Ur. 214. HbonnementS'Redlngungen: >ionncmenls, Preis pränumerando; Lierteljährl. 3£0 üJif., monofl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg, frei ms Haus, Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- »unimer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt» 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post, Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnemeMS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Nuuiänicn, Schweden und die Schweiz, vlchilil laglich außer montags. 28. Jahrg. Die Tnlerflcns-Gebfllff Crttagl für die sechsgespaltene Kolonel« geile oder deren Raum 00 Psg„ für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Bersammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Ulelne Hnreigen", das settgcdruckle Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgcdruchte Worte), jedes weitere Wort>0 Pfg. Stellengesuche und Schlasstellenaii- Verltnev Vollio»blQlk. Zentvalorgxn der lozialdcmokratl fchen parte» Deutfcblande. -eigen das erste Wort l0 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über löPuch- staden zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedittou ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Delegramm- woteffet .Sozialdemokrat RerllB". Die Nelken. AuS Draunschweig wird uns geschrieben!: Auch in der sozialdemokratischen Partei herrschen diel- fach ganz falsche Ansichten über die welfische Partei, sofern man dieser kleinen Gruppe überhaupt Beachtung schenkt. Man sieht in den Welsen ein Häuslein altmodischer Eigenbrödler, die sich immer noch nicht mit der Annektierung Hannovers durch Preußen und der damit im engsten Zusammenhang stehenden Fernhaltung des Cumberländers, des legitimen Thronerben von Hannover und Braunschweig, vom braun- schweigischen Herzogsthrone abgefunden haben. Man hält sie für ehrliche Monarchisten, die in dem Wahne leben, daß Recht vor Macht gehen müsse, für Leute, die mit den idealen Trieb- federn ihrer politischen Haltung gewissermaßen! im Gegen- fatze zur materialistischen Geschichtsauffassung stehen und als Ausnahme nur die Regel bestätigen. Man tut damit den Welsen unrecht oder man schätzt sie vielmehr viel zu hoch ein. Die welfische Partei/ die wieder, so klein sie ist, in ver- schiedene Seilengruppen zerfällt, steht auf einer durchaus materialistischen Grundlage, sie ist nicht, wie sie sich nennt, eine Rellftspartei, sondern eine Machtpartei. Sie gehört zu den reaktionären Parteigebilden«, die der Bund der Landwirte ihrer Eigenbrödelei entkleidet und sich vollständig dienstbar gemacht hat. Sie dient unter dem welfiifchen Deckmantel großagrarischen Interessen. Ter welfische Gedanke wird in der welfischen Partei von deren Führern nicht deshalb auf- rechterhallen, weil sie noch an eine Wiederherstellung des Königreichs Hannover oder an eine Besetzung des braun- schweigischen Thrones mit dem Herzog von Cumberland glauben, sondern weil sich mit der Welfenflagge eine große Masse von Reichstagswählern für den Bund der Landwirte einiangen läßt, die sich eigentlich durch die Ziele und die Tätigkeit dieses Bundes, der ihre wirtschaftlichen Interessen 'schwer schädigt, abgestoßen fühlen müßten. Wie die Agrarier in Altpreußen die politisch indifferente Masse mit der natio» nalen Sammclparole einfanden', so fangen sie sie in dem preußcnfeindlichen Hannover und Braunschweig mit der wel- fischen Parole ein. Es ist deshalb ein schlauer Schachzug Tiederich Hahns, daß er in Hannooer soweit wie möglich von den Nationalliberalen abrückt, sie nach allen Regeln dema- gogi scher Kunst schlecht macht und ihre Vernichtung in Aus- ficht stellt: er gewinnt dadurch die welfisch denkenden Hau- noveraner. die in den Nationalliberaleni ihren größten Feind erblicken, für den Bund der Landwirte und die großagrarvschc Zollpolitik. Damit hofft er, nicht mit Unrecht, bei den nächsten Reichstagswahlen glänzende Geschäfte zü machen. Derselbe Bund der Landwirte, der in Altpreußen eins ist mit den stockborussischen Konservativenz stellt sich in Hannover und Braunschweig welfisch und glaubt dadurch auch bei den städtischen und industriellen Wählern die vom schwarz-blauen Block gemachte Reichsfinanzreform in den Hintergrund treten lassen zu können und selbst die einzufangcn, die durch die Folgen! der Reichsfinanzreform in tiefe Erbitterung versetzt worden sind. Tie gleiche Taktik befolgen die braunschwei- gischen Welsen. Das zeigte der Parteitag der braunschweigischcn Landes- Rechtspartei, der am Sonntag in Schöppenstedt stattfand. Diese Partei faßt die Mehrzahl der braunschweigifchep Welsen zusammen, deren Minderheit durch eine ausgesprochen kon- servativ-agrarische Gruppe vertreten! wird. Diese Landes- Rechtspartei erklärt, sich in wirtschaftliche Fragen nicht ein- zumischen, hier ihren Mitgliedern vielmehr völlig freie Hand zu lassen. Der einigende Gesichtspunkt soll nur die welfische Gesinnung sein, die Treue zum verbannten Herzogshause, der Wunsch, den Cumberländer auf dem braunschweigischen Herzogsthrone zu sehen. Da unter dem letzten Welsen- Herzoge in Braunschweig ein verhältnismäßig liberales Regi- ment geführt wurde, dem unter dem Prinzregenten Albrecht von Preußen ein von schwärzestem Muckergeiste durchträuktcs reaktionäres Borussenregiment folgte, das auch unter dem Mecklenburger andauerte, ist die Erinnerung an die bessere Welfenzeit nicht erloschen. Es finden sich deshalb in allen Klassen, selbst in der unaufgeklärten Arbeiterschaft noch zahl- reiche Welsen, die von der Rückkehr des Cumberländers bessere Zeiten, erhoffen, Tie Landes-Rechtspartei stützt sich also aus alle Klassen. Vornehmlich hat sie im Handwerker- stände und bei den Kleinbauern Anhänger. Es ist klar, daß dem Bunde der Landwirte eine solche Partei, als Zu- bringerin von Wählermassen, die sein eigenes Programm nicht bestechen kann, nur willkommen sein muß. Aber die Welsen dürfen sich auch wiederum nicht offen zu der groß- agrarischen Politik bekennen, weil sie sonst einem großenTeil ihrer Partei vor den Kopf stoßen würden. Der nominelle Führer der braunschweigischen Landes- Rechtspafwi ist der Graf von der Schulenburg-Hehlen, der voraussichtliche braunschweigische Staatsminister nach der Rückkehr des Cumlberländers. Graf Schulenburg ist ein ehr- licher Polterer, der nur seinem..gnädigen Herrn" in C münden dienen will. Ter dynastische Gedanke ist für ihn allein maßgeberd. Sonst ist er, trotz des feudalen Grafen- titcls, ein verhältnismäßig freidenkender Mann und ein Feind der konservativen Reichspolitik. Der wirkliche Führer §er Partei ist jedoch der Rechtsanwalt und Notar Tedekind in Draunschweig. der dem alten Polterer zwar freie Hand läßt, um auch freiheitlich denkende Kreise an die Partei zu fesseln, aber in geschickter und vorsichtiger Weise die ganze Partei dem Bunde der Landwirte zuführt. Der„Volksfreund" hat das alles den Welsen schon wieder- holt auf den Kopf zugesagt. Jetzt hat es der Schöppenstedter Parteitag bestätigt. Auf diosem Parteitage hielt Graf Schulenburg ein Referat über die allgemeine politische Lage. Der alte Herr schwieg sich wohlweislich über die Reichsfinanz- reform aus, obwohl er früher die agrarische Zollpolitik, das indirekte Steuersystem, die Geldverschwendung für Militär, Flotte und Kolonien kräftig verurteilt hatte. Er nahm sich diesmal nur die Marokkofrage vor, wobei es allerdings recht interessant war, von einem feudalen Grafen eine Rede gegen die Kriegshetzer zu hören, die selbst bei der Friedensdemon- stration im Treptower Park Beifall gefunden hätte. Nach Schulenburg referierte ein Dachdeckermeister über das braun- schweigische Landtagswahlrecht. Auch ein Sozialdemokrat hätte das Dreiklassenwahlsystem und den Wechselbalg der an ihm festhaltenden geplanten. Wahlrefonn nicht gründlicher zerpflücken können. Ter Dachdeckermeister, der sich mit Stolz gern als freien Mann bezeichnet, war rot wie ein gekochter Krebs. Das waren die radikalen Vorläufer, die bei der frei» denkenden Bevölkerung Stimmung für die Welsen machen. Nun trat jedoch der agrarische Mephistopheles auf die Bühne. Rechtsanwalt Tedekind brachte das Kunststück fertig, aus den Referaten seiner Vorredner die verblüffende Folgerung zu ziehen, daß man die welfische Sache nicht besser fördern könne, als wenn man bei den nächsten Reichstagswahlen mit dem schwarz-blauen Block gehe! Die intimsten Feinde der Welsen seien die Nationalliberalen. Die Reichsfinanz- reform habe diese von den rechtsstehenden« Parteien getrennt. Seine intimsten Feinde suche man selbswerständlich zu ver- nichten. also müßten sich die Welsen den rechtsstehenden Par- teien anschließen. Wirtschaftliche Fragen kämen' nicht in Bc- tracht, da sie nicht im Programm der Landes-Rechtspartei stünden. Es wäre allerdings für Herrn Tedekind auch sehr gefährlich gewesen, sich heute auf dje Reichsfinanzreform ein- zulassen, än der Graf Sckmlenburg früher kein gutes Haar ge- lasfpn hatte: die aber doch von denselben rechtsstehenden Par- teienl angenommen worden ist, denen jetzt die Welsen Gefolg- schaft leisten wollen. Ter Parteitag hatte gegen diese ungeheuerliche Zu- mutung nichts einzuwenden, obwohl die Delegierten zum größten Teil kleine Leute waren, die an der agrarischen Zoll- Politik schwer zu tragen haben. Sie ließen sich willig durch die Verherrlichung der„Mittelstandsfreundlichkeit" des schwarz-blauen! Blockes Brei um den Mund schmieren. Ter Anschluß der Welsen an den Bund der Landwirte ist im 2. braunschweigisckfen Reichstagswahlkreise schon perfekt. Dort haben dieAntisemiten, dieChristlichsozialen. derVund der Landwirte, der Schutzverband für Handel und Gewerbe, unter welchem Namen jetzt in Braunschweig der Reichsverband segelt, und die Welsen den welfWen Konservativen v. Damm aufgestellt, der im gegenwärtige)> Reichstage als Vertreter des dritten braunschweigischen Wahlkreises der„Wirtschaftlichen Vereinigung" angehört und die ganze Finanzreform des schwarz-blauen Blockes mitgemacht hat. Im ersten und dritten Wahlkreise sind die welfischen Kandidaten noch nicht nominiert, doch dürften ähnliche Kom- binationcn zu erwarten sein. Wähverd man also im Reiche mit der nationalen Phrase die politisch indifferente Masse ein- zufangen sucht, geht im Herzogtum Braunschweig und vor- aussichtlich auch in Hannover der Bund der Landwirte mit der reichsfeindlichen welfischen Parole krebsen. Und der Reichsverband geht mit ihm. Man sollte nun glauben, daß eine Wahlparole, die nur auf den welfischen Haß gegen die Nationalliberaleni aufgebaut ist, eine gegenseitige Stichwahlhilse zwischen Welsen und Kon- servativen unmöglich machen müßte. Dem ist jedoch nicht so. Tedekind strich, nachdem er kaum die Nationalliberalen die intimsten Feinde der Welsen genannt und ihre Bekämpfung als vornehmste Aufgabe der nächsten Ncichstagswahl hin- gestellt hat, den! Nationalliberalen gleich wieder den Bart, indem er meinte, es gäbe in Braunschweig auch anständige Nationalliberale, mit denen man zur Not verhandeln könnte. Das heißt, wenn ein Welse mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommt, will man seine intimsten Feinde zu Hilfe rufen, und wenn der intimste Feind mit dem Sozialdemokraten in Stichwahl kommt, wird der ehrliche Welfe seinem intimsten Feinde unter die Anne greifen. Man sieht, die politische Korruption kann anderswo kaum schlimmer sein als unter den Welten,, die man hier und da immer noch für monarchische Idealisten hält, die aber nur die Landsknechte des Bundes der Landwirte sind, dem ihre Führer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen das Stimmvieh zu- führen._ Die lilarokltoaffäre. Der angekündigte Mini st errat hat am DtenStag nachmittag stattgefunden. Es wurde über die Antwort Frank- reichs auf Deutschlands Vorschläge beraten. Die endgültige Festsetzung des Textes wird aber erst in einem ztveitcu Minister- rat. der Ende der Woche abgehalten werden soll, statt- finden. Die französische Presse hält trotz der deutschen offiziösen Gegenbehauptungen an der Ansicht fest, Deutschland Expedition: SM. SS» I-indenstrssse S9. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» fordere in Marokko Sondervorrechte und Privilegien. Die französische Antwort werde in dieser Frage keine Nachgiebig- keit zeigen können, im übrigen aber versöhnlich lauten. Verzeichnen wollen wir noch eine Meldung der New Uorker „Financial News", die von einem einflußreichen Direktor einer Berliner Großbank die Mitteilung erhalten haben will, daß Wilhelm IL lieber den Staatssekretär v. Kiderlen- Waechter aus dem Amte scheiden lassen wolle, als Deutsch- land in einen Krieg mit Frankreich verwickeln zu lassen. Die Meldung enthält zwar nur etwas, was selb st ver st änd- lich sein sollte, wird aber schon deshalb dementiert werden, um Wilhelm II. nicht wieder dem Vorwurf der„Vaterlands- losigkeit", den die alldeutschen Narren sofort erheben würden, auszusetzen. Ein Dementi. Das von einem hiesigen Abendblatt verzeichnete Gerücht über die Ablösung des Kreuzers. Berlin" vor Agadir durch ein Kriegsschiff einer neutralen Macht ist nach Er- kundigungen von Wolfis Telegraphischem Bureau nicht b e- gründet. Schädel Eine solche Maßregel wäre durchaus vernünftig und könnte auf die Verhandlungen mit Frankreich nur günstig einwirken. Eine englische Stimme. London, 12. September. Die.Daily N e w S" schreibt: Deutschlands Verzicht auf Gcbietsansprüche in Marokko und seine Bereitwilligkeit, daS französische Protektorat anzuerkennen, zeigen, daß Deutschland nicht u n n a ch g i e b i g ist. Die logische Folge- rung der französischen Haltung wäre nicht nur die Verweigerung deutscher Sonderprivilegien, sondern auch die Ausschließung der anderen Mächte, an der EntWickelung Marokkos Änteil zu haben. Der Parteitag in fena. Jena, den 12. September. Zweiter Tag. Nach der heftigen leideniwafllichen Debatte in der gestrigen NachmitlagSsitznitg ist eine gewisse Einüchteruiig eingetreten. Die Gründe sind verbrauibt, es läßt sich nur noch bereits Gesagtes wiederholen und tatsächlich sind es denn auch meist bloße Variationen gestriger Reden, die heute die Redner nach der Eröffnung der Sitzung vortragen— zum Teil allerdings recht geschickte Varia» tionen. So läßt sich'S nicht leugnen, daß von ihren ver» schiedcnen politischen Standpnnkten aus die Genossen Dittmann, Liebknecht, Henke und David sehr geschickt sprechen und argumentieren. Die etwas abgeflaute Stimmung unter den Parteitagsdelcgierten hindert nicht, daß einige Redner durch ihre provozierende scharfe Ausdruckswcise wiederholt bald bei den Radikalen bald bei den Revisionisten heftigen Protest hervorrufen. Das gilt besonders vom Genofien Fischer- Berlin, der die Kritik an den Maßnahmen des Parteivorstandes als ein Kesieltreiben bezeichnet und sich, indem er seinem hitzigen Temperament die Zügel schießen läßt, heftige AuS- fälle gegen die Radikalen leistet, die er als radikale Jeremiasse bezeichnet. Besonders wirft er dem Genossen Ledebour persönliche Gehässigkeit und Wichtigtuerei vor. AnderS Genosse Eduard Bernstein, der seinem Freunde Macdonald, dem Führer der Jndependent Labour Partie, ein Loblied singt und daS politische Verhalten der englischen Korrespon» deuten der größeren deutschen Pariciblätter, auch deS„Vorwärts", beklagt, in deren politischer Kritik manche englische Arbeiter- führcr eine persönliche Verunglimpfung erblicken. Geschickt spricht auch Genossin Luxemburg, die sich gegen die Angriffe Molkenbuhrs und Bebels verteidigt. Wenn sie Indiskretionen begangen hätte, so noch viel größere Bebel selbst durch die Mit- teilung eines Gespräches mit Huysmans. Genugtuung hätte sie doch empfunden, als sie geiehen hätte, von welcher Seite der rauschende Applaus gekommen wäre, als Bebel seine Angriffe gegen sie be» endet hätte. Geklatscht hätten nur die Männer aus dem Süden, die Revisionisten,— eine ganz unrichtige Behauptung, die auch den heftigen Widerspruch der Mehrheit des Parteitages hervorrief. Nachdem noch die Genossen Ledebour, Henke, Luise Zietz und Ed. David gesprochen hatten, nimmt Bebel daS Wort. Er stimmt im wesentlichen den Ausführungen Davids über die Marokkofrage zu, erörtert nochmals den Briefwechsel des Partei- Vorstandes mit dem Internationalen Bureau, widerlegt den Vorwurf, er hätte Indiskretionen begangen und weist auf's Schärfste LcdebourS Behauptung zurück, er hätte sich von andern schieben lassen. ES sprechen noch einige weitere Redner, dann erfolgt auf Antrag Leuth- Hamburg Schluß der Debatte. Doch die erhitzten Gemüter vermögen sich nicht zu beruhigen. Ver- schiedene Redner machen ihrer Erregung in längeren persön- lichcn Bemerkungen Luft. Schließlich ziehen zum all- gemeinen Erstaunen diejenigen Delegierten, die Tadelsanträge gegen den Partcivorstand gestellt haben, ihre Anträge zurück, wie die Genossin Zetkin erklärt, deshalb, weil den Antragstellern an einem Tadelsvotum nichts liege und sie durch die stattgesundene Aussprache und die zugesagte Reorganisation ihren Zweck erfüOt sähen— eine recht geschickte Taktik, denn eS bestand kaum noch- irgend welche Aussicht auf Annahme dieser Anträge. Zu Beginn der NachmittagSsitzung hält Genosse Herm. Müller vom Parleivorstand die Schlußrede. Nochmals geht er auf die dem Vorstand gemachten Vorwürfe ein und erklärt sich dann mit einer Reorganisation des Parteivorstandes im nächsten Jahre ein- verstanden. Wolle die Versammlung zu diesem Zwecke eine Kommission wählen, so sei der Parteivorstand auch damit einver» standen. Damit ist die Debatte über die GeschäftZfübrung de? Partei- Vorstandes erledigt. ES folgt die Verhandlung über verschiedene von Organisationen gestellte Anträge, zn deren Begründung die Ver- lreter jeder Organisation das Wort ergreifen. Genosse E b e r t vom Parteivorsland geht auf die von ver- schiedenen Seiten geäuszerten Wünsche nach billiger AgitätionSliteratur näher ein und sagt zum Teil die Erfüllung dieser Wünsche zu. Der Antrag ans Verstärkung deS ParteivorstandcZ um zwei Mitglieder und Einsetzung einer Kommission zur Beratung der Vieorganisation wird fast einstimmig angenommen. Den Schlusj der Sitzung bildet eine mehrstündige durch ein ausgezeichnetes Referat des Genossen Schulz eingeleitete Debatte über die Jugendbewegung. Es sprachen in dieser Debatte Genosse Ratz- Kiel, der einen Antrag auf Herausgabe eines Korrespondenzblattes für die JugendanSschüsfe begründete und Genosse H ö l l e i n- Jena, der einen Antrag der Thüringischen Jugendzentrale auf Anstellung eines besoldeten JngendsekretärS sehr warm empfahl, während Genoffe Liebknecht sich insbesondere mit dem Vorgehen der Schulaussichtsbehörde beschäftigte und Ge- nossin Fahren wald- Berlin die proletarischen Eltern aufforderte, mit der sozialistischen Erziehung ihrer Kinder schon während der Schulzeit zu beginnen. Nachdem noch einige Redner gesprochen, sagte Genosse E b e r t iy seinem Schlußwort Berücksichtigung und Würdigung der Anregungen zu. Seine Erklärung, daß die A n st e l l u n g eines J u g e n d s e l r e t ä r S für die Jugendzentralstelle erwogen würde, fand lebhaften Beifall, ebenso sein warmer Appell an die ganze Partei, die Jugendbewegung mit allen Kräften zu unterstützen. Nachdem so die heutige Sitzung in ihrenr AnSllang gezeigt hatte, daß sich die ganze Partei über die Notwendigkeit der Förderung der Jugendbewegung einig ist, vertagte sich der Parteitag. unsägliches Elend über das deutsche Volk heraufzubeschwören, so wird sich die Empörung der Massen nicht gegen die Sozialdemo kratie, sondern gegen die Partei des niederträchtigsten Volksverrats richten! Deshalb aber hißt das Zentrum auch in diesem Wahlkampf die Schwindelflagge der sogenannten„idealen Güter", indem es die Massen glauben zu niarben sucht, daß der„heilige katholische Glaube", die „katholische Kirche" gegen die, Mächte deS Unglaubens" verteidigt werden müffe. Als ob die Bewegungsfreiheit der katholischen Kirche durch irgendwelche Gefahr bedroht sei. als ob nicht gerade die Sozial- dcmokratie jederzeit für die Beseitigung aller Ausnahmegesetze gegen geistliche Orden eingetreten wäre I Das einzige, was das führende Zentrumsblatt denn auch vorzubringen vermag, ist die „Forderung nach einer Trennung von Staat und Kirche". Aber auch damit läßt sich kein Staat machen, weil ja von ultra- montaner Seite selbst eine solche Forderung früher nachdrücklichst erhoben worden ist und weil eine solche Trennung jedem wirklichen Gläubigen nur willkommen sein müßte. Wenn das Zeirtrum keine wirksameren Wahlparolen aufzutreiben vermag, kann es uns leid tun. politifcbe GeberHcbt Verlin. den 12. September 1911, Knebelgesetze gegen die Arbeiter. Der„Post" geht von„parlamentarischer Seite" eine Zuschrift zu, die sich für gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Auf forderung zum Massen st reik im Fall« eines Krieges ausspricht. Daß es dem biederen freikonservatiben Scharfmacher nicht allein um einen Massenstreik im Kriegsfalle zu tun ist, beweist seine Erwähnung, daß ja Liebknecht von der Tribüne des Ab gcordnetenhauscS mit dem politischen Massenstreik sogar als Mittel zur Erzwingung der Einführung des Reichstags- Wahlrechts in Preußen gedroht habe. Der freikonservative Scharfmacher möchte also ein Knebelungsgesetz zur Verhinderung deS politischen Massenstreiks überhaupt eingeführt sehen I Ja. eS scheint sogar, al« ob der Parlamentarier der„Post" eS sogar auf Knebelgesetze gegen die Gewerkschaftsbewegung überhaupt abgesehen habe, fordert er doch, die bevorstehende Reform nnsereS Strafgesetzbuches dazu zu benutzen,„um in bezug auf den Schutz der wirtschaftlichen Freiheit gegen Vcrwaltigung auch die nötigen Bestimmungen zu treffen". Vom politischen Massenstreik im Kriegs- falle spricht man also, um die wirtschaftliche AktivnS- kraft deS Proletariats überhaupt zu treffen! Daß Gesetzesparagraphen nicht den geringsten Schutz gegen einen Massenstreik im Kriegsfälle bieten würden, mögen sich ja auch unsere Scharfmacher selbst sagen. Solch ein Massenstreik könnte niemals künstlich gemacht werden, er müßte mit elementarer Gewalt aus der Empörung der breiten Massen selbst hervorbrechen. solchem Fall wären allerdings die Zwirnsfäden des Gesetzes das letzte Mittel zu seiner Verhinderung. Wohl aber mögen die Herren Scharfmacher damit rechnen, daß in nonnalen Zeiten einem �Massenstreik durch schikanöse Gesetzesbestimmungen zugunsten des Unternehmertums begegnet werden könne. Die Verteidigung der Geldfackintereffen, nicht die Furcht vor einer Gefährdung des Vater- landeS, ist es auch sicherlich, waS die„parlamentarische Seite" der „Post" zu ihrer Anregung veranlaßt. Solch scharfmacherische Lffenheiteu aber können uns vor Eröffnung des Wahlkampfes nur willkommen sein._ Kriegshetze der Kriegervereine. Die„Parole", die„amtliche Zeitung des Deutschen KriegerbundeS", beteiligt sich in sehr bemerkenswerter Weise an der Kriegshetze unserer Panzer- Plattenpatrioten. In der Nummer vom 10. September ver- öffentlicht Generalleutnant z. D. von Alten einen Hetzen- schen Artikel unter dem bezeichnenden Titel:„Die G e- fahren des Krieges!" Sätze wie:„Wehe darum dem Volke, das seine Waffen rosten läßt", und:„Der Glaube an unsere Friedfertigkeit reizt unsere Nachbarn nur zu Uebergriffen" kennzeichnen zur Genüge den Geist dieses Hetzer'gusscZ, der auch wieder in der bekannten Manier den ungeheuerlichen Schwindel aufwärmt, daß die Bestialitäten des Massenmordes„die Herzen reinigen". Was Herr v. Alten unter solcher Reiniguug der Herzen versteht, kennzeichnet er allerdings selbst deutlich genug durch die Aeußeruna, daß unter dem Donner der Geschütze und dem Pfeifen der Kugeln Mannhaftigkeit und Entschlossenheit aufsprießen,„das dürre, zähe Fr i c d e ns un kr a u t der Weich- Herzigkeit und Halbheit schnell erdrückend". Aber nicht nur in dem Leitartikel des amtlichen Organs der Kriegcrvereine lvird derartig in Kriegshetze gemacht, sondern das Blatt veröffentlicht in derselben Nummer auch ein Feuilleton, betitelt:„Ein Feldpostbrief von 1912", das hurrapatriotisch erdichtete Szenen aus einer bevorstehenden Maffenmetzelei wiedergibt. Will die„Nordd. Allg. Ztg." noch immer mehr Beweise für die infame Kriegshetze unserer Hurra- Patrioten haben?! Will sie sich nicht endlich dazu de- qucmen, solch widerwärtige Kricgshetzereicn zu b r a n d- marken? Oder will sie, daß man im In- und Aus- lande annimmt, daß solche Hetzereien der Regierung mindestens nicht unwillkommen sind?!_ Das Feldgcschrci des Zentrums. Die„Germania" bringt einen selbst für ihre Berhältnisie ungewöhnlich phrasenhaften Anfruf:„Klar zu Gefecht!" Dieses jesuitische Machioerk ergeht sich natürlich wiederum in Denunziationen gegen die Sozialdemokratie, der ein„an Landesverrat grenzendes Lsrhalten' und die Drohung mit dem politischen Massenstreik und der Revolution bei Ausbruch eines Krieges vorgeworfen wird. Es scheint freilich, daß da? Zentrum selbst an die agitatorische Wirksamkeit dieser jammervollen Hetzerei nicht recht zu glauben vermag. Fügt sie doch dieser echt»iltromoiitonen Parole sogleich die bewährtere der Kultur- kanipspaukerei hinzu. Eine Vorsicht, die»nr zu begründet ist. Denn wenn die Sozialdemokratie dem Volke erzählt, wie schamlos sich das Zentrum an den KriegStreibereien beteiligt hat. wie es trotz der gespanntesten wellpolitischen Situation nicht davor zurückgeschreckt ist. eines selbst von alldeutscher Seite für völlig wertlos bezeich- «ten kolonialen Neuerwerbes wegen die Kriegsgefahr und damit Konservative Antimonarchisteu. Die neueste„Konservative Monatsschrift" bringt eineit wundersamen Artikel über die Monarchie. In diesem Artikel wird der Monarchie ihr Ende prophezeit, wenn eS ihr nicht gelinge, wiedmim ihre absoluten Machtvolltommenheilen zurückzugewinnen. Der Artikel gipfelt in dem Satze: „Die geschichtliche Ordnung will die Menschen zur Stärke erziehen, einen jeden an seinem Platz: sie will, daß Könige herrsche» oder fallen: sie will keine Institutionen des Schein S." Die sehr breitspurigen Ausführungen des Artikels sind offenbar nur als eine Umschreibung des also variierten Sprüchleins anzu- sehen:„Und der König absolut, damit er uns den Willen tut". Von der konstitutionellen Monarchie will der konservative Monarchist nichts wissen. Ein Monarch, der nicht das ab- solut« Werkzeug der Junker sein will, soll lieber fallen. Unsere Alldenlschen haben ja schon in ihre» zahlreicheii ZeitimgS- artikeln keinen Hehl daraus gemacht, daß sie ihre inonarchiiche Auf- fassuiig gründlich revidieren wollen, wenn der Monarch sich nicht ihren aberwitzigen und verbrecherischen Plänen unterwirft. Diese alldeutsche Auffassung der Monarchie scheint nach dem Artikel des konservative» Organs innerhalb de'rKonservativenüber- Haupt geteilt zu werden._ Nationalliberale„Bundnistreue". In Ostpreußen besteht seit längerer Zeit ein„Bündnis" zwischen Freisinnigen und Naiionalliberalen. Der Vertrag wird aber lediglich von den Freisinnigen innegehalten. Die Nationalliberalen kehren sich wenig um die Fortschrittler. In Ragnit- Pillkallen haben sie sogar einen Kandidaten für die ReichStagSwahl aufgestellt, der bi« her die Konservativen unterstützt bat. obwohl er nach dem Bündnis verpflichtet war, für den freisinnigen Kandidaten deS Kreiieö einzutreten. Der nationalliberale Kandidat, er heißt v. Lentzke, schrieb seinerzeit an den Vertrauensmann der Koiiservativen, er sei stet? ein„Anhänger des nationalliberalen Parteiprogramms" ge- wesen. Nur mit Rücksicht darauf, daß im Kreise eine B e t ä- tigung am politischen Leben lediglich in kon- servativer Richtung möglich gewesen wäre, habe er bisher dieser Partei, als der der nationalliberalen nächststehenden, seine Unterstützung zugewandt! Nachdem nunmehr die national- liberale Partei im Wahlkreise ihren Einzug gehalten, habe er sich derselben selbstverständlich zur Verfügung gestellt. Der Anhänger deS nationalliberalen Parteiprogramms unterstützte also die Konservativen" Dabei war in seinem Kreise«in freisinniger Kandidat auf- gestellt und nach dem„Bündnis" mußte er diesem seine Hilfe ge- währen. Zur Belohnung für sein R i ch t, i n t r e t e n für den Liberalismus ist er aber zetzt von den„Verbündeten" des Freisinns als Kandidat aufgestellt worden, und nach dem„Verlrage" haben die Fortschrittler diesen Kandidaten zu unter- stützen! Die Nationalliberalen verfahren mit ihren„Verbündeten" aber noch ganz anders. Sie versagen den Fortschrittlern in zwei Kreisen vollständig jede Unterstützung. In Tilsit-Niederung wollen die Frei- sinnigen siegen; die Nationalliberalen gehen aber hier trotz der Parole gegen den schwarz-blauen Block mit den Kon« servativen zusammen und lassen den Freisinn elend im Stich. In Justerburg-Gumbinnen haben die Naiionalliberalen einen eigenen Kandldaten aufgestellt, obwohl diese» Wahlkreis die fortschrittler als ihre Domäne betrachten. Trotz des BündniffeS werden sich also hier— zwei liberal« Kandidaten gegenüberstehen. Das Jnsterburger Freisinnsblatt, die„Ostdeutsche Volkszeilung" rechnet daher jetzt unter der Ueberschrift„Koni'ervativ-nationalliberale KanipseSweise" mit den Nationalliberalen in folgender Weise ab: „Ueber den schulmeisternden Ton, der von Konservativen und Nationalliberalen in edlem Verein gegen die Volkspartei jetzt an- geschlagen wird, können wir uns wirklich nur amüsieren. JnS- besondere die national miserable Zensurbehörde als R i ch t e r i n über das, was entschiedener Liberalismus ist, erweckt bei uns wirklich nur ein mitleidiges Lächeln. Die für Branntwein- liebeSgabeit, ZuckerauSfuhrprämien, VolkSschulunterhaltnngSgesetz, Hochschutzzölle, indirekte Steuern, preußisches Dceiklasienmahlrecht und viele andere durch und durch reaktionäre GeietzeSmacherei mit- verantwortlichen Nationalliberalen können zu jeder Zeit auf Grund unserer politischen Kenntnisse noch mebr erfahren, soweit sie eS darauf anlegen. Die Voltspartei jedenfalls hat auch hier andere Waffen zur Verfügung als ein ebenso hochnäsiges wie un- begründetes Zensieren nicht zur Sache gehöriger Persönlichkeitswerte, wie es von den Gegnern beliebt wird. Die Vvlköpartei kämpft hier wie in Labia, t-Wehlau mit anderen Mitteln als denen, womit sich Konservative und deren nationalliberale Abkömmlinge in gegenseitigem Ueberbieten in Oletzko-Lyck. Memel usw. bekämpfen.'Die nationalliberale„F r a k t i o n Dreh- ch e i b e" wird sich allmälig daran gewöhnen muffen, daß sie daS Justerburg Gummbinner ReichstagSmandat, das sie schon im Sack zu haben glaubte, doch nicht so leicht davontragen wird. Wir sind auch noch da und werden uns den nationalliberalen M i s ch m a s ch p o l, t i k e r n schon noch bei Zeiten kräftig fühlbar machen. Heute, wo der Zug der Zeit nacki reinlicher Schei- d u n g drängt, sehen wir die besseren Aussichten da. wo diese rein- liche Scheidung zwischen rechts und links klar und deutlich zum Aus- druck kommt und dock zugleich das Vaterland über die Partei ge- 'tellt wird. Wir sehen schon den Augenblick vor un«. wo die Nationalliberalen mit ihrer halb rechts, halb links Stimmenfangtaktik sich mit Eleganz zwischen den bekannten zwei Stühlen wiederfinden werden. Wir werden gegen eine solche nationalliberale„Niederlaffung" in unserem Wahlkreis nach wie vor nichts einzuwenden haben. Siurmböcke gegen die cptremste Reaktion sind in, übrigen mitunter ganz nützliche Tierchen, die man iogar zu- weilen unterstützen soll. Nur dürfen diese S t n r m g e s e l l e n nicht zu üppig werden, sonst müflen sie sich daran erinnern lassen, daß sie ohne schiebende, treibende, innere Kraft sind." Wo das Zentrum herrscht... Der„Vossischen Zeitung" wird aus Bayern geschrieben:„In Rothenburg hatten Stadlmaaistrat, Gemeindekolleg und Lokal- schulkommission einhellig beschlossen, einen S t a d t s ch u l- referenlen aufzustellen, dem neben der Aufficht über die höhere Töchterickule und das Fortbildungsschulwesen auch das gesainte VolkSsckulwescii unterstellt werden sobte. Die Frommen im Städtchen setzten aber alle Hebel in Bewegung, um diese Neuerung zu hinter- treiben, und sie halten Erfolg. Das K» l t u S m i n i st e r i u m hat die lluterstellung des Volksschulwesens unter einen Stadtschul- referenten nicht genehmigt, so daß es also für die Volksschulen bei der geistlichen Schulaufsicht verbleibt. Bom„guten Ton". Besonders die Zentrumspresse weiß nicht genug über den an- geblichen„Sauherdcnton" der Sozialdemokratie zu zetern. Dabei finden fich in einem gegen die Monisten gerichteten Leitartikel der „Germania", des Fraktionsorgans des Zentrum», in einem Absatz von achtzehn und einer halben Zeile folgende duftenden Blüten: „Unverfrorenheit",„Frechheit",„geradezu phänomenale Ungezogen- heit",„stupendcr Größenwahn",„widerliche Intoleranz",„töricht", „anmaßlich",„Dreistigkeit" verbunden mit Unduldsamkeit". Wer, was den„guten Ton" betrifft, so im GlaShauft sitzt, sollte sich wahrlich hüten, mit Steinen zu werfen l Mittelständler und Hausbefitzer. Den Gründern des„Reichsdelltschen Mittelstandsverbandes" ist seitens des Hausbesitzervereins zu Deffau folgender Absagebrief zu- gegangen: „An den vorbereitenden Ausschuß zur Gründung eines Reichsdeutschen Mittelstandsverbandes z. H. deS Herrn Architekten Felix Höhn, Leipzig, Senefelderstr. 