Ar. INS. Hbonnemcnts-Bcdingungen: BSonnomcniä- Preis pränumerando j Nicrtcljährl. 3£0 TOf, nionatl. 1,10 Mä, «vöchenllich 28 Pfg. frei WS HauS. CiNjcInc Nummer 5 Pfg. SonnIagZ- kingetragcu in die Post-ZeiiungS- PrclSIijlc. Unier Kreuzband für Deutschland und Oeslcrreich. Ungarn 2 Marl, sür das übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnemenlS nehnien an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz, S8. Jahrg. vi« Tnttrnons-Gebflbr Betrügt sür die sechsgespaltene Kolonel» zeile oder deren Raum«0 Pfg.. für politische und gcwcrlschafiliche Vereins- und Bcrsammlungs. Anzeigen 30 Pfg. „Klelnr anzeigen", daS settgedruche «ort 20 Pfg. lzulässig 2 fettgedruckte Borte), jedes weitere Bort 10 Pfg. Stellengesuche und Echlafjtcllcnan- leioen das erste Barl 10 Pfg.. jedeS weitere Bort b Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Rummet inüllen bis 6 Uhr nachmittags in der Eidedition «dgcgebe» werden. Die Erdcoitioa ijl bii 7 Uhr abends geöffnet. Crtdidot lizllch außer lllsuttgt. Vevlinev Volksblatk. Tentralorgan äer foLialäemoKratifcben Partei Oeuttcklanäs. lrelegramm. Adresse: .!sasilIäelii»Ml kcNlll" K.eäakrion: SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den 10. Angnst 1911. Expedition: SM. 68, Lindcnetrasae 69» Fernsprecher: Amt 1\, Nr. 1984. lliigarische Obftruktion. 0113 Wien wird unS vom 7. d. MtS. geschrieben: Das ungarische Abgeordnetenhaus bietet seit Wochen ein merl- würdiges Schauspiel: es wird nur abgestimmt. Die Opposition gegen die Militärvorlagen hat nämlich sogleich zu dem radikalsten Mittel gegriffen: zu der sogenannten technischen Obstruktion. Austerhalb der Tonaustaaten, in denen das Obstruieren zu einer raffinierten Kunst entwickelt ist. wird man die subtilen Unter- scheidungen zwischen den verschiedenen Obstrultionsarten wahr- scheinlich nicht verstehen; also sei bemerk:, daß die technische Obstruktion der schmerzhafteste Grad der Obstruktion ist. Da wird nämlich daS Verhandeln überhaupt ausgeschaltet und mit rein mechanischen Mitteln— in Oesterreich pflegte eS ein Pultdeckelkonzert zu sein, in unserem sind eS nament- liche Abstinimungen— das Eingehen in die Tagesordnung gehindert. So wundereinfach wie im ungarischen Reichstag dürfte allerdings das Obstruieren in leinem Parlament der Welt sein. Vor allem kennt das ungarische Abgeordnetenhaus geschäftSordnungSmästig festgesetzte SitzungSstunden: von 19 Uhr vormittags bis 2 Uhr nach- mittags, und nur für bestimmte Materien kann mittels Beschlusses des Hauses die Sitzungsdauer um eine Stunde verlängert werden sDer spezifische Klassencharakter dieses Parlaments spricht sich in dieser kurzen Arbeitszeit, die schon an Müßiggang grenzt, deutlich ans. Nun find vier Stunden natürlich nicht schwer totzuschlagen, und wie die Geschäftsordnung des ungarischen Abgeordnetenhauses beschaffen ist, ist eS eine Spielerei. Erstens kann man auch vor der Tagesordnung, zu welchem Gegenstande immer das Wort verlangen und vier Redner müssen es auch erhalten; dann kann man jeden Augenblick eine GcschäftSordnungs debatte anfangen, weiter werden alle Interpellationen, deren Zahl fich natürlich nach Belieben vermehren läßt, mündlich begründet(zu welchen/ Behufe die Verhandlung gewöhnlich schon um 1 Uhr unter brachen wird) und schließlich, daS ist das wichtigste, gibt eS im ungarischen Abgeordnetenhause keine Clotüre(Schluß der Rednerliste); eS müssen also alle Redner, die sprechen wollen, zum Wort gelangen, und mittelst eincS sogenannten.BeschlußantrageS" kann sich jeder Redner sogar ein zweites Wort sichern. DaS alles ist aber noch die.normale Obstruktion, und mit der plagt man sich diesmal nicht. Sondern man läßt einfach unausgesetzt namentlich ab> stimmen; nur für ein paar angesehene Redner wird mit dem Ab stimmen hier und da ausgesetzt. Auch das Abstimmen ist in diesem Musterparlament mehr als einfach. Eine namentliche Abstimmung muß nämlich im ungarischen Abgeordnctenhause auf Verlangen von zwanzig Abgeordneten eintreten, und so bringen jeden Tag drei oder vier Abgeordnete ein Gesuch um die Gewährung eincS Urlaubs ein und über diese Gesuche wird namentlich abgestimmt! Mit dieser sinnreichen Tätigkeit verbringt der Reichstag nun schon etwa vier Wochen, und daS Ende ist natürlich, da diese.Urlaube' unerschöpflich find, überhaupt nicht abzusehen. Soweit eS also die Geschäftsordnung anlangt, erscheint die Ob finiktion einfach unüberwindlich, und in Wahrheit nimmt sich weder die Mehrheit noch die Regierung die geringste Mühe, ihr Schwierig- leiten in den Weg zu legen. Vielmehr ist der Plan der Regierung ebenso einfach wie die Methode der Obstruktion: man will sie auslaufen lassen. Die Frage ist also die. wer rascher müde werden wird: die Opposition mit ihrem Abstimmen, von dem eS höchst ungewiß ist, ob eS zum Ziele führen kann, oder die maßgebenden Kreise, die auf die Wehrvorlagen brennen und die Geduld vielleicht nicht aufbringen werden, um auf sie unter Umständen ein Jahr zu warten. Interessant ist auch, wie gründlich fich die Situation verändert hat. Vor sechs Jahren hatte die Krone nach dem Plane KristoffyS begierig gegriffen, die antidynastischen und antimilitaristischen Tendenzen der Gcntry und der Magiiatc» mit dem allgemeinen Wahlrecht zu brechen; heute gibt die Opposition vor, den Kampf gegen die Wehrvorlagen auch aus dem Grunde zu führen. weil nach ihrem Willen vor die Wehrreförm die Wablreform treten müsse. Leider ist der Wahlresormeifer der heutigen Obstruktion wahr- scheinlich ebenso wenig echt, wie eS seinerzeit der der Hofburg war. Beiden ist die Wahlreform nur ein V 0 r w a n d. und insbesondere hat die Krone die Wahlrcform immer sofort vergessen, wenn die Schwierig- leiten bei der Ersüllung der GroßmachtSwünsche aufgehört hatten, wen» sie eS also nicht nötig hatte,' die widerspenstigen Magnaten mit dem allgemeinen Wahlrecht als mit der Vernichtung ihrer Wahl- Privilegien und ihre» präponderierenden Einflusses zu schrecken. Aber auch an die Redlichkeit der Wahlreformbegeistcrung der heutigen Opposition, die ja mit der KoalitionSniehrheit, welche die Wahl- reform vier Jahre lang verschleppt hat, identisch ist, ist schwer zu glauben; mit Ausnahme vielleicht des alten ehrlichen Justh sind die Herren in der Opposition keine geringeren Wahlrechtsfeinde, als sie es in der Regierung waren. DaS einzige, was nian von der Ob- struktion erwarten kann, ist die Entstehung einer schweren Krise, die die Machthaber zwingen würde, mit der Wahlreform. die sie nun so lange versprochen und so oft verraten t haben, ernst zu machen. Aber die Hoffnungen auf diese Krise find nicht gerade groß, viel wahrscheinlicher ist eS. daß der Kampf, der heute den Schein der Unerbitllichkeit hat, an irgend einem günstigen Punkte mit einem faulen Kompromiß beendet werden wird. Das einzig wertvolle, das aus der Verschärfung der parlamen- tarischen Situation herausgekommen, ist unzweifelhaft die Steigerung des proletarischen Wahlrechtskampfes, der, nachdem er jahrelang ganz eingeschlummert war, nun zu neuem und tatkräftigen Leben erwacht ist. Wohl ist das industrielle Proletariat in Ungarn nicht stark genug, um a l l e i n daS Privilegienhaus aus den Angeln zu heben, aber wenn es der Sozialdemokratie nur gelingt, die Massen in der Hauptstadt in Bewegung zu bringen und die Politik mit steigender Unruhe zu erfüllen, so wäre schon viel getan. Denn die sogenannten .Spender der Verfassung' spenden heutzutage nur dann, wenn man sie zum Spenden zwingt, und ohne einen starken Druck von unten ist auf ein.Entgegenkommen' von oben nicht zu hoffen. Der Wahlrechtskanipf wird um so aussichtsvoller, je größer die Schwierig- leiten und Hemmungen werden, die von deni Adelsparlament aus» gehen. vom Katholikentag. Mainz, 8. August. Wenn man die sämtlichen mit dem Katholikentag verbundenen Veranstaltungen besuchen wollte, müßte man seine Person vcrzehn- fachen. Heule finden z. B. außer den regelmäßigen beiden Ver- sammlungen, der geschlossenen und der öffentlichen, 26 Ver» anstaltungen besonderer Art statt; die Reihe beginnt mit einem Festgottesdienst und endet mit einem FestkommerS, dazwischen liegen die zwei Dutzend Versammlungen und Sitzungen von allerhand Vereinen und Vereinchcn, an denen der organisationslustige Klerikalismus so reich ist. In einer Studentenversammlung redete der jüngst vielgenannte Professor M e h e r S aus Luxemburg, der eine derartige Abneigung vor AnsührungSzcichen hat. daß man seinen Schriften nicht ansteht, wo das Eigentum aufhört und der Diebstahl anfängt. Die Studenten erwiesen dem belesenen Manne durch Trampeln und Händeklatschen ihr unerschütterliches Vertrauen, selbst auf die Gefahr hin, daß Herr MeherS wieder nicht der Ver- fasjer seiner Rede ist. Die bedeutendste Veranstaltung deS heutigen Morgens ist die wie üblich mit dem Katholikentag verbundene Generalversammlung deS VolkSvereinS für das katholische Deutschland. Diese ini Dienste deS Zentrums stehende Organisation zählt gegenwärtig rund 700 006 Mitglieder�; sie erzielte im letzten Jahre einen MitgliederzuwachS von 50000. wovon tSIXXZ auf daS Rheinland, 18 000 auf Bayern und ÖOOO auf Baden entfallen. Der Verein hat im Berichtsjahre 14 Millionen Drucksachen verschickt und 5000 Versammlungen abgehalten, 20 000 Vertrauensmänner sind sür ihn tätig. Die Hauptrede hielt Generaldirektor Pieper, der in geschickter Weise daS Programm und die Tätigkeit des VolkSvereinS in Ein- klang zu bringen wußte mit KettelerS Lehren und Wirken..Die deutschen Katholiken'— so sagte er—.haben in der Schule WindthorstS die rechte Art Erfolg bringender staatsbürgerlicher Arbeit gelernt, in der Schule KettelerS haben wir Programm und Methode fruchtbringender sozialer Arbeit gelernt. Was die Katho- liken Deutschlands als einzigartig in ihrer sozialen Arbeit auf- weisen und warum man uns so ojt beneidet, ist in allen Teilen auf Äcttcler zurückzuführen.' Man weiß, daß der katholische Volksverein an gewisser Stelle mit dem Makel des Modernismus behaftet ist und in cinflutz- reichen Kreisen Feinde hat. die ihn dieserhalb in Rom anzuschwärzen suchen. ES war deshalb ein kluger Gedanke seines leitenden KopseS, die Autorität eines Mannes, der in diesen Tagen als der Träger echt christlicher Sozialpolitik gefeiert wird, als schützende Hand vor die M.-Gladbacher zu stellen. Bischof Kirstein von Mainz, der gekommen war. um der Versammlung den Segen zu spenden, ist offenbar nicht so ganz von der Untadligkeit des VolkSvereinS über- zeugt, er sagte den M.-Gladbachern zwar viel Gutes nach, wieS aber mit nicht mißzuverstehcndeni Nachdruck darauf hin, daß die Herren von der Zentralstelle des VolkSvereinS sich allzeit der Verantwortung deS VolkSvereinS, Diener zu sein der großen heiligen Sache der katholischen Kirche, bewußt sein müßten, und er sprach den Wunsch au», daß dieser größte katholische Verein stets als schlagfertiges Heer hinter den Bischöfen stehe und bereit sei. mit diesen zu kämpfen und zu siegen. Wer da weiß, daß Bischof Kirstein der Berliner Richtung zuneigt, der weiß, was das zu bedeuten hat. In der gestrigen öffentlichen Versammlung war eS Freiherr v. Hertliiig, der die Gedächtnisrede auf Bischof Kettele» hielt. ES ist nicht ohne Bedeutung, daß man diese Aufgabe dem schwächlichsten und zaghaftesten Sozialpolitiker deS KlerikaliSmn» anvertraut halte, der sich gerade in der Hauptforderung KettelerS, dem MaximalarbeitStag. als Hauptbremser erwiesen hat..Zu einem großen Teile— sagte Hertliiig— hat die deutsche Gesetz- gebung der letzten drei Jahrzehnte die Forderungen KettelerS erfüllt. Nach einer Richtung bin(Arbeiterversicherung) ist sie weit darüber hinausgegangen.... Aber die hemige Richtung der Sozialpolitik fördert nur zu leicht eine Denkweise, die überall an die Stelle reier Initiative den toten Mechanismus staatlicher Maßnahmen ctzen möchte. Dem gegenüber kann es ipir nützlich sein, sich von Bischof Ketteler an den überragende ti Wert echter Sitt- l i ch k e i t und freier LiebeStat erinnern zu lassen.' Die Scharfmacher werden Herrn v. Hertliiig sür diese Aus- legung des Kettelerschen Programms Dank wissen. I Ein temperamentvoller Herr ist Bischof Faulhaber von Speyer, der über Priester und Volk und unsere Zeit redete. Eine Probe:.Mit dem Mute KettelerS werden wir dem Arbeiter sagen, daß seinem Rechte auf anständige Bezahlung daS Recht des Arbeitgebers auf anständige Arbeitsleistung gegenüber- stehe; daß die Geistesarbeit nicht weniger Wert hat als die Hand» arbeit; daß die Männer im schwarzen Rock die dämonischen Ver- leumdungen, als ob sie dem Arbeiter das tägliche Brot nicht gönnten, um die Arbeiterwelt nicht verdient haben. Die denkenden Arbeiter werden doch noch einsehen, daß daS Aufhetzen und Brand- stiften leichter ist als das positive Schaffen, daß Schelten und Phrasen für denkende Menschen Gedanken und Beweise nicht ersetzen können. Wer den Haß gegen den Arbeiter von Nazareth schürt, soll nicht von Liebe zu den Arbeitern reden.' Die heutige öffentliche Versammlung, gedrängt voll wie die gestrige, wurde eröffnet mit einer Rede des Abgeordneten Trimborn über die sozialpolitischen Verdienste des ZcntriunS. Zwar nannte er sein Thema anders: Rück- und Vorschau auf dem Gebiete der Sozialpolitik, denn ein Katholikentag ist ein.unpolitisches' Unternehmen und mit Ausnahme der Sozialdemokratie wird dort keine Partei genannt, nicht einmal das glorreiche Zentrum. Aber es ist ja leicht, eine Rede über das Zentrum zu halten, ohne seinen Namen zu nennen. Man sagt dann einfach, wo man sonst Zentrum sagen würde:„der katholische VollSteil" oder die .Katholiken im Deutschen Reiche.' So ist der unpolitische Charakter deS Katholikentages gewahrt und dennoch klingt aus jedem Satz da? Lied vom braven Zentrum. Aus der politisch unverfänglichen Rück- und Vorschau des Herrn Trimborn wurde so eine politische Agi- tationsrcde zur höheren Ehre des Zentrums und seines hervor- ragenden sozialpolitischen Führers, eben des besagten Herrn Trimborn. Herrgott, waS hat dieses glorreiche Zentrum nicht alles getan sür das deutsche Volk: für die Handwerker und den Bauern, für die Angestellten und die Arbeiter; auf welchen Gebieten ist eS nicht bahnbrechend vorgegangen: in der Sozialgesetzgebung, in der För- derung der Selbsthilfeorganisationen, in der sozialpolitischen und staatsbürgerlichen Bildung und Erziehung..Drei Millionen gewerb- sicher Arbeiter sind in de» Gewerlichaften organisiert'— ruft Herr Trimborn aus. Er kann diese Tatsache nicht so ganz als Ruhmes» blatt dem Zentrumskranze einflechten, aber:„Erfreulicher- weife sind unsere(I) christlichen Gewerkschaften bei diesen Leistungen entsprechend(I) beteiligt und eine spätere Zuknnst wird eS ihnen danken, daß die Gewerkschaftsbewegung nicht völlig dem sozialistischen Radikalismus verfallen ist.' ES ge- reicht Herrn Trimborn zum Trost, daß nicht schon auch der letzte deutsche Arbeiter im roten Lager ist, und er ruft denen, die nichts von der Sozialreform wissen wollen, weil unter ihr die Sozias dcmokratie mächtig gewachsen sei, zu:»Welche Angriffsflächen würde die heutige Gesellschaftsordnung ohne die Sozialreform geboten haben; wie wäre die Sozialdemokratie erst allmächtig gc- worden, wenn nicht eine christliche nationale Arbeiterbewegung ihr entgegengetreten wäre!'— Wie bescheiden doch die Leute werden! Ehemals traten die Herren Klerikalen mit dem Anspruch auf, die Sozialdemokratie zu überwinden, zu vernichten. Jetzt rechnen sie es sich sogar als Verdienst an. daß eS ihnen gelungen ist. die Sozial- demokratie nicht. a l l m ä ch t i g' werden* zu lassen. Das kränkt die Sozialdemokratie nicht im niindesten, da sie vorläufig mit der „Allmacht' selber noch nicht gerechnet hat. Herr Triniborn halte keinen guten Tag. Die Versammlung blieb kalt. Um die Stimmung zu wecken, hieb er gegen den Schluß mächtig und oft auf das Pult. DaS wirkte einigermaßen. Schließ» sich verfiel er in den Predigerton, indem er versicherte, daß ebenso wichtig wie die soziale Fürsorge die religiös-siltliche Erneuerung deS Volkes sei. AIS er dann mit der Mahnung zur Einigkeit ab» trat, ward ihm doch noch der übliche„stürmische Beifall' zum Lohn für soviel Mühe zuteil. Der Vorsitzende dankte ihm als dem verdienten Pfadfinder und Bahnbrecher auf sozialem Gebiet'. / Der folgende Redner. Landesrat Schmittmann- Düsseldorf, der über Caritas und Leben sprach, sieht die Sozialpolitik in weniger rosigem Lichte an. „Großartige Werke— so sagt er— hat die deutsche Sozialpolitik geschaffen; Milliarden sind unseren Arbeitern bereits zugeflossen. Und dennoch, hat daS Riescnwcsk der sozialen Gesetzgebung unser Volk glücklich gemacht? Sind die Klassengegensätze und der Haß gemildert? NeinI Die Sozialpolitik hat zum Teil versagt, weil ihr daS Moment der Liebe fehlt.' Das Mittel, das hier helfen kann, heißt Caritas, christliche Barmherzig- keit,„individualisierende Wohlfahrtspflege auf dem Boden mn- faffendster Nächstenliebe'. Der Mann mag'S gut meinen, aber seine verzückten Phrasen zeigen ihn als einen Schwärmer, der mit Mitteln, deren Unbrauchbarkeit auch für einfachere Zustände erwiesen ist, die großen Uebcl der nach einer gründlichen Kur verlaugcuden Zeit heilen will. Die lilaroWioaffare. ES kann»och lange dauern. Das ist alles, was die internationale Presse über den Stand der Verhandlungen zwischen Kiderlen-Wächter und Cambon zu sagen weiß. Trotz der„prinzipiellen Einigung' seien noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Der Zustand allgemeiner Unsicherheit und Unklarheit wird also recht lange anhalten, und die beiden schachernden Partekon haben es in der Hand, eine neue Verschärfung der Situation herbeizuführen. wenn ihnen das aus Gründen der inneren oder äußeren Politik notwendig erscheint. Man wird also den Diplomaten und Marokkotreibern nach wie vor auf die Finger sehen müssen. Das deutsche Proletariat wird in der nächsten Zeit seine Steinung über dieses Treiben und Schachern recht deutlich zum Ausdruck bringen. Eine Fnedenskaudgebnng tu Barcelona. Karceloim, 9. Slugust. Das hier veranstaltete Meeting, in welchem gegen den Krieg protestiert wurde, ist ohne Zwischenfall verlausen. Die französischen Delegierten hielten Ansprache», in denen sie das Proletariat aufforderten, in der Bekämpfung des Krieges eiing vorzugehen. Auch niehrere Spanier hielten An- sprachen, die auf denselben Ton gestimmt tvaren. Das Meeting war von über 4000 Personen besucht. Mtiley Hafid geisteskrank? Tanger, 9. August. Der Gtsuudheitszustaiid des Sultans Mnley Hafid gibt zu schweren Beunruhigungen Anlast. Es scheint, dost er von einer schweren Kopfkrankhcit befallen ist. die seine Ver- antwortlichkcit mehr oder minder herabsetzt. Es ist nicht das erste Mal. dast man von einer solchen Krankheit des SultanS spricht. nur sollen diesmal die Erscheinmigcn bedeutend schlimmer sein, als jemals zuvor. Eiu offiziöser Rüffel für die Marokkoheüer. Köln, 9. August. Die„ Kö liu s ch e Z eitung" meldet aus Berlin: Von verschiedenen Seiten wird andauernd der Versuch gemacht, die Ansicht zu verbreiten, als ob zwischen dem Kaiser und de» verantwortliche» Ratgebern über die Behandlung der Marokko- frage Meinungsverschiedenheiten bestanden büttem Besonders sucht man die Lage so darzustellen, als ob Staatssekretär Kiderlen-Wächtcr zuerst sehr weitgehend« Forderungen an Frankreich gestellt, diese dann infolge kaiserlichen Eingreifens stark herabgesetzt habe. Derartige tvilllürlich erfundene Angaben sind unpraktisch, da sie die Aufgabe der deutschen Unterhändler erschweren und ihre Stellung dem Aus- lande gegenüber schwächen. Das Gleiche gilt von den fortgesetzten Versuchen, gclvisie lärmend geltend gemachte Forderungen politischer Hitzköpfe als Forderungen hinzustellen, welche die deutsche Regierung anfangs selbst erhoben, dann aber unter fremdem Druck wieder zurückgezogen habe. Lille luitlzkllurherei gezeo zwei Gewerlifci)aftsfäi>rer. New Jork, 22. Juli 1911.