Mr. 819. HbonnementS'Bedingunsen: HBonnemcnlä. Preis pränumeranda S SiertcljShrl. 330!Kf., nionatl. 1,10 SD! f., wöchentlich 28 Psg. frei WS Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags, nummer mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Post« tlbonncmcnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeilungs» Prei-lific. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn L Mark, für das übrige Ausland L Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 88. Jahrg. DU TnUftions-GcbÜftf tekägt für die fechsgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum 60 Pfg,, für doli tische und gewerlschastliche Bereins- und Versammlungs-Anzeigen ZO Pfg, „Alein« Hnrcigcn", daS fettgedruckte Wort 20 Pfg, izuläsflg 2 settgcdrucNe Worte>, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasttcllcnan- zeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes wettere Wort b Pfg, Worte über lö Buch- fiben zählen für zwei Worte, Inserate r die nächste Nummer müssen bis Uhr nachmittags in der l~ abgegeben werden. Die Erpedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet. cklftli» lSglich außer tnontags. Zentralorgfan Redaktion; SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. In Nie» ist Blut geflossen! Wien, 17. September.(Eig. Bcr.) In Ottakring, einem Wiener Proletaricrbezirk, ist heute Mut geflossen. Militär hat auf eine demonstrierende Menge zwei Salven abgefeuert. Die Zahl der Opfer ist im Augen- blick noch nicht genau bekannt. Gerüchte erzählen von drei Toten und vielen Verwundeten. Sicher beglaubigt ist bis- her, daß ein Mann getötet und 5v Personen schwer verletzt sind. Die beklagenswerten Ereignisse haben sich folgendermaßen abgespielt: Vormittags fand auf dem großen Platz vor dem Rathause cine Riesendemonstration als Protest gegen die Lebensmittel- tcucrung statt. Von fünf Tribünen wurden Reden gehalten. Der ungeheure Platz war dicht besetzt. 100— 130(XX) Menschen waren angesammelt. In großen Zügen kamen die Arbeiter aus den Bezirken aus den Rathausplatz. Die Stimmung der Massen war ungeheuer erregt. Die Teuerung hat die Arbeiter- schaft bis in die tiefsten Tiefen aufgewühlt. Die Drohungen, die der Ministerpräsident Baron Gautsch in der Obmänncrkonferenz am Freitag ausgestoßen hatte— cr müsse vor den Folgen warnen, wenn die Grenzen des Gesetzes oder der öffentlichen Ordnung überschritten würden!— hatte die Erregung in den Massen noch gesteigert. Die Wiener Arbeiten schaft leidet unter der Teuerung aller Bedarfsartikel iveit mehr als die Bevölkerung irgend einer Stadt, und die Teuerung der Lebensmittel wird noch durch einen unerhörten Wohnungs- Wucher empfindlicher gemacht. Hunderte von Arbeitern in jedem Bezirke können keine Wohnung finden, weil die Haus- Herren die Zinsen imnier mehr erhöhen und weil an Arbeitern mit mehreren llindem Wohnungen überhaupt nicht mehr ver- mietet werden. Immer lauter ertönt der Schrei der Verzweiflung aus den Reihen der Arbeiterschaft. Es ist geradezu eine Hungers- not. die die Arbeiterschaft zur Verzweiflung bringt, um so mehr, da Regierung und Kommunalverwaltung nichts zu deren Milderung tun. Als die Massen heute zum Rathause zogen, hatte die Regierung nichts Vernünftigeres zu tun, als ihnen durch ein kolossales Polizei« und Militäraufgebot zu de- monstricren, daß es ihr mit ihren Drohungen ernst sei. Schon gestern hatte man mitgeteilt, daß man Militär in Bereitschaft haben werde. Und heute früh waren nicht weniger als 3—(ilKX) Man» Infanterie— zum größten Teil bosnische, der deutschen Sprache gar nicht mächtiger Soldaten— und 130(1 Berittene— Ulanen, Dragoner und Husaren, wieder größtenteils nichtdeutsche Soldaten— auf der Straße. Das Militär war nicht etwa an versteckten Plätzen untergebracht, sondern so, daß die über die Ringstraße ziehenden Massen die Soldaten sehen niußten, auf dem Schillerplatz, vor dem Burg- tor, beim Maria-Theresia-Denkmal und hinter dem Burg- theater. Diese Maßnahmen waren nicht danach angetan und offenbar auch nicht bestimmt, die Stinimung zu beruhigen. Die Reden— es sprachen u. a. Schuhmeier, Pcrncrstorfer, Ellenbogen, Winarsky, Leüthner, Glöckel, Neumann, Skaret— wurden mit stürmischen Zwischenrufen aufgenommen. Alle Redner bemühten sich, die Massen zu be- ruhigen.„Lasset Euch nicht provozieren! Lasset Euch nicht betvegen, die Demonstration etwa in einen Kampf mit den Polizisten umzuwandeln, die hungern wie Ihr! Gehet nach der Versanimlung ruhig nach Hause!" Als die Ver- saninilung zu Ende war und drei Trompetenstöße ankündigten, daß nun der Hcimmarsch beginne, wollten die Massen nicht vom Platze weichen. Die Erregung war zu groß und immer wieder hörte man die Rufe., General st reik!" Die Vertrauensmänner bemühten sich, die Massen wegzubringen, es gelang nur sehr langsam. Um �/«11 Uhr war die Ver- sammlung zu Ende, aber erst um Vs12 Uhr war der Rathaus- platz halblvegs leer. Aber immer wieder sammelten sich in der Nähe des Rat- Hauses Gruppen, die stürmisch demonstrierten. An der Ecke der Bcllaria. gegenüber dem Burgtor, kam es durch irgend einen Zufall zu einer Demonsträtion. Militär kam herbei, Steine wurden geworfen, Stöcke geschwungen. In dem Hanse, wo sich der Verwaltungsgerichtshof befindet, ebenso im Jusüzpalast und in den Nachbarhäusern wurden zahllose Fensterscheiben eingeschlagen. Hier wurden die Abgeordneten Forswer und David, die die Massen zu be- ruhigen trachteten, selbst durch Stockhiebe und Steine ver- wundet. Auf dem Heidcnschuß und auf der Freiung in der inneren Stadt kam es ebenfalls zu bedrohlichen Zusammen- stoßen. Das Militär wollte dort den Zugang zum Ministerium des Innern und zum Kriegsministerium, wo man Demon- strationcn befürchtete, verhindern. Im letzten Augenblick gelang es den Vertrauensmännern, einen blutigen Zusammen- stoß zu verhindern und die Massen abzulenken. Aerger war es beim Parlament und besonders beim Rathause, wo sich die Massen inimer wieder sammelten und durch die heransprengenden Ulanen aufs äußerste erregt, zahlreiche Fensterscheiben ein- schlugen. Das Militär sprengte gegen die Demonstranten, die sich nüt Steinwürfen wehrten. Ebenso erging es an anderen Stellen der inneren Stadt, so auf dem Kärntnerring, ebenso Verliner Volksblatk. der fozialdeniokrati(eben parte» Deutfcblands- relegramm- Adresse! uSozUliltnioiint Btrlli". dann auf der Lerchenfelder Straße, durch die die Ottakringer Arbeiter heimzogen. Die Erregung der Massen wuchs immer mehr, je öfter sie mit den Soldaten zusammentrafen. Zu einer förmlichen Schlacht kam es dann in Ottakring selbst, in der Nähe des Arbeiter- heims, wo das Militär eine neuerliche Attacke unternahm. In der Herbststraße— angrenzend an die sog.„Schmelz"— geschah das Gräßliche. Bosniaken— bosnische Infanteristen— gingen mit gefälltem Bajonnett gegen die Masson los. Wieder tönte ihnen der Ruf entgegen, der den Soldaten überall ent- gegenscholl:„Ihr hungert doch ebenso wie wir!" Aber sie verstanden nicht. Ein Arbeiter, der Wjährige Eisendreher Otto Pretzen- b e r g e r. wurde von einem Offizierskadetten mit dem Bajonett in die Brust gestochen und verschied in einem Kaffcchause, tvohin er dann getragen wurde. Der Kadett wischte das Blut vom Bajonett mit dem tandschuh ab. Die 13 jährige Hilfsarbeiterin Emilie chmiedl, die aus Neugierde auf die Straße ge- gangen war. wurde durch einen Schenkelschuß schwer verletzt. Ein Schuß in den Bauch traf den Arbeiter Franz Joachimsthaler und verletzte ihn lebens- gefährlich. 30 Vertvundete liegen im Wilhel- minen-Hospital. Die Demonstrafionen dauerten am Abend noch fort. RuKe in Alien. (Privattelcgramm des„Vorwärts".) Wien, 18. September. Der heutige Tag ist in Ruhe ver- laufen trotz der fürchterlichen Erregung, die bis weit in das Bürgertum hinein die Bevölkerung beherrscht. Die beklagens- werten Vorfälle sind ein Zeichen für den Grad der Erbitterung, die die hungernden Massen gepackt und leider auch manchen die ruhige Ueberlegung geraubt hatte. Der Aufruf der Sozial- demokratie hat aber heute seine Wirkung nicht verfehlt. Die erbitterten Arbeiter riefen spontan nach dem Massen st reik als dem stärksten Mittel des Protestes gegen eine Regierung, die aus Knechtseligkeit gegen die Agrarier für die Hungersnot nur Infanterie und Kavallerie zur Verfügung hat. Aber noch stehen der Partei andere Mittel zur Verfügung, und die Wiener Arbeiterschaft ist heute dem Rate ihrer verantwortlichen Vertrauensleute folgend zur Arbeit zurückgekehrt. Der Auftus der Parteileitung hat folgenden Wortlaut: Sozialdemokraten! Arbeiter! In einer ge- waltigen Kundgebung hat die Arbeiterschaft Wiens gestern gegen die Teuerung demonstriert. Als die großen Arbeiter- züge bereits aufgelöst waren, kam es jedoch, trotz des energischen Eingreifens unserer Ver trauens männer zu Gewalttätigkeiten und blutigen Kämpfen mit der Polizei und mit dem Militär. Die R e gierung hat das Militär gegen das Volk ge- schickt. Blut ist geflossen. Mit der Fortsetzung der De monstration wäre nieniand geholfen als der Reaktion, die danach lechzt, die Bewegung gegen die Teue- rung in einem Blutbade zu ersticken. Wir wollen nicht, daß nutz- und zwecklos kostbare Menschenopfer ge- opfert werden. Wir fordern daher alle Arbeiter und Partei- genossen Wiens auf, jede weitere Demonstration zu unterlassen. Sorgt dafür, daß Montag früh alle Arbeiter wie gewöhnlich zur Arbeit gehen. Kaltes Blut. haltet Disziplin I Laßt Euch nicht provozieren! Vertraut Eurer Partei, die tun wird, was notwendig ist. Die MontagSauSgabe der.Wiener Arbeiterzeitung" ist wegen der Besprechung der Vorgänge konfisziert worden. Wir geben im folgenden die wichtigsten Stellen des Artikels wieder: Blut, Arbeitcrblut ist geflossen in den Straßen Wiens! Polizei zu Fuß und zu Pferde, Infanterie und Kavallerie hat die Regierung aufgeboten gegen die Teuerungsdemonstration des Wiener Volkes. Und nachdem sie mit dem herausfordernden Auf- marsch des Militärs, dem zwecklosen Hin- und Herreiten die Er- rcgung der durch die Lebensnot ohnedies leidenschaftlich erregten Menge bis zur Siedehitze gesteigert hatte, ließ sie schließlich in das Volk hineinreiten, kommandierte man Bajonett- angriffe auf die heimziehenden Demonstranten, bis die un- selige Taktik dieser verblendeten Staatsgewalt endlich zu dem Entsetzlichsten gelangte, daß in Wien auf das Volk geschossen wurde, daß Menschenblut die Straßen rötete! EinTotcr und zahllose Verwundete sind die Opfer dieses Kampfes des Staates gegen das hungernde Volk. Aus seiner tiefften Not er- scholl der Ährei des gefolterten Volkes und todbringende Attacken des Militärs sind die Antwort des Staates. Welche unselige ver- blendete Staatskunst hat diesen fürchterlichen Tag geboren! Nun werden sie alle aufstehen, in widerlicher Heuchelei ihre Hände in Unschuld waschen. Der Ministerpräsident Gautsch wird uns wieder versichern, daß sich die Regierung von der Notlage des Volkes überzeugt habe und des besten Willens voll sei. Er wird sich darauf berufen wollen, daß cr doch rechtzeitig gewarnt habe, also an dem Schrecklichen, was seine Gewalten ge- tan, keine Verantwortung tragen könne. Und die Polizei wird uns jede Fensterscheibe vorrechnen, die die Arbeiter gestern in der Leidenschaft ihres Zornes zusammengeschlagen haben, und es als ihre Verpflichtung hinstellen, zerschlagene Fenstersckfeibcu und Laternen mit fürchterlichem Blutvergießen zu ahnden. Das «herrliche K r i e g s h c e r", das ausgerückt war, hat doch selbst- verständlich nur seine Pflicht erfüllt, als es auf die beleidigenden Zurufe und Geberdcn hin einfach in die Menge hincinschoß...... So wird sich das schäbige Pharisäertum breit machen und das Fürchterliche, das gestern hier in Wiest geschehen ist und was dem Expedition: SM. 68» Oindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Staate als Schmach vor der ganzen zivilisierten Welt anhaften wird, als unvermeidliche Wirkung der Demon- stration ausgeben wollen. Sicherlich waren die Menschen, die gestern in ungeheurer Zahl auf die Ringstraße zogen, in einer Stimmung, die die erprobte und nicht gewöhnliche Beherrschung der Wiener Arbeiterschaft brach, diese Selbstbeherrschung, die in unAihligen und den gewaltigsten Kundgebungen ihre bewunderungswürdige Disziplin gezeigt und gewahrt hat. Und es war weder überraschend, noch erstaunlich, sondern nur selbstverständlich und uiwermeidlich, daß sich die an- gesammelte Empörung über das Elend, das man in Oesterreich über das schaffende Volk verhängt hat, gestern in leidenschaftlichen Rufen, in argen Handlungen heftig entladen hat. Aber dessen- ungeachtet wäre außer zerschlagenen Fensterscheiben und Laternen kein weiteres und größeres Unheil geschehen, wenn die unaus- gesetzten Manöver des ohne jede Nötigung auf» gebotenen Militärs nicht imme-r die schon auseinanderstrebenden Massen von neuem zusam. mengeballt und Oel ins Feuer gegossen hätten. Die blutige Tat, die gestern in Ottakring geschehen, ist nicht einmal im gemeinsten Polizcisinn zu rechtfertigen, ist unsühnbar. Und als Untat, die an dem eigenen Volke und an dem Staat be- gangen ward, schreit sie zum Himmel. Die Herrschenden haben, das zeigt schon die abscheuliche Rederei des Gautsch, keine Vorstellung davon, wie es im Volke ausschaut und wie tief die Erbitterung gedrungen ist. Jeder Tag verteuert ein neues Lebensmittel und wenn die Woche um ist, ist von dem Lohn des Arbeiters ein unersetzbarer Teil auf die Verteuerung von Nahrung und Obdach daraufgegangen..... Wenn sie eine Ahnung davon hätten, welch entsetzliche Verwüstung die Teuerung im Leben der Arbeiter anrichtet, dann würden sie sich nicht wundern, ihre scheinheiligen Ermah- nungen sich sparen und die unzähligen Entftelhingen, daß wir daran die Schuld haben, nicht vorbringen. In Wahrheit hat sich des ge- samten arbeitenden Volkes und weit üher daS Proletariat ins Bürgertum hinein eine Stimmung der Verzweiflung bemächtigt, ein Gefühl namenloser Entrüstung über die Lebensmittelverteuerer, die seine Existenz untergraben, so daß der blinde Zorn, der gestern in den Demon- stranten tobte, nur allzu begreiflich erscheint. Eine arrangierte Bewegimg— so sagt der Ministerpräsident. Welch eine fürchterliche Verkennung! Hunger, Not» Verzweiflung drängen die Massen vorwärts. Es ist die tiefste Erbitterung über das ihnen freventlich angetane Leid, die sie in die Versammlungen, auf die Straße führt und, wenn man es so nennen will, zu den Exzessen treibt. Drohung mit dem Standrccht. Wien, 18. September.(W. T. B.) Die„Neue Freie Presse" meldet: Für den Fall einer Wiederholung der gestrigen Ausschrei- tungen, namentlich wenn sie eigentumsgefährlichen Charakter an. nehmen, wird die bezirksweise Verkündung des Standrechts in Aussicht genommen. Zwischen dem Ministerium des Innern und dem Polizeipräsi- dium finden Besprechungen statt, da diese Behörde mit der Mög- lichkeit einer Wiederholung der gestrigen Exzesse rechnet und für diesen Fall ganz außerordentliche Maßnahmen treffen wird. So wurden Truppen von auswärts nach Wien beföhlen, um die Garnisonen zu verstärken. Heute nachmittag wird eine Kundgebung erscheinen, wonach im 16. Bezirk die Haus- tore, Gasthäuser und Branntweinschenkcn zwischen 8 und 9 Uhr abends geschlossen werden müssen. Wenn sich diese Verfügungen als ungenügend herausstellen sollten, wird die Behörde mit den schärfften Maßregeln vorgehen. Bei den gestrigen Unruhen sind insgesamt 263 Verhaf» tungen vorgenommen worden. Ein Teil der Verhasteten wurde nach protokollarischer Vernehmung entlassen, der größere Teil, etwa 156 Personen, wurde dem Landesgericht eingeliefert und zwar wegen verschiedener Gewalttätigkeiten, Widersetzlichkeit, gewaltsamen Einmengen in Amtshandlungen, boshafte Bcschädi. gung durch Steinwürfe und wegen Auflaufs. Die Gesamtzahl der gestern Verwundeten wird heute auf neunzig angegeben. Demonstrationen in Prag. Prag, 17. September.(W. T. B.) Äe national- soziale und die sozialdemokratische Arbeiterschaft veranstaltete heute auf verschiedenen Plätzen Prags Massen- Versammlungen gegen die Lebensmittelverteuerung, an die sich Kundgebungen unter Führung von Abgeordneten schlössen. Die Redner richteten heftige Ausfälle gegen die Regierung. Die Menge sang revolutionäre Lieder, brachte Hochrufe auf die Revolution und Pfuirufe gegen die Regierung aus. In den Mittagsstunden zerstreuten sich die Massen ohne Zwischenfall. Als am Abend der Lord Mayor und die Aldetmen' der City von London hier ankamen, wurden sie am Bahnhof von mehreren hundert Sozialdemokraten mit Demonstrationen empfangen, die sich auch vor dem Quartier der Gäste fortsetzten. Die Menge wurde von der Polizei mehrere Male zerstreut. Ein Proteststreik in Prag? Prag, 18. September. Die sozialdemokratische Partei plant für Mittwoch, den Tag der Eröffining des Landtags, einen- Generalstreik. Man befürchtet große Demon st rationen. Tie Melodie von Moabit. Anläßlich des Binncnschiffahrtskongresscs war Montag der Erste Bürgermeister von Wien in Berlin. Dieser alte Herr, Dr. Neumaher ist sein Name, der nach Luegers Tod als Platzhalter für andere auf dem Präsidcntcnstuhl des Wiener Gcmeinderats sitzt, und in der österreichischen Hauptstadt als der schläfrige Greis. der sich nicht zu helfen weiß, eine bemitleidenswerte Rolle spielt, benützte die Gelegenheit eines Interviews zu einer ganz schäbigen Verleumdung der W.'ißcr Aozigldenwkrgtie, Siiemavd anderer ist nach NeuNSsser än d'en kräütiM Ereignissen schuld, als die Wiener sozialdemokratischen Führer mit ihren„Hetzereien", In Berlin kennt man ja diese Melodie von Moabit her zur Ge- nüge und ihre Wahrheit desgleichen! Den verkrachten Christlich�sozialen, die die Interessen Wiens den agrarischen Volksauswucherern ausgeliefert haben und deren Handelsminister. Dr. Weihkirchner, den niederträchtigen Äeheimvertrag schloß, der die ungarischen Junker ermächtigt, den Oesterreichern das argentinische Fleisch zu verbieten, dieser von den Wienern bei den letzten Wahlen schmachvoll davongejagten Partei könnte es freilich so passen, jetzt den Spieher in Sozialisten- angst zu versetzen. Aber zu seinem Schmerze wird der olle ehr liche Neumaycr gehört haben, dah sich an der riesenhaften TeuerungLkundgebung in Wien nichtl nur sozialdemokratische, sondern auch solche Arbeiter beteiligten, die vor kurzem noch ch r i st l i ch s o z i a l waren, und ferner noch tausende und aber tausende Kleinbürger und Beamte und selbst die in der Sklavenkette der christlichsozialen Gemeindethrannen schmachtenden städtischen Straßenbahner. In Berlin mag Herr Neumaher allenfalls wagen/ die Miener Sozialdemokraten zu schmähen. Herr Neumayer wird sich in Wien hüten, die Sozialdemokraten für die Schandtaten seiner Kartei verantwortlich zu machen. Zentrums« Stimmen 12 47S IS 214 17 874 21 623 Zui' Düffeldorfer Relchslagswahl. Düsseldorf, 18., Septemeber.(Eig. Bcr.) Morgen, den 19. September, findet die Ersatzwahl für den verstorbenen Zentrumsabgeordneten Kirsch statt. Nur Stunden trennen uns noch von der Entscheidung, die der morgige Tag bringen wird. Aus mehr als einem Grunde gebührt der Düffel« dorfer Ersatzwahl eine gröhere Beachtung, als Ersatzwahlen im allgemeinen beanspruchen können. Die Düffeldorfer Reichstags- crsatzwahl bildet gewiffermahen das Präludium zu der nächsten all- gemeinen ReichstagSwahl, und das Düffeldorfer Wahlresultat hat symptomatische Bedeutung für die nächstjährigen allgemeinen Wahlen. Nur im Jahre 1867 im konstituierenden und später im Nord« deutschen Reichstag war Düsseldorf durch einen liberalen Abgeord- neten vertreten, mit den Wahlen zum Deutschen Reichstag im Jahre 1871 ging der Kreis in den Besitz deS Zentrums über, durch das Düsseldorf seitdem ununterbrochen im Reichstag vertreten wurde. Konnte die Zentrumspartei den Kreis zwei Jahrzehnte als unantastbaren Besitz betrachten, so ist hierin seit 18S0 eine Wandlung eingetreten. Seit 1899 muhte daS Zentrum seinen Kreis stets in der Stichwahl gegen die Sozialdemokratie ver leidigen. Von diesem Zeitpunkt, ab. sind im Wahlkreis Düsseldorf das Zentrum und die Sozialdemokratie die Hauptgegner. Kan didat der Sozialdemokratie war 1899 unser alter, verdienstvoller Vorkämpfer Genosse Grimpe. DaS Stimmenverhältnis zwischen den beiden Parteien seit der Kandidatur Grimpe wird durch fol gende Zahlen illustriert: Es wurden abgegeben w 1890..... 7 573 1803..... 9 367 1808..... 10 712 1903..... 20 375 Im Jahre 1903 entfielen auf den Kandidaten der sogenannten �liberalen Vereinigung" 7866 Stimmen. Lei der letzten Wahl im Januar 1967 erhielten Stimmen: das Zentrum......... 29 250 die Sozialdemokratie...... 2S 389 die„Liberale Vereinigung".... 14 664 der Pole.......... 268 und ein nationalliberaler Arbeiterkandidat 593 In der Stichwahl siegte der ZentrumSlandidat mit 33317 Stimmen über den Genossen Grimpe, auf den 25 233 Stimmen entfielen. Die Bevölkerung des Wahlkreises Düsseldorf ist vorwiegend katholisch. Die Industrie, wenigstens in der heutigen Ausdehnung, ist jüngeren Datums, als im. eigentlichen rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk. Mit der fortschreitenden Industrialisierung hat die Sozialdemokratie festen Fuß gefaht. Sowohl die gewerkschast- lichen, als auch die politischen Organisationen stehen heute ge- festigt da. Seit 1993 steht denn auch im Stadtkreis Düsseldorf bei der ReichStagsivahl die Sozialdemokratie hinsichtlich der Stim- menzahl an erster Stelle, das Zentrum blieb in der. Stadt Düffel- darf im Jahre 1903 mit zirka 13 900 Stimmen um 2000 Stimmen hinter Grimpe zurück. Die erste Stelle behauptete die Sozial« demokratie auch bei der Wahl im Jahre 1907 bei einer Wahl- betciligung von 83,5 Proz. Der katholisch« Landkreis bracht� dem Zentrum bisher stets das. Gros der Stimmen, aber auch hier ist die Sozialdemokratie gut vorangeschritten, so daß der Sukkurs der ZentrumSstimwen aus den ländlichen Bezirken erheblich nach- lassen dürfte. Um das Mandat kämpfen dieses Mal ernstlich wiederum nur die Sozialdemokratie, deren Kandidat Genosse Haberland» Elberfeld ist, und daS Zentrum, das seinen Wählern einen Hansa» bündlerischen Bankdirektor, Dr. Friedrich» Düsseldorf, präsentiert. Die„liberale Bereinigung"� deren Angehörige wohl zum größten Teil den Nationallibcralen zuzuzählen find, haben dieses Mal von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten Abstand ge- nommen. Motive sind oft schwer zu eruieren; man dürfte aber wohl nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Nationallibe- ralen sich nicht vorzeitig der Gefahr aussetzen wollten, Farbe be- kennen zu müssen. Der Mandathandel für die kam- Menden allgemeinen Wahlen ist zwischen dem Zentruin und den Nationalliberalen noch nicht endgültig abgeschlossen. Die Chancen der National- . liberalen lassen sich noch nicht ohne weiteres überschauen. Eine Stichwahl zwischen Zentrum und Sozialdemokratie hätte die nationalliberalen Herrschaften bei offizieller Wahlbeteiligung unter Umständen in eine prekäre Lage bringen können. Indessen glaubt man so allen Weiterungen enthoben zu sein. Die liberale Ver- einigung, oder' wenigstens der Vorstand derselben, hat in seiner Sitzung vom 6. September nun zwar den Beschluß gefaßt, seinen Mitgliedern strikte W ah l e nt ha ltu n g zu empfehlen. Die liberale Vereinigung ist aber ein so heterogenes Gebilde, daß der Beschluß des Vorstandes eine sehr zweifelhafte Bedeutung hat. Jedenfalls ist trotz des Beschlusses der rechte Flügel der Ver- einigung gesonnen, für das Zentrum zu wirken, wohingegen der linke Flügel gegen das Zentrum stimmen dürfte. Die Fortschrittliche Volkspartei, die allerdings auch keine be- sondere Bedeutung im Wahlkreise hat, hat ihre Wahlparole, für den sozialdemokratischen Kandidaten zu stimmen, in den letzten Tagen bekanntgegeben. Die Fortschrittlichen Volksparteiler er- blicken in der Sozialdemokratie„das kleinere Uebcl". Außer Haberland und Dr. Friedrich bewerben sich noch zwei Kandidaten um das- Mandat. Die„Bewerbung" ist allerdings nach ta eigenen Ueberzeugung der Herren wohl aussichtslos, für die Wahl find die KandidÄuren insofern von Bedeutung, als sie eine Stichwahl wohl herbeiführen können. Der erste dieser Kandidaten ist Dr. Breit scheid-Berlin, der für die Demokratische Ver- einigung kandidiert. Die Demokraten beteiligen sich angeblich nur an der Wahl, um den Sieg unseres Kandidaten in der' Stichwahl um so sicherer herbeizuführen; daß jedoch die Kandidatur nicht ausschließlich diesen uneigennützigen Motiven entspringt— ganz abgesehen von der Frage, ob die Kalkulation überhaupt richtig ist—. bedarf wohl keiner Frage. Der vierte Kandidat schließlich, der Stadtverordnete Malermeister Peter Heckenrath, sorgt dafür, daß im Wahlkampf auch die komische Figur nicht fehlt. Herr Hcckenrath ist Kandidat des Deutschnationalen Wahlausschusses. Dieser Wahlausschuß ist ein höchst sonderbares Konglomerat, ihm gehören an: der Bund der Landwirte, die Deutsch-soziale Partei, die Christlichsozialen, die evangelischen Arbeiterbereinler und kon servative Parteigänger. Die Kandidatur kann aber nicht besser illustriert werden, als Herr Heckenrath es durch die eigene Erklärung, er fühle sich unfähig, die Aufgaben eines Reichstags abgeordneten zu erfüllen, getan hat. Selbst Herr Lattmann aus Schmalkalden und Herr Liz. Mumm, die in der letzten Woche die Werbetrommel für Herrn Heckenrath rührten, dürften sich ver gebens bemüht haben. Der 5kampf um das Mandat wird zwischen der Sozialdemo- kratie und dem Zentrum ausgefochten werden. Wenn je, so hat sich das schlechte Gewissen des Zentrums in diesem Wahlkampf ge zeigt. Daß die Zentrumspartei ausgerechnet seinen Wählern einen Hansabündler als Kandidaten empfahl, geschah natürlich aus wohl erwogenen Gründen: Man hoffte mit dieser Kandidatur ohne weiteres die Stimmen der Nationalliberalen zu gewinnen. Air dererseits zeigt diese Kandidatur aber auch die riesengroße Heuchelei des Zentrums. Die.Zentrumsprcsse und das offizielle Zentrum haben den Hansabund von vornherein in aller Form bekämpft, und die ultramontane„Essener Volkszeitung" forderte gelegentlich der Aufstellung Dr. Friedrichs ganz kategorisch dessen Austritt aus dem Hansabund. Der Zentrumskandidat hat sich hierum den Teufel gekümmert, und nach einigen Tagen verkündete die Zentrumspresse, daß ein treuer Zentrumsmann sehr wohl auch Hansabündler sein könne. Der Wahlkampf hat denn überhaupt das Zentrum in seiner ganzen Nacktheit gezeigt. Was die Zcntrumspartci an Nieder- tracht, Verdrehung, Verleumdung und Gemeinheit in diesem Wahl- kämpf geleistet hat, das kann nicht überboten werden. Als den Herren die„geistigen Waffen" ausgingen, griff man unbedenklich zu den brutalsten Mitteln roher Gewalt. Demokratische und sozialdemokratische Flugblattverbreiter wurden tätlich angegriffen und demokratische Redner und Versammlungsbesucher ins Gesicht geschlagen. Das Zentrum weiß nicht ein noch aus. Die Last des ge- häuften Volksbetruges erdrückt eS. Die Chancen sind offensichtlich gefallen, und so greift man zu den skrupellosesten Mitteln. Aber- auch diese Mittel werden die Abrechnung nicht verhindern können. Was das Zentrum sich an schnödem VolkSbettUg und ge- meinem Arbeiterverrat in den letzten Jahren bei der Reichsfinanz- reform, bei der Wahlrechtsfrage, bei der Reichsversicherungs- ordnung geleistet hat, daS wird und muß dem arbeiter-� und Volks- feindlichen Zentrum heimgezahlt werden. Wahltag ist Zahltag! Die Massen haben daS Wort! VIe liiarMoaMi'e. Die deutsche Antwort wird in den allernächsten Tassen dem französischen Botschafter überreicht werden, lieber ihren Inhalt ist nichts bekannt und es ist deshalb ganz müßig von den verschiedenen Preßpolemiken Notiz zu nehmen. Höchstens sei verzeichnet, daß aus London gemeldet wird, die Nord- seeflotte werde auf Kriegsfuß gebracht. Eine Bestätigung der Meldung liegt nicht vor. Die„Norddeutsche Allgem. Zeitung" über die Verhandlungen. Der an dieser Stelle vorausgesagte glattere Fortgang der Marokko-Verhandlungcn nach der Pause ist tatsächlich ein- getreten. Die Blätter berichten günstig über eine Unterredung vom Freitag nachmittag, in der zwischen dem Staatssekretär v. Kiderlcn und dem Botschafter Cambon die Antwort Frankreichs auf Deutsch- landS Bemerkungen zum Entwurf der abzuschließenden Uebcr- etnkunft erörtert wurde. Die Antwort trägt in einem Teil den deutschen Wünschen Rechnung, bezüglich eines wei- teren Teils ist eS gelungen, die Auffassungen der beiden Mächte einander so weit zu nähern, daß bei einigem guten Willen auf beiden Seiten unschwer eine Einigung erzielt werden kann, lieber einige Punkte herrschen allerdings noch solche Gegensätze, daß noch eingehende Verhandlungen nötig sein werden, ehe das Einverständnis hergestellt sein wird. Doch ist zu hoffen, daß auch diese Schwierig- leiten werden überwunden werden.