13. Ihrer Einladung zur Teilnahme an dem auf den 23. Sep- tember d. I. nach Dresden einberufenen Mittelstandstag werden wir nicht folgen. Die Namen der Mitglieder des AuSschuffeS verbürgen uns, daß eS sich bei der Begründung dieses Tages nicht um wirtschaftliche Arbeit für den Mittelstand, sondern um politische Werbetätigkeit im Interesse der Konservativen. deS Bundes der Landwirte und der Antisemiten handelt. Handwerk und Gewerbe sollen vom Hansabund abgezogen und dem schwarz- blauen Block zugeführt werden. Gerade. waS Sie in Ihrem Programm verleugnen, wollen Sie in Wirklichkeit erreichen: nämlich den Mittel st and in die einseitig sie politische Richtung der Reaktion hineinzuzwängen. Da unser Verein nicht politisch tätig ist und überdies das Heil des Mittelstandes im Anschluß an die Bestrebungen des Hansabundes am besten gewährleistet sieht, so können wir nur alle Mittelstands- kreise vor Ihrem neuen Versuch, den Mittelstand von seinen wahren wirtschaftlichen Bedürfniffen abzulenken,.und für politische Sonderinteressen einzufangen, warnen. Ergebenst HauSbesitzerverein zu Dessau. Rechtsanwalt Dr. Cohn, Vorsitzender." WaS die Dessauer über die reaktionären Tendenzen der projek- tierten neuen MittelstandSorganisation sagen, ist zweifellos durchaus richtig. Ebenso richtig ist aver auf der anderen Seite auch, daß auch der Hansabund allcS andere eher ist als eine geeignete Vertretung der MitlelstandSintereffen. Soweit der Mittelstand nicht unerfüll- baren Utopien nachjagt, die das Rad der wirtschaftlicken Entwickelung rückwärts drehen wollen, findet er die einzig wirksame Vertretung seiner wahren wirtschaftlichen und politischen Interessen in der Sozialdemokratie._ Hirsch-Tunckersche Gewerkvcrcine und Politik. In dem Düsseldorfer Blatt der Gcwerkvcrein« von Rheinland und Westfalen wird an dem Verhalten der Hirsch-Dunckerschcn Führer bei politischen Fragen von einem Einsender in bemerkens- werter Weise Kritik geübt. Es wird erwähnt, wie die Gewer?- Vereinszeitungen und- führ er oft auf die politische Betätigung der Hirsch-Dunckerschen Mitglieder hinwirkten. Der Einsender weist dann darauf hin,„daß gerade die G c w e r i- Vereinskollegen am schlechtesten für eine Wahl zu begeistern sind". Er findet den Grund darin, daß die Gewerkvereinlcr„oft durch die eigenen Führer irre gemacht werden". ES wird sogar von„absichtlicher Irreführung" gesprochen: „Diese Irreführung geschieht hauptsächlich im Jnter- esse des Liberalismus, nicht aber im Interesse der Arbeiterschaft." Da» wird dann noch weiter begründet. Bor keiner Partei. heißt es, dürfe Halt gemacht, es müffe auch am Freisinn Kritik geübt werden, weil der sehr der Kritik bedürfe. Der Freisinn habe dem Reichsvereinsgesetz zugestimmt, gegen das die Hirsch-Dunckerschcn Resolutionen angenommen hätten. Der Freisinn sei bereit gewesen, 403 Millionen indirekter Steuern zu bewilligen, wenn nur die Erbschaftssteuer durchgegangen wäre. Von einer Uebertragung des Reichs- tagswahlrechts auf die K o m m u ne n sei beim Freisinn gar keine Rede, und doch sei diese Forderung«ine der wichtig» sten für die Arbeiter. Auch für die Reichsversicherungsordnung. die entschieden nicht den Wünschen der Gcwcrkvereinler entspreche, hätte der Freisinn,„mit Ausnahme einiger Aufrechten", gestimmt. Naumann, der wunderschön reden könne, habe versagt,„wo eS galt zu reden und zu handeln". Der Einsender kommt dann auf die aussperrenden freisinnigen" Unternehmer in Hagen-Schwelm zu sprechen:„Dort standen GcwcrkvereinSkollegcn gegen frei- sinnige Unternehnrer im Kampfe umS Koalitionsrecht. Tort warf man unsere Kollegen rücksichtslos auf die Straße." Die freisinnige Presse, heißt es weiter, habe„vollständig versagt", während andere Arbeitcrgruppcn einen Rückhalt an ihren Parteiblättern gehabt hätten. Auch der freisinnige Oberbürgermeister Cuno habe versagt. Man sei nicht gewillt. schöne Theorien in die Praxis umzusetzen. Weiter heißt es: „All diese Vorgänge find den Kollegen bekannt und nun kommen allbekannte Führer wie Goldschmidt, Erkelenz u. a. m. und reden und schreiben für diesen Freisinn. Ter crstcre hielt auch hier in unserem Wahlkreis Altena-Jscrlohn 4 politische Ver- sammlungen ab. in denen er krampfhaft das Verhalten des Freisinns verteidigte. So z. B. leugnete er biö aufs äußerste, daß der Freisinn bereit gewesen wäre, unter einer Voraussehung 400 Millionen indirekter Steuern zu bc» willigen. Ja. er verstieg sich sogar zu der gewagten Behauptung. daß er dem Freisinn den Rücken gekehrt hätte, wenn derselbe etwas derartiges getan hätte." Von welchem Vertrauen die Hirsch-Dunckerscken zu ihren Führern" beseelt sind, geht auch daraus hervor, daß der Einsender hinter vorstehende Worte den Satz einschaltet:„Wer Goldschmidt kennt, der weiß, wie hoch solche Aeußerungen zu bewerten sind." Sehr niedlich! .Erst als ihm ein Getwrkvereinskollege." heißt es weiter,„den Artikel deS„Regulator" vom Jahre ISOS Rr. 45, in welchem dem Freisinn wegen dieser Haltung eine Kritik zuteil wurde, vorhielt. ließ er ab von seinem Leugnen und verlegte sich aufs persönliche Schimpfen." Goldschmidt wird also hier mit dürren Worten der Vorwurf der Bauernfängerei gemacht! Nachdem der Einsender auch noch gegen Erkelenz losgezogen, cmpficlt er die Demokratische Vereinigung. Es bleibt abzuwarten, was die angegriffenen Berliner Hirsch- Dunckerschen Größen aus die Vorwürfe zu erwidern haben werden. Sicher ist. daß auch die Hirsch-Dunckerschen Arbeit« schon noch. von den Tatsachen'dazu gezwungen, zur Erkenntnis kommen werden, daß keine einzige bürgerliche Partei in erster Linie und ernsthaft Arbeiterintcreffen vertritt. Arbeiter gehören»ur Sozialdemokratie. Ostelbische Handhabung des Reichsvereinsgcsches. Unter dem 20. und 23. August 1010 wandten sich, einige Schuh- mackergesellen aus Neutomischel(Poien) an die Gauverwaltung deS Zentralverbandes der Schuhmacher Deutschlands, Sitz Breslau, um Anschluß an die Organisation. Am 28. August wurde aus Vcran- lassung der Gaiwerwaltung eine Besprechung in Neutomischel ab- gehalten, an welcher sechs Personen, darunter einige Lehrlinge, teil- nahmen. Fünf der Anwesenden wurden Mitglied des Verbandes. Be- sprachen wurde in dieser Zusammcnknnst nur der Wert der Gewerkschaft. Unter dem 7. September 1910 baten die Sckuhmacher aus Reuto- mische!, da sie wegen Wanzen- und Rattens'lage nicht schlafen konnten und eine Beschwerde bei dem Arbeitgeber von diesem mit Ohrfeigen beantwortet worden war, die Gauverwalrung um Unter- stützung. Am 10. September 1910 teilte die Gauverwaltung der Polizei in Neutomischel die Mißstände mit und bat im Interesse der Gesundheit der Arbeiter um Abhilfe. Zwei Schuhmacher- meister, bei denen die Plage besonders stark sein sollten, wurden der Polizei namhaft gemacht. Die Polizei priiste nun nicht etwa die ihr gemachten Angaben, sonder» sandte dem Gauleiter folgendes Schreiben: „Wir fordern Sie hiermit auf, uns zunächst sämtliche dort eingegangenen Schreiben über die Unzulänglichkeit von Schlaf- stellen hiesiger Lehrlinge einzusenden sowie uns die Namen der- jenigen Personen anzugeben, die nach dort bezügliche Mitteilungen über Schlafstellen usw. getan haben. (Unterschrift unleserlich.) Die Gewerkschaft antwortete der Polizei, dah es nicht zu den Gepflogenheiten der Gclverkschastsvertreter gehöre, Gewährmäaner zu nennen; es wurde aber nochmals um Abhilfe der geschilderten Zustände gebeten. Die schlechten Schlasstelleu ermittelte die Polizei nicht, wohl aber die Teilnehmer jener Besprechung vom 28. August 1910, und da bestraft werden mutzte, erhielten die Lehrlinge Straf- Mandate in Höhe von 6—10 M. Leider liehen diese die Einspruchs- frist verstreichen und konnte so an Gerichtsstclle das Unrecht der Polizei nicht festgestellt werden. Am 30. September beschwerte sich die Gauleitung wegen des Verhaltens der Polizeibehörde bei dem Landrat, der folgenden Bescheid gab: „Da Ihre Angabe in obiger Beschwerde im Widerspruch mit den Feststellungen der hiesigen Polizeiverwaltung stehen, kann ich erst dann in der Sache entscheiden, wenn auf die gestellten Straf- antrage richterliche Entscheidung ergangen sein soll. (Unterschrift unleserlich.)" Nach vielen Verhören fand am 5. Juli 1911 Verhandlung in Neutomischel statt, die natürlich mit Freisprechung endete. Aus dem vier Seiten langen Urteil geht mit aller Deutlichkeit hervor, dah die Polizei im Unrecht war. Endlich am 4. September 1911 ist nun auch der Landrat soweit, dah er die Beschwerde voin30. Scp- tember 1910 wie folgt beantworten kann: „An den Berbaudssekretär Herrn Wilhelm Grunow, Breslau.' Auf Ihre Beschwerde vom 30. Septcniber v.J. gegen die hiesige Polizeiverwaltung erhalten Sie im Anschluß an den Vor« Kescheid vom 24. 10. 1910 folgenden Bescheid: Nach den seitens der Polizeiverwaltung angestellten Er- Mittelungen muhte sie mit Recht annnebmen, dah es sich bei der Zusammenkunft von Schuhmochergcsellen und Lehrlingen am 28. 8. v. I. im Rauchsche» Lokale Hierselbst um eine öffentliche politische Versammlung gehaudelt Hat. DaS Borgehe n der Polizeiverwaltung war sonach gerechtfertigt. Nachdem das hiesige Schöffengericht auf Grund der gericht« lichcn Verhandlung vom S. Juli d. I. zu einem gegenteiligen Er- gebnis gelangt ist, wird hiervon der Polizeivcrwallung behufs Nachachlnng Mitteilung gemacht werden. In der Beurteilung künftiger Fälle muß letzterer allerdings freie Hand gelassen werden.(Unterschrift mileierlich.)" Opelbisch« Verwaltungspraxis! Die Polizei verstößt gegen daö Vercinsgcsetz, der Landrat schreitet nicht ein, er mutz erst das Urteil des Gerichts abwarten. Nach einem Jabr ist da? gesprochen, der Laudrat aber findet im Gegensatz zum Gericht das Borgchen der Polizeivcrwallung noch gerechtfertigt, wird aber großmütig der Polizei von dem Urteil des Gerichts Kenntnis geben mit der aus- drüiklichen Benierkuug, daß sie in Zukunft in der freien Hand dem Vereiusgesctz gegenüber in keiner Weise beengt sein würde. So werden die Gesetze in Ostpreußen geachtet.-'-• Schweiz. Tie Städte über die Auölönderfrage. Zürich, 5. September.(Eig. Ber.) Die fortschreitende Vcr- schärfung des Mißverhältnisses der ausländischen zu der einheimi- schcn Bevölkerung in der Schweiz erscheint auch bürgerlichen Zlreisen. die nicht nur engherzige Parteipolitik treiben, je länger je mehr als ein wichtiges Problem, das der Lösung harrt. Im ganzen Lande machen die Ausländer 15 Proz. aus, aber in den Städten und Jndustrickantoncn steigt ihr Anteil- bis auf 32-Proz. in Zürich, 38 Proz. in Basel, 41 Proz. im Kanton Genf usw. Welche Bedeutung diese Bcvölkerungsvcrhältnisse für die Arbeiterschaft besitzen, erhellt aus der Tatsache, dah ein volles Drittel der Lohn- arbciter Ausländer find, rechtlose Bürger, die bei Wahlen und Ab- stimmungen der Arbeiterschaft verloren gehen und ihren politischen Einfluß vermindern. Jetzt hat sich mit der immer brennender werdenden Ausländerfrage auch der schweizerische Städtetag bc- schästigt und dazu einstimmig folgende Resolution' angenommen: „Ter Schweizerische Städteverband erarbtet eS als ein Gebot nationaler Selbsicrhaltung und sozialer Gerechtigkeit, durch rasch erfolgende bundcLrcchtliche Maßnahmen die Nationalisierung der durch Geburt oder lange Nicderlaffung mit der Schweiz verwachsenen Ausländer herbeizuführen. Der Städtctag ist bereit, die darauf abzielenden Bestrebungen zu unterstützen und beauftragt seinen Bor- stand, in diesem Sinne zu handeln und nötigenfalls einer außer- ordentlichen Tagung Maßnahmen von besonderer Tragweite vorzu- legen." Tie bürgerlichen Parieibüffcl werden diesen Bestrebungen kaum ihre Unterstützung leihen. Tie Erleichterung der Einbürge- rung könnte in der Folge bürgerliche Sesiel gefährden, was in den Augen der Streber und Sesseljäger gleichbedeutend mit dem Unter- gang des geliebten Vaterlandes wäre, das aber nicht preisgegeben werden darf. Und so werden die Sessel noch geraume Zeit das wichtigste Hindernis für eine vernünftige Lösung des Ausländer- Problems bilden._ Tie Krankciiverjicherung. Bern, 12. September. Das Referendum gegen das BnndeSgeseh über die Kranken- und Unfallversicherung ist mit 75 000 Unterschristen zustande gekommen. Die BolkSabstim- mung wird wahrscheinlich im Februar stattfinden. frankreick. Tic Teuerung. Charleville, 12. September. Die Bewegung gegen die LebenSmittelte u er ling dauert an. Hier und in BeziereS kam es zu verschiedenen Zusammenstößen zwischen Truppen und Ruhestörern, von denen mehrere verwundet wurden. Italien. Tie Tripolisfrage. Rom, 12. September. Die„Tribuna" schreibt: Einige aus- wärtige Blätter veröffentlichen Depeschen aus Konstantinopel. in denen behauptet wird. Italien habe Monopolansprückc für Unternehmungen aller Art erhoben, die für die wirtschaftlich: EntWickelung von Tripolis und Cyrenaika ausgenutzt werden könnten, und halte sie fest. Die türkische Regierung weiß nicht, daß dies falsch ist. und daß, wenn eine Reibe von immer ernster werdenden Fragen zioischen der Pforte und der italienischen Regierung entstanden, ist. ihre Entstehungen und Motive nicht zu so absurden Ansprüchen seitens Italiens zu suchen find Tie italienische Regierung verlangt kein wirtschaftliches Monopol, sondern nur eine gerechte Behandlung italicni- scher Interessen und hat nur ipfolLc der andauernden Behinderung dieser Interessen Protest erhoben. Natürlich wird die italienische Regierung niemals darein willigen, daß ihre Bürger und die Wirt- schaftlichcn Interessen Italiens gegenüber anderen in Tripolis in eine ungünstigere Lage versetzt tverden. Aber die falschen Gerüchte, die Italien monopolistische Tendenzen und Ziele zuschreiben, führen dazu, gegen Italien und seine Absichten eine Gegnerschaft und ein Mißtrauen zu erwecken, welche die klare, bestimmte und aufrichtige Haltung Italiens in keiner Weise rechtfertigt. Dänemark. Der soziale Tag. Die dänische Sozialdemokratie veranstaltete am Sonntag einen „sozialen Tag", der im ganzen Lande der Propaganda für die sozialen Forderungen der Arbeiterschaft gewidmet war. ES fanden in den verschiedenen Landesteilcn mehr als hundert Ber- sammln n gen statt, die außerordentlich zahlreich besucht waren. Ueberall wurde eine Resolution angenommen, in der gegen die Bc- strebungen der bürgerlichen Parteien zur Verschlechterung der sozialen Gesetze protestiert, und statt dessen ein weiterer Ausbau der Sozialgesetzgebung und des Arbeiterschutzes gefordert wird. Bei jenen reaktionären Bestrebungen handelt es sich unter anderem darum, daß man statt der seil mehr als zehn Jahren be- stehenden Alters Versorgung aus öffentlichen Mitteln eine obli- gatoriiche Alters Versicherung ungefähr nach deutschem Muster einführen will. Ferner beabsichtigt man, die Zuschüsse zu den Ar- beitslosenkasscn herabzusetzen. Ein ähnlicher Angriff soll auf die anerkannten und ebenfalls vom Staat unterstützten Krankenkassen unternommen werden. Im allgemeinen ist jetzt für Dänemark eine Zeit hereingebrochen. in der sich die Besitzenden stärker denn je zusammenrotten, um der Arbeiterschaft die Vorteile zu rauben, die sie sich in jahrzehntelangem Kampf errungen hat. Der Klassenkampf schlägt höhere Wogen als je zuvor, aber die Arbeiterschaft ist auf dem Plan. Portugal. Anerkennung der Republik. Lissabon, 12. September. England, Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Italien und Spanien haben die N e- publik anerkannt. Infolgedessen fanden lebhafte Freudenkundgebungcn statt. Die Menge»nird morgen vor den beteiligten Gesandtschaften Kundgebungen veranstalten. Japan. Peitsche und Zuckerbrot. Man schreibt itnS aus Jokohama: Seit der Hinrichtung Kotokus leben die japanischen Sozialisten in einem fortwährenden SchrcckenSzustande. Aber anstatt die sozialistische Bewegung aufzuhalten, scheinen die Verfolgungen ihr mehr Werbekraft zu verleihen. Es ist klar. daß die Sozialisten keine offene Agitation treiben und ihre Uebcrzeugung frei bekennen können, aber im geheimen breitet sich der sozialistische Gedanke iinmer lveiter aus und die Zahl seiner Anhänger wächst. Die Regierung hat sich die Methode Bismarcks zum Muster genommen, hm die Massen vom Sozialismus fern zu halten; sie versucht es mit einem System sozialer Reformen. Außerdem sucht sie die Aufmerksamkeit des Proletariats noch nach einer anderen Richtung abzulenken. Sie will es für den Ahnenkult und die Schinto- und die buddhistische Religion interessieren, damit das' Volk.' wie sie sägt ,' zti' besseren Menschen erzogen werde. Dadurch sollen die gefährlichen sozialistischen Zdeen wirkungslos gemacht werden,, und das Proletariat soll in Frieden leben, ivcnn es an die Ahnen und die Götter denkt. Ferner versucht die Regierung mit Hilfe eines Kredits von 30 Millionen Jen(60 Millionen Mark) das Krankenhaus- wcsen zu verbessern und den Arnien unentgeltlich ärztliche Hilfe zu gewähren. Zum Ueberfluß hat die Regierung noch eine Kommission eingesetzt, die die Lage der Armen studieren soll und zwar nach dem Vorbilde des Generals Booth von der Heilsarmee. In der letzten Session des Parlaments wurde das allge- meine Wahlrecht von der Nationalversammlung angenommen, aber der Senat hat das Gesetz abgelehnt. Die Regierung ist darauf zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Gedanke des allgemeinen Wahlrechts sehr gefährlich sei, und hat die„Gesell- schaft der Wahlrcchtsfrcunde" aufgelöst. Sie behauptet ganz kühn, die Idee des allgemeinen Wahlrechts sei sozialistisch und müsse daher nnt allen Mitteln unterdrückt werden. Die gegenwärtige Situation in Japan ist sehr kritisch: überall gärt es und die Vorkämpfer des Sozialismus arbeiten heldenhaft für seine Verbreitung und seinen künftigen Sieg. Während der letzten Session der Zweiten Kammer wurde ein Arbcitsgesetz durchbcratcn, das in ein oder zwei Jahren in Kraft treten soll. Nach diesem Gesetz wird die Nachtarbeit 15 Jahre nach Inkrafttreten dieses Gesetzes verboten! Aber wenn das auch ein sehr ferner Zeitpunkt ist, bedeutet das Gesetz trotzdem einen Fortschritt für das japanische Pro- letariat. Es ist den Arbeitern verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren, aber es ist zu hoffen, daß die Reformbestre- bungen der Regierung den Sozialisten Gelegenheit geben, das gewerkschaftliche Organisationsrecht zu erkämpfen. Gegenwärtig befindet sich die japanische Industrie in einer Periode des Stillstandes. Die Lebenshaltung ist sehr ver- teuert und die Mieten sind fast unerschtvinglich. Das Leben der japanischen Arbciter wird von Tag zu Tag härter und entbehrungsreicher. Die Selbstmorde, die Diebstähle und Mordtaten nehmen immer mehr zu— all das sind die Folgen der wirtschaftlichen Notlage des Landes. In sechs Monaten ist der kleine, wöchentlich erscheinende „Sozialist" dreimal unterdrückt worden. Beim dritten Male ivurden unsere Genossen zu 200 Jen Geldstrafe verurteilt wegen einer einzigen angeblich strafbaren Zeile. Sic haben gegen das Urteil Berufung eingelegt. Zu allem Unglück trat im Laufe des Juli cm neuer Zolltarif in Kraft, der den Preis der Lebensmittel noch mehr in die Höhe treiben ivird. Da die Arbeiter nicht organisiert sind und eine Erhöhung der Löhne nicht durch- drücken können, werden sie noch mehr als vorher zu leiden haben._ Hus der parte!« Der Braunschweiger„BolkSfrcund" vor Gericht. Der bekannte Dr. Möller, Verfasser de? im Reichs- verbandsslile geschriebenen BncheS„Die Herrschaft der Sozialdemo- kratie in den OrlSkrankenkassen", fülilte sich durch eine Kritik seiner schristslclleriiche» Muslerleistung im Braunschiveiger„Volksfreund" in seiner Ebre gekränkt. Er hatte mit der Klage auch den Erfolg, daß Genosse Redakteur Günther am Donnerstag vom Braunichweiger Schöffengericht wegen drei Beleidigungen mit je 40 Mark Geldstrafe belegt wurde. Dem in allem Ernst vom llägerischen Rechtsanwalt ausgesprochenen Verlangen, unseren Genossen wegen Dr. Möller- Beleidigung i n S G e- f ä n g n i S zu schicken, kam das Gericht nicht nach. Die in der beklagten Notiz gebrauchten Ausdrücke„NeichSverbändlerische Sudel- schrifl" und„Möllermachwcrk" wurden als nicht beleidigend an- gesehen. Auch Genosse Redakteur R. Wagner wurde wegen ver- meintlicber Beleidigung des Dr. Möller in drei Fällen zu je 30 M. Geldstrafe verurteilt. In einer anderen Klagesache wurde an demselben Tage Genosse Günther wegen Beleidigung eines Gcndarmeriewachtmeisters zu 00 M. Geld st rase verurteilt. Hu9 der fraiienbewe<$ung« „Freie Liebestätigkeit". Am Tiergartenportal dcö im herbstlichen Sonnenglanz blinkenden ReichstagSgebändeS rollte am Montagmittag eine Karosse nach der anderen vor, denen„hohe, höchste und allerhöchste" Herrschaften in eleganten Kostümen, im schwarzen Galafrack entstiegen, um im Plenarsitzungssaal zu verschwinden. Draußen stauten sich die Gaffer, stierten und staunten, drinnen aber wurde vom Herrn StaatSmiinster und preußischen Minister deS Innern v. Dallwitz eine fulminante Rede geschwungen zur Eröffnung deS dritten internationalen Kongresses für S ä u g l i n g S s ch u tz. Unserem Berichterstatter wurde auf seine Frage geantwortet, daß die Teilnahme nur den Mitgliedern des Kongresses gegen Zahlung von 20Mark g e st a t t e t sei und daß die Presse nicht zugelassen würde; die eventuellen Berichte würden vom Kongreß selbst vcr- schickt. Wer etwa glaubte, daß Herr Minister von Dallwitz in seiner Rede eine Antwort auf die gewaltige Anklage unseres Genossen David im Reichstage bei Beratung deS Mutter» und Kinderschutzes geben werde, sah sich bitter enttäuscht. Er gab wohl zu, daß auch in Deutschland das un- geheure Aufblühen der Industrie inanchcrlei Unzuträglich- leiten und Mißstände im Gefolge gehabt haben. Durch die Pflege materieller Interessen seien die ideellen Bedürfnisse und hygienischen Anforderungen vernachlässigt, besonders werde die Mutter vielfach der Familie entzogen. ES sei nicht zu bestreiten, daß trotz Wachsens des allgemeinen Wohl- st a n d e S(von dem freilich die Arbeiterin nichts merkt) die Sterb- lichkeit der Säuglinge zugenommen habe. Schon Ende des vorigen Jahihunderts sei die daraus resultierende nationale Schwächung den Behörden zur Erkenntnis gekommen. Man habe daher durch Auf- klärung der Bevölkerung. Ueberlassung von Milch zu ermäßigten Preisen, durch polizeiliche Milchkontrolle und durch Anregung zur Begründung von Anstalten für Mutter und Kind dem ent- gegenznwirken versucht. Alles das aber genügte nicht; die freie Liebestätigkeit und die höher ausgebildete Hygiene mußten hinzukommen. Dadurch sei eS gelungen, die Sterblichkeit der Säug- linge einzuschränken. So sei in den Jahren 1905 bis 1909 allein in Preußen die Säuglingssterblichkeit um 22 Proz. zurückgegangen- Trotzdem sei die Kindersterblichkeit im Deutschen Reiche eine sehr hohe, und eL bliebe noch viel zu tun übrig. Die nachfolgende Rede des Kongreßvorsitzenden, Erbprinzen zu Hohenlohe-Langenburg, klang aus in den Wunsch: Laßt uns ringen um die Sieges- palme der Humanitätl Wo aber waren die Herren und ihre Klassengenossen zu ssvden. als die Sozialdemokraiie bei Beratung der ReiBd- Versicherungsordnung den Mütlern und Säuglingen wirklichen Schutz gewähre» wollte? Wo waren sie mit ihren humanitären Gefühlen, als der sozialdemokratische Redner konstatieren mußte, daß im Jahre 1908 im Deutschen Reiche 359 000 Säuglinge starben, während Hunderttausende von Kindern, denen eS schon im Mutterleibe an der notwendigen Nahrung mangelt, heran« wachsen als körperlich degenerierte Menschen.„Kinderschuh und Mutterschutz", rief Genosse David damals dem hohen Hause zu, „ist eins, so schafft Ruhezeit der Schwangeren vor und nach der Geburt des KindeS und schafft ihnen Brot und schafft ihnen Milch und gewährt ihnen freie Heb- ammenhilfe, damit sie nicht ibre letzten armseligen Groschen dafür hingeben muffen, daS Land um einen neuen Bürger zu bereichern oder damit sie nicht elend in ihrer schweren Stunde verkommen. Erleichtert ihnen das Wochen- b e t t, gewährt ihnen ein S t i l l g e l d." Und was war die Autwort auf diese furchtbare Anllage? Die Minister erklärten, für die sozialdemokratischen Forderungen sei kein Geld vorhanden, und alle bürgerlichen Parteien st i m in t e n die Anträge unserer Genossen nieder. Ja. noch viel inebr l Die Regierung ließ durch ihren Vertreter in der Kom- Mission erklären, daß die ganze Reichsversiche« rungS- Ordnung für sie»inai, nehmbar sei, wenn der Antrag der Sozialdemokraten auf obligatorische Hcbammenhilfe angenommen werden würde. So sieht die Fürsorge der Herren für die darbenden Mütter, für die hungernden Säuglinge in der Wirklichkeit aus. Nur das wird den Arbeiterfrauen gewährt, was sie sich durch zähen Kampf aus eigener Kraft erringen. Nicht freie LiebeStätigkeit verlangt die proletarische Frau, sondern ihr Recht, das ihr als Staatsbürgerin, als Erzieherin der heranwachsenden Jugend zusteht. Immer mehr aber erkennt die Proletarierin, daß ihre Interessen, ihre Rechte nur gewahrt werden könntn, wenn sie sich mit ihren Klasscngenossen zu Organisationen zusammenschließt. Bei de» kommenden ReichStagSwahlen werden die Frauen— wenn auch noch nicht durch den Stimmzettel, so doch durch ihre Agitation— de» bürgerlichen Klassen die Aul- wort geben, und diese Antwort wird lauten: Eure freie Liebestätigkeit ist eitel Heucheleil Sie geschieht zum großen Teile, um den Proletarierinnen ihre Rechte vor- zuenthalten. Nur die Sozialdemokratie ist es, die wahrhast die Interessen deS WeibeS vertritt! Fraa Ramsiiy Macdonald gestorben. Wie man uns aus London schreibt, ist nach sechs Wochen langer schwerer Krankheit die Frau des Genossen Macdonald, des Vorsitzenden der Arbeiterpartei, gestorben. S i e stammte aus bürger- lichcr Familie und begann schon in früher Jugend ihre soziale Wirksamkeit. 1895 schloß sie sich der o z i a l i st i s ä> e n Bewegung an. Seitdem entfaltete sie eine sehr ausgedehnte und vielseitige Tätigkeit in der Arbeiterbewegung, organisierte eine ganze Anzahl von sozialpolitischen Aktionen und gründete die Arbeiterinnenliga. Sie war auch aus internationalen Sozialisteukongressen und Frauen- koufercnzen eine bekannte Erscheinung, und obschon sie dort für das beschränkte Frauenwahlrccht eintrat, wandte sie sich von den Suffra- geile« mehr und mehr ab, weil sie nicht umhin konnte, die innere Hohlheit dieser Bewegung zu erkennen. Bersammlungen— Veranstaltungen. Wilmersdorf-Halcnscr. Freitag, den 16. September, bei Schilling. Lauenburger Sw. 20,: Frauenleseabend. Stadtverordneter Ge- nosse O. Riedel spricht über: Der Frauentag von Jena. GewerfercbaftUchea. Hrbcitcr, Parteigenossen, Interessenten, Raucher 1 Die Liste derjenigen Zigarrenfabrikanten, die den Lohn- tarif bewilligt haben, ivird morgen veröffentlicht. Uebt Solidarität! Wenn je, so ist in diesem Kampfe die Anteilnahme der Partei- und Gewerkschaftsgenossen, ja jedes fühlenden Menschen, am Platze. Nochmals: Uebt Solidarität Der Bertrauensmau» der Tabakarbeiter. LerUn und ümgegend. Die streikenden Elektromonteure und Helfer versammelten sich am Dienstagmiltag wieder im„Englischen Garten". Handle er- statlete Bericht über die Streillage. Gestreikt wird noch bei den folgenden Firmen: Henning. Gebauer u. May, Machol u. Marter. Sieniens-Schuckert-Werke, Opitz Rüffer, Märkische Jnstallationsgesellschaft. Die übrigen Unlernehmer haben sich mit den Arbeitern geeinigt und annehmbare Zngeständnisse gemacht, so doh, wie Handke hervorhob. der Streik seine Wirkung nicht veriehlt und den Arbeitern manche Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen gebracht hat. Auch bei den zurzeit bestreikten Firmen stehen Verhandlungen bevor, so daß der Abschlutz der Bewegung(vielleicht von einer oder von zwei Firmen abgesehen) zu erwarten ist. ßerett.3 berichteten, sollten die bestreikten Firmen aus Wie wir einem Fonds, zu dem zwei Grotzfirmen SO 000 M. gestiftet haben unterstützt werden. Wie diese Unterstützung vor sich geht, ist aus dem Protokoll über die letzte Versammlung der Unternehmer zu ersehen. Die geschädigten einzelnen Firmen haben„die Offenlegung ihrer Verhältnisse einem Vertrauensmann aus der Mitte der Kommission darzulegen, der darüber an die Kommission zu berichten hat". In dieie Kommission wurden gewählt: A. E.