Dr. SSV. RbonncmentS'ßedingungen: tffionnemcnt J- Preis pränumerando i Vicrlcljährl. 3£0 Mr., monatl. 1,10 MI, wöchenlljch 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Numuicr 5 Pfg. Sonntags- mmimci mit illustrierter Sonntags» Beilage.Tie Neue Welt" 10 Psg. Post- «bonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. PoslabonncmentS ziehuien an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien. Schweden mid die Schweiz, 28. Jahrg. Vit InsttNoni-Ltdohk deträgt für die sechsgespaltene Kolonel- »eile oder deren Raum«> Pfg., für politische und gcwerlschasMche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kitini Hnrtigtn", das settgedruckte Wort 20 Pfg. szulässig 2 fettgedruckte Worte), jedcS weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlnsttellenan- das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buch- »eigen slaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition «pgegeben werden. Die Expeditiott ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, vlchilii» Ezllid»iSil llloiizg». Vevlinev Volksblntt. Zentralorgan der fozialdemokratifcben Partei Deutfchlands. relcgramm- Adresse: «Sotlaiiitisoknt BtrliB" Redaktion: SM. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Mittwoch, den 20. September 1911. Expedition: SM. 68, Lindcnstrasse 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Stichsvahl in DiHIeldorf. Die Düsseldorfer Reichstagswahl hat, wie vorauszusehen war, im ersten Wahlgange keine Entscheidung gebracht. Es wird vielmehr zur Stichwahl zwischen dem sozialdemokra- tischen Kandidaten Haberland und dem Zentrumskandidaten Bankdirektor Dr. Friedrich kommen. Die Stichwahl ist für den sozialdemokratischen Kandidaten eine aus- s i ch t s r e i ch e, da sich die Stimmen bei dem ersten Wahl- gang folgendermaßen verteilt haben: Haberland(Soz.).. Friedrich(Zentrum). B r e i t s ch e i d(Demokrat) Heckenrath(Deutschsoz.) Pole....... 33812 29 076 3 510 3138 271 Im ganzen sind also diesmal 69 807 Stimmen abgegeben worden gegenüber 70 189 Stimmen bei der Wahl im Jahre >1907. Der Zentrumskandidat, der bisher immer an der Spitze marschierte, hat in die zweite Reihe zurücktreten niüssen. Er hat nicht nur annähernd 4000 Stimmen weniger als der Sozialdemokrat erhalten, sondern seine Stimmenzahl ist auch absolut um 183 gegenüber der Wahl 1907 zurückgegangen. Die Sozialdemokratie dagegen hat diesmal 8423 Stinimen mehr erhalten als bei der letzten Wahl. Unter diesem Stimmenzuwachs dürfte sich freilich eine erhebliche Anzahl nationalliberaler Stimmen befinden. Denn da die Nationalliberalen, die bei der letzten Wahl 14 664 Stimmen erhalten haben, sich jedoch vom Mandatsbewerb ausgeschlossen hatten, werden ihre Stimmen zwar zum Teil auf Breitscheid und Heckenrath entfallen, zum anderen Teil aber auch auf den sozialdemokratischen Kandidaten übergegangen sein. Jedoch ist.es zweifellos, daß diesmal die Sozialdemokratie auch aus eigener Kraft eine beträchtlich größere Stnnmenzahl aufgebracht hat als im Jahre 1907. Daß die Nationalliberalen zum Teil für den sozialdemo- kratischen Kandidaten eingetreten sind, darf wohl darauf zu- rückgeführt werden, daß der Zentrumskandidat Dr. Friedrich noch kurz vor der Wahl die Hansabündler vor den K 0 p f g e st 0 ß e n h a t. Er hat es nämlich in letzter Stunde kategorisch abgelehnt, dem Hansabund irgend eine schrift- licheErklärung zu geben. Die„Kölnische Ztg." macht interessante Mitteilungen Mer die Verhandlungen, die wegen der Unterstützung der Kandidatur Friedrich zwischen dem Zentrum und dem Hansa- bund gepflogen wurden. Schon vor etwa zwei Mona- t e n, als das Zentrum seine Kandidatur öffentlich genannt hatte, ist zwischen dem Hansabund und der Zen- trumspartei Fühlung genommen worden. Die Verhandlungen schienen dann nach der„Kölnischen Ztg." zu ruhen, bis in einem Aufruf der Zentrunispartei auf den Wahlfonds der Sozialdemokratie und nebenbei auch auf die vom Hansabund aufgespeicherten Hunderttausende hin- gewiesen wurde. Die Worte„der Hansabund hat Hun- derttausende aufgespeichert" verschwanden dann plötzlich aus dem Aufruf und es erhielt sich hart- näckig das Gerücht, daß Verhandlungen zwischen dem Hansa- bund und der Zentrumspartei im Gange seien. Es wurde von Dr. Friedrich dann verlangt, daß er sich ischr iftlich verpflichte, in seinem Parlanientarischtm Wirken innerhalb und außerhalb der Partei die Richtlinien des Hansa- b un des vom 4. Oktober 1909 energisch zu vertreten und demgemäß sowohl innerhalb des Zentrums wie gegenüber der Zentnimspresse die dem Hansabund feindliche Richtung zu bekämpfen, wie die agrar-demagogische Richtung von Mitgliedern der Zentrumspartei. Dr. Friedrich sollte sich außer- dem verpflichten, für eine gerechtere Feststellung und Einteilung der Nie i ch s t a g sw ah l kir ei se einzutreten. Ter Zentrumskaudidat lehnte eine schriftliche fTrklärung in diesem Sinne ab. Tie Wahlbeteiligung, die etwas schwächer war, als im Jahre 1907, war im B i l k e r Bezirk besonders lebhaft. Tort war es nämlich am Montag aus Anlaß des Transport- arbeiterstreiks zu ernsten Zusammenstößen gekommen. Be- rittene Schutzleute sollen in die Menge hineingeritten sein. Nicht nur von der Hieb- sondern auch von der Schußwaffe ist ausgiebiger Gebrauch gemacht worden. Mehrere Personen wurden verwundet und eine ganze Anzahl sistiert. Der Anlaß zu diesen Zusammenstößen ist noch nicht hinreichend aufgeklärt. Die von der bürgerlichen Presse gebrachten Berichte sind tendenziös gefärbt. Die Anfuhr der Güter erfolgte am Diens- tag durch Militär, nämlich durch Mannschaften des Ulanen- rcgiments, die dazu kommandiert worden waren. Die„ar- hcitswilligen" Fuhrleute fuhren unter polizeilicher Bedeckimg. Die Einwohnerschaft des Bilker Bezirkes war durch die Vor- kommnisse des vorhergegangenen Tages sehr erregt und die Wahlbeteiligung in diesen Bezirken eine sicht- bar stärkere. Trotzdem in den ländlichen Bezirken die Geistlichkeit mit großem Eifer an der Arbeit war, hat das Zentrum nicht ein- nial seine Stimmcnzahl vom Jahre 1907 wieder zu erlangen vermocht. Auch diese Wahl hat bewiesen, daß die Wähler- massen über die vollsverrätcrischc Politik des Zentrums er- bittcrt sind und sich trotz aller demagogischen Mittel nicht � Mehr einsangen lassen. So darf auch die Düsseldorfer Wahl gls ein Vorspiel für die allgemeinen Reichstagswahlcn gelten. vie lilarohhoaffäre. Ueber den Stand der Verhandlungen liegen heute zwei halbamtliche Aeußerungen vor. Das französische Depeschen- burcau verbreitet folgende Meldung: In der gestrigen Unterredung hat Staatssekretär v. Kiderlen- W a e ch t e r dem Botschafter Cambon keine schriftliche Antwort auf die französischen Vorschläge übergeben, der Staats- sekretär glaubte zweifellos, datz vorläufig zum mindesten die Schnelligkeit der Unterhandlungen gewinnen würde, wenn häufigere Unterredungen an die Stelle des Dokumentenaustausches gesetzt würden, dessen Formalitäten, Herstellung und Uebermiltelung an die beiden Regierungen viel Zeit wegnehmen. Der Staatssekretär und der Botschafter nahmen gestern die Diskussion über die strittigen Punkte wieder auf und faßten bestimmte Hypothesen und gewisse redaktionelle Abänderungen ins Auge. Es scheint, daß diese Unterredung von dem wahrhaften Wunsche nach Verständigung geleitet war. Die Besprechungen hätten demnach einen neuen Schritt vorwärts getan, und die Wahrscheinlichkeit einer befriedigende» Lösung scheint sich zu verstärken. Dennoch wäre es übereilt, sich zu 0 p t i m i st i s ch zu zeigen, alle Unstimmigkeiten sind noch nicht gc- schwundcn, und es befinden sich noch prinzipielle Fragen in der Schwebe, in denen Frankreich nicht nachgeben kann. Erst nach einer weiteren Unterredung zwischen Botschafter und Staats- sekretär wird man über die entscheidende Wendung Klarheit gewinnen, die die Unterhandlungen nehmen werden. Dazu bemerkt nun das halbamtliche deutsche Telegraphen- burcau: Die vorliegende Nachricht entspricht nach unseren Erkundigungen den Tatsachen. Es ist jedoch hinzuzufügen, daß auch deutsche Forderungen prinzipieller Natur, auf die von Deutschland nicht verzichtet werden kann, in Frage stehen. Dies ist in einem Herrn C a m b 0 n als Antwort auf einen Brief des Botschafters übergebcnen Schreiben des Staatssekretärs zum Ausdruck gebracht worden, doch haben die beiden Unterhändler es für praktisch befunden, sich mündlich über die noch bestehenden MeinungS- Verschiedenheiten zu unterhalten und nach einer Fassung der einzelnen Punkte zu suchen, die geeignet wäre, die beiderseitigen Auf- f a s s u n g e n, die zum Teil nur in der Form divergierten, einander anzunähern, dabei ist eine Reihe von Ber« mittelungsvorschlägen entstanden, welche die Unterhändler zunächst ihren Regierungen unterbreiten werden. Es ist beachtenswert, daß die deutsche Regierung der Auslassung der französischen eine eigene nachzuschicken sich der- anlaßt sieht. Offenbar wünscht man der französischen«Un- Nachgiebigkeit" sofort die deutsche entgegenzusetzen. Da es sich unt ein Schachcrgeschäft handelt, so braucht man das„Un- annehmbar" nicht allzu tragisch zu nehmen und darf die Betonung mehr darauf legen, daß beide Regierungen die schließliche Verständigung in Aussicht stellen. Um welche Dinge es sich im jetzigen Stadium handelt, dafür geben die Auslassungen des„Echo de Paris" einige Fingerzeige, wenn man auch deshalb nicht alle Einzelheiten, die das Blatt berichtet, für absolut zuverlässig anzusehen braucht. Das Blatt glaubt folgendes mitteilen zu können: Deutschland bestehe auf einer internationalen Ko n trolle in Marokko und betrachte die französischen Vorschläge nicht aus« reichend als Garantie für seine wirtschaftlichen Interessen. Viel- mehr verlange e« auch jetzt noch, einen gewissen Prozentsatz der den Franzosen zu erteilenden öffentlichen Arbeiten zu erhalten. Auch die Zollfrage bilde noch einen strittigen Punkt. Deutschland werfe überhaupt prinzipielle Fragen auf. die Frankreich schwerlich ersiillcn könne und den in Berlin hervorgetretenen Optimismus nicht rechtfertigen. Im übrigen gibt das Blatt zu, daß die gestern überreichten Bemerkungen Deutschlands in versöhnlichem, ruhigem Tone gehalten seien. Wie dem aber auch sein möge, so werde die französische Regierung aus die Berliner Bemerkungen mit einer Note antworten, in der gewisse Artikel abgeändert werden, die die deutschen Wünsche bisher in ungenügender Weise befriedigten. Das Blatt bezweifelt, daß das französische Auswärtige Amt durch diese Note die wirtschaftlichen Forderungen Deutschlands erfüllt. Jedenfalls werden aber die Verhandlungen fortgesetzt werden. Der Ministerrat tritt morgen oder übermorgen zusammen. Auch gestern ist von den Kongokompensationen nicht die Rede ge- Wesen. Man sicht. es handelt sich um ganz bestimmte materielle Fragen, die jedenfalls auf dem Kompromißweg ihre Lösung finden müssen. Deshalb an einen Krieg zu denken, erscheint völlig unsinnig. Unsere Protestbewegung. In Stralsund fand am Sonntag eine öffentliche Versamm- lung unter freiem Himmel statt, in der 1600 Personen gegen die Kriegshetze protestierten. Die Ausführungen des Referenten Ge- Nossen Katzenstein fanden reichen Beifall. Die Resolution wurde einstiinmig angenommen. In einer stark besuchten Volksversammlung sprach in Mühl- hausen i. T h. am Sonntag Genossin Klara Zetkin über„Hungers- not und Kriegshetze". Eine Friedensdemonstration fand am Sonn- abend auch in Langensalza statt, bei der Genosse Brey- Hannover referierte. Die belgischen Sozialdemokraten gegen den Krieg. Brüssel, 19. September. Die hiesigen Sozialisten hielten gestern abend ein Meeting gegen den Krieg ab. Mehrere Abgeordnete und Parteiführer hielten heftige Reden, in welchen sie gegen den Krieg protestierten und sich mit den Sozialisten Frankreichs und Deutschlands solidarisch erklärten, mit allen Kräften einen solchen zu verhindern. Eine dahingehende Tagesordnung wurde ein- stimmig angenommen. Nach dem Meeting durchzogen etwa 120 000 Kundgeber die Straßen der Stadt, jedoch kam es dank der umsichtigen Leitung der Organisationsführer zu keinerlei Zwischenfällen. Dinier den Kulirfen des)VIarohho=Konfliht9. Paris, 17. September.(Eig. Ber.) Die„Huinanit6" beginnt heute Enthüllungen über die kapitalistischen Hintergründe des jetzigen Konflikts zwischen Frankreich und Deutschland zu veröffentlichen. Sie greifen in die Anfänge des Ministeriums Monis zurück. Herr E a i l l a u x, der damals Finanzmiuister war,, hatte als Präsident der Budgetkommissiou die Angriffe gegen das Ministerium B r i a n d wegen der bekannten N'Goko-Sangha- Affäre geleitet. Aber sobald es sich um eine entscheidende Abstimmung handelte, wußte er sich stets zu drücken. Das Ministerium B r i a n d fiel und hinterließ seinem Nachfolger, die traurige Affäre zu liquidieren. Caillaux trat nun als Finanzminister in Unterhandlungen mit dem Reichstags» abgeordneten S e m l e r und mit der N'Goko�Sangha-Gesell- schaft, d. h. mit dem famosen Redakteur des„Temps" T a r d i e u ein, um die durch die Auslösung des deutsch-fran- zösischen Konsortiums entstandene Entschädiguugsfrage zu regeln. Dein ersten bot er die Eisenbahn Kamerun-Ubanghi an, dem zweiten eine Kombination mit der von der Band« Mougeot-Fonddre beherrschten Forstgesellschaft Sangha- Ubanghi, deren Territorium von der deutsch-französischeni Bahn durchschnitten werden sollte. Diese Gesellschaft sollte die Aktiven und Passiven der N'Goko-Sangha übernehmen und auf die Entschädigung verzichten, dagegen einen Anteil an der Bahn erhalten, für die Frankreich die Zinsengarantie übernehmen sollte. Bei diesen Verhandlungen machte Tardieu den Makler. Er trug sich hierbei Herrn Caillaux zur Vermittelung des deutsch-französischen Abkommens an, das Frankreich Marokko ausliefern sollte. Herr R e g n a u l t war bei diesem, von Tardieu schon unter Pichon vorbereiteten Handel sein Helfer. Herr Cruppi, der damals die auswär» tigen Angelegenheiten leitete, ließ sich für den Plan gewinnen. Herr Tardieu war derart wieder ein offizieller diplomatischer Unterhändler geworden und konnte so dem Zuchtpolizeigericht entgehen, vor das ihn sonst seine Verwickelung in den schmutzigen Aktendiebstahlhandel der Maimon und Rouet gebracht hätte. Nun wurden im Vertrauen auf das bevor- stehende Einvernehmen in Deutschland die Eroberung Marokkos mit verstärktem Eifer betrieben. Die deutliche Diplomatie ließ Frankreich gewähren, um in der Stille die möglichen Forderungen abzumessen. Aber das Ministerium Monis befriedigte weder den Ehrgeiz Caillaux' noch die Hoffnung der Marokkoclique. Im Augenblick der Katastrophe von Jssy-les-Moultneaux knüpf- ten Cruppi und Caillaux ihre Intrige und Crnppi inter» venierte bei seinen Kollegen. Die Presse bekam Wind davon, worauf Dementis folgten. Aber Delcassä, der sich für die Caillauxsche Ministerkombination hatte anwerben lassen, be- seitigte den Kriegsminister G 0 i r a n und den hilflosen Perrier. Herr Cruppi, der sich im Auswärtigen Amt völlig unfähig gezeigt hatte, fiel ins Justizministerium hinauf. Unterdes dauerten die Verhandlungen der Herren Semler, Fonddre und Tardieu unter der Patronage des Herrn Caillaux fort. Am 1. Mai war Cambon nach Paris gekom- men, um Cruppi vor der vorauszusehenden deutschen Inter- vention zu warnen. Gleichzeitig gab die deutsche Regierung der französischen ihr Mißvergnügen über die Konzesionswer- bungen deS Herrn Bompard in Konstantinopel kund. Gegen diese wendete sich auch Herr Tardieu im„Temps", zu einer Zeit, wo sie noch nicht offiziell waren und nur Tardieus Spicßgesell Maimon dank dem Aktendieb Rouet hinter das Geheimnis gekommen war. Die Opposition Deutschlands gegen die französischen Konzessionen in der Türkei dauert nebenbei fort. Und da Rußland in seinem jüngsten Abkom- men die im Potsdamer Abkommen gemachten Nnschränkun- gen bezüglich der Bahnen im Norden Kleinasiens aufgegeben hat, kann der deutsch-sranzösische Konflikt morgen dieser Kon* zessionen wegen wieder ausbrechen. Caillaux setzte trotz der Warnungen die Verhandlungen fort. Ende Juni war die Einigung mit Semler fertig und Cambon wurde nach Kissingen geschickt. Die Konversation war. wie offiziell gemeldet wurde, freundschaftlich, aber gleich- zeitig war Semler bedeutet worden, mit seiner Unterschrift unter den Eisenbahnvertrag zurückzuhalten. Fünf Tage darauf erschien der„Panther" vor Agadir. liiebels Kecke unck England. London, 16. September.(Eig. Ber.) Seit langer Zeit hat keine Rede einen so tiefen Eindruck in England hervorgerufen wie die Rede Bebels auf dem Jenaer Par- teitag. Die meisten Morgcnblätter brachten gestern nur den ge- wohnlichen nüchternen und unvollständigen Reuterbericht, aber der Korrespondent des„Daily Telegraph" lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums in ziemlich ausführlicher Behandlung auf die be- redten und wuchtigen Worte des greisen Führers der deutschen Sozialdemokratie. Der Bericht begann mit den Worten:„Im Vordergründe der heutigen deutsches Nachrichten über die Marokko, frage fleh! die Rede, die Herr August Bede! auf dem soziakdeino- kratischen Parteitag in Jena gehalten hat. Es ist jetzt ein seltenes Ereignis, daß der Veteran der„Roten" von einer öffentlichen Tri- büne gehört wird, und zwei oder drei Jahre sind vergangen, seit- dein er zuletzt im Reichstag eine längere Rede hielt, Folglich haben feine Worte, denen seinö Gefolgschaft stets mit Begeisterung lauschte und die von seinen Gegnern mit Achtung angehört werden, neben ihrem eigenen Werte auch noch einen Seltenheitswert, wie die Nationalökonomen sagen." Auf die anständige konservative Presse scheint die Rede etwas ernüchternd gewirkt zu haben; man wird sich der letzten Unruhen in Südwales erinnern, als die empörte Bevölkerung während der durch den Eisenbahner- streik herbeigeführten Preissteigerung die Geschäftsläden plün- dcrte und sich stundenlang mit der Polizei und dem Militär herum- schlug, und wagt nicht daran'zu denken, was die Stürme eines Krieges bringen würden. Natürlich lassen es sich Blätter von dem Schlage der„Daily Mail", die ihre Felle davonschwimmen sehen, wenn das Volk zur Ernüchterung kommt, nicht nehmen, die Worte Bebels zu verdrehen, um sie ihren sauberen Zwecken dienstbar zu machen. Vornehmlich die linksliberaic Presse beschäftigt sich sehr eingehend mit der Rede. Der„Star", ein von den Londoner Arbeitern und den unteren bürgerlichen Schichten bielgelesenes Nachmittagsblatt brachte gestern schon einen Leitartikel folgenden Inhalts. Der Artikel trug die Ucberschrift:„Ein Appell an die drei Völker" und begann mit den Worten:„Wo ist die Demo- kratie? Welche Rolle spielt der Wille des Volke» in diesem marokkanischen Albdrückeu? Wird die Frage des Krieges und des Friedens hinter seinem Rücken von den Potentaten und hohen Priestern entschieden?" Seit Wochen, so heißt es weiter, sei die Frage durch endlose Behauptungen und Gegenbehauptungen ver- dunkelt worden, so daß der einfache Mann nicht mehr ein und aus wisse. Aber man habe genügend verlauten lassen, um die Völker mit beunruhigenden und quälenden Gedanken zu erfüllen. All- mählich habe man die drei Völker an den Gedanken des Krieges gewöhnt; ein Heer von Teufeln hätte die Aufgabe nicht besser er- füllen können. Das englische Volk sei von den herrschenden Klassen betrogen worden; dasselbe gelte vom deutschen und französischen Volke. Nichts deute darauf hin, daß das deutsche Volk einen Krieg mit England und Frankreich wünsche; Bebel habe dies in Jena bewiesen. Dann heißt es ferner in dem Artikel:„Herr Bebel sagt, adß die Alldeutschen durch die Reden britischer Minister gestärkt worden sind. Er sagt, daß die in England gemachten Erklärungen aus ein Ultimatum an Deutschland hinausliefen. Hierüber be- findet sich das englische Volk wiederum absolut im Dunkeln. ES versteht nicht, weshalb liberale Minister plötzlich zu Eisenftessern werden. Es möchte es gern wissen; aber an hohen Stellen herrscht Stillschweigen. Es kann sein, daß das Stillschweigen unbedingt notwendig ist. Es kann sein, daß die Geheimhaltung unerläßlich ist. Aber wie lange soll das Volk, das zu zahlen hat, im Dun- kein gehalten werden? Wir stimmen alle mit Herrn Bebel darin überein, daß ein Krieg über Marokko nicht die Knochen eines preußischen Gr e n a d i e r s wert ist. Es ist schlver zu verstehen, weshalb die Diplomatie nicht gezwungen werden sollte, aus dem Halb- dunkel ans helle Tageslicht zu kommen. Es besteht eine große Gefahr, daß die unbestimmte Fortdauer dieser geheimnisvollen Pourparlcrs irgendwie und irgendwo zu einem nervösen Zusammenbruch führen wird. Di6 Völker Deutschlands. Frankreichs und Eng- lands fürchten sich nicht, die ganze Wahrheit zu hören. Und wenn sie sich nicht verständigen können, so ist das Haager Schiedsgericht da. Weshalb sollten sich die drei Völker nicht zu- sammenschlicßen, um ihre„Beherrscher" zu zwingen, den ganzen Streit jenem Friedens- gerichte zu überweisen?" Der linksliberale„Morning L e a d e r" schreibt heute morgen im Anschluß an Bebels Rede in einem Leitartikel:„Ueber zwei Dinge kann unglücklicherweise kein Zweifel mehr bestehen. Das erste ist, daß sich innerhalb der letzten ein oder zwei Monate die ganze Atmosphäre der internationalen Beziehungen in Europa vollständig verändert hat. Das zweite ist, daß, solange die Ur- sachen, die sie verändert haben, bestehen, die Resultate der monate- und jahrelangen geduldigen Arbeiten im Interesse des Friedens immer derselben Gefahr ausgesetzt sein werden. Im Punkte Tat- fache kann Herrn Bebels Zeugnis ohne Frage angenommen werden." Dann heißt es weiter im Text:„Wir glauben nicht, daß irgendein ernst zu nehmender Teil des deutschen, französischen oder englischen Volkes wirklich den Krieg wünscht. Aber wenn die Völker nicht willens sind, die nötigen Schritte zu tun, um ihre Wünsche durchzusetzen, werden sie den Krieg eines Tages bekam- mcn, ob sie ihn wollen oder nicht. Das ist die Moral dieser lang hingezogenen geheimen Verhandlungen und der Uebel, die sie uns gebracht haben. Die Diplomaten sind als Klasse nicht mehr zu verdammen als andere; aber auch nicht mehr als andere dürfen sie die nngehindcrte Kontrolle über Interessen haben, die so gewaltig sind, daß ihr eigener Anteil daran wirklich winzig ist. Die menschliche Iiatur läßt sich nicht dadurch ver- ändern, daß man ihr Verantwortlichkeiten aufbürdet, die zu schwer für sie sind: und wenn man sorgloserweise irgendeiner Körper- fchaft von Sachverständigen die Bestimmung über Angelegenheiten von überwältigender öffentlicher Wichtigkeit anheimstellt— ob diese Sachverständigen nun Wissenschaftler oder Admirale, Bischöfe oder Beamte des auswärtigen Ministeriums sind so kann man sicher sein, daß der Spezialist früher oder später seinem professio- ncllen Eifer die wirklichen Interessen der Gemeinschaft, die ihm törichterweise vertraut hat, opfern wird. Das ist die Lehre, die die Demokratie in der ganzen Welt begreifen muß; und wenn sie zu träge oder zu gleichgültig dazu ist, so wird sie einen Preis zahlen müssen, der selbst ihren Untergang herbeiführen kann." Die„Daily News" bringt heute morgen einen Leitartikel über„Herr Bebel und die Krise". Sie schreibt, daß sich jedermann, der auf den Grund der Wirklichkeit der elenden Marokkoaffäre zu kommen wünsche, die Worte Bebels zu Herzen nehmen sollte. Nach einer Darlegung der Hauptpunkte schreibt das Blatt:„So liest ein solch scharfer Beobachter wie Herr Bebel die Geschichte dieser letzten Monate und die Aussichten der Zukunft. Wir mögen, wenn wir dazu aufgelegt sind, die Verteilung des Tadels bemängeln, aber daß ein solcher Mann eine schwere Bürde de r'Verant- Wartung England auferlegt, ist genug, um jedem Engländer ernstlich zu denken zu'geben." Im Ver- lauf der Besprechung heißt es dann, daß nichts sonderbarer sei als die Ruhe, mit der der gewöhülichc Engländer von den Borbereitun- gen zum Kriege lese. Das' sei nicht die Ruhe eines vernünftigen Menschen, sondern die Ruhe des Kindes, das mit dem Feuer spiele, dessen Eigenschaften es nicht kenne. Darauf zitiert das Blatt die Stelle der Bebelschen Rede, die von den furcht- baren Folgen des Krieges handelt, und bemerkt dazu:„Eine Aende- rung von Einzelheiten hier und da und da» Bild ist ebenso wahrheitsgetreu für England wie für Deutsch- l a n d. Auch für England würde der Krieg die Hungers- not, Pestilenz und Elend, das man sich nicht vorstellen kann, bedeuten. Und dennoch sprechen die Leute in England von Um NjMreitmiM zuU Kriege m demselben Zm M Lea tzkü Vorb'erekickn'geN zu einem neuen Thealerspiel und' von enieitt Mobilisierungsbefehi, als ob es Herr Bourchicrs Bart in Macbeth sei. Wenn sie sich bewußt würden, was das Ungeheuer ist, mit dem sie tändeln, so würde ein Emk r ü-st ü n gsst u r in durch dieses Land fegen, daß die marokkanische Krise und ihre Urheber beide zu einem schnellen und drastischen Ende kommen würden." Im Anschluß hieran wird noch das Verhältnis zwischen der Marokkofrage und den kommenden ReichstagSwahlen besprechen. Ein PaffuS über die deutsche Sozialdemokratie ist von besonderem Interesse.—„Wir können uns eine kleine Vorstellung von der Stärke der Partei machen, wenn wir bedenken, daß ihr jährliches Einkommen 223 000 Pfund Sterling beträgt und daß sie 1 3 000 Abonnenten auf ihre Publikationen hat. Es gibt nichts. dergleichen in irgendeinem Lande, denn die deutsche Sozialdemokratie ist hauptsächlich eine Partei der Lohnarbeiter, und es sind die Lohnarbeiter, die die Gelder herbeischaffen." Auch die„Westminster Gazette" beschäftigt sich heute mit der Rede Bebels und sucht die englischen Minister in Schutz zw nehmen. Bemerkenswert sind jedoch die Worte, mit denen der etwas ver- legene apologetische Leitartikler schließt:„Aber ganz abgesehen von den Ausgaben und Rüstungen ist dieses beständige Hadern zwischen Deutschland und Großbritannien für beide Länder töricht und degradierend, und wir würden es gern sehen, wenn ein Abkommen mit Frankreich den ehrlichen Entschluß auf beiden Seiten einschlösse, diesem Hadern wenn mög- lich ein Ende zu bereiten." politlfcbc OeberHcbt Berlin, den 19. September 1911. Zentrum und Sozialdemokratie. Auf dem Zentrumsparteitag für den Regierungsbezirk Aachen hat am Sonntag der Landtagsabgcordnete Dr. Bell- Essen nach dem Bericht der„Köln. Volksztg." gesagt: „Bei der letzten Reichstagswahl 1906/07 ist von sozialdemo- kratischer Seite der ZentrumSlraltion ein Wahlbündnis angeboten worden. Die Zenlrnmsfraktion hat einmütig das Bündnis ab- gelehnt, obgleich durch ein solches das Zustandekommen des konservativ-liberalen Blocks ausgeschlossen worden wäre." Hierzu teilt unL der Parteivorstand mit: „Die Behauptung des Herrn Dr. Bell entspricht nicht der Wahrheit. Weder der Zentrumsfraktion noch der Zentrums- Parteileitung ist bei den letzten Reichstagswahlen von maßgebender sozialdemokratischer Seite ein Bündnis an- geboten worden. Sollte Herrn Dr. Bell diese Aus- kunft nicht genügen, so mag er sich an die Herren Dr. S p a h n und Müller- Fulda wenden." Nervös. Unsere oberen Regionen scheinen durch daS Verhalten der Sozialdemokratie in der Marokkofrage einmal wieder in hoch- gradige Nervosität geraten zu sein. Nachdem vor kurzem die preußische Regierung eine Um- frage bei sämtlichen Regierungen veranlaßt hat, ob man mit ausnahmegesetzlichen oder verschärften st rafges etzlichen Bestimmungen gegen die Sozialdemokratie vorgehen solle, greifen jetzt untergeordnete Organe bereits zu anderen, recht gewagten Mitteln im Kaiilpfe gegen uns. So wurde dem Genossen Bebel ein längeres Telegramm, das der Sekretär des Internationalen Bureaus, Genosse Huysmans, Montag, den 11. September, nach Jena gesandt hatte, nicht ausgeliefert. Nach einem mehrfachen Meinungsaustausch perTelegramm und Brief zwischen Huysmans und Bebel erfuhr der letztere endlich am Sonnabendnach- mittag, kurz vor seiner Abreise von Jena, daß die belgische Post dem Genossen HuhsmanS gemeldet hat, die deutsche Post Hatzte das Telegramm konfis- ziert, ohne der belgischen Post von dieser Konfiskation Mitteilung zu machen. Genosse Bebel hat sich nunmehr an das kaiserliche Telegraphcnamt in Jena gewandt und die Auslieferung der Depesche verlangt. Zugleich verlangte er zu wissen, wer den Befehl zur Zurück- Haltung des Telegramms gegeben habe und welche Gründe für die Konfiskation maßgebend gewesen seien. Genosse Bebel beabsichtigt, die Angelegenheit im Reichstage zur Sprache zu bringen. Aber es sind noch wettere Merkmale von übergroßer Nervo- sität vorhanden. Als die Genossen Bebel und Dietz Sonnabend- nachmittag nach 3 Uhr gemeinsam von Jena nach Süddeutsch- land abreisen wollten und einige Zeit vor Abgang des Zuges in der Nähe des Bahnhofes auf- und abgingen, bemerkten sie, daß sie geheimpolizeilicki überwacht wurden. Genosse Dietz blieb in seiner Heimat Stuttgart; Genosse Bebel setzte am nächsten Vormittag die Reise nach dem Bodensee und der Schweiz fort. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er. daß die geheimpolizeiliche Ueberwachung fortdauerte und zwar wurde diese zum Teil auf eine Weise bewerkstelligt, die für Bebel nicht den Reiz der Neuheit entbehrte. Genosse Bebel schreibt uns darüber: ,„Jch bin während der Dauer des Sozialistengesetzes wolvl der am meisten geheimpolizeilich verfolgte Genosse in Deutschland gewesen und habe dabei über die Methoden dieser Ueberwachung sehr reiche Er- fahrungen gemacht. Neu aber war mir. wie man am Sonntagnachmittag von FricdrichShafen und Romans- Horn aus— also auf Schweizer Boden— mit Hilfe des Bahn- und Schiffspersönals das Ziel Meiner Reise zu erfahren suchte. Die Methode war.amüsant, blieb mir aber keinen Augenblick verborgen. Hätte man mich in Jena in höflicher Weise befragt, ivas das Ziel meiner Reise sei, so würde ich der polizeilichen oder staatsanwaltlichcn Neugierde bereitwillig entgegengekommen sein, denn ich hatte nichts zu verschweigen oder zu verbergen. ES sollte mir leid sein, wenn bei der jetzigen Finanznot in Reich und Staat man sich meinetwegen noch in besondere Unkosten stürzte, um geyeimpoltzeiltch Dinge zu erfahren, die man weit billiger und wahrheitsgemäßer durch mich selbst erfahren könnte." Die Regierung und die Teuerung. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" teilt mit: .Zu den Maßregeln gegen Futter- und Kartoffelmangel ge- hört die Erleichterung der Verarbeitung von Getreide, also auch von Mais, in landwirtschaftlichen Brennereien. Hierüber ist jetzt unter sämtlickien Bmidesregierungen Einverständnis erzielt. Es darf daher für Anfang Oktober d. I. mit einem Vundesrats- beschlüffe folaendca Inhalts gerechnet werden: Auf Antrag kann widerruflich gestattet werden, 1. daß die nach dem 1. Sepvembcr 1902 betriebsfähig hergench- teteu landwirtschaftlichen Brennereien in der Zeit vom 1. Ok- tober Mi bis einschließlich 16. Juni 1912 auch Rohstoste der in§ 10 Abs. 2 Satz 1 des BranntweiusteuergesetzeS he« zeichneten Art. welche nicht von den Eigentümern oder Be« . fitzern der Brennereien selbst gewonnen sind, verarbeiten. ohne die Eigenschaft als landwirtschaftliche Brennerei eiuzu- büßen; 2. daß landwirtschaftliche Brennereien ohne Hefenerzeugung jn der Zeit vom 1. Oktober 1911 bis einschließlich 16. Jnni 1912 ausnahmsweise Getreide an Stelle der von ihnen sonst ver- wendeten Rohstoffe verarbeiten, ohne aus diesem Grunde den in K 33 unter Sir. 2 und§ 39 des BranntweiusteuergesetzeS für den Fall des Ueberganges zur Getreideverarbeitung vor- gesehencu Nachteil zu erleiden." Die Maßnahme soll dazu beitragen, daß mehr Schlempe her- gestellt und so ein besonders geeignetes Futter für das Vieh ge- Wonnen wird; sie hat außerdem zur Folge, daß ein Teil der Kartoffelerute, der sonst in den Brennereien verarbeitet würde, für Speisczwecke frei wird. Die von der königlichen Eisenbahndirektion Berlin als ge- schäftSführender Vertvaltung veröffentlichten Aenderungen des Notstandstarifs für Futter- und Slreumittcl, die außer der Auf- nähme von Kartoffelslocken, Holzsägemehl und Holzwolleabsälle verschiedene im Interesse des Handels getcyffenen Erläuterungen bringen, erschöpfen noch nicht die vom Minister der öffentlichen Arbeiten im Einvernehmen mit dem Staatsministcrium nach unserer Mitteilung vom Soimabend in Aussicht genommenen Maßnahmen, die den Tarif verallgemeinern, und außerdem Futtergerste sowie Mais zu Futter- und Brenuereizweckeu in ihn aufnehmen werden. Der nach diesen Gesichtspunkten ganz um- gearbeitete Tarif wird noch in dieser Woche neu erscheinen." Ebenso wenig wie die am Sonnabend veröffentlichten Beschlüsse des preußischen Staatsministeriums können die im vorstehenden aufgeführten halben und zaghaften Maßregeln als ein irgendwie durchgreifendes Vorgehen der Rc- gierung gegen die Teuerung angesehen werden. Die hungernden Massen verlangen ganze Arbeit. Sic fordern Beseitigung der Lcbensmittelzölle und Oeffnung der Grenzen für die Vieh- und Fleischeinfuhr. „Nationales" Ttudeutcutum. Der Umzug der„Herren Studierenden" am Freitag in Jena, ö nebensächlich und bedeutungslos er an sich ist, wirft ein grelles Schlaglicht auf den Geist, der an„Deutschlands hohen Schulen" herrscht, und zeigt aufs neue, wie knietief der„tonangebende" Teil der akademischen Jugend im reaktionären Sumpf steckt. Welch ein Unterschied zwischen dem Geist des deutschen Studenten« tums von heute und dem vor 100 Jahren! In Jena, dem Univcrsitätsstädtchen im wirtschaftlich und kulturell ortgeschrittencn Thüringer Land, war es, wo 1816 die„Deutsche Burichenschaft" gegründet wurde. In der Finsternis der Reaktion waren damals die um das schwarz-rot-goldenc Banner der all- gemeinen deutschen Burschenschaft gescharten Studenten die Haupt- träger der bürgerlich revolutionären Ideale der Bourgeoisie. Ehrenvoll wird man stets der jungen Helden gedenken, die für ihre Freiheitsideale die schwersten Verfolgungen der ftudal-absolutistischen Reaktion zu erdulden hatten, die sich mit Todesurteilen und Kerkerhaft gegen die mutigen Träger des Fori- chriits zu behaupten suchte. AuS der revoluttonäten Bourgeoisie vor 100 Jahren ist die 'atte kapitalistische Bourgeoisie von heute geworden, die an dem Abend ihres DaieinS angelangt, alle ihre bürgerlichen Ideale au? chlotternder Angst vor dem vordrängenden revolutionären Proletariat verraten und mit der alten feindlichen Reaktion schon längst gegen die Sozialdemokratie gemeinsame Sache gemacht hat. Diese Umwandlung des deutschen Bürgertum« spiegelt sich natur- äß in der Studenlenschast wieder. Ei» Symptom des Versalls Bourgeoisie ist die Entartung des SludententumS. Aus den revolutionären Freiheitskämpfern find die albernen blasierten Becke unserer Wiyblätter geworden. Das bezeichnendste Merkmal an unserer bürgerlichen Jugend ist ihr Mangel an Idealen. Wie die Bourgeoisie selbst, so hat auch ihre Jugend keine hohen Ziele und roßeu Aufgaben mehr, die sie zwingen, ihre Kräfte anzuspannen. iir die jounosso ckoröo ist der Hauptinhalt der Studienzeit als Mitglied einer möglichst feudalen Verbindung im Genuß eines Monatswcchsels. von dem häusig Proletarierfanntien ein ganzes Jahr lang leben muffen, mit dem Firlefanz und alberner Wichtigtuer« die Jugend zu„genießen" und sich.auszutoben". Nachdem mit Hilfe des.Einpaukers" das Examen gemacht, gelaugt der Musen- söhn durch Konnexionen in die gut bezahlten Stellungen als.be» rusener Führer de« Volkes". Nicht die Leistungen, sondern die.Ge- Innung" ist das wesentlichste, weshalb sich die Studentenverbindungen in nationalen Phrasen und Chauvinismus nicht genug überbieten können. Der Typus dieses reichen Studenten trifft indessen nur für einen Teil des StudententumS zu, wenn auch für den ausschlaggebenden und behördlich bevorrechtete». Neben den Söhnen der Reichen und Reichsten studieren an unseren Universitäten viele Söhne von mittleren und niederen Beamten. Handwerkern, kleinen Kailsleuten usw.. deren Zahl immer mehr anwächst. Diesen stehen nicht die Mittel zu einem üppigen Koworations leben zur Verfügung, ja sie leben häufig in großem Elend als sogenannte».Skädtmikerproletariat". Aber auch bei diesem ärmeren und ärmsten Teil der Studentenschast kann meist von einem Verständnis für die Gedankenwelt des Proletariats kaum die Rede sein. Die ärmeren Studenten müssen danach trachten, möglichst bald da? Examen zu machen. Von einem objektiven Studium, innereni Freiwerden von bürgerlichen Vorurteilen und Eindringen in die proletarische Wisicnschasr kann nur in vereinzelten Fällen die Rede sein. Der harte Kamps um die Futterkrippe hat eine neue Form des Brotstudentcn und Strebers als TypuS an unseren Universitäten erzeugt. Wie die reichen sind auch die ärmeren Streber eifersüchtig bemüht, an ihrer„nationalen" Ge« sinnung keinen Zweifel zu lassen. Endlich ist die Universitätöbshorde bemüht, die ihrer Obhut an- vertrauten Schäflein vor dem Gift des Sozialismus zu schützen. Die Lex AronS hat uns gelehrt, wie es um die Freiheit der Wissen- fchaft an unseren Universitäten bestellt ist. Wenn die bürgerlich-ideologische Studentenschast, die noch von der Freiheit und Voraussetzungslofigkeit ihrer Wisseuschaft träumt, »eben Rednern aller Paneien auch einen Sozialdemokraten vor Studenten zu Worte kommen lassen will, so fährt die täppische Hand des Rektors dazwischen und verbietet es. Ucberhaupt imiß die Freie Studentenschasr, die glaubt, die heutige Universität noch zu einer ein« heitlichen civitas acadornica vereinigen zu lönuen, sich viel Fuß- tritte der Behörden gefallen lassen, die sie aber im Vertrauen auf daS„Wohlwollen der Behörden" geduldig erträgt, weil auch in ihr die revolutionäre Kraft des Bürgertums erloschen ist. ES ist des- halb auch kaum anzunehmen, daß ein Teil der Freistudeuten, die von der Wiirdelosigkeit des„Ulkö" in Jena überzeugt sind, dagegen Protest erheben werden. UnS aber kann ein so täppisches Verbalten wie das der Studenten in Jena nur willkommen sein, erinnert es doch aufs neue, auf welchen Grad der Versumpfung unsere akademische Jugend an- gelangt ist, und daß nur durch die Eroberung der politiichcn Macht durch daS Proletariat der lulturclle Fortschritt möglich ist. Nochmals: wer hat gefälscht? Die Korrespondenz Herzberg. Berlin, ersucht uns um Veröffent- lichung folgender Erklärung: Der„Vorwärts" gibt heute eine Auslassung der Firma Schweder und Hertzsch wieder, in der wir sUg.-Korrespondenz) zwar nicht namentlich erwähnt sind, die uns aber doch Ver- anlassung gibt, folgendes zu erklären: 1. Ter von uns ausgegebene Bericht über die Eröffnungsrede Bebels auf dem Jenaer Parteitag enthält das einem Artikel der.Weimarischcn Zeitung" vorangestellte Zitat:„Wir fordern Beseitigung der Lcbensmittelzölle. weil wir damit Deutsch« lonb den Lebensnerv abschneiden wollen', nicht. DaS stellt die.Weimarische Zeitung" in einem an uns gerichteten Brief vom IS. d. Mts., in dem unsere Mitwirkung zur Ermittelung des Ur- Hebers der Falschmeldung erbeten wird, ausdrücklich fest. Tat- sächlich enthält auch weder der Bericht der.Norddeutschen All- gemeinen Zeitung", noch der in irgend einem anderen von uns bedienten Blatt einen derartigen Satz. 2. Unsere Korrespondenz ist weder eine bürgerliche, noch eine sozialdemokratische, sie ist nicht Organ irgend einer Partei, sondern sucht sachlich zu berichten und wird von den Blättern aller Parteirichtungen benützt. _ Korrespondenz Herzberg. Ein Oberpräfidentenschub. Der Oberpräsident von Pommern, Freiherr von Maltzahn, der sich im vorigen Jahre durch eine anmasiliche Rede gegen die Presse bemerkbar inachte, tritt in den Ruhestand. An seine Stelle tritt der bisherige Obcrpräsident der Provinz Posen, v. W a l d o w, der seinerseits wieder durch den ultrareaktionären Unterstaats- sekretär im preußischen Kultusministerium v. Schwartzkopff ersetzt wird. Einzelne Blätter glauben in dem Rücktritt Watdows eine Be- stätigung dafür erblicken zu dürfen, daß die Regierung entschlossen sei. den neuerdings angeblich von ihr eingeschlagenen Kurs der .Milde" in der Polenpolitik beizubehalten. Waldow habe für das von ihm verlangte schärsere Vorgehen in der Polenfrage bei den maßgebenden Berliner Stellen nicht das nötige Entgegenkommen gefunden und sich deshalb zum Aufgeben des Postens entschlossen. Daß durch das Ausscheiden des Herrn Schwartzkopff eine Aenderung in der Haltung dcS preußischen Kultusministeriums herbeigeführt werden wird, erscheint aus- geschlossen. Es wird eine andere Nummer genommen werden,— der Faden aber bleibt derselbe._ Eine freche Fälschung uniernimmt die„Kölnische Volkszeitung'. Sie schreibt in ihrer Nr. 798 vom Montag: „Alle Berichte der Berliner Zeitungen stimmen darin überein, daß gestern in Wien Revolution herrschte, und das.Berliner Tageblatt" hebt als besonders auffallend hervor, daß die Sozialdemokratie bei ihren Demonstrationen dieses Mal ohne alle Ordner und Sicherheitsmänner vorgegangen ist, also für die Revolution rn vollem Maße verantwort« lich ist." Im„Berliner Tageblatt" wird man den letzten Teil des Satzes, den das rheinische Zentrumsorgan dem Berliner Blatt unterschiebt, vergeblich suchen. Tatsächlich heißt es im„Berliner Tageblatt": „Auffallend war es. daß heute den Arbeiterzügen die Ordner fehlten, welche sonst bei den großen Demonstrationszügen der Sozialdemokratie stets in mustergültiger Weise die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten haben. Es wäre gewiß nicht zu den argen Ausschreitungen gekommen, wenn auch heute solche Ordner ihres Amtes gewaltet hätten." Zunächst hat also die„Köln. VolkSztg." das Wort„besonders" vor„Auffallend" hinzugeschwindelt. Und schließlich hat das fromme Blatt die Worte:„also für die Revolu- tion in vollem Maße verantwortlich ist" sich aus den Fingern gesogen, die mit jedem Tage schmutziger werden, den wir den ReichstagSwahlen näher rücken. Ein Aufruf des Flottenvereins. Der Deutsche Flottenverein, der, wie immer wieder hervor- gehoben zu werden verdient, geradezu eine offiziöse Or- ganisation geworden ist. wendet sich„an das deutsche Volk" mit folgendem Aufruf: Der Deutsche Floltenberein hat in seiner bisherigen Haupt- Versammlung einmütig beschlossen, auf den beschleunigten Bau der durch das Flotteugesctz vorgesehenen Panzerkreuzer hinzuwirken. Zum Sckuitze und zur Eni- faltuug seiner natürlichen Lebensinteressen ist für Deutschland diese Beschleunigung unbedingt nötig. In ivelchem Maße dies der Fall ist, zeigt die heutige Weltlage mit erschreckender Deutlichkeit. Die Mißgunst des Auslandes sucht die Entwickelung unserer Seemacht mir allen Kräften zu hintertreiben, und schon einmal hat der patriotische Sinn unserer Volksvertretung solche Be- strebungen mit der debatteloscn Annahme des Ma'rinehaushalts beantwortet. Der neuen Herausforderung gegenüber darf kein Mittel un- versucht bleiben, unsere eigenen Interessen sicherzustellen und vor allem die gefährliche Lücke im Bestände unserer Panzerkreuzer auszufüllen, wozu eine Aenderung des Flottengesetzes nicht erforderlich ist. Der Deutsche Flyttenverein wendet sich daher an das ganze deutsche Volk mit der Bitte, seine wohlbegründete Forderung zu unterstützen und die Haltung des Auslandes durch massenhaftes Eintreten in den Verein zu beantworten. Deutsche, werdet Mitglieder deS Deutschen FlottenvercinS! Es war natürlich vorauszusehen, daß sich der Flotten- Verein die günsttge Gelegenheit der durch den- Marokko- r u m m e l geschaffenen internationalen Sitttation nicht ent- gehen lassen würde, um mit verdoppelter Kraft für seine Flottenrü st un gspläne. Propaganda zu machen. Es macht sich dabei sehr hübsch, daß er Bebels Versicherungen auf dem Jenaer Parteitage, daß die neue Marinevorlage zweifellos kommen würde, so prompt zu be- stätigen sucht. Die„Berliner Neuesten Nachrichten", die den Aufruf der- öffentlichen, halten es obendrein für notwendig, die B e- langlosigkeit einer Korrespondenzmeldung aufzuzeigen, wonach eine Beschleiimgnng des Flottenbaues im Sinne der Wünsche des Flottenvereins bei dem Voranschlag des Reichs- marineanits im Etat für 1912 nicht beabsichtigt sei. Wie wenig diese Meldung Anspruch auf Zuverlässigkeit habe, � gehe ' schon aus der Darstellung hervor, daß der Voranschlag„nur" den Bau von zwei Linienschiffen und einem großen Kreuzer vorsehe. Träfe das faktisch zu, so würden damit ja gerade die Wünsche deS F l o t t e n v e r e i n s, der den Bau von drei Schlachtschiffen verlange, erfüllt! Einsichtige Politiker sollten nach der Hamburger Kaiser- rede an der Einbringung der neuen Flottenvorlage ohnehin nicht länger zweifeln. Wenn selbst die Herren Frei- sinnigen noch immer Vogelstraußpolitik treiben, so nur deshalb, weil sie einer Fe st legung ängstlich aus dem Wege gehen möchten! Lübecker Liberalismus. Wie so manche„Liberalen" in den Groß- und Mittelstädten wollen auch die Liberalen der Republik Lübeck vou einem all« gemeinen Kommunalwahlrecht nichts wissen. Wie auS Lübeck ge- meldet wird, lehnte die Bürgerschaft(das Lübecker Parlament) den 'Antrag der Sozialdemokraten ab, allen Staatsangehörigen beiderlei Geschlechts vom 80. Lebensjahre ab das Wahlrecht zur Bürgerschaft zu verleihen._ Zentrum und Kriegshetze. Der Zentrumsführer Trimborn hatte auf einem BezirkSparteitag tn Koblenz eine Rede zur Marokkofrage gehalten, in der er im KriegervcreinSstU das deutsche- Schwert und seine Taten pries. Dafür ist er von Bebel auf dem Parieitag in Jena beim Schopf genommen worden. Das scheint Herrn Trimborn sehr verschnupft zu haben, denn er hat am Montag in einer Versammlung in Köln seine Tiraden wiederholt und sich gegen Bebel zu wehren versucht. Die Versammlung stimmte der folgenden Resolution zu: Die Versammlung bat das volle Vertrauen, daß bei aller Ueberzeugung von der Notwendigkeit, der Welt den Frieden mit seinen Segnungen zu erhalten, es der öteichsrcgierung gelingen wird, bei den schwebenden deuisch-franzöfischen Verhandlungen die wirtschaftlichen und politischen Interessen des deutschen Volkes und die Ehre der Nation zu wahren, und erklärt, daß sie für die Ehre und die Sicherheit des Vaterlandes jederzeit zu jedem Opfer bereit i st. Die Versammlung erhebt daher lebhaften Protest gegen die den intenranonalen Frieden auf das äußerste gesährdenden unverantwortlichen Treibereien und Hetze- reien gewisser ausländischen Diplomaten und offiziösen und nicht- offiziösen Preßorgane. Sie verurteilt nicht minder scharf auch die sozialdemokratische Drohung mit einem wirtschaftlichen Ausstand im Kriegsfalle als einen Verrat am Vaterlande. Sie ist jedoch der festen Zuversicht, daß jeder Versuch, mit einer solchen Drohung ernst zu machen, an der vaterländischen Gesinnung und Treue der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes scheitern wird. Ocftcmicb. Dvt Opfer der Demonstratio«. Wien, 19. September. Den Blättern zufolge ist der Zustand zweier am Sonntag lebensgefährlich ver- letzten Demonstranten nicht besonders befriedigend. Ihre Geitesung erscheint fraglich. Außer ihnen befinden sich noch acht Schwerverletzte in Pflege. Es sind im ganzen 263 Verhaftungen vorgenomnien worden. Von den Verhafteten sind 160 Personen wegen Verbrechens der öffentlichen Gewalttätig- keit, der böswilligen Beschädigung fremden Eigentums und des Aitfruhrs dem Landcsgerichte eingeliefert worden. Die übrigen wurden teils, den Bezirksgerichten angezeigt, teils polizeilich bestraft._ Neue Demonstratio«?«. Baden(bei Wien), 19. September. Heute fand hier eine Demonstrationsvcrsammlung gegen die Lebens- mittelteucrung, verbunden mit einent Demonstrationszuge, statt. Es ereignete sich kein Zwischenfall. Prag, 19. September. In Königinhof veranstalteten gestern nationalsoziale Arbeiter Demonstrationen gegen die Teuerung. Es kani zu Krawallen; gegen die Gendarmen wurden Steine geschleudert, dabei wurde der Bezirkshauptmann und zwei Gendarmen verletzt. Schließ- lich wurde die Menge mit dem Gewehrkolben zer- streut._ Die Fleischnot. Wien, 18. September. Bei einer heute zwischen den beiden Ministerpräsidenten stattgehabten Besprechung wurde vereinbart, daß die Verhandlungen über die Fleischsrage dnrch Unterhändler am Frei- tag oder Sonnabend in Budapest beginnen sollen. frankreick. Ein Autimilitarist verhaftet. Brest, 19. September. Der Sekretär des Verbandes der Shn- dikate im Departement Finisterre, Roullier, wurde wegen Auf« reizung der Soldaten zum Ungehorsam und wegen Beleidigung der Behörden�? erhast et. Spanien. Der Generalstreik. Madrid, 19. September. Der allgemeine Ar- beiterverband hat den Gesamtausstand für ganz Spanien beschlossen. Der Beginn des Ausstandes wird später festgesetzt werden._ Ueberall Belagerungszustand. Madrid, 19. September. Der König hat ein Dekret unterzeichnet, durch das die kon st itution eilen Ga- r a n t i e n für ganz Spanien aufgehoben werden. Die Kämpfe in Valencia. Valencia, 19. September. Die städtischen Arbeiter sind gestern in den Ausstand getreten. Artillerie hat die strategischen Punkte der Stadt besetzt. Dje Gendarmerie wurde mit Steinen beworfen und schritt mit der Waffe ein. Es wurden 21 Verhaftungen vorgenommen. Gestern vormittag begannen ungefähr hundert erregte A u S st ä it d i g e Wagen und Straßenbahnen anzuhalten. Bis 3 Uhr nachmittags war es den Ausständigen gelungen, den ganzen Verkehr aufzuhalten und die gesamte Arbeit in den Werkstätten zum Still st and zu bringen. Um 4 Uhr rückte Gendarmerie gegen die Straßen des Zentrums der Stadt vor; sie wurde mit Stein würfen empfangen und schritt mit der Waffe ein. Eine Schar von jungen Burschen zwang durch Steinwürfe ein Etablissement zur Einstellung des Betriebes. Um 3 Uhr besetzten mit Gewehren bewaffnete Polizeimannschaften, Gendarmerie und Truppenabteilungen die Straßen in der Nähe der Fabriken. Wegen des revolutionären Charakters der Be- wegnng wurde die Leitung der Provinz den Militärbehörden übertragen, die T r up p e n ausmarschieren ließen. Zwischen den Ausständigen und den Sicherheitsorganen kam es mehrfach zu Zusammenstößen, bei denen Schüsse geivechselt wuxden. Die telcgraphischen Verbindungen mit Madrid sind noch im Betriebe. In L a,C o r u n n a herrscht der General st r e i k. In Barcelona betrachtet der Gouverneur den Versuch deS Generalstreiis als gescheitert. Dort herrscht völlige Ordnung.(?) Von zehn Mitgliedern des revolttlionärcn Komitees, das sich gebildet Hai, sind neun verhaftet worden, und zwar ein Mitglied in Bilbao, die anderen in Madrid. Norwegen. Die Soldatenunrnhen. Ehristtama, 13. September. Das Kriegsgericht verurteilte heute von 33 Angeklagten, die an den Soldatenunruhen auf Gardermien beteiligt waren, zlvci Soldaten zu 25 Tagen und vier- zehn zu 20 Tagen Arrest, ferner Wege» der SoldatenOnriihen auf Jöhrstadsmöen, an denen eine ganze Kompagnie beteiligt war, 139 Soldaten zu 24 Tagen und einen Soldaten zu 18 Tagen Arrest. ßotUnd. Für daö gleiche Wahlrecht. Haag, 19. September. Aus Anlaß der Eröffnung der Generalstaaten kam es heute zu einer Kundgebung für das allgemeine S t i ut m r e ch t, an der sich 2 6 OVO Anhänger verschiedener Parteien des Landes beteiligten. Elf Redner hielten Ansprachen. Im Ministerium -des Innern wurde eine große Zahl von Petttionen abgegeben. Rußland; Nach dem Tode Stolypins. Petersburg, 19. September. Hier herrscht über den Tod Stolypins lebhaste Bestürzung. Der Nachfolger � des verstorbenen Ministerpräsidenten ist noch imbeftimmt. Man meint, Finanzminister Kokowzew werde auch nach dem Tode Stolypins zeitweilig die Obliegenheiten des Ministerpräsidenten erfüllen, doch.nicht endgültig auf diesem Posten bleiben. Der Nationalverband und die monarchistische Organisation arbeiten eine Petition an den Zaren ans, worin sie um Befreiung Rußlands von den fremden Völkern, in erster Linie von den Juden, bitten. Bagrow. Der Täter Bagrow bezog 185 Rubel Monatsgehalt von der Geheimpolizei, außerdem erhielt er für besondere Aufträge eine Ent- lohnung. Bagrows Oheim, ein bekannter Nervenarzt, wurde ver- haftet, ebenso seine Tante, deren Töchter und Dienerschaft. Der Polizeiches Kuljabko wurde vom Dienste enthoben. Der Staats- anwalt berichtete dem Justizminister mündlich über den Gang der Untersuchung. Eine Kiewer Zeitung behauptet, daß der Täter Bagrow den Revolver durch den Chef der Kiewer Polizei erhalten habe, was in den Büchern der Geheimpolizei vermerkt sei. Unter den Juden in Kiew herrschen Angst und Erregung. Der Polizeimeister teilte im Auftrage der obersten Behörden den Führern der rechtsstehenden Verbände von Kiew mit, daß im Falle von Unruhen die schärfsten Maßnahmen getroffen werden würden. Der Gouverneur von Kiew machte den Zeitungen die Mitteilung, daß die Truppen aus den Manövern in die Stadt zurückgekehrt und vorübergehend durch ein Husaren-Regiment verstärkt worden seien. Der Generalgouverneur kündigt an, daß Unruhen nicht zugelassen werden würden.— Die Juden verlassen Kiew in Massen. Angriffe ans die Polizei in Lodz. Lodz, 19. September. Als heute eine Abteilung Schutz- l e u t e mit einem Kapitän an der Spitze vor einem Hause der Rzgovskistraße erschien, um dort eine Durchsuchung vor- zunehmen, wurde sie aus dem Inneren deS Gebäudes mit Revolver- s ch ü s s e n empfangen. Der Pförtner und ein Schutzmann wurden getötet; ein Schutzmann schwer, der Kapitän, ein Unier- offizier und ein Schutzmann leicht verletzt; einer der Verbrecher wurde bei dem Versuche über daS Dach zu flüchten getötet, zwei andere wurden festgenonunen, die übrigen entkamen in der Dunkelheit. Hm der Partei. Eine polizeiliche Demonstration? Wir berichteten vor einigen Tagen, daß ein Genosse, der bei einem Leichenbegängnis in der Umgegend von Dortmund einen Kranz mit roter Schleife getragen hatte, vom Schöffengericht in Dortmund freigesprochen worden war, obwohl das Gericht eine Be- leidigung des in Fsage komprenden Schutzmanns, der die Entfermmg der Schleife verlangte, als erwiesen angenommen hatte. DaS Schöffen- gerichl stellte nämlich fest, daß der Beamte unberechtigter- weise eingegrissen und daß der Angeklagte in Wahrnebmung berechtigter Interessen gehandelt habe, als er sich, wie geschehen, wehrte. Drei Tage nach dieser gerichtlichen Feststellung. am Montag, wurde nun eine verstorbene Botenfrau der „Dortmunder Arbeiter-Zeitung" beerdigt, wobei es trotzdem wieder zu polizeilichen Eingriffen kam. Mitten in der Stadt vor dein Bahnhof wurden die Kranzträger von einem Polizeikommissar und mehreren Schutzleuten angehallen und es wurde die Entfernung der roten Schleifen verlangt. Der Beamte wurde wiederholt auf das schöffengerichtliche Urteil aufmerksam gemacht, er erklärte jedoch, daß er Austrag habe, so zu handeln. Als die Schleifen mit Gewalt iveggerissen werden sollten, nahmen die an der Beerdigung teilnehmenden Botenfrauen sie an sich und steckten sie bald nachher wieder an die Kränze. Die Beamten folgten aber dem Zug noch weiter und nahmen schließlich zwei rote Schleifen mit Gewalt ivcg. Die betreffenden Kränze waren vom Transport- arbeiterverbemd und vom Sozialdemokratischen Verein gespendet worden. Die Polizei erreichte mit ihrem gcivaltsamcn Eingreifen, daß sich der Teilnehmer eine große Erregung bemächtigte und daß eine„Demonstration" zustande kam. Die Frage ist nun, wollte die Polizei nur der Sozialdemokratie zu einer Demonstration verhelfen oder sollte auch gegen daS Schöffengericht de- monstriert werden?_ Soziales. Das Recht deS unehelichen KindeS. Die lebhaften Erörterungen, die in letzter Zeit die Fragen des Mutterschutzes und der Volksvermehrung gefunden haben, führten dazu, daß sich auch bürgerliche Kreise in steigendem Maße mit dem Rechte des unehelichen Kindes befassen. Eine gründliche Erörterung hierüber entspann sich auf dem 8. Deutschen Berufs-- Vormündertag, der am Montag und Dienstag unter dem Vorsitz von Professor Dr. Klunker- Franlfurt a. M. in Dresden zusam- mcngetreten ist. Die Justizbehörden von Sachsen, das preußische Ministerium des Innern, das Justizbepartement des Kantons Basel-Stadt und mehrere ungarische Waisenvehörden waren auf der Tagung vertreten. Stadtrat Rosenstock»Königsberg, der das Referat erstattete, wies auf den Rückgang der ehelichen Geburten sowie auf das Sinken der Kindersterblichteit und auf das Steigen der unehelichen Geburten hin. Die rechtliche Stellung des unehe- lichen Kindes ist heute im. Deutschen Reiche sehr ungünstig. Eine Abhilfe darf aber nicht getragen sein von„sittlicher Entrüstung", sondern nur von den: Bestreben, dem unehelichen Kind Grrechtig- keit widerfahren zu lassen und- es im Interesse des Staates und der Gesellschaft sicherzustellen. Je stärker die Väter unehelicher Kinder zur Erfüllung ihrer Pflicht herangezogen werden, um so mehr werden die Privilegien beseitigt, die daS heutige Recht diesen Vätern vor den Vätern ehelicher Kinder gewährt. Amtsgerichtsrat Landsberg- Lennep sprach über die Ziele der NechtSänderung zugunsten der außerehelichen Kinder. Die Miß- billigung außerehelicher Zeugung ist die Folge der Anschauung, daß die Ehe die Grundlage der Normalfamilie ist und daher aufrecht erhalten werden müsse. Das uneheliche Kind ist aber ebenso, wie das eheliche, ein Teil des Volkes, und es darf daher nicht schlechter gestellt sein. Wir müssen die Einrichtungen entfernen, die diesdm Unrecht entspringen, ohne zugleich. die Vermeidung der Ehe- ver- lockend zu gestalten. Wo die natürlichen Eltern ihre Pflicht dem Kinde gegenüber erfüllen, da muß das grollende Sittlichkeiis- empfinden verstummen. Zu der Ansicht, daß uneheliche Geburt ein Schandfleck sei, hat der Gedanke sehr viel beigetragen, daß die uneheliche Zeugung ein Delikt darstelle. Diese Anschauurig ist hin- fällig, da wir doch daS Leben als ein Gut betrachten und darum die Erzeugung nicht für ein Vergehen ansehen können. Nicht die besitzenden, sondern die nichtbesitzendeu Väter unehelicher Kinder machen die größten Schwierigkeiten. Die Adoption unehelicher Kinder muß wesentlich erleichtert werden, wozu in erster Linie nötig ist. daß die Vormundschaftsgcrichte ermächtigt werden, von dem Erfordernis des Alters von 50 Jahren für den Adoptivvater abzusehen. Diese hunianen Ausführiingeii fanden lebhafte Zusiimmnng. ES gelangte schließlich folgende Resolution zur einstimmigen Annahme: „Die Praxis hat Schwächen des bestehenden RcchtszustandcS für das uneheliche Kind ergeben, die dringend einer Reform bs» dürfen. Der ständige Ausschuß wird mit Verfolgung der Ange, legenheit beauftragt» / GcwerkfcbaftUcbea. Interesfengemeinlckaft zwifcben Zentrums- cbnftcii und Rirfcb-Duncherrcbcn. Auch das Blatt der„christlichen" Metallarbeiter bringt in seiner letzten Nummer sowohl den Tezt als auch den be- gleitenden Umbau der„Vereinbarungen" zwischen dem Ge- werkverein(Hirsch-Duncker) der Maschinenbau- und Metall- arbciter und dem christlichen Metallarbeiterverband. Text und erläuternde Bemerkungen stimmen in beiden Blättern überein. Nur hosft das christliche Blatt, daß der von dem„Bündnis" ersehnte Segen den Christen zuströmen werde, während der Regulator für seine Richtung das Best« er- wartet. Hoffen und Harren machen ja manchen zum Narren. Auch der„Gewerkverein", das Hirsch-Dunckersche„Zen- tral"-BIättchen, gibt seinen Segen zu' der Sache. Er bekräf- tigt noch besonders, daß der Pakt gegen die Sozialdemokratie und den Deutschen Metallarbeiterband gerichtet sein soll. Der„Gewerkverein"„orakelt" in seiner ohnmächtigen Seni- lität von„terroristischen Monopolbestrebungen des Deutschen Metallarbeiterverbandes"", von der„Anmaßung und dem Großmachtsdünkel der„freien" Gewerkschaften" und er „wünscht", daß auch zwischen den anderen Gewerkvereinen der Hirsch-Dunckerschen und der„Christen" ähnliche Verein- barungen getroffen würden. Nur zu! Den„Freien" wird es gewiß recht sein, wenn sich die Lage derart klärt. Und die Betriebsamkeit der in dem Abkommen erwähnten„hervorragenden Sozialpolitiker" geht ja auch mit diesem Wunsche des„Gewerkvereins" in gleicher Richtimg. Allerdings ist nicht zu' erwarten, daß die Unternehmer die verdoppelte Unbedeutendheit der Hirsche und Christen bei Lohnbewegungen in Zukunft höher ein- schätzen werden. Die halbe Million wirkender Arme sind im „großen Deutschen" nach wie vor und der„rote Bruder" wird noch immer stärker. Aber vielleicht ist ein forcierterer Streik- bruchbetrieb den Unternehmern gefällig?! Berlin und Umgegend. Die Lithographen und Steindrucker Berlins hatten sich am Montagabend in Mörners Festsaal(früher Keller) in der Koppen- straße in ungewöhnlich starker Zahl versammelt, um zu der Lohn- bewegung in Leipzig Stellung zu nehmen. Bis auf den letzten Platz war der große Saal gefüllt. Der Referent Haß beleuchtete die allgemeine Lage des Gewerbes und ging dann auf die gegen- tvärtige Lohnbewegung ein. So mäßig und so berechtigt die Forderungen der Leipziger Kollegen auch sind, so wollen doch die Unternehmer nicht bewilligen. Sie wollen die Löhne auf dem tiefen Standpunkt, den er während der Krise erreicht hat, er- halten, und den Gewinn, den ihnen die gute Konjunktur bringt, für sich allein behalten. Die ablehnende Haltung der Unternehmer hat es dahin gebracht, daß der Kampf von Leipzig auf andere Städte überspringt. In demselben Augenblick, wo wir hier ver- sammelt sind, nehmen auch die Kollegen in Stuttgart, Nürnberg und Frankfurt a. M. Stellung. Auch sie werden die Kündigung einreichen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verschaffen. Der Verband steht so da,- daß er den Kampf, den ihm die Unternehmer anbieten, aufnehmen kann. Die Berliner Kollegen haben jetzt die Pflicht, die kämpfenden Kollegen dadurch zu unterstützen, daß sie Ueberstunden, Heimarbeit und Streikarbeit verweigern und so dazu beitragen, daß die Absichten des Schutzverbandes der Unter- jrehmer zuschanden werden. Der lebhafte Beifall, mit dem die Ausführungen des Re- Jerenten aufgenommen wurden, ließ keinen Zweifel darüber, daß ie Berliner Lithographen und Steindrucker entschlossen sind, dem an sie ergangenen Appell Folge zu leisten.— Nachdem noch Müller vom Hauptvorstand sich im Sinne des Referenten geäußert hatte, wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der sich die Versammlung verpflichtet, zur Unterstützung der kämpfenden Kollegenschaft keine Ueberstunden und Heimarbeit für Schutz- verbandsfirmen zu leisten und jede Streikarbeit strikte zu ver- weigern. Die Versammlung beauftragte die Verwaltungen, Maß- nahmen zu treffen, um diesen Kampf tatkräftig zu unteiftützen und verspricht, mit allen Mitteln die Position der Organisation zu verstärken._ Die Aussperrungsgelüste der Unternehmer in per Stapelkonfettion lautete die Tagesordnung einer Versammlung der StapelkonfektionS- fchneider, die am Montag bei Schulz in der Münzstraße stattfand. Der Filialvorsitzende Kunze vom Schnciderverband schilderte die Entwickelung der gegenwärtigen Lage, die ja offenbar derart ist, daß man auf einen großen Konflikt gefaßt sein muß. Was sich jetzt in der Stapelkonfeklion abzuspielen beginnt, kommt jedoch keineswegs unerwartet, sondern ist nur die von Anfang an vorausgesehene Folge der vor ungefähr zwei Jahren eingeleiteten Lohnbewegung in der Herrenkonfektion. Im Anfang handelte es sich bei dieser Bewegung um die beffere Konfektion, dann kam es aber auch zum Abschluß von Tarifen für die Stapelkonfektion, zunächst in solchen Geschäften, die diese billigste Ware neben der besseren Konfektion anfertigen. Nun aber ist der Schneiderverband dazu über- gegangen, die tarifliche Regelung auch in den eigenen Stapel« konfektionsgeschäften durchzuführen. Die ganze Bewegung konnte nur nach und nach zur Entwickelung kommen und mußte mit den bessergestellten Konfektionsschneidern beginnen, bis jetzt endlich auch die/ am schlechtesten gestellten Schneider der Stapelkonfektion, die lange Zeit hindurch alle Lohndrückereien lediglich durch Verlängerung der Arbeitszeit auszugleichen suchten, sich zu energischem Vorgehen aufraffen konnten. Was jetzt gefordert wird und was in den ab- geschlossenen Tarifen vereinbart ist, geht kaum über das hinaus, was bei der Bewegung vom Jahre 1836 vor dem Berliner Gewerbe- gericht festgelegt wurde. Ueber die Berechtigung der Forderungen braucht also nicht geredet zu werden, zumal wenn man die seitdem eingetretene ungeheuere Teuerung berücksichtigt. Die Waren, die in der Stapelkonfeklion hergestellt werden, sind selbstverständlich nur für die Arbeiterklassen bestimmt, und dies müßte den Unternehmern ein Grund mehr sein, ihren Schneidern wenigstens halbwegs anständige Löhne zu bezahlen. Dazu scheinen die Unternehmer jedoch nicht gewillt. Wie die bereits in der Sonntagnummer des„Vorwärts" erwähnten Vorgänge, die sich an den Streik bei Freiberg u. Gerechter knüpften, erkennen lassen, haben sich die Unternehmer der StapeUonfektion organisiert und wollen offenbar den Forde- rungen der Arbeitnehmer mit einer Aussperrung ent« gegentreten. Eine Firma, Solomon u. Kurzweg, hatte übrigens ihren Schneidern gedroht, daß diejenigen, die zur Versammlung gingen, kein Stück Arbeit mehr erhalten sollten, also schon so etwas wie eine Aussperrung in Aussicht gestellt. Daß die Schneider sich durch solche Drohungen und Maßnahmen Furcht einjagen lassen, ist ganz ausgeschlossen. Sie und ihre Organisations- leitung hat von Anfang an damit gerechnet, daß es zum Kampf kommen muß, und sind darauf vorbereitet. Wünschen eS die Konfektionäre. so sind wir, erklärte der Redner, gerne bereit, die Lohn- Verhältnisse in der Konfektion einmal wieder öffentlich zur Dis- kussion zu stellen und den Kampf aufzunehmen, mag dieser Kampf auch noch so groß werden. Der Redner verlas den in Sachen des Streiks bei Freiberg_ u. Gerechter gepflogenen Briefwechsel und vergilt!?. Nedglt.: RtAard� Binz,.Berlin.' � Mcrgtenteil sergnts,/ wies darauf hin, daß bor allem baS letzte an die Firma Bruck u. Löwenstein gerichtete Schreiben des Schneiderverbandes keinen Zweifel durüber läßt, daß die Arbeitnehmer dem Konflikt mit aller Ruhe entgegensehen und es ganz den Konfektionären über- lassen, ob sie den friedlichen Weg vorziehen, oder es auf den Kamp ankommen lasten wollen. Mit irgendwelchen beliebigen Lohn- zulagen werden die Schneider sich nicht abspeisen lassen, sondern verlangen, daß die Verhältnisse tariflich geregelt werden, die vor- gelegten Forderungen zur Anerkennung kommen. Die Bewegung wird aber auch nicht haltmachen vor solchen Zwischenmeistern, die sich ihr vielleicht an der Seite der Konfektionäre entgegenstellen. Wer gegen uns ist, den werden wir bekämpfen, erklärte der Redner.— Seine Ausführungen fanden stürmischen Beifall und auch die lebhafte Diskussion, die darauf folgte, ließ deutlich er- kennen, daß die Arbeitnehmer der Stapelkonfektion allen Ernstes entschlossen sind, die tarifliche Regelung ihrer Löhne durchzuführen, und dabei auch vor dem Kampf nicht zurückschrecken. Unter den Gastwirtsgehflfen ist besonders in letzter Zeit eine lebhafte Bewegung für Abschaffung der Beköstigung im Betriebe im Gange. In einer Anzahl Berliner Großbetriebe ist es denn auch mir Hilfe der Organisation, des Verbandes deutscher Gastwirts- gehilfen, gelungen, die Beköstigung abzuschaffen und dafür eine ent- sprechende Lohnentschädigung einzuführen. Neben dem Bierhaus Siechen(Potsdamer Platz), Konzerthaus Clou, Schultheiß(Potsdamer Platz), Weinhaus Rheingold, Prälaten(Alexgnderplatz), Brauerei- Ausschank Happoldt u. a. ist nun auch im»Hofbräu"(Leipziger Str.) dieses System zur Einführung gelangt. Die Ballschuhindustrie erfährt in neuerer Zeit durch Einführung von Wendemaschinen eine einschneidende Umgestaltung. Die Hand- arbeit wird dadurch teilweise verdrängt. Die Arbeiter, die davon betroffen werden, haben alle Ursache dafür zu sorgen, daß diese technische Umwälzung sich nicht völlig auf ihre Kosten vollzieht. Gegen Verbesserungen im Produktionsprozeß sich aufzulehnen, haben die Arbeiter leine Ursache, aber gegen etwaige Verschlechterungen in ihren Lohn- und Arbeitsbedingungen sich zur Wehre zu setzen, das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern sogar ihre verdammte Pflicht. Aus diesem Grunde beschäftigte sich eine Versammlung der Ball- schubmacher, in der H a in a n n referierte, mit diesen Verhältnissen. Zunächst soll eine Statistik über die Lohn- und Arbeitsbedingungen der Ballschuhmacher aufgenommen werden. Dcutrcheo Reich. An die deutsche Arbeiterschaft! Partei- und Gewerkschaftsgenosseu und Genossinnen! Auf der am 23. und 21. Juni d. I. in Berlin abgehaltenen Konferenz der Einlas sierer, Einnehmer und Kassen- boten Deutschlands wurde festgestellt, daß die Lohn- und Arbeits- Verhältnisse in Kredit-, Nähmaschinell«, Versicherung S- und Automatengeschäften geradezu erbärmlich sind. Geringe Bezahlung, miserable Behandlung, Ausbeutung schlimmster Art ist an der Tagesordnung. Namentlich an den Sonntagen müssen die Einkassierer oft 8—10 Stunden ununterbrochen arbeiten. Frauen und sogar die Kinder müssen mithelfen, die Profitsucht dieser Unter- nehmer zu befriedigen. Die Konferenz nahm eine Resolution einstimmig an, wonach sich die Einkassierer aller Brancken ihrer»Berufsorganisation", dem„Deutschen Transportarbeiterverband" anzu- schließen haben. Dieser Aufruf fruchtete. Es gelang sogar, bei mehreren Firmen durch Tarifverträge gesunde Verhältnisse zu schaffen. Die Arbeitgeberorganisation, der„Verband der Kreditgeschäfts- inhaber Deutschlands"(Sitz Berlin), die großen„VersicherüngS- gesellschaften" sowohl als auch die bekannten„Stähmaschinenfirmen" sind nun bestrebt, die Einlajsierer von dem Verbände fernzuhalten. Gelbe Vereinigungen sind geschaffen� Wir richten an das kaufende Publikum, insbesondere aber an die politisch sowie gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft Deutschlands das höfliche Ersuchen, uns in dem schweren Kampfe zur Erringung und Erhaltung des Koalitionsrechtes durch Ausübung einer genauen und scharfen Kontrolle zu unterstützen. Zwecks Ausübung derselben ist seitens des»Deutschen Transport- arbeilerverbandes" eine „Nosa-LegitimationSkarte" heransgegeben worden. Beim Kauf von„Möbeln aller Art, Nähmaschinen, Fahrrädern und Kleidungsstücken" sowie beim Abschluß von„Feuer-, Einbruch-, Volks- und Lebens-Ver- s i cherungen" verlange man stets die„R o s a- L e g i ti m a t i ons- karte" und das Mitgliedsbuch. Die Karte muß monatlich abgestempelt sein. Die Agitationskommission der Einkassierer und Kaffenboten. Deutscher Transportarbeiterverband. NB. Die Partei- und Gewerkschaftspresse wird um Abdruck gebeten. Zu bedauerlichen gewerkschaftlichen Konflikten ist es bei der Bewegung in der Federmesserbranche zu Solingen gekommen. Der Kampf wird geführt vom Metallarbeiterverband. während die Angehörigen des Solinger Jndustriearbeiterverbandes der Bewegung fernblieben. Eine Versammlung der dem Gewerk- schaftskartell angeschlossenen Gewerkschaften, die am Sonnabend in Solingen stattfand, hat nun das Verhalten der im Industrie- arbeiterverband organisierten Federmesserarbeiter, namentlich aber der Messerschleifer und Scherenschleifer, die Klingen für Taschen- und Federmesser schleifen und pließten, für Streik- bruch erklärt. Die Mitglieder des Jndustriearbeiterverbandes erklären ihrerseits, zu ihrem Verhalten gezwungen zu sein, weil der Metallarbeiierverband ihre Organisation„totstreiken" wolle. Trotz dieser Konflikte haben die Streikenden offenbar Erfolge er- zielt. Es sind bis zirka 4V Fabrikanten, die den Tarif anerkannt haben. Auch macht sich der Ausfall an Klingen sehr bemerkbar. wodurch die Fabrikanten immer mehr in Verlegenheit kommen und gezwungen sind, in nächster Zeit mit dem Metallarbeiter- verband in Unterhandlung zu treten. Die Aussperrung in der Thüringer Metallindustrie. Der Thüringer Metallindustriellenverband hat die zentralen Verhandlungen zur Beendigung der Aussperrung vollständig fallen gelassen, weil die Gefahr bestand, daß den Betrieben, die eine Verständigung mit ihren Arbeitern herbeiführten und die Arbeit schon aufgenommen haben, andere folgen würden; er hat beschlossen. für die einzelnen Ortsgruppen Verhandlungen aufzunehmen und so durchzuführen, daß die Aussperrung für alle Betriebe der Orts- gruppe aufgehoben wird, wenn die Arbeiter in allen Betrieben die Arbeit aufnehmen. Mit diesem Beschlüsse ist eS dem Arbeitgeber- verbände gelungen, seinen Einfluß auf die Ortsgruppen, zur Geltung bringen zu können. Die Ortsgruppe Gotha hatte für Montag, den 11. September, die Aussperrung aufgehoben und die Arbeiter durch Bekannt- machungen und Einladungen zur Aufnahme der Arbeit aufge- fordert. Die Arbeiter nehmen die Arbeit wieder auf. Sämtliche Belegschaften sandten Kommissionen mit der Mitteilung an ihre Arbeitgeber, daß sie zu Verhandlungen bereit seien. Die Mir- glieder der Ortsgruppe Gotha traten darauf sofort zusammen und gaben am selben Tage gemeinschaftlich Bescheid, daß sie zur Ver- einbarung der Bedingungen am nächsten Tage bereit seien. Die Firmen haben daraufhin den Verbänden ihre Vorschläge unter- breitet. Zu diesen Vorschlägen wurden in den einzelnen Firmen Erklärungen an die Arbeiterausschüsse und Kommissionen gegeben, die die Lohnerhöhung usw. betreffen. In der Gothaer Waggon- Zih. Gl ecke, Berlin. Druck u. Ättlag: VpmgrtK Bugzör. n LerlagSanstait fabrik und' in der Maschinenfabrik von BriegleB, Hansen u. C o. stellten die Holzarbeiter und Maler nach Aufhebung der Aussperrung besondere Forderungen auf Einführung der neun- stündigen Arbeitszeit, auf Erhöhung der Löhne und Akkordpreise um 16 Proz. und Einführung von Mindestlöhnen und eines Lohn- tarifs. Die Direktion der Waggonfabrik lehnte diese Forderungen und die Forderungen der Metallarbeiter ab und versprach, die Löhne und Akkordpreise zu prüfen und berücksichtigen zu wollen. Tie Holzarbeiter beschlossen, von der Durchführung ihrer Forderungen im Anschluß an die Aussperrung Abstand zu nehmen, nachdem in allen anderen Betriebsversammlungen beschlossen worden war, die Arbeit zu den vorstehenden Vorschlägen der Arbeitgeber aufzu- nehmen. Die Arbeitsaufnahme erfolgte in allen beteiligten Be- trieben am Sonnabend, den 16. September. Die Meldung der Tageszeitungen, daß die Arbeitsaufnahme in der Gothaer Waggon- fabrik schon zu einem früheren Termin stattgefunden haben soll, war eine Zeitungsente. Damit ist die Aussperrung in Eise nach und Gotha und einem Betriebe in Erfurt beendet. Die Arbeit wäre in Erfurt schon in mehreren Betrieben, für die schon Vereinbarungen ge- troffen sind, aufgenommen, wenn die ausgesperrten Arbeiter nicht so ängstlich darauf bedacht wären, zu verhüten, daß einzelne Be- triebe die Arbeit gesondert aufnahmen. Sie unterstützen mit ihrer Stellungnahme die Arbeitgeber, die auch fordern, daß in keinem Betriebe, wo die Verhältnisse geregelt sind, die Arbeit aufgenommen werden darf, wenn die Regelung nicht für alle Betriebe erfolgt ist. Die Verhandlungen haben für die Betriebe in A l t e n b u r g, Erfurt und Zeulenroda stattgefunden, und müssen die Be- triebsversammlungen in den Orten an den nächsten Tagen ent- scheiden. Die Arbeitgeber in Saalfeld haben ebenfalls Ver- Handlungen angeboten, die in den nächsten Tagen stattfinden können, denen sich dann Ichtershausen mit den anderen Orten anschließen werden._ Die Lohnbewegung der Spulerinnen bei der Firma Salz- mann u. Co. in Einbeck ist beendet. Seitens der Firma wurde eine Lohnerhöhung von 5—7 Proz. zugestanden. Ebenso wurde die Maßregelung zurückgenommen. Schuhmacheraussperrung in Wermelsttrche«. Der Schuhfabrikantenverband lehnte die EinigungSvorschlage ab und kündigte die Aussperrung der Arbeiter zum 23. d. Mts. an. Hu stand. Eisenbahnerstreik in Irland. London, 13. September 1311.> In Dublin beschlossen gestern die Angestellten-der Großen Süd- bahn, der größten Eisenbahn Irlands, den allgemeinen Ausstand auf dem ganzen Eisenbahnnetz dieser Gesellschaft zu proklamieren. Die Streikbewegung� die letzten-Freitag ihren Anfang nahm und auch andere Linien in Mitleidenschaft gezogen hat, entstand aus der Weigerung zweier Angestellten am Dubliner Güterbahnhof, die Waren eines Holzgeschäftes, dessen Arbeiter sich im Streik be- finden, zu verladen. Die Eisenbahner verlangen von der Gesell- schaft, daß diese die Aufträge der betreffenden Firma nicht an- nehmen soll. Die Gesellschaft erklärt demgegenüber, daß sie gesetz- lich verpflichtet ist, diese Aufträge entgegenzunehmen. Der Streik dehnt sich immer mehr aus. Schon ist im Lebensmittelhandel nach England eine empfindliche Stockung eingetreten. Gestern kam in Holyhead nicht ein einziges Schiff aus Irland an, obwohl seit dem allgemeinen Eisenbahnerstreik jeden Sonntag 4 bis 5 Schiffe, die Lebensmittel brachten, im Hafen einliefen. Ob diese irische Be- wegung als ein Ausläufer des Generalstreiks oder als die Ein- leitung zu einem neuen allgemeinen Streik zu betrachten ist, ist noch schwer zu entscheiden. Die Beilegung des Streiks hat die Gemüter nicht beruhigt. Beständig finden Massenversammlungen statt, die sich mit der allgemeinen Lage und an vielen Orten mit dem Verhalten einiger Eisenbahngesellschaften beschäftigen, die den letzthin geschlossenen Vertrag nicht halten und Streikende nicht Wiedel in ihre alten Posten eingestellt haben. Nach persönlichen Eindrücken und den Aussagen der Gowerkschaftsbeamten zu ur, teilen, kann die unter den Eisenbahnern des ganzen Landes augen> blicklich herrschende Stimmung leicht zu einer Erneuerung des Generalstreiks führen._ ScH erstreik in Italien. Mailand, 19. September. Infolge des Setzerstreiks erleidet das Erscheinen der Zeitungen in Mailand nur geringe Unterbrechungen. Rom, 19. September. Infolge der Verabschiedung von drei Arbeitern aus der Druckerei der Firma Bonetti find sämtliche Druckereiarbeiter in den Ausstand getreten. Infolgedessen werden die Zeitungen von morgen ab nicht mehr erscheinen können. I�etLte Nacforicbtcn« Erst Säbelhiebe, dann Arrest. Wien, 19. September.(W. T. B.) Vor dem Bezirks» gericht begannen heute die ersten Verhandlungen gegen eine Anzahl der am Sonntag und Montag wegen„Sachbeschädigung" verhafteten Personen, unter denen sich auch der sechzehnjährige Hilfsarbeiter Kulke aus Berlin befindet. Ein Angeklagter wurde wegen des Einschlagenö von Fenstern zu drei Wochen Arrest verurieilt. Die Verhandlung gegen die übrigen Angellagten wurde wegen Vernehmung weiterer Zeugen vertagt. Die Angellagten verbleiben in der Haft. Frachtermäsiigungen in Oesterreich. Wien, 19. September.(W. T. B.) Das Eisenvahn- Ministerium hol außer den bereits gewährten Frachtermäßi- gungen für Vieh und Fleisch auch die Einführung einer allgemeinen 50 proz. Frachtermäßigung für Kartoffeln. Gemüse und H ü l s e n f r ü ch t e auf sämtlichen Linien der österreichischen Staats« bahnen verfügt._ Die Streikbewegung in England. London, 19. September.(W.T.B.) Der ExekutivauS- f ch u ß der Eisenbahner in Dublin nahm heute eine Resolution an, in der die Eisenbahngesellschaften dringend aufgefordert werden, mit ihnen zusammen auf eine Verständigung hinzuarbeiten. London, 19. September.(W. T. B.) Infolge des Streiks gestaltet sich die Lage auf den irischen Eisenbahnen sehr kritisch. 46 schottische Arbeitswillige, die in Dublin eingetroffen sind, be- gaben sich unter starker polizeilicher Bedeckung nach der Königs- brücke, wobei cS zu feindlichen Kundgebungen kam. Die Truppen in Fermoy erhielten Befehl, sich bereit zu halten. Hunderte von Reifenden aus England werden in Dublin zurückgehalten und können nicht nach Nord- unv Westirland Weiterreisen. Auf der Strecke Tralee— Mallow wurden dem Lokomotivführer zwei be- waffnetc Polizeibeamte zum Schutz beigegeben. Ter Import von irischen Eiern und Butter nach England wird sehr durch den Streik beeinträchtigt. Todesfahrt im Automobil. Darmstadt, 19. September.(W. T. B.) Ein schwere? Auto» mobilunglück ereignete sich heute nachmittag nach 6 Uhr auf der Chaussee zwischen Pfungstadt und Bickenbach. Ein Frankfurter Automobil, das sich auf der Rückfahrt befand, fuhr an einer scharfen Kurve gegen einen Randstein. Die beiden Insassen, Ingenieur Büß und Monteur Schreiber, wurden herauSgefchleutert. Der Monteur war sofort tot, der Ingenieur schwer verletzt.__ äSaiilSiiPcei Co-, Bcrlio Sii(, Hicrz« 3 Beilagen u.ttnterhaltungShh Kr. 220. 28. Iahrgavg. 1. Kilage des Jwiitts" Seeliaer Solltslilnlt. Mmch, 20. Stpftubtt 1911. Die Partdprdie über den Jenaer Parteitag. „Hamburger Echo": ... Schon vor Wochen ist in einem großen Teil der Partei- presse und in Versammlungen darüber geklagt worden, daß in der Marokkoaffäre der Parteivorstand die Initiative vermissen lasse, daß er den Ansängen des verhängnisvollen Agadirhandels mit so lühler Gleichgültigkeit gegenübergestanden habe, als ob er die Bc- deutung des„Panthersprungcs" nicht erkannt hätte. Als dann noch der bekannte Brief eines Partcivorstandsmitgliodes an das Jnter- nationale Sekretariat in Brüssel in die Oeffentlichkcit kam und man daraus den Schluß ziehen mutzte, daß in der Tat das volle Verständnis für die gefährliche weltpolitische Situation fehle, da wurden die Beschwerden heftiger, und es war vorauszusehen, daß sie auch auf dem Parteitag zu scharfem Ausdruck gelangen würden. Und so ist es auch gekommen. Zwar der Parteivorstand bewies, daß er der taktischen Künste mächtig ist, indem er einen„Fall Luxemburg" konstruierte und so scheinbar einen Teil der Beschwerdeführer in die Verteidigungs- stcllung manöverierte. Jedoch blieb der Erfolg aus, trotz des mit- unter sehr scharfen Eingreifens unseres Genossen Bebel, der mit seinem wohlerworbenen Ansehen den gesamten Parteivorstand auch da zu decken suchte, wo offenbar Fehler wenigstens einzelner seiner Mitglieder vorlagen— Fehler, die sich allerdings sofort erklären, wenn man in Betracht zieht, daß die herannahenden Reichstags- Wahlen den einen und den anderen sehr leicht gcwisscrmassen hypno- tisieren und ihn alle Vorkommnisse nur als auf die Wahlen be- rechnet sehen lassen können. Hier rächt sich eine gewisse Einseitig- keit, die sich bei intensiver Beschäftigung mit parlamentarischen An- gelcgenheiten zuweilen herausbildet. Ta die Meinung des allergrößten Teiles des Parteitages durch die Reden und die Zustimmung hierzu unzweifelhaft zum Ausdruck gekommen war, auch die von allen Seiten empfohlene Verstärkung des Parteivorstandes wesentlich damit begründet wurde, man müsse ibm Kräfte zuführen, um ihn leistungsfähiger zu großer politischer Tätigkeit zu machen, war es nicht mehr nötig, über die vorliegen- den Tadelsanträge abstimmen zu lassen. Sic wurden also mit kurzer Begründung zurückgezogen. Sonst hätte sich ja das Schauspiel er- geben können, daß ein nach außen hin verkehrt wirkender Beschluß zustande gekommen wäre, indem nämlich ein Teil der Majorität wit der(überwiegend) revisionistischen Minorität gegen den Tadel gestimmt hätte, weil, wie gesagt, dieser schon hinreichend und un- mißverständlich zum Ausdruck gekommen war.... ... In gewissem Sinne gehört zu den internen Angelegen- Helten der Partei auch der württcmbergische Streit mit seinen Begleiterscheinungen, der zur Kassierung zweier Stuttgarter Mandate führte. Unseres Erachtens ist hierbei allerdings vom Parteitag eil, Fehler gemacht worden, was vielleicht auf die der- worrene Art der Abstimmung zurückzuführen ist.... Sicherlich hat Genosse D i e tz sehr recht, wenn er durch einen Vergleich mit dem Verhalten der Tschechen zur österreichischen Gesamtpartei den Partikularismus, der dem speziell süddeutschen Revisionis- mus zugrunde liegt, hervorhob. Bei den Akten der Mandats- lprüfungskommission liegen Dokumente, die zeigen, wohin es führt, Wenn man diesen Partikularismus fördert. Hoffentlich wird es dem neuen Parteivorstand gelingen, durch vermittelndes Eingreifen in Württemberg normale Zustände zu schaffen und der Industrie- arbeiterschaft von Groß-Stuttgart zu ihrem Recht zu verhelfen, das ihr von einer Minorität von Kleinstädtern und Landbewohnern, die aber durch die geltenden Organisationsformcn zur künstlichen Majorität gemacht worden ist, vorenthalten wird. Wurden so die inneren Schwierigkeiten in im großen und ganzen befriedigender Weise behandelt und darüber entschieden, so können wir leider nicht dieselbe Genugtuung empfinden über den Ausgang, den die Verhandlung über die Marokkofrage nahm; hier zeigte es sich, wie Kleinigkeiten und Zufälligkeiten unangenehme Folgen haben können. Zwar das Referat B e b e l s. der mit schöner Frische und herrlicher 5blarheit sprach, fand einmütigen Beifall, und es bedurfte gar nicht erst der Konstatierung, daß in ihrem Wider- stand gegen das Marokkoabenteucr und die Kriegshetze die Ver treter des deutschen Proletariats ebenso einig sind, wie dieses selbst. Mit allen zweckdienlichen Mitteln wird die Arbeiterklaffe Deutsch- lamds für den Frieden und gegen die Barbarei des Krieges an- kämpfen, wie das durch die vom Partcivorstand vorgelegte und kleines feiiUUtcm. Neues von der„roten Exzellenz". In der hier bereits früher wegen ihrer Gediegenheit und Billigkeit empfohlenen Miinchencr Wochenschrift „Die Lese" veröffcntlichi soeben(Nr. 36/37) Ernst K r e o w s ki seine aus zwei Jahrzehnten eines freundschasilichen Umganges ge- schöpften Erinnerungen an Heinrich v. R e d e r. Dieser bei Leb- zeilen sehr zu unrecht verkannte Lyriker und Epiker, der 1909 Milte Februar als bayerischer Generalmajor in München ver- storbcn ist, war eine ebenso urwüchsige als freimütige Kraftnatur. Das wird so recht offenbar an einer Anzahl drastischer Meinungen und Aussprüche, die in diesen Erinnerungen niedergelegt sind. Sie zeigen, wie schlecht Rcder, den man wegen seiner Beziehungen zum Inhalt mehrerer Jahrgänge dcS eingegangenen Münchcner sozial« demokratischen Witzblattes„Der süddeutsche Postillon" auch die„rote Exzellenz" genannt hat, auf de»»lodcrnen Klassen- staat, das Pfaffentnm, den Militarismus, die Polizei und die ganze Bourgeoisie zu sprechen gewesen sein mochte. Hierfür einige Belege: „Deutschland ist ein M i l i t ä r st a a t. Dazu gehört natürlich auch der Staatsanwalt, die Polizei und der Schutzmann. Glücklich derjenige, der mit all diesen Gewaltigen nicht! zu tun hat. Alles for» Geschäft."... „ES gilt nur Adel und Geld. Wer die nicht besitzt, gehört zu den Hurraschreiern."... „Für die Charakterstärke und das steife Rückgrat, Männer- stolz usw. gibt heute niemand eine» Nickel."... „Wer. wie ich, 37 Jahre unter der Subordination gedient hat, wo nian jedem V l e ch s ch ä d e l mit blindem Gehorsam unterworfcil ist, weiß ein Lied zu singen."... „Mit Singen und Trinken kann kein einheitliches Deutsches Reich— au! den verschiedenen VolkSstäinmen mit Gcivall zusammen- gehalten— geschaffen werden. Festreden und Wahlreden verschluckt der Tag. Schade für die aufgewendete Mühe. Wir leben aber im Zeitalter der Rederei."... „Für Berlin Hab' ich niemals eine Neigung gehabt und leiste gern Verzicht auf die SicgeZallce und alles Uebrige. Die Siege von 1370 liegen mir jetzt in den Knochen als uachhaUige Ernmerung an die Dezcmbcr-Biwaks."... „DaS deutsche Volk geht zurzeit den Krebsgang. ES herrscht überall durch die Bonzen der Rückschritt zur Berdummung. Sie wehren sich ihrer Haut wegen des Brotkorbs. Pfaffen und Junker find obenauf."... '.' „Alle meine Bücher sind durch die Schuld der Verleger zu Grunde gegangen. Das sind mit wenig Ausnahmen, exompln docent, zumeist Piraten, rücksichtslose Ausbeuter, welche den Autor um de» Loh» der Arbeit bringe». Ich bekam nie ein Honorar und halte nur Verdruß und materiellen Verlust."... „Unser Publikum liimmert sich mehr um den Magen als um die Poesie.".., schließlich einstimmig angenommene Resolution ausgedrückt wird. Aber leider hat diese Resolution einen Mangel; es fehlt darin näm- lich eine Erklärung der prinzipiellen Stellung der Sozialdemokratie zur Kolonial- und Weltpolitik. Daß eine solche Erklärung absicht- lich ausgelassen wurde, ist natürlich nicht anzunehmen; aber sie fehlte eben, und darum waren Amendements gestellt, die Lücke aus- zufüllen. Infolge von Zufälligkeiten konnten diese Amendements nicht schon zu Beginn des Parteitages eingereicht werden, und schließlich versagte.auch noch die Druckerei, so daß, als abgestimmt werden sollte, die Amendements nur vorgelesen werden konnten. Das benutzte einer unserer„Kolonialpolitiker", Genosse David, der schon auf dem Stuttgarter Internationalen Kongreß die deutsche Partei für eine„zahme" Erwerbung von Kolonialgebict sich erklären lassen wollte, um den Parteitag kopfscheu zu machen. Er protestierte gegen die„Aufrollung der Kolonialfrage" bei dieser Gelegenheit und ohne gedrucktes Material, und richtig wurden die Amendements abgelehnt. Es ist bedauerlich, daß der Partcivorstand sie nicht vorher aufgenommen hat, was vielleicht doch noch möglich gewesen wäre. Tann wäre nicht der peinliche Schein erweckt war- den, der Parteitag habe prinzipiell sozialdemokratische Sätze zurück- gewiesen. Als einige Stunden nach der Abstimmung die Amende- ments gedruckt vorlagen, bedauerte mancher, der aus formalen Gründen vorher mit Nein gestimmt hatte, daß sie nicht in die Rc- solution eingefügt worden waren. Und das ist auch sehr zu be- dauern, im Interesse der Klarheit! Da sicherlich die Presse der Kolonialintercssenten aus der Ab- lchnung der Amendements Kapital zu schlagen versuchen wird, haben wir hier den Vorgang festgestellt. Für die Kolonialpolitik, wie sie jetzt getrieben wird, kann nicht einer der Ablehnenden in Anspruch genommen werden, und wie man, vbgcsehen von einigen Eigenbrödlern, über die„zahme" Methode der Kolonialerwerbung denkt, das zeigte die Heiterkeit, womit der Parteitag den Antrag des Ehepaares Maurenbrccher und des inzwischen ausgeschlossenen Hildcbrand unter den Tisch fallen ließ. Die„Leipziger Volkszeitung" schrieb am 16. zu der Behandlung der M a r o k k o p o l i t i k auf dem Parteitage: ... Besondere Erwähnung verdient eine Stelle in Bebels Rede, die den Schein erwecken könnte, den Gegnern des Massen- streikgcdankcus entgegenzukommen, indem sie in ihrer apodiktischen Kürze den Massenstreik überhaupt als unmöglich hinzustellen scheint. Bebel führte bei der Schilderung der Situation nach einer Kriegs- erklärung aus: Die Preise der Lebensmittel erreichen eine unerschwingliche Höhe, obwohl sie heute schon kaum erschtviuglich sind. Dann aber wird das die allgemeine Hungersnot tatsächlich bedeuten. Was glaubt man dentt, was aus einer derartigen Situation entsteht? Da fragen die Massen nicht nach Massen- st r e i k, da schreien sie nicht nach dem Massenstreik, da schreien sie nach Arbeit und Brot! Es ist schon möglich, daß einige besonders rabiate Gegner des Massenstreiks mit dieser Bemerkung Bebels: da fragen die Massen nicht nach dem Massenstreik! krebsen gehen werden, und deshalb sei hier besonders darauf eingegangen. Daß die Massen in einer solchen Situation, wie Bebel sie schildert, nicht nach Massenstreik schreien, ist richtig, aber nur deshalb, weil dieser„Streik" schon da ist, weil er ganz von selber aus den Verhällnissen heraus- gewachsen ist, weil die gesamte bürgerliche Gesellschaft sich in der Auflösung befindet.... Je mehr nun aber die Möglichkeiten sich häufen, daß eine so gewaltige Katastrophe eintritt, je häufiger und länger mit der Entwickelung des Imperialismus die Kriegsgefahr auf die Tages- ordnung dcr.Politik gesetzt wird, je gewaltiger die Beunruhigung und Erschütterung der bürgerlichen Gesellschaft schon durch die bloße Gefahr eines Krieges wird, desto dringender wird die Auf- gäbe der Sozialdemokratie, die Massen auf solche Möglichkeiten vor- zubereiten. Einen derartigen Hinweis vermißten wir in der Bebclschen Rede. Zur Verhütung von Masscnkatastrophen sind Massenaktionen notwendig, was ja die Partei durch die Mobili- sicrung der Massen in der Marokkokrisis selber ausdrücklich an- erkannt hat.... Unter der Ucbcrschrift„Der Parteitag des Ueber- ganges" schreibt dann unser Leipziger Parteiblatt am 18. September: ... Der Kongreß war der letzte vor den nächsten Reichstags- Wahlen, und man durfte crlvartcn, daß diese Stcllung des Partei- tagcs seinen Verhandlungen den Stempel aufdrücken würde. Und das um so mehr, als sich der Partcivorstand seit Jahresfrist bei „Beim Tarocken kann man gewinnen, beim Dichten verliert man sicher, wenn'S Lyrik ist."... „Wer Maßkrüge schlecht einschenkt oder Würste macht, bringt es weiter als die Poeten."... „Bäcker. Metzger und Bierbrauer sind die vernünftigsten Philo sophc»; die werden auch nicht wahnsinnig."... „Die Dichter, Schriftsteller und Kritiker fressen sich gegenseitig auf; und die anderen künnuern sich nicht darum."... „Wenn der Dichter kein Geld hat, wird er unter die Lumpen mit dem Bettelsack gerechnet."... „Bei Lebzeiten läßt man die deutschen Dichter im Elend. Nach dem Tode werde» sie gefeiert. Das ist echt deutsch, und die Deutschen bedenken nicht, daß sie damit ihre eigene Mißachtung der Poesie feiern."... „Die toten Dichter gehören in Deutschland zum literarischen Kompost, aus dem die„Penny linners"(Zeilenschinder) einige Körner zu eigenem Nutzen hcrausklaubcn."... „Um die Lebende n kümmert man sich nur dann, wenn sie Greise geworden sind."... „Diese Tintenfische sind stets bereit, andere für sich geschäftlich auszunützen."... � „Buddah sagt: Geh an der Welt vorüber; es ist nichts."... „Alles Irdische ist vergänglich, Nur der Kuhschwanz der bleibt länglich." „Was über mich /geschrieben tvnrde, ging in den Wind. WaS nach meinem Tode erscheinen könnte, ist mir völlig gleichgültig. Ich pfeife mit Heine auf den Nachruhm."... „Bald fahr ich trüben Blicks. Ergeben de! Geschicks, Doch ohne Kruzifix Mir Chnro»»ber'n Styx Und denk,'S is Celles nix."... „Für meine Feuerbestattung Hab ich den Betrag schon bezahlt. Es soll von mir uicki!-! übrig bleiben."... Und so geschah's. Bom Schnarche». Die Schnarcher teilt Generalarzt Dr. Schill ein in Geivohnhcitsschnarcher. die regelmäßig ihr Konzert beginnen, sobald sie die Augen geschlossen haben und in Gelegcnheitsschnarcher, die nur nach besonderen Einwirkungen, tvie reichlichem Alkoholgenuß oder Ucbcrmndnng schnarchen. Im allgemeinen pflegt der Mann Holzblöcke zu sägen mit des Basses Grundgewalt, während die grauen meist in höherer Tonlage oder durch sogenanntes Blasen ich betätigen, doch soll es auch Angehörige des zarten Geschlechts geben, deren Schnarchen die Wände erzittern läßt. Dr. Schill, der selbst schnarchte, wenn er auf dem Rücken schlief, fand schließlich ein uufchlbarcs Mittel, um lautlos zu schlase». DaS ist eine umiach- giebige, d. h. ganz festgestopfte Roßhaarnackenrolle von 38 Zenti- melern Umfang. Die wird in ein ziemlich prall mit Daunen ge- allen seinen Entschlüssen, seinen Taten wie seinen Unterlassungen von der Rücksicht auf die kommenden Reichstagswahlen hatte leiten lassen. Es ist anders gekommen. Der Punkt Reichstagswahlen war an die letzte Stelle der Verhandlungen gerückt, und es war deutlich zu spüren, daß es nicht dieses Thema war, das den Höhe- punkt des Kongresses bedeutete. Hier kehlte etwas�von den großen allgemeinen Gesichtspunkten der gesellschaftlichen EntWickelung, die unserer Bewegung erst den richtigen Schwung geben und durch die eben für uns die Rcichstagswahlen mehr werden ein Kampf um Mandate und Stimmen, sondern gleichzeitig ein Prüfstein für den Zersctzungsprozeß der gesamten bürgerlichen Gesellschaft. Der Kernpunkt des Jenaer Parteitages lag in seinen beiden ersten Verhandlungstagen. Hier handelte es sich um die Frage, die in der Tat die Frage der sozialdemokratischen Zukunft für die nächsten Jahre bildet, nämlich um die Taktik der Partei gegenüber dem Imperialismus. Daß diese Debatte nicht sachlich, sondern in der abgeschmackten Form eines Streites darüber geführt wurde, ob die Genossin Luxemburg eine Indiskretion begangen habe oder nicht, ist lediglich Schuld des Parteivorstandes. ... Die radikale Mehrheit der Partei hat... allen Anlaß, mit dem Ergebnis(der zweitägigen Parteidcbattc) zufrieden zu sein. Man muß dabei nur auf die Sache und nicht auf die Form sehen. Der Parteivorstand gab, wie Genosse Müller ausdrücklich erklärte, nicht zu, in irgendeiner Hinsicht versagt haben. Eine Erweiterung des Vorstandes sei im Grunde nicht'-.otig, wenn sie aber vorgenommen werden sollte, so höchstens um einen Sekretär. Und was beschloß der Parteitag? Nach Ausfüllung der durch den Tod Singers gerissenen Lücke durch den Genossen Haase beschloß er die sofortige Erweiterung des Vorstandes durch zwei Sekretäre und außerdem die Gesamtrcorganisation des Vorstandes, zu deren Vorbereitung die Wahl einer zwciundzwanzigglicdrigen Kam- Mission vorgenommen wurde, die dem nächsten Parteitag Vorschläge machen soll. Wenn das eine Niederlage sein soll, so wünschen wir uns recht viele derartiger„Niederlagen". Der Parteitag hat durch seinen Beschluß ausdrücklich anerkannt, daß die Dinge nicht mehr so weiter gehen wie bisher, er hat durch die Tat die Berechtigung der Kritik an der Tätigkeit oder Untätigkeit des Parieivorjtandcs bestätigt.... Vieles wird noch über den Jenaer Kongreß zu sagen sein, der für die innerpolitische Enttvickelung der Partei vielleicht der intcreyanteste war, den wir seit dem ersten Jenaer Kongreß erlebt haben. Er bedeutet den Uebergang der Partei in die Periode des Imperialismus mit oll seinen Konsequenzen, seinen Massen- kämpfen, seinen sozialen Katastrophen, seinen Erschütterungen aller Verhältnisse. Noch ist das Bewußtsein von dieser historischen Be- deutung des Jenaer Parteitages nicht in allen Teilen der Partei lebendig. Noch jetzt gibt es einzelne Partcikreise, die jede Kritik für„Krakeclsucht" und„Neklamebedürfnis" halten. Aufgabe der Parteipressc wird es sein, diese subalterne Auffassung immer mehr zum Verschwinden zu bringen und an ihre Stelle die ziel- klare Erkenntnis der gewaltigen Aufgaben zu setzen, die eine nahe Zukunft der Sozialdemokratie bringen wird. )?U3 Induftrie und Kandel. Die Regierung versagt. Der Stand der Lebensmittelpreise ist in einer ganzen Reihe von Ländern in wenigen Monaten so stark in die Höhe gegangen, wie man es seit Jahren nicht mehr in ähnlicher Weise beobachten konnte. Der Grund hierfür liegt weniger in der geringeren Ergiebigkeit der Landwirtschaft, als vielmehr in den U e b e r t r e i b u n g e n, die den Einfluß der Hitze und Trockenheit aus den Ertrag der Ernte und auf die Leistungsfähigkeit der Viehzucht in den schwärzesten Farben inalten und damit eine Marktstimmniig erzeugten, die Preis« stcigcrungcn in hohem Maße begünstigte. Es stellt sich innner mehr heraus, daß die Wirkungen der ungewöhnlichen Witterung keineswegs so nachteilig waren, wie es nach den rapiden Preissteigerungen erscheinen könnte. Daß die plötzlich ein- getretene Verteuerung der HauShaltSkostcn und die Sorge, daß cS noch viel schlimmer werden könne, die bescheiden und ärmlich lebenden BcvölkernngSschichtcn in einen Zustand der Erregtheit versetzen, daS ist verständlich. Daß die Erregung sogar zu ernsten Ausbrüchen und Unruhen führen kann, das zeigen die .Vorgänge in vielen Gemeinden Frankreichs und Belgiens und neuer- ding! in Wim. Auch in Deutschland ist die Situation ernst. Ueberall beschäftigt man sich mit der Frage der Lebcnsmittcltcucrung. Die fiilltes Kopfkissen eingehüllt. Das Lager besteht au! einer Sprung- federmatratze mit Roßhaarauflage und einem Roßhaarkeilkissen; darüber komnit das Daunenkissen mit der eingelagerten Roßhaarnackenrolle. Der untere Rand der Rolle muß mit den Schultern abschneiden. Durch die Scilenlageruug mit erhöhtem Kopf wird da! Herabsinken des Unterkiefers und damit das Schnarchen ver« mieden. Eine Pflanze, die lachen macht, wächst in Arabien und bringt eine leuchtend gelbe Blume hervor, deren schwarzer Samen in der Form an schwarze Bohnen gemahnt. Die Eingeborenen trocknen und pulverisiere» diesen Samen. Eine kleine Dosis des Pulvers bringt bei dem nüchternsten Menschen wunderliche Verwandlungen hervor: der Betreffende beginnt sich wie ein Clown oder wie ein Wahnsinniger zu benehmen, tanzt, singt und lacht schallend und setzt diese HeiterkcitSauSbrnche etwa eine Stunde lang fort. Dann folgt ein schtverer Schlaf, und wenn der Erschöpfte schließlich wieder erwacht, hat er jede Erinnerung an sein verrücktes Gebaren ver« loren und weiß nicht, Iva! er getan und was mit ihm geschehen ist. Hnmor nnd Satire. Dnster qualmt die heilige Vcstaflamme. Sechs Beamte der Berliner Sitten- Polizei sind heftig ausgeglitten. Still und grübelnd sitzen sie im Schlamme; Düster qualmt die heilige Bestaflanune. Ist es, fragen sie sich, ein Verbrechen, Wenn die Machens, wo uns lieben, blechen? Schaudernd fällt ihr Blick auf Jagown feine Zum VcrnichtungStritt erhabnen Beine Dieser, fühlen sie, ist unerbittlich Und mit grauenhafter Strenge sittlich. Denn warum? Wir taten eS im Amte Wundert man sich da, daß er entflammte? Macht ein Kavalier im Amt Geschichten? Nein, ein Kavalier macht sie mitnichten l Aber ist er gar ein Subalterner—: Oh— so lieat ihm dieses noch viel ferner. Und wir waren, außer an der Minne, Auch nicht unbeteiligt am Gewinne. Und an SittenmächcuS, wo wir lieben. Hann» wir auch noch Schriftliches geschrieben! Kinder, Kinder, wenn wir cS bedenken—: Muß uns Vater Jagow da nicht schwenken? Soll das Vätern etwa nicht verdrießen? Na. da sieht man's ja: Er läßt uns— schießen. Amen, Brüder, gürtet eure Lenden— Platz für sechs Versicherungsagenten I P e t e r S ch e r(.Simplieissimns'). ZtegierlmgSn, die Kommünalberwalilingen erörtern die Möglichkeiten, wie einer weiteren Verschärfung deS Not st a n d e S entgegengewirkt werden könne. ES ist ganz klar, daß in einem Jahre wie dem gegenwärtigen jede Begünstigung der Getreideausfuhr unterbleiben sollte. Das heißt, das System der Einfuhrscheine, das einzelnen Landwirten sehr gewinnbringende Geschäfte ermöglicht, muß falle». Man blicke auf die Statistik, wie die deutsche Getreideausfuhr in den letzten Jahren zugenommen hat. und man wird nicht leugnen können, daß diese Zunahme nur durch das System der Einfuhrscheine ermöglicht worden ist. Es wirkt er- bitternd, wenn man steht, daß an diesem System, das nur einem verschwindenden Teil einzelner Landwirte mühelosen Gewinn er- möglicht, unter allen Umständen festgehalten werden soll. Das preußische S t a a t s m i n i st e r i u in hat sich dieser Tage über Maßnahmen zur Milderung der Schäden, die der Ernte- ausfall an Kartoffeln, Gemüsen und Futterstoffen für die Volkseriiährung und für die Erhaltung des Vieh- stände« mit sich bringt, schlüssig gemacht und unter anderem beschlossen, in einer bestimmten Angelegenheit beim Bundesrat einen Antrag zu stellen. Daß eine Aendernng des Einfuhrschein- systems angeregt worden wäre, darüber verlautet nichts. Ohne Preußen dürfte aber der Bundesrat kauni eine Aendernng eintreten lassen. Und doch wäre eS geboten, daß zum mindeste» Einfuhr- scheine, die für Ansfnhrgetreide erteilt sind, nicht mehr auf Zoll- gefälle für Kaffee und Petroleum angerechnet werden dürften. Bei der gegenwärtigen Höhe der Gctreidepreise am deutschen Markt ist jede staatliche Begünstigung und Unterstützung der Ausfuhr ein schwerer Fehler._ Ermäßigung der Fracht für Kohle. Um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Kohle gegenüber der englischen in einzelnen Ostseeprovinzen zu erhöhen, haben, wie die »Frankfurter Zeitung' erfährt, die Erwägungen zu dem Beschluß geführt, daß vom 1. Oktober ab für die nach Ostpreußen und nach den angrenzenden Bezirken Westpreußens gehende ober- und auch niederschlesische Kohle erhebliche Frachtermäßignngen, und zwar i» starkem Maße, für alle Orte der Provinzen eingeführt werden. Für die.notleidenden' Agrararier und Montanindustriellen öffnet die Regierung also den Staatssäckel, denn die Fracht-- ermäßigung bedeutet ein Geschenk auf Kosten der Gesamtheit; wie aber steht es mit den Maßnahmen zum Schutze der schamlos aus- gebeuteten Konsumenten? Schnapsgeschäfte. Als am l5. August der Berkaufspreis für Sprit durch die Spirituszentrale von ö2.90 M. auf 53,50 M. pro Hektoliter erhöht wurde, erhob sich bei den Abnehmern ein Sturm der Entrüstung. Die Spirituszentrale erklärte, daß wegen der Unsicherheit der Lage und ini besonderen wegen der Steigerung der Kartoffel- preise diese Erhöhung, die überdies nur eine provisorische wäre, notwendig sei. Die.provisorische' Erhöhung besteht auch heute noch, sie soll vor Ende Oktober auf keinen Fall wieder beseitigt werden, so wird jetzt bekannt. Jetzt, also rund einen Monat nach der Verkaufspreis- erhöhung. ist durch die Spirituszentrale auch der Abschlags- preis um 3 Mark erhöht worden. Der Abschlagspreis. das ist der Preis, den die Spirituszentrale den Brennern zahlt, betrug bisher 41 Mark pro Hektoliter, die Spiritus- zentrale verkaufte zu 52,90 M. Die Zentrale kostet dem Sprit- gewerbe also pro Hektoliter 11,90 M., das ist sicher eine ganz an- ständige Summe, auch wenn die wirkliche VerlricbSarbeit, die sie leistet, in Berechnung gestellt wird. Da der Abschlagspreis einen Monat lang trotz der Erhöhung des Verkaufspreises nicht stieg, so wuchs für diese Zeit derHektolitergewinn der Spiritus- zentrale auf 17,50 Mark oder auf rund 45 Proz. des Einkaufspreises! Jetzt ist der Abschlagspreis um 3 M. auf 44 M. erhöht worden. Die SpiritnSzcntrale profitiert.wegen der Verteuerung der Kartoffeln' pro Hektoliter 14,50 M. gegen früher nur 11,90 M. Der Zentrale der Kreth und Genossen bringt die Kartoffelverteuernng einen netten Rebbach, er beträgt bei jedem Hektoliter 2,60 Mark extral Sericbts> Leitung. Der Drohung mit einem Morde hatte das Schöffengericht Spandau den Bauarbeiter K a l m u tz k i schuldig befunden und deshalb zu einer Gefängnis- st r a f e von drei Monaten verurteilr. Einige unüberlegte, in der Trunkenheit gebrauchte Worte ivaren es, in denen das Schöffen- gericht die schauerliche Drohung erblickt hat. Vielleicht iväreu die törichten jWorte deS Augeklagten weniger bnrt verurteilt worden, wenn er nicht— ein Streikposten gewesen wäre. Es war beim Bauarbeiter st reik in Spandau im Juni dieses Jahres, als Kalmutzki vor einem Neubau in der See- bnrger Straße Posten stand. Kalmutzki hat sicherlich kein Ver- ständnis für die verantwortungsvolle Aufgabe eines StreikposteuS gehabt, denn er trank mehr als ihm gut war und stand in stark betrunkenem Znstande vor dein Bau. Da rief er dem Polier zu: .Wenn Sie nicht machen, daß Sie runter koinmen, dann schmeiße ich Sie mit Klainotten runter* Zu einem Arbeiter, der den Bau betrat, um nach Arbeit zu fragen, sagte Kalmntzki: „Komm mal raus, Dir schlage ich die Knochen entzwei, Deine letzte Stunde bat geschlagen.'— Das ist der Tatbestand, den das Spandauer Schöffengericht in allem Ernst als Bedrohung mit dem Verbrechen des Mordes und als Nötigung angesehen hat. Die Berufungsinstanz, die Kalmntzki angerufen hat, beschäftigte sich gestern mit der Angelegenheit. Durch die Ver- nehmung des Arbeiters Karski und des P o N e r s Hammer wurde festgestellt, daß der Angeklagte die angeführten Redensarten zwar gebraucht hat, daß sie aber keiner der Beteiligten ernst genommen oder gar sich bedroht gefühlt hat. Nur einer scheint den Betrunkenen sehr ernst genommen zu haben, nämlich der Polizeisergeant Herbert. Dieser Beamte ist geholt worden, um Kalmntzki von seinem Posten vor dem Bau zu ent- fernen. Als der Beamte kani, ging Kalmutzki in einen Kaufladen und benutzte dort den Fernsprecher, lieber diesen Vorgang erzählke der Polizeisergeant Herbert als Zeuge mit wichtigtuender Miene und forscher Stimme: Der Angeklagte telephonierle nach dem Parteilokal von Bohle und sagte, man solle ihm sechs Mann schicken, damit sie den Bau räumen konnten.— Die Wirkung, welche der Zeuge von dieser Angabe erwartet haben mochte, trat nicht ein. Das Gericht legte gar keinen Wert auf diese Bekundung, schon deshalb, weil sie gar nicht zur Sache gehöre. In seinem U r i e i l folgte das Gericht im wesentlichen den Ausführungen des Verteidigers Rechtsanwalts Wolfgang Heine.— Das Gericht" hält zwar die Feststellungen der ersten Instanz für bestätigt, kommt aber zu einem wesentlich milderen Urteil. Das Gericht hält weder eine Drohung mit einen» Ver- brechen, noch ein Vergehen gegen§ 153 der Gewerbeordnung, sondern nur einen Fall von versuchter Nötigung für vorliegend und verurteilte den Angeklagten zu drei Wochen Gefängnis. Mit acht Monaten Gefängnis hat der Arbeit Nikolaus Mohan die Entwendung eines dem Arbeiter Woithe zu Hennickendorf gehörigen Fahrrades zu büßen. Mohan ist wegen dergleichen Delikte schon mehrfach vorbestraft. Er leugnete beharrlich, den in Rede stehenden Diebstahl ausgeführt zu haben. Das Schöffengericht zu Kalkberge erklärte ihn indes auf Grund von Indizien für schuldig und verurteilte ihn in seiner letzten Sitzung zu einer achtmonatlichen Gefängnisstrafe. «ettervrognoke kür Mittwoch, den SO. September 1911. Vorherrschend wolkig mit leichten Rcgensällen und ziemlich lebhaften westlichen Winden: Temperatur wenig verändert. Berliner W e t t e r b ur e a u. | Todes-Anzeigen| Sozialdeuiokralisclier Watilverelü für den üeriiDerHeiehstasswaMknils. Am Montag, den 18. September, verstarb unser Genosse, der Gast- wirt Julius Fietz Urbansir. 105. Ehre seinem Andenke»! Die Bccrdlgimg findet am Donnerstag, den 2l. d.M., nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhause auS nach dem neucn.Luisen-Kirch- hos, Rixdors, Hermannstrage, statt. Rege Beteiligung erwartet 211/10 Ter Borstand. Verwaltung: Berlin. Crcppcngelandcr- Manche. Donnerstag, den ZI. September 1911, abends 8 tthr, bei Ant B o e k e r. Wrberstr. 17: PF" Versammlung Tagesordnung: 1. Bericht über die Verhandlungen mit de» Arbeitgeber» 2. Bericht über die Berirauensmäniierversauimlung. S. Berbands� nnd Branchenangelegeiiheiteii. 88/ l 9 Der Borstanb. Vete! der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Jnliras Fietz Urbanstr. 105(Bezirk 5) plötzlich verstorben ist. 51/3 Ehre seinem Andenken.' Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 21. September, nachmittags 4 Uhr, vom Trauer. Hause aus nach dem Neuen Luiscn-Kirchhos statt. Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSverwaltiing. Deutscher �letaiiarheiter-Verhand Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitgiied, der Schlosser Martiu Brykoöiageu durch llnsnll gestorben ist. 123/6 Ehre seinem Andenken! nie Ortavcrwaltung. Die Echten Salem Ale ikum Salem goid (QoldrnundsMick) CigareH-en Für Feinschmecker! Man hübe sich vdp f-äuschenden, qualitativ minderwerMgen Nachahmungen! 6736 Am Sonnabend, den 16. d M.. abends 9 Uhr, entschlief sanft nach kurzein Leiden unsere einzige innig geliebte Tochter NksregÄrsis im 24. Lebensjahre. Dies zeigen liesbetrübt an Karl Nalirlicli und Frau geb. Dalicbow. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 20. September, nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle des Zentral-FriedhoseS in Friedrlchsselde aus statt. Tantfagmig. Allen Kollegen, Freunden und Be- kannte» sage herzliche» Dank für die zahlreiche Beieitigung und die Herr- lichen Ki anzlpeiiden bei der Beerdigung meines Mamp-s nnd lieben BaterS. Frau Aug. Buseian und Tochter. Dr. Slmmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, m'Xuu. 10-2. 6-7. Sonntags 10-12. Z~4. Am 20. September und folgende Tage kommen bei uns meiirere lü Meter Reste von pteffl Kleider-Samt [Ganz bedeutend unter regulärem Enps-Preis zum Detail-Verkauf. 1 Spandauer Straße 57, Max Bornstein, Koramandit- Gssellsclmfl. vm �35�035215 w4hren<1 der Hoch-Saison su begepion. habe ich mich entschlossen, die Preise für ggasEiaHSHascsBEsaaaEsaaBBiaHHBHiEEBS 69 B GS G9 BS SS E9 G9 neueste Herbst-Modelle bedeutend zu ermässigen! WESTMANN Mohrenstrasse 37a(nahe Jerusalemer Strasse) Gr. Frankfurter Strasse IIS(nahe Andreasstr.) — PiUschmänte!- je nseb AnsfUbruna;: In echt oDglischem Seal und la deutaohea Plüiehen a. T. 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Kabale und Liebe. Drianon. Ihr Alibi. Luisen. Das Wintermärchen. Casino. Der selige Hollschwskh. Apollo. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. ivtetropol. Die Nacht von Berlin. Bafiage. Spezialitäten. ReichSballeu. Stettiner Sänger. ffönigftadt-ffasino. Spezialitäten. Hcrrnfeld. Das Kind der Firma. Schmerzlose Behandlung. N»se. Das Käthchen von Heilbronn. Anfang 8'/, Uhr. Folies Taprice. Die Meisterrtnger von Dirnberg. Nr. 14. Walhalla. Teusel, das hat ringe, schlagen I Ansang 8'/, Uhr. Velle-Alliance. Heimat. Intimes. Lou. Liebesabenteuer. Neues BolkSthratcr. L» Be- Handlung. '.' Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—«2. ffaifer-Panorama. Hamburg und seine Schiffahrt.— Reise m der Schweiz.— Tellsage. 8M!Ier-7desler0.Th?°7«'. Mittwoch, abends S Uhr: Der Probekandidat. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Geizige. Hieraus: Oer eingebildete Kranke. Freitag, abends 8 Uhr: Der Probekandidat._ Sehiller-Theater c"n Mittwoch, abends 3 Uhr: Der Geizige. Hieraus: Oer eingebildete Kranke. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zopf nnd Schwert. Freitag, abends 8 Uhr: Der Geizige. Hierauf: Oer eingebildete Kranke. Die Kunst dem Volke I Heute Mittwoch im Neuen Volks-Theater, Köpenicker Str. 68: In Behandlung. Komödie von Itax Dreyer. Jeden Sonntag Vorstellungen Deutschen Theater Kammerspielbaus Schiller-Theater 0. Schiller Th. Cbarlottenbnrg Kleinen Theater* Neuen Volks-Theater Theater in der KönlggrStzer Str. Metropol-Theater* Neuen Operetten-Theater* Trlanon-Tbeater Theater der Hocbscbnle in Cbar- ■Ottenburg. 150/3 Konzerte, Kunst- und Lese-Abende Gesellige Veranstaltungen Gesellsebaltsreisen. Eintrittsgeld 1 Mark. Jede Vorstellung 1 Mark (in den mit* bezeichneten Theatern 1,20 Mark). Man verlange Prospekte, die in den Zahlslelleft des Vereins, in den Warenhausern Tietz, Alexander-Platz, Frankfurter Allee, Leipziger Straße(an der Theaterkassel und in der Geschäftsstelle des Vereins: Köpenicker Str. 68 unentgeltlich zu haben sind. Telephonische Auskunft Amt IV 10292, 11138. Helle- Alilancc-Theater. Heute bis Freitag, abends 8'/, Uhr: Heimat. Gastspiel Slgnes Freund. Sonnabend, 2Z./9., z. I.Male: Zaza. fllölbiMilliöMljtiscköZ Schauspielhaus. Mittwoch, den20.Sept., nach m.3'/,Uhr: „Hiinipclstilzchen". Abends 8 Uhr: Kabale und Liebe. Donnertag,« Uhr: ff abale und Liebe. Freitag, 8 Uhr: ff abale und Liebe. Sonnabend, 8 Uhr: Zum 1. Male: Wahlmaniiver. X Vliettter. 8 Uhr. Gastspiel iiansi Niese: Die Mutter. Eine Zuflucht. Schöne Seelen. Berliner Theater. 8 Uhr: Snmmelstudenten. Theater in der KöoiggrätzerStraiie 8 Uhr: Gastspiel Wiesenthal. Theater des Westens. 8 Uhr: Tie Dame in Rot. Sonntag nachmittag 3'/, Uhr: Ein Walzrrtranm._ Residenz-Theater. Ansang 8 Uhr. Letzte Spielzeit unter Direktion Richard Alexander. Gin Walzer von Chopin. Schwank in 3 Akt. v. Köroul u. Borrs. Für die deutsche Bühne bearb. v. Bolten» Bäckers.— Morgen u. solgende Tage,: Ein Walzer von(xhopin. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Das Wintermärchen. IOSE-THEATE Große Frantiurter Str. 132. 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DaS Amtsgericht Berlin- Trmpelhof hatte gestern zu entscheiden Aber ein polizeiliches Strafmandat von 30 Mark, das dem Gr- werkschaftSbeamten Vehr, einem Angestellten des Verbandes der Gast- »virtsgehilfen, auferlegt worden war. Während des Kcllucrstrciks in HappoldtS BraucrciauSschank hatte Vehr am 14. Juli vor diesem Lokal Flugblätter verteilt und war dabei von Gästen mißhandelt »vordcn, er konnte aber damals zunächst nur einen der Täter fest- stellen lassen. Am 22. Juli begab er sich in dasselbe Lokal, um Karin vielleicht noch einen der anderen Täter zu ermitteln. DaS gelang ihm. Aber seine wiederholten Versuche, die Persönlichkeit durch die Polizei feststellen zu lassen, blieben erfolglos. Hierbei soll Vehr abends um Vzll Uhr vor dem Hause Jahnstraße 9, ruhe- störenden Lärm verübt und die Aufforderung weiterzugehen, nicht befolgt haben. Vor Gericht erklärte der Angeklagte, am 22. Juli habe an- fänglich auf seineu Wunsch ein von der Straße herbeigerufener Schutzmann die Feststellung des TätcrS vornehmen wollen, aber ein Schutzmann Wegncr habe feinem Kollegen gesagt:„Das gibt's «icht, Du gehst nicht mit, der soll sich an den Oekonom wenden.' Wehr habe sich dann von der Polizeiwache einen Schutzmann Seifert geholt, aber auch den habe Wegner, als er ihn kommen sah, von der geforderten Feststellung jenes Manne? abgehalten:»DaS »nächst Du nicht, ich habe schon alles festgestellt, ich nehme alles auf mich'. Vergeblich habe Vehr und auch der ihn begleitende Seifert erklärt, eS handle sich doch um einen dienstlichen Auftrag. Wcgner habe Vehr angeschrien:.Sie sind der größte Stänker!' habe ihn am Arm und im Genick gepackt, ihn so zur Wache geführt und ihn dort weiter beschimpft:.Verfluchter Sozialdemokrat! Lumpengesindel!' In der Beweisaufnahme wurde von Schutzmann Seifert be- kündet, daß Wegner ihn von der Feststellung abgehalten habe:„Du brauchst nicht zu gehen, ich bin dagewesen, die Sache ist erledigt'. Auf Seiferts Einwurf, daß er mitgehen müfle, weil er von der Wache geschickt worden sei, habe Wegner geantwortet:.Nein, Du brauchst nicht zu gehen, ich nehme die ganze Sache auf mich.' Taraufhin habe Seifert die Feststellung abgelehnt, aber nun sei Wehr in Erregung geraten. Er habe trotz Aufforderung sich nicht davongemacht, sondern sei mit erhobenem Stock wie zum Angriff auf Wcgner losgegangen und habe durch Rufe:„Genossen, kommt, meldet Euch als Zeugen l" einen Auflauf verursacht und das Publikum aufgereizt. Der Angeklagte bestritt sehr entschieden, Wegner bedroht zu haben. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Heine, hob hervor:.Das wäre der erste Fall, daß ein Schutzmaiin sich das ruhig gefalle» ließe, ohne Strafantrag wegen tätlichen Angriffs zu stellen.' Seifert mußte dann zeigen, wie Behr den Stock gehoben habe, und gab schließlich zu, daß das nicht in Absicht eines Angriffs geschehen sein könne. Schutzmann Wcgner, dessen Vereidigung zunächst ausgesetzt wurde, erzählte dem Gericht, wie er die Uebcrzeugnng gehabt habe, daß BehrS Verlangen einer Feststellung nur„Finte" und„Trick" war, um in das Lokal hiueinzugelangen. Er, Zeuge, habe nachher im Lokal„festgestellt, daß nichts daran war". AIS dann Seifert kam. habe er diesem gesagt:„Du brauchst nicht hinzugehen, ich habe schon alle» festgestellt.' Auf dessen Erwiderung, daß er vom Wacht- habenden geschickt worden sei, habe er sWegner) wiederholt:„Das brauchst Tu nicht, ich nehme alles auf mich.' Der Angeklagte er- klärte hierzu, er habe keinen„Trick' nötig gehabt, da er eben erst 2�z Stunden lang im Lokal verweilt hätte. Ver- teidigcr(zum Zeugen): Hatten Sie denn die Sache.erledigt'? Hatten Sie überhaupt versucht, einen Mann festzustellen? Zeuge: Nein, aber ich habe am Büfett gefragt, da sagten sie mir, daß nichts vorgekommen wäre.— Verteidiger: Wie konnten Sie dann zu Seifert sagen, Sie hätten seinen Auftrag— die Feststellung jenes Mannes—.erledigt' I? Nach WegnerS Vereidigung wurde ein auf Antrag des Ver- teidigerS geladener Zeuge Schlosser Schmidt vernommen, der dazu gekommen war. als Vehr abgeführt werden sollte. Zeuge hat ge- funden, daß nicht Behr, sondern Wcgner aufgeregt war und Auf- regung auch im Publikum verursachte. Schmidts Versuch, für Behr »och andere Zeugen zu notieren, sei aus dem Publikum beantwortet worden:„Ach, iu Preußen bekommt man ja doch kein Recht!" Der Amtsanwalt sah als erwiesen an, daß Behr gelärmt habe. hielt aber selber 39 Mark für zu viel und beantragte 3 Mark. .Man muß,' sagte er,.den Eindruck gewinnen, daß Behr durch Wcgner aufs äußerste gereizt wurde, weil er seinem berechtigten An- sinnen auf Feststellung nicht nachkam und so tat. als sei das Finte.' Der Verteidiger Rechtsanwalt Heine hatte aus der Beweisaufnahme den Eindruck gewonnen, daß WegnerS Mitteilung an Seifert, die Sache sei.erledigt', eine wissentlich unwahre gewesen sei. Wcgner habe sich eine» groben Dienstvergehens schuldig gemacht, das disziplinarisch, wenn nicht kriminalistisch, zu ahnden sei. Bei seine» Aus- sagen sei zu beachten, daß er sich in sehr unangenehiner Situation be- finde und am Ausgang des Prozesses sehr interessiert sei. Auch Seiferts anfängliche Aussage über den Stock habe erst korrigiert werden müssen. Behr, dem man ruhestörenden Lärm vorwerfe, habe nur sein Ziecht gebraucht, Zeugen auzurufen. Ein ticftrauriger Zu-- stand sei das, wenn Zeugen dazu gelangen, die Nennung abzulehnen mit der öffentlich ausgesprochenen Begründung:.In Preußen be- kommt man ja doch kein Recht!' Nicht Behr, sondern Wegner habe� Unruhe und Lärm verursacht, und man habe Behr nicht wcgweifcn dürfen. Der Angeklagte sei freizusprechen. Das Urteil zu finden und zu begründen, machte dem Gericht anscheinend einiges Kopfzerbrechen. Nach reichlich langer Beratung verkündete der Vorsitzende, Behr sei nichtschuldig des ruhestörcndcw Lärms, aber schuldig der Nichtbefolgung und habe 19 M. Geldstrafe zu zahlen. Die Begründung sagte, das Verhalten der Schutzleute sei nicht in allen Punkten zu billigen. Seifert habe seinen dienst- lichcn Austrag nicht ausgeführt, auf Wegners Betreiben habe er es unterlassen. Wcgner habe objektiv pflichtwidrig gehandelt. Zurück- zuweisen sei aber der Vorwurf, daß er wider besseres Wisse» ge- handelt habe. Er habe die Ueberzengung gehabt, daß Behr nur eine AuSrcde gebrauchte. Behr aber sei berechtigt gewesen, seinen Unwillen über die Weigerung zu äußern, mithin habe er nicht un- gebührlich ruhestörenden Lärm verübt. Andererseits seien die Schutzleute im Recht gewesen, als sie im Interesse der öffentlichen Ordnung forderten, daß er wegging. Zwar habe er nicht, indem er den Stock hob, angreifen wollen. Er sei aber nicht weggegangen, und hiermit habe er sich strafbar gemacht. Also: es war„objektiv pflichtwidrig", die geforderte Feststellung zu verhindern, aber mit der Aufforderung wegzugehen waren die Schutzleute„im Recht". Denken wir uns, daß einer einen Schutz- mann um Hilfe gegenüber den Drohungen eines gefährlichen Raufbolds ersuchte, der Schutzmann aber das für.Finte' hielte und.im Interesse der öffentlichen Ordnung' den Hilfesuchenden wegwiese. Der Schutzmann bliebe„im Recht", auch wenn etwa in- zwischen der Raufbold in die Wohnung des Hilfesuchenden eingedrungen wäre und ihm Frau und Kinder niedergeschlagen hätte. Nach der uuerschütterlichc» Praxis von Polizei und Gericht wäre dem Hilfesuchenden, der sich bei der Abweisung nicht sogleich be- ruhigtc, ein polizeilicher Strasbcfehl aufzupacken, den das Gericht zu bestätigen hätte. Alles„von Rechts wegen"! *•* Behr hat übrigens gegen Wegner beim Polizeipräsidium Be- schwerde eingereicht. Die Entscheidung darüber ist bis nach Beendigung des Prozesses ausgesetzt worden. Pelerinen-- Gümmi-däntel Loden- Pelerinen für Herren und Damen Grau oder grünlicher.Strichloden „Imprägniert". Vorzüglich im Tragen. Längen: 120 cm 125 cm 130 cm 13.25M. tmd 7.50 m Preis: Loden-Pelerinen für Knaben und Mädchen grau oder grünlicher Strichloden „imprägniert" u Vorzüglich im Tragen Längen: 100 cm und HO cm PwtK M. ond M. Längen: 70 cm, 80 cm und 90 cm Proü: 7.50 M. und 4.50 M. Erstklassige echt englische Gummi-Mäntel zu spottbilligen Preisen Serie 1 Single-Mantel, neueste| O Formen........ 50 M. Serie II EinFarbig u. gemustert elegantes Aussehen,. Serie Iii Double- lext-Mantel GS �7 00 M. 00 Neueste TÄrben in RaflUn- J M. und Ulstcrforracu.....' 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Lür Pen LttjergteMiloerantw-i Ttz. Glocke, Berlin. Dracka-Berlog: Vorwärts Bnchdrackerel it. VulsgSgnjtqlt �aal Singer u. lös-. LertigStt� |t. 220. 28. ZahtMK. 3. Seil» p b Jonnädü" Knlm Siislilatf. MttVoch, 20. Zeptember 1911. Partei-?Znge!egenkeiten. AdlerShof. Heute Mittwoch, abends 8�/2 Uhr, im Lokale von Kaul, Bismarckstr. 16: Mitgliederversammlung, Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Max Groger. Biesdorf. Heute: Zahlabend bei Gustav Berlin, Marzahner Straße Nr. 24. Beginn 8� Uhr. Bortrag des Genossen Heinrich S t ü h m e r: Das GenossenichaftSwesen. Die Bezirksleilung. Pankow. Donnerstag, den 21. d. MtS., abends 8ll2 Uhr, bei Kriuelke, Berliner Str. 217: Außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: Bericht der Gemeindevertreter; Neuwahl der Bezirksleitung; Berschiedenes.— Ohne Mitgliedsbuch leyi Zutritt. Die Bezirksleitung. Borsigwalde-Wittenau. Morgen Donnerstag, den 21. September, in den Borsigwalder Festsälen: Mitgliederversammlung des Bezirls- Wahlvereins. Genosse Pick referiert über: Monarchie und Republik. Umständehalber findet der Frauen-Lescabend nicht am Montag, den 25. d. MtS., sondern am Dienstag, den 26. d. Mts., statt. Genossin Demming referiert über: Die Rechtlosigkeit der Frau. LerUner l�ackrickten. Die Eigenheimbewegung. »Gemeinnützige Baugenossenschaft- Gartenvorstadt Groß- Berlin(E. G. m. b. H.)" nennt sich die Eigenheim-Gesellschaft, die zurzeit in den Parterrcräumcn des Krankenkassengebäudes für Kaufleutc usw., Klosterstr. 72/73, eine Ausstellung für Kleinhäuser arrangiert hat. Diese Ausstellung bietet einen Ueberblick über sämtliche zurzeit vorhandenen Eigenheim� Kolonien, worunter auch die sattsam bekannten, von Unter nehmern wie Krupp-Essen ins Leben gerufenen Arbeiterhäuser sich befinden. In Wort und Schrift wird dem Besucher der Ausstellung Auskunft gegeben über die von obiger Gesellschaft geplanten Eigenheim-Kolonien und allerliebste Miniaturhäuschen geben dem Interessenten ein lebendiges Bild von den künftigen Bauten. Diese Häuschen hat man, um die Raumverhält- nisse zu veranschaulichen, gleich mit den in Frage kommenden Möbelstücken und Einrichtungsgegenständen ausgestattet, so daß es möglich ist, sich jetzt schon im Geiste einzurichten und die Arrangements zu treffen. In der Ausstellung sind die verschiedenen Typs und Bauarten vorgeführt, so daß deni persönlichen Geschmack genügend Rechnung getragen ist. Die- selbe ist noch bis zum 23. d. Mts. geöffnet und zwar ist die Besuchszeit von 4 Uhr nachmittags bis 9 Uhr abends an- gesetzt. Sicherlich bietet die Ausstellung einen interessanten Einblick in die Eigenhausbewegung und ein Besuch ist auch für den Nichtinteressenten lohnend. Schiffers Leide». Die Schiffer haben viel unter behördlichen Schikanen'zu leiden. Welcher Art diese oft sind, geht aus einem Vorfall hervor, der sich am letzten Freitag an der Schleuse in Malz bei Oranienburg abspielte. Dort lagen eine Anzahl Schiffer vor der Schleuse. Weil es nach 10 Uhr abends war. stellten die Leute ihre Täfigkeit ein. Da erschien �/«ll Uhr der Strommeister und forderte die Schiffer auf, loszumachen und weiter zu fahren. Auf den Einwand, es werde nur bis 10 Uhr geschleust, antwortete der Strommeister, er müsse auch länger arbeiten. Seiner wiederholten Aufforderung an die vor der Schleuse liegenden Schiffer, weiterzufahren, wurde nicht entsprochen. Der Strommeister erklärte, es läge eine Bestimmung»von oben" vor, nach der länger als bis 10 Uhr geschleust werden müsse, er werde es den Leuten schon anstreichen. Am anderen Morgen l/z4 Uhr weckte der Strommeister den Schiffer mit den Worten:..Gestern wollten Sie nicht schützen(schleusen), heute müssen Sie schützen." Dabei brauchen die Schiffer vor 4 Uhr nicht zu schleusen. Groß und breit steht in der an den Schleusen angeschlagenen Schlcusenordnung. daß im Sommer von 4—10 Uhr, im Frühjahr und Herbst von 5—9 Uhr geschleust wird. Späteres Schleusen kann nur mit Zustimniung des Schiffers geschehen. Man kann es den Schiffern nicht verdenken, daß sie auch ihre Ruhe haben wollen, denn kurz genug ist sie ohnehin, wenn mau bedenkt, daß manche von 4 Uhr morgens an gearbeitet haben. Dazu kommt. daß die Schiffer ein großes Risiko eingehen, wenn sie nach 10 Uhr schleusen. Passiert einem Boots- mann in dieser Zeit ein Unfall, so verweigert nach den Bestimmungen die Versicherung die Entschädigung. auch kann sehr leicht durch Anfahren an andere Schiffe und Kähne eine Beschädigung eintreten, wofür den Besitzern nie- mand etwas gibt. Wie wir hören, hat der Stronimeister in Malz bestimmte Schiffer festgestellt, anscheinend in der Ab- ficht, Anzeige zu erstatten. Es dürfte interessant sein, zu erfahren, welchen Standpunkt die Gerichte einnehmen, die zweifellos angerufen werden dürften. Der ganze Vorfall aber beweist, unter welch schwierigen Verhältnissen die Schiffer zu leiden haben. Die Lustbarkeitöstcucr begraben. Gestern hat der von der Stadlverorducteuversammlung ein- gesetzte Ausschuß zur nochmaligen Beratung der Lustbarkeitsstcucr sich über das Schicksal dieses Steuermonstrums endgültig schlüssig gemacht und die von ihin irüher empfohlene Borlage abgelchin. Maßgebend war für verschiedene frühere Bcsürworter dieser Steuer der Umstand, daß keine Aussicht besteht, die königlichen Theater zu der Sreuer heranzuziehen; in Wirklichkeit scheint eher der große Widerstand und Widerwille weiter Kreise der Bevölkerung der wirtliche Grund zu sein, daß der Wcchsclbalg endlich verscharrt worden ist. Da§ Bedauerliche ist nur, daß durch diese Steuer- Vorlage und die Haltung der Mehrheit de» Stadtverordneten die Berliner Bevölkerung länger als Jahresfrist in unnötiger Weise fortgesetzt beunruhigt worden ist. Wäre man den sozialdemokratische» Anträgen aus sofortige Ablehnung des StcuervorfchlageS gefolgt, wäre diese Beunruhigung vermieden worden. Der Berein deutscher Straßen- und Kkeinbahnverwaltungen ist gestern im SitzungSsaale deS Reichstages zu einer Tagung zusammen- getreten. Automobil-Postamt. Ein besonderes Postaint wird für die Jnter- nationale Automobil-Ausstellung eingerichtet, die vom 12. bis zum 22. Oktober im AuSstellungSgcbäude am Zoologischen Garten statt- findet. Die Ausstellung erhält eine Postanstalr mit Telegraphen- betrieb und öffentlicher Fcrnsprechstclle. DaS Postamt führl die Bc- zcichnung»Berlin W., Jnternatioiialc Automobil-Ausstellung". ES ist werktags von S Uhr vormittags bis 8 Uhr nachmittags. Sonn- tag» von 12 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags geöffnet» Die Postanstalt wird dem Postamt Berlin W. 50 in der Marburger Straße als Zweigstelle zugeteilt. Wo bleibt die Sonntagsruhe für die Handelsangestellten? Der Sommer ist nun vorübergegangen, ohne daß die Handels- angestellten zu der von der Berliner Stadtverordnetenversammlung beschlossenen dürftigen Sonntagsruhe gekommen sind. Der Grund der Verzögerung liegt in dem Umstände, daß der Berliner Magistrat mit den Vororten gemeinsam handeln wollte. Diese Absicht führt aber zu einer ins Ungeivisse gehenden Hinausschiebung der sozialen Maßregel, weil einige Vororte noch langsamer als Berlin arbeiten. Jetzl teilt der Magistrat zu seiner Enlschuldigung folgendes mit: „Nach den Berichten der Presse ist in den Kreisen der in Laden- geschäften beschäftigten Handlungsgehilfen und sonstigen Arbeits- kräften eine starke Beunruhigung hervorgetreten, weil die von den städtischen Behörden Berlins vor längerer Zeit bereits beschlossene Einschränkung der Sonntagsarbeit noch nichi eingeführt worden ist. Es soll durch Ortsstamt festgesetzt werden, daß in offenen Verkaufs- stellen des Handelsgewerbes Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter— abgesehen vom 1. Weihnachts-, Oster- und Pfingsttage, an welchen ihre Beschäftigung überhaupt untersagt ist— an Sonn- und Festtagen in der Zeil vom 1. Mai bis 30. September nur von 8—10 Uhr vorm. und in der Zeil vom 1. Oktober bis 30. April nur von 12—2 Uhr mittags beschäftigt werden, soweit nicht Ausnahmen durch die hier- fiir zuständigen Behörden festgesetzt werden. Die Einschränkung soll auf den Handel mit Nahrungs- und Gcnnßmitteln sowie auf den Handel mit Blumen keine Anwendung finden. Den Erlaß eines solchen Orlsstaluts, das der Genehmigung des Oberpräsidenten be- darf, hat der Magistrat davon abhängig gemacht, daß die an Berlin angrenzenden Vororte eine gleiche Regelung der Sonntagsarbeit treffen. Bisher steht noch die Zustimniung verschiedener Vororte trotz mehrfacher Erinnerungen aus. Nachdem jetzt der Magistrat in Wilmersdorf beschlossen hat, ein gleiches Ortsstatut zu erlassen und zu erwarten steht, daß die Stadtverordnetenversammlung von Wilmersdorf dein Beschluß demnächst beitreten wird, wird der Magistrat von Berlin alsbald die weiteren Schritte tun." Wäre der Magistrat von Berlin selbständig vorgegangen, so wären zweifellos verschiedene Vororte schon gefolgt und die Handels- angestellten hätten längst die beschlossene Sonntagsruhe. Die BerkehrSdcpntation genehmigte in ihrer gestrigen Sitzung das Projekt eines Benzinlagcrs auf dem Oslhafen. Danach wird die Möglichkeit gegeben, dort eine Menge von 1 000 000 Litern fener- gefährlicher Flüssigkeiten in unfallsicherer Weise zu lagern. Die Auf- beivahrung deS Benzins erfolgt unter Druck von Kohlensäure in Tanks nach dem System Martini Hüneke, das sich bei dem Brande des Viktoria-Speichers vorzüglich bewährt hat.— Die Deputation genehmigte, daß die Zahl der für den Osthafen in Aussicht ge- »ommenen Kräne um 2 vermehrt, also auf 11 erhöht wird.— Am Hnmboldthafen, Alexanderufer, soll ein vierter elektrischer Kran er- richtet werden._ Der habgierige Fiskus will selbst Unterstützungen versteuern, die die Stadt Berlin an eine Reihe gemeinnütziger Vereine gibt. Es wird hierzu berichtet: »Die Stadt Berlin gewährt vielen Vereinen und Gesellschaften, deren Bestrebungen mildtätigen und gemeinnützigen Zwecken gewidmet sind, zum Teil sehr erhebliche Zuwendungen. Diese Unterstützungen erfolgen natürlich nicht in der Absicht, den betreffenden Bereinen eine Schenkung zu machen; sie werden ihnen vielmehr von der Stadt nur für bcstiminte Zwecke gewährt und die Stadt übt eine genaue Kontrolle über ihre Verwendung aus, die Zuwendungen sind also lediglich eine Abgeltung für die von den Vereinen im öffent- lichen Interesse gemachten Aufwendungen. Das königliche Stempel- und Erbschaflssteueramt Berlin sieht merkwürdigerweise diese Zu- Wendungen als Schenkungen an und hat neuerdings die unter- stützten Vereine auf Grund des ReichSerbschaflssteuergesetzeS voin 3. Juni 1906 zur Schenkungssteuer veranlagt und zum Teil die Steuer auch für die Zeit des Inkrafttretens des Gesetzes nachgefordert. Soweit bisher bekannt geworden ist, sind von dem Zentral- Verein für Arbeitsnachweis von der städtischen Zuwendung für 1910 in Höhe von 59 000 M. 7670 M. Steuern(d. i. 13 Proz.), von der städtischen Zuwendung für 1911 in Höhe von 69 000 M. 8970 M.