- Unsere Protestbewegung. Eine interessante IriedenKcmonstration hat am Sonntag die Nürnberger Arbeiterschaft veranstaltet. Auch in Nürnberg hatten in voriger Woche die Alldeutschen im„Namen des Volkes" in einer Versammlung zum Kriege, gehetzt. DaS gleiche äfften ein paar Tage später die vereinigten Christlichen, dcutschnatioualen Handlungsgchilsen und Leute ähnlichen Kalibers im„Namen der Arbeiterschaft" nach. Diesen schwächlichen„nationalen" Veran- staltungen gegenüber trat am Sonntag das wirkliche Volk von Nürnberg auf den Plan und veranstaltete eine Kundgebung von solch eindrucksvoller Größe, wie sie Nürnberg selten noch gesehen hat. Die mehr als 30000 Menschen fassende städtische Fe st Halle, im Luitpoldhain war zum Bersten gefüllt, gewaltige Scharen von Arbeitern und Ar- beiterinnen drängten sich außerdem draußen um den massigen Bau. Zwei ausländische Genossen, Van der S m i s s e n- Belgien und Topalowitsch- Balkanstaaten, hicl- ten flammende Ansprachen, in der sie die einmütige Gegnerschaft deS gesamten internationalen Proletariats gegen das verbrecherische Spiel mit dem Kriege betonten. Die in französischer Sprache ge- haltenen Reden wurden von dem Genossen S ü d e k u m ins Deutsche übersetzt, der dann selbst noch eine wirkungsvolle An» spräche an die Versammlung richtete. Eine Resolution, die sich in scharfen Worten gegen die Kriegshetzer wandte, fand ein» st i m m i g e Annahme. Nach einem brausenden Hoch auf die Internationale formierten sich die Tausende zu einem Zuge, der sich durch die Vorstädte bis zum Zugange der Altstadt bewegte. Dort löste sich der Zug, entsprechend den getroffenen Verein» barungen, auf. Die gewaltige Kundgebung verlief in musterhafter Ordnung und zwang auch den Gegnern Achtung und Anerken» nung ab. Eine deutsch-franzüsische FrieLenskund- gebung wurde am Sonntag in dem französischen Grenzorte B u s s a n g veranstaltet. Sowohl aus den deutschen wie den fran- züsischen Distrikten waren die Teilnehmer mit Extrazügen an- gelangt. Bon deutscher Seite sprachen die Genossen Reichstags- abgeordneter E m m e l- Straßburg, Wendel- Frankfurt a. M. «nfe GrulNdsZ-MriS; für die französische ZrMerjchajf die Abgeordneten R o u a n e k und V o g I ff. In ihröff Ansprachen kennzeichneten die Redner unter stürmischem Beifall der Zuhörer die wahnsinnige Kriegshetze, die im Interesse einer kleinen Kapi- talistengruppe betrieben werde. Sache des Proletariats sei es, gegen solche Machenschaften stärksten Protest zu erheben. Im Gy- gensatz zu den Kriegstreibern trete die internationale Arbeiter- schast für den Weltfrieden ein, der durch intcrnatio- nale Schiedsgerichte und Abrüstung garantiert werde. Zum Schluß der imposanten Veranstaltung wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in der es heißt, daß die internationale Arbeiterschaft jedes mögliche Mittel anwenden werde, um wegen Marokkos einen Krieg zu. verhindern. Ferner dcrlangt die Resolution sofortige Ein- bcrufung der Parlaments Die Wiederbelebung des politischen Cerrors in Rußland. Von russischer sozialdemokratischer Seite wird uns ge- schrieben: Die RevolverschüsD die den Ministerpräsidenten S t o- lypin vor den Augen des Zaren und der gesamten Hof- gesellschaft niederstreckten, kündigen eine neue Aera des politi- schen Terrors in Rußland an. Anläufe hierzu sind in den letzten Monaten schon mehrfach unternommen worden.' Am 29. April verwundete eine unbekannte Frau im Theater zu Wologda den Gefängnisinspektor I e f i n o w, der die Durchpeitschung von 83 politischen Gefangenen angeordnet hatte. Ende August wurde der durch seine Grausam- keit berüchtigte Oberstaatsanwalt S k o p i ns k i von un- bekannten Leuten in einem Eisenbahnwagen erschossen. Und vor kurzem verwundete ein Besucher den Gefängnisdirrktor von Serentui, W y s s o z k i, der im vorigen Jahre die Durch- peitschung der politischen Gefangenen angeordnet und dadurch den Selbstmord Szasonows verschuldet hatte. Jetzt ist das Haupt der regierenden Verbrecherbande. Ministerpräsident Stolypin, einem ähnlichen Anschlage zum Opfer gefallen, der mit einer beispiellosen Kühnheit in Szene gesetzt worden ist. Unwillkürlich drängt sich nach diesem letzten Attentat der Vergleich mit dem Attentat gegen den allmächtigen Diktator P l e h w e auf. Auch damals sah man in dem Attentat des todesmutigen Revolutionärs die Vergeltung für die endlose ahl der Opfer, die das Haupt der russischen Autokratie vom iolkc gefordert. Wollte man bloß diesen Maßstab gelten lassen, so wäre die Vergeltung gegenwärtig noch gerecht- fertigter als im Juli 1904, wo„die russische Gesellschaft— nach dem Zeugnis des damaligen Führers der liberalen Opposition. Peter v. Struve— von einem Gefühl der Freude und der Beftiedigung ergriffen war" und„die Taten der politischen Mörder durch ihr Mitgefühl sanktionierten�. Denn wenn man in der Gestalt des Tyrannen Plehwe daS Symbol der stumpfen Barbarei der russischen Selbstherrschast vor sich sah, der mit der Geradlinigkeit eines gemieteten Bravos daS ihm anvertraute Regierungssystem verteidigte, so hatte man bei Stolypin eine noch furchtbarere j e s u i- tische Barbarei vor sich, der kein Mittel zu schändlich war, um unter dem elenden Flickwerk der russischen „Verfassung" die unumschränkte Despotie deS Zaren wieder herzustellen, und die mit sichcrem Klassen- instinkt die besitzenden Klaffen gegen die Demokratie zu- sammenschmiedcte. Dieser Unterschied ist ausschlaggebend für die politische Wertung dieses wie jenes Anschlages. Die Bomben- explosion, die Plehwe in Stücke riß, fand einen regen Wider- hall bei der liberalen Bourgeoisie, welcher der Diktator die politische Betätigung vollkommen unmöglich ge- macht hatte, die aber zu feig war, aus eigener Kraft gegen ihn vorzugehen; sie erleichterte aber auch, infolge der ein, getretenen Verwirrung, die revolutionären Massenaktionen der Arbeiter und Bauern. In der mit revolutionären! Zünd- stoff gesättigten Atmosphäre, auf dem durch heftige Klassen- kämpfe aufgerührten Boden war dieses Attentat der Funke, der die Flanimen hoch emporschlagen ließ. Ganz anders ist die Situation jetzt. Die Gegenrevolution hat sich durch ihre sechsjährige intensive Tätigkeit eine Grundlage ge- schaffen, die sich nicht durch die Revolverschüsse einzelner Revolutionäre beseitigen läßt. Der Großgrundbesitz und die Großbourgeoisie klammern sich im Bunde mit der Bureaukratie, trotz heftiger innerer Widersprüche, an das von Stolypin geschaffene System und sind nicht gewillt, auch nur einen Fußbreit' ihrer politischen Vorherrschaft gut- willig abzutreten. Das liberale Kleinbürger- tum. soweit es politisch zur Geltung kommt, hat seine„revolutionären" Sünden schon längst abgeschworen und wird sich hüten, die Sympathiekundgebungen von 1904 und 1903 zu wiederholen. Zu gleicher Zeit ist die Bauern- schaft politisch vollkommen matt gesetzt und durch heftige innere Kämpfe zerrissen, während die Arbeiterklasse sich erst im Beginn ihres neuen Aufstieges befindet. Die politische Situation ist also von der im Jahre 1904 grund- verschieden und nimmt dem Anschlag gegen Stolypin selbst den politischen Wert, den die Taten einzelner Terroristen auf dem Hintergrunde der revolutionären Massenaktionen der Jahre 1904/3 gewonnen haben. Die Tat Bagrows hat nur den politischen Wert, daß sie vor den Herrschenden als drohendes Menetekel erscheint. Es wäre töricht, wollte man die terroristische Taktik anders bewerten und ihr einen größeren Spielraum in den künftigen revolutionären Kämpfen in Nußland gewähren. Einzelne Helden können nicht die geschichtliche Mission er- füllen, die nur den Massen und ihrer zielbewußten Arbeit gehört. Vereinzelte Revolverschüsse können nicht ein Staats« wesen umwandeln, an dessen Fortdauer ganze Klaffen der Gesellschaft ein lebhaftes Interesse haben. Es steht im Gegenteil zu befürchten, daß gerade die terroristische Taktik die Massen von einem zielbclvußten Kampf abhalten ünd in ihnen die Hoffnungen wach rufen, daß der Heldentod Einzelner ihnen die Befreiung bringen würde. Alle Einwendungen, die die russische Sozialdemokratie seit' einem Jahrzehnt gegen die terroristische Taktik der sozialrcvolutionärcn Partei erhoben hat. bleiben heute noch in Kraft und sind jetzt, bei der be- ginnenden Mobilisation der revolutionären Kräfte von be- sonderer Wichtigkeit. Und die Partei des Proletariats, deren Fahne in den finsteren Jahren der Gegenrevolution keinen Augenblick gewankt, würde ihre Pflicht nicht erfüllen� wenn sie jetzt die Massen nicht darüber aufklärte, daß sie ihre Be- freiung nur durch ihren eigenen offenen Kampf erringen können. Nicht vereinzelte Anschläge gegen die Träger der Re- gicrungsgcwalt; nicht die Beseitigung der Handlanger des Zaren, die sofort durch andere ersetzt werden, sondern der planmäßig vorbereitete Sturm gegen die Bastille des Zarismus»� das ist die Losung der russischen Sozial- demokratie! Die Pogromisten Ott der Arbeit. Wie von verschiedenen Seiten gemeldet wird, wird in Kiew, als Antwort auf das Attentat gegen Stolypm ein Pogrom gegen die Juden erwartet. Diese Gerüchte sind sehr ernst zu nehmen. Wer die amtliche Herkunft der Judenpogrome kennt, weist nur zu gut, dast sie das gewöhnliche Ablenkungsmittel der russischen Bureaukratie bilden. Namentlich in Kiew, wo schon seit Monaten von den Echtrussen eine zielbewustte Pogromagitation geführt wird, ist der Boden für ein neues Masiaker sehr günstig. Es verdient hervorgehoben zu werden, dast die„Kreuz- Zeitung" und die.DeutscheTageszeitung" chiese Tätig- keit der Pogromisten dadurch unterstützen, dast sie eine Nach- richt des„Prest-Telegraph" in dem Sinne ausfassen, das Attentat gegen Stolypin sei von der jüdischen Geschäftswelt bestellt worden. Die„Deutsche Tageszeitung" spricht sogar von einem„jungen Juden", der von„reichen Juden gedungen war". Diese Leistungen sind charakteristisch für die Jdeengemeinschast der deutschen und russischen Reaktion. Erzählungen über Bagrow. Petersburg, 17. September. Wie die„Nowoje Wremja" aus Kiew meldet, hatte Bagrow nach seiner Rückkehr aus. Peters- bürg dem Kiewer Polizeichef mitgeteilt, daß eine Revolutionärin, genannt Ina Alexandrowna. in Begleitung eines Revolutionärs vom Zentralkomitee für die Reise nach Kiew bestimmt worden wäre, um den Ministerpräsidenten S t o l y p i n und den Unterrichts- minister Ca s so zu töten. Der Polizeichef hätte darauf Vagrow den Schutz Stolypins übertragen. Neuesten Nachrichten zufolge gehört Bagrow nicht der Kampf- organisatwn der sozialrcvolutionären Partei, sondern einer neu- gegründeten autonomen Revolutionsgruppe an, deren Devise: Terror auf allen Gebieten des StaatLlcbens, nicht nur Attentate gegen einzelne Hochgestellte? lautet. Andere Meldungen besagen: Bagrow galt als ein nütz- licher Geheimagent, da alle seine Angaben bestätigt wurden. Dadurch erwarb er sich großes Vertrauen des Chefs der Kiewer Geheimpolizei Kuljabko. Wie. Bagrow aussagt, wollte er S t ok y p i n auf der Gesellschaft der Kaufleute töten, und er wartete lange auf eine günstige Gelegenheit, um niemand aus dem Publikum zu verletzen. Als sich ihm die Gelegenheit bot. verließ ihn der Mut, auf Stolypin zu feuern. Am nächsten Tage schwankte er bis zum zweiten Zwischenakt, kam dann aber zu der Ueberzcugung, daß er eine bessere Gelegenheit nicht finden würde. Er näherte sich dem Ministerpräsidenten, welcher völlig unbewacht war, holte auS der Hintertasche einen Revolver, welcher samt der Hand durch ein großes Programm verdeckt war, und gab zwei Schüsse ab. Darauf lief er gebückt auf den Korridor, in der Hoff- nung, in der allgemeinen Bestürzung zu entkommen. Außer einer Lk o p s w u n d e, die Bagrow durch einen Säbelhieb beigebracht worden ist, sind ihm zwei Zähne ausgeschlagen worden. Es ver- lautet, daß die Revolutionäre, als sie mit Bestimmtheit erfahren hatten, daß Bagrow ein Verräter war, ihm vorgeschlagen haben. er solle sich durch die Ermordung Stolypins rehabilitieren. Hierauf sei Bagrow eingegangen.— Das Kriegsgericht wird am 20. September stattfinden. Bagrow, der seinerzeit Mitglied des Studentenausschusses war und gleichzeitig der Geheimpolizei diente, erfreute sich großer Popularität unter den Studenten, und diese Popularität ausnutzend, zeigte er viele Studenten und Gymnasiasten an. Stoliphn tot. Entgegen den ersten Meldungen ließen die amtlichen Krankheitsberichte erkennen, daß dxr Zustand des Ministtzx- Präsidenten hoffnungslos ist. Es war. Bauchfellent- zündung eingetreten und gestern nacht meldet ein Telegramm aus Kiew, daß der Ministerpräsident Stolipyn abends 10 Uhr gestorben ist._ politirche Gebcrficht. Berlin, den 18. September 1911. Militärische Rüstungen in Deutsch-Südwcstafrtka. Die„Korrespondenz Woth" meldet, dast im R e i ch s k o l o n i a l- amte ein Gesetzentwurf ausgearbeitet worden sei, der den „Ausbau des Verteidigungssystems" in Südwest- afrika regele. Um eine Erhöhung der Mititärlasten zu ver- meiden. habe man beschlossen, die Schutztruppe auf dem augenblicklichen Stande zu belassen und für den Kriegsfall eine Art Bürgerwehr zu schaffen. Durch ein Wehrgesetz würde die Einberufung der wehrfähigen Männer unter de» Kolonisten geregelt werden. Die„gedienten" Offiziere und Mann- schaffen sollten zur Leistung von Waffendiensten verpflichtet werden, während die„ N i ch t g e d i e n t e n" sich den Behörden zu Lazarett- und anderen Diensten zur Verfügung zu stellen hätten. Dafür sollten den Kolonisten Erleichterungen bei der Ableistung militärischer Uebungen im Frieden gewährt werden. Erstaunt wird man sich fragen, wozu denn in Südwestafrika RustungSverstärkungen notwendig sind. Die Zahl der militärischen Mannschaften beläuft sich dort auf 2400 Mann, wozu noch zirka 1000 Mann Polizeitruppen kommen. Und diese 341X1 Mann sollten nicht ausreichen, die dezimierten, völlig entwaffneten und im ganzen Land als Arbeits- kräfte verteilten und ohnedem unter peinlichster Polizetkon trolle stehenden Eingeborenen an einem etwaigen Aufstandsversuch zu hindern? Für solche Fälle ist die Rüstungsverstärkung allerdings auch kaum gedacht. Es kann sich nur darum handeln, durch die Schaffung der Bürgerwehr die S ch ü tz t r u p p e' fiir ändere Zwecke mobil zu machen. In erster� Linie kommt da das von unseren Kolonialsexrn ersehnte Kriegsabentr urr mit den O v a m b o in Frage. Dies wird wohl die Hauptursache für die Rüstungsverstärkung sein. Denn dast man bei einem Kriegsfälle mit England mit ein paar tausend Mann Südwestafrika gegen eine englische Invasion verteidigen könne, wird man sich ja wohl schwerlich einbilden. Wer hat gefälscht? Auf dem Jenaer Parteitag klagte-am setzten Freitag Genosse Bebel die.Weimarische Ztg." der gemeinen Fälschung� und Ver- drehung seiner Worte an, weil dieses Blatt ihm den Satz in den Mund gelegt hatte:„Wir forder i, dke B'eseitigu'ng der Zölle, w«<< wir dem Deutschen Reiche den Lebens- nerv abschneiden wollen." Die.Weimarische Ztg." entschuldigte sich darauf in einem von Bebel am Sonnabend' auf dem Parteitage verlesenen Telegramm damit,. dast sie den Bebel zugeschriebenen Ausspruch einet als zuverlässig bekann tenKorxespottdenz� ent- nommen habe. Als diese Korrespondenz wurde auf dem Parteitag allgemein die von den Herren Schweder und Hertzsch herausgegebene »Journalpost" genannt. Jetzt versendet diese Firma jedoch folgende Mitteilung an die Kedaktionen: Die Zeitungskorrespondenz„Deutsche Journalpost, Schweder u. Hertzsch". liest dem Reichstagsabgeordneten Dietz unter Bezugnahme ans die Polemik Bebels gegen das Amtsblatt der weimarifchen Regierung, die„WelinarischeZeitung". eindringendes Telegramm zugehen, in welchem sie erklärt, dast sie die„Wei- marische Zeitung" nicht mit Berichten über den sozialdemokratischen Parteitag versorgt habe und daher dem von Bebel beanstandeten unrichtigen Bericht dieses Blattes vollständig fern stehe. Das Tele- gramm wurde leider erst nach Schluß des Parteitages dem Reichstags- abgeordneten Dietz ausgehändigt, so dast es den Delegierten nicht mehr bekanntgegeben werde» konnte.— Gleichzeitig stellt die Kor- respondenz fest, dast auch der in der Sonntagnummer des«Vor- wärts" beanstandete Bericht des«Berliner Tageblatts" über die Rede Bebels zu den ReichStagswahlen nicht von ihr herrührt. Die Weimarische Landeszeitung„Deutschland" schreibt zu dem die„Weimarische Zeitung" betreffenden Zwischenfall, daß der Bericht des Amtsblatts einer Korrespondenz entstamme, die mit der sozialdemokratischen Korrespondenz von Guttmann u. Baake koaliert sei, und dast die„Norddeutsche Allgeineine Zeitung" den- selben � Bericht gebracht habe; die bürgerlichen Korrespondenz- bureaus hätten die Ausführungen Bebels richtig wiedergegeben. Wir vermögen nicht zu beurteilen, wie weit diese Angaben der Firma Schweder u. Hertzsch richtig sind. Nach unserer Ansicht hat die„Weimarische Zeitung", die jene Fälschung in die Welt schickte, die moralische Pflicht, offen zu erklären, welcher Korrespondenz sie den angeblich von Bebel ausgesprochenen Satz entnommen hat. Tie deutsch-französische Friedensmanifestation auf dem Vogesenkamm in dem französischen Grenzstädtchen B u s s a n g(unweit der Bahnstation Wesserling der Strecke Mül- hausen i. Els.-Krüt) erfuhr am Sonntag, den 17. September, ins- besondere von deutscher Seite, aus dem Elsaß, eine Beteiligung, die bei der Ungunst der Witterung am Ende der vergangenen Woche alle Erwartungen übertraf. Die Veranstaltung gestaltete sich zu einer Massenkundgebung, deren Teilnehmerzahl auch auf b ü r g e r- licher Seite in der französischen Presse auf 5—10 000 geschätzt wird. Es sprachen aus weiter Wiese im Freien der Reihe nach von deutschen Rednern die Genossen: Hermann Wendel, Redakteur der Frankfurter.Volksstimme", der unter brausendem Beifall konstatierte, dast alles, was das deutsche Proletariat von dem französischen trennt, der armselige Grenzpfahl mit dem deutschen Raubvogel ist, den ein paar kräftige Fäuste doch wohl beseitigen können, wenn fie nur wollen; dast nur eine Fahne, nur die stolze rote Fahne der Welt- revolution uns den Weg weisen kann, die Fahne, die zugleich auch die Fahne des Wellfriedens ist: dann Genosse E m m e l- Mülhausen, der, mit stürmischem Beifall gerade von französischer Seite empfangen, die Jnternationalität der Arbeiterklasse in ihrem Wider- stände gegen das kolonialpolitische Ausbeutertum mit Nachdruck hervorhob und betonte, dast die sozialdemokratische Partei Deutsch» lands alles tun werde, was in ihrer Kraft steht, um den Krieg zu verhindern; endlich Genosse S. Grumbach- Paris, der die Fluchwllrdigkcit der ganzen kapitalistische» Kolonialpolitik durch kurze drastische Beispiele dartat. Es sprachen dann von französischer Seite, nachdem der Parteisekretär Aime Pit on von Epinal die Versammlung eingeleitet hatte, Genosse Lucien Boilin, Ab- geordneter von Puteaux bei Paris; Genosse Dreyfus-Liövre von Remiremont, und schlicstlich, unter lautloser Stille dieser ge> waltigen Massenversammlung im Freien, der Pariser Abgeordnete Gustave R o u a n e t. dem eS gelang, die Versammlung nach mehrstündiger Dauer noch mit Ausführungen zu fesseln, die das kolonial» politische Problem in seiner ganzen Bedeutung aufrollten und noch einmal die Beteiligung der deutschen Sozialisten an dieser eigen- artigen Demonstration feierten. Die Uebersetzung der Reden besorgte sowohl ins Deutsche Ivie ins Französische Genosse Grum- b a ch- Paris. Die Kundgebung wird auf die sozialistische Bewegung auf beiden Seiten der Vojjesen den günstigsten Einfluß ausüben. Die verlief ohne jeden störenden Eingriff der Grenzpolizei sowohl von deutscher wie- von französischer Seite. Der„Deutsche Bürger"-f». Ein unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinendes Berliner Winkelblättchen obigen Namens ist dieser Tage infolge Abonnenten- schwundeS eines unrühmlichen Todes gestorben. Wir haben vor einigen Monaten bereits auf das Treiben dieser„Zeitung" hin- gewiesen, als es gelegentlich der Moabiter Borgänge einen recht ge- hässigen Artikel brachte und damit in der„Internationalen Reise- auSslellung" paradierte. Hernach suchte eS sein ferneres Dasein auf Kosten eines sensationell sein sollenden„Romans" aus den„sozial- demokratischen Kreisen der Gegenwart" zu fristen. ES war dieses Machwerl ein Monstrum von so eigener Art, daß man sich nur wunden« konnte, daß daS Berliner Polizeipräsidium, das sonst bei derartigen Gelegenheiten nicht auf sich warten läßt, nicht eingriff. Das Thema„Unzucht und Syphilis" nahm in diesem ästhetischen Kunstwerk einen � breiten Raum ein. Dazwischen erschienen dann noch einige Artikel über sozialdemokratische Krankenkassen- Wirtschaft usw. Zuletzt glaubte man im gegenwärtigen Marokko- rummel ein dankbares Gebiet gefunden zu haben, und so stürzte sich den» das Käseblättchen wutentbrannt auf die Sozialdemokratie, den deutschen Kaiser und das„Berliner Tage- blatt". Noch gelegentlich der Treptower Demonstration übte es sein schmutziges Handwerk. Wie die„Post" so hat auch der«Deutsche Bürger" in letzter Zeit von MajestätSbcleidigungen gestrotzt, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wurde. Nun ist eS in seinem eigenen nationalen Fett ersoffen, aber nicht ohne den Trick zweifelhafter Ramschgeschäfte zuvor noch anzuwenden. ES erhöhte den Preis der letzten drei Nummern von 6 auf 10 Pf. und schrieb unterm 10. September plötzlich' das Datum vom 1. Oktober. Der berühmte „Roman" wurde plötzlich abgebrochen, und jetzt erfahren wir, dast eS den Tod alles Gesindels hinter der Hecke gestorben ist: eS ist eingegangen. Vielleicht dürfen wir au seinen Herausgeber, den .Spreeverlag". � und an de» nationalen Redakteur Herrn H. Speck- mann die Frage richten, auf welche Weise die Abonnenten HeS BlättchenS bis 1. Oktober entschädigt werden? Wie wir hören, soll demnächst die wohlriechende Bude wieder aufgemacht und unter der Firma„Nationaldemokrat" der alte Schwindel weiter betrieben werden._ Zur Reichstagswahl.; In den sechs Berliiier-Neichsiagswahlkreisen find unter dem Sammelnamen„Vereinigte nationale Parteien Berlins" folgende Kandidaten aufgestellt: � Im ersten Berliner Reichstagswahlkreise der Gaüvorsteher des Deutschnationalcn HandlungSgehilfenverbandes, Kaufmann Oskar Thomas(deutschsozial); im zweiten Wahl» kreise der Rentner Mechelke, zweiter Vorsitzender dcS Zentral- Vereins der Konservativen vor dem Potsdamer Tor(konservativ); im dritten Wahlkreise der Lizentiat Mumm(christlichsozial); im vierten Wahlkreise der Arbcitersekretär und Reichstagsabgeordirete Behrens(christlichsozial); im fünften Wahlkreise der Werk- meister Hürtgen(deutschsozial), und im sechsten Wahlkreise der Provinzialschulsekrctär Huick, der bisherige erste Vorsitzende des Bundes der Festbesoldeten(konservativ). „ Liebernianp von. Sonnenberg.' ist am Montagabend im Alter von 6A Jahren in einem Sana» torium in Schlachtcnsee bei Berlin gestorben. Der Verstorbene war einer der ältesten und jedenfalls der bekannteste der an-tif-emitischen Demagogen.� In ihm, dem ehe- maligen Offizier, verkörperte sich der erzreaktionäre Charakter der antisemitischen BSvegung, deren sonstige Koryphäe» gerv/ wenigstens vorübergehend, demokratische Muren Zur Schall trugen. Liebcrmann v. Sonnenberg gehörte zu den Mit- gliedern der Deutsch-sozialen- Partei. Als Parlamentarier suchte er seine stockkonservativen Ansichten durch drastischen Witz genießbarer zu machen. Dem Reichstag gehörte der Verstorbene seit 1890 am Er vertrat den Wahlkreis Fritzlar-Homburg-Ziegenhain. Landtagswahlen in Schaumburg-Lippe. In dem kleinsten deutschen Staate, in dem vorwiegend ländlichen Schaumburg-Lippe. ist am Sonnabend ein neuer Landtag gewählt worden,, und das Ergebnis ist auch hier eine starke Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen, die Wahl zweier Genaiftn im ersten Wahlgange und Stichwahl für zwei weitere, die vielleicht beide noch gewählt werden, wenn der aufopferungsvolle Eifer unserer Freunde nicht erlahmt. Im alten>LanVtage hatten wir nur eiiren Vertreter. Die genauen Stimmenzahlen sind noch nicht bekannr, es ist aber sicher, dast die S&7 Stimmen, die wir vor sechs Jahren erreichten, mehr als verdoppelt worden sind. Dieser Erfolg im Stäichen Schaumburg-Lippe ist um so höher zu werten, als er in einem Kreise errungen werden konnte, der fiir ge?