Nr. 806a* Extra Ansgare. "fconncmcntS'Bedlngungcn: > Preis pränunicrando i � wsV,?N- bPV Mk., monatl. riv Mk., Nmein'N. � �lg- frei ins Hans! Wm« Pfg. Sonntags. Ingctrogcn in" die Post'-ZeitünaS? |SC-V Unter Kreuzblnd für und Oesterreich- Ungarn i im.'•P't!>ds übrige Slnslanb o.->arl pro Monat. Postabonnements Men an: Belgien, Dänemark. Italien, Luxemburg, Portugal, -UlManicn, Schweden und die Schweis. 88. Jahrg. VI« lnsei'tIon5-LebIlhk beträgt für die scchSgespaltene Kolonel» zeile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersainmlungs-Anzeigen M Pfg. „Kleine Hnreigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. lzuläfsig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort>0 Psg. Stellengesuche und Schlafstellenan» zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 15 Buch» Ilaben zähle» für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nunnncr müssen bis i Uhr nachmittags in der Expediti»» abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, krWKlnt tZglich aulkr liionlaas, Derliner VolKsblAtt. Zentralorgan der Ibzialdemokrati leben parte» Deutfcblands. Telegramm» Adrefle: „Sozialdemokrat Rerll»" Redaktion; 8 AI. 68, Lindcnstrassc 69. _ Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Montag, den 4. September 1911. Expedition: SCd. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Die Armee bes Friedens. Und die Massen marschieren, marschieren... Der Einberufung ihrer Organisation Bisten alle Arbeiter Folge. Pünttlich treffen die einzelnen an den zahllosen Sammelpunkten Dann formieren sich die Züge und ziehen durch die Straffen. Ruhig, ernst, würdevoll, auf den Dienst, den sie ihrer hohen Sache heute leisten dürfen. Zug trifft auf Zug, bis �'ltf) schließlich die Massen zu dem unabsehbaren Heerwurm zusammengeballt haben, den das "ugehcure Feld des Treptower Parkes allmählich aufnimmt. Eine Armee ist's, die da der» bvninelt ist, eine Armee freilich eigener Art. Denn dem Kriege erklärt sie den Krieg und % Kampf gilt denen, die den Frieden gefährden. ' Die Kundgebung der Berliner Arbeiter im Treptower Park ist sicherlich die größte » r iedensdemon st ratio n, die die Welt je gesehen hat. Wenn noch irgendwo der «feste Zweifel au dem unerschütterlichen Friedens Ivillen des deutschen � � l k e s bestanden hätte, der heutige Tag gibt Gewißheit über die wahre Gesinnung der �kbeitenden Massen. Die Riesenkundgebung vom 10. April ist noch über- l1 0 f s e tt; noch größer war diesmal der Zustrom der Demonstranten. Würdig war dieser �Q9 der Hauptstadt der deutschen Sozialdemokratie, der Hauptstadt der völkerverbrüdernden >Mernationale. * Was aber dieser Kundgebung ihr besonderes Gepräge, ihre geschichtliche Bedeutung gibt, a§ ist der Geist, der sie erfüllt. Es war keine platonische Friedensbeteuerung, kein weh- leidigcz betep Klagen über ein unabwendbares Geschick, auch keine von jenen Sympathie- euerungcn, die gerade dann vergessen werden, wenn es gilt, sie durch die Tat zu bc- Weisen. Die da gestern beisammen waren, um die Erhaltung des Friedens zu wahren, sind keine Schwächlinge, die um ihr Leben zittern. Weun es sein muß. dann werden sie auch ihr �'eben für ihre Sache einzusetzen wissen. Aber daß sie wissen, was ihre Sache ist, daß sie erkannt haben, daß der Krieg, den die Herrschenden herauszufordern wagen, nicht ihre Sache, sondern die ihrer Feinde ist, das ist es, was diese proletarische Kundgebung scheidet von den Redensarten, die in ruhigen Zeiten so billig wie nichtssagend sind. Unsere Friedensdemonstration fand nicht statt in ruhiger Zeit, wenn Fürsten und Pfarrer, Minister und Parlamentarier von Friedensliebe triefen. Sie fand statt in e r n st e r Stunde, wo an Stelle der offiziellen Friedensphrasen der düstere Hinweis auf die ultima ratio der Waffen erfolgt, tvo die Welt erfüllt ist von dem Lärm der Chauvinisten und dem Drohen der Kriegsintcressenten. Und ernst wie die fricdensgefährdende Politik des Imperialismus ist unsere Abwehr. Wir sind uns bewußt, daß wir die bürgerliche Welt in die Schranken fordern, indem wir uns der Gewaltpolitik entgegcntverfcn, aber wir wissen auch, daß wir im I n t c r- esse der überwiegenden Mehrheit der deutschen Nation handeln und daraus erwächst unsere Kraft. Was ist es denn, das unsere Gegner so toben läßt, wenn wir die geheimnisvolle, unheilverkündende Stille der diplomatischen Verhandlungen mit unseren Fricdensrufen unter- brechen? Was ist es, das sie nicht zufrieden sein läßt mit der Ausschaltung des Parlaments, daß selbst der unverhüllte Absolutismus, den sie in der auswärtigen Politik nach Willkür schalten lassen, ihnen nicht Genüge tut? Es ist die Einsicht, daß diese großen Aktionen der arbeitenden Massen, daß die gehöhnte Politik der Hasen Heide denn doch von ganz anderer Bedeutung für den Gang der Ereignisse ist, als sie eingestehen»vollen. Denn das eine müssen sie erkennen, so verhaßt ihnen solche Erkenntnis ist: Einen Krieg kann heute kein Staat mehr führen ohne die Zustimmung, die Begeisterung der Massen, lind diese Zu- stimmung ist für sie nicht zu erlangen, die Begeisterung für den Krieg können sie nicht wecken, weil die unermüdliche Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie das Bewußtsein der arbeitenden Massen über ihre wahren Interessen geweckt, sie aus einem willenlosen Instrument der herrschenden Klassen zu