- G Schwabe u. Co., Siemens u. Schuckert-Werke A. Tenner, Thiele u. Jehnke. Die Unterstützung ist, wie man sieht, teuer erkauft mit der Offenbarung aller geschäftlichen Verhältnisse an die konkurrierenden Firmen. In bezug auf die Haltung der Unternehmer den Forderungen der Arbeiter gegenüber heißt es in dem Protokoll: „Die nach dem Beschlutz der Monteurvcrsammlung vom 31. August 19U den einzelnen Firmen vorgelegten abgeänderten Vereinbarungen fallen unter den Begriff eines Tarifvertrages mit Mindesilöhnen, sind also ebenfalls abzulehnen. Die einzelnen Finnen können, wenn ihre Arbeiter zu ihnen kommen, um zu ver- handeln, nach wie vor über etwa gewünschte Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse Rücksprache nehmen und solche— jedoch keines falls in Form irgend einer Vereinbarnng— zusagen, unter der Bedingung, datz die Arbeit wieder aufgenommen wird/ I Trotzdem haben zahlreiche Unternehmer diese verbotene Vereinbarung mit den Arbeitern getroffen. Wo die Arbeit wieder aus genommen wurde, sind auch Verbesserungen erzielt worden. Tie Tarifbewegung der Arbeiter in den Eisengießereien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Der Bericht im„Vorwärts" vom 12. d. Mts. über die Ver> sammlung der in den Eisengießereien beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen ist etwas zu rosig. Soweit ist eS denn doch nicht mit der Zustimmung der Former und Gietzereiarbeiter. Es haben eine Anzahl Redner für und auch eine größere Anzahl Redner gegen die Vorschläge gesprochen. Eine Abstimmung ist über die Vorschläge nicht erfolgt. Vielmehr wurde beschlossen, erst das Endresultat der Verhandlungen, das man in „den nächsten 14 Tagen wünscht, abzuwarten und dann eine Abstimmung vorzunehmen. Wie die Abstimmung dann ausfallen wird, das steht noch sehr dahin. Adolf Cohen. Tie Arbeiterschaft der Firma Lorenz, Fabrik für Telegraphen und Telephonartikel, Elisabethufer, hatte in einer Betriebsvev sammlung, die am 30. August stattfand, eine Kommission gewählt, um bei der Direktion des Werkes eine Reihe von Beschwerden vor zutragen. Am Montagabend fand wieder eine Betriebsversamm� lung im„Märkischen Hof", Admiralstratze, statt; die Kommission berichtete, welche Antwort die Direktion erteilt hatte. Eine lange Reihe von Beschwerden hatte vorgelegen; die Arbeiter klagten, daß ihnen nicht das Werkzeug geliefert werde, wie es notwendig ist, daß sie sich zum Beispiel die teueren Spiralbohrer selber kaufen müssen. Als Abschlagszahlung von Akkorden werde gelernten Ar- beitcrn nur 45 Pf. als Stundenlohn gebotbn. Die Ventilation, besonders in der Brennerei und Schleiferei, sei ungenügend; über Toiletten. Garderoben, Waschvorrichtungen usw. wurde geklagt. Mit manchen Matznahmen, wie zum Beispiel die Aussperrung auf zwei Stunden für alle, die nicht morgens um 7 Uhr in der Fabrik sind, so daß sie erst um 0 Uhr anfangen dürfen, sind die Arbeiter durchaus nicht einverstanden, aber sie fanden bei der Direktion kein Verständnis dafür. Die Kommission konnte nur berichten, datz bei den Verhandlungen sehr wenig für die Arbeiter herausgekommen sei. Tie Direktion machte in einigen Punkten Versprechungen und zeigte nur da Entgegenkommen, wo eine Pflicht unabweisbar vor- lag; sonst aber bleibt alles beim alten, besonders wo es etwas kostet. Mit dieser Erledigung ihrer Beschwerden waren die Ar- beiter sehr unzufrieden, wie die Diskussion zeigte. Von einigen Rednern wurde darauf hingewiesen, datz nur mit einer besseren Organisation im Betriebe, mit dem Anschluß an den Deutschen Me- tallarbeitervcrband, bessere Verhältnisse geschaffen werden könnten. In einer angenommenen Resolution der Versammelten wurde dieser Ansicht Ausdruck gegeben. Achtung, Bauarbeiter! Die Parkettbodenleger Berlins befin- den sich seit 14 Wochen im Streik, da ein Teil der Arbeitgeber sich weigert, den Tarif anzuerkennen. Zurzeit werden auf den Bauten der Firma A. W e r t h e i m in der Leipziger Straße und in der Äönigstraße größere Arbeiten in Stabfußboden ausgeführt. Die Arbeiten sind an die Firmen Chr. Becker Söhne, Schöneberg Verlin, Hetzer in Weimar und die Straßburgcr Parkcttfabrik Stratzburg-Schiltigheim, vergeben. Alle drei Firmen weigern sich, den Tarif anzuerkennen, und versuchen die Arbeiten mit Arbeits- willigen auszuführen. Die Firma Chr. Becker holt sich solche aus Italien; Hetzer sucht in Rheinland und Westfalen Parkett- leger für Berlin. Wir ersuchen alle Bauarbeiter, uns in unserem Kampf zu unterstützen. Die Arbeiterpresse des In- und Aus- landes ersuchen wir, vor Zuzug nach Berlin zu warnen, da noch 80 streikende und arbeitslose Parkettleger vorhanden sind. Deutscher Holzarbeiterverband. Berlin. Die Branchenleitung der Parkettleger. Zum Streik der Hausdiener usw. der Firma Carl Stiller, Jerusalcmer Straße 38/39, ist zu berichten, daß die Situation un- verändert ist. Von den 43 in Streik getretenen Kollegen ist keiner abtrünnig geworden; auch Arbeitswillige haben sich nur drei an- iverben lassen. Dahingegen haben die deutschnationalen Hand- I u n g s g e h l l f e n sich bereit gefunden, die Bogenlampen in Stand zu halten und die Geschäftsräume auszufegen. Die Herren Verkäufer und Dekorateure gehen als Fensterputzer, A b l i e f e r e r und Mitfahrer. Die armen Lehrmädchen müssen schwer beladen mit Paketen zur Kundschaft. In der Jerusalemer Straße und Königstroße haben Verkäufe- rinnen den Fußboden gesäubert; von Passanten auf ihr Verhalten aufmerksam gemacht, stellten sie den Besen in die Ecke; die Herren Geschäftsführer setzten die unterbrochene Arbeit fort. Die Zetielverteilung liegt der GeschäfiSleitung am schwersten im Magen; alles, nur keine Zettel vor oder in der Nähe des Geschäfts Verteilen. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Asphaltarbciter' Die bei der Firma F. Wigankow, Asphalt- und Slraßenbaugeschäft, ausgebrochenen Differenzen sind durch Verhandlungen mit einem Vergleich— die Kollegen erhalten eine Zulage von 2 beziehungsweise 2'/z Pf. pro Stunde— zw gunsten der Arbeiter beendet. Die Ortsverwaltung Berlin des Zentralverbandcs der Asphalteure Deutschlands. Deutfebes Reich. Streik der Elektromonteure in Hannover. Die Elektromonteurs und Helfer haben am Montag in einer Anzahl Betriebe die Arbeit eingestellt. Am 7. August halten dieselben durch den Metallarbeiter� verband Forderungen unterbreitet. Die Arbeitgeber beschlossen zu nächst, nicht zu antworten. Auf Vorstelligwerden der Monteure in den einzelnen Betrieben versprachen dieselben dann, in der nächsten Versammlung eine Gegenvorlage auszuarbeiten. Dies ist nicht ge- schehen, sondern die Arbeitgeber antworteten nun am 3. September, daß sie sich vorläufig nicht äußern könnten. Die Monteure Versuchren nun am Montag, den 11. Sevlember, nochmals Verhandlungen an zuknüpfen. Auch diese wurden in den meisten Geschäften abgelehnt Darauf legten in 20 Geschäften 120 Monteure die Arbeit nieder 45 Monteure in 6 Geschäften arbeiten zu neuen Bedingungen; in den übrigen Betrieben werden die Verhandlungen noch fortgesetzt Zllzng ist fernzuhalten._ Zur Aussperrung in Thüringen Die Aussperrung der Metallarbeiter in Thüringen be gann mit der Entlassung der Arbeiter in Eisen ach und Ichtershausen am 29. Juli und war am 26. August mit der Entlassung der Arbeiter in S a a l f e l d a. S. soweit durchgeführt, daß rund 6000 in Altenburg. Eisenach, Erfurt, Gera. Götznitz, Gotha, Ichtershausen, Ohrdruf und Zeulenroda ausgesperrt waren, wovon dem Deutschen Metall arbciterverband rund 5000 und anderen Organisationen 1000 Mit- glieder angehören. In den fünf Wochen, die der Metallindustriellenverband zur Ausführung der Aussperrung in Thüringen gebraucht hat. ver suchte der Metallindustriellenverband in der Zeit vom 13. bis 28. August die beteiligten Arbeiterorganisationen zu bewegen, die vor Beginn der Aussperrung gemachten Einigungsvorschläge anzu nehmen. Bei den Versuchen stellte der Verband Thüringer Metall industrieller die Gcsamtaussperrung durch den Gesamtvcrband der deutschen Metallindustriellen in Aussicht, die von den Bezirksver- bänden in Sachsen und Thüringen beantragt worden war. Zu dem Zwecke fand in Berlin am 29. und 30. August eine Generalver sammlung und Ausschutzsitzung des Gesamtverbandcs statt. Trotz dieser Drohung mußte der Bezirksleiter V o tz auf eine geregelte Verhandlung unter Teilnahme der in Frage kommenden Organisationen und Beauftragten der beteiligten Arbeiter be stehen. Widerwillig verstanden sich die Vertreter des Metall industriellenverbandes dazu, datz am Freitag, den 25. August, Bov Verhandlungen zwischen den Vertretern der beiden Organisationen stattfinden konnten. Die ausgedehnten Verhandlungen ergaben folgendes Resultat: Bezirksleiter Votz vom Metallarbeitervcrband erklärte: Die beteiligten Organisationsvertreter werden für eine Einst gug unter folgenden Bedingungen eintreten: 1. In allen Verbandsbetriebcn wird der Bedarf an Ar beitskräftcn innerhalb 6 Wochen nach einer Einigung nur aus der bisherigen Belegschaft gedeckt. 2. Bezüglich der 9 Kopfschleifer in Ichtershausen wünschen die Vertreter, es möge in Erwägung gezogen werden, datz, wenn die Kopfschleifer in Ichtershausen nicht eingestellt werden, sie in anderen Betrieben des Verbandes untergebracht werden. 3. Bezüglich der nachträglichen Forderungen vom 23. und 31. Juli sind die anwesenden Gewerkschaftsvertreter der Mei nung, datz nicht alle Mitglieder des Verbandes Thüringer Metall industrieller einen ablehnenden Standpunkt einnehmen und er suchen darum um eine Erklärung, ob die ablehnende Erklärung für alle Betridbe abgegeben sei. Die Vertreter seien nicht in der Lage, für den Fall, daß die Erklärung für alle Betriebe abgegeben sei, die Forderungen zurückzuziehen. Der Metallindustriellenverband erklärte:„Aus folgender Grundlage ist eine Einigung möglich:>> I 1. Tie ausgesperrten und streikenden Arbeiter nehmen die Arbeit innerhalb drei Tagen nach Zustandekommen der vollstän digen Einigung wieder auf. und zwar zu den alten Bedingungen bczw. zu den Bedingungen, die vor der Aussperrung und proto kollarisch zugestanden worden sind. 2. Die Mitglieder des Verbandes Thüringer Metall industrieller stellen innerhalb 14 Tagen vom Tage der Einigung an nur Arbeiter ihrer früheren Belegschaft in dem Umfange wieder ein, als der Betrieb es zuläßt. Bei der Firma I. F. Topf u. Söhne, Erfurt, beträgt die Einstellungsfrist 6 Wochen und bei den Firmen Kästner u. Töbelmann- Erfurt und Thüringische Nadel- und Stahlwarenfabrik Wolf. Knippenberg u. Co. A.-G. in Ichtershausen, 4 Wochen. 3. Gegenseitige Belästigungen innerhalb der Arbeiterschaft haben zu unterbleiben. 4. Die nachträglich gestellten Forderungen vom 28. bezw. 31. Juli werden abgelehnt. 5. Die gegenseitige Sperre wird von beiden Seiten nach er- folgter Einigung für sämtliche Verbandsbetriebe aufgehoben mit Ausnahme der Firma I. A. John A.-G. zu Erfurt, welche ihre Differenzen mit ihren ausständigen Arbeitern selbst regeln will. Bezüglich der 9 Kopfschleifer in Ichtershausen wird zugesagt, datz der Arbeitsnachweis des Verbandes sich bemühen wird, ihnen Arbeit nachzuweisen. Zu der obigen Erklärung gaben die Organi- ationsvertreter folgende Erklärung ab: „Die beteiligten OrganisationSvcrtreter sind zum Teil mit den Vorschlägen des Metallindustriellenverbandes einverstanden. Sie verlangen jedoch anstatt der Frist von 14 Tagen, eine Frist von 6 Wochen für alle Betriebe, in der sie gehalten sein sollen, Einstellungen nur aus den Reihen der ausstehenden Arbeiter vor- nehmen zu dürfen." Bezüglich der Zurückziehung der gestellten Forderungen wurde wlgende Erklärung abgegeben: „Die Gewerkschaftsvertreter sind ohne Zustimmung der ort- lichen Mitgliedschaft nicht berechtigt, die Forderungen vom 28. bezw. 31. Juli zurückzuziehen und schlagen vor, die nötigen Verhandlungen über die Forderungen zwischen den einzelnen Ortsgruppen stattfinden zu lassen." Der Mctallindustriellenvcrband erklärte die Bedingungen für unannehmbar, sagte jedoch zu, sich dafür bemühen zu wollen, daß die Einstellungsfrist von 14 Tagen auf 4 Wochen verlängert werden 'ollte. Dieses Verhandlungsresultat wurde den Versammlungen in den einzelnen Orten in der Zeit vom 26. bis 28. August zur Be- 'chlutzfassung unterbreitet. Die Ablehnung der Arbeitgebervor- chlägc erfolgte gegen wenige Stimmen. Das wurde dem Vorsitzen- den des Verbandes Thüringer Mctallindustriellcn, Herrn K ü ch- l e r, am 29. August mitgeteilt, aber die Bcreitvilligkeit zu wci- teren Verhandlungen erklärt. Herr K ü ch l c r fuhr mit dem Be- cheid zum Gesamtvcrband in Berlin. Die dabei gefaßten Be- chlüsse zur Unterstützung der Metallindustriellcn in Sachsen und Thüringen sind bekannt und brachten keine Gesamtausspcrrung, wie sie vom Verband Thüringer Metallindustrieller angedroht wor- den war. Die bestehende Verlegenheit wurde für die Verbands- leitung der Thüringer Metallindustricllen dadurch vermehrt, datz 'ehr viel Arbeitgeber schon längst eine Beendigung der Aus- perrung verlangten. Die Gefahr, datz die einzelnen Arbeitgeber elbst die Verhandlung mit den Arbeitern zur Festlegung der Be- nngungen für die Wiederausnahme der Zlrbeit aufnehmen würden, trat immer mehr für die Arbeitgcberorganisation hervor. Der Vorsitzende begann den Rückzug zu organisieren. Er gab die zentralen Verhandlungen preis und versuchte, seinen Einslutz in >en einzelnen Orten und Betrieben zu sichern. Dazu wurde ein leiser Versuch gemacht, dem Bezirkslciter Votz die Schuld für den Abbruch der zentralen Verhandlungen zuzuschieben. Nach einer Aussprache mutzte davon Abstand genommen werden. Nach dieser Aussprache wurde privat über die bestehenden Differenzen ge» sprachen. Die Herren vom Metallindustriellenverband erklärten verhandlungsmüde aber bereit zu sein, eine Verständigung er- möglichen zu wollen. Es wurde von Ärbeiterseite vorgeschlagen, „eine zentrale Verhandlungskommission zur Festlegung der�Be- dingungen für die Wiederaufnahme der Arbeit anzuerkennen".— Das lehnten die Arbeitgeber ab und verlangten, örtliche Verhand- lungskommissionen zu bilden, wozu die Arbeitgeber ebensoviel Ar- beiter hinzuziehen, wie die Arbeiter selbst bestimmen werden und dieser Kommission die Ermächtigung für endgültige Abschlüsse zu erteilen. Dem Vorschlag konnten die Vertreter des Metallarbeiter- Verbandes nicht annehmen, erklärten aber nochmals ihre Bereit- Willigkeit zu Verhandlungen.— Bevor eine Unterredung statt- sand, hatten an verschiedenen Orten einzelne Arbeitgeber erkennen lassen, datz sie geneigt seien, selbständig die Bedingungen für die Wideraufnahme der Arbeit in ihren Betrieben mit den Arbeitern zu vereinbaren, was denn auch geschehen ist. Der Metallindustriellen- verband tritt aber immer wieder störend dazwischen. Er hat an die Arbeitgeber die Weisung erteilt, datz die Verhandlungen be- triebsweise in den einzelnen Orten stattfinden, zu denen die Unter- nehmer auf je 100 Mann ihrer Belegschaft 3 Arbeiterdelegierte entsenden sollen; auher dieser Taktik wird versucht, die Arbeiter mit der Aufhebung der Aussperrung zu unüberlegten Schritten zu verleiten. Nach den dazu schüchtern erfolgten Bekanntmachungen werden die Belegschaften erst Festlegung der Bedingungen zur Wiederaufnahme der Arbeit fordern. Die ohne jeden triftigen Grund von dem Verband Thüringer Metallindustrieller leichtfertig vorgenommene Aussperrung geht ihrem verdienten Ende entgegen. Was die Metallindustriellen bezwecken wollten, kann nicht eintreten. Die Organisation der Ar- beiter wird nicht geschwächt, sondern gestärkt werden. Die Verhandlungen in Leipzig. Die Verhandlungen in der Leipziger Metallindustrie, die am Sfo-'-nbendvormittag wieder aufgenommen wurden, zeitigten einige klcu.c Zugeständnisse, die aber kaum zur Beilegung der Differenzen genügen dürtlen. In der Frage der Arbeitszeit akzeptierten die Unternehmer die von den Arbeitern vorgeschlagene Fassung, wonach die Wochen- arbeitSzeit nicht mehr als 56 Stunden betragen darf. Sie strichen aber das Wort„effektive". Ebenso soll Ueberzeitarbeit Sonnabend überhaupt nicht geleistet werden. Als Lohnausgleich und Lohnzukage sollen die Gietzereiarbeiter, denen bisher nur 1 Pf. pro Stunde geboten war. 2 Pf. erhalten. Damit erhalten die Gietzereiarbeiter, denen die Arbeitszeit um eine Stunde pro Woche verkürzt wurde, neben dem Ausgleich für Ver- kürzung der Arbeitszeit noch eine Lohnerhöhung, dagegen gehen die Arbeiter, denen die Arbeitszeit um mehr als zwei Stunden verkürzt wurde sowie die Dreher, Schlosser und andere Arbeiter der Metall- warenfabrikcn leer aus. Keine Zugeständnisse wnrden gemacht in bezug auf die Bcrech« nung der Akkordarbeit, die Festsetzung des Lohnes»ach Leistung und in bezug aus die Wirkung der etwa zustande kommenden Vereinbarung auf bessere Arbeitsverhältnisse, so datz eS den Anschein gewinnt, als ob die Unternehmer künftighin bessere Arbeitsverhältnisse, als die Angebote der Unternehmer sie schaffen, nicht dulden wollen. Eine Aenderung hat die Situation dadurch erfahren, datz das Kartell der sächsischen Metallindustriellcn, wie es verkünden läßt, um nach Möglichkeit weitere Schädignngen der sächsischen Metall- arbeitcrschaft zu vermeiden", am 11. September auf Vorschlag deS Kartellverbandes Leipzig einstimmig folgenden Beschluß faßte: „Die Aussperrungen in Chemnitz und Dreden werden mit dem 13. September abends aufgehoben, die Ans» fperrungen soller» jedoch in vollein Umfange am 27. September wieder aufgeiioiiimei» werden, falls die Verdandlungen in Leipzig bis zum 23. September abends nicht zur vollen Einigung gesührt haben." Die Arbeit in den Betrieben muß also offenbar sehr drängen An das gute Herz der. sächsischen Scharfmacher, die ihre Arbeiter nicht hungern sehen können, glaubt natürlich kein Mensch. An der Arbeiterschaft ist eS nun, darüber zu befinden, ob sie die Arbeit jetzt schon aufnehmen soll, oder ob sie besser damit wartet, bis die Ver- Handlungen beendet sind. Was die richtigere Taktik ist, lätzt sich nur bei genauer Kenntnis der Betriebsverbältnisse sagen. HusUnd. Generalstreik in Bilbao. Wie auS Madrid gemeldet wird, haben die Arbciterverbände in Bilbao den Generalstreik erklärt. Letzte Nachrichten* Im Dienste des Baterlandes l Aachen, 12. September.(B. H.) Während des Manövers im hiesigen Bezirke sind dem„Echo" zufolge sicbeu Soldaten, zumeist R e s e r v i st e n des Regiments 160, an Hitzschlag ge- torben._ Ter geheimnisvolle Marokkoschacher. Paris, 12. September.(W. T. B.) In dem heute Nachmittag unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Caillaux abgehaltenen Ministerrat machte Minister des Acußeren de S e l v e S Mitteilung von dem Stand der Verhandlungen»nit Teutschland und von dem Inhalt der Antwort, die er der deutschen Regierung zu geben gedenke._ Eisenbahnkatastrophe in Frankreich. Nancy, 12. September.(W. T. B.) Ein Personenzug, der T o u l um 8 Uhr morgens verlassen hatte, entgleiste in der Weiche von Maxeville; drei Wagen wurden beschädigt, der Zugführer getötet und drei Frauen leicht verletzt. Der Verkehr von Paris nach Stratzburg wird durch Umsteigen auf einem Gleise durchgeführt._ Chinas Entwickelung zum„modernen Kulturstaat". Peking, 12. September.(Tel. d. Petersb. Tel.-Ag.) Im Marineministerium ist ein sich auf sieben Jahre erstreckendes Flottenprogramm ausgearbeitet worden, nach dem China am Ende der genannten Frist 8 Linienschiffe, 20 Kreuzer, 10 andere Schiffe und 50 Torpedoboote, sowie 4 Ma- rinearsenale besitzen wird. Verheerende Großfener. Donaueschingen, 12. September.v ä r t S* bat schon am 4. Juli zum Protest ".? n d a S Treiben der Chauvinisten auf- nerordert. Das Wörtchen.Parlcivorsiand" stand nicht nntcr dem Snfrnf.(Pkannluch: Aber im Einverständnis mit dem Partei- vorstand's Selbstverständlich im Einverständnis. Wem es also uin mowivolle Demonstrationen zu tun war gegen die Ranbpolit'k. der baile vom 4 Juli ad Gelegenheit, sie zu machen. Wem es aber „m«arteikrakeel zu tun war. der konnte wieder die Schlafmütze über den Kopf ziehen und auf die Poianne DeS Partei- Vorstandes warten.(Hei.erk-i. und Unruhe.) Nimmt man die Sache chronologiich-historisch. so fällt der ganze Rorwurf in sich zusammen. Und haben denn die Tatsachen. die den Parteivorstand und den Genosien Bebel dazu g-si'hrt baben die Konferenz hinauszuschieben hat denn die EntWickelung der Dinge Bebel, Mollenbuhr und demParteivorstand nicht recht gegeben. Diese Frage stellen heißt, sie zugleich beantworten, ob- wohl Ledebonr im Widerspruch mit der Wahrheit die Hinaus- schiebung jener Konferenz ein Durchkreuzen der internationalen Per- ständigungsaktion nennt. Im„Vvlksblatt für Halle" sagt er sogar, der Parteivorstand habe diese Aktion zum Scheitern gebracht.(Zuruf: Stimmt auch!s Er erhebt dann den Vorwurf, der Parteivorstand habe das Ansehen der deutschen Sozialdemokratie geschädigt, er wolle ./der wage nicht, die internationalen Verpflichtungen zu übernehmen. Wen» das wahr ist, dann her mit den Beweisen, und weg mit einem Parteivorstande, der so feige oder so hinterlistig ist. Hat man aber keine Beweise für solche ungeheuerlichen Vorwürfe, die tatsächlich das Ansehen der Partei schädigen, dann soll man mit solchem Gc- schwätz vom Parteitag wegbleiben.(Unruhe.) Der Parteitag hat das Recht, sich zu verbitten, daß'persönliche Gehässigkeit und Wichtigtuerei in solchen geschwollenen Redensarten sich ergeht. (Große Unruhe.) Ledebour selbst, der es als ein Durch- kreuzen der internationalen Berständigungsaktion bezeichnet, wenn die Konferenz nicht an eincin bestimmten Tage zusammentritt, schreibt in dem bekannten Artikel, daß der internationale Kongreß in Kopenhagen erst jüngst wieder gezeigt habe, wie weil die Meinungen auseinandergehen..Wir können erst an eine internatio- nale Aktion gegen den Krieg herantreten, wenn der gesamte poli- tische Kanipf der sozialdemokratischen Parteien von dem nämlichen Grundgedanken beseelt ist." Erst dann kann man an die Aktion herantreten, die der Parteivorstand jetzt schon gefährdet und zum Scheitern gebracht, weil er nicht auf eine bestimmte Stunde die Konferenz einberief.(Ledebour: Lächerlich!) Ja, gewiß, das ist lächerlich.(Heiterkeit.) Das ist ja meine Auffassung über das geschwollene Getue, hinter dem nichts steckt.(Lebhafter Beifall und große Unruhe.) Ed. Bcrnstcin-Teltow-Becskow verteidigt Macdonald gegen den von Ledebour erhobenen Vorwurf des Nationalisnius, er sei es nicht mehr wie H y n d m a n, der ebenfalls den Befürchtungen der Engländer wegen der deutschen Flottenrüstungen Ausdruck gegeben hat. Ein grober Unfug sei es, dem ein Ende gemacht werden müsse, daß die auswärtigen Korrespondenten unserer großen Blätter die Brudcrparteicn be- schimpfen, statt objektive Berichte über die auswärtigen Verhältnisse zu liefern.— Zwei Tage nach dein angefeindeten Briefe Molken- b u h r s hat V a i l l a n t aus Paris geschrieben, die Gefahr fei nicht so unmittelbar, daß die Einberufung der internationalen Konscrenz ohne Befragung der nationalen Parteien nötig sei. Der Vorstand einer Drcimillionenpartei trägt ja auch eine ganz andere Verantwortung, als der Vorstand einer kleinen einflußlosen Partei: diese hat das Bedürsnis nach vielen internationalen Konferenzen, durch die sie moralisch gehoben wird. Die Gefahr liegt weniger im Krieg, als in der Kriegshetze und ihrer Stück- Wirkung auf die innere Politik, und gerade angesichts der ganzen weltpolitischen Situation und ihrer Gefahren durfte der Parteivorstand der großen und einflußreichen deutschen sozial- demokratischen Partei nicht ans Gerüchte hin. sondern erst, wenn die Verhältnisse klar zu übersehen sind, den Moment für die intcr- nationale Aktion des Proletariats wählen.(Beifall.) Bischoff-Altona: Die Parteigenossen im achten und zehnten schleLwig- holsteinischen Wahlkreis waren allgemein der Meinung, daß der Parteivorstand nicht rechtzeitig auf den Plan getreten ist. Nach den ÄuSführungen von Bebel und Molke nbuhr kann man allerdings eine andere Ansicht gewinnen. Wir beantragen die Streichung der Bestimmung des Organisationsstaturs, daß, wo niehrere Delegierte zu wähle» sind, möglichst eine Genossin d a r u n t e r s e i n soll. Wir wollen nicht etwa den Genossinnen die Erlangung eines Mandats erschweren, aber diese Bestimmung ist uiidcmokralisch. Schließlich könnte es einmal dahin kommen, daß man bitten müßte, daß auch ein Genosse unter den Delegierten sein soll.(Heiterkeit.) Dazu kommt, daß diese Bestimmung ja so wie so nicht von allen Kreisen befolgt wird. Dittmann-Solingen: Es ist richtig, daß ich von dem Parteivorstand in seiner gegen- wärtig«: Zusammensetzung gesprochen habe. Aber wer den Sinn meiner Worte nicht absicinlich verdrehen will, der wird etwas anderes heraushören müssen, wie Fischer, besonders, wer meiiien Artikel im.Vorwärts" gelesen hat.(Sehr richtig!s Der Artikel enthält auch nicht einen Funken einer Animosität gegen irgendein Mitglied des Parleivorstandes, sondern lediglich sachliche Gründe für die Notivendigkeit der Reorganisation unserer Partei- leitung. Selbst Müller hat ja die Notwendigkeit einer Um- geslaltung des Parleivorstandes zugegeben. Im übrigen liegt es mir vollständig fern, mich über das aufzuregen, was Richard Fischer hier gesagt hat. Ich sage nur, das war ganz Richard Fischer. (Leb. Sehr richtig!) Damit ist alles gesagt, Ivos zur Kritik gesagt werden kann. Wie denke ich mir di« Rcorganisalion dcS Partei- Vorstandes? Für unsere s ii d d e u t ich e n Freunde ist es von dcrgrößlen Bedeutung, daß ein Sekretär des Vorstandes für Landesangelegenheiten eingesetzt wird, der in ständigein Koiliiex».mit dcch LandlagSfraklionen und Landesorganisationen der einzelnen Länder stehen muß. Er muß eine ZentralauS- k ii n s t s st e l l e bilden für die cinzelnen Landtagssraklionen und sobald irgendwelche wichtigen Gesetze in den Landlagen zu erledigen sind, die neue Wege für die Partei erschließen können, muß er sich rechtzeitig mit den Fraktionen ins Einvernehmen setzen. Hätten wir bereits einen solchen Sekretär gehabt, dan» wären vielleicht Differenzen, die die letzten Parteitage beschäftigt haben, überhaupt nicht, oder docki nicht i» so unangenehincr Form zutage getreten, wie eö leider der Fall gewesen ist.(Zustimninng.) In ähnlicher Weise denke ich mir die Dinge in bezng auf die Kommunalpolitik. Hier eröffnet sich flir einen Sekretär ein uiigehenres Arbeitsgebiet. Man hat doch wohl noch das Recht, in der Partei seine Ansichten auszusprechen.(Lebhafte Zustimmung.) Ich verzichte darauf, auf Einzelheiten der Äiigclegcnheit des Geheimzirknlars noch weiter ein- zugehen. Es ist nni so dringender noiwcndig, daß die Parteiprcssc Kritik an den Maßnabmen der Gewerkschaften übe, als leider bei diesen im Laufe der letzten Jahre die Kritik in der Verbandspresse außerordentlich eingestellt ivorden ist.(Hört, hört!) In früheren Jahren hat nian auch in den Gewerkschaften den Standpunkt ver- treten, daß das Verbandsorgan unabhängig der Zentralleilnilg gegenüberstehen müsse, heute aber verfolgen Vcrbandsvorslaitd und -Organ vielfach eine gemeinsame Politik, die sie unter allen lim- sländeii durchzilsetzcn suchen, und gerade dadurch cnlsleht die Rebellion unter den Mitgliedern der Gewerkschastcn. ES ist Pflicht der Parteipresse, sich auch mit den iiilernen Angelegenheiten der Ge- werkichasien zu befassen und rücksichtslos auszusprechen dos, was ist. Der Paneivoistand mußte, nachdem der.Grundstein', der»Kor- respoudent" und der Buchdrnckervorstand das Eingreifen der General- kommission gefordert hatten, sich darüber klar sein, daß eine Geheim- Haltung nicht durchzusetzen war. Legien hat mich in keiner Weise bekehrt. Die leitenden Gewerlichasuinstaiizen sind nicht mit dem Verbände identisch und die Kritik an ihnen trifft noch lange nicht alle VerbandSmitgliedcr. Ei» anderer Standpunkt führt zu dem absolutistischen Bekenntnis Ludwigs XIV.»Der Staat bin ich!" Dahin sollen wir es in der Gewerkschaft und Partei nicht kommen lassen. Die leitenden Instanzen müsien der Kritik unterstehe», und I die Kritik kann höchst notwendig werden.(Beifall.) t Adolf Hoffman«: Die Kritik am Geheimerlaß war nicht nur unser gutes Recht, sondern unsere Pflicht. In diesem Zirkular hätte Licht und Schatten gehörig verteilt sein sollen, dann wäre viel Aufregung erspart worden. Wir alle wollen das Znsammenarbeiten von Partei und Gewerkschaft. Aber es muß auf beiden Seiten eine Form der an sich berechtigten Kritik eingehalten werden, daß das Zusammenarbeiten möglich bleibt. Und wenn ein Rüffel erteilt wird, dann muß er auch nach der anderen Seite erteilt werden, weil man ja nachher nicht mehr weiß, welches Karnickel eigentlich angefangen hat. Auf die Marokko frage will ich nicht eingehen, weil ich Gelegenheit genug habe, im Reiche über Marokko zu sprechen. Wenn sich auch gestern die Genossen alle Mühe gaben, den Rahmen der Parteigenössig- keit nicht zu überschreiten, so sind doch Dinge vorgekommen, die besser unterblieben wären. Aber— wer nie zu weit ge- gangen, ging selten weit genug. Luxemburg und Ledebour haben den Parteivorstand vorwärts geschoben. Im Parteivorstand ist ein Fehler begangen worden. Das müßte nicht unser August Bebel sein, wenn er nicht mit ganzer Kraft für den Partei- vorstand eingetreten wäre, um ihn herauszuhauen. Ich erkenne auch die hohen Verdienste M o l k e n b u h r S um die Partei an. Aber er ist, wie der Berliner sagt, ein bißchen pomadig,(Heiterkeit.) Daß ein Mann im Vorstand ist, der seine Ruhe stets behält, ist gewiß wertvoll, aber in dem Augenblick, wo er allein zu entscheiden hat. kann die Ruhe einHemiitschuh werden. Dagegen müsienwirVorsorge treffen. Sonst kann viel verpaßt werden. I» diesem Falle ist ja nichts verpaßt worden, aber es hätte auch anders kommen können. Gerade die Rücksicht aus die Reichstagswahlen zwingt uns, bei Kriegsbetzereienmit allen Mitteln einzusetzen, damit die indifferenten Wähler nicht auf das Kriegsgeschrei herein- fallen. Eine Vermehrung des Parteivorstandes ist not- wendig, aber ein festangestellter Vorsitzender würde ein Hemmnis werden. Er würde den weiten Blick verlieren, wenn er mit Ge- schäftcn zu sehr überlastet wird. Wir müssen mit der Frage der Reorganisation des Parteivorstandes eine Kommission betrauen. (Beifall.) Vorsitzender Dietz macht den nächsten Redner Dr. Liebknecht darauf aufmerksam, daß er nur 10 Minuten sprechen darf. (Heiterkeit.) Dr. Liebknecht: Ich hoffe, daß diese freundliche Ermahnung auf meine Redezeit nicht angerechnet wird.(Heiterkeit.) Ich will nur zur Marokko- trage sprechen. Die Situation war schon Anfang Juli ganz klar. Es ivurde nicht nur sofort der Aufruf im.Vorwärts" erlassen, es wurden auch die Versammlungen zu gleichzeitigen Demonslrationen für den Frieden gestaltet. Das muß zur Ehre der Parteigenossen im Lande gesogt werden. Sie haben sich vielfach berührt und ge- zeigt, daß sie den Ernst der Situation besser begriffen hatten, als der Parteivorstand. Gerade der Tag, an dem der Parteivorstand seinen Aufruf erließ, war einer der unglücklichsten Momente für eine solche Veröffentlichung. Anfang August war der Kaiser in Swinemünde, am b. erschien das Bcruhigungscommuniqng und just am 9. kam der Parteivorstand mit dem Aufruf. Das war e'.pe Krähwinkelei, wie sie in der Partei noch nicht vorgekommen ist. Ueber die Jndiskretioiieii will ich mich nicht auslassen, kann mir aber vorstellen, daß jemand sich sagt: Ich kann nicht schweigen, wenn eine Situation ungemein ernst wird. Trotzdem bedauere ich, daß die Sache in solcher Weise zur Sprache gebracht werden mußte. Die Art der Kritik hat aber gezeigt, daß die Masse der Parteigenossen mit viel größerem Eifer und größeren! Interesse auf die Marolkofrage blickt, als gewisse leitende Stellen.(Sehr richtig!) Es handelte sich um Wichtigeres, alS um die Gewährimg von Geldmitteln an die russische Revolution, von denen Bebel sprach. Dem Genosien Müller vom Parteivorstand könnte man zurufen: Mensch, er- kenne deine Sünden!(Heiterkeit.) Hätte der Parteivorstand zu- gegeben, daß Erhebliches versäumt wurde, so wäre die Kritik viel sanfter gewesen. Statt dessen konstruiert er einen Fall Luxemburg und ruft: Haltet den Dieb. ES ist richtig, daß die radikalen Jeremiasse nicht verhindert waren, ihre Aktion durchzuführen. Aber der Parteivorstand gebört vor de» Wagen und nicht dahinter.(Sehr richtig!> Die geübte Kritik ist deshalb erfreulich und wertvoll, weil die Debatte gezeigt hat, daß trotz der begangenen Fehler die deutsche Partei und die Gewerkschaften noch niemals so geschlossen und so einig w a r e n w i e jetzt.(Beifall.! Das sollen sich unsere Gegner ge- sagt sein lassen. Wir stellen fest, daß das deutsche Proletariat w i e e i ii M a ii n z u e i ii e r m a ch t v o l l e n Aktion gegen die Kriegshetzer geschlossen steht.(Beifall.) Kümmern wir uns nicht zu viel um das Vergangene, cS hat ja nicht nennenswert geschadet. Jetzt gilt es, frisch in die Zukunft zn blicken, und dann mag Doiuieriailag und Wetterschein werden, daS deutsche Proletariat wird sich bewähren.(Starker Beifall.) Sassen-Berlin: Der Antrag des 4. Kreises zur Landagitation ist von der Er- kenntnis getragen, daß in der Agitation auf dein Lande uns ganz andere Aufgaben erwachsen, als in den Großstädten, und daher wollen die Antragsteller diese Agitation ans andere Grund- lagen st c l l e n. Der Kostenpunkt dürste so gering sein, daß wir darüber nicht zu reden brauchen. Bei den Nachwahlen zum Reichs- tag ist bereits nach dieser Idee gearbeitet und die besten Erfolge sind erzielt worden. Die LandaiBeiter sind auf die LandralSprcsse angewiesen, in der sie nur Lügen und Verleumdungen über die Sozialdemokratie finden. Deshalb wollen ivir sie aufklären und Bresche legen in den festesten Wall der Reaktion.(Beifall.) Göllitcr-Frankfurt a. M. begründet den Antrag 15, eine Zentrale für die Parteibetriebe zu schaffen. Frühere Parteitage haben den Antrag abgelehnt. Ein Teil dcS Antrages ist aber bereits zur Durchsübrung gekommen, indem ein Genosse zur Geschäftsrevision angestellt ist. Diese Tätigkeit soll weiter geführt werden.— Redner wendet sich zur Bnchdruckerfrage lind empfiehlt den Redaktionen dringend größere Reserve. Hätten sie in den neunziger Jahren in der Tariffrnge schon ans dem heutigen Standpunkt gestanden, so wäre uns mancher Kampf mit den Buchdruckern erspart geblieben. Aehnlich liegt cS heute. Ueber die Marokkofrage braucht man kaum noch zureden. In Frankstirt haben wir nicht ans den Parteivorstand gewaRet, sondern haben große öffentliche Versammlungen veranstaltet und in den Bezirken die Gmossen aufgeklärt. Man muß aber doch sagen, daß der Parteivorstand vorsichtig vorgehen mußte, denn er trägt eine weit größere Verantwortung, als die Genossen im Lande. Set» Vorgehen ist deshalb durchaus korrekt gewesen. Die kleine Gruppe, die den Angriff gemacht hat, dürfte wohl selbst einschen, daß sie nicht gut abgeschnitten hat. Wir haben nichts versäumt. Das deutsche Voll hat stets auf allen Gebieten der intcrnationalcn Fragen seine Schuldigkeit getan und wird es auch hier tun. (Bravo I) ikiiauer- Sonneberg: Die scharfen Angriffe gegen den Parteivorstand sind von ihm und seinen Verteidigern noch schärfer zurückgewiesen worden. Aber wir Genossen draußen in der Provinz hatte» doch das Empfinde», dag eine Aktion früher eingeleitet imben»mfcte. Wir hatten auch nicht dcis Eiilpfiudeu, daß erst Nasa Luxemburg und die .Leipziger Volk-Zzeitung" die Anregung dazu gegeben haben.— Genosse Wels hat sich ganz besonders gegen den Ton der Linken gewendet. Nun, die Redner der Nechlen halten einen Ton, der auch nicht schöner war, namentlich der Genosse Wels. Man soll aber nicht immer über den Ton jammern, wenn ein kräsliges Wort gesagt werden muß. Ich werde auch das Gefühl nicht los, als ob man zu wenig Wert auf die Meinung der Genossen in der Provinz legt und daß in Berlin viel Durchschnitisware vorhanden ist. Die Rede von Wels war wohl eine Kandidatcnrede!(Zuruf: Ach ne!) Ein Wort zum G e h e i m z i r k u l a r. Die Freiheit der Presse muß unbedingt auch gegenüber Angriffen aus GewerkichaftSkreisen gewahrt bleiben. Man tut inuner so, als ob die Genossen auf der rechten Seit? allein Gewerkschafller sind und die gewerkschaftliche Taktik in Erbpacht genommen haben. Antrag 15 wird zweifellos angenommen werden. Ich habe schon in Nürnberg darauf hin- gewiesen, daß eine schärfere Kontrolle der Parteigcschäfte not- wendig ist. Ueber die eigentliche Agitation ist hier noch nicht gesprochen worden. Die Genossen draußen können aber verlangen, auch in dieser Richtung hier Direkliven zu bekommen. Deshalb wende ich mich dagegen, daß n,an von gewisser Seite erklärt, daß w i r m i t Fortschrittlern und Nationalliberalen zusammen geben müssen. Wir wollen keinen Großblock, wie er vielleicht in Württemberg und Baden gewünscht wird.(Vereinzeltes Bravo!) Rosa Luxemburg: Die politische Seite der Streitfrage, um die sich die VerHand- lungen gestern und beute drehen, ist bereits so klar, daß ich gern ans das Wort verzichtet hätte. Ich muß mich aber gegen die persön- lichen starken Angriffe von Molkenbuhr und Bebel wenden. M o l k e n b u h r hat besonders als einen Beiveis meiner teuflischen Bosheit hervorgehoben, daß ich geflissentlich das Datum seines Briefes an das internationale Bureau unterschlagen hätte. Ich stehe aber heute, wie damals,— und ich glaube, alle Mitglieder, außer Molkenbuhr— ans dem Standpunkt, daß nicht diese oder jene Rede eines englischen Ministers, sondern die Absendung eines deutschen Kanonenbootes nach Agadir der gegebene Moment sei, um eine Aktion gegen die Marokkogefahr zu entfalten.(Sehr richtig I) Molkenbuhr sagt freilich, was das Kanonenboot dort wollte, das wußte man nicht. Vielleicht dachte nian im Parteivorstand, daß eS hingeschickt sei. uni Fischlein zu fangen.(Heiterkeit.) Nun zu Bebel! Ich bedaure sehr, daß Bebel, der so sehr gegen Indiskretionen vorging, mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden Schärfe, Lebhaftigkeit und Jugendfrische zugleich die In- diskretion verübt hat, private Aeußerungen von HuysmanS über mich zu verbreiten. Es tut mir leid, daß ich gegen meine Gewohnheit auf die Worte eines Abwesenden scharf anbohren muß. Aber ich bin dazu durch Bebel gezwungen. HuysmanS soll zu Bebel gesagt haben(Bebel: Soll? Er hat gesagt!) erstens, daß es nicht das erste Mal sei, daß ich eine Indiskretion mit Mitteilungen des Internationalen Bureaus verübt habe. Hat Hu Ys maus das gesagt, was ich ja nicht weiß und nicht nach- prüfen kann, so hat er eine aus der Luft gegriffene Behauptung aufgestellt, für die keinerlei Beweise zu erbringen sind. Weiter soll H u y s m a n s die Absicht geäußert haben, mir für meine Missetat alle Mitteilungen des Internationalen Bureaus zu sperren. Hat HuysmanS das gesagt, dann hat er seine Kompetenz weit über- schritten.(Bebel: Das habe ich ja selbst gesagt!) Huysmans hat nicht zu befinden, sondern das Internationale Bureau, und(mit der Faust auf den Tisch schlagend! ich möchte das Bureau sehen, das es wagen würde, mir meine Mitteilungen zu sperren.(Lachen und Beifall.) Weiter hat Bebel eine neue Beschuldigung zu meinen früheren Sünden hinzugefügt, ich hätte unterschlagen. (Bebel: Sehr richtig!) Sie wissen ja noch gar nicht, was ich sagen will, Genosse Bebel, beruhigen Sie sich, bleiben<Äe ruhig. (Lachen.) Ich hätte dadurch eine Unterschlagung begangen, daß ich nicht erwähnte, daß er die vorgeschlagene Sitzung nur zunächst, nur vorläufig, abgelehnt hätte. In meinem Artikel steht schwarz auf weiß:„Das deutsche Mitglied des Internationalen Bureaus er- tlärte gleichfalls z u n ä chst...(B e b e l: Davon haben Sie gestern kein Wort gesagt!) ich habe das vorgelesen, Sie müssen zuhören und nicht immer durch Zwischenrufe stören(Unruhe); ja, ich habe nicht nur erwähnt, daß zunächst abgelehnt war, sondern ich habe mich darüber verbreitet, um nachzuweisen, daß das„zunächst" ganz anders aufgefaßt werden müßte. Ich sage in meinem Artikel weiter:„Tie Ablehnung von deutscher Seite jedoch zunächst ist als eine Ablehnung an die Idee überhaupt aufgefaßt worden." Wie man angesichts dieses Wortlauts meines Artikels behaupten kann, ich hätte unterschlagen, daß die Ablehnung nur zunächst erfolgte, ist mir, um ein bekanntes Wort von Bebel zu gebrauchen, ein Psy- chologijches Rätsel. Bebel macht mir weiter den Vorwurf, daß ich nicht erwähnt habe, daß er in seiner Besprechung mit Huysmans sich sogar für einen weitergehenden Vorschlag ausgesprochen hat. Er erwähnt aber nicht, daß diese Besprechung am 30. Juli stattfand und mein Artikel schon am 24. erschien. Bebel hat dann öffentlich erklärt, er habe sich vorgenommen, künftig in seinen Briefen an mich sich sehr in achi zu nehmen. Diese Vorsicht ist ganz überflüsiig. Sie wissen ebenso gut, wie ich, daß die Briefe, die wir einander schrei- den, gewöhnlich von vornherein nicht hinter den Spiegel zu stecken sind.(Große Heiterkeit.) Der Parteivorstand, namentlich Bebel, haben mit voller Macht aus ihrer Höhe als Jupiter auf mich die brennendsten Blitze und Donner herabgeschleudert, sie haben mich persönlich herabznrcißen gesucht soviel sie konnten, aber ich habe schon jetzt eine Satisfaktion erlebt, lind das war während der Rede von Ihnen, Genosse Bebel. Haben Sie vielleicht gesehen, woher Sie den stürmiscken Applaus bekommen haben?(Lachen.) Tie applaudierenden Hände waren alle aus B a y e r n, B a d e n. (Große Unruhe. Zurufe: Ist das so schlecht? Unverschämtheit, Unerhört! Das ist die Einheit der Partei.) Es waren vor allem die Revisionisten.(Großes Gelächter und Zustimmung.) Jawohl, und das ist der Beweis dafür, daß es sich hier nicht um persönliche Angelegenheiten handelt, sondern um politische Fragen, um eine taktische Meinnngsdiffercnz. die hier auf meinem Rücken ausge- fochten ist. Ich gönne Euch diese Lorbcren aus dem Süden, die halll Ihr diesmal reichlich verdient.(Beifall und Zischen.) Lcdebour-Berlin: Liebknecht hat hier sehr wichtige Tatsachen klar gelegt, die meine Stellung vollkommen rechtfertigen. Durch seine Aeußcrung: „wenn ich anspacken wollte, dann kriegtet Ihr noch ganz anderes zu hören," hat Genosse Bebel alles, was er gesagt hat, indirekt zurückgenommen. Es ist ein durchsichtiges Manöver namentlich des berühmten Manövriertaktikers unserer Partei, des Genossen Fischer, Bebel vorzuschieben, weil er an der Sache am wenig- sien beteiligt ist.(Bebel: Ich lasse mich nicht vorschieben. Das ist eine Unverschämtheit, so etwas zu sagen!) Bielleicht wird im nächsten Rügebriefe des Parteivorstandes der Presse die Mahnung gegeben, sich in der Polemik mit Parteigenossen des Ausdrucks Unverschämtheit und nicht stärkerer Ausdrücke zu bedienen.(B c. b e l: Das ist aber die richtige Antwort, es gibt kein anderes Wort!) Sitz sind, abgesehen von der brieflichen Korrespondenz mit dem Bureau in Brüssel, an der ganzen Sache nicht beteiligt, und inso- fern ist es nicht richtig, daß gerade Sie als Wortführer des Partei- Vorstandes in der Vericidigung von Vorgängen aufgetreten sind, an denen Sie nicht beteiligt sind.(Zurufe: Bebel ist doch Vor- sitzender!) Ick habe im„Hallcschen Volksblatt" nachgewiesen, daß der Parteivocstand eine Unwahrheit gesagt hat. Ich verlange aus- drücklich, daß die beteiligten Parteigenossen sich über ihr bisheriges Schweigen rechtfertigen. Es ist nicht wahr, daß die Einladung an die französische Partei erfolgt ist; aber eine Anzahl von Paricivorstandsinitgliedcrn ist»n den urigen Glauben versetzt worden, daß es der Fall war, weil die beteiligten Vorstandsmitglieder sie nicht informiert haben. In der Sitzung in der Neuen Welt, an der M o l k e n b u h r teilgenommen hat, ist Stoischen deutschen Gewerkschaftlern und französischen Syn- dikalisien festgestellt worden, daß an eine Einladung der französi- schcn Partei nicht gedacht werden könne. Ueber diese Abmachung hat Molkenbuhr dem Parteivorstand überhaupt nicht Bericht er- stattet, und erst durch die Anfrage der Generalkommission hat der Parteivorstand davon erfahren. Daher konnte Wongets am 2. Au- gust zu mir kommen und erklären, daß die französische Partei an der Versammlung beteiligt war. Ebert sei viel zu vorsichtig, als daß er sich daraus einlassen würde, wenn die Parteigenossen in Frankreich daran nicht beteiligt wären. Ebert ist sogar so vor- sichtig gewesen, daß er die übrigen Vorstandsmitglieder von der Nichteinladung der französischen Partei nicht unterrichtet hat; sie haben das erst nach meiner Rückkehr von mir erfahren. Aber diese erste Unterlassung könnte man noch immer mit der Hast entschuldi- gen. Aber nicht zu entschuldigen ist, daß der Partcivorstand am 4. August die Behauptung in die Presse schickte, die französische Par- tei sei eingeladen worden. Was der Parteivorstand sagt, ist unwahr, nicht was Genossin Luxemburg gesagt hat. Und bis zum heutigen Tage ist nock nicht einmal ein Wort der Entschuldi- gung gesagt worden. Ebert hat die unwahre Behauptung in die Welt gehen lassen, und damit hat er sich selbst einer bewußten Un- Wahrheit schuldig gemacht.(Unruhe.) Unwahr ist auch die Behauptung Fischers, daß auf dem Internationalen Kongreß in Kopenhagen die deutsche Partei sich gegen die Anwendung des Massenstreiks im Falle eines Krieges erklart hat. Ich war namens der Partei in der Kommission unb habe damals die von uns vereinbarte Resolution begründet. Unsere Stellung war genau die, die Ich gestern zum Ausdruck gebracht habe: wir können nicht schon jetzt positiv oder negativ durch einen Be- schluß festsetzen, obeinmal ein Massenstreik angewen- det werden kann. Weder hier noch m einer Resolution ist aber gesagt worden, was Richard F i s ck c r hier fälschlich behauptet, daß wir gegen die Anwendung des Massenstreiks gewesen sind. Darum habe ich eben so großen Wert auf die Verabredung unter den Vertretern der Nationen gelegt, weil es notwendig ist, unter den Vertretern der sozialistischen Parteien über das, was in dieser ungeheuer wicktigen Frage zu tun ist, zu einer Abmachung zu kommen. Selbstredend muß eine solche Verhandlung diskret be- handelt sein. Wir mußten uns in irgendeiner Form darüber klar werden, was wir tun können, damit wir beim plötzlichen Ausbruch einer Krise auf alles gerüstet sind, was vorkommen kann. Ge- rüstet sein ist alles. Gerade weil plötzlich aus heiterem Himmel eine Kriegsgefahr über die Nation hereinbrechen kann, müssen wir jederzeit gerüstet sein.(Beifall.) Hcnke-Bremen: Zwischen Briefen und Briefen muß ein Unterschied sein. Es handelt sich hier nicht um einen Brief Molkenbuhrs an eine Jugendliebe(Au! Au!), sondern um einen Brief, den er in einer uns alle aufs innigste interessierenden Sache geschrieben hat. Wenn Genossin Luxemburg nur im Interesse der Sache den Brief benutzt hat, so muß ich ihr in diesem Falle recht geben. Wenn aus dem Gebrauch dieses Briefes ein Fall Luxemburg ton- struiert werden soll, so wird sich später bei ruhiger Uebcrlcgung herausstellen, daß dieser Fall in sich zusammensinkt.(Müller- München: Ja, ja, Luxemburg ist gefallen! Lebhafte Heiterkeit.) Genosse Müller, Sie sind schon öfter gefallen.(Erneute Heiter- keit.) Wenn die Genossin das Mißfallen der Genossen aus Bayern erregt hat, so begreife ich das.(Zustimmung bei den Süddeutschen.) Aber auch Sie Süddeutsche haben oft das Mißfallen anderer Ge; nossen erregt. Wenn Sie die kleine Gruppe verdaut haben, die sich um die Luxemburg, Pannekoek— Kautsky scheidet leider aus—(Lachen. Bebel ruft: Ja, ja, die Gruppe wird immer kleiner!), wenn Sie die verdaut haben, dann wünsche ich Ihnen guten Appetit.(Bebel ruft: Wir werden auch Genossin Luxemburg verdauen. Heiterkeit.) Die Genossin Luxem- bürg wollte mit ihrer Kritik des Parteivorstandes das Beste der Partei. Diese kleine Gruppe hat mit Nachdruck darauf hinge- wiesen: wir gehen großen, gewaltigen Kämpfen entgegen. Wir sind, um mit Kautsky zu reden, in das Zeitalter der Revolution eingetreten.(F r a n k- Mannheim ruft: Und der Katastropbe!) Heiterkeit.) In dieser Zeit kommt es darauf an, den Willen der Massen sprechen zu lassen und der Vollstrecker des Willens der Massen zu sein. In der Marokko frage hat der Parteivor- stand sich nicht immer im Einklang mit dem Fühlen, Denken und Wollen der Massen gehalten. Engels hat auch einmal den Brief eines anderen an den alten Liebknecht veröffentlicht, als dieser noch lebte. Auch Engels hat damals mancherlei Rücksichten zurück- gedrängt, um der Sache zu dienen. Das hat auch die Genossin Luxemburg getan, die ich nicht weiter verteidigen will, obwohl ich auf ihrer Seite stehe. Gewiß soll der Vorstand nicht der Leit- Hammel der Massen sein, aber er muß die Wege weisen, die die Masse zu gehen hat oder gehen will. Der Vorstand soll heute von einer Seite mit Beschlag belegt werden.(Hört! hört!) Er hat heute eine Mehrheit für sich, die z. B. im vorigen Jahre noch nicht hinter ihm stand.(Hört! hört!) Die Tinge ändern sich, sie ändern sich aber wohl auch bis zum nächsten Parteitag. Wir wollen eine Reorganisation des Vorstandes, nicht etwa weil wir der Meinung sind, daß unfähige, untüchtige, schlechte Ge- nossen im Vorstand sind. Dann wären wir ja Esel gewesen, als wir sie gewählt haben. Nein, die Last der Arbeit im Vorstande ist zu groß geworden. Die Kräfte müssen ergänzt werden. Es muß ein inniger Zusammenhang zwischen der Spitze der Partei und der Masse hergestellt werden. Wenn der Vorstand nach un- serem Wunsche reorganisiert wird, dann wird er auf dem nächsten Parteitage wieder(eine alte Mehrheit hinter sich sehen, die nun heute einmal nicht mit ihm zufrieden ist. Kautsky warnt uns Bremer und die Leipziger vor dem Weg zum Syn- dikalismus. Und die„Frankfurter Volksstimme" bringt einen Artikel mit der Ueberschrift„Die Anarcho-Syndikalisten an der Arbeit". Auch die neuesten Freunde des Vorstandes sind nicht überall mit ihm einverstanden. Schippe! hat in den„Sozialisti- scheu Monatsbeften" darauf hingewiesen, daß ustftr größtes süd- deutsches Partciblatt nicht einmal den Aufruf des Vor- standes abgedruckt hat. Lesen Sie einmal das nach, was Lassalle in seinem Briefe über die tragische Bedeutung Sickingens über die Bedeutung der Masse sagt. Tann werden wir wieder in Einklang kommen.(Beifall.) Luise Zieh: Es ist nicht wahr, daß der Parteivorstand erst durch die An- klage der Genossin Luxemburg zu seiner Aktion genötigt war- den ist. Ich hätte gewünscht, daß der Ausruf etwas früher er- schienen wäre, aber darum kam er selbst dock nicht zu spät. Er er- schien, als eine neue, unglaubliche Kriegshetze einsetzte. Die Mci- nungsverschicdenheit im Vorstand betras nur den Zeitpunkt. Nun zum sogenannten Geheimerlaß. Wir haben in unserer Sitzung auch in der allerschärfsten Weise an den Aus- lassungen der Gewerkschaftspresse Kritik'geübt, wie Gcnoye Silberschmidt, der anwesend war, bestätigen wird. In nach- drücklichstcr Weise wurde hervorgehoben, daß der„Korrespondent" schon jahrelang unsere Partei heruntergerissen hat.(Sehr richtig!) Ich stelle fest, daß ausdrücklich vom Partei- vorstand den Buchdruckern erklärt worden ist, es sei ganz selbst- verständlich, daß, nachdem dieser Rat an die Presse gegeben worden war, der„Korrespondent" seine Angriffe gegen die Partei unter- lasse und einstelle. Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn dieses Vorkommnis erwähnt worden wäre.(Sehr richtig!) Man mag das als eine Unterlassungssünde bezeichnen, die ich nicht verteidi- gen will. Aber es ist nicht wahr, daß der Vorstand nicht für das Interesse und das Recht der politischen Redaktionen eingetreten ist. Das ist in ausgiebigster Weise geschehen. Ich glaube aller- dings im Gegensatz zuLausenberg, daß Ratschläge des Partei- Vorstandes beachtet werden sollen, und ich hoffe, daß man hüben und drüben mehr in genossischcm Sinne arbeiten wird. (Beifall.) Dringend bitte ich, den von Bischoff begründeten Antrag 14 abzulehnen, der den Passus streichen will, daß. wo mehrere Delegierte zum Parteitag zu wählen sind, möglichst eine G c- nossin darunter sein soll. Ter Passus ist nach reiflichen Bc- ratuirgcn in das Etatut gekommen. Er soll eine Ermahnung an die Genossen sein, aber auch eine Mahnung an die Genossinnen, an der Bewegung in stärkerem Maße sich zu beteiligen. Eine zwin- gende Bestimmung enthält der Passus nicht. Ich habe den Ver- dacht, daß unsere lieben Altonaer und Wandsbekcr Genossen den Passus nur deshalb aus dem Statut heraushaben wollen, weil sie zum Ausdruck bringen wollen, daß nicht nur eine, sondern mehx� weibliche Delegierte gewählt werden können(Heiterkeit), denn Ml haben ja die Liebenswürdigkeit gehabt, zwei weibliche Delegierte aus einem Kreise zur Frauenkonfcrenz und zum Parteitag zu bringen. Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit, aber ich bitte doch, den Antrag abzulehnen.(Großer Beifall und Heiterkeit.) Dr. David: Die anderthalbtägige Debatte ist ja reich an interessanten Mo- menten vom Standpunkt der inneren Parteigeschichte. Aber unter dem Gesichtspunkr der gegenwärtigen politischen Situation kaum notwendig und nützlich.(Lebhaftes Sehr richtig!) Genossin Luxemburg hat versucht, ihr gestrandetes Schiff im letzten Moment durch den alten Trick wieder flott zu machen, die Debatte in eine Richtungsdebatte umzuwandeln. Die gegenwärtige poli- tische Situation und die Bedeutung der Marokkofrage hätte es verbieten sollen, hier nicht vorhandene Gegensätze hineinzutragen. (Lebhaftes Sehr wahr!) Wenn sie behauptet, Bebel habe nur bei den süddeutschen und westdeutschen Genossen Zustimmung gesunden, so ist das eine Entstellung der Tatsachen.(Lebhaftes Sehr richtig!) Das werden die Abstimmungen ergeben; Verwahrung aber mutz ich einlegen gegen die darin liegende Disqualifizierung der süd- und westdeutschen Genossen als Genossen zweiter Ord- nung. Wir können ja nicht alle aus der Heimat der Genossin Luxemburg sein(stürmische Heiterkeit), aber wir beanspruchen, als vollwertige Genossen behandelt zu werden und lassen uns dies Recht von ihr am wenigsten nehmen. Die Ankläger des Parteivorstandes geben selbst zu, daß sachlich nichts versäumt ist, nur meinen sie, sofort, als der deutsche Kreuzer vor Agadir erschien, hätte man zur Protestaktion übergehen müssen. Diese Auffassung kann ich nicht teilen.(Bebel: Sehr richtig!) Die Regierung erklärte damals und erklärt noch heute, sie habe nicht die Absicht einer Besitzergreifung. Damals mit einer Protestaktion vorzugehen, hätte nur das Geschäft der Kriegshetzer erleichtert, indem es die künstliche Aufregung, die sie erregen wollen, auch unsererseits unterstützt hätte. Haben wir denn je einen Zweifel darüber gelassen, wie wir darüber denken, etwa um Marokkos willen einen Weltkrieg zu entfesseln. Auch in der Politik kommt es nicht auf die Fixigkeit an, sondern auf die Richtigkeit; und vom Parteivorstand, dem Generalstab un- sercr Armee, müssen wir verlangen, daß er eine Situation kalt prüft und nicht in hysterisch nervöser Hast in eine Aktion hineinpatscht.(Ledebour: Armer Parteivorstand. Bebel: Unerhört!) Auf den Zwischenruf Ledebours gehe ich nicht ein, er richtet sich von selbst. Nun spricht man vom Recht der Kritik. Ihm steht eine Pflicht der Zurückhaltung gegenüber, wenn man sich in einer Aktion befindet. Stets ist es eine Schwäche der Demo- kratie gewesen, wenn in gegebenen Situationen durch Kritik sie sich selbst schwächte. Aus der russischen Revolution sollen wir lernen, daß man im Kampf, bevor die Errungenschaften noch feststehen, die Opposition zurückstellen und die Geschlossenheit der Situation wahren muß. Gerade diejenigen, die sich über zu spätes Eingreifen des Parteivorstandes beschweren, haben die mit dem Marokkoflugblatt unternommene Aktion durchkreuzt.(Bebel: Sehr wahr!) Auf das Hochkomische dieses Intermezzos will ich nicht eingehen. Nur auf die praktische Wirkung, die es ausüben muß, wenn vom Parteivorstand ein Flugblatt verbreitet wird und die gegnerische Preffe aus der„Leipziger Volkszeitung" abdruckt, es sei ganz oberflächliches, fades Gewäsch, ein kleinbürgerliches, prinzipienloses Elaborat. Noch nie ist ein solcher Fall vorgekommen. (Zuruf: Monatshefte!) Tort ist, wie in der„Neuen Zeit" an der Theorie und der Taktik Kritik geübt, niemals aber eine Aktion der Partei durchkreuzt worden. Wenn Zweisel hätten entstehen können, daß die Partei in der Marokkofrage die Kriegs- hetze zurückweist und die internationale Solidarität nicht bochhalte. so bat der Verlauf der Debatte gezeigt, daß jeder Versuch, die Einheitlichkeit und die Geschlossenheit der Partei anzuzweifeln. hinfällig ist. Bisher galt es als eine Selbstverständlichkeit, daß man sich auf die internationale Solidarität der Partei verlassen kann, und daß sie mit allen Kräften gegen die Kriegshetzer und chauvinistischen Spekulanten, die die Völker gegeneinander Hetzen, kämpft. Künstlich wurden in diese Selbstverständlichkeit Zweifel hineingetragen und von imperialistischen Tendenzen in der beut- schen Parteileitung gesprochen.(Ledebour: Wer hat das getan?) Gestern noch von dieser Tribüne herab Dr. Lensch. (Dr. Lensch: Das ist eine Verdrehung der Tatsachen!) Nun weiß ich ja.�daß Lensch nicht ernst zu nehmen ist, aber in dieser politischen Situation, die noch ernster werden kann, müssen wir betonen, daß es hier keine Richtungsunterschiede, keine Unterschiede zwischen Nord und Süd und Ost und West gibt, daß die So- zialdemokratie gegen die Kriegs spekulanten und Kriegshetzer einig ist, daß sie zum Segen der Ar- bester des deutschen Volkes und der Kultur geschlossen alle Ver- suche abwehren wird, die Völker in den Krieg zu treiben um Marokkos willen oder um eines sonstigen An- lasses willen.(Lebhafter Beifall.) Bebel: Wider meinen Willen nötigen mich die Reden der Genossin Luxemburg und LedebourS, noch einmal zu sprechen. Ich kann mich aber kurz fassen, da Genosse David, wie ich ancr- kennen muß, in ganz ausgezeichneter Weise die Angriffe von jener Seite gegen den Parteivorstand und sein Verhalten widerlegt hat. Bis auf einige nicht zur Sache gehörige Ausführungen bin ich mit alledem einverstanden, was er über die Tätigkeit des Parteivor- standes und überhaupt über die Marokkopolitik gesagt hat.(Bravo!) Auf die Gefahr hin. daß mich Ledebour und Luxemburg in die Wolfsgrube der Revisionisten werfen.(Große Heiterkeit.) Als David einige Worte zur Rechtfertigung des Parteivorstandcs sagte, rief Ledebour: Armer Parteivorstand I Das zeigt den Tiefstand seiner Auffassung.(Lebhaste Zustim- mung.) Also, wenn ein Sicvisionist, mag er noch so richtig ge- sprachen haben, für den Parteivorstand eintritt, so ist das in Ledebours Augen eine Herabsetzung des Vorstandes. Ich be- daure es auch in Ihrem(zu Ledebour) eigenem Interesse, daß Sie die Ausführung Molkenbuhrs als Lüge charakterisiert haben.(Bewegung.) Der Genossin Luxemburg erwidere ich: Huysmans soll nicht nur gesagt haben, daß die Indiskretionen der Genossin Luxemburg das Internationale Bureau zur Vorsicht nöugcn, er hat es gesagt.(Hört! hört!)' Und ich begehe damit keine Indiskretion, denn er hat mir gesagt, es sei ihm sehr angenehm, wenn ich von dieser seiner Acußerung inöglickst viel Gebrauch mache.(Große Bewegung.) Ich habe gestern in meiner Red- mich zunächst ausschließlich mit der Haltung der Genossin Luxemburg zu dem Briete Molkenbuhrs und ihren Folgerungen daraus befaßt, und im anderen ■reil meiner Rede habe ich mich aus ihre Rede bezogen und auf das, ivas sie �n i ch t gesagl hat. Auf den Artikel in der„Leipziger Voltr-- zestung", den die Versammlung gar nicht kennt, brauchte ich nickst Bezug zu nehmen. Wohl aber war ick verpslichtet, da Genossin Luxe m. b u r g in ihrer Anklagerede nicht genügend Bezug aus die Astenstücke nahm auf meinen Brief vom 12. Juli hinzuweisen, worin ich die Einberufung einer Konferenz bei dem zunächst fricd- lichen Verlaus der Angelegenheit nicht für nötig halte, damit wir uni er Pulver nicht verschießen Ich habe weiter, und das will ich insbesondere stir die weite Oeffeiitlichkest feststellen, mich, wie aus den Aktenstücken hervorgeht, sofort als England eingriff. an das Internationale Bureau gewandt niit dem Antrage, Stellung zu nehmen. Mehr konnte ich in der Tat nicht tun. Man vergesse doch nicht die fortwährenden «Schwankungen in der Maroktofrage. Keine drei Tage>var dicsetbe Situation. Als ich Huysmans privatim sagte, binnen drei Tagen muß das Bureau zusammen sein, sagte er, das geht nickt. weil die Mitglieder über die ganze Welt zerstreut sind. Ich have aber bringend zugeredet, mit möglichster Beschleunigung dorzu- gehen. Ich habe damals aucb gesagt, und das hat sich ja bisher bestätigt, dag ich an diesen Krieg nicht glaube. Freilich, der offen- bar vorhanden gewesene Versuch der englischen Regierung ist außerordentlich bedauerlich. Wir haben uns im Reichstage und anderwärts manchmal auf die Aeußerungen der englischen Minister berufen und nun hielt Lloyd George auf einmal eine Rede, die sich ganz im Geiste der Chauvinisten be- wcgte und den Krieg als unter gewissen Umständen für notwendig erklärte, genau so. wie es seine deutschen Kollegen um B e t h m a n n Hollweg im Reichstag taten. Eine andere Aeutzerung der Ge- nossin Luxemburg konnte den Eindruck einer besonders leb- haften und besonders gereizten Korrespondenz zwischen uns hervor- rufen. Das stimmt aber nicht. Unser beiderseitiger Briefwechsel war durchaus freundlich. Wenn sie mir schrieb, dann schrieb sie, lieber Genosse Bebel, und wenn ich ihr antwortete, dann schrieb ich, liebe Genossin Luxemburg.(Stürmische Heiterkeit.) Wir haben also ganz freundschaftlich miteinander verkehrt.(Abermals stürmische Heiterkeit.) Freilich muß ich gestehen, das„liebe" kann ich künstig nicht mehr anwenden nach dem, was heute vorgekommen ist. Ich nehme an(zur Genossin Luxemburg), das ist auch auf Ihrer Seite der Fall.(Die wachsende Heiterkeit des Parteitages entladet sich zu einem minutenlangen Lachsturm.) Die Genossin Luxemburg hat mir zum besonderen Vor- Wurf gemacht, daß der Beifall, den gestern meine Worte fanden, von der revisionistischen Seite kam. Ich weiß nicht, woher der Beifall kam, denn wenn ich von der Tribüne herunterkomme, dann gucke ich immer schamhaft zu Boden.(Heiterer Beifall.) Ich glaube, in meinem langen Leben bewiesen zu haben, daß ich nicht nach Beifall geize.(Sehr wahr!) Ich kann mich ruhig auf meine Ver- gangenhcit berufen.(Bewegung und Zustimmung.) In meinem langen Leben habe ich leider meine Oppositionsgelüste durchaus nicht befriedigen können(große Heiterkeit) in Rücksicht auf die Partei, weil ich von den vollen 5(1 Jahren, die ich in der Partei stehe, 47 immer in der Parteileitung war oder ihr nahe gestanden habe. Aber herumgeschlagen haben wir uns immer ehrlich. Ihr glaubt wohl, daß alles ein Herz und eine Seele gewesen wäre— i, fällt uns gar nicht ein.(Heiterkeit.) Keyter hat sich etwas vom anderen gefallen lassen, aber wir waren immer freundschaftlich verbunden, und es herrschte immer volle Harmonie, und so wird eS auch bleiben, solange ich die Ehre habe, im Parteivorstand zu sein. (Lebhafter Beifall.) Ich habe den Vorwurf Ledebours. vorgeschoben zu sein, durch einen Zwischenruf beantwortet, von dem ich zu meinem Bedauern nichts zurücknehmen kann. Es ist ein sehr starkes Stück, einem Manne, der 50 Jahre in der Bewegung steht und 47 Jähre mit an der Spitze, zuzumuten, er lasse sich schieben.(Bewegung.) Ich hoffe, daß Ledebour niemals dies Kompliment gemacht wird.(Sehr gut!) Schließt doch künftig alle, die über 50 Jahre alt sind, ans der Partei aus. Wenn K a u t s k y mit seinen 57 Jahren und Mehring mit seinen 02 Jahren senil sind, dann wird man ja vielleicht auch bald mit 50 Jahren senil sein.(Heiterkeit. M ü l l e r- Münchens Mancher bringt Senilität mit auf die Welt!) Tann müssen wir bald einen Jnvalidenfonds schaffen, für den ich auch gern ein paar tausend Mark hergebe.(Stürmische andauernde Heiterkeit.)(Zu Ledebour:) Sie kämen selbstverständlich auch schon unter die Invaliden, Sie sind ja auch schon über 50 Jahre. (Erneute große Heiterkeit.) Ledebour hat die Stellung des Parteivorstandes gegenüber der französischen Partei in der Demonstrationsangelegcnheit als einen Fehler bezeichnet. Vorgestern hat Le Parti Socialiste durch ihren Sekretär unserem Parteivorstand schreiben lassen, daß sie durchaus anerkennen müsse, daß wir vollständig korrekt gehandelt haben und daß_jie für das loyale Entgegenkommen danke, das wir stets den französischen Sozialisten bewiesen haben.(Hört! hört!) Ledebour, der ja französisch versteht, kann den Brief einsehen. Aber vielleicht behauptet man,, ich hätte den Brief in Paris bestellt. Das wurde mich bei den Anschuldigungen von jener Seite gar nicht wiindern.(Frohme: Das gehört zum System!) Ich schüttele das ab, ich lasse mir nichts gefallen, ich vertraue auf den gesunden «sinn der Parteigenossen, die in ihrer übergroßen Mehrheit wohl wissen werde», auf welche Seite sie sich in dieser Frage zu stellen haben.(Sehr gut!) Ich habe noch mitzuteilen, daß die„Kölnische Zeitung" unter Bezugnahme auf meine Rede am Sonntag mir einen Brief schreibt, worin sie bestreitet, anläßlich der Miquelschen Steuer- reform mit Revision ihrer monarchischen Anschauungen gedroht zu lmben. Ich stelle dies in loyaler Weise fest. Die Presse wird ja für Weiterverbrcitung sorgen.— Im übrigen habe ich zu der Sache nichts zu sagen.(Lebhafter Beifall. Bebel ruft einigen süddeutschen Genossen, die ihm Beifall spenden, zu: Wollt Ihr ruhig sein, Ihr Revisionisten. Stürmische Heiterkeit.) Weber-Griesheim: Wir glauben, daß der Parteivorstand die richtige Stellung in der Marokkofrage eingenommen hat. Gerade als Gewerkschaft- l e r halte ich es für richtig, wenn die Parteipresse unseren Ge- lverkschastssührcrn zeigt, wie das proletarische Klassenempfinden geweckt, statt eingelullt werden mutz. Sind doch Gewerkschaftler in Turnvereinen, die um Staatsbeihilfe aus dem Reptilienfonds der proletarischen Jugendorganisation betteln.(Horr! hört!) Ich möchte dann noch die Ausgabe kurzer Agitations- bro schüren anregen, und die Genossen bier ans dem Parteitag bitten, die Diskussion nicht in so persönlicher Weise zu führen. (Bravo!) Klara Bicn-Berlin wendet sich gegen die Angriffe ans den Buchdruckerverband. Die Buchdrucker haben überall ihre Solidarität bewiesen.(Bebel: Sehr richtig!). Auf dem Wege des Tarifvertrages ist der Buch- druckerverband bahnbrechend vorangegangen. In der Sache Scherl hätten die Parteiblätter warten sollen, bis die Gewerkschaften ge- sprachen haben. Sie haben gesprochen und damit ist die Sache für die Partei erledigt.(Beifall.) Es ist inzwischen ein Antrag Zetkin eingegangen, den Antrag ll(Göppingen) wie folgt abzuändern: Der Parteitag be- dauert, daß der Parteiyorstand nicht früher energisch Initiative zu einer umfassenden einheitlichen Agitation in der Marokkofrage ergriffen hat. Klara Zetkin' Der Antrag Göppingen") ist teils unberechtigt, teils trifft er daneben. Ein Vorwurf gegen den Vorstand, daß er nicht genügend Aufklärung über den Militarismus verbreitet habe, ist durchaus unberechtigt. Wir bemängeln auch in der Marokkofrage nicht ein Fehlen an Initiative, sondern nur, daß sie nicht früher und energischer erfolgte. Genosse Fischer bat mit einer tiefen, sittlichen Entrüstung und mit jener Armut des Geistes, die zu seinen wesentlichen Charaktereigenschaften gehört und die ihm so überaus wohl ansteht, sich gegen unsere Kritik gewendet. Das Interesse der lebendigen Partei steht aber über dem Rechte der Form. Genossen, wäre Ihre Entrüstung über die Indiskretion gleich groß gewesen, wenn die Genossin Luxemburg an den Wies Molkenbuhrs lebhafte Zustimmung und eine Verherrlichung des Parteivorstandes geknüpft hätte? Ich hoffe, daß David auch den nationalliberalen„Sozialistischen Monatsheften"(Heiterkeit) den uns gegebenen Rat erteilen wird, sich der Perantwortlichkeit bewußt zu sein und nicht durch unzeitgemäße Kritik die Aktion zu Kören Auch Männer der Praxis haben schon Parteiaktionen ge- üört ich erinnere an die B u d g e t b e w i l l i g u n g.(Rufe: Aha!) Damals hatten wir monatelange Auseinandersetzungen darüber, während wir den Kampf gegen daS persönliche Regiment und den Absolutismus zu führen hatten. In dieser Zeit kommen höfische Huldigungen von Genossen vor b-S herunter zur Anteilnahmx ' �Entfaltung einer regen Agitation gegen den Militarismus «nd für den Völkerfriedcn bei jeder gegebenen Gelcgcnheu und Ausdruck des Bedauerns, daß der Parteivorsiand das Marokko- abcnteucr nicht zur Ergreifung der Initiative zu einer großen «ktion sür den Weltfrieden benutzt hat. sozialdemokratischer Abgeordneter an dem Ministercssen in S t u t t- gart.(Sehr richtig! und Zurufe: Na endlich!) Wenn man schon abrechnet, dann auf beiden Seiten.(Dr. Frank: Das ist Ihr Kampf gegen den inneren Feind!) Nicht nur die alldeutschen Kriegshetzer, sondern die Regierungen, die ihr Instrument sind, haben wir zu bekämpfen. Wenn Molkenbuhr meint, daß uns das Datum seines Briefes hätte zu anderer Meinung bekehren müssen, so muß ich ihm zurufen: Gretchen, du ahnungsloser Engel du! (Heiterkeit.) Daß es zum Protest gegen die Entsendung des Kanonenbootes nicht zu spät wurde, ist doch wahrhaftig nicht das Verdienst des Parteivorstandes.(Sehr richtig!) Es hätte auch anders kommen können. Es ist auch nicht unser Verdienst, daß aus der Versäumnis nicht ein großer Schaden entstanden ist. Ueberdies war das Ka- nonenboot entsendet worden, ohne daß man die Zustim- mung des Reichstags eingeholt hätte, ein neuer Beweis selbstherrlicher Regierung. Gerade die Rücksicht auf die Ausnutzung des Marokkoabenteuers zu Wahlzwecken war der stärkste Ansporn für u-is, sofort auf den Plan zu treten. Nur Auf- klärung über die Geschichte des Marokkoabentcuers kann seiner Ausbeulung zu Wahlzwecken vorbeugen. Wir sind nicht klagende Jercmiasse gewesen, sondern sind unter die Massen gegangen. Der Parteivorstand ist hinter der Bewegung einhergehumpelt. Im Gegensatz zu der höchst anzuerkennenden verwaltenden Tätigkeit des Parteivorstandes, die sich allen Situationen aufs beste anpaßt, steht die politische Jnaktivität, die eine Reorganisation des ganzen Parteivorstandes veranlassen mutz. Ge- schieht dies, dann brauchen wir uns an diesen Auseinandersetzungen nicht zu stoßen, die ein Zeichen sind, daß die Sozialdemokratie ein jugendfrischcr Organismus ist. Von dem Tage an, wo sich die innere EntWickelung der Partei lediglich routinenmätzig auf bureau- kratischem Wege vollziehen würde, von dem Tage an würden wir das Zeugnis verdienen, daß wir anfangen, altersschwach zu werden. Die Zusammenstöße sind das Zeugnis für das Vorwärtsdringen und alle Kämpfe um die richtigen Mittel hindern nicht, daß wir geschlossen und stärker als je den gemeinsamen Feind zu schlagen bereit sind.(Lebhafter Beifall.) Auf Antrag von Lüth-Hamburg wird die Be- sprechung geschlossen. Es folgen persönliche Bemerkungen. Ledebour: Ein Brief Macdonalds an Longuet- Paris, den ich selbst von Longuet zu lesen bekommen habe, beweist, daß Macdonald seine nationalistische Anschauung ausdrücklich mit dem Hinweis darauf begründet, daß die deutsche Partei nichts tun wolle. In dem Briefe heißt es:„Die deutsche Partei will nichts tun." Als ich nach Paris kam, wußte die französische Partei überhaupt noch lüchts von der Sache, außer durch eine Annonce; auch die Humanite" wußte nicht, daß wir an der Versammlung beteiligt sein sollten. (Zurufe: Das sind doch keine persönlichen Bemerkungen!) Wenn ich sagte, Bebel sei vorgeschoben, sollte das kein Tadel für Bebel sein, sondern für diejenrgen seiner Kollegen, die ihn vorgeschoben haben.(M�üller ruft: Unwahr!) Es heißt doch oft: Du glaubst zu schieben, und du wirst geschahen! Das ist etwas ganz Be- kanntes. Es kommt nur auf die Geschicklichkeit der Schieber an. (Heiterkeit.) Lensch: Wenn David mir unterstellt, ich hätte dem Parteivorstand imperialistische Durchsetzung und Durchseuchung und eine kapital!- stische, imperialistische Politik vorgeworfen, so weise ich das als eine Unterschiebung zurück und berufe mich auf das Protokoll. Es ist mir nicht im Traum eingefallen, dem Parteivorstand einen solchen Vorwurf zu machen. Robext Schmidt: Ich stelle als Teilnehmer an der Pariser Kundgebung noch einmal fest, daß die Behauptung von Ledebour, der Parteivor- stand habe auf die Einladung der französischen Partei verzichtet, unrichtig ist, daß im Gegenteil alles von uns getan worden ist, diese Einladung herbeizuführen, und daß der Kontakt in Paris durch nichts anderes gestört werden konnte, als durch das ungeschickte Auf- treten von Ledebour.(Hört! hört!) Wozu diese ganze Recht- haberei, da doch alle Differenzen beseitigt sind, und zwar, wie uns Pcrtreter des Parteivorstandes in Paris persönlich erklärt haben, zur Zufriedenheit der französischen Partei. Infolge unseres Ver- langens und unserer Einladung ist schließlich auch ein Vertreter der französischen Partei auf der Kundgebung zu Worte gekommen und hat seine Ucbercinstimmung mit uns zum Ausdruck gebracht. Bebel: Ledebour hat seine erste Behauptung, ich sei vorgeschoben, nicht nur aufrechterhalten, sondern durch seine persönliche Bemerkung n o ch v e r s ch ä r f t. Er hat mich als einen Menschen hingestellt, der unfähig sei, zu beurteilen, aus welchen Motiven heraus er auf- getreten ist.(Widerspruch von L e d e b o u r.) Es scheint mir, daß Ledebour gar nicht mehr begreift, welche Bedeutung seine Wjorte haben. Ich kann nur sagen: an Taktlosigkeit übertrifft er alle Parteigenossen.(Unruhe und Zustimmung.) Dr. David: Ich habe erklärt, daß Lensch gestern dem Parteivorstand im- pcrialistische Tendenzen vorgeworfen habe. Daß er von Verseu- chung gesprochen hat. habe ich nicht gesagt. Lensch sagte gestern ausdrücklich: wir müssen erfahren, nach welchen Ansihmlungen die imperialistische Politik im Parteivorstand betrieben wird.(Hört! hört!) Run frage ich: habe ich unterschoben, oder sucht Lensch wegzukratzen, was er gestern gesagt hat.(Sehr gut!) Ledebour: Ich stelle gegenüber Robert Schmidt nochmals ausdrücklich fest und werde den Beweis dafür später schriftlich erbringen, daß die Gsneralkommission und der Parteivorstand sich aus die Pariser Verhandlungen eingelassen haben, obwohl die Syndikalisten aus- drücklich erklärt halten: Wir können die Beteiligung der französi- schen sozialdemokratischen Pckrtei nicht akzeptieren.(Molken- buhr: Sic haben sie doch akzeptiert!) Ja, in wenig angenehmer Form, um wenigstens den äußeren Schein zu wahren. Es hieß in der Versammlung: auf Wunsch der deutschen Delegation erhält jetzt Navaud das Wort. Navaud hat dann fünf Minuten gesprochen. Das ändert an der Verantwortlichkeit der Generalkommission und des Partcivorstandes nichts. Lensch: Gestern hat kein Mitglied des Parteitages den Eindruck ge- habt, daß ich dem Parteivorsiand imperialistische Tendenzen oder die Durchführung einer imperialistischen Politik vorgeworfen habe. (Widerspruch.) Heute vormittag hat man denn aus dem Bericht glücklicherweise ein Sätzchen herausgefunden, das man eventuell so drehen konnte, als ob dem Parteivorstand imperialistische Politik vorgeworfen wurde. Damit sind die persönlichen Bemerkungen erledigt, Vorsitzende? Dieb: Der Antrag 11") ist zurückgezogen. Ebenso der Antrag 55"") aus Bremen.(Heiterkeit und Bravo!) Frau Zetkin(zur Geschäftsordnung): Die Anträge sollten nur eine klärende Aussprache herbeiführen.(Lebhafte Rufe *) 11. Göppingen: Der Parteitag beauftragt den Parteivorstand, eine rege Agitation gegen den Militarismus und für den Völkerfriedcn bei jeder gegebenen Gelegenheit zu entfalten, und bedauer?, daß der Partcivorstand nicht das Marokkoabcnteuer dazu benutzt hat, um die Initiative zu einer umfassenden einheitlichen Aktion der Partei sür den Wellfriedcn zu ergreifen. **) 55. Bremen: Der Sozialdemokratische Verein Bremen bedauert, daß der Parteivorstand cs nicht für nötig geilten hat, in eine allgemeine Akiion gegen den Marokkorummel einzutreten. Die Versammlung ersucht den Parteitag, dafür Sorge zu tragen, daß der Parteivorstand in Zukunft solche wichtige, die ganze zivilisierte Well in Aufregung setzende Fragen nicht so gleiebgültig behandelt. Ah! Ah! bei den Süddeutschen und Gelächter.) l�aher ziehen wir die Anträge zurück.(Große Heiterkeit und Beifall bei einem Teil des Parteitages.) Henke-Bremen: Nicht nur aus dem von der Genossin Zetkin angegebenen Grunde wird der Antrag Bremen zurückgezogen, son- dern(Zuruf bei den Süddeutschen: Weil er abgelehnt wird! Große Heiterkeit) weil in den bisher gepflogenen Debatten und in dem Antrag Auer zum Ausdruck kommt, daß die Reorganisation des Parteivorstandes allgemein gewünscht wird. Das genklgt uns vollkommen.(Stürmisch Heiterkeit bei einem großen Teil des Parteitages.) Im übrigen sind lvir mit dem Resultat der Aus- sprach vollständig zufrieden.(Erneute große Heiterkeit.) Es tritt die M i t t a g s p a u se ein. Vor Beginn der Nach- mittagssitzung soll der Kranz am Denkmal für Ernst Abbe nieder- gelegt werden und morgen eine gruppenweise Besichtigung der Zeitz- Werke vorgenommen werden. Nachmittagssitzung. Vorsitzender Dietz eröffnet die Sitzung. Müller-Parteivorstan-d erhält das Schlußwort; Ich möchte nur noch auf einige Punkte zurückkommen. ES ist behauptet worden, daß der Parteivorstand in der kritischen Zeit gar nicht genügende Fühlung mit seinen auswärts befindlichen Mitgliedern nehmen konnte. Zweck der Uebung war, einen Gegen- satz zwischen dein Genossen Bebel und den übrigen Parteivor- standsmitgliedern zu konstruieren. Demgegenüber kann ich fest- stellen, daß nie ein so inniger Kontakt geherrscht hat, als gerade in der Marokkofrage. Es ist ja selbst ein Mitglied des Vorstandes in Holland gewesen, um mit Bebel über diese Sache zu konferieren. Was geschehen ist, ist mit dem vollen Einverständnis aller Vor- standskollegen geschehen. Allerdings hat in der gemeinsamen Sitzung der Kontrollkommission und des Parteivorstandes ein Vor- standsmitglied geäußert, daß in Rücksicht der vorher stattgehabten Versammlung diese Zeit gerade nicht der geeignetste Moment zu großen Marokkoverhandlungen sei. Die anderen Mitglieder haben dem auf das allerentschiedenste widersprochen. Es ist fest- gestellt worden, daß nicht erst auf Initiative der Kontrollkommission etwas geschehen ist, sondern daß der Parteivorstand die ganze Zeit die Sache vorbereitet hat und nur auf den günstigsten Moment ge- wartet, um eine allgemeine Aktion einzuleiten. Schon vor dem Aufruf war viel geschehen. Wir haben gerade den Moment aus- gewählt, als die große Kriegshetze sich nicht mehr auf die Organe der Panzerplattenfabriken beschränkte. Es ist nun bestritten worden, daß die Angriffe auf das Flug- blatt lähmend aus die Agitation gewirkt hätten. Selbstredend ist die große Berliner Veranstaltung dadurch nicht beeinträchtigt worden. Aber das Flugblatt war bestimmt für das ganze Land, bis in die entlegensten Dörfer hinein. Und diesem Flugblatt stellte nun ein so großes Parteiblatt ein so schlechtes Zeugnis aus. Tic bürgerlichen Blätter haben sich das gefundene Fressen natürlich nicht entgehen lassen. Nun wird gesagt, was kann cs schaden, wenn ein Blatt einen solchen Artikel bringt? Dann aber haben alle anderen Blätter dasselbe Recht. Das würde ein hübsches Tohu- wabohu geben, wenn mitten in einer Aktion alles das herunter- gerissen wird, was von leitender Stelle geschieht. Ich möchte die Leitartikel sehen, die erschienen wären, wenn ein anderer Genosse so etwas gegen das Flugblatt geschrieben hätte. Die Partei- presse hat es erfreulicherweise ahgelehnt, ein solches Vorgehen zu verteidigen, weil sie, Gott sei Dank, in der Frage der Organi- sation und der Agitation keinen Spaß versteht. Angeblich soll in Frankreich und Spanien mehr geschehen sein. Man soll mir das Land nennen, wo mehr geschehen ist, wo das Land mehr in die Tiefe und Breite hinein aufgewühlt worden ist. Diesen Beweis ist man schuldig geblieben, und da soll man vom Parteivorstand nicht verlangen, daß er als reuiger Sünder dastehen soll.(Zu- stimmung.) Der Parteivorstand hat vollkommen seine Pflicht getan, er hat für die internationale Situation mehr Verständnis bewiesen als seine Kritiker. Im übrigen ist das Er- freuliche an der ganzen Geschichte, daß wir eigentlich zum Schluß wieder ganz einig sind.(Heiterkeit und Beifall.) Die beiden Be- dauerungsanträge sind zurückgezogen, und die Antragsteller haben erklärt, sie könnten es tun, weil sie zufrieden sind. Auch wir vom Parteivorsiand sind sehr zufrieden mit dem Aus- gang der Debatte, weil die Einigkeit der Partei wiederhergestellt ist.(Lebhafter Beifall.) Nun zur französischen Demon st ratio n. Es kam eine Deputation der Confederation nach Deutschland, um Fühlung mit den deutschen Gewerkschaften zu nehmen. Sie kennen die poli- tischen Ansichten der französischen Syndikalisten, und Sie begreifen, daß sie nicht allzuviel Bedürfnis hatten, mit der deutschen Partei in Fühlung zu treten. Sie haben nicht einmal unsere-Partei- einrichtungen besichtigt. Wir hatten zunächst keine Veranlassung, mit ihnen in Verbindung zu treten. Da kamen die schweren Tage der Marokkokrisis. In dieser Situation wurde angeregt, eine Friedensdemonstration zu veranstalten, die die Gewerk- schaften, wie üblich, nicht ohne die deutsche Partei veran st alten wollten. Da hielten wir es für unsere Pflicht, dabei mitzuwirken und die Internationale ist uns dafür dankbar gewesen. Im Anschluß daran wurde eine ähnliche Demon- stration in Paris angeregt. Ich kann im Einverständnis mit E b e r t erklären, daß der Parteivorstand seine Zustimmung zur Nichteinladung der französischen sozialdemokratischen Partei nicht gegeben hat. Die Situation stand damals nicht so, daß von der Nichtbeteiligung der französischen Genossen die Rede sein konnte. Alle Mitglieder, die nach Paris gingen, hatten die Absicht, dort das zu tun, was für die Einladung der französischen Partei zu tun war. Einer der französischen Genossen hatte die Information des offi- ziellen Organs der französischen Partei, der„Humanite", über- nommen, was er allerdings, wie später festgestellt wurde, unter- lassen hat. Nun verlangt Ledebour eine Berichtigung unserer Erklärung im„Vorwärts" vom 4. August. Es ist natürlich ab- sichtlich nichts Falsches behauptet worden. Und als die Notiz von der Beteiligung der französischen Genossen abgefaßt wurde, war man der Meinung, daß die Demonstration zusammen mit der fran- zösischen Partei stattfinden sollte. Wenn einer auf Formalien herumgeritten ist, so ist es der Genosse Ledebour. Vormittags hat bereits Genosse Bebel darauf hingewiesen, daß wir ein- gehenderweise über die Situation mit dem Internationalen Sekre- tariat korrespondiert haben. Die Antwort des Genossen Du- b r e u i hl ist so spät eingetroffen, weil er sie nicht auf eigene HanÖ geben wollte. Noch ein paar Worte zu unserem„Geheimerla ß". Man fragte, warum auch das Essener Blatt gerügt wurde. Das geschah gar nicht; in der nicht veröffentlichten Erklärung der General- kommission war es genannt, aber nicht wegen gehässiger Schreib- weise, sondern weil der Geschäftsführer den Tarisbehördcn mit- geteilt hatte, es beständen Differenzen im Betriebe ähnlich wie in Berlin. Wir haben vielmehr der Redaktion auf ihre Anfrage ge- schrieben, sie falle nicht unter die Blätter mit gehässiger Schreib- weise. Ueberhaupt sollte das Zirkular im Sinne der Jenaer Reso- lution prophylaktisch wirken und cs kann gar keine Rede davon sein, daß die Parteiblätter im Stich gelassen sind, sie sollten im Gegenteil auf der Redakteurkonfcrenz Gelegenheit haben, ihren Standpunkt auch gegenüber der Generalkommission zu wahren. Dan» sind noch einige Kleinigkeiten im Bericht gerügt, so von Walter, daß die badischen Landtagswahlen nicht aufgenommen sind. Ter Bericht kann ja in Zukunft in der Richtung ergänzt werden. Die kleine Unrichtigkeit, daß dem Bildungsausschuß der Stadt Frankfurt 1000 M. zur Verfügung gestellt s�, ist entschuldbar. Dein Genossen Schulz war nicht mitgeteilt worden, daß der Magistrat den Beschluß beanstandet hat. In bezug auf die H i l f s a r b e i t e r i m P a r t e i V o r st a n d kann keine Rede davon sein, irgend welche verantwortungsvolle Ar- bcit durch Hilfsarbeiter erledigen zu lassen; aber man wird doch auch zu dem früheren Zustand nicht zurückkehren wollen, daß die Vor- stondsmitglicder selbst die Kuverts kleben. Mit dem Antrag 73. zwei weitere Parteisekretäre anzustellen und eine Kommission zur Beratung einer Reorganisation des Partcivorftandes und der Kon- trollkommission einzusetzen, ist der Parteivorstand selbstverständlich einverstanden, der Antrag ist ja unter seiner Mit- wirkungsestgestellt worden. Diese Kommission kann auch die Frage des besoldeten Vorsitzenden prüfen. Es besteht keine Not- wendigkeit, uns schon jetzt daraus festzulegen. Auf keinen Fall dar? ein etwa besoldeter Vorsitzender der eigentlich Dirigierende sein und der andere in die Ecke gestellt werden, vielmehr mutz der Partei vorstand ein kollegial entscheidendes Kollegium bleiben. Nun zu den Anträgen. Bei den Landtagswahlen in Preutzen haben wir ein Flugblatt„Liebe Verwandte" heraus gegeben und also das schon erfüllt, was der Antrag Berlin be zweckt. Durch den Antrag 1ö, meinte G ö l l e r, könnte ein ge meinsamer Papiereinkauf und Ersparnisse in den Parteigeschäften erzielt werden. Einen Zwang, sich revidieren zu lassen, können wir auf diese nicht ausüben, wir sind noch nicht auf dem Wege deS grotzen sozialistischen Zeitungstrusts der Zukunft, wobei alle Ueber- schüsse aus den Geschäften in die Parteikasse geliefert werden müssen Ter Antrag 18, den Bericht des Parteivorstandes mit der Tages- ordnung zugleich zu veröffentlichen, ist bei den augenblicklichen Verhältnissen, wo das Geschäftsjahr am 30. Juni schließt, nicht durchzuführen. Antrag 63 wünscht, daß die Resolutionen und Rese- rate früher zur Verfügung gestellt werden. Derartiges läßt sich durch einen generellen Beschlutz in der Praxis nicht ohne weiteres erreichen. Antrag 16 wünscht billigere und schnellere Lieferung von Flugschriften. Mit dem Pressebureau hat das nichts zu tun. Im Anschluß an die„Parteikorrespondenz" ist ein Genosse engagiert zur Bearbeitung von Flugschristen. Was gewünscht wird, ist also schon im Keime vorhanden. In bezug auf die Billigkeit aber geben wir wirkliche Flugschriften bereits für 16 Pf. heraus und im Massenabsatz stellen sie sich sogar auf 1 Pf. das Stück. Das ist der billigste Preis, der mir bekannt ist. Daß eine Broschüre, wie die der Genossin Vera F i e g n e r,„Russische Gefängnisse", darunter nicht fällt, ist selbstverständlich, handelt es sich hier doch um eine nur kleine Auflage. Man klagt sogar, daß wir zu viel an Flugschriften herausgeben. Ich halte diese Klage für unberechtigt, aber tatsächlich baben wir ein großes Material, es kommt ja auch das von den Bezirks-Landesorganisationen herausgegebene hinzu. Natürlich werden wir gleich nach dem Parteitag die Bezirks- und Landes vorstände nach Berlin zusammenrufen und alle Angelegenheiten mit ihnen besprechen; wir werden trotz Marokkorummel und trotz nationaler Wahlparole, nach der man sucht, uns eine Rüstung für den kommenden Wahlkampf schaffen, mit dem die Sozialdemokratie in Ehren bestehen kann.(Beifall.) Es folgt die Abstimmung über die zur Agitation und Organi sation gestellten Anträge.*) Der Antrag 12(Berlin IV) wird dem Parteivorstand zur Prüfung überwiesen, Antrag 14 (8. und 16. Schleswig-Holsteinischer KreiS) abgelehnt, Antrag 15(Frankfurt a. M.) dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen, Antrag 16(Nürnberg) abgelehnt, Antrag 18 (Hamburg III) abgelehnt, Antrag 63(Magdeburg) abge lehnt. Der Antrag 23(Stuttgart) ist zurückgezogen worden. Ter Antrag 73 Auer- München, Dr. Q u a r ck. unterstützt von den Berliner und Brandenburger Delegierten, wird angenommen. Vorsitzender Dich: Ich bin ersucht worden, hier festzustellen, daß die Beratung dieser cinundzwanziggliedrigen Kommission si auch darauf zu erstrecken haben, daß sie, falls sich dies als not wendig erweist, auch das Organi sations st atut zu prü fen hat. Es folgt die Beratung der zu Presse und Literatur gestellten Anträge. Unterstützt werden alle Anträge**) bis auf den Antrag 31 von Berlin 1, den„Vorwärts" während der Reichstags- Wahlagitation auch abends erscheinen zu lassen. Dr. Süssheim-Nürnberg begründet den Antrag 36. Die Zahl der sozialdemokratischen Ge- meindevertreter nimmt von Jahr zu Jahr zu. Unsere Macht und unser Einfluß auf die Gemeindevertretungen sind in stetem Steigen begriffen. Da ist der Besitz des nötigen Aufklärungsmaterials noch viel nötiger als unsere Agitation. Darum stellt der Gautag Nord- bayerns den Antrag, der„Kommunalen Praxis" durch Herab- 'setzung des Preises noch weitere Verbreitung zu geben. Auch die Tätigkeit unserer Vertreter in den Gemeinden mutz geleitet sein von den Grundsätzen der Partei. Barthel-Lunzenau begründet den Antrag 27 auf Herabsetzung des Preises der„Gleich- heit". Müller-Breslau befürwortet den Antrag 38, der die Herausgabe einer populären Schrift verlangt, worin das Verhältnis der Sozialdemokratie zum landwirtschaftlichen Kleinbesitz dargelegt wird. Die Broschüre mutz noch vor den Reichstagswahlen erscheinen. Ostmann-Hamburg begründet den Antrag 33, der verlangt, daß der„VorwärtS'-Verlag die Schriften an die Parteischüler ebenso billig abgibt, wie der Verlag Dietz in Stuttgart. An Stelle der Kulturbilder, die große unhandliche Werke sind, sollten andere Schriften treten. *) 12. Berlin IV: In jedem Bezirk der einzelnen Wahlvereine Deutschlands ist eine planmäßige Landagitation auf verwandt- schaftlicher Grundlage einzurichten, und zwar dergestalt, daß die Parteigenossen angehalten werden, die Adressen ihrer auf dem Lande lebenden Verwandten den Bezirksführern oder deren Ver- tretern mitzuteilen. 14. 8. und 16. schleswig-holsteinischer Kreis: Im§ 7 des Organisationsstatuts der sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird unter 1. der letzte Satz, welcher lautet:„Wo mehrere Dele- gierte zu wählen sind, soll unter den Delegierten möglichst eine Genossin sein", gestrichen. 15. Frankfurt a. M.: Der Parteivorstand wird beauftragt, schnellstens eine Zentrale zu schaffen, die die Aufgabe hat. die Parteigeschäfte regelmäßig zu besuchen und für deren geschäftliche, organisatorische Fortschritte besorgt zu sein. Die Institution ist ähnlich gedacht, wie solche von den deutschen Genossenschaften durch ihre Verbandsrevisoren bereits geschaffen ist. 16. Nürnberg: Ter Parteivorstand hat sofort eine Instanz im Anschlutz an das Pressebureau zu schaffen, die eine bessere, billigere und schnellere Herausgabe von Agitätions- und Auf- klärungsflugschriften und Broschüren ermöglicht. 18. Hamburg III, Distrikt Eilbeck: Der Parteitag möge be- schließen, daß mit der Bekanntgabe der Tagesordnung zum Partei- tag zugleich der Bericht des Parteivorstandcs veröffentlicht wird. 63. Magdeburg: Ter Parteivorstand wird beauftragt, für die Folge alle Leitsatze(Resolutionen), die er in Gemeinschaft mit den von ihm bestellten Referenten über Fragen prinzipieller oder taktischer Natur dem Parteitag zur Beschluhfassung vorzulegen ge- denkt, spätestens mit der Veröffentlichung der übrigen Anträge rm „Vorwärts" den Parteiorganisationen zur Vorberatung zu unter- breiten. 23. Stuttgart: Der Parteitag beschließt: Ueberall dort, wo das Bedürfnis vorhanden ist und es die Umstände gestatten, sind die lo- kalen Bildungsausschüsse in eine Arbeitcrbildungsschule umzuwan- dein, die ihre Tätigkeit möglichst auf alle das moderne Arbeiter- leben berührenden Gebiete auszudehnen hat. 73. Der Parteitag beschließt: 1. zwei weitere Parteisekretäre anzustellen; 2. zwecks Beratung einer Reorganisation des Partei Vorstandes und der Kontrollkommission unter Zuziehung des Par- teivorstandcs vne 21glicdrige Kommission zu wählen, die dem näch- sten Parteitag Bericht zu erstatten hat. Q u a r ck- Frankfurt a. M. Auer- München. (Unterstützt von Frau Döring und 42 Genossen von Berlin und Brandenburg). **) Die dem Vorstande später zur Erwägung überwiesenen Anträge können wir wegen des Stoffandranges erst morgen be- kanntgeben. Schwenk-Berlin begründet den Antrag 34 auf bessere Ausstattung der„Neuen Welt ohne Preiserhöhung. Stelling-Lübeck begründet den Antrag 32. Die Agitationsbroschüren sollten zu dem billigen Preise nicht nur an die Bildungsausschüsse, sondern ganz allgemein abgegeben werden. Wir müssen mit unseren Broschüren immer weiter in das Volk eindringen und dazu ist es nötig, daß wir den vorwärtsstrebenden Proletariern auch die Mög- lichkeit geben, sie zu erwerben. Weiter wünschen wir die Heraus- gäbe von populären Agitationsbroschüren für die Landbevölkerung, nicht nur für die Landarbeiter, sondern auch für die kleinen Bauern, die Häusler usw. Vierseitige Flugblätter in kleiner Schrift haben für diese Leute keinen Wert. Der letzte Teil unseres Antrages bezieht sich auf die Kulturbilder, die ihren Zweck nicht mehr er- füllen, da die Illustrationen viel zu wünschen übrig lassen. Möller-Harburg: Der Antrag 44 bezweckt die Ausgestaltung deS Pressebureaus dahin, daß allen Parteizeitungen auch Illustrationen zu- gänglich gemacht werden. Die Möglichkeit dazu ist gegeben, die Kosten sind nicht so groß. Wir haben in unserem Kreis dadurch, daß wir einige Nummern unserer Presse mit Illustrationen ver- sehen haben, die größten Erfolge erzielt. Vorsitzender Tiev teilt mit, daß seitens der Antragsteller ge- wünscht wird, den Antrag 43 dem Parteivorstand zur Berücksichti gung zu überweisen. Die Debatte über alle vorliegenden Anträge wird verbunden. Ebert: Es wird die Verhandlungen wesentlich abkürzen, wenn ich vor- weg die Stellung des Parteivorstandes zu den einzelnen Anträgen darlege. Was den Antrag 36 betrifft, so wissen Sie alle, daß die „Kommunale Praxis" bisher ganz erhebliche Zuschüsse erfordert hat und auch in Zukunft noch erhebliche Zuschüsse bedarf. Die An- forderungen an das Blatt steigen fortgesetzt, so daß der Umfang er- weitert werden muß, was natürlich mit erheblichen Mehrkosten ver- bunden ist. Die Verhältnisse und die Bedürfnisse der k l e i n e n Ge. meinden sollen mehr als bisher zur Geltung kommen.(Bravo!) Wir stehen dem Antrage wohlwollend gegenüber, aber große Ver sprechungen hinsichtlich der Verbilligung kann ich Ihnen nicht machen. Ich bitte Sie, ihn trotzdem zu überweisen. Was der Antragsteller des Antrags 38 gesagt hat, dem kann ich ohne weiteres zustimmen und seine Ausführungen wären noch erfreulicher gewesen, wenn er uns zugleich auch den Verfasser einer solchen Broschüre genannt hätte. Es ist ungemein schwierig, für die gewünschten Broschüren geeignete Verfasser zu finden. Nun zu den Anträgen, die eine Verbilligung der von der Vor wärtsbuchhandlung herausgegebenen Literatur verlangt. Den Organisationen werden schon jetzt erhebliche Vorzugspreise gewährt, die aber den Widerspruch der örtlichen Sortimentsbuch Handlungen herausfordern. Nach dem Parteitag soll eine ein- gehende Prüfung aller dieser Wünsche vorgenommen werden. Auch die einzuberufende Konferenz der Sekretäre und Geschäfts führer der Parteigeschäfte soll gehört werden. Wir werden dann eine Neuorganisation des Vertriebs unserer Literatur versuchen. Man darf aber nicht vergessen, daß die Herstellungskosten und die Honorare gestiegen sind. Ich bitte Sie, alle Anträge, ailsgenom. men 34 und 44, dem Vorstand zu überweisen. Antrag 34 wünscht eine bessere Ausstattung der„Neuen Welt". Das würde eine un- geheure Mehrausgabe verlangen. Etwa 186666 M. pro Jahr. Es würde direkt eine Gefährdung der Existenz der „Neuen Welt" bedeuten. Wir beabsichtigen aber die illustrative Ausstattung künftig wesentlich zu verbessern. Damit sind bercch- tigte Wünsche wohl erfüllt. Ich bitte um Ablehnung des Antrages. Nun zum Antrag 44. Vom parlamentarischen Bericht werden (chon heute Matern an die Parteipresse verschickt. Von der letzten großen Demonstration sind auch die Aetzungen der Illustrationen den Parteiblättern zur Verfügung gestellt worden. Wir tun, was möglich ist, bitten aber den Antrag abzulehnen, weil er zu weit geht. Vorsitzender Tietz teilt mit, daß ein Antrag eingegangen ist, sämtliche Anträge in bezug auf Presse und Literatur dem Partei- vorstand zur Erwägung zu überweisen. 9 Bcrard-Hamburg: Als Repräsentant des Verlags der„Neuen Welt" kann ich nur bestätigen, was Ebert ausgeführt hat. Ich freue mich, daß anerkannt wird, daß sich die„Neue Welt" wesentlich zu ihren Gunsten entwickelt hat. Sie überragt weit die ähnlichen bürger- lichen Blätter. Allerdings lassen die Illustrationen viel zu wünschen übrig. Der Parteitag kann nicht über diesen Kleinkram entscheiden. Da er die Verhältnisse doch gar nicht kennt. Dr Gradnauer-Dresden: Ebert hat eine Angelegenheit nicht mitbesprochen, die mir doch sehr erwähnenswert und dringend erscheint. Wir haben alle Veranlassung.die Gedanken, die in den Anträgen 3g und 33, so- weit sie sich auf die Herausgabe von Monographien auf dem Ge- biete der Gesellschaftswissenschaft beziehen, in Erwägung zu ziehen. Es fehlt uns an Schriften, die dem wissenschaftlichen Sozialismus und die wissenschaftlichen Auffassungen unserer Partei auf dem Gebiete der Geschichte und der Gesellschaftswissenschaft in popu- lärcr Weife an die breiteren Massen der Arbeiter heranbringen. Es fehlt uns an handlichen Büchern. Wir haben nicht einmal eine populäre Parteigeschichte, denn die große vierbändige Ge- chichte von Franz Mehring stellt große Ansprüche an die Ar- beiter. Es fehlen uns Gegenstücke zu den technisch und sachlich guten, aber reaktionären Büchern aus der Sammlung Göschen und Teubner. Busold-Friedberg: Von Jahr zu Jahr häufen sich die Anträge, der Landagitation mehr Beachtung zu schenken. Gerade in meinem Wahlkreise hat es ich gezeigt, daß es möglich ist, Erfolge unter den Kleinbauern zu erzielen. Den Antrag Breslau unterstütze ich. soweit er die Liefe- rung von weiterem AgitationSmatcrial verlangt. Die Gelegenheit ür Landagitation ist jetzt günstiger als je. Die Kleinbauern merken jetzt, wie schädlich die Zollpolitik ist und wie bei der Finanz- reform ihre Interessen mit Füßen getreten wurden. Eine Auf- klärungsschrift ist dringend notwendig. Ich bitte Sie, den Antrag Breslau nicht zur Erwägung, sondern in dem von mir erwähnten Teile zur Berücksichtigung zu überweisen. Stengele-Hamburg wendet sich kritisierend gegen die im offiziellen Vorwärtsbcrlag erscheinenden„Kulturbilder", die sich allerdings leider einer weiten Verbreitung erfreuten. In der sozialistischen Presse sind sie schon scharf kritisiert worden, aber der Verlag kümmert sich nicht darum. Vielleicht wird er weniger dickfällig sein, wenn der Parteitag zu der Frage Stellung nimmt. Jetzt, wo allgemein die Nick Karter-Lite- ratur bekämpft wird, bringt man in den Kult«rbildern merkwürdige bluttriefende Bilder. Die„Geschichte der Revolution" ist eine Darstellung der deutschen Wirtschaftsgeschickste, nicht einmal geradezu eine Sammlung von Schinderstückchen. Die Bilder stehen zum größten Teil in gar keinem Zusammenhang mit dem Inhalt und sind nur gewählt, das Auge eines Menschen von niedrigem Ge- chmack und niedrigen Instinkten anzuziehen. Es ist traurig, daß nan so etwas auf dem Parteitag von einem offiziellen Buche der Partei sagen muß. Was sollen auch in der„Hohenzollcrnlegcnde" die Bildnisse sämtlicher Potentaten? Sollen sich die Genossen eine Ahnengalerie anlegen? Die ganze Sache macht den� Eindruck, als ob ein Ramschlager an den Mann gebracht werden soll. Adolf Hoffmann-Berlin: Die„Neue Welt" ist ja etwas besser geworden, wenn auch (elbst Berard ausdrücklich erklärt hat, daß die Illustrationen viel zu wünschen übrig lassen, aber es besteht in der Partei ein starkes Verlangen nach einem illustrierten Blatt. Die bürgerlichen illustrierten Blättern werden zum großen Teil von Arbeitern ge- kauft. Da wir die Schaffung eines illustrierten Blattes nicht hier beschließen können und die Erfahrungen mit Ueberweisungen an den Vorstand nicht zur Wiederholung ermutigen, beantrage ich eine neungliedrige Kommission zur Ausarbeitung geeigneter Vor- schlüge einzusetzen. Ryssel-Leipzig: Die Verbilligung der„Gleichheit" bei direkter Lieferung an die Kreise liegt im Interesse des Blattes und der Agitation über- Haupt. Der Leipziger Bezirk liefert die„Gleichheit" den Ge- nossinnen gratis, was ihm jährlich 266—366 M. mehr kostet, als er an Beiträgen der grauen einnimmt. Im Leipziger Bezirk wird auch die„Kommunale Praxis" gratis abgegeben. Ihre Ver- billigung liegt aber im Interesse der Versorgung unserer Gemeinde- Vertreter mit dem nötigen Material. Wenn die Abstimmungs- ergebnisse aus dem Reichstag mit namentlicher Anführung und mit kurzen Erläuterungen der Materien verbreitet würden, so könnte das besser wirken, als manches Flugblatt. Luise Zietz: Zur Frage der Verbilligung der„Gleichheit" sagte mir Dietz, daß er selbstverständlich Freude daran hat, wenn die„Gleichheit" eine größere Verbreitung gewinnt. Aber natürlich hängt der Preis ab von der Höhe des Absatzes. Der Verlag wird dem Partei- vorstand eine Aufstellung in dieser Beziehung übermitteln und dieser wird sie an die einzelnen Kreise weiterleiten, damit sie die „Gleichheit" billiger beziehen können. Berard-Hamburg: Der Antrag Hoffmann will ja ganz etwas anderes als der Antrag 34. Es wäre sehr erfreulich, wenn man auch ein in bezug auf die Illustrationen einwandfreies Blatt auf gutem Papier zu 16 Pf. herstellen könnte. Tatsächlich trifft zu, was Hoffmann gesagt hat, daß ja die bürgerliche Presse vom Prole- tariat unterstützt wird. Freilich darf nicht übersehen werden, daß die besseren illustrierten Blätter der bürgerlichen Presse Inseraten- aufnähme haben. Die„Neue Welt" hatte früher auch einmal In- serate, aber gegen diese wurde so gewütet, daß man sie wieder fallen ließ und dadurch auch wieder zum Defizit kam.� Ich würde mich freuen, wenn dor Antrag Hoffmann auf Einsetzung einer Kommission von neun Mitgliedern, die dem nächsten Parteitag geeignete Vorschläge zu machen hat, angenommen würde. Fischer und ich würden gern etwas Besseres liefern, aber bei dem jetzigen Preis ist das nicht möglich. Vorsitzender Dietz: Es ist folgender Antrag eingegangen: „Der Parteitag beschließt, eine Kommission von neun Ge- nassen einzusetzen, welche die Frage der Begründung eines selb- ständigen illustrierten Blattes vorzubereiten und dem nächsten Parteitag geeignete Vorschläge zu machen haben." Der Antrag wird genügend unterstützt. Adolf Hoffmann-Berlin: Solange wir in der politischen Presse Inserate aufnehmen und durch die Verhältnisse dazu gezwungen sind, brauchen wir uns auch vor Inseraten in einem solchen Blatt nicht zu scheuen. Nur gegen eine Verpachtung der Jnseratenaufnahme an eine Inseraten- firma würde ich mich wenden, und das ist wohl bei der„Neuen Welt" der Fall gewesen. Die Diskussion schließt. Zunächst wird über den weit- gchendsten Antrag, alle Anträge, welche sich auf die Presse und Lite- ratur beziehen, dem Parteivorstand zur Erwägung zu über- weisen, abgestimmt. Dieser Antrag wird angenommen. Damit sind sämtliche übrigen Anträge zu diesem Punkt erledigt. Es folgt der letzte Punkt des Vorstandsberichts, Jugendagitation. Hierzu werden die Anträge 24, 25, 66z und 75*) zur Debatte gestellt, sowie ein weiterer, genügend unterstützter Antrag:„Ter Parteitag möge die Zentralstelle für die arbeitende Jugend beauf- tragen, in der Zeitrale einen besonderen Jugendsekretär zur Er- ledigung für die Jugend anzustellen." Sämtliche Anträge werden genügend unter st ützt. *) 24. Berlin II, lV und Teltow-Becskow: Der Parteitag begrüßt die Fortschritte, die die proletarische Jugend- bewegung trotz der Bekämpfung durch Staat und Kirche gemacht hat. Er bestätigt aufs neue die Wichtigkeit dieses jungen Zweiges der Arbeiterbewegung und macht es allen Parteigenossen zur Pflicht, ihre Söhne und Töchter für die Veranstaltungen der Jugendausschüsse zu interessieren, sie zum Lesen der„Arbeiter- Jugend" zu veranlassen und aus den Arbeitsstätten für die freie Jugendbewegung zu agitieren. Angesichts der Tatsache, daß die neue, von staatlicher Seite ausgehende Jugendbewegung durch Veranstaltungen und Grün- düngen von Vereinen im Anschluß an die Fortbildungsschule fort- während größeren Einfluß auf die schulentlassene Arbeiterjugend gewinnen will, beschließt der Parteitag: „Die Zentralstelle für. die arbeitende Jugend Deutschlands hat ein planmäßige Agitation durch Veranstaltung von Versammlungen, Herausgabe von Flugschriften und Broschüren in die Wege zu leiten. Die Zentralstelle bat den in der Jugendbewegung stehenden Funktio- nären durch stete Versorgung mit Agitationsmaterial und durch be- sondere Hinweis« auf wichtig« Geschehnisse innerhalb der gegneri- schcn Jugendbewegung sowie durch Erörterung organisatorischer, agitatorischer und pädagogischer Fragen Anweisung und Anlcilung für die Erledigung ihrer Arbeiten zu geben. Tie Parteipresse hat mehr als bisher die Bekämpfung der Jugendbewegung zu schildern und über die Arbeit der Jugendausschüsse zu berichten." 25. Stuttgart: Der Parteitag möge beschließen: Um eine gründliche Aufklärungsarbeit unter der proletarischen Jugend Deutschlands durchzuführen, hat die Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands Wanderredner bereitzustellen und entsprechende Agitationstourcn anzuregen und eventuell auszuführen. 69z. Der Parteitag ersucht die Zentralstelle für die arbeitende Jugend, die Errichtung eines Ratgebers und Korrespondenzblattes für die Jugcndausschüsse in Erwägung zu ziehen, in dem den in der Jugendarbeit tätigen Genossen Anregungen und Aufklärung über die Jugendarbeit gegeben werden. C. Ratz. E. Edler. L. Andraischke. I. Stelling. E. Dietz. W. Poller. Kotzner. Michelsen. Clementzow. Bischoff. C. Wagner. H. v. Elm. Fr. Bartels. C. Weiß. E. Fliegner. I. Jadolin. Dr. Jasper. Schelz. C. Schröder. M. Lange. L. Baumann. 75. Der Parteitag protestiert auf das entschiedenste gegen die Verfolgung der proletarischen Jugendbewegung durch Polizei und Justiz. Um so unerborter sind diese Verfolgungen, als sie angeblich die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen vor der Berührung mit politischen Angelegenheiten bewahren, in Wirklichkeit aber die Arbeiterjugend der bürgerlichen Jugendbewegung zutreiben sollen lin� damit eine offenbare politische Beeinflussung der Arbeiter- jugend im sogenannten staaisfrcundlichen Sinne darstellen. Der Parteitag warnt die Genossen und Genossinnen allerorts vor den heuckilerischen Bestrebungen der bürgerlickien konfessionellen und interkonfessionellen Jugendfreunde, insbesondere vor den mit einer Million Mark unterstützten Maßnahmen der staatlich preußi- schen„Jugendpflege". In mannigfaltigen und äußerlich harmlosen Formen, besonders im Anschluß an die Fortbildungsschule, sollen nacb dem Wunsche der preußischen„Lehrer. Aerzte, Geistlichen, Ricbtcr und Anwälte, Lantuvirte, Gewerbetreibenden, Ingenieure Offiziere", und zwar„ohne nach außen irgendwelches Aufsehen davon zu macken", die Erziehung der Jugend im„vaterländischen Geiste" fördern. Der Parteitag hält es für seine Pflicht, die jugendlichen Ar- beiter und Arbeiterinnen vor dem Eintritt in irgendwelche bürger» lich- Jugendvereine und vor der Teilnahme an irgendwelchen bürger. liehen Jugendbestrebungen zu warnen. Er fordert zugleich alle erwachsenen Arbeiter und Arbeiterinnen auf, die proletarisch« Jugendbewegung mit allen Mitteln zu unterstützen. Schulz. Ebert. Luise Zietz. Legten. Müller. R. Schmidt. (Schluß in der 2. Beilage.) Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Jnieralemest veraGiw.. TH Glvcke, Berlin. Druck w Verlag: Vorwärts Puchdruckerei u. Ve clagsanjtalt Paul S'nger u. Co., Berlin LW, üim.»!«,„ 2. Stilnif ks.lotiöiirlü" fittlinct l)»lli5liliitl.»»«»-»»->-»» Sozial(lemoHratii(l)cr Parteitag. lTchluß aus der 1. Beilage.) Heinrich Schulz-Berlin: Im Namen der Zentralstelle fiir die arbeitende Jugend mächte ich Sie bitten, die Anträge L4. LS und VSa und auch den soeben eingebrachten Antrag uns zu überweisen. Der Antrag LS ist eigentlich überflüssig. Da die Zentralstelle schon jetzt derartige Rgitationstouren veranstaltet. Wir werden auf diesem Wege weiter schreiten und erwägen, ob auch Wandcrredner entsandt werden tonnen. Der Antrag Kiel ist schon öfter Gegenstand der Besprechun- gen der Zentralstelle gewesen. Ueberwcisen Sie uns den Antrag, wir werden erneut die Anregung prüfen. Antrag 24 ist uns in seiner Tendenz durchaus sympathisch. Ter erste Absatz deckt sich mit unserer Rechlution. Daß wir stets neue Anregungen prüfen, und auch aus eigener Initiative weiter gehen, ist selbstverständlich. Nun zum Antrag 76, worin wir Sie auffordern, gegen die Ver- folgung der arbeitenden Jugend durch Polizei und Justiz au protestieren. Dieser Protest mutz immer aufs neue von der Arbeiterklasse ausgesprochen werden, denn seit- dem wir eine proletarische Jugendbewegung haben, hören die Schikanierungen im großen und kleinen nicht auf. Ueber alle konfessionellen, über alle politischen Gegensätze hinweg hat sich die bürgerliche Gesellschaft geeinigt und will alles mögliche tun, um die Arbeiterjugend von dem Weg, den sie beschreiten mutz, zurückzuhalten. Es werden ganz raffinierte Mittel angewandt, um diese Jugend zu ködern, nachdem man sie in der Sckjule durch rück- sichtslosen Drill im Sinne der herrschenden Klassen bcar- bcitet hat. Man begegnet ihr dann mit augenverdreherischer Heuchelei und honigsüßen Worten.(Sehr richtigl) Man versteckt seine eigentlichen reaktionären Absichten hinter dein Wort von der staatsbürgerlichen Erziehung, die aber in W irklich- keit nichts anderes ist, als reaktionärer Jugendkampf. (Sehr wahr!) Das ganze Wesen dieser Erziehung erhellt ein Wort des Münchener Stadtschulrates K e r sch e n st c i u e r: die oberen Stände sind und bleiben die Erzieher des Volkes! Aber die Ar- beitfrklasse bedankt sich für diese Erziehung I(Lebhafte Zustim- xnungl) Kultusminister, Handelsminister und andere Regierungsorgane haben durch Erlasse diesen Eifer der Bourgeoisie noch anzuregen versucht. Die K r i e g S s p i e I e r e i ist ein besonders beliebtes Mittel, mit dem man die Jugend einfangen will und auch der preußische Fortbildungsschulgesetzentwurf sollte bis zu einem gewissen Grade diesen Bestrebungen dienen. Ich empfehle allen Genossen, die sich mit der Jugendbewegung beschäsli. gen, sich den Erlah der prcutzischcn Regierung betreffend der Ju- gendpfleg« anzuschaffen. Sie können da manches lernen. ES steht ausdrücklich in dem Erlaß, daß Lehrer, Aerzte, Geistliche, Inge- nieure, Offiziere sich an die Jugend heranmach e.n sol- len, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Mit welchen Mitteln will man an die Jugend herankommen? Man spekuliert auf ihren Freiheitsdrang, ihr Bedürfnis nach Selbst- betätigung und ihr Bedürfnis nach Vereinsmeierei. Während man die sozialdemokratischen Organisationen rücksichtslos auf- löst, begünstigt man die bürgerlichen. Durch Sport und Spiel, durch die Freude am Kampf und am Kricgsspiel will man die Jugend einfangen zugunsten der Reaktion. E§ ist zweisel. los ein gan� geschicktes Vorgehen und wir dürfen erwarten, daß durch die Million, die sich jetzt aus die freiwilligen Helfer ergießt, der Eifer dieser Leute lebhaft angeregt wird. Einleitend spricht der Erlaß von der infolge der Veränderung der ErwerbSverhält- nisse gefährdeten Jugend in leiblicher und sittlicker Hinsicht. Das sagt der preußische Kultusminister seiner Regierung ins Gesicht, daß sie seit Jahrzehnten das leibliche und sittliche Wohl der Arbeiterjugend aufs schwerste gefähr- d e t hat. Wird nun eine Hilfsaktion eingeleitet durch sozial politische Maßnahmen? Nein, das fällt dem Minister gar nicht ein. Zur Abwehr der Gefahr bietet er eine Million. Allerdings hat die moderne Tntwickelung nachhaltigen Einfluß auf die Arbei- terjugend gehabt. Die ganze Entwickelung der kapitalistischen In- dustrie ist eine llniumme von Kinderelend. Marx hat dafür das zutreffenoe Wort vom bethlehemitischen Kin- dermord geprägt. Getan hat dagegen die Regierung nichts Po- sitives. Wohl aber hat sie die Arbeiterklasse, die die Bewegungen in die Hand nehmen wollte, darin gehindert, so oft wie sie sich dazu anschickte. Das darf sich die klassenbewußte Arbeiterschaft nicht ge- fallen lassen. Wohl wissen wir Sozialdemokraten, daß die Kinder nicht unser persönliches Eigentum sind, über die wir wie über einen Gegen? stand verfügen können; noch weniger aber wollen wir anerkennen, daß unsere Kinder das Eigentum des heutigen Klassenstaates sind. Wir wollen die freie Selbst be- st i m m u n g der Kinder, wir wollen sie urteilsfähig machen, damit sie selbständig entscheiden können. Wir wissen nicht, ob sie zu unS kommen, aber wir haben das Vertrauen zu unserer Sache, daß sie, wenn sie urteilsfähig sind, den Weg zu uns finden. Der preußische Staat aber, der den Wöchnerinnenschutz und die Säuglingspflege, die unentgeltliche Ernährung von Kindern usw. verweigert, will jetzt auch noch die schulentlassene Jugend zu g e i- st ige n Krüppeln erziehen. Wenn diese bürgerlichen Wölfe in Schasskleidern kommen, wenn diese Herren unsere Ar beiterjugend mit ihrem Zuckerbrot einfangen wollen, dann weisen Sie ihnen die Tür!(Beifall.) Warnen Sie die Jugend vor den Versuchungen der falschen Freunde. Aber wir müssen auch Positives leisten, darum fordere ich Sie zugleich auf, Ihre Kinder, die Lehrlinge, mit denen Sie arbeiten, die jungen Freunde, auf die Sie Einfluß haben, auf die prole- tarische Jugendbewegung, auf die Jugendaus- schüsse, die Jugendheime, die Vorträge und Kurse aufmerksam zu machen. Geben Sie ihnen die L i t e r a t u r in die Hand, die sie aufklärt. Führen Sie sie den geselligen Ver- a n st a l t u n g c n zu, die wir für die Jugend einrichten; gehen Sie mit ihnen hinaus in die freie Natur, das wird Ihnen selbst daS Herz stärken und wird für Ihre Erkenntnis der jugendlichen Seelen von bleibendem Werte sein.(Bravo!) Im übrigen wollen wir bei den Bestrebungen der bürgerlichen Schcinjugendfreunde ruhig Blut bewahren. Es steckt ein lieber Kern in den jungen Menschen. Wir hoffen, daß der in Verbindung mit dem fugend- kichen Klasseninstinkt unsere Jugend vor den Fallstricken der falschen Freunde bewahren, und sie, wenn sie soweit ist, in die Kämpfcrhcere des modernen Proletariats hineinführen wird.(Lebhafter Beifall.) Ratz-Kicl begründet den Antrag Sga: Trotz der Fortschritte, die die Jugend- bewegung zu verzeichnen hat. fehlt eS an vielen Orten an geeigneten Kräften. Deshalb beantragen wir, ein Korrcspondenzblatt für die JugendouSschüsic herauszugeben, worin den in der Jugendarbeit tätigen Genossen Anregung und Aufklärung über die Jugend- bewegung gegeben wird. Höllein-Jena: Die trefflichen Ausführungen von Schulz stimmen nicht überein mit dem von ihm a priori angegebenen Gutachten über die vorliegenden Anträge. Im Sinne seiner Rede hätte er doch sagen müssen, daß von seiten der Zentralstelle alles geschehen muß, um die proletarische Jugend möglichst schnell vorwärts zu bringen. Der von unS geforderte Jugend sekretär der Zentralstelle hätte den Verkehr mit den einzelnen Ausschüssen im Reiche zu be- sorgen und alle Angelegenheiten der Jugendbewegung zu leiten. Die Zentralstelle ist tatsächlich überlastet. Alle Genossen, die ihr angehören, sind mit Arbeit so überhäuft, daß sie selbst beim besten Willen nicht in der Lage sind, alle Geschäfte in dem Umfange zu er- ledigen, wie es notwendig wäre, wenn das eintreten sollte, was Genosse Schulz als erforderlich bezeichnet hat. Wie arbeiten denn unsere Gegner? Die katholische Jugendbewegung hat über 1vl> Sekretäre, die evangelische hatte schon 1910 147 Sekretäre, die neutralen Jugendvercine haben eine ganze Reihe von Beamten, Lehrern usw., die sich ihr widmen. Sie sehen also, daß unser Antrag nicht etwa aus Uebermut gestellt ist. Das Korrespondenzblatt haben wir so nötig wie das liebe Brot. Darum sollte die Zentralstelle nicht erst lange Erwä- gungen anstellen. Es kann unmöglich mit der„Arbeiterjugend" ver- quickt werden. Es ist doch nötig, daß endlich im ganzen Deutschen Reiche JugendbezirksauSschüsse gebildet werden. In Süddeutschland besteht überhaupt noch keiner. Sie sind aber sehr notwendig, um einerseits Fühlung mit den Bezirken zu haben und andererseits die mit der Zentralstelle in Berlin aufrecht zu er- halten. Bitte, bezeugen Sie durch Annahme des Antrages, daß Sie gewillt sind, die Jugendbewegung sofort und ausgiebig zu fördern. Genossin Grllnberg-Nürnberg: Wir haben in Deutschland 454 JugendauSschüsse, die ver- schicdenartig zusammengesetzt sind. Es fehlt an einer Einheitlich- reit der Verwaltungsform und das führt vielfach zu Verwaltungs- kämpfen. Wäre eine einheitliche Form vorhanden, so hätten wir gewiß in der Jugendbewegung bessere Fortschritte zu verzeichnen. Deshalb bitte ich Sie, sich mit dem Gedanken der Reor» zanifation zu beschäftigen. Dr. Liebknccht-Berlin: Die proletarische Jugend seufzt unter einem Doppeljoch. Sie ist die Jugend des Proletariats und sie ist die Jugend des Proletariats, die von der kapitalistischen Ordnung besonders har: betroffen wird. Zu dem, was Schuz angeführt hat, kommt als Ergänzung noch die K r i m i n a l st a t i st i k. Die Krimi- nalität der Jugendlichen zeigt, daß die größte Zahl von Straf» fällen der Jugendlichen auf dem Gebiete der Eigentumsver- geben liegt: Diebstahl, Unterschlagung, Bettelei, Landstreicherei und andere solche Delikte, die alle den Charakter sozialer Delikte tragen. Bei den weiblichen Jugendlichen besteht dazu noch die entsetzliche Rubrik: Verfehlungen gegen die Polizeibestimmungcn über die Kontrolle der Prostituierten. Da wird ein so entsetzliches Bild aufgerollt, und eine Regierung, die den Ernst dieser Frage nicht begreift, sondern ihn sogar zu verschleiern sucht, verdient, das Brandmal auf die Stirne gedrückt zu bekommen. Von großer Wichtigkeit ist, daß in dem Antrag 7b noch hinter das Wort„Polizei" das Wort„Schulaufsichtsbehörden" einge- schoben wird. Diese tragen zur Bekämpfung der Jugendbewegung bei. Auf alte verstaubte Regierungsverordnungen wird zurückge- griffen, um einen UnterrichtSerlaubniSschein zum Unterricht der Jugend zu fordern. Was in dieser Beziehung vom preußischen Kultusminister und den ihm untergeordneten Instanzen geleistet wird, ist mit das ä r g st e, was von der preußischen Regierung in ihrer langen Geschichte begangen worden ist. Au h durch Sportfexerei wiC man die Jugend von de» großen proletarischen Kampf abbringen. ES ist das Heimtückische daß die Regierung die Jugend durch ihr Freiheitsbedürfnis die Sklaverei hineinführen und zu proletarischen Sklaven nach ihrem Willen machen will. Alle diese Abwchrbewcjjungen der Regierung sind natürlich ein ehrendes Zeugnis für dieWucht der proletarischen Jugendbewegung und die Furcht der berrschenden Klassen. Auch wir müssen uns die jugendliche Abenteuerlust und den jugendlichen Freiheitsdrang nutzbar machen kreilich nicht durch militärische Spielerei, nicht durch Kriegsspiele sondern etwa durch Spiele wie„Sozialdemolraten und Geudarm" (Heiterkeit.) Tie herrschenden Klassen müssen die Hoffnung schwinden lassen, die Jugend uns abwendig zu machen. Man hemmt uns, doch man zwingt uns nicht, ja man hemmt uns nicht einmal. Nie und nimmer hätte die Jugendbewegung eine solch einmütige Beteiligung bei der Partei und den Gewerk- s ch a f t e n gefunden, wenn sie nicht so verfolgt worden wäre Sie ist durch oie infame Taktik ihrer Verfolger ge> fördert worden. Wir können den herrschenden Klassen das Wort zurufen:„Und ssc bewegt sich doch!" Die Jugend des Proletariats wird Sieger bleiben über alle ihre Feinde und die Scharen liefern, die dereinst unsere Kämpfe weiter führen werden.(Leb hafter Beifall.) Vorsitzender Tietz: Vom Genossen Liebkneckit Wied beantragt, im Antrag 7b hinter„Polizei" noch zu setzen„Schulaufsichtsbehör den". Hiergegen wird nichts eingewendet. Genossin Fahrenwald-Berlin: Mit der proletarischen Jugenderziehung dürfen wir nicht warten, bis die Kinder aus der Schule entlassen sind, sondern wir müssen sie. sobald sie anfangen zu begreifen, in Bahnen lenken, die sie später zu gehen haben. Wem die Jugend gehört, dem ge- hört auch die Zukunft. Weiter habe ich im Namen von Berlin 4 noch zu erklären, daß wir damit einverstanden sind, daß der Antrag 24 der Zentralstelle überwiesen wird. Schubert-SpandaU: Wie weit sich die Behörden bereits den Bestrebungen der bür- gcrlichcn Jugendbewegung angepaßt haben, beweist der Umstand, daß in Potsdam die Militärbehörde der Jugend bei ihren Spielen den markierten Feind liefert. In Spandau sind die Schüler organisiert und die Schulverwaltung verlangt von ihnen einen Beitrag von 10 Pfennig. Das ist zweifellos ungesetzlich und solchem Verlangen müssen wir uns auf das Ent- schicdenste widersetzen. Was in Spandau am Sedantage vorgekommen ist, spottet jeder Beschreibung. Dort hat man die Jungen aus den Depots mit den Gewehren und Seitengewehren bewaffnet. Aber nicht nur die Kinder unserer Gegner treiben diesen Rummel, aucb die Prole- tarierkinder nehmen daran teil. TaS müssen alle Partei- genossen und Gewerkschaftsmitglieder verhindern. Cbert-Parteivorstand: Ich bedaure auS taktischen Gründen lebhaft, daß Genosse H ö l l e i n eine Differenz zur Spracbe gebracht hat, die sich zwischen der Zentralstelle und der Bezirksleitung von Thüringen ergeben hat. Die Bezirksleitung von Thüringen fragte bei uns an. was sie aus Anlaß dcS Parteitages zur Propaganda der Jugendpflege tun solle. Wir rieten aus taktischen Gründen von einer Veranstaltung ab. Später erklärte die Bezirks- leitung, daß sie doch eine solche Veranstaltung treffen wollte, und legte Formulare und Fragebogen bei, die an die JugendauSschüsse versandt werden sollten. Das geforderte Material deckte sich nun zum Teil mit den,, was wir bereits kurz vorher von den Jugend- ausschüssen ebenfalls durch einen Fragebogen eingeholt hatten. ES bestand nun die Gefahr, wenn nun auch in Jena das Material be- arbeitet wurde, daß unS nun von dort ein Bericht vorgelegt würde, daß dem Parteitage vielleicht zwei sich widersprechende Berichte vorliegen würden. DaS mußte verhindert werden. Dazu kamen auch organisatorische Gründe. Die Einforderung von Material usw. hat durch die Z e n t r a l st e l l e zu erfolgen. Die Bezirks. leitungen dürfen sie nicht beiseite schieben. Ueber die Tätigkeit der Zentralstelle informiert Sie unser schriftlicher Bericht. Wir sind völlig von der Notwendigkeit einer intensiven nachhal- tigcn Propaganda unter der Jugend überzeugt. Unsererseits geschieht alles, was die Propaganda fördern kann. Natürlich fehlt es in einer so jungen Bewegung, in der das jugend- liche Element ausschlaggebend ist, nicht an Wünschen, Anregungen und Forderungen, die sehr oft das ü b e r s ch ä u m c n d e j u g e n d- liche Temperament erkennen lassen. Alle Anregungen sind aber sachlich geprüft worden. Wir sind in der Zentralstelle so einig, daß alle wesentlichen Beschlüsse einmütig gefaßt sind. Wir beabsichtigen, die„Arbeitcr-Jugcnd" nach der Richtung hin auszubauen, daß sie künftig mehr Material zur Schu- lung in der praktischen Jugendarbeit bringt. Ob dann noch ein besonderes Mitteilungsblatt für die Jugendsunktio- närc notwendig ist, wird die Erfahrung lehren. Die Zentralstelle wird die Frage noch einmal prüfen. Die Sekrctärfrage wird auf die nächste Tagesordnung der Zentralstelle gesetzt werden. Die Arbeiten haben sich gehäuft, sie sind erfreulicherweise angewachsen. Wir wären Toren, wenn wir uns weigern wollten, Sekretäre anzustellen, wenn es notwendig ist. Leider klagen die Jugendausschüsse vielfach, daß sie nicht die nötige Unterstützung von den erwachsenen Genossen erhalten. Verkennen Sie nicht die Wichtigkeit der Jugendbewegung. ES ist ein Kampf, den wir der herrschenden Klasse gegenüber um die Arbeiterjugend führen. Wir müssen die Bestrc- bungcn der bürgerlichen Kreise, die die Jugend für sich gewinnen wollen, illusorisch machen. Das mutz uns gelingen, wenn jeder Genosse und jede Genossin ihre Kräfte voll in den Dienst der Sache stellen. Dem Amendement Liebknecht können wir uns anschließen. Ich bitte Sie noch einmal, unsere Resolution anzunehmen. Höllein-Jena erwidert persönlich dem Genossen Ebert, daß man von Berlin aus eine Antwort in einer Form erhalten habe, die unbedingt verletzend wirken müsse. Es mag sein, daß hier vom Jugendausschuß in I e n a ein Fehler gemacht worden ist, aber man brauchte nicht so grobes Geschütz aufzufahren, wie eS fei- tenS des Genossen Ebert geschehen ist. Hierauf werden die Anträge 24, 2S, V9a und der Antrag H ö l l e i n betreffs Anstellung eines Sekretärs der Zentral- st e l l e überwiesen. Die Resolution wird mit dem Amendement Liebknecht einstimmig angenommen. Damit sind alle Anträge zum Vorstandsbericht erledigt. Dem Parteivorstand wird einmütig Decharge erteilt. Vorsitzender Dich dankt namens des Parteitage? dem Vorstand, der Kontrollkommission sowie allen anderen Kommissionen, die gemeinsam mit dem Vorstande im Geschäftsjahre gearbeitet haben. Die weiteren Verhandlungen werden auf Mittwoch früh 9 Uhr vertagt. Schluß 7 Uhr._ Antrag z« dem Parteistreit in Württemberg. Der Parteitag nimmt mit Bedauern Kenntnis von den jüngsten Vorgängen in der Württembcrgischen Landesorganisation. Er beauftragt den Parteivorstand, mit dem Württembergischen. Landesvorstand und mit der Stuttgarter Parteileitung in Ver- bindung zu treten, um die Entwicklung der Partei in Württemberg im Sinne und Geiste der Gesamtpartei und ihrer Beschlüsse zu sichern. Westmeher und Ivb Genossen. Berichtigung. Wie unsere Leser wohl schon bemerkt haben, ist im Bericht der Montagsitzung der Schluß der Ausführungen des Genossen Robert Schmidt durch cin� technisches Verschen an den Schluß der Ausführungen des Genossen Legten geraten. Die letzten 11 Zeilen bei Legien gehören zu der Schmidtschen Rede. Weiter findet sich im Bericht über die Montagssitzung des Parteitages, im Geschäftsbericht des Genossen Hermann Müller, ein sinnstörendcr Irrtum. ES ist von der langen Krankheit Bebels die Rede. Statt Bebel ist zu lesen: Gerisch. Versammlungen. Tie Verschleppung der Sonntagsruhe. In einer vom Zentralverband der Handlungsgehilfen und Ge- hilfinnen am Montag nach den„Arminhallen" einberufenen öffentlichen Versammlung referierte U ck o über dieses Thema. Wie stark das Interesse an der Frage bei den Handlungsgehilfen ist, zeigte der außerordentlich zahlreiche Besuch, wobei die große Beteiligung der weiblichen Angestellten besonder? auffiel. Die Versammlung nahm folgende Resolution einstimmig an: Die vom Zentralverband der Handlungsgehilfen und Ge- hilfinnen Deutschlands einberufene, am 11. September 1911 in den„Arminhallcn", Berlin, tagende, öffentliche Versammlung erklärt: Die völlige Sonntagsruhe ist eine hygienische und kulturelle Notwendigkeit, welche von allen Wissenschaftlern längst aner- kannt, von sämtlichen HandlungSgehilfcnverbänden einmütig ge- fordert wird und auch in den Kreisen der Geschäftsinhaber immer mehr Anhänger gewinnt. Es ist für die Reichshauptstadt Berlin eine selbstverständliche Pflicht, nicht länger hinter anderen deutschen Städten zurückzu- bleiben und endlich den Sonntagsverkauf in den Ladengeschäften ganz zu verbieten oder wenigstens einzuschränken. Die Versammlung erklärt den Beschluß der Stadtverordneten- Versammlung der Stadt Berlin vom 16. Februar 1911 für durch- aus unzureichend, verurteilt aber um so mehr, daß selbst diew dürftige Regelung noch nicht einmal zur Durchführung ge- bracht ist. Die Versammlung ersucht den Magistrat von Berlin, unge- achtet der Stellungnahme der Vorortgemeindcn den Beschlutz der Stadtverordneten vom 16. Februar 1911 spätestens zum 1. Ok- tober durchzuführen. KrUfstaften der Redaktion. Sie(utlfUfdit Svrechliunde findet Ltndenfteaye SS, vorn Met Srejiytn — SMeftuM—, wnchentasltai von tVj 61» TVi lllie aHend«, Sonnabend», von tt» 6t» 6 Uhr adend» fialt. Jeder für den Bricftalteu destimmten»Infrnae ist ein Buchstabe und rine Zahl al» Mcrktciche» delzufstzen. Betefllche Antwort wird nicht eetrllt. Anfeagen, denen leine Abonnemenisquittung beigefügt ist, werden nicht brantmoeiet.(kilige Fragen trage man in der Sprechstunde bor.' — K- Sch. S. Ja, losern die Erkrankung nicht als Folge des Dienstes anzusehen ist.— G. H. 50. Pnvatklage. Die vorherige Anrufung dc-Z Schiedsrichters ist notwendig, sokern beide Parteien in derselben Gemeinde wohnen.—®. N. 18. In Berlin nach 2 Monaten— 100 ff.«er- jährt, falls nicht elioa früher schon auSgellagt.— Margarete OL». 1-«a. 2. Nur dann, wenn der Schuldner die Mittel beroibt it. Er- ! orderlich nicht.- Gerichtstr.«». Rem.-«!. Z. 100. 1. In der Regel ja. 2. Nein.— Puck. Vorherige Mitteilung ist erjorderlich.- Credit-Haus „Bellealliance" BelleÄlIlance-Str. 100, I. Etage. Waren n. Jföbel«. kulant. Beding. Berliner Credit-Haus Sgflr Kommandantenstr. 67."i II- TnraistraOe 55, Ecke Waldstr. gevihrt Jedem b. spielend leichten An- n. Abzahlung mehrjahrleen Kredit auf Waren und MSbel. Auf Abzahlung gibt Wllhe Neumann, Pappelallee 83 Waren, Möbel, Garderobe. lolter.tarUÄfr Wochenrate erb . Sie Wäsche, Gardinen, Steppdecken, Uhren, Garderobe u.Möbel i.AbiahiaügsgMeli. Mim Pelers M9., Mop! 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Das Verlangen nach einer umfassenden Arbeitslosenversicherung macht sich daher immer wieder geltend, und die Stadtverwaltungen haben um so mehr Anlaß zum Stu- dium dieser Fragen, als neuerdings die bayerische und badische Staatsregierung versucht haben, den Städten in erster Linie die Verantwortung für die Organisation der Arbeitslosenversicherung zuzuweisen. 2. Ten sichersten Ausgangspunkt der Untersuchungen bildet die auf Anregung des Reichstags vom Kaiserlich Statistischen Amt, Abteilung für Arbeiterstatistik(Regierungsrat Dr. Leo), herausgegebene große Denkschrift über die Versicherung gegen die . Folgen der Arbeitslosigkeit im Ausland und in Teutschland (1906). Und zwar ist es vor allem wichtig, die Ausführungen dieser Denkschrift über Umfang und Ursachen der Arbeitslosigkeit, gegen welche die Versicherung geplant ist, d. h. der Arbeitslosigkeit eines arbeitswilligen und arbeitsfähigen Arbeiters, der eine an- gemessene Beschäftigung nicht finden kann, scharf und bestimmt zu erfassen. 3. Soweit die bisherigen Erfahrungen und Ermittlungen reichen, sind Gründe und Umfang der Arbeitslosigkeit und auch das Versicherungsbedürfnis in den einzelnen Gewerben äußerst verschieden. Ein großer Unterschied ist vor allem dadurch ge- geben, daß in den Wetter-Saisongewerben, namentlich Land- Wirtschaft, Binnenschisfahrt und Baugewerbe mit Hilssgewerben, alljährlich an einer nach dem Jahresdurchschnitt in weitem Um- fang feststellbaren Zahl von Tagen die Arbeit im Gewerbe aus klimatischen Gründen mit Sicherheit ausgeschlossen ist, während im übrigen die Arbeitslosigkeit durch Geschäftsstockungen, Aende- rungen im Gewerbebetrieb, Ueberfüllung des Berufes und andere ungewisse Umstände verursacht wird. Ganz besonders geartet ist außerdem die Arbeitslosigkeit der sogenannten Gelegenheits- arbeiter. Das Versicherungsbedürfnis ist überdies in den ein- zelnen Berufen auch deshalb sehr verschieden, weil die Möglich» keit von Nebenerwerb und Nebenbeschäftigung in der arbeits- losen Zeit außerordentlich verschieden ist. Eine sorgfältige Unter- scheidung und eine gesonderte, den eigentümlichen Verhältnissen der einzelnen Arbeiterklassen angepaßte Behandlung der ver- schicdenen Fälle und die Herausarbeitung der in den einzelnen Fällen ratsamen und verwendbaren Versicherungscinrichtungen ist um so mehr geboten, als eine allgemeine Arbciterversicherung zurzeit schon deshalb ausgeschlossen erscheint, weil ihre Voraus- setzung— ein allgemeiner Arbeitsnachweis— nicht vorhanden ist und voraussichtlich auch in naher Zeit nicht vorhanden sein wird. 4. Die Grundfrage jeder Organisation für Arbeitslosen- Versicherung ist die Frage: ob und in welchem Umfang ein staat- licher Zwang angewandt werden soll? Für ihre Beantwortung ist der Umstand, daß im Deutschen Reich die Gewöhnung an Zwang auf diesem Gebiete weiter verbreitet ist, als in den meisten anderen Ländern, deren Arbeiterversicherung auf Freiwilligkeit beruht, bei Bezugnahme auf Maßnahmen des Auslandes sorgsam zu beachten. Jedenfalls sind bei uns hervorragende Kenner der Ansicht, daß durchgreifende Erfolge nur bei Zwang erreichbar sind, und auch wir müssen nach unseren Erfahrungen bestätigen, daß die bisherigen Versuche freiwilliger Versicherung(sogenanntes Gentcr und Kölner System) gerade da, wo nach ziemlich all- ! ?Zrbeitermöbel. Die Frage der Arbeitcrmöbel hat in den letzten Wochen im er- höhten Maße die Oeffentlichkeit beschäftigt. Anlaß dazu gaben die Ausstellungen im Gewerkschaftshause und die gelegentlich der Möbelmesse im Zoo; die eine von Konsumenten-, die andere von Produzentenseite hervorgerufen. An sich ist die Veranstaltung von Ausstellungen Sache des Produzenten, der zeigen will, was er hat. Wenn nun in jenem ersten Falle die Verbraucher ausstellen, so werden sie notwendigerweise zu obcrst betonen, was sie wünschen, was sie fordern. Und so sehen wir denn auch in der..Musterwohnung" nicht eine restlose Erfüllung all unserer Wünsche, sondern deren vielleicht etwas herbe Betonung; nicht ein Anbiedern an alte Gewohnheiten, sondern ein absichtlicher Bruch mit manchen von ihnen. Dabei geschieht es leicht, daß man scheinbar zu puritanisch wird. Die Ausstellung der Produzenten ist notwendigerweise mehr auf den Verkauf zugeschnitten. Man produziert und stellt aus, um das Geschäft zu beleben, um die Ware abzusetzen. Daher wird nieht Rücksicht auf die Gewöhnung des Auges genommen: durch kleine Verzierungen, durch Intarsien und durch die Holzarten. Es wäre falsch, solche Nettigkeiten als Fortschritt zu betrachten. Es kommt nicht nur darauf an, die kleinen Wünsche des Inkonsequenten zu erfüllen, sonderp allein auf die Tendenz: Die Grundsätze der inodernen Wohnungskunst auch auf die einfache Wohnungsei nrich- tung zu übertrage», als da sind: Zweckmäßigkeit. Mvterialechtheit und Schönheit. Daß dabei dieser und jener Versuch nicht gleich alle berechtigten Anforderungen erfüllt, darf nicht Wunder nehmen. Während die gut bürgerliche, die vornehme Wohnung einen langen Entlvickelungsgang hinter sich hat und die Bedürfnisse ihrer In- fassen seit Jahren von Künstlern und Handwerkern zu erfüllen gesucht wurden, fehlt beides der Arbeiterwohnung. Nun aber ist es anders geworden. Wie der moderne Arbeiter heute nach Kultur lechzt, wie er nach Wissen dürftet, nach guten Konzerten verlangt, sich nicht mehr mit dem Spektakelstück auf der Bühne begnügt, so wird auch das Verlangen nach einer schönen und guten Häuslichkeit in ihm wach.> Er stellt höhere Lebensansprüchc; und das ist ein Kulturfortschritt. Auch der Musterwohnuug im Gewerkschaftshaus, dem Wett- bewerb der Möbelmesse und nicht minder ally, früheren Versuchen, Arbeitcrmöbel zu schaffen, einschließlich einer gegenwärtig in Köln stattfindenden Ausstellung, ist der Vorwurf gemacht worden, die Möbel seien für Arbeiter zu teuer. Es ist dabei gleichgültig, ob die Preisgrenze 800, 900 oder 1100 Mark ist. Sollen wir aber daraus wirklich dem Aussteller einen Vorwurf machen, der als Muster doch auf jeden Fall Gutes bieten will? Keineswegs! Wenn wir eine Lehre daraus ziehen wollen, so die, daß das Einkommen der meisten Arbeiter zu niedrig ist. um sich eine solche einigermaßen menschenwürdige Umgebung zu schaffen. Hier muß der Hebel an- Zum anderen haben aber die Versuche bewiesen, daß innerhalb von'Preisgrenzen, die. in der Praxis häufig noch uber'chrittcn werden sich Gutes, zum mindesten weit Besseres leisten läßt, als der Durchschnitt der Möbellieferungen dieser Preislage heute ist. Und'gerade auf diesem Gebiet war das Unierfangen der Berliner Tischlerinnung zu begrüßen, ihren Wcttbewerbswohnungen eine landläufige Abzahlungswohnung gegenüber zu stellen. Das lag sowohl im Interesse der Käufer wie der Produzenten; denn an solch minderwertiger Arbeit, die zu niedersten Preisen geliefert werden muh, hat auch dieser lein Interesse gemeiner Auffassung am dringendsten Hilfe nottut, bei den Bau- arbeitern und den ungelernten Gelegenheitsarbeitern, nur ganz unzureichende Hilfe gebracht haben. Diese Erfahrung zeigt zu- gleich, daß die Frage des Zwanges keineswegs einheitlich behan- delt werden kann, daß vielmehr für die einzelnen Arbeiterklassen eine Untersuchung unerläßlich ist, ob für sie mit Rücksicht auf die Stärke des Versicherungsbedürsnisies«in Versicherungszwang irgendwelcher Art im allgemeinen Interesse nötig und möglich ist, wobei auch der für einzelne Gewerbe mancherlei Vorteile bie- tende Sparzwang mit zu berücksichtigen sein würde. 6. Eine fernere wichtige Frage betrifft die Aufbringung der Beiträge durch die zunächst Beteiligten, d. h. die Arbeiter und Arbeitgeber, und kann gleichfalls nur für die einzelnen Gewerbe erfolgreich untersucht und beantwortet werden. Die Lage und Leistungsfähigkeit des Gewerbes, seine Konkurrenzfähigkeit gegen- über den Gewerben des Auslandes, die Gründe der Arbeitslosig- keit im Gewerbe(klimatische und andere) spielen hierbei eine ent- scheidende Rolle; ebenso die Höhe der Löhne, die für viele Ge- werbe jetzt durch Tarifverträge einheitlich geregelt sind. 6. Noch schwieriger liegt die prinzipiell wie praktisch außer- ordentlich wichtige, und trotzdem oft leichthin behandelte Frage der Zuschüsse aus öffentlchen Kassen, welche gleichfalls ohne Rück- ficht auf die Verhältnisse in den einzelnen Gewerben nicht zu- treffend beantwortet werden kann. Es ist z. B. kein Grund er- sichtlich, warum eine öffentliche Beihilfe für Fälle gegeben werden soll, in denen die Arbeitslosigkeit nur aus klimatischen Gründen eintritt. 7. Ferner kann die Voraussetzung jeder Arbeitslosenversiche- rung: nämlich ein gut geordneter Arbeitsnachweis für die beruf- lich geschulten Arbeiter nur für die einzelnen Gewerbe geregelt werden. 8. Wenn hiernach sowohl die Gründe der Arbeitslosigkeit als das Vcrbitterungsbedürfnis in den einzelnen Gewerben sehr verschieden sind, und auch die grundlegenden Fragen des Zwanges, der Verteilung der Beiträge, der öffentlichen Zuschüsse und des Arbeitsnachweises nur nach den Bedürfnissen der einzel- nen Gewerbe beantwortet werden können, so ist die weitere För- derung einer rationellen Arbeiterversicherung nur durch Unter- suchung der Verhältnisse in den einzelnen Gewerben zu erzielen. Diese kann aber nicht von den Stadtverwaltungen— allein 181 in Städten mit über 25 000 Einwohnern—, sondern nur einheitlich von der Reichsregierung oder den Landesregierungen durch- geführt werden. Tie Ueberweisung der weiteren Bearbeitung der Fragen der Arbeitslosenversicherung an die Gemeindeverwaltun- gen ist daher nur eine Verlegenheitsauskunft, um die eigentlich verantwortlichen Stellen— Regierungen wie Parlamente— von Verantwortlichkeit zu befreien. Alle Gemeindeverwaltungen, auch diejenigen, welche aus freiem Entschluß bisher Versicherungs- einrichtungen irgeirdwelcher Art für Arbeitslose geschaffen haben, sowie alle wahren Freunde rationeller und wirksamer Versiche- rung sollten gegen diese versuchte Verschiebung der Verantwort- lichkeiten Verwahrung einlegen und von den Regierungen for- dern, daß von ihnen unverzüglich die erforderlichen Untersuchun- gen geleitet werden, um sowohl das Versicherungsbedürfnis, als die Mittel zu seiner Befriedigung für die einzelnen Gewerbe- und Arbeiterklassen zu ermitteln und festzustellen. Soweit die Stadtverwaltungen hierbei, insbesondere bei Untersuchung der Verhältnisse der Gelegenheitsarbeiter hilfreiche Hand leisten können, werden sie gern dazu bereit sein. Daß diese Unter- suchung die Verhältnisse der Bauarbeiter in erster Linie ins Auge zu fassen hätte, ergibt sich aus den Ausführungen unter Nummer 4. Bei diesen Untersuchungen wird auch zu prüfen sein, ob— zur Beschaffung schneller Hilfe unter besonderen örtlichen Verhältnissen— vor einer Erledigung der übrigen Fragen zu- nächst für einzelne Kommunalverbände reichs- und landesgesetz- lich eine obligatorische Arbeitslosenversicherung jiir Bauarbeiter einzuführen wäre. Oberbürgermeister W a l l r a f- Köln erörtert zunächst die Frage, ob die Oeffentlichkeit verpflichtet sei, eine Fürsorge für Arbeitslose einzurichten. Unzweifelhaft liegt eine gesetzliche Ver- Der Kampf gegen die Abzahlungsgeschäfte ist nicht ein Kampf gegen die Personen der Inhaber, sondern gegen schlechte Arbeit, unverschämt hohe Preise und harte Kaufbedingungen. Wenn hier jene Produzentcngruppe Abhilfe schaffen wollte, so wäre das ein Fortschritt gewesen. Es ist darum nicht zu verwundern, daß dieses Streben die Sympathie weiter Kreise gewonnen hat. Der Ausgang dieses Kampfes hat leider nicht gehalten, was er veriprach. Beide Parteien. auch die bisher siegreiche, haben ihren Frieden gemacht und zu Bedingungen, die den Freund einer Besserung trübe stimmen müssen. Die Tischlermeister geben den Kai�pf auf gegen die schlechte Arbeit und die hohen Preise der Abzahlungsgeschäfte. Und die Abzahlungsgeschäste? Sie werden für eine geringe Absindungssumme und einige unverbindliche Versprechungen den sachverständigen und berufenen Mahner— die Tischlerinnung— los und dürfen noch dessen neugewonnenes Rcnomee für sich aus- schlachten. Die Tischlerinnung hindert sie nicht daran, nach wie vor für schlechte Ware hohe Preise zu nehmen. Der einzelne Tischlermeister, der auf solche Lieferungen ange- wiesen ist, mag sich mit diesem mageren Vergleich begnügen; für das Publikum aber kann damit der Kampf gegen die Auswüchse des Abzahlungshandels nickt erledigt sein. Der Konsument darf sich nicht mehr mit allem Schund begnügen; er muß lernen, höhere Ansprüche auch auf dem Gebiete der Wohnungseinrichtung zu stellen. Ist dies heute der breiten Masse nicht ohne weiteres mög- lich, so muß es ihr ein unbedingtes Ziel werden. Deswegen sprechen wir bei diesen Bestrebungen mit Recht von„Arbeitcrmöbeln", solchen, in denen die Bedürfnisse einer vorwärts schreitenden Schicht zum Ausdruck kommen sollen. Dabei ist Form und Farbe allein nicht einmal jeweils das Wesentlichste. Wenn durch solche Veranstaltungen der einzelne Arbeiter an- geregt wird, feine wirklichen Bedürfnisse und Ansprüche zu erfor- scken, wird sich die Produktion nicht ablehnend verhalten können. In dem lebhaften Interesse, das diese Bestrebungen in der Oeffcnt- lichkeit finden, spiegelt sich der kulturelle Aufstieg der Arbeiterklasse wieder. Franz Kißner. *** Auf das, was neulich Gustav Reinre über die Unmöglichkeit eines klassenbewußten Möbels sagte, wollte ich eine theoretische Ant- wort geben. Da kam mir der vorstehende Artikel meines Freundes Kißner zu Gesicht. Er scheint mir das,.um was es sich zunächst bei dem ganzen Problem handelt,� durchaus richtig zu erfassen: das Praktische. Wohl bin ich der festen, aus der Geschichte abstrahierten Ueberzeugung, daß die Auffassung jeder optisch wahrnehmbaren Form als einer Materialisation von wirtsck�ftlichcn, sozialen und politischen Kräfteparallelogrammen der gründlichen Durchdenkung standhalten muß. Andererseits meine ich allerdings, daß es besser tut, die Dogmen, die Naturgesetze der geistigen EntWickelung, sich vor.aller Augen aus den Erfahrungen des Alltages absondern zu lassen, als sie zum Ausgangspunkt der Praxis zu machen. Warten wir ruhig ab, ob es nicht doch dahin kommt, daß das Proletariat in dem Sichtbaren der Kultur eine genau so wichtige Waffe begreifen wird, wie einst die Könige sie in der Pracht und nicht etwa in der Mauerndicke der Schlösser begriften sehen wollten. Der Peters- dom war keine Geschmacksftage, vielmehr eine Demonstration der Macht. Daß auch das Arbeitermöbel(als ein Teil der sichtbaren Kultur) ein Machtfaktor werde, danach laßt uns arbeiten. Diele Absicht ist die Seele der Kommission für vorbildliche Arbciterwoh- nungen im Gcwerkschaftshause; ich bin nur ein Funktionär. Robert Breuer. pflichtung. die über die Armenpflege hinausgeht, für uns zurzeit nicht vor._ Der britische GewerltichaMongreß. London. 9. September 1911. 6. Tag. Mit der heutigen kurzen Vormittagssitzung nahm der 44. Ee- werkschaftslongreß ein Ende. Die Sitzung wurde eröffnet mit einer Beileidskundgebuirg für den Führer der parlamentarischen Arbci- tcrpartei, dessen Frau, eine unermüdliche und wackere Kämpferin in der Arbeiterbewegung, die sich besonders große Verdienste um die Organisation der Arbeiterinnen erworben, soeben einer schwc- ren Krankheit unterlegen ist. Den Hauptpunkt der Verhandlungen bildete die von Will Thvrne begründete Resolution über die Verschmelzung der Ar- beiterorganisationen, die folgenden Wortlaut hatte: „Dieser Kongreß ist der Ansicht, daß es höchst wünschenswert ist, Schritte zu tun, um die verschiedenen Gewerkschaften und Gesellschaften, die augenblicklich dem Gewerkschaftskongreß und der Arbeiterpartei angehören, zu einer wirksamen Zentralorga- nisation zu vereinigen, und zwar zu dem Zweck derselben Gc- legenheit zur Diskussion gewerkschaftlicher und Arbeiterange- legenheiten zu verschaffen, die augenblicklich existiert. Dieser Kongreß beaustragt daher das Parlamentarische Komitee mit dem Exekutiöausschuß der Arbeiterpartei zusammen einen Plan auszuarbeiten, der sich mit der Gründung einer Zentralkörpcr- schaft, die den obigen Zweck hat, befaßt." Hill(Kesselschmiede) unterstützte die Resolution und führte aus. daß der Kongreß, als er beschloß, ein Arbeitervertretungs- komitee zu gründen, nicht beabsichtigt habe, eine Sonderorganisa- tion ins Leben zu rufen. Man habe sich das Komitee ursprünglich als ein Komitee des Gewerkschaftskongresses gedacht. Zu dieser Position müsse man zurückkehren. Die Mitglieder machten ein Geschrei über die vielen Kongresse, die im großen und ganzen die- selben Angelegenheiten berieten. Man rate den Gewerkschaftern, sich streng abseits" von der Politik zu halten. Das sei unmöglich; die Gewerkschaften bildeten eine politische Partei. Das hätten sogar die Gerichtshöfe entschieden, als sie die Ansicht aussprachen, daß sich gewisse Gewerkschaften dem Gewerkschaftskongreß nicht an- schließen könnten, da sich der Kongreß mit politischen Fragen be- schäftige. Wenn sich die Gewerkschaften vor den Gerichten fürchte- ten, so sollten sie doch gleich ihre ganze Tätigkeit einstellen. Man müsse den Gesetzen trotzen, die den Gewerkschaften die politische Tätigkeit untersagten. Morris(Maurer) sprach sich für die rein gewerkschaftliche Tätigkeit des Kongresses aus. Die Szene, die gestern während der Beratung der Resolution über das Schulwesen hervorgerufen wor- den sei und deren Wiederholung wohl niemand wünsche, zeige, wohin die politische Tätigkeit der Gewerkschaften führe. Auch Jones(Kesselschnliede) sprach sich gegen die Verschmelzung der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung aus.— Tic Resolution wurde von dem nur schwach besetzten Kongreß ange- nommen. Ein interessanter Zwischenfall war das Verlesen eines Briefes, den eine alte Dame, Besitzerin von Eisenbahnaktien, an die Dirck- toren einer Eisenbahngesellschaft geschickt hat. Die Aktienbesitzerin, die die Chartistenbewegung mit erlebt hat, teilt den Eisenbahn- Magnaten darin mit, daß sie 45 Schilling, den Betrag der halb- prozentigen Dividendenerhöhung des letzten Jahres, der Gewerk- schaft der Eisenbahnangestellten überwiesen habe, da sie mit ihrem Gewissen es nicht vereinbaren könne, diesen auf Kosten des Lebens- blutes der schlecht bezahlten Angestellten erworbenen Profit anzu.- nehmen. Der Kongreß schloß mit den üblichen Dankesworten. Im nächsten Jahre wird der Kongreß in Rewport(Monmouthshire) abgehalten werden. Will T h o r n e wurde zum Vorsitzenden des parlamentarischen Komitees gewählt und wird daher auch im nächsten Jahre als Vorsitzender des Kongresses fungieren. kleines feuiUeton Herbstzeitlosen. Der Sommer stand abschiednehmend im Tal. Zum letztenmal sah er die Menschen, die er liebte, die Kinder und Liebenden, die er verschwenderisch beschenkt. Er sammelte farbenbunte leuchtende Blüten, er fing die schwirrenden Schmetterlinge, er nahm der Erde den Duft und den Glanz, die glühenden Sonnentage und die schwülen Nächte. Lange stand er am Rain— abschiednehmend... Aus öden Felsen, aus verwittertem Gestein schritt der Herbst auf ihn zu, in langen grauen, schleppenden Gewändern. Starr waren seine Augen, und die Hände waren fahl, wie die Blätter wurden, die er im Gehen streifte... Der Sommer hob seine Lider: „Ich habe an die Menschen gedacht, im Tale. Da habe ich dich nicht kommen gefühlt. Es tut mir so weh, von ihnen scheiden zu müssen, sie deinen zerstörenden Hänocn zu lassen." „Und der Winter, junger Sommer?" „Der Winter ist anders wie du. Der Winter ist die AuS- lösung, die Ruhe. Der Winter ist die große lautlose Stille. Du bist das Sterben, und die Menschen, die meinen Kuß auf ihrer Stirn fühlen, die kämpfen gegen dich." Die grauen Lippen des Herbstes lächelten höhnisch:„Nicht alle." „Nein, nicht alle... Des Sommers Trauer durchwehte daS Tal mit leisen Winden. „Ich lehre die Menschen, das Leben zu lieben. Ich lehre sie stark zu sein wie die schaffende Erde und schön wie ihre vollste Entfaltung. Ich will mit meinem ganzen Herzen, daß alle Men- schen glücklich sind." „Sommer, gib mir den Weg ins Tal frei!" Nebel stiegen aus den Niederungen, fahle Hände hoben sich be- fehlend empor. „Ich bitte dich, bitte dich: Gib den Menschen, die von mir träumen, ein Zeichen! Künde ihnen deinen Einzug und laß sie noch einmal lächeln, bevor deine Stürme, deine vernichtenden Stürme über sie hirbrausen!" Und der Sommer, der junge leuchtende Sommer, zog ein paar zartgetönte traurige Blüten aus seinem Gürtel und reichte sie schweigend dem Herbst hin. Der faßte sie mit seinen schlanken, grausamen Händen und stieg langsam ins Tal hinab. Und dann streute er die Blumen vor sich hin, die zarten, seltsamen Blumen, die ein letztes welkendes Blühen, ein letztes Lächeln des scheidenden Sommers künden. H c r b st z e i t l o s c n! Sonja Lcvine. Notizen. �„Heilige P f l i ch t e n", die neue Komödie von Ludwig Thoma, wurde für das Wiener Hofburgtheater erworben. Herr von Hülsen, der Berliner Hofkunstleutnant, wird nie in die gleiche Lage kommen!— ..—(Sin Liszt-Rubinstein-Bülow-Denkmal wird nächstens in Wien enthüllt werden.— — E i n Liszt-Rubinstein-Bülow-Denkmal wird eine meisterhafte Uebertragung von Victor Hugos Gedichten über die Legenden der Jahrhunderte" in norwegischer rhhtmischer Proja Hus Induftm und Kandel. Tie Sorgen des Herrn Calwer. Die..Arbcitsmarktcorrespontienz" schreibt: „Wie stark und allgemein die herrschende Nervosität des Pu- , blitums infolge der unklaren politischen Verhältnisse ist, das haben die stürmischen Abhebungen bei zahlreichen Sparkassen während der letzten Zeit gezeigt. Man fragt unwillkürlich, was würde dann werden, wenn die Situation sich wirklich zuspitzte und die Ausregung des Publikums begründet wäre? Dann würde wohl überall ein Ansturm auf die Spar- . lassen einsetzen, und diese wären einfach nicht in der Lage, dem Verlangen des Publikums nach Rückzahlung der fälligen Ein- lagen nachzukommen. Gewiß würden die Sparkassen verlangen, daß die Kündigungsfristen eingehalten würden, aber was würde das gegenüber den Summen besagen, die von den Spar- kassen schon in kurzer Zeit flüssig gemacht werden müßten! Bei den Sparkassen gerade sind aber die Gelder so gut und sicher an- gelegt, daß selbst in Zeiten politischer Verwicklungen starke Vcr- mö�ensverluite kaum eintreten können. Wenn aber die Sparer kopslos werden und in Massen ihre Einlagen zurückerhalten wollen. so können wohl einzelne Anstalten durch die kräftige Unterstützung von Banken über einen solchen Ansturm hinwegkommen, aber die Gesamtheit der Sparkassen wäre nicht in der Lage, so viel Bar- mittel flüssig zu bekommen, als für die jeweils fälligen Beträge notwendig wären. Man muß angesichts der Vorgänge in Stettin, Königsberg usw. allen Ernstes die Sparer auf die Unsinnigkeit ihres Verhaltens hinweisen, um so viel wie möglich dazu beizutragen, daß in einem kritischen Falle wenigstens ein Teil des Publikums , r�u h i g B l u t bewahrt. Man sollte zwar meinen, daß in einer Stadt wie Stettin die öffentliche Meinung aufgeklärt genug wäre, um sich nicht so kopflos zu benehmen, wie es geschehen ist. Ein Ge- rücht, das nicht nachgeprüft wird, und das sich als gänzlich haltlos herausstellt, genügt, um das Publikum in Angst und Schrecken und' in Sorge um seine Spargroschen zu setzen. Ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen einer massenhaften Abhebung der Gelder sucht jeder zu retten, was er vermag, obne zu bedenken, daß er über kurz oder lang doch wieder gezwungen ist, sein Geld irgendwoanderS an- zulegen, falls er es nicht sofort ausgeben will. Oder wollen die Leute wieder zu den Gewohnheiten früherer Zeiten zurückkehren, wo man seine Gelder an irgendeinem sichern Orte versteckte, bis die kritischen Zeiten vorüber waren! Das wäre in einer Zeit boher Krcditentwicklung einfach nicht mehr möglich, da eben die Gc- samtheit der Schuldner gar nicht mehr in der Lage ist, die Gesamtheit der Gläubiger niit Bargeld zu be- friedigen. Sobald ein erheblicher Teil des Bargeldes der- kriechen würde, kämen wir in eine Situation, die einen b e ä n g st i- gen könnte, wenn man sie sich näher ausmalte. Das gleiche, was für die Sparkassen gilt, muß auch von den Banken gesagt werden. Alle die schönen Berechnungen über die größere oder geringere Liquidität dieser Institute sind für den Fall, daß es ernst werden sollte, ziemlich wertlos. Eine einzelne Bank kann mit Hilfe befreundeter Institute einen Ansturm des Publi- tums bestehen und überwinden, die Situation wird aber sofort kritisch, sobald der Ansturm auf der gangen Linie gegen die Gesamt- beit der schuldnerischen Banken erfolgt. Sofort müssen dann die Banken erklären, daß die Barmittel zur Mobilisierung der Anlagen unter keinen Umständen aufzubringen sind. Es wäre gar Nicht unangebracht, wenn die Sach- und Fach- verständigen sich mit der Frage einmal näher beschäftigten. was zp geschehen habe, wenn ein solcher Ansturm erfolgte. Eine rasche Beruhigung des Publikums herbeizuführen, ist in solchen Zeiten so gut wie ausgeschlossen: mit Barmitteln kann man aber das Heer der Gläubiger unmöglich befriedigen, selbst dann nicht, wenn man alles Metallgeld aus dem wirtschaftlichen Verkehr her- auszöge. Was wäre also in einer solchen Zeit zu beginnen, um das Publikum zu befriedigen, ohne daß eine Katastrophe bei den bestürmten Instituten einträte?" Man muß sicherlich die Bescheidenheit anerkennen, mit der dieser „volkswirtschaftliche Schriftsteller" sich als nicht sach- und fachverständig bekennt und sich nun an die Fachleute wendet, um Aufklärung zu erhalten. Nur finden wir es etwas ungewöhnlich, daß der Herr Verfasser von den Fachleuten verlangt, sie sollen nun zu seinem persönlichen Dienst herbeieilen und seiner Unkenntnis abhelfen. Nock) merkwürdiger fast ist, daß große Zeitungen diese Anfrage auf- nehmen. Es gibt doch eine große, zum Teil recht wertvolle Lite- r a t u r über die Frage der finanziellen Kriegsbereitschaft, worin sowohl historisch als theoretisch das Problem erörtert wird. Der Herr Herausgeber der„A.C." hätte also bloß ein wenig studieren brauchen, um seine an sich recht anerkennenswerte Wißbegierde zu befriedigen. Er würde dann vielleicht zu der Ansicht gelangen, daß wenn im Kriegsfalle— und dasselbe könnte zur Zeit einer akuten Geld- und Bankkrise aus anderen Ursachen eintreten— ein all- I gemeiner Run auf Sparkassen und Banken eintrete, kein anderes Mittel übrig bliebe, als die Suspendierung der Bar- Zahlungen, also in Teutschland die Ausstattung der Banknoten mit Zwangskurs. Die weitere Gestaltung hinge von den finanziellen Wirkungen des Krieges, vor allem auch von der Mög- lichkeit ab, die ungeheueren Mittel zur Kriegführung— man schätzt die Kosten eines Monats für die deutsche Kriegführung auf etwa 1 Milliarde Mark— eventuell durch Anleihen im Aus- lande aufzubringen. Gelingt die Aufbringung in dem erfordcr- lichen Umfange nicht, so könnte unter bestimmten, hier nicht weiter zu erörternden Umständen eine Wertverminderung der Banknoten gegenüber dem Golde eintreten, wie das in früheren Kriegen zgmeist in größerem oder geringcrem Maße vor- gekommen ist. Versammlungen. Die Berliner GewerkschaftSkommifsion hielt am Montag eine Versammlung ihrer Mitglieder ab. Sie bc- schäftigte sich zunächst mit einem Antrage der Textilarbeiter, welcher sich auf die Organisierung der beruflichtätigrn Frauen und Mädchen bezieht. Die Antragsteller berufen sich auf Beschlüsse der Gcwcrk- schaftskongresse von 1906 und 1308, welche besagen: „Die in den Gewerkschaften organisierten Mitglieder sind zu verpflichten, ihre Frauen und Töchter, welche in gewerblichen Bc- trieben oder in der Heimarbeit beschäftigt sind uich dadurch, daß sie nicht organisiert sind, den Fortschritt i» den in Frage kommen- den Gewerben(Konfektion, Tabakindustrie, Textilindustrie usw.)' hemmen, den in diesen Gewerben existierenden Gewerkschafts- organisationen zuzuführen." Wie G r u h l als Vertreter der Antragsteller ausführte, hak dieser Beschluß des Gewerkschaftskongresses die beabsichtigte Wir- kung noch nicht gehabt. Eine große Zahl gewerblicher Arbeiterinnen, deren männliche Angehörige gewerkschaftlich organisiert seien, gc- hörten ihrer Gewerkschaft noch nicht an. Es fei deshalb notwendig. daß sich die GcwerkschastSkommission der Sache annehme und Maß- nahmen treffe, um die Arbeiterinnen den zuständigen Gewerkschaften zuzuführen. Der Redner schlug vor, daß die Gewerkschafts- kommission die einzelnen Gewerkschaften veranlassen möge, durch ihre Mitglieder Aufnahmezcttel für Arbeiterinnen zu verbreiten. Dadurch solle zunächst festgestellt werden, wo organifationSsähige weibliche Familienglieder vorhanden und in welchem Berufe sie tätig seien. Die mit diesen Angaben versehenen Zettel seien ein- zusammeln und den für die angegebenen Arbeikerinnen zuständigen Organisationen zuzuweisen, die dann im Wege der Hausagitation die betreffenden Arbeiterinnen für die Gewerkschaft zu gewinnen hätten. Auf diese Weise kömite den Gewerkschaften eine große Zahl weiblicher Mitglieder zugeführt werden.. Der Ausschuß hat sich bereits mit dieser Angelegenhert bescha)- tigt und ein Flugblatt im Sinne der Antragsteller verfaßt, dem ein Aufnahmeschein angefügt ist.— Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden, daß das Flugblatt durch die.Gewerkschaften an ihre Mitglieder verbreitet wird. Hierauf nahm die Versammlung Stellung zu der Tarifbewcgung der Zigarrcnarbeiter. Schulze trug die Forderungen der Zigarrenarbeiter vor. Er erinnerte daran, daß in der Branche Löhne von 12 bis 18 M. wöchentlich an der Tagesordnung seien, und daß die Verhältnisse der Berliner Tabakarbciter seit 12 Jahren nicht aufgebessert wor- den seien. Die Zigarrenarbciter ständen jetzt vor der Alternative: Entweder im Elend unterzugehen, oder einen entscheidenden Schlag zur Durchführung fester Tariflöhne zu wagen. Tie Zigarren- arbeitcr haben das letztere gewählt, sie sind in eine Tarifbewcgung eingetreten, die schon einige Erfolge gezeitigt hat. Aber der Kampf geht weiter und muß sich auch gegen die größeren Fabriken wenden. Die Zigarrenarbciter wenden sich an die Gewerkschaften mit dem Ersuchen, durch solidarisches Verhalten den Kampf der Zigarren- arbciter zu unterstützen. K ö r st e n teilte mit, daß sowohl der Ausschuß der GeWerk- schaftskommission als auch der Zentralvorstand der Berliner Par- teiorganisation dem Wunsche der Zigarrenarbeiter entsprechend, dem Kampf derselben zugestimmt haben. Hiernach würden die Gc- nossen wissen, welcher Art die von ihnen geforderte Solidarität sein solle und wie sie dieselbe zu betätigen haben. Die Versammlung erklärte sich einstimmig für die beantragte Unter st ützung des Lohn- kampfes der Zigarrenarbeiter. Längere Erörterungen rief ein Konflikt herbor, welcher zwischen dem Buchbinderverband und dem Sattler verband ausgebrochen ist. Es handelt sich um die Frage, ob neben dem Buchbinderverband, der mit den Unternehmern der Album-, Mappen- und Lcdergalantcriebranche einen Vertrag abgeschlossen hat. auch der Sattlerverband für die Durchführung des Vertrages zuständig sein soll in den Betrieben, wo er Mitglieder dieser Branchen bat. Ter Ausschuß hat sich auch mit dieser An- gelcgenheit beschäftigt. Er hat aber in der Sache selbst keine Eni- scheivung herbeiführen können, weil der Vertreter des Buchbinder- Verbandes erklärte, er könne sich einem Schiedsspruch des Aus- schusscS nicht fügen, weil nicht die Berliner Gcwerkschafts- kommission, sondern die G e ne r a l k o m m i s si o n für diesen Streitfall zuständig sei. Dagegen hat der Ausschuß auf Antrag des Vertreters des SattlcrverbandeS sich mit dem Inhalt eines Flugblattes beschäftigt, welches der Buchbindervcrband anläßlich seiner Differenz mit dem Sattlervcrbande unter seinen Mitgliedern verbreitet hat. Der Ausschuß hat entschieden, daß die Vorwürfe, welche das Flugblatt dem Vertreter des SattlerverbandcS macht, hart und ungerecht seien. Gegen dieses Urteil hat der Buchbinder- verband die Entscheidung der Versammlung der Gewerkschafts- kommission angerufen. Die Versammlung bestätigte die Entscheidung des Ausschusses und erkannte dieselbe als zu Recht bestehend an. Die Verlesung der Präsenzliste ergab, daß folgende Or- ganisationcn in der Versammlung nicht vertreten waren: Bureau- angestellte, Gärtner, Hausangestellte, Hoteldicner. Lagerhalter, Musiker, Tapezierer, Bühnenpersonal. Xylographen, Bootsbauer. sowie die Unterkommissionen Erkner, Obcr-Schöneweide, Rixdorf, Tegel, Adlershof. 1 Todes-Anzeigen i Sozialrfeinokraiisclier WaWverein für den 3 Görltvcr Viertel. >(Stadtbezirk 90, Wahlbezirk 174.) Den Mitgliedcm zur Nachricht daß unser Genosse, der Tischler EErnU Potte! gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. September, nachnutlugS 4 Uhr, von der Salle des Zentralst iedhofS in Friedrichs» selbe aus slalt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. veulzctiei' Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler EntH Pottel Wühlischstr 38 am 10. September im Aller von 62 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den l3. September, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Zeiitral-FricdhoscS in Friedrichs- feide aus statt. 88/12 Um rege Beteiligimg ersucht Die Orrsverwaltiing. SozWtlEMkratisetiJatilvereiii des Am 10. September verstarb unser Genosse, der Gastwirt Fritz Huhle Weigenburger Str. 49. Ehre seinem Slndeuke«: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. September, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- hoscS in Friedrichsfelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 230/20 Der Vorntnnd. VeM der Buch- und SteiDdrückepei-iisarbeiter n. irheiterinoeö Deutschlands. == Ortsoerwaltung Berlin.- Am 10. September starb nach kurzem Krankenlager unscrKollege Ll-nst!„glixkans im Alter voir 33 Jahren. Ehre sclntm Andenken: Die Beerdigung findet am 13. September, nachmittags 5 Uhr, aus dem Gemcindc-Friedhos Rix- bors am Maricndorser Weg statt. 28/2 Die Ortsverwaltung. Verband der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dotz unser Kollege kriedfick Muhle Weitzenbiirger Straße 49, Bezirk 3, verstorben ist. 76/20 Ehre seinem Andenken Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. September, nachmittags 4 Uhr. von der Leichen. Halle des städtischen FriedhoseS in Friedrichsseldc auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltnng. Banhsaxaiizx. Für die vielen Bcweii- herzlicher Teilnahme pnd die jchöne» Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner «eben Frau sage ich allen meinen herzlichsten Dank. S28b »ax Ladvrle nebst Kindern. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, bah unser Mitglied, der Former Wilhelm Lehmke am 10. September an Nerven- leiden gestorben ist Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. September. nachmittags 2'/, Uhr, oon der Leichcnballc des Teuditz er AnstaltS- Kirchhose» in Teupitz aus statt. Rege Beteiligung erwartet 122/20 Die Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Ortsverwxltung GroS-Scrlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Fenster« Putzer Richard Dießner am 10. d. MIS. im Aller von 42 Jahren verslorben ist 70/18 Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. d. MtS., nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen. Halle des Zenttal- FriedhoseS, FriedrichSselde, aus statt. ferner zur !, der Den Mitgliedern Nachricht, daß unser Kollege, Stallmani» Hermann Schmidt am 10. t. MtS. im Altec von 59 Jahren verstorben ist. Di« Beeidigung findet am Mittwoch, den 13. d. Mls„ nach. mittags S Uhr, von der Leichen- Halle des St. Elisabeth- Kirch- hoses, Pankow, Wollanlstratze, aus statt. Ehre ihrem Andenken: Um rege Beteiligung ersucht Die Bczirksverwaltuug. «unftftopferet Lehser, Franksurtcrstratze S7. Große 2390K' Verband der ireien Gast- und Schankwirte Deutschlands. (ZahlstellsStralau-Ruminelsburg.) Den Milaliedern zur Nachricht, daß unser Kollege KsH Strauß (Gärtnerstr. 11) verstorben ist. Ehre seiucm Andenke»: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. September, oon der Leichenhalle des Rum- mclsburger FiiedhoscS statt. Um rege Beteiligung ersucht S15b Der Borstand. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben.4rau sage ich allen Freunden und Bekannten, insbesondere dem Sozialdemokratischen Wahlverew der 5. Abteilung, meinen herzlichen Dank. Karl Hammel, Dinctaplatz 7. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau und guten Mutter sagen wir allen Teilnehmern, besonders der Familie schuch. sowie den Mietern des HauseS Okerstraßc 3 unseren herzlichsten Dank. Wilhelm ATattRe nebst Kindern. Danksagung. Dem Soziaidemokrattschen Dahl. verein Treptow- Baumschuleuweg sage ich für die meinem lieben Rann eiwicsene Teilnahme meinen herzlichsten Dank. Witwe Ida Klabunde. Stoffe Reste, ausreichend für Anzüge, Ulster. Paletots, Kostüme Mir. 3.-, 4-, 5.-3H. Dnchlager Koch d Seeland, G.m.b.H. Gertraudtenstr. 20-21, gÄ6- CO Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen Bekannten, insbesondere dem Herrn Waldeck Manasse, meinen innigsten Dank. Fried« Strobel. O Wo finden Sie 7 s geschmacKToIle Plüschmäntel• O Wo finden Sie 7 s elegante Hostüme• 9 Wo finden Sie 9 • dauerhafte Ulster•, 9 Wo finden Sie 9 • Kolossale Auswahl• 9 Wo finden Sie 9 , billige Preise• Bei . II GESIHAHII II *■*« Mob« en»»rq. 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Parfümerie- Arbeiterin verlangt Danziger, Alte Jakobstraffe 9. 522b Schürzcnnäherin verlangt Sinell. ökalitzerslraffe 144._ 5326 Arbeiterinnen, geübte, auf seine Kartonnagen sucht Behncke, Müller- straffe 10. b20b' BS Im Arbeitsmarkt durch besondere» Druck hervorgehobene Anzeigen kosten 50 Pf. die Zeile. «««««»»»»«»»»«»«»»»« Lauf- unü i&rbeitsburscher� im Alter von 14—10 Jahren � verlangt sosort der« I'ernsxrsobsr Amt 4, 3348. J[ Von 9—6 Uhr geöffnet.[70/16* g Tüchtiger Werkmeisler der mit modernen Arbeitsmethoden in der mech. Werkstatt gründl. Bescheid weiß und den allgem. Ma- schinenbau duichauS kennt, von hiesiger Masch.-Fabrik per sosort gesucht. Nur erfahrene Bewerber wollen sich melden. Off. sul» II 5, Gxpedition des„Vorwärts*. Ges. geübte Stepperin. Wochen- lohn 21—22 M. Das ganze Jahr Beschäftigung. Off. an E. Knickrchm, Schäfte-Stepperei, Hamburg, Valentins- kamp 73._ 295/11* Tüchtiger ölerreisrnder von einer schlesischen mittleren Brauerei gesucht. 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Berliner Arbeitswilligen. verinittrlungsbureau d. gelben „HandlverkerschnftverbaudeS*. Arbeitsnachweis d. Stellmacher- innung und der Wagenfabri- kanten, Kaiser-Franj-Grenadter. Platz. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die ortsrerwaltang Berlin des Deutseben Holzarbeiterverbandes Lerantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u.Eo., Berlin LW. gr au. 28.zch.Mg. 4t Ktilllge des Lmmts" Kerliller UsIdsblM. Heute Mitwoch 3ahlabentl in äen KeÄrken(irok-kerlins. Partei- 5Zngelegenkeiten. Der Zahlabend für unsere taubstummen Genosse» wird am heutigen Mittwoch bei Haberland, Linienstr. 73, abgehalten. Der Aktionsausschuß. Zweiter Wahlkreis, Friedrichstadt. Heute(Mittwoch) abend, VzlZ Uhr, bei Jul. Meyer, Oranienstr. 103: Zahlnacht für Buchdrucker, Stereotypeure, Kino-Operateure. Der Vorstand. Rixdors. Den Mitgliedern de? Wahlvereins hiermit zur Kenntnis, daß auf dem heutigen Zahlabend nähere Erläuterungen über das Ausliegen der Wählerlisten für die Stadtverordnelenwahlen gegeben werden und auf die Anrechnung des Kinderprivilegs Bezug genoninien wird. Wir weisen deshalb auf diesen Zahlabend be- sonders hin. Der Vorstand. Groß-Lichtcrfelde. Zahlabend findet statt: Osten: 1., 2.. 3. Bez. im Kaiserhof, Kranoldplatz 2; 4. Bez. bei Erpel, Berliner Str. l29; S., 5a Bez. bei Jnnicke, Heinersdorfer Str. 15.— Westen: 6., 7., 10., 12. Bez. bei Wrotnicki, Ringstr. 17; 8. Bez. bei Wahren- darf, Bäkestr. 22; 9.. 11. Bez. in Bötzow-Bierquelle, Hortensienstr.il, am Bahnhof Botanischer Garten. Eichwaldc. Der heutige Zahlabend findet um Z'/z Uhr im Restaurant Witte statt. Bohnsdorf. Der heutige Zahlabend findet abends S'/ä Uhr im Lokale des Herrn Bukowszer(Villa Kahl) statt. Tagesordnung: 1. Bericht der Delegierten von der Kreis- Generalversammlung. 2. Bericht von der Verbands-Generalversammlung. 3. Vereins- angelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Trebbin. Am Sonnabend, den 16. September, abends 8ll2 Uhr. bei E. Schulze, Gesellschaitshaus: Wahlvereinsversammlung. Tages- ordnung: 1. Kasse und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Bericht der Verbands-Generalversammlung von Groß-Berlin. 3. Bericht über die Tätigkeit der Stadtverordneten und Stellungnahme zur bevor- stehenden Stadtverordnetenwahl. 4. Parteiangelegenheiten. Erkner-Wolterödorf. Heute Mittwoch: Mitgliederversammlung. Pankow. Der gemeinschaftliche Zahlabend für die Abteilung Süd findet bei Rösler, Kaiser-Friedrich-Str. 12: für Nord bei Noczycki, Kreuzstr. 3/4, statt. Tagesordnung: Vortrag, Bericht und Ortsangelegenhciten._ Die Bezirksleitung. ßcrliner JVacbncbtem In den Jnseratenplantagen der Masse-, Scherl- und Ullstein-Prcsse sind unter der Rubrik „Heiratsgesuche" oft Annoncen enthalten, die den heiligen Ehcbegriff in recht charakteristischem Lichte erscheinen lassen. Sticht freie Wahl und innige Zuneigung ist es. die in gewissen Gesellschaftsklassen die Eheschließung voraussetzen, sondern die Jagd nach dem Mammon. Das Weib wird bei denen, die sich heute nur allzu oft über die Ehebegriffe der Sozialdemo- kratie entrüsten, als ein Stück Kapital betrachtet, das die ramponierten Finanzverhältnisse eines solchen heiratslustigen Gentleman in Ordnung bringen soll. Diese Auffassung über die Ehe ist natürlich auch bei dem Beamtentum vorwiegend. Sucht nun ein solcher Heiratslustiger eine wohlhabende Ehe- Hälfte, so wendet er sich vertrauensvoll an die bürgerliche Presse, die in ihren Jnseratenplantagen seine Wünsche zum Ausdruck bringt. Am Sonnabend, den 9. September, brachte die im Ullstein-Verlag erscheinende„Verl. Allgem. Zeitung" unter der Rubrik„Heiratsgesuche" folgendes Inserat: Sgl. Bahnbcamtcr, 32, sucht vermögende Dame zwecks Heirat die Heirat muß es ermöglichen, für die erste kranke Frau jährlich eine Pension von 600—700 Mark lebenslänglich auszusetzen. Offerten unter„A. 483", an die Berl. Allgem. Ztg.", Kochstr. 23-25. Hoffentlich findet der Kgl. Bahnbeamte die vermögende Dame, die das gewünschte„Moos" für seine erste kranke Frau jährlich auf Lebenszeit flüssig macht. Eine Rcuening bei den Pflanzenlieferungen für die Schulen Zur Anschauung im naturkundlichen Unterricht erhalten die Berliner Schulen au« dem Huboldthain wöchentlich am Montag und am Donnerstag die verschiedensten Pflanzen, unter denen sich zuweilen auch giftige befinden, wie Stechapfel. Tollkirsche, Herbstzeitlose und andere mehr. So wurde in dieser Woche der schwarze Nachtschatten geliefert. Die Pflanzen sind diesmal mit einein großen roten Zettel verschen, der den Aufdruck.giftig" trägt. Es ist gut, daß unsere Kinder von den Giftpflanzen nicht nur hören, sondern die Pflanzen auch wirklich sehen, nainentlich diejenigen, die in Berlin und Um- gcgend vorkommen. Es ist aber auch wünschenswert, daß die ge- lieferten Giftpflanzen an Stellen aufbewahrt werden, wo sie den Kindern nicht zugänglich sind und daß die Kinder während des Unterrichts streng überwacht werden, damit sie nicht Pflanzenteile entweiiden und dadurch Schaden erleiden oder anrichten. Verbotene Früchte schmecken bekanntlich gut bezw. reizen besonders. Zur„Belohnung für treue Dienste" besteht in Berlin noch immer der sogenannte„Gesinde- Bclohnungs- und Unter st ützungsfond s", der vom Magistrat im Jabxe 1827 gegründet wurde. Tic alte Bestimmung, daß jedes Dienstmädchen bei jedem Stcllenantritt einen 50-Pfcnnig- Settrag zu dem Fonds leisten muh, ist im„Vorwärts" oft in ihrer ganz Ungerechtigkeit beleuchtet worden. In krassem Gegensatz zu diesem Beitragszwang steht die andere Bestimmung, daß kein Dienstmädchen jemals einen rechtlichen Anspruch auf Unterstützung aus dem Fonds hat. Was der Fonds etwa gewährt, das spendet er aus Gnade und Barmherzigkeit als Belohnung für Wohl verhalten. Die Leistungen dieser wunderlichen Wohlfahrtseinrichtung sind im Laufe der letzten Jahre immer dürftiger geworden. Auch im Vcrwaltungsjahr 1910(1. April 1910 bis 31. März 1911) hat, wie wir dem jetzt erschienenen Jahresbericht entnehmen, die Zahl der mit barem Geld oder mit Hospitalpflcge Unterstützten sich wieder noch verringert. Zu Beginn des Verwaltungsjahrcs waren 147 mit Geld Unter st ützte vorhanden, im Laufe des Jahres schieden 13 davon aus, andererseits trat nur eine Unter- stützte neu ein; das Jahr schloß demnach am 31. März 1911 mit nur noch 135 Unterstützten ab. � Fünf Jahre vorher, am 31. März 1906 waren cS noch 186 gewesen. Ter Gesamtbetrag der Unter- stützungen belief sich im letzten Jahr auf 12 120 M.. 5 Jahre vorher noch auf 17 993 M. Auch.im G e s i n d e h o s p i t a l, das a»S Mitteln des Fonds unterhalten wird und im letzten Jahr 26 469 M. Ausgaben erforderte, ist die Zahl der Insassen immer geringer geworden. Das Vcrwaltungsjahr 1910 begann mit 81 Hospitali- tinncn davon schieden im Jahre 10 aus, es traten aber nur 6 neu ein. demnach schloß das Jahr ab mit nur noch 77 Hospitalitinnen. Fünf Jahre vorher waren es noch 07 gewesen, Die Minderung der Leistungen ist nötig geworden, weil die Mittel sich immer weiter verringert haben. Sie flössen bisher hauptsächlich aus zwei Einnahmequellen, aus dem Zins- ertrag des dem Fonds gehörenden Vermögens und aus den 50-Pf.- Beiträgen der Dienstmädchen. Der Zinsertrag ist seit längerer Zeit ziemlich unverändert geblieben: im letzten Jahr stellte er sich auf 20 958 M. Dagegen haben die Beiträge der Dien st- mädchen immer weniger eingebracht. Das erklärt sich zum Teil darauf, daß in Berlin die Dienstmädchen sich vermindert haben. Dazu kommt aber, daß die Abneigung, die 50-Pfennig- Beiträge zu zahlen, zugenommen hat. Die Zahl der Dienstmädchen, die mit ihren Beiträgen noch restierten, hatte eine Reihe von Jahren hindurch sich auf rund 6000 gehalten. Sie stieg dann aber im vorletzten Jahr plötzlich auf 9586 und im letzten gar auf 11 796. Gezahlt wurden von den Dienstmädchen im letzten Jahr nur noch 18 420 M., während 5 Jahre vorher aus ihren Beiträgen noch 23 160 M. eingekommen waren. In fünfzehn Jahren ist dieser Einnahmeposten heruntergegangen auf knapp die Hälfte des früheren Ertrages, der sich im Verwaltungs- jähr 1895 noch auf 37 980 M. belief. Der„Gesinde-Belohnungs- und Unterstützungsfonds" nimmt vielen Tausenden von Dienstmädchen ihre Beiträge ab und nur ein paar Auserlesenen gewährt er unter den vertlausuliertesten Bedin- gungen seine Hilfe. Die Aussicht, aus dem Fonds einmal mit einer„Belohnung für treue Dienste" begnadet zu werden, ist über- aus gering— und einen Rechtsanspruch hat, wie schon ge- sagt, niemand! Da begreift man es, daß alljährlich so viele Dienstmädchen sich der ihnen aufgezwungenen Beitragspflicht zu entziehen gesucht haben. Hoffentlich wird dieser sogenannten Wohl- fahrtseinrichtung, diesem für Berlin beschämenden Seiten st ück zur preußischen Gesindeordnung, nun bald für immer ein Ende bereitet. Die Beratungen über die Lustbarkeitssteuer, die bekanntlich im Februar d. I. von der Berliner Stadtverordnetenversammlung an den Ausschuß zurückverwiesen wurde, sollen jetzt nach langer Pause in der nächsten Woche wieder aufgenommen werden. Am kommenden DienStag tritt, wie berichtet wird, der Ausschuß für die Lustbarkeits- steuervorlage zusammen. Nachdem bekanntlich der Magistrat sich ge- weigert hat, beim königl. HauSministerium eine Entscheidung über die Frage herbeizuführen, ob die königl. Theater sich der Lustbarkeits- steuer unterwerfen, dürfte sicher die Ablehnung dieser kulturfeindlichen Steuer erfolgen. Schnumastregeln gegen die Brandstiftungen. Die zahlreichen vorsätzlichen Brandstiftungen im Landespolizeibezirk Berlin haben die Leitung der Kriminalpolizei veranlaßt, einen besonderen Sicher- heitsdienst zu organisieren. Sie ist zuständig für den Landes- polizeibezirk Berlin: doch haben Schöneberg, Rixdorf und Charlotten bürg einen eigenen Sicherheitsdienst eingerichtet, der in vor- kommenden Fällen mit dem Berliner in Verbindung tritt. Ferner bedarf eS, wie wiederholt betont wurde, der kräftigen Mitwirkung des Publikums, um die Kriminalpolizei in ihren Bemühungen zu unterstützen. Auf die Ergreifung beziehungsweise Nachweisung eines Brandstifters ist eine Belohnung von 500 M. vom Polizei- Präsidium ausgesetzt._ Tie Dahlemer Gattenmvrdaffäre. Eine Aenderung in den bisherigen Angaben des früheren Ber liner Magistratsassistenten Sternbeck, der unter dem Verdacht, seine Frau ermordet und dann die Leiche in der Nähe von Küstrin in die Oder geworfen zu haben, in Untersuchungshaft sitzt, hat zur Abhaltung eines dritten Lokaltermins geführt, der gestern vor- mittag in dem Hause Altensteinstr. 2 in Dahlem stattfand. Stern deck hatte bisher mit aller Hartnäckigkeit behauptet, daß er seine Frau nicht absichtlich getötet habe, daß sie vielmehr durch einen Zufall gefallen sei und sich dabei tödlich verletzt habe. Sternbeck hatte allerdings zugegeben, daß er, nachdem ihm kein Zweifel dar- über gekommen sei, daß seine Frau tot sei, versucht habe, einen Selbstmordversuch vorzutäuschen. Zu diesem Zweck habe er ihr einen Strick um den Hals gelegt und zweimal versucht, sie an der Tür aufzuhängen. Diese Angaben hat Sternbeck, wie wir erfahren, nun selber als unrichtig bezeichnet und zugestanden, seine Frau getötet zu haben. Er will allerdings in Notwehr gehandelt haben. Wie er es jetzt darstellt, soll sich der Vorgang in folgender Weise abgespielt haben: Während er an dem in Frage kommenden Sonntag damit beschäftigt war, sich zu rasieren, habe sich seine Frau, nachdem bereits vo/.z Kilometer in der Stunde in fast drei- hundert Meter Breite vorwärts und bedroht die Eisenbahn ring» um den Aetna sowie die Landstraße. Von der Cholera. Novi Bazar, 12. September. Infolge der hier herrschenden Cholera ist unter der Bevölkerung eine Panik ausgebrochen, und massenhaft fliehen die Bewohner der Städte auf die Dörfer. Täglich sterben bis zu 80 Personen, in manchen Ortschaften sind ganze Familien a u s g e st 0 r be n. Bukarest, 12. September. Die bakteriologische Untersuchung hat in B r a i l a drei Fälle von Cholera festgestellt. Monstir, 12. September. Wegen der hier stark auftretenden Choleraepideinie haben mchrcrc Tausend Familien die Stadt verlassen. Die Epidemie breitet sich immer weiter ans. da sanitäre Maßnahmen Überhaupt nicht bestehen. Es werden Leichen sogar mit Kranken zusammen in einem Wagen transportiert. Wiederholt ist es vorgekommen, daff 50 Todesfälle an einem Tage zu ver- zeichnen wären._ Kleine Notizen. BergmannsloS. Auf dem Gräfin- Johanna-Schacht bei Beuthen wurde der Bergniann T 0 b u r ain Jahrestage seiner Hoch- zeit durch abstürzende Kohlenmassen verschüttet. Sein jüngerer Bruder, der zugleich mit ihm in die Grube eingefahren war, wurde gleichfalls unter den herabstürzenden Kohlenmassen b e- graben. Alle RettungSarbeiten waren vergebens. Beide Brüder konnien nur als Leichen zutage gefördert werden. Bauunsall. In der Schule zu Altena ereignete sich gestern ein schrecklicher ll n g l ü cks f a l l. Dort stürzte ein 17 jähriger Maler- lehrling. der an einem Strick an einem Gerüst in die Höhe klettern wollte, ab und fiel so unglücklich aus einen eisernen Zaun, daff ihm die Spitzen des Zaunes etwa 30 Zentimeter tief in den Leib eindrangen. Der junge Mann konnte nur mit Gewalt durch mehrere Männer aus seiner qualvollen Lage befreit werden. Er starb schon nach einigen Stunden unter den furchtbarsten Schmerzen. Jngcnicnr Nichter ist gestern mittag 1 Uhr 44 Minuten auf dem Weimar-Geraer Bahnhof in Jena angekommen, wo er von einer großen Menschenmenge erwartet und lebhast begrüßt wurde. Bon Löwen zerfleischt. Wie aus Toulouse gemeldet wird. wurden während einer Vorstellung in einer Menagerie ans dem Jahrmarkt zu Foix zwei Tierbändiger von Löwen angefallen und tödlich verletzt. Nur mit grober Mühe gelaug eS, die Unglücklichen au» der Geivalt der Bestien zu befreien. Opfer der Berge. Der Tourist Paul Otto aus R e i ch e n» hall ist im Glockuergebict abgestürzt und wurde mit so schweren Verlctziiugen aufgesmidcn, daff er auf dem Transport nach dem Kraukenhause st a r b. Ein Güterzug zerrissen. A»S Düsseldorf meldet ein Telegramm: Vor der Station Erkrath blieben Dienstag früh die hinleren Wagen eines von Elberfeld kommciideii Güterzuge» infolge zu starken Bremsens ans abschüssiger Strecke stehen, lösten sich dann von dem vorderen Teile deS Zuges, der weiter fuhr, los, setzten sich nach rückwärts in Bewegung und fuhren auf einen am Bahnhof Erkrath stehenden Eisenbahntvagen auf. Acht Wagen wurden bei dein Zusammenstoß zertrümmert: ein Bremser erlitt schwere Verletzungen. Die anderen Beamten vermochten sich durch Abspringen in Sicherheit zu bringen. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich 2 Kilometer hinter I a h n s s e l d e. Dort geriet daS Automobil deS Kaufmanns Paul Müller auS Grunewald in den Sommerweg und dos Vorderrad platzte, wobei die Passagiere auS dem Wagen flogen. Kaufmann Müller ist tot, während sein Bruder Max Müller und der Kaufmann Fritz Feuer, beide ebenfalls auS Berlin, schwere Bcr- lctzuugcn erlitten, sie konnten sich aber mit der EiienbaHn nach Berlin begeben. Die feindlichen Bürgermeister. In A r g a m a s i l l a kam eS gestern zu einem blutigen Kampf zwischen den Anhängern zioeier seindlichen Bürgermeister. Drei Personen wurden getötet, fünf ver- wundct. Ein Brandungliick, dem ein KindeSleben zum Opfer fiel, er» eignete sich in der märkischen Ortschaft LeiterSdorf. Tort spielte der vierjährige Sohn Walter des Pfarrers Wappler vor der elterlichen Wohnung mit Streichhölzern, wobei die Kleidung deS Knaben Feuer fing. Ehe Hilfe zui Stelle war. erlitt der Bedauerns- werte so schwere Brandwunden am ganzen Körper, daff er auf dem Transport nach dem Drosjener Krankenhailse verstarb. Marktpreise von Berlin am Il.SePtbr. liill. nach Ermittelung de» Königlichen Polizeipräsidiums. M a r t l b u l l c» v r e i s c.(Kleiiibaiidel.) 100 Kilogramm Erbsen, gcibe. zum Kochen 84.00—50.00. Speisebobucn weiße. 35.00— 50.00. Linien 20,00—80.00. Kartoiscln 8.00—14.00. l Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule 1.60—2.10. Mndftcisch. Bauchfleisch 1.20 bis 1,70. Schwciucfleilch 1.30—1.80. Kalbflcisch 1.40—2.40. Hammelfleisch 1.30—2.20. Butler 240—3.20. 60 Stück Eier 3,20—6,00. 1 Kilogramm Knipsen 1,40—2,40. Aale 1,60-2,60. Zander 1.60—3.60. Hechte 1.20 bis 2,80. Barsche 1.00—2,00. Schleie 1,40—3,00. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,50-30,00._ Bdittcrnngsüt'erilrtii vom IL. September BSettorvroqnoic-ür Mittwoch, den 13. September 1911. Melsach wolkig mit leichtem Regen, ziemlich lebhaften westlichen Wiiideu etwas wärmerer Nacht und wenig veränderter Tageslemperatur. Berliner B- e 1 1 e r b u r e a u. Wiiücrstaudo.iKactirtckitoii der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner ZSetlerburrau. Buchdruckerei u. VeriagSanjtatl Paul S.nger u. Co., Berlin SW«