Ur. 207. flbonnementS'Redingungen: «Bonncmcntä- Preis pränumerando j »iertesiährl. SPV Ml., monatl. 1,10 Mk., wöchentlich 2S Pfg, frei ins Haus. Sinzeine Rümmer K Pfg. Sonnlags- Nummer mit illustrierter Sonmags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Paft- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mar!, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonncnientS nehmen an: Belgien. Tänemarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 28. Jahrg. Crfditist tlaiid) Mir tn«otaas. Devliner Volksblakt. Zentralorgan der fozialdcmokrattfchen parte» Deutschlands. Olt Tnlertions« Gebühr tehägt für bis fechsgeipalleue siol-ns'- »eile oder deren Raum£0 Plg.. politische und aewcrlschastliche BereinZ- und Lersamnllungs-Anzeigen R Pfg. „Meine Snreigen". das fcttgedruSl' Wort l>0 Pfg.(zulässig 2 sellgedrullte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Echlasstelleuan. «eigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort s Pfg. Worte über 15 Luch- fiaden zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis k Uhr nachmittags in der Erp-dition gpgcgeben werdell. Tie Expedition ist bis 7 Uhr abends geofsiut. Zelegramm- Adresse: „SoziaMcnisliiat BcrUt**. Rcdahtion: 6CQ. 68, Lindcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983., Dienstag, den 5. September 1911. Expedition: SRI. 68, Undcnstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1981» Sie grolle Friedenskundgebung. Die Riescndemonstration der Berliner Arbeiterschaft ist den Kriegsschreiern arg auf die Nerven gefallen. Sie, die fortwährend davon faselten, daß das Volk unter den Mannes- männern und ihren politischen und journalistischen Handlangern stehe, sind natürlich ergrimmt, daß das Berliner Volk ihnen in Treptow eine so klatschende Ohrfeige versetzt hat. Und diese Wut suchen sie nun hinter den lächerlichsten Grimassen zu verbergen. Die„Deutsche Tageszeitung" leistet sich den Witz, von 20 000 Demonstrationsteilnehmern zu sprechen. Nicht der Kobold im Setzkasten hat diesen Witz ge- macht, indem er etwa eine Null verschwinden ließ, sondern die Redaktion, die in Buchstaben von zwanzigtausend Personen sprach. Und die„T ä g l i ch e R u n d s ch a u" findet diesen kindlichen Scherz so geistreich, daß sie ihn sich zu eigen macht und meint, mit 30000 sei die Zahl der Demonstranten reichlich hoch ge- griffen, und davon gingen noch 25 Proz. Nichtsozialdemokraten ab. Die Demonstration, so verkündet der publizistische Tummel- platz für alldeutsche Tollhäuslerei in köstlicher Uebereinstimmung mit dem Organ Knuten-Oertels, sei also ein„erheblicher Miß- erfolg der Sozialdemokratie" gewesen. Aber wenn die„Tägliche Rundschau" etliche hundert- tausende Anwesende nicht sah, so macht sie das auf der anderen Seite wieder dadurch weit, daß sie mehr sah, als Menschen mit normalen Sinnen. Sie hat nämlich wahrgenommen, daß diesmal nur das„Mittelalter" vertreten war: „Mob und Janhagel fehlen, das sei zur Ehre der Partei ge- sagt, gänzlich, aber beinahe ebenso fehlt in ganz auffallender Weise die Jugend, die mit heißen Gesichtern und leuchienden Augen damals auswendig die ins Blut gehenden aufreizenden genössischen Trutzgesänge mitsang. Hier ist nichts zu singen und nichts zu trutzen. Was soll man sich da mopsen und den freien Sonnlag veralbern? Für den ewigen Frieden? Quatsch. Maxes LebenSelixier ist der ewige Krieg. Du liebe Güte, man hat ja so viel überschüssige Kraft und möchte viel lieber mit, wenn es losginge. Nicht aus Baterlandsgefühl, aus bloßem Kraftgeiühl. Man ist ja so gern dabei, wo es was zu attackieren gibt. Obs nun ein Blauer.ist oder ein FranzoS, das ist schließlich unter Kameraden ganz egal." Man merkt es dem alldeutschen Schmock an. daß er für Las Blatt schreibt, das sich das Organ der„Gebildeten" zu nennen beliebt. Seine Studien über Psychologie der Jugend hat er offenbar bei der gebildeten alldeutschen Jugend gemacht, bei unseren Rauf- und Saufstudenten und künfti- gen Ordnungsstützen ähnlichen Kalibers. Und diese streb- famen und liebenswürdigen Jünglinge verwandelt er durch ein bißchen Berlinern flugs in die proletarische Jugend. Der Irrtum ist ja verzeihlich, denn woher sollte so ein alldeutscher Mätzchenmacher einen Hauch von dem wirklichen Wesen unse- rer Arbeiterjugend verspüren. Aber freilich, der Irrtum könnte leicht verhängnisvoll werden, wenn man in maßgebenden Kreisen diese schnurrigen Ansichten teilte und daraufhin faktisch einmal ein politisches Va-banque-Spiel riskieren sollte. Doch das sind Sorgen, die uns nicht zu kümmern brauchen. Welch starken Eindruck die Kundgebung auf alle die- jenigen gemacht hat, denen die chauvinistische Verblendung nicht auss Gehirn geschlagen, beweisen Schilderungen und Schätzungen der übrigen Presse. Das Scherlblatt muß wenigstens 100 000 Teilnehmer zugeben, die„Vossische Ztg." spricht von weit über 100 000 Demonstranten, die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gibt deren Zahl auf 200000 an, das„Berliner Tageblatt" schreibt von einer Viertelmillion, und ein Berliner Blatt schließlich schätzt die auf dem Platze und in seiner Umgebung zusammengedrängte Masse gar auf eine halbe Million, eine Annahme, die der Wahrheit immerhin näher kommt, als die läppischen An- gaben unserer„nationalen" Hanswürste. Und nicht minder müssen diese Blätter den würdigen Verlauf der Demonstration und die imponierende Haltung der ungeheuren Menschenmasse vor und nach der Kundgebung anerkennen. Wir glauben denn auch, daß der Aufmarsch der proleta- rischen Friedensarmee auch an der Stelle, auf die es ankommt, seinen Eindruck nicht verfehlt haben wird. Hat doch die Arbeiterklasse der Reichshauptstadt wieder einmal bewiesen, wie einmütig das klassenbewußte Proletariat die� wahn» sinnige Politik weltpolitischen Abenteurertums und frivoler Kriegsspielerei verurteilt. In der Ablehnung der Händel- süchtigen Weltpolitik und des Marokkorummels gibt es inner- halb der sozialistischen Arbeiterschaft keine Richtungen. Hier steht die proletarische Masse geschlossen zulamincn. Insbesondere sind hier Partei und Gewerkschaften eine unlösbare Einheit. Es war deshalb auch ganz selbstverständlich, daß sich unter den Rednern auch mehrere Gewerkschaftsführer bc- fanden, insbesondere die Mitglieder der Generalkommission, die Genossen Bauer und S i l b e r s ch in i d t. Ihr Protest gegen die kapitalistische Beutepolitik, gegen die dein heiß- hungrigen Prositintcresse der Kriegslieferungsspekulanten entsprungene Marokkohetze klang auch nicht um eine Nuance milder, als der aller librigen Redner. Alle Welt weiß min, selbst wenn sie es bisher noch nicht gewußt hätte, daß das deutsche Volk so wenig hinter den Kriegshetzern steht, wie das französische und englische Volk hinter den Chauvinfften Englands oder Frankreichs. Ucbcrall wollen die Massen den Frieden, die ruhige Entfaltung der Kultur, den Ausbau der Demokratie. Und das Volk ist überall bereit, für die Aufrechterhaltung deS Friedens alle Kraft einzusetzen! Mögen sich diejenigen die von der„über- schüssigen Kraft" des Proletariats sprechen, hüten, diesem Kraftgefühl Ursache zur Entladung zu geben! Uns geht folgende Richtigstellung zu: Irgend ein Schmierfink hat über die Demonstration am Sonntag in Berliner Zeitungen folgende Notiz verbreiten lassen, die er — wahrscheinlich aus Wichtigtuerei— als„polizeioffiziös" bezeichnete: Wie uns von gutunterrichteter Seite mitgeteilt wird, ist von feiten der Oberleitung des Verbandes sozialdemokratischer Wahl- vereine Groß-BcrlinS in mehreren Punkten wider die Abrede verstoßen und damit eine Situation geschaffen worden, die für etwa in Zukunft zu beau tragen de Kund- gedungen unter freiem Himmel und für äbn- liche Vera« st alt»n gen nicht ohne Folgen bleibe>t dürfte. So sind entgegen der ausdrücklichen Abniachung mit der Polizei die Wage», welche als Tribünen verwendet wurden, ausgerechnet zur Kirchzeit und entgegen der ausdrücklichen Abrede mit rotem Tuch beschlagen zum Versammlungsort gefahren worden. Auch sind die Bezirke wider die Verabredung unter aus- drücklicher Kennzeichnung im Trupp zum Versammlungsort geführt worden, wodurch Verkehrs st örungen fühlbar st er Art hervorgerufen wurden. Auch der Abmarsch hat vcr- abredungswidrig im Trupp bezirksweise stattgefunden und sich bis in die Stadt hinein erstreckt. Damit sind die in einer besonderen Konferenz des Ministers des Inneren mit Bürgermeister Schablow- Treptow und dem Polizeipräsidenten festgelegten Voraussetzungen für die Genehmigung nicht innegehalten worden, zu deren Be- obachtung sich die Einberufer strikte verpflichtet hatten. Trotz der bekannten Vorschrift wurde es notwendig, auf dem Versammlungs- platze eine rote Fahne zu konfiszieren, mit der der Beginn der Versammlung angezeigt wurde, obwohl zugesagt war, daß dies nur durch Trompetciisignal geschehen werde. Der Träger dieser Fahne wurde polizeilich festgenommen." Die Berliner Polizei kann nicht der Urheber obiger Notiz sein, da deren Behauptungen von Anfang bis zu Ende unwahr sind. Die Absicht ist allerdings sehr durchsichtig. Der Einberufer der Versammlungen: Eugen E r n st, Vorsitzender des Verbandes sozialdemokratischer Wahlvereine. Sie MsrMosWre. Die Verhandlungen zwischen dem Staatssekretär Herrn vonKiderlen-Waechter und dem französischen Botschafter Herrn C a m b 0 n über Marokko sind Montag vormittag wieder aufgenommen worden. Herr v. Kiderlen-Waechter hat die Mitteilung der Beschlüsse des französischen Ministerrais, welche die Grundlage der weiteren Verhandlungen zu bilden bestimmt sind, entgegengenommen. Die deutsche Antwort dürfte in sehr kurzer Frist erfolgen. DaS ist aber auch alles, was die Regierung dem deutschen Volke mitzuteilen geruht und so dauert die quälende Ungewiß- h e i t fort. X Inzwischen scheinen die Spanier eingesehen zu haben, daß sie sich etwas mehr Mäßigung auferlegen müssen. Noch am Sonnabend wurde in Madrid offiziös erklärt, daß sie demnächst die Besetzung von J fni im Süden von Agadir durchführen werden, ohne sich um die Zustimmung des Sultans zu kümmern. Dem wurde aber von Paris aus scharf entgegengetreten. Es wurde mit der Kündigung des spanisch-französischen MarokkovertragcS von 1904 gedroht und der„Temps" schrieb: „Diese in ihrer Form unkorrekte Besetzung eines Punkte?, der von den Spaniern selbst als wertlos angesehen wurde, läßt sich nur dadurch erklären, daß die Spanier von eisersüchtiger Feindseligkeit gegen Frankreich erfüllt sind und in den Besitz eines Pfandes gelangen wollen. Man wird bald sehen, ob Spanien gut daran getan hat, ein solches Spiel zu spielen." Montag fand dann in Paris eine Unterredung des französischen Ministers deS Acußeren mit dem spanischen Botschafter statt, als deren Resultat die Madrider Meldung zu betrachten ist. daß die Besetzung von Jfni verschoben ist und erst im Oktober erfolgen solle. Damit darf man diesen Zwischenfall wohl zunächst als erledigt ansehen. Schließlich werden noch von offiziöser belgischer Seite alle Meldungen über Mobilisierung dementiert; es handle sich bloß um FestmigSmanöver. Makloie(Kriegshetze. Die Presse unserer deutschen Kriegshetzer entrüstet sich heuch- lerisch über Narreteien französischer Chauvinisten. So schlachtet sie eine soeben erschienene Broschüre aus, die unter dem Titel..Müssen wir uns vor Teutschland fürchten" behauptet, daß Teutschland ein tönerner Koloß sei, und daß es, wenn es einen Krieg führe,. unrettbar verloren wäre. Diese Broschüre ist töricht und frivol, weil sie die Skrupel- losigkeit der französischen Chauvinisten zu steigern vermag. Aber — gibt es denn in Deutschland nicht genau dieselbe Sorte frivoler Kriegshetzer? Haben wir nicht erst vor einigen Tagen einen Artikel des offiziösen Scherlblattes niedriger hängen müssen, der ganz genau dieselbe Meinung über Englands Kriegsstärke verbreitet? Ja, mehr noch, unsere deutschen KricgSschrcier sind noch frivoler und skrupelloser als ihre französischen Kon- kurrentcn. Denn das, was in der neuesten Nummer deS„D e u t- schen Armee-Blattes" an unflätiger Herabsetzung. Bc- schimpfung und Aufreizung Englands und Frankreichs geleistet der ausländischen Chauvinistenprcsse u n. wird, steht in erreicht dal Das„Deutsche Armee-Blatt" ist das Mitteilungsblatt de? „Vereins inaktiver Offiziere der deutschen Armee und Marine". Diesem Verein gehören die Gruppen Berlin, München, Breslau, Tarmstadt, Zoppot, Posen, der Landesverband Königreich Sachsen und zahlreiche Einzelmitglieder an. Das Blatt ist also das Organ zahlreicher ehemaliger Offiziere. Und dies Blatt schreibt in seiyer Nummer vom 3. September: „Das führt uns zu der Erörterung, ob der gegenwärtige Zeitpunkt wohl sür Deutschland sür einen Krieg gegen das vereinigte Frankreich und England� günstig wäre? Diese Frage ist unseres Erachtens unbedingt zn bejahen. Was zunächst die Popularität eines solchen Waffcnganges bc- trifft, so haben die„Kölnische Zeitung" und die„Nationallibe- rale Korrespondenz"— beide durchaus maßvolle Preßorganc— unlängst in ausgezeichneter Weise dargelegt, daß die Drohungen leitender englischer Minister und die anmaßende und pro- vozicrcnde Sprache offiziöser französischer Zeitungen die Stirn- mung in allen national empfindenden Kreisen des deutschen Volkes auf das äußerste erregt haben. Das genügt. Um Marokkos willen möchte der Kaiser vielleicht nicht das Schwert ziehen. Um weitergehende englische und französische Frechheiten zu züchtigen, tut eres u n- bedingt, und er weiß, daß er dann das ganze deutsche Volk hinter sich hat. Wie stehen sonst die Kriegschancen? England stellt sich entschlossen aus Frankreichs Seite. Das hat es mehr- fach großspurig verkündet. Soll uns sehr lieb sein! Dann können wir gleichzeitig mit ihm und Frank- reich gründlich abrechnen. In einem vor einigen Jahren geschriebenen Artikel„Die Englandfurcht" haben wir dargelegt, daß England ein tönerner 5lolosi ist, der nur von ver- gangenem Ruhme zehrt. Seit Trafalgar(1893) hat es sich mit keiner europäischen Seemacht gemessen, und eine Bevölkerung, die derart sich v e r k a u f m ä n n i s ch t, kann nicht in einer ein- zelnen militärischen Branche— zur See— spartanisch bleiben. Die Anzahl der Schiffe macht es wahrlich nicht. Größere Flotten sind schon oft von kleineren kriegstüchtigen geschlagen worden. Wir haben nach dieser Richtung ans unsere Marine das größte Vertrauen, und wir wissen, des: sie danach lechzt, sich auf den 5toloh zu stürzen. Ueber die eng- lische Landmacht wollen wir nicht woiter reden. England wäre des kleinen Burenvolkcs nie Herr geworden, wenn dieses selbst etwas mehr innere Kriegsdisziplin gezeigt hätte. Unser General- stab ist natürlich auf den Krieg gegen das vereinigte England und Frankreich vorbereitet. Die Pläne des Generalstabcs kennen wir nicht, möchten aber daran erinnern, daß Bonaparte bereits 1805 eine Landung in England plante und sie sicher ausgeführt hätte, wenn er nicht durch seine Pläne nach anderen Kriegsschau- Plätzen abgerufen worden wäre. Und im U ebergang nach Alfen hat Preußen ja im kleinen gezeigt, daß es solche Taten nicht scheut. Gelingt es, von den etwa 50 Armeekorps, ü 40 000 Mann, die Deutschland im Mobilmachungsfalle sofort aufftcllt, 1 nach England hinüberzuwerfcn, so ist dies fertig. In zweiter Linie träten dann seine wunden Stellen: Indien imd Aegypten, in die Erscheinung, aus denen sich ganz nette Brand- Herde errichten ließen, so daß Eduard VII. vielleicht dereinst in der Geschichte als Englands Toteitgräber figurieren könnte. Ueber Frankreich läßt sich kaum etwas sagen. Die Leute dort haben seit 1870 nichts gelernt, obwohl sie da- malS das brillante Chassepot und wir das sehr mäßige Zünd- nadelgcwchr hatten. Jetzt sind sie wieder„erzbereit". Mögen sie ihren Schaden besehen. Für die inneren deutschen Verhält- niste wäre ein grosiziigiger Wasfengang auch recht gut, wenn er auch den einzelnen Familien Tränen und Schmerzen bringt.. Wir fangen an zu verweichlichen. Ein Krieg löst alle großen, guten und edlen Eigenschaften in einem Volke. Das könnte uns gut tun. In die Sozial- demokratie würde das durch ihr entfachte pa- triotische Empfinden tiefe und breite Furchen, reißen. Die paar elenden Schächer, die sich bei der Mobil- machung durch ihre Verführer zu Widerspenstigkeiten verleiten ließen, würden binnen drei Tagen kricgSrrchtlich die Kugel empfangen, und dann heißt es: Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt. Dieser Artikel ist nicht offi» ziös; aber massgebende Leute teilen seine Anschauung. Viel- leicht haben gleichfalls maßgebende Leute in Frankreich und England die Güte, ihn sich hinter die Ohren zu schreiben." Hier paßt in der Tat die Bemerkung, daß jede Kritik die bodenlose Frechheit solcher Völkcrverhctzung und Volksverhöhnunz nur abschrecken könnte! Immerhin: das Volk, das durch solche Elemente auf die Schlachtbank geschickt werden soll, sieht nun, wie es in gewissen Kreisen aussieht. Aber ist eS nicht geradezu Hoch- und Landesverrat, wenn übergeschnappte Krakeeler die Politik großer Kulturnationcn durch solch aberwitzige Verhetzung zu vergewaltigen wagen?? Und wenn die„Nordd. Allgem. Ztg.", die an erstaunlicher Harthörigkeit leiden mutz, noch in ihrer letzten Nummer behauptet, es gäbe in Deutschland gar keine Kriegshetze— wagt sie diese Bc- hauptung auch gegenüber diesem Erguß des Offizier- blattes noch aufrecht zu erhalten? Nur die schärfste Verurteilung solch tobsüchtiger Hetze kann die Regierung von der Mitschuld befreien! vniere i'rstestbetvegllng. Gegen Kriegshetze«nd Polizeivergewaltignug. Die für den 3. September ans dem ausgedchnte:: Amalicnplatze in Braunschwcig unter freiem Zimmcl geplante Demonstration wurde von der Polizei, wie bereits gemeldet, wegen angeblicher Gefahr für die öffent- liche Sicherheit in gesetzwidriger Weise verboten. Die Polizei verbot die Versammlung offenbar nur deshalb. tttcil auf den, Zlltstadtmarkt vor dem altertüiulichen, illu- mmicrtm, gothischen Rathauso am Abend des 2. Sepieniber eine Scdaiifeicr stattfand, die durch die sozialdcniokratische Versammlung unter sreiem Hinunel arg in den Schatten gestellt worden wäre. Statt des Protestes unter freiem Himmel fanden daher am Abend deS 2. September neun sozialdemokratische Ver- sammlungen in Sälen statt. Es waren über zehntausend Personen erschienen, die aber zum Teil in den Sälen keinen Platz fanden. Die Stimmung in den Versamm- lungen war begeistert. Einstimmig wurde eine Resolution angenommen, nr der es heißt: Nicht Krieg oder die gar zu leicht in ihm ausmündende Kolonial- und kapitalistische Weltpolitik, nicht neue Kolonien und neue Lasten für Heer und Marine, sondern neue Rechte und die sichere Gewähr für den friedlichen Wettbewerb aus dem Ehrenseld der Arbeit fordert die Arbeiterklasse. In Verbindung hiermit fordern sie die sofortige Einberufung des Reichstages. Zugleich protestieren die Versammelten auf das schärfste gegen die widerrechtliche Versagnng der Genehmigung der Versammlung unter freiem Himmel am Sonntag, den 3. September, auf dem Amalienplatz; sie weisen insbesondere entschieden zurück, verantwortlich gemacht zu werden für die Exzesse, die nach Schlutz von früher stattgefundencn Versamm- lungen auf den Strassen erfolgt sein sollen. Die völlig unmotivierte>md täppische Absperrungsmanie der hiesigen Polizei und insbesondere das dreiste, mitunter geradezu imovokatorische, nicksichtsl-�e Eingreifen einiger Polizisten und Nachtwächter haben wesentlich dazu beigetragen, die Verkehrs- freiheit auf den Stratzen und die öffentliche Ordnung zu stören. Die Versammlungsteilnehmer zerstreuten sich ruhig trotz der Absperrung, mit der auch dieses Mal wieder die Polizei die Hauptverkehrsadern der Stadt bedacht hatte. Alle Schutz- leute waren mobil gemacht und in starken Posten an allen Hauptstraßen aufgestellt. Weitere Friedenskundgebungen. Zu einem imposanten Protest gegen die Kriegshetze ge- stalteten sich zwei Versammlungen, die die Parteileitung in Stettin zu Sonntag nachmittag einberufen hatte. Mehr als 300(1 Arbeiter und Arbeiterinnen waren er- schienen, um für den Völkerftieden und gegen den Krieg zu demonstrieren. Im Lokal von Haak referierte Genosse Redakteur G. Schümann vor etwa 300 Personen. Schon lange vor der festgesetzten Zeit war der geräumige Saal dicht besetzt. Um aber auch den Hunderten, die erschienen waren und keinen Platz mehr bekamen, Unterkunft' zu verschaffen, mußte die Versammlung nach dem Garten verlegt werden. Hier standen Kopf an Kopf die Proletarier, unter ihnen sehr viele Frauen. ,md lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit den Ausführungen des Redners. Lebhafte Zustimmungsrufe erschollen, wenn der Referent das Treiben der bürgerlichen Hetzpresse und ihrer Hintermänner gebührend geißelte. Bei Gramatke, wo Genosse Arbeitersekretär A. Decker sprach, mußte die Versammlung ebenfalls im Garten abgehalten werden. Neber 2000 Personen aus dem Stadtteil Grabow hatten dem Rufe der Parteileitung Folge geleistet. Die Versammelten gaben auch hier durch ihren Beifall, den sie den Worten des Redners zollten, zu erkennen, daß sie nicht gewillt sind, sich wegen Marokko in einen Krieg mit Frankreich hetzen zu lassen. In beiden Versammlimgen wurde eine Resolution an- genommen, in der sich die Arbeiter mit großer Entrüstung gegen die kapitalistischen Kreise wenden, die aus Eigennutz und um ihre Verbrechen in der inneren Politik zu verschleiern, das Volk ins Verderben treiben wollen. Alle verbrecherischen Versuche, die darauf hinaus laufen, Krieg, Blutvergießen und Vernichtung des Nationalwohlstandes über die Nation zu bringen, wird die Stettiner Arbeiterschaft mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln abzuwenden versuchen. In Arnstadt in Thüringen fand am Sonntag eine Protestkundgebung statt, zu der sich trotz tropischer Hitze das Proletariat in gewaltigen Scharen eingefunden hatte. Genosse H ä n i s ch- B e r l i n referierte. Die Versammlung war deshalb besonders bcmerkcnsivert, weil sie zugleich als eine Protestversammlung gegen den nationalliberalen A rn st ädter Oberbürgermeister Dr. Bielefeld cinbenifen worden war.'Dieser Herr hatte nämlich kürzlich bei einem offiziellen Anlaß eine„patriottschc" Rede gehalten, in der ganz im Stile der Alldeutschen von Deutschlands„geschliffenem Schwert" die Rede war, in der das angebliche„Zurückweichen" der deutschen Regierung getadelt und Agadir in bekannter Manier mit Olmütz verglichen wurde. Herr Dr. Bielefeld ivar nun. um sich vor der Arnslädter Einwohnerschaft wegen dieser KriegShetzrede zu rechtfertigen, schriftlich zu der Protestkundgebung eingeladen ivorden,>var jedoch nicht erschienen. Dagegen war ein längeres Schreiben von ihm cingelanfen. in dem er seine Haltung zu rechtfertigen suchte und sein Fernbleiben von der Ver- sammlung damit„begründete", daß er sich von einer öffent- lichen Auseinandersetzung„keinerlei praktischen Nutzen ver- sprechen" könne. Diese bürgermeisterliche Ansicht hinderte die Versammlung natürlich nicht, in einer scharfen, ein- st i in m i g angenommenen Resolution ihre Enttüstung über da? Vorgehen deS Stadtoberhauptes auszusprechen. Ebenso einstimmig wurde unter großer Begeisterung die bekannte Friedensresolution der Berliner Verbandsgeneralversammlung zum Beschluß erhoben. Die zurzeit in der Lungenheilstätte Beelitz iveilendcn Patienten veranstalteten am Sonnabend eine Kund- gebnng gegen die Kriegshetzer und für den Lölkersneden. Einstimmig wurde von den Anwesenden die Berliner Protest- Resolution angenommen. Französische Arbeiter für den Friede». Paris, 3. September. Ein von dem Arbeiter- s v n d s k a t veranstaltetes Meeting gegen den Krieg fand gestern in der Arbeitsbörse zu Lyon statt. Der Sekretär der Arbeitsbörse und der Generalsekretär deS allgemeinen Aicheiterverbandes hielten Ansprachen, woraus von der Versawwlnng einsttmrng eine Tagesordnung angenommen wurde, in welcher sie sich mit den deutschen, englischen und spanischen Arbeitern solidarisch erklärt und sich verpflichtet, sofort den Generalstreik ZU verkünden, falls es zu einen: Kriege kommen sollte. Die Versammlung trennte sich darauf, ohne daß sich Zwischenfälle ereignet hätten.