selbstbewußten, klarblickenden Kämpfern um ihre Befreiung gc- macht hat. Das ist das sorgsam gehütete Geheimnis, das unsere Demonstration enthüllt: Der Kapitalismus verfügt heute unumschränkt über alle Machtmittel des Staates und diese Mittel sind ungeheuerer denn je. Aber den herrschenden Klassen ist in jedem Lande der Gegner erstanden, der Gegner, der ihnen doch zugleich unentbehrlich ist, um jene ungeheueren Machte mittel in die verderbenbringende Bewegung zu setzen. Und es genügt nicht, daß sie ihren Machtspruch sprechen und Wider willige in ihren Dienst zwingen. Die Be- g e i st e r u n g aber fehlt. Denn der Gegner weiß, uin was es sich handelt, weiß, daß der Kampf, den er kämpfen muß, nicht der brudermörderischc Kampf von Arbeitern gegen Arbeiter sein darf, sondern der Kampf um die Eroberung der Staatsmacht, die er geschaffen und die es umzuschaffcn gilt aus einem Werkzeug der Unterdrückung in das Werkzeug der Befreiung. Das große Betvußtsein des Ringens um die Ziele der Menschheitskultur, das heute in den Arbeitern aller Länder erwacht ist, aber ist cS, waS zur stärksten, zur einzigen Gewähr der Erhaltung des Friedens geworden ist. Von diesem Gesetz war die Riescnversammlung erfüllt, in diesem Aesetz hat sie beschlossen, und ohne ruhmredig zu sein, diirfen wir sagen, daß sie e i n e n S i c g bedeutet über die Kulturgefahr des Krieges. Die Massen marschieren, unsere Armee schwillt an. Immer neue Kämpfer stoßen zu ihr. Nicht in unserem Deutschland allein wird der Kampf geführt. In allen Ländern wachsen die Streiter an Zahl und Einsicht, ein wahres Wettrüsten der Freiheit zeigt uns der Blick. Und dieses Wettrüsten der Arbeiterklasse, es wird rascher vorangehen als das Wettrüsten des Militarismus, der Friedenswille der Arbeiterklasse wird inimer mehr Macht gewinnen über die Kriegsgefahren, mit denen der Kapitalismus uns bedroht. Auflvärts jährt der Weg! Er soll uns nicht verlegt werden durch Kriege für fremde Interessen. Wir wollen den Frieden! Die friedcnsftundgcbuiig. In den zehn Massenversammlungen unter freiem Himmel, in die unsere Friedens� demonstration sich gliederte, begründeten die Redner folgende Resolution: Die am Sonntag, den 3. September, im Treptower Park versammelten Männer und Frauen des arbeitenden Volkes erheben energischen Widerspruch gegen die infame Kriegshetze des Panzerplatten- und Kanonenknpitals und dessen bezahlter Agenten. Ausgehend von der Ueberzeugung, daß die ganze Kolonialpolitik nur ein Auswuchs der imperialistischen Machtcntfaltung und der kapitalistischen Raubsucht ist, daß sie zur Verrohung der erobernden Völker und zur gewaltsamen Vernichtung ganzer Völker- stämme führt, daß diese Politik notwendigerweise Reibereien und Konflikte mit anderen Staaten hervorruft, bei der die arbeitende Bevölkerung die Kosten zu tragen hat, protestieren d i e Versammelten gegen diese abenteuerlichen Unternehmungen. Sie verlangen auch, daß in so ernsten Fragen die VolkS- Vertretung befragt wird. Die Versammelten erklären, daß sie all ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluß ausüben werden, die Aufrechter Haltung des Völkerfriedens zu sichern. Weiter erklären die Versammelten, daß sie sich durch den von den Interessenten entfachten Kricgsrummcl nicht abhalten lassen werden, bei der nächsten Reichstagswahl Abrechnung zu halten nnt dem volksfeindlichen und volksausbeutenden Verhalten der jetzt herrschenden Parteien und den hinter ihnen stehenden Regierungen, indem mit allen Kräften für die Wahl der sozialdemokratischen Kandidaten eintreten. Denn einzig und allein in der Sozialdemokratie finden die Interessen der arbeitenden Bevölkerung ihre Vertretung und nur durch die Sozialdemokratie werden die Forderungen der Kultur und der Völkerfrcihcit erfüllt. � Die Resolufion fand überall einmütige, begeisterte Zustimmung. Dei» Hufmaffcb der JVIaltcn. Da liegt er im leuchtenden Sonnenschein, der weite Rase»- platz im Treptower Park. Wieder einmal ist er seiner eigenilichen Bestimmung, dem frohen Spiel zu dienen, entzogen. Wieder sollen auf dem riesigen Platz, der groß genug ist, um einer mittleren Sladt Raum zu gewähren, die Männer und Frauen des Volkes, des politisch reifen Volkes sich der- sammeln, um dem wüsten, der- brecherischen Treiben alldeutscher Kriegshetzer ein Paroli zu bieten und für den Völkerfrieden zu demonstrieren. Noch kann der Blick frei über die weite Rasenfläche schweifen. Ringsherum am Rande erheben sich, in weiten Abständen von einander entfernt, zehn Tribünen. Ihre leuchtend rote Drapierung sagt jcdeni, der cS noch nicht wissen sollte, dag sich hier in Kürze ein Ereignis von weit- geschichtlicher Bedeutung abspielen Ivird. Das Proletariat von Grog- Berlin wird hier, auf seinem Demonstratiynsplatz, seinen Willen kund tun in einer Frage, die zurzeit die ganze Welt beschäftigt. ES sind noch zwei Stunden bis zum Beginn der Demonstration. Doch schon zieht eine wahre Völkerwanderung nach dem Platze. Es sind Leute, die unserer Partei- organisation nicht angehören, aber doch nicht fehlen wollen, wo das Volk sein Wort in die Wagschale der Politik wirft. Ilm der Sonnen- glut zu entgehen, lagern sich die Ankömmlinge am Rande des Platzes im Schatten von Büschen und Bäumen. Sie zählen nach Tausenden, die, hier auf grünem Rasen fitzend, dort im Schatten promenierend, den ausgedehnten Platz be- Völkern, und doch macht die weite Fläche noch den Eindruck der Leere. Nach und nach entwickelt sich ein geschäftiges Treiben. Die Arbeitcr-Samariterkolonne schlägt ihre Zelte auf und trifft Vor- kehrungen zur schleunigen Hilfe bei etwaigen Unfällen.— Die Ordner der Partei, durch rote Armbinden kenntlich gemacht, nehmen ihre Plätze ein. Schon zwischen 10 und 11 Uhr vormittags setzten unsere organi- sierten Genossen aus den entfernteren Bezirken sich in Bewegung nach Treptow. Dabei kam eö ganz ohne Zutun vielfach zu riesigen TcmonftrationSziigcn, wenn man die aus Tausenden gebildeten Scharen still Dahiuwandernder so bezeichnen will. Die ganze Stadt Ivar zeitweilig überschwemmt von den Massen der nach Treptow Wandernden. Es gab eigenartige Momente auf dieser Wanderung. So als zwei riesenlange Schlangen aus Mcnschenleibern sich still aber beredsam vorbeiwanden an JagowS Residenz, am Polizei- Präsidium, und die wenige» diensttuenden Beamten mit einem merk- loürdigen Gesichtsausdruck die Tausende der Demonstranten vorbei- ziehen und verschwinden sahen. Dann ballten sich die Massen. In der Köpcuicker Straße und der Köpenicker Landstraße namentlich nahm die Menge zeitioeilig die ganze Straßcnbrcite ein. Tann schwammen Straßenbahnen, Wagen und Autos ivie Schiffe durch die sich vor ihnen öffnende, hinter ihnen schließende Menge. Ein kleiner Zwischenfall erregte in der Köpenicker Straße einen heiteren Augenblick. Aus einer Seitenstraße schwenkt ein Trupp aus der Kirche kommender Gardcpioniere unter Führung eines Leutnants in die Köpenicker Straße ein. Als der Leutnant den Demönstrantenzug erblickt, gibt er ein Kommando. In beschleunigtem Teinpo eilen die Vaterlandsverteidiger in die nahe Kaserne.»Macht sonstigen Fuhrwerken freie Bahn zu schaffen. Das gelingt ihnen ohne Schwierigkeit. Gern und willig wird jede Weisung, ftd� Wink der Ordner befolgt. Des riesenhafte Verkehr vollzieht ff« ohne die geringste Störung, musterhafter Ordnung und Di�' ziplin. lind das alle? ohne schneidige Befehle, ohne schnarrende Kommandos, ohne Uniform, ohne Pickelhaube und Revolver. �ie vemoosti'atioii. Es läßt sich kaum cinprää)' tigerer Platz für eine Masse"' demonstration denken, als die große Wiese im Treptower Park. Unmittelbar vor de" Toren des gelverbefleißige" Berlins Südost, unfern der gewaltig emporwachsenden Peo' letarierstadt Rixdorf, die fit)0" Straßenzüge nach Auf dem Wege zum Versammfungsplate. man schnell, det Ihr vörbeikommt, sonst steckt Euch der rote Bazillus an", ruft ein voriibersahrendcr Droschkenkutscher mit sarkastischem Lächeln den davoneilenden Soldaten nach. Gegen 12 Uhr erschienen die ersten Züge der Wahlvcreins- Mitglieder. Bezirksweise unter Leitung der Bezirkssührer rücken sie an. Doch nur wenige Augenblicke, da sind die einzelnen Züge und Trupps nicht mehr zu unterscheiden. AlleS ist verschmolzen zu einer einzigen Masse von erdrückender Fülle. Gewaltige Menschenströme wälzen sich durch alle Zugangsstraßcn zum Demonstralionsplatz. Von Südwesten her rücken in dichten Scharen die Rixdorfcr Gc- nosien an. Von Südosten her kommen die Genossen aus den nahen Orten des Niederbarnimer Kreises. Doch am stärksten ergießt sich die Menschenflut von der Stadt her durch die nordwestlichen Zu- gänge zum Park. Schwarz von Menschen ist die Köpenicker Land- straße. Ueber die Fußgängerbrücke von Stralau her wogt eZ Kopf an Kopf in unübersehbarer Flut. Auf der Treptower Chaussee wirbelt unter dem Schritt der Masscnbataillone der Arbeit der Straßenstaub in dichten Wolken empor. Am Eingang zum Park, dort, wo die Stadtbahn die Chaussee kreuzt, stehen zwei Gendarnie. Verdrießlich schauen die einsamen preußischen Ordnungshüter auf die mit roten Schleifen und roten Nelken geschmückten Demonstranten, die unaufhörlich in breiten Strömen an ihnen vorüberflutcn. SradtwärtS, soweit der Blick reicht, ist die Straße mit Menschen übersät und alle streben demselben Ziele zu: Zur Demonstration.. Es ist nicht leicht, sich gegen diesen gewaltigen Menscheustrom zu bewegen. Selbst die Straßenbahnwagen kommen nur langsam vorwärts. In der Schlesische» Straße reichen die breiten Bürgersteige nicht aus, um die Massen zu fassen. Es geht, nicht anders, auch der Fahrdamm muß mitbenutzt werden. Doch unsere Ordner sind bemüht, den Straßenbahnwagen und den mächtige, Treptow hinüber entsende, liegt der Park. Die Ringbah"� die wochentags zahlreiche übet füllte Arbeiterzüge bcförder, durchschneidet ihn im Norde"' Im Osten flutet breit u" geruhig die Spree, derc Rücken so manches Lastfahrz0"� trägt und deren gleißendeFi""� am' Sonntag von wimmelnd«" Lustdainpfcrn belebt ist. lind inmitten des Parks seinen prächtigen Baumgruppcn und weiten Rasenfläche" d" große Wiese, idyllisch eingebettet in alten Baumbestand, de in malerischen Buchten das gelvaltige grüne Eiland umzie"' Im Osten und Westen schneiden zwei Landstraßen, durch d«0 Straßenbahnen sausen, dicht an dem wkiten Gelände vorüben aber der stattliche Baumschlag verbirgt diese Verkehrsader' derart, daß man sich in stillen Wochentagen weit hinaus fetzt glaubt in die träumerische Einsamkeit ferner Vorortbezi«'0' Wie anders freilich das Bild, das sich am Sonntag Ö«�" 1 Uhr bot. Wer von einer der Tribünen den Blick umß00 schweifen ließ, sah innerhalb der grünen Umwallung df' Bäume auch nicht das kleinste grüne Fleckchen mehr, n»r c" allgewaltiges Menschenmeer. Ilm die zehn Tribünen � sich dies schwarze Meer, in das die Sommerkleider der z"" losen Frauen und die lvcißen Strohhüte der Männer Farbcntupfen brachten, die indes die ernste, schwere, roU' t, Grundstimmung des Ganzen nicht zu beeinträchtige"" »lochten, besonders dicht gestaut. Aber diese ZusaM>"0 ballungen stachen kaum ab von dem Menschenmeere, das ganze Gelände bis in die fernste Ausbucht"' hinein erfüllte. Ja, als um 1 Uhr daS Trompet0� fignal daS Zeichen zum Beginn der Ansprachen gab. war lichte der sich Zustrom noch keineswegs verebbt: noch immer wälzte" aus allen Zugangsstraßen Tausende heran, die der rie'. Anger selbst nicht mehr aufzunehmen vermochte und die. halb das Versammlungsgeländc in dichten Mauern r"* umsäumten. Solchem Massenandrang gegenüber versagen alle Schätzungen. Eine Meinung nur herrschte darüber, daß das berliner Proletariat diesmal noch erheblich zahlreicher an- getreten war, als bei der großen Wahlrechtsdemonstration, und daß die Schätzung von 200000 Demonstrationsteilnehmcrn utä eine keineswegs übertriebene anzusehen sei. Uni 1 Uhr begann das Meeting. Die Polizeibehörden hatten sich in ihrer staatsrettenden Vorsicht die Verwendung �ten Fahnentuches als Signal verbeten— darum mußte ein �-rompetensignal den Beginn der Versammlung anzeigen. ss-ünn und schmächtig nur klangen die metallischen Fanfaren über den weiten Platz; aber das Branden des Menschen- weeres verstummte alsbald und wich gespanntester Aufmerk- ßsmkeit der ungezählten Tausende. Und diese andächtige �lille hielt die ganze Stunde hindurch an, während deren die Redner sprachen. Von den Tribünen aus vernahm man Uur das Rauschen des Windes, der die drückende Hitze milderte, und, zwischen den Sätzen des eignen Redners, gelegentlich die hellen, scharfen Laute der Sprecher von Zwei oder drei benachbarten Tribünen. Bei dem sengenden prand der allzu gut gelaunten Septcmbcrsonne war die Atmosphäre in den dicht zusammen gekeilten Menschenmassen eine nichts weniger als angenehme, aber die Tausende wichen und wankten nicht von ihren Posten. Nichts von Schützenfest- stimmung lag über den Massen, aufmerksam und bedächtig folgten sie den Ausführungen der Redner, die in gedrängter Kürze lu>r Bild der Ursachen des Marokkorummels, der infamen Kriegs- Hetze und ihrer furchtbaren Gefahren und der unausbleiblichen lwurigen Folgen dieser unsinnigen Völkerverhetzung cnt- rollten. Aber jede politische Anspielung löste vcr- ftändnisinnigcn Beifall aus, jeder Hieb gegen die Panzer- hlattcnpatrioten und ihre skrupellosen Werkzeuge wurde de- wonstrativ unterstrichen. Und ein Sturm der Empörung erhob sich jedesmal, wenn die Ruchlosigkeit gegeißelt wurde, eines so lächerlich aufgebauschten Froschmäusekrieges wegen große Kulturuationen wie unmündiges Herdcnvieh in den ltrieg peitschen zu wollen! Es wäre den Herren Diplomaten u»d allen abenteuerlustigen Politikern dringend zu empfehlen gewesen, inkognito dieser Riesenkundgebung der Armee des Friedens beizuwohnen. Hätten sie diese Massen, diese �timniung, diese Entschlossenheit zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens miterlebt, sie würden nicht wehr davon zu fabeln wagen, daß die Masse hinter unseren alldeutschen Hanswürsten und den chauvinistischen Drahtziehern des PanzerplattcnkapitalS stehe. Hier hätten sie einmal den PuIS der Massen fühlen, hier sich einmal davon überzeugen können, daß in der Tat die Zeit der Kabincttskriege nicht nur, sondern auch die der kapitw -ästischen Beütekriege vorüber ist. Uebcrlvältigend wirkte die Abstimmung. Als sich die Hunderttausende von Händen zum Himmel reckten, arbeite gefurchte Proletaricrhände, und zur Bekräftigung der ciw wütigen Annahme der Protestresolution minutenlang empor� gereckt blieben, da fühlte jeder die Wucht des historischen Augenblicks:„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, iu keiner Not uns trennen und Gefahr!" lind groß und würdig, wie die Demonstration begonnen und verlaufen, war auch ihr Ende. Ruhig zerstreuten sich die ungeheuren Massen. Die Disziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Groß-Bcrlins hat abermals eine glänzende Probe bestanden. Das deutsche Proletariat darf auf den ä. September 1911 als einen seiner Ehrentage zurückblicken! Die Cribiinen zogen die Massen besonders an. Ilm sie herum herrschte ein geradezu unheimliches Gedränge stummer und aufmerksamer Hörer. Cribiine I am Ostende des weiten Plans bildete das Zentrum der Demon- stranten auS Nicderbarnim, deren Kreis, auf der einen Seite der- schwimmend mit den anderen, sich weit hinausschob über die Wiesen- grenze bis an den Terrassenabhang der großen Elipse im Osten. Hier sprach nach einigen kernigen Worten des Leiters Brühl erst der Reichstagsabgeordnete dcS Kreises Artur Stadthagen. Leben und Eigentum sei gefährdet, so hieß es, als das Kriegsschiff nach Agadir ging. Jawohl, Leben und Eigentum sind gefährdet— hier bei uns in Deutschland. Oder wo ist Sühne für die � Morde an den Arbeitern Herrinann aus Berlin und Hohen-Neuen- dorf, dercnBlut in Deutschland floß!? Wo ist Schutz für die Hekatomben, die alljährlich auf dem Schlachtfelde der Arbeit dahin- gerafft werden? Sind Kriegsschiffe entsendet gegen die RücksichtS- losigkeit, mit der mit Leben und Gesundheit der Arbeiter gespielt wird? In den letzten 2i Jahren sind 86 mal mehr Arbeiter der- mundet, 18 mal mehr schwer verioundct worden, als Offiziere und Soldaten in den Jahren 1876/71 gefallen oder verwundet sind. In jedem Jahre werden auf dem Schlachtfelde der Arbeit 5—6 mal mehr Arbeiter getötet als im Jahre 1870/71 Offiziere. Im Jahre 1909 wurden 9393 Arbeiter auf dem Schlachtfelde der Arbeit ge- löret, im ganzen französischen Kriege nur 1871 Offiziere. Die Kriegshetze, die sich jetzt breit macht, gebt aber nicht gegen die, zu deren Vorteil diese Arbeiter zugrunde geben, und auch nicht gegen die, die durch Lebensmittelverteuerung, Zölle und Steuern das Eigen- tum fortnehmen. Die Hetze geht nicht gegen die, die Not und Elend fördern und daran Millionen und Abermillionen verdienen. Nein, gerade diese Leute sind eS, die wegen Marokko in wahnsinnig- verbrecherischer Weise zum Kriege hetzen. Nicht wahr sei es, daß daS deutsche Volk, daß die Arbeiter Vorteile davon hätten. Nein, die Hetzer riefen zum Krieg, um die Taschen der deutschen Panzerplatten- und Kanonensnbrikanten, um die der schweren Industrie noch mehr zu füllen. Falsch sei auch, was über die vorkommende» Erze und Baumwolle in den Kolonien und in Marokko gesagt wird; nur ein ganz winziger Bruchteil dessen, waS wir davon brauchen, ist dort verbanden. Stadthagen beleuchtete dann noch näher die Profitgier der Kapitalisten, die ihnen Mut zum KriegSgcichrei mache. Die Kriegshetzer und ihre Sprachrohre in der Presse, so in der„Post", gingen sogar gegen den Kaiser, den sie als ihr Werkzeug betrachteten, in einer Weise an, die Sozialdemo- kratcn längst Anzeigen wegen Majcstätsbeleidigung und Hochverrat ge- bracht hätte. Und dieselben Leute wagten es, die deutschen Arbeiter, weil sie für den Frieden demonstrierten, deS Landesverrats zu zeihe». Das Wort „national" dient ihnen uur als Phrase, dieser verbrecherisch mit dem Wohl deS Volkes spielenden Gesellschaft. Wenn es nicht zum Krieg gekommen sei, dann sei die Ursache davon, daß es eine starke Sozialdemokratie gebe. Jeder vernünftige Staatsmann müsse sich außerdem sagen, daß ein solcher Krieg die Fackel sein würde für die Entzündung eines Weltbrandes und für die der sozialen Revolution. sDonncrnder Beifall.) Das Proletariat wird wissen, was es zu tun hat. Wie verteilt sich die Bevölkerung? Auf 1000 Erwerbstätige kamen 1882 an 455 Selbständige und 544 Arbeiter und 1907 kamen auf 1000 Erwerbstätige 323 Selbständige und 677 Arbeiter. Kurz und gut: mehr als Zweidrittcl haben das Intel- esse der Arbeiterklasse. Sorge jeder dafür daß eS überall heiße: Nieder mit den Kriegshetzern, hoch der Frieden— nieder mit den Ausbeutern, gegen die der Krieg allein gerechtfertigt sei. sStürmischer Applaus.) Genosse B ü h I e r, der Parteisekretär von Niederbarnim, nahm dann dos Wort. In wuchtiger Rede zog er zu Felde gegen die Kriegshetzer, denen er nachwies, daß sie unter anderm den kuror teutonicus auch noch deshalb entfesseln wollten, um bei der bevor- stehenden Wahlabrechnung im Trüben zu fischen. Kein StaalS- anwalt rühre sich gegen die unverantwortlichen Hetzer, die sich in Majestätsbeleidigungen ergingen. Natürlich, die Staatsanwälte seien ja aus bürgerlichen Kreisen. Sehe man sich hier um aus dem weiten Platze, wo das Proletariat zu Hunderttausenden für den Frieden eintrete, dann werfe sich die Frage von selber auf: Wo sind die Friedensbündler in diesen erregten Zeiten geblieben— wo sind die Vertreter des Christentums, der Kirche? Auch die heutige Kirche stehe im Dienste des Privatkapitalismus. Morgen werden uns die, welche heute den Ton angeben, wieder Landesverräter nennen. Wenn jene verbrecherische, Landesverrat wirklich predigende Clique uns so nenne, dann werden wir angesichts des großen Friedeuswerkes, das wir mit unserer Versammlung tun, stolz auf die, uns in elender Verleumdung angeworfene Bezeichnung sein. Seine Worte klangen aus in einen begeisternden Mahnruf: Sammeln wir das Volk unter der Fahne des Sozialismus, das ist die beste Friedensgewäbr. und sorgen wir dafür, daß der bevor- stehende Wahlkrieg den Reichstag reinigt von den Volksverrätern und es dahin kommt, daß die Sozialdemokratie ein ernstes Wort mitzureden hat. sStürmischer Beifall.) Kurz sprach dann nochmal Stadlhagen, flammende Begeisterung auslösend. Um die Cnbüm II versammelte sich ein Teil Zuhörer des 4. Kreises sOst), um die Reden der Genossen Ströbel und Büchner zu hören. Die Grenzen wurden nur von einer hin- und herwogendcn Menge ge« bildet, die sich nach den benachbarten Tribünen zu wieder verdichtete und Kopf an Kopf zusammenstand. Der Abgeordnete des Kreises, Genofie Büchner, unterzog die Marokkopolitik einer scharfen Kritik, erhob gegen die Kriegshetze Protest und erklärte unter dem Beifall der Menge, daß die Arbeiter- schaft nur einen Feind habe, nämlich den internatio- nalen Kapitalismus. Nach diesem Redner nahm Genosse Ströbel das Wort zu einer Ansprache, in der er die Behauptungen der Kriegshetzer, das deutsche Volk stände hinter ihnen, abfertigte und erklärte, daß es allein die Sozialdemokratie sei, die die Meinung des Volkes herausfordert und das Volk über die großen Probleme der Gegenwart aufklärt. Man schickte den Reichstag nach Hause, als das Marokkospiel begann und man scheute nicht die abenteuerliche Provokation, daß einige Männer, ohne Wissen und Willen des Volkes, über sein Schicksal entscheiden. Der Redner ging