Ur. 166. Nbonnementz-keckiiiMgeni KBonnemcntä- Preis pränumerando! Biertcljährl. 3£0 Tit., monoll. 1,10 SKf., wöchentlich 2a Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Psg. Sonntags- nununer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- ttbonncinenl: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mar!, für das übrige Ausland s Mar! pro Monat. PoslabonncmcntS nehmen an: Belgien. Däncmar!, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 38. Jahrg. Die Inlettions-Lebühe beträgt für die sechsgespaltene Kolon?!- »eile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewcrlfchaftliche Vereins- und Berlammlungs-Auzcigcii W Pfg. „Ktcinc Hurelgtn", daS fettgedruclle «ort 20 Pfg, fzuläffig 2 fettgebrnckte Worlc), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Echlafslellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedeS weitere Wort 6 Pfg, Worte über lö Puch- ftaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nmiimer tuüstcn bis k Uhr nachmittags in der Expedition «paegeben werden. Die Erv-ditiou ijt US 7 Uhr abends geöffnet. Cifitdot tlsllch auBcr MslllZgt. Berliner Volksblnlk. �entralorgan cker fo2ialäemokratifcken Partei VeuttcKlanäs. Delegranim. Adresse: nSs�siltemovai licrtt»-. KeckaKtion! 8Äl. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Mittwoch, de» 19. Juli 1911. Expedition: 8M. 68, Lindcnstrasoe 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Mit den Staffen der Verleumdung. Aus New Aork wird uns geschrieben: Eine Flut von Verleumdungen ergießt sich in der letzten Zeit über Milwaukees sozialistische Stadtverwaltung. Als vor den iin März und April ds. Js. abgehaltenen Kommunal- Wahlen ein starkes Wachstum der sozialistischen Stimmen mit Sicherheit zu erwarten stand, beriefen sich die Politikanten der bürgerlichen Parteien auf die angeblich in Milwaukee herrschenden Zustände, um leichtgläubigen Wählern Angst vor dem roten Gespenst einzujagen. Das Mittel verfing nicht. Fasi Tag fürTag brachte der Telegraph die Kunde vonneuen sozia- listischen Kommunalwahlcrfolgen. Der Ausgang beweist nach der Ansicht gewisser Leute nun nicht etwa, daß die giftige Lüge im politischen Kampfe auf die Dauer eine unbrauchbare Waffe ist: sie nehmen ersichtlich an, es sei über Miltvaukee nicht genug zusammengeflunkert worden. Daher setzen sie das alte gemeine Spiel fort, nur daß sie es noch toller treiben denn zuvor. Sie suchen bereits Stimmung für künftige Wahlen zu machen. Je größer die Entfernung von Mil- waukee, desto unverfrorener die Entstellungen und Verleum- düngen. Und da nicht nur der Sozialismus, sondern auch die Feindsckiaft gegen ihn international ist, kann es nicht wundernehmen, daß in Europa Schilderungen verbreitet werden, welche selbst die verbohrtesten und verbissensten ameri- konischen Blätter ihren Lesern nicht vorzusetzen wagen. Was aber auch immer gegen die nunmehr etwas über ein Jahr im Amte befindlillie sozialistische Administration von Milwaukee hierzulande gesagt wird, das Zeugnis der Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit wird ihr allgemein ausge- stellt. Und das will viel sagen in unserem Lande der Korrup- tion und des politischen Brigantentum. Dagegen wird geltend gemacht, die sozialistische Verwal- tung, an deren Spitze der Genosse Emil Seidel als Mayor (Oberbürgermeister) steht, stelle sich als eine Reihe von Miß- erfolgen dar. Fettgedruckte, sich über die ganze Breite der Blätter erstreckende Titel verkünden:„Ter Sozialismus in Milwaukee ein Fehlschlag." Die Artikel sind alle über einen Leisten geschlagen und, soweit sie am selben Tage erscheinen, fast durchgehend gleichlautend. Daher sei eine Auslassung der hiesigen„Sun", des Organs von I. Pierpont Morgan, als typisch angeführt. Das Blatt, welches in der Presse der Vereinigten Staaten ungefähr dieselbe Stellung einnimmt wie die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" unter den deutschen Blättern, schreibt:„Wer der Wahrheit die Ehre geben will, muß sagen, daß die Masse der Arbeiterschaft, welche von dem Siege der Sozialisten den Anbruch des� goldenen Zeitalters erwartete, von dem ersten Jahr der sozialistischen Herrschaft in Milwaukee tief enttäuscht ist."„Aber," muß die„Sun" schließlich einräumen:„Man kann nicht behaupten, daß das erste Jahr des neuen Regime ganz erfolglos war. Manches Gute wurde verwirklicht; und mehr durchzusetzen war angesichts der Bestimmungen, der von dem Staate Wisconsin für Milwaukee erlassenen Stadtordnung(Charter) so gut wie unmöglich." Mit anderen Worten: Unsere Genossen taten alles, was sie nur tun konnten. Die„vernichtende Kritik" ist in Wahrheit ein hohes Lob. Was wurde in Milwaukee erreicht? Von der Kommu- nalisierung der sogenannten öffentlichen Betriebe, wie Straßenbahnen, Gas- und Elektrizitätswerke usw., konnte angesichts der die städtischen Befugnisse einschränkenden Stadt- ordnung keine Rede sein. Vergebens ließ die sozialistische Stadtverwaltung durch die in der Assenchly und im Senat sitzenden Genossen, in den überwiegend republikanischen ge- setzgebenden Körperschaftew des Staates Wisconsin vierzig Anträge auf Erweiterung der städtischen Selbswerwaltung stellen. Aber auf allen Gebieten machte die Stadtverwaltung innerhalb der ihr gesetzlich gezogenen Grenzen ausgiebigen und erfolgreichen Gebrauch von den ihr zur Verfügung stehen- den Machtmitteln, um Mißbräuche abzustellen, Reformen durchzuführen und vor allem die Interessen der Werktätigen Bevölkerung wahrzunehmen. Die Seidelsche Administration führte eine tatsächlickze Fabrikinspektion ein, schuf eine vorbildliche Sanitätsbehörde, erweiterte die bestehenden Parkanlagen, kaufte bedeutende Flächen Landes, die teilweise für einen Park und teilweise für Bauplätze für Arbeiterwohnhäuser bestimmt sind, welche die Stadt in eigener Regie zu errichten und zu einem billigen Zins zu vermieten beabsichtigt. Sie verbesserte die vorhan- denen Krankenhäuser und erwarb ein Gebäude, welches in eine städtische Entbindungsanstalt umgewandelt werden soll. Sie zwang die Straßenbahnen, die früher nach eigenem Bc- lieben schalteten und walteten, zur Verbesserung ihres Be- tricbes und die Vollbahneni zur Beseitigung der mörderischen Niveaukreuzungen innerhalb des Weichbildes der Stadt. Sie reinigte die Wählerlisten von den Namen längst verstorbener oder überhaupt nicht eristierender Personen/ Unternehmer. welche für schweres Geld miserable Arbeit geliefert und schon vor Jahren Bezahlung erhalten hatten, müssen auf eigene Kosten die notwendigen Reparaturen vornehmen. Dadurch ollein wurden der Stadt Ausgaben in der Gesamthöhe von über 1 Million Dollar Ol Millionen Mark) erspart. Zum ersten Male in der Geschichte Milwaukees fand eine gründliche Revision der städtischen Kassen und Verwaltungen statt. Dabei wurde festgestellt, daß Milwaukee unter republikanischer wie unter demokratischer Herrschaft, durch systematische Durchstechereien und Betrügereien fortgesetzt um riesige Summen geschädigt worden war. So wurde, um nur ein Beispiel anzuführen, die Straßenpflasterung von den früheren Verwaltungen ohne Bekanntgabe der Bedingungen zur Vergebung ausgeschrieben. Nur ein paar mit den lei- tenden städtischen Beamten unter einer Decke steckende, zu einem Ring zusammengeschlossene Firmen bewarben sich unter solchen Umständen um den Zuschlag. Wie unverschämt die gestellten und bewilligten Forderungen waren, tut der Um- stand dar, daß Milwaukee unter der sozialistischen Verwal- tung allein an Pflasterung eine viertel Million Dollar(1 Mil- lion Mark) pro Jahr spart, obwohl die Stadt entsprechend ihrem Wachstum ein fortgesetzt größeres Straßenareal aufweist. Selbswerständlich schäumen sie vor Wut, die um ihre Schwindelprofite gekonunenen Unternehmer und die in deren Solde stehenden demokratischen und republikanischen Draht- zieher, denen die schweren Schmiergelder entgehen. Städtische Arbeiten, welche früher an Unternehmer vergeben wurden, werden nunmehr, soweit es die Stadtordnung zuläßt, in städtischer Regie ausgeführt. Natürlich Umchs dadurch die Zahl der auf den Lohnliften der Stadt stehenden Arbeiter in bedeutendem Maße; aber es handelt sich dabei nicht um Sine- kuren, wie sie von den früheren Verwaltungen geschaffen wurden. Die Mehrausgaben an Löhnen wurden mehr als ausgeglichen durch die Minderausgaben für fertige Arbeiten, obwohl die städtischen Behörden, den von ihnen beschäftigten Personen viel bessere Arbeitsbedingungen einräumen als die Privatunternehmer. Arbeitszeit und Löhne entsprechen durch- gehends den von den Gewerkschaften aufgestellten Tarifen. Städtische Tagelöhner, welche früher nicht organisiert waren, schlössen sich z» einer Gewerkschaft zusammen: ihr Tagelohn wurde von 1 Dollar und 75 Cent auf 2 Dollar(von 7 auf 8 Mark) erhöht. Vielfach erfuhr die Arbeitszeit eine Ver- kürzung. Von einer nachträglichen Verlängerung der Arbeits- zeit oder Beschneidung der Löhne war niemals auch nur die Rede. Richtig ist nur, daß der Stadtrat die Lohnaufbesserungen angesichts der städtischen Finanzlage nicht in dem geplanten Umfange durchführen konnte. Aber auch in dieser Hinsicht wird Abhilfe geschaffen werden. Das Budget für das laufende Etatsjahr wurde noch von der früheren Stadtverwaltung ausgearbeitet und gutgeheißen, kann also unseren Genossen' ebensowenig zur Last gelegt werden, wie die angeblich erdrückende Steuerbürde. Als der Genosse Seidel sein Amt als Oberbürgermeister antrat, fand er ein Defizit von 400 000 Dollar vor. Dasselbe wurde von der sozialistischen Administration dank der von ihr in allen Zweigen der Verwaltung geübten peinlichen und rationellen Sparsamkeit ausgemerzt. In dieser Hinsicht schrieb das in Milwaukee erscheinende republikanische„Journal" während des letzten Frühjahrswahlkampfes:„Statt leichten Herzens die städtischen Mittel zu verschleudern, ist die sozialisüsche Administration peinlich bemüht, init einem geringen Steuer- satz auszukommen." Die Sozialisten verwahren sich dagegen, daß man sie verantwortlich macht für die Höhe der gegen- wärtig zur Erhebung gelangenden, von der früheren Stadt- Verwaltung zugleich mit dem Budget für das laufende Jahr festgelegten Steuern. Nachdem das republikanische Blatt in gleickien Artikel anerkannt hat, daß gerade die Sozialisten Ordnung in die städtische Finanzgebarung brachten, fährt es fort:„Diejenigen, welche der Administration zu Unrecht den Vorwurf machen, sie treibe Milwaukee zum Bankerott, und ihr dabei die Verantwortung für die frühere Mißwirt schaft aufzubürden suchen, sollten sich vor Augen halten, daß sie durch ein derartiges Vorgehen den Widerstand schwächen, welcher den ausschweifenden Plänen der Sozialisten entgegen gesetzt werden kann, falls sich die Roten in der Herrschaft behaupten."„Denn," schreibt das„Journal" zum Schluß, „wer der ersprießlichen Tätigkeit der sozialistischen städtischen Behörden die wohlverdiente Anerkennung versage, rufe damit bei der Masse der Bevölkerung den Eindruck hervor, nur die Sozialisten seien zu guten Leistungen' befähigt." Gegenüber der in europäischen Blättern verbreiteten, albernen Behauptung, unter der„sozialistischen Mißwirt- schaft" liege in Milwaukee Handel und Wandel danieder, herrsche eine anderwärts unbekannte Arbeitslosigkeit, sei auf das gewiß unverdächtige Zeugnis der Milwaukeer Handels kanuner verwiesen. Dieselbe schreibt in ihrem vor kurzem veröffentlichten Jahresberichte, der Hafenvcrkehr sei noch nie so groß gewesen als im� Jahre 1910 und habe sich auf über 8 Millionen Tonnen gestellt, neue industrielle Etablissements seien im Bau begriffen usw. Welches Geschrei würde gegen unsere Genossen in Milwaukee erhoben werden, wenn der dortige Hafenverkehr eine Abnahme zeigte, wie es z. B. in Cicago der Fall ist. Auch das Federated Trades Council (Gcwerkschafts- und Zentralkörper) von Milwaukee verwies die Behauptung, daß der dortige Arbeitsmarkt schlechter sei als anderwärts, in das Reich böswilliger Erfindungen. Angezogen wird die Steuerschraube allerdings, aber ohne Erhöhung der Steuersätze und nur für die Steuerdcfrau- danken. Bisher wurden Fabriken, Lagerhäuser, die Villen in den vornehmen Vierteln, kurz alle im Besitze reicher Leute befindlichen Baulichkeiten nur mit 42 bis 46 Prozent, die übrigen Häuser aber mit 60 bis 70 Prozent ihres Wertes zur Besteuerung herangezogen. Mit dieser ungleichen Be- Handlung räumen die bösen Sozialisten auf. Dabei nehmen sie nur eine unbedingt notwendige und dem Gesetz ent- sprechende Verschiebung in der Verteilung der Steuerlast vor. Die Geldsackinteressen der ganzen Welt fühlen sich sali- darisch: daher das Begeifern der Stadtverwaltung von Mil- waukee in der bürgerlichen Presse aller Erdteile. So hat der Veriiber eines in der„Augsburger Abendzeitung" unter der Ueberschrift„Die Sozialdemokratie in der Praxis" erschienenen Artikels weder von den tatsächlichen Verhältnissen noch auch von den verfassungsmäßigen Zuständen auch nur die blasseste Ahnung. Behauptet der gute Mann doch gleich in seiner Ein- leitung, der Genosse Seidel sei im April letzten Jahres von der sozialistischen Mehrheit des Stadtrats zum Oberbürger- meister gewählt worden, während die Wahl doch direkt durch die Wähler erfolgte, und eine indirekte Bürgernreisterwahl in den Vereinigten Staaten unbekannt ist. Und wie diese, so sind auch die übrigen Behauptungen des Artikels durchaus falsch.___ Zum Düiieldorfer ütahlhampf. Wie wir gestern berichteten, hatte die Leitung der Fortschrittlichen Volkspartei in Düsseldorf eine WahlkreiSdelegiertenversammluug ein« berufen, um dieser die Frage zur Entscheidung vorzulegen, ob die Anhängerschaft der Fortschrittlichen Volkspartei aufgefordert werden solle, bei der am IS. September stattfindenden Neichstagsnachwahl gleich im ersten Wahlgange ihre Stimme für den sozialdemokratischen Kandidaten abzugeben. Diese Delegiertenversammlung hat gestern abend in Düsseldorf getagt und folgenden Entschluß gefaßt: „Der WahlkrciSausschuß der Fortschrittlichen Volkspartei flir den Wahlkreis Düsseldorf bedauert im Interesse des gesamten Liberalismus, daß durch den Beschluß der Düsseldorfer Liberalen Vereinigung die Aufstellung eines liberalen Kan- didaten für die Reichs tagSersatzwahl ver Hin» dert worden ist, die dadurch von vornherein den Charakter einer Stichwahl bekommen hat. Der Wahlkreisverband der Fort- schrittlichen Volkspartei sieht infolgedessen unter Abwägung der gegenwärtigen politischen Verhältnisse in dem Zentrum als dem Verbündeten der Agrarkonservativen gegenüber der Sozialdemo- kratie das größere Nebel und fordert daher auf, dem- gemäß zu st i m m e n." Die Frage, welche Stellung die Freisinnigen zu dein Kampf zwischen Sozialdemokratie und Zentrum im Düsseldorfer Wahlkreis einnehmen werden, ist a l s 0 e n t s ch i e d e n. Die Fortschrittliche Volkspartci DüsseldorfS�hat die Entscheidnng getroffen, die allein der gegenwärtigen politischen Lage angepaßt ist; sie hat erkannt, daß die erste Vorbedingung einer Besserung unserer politischen Ver» Hältnisse in dem Niederringen des blauschwarzen Blocks besteht. Wie werden sich die Nationalliberalen, vornehmlich die Jung» liberalen verhalten? Werden sie dem Zentrum HecreSfolge leisten? Wie der„Franks. Ztg." auS Düsseldorf berichtet wird, hat innerhalb der Liberalen Vereinigung, die alles, was sich liberal nennt, im Wahlkreis umfaßt, der Kampf um die Frage, ob ein gemeinsamer liberaler Kandidat aufgestellt werden solle oder nicht, lange Zeit hin und her getobt. Zwei numerisch beinahe gleich stark vertretene Anschauungen standen einander gegenüber- Die eine Seite huldigte der Ansicht, daß ein liberaler Kandidat erst in der bevorstehenden Hauptwahl im Januar auf- gestellt werden solle, damit man bei einer dann eintretenden Stich« wähl zwischen Zentrum und Sozialdemokratie ein Handels» objekt zur Rettung bedrohter nationalliberaler Wahlkreise im Jndustrierevier(Bochum. Duisburg) in Händen habe. Eine Decouvriernng der Stärke bei der jetzigen Ersatzwahl sei daher nicht opportun. Von dieser Seite wurde dann ferner Geldniangel, die sommerliche Unlust zur Wahl- arbeit und dergleichen ins Feld geführt. Der andere Teil der Mitglieder des Hauptvorstandes vertrat mit Schärfe die Ansicht, daß eS für die liberale Partei einem Abdankungsbeschluß gleich» käme. wenn sie, die bei der letzten Wahl lö 000 Stimmen aufgebracht hat. diesmal dem Zentrum und der Sozial- demokratie das Feld allein überließe. Bei der entscheidenden Ab- stimmung trug die erstcre Anschauung mit einer ganz kleinen Mehr- hcit den Sieg davon. Auf beiden Seiten war man sich übrigen? darin einig, daß die Stimmenzahl von lö 009. die unter der Bülowschcn Blockparole erreicht worden war. diesmal auf keine» Fall von einem liberalen Kandidaten würde behauptet werden können. In der Ver- fammlung der Fortschrittlichen Volkspartci wurde nun die Lage nach allen Seiten hin sehr gründlich erwogen,'und es siegte schließlich die Anschauung, daß es für die Januar- Wahlen von bedeutendem Einfluß wäre, wenn daS Ergebnis der Nachwahl in Düsseldorf der Verlust des Mandates für daS Zentrum n n d somit eine empfindliche Schädigung des schwarzblauen Blockes fein würde. Nachdem durch das Verhalten der Liberalen Vereinigung eine gemeinsame liberale Kandidatur unmöglich gemacht ivorden sei, würde eine fortschrittliche Sonderkandidatur zunächst die Gefahr einer Sprengung der Liberalen Vereinigung herbeiführe», und sie würde schließlich angesichts der hiesigen Verhältnisse kaum eine stark i»S Gewicht fallende Stinimcu- zahl auf sich vereinigen. Man werde das große politische Hauptziel, dieStärknng der Macht derLiuken und dieSchwächuug des schwarzblauen Blockes zweifelhaft am sichersten und einfachsten erreichen, wenn man die Wahl direkt als Stichwahl auffasse. Der Wahlkreis Düsseldorf dürfe nicht länger Zentrumswahlkreis bleiben. Im Osten die Konservativen entfernen und im Westen das Zentnim. heiße die politischen Verhältnisse in Deutschland in freiheitlichem Sine bessern. Auf ein Lyck-Oletzko-Johannisburg, auf ein Labiau-Wehlau und auf ein Jmmenstadt-Lindau m ü s s e jetzt ein Düsseldorf folge lt. Daß dabei die Sozialdemokratie Siegerin sein werde, sei zu bedauern, aber eZ liege nicht in der Macht der Fortschrittlichen Volkspartei, das zu hindern, da ihr durch den Beschluß der Liberalen Vereinigung die Hände ge- bunde» seien. *«' Düsseldorf, 18. Juli.(Privattelegramm.) Die Demokratische Vereinigung Düsseldorfs hat beschlossen, dem Parteivorsitzenden Dr. Breitscheid in Berlin für die am 19. September angefetzte Reichstagsnachwahl die Kandidatur anzutragen. Dr. Breitscheid behielt sich seine. endgültige Eni- scheidung vor bis nach der am nächsten Donnerstag statt- findenden Zentralvorstandssitzung der Demokratischen Ver- Einigung. �_ Die ffiaroMloaffare. Verschärfung des französisch-spanische» Konflikts in Elksar. Paris, 18. Juli. Die„Agence Havas" meldet aus Elksar vom 16. Juli: Als der französische Konsularagent Boisset, der gestern von einer Reise durch das Gharbgebiet zurückkehrte, vor dem Stadttore ankam, wurde er von dem Wachtposten aufgefordert an- zuhalten und sein Gewehr auszuliefern. Boisset verweigerte dies. Darauf fällte der Posten sein Bajonett vor dem Pferde Boissets, das sich erschrocken bäumte, und schlug das Gewehr an. Boisset wurde, eskortiert von Soldaten, zur spanischen Kaserne geschickt. Auf dem Marsche durch die Stadt folgte eine Menschenmenge, die sich darüber belustigte, wie der französische Konsul von den Spaniern gefangen genommen wurde. Als Boisset vor den wachthabenden spanischen Offizier geführt wurde, erklärte dieser, es liege ein Irr- tum vor. und, ohne sich weiter zu entschuldigen, gestattete er Boisset. sich zu entfernen.— Kurze Zeit nachher wurde der Algerier El Maleh, Direktor der Schule der israelittschen Vereinigung in Fez, der sich auf dem Wege nach Tanger befand, verhaftet und sein Gepäck durchsucht. Der französische Ministerrat hat beschlossen, von Spanien Auf- klärung über den Zwischenfall zu verlangen. Reue Dispositionen des Generals Moinier. Paris, 18. Juli. Die»Agence Havas" meldet aus Casablanca: General Moinier hat eine neue Einteilung der Truppen in drei Abteilungen vorgenommen. Eine Abteilung ist für Mchedia be- stimmt, die zweite für MekincS, die dritte für das Schaujagebiet. Nach einer anderen Meldung hat General Moinier dem Obersten Branlisre befohlen, seine militärischen Maßnahmen in Rücksicht auf die diplomatischen Verhandlungen wegen des Agadir-ZwischenfallS vorläufig abzubrechen, sich aber bereit zu halten, sie jeden Augenblick wieder aufzunehmen. Alarmnachrichten ans Agadir. Paris, 18. Juli. Unter der Ueberfchrift:»Eine neue Kolonie in Agadir" bringt das„Echo de Paris" folgende Nachricht aus Mogador: Der deutsche Konsularagent Maur unter- nimmt bei 43 Grad im Schatten eine Reise nach Agadir. Hand- lungSreisende und Journalisten haben sich seit einigen Tagen in Agadir niedergelassen. Sie sind drei Unternehmern der ManneS- mann-Gesellschaft gefolgt, die dort unten auf einem weiten, vollständig leeren Gebiet eine deutsche Kolonie gegründet haben. Hinter dieser Tätigkeit Deutschlands, die ebenso brüsk vor sich geht, wie unlängst, darf man einige Hintergedanken vermuten. Die Offiziere des „Berlin" habe» im Hafen von Agadir Lotungen vorgenommen und fertigen eine Seekarte an. Dia Kaids Gelluli und AnfluS haben von Verhältnissen profitiert und in dem Gebiet zwischen Mogador und Agadir sich die meisten der Rechte wieder angeeignet, die ihnen kürzlich vom Sultan auf Verlangen deZ französischen Konsuls genommen waren. Das»Echo de Paris" betreibt die Kriegshetze ebenso gewissen- los wie etwa in Deutschland die„Rhein.-Westf. Ztg.". Seine Nach- richten sind daher mit großer Vorsicht aufzunehmen. Immerhin ist es charakteristisch, wie die Blätter der deutschen und französischen Marokkokapitalisten die Agadiraffäre zu einem ernste» Konflikt treiben möchten._ poUtifcbe Qebcrficht. Berlin, den 18, Juli 1911. Adel und Bürgertum. Der Fall Wolff-Mettenrich liegt unseren Junkern bös im Magen. Der mißratene Sprößling aus hochadligem Geschlecht, der täglich 50— 66 M. braucht, von seinem Herrn Papa aber nur 30 Mark monatlich erhielt und deshalb neben allerhand Hochstapeleien auch -um Anpumpen einer Courtisane seine Zuflucht nahm, ist in der Tat eine Figur, mit der unsere Edelsten und Besten keinen Staat machen können. Und wenn die„ D e u t s ch e T a g e S z t g." sich dieses famosen Repräsentanten einer bevorrechteten Kaste dadurch entledigen möchte, daß sie erklärt, dieser Brave sei durchaus kein Tvp. sondern ein Entarteter besagter Kaste, so ist daS zwar sehr begreiflich und auch sehr bequem, nur leider nicht ganz richtig. Denn wenn eS auch der junge Graf Wolff-Metternich ein wenig toller getrieben hat. als cS gemeinhin in seinen Kreisen üblich ist so ist der Prozentsatz der blaublütigen Jugend, der ein unbekümmertes Lotterdasein führt, im Schuldenmachen Unglaub- liches leistet und schließlich in einer frivolen Geldheirat seine Rettung sucht, doch keineswegs so gering. Wäre der junge Wolff-Metternich wirklich eine Ausnahme, ein„Entarteter" gewesen, so hätte er sich schwerlich dauernd in„standesgemäßer" Umgebung bewegen und gerade durch Offiziere in die Kreise der jüdischen Geldaristokratie einführen lassen können, in denen man ihn seines gräflichen Titels wegen trotz seiner kaum zu verkennenden Eigenschaften mit Freuden ausnahm. Nett macht cS sich übrigens, wenn das Junkerorgan dem bürgerlichen Geldprotzentum Mangel an Vürgersinn und Bürgerstolz vorwirft und über die„ganz unberechtigte Hochachtung" spottet, die diese bürgerlichen Kreise vor adeligen Namen hätten! Hochkomisch aber ist eS. daß die„Kreuz- Ztg." die Lumpe- reien enwS Geburtsaristokraten für den geeigneten Anlaß hält, gegen die Aristokratie von MammonS Gnaden, die„Herrschaft deS Geldes" zu eifern, die schließlich der Demokratie Vorschub leiste. Worauf dann eine Verherrlichung des armen JunkcrS folgt, der sich aus„Idealismus" dem Soldatenberuf widmet und sich überall durch die reichen Emporkömmlinge aus der Bourgeoisie in den Schatten gestellt und an die Wand gedrückt sieht. Du lieber Gott— in der Aera des agrarischen Brot- und Fleu'chwuchers sind die junkerlichen Hungerleider doch mit der Laterne zu suchen! Der Adel ohne Ar und Halm aber hat es doch längst verstanden, sich durch die Berschacherung seines Namens in den Mitgenuß des bourgeoisen und sei eS selbst jüdischen Mammons zu setzen. Schon Bismarck fand ja die Kreuzung zwischen germanischem Hengst und semitischer Stute ganz rationell!...... Im übrigen ist es aber auch eine plumpe Geschmacklosigkeit, all- »usehr mit der moralischen Intaktheit deS echten teutschen Adels zu renommieren. Daß eS zu allen Zeiten auch unter dem Adel tüchtige Elemente gegeben hat, ist selbstverständlich. Daß sich aber sehr totte Schichten deS Junkertums teils in.Krippenreiter", teils m ein höfisches Lakaiengeschmeiß verwandelten, daS jeder moralischen Entwürdigung fähig war, das mögen„Kreuz-Ztg." und„Deutsche TageSztg.", wenn es ihnen entfallen sein sollte, wieder einmal bei einem gewiß unverdächtigen Historiker wie Gustav Freytag nach- lesen I_ Eine faule Gründuug des Bundes der Laudtvirte. Die bündlerische Presse hat vor wenigen Tagen mit höchst ver- dächtigein Eifer bestritten, daß der Bund der Landwirte Geschäfte macht. Die Tatsache konnte freilich nicht abgeleugnet werden, daß eine Anzahl Verkaufsstellen bestehen, mit denen die Führer der Bündler in den engsten Beziehungen stehsn, wie auch nicht abge- leugnet Werder: kann, daß ein Teil der Ueberschüsse dieser Verkaufs- stellen in die Kassen des Bundes der Landwirte fließt. Nun erfährt man, daß der vielseitige Bund auch mit Wein handelt, oder besser gesagt: eine Verkaufsstelle errichtet hat, die den Vertrieb von Wein besorgt. Die nationalliberale Wochenschrift»Die Mainbrncke" er- zählt darüber: „Die Bemühungen deS Landbundes, nach dem„bewährten" Vorbild des Zentrums Politik und Geschäft zu verbinden, haben neben vielem anderen zur Gründung der NaturWeingesellschast in Berlin geführt. Diese Gründung, der die Herren Graf Spee und Roesicke besonders nahe stehen, wurde mit großen Hoffnungen ins Leben gerufen, man stellte gleich drei Direktoren mit hohen Ge- hältern an und man sorgte für ein besonders großes, wohlasior- tiertes Lager, das natürlich ein hohes Betriebskapital erfordert." Das Geschäft geht aber herzlich schlecht, wiewohl die notleiden- den Agrarier vielfach starke Weinkonsumenten find. Dieser schlechte Geschäftsgang hat nun nach der.Mainbrücke" folgende Ursache: „Ein beträchtlicher Teil Großgrundbesitzer, namentlich schlesi- scher Nationalität, benutzt die Weinhändler als Bankiers. Die Herren, die trotz ihres Reichtums häufig in Bargeldschwierig- leiten sind— was angesichts des im Grund und Boden fest- gelegten Kapitals recht erklärlich ist— haben oftmals das Be- dürfniS, Wechsel von 20 000 und 30 000 M. rasch diskontiert zu er- halten. Mit diesem Papierchen kommt man dann zu seinem Wein- Händler in der nächsten Großstadt, und dieser ist gern gefällig, wird ihm dann auch bereitwillig Gelegenheit gegeben, den Weinkeller des Herrn Rittergutsbesitzers in„entsprechender" Weise einzurichten. So wäscht eine Hand die andere und niemand hat Schaden da- von. Solche Geschäfte macht man aber nur mit Leuten, die einem gesellschaftlich fernstehen, nicht aber mit seinesgleichen, und den Bund der Landwirte in seiner heutigen feudalen Richtung steht mau als seinesgleichen an. So sitzen also nun die drei Direktoren mit ihrem Beamtenstab und ihren großen Vorräten da und können den rechten Kundenkreis für die„Naturwein"gesellschaft nicht finden. Dazu kommt aber noch ein anderes, was so ziemlich das Ende der Gesellschaft bedeutet, und was auch ein bezeichnendes Licht auf die verzweifelte Stimmung der„politischen" Abteilung des Bundes wirft: Man hat den Leitern der Weinabteilung die strikte Weisung gegeben, keine weiteren Mittel in Wein festzulegen, sondern umgekehrt Schritte zu ergreifen, um die bereils fest» gelegten Summen flüssig zu machen, da man sie im Wahlkampf benöligt. So wird es also letzten Endes auf die entsprechende Summe liquid gemachten Alkohols ankommen, in welcher Weise der Bund aktionsfähig bei den kommenden Reichstagswahlen fein wird."_ Noch ein Wahlrechtsraub in Tchlestvig-Holstein. Nachdem soeben erst die bürgerliche Mehrheit in der städtischen Vertreterschaft Glückstadts den WahlzensuS erhöht hat, ist jetzt die bürgerliche Mehrheit in Pinneberg diesem Beispiel gefolgt. Und die Herreu haben gleich ganze Arbeit gemacht, sie beschloffen, den Wahl- zensuS auf die nach der Städteordnung höchst zulässige Einkommens- grenze von 1500 M. zu erhöhen. Seit 1903 ist das schon die zweite ZensuSerhöhung. damals wurde der ZensuS von 600 auf 1050 M. heraufgesetzt. Trotz der damaligen Zensuserhöhung war eS unseren Genossen doch mit der Zeit gelungen, drei Sozialdemokraten ins Stadtparlament hineinzuwählen. Nun drohte der Stadt natürlich der Untergang, denn, so sagte der Bürgernleister bei Begründung des Magistratsantrages auf ZensuSerhöhung, bei der jetzt erfolgten Aufstellung der Bürgerrolle habe sich ergeben, daß ein sehr großer Zuwachs von stimmberechtigten Bürgern zu verzeichnen sei. Dieser Zuwachs komme hauptsächlich der Sozialdemokratie zu- gute. Er müsse deshalb an die Mitglieder der städtischen Kollegien die Mahnung richten, jetzt, wo sie noch die Macht in Händen hätten, den ZensuS auf 1500 M. zu erhöhen. Die bürgerlichen Vertreter hörten die zornige Protestrede unseres Genossen gegen den beabsich- tigten Wahlrechtsraub mit gesenkten Häuptern an, wußten kein Wort der Erwiderung zu sagen, stimmten dann aber geschlossen für den WahlrechtSraub. In einem seiner Verwaltungsberichte hat der Oberbürgermeister von Kiel den Satz niedergeschrieben:„Hätte ich vorher gewußt, daß die ZensuSerhöhung eine so ungeheure Erbitterung in der Kieler Bürgerschaft hervorrufen würde, ich hätte die Hände davongelassen". Auch für die Wahlrechtsräuber anderer Orte wie Kiel wird noch der Tag der Einsicht kommen. Unsere Genossen werden ihr möglichstes tun, daß die Saat des Wahlrechtsraubes aufgeht und m sozial- demokratische Lehren schießt._ Für und gegen de« Hausabuud. Die Spaltung zwischen den verschiedenen Interessengruppen der rheinisch-westfälischen Großindustrie wird immer tiefer. Während die Schwer-Eiseniudustrie mit dem Zentralverband Deutscher Industrieller durch dick und dünn marschiert, nimmt die sog. Fertigindustrie, (d. h. jene Industriezweige, die Eisen und Stahl zu fertigen Waren verarbeiten) vielfach für den Hansabund Partei. So wird tele- graphisch auS Remscheid gemeldet: „Der Bergische Fabrikantenverein, eine der machtvollsten Orga- nisationen des westlichen Industriegebiets mit weit über 200 Mit« gliederfirmen, hat in einer Borftandssiylmg gestern einstimmig be« schlössen, aus dem Zentralverbande Deutscher Industrieller, dem er bisher korporativ angeschloffen war. auszutreten. Der Bergische Fabrikantenverein begründet seinen Austritt aus dem Zentral- verbände damit, daß er die Haltung des Zentralverbandes gegen den Hansabund nicht billigen könne, und spricht dem Hansabund fein Vertrauen auS."_ Das„liberale" Vereinsgesetz in neuer Auslegung. Nachdem vor einigen Tagen daS OberberwaltungSgericht die Zahlstelle des Zimmcrerverbandes in Thorn für politisch erklärt hat, scheinen die Polizeibehörden sich diese Auslegung zu nutze machen zu wollen. In Bromberg hat die Polizei jetzt an fast sämtliche von ihr ermittelten Vorstandsmitglieder der freien Gewerkschaften die Auf. forderung ergchen lassen, binnen einer Frist von zwei Wochen das Verzeichnis der Vorstandsmitglieder nebst den Satzungen einzu- reichen. Auch wurde auf Umwegen versucht, von einem der Gewerbe- gerichtsbeisitzer zu erfahren, wieviel Mitglieder die freien Gc- werkschaften am Orte hätten. Jedenfalls hält die Behörde sich für berechtigt, nachdem das ObcrverwaltungSgcricht die Zimmerer- Zahlstelle in Thorn für politisch erklärt hat. daß sie es nunmehr auch hier so machen kann. Auf den Ausgang dieser Aktion kann man ja gespannt sein, da die Gewerkschaften sich nicht für ver- pflichtet halten, dem Verlangen der Polizei zu entsprechen. Sollte es infolge der Weigerung zu Bestrafungen kommen, so wird diese Angelegenheit bis zur letzten Instanz durchgefochten wtpdes. '' Ob die Polizei in dem Feldzug'gegen die freien Gewerkschaften die Lorbeeren ernten wird, die sie sucht und braucht, steht au, einem anderen Blatt. Die Weltfremdheit sächsischer Richter. Im Falle der Freiberger Ortskrankenkasse wie auch bei so manchen anderen Gelegenheiten ist die Weltfremdheit der Richter io recht in die Erscheinung getreten. Wie aber selbst bürgerliche Kreise die mangelhaste Fühlung des Richterstandes mit den Erforderiiisscii des praktischen Leben? unangenehm empfinden, das ergibt sich aus einem Beschluß des sächsischen Handelskammertages. Bei der Be- ratung über eine Reform der juristischen Vorbildung wurde nämlich ei» Beschluß gefaßt, der besagt: Der Handelskammertag hält eS im Interesse von Handel und Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, wie auch im Interesse dcS Juristenstandes selbst für dringend wünschenswert, daß sich w'-f.'.er und Anwälte von den Bedürfnissen des prakt i> ch e u Lebens in weitgehendem Maße„unterrichten". Als geeignetes Mittel zur Erlangung praktischer wirtschaftlicher Kenutnisie wird für die jungen Juristen eine ihrer Ausbildung dienende Beschäftigung in Handelskammern, Gewerbe- und Land- wirtschastskammern, oder einzelnen kaufmännischen oder industriellen Großbetrieben verlangt. Vielleicht wäre auch eine Ausbildung in einem Gewerkschafts- bureau usw. nicht unangebracht, da eine größere Kenntnis des ArbciterlebenS und der Arbeiterbewegung den sächsischen Juristen sehr mangett._ Militärjustiz hinter verschlossenen Türen. Es ist sonst gerade nicht deS Brauchs bei den Kriegsgerichten. die Oeffentlickikeit auszuschließen, wenn sich gemeine Soldaten zu ver- antworten haben. Der Ausschluß der Oeffentlichkeir bei den Ver- baudlungen findet gewöhnlich nur statt, wenn Offiziere wegen Quälereien gemeiner Soldaten vor Gericht erscheinen müssen. Das Kriegsgericht des zweiten Geschwaders in Kiel hat jedoch am Sonnabend und Montag solche seltene Ausnahmen gemacht, mau fragt deshalb unwillkürlich, was dahinter steckt. Wegen Gefährdung militärischer Interessen und im Interesse der Disziplin: so hieß es in den: Antrage des Anklagevertreters auf Ausschluß der Oeffentlichkeir. Am Sonnabend standen vier Matrosen und ein Ober- matrose vom Linienschiff„Pommern" vor dem Kriegs- gericht. Ein Matrose wurde wegen verleumderischer Beleidigung, Drohung, Erregung von Mißvergnügen unter Kameraden und Bc- günstigung zu zwei Jahren fünf Monaten Gefängnis verurteilt, ein Matrose und der Obermatrose erhielten wegen Be- günstigung je sechs Monate Gefängnis, zwei Matrosen wurden freigesprochrn. Am Montag stand als Angeklagter wieder ein Matrose von der„Pommern" vor demselben Kriegsgericht und zwar soll die Anklage mit der vom Sonnabend im engen Zusammen- hange stehen. Dieser Angeklagte wurde wegen Aufwiegelung z u einem Jahre drei Monaten Gefängnis verurteilt. Die Ursachen der Vergehen der so hart Verurteilten müssen doch sehr heikler Natur sein, wenn ihre Bekanntwerdung die militärischen Interessen gefährden und die militärische Disziplin unterg rabenkann._ Soldatenmisthandlungen. Die„Koblenzer Volkszeitung" berichtet in ihrer Nummer 409 über nicht weniger als drei Soldatenmißhandlungsprozesse aus der Garnison Koblenz. Das Kriegsgericht befaßte sich mit dem Sergeanten Qua de vom Trainbataillon Nr. 8 wegen vorschrifts- widriger Behandlung und Mißhandlung Untergebener. Er hat Soldaten in zwei Fällen furchtbar abgehetzt und sie dann schweiß- triefend sich in den kalten Hof stellen lassen, so„daß die Leute sich schwere Erkältungen zugezogen haben.~ Er war ferner angeklagt, sämtliche Angehörige seiner Reitabteilung vorschriftswidrig behandelt zu haben. ES hielt sehr schwer, aus den einzelnen Zeugen etwa» herauszubringen— die ständige Erfahrung der Militärgerichte in Mißhandlungsprozessen. Ouade erhielt infolgedessen nur drei Tage wegen eines Falles. Bon der Anklage, einen Rittmeister durch die Behauptung, dieser habe ihn zu dem„schärferen Anfassen" der Soldaten veranlaßt, verleumdet zu haben, wurde er f r e i g e» s p r o ch e n. T«r Unteroffizier Mettgenberg vom Feldartillerie-Regi» ment Nr. 23 wurde wegen Mißhandlung in 11 Fällen und wegen Anstiftung zur Mißhandlung von.Rekruten durch„alte Leute" in einer dunklen Stube zu vier Wochen Mittelarrest, unt> der Unter- offizier Aljier vom Jnsanterie-Regimcnt Nr. 30 wegen Miß» Handlung xipes Untergebenen zu 14 Tagen Msttelgrxejt ver- urteilt._■.-------—.....— Belgien. St. Hubertus und Pasteur. Mai: schreibt uns aus Brüssel: Der Unterricht in den Neri- kalen Schulanstalten, obwohl er dem Staate schlvere Millionen koste:, genießt nicht eben hervorragenden Ruf. Die Hunderte aus allen möglichen Ländern eingewanderten Nonnen, die von der gastfreien Regierung gleich dutzendweise naturalisiert werden, besitzen entweder keine oder höchst zweifelhafte„Diplome". Und wie die Lehrkräfte find die Schulbücher, deren Verfasser, natürlich Kleriker, es weniger auf wissenschaftliche Exaktheit denn auf Eintrichtern von Frömmigkeit und Kirchenglauben ankommt. Besonders der Geschichte ergeht e§ da oft übel und die historischen Tatsachen erfahren dann manche kuriose Interpretation und heitere Korrektur. Selbsttedend ist Philipp II., den, wie eS in einem solchen Büchlein heißt,„Pro- testanten, Voltairianer, Freidenker, Liberale und ReligiöS-Jndifferente für die Revolution im 16. Jahrhundert verantwortlich machen", zu einer Art Schutzpatron Belgiens hinaufgelobt, dieweil es ihm zu danken ist. daß Belgien katholisch geblieben ist. Für den Moral- Unterricht istlfolgendes ebenfalls einem Lehrbuch enwommenes Ge- schichtchen typisch: Eine wohlhabende Familie ist durch FeuerS- brunst. durch Verluste von Prozessen, tödliche Krankheiten usw. zu Grunde gegangen. Warum? Weil sie einem Schützling verboten hatte, zur— Messe zu gehen!— Sozialisten und Liberale werden in die kindliche Denkweise als Inbegriff alles Sündhaften und Verbrecherischen eingeführt.— Manchmal passieren aber auch Stückchen von charmantester Heiterkeit, die keinen Groll aufkommen lassen. In einem Schulbuch. daS einen Inspektor zum Verfasser hat, werden für gewisse Fälle medizinische Winke erteilt. Leuten, die von tollen Hunden gebissen werden, wird empfohlen, sich an den heiligen Hubertus zu wenden. Anschließend an diesen Rat folgt daS reizende Sätzchen:. Man kann auch im Institut Pasteur geheilt werden!" Auch l I Man denke I Ist eS nicht ein hübscher Fall von„Versöhnung von Religion und Wissenschaft?' Nun erst ist der Ruf des französischen Gelehrten fest begründet, da seiner Bedeutung sogar die Konkurrenz St. Hu» bertus nichts mehr anhaben kann!— D i e s e m Schulunterricht wollen die Klerikalen mit dem Schollaertschrn Gesetz zwanzig Millionen jährlich für ewige Zeiten sicher::. ES ist. bei St. Hubertus l ein bißchen überzahlt... Snglckiid. Rückschrittlicher Liberalismus. London, 17. Juli.(Eig. Ber.) Die Imperialisten der englischen Hochfinanz haben in der auswärtigen Politik dieser „fortgeschrittensten aller liberalen Regierungen" wieder einmal ihren Willen durchgesetzt. Lord Kitchener ist zum Minister mit unbeschränkter Vollmacht und Generalkonsul Grotzbritannieils in Aegypten ernannt worden. Dem Diplo» maten Gorst wird wieder ein Soldat folgen, der den Faden wieder aufnehmen wird, wo ihn der Soldat Lord Cromer, dessen Verwaltung durch die Denschawai-Metzeleien gelem»- zeichnet wird, fallen gela feu hat. Die Brutalität ist die hauptsächlichste Charaktereigenschaft deS neuen britischen Bevollmächtigten, den ein liberales Blatt als„den größten lebenden Soldaten der Welt" bezeichnet. Hätte es„den größten lebenden Menschenschlächter �dcr Welt" geschrieben, so wäre es der Wahrheit näher gewesen. Lord Kitchener soll ein großer Organisator sein und es wird ihm überdies nachgesagt, er wisse gut mit Menschen umzugehen. Diese Fähigkeit hat er im Sudan und in Südafrika be- sonders glänzend an den Tag gelegt. Die entsetzliche Nieder- mctzelung des Mahdis und seiner Gefolgschaft bei Omdurman— eine Schlacht kann dieses Blutvergießen, bei dem die Eng- länder kaum einen Mann verloren, nicht genannt werden— machte ihn zum Liebling der imperialistischen Kreise Englands. Und als es dem Menschenschlächter von Omdurman gar gelang, den Widerstand des Burenvölkchens zu überwinden, indem er einen Krieg gegen die Frauen und Kinder der sich heroisch wehrenden Buren organisierte, wurde er zum Abgott aller reaktionären Elemente des Landes. Dieses„Organi- sationstalent" wird nun auf die Aeghpter losgelassen werden. Die eine Plage des Genies, das die„concsntration camps" erdachte, in denen die Frauen und Kinder der Buren wie die Fliegen dahinstarben, wird dem ägyptischen Volke bald unausstehlicher werden als die Gesamtheit der alten zehn Plagen. Als Lord Kitchener im Jahre 1909 aus Indien zurückkam. entfalteten die englischen Konservativen sogleich eine Agitation, um dem arbeitslosen Feldmarschall eine seinem Rufe an- gemessene Stellung im britischen Heere zu verschaffen. Aber die Liberalen mißtrauten dem Manne, dessen Eniennung zum Oberbefehlshaber den Bestrebungen der Freunde des stehenden Heeres und der allgemeinen Wehrpflicht einen mächtigen An- stoß gegeben haben würde. Man bot Kitchener den Ober- befehl über die Truppen in den Stationen am Mittelländischen Meere an, ein Amt, das er mit Verachtung ausschlug. So leichten Kaufs sollte man ihn nicht aus dem Lande schaffen. Er wollte wenigstens Vizekönig von Indien werden. Man überging ihn jedoch. In den letzten Wochen, seitdem es klar wurde, daß der Posten des britischen Agenten in Aegypten bald frei werden würde, entfalteten die imperialistischen Organe eine rege Propaganda für den Feldmarschall, der inzwischen aus Verdruß Eisenbahndirektor geworden war. Lord Kitchener sollte der starke Mann sein, nach dem die ägyptischen Dividendenschlucker schreien, der das Gespenst der Revolution bannen könnte. Sir Edward Grey, der Vertrauensmann der imperialistischen Finanzleute im liberalen Kabinett sah, daß die Gelegenheit günstig war. Seine radikaleren Parteifreunde waren wegen der Nähe der Parlamentskrise in Verlegenheit und diese Ver- legenheit nahm er wahr, um den Wünschen seiner engeren Freunde Geltung zu verschaffen. Wieder ein Beispiel dafür, daß in einer Koalition die reaktionären Elemente im ent- scheidenden Augenblick stets ihren Willen durchsetzen können. Rußland. Verurteilung von 53 spitzbübische» Juteudanturbeamten. Moskau, 17. Juli. In dem Prozeß gegen Intendantur- beamte und die Firma Thiel hat das Militärgericht fünf An- geklagte zum Verlust von Rang und Orden sowie besonderer Rechte und zu drei Jahren KorrckrionSgefängniS verurteilt, ferner einen Angeklagten zu 2 Jahren 6 Monaten, einen zu 29 Monaten, acht zu 1 Jahr 6 Monaten, 33 zu einem Jahr, zwei zu neun Monaten und einen zu elf Monaten Korrektionsgefängnis. Sieben Angeklagte sind freigesprochen worden, unter ihnen der Vertreter der Firma Thiel. Die erhaltenen Bestechungsgelder sind zurückzuzahlen und sollen für Wohllätigkeitszwecke verwandt werden. perllen. Aufruhr und Anarchie überall. London» 13. Juli. Dem„Standard" wird auS Teheran vom 17. d. M. gemeldet: Die Lage in SchiraS ist autzerordentlich schwierig. Der Gouverneur wird in seinem Palast belagert, sein Leben soll in Gefahr sein. Die Provinz Aserbeidschan, im Nord- Westen, ist völlig im Aufruhr. Fünftausend Reiter von den kurdischen Grenzstämmen haben sich Salar ed Dauleh angeschlossen und marschieren auf Kirmanschah. Eine Abteilung der Truppen Salar ed Daulehs soll Kengawer geplündert haben. Teheran, 17. Juli.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Die Anarchie im Lande wächst zusehends. Unruhen sind auch hier wahrnehmbar. Die Räubereien nehmen zu. Chorassan und Asterabad sind durch Reschid uS Sultan, der Sebsewar und Schachrud besetzte, von der Hauptstadt abgeschnitten. Telischi ist in Aufruhr. Der Gouverneur ist ent- flohen. In KaSwin sind Unruhen ausgebrochen. Auf der Straße von Kaswin nach Hamadan werden häufig Raubanfälle verübt. Der Gouverneur von Chalchal ist von Nomaden auf dem Wege nach Täbris ergriffen worden. Serab ist von den Schahsewennen umringt, die den Verkehr mit Ardebil und Täbris abgeschnitten haben. In Karadag sind armenische Ortschaften ausgeraubt worden. Sinnah befindet sich in den Händen der Kurden, den An- hängern des Prinzen Salar ed Dauleh, der nach Hamadan vor- rückt. In Kirmanschah und SchiraS soll eine Gärung bestehen. In Teheran schweigt man von den erwähnten Ereignissen, wahrscheinlich um den Erfolg der in London emittierten persischen An- leihe nicht zu beeinträchtigen. Die in Perfien sich vorbereitenden Ereignisse könnten daS englische Publikum ganz unvorbereitet finden. Hus der Partei. Ans den Organisationen. Aus der Parteiversammlung des 16. sächsischen Reichs- tagswahlkreiscs. Dem Geschäfts- und Kassenbericht ist zu entnehmen, daß die Mitgliederzahl des Wahlkreisvercins im letzten Geschäftsjahre um 1292 gestiegen ist; sie beträgt jetzt 9932, dabei sind 321 Frauen. Auf die Stadt Chemnitz entfallen allein 6321, einschließlich 433 Frauen. Ter Krcisvcrcin ist in 11 städtische und 21 ländliche Bezirksvercine eingeteilt. 283 Vereins- und 63 öffent- lichc Versammlungen haben im Berichtsjahre stattgesunden. 46 Säle stehen der Partei im 16. Kreise zur Verfügung. 99 Ge- mcindevertreter stellt die Partei seit Dezember 1910 gegen 81 im Vorjahre. Trotz Verschlechterung des Gemcindewahlrechts in einigen Landgemeinden konnte lx>S Vordringen unserer Partei doch nicht verhindert werden. Partciversammlungcn wurden 5 abgehalten, ferner fand noch 1 Frauentag und 1 Frauenversammlung statt. Die Maifeier war trotz der 3 Tage zuvor erfolgten Beendigung des Kampfes in der Metallindustrie eine imposante. Die geschaffene Zcntralbibliothek wird nächstens eröffnet werden, desgleichen ein Lesczinimcr.„ Im Zeichen großer Umwälzungen und außergewöhnlicher Ver- solgungen stand unser Parteiorgan, die..Volksstimme". Der Avonnementspreis wurde von 69 auf 79 Pf. erhöht. Die besonders im 16. Kreise befürchtete Abonncntenflucht trat glücklicherweise nicht ein, dagegen ein erfreulicher Aufstieg der Abonnentenziffcr, die die 32 999 überstieg. Tann kam der Erwerb eines Grundstückes zum Bau eines eigenen Heims der Parteizeitung und der Bau selbst, der am 17. Juli in Betrieb genommen wird. Erhebliche finanzielle Opfer und mehrere FreiheitSsträfen wurden über das Parteiorgan verhängt; nachdem Genosse Bartels sechs Wochen verbüßt hatte, wurden die Genossen Heilmann und Meyer zu je sechs Monaten Gefängnis wegen angeblicher Majestätsbelcidigung verurteilt. Die Jahrcsrechnung bilanziert mit 43 743,88 M. Der Kassenbestand erhöhte sich von 19198 M. auf 18 373 M. Der sozialdemokratische Verein Stuttgart veröffentlicht soeben den Tätigkeitsbericht für die Zeit vom 1. Juli 1919 bis zum 39. Juni 1911. Tie Mitgiicdcrzahl stieg in dieser Zeit von 3141 auf 6833, das ist um 1692. Verhältnismäßig noch erheblicher ist die Zunahme der weiblichen Mitglieder, von 241 auf 481; die Zahl hat sich also mehr als verdoppelt. Die Zahl der Wochenbeiträge(männliche Mitglieder 19 Pf., weibliche Mit- glieder 3 Pf.) stieg von 228 131 auf 292 987, das ist um 63 956 Bei- träge. Es gelangten 163999 Flugblätter und 7394 Broschüren zur Verbreitung. Ter Kassenbericht schließt mit 33 344 M. Einnahme und 36 382 M. Ausgabe. Die Mehrausgabe von 837 M. erklärt sich dadurch, daß der Verein zwei Wahlkämpse durchzufechten hatte, die Bürgerausschußwahl und die Oberbürgermcisterwahl, die 3529 M. Kosten verursachten. Der bare Kassenbestand beziffert sich auf 3386 M. An die Kreis- und Landeskasse führte der Verein 14 966 M. ab. Außer einer großen Anzahl öffentlicher Versamm- lungen wurden 13 allgemeine Mitgliederversammlungen abgehalten. Die Bezirksvereine veranstalteten 136 Mitgliederversammlungen, davon 96 mit Vorträgen, und 44 öffentliche Versammlungen. Das Wachstum der Parteiprcffe hat leider trotz intensiver Werbearbeit der Genossen mit dem Wachstum des Vereins nicht Schritt gc- halten. Die Leserzahl stieg nur um 933. Der Bericht gibt weiter Kunde von einer sehr regen Bildungsarbeit durch Veranstaltung von Untcrrichtskuvsen, wissenschaftliche Einzelvorträge und künst- lerischc Veranstaltungen, Literaturvermittlung usw. Im Bil- dungsausschuß sind die Partei, die vereinigten Gewerkschaften und die Jugendorganisation mit je drei Delegierten vertreten. Die Hauptlast in finanzieller Beziehung liegt aber auf dem sozialdemo- kratischen Verein. Die Rechnung des Bildungsausschusscs schließt mit 6283 M. in Einnahme und Ausgabe ab. Die Jugendbewegung bedarf noch sehr der Förderung. Die Schaffung eines Heims für die Jugend dürfte die dringendste Aufgabe der nächsten Zeit sein. Ter Bericht gibt weiter Aufschluß über die Tätigkeit der Kinder- schutzkommission, über die Frauenbewegung usw. Im Schlußwort wird gesagt:„An angestrengter Arbeit hat es im abgelaufenen Geschäftsjahr nicht gefehlt. Die größten Anforderungen mußten an die Genossen gestellt werden. Die Arbeit ist gern geleistet worden. Jeder Teil des Berichts spiegelt die rührige Tätigkeit der Mit- glieder in diesem bewegten Jahre wider, die ihr Alles für die Partei einsetzen, deren Willenskraft durch Haß und Verfolgung nicht ge- beugt werden kann. Das Fortschreiten der Bewegung ist die beste Genugtuung für die gebrachten Opfer." Die Kreisgeneralversammlung des Erfurter ReichstagSwahlkreiseS fand am Sonntag in Alb rechts bei Suhl statt. Aus dem Jahresbericht ersehen wir, daß im letzten Jahre drei neue Ortsgruppen entstanden sind und die Kreisorganisation um 399 männliche und 209 weiblicke Mitglieder zugenommen hat, von 2483 ist die Mitgliederzahl auf 3139 gestiegen. Die Abonnenten- zahl der„Tribüne" ist im abgelaufenen Jahr um rund 1499 im Kreise gestiegen. Versammlungen wurden 173 abgehalten und 67 Volksversammlungen behandelicu aktuelle TageSfrageu. Im all- gemeinen wird guter Besuch der Mitglieder- und meist Massenbesuch der Vollsversammlungcn konstatiert. Durch den Kreis wurden 11 999 Kalender, 49 999 Wahlrechtsflugblätter und außerdem durch den Orts- verein Erfurt 29 999 Flugblätter zur Reichsversicherungsordnung und 13 999 zum Frauentag, verbreitet. Der ReichStagSwahlfonds hat die stattliche Höbe von 5983,39 M. am 30. Juni erreicht. Aus dem Bericht ist sonst noch ein regeL Leben in den Ortsgruppen zu konstatieren. Der größte Ortsverein Erfurt hat zum Beispiel seine Mitgliederzahl im abgelaufenen Jahre um 428 erhöht und durch einige Haus- agitationen die Abounenteuzahl der„Tribüne" um 769 in seinem Gebiet gesteigert.— Die Krcisgeneralversammlung beschloß, daß die Ortsgruppen die Hälfte ihrer Kassenbestände der KreiSkasse zur Ver- fügung zu stellen habe», ferner in den OrtSvcrcinen Instruktionen über ivahltechnische Arbeiten zu erteilen, die Beiträge der weiblichen Mitglieder voll der Kreiskasse zufließen zu lassen und in Zukunft die KreiSgeneralversanimlunßen nur in Erfurt und Suhl abzuhalten. Die nächstjährige findet in Erfurt statt. Ein Referat des Kandidaten des KreiseS, Genossen Heinrich Schulz, über die Reichstags- Wahlen wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. poliieilicdes» Vei-icvtticves uiw. Wegen Beleidigung eines AmtövorsteherS wurde Genosse G. Schumann vom Stettin er„Volks- boten" zu 39 M. Geldstrafe verurteilt. Das Gericht erblickte die Beleidigung in einer Notiz, in der dem betreffenden Amtsvorsteher vorgeworfen wurde, er verstehe nicht? von Politik, da er eine Jugendversammlung als eine politische erklärt hatte, obwohl der Referent nur von den Schäden der kapitalistischen Produktionsweise für Mutter und Kind gesprochen hatte. In der Verhandlung legte Genosse Schumann Gewicht darauf, festgestellt zu sehen, ob die Versammlung eine politische war oder nicht. Der Vorsitzende hielt dies zwar für unerheblich, in der Urteilsbegründung wurde aber doch hierauf bezug genommen. Nach Ansicht des Gerichts war die Versammlung eine politische; denn wenn der Redner gesagt habe, so führte der Vorsitzende aus, daß der Kapitalismus die Arbeiter ausbeute und so Schuld trage an den heutige» Zuständen, so sei das ohne Zweifel eine Erörterung politischer Angelegenheiten. Hub Industrie und Kandel. Der Weltverband der Stahlkönige. Die Ilnternehmerblätter möchten die Gründung des Weltverbandes als eine für die Allgemeinheit eigentlich harmlose Sache darstellen. DaS ist erklärlich. Auch das„B. T." beißt auf den Köder an. Mit einer fast reizenden Naivität meint eS: „... Doch die Ernüchterung folgte mit derselben Sicherheit, wie der Aschermittwoch auf buntes Fastuachtlreiben. Spärlicher und spärlicher lvurdc» die Brüsseler Meldungen, und selbst die größten Optimisten mußten schließlich zugeben, daß nichts weiter geplant gewesen und erreicht worden sei als eine freundschaftliche Aussprache— ein Sichkeimenlernen— ein Diner, bei dem weder zwischen Poularde und Eis, noch zwischen Käse und Birnen auch nur da» kleinste Abkommen getroffen worden. Doch nein— pardon... der Wahrbeit die Ehre: ein Ausschuß wurde ge- wählt, dem sicherlich für die nächste Tagung die Funktion zu- fallen dürste— die Weine auszusuchen und das Menü zusammen- zustellen." Für seinen schönen Glauben führt daS Blatt allerdings auch Gründe ms Feld. Ersten», die Drahtkonvention in Deutschland ist aufgeflogen und daS sozenaunte„Gentleman agreement" in den Vereinigten Staate» ist durchbrochen worden. Die Produzenten im Lande würden nicht einmal unter sich einig, wie könne man da an die Möglichkeit von Wcltverciiibariiugcn glaube»? Daß schon Weltverciiibarungcn bestehen, ist allerdings auch dem„V. T." bekannt, aber nun kommt das andere Argument: „Gewitz, wenn vereinbart war, daß den Eisenbahnen keine Schienen unter einer bestimmten Notierung geliefert werden durften, wurde mit peinlicher Genauigkeit von allen Seiten der fixierte Preis innegehalten; aber die Schlauen wußten dann die Austräge an sich zu reißen, daß sie den Bahnen die Schwellen entsprechend niedriger berechneten. Vergeben» wird man in Andrew Carnegies Buch„DaS Evangelium de» Reichtums" hierüber etwas suchen; aber wenn Carnegie einmal befreit von den Flügeln der Phantasie verkünden wollte, wodurch manche Werke groß geworden, er könnte zahlreiche Beiträge zum Thema der Jndustrievereinbaruugen und rhrer Umgehung liefern." Kein Geheimnis wird da enthüllt. Sicher nicht für unsere Industriellen. Wenn sie trotzdem eine neue Verständigung auf internationaler Basis erstreben, dann crivarten sie davon doch Vor» teile. Daß sie die in einem„Sichkennenlernen', in gemeinsamen Schmausereien suchen und finden, dafür halten wir die Leute wie Schwab, Thyssen usw., die in der Mehrzahl wirklich keine Zeit haben, um müde sein zu können, die fremd sind aus der Heerstraße des modernen Genußlcbens, die vom Geiste des Mammons ge- trieben ein Hetzjagddasein führen, doch für viel zu praktisch. Die großen technischen Verbände hüben und drüben mit ihren Jahresversammlungen geben zu dem„Sichkennenlernen" genügend Gelegenheit. Lediglich um ein platonisches Verhältnis zu arran- gieren, dazu opfern die Stahlkönige nicht die Zeit, die eine neue Organisation erfordert.„Nationale" Verbände und internationale Organisationen kann man übrigens nicht ohne weiteres mit einander in Vergleich bringen. Die Voraussetzungen sind verschieden. Schon viele Verbände sind zusammengebrochen, das wird auch in Zukunft geschehen, sobald die für bestimmte Zwecke ge- gründeten Organisationen nach ihrem Ausbau und ihrer Tätig- keit den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen. Auf weiter gespannter Basis erstehen dann die Vereinigungen in einem strafferen Rahmen. Daß das Kapital mogelt und schwindelt, die Verträge durchbricht, hat nicht verhindert, daß zum Beispiel deutsche Produzenten Schienen auf dem In- landsmarkt um 29 Mark teurer verkaufen konnten als auf denr Weltmarkt. Das ist doch ein Vorteil. Und trotz aller Schwächen und Mängel solcher Organisationen könnte ein Stahlweltverband die Interessen der Werke noch viel besser schützen. Auch die Unternehmer lernen immer mehr in der OrganifationStechnik, und sie finden Mittel und Wege, Mißachtungen der Abmachungen zu begrenzen. Für einen Stahlvcrband liegen die Verhältnisse dabei sogar sehr günstig. Man braucht da keinen Tarif mit vielerlei Bestimmungen für eine große Reihe von Erzeugnissen, es genügt eine Verständigung über die Halbzeugpreise. Damit hätte man die ganze Weiter- Verarbeitung in der Hand, und die Preise der weiter verarbeiteten Artikel folgen den Halbzeugpreisen von selbst. Wenn dabei weiter zunächst die Aufteilung des Marktes in der Weise erfolgte, daß jedem Land ein unbestrittenes Gebiet zugewiesen würde, ein anderer Teil der Erde als bestrittenes Gebiet dem Wettbewerb offen bliebe, dann könnten die Interessenten auf diesem nach dem oben angeführten Muster weitermogeln, aber für die unbestrittenen Gebiete käme eine derartige Umgehung des Vertrages kaum in Frage. Daß man nicht an harmlose Techtelmechteleien denkt, das bestätigt auch die Zeitschrift „Stahl und Eisen", deren Redakteur vr. ing. Schrödter dem gewählten Ausschuß des Weltverbandes angehört. Man liest dort: „Daß der auf dem Weltmarkt jetzt herrschende Zustand, der von dem eisig pfeifenden Wind des uneingeschränklen. erbarmungs- losen Wettbewerbs beherrscht wird, manche Uebelstände in sich birgt, von denen nicht nur die direkt Beteiligten, sondern daS ge- famte Volkswohl betroffen wird, wird mit Einmütigkeit bei allen Nationen anerkannt.„Iren is eitiier a King or a Pauper" ist ein bekannter, von Andrew Carnegie herrührender Ausspruch. Die gewalttgen Fortschritte der neuzeitlichen Technik haben den Fabrikationsverfahren unserer Eisenhütten mehr und mehr als charakleristischen Stempel die ununterbrochene Arbeitsweise aufge« drückt. Die Hochöfen' bilden mit den Stahl- und Walzwerken nicht nur unter sich festgefügte, untrennbar durch die Arbeitsmethode miteinander verbundene Agglomerate, sondern sind als Kraft- quellen auch vielfach mit öffentlichen Einrichtungen für Licht- und Kraitversorgung in engem Zusammenhang. Die Tag und Nacht ohne Unterlaß sich drehenden Walzen liefern ihre Erzeugnisse in den bekannten großen Massen ohne Unterbrechung ab, ohne Rücksicht auf den Bedarf, während andererseits die Nachfrage aus den verschiedensten Gründen stark wechselt. Herrscht daher heute Hungersnot mit Hungerstandspreisen und allen sonstigen üblen Folgen auf dem Eisenmarlt, so bringt morgen der Ueberichuß an Fabrikaten eine Hetzjagd nach Aufträgen und Unterbietungen in den Preisen mit sich, die für alle Beteiligten von schlimmster Wirkung find. Sollte eS gelingen, die Verderb- lichen Folgen der hierbei sich abspielenden Kämpfe, die auf inter- nationalem Boden in der Regel weit schärfer geführt werden als innerhalb der einzelnen Völker, zu beseitigen oder auch nur zu mildern, so wird Richter Gary durch seine Anregung ein großes, überall anerkanntes Verdienst sich erwerben." Daß Weltverbände nicht im Handumdrehen gegründet werden können, daß sie nicht gleich fix und fertig erstehen, nicht von heute auf morgen ihre Tätigkeit aufnehmen können, ist selbstverständlich. Ein großes Werk bedarf zeitraubender Vorarbeit. Kohlcnproduktion. Nach dem Bericht des Vorstandes erzielte das Rhejnisch-westf. Kohlensyndikat im Juni cr. die Angaben für da» Vorjahr in()— 5 489 264(5 601 333) Tonnen oder arbeitstäglich 234 833(222 939) Tonnen Absatz. Der Versand einschließlich Landdebit, Deputat und Lieferungen der Hütteuzechen an die eigenen Hüttenwerke betrug in Kohlen bei 23%(25%) Arbeitstagen 4 485 037(4 502 332) Tonnen oder arbeitS- täglich 191 873(181 533) Tonnen; an Koks bei 39(39) Arbeitstagen 1336 921(1374 398) Tonnen oder arbeitstäglich 44 564(45 820) Tonnen; an Briketts bei 23%(23%) Arbeitstagen 316 393(275 264) Tonnen oder arbeitstäglich 18 336(19 936) Tonnen. Die Förderung stellte sich insgesamt auf 6 732 315(6 919 466) Tonnen oder arbeitStäglich auf 288 913(273 943) Tonnen und im Mai 1911 auf 7 651 937 oder arbeitstäglich aus 294 273 Tonnen. Künstliche Brotverteueruug. DaS System der Einfuhrichcüie dient als Schleuder. mit der große Mengen Getreide und Mehl auf Kosten der deutschen Brot- esser auf den Auslandsmarkt geworfen werden. Natürlich schnellen dadurch im Jnlande die Preise hinauf oder es wird ein Sinken ver- hindert. Im Vergleich mit dem Vorjahre ist die Ausfuhr in diesem Jahre besonders groß. In der Zeit vom 1. August bi» 19. Juli wurden nämlich ausgeführt: 1919 1911 Doppelzentner Roggen... 6 379 439 7 486 636 Weizen... 3481823 5 226 917 Roggenmehl. 1271349 1 697 897 Weizenmehl.. 1393 620 1883 462 Haben wir gute Ernten, dann wird deutsches Getreide ins Aus- land gebracht und dafür muß der inländische Konsument pro Tonne 39 resp. 33 M. aufbringen, ist aber her Ertrag der deutschen Ernte nicht günstig, dann muß der deutsche Konsument erst recht Wucher- preise bezahlen._ Ein Finanztrust. In Belgien ist nach einer Meldung der „Franks. Ztg." unter Mitwirkung des Bankhauses Kuhn. Loeb u. Co. in New Uork, M. M. Warburg u. Co. in Hamburg und französischen und belgischen Instituten die Gründung eines neuen FinanztrusteS für die Uebernahme von amerikanischen Werten mit einem ttapital von 25 000 000 Fr. im Gange. DaS Hcfcsyiidisat hatte«S flch zur Aufgabe gemacht, die Organisation der Bäcker lahm zu legen. Durch Matcrialverwetgerung an solche Bäckermeister, die bei der vorletzten Lohnbewegung mit den Arbeitern sich geeinigt hatten, sollte die Bewegung totgeschlagen werden. Nun liegt daö Syndikat in den letzten Zügen, Der Ver- band der Bäcker hatte es damals verstanden, Hefe hcrauzuschaffen und die Sl>ndikat»pläne zu durchkreuzen. Daö war ein Belms dafür, daß Outsider auf ihre Kosten kommen würden. Und nun sind die syndikatfreien Lieferanten so stark geworden, daß man im Syndikat erwägt, ob man den Zustand der völlig freien Konkurrenz wieder herstellen, oder durch einen Preisabschlag den Kampf gegen die Outsider noch etwas weiter spinnen soll. Neuere Verfahren mit viel reichlicherer Ausbeute bringen die alten Werke schließlich doch zur Strecke. Cewcrkfcbaftlichca. Der porzelianarbeiterverband im Jakre 1910 Der nunmehr vorliegende Jahresbericht dieses Verbandes be Weist, dag es auch den organisierten Porzellan- und Steingut arbeitern gelungen ist, die schweren Rückschläge der letzten Krisen jähre fast gänzlich zu überwinden. Die Arbeitsgelegenheiten in der Feinkeramindustrie haben sich im letzten Jahre stark vermchrh die Zahl der Arbeitslosen ging ständig zurück und nicht selten mangelt es an guten Arbeitern. Diese Umstände, in Verbindung mit einer rastlosen Agitation. führten im Berichtsjahre dem Verband ein Mehr von 2537 Mit gliedern zu, so daß am Schlüsse 1910 der Mitgliederbestand 13 952� darunter 1432 weibliche, betrug. Aber diese. Zahlen wurden im letzten Halbjahr 1911 bereits stark überholt; denn am Schluß des zweiten Quartals des laufenden Jahres zählte der Verband rund 15 599 Mitglieder; er erreichte damit die Höchstgrenze seines bis- herigen Mitgliederstandes. Die Zentren der Industrie befinden sich in Thüringen, in der Oberpfalz und in Oberfranken in Bayern. wo infolgedessen auch die erdrückende Mehrheit der Mitglieder sich befindet. Entsprechend dem Steigen der Mitgliederzahl gingen auch die Einnahmen in die Höhe, die im Berichtsjahre 495 468 M. betrugen <Äegen das Vorjahr stiegen die Einnahmen um 67 299 M., dagegen gingen die Ausgaben von 277 999 M. auf 268 317 M., also um 8773 M. zurück. Das Vermögen des Verbandes betrug am Schlüsse des Jahres 1919 326 827 M., gegen das Vorjahr eine Zunahme von 149 938 M. Die Einschränkung der Ausgaben ist vor allen Dingen auf die geringere Arbeitslosenunterstützung zurückzuführen. 1998 betrug diese 129 189 M.. 1999 noch 84 691 M.. 1919 nur 46 615 M. Da gegen stieg die Streikunterstützung von 5181 M. auf 29 735 M. Der Verband war an 14 Lohndifferenzen beteiligt, die jedoch nur von geringem Umfang waren. Alle anderen Ausgaben für Unter ftützungen blieben sich gleich. Erwähnenswert ist noch die Ausgabe von 58 873 M. für Krankengeldzuschutz. Diese Ausgaben sind im Laufe der letzten Zeit ganz methodisch und langsam angewachsen. Von besonderem Interesse ist der Einblick, den die Sterbe vnd Krankenstatistik in die Gesundheitsverhältnisse der Porzellan arbeiter gewährt. Von 2445 unterstützungsberechtigten Kranb heitsfällen, die 65 352 Krankentage umfaßten, entfallen 395 Fälle mit 6658 Krankentagen auf Influenza, 344 Fälle mit 8537 Tagen auf Rheumatismus und Gicht. Die Häufigkeit dieser Krankheiten beweist, daß die Porzellanarbeiter, darunter in erster Linie die Brenner und Brennhausarbeiter, vielfach in zugigen Räumen arbeiten oder häufig zu jähem Temperaturwechsel ausgesetzt sind. Maler und Dreher leiden dagegen wieder in erster Linie an Er- krankungen der Atmungsorgane. Bei ihnen wurden 277 Fälle mit 13 327 Krankentagen gezählt. Die Gefährlichkeit dieser Krankheiten für die Porzellanarbeitcr tritt aber noch stärker in den Zahlen über die Sterbefälle hervor. Von 71 verstorbenen Mitgliedern starben 35 infolge von Lungenkrankheiten; das sind also über 59 Proz. Und für diesen ungemein gefährlichen Beruf besteht nicht eine einzige besondere Schutzbestimmung, durch die die Arbeiter vor allzu schweren Gefährdungen ihrer Gesundheit geschützt werden könnten. Alles in allem wurden an Unterstützungen 149119 M. ausgegeben; das macht im Jahr pro Mitglied 11,29 M., dem eine durchschnittliche Beitragsleistung von 21,56 M. gegenübersteht. So war denn das Jahr 1919 ein gutes für den Verband zu nennen. Aber trotzdem wird die nahe bevorstehende Generalver- sammlung Bedacht darauf nehmen müssen, die Unterstützungen her- abzusetzen; denn mit seinen Leistungen steht der kleine Verband der Porzellanarbeiter allen anderen Verbänden voran. Das ist aber auf die Dauer nicht durchzuführen. Einmal werden neue und größere Kämpfe mit dem Unternehmertum das Schwergewicht der Aufgaben des Verbandes auf das Gebiet der Streikunterstützung verlegen und zum anderen kann es auch nur dann zu einer Ver- schmelzung des Verbandes mit den Verbänden der Töpfer und Glasarbeiter kommen, wenn die Unterstützungseinrichtungen der Porzellanarbeitcrorganisation denen der beiden anderen Verbände angepaßt werden. Zu dieser Verschmelzung drängt aber nicht allein der Wille der Mitglieder, sondern zwingen noch stärker die wirtschaftlichen Verhältnisse. Lerlin und Umgegend. Arbeiterforderungeu in den Eisengieftereien. So zahlreich wie noch niemals in Berlin war eine Versamm- lung aller in den Eisengießereien Berlins und Umgegend beschäf- tigten Former und Berufsgenossen besucht, die der Deutsche Metallarbeitervcrband zum Dienstagabend nach der Brauerei Friedrichshain einberufen hatte. Adolf Cohen besprach in einem einleitenden Vortrage die Frage: Sind die Bereinbarungen von 1897 und 1994 verbesserungsbedürftig? Wie diese Frage, die im allgemeinen entschieden bejaht werden muß, im speziellen zu beantworten ist, das wurde in Vertrauensmännerkonferenzen eingehend beraten. Als Resultat dieser Beratungen lagen der Versammlung bestimmte Vorschläge gedruckt vor, die von S e l- brich in einem Vortrage behandelt und zur Diskussion gestellt wurden. In bczug auf die Lohnfrage lauten die Forderungen: Es wird mit jedem in der Gießerei beschäftigten Arbeiter ein seinen Leistungen entsprechender Stundenlohn vereinbart, der bei der Akkordarbeit garantiert wird. Dieser Stundenlohn darf nicht unter dem Einstellungslohn betragen. Der Einstellungslohn beträgt: für Former nicht unter 9,75 Mark, für Maschinenformer und angelernte Handformer nicht unter 0,79 M-, für Kernmacher nicht unter 9,79 M., für Kernmache- rinnen nicht unter 9,35 M., für Putzer und Schleifer nicht.unter 0,79 M., für Schmelzer nicht unter 9,69 M., für Hilfsarbeiter nicht Unter 9,45 M. Für Jungausgelernte in den ersten beiden Jahren nach bc- endcter Lehrzeit sowie für Maschinenformer, angelernte Hand- former, Kernmacher, Putzer und Schleifer, welche noch nicht drei Jahre im Beruf gearbeitet haben, kann der Stundenlohn um 19 Pf. niedriger sein. Die tägliche Arbeitszeit soll neun Stunden betragen. Sehr wichtig ist die viel umstrittene Frage des Fehlgusses. Hier lauten die Forderungen: Bei vorkommendem Ausschußguß ist dem Akkordarbeiter der volle Akkordpreis auszubezahlen. Ausgenommen hiervon sind solche Fälle, bei welchen dem Akkordarbeiter grobes Sclbstverschul- den nachgewiesen wird. Zur Begutachtung und Entscheidung darüber, ob grobes Selbst- verschulden vorliegt, wird in jeder Gießerei eine aus sachverständi- gen Arbeitern und Vertretern der Firma paritätisch zusammenge- setzte Kommission gebildet. Bei Meinungsverschiedenheiten in der Kommission über die Ursachen des Ausfchußgusses wird für die auf das betreffende Stück verwendete Zeit der vereinbarte Stundenlohn bezahlt.' Ausschußstücke müssen, bevor dieselben beseitigt werden, dem betreffenden Arbeiter zur Prüfung vorgelegt werden. Geschieht dieses nicht, so muß die Arbeit dem Arbeiter unter allen�Imständen zum vollen Preise bezahlt werden Diese und andere Vorschläge zur Verbesserung der Arbeits- bedingungen fänden die lebhafte und allgemeine Zu st im- m u n g der Versammelten, wenn auch einzelne Wünsche noch ge» äußert wurden. In einer Resolution wurde die Leitung des Ver- bandes beauftragt, dem Verbände der Berliner Metallindustriellen die gestellten Forderungen zum Zwecke von Verhandlungen zu un- terbrestcu._ Achtung, Berliner Arbeiter! Den streikenden Hamburger Holzarbeitern ist es in den letzten Tagen gelungen, eine größere Anzahl Arbeitswillige wieder abzu- schieben. Um so größer ist jedoch das Bemühen der Arbeitgeber, sich dafür Ersatz zu beschaffen; ihre verdoppelten Anstrengungen haben denn auch den Erfolg gehabt, daß vorgestern und gestern mehrere Trupps Arbeitswilliger von Berlin(!) in Hamburg ein- getroffen sind. Die Streikleitung richtet deswegen an die gesamte Arbeiterschaft Berlins die dringende Bitte, die aus die Fernhaltung des Zuzuges gerichteten Bemühungen des Holzarbeiterverbandes nach Kräften z» unterstützen. Achtung, Herrenkonsektion! Die bei der Firma Baer Sohn, Chausseestr. 28/39, beschäftigten Konfektionsschneider und Schnei- derinnen haben wegen Differenzen die Arbeit eingestellt. Wir ver- hängen hiermit über die genannte Firma die Sperre. Verband der Schneider und Schneiderinnen. Die Ortsvcrwaltung. im Der Streik der Parkettbodenlegcr. In einer Versammlung der Bodculcger, die am Montagabend Gewerkschastshause stattfand, erstattete der Obmann Kley Bericht über die Lage des Streiks, die er als günstig schilderte. Die Zahl der Streikenden hat sich um 21 vermindert. Gegenwärtig stehen auf den Slreiklisteu 119 Leute, die zur Unterstützung voll- berechtigt sind und 36, die noch keinen Anspruch auf die volle Unter- stützung des Verbandes haben. Die Unternehmer arbeiten mit sehr rigorosen Mitteln, wie zum Beispiel mit der Matcrialsperre, um ihre Reihen geschlossen zu halten. Trotzdem hat jüngst wieder eine Firma, die 13 Leute beschäftigt, mit dem Verbände Frieden geschlossen. Es handelt sich jetzt besonders um die An- erkennung des Verbandes, denn mancher Unternehmer möchte wohl den Tarif bezahlen, aber er will nichts mit dem Verbände zu tun haben. Die Arbeiter aber wissen, daß gerade auf der festen Organisation ihre Stärke beruht und daß die Abmachungen mit dem Verbände getroffen werden müssen, wenn nicht morgen wieder ge- nommcn werden soll, was heute gewährt wird. An den Verband nid drei Schreiben von auswärtigen Firmen gelangt, in denen an- gefragt wird, wie die Bedingungen in Berlin stehen, wenn diese Firmen hier einige größere Arbeiten übernehmen, ob der Verband die nötigen Arbeitskräfte stellen könnte usw. Die verlangte Aus- kunft ist in einem zustimmenden Sinne erteilt worden.— Die Bemühungen der hiesigen Unternehmer, Arbeitskräfte von auswärts heranzuziehen, sind nur von sehr geringem Erfolg begleitet gewesen. Die Arbeiter sind entschlossen, ihren Streik weiter zu führen, bis ihre Forderungen anerkannt werden. Achtung, Mappen- und Galanteriearbeiter! Der Streik bei der Firma Max Schnitze, Ritterstr. 42/43, ist beendet. Die Firma hat den Vertrag für die Album-, Mappen- und Galanteriebranche 'christlich anerkannt. Die Arbeit wurde von allen Streikenden wieder aufgenommen. Verband der Sattler und Portcfeuiller. Ortsverwaltung Berlin. Kellnerstreik in Happoldts Brauerei. Am Freitagabend legten 25 Angestellte des bekannten Aus» chanks in der Hasenheide die Arbeit nieder. Die Beteiligten stellen >ie Forderung, die unzulängliche Kost abzuschaffen. Die Angestell- ten, die bisher einen Lohn von 15 M. monatlich bezogen haben, ordern, um sich ihr Essen selbst kaufen zu können, einen jedenfalls ehr minimalen Lohn von 45 M. monatlich. Die Streikenden sind durch das Verhalten des Oekonomen Zabel und seines Beauf- tragten, des Geschäftsführers He e n e, zum Aeußersten getrieben worden. Nicht genug, daß beide sich in üblen Wutausbrüchcn gegen die Fordernden ergingen, glaubte der Herr Oekonom auch noch eine Arbeiter dadurch klein zu bekommen, daß er gerade die älte- ten Angestellten, die fast 6 Jahre im Geschäft sind, einen nach dem andern entließ, und drohte, alle„roten Hunde" herauszubeißen. Als dann am Freitagabend ein Ultimatum gestellt wurde, be- willigte Herr Zabel unter seinem Ehrenwort sämtliche Forderungen der Angestellten, worauf dieselben sich zufrieden gaben, und in Ruhe ihre Arbeit weiter verrichteten.— Als nun am Sonnabend die Vertreter der Organisation zur Unterschrift der Forderungen erschienen, hatte der Unternehmer wieder einen Angestellten, und zwar den Vertrauensmann der Streikenden, ohne Grund, ent- gegen den Abmachungen vom Vorabend, entlassen. Von den Ver- tretern der Organisation zur Rede gestellt, erklärte er, seine Be- willigungen insgesamt zurückzuziehen, und verwies die Beaufragten der Organisation von seinem Grundstück, worauf nunmehr die An- gestellten die Arbeit niederlegten. Es N>ar den Streikenden möglich, im Laufe des Abends zehn Arbeitswillige wieder zum Abzug zu bewegen, und das, obgleich Herr Zabel auf einmal 5 M. pro Tag als Aushilselohn bezahlen konnte, lvährend bisher nur 1 M. bis 1,59 M. bezahlt wurden. Wie jederzeit bei derartigen Anlässen, verriet die Polizei auch hier eine unnötige Aufgeregtheit und Gereiztheit. Zwei Personen wurden wegen angeblichen Zettelvcrteilens verhaftet. Die Verhafteten wurden nach Feststellung der Personalien wieder entlassen. Zu den Plazierungsbureaus, die die Streikbrecher vermitteln, gehören natürlich neben der Gastwirteinnung Berlin wieder die unvermeidlichen Stcllenvcrmittcler Moldenhauer und Grosser, die sogar den Streikbrechern für die Plazierung Beträge bis zu 5 M. abnehmen konnten. Auch Herr Zabel scheint in großer Nervosität zu sein, er ver- hütet peinlichst, daß ein Mann, der wie ein Kellner aussehen könnte, in sein Lokal kommt. Die Situation liegt günstig für die Streikenden, das Publikum nimmt lebhaft für die bis zu sechs Jahren dort in Stellung ge- wescnen Angestellten Partei. Zuzug von Gastwirtsgehilfen ist fernzuhalten. Versammlung nicht in Einklang zti bringen ist, ist selbstverstanb- lich und charakterisiert sich daher diese fortgesetzte Beschimpfung und Herabwürdigung der Mitglieder des Verbandsvorftandes und des Tarifamtes als eine Tätigkeit, die eine schwere Schädi- gung der Verbandsinteressen darstellt. Die systematische Unter- grabung des Vertrauens zu diesen Funktionären muß organisa- tionsschadigend wirken; sie bietet daher ohne weiteres dem Vor- stände die Handhabe, auf Grund des Statuts mit dem Ausschlüsse vorzugehen. Wenn von diesem äußersten Schritte noch Abstand genommen wurde, so lediglich deshalb, um ihn nicht ohne vorher- gehende Warnung zu unternehmen. Der Vorstand will jedoch keinen Zweifel darüber lassen, daß, wenn die betreffenden Mit- glieder ihre die Verbandstaktik untergrabende und ehrabschneidc- rische Tätigkeit gegen die Verbands- und Tariffunktionäre fort- setzen sollten, rücksichtslos gegen sie vorgegangen wird. Ihnen gegenüber sei noch besonders bemerkt, daß sie ihr Ziel mit den angewandten Mitteln unter keinen Umständen erreichen werden. Die Vertreter in den Zentralinstanzen betrachten es als ihre Ehrenpflicht, gerade jetzt auf ihrem Posten auszuharren, um die Beschlüsse der Generalversammlung zur Durchführung zu brin- gen, und die Ziele, die den Verband groß gemacht und auf dem Gebiet der Tarifgemeinschaft bahnbrechend für die gesamte Ar- beiterschaft gewesen sind, mit aller Energie weiter zu verfolgen. Der große Teil der Verbandsmitglieder, welcher noch nicht begriffen hat, wohin der Weg führen muß, den jene Organisa- tionsschädigcr beschreiten wollen, möge sich vor Augen halten, daß wir in wenigen Wochen vor neuen Tarifberatungen stehen, und daß die Kosten der Tätigkeit der radikalen Phraseure die große Masse bezahlen muß, wenn sie nicht den Beweis liefert, daß der Verband gewillt und fähig ist, seine Vertragsfähigkeit und Ver- tragstreue zu beweisen. Darum fort mit allen Quertreibereien und Einigkeit in dem Bestreben, das Errungene zu fördern und zu befestigen! Berlin, den 14. Juli 1911. Der Berbandsvorstand: Döblin. Graßmann. Eifler. Glaser. Beucr- mann. Düjon. Hoher. Wenzel. Wonitzki." Der Verbandsvorstand spricht merkwürdigerweise nur von einigen" Mitgliedern und nennt von Orten nur Berlin. Nun hat aber die Mehrheit einer ganzen Reihe von Ortsvereinen gegen den Tarifamtsentscheid Stellung genommen und es sind gerade die größten Druckorte, die zu dieser Stellungnahme kamen. Wir erinnern neben Berlin namentlich an Hamburg, Leipzig und Stutt- gart. Damit ist aber die Zahl dieser Orte nicht erschöpft. Unbe- dingt für das Tarifamt und die Gauvorsteherkonfcrenz haben sich nur Orte mit unbedeutender Druckindustrie ausgesprochen mit— soweit uns bekannt— der einen einzigen Ausnahme von Dresden. Wir hoffen im Gegensatz zu der schcelsüchtigen Tante Voß, daß es trotz der Erklärung des Verbandsvorstandes zu keiner Spaltung im Verbände kommt. DeutlcKes Reich- Tie„Gefahr einer Spaltung" im Verband der deutschen Buchdrucker glaubt oder hofft die„Vossische Zeitung" nahegerückt, weil der Vorstand des Verbandes in der gestrigen Nummer des„Korrespon- dent" folgenden Ausruf au die Verbandsmitglieder veröffentlicht: ..Kollegen! Die bedauerliche Handlungsweise der Rotä- tionsdrucker in der Druckerei des„Lokalauzeigcr" in Berlin und die dagegen seitens der Tarifinstanzen ergriffenen notwendigen Btaßnahiucn haben, speziell an letzterem Orte, einigen Mitglie- dorn die gewünschte Handhabe geboten, ihr- Abneigung gegen den Tarifvertrag und die durch denselben geschaffene gewerbliche Ord- nung in einer Weise zum Ausdrucke zu bringen, die ebenso sehr gegen die guten Sitten wie gegen das Berbandsinteresse verstößt. Die Versammlungen in Berlin dienen trotz aller wohlmei- nenden Bemühungen des Gauvorstandes nicht mehr der gegen- seitigen Aufklärung, sondern lediglich der Beschimpfting der Per- sonen, welche durch das Vertrauen der Gesamthert berufen sind, die Beschlüsse der Generalversammlung auszuführen und der von letzterer gegebenen Richtschnur Geltung zu verschaffen. Durch Herabwürdigung dieser Vertrau enspcrsonen des Gcsamtverbandes sucht man das gesteckte Ziel, einen neuen Kurs herbeizuführen, zu erreichen, indem man die Amts- niedcrlegung derselben erzwingen will, um dann Vertreter einer der bisherigen entgegengesetzten VerbandSpolitik ans Ruder zu bringen. Daß diese Tätigkeit mit den Beschlüssen der General- Holzarbeiter! In Rabenau bei Dresden führen schon seit 15 Wochen 699 Holzarbeiter der Sitzmöbelbranche, sowie ein Teil Tischler wegen Ablehnung ihrer bescheidenen Forderungen einen schweren Kampf gegen das scharfmacherische Unternehmertum. Die Situation der Kämpfenden ist trotz der langen Dauer des Kampfes eine äußerst günstige und sie sind entschlossen, den Kampf durchzu- führen bis zum Siege. In ihrer Not suchen die Unternehmer unter großen Versprechungen durch Inserate in fast allen deutschen bürgerlichen Blättern und österreichischen Zeitungen nach Arbeitskräften unter Verschweigen dcö hier bestehenden Streiks. Wir warnen alle Ar- beiter vor diesen verlockenden Inseraten und bitten, unter allen Um» ständen den Zuzug nach hier fernzuhalten. Die Ortsverwaltungen bitten wir, davon Notiz zu nehmen. Die Verwaltung des Deutschen HolzarbeittrVerbandeS zu Rabenau in Sachsen. Hu stand.' Weitere Ausdehnung der Maffennnssperrung in Norwegen. Die Norwegische Arbeitgebervereinigung ist von verschiedenen Seiten— und sogar durch einen einstimmigen Beschluß des Stadt- rates von Skien— dringend aufgefordert worden, solange die Verhandlungen dauern, auf die weitere Ausdehnung der Aus- sperrung zu verzichten. Aber sie wollte nicht darauf eingehen. Am Sonnabend sind noch 15 999 Arbeiter entlassen worden, wodurch die Zahl der Ausgesperrten auf rund 32 999 angewachsen ist. Die streitenden Bergleute hinzugerechnet, stehen jetzt fast 49 909 nor- wegische Arbeiter im Kampf. Die Unorganisierten haben sich an den meisten Orten mit den Organisierten solidarisch erklärt. Die Arbeiterschaft steht fest im Kampf, entschlossen, ihn bis ans Ende durchzuführen. Das Publikum sympathisiert mit den Aus- gesperrten und ist zum Teil stark entrüstet über das Unternehmer- tum. Unter den Arbeitgebern sind übrigens viele, die nur mit größtem Widerwillen und gezwungen durch sehr hohe Geldbußen. die sie sonst zu zahlen hätten, die Aussperrung mitmachen. Die Verhandlungen zwischen den Parteien wurden am Sonnabend ab- gebrochen, um erst am Dienstag wieder sortgesetzt zu werden. ES ist im allgemeinen sehr wenig Aussicht auf Einigung vorhanden. Das Unternehmertum will offenbar den Krieg auf ejne längere Dauer fortsetzen. Letzte Nacbriefttem Die Präsidentenfrage im österreichischen Reichsrat. Wien, 13. Juli.(W. T. B.) Eine heute abgehaltene Obu männerkonferenz des deutschnationalen Ver- bandes nominierte als Kandidaten für den Präsidentenposten des Reichsrats den deutschnätionalcn Abgeordneten Dr. Shl. v est er unter Hinweis auf den parlamentarischen Brauch, daß der Präsident der jeweils stärsten Partei zu entnehmen sei. Die Kandidatur Sylvesters wird von den meisten Parteien sym- pathisch aufgenommen. Die Tschechen, Slowenen und Ruthenen sprachen sich jedoch aus nationalen Gründen gegen das von dem deutschuationalen Verband vorgebrachte Prinzip aus und traten für abwechselnde Vesevung des Präsidentenposlens zwischen den deutschen und nichtdeutschen Parteien ein, analog dem Gebrauch der Delegationen. Hinsichtlich der Wahlen der Vizepräsidenten einigten sich die Obmänner dahin, die bisherige Parteivertretung im Präsidium ausrecht zu erhalten. Die Cholera. Madrid. 18. Juli.(W. T. ffl.) Der deutsche Dampfer„Hr. s p a n i a" ist aus Italien in Mahon eingetroffen. Mehrere Mann der Besatzung sind unter Choleraverdacht in daS Kranken. Haus eingeliefert worden. Trieft, 18. Juli.(W. T. B.) Bei einem achtjährigen Kinde ist durch bakteriologische Untersuchung asiatische Cholera festgestellt worden. New York, 13. Juli.(B. H.) Die Zahl der an C h o l e r a bis jetzt gestorbenen Personen beträgt 6. 14 an Cholera Erkrankte liegen im Hospital Swinburne Island. Schwerer Unfall in einer Feilenschleiferei. Wien, 18. Juli. In einer Feilenschleiferei barst heute vormittag ein Schleifstein im Gewicht von 2499 Kilo- gramm. Durch die herumfliegenden Stücke des geborstenen Steines wurde ein Feilenschleifer sofort getötet und zwei schwer verletzt. Heräntw. Rcdakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, VerlagSänstÄt�Paul Singer& Co.. Berlin SW. Hierzu 2 Beilagen u. UnterhaltungSbÜ' it. 166. 28. Ilchtgltkg. t KtilU ilks JötrairiD" Klllim MlliMM Mittwoch. IS. MIM. 8. Vtlbandstas der Stvkkatkure. Dresden, 17. Juli. Der Verbandstag, dem gestern abend eine Vorversammlung boranging, wurde heute vormittag von dem Verbandsvorsitzenden Odenthal- Hamburg mit einer herzlichen Begrüßungsansprache, in der er die Bedeutung der diesjährigen Tagung hervorhob, er- öffnet. Anwesend sind 43 Delegierte, 3 Vorstandsmitglieder, 7 Gauleiter und 1 Vertreter des Ausschusses. Die General- kommission der Gewerkschaften vertritt K n o l l- Berlin und den Deutschen Bauarbeiterverband Paeplow- Hamburg. Die öfter- reichische Bruderorganisation hat den Genossen Schramm- Wien als Gast entsendet. Bei Festsetzung der Geschäftsordnung entspinnt sich eine län- gere Debatte über die Frage, ob die Vorstandsmitglieder und Gau- leiter, die nicht als Delegierte gewählt, stimmberechtigt sind. Bis- her hatten diese Funktionäre Stimmrecht, eine Reihe hierzu ge- stellter Anträge will ihnen aber nur beratende Stimme zu- lassen. Man einigte sich schließlich, Beschlüsse hierüber erst bei der Statutenberatung zu fassen und bei dieser Tagung die alte Form bestehen zu lassen. Den Bericht des Hauptvorstandes gibt Odenthal- Hamburg, der auf den gedruckt vorliegenden Bericht verweist. Der Geschäftsbericht umfaßt die Jahre ISOll und 1010. Er berichtet von einem erfreulichen Mitgliederauf- f ch w u n g. Der Mitgliederverlust, den die Krise 1908 brachte, ist nicht nur wieder wettgemacht, auch der höchste Stand der Mit- gliederzahl, den der Verband je hatte, ist überschritten. Bei Be- ginn der Geschäftsperiode zählte der Verband 6085 Mitglieder, am Ende aber 8 5 8 0, und zu diesen sind im ersten Quartal 1011 noch 1000 weitere Mitglieder gekommen. Ein Erfolg, der auf das Konto einer rührigen Agitation zu schreiben ist. An Lohnbewegungen war die Berichtsperiode, beson- derS das Jahr 1010 mit seinen großen Kämpfen im Baugewerbe, sehr reich. Das Jahr 1009 brachte in 60 Orten Bewegungen, daruntee 5 Aussperrungen, an denen 415 Betriebe mit 3286 Be- schäftijft«, heiligt waren. Erreicht wurde: eine Lohn- erhöhung für 2255 Kollegen um 6175 M. pro Woche oder pro Jahr bei 42 Arbeitswochen um 250 266 M. und eine Arbeitszeit- Verkürzung für 216 Kollegen um 505 Stunden pro Woche.— Im Jahre 1910 fanden insgesamt 74 Bewegungen(darunter 18 Aus- fperrungen) statt, die sich auf 862 Betriebe mit 8166 Beteiligten erstreckten. Durch diese Bewegungen wurde eine Verkürzung der Arbeitszeit für 2600 Kollegen um 10 057 Stunden pro Woche er- reicht. An Lohnerhöhungen wurde erzielt: für 7701 Personen um 23 040 M. pro Woche. Außerdem wurden noch verschiedene beab- sichtigte Verlängerungen der Arbeitszeit und Verkürzung des Lohnes abgewehrt. Die Errungenschaften im Jahre 1910 über- steigen also weit die des Jahres 1009, was seine Ursache natürlich in der Erneuerung von Tarifverträgen hat. Die internationalen Beziehungen des Verbandes haben in der Berichtsperiode eine Erweiterung erfahren. Mit Belgien und der Schweiz wurden Gegenseitigkeitsverträge abge- schlössen. Mit den übrigen Ländern blieben die Verträge bestehen. Der holländischen Organisation wurden 050 M. zur Agitation überwiesen. In seinen mündlichen Ausführungen geht Odenthal auf die außerordentlich starke Fluktuation im Verband ein und unter- sucht, wie diese zu hemmen ist. Der Vorstand schlage bei den späteren Beratungen eine Reihe Mittel vor(Erwerbslosenunter- stützung), durch die er hofft, die Kollegen mehr wie bisher an den Verband zu fesseln. Man gehe weiteren großen Kämpfen entgegen. Aufgabe des Berbandstages sei es deshalb, dafür zu sorgen, daß die Organisation hinreichend Mittel für die nächsten Kämpfe zur Verfügung hat. Ueber das Fachorgaa berichtet T h i c l b e r g- Hamburg. Das Verbandsorgan wurde in der Berichtszeit erweitert. Es erschien meist in einem Umfange von 8 Seiten. Die Gesamtauflage betrug im Jahre 1909 465 650 und 1910 527 700 Exemplare, der wöchentliche Bedarf L055 bezw. 9999 Exemplare. Den Kassenbericht erläutert G i e b l e r- Hamburg. Er klagte über den mangelhaften Eingang der Extrabeiträge, die anläßlich des vorjährigen großen Kampfes im Baugewerbe ausgeschrieben waren. Bei derartigen außerordentlichen Kämpfen müßten die Mitglieder zu außerordent- lichen L e i st u n g e n herangezogen werden. Mitglieder, die ihre kleines femUeton. Bon der Bespitzelung eines Generals berichtet I. v. Gruner im 23. Band der.Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte". Allerdings liegen die seltsamen Vorfälle an 100 Jahre zurück und dann handelt es sich in ihnen nicht um ein Exemplar unserer herrlichen Hof-, Gamaschen- oder Bureauprätorianer neuesten Stils, sondern um Scharnh orst, der durch seine Armeeresorm mithalf, den zusammengebrochenen sriederizianischen Feudal- und Militärstaat zeitgemäß zu verjüngen und zu kräftigen. Bekannt ist, wie sämtliche Reformbestrebungen vor 1813 von den Junkern, trotzdem ihnen da§ Wasser bis an die Kehle ging, nur mit dem allergrößten Mißtrauen, ja Widerstände aufgenommen wurden. Selbst in einer so loyal-patriotischcn Verbindung, wie dem Tugend- bunde, den die Regierung nicht nur Napoleon zu Liebe 1800 ge- schlössen hatte, witterte man eine Brutstätte demokratischer Ideen. Aus den Akten des Geh. Staatsarchivs.betreffend die Existenz und Aufhebung des unter dem Namen T.gendbund bekannten sittlich- wissenschaftlichen Vereins" hat nun Gruner den Fall Scharnhorst ausgezogen. Aus Gründen der StaatSraison. die vor dem russischen Feldzuge den Abschluß eines Bündnisse« mit Napoleon gefordert hatte, mußte Schorn- Horst als offener Gegner Frankreichs aus seiner leitenden Stellung, vor der Oeffentlichkeit wenigstens, entfernt werden; immerhin behielt er die Aussicht über die Kriegsschulen, die Waffenanfertigung und die Feslungen und widmete sich, nachdem er im März 1812 nach Breslau gegangen, nc seiner alten schriftstellerischen Tätigkeit. Hier erfreute er sich der ausdringlichsten und sinnlosesten Be- fpitzelung seitens'' Fürsten Wittgenstein, dem damals a!Z Geheimer Staatsrat die Leitung der höheren Polizei übertragen wurde. de« treuen würdigen Freundes der Metternich und Gentz, des späterenS Meister seiner Kreaturen Kamptz und Tschoppe. Nagler und Rochow. Dieses Muster- lnstrument rücksichtslos reaktionärer Staats- und Polizeiwcisheit. unterstützt durch seinen Vertreter, den Staatsrat v. Bülow. erteilte dem Bürgermeister und Polizeidirektor von Glatz, namens Vater, den ehrenwenei, Auftrag, den General Scharnhorst insgeheim zu überwachen Aus den lückenhaften Akten gehen die Gründe zu der Maßnahme nicht ausdrücklich hervor: nach allem muß-s sich aber darum gehandelt haben. Scharnhorsts etwaige geheime Tätlgke,t an dem verbotenen Tugendbunde, als dessen früheres Mitglied er Wie Stein bekannt war. festzustellen. Vaters erster Bericht, der ebenso beflissen un>' ergebnislos wie die spateren ausfallen sollte, erscheint darin als ein klassisches Beispiel seiner Gattung:.Indem Euer Durchlaucht ich den Empfang Hochstder�elben Zuschrift vom 2-� v. M gan- untertänigst melde, verbinde ich damit d.e Anzeige, von einer unacwöbnlichen Bewegung, welche gegenwartig den General Scharnhorst zu beschäftigen scheinet und die man vielleicht Unruhe Extrabeiträge von 1010 nicht bezahlt hätten, könnten keine An- spräche auf Unterstützung an die Organisation stellen. Die Kasse müßte so gestärkt werden, daß in Zukunft auch größere Kämpfe aus eigener Kraft und nicht auf Kosten der Allgemeinheit geführt werden könnten. Der Kassenbericht weist für die 2 Jahre eine Einnahme von 742 476,13 M. auf, der eine Ausgabe von 706 572,55 Mark gegenübersteht. Die Mehreinnahme beträgt folglich 35 003,58 Mark. An regulären Beiträgen wurden 272 588,50 M. und an Extrabeiträgen 204 005,60 M. vereinnahmt. Aus den Sammlungen für die ausgesperrten Bauarbeiter bekamen die Stukkateure 125 000 M. überwiesen. Von den Ausgaben seien hervorgehoben: An Streikunter st ützung wurde die gewaltige Summe von 455 615,23 M.(davon 1010 allein 387 080,25 M.) ausgegeben; an Reiseunterstützung 16 662,04 M., an Gematzregeltenunterstützung 2426 M. Für Agitation wurden 11660 M. aufgewendet, dazu kommen noch die Verwaltungskosten der Gaue mit 24 614 M. Das Fachorgan kostete 31 857 M. Das Gesamtvermögen der Organi- sation betrug am Schlüsse der Geschäftsperiode 102 200,38 M. Den Ausschussbericht erstattet G la d i o w- Berlin. Der Aus- schütz hatte 15 Beschwerden zu erledigen, die aber für die Allge- meinheit kein Interesse haben. An die Berichte schloß sich eine längere Diskussion, in der vielfach örtliche Angelegenheiten, die mehr interner Natur sind, erörtert werden. Der Tätigkeit des Hauptvorstandes wird allgemein Anerkennung gezollt. Verlangt wird, daß die noch nicht entrichteten Extrabeiträge nachbezahlt werden. Ein Redner wünschte, daß im Verbandsorgan mehr politische Artikel gebracht werden, vor allen Dingen müsse die Haltung des Zentrums gekennzeichnet werden. Anderseits wurde aber auch betont, das Ver- bandsorgan bringe genügend politische Artikel; die Kollegen hätten die Pflicht, die P a r t e i p r e s s e zu abonnieren. Im allgemeinen ist man mit der Haltung der Presse einverstanden. Die Debatte wurde in der heutigen Sitzung nicht mehr beendet, sie wird morgen sortgesetzt. Um 4 Uhr wurden die Verhandlungen auf Dienstag vertagt. Seriä)ts-Leitung. Schutzmanns- und andere Eide. Wie wir seinerzeit gemeldet haben, ereignete sich am Abend des 1. Mai in Mülhausen i. Eis. bei der Rückkehr eines Zuges von Maifeierdemonstranten, die einen NachmittagSausflug ge- macht hatten, nach der Stadt, ein nicht ganz unblutig verlaufener Zusammen st oß mit der Polizei; zwei Schutzleute, die sich durch besonderen Ucbereifer dabei auszeichneten, wurden da- bei verletzt, so daß sie sich in einer nahen Apotheke verbinden lassen mußten. Lebensgefährlich war keine Verletzung; am ernstesten war ein Messerstich, den der eine Schutzmann in die linke Schulter erhielt, von dem er sich aber schon nach wenigen Tagen wieder erholte. Wegen Körperverletzung, tätlichen Angriffes und Wider- standeö, sowie Schutzmannsbeleidigung erjchienen nun Ende der vergangenen Woche vier Teilnehmer jenes Mmfeierausfluges, alle vier Arbeiter, vor der Strafkammer des Landgerichts Mülhausen. Es war eine ganze Anzahl Belastungszeugen geladen, darunter mehrere Schutzleute, Polizeipräsident Dieckmann usw. Das Ergebnis der Beweiserhebung war indessen so mager, daß der Vertreter der Staatsanwaltschaft selbst die Anklage gegen drei von den vier Angeklagten fallen lassen mußte, so daß diese drei unter Belastung der Staatskasse mit den Kosten frei- gesprochen wurden. Nur beim vierten Angeklagten, dessen Verteidiger in der Verhandlung, wohl um die Richter für seinen Klienten günstiger zu stimmen, ausdrücklich feststellte, daß er weder politisch noch gewerkschaftlich organisiert sei und keiner politischen Partei angehöre, hielt das Gericht die Schuldfrage für erwiesen und verurteilte den erst achtzehnjährigen jungen Mann, den allerdings schon wegen .verbotenen Waffentragens" vorbestraften Tagner Eugen Boeringer, der den Messerstich gegen den Schutzmann Krafft geführt haben soll, wegen.gefährlicher Körperverletzung in rechtlichem Zusammentreffen mit tätlichem Angriff, Bedrohung und Beleidigung" zu einer GesamtgeföngniSstrafe von zwei Jähre» und zwei Monaten. Zwei Monate der Untersuchungshaft kommen in Anrechnung. Der Ver- treter der Anklagebehörde hatte ein Jahr Gefängnis beantragt. Die auffällige Härte des Urteils muß um so mehr befremden, alS die Verurteilung sich eigentlich nur auf die Aussage eines 16jährigen Jungen stützt, dessen Bekundungen obendrein mit den Aussagen anderer Zeugen im Widerspruch stehen. So behauptete der jugendliche Zeuge steif und fest, der verletzte Schutzmann Krafft nennen könnte. ES ist nämlich derselbe in der Nacht vom 1. auf den 2. d. M. mit seinem Schwiegersohne wiederum Hierselbst gewesen und am letzt gedachten Tage weiter nach Landeck gereiset, woselbst er den vom Generalstabe dimittierten Kapitain v. Röder abgehohlet und mit solchem am Morgen des 3. d. M. seine Rückreise über Glatz, in dessen Vorstadt er sich einige Stunden inkognito ausgehalten, auch unbemerkt die Stadt be- sucht, und wo sich der p. von Röder von ihm getrennt und seine Richtung in das Riesengebirge genommen, gemacht hat.— Ich weiß nicht, was eigentlich der General in Cudowa und überhaupt auf seinen Reisen treibt, daher kann ich auch der Sage: daß er Vor- kehrungen treffe, welche bey einer etwaigen Niederlage der fran- zösischen Armee zu deren Vollendung dienen sollen, leinen Glauben beimessen." Die Berichte gehen dann weiter, verfolgen Scharnhorsts Schwiegersohn, den Grafen Dohna, mit dem er in Schlesien zu- sammentrifft, und seine Tochter bis nach Wien. Und als alle Versuche der Spione fruchtlos bleiben und bleiben müssen, ent- blödet sich Bülow in einem� Bericht vom 25. Oktober an den König nicht, die Verdächtigung als gerechtfertigt an- zunehmen, wenn auch nicht als erwiesen; Scharnhorst bleibe nur so ruhig, weil er an dem Tugeudbund bloß durch münd- liche Verhandlungen teilgenommen habe, durch Schriftstücke also nicht zu überführen sei. Daß Versuche in letzterer Richtung auch die äußersten Skrupel überwunden haben könnten, erscheint als nicht ausgeschlossen, wenn man einen Bericht der Glatzer Spitzelzentrale vom Monat vor- her richtig zwischen den Zeilen liest:.Es gehet posttäglich ein Brief vom einerley Handschrift aus Breslau hierdurch nach Cudowa an den General v. Scharnhorst... Ich vermulhe, daß diese Briefe von dem bekannten Drechsler Seling(einem Breslauer Patrioten) kommen, weil der General öfters eigenhändig an diesen schreibt. Euer Exzellenz Weisheit submittiere ich ehrfurchtsvoll: was Hochdieselben rücksichtlich dieser Korrespondenz zu verfügen für nötig befinden möchten?..." Hier wird offenbar ungeduldig die Order zur Er- brechung der Briefe erwartet; daß sie erteilt wurde, erscheint nicht ausgeschlossen. Gekrönt wird aber schließlich daS ganze Unter- nehmen Wittgensteins durch den Umstand, daß er alles hinter dem Rücken seines Chefs, des StaatSkanzlcrS Hardenberg, ange- spönnen hatte, um den ihm und seiner Clique höchst unbequemen General beim Könige anzuschwärzen und zu verdrängen. Während Hardenberg persönlich mit Scharnhorst in Schlesien zusammentraf und ihm seine Absicht, Preußen zu verlassen, ausreden konnte, ließ sein Polizeiminister den in Wahrheit Unentbehrlichen wie einen Staatsverbrecher ausspionieren, um ihm bei der erstmöglichen Ge- legenheit einen Strick zu drehen. Thackeray als Berufsschriftsteller. William M. Thackeray, der witzige Spötter und satirische Darsteller der oberen Klassen Englands, deren literarischer Karikaturist er ist. war am 18. Juli vor 100 Jahren geboren. Thackeray ist einer der ersten europäischen Schriftsteller habe in dem Tumult blankgezogen gehabt und der Angeklagte Boeringer habe versucht, ihm den Säbel zu entreißen,— während andere Zeugen bekunden, der Schutzmann habe nicht blankgezogen gehabt und der Schutzmann Krafft selbst dies unter Eid bestätigte. Boeringer bestritt beharrlich, den Messerstich geführt zu haben, und einzig dieser 16jährige Junge will gesehen haben, daß er der Messer- stecher war. Der ganze Krawall war entstanden, weil in dem Zuge der Aus« flügler eine improvisierte rote Fahne(ein Fetzen rotes Tuch an einem halbmeterlangen Stock) miigeführt worden war und die Po« lizei den Ehrgeiz hatte, dieses Stückchen rotes Zeug zu erobern. Von dieser„Fahne" sagte Polizeipräsident Dieckmann als Zeuge aus, daß er sie dem Träger persönlich abforderte und von ihm ohne Weige- rung ausgehändigt bekam, worauf es nicht geringe Sensation hervorrief, als ein als Zeuge auftretender Schutzmann zletch- falls unter Eid bezeugte, daß er die Fahne erobert und dem Polizei- Präsidenten später übergeben habe. Der Herr Polizeipräsident wurde durch diese Aussage eines seiner Untergebenen sehr überrascht. Ein anderes Schutzmann s-MißverständniS, das den Tumult mitverschuldete, wurde gerichtlich festgestellt. Polizeipräsident Dieckmann, der sich ehrlich bemühte, jeden ernsten Zusammenstoß zu vermeiden, hatte im Lärm zweien seiner Untergebenen, die einen auf einem Gaul daherkommenden Bauarbeiter anhielten, zugerufen: .Laßt ihn doch gehen I" Die beiden Hüter der Ordnung ver« standen: Er soll gehen— nämlich zu Fuß, und rissen den Mann herunter, so daß im Nu sich ein Menschenknäuel gebildet hatte, der nur durch daS energische Eingreifen eines Gewerkschaftsbeamten ent« wirrt werden konnte. Der Polizeipräsident als Zeuge erkannte dies« wirksame Unterstützung ausdrücklich an. Das Erstaunen über das Schreckensurteil gegen den Boeringer nach dieser Beweiserhebung kommt auch in der bürgerlichen Lokal- presse drastisch zum' Ausdruck._ Ein an Raub grenzender Ladendicistahl führte gestern den Stallschweizer Neinhold Lamenta unter der Anklage des unter Mitführung von Waffen verübten Diebstahls im strafschärfenden Rückfalle vor die Ferienstrafkammer des Land- gerichtS I. Der Angeklagte ist trotz seiner 21 Jahre schon recht erheblich vorbestraft: zuletzt hat er eine einjährige Gefängnisstrafe verbüßt. Bald nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt hat er die jetzt zur Anklage stehende Straftat verübt. Er erschien am 24. Mai d. I. in dem Laden eines Waffenhändlers und erklärte, einen amerikanischen Revolver kaufen zu wollen. Der Verkäufer legte ihm mehrere derartige Waffen und die dazu ge« hörige Munition vor. Plötzlich griff der Angeklagte mit schnellem Griff zu, nahm den besten der ihm vorgelegten Revolver und ergriff damit die Flucht, ehe sich der Verkäufer von seinem Schrecken erholt hatte. Trotz der sofort aufgenommenen Verfolgung gelang eS dem dreisten Diebe zu entkommen. Er wurde dann einige Tage darauf bei einem Einbruch in Lehnin verhastet. In seinem Besitze wurde der gestohlene Revolver und außerdem ein scharfgeschliffener Dolch vorgefunden, den er nach seinem eigenen Geständnis auch bei dem ersten Diebstahl bei sich getragen hatte.— Mit Rücksicht auf die freche Ausführung des Diebstahls und die vielfachen Vorstrafen deS Angeklagten erkannte die Ferienstrafkammer unter Versagung mildernder Umstände auf IV» I a h r e Zucht» hauSundSJahre Ehrverlust. Formell ungültige Kinematographenverordnung. Für den LandeSpolizeibezirk Berlin, zu dem auch R i x d o r f gehört, hat der Berliner Polizeipräsident im Jahre 1003 Vorschriften über die formellen Boraussetzungen der Gültigkeit von OrtSpolizei« Verordnungen erlassen. Danach hat die Veröffentlichung durch die als Publikationsorgan bestimmten Tageblätter zu erfolgen. Wird die Polizeiverordnung nicht im Hauplblatt, sondern in einem Bei« blatt veröffentlicht, so muß im Hauptblatt darauf verwiesen werden und daS Beiblatt muß mit Nummer und Datum dem Haupt« blatt entsprechen. Im Jahre 1910 wurde nun die neue Rixdorfer Kinematographen-Polizeiverordnung in den beiden Rixdorfer amtlichen Blättern veröffentlicht. Im.Rixdorfer Tagebl." entsprach die Veröffentlichung den Vorschriften. In der„Rixd. Zeitung" dagegen war die Verordnung in einem Beiblatt veröffentlicht worden, ohne daß im Hauptblatt ein Hinweis auf daS fragliche dritte Blatt enthalten war. DaS Kammergericht als RevisionSinstanz sprach im Hin« blick hierauf den Kinematographcnbesitzer Jeczawitz von der Anklage der Uebertretung der Verordnung frei, indem es die Verordnung für formell ungültig erklärte. Nach den landespolizeilichen Vor- schriften hätte die Verordnung in beiden amtlichen Blättern ordnungsmäßig publiziert werden müssen, um gültig zu fein. gewesen, die von ihrer Feder lebten. Daß ein Schriftsteller von seinem Beruf lebt, ja unter Umständen dabei Kapitalist wird, ist uns heute so geläufig geworden, daß wir kaum darüber nachdenken. Und doch ist diese ökonomische Erscheinung nicht sehr alt. In einem Prospekt zu einer deutschen Gesamtausgabe Thackeray?, die der Verlag von Georg Müller in München erscheinen läßt, be« handelt Fr. Folksa Thackeray als BcrufSschriftsteller. Als William Thackeray— schreibt er— sich im Jahre 1835 nach dem Verluste eine? ziemlich bedeutenden Vermögens entschloß, als xvnnzt a liner anzufangen und von den literarischen Arbeiten allein zu leben, war dies ein Unterfangen von unerhörter Kühnheit und setzte vor« aus. daß der sicher mit dem möglichen Hungertode rechnete, der sich eines solchen unterfing. Das achtzehnte Jahrhundert kannte noch nicht den professionellen Schriftsteller. Jeder Mann des Schrifttumes hatte noch feine anderen Ein- nahmequellen. Selbst ein Voltaire, der feine Feder wohl aus- zubeuten wußte, indem er sie in den Dienst von Souveränen, Ministern und mächtigen Männern stellte, hat für die meisten seiner Arbeiten kein eigentliches Honorar bezogen. Erst als die englischen Zeitungen, welche Nachrichten von den napoleonischen Kriegsschauplätzen brachten, durch ihre Aktualität zu wachsen begannen, ward zum ersten Male ein professionelles Schrift« stellertum ermöglicht. Zu den ersten großen Vertretern dieses neuaitigen Berufes gehört Thackeray ebenso wie Dickens und in Frankreich Balzac. Der Leser mit feinem Sinne wird bei Thackeray herausspüren, daß die Stellung als Professional seinem Stile elne Besonderheit verleiht. Da er für Zeitungen und Wochen« schriften schrieb und auch seine großen Romane zumeist in Liefe» ruugen erschienen, so war er daraus angewiesen, einem jeden kleinen Abschnitt besondere Nuancierung, Schärfe, Witz und Farbigkeit zu verleihen. Zum ersten Male erleben wir in der englischen Literatur etwas, das an moderne Forderungen gemahnt. Das Phlegma deS alten Romans erhält einen Stoß. Die Hast unserer Tage kündet sich an. Notizen. Ein Hamburger Heinedenkmal(neben dem aus Korfu geretteten und von Campe in einem Kaufhaushofe aus« gestellten) wird nun wohl Tatsache. Denn der Hamburger Senat gab vor Jahr und Tag Herrn Kerr, dem eifrigen Propagandisten emes Heinedenkmals in Hamburg, den Bescheid, daß der Senat für dieses Denkmal einen Platz bewilligen würde, wenn von den ver- einigten Berliner und Hamburger Komitees ein hervorragendes und geeignetes Kunstwerk angeboten werde und seine Aufstellung gesichert erscheine. Prof. Hugo L e d e r e r hat nun mehrere Entwürfe ge« schaffen. Im Herbst wird er an die Ausführung gehen, und in der ersten Hälfte des kommenden Jahres wird voraussichtlich das Stand« bild fertiggestellt sei». Abznhiungsneschafte 1 Credit-Haus Bellealliance' BelleallUnce-Str. 100, I. Etage. Waren n. Hobel a. kulant. Beding. Berliner Credit-Haus BffT Kommandantenstr. 67. 1 i- Turmstraße 55, Ecke Waldstr. gewihrtjedemb. spielend leichter An- u. 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Bredow, Otto, Ri.,Hermann8tr.56 Otto Erdmann, Mirbachstr. 36. M. Gardeis P Georgi, Ernst sÄi Hans, A.� Hugo Hecht, Chorinerstr. 65 a. Birschfeldt b�Ä'«. Hoffmann, Carmen Sylvastr. 6 Hoppe, E, Scharnweberstr. 52. Julius John Jonas, Hennann Juncker, H. g™nstr.i72 Kaufh.Katzki,Ri..Kai8.Friedr.-St.243 Carl Klein, Höchstestr.16, N O. 18. Robert Kutsche, Gubenerstr. 56. Adolf Küsel, Ri. Bergstr. 84 a. Kriebel, Schöneberg, Leuthenst.5 R.Lehmann, Ind. Winter, Köpenick, r!h Tirtpwv Bixdorf.Bergst. 52/53 A T üHpL' Rixdorf, A�MIOeK, Kais>.Friedr.8t. 177 Ln? ter, C.» Reichenbergerstr. 61. MÖ'lüf, L,W56chee1gS Fabrikats. Mey er,B«rMuerst,ll,(Arbciterhenden) Pflaume, Gebr., Fried richstr. 205. Pietschmann, Marie Jagowstr. 25 Schaefer, H"s»iten- str. 43, M. Schaefer S.W. Hollmannstr. 43 s< W. Maassenstr. 17. Schrom, Lina, Mirbachstr. 31. A.Radloff, Reinckdf., K.rkrt.l s.Sc« Raehmer, C., Andreasstr. 69. Hermann Meyer, Schirelbeiner Si. 21. A.Nitschp£in,l!ergi!iana!t,lIHeiaull9. Sigmund Simon Nf., KöpeDiclcer8t.l23 Stawenow, Charl-.Csrd«8-di-C«rp8Btr.I0 J Stein R6iEiekendf.W,Sch»niweber8t.l 16 Thurow.O., Charlbg.jCauerstr.li L. Vierarm, Zionskirchstr. 34. E.Voigt, Eciaickeadorf, AmeadtslT.lOf, Albert Vogt Wolihaus Lucas f Wlid u. aefiagel) C.Dittmann BeruÄr'.tj. O.Grimni�ÄÄ628' Schmidt, E., Spandau, HaveUt.W Zimmer, H., Prinzenstr. 12. E.Bade, N.Sch5nhauierAIIee43,L Hoilbruth, Herrn. ,f»ak8t.5,g«gr.l871 A. Jabnke, SO.EIssasir.St, 1.10-1,3-6 Jordan, Aifr., FenBstr 61. gegr. 1888. Vorzeiger dieses 10'.o Rabatt. Alfred Rau 10% Wrangelstr. 861.— Gegr.l885.| Witte, fflax �Ts�Tu er 8 1 r. 16 Ecke Haoteiffelstr. Theater und Vergnügungen UHU LZ □DD □□□ Mittwoch, den 19. Juli. Ansang 8 Uhr. Neues königliches Opernhaus. Lohengrin. Lessiiig. Sommerspuk.(Ansang 8 Uhr 20 Min.) Kölnische Oper. Der verbotene Kuß. Berliner. Bummclstudenten. Neues Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Neues. Der Rodelzigeuner. Thalia. Polnische Wirtschaft. Schiller-(fbariotteuvurg. Der dunkle Punkt. Lustivielhaus. Die dritte ESkadron. (Ansang 8,20 Uhr.) Kleines. Norachen.(Ans. 8'/, Uhr.) »foie. Kasernenlust.(Ans. 8'/« Uhr.) Trianou. Das Prinzchen.(Ansang L'/, Uhr.) Neues Overetfen. Eine Million. (Ansang 8'/, Uhr) Friedrich-Wilhelmst. Schauspiel- Haus. Badincs Entsührung. (Ansang L'l« Uhr.) Metrun» t. Hoheit amüsiert fichl Folies Caprice. Die letzte Nacht. Drei Frauenhüte.(Ansang 8ll, Uhr.) Prater. Die drei Grazien.(Ans. Tl, Uhr.) Voigt. Goldene Jugend. Noatt. Ein Glückskerl. Die Ver» lobung bei der Laterne.— Spe» zialitäten. Apollo. Svezialltäten. Waiinge. Spezialitäten. ReichSballen. Stelttner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Kaiser- Panorama. II. Zyklus: Indien.— Wanderung aus Born- Holm. Urania. Taubenstrafte 48/4S. Geschlossen. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—«2. Freireligiöse Gemeinde Humorislisclies Sommerfesl am Montag, den 24. Juli, im Restaurant Bellevue, Rummelsburg, Hauptstr« 2 Konzert, Theater, Tanz HumorsQuartett «« •• •• «» Die Kaffeeküche ist von 2 Uhr ab geöffnet Erwachsene 20 Pf, Kinder 10 Pf. jFahpverbmdungjJSlraßenbahnJIOj�TSjJ�jLjiZjJfom�Stad�� 57/5» Spree-Garten - Treptow- Mittwoch: MonstersSchlachtmusik Donnerstag: Großes Gala= Feuerwerk- Schiller-Theater ChCen' Der dunkle Punkt. Lustspiel in 3 Akten o. G. Kadelburg und Rudoij Presber. Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und folgende Tage: Dur dunkle Punkt. Bei-Iiner Theater. Heute 8 Uhr: Die Bummelstudenten. Täglich: Bummelstudenten. Neues Theater. 8 Uhr. Düglich! « Uhr. eu Rodelzigeuner. NwesKgl. Opern-Theater(KroiD Mittwoch, den 19. Juli»| abends 71/, Uhr: Lohengrin. Donnerstag: Gaslsp. Martha Lcfsler« Lurckardt 5'/, Uhr: LöNerdümmerung. Freiing:»>!« Zlel«»tvr»luevr Von Zliit-ndere. Triellrieh-WilhelmstSlltisehes Schauspielhaus. OhansisccNtr. 30/81. Täglich 81/, Uhr: Dadines Entführung. Roman. Operelte i. 3 Akt.(4 Bildern) v. Alb. Nack. Mus. v. Fil. de Eristosaro. Metropol-Tlieater. Hehkit aniiilictt sch! Operette in 3 Akten von I. Freund. Musik von Rudolf Nelson. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Große Franksuricr str. Täglich: Ansang 8«/�' J Kasernenluft Auf der Gartenbühne: Es gibt nnr ein Berlin.— Große Revue. ATED itr. 132. 1| . Uhr. I Ift. ül 8 Uhr: Die pniseo Spezialitüten. «'/, Uhr: Ensemble-Gnstaplel Harry Waiden in Sein Herzensjunge. Vaudeville mit Ges. u. Tanz in 2 Akt. von A. Neidhardt und R. Schanzer. Musik von W. Kollo. Hie auierlesensn Attraktionen I LA TORTAJADA. Die 7 Korlunas, klassische Tänze. KanfinanuB Ladycycletronpe. He Die. Charles Barons Burleske- Menagerie. Tschin Kaes 8 heü. Chungusen und eine Kette hervorragender Kunstkräfte! AmcrikI Schwank-Burleske i. btü ÜlllCIMm. 2 Akten von Gericke. Die Verlobung bei der Ulerne. Operette in 1 Akt von I. Osfenbach. Ansang« Uhr. V of Kt-TIiSatSr Gesundbrunnen, Badstraße 58. Heute sowie täglich: Geltet Jugend. Gr. Lebensbild m. Ges. u.Tanz i. 3 Akt. Gänzlich neue erstklassige Spezialitäten. Neue erstklassige Spezialitäten. Kasienerössnung 2, Ansang 5 Uhr. Alnx Kliems Sommer-Theater Rudolf Krüger, Hasenheide 13—15. Täglich: Erstklassige Tdcater- u»d Spczialitätcii-Borstellungen. Zcltbcdachler Theatcrgarlen, bei un- günstiger Witterung Schutz bietend Jed.'Mittwoch: Gr. ztindcrseft. Donnerstag: nitetax. kolies Kaprice. Täglich 8'/, Uhr: Paristslia-Lnsemble. 3 Frauenhüte. Die letzte Nacht. Gin Fenster zu vermiete«». DaS Strumpfband. Kijiijg8ladl-�»8iiio. Holzmarltstr. 72. Ecke Alexanderstr. Täglich: Genieftet das Leben! Gr. Gesangs-Posse v. W. Gericke. Außerd.: Prans Melllner, l-es Pmannels, IVally Richards. Ans. 8 Uhr,«onntagS 5 Uhr. Urania. Wissenschaftliches Theater. Taubenstraße 48/49. Geschloffen. Eintritt 1 Mark, von abends 6 Uhr ab 50 Ps., Kinder unter 10 Jahren die Hälfte._ Reiehshallen-Thealer. Gastspiel f mit seiner berühmten Herrengesellschaft. Ansang wochent. H Uhr, Sonntags 7 Uhr. �' i, August""HÖ Wiederbeginn der Soireen der tStettlner SNneer. 8on8glilinoIIo /Ulioldionon! ckadnstovns Untergang, Lairo, l.acddaus, ftippockrom» Lehmann, Tanagra• Theater, Teufclsrad, Monlln ronge, Gebirgsbabn, Wasserrotscbbabn, Moo Plaisir o. v. a. Am Sonnabend, den 22. Juli: Elitetag. Festbelcnchtnngr d. Parks. Pracht- Front=Feuerwerk. Apotheose: Die keusche Susanne. Am Bahnhof 1 Eis=Arena. Geöffnet v. 10 Uhr vorm. In der heifien Jahreszeit angenehm kühler Aufenthalt. Allabendlich: 1 D. prankvolle Eisballett| Montreal Die Stadt aui Schlltl- schuhen. Neu: Pnsh-Ball-Splel Zahlreiche Konstlaufproduktlonen. Exquisite Restauration �bis 1 Uhr nachts. | Bis 7 Uhr u. von 10'/, Uhr| abds.: halbe Kassenpreise, Mus KouKer Pankow-Berlin Berliner Str. 63— 68, an der Schönhauser Allee. 2 Mittwoch. 19. Juli: A große Vorstellungen" nachm. 4'/, u. abends 8'/, Uhr. In jeder Vorstellung gleichwertiges splendides Weltftadtprogramm. 2v Eltte-Rnmmern LV. Donnerstag, abends 8'/, Uhr: MK.' Sport Borstcllung. TQ Zirtuskasse geöffnet v. 10 Uhr vorm. an. fgzszge-k'znoplilluiu. vi° Zieger- $xes\n Abomah, die größte| Frau, die je gelebt. Alles ohne Extra-Entree I Alt-Moabit 47/48. Donnerstag, ben 20. Juli 1911: Thrater und 5pe;ia!ltattu. Ansang des Konzerts 6 Uhr, der Vor« stellung 7 Uhr. Dorzugskarteu habe» Gültigkeit. Jeden Montag: Luftige Sänger. Uoabiter Vintergarten ArtussHof Perlebergor Str. 26, Stendalor Str. 18 Direktion: Karl Pirnan. Mittwoch, den 19. Juli: Groffes Kinderfest. Speziulitiiten— Theater Konzert. Ansang 4 Uhr. Am Kiinigstor. Am Friedrichshain. Täglich: Theater, Speplitüteu, Kineulatogruph. Jeden Mittwoch: Kinderfest. Ans. Wochentag? 5, Sonnt. 4 Uhr. Cafe Sellevue. Gummelsburg am See. Inta.: 0. Tempel. Jeden Sonntag: Spezialitäten-sorsteH. u. Garten-Konzert. Jeden Sonnabeub und Donnerstag: Zoireen äer ftoftmanns Sänger Gesellschaftshaus Trebbin, E. Schnitte, Bahuhosstr. 3. Aeltestes gr. Parteilokal, gr. Gart. etc. im Ort. Bei Ausflügen nach und durch Trebbin empfehle mein obiges Lokal. Für den Inhalt der Inserate übernimm» die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Beraurwortnug. KerantvsrtliKer BÄgftewu Richard Barth, Merlin. Kür bm Inseratenteil betaitf»..: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vsrwärtz BuKdruckerei it. N.erlsgsgizst.glt Kayl Singer u. Co.« Berlins.� Hr. 166. 28. Jahrgang. fite des Lmiirts" Mwch, IN. Juli füll. v!e eiieobshnkstsitrophe bei liiüllheiw. Wen die Schuld an dem entsetzlichen Unglück trifft, ist noch immer nicht festgestellt. Angeblich sollte der Lokomotiv- führer die Schuld tragen, weil er nicht rechtzeitig gebremst habe. Im Augenblick der Katastrophe habe der Zug eine Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometer aufgewiesen, ob- gleich nach der den Lokomotivführern in Basel schriftlich aus- gehändigten Weisung der Zug nur mit 20 Kilometer Ge- schwindigkeit die Baustelle hätte passieren sollen. Der Lokomotivführer und der Heizer sollten denn auch bereits der- haftet worden sein. Diese Meldung trifft jedoch nicht zu. Die beiden Beamten erklärten vielmehr, daß sie bereits vier Kilometer vor der Unglücksstelle vorschriftsgemäß zu bremsen versucht hätten, daß jedoch die Bremsvorrichtungen versagt hätten. Sie befinden sich denn auch auf freiem Fuße. Da die Lokomotive selbst nicht schwer beschädigt worden zu sein scheint, wird sich hoffentlich feststellen lassen, ob in der Tat die Bremse versagt hat. Sollte das wirklich der Fall sein, so wäre es Pfficht der Eiseubahnverwaltung, die Brems Vorrichtungen überhaupt einer genauen Untersuchung unterziehen zu lassen. Erinnert sei bei dieser Gelegenheit auch wieder daran, daß nach der Aussage zahlreicher Eisenbahnbeamten auch die automatischen Haltesignale keines- Wegs zuverlässig funktionieren sollen. Ge- rade jetzt, wo die Preußischen Eisenbahnen wieder so ungeheure Ueberschüffe abwerfen, sollte der Fiskus alles daran setzen, auch für die Sicherheit auf den Eisenbahnen zu sorgen! Nicht zuletzt auch dadurch, daß die Arbeitszeit des noch immer allzu sehr über- lasteten Maschinenpersonals, wie des Personals überhaupt, derartig herabgesetzt wird, daß künftig wenigstens jeder Un- fall wegen Uebermüdung und Nervenüberreizung aus- geschlossen ist! Karlsruhe i. B., 18. Juli. Nach Mitteilungen, die der Kor- respoudent der.Köln. Zeitung' im Eisenbahnministerium erhielt, steht die genaue Ursache des Müllheimer Eisenbahnunglücks noch nicht fest. Man nimmt an. dag die Lokomotive zu schwer(1) war und deshalb an der Unglücksstellesdurchbrach. Bei vier Verunglückten konnten die Namen bisher noch nicht scstgestcllt werden. Unter den Gelöteten befinden sich 5 Kinder. Die Zahl der Verletzten beträgt etwa 35, darunter sind 15 Schwerverletzte. Die Persönlichkeiten der Verletzten sind gröfitcnteils noch nicht festgestellt. Minister und Elscnbahndirektor reisten sofort an die Unglücksstelle ab. Zur Hilfe- Icistung sind Militär und Sanitätskolonnen von Freiburg ein- getroffen. Von de» Opfern der Katastrophe. Die Zahl der Getöteten ist bereits auf fünfzehn gestiegen. Weiter wird gemeldet: Besonders schwer verletzt liegen noch drei Personen danieder und zwar Negierungsbauineister Nürnberg, die Krankenschwester Luise Müller und Frau Warthmann aus PariS-Basel. Unter den Toten ist eine Frau immer noch nicht erkannt. Sic steht im Anfang der dreißiger Jahre. Man vermutet, daß die Frau aus der Unigegend von Göppingen stammt. Die Beseiti- gung der Wagentrümmer und der Lokomotive ist immer noch nicht pccndet, obwohl ein großes Aufgebot von Eisenbahnarbeitern und Militär dauernd an der Unfallstelle tälig ist. Der Betrieb kann trotzdem zweigleisig weitergeführt werden. In dem ersten Bericht nacti der Kalastrophe ist vielfach die Vermutung ausgesprochen worden, daß die in, Bau begriffene Unterführung von Eisenbeton nichl sachgemäß behandelt worden sei und zur Katastrophe beigetragen habe. Aus EisenCfahiierkreisen wird aber jetzt nach näherer Unter- suchuiig aufs besiimniteste diese Vermutung als unzutreffend be- zeichnet. Die Eisenkonstruktion hat gehalten und nur die Bänder find nachträglich beschädigt worden. • Frankfurt a. M., 18. Juli. In dem verunglückten Zuge be fanden sich außer dem Eisenbahnschaffner Mann aus Bockenheim auch noch sechs Postbcamte vom hiesigen Bahnpostamt Nr. 19, zwei Obcrposiasfistcnten, ein Assistent sowie drei Oberpostschaffner. Der Postwagen war der letzte Wagen deS verunglückten Zuges und ist daher bei der Katastrophe verhältnismäßig gut weggekommen. Ihm wurde die vordere Stirnwand vollständig eingedrückt. Ferner hat er sich vom Untergestell abgehoben. Die Postsendungen er- litten keine nennenswerten Schäden. Die sechs Postbeamten fuhren nach dem Unglück sofort nach Frankfurt. Partei- 5Zngelegenkeiten. Adlcrshof. Heute Mittwoch, den 19. Juli, abends V'/z Uhr, von, Jugendheim, Bisniarckstr. t l, aus: Flugblattverbreitung z u r G e m e i» d e w a h l. Die Beteiligung aller Genossen und Genossinnen ist unbedingt nötig. Donnerstag, den 20. Juli, abends 8'/z Uhr. im Lokal von . Lchmgrübner(vormals Eschner). Bismarckstr. K0: Große öffentliche Gemcindewählerversammlung. Tagesordnung: Auf zur Gemeinde- wahl l �eReforent: Stadtverordneter Genosse Dr. Bruno Borchardt. Genossen und Genossinnen agitiert für Massenbesuch dieser Ver sammlung. Maricndorf. Donnerstagabend 8l/„ Uhr bei Preuß, Kurfürsten� straße ii: Generalversammlung. Tagesordnung: Bericht des Vor fiandeS und der Funklionäre. Diskussion. Neuwahlen. Vereins cuigelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Biesdorf. Heute abend tz'/z Uhr: Zahlabend bei Gustav Berlin, Marzahner Str. 24. Borsigwalde- Wittenan. Donnerstag, den 20. Juli, abends K'/z Uhr, findet die Mitgliederversammlung des Wahlvercins im Lotale von Richter. Spairdauer Straße, statt. Tagesordnung: Vor trag. Die Bezirksleitung. Dabendorf bei Zossen. Sonnabend. den 22. d. Mts.. abends 9 Uhr, findet bei Wiese unsere Generalversammlung statt. Auf der Tagesordnung stehen unter anderen Neuwahlen des Vorstandes und der Revisoren. DaS Erscheinen jeden Mitgliedes ist notwendig. Lerlmer j�acbricdten. Polizeihnnd-Katzenjantnicr. Bei großen und kleinen Polizeibehörden, die mit Polizei Hunden arbeiten, wird seit einiger Zeit Trübsal geblasen, daS allbekannte Lied: es wär' so schön gewesen! Man hat sich nämlich mit dem Polizeihundsystem, das noch kaum drei Jahre alt ist, ganz gewaltig verplempert. Als in Berlin die ersten zwei oder drei Polizeihunde eingestellt waren und einige Erfolge erzielten, denen vielleicht auch noch etwas liebevoll nachgeholfen worden war, geriet alles, was Polizei heißt und zu ihr hält, aus dem Häuschen. Man sah eine neue Aera aufsteigen und bildete sich ein, in Zukunft jeden einzigen Verbrecher mit den vierbeinigen Leimruten fangen zu können.' In zahlreichen Kriminalisten erwachte der schöne Ehrgeiz, Köter für Polizeizwecke abzurichten. Zwinger wurden erbaut, Polizeihund-Akademien gegründet, Preisvor- führungen veranstaltet, übertriebene Reklanien in die Presse lanciert— mit einem Worte, die Geschichte muß wieder mal einen tüchtigen Batzen Geld gekostet haben. Um für die neue Einrichtung noch mehr Stimmung zu machen, lud man periodisch die Minister und andere Größen, selbst hiesige und auswärtige Gesürstete zu den Neklameveranstaltnngen, bei denen aber die schärfer prüfende Oeffentlichkeit wohlweislich ausgeschlossen blieb, ein. Der„Ruf" der Berliner Polizeihunde pflanzte sich über die hundespeichellcckende Scherlpresse bis ins Ausland fort. Und nun muß man, was Eingeweihten freilich längst kein Ge- heimnis wckr, hören, daß das ganze neue System kläglich Fiasko macht. Die fragwürdige Arbeit der Polizeiköter hat unsere Rechtsverhältnisse nur noch mehr verwirrt und ver- schiedencn Personen, deren völlige Unschuld sich später herausstellte, Gefängnisstrafen oder mindestens schwere Unan- nehnilichkeiten eingetragen. Die betreffenden Verdächtigten Ivurden gestellt, belästigt, verfolgt, in Untersuchungshaft genommen, unter Anklage gestellt, verurteilt auf das Zeugnis von Hunden in Verbindung mit allerlei anderen Indizienbeweisen l Und als diese Fälle, in denen die Polizeihunde sich geirrt hatten, sich mehrten, soll das der Justizbehörde den Anlaß gegeben haben, der blausilbernen Kollegin ein Privatissimuni zu lesen, das nicht von Pappe war. Wir haben dieses jämmerliche Endergebnis von vorne herein prophezeit und wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß die Arbeit der Polizeihunde im großen und ganzen nur sehr problematischen Wert hat. Es ist nicht zu verkennen, daß einige Polizeihunds in einigen Fällen gewisse Erfolge erzielt haben. Diese Fälle lagen indes so verhältnismäßig einfach, daß zu ihrer Lösung wirklich kein Hundegenie gehört. In anderen Fällen haben dieselben Hunde völlig versagt. Die große Mehrzahl der Polizeiköter gehört zu den Stümpern, die ganz gelegentlich mal einen schwachen Erfolg haben, wie ein blindes Huhn auch ein Korn findet. Dazu kam noch der Unfug, die Polizeihunde nicht nur für kriminalistische Zivecke zu verivenden. Es gibt Beamte, die sich nicht genierten, ihre Begleitkötcr auf DersammlungSteiluehmer, Obdachlose, Frauen und Kinder loszulassen. Selbst nach entwichenen Geisteskranken ist mit Polizeihunden Jagd gemacht worden. Für solche Neben- zwecke, die ja der Polizei sehr erwünscht sein mögen, brauchen wir Polizeihunde überhaupt nicht. Es ist vollständig über- flüssig, daß jeder zweite oder dritte Berliner Kriminalbeamte mit einem Köter über die Straße spaziert. Die Herrschaften haben bewiesen, daß sie nicht so viel Takt besitzen, um die Macht, die man ihnen damit in die Hand gegeben hat, nicht zu mißbrauchen. So viel steht fest, daß in allen Scnsations- fällen, wo die Polizeihunde ihre Fähigkeiten hätten zeigen können und sollen, der Erfolg völlig ausblieb. Die best- dressierten Alexanderplatzköter haben voiz den Mördern des in Moabit erschlagenen alten Herrmänn keine Spur entdeckt. Und sie hätten doch wahrlich nicht weit zu suchen brauchen l Seht die Wählerlisten ein! Die bisher vorgenommene Einsichtnahme in die bis zum 30. Juli auslicgenden Gemeindcwühlerlisteu hat ergeben, daß die Listen wiederum sehr mangelhaft sind. So wird uns berichtet, daß bei der Einsichtnahme in der Auslagestelle in der Ravensstraße festgestellt worden sei, daß zwei bestimmte Häuser, in denen zahlreiche Wähler wohnen, in der Liste nicht aufgeführt sind. Es ergibt sich auch, daß manche Namen falsch geschrieben sind, die aber unter allen Umständen richtig- gestellt werden müssen, wenn der Wähler im November sein Wahlrecht ausüben ivill. Diese Mängel beweisen, wie wichtig die Einsichtnahme in die Wählerlifte ist. Versäume daher niemand die Ausübung dieser Pflicht! Mehlhaltige Wurst. Das Feilhalten mehlhaltiger Wurst ist nach der neueren Rechtsprechung auch dann strafbar, wenn im Laden ein Plakat ausgehängt wird, das den Mehlgehalt angibt. Derartige Wurst muß ausdrücklich als mehlhaltig bezeichnet werden, z. B. als Semmelleberwurst. Wie die „Urzeitung" mitteilt, veranlaßt soeben eine Verfügung des Ministers des Innern die Polizeibehörden, in solchen Fällen ein Strafverfahren herbeizuführen. Ein Fleischer hatte in seinem Laden ein Plakat mit der Aufschrift ausgehängt: „Meine Fleischwurst wird mit zirka 6 Prozent Kartoffelmehl und dem dazugehörigen Wasser, ebenso Würstchen, angefertigt und verkauft". Die Polizei hatte nach dem Gesetz über die allgemeine Landesverwaltung von 1883 den Fleischer auf- gefordert, das Plakat bei einer Geldstrafe von 30 Mark zu entfernen. Regiernngs- und Obcrpräsident wiesen die da gegen eingelegte Beschwerden zurück. Das angerufene Ober verwaltungsgcricht bestätigte, daß der Verkauf von verfälschter Wurst nach 8 367 Ziffer 7 des deutschen Reichsstrafgesetzbuchcs verboten ist, wenn das Gericht auch feststellte, daß es sich bei dem gedruckten Plakat um ein Erzeugnis der Buchdruckpresse handele, das nur den Beschränkungen unterliegt, die das Reichsgesetz über die Presse von 1874 vorsieht. Dieses Gesetz enthalte keine Bestimmung, die die Polizei zu ihrem Vorgehen erniächtigte. Verkürzung einer Strasienlinhnlinie. Die Strahenbasin ist ge nötigt, wegen Straficnbauciilicitcn in Wilmersdorf die Linie 8 Knpfergraben— Ringbahnhof Wilmersdorf— Friedenau für einige Zeit zn verkürzen. Die Strahenkreuzniig der Kaiser-Allee. der Hildegard und der Dnrlalhcr Straße wird asphaltiert. Die Linie 8 kaiin deS lialö nur bis zur Hildegnrdstrasie und der Ecke der Livländischcn Straße, also bis zu Schraninis Seebad geführt werden. Die Ver- lürznng tritt mit dem 20. Juli ein und wird etwa drei Wochen dauern. Die Sandspielplätze für Kinder sind in unseren Park- und Schmuckankagen während der letzten Jahre erfreulich vermehrt ivordcn. Deshalb können ihrer natürlich innner noch nichr werden. ES muß soweit kommen, daß möglicbst jede Tchmnckanlagc, die über das Maß eines gärtnerisch geschmückten Winkel? hinausgeht, min- destenS einen Sandipiclplatz ausweist. Mit der Zahl dieser so außer- ordentlich gesnndheitsdicnlichen Spielgelegcnheitcn ist auch ihre Be- schaffcnheit gebessert worden. Man glaubte früher schon sehr viel getan zu haben, wenn man ein paar Fuhren Sand hinkarrtc und sie den Kindern zum Spielen überließ. So primitiv sind noch heute die Sandspiclplätze im Humboldtbain. An anderen Stellen hat man den auf ziemlich großer Fläche angefahrenen Sand mit einer niedrigen Bordschwelle umgeben und auch für ausreichende Sitzgelegenheit in unmittelbarer Nähe gesorgt. Diese Umrahmungen zeigen, um auch die Schönheitswirkung einigermaßen zur Geltung konimen zu lassen, bald ellipyche. bald kreisrunde oder eckige Form. Eine sehr praktische Kinderspielstätte ist in der Schmuckanlage auf dem Falkplatz an der Gleimstraße, neben dem Exerzierplatz zur Einsamen Pappel, geschaffen worden. Etwa hundert Quadratmeter Flächcnraum habeu rings- herum eine Sandsteinmaucr von einem halben Meter Höhe mit einem Eingang an der Vorderseite erhalten. Innerhalb dieser Mauer und zwar an derselben befindet sich eine fortlaufende Bank, die also etwa 40 Meter lang ist. Das macht einen sehr netten Eindruck uud schließt die Kinder völlig von den Spaziergängern ab. Natürlich dürfen auf der Ruhebank auch Erwachsene Platz nehmen. Die ztveite Hälfte dieses hübschen, mehrere Meter über dem Straßengelände angelegten Schmuckplatzes ist leider noch immer unfertig. Eine Delegation amerikanischer Handelskammermitzlicdcr weil! in Berlin und besichtigt die verschiedenen öffentlichen Institute und Einrichtungen. Am Montag wurde eine Besichtigung der Betriebe von Siemens u. Schuckert vorgenommen. Gestern erfolgte Empfang in der Berliner Handelskammer und im Rathaus. Die Delegation überbrachte eine Einladung zu dem internationalen Kongreß der Handelskammern 1912 in Boston. Unter der Kunstschule in der Klosterstraße hat man jetzt begonnen, die beiden Tunnelschächte der Untergrundbahn auszumauern und abzudichten. Zu dem Bchufe wird eine Vz Meter starke Betonschicht auf die Sohle eingebracht, während die Seitenmauern mittels Kalk- steins verblendet werden. Die Kellerräume sind, soweit sie nicht vom Tunnelbau in Anspruch genommen werden, zum großen Teil schon wieder gebrauchsfertig hergerichtet worden. Bis zur Neuen Friedrichstraße ist die Baugrube nahezu fertig ausgeschachtet, ebenso die Strecke jenseits in der Grunerstraße bis zum Dienstgcbäude des Polizeipräsidiunis. Hier ist man seit gestern mit dem Einbau der Straßenbrücke beschäftigt, da der Verbindungsweg nach dem Alexanderplatz für den Wagenverkehr nicht gesperrt werden darf. Die Maulkordfalle in Pankow. Mancher Berliner Hundebesitzer, der einen Spaziergang nach den nördlichen Vororten unternimmt und dabei Pankow passieren muß, hat keine Kenntnis davon, daß in Pankow noch der Maulkorbzwang besteht. Uns gehen von neuem Zuschriften zu, in denen bittere Klage gerührt wird über die Aus- Übung des Hundefanges in Pankow. Wieder wird bestätigt, was wir früher schon selber beobachtet haben, daß der Fang Maulkorb- loser Hunde von Berliner Spaziergängern recht im Schwange ist und anscheinend sich als eine reichliche Einnahmeguelle darstellt. Es wird höchste Zeit, daß auch Pankow seine Sonderstellung endlich aufgibt._ Zum„guten Hirten". Am Montag wurde ein 18jähriges Mädchen, das einen Gerichtstermin wahrgenommen hatte, von einem Polizeibeamten zum Kloster zum.guten Hirten", in der Residenzstraße zu Reinickendorf zurück- geführt, dem die Eltern das Mädchen zur Erziehung übergeben hatten. Unmittelbar vor dem Kloster entrissen vier Männer das Mädchen, bestiegen mit ihm ein Auto und fuhren davon. Das Mädchen, eine Kontoristin Gertrud Prokscha, befand sich erst seit einer Woche in dem Kloster. Am 19. April>var sie, das einzige Kind des Schuhmachern, eisters Prokscha in der Koppenstr. 22, verstoßen, weil sie schwanger war. Kurze Zeit darauf wurde sie Mutter eines Mäd- chens. Vor einer Woche wurde sie dann auf Veranlassung ihrer Eltern auf dem Wege zu ihrer Arbeitsstelle ergriffen und dem Kloster zugeführt. Ihre jetzigen Befreier werden sich ja vor dem Strafrichter verantworten müssen. Aber die richttge Art, um ein Kind,' das arbeitssam ist aber nach Ansicht seiner Eltern einen Fehltritt be« gangen hat. zum Guten zu erziehen, ist die dem Mädchen wider- fahreue Behandlung sicher nicht. Ein tödlicher Unglücksfall hat sich gestern früh in dem Betriebe der Großen Berliner Straßenbahn ereignet. Von dem Bahnhof 18 in der Markusstratze sollte gegen 3/«7 Uhr morgens ein Einsatzzug der Linie 78 abgelassen werden, zu welchem Zweck an den Motor- wagen Nr. 2718 der genannten Strecke ein Beiivagen angehängt werden mußte. Als nun der Motorwagen, den der 60 jährige Schaffner Karl Presche! aus der Königsberger Straße 1 bediente, aus dem Torweg des Bahnhofsgrundstückes ausfuhr, sprang Presche! von dem Hinterperron ab, um zwischen dem fahrenden Wagen und der Hausmauer nach der Straße zu gehen. Dabei beachtete er nicht, daß der Motorwagen bei der Ausfahrt auf die Straße ganz dicht an die Mauer herankommt und wurde er an dieser Stelle von dem Kraftwagen gegen die Mauerkannte gedrückt. Dabei wurde dem Bedauernswerten der Brustkasten vollständig zerquetscht. Der Ver- unglückte wurde nach der nahen Unfallstation am Grünen Weg ge- bracht, wo der anwesende Arzt leider nur noch den bereits ein- getretenen Tod feststellen konnte. Die Leiche wurde nach dem Schau- hause übergeführt. Große Empörung rief am Montagabend gegre? 10 Uhr in der Petersburger Straße das Verhalten von SchiGIeuten gegen einen Kutscher hervor. Um die genannte Zeit fuhr ein Kutscher der Mörtelwerke von Tabbert die Strecke entlang. Angeblich soll der Mann ohne Licht gefahren sein und geschlafen haben, weshalb ein Schutzmann die Sistierung des Mannes nach der Wache zwecks Fest- stellung der Personalien vornehmen wollte. DaS sei aber wohl mit einigen Schwierigkeiten verknüpft gewesen, da der Kutscher an- getrunken gewesen sein soll. Der Kutscher wurde von einem Schutzmann vom Bock gerissen, um mit Gewalt nach der Wache gebracht zu werden. Eine große Menschenmenge sammelte sich an. Eine ganze Abteilung Schutzleute kamen angerückt. Der Kutscher sei furchtbar geschlagen und buchstäblich nach der Wache geschleift worden, obwohl er erklärt habe, ruhig mitgehen zu wollen. Ein Zahntechniker, der dem blutenden Kutscher Hilfe leisten wollte, sei gleichfalls von einem Schutzmann mit dem Säbel geschlagen worden. Der so behandelte Kutscher soll in einer Weise zugerichtet worden sein, daß er nach dem Krankeuhause gebracht werden mußte. Unter dem zuschauenden Publikum herrschte über die Polizcitat eine große Erregung. lieber eine weitere Polizeitat vom Sonntag wird uns von einem Augenzeugen berichtet: Ich stand am Sonnlagnachmittag 4 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle Greifswaldcr- Ecke Elbingcr Straße. Do die Bahn meist schon besetzt war, hatten sich zirka 30 Personen an- gesammelt, darunter fünf Männer in Arbeitskleidung. Diese machten den Eindruck von Bauarbeitern, machten sich aber sonst in keiner Weise auffällig. Ein vorübergehender Schutzmann trat hinzu und forderte die Arbeiter zum Weitergehen auf. Die Leute erklärten, nach Weißensee fahren zu wollen, um sich dann zu Fuß nach ihrer Arbeitsstelle in Lindenbcrg zu begeben. Der Schutzmann faßte aber einen nach dem andern und schleuderte sie auf den Fahr- dämm. Inzwischen kam eine Bahn und die fünf Mann bestiegen den Vorderperron. Der Schutzmann forderte den Schaffner auf, die Leute absteigen zu lassen, dem der Schaffner auch nachkam. Als nun der Schutzmann einen Arbeiter bei der Gurgel faßte und ihn zu Boden warf, machte sich bei den Umstehenden eine laute Empörung bemerkbar, Schimpfworte der verschiedensten Art waren zu hören. Wild herumfuchtelnd erklärte der Schntzmanu: .Solchen Leuten stehen Sie bei. Sie sollen' sehen, was Sie davon haben". Als der nächste besetzte Straßenbahnwageit hielt, lieb er niemand einsteigen, sondern holte sämtliche überzähligen Fahrgäste herunter. Natürlich Heiterkeit und Entrüstung. Im nächsten Augenblick faßte er aber einen avseitsstehenden der Arbeiter, legte ihm Handknebel um und führte ihn fort. Ein aufregender Vorfall spielte sich kam Montagabend gegen 8 Uhr in der Belle-Alliauce-Straße ab. Dort verließ an der Halte- stelle bei der Dragoner-Kaserne ein junger Mann einen Straßen- bahnwagcn der Linie 34, begab sich nach dem Reitweg hinüber und Sing hier einige Minuten verstört auf und ab. Plötzlich zog der nbekannte einen Revolver hervor und jagte sich vor den Äugen zahlreicher Passanten eine Kugel in den Miind, die in das Gehirn drang. Man schaffte den Schwerverletzten zunächst nach der nahen Unfallstation am Tempelhofer Ufer und von doet nach dem Kranken- Hause am Urban, wo der Lebensmüde unmittelbar nach der Ein- liefcrung verstarb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. In dem Berstorbenen wurde der 18jährige Zahntechniker Ernst Graf festgestellt, der bei seiner Mutter in der Göbenstraße wohnte und in einem größeren Zahnatelier iin Südwesten der Stadt beschäftigt war. Was den jungen Mann zu der Tat veranlaßt hat, ist bisher noch nicht ermittelt worden. Allem Anscheine nach hat er den Selbstmord in einem Anfalle geistiger Erkrankung verübt. Aus den Arme» der Mutter ins Wasser gefallen. Ueber einen seltsamen Todesfall wird aus Pankow berichtet. DaS zweijährige Töchterchen Frida des Arbeiters Quensel aus der Heynstraße litt an einer hartnäckigen Augenkrankheit und die Mutter wollte mit dem Kind einen Naturarzt in Schönholz aufsuchen. Auf dem Wege nach Schönholz, wobei Frau O. das Mädchen auf dem Arm trug, wurde sie plötzlich von großer Müdigkeit befallen und sie lehnte sich an der Alten Schönholzerstraße an die Brückenrampe der Panks an, um einige Minuten auszuruhen. Plötzlich stieß die Frau einen mark- erschütternden Schrei aus; das Kind war ihren Armen entfallen und in die Panks gestürzt. Ein Arbeiter, der in der Nähe weilte, sprang sofort in die Panke und holte die Kleine wieder heraus. Man brachte sie ins Lazaruskrankeuhaus, wo sie aber bald darauf starb. Es war Wasser in die Lymphgefäße eingedrungen, wodurch der Tod herbeigeführt wurde. 15 Einbrüche auf einem Grundstück. Eine Beute von über 5Ü00 M. machten Geldschrankeinbrecher in der Nacht zum Sonntag in den Räumen der Papiergroßhandlung und Tütenfabrik von Hanstein u. Freund in der Alexanderstr. 28, an der Ecke der Magazinstraße. Nachdem sie die Eingangstür mit einem Nach- schlüssel geöffnet hatten, brachen die Knacker am 2. Hof eine eiserne Tür mit Gewalt auf, gelangten so in den Flur deS Hintergebäudes und erbrachen hier auch die Eingangstür zu den im Erd- geschotz gelegenen Geschäftsräumen. In dem Geldspind, das sie nach der Art der gewerbsmäßigen Einbrecher aufknabberten. fanden sie 1124 Mark Papier- mid hartes Geld, für 2000 Mark Goldsachen, darunter vier goldene Herrenuhren, einen Brillantring und eine goldene Damenuhr, Schuldscheine und Wechsel, deren Betrag noch nicht feststeht und eine Münzen- samnilnng. Alles das nahmen sie mit, während sie ein Sparkassen- buch unberührt liegen ließen. Die Pulte erbrachen und durchstöberten sie vergeblich. Die Bestohlenen sind nur zum Teil versichert. Der Einbruch wurde am Soimtagmorgen von dem Briefträger, der die Post brachte, entdeckt. Der Wächter, in dessen Bereich das HauS liegt, hatte nichts gemerkt. ES ist das aus diesem ausgedehnten Grundstück in unmittelbarer Nähe des Polizeipräsidiums der 16. Ein- bnich in den letzten zwei Jahren. Fast alle seine Bewohner haben schon einmal den uuerbetenen mächtlichen Besuch gehabt. Auch der Zigarrenhändler, der Schankwirt und der Trödler. Eine Jagd auf zwei Verbrecher, bei welcher die Verfolgten wiederholt von ihren Schußwaffen Gebrauch machten, spielte sich gestern früh in der Gleditschstraße ab. Gegen 6 Uhr früh vernahm die Frau de» in dem Hause Gleditschstraße 8 wohnenden Milch- Händlers Graf über sich ein verdächtiges Geräusch, das aus der in der ersten Etage belegenen Wohnung des ApothekenbesttzerS Gülden- Haupt zu dringen schien. Dg Herr G. zurzeit mit seiner Familie verreist ist und die Wohnung ohne Aufsicht steht, nahm Frau Graf nnt Recht an, daß Einbrecher in die Räume eingedrungen wären. Rasch entschlossen ging sie die Treppe hinauf und klingelte. Darauf wurde plötzlich die Tür von innen aufgerissen und zwei Männer stürmten mit mehreren Paketen beladen an der erschreckten Frau vor- über die Treppe hinab. Die Milchhändlerin alarmierte sofort die Haus- belvohncr und mehrere nahmen unverzüglich die Verfolgung der Diebe auf. Als sich der eine Verbrecher eingeholt sah, wandte er sich plötzlich uin und gab kurz hintereinander drei scharfe Schüsse aus einem Revolver auf sein« Verfolger ab, glücklicherweise ohne zu treffen. Als schließlich auch mehrere Schutzleute sich an der Ver- folgung der Diebe beteiligten, gelang es. die beiden Burschen zu ergreifen, die ihrer Festnahme heftigen Widerstand entgegensetzten. Auf dem Schöneberger Polizeipräsidium, wohin die Verhafteten ge- bracht wurden, stellte es sich heraus, daß die Festgenommenen zwei 43 refp. 38jährige„Gelegenheitsarbeiter" waren. Die den Spitz- buben in die Hände gefallene Beute, eine Menge Gold- und Silbersachen im Werte von zirka 700 Mark, konilie ihnen abgenommen werden. Selbstmord eines russischen Studenten. Au? noch unbekannten Gründen verübte gestern nachmittag der 32jährige russische Student Alex Finik off in seiner Wohnung in der Joochinr-Friedrichstr. 34 zu Halensee Selbstmord. Als seine Frau- die Wohnung auf einige Zeit verlassen hatte, um Einkäufe zu besorgen, jagte er sich eine Revolverkugel in die rechte Schläfe. Der Schuß wirkte auf der Stelle tödlich, so daß em herbeigerufener Arzt keine Hilfe mehr bringen konnte. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Finikoff, der noch studierte, war erst seit kurzer Zeit verheiratet und zeigte in den letzten Tagen ein absonderliches Wesen. Venn Nollschuhlaufen wurde Dienstag abend gegen 7 Uhr Ecke Kurze und Weberstrahe der Schüler-'HanL Geschke au» der Eberthstr. 21 von einem Schlächterwagen überfahren, wobei ihm beide Beine gebrochen wurden. Der Verunglückte wurde nach dem Krankenhaus Am Friedrichshain gebracht. Vorort- JNfacbnchtem Gchötteverg. A» die Eltern der Schulkinder richtet die Deputation für Wohl- fahrtspfkcgo ein Flugblatt, in dem es über die Veranstaltung der Ferienfpiele heißt: Der sehr gute Erfolg, den die seit mehreren Jahren eingerichteten Ferienfpiele stets gezeigt haben, hat die städti- scheu Körperschaften veranlaßt, in diesein Jahre zwei Spielplätze, und zwar: 1. den städtischen Platz östlich der Nathanaelkirche in der Rubens- straße hauptsächlich für die Knaben und 2. den Platz hinter der 16. und 10. Volksschule am Tempelhofer Weg hauptsächlich für Mädchen, die nicht das Glück haben, während der Sommerfcrien perreisen zu können. als Erholungsstatteu zur Verfügung zu stellen. Die Spiele finden unter der Aufsicht von Lehrern vormittags hon 0—12 Uhr und nachmittags von 4—7 Uhr statt. Weil im vorigen Jahre nach dem einstimmigen Urteile der Lehrer und Schulärzte besonders die Kinder,_ welche regelmäßig die ganzen Ferien hindurch an den Spielen teilnahmen, sich in der Schule durch körperliche und geistige Frische und Spannkraft aus- zeichneten, gerade als ob sie in einer Sommerfrische gewesen wären. so empfehlen wir den Eltern aufs angelegentlichste, ihre Kinder auf den Spielplatz zu schicken. Um Störungen zu vermeiden, ist eS geboten, daß die Kinder den Ratschlägen und Weisungen der«Lpiellciter willig Folge leisten. Wir empfehlen, den Kindern Kaffee und Brot mitzugeben, Bier und «ldcre geistige Getränks sind ausgeschlossen. Außerdem sind die Schulhöfe der Volksschulen wochentäglich von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends zur allgemeinen Benutzung der Einwohnerschaft, insbesondere den Kindern für Spielzwecke, freigegeben. Für etwaige Unfälle ist die Stadt nicht haftbar. Es eignen sich zmn Besuche der Schulhöfe vorzugsweise Kinder, die noch nicht in die Schule gehen. Ehrung Wildes. Die städtischen Körperschaften haben beschlossen, zum ehrenden Andenken an den verstorbenen Oberbürgermeister Wilde dessen lebensgroßes Bildnis im Rathause auszuhängen. Mit der Anfertigung des Bildnisses ist der bekannte Porträtmaler Professor Georg Ludwig Meyn beauftragt worden. Britz. Der ortsübliche Tagclohn im Gemeindebezirk Britz ist wie folgt festgesetzt worden: Für Arbeiter über 16 Jahre, männlich 2,90 M., weiblich 1,75 M.; für Arbeiter unter 16 Jahre, männlich 1,40 M., weiblich 1.00 M. Diese Festsetzungen bilden vom 1. Januar 1912 ab den Maßstab, nach dem bei der Gemeindekrankenversicherung lZ 4 des Krankenversicherungsgesetzes) daS Krankengeld(§ 6) und die Versicherungsbeiträge l§ 9) und bei den eingeschriebenen und sonstigen Hilfskassen ohne BeitrittSzwang(§ 75), wenn deren Mitglieder von der Gemeindekrankenversichcrung und von der Verpflichtung, einer nach Moßgabe des Krankenversicherungsgesetzes errichteten Krankenkasse mit Ausnahme der Knappschaftskassen beizutreten, befreit sein sollen. daS Krankengeld den in der betreffenden Gemeinde beschäftigten Personen zu gewähren ist. Oranienburg. Eine entsetzliche Bluttat, der ein blühendes Menschenleben zum Opfer fiel, ist in der Nacht zum Montag in Oranienburg verübt worden. Der 22 jährige Maurergeselle Hermann Kruse aus Waid- mannSlust hatte am Sonntagabend mit seiner Braut ein Tanzlokal besucht und geriet beim Verlassen desselben wegen seiner Geliebten mit dem 21 Jahre alten Arbeiter Mallach in einen Wortwechsel, de� jedoch absolut keinen heftigen Charakter annahm. Als nun ein Be- kannter des M., der 25jährige Arbeiter Reinhold Sparwasser, hinzu- kam, glaubte er seinen Freund gefährdet, obwohl es zwischen den Streitenden überhaupt nicht zu Tätlichkeiten gekommen war. SP. zog ohne ein Wort zu sagen, sein Taschenmesser hervor und stach damit blindlings auf Kruse ei», der bald aus mehreren Wunden blutete. Plötzlich brach der Maurergeselle ohnmächtig zusammen; ein tiefer Messerstich hatte die Halsschlagader getroffen. Ehe noch der sofort herbeigerufene Arzt und die Mitglieder der Oranien- burger Sonitätskolonne zur Stelle waren, war Kruse bereits ver- blutet. Der Täter, der, als er sah, was er angerichtet hatte, flüchtete, wurde jedoch einige Stunden später ergriffen und verhaftet. Die Leiche des Getötete» wurde beschlagnahmt. 8o2iales. Der Grosibäckereibesitzer Eduard Goldacker, gegen den der Verband der Brauerei- und Mühlenarbcitcr seit Wochen einen hartnäckigen Kampf führt, beschäftigte am Montag das Jnnungsschiedsgericht. Der Müller D. und der Heizer A., die beide jahrelang im Be- triebe GoldackerS beschäftigt waren, wurden am 17. Juni fristlos entlassen. Sie klagten wegen des KontraktbruchS auf je 70 M. Entschädigung und auf Ausstellung ordnungsmäßiger Zeugnisse. Der Vertreter des Beklagten bestritt zunächst, daß die vereinbarte Kündigungsfrist zu Recht bestehe, denn der mit dem Verbände der Brauerei- und Mühlenarbeiter eingegangene Tarifvertrag, der diese Kündigungsfrist vorsieht, sei nur unter der Bedingung ein- gegangen worden, daß er auch in anderen Großbetrieben eingeführt werde. Davon stand aber in dein Tarifvertrage lein Wort drin. Der Einwand wurde deshalb vom Schiedsgericht zurückgewiesen. Nunmehr bestritt der Vertreter des Beklagten die Entlassung. Die Kläger konnten jedoch die vom Beklagten erhaltenen Briefe vor- legen, in denen die Entlassung klipp und klar ausgesprochen wurde. Das Schiedsgericht verurteilte deshalb den Beklagten zur Zahlung der geforderten Entschädigungssummen und Ausstellung der verlangten Zeugnisse. In der Begründung fand der Vorsitzende Hagcmann ziemlich scharfe Worte, um die Art und Weise der Be- Handlung der Arbeiter durch den Beklagten zu kennzeichnen. Cr sagte unter anderem, daß man sich wahrhaftig nicht wundern dürfte, wenn die Arbeiter die Lust zur Arbeit verlieren, wenn sie nach jahrelangen treu geleisteten Diensten mit solchen Zeugnissen seinfachen Arbeitsbescheinigungen) abgespeist werden. Die RcchtSauffassung des Beklagten scheint überhaupt eine sehr kuriose zu sein.. Wie bei der Verhandlung zur Sprache kam, hatte der Beklagte in seiner Arbeitsordnung eine Bestimmung des Inhalts aufgenommen, daß die Arbeiter für das jedesmalig« Zu- spättommen eine Lage Bier zu bezahlen haben; die Höhe derselben sollte der Werkmeister festsetzen. Diese Bestimmung ist seinerzit erst durch das Eingreifen des Schiedsgerichts aufgehoben worden. Zum Ortskrankenkassentag. In unserem Bericht über das Referat des Justizrats Dr. Mayer zum Abschluß eines neuen Tarifvertrages mit dem Verband der Bureauangestellten und der Verwaltungsbeamten der Krankenkassen und Berufsgenossenschaften Deutschlands hieß es: „Die Vertreter der Beamtenorganisation verlangten, daß die An» stellung von Kassenbeamten Sache der Tarifvertretung sein soll und daß die Dienstordnung damit in Uebereinstimmung zu bringen ist. Sämtliche Mitglieder der Kommission waren aber der Ansicht, daß die Anstellung der Beamten Sache der Kassenverwaltung sein und bleiben muß/ Der genannte Verband teilt uns mit, daß eine derartige Forderung von ihm nicht gestellt ist, auch da? Mayersche Referat das nicht behauptet hat. Gefordert hatte der Verband tariflich festgelegte Grundsätze über die Einreihung der Angestellten in die fünf— tariflichen Gehaltsgruppen, d. h. tarifliche Be- stimmungen, für welche Arbeitsleistungen jede Gehaltsgruppe zu gelten hat; die Einhaltung dieser Grundsätze soll durch die Tarif- gemeinschaft ebenfalls überwacht werden. Um diese Forderung handelte es sich, nicht, wie es im Bericht in einer Form heißt, die zu Mißverständnissen veranlassen könnte, um„Anstellung von Kassenbcamten als Sache der Tarifvertretung". Huben die Gesellschaften mit beschränkter Haftung ein Kommunalwahlrecht'? Sowohl| 8 der westfälischen Städteordnung als auch der§ 8 der Städteordnung für die sieben östlichen Provinzen enthält fok- gende Bestimmung: „Wer in einer Stadt seit einem Jahre mehr als einer der drei höchstbesteuerten Einwohner sowohl an direkten Staats- als an be- sonderen direkten Gemeindcabgaben und Zuschlägen zur Staats- einkommensteuer entrichtet bczn?. einer höheren Veranlagung zu den durch§ 1 Nummer 1 und 2 des Gesetzes wegen Aufhebung direkter Staatssteuern vom 14. Juli 1893 gegenüber der Staats- lasse außer Hebung gesetzten Steuern als einer der drei höchst- veranlagten Einwohner unterliegt, ist, auch ohne im Stadtbezirke zu wohnen oder sich daselbst aufzuhalten, berechtigt, an den Wahlen teilzunehmen, falls bei ihm die Erfordernisse dazu vorhanden sind. — Dasselbe Recht haben juristische Personen, wenn sie in einem solchen Maße in der Gemeinde versteuert sind." Sind Gesellschaften mit beschränkter Haftung juristische Per- sonen in diesem Sinne? Auf die Entscheidung dieser Frage kam es bei einem Prozeß an, den die Walzwerkgesellschast in Menden. eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, wegen Aufnahme in dp: Gemeindewählerliste der Stadt Menden führte. Das Oberver- waltungSgericht als letzte Instanz wies kürzlich in lieberem- stimmung mit dem Bezirksausschuß Arnsberg den Anspruch der Gesellschaft ab und führte aus: Seit 1906 seien allerdings Gefell- schaften mit beschränkter Haftung cinkommensteuerpflichtig. Sie seien dadurch aber noch nicht zu juristischen Personen im Swine � der Städteördnüng geirorben und hätten somit nichtsda» Wahlrecht im Sinne des§ 8 der westfälischen und der östlichen Städteordnung. Nun habe ja die neuere hesscn-nassauische Städteordnung von 1897 den Gesellschaften mit beschränkter Hastung das Wahlrecht ver- liehen. Taraus aber gerade, und namentlich aus den Motiven zu diesem Gesetz, gehe hervor, daß der Gesetzgeber einen gesetzlichen Akt für erforderlich halte, um den Gesellschaften mit beschränkter Haftung das Wahlrecht zu verleihen. In Westfalen und den öst- lichen Provinzen gelten aber noch die alten Bestimmungen. Gesellschaften mit beschränkter Haftung sind unzweifelhaft juristische Personen. Die Deduktion, warum sie nicht juristische Personen im Sinne der Städteordnung sein sollen, ist zwar recht interessant, aber doch wenig überzeugend. Versammlungen. Der wirtschaftliche Aufstieg der Arbeiter und der Tarifvertrag war das Thema eines Vortrages, den der Verbandsredaktcur Bring man n in zwei außerordentlichen Mitgliedervcrsamm- hingen der Zahlstelle Berlin und Umgegend des Zimmerer- Verbandes hielt, und zwar am Donnerstag im Gewerkschasts- hause und am Freitag in Steglitz, im Lokal„Birkcnwäldchen". Beide Versammlungen waren sehr zahlreich besucht. Die wirtschaftliche Entwicklung hat das Zimmerergewerbe in eine sehr eigenartige Lage gebracht. Es hat deswegen auch für die Gesamtarbciterschaft Interesse zu erfahren, welche Wirkung diese Entwickclung auf die Anschauungen der leitenden Personen in der Zimmererbewegung geäußert hat. Wir geben deswegen gegen unsere sonstige Gewohnheit die Ausführungen Bring- manns etwas breiter wieder. Der leitende Gedanke des Vortrages war, daß sich in den Voraussetzungen des gewerkschaftlichen Kampfes Wandlungen voll- zogen haben, die mehr denn je eine starke und wohlgerüstete Organi- sation der Arbeiterschaft notwendig machen, und ebenso die Eni- Wicklung einer weit größeren Macht als bisher erfordern. Tie früheren Kämpfe gingen aus Bewegungen hervor, die von ver- hältnismäßig recht schwachen Organisationen eingeleitet worden ivaren. Erst im Laufe der Bewegung wuchs dann die Organi- sation. Die Kämpfe endeten zunächst mit Teilerfolg, aber bei den in der Regel darauffolgenden guten Konjunkturen gelang es dann, das nicht sofort Erreichte nachzuholen. Anders war es bei dem Kampf von 1907. Da wurde der Kampf von starken Organi- sationen geführt, und zwar auch auf beiden Seiten. Der Erfolg war zunächst größer als je zuvor. Räch 11 Wochen des Kampfes war man soweit gekommen, daß 5117 Zimmerer in Groß-Berlin zu den neuen Bedingungen, SM Stunden und 80 Pf. Stundenlohn, arbeiteten und nur»och 274 im Streik standen. Allerdings waren nach den Angaben der Unternehmer auch 500 Streikbrecher vorhanden, was jedoch nicht viel zu sagen hatte. Nach dem Ver- lauf der früheren Kämpfe zu urteilen, hätten die Erfolge im Jahre 1903 dann noch bessere sein müssen. Aber der Unterschied war der, daß man früher zu Anfang einer guten Konjunktur stand. nun aber die gute Konjunktur ausblieb. Dann war ja jetzt auch auf Seiten der Unternehmer eine starke Organisation vorhanden, die geschickt geleitet wurde. Die Lehre, die aus dem Kampf zu ziehen ist, ist die. daß die Slrbeiterschaft nur noch mit starken und wohlgerüsteten Organisationen ettvas erreichen kann. Mit großen Phrasen, wie sie von den Syndikalisten gemacht werden, kann nichts geleistet werden; dahinter verbirgt sich nur die Ohn- macht dieser Leute, die wohl imstande sind, die modernen Arbeiter- organisationen vorübergehend zu schädigen, aber gegenüber dem Unternehmertum nichts auszurichten vermögen. Die Tarifpolitit des Unternehmertums ging mit dem ja glücklich abgewehrten Ver» tragsmuster dahin, die Arbeiterverbände zu Exekutivge- walten der Tarifgemeinschast zu machen, und dieses Ziel verfolgen sie fortdauernd. Wohin das führen soll, zeigt sich deutlich beim Buchdruckerverband in den bekannten Vorgängen bei Scherl. Als die Buchdrucker ihren jetzt noch geltenden Tarif» vertrag abschlössen, waren sie sich wohl der Tragweite der be- treffenden Bestimmungen nicht ganz bewußt, die erst in der Tätig. kcit ihrer Tarifinstanzen deutlicher zutage trat. Wäre im Bau- getverbe das Vertragsmuster der Unternehmer durchgeführt worden, so hätte man hier dieselben Zustände. Der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe hat schon 1008 auf Grund des Vertrages vom Zentralverband der Zimmerer verlangt, daß er Arbeitswillige nach Orten senden sollte, wo die Zimmerer in Streik standen. ein Verlangen, das jedoch rundweg abgelehnt wurde und auf das der Verband sich auch niemals einlassen wird. DaS Bauuntcr- nehmertum will nun im Jahre 1913, bei Ablauf deS Tarifvcr- träges, sein Vertragsmustcr mit aller Gewalt durchführen oder die Arbeiterorganisationen zertrümmern. ES sammelt einen entralen Kriegsschatz von einer Million Mark, und nicht nur aS, auch in den lokalen Verbänden der Bauarbeitgeber sucht man, unter zwangsweiser Heranziehung der Baumaterialprodu- enten und»lieferanten, gewaltige Summen herbeizuschaffen für en bevorstehenden Kampf. Demgegenüber muß auch die Arbeiter- schaft sich aufs äußerste rüsten, in der Erkenntnis, daß mit der Taktik der früheren Jahre nichts mehr zu erreichen ist, und daß. wenn man sich den Wünschen des Unternehmertum» fügen wollte, man in eine Sackgasse geraten würde, wie das bei den englischen Gewerkschaften der Fall ist, in denen jetzt allerdings eine revo- lutionierende Strömung immer mehr die Oberhand gewinnt, die die Gewerkschaften aus jener Sackgasse wieder hinausführen will. Der letzte Verbandstag der Zimmerer hat einmütig Beschlüsse gesaßt, durch die für die dringend notwendige Rüstung gesorgt werden soll. ES ist Sackje der Mitglieder, sie überall durchzu- führen. In Berlin ist eS leider mit der Organisation der Zim- mercr in den letzten Jahren zurückgegangen, während sich der Zentralverband im.übrigen Deutschland rüstig weiter ent- wickelte. Es hat sich hier in Berlin ein Mangel an Klassende- wuhtscin geltend gemacht. Ein Teil der Zimmerer hat eS nicht erkannt, daß die allerdings nicht geringen Opfer, die für die Kämpfe an anderen Orten aufzubringen waren, im Interesse der Allgemeinheit und ebenso sehr auch im Interesse der Berliner selbst notwendig waren. ES muß mit aller Kraft dafür gesorgt werden, daß Berlin wieder an der Spitze der Zimmererbewegung marschiert und daran hat jeder an seinem Teile mitzulvirken.— Dem Vortrage folgte in beide» Versammlungen eine rege Diskussion, die bewies, daß die Anwesenden die Ausführungen des Redners wohlverstanden hatten und beherzigten. Hus aller Alelt. DU rettenden Älllrmer. Aus Rom wird uns geschrieben: Wer hätte je gedacht, daß den Eingeweidewürmern und zwar ihren bescheidensten Vertretern, den Modenwürmern, die Aufgabe zufallen sollte, die militärische Ehre eines Offiziers zu retten? Und doch hat sich dieser merkwürdige Fall Anfang Juli in R o m ereignet. Hat da ein Sekondeleutuant der Kavallerie namens Liverziani am 24. Mai auf dem römischen Haupt» bahnhos seinem Burschen eine wüste Szene gemacht, die den Protest aller Anwesenden veranlaßte. Der Bursche hatte ein Reitpferd des Offiziers zu spät zum Bahnhof gebracht und wurde dafür erst mit Schimpfnamen belegt und dann geohrfeigt. Für die Anwesenden, die Einspruch erhoben, fielen noch ein paar saftige Schimpfworte ab. Diese L-Sart deS Vorfalles ging damals durch dir ganze Presse. Am 3. Juni nun kam sie vor daS römische Militärgericht. Da wollte sich nun der Bursche gar nicht mehr an die Ohrfeige erinner». Allerdings erklärte einer der Zeugen mit großer Bestimmtheit, er hätte gesehen, wie der Soldat geohrseigt wurde; derselbe Zeuge sagte auch aus. daß er den Burschen zum Rapport in die Kaserne begleitet hätte und nach dessen Rückkunft von ihm erfahren, die Vorgesetzten hätten ihm den Rat gegeben. nichtvonderOhrfeigezu sprechen. Trotz dieser Aussage, die doch wirklich der Beeinflussung weniger der- dächtig erscheine» mufctc, als die des Burschen, nahm das Gericht an. daß die Ueberschreitung der Dienstgclvalt nicht erwiesen sei und sprach in diesem Punkt wegen mangelnden Schuldbeweises frei. Dagegen konnten die Schimpfworte, mit denen der Offizier die unbeteiligten Zuschauer bedacht hatte. nicht als unbewiesen gelten. Und da sprangen heroisch die Madenwürmer ein l Vor Gericht erschien niemand Geringerer als der berühmte Kliniker Guido Baccelli, um als Sachverständiger auszusagen, daß der Herr Kavallerieleutnant zur Zeit der Szene an Eingeweidewürmern, und zwar an Ox�uris vennicularis, zu deutsch auch Astermade genannt, gelitten hätte. Ein solches Leiden soll, obwohl sich die meisten Kinder tapfer mit ihm herumschlagen, bei Kavallerieleutnants stark auf die Nerven wirken. Und zwar so stark, daß das Militärgericht dem Offizier mit den Madenwürmern völlige Unzurechnungsfähigkeit zubilligte. So wurde der Angeklagte freigesprochen und die unscheinbaren und bisher verachteten Tierchen erwiesen sich als Retter einer staats- erhaltenden Institution: des Militarismus. Verbrecherischer Eigentumsfanatismus. In Anzio, dem herrlichen Seestädtchen der Provinz Rom, hat dieser Tage der ländliche EigentumsfanatiSinuS eine seiner blutigen Orgien gefeiert. Nach Mitternacht kamen vier Bersaglieri, die über den Durst getrunken hatten, an einem Obstgarten vorbei und machten sich daran, beim Blonden- schein ei» paar Feigen zu pflücken. Kaum hörten die in der Nähe schlafenden Bauern den Lärm, als sie mit der Flinte in der Hand auf die Obstdiebe losgingen und im hellen Mondschein auf sie e u e r t e n. Zwei der Soldaten sind schwer verletzt worden. Merkwürdigerweise wurde die Hütte des Mannes, der mit so brutalem Fanatismus sein Eigentum schützte, in der Nacht der Bluttat ein Raub der Flammen, wobei auch aller HauSrat und die Ersparnisse des Landmannes verbrannt sind. Die Schiffahrt auf der Oder wird vom 13. bis IS, August zeitweilig unterbrochen. Während dieser Zeit werden seitens des Brandenburgischen Pionierbataillons v, Rauch Nr. 3 zwischen Zellin und Güslebiese Brückenschläge auf der Oder vorgenommen. Die Brückenschlagstelleu werden durch eine an hohem Signalmast gehißte rote Rahmenflagge kenntlich gemacht werden. Außerdem werden 1000 Meter oberhalb und 500 Meter unlerhalb der Brücken Strom wachen in Pontons mit roten Flaggen aufgestellt, die die Schiffe mit Anweisung versehen werden. Nachts werden rote Laternen verwendet, Unter Hinweis auf die Polizeiververordnung über die Schiffabrt auf der Oder vom 15, Mai 1900 wird bestimmt, daß die Schiffe und Flöße bei diesen Stromwachcn anzuhalten haben und die Weit er- fahrt nur nach eingeholter Genehmigung fortsetzen dürfen. Dampfschiffe dürfen die Brücken nur mit hinreichend, verlangsamter Geschwindigkeit passieren. Kleine Notizen. Schwerer Bauunfall. In JekateriuoSlaw wurden beim Einsturz eines Baugerüstes auf einem Neubau zwei Aricitcr getötet und fünf tödlich verletzt. Ein neuer Flicgcrweltrckord wird aus Lüttich gemeldet: Der belgische Flieger O l i e s l a g e r S hat in Kiewitt einen neuen Rekord für D a n e r f l n g e aufgestellt. Er blieb von 8,03 Minuten vor- mittags bis 3,25 Uhr nachmittags in den Lüften. Er legte auf seinem Blerioteindccker 025 Kilometer, 200 Meter zurück. Der Rekord gehörte bisher Tabutean mit 581,545 Kilometern. Uliwcttre in Rußland. Der furchtbare Sturm der letzten Tage, der über Rußland dahingegangen ist, hat namentlich im Eon- veniement W o l o g d a viel Unheil angerichtet. Im Kreise G r a e s o w e z l zerstörte der Sturm ein vierhundert Jahre altes, von Iwan dein Grausamen gegründetes Nonnenkloster und deckte alle Wirtschaftsgebäude ab. Die Klosterkirche ist eingestürzt. Vierzig Dörfer in der Nähe des Klosters find teilweise zerstört. Sämtliche Felder sind durch den Hagel vernichtet. Mehrere Kinder und viel Kleinvieh sind durch das Unwetter umgekommen. Mord. In Pilsen hat der Mitinhaber eineS Manufaktur- Warengeschäfts Rudolf Leby seine Wirtschafterin Victoria Schal durch zwei Revolvcrschnsse lebensgefährlich ver- letzt und sich dann selbst erschösse n. DaS Motiv zur Tat ist noch unaufgeklärt._ Brnfhaftcn 6er Redaktion. Tic juristüche Sprechstunde findet Ltn de« st raste 69, vorn vier Treppen — Fahrst Uli l—, wochentäglich von bis 7 Vi Uhr adcndS, Sonnabends, von 4 Vi bis 6 Uhr abends statt. Jcder für den Briefkasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mertzeichc» bcijnfügrn. Briefliche Antwort wird nicht rrteilt. Anfragen, denen feine Abonuemcntsguitinng beigefügt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprcchstnnde vor. H. 89. Der Nachersatz, fein prozentualer Durchschnitt, seine Dauer, sein Verhältnis zur Ersatz-Rcserve. die.Ueberzähligen" und die Rubrik .Sonstiges", das sind Dinge, über die Sie am besten durch einen inilitärischen Spezialisten Auskunst erhalten. Vielleicht durch den Bezirks- seldwebck.— ß. H. 100.®ii — fy. 3. 63. 1. und 4. Ja,. feit begutachtet. 2. Amtsgericht... 3. Etwa 5 M. Gerichtslostenvorschuß. 5. Nicht unbedingt nötig, aber zweck- mäßig. 6. Ja. 7. Das ist Sache des Schneiders.— Guhrau 300. t. Wiederholen Sie die Anfrage und geben Sie noch an, wo der erste Ehe- Wohnsitz der Eltern gewesen ist. 2. und 3. Für die letzten vier Jahre.— R. 33. 1. Amtsgericht Köpenick. 2. Sie. 3. Nun. 4. DaS Kericht ladet zu einem späteren Termin. 5. Das ist zweiseihast. Am zweckmäßigsten bcaustragen Sie einen Anwalt. 6. Der Rock ist nur aus Erfordern mit- zimchmen. Vorschuß kann verlangt werden.— H. K. 174. New.— 21. 23. 12. Nein.— Schuhmacher. Nur dann, wenn der Lieferant gerichtliche Schritte unternommen hat.— B. K. 10. 1. Ja, wenn im Mietsvertrag nicht etwa ein Ausrechnungsverbot enthatten ist.— 2. Zum Ablauf eines jeden Quartals derart, daß längstens am dritte« Tage des OnarlalS der Gegner im Besitz der Kündigung ist.— N. C. D. Nein. Marktpreise von Berlin ant 17. Juli 1911, nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. Markthaltenpreise.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbse», gelbe, zilm Kochen 30.00—50,00. Speiscbohncn, weiße 30,00-50,00. Linsen 20,00-60,00. Kartosjcln 12,00—18,00. 1 Kilo. ginmm Rindfleisch, von der Keule 1,80— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 biS 1,70. Schweinefleisch 1,10—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hamnlufleisch 1,50—2,30. Butter 2,20—2,80. 60 Stück Eier 3,00—4,80. 1 Kilogramm Karpstn 1,60—2,40. Aale 1,60-3,20. Zander 1,60—3,60. Hechte 1,40 bis 2.80. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,20-3,50. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00-36,00._ WasserstnndS'Nacdvtivte» der Landesanstalt für Gcwässertunde, mitgeteilt vom Berliner Detierdureau. ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unlerpegel. BScttcrprognose für Mittwoch,»rn 19. Juli 1911. Nachts wärmer, am Tage wieder etwas kühler, vorherrschend mit leichten Negensällen und ziemlich irischen westlichen Dstiden. Berliner Wetterbureau. wolkig i Todes-Anzeigen n VerlmÄ llkr kmemilö' und Staatsarbeiter. Oeutseber BauarbeiterveM. Sektion der Putzer. Am 18. Mi verstarb plötzlich unser Mitglied Ksrl Weimann int Alter von 68 Jahren. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 20. Juli, nach. mittags 4'/« Uhr, aus dem neuen LuiseN'Kicchdos in Charlottenburg (Westend), Furstendrmmer Weg Luisen-Kirchbos in Charlottenburg (Westend), Furstendrmmer Weg statt. 133/10 Die örtliche Verwaltung. Pillale Groß-Kerlln. Donnerstag» den SO. Juli 1911, abends 8'/« Uhr, im„Gewerkschaftshaus"(grober Saal), Engel-Ufer 15: Qetieral'Versatnmlttns. TageS-Ordnung: 1. Berwaltungsbericht für daS 2. Bierteljahr. Reserent: Kolleg« H o s j m a n n.— 2. Schreiben deö Oberbürgermeisters betr. Sommerurlaub.— 3. Bericht vom 8. Gewerkschaftskongrest in Dresden. Rcscrcnt i Kollege Wutzky.— 4. BrrbandSangclegenhetten. 36/18 Zutritt nur gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches! Mal-Men-DDd Sterbe- E. ii. OrUverwaltung Rixdorf. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Otto Baatz am Freitag, den 14. Juli, plötzlich verstorben und am 17. Jtili zur letzten Ruhe gebettet wurde. 257/15 vi« Vrtirarwalivog. 5 Extra-Angebote soweit Vorrat bei Mohrenstr. 37a Die Ortgvcrwaltung. nahe Androaa• Str, Danksagung. „'ür die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner .....— � Mutler Kollegen lieben Frau, unserer guten Mutter lagen allen Freunden und hiermit� unser eir besten Tank. L77Sb Oskar Scholz. Schirmmachcr, nebst Kindern. WZÄMWR Itf.MWeM.W Eile gebofrswl UeiDeD-PalEtoti, IcineHosifirap, Eail-Hojlfinie, fiasi-Paigluts�Voo7, M. 6 50 bis 9.- SV? bl« 15- 48-bis SO.- 18.- bis 30.- bis lOU M. 2. Seidene Konfektion, lange Duchesse, reine Seide M. 8.4 M. 36.— M, 50— bi» 130 M. 3. Tüllmäntel f. ältersDamenEfamln-Mäiitc! �.rn T M. 36— 55— M. 26— 38— bis(OU M, 4. Kostüme, Original engiiscli, farbig, schwarz'"Von T' M. 18— M. 60— M. 48— M. 75— bis IbUM. 5. lÄ-Pelßrlnen, looeii-Möntel, l.ckii-Kosiiiine�i'' bl, tu � M. 6% M. 14—" M. 25— R5okef Blusen 70% epmässigt . Danksagung. Für die viclen Beweise herzlicher Teilnahme und die schönen Kranz« spenden bei der Beerdigung meines iiiniggellebten Bräutigams L774b Ciuatav Jankoivaky sagen wir hiermit allen Verwandten, Freunden und Bekannten und in». besondere dem Herrn Ches Weyer unseren innigsten Dank. Emmy llkemland nebst Mutter. Orts-Krankenkafse der Tabakfabrik- arbeiter zu Berlin. Einladung zur austerordent- licheu lZeversi-Vei'ssmmiuiig am grrttag. den 28. Juli 1911, abends 8 Uhr, nach Rofenthaler Hof. Rosenthaler- straße 11/12. Tagesordnung: Stellungnahme zur Vereinigung unserer Krankenkasse mit einer oder mehreren Bcrussk rankcnlasscn. 277/14 Der Borstand. Do. Simtnei Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄiJS*. 10—2. 5— 7. Sonntags 10—12. 2—4 Spezial-Arzt fHr Haut- and Harnleiden Itzp Pnnlro Rosenthaler Str. 70 ül. r0pKc,Spr.O-2,8-O,8oRnt.9 ,9 ßr.— tu Kooien, pale!«!!. 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