(Eig. 58«.) Walter Bordlvell, Richter an l>cr Supreme Cours zu LoS Angeles, Cal., ist eii» Mann nach dem Herzen der hasterfüllten Feinde der Gewerkschaftsbewegung. Wäre er lediglich dem eigenen Drange gefolgt, er hätte sicherlich die Hauptverhandlung gegen John I. McNemara, den Sekretär des Verbandes der Brückenbauer und EisenkonstruktionSarbcitcr, und dessen Bruder I. B. McNemara schon für Juli oder spätestens August anbe- räumt, um der Verteidigung die Erfüllung ihrer Aufgabe zu er- schweren. Aber der freche an John F. McNemara im Auftrag der National Erectors Association �Vereinigung der Unternehmer in Eisenkonstruktionen) von der Burnsschen Detektivagentur und Ver- trctcrn der Anklagebchörde von Los Angeles in Indianapolis unter Mitwirkung der dortigen Polizei wie des PolizcirichterS CollinS und des Gouverneurs von Indiana im April d. I. verübte Menschenraub, als den sich die unter verbrecherischer Verletzung der verfastungsmäßig garantierten Rechte des Verhafteten vor» genommene Auslieferung darstellt; das offensichtliche Bestreben fanatischer Scharfmachcrorganisationen, zwei unschuldige Männer dem Henker zu überantworten, um mit den beiden Führern zu» gleich einen verhaßten Gewerkschaftsverband zu erwürgen; die kecke Ilnvcrfroreiiheit. mit welcher die sich auS den unzweifelhaftesten Elementen rekrutierenden Privatdetektive in trautem Bunde mit den gleichwertigen Vertretern der Distriltsanwaltschaft LoS Angeles Belastungsmaterial fabrizieren; die inzwischen erlangte Gewißheit, daß Ortie McManiglo. der dritte und.geständige" Verhaftete, ein zweiter Harry Orchard ist, der schon seit zwei Jahren im Solde der Detektivagcntur BurnS stand und Meineid auf Meineid häuft, um die Brüder McNemara zu verderben: Alle dies« Umstände wirkten zusammen, um die gewerkschaftlich organi» sierte Arbeiterschaft im ganzen Gebiete der Bereinigten Staaten gemeinsam mit den Sozialislcn zu einer planmästigen und macht» vollen Agitation aufzurütteln. Angesichts des über das Land brausenden ProteststurmeS sah sich Bordwell vcranlastt, den Termin für die Hauptverhandlung gegen die Brüder McNemara auf den 19. Oktober festzulegen. Damit ist der Verteidigung, wenn auch nicht in wünschenswertem Maße. Zeit gegeben, die im Auftrage der Anklagebchörde beige- brachten belastenden Momente auf ihren Wert zu prüfen und Material zur Führung von Gegenbeweisen zu sammeln. Und eine kritische Würdigung der Angabe» der Belastungszeugen wie der .UcbcrsührungSstücke" ist dringend nötig. Als böswillige Erfindung bezeichnete Frau McManiglo unter Eid vor der Grand Jury zu LoS Angeles die Aussagen ihres Mannes, weicher die Brüder McNemara als die Anstifter der im Oktober letzten Jahres im Gebäude der„Times" in Los Angeles erfolgten Explosion und in Verbindung damit als neunzehnfache Mörder bezeichnet. Durch allerlei seelische Martern, darunter durch Drohungen mit Juchthaus, suchten die Burnsschen Sold- knechte die schwächliche und kränkliche Frau zur Aenderung ihrer Aussagen und zur Bestätigung der Tarstellungen ihres Mannes zu zwingen. Vergebens! Dagegen scheint Ortie McManiglo seiner traurigen Rolle müde zu sein. Wenigstens sagte er seiner Frau. die ihm zuredete, der Wahrheit die Ehre zu geben:„Wenn ich mein„Geständnis" widerrufe, komme ich an den Galgen." Um seinem Geständnis gröstere Glaubwürdigkeit zu verleihen, Mutzte McManiglo sich als MiGhuldigen an den nichtswürdigen Schandtaten bekennen, deren er die Brüder McNemara bezichtigt. Nur solange er gegen seine angeblichen Mitschuldigen aussagt, hat er Aussicht, als StaatSzeuge straffrei zu bleiben oder doch leicht davonzukommc». � Der Advokat Ncgerz, der als Spezialdistriklsanwalt zur Ver« tretung der Anklage in der Hauptvcrhandlung herangezogen wird, wurde von der National Manufaciurers Association(Fabrikanten- bund der Bereinigten Staaten) engagiert und wird von ihr für seine Bemühungen bezahlt; da daZ County Los Angeles keine weiteren Mittel zur Führung des Prozesses mehr bewilligen will. so kommt der Stahltrust für die Kosten auf. Iln- verfrorener wurde noch niemals zugegeben, datz ein Prozeß, bei dem es sich um das Leben von Gewcrischaftsführcrn und möglicher- weise auf Jabre hinaus um die Aktionsfähigkeit eines Arbeiter- Verbandes handelt, im Interesse und im Auftrage der Herren. menschenunternehmer geführt wird, selbstverständlich nur zur Er. rcichung des gewollten Zweckes. Ein Justizmord schreckt diese Aus- beut« so wenig, wie sie Bedenken haben, Jahr für Jahr Taufende und Abertausende von werktätigen Leuten auf dem Schlachtfeld« der Arbeit der Prositwut zu oj-seru. politische Uchtvticht. Berlin, den 9. August 1911. Der katholische Arbeiterfestz»tg in Mainz. lieber den Arbeitcrfestzug. mit dem am letzten Sonntag in Mainz der Katholikentag begann, wird uns von dort geschrieben: „Die Mär von den 69909 Arbeitern, die in Mainz für die Herrlichkeit des Klerikalismus demonstriert haben sollen, ist in alle Welt hinausgegangen. Wir stellen nochmals fest, daß die Zahl der Teilnehmer am Festzuge nach einer von kundiger Seite aus vorgenommenen Zählung rund LS 999 betrug. Wir würden über eine Abrundung nach oben, auf 39 999, kein Wort verlieren; aber die Verdoppelung der Zahl geht doch über daS zulässige Maß hinaus. Die zweite Frage: Wer lvaren die Teilnehmer des FestzugeS? Voran die Jünglingsvereine, die ultra- montane Juaendgarde, dann die Geselbe»vereine, deren Mitglieder evensallS zum größten Teil der Jugend zuzuzählen sind. Nach zehn Jahren wird mancher der jungen katholischen Proletarier sich in einem anderen Lager befinden; heute folgen sie noch der schwarzen Fahne, weil sie der Herr Kcy'Ian und der Meister noch am Zügel hält und sie von einer anderen Weltanschauung noch nichts gehört haben. Als dritte Gruppe erscheinen die A r b ei t e r- und Männervereine. Man weiß, daß in den Gesellen- lind Arbeitervereinen eine beträchtliche Zahl von Meisten: vorhanden ist; noch viel mehr trifft das zu in den Organisationen des katholischen Miiteldeutschlands, die sich als Männcrvercine oder als Arbeiter- und Männervercine bezeichnen. Diese Organisationen werden z. B. von den katholischen Arbeitervereinen Westdeutschlands gar nicht für voll angesehen,»inmal wegen der starken Durchsetziuig mit Nichtarbcitern, dann wegen ihrer völligen Bedeutungslosigkeit für die Vertretung der Arbeiterinteressen. Aber eS waren in dem Festzuge noch„Arbeitervereine" viel zweifelhafterer Natur vertreten. So stellte z. B. das Bistum Mainz etwa 49 Volksvereine, ebenso viel Pfarrvereine und Gesangvereine— durchweg Organisationen vom Lande, in die sich alles sammelt, waS der mehr oder weniger freundlichen Ermahnung deS Pfarrers, sein christkalbolischeS Herz zu bekunden, nicht ausweiche» kann. Der Daseinszweck dieser Vereine besteht in dem Besitz einer Fahne mit dem Bilde deS heiligen JosephuS oder Aloysius, in dem Abhalten von BereinSfestlichkciten und in der ttnterstiitzung des Herrn Pfarrers bei politischen Wahlen. WaS für kuriose Vereine sich in dem„Arbeiterfestzug" vorfanden, dafür einige aus der Menge herausgegriffene Bei- spiele: Kircheugesangverein Speyer, Lesegeselljchaft Speyer. Kasino zur Eintracht, Hanau, BonifaziuSvcrein selbständiger Katholiken in Berlin, Bürgervcreinignng Konstantia. Aachen die bekannte Klüngclgcsellschaft der Aachener Zentrums- bourgcoisie!), Schueiderzunft, Mainz, Küsermeistervereiu Mainz, Kirchenbauvereiu Gustavsburg, Kiistervercin Mainz usw. Bestenfalls bleiben IS 999 Arbeiter. die sich an dem Festzug beteiligt haben, wenn wir die Teilnehmer abzählen, die mit der Arbeiterschaft nichts zu tun haben. Natürlich bekundet der„Arbeiterfestzug", wie unS die Zentrums- presse erzählt, nicht nur die Stärke, sondern auch die Einigkeit der katholischen Arbeiterschaft. Dabei muß man wissen, daß die Bischöfe von Mainz. Limburg und Trier, deren Diözesen den Hauptanteil der Vereine gestellt haben, Anhänger der Berliner Richtung sind. Seit Monaten hat man in Versammlungen und in der Presse durch Berufung auf da? Andenken von Bischof Ketteler die katholi- scheu Arbeiter für den Mainzer Katholikentag mobil gemacht; Kettelerschriftcn, Kettelerbilder, Settelerinedaille», Kettelcrordcn und Kettelcrkarten sind unter die Menge gelnacht ivorden,— alles zur höheren Ehre des KlerikaliSnmS, deS in seiner Volks- und Arbeiter- frcundlichkeit unübertroffenen Zentrums. Und der Erfolg besieht darin, daß sich auS dem arbeitcrreichcn West- und Süddeutschland 16 999 Arbeiter zusammenfinden, um für ihre Weltanichaunng, ihre Partei und für Bischof Ketteler zu demonstrieren. Und oiese 16999 Arbeiter gehören zum größeren Teil einer Richtung an, die von der anderen und größeren Richtung der katholischen Arbeiterschaft ver- urteilt, gehaßt und bekämpft wird." Die sozialdemokratischen Erfolge auf dem Lande haben unsere Reaktionäre in schwere Besorgnis versetzt. Ter Ar- tikcl eines Dr. D. in der„Täglichen R u n d s ck a u" legt dafür ZeugnrS ab. Dr. D. gesteht offen ein, daß die Sozialdemokratie auch unter den ländlichen Wählermasien so große Erfolge erzielt habe, datz die Rückgewinnung der Wählermassen„aus dem Wege liebevoller Ucbcrrcdungskunst" nicht mehr möglich sei und daß ei deshalb heiße, die Landbevölkerung„über die EigentumSbcgrisfe der Umsturzpartci gründlich zu belehren". Ter Verfasser legt dann dar, wie er sich die Anfklärung der Landbevölkerung denkt. Ihr soll durch allerhand Zitate nach Rcichsvcrbandsmanier vor den ÄnnexionSgelüsten der Sozialdemokratie graulich gemacht werden. Vor allen Dingen aber fordert Dr. D.. daß eine großzügige Sicdelungopolitik für die Landarbeiterschaft einsetzen möge, damit durch Erwcckung des Eigentum Sfana- tismus der Landproletaricr der Agitation der Soziaidemolratic ein Bollwerk entgegengesetzt werde. Auch diese Mittel werden schwerlich etwas gegen die sozial- demokratische„Verseuchung"-des platten Landes fruchten. Denn wie wenig durch die Seßhaftmachung der Landarbeiter erreicht wird, beweist ja gerade die von Dr. D. selbst zugestandene Tat- sache, daß in manchen kleinbäuerlichen Gegenden die Sozialdemokratie sehr schöne Erfolge zu verzeichnen hat. In der Tat sind die mit kleinem Landbesitz ausgestatteten Eigen- tümcr bei vernünftiger Belehrung auch keineswegs so töricht, sich durch die Annexionsmärchen der Gegner gegen die Sozialdemo- kratie einnehmen zu lassen. Die ländlichen Zwergbesitzer lernen nur zu gut begreifen, daß ihnen von der Sozialdemokratie keinerlei Beeinträchtigung ihrer Existenz oder ihres Besitzes droht, soichern daß die Vergesellschaftung der Produktionsmittel naturgemäß bei dem Großgrundbesitz einsetzen wird. Wenn die Sicdelungspolitik einen Zweck haben sollte, müßte man schon die Landarbeiter derart reichlich mit Land aus- statten und so anständig bezahlen, daß sie wirklich eine menschenwürdige Existenz zu fristen vermögen. Daran denken aber unsere Agrarier gar nicht. Tie sozialdemokratische Landagitation wird deshalb auch nicht einzudämmen sein, weder durch Seßhaftmachung des Landproletariats, nock) auf die Dauer auch durch agrarischen Terror! Liberale und Landbiindler Arm in Arm. Die oldenburgischcn LaudtagSwahlcn sind aus den 29. September d. I. festgesetzt. ES wird erstmalig nach dem neuen Wahlgesetz ge- wählt, welches die direkte Wahl anstatt der bisherigen indirekten vor- sieht, dafür aber allen über 49 Jahre alten Wählern eine Zusatz- stimme gewährt. ES ist nun mit Sicherheit zu erwarten, datz die kommend« Landtagswahl der Sozialdemokratie einen nicht unwesentlichen Mandatzuwachs bringen wird. Daß dabei auch die Liberalen die Leidtragenden sein werden, fühlen diese bereits selbst, und deshalb sind sie bemüht, um jeden Preis zu retten, was irgendwie zu retten möglich ist. Um jeden Preis, auch unter Preisgabe der eigenen Grundsätze. Da? zum Großherzogtum Oldenburg gehörende Fürstentum Lübeck wird bei der Landtagswahl ein ganz besonders heiß umstrittener Bezirk sein. Zuletzt war es im Landtag durch zwei Landbündler und zwei sogenannte Liberale ver- treten, obwohl unsere Genossen bei der ReichStagSwahl niehr Stimmen aufgebracht haben, als die bürgerlichen Parteien zusammen- genommen. Im Laufe der letzten Jahre hat die Sozialdemokratie in dem überwiegend ländlichen Fürstentum Lübeck ihre Organisationen ausgebaut und in zahlreichen Dörfern solche neu gegründet, während die liberalen Verein» verfalle» sind»-- dank der Unfähigkeit ihrer Weiter und der Interesselosigkeit ihrer Mitglieder. Die bisherigen liberalen Landtagsabgeordneten fühlen denn auch selbst zuseheuds den Boden unter den Füßen schwinden. Von dem einzigen Wunsch getragen, ihre Mandate zu rette», werfen sie sich nunmehr den Land- bündlern, also den ärgsten VollSfeinden und Feinden des Libera- lismuS an den Halö. Der bisherige„liberale" Abgeordnete fleht in einem langen Artikel, den er in der„liberalen" in Lübeck er- scheinenden„Eisenbahn-Zeitung" veröffentlicht, um den Abschluß eines Kompromisses mit dem Bund der Land- Wirte, das diesem und den„Liberalen" je zwei von den vier zu vergebenden Mandaten des Fürstentums sichern soll. In dem Artikel heißt eS: „ D e r W e g f ü h r t n a ch r e ch t S. zu einem Kompromiß mit dem Bund der Landwirte. Nur dadurch kann eine Zersplitterung aller nicht im Bunde organisierter Wähler vorgebeugt werden. DaS aber ist die Bedingung für einen Wahlerfolg. Im übrigen bietet dieser Weg auch die wenigsten Schwierigkeiten. Ihn zu gehen kostet eigentlich nur den Anhängern der fortschrittlichen BolkSpartci einige Ueberwindnng. DaS Opfer aber, das hier von ihnen gefordert wird, bcstebt ja durchaus nicht in einem Aufgebe» liberaler Grundsätze... Wir rickiten daher an den Lmksliberalis- muS die dringende Bitte, praktische Politik zu treiben und sich nicht in Prinzipienreiterei zu verlieren. Nur ans dem Wege eines WahlabkommenS mit dem Bunde der Landwirte ist eine Einigung aller bürgerlichen Wähler und damit eine Er- Haltung der beiden liberalen Mandate möglich." So verschachern liberale„Führer" ihre Gesinnung und Prin- zien für zwei elende Landtagsmandate. Judas verlangte für seinen Verrat einen höheren Preis. Der liberale Lehrer und frühere Land- tagsabgeordnete Grage hat übrigens einen ivürdigcn Kollegen in dein Lehrer und früheren linksfreisinnigen Abgeordneten Voß, der sich im Landtag stets sehr radikal gebärdete, sich jetzt aber a n die Landbündler herandrängt mit dem Verlangen, sie möchten ihn neben den Brot Wucherern als Kan- didaten mit auf ihre Li sie nehmen. So sehen die libe- ralen Helden auS, die sich bei den ReichStagLIvahlen als Volksfreundc aufspielen._ Ein heiterer ReinfaN. Die„Post" hat noch immer nicht ihre frühere Harmlosigkeit eingebüßt. Unter der KronSbeinschen Leitung brachte sie mit Vor- liebe Berichte über sozialdemokratische Missetaten aus Kropp, bekannt als Sitz einer Jdiotmanstalt. Diese gute Verbindung scheint sie aufgegeben zu haben, nicht aber ihre Vorliebe für Blödsinnigkeiten In ihrer heutigen Morgennummcr veröffentlicht sie nämlich unter den verschiedenen Zustimmungserklärungen, die sie zu ihrer albernen Kriegshetze erhalten haben will, auch folgenden Brief eines Hamburger Arbeiters: An die Zeitimg genannt die Post. Redakzion wahrscheinlich in Berlin. Ich der Arbeiter u. so mancher von meine» Kolegcn, wir be- tauern ebenfalS das Abkommen mit Frankreich, Ach. es ist zu traurich. Wie weich und Traurickj unsre AuSlcmdSpolitick ist. Ja- wohl last den Franzosen das buchen Maroko«S ist nichts für den Deutschen Michel, ruft Berlin und den zahmen Ponter zurück es ist alles alt u. unser Ponter beist nicht! Ach das Ewige Friedcnsgcwinsel, gebt den Franzosen ihr ElfaS u. Lothringen, Dann wird wohl Deutschlan den Ewichen Sozi. Frieden Ereicben, wir wollen unS von Frankreich ein Stückchen Lüneburg« Heide verschreiben lassen. Dort könnten unsre Politiker sich Zanken mit den Sonntags Ausflüglern. Die Deutsche, nein Da findet man keine Worte, haben ivir nicht auch DaS Recht auf andre Erdteile, wie jedes andre Land, Aber Der Michel, er wartet bis andre zugebackt habe». Dann will der Michel auch WaS haben, aber cö geht im wie kleinen Kindern,«r muß nehmen was er bekommt nein Die Deutsche Politiull. Uns fehlt ein großer Napoleon I. Der könnte wohl etwas erreichen mit dem Michel! Ich will schlitzen ich mach gar nichts mehr dafon hören u. Lesen. Wer nur einigermaßen Erfahrung darin besitzt, wie Arbeiter sich brieflich ausdrücken, der sieht sofort, daß der Brief gar nicht von einem Arbeiter herrührt, sondern von einem sich als Arbeiter aufspielenden Spaßvogel, der sich wahrscheinlich über den Prozent- Patriotismus der„Post" etwas geärgert hat und deshalb die Intelligenz dieses„vaterländischen" Blattes einmal auf die Prob- zu stellen gedachte. Anstatt aber verständnisinnig das Schreiben in den Papierkorb z» versenken, druckt die„Post" es ab mit dem weisen Bemerken, das Schreiben beweise, daß die Sozialdemokratie doch noch nicht alle deutschen Arbeiter vergiftet habe._ Gewerkschaftliche Sammlungspolitik gegen die Sozialdemokratie. Wie nachträglich bekannt wird, hat vor mehreren Monaten in Berlin unter dem Vorsitz deS früheren Ministers Frhrn. v. Berlepsch eine Sitzung von christlichen GewerlschaftSführern und der Zentral- leitung und Angestellten der Hirsch-Dunckcrschen Gelvcrkschaften statt- gefunden, die den Zweck verfolgte, eine Sammlunz dieser beiden Gewerkschaftsrichtungen gegen die Sozialdemokratie bei der kom- mcndcn ReichStagSwahl herbeizuführen. An dieser Sitzung haben unter anderen teilgenommen GiesbertS, Schiffer, Weber, Behrens. Goldschmidt, Harlniann und Gleichauf. Man einigte sich zunächst dahin, daß die Streiiigkeilen zwischen den beide» Gewerlschafts- richtungen einzustellen seien. lleberrascht diese„Sammlung" auch den nicht, der die Schiebungen im christlich-gewerkschaftlichen Lager kennt, so zeigt sie doch recht deutlich, wohin die Reise bei der nächsten ReichStagSwahl gehen soll. Die Sozialdemokratie wird sich darauf einrichten. Aber auch die freien Gewerkschaften«halten Fingerzeige für die Zukunft. Gebt eS gegen die Sozialdemokraten, dann fallen aste Gegensätze. Der Haß und Neid auf die Erfolge der sozialdemokratischen Arbeiter- bewegung löst die gegenseitige Feindschaft zwischen Ehristen und Gcwerlvcreinlern auf. Wir bedauern die Arbeiter, deren Interessen durch solche Kompromisse in Frage gesollt werden. Im übrigen zeigt die jüngst stattgefundene Traub-Versammlmig in Hamm, daß sich die christlichen Gewcrlschaftlcr an Versprechungen und Abmachungen nicht stören, sie haben sich in der von dem Hirsch- Dunckcrschcn Gcwerkverein geleiteten Versammlung nicht wie Menschen, sondern wie daS Vieh betragen. Schinnen sich die Führer der fortschrittlichen Geiverkverpiler nicht, sich trotz alledem den M.-Gladbachern zu verkaufen? Tie Zahl der militärische» Ernteurlauber ist, wie der„Berk. Bär" mitteilt, in diesem Jahre ganz außerordentlich groß. In den früheren Jahren wurden von den Kompagnien der Linieutruppcn, wenn eS viel waren, höchstens 20—30 Mann zur Erntehilfe aufs Land beurlaubt. Mit 20 oder 30 Mann pro Kompagnie ist es aber heute nicht mehr gemacht. EL gibt vielmehr Kompagnien, wie beispielsweise beim Infanterieregiment 64, die 80 bis 100 Mann zur Erntearbeit beurlaubt haben. Bei der Garde allerdings kommt eine solche hohe Beurlaubungsziffer nicht vor,! hier wird nur höchstens 12— 1ö Mann Ernteurlauh genehmigt. Wenn nun auch für die Erntebeurlaubung Vorbedingung ist, daß der militärische Dienst darunter nicht leidet, so haben doch inSnche Truppenteile mit dieser Schwächung ihrer Mannschaftsziffcr sehr zu kämpfen, u. m bei der Besetzung der Wachen. Die Wachtdienstvorschrist, daß der Soldat zwischen zwei Wachen drei wachtsreie Nächte haben soll, kann nicht entfernt inne- gehalten werden. Oft kommt es sogar vor. daß zwischen zwei Wachen nur eine einzige wachtsreie Nacht liegt,>vas für die Mannschaften natürlich sehr a n st r e n g e n d ist. Zur Erntehilfe werden in erster Linie solche Leute beurlaubt, die in den Wintermonaten am landwirtschaftlichen Unterricht teil- genommen haben und die sich möglichst verpflichten, nach ihrer Entlassung aus der Front in landwirtschaftliche Dienste zu treten. Nach diesen Meldungen der Korrespondenz wächst sich unser Militarismus immer mehr zu einem Hilfsinstitut für unsere Agrarier aus, denen es billige und bequeme Arbeitskräfte liefert! Dazu muß dann die Gesamtheit die vielen Hunderte von Millionen für unseren Militarismus aufbringen I Dagegen, daß Bauernsöhne zur Erntezeit nach Hause beurlaubt werden, läßt sich nichts sagen; daß aber viele Taufende von Mannschaften alljährlich den Großbauern und Großgrundbesitzern als wohlfeile Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt werden, muß mit aller Ent- schiedenheit Einspruch erhoben werden. Oder aber, wenn man glaubt, daß durch den Militärdienst dem Lande zuviel Arbeitskräfte entzogen lverden, so vermindere man die Truppenzahl oder verkürze man allgemein die Dienstzeit. Das gegenwärtige System ist unerträglich! Elsatz-lothringischc Wahlurne». Die jetzt amtlich publizierte Wahlordnung für Elsaß-Lothringen bringt eine Bestimmung über die Wahlurnen, die auch für die ReichStagSwähler von Interesse ist. Im reichSländischen Wahlgesetz wird bestimmt, daß die Wahlurne abgeschlossen sein muß. Im übrigen sollen die Wahlurnen für Elsatz-Lothringen den im Ver- ordnungSwege zu erlassenden Normativbestimmungen entsprechen. Gemäß dieser Anweisung bestimmt jetzt eine rcichöländische Ministerialverordnung über die Wahlurnen folgendes: „Hiemach müssen die Wahlurnen von einer Beschaffenheit sein, die es ausschließt, daß die Umschläge mit den S t i m n, z e t t e l n i n d e r R e i b e n f o l g e, in der sie in die Urne gelegt werden, aufeinander zu liegen kommen. Sichere Gewähr hierfür bieten Urnen, welche, im Innern gemcffen, eine Höhe von mindestens 80 Zentimetern und eine Breite von mindestens-T' Zentimetern haben. In Gemeinden oder Stimm- bezirken, d' zicht mehr als 400 Wähler zählen, kann auch eine Höhe von 40 Zentimetern als genügend erachtet werden. Der Spalt zum Hineinlegen der Umschläge mit den Stimmzetteln muß {ich im Deckel der Urne befinden und soll nicht breiter als 1'/, Zenti- meter fein. Amtliche, überall gleiche Wahlumen wären natürlich das einzig Richtige; fo la'.ze»nan diese nicht hat, ist die reichSländische Ver- ordnung aber 4..imerhin ein anerkennenswerter Notbehelf. Das groste Licht. Der voll der Fortschrittlichen Volkspartei in Karlsruhe als Reichstags» dal aufgestellte Professor von Schulze-GSbemitz ist entschieden nner der originellsten und kuriosesten Politiker der Gegenwart, gewissermaßen die leibliche Synthese alles Unverein- baren und Gegensätzlichen. ES ist deshalb durchaus nicht ver- wuiiderlilb, daß er auch über die deutsche Zollpolitik ganz schnurrige Ansichten hat. Nach dem„Badischcn LandcSbotcn' hat er sich jüngst über die Agrarzöllc folgendermaßen ausgesprochen: „Eingehend auf die Fragen der Zollpolitik betonte der Vor- tragende die Wichtigkeit einer nachdrücklichen Vertretung der badischcn bäuerlichen Jiiteresten. Er verlangte mäßig« Getreide- zolle, dagegen»ollen Zollschutz deS kleine» Landwirts im Handels- gewächsbau. TaS gleiche Reckt auf Schutz habe der badischc Winzer, dessen Erzeugnis ebenfalls einen anderen Platz verdiene als der auSläudische Wein. Nicht minder sei die Förderung deS Obst« und Gemüsebaues durch entsprechende Zölle zu fördern." Die„Konserv. Korresp." bemerkt dazu: „ES ist eigentlich schade, daß dieser Unentwegte bei den kommenden ReichStagSwahlen in KarlSrube mit tödlicher Sicher- heit durchfallen muß; denn es wird dafür gesorgt werden, daß bei den Verhandlungen über den neuen Zolltarif auch die Frage des Obst- und GemüsezollcS zur Diskussion gelangt und dann würde der Eiertanz, den der Herr Prosessor aufführen müßte, höchst ergötzlich sein." TaS konservative Organ hat nicht so unrecht. Die Freisinnigen dürfen sich«nitulicren, wenn daS große Talglicht von Freiburg i. B. nicht in den Reichstag gelangt. Tie heilige Ffente i« der Kaserne. DaS OberlriegSgericht hatte dieser Tage über einen Fall von Soldatenmißhandlung, verübt durch Stubenkollegen, abzn- urteilen, der sich in der.Franzer kascrne" in Berlin abgespielt hatte, Vier Füsiliere der lt, Kompagnie hatten an einem Kameraden Lynch- jlßtiz ausgeübt und den Gelynchten derartig mit blutigen Striemen und Flecken bedeckt zurückgelassen, daß der Stabsarzt, der zufällig den Mißbandeltcn zu Gesicht bekam, Anzeige erstattete. Der Mißhandelle war daö Opfer der Lynchjustiz geworden, weil er den Mannschaften seiner Korpora lschast durch sein Verhalten oftmals Strafarbeiten, abendliche 3n st ruktionS stunden uiw, zugezogen hatte. Er selvst hatte nicht nur keine Anzeige wegen der Mißhandlung erstattet, sondern auch noch vor Gericht erklärt, daß er durch sein Verhalten, u, a, durch sein Ausbleiben über den Zapfenstreich, die Strafe verdient habe. Das Strafmaß fiel denn auch entsprechend gelinde au». Die vier Füstlicre wurden zu je drei Tagen Ge- fängniS verurteilt. Der VerhandlnngSleiler legte jedoch den Leuten nahe, in Zukunft derartige nächtliche II eberfälle z u u n t e r l a f f e n. da dadurch auch schon Soldaten in den Tod getrieben w in: den seien. Die Mahnung hätte cigcrmich an eine andere Stelle gerichtet werden sollen, an die Herren Borgesetzten nämlich. Denn die Mißhandlung war ja gerade dadurch provoziert worden, daß die Dicnstverfehlungen deS Mißhandelten an der gesamten Korporalschaft geahndet worden waren. DieS System der Bestrafung wäre ja ein vollständig sinnloses, wenn nickt gerade dadurch die Kameraden zur„Selbsthilfe" gegen den Misietätc« veranlaßt werden sollten! ES hätten also eigentlich nicht die vier Füsiliere anf die Anklagebank gehört, sondern diejenigen, die durch ihre Kollektiv st rasen erst den Ingrimm der Mann- schaft«rregt hatten!_ 8cbweiz. Eine sozialdemokratische Niederlage. S t. G a l l e n. 7. August.(Eig. Ber.) Unsere Partei hat in der sonntägigen Wahl m R o r s ch a ch ihr seit Jahren beseffeneS NationalratSmandat verloren, indem miser Genosse Kallenberg« mit 2836 gegen 4391 Stimmen, mit denen der demokratische Gegenkandidat Weber gewählt wurde, unterlegen ist. Dieser Verlust ist die Folge de» traurigen Kuhhandels der Regierung und der bürgerlichen Parlcicn, dem nun unsere Partei zum Opfer gefallen ist. Die Wahlbewegung zeitigte aber auch äußerst bedenkliche Begleit- erscheinungen. Der gewählte Demokrat Weber ist im„Nebenamt" auch Gcneralsekertär der Arbeitenrnion schweizerischer TranSport- cmstalten und der erst» Führer der sozialdemokratische» Partei des Kafttons Lujfot, Genosse Advokat Mbisser-Lllzern, ist Redak- teur deS von der genannte» Arbeiterunion herausgegebenen Verbandsorgans„Daö Flügelrad". Genosse Albisser trat nun in unserem Luzerner Parteiblatr„Demokrat" wie in seinem„Flügel- rad" für die Wahl des Demolraten Weber ein, der im Nationalrat notwendig sei für die Vertretung der Eiscnbahnerinteressen, als ob diese Vertretung nicht seil jeher von der sozialdemokratischen NationalratZfraltion in entschiedener und wirksamer Weise besorgt worden wäre! Zugleich bedeutete dieses Vorgehen die Be- kämpfung der osfiziellen sozialdemokratischen Parteilandidatur. Bei der großen Zahl von Eisenbahnern und Sckiffsangestelltcn im Rorschachcr Kreise ist sehr wahrscheinlich die Niederlage unserer Partei direkt aus diesen Verrat zurückzuführen, den' auch der „BaSler Vorwärts" als eine grobe Disziplinlosigkeit scharf ver- urteilt. Unter solchen Umständen ist es für die schweizerische Sozial- demolratie ungemein schwer, emporzukommen, und erscheint die Reorganisation der Partei um so notwendiger, um mit der besseren Organisation auch einen besseren Geist in unsere Reihen zu bringen. Belgien. Beteiligung der christliche» Temokraten an der Wahlrechts- Manifestation. Man schreibt unZ aus Brüssel: Die chri st lich-dem akratischen Gruppen von Brüssel, Brügge, Alost, Gent u. a. haben kürzlich beschlossen, sich an der Wahlrechts nranife st ation vom 15. August zu be- t e i l i g e n. In der Erklärung der christlichen Demokraten von Brügge wird darauf verwiesen, daß daS gleiche Stimmrecht eine Programmforderung der christlichen Demokratie ist, woraus für diese die Notwendigkeit der Beteiligung an der Domonstration resultiert. Diese Beschlüsse sind eine moralische Ohrfeige für den übrigens einzigen parlamentarischen Vertreter der«christlichen" Volkspartei, des Deputierten Pierre DaenS, der in der letzten Zeit eine verdächtige Uebereinstimmung mit der Regierung zeigte. Er hatte sich der Beteiligung der christlichen Demolraten all der Wahl- rechtsmanifestation widersetzt— trotzdem er sich sonst stets als Ver- fechter des gleichen Stimmrechts bekannt hat— weil die De« monstration auch gegen das Schollaertsche Schulgesetz geht und daher nach Herrn DaenS gegen die christliche Religion gerichtet ist I Da aber alle bekannten christlich-demokratischcn Führer für die De- teiligung eintreten, scheint sich auch DaenS anders besinnen zu wollen. Wenigstens brachten die Zeitungen die Nachricht, daß er die Sache in einer Versammlung der„christlichen Volköpartei" in seinem Wahlkreise Alost vorlegen wird. Wenn diese zustimmt, wäre damit die einheitliche Beteiligung der christlich-demokratischen Organisationen für die Manifestation gesichert. Damit, daß neben den Sozialisten und Liberalen auch die christlichen Demokraten an der Manifestation für die Eroberung der gleichen politischen Rechte teilnehmen, wird der Regierung auch demonstriert, daß die Mehrheit des Landes für die Wahlreform ist. Denn wie die letzten Wahlen zeigten, vereinigte die Opposition, eingerechnet der christlich-demolcattschcn Stimmen, die Mehrheit der Slimmen des Landes auf sich: 1 240 830 Stimmen gegen 1 194 620 Stimmen der RegiernngSklerikalen, die auch dann noch eine Mmoriiät darstellen, wenn man ihnen die 80 000 Stimmen der klerikalen Dissidenten zuzählt. Wie wir bereit» meldeten, bereiten die vlämischcn Marxisten Belgiens für diese Manifestation eine agitatorische Sonder- nummer ihres Organs„volharding" vor, das in einer Auflage von 10000 Exemplaren erscheinen wird. deren Abnahme zum großen Teil schon gesichert ist, und die n. a. folgende altuell-prinzipiellen Artikel enthalten wird: L. de Broucksre: Daö allgemeine Stimmrecht; von De Man über die gewerkschaftliche Frage; jSL de Broucköre über Sozialismus und Monarchismus— eine prinzipielle Auseinandersetzung, die an die Haltung der Sozialisten von Charleroi beim Besuch Albert» au- knüpft, und einen Artikel über die Frage des MinisterialiSmuS. Cnglanck. Ei» Mißtrauensvotum deS Oberhause». London, 8. August. Im Oberhause beantragte Lord Cnrzon ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung, das gleichlautend ist mit dem gestern von Balfour im Uuterhause gestellten Mißtrauensvotum. Lord Curzon griff in heftigen Aus- drücken daS Verhalten der Minister an, daS er als eine unverzeihliche Verletzung ihrer Pflicht gegenüber dem König, dem Parlament und dem Volke bezeichnete. Earl of Creive gab in seiner Erwiderung einen Bericht über die im November erfolgte Unterredung mit dem König. Gemäß der von SSguith gestern abgegebenen Erklärung sagte er: Wenn auch der Premierminister persönlich ungern die Notwendigkeit, neue Peers zu schaffen, angeregt habe, würde die Regierung vor diesem Verfahren nicht zurückschrecken, falls es not- wendig werden sollte. DaS Mißtrauensvotum wurde schließlich mit 282 gegen 63 Sttmmen angenommen. Natürlich hat ein solches Votum im Oberhause keine politischen Folgen. DaS wirkliche Interesse konzentriert sich vielmehr nur auf die Frage, ob die PeerS auf ihrem Amendements beharren werden oder nicht. Eine Abstimmung hierüber wird nicht vor morgen abend vorgenommen werden, aber sehr wahrscheinlich wird sich die Debatte bi» Donnerstag hinziehen. Abstimmung im Unterhanse. London, 8. August. Unterhaus. Nach weiterer Debatte wurden die Amendement» der Lords bezüglich der Finanzvorlagcn mit 291 gegen 146 Stimmen abgelehnt, dagegen da? Amendement der Regierung, wonach der Sprecher mit bestimmten Mitgliedern des Hauses Rücksprache darüber zu nehmen habe, ob eine Vorlage lediglich finanzieller Natur sei oder nicht, mit einer von der Regierung gebilligten Ab« änderung angenommen. Schließlich wurden die Amendement» de» Lords Lansdowne mit 321 mit 215 Stimmen abgelehnt. Die Vor- lagen gehen morgen ans Oberhaus zurück, die endgültige Ent- scheidmig wird aber wahrscheinlich nicht vor Donnerstag fallen. Portugal. Die PräsidentschaftSfrage. Man schreibt unv auS L i s s a b o n: Die Beratung der Verfassung in der Kammer geht jetzt zu Ende. Da der Präsident der Republik drei Tage nach der Ab- sttmmung gewählt werden muß, wird die Kandidatcnfcage jetzt leb- Haft erörtert. ES wurde ein Antrag eingebracht,»ach dem die Mitglieder der gegenwärtigen provisorischen Regierung nicht kandidieren dürfen. Wird der Antrag angenommen, schieden Thüophile Braga und vernardino Machodo als Kandidaten aus. Bis jetzt werden als Kandidaten ge» nannt MagalhaeS Lima. der die Unterstützung der republikanischen Linken und der Freimaurer, und de Braamcamp, der Kammer- Präsident, der die Mehrheit der Rechten und deS Zentrums für sich hat. Ein dritter Kandidat ist noch Manoel de Arriaga, der General» staatSanwalt der Republik._ Klassenjustiz. Der Korporal und die fünf Soldaten, die im Monat März auf Streikend« geschossen hätten, wodurch einer getötet und mehrere verwundet worden waren, wurden, um der Form zu genügen, vor ein Kriegsgericht gestellt. Sie behaupteten, sie seien von den Streikenden angegriffen worden und hätten in der Notwehr ge« handelt. Dabei waren die Streikenden ganz unbewaffnet. DaS Kriegsgericht hielt die Soldaten für nichtschuldig und sprach sie frei. Norwegen. Das konstitutionelle Königtum. Als im Jahre 1905 die sckwedisch-norwegische Union aufgelöst wurde und der alte Schwedenlönig in Norwegen aufgehört hatte zu „regieren", begingen die Norweger die Torheit, sich einen neuen König heranzuholen, obwohl die demokratische EntWickelung ihres Landes eigentlich zur Republik führen mußte. Jnzwischc» haben die Norweger jedoch ihrem neuen König nach und nach auch das Wenige an Macht und Einfluß genommen, daö dem letzten Schwedenlönig aus Grund der norwegischen Verfasiung noch zustand. Der letzte Rest dieser „königlichen Macht" ist Ende der verflossenen Woche vom Storthing aus der Verfassung beseitigt worden. ES hieß bis jetzt im Z 31, daß alle vom König selbst ausgefertigten Befehle, ausgenommen militärische Kommandosachen, vom Ministerium kontra- signiert sein müssen, wenn sie Gültigkeit erhalten sollen. Nun hat daS Storthing beschlosien, und zwar einstimmig, daß jene die militärischen Dinge betreffende Ausnahmebestimmung gestrichen wird, so daß jetzt talsächlich alle, Beschlüsse"— wie cS jetzt heißt— des Königs nur mit der Unterschrift des betreffenden Ministers, der sie ihm vorgetragen hat, Gültigkeit haben. Von praktischer Bedeutung ist der Beschluß eigentlich nicht, denn der König hafte schon bisher über das Militär ebensowenig wie über irgendeine andere Angelegenheit des Landes zu befehlen oder zu be- schließen. Es galt eben nur, die geschriebene Verfassung mit den tat- sächlichen Verhältnissen i» Einklang zu bringen. DcrKönig darf daS Land repräsentieren, soweit er Auftrag dazu hat, er mutz daS unter- schreiben, waS ihm von der Regierung, über deren Zusammensetzung das Storthing entscheidet, zur Unterschrift vorgelegt wird, und dafür erhält er seinen Lohn. Schränkt mau seine verfassungsmäßigen Rechte ein, so muß er sich da? ruhig gefallen lassen, denn daS suspensive Veto, daS seinem Vorgänger in Verfassungsfragen noch zustand, hat da» Storthing schon längst beseitigt. Etos der Partei. Wcltftolitik, Weltkrieg und Sozialdemokratie! Unter diesem Titel ist ein vom Partcivorstand herauZ- gegebenes Flugblatt erschienen, das die Marokkokrise behandelt. Das Flugblatt ist an die Bezirksvorstände versandt und tvird den Organisationen in den nächsten Tagen zugestellt werden. Zum Stuttgarter Mimstcrcsscu schreibt die Göppinger»Freie Volkszeitung" noch: „Wie wir erfahren, soll mindestens noch ein vierter sozial- demokratischer Landtagsabgeordneter bei Herrn v. Weizsäcker getafelt hoben. ES wird vorläufig zu den Namen der Genossen Feuerstein, Hildenbrand, Dr. Lindemann noch der deS Genossen Heymann ge- nannt. Wir nehmen an. daß eine authentische Erklärung de» letzteren und der übrigen Fraktion über Teilnahme oder Nichtteilnahme am Ministeresjen in Aussicht steht." Ucber die Auflösung der österreichischen Jutcrnaiionale schreibt im letzten Heft des„Kamps" Genosse Karl KaulSkh. Er führt gegen die von uns letzthin wiedergegebeuen Ansichten Otto Bauers auS, daß die österreichische Gesamtpartci alle: Nationen keineswegs tot, sondern nur dem Bewußtsein der Ge- uossen durch die jahrelange Nichtabhattung eines Gcsamtpartei- tageses Lmilck" Kerlim UollisdlÄ. Nannerstag, 10. August lSll. 2. Verbandstag der Nureauangestellitu und der per- waltungsbeainten der suaukenkaffeu und Kerufsgenossen- slh asten. �Sln, 7. August. T«r Verbandstag. der im„Coloniahaus" heute vormittag zu- sammentrat, ist von 41 Delegierten, 3 Vorstandsmitgliedern und einem Ausschußvertreter besucht. Die Generalkommission vertritt Bauer- Berlin, den Zentralverband der Handlungsgehilsen L a n g e- Hamburg und die Zentrale für das deutsche Kranken� kassenwesen Simanowski- Berlin.— Verbandsvorsitzender Giebel- Berlin gab in seiner Eröffnungsrede einen historischen Siückblick über die EntWickelung der Organisation. Den Vorstandsbericht gibt Giebel, der den ge druckten Bericht, von dem wir bereits einen längeren Auszug brachten, ergänzte. Redner behandelt ausführlich die sozial- politische Tätigkeit des Verbandes und hier wieder be- sonders das Gebiet der Reichsversicherungsordnung, an der die Bureauangestellten in doppelter Weise interessiert seien: nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als Zugehörige zu dem großen Kreis der Versicherten. Den Wünschen der Privatangestellten gegenüber habe der Reichslag vollständig versagt. Konstatiert könnte wohl werden, daß der Verband sich bei den Liümpfen um die Reichs- vcrsicherungsordnung schlagfertig bewiesen habe und daß die An- gestellten geschlossen hinter der Organisation standen. Die wich- tigste Tätigkeit des Vorstandes war, die rein wirtschaftlichen Jnter- essen der Mitglieder zu wahren und eine Besserstellung der Ar- beitsverhältnisse zu erzielen. Besonders wurde bei den Rechts- anwältcn versucht, für die Angestellten bessere Gehaltsverhältniffe durchzusetzen. Die Agitation war rege. Die Grundlage der Agitation müsse die Kleinarbeit sein. Agitationsschriften seien in der Bcrichtszeit rund 162 000 verbreitet worden. An der Mit- arbeit vieler Ortsgruppen bei der Agitation habe es leider gefehlt, sonst wären die Erfolge größer. Die agitatorische Mitarbeit der Ortsgruppen und der einzelnen Kollegen müsse bedeutend größer sein. Um die Agitation mehr zu beleben, trage der Vorstand die Absicht, einige.'ezirksleiter fest anzustellen, und zwar zunächst in den Bezirken Rheinland-Westfalen, Sachsen und Hamburg. Die schwierige Agitation bei den Privatangestellten bedürfe auch der Mitarbeit der übrigen organisierten Arbeiterschaft. Dieorgani- fierten Arbeiter müßten sich mehr darum bekümmern, wo ihreKinder, diePrivatangestellte sind, vrganisiert sind.»— Grenz st reitigbeiten habe der Verband mit den Transportarbeitern, Gemeindearbeitern und in der Hauptsache mit den Handlungsgehilfen gehabt. Die Zeit für eine Verschmelzung mit dem Handlungsgehilfenverband hält Redner für noch nicht gekommen. Diese Ansicht decke sich mit der des Vorstandes des Handlungsgehilfenverbandes. Giebel schlägt vor, einen Kartellvertrag mit den Handlungsgehilfen ein- zugchen.(Beifall.) Den Bericht der Redaktion erstattet Lehmann- Berlin. Er schlägt vor, anstatt 24 Nummern künftig 26 Nummern pro Jahr erscheinen zu lassen. Die Kollegen müßten mehr an dem Berbandsorgan mitarbeiten. In der Debatte werden zunächst die zu den Berichten vor- liegenden Anträge begründet. Mehrere Ortsgruppen wünschen Verschmelzung mit dem Zentralverband der Handlungsgehilfen. Dresden will noch besonders, daß zunächst ein Kartellverhältnis mit den Handlungsgehilfen angebahnt wird. Die Filiale Leipzig verlangt, daß auf den Ausbau der Stellenvermittelung mehr Augenmerk zu richten ist und die Ortsgruppen verpflichtet werden, lokale Arbeitsnachweise zu errichten. Ein Antrag Königsberg spricht aus, der Vorstand habe nicht genügend für die Anwaltsangestellten getan, und will ihn verpflichten, „mehr wie bisher sein Interesse der Organisation der Anwalts- angestellten zuzuwenden und energische Maßnahmen in dieser Be- ziehung zu treffen". Die Ortsgruppe Frankfurt a. M. be- antragte, das Verbandsorgan, den„Bureauangestellten", anstatt 14tägig wöchentlich erscheinen zu lassen und die„Volkstümliche Zeitschrift" alle 14 Tage dem„Bureauangestellten" beizulegen. Ein weiterer Antrag Frankfurts. M. wünscht die Einrichtung einer Lehrlingsabteilung. Die allgemeine Diskussion über die Geschäftsberichte ist sehr ausgedehnt. Der Tätigkeit des Vorstandes wurde wohl An- erkennung gezollt, sie erfuhr aber auch in manchen Punkten Kritik. Bei Besprechung der Anwaltsgehilfenverhältnisse hob ein Redner hervor, daß manche Anwälte, die als Abgeordnete im Parlament die Notwendigkeit der Betreibung von Sozialpolitik betonen, im kleines feuilleton. Ein Kaiser, der Papst werden wollte. Im August dieses Jahres sind es gerade 400 Jahre her, daß ein deutscher Kaiser und zwar Maximilian, dem die Geschichte den Beinamen„der letzte Ritter" gegeben hat, ernsthast mit dem Plane umging, sich vom Kardinalskollegium zum Papst wählen zu lassen. Das Ouellenmatcrial, auf dem unsere Kenntnis von dem mehr als seltsamen Projekt» dieses Habsburgers beruht, ist zwar seit jeher bekannt gewesen, aber zum Teil als Fälschung, zum Teil, so weit es sich um des Kaisers Briese in dieser Angelegenheit handelt, als nicht ernst gemeint betrachtet worden. Die neuesten For- fchungen von Dr. Alois Schulte in Bonn haben aber ergeben, daß es sich um eine wohlerwogene Idee des Monarchen handelte, der sich mit der Hoffnung trug, Italien, dass er durch Waffen- gewalt nicht hatte unterwerfen können, sich als Träger der drei- fachen Krone untertänig zu machen. Die politischen Verhältnisse lagen im Sommer 1511 für den Kaiser günstig. Die verschiedenen Parteien in dem zu Ende gehenden Kriege der Liga von Cambrai buhlten um die Gunst des bis dahin neutral gebliebenen Maxi- milian, ein Reformkonzil schismatischer Kardinäle in Pisa stand in Sicht, und in den einflußreichen römischen Kreisen war die Stimmung so, daß man sagte, er wolle im nächsten Konklave lieber einen deutschen, ja sogar den Kaiser selbst zum Papst wählen als einen Spanier oder Franzosen. Als im August die Nachricht von einer schweren Erkrankung Papst Julius' II. nach Pergine im Brentatale gelangte, wo Maximilian Hof hielt, schrieb er an seinen Vertrauten, Paul von Liechtenstein, einen Brief des Inhalts, daß er aus verschiedenen Gründen nach der päpstlichen Würde strebe und„nichts ehrliche- res, höhers und bessers finde, als berührt Bapsttumb zu über- kommen". Er werde sofort seinen Agenten, den Bischof von Gurk in Kärnthen nach Rom senden, um seinen Plan zu betreiben. Die- fer Bischof mit seinem bürgerlichen Namen Matthäus Lang ge- nannt, einer augsburgischen Patrizierfamilie entstammend, war ein recht sonderbarer Herr, der damals schon mehrere Jahre als Bischof fungierte, ohne die Priesterweihe erhalten zu haben, und später gelegentlich einer Unterredung mit Melanchthon über die Notwendigkeit einer umfassenden Kirchenreformation die Aeuße- rung tat:„Ach, was wollt ihr denn an uns Pfaffen reformieren? Wir Pfaffen haben nie etwas getaugt." Lang sollte nach Rom gehen, um dort mit 300 000 von den Fuggers bei ihrer römischen Filiale zu deponierenden Dukaten so viel Stimmen im Kardinals- kollcgium zu erkaufen, als zur Sicherung seiner Wahl nach dem Tode des regierenden Papstes notwendig sein würden. An seine Tochter Margarete aber, die damals die Statthalterschaft in den Niederlanden führte und ihrem Vater die Vermählung mit der Tochter des König Heinrichs von England, der nachmaligen Königin Maria, der Katholischen, nahe gelegt hatte, schrieb er wenige Tage fcrguf, ts wöSe nii mehr mit mm Weihe au i«iJ habeo M eigenen Hause die rückständigsten Verhältnisse haben. Die Grenz- streitigkeitsfrage berühren mehrere Redner. Die durch die Grenzstreitigkeiten entstandenen Mißstände bedürften einer dringenden Regelung. Für die Verschmelzung mit den Handlungs- gehilfen treten verschiedene Delegierte ein, andere stimmen aber der Ansicht des Vorstandes bei. Von einem Redner wurde geklagt, der Verband würde von den Gewerkschaftskartellen nicht genügeno berücksichtigt und recht stiefmütterlich behandelt. Der Vertreter der Handlungsgehilfen. L a n g e- Hamburg, ging auf die Grenz- streitigkeiten ein. Man dürfe sich nicht gegenseitig Mitglieder abtreiben. Auch gehe es nicht, daß die Bureauangestellten immer weitere Berufsgruppen der Handlungsgehilfen für sich beanspruchen. Durch Schlußantrag wurde die Debatte geschlossen. Der An- trag Königsberg wurde zurückgezogen. Annahme finden An- träge, die den Vorstand beaustragen, die Verschmelzung mit dem Zentralverband der Handlungsgehilfen alsbald in die Wege zu leiten. Zugestimmt wird ferner einem Antrag, nach dem der Vorstand die Aufhebung des Beschlusses der Zentralvorstände, daß Mitglieder, die mehreren Verbänden angehören, nur aus einem Verband ihre Unterstützung erhalten, anregen soll. Der Antrag Leipzig bezüglich der Stellenvermittelung wurde dem Vorstand überwiesen und der Antrag Frankfurt a. M.. wöchentliches Er« scheinen des„Bureauangestellten", abgelehnt. Die Verbands- injtanzen werden entlastet. �. Köln, 8. August 1911. Ein größerer Teil der heutigen Sitzung wird mit der Statutenberatung ausgefüllt. Das einleitende Referat hierzu hielt B a u e r- Berlin, der die vorgeschlagenen Aendcrungen des Vorstandes begründete. Der Kreis der Beitragsberechtigten soll insofern erweitert werden, als auch die Bureauangestellten in Fabriken und Gemeindebetrieben dem Verbände angehören können. Die Verträge sollen um 20 und 30 Pf. pro Monat erhöht werden: in der 1. Klasse für Mitglieder im Alter über 20 Jahre von 1,20 M. auf 1,50 M., in der Klasse für Mitglieder im Alter von 18 bis 20 Jahren von 60 Pf. auf 80 Pf. Für die jugendlichen Mitglieder unter 18 Jahren soll eine neue 3. Klasse eingeführt werden, mit 50 Pf. pro Monat. Dem Vorstand soll statutarisch das Recht zustehen, für einzelne Bezirke beamtete BezirkZleiter anzustellen. Die Befugnisse des Ausschusses sollen wesentlich eiw geschränkt werden, er soll künftig nur noch über Beschwerden be. züglich Unterstützungsansprüche entscheiden. Die Satzungen der Pensionsunterstützungskasie sollen einigen formalen Aenderungen unterzogen werden, die den Wünschen des Aufsichtsamts für die Privatversicherung entsprechen. Die von mehreren Mitglied schaften beantragten Erweiterungen der Unterstützungen ersucht der Vorstand aus prinzipiellen und finanziellen Gründen abzu lehnen. In der Generaldebatte werden die Vorschläge des Vor standes von den Delegierten eingehend besprochen. Für die Bei. tragserhöhung wird allgemein eingetreten, teilweise sogar noch weitergehende Vorschläge als die des Vorstandes gemacht.— Die ganze Materie wurde einer fünfgliedrigen Kommission überwiesen Ueber„Das Angestelltenrecht nach der Reichs- Versicherungsordnung und der Stand. der Tarif. gemeinschaft mit dem Zentralverband der Orts- krankenkassen" referierte Verbandsvorsitzender Giebel» Berlin. Die Reichsversicherungsordnung hebt die bisherige Ver. tragsfreiheit auf und führt eine wesentliche Umgestaltung des Vertragsverhältnisses herbei. Es muß eine Dienstordnung einge» führt werden: eine obligatorische für die festbesoldeten Angestellten, und eine erlaubte für die unständigen Angestellten. Die Dienst- ordnung unterliegt der Genehmigung der Aufsichtsbehörde. Der Referent besprach ausführlich alle die in dieses Gebiet fallenden Bestimmungen der ReichsvcrsicherungSordnung, die ja in der Presse schon wiederholt erörtert wurden, so daß wir uns ein weiteres Eingehen hierauf ersparen können. Giebel untersuchte, welche Einwirkung diese gesetzliche Regelung auf die Tarif- gemeinschaft hat. Er kommt zu dem Schlüsse, daß diese durch die Reichsversicherungsordnung nicht verboten, sondern sehr notwendig sei. Dann gibt Redner ein Bild der Verhandlungen mit dem Vorstande des Zentralverbandes der Ortskrankenkassen über den Abschluß eines neuen Tarifvertrages. Die bisherigen Verhandlungen seien äußerst schwierig gewesen. Unsere Forde- rungen wurden als zu weitgehend bezeichnet. Die Vorstandsver- treter erklärten auch, man könne überhaupt zu keinem?lbschluß mehr kommen, da das Gesetz dies verbiete. Später wurde dann gesagt, wir wollen die Tarifgemeinschaft auf zwpi Jahre aussetzen. Wir vertraten den Grundsatz: Aufrechterhaltung der Tarifgemein- schaft. Auf der Jahresversammlung der Ortskrankenkassen kam sende den Bischof von Gurk nach Rom, um dafür zu sorgen, daß er Oder Kaiser) zum Koadjutor des Papstes mit dem Recht der Nachfolgerschaft ernannt werde. Er wolle die Priesterweihe empfangen und ein Heiliger werden,„so daß ihr genötigt sein werdet, mich anzubeten, worauf ich nicht wenig stolz sein werde." Der Grund weswegen Maximilian seinen Plan nicht weiter ver- folgte, ist wahrscheinlich in der Weigerung der Fugger zu suchen, dem tiefverschuldeten Kaiser das gewünschte Darlehen zu geben. Julius II. erholte sich noch einmal, und als er zwei Jahre später am 20. Februar 1815 starb, wurde Leo X. aus dem Hause Medici Papst. Tie Zeitschriftcnliteratur der Welt. Nach einer Statistik, die vom Internationalen Institut für Bibliographie veröffentlicht wurde, betrug die Zahl der Zeitschriften im Jahre 1908 in den Hauptländern Europas: in Frankreich 8940, in Deutschland 8050, in England 4329, in Italien 3068, in Belgien 2023, in Rußland 1661, in Spanien 1350, in der Schweiz 1332 und in den Nieder- landen 1402. In den anderen europäischen Ländern schwankt die Zahl von 10(Bosnien) bis 753(Schwaden). Nur eine einzige Zeitschrift besitzen Siam und Grönland. Die erste, die diesen Namen verdient, war der„Nieuve-Tydinghen", der 1605 in Ant- wcrpen erschien. Von damals bis 1800 existierte eine periodische Presse fast nur in Frankreich, Deutschland, England und den Vereinigten Staaten. Interessant ist es, an dem Beispiel Frank- reichs zu verfolgen, in welchem Maße die Zahlen im Laufe der Jahrhunderte gewachsen sind. Es erschienen 1640: 1, 1780: 24, 1790: 350, 1826: 490, 1866: 1640, 1872: 2024, 1392: 5600, 1898: 6417, 1904: 8270, 1908: 8940. DaS Filtrieren der Töne. Die Verunreinigung der natürlichen Laute, die besonders bei Wiedergabe des Gesanges den widerlichen Nasalcharnkter bekommen, macht das Grammophon für einen fein- hörigen Menschen zu einem wahren Mordinstrument. Sehr treffend vergleichen die Engländer diese unangenehmen Nebentöne mit dem Prasseln einer Bratpfanne. Man hat verschiedentlich versucht, diese Erscheinung durch feinsinnige Verbesserungen am Grammophon- mechaniSmuS zu beseitigen. Einen durchschlagenden Erfolg hat man jedoch auf diesem Wege nicht erzielen können. Nun versucht nach dem Bericht von„La Revue' ein englischer Ingenieur namens M. Hendrik das Problem von einer anderen Seite anzufassen. Anstatt am Mechanismus zu arbeiten, will er die verdorbenen Töne, wie sie das Grammophon von sich gibt, einem richtigen Heilverfahren unterwerfen. Er läßt sie durch ein System von Röhren passieren, die einen Durchmesser von etwa 3 Zenti- nreter und eine Gesamtlänge von etwa 18 Meter besitzen. Die Röhren sind a»S verzinntem Eisenblech: sie werden gut mit einander verbunden und mit trockenen Erbsen und Bohnen gestillt. Läßt man den durch Beimischung von Reibungsgeräuschen verdorbenen Ton diesen akustischen Filter passieren, so werden die Geräusche verschlungen und der Ton erhält wieder seinen alten, vollen, natürlichen Klang. Der Erfinder hat verschiedene Materialien als Filtriermittel ver» ja eine Einigung auf der Basis eines Kompromisses zustande. Wir mußten viele von unseren Forderungen fallen lassen; das Haupt- ziel, Fortsetzung der Tarifgemeinschaft, wurde aber erreicht. Auf Grund des Beschlusses der Jahresversammlung haben bereits Ver- Handlungen zwischen Vertretern beider Vorstände stattgefunden, die eine Verständigung durchaus möglich erscheinen lassen. Um dieser Verständigung völlig die Wege zu ebnen, müssen wir unserer Auf» fassung dahin Ausdruck geben, daß wir, wenn auch schweren Herzens, dem Verhandluiyzsangcbot der Kasseuvorstände, dem Kompromiß, zustimmen. In der Debatte erklärten sich wohl einige Redner mit den Abmachungen und der Stellung des Vorstandes einverstanden. andere aber gaben der Unzufriedenheit ihrer Kollegen Ausdruck und übten Kritik an den Abmachungen. Die Gehaltszulage hätte mindestens 150 M., vorgesehen sind 100 M., betragen müssen. Der Vorstand hätte zu viele der wichtigsten Forderungen fallen lassen. Bei örtlichen Verhandlungen wäre vielleicht mehr erreicht worden. Referent Giebel erklärte im Schlußwort, die Abmachungen würden besonders den Kollegen in den kleineren Orten schöne Ver- besserungen bringen. Den Kollegen in den großen Städten bliebe es unbenommen, für weitere Verbesserungen einzutreten. Vor allem gelte es, den Tarif zu retten, um nicht eine tariflose Zeit herbeizuführen. Im Jahre 1913 solle eine weitere Aenderung der Vertragsbestimmungen vorgenommen werden. Das Ergebnis der Beratung ist, daß der Vorstand beauftragt wird, im Sinne der bisherigen Abmachungen weitere VerHand. lungen mit dem Vorstände des Zentralverbandcs der Ortskranken. lassen zu führen. Bevor der Abschluß aber perfekt wird, soll den Mitgliedern Gelegenheit zur Meinungsäußerung gegeben werden. Dann hielt Redakteur L eh m a n n- Berlin ein Referat über: „Die sozialpolitische Gesetzgebung und die Bureauangestellten". Die Grundgedanken seiner Aus- führungen und die sozialpolitischen Forderungen der Bureauangc- stellten sind in einer vom Referenten vorgelegten Resolution niedergelegt, in der es heißt: Der 2. Verbandstag des Verbandes der Bureauangestellten Deutschlands wiederholt mit allem Nachdruck die seit 15 Jahren erhobenen Forderungen nach einer rechtlichen Regelung der Be- rufsverhältnisie der Bureauangestellten. Er fordert insbesondere zunächst die schleunigste rechtliche Gleichstellung mit den Hand- lungsgchilfen und weiterhin einen gründlichen und umfassenden Ausbau des ArbeitsvertragsrcchteS wie der Schutzgesstzgcbuug für die Angestellten überhaupt mit dem Ziele eines einheitlichen Privatangcstellten- und Arbeitsrechtes..... Der dem Reichstage vorliegende Entwurf eines Versichc- rungsgcsetzes für Angestellte ist in der vorliegenden Form schon mit Rücksicht auf die Zulassung von Ersatzkassen unannehmbar. Der Entwurf bedarf einer gründlichen und grundsätzlichen Um» arbeitung. Sollte die erneute Zersplitterung der Sozialvcrsichc» rung durch Schaffung einer Sonderversicherung für die Privat- angestellten nicht zu verhindern sein, so muß sich das Gesetz zum mindesten auf den gleichen Grundsätzen von Leistung und Gegenleistung aufbauen, wie die Reichsversichcrungsordmiug.... Der Verbandstag betont jedoch ausdrücklich, daß ein Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung die Berufsgenossen nicht der zwingenden Notwendigkeit enthebt, weit energischer noch als bis» her, den Kampf um die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, insbesondere der Erhöhung des Arbeitsverdienstes, zu führen.... Die Fortführung der Sozialreform, wie eine Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse wird nur erfolgen, wenn die Angestellten sich ihrer Klassenlage bewußt werden. Standes- dünkel und StandeSegoismus haben zu einer tiefgehenden Zcr» klüftung der Privatangestclltenbewegung geführt und sie dadurch zur Machtlosigkeit gegenüber den gesetzgebenden Faktoren wie dem Unternehmertum verurteilt. Die neuerlichen Versuche einer weiteren Zersplitterung der Angestelltenbewcgung erheischt eine um so festere Waffenbrüderschaft aller freigewerkschaftlichcn Privatangestelltenorganisationen, um den Gedanken der gcwerk- fchaftlichen Solidarität aller arbeitenden Schichten in um- fassendster Weise in alle Kreise der Privatangcstellten zu tragen. Nach einer kurzen zustimmenden Debatte wird die Resolutian einstimmig angenommen. Hus der parte!» Aus den Organisationen. Zum Parteitag haben in der vorigen Woche die einzelnen Distrikte des dritten Hamburger Wahlkreises, der sechs Delegierte nach Jena entsenden wird, Stellung genommen. sucht: zerkleinertes Glas und Marmor, kleine Kiefernzapfen, Sand, Eisenspäne, jedoch als bestes Mittel trockene Erbsen und Bohnen gefunden. Ein metallenes Rohr mit diesen Früchten gefüllt, erwieS sich als vollkommener akustischer Filter. Wenn somit prinzipiell betrachtet die Erfindung daS größte Interesse beanspruchen darf, so steht sie jedoch technisch durchaus nicht auf der Höhe. Ein Rohr von 18 Meter Länge läßt sich nicht gut irgendwo anders als in einem physikalischen Laboratorium unter» bringe». Zwar hofft man, ein Scblangerohr konstniieren zu können, das sich bequem am Apparat anbringen läßt. Wird die Erfindung soweit gebracht, so wird sie zweifellos auch andere Vcrwendungs- Möglichkeiten finden. Notizen. — Der Berliner Universitätsgarten im Kastanien- Wäldchen, der sich bisher dank der Fürsorge des Prof. SchwendenerS erhalten hatte, soll nach Dahlem verlegt werden. Der Nachfolger SchwendenerS. Prof. Haberlandt, hat dieser Aenderung, die Raum für eine Universitätserweiterung schafft, zugestimmt. So wird Dahlem immer mehr wissenschaftliche Zentrale. Verschiedene Samm- lungen, darunter die völkerkundliche, sollen bekanntlich mit der Zeit auch nach Dahlem verlegt werden. — K n n st ch r o n i k. Eine Glasmalerei-AuSstelluug veranstaltet im September der Künstlerbund für Glasmalerei und Glasmosaik bei Keller u. Reiner. — Ein menschenfreundliches Verbot. Seit einigen Jahren ist in Preußen ein Festspielrummel ausgebrochen, der all» mählich gemeingefährlich wurde. Es gab kaum noch ein.historisches Ereignis" und einen„historischen Platz", der nicht durch ein historisches Festspiel gefeiert wurde. Das ganze artete in einen fürchterlichen Byzantinismus und ebenso furchtbaren Dilettantismus aus. Die Hohenzollern inußten natürlich am meisten dabei her- halten. Wilhelm II. hat nun, anknüpfend an einen bestimmten Fall, die Absicht ausgesprochen, dos Austreten von Mitgliedern seines Hauses in solchen Theateraufführungcn nicht mehr zn gestatten. Da die ernsthafte Literatur davon kaum betroffen wird, ist dieses Verbot durchaus erfreulich. — Der Staatssekretär als Bücherfreund. Wie der.Zwiebelfisch", diese vortreffliche kleine München« Zeitschrift für Vuchkultur und Verwandtes, zu melden weiß, hat einer unserer Staatssekretäre das Erstlingswerk eines jungen Schriftstellers, des Herrn Hans v. Hülsen aufgekauft. Das Werk ist ein Beamten-- roman und heißt„Das aufsteigende Leben". Der Herr Staatssekretär fühlte sich in der Gestalt des strebsamen Helden abkonterfeit; die Karriere dieses Ministers wollte ihm wie seine eigene vorkommen, das Schicksal von dessen deklassierten Söhnen als das seiner eigenen Söhne, die Schilderung einer wenig ruhmvollen Demission wie das Medusenhaupt seiner eigenen Zukunft. So versichert der„Ziviebelfisch" und macht sich über die Ex» zellenz lustig, die durch ihr Vorgehen gerade die Aufmerksamkeit auf da» Buch und«•> sich lenkt. Im Distrikt Eilbeck berkrai Wenosss Metz'gtr. Verlreler beZ Wahlkreises im Reichstage, die Meinung, man solle die sogenannten Fortschrittlcr, weil unsichere Kantonisten, bei den Stichwahlen ihrem Schicksale überlassen. Um die Schlagfcrtigleit der Partei, die in de» letzten Jahren gelitten, auf die Hohe zu bringen, emp- fehle sich die Einsetzung eines besoldeten Vorsitzenden. Redner bedauerte, daß der Fraktionsbericht noch nicht er- schienen ist. Wäre dies der Fall gewesen, dann würden sich viele Genossen die Stellungnahme der Fraktion zur Neichsversicherungs- ordnung und zur Verfassung von Elsaß-Lothringen erklären können und manche Diskussion� hierüber wäre überflüssig. Gegen die Anregung des Genossen«choerten, über die Frage der Taktik bei den Reichstagswahlcn in einer geschlossenen Parteitags- sitzung zu verhandeln, wendete sich Genosse Metzger, der von dem bisherigen Brauch nicht abgewichen wissen will. Fragen wie die der Siichwahlen müßten dem Parteivorstande zur Erlvägung oder zur Ausführung überwiesen werden.— Im Distrikt U h l c n- hör st kritisierte Genosse H o f f m a n n das Verhalten von Gc- nossen, die gegen den Nürnberger Parteitagsbeschluß, betreffend die Abführung des TagelohneS in den Maifeierfonds, verstoßen haben und erklärte sich gegen die von Leipzig beantragte Aenderung dieses Beschlusses.— In« Distrikt Barmbeck wünschte Genosse Biedermann, daß der Parteitag von der Fraktion Aufklärung verlangt, ob an dem Verschlafen der«Lex Wagner" durch den ganzen Reichstag auch unsere Abgeordneten beteiligt seien. Genosse H e n s e. Gewerkschaftssekretär, vermißt die agitatorische Aus- schlachtung deS Maroktorummels; man hätte sicher volle Versamm- Jungen bekommen. Es gelangten diese Anträge zur Annahme: 1. Wir ersuchen den Parteivorstand, seinen Einfluß auf den .,Vorwärts"-Berlag und die übrigen Partewerlage dahin geltend zu machen, daß den BildungSausschüssen für Unterhaltungszwecke die Verlagsschriften mit einem möglichst hohen Rabatt ge- liefert werden, ähnlich wie der Verlag Dietz in Stuttgart seine Schriften mit 60 Proz. abgibt. L. Wir ersuchen den Partcivorstand, die Parteivorlage da- hin zu beeinflussen, daß eine Sammlung billiger Monographien ouZ den Gesellschaftswissenschaften herausgegeben werde, ähnlich der Sammlung Göschen,„Auö Natur und GeisteSwelt".„Wissenschaft und Bildung". Im Distrikt Eimsbüttel führte der Landessekretär Stubbe u. a. aus: Beim Punkt„Neichstagswahlen" wird der Parteitag manche wichtige Frage zu besprechen haben. Die Partei wird die Aufgabe haben, alle verfügbaren Agitationskräfte festzu- stellen, um ste zu jeder Zeit und Stunde den verschiedenen Wahl- kreisen zuzuteilen. Auch würde es vielleicht ratsam sein, in einer geschlossenen Sitzung zur ReichStagßwahl Stellung zu nehmen, wenn auch die Gegner darüber spektakeln würden. Es würde wohl noch richtiger sein, wenn später eine vertrauliche Sitzung der Agitationsleiter stattfinden würde, um über die Wahlagitation nähere Aussprache stattfinden zu lassen. Es sei zu verurteilen, daß bei der Beratung der Strafgesetznovclle, namentlich bei der Abstimmung des PreßknebelungSparagraphen lBeleidigung durch die Presse) ein Teil unserer Genossen fehlten. Den Abgeordneten müsse gesagt werden, daß sie ihre Pflicht zu er- füllen hätten. Was das Bildungswesen anlangt, so mutz über die Parteischule geredet werden. Wir Hamburger haben bis- lang wenig Nutzen von derselben gehabt. Auch die Besetzung der Vorstandsämter müsse einer Aenderung unterzogen werden. Eine so große Partei, wie die unsrige, müsse einen Vorsitzenden haben, der im Parteibureau tätig sei. Auch müsse der Vorstand durch mehrere Sekretäre ergänzt werden, zumal viele jetzige Vorstands- Mitglieder durch Reichstags- und Stadtverordnetenmandate zu sehr in Anspruch genommen würden. Ein Antrag Dreher der- langte«ine Abänderung de? Nürnberger Beschlusses betreffs Ab- führung des TageSlohncs, der aber gegen zwei Stimmen abgelehnt wurde. » Die Kreiskonferenz für den ersten braun- schweigischen Wahlkreis fand am Sonntag in Braun- schweig statt. Das verflossene Geschäftsjahr stand im Zeichen des Wahlrechtskampfes um den braunschweigischen Landtag. Der Wahlrechtskampf wurde in Versammlungen und in Straßenkundgebungen geführt. Auch gegen die Rcichsver- slcherungsordnung wurde in mehreren Versammlungen Stellung genommen. An dem Maiausflug nahmen 5000 Personen teil. Aus diesem Grunde wurden 2000 Metallarbeiter eine Woche lang ausgesperrt.— Am Schlüsse des Geschäftsjahres hatte die Kreisorgamsation 9946 Mitglieder, darunter 1667 weibliche. Braunschwcig allein hat 6793 männliche und 1398 weibliche Mit- glieder. Die Zahl der„Volksfreund"-Leser beträgt rund 19 000 im Kreise. Die„Neue Zeit" wird in 100 Exemplaren gelesen. Von der„Gleichheit" werden 3V0 Exemplare in der Stadt Braunschweig verbreitet, der„Wahre Jakob" in LSVg Exemplaren. Für die Landbevölkerung wird eine besondere Zeitung,„Empor", gedruckt, die allmonatlich erscheint und in den letzten Monaten in einer Auflage von 9000 verbreitet wurde.— Flugblätter wurden im ganzen zu den verschiedensten Fragen(Wahlrechtlkampf, Moabit, Eiemeinderatswahlen, Reichsversicherungsordnung) etwa 120000 Exemplare verbreitet. Die Zahl der Gemeinderatsmitglieder be- trägt im Kreise 59; davon haben 24 Landgemeinden 48 Vertreter. In Braunschweig zählt die Fraktion 8 Mitglieder. Eine sozialistische Mehrheit ist trotz der Dreiklassenwahl in dem kleinen Harzurt Zorge vorhanden(v: 4). Durch Polizei und Staatsanwalt hat die hiesige Arbeiterbewegung ungeheuer viel zu leiden. Die Urteile der Roßmann-Kammer über die Redakteure des„Volksfreund" sind bekannt.— Reichs tagskandidat für den KreiS ist der Genosse Schriftsteller Wilhelm Blos-Sluttgart. Die sozialdemokratische Partei im Großher- z o g t u m Hessen hat sich nach dem Bericht des Landessekrctärs. Genossen Orb- Offenbach, im abgelaufenen Geschäftsjahr sehr gut entwickelt. Die Zahl der Parteimitglieder beträgt 19 893(darunter 1520 weibliche), der Abonnentenstand der Parteipresse hat sich von 25 464 auf 3l 150 gesteigert. Die Zabl der verkauften Marken (Preis mindesten, 15 Pf.) ist von 304 340 auf 355 000, also um zirka 50 000 gestiegen. Die Zahl der Organisationen hat sich von 203 auf 239 vermehrt. Die im abgelaufenen Berichtsjahr statt- gehabten Kommunalwahlen waren so erfolgreich, daß die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter von 305 in 94 Orten auf 486 in 156 Orten anwuchs. In 250 Orten sind die Parteigenossen mit eigenen Kandidaten in den Kommunalwahlkampf eingetreten. Oeffentliche Versammlungen fanden insgesamt 858 statt, und 29 verschiedene Flugblätter wurden in 386 760 Exemplaren ins Land getragen. Auch die BildungSbestrebungen haben sich erfreulich weiter entwickelt, es bestehen im Lande 27 Bildungsausschüsse und 22 In- gendausschüssc. Die Partei in Hessen kann also guten Mutes den ihr bevorstehenden heißen Wahltämpfcn entgegensehen. Die Land- tagswahl, die zum ersten Male unter dem neuen direkten, aber durch Kautelen aller Art verschlechterten Wahlrecht vor sich geht, findet am 3. November statt. Die Landeskonferenz der sozialdemokrali- schen Partei tagt am 26. und 27. August in Worms. Der Sozialdemokratische Verein für den Wahl. kreis Nürnberg-Altdorf hat soeben seinen gedruckten Jahresbericht herausgegeben, der wiederum ein erfreuliches Bild über die EntWickelung der Parteiorganisation gibt. Während am Schlüsse des letzten Geschäftsjahres 15 809 Mitglieder gezahlt wur- den, beträgt die Mitgliederzahl nunmehr 18 440. hat also um 2631 zugenommen. Die Zahl der weiblichen Mitglieder beträgt 1470, welche in obiger Gesamtzahl enthalten sind. Betträge wurden ae- leistet: 177 855 männliche und 13 952 weibliche, insgesamt also 191 807 Beiträge, gegen 175 097 im Vorjahr. Der Monatsbeitrag beträgt 35 Pf. für männliche und 25 Ps. für weibliche Mitglieder. Ter Kassenbericht schließt ab in Einnahme und Ausgabe mit 86 679.94 M., einschließlich eines Bestände« von 29 719,06 M. Ab. geliefert wurden an die einzelnen Parteiinstanzen: Parteivorstand 18 147,45 M,, Gaukasse 10116,15 M., LandeSkasse 3 836,14 M,. in Summa 27 099,74 M. Tie VersarnmlungStätigkeik kvar eine sehr rege. Insgesamt haben 328 Volts- und Bczirksversammlungen stattgefunden. Zur Verteilung gelangten 120 000 Flugblätter und 36 000 Broschüren. Die Parteipresse, die„Fränkische Tagespost", wird im Wahlkreise in 22 000 Exemplaren gelesen. Abonnenten der„Neuen Zeit" sind 180, der„Gleichheit" 110, des„Wahren Salub" 2400 vorhanden. An Kalendern wurden abgesetzt„Neuer Weltialender" 2500,„Armer Konrad" 7100 Stück. Zur Erledigung der Vcrwaltungsgeschäfte haben stattgesunden: 11 Vorstandssitzun- gc», 8 Ausschußsitzungea, eine lombinierte Sitzung des Vorstandes mit der Preßkommission, sowie eine kombinierte Sitzung des Por- >eiauö>chusscs mit den Delegierten der Vereinigten Gewerkschaften. Generalversammlungen machten sich 10 notwendig. Vorstehende Zahlen gewinnen an Interesse, wenn man einige Zahlen aus früheren Jahren gegenüber stellt,«-o betrug z. B. die Mitgliederzahl im Jahre 1902 insgesamt 5006, 1906 vor der Auf- lösung des Reichstages 8073. Di« Mitgliederzahl hat sich also innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren mehr wie verdoppelt innerhalb 9 Jahren mehr wie verdreifacht. Eue Induftnc und Ftandet Das M. d. R. als Aufsichtsratsmitglied. Beinahe komisch mutet eZ an: der Antisemit und Reichstags- abgeordnete Raab stürmt»nd verlangt Opfer, und das Opfer ist— der nationalliberale.Voltsvertreter" Stresemann. Dem neuesten Aufsichtsratsskandal liegt folgendes zugrunde: Haben da etliche Leute 50 000 M. zusammengeschossen und eine Mäste- und Hebezeuggesellschaft G. m. b. H. gegründet. Aber sie wollen höher hinaus, eine Aktiengesellschaft mit 2Vz Millionen Mark erstehen lassen. Bei Gründungen, die in irgend einer Hinsicht fragwürdig sind, ist die B i l d u» g d e S A u f f i ch t S r a t e» die Hauptsache. Das AufsichtSratSratSsYstem zeichnet sich dadurch auS. daß es in seiner heutigen Form so gut wie be- deutungslos, also überflüssig ist. Trotzdem sind an Tantiemen für solche Posten im Jahre 1910 über 60 Millionen Mark ausgegeben worden. Die Mäste- und Hedezengfabrik Akt.- Ges.. „Komet" nennt sie sich, spekuliert nun darauf, recht viele M. d. R. In ihren Aufsichtsrat zu bekommen, indem sie einfach ein Zirkular an die in Frage kommenden„Volksvertreter" schickt. DaS zeugt von tüchtigem Geschäftssinn. ES wird nämlich damit gerechnet, daß die Militärbehörde Abnehmerin ihrer Mäste wird. Die Gesell- schaftSleitung rechnet ihren zukünftigen M. d. R.-AufstchtSräten vor, daß die Unkosten pro Mast 300—750 M. ausmachen, der zu zahlende Preis aber immer 900—2500 M. betragen soll. Also ein feines Geschäft, rund 200 Proz. Rohgewinn in jedem Falle! Die ganze bürgerliche Handelspresse, mit Einschluß deS.Ber- liner Tageblatt»»", schimpft über diese gefährliche Engagierung von Volksvertretern für ein Geschäft, bei dem eventuell EtaatSaufträge in Betracht kommen. Warum so zimperlich l Haben wir nicht unter den M. d. R. Leute, die die Aufsichtsratsmandate dutzendweise besitzen? Fragt doch den Paasche, oder den Liebert usw., wieviel Gesellschaften sie.beaufsichtigen' helfen. Oder hat man ganz vergessen, wie die SpirituSzentrale ihren Direktor Kreth bei den Beratungen de, BranntweinsteuergesetzeS so gut verwertet«? Also nur nicht so schüchtern! Politik und Geschäft ist im Deutschen Reichstage schon so oft verknüpft gewesen, ist es heute noch, und wird es vorläufig wohl auch noch bleiben, daß eS sich wirklich nicht lohnt, wegen einiger M. d. R.-Aussichtsräte bei einer anrüchigen Sache Zeter und Mordio zu schreien. Warum soll gerade bei solchen Herren, bei denen da» ganze RcichStagSmandat im Grunde genommen nichts weiter ist als ein Geschäft, der private Nebenverdienst ausgeschlossen sein? DieS wird erst anders, wenn auch auS dem Deutschen Reichstage eine wirlliche und unabhängige Volksvertretung geworden ist. Die Zuverlässigkeit der AusienhandelSstatistik. Etwa» besser ist eS ja in der letzten Zeit mit der deutschen Außenhandelsstatistik geworden. Aber die berechtigten Wünsche nach Genauigkeit sind leider noch immer nicht erfüllt. Bis vor noch nicht allzulange gab eS«ine spezifizierte Werlstatistik de» deutschen Außenhandels überhaupt nicht. DaS ist jetzt allerdings anders ge- worden, seitdem allmonatlich Spezialhandcltabellen veröffentlicht werden, in denen mpn wenigstens einige Positionen dem Werte nach angibt. Die.LierteljahrSheft« zur Statistik de« Deutschen Reiche«' und die.Monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel Deutschland," genügen auch»och lange nicht, besonders wa» die VergleichSzissern angeht. ES ist jedenfalls durchaus unberechtigt, nach einem Plus oder Minus der Außeiihandelsstaüstik gleich die Koujunlmr beurteilen zu wollen. Denn wenn auch der Gesamtwert einer Position angegeben wird, so fehlen doch immer noch die Exportpreift- au« deuen mau erst den richtigen Schluß auf die Gestaliung der Wirtschaftslage ziehen kann. Die Veröffentlichung der Ein- und AuSfuhrziffern einiger wich- tiger Waren, wie sie allmonatlich im.Deutschen ReichSauzeiger" er- scheinen, ist, weil dort nur die Quantität angegeben wird, von keine>u besonderen Werte. Man lann weiter nichts machen, als da« Mehr oder Weniger in den«in- oder ausgeführten Mengen zu registrieren. ohne auch nur eine Ahnung zu haben, ob damit ein Vorteil oder ein Nachteil für die betreffenden Exportindustrien verbunden ist. Hinzu kommt, daß die Ziffern noch nicht einmal immer zuverlässig find, weil keine einheitliche Organisation besteht und man vor allen Dingen eine Reibe von Ländern auS der Betrachtung ausschließt, die als Durchgangsländer zu berücksichtigen wären. So geht zum Beispiel eine große Menge von Waren, die für Deutschland bestimmt find, durch Belgien und durch die Niederlande, ohne daß die deutsch««ußenbandelSstaiistit davon Notiz nimmt. Such müßte berücksichtigt werden, daß die OuantitätSbcrechnungen bei verschiedenen Ländern verschieden sind, woraus sich erst erklärt, weshalb manchmal die deutsche Export- statistik nach den Vereinigten Staaten mit der amerikanischen Import- statistik aus Deutschland absolut nicht übereinstimmt. Auch kann man auS der Statistik natürlich die Motive de» Export« oder de« Imports ganz und gar nicht erkennen. E« ist zum Beispiel sehr leicht denkbar, daß der Deutsche Stahlwerlsverband in einem Monat die Ausfuhr sehr forciert, weil die WeltmarkiSkonkurrenz ihn zu schädigen broht oder weil im Inneren die Konjunktur so schlecht«st, daß er den ver- tust durch eine verstärkte Ausiuhr wieder ersetze» muß. Die Börsen lassen sich aber in solchen Fällen leicht von den Ziffern blenden. ohne zu bedenken, doß die Ausfuhr nur der Teil eines Ganzen ist und daß man Konjunktururteile nicht fällen kann, wenn man die Gründe nicht kennt. Ei» anderer Fall ist zum Beispiel der. daß die Ausfuhr einer unserer Industrien nach einem Lande plötzlich außerordentlich steigt, weil diese Industrie sich eine neue Absatzgelegenheit suchen muß. So war eS zum Beispiel mit der Deutschen Porzellanindustrie, deren Exportansfall im Verkehr nur den Vereinigten Staaten die Gesellschaften zwang, sich nach andere» Ablatzgegenden umzusehen. Auch gibt die Außenhandelsstatistik insofern ein ganz falsches Bild, als darin der finanzielle Verkehr nicht berücksichtigt wird.� Wenn die Einfuhr eines Landes einmal gegen die Ausfuhr zurückbleibt, so kann die Zahlungsbilanz in der Zeit sich doch sehr günstig gestaltet haben. Es ist daher ganz und gar verfehlt, auf Grund derartiger AußenhandelSrückgänge zu behaupten, die Konkurrenzposition eine« Landes innerhalb der Weltwirtschaft sei ungünstiger geworden. Man sieht, die Aufstellung einer zuverlässigen AußenhandelSstatistil ist nicht so einfach, wie die Zahlen uuS glauben machen wollen. Mit der Statistik ist es überhaupt so eine eigene Sache. Herr Adam Riese wird manchmal sehr klein, wenn man hinter die Kulissen sieht. Soziales. Sonntagsarbeit für Schauspielek. Für Schauspieler, Solo- und Chorsänger gibt e« keinen freien Sonntagvormittag. Daß dies Rechtens und ein Abzug von je 5 M. wegen Nichterscheinen zur Probe während der Kirchenzeit berechtigt ist, ist jüngst vom Landgericht in einem gegen den Theaterdirektor Kommissionsrat OSkar Lange geführten Prozeß entschieden worden. Das Urteil hält seine Bezugnahme auf die sogenannte Verfrom- mungsordnung für nicht zutreffend, weil diese Oderpräsidialver- ordnung nur öffentlich bemerkbare Arbeiten im Auge hat. Eins Verordnung ähnlich wie die in Schlesien vom 6. März 1906, die „theatralische Vorführungen einschließlich der Proben dazu an Sonntagen während des Hauptgottesdienstes" mit Geldstrafen bis zu 60 M. bedroht, fehlt in Hannover. Soweit etwa die mit 5 M. wegen Fehlens bei der Sonntagsprobe bestraften Chorsänger weniger als 1500 M. jährlich bis zum Tage des Lohnabzuges der- dient hatten, war der Abzug rechtswidrig, weil das Lohnbeschlag. nahmegesetz und 8 394 des Bürgerlichen Gesetzbuchs solche Abzug» vom Lohn auch Schauspielern und Chorsängern gegenüber ver- bieten. In dem Prozeß scheint die Gehaltshöhe nicht herangezogen zu sein. Aber auch bei höheren Löhnen ist die Ansehung von Proben auf den Sonntagdormittag— das hat das Landgericht übersehen— unverbindlich, weil ein Zwang zu solchen Chorproben am Sonntagvormittag den guten Sitten widerspricht. Aber liege juristisch die Frage der Sonntagsproben wie sie wolle: es ist sozial ungeheuerlich, daß die Schauspieler und Sänger zu Sonntagsproben gezwungen werden können. Es wäre das un- möglich, wenn der sozialdemokratischen Anregung bereits in den Jahren 1877, 1380, 1892 und später wiederholt gefolgt worden wäre, die Arbeiterschutzbestimmungen auf alle Arbeiter, auch auf die in Theaterunternehmungen Beschäftigten, auszudehnen. Daß die Abhaltung von Proben an Sontagen eine vermeidbare, schwere soziale Last für Schauspieler und Sänger ist. hat der Bühnenverein im Jahre 1905 anerkannt. Damals berichtete er an den Reichs- kanzler:.Proben zur Zeit de» Gottesdienstes dürfen nicht statt- finden und finden auch tatsächlich nicht statt." Man hätte er- warten sollen, daß nunmehr, wo durch den Prozeß gegen Lange daS tatsächliche Stattfinden solcher Proben festgestellt ist, der Bühnenverein sich gegen die Sonntagsproben des Direktors Lange wendet. Aber weit gefehlt I Er bescheinigt das gesetzwidrig«, zum mindesten unsoziale Verhalten des KommissionSratS. indem fein amtliches Organ verriet, es habe Lange„notgedrungen einige Sonntagiprobcn angesagt". Wie es in Wahrheit aussieht, zeigt di« Nr. 566 der PerbandSzeitung des Allgemeinen deutschen Chor- sängerverbandeS. Dort wird der Proben- und Spielplan des Direktors Lange aus der Spielzeit Ende September bis 9. April 1910/11 veröffentlicht. Daraus ergibt sich, daß der KommissionS. rat OSkar Lange«llssnntäglich eine Nachmittag- und Abendvor- stellung gab und jeden Sonntag, mit Ausnahme des 26. März, um S Uhr vormittags Proben für andere Stücke abhielt. ES ist an der Zeit, daß die Schauspieler und Sänger sich ihrer Organisation anschließen, um durch diese die paar Schutzvestim. mungen zu erreichen, die die Arbeiterklasse für gewerbliche Arbeiter und Handelsangestellte errungen hat. Die Schauspieler und Sänger sollten nicht darauf vertrauen, daß in Bälde ein Reichs- theatergesetz in Kraft tritt. Ter Reichstag hat zwar am 18. Fe. bruar 1909 einstimmig ein solches Gesetz gefordert. Indes ist das ReichSamt deS Innern noch nicht über die allerersten Ansänge zur Ausarbeitung eines Entwurf» hinaus. Hätte man die sozialdemo- kratischen Anträge angenommen, so wäre daS Theaterpersonal nicht mehr völlig schutzlos._ Durchführung der Unfallverhütungsvorschriften. Die vom ReichSversicherungsamt herausgegebene Zusammen» stellung der Jahresberichte der gewerblichen Berussgenossenschasten über die Durchführung der UnfallverhütungSvorschrlften für daS Jahr 1910 ist soeben veröffentlicht worden. Bei der Bearbeitung ist auf weitere Ermäßigung deS Bezugspreise« Bedacht genommen. ES sind deshalb wie im Vorjahre im Texte und im Tabellenwerk der Berichte Kürzungen vorgenommen, di? aber das Gesamtbild nicht beeinträchtigen. DaS mit zusammenfassenden Tabellen über die UeberwachungS- tätigleit der einzelnen technischen AufsichtSbeamten und über die Handhabung der Strafbefugnis gemäß§ 112 Absatz 1 Ziffer 1 de» GewerbeunsallversicherungSgesetzeS ausgestattete Werk, dem ein ausführliches Sachregister beigegeben ist, ist als 2. Beiheft zu den Amtlichen Nachrichten des ReichSversicherungSamtS 1911 bei Behrend u. Co. in Berlin IV. 64 erschienen. AuS der besten der Welten. Ein in Förste bei Osterode im Harz wohnhafter Maurer hat trotz aller Bemühungen am 1. Juli keine Wohnung finden können. weil niemand die starke Familie im Hause haben will, denn der Mann hat 7 Kinder. Run haust die Familie schon seit 5 Wochen In einer Scheune. Auch den Bemühungen deS Gemeindevorstehers und des LandratS ist eS nicht gelungen, der Familie eine Wohnung >u beschaffen. Da die Frau ihrer Niederkunft entgegensieht, ist sie in das Göttinger EntbindungSinstitut gebracht worden. Der Privatbesitz an dem Grund und Boden führt zu solchen Ungeheuerlichkeiten._ Engelmachcrei. In dem sich an Göttingen anschließenden Vororte Weende ist man einem der Engelmacherei gleichenden Treiben auf die Spur gekommen. Dort ließ sich die geschiedene Frau eines Arztes nieder, ivg Diakonissenkleider an. nannte sich„Schwester" und erbot sich, lteugeborene in Pslege zu nehmen. Ohne die erforderliche behördliche Erlaubnis zum Halten von Pslegikindern einzuholen, nabm ie Säuglinge in Pslege. deren Zahl schließlich auf neun anwuchs. Jede Woche starb ein Kind. Das Standesamt wurde schließlich rutzig und veranlahte polizeiliche Ermittelungen. Da stellte man fest, daß die Kinder ihrer mehrere quer in Betten für Erwachsene lagen, sie kamen fast gar nicht an die Luft, denn die„Schwester" nahm auch Krankenpflege an und war manchmal tage, und nächte- lang nicht zu Hause I Tie Ermittelungen erstreckten sich auch auf den Milchverbrauch für drei Erlvachsene(ein sogenannter„möblierter Herr" teilte auch Wohnung und Kost), neun Säuglinne und das eigene dreijährige Kind der„Schwester". Da«, was die Polizei ermittelte, war derart, daß di« inzwischen von der„Schwester" nachgesuchte Erlaubnis zum Halten von Ziehkindern verweigert, die gemeingefährliche„Säuglingsfiirsorgestelle" geschlossen und die Säuglinge anderweit untergebracht wurden.>— Die„Schwester" plant nunmehr, in irgendeiner Großstadt eine Anstalt zu eröffnen. wo Damen in diskreten Angelegenheiten Unterkunft finden können. Hoffentlich wird ihr das Handwerk gelegt. Eue der frauenbenegung. Die Fran und die Politik! Die politische und soziale Stellung der Frau kann in jedem Lande als Gradmesser der Kulturstufe eines Staatswesens angesehen werden. Hier zu Lande wird die Frau als Unmündige bebandclt. Sie ist politisch rechtlos, sozial benachteiligt, sie wird alS Mensch zweiten GradeS angesehen. Die lapitalisiische Produktionsweise geht ihr« eigenen profitgierigen Wege, und die Frau gilt ihr, noch mehr als der Mann, als AuSbeutungSobjefi. Und während die heutige Re» fiicmnflSiBeife die Frau politisch rechtlos machte bürdet man ihr die- selben Pflichten wie dem vollberechtigten Staatsbürger auf. Sie hat dem Staate direkte und indirekte Steuern zu entrichten. Das Strafgesetz trifft sie mit der gleichen Härte wie den Mann und noch mehr: sie hat die zu- künftige Generation zu gebären und dem Staate ihre Söhne zu Militärzwcckeii herzugeben. In einer Schrift von Luise Zietz:.Die Frauen und der politische Kampf'(herausgegeben vom Partei- Vorstand, Buchhandlung Vorwärts) werden diese Dinge ins rechte Licht gestellt. In wie hohem Matze die Frau an der Herstellung der Kulturerzeugnisse, als Hand- oder Kopfarbeiterin beteiligt ist, zeigen UNS die statistischen Ergebnisse der Berufs- und Gewerbezählungen. Bei der ersten Zählung in Deutschland im Jahre 1882 wurden L 541 S17 weibliche Erwerbstätige gezählt, im Jahre 13S5 stieg die Zahl auf 6 578 SSV und im Jahre IlW? sogar auf 9 492 881. In den inzwischen verfloffenen vier Jahren sind weitere Zu- nahmen zu verzeichnen. Nach dem Ergebnis von 1997 gab es sodann 131 988 Frauen, die Jndustriearbeiterinnen, Landarbeiterinnen, Haus- frauen und— Mütter waren. Während es 1895 erst 17 Berufe mit überwiegend weiblichen Personen gab, zählte man deren 1997 bereits 28. Darunter 29 Be- rufe mit mehr als 29 999 erwerbenden Frauen. In zwei Berufsgruppen sind je über 599 999, in zwei weiteren Über 199 999, und in zwei je 79 999 Frauen tätig. Die Zahl' der im Hauptberuf tätigen Frauen betrug 1997 26.4 Proz. aller weiblichen Personen, gegenüber 18,5 Proz. im Jahre 1882. Die Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit zeigt sich auf allen Gebieten, autzer bei den weiblichen Dienstboten, was schlietzlich als ein Zeichen des erwachten Persönlichkeitsbewutztseins bei der Frau und ihrer Sehnsncht nach Freiheit und Selbständigkeit zu be- trachten ist. Während die ländliche Bevölkerung von 13,5 auf 17,7 zurückging, stieg die Zahl der weiblichen Erwerberinnen auf dem Land- von 2 979 195 im Jahre 1895 auf 4 598 936 sm Jahre 1997. Also auch hier ein kolossales Anwachsen der weiblichen Erwerbs- arbeit. 2 198 924 weibliche Erwerbende beschäftigte 1997 die In- dustrie, 931 373 der Handel und Berkehr. 1249 883(1895: 1393957) waren als Dienstboten und 28 833 in höheren Berufen tätig. Fast 4 Millionen(3 799 359) von den im Hauptberuf tätigen Frauen waren verheiratet oder verheiratet gewesen. Die Verfasserin fuhrt weiter aus:.ES ist also nicht nur das junge Mädchen, dessen Arbeitskraft im Haushalt allenfalls entbehrlich ist, das von der Erwerbsarbeit in erster Linie erfaßt wird, sondern die Not des LebenS treibt in immer größerer Anzahl gerade die Ehefrauen ebenfalls zum Miterwerben. Durch diese Tatsache wird eine alte Illusion gründlich zerstört, die in der Erwerbsarbeit der jungen Mädchen eine vorübergehende Erscheinung, ein Durchgangsstadium zur Ehe sah. Die Wirklichkeit lehrt vielmehr, datz in Familien mit zahlreichen Kindern, in denen also die häusliche und mütterliche Tätigkeit am wenigsten entbehrt werden kann, die Erwerbsarbeit der Ehefrau den unbedingt notwendigen Zuschuß zum LebenS- unterhalt liefert. Doch auch in den meisten anderen Fällen ist eS unerläßlich. Die Rot des LebenS, die innerhalb der Arbeiterklasse zur trei» Lenden Kraft für die Vermehrung der Frauenarbeit wird,»st eben eine sehr inanniafaltige. Niederes Einkommen des Manne« und Vater«, hohe Leoensmittelpreisc als Folge der Zoll- und Steuer- Politik, hohe Wohnungsmieten als Folge des Grund- und Boden- Wuchers, Krankheit oder Invalidität des Familienoberhauptes, Zeilen der Arbeit«- und Verdienstlosigkeit für den Mann, kurzum alle nieder- drückende»» Tendenzen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung treiben Frauen und Mädchen der Arbeiterlreise in die Erwerbs- arbeit und halten sie darin fest.— Neben den niederdrückeiiden Tendenzen des Kapitalismus ist es der kulturelle Aufstieg des Pro- letariais und die dadurch fühlbarer»verdenden inneren LebenSnöte der arbeiteten Schichten, die in der gleichen Richtung wirken: Die Sehn- sucht nach Bildung, nach einem reicheren geistigen Besitz, daS steigende SchöuheilS- und KunstbedürfmS in proletarischen Kreisen, der leb- haste Wunsch, den Kindern eine bessere Bildungsmöglichkeit zu erschließen, die wachsende Freude an der Natur, daS brennende Ver- langen nach etivaS mehr Lebenssreude,»ach einem reicheren Lebens- tnhalt, kurzum das Verlangen de« Proletariats nach einer größeren Bnteilnahnte an der»nateriellen und geistigen Kultur unserer Zeit. trägt gleichfalls zur Vermehrung der weiblichen Erwerbstätigen bei. Der Verdienst der weiblichen Angehörigen gestattet es der Proletarierfamilie in den meisten Fallen erst, in bescheidenem Matze diese Bedürfnisse zu befriedigen. WaS von den Angehörigen der berrschenden Klassen als verdammenSwerte Begehrlichkeit der Masten verunglimpft wird, die soimensehnsüchtigen Proletarier sehen darin Zeiche» erwachter Menschenwürde, fort- schreitender Kultur, und Taufende ihrer Frauen und Töchter nehmen deshalb die Last der Erlverbsarbeit aus ihre Schultern, um trotz kapitalistischer Ausbeutung die kulturelle Weitereutwickelung der ihrigen ein weniges zu fördern."— Durch die Erwerbsarbeit der Frau werde» für sie viele Frage» in de» Vordergrund geschoben. deren Lösung auf das politische Gebiet führt. Dadurch wird der politische Kampf sür die proletarische Frau zur Leben«- frage. Die auf allen Gebieten mangelnde Gefttzgebung zeigen der Arbeiterin und Arbeiterfrau klar die Notwendigkeit einer politischen Betätigung der Frau, um ihre und die Interessen ihrer Kreise geietz- geberisch wahrnehmen zu können. Die Regierung und die herrschenden Klassen letzen alles daran, die breite Masse der Bevölkerung auf einer niederen Kultur- und Bildungsstufe zu erhalten. Die weise» Männer der Regierung und Verwaltung sinnen förmlich darauf, welch Minimum von Weisheil sie i» der Volksschule verzapfen lassen sollen: die dümmsten Arbeiter find ihnen die liebsten. Aber die kapitalistische Produktionsiveise. die das Proletariat in der verwüstenden Loh»»« sklaverci lestzuhalten sucht, schafft Notlagen, die zu beseitigen die K, äste des einzelnen übersteigen. Hier kann nur der Zusaimnen» schlutz aller helfen, wobei wieder die Kraft und die Mitarbeit des einzelnen unbedingt erforderlich ist. Die Reichsrag-Zwahle» stehen vor der Türl Die Frau, die noch imnier nicht das Recht hat, ihre Stimme in die Wagschale zu werfen. mutz daher mit aller Leidenschaft um ihr wichtigste« Staatsbürger- rechi kämpfen. Die beinmenden Gitter der BereinSgesetze sind gefallen, nun mutz die Frau um die politischen Waffen ringen. Hunderttausend Proletarieriimen kämpfen Schulter an Schulter niit ihren männlichen Kloffengenossen um die Befreiung der Arbeiterklasse und Hundert« tansende müssen sich noch anschlietzen unter der Parole: Her mit dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für Mann und Frau!___ ES wird erwogen werden. Ruth Brä hat auf verschiedene Sin- gaben an den Minister deS Jniierii anlätzlich des Charlottenburger Aranlenhausprozesjet soeben folgendes Antwortschreiben erhalten: Berlin, den 1. Angust 1911. Ihre Eingaben vom 9. Aprik, 15., 16. und 29. Juni d. I.— betreffend Mittle i schütz— werden zum Gegenstand von Er- wägungeu gemacht werden. Im Auftrage (gez.) Dietrich. Wir fürchten, da« wird ein lange? Stadium der Vorbereitungen zu den Erwägungen, und dann für diese selbst ein noch längere« werden. Und waS dann herauskommt... wir wollen« abwarten. Versammlungen— Beranstaltungea. Mariendorf. Donnerstag. den 11. August, 8 Uhr bei Luca«, Nachfolger Paul. Königstr. 14. Gerichts-Zeitung DaS„Sümmelblnttchcn", da» bekannt« Gaunerspiel der Dauernfänger, spielte gestern wiederum seine Rolle in einer Verhandlung, welche die 19. Ferien» prafkammer des Landgerichts I beschäftigte. Megen gewerbs- mäßigen Glücksspiels und Betruges tvar der Handler Gerson Herz- mann angeklagt. Im Frühjahr d. I. kam der jetzt in Fricsack an- sässige Bautechnikcr W. zum ersten Male in seinem Leben nach Berlin. Auf dem Schlcjischen Bahnhofe gesellte sich ein Mann zu ihm, der ihn mit dem Hinweise, datz�er selbst zum ersten Male nach Berlin gekommen sei, nach einer Straße fragte. Als ihm W. erklärte, daß er selbst in Berlin nicht Bescheid wisse, schloß sich der Unbekannte ihm an, um nun gemeinschaftlich den Gefahren der Großstadt trotzen zu können. Unterwegs wurde W. von dem Un- bekannten zu einem Glase Bier eingeladen. In dem Lokal ge- scllte sich dann zufällig ein..Landsmann" zu ihnen, der. wie sich später ergab, der jetzige Angeklagte war. Nachdem die Drei längere Zeit gekneipt hatten, fand der„Landsmann" ebenso zufällig unter einer Zeitung ein Spiel Karten, und bald war ein kleines Spiel- che» im Gange. Als der Begleiter des W. erst eine Lage Bier und dann ein Zehnmarkstück gewann, erwachte in W. die Spielmut. Er beteiligte sich an dem Spiel und gewam» anfänglich. Als dann der Landsmann einen„Hundertmarkschein", in Wirklichkeit eine sogenannte„Blüte", auf den Tisch warf und ihn aufforderte, gegen zu halten, opferte W. einen Hundertmarkschein, der im nächsten Moment als verloren in dem Portemonnaie des anderen ver» schwand. Da inzwischen auch der zweite Unbekannte mit seinem Koffer verschwunden war, schöpfte W. endlich Verdacht. Als er unter einem Vorwande das Lokal auf kurze Zeit verließ, um einen Schutzmann zu suchen, nahm der„Landsmann" die Gelegen- heit wahr, zu verschwinden. Auf dem Polizeipräsidium fand 23. dann den angeblichen Landsmann in dem Verbrecheralbum in der Person des Angeklagten Herzinani» wieder.— Mit Rücksicht auf die hohe Gemeingefährlichkeit eines derartigen Treibens erkannte die Strafkammer gegen H. auf 1 Jähr Gefängnis und L09 M. Geldstrafe._ Masseusen-Inserate. Unsere Leser entsinnen sich aus dem Bruhn-Prozeß der Aus- sehen erregenden Aussage des JnseratenchefS der„Vossischen Zeitung", Kluge. Dieser gab zu, daß die Masseusen-Jnserate oft der Deckmantel für Kuppelei sind, die„Vossische Zeitung" sende ihre Masseusen-Jnserate erst der Polizei zu, um sie dort versiercn zu lassen. Gestern stand eine solche Masseuse-Jnserentin vor Gericht, um sich wegen Kuppelei zu verantworten. Aus dem Bericht ergibt sich leider nicht, welche bürgerliche Zeitung daS Inserat aufgenommen hatte. Es hatte sich die„Masseuse" und Zimmervermieterin Jakobine Operv unter der Anklage der Kuppelei und der Veröffentlichung von Ankündigungen, durch welche ein unzüchtiger Verkehr herbei- geführt werden soll, zu verantworten. Die Angeklagte betreibt seit einiger Zeit in der Kurfiirstenstraße einen ,.Massage"-Salon, in dem sie mehrere junge Damcn beschäftigte. Tie nötige Kund- fchaft zog sie sich'durch scheinbar harmlose und nur von Einge- weihten zu verstehende Inserate heran. Schließlich kam es zur Kenntnis der Polizei, daß in dem„Salon" alles andere, als wie eine wirkliche Massage getrieben wurde. Die Folge war die jetzige Anklage. Mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholtenheit der An- geklagten erkannte das Gericht nur auf 3 Tage Gefängnis. Irrenhaus und Rechtsschutz. Zu dem Bericht in unserer Nummer vom 6. d. M. ersucht uns der Rechtsbeistand de« Sanitätsrats Dr. Weiler unter Bezug« nähme auf K 11 des PreßgcsetzeS um Aufnahme folgender„Berich, tigung": „Ich, als Anstaltsleiter, habe niemals einem Rechtsbeistand den Zutritt zu einem bei mir internierten Kranken verweigert oder verhindert, daß Zuschriften der Kranken an Behörden usw. befördert wurden; nur Herrn Rechtsanwalt Dr. Ehrenfried habe ich im Interesse der mir anvertrauten Kranken den Zutritt in meine Anstalt verweigert, weil gegen ihn ein Entmündigungs- verfahren schwebt, sowie aus Gründen, die das weitere gericht- liche Verfahren ergeben wird. WaS den Fall Hagen anlangt, so stelle ich fest, daß Herr Hagen sich unter der vorläufigen Vormundschaft des Rechts- anwalts Hundhausen befindet, die Zuziehung eines Anwaltes von Seiten des Herrn Hagen daher nur mit Genehmigung seines Vormundes zulässig war und ich Herrn Dr. Ehrenfried den Zutritt zu Herrn Hagen verweigert habe, weil ein« solche Genehmigung des Bormundes Hundhausen nicht vorlag. Sanitätsrat Dr. Weiler. Die vorstehende Zuschrift berichtigt keine der in unserem Bericht mitgeteilten Tatsachen, bestätigt sie bielmehr lediglich. Die Bezugnahme des Rechtebeistandes auf 8 11 des PreßgefetzcS ist schon ans diesem Grunde völlig unangebracht. Der Zuschrift haben wir als einer Ergänzung unseres Berichts dennoch Raum gegeben, weil sie für die interessante Frage, ob ein Anstaltsdirektor den Eintritt in seine Anstalt einem Anwalt verweigern darf, etwas Material beiträgt. Wir sind der Ansicht, daß diese Frage durch- aui zu verneinen ist. Insbesondere die von DanltätSrat Dr. Weiler angeführten Gründe find durchaus verfehlt. Gegen Dr. Ehrenfried hatte bekanntlich schon früher ein EntmündigungSver« fahren geschwebt. Dasselbe endete zugunsten des Rechtsanwalts und hat, wie unsere Leser sich entsinnen, zu einer Reihe Prozessen deS Dr. Ehrenfried Anlaß gegeben. Mag fein, daß zurzeit wieder ein solches Verfahren schwebt: es schwebt ein solches Verfahren, wenn irgend jemand einen auch»och so unberechtigten Antrag auf Einleitung stellt. Jedenfalls ist Dr. Ehrenfried keineswegs entmündigt. Dr. Ehrenfcied ist juristisch voll geschäftsfähig und übt in vollem Umfang feinen Beruf als Anwalt ans. Das wäre ja noch schöner, wenn der Verkehr eines vermeintlich Geisteskranken oder wirklich Entmündigten mit jemand, den er als Rechtsbeistand haben will, unterbunden werden darf, weil irgend jemand behauptet, der Rechtsbeistand sei zu entmündigen. Auch der Hinweis des Dr. Weiler auf den Mangel einer Zustimmung seitens des vorläufigen Vormundes ist durchaus verfehlt: selbst der bereits Entmündigte kann gegen den Willen feines Vormundes oder Pflegers die Aufhebung feiner Entmün- oiguitg betreiben. Die zu diesem Zweck seitens eines Entmün» digten erteilte Vollmacht ist gültig. Er wäre ja sonst insbesondere in den beklagenswerten Fällen schutzlos, wenn er auf Betreiben des späteren Vormundes zu Unrecht entmündigt war. DaS Amts- gericht hat durch Festsetzung und Vollstreckung der 999 M. Strafe durch einstweilige Verfügung gegen Dr. Weiler zu erkennen ge- geben, daß grundsätzlich nach dem Gesetz auch seiner Ansicht nach dem Internierten freier Verkehr mit dem von ihm gewählten Rechtsbeistand zusteht. Mag der Anstaltsdirektor den Rechts- beistand aus irgendwelchen Gründen nicht zulassen, so bleibt ihm nur übrig, den Internierten freizulassen. Am 18. d. M. soll übrigens in dem Prozeß, der aus Anlaß der Weigerung Dr. Weiler« entstanden ist. da« Urteil verkündet werden. WaNcrftandS-Ra»,»»»,«>-« Todes-Anzeigen kSasserltand «- m e l/ Tilfll Dregel. Jiitterburg Weichsel. Tb ort» Oder. Ratibor » Krassen , Frankiurt Warthe, Sckrmm» , LandSberg Rehe, vordamm Elbe, Leitmeritz . Dresden » Varbv , Magdeburg Wasserstand Saale. Srochlttz Havel, SvanoauK . Katbenow») 2 p r e e, Svremberg') , BeeStow Weser. Münden . Minden Rhein, MarlmilicmSan » Kaub - Köln Neckar, Heilbronu Mai», Wertheim «-fei. Trier SoziaMeiofratiselierWatilyereüi des 6. Herl. Reletisiaijs-Waiilkreises. Todca- Anzeige. Am 7. August verstarb unser Genosse, der Arbeiter keiuIwIS Helming Lychener Straße 9. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet an» Freitag, den 11. August, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Gethscmanc-KirchhoseS, Nicder-Schönhausen-Nordend, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht vor Voratand, Verband der Drancrcl- nnd HlUhlcnarbelter und verwandter Berufsgsnossen. Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Biersahrer Remdolä Henning (Schultheitz I) im Aller von 48 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Nudeuken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. August, nachm. 5 Uhr, von der Leichenhalle des Gelhsemane-KIrchhoseS in Nordend aus statt. Um zahlreiche Beteiligung wird ersucht. Hie Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwallung GroB-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Hilfsarbeiter Gustsv Scliineling am 6. August im Alter von 59 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. August, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- halle de« Nazareth-Ktrchhoses in Neintckcndori-West auS statt. Um rege Beteiligung ersticht Die Bezirtsverivaltung. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Am Sonntag, den 6. August, verstarb unser Kollege, der Luxus- paplerarbeiter 25/1 (Zustav Otto. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 19. August, nach- mittags 4 Uhr. aus dem Fried- Hose der Simeons< Gemeinde in Britz, Tempclhoser Weg, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet Die OrtSueAvaltung. Hierdurch zur Nachricht, datz unser lieber Kollege Mih. Sonnenschein am Dienstag plötzlich verstorben ist. Sein Andcnlen werde« in Ehren halten die Kollegen der Pianofortefabrit kell Comp. Die Beerdigung findet am Frei- lag, den lt. August, nachmittags 3'/, Uhr. aus dem Emmaus-Kirch- hos statt. 4Sb ! Verband der Derneinde- u.l Staatsarbeiter, Filiale GroS-Bcrlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, i � datz uns der Kollege Heinhoid Glatz von der Gasanstalt Schmargen- 1 dors durch den Tod entrissen j wurde. Die Beerdigung findet am s Donnerstag, den 19. August, nach- mittags 5'l2 Uhr, von der Leichen- halle des Nazarethkirchhofes in! Reinickcndors-Wcst, Kögelstratze, aus statt._ Ferner starb der Kollege Hermann Müller Sektion IV, Revier Wilmer-dors. Die Beerdigung findet an» Donnerstag, den 19. August,»ach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Friedhofs der Luther- gemeinde in Lantlvitz aus statt Wir werden den Verstorbenen ein ehrende« Andenken bewahren. 36/19_ Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beiveise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- wenden bei der Beerdigung meines Ileben Mannes, de« Schau kiuirts Gustav Foerscbke sage allen Bekannten sowie den Ge- Nossen des 6. Wahlkreises und dem Verband der freien Gast- und Schanl- Wirte meinen herzlichsten Dank. Mm Wilhelmine Foerscbke 446 geb. Zahn. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher TeUnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Vaters sagen wir allen Verwandten und Bekannten, insbesondere den Genossen des 527. Be- zirlS, dem Rauchllub„Nordstern" und dem Nauchklnb„Bömnger" meinen herzlichsten Dank. b1S3L und Kinder. 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T reppengeländerbranche. ToimcrStag, den 10. August, abends 8 Uhr: iußerordenti. Vertrauensmänner'Versammlung im Gcwcrkschaftshaus, Engelufer 14/15, Saal IV, ArbeitSloseuraum. u An diesem Schild sind die Läden erkennbar, 13 in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. sSn.tergiiltle In Konntrnktlon nnd AnstUhrnng, gleich vorzüglich für II uu« geh rauch u. Industrie. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. BERIilK, leipziger Straße SÄ. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. F Feiner i Dänischer Kapitän-Kautabak in Bollen, Bündel nnd Enden. Genpral-Vertrieb: Karl Rocker, Berlin 0. 27. Grüner Weg 11Ä(Amt VII, 386t). Rente Musterkupons,.Herbst-Neuheiten' sür Anzüge, Kostüme, Meter 3, 4 Mark. Tuchlager- Gesellschaft m. d. H. liei1rMMzlI-Zl.d.PÄmrch-. Von Set Heise zurück 1111/7 Dr. Salingre. lötPitttilunj.SÄS® lung von 200— 500 M. Zuschr. erb. unter l. 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Am Frledrichshain, Jeden Abend'/,10 Uhr: Wie man Weiber lesseil Posse mit Gesang w 2 Asten. SpeftaMen, Kinematoppti. sÄj: Kinderfest. Ans. Wochentag« 5, sonnt. 4 Uhr. ftoacks Theater« Diretiion: Robert Dill. verlin N., Brinmenstrasie 16. Konzert, Theater, Spezialitäte». Am Brunne» vor dem Tore. Liederspiel mit Dir. Di» in den Hauptrollen. Tumm u. gelehrt. (sine schlaue Wirtin. Sei schlechtem Weiter Vorstellung tm Saale. KeueWelf Amerikanischer Vergnügungspark Uasenheldc. Beate: Elitetag. f Großes Parade■ Gala■ Feuerwerk. interessante Belustigungen von packender Komik, Promenaden-Konzert. Spezial.-Vorst. GpoB. Sonimernachtsball. Eintrittspreis 25 Pf. Bellevue. ummelsburg am See. Inh.: G. Tempel. Jeden sonntag: Spezialitäten-Mell. u. Ciarten-Konaert. Jeden Sonnabend und Donnerstag; Soireen der Kofftnanus Säuger Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.i NoAdller ViolergArlell ArtusaHof Perlebergcr Str. 26, Stendaler Str. 18 Direktwn: Karl Pirna». Bernhard» n. Hertens Tie Macht des Walzers. 8 Gossels mit Hunden und Tauben. Mtlardo, das tanzende Kerlchen. Ada u. Ditried Relay, Duett. ?? Xio?? der mnileriöse Würfel. The Viilluhns phantastischer Akt usw. Ansang 4 Uhr. Vorstellung 6 Uhr. Für den Inhalt der Juserare »drrnimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Luchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer».Co., Berlin SW, »,.185. 2. Keilllge des Jotiiwib" Kerliner WldsdlM. Partei-?Zngelegenkeiten. 4. Wahlkreis. An, Freitag, den 11. August, abcndS g'/z Uhr. finde, bei Borgmann, Andreasstr. 21, die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Der Parteitag in Jena, die Brandenburger Konferenz. Anträge zu diese» Punkten und Auf- stell ung der Kandidaten zu den beiden Kongressen. Mitzuteilen ist noch, daß Genosse Mella in die AgitationS- kommission und Genosse Vollmann in die Bcschwerdekommission ge- wählt worden sind. Die UrWahlen zur Delegation zum Parteitag und Branden- burger Konferenz finden am Sonntag, den 13. August, von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags statt. Der Vorstand. Charlotteninrg. Am Sonntag friih 8 Uhr findet von den be- kannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung statt. Nöntgcntal. Heute Donnerstag Zahlabend bei Marx. Vortrag des Genossen Knöschke:.Frauenagitation". Bernau. Heute Zahlabend in den bekannten Lokalen. berliner ffodmckteu. Jagow. Er beginnt, ein pathologisches Problem zu werden. Ein wenig interessantes, aber ein Problem immerhin. Ter Mann ist uns bekannt: der typische preußische Beamte, starrköpfig, mäßig gebildet, voll jener eisernen Energie, die rücksichtslos Autorität und Beanitendünkel gegen die Interessen der Allgemeinheit durchsetzt.— Ich sagte: starrköpfig. Aber so einen haben wir noch nicht gehabt. Mit dem bcrühniten:„Ich warne Neugierige" fing es an. lind dann kanien Schlag auf Schlag Erlasse, Verordnungen, Verfügungen, alle in lapidarem Stil, hochmütig, etwas dekre- ticrcnd, was alle Einsichtigen als sinnlos verwarfen. Aber kaum war die Diskussion über den einen verstummt, kam schon der nächste. Der Mann ist ein Novum. Selbst die schärfsten Konser- vaiivcn haben sich in Berlin vor dem Ansturni der öffentlichen Meinung auf die Dauer nicht halten können: sie hatten 300, 1000, 10000 gegen sich— aber dann fielen sie. Dieser bleibt. Das wäre in keinem freiheitlich regierten Lande möglich. Eine derartige Herausforderung, wie sie dieser rührige Bc- amte monatlich produziert— und in England oder in den nordischen Staaten, in Frankreich oder in Italien würde ein Sturm den Mann wegfegen. Dieser bleibt. Obgleich sich alle unisono gegen ihn erklären, bleibt er. Witze durchschwirren die Luft. Kein Witzblatt, das ihn Nicht schon verulkt hätte, keine lächerliche Situation, in die ihn Zeichner und Schriftsteller nicht shon gebracht hätten. Das Gaudium deS Publikunis über den kleinen, ernsten, gefährlichen Mann ist grenzenlos. Als im Februar 1767 in Berlin das Gerücht umging, es würde wieder Krieg mit Oesterreich geben, sagte Friedrich II.: „Was das für dummes Geschwätz ist! Die Leute reden nur immer vom Kriege, weil sie nichts anderes zu reden haben. Man muß ihnen Gelegenheit geben, von etwaS anderem zu sprechen."— Jagow ist diese Gelegenheit(heute).— Merkt er denn nicht, weiß er denn nicht, daß er unmög- lich geworden ist?— Als er sich mit der Schauspielerin Duricux blamierte, griffen unsere größten Stilisten zur Feder: Alfred Kerr und Ludwig Thoma haben es ein für allemal verhindert, dieses Thema noch ernst zu behandeln. Er wäre nur eine Karikatur, ein Agitationsmittel für die Opposition, wenn nicht die Witwe Herrmann wäre. nicht die brutalen Fehlgriffe seiner undisziplinierten Unter- gebcnen.... Wir sind in Preußen und müssen froh sein, wenn er nicht gerade jetzt seinen Orden bekommt. Denn das Motto, nach dem in diesem Staate regiert wird, heißt: Nun gerade!_ Eine Daner-Dampferfahrt. Den Reichtum märkischer Wasser- und Landschaftsbilder genießt man bei den regelmäßigen, allbekannten Dampfer- fahrten auf Havel und Obcrspree nur halb. Wer sich einen ganz besonderen Genuß verschaffen will, soll die große Tages- tour nach Teupitz mitmachen. Grünau. Schmöckwitz. Zeuthen, Ranchfangwerdcr liegen in fast dreistündiger Fahrt hinter uns. Die in ihrer Struktur so vielgestaltige Dahme verengt sich. An den Ufern treten scharf die großartigen in- dttstricllen Anlagen von Hoher- und Niederlehme, von Wildau und Wilhelmshöhe hervor, bald auch das historische Königs- Wusterhausen, wo einst ein Preußenkönig nichts besseres zu tun fand, als sogenannte Tabakskollegien abzuhalten und in lustiger Gesellschaft von allerhand Schmarotzern Halali blasen zu lassen. Kaum hat bei Neue Mühle die Schleuse den Dampfer freigegeben, so ändert sich die Szenerie mit einem Schlage. Es beginnt ein Wald- und Wasserpanorama, das an landschaftlicher Schönheit alles bisher Gebotene weit in den Schatten stellt und von vielen Naturfcinschmeckern den lieblichen Gefilden des Havelgebicts vorgezogen wird. Die Dahme hat ihre alte Vorliebe zur Seenbildung nicht vergessen. Sic weitet sich hinter dem Wusterhausener Tiergarten mit der Husarcnecke zum Krimnick- See und nach einer kräftigen Biegung zum Krüpcl-See. Hier schneidet ein Gemünd tief in das Waldrevier bis zum Forst- haus Uklci. Wieder schnürt sich die Dahme an den Dörfern Cablow und Bindow ein, um endlich im Dolgcn-See zwischen Gussow und Dolgenbrodt ihre letzte reife Schönhc� zu ent- falte». Jetzt formt sich das Gebiet der Teupitzer Gcivässcr, auf beiden Ufcrseiten die mächtige, wundervolle Wuster- hauscncr Forst, und damit setzt der schönste Teil der Sechs- stundentour ein. Von Dolgenbrodt führt kurz vor Pricros eine besondere Dampferlinie durch den Langen-, Wolziger- und Storkower-See nach dem Scharmützelsee. Unser un- ermüdlicher Riesenschwan aber gleitet hinter Prieros in die schmale Smoldc und bringt uns in ein prachtvolles Wald- und Secnidyll. Von der Kultur scheinbar unbeleckt, liegt die entzückende Landschaft vor uns. Die Smolde hat sich zum Hölzernen See und zum Klein-Köriser See enveitert. Steil fallen die mit mächtigen Fichten und Eichen dicht besetzten Katzenberge zu den Ufern ab. Ueber den märchenhast stillen Wassern zieht der Reiher seine Kreise. Hirsche, und Rehe spähen neugierig nach dem rauschenden weißen Wasservogel, der den Wald- und Seenfrieden zu stören wagt. In wunder- lichem Zickzack geht die Dampferfahrt hinter Forsthaus Neu- brück und Klein�Köris in den tiefschwarzen Modder-See nach Groß-Köris. Hier an der idyllischen Furt bei der Berlin- Görlitzer Eisenbahn-Ueberführung bombardiert uns die Dorfjugend, auf ein Trinkgeld spekulierend, mit Wasserrosen. Wieder geht's in ein breiteres Gelvässer, in den Zemminer See, und abermals durch eine romantische Furt. Wenn doch der Reiz des dichten Erlengebüsches, das über den Häuptern sich wölbt, nicht gar so kurz wäre! An dieser hohlen Wassergasse kostcts Zoll. Rauschend geht die Sperr- kette nieder. Mit aufgemachtem Dampf geht unser fauchender Schwan an den Häusern von Dorf Schwerin und Kolonie Blankenheim vorüber in den sagenumwobenen Teupitzer See nach der prächtigen Anlegestelle„Tornows Idyll". Auf einer winzigen Insel nahe dem Ufer steigt das ehrwürdige Teupitzer Schloß empor, einst der Herrensitz des Geschlechts derer von Landsberg, die vor Jahrhunderten auch wußten, wo auf der Landstraße im Hinterhalt„Barthel den Most holt". Und wo am Ufer die malerische Kirche sich zur Höhe reckt, soll bereits im zwölften Jahrhundert eine wendische Kapelle gestanden haben. Heute treten Schloß und Kirche stark in den Hintergrund vor dem auf BergeShöhe ragenden großartigen Komplex der neuen Provinzialirrenanstalt Teupitz. Allzuviel Zeit zum Rasten ist nicht übrig. Zur Erholung und zu einer sehr empfehlcnsiverten Spritztour nach dem an reizenden Höhen gelegenen Egsdorf am Ende des Teupitzer Sees reicht sie aus. Vielleicht das Schönste von allem aber ist die sechsstündige Heimfahrt. Wer sich die Hinfahrt ab- kürzte und bis Grünau oder Königs-Wusterhausen mit der Bahn fuhr, möge die volle Wassertour zurück nicht versäumen. Man wird nicht müde, längst nach Sonnenuntergang und bei Mondenschein zu bewundern, was doch die vielgelästerte märkische Sandwüste noch für Juwele bietet, wenn man sie nur zu finden und zu schätzen weiß. Die Schirßicrcitschaft deS Schutzmannes wird in Verlin durch die neuesten Schietzerlasse des Polizeipräsidenten sicherlich gesteigert werden. Wer zu spät schietzt, wird bestrast— das wird kein Schutzmann sich zweimal sagen lassen dürfen. Damit der schießende Schutzmann auch richtig trifft, werden bei der Polizei schon seit längerer Zeit regelmäßig wiederkehrende Schietzübungen vorgenommen, nicht nur mit dem Nevolver, sondern auch mit dem Karabiner. Im Hinblick auf JagowS Schictz- erlasie wird man eS vermutlich für zweckmäßig halten, fortan die Schietzübungen noch häufiger als bisher zu wiederholen. Beaufsichtigt werden die Uebungcn durch Polizeileutnants. denen bisher— was wenig bekannt sein dürfte— dieser Dienst mit einer ExtraVergütung von 14 Mark pro Tag be- zahlt wurde. Der Ausgabeposten für diese uns unverständliche Extravergiitung, die neben dem Gehalt gezahlt wird, dürfte in nächster Zeit beträchtlich anwachsen. Den Schutzleuten, die an den Uebungen teilzunehmen haben, wird keine Extravergütung gegeben. Werden die Ferien verlängert? Diese Frage beschäftigt jetzt Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Eltern und zu- letzt auch die Behörden. In Brandenburg a. d. H. und anderen Städten der Mark, z. B. Potsdam, ferner in Halle a. S., Breslau, Leipzig. Frankfurt a. M. sind die Ferien der Gemeinde- und Mittel- schulen, so lange die Hitze andauert, von den Kreisschulinspektoren nach Zustimmung der Aufsichtsbehörde usw. verlängert worden. Wie eS heißt, sollen Schüler und Lehrpersonen mit dieser Verlängerung einverstanden sein, weniger aber die Eltern von zahlreichen Kindern, die allerhand Befürchtungen hegen. Nach dem ministeriellen Erlasse können KrciSschulinspektoren, Direktoren, Rektoren usw. bei 25 Grad Celsius Wärme in den Schul- klaffen den Unterricht ohne weiteres ausfallen lassen. Messungen in den Berliner Schulen haben ergeben, daß die Temperatur in den einzelnen Klassen und Schulen sehr von einander abweicht, datz jetzt in den frühen Morgenstunden bei genügender Lüftung noch nicht 20 Grad Celsius in den Klaffen festgestellt wurde und erst in den Mittagstunden in den Klassen nach Süden und Westen höhere Wärmegrade ermittelt wurden. Danach sind die Aussichten für Berliner Kinder nicht günstig. Bon einem Kampf um ein Kind, den die Mutter deS Kindes gegen den Vormund führte, erzählten wir in Nr. 1S9. 1 Das Kind, das unehelich geboren und in sreinde Pflege gegeben worden war, wurde der Mutter, als sie heiraten und es jetzt zu sich nehmen wollte, auf Einspruch des Vormundes durch Beschluß des Vor- mundschaftSgerichtS zunächst noch vorenthalten. Selbstverständlich hat ein Vormund das Recht, gegen die Herausgabe des Kindes an die Mutter seine etwaigen Bedenken vorzutragen, und daS ist sogar seine Pflicht, wenn er für das Kind eine Gefährdung in gesund- hcitlicher oder sittlicher Hinsicht befürchte» zu müssen glaubt. Aber an jenem von uns mitgeteilten Beispiel für die Macht eines Vor- mundes fielen einige Nebenumstände auf, die wir eingehend sin Nr. 159) dargelegt haben. Der Mutter war sogar angedroht worden, datz man ihr das Recht der Sorge für ihr Kind entziehen werde, falls sie sich etwa dem Beschluß des Vormundschaftsgerichts nicht füge. DaS Kind blieb ihr weiter vorbehalten, auch nach- dem sie die beabsichtigte Eheschließung im Juni vollzogen hatle. Wir wissen nicht, welche Gründe der Vormund gegen die Heraus- gäbe des Kindes geltend gemacht hat. Stichhaltiges haben aber die amtlichen Ermittelungen nicht ergeben, die auf seinen Ein- sprnch hin vorgenommen wurden und bei denen über die Mutter auch Hausbewohner von einem Polizeibeamtcn und einer Fürsorge« dame ausgefragt wurden. Wir erfahren jetzt, datz der Mutter am 3. August ein Bescheid deS VormundschaflSgcrichts zugegangen ist. der so lautet:„Die angestellten Ermittelungen haben ergeben, datz ein Grund, Ihnen Ihr Kind vorzuenthalten, nicht besieht." Das Kind wird der Mutter am 1. Oktober zurückgegeben werden. Eine sofortige Wegnahme aus der bisherigen Pflege scheint dem Vor- mundichaflSgcricht nicht empfehlenswerr. weil sonst das Kind mitten im Schulhalbjahr umgeschult werden müßte. Die versunkene Badeanstalt. Gestern, Mittwoch, vormittag? 11 Uhr, ist der Hintere Teil der städlischen Flutzbadeanstalt unter- halb der Waiscnbrncke für Männer gesunken. Die Ursache ist noch nicht genau festgestellt. Vermutlich ist ein Prahm— die Flutzbadc- anstalten ruhen sämtlich auf Prähmen— infolge der Hitze undicht geworden und die undichten Stellen durch den zahlreichen Besuch und die dadurch herbeigeführte außergewöhnliche Belastung unter die Wasseroberfläche herabgedrückt worden, sodatz das Wasser in den Prahm eindringen und ihn zum Sinken bringen konnte. Als das Sinken der Anstalt begann, badeten in ihr etwa 50 Personen, die sich in ruhiger Ordnung ungefährdet entfernten. Die Anstalt ist vorläufig außer Betrieb gesetzt. Die schleunige Wiederinstandsetzung ist in Angriff genommen. DaS Freibad Müggelsee war am Sonntag wiederum von 20— 25 000 Personen besucht. Bei dieser ungeheuren Besucherzahl sind leider wieder einige Unfälle vorgekommen, wovon der eine tödlich verlief. Gegen 5 Uhr nachmittags ertrank in der Nähe des Arbeiter-Samariter-Zeltes der 22jährige Schlosser Kurt Winter. Obgleich der Verunglückte nach kaum zehn Minuten gefunden wurde, blieben die sofort angestellten Wiederbelebungsversuche ohne Erfolg.— Ein weiterer Unfall ereignete sich nachmittags um 2 Uhr. Bei einem Kopfsprung von der Hechtbrücke verunglückte der vierunddreitzigjähre Mechaniker E. Loose aus Rixdorf so schwer, datz er sich eine Gehirnerschütterung zuzog. Der Unfall wurde sofort bemerkt und man brachte den Verunglückten be- sinnungslos nach dem Zelt der Arbeiter-Samariter-Kolonne, wo ihm die erste Hilfe zuteil wurde.— Am Montngmittag ertrank in der Nähe des Eisschuppens vor den Augen seiner Frau der Postassistent Gustav Mating aus Friedrichshagen. Der Matrose Klingert, welcher sich auf Urlaub befindet, eilte dem Hilferufenden sofort»ach. Leider gelang eS ihm nur, den Verunglückten als Leiche ans Land zu bringen. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg. Von Paris hierher ausgeliefert wurde der„Direktor" Karl Kubiak, der nach großen Kauiionsschwindcleicn am 24. Februar d. I. aus Berlin verschwand. Kubiak, der früher Bureauvorsteher war, gründete zu Anfang v. I. Kaiserstr. 11/12 eine„Gesellschaft für die Interessen der Haus- und Grundbesitzer Grotz-Berlins m. b. H.", zu deren Direktor er sich niachte. Aufgabe seiner Gesellschaft sollte die Hypothekcnvermittelung und der HauSverkauf sein. Der Herr Direktor beschränkte sich aber darauf, Rechercheuren, die er anstellte, Bürgschaften von 1500—3000 M. abzunehmen und für sich zu ver- brauchen. Er legte daS Geld bei einer Großbank so an, daß er eS jederzeit allein abheben konnte. Als er am 24. Februar verreist war. und die jetzt mißtrauisch gewordenen Angestellten sich an die Kriminal- Polizei wandten, fand diese auf der Bank von den eingezahlten 20 000 M. nur noch 17,75 M. Die Bcrlustträgcr sind meist ehe- malige kleine Beamte, die ihre Ersparnisse in den Bürgschaften an- legten, um zu ihrem mätzigen Ruhegehalt uoch etwas hinzu zu ver- dienen. Der Mordversuch eines Geisteskranken, der sich dann selbst durch eine Kugel in den Kopf tötete, rief gestern in frühester Morgenstnnde in der Dresdener Straße ungeheuere Aufregung hervor. Der 40 Jahre alte ehemalige Stratzenbahnschaffner Anton ZientarSki überfiel in einem Anfall von Tobsucht seine schlafende Frau und gab auf sie mehrere Schüsse ab, um sie zu töten. Eine Kugel drang der Frau in den K opf. Daraus schoß er sich selbst eine Kugel in die Schläfe. Die Leiche des Mannes wurde nach dem Schauhause gebracht. DaS ZientarSkische Ehepaar leitet in dem Hause Dresdener Straße 106 eine Filiale eines Spirituosengeschästs. Der Ehemann war lange Zeit bei der Straßenbahn als Schaffner tätig, mutzte diese Stellung aber vor einigen Monaten wegen eines unheil« baren Gehirnleidens aufgeben und half seiner Frau im Geschäft. Da er zu den„nngefährlichcn" Geisteskranken zählt, so wurde d»> wiederholten Anträgen der Ehefrau aus Unterbringung in einer Alf stalt keine Folge gegeben. ZientarSki wutzte, datz seine Frau ihn ik einer Anstalt unterbringen wollte, und dagegen sträubte er sich mit Gewalt, obwohl er sich über seinen Zustand völlig klar war. Er äußerte wiederholt, datz er eher seine Frau töten würde, als sich von ihr und dem Kinde, einem sieben Jahre alten Knaben, zu trennen. Er soll auch, wie Bekannte der Familie erzählen, ver- schicdcntlich Vorbereitungen für einen Mordversuch getroffen haben. Sl�tS konnte sein Vorhaben aber vereitelt werden. Gestern früh schritt er zur Ausführung eines in den letzten Tagen vorbereiteten Planes. Er hatte sich einen Nevolver gelauft, um damit seine Frau und sich zu töten. Während sie schlief, stand er heimlich auf, holte die Waffe hervor und richtete sie aus die Frau. Kurz nach einander gab er mehrere Schüsse auf sie ab. Durch eine Kugel, die der Frau unterhalb der linken Schläfe in den Kopf gedrungen war, wurde sie anscheinend schwer verletzt. Auf ihre gellenden Hilferufe eilten Hausbewohner herbei. ZientarSki flüchtete vor diesen in ein Hinterzimmer und schoß sich hier dann eine Kugel in den Kopf. Man holte einen Arzt aus der Unfallstation in der Kommandanten- stratze herbei, der der Frau die erste Hilfe leistete und ihre Ueber»» sührung nach dem Krankenhause anordnete. Cei dem Manne konnte er nur noch den bereits eingetretenen Tod feststellen. Die Verletzung der 38 Jahre alten Frau erwicS sich im Krankenhause glücklicher- weise als nicht lebensgefährlich, so datz sie bald nach ihrer Behausung gebracht werden konnte. Am Hitzschlag gestorben ist vorgestern nachmittag der 44 Jahre alte. auS Breslau gebürtige Arbeiter Paul Weiß, der früher in der Küstriner Stratze 22 wohnte. Er brach um drei Uhr am Ver« bindungSkanal in der Nähe der Stratze 8 plötzlich zusammen und verschied auf der Stelle.— Festgestellt ist jetzt die Frau, die vor- gestern in einem Straßenbahnwagen erkrankte und im Kinderkrankcn- hause in der Reinickendorfer Stratze am Hitzschlage starb. ES ist die 60 Jahre alte Witwe deS Töpfermeisters Bothe, Marie geb. Lietsche, ans der Ruheplatzstratze 16. Eine traurige Aufklärung hat das Verschwinden deS 18 Jahre alten Dienstmädchens Luise Goldmann gefunden. krnS bei einem Milchhändler in der Greifswalder Stratze 216 in Stellung war und seit Sonntag vor acht Tagen vermitzt wurde. DaS Mädchen hatte ein Verhältnis mit einem jungen Manne, der nichts mehr von ihr wissen wollte, als sich die Folgen deS Verkehrs bemerkbar machten. In der Verzweiflung griff sie zu einem un- erlaubten Mittel, um die Folgen zu beseitigen. Jetzt aber plagte sie die Furcht vor Entdeckung und Strafe; ani Sonntag vor acht Tagen entfernte sie sich, durch ihren Liebesgram ohnehin schwer be« drückt, heimlich aus der Wohnung und kehrte nicht wieder zurück. Wie»achiräglich ermittelt wurde, suchte sie am Montag noch einmal ihren Geliebten auf. um ihn wieder für sich zu gewinnen, aber auch jetzt wurde sie verschmäht. Seitdem hörte man nichts mehr von ihr, bis jetzt ihr Dienstherr in einer Leiche, die am Bellevue-Ufer aus der Spree gelandet wurde, die Vermißte wieder erkannte. Dringend zu warnen ist vor zwei unbekannten Schwindlern, die harmlose Kinder auf der Stratze ausbeuten, indem sie die Knaben oder Mädchen, die von ihren Eltern mit irgend welchen Waren auf Botengänge ausgeschickt werden, zu einer Besorgung annehmen und ihnen unterdessen mit den Waren, die sie angeblich in Verwahrung nehmen, verschwinden. Es handelt sich immer um solche Kinder, die durch Botengänge ihre armen Eltern unterstützen wollen. Im Osten, Nordosten, Zentrum, Norden und Süden der Stadt tritt so schon seit einiger Zeit ein junger Mann von etwa 23 Jahren auf, der eS besonders auf Laufjungen abgesehen hat und jeden Tag mehr � als ein Opfer findet. Er schickt. die Knaben mit einem Zettel in ein Haus hinein und beauftragt sie, bei„Schulze. Müller, «chmidt usw." 3 Mark einzuziehen. Während die Knaben vergeblich suchen, geht er mit ihren Waren davon. Der Kerl hat starkes dunkelblondes Haar und ein gebräuntes Gesicht. Er trägt einen braunen Jack�tanzug und eine Schirmmütze oder Strohhut. Im Stadtvieriel des Gesundbrunnens betreibt denselben Schwindel ein 18 bis 20 Jahre altes Frauenzimmer, das Mädchen, die von Eltern in der Not vielleicht mit der letzten Wertsache zum Pfand- leiher geschickt werden, nachstellt. Die Gaunerin hat dunkel- blandes hochgckämmtes Haar und trägt eine weiße Bluse, einen schwarzen Faltenrock und einen Strohhut oder'-ine Kopfbedeckung. Sie tritt auch auf dem Weddiug auf. Kriminalbeamte haben sich schon alle erdenkliche Mühe gegeben, der beiden habhaft zu werden, indem sie mit den ausgeplünderten Kindern ganze Stratzenzüge ab- gingen und beobachteten, es ist ihnen aber noch nicht gelungen. Den Eltern kann nicht dringend genug geraten werden, ihren Kindern» immer wieder einzuschärfen, datz sie sich mit fremden Mensche» in keiner Weise einlassen sollen. Ein folgenschwerer Antomobilnnfall. bei dem drei Personen ver» letzt wurden, hat sich in der letzten Nacht gegen 1>/z Uhr auf der Chaussee von Köpenick nach Berlin abgespielt. Ein Berliner Droschken- chauffeur hatte gestern nachmittag mit seinem Freunde, dessen Frau und«söhn eine Spritztour nach Kvnig-Z-Wusterhausen gemacht. Au der Rückfabrt verlor der Chauffeur hinter Köpenick die Herrschaft über sein Fahrzeug und das Automobil rannte mit ettva SO Kilometer Gefchwindigleit gegen einen Chausseestein. TaS rechte Vorder� rad des Wagens wurde bei dem starken Anprall weggerissen und die Insassen der Droschke flogen im Bogen auf die Chaussee. Dabei erlitt Frau Z. einen Bruch des Nasenbeins sowie mehrere Kopf wunden und ihr neunjähriger Sohn trug außer einigen Schrammen eine ziemlich tiefe Wunde an der Stirn davon. Der Freund selbst zog sich einige schmerzhafte Kontusionen am Kops und an der rechten Schulter zu. Der Chauffeur blieb unverletzt. Die Verunglückten begaben sich nach Köpenick zurück, von wo sie in einem anderen Automobil nach Berlin geschafft wurden. Auf der Unfallstation in der Warschauer Straße erhielten die Verletzten die erste Hilfe. Der Kraftwagen war so schwer beschädigt, daß er durch ein anderes Automobil nach Berlin zurücktransportiert werden mußte. Große Entrüstung rief am Mittwochabend unter den Fahr gasten eines Stadtbahnzuges das Verhalten von Bahnbeamten gegenüber einem im Zuge plötzlich Erkrankten hervor. In einem Wagen eines Eisenbahnzuges war kurz vor der Station Bellevue ein Mann unter kranthaften Zuckungen bewußtlos zu sa ni in e n g e su n k e n. Von den Mitfahrenden wurde auf der Station Bellevue den Beamten von dem Vorfall Mitteilung gemacht mit dem Ersuchen, für den Erkrankten zu sorgen. Die Beamten weigerten sich jedoch und erklärten, daß der Kranke bis Etation Lehrter Bahnhof mitfahren muffe, wo er aus dem Zuge geschafft werden würde. Wie es den Anschein hat, ist vom Bahn- Hof Bellevue aus der Vorfall nicht nach der nächsten Station weiter gemeldet worden; denn auf der Station Lehrter Bahnhof mußten erst wieder die Fahrgäste die amtierenden Beamten aus den Er- krankten aufmerksam machen. Doch auch hier zeigten die Beamten wenig Neigung, sich des kranken Mannes anzunehmen, und weigerten sich ebenfalls, ihn aus dem Zuge herauszuschaffen. Erst als unter den Mitfahrenden die Entrüstung über die mangelhafte Fürsorge sich in energischen Worten Luft machte, nahmen sich die Wahnbeamten des plötzlich Erkrankten an. Nach der uns zugegangenen Darstellung ist es von den Be- amten geradezu unverantwortlich, dem Erkrankten nicht sofort Hilfe augedeihen zu laffen. Hilfe ist einem plötzlich Erkrankten sofort notwendig; man schickt ihn nicht erst von einer Station zur anderen. Leichcufund. Auf Teltower Gebiet ist gestern mittag um 12 Uhr bon Arbeitern, die die Zehlendorfer Brücke passierten, die im Waffer treibende Leiche eines Mädchens aufgefunden und geborgen worden, die nach genauerer Feststellung als die Dienstmagd Martha Rüther rekognosziert wurde, die bei den» Landwirt und Rentner Haupt in Schönow bei Zehlendorf, Kreis Teltow, im Dienst stand. Das Mädchen wies Verletzungen auf, und es wird angenommen, daß eS das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Der Bräutigam des Mädchens soll übrigen« verschwunden sein. Vorort- JVadmebtem Rixdorf. Die Nindorfer Feuerwehr hatte am Mittwoch v'ormittag eilten größeren Brand in der Richardstr. 112 zu loschen, der dort in den Stallungen ausgekommen war und an den Futtervorrätea schnell reiche Nahrung gefunden hatte. Als die Wehr erschten, standen die Hofgebäude schon in Flaimnen. Durch kräftiges Wassergeben mit mehreren Schlauchleitungen gelang eS aber eine weitere Ausdehnung zu verhüten. Die Entstehung war nicht mehr zu ermitteln. Pferde befanden sich zum Glück beim Ausbruch des Brandes nicht mehr in den Stallungen. Rixdorf gegen den WilitärfiSkuS. Der Rixdorfer Magistrat erließ soeben einen Aufruf an die Einwohnerschaft der Stadt, in dem er sich gegen den Fiskus scharf wendet und der lautet: Tie Stadtteile RixdorfS westlich der Hermannstraße, sowie ein großer Teil deS Gebietes zwischen der Berliner und Bergstraße cnibehren seit langer Zeit der direkten Verbindung nach dem Hallescben Tor und den dahinter liegenden Teilen Berlins. ES war nicht immer so, vielmehr liefen in früheren Jahren mehrere Wege über die Hasenheide, ivelche diese direkte Verbindung darstellten. Tie Wege wurden außerordentlich stark benutzt, und eS bestand damals nicht der geringste Zweifel, daß sie öffentliche Verkehrswege seien. Für den Verkehr waren diese Wege von höchster Bedeutung. Nichtsdestoweniger sind sie feiten« des MilitärfiSku« unter Außerachtlassung der gesetzlichen Bestimmungen eingezogen worden. Diese Einziehung hat der Einwohnerschaft der Stadt Rixdorf einen unberechenbaren Schaden gebracht, indem die natürliche Verbindung großer Teile des Stadtgebiete« mit Berlin dadurch mit einem Schlage ausgehoben wurde. Der Magistrat der Stadt Rixdorf hat nun versucht, im Wege einer gütlichen Auseinandersetzung den Militärfiskus zu veranlassen, die Wiederanlage wenigsten« emes dieser Verkehrswege als Straße zu genehmigen. Trotz des früher bei der Eingemeindung der Hasenhcide in Rixdorf geübten Entgegenkommens der Stadt dem Militärfiskus gegenüber hat dieser das Ansinnen de« Magistrat« zurückgewiesen. Die Stadt Rixdorf wird daher nunmehr im Prozeßweg� ihre Rechte geltend machen. Deshalb ersucht der Magistrat alle Mitbürger, die über die öffentliche Benutzung der genannten Wege Nähere« wiffen, in den Bureau« de« Obev ürgermeister« der Stadt Rixdorf ihre Angaben zu machen. Le- sonder-Z wertvoll erscheint die Vorlage alter Karten. „BildungSzirkel für Arbeiter". In Rixdorf hat ein Herr Paul Henkel im Haute Niemetzstraße 13 eine Kolportage-Buch- Handlung eröffnet, die er durch Reklamezettel empfiehlt. Er erbietet sich zur Lieferung von Zeitschriften und Lieferungs werken, besonder« von solchen, die für den Selbstunterricht bestimmt sind und populärwissenschaftlichen Inhalt hoben. Auf den Zetteln steht unter seiner Firma der sonderbare Zusatz:„Geschäftsstelle der BildungSzirkel für Arbeiter". Ein Zettel dieser Art wird un« überreich« von einem Genoffen, der dem BildungSauSschuß der Rixdorfer Lrbeiterschast angehört. Der Zettel ist ihm ins Hau» gebracht worden zusammen mit einem Probeheft eines.gamilienblatte«". dessen Inhalt an die schönsten Hintertreppen romane erinnert. Unser Genosse ist der Meinung, daß der Ausdruck .Geschäftsstelle der BildungSzirkel für Arbeiter" geeignet sei. in Arbeiierfamilien irreführend zu wirken. Er bittet un«, öffentlich festzustellen, daß d er B i l d u», g» a u Ss ch u ß der Rixdorfer Arbeiterschaft in keinerlei Verbindung mit dem Henkelschen Unternehmen steht. Weiß einer Nähere« über Herrn Henkel«.BildungSzirkel für Arbeiter"? Sin Gartenfest der arbeitenden Jugend veranstaltet am Sonn tag. den 13. August, der Iugend-Ausschuß der Arbeiter- schaft RixdorfS im Gesellschaftsbaus Fclich, Knesebeckstr. 48/49. Festrede. Männerchöre. Konzert, turnerische Aufführungen. Theater. lebende Bilder und ein kleines Tanzkränzchen bilden itas Programm des Festes, dessen Besuch allen Freunden der Jugend nur dringend empfohlen werden kann. Eintrittskarten für Jugendliche(bis zu 18 Jahren) 20 Pf., für Erwachsene 30 Pf., sind allabendlich von 7 bis 9'/, Uhr im Jugendheim, Jdealpassage S. zu haben. Charlottenburg. Elternverrin für freie Erziehung. Sonntag, den 18. August. findet ein FamilienauSflug nach dem Grunewald statt. Treffpunkt 1«/. Uhr nachmittag auf dem Reichskanzlerplatz. Abmarsch pünktlich 2 Uhr. Äaffeepause in Schillers Waldhaus(Inhaber Schober). Lichtenberg. Der Gesangverein„Mäunerchor Ost"(M. d. berat, stallet am Sonntag, dm IS. August, in ReumannS BollSgarten(früher Menle) in Lichtenberg, Rödersir. 28/29, ein Sommerfest. Dasselbe besteht aus Vokal- und Jnstrunientalionzert, Spezialitätenvorstsllung, Preiskegel», Tanz und Kinderbelustigungen. Pankow. Erste Hilfe bei Unfällen oder Erkrankungen konnte man in Pankow bisher auch znr Nachtzeit in der S a n i t ä t S st u b e er- halten, die hier im Rathaus bei der Polizeiwache eingerichtet ist. Nach einer Uebereinkunft mit der Gemeinde wurde in der SauitätS- stube der Nachldienst von Mitgliedern der„Saniiätskolonne vom Roten Kreuz" übernommen, die gegen eine Vergütung von 1 M. pro Nacht sich bereit hielten, um einem Hilfesuchenden entweder selber die erste Hilfe zu leisten oder ihm die Hilfe eines Arztes zu beschaffen. Ein hiesiger Einwohner, der von dieser Einrichtung gehört hatte, wollte kürzlich in einer Nacht die Sanitäts stube in Anspruch nehmen, weil sich bei ihm an den Händen und Armen plötzliche Anschwellungen gezeigt hatten, dir er auf Stiche giftiger Fliegen zurückführen zu sollen meinte. Als er gegen 1 Uhr nachts mit einem Begleiter die Polizeiwache aufsuchte und sein Anliegen vortrug, wollte der anwesende Polizeibeamte ihn be reitwilligst zu der SanitätSsttibe führen, in die man durch die Polizeiwache gelangt. Es ergab sich aber, daß die Sanitätsstube geschlossen war, und alles Anklopfen blieb erfolglos. Ein zweiter Polizeibeamter, der hinzukam, gab dann die Aufklärung, daß ja schon seit längerer Zeit die Sanitäts st übe nicht mehr bei Nacht besetzt werde. In der Tat ist der Nachtdienst der Sanitätsstube vor mehreren Wochen eingestellt worden, sodaß jetzt hier in der Nacht keine erste Hilfe mehr au haben ist. Gegenüber diesem unhaltbaren Zustand scheint uns eme schleunigste Aenderung dringend erforderlich. Weifteusee. Die Errichtung des Ledigenheim? wird in gewissen Kreisen immer noch schwer empfunden und Leute, ldie mit dem Ort nicht das geringste gemein haben, werden veranlaßt, Artikel zur Vcr- unglimpfung des Ledigenheims in Berliner Zeitungen zu lancieren. So schreibt ein Herr aus dem Südosten Berlins in dem unabhängigen ,. Lokalanzeiger", daß die Gemeinde Weitzcnsee 210 000 M. bewilligt habe, worüber der ehrliche Sozialpolitiker nur verwundert den Kopf schütteln müsse. Aus abertausenden Bürgern greife man eine kleine Gruppe von 84 Jünglingen und IS Jungfrauen heraus und für diese baue man ein komfortables Heim, was jährlich 10S00 M. Zinsen erfordere, während nur 7S00 M. an Miete einkämen. Hierfür hätte man ein Heim für alte erwerbsunfähige Ehepaare bauen sollen. Das letztere ist ein ebenso guter Vorschlag und unsere Genossen wären die«rsten, die mit ihm eiiwerstanden sind. Aber wir kennen unsere Pappen- heimer, die in Sünden ergraut sind. Wenns zur Verwirklichung kommen soll/ dann versage ihr„soziales Gefühl"! Wenn der Berliner Herr nun schon eine Rechnung aufmächt, so soll er sich doch besser informieren lassen, denn außer dem Ledigenheim werden in dem Gebäude noch Geschäftsläden und Räume für die Ortskrankenkasse untergebracht, so daß die Verzinsung vollauf gedeckt ist. Mit ganz besonderem Behagen druckt das Grundbesitzer- G. m. b. H.-Organ den„Meinungsergutz des Berliner Herrn ab, aber ihren Lesern wird die Wirklichkeit der Verzinsung absichtlich vorenthalten. Es ist doch nicht anzunehmen, daß der Redakteur, der den Verhandlungen im Gemeindeparlamcnt beigewohnt hat, wie sein Organ seit einiger Zeit mit„verkleinertem Kops" erscheint. Reinickendorf- West. Gesangliche Veranstaltung. Sonnabend, den 12. August, veranstaltet der Gesangverein„Einigkeit"(Mitglied des Arbeiter- Sängerbundes) in Hartman»'« Brauerei, Scharnwebcrstr. 101/104, ein SommernachtSvergnügrn. Im Garten Auftreten der Nord- deutschen Sänger. Billet 25 Pf. Da der Verein sich hei allen Parteiangelegenhciten zur Verfügung stellt, werden die Genossen sowie Genossinnen ersucht, sich an dem Fest zu beteiligen. Manzöfisch-Buchholz. In der Generalversammlung gab der Bczirkslciter Genosse Neumann den Jahresbericht. Es haben demnach im vergangenen Jahre stattgefunden: 3 General-, 9 Mitglieder- und 2 öffentliche Versammlungen. Frauenleseabende fanden nur 4 statt. Der Mit- glicdevbestano ist durch Streichung oder Verzug nach Berlin von 172 auf 123 zurückgegangen. Es sind verzogen und bestrichen 47. Zugezogen und aufgeaomincn nur 28, so daß die Mitgliederliste um 19 zurückgegangen ist. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 007,26 M. auf, dem eine Ausgabe von 788/3 W. gegenübersteht. An die Krei» lasse wurden abgeführt 461,49 M. Die Wahl der Bezirksleitung gab folgendes Ergebnis: 1. Bezirkslciter Risch, 2. Bczirksleitcr Ritter, Kassierer Gustav Schmidt. Schriftführer Dumtzlaff, Lo kaliommissionsmitglied Otto Grün, Revisoren Basche, Radloff, Dechert: Bezirkssührcr: 1. Bezirk Hainke, 2. Auckow, 3. Voigt, 4. Müller und für Blankenburg Tcrkc. Zehlendorf(Wannseebahn). Da« Rittergut Düppel zwischen Zehlendorf. Nikolassee und Klein Machnow ist vom MiliiärfiSkuS angekauft worden. Der MilitärfiSku« braucht da« zirka 800 Morgen große Grundstück zur Anlegung von Kaserne» und anderen Bauten. Teltow. In die Dreschmaschine geraten ist dein, Ackerbürger Srdmann eine Frau Heinicke; sie mußte erheblich verletzt mit einem Kranken- wagen fortgebracht werden. Im gesperrten Schützeuhause wird vom 12. bis 14. August von der Schlltzengilde ein EiuweihungSfest veranstaltet. Da das Schützen hau« der Arbeiterschaft für ihre ernsten Angelegenheiten verschlossen ist, wird hoffentlich jeder aufgeklärt» Arbeiter die Veranstatlung meiden. Die hiesige Arbeiterschaft feiert am 13. August in der Plow tage Clieston ein Kinderfteudenfest. um gegen den Schützenrummel zu demonstrieren._ Jugendveranstaltungen Lichtenberg-Rum, uelsburg. Am Sonnabend, den 12. d. M.. Der. einen Bestand voll 1462,32 M. Für IlnterstützungSzwecke wurden 2927 M. ausgegeben. Die Mitgliederzahl stieg im Laufe des Quartals von 2147 auf 2206. Nachdem die Versammlung den Bericht entgegengenommen hatte, bewilligte sie auf Antrag des Vorstandes den ausgesperrtei, Kollegen in Schweden 2000 M. aus der Lokalkasse. Hierauf erstatteten die Delegierten der heiztechnischen Konferenz in Dresden Bericht. Es handelt sich bei dieser Angelegenheit aus- schließlich um fachtechnische Fragen, besonders um die Ver- vollkommnung des Kachelofens, um ihm die Konkurrenz mit der Zentralheizung zu erleichtern. Gemäß dem Beschluß einer früheren Versammlung hat eine Urabstimmung stattgefunden über die Frage, ob im Prinzip die Er- richmng eines obligatorischen varitätischen Arbeitsnachweises angc- strebt werden soll. In der Urabstimmung sind von_ 1591 Abstimmenden 1094 Stimmen für den varitäkischen Arbeitsnachweis abgegeben worden. Der Vorstand wird nun die wetteren Schritte tun, welche in Konsequenz des Abstimmungsergebnisses erforderlich sind. Die Kino-Operateure, soweit sie dem Deutschen Metallarbeiter- verbände angeschlossen sind, hielten in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag eine öffentliche Versammlung ab. L a r i s ch, als erster Redner, knüpfte an eine Stelle aus dem verlesenen Protokoll an, wo der Ausspruch eines Kinounternehmcrs wiedergegeben ist, der in einer vorhergegangenen Versammlung den Deutschen Mctallarbeiterverband als die einzig richtige Organisation für die Kinoangcstellten bezeichnete und zum Beitritt aufforderte. Das sei, von einem Unternehmer gesprochen, bemerkenswert und erfordere dringend, daß die Angestellten auch danach handelten. Redner warnte noch vor der Eigenbrödelci und zeigte sehr wirksam, daß die bestehenden Vereinchen die Lage der Kinoangestcllten nicht beeinflussen können, daß nur eine geschlossene, fest fundierte Gewerkschaft erfolgreich für deren Interessen ein- treten kann. Es wäre dringend erforderlich, daß die„Loge" und „Freie Vereinigung" sich dem Deutschen Mctallarbeitervcrbande anschlöffen, da sie allein doch nichts ausrichten könnten. Die Zcr- splittcrung müsse aufhören und die trennenden Momente sachlich ausgefochtcn werden. Der genannte Arbeitgeber, der wiederum anwesend war und der selbst, wie er erklärte, aus der modernen Arbeiterschaft hervorgegangen ist, nahm auch diesmal das Wort und betonte, daß, je eher je besser, die bestehenden Vereine sich dem Deutschen Metallarbeitcrverbande anschließen sollten. Ein anwesender Angestellter, der kürzlich dem Metallarbeiter- verbände beigetreten ist, erzählte, daß der Vorsitzende der„Freien e r e i„ i g u n g" sofort sich an den Chef des Betreffenden wandte, um ihm diese Tatsache mitzuteilen, damit der Denunzierte entlassen werden sollte, was zedoch nicht glückte. Ein Redner warnte vor einem gewissen B ehrend, der die Ausbildung von Vorführern sozusagen fabrikmäßig gegen Entgelt von 80 Mk. betreibe und gleichzeitig eine Schankwirtschast besitze, in der Geld zu verzehren die Stellungsuchenden quasi gezwungen sind. Zum Schlüsse wies Larisch noch darauf hin. daß weder die Freie Vereinigung", noch die„Loge", selbst wenn sie wollten, etwas durchsetzen könnten. Nur die Organisation, hinter der das Arbciterpublikum stehe, könne etwas für das Kinopcrsonal erreichen und das sei der Deutsche Mctallarbcitcrvcrband. Arbeiter-Wanderbund„Tie Naturfreunde�. Wandersahrten am Sonntag, den 18. August 19ll, BundcS-Kandcrfahrt zum c�orinsce. 1. BIrkcnwerdcr-DamsmuhIe-Goriiisec. Absahrt Stettin« Vorortbahlihos 6,45 Uhr vormittags. 2. HermSdorf-Kindel-Gorinsce. Abfahrt Stettin« Vorort-Bahnhos 7,08 Uhr vormittags. 3. Pankow-Franz. Luchholz-Kori»- see. Treffpunkt Pantowcr ftirche 7 Uhr vormittags. 4. Zepernicl-Schön- brück-Gorinsce. Abfahrt Stettiner Vorortbahnhos 1,30 nachmittag». Gäste willkommen. anstaltet der JugendauSfchutz eine Na-btpartie nach den M ü g g« l bergen. Treffpunkt für 2 i ch t e n b e r z- F r> e d r i ch» s e l d« im Jugendheim, Bürgerheimstr. 04; für ZiummelSburg-Stralau ebeiijall» im Jugendlicim, Alt-Loxhaaen öS. Abmarsch Punkt 9 Uhr abends. Fahrgeld 80 Pf. Versammlungen. Zeutralverband der Töpfer. In der am Freitag abgehaltenen Generalversammlung erstattete der Vorsitzende S e g a v e den Ge- schästsbericht für das zweite Quartal. Unter anderem führte der Redner an, daß eine Agitation unter den„Wilden" betrieben worden ist, die zwar wenig Erfolg hatte, aber doch sicheren Ausschluß über die Zahl der„Wilden" gegeben hat, die bisher immer bedeutend übertrieben wurde. Eine genaue Kontrolle bat ergeben, daß 129„Wilde" auf den Bauten ermittelt wurden. Hiernach kann ihre Zahl im ganzen höchsten« 200 betragen. Weiter teilte der Redner mit. daß 122 Streitfälle auf Bauten zu erledigen waren, daß sechs Sperren verhängt und sechs Sperren aufgehoben und daß mit vier Firmen Tarife abgeschlossen wurden. Die Statistik deS Arbeits- tachweise« ergibt,_ daß gegenwärtig 22 Arbeitslose vorhanden ind, während die Zahl der Arbeitslosen in der gleichen eit deö Vorjahres 300 betrug. Der gegenwärtige günstigere Ztand des ArbeitSmarltes ist darauf zurückzuführen, daß außerhalb. namentlich in Sachsen, reichlich Arbeitsgelegenheit vorhanden ist und viele Berliner Töpfer dort Arbeit genommen haben.— Die von, Kassierer Bom Hammel erstattete Abrechnung zeigt für die Lokal- lasse eine Einnahme von 0437,34 SU., eine Ausgabe von 7074,90 M, Hud aller Sielt. Kefrctexplonon auf einem Rbdndampfer. An Bord des Dampfers„G u t e n b e r g" der Rheinischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft Köln-Düsseldorf, der außer Stück- gütern fünfzehn Passagiere an Bord hatte, er- eignete sich Mittwoch früh, nach einem Telegramm aus R o t t e r d a ni. eine Kesselexplosion, die auf dem Fahrzeug großen Schaden anrichtete. Der Schornstein wurde hoch in die Luft geschlendert; das ganze Oberdeck, der Rad» kästen, die K ü ch e und Kajüten sind zerstört. Der Kessel wurde auf den Kai geworfen und seine Außenwand hundert Meter weit weggcschleudert; teilwcis« schlugen die Bruchstücke durch die Bedachung einer nahegelegenen Druckerei. Durch den Luftdruck wurden sämtlicheFensterscheiben der Umgebung zerstört. Die Gesellschaft gibt nachstehende Liste der Toten und Berletztea bekannt: Getötet Steuermann Poll mann-Bingen. Leichtmatrose Lehr-Bacherach und Heizer G l o s s e i t- Warruß(Kreis Hcydekrug); vermißt Heizer Keil- Heppenheim; verletzt Kapitän S e t p, erster Maschinist Müller, Monteur E x o l. Kellner Rode, Reslaurateur Nordhorn. Matrose W o l z sowie von den Passagieren zwei Frauen aus Rotterdam. G Die Leiche des Heizers Glosseit ist geborgen, die des Heizers Keil befindet sich bisher noch im Schiff, lieber die Ursachen der Katastrophe ist nichts Gewisses bekannt; eS wird die Vermutung geäußert, daß die Wassermenge in dem explodierten Kessel zu gering gewesen sei. wodurch dieser teilweise glühend wurde, so daß eine unvorsichtige Beifüllung die Explosion herbeiführte. Man weiß nicht, wie viel voii den Passagieren sich an Bord befanden; eine im Krankenhause liegende Frau erklärte, daß ihre Tochter mit einem vierjährigen Kinde an Bord gewesen sei. Bis jetzt sind zehn Verwundete festgestellt, von denen der zweite Maschinist schwer verletzt ist. Groftfeucr auf Helgoland. Ein Großfeuer hat in der Nacht zum Mittwoch im Unter- land von Helgoland gewütet. In der vierten Morgenstunde brach in der in der Bindfadenallee gelegenen Villa Franziska Feuer aus, das sich bei der leichten Bauart der Häuser auf Helgoland mit Windesschnelle verbreitete und auf da» benachbarte Logierha� und die Konditorei von Heinrich Eilers sowie auf das Restauraill„Berliner Hof' übersprang. Die zahlreich an« webenden S o in m e r g ä st e der Villa Franziska und des„Berliner Hofs" konnten nur mit Mühe geweckt uud au« den brrnnetldea Häusern herausgeholt werden; sie konnten aber n i ch t d a S G e r i n g st e von ihrer Habe retten und mußten sich in Nachtkleidern auf die Straße flüchten, um nur dai nackte Leben den Flammen zu entreißen. Ein Hausdiener de» Berliner Hofs verunglückte bei einem Sprung aus dem Fenster so schwer, daß er bald darauf starb; drei Bewohner erlitten teilweise schwere Brandwunden. Da» Feuer, das zeitweise auf die gegenüberliegenden Häuser der engen Straßen überzuspringen drohte, konnte nach harten Bemühungen der Feuerwehr und vieler Einwohner um>/,? Uhr morgen» gelöscht werden. Die drei Häuser sind vollständig herunter» gebrannt. Kleine Notizen. Reuer Höhenrekord. Der Aviatiker Montalent hat gestern nachmittag auf dem Flugfelde von Brooklands den Höhen- r e k o r d mit einem Passagier geschlagen. Er erhob sich bei diesem sensationellen Fluge auf einem Zweidecker bis zu 2250 Meter und hat damit den Rekord der deutschen Aviatiker Schendel und Hirth, den diese im Juni dieses Jahres in Berlin aufstellten, ge- schlagen. Aigestürzt. Oberleutnant I st r a t i, der auf dem Plateau von Cotroceni einen Aufstieg mit einem Bleriotapparat unternahm, stürzte aus einer Höhe von 40 Meter in die Tiefe und wurde schwer verletzt unter den Trümmern seines Apparates hervorgezogen. — Der Wiener Tourist Leopold Bergmann ist bei einer Bergpartie in Gesause abgestürzt und tot aufgesunden tvorden. Erschösse». Mittwoch nachmittag wurde auf den Schietzständen des Oldenburger Schützenvereins mährend des Schützenfestes der Unteroffizier Peters, der als Schreiber tätig war, von einer Pistolenkugel getötet. Der Gastwirt Brand befand sich auf dem Nebenstand und war abberufen worden. Dabei legte er die Pistole auf eine Bank, wobei sich der Schutz entlud. Schwere Explosion. Auf Zeche Schürbank bei Dortmund erlitten d r e i B e r g l e u t e bei einer Explosion schwere Lrr- letzungrn. Einer starb sofort. Beraubung eines Postzuges. Nach einer amtlichen Meldung aus B u d a p e st ist der P o st w a g e n des zwischen S a t o r a l j a- Ujhely und Kaschau verkehrenden Personenzuges um 14 Geld- briese, die 34000 K r o n e n enthielten, beraubt worden. Von den Tätern fehlt jede Spur. Folgenschwerer Brand. In der ungarischen Ortschaft P r i e k o h a wütet ein grosser Brand, dem auch die dortige Spiritus- fabrik zum Opfer fiel. Die Magazine der Fabrik, in welchen sich grosse Spiritusvorräte befinden, sind stark gefährdet. Infolge des starken Windes gestalteten sich die Löscharbeitcu sehr schwierig.' Verhaftung einer Mädchenhändlcrbande. Aus B u k a r e st meldet ein Telegramm: Die hiesige Polizei verhaftete eine aus zwei Männern und zwei Frauen bestehende internationale Mädchenhändlerbande, die diesem Gewerbe bereits seit dielen Jahren nachging. Autounfall. Nach einer Meldung au? Osnabrück ist daS Automobil des Prinzen Heinrich, das von diesem selbst gesteuert wurde und in dessen Begleitung sich sein Adjutant Korvettenkapitän v. Usedom befand, von Holland kommend bei Cloppenburg gegen einen Baum gefahren. Der Chauffeur erlitt einen Schädelbruch, der Adjutant wurde leicht verletzt. Leichenfledderer. Die Düsseldorfer Polizei hat eine neunköpfige Spitzbuben bände verhastet, die in zahlreichen Fällen auf dem Hauptbahnhofe und in den städtischen Anlagen schlafende Personen beraubt hatte. Eine Menge Diebeshandwenzeug wurde bei ihnen beschlagnahmt. Selbstmord eines Pfaffen. In G ö r z hat der evangelische Pfarrer Franz Brcitenauer sich aus unbekannter Ursache mit Lysol vergiftet. ßnefbafteii der Redahtfcn. In der Zeit von Montag, den 7. bis Freitag, den 11. August: Sprechstunde abends zwischen 7 und 9 Uhr. Prozefl 1911. Es handelt sich offenbar um die Kosten der Gegen- Partei, die Sie, trotz des Ihnen bewilligten �lrmcnrechts, bezahlen müssen. Die Einziehung erfolgt, wenn Sie nicht freiwillig zahlen, durch den Gerichts- Vollzieher. Es kann auch Lohn beschlagnahmt(alles über 93,85 M. wöchentlich). Falls die Zwangsvollstreckung fruchtlos, müssen Sie den Offcnbarungs- eid leisten und können eventuell durch Hast dazu gezwungen werden.— Schräder 199. Ja, die Hälfte, wenn mindestens 200 Wochen Beiträge entrichtet sind und eine Rente bisher nicht bewilligt war.— II. I. 38. Sie müssen Ihrem Nachbar die ersorderlichen Ausivendungen, welche er gemacht hat. erstatten. Tarunter würde natürlich nur ein gewöhn- lichcs Bauer zu verstehen sein, lein Luxusbauer. Wenn er den Bogel gefangen hat, hat er sich natürlich strasbar gemacht. — B. B. 1889. 1. Ist nicht verjährt. 2. Bormund muh schreiben: „Unter Borbehalt jederzeitigen WiderrusS bin ich" usw. DaS Urteil bleibt bestehen.— Erbschaft 399. Nach Ihren Angaben sind Sie nicht alleiniger Erbe. Kommen Sic inal in die Sprechstunde.— P. Z. 8498. 1. Sie brauchen nur den fünften Teil zu zahlen. 2. Aus Tcllzahlungen braucht sich die Armendirektion nicht einzulassen. S. Wegen der Verwandten kraft Gesetzes zu entrichtenden Unterhaltsbeiträge» ist für die Zeit nach Erhebung der Klage und für das diesem Zeitpwiit vorausgehende letzte Bierteliabr die Pfändung des Gehalts ohne Rücksicht aus den Betrag zulässig. Nicht pfändbar ist der Teil, dcir Sic zum notdürstigeu Unterhalt für sich und Ihre Familie brauchen. Im übrigen kann der 125 M. monatlich üdcr- schietzende Betrag gepfändet werden.— A. 2. 18. Wenn Sic für das lausende Jahr den Stempel noch nicht bezahlt haben, müssen Sie ihn jetzt zahlen.— Roderninski. Ja, falls dies nicht vertraglich(Arbeitsordnung) ausgeschlossen ist. ß Llö B. G.-B. Marktpreise von Berlin am 8. August 1911, nach Ermittelimg des Königlichen Polizeipräsidiums. M a r l t h a I l e n p r e i j c.(Kleiubandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00— 50,00. Speisebohncn, weisse 30,00-50,00. Linsen 20,00-60,00. Kartoffeln 10,00—16,00. i Kilo- gramnl Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchsleisch 1,20 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20— 1,80. Kalbfleisch 1,40—2,30. Hammelfleisch 1,50—2,30. Butter 2,20—2,80. 60 Stück Eier 3,00—5,00. 1 Kilogramni Karpfen 1,40—2,40. Aale 1,60-3,20. Zander 1.60—3,60. Hechte l.40 bis 2,80. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,50. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00-36,00._ WitterungSuberiich» vom 9. August 1911. w C i 5 » B C c 2= «2 pb-i Swmemde. Hamburg Serlw Frantt.a.lll. München Wien =— i? 771 NNW 771 OSO 770 O 768 N 763 O 767 NNW Setter 1 heiter 2 wolle»! 1 wölken! 2woIIciil 3 heiter 3 wölken! »II ff M* Stationen |a II Ii �§ = 2 Havaranda 770 SW Petersburg 767 Still Sctllh Aberdeen Paris 765 NW 764 S 765 Still Setter 2* *1 2 heiter 18 — Heitel- 1 20 Z wolkig i 17 3 Dunst! 16 —wollenl 21 «Setterprognose für Donnerstag, den 10. August 1911. Nachts kühler, am Tage lvieder sehr warm und ziemlich heiter bei leichten südöstlichen Winden, später etwas stärkere Bewölkung. Gewitter nicht ausgeschlossen, sonst trocken. Berliner Wetterbureau. !• I» I» ?» I» Is I» I» I» I» I» )• I» lO I» I» I» I» |# Is |* I» I» I» IS I» 1# Grosser Saison-Ausverkauf Der Verkauf findet nur in folgenden Geschäften statt Zur Vermeidung von Verwechselungen qchte man gefälligst genau auf Strassennamen und Hausnummern der alten. Stiller- Firma! Haupt-Geschäft: Jerusalemer Str. 38-39, am Dönhoffplatz Potsdamer Strasse 2 □ Tauentzienstrasse 19a □ Königstrasse 25-26 □ Rosenthaler Strasse 5 Schöneberg. Hauptstrasse 146 □ Rixdorf, Bergstrasse 25-26 □ Charlottenburg, Wilmersdorf er Str. 45 Unsere alljährlichen Saison- Ausverkäufe haben einen grossen Ruf erworben, das beweist uns der von Jahr zu Jahr gewaltig vergrösserte Zuspruch. 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