- wöhnlich als schwer zu beackerndes Feld gilt. Wohl in keinem deutschen Staate ist der Dürchschnittsbctrag der Sparkasseneinlagen. auf den Kopf berechnet, höher als hier, und unzählige bürgerliche Skribenten haben seither schon das Ländchen des Hunderte von Millionen schweren schaumburgischen Fürsten als einen geradezu idealen Landsitz mit unzufriedenen Landleuten in freundlichen Idyllen gepriesen. Ganz so schlimm war und ist es nun allerdings nicht, uns wer neben dürftige» ländlichen Existenzen proletarisches Elend sehen wollte, der brauchte überall, besonders aber in den staatlichen Bergwerksbezirken nur die Augen aufzumachen. Trotz des immensen fürstlichen Reichtums fliesten die Zuschüsse des .Landesherrn" zu den Staatslasten nur spärlich; besteuert wird bei den„kontribuablen Untertanen" aber schon ein Einkommey von 300 M. Der jetzige Fürst„regiert" seine 46 028„Untertanen* übrigens erst seit April dieses Jahres. Er wird sich sagen müssen x Das fängt gut an! und bei Wilhelm II, dessen Vorliebe für die „rührende Unlertanentreue" der schaumburg-lippischen„Landeskinder? bei der silbernen Hochzeit des kürzlich verstorbenen alten Fürsten zum Ausdruck kam, werden sich ähnliche Gedanken regen. Das schaumburg-lippcsche Wahlgesetz stammt aus dem Jahre 186� wo es den Abschluß eines auf die 48er Wirren. zurückgehenden Konfliktes bildete. Es ist nicht so rückständig, wie das preußische, denn es hat wenigstens für den größten Teil der Abgeordneten allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen. Zwei von de» 15 Abgeordneten ernennt der Fürst; sie siixd„Vertreter des Domanias- gründ'oesi'tzes"— über �/,o der gesamten Waldungen sind fürstlicher Hausbesitz I Den dritten Abgeordneten bestimmt die Ritterschaft, die Ueberbleibsel der früher steuerfreien anmaßenden„Eximierten". Schließlich wählen noch je einen Vertreter die Geistlichkeit und die „studierten Leute", d. h.— natürlich I— soweit fie staatlich abgestempelt sind. Die anderen 10 Abgeordneten gehen aus den all- gemeinen Wahlen der Bevölkerung hervor, und zwar sind dafür 10 Bezirke gebildet. Das Ergebnis der Wahlen bedeutet einen guten Auftakt für die ReichstagSwahl. 1907 wurde der Reichsparteiler Brunstermann in der Stichwahl mit 5049 gegen 6285 Stimmen, die auf unseren ver- storbenen Genossen Klingcnhagen fielen, gewählt. Seit 1890 sind unsere Stimmen in diesem kleinsten deutschen Reichstagswahlkreise wie folgt gestiegen: 1390 1110, 1893 1304. 1398 1237, 1902 1634. 1903 2310, 1907 2663.__ Die Nutznießer der Hungersnot. Allerorten seufzt das Volk— Arbeiter, kleine Beamte, mittlere uud kleine Bürger— unter den schier unerschwinglichen Nahrungs- mittelpreisen. Gewisse Produkte sind schon heute ihrer Preislage nach auf die Stufe der für den kleinen Mann unzugänglichen Delikatessen, aufgerückt. Und dabei ist in der Preissteigerung noch tcin Ende abzusehen! Es erscheint unter diesen Umständen angebracht, die von der Teuerung betroffene Menschheit auf die Glücklichen hinzuweisen, die aus der herrschenden Misere goldene Gewinne ziehen: auf den Großgrundbesitz, dessen Güter unverhältnismähig im Werte gestiegen sind. Dafür wieder ein charakteristisches Beispiel: Dieser Tage ging das Gut Ntsbill bei Warin in M/ecklenburg in andere Hunde über. Der neue Besitzer hat für die Besitzung 450 000 M. bezahlt. Der bisherige Eigentümer hatte es seiner- zeit für 255 000 Wi. gekauftl Dgß der neue Besitzer auch bei dem gezahlten Preise auf seine Rechnung zu kommen hofft, geht daraus hervor, dast er nicht ewa ein Neuling in der Landwirtschaft ist, sondern bereits zwei andere große Güter in Mecklenburg(Hafen- Winkel und Bilow) besitzt und bewirtschaftet. Fürwahr, der Hunger des Volkes trägt goldene Prozente. Oesterrelcki. Prinzipielle Bürgerliche. Prag, 16. September. In der heutigen Sitzung des deutschen Landtagsverbandes wurde der Abg. Wüst auf Antrag der Deutsch- radikalen aus dem Verbände wegen Wahlkompromiffes m it den Sozialdemokraten ausgeschlossen. Der Ver- band beschloß, der- Pcrmänenzerklärung der nätiönalpylftischen Kommission und der Schulkommission zuzustimmen. Dadurch er- scheint die Session des böhmischen LandlSgeS ge- sichert. ßolland. ParlamentSeröffnung ohne Königin. DaS der holländischen Regierung nahestehende Blatt.Maasbode* teilt mit, daß die Königin der Eröffnung der Kammer fernbleiben werde und bemerkt dazu:„Die Gründe liegen auf der Hand; sie sind in der Aktion der Sozialisten zu suchen". Der'Ent- schluß der Königin ist ganz verständig und auch nicht gerade zu verwerfen. Man plante nämlich in reaktionären Kreisen eine Gegen dem o>, st r a t i o n gegen die Wählrechtsdemonstration dei� Volles. Man wollte den hunderttausendfältigen Schrei nach dem allgemeinen gleichen Wahlrecht mit Hochrufen auf die Königin be- antworten, um so die Trägerin der Krone vor den Wagen dep Reaktion zu spännen. DaS wird sich' nun nicht gut machen lassen) da die Königin zuhause bleibt und uicht in ihrem Prunlwagen nach dem Binnenhof zieht, sondern von vornherein. die Straßen frei läßt für die Wahlrechtsdemonstranten. Finnland. Die Protestbewegung. HelstngforS, 17. September. Sozialistische Versamm- lungen in TammerforS und St. Michel haben einstimmig eine Protestresolution gegen die Einverleibung der beiden Kirchspiele des Gouvernements Viborg angenommen. Die Polizei hat keinen Anlaß zum Eingreifen gehabt. ?Zmeri«a. Die Schicdsgerichtsfrage. , Erie. 17. September. In einer gestern gehaltenen Rede er- klarte Präsident Taft in bczug auf die Schiedsgerichts- Verträge, wenn der Kongreß es für gefährlich halte, die Er- nennung der amerikanischen Mitglieder der gemischten Kommission dem Präsidenten allein zu überlassen, so könne dem Senat ja das B e st ä t i g u n g s r e ch t gegeben werden. Er sei aber auch bereit, die gemischte Kommission ganz fortfallen zu lassen und die Entscheidung der Frage, ob eine Angelegenheit schiedsgerichtlich er- lcdigt werden könne, einem Schiedsgerichtshof zu über- tragen. Ebenso sei er damit einverstanden, eben diesem Gerichtshof nicht nur diese Entscheidung, sondern auch die Entscheidung des Streitfalles selbst' zu überlassen. GewerhlcbaftUchee. 170 Mlttonen JMarh Lohnvcrluft, Wie die„Bergarbeitcrzeitung" feststellt, haben die Berg- arbeiter Preußens vom 1. Vierteljahr 1908 bis einschließlich zum 2. Vierteljahr 1911, also in Z'/z Jahren, durch Lohn- Herabsetzungen die Summe von 170 808 912 Mark Lohnverlust erlitten. Dabei sind nicht einmal die Verluste eingerechnet, die durch die vielen Feierschichten entstanden sind. Das einzigste Revier, wo die Löhne noch höher stehen, ist im Haller und Clausthaler Salz- und im Mansfelder Erzbergbau als im 1. Vierteljahr 1907. In allen anderen Revieren stehen sie bedeutend niedriger; im Ruhrrevier pro Schicht um 33 Pf. (6,6 Proz.), in Obcrschlesien um 9 Pf.(2,5 Proz.), in Nieder- schlesien um 12 Pf.(3.5 Proz.), im Saarrevier um 6 Pf. (1.4 Proz.), im Aachener Revier um 13 Pf.(2.8 Proz.). im Haller Braunkohlenrevier um 1 Pf.(0.3 Proz.), im Siegener Erzbergbau um 43 Pf.(9.9 Proz.). im Nassauer Erzbergbau um 29 Pf.(7,9 Proz.). In fünf Revieren sind die Löhne gegen das Vorquartal gesunken. Und das bei den ungeheuer steigenden Lebensmittelpreisen. Berlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Otto H a h n d e l u. Co.. Warschauer Straße, sieben die Kollegen im Streik. Der Grund ist die äußerst niedrige Bezahlung. Die Stundenlöhne bewegen sich für gelernte Leute zwischen 45 bis 60 Pf. Den Höchstlohn hat je- doch nur ein einziger. Für Ungelernte beträgt der Lohn bedeutend weniger, bis hinab zu 25 Pf. pro Stunde. Die dort Beschäftigten forderten nun durch eine Kommission Aufbesserung ihrer Löhne, was dem Einzelnen stets abgeschlagen wurde. Der Mitinhaber der Firma, Herr Cohn, bezeichnete den Vertretern der Organisationen (Metallarbeiterverband und Gewerkverein) gegenüber die geforderten Anfangslöhne von 50 Pf. pro Stunde für Schlosser und Dreher als den„Gipfel der Unverschämtheit'. Die Firma beschäftigt übrigens bei 23 Gesellen 17 Lehrlinge. Eltern, welche ihre Söhne in einem solchen Betriebe lernen lassen, sind wahrlich nicht zu beneiden. Die Streikenden find fest entschlossen, die Verhältnisse in diefem Betriebe unbedingt zu bessern. Sie ersuchen, den Zuzug nach dem Betriebe fernzuhalten. Der Betrieb ist für Metallarbeiter aller Branchen gesperrt. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Zur Tarifbewegung der Zigarrenarbeiter. Die Stellungnahme einiger Fabrikanten gegenüber den so billigen Forderungen des Lohntarifs der Zigarrenarbeiter erhellt so recht deutlich ein Schreiben des Syndikus der Vereinigung aller Tabakinteressenten Deutschlands, wie er sich nennt, des Herrn Dr. Jonas. Besagte Fabrikanten, die sich bescheidentlich unter dem Mantel des Herrn Syndikus verstecken, ließen der Ortsverwaltung, nach- dem ihnen die Tarifforderungen der Zigarrenarbeiter zugestellt Worden waren, folgende Antwort zukommen: Berlin, den 6. September 1911. An die Ortsverwaltung des Deutschen Tabakarbeiterverbandes Berlin, Gr. Hamburger Str. 18/19. Auf Ihr an verschiedene Berliner Fabrikantensirmen ge- richtetes Schreiben teile ich Ihnen erg. mit, daß sich heute eine Gruppe der Berliner Zigarrenfabrikanten organisiert hat, welche sofort ihren Beitritt zum Arbeitgeberbunde der deutschen Zigarrenindustrie angemeldet hat. Die zusammengeschlossenen Berliner Zigarrenfabrikanten er- klären folgendes: 1. Sie betrachten in Rücksicht auf die allgemeine schlechte Geschäftslage in der Branche den augenblicklichen Zeitpunkt als für eine Lohnbewegung denkbar ungünstig gewählt. 2. Sie sind trotzdem bereit, etwaige Wünsche von ihren eigenen Arbeitern entgegenzunehmen und diesen nach Möglichkeit gerecht zu werden; sie lehnen es aber ab, mit irgendwelchen Ver- bänden oder anderen Organisationen in Verhandlung zu treten. Hochachtungsvoll I. A.: Fr. Jonas, Syndikus der Vereinigung aller Tabakmteressenten Deutschlands. Auf die Anfrage der Ortsverwaltung, wer denn eigentlich von den Fabrikanten zu der in Frage kommenden Gruppe gehöre, teilte der Syndikus Herr Dr. Jonas folgendes mit: den 8. September 1911. Herrn Alwin Schulze chier. Sehr geehrter Herr! Auf Ihr gefl. Schreiben vom heutigen Tage teile ich Ihnen ergebenst mit, daß ich zu meinem Bedauern nicht berechtigt bin, Ihnen weitere Aufklärung zu geben. Hochachtend Fr. Jonas, Syndikus. Aus diefem artigen Vcrsteckspiel ist erstens zu entnehmen, daß die Fabrikanten den Herr-im-Hause-Standpunkt auch in diesem Falle einnehmen wollen. Da aber Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist. hüllen sie sich auf Anfrage in Anonymität. Dies ganze Verhalten ist direkt widersinnig. Man soll sich also in diesem Falle an jemand nicht wenden, von dem man gar nicht weiß, wer es ist. Und auch der Zeitpunkt für eine Lohn- bewegung i st denkbar schlecht gewählt!— Natürlich, der Zeitpunkt zu einer Lohnbewegung, welcher den Fabrikanten paßt, der soll überhaupt erst noch gefunden werden; einen solchen gibt es Wohl eigentlich gar nicht. Demgegenüber müssen wir immer und immer wieder betonen, daß die elende Lage der Zigarren- arbeiter gebessert werden muß, wenn anders die Oeffentlichkeit ein Interesse an solcher Industrie überhaupt haben soll. Raucher, beachtet die im„Vorwärts" veröffentlichte Liste der tarifierten Firmen._ Bevorstehender Lohnkampf in der Geschäftsbuch- industrie Berlins. Die Verhandüingen zwischen den Vertretern der Vereinigung von Buchbindereibesitzern des Geschäftsbuchfachcs zu Berlin und den Vertretern der Arbeiterschaft dieser Branche des Buchbinder- Verbandes sind als endgültig gescheitert anzusehen. Die letzte Sitzung, in der es klar wurde, daß kaum noch irgendwelche Aus- ficht auf eine friedliche Erledigung der diesmaligen Tarif- bewegung möglich ist, fand am 12. September statt. Das Merk- würdige an den Verhandlungen war. daß sie sich diesmal nicht auf die Forderungen der Arbeitnehmer, sondern vielmehr auf die der Arbeitgeber bezogen. Ihre Vertreter erklärten auch selbst von Anfang an, daß sie in den elf Jahren, die das Tarifverhältnis in der Branche besteht, von den Arbeitern das Fordern gelernt hätten. Ihre„Forderungen" hatten die Fabrikanten nun in Form eines Tarifentwurfes vorgelegt. In der Hauptsache erstreckten sich die Verhandlungen auf die festzulegende Arbeitszeit, auf die Dauer und auf den Ablaufstermin des neuen Tarifvertrages. Was die Arbeitszeit und die Tarifdauer betrifft, kamen die Vertreter der beiden Parteien wohl auf den Weg, der zu einer Verständigung führen konnte, die Verhandlungen scheiterten jedoch an der Forde- rung der Fabrikanten, den Ablaufstermin auf den 31. Dezember 1016 festzusetzen. Sie behaupteten, daß sie eigentlich selbst bei diesem Termin die Leidtragenden seien, da gerade in den verantw. Redakt.: Richard Barth. Berlin. Inseratenteil deravtte� Monaten Januar und Februar die meiste Beschäftigung vor- handen sei. Im Jahre 1909 sind sie offenbar anderer Meinung gewesen, denn damals verlangten sie in einer Eingabe an den Bundesrat, daß ihnen für die letzten drei Monate im Jahre das Recht eines Saisongewerbes eingeräumt werden möge, die Arbeitszeit der Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter länger auszudehnen, als es im allgemeinen zulässig ist. Die Arbeitnehmer sind aber noch jetzt der Meinung, daß das letzte Vierteljahr die beste Geschäftszeit der Geschäftsbuchindustrie Berlins ist, und hielten deshalb an dem alten Ablaufstermin, den 30. September, fest. Aber die Fabrikanten wollten mit aller Gewalt die„Leid- tragenden" sein und erklärten, daß sie an dieser Frage die Ver- Handlungen scheitern lassen müßten. Erkläre sich die bevorstehende Versammlung der Arbeitnehmer nicht mit dem 31. Dezember ein- verstanden, dann seien weitere Verhandlungen gänzlich zwecklos. Im übrigen hatten die Fabrikanten hierzu noch eine Ausnahme- bestimmung vorgeschlagen, wonach die Tarifkündigung auch am 31. Dezember 1915 zulässig sein und der Tarifvertrag in diesem Fall am 3 0. Juni 1916 ablaufen sollte, das heißt am selben Datum, wo in Berlin, Leipzig und Stuttgart der allgemeine Buchbindertarif und nebenbei auch der im vorigen Jahre ab- geschlossene Tarifvertrag der Geschäftsbuchbranche in Hannover abläuft. Der Zweck einer solchen Ausnahmebestimmung war ja von vornherein klar: die Unternehmer wollten sich die Gelegen- heit schaffen, den Buchbinderverband im Sommer 1916 vor einen möglichst großen Kampf zu stellen. Die Vertreter der Fabrikanten verzichteten allerdings im Laufe der Verhandlungen auf jene Ausnahmebestimmung. Ihr Tarifentwurf enthält aber ferner in den Bestimmungen über die M i n i m a l l ö h n e für einzelne Gruppen statt Lohnerhöhungen, wie sie doch bei der steigenden Teuerung dringend notwendig erscheinen müßten, Lohnherab- s e tz u n g e n bis zu 50 Pf. die Woche, für andere Gruppen allerdings auch Lohnzulagen, die aber sehr gering sind. Die Fabrikanten schlagen auch eine Revision der Akkordtarife vor, und zwar unter der Bedingung, daß Preiserhöhung nur für die Ar- beiten verlangt werden kann, bei denen es nicht möglich ist, 10 Proz. über den Minimallohn oder 60 Pf. für Arbeiter, 40 Pf. für Arbeiterinnen zu verdienen, und daß andererseits von den Fabrikanten Preisherabsetzungen nur verlangt werden können, wenn mehr als 75 Pf. oder, von Arbeiterinnen, mehr als 50 Pf. die Stunde verdient werden. Diese Sätze sollen also offenbar als das Höchste gelten, was bei Anspannung aller Kräfte verdient werden darf. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Geschäftsbuchbranche hatten sich am Freitagabend außerordentlich zahlreich in den Musikersälen versammelt, um den Bericht vom Scheitern der Tarisverhandlungen entgegenzunehmen. Der Referent Klar berichtete rein sachlich, wie die Verhandlungen verlaufen waren, und überließ es gänzlich der Versammlung, die Lage zu beurteilen und die Entscheidung zu treffen, machte aber darauf aufmerksam, daß es bei Ablehnung des von den Fabrikanten verlangten Ab- laufstermins nicht möglich sein werde, auf friedlichem Wege zu einem annehmbaren Tarifvertrag zu kommen.— In der lebhaften Diskussion sprachen alle Redner sich entschieden für Ab- lehnung der Arbeitgeberforderung aus, und auch im übrigen trat eine starke Empörung über die Tarifvorschläge der Fabrikanten zutage. Einstimmig nahm die Versammlung eine Resolution an, in der sie erklärt, an dem 30. September als Ablaufstermin unter allen Ilmständen festzuhalten. Sie fordert die Kommission auf, die zur Führung des Kampfes geeigneten Schritte zu unter- nehmen.— Im zweiten Punkt der Tagesordnung, Stellungnahme zur gegenwärtigen Situation, der ja eigentlich schon durch die Annahme der Resolution erledigt war, gab Klar bekannt, daß die Branchenlcitung schon über die notwendigen Maßnahmen einig sei und rechtzeitig damit hervortreten werde.— Sodann hielt der Verbandsvorsitzende Kloth eine Ansprache und führte untxr anderem aus, daß der Verbandsvorstand mit dem Vorgehen der Branche durchaus ein" verstanden sei. Wenn auch das Bestreben des Verbands- Vorstandes immer darauf gerichtet sei, wenn irgend möglich auf 'riedlichem Wege zu den notwendigen Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu kommen, so habe sich doch hier in diesem Falle gezeigt, und zwar von Anfang an, daß die Fabrikanten der Äeschäftsbuchbranche nicht dafür zu haben sind, so daß der Kampf unvermeidlich würde. Ter Streik bei der Firma Carl Stiller, SchuhwarenhauS. Je» rufalemer Straße 38/39, dauert unverändert fort, obgleich den Streikenden bei Ausübung ihres Amtes die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Die Stimmung ist eine ganz vorzüg- liche und halten alle fest zusammen. Die Firma Stiller ver- harrt, wie aus dem nachstehenden Schreiben hervorgeht, nach wie vor auf ihrem Standpunkt und lehnt jede Verhandlung mit den Or- ganisationsvcrtrctern ab. Nachdem tclephonisch bei der Firma an. gefragt worden war, ob sie zu Verhandlungen zwecks Beilegung der Differenzen bereit sei, dieses aber zurückgewiesen war mit dem Bemerken:„Ich verhandle nicht. Uebrigens hat mir die Polizei den weitesten Schutz zugesagt," hat die VcrbandSleitung der Firma 'olgendes Schreiben zugehen lassen. Berlin 80. 16. den 15. 9. 1911. Titl. Schuhwarenhaus Carl Stiller, hier C, Jerusalemer Straße 38/39. Wie'bekannt, befinden sich die Hausdiener Ihrer werten Firma seit Anfang dieser Woche in dem Ausstand, der weder im Interesse der Hausdiener noch im Interesse Ihres Betriebes liegen kann. Im Gegenteil hat dieser Zustand Unzuträglichkeiten für beide Teile mit sich gebracht. Die Wünsche der Hausdiener, ihnen in Rücksicht auf die herrschenden Teuerungsverhältnisse eine entsprechende Lohnzulage zu gewähren, wird jeder mit den Ver. Hältnissen halbwegs Vertraute als berechtigt anerkennen müssen; dies um so mehr, als die von Ihnen bis dato gezahlten Löhne größtenteils nicht als zureichend bezeichnet werden können.� Wir bedauern lebhaft, daß es zu einer Einigung bezüglich der Kautionsfrage nicht gekommen ist, und die Hausdiener zum äußersten Mittel greifen mußten. Was die Stellung einer Kaution anbetrifft, gestatten wir uns zu bemerken, daß die Hausdiener in Rücksicht auf die ganzen Verhältnisse keineswegs in der Lage waren, Ersparnisse zu machen und die von Ihnen gewünschte Kaution sofort zu stelle«. Wenn Sie nun auf der anderen Seite in Rücksicht auf die Verhältnisse die Kaution nach und nach vom Lohn in Abzug bringen wollten, so ist dies eben- falls eine Zumutung, auf die die Hausdiener bei ihrem Lohn, den Sie den betreffenden zahlen, mit dem besten Willen nicht eingehen können. Wir lasen nun heute Ihre Richtigstellung, welche Sie in Gestalt einer Annonce im„Vorwärts" aufgegeben haben, aus der zu entnehmen ist. daß Sie auf dem Standpunkt stehen, daß mit Ihren Hausdienern Lohndifferenzen nicht bestehen, resp. de. standen haben, was unseres Erachtcns durchaus unzutreffend ist. Vielmehr steht die Erledigung der Kautionsfrage mit der Lohn. differenz im engsten Zusammenhange. Wir nehmen nach Loge der Verhältnisse an, daß es in beider- seitigem Interesse liegt, wenn eine Einigung mit den Haus- dienern herbeigeführt wird. Es wäre uns sehr angenehm, wenn Sie dem Unterzeichneten recht bald Gelegenheit zu einer dies- bezüglichen Aussprache mit Ihnen geben würden. Ihren diesbezüglich geschätzte» Bescheid erwartend zeichnet mit Hochachtung Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirk Groß-Berlin. Die Antwort des Herrn Stiller lautet: Ich lehne es ab, in irgend welche Verhandlungen mit Ihnen zu treten. Die Firma Stiller glaubt wegen verschiedener Vorkommnisse unter allen Umständen eine Kaution von ihren Hausdienern verlangen zu müssen. Ferner legt die Firma Stiller großen Wert auf die angeblich bedeutenden Trinkgelder, welche die Hausdiener von der Kundschaft erhalten sollen, und sucht die wöchentlichen Lohnabzüge von 2 M. hiermit zu rechtfertigen. Tb. Glocke. Berliv. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Berlagsanstalt~ Die zur Arbeitsniederlegung getriebenen Hausdiener, Rad» fahrer usw. ersuchen die Arbeiterschaft um strengste Solidarität, Die Firma Karl Stiller ist für Hausdiener usw. gesperrt. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Achtung, Töpfer! Wegen Lohnausfall verhängen wir hiermit über die Firma Hermann Graf und Eduard Groß, Tegel, Schul- straße 12, die Sperre. In Frage kommen die Bauten Borsigwalde, Hempelstraße. Die Verbandsleitung. Achtung, Flcischergcsellen. Die Differenzen mit der Firma Paul Z wa rg, Landsberger Allee 136, sind beigelegt; die Firma hat den Tarifvertrag anerkannt. Ferner hat der Fleischermeister G. Mühlenhaupt, Charlottenburg, Osnabrücker Straße 3, den Tarifvertrag anerkannt. Die Differenzen mit der Firma G. Schmidt, Zimmerstr. 57, sind noch nicht beigelegt; ferner besteht die Sperre über die Firma Frz. Pogorzelsky weiter. Es wird ersucht, bei den beiden letzten Firmen keine Arbeit anzunehmen. Zentralverband der Fleischer. Ortsverwaltung Berlin. oeutfckes Rcieb. Achtung, Metallarbeiter l Wir ersuchen, Offenbach a. M. wegen Streiks zu meiden. Deutscher Metallarbeiter-Verband, Ortsverwaltung Berlin. IrCtztc IVacfwichtcn« Die revolutionäre Bewegung in Spanien, Madrid, 18. September. Das Ministerium des Innern veröffentlicht eine Note, in der es heißt, die Regierung habe aus Barcelona Nachrichten über einen Plan der Revo- lutionäre erhalten, dessen Ausführung einem aus Spaniern und Ausländern zusammengesetzten Anarchisten- Komitee(?) übertragen worden sei. Nachdem das Komitee den Generalstreik beschlossen, habe es Vorbereitungen zur Zerstörung der Telegraphen-, Tele- phon- und Eisenbahnlinien sowie zur Ar- beitseiustellung in den Druckereien gc- troffen. Um das Erscheinen der Zeitungen zu verhindern, habe das Komitee die Verleger. Redakteure und Drucker der Blätter eingeschüchtert, aber das Einschreiten des Gouverneurs, der die Blätter durch die Polizei schützen ließ, habe den Ver- such zum Scheitern gebracht. Die Note fügt hinzu, daß die Mitglieder des revolutionären Komitees bis auf drei ver- haftet wurden, und schließt mit dem Bemerken, die Re- volutionäre wollen den Generalstreik nicht als Mittel, um zu- gunsten der Arbeiter zu protestieren, sondern einzig«nd allein um Unruhen hervorzurufen. Die Ausbreitung des AuSstuudeS. Madrid, 18. September. Der König hat seine Abreise auf unbestimmte Zeit verschoben. In Bilbao und Sara- g 0 s s a herrscht der Generalaus st and, in Huelva, Cadix, Valencia, Sevilla und Gijün sind die Arbeiter zum Teil in den Ausstand getreten. Der allgemeine Ausstand Wird auch noch in Barcelona, Ferrol, Valencia und Gijön be- fürchtet. In Barcelona sind heute früh drei Zeitungen nicht erschienen. In Saragossa mußte die Polizei zu wiederholten Malen einschreiten. Generalstreik und Standrecht in Valencia. Madrid, 18. September. Amtlich wird gemeldet, daß in Valencia der General st rcik unter rcvo- lutionären Erscheinungen ausgebrochen und daS Standrecht verhängt worden ist. Es ist zu schweren Ruhestörungen gekommen. Die Telegraphendrähte sind zer» schnitten worden. Die Stadt ist militärisch besetzt. Straßcukäinpfe in Saragossa. Madrid, 18. September. Au-Z Saragossa wird gemeldet: daß die Ausschreitungen von gestern abend außer» ordentlich ernst waren. ES kam wiederholt zu Zusammen» st ö ß en. Beim Verlassen einer Versammlung riefen die Teilnehmer, Hoch die Revolution! und schössen auf die Zivilgarde. Die Garde erwiderte mit einer Salve. Auf dem Platze blieben ein Toter und fünf Verwundete. Neuer Eisenbahnerstreik in England. London, 18. September. Die Greatsouthern-Bahn von Irland hat sich genötigt gesehen, heute den Lokalver- kehr einzustellen. Auf der Hauptlinie wird der Be- trieb ziemlich gut aufrecht erhalten. Bei Thurles wurden gesöern nacht zwei Schüsse auf einen Signalbeamten av- gegeben, der sich weigerte, zu streiken. Der Postzug von Dublin nach Cork wurde um Mitternacht bei Thurles a n- gegriffen: der Lokomotivführer, der Heizer und die Zug- begleitung wurden mit Steinen beworfen. Der Bahiwerkehr zwischen Dublin und London über Roßlare und Fishguard ist eingestellt. Heute nacht wird in Dublin eine General- Versammlung der irischen Bahn-bedien st e- t e n abgehalten inerden, in der beraten werden wird, ob der nationale Streik erklärt werden soll wegen der Hartnäckigkeit der Direktoren, welche sich weigern, den Forde- rungen der Arbeiter entgegenzukommen. London, 18. September.(W. T. B.) Der Ausstand der Eisenbahner in Irland hat sich jetzt auch auf Q u e e n t- st 0 w n ausgedehnt, wo die Lage als eine sehr ernste ange- sehen wird, da die Postsachen aus Amerika dort an Land ge- schafft werden._ Schiffsunfälle. Memel, 18. September.(W. T.