__ Aus lagows Reich. Tie Suspnllnerung von sechs Sittcndeamten vom Dienst ist, �>je sich immer deutlicher herausstellt, aus Gründen erfolgt, die lebhaft an die Tätigkeit der politischen Polizei besonders unter dem Ausnahmegesetz erinnert. Um für Verlängerung des Sozialisten- gesetzcs Stimmung zu machen, gebrauchte die Regierung Material. Dieses Material mußte die politische Polizei liefern. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Die politisch- Polizei wußte sich zu helfen; sie suchte Beamte unter allen möglichen Vorwänden in die politische Bewegung hineinzuschmuggeln, und diese suchten nach Material. Da das nicht leicht war, mußten die Beamten selber Hand anlegen, um solches zu fabrizieren. So kam es, daß beson- ders tüchtige„Ehrenmänner" zu Verbrechen, wie zur Ausübung von Dhnamitattentatcn, aufreizten, um dann an die vorgesetzte Behörde von der Gefährlichkeit der Sozialdemokratie berichten und die Not- wcndigkeit der politischen Polizei dartun zu können. Diese Gruppe der �gent provoesteurs, die Jhring-Mahlow usw., war die ekel- hafteste Erscheinung des Sozialistengesetzes. Auf dem Gebiete der Sittenpolizei scheint sich ähnliches zuzutragen. In der„Zeit am Montag" werden eine Anzahl Briese veröffentlicht, aus denen her- vorgeht, wie die suspendierten Sittcnpolizisten gearbeitet haben. Zunächst wird von einem Sittenschutzmann erzählt, der sich samt seiner Frau nicht nur von einer Prostituierten bestechen ließ, son- dern auch noch mit Genehmigung der legitimen Gattin ein Liebes- Verhältnis mit dieser Prostituierten unterhielt: „Sie(die Prostituierte) hat mit ihrem„Kober-Ernst" wonnige Stunden verlebt, und wenn sie der Frau des Geliebten dafür seidene Blusen und andere kostspielige Kleidungsstücke, gelegentlich auch etliches Bargeld verehrte, so hat sie ihr Glück doch nicht zu teuer erkauft. Einmal will sie sogar durch Zahlung von 40 M. an die Schutzmannsfrau bewirkt haben, daß diese sie einen ganzen Tag mit ihrem Manne allein in der Wohnung ließ und selbst dem Hause bis zum späten Abend fernblieb. Dieses innige Verhältnis erlitt später einen argen Stoß, und es wandelte sich— wie es so oft geschieht— Liebe in Haß. Die Prostituierte ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Bei dieser Gelegenheit will sie Briefe, aus denen zu erkennen war. daß intime Beziehungen zwischen ihr und dem Beamten bestanden haben, ausgeliefert haben. Später hat sie— nachdem inzwischen eine Aussöhnung stattgesunden— ihre Angaben allein widerrufen, die Briefe aber nicht zurückerhalten. Hinterher kam es offenbar wieder zu einem Zerwürfnis zwischen den„Liebesleutcn", und nun- mehr wiederholte die Dame die früher gemachten Anschuldigungen und will gleichzeitig gegen die Frau des Schutzmannes die Anzeige wegen schwerer Kuppelei erstattet haben." Ein anderer Beamter hat an eine Prostituierte, Frau W., die ihm jahrelang als Vigilantin Dienste leistet« und dafür von ihm insofern schadlos gehalten wurde, als sie nicht unter Sittenkon- trolle kam, zahlreiche Briefe geschrieben, von denen nachstehend eine Auswahl gegeben werden soll: „Sehr geehrte Frau W.! Teile Ihnen mit, daß öle Genannte Sch. von Puttkamerstraße nach der Königgrützer Straße 69, vorn 2 Treppen links, verzogen ist. Bitte, geehrte Frau W., wenn es Ihnen möglich ist, so bitte beschleunigen Sie die Sache. Es wäre nur sehr lieb, wenn es diese Woche noch wäre. Also wann Sie sichere Sache haben, so benachrichtigen Sie mich. Bitte Iran W., erzählen Sie niemanden waö und vernichten Sie gleich den Brief. Ich habe für Sie auch ein gutes Werk getan, der Herr Kollege Schneider wollte Ihnen eine Anzeige machen, wo Sie mit einem Herrn im Hause Kochstraße 7 waren. Aber auf mein Zureden nahm er Abstand. Dieses bleibt aber unter uns. Nochmal? bitte ich Sie, diese Sache sobald wie möglich zu erledigen, und zwar sehr sicher. Außerdem soll ich Beweise erbringen gegen die S., Krausenstraße 14. Bitte sind Sie mir be- hilflich.(13. 4. 1910.) ... Geehrte Frau W. ließ sich das nicht machen, daß die Sch. unter Vorspiegelung mit dem betreffenden Herrn nach der Sache zusammen das Haus verließ! Ich würde sie dann gleich festnehmen! Hoffentlich klappt diesmal die Sache... 23. 4. 09.... Da diese Angelegenheit zwischen uns beiden ganz geheim gehalten bleibt, so möchte'Sie nochmals dringend bitten, sobald wie möglich die Sch. heranzuschaffcn. Bitte, wen» Sic einen geeigneten Moment haben, so benachrichtigen Sie mich sofort. Am 29. 4. und 6. 5. habe ich Termin, da habe ich keine Zeit... Bitte, können Sic mir sagen, wo die Liddi H., die große schlanke, absteigt! Ick weiß, dieselbe ist Ihnen persönlich bekannt, ich möchte diese ebenfalls gerne haben. Also geehrte Frau W„ bitte Sie nochmals herzlich, die E eine allgemeine Kommission für die Ausgesperrten und eine Kommission für die Leipziger Gelbmetallarbeiter vorzuschlagen; die Leipziger Unternehmer sollten auch eine Kommission wählen. Auf weiteren Vorschlag des Direktor Kohler sollte dann die Auf- forderung zu den Einigungsverhandlungen sowohl von den Chem- nitzer als auch von den Dresdener Unternehmern erfolgen. Damit erklärte sich Haak einverstanden. In einer weiteren Besprechung wies dann Bezirksleiter Haak darauf hin, daß es bei der Kvm- pliziertheit der Materie ganz unmöglich sein würde, die Streit- frage bis zum'23. rcsp. 26 August zu erledigen.(Nach einer Be- kanntmachung der Industriellen in Dresden und Chemnitz vom 12. August sollten in beiden Städten die Metallarbeiter am 26. August ausgesperrt werden, wenn bis zum 23. August in Leipzig keine Einigung erzielt sei.) Darauf erklärte Direktor Kohler: Es ist ganz selb st der ständlich, daß in dem Moment, wo Sie unsere Vorschläge annehmen und wo die Einigungsverhandlungen eingeleitet sind, die Aussperrung in Dresden und Chemnitz ber- schoben wird. Danach begannen die Verhandlungen, die durch das eigenartige Verhalten der Leipziger Industriellen erst am Tonnerstag, den 24. August, aufgenommen werden konnten. Nun- mehr erklärte aber der Industrielle Rothe, daß die Ver» Handlungen am Freitag, den 2 5. August, abends, beendet sein müßten, anderenfalls würde in Chemnitz und Dresden am Sonnabend aus- gesperrtl— Obendrein erschien am 25. August in den.Leip- zfger Neuesten Nachrichten" eine Notiz, in der es hieß, die Aus- ständigen seien durch ihre Vertretung an die Unternehmer mit der Frage herangetreten, unter welchen Bedingungen Verhandlungen eingeleitet werden könnten. Natürlich konnten die Metallarbeiter diese Darstellung nicht unwidersprochen lassen, schon um ihrer Posi- tion bei den Verhandlungen willen. Und da die Fassung der Notiz, sowie die Aeußerung des Industriellen lllothe die Annahme recht- fertigte, daß die Notiz zum mindesten von den Industriellen inspi- riert worden war. forderte die Kommission der Arbeiter bei Ein- tritt in die Verhandlungen Aufschluß, der ihr aber verweigert wurde. Dazu verlangten nun auch die Vertreter der Industriellen, daß die Verhandlungen bis zum Abend(Freitag) beendet sein mußten, anderenfalls am Sonnabend in Chemnitz unH Dresden die Aussperrung erfolge. Auf den Hinweis der Arbeitervertreter auf die Vereinbarungen beim Zustandekommen der Verhandlungen, er- klärten die Industriellen: Das geht uns nichts anl— Trotzalledem bemühte sich die Verbandsleitung, die darauf unter- brochenen Verhandlungen wieder weiterzuführen. Bezirksleiter Haak fuhr sogar mit zwei Kommissionsmitgliedern nach Dresden, um nochmals mit Direktor Köhler zu verhandeln; doch wich Kohler jetzt aus. Darauf telephonierte am Sonnabend früh der Obmann der Arbeiterkommission in Leipzig den Industriellen Rothe an, daß sie beisammen und zu Verhandlungen bereit sei, worauf Rothe die Kommission auf nachmittags 4 Uhr bestellte. Bei diesem Stand der Dinge war es natürlich verblüffend, daß am Sonnabend der Direktor Kohler in Dresden seinem Ar- beiterausschuß erklärte, es müsse nun doch ausgesperrt werden, denn in Leipzig habe die Kommission der Arbeiter den Unternehmern auf das Ersuchen, zur Verhandlung zu kommen, erklärt: Wir haben jetzt keine Zeit, erst nachmittags 4 Uhr wollen wir verhandeln!— Dieses Verhalten sei aber eine Brüskierung der Unternehmer, und deshalb müsse ausgesperrt werden. So geschah denn auch die Aussperrung in Dresden und Chem- nitz auf Grund einer völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung, für die nicht der Schatten eines Beweises erbracht werden kann. Derjenige, der diese Mitteilung nach Dresden gegeben hat, hat'— wie Genosse Haak, der Verfasser der Aufklärungsschrift, sagt— i n bewußter Weise die Wahrheit ins Gegenteil ver- kehrt und geradezu frivol gehandelt, da dadurch Taufende von Existenzen schwer geschädigt wurden. Fest steht— so schließt daS Schristchen— trotz aller Verdrehungen, daß die Vorbesprechungen, die zu Vcrhand- lungcn führten, von den Unternehmern veranlaßt wurden, daß ein Abkommen dahingehend bestand, auf Ersuchen der Mctallindustriellen von Dresden und Chemnitz beiderseitig Kom- Missionen zu wählen, 4>aß die Aussperrungen in Dres- Verantw. Rebalt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.-� den Und Chemnktz während der Tauer der Der- Handlungen aufgeschoben werden sollten, daß dieses Abkommen von den Mctallindustriellen gebrochen wurde, daß die Kommission der Arbeiter am Sonnabend, den 26. August, sich früh VtlO Uhr zur Verfügung hielt, nachdem die Unternehmer davon am Freitagabend verständigt waren, daß eine dem entgegenstehende Behauptung eine krasse Unwahrheit darstellt. Genosse Haak erwartet, wie er eingangs seiner Broschüre sagt, daß die angegriffenen Unternehmer den Klageweg beschreiten, um vor Gericht die Wahrheit feststellen zu können. Die Unterlassung dieser Klage aber betrachtet er als die Anerkennung der Richtigkeit seiner Darlegungen. Berlin unck Nmgegenck. Der Streik der Kisten- und Koffermacher. In später Nachtsiniide halten am letzten Donnerstag die Arbeiter dieser Brauche einstimmig beschlossen, in allen Betrieben die Arbeit sofort niederzulegen, welchem Beschluß auch sämtliche Kollegen prompt nachgekommen sind. Alle Unternehmer, die nicht dem Ringe angehören, haben zu erkennen gegeben, daß sie mit der Or- ganisation auf friedlichem Wege sich einigen wollen. Bewilligt haben bis jetzt die Firmen: Müller in Cbarlottenburg, Stolz. Rixdorf, Hobrechlsiraße, Spielhagen. Köpenicker Straße. Tie Versamm- lung beschloß, den Genera(streik aufzuheben, der partielle Streik dauert weiter. Wo bewilligt ist. wird die Arbeit sofort aufgenommen. Zu diesen Firmen kommen noch einige Kleinbetriebe, wo keine Forde- rungcn bestanden und die Arbeiter bis jetzt nur aus Solidarität gestreikt haben: Meißner, Spittelmarkt, Berg er, Wassertor- straße, O h n st e i n, Marianueuplatz. Die Lohnbetvegnng der Mnhlenarbeiter. Die Mühlenarbeiter von Berlin und Umgegend hatten Anfang August einen Tarifvertrag, wie sie ihn abzuschließen wünschten, durch ihre Verbandsleitung den einzelnen Mühlenbesitzern wie auch dem Syndikus der Vereins der Mühlenindustriellen unterbreitet. Die Aniwort der Unternehmer wurde den Arbeitern mitgeteilt in einer Versammlung, die am Sonntagvormittag im Gewerkschaflshause stattfand, einberufen vom Verband der Brauerei- und Mühlen- arbeiter. Den Versammelten, die sehr zahlreich erschienen waren, legte der Vorsitzende H o d a p p den Briefwechsel zwischen der Verbandsleitung und der Vereinigung der Unternehmer vor. Aus den erhaltenen Antworten ist zu entnehmen, daß die Unteinehmer sich nicht auf einen strikt ablehnenden Stand- Punkt stellen, so daß Verhandlungen über die aufgestellten Forde- rungen möglich sein werden. In den Antworten wurde darauf hingewiesen, daß gegenwärtig noch viele Mühlenbcsitzer verreist seien und darum eine Entscheidung vorläufig nicht getroffen werden könnte. Dieser schon früher einmal geübten VerzögerungS- taktik stehen die Arbeiter etwas mißtrauisch gegenüber. Die Ver- sammelten beauftragten die Lohnkommission, einer etwaigen Ver- schlcppung seitens der Unternehmer mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten. Sie verpflichteten sich, den von der Organisation zur Durchführung der Lohnbewegung beschlossenen Maßiiahmen jederzeit Folge zu leisten. Oeuvkcbes Rctch. Der Tischlerstreik in Forst(Lausitz) ist nach einei: Dauer von 26 Wochen jetzt beendet worden. Ter Kampf drehte sich um den Abschluß eines Tarifvertrages, über den im Frühjahr keine Eini- gung erzielt werden konnte. Jetzt haben die Parteien einen Ver- trag bis zum 15. Februar 1315 abgeschlossen. Die Arbeitszeit wird während der Vertragsdauer von 56 auf 55 Stunden wöchentlich verkürzt. Der Stundenlohn wird staffelweise um 4 Pf. erhöht. Der Durchschnittslohn steigt von 38 auf 41 Pf. Ein Teil der Streiken- den ist bereits wieder in Arbeit getreten, die übrigen werden nach und nach wieder eingestellt. Damit ist die Vertragsbewegung dieses Frühjahres, die sich auf eine Reihe von Orten erstreckte, auch in dem letzten Orte beendet und die Vertrüge, welche im Frühjahr 1S11 abgelaufen waren, sind sämtlich wieder erneuert Zum Streik der Jutcarbeiter in Hemelingen. Seit S Wochen stehen die Arbeiter und Arbeiterinnen der Jutespinnerei in Hemelingen im Kampfe um eine Aufbesse- rung ihrer miserablen Löhne. Der Arbeiterausschuß, der neuer- dings im Beisein des Gemeindevorstehers mit der Direktion ver- handelt hatte, mußte am Mittwoch in einer Versammlung der Streikenden berichten, daß die Direktion jedes Zugeständnis ab- lehne und bedingungslose Wiederaufnahme der Arbeit verlange. In einer einstimmig beschlossenen Resolution brachten die Ver- sammelten zum Ausdruck, daß sie nach wie vor zu Verhandlungen bereit sind, daß sie es aber entschieden ablehnen, ohne befriedigende Zugeständnisse der Direktion die Arbeit wieder auszunehmen. Unter den galizischcn„Hintzebrüdern", die der Direktion als Raus- reißer dienen, befinden sich mehrere mit Revolvern bewaffnete Elemente, die schon wiederholt auf harmlose Passanten schössen. Die Polizei macht diesem Skandal natürlich kein Ende. Die Streikenden lassen sich aber nicht aus der Ruhe bringen, sie führen den Kampf mit Entschlossenheit weiter. Streikjuftiz. Noch bei keinem wirtschaftlichen Kampfe ist von der Scharf- macherpresse so elend geschwindelt worden, wie bei der Aussperrung der Hamburger Holzarbeiter. Wir haben dieses heiße Bemühen der edlen Organe vom Schlage der„Hamburger Nachrichten", die von 800 lebensgefährlichen Körperverletzungen schwindelten, bereits niedriger gehängt. Der Zweck heiligt da die schofelsten Mittel; es gilt nämlich, Material gegen die Arbeiterbewegung zur Stelle zu schaffen, um es gesetzgeberisch verwerten zu können, und da wird eben nach NeichsverbandSmanicr gearbeitet. Von den„lebcnSgefähr- lich Verletzten" ist erfreulicherweise noch niemand gestorben, es sei denn, daß— wie weiland die Hunnenkrieger— die Erschlagenen nach der„Schlacht" wieder zu neuem Leben und neuen Taten erweckt worden sind. Die Sache hat aber auch eine ernste Seite. Lesen die mit der Rechtspflege betrauten Personen täglich solchen Schwindel so übt dieser eine suggestive Wirkung aus.„Wie be- kannt. ist bei diesem„Streik"— jede Aussperrung wird kurzweg als„Streik" bezeichnet— sehr viel passiert", so oder so ähnlich ist schon wiederholt von Hamburger Richtern oder Anklägern geäußert Ivordcn. Und gingen die Verteidiger von der gewöhnlichen „Uebcrtrctung" der Straßenordnung oder der einfachen Streikbrecher- bcleidigung angeklagten Streiksündern der Sache auf den Grund bezeichneten sie die Scharfmacherleistuiigcn als das, was sie sind, als Schwindel, dann gab eS erstaunte Gesichter. Vor einigen Tagen kam ein„ernster Fall" zur Verhandlung, ein Arbeitswilliger sollte miß- handelt worden sein. Diese Mißhandlung löste sich jedoch in nichts ans, der„Angeklagte" wurde freigesprochen. Der zweite Fall von'„krassem Terror" gelangte vor dem Forum des Amtsrichters v. Lößl zur Verhandlung.„Schämt Ihr Euch nicht, so j nn g n n d s ch o n s o v e r d o r b e n!" Diese Worte, die doch mehr moralisierenden, denn beleidigenden Inhalts sind, hat ein ausgesperrter Tischler C. an zwei jugendliche Streikbrecher gerichtet. Das Gericht machte aber noch mehr daraus, Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u iGerlagsanftälT denn eS verurteilte den Angeklagten aus Z 153 der Gewerbeordnung zu zwei Wochen Gefängnis. Bei diesem Urteil scheinen wieder die bekannten»inneren Einflüsse" mitgewirkt zu haben. Die Solidarität der„Hirsche". Als im März d. I. die dem Metallarbeiterverbande angehören- den Mitglieder des ArbeiterausschusseS auf der Werft von Blohrn u. Votz in Hamburg ihr Amt niederlegten, weil sie mit den Pralnken dieser Werft hinsichtlich der Bezahlung der Nachtarbeit be» den Wcchselschichten nicht einverstanden waren, ftagte das Ausschuß- Mitglied Karsten den Schmied Otto S e e b e r, der Vorstandsmitglied der'.Hirsche" ist und ebenfalls dem Arbeiterausschuß angehört, ober sich nül den übrigen Mitgliedern solidarisch erklären wolle. S. ant- woriete,„er kehre sich nicht nach der Lumpen- und Spitzbubentaktik am B e s en b i n d e r h o f(Gewerstchafts- Haus). Auf eine weitere Frage, ob vielleicht die GewerkschaftS- beamten Lumpen und Spitzbuben seien, setzte Seeber hinzu:„ D a s h a t K ü r b i s(der Vorsitzende der Verwaltungsstelle Hamburg des Deutschen Metallarbeiterverbaudes) bei den letzten Ab- machungen mit den Arbeitern am Lande bewiesen." Wegen dieser hahuebüchcnen Aeußerungen zog Genosse Kürbis den„Hirsch" mit den losen Zungenschlägen zur gerichtlichen Ver- autwortung. Die Verhandlung fand am Sonnabenduachmittag vor dem Schöffengericht VI in Hamburg statt. Der Angeklagte kniff» indem er behauptete, den Namen Kürbis gar nicht erwähnt zu haben. Er habe sich durch die Zumutung, er solle die Befehle sozialdemo- kratischer Personen, die seine politischen Gegner seien, aussübren, beleidigt gcsüblt. Zu Karsten habe er nur unter vier Augen gesagt: „Spitzbubenpolitik treibe ich nicht". Dann wurde der lemperament- volle Angeklagte gegen die„anderen" so ausfallend, daß der Vor- sitzende, Amtsrichler Dr. Rudolphi, ihn ernstlich iit die Schranken wies... Auf Grund der Beweisaufnahme verurteilte daS Gericht den Angeklagten zu 50 M. Geldstrafe oder 10 Tagen Gefängnis. Durch die Beweisaufnahme sei voll erwiesen, daß die inkriminierten Worte gefallen seien und daß der Privattläger damit getroffen werden lollte. Von Wahrnehmung berechtigter Jntereffen könne keine Rede sein, weil keinerlei Anlaß vorlag, gegen Kürbis vorziigeheu. � Es sei dem Angeklagten nur darum zu tun gewesen, dem Privalkläger zu beletdigen._ Hus der frauenben>egung. Lehrreiche Zahlen. Die fortwährende gnuahme der Ehescheidungen, die Steigerung der unehelichen Geburten sind soziale Erscheinungen. Nach der vom Statistischen Amt der Reichshauplstadt veröffentlichten BcvölkerungS- bewcgnng waren mehr als ein Viertel aller Geburten— 10 008 von 39 474— unehelich. Und die arnren Unehelichen sind minderen Rechts als die ehelich Geborenen. Sie werden, noch ehe sie zur Welt kommen, von Gesetzeswegen dafür gestrast, daß� sie armer Leute Kinder sind. Aus der Bcrufsstellnng der Mütter ist ersichtlich, daß sie meistens arme Proletarierinnen sind, die sich zum größten Teil in abhängiger Stellung befinden. Ihre soziale respektive un- soziale Lage hindert sie gewöhnlich daran, rechtzeitig eine Ehe einzugehen. Von den unehelichen Müttern gehörte fast der dritte Teil dem Dienslboicnberufe an. 3103 Dienstmädchen schließen sich 1058 ungelernte Arbeiterinnen, 1202 Näherinnen und Schneiderinnen und 737 im Handelsgewerbc tälige Personen an. Es folgen die Mädchen„ohne Beruf" mit 423, die sslbständigen Modistiniren mit 281, Plätterinnen mit 220, Aufwärterinnen mit 163, Kellnerinnen mit 85, Lehrerinnen und Gouvernanten mit 52, Sängerinnen und Schau» spieleriimen mit 27. Sekretärinnen niit 10, Beamtinnen mit 5, Studentinnen mit 3 und Hausbesitzerinnen mit 4 unehelichen Müttern. 1040 uneheliche Mütter hatten das 20. Lebensjahr erreicht, 004 waren ISjährig. 601: 18jährig, 382: 17jährig, 100: 16jährig, 30: löjährig und 7 uneheliche Mütter waren noch keine 15 Jahre alt. Die Zahl der Ehescheidungen betrug im selben Jahre 1070. Die jüngste geschiedene Frau war 16 Jahre alt und die älteste 63 Jahre. IS Geschiedene waren noch nicht 20 Jahre alt. 15 Ehen wurden im ersten und 78 im zweiten Jahre nach der Eheschließung getrennt. Ein Paar ging noch nach Zgjähriger Ehe auseinander. 007 der geschiedenen Ehen waren kinderlos. Selbst Ehen mit 6— 10 Kindern gingen auseinander. In den meisten Fällen bedeutet eine Eheschließung auch eine Vernachlässigung in der Erziehung und Pflege der betroffenen Kinder. Franenkonferenzen i« Oesterreich. Am 17. September findet in T r o p p a u die Landeskonferenz der Genossinnen Schlesiens statt, die sich mit einer Reihe von wichtigen Fragen zu beschäftigen haben wird. Am 28. und 29. Oktober wird in I n n S b r u ck die vierte Reichskonferenz der österreichischen Genossumen tagen, in deren Mittelpunkt die Diskussion über den Anschluß der Frauen an die politischen Vereine stehen wird. Obwohl das gesetzliche Hindernis für den Eintritt der öfter- reichischen Genossinnen in die Wahlvereine noch nicht beseitigt ist, wollen die Genossinnen doch schon die Vorbereitungen treffen, um nach Beseitigung deS§ 30(„Frauenspersonen" dürfen nicht Mitglieder politischer Vereine sein) den Ueberttitt vollziehen zu können. Leseabende. Zehlendorf(Warmseebahn). Mittwoch, den 6. September, bei Muckley, Vortrag. Frau Dr. Paula Rosenthal:„Frauenkrankheiten und deren Verhütung". Hetzte Nachrichten« Ein blutiges Licbcsdrama. Karlsbad, 4. September.(B. H.) Der Sohn des Sägriverk- bcsitzers Julius Neumann in LcSkau erschoß heute früh unterhalb der Stefaniewarte seine Geliebte Steffi Stamen und verletzte sich dann selbst durch einen Schuß lebensgefährlich, Großfener in Duderstadt. Göttingen, 4. September.(Privattelegramm des„Vor- wärts".) In Tuderstadt im Eichsfeld, wo erst am 12. August über 130 Häuser abgebrannt sind, steht schon wieder, und zwar am Obertor. in der Nähe der katholischen Kirche, ein ganzer Stadtteil in Flammen. Bis 8 Uhr abends waren 12 Häuser vom Feuer zerstört Infolge der großen Dürre und des Wassermangels wütet der Brand weiter. Im Hochgebirge abgestürzt. Innsbruck, 4. September.(W. T. B.) Im Zillerthal stürzte der Vikar P r a ck e r aus Westfalen bei einer Tour ab. Auf dem Totenkirchl im Kaisergcbirge verunglückte der Münchcner Tourist Helfer. Beide sind schwer verletzt. Ein neuer Höhcnrekord. Parame(Tep. Jlle et Vilaine). 4. September. W- T. B.) Der Flieger GarroS erreichte heute mit feinem Apparat eine Höhe von 4250 Meter und schlug damit den Weltrekord._ Paul Singer L Co., Berlin L VV. Hierzu 3 Beilagen».UnterhaltungSbl. Hr. 207. 28. Iahrgaag. 1. MW des Jimiris" ßciliiitt UckÄM Piniitnij, 5. Stplrmlitt I9U, Die Candesveriammlung der Sozialdemokraten Württembergs 1911. Aus Stuttgart wird uns berichtet: Die am Sonnabend, den 2., und Sonntag, den 3. September, stattgefundene LandeSdersammlnng war stärker besucht als je eine zuvor. An die 360 Delegierte mochten anwesend sein. Als Ver- treter des Parteivorstandes war Genosse E b e r t erschienen. Den Vorfitz führte Reichstagsabgeordneter H, Dietz. Den Geschäfts- bericht erstattete der Vorsitzende des Landesvorstandes Genosse S p e r k a. Wir haben die wichtigsten Angaben und Zahlen des Geschäftsberichtes bereits mitgeteilt. Der Vorsitzende rühmte die Einigkeit und Geschlossenheit der Stuttgarter Parteigenossensckaft bei der Stadtvorstandswahl im Mai dieses Jahres, Obgleich ein Teil der Parteigenossen schwere Bedenken gehabt gegen die Wahl eines Stadt- oberhauples in einer Residenzstadt mit bürgerlicher Rathausmehrheit und obgleich die vom sozialdemokratischen Kandidaten Dr. Linde- mann beanspruchte Freiheit in Ausübung der Repräsentations- pflichten des Oberhaupts einer Residenzstadt und im Verkehr mit der Krone manchem Genofien als unvereinbar mit unserer Stellung zur Monarchie und zum Klassenstaat erschien, habe die organisierte Arbeiterschaft ihre Pflicht doch restlos getan, wie die Wahlziffern beweisen. Um so bedauerlicher sei, dafi man nach der Wahl den Parteigenossen Vorwürfe gemacht habe, während doch nur das Ausbleiben des bürgerlichen Zuzuges, auf den die Befürworter der Kandidatur sicher gerechnet hatten, den Nichterfolg verursacht hat. In ihrem weiteren Verlauf führten die Verhandlungen zu scharfen Zusammenstößen zwischen den Radikalen und Revisionisten, die mit dem Verlassen der Landes- Versammlung durch die große Mehrzahl derStutt- garter Delegierten und der einer Anzahl Städte und ländlicher Mitgliedschaften endeten. Zum Berständuis der Vorgänge sei das Delegationssystem zur Landesversammlung, durch das die größeren Mitgliedschaften, in denen das Paneileben am regsten pulsiert und die auch die finanziellen Träger der LandcSorganitation sind, arg benachteiligt werden, hier skizziert. Die betreffende Bestimmung des Statuts lautet: Ortsvereine bis zu 100 Mitgliedern wählen einen Delegierten, mit Ivb— 300 Mitgliedern zwei Delegierte, mit über 300 Mit- gliedern auf je weitere volle 200 Mitglieder je einen weiteren Delegierten, Diese Bestimmung macht es möglich, daß 49 Mitgliedschaften mit je 6 bis 20 und insgesamt 729 Mitgliedern 49 Delegierte zur Landesversammlung entsandten, während die beiden großen Vereine Stuttgart und Cannstatt mit 8007 Mitgliedern nur 41 Delegierte entsenden konnten. Gegen diese krasse Ungerechtigkeit wendete sich ein Antrag Stuttgart und anderer Mitgliedschaften, der verlangte, daß auf Antrag von 15 Delegierten eine namentliche Abstimmung erfolgen müsse. Weiter wurde gefordert, daß auf Verlangen der gleichen Zahl Delegierter die Abstimmung nach Zahl der vertretenen Parteigenossen erfolgen müsse. Beide Forderungen wurden von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt. Zu außerordentlich Hefligen Auseinandersetzungen kam es dann bei Beratung des Antrages der Ortsvereine Stuttgart, Cannstatt und noch etlicher Orte auf Einsetzung einer Prcßkonimission für die„Schwäbische Tagwacht", die aus neun Mitgliedern zu- sammengesctzt werden sollte, von denen drei der Landesvorstand und Landesausschuß delegieren sollte, während die anderen sechs von Stuttgart, Cannstatt und noch etlichen Orten des Industriegebietes gewählt werden sollten. Dieser Antrag wurde auf Vorschlag des Vertreters des Parteivor stau des später dahin geändert, daß nach dem Vorbild der Preßkommission für den„Vor- wärts" eine besondere Preßkommission gebildet werden sollte. die gleichberechtigt mit dem Landesvorstand die prinzipielle und taktische Haltung der„Tagwacht" über- wachen und die Verwaltungsangelegenheiten regeln sollte. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen diesen beiden Körperschaften würde der Landesausschuß(Kontrollkommission) als dritter gleich- berechtigter Faktor zuzuziehen sein. Die Preßkommission sollte sieben Mitglieder zählen, von denen vier die Mitgliedschaften Groß- Stuttgarts zu wählen hätten, während der 1., 2. und 4, Reickstags- Wahlkreis je einen Delegierten wähle» sollten. Zur Begründung dieses Wahlmodus wurde geltend geniacht, daß wenn die Kreis- generalversammlung der genannten drei Wahlkreise allein die Wahl vornehmen würden, das Industriegebiet mit seinen großen Mitglied- schaflcn wiederuni schwer im Nachteil sein würden, weil bei dem Dele- gationSsystem zur Kreisgeneralversammlung ähnlich dem zur Landes- lö M Kleines fcullleton. Theater. Freie Volksbühne(Lessing-Theater).„Wenn der junge Wein blüht." Von Björn st jerne B j ö r n s o n.— ES ist charakteristisch für die ganze Lebensauffassung des großen norwegischen Dichters, daß er noch kurz vor seinem Tode ein feinziselierteS Lustspiel herausbrachte, wie es jugendsrischer und toniperamentvoller kaum je ein Poet in seinen besten Jahren schuf. Und wenn auch die eigentliche Handlung, die keinem wirksamen Bühnenstück fehlen soll, in einem zarten Gewebe wechselnder Stimmungen niehr als nötig zurücktritt, so bleibt der behandelte Stoff dennoch frisch, wirksam und fesselnd bis zum letzte» Fallen des Vorhanges. Alle Situationen sind mit an- sprechender Schalkhaftigkeit und reifer Lebensfreude erfüllt, denn„die Jugend steckt an" und führt dem Alter seine Schwerfälligkeit vor Aiigeir. DaS erlebt auch der Probst Hall an sich, ein wunderlicher Schwärmer, der sich zu seiner jüngsten Nichte Helene in unwiderstehlicher Neigung hingezogen fühlt. Anders deren Vater, der alte Arnik, ein weicher, empfindsamer Mensch, den die Herrschaft des Ewigweiblichen in seinein Hause— er hat eine rede- frohe Frau und drei enianzipationölüiterne Töchter— zum Schweiger und Spötter gemacht hat. Auch er findet Gefallen an der Jugend; aber aus seine Weise, Und zwar ist es Halls Tochter, die ihn feffelt. Um der Hölle seines Heims zu entfliehen, will er mit dieser, die seine Neigung dazu benutzt, ihm Geld abzulisten, auf und davon.' Aeußerlich bestärkt ihn zu diesem Entschluß eine scharfe Auseinandersetzung mit seinen Familienangehörigen. Nun, da er fort ist, setzt eine ungestüme sentimentale Neue bei Frau und Töchtern ein. Aber der Ausreißer kehrt über Erwarten rasch zurück. Noch einmal flammt bei seiner Gattin der Hang zu einer wirksamen Gardinenpredigt auf. Dann erfolgt die Versöhnung und eine Verständigung, die dauerhaft zu sein verspricht. So leicht und anmutig das feine Gewebe des an heiteren Episoden überreichen Stückes ist, so schwierige Anforderungen stellen die einzelnen Rollen an ihre Darsteller. Denn gerade die vom Dichter absichtlich unterstrichene Komil der einzelne» Figuren verleitet leicht zu einem gewissen Uebermaß. das unnatürlich und abstoßend wirkt. Aber allen diesen Fährnissen gingen die Darsteller der VolkSbühnenaufführung geschickt aus dem Wege. Willi Froböse gab den alten Arnik glaubwürdig und lebenswahr mit jenem feinen Spott, der vornehm und sympathisch wirkt. Prächtig war auch P a u l a E b e r t y als Frau Arnik; sie überschritt weder als triumphierende Mutter, noch als reuige Gattin das dieser Figur vom Dichter gesteckte Ziel. Bruno Ziencr Versammlung die kleinen ländlichen Mitgliedschaften die Zusammen- 'etzung der Preßkommission fast ausschließlich bestimmen würden. Der Antrag Stuttgarts wurde von Westmeyer begründet. Einleitend zeichnete er die wirtschaftliche Umwälzung in Würtlem- berg. Die Zahl der Selbständigen nehme rapid ab, lvährend die Zahl der Lohnarbeiter riesenhaft anschwelle. Die Verschärfung des Klassengegensatzes zur Regierung und den bürgerlichen Parteien sei die Folge. DaS Verhältnis der Parlamentsfraktion und der „Schwäbischen Tagwacht" nehme die entgegengesetzte EntWickelung. Daraus resultieren die sich immer mehr verschärfenden D i f fe- renzen zwischen der Mehrheit des Industrie- gebieteS und dem Parteiorgane, Das Dele- gationssystem zur Landesversammlung gewähre aber den großen Mitgliedschaften so gut wie keinen Einfluß auf die Wahl des Landesvorstandes und auf die„Schwäbische Tag- wacht". Darum verlangen sie die Preßkommission. Hauptredner gegen den Antrag aus Einsetzung einer Preß- kommission war der Chefredakteur Genosse W. Keil, dessen 1>/z stündige Rede sich hauptsächlich gegen den Genossen Westmeyer richtete. Der Vertrerer des Parteivor st andes trat energisch für den Rechtsanspruch der Stuttgarter Parteigenossen ein, nach der Rede Keils konnte aber auch er nicht durchdringen. Die Mehrheit der Delegierten machte durch Annahme eines Schlußantrags eS dem Genossen Westmcyer unmöglich, auf die Verdächtigungen Keils zu antworten. Als We st meyer eine kurze, persönlicheBemerkung machen wollte, schrie die Mehrheit ihn nieder. Das gleiche Schicksal widerfuhr einem anderen Stuttgarter Delegierten, der gleichfalls von Keil aufs schwerste persönlich angegriffen worden war. Dieselbe Mehrheit beschloß dann noch eine Preßkommijsion, die von den drei genannten Wahlkreisen gewählt werden soll. Einer der Führer dieser Mehrheit, G ö h r i n g- Ulm, setzte als- dann trotz der Bitten des Vorsitzenden Genossen Dietz einen An- trag durch, daß den fünf Redakteuren. Keil. Roßmann, Ulrich, Krille und Westmeyer, gekündigt werden soll. Die Tendenz des Antrages wird gekennzeichnet dadurch, daß Keil infolge seines Doppelmandats zum Reichs- und Landtag in kurzer Zeit die Chefredaftion ohnehin nieder- gelegt hätte, während Roßmann als Redakteur für das demnächst in Ulm erscheinende Blatt in Aussicht genommen ist. Die Maß- regelung richtet sich also gegen die beiden Radikalen Krille und Westmeyer. Die Tat schlug dem Faß den Boden aus. Etwa 50 Delegierte Stuttgarts, Cannstatts und noch einige Mitgliedschaften verließen die Landesversammlung. Folgende Erklärung gaben sie zu Protokoll: „Die unterzeichneten Delegierten haben sich gezwungen ge- sehen, die LandcSversammlung auS folgenden Gründen zu ver- lassen: „Nicht genug damit, daß die sachlich durchaus berechtigten An- träge der Mehrheit der Delegierten von Stuttgart sowie von De- legierten anderer Wahlkreise von der Majorität der Landes- Versammlung ohne sachliche Würdigung niedergestimmt worden sind, hat die Majorität auch durch die Annahme des Antrages Göhring den oben genannten Delegierten einen Faustschlag in§ Gesicht versetzt. Dieser Antrag bedeutet sachlich die Aufhebung des prinzipiellen Beschlusses, die Einsetzung einer Preßkommission betreffend, denn er prellt die Mit- glieder der Preßkommission aus lange Zeit hinaus um das ihnen zuerkannte Recht, an der Regelung der Redaktionsverhältnisse als gleichberechtigter Faktor mitzuwirken. In Verbindung mit dem Antrag Göhring ist also der Antrag Hosenthien(Einsetzung einer Preßkommission) eine Farce. Damit nicht genug. Dieser Antrag bedeutet außerdem die Maßregelung der Redakleure der„Tagwacht" Wesimeyer und Krille, und daS geschah nach einer etwa eineinbalbstündigen Anklagerede des Genossen Keil, voll der schwersten Unwahrheiten und Beschuldigungen gegen andere Redakteure. Zu alledem noch wurde dem zumeist angegriffenen Redakteur We st meyer nicht nur das Wort zur Erwiderung versagt, sondern auch seine persönliche Bemerkung brutal niedergeschrien. Ebenso wurde der Stuttgarter Delegierte Stetter nieder- geschrien, der vom Redakteur Genossen Keil ebenfalls schwer an- gegriffen worden war. Diese brutale Vergewaltigung der Minderheit der Delegierten durch von den Genossen Keil, Wasner und andere Stuttgarter Genossen aufgehetzten Delegierte» der Mehrheit der ländlichen Mitgliedschaften macht eS den unterzeichneten Delegierten und Gästen unmöglich, der Landesversammlung länger beizuwohnen. Wir müssen es unseren Mitgliedschaften über- lassen, die Konsequenzen aus diesem Verhalten der Majorität der Landesversammlung zu ziehen." Die Mehrheit der Landesversammlung glaubte damit aber noch nicht genug getan zu haben. An Stelle des zurückgetretenen Vorbrachte den Probst Hall ein wenig überschwenglich heraus, dennoch überzeugend. Sehr fein hatte Lora von» Busch die Alvilde, die Tochter des Probstes, ausgestaltet; ebenso verdiente Paula S o m a r y S temperamentvolles Spiel als Helene volle Anerkennung. Die freie Volksbühne hat am letzten Sonntag ihr neues Spieljahr mit frischen Kräften begonnen. Im Neuen Schau- spielhauS wurde L e s s i n g S„Nathan", im Residenztheater A u gi er S bereits anfangs der neunziger Jahre zur Aufführung gebrachte GescllschaftSkomödie„Die arme Löwin" gegeben. Außerdem gab es Björn sons letztes Lustspiel:„Wenn der junge Wein blüht"(im Lessingtheater) und schließlich eine Uraufführung(im Thaliatheater). ES wurde der„Zigaretten- t a st e n" beschert, eine Komödie von John Galsworthy, dem Vcrfaffer des im vorigen Jahre aufgeführten Dramas„Kampf". Wieder schwingt ein soziales Problem hinein: die Erörterung der in» Klassenstaat immer auszuwerfenden Frage, ob ohne Unterschied des Herkommens und Standes gleiches Recht und gleiche Recht- sprechung gebräuchlich seien. Natürlich wird nicht bloß bei uns mit zweierler Maß gemessen. Der reiche Bourgeois repariert jede von ihm begangene Verletzung der Moral und des Straf- Paragraphen durch Geld; der Proletarier und notorische Habe- nichts wird, weil er keinen Mammon hat, wegen des gleichen ReateS sündig gesprochen und verdonnert. In dieser Komödie konstruiert der Verfasser zwei Menschenklassen und zwei An- schauungen. Das ist, vom rein sozialen Stoff gesehen, sein gutes Recht. Damit allein wird aber kein Drama geschaffen. Was wir hier vorübcrgleiten sehen, ist eine Novelle; in vier Bilder— nicht Akte I— aufgeteilt. Eine gewisse Grobklotzigkcir ist nicht zu über- sehen— trotz mancher psychologischen Feinheit. Recht eigentlich echt ist nur das zweite Bild in der Proletarierkabüse geraten. Dies arme Weib und ihr arbeitsloser Mann sind lebenswahre Gestalten; allen anderen dagegen hastet etwas Konstruiertes an. Das Gerichts« personal wirkt karikaturistisch. Einen Gewinn können wir also diese Komödie schwerlich nennen— eS wäre denn, daß sie zwei Mit- wirkenden vollauf Gelegenheit gewährte, aus der Nichtbeachtung herauszutreten. Bei Martha Allenberg lernten wir ganz die Schauspielerin vergessen:— so eindringlich, so unverfälscht war sie als Frau Jones; erschütternde Wirkungen gingen von dieser Ver- körpcrung aus. Wenn'S wirklich noch Bühnenleiter gäbe, die nicht bloß ä 1» Rcinhardtscher ZirkuSveräußerlichung im Schauspieler einen Statisten sehen, dann müßten zehn Hände nach Martha Alten- berg greifen. Auch Robert Garrison«Jones) ließ eine nicht all- tägliche Wucht naturalistischer Charakteristik erkennen. Fritz Junker- mann als sauberes Bourgeoissrüchtl war einfach vorzüglich. Rollen, wie diese, kann nur er so herausstellen. Und dann nennen wir noch Emil S.o n d e r m a n n S durablen John Barthwick. e. k. sitzenden des Landesvorstandes Genossen Sperka wählte sie den Reichstagsabgeordneteu Genossen Hildenbrau d zum Vor- sitzenden. Genossin Zetkin, die sich mit den Stuttgartern solidarisch erklärt hatte, wurde aus dem Landesvorstand h i n a u s g e w ä h I t. Das gleiche widerfuhr dem radikaler Neigungen verdächtigen Hang- Krummenacker. Dafür wurde Genosse Göhring- Ulm mit noch einem Genossen dem Landes- ausschuß beigegeben. Die kritischen Bemerkungen des Vertreters des Parteivor st andes wurden kaum angehört._ Der„Vorwärts" vor Gericht. 1. Ein Sergeant und drei Mann traten gestern als Zeugen gegen unseren verantworlichen Redakteur, Genossen B a r t h, vor die Schranken deS Gerichts. Der Anklage lag eine am 18. Januar veröffentlichte Lokal« notiz zugrnnde. Darin wird nach Mitteilungen von Augenzeugen gesagt, vor einer kleinen Abteilung von Soldaten des 2. Garde- regiments zu Fuß, die von der Kaserne in der Karlstraße nach der Kaserne in der Friedrichstraße marschierte, sei ein 9— lOjährigcr Knabe hergetänzelt. Als der die Truppe führende Fahnenträger dies bemerkte, habe er den Knaben dermaßen geohrfeigt, � daß er sich mehrere Male überschlug. Die Anklage behauptet, diese Angabe sei unwahr. Barth hat sich deshalb wegen Beleidigung des er- wähnten Fahnenträgers, Sergeant SchnrannS, zu verantworten. Wie sich der Vorgang in Wirklichkeit abgespielt hat, das konnte in der gestrigen Verhandlung noch nicht aufgeklärt werden. da die Angaben der Zeugen wesentlich voneinander abwichen. Die drei Soldaten, welche zusammen mit dem Sergeanten und einem voraufmarschierenden Spielmann die erwähnte Abteilung bildeten, stellten den Hergang so dar: Schon in der Karl- straße sei der Knabe zwischen dem Spielmann und der Abteilung mitgelaufen und habe die Marschbewegungen der Soldaten nachgemacht. Der Sergeant habe den Knaben mehrere Male aufgefordert, sich zu entfernen. Da der Knabe das nicht getan habe, sei der Sergeant auf ihn zugegangen, um ihn„rauszubringen". Der Knabe sei dann fortgelaufen und hingefallen. So war zu- nächst die Angabe des ersten Zeugen. Durch Fragen des Ver« teidigers. Rechtsanloalt Dr. Kurt Rosenfeld, kam dann aber heraus, daß der Sergeant nicht nur auf den Knaben zuging, sondern ihn am Schultornister berührte. Schließlich mußten die drei Soldaten zugeben, daß die„Berührung" ein „'S ch u b s" war, den der Sergeant dem Knaben versetzt hat. Aber nicht infolge des Schubscns, sondern infolge seines FortlaufenS soll der Knabe gefallen sein. Nach übereinstimmender Angabe der drei Soldaten soll der Knabe in der Karlstraße an der Bordschwelle hingefallen sein.— Nach der sehr bestimmten Angabe des Sergeanten soll sich der Vorgang in der Friedrich- straße abgespielt haben, als die Truppe den Fahrdamm derselben überschritt. Hier, und zwar auf dein Fahrdamm, ist nach Angabe des Sergeanten der Knabe gefallen. Der Sergeant hat in der Karl- straße nichts von dem Knaben gesehen, sondern bemerkt, daß der Knabe erst in der Friedrichstraße an die Truppe herankam und vor ihr herging. Aufgefordert, sich zu entfernen, hat der Sergeant den Knaben nicht, sondern gleich eine Armbewegunz— wie er selbst sagt, keine sanfte— nach dem Knaben gemacht und ihn dabei am Schultornister berührt. Teils infolge dieser Berührung, teils infolge der eigenen Bewegung sei derselbe gefallen. So sagt der Sergeant. Zwei Zivilzeugen stimmten in der Ortsangabe mit dem Sergeanten überein, sie haben auch gesehen, daß der Sergeant den Knaben stieß. Einer dieser Zeugen sagte, der Junge bekam einen Stoß ins Genick, infolgedessen fiel er hin, stand wieder auf und lief weinend und schreiend davon. Unter dem Straßenpublikum habe der Vorgang lebhafte Erregung und Unwillen hervorgerufen. Der Verteidiger beantragte, noch zwei Zeugen z u l a d e n, die bekunden werden, daß sich der Vorgang genau so abgespielt hat, wie er im„Vorwärts" dargestellt wurde, nämlich daß der Sergeant den Knaben derart geohrfeigt habe, daß er sich mehrere Male überschlug. Das Gericht gab dem Antrage statt und ver- tagte die Verhandlung. 