dann auf die Marokkofrage näher ein und verneinte entschieden, daß es sich hier um eine Lebensfrage des Volkes handeln könnte. Der Schluß seiner Rebe klang aus in einem mit großen Beifall aufgenommenen Appell zum Kampf der Arbeiterklasse gegen die Mächte der Reaktion im deutschen Vaterlande. Vor Cnbüne III war der Süd-Osten des vierten Kreises versammelt. Hier sprachen die Genossen Eduard B e r n st e i n und Heinrich Schulz, deren vortreffliche Ausführungen großen Beifall und Zustimmimg auslösten. Cnbüne IV barg die Leitung der ganzen Demonstration. Von hier auS ließ Genosse Ernst als Vorsitzender der Berliner sozialdemokratischen Organisation durch Trompetenstöße den Beginn und den Schluß der Demonstration ankündigen. Im übrigen wurden auch von dieser Tribüne aus Ansprachen genau wie von den übrigen gehalten. Als erster Redner trat in seiner temperamentvollen Weise Genosse Richard Fischer auf. Er schilderte djß Stellung der Sozial- demokratie zur Marokkoaffäre und kündete aN: Bei den Reichstags» wählen werden wir den Kriegshetzern und Kricgsschwindlern die Quittung erteilen. Dann schloß er unter begeisterter Zustimmung: Der Sieg der Sozialdemokratie heißt Friede, heißt Freiheit! Nach Fischer sprach Bauer von der Generalkommissson der Gewerkschaften. Er sprach mit Ruhe und mit Würde und empfahl als schärfste Waffe des Proletariats den Ausbau der Organisation. Vor der Tribüne IV war ein Teil des sechsten Wahlkreises versammelt. Der andere Teil dieses Kreises hatte sich vor der Die VolKsmenge vor den Tribünen. Cnbüne V eingefunden, von der als erster Redner Genosse Wurm sprach. Das gemeingefährliche Treiben des Kapitalismus, betonte der Redner, ist wieder einmal auf dem Wege, das Volk nahe an den Abgrund des Krieges zu führen, ES liegt im Wesen des Kapita- liSmus, immer wieder derartige Konflikte heraufzubeschwören. Der Kapitalismus ist international und gebärdet sich zugleich patriotisch. Er häuft Reichtümer auf Reichtümer, aber was dein Volke von dein Nationalreichtum gehört, ist nur die ins ungeheure steigende Schulden- last, in die eS der Militarismus hineinführt. Und überdies fordern die Kapitalisten noch das Blut des Volkes, um ihre Interessen zu schützen. Es sind die Panzcrplalteupatrioteu, die nach neuen Aufträgen, nach neuen Profiten lungern. In Marokko handelt es sich darum, daß die Mannesmann-Gruppe, zu der auch französische und portugiesische Kapitalisten gehören, Geschäfte machen will, und auf der anderen Seite steht die französische Gruppe, an der aber ailch wiederum die deutschen Firmen Thyssen und Krupp beteiligt sind. Für derr Jnteressenstrcit dieser beiden internationalen Gruppen soll das deutsche Volk, sollen die anderen Völker ihr Blut hergeben. Gegen diese Kriegsgefahr gibt es nur ein Mittel, das endgülkig hilft: den Kampf gegen den Kapitalismus. Der Feind sitzt nicht außen, er sitzt im eigenen Lande. Die Presse der Kriegshetzer hat davon re'chricben, daß die Entsendung des Kreuzers nach Marokko wirken müßte, lvie 1870 die gefälschte Emscr Depesche. Da? Volk wird sich aber weder in Deutschland noch iin Auslande wieder betören lassen. Die Rede des Genossen Wurm klang aus in den Mahnruf der Toten vom Fricdrichshain: O, steht gerüstet, seid bereit! O, schaffet, daß die Erde, In der wir ruhen stumm und starr, Bald eine Freistatt werde! Stürnrischer Beifall antwortete ihin. Sodann erhielt Genosse Ledebour, der Abgeordnete des Kreises, das Wort. Mehrmals von Beifall unterbrochen, sagte er ungefähr folgendes: Genosse Wurm hat schon ausgeführt, daß der ganze Marokkorummel von kleinen internationalen Jnteresfentengruppen ausgeht, die sich, wenn sie es für nötig halten, auch mit Hilfe eines Krieges die Taschen füllen möchten. Es sind die Jnter- essen einiger Kapitalisten, die da- bei in Frage kommen. Aber selbst, wenn es möglich wäre, daß eine kleine Gruppe Arbeiter auch ein paar Groschen dabei verdienen könnten und diese Arbeiter wollten deshalb das frivole Spiel mit dem Volkswohl mitmachen, so würde die klassenbewußte Arbeiterschaft sie mit Schimpf und Schande aus ihrenReihen ausstoßen. Das klaffen- bewußte Proletariat könne nie und nimmer der kapitalistischen Raub- Politik Hilfe leisten. Die all- deutschen Kriegshetzer haben ja neu- lich auch„da? Volk aufgerufen". Aber sie hatten Angst, daß das Volk kommen könnte, Da nahmen f i€ 20 Pf. Eintrittsgeld und brachten noch ihre Warnungs- tafeln an, daß s o z i a l d e m o- lratischer Besuch ver- bet?n sei. Man hat dort be- schlössen, daß Deutschland für den Algecirasvertrag eintreten soll. Aber mit diesem Vertrag haben die Diplomaten Frankreich beauf- tragt, in Marokko Ordnung zu schaffen, ohne sich irgendwelche Macht anzueignen. Ein habgieriger Sultan, dessen„Untertanen" sich seine Blutsaugereien nicht mehr ge- fallen lassen wollten, soll auf dem Thron erhalten werden. Aber was hinter der ganzen Geschichte steht, sind die kapitalistischen'Jnteressen. Die Interessenten sind nur so lange monarchisch, wie der Monarch sichihrem Willen fügt, betrachten ihn nur als ein Werkzeug ihrer Zwecke. Das werde trotz aller Kriegshctzereien Mennes sein muß, werden wirtschaftlichen Machtmittel und Massenstreik anzuwenden Ivissen. Das geht in einem Lande durchzuführen, es muß das Proletariat sein, das ein sehen wir wieder, von welch' neuem die Masten zu fesseln. Die sogenannten Staatsmänner sitzen hinter verschlossenen Türen, um über das Geschick der Völker zu ent- scheiden. Sie feilschen um einen Fetzen marokkanischen Landes. Und an dieserArtSchachereihängtdas Wohl und Wehe der Völker, während diese überhaupt mitzureden kein Recht haben. Das Volk soll willenlos wie eine Hammelherde zur Schlachtbank geführt werden. Die deutschen Arbeiter aber lasten sich das unveräußerliche aller Rechte nicht rauben. Sie wollen auch entscheiden, wenn sich's um ihre Haut handelt. Wollen wir Lehren ziehen aus dem Marokkorummel, so muß eine Revolution der Herzen und der Hirne die Folge sein. Die Landwehr der NichtWähler muß aufgeboten werden. Wir werden rote Wahlen machen, daß die Herren ihr blaues Wunder erleben. Aufklärung müssen wir verbreiten, damit es vorwärts geht auf den Gebieten der Kultur, Nach den beifällig ausgenommenen Aus- führungen des Redners richtete Genosse D ü w e l l noch einen warmen Appell an die Frauen, sie zur politischen Betätigung auffordernd. Von der Tribüne VII sprach als erster Redner Genosse S i e r i n g, der einleitend die über- aus starke Beteiligung an der Dcinonstation als einen Beweis dafür bezeichnete, wie ernst es der arbeitenden Klasse sei, gegen die Kriegs- Hetze Front zu machen. Wenn sich die Massen der Berliner Arbeiter- schast in der brennenden Glut der MiltagSsonnc zusammcnfiuden, um gegen das freventliche Treiben der in Deutschland herrschenden Klassen zu protestieren, so möge dies in den maßgebeuden Kreisen nicht unbeachtet bleiben. Stürmischer Beifall lohnte den Redner, der sich wiederholte, als Genosse Karl Liebknecht das Wort erhielt. ES ist ein großer Irrtum der Besitzenden, zu glauben, führte der Redner aus, der deutsche Arbeiter nehme die Situation leicht und werde sich doch auf die Schlachtbank treiben lassen. Wir haben dafür zu forgen, daß jeder Arbeiter die Triebfedern der herrschenden Klassen kennen lernt und weiß, um was es sich bei der Marokkoaffäre handelt. Da heißt cS für jeden Sozialdemokraten seine volle Schuldigkeit im Rahmen der Ge- setzlichkeit mit Eifer und Nachdruck zu erfüllen. In die Marokkoaffäre schon den Mittelpunkt de? politischen Jnteresics bildete, da fand ich dieselbe Friedensliebe wie in England und Deutschland. Man sollte doch meinen, daß jeder gesittete und bildete Mensch überhaupt gegen den Krieg und seine Grausamkeiten wäre. Man denke nur an jene Zeiten nach dein Kriege 1370 zurück, wo an allen Wegen zerschossene Menschen, Krüppel lagen. Nur ein ausgesprochener Sadist kann an solchen gräßlichen Dingen Freude haben. Bei uns treibt man nun diese Politik, um durch die äußeren Wirren die iiiuereu Gegensätze zu verstecken. Die Kriegshetzer können wohl in einem Saal eine kleine Schar Gesinnungsgenossen zusammen- trommeln, aber ein weites Feld mit Hunderttauscnden von erprobten Kämpfern und Känipferinucn zu besetzen, lvären sie außerstande. Ter Sieg des Sozialismus ist das Ende aller Kriege! sVieltauscnd- stimmiger Beifall.) Kreissekretär G r o g e r beleuchtete die Haltung der Liberale» in der Kricgsfrage. Letztere sagen: Kein vernünftiger Mensch will den Krieg, aber Fr. Naumann schreibt, wir die Sozialdemokraten seien schlimmer als die Kriegshetzer, wir tnigcir mit unserem Protest Beunruhigung in's Voll- Das sagt ein Liberaler in dem Moment, Ivo wir unsere heiligsw Pflicht erfüllen und das Volk auf die furchtbare Gefahr aufmerksam machen. Das liberale Bürgertum läßt sich aber von den Kolonial- fcxcn ins Joch spannen— weil es ein Interesse an der Kolonial- Politik hat. Auf diesem Gebiet werden sich bei den kommenden Reichstagsvcrhandlungen aber wieder alle Kolonialinteressenten bis zum Freisinn zusammenfinden. Die Regierung aber braucht eine Wahlparole und versucht denselben Trick wie 1907. Der Liberalismus wird es sich in der Wahlagitation wieder zugute halten, der Re- gierung entgegengetreten zu sein, wir werden aber nicht ver- absäumen, den Wählern unverblümt die Wahrheit zu sagen- Wir müssen darauf rechnen, daß wir im Kampfe auf uns selbst angewiesen sind, die Gegner ober geschlossen gegen uns. Sorgen wir für eine Abrechnung, bei der den Kolonialfexen der Appetit für alle Zeiten vergeht. Organisieren wir unS, so straff w>e möglich, werfen wir die Klatschpresse aus dem Hause und stimmen wir in den Schwur ein, einmütig gegen den Kolonialrummel Front zu ......-....... den machen und zu kämpfen für die Sozialismus! iSiürmischer Beifall.) Sozialdemokratie, für Von klassenbewußte Proletariat aber jeden Krieg zu hindern suchen. wir alle politischen und eventuell auch den politischen jedoch nicht internationale solches Mittel anwendet. Da großer Bedeutung die internationale Verständigung des Proletariats ist. Das Volk selbst niuß überall sein Geschick in die eigene Proletariersanst nehmen.. Und darum muß überall die Losung sein: Nieder mit dem Kapitalismus! Hoch die internationale Sozialdemokratie!(Stürmischer Beifall.) Um die Tribüne VI versammelte sich der erste und der fünfte Wahlkreis. Genosse D ü w e l l, der Kandidat des ersten Kreises, trat als erster Referent auf. Tie ungezügelte Gier des Kapitalismus, so betonte der Redner, will Deutschland in einen Krieg mit Frankreich und Eng- land hetzen. Das deutsche Proletariat soll in einen Krieg ziehen, gegen unsere französischen und englischen Brüder, die es gar nicht kennt und die ihm nichts getan haben. Es soll sich in einen Massen- mord peitschen lassen, zugunsten einer kleinen Gruppe von Interessenten. Neue Gewinne sollen aus den Taschen des Volkes gezogen werden. Jetzt soll das Volk in Waffen neue Absatzmärkte, das heißt Ausbeutungsobjekle dem Kapitalismus erobern und sichern. Man sagt, das Volk wäre durch den 40jährigen Frieden entartet und revolutionär geworden. Darum müssen wir einen Krieg haben. In einem Blutbad soll die„Ge- sundung" herbeigeführt werden. Die Kriegshetzer wollen, daß sich die sozialdemokratischen Massen hüben und drüben gegenseitig zerschmettern. Doch heute kommt aus hunderttausend Kehlen der Ruf:„Wir wollen den Frieden!" Aucki Wilhelm II. will den Frieden. Und schon hat er die Nationalen gegen sich. Würde die sozialdemokratische Presse nur den hundertsten Teil von dem geschrieben haben, was jetzt die nationale Presse gegen Wilhelm II. schreibt, so wären deren Redakteure auf Jahre inS Gefängnis gewandert. Noch war der Beifall der Massen, der der Rede folgte, nicht ganz verhallt, da betrat Genosse Dr. Wehl die Tribüne, um von kräftigen Strichen behandelt Redner die Nichteinberufung deS Reichstages, der gehört werden müsse. Mögen eS sich die herrschenden Klassen gesagt sein lassen, daß die Arbeiter nicht die Puppen sind, mit denen man beliebig umspringen kann. Die Arbeitermassen stehen in der Frage des Friedens geschlossen da mit starkem Willen und beseelt von Opferwilligkcit. Wir leben in einer großen Zeit, es kann sich um die Probe ans das Exenipel der Kraft des sozialistischen Proletariats bandeln. Heute geloben und schwören wir, daß wir zusanimenhaltcn wollen mit den Proletariern in Eng- land und Frankreich und mit allen Menschen, die es wollen, den Frieden unter allen Umständen zu erhalten. Es gilt zu kämpfen I Wir dürfen es uns aber nicht genug sein lassen mit der heutigen Demonstration, sondern müssen neue Anhänger werben und dem Sozialismus neue Streitet~zuführen. Der Sozialismus ist der Friede. Schüren wir das Feuer des Krieges gegen den Krieg! (Stürmischer langanhaltender Beifall.) Vor Cribiine VIII hatte sich der dritte Wahlkreis eingefunden. Hier sprachen, ebenfalls unter dem Beifall der Massen, die Genossen Dr. Kurt Rosenfeld und Hugo P o e tz s ch. Der Riesenwahlkreis Teltow-Bceskow war vor zwei Tribünen (IX und X) versammelt. Auf Tribüne IX nahm als erster Redner Genosse.M o l k e n b u h r das Wort. Als ich, bemerkte der Redner, am 9. Dezember vorigen Jahres m London war, sah ich dort an den Straßenecken große Plakate, auf denen demonstriert wurde, wie deutsche Soldaten in die Wohmulgen der englischen Familien eindringen, um zu plündern. Ich hatte gerade an einer Frieden tversamnilung teilzunehme», und als ich dabei er- zählte, daß man bei uns zu Lande in ähnlicher Weise operiere, um die chauvinistischen Leidenschaften aufzupeitschen, habe die Zuhörerschaft ein großes Gelächter angestimmt und es wurde mir geantwortet, kein vernünftiger Engländer denke daran, Deutschland zu überfallen. Das zeigj, daß es eben nur vie Hetzer sind, und die gibt es hier und dort. Ich war auch in Paris, als Onbiine X sprachen die Genossen Hirsch und S i l b e r s ch m i d t, � ebenfalls großen Beifall fanden. Ser flbmaHcl). Die Reden sind zu Ende. Beifallsstürme durchbrausen die "uft. Gleichzeitig auf aücn Tribünen tvird die RcsolutidN zur Abstimmung gebracht. Ei» Wald von Händen reckt sich üi die Luft, ein stummes, aber ein- drucksvolles Zeichen, daß das politisch reife Volk den Friddc» tvill und gegen die verbreche- rischc Kriegshetze protestiert. Nur langsani konnte die Räumung des Platzes wegen de§ gewaltigen Massenbesuchs vor sich gehen. In derselben Ruhe und Ordnung, wie sie gekommen waren, zogen die Demonstranten ab. Miedet wälzte sich die unabsehbare Flut durch alle Zugangsstraßcn bis weit in die Stadt hinein. Erst nach Stunden hatten die Straßen wieder ihr gewöhn- lichcs Aussehen. Opkei'. Leider hat der heiße Tag auch Opfer gefordert, wenn auch gl» lichcrweise durch das hilfsbereite Auftreten der Arbeiter-Saniari c daS schlimmste abgewendet werden konnte. 24 Samariterstationen waren eingerichtet, darunter zwei mit Zelten. Auch sechs Aerzte» eine Aerztin hatten sich in dankenswertester Weise zur Vcrsüguuil gestellt. Die Zahl der Samariter, die mis Spandau- Ober- und Niedcr-Schönewcide und Friedrichshagen Verstär'nU' erhalten hatten, betrug 130. Zirka 430 Fälle von Hilfeleistu»� wurden notwendig. Leider sind auch sehr schwere Fälle von schlag zu verzeichnen, und acht Transporte zum Arzt oder Wohnung wurden notwendig. Unseren wackeren Samaritern gcbuy � für ihre aufreibende Tätigkeit der wärmste Dank aller Mensche» freunde und vor allen Dingen der Partei. Sympathiekttudgebttugen. Die zurzeit in Beelitz und Buch weilenden und bo» den llnbilden der Arbeit Genesung suchenden Genossen warc» im Geiste bei der Friedensdemonstration und senden uns stehende Sympathiekundgebungen: Die herzlichsten Grüße der heutigen Friedensdemonstration. Die Genossen vom Hospital Buch- Die Patienten des Sanatoriums Beelitz st»� Geiste bei Eurer Friedensdemonstration und stimmen mit Ge»uö ftmug dem Aufruf des Parteivorstandes zu. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.-'Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag c Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstall Paul Singer u. Co., Berlin SiV.