-B.) Ein heute früh mit den Fischern Heinrich, Michel und Johann Jaudzime zum Flunderfang in See gegangener Motorkutter(Bommelwitter) ist heute nachmittag gegen vier Uhr vier Seemeilen von Memel im Sturm auf See gekentert und gesunken. Von den Insassen sind Hein- rich und Michel Jaudzime ertrunken, während Johann I. von einem die Unfallstelle passierenden anderen Motorkutter gc- rettet werden konnte. Das Unglück ist, wie angenommen wird. darauf zurückzuführen, daß der Kutter zu wenig Ballast an Bord hatte. Philadelphia, 18. September.(W. T.-B.) Ein Schlepp- Kämpfer ist mit einer Pinasse des Kreuzers„Bremen" zu- sammcngestohen. Der Matrose Theo Eichborn ist dabei er» trunken. Eclbstmord eines Notars. Wittenberg» 18. September.(W. T.-B.) Der Rechtsantvalt und Notar K a r b e hat fich kurz vor seiner Verhaftung erschossen. (Siehe AnS aller Welt.) Grossfcuer. Saalfeld, 13. September.(B. H.) Die Nähmaschincnfabrik Richard Knoch ist heute nacht niedergebrannt. Ucber hundert Ar. bciter werden dadurch arbeitslos.__ DaulSiiMrLCo..BerlinLVV. Hierzu 3 Beilagen u.UntcrhaltungSbl. Nr. AS. 28. IahOllg. t Stillige Ks.lorniirts" Derlim MM Me««laz,lS.ZtpteOnlM Sie ürdeikloievlrsge auf clem Seuticheo Stäcktetag in Polen. Bei den letzten Beratungen über die von den sozialdemokra- tischen Gemeindevertreiern Grotz-Berlins gestellten Anträgen betr. Arbeitslosensürsorge über den Rahmen der bisher üblichen kommu- nalen Maßnahmen hinaus wurde von bürgerlicher Seite immer wieder auf den bevorstehenden Deutschen Städtetag hingewiesen, auf dessen Tagesordnung diese Angelegenheit gesetzt werden solle. Auf dem vorgeschlagenen Wege, Gelder aus öffentlichen Mitteln für olesen Zweck zur Verfügung zu stellen, könne nicht weitergeschritten werden, bevor sich die Vertreter der gesamten deutschen Städte damit be- faßt haben. Das ist nun auf dem 3. Deutschen'Städtetag in Posen am 11. September d. I. geschehen. Von nahezu 400 Vertretern waren 13 sozialdemokratische, und zwar 3 aus Berlin, je 1 aus Lichtenberg, Schöneberg, Charlotten- bürg, Stettin, Leipzig, Dresden, Magdeburg. Frankfurt a. M., Mannheim und Karlsruhe. Nur 7 hatten Stimmrecht, die übrigen waren als Gastteilnehmer entsandt, wohl im besonderen wegen des Punktes:„Stellungnahme zur Frage der Arbeitslosenversicherung". Ter Deutsche Städtetag sollte also gewissermaßen deklarieren, ob in dieser so hochwichtigen Frage fortgetvurstelt oder in anderer, sozialpolitisch weitsichtigeren Weise die Arbeitslosenfürsorge betrieben werden müsse; ob das Prinzip der Wohltätigkeit, der armenrechtliche Charakter hei der von der Kommune geleisteten Geldunterstützung ausrecht zu erhalten oder das Recht auf Unterstützung im Geiste einer gesunden Aroeitcrschutzgesetzgebung zu fordern sei. In den dem Deutschen Städletag unterbreiteten Thesen(siehe Nr. 214 des„Vorwärts", 3. Beilage) ist davon so gut wie nichts enthalten, ja von weitgehenden Verpflichtungen der Kommune ist überhaupt nicht die Rede. Und doch mußte unseres Erachtens fördernd gewirkt werden nach all den trüben Erfahrungen im Reiche, im besonderen aber in Preußen, dem ausschlaggebenden Bundesstaate, wo an einen ernsthaften Vorstoß auf diesem Gebiete nicht zu denken ist. Hat doch der Ministerpräsident v. B e t h mann H o I l w e g, der jetzige Reichskanzler, unlängst erst eine Ar beitslosenversicherung glatt abgelehnt. Es war das Bestreben des ersten Referenten zu diesem Punkt der Tagesordnung auf dem Deutschen Städtetag, des Oberbürger- meisters von Mln W a l ra f, in der objektivsten Weise und von einem höheren sozialpolitischen Gesichtspunkte aus diese Frage zu behandeln, ohne seine Objektivität besonders hervorzuheben. Ganz entgegengesetzt der zweite Referent, Oberbürgermeister Dr. A d i ck e s- Frankfurt a. M. Er betonte, objektiv sein zu wollen, seine Objektivität ging aber flöten, als er von sozialistischen Irrlehren sprach: daß die Arbeitslosigkeit keine Eigentümlichkeit des kapitalistischen Zeitalters, wie Marx behauptet— was gar nicht zutrifft, man lese nur sein Kapitel über die industrielle Reserve� armee—, sondern die klimatischen Verhältnisse seien ausschlag gebend, und darum sollte den Bauarbeitern, die infolge der Witte. rung im Winter ihrem Berufe nicht nachgehen können, Gelegenheit zum Verrichten anderer Arbeit- gegeben werden. Daß damit— und besonders in Krisenzeiten— anderen vielleicht noch weit be- dürftigeren ungelernten uitd Gelegenheitsarbeitern Arbeit und Verdienst genommen wird, bedachte der Referent nicht. Er trat ferner ganz in die Fußtapfen eines unserer Hauptwidersachcr in dieser Frage, des Berliner Stadtrats Fischbeck, und vertrat den StandpunÜ, daß den freien Gewerkschaften, solange sie sozialdemo- kratische Tendenzen verfolgen, öffentliche Mittel nicht zur Vcr- fügung gestellt werden könnten, die ja doch nur zu Agitations- zwecken verwendet würden. Uebcrhaupt habe niemand ein Recht auf Arbeit in der Kommune, und eine dauernde Unterstützung an Arbeitslose bedeute einen Umsturz der wirtschaftlichen Ordnung I Wie klein, wie winzig klein wurde damit dieser einstige hofst nungerweckende„liberale" Sozialpolitiker, aber er denkt Wohl durch derartige reaktionäre Allüren„oben" sich am besten in empfehlende Erinnerung zu bringen. Aber er ist damit zugleich der beste Jnter. pret der übergroßen Mehrheit des Bürgertums in den kommunalen Körperschaften, darum wurde ihm auch stürn)ischcr, langandaucrn- der Beifall am Schlüsse seiner Ausführungen zuteil. Im Bericht des„Vorwärts" vom 14. d. M.(Nr. 215, 3. Bei läge) über den Städtctag fehlt aus bedauerlichen Umständen die Tatsache, daß in der Diskussion auch unsere Genossen dcmgcgen über ihren Standpunkt bezw. den der klassenbewußten Arbeiter schaft mit aller Deutlichkeit vertraten, und zwar die Genossen D u p o n t- Berlin, D ü w e l l- Lichtenherg, H ü t t m a n n- Frank- furt a. M. und B u ck- Dresden. Geiwsse Düwell rollte in einer großzügigen Rede die Arbeitsloscnfrage von unserem Volkswirt- fchafrlichen Standpunkte aus auf, damit Herrn Dr. Adickes auf seine Jrrlehren-Anrcmpelungen treffend dienend. Von Düwell kleines feuilleton- Theater. Kgl. Schauspielhaus:«Penthesilea', Trauerspiel von Heinrich von K l e i st. Der Zufall fügt es. daß dieses seltsainste der Kleistschcn Dramen jetzt, hundert Jahre nach des Dichters Tode, in kurz gemessenem Abstand eine Doppelaufführung erlebt. Der Inszenierung Lindaus im Schauspielhaus folgt binnen weniger Tage die Reinhardts im Deutschen Theater, wo Gertrud Eysoldt, die berühmte Darstellerm Strindbergscher und Wcdekindscher Gestalten die Heldin spielen soll. Doch wird auf eine längere Ein- bllrgerung des Stückes in dem Repertoire wohl kaum zu rechnen sein. �So triumphierend sich die Kraft der Phantasie in der un- gestüm drängenden Bilderpracht der Sprache offenbart, der Gegen- stand, den Kleist geivählt hat, bleibt ungeachtet alles Glühens und SprühenS der Worte dem Gefühle frenid, erweckt Verwunderung statt Anteilnahme. Dem Grausigen des Schlusses fehlt die Tragik, der Eindruck einer tief im We>en menschlicher Natur verankerten Notwendigkeit. An der Spitze ihrer Amazonenscharen zieht die Königin Pcnthc- silea gen Troja, um im Kampfe wider die Griechen Gefangene— schöne Jünglinge— für die jungfräulichen Kricgerinncn zu erbeuten. Aus den Umarmungen der Ueberwundenen beim Rosenfeste soll dem Amazoncnreich ein neuer Nachwuchs wehrhafter Mädchen erstehen. Ihr lelber, der Herrscherin, hat ein Traum verkündet, daß sie den Ruhmreichsten der Hellenen, den furchtbaren Achill erobern werde. Voll glühendem Verlang?» stürzt sich die Wilde jauchzend in das Schlachtgetümmel. Bald ziehen die Griechen, bald die Jungfrauen auf die Bühne und erzählen, wie die beiden Großen, nach jeder Trennung in dem Kampfgewoge wieder -u einander strebend, sich im Kampfe messen. Endlich wirft ein Speerstoß Achills Penthesilea zu Boden. Ihr Bewußtsein schwindet, doch der Sieger, vom Reiz deö Antlitzes im Innersten ergriffen, schont ihr Leben. Er will sie heimführen als feine Königin; und er aibt sich, um die Erwachende, der die Erinnerung schwand, nicht arausam zu erschrecken, de» Schein, als sei er ihr Gefangener. In dieser Szene, da Penthesilea in traumhafter Verzückung den Er- lehnten mit Rosen kränzt und ihr Gefühl frei aus der Seele strömen läßt bildet den poetischen Gipfelpunkt des Dramas. Plötzlich— es aebl recht wunderlich in diesem Kriege zu— stürmen die Amazonen wieder vor. Penthesilea wird befreit, Achill verschwindet. Aber lie teilt nicht den Triumph und die Freude der Ihrigen. sie von dem Griechen besiegt und großmütig getäuscht wurde. t�einl sie noch nicht als tödliche Verletzung ihres Stolzes zu -mulinden Um so unverständlicher ist der jähe Umschwung zu mänadenhafterÄut. als ihr ein Herold Achills die Herausforderung zum neuen Zweikampf bringt. Warum soll dieses Anerbieten nun aus einmal und unseren übrigen Rednern wurde rund heraus erklärt, daß die� vorliegenden Thesen einen eklatanten Rückschritt in der Arbeits- losenfrage bedeuten und daß die sozialdemokratischen Vertreter in der Kommune infolgedessen um so energischer arff dem bisherigen Wege fortschreiten werden. Ten Ausführungen des Zentrumsabgeordnetcn G i e s b e r t s- M.-Gladbach und des Oberbürgermeisters von Schöneberg, Do- m i n i c u s, die sich ebenfalls gegen den Inhalt der Thesen wen- deten, konnte man im großen und ganzen zwar zustimmen, aber der Gegensatz zwischen uns und der bürgerlichen Mehrheit in der Ar- beitslosenfrage konnte nur von unseren Genossen hervorgehoben werden. Unsere Forderungen sind ja auf unseren Tagungen, auch intcr- nationalen, wiederholt formuliert worden und sie mußten auch auf dem Deutschen Städtetag vertreten werden. Vor kurzem erst be- schäftigte sich der Gewerkschaftskongreß in Dresden mit der Ar- beitslosenfrage. In der angenommenen Resolution heißt es, daß auf der bewährten Grundlage der gewerkschaftlichen Arbeitslosen- Unterstützung eine Reichs-Arbcitslosenversicherung zu organisieren ist, dergestalt, daß das Reich den Gewerkschaften einen Teil der für die Arbeitslosenfürsorge gemachten Auftvendungen zurückver- gütet, ohne sie in ihrer freien Selbstverwaltung zu beeinträchtigen. In staatlichen und gemeindlichen Zuschüssen zur gewerkschaftlichen Arbeitslosenfürsorge erkennt der Kongreß einen'gecigneten Weg zur Verallgemeinerung der öffentlichen Arbeitslosenfürsorge im Sinne einer reichseinheitlichcn Regelung. Von dem ist in den Thesen des Deutschen Städtetages nichts enthalten, der Kern ist der, daß„Experimente" nach dem Genter System sehr zweifelhafter Natur und zur Nachahmung nicht zu empfehlen seien. Und das, was in der Denkschrift der badischen Regierung— ähnlich auch in der der bayerischen— enthalten ist: „so lange nicht von Reichs wegen eine gesetzliche Regelung der Ar- bcitslosigkeit stattfindet, kann nur durch große Kommunalverbände Vorsorge getroffen werden", wird in den Thesen des Städtetages eine Verlegenheitsauskunft genannt, eine viel größere„Verlegen- heit" ist es aber, wenn man, nachdem in der ganzen.Kulturwelt die Arbeitsloscnfrage nicht nur spruchreif geworden ist, sondern zum positiven Vorgehen gedrängt hat, wovon auch der Georgesche Gesetzentwurf in England Zeugnis gibt, in den Posener Thesen nichts anderes zu empfehlen weiß, als daß Untersuchungen einzu- leiten seien, um sowohl das Versicherungsbedürfnis als die Mittel zu seiner Befriedigung für die einzelnen Gewerbe- und Arbeiter- klaffen zu ermitteln und festzustellen. Wir kehren also zum Ausgangspunkt zurück. Es werden da- mit nur den Gemeinden neue Schwierigkeiten bereitet, die in der Arbeitslosenfürsorge über das Mittel der Notstandsarbeitcn, die sich als völlig unzureichend erwiesen haben, hinausgeschritten sind. Statt Fortschritt also ein neues HemmnisI Diese Thesen zu amcndieren wäre nutzlos gewesen, denn der einzige, auch von unseren Genossen unterstützte Antrag Tominicus betr. einheitliche Organisation der paritätischen Arbeitsnachweise für ganz Deuffchland wurde nicht mal sehr freundlich ausgenommen. Es wurde erklärt: Derartige aus dem Handgelenk gestellte Anträge könne man sachlich nicht diskutieren. Die Diskussion auf diesen Städtetagen ist traditionell überhaupt eine sehr beschränkte; nur durch das Eingreifen unserer Genossen wurden die Teilnehmer des Städtetages in Posen veranlaßt, weit über die festgesetzte Tagungs- zeit hinaus sich mit einer der wichtigsten sozialpolitischen Fragen der Neuzeit zu befassen. Die Thesen wurden gegen einige Stimmen angenommen, ferner wurde einstimmig beschlossen, eine Petition im Sinne des Antrages Dominicus betr. Regelung der Arbeitsloscnversiche- rung durch Reiibsgesetz an Bundesrat und Reichstag zu entsenden. Das ist der einzige„positive" Erfolg de» Deutschen Ztädtetagcs in Posen in der Arbeitslosenfrggel Soziales. Was ist eine Versammlung unter freiem Himmel? Ein Mitglied d?? Land- und Waldarbeiterverbandes hatte im Frühjahr dieses Jahres in dem Torfe Groß-Eichholz im Kreise Beeskow durch Handzettel die Forstarbeiter zu einer Be- sprechung in eine Gastwirtschaft eingeladen. Dem als Redner be- stellten Genossen Faaß vom Landarbeitervcrband wurde nach seiner Ankunft in dem Lokal von der Wirtin bedeutet, sie'bulde nicht, daß die Besprechung in ihrem Lokal stattfinde, da sie Schwic- rigkeiten von feiten des Amtsvorstehers beftirchte. Da es dem Genossen Faaß auch nicht gelang, die Wohnstube eincS der an- wesenden Arbeiter zu der gewerkschaftlichen Besprechung einge- räumt zu bekommen, begab er sich auf den Rückweg zur Bahn- station. Auf dem Wege begleiteten ihn auf seine Aufforderung bin etwa 8— 10 der Anwesenden. Hierbei wurde den Arbeitern erklärt, daß leider eine Besprechung nicht habe stattfinden können, und es wurde die Hoffnung ausgesprochen, sich in kurzem in einer zu mietenden Wohnung treffen zu können. Verschiedene Anfragen über den eigentlichen Zweck der Besprechung wurden nebenher dahin beantwortet, daß es sich um die Gewinnung der Forstarbeiter in dem Ort für den Verband der Land- und Forstarbciter handle. Jeder bekam noch einen Beitrittsschein ausgehändigt. Dieser Vorgang führte zu einer Anklage gegen den Genossen Faa� wegen Vergehen gegen die§§ 7, 19 des Reichsvereinsgesetzes von 1908. Die Unterhaltung auf der Chaussee wurde als eine Versammlung unter freiem Himmel betrachtet, zu der keine behördliche Genehmigung eingeholt war. Das Schöffengericht in Wcndisch-Buchholz erkannte nach zweimaliger Verhandlung auf eine Geldstrafe von 50 M., trotz- dem der Vertreter der Staatsanwaltschaft Frei- sprechung beantragt hatte. Die als Zeugen geladenen Arbeiter hatten bekundet, daß etwa 8— 10 Leute den Angeklagten auf der Landstraße eingeholt und sich nur wenige Minuten mit ihm unter- halten hatten. Ter als Zeuge geladene Gendarm des Bezirks, der übrigens erst acht Tage später von dem„Vergehen" erfahren hatle, fand als fluchwürdigstes Verbrechen des Angeklagten den Umstand, daß auch Landarbeiter zu der Besprechung eingeladen waren und schmetterte mit der Wichtigkeit eines königlich preußischen beamteten Sozialistcntöters heraus:„Die Landarbeiter dürfen doch gar nicht zu einer Versammlung eingeladen werden; sie haben ja kein Koa. litionsrechtl" Als Berufungsinstanz hatte sich das Landgericht in Frankfurt a. O. dieser Tage mit dem Fall zu beschäftigen. Auch hier waren zwei Verhandlungstermine nötig, um das„Verbrechen" des Angeklagten völlig aufzuklären. Die Strafkammer kam eben- falls zu einem verurteilenden Erkenntnis, setzte jedoch die Strafe auf 10 M. herab, weil„ein Erfolg für den Verband nicht zu verzeichnen" war. In der Begründung war gesagt, daß allerdings die von einem Dritten veranstaltete Besprechung in dem Dorfkrug, bei welcher der Angeklagte als Redner auftreten sollte, nicht zustande kam. Dagegen sei di« Unterhaltung auf der Land- straße als„Versammlung unter freiem Himmel" und der Angc» klagte als deren Veranstalter zu hctrachten. Genehmigung hierzu sei nicht eingeholt und deshalb die Strafe gerechtfertigt. Wenn diese Grundsätze fernerhin bei Auslegung des Reichs- vercinsgesetzeS durch die Gerichte maßgebend werden, dann ist jede Unterhaltung zwischen mehreren Personen, die sich miteinander über die Straße bewegen, als Versammlung unter freiem Himmel zu betrachten und straffällig, wenn die Behörde nicht vorher um Er- laubnis gefragt wurde._ Internationale Tnbcrkulosc-Konferenz. Zur Beratung internationaler TubcrkuloscfragcN fand am Sonntag im JJicichstagsgcbäude unter Vorsitz von Gehcimrat B. Fränkel eine Sitzung statt. Es wurde beschlossen, die nächste internationale Tuberkulose-Konfcrenz vom 11. bis 13. April 1912 in Rom abzuhalten und in erster Linie die Fragen der Menschen- und Rindertuberkulose und der spezifischen Behandlung sowie der Be- teiNgung der Frau an der Tubcrkulose-Vckämpfung zu erörtern. Auch sollen Maßnahmen getroffen werden, das Abzeichen der Jnter. nationalen Tuberkulose-Vercinigung, das rote Doppelkreuz, gegen Mißbrauch zu schützen. Ter Vereinigung gehören zurzeit bereits 28 Länder an. Präsident ist Leon Bourgeois-PariS, Gcneralsckrc. tär Prof. Pannwitz-Berlin._ Vom Stcllcnvermittlerwescn. In zwei Fällen hatte dieser Tage das Kammergericht als höchste Instanz zu entscheiden, ob das neue Stellenvermittlergesetz vom 2. Juni 1910 Anwendung finde. In dem Prozesse gegen einen Herrn Lehman» aus Magdeburg war die Frage zu entscheiden, ob die Förderung und der Vertrieb eines sogenannten„Vakanzen- anzcigerS" als Ausübung deS Stcllenvermittlcrgewerbes anzusehen sei. Herr Lehmann hatte in Magdeburg eine Zweigstelle des von Eberle in Berlin herausgegebenen„Allgemeinen Vakanzen- anzeigers". Er wurde von der Behörde als gcwerbZiiiafjiger Stellen- Vermittler angesehen, der nach dem genannten Gesetz einer Ge- nehmigung bedürfe, und sollte sich gegen die Bestimmung dadurch vergangen haben, daß er das Gewerbe ohne die Genehmigung be» gönnen habe. Das Landgericht Magdeburg als Berufungsinstanz verurteilte ihn auch zu einer Geldstrafe. Das Kammergcricht verwarf die von Lehmann gegen dies Urteil eingelegte Revision und führte aus: Das Stellenvcrmittler- gcsetz sei mit Recht angewendet worden. Stellenvermittler im Sinne des Gesetzes sei, wer gewerbsmäßig 1. die Vcrmittclung eine schmählich niederträchtige Beschimpfung und Verrat der Liebe sein? Würde Achill, wenn er wieder Sieger bliebe, nicht in der gleichen Weise handeln wie vorher? Und welchen anderen Weg als diesen gab eS. ivenu er die Begehrte zurückgewinnen wollte. Ursache und Wirkung klaffen hier an der entscheidenden Wende des Stückes unvermittelt weit auseinander. Nicht mehr als Leidenschaft, zu der sich ein psychologisch motiviertes Enipfinden steigert, als Wahnsinn, in dem jede natürliche Regung erlischt, stellt sich PenthesilenS Rasest dar. Nur mit dem Speer beivaffiiet. in der Absicht, sich in einem Scheingefecht von der Geliebten überwältigen zu lassen, begibt Achill sich auf den Kampfplatz. Sie aber läßt die Hundemeute auf ihn loS, streckt ihn mit einem Pfeilschutz nieder und zerfleischt, weit eifernd mit den Tieren. Brust und Haupt deS Toten. So wenig wie sie. aus dem besinnungslosen Kamps der Wut erwachend, die eigene Tat in ihrer Möglichkeit versteht, so wenig hat der Dichter die Möglichkeit verständlich überzeugend darzutun vermocht.(~ öffnen sich da keine seelischen Hintergründe, keine Perspektiven, die mit der Pein der Schilderung versöhnen könnten. Die Vorstellung dauerte auch in der abgekürzten Lindauschen Bearbeitung drei volle Stunden. Die Ausstattung war reich und malerisch, die Bewegung in den Massenszenen sorgsam von der Regie gegliedert. Datz die Berichte von den Amazoneiiheldentaten durch das Erscheinen der Damen aus der Bühne eine verstärkte Illusion erhielten, lägt sich freilich nicht behaupte». Ihre männlichen Kollegen hatten eS in dieser Hinsicht leichter. Die weitaus eindringlichste Leistung des Abends bot S t a e g e m a>i n in dem.Achill. Er war ein Bild selbstsicherer niarliger Kraft, vorzüglich in dem still be herrschten Ausdruck wechselnder Empfindungen bei der grotzcn Liebes szene des dritten Aktes. Rosa Poppes Penthesilea wuchs in dem zweiten Teil der Dichtung; am höchste» in der Licbesszene. Doch irgend einen Glauben an das Wmidcrwesen, das sie ver- körpern sollte, vermochte sie für mein Gefühl nicht auszulösen. Die langen Schlachtberichte, das ewige Hin und Her der beiden Heere ermüdeten die Aufmerksamkeit. Der Beifall nach dem Schlutzalt Uetz nicht auf starke Wirkung schlietzen. dt Im Neuen Volkstheater brachte der Verein Neue freie Volksbühne Max Drehers heute stofflich schon etwaS ab gestandene, im übrige» doch noch reckt belustigende Komödie„In Behandlung" zur Aufführung. Die Regie hatte saubere Bilder aus den: Kleinstadlnest mit richtigen Spießern beiderlei Geschlechts herausgearbeitet. Die Hauptaktcure August M o m b e r und Martha Angerstein als ärztliches Kollegenpaar spielten ihre Rollen herz haft-lebendig. und Emil R a m e a u gab einen alten Schiffskapitän von Schrot und Korn.«. K. Musik. „Die Dame in Rot" von der borgestrigen Operetten»! Premiere im Theater des Westens ist eine vornehme I Londonerin, deren flüchtiger Eindruck einen Maler zu einem Gemälde begeistert. ES gewinnt eine» ersten Preis und macht Skandal; das Urbild zwingt den Künstler, das Abbild zu vernichten, macht es aber in einem ausgesucht roten Schlußeffekt durch ihre eigene Liebes« Hingebung wieder lebendig. Die Regie ist von Franz Groß und von ihm auch die in gutem Sinne wirksame Darstellung der Figur eines kühlen, immer zur Ver« Mittelung angerufenen Japaners. Von dessen Auftreten an schlug Langeweile in Interesse um. Die Musik wird da ebenfalls lebendiger. Von wieviel Autoren sie stammt, läßt sich schwer zählen. Robert Winterberg heißt ihr verantwortlicher Redakteur. Im Verlaufe des Stückes erhebt sich seine Tätigkeit auch zu einer Eigenarbeit mit zwei wirkungsvollen Hauptthemen. Die Titelrolle wird von der allseits achtungswerten Frau Marie O t t m a n n getragen und die von ihr ebenfalls getragenen Toiletten und Hüte stammen aus dem Hause so und so. so. Humor und Satire. Rechts st udium. Wenn in Jena die Behörden f Markt und Straßen diesen Roten.\ zu benutzen nicht verboten,'/ soll man da nicht böse werden? Dem Juristen jnst, beizeiten schon geübt in beiden Rechten (für die Noblen und die Schlechten), mutz die Sache Gram bereiten. Ins Gesicht der knnft'gen Praxis schlägt der Grundsatz von der Gleichheit; solche ungerman'sche Weichheit kommt davon, wenn man zu lax iS', Und die völkischen Studenten hielten ein BeratungSsanfen, wie sie wohl in vollen Haufen jene Roten stören könnten. Aber wider alles Hoffen kam es nicht zu Heldentaten, denn eZ ward zu lang beraten und man war zu sehr besoffen. Doch Geduld, als Richter künftig, wenn wir weniger betrunken. dann, ihr rötlichen Halunken. dann verdonnern wir euch zünftig l Rudolf Franz. ih w.,*; 7■' K eines Vertrags über eine Stelle betreibt, 2. Gesegenheit zur Erlangung einer Stelle nachweist und sich zu diesem Zwecke mit Ar- beitgcbern oder Arbeitnehmern in besondere Beziehung setzt. DaS sei aber hier mit Bezug auf den Angeklagten festgestellt. Da er die Genehmigung zur Ausübung des StellenvermittlergewerbeS nicht nachgesucht habe, sei er mit Recht verurteilt worden. Ein weiterer Fall betraf den gewerbsmätzigen Stellen- vermittler Wenschuch aus Breslau. Er war in zweiter Instanz vom Landgericht in Breslau wegen Uebertretung des Stellender- mittlergesetzes verurteilt worden, weil er ein Schild angebracht habe, das nach den auf Grund des K 8 des Gesetzes erlaffenen ministeriellen Vorschriften für Preutzen nicht zulässig sei. Nach 8 8 sind die Landeszentralbehörden befugt, weitere Bestimmungen über den Ilmfang der Befugnisse und Verpflichtungen, sowie über den Geschäftsbetrieb der Stellenvermittler zu erlassen. Nach der Ziffer 6 der preußischen Vorschriften darf das Firmenschild der gewerbsmäßigen Stellenvermittler nur einen Vornamen und den Zunamen des Inhabers und die Bezeichnung„gewerbsmäßiger Stellenvermittler" enthalten. Neben einem solchen Schilde hatte nun W. noch ein Schild angebracht, auf dem neben seinem Namen der des Vorbesitzers und das Wort„Nachfolger" stand. Diese Zu- sötze erachtete das Gericht gegenüber dem Wortlaut der rechts- gültigen Vorschriften als unzulässig. Das Kammergericht trat dem vci und verwarf die Revision des Angeklagten. Neben dem Namen und der Bezeichnung„gewerbsmäßiger Stellenvermittler" sei jede nähere Firmenbezeichnung unzulässig. Es könne deshalb ganz da- hingestellt bleiben, ob der Zusatz einen reklamehaften Charakter im Sinne anderer Verbotsbestimmungen der ministeriellen Vor- schriften habe._ Ein Beitrag zur Behandlung der Landarbeiter. Der früher in Mecklenburg tätige Vogt Schw., der jetzt nach Lübeck gezogen war, um hier Stellung zu suchen, bekam November v. I. von seinem früheren Dienstherrn, einem Herrn v. P.. aus Wust bei Magdeburg einen Brief, in welchem ihm dieser anbot, bei ihm in Wust als Vogt in Stellung zu treten und zwar zu den üblichen Bedingungen, Lohn, Deputat und freier Wohnung. Herr v. P. begründete das Angebot besonders damit, daß er Schw. aus seinen früheren Stellungen her als besonders tüchtig kenne und deshalb ihn gern wieder in seine Dienste nehmen würde. Schw. sagte zu, bat sich aber aus, seine neue Stellung erst ein. mal ansehen zu dürfen. Herr v. P. ging darauf ein und Schw. reiste nach Wust, zeigte Schw. sein Gut und erklärte ihm auch, daß er in jeder Hinsicht es bei ihm gut haben solle. Auch für eine recht nette Wohnung würde er sorgen, zumal er ja die Verhältnisse von Schw. von früher her genau kenne und wüßte, daß er eine große Familie habe. Schw. reiste zurück und kam bald darauf mit seiner Familie und seinen Mobilien nach Wust übergesiedelt. Als er nun die Wohnung beziehen wollte, wurde ihm ein Raum angeboten, in dem Schw. nicht entfernt Platz hatte und nicht die Hälfte seiner Habseligleiten unterbringen konnte. Die Wohnung bestand nur aus einer Stube und Kammer. Aus Vorhalt wollte v. P. noch eine andere weiter entfernte Wohnung dazu geben, die von Galiziern bewohnt gewesen war und in einem unglaublich schmutzigen Zustand sich befand. Schw. verweigerte den Einzug in diese Behausung und wollte sie erst entsprechend gereinigt wissen. Das aber wurde wiederum von Herrn v. P. verweigert und Schw. anheimgcstellt, es selber zu tun. Alle Versuche zu einer gütlichen Verständigung waren vergeh- lich und gab v. P. immer nur die Antwort:„Andere Wohnung habe ich nicht." Schw. packte deshalb seine Sachen und zog wieder nach Lübeck zurück. Von dort aus verlangte er von Herrn v. P. eine Entschädigung seiner Unkosten, bestehend aus Reisegeld für sich und seine Familie, !dann den Umzug und schließlich den Transport der Sachen von und nach der Bahn. Schw. begründete sein Verlangen mit den oben geschilderten Tatsachen. Schließlich wurde Klage erhoben. Schw. erhielt einen Prozeßagenten als Vertreter zugebilligt, auch wurde ihm das Armenrecht bewilligt. Das zuständige Amtsgericht Jcrichow verhandelte nun zu wiederholten Malen in der Angelegenheit, da Herr v. P. seine Ver- teidigung fortdauernd änderte. Zunächst bestritt er die Höhe der geforderten Auslagen. Als dann die Richtigkeit der Höhe bewiesen war, erklärte Herr v. P., daß ihm gar nicht das Gut gehöre, sondern seiner Frau, und daß er nur von dieser mit der Wahrnehmung der Geschäfte betraut sei. Frau v. P. wurde als Zeugin geladen, um über die Richtigkeit der Angaben auszusagen. Doch verweigerte Frau v. P. die Aussage. Schließlich stellte der Anwalt v. P.s die Behauptung auf, Schiv. hätte seinem Mandanten eine angemessene Frist zur Beseitigung des Zustandes geben müssen und hätte erst dann die Stelle verlassen dürfen. DaZ Gericht schloß sich diesem, nach dem Bürgerlichen Gesetz. buch begründeten Einlvand an und wies nach 4 Terminen die Klage Schw.s ab. Eine dagegen eingelegte Berufung ist vor kurzem ebenfalls abgewiesen worden. Ter Erpressungsparagraph spielt bekanntlich unter den Waffen des Unternehmertums gegen den Gewerkschaftskampf eine immer größere Rolle. Auch in Oester- reich sind schon mehrfach Arbeiter des entehrenden Verbrechens der Erpressung schuldig gesprochen worden� weil sie den Unternehmer vor die Entscheidung gestellt hatten, Streikbrecher bezw. Organi. sationSschädlinge zu entlassen oder die Arbeitseinstellung zu riS- kieren. Ein solcher Fall beschäftigte letzthin das Kreisgericht Znaim in Mähren— selbstverständlich infolge einer Strafanzeige von Deutschnationalen, deren höchstes nationales Gut das Gedeihen «des Unternehmcrgeldsacks ist. Das Gericht, nach deutschem Straf. «cht wäre cS als die Strafkammer zu bezeichnen, kam jedoch zu einem Freispruch. Der Verteidiger, Genosse Dr. Ingwer, hatte ausgeführt, daß der Unternehmer nur auf die Folgen seiner Weige- rung aufmerksam gemacht worden sei; eine Verurteilung solchen Vorgehens der Arbester als Erpressung würde dazu führen, daß kein Arbeiterverirauensmann mehr sich zu Unterhandlungen her- geben würde und damit zur völligen Anarchie im Verhältnis von Kapital und Arbeit._ Labenschluß und Verkauf über die Straße. Gastwirte sind hinsichtlich des Verkaufs über die Straße an den Ladenschluß gemäß§Z 139« und k gebunden. So hat das Kammer- gericht jetzt entschieden. In Recklinghausen, wo der Achtuhrladen- schluß gilt, hatte ein Dachdeckcrlehrling noch nach 9 Uhr abends aus der Wirtschaft von Dücker Schnaps geholt und mitgenommen. Durch den Verkauf des Schnapses über die Straße sostte Dücker die Vorschriften der Gewerbeordnung über den Geschäftsschluß in offenen Verkaufsstellen übertreten haben. Im zweiten Rechtsgange, nachdem die Sache bereits einmal das Kammergericht beschäftigt hatte, wurde Dücker vom Landgericht Bochum zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Landgericht ging davon aus, daß die Vorschriften über den sogenannten Ladenschluß, hier also über den Achtuhr- Ladenschluß, auch für Gastwirtschaften Geltung hätten, soweit es sich den Verkauf von Getränken nicht zum sofortigen Genuß auf der Stelle, sondern um einen Verkauf über die Straße handele. Das sei kein Teil des eigentlichen Gastwirtschaftsbetriebes, welcher nicht an die Schlußvorschbiften für andere Verkaufsstellen gebunden sei, Bei diesem Verkauf über die Straße handele es sich um einen ein- fachen Handelsbetrieb, auch wenn er von einem Gastwirt ausgehe. Das Kammergericht verwarf die vom Angeklagten gegen das Urteil eingelegte Revision mit folgender Begründung: Offene Verkaufsstellen feien auch Gastwirtschaften. Soweit kein Gastwirtschaftsbetrieb stattfinde, sondern ein Verkauf über die Straße, unterlägen sie deshalb auch den Vorschriften über das Handelsgewerbe und über die offenen Verkaufsstellen. Hinsichtli-h des Verkaufs über tue Straße müßten sie sich darum auch an die fogenannten Ladenschlußbestimmungen halten. Angeklagter sei mit Recht vÄ-urteilt. Sericbts- Leitung» Mordversuch? Unter der schweren Anklage der versuchten Ermordung der eigenen Mutter stand der jetzt 17jährigc Laufbursche Carl Rohlosf vor der 7. Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Splettstößer. Der Angeklagte ist erst mit 19 Jahren in die Schule gekommen, weil er an der ägyptischen Augenkrankheit litt. Er ist bis zur 5. Klasse gekommen und dann als Laufbursche, Hausdiener, Knecht und dergleichen tätig ge- wesen. Der Angeklagte hatte von einem jungen Manne seiner Be- kanntschaft ein Terzcrol erstanden und dabei großmäulig erklärt: „Wenn die Mutter Geld von ihm verlangen sollte, würde er sie niederschießen!" Am ersten Osterfeiertag, 16. April, hatte der Junge sich mit zwei Altersgenossen verabredet, nach einem Rum- melplatz zu gehen, hatte jedoch kein Geld und von seiner Mutter das Versprechen erhalten, ihm 56 Pf. zu geben. Die Mutter war am Feiertage damit beschäftigt, aus Dankbarkeit für eine Frau, der sie sich verpflichtet fühlte, ein Kleid zu nähen, und da sie nicht gleich dem Verlangen, dem Sohne Geld zu geben, nachkam, ärgerte sich dieser, und es kam zu einer kleinen Auseinandersetzung. Als beide beim Mittagbrot saßen, klingelte es, und als der Angeklagte öffnete, standen die beiden Freunde vor der Tür und wollten ihn zum Rummelplatz abholen. Als die Mutter fragte, wer denn da sei, antwortete ihr der Sohn:„Das möchtest Du wohl wissen?" Darauf verlangte er von der Mutter 56 Pf. Diese erklärte ihm, daß sie nur noch 4� Pf. habe, und als der Junge darauf diese An- gäbe bezweifelte, warf sie ihm das Portemonnaie aufs Bett, sagte, er solle sich selbst, das Geld nehmen und machte ihm Vorhaltungen, „ob er denn nicht endlich vernünftig werden wolle". Als die Mutter dann an der Wasserleitung stand, hatte der Angeklagte das Portemonnaie geöffnet und darin statt der 46 Pf. die Summe von 2,46 M. vorgefunden. Er nahm das ganze Geld an sich, trat auf seine Mutter zu, zog das Terzerol aus der Tasche und schoß auf die Mutter. Die Kugel drang der Frau in die rechte Backe und kam am Mundwinkel wieder heraus. Der Angeklagte flüchtete dann aus der Wohnung und begab sich auf den Rummelplatz, wo er seinen Freunden seine Heldentat erzählte. Der erste, dem er sie erzählte, soll gelacht und zu ihm gesagt haben:„Laß doch die Olle!" Der Angeklagte hat sich dann auf dem Rummelplatz amü- siert, und als er gegen 1614 Uhr nach Hause kam, wurde er fest- genommen. Er hatte auf dem Rummelplatz inzwischen den größten Teil des Geldes verjubelt. Da die Tat so ungeheuerlich erscheint, bemühte sich der Vor- sitzende, von dem Angeklagten eine Erklärung über die Motive seiner Handlungsweise herauszubekommen, bekam aber nur die Antwort: Der Junge habe sich darüber geärgert, daß die Mutter ihm das Portemonnaie zuwarf und ihn auch anfaßte, als sie ihm Vorhaltungen machte, und da habe er blindlings das Terzerol ge- nommen und losgeschossen, ohne recht zu wissen, daß er damit großes Unheil anrichten könne. Bei der Mutter, die dauernden Schaden nicht erlitten hat, hat inzwischen das Mutterherz wieder gesiegt. Sie erklärte, Zeugnis gegen ihren Sohn nicht ablegen zu wollen.— Angesichts dieser Weigerung erklärte Staatsanwalt Dr. Kiesel, seinerseits auf das Zeugnis des durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Medijjinalrats Dr. Stornier, der s. Z. ein eingehendes Gutachten über die Psyche des Angeklagten abgegeben, nicht verzichten zu können.— Rechtsanwalt Sprint? legte Wert darauf, daß die Arbeitgeber des Angeklagten, die diesem sehr gün- stige Zeugnisse ausgestellt haben, vernommen würden. Der Gerichtshof beschloß unter diesen Umständen die Ber- tagung.— Nach der Verkündigung dieses Beschlusses kam eS zu einer rührenden Szene. Tränenden AugeS begab sich die Mutter Aur Anklagebank, umarmte und küßte ihren Sohn und bat ihn immer wieder, doch ein ordentlicher Mensch zu werden. Dann wurde der junge Mann in das Untersuchungsgefängnis zurück- geführt._ Ein neuer Eulenburgprozeß in Sicht? Nach einer von wohlinformierter Seite ausgehenden Mittci- lung soll die Meineidsaffäre des Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld Mitte oder Ende Oktober wieder vor dem Schwur- gericht des Landgerichts I aufgerollt werden. Geheime Beobach- tungen, die im Laufe des Sommers von Kriminalschutzleuten und insbesondere von Angestellten eines bekannten Berliner Detektiv- bureaus vorgenommen worden waren, sollen ergeben habon, daß Fürst Eulenburg, so bald er sich unbeobachtet weiß, sehr lustig und munter ist und keinerlei Symptome einer ernstlichen Erkrankung zeigt. Dieses Ergebnis wird voraussichtlich dazu führen, daß schon in nächster Zeit ein bestimmter Termin angesetzt werden wird. Verpflichtung des mit der Zahlung des Mietzinses säumigen Mieters zur Schadloshaltung des Vermieters. Der Z 554 des Bürgerlichen Gesetzbuches räumt dem Vermieter das Reckt ein, das Mietverhältnis ohne Einhaltung der Kündi- gungsfrist zu kündigen, wenn der Mieter für zwei aufeinander folgende Termine mit der Entrichtung des Mietzinses oder eines Teiles des Mietzinses im Verzuge ist. Kann der Vermieter die Mieträume unter gleichen Bedingungen bald weiter vermieten, so dürfte ihm ein wesentlicher Schaden durch die vorzeitige Auf- kündigung nicht entstebcn. Anders ist es dagegen, wenn die Räume leer stehen oder nur billiger vermietet werden können. In diesem Falle hat nach einem neuerdings ergangenen Urteile des Reichsgerichts der Mieter dem Vermieter den Schaden zu ersetzen, soweit 'als er in der Zeit des Vertragsverhältnisses, entstanden ist. Der Fall liegt wie folgt: Ter Beklagte hatte von der Klägerin ein Anwesen gemietet. Da er mit zwei aufeinander folgenden Metzinszahlungen im Rückstände blieb, kündigte Klägerin ohne Einhaltung einer Kündi- gungsfrist und ließ im Wege der Zwangsvollstreckung das Grundstück räumen. Alsdann verlangte die Klägerin im vorliegenden Rechtsstreit vom Beklagten einen Betrag von 3666 M. als Schaden- ersatz, indem sie behauptete, eS sei ihr die Weitervermietung teils gar nicht, teils nur zu einem geringeren Mietzins möglich gewesen. Mit diesem Anspruch ist die Klägerin beim Oberlandesgericht Colmar durchgedrungen, das ausführt: eS habe der Mieter durch vertragswidriges, schuldhaftcS Verhalten 276 ff. B. G. B.) den Grund zur Beendigung des Mietverhältnisses herbeigeführt; der Beklagte sei zahlungsunfähig gewesen und habe sein Unvermögen zur Leistung nach den Z§ 276, Abs. 2, 279 B. G- B. als Verschulden zu vertreten. Die gegen das Urteil de« OberlandeSgerichts eingelegte Nevi- fion ist vom Reichsgericht zurückgewirscn worden. AuS den Ent. scheidungsgründcn ist mitzuteilen: Ter Mietvertrag begründet für den Mieter die iUerpflichtung, dem Vermieter den vereinbarten Mietpreis zu entrichten(§ 535 B. G. B.) Wer aber einen be. stimmten Mietzins z« zahlen verspricht, übernimmt damit zugleich stillschweigend die Gewähr dafür, daß er den MietzinS auch wirklich bezahlen kann. Infolgedessen wird der Mieter, der durch Zahlungs. Unfähigkeit an der Entrichtung deS Mietzinses gehindert ist, nicht bloß nicht frei von der Verpflichtung zur Leistung, 88 275. 279 B. G. B., sondern er hat auch dem Vermieter allen Schaden zu ersetzen, der diesem durch die auf der Zahlungsunfähigkeit be. ruhende Nichterfüllung der Leistungspflicht des Mieters widerfährt. Dir Ersatzpflicht deS Mieters wird nicht dadurch ausgeschlossen, daß der Vermieter von der ihm nach g 554 B. G. B. zustehenden Be» fugnis ber Kündigung Gebrauch macht. Der Vermieter, der von der außerordentlichen Kündigung Gebrauch macht, kann daneben Schadenersatzansprüche geltend machen, vorausgesetzt nur, daß die die Ersatzpsiicht begründenden Ereignisse in die Zeit des bestehen- den Vertrages fallen und der Schaden auf diese Ereignisse zurück- zuführen ist. Beide Voraussetzungen liegen hier vor, Ein Stempelprozcß. Bor der.Strafkammer in Hagen in Westfalen hatten sich ein FchblikdixeMr«öd eja UMkdevkalichMg Betrug zu vijranftvortert. Beide Angeklagten waren auf dem Eisenwerk„Mark" in Wengern angestellt. Sie hatten die Eisen- bahnverwaltung in den Jahren 1969 und 1916 dadurch geschadigt, daß sie an Stelle bestellten guten Materials minderwertiges lieferten und dies durch betrügerische Manipulationen verdeckten. Es han- delte sich um die Lieferung von Brückenlagern. Die Prüfung der Stücke geschah in der Weise, daß die Beamten der Eisenbahnver- waltung Gußstücke mit Ansätzen heraussuchten und auf Kopf und Fuß der Ansätze ihre Stempel drückten. Die Ansätze wurden dann zur Vornahme der Zerreißproben nach Witten zur Eisenbahnwerk- stätte geschickt. Zufällig wurde da entdeckt, daß die Stempelteile abgeschlagen worden waren und daß dazwischen ein Stuck guten Kruppfcken Achsenstahls angenietet worden war. Nach entchrechen- der Untersuchung stellte sich heraus, daß die früheren Pwben m gleiche», Weise gefälscht waren. Der Werkmeister schob die Schuld auf den Direktor, von dem er abhängig gewesen sei und der ihm diese Handlungen aufgetragen habe. Ter Direktor leugnete erst, in einer weiteren Verhandlung gestand er die Taten ein, er wollte aber nicht aus Gewinnsucht gehandelt haben. Der Direktor wurde zu 3 Monaten, de� Meister zu 1 Woche Gefängnis verurteilt. Mus der frauenbemgung. Kampf» immer Kampf! „Wir kämpfen für den Umsturz, für den Ausbau der sozialistl« scheu Gesellschaft in der Ueberzeugung, daß wenn in fernen Zeiten die Namen aller Fürsten, auch der allerhöchst seligen Königin Luise, längst vergessen sind, daß dann wir in unseren Werken— mag auch kein einziger von uns genannt werden und jeder einzelne vergessen sein— als die sozialistischen Frauen unsterblich sein werden..." In diesem stolzen Triumphruf klang das Referat d-r Genossin Zetkin auf der diesjährigen Frauenkonferenz auS. Der schwierigste Teil in der Eniwickelung der Frauenbewegung, soweit sie das Proletariat betrifft, ist glücklich überwunden. Ein seit- gefügtes Fundament ist vorhanden, auf dem nunmehr weiter- gearbeitet werden kann. 167 693 weibliche Mitglieder umfaßt die sozialdemokratische Partei und allein um 25 651 Frauen hat sich die weibliche Mitgliederzahl im letzten Jahre vermehrt. Gewiß ein er- freulicheS Resultat! Und welch' eine erhebliche Summe von Arbeit, Aufopferung. Idealismus und Tatkraft spricht aus diesen starren Ziffern. Wie viel fteudig hingegebene Nachtstunden, wie viel Taaes- arbeit, wie viel Verzichtleistung auf Schlaf und Erholung ip in diesem Resultat enthalten I Und doch— es ist zu wenig, diese Zahl von 167 693. gemessen an der Stimmenzahl der sozialdemokratischen Wähler, an der Zahl der Abonnenten der Arbeiterpresse, an der Zahl der arbeitenden Proletarierinnen. 16'/, Millionen erwerbstätiger Frauen find in Deutschland vor- handen und immer mehr werden die weiblichen Kräfte in den Strudel kapitalistischer Ausbeutungsgier hineingezogen. Von diesen Millionen tätiger Frauen gehört der überwiegende Teil dem Prole- tariat an, 1967 gab es 28 Gewerbezweige, in denen die weiblichen Arbeitslräfte die männlichen an Zahl überwogen. Darunter befinden sich 26 Berufe, die mehr als 26666 arbeitender Frauen umfasien. In zwei Gewerben find je über ein halbe Million und in zwei iveiteren über 166 666 und in zwei anderen je 76666 Frauen talig. Diese statistischen Angaben geben zu denken. Hier zeigt eS sich, wie riesengroß noch das Agitationsfeld, wie gewalng die Aufgaben sind, wollen wir diese Massen zum Klassenkampf erwecken. Den Vor- kämpferinnen auf dem Gebiete der Frauenagitation hat die diesjährige Konferenz Winke und Richtlinien, Anregungen fruchtbarster Art gegeben. LebenSftagen von wichtigster und kulturellster Art waren es, die mit gründlichster Sachkenntnis erörtert und behandelt wurden. Wie weltfremd stehen den von wissenschaftlicher Erkenntnis und innigem sozialem Empfinden getragenen Referaten die verschiedenen Reden Wilhelms II. gegenüber, die von Genossin Zetkin mit feiner Ironie in Vergleich gezogen und ab- getan wurden. Daß es Berufene waren, die auf der Frauenkonferenz mit sicherer Hand die Lage des Volkes und insbesondere der arbeitenden Frau und Mutter gezeichnet haben, zeigen die Referate und Diskussionen, die den werbenden und agitierenden Genossinnen und Genossen eine unerschöpfliche Fundgrube sein werden. Diese Konferenz war eine Tat, die viele Früchte zeitigen wird. Muttcrhilfe. In Wilmersdorf, Düsseldorfer Str. 14, ist gestern die„Mutterhilfr". Heim der„Deutschen Gesellschaft für Mutter- und KindeSrecht" eröffnet worden. Offiziell eröffnet, denn tatsächlich haben schon Wochen vorher so viele Schützlinge um Ausnahme in das Heim angesucht, daß es bereits im Juli, also mehr als zwei Monate vor dem offiziellen Termin, seiner Bestimmung übergeben werden mußte. 35 Schützlinge: Schwangere, junge Mütter mit ihren Pflegekindern hat das Heim in den zwei Monaten bisher bereits beherbergt. Frauen und Mädchen, die den verschiedensten Berufen angehören. Die„Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindes- rechte", die erst seit kaum 1'/, Jahren besteht, hat bei ihren be- schränkten Mitteln mit der Gründung diese» HeimS das möglichste geleistet. Hoffen wir, es ist nur ein Anfang, dem bald mehr wird folgen können, denn für die Zahl derer, die eines solchen AsylS be- dürfen, kann das Heim nicht ausreichen. Versammlungen. Tie Bertreterwahlen zur Zwangsinnung ber Schneider werden im Laufe dieses Monats stattfinden, die Termine sind je- doch für die einzelnen Standesamtsbezirke noch nicht festgesetzt. Die Wähler werden drc, Tage vor Abhaltung der Wahl benachrichtigt. Die Einteilung nach Standesamtsbezirken, wie die Wahlordnung und das ganze Bcrwaltungssystem der Schnciderinnung sind offen- bar mit viel Schlauheit darauf berechnet, daß die Rechte und das Wollen der Mitglieder so wenig wie irgend möglich zur Geltung kommen. Die Schneiderinnung ist übrigens auch die einzige Innung, die das Vertretersystem eingeführt hat; während in anderen Innungen die Mitglieder selbst in den Generalversamm- lungen erscheinen, sind es bei den„Schneidermeistern" nur ihre Vertreter, die über die Angelegenheiten der Innung zu beschließen haben, und diese Vertreter werden allemal auf 6 Jahre gewählt. Nun könnte eS ja gleichwohl passieren, daß eine solche Wahl zu- Ungunsten deS Jnnungsvorstandes ausfiele, so daß dieser, wie es das parlamentarische Verwaltungssystem mit sich bringen mühte, durch einen anderen abgelöst würde.«Um solchen Unannchmlich- leiten vorzubeugen, bestimmt das Jnnungsstatut. daß die Vertreter im letzten Jahre ihrer Amtstätigkeit die Neuwahl des Vorstandes zu vollziehen haben. Die neugewählten Vertreter haben sich also allemal fünf Jahre lang mit dem von ihren Vorgängern gewählten Borstand abzufinden, und wenn ihre Mehrheit und die große Masse der Wähler auch noch so wenig mit seiner Amtsführung cinver. standen sind. Das Vertretersystem an sich mag durch die für eine Innung mit so ungeheuer großer Mitgliedcrzahl gerechtfertigt er- scheinen, dient hier aber offenbar nur dem Zwecke, den Mitgliedern und Zwangsmitgliedern ihre Rechte vorzuenthalten und ihnen Pflichten aufzuerlegen, die sie zu tragen nicht gewillt sind. Die Schneiderinung hat eS durch ihr ZwangSshstem aus gegen 8666 Mitglieder gebracht. Manche arme Witwe, die vielleicht mit ihrer Tochter für irgendein Geschäft als Heimarbeiterin tätig ist, wird sich schon gewundert haben, daß sie ganz plötzlich zum„Jnnungs- meister" avancierte, ohne auch nur im entferntesten an die Erwer- bung dieser Meisterwürde gedacht zu haben, aber nun gleichwohl ihre drei Mark Jahresbeitrag zahlen muhte. Um diese S M. aber und um nichts anderes ist es der Innung offenbar zu tun. Hätte man diese ZwangSmitalicder nicht in der Innung sondern nur wirllichp Mistes«ad AMitgcker ÄS Mitglieder, so Büßtes ehe« die Beikrage Set! HoHet gesetzt werde», bielleicht auf das Zehnfache. Daß die Interessen der Heimarbeiter und der Heimarbeiterinnen durch die Innung vertreten werden sollten, ist selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Sie finden, soweit sie genügend aufgeklärt sind, als Arbeitnehmer ihre Interessenvertretung im Verband der Schneider und Schneiderinnen. Der Schneiderverband hatte am Sonnabend nach dem großen Saale der„Arminhallen" eine Versammlung der der Zwangs- innung angehöxznden Mitglieder einberufen. Der Referent Kunze schilderte hier eingehend, wie in diesem sonderbaren Ge, bilde einer Innung Personen mit durchaus widerstrebenden Jnter- essen zusammengekoppelt werden und was diese Zwangsinnung leistet oder vielmehr nicht leistet. Seine Ausführungen gipfelten darin, daß die Wahlparole sein müsse, für die Aufhebung der Zwangsinnung zu sorgen, den Zwang zu beseitigen und es denjenigen, die wirklich gemeinsame Interessen haben, frei» zustellen, eine Innung zu bilden. In demselben Sinne äußerten sich meist auch die Diskussionsredner. Der Altgeselle Gebauer schilderte namentlich auch die unleidlichen Zustände auf dem Ar- beitSnachweis der Innung, der wohl eigentlich ziemlich zwecklos ist, da wirklich brauchbare Arbeitskräfte dort kaum zu haben sind, tüch. tige Arbeiter sich auch kaum die Behandlung gefallen lassen, die dort üblich zu sein scheint. Der in der Versammlung anwesende Schrift- führer der Innung, Herr G r ü n d l e r, wurde wiederholt aufge- fordert, auf die verschiedenen schweren Angriffe gegen die Innung und ihre Institutionen zu antworten, erklärte aber immer wieder, daß er darauf verzichte, sich hier zu äußern.— Als zweiter Punkt stand die Aufstellung der Kandidaten aus der Tagesordnung. Es konnte sich hier, bei dem verzwickten Mahlsystem, jedoch nur darum handeln, den Mitgliedern Anweisung zu geben, wie in den ver- schiedenen Standesamtsbezirken für die Kandidaturen Sorge ge. tragen werden soll. Die Mitglieder haben, sowie sie die Einladung zur Wahl erhalten, dem Filialbureau des Schneiderverbandes sofort Mitteilung zu machen, damit die Stimmzettel rechtzeitig gedruckt werden können. Gelingt es dem Verband, eine genügende Zahl von Vertretern zu gewinnen, so werden die JnnungSmitglieder. die wirklich Meister sind, sich wohl selbst sagen, daß es Vesser ist, auf die Zwgngsmitgliede: zu verzichten. Hus aller Sielt. Schwere Automobilunfälle. Am Sonntagabend überfuhr da» Automobil des amerikanischen Erfinders Thomas Edison in Lauf bei Nürnberg einen zwölf- jährigen Knaben, der sofort tot war. Der Chauffeur wurde von der Laufer Behörde nach dem Unfall fe st gehalten; darauf- hin blieb auch Edison, der mit seiner gesaintcn Familie in zwei Automobilen auf der Fahrt nach Nürnberg begriffen war, ebenfalls aus freien Stücken in Lauf zur Verfügung der Behörde zurück. Die Untersuchung ergab, daß den Chauffeur nicht das ge- ring st e Verschulden trifft, weshalb er Montag vormittag freigelassen wurde. Bei einem Automobilwettrennen in Syrakus« im Staate New Aork rannte ein Automobil in voller Fahrt in einen Menschenhaufen hinein. Hierbei wurden sechs Personen ge» tötet und vierzehn verletzt. Absturz eines englischen Militärfliegers. Bei einem Höhenfluge, den der Leutnant Cammell am Sonntagabend auf dem Flugplätze von H e n d o n unter- nahm, stürzte der Flieger aus bedeutender Höhe mit seinem Apparat ab. Der Verunglückte wurde tot unter seinem zertrümmerten Flugzeuge hervorgeholt. Choleraunruhen in Saloniki. Am Sonntag ist es in S a l o n i l i zu umfangreichen Cholera» Unruhen gekommen. Ein Teil der Bevölkerung lehnte sich gegen die von den Behörden getroffenen Maßnahmen gegen die Cholera auf. Selbst Aerzte behaupteten, eS gäbe keine Cholera in der Stadt, man wolle nur ausländische Aerzte herbringen. Die Volksmenge durchzog die Straße und zwang die Kaufleute, ihre Läden z« schließen. Bei den Unruhen sind zwei Beteiligte durch Bajonettstiche ver- lvundet und 15 Verhaftungen vorgenommen worden. Montag abend war wieder alles ruhig.— Fünf neue Cholerafälle werden ge- meldet, davon einer t ö t l sich. In M o n a st i r wurde die Durchführung der Choleramaßnahmen mit Militärgewalt erzwun» gen und die Ruhe wiederhergestellt. Aus M o n a st i r werden zwölf, aus Uesküb zwei, aus Birat vier und aus Rovibazar ein Todesfall gemeldet. Kleine Notizen« Ein Ehedrama. In der Nacht zum Soffsitag hat auf Schloß Ricklingen in der Provinz Hannover der Kunstmaler P h u v e r seine Frau und seinen zweijährigen Sohn und dann sich selbst erschossen. Der Grund ist in finanziellen Schwierig- leiten zu suchen. Bmtntretttmgcn etiteS Notars. Wegen Unterschlagung von Depotgeldern in Höhe von 12 000 Mark ist der Rechts- anwalt und Notar Otto Karbe aus Wittenberg Montag vormittag verhaftet worden. Schweres Bauunglück. Auf einem Neubau in Nancy stürzten die Zementdecken dreier Stockwerke ein und begruben in dem Bau beschäftigte Arbeiter unter sich. Vier von ihnen wurden getötet und fünf schwer verletzt. Zwei Personen verbrannt. In der vergangenen Nacht brach in- folge einer Gasexplosion in Marseille in dem Laden eines Kauf« manns Feuer aus, das das ganze Haus einäscherte. Zwei Personen, die noch einmal in das brennende Gebäude eindrangen, um ihre Schmucksachen zu retten, verbrannten. Schweres Eisenbahnunglück. In der Nähe von Mecheln (Belgien) find am Somitagvormittog zwei Eisenbahn züge zusammengestoßen. Zwanzig Personen wurden ver» letzt, darunter mehrere schwer. Sozialdemokratischer Zeutralwahlverein für den Reichstags- Wahlkreis Züllichau-Schwiebus- Kroffen- Sommerfeld.(Ortsverein B e r I t m) Dienstag. 19. September, abends 81/, Uhr, Versammlung bei Geßner, Koppenswatze 47. Lese- und Diskutierklnb„Wilhelm Liebknecht«. Heute, Diens- tag, abends 9 Uhr. Sitzung bei Karl Eichhorn, Danziger Str. 93: Bortrag. Gäste willkommen. Kaufmännische Kranken- und Sterbekasse von 1886.(T. H. 71.) Heute abend 9 Uhr im Restaurant Jüdensw. 18)19: Sitzung. KHsfKaften der Redahtiorr. Tie iurlstische Sprechstunde findet Linden st raste v», vorn vier Treppt» — Fahrstuhl—, wochentaglich von 4H bis 7 Ii Uhr abends, Sonnabends. von iVa bis 6 Uhr ahendS statt. Jeder filr den Briefkasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragt», denen keiue AdonncmcnlSauittnng beigefügt ist, werde» nicht beantwortet. Eilige Frage» trage man in der Sprechstunde vor. O. K. Briese bis zu'/, Pfund in Grotz-Bcrlin S Pf., Drucksachen bis 80 Gramm 3 Pf, bis 100 Gramm 8 Pf., bis 280 Gramm 10 Pf, bis 800 Gramm 20 Pf. und bis zu I Kilogramm 80 Pf.— B. 10. Gustav Winkler, Berlin, Mlchaclkirchplatz 2.— A. 100. Bureau Poftftr. 16, I.— Hedwig 1911. Städtische Fortbildungsanstalt Weigenburger Straße 4. städtisch« Wahlsortbildungsschule für Jünglinge HeinerSdorfer Straße 13. — H. L. 6. Für den Beistand bei ewcr regelmäßigen oder Früh. geburt 7,80 M. bis 30 M. Für jede folgende Stunde 0!S0 M. bis 2 M. — H. B. 63. 1. An die Strafkammer, vor welcher der Termin an- gestanden hat. 2. Läßt fich nur nach Prüfung bei Urteils, das nach An- Meldung der Revision zugestellt wird, sagen. 3. u. 4. Die Frist zur An- meidung der Revision beträgt«ine Woche, vom Tage de» Termin» an gerechnet. Die Begründung der Revision muß Innerhalb einer Woche nach Zustellung des Urleiis durch einen Rechtsanwalt erfolgen. S. Ja.— W. W. 100. 1. Anfrage beim deutschen Konsulat, fall« Sie den mut- maßlichen Ausenthalt kennen. 2. Dazu reicht Geburtsurkunde, MUitSrpaß aus. 3. Heimatschein. 4. Wahrscheinlich. 5. Ja.— F. K. 444, Ober« Schöneweidr. 1. Ja, sofern der Prozeß noch nicht beendigt ist, und zwar au» 8 89 Zivilprozeßordnung, Sonst hastet der Vertreter nur, wenn er vorsätzlich und wider besseres Wissen gehandelt hätte. 2. Soweit der Ar- bcitslohn 28.85 M. wöchentlich übersteigt. Weitere Beschwerde beim Re. gierungSpräsidenten. 3. Ja, nachdem der Stadt- bezw. Äreisausschuß ent- schieden hat. 4. Ja. Es gibt verschiedene Werke. Sprechen Sie am zweckmäßigsten in der Buchhandlung vor.— K. I. 100. 1. Deutsche Konsulat. 2. Es liegt Verjährung vor.— y. R. 30. 1. Den Antrag können Sie stellen. Die Eröffnung ersolgt kurze Zeit darauf 2. Stur be« züglich desjenigen, was beim Ableben vorhanden war.— O- R. Stein. — Knobel 22. Soweit ersichtlich, besteht ein Anspruch aus Rückgabe der Geschenke nicht.— M. S. 27. 1. Nicht aussichtslos. 2. Antrag an den Justizminister, unter Beisügung eines ärztlichen Zeugnisses.— A. K. 18. Wenn die Rellamationsstijt nicht innegehalten ist, raten wir von weiteren Schritten ab.— P.» Nindorf. Sie hasten nicht, jedoch Ihre Frau. Ver- jährung ist nicht eingetreten.— P. 10. Nein, sosern anderer Nachlaß vor- Händen war.— Ä. L. 100. 1. Ja, sosern nicht gesetzliche Hindernngs« gründe entgegenstehen. 2. Polizeipräsidium.— I. R. 76. Bis zu 600 M. einschließlich. In zwei Exemplaren.— B 99. 1. Berliner Kinderschutz- verein, Geschästsstelle Büiowstr. 70 I. 2. Nein. 3. 10 Uhr,— Stralau. Ja.— K. A., Johannisthal. Ja. Die Rechtsprechung ist aber nicht cinheiilich.— E. A. 27. 1. und 2. Soweit ersichtlich, ja.— 126. Ihre Frau kann nicht ausgewiesen werden, da sie durch die Heirat deutsche Reichs- angehörige geworden ist. Für den anderen Fall könnten beide ausgewiesen werden.— H. 2. 100. Nein.— E. L. 34. Die Bäume usw. können herausgenommen werden, falls nicht eine Entschädigungzu erreichen ist.— H. H. 4. 1. und 3. Ja, soweit der Verdienst 28,88 M. wöchentlich über- steigt. Auslunstspflicht des Unternehmers entsteht erst nach Zustellung eine» Piändungs- und UeberweijungsbeschlusseS. 2. Rur bei Abnahme des OssenbarungSeide»._______ Eingegangene Druchfchnften. Jnngbeutflher Sturm und Drang. Von Dr. H. H. Houben 10 3)1, gcb. 12 M. F. A. BrockhauS, Leipzig. Austriaca. EssayS von H. Bahr. Verlag S. Fischer, Berlin. 3 M. geb. 4 M. Magazin für Technik und Jndustrie-Politik. Heft 8. 75 Pf Jährlich 12 Hefte. Verlag des Magazins sür Technik, Charlottenburg, Leonhardtstr. 13. Berliner Kalender 4912. Herausgegeben vom Verein für die Geschichte Berlins. 1 M. M. Oldenbourg, Berlin SIV. 48. Wasserstandö-Naclirichten der LandeZanstalt sllr Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterdureau. 0 4- bedeutet Wuchs.— Fall.—') Untervegel.■) Der Nullpunkt des Mndener Pegels ist am 16. September um 2 Meter tieser gelegt worden. Zeitungs-AusgaltrsteUen und Inseratett-Ammhme. Xcnti-mn: Albert Hahnisch, Auguststr. 50, Eingang Joachimstraße, L. HVerKIIivots, W.: ffiuft. Schmidt, Kirchbachstr. 14, Hochparterre. L mib SW.: Hermann Werner, Gneisenaustr. 72. S. Wahlkrei«: St. Fritz, Brinzenstr. 31, Hos recht» Part. 4. Wnlilkrcls; Ost e n: Rotert W e n g e l Z, Gr. Franlsurterstr. 120. — Richard H a ck e I b n s ch, PeterSburaerplatz 4(Laden). 4. �ValilKrcl«, Süd asten; Paul Böhm. Lausitzerplatz 14/15. 6. Wahlkreis: Leo Zucht, Jmmauuelkirchstr. 12(Hoff. V. W ahlkreis(Sloabit): Karl Ander», Salzwedelerstr. 8. Wedain«: I. Hönisch, Nazarethkirchstraße 49. Klasentlmler und Oranlenbnrser Vorstadt: Wilhelm B a u m a n n, Bernauerstr. 9, vorn Part. Q!esn>iiinen: F. Trapp, Stettinerstr. 10. BiehOnhauser Vorstadt: Karl Mar«, Lhchenerstr. 123. Adlrrshof: Karl Schwarzlose, Hosfmannstr. 9. Alt-C-llenicko: Wilhelm Dürre, Köpenickerstr. 6. üannischiilenwes;: H. Hornig, Martentbalerftr. 13, I. Uernau, Köntsental, Zepernick, Schönow und Schön- brück; Heinrich Brost, zaohcstestiftr 74. Part. Bobnsdorr und Valkenberg: Alois Laus. Bohnsdorf, Ge» nossenschastShaus.ParadieS'. CharlottenbnrK: Guftaa Scharnberg, Sefeiihelmerstraße t ß-ilchwalde: Oskar Mahle, Stubcnrauchstr. 99. Erkner: Ernst Hosfmann, Friedrichshagener Chaussee. Eredersdort-I'etershnsen: E. H ö f e I b a r t h, Petershagcn. Eriedenau-Steglitse-Südende-Ori'ß-Eichterfcldc-Liank- witx: H. B e r u s e e, Alsenstr. 5 in Sieglitz. Frlcdrlchshagen: Ernst Wcrkmann, Köpenicker Straße IS, Grünau: Franz Klein, Friedrich str 10. Johannisthal: Pielicke, Kaiier-Wilhelm-Platz 6. Karlsborst: Richard Stüter, Rödclstr. 9, II. Könies-Wusterhanscn: Friedrich B a u ni a n N, Bahnhof str. 13. Köpenick: Emil W ißler, Kietzcrslr. 6, Laden. Elcntenberx, Erledrlclisfcldo, llohcnschOnhaascii: Otto Seitet, Kronvrinzenstrnße 4, I. nahisdorf, Kaulsdorf: P. Heßberg, KaulSdors, Ferdinand- straße 17. Itlariendorf: August Leip, Chausseestr. 296, Hof. Marienfelde: Emil Weinert, Dorsstr. 14. enenhagen; Johann Hübscher, Wolterftraße. h leder-Schöneweide« A e b rt, Britzerstr. 6. Xowawes; Wilhelm I a p p e, Friedrichslr. 7. «her. Schöneweide: Alfred Bader, Wilhelminenbofstr. 17 II. i'ankow- Viederschönlinuscn: Riß mann, Mühlenstr. 30. Ueinickendorf• Ost, Wilhelmsruh und Scbönholz: P. G u r s ch, Provinzstr. 56, Laden. Klx dorf: M. Heinrich, Neckarstr. 2, im Laden j Rohr, Siegfried- straße 28/29. Nninnieishnrx, Noxhaxen: A. N o s e n i r a» z. Ali-Boxhagen 56. Schönehers: Wilhelm Baumler. Martin Littherstr. 69, im Laden. Spandan, Sionnendamaz, Staaken, Seegefeld und Falkenhagcn: Koppen, Breitestr. 64. Tegel, Uorsigwalde, Wittenau, Waidmannslnst, Hermsdörf und Ueinickeudorf- West: Paul Kienast, Borsigwalde. Näujchstraße 10. Teltow: Wilhelm B v n o w, Teltow, Berliner Str. 16. Tempelhof: F r a n tz, Berliner Swaße 76, Laden. Treptow: Rod. Gramenz, Kiesholzsiraße 412, Laden. W eiüensee: K. F u h r m a n n.«edanstr. 105, parterre. Wllniersdorf-Ualeusee-Sekiuargeaderf: Paul Schubert, Wihelnisaue 26, Zeuthen, lNiersdorf: Ernst Hütt ig, Zeuthen, Dorsstr. 15. Sämtliche Partellileratur sowie alle wissenschasllichen Werke werden geliefert. flefle ffreucie fiekrLcsifimflauze. (zwsse Wasch' ist angesagt! Und weil dies mit Sunlichtscif?, Sicherlich sich niemand plagt1 Centrai-Möbel-Halle KommaRilanienstr.Sl Ecke Alexandrlnenstr. j Bei Anzahlung von 45 M. an; 1 Kleiderspind, nussb. 2 Bettstellen 1 Wäsehespind,„ 4 Stühle 1 Spiegelspind,„ 1 Küchenspind 1 Spiegel, a 1 KUchentisch 1 Taschensofa 1 Küchenrahmen 1 Speisetisch 1 KOchenstuhl Monatliche Rate von 1 2 M. an Bei Anzahlung von 70 M. an; 1 med.Kleldersplnd.Mhtnusib. 2 engl. Bettstellen 1 mod. Vertiko mit Spiegel 1 Küchenbüfett 1 mod. 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[ Todes-Anzeigen Sozialdemokratischer Wablvereio für den i.BerliDerReiebstapalillü'eis. Köpenicker Viertel. (Stadtbez. 107a, Wahlbez. 20611.) !>iachruk. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser Genosse, der Metall- schleiser Li-nst l�ekback verstorben ist. Ehre seinem Andenke» l Die Beerdigung sand am Montag, den 18. September, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Zeiitralsriedhoss in Friedrichs- selde aus statt. 222/4 Der Vorstand. Allen Freunden, Bekannten und Genossen die traurige Nachricht, dah meine herzensgute Frau und Mutter. Marie Blaser geb. Kllnkmnnn nach jahrelangem schwerem Leiden verschieden ist. llertfioM Blaser nebst Söhnen. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 20. d. Mts., nachm. 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des Auausta- Viktona-KrankenhauseS in Rum- melsburg aus statt. 662b Allen meinen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dah meine liebe Frau, unsere gute Mutter und Großmutter �nna Rührmund nach langem, schweren Leiden am 16. September, srüh 3 Uhr, ent- schlasen ist. Die tiesbetrübten Hinterbliebenen V. Biibrntund. Agnes Kitzler geb. Rührmund. Georg Kitzler nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 19. September, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Treptower FricdhoseS, Neue Krug-Allee aus statt. Von der Reise ztmick Dr. W. Kramm. prakt. Arzt u. Spez.-Arzt f. Magen u. Darmleiden. Ackerstr. 79 Arbeitsnachweis; Hos I Amt 3, 1239. Bcrtvaltiiiigsftclle Berlin Charitestr. 3. iiauptbureau: i III. Amt 3, 1987, Mittwoch, den 20. September, abends S'/a Uhr: Versammlung. aller in Gis-. Wasser- n. DipSarmiren- sowie KmiilielrieliEii teil Eis fot den Musiker-Festsälen, Kaiser-Wilhelm-Straste 18m. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genosse« Dr. I. Zadel:»Wert»nd Nutzen der Int. Hygleiieausftcllnng in Dresden für die Metallarbeiter.- 2. DiSkusfion. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiteit. MV mtglledsbnch legitimiert.-MM Zahlreicher Besuch wird erwartet. Mittwoch, den 20. September 1011, abends 8 Uhr: Branchen-Versammlung BrlSeiiier.LeMaoerÄel zeipeher. iricir.SeMieller. sowie silliehe in BoeOHrBEkereiasEieo-FalirilM dos» Kollegen in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58/59. Tages-Ordnung: 1. Bortrag des Kollegen W ü ck c. 2. Neuwahl des Branchen- leitrrS. 3. Branchen- und Berbandsangelegenhciten. In Anbetracht der reichlichen Tagesordnung ist«S Pflicht jedes Kollegen, pünltlich zu erscheinen. Mittwoch, den 20. September 1011, abends 8Vz Uhr, Brancbcn- Versammlung aller in der im Englische» Garten, Alexanderstr. 27c. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen W u s ch i ck:„Zweck der Tarif Verträge". 2. Bericht der Koinmission. 3. Verschiedenes. Die Kollege» und Kolleginnen folgender Finnen: Karl Schulz, Gustav Liepe, Paul Rehe, Lewald. Jean Tchöiigraff, Amerikanische Metallbettenfabrik. M. Pech. Karl Seiffert, Kunze, Hermann Retnhold. MothS, Groth u. Brand, Förster u. Schulz, Senz Easpari-Martenfelde, DM- sind ganz besonder» eingeladen.-WU 123/5 Die Ortovcrwaltang. Unseren Mitgliedern zur Kenntnis, dast die Protokolle der 10. ordentlichen Generalversammlung unseres Verbandes erschienen und zum Preise von SO Pf. im Bureau und bei den Bezirkskassierern zu haben find. Desgleichen find noch Jubiläumsnummern„SOO 000' zum Preise von SO Pf. im Bureau zu haben. Die Ortsverwaltnng. Deutscher Kauarbeiter- verband. Zweigverein Berlin. Mittwoch, den 20. September, abends 8 Uhr: Mitglieder-Versammlungen. Südwesten in Heinrichs i'estsftlen, Blücherftr. 61. edding bei Prcppernan, Pasewaller Str. 3. Charlottenburg im Volkshans, Rosinenstr. 3. Schöneberg in den Neuen Rathaussälen, Meininger Str. 8. Gr.sLichterfelde Bei Wahrendorf, Bäk-str. 22. Vollzählige» Erscheinen aller Mitglieder erwartet 140/3_ Die Zwelgverelnslcitnng, Sektion I(Handelsarbeiter). Hansdiener, Packer, Radfahrer, Portiers, Schaffner, Fahr- ftuhlführer, Einkasfierer, Kaffenboten:e. uller Knucheu derSektilM l. Mittwoch, den 20. September 1011, abends 8'/, Uhr, in den„Armin-Hallen", Kommandantenstr. 53—59, großer Saal: Große öffentliche Uersammlung. Tagesordnung: Die Dkrslhltppung der Sonntagsruhe in Croß-Kerlin. rN�sW Emil Eichhorn. Diskussion. Kollegen! Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden einzelnen, rege für den Besuch zu sorgen.»Die Verschleppung der Sonntagsruhe" muß Veranlassung geben, daß kein Kollege, keine Frau, kein erwachsenes Familienmitglied der Versammlung sevnbleibt. Erscheint in Massen! 71/1___ Die Scktlonaleltnng. I. A.: Fritz Wappler. •• Mittwoch, den 20. September 1011, abends S'/i Uhr: Öffentliche Versammlung in Diiesings Gesellsohaftshans, Wassertorstr. 68. Tages-Ordnung: i. Die Bedeutung des Genossenfchasts- wefens in der gegenwärtigen Zeit. Referent: Gewerkschastssekretär Ad. Ritter. 2. Diskussion. 3. Agitation für eine neue Verkaufsstelle in der Wassertorftratze. 650b Es ist Pflicht aller im Wasscttorvicrtcl wohnenden Mitglieder, zu erscheinen. Die Agitationskommisfio». I. A.: Wilh. Trautmann. Achtung! Achtung! Cafehaus- Angestellte! Die nachbenannten Casss haben den Lohntaris für AuShilsSkcllner (2 M. Lohn pro Tag für jede AuSHUse— ungeachtet des Umsatzes) nicht anerkannt und bcschäsiigen nur gelbe Gehilsen, welche sich abermals zum Verrat an die Gehilsenschast bereit gesunden haben. ES sind deshalb für organisierte Gehilsen bis auf Widerruf gesperrt: Norden: Caf6 Roland, Brunnenstr. 181. „ Luxemburg, Müllerstr. 154. Osten: Caf£ Frankonia, sGroße Frankfurter Str. 68. Süden: Lakä»/agier am Atantzplat& Rixdorf: Cafe Hermannplatz. „ Jahn, Hasenheide 19, 295/9* „„ Rathaus, Bergstr. 7. „„ Schwedler, Bergstr. 66. Verband deutscher Gastwirtsgehilfen. Zweigverein der Cate-Angestellten. : Berlin. Große Hambnrger Str. 18/19.- Tadel'.qy g, wöchentliclie Teilzahlung liefere elegante fertig und nach Mass Garantie für tadellosen Sitz und feinste Verarbeitung. J. Kurzberg MaB-Schneiderei Rosenthaler Str. 40-41 II Frankfurter Allee 104 am Hackeachen Markt.| Ecke Friedenstrasse. Fronen-Kkgräbnisknfft der in Schristgießtreien beschäst. Arbeiter Serlins. Donnerstag, den 21. September, im Lokal des Kollegen Daiilieimnier- mann, Wilhclmstr. 2: General-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. VorstandSbericht. 2. Kassenbericht. 3. Verschiedenes. 295/4 Die werten Mitglieder sind höflichst eingeladen. Der Borstand. für Potsdam und Ilmgegend. E. G. m. b. H. Donnerstag, den 28. September 19t 1, abends 8'/, Uhr. im Restaurant Hermann Wilhelm, Kaiser-Wilhclmsir. 38: Ordentl. General-Versammlung TageS-Ordnung: 1. GeschästSbericht. 2. Bericht deS A ussichtSrateS. 3. Beschlußfassung über die Gewinnverteilung. 4. Entlastung des Vorstandes. 5. Beschlußfassung über die Errichtung neuer Vcrkauss- stellen. 6. Anstellung eines Vorstands- Mitgliedes. 7. Genehmigung dcr Ver« ttäge mit den Vorstandsmitgliedern. 8. Genossenschaftliche Angelegenheiten. Recht zahlreichem Besuch steht ent- gegen Ter Rufsichtsrat. l107/9 Kar Hausmann, Vorsitzender. Ein neuer Zuschneide- Frei- Kursus im Schnittzeichnen, Zuschneiden u.Nähen d. gesamt. Damen- u. Kind.-Garderob. sowie Wäsche bo- f'nnt am Montag, 2. Oktober. An- tneldekarten, Pro- 572b* spekto grat. u. fr. Berliner Zuschneide-Akademie Dir. Krämer 0ranienliürierStr.92,l.,lll.u.l?.Et. Eckhaus, am Hackeschen Markt, Nähe Bahnhof Börse u. Zirkus Busch. der 1- lentSClllandS.(Zahlstelle Berlin) Sezirksuersammlnngen: 1. Bezirk: Mittwoch, den 20. September, beim Kollegen Wild. Holder, Ouitzowstr. 62. L. Bezirk: Donnerstag, den 21. September, beim Kollegen Karl Krämer, Huffitenstr. 40. 3. Bezirk: Mittwoch, den 20. September, beim Kollegen Cinatav IVollT, Landsberger Allee(Kolonie Wilhelmshöhe). 4l. Bezirk: Mtiwoch, den 20. September, beim Kollegen Vrltz PrenB, Hvizmarltstr. 65. 5. Bezirk: Mittwoch, den 20. September, beim Kollegen Bax lllpplor, Hollmannstr. 16. 0. Bezirk: Mittwoch, den 20. September, beim Kollegen Otts Lohan, Neue Jakobstr. 26. gM- Sämtlich nachmittags 5 Uhr."W8 Da in diesen BezirkSvcrsammlungen die GcatiSverteilung der Prolokolle VerbandSlage erjolgt, jo ist das Erscheinen eineS jeden vom diesjährigen Mitgliedes noiwendig. 51/2 Die Drtaversraitnnx. Verwaltung Berlin.— If AMkzMs�kaN Mittwoch- 20. Sept.. abends 8-/, Uhr, im Gcwerkschaftshausc, Saal 10: Brauchen-Versammlung« Bürsten- u. Pinselmacher« Mittwoch,£0. September, abends 8 Uhr. im Gewerkschaftshause (ArbeitSIosensaal, Zimmer 4), Engel-Uscr 14: Oeff entliche Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Die Bckämpsung der Milzbrandgcjahr durch die Arbeitgeber der Bürstenindustrie. Zicscr.: GewerlstlioslSselretär Link. 2. Diskusston.— Der Borstand der Berliner Bürstenmach er-Jnnung ist zu dieser Versammlung eingeladen. 88/1S Modell- u. Fabriklischler u. Modelldrechsler. Donnerstag, ÄI. September. Pünktlich abendS 8 Uhr» im Noscnthaler Hof. Rosenthaler Str. ii/iS: Branchen° Versammlung. Dr. Simmel a�rt,,s! 85 panfiifu dicht Bahnhos Kövenick, sollen einzeln unter deutbar günstigen Beding, schnellstens verkaust werden. Offerten unter 0. S. 7767 an Rudois Masse, Berlin, Schiff'bauerdamm 1.* 8pezisl-�rzt kür Haut- und Harnleiden. Priuzenslr. 41, ÄT., 10—2. 5—7. Sonntags 10-12. 2—4. Von der Reise zurück. 606b Dr. A. Freudenberg, Potsdamcr-Str. 20a. Privatklinlk: Apostel-Paulus-Str. 12. pollmanno �Bandageii- Geschäft, nebft Hrtihcl zur Gesundheits- u. Krankenpflege, ferbandstoite, Gummiwaren etc. Berlin X., Lothringer Str.«0. WLieferant für Krankenkassen _ Eigene Werkstatt._ Klnnien- imi) Kraniinndtrri non Roberl Meyer,' nur Mimniliitn-Atinjje 2. �ofastoffe Riesenauswahl aller Qualitäten. Wolle- Dnctns nocqnctts. PIUseh-ll�M� Satteltaschen. Master bei näherer Angabe franko. Emil Mre, o'S»5.'?;. IS!. 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Redner erklärt es für eine Pflicht der Arbeiter, in der Zeit des internationalen Kapitalismus sich eben- falls international zu verbinden. Wohl könnten wir es nicht gut- heißen, wenn durch Unorganisierte die ausländischen Kollegen gc- schädigt werden, ebenso müßte die Einwanderung ferngehalten werden, wenn Streiks drohen, aber falsch sei es, wenn z. B. die amerikanischen Flaschenmacher ein Eintrittsgeld von 500 Dollar verlangen. Um eine Regelung herbeizuführen, sei es notwendig, für die Ein- und Auswanderung feste Normen zu schaffen. Ties soll durch einen internationalen Arbeitsnachweis geschehen. Die Diskussionsredner Mariani-Jtalien.DeAzant-Frank- reich, Rowe- Amerika und Dotzauer-Ztalien sind sich einig darin, daß der Uebertritt von der Organisation des einen Landes zum anderen ohne weiteres gestattet werden mutz. Eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution wird ange- nommen. Sodann spricht Girbig über internationale Statistik bei Lohnbewegungen, Streiks, Aussperrungen und Arbeitslosigkeit. Die Delegierten verpflichten sich, allen Wünschen des Jnternatio- rialen Sekretariats nachzukommen. Gries- Belgien wünscht, daß das Sekretariat die Frage studieren soll, ob eine internationale Reiscuntcrstützung sich ein- führen lasse. Ten ilalienischen Weißglasmachcrn werden sodann auf Antrag Marianis 2000 M. aus Mitteln des Sekretariats für ihren bisher sechs Wochen dauernden«treik bewilligt. Bei der Wahl des internationalen Sekretärs beantragt Romvaux- Belgien, einen fessbesoldeten Sekretär anzustellen. Der Antrag wird jedoch später zurückgezogen, nachdem die Unmög- lichkeit der Anstellung aus finanziellen Gründen nachgewiesen worden ist. Als Sekretär wird Girbig wiedergewählt. Um dem Sekretär die Möglichkeit zu geben, sich mehr mit der internatio- nalen Sache zu beschäftigen, wurden 1000 M. für eine Hilfskraft bewilligt. Das dem Sekretariat zur Seite stehende Exekutivkomitee soll aus Belgien, Frankreich, Italien und Oester�ich gewählt werden und auf Verlangen des Sekretariats zusammentreten. Der nächste internationale Kongreß soll 1014 in Mailand stattfinden. Nach Entgegennahme einiger Abschiedsreden wird der Kongreß mit einem dreifachen Hoch auf die internationale Be- wegung geschlossen. Berichtigung. In dem Bericht über die Donnerstagssitzung steht, dag in Holland durch die Gesetzgebung die Nachtarbeit für jugendliche Ar- beiter unter 12 Jahren ab 1. Januar 1912 beseitigt wird, es muß heißen unter 17 Jahren. Hus Industrie und Handel. Eisen- und Montanindustrielle als MittelstandSretter. In der jüngsten Vollsitzung der Bochumer Handelskammer kqm ein Antrag des KleinhandelsnuSschusses zur Verhandlung, dessen Behandlung Beachtung verdient. Der Antrag lautete: „Die Handelskammer möge eintreten 1. für ein Verbot an alle Beamte, sich an jedem heimlichen oder gemein- schafllichen Warenhandel im Kleinen oder Großen zu beteilige» und 2. für eine Besteuerung der Konsumvereine nach dem Umsatz." Die Sitzung, an der u. a. teilnahmen der Kommerzienrat B a a r e vom Bochum er Verein, und als Vertreter von großen Bergwerken die Bergräte Müller, Lindner und andere, beschloß: „Die Handelskammer erklärt es als dringend erforderlich, daß zur Sicherung der Existenzfähigkeit eines kräftigen kauf- männischcn MitrelsiandcS gesetzliche Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Konsumvereine und gegen die Betätigung von Beamten im Waren- Handel ergriffen werden, und beschließt, bei den zuständigen Stellen in diesem Sinne vorstellig zu werden. Sie beauftragt den Klein- handclsausschuß, ihr demnächst eine entsprechende Vorlage zu machen." Was dem Beschluß seine besondere Bedeutung verleiht, ist die Tatsache, daß die großen Werke, die in der Bochumer Handels- kammer den Ton angeben, seit Jahrzehnten Konsuln- a n st a l t e n unterhalte». Und in diesen wird nicht nur an Werks- angehörige, sondern an jeden Kauflustigen Ware abgegeben. Neben- bei betreiben diese Niesenwerke die Vcrmittelung von Kartoffeln in großem Umfange. Natürlich ohne dafür Steuern zu zahlen. Und ausgerechnet diese Herrschaften nehmen sich heraus, gegen Konsumvereine und die Beamten gesetzliche Maßnahmen zu fordern. Die guten Leute vom Kleinhandelsausschuß und ihre Nachbeter merken anscheinend die blutige Ironie der Tatsachen gar nicht. Mängel des Ausnahmetarifs für Fnttermittel. Um dem durch die lange Dürre bewirkten Futtermittelmangel abzuhelfen, ist ein vom 22. August dieses Jahres bis 30. Juni kom- wenden Lahres geltender Ausnahmetarif erlassen worden, der für die Bahntransporte von Futtermitteln und Streumitteln, soweit diese nachweislich an Landwirte abgehen, die Tarife um 50 Proz. ermäßigt. Dem Handelsvertragsverein wird hierüber geschrieben: Die ganzen Bestimmungen dieses Ausnahmetarifes scheinen fast auf die Verhältnisse in der Großlandwirtschaft, östlich der Elbe zugeschnitten zu sein. Die hier vorherrschenden großen Güter be- ziehen ihre Futtermittel für den Winter waggonweise von dem meist weitab wohnenden Großhändler und genießen infolgedessen die Ermäßigung des Tarifs für große Mengen, große Transport- strecken und ohne weitere Scherereien. Anders liegen die Verhält- nisse wohl allenthalben westlich der Elbe. Der hier überwiegende mittlere und kleine Landwirt bezieht seine Futtermittel fuhren- weise von dem landwirtschaftlichen Kleinhändler seines Bezirks; dieser bezieht sie wieder von dem Großhändler oder Produzenten. Da die Futtermittel nun nacki allgemeinem Handclsgebrauch„frei Station" gehandelt werden, so mutz der Großhändler bezw. Pro- duzent, um die Tarifermäßigung zu erlangen, den Anttag auf Rückerstattung stellen und zusehen, daß er als Belege hierzu von den Kunden des Kleinhändlers die erforderlichen Bescheinigungen erhält. Ein zweiter Mangel des neuen Tarifes besteht in folgendem: Mehr und mehr kommen heute Fabrikationsabfälle, insbesondere die Abfälle aus der Oelindustrie, als landwirtschaftliche Futter- mittel in Aufnahme: viele hunderttausend Tonnen Oelkuchenmehl werben heute in der Landwirtschaft verbraucht. In diesen Fällen kommt dem Futtermitteltransport nur zum kleinsten Teile, vielleicht auch überhaupt nicht, die neue Tarifvergünstigung zugute. Daß davon wiederum der Landwirt letzten Endes den Schaden hat, ist klar, da ihm die höheren Transportkosten in die Preise kalkuliert werden. Aber auch der Handel und die Jirdustrie leiden natur- gemäß. Und schließlich wird der gewollte Zweck des neuen Tarife? nicht erreicht! Enlich haftet dem Tarif noch ein dritter Mangel an: Es gibt auch außer den Landwirten genug unterstützungsbedürftige Leute, die Futtermittel gebrauchen, die aber bei dem neuen Tarif in keiner Weise berücksichtigt worden sind. Man denke nur an die vielen kleinen Leute in und bei den Städten, die sich so nebenher Vieh halten, an die städtischen Fuhrleute, an Viehhändler und-mäster, Molkereibesitzer usw. Alle diese Leute können nach dem Wortlaut des Tarifes keine Futtermittel zu den Sätzen des Ausnahmetarifes bekommen, sondern müssen höhere Preise anlegen als die Landwirte und insbesondere als die Großagrarier. Alle diese Mängel des neuen Tarifes würden vermieden werden, wenn derselbe ohne weiteres allen Sendungen von Futtermitteln zukäme, welche als solche deklariert werden(und natürlich auch solche sind)._ Fette Gewinne. Die Aktiengesellschaft Phönix in Dortmund zahlte für daS letzte Jahr wieder 15 Proz. Dividende. Auf den Werken find 37 222 Ar» beiter beschäftigt. Der Reingewinn beträgt 24 074 882 M. Vom Gewinn erhalten Aussichtsrat und Vorstand zirka 2 Millionen Mark Tantiemen, über 6 Millionen werden auf neue Rechnung vorgetragen. Die Gesamtbeteiligung des Phönix im Stahlwerks- verband beträgt 1 326 781 Tonnen gleich 10,66 Proz. der vollen Ver- bandsbcteiligung.„Die Beschäftigung war in den meisten Betrieben gut; von größeren Betriebsstörungen blieben wir verschont. Der Üeberschuß hat den des Vorjahres noch übertroffen.' So liest man im Geschäftsbericht. Und die Arbeiter? Sie haben eS in der übergroßen Mehrzahl auf dem Phönix nock> nicht für nötig gefunden, sich in der Organi- sation eine feste Wehr zu schaffen. Daher war es ihnen nicht mög- lich, sich von der guten Ernte ihr Teil zu sichern und freiwillig über- läßt man ihnen nichts.___ Marktpreise von Berlin am»«.Septbr. 1911, nach Ermittelung de» Königlichen Polizeipräsidiums. M a r i t h a l l e n p r e i s e.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbjcn, gelbe, zum Kochen 34,00— 50,00. Speijebohnen weiße. 35,00—50,00. Linien 34,00-80,00. Kartoffeln 8,00—12,00. 1 Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30 bis 1,70. Schweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40-2,40. Hammelfleisch 1,30—2,20. Butter 2,40—3,20. 60 Stück Eier 3,20—6,00. 1 Kilogramm Karpseu 1,20—2,40. Aale 1.60-2,80. Zander 1,40—3,60. Hechte 1,20 bis 2,80. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,00. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,50-30,00. tvitternngSnbrrsickie vom 18. September 1911. Clattmen E« l|2 tsß £= c s Bf Swinemdr, Hamburg »erlin jjranfl.a 51 770 D München 765 W 767 W 766 NW Wien 763 SW >765 WRW Bettet I 2 bedeckt 3 Rege» 2 wolkig 1 Nebel 4 halb bd. 4 halb bd. «!> XV II L? Mm CWtoncn II ,5.2 =- 5 QeUtt L?'i: B-* t* "i baparanda � 750 WNW 4 wolkig ?eterSburgA60SW!l bedeckt Sctllh Äberdeen Paris 9 7 11 772 OSO I 2 halb bd. 765 SSW i 1 bedeckt' 14 77231| I wolkeul 9 Wetterprognose für Dienstag, den 19. September 1911. Ziemlich kühl, vielfach wolkig bei mäßigen nordwestlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e 1 t er b ur e a u. l'lt v' � Vi,'*- V ■V' f V, � DW'S»1 y Vv' r i:■'• y ■...'.V■ V'- T-. w.,!;,.'*••-■• ASSvv-'„.Z.kkü v. Fi-■ •■: 1.W f.'«>» 7 V,''. r,■■■ dass er beim Einkauf von keine Basarware, sondern garantiert la Qualität erhält dass er nicht übervorteilt, sondern streng solid bedient wird dass er in Zahlungen kulant nach seinen Verhältnissen behandelt wird, der kaufe bei OTTO PIEHL Möbelmagazin Brunnenstrasse 120 Eine ersthlnssise Leisliiitt! Komplette Einrichtung f Schlafzimmer -r 225 Mr§ t 200 Mr Moderne Speisezimmer—- 400 HObel zu ErgünzunsszuecKen: (Ausziehtisch �.17� Bettstelle mit FtdwboOen,.«M 33 n U.S.W. 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Schiller- Ebarlotteuburg. Zopi und Schwert. Friede.- Wilh. Schauspielhaus. Kabale und Liebe. Sustspiechaus. Die goldene Schüssel. Triauon. Ihr Mibl. Luisen. DaS Wintennärchen. Casiuo. Der selige HollschinSky. Apollo. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Metropol. Die Nacht von Berlin. !Ma>iaqe. Spezialitäten. Reichsbalien. Stettiner Sänger. Königiladt-Kasino. Spezialitäten. Herrnfeld. Da« Kind der Firma. . Schmerzlose Behandlung. Rose. Das Kälhchen von Heilbronn. Anfang 8'/, Uhr. Folies E nprice. Die Meisterringer von Dirnberg. Nr. 14. Walhalla. Teusel, das hat einge- schlage»! Ansang 8'/z Uhr. nun Belle-Alliance. Intimes. Lou. yeimat. LiebesaSenieuer. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—62. Kaiser-Panorama. Hamburg und seine Schiffahrt.— Reise in der Schweiz.— Tellsage. Leditter-TIiealeF O.IS: Dienstag, abends 8 Uhr: Der Geizige. Hieraus: Der eingebildete Kranke, Mittwoch, abends 8 Uhr: Der Probekundidut. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Geizige. Hieraus: Der eingebildete Kranke. Schiller-Theater Dienstag, abends 8 Uhr, zum 1. Male: Zopf und Schwert. Lustspiel in 5 Aufz. von Karl Gutzkow. Mittwoch, abends 3 Uhr: Der Gefzljxe. Hieraus: Oer eingebildete Kranke. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zopf und Schwert. Neues Theater. 8 Uhr. Gastspiel ttans! Niese: Die Mutter. Eine Zuflucht. Schöne Seelen. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Summelsfudenfen. Tiieater in der Röniigrälzer Straße 8 Uhr: gastspie! Wiesenthal. Theater des Westens. 8 Uhr: Die Dame in Rot. Sonntag nachmittag 3llt Uhr: Ein Walzertraum. osc-iH�nei Grobe Frankiurlei Str. 132. Das Küthchen von Heilbronn. Sämtl. Billetts find zu der heutigen und morgen stattfindenden Auffüh- rung berettS vergriffen. Donnerstag: Das Kälhchen von Heilbronn. �Luisen-Theater. AbcndS 8 Uhr: Das Wintermärchen. lirums. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Roms Jubiläumsjahr und seine Ausstellungen. Das Programm der Hörsaalvorträge im 4. Qu. 1911 ist erschienen und kostenlos erhältlich. fsm u i f) iocischer GARTEN Täglich: Großes Milifär- Ooppel-Konzert. Eintritt 1 IKark Bon abend»« Uhr ab SV Ps. 1 eue Freie ß Die Kunst dem Volke! Jeden Sonntag UUmp im Deatscfaen Theater Kammerspielhaas Schiller-Theater 0. Schiller Th. Cbarlottenborg Kleinen Theater» Neuen Volks-Tbeater Theater inderKSniggrätzerStr, Metropol-Thealer» Neuen Operetten-Theater» Trlanon-Theater Theater der Hochschule in Cbar- iottenbarg. 150/3 Konzerte, Kunst- und Lese-Abende Gesellseiialtsreisen. Eintrittsgeld 1 Mark. Jede Vorstellung 1 Mark (in den mit* bezeichneten Theatern 1,20 Mark). Man verlange Prospekte, die in den Zahlstellen des Vereins, in den Warenhäusern Uetz, Alexander-Platz, Frankfurter Allee. Leipziger Straße(an der Theaterkasse) und in der Geschäftsstelle des Vereins: Köpenicker Str. 68 unentgeltlich zu haben siad. Telephoniscbe Auskunft Amt IV 10292, 11138. Residenz-Theater. Ansang 8 Uhr. Letzte Spielzeit unter Direktion Richard Alexander. Ei« Walzer von Chopin. Schwank in 3 Akt. v. Kercul u. Barrs. stzür die deutsche Bühne bearb. v. Bollen- Bäckers.— Morgen u. folgende Tage: Ein Walzer von Chopin. Friedrich-Wiltielnistadtisclies Schauspielhaus. Abends 8 Uhs: Kabale und Liebe. Beile- Alliänce-Theater. Heute bis Freilag, abends 8'/, Uhr: Heimat. Gastspiel Agnes Ztzreund. Sonnabend, 23./9., z. t. Male: Zaza. (ASSAQE:::: ANOPTIKUM Das größte Schauetablissement des Kontinents. Eebend"WM der Mann mit der eisernen Zunge. Ein Fakir ohne Nerven. AGA die schwebende Jungfrau. Alles ohne Extra-Entree. Anfang 8 Uhr. CLOU Berliner Konzerthaus Mauerstrafie 82 X Zimmerstraße 90/91. !!! Beate:!! Großes Doppel- Konzert! Eintritt 50 PI. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen nachmittags: Großes Promenaden- Konzert bei freiem Eintritt. Kleinhaus- Ausstellung der GemeiiiitziiieD Baimemeiiaft Gartenvorstadt Groß-Berlin Klosterstr. 72 73, im Hause der Ortskrankenfcasse der Kaufleute. Täglich 4—0 Uhf, Eintritt frei. Bei angemeldetem Qruppenbesuch(Gewerkschaften, Vereine oder Werkstätten) �besondere Führung._ 664b rpoR AM- Allat IM fiinö PALAST T I» Potsdamer Str. 12 Allabonillich"915 U! Paiaflü! Grosse militärische Revue In 6 Bildern ca. 200 Mitwirkende. Sport- Attraktionen 1. Range. Ssloläuler unü-Läulgrirner Sohnell.uf- Konkurrenzen, H.sksy• Spiele ucw. ue». Musikkapellen. Feenhafte Beleuchtung. Größler Eispalast der Well Inhaber ML Wendt und A. Schütze. Donnerstag, den 21. September 1911: Eröff nungs-Soiree der allgemeju belannten und beliebten NoKmunn� 8ünKvi.' Dir. Er. Enntbcr• mit vollständig ncnem Programm. Anfang 8 Uhr. Eutrec 3V PI., Borzngskarten 13 Ptz Nach der Soiree: ß'Vei'-Tcin�. Diese Soireen finden jeden Donnerstag und Sonntag statt. Moahller Wintergarten Artus=Hof PerlebergerStr. 26, Stendaler Str. 18 Dircllion: Karl Pirnau. 6 Radrennen aus der Bühne. Clle deutsche Geschichte der leisten zwanzig Jahre. Rückblick auf die deutsche Politik seit 1879/71.— Der Sturz Bismarcks. Der Fall des Sozialistengesetzes.— Der„neue Kurs"(Äera Caprivi).— Die Aera Hohenlohe.— Das persönliche Regiment.— Beginn der weltpolitischen Aera. Bülows Anfänge.— Der Kamp! um die Agrarzölle.— Die Periode der Blockpolitik.— Bülows Sturz.— Die Steuorkämpfe.— Arbeiter- schütz- und Arbeitertrutzgesetzgebung in den letzten zwanzig Jahren.— Die Verfassunt-skampfe im Reiche und in den Einzelstaaten.— Die beginnende Aera der Klassenkämpfe.— Die deutsche Woltpolitik und der Imperialismus. Vortragender: Konrad Hänisch. Der Unterricht beginnt in Deafschland and der Weltmarkt und Rednerschnle: Sonntag, den 24. September; in Praktischer Sozialpolitik; Montag, den 25. September; in Theorien und Programme der Parteien; Mittwoch, den 27. September; in Sozialpolitik und Gewerkschaften: Freitag, den 29 September; in Deatsohcr Geschichte; Sonnabend, den 30. September. Jeder Kursus erstreckt sich auf zehn Abende und beginnt pünktlich um 8'/, Uhr und endet pünktlich um 10 Uhr. Der Sonntagskursus i:> Deutschland und der Wellmarkt beginnt pünktlich um 10 Uhr und endet pünktlich um>/,l L Uhr. Der Sonntags- kursus in Rednerschule beginnt um 18 Uhr und endet pünktlich um'/,8 Uhr. Die reichhaltige Ulbliothek ist an den Abenden von 7'/,— 81/, Uhr geöffnet. Der Mitgliedsbeitrag beträgt pro Monat 25 Pf.; das Unterrichtsgeld für jedes Fach pro Kursus 1 Mark und ist spätestens am zweiten Abend zu zahlen. Die Aufnahme neuer Mi tglieder und Schüler erfolgt bei Beginn jedes Kursus im Schullokal Grenadierstrafie 87, Hof »eradeza 1 Treppe, und in nachstehenden Zahlstellen: Gottfr. Schnlz, Admiralstr. 40a; Real, Bamimstr. 42; Vogel, Lortzingstr. 37; W. Kaczoroweki, Kavcu�str. 6; Hortich, Enceluior 15. Alle Zuschriften an den Vorsitzenden Hermann LanmilS Uchtcnberg-Bcrlln. Rlttcrgntntr. 25 I, Geldsendungen an den Kassieret U* KOnig«, Berlin s. 59, Hasen- hoideSö. 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Infolge der Schwierigkeiten, die die Be- Hörden bei der Wiederaufstellung des Denksteins für unseren er- schossencn Genossen Adolf Herrmann machen, wird die geplante Gedenkfeier nicht am Sonntag, den 24. September, sondern später stattfinden. Der genaue Termin wird an dieser Stelle rechtzeitig bekannt gegeben. Teltow. Ain Mittwoch, den 20. d. M., abends 8 Uhr, im Lokale des Genossen W. Bonow: Regelmäßige Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. _ Der Vorstand. Berliner Naebriebteno Umzngsregeln. Die Berliner Wohnungsumzüge haben infolge ausgiebiger Bautätigkeit während der letzten Jahre zahlenmäßig immer mehr zugenommen. Nachstehend sei darauf hingewiesen, was der Umziehende in seinem eigenen Interesse und zur Er- leichterung für andere Beteiligte mit geringer Mühe ganz be- sonders beachten soll. Vor allem ist es nötig, denjenigen Personen, mit welchen man in regelmäßigem geschäftlichem Verkehr steht, rechtzeitig von der Wohnungsvcränderung Kenntnis zu geben, also nicht erst nach dem Umzug, sondern schon ein paar Wochen vorher. Hier kommen hauptsächlich in Betracht der Briefträger, der Zeitungsbote, die Gas- Inspektion, die Direktion der Feuersicherung. Das zuständige bisherige Postamt benachrichtigt man am besten durch vor- gedruckte Zettel, die in jedem postalischen Schalterraum zur freien Benutzung aushängen und dort nach sachgemäßer Aus- füllung einfach in den Briefkasten' zu werfen sind. Dann tritt keine längere Unterbrechung in der Bestellung ein. das heißt es gehen die noch nach der alten Adresse gerichteten Post- sendungen direkt vom Postamt nach der neuen Wohnung. Ebenso soll man wegen der Verlegnng von Gasanschlüssen schon mindestens eine Woche vor dem Umzug die zuständigen Amtsstellen benachrichtigen, weil sich sonst hier in wenigen Tagen alles zusammendrängt. Wer rechtzeitig den Umzug anmeldet, hat auch die erste Anwartschaft auf schnellste Erledigung. Bricht nach dem Umzug in der neuen Wohnung Feuer aus, und der Wohnungswechsel ist der Feuerversicherung noch nicht gemeldet, so kann man, wenn die Gesellschaft sich streng nach dem Buchstaben des Vertrages richtet, jeder Ent- schädigung verlustig gehen. Wer größeres Umzugsfuhrwerk braucht, soll nicht bloß den Umzugspreis, vielmehr auch die Höhe des Trinkgeldes für die„Ziehmänner" vereinbaren, am besten tn Gegenwart von Zeugen. Streitigkeiten werden dann vermieden. Vorteilhast ist es, möglichst bald mit dem Inhaber der zu beziehenden Wohnung Fühlung zu nehmen, wann die Wohnung frei wird. In dieser Beziehung kann man sich durch Entgegenkommen auf beiden Seiten die Unannehmlichkeiten des Umzuges bedeutend erleichtern. Wo der Umzug an beiden Stellen gleichzeitig stattfindet, soll man wenigstens einen kleinen Raum frei machen und den- selben der anderen Partei rücksichtsvoll zur Verfügung stellen. Es ist kein Vergnügen, womöglich bei schlechtem Wetter stunden- lang mit der Wohnungseinrichtung auf dem Pflaster liegen bleiben zu müssen. Und dann bloß nicht so vielen unnützen Krempcl mitnehmen! Der Umzug- bietet die beste Gelegen- heit, sich allen zwecklosen Krams, der so massenhaft auf dem Boden, im Keller und- in der Mahnung selbst aufgestapelt wird, zu entledigen. Eine alte Unsitte ist es, kurz vor dein Umzüge die zahlreichen Nägel und Haken an den Wänden ohne Schonung wild herauszureißen und dabei große Löcher zu brechen. Auch das kann doch mit der nötigen Rücksicht aus den Einziehenden geschehen. Denn bekanntlich ist nicht jeder Hauswirt geneigt, sofort nach dem Einzug neu tapezieren zu lassen. Ueberhaupt steht es ja im Metsvertrag, beim Aus- zuge den: Wirt die Wohnung so zu übergeben, wie man sie erhalten hat. Wer also erheblichere Veränderungen am Mauer- werk und im Holz vornahm, ist verpflichtet, den ehemaligen Zu- stand wiederherzustellen. Endlich vergesse man nicht, die alte Wohnung einigermaßen reinlich zu übergeben, damit man nicht als Schmutzfink verschrien wird, und sofort nach dem Bezug der neuen Wohnung das Namensschild anzubringen. Post- und Zeitungsboten finden sich dann ohne langes Suchen und Nachfragen zurecht. Dem Zeitungsspediteur gebe nian genau die neue Adresse an, ob Vorderhaus, Hinterhaus, Seiten-, Ouergebäude, und wieviel Treppen, ob rechts oder links. Unsere Wahlvereinsmitglieder wollen nicht vergessen, beim Bezirksführer die Abmeldung unter Angabe der neuen Wohnung zu besorgen._ Russische Trinkgelder für das Polizeikuopfloch sind wieder mal am Alexanderplatz eingetroffen. Ein neuer Beweis, wie das deutsch-russische Polizeiverbrüderungsgcschäft blüht. Es er- hielten Rcchnungsrat Atzrott vom Zentralbureau und Kriminqlinspektor v. Tresckow den Staniblausorden dritter Güte, ferner Kriminalwachttneistcr Klaute, die Kriminalschntz- männer Paul Schulz, König und Schramm die goldene oder silberne russische Verdienstmedaille in kleinen: oder großen: ormat. Das Verdienst wird also auch in Rußland mit der lle gemessen. Worin es besteht, bleibt wohlweislich ungesagt. Vielleicht hängt es mit dem vielerörterten Selbstmord eines harmlosen russischen Studenten an der Berliner Universität oder mit ähnlichen Liebesdiensten für die Schergen des blutigen Nikolaus zusammen._ Abwendung von de» Friedhöfen der Kirche. Die Geineindefricdhöfe der Stadt Berlin sind längst leine bloßen„Armenfricdhöfe" mehr. Immer weiter haben hier in neuerer Zeit auch diejenigen Beerdigungen sich gemehrt. für die die Hinterbliebenen zahlen. Es erklärt sich das, wie wir schon öfter dargelegt haben, au» der in weiten Kreisen der Bevölke- xung immer mehr wachsenden Abneigung gegen die Kirche und ihre Ariedhöfc. Besonders in dem Verwaltungsjahr 191l>(1. April 1918 bi» 31. März 1911), auS dem jetzt det Jahresbericht des Bestat- tungSlurajoriuW vorliegt, ist auf den FriedMen bis Nsdt- J gemeinde die Zunahme der bezahlten Beerdigungen sehr groß gewesen. Von den vier Gemcindefriedhöfen, die für Berlin jetzt Vorhan« den sind, kommt der vierte, bei Buch-Karow im Entstehen bc- griffene Friedhof einstweilen noch nicht in Betracht. Absehen wollen wir auch von dem Gemcindcfricdhof in der Gerichtstraße, ebenso von dem in der Müllerstraße, obwohl auf diesem im vor- letzten Jahr 77S, im letzten Jahr 838 Leichen gegen Bezahlung beigesetzt worden sind. Armenleichen werden ja auf den beiden letztgenannten Friedhöfen schon lange nicht mehr beerdigt, so daß man schon deshalb hier nicht mehr von„Arm�nfriedhöfen" reden könnte. Am meisten interessiert der große Gemeindefried- Hof Berlins, der bei F r i e d r i ch s f e l d � liegt. Nur auf ihm sind in neuerer Zeit noch Armenlcichen beerdigt worden, daneben aber hat hier die Zahl der auf Wahlstcllcn und in Reihengräbern beigesetzten Leichen, für die die Hinterbliebenen zahlten, sich immer weiter gemehrt. x Im letzten Jahr wurden auf diesem Friedhof 5644 Leichen beerdigt, davon auf Kosten der Stadt 3544 Leichen(1500 Erwachsene, 2044 Kinder), außerdem von 666 Anatomieleichcn die eingeäscherten Reste, ferner auf Kosten der Hinterbliebenen 1434 Leichen(1169 Erwachsene, 265 Kinder). Die Beerdigungen auf Kosten der Stadt haben gegenüber dem Vorjahr, wo noch 4377 Armenleichen(1855 Erwachsene, 2522 Kinder) beerdigt wurden, sich gemindert. Das wird zum Teil aus dem allgemeinen Rückgang der Sterblichkeit, der in Berlin besonders in 1910 sehr erheblich war, erklärt werden müssen. Um so mehr fällt es auf.! die Zahl der bezahlten Beerdigungen, die für das vorletzte Jahr erst 1205 betrug(950 Erwachsene, 255 Kinder), für das letzte Jahr sich auf 1434 gestellt hat. In den letzten sechs Jahren wurden 718, 866, 935, 1198, 1205, 1434 Leichen gegen Bezahlung bestattet, also in 1910 fast genau doppelt so viel wie in 190 5. Den Kirchengemeinden ist diese Abwendung von ihren Fried- Höfen sehr unbequem. Sie trifft sie da, wo auch sie empfindlich sind, nämlich am Geldbeutel. Friedhöfe sind für die nreisten Kirchengemeindcn eine Einnahmequelle, die sie nicht entbehren können. Ein Weltkongreß der Hotelbefitzer soll von: 16. bis 20. Oktober in Berlin abgehalten werden. Als Vcrhandluugsgegenstände sind vorgesehen die Schaffung einer internationalen Holelordnung, H a s t p f l i ch t der Hoteliers, das Schmiergelderunwesen und anderes mehr. Weit reichhaltiger ist aber das VergnügungS- Programm: Eröffnung am 16., mittags, im Abgeordnetenhause, abends großer EmpfangSabend im Zoologischen Garten. Am zweiten Tage großes Eis fest für die Damen; für die Herren Empfang und Souper durch die Stadt Berlin im Rathause: Die weiteren Tage wechseln ab mit Tee in den Hotels Adlon, Bristol und Kaiserhof, Vorstellung im Metropol-Theater, Festbankett und Ball im Zoologischen Garten, Ausflügen nach Potsdam usw. Der Preis der Festkarte ist auf 50 M. pro Person festgesetzt. Man sieht, die Herren Hoteliers verstehen zu leben. Und sie haben's auch dazu, der zu Ende gehende Sommer hals ihnen reichlich eingebracht. Wir mißgönnen den Herren das Vergnügen nicht; aber sicher ist, die Entfaltung solchen Pompcs sticht doch gar zu sehr ab von den bekannten traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnissen der ga st wirtschaftlichen Ange st eilten._ t Wenn man seine alte Mutter zum Eisenbahnwagen begleitet. Aus einem eigenartigen Anlaß sind kürzlich auf dem Stettiner Bahnhof zwei Personen vom Bahnhofsvorsteher angehalten worden unter der Beschuldigung, eine Vorschrift der Eisen- bahnverkehrsordnung übertreten und dadurch sich strafbar gemacht zu haben. Von einem in Pommern gelegenen Ort waren ein paar alte Frauen zusammen nach Berlin und von hier weiter nach einem Vorort gefahren, um ihre verheirateten Söhne zu besuchen. Als die beiden Mütter gemeinsam wieder heimfahren wollten, hielten die Söhne es selbstverständlich für ihre Pflicht, sie bis Berlin zu begleiten und auf dem Stettiner Bahnhof ihnen für die Weiter- reise bei der Unterbringung ihres Gepäcks im Eisenbahnwagen behilflich zu sein. Die eine der Frauen»st 63 Jahre alt, die andere soll bereits 65 Jahre auf dem Rücken haben— da ist es begreiflich, daß beide schon wegen ihres Alters einer Hilfe bedurften. Die Söhne nahmen zwei Bahnsteig- karten, führten die Mütter zu einem Wagen der 4. Klasse und schafften ihnen das Gepäck hinein, einen Koffer und einen Korb, die nötigenfalls auch als Sitzgelegenheit dienen sollten. Uns wird versichert, daß die Söhne nicht länger im Wagen verweilten als nötig war, um für das Gepäck eine den Müttern bequeme Stelle auszusuchen und sich dann von ihnen zu verabschieden. Als sie den Wagen verließen und auf eine Frage des Schaffners erklärten, daß sie nicht mitfahren wollten, wurden sie angehalten. Man nahm ihnen ihre Bahnsteigkarte ab und nachdem sie bis zur Abfertigung des Zuges auf dem Bahnsteig hatten warten müssen, stellte der Vorsteher ihre Personalien fest. Da sie keine Legitimationen bei sich hatten, so wurde ein Schutzmann herbeigerufen, der sie noch nach der Bahnpolizeiwache führte. Die meisten unserer Leser werden verwundert fragen, wo denn da der Verstoß gegen die Eisenbahnvcrkehrsordnung stecken soll. Das fragten auch die Sistierten; worauf der Vorsteher ihnen ant- wartete, sie seien ohne Fahrkarte in den Wagen eingestiegen, das koste 6 M. Seine Meinung, daß die beiden sich strafbar gemacht hätten, stützt sich offenbar auf einen Paragraphen, der so lautet: ..W er ohne die Absicht mitzufahren in einem zur Abfahrt bereitstehenden Zuge Platz nimmt, hat 6 M. zu entrichten." Dieses Verbot nebst Strafandrohung ist leider nötig gegenüber den: von pfiffigen Leuten angewandten Kniff, im Eisenbahnwagen sich ohne Fahrkarte neben ihren reise- fertigen Angehörigen niederzulassen, um dadurch»ildcre Reisende vom Einsteigen abzuhalten. Es ist an sich nichts dagegen cinzu- wenden, daß solchem Unfug streng entgegengetreten wird. Ein- richtungen, die dem Allgemeininteresse dienen sollen, dürfen nicht von einem einzelnen zun: Schaden anderer so in Anspruch ge- nommen werden, wie wenn sie ihm allein gehörten. Doch die Strafandrohung wollte eben nur diesen Unfug verhüten, schwerlich aber jedes Betreten eines Eisenbahnwagens, das etwa nötig würde, um einem Angehörigen bei der Unterbringung seines Gepäcks bc- hilflich zu seilt Das geht deutlich genug hervor aus der Begrün- dung, die dem Entwurf des Gesetzes übe« die Eisenbahnverkehrs- ordnung seinerzeit beigegeben wurde. Tarin wurde ausgeführt, es handle sich um Personen, die Reisende oder Beamte über die Besetzung deL Abteils Pauschen wollen, um ihren An- gehörigen eine bequeme Fahrj zu sichern. Ein solcher Fall liegt hier, wie uns auf das Bestimmteste versichert wird und auch aus den Umständen ohne weiteres klar ist, nicht vor. Die beiden Söhne, die ihren alten Müttern das Gepäck in den Eisenbahnwagen schafften, haben in ihm keinen bestimmten Platz eingenommen und haben ihn auch nicht zu dem Zweck betreten, irgendwen über die Besetzung dcS Wagens zu täuschen und dadurch andere vom Einsteigen abzuschrecken. Wer so etwas beabsichtigt. der kann wohl auf Erfolg rechnen, wenn er in den kleinen Abteilen der 3. oder der 2. oder gar der 1. Klasse sich breit macht, nicht aber in den großen, stallähnlichcn Abteilen der 4. Klasse. Das von uns geschilderte Vorkommnis lehrt aper, daß mgn für einen Liepes- dienst alle möglichen Unannehmlichkeiten haben kann, wenn ein Beamter dem Verbot die weiteste Auslegung geben zu sollen meint. Weshalb wir diese Angelegenheit hier öffentlich besprechen? Wir wünschen, unsere Leser zu warnen vor Uebcrtrctung des seit langem bestehenden Verbotes, das noch immer sehr wenig be- lannt zu sein scheint. Wir halten es auch für unsere Pflicht, ihnen zu zeigen, w i e weit in der Auslegung jenes Paragraphen manch- mal der Ucbereifer eines Beamten gehen kann. Der Paragraph soll ein Schutz für die Reisenden sein, so aber wird er für sie oder ihre Angehörigen zu einer Belästigung. Und er wirkt als Aus» nahmebestimmung zum Schaden der Unbemit» t e l t e n, bei denen es nicht dazu langt, alten und schwächlichen Leuten ihr Gepäck durch einen amtlichen Gepäckträger in den Wagen hincinschaffcn zu lassen. Zu der Rigorosität, mit der in dem ge- schilderten Fall vorgegangen worden ist, paßt schlecht die Sorglosig- keil, mit der man die Reisenden ihrer Unkenntnis des Verbotes überläßt. In dem Auszug aus der Vcrkchrsordnung, der auf Bahnhöfen aushängt, haben wir nichts darüber zu finden vermocht. Die beiden Männer, die auf dem Stettiner Bahnhof sistiert wurden, wußten bis dahin nichts von dem Verbot. Aber auch wenn sie davon, gewußt hätten, wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, daß sie sich schon st r a f b a r machen könnten durch die Hilfe, die lle pflichtgemäß ihren alten Müttern leisteten. Auf der Bahnpolizeiwache sagte ihnen ein Polizcibcamter ganz offen, daß er selber in gleicher Lage dasselbe wie sie getan hätte, ohne es für strafbar zu halten. Die Eisenbahnbehörde kann selber ohne weiteres die vermeint- lichc Uebertretung mit einem Strafmandat ahnden, doch ist den hilfreichen Söhnen bis zur Stunde noch kein Strafmandat zu- gegangen. Vielleicht wuck> an zuständiger Stelle noch überlegt, was man in diesem schwierijR: Fall tun soll. Städtische Finanzkalamität. Das sogenannte„DispositionS- quantum" deS Berliner Magistrats, das von den Stadtverordneten in Höhe von 600 000 M. für 1911/12 bewilligt worden ist, soll um 200 000 M. verstärkt werden. Der Fonds ist infolge größerer, nicht vorhergesehener Ausgaben für Bauten beinahe erschöpft. Das war bei dem knappen Etatsanfatze vorauszusehen. Die Sozial- demokrateu hatten deshalb auch die Erhöhung dieses Postens auf eine Million beantragt. Die Mehrheit lehnte aber den Antrag ab. Geschwindigkeitömessungen. Das Polizeipräsidinm teilt mit: Um ein Urteil über den Genauigkeitsgrad der von Beamten des Verkehrs- konimissariatS auszuführenden Geschwindigkeitsmessungen von Kraft- fahrzcugen zu gewinnen, sind Versuche angestellt worden, bei denen die auf der Straße aufgestellten Beamten und ein Insasse eines Automobil« gleichzeitig mit Stoppuhren die Zeit für das Durchfahren einer bestimmten Strecke feststellten. Bei einer größeren Zahl auf verschiedene» Straßen zum Teil unter schwierigen Verhältnissen an« gestellter Versuche betrug der durchschnittliche Fehler 2 Proz.: der größte Fehler, der in einem Fall zuungunsten deS AutomobilführerS gemacht wurde, betnq 5 Proz.; d. h., es kann vorkommen, daß ein Beamter 26,2 Kilometer mißt, während das Automobil nur mit 25 Kilometer fährt. Zu VergleichSzweckeu wurden einige Messungen mit gewöhnlichen Taschenuhren ausgeführt; hierbei betrug der durch- schnittliche Fehler 5,9 Proz. Da die Messungen mit gewöhnlichen Taschenuhren sonach weniger zuverlässig sind, werden von den Be- amten deS Verkehrskommissariats ausschließlich Stoppuhren benutzt. Um zu vermeiden, daß ein Führer infolge Ungenauigkeit der Messungen zu unrecht bestraft wird, wird eine Uebcrschreitung der zulässigen Geschwindigkeit bis zu einer gewissen Fehlergrenze nicht gerügt. Diese Fehlergrenze ist so hoch bcntessen, daß selbst bei An- Wendung von Taschenuhren eine ungerechtfertigte Bestrafung des Führers ausgeschlossen ist. Explosion auf dem Zollamt. Großes Aufsehen erregte am Sonntagvormittag die Explosion eines Pakets auf dem Zollamt 1 in der Alexandrinenstr. 93/94. Das Amt hat hier im zweiten Hof im ersten Stock mehrere Räume, von denen einer, der gewölbte Sortierraum, nach dem dritten Hofe hinausführt. Dieser Raum enthält ringsum Regale, auf denen die Pakete, wenn sie nochmals signiert sind, zur Aushändigung an die Empfänger niedergelegt werden. Sonntagvormittag waren mehrere Zollbeamte dabei, die in großer Zahl eingegangenen Pakete nach einem Rcgiftraturzettel zu verlesen. Hiernach nahm sie der Amtsdiener in Empfang, um sie auf den Regalen unterzubringen. Unter den Eingängen befand sich auch ein Paket aus Pappe, das in Länge, Breite und Höhe etwa 25 Zent�inctcr maß und, nach der Deklaration, Putz- und Modewaren enthalten sollte. Der 41 Jahre alte Amtsdicner Teuber aus der Reuchlinstr. 6 m zu Charlottenburg hatte dieses eben in sein Fach gelegt, als es unter einem donnerartigen Knall explodierte. Scherben und Splitter der Fensterscheiben an den Höfen und an der Durchfahrt flogen umher und eine große Stichflamme verbrannte Teuber die linke Hand, die er noch hoch- hielt, und die linke Kopfseite. Wie ein schwerer Schlag traf es seinen Kopf und das linke Ohr, dessen Gehör wahrscheinlich ge- litten hat. Qualm und Rauch erfüllten bald den ganzen Raum und Stichflammen schössen hin und her und entzündeten mehrere Pakete in der Nähe der Explosionsstelle und auf den benachbarten Regalen. Die Zollbeamten eilten dem Verunglückten zu Hilfe und dachten gleichzeitig an die Rettung der in den Regalen auf- gestellten Waren. Die Fcuersgefahr war um so größer, als sich unter den Paketen viele befanden, die leicht entzündlich waren. Die Beamten gaben deshalb sofort aus den Hydranten Wasser auf die brennenden Pakete, und es gelang ihnen auch, den Brand zu löschen, bevor noch die Feuerwehr eintraf. Diese konnte sich darauf. beschränken, die Glasscherben zusammenzufegen und die Trümmer und Fetzen der beschädigten Pakete für die polizeiliche Unter- suchung zu sammeln. Teuber wurde der Unfallstation in der Kommandantenstraße zugeführt und dort von dem Arzte verbunden. Seine Verletzungen sind zum Glück nicht schwer. Er konnte bald nach dem Zollamt zurückkehren und dem Zollinspektor, der die Untersuchung führt, seine Wahrnehmungen zu Protokoll geben. Wie die Ermittelungen ergaben, hat das explodierte Paket söge- nannte Knallpfropfcn enthalten. ES sind das ausgehöhlte Korken, die mit einem ExplosionSstoff gefüllt und dann an dem schmaleren Ende mit einer Art Löschpapier zugeklebt werden. Radfahrer be- nutzen diese Knallpfropfen für ihre Pistolen, um auf der Land- straßc Hunde oder auch Menschen, die sie belastigen, zu vcr- scheuchen. Reste von dem Inhalt des Paketes wurden in dem Sortierraum noch gefunden. Wer der Absender und der Emp- fängcr dcS Paketes sind, ließ sich gestern noch nicht feststellen, weil die Aufschriften zerrissen und größtenteils derbrannt sind. Soweit sich bisher herausfinden ließ, scheint es aber, daß die Sendung aus Schweden oder Norwegen gekommen ist. Eine nähere Aufklärung kann erst eine umständliche Nachprüfung aller Eingänge bringen. Die näheren Ermittelungen der Kriminalpolizei und die Nach- Prüfung der Aufgabclislen dcS Postamtes und deS Zollamtes haben ergeben, daß der Absender de? gefährlichen Pakets ein Kaufmann L. aus der Alcxandrincnstraße ist, der sich mit der Herstellung untvdem Versand von FeuerwerkSkörpern befaßt. L. sandte vor einiger Zeit vier Pakete dieser Art zugleich nach Lemberg, sie wurden dort nicht angenonnncn, vielmehr an den Absender zurückgeschickt. Am Sonntag kamen sie hier wieder an. Ohne Zweifel sind alle vier gleich nach einander explodiert. Daher auch die bedeutenden Zerstörimgen in dem Sortierraum. Der Luftdruck hat nicht nur alle Fenster zer» trümmert, sondern auch eiserne Träger verbogen. Sogar im dritten Stock sind noch die Fenster gesprungen. Eine Sendung von L. ist, wie festgestellt wurde, kürzlich schon in Rußland explodiert. Gegen ihn schwebt in dieser Angelegenheit bereis ein Strafverfahren. Die 276. Gemcindeschule, Schöningstr. 17, ist wegen Scharlachs bis zu den Ferien geschlossen worden. Sämtliche Räume einschlietz lich der Aula, Turnhalle, Aborte und des Brausebades werden inzwischen desinfiziert werden. Bei einer Kesselexplofion schwer verbrüht. In der Heizungs anlage desHauptrestaurants im ZoologischenGarten kam Sonntag früh aus bisher nicht ermittelter Ursache ein Kessel zur Explosion. Die ausströmenden heißen Dämpfe trafen den Maschinisten Ernst G ü n t b n e r und verbrühten ihn im Gesicht und an den Armen. Der Verunglückte mußte mit einem Kranken- wagen nach dem Krankenhaus Moabit gebracht werden. Ein bedauerlicher Todesfall ereignete sich am Sonntagabend gegen 7 Uhr in Tegel. Vor dem Schloßpavillon in dem ge- nannten Vororte hatte sich an der Endhaltestelle der Straßenbahn wie allsonntäglich eine große Menschenmenge angesammelt, welche die ankommenden nach Berlin führenden Straßenbahnwagen be- stürmte. Etwa 250 Personen standen an der Endhaltestelle und rannten dem langsam einfahrenden Zuge entgegen, um sich einen Platz zn sichern. Bei dem entstehenden großen Gedränge wurde die 61 jährige Frau Klara Krebs, Kruppstraße 11, bei Verwandten wohnhaft, von der nachdrängenden Menge gegen den ersten Anhängewagen des Zuges gedrückt. Obwohl die Frtrn auS Leibeskräften die hinter ihr stehenden Personen zurück- zudrängen versuchte und rief, man möge doch ein wenig Raum geben, da sie sonst unter den Wagen gerate, wurde die Unglückliche so heftig bedrängt, daß sie den Halt verlor und zwischen den zweiten und dritten Anhängewagen geschleudert wurde. Die Bedauerns- werte stürzte so unglücklich, daß sie unter den Schutzrahmen kam und, da das Straßenbahnpersonal in dem furchtbaren Durch- einander den Unfall nicht sogleich bemerket konnte, zu Tode ge- quetscht wurde. Als der Wagen angehoben wurde, konnte Frau Krebs nur noch sterbend hervorgezogen werden. Die Verunglückte wurde zu einem in der Nähe wohnenden Arzt geschafft, unter dessen Händen sie jedoch an inneren Verblutungen verstarb. Die Verwandten schafften die Leiche nach Berlin. Ein Betriebsunfall ereignete sich gestern mittag 12 Uhr in dem Bnchdruckereibetriebe der Firma Liebheit u. Thiesen, Niederwallstr. 16> Dort geriet der 16 Jahre alte Buchdruckerlehrling Willi Nebeling beim Bogenfangen mit dem rechten Arm in die Maschine, wobei der Arm völlig zerfleischt wurde. Der Verunglückte wurde von der herbeigerufenen Feuerwehr auS seiner qualvollen Loge befreit und zunächst nach der Unfallstation und von dort nach dem Krankenhaus gebracht.. Bauunfall im Metropolpalast. Im Metropolpalast hat sich gestern nachmittag ein Bauunfoll zugetragen. Dort stürzte der Vergolder Stcffenbock aus der Alten Jakobstr. 7 von einem Bau> gerüst ab. Der Vernnglückte erlitt eine leichte Gehirnerschütterung und erhielt von dem Arzt der Unfallstation in der Kronenstraße die erste Hilfe. Dann wurde er nach seiner Wohnung geschafft. der Berliner Feuerwehr lange Zeit. teils aus. Das Gebäude brannte größtem Das Metropol-Theater hatte am Sonnabend einen großen Tag. Die Erstaufführung der neuen Jahre�revue hatte Wut- Berlin nach der Behrenstraße geführt, um. zu sehen und zu hören, was Julius Freund als Verfasser und Viktor Holländer als Vertaner der Revue bieten würden. Unter dem Titel.Die Nacht von Berlin' hat der Verfasser so ziemlich alles, was sich im letzten Jahre er- eignet hat, in Versen glossiert und lose aneinandergereiht. Gute und schlechte Witze jagen einander. Den einzelnen Künstlern und Künstlerinnen sind die Rollen von vornherein auf den Leib ge schrieben. Die Darsteller sind es. die aus dem Ganzen erst etwas Rechtes machen: Der Giampietro als Modekönig Poiret und als Danziger Leutnant und„Faust'-Besuchcr, Guido Tielscher als AllerweltSzeitungsleser, Sophokles, Präsident Matiske und König OedipuS, I o s e p h I o s e p h i, der wiedergekehrt ist, als Nacht Wächter, Sieger im.,B.-Z."-PreiS und besserer älterer Herr. Von den Damen zeigtp Fräulein Kupfer vom Deutschen Theater an Stelle der ausgeschiedenen Fritzi Massary als Nacht von Berlin, Fräulein Kientopp, als Helene, Heimarbeiterin sich als talentvolle Soubrette, während Magde Lessing als Gaby mit Fräulein G u s s y Holl als Manuel, als Fürstin Warbenberg und als Margaretenmädel sich aufs neue als reizende Vortrags- und Tanz künstlerin erweist. Nennen wir noch die Damen Fräulein Leux und Ly Winter, so haben wir die Namen des in der Hauptsache mit- wirkenden Künstlerpersonals wiedergegeben. Daß wie früher auch diesmal auf Ausstattung, Kostüme und glänzende Lichteffekte, die vor allem im 6. Bilde.Im Palais der Träume' wirksam zum Ausdnuk gelangten, entscheidendes Gewicht gelegt wurde, ist von der Direktion des Metropoltheaters selbstverständlich. Das bis auf den letzten Platz besetzte Haus, in dem die neuesten Moden wieder zu Schau getragen wurden, klatschte starken Beifall, der sich bei dem Vortrage �ofcphis, in dem von der Zaghaftigkeit der deutschen Regierung in der Marokkoaffäre unter Anspielung auf den Blut- und Elsenmenschen Bismarck die Rede war, zu einer wider- lichen politischen Demonstration steigerte. Vorort- JVadmebten« Ein schwerer Unfall venirsachte in der letzten Nacht einen großen Menschenauflauf an der Ecke der Oranien- und Brandenburgstraße. Dort war der 18 jährige Fritz Steinkopf aus der Ritterstraße 103 von einer Automobildroschke überfahren worden und tonnte an- fänglich nicht befreit werden. Der Körper des jungen ManneS war zwischen der Steuerung fest eingeklemmt. daS linke Bein um ein Rad gewickelt und mehrere Male gebrochen. Auch die Feuerwehr konnte den Aermsten nicht sofort befreien. Schließlich faßten hundert Hände mit an. DaS Auto wurde vollständig in die Höhe gehoben und so lange in der Schwebe gehalten, bis der junge Mann, der bei voller Besinnung war, ans seiner qualvollen Lage befreit werden konnte. Die Feuerwehr brachte den Schwerverletzten nach dem Krankenhause am Urban, wo man außer einem Ober- schenkelbruch, einem Bruch des Schienenbeins, eine Verletzung des Knies, des Hinterkopfes, noch vier Rippenbrüche feststellte. Ein Arzt legte sofort Verbände an. Bou einem Privatantouiobil überfahre» und auf der Stelle ge- rötet wurde gestern nachlnittag gegen 3 Uhr auf der Landsberger Chaussee vor der Gärtnerei Schmidt der etwa 40 Jahre alte Kutscher Gustav Bohn. Brandunglück beim Haarebrennen. Die 13 Jahre alte Ver- käuferin Margarete Giesen in der Auguststraße 41 brannte sich Sonntag nachmittag in ihrem Schlafzimmer das Haar. Mit einer unvorsichtigen Handbewegung stieß sie den Spiritusbrenner um, und eine Flamme schlug hoch, erfaßte ihre Bluse und setzte sie in Brand. tilferufend riß das Mädchen die Flurtür auf und lief auf den reppenflur hinaus. Der Lustzug entfachte die Flamme erst recht, so daß bald auch die Unterkleider brannten. Die Stiefeltern, die von dem Geschrei der Verunglückten erwachten, eilten ihr zur Hilfe und versuchten das Feuer mit den Händen auszudrücken. Haus- genossen erstickten es mit übergeworfenen Kleidungsstücken. Die ganze Familie wurde'mit einem Koppschen Wagen nach dem Hedwigs-Krankenbause gebracht. Hier liegt daS Mädchen, das an Hals, Brust und Unterleib schwer verbrannt ist, bedenklich danieder. Die Stiefeltern, die sich an Händen und Armen erhebliche Brand- wunden zugezogen hatten, wurden auf ihren Wunsch nach ihrer Wohnung entlassen, nachdem sie verbunden worden waren. Selbstmord im Hotel. In einem Hotel am Schiffbauerdamm 13 hat sich gestern ein junges Mädchen, das auS Kiel erst zugereist war, durch einen Revolverschuß getötet. Wie die polizeilichen Ermitte- lungen ergaben, handelt es sich um eine 23jährige Schneiderin Emma Horst, die den Selbstmord aus Liebeskummer verübt zu haben scheint. Die Leiche wurde beschlagnahmt. 6000 Mark Belohnung. Die städtische Feuersozietät hat nun auch 1000 M. Belohnung auf die Ermittelung der Brandstifter aus- gesetzt, die seit Mitlc Juli d. I. mehr als 200 Brände an- gelegt haben und besonders die Vororte heimsuchen. Die Privat- feuerversicbernngen haben zu demselben Zweck 2000 M. zur Ver- fügung gestellt und der Magistrat Wilmersdorf 1000 M. Dazu kommen die von dem Haus- und Grundbesitzerverein Bellevue und Hansaviertel, dem Verein Frankfurter Torbezirk usw. ausgesotzten Belohnungen und die von der Polizei in Höhe von je 500 M. Bisher hat aber die Aus- sctzung dieser Belohnungen nichts gefruchtet, es wird ruhig und in derselben Weise wie bisher gebrandstiftet. Kein Tag vergeht, an dem nicht eine oder mehrere gemeldet werden. Die böswillgen, wie die fahrlässigen werden nicht eher abnehmen nach Ansicht von Sachverständigen, bis die B a u p o l i z e i strengere B o r s ch r i f t e n über die Errichtung von Dachgeschossen erlassen hat. Großfeuer kan, am Sonntagvormittag in dem neuen Hanse Bornemannstr. 6/3 infolge Brandstiftung zum Ausbruch. Als die Gefahr von den Hausbewohnern bemerkt wurde, stand der Dachstnhl des Vorderhauses schon an mehreren Stellen in Flammen. Diese fanden an der Dachkonstruktion, dem HanSiat der vielen Mieter und Brennmaterialen usiv. so reiche Nahrung, daß die Feuerwehr auS der Pankstraße Unterstützung heranziehen mußte. Ueber die bereits verqualmten Treppen und mehrere mechanische Leitern wurde mit vier Schlauchleitungen unter Benutzung von Rauchschutzapparaten unter Leitung des Brandmeisters v. Bergen wirksam vorgegangen, der Qualm und eine enorme Hitze erschwerten die Löschung. Nach mehrstündiger Tätigkeit gelang eS den Brand auf den Dachstuhl des Vorderhauses und Seitenflügels zu beschränken. Ein Stallgebände in Flammen. Ein großer Stallvranb brach gestern nachmittag in der Seestr. 37 aus und beschäftigte zwei Züge Charlottenburg. Der Bau einer stäbtischen Badeanstalt auf dem Grundstück Nürnberger Straße 50/56 wird die Charlottenburger Stadtverord- netenversammlung in ihrer nächsten Sitzung am Mittwoch, den 20. September, beschäftigen. Die Badeanstalt, deren Kosten auf 4,6 Millionen Mark veranschlagt sind, wird nicht nur die größte, sondern auch Wohl die modernste und schönste Badeanstalt in Deutschland werden. Sie wird enthalten ein Männcrschwimmbad mit einer Breite von 16,3 und einer Länge von 26,5 Meter, also einer Fläche von 406 Quadratmeter und einem Inhalt von 725 Kubikmeter. Während daS größte Schwimmbassin in dem be- kannten Müllerschen Volksbad in München 368 Quadratmeter groß ist. Auf Umgängen um das Schwimmbassin finden sich in zwei Galerien 66 Ausklcidezellen. dazu Doucheräume usw. Um das Schwimmbassin herum und von diesem auS unmittelbar zugänglich zieht sich im 1. Stock das Männerschwitzbad 1. und 2. Klasse mit Auskleideräumen, Ruheräumen, Dampfbad, Warmbad. Heißluft bad, Massageraum, Erfrischungsraum, Frisierraum usw. Ueber diesen Räumen im 2. Stock sind 18 Wannenbäder 1. Klasse und ein russisch-römisches Luxusbad vorgesehen, während das 3. und 4 Stockwerk Wannenbäder 2. Klaffe enthält. Im Erdgeschoß werden noch ein Volksschwitzbad und Wannenbäder 3. Klaffe eingerichtet. Die Frauenschwimmhalle enthält eine Wafferfläche von 11,7 zu 17,8 Meter also 208 Quadratmeter. Auch für Frauen werden Wannen- bäder 1., 2. und 3. Klaffe eingerichtet. Ein drittes Schwimmbad wird im Freien für die wärmere Jahreszeit eingerichtet mit einer Wasserfläche von 16,0 zu 31,3 Meter und 112 Zellen. Diese Größenausmaße des Schwimmbassins im Freien ermöglichen die Anlage einer Wellenbadeinrichtung. Schließlich find noch Sonnenbäder und medizinische Bäder vorgesehen. Die Mäne der Badeanstalt find von Stadtbaurat Seeling entworfen, Lichtenberg. Brand durch einen Trschingschuß. Ein größerer Brand, bei dem 600—600 Gänse und einige Hundert Hühner umkamen, wurde in der vergangenen Nacht durch die Unvorsichtigkeit eines Schützen in Lichtenberg verursacht. In der Gänseschlächterei von Hammrot, früher Eitner, schoß ein Angestellter in der zwölften Stunde mit einem Tesching nach einer Ratte. Er traf aber nicht die Ratte, son dern schoß Heu, das in der Nähe lag, in Brand. DaS Feuer griff so rasch um sich, daß er eS selbst nicht mehr löschen konnte,' und ehe er andere Hilfe rufen konnte, war eS auch schon auf die Fachwerk gebäude und die Gänseställe übergesprungen. Die Feuerwebren von Lichtenberg und der benachbarten Ortschaften konnten nur noch daS Wohnhaus retten. Die WirtschaftSanlage wurde ein Raub der Flammen. Der größte Teil des Federviehes, von dem mehrere Tausend zur Mast gehalten werden, wurde gerettet, ebenso ein Pferd, während der Wagen verbrannte. Gegen 600 Gänse und einige Hundert Hühner kamen in den Flammen um. Rixdorf. Urber den Sachverhalt, der den Menschenansammlungen der vev gangeuen Woche bei dem Rixdorfer Fleischermeister in der Hermann- straße zugrunde liegt, hat der Arzt, in dessen Behandlung sich sowohl Fran Hilbrich als auch ihr Dienstmädchen befinden, in einem Attest folgendes mitgeteilt: „Herrn Schlächtermeister Paul Hilbrich Hierselbst bescheinige ich hiermit, daß sein früheres Dienstmädchen. daS angeblich von seiner Ehefrau am 13. September er. mißhandelt sein soll, freiwillig an demselben Tage in der RachmittagSsprechftunde, also kurze Zeit nach dem qu. Vorgänge bei mir war. Das Mädchen gab mir, wie ich auf das bestimmteste zu erNären und eventuell beeidigen kann, an, daß Frau H. es lediglich an den Haaren festgehalten und ihm eine Ohrfeige gegeben hätte. Spuren irgendwelcher äußeren Verletzung, wie sie durch Schlagen mit einer Hundep'eilsche hätten vorhanden sein müssen, waren nicht zu sehen. Bei dieser Züchtigung. die ich keineswegs billige, ist indes zu berücksichtigen, daß Frau Hilbrich am Abend zuvor eine schwere Operation durchgemacht hatte und eine hochgradig nervöse Frau ist, die durch den er- wiesenen Ungehorsam des Dienstmädchens, das die ernstliw erkrankte Frau ohne Hilfe hatte liegen laffen. schwer gereizt war. Ich traf bei meinem Besuche am 13. September er., morgens zirka O'/s Uhr, also kurz nach dem Auftritt mit dem Mädchen. Frau H. in einem Zustande so hochgradiger Erregung vor, daß ärztlicherseits die An- nähme einer vorübergehenden SinneSverwirrlheit nahelag und man somir Frau H. für ihre Handlungsweise kauni verantiqprtlich niachen konnte, in einem Zustande, wie er nach solchen Operationen oft genug beobachtet wird.' Nach diesem Attest wäre das unter der Bevölkerung kursierende Gerücht, das Dienstmädchen habe wegen der erlittenen Mißhand- lungen daS Krankenhaus aufgesucht, nicht zutreffend. Leider war es uns' bisher nicht möglich, das Dienstmädchen selbst zu sprechen, um so auS eigener Anschauung ein Urteil in dieser Sache zu gewinnen. Revolverschießerei auf der Straße. Ein gefährlicher Geistes- kranker hätte gestern, Montag morgen, in Rixdorf beinahe Unheil angerichtet. Auf dem Wildenbruchplatz gab der 22jährige Heizer Anton Kulpa aus Hamburg zwei Schüsse in die Luft ab und feuerte drei weitere� Schüsse auf zufällig vorbeikommende Persouen ab. Glücklicherweise gingen sämtliche Schüsse fehl. Bei der Festnahme behauptete der junge Mann, daß er habe Selbstmord verüben wollen. ES handelt sich jedoch unzweifelhaft um einen Geisteskranken. BerantwortliAer Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für dxiz Jnferatenteil veranttv.: Th. I�iocke.Berlm. Trucku-�erlaz: Vorwärts t? Martendorf. Als mutmaßlicher Brandstifter deS HauseS Ring- und Kaiser- straßen-Ecke ist am Sonntag früh der Besitzer des Hauses leibst verhaftet worden. Es wird angenommen, daß der Besitzer de» Brand angelegt hat, um die äußerst ungünstigen Geldverhältnisie durch die zu erwartende Versicherungssumme aufzubessern. Rummelsburg. Ein entsetzlicher Unglücksfall, dem ein KindeZleben zum Opfer fiel, ereignete sich am Sonnabend in der Neuen Bahnhofstraße 23. Der dort wohnhafte Mechaniker Sommer besitzt auf dem Lauben- gelände in der Prinz-Albert-Straße ein Stück Land mit einem Sommerhäuschen, in welchem Frau S. am Sonnabendnachmiftag große Wäsche wusch. Bei der Mutter befand sich auch die 4jährige Tochter Irmgard. Als Frau S. sich auf einen Augenblick entkernen mußte, benutzte die Kleine die Gelegenheit, um sich an der auf dem Herde stehenden, mit kochendem Wasser gefüllten Waschmaschine zu schaffen zu machen. Das Mädchen hängte sich an den Griff der Waschmaschine an. wodurch diese umgerissen wurde. Der siedende Inhalt ergoß sich über die kleine Irmgard, die am Leibe und den Beinen schwer verbrüht wurde. In besinnungslosem Zustande wurde daö Mädchen nach dem RummelSburger Krankenhause übergeführt. wo es einige Stunden nach seiner Einlieferung unter ent- setzlichen Qualen verstarb. Stralau. Aus der Gemeindevertretung. Die erste Sitzung nach den Ferien war trotz umfangreicher Tagesordnung von nur kurzer Dauer. Die Frage des SchulbaueS bezw. Erweiterung der bestehenden Schulgebäudes bat wiederholt die Vertretung beschäftigt. Der Gemeindevorstand empfahl die Ausführung eines Erweiterungsbaues, wofür die Projekte bereits vorlagen; danach betragen die Kosten 50000 M. Die Begründung war hier wie in ähnlichen Fällen äußerst dürftig. Die Mehrheit war indes bereit, dem Projekt ohne Dis- kussion zuzustimmen. Unser Vertreter betonte, daß geprüft werden müsse, ob ein Neubau nicht von vornherein für die Gemeinde vor- teilhaster sei. Bei der Entwickelungsmöglichkeit des OrteS fei es nicht ausgeschlossen, daß das so erweiterte Schulgebäude in abseh- barer Zeit wiederum zu klein werde und daher doch noch eine neue Schule gebaut werden müßte. Auch sei für zeitgemäße Einnchtungen in der Schule, wie Bäder usw. Sorge zu tragen; er, Redner, be« antrage daher Kommissionsberatung. Der Antrag wurde abgelebnt. Darauf verließ unser Vertreter die Sitzung, die dann wegen Bc- schlußunfähigkeit aufgehoben werden mußte. Weihensee. Einen Omnibusverkehr vom Stadtvahnhof Weißensee nach dem SäuglingS-Krankenhause in der Falkenberger Straße beabsichtigt die Gemeindevertretung einzurichten. Der Gemeindevorstand wurde be- auftragt, eine Rentabilitätsberechnung in einer der nächsten Sitzungen vorzulegen. DaS schlechte Pflaster in der Greifswalder Straße ist beseitigt, es find daher die Vorbedingungen für den schon längst beabsichtigten Omnibusverkehr gegeben. Die Große Berliner erhält hierdurch eine empfindliche Konkurrenz, was ihr weiter nicht schaden kann, da sie alle öffentliche Beschwerden und Anklagen auf schlechte Beförderung unberücksichtigt ließ. Es werden eine Reihe Fünf- pfennig-Teilstrecken eingeführt, die ganze Strecke soll 10 Pfennig kosten. Herzfelde. Wie wenig Interesse unsere bürgerlichen Gemeindevertreter am kommunalen Leben bekunden, bewies wieder einmal die le�te Gemeindevertreterfitzung. Nachdem sich mittlerweile 8 Vertreter ein- gefunden hatten und einige Beschlüsse unwesentlicher Natur gefaßt worden waren, kam ein Antrag des Ziegeleibesitzers Otto Mann zwecks Verlegung des Gemeindegrabens zur Erörterung. Als sich in der Diskussion über diesen Antrag«ine ablehnende Stimmung bemerkbar machte, stellte Herr Mann plötzlich die Frage, ob, wenn er daS Sitzungszimmer verlassen würde, die Vertretung noch beschlußfähig wäre. Diese Frage wurde vom Vorsitzenden verneint. Hierauf verließ Herr Mann den Sitzungssaal. Die Arbeiterschaft Herzfeldes mag hieraus ersehen, wie notwendig eS ist. daß sie end- lich für eine andere Vertretung sorgt. Ober-Schöneweide. Arbeitcr-Samaritcrkolonne Ober-Schöneweide und Umgegend. Da die Mitgliederversamnilung des WahlvcreinS auf den 26. September verlegt ist, findet der Vortrag über Verletzungen, Wundbehandlung und Blutstillung heute, DienSlagabend. 8'/, Uhr, statt. Spandau. Ueber die Inhaftnahme eines Kindes hatten wir kürzlich be- richtet. Es handelt sich, wie noch erinnerlich fein wird, um ein erst dreizehnjähriges Mädchen L. Das noch schulpflichtige Kind, das des Diebstahls beschuldigt wird, wurde plötzlich aus der elterlichen Wohnung durch einen Polizisten abgeholt. Im Rathbuse, wo die L. von der Polizei' in Verwahrung gehalten wurde, bekam die Mutter ihre Tochter nur noch ein einziges Mal flüchtig zu sehen. DaS in- hastierte Kind blieb einige Tage im Gewahrsam der Po- lizei, aber der Mutter wurde eine nochmalige Zulassung nicht gewährt. Eine Verwandte fragte darauf bei der Polizeiverwaltung schrift« lich an, was auS dem Kinde geworden fei. Wir erhalten jetzt Kenntnis von dem Bescheid, der auf diese Anfrage eingegangen ist. In ihm wird gesagt, die L. sei.wegen mehrfachen Diebstahls fest- genommen und dcm Vormundschaftsgericht hier zugeführt' worden, und die vermeintliche Notwendigkeit der Festnahme wird dann sol« gendermaßen begründet: .Durch Gerichtsbeschluß vom 6. September Ivll wurde die Unterbringung der L. in einer ZwangSerziehungSanstalt und. weil Gefahr im Verzuge, die vorläufige Unterbringung verfügt. weS- halb die L. hier rm Gewahrsam bis zur Uebcrfiihrung in eine Anstalt aufgenommen wurde.' Ueber die BeschaffenheitdieseS. Gewahrsams' hatte die Mutter, nachdem sie einen Blick hatte hineinwerfen dürfen, sich allerlei Gedanken gemachr. Sie war der Meinung, daß es sich um eine gewöhnlikbe Gefangenenzelle handle, und sie empfand das uin so mehr als Härte, da sie daS Kind für schwachbefähigt hält. Hier» über sagt nun der Bericht: .Die L. befand sich nicht im Polizeigefängni». sondern in ernem Gewahriam im Erdgeschoß neben der KästellanSwobnuna. um weiblichen Schutz in der Frau de§ Kastellans zu haben.' Sehr voriorgllch, gewiß! Aber die Polizeiverwaltung hätte fich auch darüber äußern sollen, wie eS in dcm Gewahrsam aussah. Nicht darauf kommt eS an. ob der Raum, in dcm das Kiud an- scheinend mehrere Tage und Nächte zubringen mußte, sonst als Ge- fängnis dient. Die Mutter sagt, daß er auf sie den Ein druck einer Gesa ngenenzelle gemacht habe. Wenn dieser Ein- druck richtig war, so kann auch die Wirkung auf daS Kind dieselbe gewesen sein, wie wen» man es in eine regelrechte Gefangenenzelle gesteckt hätte. Die L. wurde nach einigen Tagen der Erziehungsanstalt Strausberg zugeführt, ohne daß die Mutier ihr Kind noch ein- mal gesehen hätte. Ob die vorläufige Nnterbringuiig auftecht er- halten werden soll, darüber muß nun erst noch ein Gerichtsbeschluß erfolgen. DaS Versahren, ein solches Kind vorläufig unter- zubringen, ehe eS rechtskräftig zur Fürsorgeerziehung ver- urteilt worden ist, wird oft geübt und ist nach dem Gesetz zulässig. In dem vorliegenden Falle können wir nicht ent- cheiden, ob daS Kind schuldig ist oder nicht. Denkbar ist aber, daß auch ein zu Unrecht beschuldigtes Kind einmal in die Lage kommen kann, aus der elterlichen Wohnung durch einen Poli- ziften dein.Gewahrsam' zugeführt und von da einstweilen in eine Anstalt überwiesen zu werden. Dieses Schicksal wäre nicht zu ver- gleichen mit einer Untersuchungshaft, die über eine» Schuldlosen verhängt wird, sondern mit einer schuldlos erlittenen Be» st r a f u n g._.___ clagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW,