossen." Im Zusammenhang mit der Aeußerung des ungari- s ch e n M i n i st e r p r ä s i d e n t e n, daß Marokko abseits vondenösterreichischenBundespflichten liege, zeigt dies deutlich, daß man in Oesterreich nicht die geringste Lust hat, imperialistische Abenteuer der deutschen Regieruna zu unterstützen. Dazu die Ankündigung des WiderstanSes Englands durch A s q u i t h— es wäre höchste Zeit, daß die deutsche Regierung zur Besonnenheit cinleukte. Offiziöse Polemik. Offiziös wird Verlautbart: „So wenig Grund man in Berlin hat, mit den Erkläningm de? Premierministers A s q u i t h über die Stellungnahme der britischen Regierung unzufrieden zu sein, um so mehr überrascht die Auslegung, die manche Londoner Blätter den ministeriellen Worten zu geben fiir gut befinden. Wenn z. B. der„Daily Graphic" meint, die Haliung Dcuischlands stehe im Widerspruch mit der Politik Englands wie sie in dem franko-bri- tischen Abkommen vom Jahre 1904 festgelegt wurde. so vergißt man anscheinend in London, datz Deutschland nit- malS und nirgends sich zu einem nckosintörossowonS" in Marokko verpflich/et hat. Da der Premierminister ASquith von einer„veränderten Situation" gesprochen hat. die angeblich eine größere Aktivität der brU ischen Politik in Marokko bedingt,'so er» scheint Deutschland um so mehr im Recht, wenn es aus der durch das Vorgehen Frankreichs geänderten Lage die 5kiönsequenzen jfchte 3i>er drohende Ton einzelner Pariser Blätter wild hier nicht e r n st genommen, ebenso« wenig wie die erneuten ersuche, die Absendung eines englischen und eines französischen Kriegsschiffes nach Agadir z« veranlassen. Man wetß an den zuständigen Stellen in London und Paris sehr wohl, daß ei» derartig unfreundlicher Akt die Lage verschlimmern und die Ausfpvache ungünstig beeinflussen wiirde, die der frnnzWsche Botschafter Combo» nach seiner Rück- kehr hierher einleiten wird." Diese Art der Polemik trägt sicher nicht dazu bei, die Situation zu verbessern. Sie zeigt nur, daß die englische Stellungnahme den Wünschen des Herrn v. Kiderlen-Wächter nicht entspricht. England und der deutsche Vorstoß. . London, ö. Juli.(Eig. Ber.) Die abwartende Haltung, die die englisch« Regierung in der durch das Eingreifen Deutschlands wieder akut gewordenen Marokko» frage einnimmt, ist wohl dem Unistand zuzuschreiben, daß man hier das Eintreffen des deutschen Adlers vor der Wohnung des todkranken Marokkaners schon seit einiger Zeit erwartet und für den Fall auch schon seine Borkehr uugen getroffen hat. Auch über die Art des deutschen Eingreifens war man angesichts der vielen Beispiele, die die deutsch« Dreschslegeldiplomatie in den letzten Jahren von ihrer Kmist gegeben hat, nicht in Zweifel. Aus strategischen Gründen glaubt die englische Regierung nle und nimmer darin einwilligen zu können, daß Deutschland A g a d i r oder irgendeinen anderen Hafen an der maroktaniföben Küste in Besitz nimmt. Und daß die Besitzergreifung eines solchen Hafens im Bereich der Möglichkeit liegt, davon können alle AblengmingSversuche eines Teiles der offiziösen Presse Deutschlands nichts ändern. England einigte sich im Jahre 1904 mit Frankreich und später mit Spanien über Marokko. Nun da Deutschland eingegriffen hat, das bei den früheren Verträgen nicht in Betracht kam, ist die Stellungnahme Englands ihm gegenüber dieselbe, die England Frankreich gegenüber bor 1004 einnahm. Dies ist nach dem„Daily Graphic" der Inhalt einer Mitteilung, die die englische Negiernng dem deutschen Gesandten in London zustellte. Nach dieser Angabe wäre England also der pfiffige Schacher«, der sich«ntschloffen hat, die schon einmal verkaufte Ware zugunsten seines französischen Freundes noch einmal zn verkaufen, um vielleicht dafür einen uner- schwinglichen Preis zn verlangen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Möglichkeit, daß Agadir ein deutscher Hafen wird, von dem ans deutsche Kriegsschiffe leicht olle Handelswege Englands beherrschen könnten, die Oeffentlich« keit beunruhigt. Die chauvinistische Presse Englands schickt sich schon an, die neue drohende Gefahr nach allen Regeln ihrer ge- wissenlosen Kunst auszunützen. Die chauvinistische Trommel hat hier- zulande in der letzten Zeit viele Löcher bekommen und das neue marokkanische Ziegenfell kommt ihr daher zn starten und dürste sich als sehr dauerhaft erweisen. In der inländischen wie in der äußeren Politik scheint die deutsche Regierung nur danach zu trachten, sich möglichst viele Feinde zu schaffen oder ihren Feinden Waffen zu liefern. Mit dem Abenteuer in Agadir hat sie diese Auf- gäbe in bezug auf England glänzend gelöst. • Die aUdeutfebe JVIarolikobetze. Die alldeutsche und die Scharfmacherpresse vom Schlage der »Täglichen Rundschau' und der. Rh e in isch« We st- fälischen Zeitung?- bleibt bei ihrer gemeingefährlichen Haltung in bezug auf den neuesten deutschen Marokkostreich. Sie läßt sich nicht wie die übrige Preffe auf mehr oder weniger phantastische Kombinationen über die EntWickelung der politischen Lage ein. sondern verlangt klipp und klär die Besetzung von Agadir und seines Hinterlandes. und zwar selbst um den Preis eines Krieges mit Frankreich. So be- greiflich das vom Standpunkte der alldeutschen Maulhelden— daß General Keim und General v. L i e b e r t auch dazu gehören, ist selbstverständlich— und dein Standpunkte der Blätter ist, die mit dem Geld« der Panzerplatten» und Kanonenfabrikanten ihr Leben fristen, so ist das wüste Hetzen doch geradezu verbrecherisch. Und das un, so mehr, als diese Blätter mit der größten Verlogenheit zu Werke gehen. Sie wissen, was sie dem„national" verblödeten deutschen Spießer bieten können, die politisch reife Arbeiterschaft wird aus ihren Schwindel nicht hereinfallen. So schreibt die„Tägliche Rundschau" zu der Eni- sendnng des Kreuzers„Berlin", daß die von den maroklanischen Rebellen bedrängten Deutschen von den Wällen AgadirS den tapferen deutschen Seeoffizieren und den„frischen, blauen Jungen" zujubeln werden; sähen sie doch, daß man ihrer in der Heimat nicht vergessen habe. Ein größerer Schwindel ist noch nicht dagewesen. BiS jetzt hat weder die Negiernng noch ein einziges bürgerliches Blatt eine be« stimmte Angabe machen können, wie viel Deutsche sich eigentlich in und um Agadir befinden. Die phantastischen Erzählungen dcS eng- tischen SeniattonSblattes„Daily Mail" von ein paar deutschen ManneS- mann-Jngenieuren. die mit ihrem reichhaltigen Proviant die Ein- geborenen im EuS-Gebiet durchfüttern, hat kein einziges deutsch- ofsiztöseS Blatl zu bestätigen�gemagt. Wenn wir vor einigen Tagen sagten, daß nicht ein halbes Dutzend Deutscher sich in Agadir nnd Umgegend befinde, so sagen wir heute, daß nicht ein einziger Deutscher sich .zurzeit dort aufhält, ebensowenig wie kaum ein anderer Europäer .jetzt in jener Gegend zu finden sein wird. Möglich, daß ein paar zweifelhaste Subjekte arabischer, berberischer oder jüdischer Herkunft sich für ein paar DuroS einen deutschen Schutzbrief haben aus- drängen lasten, um als Unterhändler für die Firma Mannesmann Landkäufe zu machen. Diese ganz unkontrollierbaren Geschäfte einer speknlätionSlüsternen und skrupellosen Firma repräfenlieren auch so ziemlich die ganzen„deutschen Interessen", die nach der RegterungS- erklärung durch Entsendung„zunächst" eineS Kriegsschiffes wahr- genommen werden sollen. WaS sonst an deutschen HandekSwerten in Südwest-Marokko noch in Frage kommen könnte, ist nicht in Agadir, das bekanntlich feit l'/s Jahrhunderten für jeden europäischen Handel gesperrt war. fondern in Mogador zn suchen. Wir glauben aber sehr reichlich zu schätzen, wenn wir den Wert be-Z deutschen Handels über Mogador auf jährlich eine halbe Million Mark taxieren. Wir sind gewiß da- für, daß dem deutschen Handel in.Marolko die denkbar größte Be- wegungsfreiheit gesichert wird, aber daS Risiko eines Kolonial- oder gar Weltkrieges. sind die gegenwärtigen deutschen HandelSintereffen dem, doch nicht wert. Man möge sich auf dem Wege friedlicher Verhandlungen einigen, bei denen mal, sicher mehr erreichen wird als durch ein Heruinfuchteln mit der gepanzerten Faust.' An solchen Verhandlungen hat es in der letzten Zeit nicht gefehlt. Sogar daS internationale Kapital hatte sich über die Aus- beutunz der marokkanischen Minen geeinigt, nur die Firma ManneS- mann zeigte sich von vornherein dickfellig und Ivollte für sich einen besonderen Anteil cm der marolkanischen Beute sichern. So spricht der.Tewps", sonst da» Sprachrohr der rücksichtslosesten französischen Marokkoireiber. sehr vernünftig über diese friedliche Verständigung. Er zählt die seit 190S geführten Verhandlungen über verschiedene dentsch-französische Unternehmungen und Projekte in Marokko und den afrikanischen Kolonie» ans und weist ans die Verhandlungen über den Bau der Kamerun— Kongobahn tin, die von Kamerun nach Französisch-Kongo führen und womöglich nach dem belgischen Kongo- staate verlängert werden sollte. Obgleich bereits die Gründung einer mit den Vorarbeiten zn betrauenden Gefellschaft geplant und eine Kilometer- garantie seitens der französischen und der deutschen Regierung inS Ange gefaßt worden war, gerieten die Verhandlungen, die im April dieses Jahres angeknüpft wurden, im Juni ins Stocken. Ebenso seien die über die deutsche Beteiligung an marokkanischen Bahn- bauten geführten Verhandlungen seit Rücktritt des Kabinetts Briand ins Stocken geraten. Der„TempS" bemerkt weiter: Die. Verhand- lungett zeigten, daß auf beiden Seiten der gleiche Wunsch nach Ver- ständigung bestand. Leider haben innerpolitische Streitigkeiten Frankreichs internationale Angelegenheiten in bedauerlicher Weise beeinflußt. Wie dem aber auch sei, Frankreich und Deutschland könnten unschwer in Besprechungen eintreten, sie brauchten zu diesem Zwecke nur die seit langem begonnenen Verhandlungen mit größerem Eifer wieder aufzunehmen. Diese ruhige Sprache— mag sie beim„TempS" auch recht egoistischen Motiven entspringen— paßt natürlich unseren Alldeutschen und Panzerplattenpatnoten nicht in den Kram und daher ihre wüste Kriegshetze. Am widerwärtigsten ist dabei daS Gebaren der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung". Dieses Blatt der Schlotbarone sucht ausgerechnet den deutschen Arbeitern klar zu machen, daß uns eine Kolonie ziw Ansiedelung des BebölkerungsüberschuffeS. zur Versorgung mit Getreide und Rohstoffen, bor allem aber mit Baumwolle bitter not tue. All das sei aber in geradezu idealer Vollkommenheit in Südwest- Marokko zu finden. MS ob die dort ansässigen Berbersiämme, die«ort freier und unabhängiger find als die gewiß schon gefährlichen Ristkabylen, von denen sie zum Teil abstammen, sich so ohne weiteres ihr Land ivegnehmen ließen. Sie find keine schlecht bewaffneten Hereros, die man in verhältnismäßig kurzer Zeit abtim imd vernichten konnte. Ein Blick auf die Geschichte der Jahrzehnte währenden französischen Kämpfe in Algerien genügt schon, um zu wiffen, daß sich das deutsche Volk durch eine Besetzung marokkanischen Gebietes in die Gefahr eine? ewigen Kolonialkrieges stürzen würde, ehe überhaupt an die Möglichkeit einer deutschen Ansiedelung oder der Ausfuhr von Getreide und Baumwolle gedacht werden könnte. Dabei ist das Klima jener südmarokkanischen Gegenden filr Europäer höchst ungesund. Auch ist es sehr fraglich, ob bei der häufig ein- setzenden Trockenheit sich Baumwoll- und Getreidekulturen in größerem Maßstab anlegen laffcn würden. An eine künstliche Regulierung der Vewäfferung durch große technische Anlage» ist bei der Feindseligkeit der BerberstSmme in absehbarer Zeit nicht zu denken. Deutschland müßte sich jeden Fußbreit Landes erst erkämpfen— die Kämpfe der Franzosen mit den Kabylen und der ewige Kleinkrieg der Spanier im Riffgcbiete beloeisen da? zur Genüge— und die Unkosten de» Unternehmens wären hundertmal höher als der auch in Jahrzehnten noch problematische Ertrag. DaS alles weiß die„Rheinisch-Westfälische Ztg." auch recht gut. Sie baut aber auf die Leichtgläubigkeit und Urteilslosigkeit des deutschen Bürgertums, daS nicht merken soll, wie die Soldschreiber des GroßkqpitalZ mtr im Jntereffe ihrer AustragKeber arbeiten, deren Weizen bei emem Kolonialkriege natürlich auf» schönste blühen würde. Und kommt es dabei zu einem europäischen Kriege, s» kam, es den Herren auch recht sein, das Geschäft geht dann noch besser. Angesichts, dieser Gewissenlosigkeit ist eS immerhin beachtenswert, daß»in-stmst.slleö andere als franzoseiffttundliche Blatt, die„Ha m- bne�er Räch richte n", einst das Leibblakp'MSmarckS, schreibt: „Wir würden eS für ein Verbrechen gegen da» Vaterland halten, um Marokkos willen Krieg zu führen." Also nicht einmal die Hamburger Reederkreise, die hinter diesem Blatte stehen und die gewiß jeden Profit gern mitnehmen, haben Lust, sich um der Privat- interessen der Firma Mannesmann in ein aussichtsloses und gefähr- liche» Geschäft, zu stürzen.. Eine ganz verschrobene Stellungnahme kann man in der„Post" finden. Daß dieses Blatt im Grunde seines Herzens eine» Krieg mit Frankreich ganz gen, sehen würde, versteht sich von selbst. Diese KriegSlüsternheit diktiert dem Blatte auch seine Stellung zur Marokkostage. Er bezeichnet als Hauptaufgabe Deutschlands, dafür zu sorgen, daß die schwarzen und arabischen Truppen Frankreichs nicht auf einen europäischen Kriegsschauplatz gelassen, bielmehr in Nordastika festgelegt werden. Um das zu erreichen, muffe Marokko entweder.ein souveräner, starker mohammedanischer Staat werden oder Deutschland miiffe die Mittel zu einer mohammedaniswen Insurrektion gegen Frankreich in Nordafrika in den Händen erhalten. Leider schweigt sich das edle Blatt darüber aus, wie es sich da» letztere vorstellt. Soll Deutschland vielleicht von Südwest« Marokko aus die marokkanischen und algerischen Stämme gegen Frankreich auswiegeln, damit«S seine astflkanischen Truppen nicht auf einen europäischen Kriegsschauplatz schicken kann? Der Plan ist so blöde, daß man ihn nur auf daS Konto der Julihitze setzen muß. Bei dieser Gelegenheit leistet sich die„Post" so ganz au» dem Zusammenhange heraus eine Anrempelung des„Vorwärts". In fetter Schrift schreibt sie nämlich: „Im übrigen stellen wir an den„Vorwärts" heute die Frage, wie er sich zu der Frage der schwarzen und algerisch-marokkanisch- arablsch-berbcrischen Armee Frankreichs stellt. Ob er deutschen Soldaten— also doch wohl auch deutschen Handarbeitern— zumuten will, im Kriegsfall nicht nur gegen einige Regimenter, sondern gegen ganze Armeen von einigen Hnnderttaiisenden dieser wilden Kerle zu kämpfen und ob er deutsche Franen und Mädchen — also wohl auch deutsche Handarbeiterfrauen nnd-mädchen— den Brutalitäten dieser Schivarzen preisgeben will." Man möchte mit dem seligen Stumm fragen: Welcher Esel hat daS geschrieben? Denn nachgerade weiß jedes Kind, da« das deutsche« wie das französische Proletariat gegen jeden kriegerischen Konflikt ihrer beiden Länder find. Ferner sollte jeder, der nur ein- mal seine Nase in die Politik gesteckt hat, wissen, daß die internationale Sozialdemokratie ein Bolisheer erstrebt, mit dem Angriffskriege ein« fach ausgeschlossen sind. DaS ist klar und deutlich im Programm der deutschen Sozialdemokratie auegesprochen und daS verlangt unter anderem auch Genosse Jaurös in seinem kürzlich erschienenen Buche „L'armöo nouvello"(Die neue Armee). Nicht wir sind eS also, die daS Turkogespenst heraufbeschwören, sondern das„Post'-Gelichter nnd seine Spießgesellen bringen deutsche Soldaten und deutsche Frauen und Mädchen in Gefahr, den„wilden Kerlen" Afrikas preis- gegeben zu werden. poUtilcbe deberlicbt. Berlin, den 7. Juli 1911. Zur Reichsfinanzloge. Der„NeichSanzeiger" veröffentlicht die Ergebnisse des Reichshaushalts fiir das Rechnungsjahr 1910. Danach ergibt sich ein Ueberfchutz von 117 700000 M. Die Einnahmen an Steuern. Zöllen usw. haben den; Voranschlag um 57'/, Millionen überschritten. Die Ueberschüffe der Reichs« postvertvaltung weisen ein Mehr von 19.7 Milltones Mark ans._ Zur Reichstagsersastwaht ttt Düsseldorf. Lange haben die Nationalliberalen geschwankt, ob sie für die am 19. September stattfindende Reichstagsersatzivahl in Tiisseldors einen eigenen Kandidaten aufstellen sollten oder nicht. Schließlich smo sie, wie zu erwarten war, zu dem be» quemen Entschluß gelangt, keinen Kandidaten aufznstellciH und mit verschränkten Armen dem Kampf zwischen Sozial- demokratie und Zentrum zuzusehen. Wie nämlich aus Düffel- dorf telegraphisch gemeldet wird, hat der Hauptvorstand der liberalen Vereinigung, die zum größeren Teil aus National» liberalen, zuni kleineren aus Freisinnigen besteht, beschlossen» diesmal auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten zu ver» zichten, obgleich bei der letzten Wa-hl für den National« liberalismus iin Düsseldorfer Wahlkreise 14664 Stimmen abgegeben worden sind. Bestimmend für den Beschlaß ist jedenfalls gewesen, daß in den Kreisen der rheinischen nationalliberalen Groß- industriellen die Neigung besteht, zu den nächsten allgemeinen Neichstagswahlen mit dem Zentrum eine Art Wahlkartell gegen die Sozialdemokratie abzuschließen: während anderer- seits in den jung- und linksliberalen Kreisen der Kampf gegen rechts gefordert wird. Dieiem Dilemma zu entgehen, haben die leitenden Größen der liberalen Vereinigung Düsseldorfs allem Anschein nach eine besonders kluge Taktik anzuschlagen gemeint, wenn sie sich der direkten Beteiligung am Wahl- kanipf enthalten und jedem Liberalen überlassen, ob und wie er stimmen will. Wahrscheinlich spielt dabei im stillen die Erwartung mit, daß der weitaus größere Teil der national- liberalen Wähler einen Zentrumsmann dem Sozialdemokraten vorziehen und also der klerikale Kandidat siegen wird. Gespannt sind wir, welche Stellung die freisinnige Volks- Partei zu dem Entschluß der Düsseldorfer Liberalen ein- nehmen wird. Das„Berliner Tageblatt" fordert zur Auf- stellung eines fortschrittlichen Kandidaten auf. Es fragt: „Was sagt die Fortschrittliihe Volkspartei zu dem gestrige» Beschluß der Düsseldorfer Liberalen? Darauf wird alle? ankommen, llntcr den heutigen Umständen kann es aks selbst- verständlich gelten, daß dieser Beschluß für den entschiedenen Liberalismus nicht bindend sein darf. Wollen die Nationalliberalen trotz der mehr als 14 000 Stimmen, die sie bei der vorigen Wahl ausbrachten, die Flinte ins Korn werfen. dann muß sie von den Anhängern des entschiedenen Liberalismus aufgenommen werden. Jetzt ist es für die Fortschrittliche Volks- Partei Zeit, einen eigenen Kandidaten in Düsseldorf aufzustellen und keinen Zweifel daran zu lassen, daß sie bei einer etwaigen Stichwahl den sozialdemokratischen Kandidaten gegen den Kandidaten des Zentrums unterstützen wird. Die blau« schwarzen Parteien müssen zurückgeworfen werden, das versteht sich unter den heutigen Verhältnissen von selbst. Auch hier heißt es: Liberale Bürger» heraus!" Ganz richtig— aber das„Berliner Tageblatt" bat wenig Einfluß auf die Führerschaft des Freisinns..«-* Die„rote Gefahr" und die katholische Kirche. Die„Berliner Reuesten Nachrichten" versuchten an der Hand der Neichstagswahlflatissik nachzuweisen, daß von einer ultr am on» tauen Gefahr keine Rede sein könne, wohl aber drohe eine rot« Gefahr, gegen die alle Parteien zusammenhalten müßten. Di« „Germania" freut sich dieser Argumentation. Sie weiß auch ein Mittel gegen die rote Gefahr, die sie nicht so sehr in der Zahl der Mandate als in der Zahl der Stimmen sieht: „Im Parlament selbst ist die Sozialdemokratie nicht so schlimm, daß der Staat ernstlich etwas befürchten müßte; die rote Mehrheit ist eine Phantasie; in allen Lebensfragen der Nation wäre nicht» zu fürchten, wenn selbst 44V rote Abgeordnete gewählt würden; die Mehrheit von 2SV Abgeordneten aber— 230 ohne die Polen— müßte dann nur umso fester zusammenhalten. ES mag hier und dort unangenehm fein, eine so starke rote Fraktion zu haben; aber das Gefährlichste ist dies an der Sozial- demokratie nicht. Dem Staats- und Völkerleben wird vielmehr weit mehr zugesetzt, und deshalb wird es weit bedenklicher bedroht durch die roten Volksmassen: sie find die einzige Gefahr für die deutsche Nation. 150 Sozialdemokraten im Reichstage sind nicht so bedenklich ivie 10 Millionen sozialdemokratisch gc- sinnter Deutscher einschließlich der Familien. Hier muß der große Kamps auSgesochten werden. Was aber tut der Staat hier zur Abwehr? So gut wie nichts." Ausnahmegesetze, so meint die„Germania" weiter, helfen nicht. Militarismus und Sozialpolitik nützen auch nicht», und wenn die Kirche sich anbietet, lehnt er(der Staat) diese Hilfe ab; wir er- imiern hier an daS FortbildungSgesetz usw. Rur ja nicht zu viel Religion! Diese große liberale Irrlehre steckt in unserem Staate noch so tief in den Knochen, daß er lieber dem Ruin entgegeneilt, als daß er diese Hilfe annimmt. Darum die rote Gesahr." Warum macht sich denn die Kirche nicht ohne StaatSunterstützung an die Bekämpfung der roten Gefahr? Oder traut sich die Religion ohne polizeiliche llnterstiitzuug die Kraft nicht zu. den roten Feind zu schlagen? Viel Vertrmien in die„göttliche Kraft de» religiösen Gedankens" würde das gerade nicht beweiseil. Ter Ruhm des JunkerparlainentS. Nachdem vor einigen Tagen der freikonservative Abgeordnete Freiherr v. Zedlitz und Neukirch in einem Artikel des roten„Tag" dem preußischen dreiklassigen Junkerparlament die Diagnose gestellt hat, daß eS an hochgradigem Marasmus leidet, folgt in demselben Blatt der zahm-sreisünüge Abgeordnete Dr. Pachnicke mit einer ähnlichen Schilderung der gänzlichen parlamentarischen Verwahr- lösung de? preußischen Abgeordnetenhauses. Er schreibt: „Wenn ein Rückschluß von dem Erzeugnis auf die erzeugenden Kräfte gezogen werden soll, so lautet er für daS geltende Wahlrecht ungünstig. DaS Dreiklassenparlament stand nicht auf der Höhe feiner Aufgabe. Es hatte nicht Drang und Fähigkeit gemig, um die ihm erwachsenen Pflichten zu erfüllen. Eine Gleich- gültig keit war über das Hans gekommen, die sich am deut- lichsten dadurch kundgab, daß in der 97. Sitzung 173, in der 98. 207 Mitglieder ohne Entschuldigung fehlten. Die Gleichgültigkeit der Gewählten hängt mit der Gleich» güliigkeit der Wähler zusammen. DaS jetzige Wahlrecht führt im Durchschnitt höchstens einige 30 von hundert Wählern an die Urne, in manchen Fällen Nur 20, 10, ja auch nur 8 und 2 vpm Hundert. Bei größerer Wahlbeteiligung ständen die Mitglieder des Ab- geordnetenham'es unter weit schärferer Kontrolle und würden einen solchen Grad von Lässigkeit nicht wagen.... Die Mehrheit betrachtet daS Mandat nicht als ein Amt mit zwingenden Pflichten, sondern als eine Nebenbeschäftigung, der man sich je nach Gelegenheit nnd Gefallen widmen oder entziehen kann. DaS geht so weit, daß man manche der Kollegen im Laufe einer Lcaislaturperiode kaum kennen lernt. Oft sind mehrfache dringende Rund« schreiben oder Telegramme nötig, um die Säumigen herveizuschuffen. Finanzielle Folgen nuipfen sich an da« Ausbleiben nicht; sybald sich der Abgeordnete zu Beginn der Session im yuttau gemeldet empsZngt tt seine Diäten, auch ohne den Sitzungen beigewohnt zu haben. Die Neigung zum Fernoleiben wird noch dadurch verstärkt, daß im Abgeordneten- Hause die Beschlutzfähigkeit nicht von einem einzelnen angezweifelt werden, vielmehr immer nur bei namentlicher Abstimmung, bei Auszählung oder bei Namensaufruf hervortreten kann." In der Einschätzung des Klassen-Landtages deckt sich, wie man steht, das Urteil des fortschrittlicheu Herrn P a ch n i ck e mit dem seines konservativen Kollegen Zedlitz-Neukirch. Das ist die Hauptsache I Unwesentlicher ist. datz seine Reformvorschläge so ziemlich konform mit den Vorschlägen des konservativen Abgeordneten gehen. Herr Pachnicke erklärt zwar schüchtern: .Das Wahlrecht mutz geändert werden. Und eS kann geändert werden; denn wenigsten? für die direkte und geheime Wahl stellt, wie auch Herr v. Zedlitz im„Tag" zugab, das Abgeordneten- haus sicher eine Mehrheu. Diese Tatsache hat Herr v. Heydebrand mit seiner Taktik gegenüber dem fortschrittlichen Wahlantrag nicht Verdunkelt, sondern wider Willen in das schärfste Licht gerückt." Aber Herr Pachnicke glaubt, datz dem Abgeordnetenhause auch aufgeholfen werden könne durch Reform der Geschäftsordnung, der Diätenordnung, der Arbeitsgewohnheit des Landtags usw. Der fortschrittliche Pachnicke sucht sogar den konservativen.Reformer" noch dadurch zu übertrumpfen, datz er Selbstzucht der Abgeordneten tn der Ausnutzung der Redefreiheit verlangt. Eine städtische Streikabrechnung. In der letzten Sitzung des Kieler Stadtparlaments stand eine stohu- und VesoldungSvorlage zur Beratung, die von der Tendenz getragen war, den ungefähr tausend Arbeitern der Stadtgemeinde pfennigweise und einer kleinen Gruppe von Beamten, die jetzt schon Anfangsgehälter von 4000, 6000 und 6000 M. bezieht, scheffelweise Erhöhungen zuzumessen. Den Antrag der Sozialdemokraten, den Arbeiten:, für die nur durchschnittlich 2 Pf. Lohnerhöhung pro Stunde gefordert wurden, etwas mehr zu geben und dafür diehohen Beamten noch warten zu lasten, bis beffere Zeiten für die Stadtgemeinde kommen, lehnte die bürgerliche Mehrheit rundweg ab und nahm die Vorlage des Magistrats gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Vertreter an. In der Diskussion spielte wie gewöhnlich der Einwand der bürgerlichen Vertreter»md de» Magistrats eine Rolle, datz für eine höhere Zu- läge auf die Arbeiterlöhne kein Geld vorhanden fei. Diese Ge- legenheit benutzte der Redner unserer Fraktion, Genosse Bre c ou r, um dem Magistrat und der bürgerlichen Mehrheit unter die Nase zu reiben, wie sie seinerzeit bei dem Streik und der. Aussperrung der städtischen Arbeiter die städtischen Gelder verpulvert haben. Das Herrimhausespielen des Magistrats hat nämlich im Jahre 1909 der Stadt Kiel über 80000 Mark gekostet. Unsere Gc- Nossen verlangten damals eine spezialisierte Streikabrechnung, aber die bürgerliche Mehrheit entlastete den Magistrat, der diese Summe ohne vorherige Befragung der Stadtkollegien ausgegeben hatte. Genosse Brecour war nun in der letzten Sitzung der Stadt- lollegien in der Lage, einige Positionen aus dieser Streikabrechnung dorzutragen, die so interessant find, datz sie auch die grötzere Oeffent- lichkeit interessieren dürften. Zum Beispiel find auf Kosten der Stadt für die Arbeitswilligen beschafft worden zirka 70 000 Zigaretten u n d ü b e r 28 000 Flaschen Bier. Dabei wurde so.sparsam" gewirtschaftet, datz trotz der Masienlieferung für jede Flasche Bier 10 Pfennige bezahlt wurden. Die Ar- bei.tSwilligenvermittelung kostete 12598 Mark. Für Zigarren, Zigaretten, Ansichtskarten, Kautabak usw. wurden an eine Firma bezahlt 3320 M., für Fleisch- und Wurst- waren an eine Schlächterfirma 13 580,32 M., für Bier, Zigarren, Zigaretten, Kolonialwaren, Heringe. Wurst, Brot usw. an eine andere Firma 29 242.75 M., für Bewachung der Betriebe an die Kieler Wach- und Schlietzgesellschaft über 6000 M. Diese Firma, die ihre Angestellten herzlich schlecht bezählt, hatte jede Schicht eines Wächters mit 6 M. berechnet. Man begreift jetzt, weshalb manche Geschäftsleute so begeistert für die Scharstnacherpolitik des Magistrats eintraten. In der Ab- rechnung befinden sich auch Ausgaben für Reinigung der Betten, die von den Arbeitswilligen vollständig verlaust waren, für Entschädigung an die Marineverwaltung, für abhanden gekommene Geräte und Abnutzung von Decken, die sie der Stadt für die Arbeitswilligen geliehen hatte, ja sogar für Revolver, Patronen und Gummiknüppel! Die bürgerlichen Vertreter waren zunächst über diese Eni- hüllungen verdutzt und beschämt, aber dann salviertcn sie ihr Ge- wissen und stimmien für Erhöhung der Beamtengehälter und darauf auch für eine jährliche Gehaltserhöhung von 1100 Mark für jeden besoldeten Stadtrat. Wieder kein Arbeitfrknndidat. Seit Jahren bestürmen die christlich organisierten Arbeiter in Bayern die Zentrumsparteileitung um Ueber- lassung einiger ReichstagSwahlkreise zur Aufstellung christlicher Arbeiterkandidaturen. Die letzte Hoffnung hatten sie auf den Wahlkreis Rosen he im gesetzt, da dies nahezu der einzige sichere Zentrumswahlkreis mit größerer Arbeiterbevölkerung im rechtsrheinischen Bayern ist, wo man also den Arbeitern am ehesten Zugeständnisse hätte machen können. Nun sind sie auch hier wiederum leer ausgegangen, nachdem eine Vertrauens- männerversammlung der Zentrumspartei im Wahlkreise den bis- herigen Abgeordneten, den Bauern R a n n e r, abermals als Kan- dldatcn aufgestellt hat.__; Ein neuer Wahlrechtsraub in Schleswig-Holstein. Die Stadtlollegien in Glückstadt haben die Erhöhung des Wahl- gen jus von 900 M. auf 1200 M. beschlossen. Der Beschlutz wurde aus eine Eingabe des Bürgervereins hin gefaßt. D's schlotternde Angst des Bürgertums vor der Sozialdemokratie tritt in diesem Beschlüsse um so mehr zutage, als die sogenannte Gefahr einer sozialdemokratischen Mehrheit noch lange nicht droht. Bis heute sitzt überhaupt noch kein Sozialdemo- krat im Glück st ädt er Stadtparlament, und wenn auch die Wahl einiger unserer Genossen unter dem alten Zensus von'900 M. für die nächsten Jahre zu erwarten gewesen wäre, so konnte doch leider von einer Beherrschung des Stadtregiments durch die Sozialdemokratie noch auf viele Jahre hinaus keine Netze fein. Eine seltsame Versiigung. Das Bürgermeisteramt Köln a. Rh. hat einer großen Zahl von Einwohnern ein Zirkular gesandt, wonach ihr Name aus der G e in e i n d e w ä h l e r l i st e g e st r l ch e n werden soll, weil sie die Steuern für das Vierteljahr April-Juni dieses Jahres. also für das eben verflossene Quartal, nicht bezahlt habep. Tie Streichung soll erfolgen, wenn nicht binnen acht Tagen „begründeter Einspruch" erhoben oder der Nachweis der Nachtrag- lichcn Zahlung erbracht wird. Nach Z 19 der Städteordnung für die Rheinprobinz nimmt der Bürgermeister in der Zeit vom 1. bis 15. Juli die„Berichtigung der Lifte der stimmfähigen Bürger" vor. Nach§ 5 ist zur Teilnahme an den Gemeindewahlcn u. a. berechtigt, wer„seit einem Jahre... die ihn betreffenden Gemeindeabgabcn bczablt hat". Nirgendwo aber steht geschrieben, daß jemand, der mit der Zahlung der Steuern etwa sieben Wochen im Rückstände ist— um diese Zeit handelt es sich hier—. aus der Liste zu streichen sei, also des Wahlrechts verlustig geht. Witi haben eö hier mit einem Wahlrechtsraube auf vdm i n isträ ti ve m Wege, mit einer buregulrgtischen Mg- berzigkeit krassester Ztrt zu tun. i ~ Die tMerhorke Maßnahme der Kölner Skadiberivalkung ist um so wndersinmger, als im Gemeindegebiet Köln auch alle Einwohner. die die sonstigen Eigenschaften(preußische Staatsangehörigkeit, Ortsansässigkeit usw.) erfüllen, wahlberechtigt sind, wenn sie zu einem Einkommen von 660— 900 M. veranlagt sind, t a t s ä ch- lichi aber eine Steuer nicht zu zahlen haben. Wird die jetzt den Restanten angedrohte Maßregel Wirklichkeit, so würden diejenigen, die im letzten Stcucrjahr(1. April 1910 bis 31. März 1911.) ihre Steuern bezahlt haben, nicht wählen dürfen, wäh- rend viele Tausende, die gar keine Steuern zu zahlen brauchen, dys Wahlrecht aus.ü.b.cn könnten. Otzltcrrdd). Miuisteranklage wegen Verfassungsbruchs. Wien, 7. Juli. Der Klub der deutschen Sozialdemo- k r a t e n hat beschlossen, einen Antrag auf Erhebung der Ministerilage gegen die Mitglieder des Kabinetts B i e n e r th einzubringen wegen mißbräuchlicher Anwendung des z 14. Schweiz. Eine Gemeinheit. Die„freisinnige" Regierung des Kantons T e s s i n hat sich „veranlaßt gesehen", nach Bern zu rapportieren, datz der vom Bundesrclü im Jahre 1881 wegen„Verherrlichung" der Ermordung des russischen Kaisers Alexander II. aus der Schweiz ausgewiesene Fürst P eter Krapotkin sich in Locarno aufhalte, ohne die bundes>rätliche Bewilligung eingeholt zu haben. Fürst'.Peter Krapotkin steht im 69. Lebensjahre. Seine poli- tische Tätigkeit hat sich seit Jahrzehnten auf die gelegentliche Her- ausgäbe klei nerer Schriften zur Propaganda eines„Anarchismus" beschränkt, dc'.r von so humaner Gesinnung und so weit von aller Propaganda gewaltsamer Aktion entfernt ist, daß man ihn beinahe einen gemütlichen nennen könnte. Die Haupttätigkeit Krapotkins aber lag auf.wissenschaftlichem Gebiete. Und hier hat sich der ehemalige- Page und Gardeoffizier als Geograph und Natur- forscher einen.Namen gemacht, der neben die glänzendsten Namen dieser beiden Wissensgebiete gestellt werden darf.,__ Und diesen Mann von europäischer Berühmtheit soll nun, so will es die„freisinnige" Tessiner Regierung, die schweizerische Polizeifaust aus dem stillen Winkel vertreiben, in den er sich zur Erholung von angestrengtester wissenschaftlicher Arbeit zurück- gezogen hat. Man darf wohl erwarten, daß der Bundesrat der„frei- sinnigen" Denunziatidn aus dem Tessiner Rcgierungsgebäude keine Folge geben und den greisen Gelehrten in Ruhe lassen wird. Ein„Einschreiten" der politischen Polizei in diesem Falle würde die Schweiz einer geradezu europäischen, ja einer internationalen Blamage aussetzen. firanfemeb. Die Wahlreform. Paris, 6. Juli. Nach der Kammersitzung hielten die Ab- geordneten der Linken eine Versammlung ab, der Ministerpräsi- dent Caillaux beiwohnte. Es verlautet, daß es morgen nach der Abstimmung über den dritten Paragraphen des Amendements Painlevö, von dem heute nur zwei Paragraphen angenommen worden sind, zu einer Gesamtabstimmung nicht kom- men wird. Die. Materie wird in diesem Zustand die Ferien über bleiben, während deren die Regierung Vorschläge aus- arbeiten wird, wobei sie sich von den von der Kammer gebilligten .Grundgedanken über das Wahlsystem leiten lassen wird. HauDsychungen in der Arbeitsbörse. Paris,.HC?Juft. Wegen antiMilitarist isich e r U m- triebe wurden heute abend Haussuchungen in der Abbe its- börse abgehalten sowie im Bureau des Syndikats der Maurer tznd in her Wohnung- von zwei Mitgliedern dieses' Syndikats, die beteiligt waren"-cln� der Redaktion und dem Versand eines Zirku- larS) dürch' das bse Soldaten aufgefordert werden, ihrer Pflicht nicht nachzukommen. Vor kurzem wurde festgestellt, daß eine Anzahl Soldaten durch die Post Geldanweisungen von fünf und zehn Francs erhielten, denen antimilitaristische Rund»fragen bei- gelegt waren. Nachforschungen ergaben, daß diese Sendungen von den Sekretären des Bauarbeitersyndikats Baritaud und D u m o n t abgesandt waren. Ferner wurde festgestellt, daß dieses Syndikat und einige andere Arbeiterverbände die Einrichtung ge- troffen haben, ihren ehemaligen Mitgliedern, die ihrer Militär- Pflicht genügen, von Zeit zu Zeit Unter st ützungen zuzu» schicken, um sie daran zu erinnern, daß sie als Syndikalisten die� Pflicht hätten, im Streikfalle auf ausständige Ar- heiter nicht zu schießen. Die Durchsuchung des in der Arbeitsbörse gelegenen Bureaus fand unter einem großen Polizeiaufgebot statt und nahm mehrere Stunden in An. spruch; es wurden zahlreiche Schriftstücke beschlagnahmt. Auch in der Wohnung der Syndikatssekrctäre Baritaud und D u m o n t wurden Durchsuchungen vorgenommen und eine Anzahl Briefe. von Soldaten herrührend, sowie Postanweisungen beschlagnahmt. In Syndikat skreisen wird behauptet, daß alle diese Maßnahmen den Zweck hätten, die Bauarbeiter, die einen Gesamtausstand planen, einzuschüchtern. Die Behörden hätten schon seit langem die bei den Syndikaten bestehende Ein- richtung des„Sou des soldats" gekannt und darin nichts U n g c- s e tz l i ch e S gefunden. Die beschlagnahmten Papiere seien übri- gcns g a n z h a r>n lo s e r Natur. Fast gleichzeitig wurden auf Anordnung des Kommandeurs dcS 76. Jnfauterie-Negiments die Effekten"der Mannschaften geprüft und drei Soldaten der- haftet, in deren Tornister anti militaristische Lieder gefunden wurden. Portugal. Die Lage. Badajoz, 7. Juli Die Nachrichten aus Lissabon lauten sehr unbestimmt. Ein Reisender erzählte, in Lissabon herrsche große Erregung. Die Carbonari veranstalteten lärmende Kundgebungen aus Anlaß der Einberufung der Reservisten. Nach den nördlichen Garnisonen Ivurden zahlreiche Verstärkungen entsandt. OrKei. Der Ausstand in Albanien. Wien, 7. Juli. Aus Cetinje wird amtlich gemeldet: Der Erzbisch öf von' Skutari ist hier angekommen, um die Verhandlungen zu beschleunigen, die die Rückkehr der M a- l i s s o r e n bezwecken. Die Regierung tut alles zur Erleichterung seiner Mission. Während die Verhandlungen fortdauern, k ä m p- fen die Aufständischen ununterbrochen weiter. Die Montenegriner beteiligen sich nicht am Kampfe, da die Re- gierung nach wie vor strengste Neutralität wahrt. Die Division von Podgoritza ist noch nicht mobilisiert, Eine Verwarnung Montenegros. Die„Köln. Ztg." sckweibt offiziös: Die Geschäftig- keit. die Montenegro in letzter Zeit entfaltet, steht in er- staunlichem Gegensätze zu der wirklichen Macht und Bc- deutung dieses kleinsten Königreiches. Bald hört man Drohungen, bald friedfertige Versicherungen, aber auch diese sind M ist so gegrtgt, dgß sie nicht recht geeignet sind, das Feuxr chi der Grenze auszulöschen. Wenn Montenegro erklärt, daß es an feinet Grenze 7000 Mann aufftellen wolle, um den weitern Uebertritt von Malissoren auf montenegrinisches Gebiet zu verhindern, so ist das gewiß sehr löblich, und man wird höchstens bedauern können, daß solche Ucbertritte nicht schon ftüher verhindert wurden. Lewee mutz man aber befürchten, daß die Aufständischen die fnedlicku-n Absichten Montenegros verkennen und aus'der neuen- mili» tärischcii Machteutfältung den Schluß ziehen werden, daß bis Montenegriner ihnen doch noch schtictzl ich Helsen wollen. Die türkischen militärischen Kreise sind offenbar der Mc>» nung, datz Montenegro ein Doppelspiel treivt, und Echem« ket Torgut Pascha scheint nicht übel Lust zu haben, ihm ein gewaltsames Ende zu bereiten. Dazu wird es aber tauin kommen, denn wenn die Regierung in Konstantinopel wohl auch die Erregung des Oberbefehlshabers in Albanien teilt, so wird sie sich doch besinnen, ehe sie losschlägt. Sie wirb das um so mehr unterlassen können, als die montenegrinischen T r c i- bereien an keiner Stelle aus Unterstützung zu rechnen haben, da allenthalben die Absicht besteht den Ausbruch eines Brandes zu verhüten. IVlaroKKo. Spanische Provokatiencil in Elksar. Madrid, 6. Juli. Oberst Sylvestre, der vorgestern in Arsila ein- traf und Rast machte, um dort die Nacht zu verbringen, lehrte auf die Nachricht, datz die Kaids Bendahan und Gazuli versucht hätten, die Lokale des spanischen Militärdienstes in Elksar zu besetzen, nach Elksar zurück. Der„Agence Havas" wird aus Elksar vom 5. d. M. gemeldet: Hundert spanische Fußsoldaten und hundert Mann der Polizei- truppen zogen in Begleitung des spanischen Vizckonsuls mit Gc- schütz und aufgepflanztem Bajonett durch die Stadt, was eine Panik unter der Bevölkerung hervorrief. Sie zogen vor das Ge- bände, wo der Kaid Bendahan mit den Soldaten des Machsen sich aufhält. Bendahan. der fürchtete, verhaftet zu werden, weigerte sich, den Soldaten zu folgen, und flüchtete in das französische Kon- sulat. Er erklärte, er wäre Beamter des Machsen �und ftanzö- sischer Schutzgenosse. Die Spanier umzingelten die Soldaten des Machsen, von denen einer mißhandelt wurde. Hus der parte!« Die sächsische Landcsvcrsnmmlnng wird am 20.. 21. und 22. August in Meißen stattfinden. Die vorläufige Tagesordnung lautet: 1. Bericht des Zentralkomitees. a) Organisation und Agitation. Berichterstatter: E. Schulze. b) Kossenbericht. Berichterstatter: Ernst Braune. 2. Das Organisationsstatut. Referent: Karl Sindermann. 3. Die Gemeinde st euerreform. Referent: Heinrich Lange- Leipzig. 4. Die bevor st ehe n den Reichstagswahlen. Referent: Fritz Geyer- Leipzig. 5. Anträgeder Parteigenossen. 6. Wahl des Sitzes für das Zentralkomitee. 6. Wahl deS Ortes für die nächsteLandesver- s a m m l u n g._ Karl Banrck. Der zum ReichSratsabgeordneten gewählte Führer der tschechischen Separatisten, Karl Banek-Briinn(sprich Wanjekff, hat mehrere Genossen verklagt, weil sie ihm vorgeworfen hatten, datz er als Leiter der Brünner Allgemeinen Arbeiterkrankenkasse gegen die Vertrauensmänner der sozialdemokratischen Arbeiter die Polizei der deutschbnrgerlichen Gemeindevertretung zu Hilfe gerufen habe, obgleich er natürlich gar nicht bedroht worden war. Der Prozeß endete mit dem Freispruch der Angeklagten, deren Wahrheitsbeweis als völlig gelungen erklärt wurde._> poUzciUdus, OericbtUches«kW.■ „Dir Herrschaft der Sozialdcmokratie in den Ortskrankcnkasscn." Einer der zahlreichen Prozesse, die der bekannte Reichsverbäudler prakt. Arzt Dr. W. Möller in Kirchs eeo.n gegen sozialdemo- kratische Zeitungen angestrengt hat, kam dieser Tage vor dem Schöffengericht Augsburg zum Austrag. Im November v. I. wurde von dem Augsburger Parteiblatt, der �Schwäbischen Volkszeitung", das von. Dr. Möller, herausgegebene Buch „Die Herrschaft der Sozialdemokratie in den Ortskrankenkassen" besprochen und einer Kritik unterzogen. In dem Artikel wurde gleichzeitig auch gegen die»Bugsdurger Abendzeitung" polemisiert, die am Tage zuvor das Mvllersche Buch als„eine wertvolle Waffe für die komm enden ReichStagSwahlen" anpries. In diesem Artikel waren einige kräftige Stellen enthalten, wie, Sudelschrift",„Reichsverbands- sudelschrift" usw., auch war dem Verfasser der Vorwurf gemacht, datz er Tatsachen„bewußt verdreht" wiedergegeben habe. Wegen dieser Stellen in der Lkritik des Bucbes erhob Dr. Möller gegen den verantwortlichen Redakteur der„Schwäbischen Bolls- zeitnng", Genossen Simon, Privatklage. In der Verhandlung war Möller nicht erschienen, ihn vertrat der' l i b e r a l e Landtag--- abgeordnete Dr. G o l d s ch m i t° M ü n ch e n, den Beklagten Rechts- anioalt Sand-AugSburg. Vom Beklagten wurde zugegeben. datz die fragliche» Stellen formal- beleidigend seien. doch sei Dr. Möller in seinem Buche mit den Ausdrücken der Sozialdemokratie gegenüber auch nicht wählerisch gewesen. Als Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung habe er nicht nur das Recht, sondern vielmehr die Pflicht, sich mit der Unrichtigkeit der in dem Möllerschcn Buche aufgestellten Behauptungen zu befassen und Angriffe auf die Sozialdemokratie zurückzuweisen. Von einer Verlesung des 497 Seiten starken Buches wurde Abstand genommen, auch die vom Beklagten angebotene Beweis- erhebung darüber, datz die Darstellung der dem Dr. Möller an« seiner eigenen Anschanung bekannten Verhältnisse in der Münchener OrtSkrankcnkasse unrichtig ist, wurde für unnötig befunden. Die von dem Kläger Dr. Möller beantragte Ladung zweier Zeugen, des ArzteS Dr. Stuben voll und des Gemeindebcvollmächtigten Wagner in München lehnte das Gericht auch ab. Der Klagevertreter ReckitSankvalt Dr. Goldschmit hielt eine lange Anklagerede, in der er Dr. Möller als einen von sozialdemokratischem Haß verfolgten Mann hinzustellen versuchte. Das Möllersche Buch sei ein„h o ch w i s s e n s ch a f t l i ch e S Werk." Als Beleg hierfür zitierte er die Begründung eine« Urteils des B r e m e r h a v e n e r A m l S g e r i ch t s vom 15. Juni 1911, das wegen einer ähnlichen Kritik deö Büches den Redakteur der„Norddeutschen Bolksslimme", Genossen B a r tz. z» 400 M. Geldstrafe verurteilte. Der Verteidiger des Beklagten zerpflückte an der Hand deS Möllerschcn Buches die Behauptung des Dr. Goldschmit von dem wissenschaftlichen Wert desselben; es sei allein zur Bekämpfung der Sozialdemokratie geschrieben und eine Tendenzschrift schlimmster Art. Hier käme für den Beklagten die Wahrung berechtigter Interessen in Betracht, das Gericht könne im schlimmsten Falle wegen formaler Beleidigung ans eine geringe Geldstrafe erkennen. Em vom Vorsitzenden angeregter Vergleich wurde vom B e- klagten entschieden abgelehnt. Das Urteil lautet auf 20 M. G e l d st r a f e wegen formaler Beleidigung, im übrigen billigt das Gericht dem Beklagten den Schutz des§ 193. Wahrung berechtigter Interessen, zu. Das Urteil wird in der„Schwäbischen Volks- zeitnng" ugd der„Deutschen Krankenlassenzeitung" veröffentlicht. Die beantragte Publikation in drei weiteren Zeitungen lehnte das Gericht ab._ Strafkonto der Presse. Wegen Beleidigung eines Fabrikbesitzers und Stadtverordneien in Zittau durch den Vorivurf der Steuerhinterziehung wurde Genosse Schnettler von der dortigen„VolkSzeituna" zu 50 0 Mar h G c l d st r crff e verurteilt. Es soll sich bei dem Vorfall nur um eine Steyecnachzohlung gehandelt haben, r GewerkfcbaftUcbea. Die katboUfcben facbabtciUr find eine eigenartige Spezies von Auch-Gewerkschaftlern, unter deren Konkurrenztätigkeit besonders die christlichen Gewerkschaften arg zu leiden haben. Obgleich diese Art von Arbeiterorganisationen streng katholisch-konfessionell ist und sein will, inachen jetzt die Arbeiter in den Deutschen Munitions- und Wasfenfabriken die eigenartige Beobachtung, dast sie zum Schutze kapitalistischer Interessen auch konfessionell weitherzig sein können. Speziell die Arbeiter der Ab teilung Kugelfabril klagen darüber, daß der Leiter dieser Abteilung den Mitgliedern des Deutschen Metallarbeiterverbandes ungünstig gesinnt sei und sie vor den Angehörigen des katholischen Fachvereins zurücksetzt, wenn diese letzteren auch oftmals nur minderwertige Kräfte seien. Tüchtige Arbeiter werden unter allerlei Vorwänden entlassen, sobald man weiß, daß sie im Deutschen Metallarbeiter� verband organisiert sind. Einen Vertrauensmann entließ man an- gcblich wegen Arbeitsmangel; gleich darauf wurde aber die Arbeitszeit von S auf 10 Stunden verlängert. Solche Entlassungen haben unter den Arbeitern großen Unwillen erregt. Die Arbeiter wollen unter keinen Umständen ihr gutes Recht, sich im Deutschen Metallarbeiter verband zu organisieren, antasten lassen. Da der Wirkungskreis deZ erwähnten Leiters der Kugelfabrik anscheinend vergrößert werden soll und auch in anderen Abteilungen schon ähnliche Vorstöße gegen die Organisation versucht worden sind, so sind die Arbeiter ent- schlössen, dagegen Stellung zu nehmen. Es gilt auch, sich dagegen zu wehren, daß die zehnstündige Arbeitszeit weiter eingeführt wird, umso mehr, als Arbeitsmangel als Entlassungsgrund gewöhnlich vorge. schoben wird, wenn man freiorganisierte Arbeiter hinauszudrängen sucht. Nach Ansicht vieler Arbeiter sind übrigens nur sehr weuige von denen, die sich als Mitglieder des katholischen Fachvereins einschreiben ließen, wirkliche Katholiken(I); viele treten nur darum ein, weil sie sich Vorteile in ihrer Stellung davon versprechen, und darum wird dieser Verein gewöhnlich von den Arbeitern alS ein gelber Verein betrachtet. Die Arbeiter nahmen mit Befriedigung Kenntnis von einer Zu- sichcrnng der Direktion, die auf Vorstellungen der Betriebskommission gegeben wurde, wonach dem Leiter der Kugelfabrik das Recht auf Einstellung und Entlassung von Arbeitern abgesprochen werden soll. Ob dem entsprochen wurde, ist uns nicht bekannt. In erster Linie wollen die Arbeiter der Einführung des zehnstündigen Arbeitstages entgegenwirken und sich auch nicht auf eine sogenannte vorüber- gehende Einführung einlassen._ Berlin und llmgegend. Uebcrmaßige Ausnutzung von kaufmännischen Angestellten mußte die Kontrollkommission des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands wieder einmal bei einem der größten Detailgeschäfte Rixdorfs feststellen. Die Firma Gustav Blunienfeld u. Co., Berliner Straße 47—43, entließ einen Teil ihres Personals an zwei aufeinanderfolgenden Wochentagen erst zwischen 11 und 1 Uhr nachts und ließ dieselben Personen am anderen morgen wieder früh 3 Uhr antreten. Dieselbe Firma brachte es fertig, 11 Angestellte von Sonnabend früh 8 Uhr mit einer kleinen Mittagspause bis zum Sonntagvormitlag 10 Uhr im Geschäft festzuhalten. Dieses Verfahren widerspricht den gesetz- lichen Vorschriften über Mindestruhezeit und Sonntagsruhe und wird hoffentlich von der Behörde nicht mit der häufig angewandten Milde behandelt, die einer Prämie für Unter- nehmer gleichkommt, welche die dürftigen Schutzbestinimungen übertreten. Die Angestellten selbst aber sind nicht von dem Vorwurf freizusprechen, daß sie es unterlassen haben, eine derartige Ausnlltzung, in diesem Fall auch jugendlicher und vorwiegend weiblicher Kollegen, von vornherein durch die gewerk fchaftliche Organisation zu verhindern. Wäre das Personal in seiner Mehrheit im Zentralvcrband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands organisiert, so würde die Finna erst nicht so em- pöreude Zumutungen stellen. OeutTcbes Reich. Zentrumsgewerkschaften. Der Zentrumsführer Peter Spahn hat dieser Tage in GodeS� berg in seinem Wahlkreise Bonn-Rheinbach eine Rede gehalten, in der er gemäß dem Berichte in Rr. 147 der.Germania" sagte: .Ich bin nicht Pessimist, aber soll der Ausgang der Wahlen unseren Wünschen und Bedürfnissen entsprechen, dann muß in allen Wahlkreisen alles auf die Schanzen. Unsere Vereine voran: Volksverein und christliche Gewerkschaften und Arbeitervereine durch die Aufklärung in der Sozialpolitik, unsere Wahlvereine und unser Windthorstbund in der Agitation, auch in der Wahlrede, neben den Vereinen in alltäglichem Ansporn unsere Presse." Dies offene Eingeständnis, daß die christlichen Gewerkschaften Zentrumsvereine sind, wird deren Führern äußerst un- bequem sein. Für uns hat es dieses Zeugnisses des Hauptführers der Zentrumspartei nicht mehr bedurft. Die.Kölnische Volkszeitung" bringt über die Spahnsche Rede genau denselben Bericht wie die.Germania", streicht aber die auf die christlichen Gewerkschaften bezügliche Stelle heraus. Eine Wendung im Kampf der Hamburger Holzarbeiter? Das Bureau Herold meldet aus Hamburg: 250 Arbeitgeber des Holzgewerbes haben beschlossen, bei ihrem Schutzverbande eine Reform des Arbeitsnachweises anzuregen und Friedensverhandlungen mit den seit sechs Woche» ausständigen Arbeitern einzuleiten. Tarifabschluh im Bäckergewerbe. Zwischen dem Verband der Bäcker und der Ortsgruppe Elber- feld des rheinisch-westfälischen Brotfabrikantenverbandes wurde am Montagabend ein Tarifvertrag abgeschlossen. Der Minimallohn be- trägt für Bäcker pro Woche 2g M., für solche, die ein Jahr be- schäftigt sind, 30 M., Teigmacher und Ofenarbeiter erhalten 2 M. und Backmeister 4 M. mehr als die Bäcker. In Betrieben, wo kein Freibrot gewährt wird, wird 1 M. Loh» mehr bezahlt. Die wöckientliche Arbeitszeit, die bis jetzt 66 Stunden betrug, beträgt nunmehr auf sechs ArbeitSschichten verteilt, 63 Stunden einschließlich einer Pause von einer Stunde oder zweimal einer halben Stunde pro Arbeitsschicht. Für Ueberstunden werden 65 Pf. bezahlt, Aushilfen erhalten pro Schicht 5,50 M. Arbeiten an gesetzlichen Feiertagen, mit Ausnahme des Charfreitags, werden mit Ueberstundenlohn bezahlt. Arbeiter, die am 1. Juli löll ein Jahr beschäftigt waren, erhalten im Jahre ISII vier Tage Ferien. In den folgende» Jahren werden nach einjähriger Beschäftigung vier und nach zweijähriger Beschäftigung 6 Tage Ferien unter Fortbezahlung des Lohnes gewährt. Der Tarif, der außerdem sanitäre Einrichtungen der Betriebe vorschreibt und zur Schlichtung von Streitigkeiten ein Tarifamt unter Vorsitz des Vorsitzenden des Gewerbegerichts z» Elberfeld vorsieht, gilt bis zum 1. Juli 1914 mit der Maßgabe, daß im dritten Vertragsjahre allen Arbeitern der Lohn um i M. erhöht wird. In den Kleinbäckereien von Elberfeld-Barnren stehen die Gesellen noch im Streik. Die Bäckerinnung von Elberfeld stellt den Forde- rungen der Gesellen den hartnäckigsten Widerstand entgegen, konnte aber nicht verhindern, daß bis jetzt 20 Kleinbetriebe, die 34 Ge- sellen beschäftigen, die Forderungen der organisierten Gesellen an- erkannt haben._ Die Monteure, Dreher, Schlosser, Klempner und Tischler der Firma Topf u. Söhne. Maschinenfabrik in Erfurt, haben die Arbeit wegen Lohndifferenzen niedergelegt. Die Firma sucht Ersatz von auswärts heranzuziehen. Jeder Zuzug hat zu unter- bleiben. Trohendo Aussperrung in der thüringischen Metallindustrie. Der Verband thüringischer Metallindustrieller beschloß, wenn heute die bei den einzelnen Firmen bestehenden Streiks nicht be- endet werden, die Aussperrung sämtlicher Arbeiter. Streik der Leipziger Bäcker. Nachdenr sich bei den bisherigen Verhandlungen mit den Jnnungsineistern herausgestellt hat, daß es diese offensichtlich darauf abgesehen haben, die Gesellenforderungen durch Verschleppung und andere Manöver zu hintertreiben, beschloffen die Gesellen am Freitag in einer großen Versammlung mit 588 gegen 4g Stimmen, sofort in den Streik einzutreten. Die Forderungen der Bäcker gehen 1. auf Beseitigung des Kost- und Logiswesens. 2. einen Wochenlohn von 23 M., einen 12stüiidigen Arbeitstag, Bewilligung von freien Tagen. Die Versammlung beschloß, die Leitung der Partei iu Leipzig sowie das Gewerkschaftskartell um Unterstützung, eventuell in Forni des Boykotts, anzugehen. Mehrere Meister haben die Forderungen bereits bewilligt. Die Gesellen kehrten gestern abend nicht mehr in den Betrieb zurück. IZusland. Blutige Zusainmcnstöste beim Seemannsstreik in Amsterdam. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag ist iu Amsterdam Polizei und Militär mit Säbel und Schußwaffen gegen die streikenden Seeleute, gegen Frauen und Männer, vorgegangen. Die Truppen haben auf hie Menge, und sie haben sogar in die Feirster geschossen. 12 bis 15 Personen sind verwundet, unter ihnen mehrere Frauen. Eine Frau, die durch eine Kugel in den Leib getroffen wurde, ist bereits an ihren Wunden verstorben. Die Veranlassung zu diesem mörderischen Borgehen war, daß auf einige Polizeileute, die einen Streikbrecher transportierten, mit Steinen geworfen war. Dos geschah in der Kleinen Kaltenburgstraat, wo fast in jedem Hause Streikende wohnen und wo der Hauptpunkt der ganzen Streikbewegung ist. Die Polizei hätte den Streikbrecher ebenso gut einen anderen Weg führen können. Sie hätte im voraus wissen müssen, daß der Transport durch jene Straße leicht zu Unruhen führen konnte und geradezu provozierend auf die sowieso erregte Menge wirken mußte. Als uin �/z2 Uhr weitere Truppen eintrafen, sollen auch aus den Reihen der Streikenden einige Schüsse gefallen sein._ Tie Lithographen und Stcindrucker in Spanien waren bis zum 1. Januar 1911 in örtlichen Fachvereinen organisiert. An diesem Tage ist der auf dem im Oktober abgehaltenen Kongreß gegrün- dete„Spanische Lithographenbund" ins Leben getreten. Die Mit- glieder aller Ortsvereine haben sich dem Zentralverband angc- schloffen und dieser hat sich auch bereits dem Internationalen Bund der Lithographen, Steindruckcr und verwandten Berufe an- gegliedert, dessen Sitz in Berlin ist. Der„Spanische Lithographen. bund" hat sich auch ein eigenes Fachorgan..La Federacion Lito- grafica" zugelegt, das vorläufig alle zwei Monate erscheinen soll. Die erste Nummer ist erschienen, sie ist vierseitig in Buchdruck her- gestellt und macht einen ausgezeichneten Eindruck. Allem Anschein nach sind die spanischen Lithographen und Steindrucker auf dem besten Wege, rasch vorwärts zu kommen und ihren älteren Bruder- verbänden im Auslande im Ausbau ihrer Organisation nach- zueifern._ Jugendbewegung. Die österreichische Jugendorganisation existiert bekanntlich ganz legal auf Grund nicht etwa eine? liberale Blockerzeugnisses, sondern des Vereinsgesetzes von 1862. Der sich über ganz Deutschösterreich erstreckende„Verband jugendlicher Arbeiter Oesterreichs" hat zurzeit 195 Ortsgruppen, davon sind 123 in Deutsch- böhmen und 37 in Wien und Niederösterreich. Das Verbandsorgan erscheint in mehr als 10 500 Exemplaren. Bildungsarbeit, Lehrlings- schütz, Agitation für Gewerbeschulreform und Werbearbeit für die Gewerkschaften sind die Hauptaufgaben des Verbandes. Die Mil glieder sind durchwegs deutscher Nationalität. mit den anders� sprachigen Jugendorganisationen, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen, ist der Verband in einem Kartellverhältnis. Der Kassenbericht bilanziert Ende 1910 mit 52 300 Kronen gegen— 6200 Kronen zu Ende 1907. Immerhin gibt es auch für die öster> reichische Jugendorganisation eine ganz erkleckliche Zahl von Ver urteilungen wegen Vereins« und Kolportagevergehen: 1910 mußten 152 Kronen Strafe gezahlt und 428 Stunden Arrest ab- gebrummt werden._ Abermals die Suchdrucker Serlins uud die Zlorgauge bei Scherl. Die bekannten Vorgänge bei August Scherl oder vielmehr die Stellung, die die Vereinsversammlung der Buchdrucker Berlins dazu eingenommen hat, gab dem Hauptvorstand des Verbandes der Deutschen Buchdrucker Veranlassung zur Einberufung einer Konferenz der Gauvorsteher aus dem ganzen Reiche, die am 3. und 4. Juli in Berlin stattfand. Auf dieser Konferenz wurde mit allen gegen zwei Stimmen folgende Resolution angenommen: „Die Gauvorsteherkonferenz bringt nach eingehender Er- örterung des Kontraktbruches der Rotationsmaschinenmeister der Firma Scherl und der damit zusammenhängenden Vorkommnisse einmütig zum Ausdruck, daß der Beschluß des Tarifamtes in betreff der Vertrauensmänner genannter Firma nach der ge- pflogenen Aussprache als verständlich anzusehen ist und seine Be- gründung in den wiederholten tariflichen Verstößen findet. Weiter verurteilt die Konferenz die wiederholten Tarif- und Disziplinbrüche in Berlin, die nicht allein die Tarifgemeinschaft, sondern auch die Organisation als Vertragskontrahent aufs tieffte zu schädigen geeignet sind und die weitere EntWickelung auf diesem Gebiete gefährden müssen, auf das schärfste. Die Konfc- renz fordert demgemäß alle Mitglieder auf, im Interesse der Einheit der Organisation sich den Bestimmungen des Statuts und den Beschlüssen der Generalversammlungen auf das strikteste zu unterstellen und beauftragt den Verbandsvorstand, gegen Disziplinbrüche mit den im Statut gegebenen Mitteln energisch vorzugehen. Die Solidaritätserklärung der Vertrauensmänner ufid Per- sonale mit den kontraktbrüchigen Maschinenmeistern kann die Konferenz nur als ein vollständiges Verkennen der tatsächlichen Verhältnisse sowie der Vertragstreue und der Verbandsdisziplin bezeichnen. Die Gauvertreter erklären ihren festen Willen, an den be- währten Grundsätzen der Organisation und der Tarifgemein- schaft unter allen Umständen festzuhalten, selbst dann, wenn die zurzeit in Berlin vorhandene Strömung diesen Boden verlassen sollte. Die das Ansehen der Organisation aufs schwerste schädigen- den Vorkommnisse in der Berliner Vereinsversammlung vom 21. Juni 1911, sowie das Anrufen außenstehender Kreise in in- lernen Organisationsangelegenheiten verurteilt die Konserenz auf das entschiedenste und erklärt sich mit den Matznahmen des Verbandsvorstandcs und der Haltung des„Korrespondent" ein- verstanden. Die Konferenz erblickt in der ungehörigen Art. in der einige sozialdemokratische Parteiorgane das Urteil des Tarisamts wie die Stellungnahme des Verbandsvorstandes glossiert, einen neuen Beweis für die abfällige Beurteilung, deren sich die Buchdrucker in ihren Handlungen seit Jahren von dieser Seite zu erfreuen haben; sie bring? zukkk Ausdruck, basi eine solche Einmischung in interne Organisationsfragen nicht im Interesse der Arbeiter- schaft liegt und deshalb auch von den Buchdruckern zurück- gewiesen werden muß." Gestern abend fand nun in der„Neuen Welt" eine außer- ordentliche, aus Delegierten zusammengesetzte Generalversammlung des Vereins Berliner Buchdrucker und Schriftgießer statt, in der der Bericht von der Gauvorsteherkonferenz aus der Tagesordnung stand. Von vier Buchdruckereien lagen Anträge vor, den Punkt hier nicht zu behandeln, sondern einer allgemeinen Mitgliederversammlung zu überweisen, jedoch wurde dies nach längerer Geschäftsordnungs- debatte abgelehnt. Sodann gab der Gauvorsteher Massini den Be- richt und legte die Gründe dar, die der Konferenz für die Annahme jener Resolution matzgebend waren. Seine Ausführungen wurden wiederholt teils durch Mißfalls-, teils durch Beifallsäußerungen unterbrochen. Zu dem letzten Absatz der Resolution, die sozial- demokratische Presse betreffend, bemerkte der Redner, daß das dort Gesagte auf den„Vorwärts" nicht anzuwenden sei. Denn der „Vorwärts" habe über die Angelegenheit nicht aufwiegelnd � geschrieben, sondern durchaus sachlich berichtet und fach- lich Kritik geübt. Wenn aber wirklich irgendwo die sozial- demokratische Presse oder sonst ein Blatt gegen die Organisation vorgehen sollte, so müsse dem selbstverständlich ganz energisch entgegengetreten werden. Im übrigen betonte der Redner, daß, wo für die Organisation Gesetze bestehen, die sie in ihrer freien Entwickelung hemmen, man darauf hinwirken müsse, sie zu be- seitigen, daß man aber, solange die Gesetze bestehen, sie unter allen Umständen halten müsse. Die Situation sei außerordentlich ernst. Die Versammlung aber müsse zu der Erklärung kommen, daß sie die Fahne der einheitlichen Organisation nie verlassen werde. Die Ausführungen des Referenten wurden am Schlüsse mit ziemlich allgemeinem Beifall aufgenommen. Aus der Mitte der Versammlung lag eine Resolution vor, worin die schärfste Miß- billigung über die Resolution der Gauvorsteher ausgesprochen, ferner erklärt wird, daß man mit festem Willen an den bewährten Grundsätzen der Solidarität festzuhalten, selbst dann, wenn eine Strömung im Verbandsvorstande diese Grundsätze verlassen sollte, und in der schließlich„nach wie vor eine Revision des ungeheuer- lichen Urteils des Tarifamts" verlangt wird. Außerdem wurde eine zweite Resolution eingebracht, in der .unter anderem gesagt wird, daß die Versammlung die Resolution der Gauvorsteher nicht anerkennen kann, da die Konferenz zu keiner gerechten Würdigung der Berliner Vorkommnisse gekommen sei, in- dem sie sogar das Tarifamtsurteil als verständlich bezeichnete, wo- mit dem Vertrauensmännerinstitut der stärkste Schlag versetzt worden sei; ferner, daß die Verurteilung der Solidaritätserklärung bei Ullstein und Mosse geeignet sei, das Solidaritätsgefühl zu unter- graben, daß die Verurteilung des Umstandes, daß Mitglieder sich an den Gewerkschaftskongreß wandten, einen Eingriff in das Recht jedes Angeklagten, sich an unbefangene Richter zu wenden, be- deute; daß die Verurteilung der Parteipresse zu der Erklärung zwinge, daß der„Vorwärts" zu dem Konflikt in vollständig objek- tiver Weise Stellung genommen, und auf die Anzapfungen des „Korrespondent" in vornehmer und zurückhaltender Form ge- antwortet habe. Außerdem wird in der Resolution ver- langt, daß den Mitgliedern, gegen die eventuell mit den schärfsten statutarischen Mitteln vorgegangen werden soll, unter allen Umständen das Recht gesichert werde, im„Korrespon- dcnt" sich zu verteidigen, und schließlich wird erklärt, daß die Ge- neralversammlung von den beiden Vertretern des Berliner GaueZ envartet hätte, daß sie auf der Konferenz energischen Protest ein- gelegt und erklärt haben würden, daß sie die dort gefaßte Resolution unter keinen Umständen vor den Berliner Kollegen vertreten könnten, und alles aufbieten würden, um den deutschen Kollegen ein objektives Bild von den Vorkommnissen zu geben. Diese Resolution wurde nach einer sehr lebhaften Debatte, die bis gegen Mitternacht dauerte, mit starker Mehrheit angenommen. In der Diskussion hatten sich alle Redner bis auf einen gegen die Stellungnahme der Gauvorstehrkonfcrenz gewandt. Zu den Bor- gängen bei Scherl wurde noch bemerkt, daß die Firma wohl die Zahl ihrer Rotationsmaschinenmeister wieder auf 38 komplettiert, aber die 8 bei der Beendigung des Konfliktes ausgeschlossenen Maschinenmeister auch jetzt noch nicht wieder eingestellt, sondern statt ihrer Leute von auswärts herangezogen habe. LrCtztc j�adirfditctn Protest des internationalen Proletariats. Brüssel, 7. Juli.(P. T.) Das internationale sozia- l i st i s ch e Bureau hat beschlossen, eine allgemeine Versammlung sämtlicher sozialistischer Parteien ocr Welt einzuberufen, um gegen die Konflikte» die aus der marokkanischen Krise entstehen, zu pro- testieren._ Eine offiziöse Meldung. Köln, 7. Juli.(Priv.-Tel. W. T. B.) Die„Kölnische Zeitung" meldet aus Tanger: Sämtliche hier ansässigen einflußreichen Leute aus dem Sus haben an den hiesigen deutschen Gesandten einen Brief geschrieben, worin sie ihr Einverständnis und ihre Genug- tuung darüber erklären, wenn Deutschland den Sus unter seinen Schutz stellen sollte._ Tie Eisenbahnerfrage in der französischen Kammer. Paris, 7. Juli.(W. T. B.) In der Kammer begründete heute der Deputierte C o l l y einen Antrag, der auf die Wiedereinsetzung der entlassenen Eisenbahner abzielt. Ministerpräsident Caillaux erinnerte an die Verpflichtung, die in dieser Beziehung in der Ne- gierungserklärung übernommen worden sei und fügte hinzu, die Regierung sei aus Menschlichkeit zu den weitestgehenden Maßregeln bereit, aber sie werde keine Störung der Ordnung dul- den. Die Tagesordnung Pech ad re, welche die ministerielle Er- klärung billigt und der Regierung das Vertrauen ausdrückte, wurde mit 361 gegen 81 Stimmen angenommen. Unwetter in Galizien. Ezernowitz, 7. Juli. lH. B.) Infolge niedergehender ivolken- bruchartiger Regen sind alle Flüsse der Bukowina im Steigen begriffen und teilweise aus den Ufern getreten. Die Czuremosa- brücke ist eingestürzt. Mehrere Ortschaften find überschwemmt. Unwetterkatastrophe. . Nischni Nowgorod, 7. Juli.(P. C.) Heute ist hier ein ge- waltiges Unwetter niedergegangen, das unberechenbaren Schaden verursacht hat. Seit vielen Jahren ist ein ähnliches Ereignis von so großer Tragweite hier nicht beobachtet worden. Stundenlang ergoß sich ein wolkenbruchartiger Regen über Stadt und Land, dem schließlich ein furchtbarer Hagelschauer folgte. Die Schloffen waren etwa wie Hühnereier groß und prasselten länger als eine Viertel- stunde auf die Dächer der Stadt und die schon in der Reife stehenden ausgedehnten Getreidefelder der Umgegend nieder. Zu derselben Zeit wütete ein Orkan, der zahlreiche Häuser abdeckte und von so ungewöhnlicher Stärke war, daß große Dachsparren meilen- weit fortgetragen wurden. Viele Schornsteine stürzten nieder, und die herabfallenden Trümmer töteten eine große Anzahl Straßengänger. Auch einzelne Häuser stürzten ein. Zwei auf der Wolga verankerte Schiffe lösten sich von ihren Ankern und ver- sanken in den Fluten. Die Besatzung beider Fahrzeuge fand ihren Tod in den Wellen. Bandenunwesen in der Türkei. Saloniki, 7. Juli.(W. T. B.) Mehrere bulgarische Banden- führer haben auf türkischem Boden ihre Tätigkeit begonnen. Eine aus 6 Köpfen bestehende Bande hat in V i s e n i bei F l o r i n a einen Notabel» ermordet, einen zweiten verwundet und einen dritten ins Gebirge entführt. Die Räuber fordern ein Lösegeld von 600 Pfund. Es sind Maßregeln zur Vernichtung der Banden ge, troffen. *,>*•»■»'» l«v] W 1 4 J, U l; C* e w» I" Q«- 4.VV]|W. Perantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. In jeratenteil vergntw.z Th- Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.tt Verlagsanstalt Paul Singer ä Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen«.Untcrhaltungöbl. Nr. 157. 28. Jahrgang. 1. MW des Awiirls" Mim itolMIttt SmimM, 8. 1»li 1911. Die KraDhen* und Qnfallverilclierung in der Schweiz. ÄuS Zürich wird uns geschrieben: Nach 3>/z jähriger Beratung hat die Bundesversammlung jetzt endlich die Kranken- und Unfallversichernng verabschiedet. Ihre An- nähme ist aber noch nicht gesichert, da die welschen Manchester- männer und Spekulanten wahrscheinlich das Referendum anrufen werden und so den Stimmberechtigten der ganzen Schweiz in letzter Linie der Entscheid zufallen wird. ftür die Krankenversicherung wird die gegenwärtige Freiwilligkeit beibehalten, also kein BersichcrnngSzwang fest- gesetzt. Aber die Kantone sind ermächtigt oder sie können auch einzelnen Gemeinden die Ermächtigung geben, von sich ans die Krankenversicherung allgemein oder für einzelne Bevölkcrungsklassen, also nur für die Arbeiler, obligatorisch zu erklären und öffentliche Kasse» unter Berücksichtigung der bestehenden Krankenkassen ein- zurichten; ferner die Unternehmer zu verpflichten, für die Einzahlung der Beiträge ihrer in öffentlichen Kasten obligatorisch versicherten Arbeiter zu sorgen. Dabei untersagt aber das Gesetz ausdrücklich, den Unternehmern irgendwelche Beiträge aufzuerlegen. Dafür haben sie allein die Beitrage an die Unfallversicherung zu leisten, die schon vom dritten Tage nach dem Tage des Unfalls an Ent- schädignng bezahlt, so daß die Krankenkassen nicht wie in Deutsch- land die Kosten einer Karenzzeit zugunsten der Unfallversicherung bezw. der Unternehmer auf sich nehmen mästen. Die Krankenversicherung knüpft also an die bestehenden Kranken- kästen an und macht sie zu ihren Trägern, wobei die Frage der Selbst Verwaltung durch die Versicherten von vornherein gelöst ist und gar nicht erst diskutiert werden muff. Die Krankenkassen werden vom Bunde(Reiche) subventioniert und erhalten, wenn sie die bezüglichen Bedingungen erfüllen, den Charakter von.anerkannten Krankenkassen". Die Be- diugungen sind in formeller Beziehung die Einrcichung der Statuten der Krankenkasten und ihrer übrigen Bestimmungen über die Rechte und Pflichten der Mitglieder, fowie der Jahres- rechnungen an den Bundesrat in Bern zur Prüfung; in materieller Beziehung die Uebernahme von Minimalleistungen, die in mindestens einem Franken täglichem Krankengeld oder Arzt und Apotheke für die Dauer von mindestens sechs Monaten nach höchstens dreimonat- sicher Karenzzeit bestehen. Es ist auch zulässig, nur drei Viertel der Kosten für Arzt und Apotheke, aber für die Dauer von 9 statt nur 6 Monaten zu bezahlen. Bei Erfüllung dieser Bedingungen können sich sämtliche bestehenden Krankenkassen, auch Gewerkschaften für ihre Krankenunterstützung, um die Bundes- subvention als.anerkannte Krankenkassen" be- werben. Die Freizügigkeit der Kastenmitgliedcr ist dergestalt Sarantiert, daß sie bei WohnungS-, Berufs- und Stellenwechsel, wenn e mindestens ein Jahr lang einer Kasse angehört haben, um sich vor Ablauf von drei Monaten bei einer anderen für sie in Betracht kommenden Kaste zur Aufnahme melden, ohne Eintritts- geld, ohne ärztliches Zeugnis« und AlterSauSlvciS, sowie ohne Karrenzzeit aufgenommen werden müssen. Aus Gewerkschafts- und Betriebskrankenkassen erstreckt sich diese allgemeine Freizügigkeit nicht. Dagegen müssen Betriebskrankenkassen jene Mitglieder, die mindestens fünf Jahre lang in einem Betriebe in Arbeit standen, auch nach dem Austritte aus dem Betriebe fernerhin als Mitglieder be- halten, wenn sich diese nicht einer anderen Kaste anschließen können. Es soll dadurch verhindert werden, daß rücksichtlose Unternehmer ihre alten Arbeiter auf Kosten der gemischten Kranlenkasjen ab- stoßen. Die Frauen find auch gegen die Folgen der Nieder- k u n f t versichert, jedoch darf deshalb von den weiblichen Mitgliedern kein höherer Beilrag als von den männlichen verlangt werden. Der Ausgleich ftir die daraus entstehende stärkere Inanspruchnahme der Kassen erfolgt durch einen höheren Bundesbcitrag. Die weiblichen Mit- glieder erhalten nach wenigstens neunmonatiger Zugehörigkeit zu einer anerkannten Krankeitkaste im Falle der Niederkunfl während mindestens sechs Wochen die Unterstützung, wobei es selbstverständlich ganz gleich- gültig ist, ob sie dem Fabrikgesetz unterstehende Arbeiterinnen sind oder nicht. Diese sechs Wochen ivcrden aber nicht eingerechnet in die 130 Tage, während denen die Unterstützung imMinimum dauern soll. Dafür zahlt der Bund den Kassen für jede Niederkunft einer vcr- sicherten weiblichen Person einen Extrabeitrag von 20 Fr. und weitere 20 Fr., sofern die Wöchnerin ihr Kind noch mindestens weitere vier Wochen selber stillt. kleines fcuilkton. Hibeweklcn in Amerika. Die Vereinigten Staaten sind da? Land der größten klimatischen Gegensätze. In keinem anderen Kulturland der Erde ist das Klima so wcchselvoll. Wie das Land troß seiner südlichen Lage— New Nork liegt auf dem Breitengrad von Neapel— im Winter von bitterer Kälte und vor allen Dingen von ungeheuren SckMccestürmen, den sogenannten Blizzards, heim- gesuckä wird, so bringt der Sommer alljährlich mehrmals fast un- erträgliche Hitze, wie sie in Europa völlig unbekannt und in der alten Welt allenfalls am Persischen Golf zu finden ist. Von dem Wesen dieser amerikanischen Hitzewellen macht man sich aber bei uns gewöhnlich ganz falsche Vorstellungen. Die Hitze in den Oststaaten, z. B. in New 3)ozt, ist völlig verschieden von der auf den Hochebenen der südwestlichen Staaten. Sie ist verschieden sowohl nach Ursache als nach Wirkung. Die trockenen Binnenstaatcn Arizona, Nenmexiko und Colorado, mit ihrem Wüstencharaktcr gleichen im Sommer zeitweilig der Sahara, da in diesen ivasser- armen Gebieten oft. wochenlang ununterbrochen wolkenloser Himmel herrscht. Das Thermometer steigt dort dann regelmäßig auf 40 bis 45 Grad Celsius im Schatten. So kommt es, daß die monatliche Durchschnittstcmperatur in diesen Gebieten im Juli mehr als 36 Grad beträgt. Wenn man bedenkt, daß Berlin ein langjähriges Julimittel von IS Grad CclsiuS hat, daß außerdem auch an unseren allerheißcsten Sommertagcn in Deutschland das TageSmittel 28 bis 29 Grad nicht übersteigt, so kann man ermessen, welche Glut auf den genannten Hochebenen herrscht. Trotzdem ist diese Hitze nicht so unerträglich. Denn die Luft ist dabei absolut trocken? außerdem findet nachts eine so bedeutende Ausstrahlung statt, daß Mensch und Tier sich immer wieder erholen und bei einer erträglichen Temperatur der Ruhe Pflegen kann. Ganz anders ist es um die Hitze in den Oststaaten bestellt. Hier lagert nicht, wie in den Hochebenen des Südwestens der Union, ein Hochdruckgebiet über dem Lande, die ganze Ostküste steht viel- mehr während einer Hitzeperiode unter der Wechselwirkung eines Hochs und eines Tiefs, die den Zustrom heißer und dampf- gesättigter Seeluft aus dem Atlantik zur Folge hat. Im Hoch- sommer ist der Tieil des Atlantischen Ozeans, der nördlich des westindischen Archipels liegt, außerordentlich stark erwärmt, so daß in diesen Gelväflcrn tropische Glut herrscht. Diese Erhitzung hat natürlich eine außerordentlich starke Verdunstung auf dem Ozean zur Folge, und wenn infolge der Luftdruckvcrhältnisse diese feuchte Glut nordwärts nach den Staaten der Ostküstc getragen wird, so vereinigt sich dort die direkte Wirkung der Sonnenein- strahlung mit der seuchtheißen Meeresluft. Die Folge ist eine geradezu unerträgliche, drückende Schtvüle. Allerdings schtvindct der Sonnenschein um so mehr, je länger die Hitzeperiode andauert. Das Schlimme an dieser Hitze ist gerade der Umstand, daß die Sonn� von dem fcuchtwarmen Dunst verhüllt wird, daß die ganze Atmosphäre von heißen Dampfschwaden erfüllt scheint. Würde die Sonne scheinen, so würde auch nachts eine gewisse Abkühlung er- Für Inanspruchnahme von Aerzten und Apotheken setzt zunächst das Gesetz ganz allgemein die unbeschränkte freie Wahl feft, »m dann aber Ausnahmen davon zuzulassen, die vielleicht in der Zukunft die Regel bilden werden. Die Kassen erhalten nämlich das Recht, mit Aerzlen oder deren Vereinigungen Verträge abzuschließen und ausschließlich diesen Aerzten die Behandlung ihrer Mitglieder anzuvertrauen. Die Acrzte. die seit mindestens einem Jahre im Tätigkeitsgebiete der Kasse praktizieren, können einem solchen Ver- trage beitreten. Dagegen können die össentlichcn und obligatorischen Kassen in dünnbevölkerten Gebirgsgegenden mit geringer Wegsamkcit, wenn sie mit Aerzten Verträge abschließen und ihnen Wartegelder ausrichten, den Beitritt anderer Aerzte zu dem Vertrage ausschließen. Die Kassen sind ferner besagt, Vertrauensärzte, insbesondere zur Kontrolle des ärztlichen Dienstes zu bestellen. Die Bestimmungen über die Freiheit der Wahl des Arztes bezw. über den Abschluß von Verträgen gelten auch für daS Verhältnis zu den Apothekern. Die Kassen haben aber überdies daS Recht, wenn keine Verträge zustande kommen, längstens für ein Jahr den Mitgliedern an Stelle der ärzt- lichen Behandlung und der Arzneien Barunterstütznngen in der Höhe der durchschnittlichen Arzncikosten zu gewähren. Die Tarife für ärztliche Leistungen und Arzneien werden von den KantonSregiernngen nach Anhörung aller Beteiligten, also auch der Vertreter der Kassen, aufgestellt. Für die Erledigung von Streitigkeiten zwischen Kassen und Aerzten oder Apothekern sind Schiedsgerichte vorgesehen, in denen beide Parteien die gleiche Zahl von Vertretern haben. Die Versicherten dürfen nur zwei Krankcnkassen angehören; für das Uebcrgangsstadium wird aber auch die Mitgliedschaft in mehr als zwei Kassen anerkannt. Immerhin dürfen auch dann alle Unter- stützungen zusammen nicht mehr als den vollen Lohn ausmachen. Für den B n n d e s b e i t r a g ist mit entsprechender Abänderung daS Genter System für die Förderung der Arbeitslosenunterstützung akzeptiert. Der Bund leistet nämlich jährliche Beiträge an die Kassen in folgender Abstufung: Für Kinder bis zum 14. Lebens- jähre und für männliche Erwachsene je 3,50 Fr., für weibliche 4 Fr.; an die Mitglieder derjenigen Kassen, die beide Minima in Natura»nd Geld leisten, pro Kopf jährlich 5 Fr. und endlich 5.50 Fr. pro Kopf und Jahr an solche Kassen, die an 240 Tagen im Jahr die Unterstützung leisten. Den Kassen in Gebirgsgegenden können vom Bunde pro Kopf und Jahr 7 Fr. gegeben werden. Wo in diesen Gegenden keine Krankenkassen bestehen, kann der Bund pro Kopf und Jahr 2 Fr. leisten in der Meinung, daß Kranke und Gemeinde mitzählen, um die Krankenpflege zu erleichtern, und er kann ferner das Ver- langen stelle», daß innerhalb einer gewissen Frist eine Krankenkasse organisiert werde. Soviel über die Krankenversicherung, die angesichts des Um- standes, daß nicht nur Arbeiter Mitglieder von Krankenkassen sind, sondern Angehörige aller Volksschichten, als eine allgemeine Volks- Versicherung bezeichnet werden kann. Möglich ist allerdings, daß später doch noch daS Obligatorium der Krankenversicherung für alle Arbeiter, Dienstboten und Angestellten bis zu einer gewissen EinkommenSgrenze geschaffen wird. In der durch das vorliegende Gesetz den Kantonen bezw. Gemeinden übertragenen Befugnis, das Obligatorium der Krankenversicherung für.einzelne Bcvölkerungs- klassen" einzuführen, ist bereits der Ansatz zu dem später« allgemeinen Obligatorium enthalten. DaS erste im Jahre 1900 in der Volks- «bstimmung verworfene Bersichcrungsgesctz enthielt die obligatorische Krankenversicherung, aber sie bildete gerade mit einen der Gründe, die zur Verwerfung führten. Insbesondere waren eS die stark von bürger« lichcnKreiscn beeinflußtenKrankenkossen der welschen Schweiz, die hiermit der VcrwerfungSparole einsetzten. Nach dieser Erfahrung ist inS vorliegende Gesetz statt der obligatorischen nur die fakultative Krankenversicherung aufgenommen worden. Für die Unfallversicherung besteht das Obligatorium indessen auch nicht allgemein, da die Landwirtschaft auS« genommen ist. Ihr wird, wie in Deutschland, immer eine Extrawurst gebraten, um die Interessen der Agrarier gegenüber ihren Arbeitern zu begünstigen. Die obligatorische Unfall- Versicherung gilt für alle Arbeiter und Angestellten der Eisenbahnen, Post- und SchiffahrtSunternehmunge», der Fabriken, der Bau- und übrigen Transportgewerbe(Fuhrhaltcrei, Flößerei), Telegraphenverwaltnng, Bergwerke usw., wobei Beamte als Angestellte, Lehrlinge, Volontäre und Praktikanten alS Arbeiter gelte». Die obligatorische Unfallversicherung gilt für alle Betriebe der in Betracht kommenden Gewerbe, wenn auch nur ein Arbeiter beschäftigt wird. Die obligatorische Versicherung erstreckt sich auf die Betriebs- und Nichtbetriebsunsälle, wobei aber für die Kosten der letzteren nur die Versicherten und der Bund aus- komnieu müssen, die Unternehmer also dafür nicht; leisten. Zu der obligatorischen Versicherung kommt noch die frei- folgen, während in Wirklichkeit der starke Wasserdampfgchalt der Luft jede nächtliche Wärmeausstrahlung unmöglich macht. So fehlt den erschöpften Menschen jede Erguickung, an Schlaf ist nicht zu denken, da die Hitze auch vor Tagesanbruch oft noch 35 Grad beträgt, und da sie bis zum Nachmittag täglich auf 40, ja sogar 45 Grad Celsius im Schatten steigt. Ein Steckbrief gegen Napoleon I. Steckbriefe gegen gekrönte Häupter sind eine ungewöhnliche Erscheinung, doch in der neueren Geschichte stehen sie keineswegs vcremzelt da. Bismarck z. B. hat während des Karlistenkrieges im Jahre 1874 gegen den damaligen Thronprätcndcntcn, den vor wenigen Jahren in Venedig vcr- storbenen Don Carlos, einen Steckbrief erlassen, weil er für den von den Karlisten getöteten preußischen Hauptmann Schmidt die geforderte Genugtuung nicht erhalten konnte. Aber auch gegen Napoleon I. ist während des russischen Feldzugcs ein Steckbrief erlassen worden. Seit dem Aufbruch der großen Armee von Moskau, am 24. Ok. tobcr 1812, erhielt sich unter den französischen Truppen das be- stimmte Gerücht, daß sich die Russen uni jeden Preis Napoleons bemächtigen wollten. Es ist eine beglaubigte Tatsache, daß der KosakenheMian Platoff seine wegen ihrer Schönheit viclbewunderte Tochter dem zur Ehe versprochen hatte, der den Kaiser lebendig einliefern werde, und als der Admiral Tschitschagoff dem fliehenden französischen Heere den Uebcrgang über die Bercsina sperrte, glaubte er bereits, mit leichter Mühe diesen Preis erwerben zu können. Aus dieser Zeit stammt auch die nachstehende genaue Beschreibung des Kaisers, die Platoff an alle seine Untergebenen verteilen ließ. Der Steckbrief, mit dem sich jetzt auch die Fyrilles d'histoire beschäftigen, lautet wörtlich: „Die Armee Napoleons befindet sich mitsamt dem Urheber aller Gräuel und Verwüstungen Europas auf eiliger Flucht. Wir sind diesem Menschen auf den Fersen, und es ist nicht unmöglich, daß der allmächtige Gott seinem Wüten dadurch ein Ende bereitet, daß er ihn uns in die Hände liefert. Zu diesem Zwecke mache ich hierdurch die Persönlichkeit dieses Menschen allgemein bekannt. Er ist von kleiner Statur, ziemlich korpulent und hat ein bleiches Gesicht; der Hals ist feist und kurz, der Kopf ist außergewöhnlich groß und mit dichten schwarzen Haaren bedcckr. Um seiner gewiß habhaft zu werden, sollen alle Menschen, die dieser Schilderung entsprechen, cingefangen und mir ausgeliefert werden," Humor und Satire. Ein Lobredner. Bei dem zwanzigfachen Millionär Leopold Aoldbcrgcr beklagte sich ein polnischer Glaubensgenosse bitter über die deutsche Bureaukratie. Er behauptete, man hätte ihm in einer Klagesache das erbetene Armutszeugnis verweigert; er sagte der deutschen Bureaukratie noch viele andere Schlechtigkeiten und Dummheiten nach und verfluchte sie aus Herzensgrunde. Dem Herrn Geheimen Kommerzienrat ging dies offensichtlich wider den Strich. willige Versicherung und die freiwillige Versiche- rung von Drittpersonen, wobei die erstere, wie im Gesetz ausdrücklich erklärt ist, besonders für die Landwirtschaft berechnet ist. Ein wesentlicher Unterschied der freiwilligen, gegenüber der obligatorischen Versicherung besteht darin, daß diese bis zu einer Höchstgrenze von 14 Frk. Tagelohn oder 4000 Frk. Jahreslohn, jene aber nur bis zu einem Einkommen von 3000 Frk. geht. Die frei- willige Versicherung von Drittpersonen ist für die Unternehmer bestimmt. Die Unfallversicherung wird verstaatlicht, die Zcntralverlväl- tung erhält ihren Sitz in Luzern. Die Unfallversicherung be- sitzt insofern die S e l b st v e r w a l t u n g, als der Verwaltungs- rat zusammengesetzt wird aus 12 Vertretern der obligatorisch Versicherten, 16 Vertretern der Inhaber von Betrieben, die der Ver- sichcrungspflicht unterliegen, aus vier Vertretern der freiwillig Versicherten und 8 Vertretern des Bundes, so daß die Angestellten und Arbeiter 12 Vertreter unter den 40 Mitgliedern haben, also immer nur eine Minderheit bilden. Gewählt Wird�der Verwaltungsrat auf Vorschlag der beruflichen Zentralverbände auf die Tauer von 6 Jahren; es sind auch nicht versicherte Ge« werkschaftssekretärewählbar. Die weiteren Verwaltungsorgane sind die Direktion und die Agenturen; jeder Kanton hat auf wenigstens eine Agentur An- spruch. Die Agentur ist die Form, in der auch die Kranken- lassen zur Mitwirkung an der Unfallversiche- rung in Anspruch genommen werden können. Die Kassen haben die Prämien einzuziehen, die Unfallmeldung und Auszahlung der Versicherungsleistungem zu besorgen. Die verauslagten Summen nebst Entschädigung für die Verwaltungsarbeiten werden den Kassen von der Unfallversicherung zurückgezahlt. Einbezogen in die Unfallversicherung sind auch die eigentlichen Gewerbe- oder BerufskraiVkheiten, deren Versicherung heute oft schwierig gemacht wird oder von Unfallvcrsicherungsgescllschaften ganz ausgeschlossen ist. Die Leistungen der Unfallver- s i ch e r u n g bestehen in 80 Proz. des Lohnes bei vorübergehen- dem Schaden, in 70 Proz. Maximalrente für die schwersten Un- fälle und Abstufung bei tcilweiscr Arbeitslosigkeit; in besonders schweren Fällen kann die Rente bis auf 100 Proz. erhöht werden. Die Hinterlassenenrente beträgt im Maximum 60 Proz. des Lohnes. Die Witwenrente allein beträgt 30 Proz., die Kinder- rente 15 Proz. und wenn beide Eltern gestorben sind, 25 Proz. und zwar bis zum vollendeten 16. Lebensjahre, für Kinder mit ge- schwächtcr Erwerbsfähigkeit solange, bis der verunglückte Ernährer eines solchen das 70. Altersjahr erreicht hätte. Für Vorfahren und Geschwister gehen die Renten bis auf 20 Proz. Das Sterbegeld bträgt 40 Frk. Das geltende Haftpflichtgesetz kennt nur ein Ent- schädigungsmaximum von 6000 Frk. auch bei tödlichem Unfall; nach dem neuen Unfallvcrsichcrungsgcsctz können die Renten einen Ge- samtbctrag von 20 000—60 000 Frk. erreichen. Die Ausländer sollen nach den Leistungen ihres Heimatlandes behandelt werden, wofür Deutschland das schlechte Muster geliefert hat. Für die Versicherungsprämien wer- den Gefahrenklassen aufgestellt, die für alle Zweige der Versiche- rung gelten. An Prämien für Nichtbctricbsunfälle leistet der Ver- sicherte drei Viertel, der Bund ein Viertel; zu den Prämien der freiwillig Versicherten leistet der Bund 12%, Proz. Zuschuß. Für die Gründung der staatlichen Unfallversicherung gibt der Bund ein Betriebskapital von 5 Millionen Franken und weitere 5 Millionen zur Schaffung eines Reservefonds. Ucber die Re- gclung der R e ch t s p f l e g e bestimmt das Gesetz, daß jeder Kanton ein eigenes Gericht als erste Instanz für die Behandlung von Streitigkeiten zu bezeichnen hat und als zweite Instanz wird ein � eidgcn. Versicherungsgericht in Luzern errichtet. Bedürftigen Pro- zcßpartcien kann ein unentgeltlicher Rechtsbeistand gewährt und die Leistung von Kautionen, Expcrtcnkostcn, Gcrichtsgebühren und Stempcltaxen erlassen werden. Gegenüber dem bestehenden Zu- stand bedeutet das Gesetz trotz seiner Mängel einen erheblichen Fortschritt, weshalb es auch die Zustimmung der Arbeiterschaft gefunden hat. Sollten die kapitalistischen Gegner des Gesetzes einen Rcscrendumskampf inszenieren, so werden sie die gesamte organisierte Arbeiterschaft gegen sich haben. Eins Induftm und Handel Brot und Raum für alle. Marion. K a n s., Juni 1911. In Rußland, Indien, China falle» alljährlich Hunderttausende dem Hungertyphus zum Opfer. Hunderttausende sind cS, die in den Hör mer auf, Schmnhl, mit Deinem Geseire! polterte er. Ich laß nischt kommen ans de daitsche Bnreankratie I I ch kann alles bei ihr erreichen I Wenn i ch wollt klagen auf e' Armutszeugnis, i ch bekämS gleich I_ Hans Reiter. Notizc». — K u n st ch r o n i k. Den, Kaiser-Friedrich-Mnsenm wurden von einer Gruppe von Gönnern(Belohnung erfolgt später, eine Reihe von deutschen Medaillen auS der Renaissancczeit überwiesen, die auS der Sammlung Lanna stammen. — Rembrandts Gemälde: Die Mühl«, die kürzlich in London für 2 Millionen Mark nach Amerika verkauft wurde, stammt nach einer eingehenden Untersuchung von Prof. v. S e i d l i tz in der Zeitschrift.Kunst und Künstler' nicht von Rembrandt selbst, sondern wahrscheinlich von seinem Schüler Acrt de Gelder.— Da bei diesen Verkäufen nicht die Schönheit sondern der Name bezahlt wird, mag der Amerikaner schön enttäuscht sein. Vielleicht gereicht es ihm aber zum Tröste, daß Herr Bode das Bild Neinbrandt zuschreibt. — Reinhardts Theater u nterneh n, ungen nehmen immer mehr phantastische Umfange an. Zu den Wanderfahrten mit dem OedipnS, den Gastspielen in München usw. treten jetzt neue Projekte in E n g l a n d. Im Londoner Colisenm soll die Panto- mime„Sunuirun" im nächsten Monat gespielt werden,„König OedipnS' wird in die Conventgarden-Oper einziehen und im Olympia-Thcater will der.berühmteste Regisseur der Welt' zu Weihnachten ein Amphitheater auftun und eine Pantomime mit .2000 Menschen auS allen Teilen der Welt' aufführen. Der selige Bornum wird sicher Konkurrenzneid empfinden. — S ch a ch n a ch r i ch t e n. In K ö l n findet zurzeit ein Schach- wettkampf zwischen Schlechter und T a r r a s ch statt. Wer zuerst sieben Partien gewonnen, gilt als Sieger, Remise» zählen nicht. Preise 2500 und 1500 M. Bisher wurden drei Partien gespielt, die alle remis wurden.— Unsere Schachspalte fällt heute aus. — Eine kühne Weltumsegelung. Bor einigen Tagen sah man im New Forker Hafen einer kleinen, gebrechlichen Segel- jacht zwei sonnengebräunte Männer entsteige», struppige, bärtige Gesellen, denen das Haupthaar bis weit über die Schultern hinab- hing. Der eine der beiden Fremden war groß und stark und schien in der Mitte der Vierziger zu stehen; der andere schien zwar nicht jünger, ober seine Gestalt war fast zart, klein und schmiegsam. Das waren die beiden kühnsten Weltumscgler der Gegenwart; der große beißt Peter Arapaki, ein griechischer Seemann, der kleine ist ein Engländer aus Coventry und heißt John Blythe. Sie können sich rühme», eine der verwegensten Weltumsegelmigen seit den Tageir des KolunibuS hinter sich zu haben, denn in ihrem kaum 12 Meter langen, kleinen Segelboot haben sie am 3. Mai 1910 die Ausreise von Bunburh auf Australien angetreten und sind jetzt nach der Um- segelung de» Kaps Horn glücklich in New Aork gelandet» Ans der kleinen Segeljacht.Pandora' haben sie auf den Weltmeeren 122 000 Seemeilen zurückgelegt. europaischen und amerikanischen Industrieländern alljährlich von der Schivindsucht dahingerafft werden; weil es ihnen an reiner Luft mangelt und aus ihrer schlechten Nahrung ein kräftiger, Widerstands- sähiger Körper sich nicht aufbauen kaun.> Jus Uncrmevliche geht die Zahl derer, die zusammengepfercht in Steinwnsten wohnen, so man Städte nennt: die Hausen muffen in Kellern und Bodenlöchern, in zweiten, dritten und vierten Höfen. Ja, ist denn die Ackerkrume der Erde schon so erschöpft, dast sie uns nicht genngeud Weizen und Korn, Acpfel, Orangen und andere' Früchte, nach denen wir verlangen, geben kann?! Und ist die Zahl der Menschen eine so graste geivorden, dast nickt geniig Naum mehr vorhanden ist, auf dast ein jeder auf einem Stückchen Erde wohnen kann, nicht eingeengt von turmhohen Mauern und rauchenden Schornsteinen?! Was sehen wir? Eine Bewirtschaftung des Boden?, die höckst- mögliche Erträge verspricht, nur auf wenigen Erdstrichen; in England, Deutschland. Belgien, Holland, Dänemark. Norwegen, Schweden, einigcir Teilen von Frankreich und Oesterreich und einigen Teilen von China. Dagegen werden weite, ungeheure Landstrecken frncht- barsten Bodens nur oberflächlich bewirtschaftet. Welch' groste Weizen« ernte könnte alljährlich das Gebiet der.schwarzen Erde" in Rustland liefern! Welche Niesenemte die Weizeiilnildereien des»ordamerikani- scheu Westens, Landstrichs üppigsten Bodens I Und gerade hier, wo der Kapitalismus am weitesten entivickelt ist, wird mit den kostbaren Gütern, welche der Mensch der Erde abringt, am derschwendcriscksteii umgegangen. So oberflächlich die Bodenbcarbeilniia. so oberflächlich auch die Einbringuilg der Ernte. Die Menge des Weizens, die auf den Feldern bleibt und umkommt, würde hinreichen, jene in Ztust- land und Asien am Hungertyphus sterbenden Menschen zu sälligen. Aber eine sorgfältige Ernte pastt nicht in daS kapitalistische Getriebe. Im Westen ist der Weizen.billig" und die Löhne„teuer". So liefert denn dieser üppige schwarze Boden von der gleichen Fläche nur ungefähr den halben Ertrag wie in Deutschland. Leicht könnte das Erträgnis der anierikanischen Weizenländereien um das doppelte und dreifache gesteigert werden— der heutige Stand der Agrikultur- technik und Ag'rikulturchemie würde cS erlauben. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse ans den kanadischen Weizen- feldern, ivelche vielleicht schon in einem Jahrzehnt für den Welt- markt eine gröstere Bedeutung haben werde», als die der Ber- eininten Staaten, Raubbau dort und Raubbau hier. Dazu kommen in Kanada noch Riesenländereien. die der Pflug noch uichl aufreiht, auf die aber bereits der Kapitalismus seilte schwere Haud gelegt hat. Westlich der grasten anierikanischen Weizenstaaten liegen groste Gebiete der Viehzuckt. Tausende von Rindern, an sich gesund und kräftig, gehen hier jährlich zugrunde, weil man sich nicht genügend um das Vieh kümmert. Entsetzlich ist der Anblick umgekommener und umkommender Tiere, welche bei grober Hitze in Wasserlvchcrn nack Waffer suchen, aber ihren Weg auS dem Sumpfe nicht wieder zurückfinden. Ein Stück Vieh spielt für den Kapitalisten— Farmer keine Rolle, während für unzählige Proletarierfamilien in Europa ein Psmid Fleisch ein unerschwinglicher Luxus geworden ist, Von der Westküste Mexikos über die llnionstaateit Kalifornien, Oregon, Washington bis weit nach?lorden in die kanadische Provinz Britisch-Kolumbien breitet sich ein Land auS, das eine Obstkamnier der Erde werden könnte. Nach Eröffining des Panamakanals dem Weltverkehr näher gerückt, ist dieses Gebiet'grost genug, das Deutsche Reich 4— 5 mal iu sich aufzunehmen. Je nack der geographischen Breite gedeihen hier alle nur denkbaren Frückte in verschwenderischer Fülle. Tausend und mehr Bnshel(zu 50—60 Pfd,f Pflaumen vom Acre s4500 Ouadratmetec), Kirschen mit tausend Pfund Ernte von einem Baume, Aepfel mit einem Erträgnis von 500 Dollar vom Acre sind keine Seltenheiten. Millionen Acres liegen noch brach, harren.noch der bestellenden Hand. Vor mir liegt eine Landkarte, auf der menschliche Weisheit die Nordgrcnze des Weizens zwischen dein 50. Grad und 55. Grad nörd- licher Breite eiligezeichnet hat, die der Gerste um den 55. Grad herum und die der Kartoffel zwischen dem 55. Grad und 60. Grad. Aber schon hat die Ackerbauabteilung der Vereinigten Staaten berichtet, dast die in Alaska angestellten Viehzucht- und Ackerbauversuche die besten Ergebnisse gezeitigt haben. Das Vieh ist prächtig gediehen, im Soinmer gehalten auf natürlichen Weide- flächen, im Winter unter leichten Dächern. Winterweizen und Winterroggcn haben den Winter überstanden und alle Frühjahrs- getreide sind zur vollen Reife gediehen. Das alles unter dein 65. Grad nördlicher Breite! Wir sehen, es gibt reiche Möglichkeiten auf dem Erdenballe: Brot und Raum für alle l Möglichkeiten, die sich in einer inter- national organisierten, auf sozialistischer Basis ruhenden Gesellschaft ins Unendliche steigern lasten. Aber die bürgerlich-kapitalistische Ge- sellschast ist keine wohlorgauisierte Gesellschaft, sie ist eine Gesellschaft der Anarchie. Während ungeheuere Arbeit geleistet tuird für vollständig unkulturelle Zwecke u»d ebenso viel ungeheuere Arbeit für eine planlose Produktion, liegen riesige Ländereien fruchtbarsten Bodens brach oder werden nur oberflächlich bewirtschaftet. Riesiger, natürlicher Reichtum der Erde und doch furchtbares menschliches Elend! In den Vierteln des Proletariats von Petersburg, Berlin und London ebensogut wie in denen von New Aork, Chicago und St. Louis. Liegt es da nicht auf der Hcmd, dast die Vollsivirtschaft nur aui internationaler Basis zum Vorteile aller geregelt werden kann? Auch einer der Gründe, warum der Sozialismus interiiatioual sein must. Und wenn für da? Proletariat die Welt heute eine Well des Elendes ist— am Erkennen und Wollen eben dieses Proletariats liegt es, auS ihr eine Welt der Herrlichkeit und Pracht zu machen. angevot auch im Juni noch gewachsen, vermag indes ganz besonders während der heisten Jahreszeit die übrigen Fleischgattungen nicht voll zu ersetzen, zumal nur ein verhältniSmöstig geringer Teil des Schweines sich zum Frischkonsum eignet. Nus cier frauenbe�egimg. Versammlungen— Veranstaltungen. Borsigwalde. Montag, den 7. August: Dampferpartie nach Papen» berge. Gemeiniamer Abmarsch früh ö'/, Uhr von Zülke, Ernststraße, auS._ Gerichts-Zeltung, Verwerfung der Rcvisio» im Moabiter Prozeß. In dem bekannten Moabiter Krawallprozeß verwarf, wie uns ein Telegramm mitteilt, das Reichsgericht die Revision des Laufburschen Georg Meier und neun seiner Genossen gegen das Urteil des Landgerichts Berlin vom 11. Januar dieses Jahres._ „Erzählungen am Toilettentisch". Gestern, nahm der Prozeß gegen den Schriftsteller Dr. Alfred S e m e r a u wegen Vergehen wider die Sittlichkeit vor dem Münchener Schwurgericht seinen Anfang. Es handelt sich bei diesem Prozeß um das von Dr. Scmerau erausgegebene und von dem flüchtigen Maler und Zeichner franz Wilhelm Marquis de Bahras illustrierte Jkappenwerk„Erzählungen am Toilettentisch", das nach Ansicht der Anklage eine unzüchtige Schrift im Sinne des§ 184 Str.-G.-B. sein soll. Bereits am 20. Mai hatte vor dem Münchener Schwur- gericht ein Termin in dieser Angelegenheit angestanden, der aber aufgehoben werden mutzte, weil beide Angeklagte nicht er- schienen waren. Es ist nämlich auch gegen den Marquis de Bahras Anklage erhoben worden. Dr. S e m e r a u wurde in Area verhaftet und nach München ausgeliefert, während de Bayros, der durch seine Geburt ungarischer Staatsangehöriger ist, wegen dieser Vergehen von Wien aus nicht ausgeliefert wird. Die„Er- Zählungen am Toilettentisch" sind ein größeres Werk, von dem ins- gesamt 510 Exemplare hergestellt wurden. Die 10 Luxuöexemplare kosteten je 100 M., die übrigen 500 Exemplare je 35 M. Die gesamte Veröffentlichung sollte nur für Liebhaber bestimmt sein. Auch die Anklage verkennt nicht den künstlerischen Wert der Bayrosschen Zeichnungen. Sie steht aber aus dem Standpunkt, daß der Marquis seine Kunst lediglich zur Erreichung unzüchtiger Wir- kungcn und zu Darstellungen des Gemeinen verwende. Außerdem ist gegen Dr. Semerau allein noch Anklage erhoben worden wegen Herausgabe der beiden Bücher„Liebesfrühling" und„Eleonora". Es soll sich auch, hier um Werke handeln, die auf die niedrigsten Triebe der Sinnlichkeit wirken sollen, um pornographische Mach- werke, die nur darauf hinzielen, durch raffiniert zügellose Schilde- rungen die Sinnlichkeit zu verherrlichen. Wir werden das Urteil mitteilen. Flcischuot. Im ersten Halbjahr hat der Rinderauftcieb zu den 40 be» deutendsten Schlachtviehmärkten gegenüber dem Vorjahre über 80000 Stuck nachgelassen und erreichte nicht einmal die Höhe des Jahres 190«. Während hier aber das Minderangebot auch in den letzten Monate» noch ziemlich ungeschwächt fortdauerte, hat eS sich bei den Kälbern unterdessen ausgeglichen. Im ersten Vierteljahr betrug der Minderzutrieb zu de» Schlachtviehmärkte» 63000 Stück; im zivcitcn Vierteljahr noch 15 000 Stück. Im Monat Juni war das Angebot von Großvieh nur in Berlin etwa? gröster als im Vormonat und zu der gleichen Zeit des Vor« jahrcs. An allen anderen Märlten bleibt eS teils unerheblich hinter beiden Vergleichsmonaten zurück. Auch bei Kälbern und Schafen liegt gegenüber den, Juni 1910 ein starker Rückgang im Angebot vor. ganz besonders bei Schafen. Allerdings ist da? Schweine- Das Recht deS Bürgers, einen Schutzmann, der seine Befugniste überschreitet, auf seine Pflichten aufmerksam zu machen, verteidigte der Rechtsanwalt Kurt R o s e n f e l d sehr energisch in einer Strafsache gegen den Arbeiter M a k o w i a k. die gestern vor dem Schöffengericht Berlin Mitte, Moabit, zur Verhandlung kam. Der Schutzmann P o l tz hatte am Sonntag, den 14. Mai. einen alten Mann, einen Strastenhändler, in der GreisSwalder Straße, nahe Fnedenstraste, arretiert und ihn dabei so grob angcfastt und gegen eine Mauer gestoßen, daß die Zeugen dieser Behandlung sehr entrüstet darüber ivaren. Ein Bezirksvorstcher auS jener Gegend crmahnte den Schutzmann zur Mäßigung und auch der Arbeiter Makowiak gab seiner Entrüstung Ausdruck und forderte den Schutzmann auf, den alten Mann nicht so grob zu behandeln. Makowiak ging zu der Polizeiwache, wohin der alle Mann gebracht wurde, um Beschwerde gegen diesen Schutzmann zu erheben. Nun wurde der Spich uuigcdrcht: Makowiak wurde fest- gestellt, des.groben Unfug»" beschuldigt, und dann sandte man ihm ein Strafmandat über 6 M. Cr beantragte r i ch t e r- liche Entscheidung. Nach den Zeugenaussagen konnte von einem groben Unfug, den der Angeklagte verübt haben sollte, keine Rede sein. Der Schutzmann Poltz wurde dagegen stark belastet, obgleich er alle Schuld bestritt. Das Gericht trat dem Autrage deS Verteidigers bei, und sprach den Angeklagten kostenlos frei. De» weiteren Antrag, auch die Kosten der Verteidigung der Staatskasse aufzuerlegen, lehnte das Gericht dagegen ab. Der Annsaiiwalt meinte, der Angeklagte hätte nicht nötig gehabt, sich einen Verteidiger zu nehmen. Eine eigenartige Ansicht. Ucbcrflüistg. ja schädlich in diesem Verfahren war die Aintsaiiwaltschast. UebrigenS liegt in der An- nähme, gegenüber einer ungerechten Anklage, die von hochgelehrten Herren nach polizeilicher Vorarbeit erhoben ist, sei eine Ver« teidigung durch einen Anwalt nicht erforderlich, doch eine recht tiefe Einschätzung der Auklagebehörde. ES wäre er- wünscht, der Angeklagte legte Berufung ein. um feststellen zu lassen, ob etwa auch die drei gelehrte» Richter deS Landgericht» der Rechtenorm nicht folgen wollen: Stellt sich die Unschuld eineS Angeklagten heran», so ist eS mit der Grundlage des Rechts un« vereinbar, die Verteidigungskosten nicht der Staatskasse und dein aufzubürden, der fahrlässig die Anklage eingeleitet hat. Grieueise« u. Co. Ein umfangreicher Meineidsprozeß, in welchem reckt gelvagte Konkurrenzmanöver zur Sprache kommen sollten, beschäftigte gestern das Schwurgericht deS Landgerichts I. Wegen wissentlichen Meineids hatte sich der auS der Haft vor- geführte Kaufmann August Herzog vor den Geschworenen zu verantworten. In Bertin besteht seit dem Jahre 1880 ei» Sarg- und Be- erdigungSgeschäst.JuliuS Grieneisen", dessen alleiniger Inhaber der Kausinann Andreas Bolle ist. Außerdem exlstiert noch em zweites Sarggeschäft unter der Firma.Grieneisen u. Co,, dessen Inhaber ein Kaufmann G r i e n e i s e n ist. �er Angeklagte betrieb bis zum 1. Oktober 1909 unter seinem Namen ein Sargqeschäft, welches er der Firma Grieneisen zum Kaufe anbot. Als der Kauf abgelehnt wurde, soll Herzog, wie die Anklage be- hauptet, ein reckt gewagtes Konkurrenzunlernehinen in Szene gctetzt haben. Mit Hilfe eines irgendwie aufgegabelten Kutschers Emil G r i e n e i s e n und seiner Geliebten, einem Fräulein Riedel, gründete Herzog eine nene Firma„E. Grieneisen u. Co." und eröffnete nur ivenige Häuser von der alten Firma Gricneiscn in der Potsdamer Straße ein Sarggeschäft. Von der letzteren wurde sofort Klage auf Unterlassung der Führung der Firma erhoben, die auch von Erfolg begleitet war. In diesem Prozeß beschwor der Angeklagte Herzog, dast ihm die Act der Gründung der Firma„E, Grieneisen u. Co." nicht bekannt sei. Diese Angabe soll falsch sein, da Herzog selbst die Konkurrenz- gründung inszeniert hat.— Die Verhandlung fiel der Ber- t a g u n g anheim. da eine wichtige Zeugin nich erschienen war. Auf Antrag deS Rechtsanwalts Dr. I a f fo beschlost das Gericht, den Haftbefehl gegen Herzog aufzuhebe«, tvtNN dieser eine Kaution von 20999 M. stellen würde. Gegen Kalendmierbreitung. Wegen Verrichtung einer öffentlich bemerkbaren Arbeit am Sonn- tag waren Melk und G. vom Landgericht Berlin II zu einer Geld- strafe verurteilt worden, weil sie in Tirow Druckschriften verbreitet hatten. Die Verteilung selber geschah in den Häusern. DaS Landgericht meinte aber, es sei dadurch eine gewisse Kraftnnstreiigung öffentlich in die Erscheinung getreten, dast sie mit sichtbar getragenen Mappe» in Schwere von fünf biS zehn Pfund, worin sich die Volkskalender befanden, durchs Dorf von Hau? zu HauS gegangen seien. Es sei deshalb eine öffentlich be- merkbare Arbeit im Sinne der Verordnung über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage anzunehmen.— DaS Kammergericht verwarf dieser Tage die Revision der Angeklagten. weil da» Urteil ohne RechtSirrtuin eine öffentlich bemerkbare Arbeit festgestellt habe. Die Feststellung der Schwere des Pakets erscheint recht bedenk- lich. Auffallend ist die Unbestimmtheit 5 bis 19 Pfund. Dies dürften doch etwa 590 Kalender sein. Die Verbreitung einer solchen Menge dürste der Angeklagte kaum übernommen haben. Wie ist die landgerichtliche Schätzung zustande gekommen? Hat es vielleicht die naturwisienschaftlich auffallende Praxis betätigt, aus dem In- halt der Kalcnderartikel auf das Gewicht des Kalenders zu schließen? Fast dürft- daS zutreffen. Denn daS Kammergericht hat in dem Falle freigesprochen, in den, jemand ein Gewehr am Sonntag trug, UebrigenS dürfte bald kein Dienst- mädchen, keine Hausfrau unbestraft bleiben, wenn daS kuriose Urteil verallgemeinert würde. Wie viele trogen anstandslos Sonntag» Pakete I UebrigenS ist auch die religiöse Auffassung der Gerichte recht interessant: nach ihr kann die äußere Heilighaltung deS Sonntags durch den Anblick eines Paketträgers verletzt werden. Wie hohl must das religiöfe Gefühl eines Menschen geartet sein, bei dem so etwas möglich ist. Diese Menschengattung, die die Gerichte hier durch Strafen gegen Kalenderverbreiter schützen zu müffen meinen, sollten sich hüten, in eine Kirche zu gehen, in der ein Prediger mit einem„5 bis 10 Pfund" schweren Schmcrbanch predigt: ihr religiöses Gefühl müßte folgerichtig dadurch Schaden leidem_ Zcntrumssittlichkcit. Der Redakteur des bndischen Zentrumsblattes.Offenburger Zeitung". Rudolf P reust, ist von der Strafkammer zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt worden wegen Erregung öffentlichen Acraer- »isfes durch ein nicht sittliches Benehmen gegen das weibliche Ge- schlecht. Preust ist ein verheirateter Mann, der viel mit der Be- kämpfung der angeblich unsittlichen Sozialdemokratie sich zu schaffen machte._ FrcireligiSse Gemeinde. Sonntag, den v. Juli, vormittag» 11 Uhr i Kleine Frankfurter Str. 6: Vortrag von Herrn Dr. 81. Bernstein:.Er« ziehungöproblenie". Damen und Herren alt Gäste sehr willkommen. Allgemeine Familiensterdekaffe. Ackerstraste 123 bei Wernicke Sonn» tag nachmittag« von 3—6 Uhr: Zahlung und Aufnahme neuer Mitglieder. Allgemeine Kranken- und Trerbetafse der Metallarbeiter lS, H. 2S, Hamburg). Filiale RummelSburg, Sonntag, den 9. Juli, vormittag» 9'/, Uhr, bei Oskar Blume, Alt-Boxhagen 66: Mitgliederversammlung. Wahl der LrtSverwallung. Bericht von der General- Versammlung._ WgsserstandS-Nachrichte» der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. valfer stand M- m e l. Tllstt B r e a e l, Jnsterbmg V e i ch j c l. Tborn Oder, Ratidor , ftrofien Frantwrt Warthe, Lchrtmm , Land«berg Netze, Bordamu» Elb«, Letrmeritz , Dresden , Bardo Magdeburg ')-ff bebeutet Wuchs,— Fall.—') Unlerpeget. «Kettrrvrogiiote für Sonnabend, den 8. Juli ItMt. Etwa« kühler, vielfach wolkig mit leichten Regensällen und mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Welte rbureau. Lmfkaften der Redaktion. Ff. St. 98. Bei der Kgl. Y. 30. 9. August 1804.— H Esseiibahn-BetriebSdlrektion Berlin.—®. _ I. Man gießt über die klmeisenkolonie Brannlwem und pulveAfierten Schwesel oder kochendes Walser.— gl. S. 43. Unverständlich.— Sternberg 18SS. 1. Abt. 293 402, 2. Abt. 1 065 240, 3. 81 bt. 6 324 079.— Vorwärts H. Zentrale für Auswanderer. Berlin W, Schellingstr. 4.— St. R. 30. Altiengesellschast.— m. Im Jahre 1909 1 279 511 Einwohner.—«. Jungstr. 1893.— H. Z. 45. Nur mit gegenseitiger Ueberclustimmung. Nein I ?6emßT3eLse «. UiMMä-:•£& MÄWWÄ-e.•■ -Säe/et (Bnorm Bißfyfe Sonder-ftn�eßofe ZentraCs u. Ver Sand: O reuxuerLStr&Sie-S't. Tauenbuenstr: 20. iseip&Ägeratr- 65. OrajuenStraSSe: KoniöSl-raSSe: 3U ■QLKd�f. *•*5 111(1. ---- ...... irr" M 3» ttr Iii Slrbeitsnachwciö: Hoj l.«lmt 3. 1289. Berwalttiiigöftelle Berlin. Hmipltmrciu,: CharitistraSe 3. Hoi III. Amt 3. 1987. Heute Vonuabend, den 8. Juli, abends 1Ä Uhr» in Mehcrs Festsälen, Oranienstr. 103: ¥ersammluag der Kino-Operateure. TageS-Orduung: 1. Vortrag. 2. Branchenangclegcnheiten. 3. Versch'.edeucZ. Kollegen I Es ist notwendig, das! alle Operateure in dieser Verjamm- lung cricheinen, da sehr wichtige Angelegenheiten erörtert werde». Montag, den I.V. Juli IVII, abends S'/a Uhr: Bezirks-Bersammluttgen für die Bezirke Westen, Seiiöneberg und Steglitz in den Neuen Nathlnissälen, Schöueüerg, Martin Luthcrstr. öl; LaZ* Moabit in den Prachtsälen Nord-Wcst, Wiclefftr. 21. Tagesordnung in beiden Bersainmlungcn: t. Bericht vom GewerkschaftSkongrek in Dresden. Referenten Kollegen W. lEichtcr und Otto Habicht. 2. Diskussion. : Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt:- Zahlreicher Besuch wird erwartet. icMnigi Metalidrücker, tchiangi Dienstag, den II. Jnli. abends G Nhr. im Gcwcrkschaftshause, (Sngelufer IS, Saal 3: Versammlung llüerm Ktlettthltingsbetrikbeu besttilistigten MeMdrütker. Einziger Punkt der Dagesordnniig: Branchcnangelegeiiheiten. Ganz besonders sind die Kollegen eingeladen, die in Kundenbetrieben beschäjligt sind, wo Bcleuchtungsartitel hergestellt werden. 119/14 Die Ortsverwaltnng. 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S4: Gr. öffentliche Versammlung. Tagesordnung: Das geplante SonntagSbackverbot, die Heuchelei der Bäckerinnungen von Grosi Berlin nnd unser SK stündiger wöchentlicher Ruhetag.— Nesore nt: Kollege Schneider. Dtakaaaloa«nch Forsch!« sleaos. Die Vorstände der Bäckerinnungen von Grog- Berlin sowie der Vorstand der Freien Vereinigung der Bäckermeister von Berlin und Umgegend sind hiermit zu dieser Versammlung eingeladen. Zu dieser Versammlung haben alle Bäcker und Konditoren Berlins und der Vororte Zutritt. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung— es handelt sich um ein Attentat ans unseren Ruhetag— ist das Erscheinen aller Bäcker und Konditoren dringend notwendig. Mit Bruder, ruh Der BertrailenZmann der Bäcker und Konditoren BerliuS uud Umgegend. Gemeinsame Orts-Krankenkaffe für Dt.-Wilmersdorf und llmgegeud. Die Verlreter der Arbeitgeber werden hiermit zu einer am Sonntag, den H. Juli 1911, vormittags 11 Uhr, im Nhlaiidkasino, Uhlandslr. 116/17, statlftndenden Versammlutig ergebenst eingeladen. TageS-Ordnung: Ersatzwahl jür daS ausgeschiedene Vorstandsmitglied W. Arndt sür die Amlsperiode bis 30. September 1911. Dt.-Witinersdors, 7. Juli 1911. vor Vorstand. Ö- A.: 277/7 Riedel, Tnckemiann, Vorsitzender. Schristsührer. i Die besten Sommer- Paletots und 3— iOO getragene Anzüge sür Herren, Smoking-Anzüge, Frack- anzüge, sowie von Kavalieren ae- tragene, fast neue Sachen, sür jede Figur passend, ingraBlur Ausgab! zu unübertroffen billigen Preisen. 1 Treppe, deshalb billiger wie im Laden. 91/4' {Special-�rit fllr Hallt nnd Harnleiden flu Dnnlra Rosenthaler Str. 70 Ul. rUst&C, Spr.9-2, 6-9, Sonnt. 9-3 Or.Simmel Spczial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, mwÄ 10—2, 5—7. Somwags 10—12, 2—4 HrSchentliche Teilzahlung elegante tai-iili fertig und nach Mass, feinste Verarbeitung. Herren-Schneidcrel nur FrantüüesZS.I. Elngans Tllstter Str, Loileii für Weiler. 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Allen Freunden, Bekannten, I Verwandten und Parteigenossen die traurige Nachridst, daß meine I liebe, unvergeßliche Frau, Mutter,\ Schwester und Schwägerin Barbara Poscbmann im 40. Lebensjahre ganz unerwartet am Miltwoch, den 5. Juli, verstorben ist. Dies zeigen ticsbetrübl hiermit an Valentin Poscfaniann, nebst Sohn, Schwestern. Schwager. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 9. Juli, nachmittags 3>/, Uhr, von der � Halle des Scva stian-Jricdh oses, Humboldt- swaße, auS statt. 4325L Deutseher BauarbeiterverhaDil. Zwcigvcrcin Ucrlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Maurer 139/6 Karl Korthalz Bezirk Osten I am 4. Juli o erstorben ist. Ghre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Sonnabend, den 8 Juli,»ach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- Halle de« städlischc» Friedhoses in Friedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Danksagnng. Für die vielen Beweise der Liebe und Teilnahme bei dem Heimgänge unseres trcusorgendcn Gatten und Baters Oskar Welsbach sagen wir allen unseren tiesgcsühl« testen Dank. Ww. Paula Wclhbach 46242»cbst Kindern. Danksagung. Für die so überaus herzliche Teil« »ahme, welche uns anläßlich de» Hin- scheidcnS unseres teuren Verstorbenen von allen Seiten zu teil wurde, sagen wir, da es uns nicht möglich ist, jedem einzelnen pcrtönlich zu danken, auf diesem Wege allen, welche von nah und scrn hcrbeigceil! waren und ihm das lctzle Geleit gaben und sein Grab so reich mit Blumen und Kränzcu geschmückt und durch Musik, Gesang und Reden die Feier zu solcher erhebenden gestaltet haben, unseren ausrichtigc» und»iej- gesühltesten Dank. Die trauernde Witwe Alwine Gruhl und Kinder. K�SiaSiPslret-.Manle'.OMlItaM' .- Tauksaguua. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines unveraeßiichcii Mannes, unseres gutcu Vaters, des Schlossers Mvm Pollyuiak sagen wir den Kollegen der Firma Gebr. Krüger& Co., dem Deutschen Mctallarbeitervcrband, dem Sozial- demokratischen Wahlvcrein Köpenick. der Lclricbslcitung der Firma Gebr. Krüger08-119. Singer's grosser 3E ZWZi Soison-Riluiniinas-fliuverkouf est E E S3 6»� CO S=3 es, beginnt heute Sonnabend, den 8. Juli /'n folge der enormen Vorteile, die wir in dem vorjährigen Saison- Ausverkauf unsern verehr liehen Kundinnen geboten haben, liefen in den letzten Wochen unausgesetzt Anfragen nach dem Beginn des diesjährigen Ausverkaufs ein, so dass uns der grösstmöglichste Zuspruch in Aussicht gestellt wird. 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Für den Jnscrat:iitcil verantw.: TH.Glncke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer 7 Co., Berlin SW. Ii. 157. 28.Aahrgans. 2. Srilqt des LswSrls" Klllim MKÄM Zmadmd, 8. 1»li IM Ser Stolper KauhmsrÄ vor«len beschworenen. Unker kolossalem Andränge des Publikums, welches schon stundenlang Vorher die kleine Eingangstür zum Zuhörerraum in der Turmstraße belagert hatte, begann gestern die Verhandlung gegen den LSjährigen Arbeiter Albert Hartmann aus Velten, der des schweren Verbrechens des Mordes und des Raubes angeklagt ist. Wegen der geringen Summe von 10 M. soll der Angeklagte das schwerste Verbrechen, welches das Strafgesetz kennt und welches nur eine Strafe, die Todesstrafe, zuläßt, verübt haben. Der Anklage liegt im einzelnen folgendes zugrunde: Am Morgen des 2g. Januar d. I. wurde im Walde in der Nähe eines Weges, der vom Dorfe Stolpe nach der Werderziegelei führt, die Leiche einer Frau gefunden, die nach der Kleidung dem Arbeiter- stände angehörte. Die Förster Groß und Rohrbeck, welche die Leiche aufgefunden hatten, benachrichtigten den Gendarmeriewachtmeister Sievert in Velten, der in der Toten die Ehefrau des in Stolpe wohnhaften Arbeiters GorgolcwSti ermittelte. Es ergab sich, daß die getötete Frau sich auf dem Wege nach dem Dorfe Stolpe be- funden hatte, wo sie Einkäufe machen wollte und unterwegs über- fallen und mit einer Schnur erdrosselt worden war. Das neben der Leiche liegende leere Portemonnaie und der zerstampfte und zer- wühlte Boden bewies, daß der Täter mit seinem Opfer in einen Kampf geraten war. An dem Halse der Leiche befand sich noch eine fest zugezogene Schlinge, die der Täter der Frau anscheinend von hinten über den Kopf geworfen und dann mit großer Kraft zuge- zogen hatte.— Die gemeinschaftlichen Ermittelungen der Gendar- merie und des Kriminalkommissars Peter» von der Mordkommission führten zu der Verhaftung des jetzigen Angeklagten Hartmann, der nach anfänglichem Leugnen das Geständnis ablegte, der Täter zu sein. Er bestritt jedoch die Tötungsabsscht und behauptet, daß er nur, uni die Frau am Schreien zu verhindern, ihr die Schnur um den Hals gelegt habe. Da diese Behauptung nach dem ganzen Be- funde, insbesondere nach den ärztlichen Gutachten, unglaubhaft er- schien, wurde gegen Hartmann Anklage wegen Mordes und Raubes erhoben. In der gestrigen Vernehmung des Angeklagten ergibt sich fol- Sende»: Ter Angeklagte, welcher im Jahre 1886 in Bötzow(Ost- avclland) geboren ist und zuletzt in Velten gewohnt hat, hat mehr- fach Vorstrafen wegen Diebstahls erlitten. Augenblicklich verbüßt er ui dem Strafgefängnis Plötzensee eine Gefängnisstrafe von 6 Mo- naten, die ihm wegen eines Einbruchdiebstahls auferlegt worden war. Nach seiner Entlassung vom Militär siedelte er nach Velten über. Er fand dann Arbeit bei den Pankower Wasserwerken in Stolpe, die aber, als im Januar Kälte eintrat, eingestellt werden mußte, da es sich um Betonarbeiten handelte. Er verschwieg jedoch seiner Frau, daß er seine Arbeit verloren hatte, ging des Morgens in aller Frühe weg und kam erst des Abends wieder, um den An- schein zu erwecken, daß er ständig arbeite. Tatsächlich trieb er sich tagsüber in der Nähe von Stolpe umher. Vorsitzender: Sie sollen in dem Walde mehrfach in recht verdächtigen Situationen gesehen worden sein. So haben Sie gerade an jenem Sonnabend längere Zeit an einer Stelle gewartet, welche der Kassenbote der Ziegelei mit dem für die Lohnzahlungen bestimmten Gelde passieren mußte. Haben Sie es nicht erst auf dieses Geld abgesehen? Angeklagter: Nein. Borfitzender: Weshalb lungerten Sie denn aber dort herum? Angeklagter: Ich wollte mir unter allen Umständen Geld verschaffen. Borsitzender: Erzählen Sie uns nun einmal, wie sich die Tat selbst abgespielt hat. Sie wußten doch, daß am Sonnabend die Frauen nach dem Dorfe gingen und dort Einkäufe besorgten. Auf eine dieser Frauen hatten Sie es wohl abgesehen? Angeklagter: Ja- wohl. Als ich die Frau ankommen sah, faßte ich den Entschluß, ihr das Geld wegzunehmen. Ich packte sie an der Brust und warf sie zu Boden. Vorsitzender: War die Frau groß und stark? Ange- Ilagter: Nein, klein und schwächlich. Vorsitzender: Also eine schwäch- nche Frau, die Sie leicht unterkriegen konnten, hatten Sie sich aus- gesucht? Angeklagter: Ja. Vorsitzender: Sie hatten früher gesagt, Sie hätten erst die Absicht gehabt, die Frau zu vergewaltigen. Ist das richtig? Angeklagter: Ja, das wollte ich erst. Vorsitzender: Hat denn die Frau gar nicht geschrien, als Sie sie packten und hin- warfen? Es ist doch sehr unwahrscheinlich, daß die Frau sich wie ein kleines Kind hinsetzen ließ und nicht den geringsten Widerstand geleistet haben sollte. Angeklagter: Nein, sie hat sich nicht gewehrt, sondern ruhig dagesessen. Der Angeklagte behauptet weiter, daß die Frau Gorgolewsky erst angefangen habe, Hilfe zu rufen, als er sich mit dem Gelde entfernen wollte. Aus Furcht, dadurch verraten zu werden, habe er der Frau eine Schnur um den Hals gelegt, die er zufällig in seiner Tasche gefunden habe. Die Frau habe sich auch dies ganz ruhig gefallen lassen. Als er die Schnur locker ließ, habe die Frau sofort wieder geschrien. Er habe nunmehr eine Schlinge geknotet und sie ihr zum zweiten Male um den Hals gelegt.— Der Vorsitzende macht den Angeklagten wiederholt auf das Unwahrscheinliche seiner Angaben aufmerksam. Der Angeklagte bleibt jedoch dabei, daß sich die Frau Gorgolewski in keiner Weise gewehrt habe. Wie er weiter behauptet, habe er die Frau, als sie keinen Ton mehr von sich gab, unter die Arme gefaßt und sie in den Wald hineingeschleppt. Dann habe er den noch auf dem Wege stehenden Korb der Frau ge- holt, um jedes auffällige Zeichen zu vermeiden.— Wie die Vernehmung weiter ergibt, ist der Angeklagte dann ruhig nach Hause gefahren und hat seiner Frau das geraubte Zehnmarkstück als angeblichen Lohn gezeigt. Als am nächsten Tage die Tat bekannt wurde, äußerte er zu einem Zeugen:„Ten Mörder kriegen sie ja doch nicht!"— Auf Vorhalt des Vorsitzenden, daß an dem Tatort Spuren eines heftigen Kampfes gefunden waren, daß ferner in der Nähe Arbeiterinnen tätig waren, welche die Hilferufe gehört haben müßten und schließlich. daß er beobachtet worden war, wie er sich kurz vorher mit der Schnur beschäftigte, gibt der Angeklagte jetzt zu, sich die Schlinge schon vorher zurecht gemacht zu haben. Auf weiteres Zureden des Vorsitzenden gibt der Angeklagte auch zu, daß sich die Frau heftig gewehrt habe und er sie solange zu Boden gedrückt habe, bis er ihr die Schlinge um den Hals gelegt hatte. Der Wahrspruch der Geschworenen lautete auf schuldig des Mordes und Raubmordes. Das Gericht verurteilte darauf den Angeklagten zum Tide und dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Em aller Älelt. Vom deutschen Rundflug. Am Freitag haben vier der am Rundflug beteiligten Kon« kurrenten die vorletzte Etappe, den Ueberharzflug Nord« Hausen-Halberstadt, absolviert. Als erster traf in Halber« stadt Büchner, mit einem Passagier an Bord,, ein. Ihm folgte Loitsch und bald darauf auch der Gradeflieger Rölle. Voll- möller legte gleichfalls die Strecke ohne jeden Unfall zurück. Mehrere Flieger wollen noch in den Abendstunden von Nordhausen nach Halberstadt fliegen. Am Sonntag wird für die letzte Strecke Halverstadt- Berlin gestartet. Wahrscheinlich wird sich die Mehrzahl der beteiligten Flieger an der Durchquerung der letzten Strecke beteiligen. Hitze in Permanenz. Die Hitzewelle setzt ihren Weg mmmehr auch nach dem W e st e n der Vereinigten Staaten fort. Das Gebiet des Mississippi ist auch davon betroffen worden. Gestern schwankte die Hitze in diesem Ge- biet zwischen 40 und 60 Grad Celsius. Das Barometer steigt noch weiter. Der in New Jork, Chicago, Boston, Pitts- bürg, Cansas City, St. LouiS, Philadelphia und Cincinnati an- gerichtete Schaden ist außerordentlich groß. Die Zahl der Toten wird auf 300 angegeben und zwar in Chicago 201, in New Dorl 110, in Philadelphia 160, in Cleveland 46, in Boston 45, in Pittsburg 26, in Cansas City 22, in St. Louis 13 und in Cincinnati 12. Die Temperatur erfuhr gestern eine leichte Abschwächung in New Aork und sank auf 37,8 Grad Celsius. Sozialpolitik vom Semmering. Drei Eilzugsstunden von Wien überklettert die Südbahn den Alpenpaß des Semmering. Ein paar Hotels und Villen stehen dort auf einem Gebiete von 1—2 Wegstunden beisammen. Wald und Berg immer dazwischen, aber vor allem würzige, gesunde Lust. Da will ein humaner Mensch nun auch ein Genesungsheim für anue Kinder errichten, die von der Tuberkulose bedroht sind. Sie sollen dem morbus viormonsis, der Wiener Krankheit, nicht erliegen. Aber da kommt die— Sozialpolitik vom Semmering I Protest- Versammlungen, erregte Szenen beim Lokaltermin. Der Millionär Silber er schreit:„Unsere 14 Millionen, die wir in Semmeringvillen investiert haben, gehen verloren, wenn das Heim herkommt.... Wer dagegen haben die christlichen Protestanten nichts, denen sich auch der Jmmer-noch-Bürger- meister von Wien angeschlossen hat, daß inmitten der wimmelnden Volksmassen der Brigittenau, des roten 20. Bezirks, eine Schule als E p i d e m i e s p i t a l benützt wird. Und daß Montag eine Wienerin aus dem Fenster sprang und einen Zettel hinterließ „Wegen Exmittierung in den Tod!', das rührt weder Christlichsoziale noch Deutschireiheitliche. Ihre Sozialpolitik ist das Interesse der Semmering-Millionäre. Kleine Notizen. von einem Tobsüchtigen erschlagen. Als am Donnerstag einig« Geisteskranke der Weinsberger Heilanstalt mit einem Wärter bei der Feldarbeit beschäftigt waren, geriet plötzlich ein sonst harmloser Kranker in Erregung, erschlug einen anderen Kranken mit der Hacke und verletzte den herbeieilenden Wärter schwer. Hierauf entfloh er, wurde aber später wieder festgenommen. Grubenunglück. Von zwei Bergleuten, die in einem 60 Meter tiefen Schacht der Zeche.Admiral" bei Bochum beschäftigt waren, ist der eine durch einen in die Tiefe sausenden Förderwagen getötet, der andere lebensgefährlich verletzt worden. Folgenschwere Explosion. Nach Meldungen aus Wladiwostok soll in einer dortigen Ziegelbrennerei ein Dampfkessel explodiert sein, wobei vier Personen getötet, zahlreiche andere schwer oder leicht verletzt wurde»._ Marktpreise von Berlin am S. Juli 1911, na» Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. Markthalle»preise.(Kleinbandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50.00. Speisebohnen. weiße 30,00— 50,00. Linsen 20,00-60,00. Kartoffeln 7,00—11,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1 20 biS 1,80. Schweinefleisch 140—1,80. Kalbfleisch 1,30-2,40. LiamincMkijch 1,50—2,20. Butter 2,20-2,80. 60 Stück Eier 3,00-4,40. 1 Kilogramm Karpsen 2,40, Aale 1,60—3,00. Zander 1,50—3,60. Hechte 1,20 bis 2,60. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,20—3,40. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00— 40,00. <2X2>(2)©©®®�S)®v£)®®®®(2X§)®<2X§)®®XSypypyo' Extra billige Reise-Tage Loden- Anzüge Joppen mit Falten Engl, gerniiateri« Loden«/» kuna oder laoge Hose U, jU.OO Prima Zephir•Lodeo, In nr vielen Farben..... U. 00. 00 cymttr edhr grflnllefaer-| Q__ Enden, eebr haltbar H. lO.OO Braos.grQn, grau, kariert ne oder gaatreltM Loden kl Z'rOO Loden- Pelerinen Aftt Kapuze, Tragbändern. Armdut chgriffen. Tatchen, ,sämUicha Stoffe imprägniert' Fttr Herren und Dataen Gr as od. oliv Strich' LndoB. 120, 125, 1 Q OK 7«a 190 cm lang.• kl. ij.25« 20 Für Knaben und MSdchen Obevtot, rortr. o. kariert,«ja nach englischer Art.., At.vU Char., gem.. In viel Färb, o/j__ engl Bee., auf ger. Taech. jU.OO Grau od. oliv Strich- Loden, 70, 80, 00 cm lang........ kl. 7.50 4.50 Reise-Ulster Hell n. dunkle Phantasie-«,«- etoffe, med. Verarbeitung JU.OO OroBkar. 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Das Prinzchen.(Ansang ail, Uhr.) Neues Overetten. Sine Mllion. (Anfang 8'/, Uhr.) Metropol. Hoheit amüsiert sich! Apollo. Evezialilälen. Pnisage. Spezialitäten. ReichSdallen. Steltiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten Walhalla. Prinz und Bettlerin. (Ansang 8'/. Uhr.) Voigt. Goldene Jugend. Noack. Stadt und Land. Speziali. täten. Kaiser. Panorama. M. ZhUuS: Indien.— IV.! Wanderung im Riesengedirge. Urania. Taudenstrasse 48/4S. 4 Uhr: Lebende Tierbilder von nah imd jern. 8 llbr: Helgoland im Wechsel der Zeit. Sternwarte, Jnvalidenffr. 57— SS Selitllei'-Ideklei' �"'h� Ler liunkle Bunkt. Lustspiel in S Akten v. G. Kadelburg »md Rudols Presber. Ansang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und solgende Tage: l»vr«Irinltle fnitlit. NeieiKg!, Opern-Theater(Krom Sonnabend, den 8. Juli, abends T'/t Uhr: Tannhäuser. Sonntag, den g. Juli, abdi. 7 Uhr: Trliitan and Isolde. Montag, d. 10. Juli, abdS. 7'/, Uhr; I.ohengrin._ Neues Theater. 8 Uhr. 8 Uhr. «»glich: Der Rodelzigeuner. OSE=THEATE (Sürofet Frantsurtrr Str. 132. Täglich: Ansang S1/, Uhr. Kasernenluft. Auf der Gartrnbiihne: Es gibt nur ein Berlin.— Graste Revue. �Is-HaadU 47/48. Sonntag, den 9. Juli 1911: Theater, la Spezialitäten. Slnsana des Konzert» 5 Uhr, der Bor« stellung 6 Uhr. Jeden Montag: Luftige Säuger, Urania, Wissenschaftliches Theater. Tanbenstralle 48/49. Naohrnittaes 4 Uhr: Lebende Tierbilder von nah und fern. Abends 8 Uhr: Helgoland im Wechsel der Zeit. OCISCHCR GARTEN Heute nachm. 4 Uhr: Mouster-Konzert. Abend»: Gr. Fest-Illuiiiioatjon. Eintritt I 31k.; Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Großes Sommerfest am Sonntag, den 9. Juli 1911, in den Lokalen; Neumanns Volksgarten? Cafö Bellevae Iitcht«nbere, Röderatraße.' Bnmntelsbnrff. Hauptstraße 2. Spezialitäten, Theater, Feuerwerk.« Spezialitäten-Theater. Ludwigs Viktoriagarfen, Treptow, Köpenicker Landstraße llumoristlselies Hiinner-Quairtett„Uarmonla". 220/3* In allen Lokalen wirken Vereine des Deutschen Arbeiter- SSngerbundei mit, ferner Konzert, Tanz und Preiskegelschieben.€««* Jedes Kind erhält am Eingang des Gartens eisen Bon zur Stooklateme n. Karussell gratis Anfang 4 Ubr. O Die KaffeskOchM sind geöffnet. ♦ Billett 20 Pf. Perleberger Str. 26, Stendaler Str. 18 DirelNon: Karl Pirr.au. Sonnabend, de« 8. Juli: Sommer- kozen-resl. SpeMlttlitea, Sheattr. BollstSndig neues Programm erstklassiger Künstler. Anfang S Uhr. Vorstellung 7 Uhr. Metropol-Theatar. Operette in 3 Akten von I. Freund. Musik von Rudois Nelson. In Szene gesetzt eom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Ruuchen gestaNei. V«|A<-Vl»«»t«i' Gesundbrunnen, Badstrage 58. Sonntag, de» 9. Juli: Gliliitht Illgtlld. Mr. Lebensbild m. Bes. u. Tanz t. 8 Akt. Gänzlich neue erstklassige Epezialiläten. Kasseneröfsnung 2, Ansang 4 Uhr. Kons Mo». am«i>UranI»cI»«i' Tergnttgangspark, Hasenhelda. Smeerlape, einzig ezist. Schwein edret.suT*kt. Schweinerulschbahn. Teufelsrad, Wasserrutscbbabn, Gebirgsbahn, Liebesmühle, Cake walke u. a. Interessante Volksbelnstigangea. Täglich große» Ppomenadenkonaert und SpealalltSten- Voratellung. Eintritt nur 15 Pf. Max Kllems Sommer-Theater (hidelf Krüger, Hafenhetde 13—16. Täglich: EeftNasstge Theater. un» SPeztalitäten-Borstellunge«. Zeltbedachter Theatergarten, bei uu» ünstiaer Witterung Schutz bietend. ed. Mittwoch: Gr. Kinderfest. Donnerstag: Elltetag. [AmBetinhcf I EissArena. Geöffnet v. 10 Uhr.vi in la der beiSen Jahreszell angenehm kühler AufeaUiaH. Allabendlioh: 1 D. prunkvolle EisbaHet»{ Hontreal Die Stadt auf SckOtt- schuhen. Frisdrich-Wiitialnistäiitisches Schauspielhaus. Semmerepielzeit Direktion Nack. Sonnabend, den 8. Juli: Zum ersten Male: Badiaea Enttiihrnng. Roman. Operette i. 3 Akt. v. Alb. Nack. Mus, v. Fit, de Cnflofaro. Ans. 8Uhr. 8 Uhr: Oas yollsWi neue Program. 8llj Uhr: Enaemble-Clastsplel Harry Waiden in Sein Herzensjunge. Baudeville mit Bes. u. Tan, in 2 Alt. von A. Neidhardt und R. Schanzer. Musik von W. Kollo. Polles Caprice. Täglich 8'/« Uhr: Parisiana-Enserable. 3 Frauenhiite. Tie letzte Nacht. Ei« Fenster zu vermiete«. Das Strumpfband. (An Bonn- und Elitetagen 25 Pfennig.) Sonntag, den 9. Juli; Tauben-Schaufliegen des )int„Isabella". vereint Am Dienstag, den tl. Juli: Lokomotivführer. TaubeniOohler- Sommertest des Vereins Berliner Junotfotk Sensatloneile Attraktionen. Heute Sonnabend: Elitetag. 8 Uhr abends: Aufstieg und Fernfahrt des Pret- Ballons„Carola" unter persönlicher Führung der berühmten Luftr schifferin Kllte Paulas. ?racht-311umination des Parkes Sonntag, den 8. lull: Wiederholung des Aufstieges 8'/, Uhr eowie aller Festlichkeiten. Bitte ansscbnelden! Bitte ansschnelden! Abfahrtsstelle Schillingsbriicke am Schlest/che» Bahnhof, früh v. 8 bi» 9, mittag» 2 Uhr nach WolterSdorfer Schleuse, hin SD, zurück 50 Ps. Rückfahtt: 1. Dampfer nachm. S Uhr. übrige 8 Uhr abend». Sruh 8 Uhr nach Reue Mühle, ein. fache Fahrt 60 Pf. Täglich früh g, mite. 2 Uhr n Woltersdorfer Schleuse, srüb 10 Uhr, autzer Sonnabend, nach Nene Mühle, hin u. zurück 50 Ps. Täglich v. mitt. 2 Uhr ab ca. stdl., Sonnig.>/,stdL n.»esL Kftthüuser, N.Schwd. Wochen!. 20, Sonnt. 30 Ps., daselbst gr. Konzert. Fahrgäste zahlen kein Entree. Jeden Sornabend: Graste Dainpfer-Promenaden-MondscheinfaHrt nach Restaurant Kylfhäuser, Rieder-Schöneweidc. Absahrt: abend» von 9—10 Uhr. ist der schönste Ausflugsort? Immer noch Pichelswerder, Lenste" beim Alte» Freund. Die auserlesenen ANrakiloaeal LA TORTAJADA. Die 7 Korinna«, klassische Tänze. Kauf mann« Ladyoyeletronpe. l>e Dio. Charles Barons Burleske- Menagerie. Tschln Bnes Shell. Ohunguaen und eine Kette hervorragender Knnstkräfte! Reichshalien-Theater. Stettioer (Letzte Woche vor ihrer Ferienreise). Ansang Wochentag» 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. Sonntag, 18. Juli: Erste» Gast- spiel Oskar Junghühnel mit �ciner�erühmten�crret� ptoseks Theater. DiieNion: Robert Dill, Berlin N, Lrunnenstratze 18. Graste Extra-Borstcllung! Stadt und Land od.: Der Vi ehhändler aus Dberdslerr. Boltsstück mit Gesang in t Alten. Ansang 6 Uhr._ Volksgarten-Theater Sonnabend, de» 8. Juli: Konzert, Theater.». Tpezialitäten. Borstrllung. l-IIlg Karitra. Ernst Llssaek. l.es Lars Reela. Arlsst-Esra. Der artefifche Brunnen. Sonunerleet d. Rauohkludvereiniguag Viaeta'' Zahlreiche KanetlaafprcdaktlMMs. Exquisite RestaaradM bis 1 Uhr nachte. Bis 7 Uhr u. von lOf« Uhr| obds.: halbe Kasaenpreise. [e Bellevue. tumiaelsbarg an See. iuh.: 0. Tcmpei Jeden Sonntag: u. Onrten-Konsert. Jeden Sonnabend und Donnerstag: 8oireev der Mmatras Sänger Rönigsiadt-KasinQ. Holzmarttilr. 72. EckeA cxanderstr. 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Das Sommerfest des Wahlvereins findet am morgigen Sonntag in der„Vereinsbrauerei" und in„Hoppes Fest- sälen" sJnh. Barlsch) statt. Nachmittags von 4 Uhr ab Garten- konzert, ausgeführt vom Neuen Berliner Tonkünstler-Orchester sDiri- gent Franz Hollfelder), mit daran anschließenden GesangSaufführungen des„Männergesangvereins Rixdorf"/->10 Uhr abgeliefert werden. Neuausgabe von Büchern erst am 2. August. Die Bibliothekskommission. Schöneberg. DaS 22. Stiftungsfest des Wahlvereins findet am Sonntag, den S. Juli, in den Gesamträumen und Garten der Neuen Rathaussäle, Meininger Straße 8, statt. Konzert, Gesang, Reigen- fahren, turnerische Aufführungen und Tanz sollen mit dazu bei- tragen, die Feier interessant zu gestalten. Die Kaffeeküche ist von 2 Uhr ab geöffnet. Entree 25 Pf. Um S Uhr Fackelzug. Der Vorstand. Ober-Schönewride. Die Parteigenoffen, welche am Sonntag, den 9. Juli, an dem Ausflug nach Ahrensfelde teilnehmen wollen, benutzen am besten den Zug, der ab Schlesischer Bahnhof (Wriezener Bahnsteig) 2 Uhr 33 Mm. und von Friedrichsfelde 2 Uhr 42 Min. abfährt. Es wird um rege Beteiligung ersucht. Friedrichshagen. Heute, Sonnabend, abends 8>/z Uhr. im Müggel« fee-Kasino, Seestr. 45: Sommerfest zum Besten des Jugendheims, bestehend in Gartenkonzert unter Leitung des Dirigenten Franz H o l l f e l d e r; Festrede, gehalten von der Genossin M. Wurm: Gesang und Ball. Eintritt 25 Pf. Kalkberge-Rüdersdorf. Am Sonntag, den 9. Juni, nachmittags 3 Uhr, im Gasthof zur Linde. Jnh. Richard Roll, Heinitzstr. 19: Oeffentliche Versammlung für Männer und Frauen. Tagesordnung: Die Wahlrechtskomödie im preußischen Landtag. Referent: Land- tagSabgeordneter Adolf H off mann- Berlin. Diskussion. Die Parteigenossen von Erkner. Woltersdorf und Fredersdorf werden ersucht, sich zahlreich an dieser Versammlung zu beteiligen. _ Der Einberufer. Berliner JVacbrlcbten. Als daS Werk emeS russischen Spitzels erscheint die vor einigen Tagen erfolgte Verhaftung eines Schneiders Alfred K o h n. Pflugstraße wohnhaft. Der ganze Vorgang ist so eigenartig und wirst auf die Polizei ein so sonderbares Licht, daß wir die nnS gemachten Mitteilungen des K. hier wiedergeben wollen. Am Montag, den 3. Juli, befand sich K., der seit einigen Jahren bei einer KonfektionSfirma in der Jägerstraße beschäftigt ist, aber wegen flauen Geschäftsganges aussetzen mußte, in einem Kinemato- graphen-Theater in der Rosenthaler Straße, al» plötzlich ein fremder Mann an ihn herantrat und ihn nach seinem Geburtsort stagte. A. gab ihm die Auskunft, daß er zu LoSlau, Kreis Rybnick gebürtig fei. Da er nichts BöfeS ahnte, so beantwortete er dem Fremden auch sonst noch allerlei gestellte Fragen, um sich bald darauf aus dem Theater zu entfernen. Am Dienstagvormittag wollte sich K. auf Grund von ZeitimgS- inferaten andere Beschäftigung suchen. Nachdem derselbe bei einigen Firmen Nachstage gehalten, begab er sich auf den Heimweg, Auf dem Wege nach seiner Wohnung kehrte Kohn, da er sich nur im Besitz geringer Geldmittel befand, in die Volksspeiseanstalt in der Chausseestraße ein, um sich etwas zu essen zu kaufen. Nach kurzem Aufenthalt bemerkte K. den Fremden im Lokal, der ihn tagS zuvor im Kinematographentheater so eingehend bestagt hatte. Dieses sonderbare Zusammentreffen machte K. bereits stutzig, dies um so mehr, als er sich von dem Fremden fortgesetzt beobachtet glaubte. Nachdem K. seine Mahlzeit eingenommen, verließ er die Speise- anstalt und begab sich auf den Weg nach seiner Wohnung. Unter- wegS kaufte er sich in einem Posamentiergeschäft eine Rolle Garn und Seide. Doch kaum hatte K. die verlangte Ware erhalten, als auch der Fremde den Laden betrat und einen Kragen verlangte. K. verlieb das Geschäft, ohne den sonderbaren Käufer zu beachten. In der Pflugstraße, kurz vor dem Hause seiner Wohnung an- gelangt, bemerkte er plötzlich den Fremden schräg über der Straße auf dem Trottoir. In diesem Moment sah K. auch schon den rätsel- haften Fremden auf sich zukommen, um kurz darauf Rufe nach Schutzleuten zu vernehmen, die ihn. St., verhaften sollten. St. drang nun energisch fragend auf seinen Verfolger ein, was er eigentlich von ihm wolle. Hierauf erhielt er keine Auskunft. Und als St. sich ins Haus begeben hatte, um seine im Parterre gelegene Wohnung zu öffnen, wurde er plötzlich von zwei Schutzleuten gepackt, die ihn, noch ehe er die Tür seiner Wohnung öffnen konnte, feffelten und zur Wache in der Wöhlertstraße führten. Auf der Wache angelangt, wurde ihm gesagt, daß er dem Fremden 80 Mark gestohlen habe. Wie uns nun St. versichert, habe er sich entkleiden muffen, alsdann habe man ihn in die Zelle gebracht, wo er dreiviertel Stunde fest- gehalten worden sei. AlSdann sei er aufgefordert worden, unter Polizei- licher Führung nach seiner Wohnung zu gehen. Einem solchen Verlangen, nochmals von Polizeibeamten öffentlich eSkorttert zu werden, habe er jedoch nicht Folge geleistet, dagegen den Polizeibeamten freigestellt, allein in seine Wohnung zu gehen und eine Durchsuchung seiner Sachen vorzunehmen. Schließlich habe man ihm einen Kriminalschutzmann mitgegeben; in einiger Entfernung sei alsdann ein Uniformierter gefolgt. In seiner Woh- nung habe man dann wohl einmal in daS Bett gesehen, sich aber dann hauptsächlich an die Durchsuchung seiner Papiere gemacht. Obwohl die Polizei nicht« vorgefunden, sei er abermals nach der Polizeiwache gebracht worden. Hier habe der Kriminalwachtmeister gesagt, daß er erst essen gehe. Man habe ihn, St., darauf nochmals dreiviertel Stunden in die Zelle gesteckt. Um 3 Uhr sei er dann mit dem Bemerken entlasten worden, in einer Stunde nochmals auf die Polizeiwache zu kommen, um dem Manne, der lhn beschuldigt, gegenübergestellt zu werden. Diesem Ersuchen ist K. denn auch nachgekommen. AIS er um 4 Uhr da» Polizeirevier betrat, fand er den Mann vor, der sich bereits tags zuvor im Kinematographen-Theater an ihn heran- gedrängt und ihn dann fortwährend verfolgt hatte. Jetzt, so ver- sichert unS K.. habe ihn eine große Erregung ergriffen, so daß er den Beschuldiger energisch habe zur Rede stellen wollen. Er sei jedoch aus kurze Zeit von dem Beamten ins Nebenzimmer geführt »orden und als man ihn wieder herauSgelaffen habe, sei der Fremde plötzlich verschwunden gewesen. Jetzt habe er von dem Wachtmeister die Adresse des ihn verfolgenden und verdächtigenden Mannes ver- langt. Man habe ihm daraus gesagt, daß der Fremde aus Lodz in Rußland sei und dort bei einem Herrn I. Süßmann in der Zielonastr. 23 II wohne. Auf die Frage, ob er den Namen des Manne? nicht erhalten könne, habe man gesagt, daß derselbe nicht bekannt sei. Der uns so mitgeteilte Vorgang wird sicher bei jedem Leser den Verdacht rege machen, daß Kohn das Opfer eines russischen Spitzels geworden ist, der sich auf der Suche nach irgend jemand befunden und' in K. sein Opfer zu haben glaubte. Wenn dem aber so ist, so entsteht die Frage, wie kam die Polizei dazu, hier eine solche Hilfe zu leisten. K. ist ein völlig unbestrafter Mensch. Er hat vom 1. Oktober 1902 bis 30. November 1904 bei der ersten Kompagnie des 3. Garde- Regiments zu Fuß gedient und in seinem Führungsattest vermerkt erhalten, daß er sich während seiner Dienstzeit gut geführt habe. Seit seiner Entlassung vom Militär hat sich K. fortgesetzt in Arbeit befunden und ist niemals mit der Polizeibehörde in Konflikt ge- kommen. Es ist also hier ein ehrlicher Mensch auf Veranlassung eines unbekannten russischen Staatsbürgers wie einVerbrecher nach der Polizei transportiert worden und dort längere Zeit seiner Freiheit beraubt worden. Und die Polizei will, nachdem sie eingesehen, daß der dem K. zur Last gelegte Diebstahl eine haltlose Beschuldigung war, nicht einmal den Namen des frechen Burschen festgestellt haben. Schon im Interesse der Polizei und ihres makellosen„reinen Ehrenschildes" wäre der Herr Polizeipräsident v. Jagow verpflichtet, diesen mysteriösen Fall öffentlich aufzuklären. Der erste Ansturm der Ferienreisenden hat sich schon gestern, am Tage des Schulschlnffes, über die Berliner Hauptbahnhöfe ergossen. Den Anblick einer förmlichen Völkerwanderung hatte man vor allem am Stettiner Bahnhof, an dessen Bahnsteigsperren ein großes Ge- dränge entstand. Verhältnismäßig ruhiger, aber noch immer scharf genug ging es auf dem Anhalter, dem Potsdamer und dem Görlitzer Bahnhof zu. Für heute hat die Eisenbahndirektion Berlin Hunderte von Zügen auf den Vorstationen bereitgestellt und das Bahnpersonal ist für die nächsten drei Tage bis auf die letzten Reserven heran- gezogen. Ein„Millionendicbstahl" ist in Friedenau verübt worden; dem Dieb dürfte es indessen schwer gelingen, seine Beute an den Mann zu bringen: denn die entwendeten Millionen bestehen nicht etwa in barem Gelde oder Wertpapieren, sondern nur in einem Kaufvertrage über 3 Millionen, der zwischen Friedenau und Berlin abgeschlossen worden ist und nur noch der Unterschrift des Berliner Magistrats harrt. Der Vertrag befand sich in einer schwarzen Aktenmappe des Gemeindeschöffen, Baurats Draeger, die der Gemeindebote Schmidt auf seinem Fahrrad befördern sollte. Als das Rad gestern nach- mittag kurz nach 3 Uhr einen Augenblick ohne Aufsicht stand, schwang sich ein Dieb hinauf und fuhr davon. Es handelt sich um ein Rad der Marke Expreß Nr. 241755. Ein schwerer Unfall beim Bierabziehen ereignete sich am Donnerstag nachmittag in einer Weitzbierbrauerei in der Prinzen- Allee. Dort war der 14 jährige Arbeitsbursche Willi Pleschke, Wolliner Str. 92 wohnhaft, damit beschäftigt, aus einem Faß Weiß- bier auf Kruken zu füllen. Der Knabe gab einen zu großen Kohlen- säuredruck aus das Faß, sodaß die Gase rn die Flasche drangen und diese zum Platzen brachten. P. erlitt schwere Schnittwunden am Kopf und an der Brust. Ein Glassplitter drang dem Verunglückten in daS rechte Auge, das sofort auslief. Der Arbeitsbursche erhielt die erste Hilfe auf der nahebelegenen Unfallstation und wurde dann nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus geschafft. Umlenkung der Straßenbahn. Die Straßenbahn ist genötigt, wegen des Baues der Untergrundbahn in der Tauentzienstraße einen Teil der Nachtwagen der Linie 81 in der Nacht vom 10. zum 11. Juli umzulenken. Die Verlegung bettifft aber nur die Wagen, die von 2.00 an verkehren. Es sind dies die Wagen, die vom Amts- gericht Charlottenburg 1.54 sowie die von der Charlottenstraße 1.45, 2.00, 2.15 und 2.30 abgehen. Diese Wagen gehen nicht wie sonst durch die Nettelbeck-, Kleist« und Tauentzienstraße, sondern durch die Kurfürstenstraße und über den Kursürstendamm. Auch zurück machen sie diesen Weg. Eine Babie-Prämiierung leistet sich daS ZellerhauS, Berliner RettungSheim für Trinkerkinder, als Veranstalterin der Mütter- konferenzen im Rathause. Wie der„Berl. Lokal-Anzeiger" mitteilt, sind weit über hundert Anmeldungen eingegangen, zumeist von An- gehörigen der befferen Stände. Das glauben wir herzlich gern. Die heutigen sozialen LebenSverhältniffe sind nicht so beschaffen, daß Arbeiterftauen ihre Babies nudeln und zu Prämiierungen schicken können, ganz abgesehen davon, daß schon der bessere Geschmack sie nicht für solche Menschenausstellungen erwärmt. An der Spitze des Prämiierungskomitees steht eine leibhafttge Frau Unterstaats- sekretär und eine Frau Geheimrat. Die Geschichte ist also ein neuer amüsanter Zeitvertreib für„Angehörige der besseren Stände". Somit werden die unterschiedlichen Babie-Ausstattungen und andere Prämien, welche für diesen Zweck von spekulativen Geschäftsleuten gestiftet sind, wohl zumeist in jene Hände wandern, die so etwas am allerehesten entbehren können, aber sich nicht genieren, noch mehr zu nehmen. Und das ZellerhauS hat eine neue Bomben- reklame.... Neue Störung auf der Stadtbahn. Nachdem es erst am letzten Mittwoch auf der Stadtbahn eine größere Betriebsstörung gab, entstand gestern abend kurz nach 8 Uhr schon wieder eine Stockung im Stadtbahnbetrieb, die längere Zeit andauerte. Diesmal war auf dem Bahnhof Savignhplatz eine Maschine defekt ge- worden, sodaß der Zug liegen bleiben mußte, bis eine Reserve- Maschine zur Stelle war. Die Störung erstreckte sich gestern abend aber nur auf die Züge, die vom Westen in die Stadt wollten. RettnngSvorführung auf der Obrrspree. Im Beisein von Ber- tretern des Kriegsministeriums und des ReichSgesundheitsamtS fand auf der Oberspree bei Treptow eine Vorführung des von der Hartwig- gesellschaft m. b. H. hergestellten Schwimmfutters„Rettung" statt. Im Verlauf der Vorführung wurden interessante Experimente vor Augen geführt. Den Anfang mochten drei Herren, die, mit einem Badetrikot aus dem Stoff„Rettung" ib/g bis 12 Uhr am 8., 10. und 12. d. M. zurückgezahlt. Wenn sie bis zum 12. d. M. per Post eingesandt sind, erfolgt die Rückerstattung durch Postanweisung. Mit Rücksicht auf die Verbilligung der Preise erfolgt in der Zukunft keine Rückzahlung, falls infolge ungünstigen Wetters nicht geflogen wird. Der Zugang zu den einzelnen Plätzen ist wie folgt geregelt: Zum Stehplatz im Walde(30 Pf.) geht man zu Fuß vom Bahnhof Jyhannisthal quer durch den Wald in etwa 15 Minuten. Den Promenaden- und Startplatz(3 M.) erreichen Fußgänger gleichfalls quer durch den Wald. Die Wagenzufahrt für diesen Platz geht durch die Parkstraße. Zum Ballonhallenplatz <2 M.) gelangt man durch die Köpenicker Straße inmitten des Ortes Johannisthal. Zum Platz der Tribüne 2, der Hügeltribiine und der alten Schuppenreihe(1 M.) gelangt man von Berlin über Bahnhof Johannisthal zu Fuß und zu Wagen durch den Ort Johannisthal. Im Wissenschaftlichen Theater der Urania wird der Vortrag „Helgoland im Wechsel der Zeit", der von einer Fülle ganz hervor- ragend schöner Bilder begleitet ist, am Sonntag, Dienstag, Donners- tag und Sonnabend zur Darstellung gelangen. Montag, Mittwoch und Freitag wird der Vortrag von Herrn Professor Dr. Heck, „Lebende Tierbilder von Nah und Fern" mit Lichtbildern, kine- matographischen und grammophonischen Vorführungen wiederholt werden. Um den Anwohnern des WartburgplatzeS, der Martin- Luther-, Motzstraße und des Nollendorfplatzes sowie der Maaßenstraße Ge- legenheit zu geben, den Stetliuer Bahnhof an den Sonntagen früh- zeitig zu erreichen, hat die Verkehrsdeputation der Stadl Schöne- berg bei der Großen Berliner Straßenbahn erwirkt, daß der erste Wagen der Linie 50 statt 8� Uhr bereits 645 Uhr vom Wartburgplatz abfährt. Die Große Berliner Straßenbahn hat den Frühbetrieb vorläufig bis zum 1. Ottober 1911 eingeführt. Eine männliche Leiche wurde gestern vormittag 10'/, Uhr im Teltowkanal in der Nähe des Osthafens angeschwemmt. Der Tote ist etwa 30— 33 Jahre alt und von mittlerer Größe. Er hat einen dunklen ins Rötliche schimmernden Schnurrbart und war bekleidet mit einem schwarz-gran gestreiften Anzug, einem Trikothemd, braunen Strümpfen und schwarzen Zugstiefcln. In seinen Taschen wurden ein blaues Taschentuch mit roter Kante, eine Fabrikmarke R S. O. und 25 Pf. vorgefunden. Meldungen über den Toten nimmt die Britzer Polizeibehörde entgegen. Bei dem MassenauSfluge der Arbeiterjugend Groß-BerlinS in Friedrichshagen(Müggelschloß) ist eine schwarze Damenuhr mit Kette(Stahluhr) verloren gegangen. Der event. Finder wird ge- beten, dieselbe bei Erwin Monte, N. 65, Reinickendorfer Str. 77 II. abzugeben oder Nachricht nach dort zu übermitteln. Gefunden worden sind ein Paar Turnschuhe und ein Stuben- schlüssel. Abzuholen bei Bruno Lange, Anklamer Str. 50, vorn III. Gegen die Wahlrechtskomödie im preußischen Abgeordnetenhaus demonstrierten auch die Patienten der Lungenheilstätte in B e e l i tz. Die Insassen von LI. Em sowie die Vereinigung der„Blauen Brüder" brachten durch An- nähme von Resolutionen ihren Protest zum Ausdruck und sagten dem schwarz-blauen Block für das neue Komödienspiel einen«n- erbittlichen Kampf an. Sie gelobten aufs neue, nicht eher zu ruhen, bis die reaktionäre Gesellschaft niedergerungen ist und das Proletariat seine Rechte erkämpft hat. .« f e9MO««£S9M«S9MS9i ges. gcscL Schlager erregen durch Preiswürdigkeit und Eleganz berechtigtes Ein einmaliger Kauf macht Sie zum ständigen Kunden. Neu eröffnet; Oranienstr. 51 Filiale im Osten Andreasstraße 48. .ALAMBO LUXUS 3M£=9••(=SMCS9MCS3»t(=9 M(=»MC Jedes Wort 10 Pfennig. Da« fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulä Thonias, Oraniett» Itraße 160, Oranienplatz; Rojen- alerstraße 54._ 2754ft* Pfätiderapktion. Psandlcihhaus vriinnenstraße 53 beendet I'' Jetzt fpottbilligster Verlaus hocheleganter Herrengarderobe l Damensachen I Goldener Dainetmhren I Herren. zchreir I Wanduhren I Schmucksachen I Riesengroßer Beltenverlauj! Aus« stcuerwäsche! Prachltcppiche! Stepp» decken! Prachtgardincn I Plüschtisch- decken! 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Schließlich wurde aus Antrag D ü w e l l beschlossen, die Angelegenheit sofort an die bestehende Eingenreindungskoimnissio» zu überweisen. Der Versammlung� lag die Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben der Stadthauptkasse pro Ivl» vor. In der Besprechung wandte sich Genosse Grauer gegen die Gewohnheit einiger Deputationen, über Mittel zu beschließen, wozu sie eine Berechtigung nicht haben, so beispielsweise sei es in der Bau- und Verkehrsdepntation Usus, die verfallenen Konvenrionalstrafeu den Unternehmern zu erlassen. Weiter srug unser Genosse den Magistrat bei der Mitteilung, daß die Stadtverordnetenversammlung zur Zurückzahlung der Bürgersteig- herstellungSkosteu an die Hausbesitzer der Frankfurter Chaussee und einiger anderer Straßen, die einen Betrag von 21000 M. notwendig machen, Mittel bereit stellen soll, ob auch diejenigen ihre Aufwendungen zurückerhalten sollen, die einen Anspruch nicht gestellt habe». Ober- bürgermeister Ziethen erwiderte, daß nur in den Fällen Rückzahlung erfolgen soll, in denen geklagt und zuungunsten der Stadt entschieden worden ist. Es wurde bei der Gelegenheit darauf aufnierksain gemacht, daß das Oberberwaiiung?- gericht eiiiem Ortsstatut, wonach die Rückzahlung nicht möglich ist. zugestimmt habe.— Längere Zeit verweilte die Versammlung bei der Vorlage über die anbaufähige Herstellung der Straße 9 zwischen Normann- und Rathausstraße. Die Angelegenheit wurde trotzdem nicht erledigt und muß nochmals die Versannnlnng beschäftige».— Bei der folgenden Dechargicrung derBau-uudBetriebsrcchuinig pro 1909 der städtischen Gas-, Wasser- und Elekrzitätswerke, die mit einem lieber schnß von 043 933,02 M. abschließen, wurde betont, daß die seiner zeit vorgenommene Erhöhung des Kochgaspreises um 2 Pf., die mit Verteuerung der Kohlen und der hohen Arbcitcrlöhne begründet wurde, aus betriebstechnischen Gründen nicht notwendig war, sondern steuertechnische Gründe allein in Frage gekommen sind. Genosse Spieckermann wies aus Grund der günstigen RechnungZ- ergebnisse den Magistrat und die Stadtverorduetenversammlung auf ihre Pflicht hin, die Einführung der achtstündigen Arbeitszeit, die Umwandlung der Stundenlöhne in Wochenlöhne, solvie die voll- ständige Differenz zwischen Lohn- und Krankengeld anziuichmen. Zum deutschen Städtetag nach Posen lvcrden drei Stadtverordnete und drei Magistratömitglieder delegiert, darunter Genosse Dülvell. Zum brandenburgischen Städtetag nach SberSwalde ebenfalls je drei Mitglieder, darunter Genosse Spieckermann. Der Beschluß der Krankenhausbau- Deputation, eine Studienreise zur Hygicneausstellung nach Dresden zu unternehmen, brachte den Stadtverordneten Lindner auf die Beine, der mit sichtlichem Pathos sich die Ausführungen des Genossen Grauer über die unrechtmäßige Verschwendung von Geldern durch die Bandeputation zunutze machte und auch die sozialdemokratische Fraktion ersuchte, seiner Resolution, welche die Entsendung nach Dresden mißbilligt, zu- zustimmen. Von den Genossen Grauer und Düwell wurde dem Herrit das Unlogische seiner Begründung nachgewiesen und der Nachweis geführt, daß nur das Bestreben, der Stadt zu dienen, zu dem Beschluß der Deputation geführt hat. Nachdem ganze vier Mann für die Resolution gestimmt, wurde der Vorschlag des Wahl- ausschusseS, außer der Krankenhausdeputation noch sechs Stadt- verordnete und zwei Magistratsmitglieder zit wählen, unter den Ge- wählte» befinden sich die Genossen Rösler und Abraham. Von der Vermehrung der Zahl der zu wählenden Stadtverordneten und Magisiratsmitgliedcr soll mit Rücksicht auf die Zusliinmung RunrnrelS». burgs zur Eingemeindung in Lichtenberg einstweilen Abstand ge- nonnnen werden. Im innerlichen Stadtgebiet soll nun endlich eine Schule, für etwa 1100 Kinder berechnet, gebaut werden, jedoch schien der Zeitpunkt einigen bürgerlichen Herren wohl noch zu früh, denn sie ließen durch Herrn Schachtel anfragen, ob denn Berechnungen an- gestellt seien, daß diese Schule auch genügend gefüllt werden würde. Oberbürgermeister Ziethen wies darauf hin, daß 23 Klassen sofort belegt werden lvürdcn. Die Vorlage fand dann die Znstinunnng der Versammlung, die dann noch in geheimer Sitzung sich mit einigen Fragen zu beschäftigen hatte. Charlottenbnrg. Gin schwerer llnfall hat sich am gestrigen Frcitagnachmittag in dem Hause Kursürstendannn 59 ereignet. Dort� war der 30 jährige Heizer Hcrntann Schnstat damit beschäftigt, die im Keller deS Hauses belegene Zentralheizung mit Steinkohlen zu beschicken. Offenbar hat Sch. die Ranchklappe dabei zu öffnen vergessen, denn die Gase drangen auS der FenernngSanlage heraus und erfüllten bald den kleinen Raum. Erst uach'cliva einer Stunde wurde der Heizer im Keller bewußtlos liegend anfgefimdr» und sofort nach der Unfall- station am Kursürstendanun gebracht, wo der Arzt ihn nach zwei- stündigcn Bemühungen Ivieder ins Leben zurückrief. Sch. wurde ins KranlcnhauS Westend übergeführt, doch gibt sein'Zustand zu schweren Besorgnissen Veraulasiung. Dachstnhlbrand. Gestern nachmittag 3 Uhr wurde die Haupt- wache der Charlottenburger Feuerwehr»ach der Berliner Straße 125 gcrufe», wo der Dachstuhl des Seitenflügels tu größerer AuSdchniuig brannte. Die Löicharbeitc» gestaltetcu sich insoferil schivicrig. als sich eine starke Bergualmnug geltend machte, die durch allerlei Vcrpackuugsmaterialien auf dem Dachboden hervor- geruseu wurde. Erst nach cinstüudigcm Wosscrgcbcu war die Gefahr beseitigt. Der Dachstuhl ist zu einem erheblichen Teil vcr- uichter. Nixdorf. In, Kranlenhansc gestorben ist die dreijährige Tochter deS in der Bergstr. 23 wohnhaiien Arbeiters Zempcr. Die Kleine hatte, als sie für einen Angeubltck allein in der elterlichen Wohnung zurück- geblieben war, mit Streichhölzern gespielt, die sich entzündeten und die Kleidung deS Mädchens in Brand setzte». Das Kind hatte schwere Braudwundeu am ganzen Körper erlitten, denen c? im Krankc'-Hansc in Buckow unter entsetzlichen Schmerzen erlegen ist. Schöneberg. Ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich in der Prager Str. 13. Dort fand ein Umzug statt, bei dem auch der 37jährige Möbelträger Panl Schulz a»S der Botzenstr. 13 beschäftigt war. Als Sch. eine» anderthalb Zentner schlvercn Tisch aus der ersten Etage hinablrageu wollte, stürzte er infolge eines Fehltritts die Treppe hinab. Der Verunglückte crliit einen schweren Schädelbruch n»d veistarb wenige Minuten später unter den Händen eines hinzugerufeue» Arztes. Die Leiche wurde nach dem Schauhaufc gebracht. NununclSbnrg. Unter der Anschuldigung, sich an seiner minderjährigen Tochter fittlich vergangen zu haben, ist der Bäckermeister F. hier verhaftet worden. Mariendorf. Aus der Gemcindevertretnng. Vor Eintritt in die Tagesordnung oeschwcrte sich der Gemeindevorsteher Westphal darüber, daß er t» letzter Zeit bei der Diskussion über die Neuwahl eines Gcmeindevor- steherS in der hcfligstc» Weise angegriffen und beschimpft worden sei. Ec könne wohl verlangen, daß wenigstens Gcmcindevertreter eine sachliche Krilik üben möchten. Genosse Reichardt beantragte die Punkte 9—12 der Tagesordnung, die für die nichtöffentliche Sitzung vorgesehen waren, in öffentlicher Sitzung zu verhandeln. Beschlossen wurde, nur den Punkt 11 öffentlich zu verhandeln. Die Streitsache Treppens gegen die Gemeindevertretung wurde bekannt gegeben. Ein Antrag forderte die Schaffung eines eleklrischcn Antriebes für die Gebläse der Orgel im Gymnasial- gebäude. Begründet wurde der Antrag damit, daß der Raum, in dem jetzt der Fnßbctricb vorhanden ist, sehr eng sei und die Kinder, die die Gebläse treten, nicht einmal ausrecht stehen können. Genosse Reichardt kritisierte die Bcschästigung der Kinder und hielt den bürgerlichen Herren vor, daß man seiner- zeit mit Hurra die Orgel bewilligte, ohne auf die von unseren Ge- noiien gemachten Eimvande zu achten. Die 1000 M. für den elektrischen Antrieb wurden einstimmig bewilligt: unsere Genossen stimmten dein Antrag nur deshalb z,i, um die Kinderbeschäftigung zu beseitige». Von bürgerlichen Gemeiudevertretern lag ein Anlrog auf Vermehrung der Genieindcvertreter vor. Nach der Land- gciueindeorduung soll auf 500 Seelen ein Vertreter kommen, bis die Höchstzahl von 24 erreicht ist. Mariendorf hat jetzt über 10 000 Einwohner und nur 12 Gemeindevertreter. Die vier sozialdemokratischeu Vertreter der dritten Klasse vertrete» 25n!al so viel Wähler als die übrigen acht Vertreter zusammen. Der Gemeindevorsteher wollte die Beratung dieses Antrages verhindern, weil sich damit der neugewählte Vorsteher beschäftigen könne und es sich doch gleich bliebe, ob 12 oder 15 und »och mehr Vertreter vorhanden seieii. Diesmal durften aber vcr- schiedene bürgerliche Herren ihren Widerstand nicht sofort aufgeben, da ja der Anlrog nicht aus eigener Initiative kam, sondern sie von einem Teil ibrer Wähter dazu gedrängt wurden. Herr Kotte bean- tragte, eine BezirkSciiitcilung vorzunehmen mid die Einsetzung einer vorberatenden Kommission hierzu. Unsere Genossen forderten drin- gcnd, vor allen Dingen zu beschließen, daß zunächst über die Ver- »nehrung der Gemeindevertreter abgestimmt werde, damit zuni Frühjahr, lveim die Wahlen ausgeschrieben werden, wenigstens das allergrößte Uebel besciligt ist. Es nutzte aber alles nichts niehr, nachdem der Vorsteher ebenfalls für die Einsetzung einer Kommission plädiert hatte, stimmte die Mehrzahl den, Antrage Kotte zu. Die berechtigten Bcschlverdcn über die vollständig imzulänglichen Verkehrsmittel sür unseren Ort riefe» eine längere Debatte hervor. Der Genieiudevorsteher erstaltete Bericht und kam in seinen Aus- sühruiigen wiederholt auf die„Große Berliner Straßcnbohu" zu sprechen, die einige neue Linien durch Maricildors zu legen beabsichtige. Beschlossen wurde, eine Komnilssion einzusetzen, die sich mit dieser Augelegeuheit beschäftigen soll.— Vom Laudrnt ist der Vertretung eine Beschwerde zur Äeiißermig übersandt, die Direktor Knorr von der Rndrenilbahngesellschaft loegen Nichterteilung der Genehmigung zur Errichtung einer Nadreunbahu aus Steglitzer Gebiet, hart au der Mariendorfer Grenze, an den Land- rat gesandt hatte. Der Gemeindevorsteher gibt die früher gefaßten Beschlüsse der Vertretung bekannt, wonach die Erteilung auf be- stimmten Gebieten in Mariendorf nichts in den Weg gelegt wird. Die Vertretung hielt an diesen Beschlüssen fest.— Bei den vorgelegten Rechnungssachen wurde beschlossen, für den Ausbau der Bergstraße die Anlieger mit 50 Proz. hcraliznziehen. bingegen sollen die Anlieger in der Sleglitzer Slraße, wo der Ansban pro laufenden Meter 105,79 M. kostet, die vollständigen Kosten tragen. Durch die R e i ch s w e r t z n w a ch s st e u e r, die der Gemeinde im ersten Vierteljahr trotz der ihr nur zukommendeu 35 Proz. schon rund 10000 M. einbrarbte, macht sich die Errichtung einer Ajsistentcnstclle sür daS Stcnerbureau notwendig, deren Zustimmung von der Vertretung verlangt und auch bewilligt wurde. Genosse Reichardt stellte hierbei fest, daß der Gemeinde eine große Einnahme verloren ge- gangen ist. weit man vor zwei Jahren den sozialdemokratischen An- trag auf Eiiiführling dieser Steuer rundiveg abgelehnt Halle. Die nicht öffentliche Sitzung beschäftigte sich mit einem Protest des Gemeindevorstehers. In der letzten Sitziing wurde bekanntlich mit zehn gegen fünf Stlininen beschlossen, die Neuausschreibung des Gemeindevorsleherposteiis vorziliiehnie». Der Vorsteher hatte da- gegen Protest erhoben, weil die Abstimuning nicht durch Stimmzettel sondern nach der Landgcmeiiidcordining per Akklamation vor- geuommeu werden mußte. Die neue Abstimmung zeitigte dasselbe Resultat. Protestversammlulig. Mittwoch abend referierte in einer von rund 400 Personen besuchten Protestversammlimg Genosse Störmer. Die Berliner Resolution fand tillstimmige Amiahme. Mehrere Neuaufnahmen wurden vollzogen. Martcndorf-Tempelhof. Die Arbcitcrgcsangvereine beider Ortschaften veranstalten am 9. Juli im„Wilheliusgartcu" in Tempelhof, Berliner Str. 9, ihr Souinicrverguügen. Da die Vereine bei Arbeiterfestlichleiteu stets zur Verfügung stehen, tverden die Genossen ersucht, diese Veranstaltung zu unterstützen. Ein großes Volksfest veranstaltet am Sonntag, den 9. Juli, in der Brnlicrci Pichelsdorf die Freie Turncrschaft. Die Polizei- Verwaltung hat bereits die Geiiehmigimg zum Festzuge erteilt. Konzert, turnerische Aufführungen und Kinderspiele wechieln milein- ander ab. Der Festzug beginnt um 2Vz Uhr nachmittags von dem Tmnplatz in der Feldstraße. Wir empsehlcn der Spandauer Arbeiter- schaft das Fest recht rege zu unterstützen. Wilmersdorf-Halensce. Der„Arbeiter- Nadfahrcrvercin Vorwärts Wilmersdorf 1900" feiert am heutigen Sonnabend im G e s c l l s ch a f t s h a u s e, Wil- helmSaue 112, sein S o m m e r n a ch t S f e st, verbunden mit Familieii-Kaffeckochen. PreiSschießen, Darstellung lebender Bilder und Austreten deS Ulk-Trio. Da der Verein sich zu allen Arbeiter- feste» zur Verfügung stellt, wird ei» reger Besuch erwartet. Nowaivcs. Verlegung der Straßenbahn. Um den Betrieb der elektrischen Straßenbahii lvährend der Eisenbahnhöherlegnug nicht gänzlich ein- stellen zu müssen, beschlossen die Eisenbahnban- und die Finanz- koinniission in einer gemeinsamen Sitzimg die Weitersührung der- selben über den Lnlherplatz bis zur Eiseubahnstraße. Damit dürfte den Wünschen der Eimvohuer iin westlichen Ortsteil Rechnung ge- tragen sein. Mit den Vorarbeiten zur Verlegung der Schieiien ist I4omiii(.>nSk«oiI.K'o«,tIrartc. � s ?««« o■«srK« C«,? £ s �1« s _ G5 sc es"" 800 Mnstor lieferbar. 2000 Muster Taschenuhren desgl. Klnnlkn- inib grflHjlMiiörrfi voll Robert Meyer,' nur Mlmalillru-Sjrnße 2. Wanderer! Touristen! Wir empfehlen: Straube-Karten der Umgegend v. Beriiu 88 Ou.-Meit. u. Berlin 1: 130 000 0,50 ii. 1— M. 132,.. 1: 130 000 1,— u. 1,50 M. 500,,. 1: 300 000 1,—«.1,50 M. P-Speziaarli von 216/5* Bernau-Bicsenlhal, Buckow, Eberswalde-Chorin, Freienwalde u. Umg., Müritz-Sce, Oberspree, Oranienburg u. 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ÖUIU LBV|; f. sofort begonnen worden, da bereits Mitte August die Niederlegung der Bergstraße, über die die Geleise jetzt führen, in Angriff genommen werden soll. Von diesem Zeitpunkt ab wird also der Betrieb in der Lindenstrahe auf die Dauer von etwa 14 Monaten ruhen. Da dieser Kommiff-onsbeschluß wegen großer Dringlichkeit der Angelegenheit ohne Kenntnis der Gemeindevertretung gefaßt wurde, soll deren nach« trägliche Genehmigung in der nächsten Sitzung nachgesucht werden. Z offen. Die Blumcntagscuche hat nun auch unseren Ort ergriffen. Bei dem am vorigen Sonnlag stattgefundenen Bauernrenneir in Daben- dorf wurden die Besucher fortwährend belästigt und am Sonntag soll dieser Rummel an dem hier stattfindenden Schützenfest nochmals gir Ausführung gelangen. Die hiesige Arbeiterschaft wird aber edensallS für ihre Groscken eine bessere Verwendung finden. Als in der letzten Krise vom G-werffchaftSkartell beim Magistrat und den«Äadlverordnelen um Unterstützung der über 201) Arbeiis- losen am Orte petitioniert wurde, da halten so ziemlich dieselben Herren, welche heute an der Spitze dieses Bettels stehen nur Hohn und Spott. Reinickendorf. Der G�fftmord eines Lehrers wird auS Berlin gemeldet. In einem Hotel am Kllstriner Platz stieg vorgestern abend ein Mann ab, der sich al-Z Lehrer Ern st Liebig eintrug und angab, daß er aus Königsberg in der Reumark komme. Der Gast fiel nicht im geringsten auf, aß in voller Ruhe zu Abend, trank noch ein GlaS Bier und begab sich dann auf sein Zimmer. Hier schrieb er noch mehrere Briese und Depeschen, die er. dann mit den Gebühren und einem Trinkgeld Angestellten zur Beförderung übergab. Seitdem hörte man nichts mehr von ihn,. Als man gestern mittag das Zimmer aufrännien wollte, fand man den Fremden tot in seinem Bette liegen. Der Revolver, mit dem er sich erschossen hatte, lag noch auf seiner Brust. Im Laufe de§ TageS erschienen mehrere Verwandle und Vorgesetzte des Toten. Erst von ihnen erfuhr man. daß es sich um den 36 Jahre alten Lehrer E r n st L i e b i g aus R e i n i ck e n d o r f« W e st handelt, dessen Fcan sich augenblicklich in Königsberg i. N. aufhält. Liebig hatte verschiedenen Personen von seiner Selbstmordabsicht Kenntnis gegeben und angedeutet, daß er mit seinem Schritt seine Familien ehre retten wollte. Liebig war an der 5. Gemeindeschule in Rcinickendorf-West angestellt. In der letzten Zeit wurde er nun beschuldigt, sich an Schülerinnen von 12—14 Jahren vergangen zu haben. Ein Verfahren war wegen dieser Anschuldigungen bereits eingeleitet. Der zuständige Schulrat hatte den Lehrer vernommen und ihn vorläufig vom Dienst sus- pcndiert. Die Ermittelungen waren noch nicht abgeschloffen. lieber das gegen Liebig eingeleitete Verfahren ist im«Vor- wärtS" bereits am 4. Jnli Mitteilung gemacht worden. Spandau. Stadtvcrordnctcn-Bcrsammlung. Mit der Anschaffung einer Benzinmotorspritze für die hiesige freiwillige Feuerwehr mit einem Kostenaufwand von 25 000 M. tonnte sich die Versammlung nicht einverstanden erklären, trotzdem der Stadtverordnete Tietze mit der ganzen Kraft seiner Lungen für die Vorlage eintrat. Er sprach die Hoffnung aus, daß nur der Referent und die drei Mäiinetens der Sozialdemokraten dagegen stimmen würden. Genosse Pieper begründete zunächst den ablehnenden Standpunkt der Sozial- demokraten damit, daß die vorhandene Feuerlöscheinrichtung in Spandau angesichts der schlechten Finanzlage vorläufig noch genügt und daß man die LS 000 M. zu anderen Sachen, bcispielslveise zur Verbesserung des Straßcnpflasters besser gebrauchen könne. Er schickte dann den Vorredner Tietze ge- hörig nach Hause und wies darauf hin, daß die Stimmen der drei Sozialdemokraten ebenso schwer wie andere Stimmen wiegen. Merkwürdig waren die Gründe des konservativen Stadtverordneten Schob für die Ablehnung. Er äußerte sich dahin, wenn auch schließ lich mal eine alte Bude abbrenne, das sei nicht schade, manchmal werde es sogar gewünscht. Dann werden wenigstens Neubauten errichtet. Mancher Eigentümer solcher alten Bude freue sich, wenn der rote Hahn auf dem Dache sitze. Die Aeußerungen veranlaßten den Oberbürgermeister zu der Gegen- äußerung: wenn man den Standpunkt vertrete, kann man ja die ganze Feuerwehr abschaffen und brennen lassen, was brennen will Die Vorlage wurde gegen sechs Stimmen abgelehnt. Um die Frage der Schulsparkassen zu lösen, wurde beschlossen, probeweise zwei elektrische Sparautomaten für 1500 Vi. zu kaufen und in Schulen auszustellen. Na, Glück zu. Die 1500 M. hätte man zu etwas Besserem verwenden können, z. B. zur Beschaffung von Lehr- und Lernmittel für ärmere Kinder, da hätten sie besser ihren Zweck erfüllt. Hierauf wurden für den Ausbau der Heerstraße 102 000 M., für die Regulierung der Wilhelmstraße 64 800 M., fiir das städtische Hallenschwimmbad 403 000 M. und für den Rathaus neubau 3 400 000 M. bewilligt. Alles Geld wird durch Anleihen aufgebracht. Ein Unternehmer Lange aus Berlin, der die Herstellung der Ufer befestigungen am Ufer 4 des Hafens ausgeführt hatte, war bei der Arbeit auf unvorhergesehene Hindernisse gestoßen und reichte deshalb eine Mehrfordernng von 5500 M. ein. Bei der Beratung ergab sich, daß diese Vergebung zweimal ausgeschrieben war. Das erste Mal hatte die Arbeit ein anderer Unternehmer erhalten, der aber auf seinen Wunsch entbunden wurde. Bei dieser ersten Ausschreibung hatte man auf die Hindernisse hingewiesen, vel der ziociten Aus- schreibuiig war dieser Hinweis aber vergeffen worden. Die Ver sammlung beschloß nun nicht etwa, daß der Beamte, der bei der zweiten Ausschreibung den Hinweis weggelassen hat, regreßpflichtig gemacht wurde, sondern sie bewilligte die geforderte Summe anS dem allgemeinen Steuersäckel. Bei der Beratung der Gebührenordnung für die Genehmigung und Beauf- fichtignng von Bauten tvurde festgestellt, daß die Ausgaben für diese Arbeit jährlich 54 000 M. betragen, dahingegen stelle sich die Ein- nahlr>» nach der alten Gebührenordnung nur auf 24 000 M. Man hat ir»n, verniinsiigerweise von dem Gedanken ausgehend, daß diese Ausgaben auch durch die Interessenten aufgebracht werden müssen, die Gebühren etwas erhöht. Dagegen wetterte nicht schlecht der Stadtverordnete Manrcrnreisler Hiilsebeck und ihm sekundierte der Stadlverordnete Maurermeister Diedrich. Die Versammlung blieb jedoch fest und genehmigte die Vorlage. Der von den Stadtverordneten Schreiber und Genoffen eingebrachte Antrag, den Magistrat um Errichtung einer Badeanstalt in der Wilhelmstadt zu ersuchen, den unsere Genossen schon vor Jahren auch gestellt hatten, wurde der neugewählten Badedcputation über- wiesen. Gelegentlich der Debatte über diese Borlage forderte der Stadlverordnete und Lorsiyende des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie Baurat Bender, daß die Frcibadeaiistalt an der Swäserstraße eingehen und dafür einige Frcibadetage in der an der Wröhinännerstroßc belegenen Badeanstalt eingeführt werden sollen. Von der Versammlung wurde diesem Herrn wegen dieser Forderimg nicht schlecht eingeheizt. Man sieht aber, was sich diese Leute allcS herausnehmen. Einer geforderten Umgestaltung der Seminar- Uebimgischule in eine Mittelschule wurde nach längerer Debatte zu- gestimmt. Die übrigen Vorlagen wnrde» meist debaitelos erledigt 8peiis!lMs für Photographie Paul Loewe, Dresdener Str. 2, IIorlil>ahn«fatIoii Kottbuser Top. 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