2. Der Ehre eines Arbeitgebers galt ein zweiter Beleidigungsprozeß, der gestern gegen unseren Kollegen Barth verhandelt wurde. In diesem Falle war es ein kurzer Bericht über eine Verhandlung vor dem JmmugSschiedsgericht, der Anlaß zur Anklage gegeben hat. Ein Kutscher, der seinen Arbeitgeber, einen Schmiedemeistcr Wedtelcr, wegen einer Lohnforderung verklagte, hat bei der Vertretung seiner Klage vor dem JnnungSgericht gesagt, der Arbeitgeber habe mit der Frau deS Kutschers ein intimes Ver- hältnis unterhalten. DaS habe zum Streit zwischen den Parteien Münchener Theatersf Wer Reinhardts Theater- Hantierung kennt, mußte im voraus wissen, daß die Aufftihrung der Orestie des Aeschylos, die in der Arena der Aus- stellungshalle als Maffen-Polksfestspiel vor sich ging, nur eine Wie- derholung der Oedypuswirkungen sein würde. Wo Reinhardt bei Oedypus den altgriechischen Chor aus seiner Starre ritz und ihn als lyrisches Prachtgeivaud um die Dichtung, um die Tragödie schlug, da macht er ihn diesmal quasi zur Hauptperson mit einem Mafien- aufgebot von Hunderten, die sich ihm aus den Reihen des werktäti» gen Volkes zur Verfügung stellten. Wochenlang dauerten die Vor- proben bis in die Mitternacht, nm das Riesenorgan des Chors in plastischer und phonetischer Gliederung zum gewaltigen Stimmungs- träger heranzubilden. Doch blieb die Wirkung hinter der des Ocdy- pus zurück, da die gespannten Erwartungen bei dem durch keine neuen Triebkräfte verstärkten Reinhardtschen Kunst- Mechanismus nicht voll aus ihre Kosten kamen. Die Sensa- tionen blieben aus; es sei denn, daß man Moissis hinreißenden Orestes gegenüber der guten Durchschnittsleistungen der übrigen Solospieler eine Sensation nennen wollte. Auch die Rollers che Einkleidung imponierte nickt sonderlich. Schließlich zeigte sich, daß das Volk beim fernen Mythenstoss am Ende gähnt— und in den Beifall klang energisches Zischen. rn. Humor und Satire. Herr v. JagowS Schießerlaß. Gehst Du heute friedlich auS: Gürte erst mit Mut Dich. Laß Dein Schießzeug nicht zu HanS, Denn oft Wird'S jetzt blutig. Herrn v. JagowS Schießerlaß, Dieser rigorose, Schlägt den Boden aus dem Faß... Arme Unterhose... Ganz gewaltig wird im Preis Der Revolver steigen: Jeder, der bedroht sich weiß, Macht ihn sich zu eigen. Permanente Schießerei Ist jetzt zu erwarten; Wer nicht fix genug dabei, Dem geht's an die Schwarten. Darum hat der Schutzmann ja Säbel und Pistole... Glaubst Du Esel, er sei da Rur zu Deinem Wohle? Alfred Scholj geführt, in dessen Verlauf der Nrvcitgeber den Kutscher ohrfeigt� weshalb dieser daS Arbeitsverhältnis vor Ablauf der Kündigung? frist löste. Der am 30. Dezember 1910 im„Vorwärts" veröffentlichte Bericht über diese Verhandlung stellt die intimen Beziehungen des Arbeitgebers zur Frau des Kutschers als Tatsache hin. Später hat sich herausgestellt, dah dies nur eine nicht erwiesene B e h a u p t u n g des Kutschers ist. Dieser Irrtum in unserem Bericht ist cS, wodurch sich der Schniiedemeister, auf dessen Antrag die Staatsanwaltschaft im öffentlichen Interesse Anklage erhoben hat. bc leidigt fühlt. Dasi der Irrtum unseres Berichterstatters durchaus bcgrei lich und entschuldbar ist, daS bewies die gestrige Verhandlung vor der Strafkammer. Hier wurde der Vorsitzende de Jnnungsschiedsgerichts sowie einer der Arbeit geberbeisitzer vernommen. Beide gaben an, im Schiedsgericht habe die ei n sti mm i g e M e inun g geherrscht, dass die An gaben des Kutschers zutreffend seien, um so nichr, da der V e r treter des beklagten Schmicdemeisters diese An gaben nicht bestritten habe. Auch der K u t s ch e r sagte als Zeuge vor der Strafkammer, er sei noch heute der Meinung, datz ein intimes Verhältnis zwischen seiner Frau, mit der er in Un frieden lebe, und dem Schniiedemeister bestanden habe, aber bc weisen könne er eS nicht. Aus der Iveitrren Beweisaufnahme ging hervor, daß alle, welche der Verhandlung vor dein Schiedsgericht beiwohnten, die Sache ebenso aufgefaßt haben, wie unser Berichterstatter. Aber wie gesagt, es kann nach Lage der Sache nicht behauptet werden, daß intime Beziehungen zwischen den genannten Personen tatsächlich bestanden Deshalb erklärte sich Barth auch bereit, die Angaben des Berichts zu widerrufen, wenn der Schmicdemeister den Strafautrag zurücknehmen würde. Der aber weigerte sich deffcn und bestand auf der Ver Handlung. Der Erste Staatsanwalt Steinbrecht bemühte sich den Irrtum, dessen Opfer der Angeklagte geworden ist, als eine schwerwiegende Straftat hinzustellen. Die Ueberschrift der Notiz. die Art des Druckes und andere Aeußerlichkeiten zog der Erste Staatsanwalt heran, un» nach seinem bekannten Schema die Ansicht zu vertreten, der„VvrloärtS" habe hier wieder nach seiirer bekannten Methode gegen einen Arbeitgeber gehetzt. Zwei Monat Gefängnis beantragte der Staatsairwalt wegen Beleidigung deS SchmiedemeistcrS. Der Verteidiger Rechtsanwalt Roth wandte sich zunächst gcgcir die Art, wie der Vertreter der Anklage dir Sache hinzustellen sich bemüht hatte. Die au sich recht unbedeuteude An gelegeiiheit verdiene wirklich nicht, mit so großem Pathos behandelt zu werden, wie cS der Erste Staatsanwalt auivandte. Gewiß, der Inhalt der Notiz fei objektiv unrichtig. Das sei ohne weiteres z» gegeben. Aber sie sei entstanden auf Grund eines begreiflichen Irrtums. Eine mäßige Geldstrafe lviirde sich vielleicht rechtfertigen lassen, aber nicht das beantragte Strafniaß. Barth selbst wandte sich ebenfalls gegen dir Methode des Ersten Staatsanwalts, bedeutungslose Nebensächlichleiten als straf schärfende Mouieute heranzuziehen und beantragte seine Frei- sprechung. Das Gericht erkannte auf die vom Staatsanwalt be- antragte ungeheuerlich hohe Strafe von zwei Monaten Ge fängniS. ••• L Monate GesängiliS, weil der„Vorwärts" über eine Gerichts Verhandlung ebenso berichtet hatte, wie sie auch der JlnuiiigSschiedS gerichtsvorsitzende und die Arbeit g e b e r bcifitzer aufgefaßt hatten und auffassen mußten, weil der Vertreter des Beklagten die Angaben deS Klägers nicht bestritten hatte! 2 Monate Gefängnis, wiewohl der„Vorwärts", nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Behaup tungen des Klägers nicht nachweislich wahr seien, zu einer Be richtigung sich in loyalster Weise bereit erklärt hatte. Eine Be leidigung soll in der Annahme und Wiedergabe von Behauptungen liegen, die der Vertreter des angeblich be leidigten SchiiiiedemelsterS vor dem JiinuugSichiedsgericht unwidersprochen ließ und dadurch alle Anwesenden zu der Aiinahme verleitete, der Schmiedemeister, der ja im übrigen völlig hinfällige Eiiilveuduiigen gegen den berechtigten Anspruch des Klägers erheben ließ, gebe die vorgebrachten Behauptungen zu! DaS ist für das gesunde Rechtsempfinden, das sür Oeffeiitlichkeit der Gerichtsverhandlungen eintritt, unverständlich. Welches„öffentliche Interesse" lag ferner vor, in diesem Falle öffentliche Klage durch den Staatsanwalt zu erheben, statt die Sache als PrivatbeleidigungSllage ausfcchten zu lassen? Die Erörterung dieser Frage ist um so interessanter, als demnächst bei Beratung der StrasprozeßordnuugSnovelle die Frage wieder aufgerollt werden wird und die RegierungSvertreter in der Koin- Mission erklärt hatten, es sei llndenkbar, daß deshalb, weil der an- geblich Beleidigte ein Arbeitgeber oder der angebliche Beleidiger ein Sozialdemokrat, öffentliche Klage erhoben würde. Dank der StaatSaiiwaltschaft, daß sie durch Erhebung der Anllage in diesem Falle neues Materiol zur Bekämpfung des Rechts freier Willkür der Staatsanwaltschaft für Erhebung von An klagen geliefert hat! Verraten dürfen wir unseren Lesern, daß weniger der Schmiedemeister als ein K r i m i n a l b c a m t e r die Erhebung der Anklage betrieben hat. Der Staatsanwalt Stein brecht hat durch seine völlig auS der Luft gegriffenen Bc Häuptlingen über eine„Methode des„Vorwärts" Stiininuiig für eine Verurteilung und für eine der Höhe und Art „ach durchaus ungerechte Strafe gemacht. Gegen solche GtimmiwgS macherci vor einem aus Gegnern der Sozialdemokratie bestehenden Gericht, das den„Vorwärts" noch schlechter als der StaatSanivalt kennt, gibt eS nur ein Gegeninittel: die eidliche Vernehmung des Staatsanwalts. Sie würde nach unserer Ueberzeugung ergeben, daß die mit so reichlichen' behördlichen Mitteln zur Wahrheitserforschung ausgerüstete SlaalSanwalischaft in einer Woche weit mehr nach Ansicht deS Gerichts„nicht erweislich wahre Be- hanptungen" aufstellt als der„Vorwärts" sin eiuein ganzen Jahre. DaS müßte das Gericht zu einer auderen Auffassung über die von der Staatsanwaltschaft gegen den„Vorwärts" erhobenen Auklagen führen. Oder läßt unsere Justiz tatsächlich von dem VerdammungL- molto einer schlechten Justiz sich leiten, das der verflossene Justiz- minister Dr. Schönfeld als Leitmotiv für Preußens Justiz aufstellte: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe? Soziales» ?a»darbeitcrlos. In einer Landarbciter-Versammlung zu M i r o w(Mccklen- burg-Strelitz)»vurde in der Diskussion ein Fall erörtert, der das Wort Wilhelms IL, daß in Deutschland für den Arbeiter bis ins hohe Alter hinein gesorgt ist, rocht trefflich illustriert. Ein 70 jähriger Landarbeiter namens Koch hat seit 45 Jahren in Klüzzoiv zwischen Röbel und Mirow auf einem Rittergut gearbeitet. Jetzt ist der Alte erwerbsunfähig geworden. Der Pächter des GuteL verwies ihn nun an den Besitzer, den Baron von Hamm er st ein auf Retzow. Dieser soll dem Alten großmütig eine„Wohnung" in einer alten Mühle angewiesen und angeordnet haben, daß der Alte täglich 1 Liter Magermilch geliefert bekommt und soviel Kartoffeln essen könne wie er will. DaS ist eine Kost für einen alten Mann, wie man sie auf gewissen Gütern auch den Schweinen zukommen läßt. In Versammlungen auf der Insel Rügen mußte unser Gewährsmann hören, daß in den meisten Orten die Knechte und Arbeiter noch im P f e r d e st a I l, an manchen Orten die Mägde im Kuh st all schlafen müssen. Sogar die letzte Osten, aus der Schule entlassenen Jung- knechte müssen int Pferdestall hausen. Die reichen Bauern auf Rügen scheinen gar nicht zu ivissen, daß ste mit solchen Zustäildcn aller Kultur ins Gesicht schlagen. Aber die Scham ist eben zu den Hiinde» entflohen. Kamps der schweizerischen Kapitalisten gegril die Kranken- und Unsiillvcrsichcruilg. Während in der Oeffentlickikeit die Gegner de? BersicherungS- gcsetzes sich vor allem mit dem Mantel echter Demokratie drapieren und erklären, ein Gesetz von solcher Bedeutung dürfe nicht allein von der Bundesversammlung erledigt werden, sondern zur Wahrung der Deniokratie müßte dem Volk, d. h. den Siimmbercchligten Gelegenheit geboten werden, darüber zu entscheiden, klärt nun ein unserer Parteipresse zugeflogenes Gcheimzirkular des Schweize- rischrn Verbandes der Versichrriingsvertreter und Versicherungs- beamtcn, die ja nur dir Handlauger der Vcrsicherungskapiialisteu sind, über die wahren Beweggründe der kapitalistischen Gegner deS Versicherungsgesetzes auf. In dem Geheimzirkular heißt es nämlich u. a.:„Heute ist es die Unfallversicherung, morgen wird eS die Feuer- oder sogar die LebenSversicherungSbranch« sein, welche der Staat an sich reißen Will. Unmittelbar vor der Abstimmung über die Kranken- und Unfallbersicheruiig ist bereilS in Unserer Bundesversammlung die Motion Hoffniann eingereicht worden, welche die Verstaatlichung der Mobiliarversicherung bezweckt. Was würden andere Gewerbelrcibende sagen, wen» der Slaat, für den jeder gern seine Opfer bringt, sie ihrer Existenz beraube» wollte, und besieht nicht wirklich die Gefahr, daß sich der VerstaatlichuugS- Ivahu später auch auf andere Gewerbe ausdehnt?" Diese BerstaatlichnngS-Besürchtung, die Entziehung des Profits der VersichcrungSgesellichaflen, ist genau so wie 1881 in Dentichland ein Hauptmotiv gegen das sozialdemokratische Verlangen,„daß daS Untewehmertum und der Staat für die Opfer einzutreten Hab«, die der von der Hand in den Mund lebende Arbeiter bei Schaffung des Mehrwerts für den Kapitalisten erleidet. In Deutschland hat eS die Kapilalistenklasse dann fertig gebracht, die Lasten der Versicherung zum übergroßen Teil dem Arbeiter aufzupacken. Di« bürgerlichen Parteien wurden durch die Erkenntnis für die Sozialgesetzgebung geivonnen, daß durch sie die Armcnlasten auf die breiteren Schultern der Arbeiterklasse gelegt werden. In der Schweiz wird'S nicht anders verlaufen. Hus Industrie und DandeL Teurer Kaffee und Kakao. Die Preise für Kaffee und Kakao, die heuer im Vergleich z» den Vorjahre» schon außergeivöhnlich hoch sind, haben von Juni au Juli eine weitere bedeutende Steigerung erfahren. Beim Kaffee be- trägt die Erhöhung des Preises gegen das Vorjahr bereits 26 bis 50 M. pro Doppelzentner. Es kostet« nämlich im Großhandel ein Doppelzentner Kaffee der nachstehenden Sorten in Mark: Juli 1910 Juni 1911 Juli 1911 Sabanilla...... 88,00 187,50 138,50 Santos, good av.... 78.00 121,00>31.00 super..... 156,00 190,00 200,00 Durschn.... 156,00 103,00 197,00 Java, gut mittel... 190,00 212,75 210,00 In ähnlicher Weise haben sich die Kakaopreise entwickelt. Sie 'liegen seit Juli 1910 um 10 bis 15 M. pro Toppelzentucr. Für die wichtigsten Sorten stellten sich die Preise pro Doppelziutner in Mark auf: Juli 1910 Juni 1911 Juli 1911 Accm, kurant..... 02,00 100,00 102,00 St. Thome, fein.... 93.00 103,00 110,00 Trinidat, kurant.... 106,00 110,00 114.00 Saniana, kurant.... 89,00 67,00 104,00 Die Einfuhr von Rohkaffee ist in den Monaten Januar bis Juli 1911 um 66 609 Doppelzentner gegen das Vorjahr gestiegen. Dem Werte nach ergibt sich eine Zunahme von 103,67 Millionen Mark auf 115,53 Millionen Mark. Korruption. Wiederholt haben wir darauf hingewiesen, daß in der kapi talistischen Handclspresse die Bestechlichkeit geradezu als etwas Selbstverständliches angesehen zu werden scheint. Wie tief die Kor- ruption sitzen muß. lehrt wieder einmal folgende Aeußerung im neuesten Heft der„Bank", aus Anlaß des jüngst von der„Köl> nischen Zeitung" zur Sprache gebrachten Falles:..Wollte man alle diejenigen fHandelöredakteure) nennen, die von Banken und Syn- dikaten teils in bar, teils— wa« in der Wirkung weit schlimmer ist— durch sogenannte„Informationen" für ihr Wohlverhalten entlohnt werden, so wäre das Ansehen der Finanz- und Handelspresse dahin, s!) Denn es ist nicht nur vor 25 Jahren bestochen worden. Auch heute noch werden bei jeder größeren Subskription in den Direktionsburcaus der Banken Listen mit den Namen derjenigen Handelsrcdakteure aufgestellt, denen ein Posten Aktien zum SubskriptionSkurse zugeteilt und gleichzeitig zu», 10 oder 20 Prozent höheren ersten Kurse wieder abgenommen wird, so daß ein Guthaben entsteht, über das beliebig verfügt werden kann... Soll man die Namen derjenigen angesehenen Redakteure nennen, die im HandclSteil ihre? Blattes einen er- bittertcn Krieg gegen alle Bucketshops und Animierbankiers führen und sich vom erstbesten Börsenbesucher hämisch fragen lassen müssen, weshalb denn gerade die Namen derjenigen Anreißer fehlen, die im Inseratenteil deS Blattes annoncieren? Soll man die Namen der Handelsredakteure nennen, die sich seit Jahren um gutdotierte Stellungen bei denselben Jndiistriellen und Finanziers bewerben, init denen sie sich in ihrem Blatt kritisch zu beschäftigen haben? Tie„Bank" kommt zu dem Schluß: man soll sie nicht nennen. weil man dadurch nur ein paar„arme Schächer" herausgreifen würde, die nicht schuldiger sind als ihre Kollegen allzumal! Nichts anderes wäre damit erreicht,„als daß eine Anzahl armer Schächer, die von ihren Verlegern vielleicht schlecht bezahlt werden, ihrer Stellung verlustig gehen, und daß der Glorienschein anderer, die besser bezahlt werden, unverdicntermaßen um so heller erstrahlt... Man soll sie nicht neniicn, denn sie sind, wenn auch icht besser, so doch gewiß nicht schlechter als ihre Kollegen, die ein Trinkgeld in Zarin eies kleinen EmissionSgewinneS oder dergleichen nehmen." Wir denken ja über die Nützlichkeit deS NamenncnnenS anders als die„Bank", aber zweierlei geht aus ihren Aeutzcrungcn mit unumstößlicher Sicherheit hervor: erstens daß sich die Herren von der bürgerlichen Handelsmoral alle, alle ohne Ausnahme bestechen lassen, und zweitens daß wir auch hier wieder weniger eine Schuld der Personen als eine Giftblüte des kapitalistischen Systems vor uns haben. Hebung einer Anklage Abstand genommen wird, geHort � der nachstehende. Die Kriminalbeamten� Wagner.und Krentzke in Steglitz bekundeten und beschworen vor der Strafkammer des kgl. Landgerichts II am 5. April 1910, der Schuldiener Schr. habe den Paul W. ihnen am Abend des 22. Oktober 1909 vor der Fortbildungsschule in der Jahnstraße in Steglitz als die Perion bezeichnet, welche an diesem Abend und auch vorher, am 19. Oktober, vor der Fort- bildungsschule Zettel verteilt habe.(Es handelt sich dabei um eine Einladung zur Versammlung der damaligen Freien_ Jugendorganisation.) Die Beamten bekiindeten ferner eidlich, den Paul W. hätten sie darauf f e st g e st e l l t und ihn auf- gefordert, weiter zu gehen. Er sei dann in eine Seilen- straße eingebogen, sie hätten ihn weiter beobachtet, er sei wieder vor die Schule gegangen und habe dem Fortbildungsichüler V. einen Zettel eingehändigt. Die Richtigkeit dieser Angaben bestritt der Angcllagte vor Gericht. Dennoch wurde er rechts::üftig veruririlt. Im Wiederaufnahmeverfahren gelang es auf Grund eines umfangreichen EntlastungSniaterials den schlüssigen Bc« iveis zu erbringen, daß dem Angeklagten die ganze Sache nichts anging, daß er niemals solche in Frage kommen- den Zettel vor der Fortbildungsschule berteilt habe. noch daß er jemals von den Beamten Wagner und Krentzke festgestellt sei. In dem Wiederaufnahmeverfahren, stellte sich heraus, daß es sich seinen jüngeren Bruder handele. Die Brüder haben keine Aehnlichkeit mileinander. Der Angeklagte war zu der fraglichen Zeit der„Feslstellung" 30 Jahre und imlerschied sich rein äußerlich von seinem Bruder dadurch, daß er einen strammen Schnurbart hatte, während letzterer ein bariloscr junger Mann war. Als der ältere W. das Strafmandat zugestellt bekam, ging der jüngere einige Tage später zur Polizei, um sich als den fraglichen Allciiläter vorzustellen. ES wurde ihm dabei die Frage vorgelegt, ob er der Vormund seines Bruders sei? Da dies nun nicht der Fall war, mußte er unverrichteter Sache abziehen. Im Wiederaufnahnicversahreii wurde dann Paul W. frei- gesprochen, gegen den jüngeren Wilhelm W. war bereits Per- jährung eingelreten. Gegen die Beamten Wagner und Krentzke wurde dann der Antrag bei der Staatsanwaltschaft gestellt, wegen Verletzung der EideZpflicht da» Verfahren gegen sie einzuleiten. Der Antrag wurde abgelehnt. Auch der Oberstaatsanwalt lehnte aus die eingereichte Beschwerde gegen den ablehnenden Bescheid den Antrag ab mit folgender Begründung:„Daß die Beamten die eidlichen Be- knndungeii wider besseres Wissen gemacht haben, dafür fehlt jeder Anhalt. ES ist auch kein Motiv für eine wissentliche Verletzung der Eidespsiicht ersichtlich. Ebenso Ivenig läßt sich eine fahrlässige Verletzung der Eidespsiicht feststellen, da nicht nachtvcisbar ist, daß die Beichnidigte» sich bewußt gewesen sind, daß ihre Wahenehinuiigen unsicher und unbestimmt waren." £Jiis aller Melt. Gerichts-Zcituii Nachricht, dqß unsere Kollegin, dt« Lolcufrau Mnna Türk am 3 b. MI», im Alter von 31 Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andeuten k Die vccihlgung stndet am Miltwoch, den b. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des FriedcnS-Kirchhoses, Nicder-Schönhausen, au> siait. Um rege Beteiligung ersucht Die Brzirksvcrwaltung. Vei'bsüi! iler Lilbographen, iSleisdruEkEi1 u. verw. Berufe. (Deutieher Senefeldor-Bund.) Am 3. September vckstarv | unser Kollege und Mitglied, der s stcindrucker felix VeilZflog I im Alter von 63 Iahten an der Lungentubeikulose. 294/20 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am | Mittwoch in Strehlen statt. Die Verwaltung der Filiale I. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine herzensgute Frau Lerti» Michaelis geb. Rt ott e am 3. September nach langem schweren Leiden im vollendeten 47. Lebensjahre sonst entschtasen ist. Die« zeigt tiesbelrübt an sk. ksiodaelis, Schönwaldcr Str. 28. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 6. September, nachmittags 4'/. Uhr, von der Leichcuballc des PHUippuZ-Aposiel- Fiiedhose», Müllerstraß» 44—45, aus statt. Allen Uollcginncn die traurige Nachricht, daß die Botenfrau NKnna Türk am Sonntag, den 3. September nach schwerem Leiden entschlafen ist. Die Botenfrauen der»Borwärts-'-Speditio». Beeuauer Sieniie. Beerdigung Mittwoch nachm. 3 Uhr von der Leichenhalle der Fetedmsgemelnd«, Nicder-Schön- Hausen, auS. rOgb Zentral-Verband den Steinarbeiter. 1 Zahlstelle Berlin. Am 1. September schied unser Kollege krnst Dickert im Atter von 51 Jahren frei- willig aus dem Leben. 172/7 Die Beerdig iiiig findet heute, nachmittag» 4'/, Uhr, von der Leiche» haue de» Schöncbcrgcr FriedhoscS,.Blanke Holle', aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSverwaltung. achinlltagt ) schwerer m 1. September, na Nhr, verstarb nach..... >en meine inniggeliebte grau. ere gute Mutler 407b .nntt IdteÄvi' geb. Brendel. ite« zeigen tiesbetrübt an trausrad« Latte nebst Kindern. üe Beerdigung sindet heute. nStag. den 5. September, nach- aas 3 Uhr. Vau der Halle de» auds-FricdhoseS ia Plotzensee statt. Am Sonnabend, den 2. Scp» tcmber, rutschltel sonst meine in- Nigstgcltebte Frau Serta Mehrlein geb. Steinerübner im 37. Lebensjahr». Um stilles Beileid bittet Paul Idebrleln ncbft Kindern. Beerdigung Mlitwochnachmtltag 5 Ubr vom Dankeskirchhos, Blanke- straffe, au». Dänksagr dt« vielen Bei »» uny. ftür dt« vielen Bewcife herzlicher Teiliiahmc und Kranzipenden bei der Beerdigung meine» lieben Manne» •Joscpli Hanxrhkc. sage Ich allen Freunde» und Bekannten, hauptsächlich dem Verband Berliner Slraßen- Händler und sür dl« für mich vcran- stattet« Sammlung meinen herzlichsten Dank. Die trauernde Vaitin 4026 AugnatJ KSauschUc. Danksagung. Für die zahlreichen Kratlz- spenden und die innige Teiinahme bei der Beerdigung meines lieben. unvergeßlichen Mannes, unseres guten Balcrs, Schwtcger- und Großvaters sagen wir hiermit allen Verwandten, Kollegen, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. vis trauernden Hinterbliebenen Frau Elise Hönicke ncbft Kindern. Von der Reise zurück 410b vn. Levy, Swiiiemliiider Straffe 186. üeste MustcrkuponZ,.Herblt-Neiihciteu" für Anzüge, Kostüme, Meter 3. 4 Mark. Tuchlager- Olesellschaft m. b. H. BLrlräU!lleiiZlr.�-8f.d.PetMche ktiesenauswadl aller yualilSten. Wolle- pliisek SalleltascbeD. Muster bei näherer Angabe franko. Eml Itlitre, oe"!Ä IS9. Or.Simmel Spczial-Arzt 'ür Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41. 10— 3. 6— 7. 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Besonders empiehlenswerte Belteniüllung: Monopoldaunen Pfund M. v.85(gesetzlich geschützt) 3—4 Piund zum grossen Oberbeit Metall: Bettstelle mit Zugfeder- Matratze, schwarz od. weiss lackiert, 190 X 80 Nr. 1001 oo M. Die Ausnahmepi-eiee für Bettsteilen gelten nur gegen Vorzeigung des Inserats. Dentseher Holzarbeiter- Torbaad. Verwaltung Berlin. Mittwoch, den 6. September 1911, abends 8� Uhr: Uertranensmanner-Nersammlnngen der Kezirkv und Kranchen. Tagesordnung: 1. Bericht des Obmannes. 2. Bericht der Werkstatt-Vertrauensleute. 3. Verbandsangelegenheiten. s OifcMer. Südwesten: in Habels Brauerei, Bergmannstr. 0—7. Süden: bei Gliesing, Wafseilorstr. 63. Südesten l. n. II: in den Naunyn-Festsdlen, Nimtihnitr. 6. Osten I: bei Kluge, Lange Str. 53. Osten II: bei Zictz, Warschauer Str. 60. Osten III; bei Bergmann, Boxhagener Str. 26. Oestllche Vororte: bei W. Schulz, Lichtenberg, Kronprinzenstraße 47, Ecke Scharnweberstraße. Jfordoston: bei Merlmaun, Gr. Franksurter Sir. l.6. Jede Sargtischlerei muß einen Vertrauensmann nach dieser Versamm- lung senden. Uosenthaler nnd Schönhauser Vorstadt: bei Obiglo, Schwedter Straße 23. Weddln« nnd Zloahtt: bei Kaezorowski, Raveuöstr. 6. Welüensee: im Prälaten, Lehderstraße 122. Abends 6»/, Uhr. Bixdorf: bei Krönike, Weichselstr. 8(Jdeal-Passagc). Schvneders: um 5'/, Uhr bei Kuschte, Meiniuger Straße S. BantilcMer. Süden, Südosten bei Grahhoff. Bezirk 1: Südwesten, Admiralstr. 18c. Beslrk 8: Osten bei Bratner, Weidenweg 65. Bezirk 3: Xorden nnd nördlich© Vorort© bei Gliesche, Kopenhagener Straße 74. Bezirk 4: Ocsnndhrnnnen, Wcddlng nnd Boablt bei Sachse, Lindower Straße 26. Bixdorf: bei Schenk, Nosenstr. 24. Eaclenemrlcktungs- unä Bontormöbelbrancke im„Englischen Garten", Mexanderstraße 27c. Kücbenmöbelbrancbe bei Lehmann, An der Stralauer Brücke 3. 1>ILbel- u. Stublpolierer sowie j�Iagazinarbeiter. Osten bei Boeker, Wcbcrftr. 17. Südosten im„Märkischen Hof", Admiralstr. 13c. Korden bei Günther, Brunnenstr. 96. die Versammlung findet erst Montag, den jNiarcmncnarpguer n. September, statt._ Klavicrarbciter die Versammlung sällt aus. vrecdfler, Oreppengeläncler- uncl Ouxusmöbel- Lrancbe. Korden bei Töhling, Briiniicnstr. 79. Osten bei Schneider. Friedenstr. 67. Südosten nnd Südwesten bei Stramm, Ritterstr. 123. Einsetzer im Gewerkschaftshanse, Engeluser 14/15, Saal 11. DimerstW ökiirkslicrslillimliiiliicii: I>IoäeUtiscbler bei Waldt, Pflugstr. 5. Pünktlich 8 Uhr. Kocienleger im Gewcrkschaftshause, Saal 2. SteUma�ier Rosenthaler Straße 57. laloilsiearbeiter Bei Walter, Adalbertstr. 62. Vergolckr im Gewerkschaftshause, Engeluser 14/15, Saal 5. Kiften- und Koffermacber bei Baudach. Breslauer Str. 33. Korbmacher bei Krause, Muslauer Str. 20. Bürstenmacher bei PrcuH. Holzmarktstraße 65. 88/4 Kammacher Bei Prcust, Holzmarktstr. 63. ßUdcrrahmenmacher|Tia®; Btockarbdter um C Uhr Bei Lehmann, An der Stralauer Brücke 3. Perlmutt-, Dorn- u. ötdnnußarbeiter UM e Uhr bei Ernst Thomas, Mclchiorstr. 5. Schirmmacher s Uhr bei Lehmann. An der Stralauer Brücke 2. bei Wchlisch, Skalitzer Ortsverwaltnng Berlin. Bureau: Berlin 0., Rosenthalerstr. 11/12, Restaurant Schilling. Amt IN, 2438. " Achtung! s o0'1 Wir empfehlen bei Veranstaltung von Vergnügen usw. den geehrten Borstände«, Komitees und Saalinhabern unseren kostenlosen Arbeitsnachweis, Rosenthalerstr. 11/13. Geschäftszeit täglich von 10'/,— I Uhr mittags. Kapellen vom größten bis kleinsten Orchester stehen jederzeit zur Veisügung. Ter Borstand. NB. mit! 3. Unsere Mitglieder sind im Besitz einer Kontrollkarte. Dieselbe ist für das 3. Quartal gelb und muß t dem Verbandsstempel versehen sein. Alle andere Legitimation ist ungültig und ist sofort anzuhalten. kt.& P. Uder Berlin SO. 16, ___ L_______ � 6ngel-Ufcr 5. Tabak-Großhan dlnngfund Tabaklabrik. DM" Ranch-, Kau-, Schnupftabake, Zigarren, Zigaretten."90 Vorteilhafteste Bezugsquelle für Wioderverkäufer. 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Verschiedenes. Bein organisierter ZInriiiorarhelter dar! kehlen» Die LrtSvcrwaltuug Berlin des Zentralvcrbandca der Tteinarbeiter Deutschlands. eine vorzügliche 6-4 »9. 57 HjloJa spenis 5w So. 61 Kalfljj caifsüis 6«- No. 91 Mal«]a bmiqoets 7 n No. 24 MalojsnnlDcotes 8 � llo,163 UsL arcoiallcos 10*t J'JTeumaxm Ci�ai-ren- Fabriken. Ueber 200 Niedertajen In Deutsctiland!| Neu eingeführt! Fehlfarben-Sortimente Jeder Beutel enthfitt eine Mischung beiendere prel«**"" Fehlfarben. Fehlfarben-Sortimcnt Fortuna 10 Stück 60 Pf. Fehlfarbeo-Sorlimont Hansa....»....... 10 Stuck 78 Pf. g,ehlfarbea Sortiment Excelsiar ,.. 10 Stück l.OO M. aten Marken a»m«*8 PUCH Amt 4, 3014. aäftj", Spedition, Auguststr. 50.» Versuch s. zur dauernden Kundschastl Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:TH.Gl«lkr, Berlin. Drjj4ii.Lerlas:Borlvärtz Luchdruckerei u, LerlagSanstalt Paul Siog?r it. So, ffierlia S]� |lf.207. 28. IahrgW. 2. KeilU des Jomlrts" Krim KIksdIM Diktlstag. 3. September 191t. Siebenter ordentlicher Bundestag des Fundes der ttchnisch-indukrieilen Fenmten. Berlin, den 3. September 1911. Im Festsaale des Ncumannschen Etablissements, Rosenthaler Strabc 36, fand beute der 7. ordentliche Bundestag des Bundes der technisch-industriellen Beamten statt. Es waren zahlreick�e Delegierte aus allen Teilen Deutschlands erschienen. Außerdem hatte der Verband der kaufmännischen Angestellten und die soziale Kom- Mission der Berliner Werkmeister Delegierte entsandt. Den Vorjitz führte Diplomingenieur Stiel(Berlin). Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete: „Tie Versicherung der Privatangcstclltcn.- Nach sehr langer Erörterung gelangte folgende Entschließung zur Annahme: „Ter Bundestag hält die Annahme der R e i ch s V c r s i ch e- rungsordnung in ihrer gegenwärtigen Fassung für einen schweren sozialpolitischen Fehler. Besonders bedauert er, daß in der Invalidenversicherung die Wünsche der Angestellten keinerlei Berücksichtigung gefunden haben und daß verhindert worden ist, die Pcnsions- und Hinterblicbenenvcrsichcrung der Privatange- stellten in organischem Zusammenhang mit unserer gesamten so- zialen Versicherung zu schaffen. Ter am 18. Mai dem Reichstage vorgelegte Entwurf eines Versicherungsgcsetzes für Angestellte weist gegenüber dem Vorentwurf nur ganz un- wesentliche Verbesserungen, hinsichtlich der Ersatzkasien aber be- deutende Verschlechterungen auf. Auch vermag er den gegen den Vorentwurf erhobenen Einwand, daß seine Grundlage völlig der- fehlt sei, in keiner Weise zu erschüttern. Sollte aber dennoch der Reichstag sich bereit finden, die Versichcrungsfrage der Privat- angestellten auf dem von der Regierung vorgeschlagenen Wege zu lösen, so müßte zum mindesten der organisatorische Zusammen- hang der Sondervcrsichcrung mit der allgemeinen Jnvaliderwer- stcherung, unter gleichzeitiger Erweiterung der den Versicherten im Regicrungscntwurfe zugestandenen Selbstverwaltnngsrechte hergestellt werden. Ferner müssen unter allen Umständen die Ersatzkassen völlig ausgeschlossen werden." Der Bundestag beschäftigte sich ferner mit der Strafrechtsreform und dem Koalitionsrecht. Es wurde folgende Erklärung angenommen: „Den schweren Gefahren, die dem Arbeitnehmer aus dem kapitalistischen Wirtschaftssystem drohen, vermag er nur durch so- lidarisches Zusammenstehen mit seinen Berufskollegen zu be- vegnen. Die gewerkschaftliche Organisation und der gemeinsame Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen sind daher un- entbehrlich für die Fortentwickelung unserer gesamten Kultur. Das Solidaritätsgefühl bildet somit einen berechtigten und we- fentlichen Bestandteil der Standesehre der Angestellten und Ar- beiter. Einer den heutigen Verhältnissen angepaßten Straf- rechtSpflege erwächst daraus die Aufgabe, dem Solidaritätsgefühl als einem sittliche� Gut des gesamten Volkes Rechnung zu tragen und seine ethische Berechtigung durch Gesetzgebung und Recht- fprechung anzuerkennen. Der heutige Rechtszustand steht mir dieser Forderung in schärfstem Widerspruch. Zwar wird durch § 152 der Gewerbeordnung das Koalitionsrecht der Arbeiter und Angestellten theoretisch anerkannt, die Ausübung dieses Rechtes jedoch wird durch eine Reihe Strafvorschriften bezw. ihre heutige Auslegung unmöglich gemacht. Infolge einer völlig verfehlten sittlichen Wertung des Salidaritätsgefühls wird der Z 253 des Strafgesetzbuches(Erpresserparagraph) auf Arbeiter und Ange- stellte angewandt, die in einer allen anderen Staatsbürgern er- laubten Weise Forderungen an ihren Vertragsgegner richten; ebenso wird dem Standesgenossen, der die sittlich verwerfliche Handlung des Solidaritätsbruches begeht, durch§ 153 der Ge- Werbeordnung ein besonderer Schuh zuteil, der dem sittlich ein- wandfrei handelnden Standesgenossen versagt bleibt. Der vom Reichsjustizamt veröffentlichte Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetzbuch läßt befürchten, daß die bevorstehende Straf- rechtsreform den heutigen Zustand, anstatt ihn zu verbessern, noch verschlechtern wird. Die Bestimmungen über Nötigung, Land- zwang und Aufwiegelung s§§ 240, 241, 134, 131 des Vorentwurfs) werden so erweitert, daß sie zu einer ungeheuerlichen Bedrohung des Koalitionsrechtes werden. Das durch 8 152 der Gewerbe- ordnung gegen die Arbeitnehmer statuierte Ausnahmegesetz wird bedauerlicherweise ganz unberührt gelassen. Auch die angebliche Verbesserung des Erprefferparagraphen bietet weder in der Fassung des Vorentwurfs noch in der der Novelle zum Straf- gesetzbuch Gewähr für eine bessere Gernhtspraxis. Gegenüber dieser Gefährdung des Koalitionsrechtes fordern die technischen Angestellten seine unbedingte Sicherstellung durch die bevor-? stehende StrafrcchtSreform, also Beseitigung aller Vorschriften, durch die die Ausübung des Koalitionsrechtes unter Strafe ge- stellt wird und die den Charakter eines Ausnahmegesetzes gegen den Arbeitnehmer tragen. Gleichzeitig richten sie an die Organe der deutschen Rechtsprechung den Appell, schon jetzt durch eine oem Rechtsgefühl de« Volkes entsprechende GesetzeSauslcgung der An- erkennung des Solidaritätsgedankens durch die Rechtspflege zum Durchbruch zu verhelfen." Der Bundestag beschäftigte sich alsdann mit den gewerkschaftlichen Kämpfen der Angestellten. Nach sehr langer Erörterung gelangte folgender Beschluß ein- stimmig zur Annahme: „Unter dem Eindruck der Arbeitskämpfe der letzten Jahre hat sich mehr und mehr die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die durch sie verursachten Störungen des Wirtschaftslebens nur durch Vereinbarung des Arbeitsvertrages von Organisation zu Ogani- sation verhütet werden können. Während aber die Arbeitnehmer seit langem ihre Bereitschaft erklärt haben, diesen Weg zu be- treten, glaubt das Unternehmertum noch immer, jedes Ver- handeln mit den Organisationen der Gegenseite ablehnen zu dürfen. Seine Schuld ist es daher, daß durch diese Weigerung die friedliche Verständigung über die Arbeitsbedingungen außer- ordentlich erschwert und in Konfliktsfällen eine unnötige Schärfe verliehen worden ist. Der Bundestag hat mit Empörung davon Kenntnis genommen, daß auch den Angestellten gegenüber diese scharfmackerischc Taktik angewendet worden ist und daß namcnt- lich auch der Versuch der Berliner Eisenkonstruktcurc, mit Hülfe ihrer Organisation eine grundsätzliche Regelung ihres Dienst- Vertrages zu erzielen, bei dem beteiligten Arbcitgebertum nur eine brüske Ablehnung erfahren hat. So sehr die technischen An- gestellten diese ablehnende Haltung bedauern, halten sie sich doch im Interesse ihres Standes für verpflichtet und sind bereit, den Kampf um die Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln weiterzuführen. In der Ueberzeugung, daß dieses Vorgehen die Sympathie aller billig Denkenden finden wird, wenden sie sich mit dem Appell an die breite Oeffentlichkeit, ihnen in diesem schweren Kampfe ihre mo- ralische Unterstützung zuteil werden zu lassen." Den letzten Gegenstand bildete der Ausbau des NntcrstübungS- «esenS und dir ErliShung der Beiträge. Es wurde beschlossen, mit Rücksicht auf die vielen Maßregelungen, wodurch dir Kasse sehr in Anspruch genommen werde, die nwnatlichen Beiträge von 2 M. a>>f 3 M. zu erhöhen und diejenigen, die im Interesse der So- kidarität eines Gemaßregelten ihre Stellung kündigen, in erhöhtem Mvße zu unterstützen.— Tarauf wurde der Bundestag geschlossen. Astlerordtirtliche Gentraloerslmmlmtg der Zigarren- sortikrer. Dresden, 1. September. Die außerordentliche Generalversammlung des Zentralvcr- bandcs der Zigarrensortierer und Kistenklcber Deutschlands be- ginnt am Montag, den 4. September, im hiesigen„Volkshaus". Der Gedanke des Zusammenschlusses verwandter Verbände zu großen leistungssähigen Organisationen wurde wie im Borjahre auch in diesem Jahre recht eifrig aus den Generalversammlungen der einzelnen Verbände diskutiert. Nicht weniger als 8 von den 18 Gewerkschaftstagungen, die in diesem Jahre tagten, erörterten die V erschm elzun gs frage und erklärten sich auch im Prinzip mit einer Verschmelzung einverstanden. Zu einem fakti- scheu Zusammenschluß kain es bei diesen Verbänden noch nicht. Bei der letzten der gewerkschaftlichen Tagungen, der der Zigarren- sortierer, wird es voraussichtlich nicht nur zu einer prinzipiellen Zustimmungserklärung kommen, sondern dieser wird der tatsäch- liche Zusammenschluß bald folgen. Ter einzigste Punkt der Generalversammlung, außer den not- wendigen geschäftlichen, ist auf dieser Generalversammlung: D i e Verschmelzung mit dem Deutschen Tabak- arbeiterverband. Die Berschmelzungsfrage beschäftigt nicht zum ersten Male die Generalversammlungen des Verbandes. Schon auf der zweiten Generalversammlung der Organisation (1896) wurde die Frage angeschnitten, wenn auch kein Beschluß nach irgendeiner Richtung gefaßt wurde. Aus der letzten General- Versammlung. Leipzig 1965, wurde„als erstrebenswertes Ziel der Tabakarbeiterbcwegung die Vereinigung sämtlicher� Gruppen der Tabakindustrie in einem die berechtigten Interessen aller wah- renden Jndustrieverband anerkannt." Die Generalversammlung war jedoch der Ansicht, daß die Vorbedingungen hierfür zurzeit noch nicht gegeben waren. Der Vorstand wurde beauftragt,„zur Herbeiführung eines wirksamen Zusammenarbcitens beider Ör- ganisationen mit dem Vorstande des Tabakarbeiterverbandes in Verbindung zu treten." Aufgabe der Dresdener Generalversamm- lung ist es nun. darüber zu entscheiden, welche Form der Organi- sation in Zukunft für die Zigarrensortierer Geltung haben soll, die Industrie- oder die Branchenorganisation. Tie Generalversammlung soll auch Stellung nehmen zu den von den Vorständen beider Verbände ausgearbeiteten E i n i- gungsvor schlügen. Diese enthalten statutarische Bestim- mungcn, besonders über die Unterstützungen. In weiteren� Vor- schlügen werden besondere Rechte für die Sortierer vorgesehen: „1. Bei der Verschmelzung wird von dem Vermögen des Sor- tiererverbandcs pro Kopf seiner Mitglieder an den Gesamtvcrband so viel abgeführt, wie das Vermögen des Tabakarbeiterverbandes pro Kopf feiner Mitglieder beträgt. 2. Aus dem Rest des vorhandenen Vermögens des Sortierer- Verbandes wird ein Reservefonds gebildet, der von der Hauptkaffe des Gesamwerbandes verwaltet wird.' 3. Aus diesem Reservefonds werden an die am Tage der Verschmelzung vollberechtigten Mitglieder des Sortiererverbandes folgende Unterstützungen bezahlt bezw. garantiert: s) die ersten drei Tage Unterstützung in Llrankheitsfällen; b) die Dauer der Arbeitslosen- und der Krankenunterstützung, die die Mitglieder des Sortiercrvcrbandes nach der Dauer ihrer Mitgliedschaft er- warben haben. 4. Diese besonderen Unterstützungseinrichtungen beziehen sich nur auf die Tauer der Unterstützungen und werden auf 6 Jahre, vom Tage der Verschmelzung ab gerechnet, garantiert. Für die Höhe der Unterstützungen gelten die Bestimmungen des Gesamt- Verbandes. 5. Nach Verlauf der sechs Jahre fällt der Restbcstand des Reservefonds inklusive der laufenden Zinsen der Hauptkasse des Gesamtverbandes zu. 6. Wird der Fonds vor Ablauf der sechs Fahre aufgebraucht, so fällt die Garantie fort und alle weiteren besonderen Zahlungen hören auf. 7. Beiträge zu diesem Reservefonds dürfen in keiner Zahl- stelle mehr erhoben werden." In den übrigen Bestimmungen wird gesagt, daß im Vorstand und Ausschuß des Verbandes je ein Zigarrensortierer vertreten sein muß. Tie zwei angestellten Kollegen des Sortiererverbandes werden vom Gesamwerband übernommen. Tie Delegierten der Generalversammlung werden diese Vor- schlüge der beiden Vorstände wohl sehr eingehend erörtern. Es steht zu erwarten, daß die Generalversammlung ihnen zustimmt und damit die Verschmelzung der Sortierer mit den Tabakarbeitern ausspricht: ISürgemchttgelS und Koirnnunaiwaljlmlst. Das Kommunalwahlrecht ist. genau so wie das Wahlrecht zum preußischen Landtag, ein Dreiklassenwahlrecht, durch das die Nichts- besitzenden zu politischer Machtlosigkeit verurteilt sind. Die Herr- schaft führen in unseren Stadtverwaltungen die Hausbesitzer und die vom Geldsack Begünstigten. Letztere haben natürlich ein leb- Haftes Interesse daran, daß dieses Jendc Wahlrecht bestehen bleibt, während die übergroße Mehrzahl der Entrechteten seine Beseitigung fordert. Unter dem. Treiklassenwahlrecht in unseren preußischen Landgemeinden und Städten leiden genau so wie im Dreiklassen- staate Preußen, dem es sein Dasein verdankt, die dringendsten Kulturausgaben Not. Zwar ist es der Sozialdemokratie unter den größten Anstrengungen bereits gelungen, in eine beträchtliche An- zahl Kommunen Vertreter zu entsenden, doch zur Lösung der an- gcstrebten Ausgaben fehlt ihnen das numerische Ucbergewicht gegen die nur von ihrem Klasseninteresse geleiteten bürgerlichen Ver- treter. DL wachsende Anteilnahme der Sozialdemokratie am kom- munalen Leben hat sogar unsere Stadtverwaltungen veranlaßt, nach Möglichkeit ein weiteres Eindringen sozialdemokratischer Ver- treter zu verhindern. Eines der mannigfachen Mittel, die Ver- treter der Arbeiterklasse aus den kommunalen Vertretungen fern- zuhalten, bietet den Stadtverwaltungen das durch die preußische Städteordnung gewährleistete Recht, auf Grund von Gemeinde- beschlössen die Entrichtung von Bürgcrrechtsgeld bei Erwerb des Bürgerrechts ortsstatutarisch festzusetzen. Inwieweit zurzeit Städte von diesem Rechte Gebrauch machen, geht aus einer Erhebung hervor, welche das Parteisekre- tariat für die Provinz Brandenburg in den branden- burgischen Städten unternommen hat. Weit größer als man ge- glaubt— selbst der Kommentator der Städte-Ordnung, Ledcrmann, nimmt an, daß Bürgerrcchtsgcld nur noch selten erhoben wird— ist die Zahl der Städte, die von ihren Einwohnern noch Bürgerrechts- geld erheben und, was das schlimmste ist, das Wahlrecht von der Entrichtung des Bürgerrcchtsgeldes abhängig machen. Von den an die Städte der Provinz versandten 133 Fragebogen, einschließlich der beiden Berliner Nachbarkrcisc Teltow-Beeskow und Nieder-Barnim, sind 123 beantwortet worden. Die Frage- bogen enthalten eine Reihe Fragen, darunter zunächst über die Einwohnerzahl im Jahre 1916, ob Bürgerrechtsgeld erhoben wird, wenn ja, in welcher Höhe und ob gleichmäßig oder abgestuft. Die weiteren Fragen erstrecken sich darauf, ob das Bürgerrcchtsgeld durch behördliche Aufforderung oder ob es nur bei freiwilliger Zahlung erhoben wird. Nicht unwichtig ist die Frage, ob das Bürgerrechtsgeld in Raten gezahlt werden kann und wenn ja, in welcher Höhe. Das, worauf es hauptsächlich ankommt, enthält die Frage: Ist die Eintragung in die Gcmeindewählerliste von der Zahlung des Bürgerrechtsgcldes abhängig? In der Beantwortung dieser und anderer damit in Zusammenhang stehender Fragen finden wir erst die Lösung des Rätsels, weshalb eine so große Anzahl Städte mit solcher Beharrlichkeit an der Erhebung des BürgerrechtsgeldcS fest- halten. Die nächste Frage erfordert Aufschluß, ob bereits einmal ein Antrag auf Aufhebung des Bürgerrcchtsgeldes gestellt und wenn ja, ob derselbe angenommen oder abgelehnt worden ist. Es folgen hierauf Fragen nach der Zahl der Stadtverordneten, der Magistratsmitglicdcr und oh und wieviel sozialdemokratische Stadt- verordnete vorhanden sind. Zuletzt wird über die Höhe des Kom- munalsteuerzuschlagcs Auskunft gefordert. Zur eingehenden Information haben wir das aus den Frage- bogen herausgezogene Material im wesentlichen übersichtlich zu- sammengesiellt. Danach wird noch in 82 Orten Bürgerrechtsgeld erhoben. Hiervon erheben 45 Städte einen für sämtliche Einwohner gleich- mätzigen Betrag, während in 34 Städten sich die Höhe des Bürger- rechtsgeldcs nach dem steuerpflichtigen Einkommen oder aber nach der Wählerklasse richtet, welcher der Betreffende angehört. In Lübbenau wird das Bürgcrrechtsgeld nur von Angesessenen und in L u ck a u nur von Hausbesitzern und selbständigen Gewerbe- treibenden erhoben. Für die Gstadt Brück muh wohl Bürger- rechtsgeld gezahlt werden, auf dem beantworteten Fragebogen ist jedoch nicht vermerkt, in welcher Höhe. In Kremmen wird neben dem Bürgerrechtsgeld noch ein Einkanfsgeld erhoben. Hier- für erlangen die Gcmeindcmitglieder das Recht zur Teilnahme an den Gemcindenutzungen. In den Städten, in denen ein gleich- mäßiges Bürgcrrechtsgeld erhoben wird, schwankt der Satz zwischen 6 und 18 Mark; in Städten mit abgestuftem Nirgerrechtsgeld schwanken die Beträge zwischen 6— 15, 5—20, 10— 30, 5—30, 6— 24, 5— 36, 6— 40, und 15—45 Mark. In Frercnwalde werden Gebühren in Abstufungen von 1— 12 M. erhoben.• Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist die Zahlung der Bürgcrrechtsgebühr eine zwangsweise, d. h. bei Nichtbegleichung derselben erfolgt Pfändung durch den Magistrat. Da es einem großen Teil der Bevölkerung nicht möglich ist. so hohe Gebühren mit einem Male zu zahlen, haben sich die städtischen Verwaltungen dazu verstehen müssen, eine gewisse Ratenzahlung zu gewähr- leisten. Nur in 10 Städten muß die Gebühr mit einem Male ent- richtet werden.''' Wo jedoch auch die Ratenzahlung zulässig, ist es oft der ärmeren Bevölkerung mit ihrem kargen Verdienst nicht immer möglich, neben den sonst allgemeinen hohen Kommunalabgabcn 2, 3 und 5 M. zu erübrigen. Denjenigen aber, die ihren auf Grund einer alten Bestimmung des Z 52 der Stcidtcordnung für die sechs öst- lichen Provinzen der preußischen Monarchie auferlegten Vcrpflich- tungen nicht genügen können, droht der Verlust des Kommunal- Wahlrechts. Nur in 12 von den 82 Städten, in denen eine Bürger- rcchtsgebühr erhoben wird, ist die Eintragung in die Wählerliste von der Zahlung derselben nicht abhängig. In den' übrigen 70 Orten verlieren die Steuerzahler einfach ihr Wahlrecht, sobald sie das Burgerrechtsgeld nicht entrichtet haben; dieses Schicksal widerfährt seihst denjenigen, die auf dem Wege der Ratenzahlung die Gebühr nicht begleichen konnten. Ein solch unerhörter Zustand, zahlreiche Einwohner um ihr Recht zu bringen, hat bereits in einer Anzahl Städte unsere Genossen ver- anlaßt, bei der Stadtverordnetenversammlung die Aufhebung des Bürgerrechtsgeldes zu fordern. Diese Anträge sind — von wenigen Ausnahmen abgesehen— strikte abgelehnt worden. Es ist daher kein Wunder, wenn die Sozialdemokratie'in' der Pro- vinz Brandenburg, ausschließlich der beiden Kreise Tcltow-BeeSkow und Nieder-Barnim, nur in 2 5 S t ä d t e n'm i t' i n s g e s a m t 105 Stadtverordneten vertreten ist. In den Kreisen Teltow-Beeskow und Nieder-Barnim verfügt die' Sozialdemokratie in 10 Städten über 108 Mandate, mit den beiden in Zossen gewählten, aber verzogenen Genossen wären es 110. Zweifellos würde die Zahl der sozialdemokratischen Vertreter auch im Kreise Teltow eine höhere sein, wenfi nicht noch in sechs Orten Bürgerrcchtsgcld erhoben würde. Magistrat und bürgerliche Stadtverordnete erblicken in der Erhebung des Bürgebrechtsgeldes ein Mittel, die Arbeitervertreter aus den Stadtberordnctenversanim- lungen fernzuhalten. Zu diesem Schluß mutz'man kommen, wenn man die Argumente, mittels deren die Beibehältung dieser mittel- alterlichen Gebühr begründet wird, aus ihren Wert prüft. So be- tonte z. B. der K o t t b u s e r Oberbürgermeister bei Beratung des Antrages auf Beseitigung des Bürgerrechtsgeldes, man könne auf die 6000 M., die für diese Gebühr jährlich in den Etat eingestellt würden, nicht verzichten. Das Oberhaupt der 48 000 Einwohner zählenden Stadt Kottbus wird sicherlich nicht glauben, daß er mit dieser Argumentation ernst genommen wird; im Ernst bedeutete sie nämlich für ihn, wie auch für die bürgerliche Stadtverordneten- Versammlung das größte Armutszeugnis. In Wahrheit will man der Sozialdemokratie, die hier nur durch einen Genossen vertreten ist, den weiteren Einzug in das StadtparlaMen't versperren. In Luckenwalde, wo gleichfalls alljährlich eine bestimmte Summe Bürgerrechtsgeldeinnahme in den Etat gestellt wird, ist der niedrigste Satz auf Antrag unserer Genossen von 10 auf 5 M. herabgesetzt worden. Hier unterbleibt die Eintragung in die Wählerliste erst dann, wenn einmal zur Zahlung des Bürgerrechts- geldcs aufgefordert worden ist. So ist es denn schon oft vor- gekommen, daß Personen bereits verschiedene Male zur Stckdtver- ordnetenversammlung gewählt hatten, ehe dieselben zur Zahlung des Bürgerrcchtsgeldes aufgefordert wurden. Eine so loyale Hand- habung steht indessen vereinzelt da. Die Annahme, daß bürgerliche Siadwerordncte und Stadtverwaltungen in der Aufrechterhaltung des BürgcrrechtsgeldeS ein Mittel zu haben glauben, den Einzug von Arbeitervcrtretcrn in das Stadtparlament hintenanzuhalten, wird durch folgendes Beispiel gestützt: In Beelitz wurde seit Jahren nur in bereinzekten Fällen Bürgerrcchtsgeld erhoben. Als aber ein sozialdemokratischer Ver- trcter in das Stadtparlament einzog, wurde plötzlich das 5kommu- nalwahlrecht von der Zahlung des Bürgerrcchtsgeldes abhängig ge, macht. So kam es denn, daß Personen, die bereits früher das Bürgerrechtsgeld bezahlt, die Bescheinigung hierüber aber verloren hatten, erneut zur Zahlung der Gebühr aufgefordert wurden. Ver- schicdene Bürger, die sich die Quittung aufbewahrt hatten, wurden gleichfalls zur nochmaligen Zahlung angehalten. Unser in das Stadtparlament gewählter Genosse nahm Veraylassung. in der Stadtverordnetenversammlung auf diese sonderbare Buchführung der städtischen Verwaltung hinzuweisen und zugleich die Ab- schaffung des Bürgerrcchtsgeldes zu beantragen. Die Stadtverord- netenversammlung stimmte dem Antrag« zu, weil sie erkannte, daß für die Unordnung in den Magistratsburcaus nicht die Bürgerschaft haften dürfe. Der Magistrat bestätigte wohl die Lotterwirtschaft. lehnte jedoch den Stadtverordnetenbeschlutz kurzerhand ab. Dadurch wird es der Beelitzer Magistrat er- reichen, daß das Beelitzer Stadtparlament den verhaßten Kritiker bei der nächsten Wahl wieder los wird. Wäre es bei dem früheren Zustand geblieben, so hätte aller Voraussicht die Sozialdemokratie die dritte Abteilung bereits besetzt. Stände der Beelitzer Magistrat nicht unter der Oberaufsicht der preußischen Regierung, so wäre er wegen dieser nachgewiesenen Schlamperei längst davongejagt worden. In Trebbin stimmte die Stadtverordnetenversammlung. nachdem unsere Genossen bereits viermal die Abschaffung des Bürgerrechtsgeldes gefordert hatten, beim fünften Male einer staffelweiscn Einführung zu. Der Magistrat lehnte diesen Beschluß jedoch ab. , 2?. Fürst e n w aide gelang eS unseren Genossen erst nach Abschaffung des Bürgerrcchtsgeldes ijj das Stadtparlament einzu- Name der Stadt S» Q-«-i £> Alt-SIuppin.. � Angermiiude.., Arnstoqlde..,> Barukh..... Beelitz.... Belzig..... Berlinche».,.. Bernstein,... Bicsenihal... Bobersbcrg.. � Brandenburg... Brück..... Brüst'ow.... Calau..... CotrbuS..... Cüstrin..... Christianstadt... Dahme..... Dobrolng!.,.. Drebkau.... Drieien..... Drosten..... Ebersmalde... Finstcrwalde... k�orst...... Frankfurt.... �reienstein.... Freienwalde.,. Friebel..... Friedeberg.... . Friedland.... Friesack..... Fürstenbcrg... Fürstenfelde.,. türstenwalde... lasse»..... Guissen..... Göritz..... Guben..... Havelberg.... Loachimsthal... Jüterbog.... Netzin..... Kirchham.... Kloster Zinna.. Königsberg,.. Königswalde,., Kremmen.... Kotitz..... Landsbcrg.... LebuS..... Lenzen..... Liebenau.... Lindow..... Lippehne.... Lübbe»..... Lübbenau.... Luckau..... Luckenwalde... Lhckien..... Meyenburg... Müllrose.... Müncheberg... Nauen..... Ncudamm.... Neuwcdcl.... Niemegl.... Oderberg.... Pein...... Perleberg.... Pförten..... Plauen..... Potsdam.... Pritzerbe..,. Pritzwalk.... Rathenow.... Reetz...... Reppen..... RheinSberg... Rhinoio..... EchwiebuS.... Schwedt.... Seeloiv..... Seuftenberg... Soldin Sonnburg.... Sommerfeld... Sonnenwalde.. Sorau..... Spremberg... Sternbcrg.... Strasburg.... Strausberg... Templin.... Treuenbrietzen.. Betschau.,.., Vierraden.... Werder..... Wilsnack.... Wittenberge... Wiltslock.... Wriezen.... Wusterhausen... Zehden.... Zehdenick.... Zielcnzig.... Znllichau....> Teltow-Beeskow Bccskow.... CbarlotlenLurg.. Cöpenick..... Dcu'.sch-Wilmcrsdorf. Mittenwalde... Nixdorf...... Schöueberg.... Storkow..... Teltow...... Teupitz...... Trebbin...... Wendisch-Buchholz.. Zossen...... Nieder-Barnin, Veruan...... Lichtenberg....... Liebenwalde.... Oranienburg A? N 1800| ja 8000 ja 9883 ja 2100 ja SL'-.O 8050 6251 2756 3000 1300 63600 1550 1400 3350 48000 17591 ? 6000 1654 1087 6800 5087 26000 13114 34000 60320 1473 8763 2000 5500 0468 2827 6200 1800 22000 3871 1800 2070 38492 ja ja !° ia nein ja nein ja nein ja ja nein ja »ein ja ja ja ja nein ja ja nein nein ja ja ja nein ja nein ja nein ja ja ia nein a a a a a a a a nein ja. 6100' nein 2200 ja 7300 ja 3000' ja 4825 ja 1220 nein eooo: 1600; 3000 6800 40000 2013 3000 1148 1557 4069 7810 iiein 4019: ja 4228 ja 28000 ja 3100; ja 2000- ja 2500' ja 3800 ja 9000; ja 7826! ja 2800! ja 2500i ja 3700; ja 2808 a 9654 1 ja 1000 ja 1869, nein 02224; nein 1007! nein 8000: ja 25000! ja 2370 ja 4900' ja 2800 nein 1285 nein 9335! ja 10000' nein«) 2861' ja 8600 ja 5700! ja ?' ja 11900 ja 1070' ja 18140: nein 11028! ja 1800 nein 6200 ja 8200 nein 6000!»ein 5100 ja 2545! ja 1500: ja 7000! nein 1800 ja 20600! ja 8000 nein 7320 ja 2800' ja 1500. nein 9910j nein 60001 ja 7800! nein !<> nein nein 4919 303000 !! 30000! 109023. nein 1 3150 280000 173378 IQ ii ein nein nein 4105! nein In welcher Höhe? 850: 3500 1228! 4800 ia 9822: nein 81000 nein 2750; nein 13000- nein 9 M. 15 M. 15 M. 6—15 M. 15 M. 5—20 Zt. 18 M. 0 M. 16 M. von 6 M. aufwärts 10-30 M. 15 M. 12 M. 15 M. 18, mit Biirgerbr. 19,50 M. 18 M. 15 M. 10-30 M. 1-12 M. 6-21 M. 15 M. 5—30 M. 15 M. 6. 13, 18 und 24 M. 9 M. 12 M. 10 M. 5—36 M. 9 M. 15 M. 15 M. M. 8 M. 12-30 M. 6-30 M. 6, 12, 18 und 24 M. 6-30 M. 15 M. 15 M. 18 27., nur von Angesessenen 30 M., nur von Hausbesitz. »nd Gewerbetreibenden S. 7.60. 10 und 15 Di. 9 M. 5-20 Di. 9 M. 12 D?.. v. 720 Di. Einkorn, an 5 und 10 M. 13.50 M. 15 M. 15 M. 15 M. 10, 20 und 30 Di. 6, 9 und 12 M. 10 M. Kann eS in Raten gezahlt werden? Ju = K? ¥ s � 5= n— C: OÄ- �« M-Z W |>»Sco I» K nein ja, monatlich S M. ja, 2—5 M. ja. verschieden Ist noch, n.gesord. Word. nein ja, monatlich ja, monatlich ja. je S M. M. M. monatlich 2 u. 3 M. ja, von 1 M. an von 2 3 M. 5 Di. 1 M. M. an ja, verschieden ja, 1—3 M. ia ja. ja. von 2—5 M. monatlich 1—5 M. nein ja nein nein ja ja ja ja ? ja ja ja ja ja nein 1°. nein ja ja nein nein nein nein nein nein nein nein ja, d. Magistratsbeschl. ia nein ja nein ja ja. la, 3 M. 2,50 M. 3 und 10 M. von 5—30 Di. 15 M. 15 M. Von 10—36 M. 15 M. von 10—20 M. 10. 20 und 30 M. 12 M. 15, 25 und 30 M. 16,50 M. von 6—40 M. von 0—60 M. monatlich 1—3 M. 2 M. a, nach Belieben a, nach Vereinbarung a, von 50 Pf. an a nein ja nein ja. 10 M. ja nein ia a. !a. a. a, a, a, a, nach llebereinkiinst monatlich 1 M. von 50 Pf. an nach Uebereinkunft 2-5 M. 3 M. nach Uebereinkunft a, 2, 3 u. S M. a. 50 Pf. nein ja, nach Belieben ja, nach Belieben nein ja, nach Ileberknnst ja, monatlich 3 M. a, 3 u. 5 M. a. 2,50 M. a, innrrh. cineS JahrcS a. 3 M. ja, monatlich 3 M. ? ja, in 2 bis 3 Raten ia ia? ja ja ja ja ja ja nein ja ja-) ja ja ja ja ja ja nein ja !" ia ja ja !<- ia nein nein ia nein ja ja ja nein ja ja ia Ia ia_ nein nein nein nein nein nein ja') nein ia_ nein nein nein nein ja nein nein nein nein nein nein nein ja iiein ja8) nein nein nein nein nein nein nein ja ja nein nein ia : nein ' nein nein nein nein nein ja ja, nach Bereinbarung ja nein 13 M. von 6—24 15 M. 15 M. von 8—30 M. M. 12. 18, 24 M. 18 M. 12, 18 und 24 M. 15, 30 und 45 M. 18 M. 9 M. 13 M. 9 Dl. 10-25 N. ' nein ! ja, nach Uebereinkunft j"- ja, nach Uebereiiikiinft ja, monallich 2 M. nein ja, nach Uebereinkunft ja, 3 M. ia ja � nein a| nein a ja a| nein a i nein ja, auf Antrag 2, 3 u. SM. ja ja, viertelj. 1,50—0 M. ja, nach Belieben ja, 0 M. pro Rate ja, nach Beliebe» ja, nach Ueberciiikuiift dringen. Di» Abschaffung der Gebühr erfolgte hier auf Imederholie Vorstellungen des sozialdemokratischen Wahlvcrcins imJahrel90 6..... Von der Zahlung des BürgerrechtsgeldcS wird,'da» wisten die Tonangebenden in unseren Stadtverwaltungen, die nicht- angesessene, werktätige Klasse am empfind- l i ch st c n betroffen, weil sie in Ermangelung von Mitteln nur schwer zahlen kann und daher am ehesten politisch r e ch t l o s w i r d.. In der Erhebung des Bürgerrechtsgeldes sehen sie daher ein Mittel, die aufstrebende Arbeiterklasse aus die Geschicke der Kommune cinflustlos zu erhalten. Tie sozialdemokratischen Ver- treter könnten das beschauliche Tascin und ihre aus Kosten der Allgemeinheit betriebene Jnteresscnpolitik der Bürgerlichen stören. Dieses beharrliche Festbalten an dem Modus, wonach, �ich Steuer- zahler noch extra das Bürgerrecht vamit das BVq» recht zu er- kaufen gezwungen sind, mutz aus das energischste beMmpst werden. Die Pflicht der staatlichen Gesetzgebung hätte es schon längst sein muffen, einen so elenden Zustand zu beseitigen. Doch von der preußischen Verwaltung und ihrer gesetzgebenden Körperschaft, die der Inbegriff aller Rückständigkeit selber sind, können wir eine Aufhebung des Bürgerrechtügeldes nicht erwarten. Eine völlige Beseitigung desselben wird, wie auf allen Gebieten preubischcr und kommunaler Rückständigkeit, erst durch die Eroberung� des gemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrechts möglich. all- ') Aon unseren Genossen.-Z Nach ZahInngSaufforderung. 8) Vom Wahlverein.«) Seit 1. Juli 1910 nicht mehr. 8) Beide Gewählte sind verzogen. SencKts-Deining. Jrrenhausprozeß. Vor der 3. Ferienzivilkammer des Landgericht» Hl fand gestern Hauptverhondlungslermin in der Jnternierungsangelegenheit des Siudenlen Hagen stalt. Es handelt sich bekanntlich darum, ob der von seiner Familie in die Weilerswe Anstalt aui Westend ge« brachte Sludent Hagen wirklich geisteskrank ist, oder ob nach dem Antrage des Dr. Ebrenfried Hagen aus der Anstalt zu ent- lassen sei. Diesen gegen Sanitätsarzt Dr. Weiler gerichteten Antrag begründete Dr. E. in längeren Ausführungen. Ihm trat Dr. Werthauer in ebenso anSführlichen Darlegungen entgegen. Er hälr eine derartige Klage für unzulässig und behauptet, daß der Kläger geisteskrank ist. DaS soll aus einer Reihe von Tatsachen hervorgehen und durch vorgelegte Aerzteatteste bewiesen werden. Die Kosten beantragte er— dem Anwalt deS Klägers aufzulegen. Das Urteil des Gerichts ging dahin: I D ie Klage des Hagen sei abgewiesen und � die Kosten dem Kläger auserlegt u rden. Das Gericht habe zunächst die Prozestfähigteit von AmtSwegen zu prüfen; nach dieser Prüfung sei das Gericht auf Grund der Aiieste zu der Ueberzeugung ge- kommen. dajj Hagen g e i st e S k r a n k und nicht Prozeß- fähig sei. Was die Kosten anbetrifft, so müßten diese nach der zwingenden Vorschrift dem Kläger auferlegt werden, wenn nicht eine besondere Ausnahme vorliege. Dies sei hinsichllich des Rechts- anwaltS Dr. Ehrenfrled nicht dargetan, da dieser nach Uebcr- zeiigung deS Gerichts bona Lcks für die Rechte seines Klienten gelämpft habe. Deshalb sei der Antrag, ihm die Kost«» auf- zuerlegen, abgelehnt worden. Gegen das Urteil soll Berufung eingelegt werden. Die Oeffenltichkeit interessiert weniger die Frage, ob der Student Hagen in der Tat geisteskrank ist, sondern ob, wie der Beklagte behauptet, eine Klage auf Entlassung unzulässig sei. Und diese grundsätzlich wichtige Frag.; hat das Gericht im Gegensatz zum Beklagten mit Recht nicht verneint. 8 153 der Gewerbeordnung. Auch in der„Republik" Hamburg macht die Anklagebehörde immer wieder den Versuch, all« Neigungen der Arbeiterschaft mit den ominösen Autnahmeparagraphen zu treffen, obwohl das Hanseatische Oberlandesgericht in einer bemerkenswerten Entschei- dung vom 7. September v. I. diesem Bestreben einen Riegel vor- geschoben hat. Vor einigen Jahren hatte man— doppelt genäht hält besser— auch den Erprcffungsparagraphen herangezogen gegen solche Arbeiter, die mit Nichtorganisierten oder andersorganisicrtcn Arbeitern nicht zusammenarbeiten wollten, doch fand die be— rühmte Breslauer Erpreffungsjudikatur dort keinen Anklang. Trotz des Mißerfolges ging die Llnklagebchörde gegen den Lorsitzenden der Mitgliedschaft Hamburg des Bauarbeiterverbande», Hartwig, und den Maurer Bartels vor, die sich der Verrufterklärung auS§ 153 der Gewerbeordnung schuldig gemacht haben sollen, indem sie bei Gelegenheit der Besprechung einer Spcrreaushcbung geäußert hatten, wenn die Sperre auch aufgehoben würde, so vermöchten sie taum die VerbandLmitglieder zu bestimmen, mit den Unorganisierten zusammenzuarbeiten. Die Anklagebehörde folgert hieraus, die Redetvendung sei geschehen, um— die Unorganisierten zum Ver- bandsbeitritt zu bestimmen. Aber auch dies würde nach der Judi- katur des Hanseatischen LbcrlandcSgerichteS nicht strafbar sein. Die erste Instanz sprach beide Genossen frei, ebenso die Berufungs- instanz, die allerdings viele Wenn und Aber gebrauchte. So vermag die Strafkammer sich nicht der Ansicht des Obcrlandesgcrlchtcs, niedergelegt in dem erwähnten Urteil, anzuschließen, was wir der in solchen Dingen besonders scharfen Strafkammer II nachfühlen können. Sic erblickt in dein Borgchen der beiden Vcrrufser- klörung, da die von ihr betroffenen Leute nicht für würdig erachtet iverden, in Gemeinschaft mit anderen zu arbeiten. Es frage sich aber, welchen Zweck die Angeklagten mit ihrem Vorgehen gegen die Unorganisierten im Auge gehabt hätten. Würde dieser Zweck darin bestanden haben, die Leute zum Anschluß an den Verband zu veran- lassen, so würde das erkennende Gericht trotz der entgegenstehenden Entscheidung dcZ ObcrlandeSgerichtS ein Vergehen gegen Z 163 der Gewerbeordnung als vorliegend annehmen. DaS könne aber nicht festgestellt werden. Es erscheine immerhin möglich, daß die Angc- klagten und die dem Verbände angehörenden Maurer auf den An- schluß der Unorganisierten an den Verband keinen Wert gelegt haben, ihn nicht einmal für erwünscht halten, daß vielmehr ihre Ab- ficht lediglich sei, die Leute auS ihrer Arbeit zu entfernen. cS ihnen auf die Dauer völlig unmöglich zu machen, in Hamburg als Maurer tätig zu sein. Dann war ihre Absicht nicht dahin gerichtet, die beiden Leute zur Teilnahme an einem Tun zu veranlassen. Eon- dcrn das mit der Vcrrufserklärung bezweckte Resultat war die Be- seitigung zweier nach Meinung der Verbandsmitglieder stSrendcr '-nientc auS dem.Kreise der Arbeiter. Tie Voraussetzungen deS 153 der Gewerbeordnung seien daher nicht gegeben. Daran nicht nur die unorganisierten Leute persönlich treffen, auch darüber hinaus auf Dritte als warnendes Beispiel und dadurch die Zwecke des Verbandes fördern sollte. Denn zn richte, die zum Anschluß an Vereinigungen und Verab- »gen der fraglichen Art bestimmt werden sollte. Das Gericht ferner erwogen, ob in der über den betreffenden Bau ver- lanisierten zu entlaffcn. Wenn das auch anzunehmen sein wurde ein Vergehen gegen§ 153 der Gcwerordnung nicht Denn das Vergehen der Angeklagten würde sich dann gerichtet haben, und die Entlassung der Unorganisierten P. Gewerbeordnung, sondern ein Unterliegen des P. einer r?»ch Z 152 der Gewerbeordnung gestatteten Aktion gegenüber bedeuten. Theater und Vergnügungen\ ODD ö □ & Dienstag, S. Septbr. 1311: Ansang 7'/, Uhr. St. Opernhaus. Madama SuttcTtj. Ki. Schauspielhaus. Der Stöem» fücd. Deutsches. Faust. 1. Teil. Berliner Prater. Die junge Garde. Ansang 8 Ubr. Urania. Daube, Istrah« 48/40. Lebende Tierbilder von nah und sern. Kainmerspiele. Frühlings Erwachen. Lriiing. Glaube und Heimat. Berliner. Bummelstudenten. «lciues. Der Leibgardist. Neues. Tie grau Greil. Neues Schauspielhaus. Eine Million. KomiiNie Over. 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Lehmann, Steinmetzstr. 51 Redakteur zur Bearbeilung des provinziellen Teils der in KvIi? erscheinenden „Rheinischen Zeitung" gesucht. Eintritt möglichst bald. Gehalt nach den Bedingungen des Vereins Arbesterpresse unter Berücksichtigung der bis- Hengen Tätigleit. 294/10* Bewerbungen sind bis zum 15. September an A. Hofrichter, Köln. Ilrsalaplatz C, zu senden.___ Erstklassige Herren- Sehneider sowie Sehneiderinnen für englische und französische Maßkleider für Damen, welche prima Hausarbeit nach Maft machen, werden verlangt. Probearbest erwünscht. Vorstellung in unserer PeAonalverwaltung III. Etage. Kaufhaus des Westens „ G. m. b. H. _ Tancntalenstraße 81/S4. Schürzennähcrin verlangt, auch zum Anlernen, Sinell, Skalitzer- strafte 144._ 404b Lehrmädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren aus achtbarer Familie gegen monalliche Vergütung sosort gesucht. Meldungen nur in Begleitung der Eltern oder deSBormundes 10— 2Uhr vormittags oder 6—8 Uhr nach- mittags. A. Jandorf u. 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Arbeitsnachweis d. Stellmacher- iunung und der Wagenfabrikanten, Kaiser-Zranz-Greiiadier- Platz. Zuzug ist streng sernzuhalten. vir vrisvorvaltunz Serlin 6es Deutschen lloleardelterverdanstes Verantwortlicher Redakteur: Richard Bartd, Kerlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Kerlag»anstalt Kaul Singer u.Co.. Berlin SW." 9r.207. 28. 1.fem. Z.§{\\�„WllVllllS" KttlllM MlliSlllM. S S.pt.M. l!>ll. Partei- HugelegenKeiten. Rixdorf. Heute abend 8'/, Uhr findet in Hoppes FestsSleu(Jnh. Bartsch). Hermannstr. 49, die außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins statt.— Tagesordnung: 1. Bericht der Stadt- verordnelenfraktion. 2. Diskussion. 3. Wahl eines weiblichen Bor« standsmitgliedes. 4. Verschiedenes.-- Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Mariendorf. Heute Dienstag, den b. September, bei Preuß, Kurfürstenstraße: Oeffeutliche Versammlung mit dem Thema:.Was fordern wir von dem neuen Gemeindevorsteher?" Der Vorstand. Potsdam. Mittwoch, den 8. September, abends ll39 Uhr: Wahlvereinsversammlung bei Wilhelm. Tagesordnung: Bericht von der Kreisgeneralversammlung und der Provinzialkonferenz. Lokalfrage. � Vor der Versammlung: Kassierung der Beiträge. _ Der Vorstand. Berliner IVacbricbten. Sommerhitze und Säuglingssterblichkeit. 1147 Säuglings st erbefälle in vier Wochen, das ist sür Berlin das furchtbare Ergebnis der Periode ganz ungewöhnlicher Sommerhitze, die hier am 22. Juli einsetzte und erst vom 13. August an sich abschwächte. Die vom Berliner Statistischen Amt ausgeführte Zu- sammcnstellung der Todesmeldungen liegt jetzt für die Woche vom 13. bis zum 19. August vor. Sie schließt ab mit 333 Sterbefällcn von Kindern des ersten Lebensjahres, das sind wieder noch mehr als in der vorhergehenden Woche. In den vier Wochen vom 23. Juli bis zum 19. August starben von Kindern des ersten Lebensjahres 223, 282, 399, 333, zu- sammen 1147, darunter eheliche 161, 216, 238, 258, zusammen 873, uneheliche 62, 66, 71, 75, zusammen 274. Unter den Todesursachen sehen wir in den vier Wochen 76, 93, 196, 136, zusammen 411 Fälle von Darmkatarrh und 39, 57, 94, 83, zusammen 266 Fälle von Brechdurchfall, so daß allein diesen beiden 5trankheiten 196, 159, 299, 221, zu- fammen 677 Säuglinge erlagen. In der mit 19. August endenden Woche ist es übrigens auch zu einer plötzlichen Mch- rung jener besonders den Säuglingen gefährlichen Er- krankung gekommen, die als„einheimische Cholera" bezeichnet wird. An ihr starben in den genannten vier Wochen 1, 2, 2, 19, zusammen 15 Säuglinge. Wie sehr durchTemperaturerhöhungenund Temperaturermäßigungen die SÄuglings- sterblichkeit gesteigert bezw. abgeschwächt wird, das sah man mit besonderer Deutlichkeit bei Beginn dieser opferreichen Hitzeperiode im letzten Drittel des Juli und dann wieder bei ihrer Unterbrechung um Mitte August. Nachdem noch die mit 22. Juli endende Woche nicht mehr als 417 Säuglingssterbefälle gebracht hatte, wurden aus der folgenden Woche sofort 223 gemeldet. Die plötzliche Zunahme der Säuglingssterblichkeit setzte genau mit dem Tage ein, der auf den ersten ungewöhnlich heißen Tag folgte. Es starben in der Woche vom 16. bis zum 22. Juli an den einzelnen Tagen 16, 15, 11, 29, 14. 25, 16 Säuglinge, dagegen an den einzelnen Tagen der Woche vom 23. bis zum 29. Juli plötzlich 39, 32, 32, 30, 34, 31, 34. Die Zahl der Säuglingssterbefälle hielt sich dann in den nächsten Wochen fast ausnahmslos über 39 pro Tag, überschritt oft 49 und mehrmals sogar 59. In der Woche vom 13. bis zum 19. August brachten schließlich Sonntag, Montag, Dienstag 57, 58, 69 Säuglingssterbefälle, ober dann Mittwoch, Tonnerstag, Freitag, Sonnabend nur 46, 36, 33, 41. Am Dienstag jener Woche war ein Witte- rungsumschlag mit plötzlicher Abkühlung eingetreten, und ebenso plötzlich zeigte am Mittwoch sich eine Minderung der Säuglingssterblichkeit. Aus den Sterblichkeitscrgebnissen früherer Jahre ist oft nachgewiesen worden, daß es fast nur die Kinder des Proletariats sind, die unter dem Einfluß der Sommer- Hitze durch einen raschen Tod hingerafft werden. Bei der besitzenden Klasse, wo auf Ernährung und Pflege des Nach- Wuchses die weitestgehende Sorgsalt verwendet werden kann, ist von einer Steigerung der dort ohnedies nur geringen Säuglingssterblichkeit auch im Sommer kaum etwas zu merken._ Eine Dampferfahrt ist manchmal wirklich.ein Vergnügen eigener Art". Wer das mal mit durchgemacht hat, wie da mitunter darauf- los gefahren wird, der könnte sich versucht fühlen, künftig vor Ln- tritt einer solchen Fahrt sein Testament zu machen. Von einer Fahrt, bei der cS wieder mal große Auf- r e g u n g gab. weil die Teilnehmer einen Zusammenstoß fürchten zu müssen meinten, erzählt uns ein Leser unseres Blattes. Am Sonntag voriger Woche<27. August) fuhr er abends mit dem der .Stern"-Gesellschaft gehörenden Dampfer„Alice-" auf der oberen Havel von Heiligeusee her nach Tegel, von einem Ausflug mit seinen Angehörigen und mehreren Be- konnten heimkehrend. In der Nähe von Tegelort beunruhigte es ihn. daß ein anderer Dampfer, der gleichfalls der „Stenl'-Gescllschaft gehörende„Falke", nahe hinter ihnen sich zeigte und mit ziemlicher Geschwindigkeit hinterbcrfuhr. Für eine Weile blieb dann„Falke" zurück, aber in der Mitte des Tegeler Sees wurde er plötzlich wieder ganz nahe bei der„Alice" sichtbar und zwar diesmal seitwärts.„Bleibt zurück! Ihr gehört hinter uns!" mahnte der Führer der„Alice", nach dein„Falke" hinübcrrufcnd. AIS Antwort schallte eS herüber:„Ihr habt wohl keine Puste mehr?"„Ihr wollt wohl Eure Bravour zeigen?" erwiderte der Führer der„Alice", indem er stoppen ließ und mit einer Wendung zur Seite den Kurs seines Schiffe» änderte. Sogleich danach fuhr der„Falke", an dessen Bord sich unter den Paffagreren lautes Geschrei, namentlich von Frauen und Kindcni, erhob, dicht vor dem Bug der„Alice" vorüber und nahm danu seinen Kurs nach Tegel zu, während vom Bord der„Alice" ihm Rufe der Ent- rüftung nachgeschickt wurden. Anscheinend hatte der Führer des „Falke" l'e„Alice" überholen wollen, um noch vor ihr in Tegel an einer der dortigen LanduugSbrücken anlegen zu können. DaS gelang ihm denn auch, und die Mehrzahl seiner Passagiere hatte bereits den „Falke" verlassen, als erst„Alice" in Tegel eintraf jt»d anlegte. Unier den vte„Alice" verlaffenden Passaaierrn wurden jetzt nochmals heftige Worte der Entrüstung laut, die sich gegen den Führer des .Falke' richtete» und ihn erkenne» ließen, welche Aufregung er durch sein Manöver hervorgerufen hatte. Wir muffen unentschieden lassen, ob einer der beiden Führer unvorschriftSmäßig gefahren war, und gegen tuen etwa dieser Vorwurf erhoben werden darf. Vermutlich handelte eS sich um eine gewöhnliche lleberholung. bei der nur die Entfernung der beiden Schiffe voneinander und die Geschwindigkeit ihrer 8>hrt falsch beurteilt worden war. Daß die Passagiere allen rund gehabt hätten, einen Zusammenstoß zu fürchten. wird uns von mehreren Beteiligten auf daS Bestimmteste versichert, und schließlich soll ja auch der„Falke", wie s�on gesagt, ganz knapp vor dem Bug der„Alice" vorbei- aesahren sein. Unseres Erachtens sollten Dampfschiffsührer namentlich im Abenddunkel derartige Manöver nur mit der größten Vorsicht ausführen, damit jede Gefährdung verhütet und selbst der Schein einer solchen vermieden wird. Allzu leicht entsteht unter Passa- gieren eines am späten Abend heimfahrenden Dampfers schon aus gering-— r Anlaß eine � a n i k, die dee verhängniSvollffen Folgen haben kann. ES ist so oft bei Dampferfahrten leichtfertig mit Menschenleben gespielt werden, daß man sich nicht wundern kann, wenn daS Publikum kopfscheu wird. Nach der Schilderung, die man uns gegeben hat, scheint ja die Bestürzung auf dem„Falke" noch größer gewesen zu sein als auf der„Alice". Auf der„Alice" wurde eine Panik wohl durch den Führer verhütet, der die Passagiere durch Zurufe zur Ruhe mahnte. In Sachen der städtischen Nord-Südbahn fand gestern, wie an- gekündigt, eine Besprechung der vom Minister der öffentlichen Arbeite» an dem abgeänderten Projekt gemachten Ausstellungen statt. ES nahmen daran teil: der Dirigent der Verkehrsabteilung des Königl. Polizeipräsidiums. Ober-Reg.-Rat Dr. Haselau, Reg.- und Baurat Mellin vo» der Königl. Eisenbahndirektion sowie als Vertreter deS Magistrats Stadtbaurat Krause und Magistratsbaurat Seiffert. Die vom Minister geäußerten Bedenken sind vorwiegend technischer Natur und werden sich erst durch eine Ergänzung der zeichnerischen Unter- lagen endgültig klären lassen, da im Rathause die Absicht besteht, mit dem Bau der Nord-Südlinie nunmehr baldigst zu beginnen, so wird die städtische Tiefbauverwaltung die erforderlichen Zeichnungen und Erläuterungen ungesäumt in Angriff nehmen. Von anderer Seite wird berichtet, daß an die Stadt Berlin Anforderungen ge- stellt würden, die mit dem Projekt kaum mehr in Verbindung stehen und zu einem ungeheuren Kostenauswand führen würden. Großfeuer in Schöneberg. Auf dem Bau- und Rüstplatz von Wilhelm Tongau, am Sachsendamm, neben dem Kirchhof der Zwölf-Apostel-Gcmcinde in Schöneberg, brach am Sonntagmittag gegen 1 Uhr ein großes Schadenfeuer aus, bei welchem außer mehreren Schuppen und Stallungen etwa 40 Schweine, mehrere Ziegen, Hunde und Pferde verbrannten. Da das Feuer infolge des heftigen Windes auch auf den Kirchhof der Zwölf-Apostel-Gemeinde übersprang, mußte die gesamte Schönebcrger, sowie ein Zug der Berliner Feuerwehr ein- greifen. Uebcr den Brand selbst erhalten wir folgende Meldungen: Am Sachsendamm, in der Nähe des Güterbahnhofes, liegen zahlreiche Nüst- und Holzplätze, auf denen riesige von der Hitze ausgedörrte Holzstapel lagern. Etwas abseits vom Sachsendamm, am Tcmpelhofer Weg, befindet sich hinter dem Zwölf-Apostel-Kirch- Hof der Lagerplatz von Wilhelm Torgau. Auf dem etwa 0000 Quadratmeter großen Gelände, das von der©iraße durch einen alten baufälligen Bauzaun abgetrennt ist. hatte seit einiger Zeit der Kriminalschutzmann Roderich eine Schweine- z ü ch t e r e i errichtet. Außerdem hatte der Fuhrmann Pohle auf dem nördlichen Teil des Geländes seine Stallungen und Remisen. Gegen 1 Uhr mittags bemerkte ein Stallmann der Firma Janitzky, deren Holzplatz zwischen dem Kirchhof und dem Torgauschen Lager- platz sich befindet, eine dichte Rauchsäule aus dem Schuppen auf- steigen. Er sowohl wie zahlreiche Passanten eilten auf den Torgau- schon Lagerplatz, um zu sehen, was es dort gäbe. Bei ihrem An- kommen fanden sie den weiten Platz bereits lichterloh brennend vor. Die Schweinezüchterei des Kriminalschutzmanns Roderich, in der sich etwa 100 Tiere befanden, stand bereits in Flammen. Die aus Holz errichteten Schuppen drohten bereits einzustürzen und die ge- ängstigten Tiere drängten sich verzweifelt gogxn die Tür, um das Freie zu gewinnen. Der Besitzer der Züchterei, Herr Roderich, war mit dem Wächter des Platzes gerade zum Mittagessen gegangen, als das Feuer ausbrach. Die Retter, die sich in wenigen Minuten zahlreich an Ort und Stelle einfanden, versuchten zuerst, die 100 Schweine, 10 Ziegen und 2 Pferde aus den Ställen zu ziehen. Obwohl sie furchtlos in die verqualmten und zum Teil schon ein- gestürzten Gebäude eindrangen, vermochten sie nur noch etwa 00 Schweine, 1 Pferd und 2 Ziegen unversehrt ins Freie zu schassen. Die übrigen Tiere kamen unter den auf sie herabstürzen- den brennenden Balken und Brettern elend um. Vier Wachhunde, die mit Ketten an die Stelle gefesselt waren, wurden gleichfalls ein Opfer der Flammen. Tie Schöneberger Feuerwehr erschien auf die Meldung„Großfeuer" mit ihren beiden Zügen. Bei ihrer An- kunft hatte der Brand bereits eine riesige Ausdehnung an- genommen. Sämtliche Schuppen, Holzstöße und Gerüste standen unter starker Qualmcntwickelung in Flammen und der starke Wind trieb die Glut nach den benachbarten Lagerplützen hinüber. Ein auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof stehender herrlich gxwachsencr Lebensbaum fing Feuer und brannte in wenigen Augenblicken ab. Die Flammen griffen dann auf die Gräber über und in wenigen Minuten brannten die verdorrten Grashalme, die Sträucher und kleineren Bäume auf einem Areal von etwa 1000 Quadratmeter. Etwa 120 Gräber wurden durch das Feuer ihres EfcuS und Blumenschmuckes beraubt und einige Denkmäler bekamen infolge der glühenden Hitze Risse und Sprünge. Tie Löscharbeiten ge- stalteten sich deshalb so schwierig, weil das Wasser 500 Meter weit von den Hydranten am Sachsendamm herbeigeleitet werden mußte. Mit neun Schlauchleitungen Missen die Mannschaften, die unter dem furchtbaren Rauch schwer zu leiden hatten, an. und erst nach zweieinhalbstündiger angestrengter Tätigkeit gelang es ihnen, den Brand auf seinen Herd zu beschränken. Die angrenzenden Lager- Plätze wurden ständig unter Wasser gehalten, um ein Uebergreifen des verheerenden Elementes zu verhindern. Ter durch den Brand entstandcne Schaden wird auf 00 000 bis 100 000 M. beziffert. Am schlimmsten wurde der Kriminalschuhmann Rodcrich betroffen, der seine Gebäude und die darin befindlichen Tiere erst in den nsichsten Togen versichern wollte. Uebcr die U r s a ch e des Brandes konnte noch nichts Genaues ermittelt werden. Die Aufräumun&s- arbeiten dauerten bis in die späten Abendstunden und ein starkes Schutzmannsaufgcbot hielt die angrenzenden Straßen, in denen sich Taufende von Schaulustigen eingefunden hatten, abgesperrt. Tie aus dem obigen Bericht hervorgehende Tatsache von dem Schweinezucht betreibenden Kriminalbeamten dürfte in weiten Kreisen großes Aufsehen erregen. Was ist's mit der Ferienkolonie Ucbigau? Wir berichteten in Nr. 199 und in Nr. 202 über Erkran- kungen in der Ferienkolonie Uebigau. In den Sommerferien waren dort eine Anzahl Ferienkolonistcn aus Berlin einer nach dem anderen von einer Krankheit ergriffen worden, die der zu Rote gezogene Arzt immer wieder für Mandelentzündung erklärt haben soll. Bei einem der krank gewesenen Jungen wurde, nachdem er mit seinen Kameraden nach Berlin zurückgekehrt war. eine Nierenafsektion bemerkt, und am zwölften Tage nach seiner Rückkunft gaben zwei Aerzte daS Gutachten ab. daß er etwa drei Wochen vorher eine Scharlach- erkrank ung durchgemacht haben müsse. Inzwischen waren von sechs Gcschioistcrn dieses Jungen in den Tagen nach seiner Heimkehr ins Elternhaus nacheinander fünf an Scharlach und eins an Diphtherie erkrankt und schließlich zwei der an Scharlach er- krankten Geschwister gestorben. Ein anderer Ferienkolonist von Uebigau, der krank mit auf die Heimreise genommen worden war, wurde in Berlin den Eltern als an Mandelentzündung leidend übergeben. Er mußte hier zwei Tage nachher in ein 5lrankenhaus gebracht werden und zwei Stunden nach seiner Auf- nähme starb er; die ärztliche Todesbcscheinigung sagt: an S ch-> r l a ch und Adhthcrie. An unsere Leser richteten wir die wiederholte Bitte, unS weitere Adressen der in Ucbigau gewesenen Ferienkolonisten mit- zuteilen, damit in dieser traurigen Angelegenheit wir selber zur Aufhellung des Sachverhalts beitragen könnten, aus die der Ber- lincr Verein sür Ferienkolonien uns warten ließ» Einige der in Betracht kommenden Familien sind uns seitdem noch bekannt geworden, teils durch eigene Meldung, teils durch Vermittelung von Personen, denen sie bekannt lvaren. Was uns da über die Ferienkolonie Uebigau erzählt wurde, hat uns noch mehr in der Ansicht bestärkt, daß vor aller Oeffentlichkcit die U r- fache dieses über zwei Familien gekommenen Unglücks klargestellt werden muß, wenn nicht durch den Ber- liner Verein für Ferienkolonien, der die Kinder nach Uebigau geschickt hatte, so durch die Aufsichtsbehörde, die für Fragen der Gesundheitspflege zuständig ist. Vierzig Kinder tvaren nach Uebigau geschickt worden, wurden hier in einem Massenquarticr untergebracht, siedelten aber nach etwa zwei Wochen in das be- nachbarte„Waldschlößchen Falkenberg" über und bezogen da wieder ein Massenquartier. Als die„Mandelentzündungen" auf- traten, sollen Kranke bei den Gesunden in dem gemeinsamen Schlafs aal geblieben sein; nur in einzelnen Fällen habe der .Kolonieleitcr, sagt man uns. Kranke in sein eigenes Zimmer hineingelegt. Die Krankenpflege sei nicht einer Pflegeschwest er übertragen worden, sondern teils vom Kolonieleiter besorgt worden, teils von einem der gesunden Kalo- nisten, der den Leiter darin vertreten habe, wenn der mit den anderen Jungen seine Spaziergänge machen mutzte. Ein Knabe von vielleicht 13 Jahren sei es gelvesen, der Erkrankten kühlende Umschläge gemacht, ihnen Arznei gereicht, an ihnen die Tempe- ratur durch Einlegung des Thermometers festgestellt habe. Soll man derartiges für möglich und glaubhaft halten? In den Familien, die wir aussuchten, wurde es uns von den Ferienkolo- nisten übereinstimmend so gesagt. Auf eine Erklärung des Vereins für Ferienkolo- nie» warteten wir; aber zunächst ließ niemand etwas von sich hören. Erst sieben Tage nach Erscheinen des ersten Artikels über Ucbigau erfuhren wir, daß unsere Veröffentlichungen nicht un- beachtet geblieben waren. In der Familie eines der Ucbigauer Fericnkolonisten, den wir befragten, wurde uns mitgeteilt, daß soeben der Koloniclcitcr Lehrer Schmackpfeffer dagewesen sei und dem Jungen eingeschärft habe, dem Mann vom„Vor- wärts" die Wahrheit zu sagen, falls er komme..Herr Schmackpfeffer habe dann, wohl zu demselben Zweck, sich noch zu anderen Ferienkolonisten begeben, die in dem Stadtteil wohnen. Hat der Herr diesen Rundgang aus eigenem Antrieb unter- »ommen, oder hat er im Auftrag des Vereins für Ferienkolonien gehandelt? Daß die Jungen uns nichts anderes als die reine Wahrheit sagen dürfen, ist selbstverständlich, und wir selber schärfen ihnen das aufs dringendste ein. Die Wahrheit zu er- mittein, könnte der Vorstand des Vereins helfen, wenn er öffentlich eine genaue Darstellung des Sachver- Halts geben wollte. Bis zu dem Augenblick, wo wir diese Zeilen niederschreiben, ist noch keine diesbezügliche Aeuhcrung des Vereinsvorstandes zu unserer Kenntnis gelangt. Wir richten noch- mals an alle unsere Leser die Bitte um Mitteilung weiterer Adressen von Ferienkolonisten, die in Uebigau(zuletzt im«Wald- schlößchen Falkenberg") untergebracht waren. Liebestragöbie. Eine Liebestragödie hat gestern in früher Morgenstunde ml! dem gewaltsamen Tode zweier junger Menschen im Humboldthain einen blutigen Abschluß gefunden. Dort hat um 5 Uhr der 21 Jahre alte Maschinenbauer Bruno Gipp, der bei seinen Eltern in der Wattstr. 3 wohnte, seine Geliebte, die noch nicht ganz 18 Fahre alte aus Frcientvalde a. O. gebürtige Arbeiterin Frida Balke, die in der Vellern, annstr. 87 wohnte, und sich selbst erschossen. Bruno Gipp war als Dreher in einer Fabrik in der Admiralstratze be- schäftigt. Seit Donnerstag voriger Woche blieb er dort weg. Seinen Eltern sagte er nur. sie sollten ihn nicht wecken, et gehe nicht mehr zur Arbeit. Das Mädchen Frida Balke war seit Donnerstag aus der Wohnung des Stiefvaters, eines Arbeits- invaliden, verschwunden. Sie war mit dem Venerlen weggegangen, daß sie zum Nervenarzt gehen wolle. Wo sie sich seitdem auf- gehalten hat, weih man nicht. Die jungen Leute verkehrten seit 2zh Jahren miteinander. Die Eltern des Mädchens waren gegen dieses Verhältnis, weil ihre Tochter, die als Näherin in der Kaiser- Wilhlcm-Straße beschäftigt war, oft erst spät nach Hause kam. Gipp verließ Sonntagnachmittag um 4 Uhr seine Wohnung, nach- dem er seine Sonntagskleider angezogen hatte. Er hinterließ einen Zettel, auf dem nur stand:„Bekomme 150 M. Sterbegeld." DaS Kassenbuch lag bei dem Zettel. Wo sich das Paar die Nacht hindurch aufgehalten hat, ist noch nicht bekannt. Im patriotischen Rausch. Am Sonnabendabend feierte der Feldtvebel Gädtte von der 4. Kompagnie des Garde-SchützenbataillonS mit mehreren Unter- offizicren und Einjährigen und in Begleitung einiger Freundinnen den für Patrioten so wichtigen Sedantag in den Rheinischen Winzer- fiuben in der Leipziger Straße. Gädtke soll besonder« stark gezecht haben. Gegen'/«L Uhr nachts geriet G. mit mehreren Gästen in Streit. Ehe eS jedoch zu Tätlichkeiten kommen konnte, wurde der stark Angetninkene au« dem Lokal entfernt. Man schob ihn auf den Hof und schloß die Tür. Gädtke war nun sinnlos vor Wut, tobte auf dem Hof und wollte in das Lokal zurück. Da ging zufällig der in den Winzcrstuben angestellte Koch Wilhelm Brömme über den Hof. Als Gädtke ihn sah, zog er ein Dolchmesser und stürzte sich auf den harmlosen Menschen. Ehe dieser sich noch zur Wehr setzen konnte, stach der rasende Feldwebel auf ihn ein. Blutüberströmt sank der Getroffene zu Boden, Auf die Hilferufe des Gestochenen eilten Angestellte des Lokal herbei. Der Feldwebel wurde nun ent« waffnet und der Polizei übergeben. Inzwischen war Brömme nach der Unfallstation gebracht worden. Er hatte zwei tiefe Stiche in der Brust und einen in der linkm Bauchhälfte. Nach Anlegung von Verbänden wnrde der Schwerverletzte in die königliche Klinik in der Ziegelstraße gebracht. Ob sein Leben gefährdet ist, steht noch dahin. Familicntragödie in der Lychener Straße. Der s.yjnhrige Ar» berier und Harmonika fpiclcr Otto Leder versuchte aus Verzweiflung über seine traurige Lage sein sechsjähriges Töchtcrchen Anna zu er« schießen und verwundete sich dann selbst durch einen zweiten Schuß in den Kopf schwer. L. ist in der Nacht zum Sonntag in der Charitö seiner Verletzung erlegen, ohne das Bewußtsein wieder» erlangt zu haben. DaS Befinden deS Kindes ist noch bedenklich. Der Schuß hat ein Auge vollständig erblindet und auch das andere stark beschädigt. Leder war von Berns Musiker und hatte einst bessere Tage gesehen. Vor einigen Jahren wurde er aber nerven- krank, wozu im Laufe der Zeit«och häuslicher Unfrieden kam. Seine Frau trennte sich schließlich von ihm und strengte die EhescheidungS- klage an. Durch diesen Schritt verlor den Mann völlig den Halt. so daß er beschloß, mit seinem Töchterchen zusammen in den Tod zu gehen. De» Dieb im Finanzmiiiistennm glaubt die Kriminalpolizei in einem dreißigjährigen Manne namens Walter Döring ergriffen zu haben, der wiederholt in den Irrenanstalten Herzberge und Buch gewesen ist. Döring soll der Mann sein, der wiederholt in öffent- licheu Gebäuden, im Reichskanzlerpalais. Finanzministerium und Krankenhäusern aufgetreten ist und bei der Gelegenheit sich Wcrr gegenstände angeeignet hat. D. wurde dem Untersuchungsrichter zu geführt. Durch Absturz vom Dache tödlich verunglückt ist ani Sonnabend der Dachdecker Kurt Ring aus der Gubener Str. 27. Ring war au dem Uebernachtungsgebäude deS Rangierbahnhofes Wustennark mit Reparaturarbeitcn beschäftigt. Infolge eines Fehllrilts stürzte er aus einer Höhe von 10 Meter ab. Er wurde sterbend nach dem Kranken hause in Spandau gebracht. Der Tod trat aber schon unmittelbar nach der Einlieserung ein. Ein schwerer Betriebsunfall hat sich gestern nachmittag in der Wäscherei des Kaiserkellcrs zugetragen, die sich im fünften Stock des Hauses Taubenstr. 40 befindet. ÄlS dort in einer sogenannten Wafchtrommel Wäsche gekocht wurde, öffnete sich durch einen un- glücklichen Umstand beim Umdrehen der Trommel ein Verschluß und ein heißer Wasserstrahl wurde herausgeschleudert. Die heißen Wasser- müssen trafen die in der Nähe stehende» Wäscherinnen Anna Smoda aus der Bergstr. 79 und Wanda Kruschel, die im Kaiserkeller wohnt. Beide erlitten schwere Verletzungen im Rücken und an den Armen Sie wurden mit einem Krankenwagen des Verbandes für erste Hilfe nach der Charitü geschafft. Am schwersten verletzt ist Fräulein Smoda, die im 23. Lebensjahre steht. Ihre mitveruuglückte Kollegin ist vier Jahre älter. Verhaftung des Spandauer FraucnmSrberS. Der Spandauer Kriminalpolizei ist es in der Nacht zum Sonntag gelungen, den Mörder der vierzigjährigen Frau W u l s ch k e aus der Neuen- dorser Str. 43 in Spandau, die, wie berichtet, vor acht Tagen auf der Falkenhagener Chaussee von Radfahrern erschossen aufgefunden wurde, zu ermitteln und zu verhaften. Es handelt sich um'den achtzehnjährigen Schlosser Friedrich Schumann aus der Staa kener Str. 6 zu Spandau, der auch bereits ein Geständnis abgelegt hat. Nach seiner Behauptung hat er aber die Frau nicht mit Ab ficht, sondern aus Versehen erschossen. Er will Frau Wulschke aus der dunklen Chaussee getroffen haben, als er mit einer Brow ningpistole spielte. Durch einen ungeschickten Handgriff sei der Schuß dann losgegangen. Ob diese Angaben richtig sind, muß erst durch weitere polizeiliche Nachforschungen festgestellt werden Schumann wurde nach dem eingehenden Verhör'durch den Kriminalkommissar Marcus am Sonntag nach dem Amtsgerichts- gefängnis eingeliefert, von wo er dem Untersuchungsrichter vor- geführt werden soll. In seinem Besitz wurden noch über 59 Pa tronen gesunden. Die Pistole hat sich Schumann aus Thüringen schicken lassen. Mit>der Polizei ist er bisher noch nicht in Konflikt geraten. Seine Verhaftung erfolgte aus den sogenannten Spekte- wiesen, die etwa 1000 Meter von der Mordstelle entfernt liegen. Durch Kriminalpatrouillen war die dortige Gegend sortgesetzt be- obachtet worden. Am Sonnabendabend kurz nach 9 Uhr fiel wieder ein Schuß, und als die Beamten dem Schall nachgingen, fanden sie Schumann vor, der sofort nach Spandau geschafft wurde. Anfangs wollte er von dem Mord nichts wissen, später gestand er aber die Tat ein. Der Bock als Gärtner. Der Revolverkamvf zwischen Kriminal« beamten und Verbrechern, der sich aus dem Wedding abspielte, hat jetzt dazu geführt, daß auch der Wächter des Hauses Müllerstr. 72a, der 60 Jahre alte Atbrecht Schubring, verhoflet worden ist. Er war Verwalter des Hauses Greisenhagener Straße 14, in dem er wohnt, und zugleich Wächter der Grundbesitzergenossenschast. Er lernte die Mitglieder der„Weddingkolonne" vor einiger Zeil kennen und steht unter dem dringenden Verdacht, aus die Einbruchs- aelegenheit in der Müllerstraße aufmerksam gemacht und den Ver- blechern bei der Tat Vorschub geleistet zu haben. Die Rache der Verschmähten. Eine ausregende Szene spielte sich gestern vormiltag bald nach 9 Uhr im Hause Barnimstr. 29 ab. Dort verübte ein etwa 23 Jahre altes Mädchen, angeblich ein Dienst- mädchen Agnes Weißkopf aus Leipzig, ein Salzsäure-Attentat auf den Schlächtergeicllen Franz Spagner. Eisersucht und verschmähte Liebe sollen das Motiv sein. Ei» mutmasslicher Kindcsmord beschäftigt wieder die Kriminal- Polizei. An dem Grundstück Atl-Stratau Nr. 1/2 wurde Sonntag abend a»S der Spree die Leiche eines neugeborenen Knaben ge- landet, der nach ärztlichem Gutachten gelebt hat und lebensfähig war. Aeußere Verletzungen waren an der kleinen Leiche nicht fichlbar. Nachforschungen nach der Mutter wurden sofort eingeleitet. Der Kollcktcnschwindler mit den, Eisbeinessen, der angeblich für den Bau eineS kaiholischen Waisenhauses sammelte und bei den Gastwirten Eisbeinessen bestellte, ist gestern in Rixdors verhaftet worden. Es ist ein 43 Jahre alter ivohnungsloser Agent Bruno Konistzny. der schon viele Jahre im Zuchthaus gesessen hat. Er halte vor 16 Jahren in Rixdors eine gute Stellung, gründete da- mal« einen Volksunterhaltuugsverein, der emen großen Aufschwung nahm, beging dann aber Urkundenfälschungen und lebte seitdem nur vom Schwindel, längere Zeit auch als Heiratsschwindler in Süd- deutschland. Ein Rixdorser Gastwirt, der die Warnung gelesen hatte, ließ ihn gestern festnehmen. Zu dem Explosioiisiuiglück in der Siralaucr Straße ersucht uns der Portier des Hauses, mitzuteilen, daß er mit dem Gasometer von Reichmann nichts zu tun gehabt habe. Ztligcngcsuch. Am Sonnabend, den 22. Juli, abends gegen 10'/, Uhr. wurde in der I a b n st r a ß e der Uiilcrzeichnete von zwei Schutzlei, te» verhaftet. Die Art. wie dieie Berhasluilg und die Ab- sühruiig erfolgte, lockte eine Anzahl Zuschauer herbei. Der Ver« haftete bat die Umsteheilden, ihre Adresse bei der„Vorwärls�- Redaktion zu hinterlegen. Da da? bis jetzl nich, geschehen ist. werden Zeugen des Vorganges gebeten, sich bei N. Vehr, Krausnick- straße 11 Iii, zu melden. Radrenneu im Olympia-Park, 3. September. Das reichhaltige Programm des TageS brachte sowohl Flieger- wie Daumenire» mit erstklassiger Besetzung. Der Große Flieger-PreiS über 1200 Meter(1000, 500, 400, 250 M. ergab im Eudlauf, der von den Ersten der fünf Vorläuft bestrilten wurde, den Sieg von Waller Rütt vor O. Meyer, Schllrinann, H. Mayer, die dicht geschloffen das Ziel passierten, während W. Arend weit als Letzter endete. Der Große Sommer-PreiS über 50 Kilometer(2000, 1800, 1500, 1200, 1000 M.) vereinigte neu» Fahrer, und zwar Temte, Dickentmann, Galvin, Graf, Janke. Linart, Miguel, Ryser und Walthonr. die zunächst zwei Vorläuse bestritten, von denen je die beiden Ersten und der schnellste Dritte sich in einem Eiidlauf trafen. 1. Vor- lauf(50 Kilometer): 1. Janke 44 Min. 52/5 Sek., 2. Linart, 650 Meter 3. Galuiu. 3640 Meter. 4. Ryser, 4410 Meter, 5. Graf. weit zurück. Das Reniieii lag nur zwischen Janke, der von Anfang bis zum Schluß an erster Stelle marschierte, und Linart, der beim 40. Kilometer nur 270 Meter hinter Janke lag und erst zum Schluß die erste Runde verlor; die anderen blieben gleich anfangs zurück.— 2. Vorlauf: 1. W a l t h o u r in 39 Min. 59'/, Set.: 2. Miguel. 820 Meter: 8. Demke, weit zurück. Dickentmann ivar auf der Bahn, fuhr aber nicht mit. Demke wurde schon in den ersien 10 Kilo- meiern überholt: nach dem 30 Kilometer, wo er 2930 Meter zurück war. mußte er das Rad wechseln, vermochte sich auch danu nicht zur Geltung zu bringen.— Der End l a u f über 50 Kilometer brachte einen spannenden Kampf zwischen Walch our und Janke. Der Amerikaner ging alt erster int Rennen vor Janke, Galvin. Miguel und Linart. Erst vor dem 40. Kilometer konnte Walchour seinen Widersacher überholen, der bei 40 Kilometer mit 480 Meter im Rückstand war. dann aber zum Schluß so gut fuhr, daß er Wallhour wieder erreichen, zu passiren und von seinem Rückstand über eine halbe Runde aufzuholen vermochte. Walthonr beendete die 50 Kilometer in 40 Minuten 5 Sekunden vor Janke(190 Meter), Miguel(1260 Meter), Linart(3310 Meter) und Galvin(3580 Meter zurück). Walthour fuhr eine Ehrenrunde, an der auch Janke teil' nahm.— SeptemberHandicap. 600 Meter. 80, 50, 30, 20 M. Endlauf: 1. S ch m i t t ch e n(25 Meter Vorgabe), 2. Fr. Stellbrink(25), 3. Fr. Hoffmann(20), 4. Lorenz(10). In drei Vor� läufeil 40 Fahrer.— Tan de in fahren. 2400 Meter. 300, 250, 200, 150 M. 1. H. Mayer- Lorenz. 2. Rütt- O. Meyer. 3. Nowack- Münzner, 4. Fr. Hoffinann-Stellbrink.— Die Rennen endeten ohne Unfall bei hereinbrechender Dunkelheit gegen 7'/, Uhr bei gutem Besuch. Nebcr Bord gestürzt und ertrunke». Von einem traurigen Gs schick ist der 47 Jahre alte Schiffer Wilhelm Scholtz betroffen worden. Sch., der sich auf der Fahrt nach Berlin befand, wurde, als der Lastkahn die Oberspree entlang fuhr, in dem Augenblick, als er am Steuer stand, plötzlich von einem Ohnmachtsonfall heimgesucht. Er stürzte rücklings zu Boden, fiel über Bord und verschwand in den Fluten. Obwohl der Vorgang beobachtet worden war und sofort Rettungsversuche unternommen wurden, sollte es nicht ge- lingen, den Verunglückten zu bergen. Der Ertrunkene hinterlaßt eine zahlreiche Familie. Die Dachstiihlbräiide werden in Berlin und den Vororten zu einer großen Kalamität. Am Sonntag wurden solche Brände aus der Naunynstr. 23, Blumenthalstr. 2 und vom Görlitzer Ufer 5 ge- meldet. Gestern früh um 9 Uhr stand der Dachstuhl des Hauses Reinickendorfer Straße 19 in großer Ausdehnung in Flammen. Die Züge 21 und 23 mußten längere Zeil Wasier geben, um den Brand an weiterer Ausdehnung zu verhindern. Die Ursache dieser Brände konnte mit Sicherheit nicht festgestellt werden, weil sie bei ihrer Entdeckung schon so weit vorgeschritten waren. daß die Entstehung schwer festzustellen war. Gleichzeitig mußte gestern früh ein großer Kellerbrand in der Büsching- straße 20 gelöscht werden. Dort brannlen Polstermaterialien, Holz, HauSgerät und anderes unter großer Oualmcntwickclung. Der Rauch wollte nicht abziehen, er hüllte das ganze Grundstück ein. Um an den Brandherd zu gelangen und Wasser mit Erfolg geben zu können, mußten drei Rohrführer Rauchschutzapparate anlegen. Ferner hatte die Feuerwehr in der Straßburger Straße 38 zu tun, wo ebenfalls der Dachstuhl gestern früh in Brand geraten war. Als die Feuerwehr erschien, war der Boden bereit» vollständig ver- qualmt: so daß der Angriff sehr erschwert war und über mechanische Leitern vorgegangen werden mußte. Neben diesen und den schon gemeldeten größeren Bränden kamen noch über 20 kleinere zum Ausbruch._ Vorort- JVacbncbten. Gchöneberg. Die Stadtverordnetenversammlung lehnte in ihrer gestrigen Sitzung den Antrag, die Errichtung eines Kolonialkricgerdenkmals an einen Ausschuß zu überweisen, mit 17 gegen 17 Stimmen ab. Die Magistratsvorlage wurde hierauf mit 18 gegen 13 Stimmen ebenfalls abgelehnt. Lichtenberg. Ein erschütterndes Drama hat sich in der Nacht vom Sonnabend zu Sonntag in dem Hause Scheffelftr. 2 abgespielt. Dort wohnte cit längerer Zeit die 32jährige Witwe Mnrie GlaS mit ihrem achtjährigen Sohn. Die Frau, deren Gatte Gerichtsbeamter gewesen, hing mit abgöttischer Liebe an ihrem einzigen Kinde. Frau GlaS kränkelte seit etwa einem halben Jahr und befand sich in der Be- Handlung eines Arztes. Wiewohl dieser seiner Patientin wiederholt versicherle, daß das Leiden in absehbarer Zeit behoben werden würde, bildete sich die G. ein. daß sie nicht mehr lange zu leben haben werde. Ihre größte Sorge war dann immer bei solchen Ge- prächen, was dann wohl aus ihrem armen Kinde werden würde. Am Sonntagvormittog bemerkten Hausbewohner, daß aus der Wohnung der Witwe ein intensiver Gasgeruch hervor- drang und da auf wiederholtes Klopfen an der Tür die Witwe nicht öffnete, so schickie der Hausverwalter zu einem in der Nähe wohnenden Schlosser, der die Tür erbrach. Im Schlafzimmer fand nun die inzwischen hinzugerufene Polizei Fran Glas und deren Sohn Horst in ihren Betten leise röchelnd liegen. Die GaShähne waren geöffnet und beide Personen infolge deS ausströmenden Leuchtstoffes bewußtlos. Es wurden nun sofort Mannschaften der euerwehr mit einem Sauerstoffapparat requiriert und ebenso die erzte der Rettungswache. Nach etwa einliündigem Bemühen ge- lang es Frau Ä. wieder ins Leben zurückzurufen, während der 'chwcrleidende Knabe beivußtlos blieb. Beide Personen wurden mittels Krankenwagens nach der Cbarilö gebracht. Tort ist der Knabe im Laufe des TageS gestorben, während die Mutter, die als Poli�eigefangeue eingeliefert wurde, am Leben erhalten werden wird. Wegen cineS gewaltigen TachstuhlbrandcS wurde aintffoniitag» abend um 9 Uhr die Lichleuberger Feuerwehr nach der Blumenthal- straße 2 an der Frankfurter Allee alarmiert. Als die Wehr an der Brandstelle eintraf, war diese total verqualmt. Um an den Brand- Herd zu gelangen und diese» festzustellen, muhte erst gründlich Luft gemacht werden. DaS Dach wurde an mehreren Stellen eingeschlagen und dann, als die Flammen mächtig emporloderten, kräftig Wasser gegeben. Die Bliunenthalstraße war vollständig in Oualm eingehüllt. Dte Hausbewohner, von Schrecken erfüllt, brachten sich und die Kinder in Sicherheit. Die Feuerwehr ging von mehreren Seiten unter Benutzung einer mechanischen Leiter wacker vor und eS gelang dann auch die Flammen auf den Dachstuhl deS BorderhauicS zu beschränken. Die Emstehung konnte an dem Abend nicht mehr er- mittelt werden. Akkordarbeit ist Mordarbelt, aber auch Schundorieit! Die Fundamente unserer öffentlichen Gebäude scheinen bei den Unter- nehmern. soweit diese mit der Stadt Geschäfte machen, im gcwiffen Sinne als AuöglcichSobjckte angesehen zu werden, sintemalen in den meisten Fällen die im Wege deS SubnssssionSvcrfahrenS zu ver- gebende» Aibeiten an den Miiidcstfordenidcn vergeben werden. Beim Turnhalleubau in der Möllendorfstraße wurden bekanntlich die Fundamente mit zufällig nebe» der Baustelle liegenden, der Gemeinde gehörigen Pflastersteinen verstärkt! Natürlich ohne Wissen und Willen deS Unternehmers I Tie bösen Arbeiter! Der Unter- nehmer wurde später— Stadtverordneterl Nun wurde endlich der Kraukenhausbau begonnen. Sicherlich, um die Sünden derer, die solange den Bau verzögert haben, etwas wieder gut zu machen, will die Firma Held u. Francke den Bau beschleunigen und läßt daher die Fundamente durch Akordmaurcr ausführen. Die Akvrdmnurer wollen nalürlich verdienen, selbst auf die Gefahr hin, daß alle Regeln der Baukunst in den Wind geschlagen werden. Und wenn die Gesellen 90 Mark die Woche hcrausschinde». dann soll auch die Firma Held u. Francke nicht leer ausgehen. Jetzt hat der Sladtbaurat der Akkordmauerei ein vorzeitiges Ende bereiten müssen. Ein Aufstemmen der bis« herigen Arbeit zeigte eine so nichiswürdig liederliche Ausführung. daß die ganze Gesellschaft vom Bau gejagt werden müßte und die Baukommission demnächst die Regreßansprüche an die Firma ftipnlicrcn muß! Wilmersdorf-Haleusee. Uebcr den Jenaer Parteitag referierte in der letzten Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins Genosse Härder. Die darauf folgende Diskussion ergab über die ReichsversichemngSordnung einige Meinungsverschiedenheiten mit dem Referenten. Genosse Haubold ersuchte die Mitglieder, die Wählerlisten, welche vom 1. bis 15. Sep- tember ausliegen, einzusehen, damit auch jedem sein Wahlrecht ge- sichert sei. Genosse Engelhardt gab bekannt, daß die 68. Verkaufs- stelle der Konsumgenossenschaft in der Augustastr. 3 eröffnet ist und ermahnte die Mitglieder, ihren Bedarf nur dort zu decken. Genosse Grüssow hat im 1. Bezirk seinen Posten als Bezirksführer nieder- gelegt, an besten Stelle hat Genosse Lebenhagen den Posten pro- visorisch übernommen. In die Kinderschutzkommission wurde als Ersatz für die aus Wilmersdorf verzogene Genossin Tolle die Genossin Frau Bahr, Pfalzburger Str. 73, gewählt. Nixdorf. Zu dem Betriebsunfall am Freitag abend im Dampffägewerk von Köppe. Canner Chauffee. teilt u»S die Firma mit, daß die Schutzvorrichtungen den polizeilichen Vorschriften der BerufSgenosien- schast entsprochen haben, als sich der tödliche Unfall ereignete. Polizei und Gewerbeinipektion hätten den Verrieb nach dem Unfall besichrigt und die Schutzvorrichtungen im vorschriftsmäßigen Zustande befunden. Steglitz. lieber die kriegerischen Tendenzen des KapitalisrimS hielt Genosse Düwell in der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins einen interessanten und zeitgemäßen Vortrag, der die volle Auf- »rerlsamkeit der Versammelten fand. Bei der hierauf folgenden Berichterstattung der Lokalkommission kam zum Ausdruck, daß der Boykott gegen den AlbrechtShof mit allem Nachdruck geführt werden müsse. Der Schloßpark dagegen sei für den persönlichen Verkehr freigegeben, da der Ookonom desselben seinen Saal keiner politischen Partei zur Verfügung stellen will. In die Kinderschutzkommission wurden die Genossinnen Flater, Arnold, Lange und Ziedcmann ge- wählt. Bei der kürzlich stattgefundenen Agitation wurden für den „Vorwärts" 8 4 Abonnenten gewonnen; für den Wahlverein 34 Mitglieder. Der Bericht über die Kreis- und Verbandsgeneral- Versammlung wurde der vorgeschrittenen Zeit wegen von der TageS- Ordnung abgesetzt. Der Vorsitzende Genosse Pieck machte noch auf das Programm deS Bildungsausschusses aufmerksam. DaS Thema des ersten Vortrages am 5. September lautet:»500 Jahre Hohen« ollern-Dynastie". Grosse Anstrengungen verursachten der hiesigen Feuerivehr am gestrigen Montag drei gefährliche Dachstuhlbrände. Der erste Brand kam gestern früh in der Mommsenstraße zum Ausbruch.— Einer gefährlichen Situation sah sich die Wehr gegenüber, als gestern abend >/z7 Uhr in der Albrechtstraße 14a Feuer ausbrach und eine halbe Smnde später, noch ehe der Brand gelöscht war, in der Alsenstr. 16 der Dachftuhl in Flammen stand. In der Albrechlstraße drohte der Giebel auf die Straße zu stürzen. Die hiesige Feuerwehr erhielt in dieser schweren Lage Verstärkung durch die Lankwitzer und Friedenauer Webren. In allen Fällen wird Brandstiftung vermutet. Pankow. Ein großer Dachstuhlbrmid kam gestern nachmittag In der Kaiser« Friedrich-Slraße 53 zum Ausbruch. Da? Feuer wütete im Dach« geschvß des Vorderhauses und gewann schnell an Ausdehnung, sodaß von Straßenpassanten auch die Berliner Feuerwehr alariniert wurde. Der daraufhin anrückende Berliner Löichzug trat aber nicht in Tätigkeit, da die Pankower Feuerwehr schon einen umfassenden Löschangriff mit drei Rohren ausführte. Von dem Dachstkihl war nur wenig zn retten. Die Ursache des Feuers ist nicht ermittelt. Nieder» Schönhausea. In der letzten Gemeindevertretersitzung wurde zunächst Ge- meindevertreter Thormann in sein Amt als Schöffe eingeführt. Alsdann wurde mitgereilt, daß das Jahr 1910 einen Ueberschuß von 31307,76 M. gebracht habe: diese Summe soll dem AusgleichsondS zugefiil>rt werden. Gemeindevertretrr Becker(Vertreter der Be» amten) stellte die Anfrage, ob er auf sein zweimaliges Schreiben an den Gemeindevorstand, bezüglich der Vorgänge vom 14. Juli dieses Jahres, eine Antwort erwarten darf. In der Sitzung vom 14. Juli stand bekanntlich unter anderem auch ein Gesuch der Lehr« Personen um Abänderung der Besoldungsordnung auf der TageS- ordnung. In der Diskusston trat Herr Becker energisch für die Lehrerschaft ein. Da der Etat in diesem Jahre nicht noch mit größeren Mehrausgaben belastet werden konnte, wurde das Gesuch gegen die Stimme des Herrn Becker abgelehnt. Ter Bürgermeister hielt Herrn Becker damals entgegen, daß es ja leicht sei, zu allem ..Jal" zu sagen, man dürfe die Angelegenheit aber nicht nur als Vertreter der Beamten beurteilen, sondern auch als Gemeinde- Vertreter. Dadurch fühlte sich Herr Becker beleidigt und blieb mch- reren Sitzungen fern. In zwei Schreiben ersuchte er den Ge- mcindcvorstand, daß die ihm nach seiner Ansicht zugefügte Beleidi» gung vom Bürgermeister zurückgenommen werde, was jedoch nicht gesckmh. Auf seine mündliche Anfrage ließ ibm nun der Ge- meindevorstand durch den Bürgermeister mitteilen, daß der Ge- meindevorstand beschlossen habe� die Angelegenheit zu den Akten zu legen. Damit dürfte der Fall Becker erledigt sein, der unter den Beamten eine große Aufregung verursacht hatte. Zur Teil- nähme von Lehrern an einem AnSbildungsftirsus für Jugend- pflege wurden von der Schuldcputation lOO M. gefordert. Genosse B r e i t m a n n protestierte gegen die Bewillmung dieser Summ-, jedoch wurden die 100 Mi mit schwacher Mcyrheit bewilligt. Die Kaiscnbcamten haben den Wunsch ausgesprochen, ihnen die Hebe- gebühren von 65 M. für die zwangsweise Einziehung der Kirchen- steuer zu überweisen. Bon den einzelnen Rednern wurde ge- wünscht, die Kirchensteuern mit den Gemeindesteuern zu erheben. Ganz richtig führte Bürgermeister Abraham ans, daß eS nicht vorteilbaft für eine Gemeinde sei, kirchlicke und kommunalpolitische Interessen miteinander zu verquicken. Die Angelegenheit wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Ein Redner betonte noch, daß gerade die Vollziehnngsbcamtcn von der Verteilung ausgeschlossen worden seien, denen bei der Einziehung der Steuern mitunter wenig sckimeichelhafte Redensarten an den Kopf geworfen.würden. Die Wahl eines Mitgliedes zur Schuldeputation, zum Kuratorium der höheren Schulen, sowie zur Armendeputation an Stelle deS zum Schöffen gewählten Vertreters Thormann wurde in die nicht- öffentliche Sitzung verlegt. Ans welchem Grunde dies geschah, teilte der Bürgermeister gar nicht mit. Tie Anleihe von 410 000 iOSark ist vom KrciSauSschnß genehmigt worden. Eine längere Debatte zeitigte die Bewilligung der Kosten zur teilweisen Um- arbcitnng deS BebaunngSplancS. Das Ministerium hatte mit- geteilt, daß der BcbauungSp'an den modernen Anforderungen in bezug auf Verkehr und Gesundheit der Einwohner nicht mehr genüge und einer Umarbeitung bedürfe. Diese Abänderung kann sich jedoch nur auf die Teile des OrteS beziehen, die noch nicht bebaut sind. Nach längerer Debatte wurde eine Kommission ge- bildet, die sich eingehend damit beschäftigen soll.— Wie der Ge- meindevertreter A. Inihlmann nunmehr zu dem in die nichtöffent- liche Sitzung verschobenen Punkt 7 der Tagesordnung mitteilte. hat ihn der Vorsitzende der Bcamtcnvcreinigung und Gemeinde» Vertreter Herr Becker, nachdem er in das Kuratorium für die höheren Schulen gewählt worden war, bei dem Provinzial-Schul» kollcgium als dieses Postens unwürdig denunziert unter Einsen» dnng von AuSsck'nittcn aus den„Niederschönhauscncr Nachrichten". Er, K., bemerke, daß kurze Zeit vorher Herr Becker in seiner Wohnung von chm echt kollegialisch empfangen und aufgenommen worden sei. Er halte es für seine Pflicht, die Auf. merksamkeit der Gcmcindcvcrtreter auf diesen neuen Zweig kol- lcgialischer Tätigkeit hinzulenken und auch diese Tatsachen hiermit der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Es folgte eine längere nicht» öffentliche Sitzung, die bis 10 Uhr abends dauerte. Kerantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwart» Kansmännilche Kranken, und Sterbekaffe von 1885.(«• 0.71.) Heule abend 9 Uhr tm Restaurant Jüdenslr. 18/19- Sitzung.__ Buchdruckerei u. Vt ctagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW,