Nr. SSS. ffbonncnKnts-Bcdingungen: NbonnenientS- Preis piänumerand« i Bierteljährl. 8�0 Ml., moncUl. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Pfg, frei ins HnuS, Einzelne Nuinmer 5 Pfg, Sonntags» Nummer mit illustrierter SonntagS- Bcilage.Die Neue Welt- 10 Pfg. Post.- klbonnernent: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Pofl-ZeitimaS» Preislifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. PoslabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Mwänieu. Schweden und die Schweis 88. flldfrA. DK InKrRons'Gebflbr betrügt für die sechsgefpallene Kolonel- geile»der deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerlichastliche Vereins- und BerfamnllungS.Anzeigcn 30 Pfg. „Kleine Hnzetgen". das settgedruche Wort 20 Pfg.(zulässtg 2 settgebrulite Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Echlasftellcnan- geigen dag erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15Buch- f iben zählen für zwei Worte. Inserate r die nächste Nummer müssen bis Uhr nachmittags in der Expedition gdgegebcn werden. Die Expedition tit biS 7 Uhr abends geöftnet, oitM tÄU» soütr CKotast. Vevlinev Volksblakt. Zcntralorgan der fozialdcmokratsrchcn Partei Deutfcblands. »elegramm-Adreff«: „SoztaldtDSkrit BtrlU". Reue Gefabr. Kaum ist die eine Kriegsgefahr, die aus dem marokka- Nischen Abenteuer erwuchs, überwunden, so stürzt der Im- perialismus Europas in eine neue und schlimmere. Italien hat mobilisiert und seine Kriegsflotte ist bereits aus- gelaufen. Ein Teil geht nach Tripolis, der andere ins Acgäische Meer, um türkische Schiffsentsendungen oder Truppentransporte wenn notwendig mit Gewalt zu hindern. Die Türkei ist in einer verzweifelten Lage. War der Verlust von Bosnien und der Herzegowina nur ein nomi- neller, eine bloße Frage des Prestiges, da die beiden Länder ja bereits seit 1878 in Wirklichkeit zu Oesterreich gehörten, ist die Okkupation Marokkos nur eine moralische Einbuße, da dieses islamitische Reich bloß durch religiöse Gemeinschaft der Türkei verbunden war, so würde der Verlust Tripoli- taniens für die Türkei von ganz anderer Bedeutung sein. Hier handelt es sich um t ü r k i s ch e s Gebiet, um den letzten Rest türkischen Einflusses in Nordafrika. Das jungtürkische Regime, aus der nationalen Erhebung der Armee entsprungen, würde eine solche Niederlage nicht überstehen. Es ist fast un- möglich, daß die Türkei ohne äußerste Gegenwehr den Streich der italienischen Regierung hinnimmt. Zwar heißt es, daß die Italiener bereit seien, der Türkei eine größere Abfin- dungssumme zu zahlen und ihre Souveränität nominell an- zuerkennen. Aber die Demütigung würde dadurch nicht ge- ringer. Und selbst wenn die Regierenden in Konstantinopel eine gütliche Verständigung wollten, sie hätten kaum mehr die Macht dazu. In Tripolis stehen 20 000 türkische Truppen, die Bevölkerung ist kriegerisch und aufs äußerste gegen die Italiener erbittert. Das Erscheinen der italienischen Flotte kann da zu einem sofortigen Ausbruch führen, der unter den gespannten Verhältnissen den Krieg bedeutete, selbst wenn man in Konstantinopel vor den Folgen bangt, die die Auseinandersetzung mit.einer europäischen Großmacht für das zerriittete Reich zur Folge haben müßte. So ist denn in diesem Moment der Krieg zwischen der Türkei und Italien— ein europäischer Krieg!— zur großen Wahrscheinlichkeit geworden! Und man muß fürch ten, daß es Wirklichkeit wird, wenn es nicht im letzten Moment dem Eingreifen der übrigen Großmächte gelingt, die italienische Regierung an der Infamie dieser Friedens st örung zn hindern und durch eine energische Intervention eine Gefahr zu beseitigen, die— e r n st e r und drohender als die eben überstandene— nicht nur auf die Türkei und Italien beschränkt bliebe. Aber die kapitalistischen Staaten haben andere Interessen als die Erhaltung des Friedens. Und was die italienische Regierung macht, ist nur die Ausnützung der Situation, die die imperialistische Politik der anderen Mächte geschaffen hat. Der Angriff auf Tripolis ist die unmittelbare Folge der deutschen Aktion in Marokko. Italien will sich in Nordafrika holen, was noch zu holen ist. Ter Vorstoß des Herrn von Kiderlen-Waechter hat da Wirkungen gezeitigt, die dieser Balkandiplomat sich kaum hat träumen lassen und die Deutschland in Gefahren hinein- reißt, denen zu begegnen eine entsetzlich schwierige Aufgabe werden kann. Wie jeder an sich auch unbedeutendere Konflikt durch den d e u t s ch- e n g l i s ch e n Gegensatz zu einer Katastrophe werden kann, so auch dieser türkisch-italienischL Streit. Schon ist Deutschland in eine schwierige Situation geraten. Eben war es abenteuerlustig ausgezogen, um sich im Streit mit den Wcstmächten ein Stück Welt zu holen und schon sieht es sich Problemen gegenüber, wo es um die Freiheit seiner Ent- schlüsse bangen muß. Der italienische Vorstoß rollt plötzlich die ganze Orientfrage auf. Ob die Türkei Krieg führt oder demütig nachgibt, ihr Ende scheint in beiden Fällen kaum noch aufzuhalten. Die deutsche Politik hat sich aber der türkischen eng verbunden. Läßt sie die Türkei im Stich, so sind alle so teuer erkauften Erfolge der letzten Zeit dahin. Tic imperialistischen Hoffnungen, die sich an die Bagdadbahn und den deutschen Einfluß in der Türkei klammern, würden in nichts zerrinnen. Ist aber die Türkei der Freund, so ist Italien der Bundesgenosse. Und schon ist England bereit, auf die Seite Italiens zu treten, schon versichert Frank- reich die italienische Regierung der wohlwollendsten Neu- tralität. Tritt Teutschland nicht auf die Seite Italiens, so ist der Dreibund endgültig gesprengt, wird Deutschlands Welt- politische Situation, die in den Augen der Imperialisten eben so hofsnungsvoll schien, bedeutend verschlechtert. Und damit die Verwirrung noch größer werde, erklärt Oesterreich dein italienischen Bundesgenossen, daß es ein militärisches Eingreifen Italiens nicht billigen, eine Machtergreifung nicht zugeben könne. Und es ist kein Zweifel, daß der junge österreichische Jmperialsmus, ohnehin begierig, die Aufmerk- sainkeit von den inneren Schwierigkeiten abzulenken, aus einer Machterweiterung Italiens seinerseits das„R e cht auf 5i o m p e n s a t i o n" ableiten würde. Geht doch seit langem der Wunsch der österreichischen Patrioten nach dcnr Zugang zum Aegäischen Meere, nach der Besitzergreifung Salo- n i k i s. Ein Vorstoß Oesterreichs auf dem Balkan würde aber erst recht dem Freunde Deutschlands, der Tiirkei, das Leben Ostens Das ist die Situation, in die uns die deutsche Regierung gebracht hat durch eine Politik, die nicht, wie wir es unermüd- lich forderten, den Frieden mit den Westmächten zu bereiten verstanden hat, sondern im Gegensatz zu diesen nach Welt- politischen Abenteuern ausging. Aber ungerecht wäre es. der deutschen Regierung allein zuzuschreiben, was die Sünde des Kapitalismus überhaupt ist. Immer klarer wird es, daß kapitalistische Politik unvereinbar ist mit der Bewahrung des Friedens, daß sie den ausgebeuteten Nationen nicht einmal mehr die Sicher- heit ihres Lebens garantieren kann. Immer mehr führt kapi- talistische Politik zu einem Gegensatz der Staaten, die die Regierer nicht mehr bemeistern können, der sie immer weiter führt— ins Verderben hinein. Vielleicht daß noch einmal das Aeußerste vermieden wird. Aber nicht von den Regierungen, die bald nicht mehr können werden, selbst wenn sie wollten, erwarten wir den Schutz der Kultur vor den entsetzlichen Verheerungen des Krieges. Nur die größte Kraftentfaltung des Prole tariats kann den kriegerischen Tendenzen das nötige Gegengewicht schaffen. Der Imperialismus erklärt die Kriegs gefahr in Permanenz, das internationale Proletariat hat keine dringendere Aufgabe, als sich stets bereit zu halten, mit aller ihm zu Gebote stehender Krast für den Frieden einzu treten. Schon erhebt das sozialistische Proletariat Italiens seinen Protest, und wir dürfen hoffen, daß der Friedenswillen der Massen nicht auf den Widerstand einiger ungetreuer Führer stößt. Die s o z i a l i st i s ch e I n t e r» nationale hat am Sonntag durch ihre Vertreter gc- sprachen und ihr Protest gegen den Krieg hat unerwartet ernste Bedeutung in diesem Momente erhalten. Auch für das deutsche Proletariat gilt es, sich des Ernstes der Situation be wüßt zu sein und sich bereitzuhalten. Das Verbrechen der italienischen Regierung kann schwere Folgen haben; sorgen wir dafür, daß die schlimmsten Befürchtungen durch unsere Tatkraft schließlich doch unerfüllt bleiben. Die KricgSvorbereitungen. Wien, 25. September. Der„Neuen Freien Presse" wird aus Rom gemeldet: Die militärische Expedition nach Tripolis ist be- schlössen. In leitenden Kreisen ist man entschlossen, mit großer Energie vorzugehen. Die Flotte, die sich vor Syrakus konzentrierte, ist b e r e i t. Das erste Geschwa- d e r ist von der Reede von Spezia bereits ausgelaufen, es steht unter dem Kommando des Admirals A u g r y. Das zweite Geschwader unter Admiral Faravelli ist bereit, abzw- dampfen. Das Ministerium hat außerdem 4 0 Privat- d a m p f e r als Hilfskreuzer, Munitionsschiffe usw. requiriert Weitere Privatdampfer sollen noch requiriert werden, und sind deshalb die Direktoren der Schiffahrtsgesellschasten zu einer Konferenz nach Rom berufen worden, Panik in Tripolis. Rom, 24. September.„Tribuna" meldet aus Tripolis In der italienischen Kolonie der Stadt herrscht eine P a n i k. Man fürchtet, daß es bei Ankunft der türkischen Dampfer, die Wasfcn, Munition und Soldaten an Bord haben, zu einem gegen die Italiener gerichteten Ausbruch des Fanatismus der Bevölkerung kommen wird. In diesem Falle wären die Italiener unvermeidlich einem Massakre ausgesetzt. In dieser Lage hat sich die italienische Kolonie an die italienische Regierung gewandt und sie um energische Maß- nahmen zur Sicherung ihrer Staatsangehörigen ersucht.„Tri buna" fügt hinzu: Man weiß, daß die italienische Regierung be- reits eine genügende Anzahl Schiffe zur Entsendung in die ottomanischcn Häfen bereit hält, für den Fall, daß es sich als notwendig erweisen sollte, Leben und Eigentum von Italienern zu schützen. Einstellung des Dampferdienstes. Konstantinopel, 24. September. Hier geht das Gerücht, alle italienischen Dampfer, die den Levantedienst ver- sehen, hätten ihre Fahrten cingesteillt, angeblich, weil sie von der italienischen Regierung in Anspruch genommen worden seien. Der heute hier erwartete Dampfer der Societa Nazionale sei von dem italienischen Konsul in den Dardanellen aufgehalten und nach Italien zurückgeschickt worden. Konstantinopel, 25. September. Nach Auffassung der hiesigen italienischen Botschaft ist die Einstellung des Levantedienstes seitens der italienischen Dampfer nicht der Requirierung der Dampfer für Truppentransporte zuzuschreiben, sondern sie bilde eine Bor» sichtSmaßregel für den Fall eines plötzlichen un- erwarteten Abbruchs der diplomatischen' Be» Ziehungen zwischen Italien und der Türkei. In diesem Falle könnten die Türken die in türkischen Gewässern befindlichen italie» nischen Handelsschiffe mit Beschlag belegen. Strengste Zensur. Rom, 2E). September. Die Blätter melden, daß die Regierung die strengsten Maßnahmen getroffen hat, um die genaueste Beobachtung der im Strafgesetz enthaltenen Bestimmungen über die Verbreitung militärischer Nachritten seitens der Presse herbeizuführen. Auch der telegraphische und telcphonische Dienst im Jtk- und Ausland unterliegt der strengsten Zensur. Eine offiziöse deutsche Stimme. Die„Köln. Ztg." schreibt am Sonntag offiziös: Trotz der be- nnruhigen�cn Wcjdpngcn PLN Flotten.bMcgungen und VorbereiUnr- gen zu einer Art von Mobilmachung ist indes zu hoffen, daß im Rat der italienischen Regierung ernste Ueberlegung über das Drängen leidenschaftlicher Politiker den Sieg davontragen wird. Man darf sich nicht verhehlen, daß durch eine Besetzung von Tripolis eine sehr ernste Frage ins Rollen gebracht werden könnte. So wie die innere Lage der Türkei heute ist, muß es als ausge» schlössen gelten, daß die Türken sich einer Wegnahme von Tri- polis nur in der platonischen Weise widersetzen würden, wie seiner- zeit der Besetzung von Tunis durch die Franzosen. Tunis war nur durch äußerst lose Bande mit der Türkei verbunden, während Tripolis anerkanntermaßen eine regelrecht beherrschte und der- waltete Provinz der Türlei bildet. Außerdem war zur Zeit der tunesischen Besetzung das nationale Gefühl der Türken auch nicht annähernd so erstarkt und empfindlich wie jetzt. Eine italienische Unternehmung gegen Tripolis würde also auf den schärfsten Wider- stand der Türken stoßen, und es entstände die G e f a h r, daß dabei die ganze orientalische Frage ins Rollen geriete mit allen den un- übersehbaren Folgen, die sich daran knüpfen könnten. Alle Mächte haben heute ein Interesse daran, daß die Ruhe Europas nicht ge- stört werde, auch Italien, das sich zurzeit in einer Periode Wirt- schaftlichen Aufschwungs befindet und großen Wert darauf legen muß. daß dieser nicht unterbrochen wird. Es ist verständlich, daß Italien auf Grund seiner geographischen Lage ein besonderes Jnter- esse an Tripolis hat und daß es es nicht gleichgültig betrachten könnte, wenn eine andere Macht sich dorb festsetzte. Eine solche Gefahr scheint uns aber zurzeit nicht porzu liegen." Und am Montag schreibt das Blatt: Die Lage hat sich verschärft und ist recht ernst ge- worden. Bei der in Konstantinopel und Rom herrschenden Auf. regung braucht man jedoch nicht allen Alarmnachrichtcn Glauben zu schenken. Zu diesen Nachrichten rechnen wir bor allem jene. die von der Wegnahme türkischer Schiffe durch italie- nische und von umgekehrten Vorgängen erzählen. Wir glauben ni ch t.-daß Italien die Absicht hat, Tripolis zu b e. setzen. In Rom wird man wissen, welche Verantwortung man aus sich nimmt, wenn man gleich einem Blitz aus heiterm Himmel eine militärische Expedition nach Tripolis unternimmt. Eine solche Expedition ist eine Sache, von der man wohl ungefähr weiß, wo sie anfängt, nicht aber, wo sie riide«� Eine französische Stimme. Paris, 25. September.„Figaro" schreibt zur tripoli» tonischen Angelegenheit: Für Frankreich ist die Lage völlig klar. Wir haben gegen Italien Verpflichtungen übernommen, die wir loyal erfüllen. Wir erinnern uns seiner guten Dienste und seiner freundschaftlichen Haltung während und nach der Konferenz von Algeciras. Wir haben Italien der- sprochcn, uns politisch nicht mit Tripolis zu beschäftigen. Das Versprechen wird peinlich gehalten werden. Wir hatten gewisse Schwierigkeiten mit den türkischen Behörden wegen des Hinterlandes von Tripolis. Unsere Regierung wird die gegen- wältigen Umstände sicherlich benutzen, um diese Frage endgültig zu regeln und von den Beteiligten alle notwendigen Zusicherungen zu erhalten. Ersuchen um Intervention. Konstantinopel, 25. September. Die Pforte richtete an die europäischen Großmächte eine Bitte wegen Jnter- v e n t i o n gegen die Absichten Italiens. Die Antwort der Großmächte steht noch aus. Gegen das Abenteuer. Piombino, 25. September. Als gestern abend eine Abteilung Infanterie nach Florenz abging, veranstalteten etwa drei- hundert Personen, darunter mehrere Anarchisten, in der Annahme, die Truppen gingen nach Tripolis ab, eine Kund- g e b u n g gegen diese angebliche Expedition. Die Carabinieri wurden mit Steinen beworfen und antworteten mit Re- volverschüssen. Dreizehn Carabinieri, darunter ein Leut- nant, und fünf Manifestanten wurden verwundet; von diesen ist einer heute früh gestorben. �ripolitanien. Nachdem Algerien, Aegypten, Tunis und jetzt auch Marokko Opfer der imperialistischen Politik der europäischen„Kulturnationen" geworden sind, kommt auch der letzte der früheren nordafrikanischen Seeräubcrstaaten, Tripolitanien, an die Reihe. Zwar gehört dieses Land seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Türkei, deren Bcsitzrcchte 4878 auf dem Berliner Kongreß formell bestätigt wurden. Das hindert den italienischen Imperialismus aber nicht, jetzt seine Kriegsschiffe vor den weißen Mauern der Hafen- und Hauptstadt Tripolis Anker werfen zu lassen. ES ist schon begreiflich, daß die italienischen Imperialisten und Kolonial- treiber sich kopfüber in das tripolitanische Abenteuer stürzen. Müssen sie doch damit rechnen, daß Frankreich von Tunis aus im tripoli- tonischen Hinterland Einfluß zu gewinnen sucht, wie verschiedene Zusammenstöße französischer und türkischer Truppen in den letzten Monaten bewiesen haben. Die Furcht, an der nordafrikanischen Mittelmeerlüste gänzlich ausgeschaltet zu werden, ist die Haupt- triebfeder für das aggressive Vorgehen Italiens, das durch die marokkanischen Händel zwischen Frankreich und Deutschland erst recht angespornt wird. Bei den Treibereien spielen natürlich die Profit- gelüste besonders interessierter Kapitalistengruppen, so die der Eisen- und Waffenindustrie, des Handels usw. eine Hauptrolle. Italien hat bisher in Afrika wenig Glück gehabt. Im Jahre 1884 sah Italien ruhig zu, wie Frankreich sich in Tunis häulich ein- richtete. Dabei hatte Tunesien für Italien einen weit höheren Wert als heute Tripolis. Der weitaus größte Teil des tunesischen Groß- und Kleinhandels lag in italienischen Händen. Italiener saßen als Bauern und Landarkerter im Innern des Landes, so daß die italienische Sprache die herrschende europäische Sprache in Tunis war.. Nebenbei sei bemerkt, daß auch in den Provinzen-Algier und Konstantine ein sehr starker Prozentsatz der Landarbeiter und Klein» kolonisten aus Italien.stammt. . Als Entschädigung für das entgangene Tunis erhielt Italien das Protektorat über Abessinien!. Aber das war ein Danaergeschenk schlimmster Art. Das Ende vom Liede war der vollständige Zu» sammenbruch der italienischen Kolonialpolitik, für die der Abenteurer Crispi, der„italienische Bismarck", verantwortlich war. Das italienische Bolk mußte die Grotzmaunssucht seiner Regierenden mit ungeheuren Opfern an Gut und Blut bezahlen. Um die Wende der Jahre IbSS/SS erlitt die afrikanische Politik Italiens auf den blutgetränkten Schlachtfeldern von Amba Aladschi und Adua eine furchtbare Nieder- läge. Nur die unfruchtbaren, sonnendurchglühten Felsengebiete der an der ostafrikanischen Somaliküste liegenden Kolonie Eritrea blieben als trauriger Ueb errest einstiger Machtträume. All das haben die itcllienischen Kolonialtreiber und Imperialisten anscheinend vergessen, jetzt, geht es mit Volldampf der tripolitanischen Küste zu. Was kann Italien dort holen? Tripolitanien ist das von der Natur am wenigsten begünstigte Land Nordafrikas. Während in Algerien, in Tunis und Marokko fruchtbare Küstenstriche vor- Händen sind, herrscht in Tripolitanien der Steppen- und Wüsten- charakter vor. Die Sahara und die lybische Küste bilden im Westen, Süden und Osten seine Grenzen, und breite Arme des Sandmeeres strecken sich in das Land hinem, vielfach netzen sogar die Wogen des mittelländischen Meeres den Wüstensand. Die Oberfläche des frucht- baren Oasen« und Kiistenlandes ist sehr gering und kann nur eine schwache Bevölkerung ernähren. Der tripolitanische Handel ist daher nur von geringer Bedeutung. Er konzentriert sich auf die Hauptstadt Tripolis und auf einige Karawanenstraßen, die in den Sudan hineinführen. Ein Anbau von Körnerfrüchten m größerem Maßstabe ist infolge der Trockenhett und des häufig wehenden Samums ausgeschlossen, wie auch das ganze Land keinen einzigen größeren Fluß aufzuweisen hat. Au dem fruchtbaren Oasenboden fitzen die Eingeborenen, die, etwa eine Million an der Zahl, wie die aller nordafrikanischen Staaten zum größten Teile Kahylen oder Berber sind, zwischen denen arabische Stämme fitzen oder als Nomaden mit ihren Herden von Weideplatz zu Weide- platz ziehen. Die italienischen Kolonialtreiber suchen dem Volke das tripolitanische Abenteuer mir denselben Märchen schmackhaft zu machen, mit denen man in Deutschland das Volk für eine Besetzung West- Marokkos zu gewinnen suchte. Man redet dem italienischen Volke vor, daß Tripolis eine großartige Siedelungskolonie werden könne. in der sich mit Leichtigkeit 50 000 Kolonistenfamilien unterbringen ließen. Dadurch könne ein großer Teil der überschüssigen Bevölkerung, die jetzt zu Hunderttausenden nach Nord- oder Südamerika strömt, dem Mutterlande erhalten werden. Wie die 60000 Kolonisten in den Sandfeldern Tripoli- taniens untergebracht werden sollen, ist zunächst noch das Geheimnis der Kolonialhetzer, soviel aber sollten sie wissen, daß die starke Auswanderung aus Süditalien auf die traurigen Zustände und das Massenelend in Calabrien, Apulien und auf Sizilien zurück- zuführen ist. Würden die Millionen, die jetzt für das tripolitanische Abenteuer verschleudert werden, für die innere Kolonisation Süd- italiens verwendet, so wäre der.MafsenauSwanderung nach Amerika sehr bald Einhalt getan. Daß eine Massenansiedelung in Tripolis außer dem Konflikte mit der Türkei auch noch zu ernsten und un- absehbaren Kämpfen mit den gegenwärtigen Besitzern des anbau- fähigen Bodens, den Berbern und Arabern, führen würde, sei nur nebenbei erwähnt. Vorläufig hat sich Italien mit der Türkei über Tripolis aus- «inanderzusetzen. Daß diese ihr afrikanisches Wilajet so leicht auf- geben wird, ist ausgeschloffen. Das Prestige des neuen jung- türkischen Systems würde einen tödlichen Schlag erhalten, der außer auf die weltpolitische Posttion der Türkei auch in Arabien, in Kleinasien und Albanien nachwirken würde. Die türkische Flotte mit ihrem Dutzend veralteter Panzerschiffe und Kreuzer wird freilich kaum in der Lage sein, den italienischen Geschwadern ernste Schwierigkeiten zu bereiten. Auch wird es den Türken sehr schwer werden, den Verbindungsweg mit Tripolis für Truppentransporte usw. aufrecht zu erhalten. Immerhin stehen aber in Tripolis selbst mindestens 16 000 Mann türsische Truppen.— türkische Be- richte sprechen sogar von 20 bis 25 000 Mann— denen sich sehr leicht irreguläre Aufgebote der Eingeborenen zugesellen können, die als Mohammedaner dem türkischen Bruder im Kampfe gegen den eroberungslüsternen rumi beistehen. Die italienischen Imperialisten verlangen ein Expeditionskorps in der Stärke von 60 000 Mann. Ein derartiges Truppenaufgebot würde natürlich riesige Kosten ver- Ursachen. Unser italienisches Bruderblatt, der„Avanti", berechnet die Kosten für ein solches Erpeditionskorps, das bei der Eigenart der tripolitanischen Verhältnisse mindestens 1 Jahr in dieser Stärke erhalten werden müßte, auf 300 Millionen Lire. Dazu kommen noch mindestens 60 Millionen Lire für die besonderen, durch die Okku- pationen gegebenen Aufgaben der Flotte. Weitere 60 Millionen stellt der„Avanti" in Rechnung für Entschädigungen an die zahl- reichen Italiener, die zurzeit auf türkischem Gebiet ansässig sind, und deren Existenz durch den Zorn des türkischen Volkes bedroht wird. Selbst wenn Italien in Tripolis festen Fuß gefaßt hat. wird es noch auf 4 bis 6 Jahre mit einem Okkupationskorps von rund 16 000 Mann rechnen müssen, so daß der„Avanti" die vorläufigen Gesamtkosten des tripolitanischen Abenteuers auf eine halbe Milliarde beziffert. Und diese Riesensumme solk von einem Volke aufgebracht werden, bei dem Hunger, Cholera, Pellagra und Massenelend stän- dige Gäste sind! Kein Wunder, daß das italienische Proletariat gegen das im- perialistische Ahenteuer den schärfsten Protest erhebt. In allen Städten wird von der organisierten Arbeiterschaft entschieden gegen die Expedition nach Tripolis Front gemacht. Ob dem Protest auch noch schärfere Abwehraktionen folgen werden, läßt sich zurzeit sticht absehen. Das Exekutivkomitee der sozialistischen Parlamentsfraktion ist für den 25. September nach Bologna berufen worden, um über die Stellungnahme der Fraktion schlüssig zu werden. Auch der Partei- borstand wird jedenfalls zu einer außerordentlichen Sitzung zu- fammentrejen, So ist, wie überall, auch in Italien Las organisierte Proletariat Set einzige Verteidiger des Weltfriedens. Paris, 26. September.„Matin" berichtet aus Rom: Gestern vbend beschloß die Arbeitskammer in Rom, sich mit allen Mitteln, eventuell mit dem Generalstreik, der Expansionspolitik der Regie- rung zu widersetzen. Die Arbeitskammer von Florenz hat gleich- falls beschlossen, falls eine Expedition nach Tripolis, stattfindet, die Abfahrt der Soldaten zu verhindern. Die Demokraten in Genua sind ebenfalls, bereit, gegen eine Expedition Einspruch zu erheben. Ein ähnlicher Beschluß wurde von dem republikanischen Komitee in Mailand gefaßt. Dagegen sind die Demokraten Palermos der Regierung günstig gesinnt und treten energisch für die Rechte Italiens in Tripolis ein. Die große Mehrheit der Radikalen und speziell der Republikaner her Mittleren Provinzen sind der Regie- rung günstig gesinnt, Sie Iffcroklsoaffäre. Die Antwort der deutschen Regierung auf den Beschluß des französischen Ministerrates dürfte bereits Dienstag erfolgen. Man hofft, daß damit die Marokko- Verhandlungen im engeren Sinne erledigt sein werden. Ueber die dann zur Verhandlung gelangende K o m p e n- sationsfrage bemerkt die„Nordd. Allgemeine Zeitung", diese werde nach den genauen Vorarbeiten nicht mehr langwierig sein. Der Inhalt des Vertrages. Nach dem„Matin" wird der Vertrag folgende Punkte ent- halten: Deutschland anerkennt das französische Protek- torat über Marokko und verpflichtet sich die Bemühungen Frank- reichs auf Anerkennung des Protektorats bei den übrigen Algeciras- mächtew zu unterstützen. Frankreich garantiert allen Mächten vollkommene wirtschaftliche Freiheit und Gleichheit und tritt außerdem Deutschland einen Teil seiner K o n g o k o I o n i e ab. Eine Rede des französischen Ministerpräsidenten. Alenco», 24. September. Ministerpräsident Caillaux hielt hier eine Rede, in der er betonte, man solle die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage nicht überschätzen. Frankreich wird, sagte er, sich bemühen, die durch die Folge der Ereignisse in Marokko geschaffene Lage zu klären und zwar in einer Weise, die Frank- reich volle Aktionsfreiheit in dem Landstriche gibt, der wichtige Teile seines afrikanischen Besitzes berührt. Frankreich betreibt diejenige Lösung, die ihm allein seiner würdig scheint. Es brachte in die Verhandlungen den weitherzigen Geist der Ver- söhnung und des Verständnisses für die Interessen der Gegenpartei mit, eifrig bemüht, seine eigenen Interessen zu wahren. Wir zweifeln nicht, daß die beiden großen Nationen, deren Rolle als Kulturträger in der Welt so groß ist und die beide den Willen zum Frieden und die gleiche Sorge haben, ihn zu sichern, zu einem dauernden Einvernehmen gelangen werden, das kein schmerzliches Gefühl hinterlassen wird, wenn jeder das Wort bedenkt:„Geschäfte— und es handelt sich hier um ein Ge- s ch ä f t— sind nur gut, wenn sie zum Vorteil beider Parteien sind." V. Die Friedensdemonstration der Pariser Arbeiter.' � Paris, 24. September.(Eig. Ber.)'. Die vom Gewerkschaftsverband im Verein mit der Seine- Föderation einberufene Demonstrationsversammlung gegen die Kriegshetze wurde zu einer großartigen Volkskund- gebung, wie sie Paris in den letzten Jahren nur bei der Mani- festation zu Ehren Ferrers gesehen hat. Am Morgen schien es, als ob das Wetter das Meeting unmöglich machen würde, aber nach stundenlangem Regen brach am Nachmittag die Sonne durch und so sah man zur angesetzten Stunde Zehntausende dem Aero- Park auf der Höhe von Belleville zuströmen. Die meisten Organi- sationen marschierten von ihren Sammelplätzen in losen Zügen — einen geschlossenen Aufmarsch hatte die Regierung verboten— mit Standarten, die außer dem Namen der Gewerkschaft Wahl- spräche gegen den Krieg trugen. Auf dem VcrsammlungSplatz entfalteten auch sozialistische und anarchisttsche Organisationen ihre Fahnen. Der weite und hohe Abhang war bald von einer riesigen Menge übersät, die mit den farbigen Emblemen ein male- risches Bild bot. Die Zahl der Demonstranten, unter denen sich auch zahlreiche Frauen befanden, darf auf 60 000 geschätzt werden. Gegen 4 Uhr begannen die Reden. Von mehreren Tribünen sprachen Gewerkschaftler und sozialistische Redner, darunter die Deputierten Sembat und Thomas, weiter Genosse Hen- de rsen in englischer Sprache, Genosse Pohl für die deutschen Sozialisten in Paris u. a. Die alte Rivalität und das Miß- trauen zwischen den verschiedenen Organisationen schien ausgelöst und die Teilnehmer empfanden dieses Zusammenwirken als eine wertvolle Verheißung für die bevorstehenden Kämpfe des Prole- tariats. Die Würde und Größe der Manifestatton erlitt auch durch die Schikanen, die sich die radikale Regierung nicht zu versagen vermochte, keinen Abbruch. Ein ungeheure» Aufgebot von Mili- tär umlagerte und umritt provokatorisch den Versamm- lungsplatz und darum konnte es nicht an vereinzelten Zu» sammenstößen fehlen, die indes dank der Kaltblütigkeit der Massen keinen ernsteren Charakter annahmen. Ohne einige Verhaftun- gen und leichtere Verwundungen ging es indes nicht ab. Der Abmarsch und die Auflösung der Massen vollzog sich infolge der Absperrung sehr langsam. Die Embleme mußten beim Ausgang abgegeben, die Fahnen eingerollt werden. Aber alle diese kleinlichen und gehässigen Maßregeln, wie die verleumderischen Artikel der Bourgeoisiepresse haben nicht ver- hindert, daß die Friedensmanifestation der Pariser Arbeiter eine eklatante Widerlegung der chauvinistischen Stimmungsmache und ein tnachwolles Echo der Kundgebungen des deutschen Proletariats geworden ist._ IntcrnaflODalK Sozialistisches Bureau. Zürich, 24 September. Gestern, Sonnabend, trat im Volkshause in Zürich unter dem Vorsitz von Vandervelde das Internationale Sozialistische Bureau zu einer Sitzung zusammen. Vertreten waren 14 Nationen und zwar: Frankreich durch die Genossen Vaillant, Longuet, Angele Roussel; Deutschland durch Bebel und Molkenbuhr; Oesterreich durch Adler; England durch- Queich; Belgien durch Vandervelde. Huysmans, Ansele. Fournement; Rußland durch Plechanow und Lenin; Polen durch Diamand und Rosa Luxemburg; Böhmen durch Remec und Brüha; Ungarn durch Buchinger; Italien durch Ciotti; Serbien durch Tucovic; Holland durch Troelstra; Türkei durch Nahum; die Schweiz durch Moor. Ihr Fernbleiben haben teils mit der Kürze der Zeit bis zum Zusammentritt der Sitzung, teils mit aktuellen politischen Kämpfen in der Heimat entschuldigt: Branting(Schweden), Stauning(Dänemark). Jglesias(Spanien), Macdonald und Keir Hardie(England), Robanowitsch(Rußland), Frimu (Rumänien), Sakasoff und Kyrkow(Bulgarien), Varadian (Armenien), Guesde(Frankreich). Das Bureau führte zunächst eine eingehende 4'/, ständige Debatte über die Marokkofrage ab. die mit der einstimmigen Annahme folgender Resolution ihren Abschluß fand: „Der von dem kapitalistischen Länderhunger in frivolster Weise wegen Marokko heraufbeschworene Kolonialkonflikt hat durch Monate die größten Kulturländer vor die Gefahr eines brudermörderischen Krieges mit all seinen entsetzlichen Folgen gestellt. Wenn diese Gefahr augenblicklich vermindert ist, so ist ste keineswegs beseitigt und erscheint dauernd als der chronische Zustand der kapitalistischen Gesellschaft, die täglich durch neue Zwischenfälle akut werden kann- Das organisierte Proletariat will aber keinen Krieg und wird sich stets mit aller Wucht für den Frieden einsetzen. „DaS I. S. B. anerkennt mit Genugtuung, daß sich das sozialistische Proletariat der von der Kriegsgefahr betroffenen Länder, insbesondere in Deutschland, Frankreich, England, Italien und Spanien mit größter Energie gegen den verbrecherischen Wahnsinn der Kriegshetzer gewendet hat und durch seine, macht- vollen und unerschrockenen Demonstrationen sich als ein wirksames Element des Völkerfriedens erwiesen hat. „Das I. S. B. erivartet, daß das klassenbewußte Proletariat auch in Zukunft mit steigender Kraft seine Pflicht tun, den Klassen- kämpf des Proletariats organisieren und für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse Zeugnis ablegen wird. „Das I. S. B. ruft allen nattonalen Sektionen der Jnter- nationale, namentlich denen in denjenigen Ländern, die im Augenblick unmittelbar an dem Marokko- und anderen drohenden Kolonialkonflikten beteiligt sind: „Deutschland, England, Frankreich, Italien, Türkei und Spanien, die Resolutionen ihrer Landeskongresse und der Jnter- nationalen Kongresse von Stuttgart und von Kopenhagen gegen den Krieg ins Gedächtnis und erinnert insbesondere an den Schlußsatz der Stuttgarter Resolution, welcher lautet: „Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der Arbeiterklasse und ihrer parlamentarischen Ver- tretungen, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbei- geführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen." „Das I. S. B. rechnet darauf, daß die Genossen in diesen Ländern sowohl für sich wie in Verbindung mit den Genossen der andern beteiligten Länder zusammen wirken, um einem Kriege vorzubeugen. „Das I. S. B. fordert desgleichen die sozialistischen Parteien auf, eine Protestbewegung hervorzurufen gegen jede Erweiterung der Kolonialbesitzungen der europäischen Staaten auf dem Wege des diplomatischen Schachers, der gegenwärtig hinter dem Rücken der Nationen und ihrer Volksvertretungen am Werke ist, dadurch neue Zuspitzungen der internationalen Gegensätze und neue Kriegs- Ursachen für die Zukunft zu schaffen. „Das Bureau beschließt auch weiterhin, die Jnitlattve zu intemationalen Kundgebungen gegen den Krieg im Einvernehmen mit den sozialistischen Parteien zu ergreifen und die Bewegung gegen den Krieg mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern." Das Bureau geht sodann zur Behandlung seiner laufenden Geschäfte über. Insbesondere wurden folgende Puntte er- ledigt: Dem Ersuchen der Genossen aus Bosnien und Herzegowina um Vertretung im Bureau wurde ent- sprochen, und zwar erhält die Sozialdemokratie dieses Landes zwei Stimmen. Das Internationale Sekretariat hat ein Reglement über die Reorganisation des Internationalen Jugendsekretariates vorgelegt. Nach längerer De- batte wird auf den Wunsch der Vertreter verschiedener Länder beschlossen, dieses Reglement erst in der nächsten Sitzung des Bureaus im einzelnen zu behandeln, um jenen Ländern, die bisher zu dieser Frage nicht Stellung genommen, hierzu Ge- legenheit zu geben. Zum Schluß der Beratungen nahm das Bureau in einer ausführlichen Debatte zu der breunenden Frage der Teuerung Stellung und beschloß folgende Resolutton: „Das I. S. B. stellt fest, daß die beispiellose Teuerung der Lebousmittel, die gegenwärtig in allen kapitalistischen Ländern herrscht und in einem Land nach dem anderen die hungernden Volksmassen zum stürmischen Protest aufpeitscht, zunächst die Folge der skrupellosen Schutzpolitik in den meisten kapitalistischen Staaten, sowie der frivolen Begünstigung der agrarischen Interessen ist, gegen die die sozialistischen Parteien einen systematischen Kampf führen. Andererseits ist sie aber auch die Folge der brutalen Preis- treibereien der Unternehmerkartelle, die der schlimmste Feind des aufstrebenden Proletariats und seiner Befreiungsbestrebungen sind. DaS I. S. B. ruft die arbeitenden Männer und Frauen aller Länder auf. die unter den furchtbaren Folgen der exorbitanten LebenSmittelteuerung leiden, sich in Massen den sozialistischen Parteien und den gewerkschaftlichen Organisatinnen anzuschließen. um das Lager deS klassenbewußten Proletariats zu stärken, das allein in wirksamer Weise den Kampf gegen die Teuerung führt, indem es die wirkliche Quelle der jetzigen Teuerung auf dem Weltmarkt, die kapitalistische Gesellschaftsordnung bekämpft.", Die Sitzung des Bureaus wurde von Vandervelde Sonn« tag mittag 12'/, Uhr geschlossen. poUtifche debcrHcht. Berlin, den 25. September 1911, Die Herbstsession des Reichstags. Eine hiesige halbosfiziöse Korrespondenz, die gewöhnlich über die Pläne der Regierung ziemlich gut unterrichtet ist, meldet: Die Anberaumung der nächsten ReichStagSfltzung auf den 17. Oktober ist, wie verlautet, erfolgt nach Rücksprache mit dem Reichskanzler. Es war zu erwarten, daß der Reichstag sofort bei seinem Wiederzusammentritt Aufklärung über die Marokkoverhand- langen gewünscht hätte. Da aber der Abschluß der Verhandlungen für die erste Oktoberwoche zu erwarten steht und die Unterzeichnung eines definitiven Vertrages erst gegen Mitte Oktober erfolgen dürfte, so soll dem Reichstage der Marokkovcrttag sofort nach dem Abschluß zugehen und im Reichstage auch bald zur Debatte gestellt werden. Dies wird in der Woche nach dem 17. Oktober der Fall sein. Der Reichskanzler beabsichtigt, dem Reichstage schon in einer der ersten Sitzungen Bericht über den Verlaus der Verhandlungen zu er- statten.— Ob in der Zeit vom 10. bis 17. Okiober Reichstags- k o m m i s s i o n e n tagen werden, ist unwahrscheinlich, da nur zwei Kommissionen in Frage kämen, die Budgetkommission, die die Fernsprechgebührenordnung noch zu beraten hat, die wahrscheinlich aber zu den nicht zu verabschiedenden Vorlagen gehören wird, da der alte Reichstag dieses Geschenk nicht auf den Wahltisch wird legen wollen,, und die Kommission zur Vorberatung des HilsSkassen- gesetzeS. Letzteres Gesetz wird aber keine großen Schlvierigleiien bieten, so daß seine Beratung in der Kommission nicht zu sehr eilt, zumal auch für die Beratung dieser Materie noch Besprechungen in den Fraktionen nötig sein werden. Eine Kommission zur Bor- beratung deS PrivatbeamtenpensionSgesetzeS ist noch nicht eingesetzt, da die erste Lesung im Plenum noch aussteht. DaS übrige Material hat bis auf Kleinigkeiten die KommisstonS- beratung bereits paisiert. Die Handelsverträge mit Japan und Eng- land liegen dem Reichstage bisher noch nicht vor. Man nimmt übrigens in parlamentarischen Kreisen an, daß der Reichstag nicht länger als sieben Wochen tagen wird, voraussichtlich dürfte er aber schon Ende November geschlossen werden. Der Reichstag wird seine Aufgabe wohl als gelöst ansehen, wenn er neben den Debatten über Marolko und einigen anderen aktuellen Thematen daS PrivatbeamtenpenfionSgesetz, das SchiffahrtSabgaben- gesetz, daS HilfSkassengesetz. die kleine Strafgesetznovelle, den Entwurf fiBer die Errichtung cinel obersten Kolonialgerichtshofes, den Eni- Wurf über die Tagegelder der Kolonialbeamten und die beiden handelspolitischen Vorlagen verabschiedet haben wird. Der übrige Stoff(Strafprozeßordnung, Arbeitskammcrgesetz, die gewerblichen Novellen, Fernsprechgebührenordnung, Kurpfuschergesetz, Kleinaltien- gesetz, GerichtSlostennovelle) dürfte unerledigt bleiben. Uns dünkt es recht zweifelhast,' daß der Reichstag in sechs bis sieben Wochen das obengenannte Arbeitspensum er- ledigen kann und wird, so erwünscht dies auch der Regierung aus gewissen Gründen sein mag. Die Staatsbeamten und die Teuerung. Der Meldung des„Berliner Lolal-AnzeigerS", daß die Regie- rung die Gewährung einer einmaligen Teuerungszulage an die Beamten erwägt, tritt die.Norddeutsche Allgemeine Zeitung' in ihrer Ausgabe vom Montag abend entgegen. Solchen Zuwendungen stände das grundsätzliche Bedenken entgegen, daß sie wie eine Besoldungserhöhung wirken und, wenn sich die Beamten anf diese Bezüge erst einmal eingerichtet hatten, leicht zu einer wiederkehrenden Einrichtung würden. Um aber angesichts der ReichStagswahlen die Beamten bei Laune zu erhalten, sollen diese doch nicht ganz ohne Hoffnung bleiben. Denn nach einer weiteren Meldung des offiziösen Blattes schweben Erwägungen über andere den preußischen Staatsbeamten zugedachte Vorteile, die vielleicht zu dem Gerüchte über die Ge- Währung allgemeiner Teuerungszulagen Veranlassung gegeben haben. »Während nämlich', so heißt es..im Reiche die Unterstützungsfonds für die Beamten unter Zugrundelegung gewisser Einheitssätze für den Kopf des vorhandenen Personals von Jahr zu Jahr reguliert werden, hat in Preußen wegen der ungünstigen Finanzlage bei der Mehrzahl der Verwaltungen schon seit Jahren davon ab- gesehen werden müssen, diese Fonds entsprechend der vielfach sehr gestiegenen Beamtenzahl auf der erforderlichen Höhe zu erhalten. Diese Einschränkung in den verfügbaren Mitteln muß sich natürlich in Zeiten einer Teuerung, in denen sich die Fälle und das Maß der Unterstützungsbedürftigkeit vermehren, besonders fühlbar machen. Es erscheint daher dringend erwünscht, mit mög- lichster Beschleunigung und ohne daß zunächst die endgültige Wiederherstellung des Gleichgewichts des StaatShauShaltSetats ab- gewartet wird, aus diesem Gebiete das Erforderliche nachzuholen. Es soll daher im Wege kommissarischer Beratungen alsbald er- mittelt werden, um welche Bedürfnisse es sich bei den ver« schiedenen Ressorts handelt und welche Grundsätze für die Ge- staltung der UnterstützungSfondS in Zukunft zu beobachten sein würden.' Der Flottenverein bohrt welter! Ter Vorsitzende des Flottenvereins, Großadmiral Von K ö st e r, hat in einer in Kassel gehaltenen Rede abermals die nachdrückliche Forderung erhoben, daß vom Jahre 1912 ab jährlich nicht zwei Schlachtschiffe gebaut würden, sondern drei. Es ist das ja die alte Forderung, die der Flottenverein schon wiederholt vertreten hat. Bc- merkenswert waren nur zwei Momente der Rede. Einmal, daß der Vorsitzende des Flottenvereins nunmehr selbst zu- gegeben hat, daß eine solche Beschleunigung des Flottenbaues gegen das Flottengesetz verstößt. Und zweitens, daß er die von den Kriegstreibern veranstaltete Kriegshetze und die durch den Marokkokonflikl geschaffene gespanntere internationale Situation dazu benutzt, jür das beschleunigte Flottenrüsten Stimmung zu machen! Tie Z e n t r umsp r e s s e ist begreiflicherweise unwillig über die vorzeitigen Treibereien des Flottenver- eins. Ihr paßt es ganz und gar nicht, daß die Frage der neuen Flottenrüstungen schon vor den Wahlen aufgerollt wor- den ist. Die„Germania" liest deshalb dem Flottenverein ärgerlich die Leviten, weil er sich herausnehme, der Regierung ins Handwerk zu pfuschen und den amtlichen Stellen in Marineforderungen vorzugreifen. Als ob die„Germania" nicht ganz genau wüßte, daß der Flottenverein und seine Leitung in engster Fühlung mit der Regierung stehen, und daß deshalb das Drängen des Flottenvereins sicherlich nur unter Zustimmung und Billigung der amtlichen Stellen erfolgt! Die Presse der Panzerplattenpatriotcn unterstützt natürlich in der lebhaftesten Weise die Forderungen von Kösters. Sie bringt auch bereits das Argument vor, daß wir selbst bereits seit geraumem angekündigt haben: daß nämlich durch die Beschränkung der Flottenbauten um die Hälfte der bisherigen Bauleistungen auch die Industrie schweren Schaden erleiden werde. Wenn erst einige Monate ins Land gegangen sein werden, dürfte sich auch der schwarzblaue Block dies Argument für neue Flotten- bcwilligungen nicht länger entgehen lassen I Eine Marokko-Rnndfrage. Tie kriegshetzerische„Rheinisch-Westfälische Zeitung' mutz sich zwar jetzt mit dem Gedanken vertraut machen, daß es Marokkc wegen nicht zu einem Kriege kommt, aber sie will offenbar dafür sorgen, daß die Mehrheit der bürgerlichen Parteien des Reichstages dem Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter ihr Mißtrauen bezeugt. Das Blatt hat nämlich an 265 bürgerliche Reichstagsabgeordneie einen Fragebogen verschickt, der die Marolkoangelegenheit zum Gegenstand hatte und veröffentlicht nun die Antworten so hervor- ragender bedeutender Politiker, wie der Abgg. Gräfe und Herzog(Antis.), Glüer(kons.), Bahn und Meyer(natl.l. Liebert(freikons.). Fritzen(Z.), Heckscher und Goller (sortschrittl.j. Daß d�e Antworten im Sinne deS Scharfmacher- blattcS ausgefallen sind, versteht sich am Rande; besondere Be- deutung ist den Meinungen dieser„Politiker" nicht beizumessen. In der Einleitung klagt das Lrgan der Schlotjunkcr ganz herzbewegend: „Mit eherner Wucht stampfte vor drei Monaten der..Panther" einher. Jubel der Begeisterung durchhallte alle deutschen Gaue. Und heute nefsie Enttäuschung. Erbitterung, Entmutigung im ganzen Volke. Statt einer deutschen Interessensphäre oder Kolonie in Marokko, die jedem, der'» hören wollte, am und nach dem 1. Juli als Ziel verheißen wurde: heute nicht einmal mehr die Rechte, die wir aus dem AlgeciraSvertrag und aus dem Ab- kommen von 1909 haben. Denn unsere Unterhändler in ihrer durch nichts begründeten Angst vor ernsten Verwickelungen sind heute zu jeder noch so geringprozentigen Liquidation unserer Ansprüche aus dem Juli bereit; sie verschleudern sogar bereits das Recht der Konsulargerichtsbarkeit, das biS heute selbst in . der gewiß noch sehr souveränen Türkei, auch noch in Rumänien und Bulgarien, in Persien und China, in Siam, in Korea, in Sansibar, sogar auf Zypern und in dem„Internationalen Ge- richt" des unter englischer Vormundschaft stehenden AeegyptenS in voller Kraft steht." Man begreift, daß eS ganz enorme Gewinne gewesen End, die den Auftraggebern dieser Zeitung dadurch entgingen, daß «in Krieg verhütet wurde. Ter Nachfolger Lieberiuanns v. Sonnenberg. Die Antisemiten stellten für da» durch den Tod des Abgeprdneten Liebennann erledigte Mandat im Wablkreise Fritzlar-Ziegenheim den «Uisemiüschen Generalsekretär H e n n i g s e n- Hamburg auf. Amtliche Liebesdienste für das Zentrum. Einen Bruch des Amtsgeheimnisses im parteipolitischen Interesse des Zentrums unterbreitet der Vorsitzende des liberalen altbayerischen Kreisverbandes, Rechtsanwalt Kohl in München, der Oeffentlich- keit. In der Wochenschrift»Fortschritt" teilt er mit, daß die Personal» alten eines bayerischen Eisenbahnsekretärs Abgeordneten des Zentrums zugänglich gemacht wurden. Diesen Nachweis stützt er auf eine Verhandlung vor dem Schöffengericht München in einer Privatklage des Eisenbahnsekretärs Meng gegen den tentrumsabgeordneten Dauer, in der der Zentrumsabgeordnete »r. Heim unter Eid unumwunden zugab, Kenntnis von den Personal- ästendes betreffenden Eisenbahnbeamten durch einen hohen kompetenten Beamten erhalten zu haben. Entschädigungen an die Opfer des Essener Meineids- >. Prozesses. Der Justizminister bewilligte dem im Meineidsprvzeß Schröder unschuldig verurteilten ehemaligen Zeitungsverleger Meyer 7000 M. und dem Bergmann Beckmann 4000 M. als Entschädigung. So- weit bei Meyer Schadenersatz für die seit 1903 eingetretene Er- werbsunfähigkeit verlangt wird, bleibt die Entscheidung vorbehalten, die von beiden geltend gemachten Mehransprüche wurden als un- begründet abgewiesen._ Belgien. Gegen die Teuerung. Brüssel, 24. September. Der Kabinettschef empfängt in der kommenden Woche eine Abordnung der sozialdemokra- tischen Abgeordneten, die ihm verschiedene Vorschläge über eine zweckmäßige Bekämpfung der Lebensmittel- t e u e r u n g machen will. Die Sozialisten beabsichtigen, eine außerordentliche Tagung des Parlaments zu ver- langen, damit die Kammer Gelegenheit habe, über eine Abhilfe der bestehenden Teuerung zu beraten. ScKrnden. Die Wahl in Stockholm. Stockholm, 25. September. Bei den Wahlen zur Zweiten Kammer sind in Stockholm-Stadt vier Sozialisten, zwei Liberale und der der Rechten angehörende Ministerpräsident Lind man gewählt worden. - Bis jetzt 43 Sozialdemokraten. V Die Neuwahlen zur Zweiten Kammer des Reichstags hatten, soweit die Auszählung der Stimmen Ende der ver- flossenen Woche gediehen war, ergeben, daß 74 liberale, 55 konservative und 43 sozialdemokratische Abgeordnete gewählt sind. Die Konservativen haben in den betreffenden Kreisen ■2 9 Mandate verloren, während die Sozial- demokraten einen Gewinn von 29 Man- d a t e n zu verzeichnen haben, die Liberalen einen Ge- winn von 5 Mandaten. Stimmen sind abgegeben: für die Konservativen 154 926, die Liberalen 179 627 und für unsere Parteigenossen 118 479. Inzwischen sind auch zwei neue Sozialdemokraten in die E r st e Kammer gewählt worden, und zwar die Genossen Nils P e r s s o n, Vorsitzender des Maurerverbandes, und Lektor W a l d 6 n. Die Zahl der sozialdemokratischen Abge- ordneten im Oberhause des schwedischen Reichstages ist damit auf vier gestiegen. Bnßlancl. Bagrow hingerichtet. Kiew, 23. September. Das Todesurtei! ist an Bagrow voll st reckt worden. Stolypins Nachfolger. Petersburg, 23. September. Die Ernennung des Finanz- Ministers Kokowzow zum Ministerpräsidenten unter Belässung in seiner Stellung als Finanzminister wird jetzt amtlich veröffentlicht.„Nowoje Wrcmja" meldet, M a- k a r o f f werde zum Minister des Innern ernannt werden. „Njetsch" berichtet aus Kiew, der dortige Nationalisten- klub habe beschlossen, ein Immediatgesuch um Aus- Weisung aller Juden ams Kiew einzureichen. QirKei. Friede in Jemen? Konstantinopel, 2S. September. Die Pazifizierung deS Jemen erscheint gesichert, nachdem zwischen dem Oberkomman- danten Jzzet Pascha und dem I m a m I a h i a ein E i n v e r» nehmen erzielt worden ist, wonach der Jmam in der Gegend von Saade volle Freiheit genießen wird. DaS Einvernehmen wurde für 4 Jahre abgeschlossen. Der Oberkommandant soll nun- mehr die Operationen gegen Sejid Jdris im Assir. leiten, wozu 8 Bataillone aus dem Jemen dahin entsandt werden sollen, perften. Der Exschah gesangen? London, 23. September. Die„Morning Post" meldet aus Teheran vom 24. September, der Turkomanenchcf habe aus Gumushtepe dem Kabinett telegraphisch gemeldet. daß er den früheren Schah gefangen genommen habe und Verhaltungsmaßregeln erbitte. Bus der Partei. KreiSvcrfammlung bcS 19. sächsische,, RcichStagslvohlkreiscS. Die Versammlung tagte am Sonntag in Zwönitz im Erz- gcbirge. Anwesend war in der autbesuchtcn Versammlung der Reichstagsabgeordnete des Kreises, S ch ö p l i n. Nach einem kurzen Referate des Genossen B u ch w i tz über die Landesver» sammlung Sachsens referierte über den Parteitag in Jena Genosse LandtagSabgeordnetcr Manilius Krause. Nachdem er ein Gesamtbild über den Parteitag gegeben hatte, der diq Hosfungqn der Gegner zuschandcn gemacht habe, führte er u. a. u einzelnen Fragen aus: Mit der Form, in der Rosa Luxen,- urg usw. gegen den Parteivorstand losging, könne man nicht ein- verstanden sein, aber mit der Indiskretion gegen Molkenbuhr war es von dem Augenblick an doch nicht so schlimm, als Molkcnbuhr im Sinne seines Briefes ja in öffentlicher Versammlung geredet habe. Daß der Parteitag mit dem Vorstand nicht so ganz einer Meinung war, zeigt doch, daß er nicht einen Sekretär— wie der Vorstand wünschte—, sondern 2 Sekretäre gewählt hat. Partei- und Gewcrkschaftsredakteure müßten doch nun endlich erkennen, daß auch sie die Aufgabe haben, für die so notivcndigs Einheit von Partei und Gewerkschaften zu wirken und sich auch in Polemitcn im Nahmen deS guten Tones zu halten. Die Stuttgarter Vorgänge haben nicht in taktischen, sondern tiefgehenden persönlichen Differenzen ihre entscheidende Ursache. Diesen Genossen mutz doch endlich zum Bewußtsein gebracht werden, daß es schließlich außer den„Revisionisten" und„Radikalen" so etwas wie eine Sä'ial- demokratische Partei in Deutschland gibt, und daß jene sich enölich besinL-n möchten, dsß sie sechst dpch SozigldxMkxgten sind. Ob her Beschluß in der Maifeierfräge glücklich ist oder nicht, er ist da und muß gehalten werden. Doch hüten wir uns vor allzu großem Optimismus. Aber hoffnungSfreudig werden wir heute alle Kraft daransetzen, daß der Parteitag in Chemnitz nicht nur. auf das. rote Erzgebirge und Königreich Sachsen, sondern auf glänzende parla- mentarische Siege und machtvolle organisatorische Fortschritte blicken kann. Der Vorsitzende und Delegierte Oskar Kauf- mann hält den Maifeierbeschlutz für unglücklich. Er meint dann: Schließlich könnten trotz allem der Partei ein paar Luxemburgs nichts schaden. Die Parteiversammlung erklärt sich einstimmig mit der Haltung ihrer Delegierten einver st a n d e n. Hierauf gibt Genosse Schöpflin ein Referat über Marokkos rummel, Lebensmitteltcuerung und Reichstags. Wahlen, das alle diese Fragen in großen Umrissen behandelt. Die Marokkofrage wird von ihm mit dem Schlüsse behandelt, daß den Frieden der Welt allein verbürgt die Furcht der Herrschenden vorder sozialen Revolution. Und in den Reichstagswahlen den Kampf nicht die Parole führen: Gegen den schwarz-blagen Block, sondern; Hie Sozialismus, hie Bürgertum!. Hue Induftrie und ftandel Der Nahrungsmittelaufwand. Berechnet man nach den Detailpreisen an 175 deutschen Plätzen den wöchentlichen NahruugSmittelaufwand in der Weife, daß man die Nahrungsmittelration deS deutschen Marinesoldaten_ zugrunde legt und das Dreifache dieser Ration als den Bedarf einer vier« köpfigen Familie ansetzt, so ergibt sich, daß die K o st e n für die wöchentliche Ernährung im Juni um 25, im Juli aber um 40 Pf. gestiegen sind! Auch im August hat die Steigerung weitere Fortschritte gemacht, sie betrug im August 28 Pf. Seit Januar be» wegte sich die Indexziffer, die den wöchentlichen Nahrungsmittel» aufwand in Mark anzeigt, wie folgt: Januar Febr. März April Mai Juni Juli August 23.50 23.61 23.60 23,80 23,72 23,97 24,37 24,65 Gegen Januar beträgt die wöchentliche Steigerung demnach 1,15 M. oder annähernd 5 Proz. Die Steigerung der Augustziffer ist vor allem auf die Bewegung der Butter» und Zuckerpreise zurück- zuführen. Die auffälligste und wichtigste Preissteigerung ist aber für Milch eingetreten, deren Preis seit Juli eine allgemeine Steigerung aufweist. Recht hoch sind. Wie schon oft hervorgehoben, die Getreidepreise. Wo gemischte Kost— Fleisch und Gemüse— den Tisch be- herrscht, da ist die Verteuerung und der Nahrungsmittelaufwand höher als die. vorstehende Aufstellung angibt. Zuckerpreise und Marktversorguug. Obwohl das Jahr 1910 eine durchaus befriedigende Zucker» gewinnung gebracht hat und auch in diesem Jahre das Resultat bei weitem nicht so ungünstig sein wird, wie vor wenigen Wochen noch fast allgemein angenommen wurde, halten sich doch die Zucker- preise noch immer auf der abnormen Höhe, � auf die sie im Vor- jähre getrieben wurden. Der Durchschnittspreis für Rohzucker und Raffinade betrug nämlich im Großhandel für einen Doppelzentner im Monat August der nachstehenden Jahre in Mark: 1906 1907 1903 1909 1910 1911 Rohzucker... 18.35 20,00 20,35 22,30 29,75 29,00 Raffinade... 39.00 40.00 41.50 43,50 51,75 51,00 Der diesjährige Durchschnittspreis ist zwar für Rohzucker und Raffinade um 0,75 M. niedriger als der vorjährige, das absolute Niveau muß jedoch im Vergleich zu den übrigen Vorjahren noch als außerordentlich hoch�bezeichnet werden. Die gesamte Herstellung von Zucker im deutschen Zoll» gebiet— in Rohzucker bercchner— stellte sich in der Zeit vom 1. September 1910 bis 31. August 1911 auf 25 741 160 Doppel- zentner. Die Produktion ist also gegen das vorangegangene Kam» pagnejahr um 5 468 435 Doppelzentner gestiegen. Diese Zunahme hatte eine ganz bedeutende Steigerung der deutschen Zuckerausfuhr zur Folge. In den ersten acht Monaten wurden insgesamt 7 703 457 Doppelzentner Zucker exportrert, das sind 3 555 863 Doppelzentner mehr als in der entsprechende» Periode des Vorjahres. Soziales* Proletarierlos. Am Fenster der Buchhandlung der Arbeitcr-Zcitung in Dort- mund zieht eine ausgehängte Photographie ständig die Passanten an. Das Bild zeigt einen toten Menschen im Sarge liegend. Ein daneben hängendes Bild zeigt den Toten, wie er noch unter den Lebenden weilte und bei der Marine diente. Ueber den Toten gibt eine Mitteilung in der„Arbeitev-Zeitung" Auskunft. Auf der Zeche BergmannSglück in Buer waren Arbeiter von der Wcftfaliä- Hütte in Bochum beschäftigt. Am 4. Septembev fiel einer dieser Arbeiter in den Schlammbehälter der Kohlenwäsche und fand darin den Tod. Seine Kollegen wollten den Verunglückten in der Waschkaue der Zeche von dem Schlamm reinigen, eS wurde aber nicht gestattet. Die Leiche mußte so schnell wie möglich von der Zeche herunter. Der Tote wurde nun nach dem TotcnhauS in Buer geschafft und sollte am 9. September beerdigt werden. AIS ein Verwandter des toten Arbeiters die Leiche noch sehen wollte» wurde ihm gesagt, der Sarg sei polizeilich geschlossen worden und dürfe riicht mehr geöffnet werden. Als der Sarg mit Hilfe anderer Personen doch geöffnet wurde, sah man den Toten so, wie er aus dem Schlamm gezogen worden war, daliegen! Der Schlamm war noch am Körper, mit Zcmentsäckcn überdeckt. Auch >var der Sarg zu klein; um den Toten hinein zu bringen, mußten ihm die Beine gekrümmt werden. Leibriemen und schwere Ar- beitSschuhe hatte der Tote noch am Körper. Die Leidtragenden waren natürlich von dieser Behandlung eines verunglückten Men- schen nichts weniger als angenehm berührt, es wurde ein Photo- graph herbeigeholt, der das im Fenster der„Arbeiter-Zeitung" in Dortmund aushängende Bild anfertigte. Wie Hohn nehmen sich auf dem Bild die Worte am offenen Sarg„Ruhe sanft" aus. Als sich der amtierende Geistliche nach dem Grunde der Ver- zögerung der Beerdigung erkundigte, wurde auch ihm der offene Sarg gezeigt. Auch der Aeistlickg: soll seinen Unmut über die Be- Handlung des Toten bekundet haben. Als der Sarg wieder geschlossen werden sollte, mußte man aus den Deckel knien, um so den Toten zusammenzudrücken. So etwas kann heute noch in einem.Kulturstaat" einem ver- unglückten. toten Arbeiter geschehen! 50 000 Mitglieder überschritten! Der soeben herausgegebene Geschäftsbericht des Konsumver- eins Leipzig-Plagwitz und Umgegend zeigt ein Anwachsen der Mit- gliederzahl auf 50000. Am 1. Juli 1910 betrug der Mitglieder- bestand 45111, am 30. Juni 1911 48 956 Mitglieder. Im Juli und August sind 1264 als Mitglieder neu eingetreten, so daß die Mitgliederzühl 50 000 gegenwärtig überschritten ist. Der Leipzig. Plagwitzer Konsumverein, dessen Werdegang und Einrichtungen wir vor 2 Jahren eingehend schilderten, steht an der Spitze der von sozialem Geist erfüllten Konsumvereine. Aus dem Geschäfts- bericht entnehmen wir, daß die soziale Einrichtung der Genossen- schaft, die Frcibrotgewährung an arbeitslose Mitglieder auch im letzten Jahre beibehalten wurde. Außer an die Arbeitslosen im Winter ist im bcrslossencn Kalenderjahr auch an die durch die Aussperrung im Baugewerbe arbeitslos gewordenen Mitglieder Freibrot zur Ausgabe gebracht und jüngst waren es wieder die von der Aussperrung in der Metallindustrie betroffenen Mit. glieder, welche je nach ihrem Umsatz in der Genossenschast all, wöMstlich Fiiibißi söjiiÖia GewevkfcbaftUcbco. Berlin und Nmg-egend. Tis Vcrtreterwahlc» zur Zwangsinnung der Schneider be- ginnen am heutigen Dienstag, nachmittag 4 Uhr, im Hotel S t e w e n. Niederwallstraße 11. Die betreffenden Mitglieder der Innung haben persönliche Einladungen erhalten. Es ist notwendig, daß die Jnnungsmitglieder pünktlich zur Wahl erscheinen und darauf achten, welchem Standesamtsbezirk sie angehören. Die Wahl- beteiligung wird jedenfalls eine viel lclHastere als in den früheren Jahren sein., Tie Mühlenarbeiter beschäftigten sich in einer stark besuchten Versammlung am Sonntag mit dem Thema: Stellungnahme zu dem am 2C. September 1911 eingegangenen Bescheid des Arbeit- geberverbandes der Mühlenindustrie auf unseren eingereichten Tarifvertrag. Schuld! referierte. Die Unternehmer haben jegliche Verhandlungen mit der Organisation abgelehnt, aber sich bereit erklärt, etwaige Wünsche von den Arbeitern ihrer Betriebe entgegenzunehmen. Nach einer regen Debatte, in der die schlechte Lage der Mühlenarbeiter grell beleuchtet wurde, erklärten die Versammelten einstimmig in einer Resolution, aus eine Vcr- besserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen angesichts der be- stehenden Teuerung nicht verzichten zu können. Es wurden Kom- Missionen gewählt, die mit den Unternehmern verhandeln sollen. Ob die Differenzen auf friedlichem Wege geregelt werden, hängt ganz von dem Verhalten der Arbeitgeber ab.— Die Firma S a l o m o n glaubt ein Mittel gefunden zu haben, ihre Arbeiter von der Organisation und von dem Besuch der Versammlungen abzuhalten. Zwar will sie den älteren organisierten Arbeitern großmütig„gestatten", der Organisation auch fernerhin an- zugehören, aber den jüngeren„verbietet" sie die Verbandszugehörig- tcit. Um die Leute nun für ihre Wünsche gefügiger zu machen, schreckt die Firma, der man sonst Freigebigkeit gewiß nicht nach rühmen kann, selbst nicht vor Geldkosten zurück, indem sie durch einmalige Geschenke von 2 M. oder ein paar Pfund Mehl sowie durch Gewährung von drei Tagen Urlaub(was sonst nie geschah) ihr Verbot wirksamer zu machen sucht. Ein alter Unternehmertrick, der aber auf die Dauer stets versagt. Bei dem Fleischermeister Wiese, Mühlenstraße 45, haben beide Gesellen am Montag die Arbeit niedergelegt, da Herr Wiese sich weigert, eine wöchentliche Arbeitszeit von 79 Arbeitsstunden sowie den unentgeltlichen Arbeitsnachweis des Verbandes anzuerkennen. Ferner weigert er sich, seinen Gesellen ein heiz bares Logis zu geben. Bei den Verhandlungen erklärte er, er nehme wohl in politischer Beziehung auf seine Kundschaft als Ge schäftsmann Rücksicht, jedoch in seinem Betriebe lasse er sich von der Organisation keine Vorschriften machen. Also eine Arbeitszeit von 15 bis 18 Stunden will er nicht verkürzen. Wir ersuchen, daselbst keine Arbeit anzunehmen. Der Streik bei der Firma Schmidt, Zimmerstr. 57, ist noch «icht beendet. Verhandlungen, die von der Organisation an- gebahnt waren, hat Herr Schmidt rundweg abgelehnt. Ferner verbreitet Herr Schmidt das Gerücht, daß der Streik beigelegt und die Forderungen bewilligt seien. Die Führer der Berliner Innung sowie Herr Bohn, der frühere Inhaber, versuchen alles, selbst auf die Gefahr hin. daß die Sache einige tausend Mark kostet, Herrn Schmidt das Rückgrat steif zu �halten. Ob es ihnen gelingt, bleibt abzuwarten. Zcntralvcrbavd der Fleischer. Ortsvertvaltung Berlin. Veutfcbes Reich. Znr Aussperrung in der Metallindustrie in Thüringen. Die Verhandlungen in dem Aussperrungsgebiet haben dazu ge führt, daß die Arbeiter im Laufe der vergangenen Woche die Auf- nähme der Arbeit in A l t e n b u r g,.Gößnitz, Erfurt, Zeulenroda und in Saal seid a. S. für eine Anzahl Be triebe beschlossen haben. Die Einstellung der streikenden und ausgesperrten Arbeiter in Erfurt wird längere Zeit beanspruchen. Von den rund 1199 beteiligten Arbeitern waren bis zum Schlüsse der Woche erst mehr als Tausend eingestellt. Die getroffenen Vereinbarungen ergeben für die genannten Orte: Verkürzung der Arbeitszeit, Erhöhung der Zeitlöhne, ge regelte Entschädigung für Ucberzeitarbcit, serner die Zusicherung, daß ungenügende Akkordlöhne aufgebessert werden sollen. In A l t e n b u r g ist die Arbeitszeit in 5 Betrieben von 57 auf 56 Stunden und in einem Betriebe von 58lh aus 5614 Stunden reduziert worden. Die Stundenlöhne wurden um einen Pfennig erhöht. Die Entschädigung für die ersten zwei Ueberstunden beträgt pro Stunde 19 Pfennig und für alle weitere Uebcrzeitarbcit 15 Pfennig. In G ö ß n i tz ist die Arbeitszeit in einem Betriebe um 3 und in den anderen Betrieben um 4 Stunden pro Woche verkürzt worden und beträgt jetzt 57 resp. 58� Stunden. Die Stundenlöhne sind um 214 Pfennig erhöht und die Entschädigung der Ueberzeitarbeit ist aus 19 Pfennig pro Stunde festgelegt worden. Die Vereinbarungen in Erfurt sind infolge der Verschieden- artigkeiten der iki Frage kommenden Produktionszweige nicht so einheitlich. Die Arbeitszeit ist in einer Anzahl Betriebe um 2 resp. 1 Stunde und in einem Betriebe um Vi Stunde pro Woche verkürzt worden. Die Stundenlöhne sind mit Ausnahme der Lampenfabriken in allen Betrieben erhöht, ebenso ist die�Ent- schädigung für Ueberstunden auf 19 Pfennig pro Stunde festg'esetzt. In einer Anzahl Betriebe in Saalfeld a. S. und in Zeulenroda wurde die Arbeitsaufnahme durch Verein- barungen ermöglicht, wodurch die Arbeitszeit verkürzt, die Stunden- lohnerhöhung und die Ueberzeitarbeitentschädigung geregelt wurde. Für die Orte Friedrichsroda, Gera, Jchters- Hausen, Katzhütte und S a a l f e l d finden noch VerHand- lungen statt. Die Ortsgruppe Gera des Verbandes Thüringer Metallindustrieller hatte sich bereit erklärt, die Arbeitszeit in den 7 Betrieben, in denen noch mehr als 59 Stunden pro Woche ge- arbeitet wird, sofort auf 59 Stunden und ab 1. Juli 1912 in allen Betrieben auf 58 Stunden zu reduzieren und alle Stunden- löhne sofort um 1 Pfennig und ab 1. Juli 1913 ebenfalls um 1 Pfennig erhöhen zu wollen. Ferner legten die Arbeitgeber fest, daß ungenügende Akkordpreise ausgebessert und alle Ueberzeitarbeit mit 19 Pfennig pro Stunde entschädigt werden soll. Die beteiligten Arbeiter lehnten, nachdem die vielen Verhandlungen keine weitere Zugeständnisse der Arbeitgeber erbracht hatten, es fast einstimmig ab/ die Arbeit unter diesen Bedingungen aufzunehmen, sie er- klärten sich jedoch bereit, wenn die Arbeitszeit sofort aus 58 Stunden und ab 1. Juli 1912 aus 57 Stunden pro Woche festgesetzt wird und die Stundenlöhne jetzt um 2 Pfennig und am 1. Juli 1912 um 2 Pfennig erhöht werden. Die Ortsgruppe der Arbeitgeber hat die Verhandlungen aber sofort abgebrochen, weil der Verband Thüringer Metallindustrieller ihr nicht gestattet, über den Vorschlag zu verhandeln. Aus dem Grunde werden noch Wochen vergehen, bevor eine Verständigung in Gera erzielt werden kann. Der Ver. band Thüringer Metallindustrieller treibt ein frivoles Spiel. Er drohte auch in der Verhandlung in Gera wieder mit der neuen Aussperrung und einer Aktion des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller. Die Verständigung über die Vereinbarungen zur Aufnahme der Arbeit in Ichtershausen, Katzhütte, Friedrichsroda und der übrigen Betriebe in Saalfeld wird durch das Verhalten des Ver- bandes Thüringer Metallindustrieller verzögert. Trotzdem wird in den nächsten Tagen auch in den letzten Orten versucht, zur Einigung zu kommen. saMmIung ab. Die Unternehmer hakten den Arbeitern als Ank- wort auf die eingereichten Forderungen lediglich geschrieben, daß die Forderungen der Zentrale des Schutzverbandes in Berlin überwiesen werden. Die Arbeiter betrachteten dies als ein Ver- schleppungsmanöver und beschlossen nach einem Referat des Haupt- Vorstandes in Berlin, am 23. September zu kündigen. Dies ist bereits erfolgt. Es kommen etwa 1299 Arbeiter, Lithographen, Steindrucker und Hilfsarbeiter in Frage.— Am gleichen Tage fand eine Versammlung in Fürth statt. Dort beschlossen die Arbeiter der graphischen Gewerbe ebenfalls einstimmig, die Kündigung ein- zureichen. In Fürth ist bereits eine große Firma, um von dem Ausstand, nicht betroffen zu werden, aus dem.Schutzverband ausge- treten.'_ Die Aussperrung der Schuhfabrikarbeiter in Wermels- kirchen erfolgte am Sonnabend, den 23. September. Die in einer Be- sprechung der Fabrikantenkommission mit den Vertretern des Zen- tralverbandes der Schuhmacher Deutschlands festgesetzten Einigungs- Vorschläge sind von der Generalversammlung des Schuhfabrikanten- Verbandes, Ortsgruppe Wermelskirchen, abgelehnt worden. Die Fabrikanten fordern bedingungslose Zurücknahme der Kündi- gung in dem Betriebe der Firma Js erHardt u. Kattwinkel. Die Unternehmer muteten den Arbeitern Lohnreduktionen zu. Schon bei den letzten Differenzen, die wegen Lohnabzügen und Matzrege- lungen entstanden, mußten die Fabrikanten nachher zugeben, daß die Abzüge und die Maßregelungen zu Unrecht erfolgt seien, sie wurden deshalb später zurückgenommen. In einem Falle erfolgte die Rücknahme erst auf Anweisung der Zentralleitung des Fabri- kantenverbandes. Die Fabrikanten haben es selbst in der Hand, durch Unterlassung der Lohnabzüge den Frieden in der Fabrik zu wahren, �_ Der irische Eisenüahnerstreik. London, 23. September.(Eig. Ber.) Von der bürgerlichen Presse ohne Unterschied der Partei richtung wird die Nachricht verbreitet, der Generalstreik auf den drei irischen Bahnen habe Fiasko gemacht. Der Zweck dieser Stim- mungsmache, die auch bei dem allgemeinen Eisenbahnerstreik vor einigen Wochen in ausgiebiger Weise betrieben wurde, ist sonnen klar. Um der Meldung den Schein der Wahrheit zu geben, operiert man mit der Tatsache, daß die Eisenbahner nicht sogleich dem Kommando der Streikleitung gefolgt sind. Das ist erfahrungs- gemäß bei einem Eisenbahnerstreik auch nicht möglich; das Zug personal kann den Zug nicht mitten im Lande stehen lassen. Ein derartiger Streik braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Im Laufe des geMigen Tages hat die Bewegung immer mehr um sich gegriffen Das Klstigste Ereignis war der Beschlutz der Eisenbahner der drei Stationen in Belfast, die Arbeit sofort niederzulegen. Belfast ist das Verkehrszentrum des Nordens. Auch die Bahn, die den Ver kehr mit dem mittleren Westen Irlands vermittelt, fühlt den Streik schon empfindlich. Die Dubliner und Südostbahn, die die Forde rungen der Eisenbahner bewilligt hat, arbeitet wie gewöhnlich Hingegen ist die Große Süd- und Westbahn fast ganz zum Still stand gebracht worden. Diese Bahn befindet sich in derartigen Schwierigkeiten, daß sie damit droht, den Verkehr ganz einzustellen. wenn ihr die Regierung nicht genügend militärischen Schutz gewähre Die Soldaten, die augenblicklich mit scharf geladenen Gewehren die Stationen und Lokomotiven bewachen, genügen ihr nicht; sie verlangt von der Regierung, daß diese die streikenden Arbeiter ein- schüchtere. Die Regierung scheint aber keine rechte Lust zu haben das Spiel zu wiederholen, das bei der ganzen organisierten Ar beiterschast des Landes vor einigen Wochen die größte Entrüstung hervorrief. Das geht aus dem Verhalten des Unterstaatssekretärs für Irland hervor, der öffentlich zugegeben hat, daß trotz aller entgegenstehenden Nachrichten keine einzige Ruhestörung vor gekommen sei, und daß nie zuvor ein Streik in Irland in so ordent l icher Weise geführt worden sei. Dieses freimütige Bekenntnis des Untcrstaatssekrctärs ist den Scharfmachern natürlich eine bittere Pille und schon schreien sie entrüstet, daß die Regierung nicht ihre Pflicht tue. Man muß jetzt abwarten, ob die Regierung imstande sein wird, den Druck der mächtigen Kapitalistiencliquen auf die Tauer auszuhalten. Die Preise der Lebensmittel, Kohlen und anderer Bedarfs artikcl in Irland steigen von Tag zu Tag. Aus einigen Gegenden wird eine bevorstehende Hungersnot gemeldet. Diesen Meldungen ist jedoch wenig Glauben zu schenken. Die große Masse der irischen Bevölkerung produziert Lebensmittel, die bei einem Eisenbahner' streik notgedrungen im Lande bleiben müssen, und eine industrielle Bevölkerung gibt eS nur in den Hafenstädten. Die Beilegung des Mailänder DruSerstreiks. Rom, den 21. September 1911.(Eig. Ber.) Nach wenig mehr als 21 stündiger Dauer ist der allgemeine Ausstand im Mailänder Buchdruckergewerbe beigelegt worden. Die Unternehmer verpflichten sich, den durch ihre Aussperrung verlorenen Arbeitstag zu bezahlen, und die Summe dem Unterstützungsfonds des Zentralverbandes der Buchdrucker zu überweisen. Die Eni- lassung zweier Arbeiter, die, als dem Tarifvertrag widersprechend, den Anlaß zur Aussperrung und zum Streik gab, wird einem Schiedsgericht überwiesen, wie dies den bestehenden Abmachungen des Tarifvertrages entspricht. In den Tageszeitungen ist die Arbeit losckrt wieder aufgenommen worden. Hetzte Nachrichten» Ein schreckliches Brandunglück hat sich bei einem Dachstuhlbrande in R i x d o r f zugetragen. Dort ist der 2jährige R. S e l i n s k i in den Flammen umgekommen. Der Knabe spielte mit seinen Geschwistern auf dem Boden des Hauses I u l i u s st r. 38/39 mit Streichhölzern, wobei dort untergebrachter Hausrat in Brand geriet. Die beiden älteren Ge' chwister, Kinder im Alter von 314 und 5 Jahren, liefen er- 'ch reckt davon. Als Hausbewohner die Gefahr bemerkten, wurde das Kind noch nicht vermißt. Erst später, als der Dach- t u h l schon total in Flammen stand, suchte man den kleinen Jungen. Jetzt war es zu spät. Die Rixdorfer Feuerwehr griff ofort mit vier Schlauchleitungen über die Treppen und mehreren mechanischen Leitern an, konnte es aber nicht verhindern, daß der Dachstuhl total niederbrannte. Bei der Aufräumung wurde dann die kleine Leiche total verkohlt aufgefunden und der inzwischen eingetroffenen Mutter übergeben. Diese hat ihre gesamte nicht- versicherte Habe verloren. Lohnbewegung im Lithographie- und Steindruckgewerbe in Nürnberg nnd �ürth. Die Lithographen und Steindruckcr und das Hilfspersonal in fcn Nürnberger Lithographenanstalten, Steindruckereien und Kunst- anstalten hielten am 22. September eine imposante Massenver- Sie sind alle schuldig! Köln, 25. September. Der„Kölnischen Zeitung" wird gemel- det: Der„Tan in" hat in einer Besprechung der Lage die be- fremdliche Ausführung gemacht, daß die Entsendung des Panzers nach Agadir die Schuld an dem Aufrollen der tripolitanischen Frage trage, daß es also die unmittelbare Folge der Politik des Kaisers sei. Deutschland müsse sich ernsthafte Gewissensbisse machen, wenn aus dieser deutschen Politik unheilbarer Scha- den für die Türkei entstände. Damit überschreitet der„Tanin" die Grenzen einer verständigen Kritik(?), denn selbst am Bosporus sollte es den türkischen Blättern klar sein, daß Agadir lediglich eine Folge deS französischen Zuges nach Fez war. Wenn sie sich also angesichts der Aufrollung der tripolitanischen Frage über das Ausland beschweren wollen, so mögen sie sich an eine andere Adresse wenden. Angesichts der freundlichen Haltung, die Deutschland immer der Türkei gegenüber eingenommen hat, ist der Ausfall des„Tanin" recht deplaciert. Ferner bringt die„Köln. Ztg." folgenden Artikcl: Die letzten Nachrichten schließen den Zweifel darüber aus, daß Italien in die Vorbereitungen einer teilweisen Mobilmachung eingc- treten ist, und daß S ch i f f s b e tv e g u n g e n ittlgebtsth tfl Pe* Richtung auf Tripolis schon begonnen haben. Die psycho- logische Begründung des italienischen Vorgehens ist unschwer zu finden. Sie liegt aber nicht, wie von manchen Seiten behauptet wird, in Agadir, sondern in dem allgemeinen Bestreben aller Staaten nach kolonialer Ausdehnung und in den E n t t ä u s chu n« gen, die Italien nach dieser Richtung bisher im Mittelmeer er- fahren hat. Als Frankreich sich 1881 Tunis bemächtigte, rief das bekanntlich in Italien große Entrüstung hervor; das Land war aber zu schwach, um sich dem zu widersetzen. Man fand sich schließ- lich mit dem Verlust von Tunis ab, suchte sich aber nun die An- wartschaft auf Tripolis durch Verträge mit anderen Staaten zu sichern, ein Bestreben, das jetzt dadurch noch bestärkt wird, daß Frankreich im Begriff steht, sich in Marokko dauernd festzusetzen. Die Nordküste von Afrika ist somit den italienischen Aspirationen mit Ausnahme von Tripolis entzogen. Nun haben zwar Frank- reich und England die Versicherung abgegeben, daß sie gegen eine italienische Besetzung von Tripolis nichts einzuwenden haben werden und daß beide Mächte, falls Tripolis von der Türkei aufgegeben werde oder sonstwie aus deren Besitz ausscheiden(sie!) sollte» der italienischen Besitzergreifung keine Schwierigkeiten in den Weg legen wollen. Da man nun aber einmal Tripolis in Italien als eine Lebensfrage betrachtet, so fühlen sich die Italiener trotz aller Zusagen doch nicht völlig beruhigt. Ihre Besorgnisse gehen offenbar dahin, daß die Franzosen, wenn sie sich in ah- sehbarer Zeit in Marokko häuslich eingerichtet haben werden, von neuem ihr Augenmerk auf Tripolis richten könnten, um es von dem Hinterlande her aufzusaugen oder so weit zu erschöpfen, daß der verbleibende Rest keine selbständige Lebensfähigkeit mehr besitze. Das ist der Anlaß für das Vorgehen Italiens. Unter diesen Um- ständen werden diejenigen Mächte, die den Frieden wirklich wollen, diesem Zwecke am besten dienen, wenn sie diese Besorgnisse in einer solchen Weise zerstreuen, daß nicht nur die italienische Regierung selbst beruhigt wird, sondern daß sie auch der öffentlichen Mei- nung gegenüber den Verzicht auf Gewaltmaßregeln wirksam und überzeugend begründen können. Wenn wir die euro? päische Lage richtig beurteilen, so glauben, wir, daß die Hoffnung aus eine gütliche Beilegung des entstandenen Zwistes noch nicht aus- geschlossen(!) ist. Es wird natürlich Pflicht der Türkei sein, alles zu vermeiden, was die so schon aufs äußerste beunruhigte öffentliche Meinung Italiens noch mehr aufreizen könnte. Wie man jetzt aus türkischen und italienischen Quellen erfährt, scheint sich die italienische Regierung vor allen Dingen darüber zu beschweren, daß ihre Landsleute in Tripolis sich in einer gefährlichen Lage be- finden. Dieser Zustand soll angeblich darauf zurückzuführen sein, daß die Bevölkerung durch Beamte, Offiziere unp Jungtürken gegen die Italiener aufgehetzt sei. Angesichts dieser Beschuldigungen wird es Sache dee Türkei sein, sie zu widerlegen, vor allem aber dafür mit größtem Nachdruck Sorge zu tragen, daß keine Aufreizungen gegen Italien stattfinden. Besonderes Mißfallen soll es bei den Italienern erregt haben, daß Schiffe mit Munition und Ausrüstungsgegenständcn von der Türkei nach Tripolis gesandt werden. Wenn Ruhe und Vorsicht beobachtet wird und wenn auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden ist, so darf man die Hoffnung auf die Ver- meidung eines Zusammenstoßes noch nicht aufgeben, zumal, da eine friedliche Entwicklung der tripolitanischen Angelegenheit im Jnter- esse aller Mächte liegt, und diese gewiß gern alle auf Be- Wahrung des Friedens gerichteten Bestrebungen unterstützen wer- den. Es wird vor allem darauf ankommen, daß beide Regierungen die nötige Besonnenheit wahren und sich nicht von dem augenblick- lich herrschenden Winde der öffentlichen Meinung mit fortreißen lassen. Das würde sie in ein Abenteuer hineinführen, das für beide Parteien schwere Gefahren in sich bergen könnte. Eint Staatsmann sollte nicht vergessen, daß eine Einbuße an Popularität durch Widerstand gegen die erregte öffentliche Meinung für ihn immer noch eine geringere Gefahr bedeutet, als die Verantwortung für ein Unternehmen zu tragen, dessen mögliche Folgen unabsehbar sind. � Konstantinopcl, 25. September. Nach unkontrollier« baren Gerüchten beantragte eine Spezialkommission des Kriegs, Ministeriums, eine Division, zwei Batterien und 12 999 Gewehre nach Tripolis zu entsenden. Infolge der fortgesetzten Alarmnach, richten trat heute an der Börse ein neuer Kurssturz ein. Rom, 25. September.(W.T.B.)„T r i b u n a" meldet auz Tripolis: Die Lage wird von Stunde zu Stunde e r n st e r und ruft eine immer stärkere Beunruhigung in der gesamten Bcvölke, rung hervor. In der italienischen Kolonie fürchtet man immer mehr» daß ein Sturm des Hasses seitens der Türken gegen sie los- brechen könnte. Fortwährend verlassen Italiener das Land und gestalten dadurch die Lage für diejenigen, die zurückbleiben müssen, um so ernster. Auch die arabische Bevölkerung ist sehr bcun- ruhigt, vor allem die Araberscheichs. Diese haben immer mit den Italienern sympathisiert, mit denen sie in Handels« beziehungen stehen, aber ihre Lage ist schwierig und heikel. Wie„Tribuna" weiter schreibt, hat heute ein M i n i st e r r a t stattgefunden, in dem die tripolitanische Frage von allen Gesichts« Punkten aus beleuchtet wurde. Die italienischen Kriegsschiffe. Malta, 25. September. Ein italienisches Schlachtschiff ist gestern hier vorübergefahren. Heute früh sind zwei Kreuzer gesehen worden, die in der Richtung auf Tripolis süd- wärts dampften. Fortgesetzt kommen aus Tripolis Jta« l i e n e r und andere Europäer hier an. So brachte heute ein Dampfer 87 Personen; ein anderer Dampfer wurde besonders ge- chartert, um noch andere Europäer von Tripolis zit holen._' Der Homerule-Feldzug.' London, 25. September. Der in Nordirland gegen H o m e r u l e eingeleitete Feldzug nimmt eine rasche EntWickelung. Heute hat eine unionistische Konferenz in Belfast beschlossen, die Anerkennung der Homerule abzulehnen und sofort ein Ko- mitee einzusetzen, um den Plan einer provisorischen Re- g i e r u n g für die Provinz U l st e r vorzubereiten, die an dem Tage in Kraft treten soll, an dem Homerule angenommen wird. Zum Untergang der„Libertö". Paris, 25. September.(W.T.B.) Admiral Germenct hat sich in einer Unterredung mit Journalisten über die Ursache» der Katastrophe der Liberte folgendermaßen geäußert: Ein Kurzschluß kann unmöglich die Ursache der Katastrophe sein, denn die Bauart unserer neuen Kriegsschiffe schließt eine solche Katastrophe gänzlich aus. Auch eine S e l b st, entzündung des Pulvers ist undenkbar. Wenn seinerzeit der Panzer„Jena" aufflog, so lag die Schuld am Schwarzpulver» welches durch explodierendes Weißvulver zur Entzündung gebracht wurde. An Bord der„Liberte" befand sich aber nur Weiß» p u l v e r. Nach einem Ministerialerlaß vom Jahre 1997 ist die In. tallation der elektrischen Drähte in den Pulverkammern für Kriegs« chiffe gänzlich umgestaltet worden. Wenn trotzdem noch einige der alten gefahrvollen Einrichtungen bestanden haben sollten, so wäre der begangene Fehler so schwer, daß ich eine so schuldhafte. Nach- läsfigkeit gar nicht annehmen kann. Paris. 25. September.(W. T. B.) Der M a r f n e m i n i st e r ist heute nachmittag 4 Uhr 39 Minuten offiziell davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Zahl der Toten auf der L i b e r t s und den anderen in Mitleidenschaft gezogenen Schiffen ungefähr. dreihundert beträgt. Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.i TH. Glocke, Berlin. Druck u, Verlag: VorwgrtsBuchdr. ä VerlägWistass Paul Singer 4 Co., Berlin LW« Hierzu 3 Beilagen u. Untcrhaltungsbl. Kr. 225. 28. Jahrgang. 1. KnlU des Jotiuiitts" Sttliuet ilollislilntt. Dienstag, 26. Zepttlnber 1911. x Die Generalveriammlung des Nahlki'eiies iliederbarnim, fiie am Sonnlag in R u m m e l s b u r g abgehalten wurde, nahm den Bericht ihrer Telcgicrten vom Parteitag entgegen. Den Bericht erstattete namens seiner Mitdelegierten iGcnosse Beiger. Er gab eine Uebersicht über die Verhandlungen ßn Jena und tagte u. a.: Die Erwartung, der Parteitag werde einen gang ruhigen verlauf nehmen, habe sich nicht erfüllt. Kurz vor dem Parteitage habe eine Preßfehde eingesetzt, die in der„Leipziger Wolkszeitung" begann und durch den Artikel von Rosa Luxemburg eröffnet worden sei. Er(Redner) sei der Auffassung, daß Rosa Luxemburg durch die Veröffentlichung des Briefes an Molken- b u h r nicht ganz fehlgeschlagen habe. Durch den Artikel von Rosa Luxemburg sei der Parteivorstand erst veranlaßt worden, eine Aktion xegen die Kriegsgefahr einzuleiten oder doch zu beschleunigen. Es sei bemerkenswert, daß der Partcivorstand in der Verteidigung seines �Verhaltens von der revisionistischen Seite unterstützt wurde. Man könne verschiedener Meinung darüber sein, ob Rosa Luxemburg durch die Veröffentlichung des Brieses eine Indiskretion begangen habe. Die Wirkung der Veröffentlichung sei jedenfalls eine gute gewesen, denn im anderen Falle würde der Parteivorstand wohl nicht eine so energische Aktion ins Werk gesetzt haben. Während es sonst immer die Revisionisten waren, die den Parteivorstand angriffen, seien es setzt die Radikalen gewesen, die Kritik übten an dem Verhalten des Parteivorstandcs. Die Ausführungen Bebels in bczug auf den kAeneralstreik seien vielfach mißverstanden worden. Bebel sei nicht gegen den Generalstreik eingetreten, sondern er habe nur gesagt, daß derselbe im Falle einer Mobilmachung nicht möglich sei.— Die Erörterungen über die Maifeier hätten ergeben, daß wir un- dedingt an der Arbeitsruhe festhalten müßten, und daß der Nürn- derger Beschluß bestehen bleibe.— Die Zurückziehung der von Groß- Werlin gestellten, die Genossenschaftsfrage betreffenden Resolution durch den Genossen G ö h r e sei nicht zu billigen. Nachdem die Re- Solution bgeründet war, hätte auch die Gegenseite das Wdrt erhalten »nüssen.— Mit der Wahl des Genossen Haase zum zweiten Vorsitzenden der Partei habe der Parteitag einen guten Griff getan.— Sic bedeutendsten Verhandlungsgegenstände seien die Marokkofrage und die Reichstagswahlen gewesen. Für die Wahlen habe der Parteitag den Genossen eine Richtschnur gegeben, die uns zu wei jtercn Erfolgen führen werde. Dem Bericht folgte eine rege Diskussion. ' Stadthagen erklärte sich mit dem Berichterstatter darin «einverstanden, daß die scharfe und klare Stellung des Parteitags zur Marokkofrage und zu den Reichstagwahlen außerordentlich erfreulich sei. Es würde aber nicht richtig sein, wenn wir deshalb auf fede Kritik an einigen Ereignissen verzichten wollten. Mehrere Partei- blätter stellen es so hin, als habe der Revisionismus auf dem Partei- tage einen Sieg errungen. Davon kann gar keine Rede sein. Der Parteitag hat nichts anderes getan, als die alten Richtlinien der Partei aufs neue festgelegt.— Erfreulich ist die Verstärkung des Parteivorstandes und die in Aussicht stehende Reorganisation der Parteileitung. In welcher Richtung sich dieselbe bewegen soll, dar- über steht noch nichts fest. Jeder Versuch von links oder von rechts, die Parteileitung noch weiter zu burcaukratisiercn, muß entschieden zurückgewiesen werden. Im Gegenteil. Mit dem Uebcrgewicht des bureaukratischen Elements muß aufgeräumt werden. Es ist not wendig, eine Instanz zu schaffen, die, unabhängig vom Bureau kratismus, die Anschauungen der Parteigenossen in der Partei- leitung zum Ausdruck bringt.— Die Resolution in der Konsum- lvereinsfrage ist nicht im Einverständnis mit den Antragstellern zurückgezogen. Wenigstens sind die Vertreter von Niederbarnim nicht gefragt wor- den. So etwas darf nicht wieder vorkommen. Es ist anzunehmen, daß die Resolution die Zustimmung des Parteitages gefunden hätte. Das war auch notwendig, um vorzubeugen, daß versucht wird, die Genossenschaftsbewcgung von der Partei abzudrängen.— Auf dem Parteitag ist auch etwas Unangenehmes aufgefallen. So die Aus- führungen von Wels, die ich nicht billige. Wels hat lediglich seine persönliche Meinung ausgesprochen, aber nicht, wie mancher an- nimmt, die Ansicht der Berliner Parteigenossen.— Was den württemberischen Konflikt betrifft, der, wie die Genossin D u n ck e r darlegte, in der wirtschaftlichen Konstellation der beteiligten Kreise seine Ursache hat, so ist es unerhört, daß der revisionistische Landes vorstand die beiden radikalen Redakteure der„Schwäbischen Tag wacht" ohne Einhaltung der Kündignug hinausgeworfen hat. Es kleines feuiUeton. Für die engagcmcntslosen Bühnenkünstler! Entsprechend dem ungeheuren Zulauf zur Bühne befindet sich natürlich jederzeit in Berlin eine große Anzahl tüchtiger Schauspieler und Schau- spielerinnen von hiesigen wie von anerkannt guten auswärtigen Bühnen ohne festes Engagcincnt. Um diese Kräfte nicht künstlerisch brach liegen zu lassen und ihnen eine würdige Existenzmöglichkeit zu bieten, plant das Präsidium der Genossenschaft Deutscher Aühnenangchöriger. mit diesen Künstlern während der kommenden Wintersaison in einer Reihe von Berliner Thcatersälen Volks- Vorstellungen zu veranstalten, deren Ertrag. den Darstellern zugute kommen soll. Die Verwaltung liegt in den Händen der Teilnehmer selbst, unter Leitung der Bühnengenossenschaft. Sorg- sam vorbereitete Vorstellungen sollen zu kleinen Eintrittspreisen demjenigen Teil der Bevölkerung geboten werden, der sich den Be- such der ständigen Theater versagen und sein Untcrhaltungsbedürf- nis in billigen Kinos, Singspiclhallen und bei sonstigen fragwürdi- gen Theaterveranstaltungcn befriedigen muß. Künstler, die auf Beschäftigung rechnen, werden gut tun, sich rechtzeitig bei der Genossenschaft Deutscher Bühnenangchörigcr, Berlin SW., Charlottenstraße 85, anzumelden. Allerdings sollen nur solche Kräfte berücksichtigt werden, die bereits eine drei- jährige erfolgreiche Bühnentätigkeit hinter sich haben. Theater. Deutsches Theater:„Penthesilea." Trauerspiel von Heinrich von K l e i st. Die Inszenierung dcL Kleistschen Amazonendramas im Deutschen Theater— Herr Holländer führte an Reinhardts Stelle und in seinein Geiste die Regie— arbeitete das Malerische in de» Hintergründen und der Anordnung der Massen noch eindrucksvoller als LiudauS Aufführung im Schau« fpielhauS Hera»?. Vortrefflich wirkte— ein aucki sonst schon auf der Reinhardtlckhne wiederholcntlich erprobter Effekt— gleich in der ersten Szene die Gruppierung um die gewölbte Brücke, auf der die Konturen der griechischen Krieger sich in wuchtiger Größe vom sonnenhellen. Himmel abhoben. Und ähnliche Bildniotive, der Stimmung de� Werkes mit sicherein Instinkte angepaßt, begleiteten das Ganze. Glücklich war auch die Anwendung der Drehbühne bei offenem Vorhang; so gelang es, in den Schlachteuszenen die Bewegung der stünnenden Scharen lebendig vorzuführen und zugleich ohne störendes AuSeinanderreißen des Verbundenen die Unglaubwürdigkeit. daß sich die wechselvolle Handlung auf einem einzigen Schauplatz abspielt, zu umgehen. Am Schlüsse störte eine arg senialionelle Geschmacklosigkeit, die dadurch, daß sie sich auf den Wortlaut des Kleistschen Textes berufen kann, nicht besser wird. Die Hundemeute, die Penthesilea in der Ekstase ihres schäumenden Hasses wider Achill herbeiruft, erschien leibhaftig auf der Bühne und hätte, wenn es ihr gerade eingefallen wäre, der Heldin Leiirt' ist dringend notwendig, daß der Parteivorstand eingreift, um den Konflikt zu schlichten.— Durch manche Reden ging der Zug, als ob bei der Reichstagswahl unser Sieg und die Niederlage des schwarz-blauen Blocks so sicher wäre, daß wir kaum noch arbeiten hrauchen. Mit Recht hat Bebel darauf hingewiesen, daß wir uns nicht in Sicherheit wiegen sollen. Es kommt uns nicht so sehr auf eine Vermehrung der Mandate als auf eine Stärkung unserer Kämpferscharen an. Wir haben einen starken Zug der Arbeiter- bcvölkerung vom Osten nach dem Wiesten des Reiches. Das ist ein Ereignis, dem wir machtlos gegenüberstehen, das aber für die Wahlen von großer Bedeutung ist. Man soll nicht mit so großem Tamtam vorgehen, sondern lieber die Massen aufklären und organi- siercn. Der Wählkampf mutz geführt werden unter dem Gesichts- punkt, neue Kämpfer für unsere Ideen zu gewinnen. T hm r m- Lichtenberg: Bei verschiedenen Genossen besteht die Ansicht, daß es Parteigenossen gibt, die aus jeder winzigen An- gelegenheit einen Donnerschlag machen, um Krakeel für den Partei- lag vorzubereiten. Solche Parteigenossen gibt es auf beiden Seiten. Sie sind von ihrer Wichitgkei so durchdrungen, daß sie aus jeder Kleinigkeit eine große Begebenheit machen und Debatten hervor- rufen, die verbitternd wirken und unsere Kleinarbeit stören. Ver- schiedene Parteizeitungen, so in Leipzig und Solingen, meinen, wenn sie nicht die Partei retten, dann müsse sie versumpfen. Wenn die starken Ausdrücke und die scharfen Worte, die angewandt werden bei Auseinandersetzungen in unseren eigenen Reihen, im Kampfe gegen unsere Gegner gebraucht würden, dann wäre es besser. Wenn die Genossen und Genossinnen, die immer etwas auszusetzen haben, durch den Parteitag belehrt ttnd, daß sie sich mehr Zurückhaltung aufzuerlegen haben, dann hat�oer Parteitag ein gutes Stück Arbeit geleistet. K u s ch m i n d a- Reinickendorf wünscht, daß bei Parteidebatten nicht so scharfe Worte gebraucht werden, denn das würde von un- seren Gegnern, wie der Dresdener Parteitag gezeigt habe, gegen uns ausgeschlachtet. Auch jetzt hätten sich verschiedene Parteigenossen, auch solche von den großen, mehr Einschränkung auferlegen sollen. Weiter vertritt der Redner die Meinung, daß bei einer Mobil- machung der Generalstreik erklärt werden müsse. Dieser Meinung seien auch die Genossen in anderen Staaten.— Der Redner billigt es nicht, daß wir bei Stichwahlen zwischen bürgerlichen Kandidaten für den Liberalen eintreten sollen. Diese Taktik würden wir wohl ändern, wenn in Düsseldorf die Liberalen für das Zentrum stimmen. Der Redner ist dafür, daß wir uns bei Stichwahlen zwischen bürgerlichen Parteien der Stimme enthalten. Bühler: Daß auf der rechten wie auf der linken Seite der Partei oft über die Schnur gehauen wird, wissen wir alle. Aber wohin soll es führen, wenn schon die Kritik verurteilt wird. Müssen wir uns doch von der rechten Seite alle Tage die schärfste Kritik gefallen lassen. Auf dem Parteitag habe ich die Empfindung gehabt, daß eine große Zahl von Delegierten ebenso dachten wie L e d e- b o u r und Rosa Luxemburg, daß sie aber nicht den Mut hatten, es offen zu sagen.(Lebhafte Zustimmung.) Es war not- wendig, dem Parteivorstand zu sagen, welche Sünden er auf dem Kerbholz hat. Mancher hätte sich allerdings etwas Reserve auf- erlegen und nicht so scharfe Worte gebrauchen sollen.— Das Bedeutendste des Parteitages sei die Marokkofrage und die Reichstags- wählen gewesen. Die großzügigen Reden Bebels würden ihre Wirkung nicht verfehlen.— Der Redner ging auf den württem- bergischen Konflikt ein, in dessen Ursachen er als Mitglied der Rkandatprüfungskommission einen Einblick gewonnen hat. Der Konflikt habe nur dadurch entstehen können, daß sich zwei Rich- tungen bis aufs Blut bekämpften. Wenn beantragt wurde, daß der Parteivorstand eine Beilegung des Konflikts versuchen solle und wenn Revisionisten auf dem Parteitage gegen diesen Antrag stimmten, dann muß man annehmen, sie wollen den Frieden nicht. Jafke- Lichtenberg: Immer war es die rechte Seite, die Zank auf dem Parteitage hervorgerufen hat, indem sie von sich reden machte durch Budgetbewilligungen, Ministeresscn und der- gleichen. Rosa Luxemburg und Ledebour kann kein Vor- wurf gemacht werden. Erst durch ihre Artikel ist die Aktion des Parteivorstandes in Szene gesetzt worden. Ich erhebe Protest gegen die Ausführungen des Genossen Wels, der so abfällig gegen Lede- bour sprach. Ledebour hat recht gehandelt, wenn er der Berliner Parteileitung mitteilte, er sei mit dem Verhalten des Parteivor- standes nicht einverstanden und könne das Referat über die Marokkn frage nur übernehmen, wenn er den Parteivorstand kritisieren dürfe. Es mutz betont werden, daß Wels nur seine persönliche Meinung gesagt hat. Ritter- Rummclsburg: Man soll nicht vor der Kritik warnen. Sie ist das Lebensclement der Partei. Wer mit den Maßnahmen des Parteivorstandes nicht einverstanden ist, hat das Recht, ihn zu schaften überheulen können. Die Bühnenbearbeitung von Theodor C o m in i s ch a u hatte das Stück, statt wie die Lindaufche in vier, in nur drei Aufzüge geleilt. Nicht zum Vorteil. Die überniäßige Ausdehnung des Mittelaktes ermüdete. Ein entschiedener Vorzug war es, daß der Bearbeiter in den Schlachtberichten deS ersten Aktes energische Streichungen vorgenommen. Zu einer im Empfinden nachzitternden Wirkung brachte es das Werk in dieser Darstellung so wenig wie in der des Schauspiel- Hauses. Das liegt zu einem Teil an der unausgeglichenen, durch keine inneren Notwendigkeiten zusainmeiigehaltenen Struktur des Dramas selbst. Immerhin Frau Poppes hochragende, königlich drein- schauende Penthesilea kam dem Bild der Heldin, wie es in un- bestimmtem Umriß aus dem Gewog der Kleistschen Verse auftaucht, erheblich näher als Gertrud E y s o l d t s kleiner Kobold. Ins Grenzenlose gesteigertes Kraftgefübl durchströmt das ganze Wesen der jungfräulichen Kriegerin, und dies Gefühl muß sich in der Erscheinung spiegeln; man muß glauben, daß sie im Waffenstreite Männer niederzwingen kann. Gestalt und Organ der ausgezeichneten Schau- spielerin legten einer solchen Nachschöpfung unübersteigbare Hem- niungen in den Weg. Sie war ein schwärmerisch verzücktes, wildes Mädchen, keine vom Sagenschimmer umflossene Aniazonenkönigiu; niehr im Stil eines Hauplmannschen MärchensdramaS, als Kleistsche Dänionin. Auch die zarte Lhrik in der großen Licbesszcne kam nicht zu adögnatem Ausdruck. Die träumerische Versonnenheit, niit der Frau Poppe, wie unter dem Zwange einer aufsteigenden Vision, dem Liebsten vom Aniazoiieiircich erzählte, ließ die bedeutsamen Einzelzüge phantasievoll plastischer hervortreten, als Gertrud Eysoldts naturalistisch nuancierter, unruhig hin- und herhuschender Vortrag in dieser Partie. Freilich den Ton jubelnd beschwingter Sehnsucht und dann der tödlichen Verzweiflung bei deni Erwachen nach der furchtbaren Tat, den macht ihr keine andere nach. Moissi spielte den Achill, dem Staegmann im Schauspielhause das Gepräge, männlich gelassener Ucberlegenheit gegeben, als brause- köpfigen Jüngling, nicht so Kleistisch wie jener, aber mit fort- reißender Verve. Die wichtigsten Amazonciirollen wurden von den Damen Kupfer, Neustädter und Dietrich repräsentiert, den Odysseus agierte Herr Dancggcr. Das Publikum applaudierte mit anscheinend großer Begeisterung. ät. Humor und Satire. Reichsverbandsrezept. Von weitem schon als Schwindel kenntlich, erzählst du eine Moritat (in gutem Glauben selbstverständlich), die angeblich ein Sozi tat. Du reizest klüglich die Genossen, auf deren Häupter tapfer du den Unratkübel ausgegossen— Und siehe da, sie hauen zu. kritisieren. Es ist nicht richtig, daß einzelne Genossen nur deshalb Kritik geübt haben, um von sich reden zu machen. Im Verhalten des Parteivorstandes zur Marokkofrage war etwas faul._ Ohne die Kritik hätte der Parteivorstand gar nicht oder doch nicht so energisch eingegriffen. Mit dem Genossen Ledebour bin ich einverstanden.— Unsere Stichwahlparole geht den Demokraten nicht weit genug. Ich meine, die Reichstagswahlen werden insofern ein Markstein sein, als sie uns zeigen, ob die Demokraten zahlreich genug sind, um uns eine wertvolle Unterstützung im Parlament zu bieten. D ü w e l l- Lichtenberg: Ich glaube, ein Versuch, die Pflicht einzubürgern: Ruhe ist die Pflicht jedes Sozialdemokraten, wird keinen Erfolg haben. Ich bin der Meinung, daß ohne die internationalen Demonstrationen der Arbeiterschaft der Krieg nicht verhindert worden wäre. Wenn man dieser Meinung ist, dann kann man über formale Ver- stöße in der Kritik des Parteivorstandes ruhig hinwegsehen. Ganz befriedigt wird auch der Parteivorstand vom dem Verlauf der Debatte nicht sein. Es ging ein verständnisinniges Lächeln durch den Parteitag, als Bebel sagte, man könne ihm glauben, daß er dem Vorstande den Kopf gewaschen haben würde, wenn er nicht selber im Vor st andsätze. Es gibt noch viele Genossen, die der Meinung sind, der Parteivorstand müsse kritisiert werden. Wenn das nicht in größerem Maßstabe geschehen ist als eS jetzt geschah, so zeugt das von der politischen Reife der Genossen, die sich angesichts der Reichstagswahl zur Zurückhaltung verpflichtet fühlten. Die Beschlüsse, den Vorstand zu verstärken und zu reor- ganisieren, sind der beste Beweis dafür, daß die dem Vorstande gemachten Vorwürfe an sich berechtigt sind. Wenn hier mit teil- weiser Berechtigung Beschwerde erhoben wurde über das Hervor- treten des persönlichen Moments in der Debatte, dann mutz darauf hingewiesen werden, daß die Parteileitung hätte dafür sorgen sollen, daß die Debatten nicht so sehr auf das persönliche Gebiet hinüberglitten. Man kann nicht sagen, daß das persönliche Moment aus der Versammlung in die Debatte getragen wurde. Gerade die Genossen in den Parteileitungen sollten vorsichtig sein im. Ausdruck persönlicher Meinungen, weil diese leicht als Meinung der Gesamt- hcit ausgegeben wird.— In die Marokkofrage spielte auch die Frage des Generalstreiks hinein. Wie Bebel diese Frage behandelt hat, so war sie in der gegenwärtigen Situation das einzig Richtige. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß die Verhältnisse in Deutsch- land die Inszenierung und die zweckdienliche Propagierung des Ge- neralstrciks in absehbarer Zeit unmöglich machen. Der Generalstreik ist nur möglich, wenn er aus einer bestimmten Situation heraus- wächst, in der die treibenden Kräfte so stark sind, daß sie alle Arbeiter, auch die im Lager des Zentrums stehenden, mit fortreißt. In der gegenwärtigen Situation ist die Erörterung des General- streiks eine sehr kitzliche Sache. Wir wollen durch einen General- streik den Krieg verhindern. Es wäre aber möglich, daß durch verkehrte Taktik bei der Propagierung des Generalstreiks der Krieg veranlaßt wird. Es ist möglich, daß sich die Chauvinisten des einen Staates sagen, in einem anderen Staate ist die Sozialdemokratie so stark, daß sie die ganze Wirtschaftsmaschine lahmlegen kann, und deshalb ist der Moment günstig, gegen diesen Staat Krieg zu führen. Also so einfach liegt die Frage des Generalstreiks nicht.— Zur Konsumvereinsresolution kann ich erklären, daß eine große Zahl der Berliner Delegierten durch die Zurückziehung überrascht wurden. Auch ich muß sagen, diese Art der Behandlung eines An- träges paßt uns nicht. Sie paßt auch nicht zu dem sonst vorhan- denen Bestreben, gebundene Mandate zu schaffen, was so weit geht, daß man auf manche Veranstaltung verzichten, die Ve- schlüsse durch korporative Mitteilung, an das Bureau feststellen lassen könnte.— Was den Wahlkampf betrifft, so freue ich mich besonders über die Stellung des Parteitages zum Zentrum. Ich wünsche, daß in dieser Richtung vorgegangen wird, und daß Bündnisse wie das im Dom zu Speier verhandelte, in der Zukunft unmöglich sind. Ein solcher Pakt würde ein Schmutzfleck für die Partei sein.::!- Damit war die Diskussion beendet., Richter erstattete den Bericht der Mandatprüfungskommission. Es sind anwesend 103 Delegierte, 23 Bczirkslcitcr, 16 Mitglieder des Kreisvorstandes, 1 Vertreter von Groß-Bcrlin und der Reichs- tagsabgcordnete des Kreises. Nicht vertreten ist der Bezirk Herz- fclde. Außerdem fehlen 4 Delegierte aus Rummelsburg, je zwei Delegierte aus Stralau und Oranienburg, je ein Delegierter aus >~,_» Nun flugs gedient mit einer Klage, beleidigt bist du kolossal. doch sagst du bei dem Strafantrage, beleidigt sei'st du, bloß formall So sparst du die Beweisaufnahme, behauptest, was du kannst und willst, und machst vom sichern Port Reklame, indessen du dein Mütchen kühlst. Wir Wilden, weißt du ja, verschmähen. für deinen Gassenjiingcnton die deutschen Richter anzugehen, du echter deutscher Heldeusohn! _ Rudolf Franz. Notizen. -- Frank W e d e k i n d versendet von München aus eine Rund- frage. Er will ergründen, was die öffentliche Meinung und welche Partei gegen ihn oder feine Dramen etwas hat. Das zu wissen ist doch wirklich nicht schwer. Und da Wedekind es auch weiß, so brauchte er ja nur die Partei benennen. Warum tut.er'ö nicht? Weil's dann keinen Effekt macht. — WagnerS Bühnen weihfest spiel„Parsifal" soll gegen Oktobers Mitte in Kopenhagen koiizcrtmäßig aufgeführt werden. Für den instrumentalen Teil ist das Berliner B l ü t h n e r- O r ch e st e r in Stärke von 85 Musikern gewonnen worden. — Der Verein.Freie Volksbühne" in Wien, der zurzeit gegen 30 000 Mitglieder zählt, will jetzt ein eigenes Theater errichten. Schon im Oktober 1012 soll der neue Bau fertig sein. Das Theater, von einem Konsortium finanziert, soll 1200 Personen FassungSraum enthalten. Für 80 Proz. der Besucher garantiert der Verein. Die Dircklion werden der gegenwärtige artistische Leiter der Freie» Volksbühne Schriftsteller Stefan Großmann und der Berliner Schriftsteller Dr. R n in p s führen. Die Kosten des Theaters dürsten sich auf 1 Million Kronen stellen. � A ii t o r e ii s ch u tz in Rußland. Der Ministerrat in Rußland hat seine Zustimmimg zu einem französisch-russischen Ab- kommen literarischer Art gegeben, demzufolge fremde Autoren künstig dieselben Rechte wie die einheimischen Autoren genießen sollen. Das Uebersetzungsrccht ist aus zehn Jahre vorbehalten. Ausgenommen sind wissenschaftliche und technische Werke. — SchlnßergebniS vom Karlsbader Schach« turnier. Reihenfolge der Preisträger vom Karlsbader Turnier: Teichmann, Rubinstein, Schlechter, Rotlewi. Marshall, Niemzowilsch, Vidmar, Alcchin, Tartakower, DuraS, Leonhardt. Spielinann, Periis. — Ein Druckfehler hat in der Besprechung von Vahrs amüsanter.Josephine" Anerkennung ins Gegenteil verkehrt. Es soll im ersten Satz natürlich heißen:.Die Wiedelausnahme der Komödie war e i n(statt kein) glücklicher Griff." JtteFrtdjSfelSe, Meder-Schon'hauscn, Reinickendorf-Ost, Tegel, Saidmannslust und der Bezirksleiter von Mahlsdorf. Folgende Resolution wurde gegen eine Stimme angenommen «Die Generalversammlung bedauert, daß der von Grofr Berlin an den Parteitag gerichtete Antrag in der Konsumvereins� frage ohne Zustimmung und Befragung der gesamten Vertreter von Grotz-Berlin, insoesondere ohne Befragung der Nieder ibarnimer Vertreter, zurückgezogen und dadurch Mißdeutungen über die Stellung der Partei Raum gegeben ist." Einstimmig wurde eine Resolution angenommen, wodurch sich die Versammlung mit den Beschlüssen des Parteitages sowie mit dem Verhalten ihrer Delegierten einverstanden erklärt. Ein von A sch e n d o r f-Stralau begründeter Antrag:„Für die Berichterstattung vom Parteitag in Zukunft keine Generalversammlung mehr einzuberufen und sich auf die Berichterstattung in den Bezirken zu beschränken," wurde, nachdem Jafke und Brühl dagegen gesprochen hatten, abgelehnt. Der Vorsitzende Brühl schloß hierauf die Versammlung mit einem Hinweis auf den Wiahlkampf und einem dreifachen Hoch au' die Sozialdemokratie. vie(Xonfumvereine und der sozialdemokratische Parteitag in fena. In Jena ist leider ohne Zustimmung der Berliner Delegierten der die Konsumvereins frage betreffende Antrag vom Genossen Göhre zurückgezogen, der wohl der irrtümlichen Ansicht war, der dahin gerichtete Wunsch eines oder einiger Berliner Genossen sei auf einen Beschluß der Delegation zurückzusllhrcn. Mußte diese durchaus un- zweckmäßige Zurückzichnng Mißdeutungen unterliegen, so macht sich die Nr. 78 der„Konsuingenossenschaftlichen Rundschau" dies Versehen in einer alle Maßen übersteigenden Weise zunutze. In der sattsam bekannten überhebenden, einseitigen, gegen die Bestrebungen auf Durchdringung der Konsumvereine mit sozialistischem Geist gerichteten Schreibweise zieht Dr. August Müller, der Chefredakteur dieses konsum- genossenschaftlichen Zentralorgans, dort gegen die Anhänger der Resolution vom Leder, die sich gegen die Kaufinann-Müllersche Heber Neutralität in Konsumgenossenschaften richtete. Die volle Nnfähig> keit, über eine Ansicht sachlich zu diskutieren, präsentiert sich in dem Müllerschen Artikel. Alles gilt ihm als persönliche Intrige. Der bekanntlich vom Gorrossen Horlitz-Adlershof im Kreise Teltow BeeSkow auf der Berliner Generalversammlung begründete Antrag ist, wie Dr. Müller schreibt, von einem.in den weitesten Kreisen unbekannten Herrn auS AdlerLhos" begründet. Der eigentliche »Arrangeur" sei aber Genosse Göhre gewesen. Dieser wird dann in dem Artikel mit starken Worten und niedrigen Anwürfen an- gepöbelt. Im nachfolgenden Artikel wendete sich Genosse Göhre selbst gegen das Dr. Müllersche Elaborat. Wir möchten unseren Genossen dringend ersuchen, die Müllerschen anwidernden Ausführungen nicht mit der Konsumvereinssache in einen Topf zu werfen. Gerade um derartigen Quertreibereien und Schädigungen der Konsumvereinsbewegung, wie es die von uns wiederholt niedriger gehängten Leistungen der.Rundschau" sind, entgegenzutreten, ist eifrige Betätigung in den Konsumvereinen erforderlich. Die reinliche Scheidung auf deren Kreuznacher Tagung im Jahre 1902 war ein Teil Klassenkampf. Sie wurde vollzogen, um die Arbeiter aus der bürgerlichen Dr. Crügerschen Vormund- schaft zur Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten zu führe», nicht um an Stelle des Dr. Crüger und Genossen neue Vormünder in der Person deS Dr. Müller und Genossen zu sehen, die sie von der so- zialistischen Idee und ihrer Betätigung abdrängen sollen. Die Kon- sumvereine bestehen zum überwiegenden Teile auS Arbeitern, und diese werden unbeirrt um die LamentoS des Dr. Müller und Ge- nassen der Forderung deS Magdeburger Parteitags entsprechend die konsumgenossenschaftliche Bewegung mit sozialistischem Geist erfüllen. Die genossenschaftliche demokratische Organisationsform gibt ihnen die Möglichkeit, ihre sozialistische Ueberzeugung die Pflicht hierzu. Darum trotz Dr. Müller und Genossen: Hinein in die Konsum- vereine l '." Genosse Göhre schreibt uns: Eine notgedrungene Erwiderung. Unter der vorstehenden Ueberschrift beschäftigt sich die„Konsum- genossenschaftliche Rundschau", daS Organ des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, in ihrer Nr. 38 vom 23. September d. I. mit der Groß-Berliner Arbeiterschaft zum Jenaer Parteitag eingebracht gewesenen Genossenschaftsresolution und den Dar- legungen, die ich zu ibr in Jena gemacht habe. ES geschieht in einer so ungeheuerlichen Weise, daß es eine Notwendigkeit ist, darauf zu antworten. Der Verfasser deS Artikels ist der Chefredakteur Dr. August Müller. Nach kurzen zustimmenden Worten zu einigen konsumgenossen- schaftsfreundlichen Aeußerungen Südekums und Bebels auf dem Parteitag, druckt Herr Müller zunächst die Groß-Berliner Resolution ab, um darauf nicht nur sie, sondern auch die Berliner Partei- genossen, die sie beschlossen, aufs hochfahrendstc zu kritisieren. Er erklärt die Resolution als einen Eingriff in die Kompetenz, die allein den Konsumvereinen zustehe. Er übersieht also kurzerhand, daß die Resolution, in Anknüpfung an die bisherige Taktik deS Generalsekretärs Kaufmann, sich letzten Endes an die Partei und die Parteigenossen wendet und diese aufruft, durch„Eintritt in die Konsumvereine" und„rege Anteilnahme an der Bewegung der- selben" sie mit sozialistischem Geiste zu erfüllen. Aber es scheint, daß selbst das Herr Müller nicht dulden will. Offenbar hat man nach ihm nur eine doppelte Haltung in Konsumvereinsangelcgcn- heiten anzunehmen: entweder allem, was von Hamburg auS geschieht, zuzustimmen, oder dazu devot zu schweigen. Wie weit bereits in dieser Beziehung der Machtdünkel Müllers und seiner Freunde geht, ersieht man am deutlichsten aus der hochmütigen Abkanze- l u n g, die er im Anschluß hieran den Berlincr Partei- genossen zuteil werden läßt. Er schreibt über sie wörtlich: „Die Berliner Resolution... verrät nicht nur ein hohes Maß von T a k t l o s i g ke i t. sondern auch von a n m a ß l i ck e r Selb st überHebung und Unfähigkeit zu richtiger Ein- s-hätzung eigener und fremder Kräfte bei den für sie Verantwort- lichen. Einen Anlaß zur Erregung braucht sie nicht zu bilden: so weit find wir glücklicheriveise denn doch noch nicht, daß Versammlung in Berliw von deren eine ersammlung in Berlin, von deren Teilnehmern nichts darüber bekannt ist, ob sie überhaupt in nennenswertem Maße konsumgenossenschaftlich organisiert sind, der deutschen Konsum- vcreinsbewegung die Marschroute vorschreiben könnte. Und wenn, was uns allerdings ausgeschlossen erscheint, der sozialdemokratische Parteitag ihre Resolution angenommmen hätte, so wäre dadurch an dem jetzigen Zustand der Dinge nicht das gering st e geändert worden, das mögen sich die Resolutionsfabrikanten gesagt sein lassen." Weiter kann man die Geringschätzung von Parteigenossen in der Tat nicht gut treiben! Dabei ist es nicht Herr Dr. Müller, sondern es sind eben Berliner Arbeiter, die in der Generalversammlung von Groß-Berlin politisch repräsentiert sind, gewesen, die in einer jahrzehntelangen, mühseligen und opferreichen Arbeit den steinigen Boden Groß-Berlins solange bearbeitet haben, bis jetzt endlich eine gesunde und dauerhafte Konsumgenossenschaftsbewegung auch hier möglich geworden ist. In den Augen Müllers aber sind sie nichts weiter wie— Resolutionsfabrikanten, die man hochmütig abkanzelt und geringschätzig ignoriert. Ich denke, das alles wird sich die Berliner Arbeiterschaft gründlich mekken. Darauf wendet sich Herr Müller gegen mich, und wird hier in einer Weise persönlich, die nicht mich, aber ihn auf das beut- lichstecharakterisiert. Sein Haß gegen mich reiht ihn soweit hin, macht ihn so blind, daß er schließlich Wahrheit und Un Wahrheit nicht mehr auseinander hält und sich in maßlosen Schimpfereien gegen mich ergeht. Was z. B. die Groß-Berliner Resolution betrifft, so denunziert er mich schlankweg als d e r e n U r h e b e r, mindestens„Inspirator", und stellt die Dinge so dar, als ob ich die ganze Sache„arrangiert" hätte. Er folgert das alles allein aus der Tatsache, daß die Reso- lution zuerst im Zentralwahlverein von Teltow-Beeskow,„der Organisation für den Wohnsitz des Herrn Göhre"(!), entstanden sei, und daß ich es war, der in Jena ihren Inhalt kurz, vielleicht nur etwas zu lebhaft charakterisierte und sie darauf zurückzog(von einer Begründung der Resolution durch mich kann übrigens keine Rede sein; da hatte ich mit Material dienen müssen). Demgegenüber stelle ich fest, daß ich weder direkt noch indirekt an der Entstehung, Ab- fassung und Einbringung dieser Resolution beteiligt gewesen bin. Ihr Verfasser ist ein Adlershofer Genosse, den ich erst in Jena als solchen kennen lernte; auch bin ich weder in der Generalversammlung von Teltow-Beeskow, noch von Groß-Berlin anwesend gewesen. Mein ganzer Anteil an der Reso- lution besteht darin, daß ich einige Augenblicke, bevor sie in Jena zur Verhandlung aufgerufen wurde, von Groß-Berliner Genossen gebeten wurde, sie in ihrem Namen zurückzuziehen, was ich auch tat! AuS alledem geht hervor, wie leichtfertig es Herr Müller mit der Wahrheit nimmt. Wenn er in diesem Zusammenhange schreibt:„Herr Göhre liebt die Schüsse aus dem Hinterhalt," so weiß jetzt jedermann, auf wessen Seite die Hinterhältigkeit ist. Aber an alledem hat Müller lange nicht genug. In einem nächsten Abschnitt seines Artikels setzt er seine Rvpplow d c n Glück-? r Hochzeit I E itattkollegon. k Dem Genossen Friedrich Schmidt nebst Fraa, Rixdori, Weichselstr. 68, die herzlichsten Glück- wünsche zur Silberbockzeit! vi» llenoieon un« Genosslnntn «et 4c- Bezirks. 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Reznicet._ ließ es sich nicht nehmen, trotz der Kürze seines Berliner Aufenthalts als Gast Unter den Linden zu weilen. Er interessierte sich äußerst lebhaft für die technisch o. künstlerisch vollkommene Vorführung und Mil .So wunderschöne Bilder wie hier haben wir„drüben'- denn doch noch mchi!" Taglich das effektvolle Elite-Programni. Dienstag, den 26. September, abends 7'/, Uhr: Große Vorstellung. Auftreten sämtlicher Spezialitäten. O1/« Uhr: Aufführung der großen Feerle 1000 Jahre auf dem Meeresgrund nach Motiven aus 1001 Nacht. in 5 Bildern. Inszeniert vom Kommissionsrat Direktor Alb. Schumann. Luna-Park. SeDsatioDElIe ittraktionED! Johnstowns Untergang u. v. a. Eintrittspreis bis 6 Uhr 30 Pf., nach 6 Uhr 50 Pf. Kinder bis 10 Jahren haben in Begleitung Erwachsener freien Eintritt. MS» Noch nie dagewesener Lacherfolg! Das Kind der Firma mit Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Vorher: 8chmöi7losö Behandlung Ansang 8 Uhr. Vorverk. 11—2 Uhr(Theaterfasse). 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Für den Jniiail der Jnierate übernimm» die Redaktion dem ivublitnm gegenüber triucric» MM Todes-Anzeigen 23. September starb unser treuer Freund und Mitarbeiter im Verbandsvorstand, der Verbaudsgeschäfts- iühxor Kollege Theodor Karl. Der Vexbandsvorstand verliert in ihm einen tüchtigen Mitarbeiter und braven Freund und Kollegen und wird ihm ein ehrendes Andenken dauernd bewahren. 146/6 Zentraiverband der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands. Der Verbandsvorstand. Am Sonnabend, den 23. Scp. tcmber, fiüh 6'/3 Uhr. entschlief sanft nach schweren Leiden unsere inniggcliebie Tochter und Schwester Emma Peters im Alter von 22 Jahren. Dies zeigen tiesbetrübt an Malte Beters nebst Frau und Schwester. Berlin, d. 25. September 1911. Alexandrinenftr. 52. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 27. September, um 2 Uhr nachmittags, von der Leichen- Halle des Zentral- Friedhofes in �riedrichssclde aus statt. 8166 Sozialdemokratischer Wahlvereio für den 3. Berliner Reichstags-Wahlkreis. Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß unsere Genossin, die Buchhalterin Lmma Peters Alexandrinenftr. 52 gestorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 27. September, nachmittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-FriedhoseS in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. ZlüisitleiRliiti'Mii.Wäiiisei'ejii! te HiederbarDiDi Bezirk Itammolslmrg. Am Sonnabend, den 23. Sep- tember, verstarb unsere Genossin Msrtks Brandt geb. Fach Alt-Boxhagen la(9. Bezirk). Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, nachmittags 4'/« Uhr, vom Trauerhause Alt-Boxhagen la aus nach dem Rummelsburger Gemcindesricdhose statt. Rege Beteiligung erwartet 8/12 Die Bezirksleitung. Verband der Gemeinde- u. Staatsarbeiter. Filiale Groll-Berlin. Durch den Tod ist uns einer unserer Mitlämpser, der Kollege JoseL Bota von den Englischen Gasanstalten (Marlendors) entrissen worden. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Beerdigung findet am Mittwoch nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des Rixdorfcr Gemeinde- FricdhoseS, Marien- dorser Weg, aus statt. 31/4 Die Ortsverwaltung. Verband der Brauerei und Biililenarbcltcr und verwandter Berufsgonossen. Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, Reservesahrcr Johann Schüle (Schultheis I) an den Folgen eines Unfalles verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 26. September er., nachmittags3Uhr, von der Leichen- Halle des 3. Gcmcinde-Fricdhoscs, Pankow, Schönholzer Heide, aus statt. 44/11 Rege Beteiligung erwartet Ber Vorstand. Am Freitag, den 22. Septbr., abends Ii Uhr. oerstarb nach kurzem, aber schwerem Leiden mein innig geliebter Mann, der Restaurateur August Fröhlich im 58. Lebensjahre. Ww. Fnima FrUhllch. Die Beerdigung findet Dienstag, den 26. d. Mts., nachm. 3 Uhr, vom Traucrhanse. Kolonicstr. 35, aus nach dem Sophicii-Nirchhose, Frcicnwaldcr Strage, statt. Oeuischel Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser Mitglied, der Werkzeug- macher Kar! Lehmann am 22. September an Nierenleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 27. September, nachmittags 41,', Uhr, auf dem Gethsemane- Kirchhof in Nord- end statt. Rege Beteiligung wird erwartet. �raobnik. Ferner den Kollegen zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Elektromonteur Wixancl Bellmuth gestorben ist. Ehre ihrem Andenke»! 123/11 Oie Ortsverwaltung VeM der Brauerei- wil IBMeiter Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß am 23. September der Brauer-Kollege Fritz Altschuh (Deutsche Bierbrauerei) nach langen, schweren Leiden gc- starben ist. Die Beerdigung findet am I Dienstag, den 26. September, I nachmittags 4'/« Uhr, von dcr l Leichenhalle des Friedhofes in> den Kisseln, Spandau, aus stall.] Rege Beteiligung erwartet 44/10 Der Borstand. Am Sonnabend, den 23. Sep- tcmber, entschlief nach langem Leiden uiiser langjähriger Mit- arbeiter, der Buchbinder pidiard Werner im 57. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Oas Personal der Buchdruckerei H. S. Hermann. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 27. d. Mts.. nach- mittsags 3'/, Uhr, von der Kapelle des Gcmeindesrirdhoscs in Rum- mclsburg aus statt. 821b Dauksagmig. Allen Freunden, Genossen und Kollegen sagen wir unseren herzlichen Dank für die zahlreiche Leeiliguna und die herrlichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Baters. 800b Frau I-ulsc Menzel. Ernst A. Menzel als Sohn. Dauksagnttg. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Karl Otto sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Vekaiinlen sowie dem Per- sonal und säintlichcii Arbeitskollegen der Firma Ed. H o r st unseren herz- lichcn Dank. Witwe Berta Qttogeb.Flseber nebst Kindern. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Maiines, unseres guten LaterS, Schwieger- vaters, Großvaters, Bruders, Schwa- gerS und Ontcls, des Maurers kriedr. Baumgart sagen mit allen Verwandte», Freunden und Bekannten, insbesondere dem Rauchklub„Kornblume- unseren herzlichsten Dank. 576ÜL Wwe. Friederike Baumgart geb. liobln n e b st Kindern. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Priuzeuslr. 41, Äp,«,. 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Sfeinarbeifer. Mittwoch, deu 27, Septbr., abends 8'/z llhr, i» de« Arminhallen, Kommandantenstr. 58/59: Mitglieder-Bersammlung der Sektion I(Sandfteinarbeiter). Tages-Ordnung: 1. Neuwahl deS stellvertretenden ScktionsleiterS. 2. Antrag der Czarnikowschen Kollegen betreffend Einsührung eines Alkordtarises iür Kunststeinarveiten nach Leipziger Muster. 3. Verschiedenes. 172/9» j B&T- Zu dieser Versammlung sind sämtliche zurzeit in Kunststein bc- chöstigten Kollegen(Steinmchen und Schleifer) ganz besonders eingeladen. Um pünktliches Erscheinen ersucht Die Ortsverwaltung Verwaltnnj? Berlin. Freitag, de» Li». Sept..' abends 8-/, llhr. bei Boeker, Weberstr. 17: Komkimor>iv Sitzung («vertvaltungs-, Bezirks- und Branchenkommisstonen) Bodenleger. September, abends 8 Uhr, Haus, Saal 3: Oertrauensmänner-UerfamrolUDg. Mittwoch, den 27. September, abeudS 8 Uhr, im Gewerkschafts- haus, Saal 3: Einsetzer. Mittwoch, den 87. September, abends 8 Uhr, im Gewerkschafts- Haus, Engelufer 14/1», Eingang B, parterre(Arbeitslosensaal): Branchen»Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen Thomalske über:»Bau- gewerbliche Fragen". 2. Branchenangelegenheiten. Schirmmncher. Mittwoch, den 27. September, abends 6'/, Uhr(gleich nach Feierabend), bei Lehmann, An der Stralauer Brücke 3: Sranctzen»Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht von der Generalversammlung. 2. Unsere Agitation. 3. Branchenangelegenheiten. Stock- und Zelluloidarbeiter. Mittwoch, den 27. September, abends K Uhr. in de» Ritter- säleu(Juh. Bercht), Ritterstr. 7»: Branchen-Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag über:„Die Verwirklichung sozialer Probleme'. Referent: Kollege Nieschke. 2. VcrbandSangelegenheiten. Kammacher. Mittwoch, de« 27. September, abends 8 Uhr, bei MerkowSki, Audreasstrafte 26: Branchen- Versammlung aller in der �lelluloid-Haarschmuckbranche beschäftigten Arbeiter ünv Arbeiterinnen. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen Stusche. 2. DiSIusfion. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Achtung! Bibliothek! Die Bibliothek des Berbandes ist wieder eröffnet. Die Kollegen werden ersucht, die Bibliothek sletstig zu benutze«. Aus- gäbe der Bücher vo« 4—7 Uhr abends._ 89/7 tscher Zahlstelle Charlottenburg. Mittwoch, den 27. September, abends 8'/. Uhr, im VoUisbaa», Rosinen ftr. 3(kleiner Saal): llUtglieäer-verlammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die ftattgefundenen Berhandlnngen mit dem Hanptvorstaiid und der Verwaltung Berlin über die Berschmel- zungsfrage. 2. Verbandsangelegenheiten. 3. Gewerkschaslliches und Verschiedenes. 89/6 Wegen b. Wichtigkeit d. Tagesordnung ist es Pflicht jedcS Kollegen zu erscheinen. O« Ortsverwaltnng. A�MiSchneiderzwanosinnunoÄ fin?-n"dil Vertreterwahlen zur Schneider- zivangsittnnng für die Standesaititsbezirke 1 u. 9 nachm. 5 llhr und für den Sfandcsamtsbczirk 2 abends 7 llhr in Stevens Hotel, Niederwallstr. 11, statt. Kkill Gegner der Juinngslnullvg versiinme, sich an dieser Wahl zu beteiligen und gebe jeder die Liste der MF' Jnnnttgsgegner ab. Wegen der Legitimation vciweijcn wir aus die von der Jnmmg zu. gesandte Mitteilung wegen der Wahl. 164/4» Huf zur Mabl! Verband der Schneider, Schneiderinnen u. Wäschcarbeiter Deutschlands, _ Filiale Berlin I. Sebastianstr. 37. Tel.: Ami IV 9737._ Verband der Sattler und Portefeuiller. Ortsverwaltnng Berlin. Militär-Sattler. MÜH Mittwoch, de» 27. September, abends 6 Uhr, im»Englischen Garten-, Alexanderstrafte 27: ZukerorclentUche ßranchcii»Versammlung. Tagesordnung: 1. Endgültige Stellungnahme zur Darifkündignng. 2. Zier fchiedenes. 157/18 Pflicht eines jeden aus Militärarbeit beschästlgtcn Kollegen ist es, in dieser Versammlung zu erscheinen. Die Brancheuleitung. Arboitsnschwels: Bcrwaltiingsstelle Berlin Hauptbureau: Hos I. Am! 3, 1239._ Chmitestr. 3. Hof III. Amt 3, 1987. Mittwoch, den 27. September, abends 8>/z Uhr: Mitglieder-Versammlnng der Gold- und Silberarbeiter und ver- wandten Bernfsgenofsen im Dresdener Garten, Dresdener Strafe 48. TageZ-Ordnung:. 123/10 1. Vortrag des Kollegen P a w I o w i t s ch über:„Klassenjustiz und Meineid". 2. VcrbandSmrgclegcnhciten und Verschiedenes. Zahlreiches und pünltliches Erscheinen lvird erwartet. Mittwoch, den 87. September, abends t» Uhr: Voi'ssmmliiiig der chirurgischen Branche im Roscnthaler Hof, Roscnthaler Strafte Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskusfion. 3. Branchenangelegenheiten und Verschiedenes. Reger Besuch wird erwartet. Mittwoch, den 87. September, abends 8Vz Uhr» Versammlung der Graveure und Ziseleure in den Korona-Prachtsälen, Kommandantenstrafte 78. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zahlreiche Beteiligung erwartet IMe Ortavcrwaltnng. Orts-Krankenkasse der Kürschner und verwandten Gewerbe zu Berlin. Donnerstag, den 28. Septbr. 1911: Ordentliche General-Versammlung der Delegierten n den Musiker-Sälen. Kaiser-Wilhelm- Straße 18m. In getrennter Versammlung abend? Punkt 8 Uhr: Bersammlung der Arbeitgeber. Tages-Ordnung: Wahl eines Vorstandsmitgliedes. 11m 8'/, Uhr: Versammlung der Arbeitnehmer. Tages-Ordnung: Wahl von 2 Vorstandsmitgliedern. Um 9'/, Uhr: Gemeinschaftliche VcrsaoimliingmitsolgcndenPunltcn 1. Verlesung des Protokolls. 2. Wahl von 3 Revisoren zur Prü- sung des Jahresabschlusses. 3. Kongreßberichi. 4. Sonilige Kaffenangelegenheltln. Um pünktliches Erscheinen wird dringend gebeten. Die zugesandte Einladung lcglti- miert, ohne dieselbe kein Einlaß, 278,19 Ter Borstand. 0. ssritre, Vorsitzender. Dr. Alfred Simonsohn verzogen nach Invalidcnntr. 428. Smil Lesevre Berlin, Oranienstr. 158 AbgepaBtc Fcnnter, welfi und crEmo p.Fenster265,35O,425-80M. ISO Iniit. Point-Iace-Gardincn, p. Fenster M, Elegante Sezessions-TQII- Stores...... M. Gestickte echte Spachtel- Stores...... M. Goldfarbige reichgestickte Band-Stores.... M. TDIIbettdecken, 050 Größe 180/220 om"» Reichgest. ErbstQII-Bett- decken...... H. Elegante TBII-BettrDck- wände...... M Brise-Bise(Scbeibenschleier) 0,30 M.,(Werl 0,50 M.) Nach answärts p. Nachnahme. 200 775 B85 |00 675 67S Spezial-Katalog 650 Ähbildunp gratis u. franko. Aciitung! 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Auf dem im Hafen von T o u l o n vor Anker liegenden Panzer„ L i b e r t ö" brach in der Nacht zum Montag Feuer aus, das trotz aller Anstrengungen den Munitionsraum erreichte. Durch fünf kurz hinter- einander folgende Explosionen zersprang gegen fünf Uhr morgens das Schiff in zwei Teile, legte sich auf die Seite und sank in wenigen Minuten. Der größte Teil der Besatzung fand mit dem sinkenden Schiffe seinen Tod. Eine genaue Feststellung der Zahl der ums Leben Gekommenen liegt bis zur Stunde noch nicht vor, doch wird nach den bisherigen Berechnungen die Zahl der Toten einmal auf 409 bis 450 angegeben, während andere Schätzungen die Todesopfer auf 250 bis 300 berechnen. Ucber die Katastrophe, Wohl die schwerste, die in neuerer Zeit die französische Marine getroffen hat, liegen noch folgende Einzelheiten vor: Tvulon, 25. September. Gegen 1 Uhr nachts brach auf dem Vorderschiff der 145 Meter langen und 25,7 Meter breiten„Liberte* Feuer aus. Wahrscheinlich haben betrunkene Malrosen, die»m 12 Uhr vom Landurlaub an Bord zurückgekehrt waren, bei leicht- sinnigem Hantieren mit Kerzen den Brand verursacht. Die an Bord befindlichen Mannschaften— nur ein Teil der 865 Mann betragenden Besatzung— versuchte vergebens, des FeuerS Herr zu werden. Durch den Feuerschein auf den Brand aufmerksam gemacht, eilten von den neben der.Liberte" im Hafen von Toulon liegenden Kriegsschiffen, vor allem von der„Nepubljgue", Boote herbei, um bei den Löscharbeiten zu helfen. Doch das Feuer sprang auf das Hinterschiff über, wo die Pulver- und MunitioiiSvorrätc des Panzers lagen. Plötzlich ertönte ein furchtbarer Knall, der in den entferntesten Stadtteilen von T o n l o n tv a h r g e n o n, m e n wurde. Eine gewaltige Feuersäule stieg aus dem Hinterschiff der.Liberte' empor. Wenige Minuten darauf versank das brenn ende Schiff in den Fluten- Die Pulverkammer war explodiert und daS Schiff verloren. Toulo», 25. September. Eine unbeschreibliche Erregung crMff die Bevölkerung, die nach der ersten Explosion in Massen nach den Kais strömte. Man sah nur noch einen Teil dr-Z nnföriiiigrii eiserne» SchiffSrmupfrS aus dem Wasser hervorragen, inmitten von Trümmern, an denen sich die Verwundeten festklnnnnertcn. Die.Libcrts" hatte 700 Mann Besatzung, von denen 140 an Land be- u r l a n b t iv a r c n. Als nach der ersten Explosion ungefähr hundert Man n in das Wasser sprangen und die anderen sich aus dem Schlafe aufrafften und das Gleiche tun Ivollten, befähle» die Brrgesctztru ihiic», ihren Dienst zu verrichten. Sie blieben an Bord und gingen mir dem Schiff nntcr. Tonlen, 25. September. Sogleich nach der Explosion kamen zahlreiche Boote und NcttnngSdampfcr der„Libcrtv" zu Hilfe und verloren ebenfalls mehrere Mannschaften. Die Leute der„Libcrtu" warben in die Luft geschleudert und fielen dann ins Wasser. ES bestätigt sich, daß Hunderte von Opfern zu beklagen sind. Toulo», 25. September. Der Verkehr im Hafen von Toulon ruht vollkommeir. Infolge der Explosion und durch herumfliegende brennende Schisfsteilc haben inehrcre Schiffe Besch ädi- g u n g c n erlitten. Ans den Kaimanerir sammelte sich bald nach der Katastrophe eine viel tauscudköpfige MtUge an. Verwandte und Angehörige von Matrosen der„Libcrts* versuchten genaue Angaben über das Schicksal der Ihrigen zu erfahren, konnten aber bisher keinerlei bindenden Bescheid erhalten. Mehrere Personen, die vom Kai aus in daS Hafenbecken sprangen, um die Matrosen der„Sibcrto" zu retten, ertranken. Bis zur frühen ivtorgenstuude durchfuhren Boote die Unfallstelle de? Hafens, um die Uebcrlcbcuden der Kala- strophe sowie die oft schrecklich verstümmelten Opfer aus dem Wasser zu ziehen. Toulon, 25. September. Der Panzer„Liberts" ist nichts mehr als ein Haufen zerbrochenen alten Eisens, den kleine Dampfer, Barken und Kähne angstvoll suchend um« schwärmen. Die Reede ist mit Trümmern bedeckt. Pumpen ersticken den Brand, der noch unter der Asche glimmt. Die„Liberte" ist vollständig in zwei formlose Teile zerrisfen. Der hintere Turm ist zum Teil voin Wasser bedeckt. Etwa 26 Mann der „Liberte", die wenige Minuten vor der Explosion inS Wasser gc- sprungen und von Barken aufgenoinmen worden waren, sind an Bord des Wracks z ufr ü ck g e k e h r t. Der Marinepräfckt von Toulon berichtet, heute vormittag 1V Uhr hätten sich beim Namensaufruf bereits 274 Mann ge- meldet, von denen etwa 40 verwundet gewesen seien. Tie Ursache der Katastrophe. Als Ursache der Katastrophe der„Liberts* wird Kurzschluß angegeben, der in der Hinteren Kammer eingetreten sei. Die erste Explosion erfolgte um 5'/, Uhr, die zweite eine Viertel- stunde später und die dritte, die daS Schiff vernichtete, um 5 Uhr 55 Minuten. Diese hüllte den Panzer so stark in Rauch ein, dah vom Ufer aus nichts mehr von ihm zu sehen war. Als sich nach langer Zeit der Rauch etwas verzogen hatte, war der Panzer be- reits gesunken. Der Kommandant des Schiffes Admiral I a n r ö s war nicht anwesend. Er war seit zehn Tagen beurlaubt. Bisher war es noch nicht möglich, die Zahl der Getöteten genau festzustellen, doch wird dieselbe auf mehrere Hundert angegeben. Von den benachbarten Schiffen waren der„Libertä" Boote zur Hilfe gesandt worden, die zur Zeit der Explosion an der Backbordseite des Panzers lagen. Auch diese Boote sind mit v e r- pichtet worden und die Mannschaft zum größten Teil ertrunken. �iigendbewegiiiig. Ein Bezirksausschuß für Jugendpflege für die Amtshaupt- Mannschaft Chemnitz. Die Errichtung dieses Ausschuffcs war schon in einer früheren e-ibuna des politischen BezirksauSschuffes der Amtshauptmann- e�ait Cbemnitz Gegenstand der Beratung. Damals sprach sich der If riclun- im Prinzip für die Errichtung des AusschuffcS für Jugendpflege aus. In der letzten Sitzung legte der Am.shaupt- mann eine Vorlage zur Beschlußfaffung vor, d.e er folgender. maßen begründete: Zur Pflege der männlichen Jugend haben sich s allenthalben Ortsausschüsse gebildet; in Betracht kommt die Zeit, die zwischen der Schulentlassung und dem Eintritt ins Militär liegt. Ein Landcsausschuß mit dem Sitz in Dresden besteht eben- falls bereits. Nun sollen die Bezirksausschüsse das Bindeglied bilden zwischen dem Landesausschuß und den Ortsausschüssen. Der politische Bezirksausschuß soll die Wahl für den Bezirksausschuß für Jugendpflege vornehinen. Die Amtshauptmannschaft denkt sich die Zusammensetzung wie folgt: Der Ausschuß besteht aus 25 Mitgliedern. Durch Zuwahl kann er sich um 12 Mitglieder erweitern. 4 ständige Mitglieder und zwar: der Amtshauptmann, der Ephorus, der Bezirksschulinspektor und ein juristischer Mit- arbeitcr der Amtshauptmannschaft bilden die Spitze. 21 Mit- glieder werden aus drei Jahre gewählt. Bei der Wahl bczw. Zu- sammensetzung sollen alle Interessenten und alle größeren Ort- schafteli berücksichtigt werden. Die Mitglieder sollen Bezirksinsassen sein; durch ZuWahl können auch außerhalb des Bezirks wohnende Personen, deren Mitarbeit erwünscht erscheint, gewählt werden. Nach den Satzungen sollen Vorträge und verschiedene Veranstal- tungcn von dem Ausschuß für Jugendpflege geboten werden, er soll mit allen Ortsausschüssen Verbindung unterhalten und darauf sehen, daß diese immer tätig sind; ferner soll er ihnen Agitatoren und Referenten, Bücher und Geldmittel übermitteln. Beiträge sollen die jungen Leute nicht zahlen. Durch freiwillige Gaben und durch Staatsmittel sollen die Kosten der Jugendpflege auf- gebracht werden. Der Ausschuß stimmte den Ausführungen des Amtshauptmanns einmütig und ohne Aussprache zu und nahm die Wahl nach den gemackten Vorschlägen sofort vor. Es wurden gewählt: Vertreter der Geistlichkeit, der Schule, der Landgemein- den, der Ortsausschüsse, der Militärvcreinc, Turnvereine u. a.— Ter Ausschutz ist nun gewählt und wird in nächster Zeit seine Tätigkeit aufnehmen. Nach welcher Richtung er arbeiten soll und wird ist offensichtlich. Man will die jugendlichen Arbeiter nicht der Aufklärung der organisierten Arbeiterschaft überlassen, die man von jener Seite so sehr fürchtet. Die proletarischen Eltern werden aber selbst an: besten wissen, wo ihre heranwachsenden Kinder hingehören, damit auch sie, wenn sie selbständig geworden sind, in die Kampfreihen des klassenbewußten Proletariats ein- treten und dort ihre Pflicht erfüllen. Wie in der Chemnitzer Amtshauptmannschoft Iverden wohl auch in anderen Bezirken der- artige Ausschüsse ins Leben gerufen werden. Das werktätige Volk bedarf ihrer nicht! Eine Konferenz der Jugendausschüsse des Agitationsbezirks Halle a. S. fand am Sonnabend und Sonntag in Halle statt. An der außer- ordentlich gut beschickten Tagung nahmen Vertreter von 29 Jugend- ausschüssen teil. Da auf einer im Mai dieses Jahres abgehaltenen außerordentlichen Konferenz ans manchen Orten sehr über die mangelnde Unterstützung der Jugcndbeivcgung durch die Partei- und Gewerlschaftsgenossen geklagt wurde, waren zu der jetzigen Konferenz auch Vertreter der Kartelle und Parteiorganisationen des Bezirks eingeladen, die auch erschienen waren und sich an der Diskussion beteiligten. Trotz der ungeheuren behördlichen Be- drückung gerade im Bezirk Halle konnte die Bezirksleitung über das erste Jahr ihrer Tätigkeit einen sehr erfreulichen Bericht geben; es bestehen jetzt 29 JugcndauSschüsse. Die Zahl der Abon- ncntcn der„Arbeiter-Jugend" ist von 996 auf 2655 gestiegen. An den Geschäftsbericht schloß sich eine sehr lebhafte Debatte. Für den Kampf der Jugend gegen die behördlichen Maß- nahmen wurden entsprechende Gegenmaßnahmen ins Auge gefaßt. — Beschlossen wurde u. a. trotz der polizeilichen Bedrückung, die der Jugendtag zu Pfingsten in Halle erlebte, im nächsten Jahre wieder einen Jugendtag abzuhalten. HLuq der frauenben>egrmg. Damen, nicht Frauen. Die neue badische Städteordnung enthält die Bestimmung, daß in den K o in in i s s i o n e n für das Schul- und Armen- Wesen auch Frauen vcriretcn sein müsse». ES ist dicS eine der Bestiiiimungen, dcrc>itwegen miscre Genosse» im badischen Landtage ihre Aedenlen gegen das auf dem Dreiklassenwahlrccht beruhende Gesetz zurückstellte». Genosse Dr. Frank sagte ans dein Magdeburger Parteitag, daß nunmehr in Baden selbst die Genossin Rosa Luxem- bürg sich eine Stadt heraussuchen könne, um in einer Kounnission für da-Z VolkSschulwese» tätig zu feilt. Aber Theorie und Praxis wioer- sprechen sich oft. So auch hier. Die Mannheimer„Volks- st i m in e" bon 22. September enthält in einem Bericht über die Tätigkeit der Sozialdemokratie auf dem Rathause auch einen Protest gegen die Handhabung jener gesetzlichen Bestimmimg. Es heißt da: „Der Stadtrat muß solche Vertreter und nach der neuen Städleordiinng unter ihnen auch Frauen bestimmen. Allein was tat der Stadlrat? Er wählte unter anderem in die Koinmission für die Volksschule eine Frau Professor und eine Frau K o m m e r z i e n r a t! Eine Frau aus dem Arbeiterstande zu wählen, hielt er nicht für opportun. Jedenfalls ist er der Meinung, daß eine Frau Kommerzienrat besser als eine Arbciterfra» in der Lage sei, zu beurteilen, wie cö um die Kinder der armen Leute bestellt ist. Dieser Zustand ist ungesund, wie auch der Znstand nnhalibar ist, die Erziehung der noch nicht schul- Pflichtigen Kinder, soweit sie nicht durch die Eltern erfolgen kann, den Religionsgemeinschasten zu überlassen.' In gleicher Weise beschweren sich die R a st a l t e r Genossen ini Karlsruher„Volks freund' über die Besetzung ihrer Ortsschul- koinmission. Unser Bruderorgan schreibt: „In der BürgeraiiSschußsitzung regte unser Vertreter, Genosse Stier, an, daß bei de» durch Gesetz vorgeschriebenen zwei Frauen auch eine Frau aus dem Volke sein möge. G e- l ä ch t e r eines Teils der Herren BürgcranSschußmitglieder war alles, was diese Herren daraus erwidern konnten. Der Herr Bürger m e i st e r erklärte, daß man nicht jedem Stande eine Vertretung bewilligen könne.— Gewiß, aber für die Volksschule gehört eine Frau aus dem Volke, eine Mutter, die selbst ihre Kinder in die Schule schickt; sie wird ein warmes Herz für die Kinder des Volkes mitbringe». Die Damen der hiesigen Frauen- vereine, die nach der Erklärung des Bürgermeisters bcigczogcn lvcrden solle»,... schicken ihre Kinder in die höheren Schulen... können nicht über das Wohl und Wehe der Arbeiter- linder entscheiden.' Wir registrieren diese Kritiken anS der Praxis deS neuen badischen GemcindegesetzeS. ES werden noch manche anderen Eni- täuschiingen nochfolgen, welche bestätigen, daß die im„Vorwärts' erfolgte Beurteilung deS Dreiklassenwahlgesetzes durch die Tatsachen gerechtfertigt wird. Ohne daS allgemeine direkte und geheime Wahl- recht in der Konnnune bleibt die Arbeiterschaft auch in der Selbst- Verwaltung der Gemeinde eine unterdrückte Klasse. Leseobende. Borsigwalde. Dienstag, abends O'/z Uhr. in den Borsigwalder Fest- sälen. Bortrag Frau Demming. Gericbts-Teitung« Polizrikainpf gegen eine Zcitnngsfran. Die Zcitungshändlcrin Klara Fuchs ist unseren Lesern keine Unbekannte. Schon mehrmals haben wir Einzelfälle mitgeteilt aus dem Kampfe, den die Polizei gegen diese Frau seit längerer Zeit führt. Frau Fuchs verkauft auf der Straße Zeitungen. Sie betreibt dieses Gewerbe an der Ecke der Invaliden- und Chaussee- straße in der Weise, daß sie von einer Ecke zur anderen geht, unl an den Haltestellen der Straßenbahn den Fahrgästen Zeitungen anzubieten. Zwichendurch sucht Frau Fuchs auch an Straßen- Passanten ihre Zeitungen abzusetzen. Sie tut also nichts andercS als was Hunderte von Zeitungshändlern in den belebtesten Ver- kehrsstraßen unbehelligt tun. Doch was überall unbeanstandet geschehen darf, das will die Polizei der Frau Fuchs nicht gestatten. Die Polizei behauptet nämlich, Frau Fuchs nehme an der bezeich- neten Straßenecke eine feste Handelsstclle ein. Weil die Frau dazu keine Genehmigung hat, so wird sie seit längerer Zeit mit einer Flut von Anzeigen und polizeilichen Strafbefehlen überschüttet. Vom 13. September 1916 bis 16. Juni 1911 hat Frau Fuchs 81 Strafbcfehlc erhalten, die sie in allen Fällen zur gerichtlichen Entscheidung brachte. In den ersten Fällen ist Frau Fuchs rechts- kräftig verurteilt worden. In späteren Fällen wurde sie vom Schöffengericht teils freigesprochen, teils verurteilt. In der Be- rufungsinstanz sind dann aber regelmäßig freisprechende Urteile erfolgt. Das geschah zum letztenmal am 4. September. Da- bezog sich das Gericht auf ein Kammergcrichtsurteil, welches besagt, daß derjenige eine feste Handelsstclle einnimmt, welcher an einer be- stimmten Stelle steht und dort Käufer erwartet.— Da Frau Fuchs sich unausgesetzt von einer Ecke zur anderen bewegte, und die Käufer nicht erwartete, sondern sie an den Haltestellen aufsuchte, so wurde sie in allen Fällen von der Anklage, eine feste Handels- stelle eingenommen zu haben, freigesprochen. Doch noch hatte die gehetzte Zeitungsfrau keine Ruhe. Wieder wurden gestern in der Berufungsinstanz 29 Fälle derselben Art gegen sie verhandelt. 14 Schutzleute waren als Zeugen gegen Frau Fuchs aufgeboten. Unnötigerweise hatte man die Beamten für mehrere Stunden dem Dienst entzogen. Das Gericht bedurfte dieser Zeugen nicht, da die Angeklagte den Tatbestand zugab und es sich nur uni die Entscheidung der Rechtsfrage handelte. Wie diese Entscheidung ausfallen würde, konnte nach den früheren Urteilen derselben Kammer nicht zweifelhaft sein. In Erkenntnis dieser Sachlage zog denn auch der Staatsanwalt die Berufung gegen die freisprechenden Urteile deS Schöffengerichts zurück und beantragte auch in den Fällen, wo die Angeklagte gegen verurteilende Erkennt- nisse des Schöffengerichts Berufung eingelegt hatte, Freisprechung. In diesem Sinne entschied auch das Gericht. Aus denselben Gründen wie in früheren Prozessen wurde Frau Fuchs von der Anklage, eine feste Handelsstelle eingenommen zu haben, frei. gesprochen. Verurteilt wurde sie dagegen zu 5 Mark wegen zweier Fälle von grobem Unfug. Einnial hat sie nach dem Zeugnis eines Schutzmannes diesen laut geschimpft, als er eine andere Händlerin fortwies, und ein andermal hat Frau Fuchs auf der Straße über einer Spiritusflamme Kaffee gewärmt. Der polizeiliche Feldzug gegen die Frau, die sich in unaus- gesetzter Bewegung befindet und doch eine feste Handelsstclle eingenommen haben soll, scheint endlich beendet zu sein. Wenigstens hat Frau Fuchs, abglich sie ihr Gewerbe nach wie vor in derselben Weise betreibt, seit einiger Zeit keine Strafbcfehle mehr be- kommen. Lange hat es freilich gedauert, bis Vernunft und Recht über polizeilichen Bureaukratismus und polizeiliche Reglemen- ticrungssucht siegen konnte._ Ist die Leibeigenschaft aufgehoben? Darüber sind bei denen. starke Zweifel entstanden, die der letzten Verhandlung des Schöffengerichts in Waren in Mecklenburg beiwohnten. Auf Grund der famosen Mecklenburgischen Gesinde- ordnung hatte das Dienstmädchen Anna H. eine Strafverfügung von 15 Mark erhalten, weil es, wie es in dem betreffenden Straf- niandat hieß,„in den letzten drei Monaten, zuletzt am 2. Juni d. I., der Dienstherrschaft den schuldigen Gehorsam verweigert hat. indem es sich trotz ausdrücklichen Verbotes und ohne Einholung der Gc- nehmigung seiner Dienstherrschaft abends von Hause entfernt hat und erst spät in der Nacht heimgekehrt ist"..Anstatt in sich zu gehen und froh zu sein, daß eine mecklenburgische Polizeibehörde ihre Verfehlungen mit der Erlegung von 15 Märkern für gesühnt er- achtete, hatte die verstockte Sünderin gerichtliche Entscheidung be- antragt. Damit kam sie aber bei den Warencr Richtern gerade an die Rechten! Das Gericht hielt die Geldstrafe aufrecht, dekretierte jedoch, daß im„Uiivermögcnsfalle" die frcihcitsdurstige Dienstmaid sieben Tage und sieben Nächte in einem Hause aufzubewahren sei, aus dem man sich nicht„ohne Einholung der Genehmigung cnt- fernen" kann: im Gcfäugilis. Es ist wirklich nicht verwunderlich, wenn Dienstbotenmaiigcl herrscht. Allen verständigen Eltern ist dringend abzuraten, ihre Einwilligung zu einem GcsindeverhältniS zu erteilen, falls.nicht ausdrücklich durch Vertrag Freiheit des Dienstmädchens und Aus- Hebung solcher Gcsindcverordiiungsvorschriften vorgesehen ist. „Brief cineS VatcrS unserer Zeit." Ein literarischer Prozeß, bei welchem die Anklageformel auf Verbreitung einer unzüchtigen Schrift handelt, beschäftigte gestern die 1. Stmfkainmer des Landgerichts I. Die Anklage richtet sich gegen den Schriftsteller Herbert Eulcnbcrg, sowie die Herausgeber der Halbmonatsschrift„Pan", Wilhelm Herzog und Paul Cassirer. Es handelt sich um den in Nr. 11 des„Pan" enthaltenen Artikel von Herbert Eulcnberg„Brief eines Vaters unserer Zeit". Wegen dieses Artikels ist die Nummer des„Pan" seinerzeit be- schlagnahint worden. In diesem Briefe gibt ein in Paris woh- nender Vater seinem Sohne vor dessen Eintritt ins akademische Leben einige väterliche Ratschläge und macht den Sohn, der in ein feudales.Korps eintreten will, auf seine Pflichten gegen die Frau— auch bei etwaigem außerehelichen Verkehr— aufmerksam. Der Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde gegen den Einspruch der Angeklagten beschlossen. Die Sachverständigen erklären durch- weg, der Artikel sei nicht unzüchtig, behandele vielmehr einen Teil der sexuellen Frage in durchaus anerkennenswerter, ernster, mo- ralischcr Weise. Der Staatsanwalt erachtete dennoch die Kriterien einer unzüchtigen Schrift für vorliegend und beantragte 56 M. Geldstrafe. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Grünspeck trat mit Wärme für Freisprechung ein. Das Gericht erkannte nach kurzer Beratung auf Freisvrcchung. Weder objektiv noch relativ liege eine unzüchtige Schrift vor. Der Artikel müsse als Ganzes betrachtet werden und es sei nicht zulässig, einzelne Worte und Zitate herauszureißen und daraus eine Unzüchtigkeit zu kon- struicren. Die Tendenz sei zweifellos nicht demoralisierend, son- der» moralisierend und auch die Form errege keinen Anstoß. Der „Pan" sei eine Zeitschrift, die nicht für die Allgemeinheit, für das Volk geschrieben werde, sich vielmehr an die Gebildeten wende und von diesen gelaust und gelesen werde, nicht um der Lüsternheit zu fröhncn, sondern um geistige Nahrung zu suchen. Auch der Eventualdolus liege nach Ansicht des Gerichts nicht vor und des- halb sei die Freisprechung geboten gewesen. Hua aller mdt. Eine Bluttat im Eisenbahuwagc». Ju einem Abteil zweiter Klasse des Personenzuges 227. der am Sonntag spät abends von Naumburg nach Erfurt abfuhr, wurden auf der Statwn Grotzheeringen zwei blut, überströmte Männer im bewüfitlosen Zustande, Zeder mit einer großen Schußwunde im Kopfe aufgefunden. Die beiden Vec- wundeten wurden im Naumburger Krankenhause, das sofort tele- graphisch verständig worden war, untergebracht, wo sie bis gestern abend das Bewußtsein nixh nicht wieder erlangt haben. Es handelt sich um einen Chauffeur aus Apolda und einen Kaufmann aus F r e i b u r g an der Unstrut. Sie waren beide auf der Station Apolda eingestiegen und hatten Fahrkarten nach Naumburg gelöst. Im Abteil wurde nur ein Revolver vorgefunden. Ob ein Ver- brechen oder zweifacher Selbstmord vorliegt, ist noch in keiner Weise festgestellt. Die Untersuchung ist eingeleitet. Das englische Marineluftschift zerstört. Am Sonntag ist das englische Militärluftschiff, das im Mai d. I. von der Admiralität mit einem Kostenaufwande von zwei Millionen Mark erworben wurde, durch Explosion einiger Gasbehälter vollständig zerstört worden. Das Lustschiff wurde aus der in der Morecamba Bay gelegenen Halle zu einem Flugversuche, herausgeholt. Kaum war das Schiff aus der Halle gezogen worden, als der hinterste von den 17 Gas- bchältern Plötzlich platzte. Kurze Zeit darauf barsten auch der siebente und achte Gasbehälter, sodaß das Schiff dadurch in der Mitte einen Knick erhielt, während der Hintere Teil des Luftschiffes durch die sehr schwere Gondel immer mehr und mehr sich zur Erde neigte und dadurch den Bruch vollständig herbeiführte. Da auch noch zwei andere Gasbehälter undicht geworden waren, so war an eine Rettung des Luftschiffes nicht mehr zu denken. Die Mannschaft mußte jetzt daran denken. sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Kurz entschlossen sprang sie aus den Gondeln in das Wasser und konnte noch mit knapper Mühe schwimmend das Ufer erreichen. Gleich darauf sauste der Ballon nieder und f i e l i n s W a s s e r. Er wurde später als eine u n- förmliche Masse herausgezogen. '.' Paris, 24. September. Dem„TeiiipS' wird aus Madrid ge- meldet: Der Militärballon„Fasturno* ist in Pozuelo(Provinz Albaeste) vom Sturm gegen Bäume geschleudert worden. Die Insassen, ein Major und drei andere Offiziere, wurden schwer d e r l e tz t. Ein neuer Riefenschwindel. Die New Uorker Polizei ist einem neuen riesigen Börsen- schwinde! auf die Spur gekommen. Am Sonntag wurden der Börsenmakler Flagg, Daniel Morgan, der ehemalige Schatz- kanzler der Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft von Cleve- land, sowie der Pastor James Schock und fünf Angestellte der Firma Flagg verhaftet. Flagg hatte zahlreiche Kunden unter den besseren Gesellschaftskreisen, und man glaubt, daß er seit 1307, wo er sein Geschäft aufgemacht hat, mehr als eine Million Dollar betrügerischerweise an sich gebracht hat. Flagg und seine Genossen vertrieben Staatspapiere, die mit dem Namen Morgan unterzeichnet waren, und die absolut wertlos sind. Das Publikum wurde besonders dadurch herangezogen, daß der Name Morgans, der dem Publikum aus der Zeit seines Schatzkanzler- amtes bekannt war, auf den Papieren stand. Kleine Notizen. Schwere Bluttat. In Herzberg(Harz)s erschoß der einunzwanzigjährige verheiratete Barbiergehilse CludiuS in der Wohnung seiner Schwiegereltern seine Frau verletzte seine Schwiegermutter und sein eigenes Kind durch Revolver- schlisse schwer und erschoß sich dann selbst, Der Grund ist in Fa- milienzwistigkeitcn zu suchen. Unfall bei der Feuerwehr. Als gestern früh die Putbuser Freiwillige Feuerwehr zur Hilfeleistung beim Brande eines Wohnhauses ausrückte, brach die Achse eines Löschwagcns. Die Feuerwehrleute wurden hcrabgeschlcudert und teils schwer, teils leicht verletzt. Ter zweite Führer der Wehr, Gastwirt H i n tz e, erlitt einen Schädelbruch und war sofort tot. Eine grenzenlose Roheit. In Manfrcdonia in Apulien ließ sich unlängst ein Bursche dabei erwischen, wie er in einem Weinberg Trauben stahl. Der Weinbauer band den halbwüchsigen Burschen mit Händen und Füßen an seinem Esel fest, so daß das ganze Gewicht des Körpers an den gefesselten Extremitäten hing. So ritt er mit dem Unglücklichen durch den ganzen Ort. Als man dann den Burschen befreite, war er bereits tot. Und das um eine Handvoll Trauben! Familicntragödie in Thüringen. Am Sonnabendabend wurde auf dem Bahnhof Berka der Eiscnbahnarbeiter Eisenberg von einem Güterzuge überfahren. Als seine Frau, die wenige Tage vorher Zwillingen das Leben gegeben hatte, von dem Unglück erfuhr, wurde sie von einer schweren Ohnmacht be- fallen, aus der sie nicht wieder erwachte. Wenige Stunden nachher folgte ihr einer der Säuglinge in den Tod nach. eingegangLne Dfucfcfcbinften. Vom»Wahren Jacob« ist soeben die 20. Nummer des 2S. Jahr- 16 Seiten stark erschienen. Aus ihrem Inhalt erwähnen wir folgende eiträge: Bilder: Vom Parteitag in Jena. Eröjfttililg des Parteitags am 10. September 1911.— Deulsch-sranzösische Harmomen. Von NataLanga. — Die konservative Wahlparole. Von M. Cugert.— Modernisten. Bon W. Jtiain.— Die Berliner Marokkodemonstration. Bon Cyprian.— Nach dem Parteitag. Von Cmil Erl.— Italiens Jubiläumsausstellung. Von H. G. Jentzsch.— Die Kaiserrede in Hamburg. Von Emil Erl.— Auch ein Scharsmacher. Von A. Ficbiger.— Das kriegslustige Volk. Bon Erich Schilling.— Der Grund. Von Emil Erl.— Revoluüonäre Folgen der Fultcrnot. Bon H. G. Jentzfch.— Ein Menschenfreund. Von Richard Rost.— Prozentpatriotismus. Von Emik Erl.— Ein MiBverstäydms. Von P. Tbesing. Text: Der gute Michel. Von TobiaS.— Enttäuschung.— Das kommt davon. Von T.— Die italienischen Cholerarevolten. Von P. E.— Ruhestörung.— Witze. Von E.—»Lieber Jacob!" Von Jotthils Nauke.— Wir demonstrieren. Von Michael.— Ein gcenigiich sächlicher Mißgriff.— v. Below-Pleitenburg an v. Arnim-Schnodderbeim.— Meine Ahnen. Von P. F.— Der neue Odyffeus. Eine Dorfgeschichte von Hans Flux.— Usw. Der Preis der 16 Seiten starken Nunimcr ist 10 Pf. Probmummcrn sind jederzeit durch den Verlag I. H. W. Dictz Aachs. G. m. b. H. in Vtult- gart sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen. Von der„Gleichheit«, Zeiischrist für die Interessen der Arbeiterinnen, ist uns soeben Nr. 23 des 21. Jahrgangs zugegangen. SluS dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Das Ergebnis des Jenaer Parteitags.— Die sechste Konserenz der sozialdemokralischen Frauen.— Stichproben von der Ausbeulung weiblicher Arbcitskrast in Baden. II. Von mg.— Margaret Ethel Mac Donald si.— Um daS Bürgerrecht der Frau in der Gemeinde.(Schluß.)— Vom Klaffenkamps in Italien. Von Angelika Balabanoff.— Aus der Bewegung. Für unsere Mütter und Hausfrauen: Wir sind so ge- mein. Bon Einest Jonas.— Ein Besuch im Kinderheim in Mailand. Von Anna Kuttmann.— Für die Haussrau.— Hygiene.— Feuilleton: Der Kuli. Von Johannes V. Jensen.(Schluß.) Für unser« Kinder: Aufwärts. Spruch von Friedrich Nietzsche.— Da» cigroße Korn. Von Leo Tolstoi.— Das Geisterroß. Von C. F. Meyer. (Gedicht.)— Tschink, der Treue. Von Ernest Seton Thompson.(Schluß.) — DaS Sklavenschiff. Von Heinrich Heine.(Gedicht.)— Doktor All- wissend. Von Brüder Grimm.— Der Herbst. Von Emma Döltz.(Gedicht.) Die.Gleichheit- erscheint alle 11 Tage einmal. Preis der Stummer 10 Pfennig, durch die Post bezogen beträgt der Abonnemenlspreis viertel- jährlich ohne Bestellgeld SS Ps.; unter Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement 2,60 M. Tie Monovolgefahr in der Elektrizitätsindustrie. Sonder- abdruck aus der.Saarbrückcr Zeitung", 93 S. Verband elektrotechnischer Jnstallattonssirmen, Saarbrücken. Goethekalender, begründet von O. I. Bierbaum, aus das Jahr 1912, herausgegeben von C. Schüddekops. M. 1,50, geb. M. 5,—.(Leipzig, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Theodor Weicher.) Berlins und Umgegend. Heute Dienstag, 26. September 1911, abends 8'i Uhr: Versammlungen der Wahlvereine. 1. Kreis: Driisels Festsiilez Neue Friedrichstr. 35. 3. Kreis: Kock-Krauereiz Tempelhofer Berg. 3. Kreis: Gewerkschastshausz Engelufer 15. 4. Kreis: Kellers Festfäle(Inlj. Uknifr), Koppenstr. 29. 5. Kreis: SoxlKen-Siilez Sophienstr. 17/18. 6. Kreis: Germama-Lestsäle» Chaufseestraße 110. Nolkshausz Rosinenstr. 3. Ref.: B JJ Nr* P U* II P MX A» Genossin Um Luxemburg. Mechelcke, Handjerystr. 60. Ref.: Genosse Ed. Beruslein. Frirdrichsstldr: IS SlX*' ♦ N-«es O-f-llfchastshatts, Friedrich- straße 6. Ref.: Gen. Marie Juchacz. Fnrstettlmd. Referent: Genosse Sobouiug. Lichtenberg: f,t.# � � Sefcvcnt:®enoffe Ref. Gen. MHiidebraudi _ lichelmmenho Genosse Sieriug. Nieber-Schönhausen: lÄÄSi Ober-Kchöneweibe: � Reinickendorf Ost: N SSV' Reinickendorf-West: TtiwWrtvf* Hoppes Festjalez Hermannstr. 49. Referent: ♦ Genosse Alfred Scholz. Rmnmelsbnrg: Str."'"""'"'M Kchiiiirberg: S: Ahornstraße 17. Referent: Genosse Klippenstein» Spandauer Straße. Referent: Genosse Weißenfee: Neremshousz Charlottenburger Straße. Referent: Genosse Brauer. T-ges Ordnung 1 Kertchterstnttnng vom Parteitage in Jena. 2. Senchtechttung voll der Kniildkiiburger ProviilMl-Kovserkil). MP Mitgliedsbuch des betreffenden Wahlvereins legitimiert«'HW Zahlreichen Besuch der Genossen und Genossinnen erwarten � Die Vorstände. H. Esders& Dyckhoff am Dönhoflplatz Leipziger Straße 50a am Dönhoffplatz Herren-, Knaben- u. Damenkleidung, Herren-Artikel Woche Schluß unseres Umzugs-Ausverkaufs �Enorme Preis=Ermäßigung in sämtlichen Abteilungen, selten günstige Gelegenheit.� Abzog vom bisherigen Wir bitten höflichst um Be- stichtigung ohne Kaufzwang! Serie I Serie II Serie III 60% mit 40 0/o mit Sommer- und WintersKleidung! Verkaufspreis! . E9B Möbel-GeleginheitSkäuse in aller- gvötzter Lluiwabl; einsache lowie dcsscrc Wobnungsciiirichtungkn be- deutend billiger wie regulär. Er- griizungsinöbel. Büsctle. 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Ich bitte, das mir in den langen Jahren geschenkte Wohlwollen auf meinen Aaohfolger zu Panl Dltfln, Restaurant und Festsäle, Memelcr Str. 07. Mitte Oktober übernehme ioh das von Herrn Paul I-ltfln bisher betriebene Saal- und Bcstanratlous'Cieschäft, Hemeler Str. 07. Ich werde es unter dem Namen HBF" ComeniuS'�äle Restaurant und Pesfsäle in gewohnter Weise weiter betseiben und übernehme alle von Herrn Litfin mit den Vereinen eingegangenen Verträge. Es wird mein Bestreben sein, durch kulante Bedingungen mir das Wohlwollen der Vereine und Gesellschaften zu erworben. Bis zur Erteilung der Konzession betreibe ich das Geschäft auf Rechnung des Herrn Litfin und empfehle daher schon jetzt Sonnabende und Sonntage im Herbst und Winter. Saal mit RUhno sowie V crcinszlmmer stehen den geehrton Vereinen, Gewerkschaften zu Versammlungen und allen sonstigen Veranstaltungen jederzeit zur Verfügung. Gütige,.-..Ge. Wilhelm Grnnwaldt, Hemeler Straße 67. ■ 7lahimn am U- u. IS. Oktober W ■ Aienung unwinerranioh.■ Genehmigt für die Preuse. Monarchie. Hamburaer V@b Ausstellung�- um» Lotterie Preis 1 Mk. das Los. 4271 Gewinne i. Gesamtw. Mark TOOOO 20000 iMDSS« SJ usw. c*Wo Hamburger\ nftfUÜMk. 1 1 Losa= 10 Mk. Porto n. Liste 23 Ff. In Lotterlegesoli. u. Lostverkaufsstellen Lnd.MüliertCo. Berlin C.t Breitestr. 5. Klmilkii- mid Kranzbilldtlki vo» Mzv\ Meyer,* nvr WlirmilllkU-Sfroßt 2. Mobel-Beiser Lothringer Str. 67 Empfehle kompl. aufgestellte Mooerne 5cö!afziiiii!!erÄnzahl- Hodene Wohazimnier 40 Moderne üpeiseziinnier bl3 ModErneiErreiizii OO mmer Mark Wochenratc nur 4 5 M. in kolossaler Auswahl. Jede gewünschte Ecke Gormannstr. lkfliiip!.Einrieli(yDg20(l-250M Anzahlung I5--20 M. Anzahlung 25—30 M. UonipLEinrieiituiig 360-600 m. Anzahlung 35—50 M. in kolossaler Auswahl Holz- und Stilart. r---- Einzelne Ergänzungs-Möbelstiicke. Anzahlung von 3 M. an. Wochenratc 1 M. Versand nach allen Plätzen Dcntschland«. 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Ok- tober Wahlmänner-Ersatzwahlen vorgenommen werden müssen. Es kommen dabei von den UrWahlbezirken des ganzen Kreises 76 in Betracht, aus denen einzelsi�-Wahl- männer durch Verzug oder Tod ausgeschieden sind, aber selbst in dieser Auswahl präsentieren sich die Blüten des Drei- klassensystems unseres Landtagswahlrechts noch eindrucksvoll genug. Für die Landtagswahlen wird, wie bekannt, in jedem UrWahlbezirk eine eigene Abteilungsabgrenzung vorgenommen, wobei dann der Zufall, der in einem sonst fast nur von Ar- beitern bewohnten Bezirk auch mal einen schwerreichen Protz scim Heim hat aufschlagen lassen, die tollsten Gegensätze zu- stände bringt. Daß ein einziger Wähler dank seinem prallen Geldsack allein ein volles Drittel der Steuern seines Bezirkes zahlt und daher er allein die ganze er sie Wählerklasse darstellt, dieser Fall begegnet uns in 6 von 76 Bezirken. Der Wohlhabendste dieser Bevorrechteten zahlt allein 24869 M. Steuern und ist einziger Wähler erster Klasse für Urlvahlbczirk 401(Teile der Glogauer Straße, des Kottbuser Ufers, der Reichenberger Straße), in dem aber diesmal nur die dritte Klasse— die aus 375 Wählern besteht!— einen Wahlniann als Ersatz für den früheren zu wäblen hat. Aehnlich schroffe Gegensätze finden sich z. B. im UrWahlbezirk 271(Teile des Kottbuser Ufers) mit 1 Wähler erster Klasse, 25 Wählern zweiter Klasse, 348 Wählern dritter Klasse, ober z. B. im Urwahlbezirk 315(Teile der Lausitzer Straße, der Skalitzer Straße, der Wiener Straße) mit 1 Wähler erster Klasse, 23 Wählern zweiter Klasse, 337 Wählern dritter Klasse. Die Tücke des Zufalls schafft aber— das ist das einzig Erfreuliche an dieser für jeden Urwahlbezirk besonders durch- geführten Klassenabgrenzung— auch Gruppierungen, bei denen man schon mit verhältnismäßig geringen Steuerbeträgen in die zweite oder gar in die erste Klasse hinein gelangen kann, weil in dem ganzen Bezirk kein Protz wohnt, der mit seinem Geldsack sich breit macht und für sich allein die ganze erste Klasse ausfüllt. Bei spielswcise gehören die Wähler des UrWahlbezirks 356(Teile der Cuvrhstraße, des Görlitzer Ufers, der Görlitzer Straße) noch mit 62 M. Steuern zur ersten Klasse, allerdings nur bis zu den Namen, die mit„Gei" beginnen, weil bis zu ihnen bereits das erste Drittel der Steuerleistung des ganzen Bezirks voll ist. Alle, die in der alphabettschen Anordnung der 62 Mark steuerzahler dahinter stehen, müssen sich in die'zweite Klasse schieben lassen, die bis zum Steuerbetrag 42 M. hinabrcicht. In diesem Bezirk sehen wir die verhältnismäßig stattliche Zahl von 29 Wählern erster Klasse, während die zweite Klasse— die in dem Urwahlbezirk 356 diesmal allein au den Wahlmännerersatzwahlen teilnimmt— 102 Wähler cnt hält und für die dritte Klasse 245 Wähler übrig bleiben. Wahlbezirke, in denen man mit solchen und noch geringeren Steuerbeträgen in die zweite Klasse kommt, finden sich verschiedene unter den an den Wahlmännerersatzwahlcn bc teiligten Bezirken. In solchen Urwahlbezirken gelingt es dann auch, die Wahlmänner der Sozialdemokratie nicht nur in der dritten Klasse, sondern auch in der zweiten Klasse und nicht selten sogar in der ersten Klasse durchzubringen, so daß uns — wie im Landtagswahlkreis Berlin V— die Mehrheit der Wahlmannsmandate und hiermit das Abgeordnetenmandat zu- fällt. Das ist an Preußens Landtagswahlrccht das einzig Unerfreuliche für diejenigen Parteien, die es gegenüber dem Ansturm des arbeitenden Volkes zu schützen und zu stützen sich bemühen. Partei-?Zngelegendeiten. Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend. Auf die am heutigen Abend stattfindenden Wahlvereins Versammlungen, welche sich mit der Berichterstattung vom Jenaer Parteitage beschäftigen, machen wir aufmerksam und erwarten zahlreichen Besuch der Genossen und Genossinnen. Das Mitgliedsbuch deö betreffenden WahlverriiiS legitimiert znm Eintritt. Am Dienstag, den 17. Oktober, werden in den Bezirken Groß-Berlins eine Reihe von Volks-Versammlungen abgehalten, in welchen zu der Lebcnsmitteltcuerung Stellung genommen werden soll. Wir weisen schon heute darauf hin und bitten die Partei und Gewerkschaftsgenossen an diesem Abend keine anderen Veranstaltungen zu treffen. _ Der Aktionsausschuß. Charlottenburg. Heute Dienstag, abends>/zg Uhr: Mitglieder- Versammlung im Volkshause, Rosinenstr. 3. Tagesordnung: Bericht- erstatlung vom Parteitag in Jena. Referentin: Genossin Rosa Luxemburg. Am morgigen Mittwoch veranstaltet die achte Gruppe einen Extrazahlabeno bei AhrenS, AnSbacher Straße 11. Genosse Stadtverordneter Lehmann referiert über.Kommunalpolitik". Der Vorstand. Schöncberg. Die Versammlung des Wahlvereins findet heute Dienstag, abends 8 Uhr, in den.Neuen RathauSsälen", Meininger Straße 8, statt. Bericht vom Jenaer Parteitag und der Branden- burger Provinzialkonferenz. Die Wahl im 1. Bezirk. Vereins- gngelegenheiten mrd Verschiedenes. Boxhagen-RummelSburg. Heute Dienstag, den 26. d. MtS., abends 86, Uhr, im CafS Bellevue: Mitgliederversammlung. Tages- ardnuna:.Die Verschmelzung mit Lichtenberg." Bericht vom Partei- tag in Jena. Die Bezirksleitnng. Oranienburg. Mittwoch, den 27. September, abends 8 Uhr. im Sokal WaldhauS Sandhausen". Schützenstraße 34: Außerordentliche «italiederversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht vom Parteitag. A Diskussion. 8. BereinSangelegenheiten. Die BezirkSlettung. VerUner �acdricbten. Die Erfolge der Achtklaffen-Gemeindcschule Kessern sich in Berlin von Jahr zu Jahr. Auch aus dem das Schuljahr 1910/11 behandelnden Jahresbericht der Schul- deputation, den der Magistrat jetzt bekannt gibt, ist wieder ein w e i t c r e r Fortschritt zu erkennen. Als ein Beweis für den„Mißerfolg", den der Stadt- freisinn dem seit Michaelis 1902 bestehenden Achtklassensystem angedichtet hat, ist immer angeführt worden, daß die Zahl der in die 1. Klasse gelangenden Gemeinde- s ch u l k i n d e r so sehr gering sei. Das traf zu für die ersten Jahre, weil damals das eben erst geschaffene Achtklassen- system sich noch nicht bewährt haben konnte und das lang- wierige Uebergangsstadium den Erfolg beeinträchtigen mußte. Inzwischen hat aber die Zahl der Kinder, die bis zur 1. Klasse aufsteigen, sich andauernd und recht beträcht- lich erhöht. Im Schuljahr 1910/11 waren unter den aus der Schule zu entlassenden Gemeindeschulkindcrn zum erstenmal solche Kinder, die von Anfang an unter der Herrschaft des Acht- klassenivstems die Schule besucht hatten. Zu den beiden Per- setzungstermincn wurden nach Vollendung der Schulpflicht zusammen 25 106 Kinder entlassen, davon aus K l a s s e I 12179, aus Klasse II 6964, aus Klasse III 3657. aus Klasse IV 1506. aus Klasse V 378, aus den Klassen VI— VIII 50, aus Nebenklassen 372. Von je 1000 dieser Kinder gingen ab aus den Klassen I 485, II 277, III 146. IV 146, V 15. VI— VIII 2, aus Nebenklassen 15. Gegenüber dem Vorjahr, wo die entsprechenden Anteilziffern 465, 290, 157, 58„ 14, 2. 14 pro 1000 waren, hat die Ziffer der in Klasse I gelangten Kinder sich weiter erhöht. Fünf Jahre vorher, im Schuljahr 1905/06, war sie erst 371 pro 1000, jetzt ist sie 4 8 5 pro 1000. Faßt man die Klassen I— III zur O b e r st u f e zu- sammen, so ergibt sich, daß im letzten Schuljahr von je 1000 abgehenden Kindern zusammen 908 aus diesen drei Klassen abgingen. Das ist etwas weniger als im vorletzten Jahr, wo diese Ziffer sich auf 912 stellte, weil die Klassen II und III stärker als im letzten Jahr beteiligt waren. Ueberblickt man aber das letzte Jahrfünft, so zeigt hier auch für die ganze Oberstufe sich eine sehr merkliche Besserung, ein Aufstieg von 871 pro 1000 auf jetzt 908 pro 100 0. Ihm steht gegen- über eine Verminderung der Kinder, die bei Vollendung der Schulpflicht aus mitteleren oder unteren Klassen(oder Neben- klaffen) abgingen. Die Anteilziffer für alle diese Klassen zusammen sank im letzten Jahrfünft von 129 pro 1000 auf jetzt 92 pro 1000. Im Schuljahr 1902/03 hatte die ent- sprechende Anteilziffer sogar noch 235 pro 1000 betragen. Man darf hoffen, daß die nächsten Jahre eine weitere Besserung bringen werden. Dem Berliner Stadtfreisinn wird dann sein Vorwand für Wiederbeseitigung des Achtklassen- systems unserer Gemeindeschule genommen sein. Sozialistcnfrcssende CafstierS. Das Berliner CaföhauSgelverbe entwickelt sich mit Riesen- schritten. Nicht weniger wie 256 CaisS gibt es jetzt schon in Groß- Berlin, die nicht weniger wie 1500 Angestellte beschäftigen und einen jährlichen Umsatz von rund 5 Millionen Mark erzielen. Wenn man die horrenden Preise in den meisten Cafss betrachtet, wird cS ver- ständlich, �daß die CafolierS jeden anderen Mieter auSbeißen, un- geheure Sumnien für Attraktionen ausgeben und auch persönlich mit dem Gclde umherwerfen können, zumal sie die.-Bezahlung des Be- dienungSpersonals völlig ihren Gästen überlassen, ja sogar noch in allen möglichen Formen an den Trinkgeldern zu partizipieren suchen. Infolge der steigenden Ausdehnung des CafshausgewcrbeS ist dieses iminer mehr auf den Besuch auch der mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung angewiesen, doch scheinen neuerdings die Berliner Casotiers eine gründliche Auswahl ihrer Gäste vornehmen zu wollen. DaS Organ des Vereins der Cafsticrs schreibt in seiner letzten Nummer ani Schluß eines wüsten Schimpfartikcls über den Jenaer Parteitag, in dem auch die„roten" Gehilfen entsprechend besudelt werden:„Wir können überhaupt nicht verstehen und be- greifen, wie ein Cafvhausbesitzer tvissentlich sozial- demokratische Leute in seinem Betriebe dulden kann"... Danach werden wir wohl bald an allen Cafös Schilder mit der Aufschrift»Sozialdemokraten ist der Zutritt verboten finden? Es ist sehr wohl möglich, daß eS dieses Mittels gar nicht einmal bedarf, um die Cafös zu entleeren. Wohl um zu diesem Ziele recht schnell zu gelangen, heißt es in dem erwähnten Artikel ivörtlich: Wer nicht nur durch die Zeitungen, sondern auS eigener An- schauung einmal Gelegenheit hatte, den unkenden August mit der keifenden Rosa„geistig" raufen zu sehen, oder richtiger zu hören, der wird dieses ergötzliche Bild nie in seinem Leben vergessen.� Auch in diesem Jahre haben sich in Jena wieder Szenen ab- gespielt, die selbst den eingefleischtesten Hypochonder zum Lachen bringen mußten. Wirkt eS schon an und für sich erheiternd, wenn Plebejer sich über hohe Politik unter- halten, so sind die sozialistischen Parteitage, auf denen exaltierte Frauenzimmer weit mehr zu reden haben als die Genossen mann- lichen Geschlechts, von gerade überwältigender Komik. Im Grunde genommen hätte man also eigentlich alle Ver- anlassung, die ganze Geschichte von der scherzhasten Seite aufzu- fassen, wenn nickt das Gift der niederen Denkungs- art in all' den tausend Domestikenschädeln eine derart heillose Wirkung ausübte, daß die menschliche Gesellschaft alle Veranlassung hat, den Mob nicht auS den Augen zu lassen. Diese Schreibweise der Casötiers bedarf keines Kommenlars. Sie wird zweifellos die Berliner Arbeiter und Angestellten veran- lassen, in der Auswahl jener, denen sie ihre Kundschaft zuweisen. imnier vorsichtiger zu werden. Vielleicht können die CafetierS dann auch zu einer anständigen Sprache gegenüber dem belrächtlichsten Teile ihrer bisherigen Kundschaft erzogen werden. Neneinteilung der SänglingSfürsorgepellen. ES hat sich eine Neueinteilung der Bezirke der Säuglings- fürsorgcstellen als notwendig erwiesen. Die Bezirke umfasse» vom 1. Oktober 1S11 an folgende Stadtbezirke: SänglingSfürsorgestelle I Blumenstr. 97, die Stadtbezirke: 1—10, 145-166, 168-188. 18911. 189L, 189C, 189 L. 190B, 190C, 190E, 190P, 195—201; SäuglinqSfürsorgestelle II Elsasier Str. 27, die Stadtbezirke: 11—14 202-218. 220-236, 244—245. 251—2610, 263— 274 B. 279-282; Sänglingsfnrsorgestelle III Bugenhagenstr. 7, die Stadtbezirke: 283—304: SänglingSfürsorgestelle IV Naunynstr. 63, die Stadtbezirke: 15—19, 22—28. 76 A— 144, 167A— 167E; Säuglingssürsorgestelle V Pankstr. 15, die Stadtbezirke: 262, 275—278, 305— 326 Di Säuglingssürsorgestelle VI Großbeerenstr. 10, die Stadtbezirke: 20, 21, 29— 75B; Säuglingssürsorgestelle VII Wörther Str. 45, die Stodlbezirke: 139 D, 189 F, 190 A, 190D, 191-1940, 219, 237-243B, 246 A— 250 E. Das Hans Blumenstr. 78. in dem sich die Säuglingssürsorge- stelle I befindet, hat die Nunuuer 97 erhalten. Aufnahme von Kindern in den Kindergarten der Blindenschule. In der städtischen Blindenschule, Naunynstr. 63, ist ein Kindergarten eingerichtet worden, in welchen Blinde und solche schwachsichtige Kinder, die diesen gleich zu erachten sind, vom vollendeten fünften Lebens- jähre an jederzeit aufgenommen werden. Dieser Kindergarten hat die Aufgabe, die in der Blindheit begründeten und durch mannig- fache Versäumnisse und Fehlgriffe der häuslichen Erziehung noch ver- stärkten Schäden der geistigen und körperlichen Entwickclung des Kindes soweit zu beseitigen, daß später eine erfolgreiche Teilnahme desselben an dem Unterricht der Blindenschule ermöglicht wird. Auskunft erteilt der stellvertretende Direktor der Blindenschule, Maaß, daselbst vormittags von 8—12 Uhr. Ein gefährlicher Einbrecher wurde gestern von der Kriminal- Polizei wieder unschädlich gemacht, ein Arbeiter Willi Freier, von dem früher schon öfter die Rede war. Freier gehörte auch zu einer Bande, die vor längerer Zeil in die Genthiner Kartonpapier- fabrik einbrach, dort den Geldschrank knackte und 1500 M. bares Geld erbeutete, Bald> nach dieser Tat gelang es der Kriminal- Polizei zwei Mitglieder der Bande, die gewerbsmäßigen Geld- ichrankeinbrecher Willi Schmidt und Alfons Rudolf festzunehmen. Beide wurden zu längeren Zuchthausstrafen verurteilt. Unterdessen hatte Freier, der dritte Spießgeselle, Berlin verlassen. Er trieb sich in der Provinz umher und kam erst jetzt nach Berlin zurück, weil er glaubte, daß man ihm nunmehr keine besondere Aufmerksamkeit mehr schenke. Die Kriminalpolizei ermittelte bald, daß er sich bei seiner Mutter in der Lieben walder Straße aufhielt. � Zwei Beamte überraschten ihn dort in der Wohnung und überlvältigten ihn nach heftigem Widerstände. Der Verhastete wurde gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Bon einer Eisenplatte erschlagen. Ein schwerer Betriebsunfall, bei dem ein Arbeiter getötet wurde, ereignete sich gestern mittag in der Maschinenfabrik von F. Gebauer in der Beusselttraße 44g. Dort sollte mit einem Kran eine schwere Eisenplatte hochgewunden werden. Als sich der Kran kaum in Bewegung gesetzt hatte, rutschte die Platte plötzlich auS der Verseilung heraus und stürzte herab. Sie traf den untenstehenden 26 jährigen Arbeiter Tüllweck auS der Rostocker Straße 31 und begrub ihn unler sich. Obgleich Hilfe schnell zur Stelle war, konnte der Verunglückte doch nur noch als Leiche hervorgezogen werden. Die Leiche wurde polizeilich bcschlag- nahmt und nach dem Schauhanse gebracht. Eine Liebestragödie spielte sich Sonntag vormittag in dem Hause K o ch h a n n st r. 2 5 im Osten Berlins ab. Aus verschmähter Liebe suchte dort der 24 Jahre alte Schlächter Bryller aus der Straß- inannstr. 13 die verehelichte Frau Hedwig Nitschmann durch einen Nevolvcrschuß zu töten, Schauplatz der Szene war die Wohnung der Frau. Der Schuß verletzte die Frau sehr schwer, so daß sie nach dem Krankenhaus am Friedrichshain geschafft werden mußte. Der Täter wurde von der Revierpolizei verhaflet und dem Polizei- Präsidium zugeführt. Große Aufregung verursachte am Montagnachmittag kurz nach 4 Uhr in der Warschauer Straße ein durchgehendes Automobil. Bei der in voller Fahrt befindlichen Antodroschke 9305 versagte an der Ecke der Koperniknsstraße die Steuerung; das Geführt sauste ans den Bürgersteig, beschädigte hierbei drei Laternen und blieb schließlich an einem Leitungsumst der elektrischen Straßenbahn festsitze», dessen unterer Teil dabei zertrümmert wurde. Das Vorderteil des Auto- mobils wurde ebenfalls sehr stark beschädigt. Der Chauffeur kam ohne Verletzungen davon, während der im Wagen sitzende Fahrgast durch die in Trümmer gegangenen Scheiben des Automobils zahl- reiche Schnittwunden davontrug und sich dieselbe» in der nächsten Unfallstation verbinden lassen mußte. Ein Zugang zum Bahuhof Schönhauser Allee wird von den An- wohnern östlich der Bahn dringend gewünscht. Dem Wunsche soll auch entsprochen werden, eS fragt sich nur, wann das der Fall sein wird. Das Schneckentempo, in dem die Behörden arbeiten, könnte etwas beschleunigt werde»._ Aus der Sclbstmordchronik. Anscheinend aus LiebeSgram suchte sich daS 22jährige Hausmädchen Meia M a r o ck e, das bei einer Herrschaft in der Hardenbcrgstraße in Stellung ist, das Leben zu nehmen. Das junge Mädchen begab sich nach dem Hausflur Knefebeckstr. 20 und schnitt sich dort die Pulsadern auf. Sie wurde bald darauf in bewußt- losem Zustand aufgefunden und nach der Unfallstation am Zoologischen Garten gebracht. Nach Anlegung von Notverbänden erfolgte die Ueberführung»ach dem Elisabeth-Krankenhaus.— Ein weiterer Selbst- mordversnch wird aus der S ch w e d t e r S tr. 3 gemeldet. Dort trank der 20 Jahre alte Student Karl Mäder in selbst- mörderischer Absicht Salzsäure. Der junge Student wurde in schwer- verletztem Zustande nach der Charitö gebracht. Das Motiv der Tat ist noch unbekannt.— Nahe der Kronprinzenbrücke stürzte sich gestern früh ein junger, etwa 25 jähriger Mann, der gut gekleidet war. in die Spree. Obgleich sofort Rettiliigsversliche unternommen wurde», kam der Unbekannte doch nicht wieder zunt Borschein. Auch die Leiche konnte gestern noch nicht geborgen werden.— Im Bett erschossen hat sich in der Nacht znm Sonntag das 18 Jahre alte Dienstmädchen Minna Lehmann, das seit dem 1. August bei der Ncntnerin L. am Luisenufer 57 in Stellung war. DaS Mädchen zeigte stets ein schwermütiges Wesen, ließ sich aber über die Ursache weder zu der Hausfrau noch zu anderen Dienst- mädchen im Hause auS. Gestern morgen wunderte sich Frau L-, daß sie keinen Kaffee bekam. Als sie um 7 Uhr endlich nachsah. fand sie das Mädcben tot im Bette liegen, es hatte sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen. Der Revolver lag neben der Leiche. Nach einer durchschwärmten Nacht zum Revolver gegriffen hat ein Man» von etwa 50 Jahren, der an, Donnerstag in einem Hotel in der Fricdrichstadl einkehrte und sich als Privatier Ludwig Karl in das Fremdenbuch einschrieb. Der Gast war in der Nacht zum Sonnabend vom Hotel abwesend und kam erst morgens um 5 Uhr wieder. Mittags sah man ihn»och. Seitdem hörte man nichts mehr von ihm. Als er nicht mehr ztim Vorschein kam, öffnete man sein Zimmer und fand ihn tot auf dem Fußboden liegen. Ohne daß jemand etwas hörte, hatte er vier Schüsse auf sich abgegeben. Drei Kugeln hatten die Brust verletzt, eine war in die rechte Schläfe eingedrungen. Ob der Name deö Selbstmörders richtig, steht noch nicht ganz fest. DaS Wäschezeichen L. K. läßt wohl daraus schließe». Daß der Mann auS Oesterreich kam, hörte man an der Sprache._ Ein niederträchtiger Kautionsschivindlcr brandschatzt seit längerer Zeit von Berlin aus Beivohner der Provinz. Unter deni Namen eines Likörfabrikaittcn erläßt der Schivindlcr in Provinzzeitungen Inserate, in denen er junge Leute als Adresjenschreiber sucht. In den Annoncen weist er darauf hin, daß die Adresse» daheim gc- schrieben werden können. Das Adressenmaterial solle zugeschickt werden, doch müsse eine Sicherheit in Höhe von 5 M. vorher ent- richtet werden. Der Erfolg ist ein recht lohnender. Zahllose Opfer sende» die 5 M. ein, doch warten sie dann vergeblich aus eine weitere Nachricht von dem angeblichen Likörfabrikanten, der sich die Geldsendiingeii unter falscher Adresse zuschicken läßt. In dem Be- trüger wird ein Händler Senft vermutet. Opfer der Straße. Der VL Jahre alte Sohn Oskar des Kasten- boten Grundorff aus der Exerzierstr. 1 spielte am Sonnabendabend um in 7 Uhr gegenüber der elterlichen Wohnung ein der Haltestelle der Straßenbahn und schwang sich um den Pfahl der Tafel herum Plötzlich flog er herab auf den Damm und fiel vor das Hinterrad eines Rollwagens, der mit Zement beladen war. Das Rad des schweren Wagens ging ihm über Hals und Brust, so daß regungslos auf der Stelle liegen blieb. Die entsetzte Mutter brachte den Kleinen noch zu einem Arzt in der Nachbarschaft. Dieser konnte aber nur noch feststellen, daß er schon tot war.— Seinen Ver letzungen erlegen ist auch der 12 Jabre alte Sohn Joseph des Arbeiters Delater aus der Usedomstr. 20, der vor drei Wochen in der Hussitenstraße, als er den Damm überschreiten wollte, von einem Kraftwagen überfahren und mit gebrochenem Schädel von dein Wagenführer nach dem LazaruS-Kranlenhause gebracht wurde. Ein schwerer Straßenbahnunfall, bei dem ein kleines Mädchen getötet wurde, ereignete sich gestern abend gegen 6 Uhr in der Kastanien-Allee. Bor dem Hause Nr. 8S lief die dreijährige Tochter Käthe des Arbeiters M e b e S aus der Kastanien-Allee 29/30 einen Straßenbahnwagen der Linie bl hinein und wurde über� fahren. Das Kind kam mit dem ganzen Körper unter den Schutz rahmen zu liegen und erlitt einen schweren Schädelbruch. Der Wagen mußte mit Winden hochgehoben werden, um den kleinen Körper hervorzubekommen. Als dies endlich gelang, war der Tod schon eingetreten. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt und nach dem Schauhaus gebracht. Die Ausschreitungen eines elegant gekleideten Herren riefen in der Sonntagnacht am Bahnhof ftriedrichstraße Aufsehen hervor. In einer Taxameterdroschke waren ein Herr und eine Dame nach dem Bahnhof gefahren und dort verließ der erstere den Wagen. Der Droschkenkutscher verlangte vorher Begleichung der Fahrt, doch wies der Unbekannte auf seine Begleiterin, die in der Droschke zurück� blieb, hin. Dem Kutscher kam, als der Fahrgast recht lange au sich warten ließ, die Sache nicht geheuer vor und er forderte nun von der Begleiterin Zahlung. Während er sich noch mit ihr herum stritt, erschien der Fremde wieder und er fiel nun über den Droschken tutscher, über dessen Betragen er empört war, her und mißhandelte ihn. Ein Schutzmann mutzte schließlich hinzueilen und den Attew täter von dem Kutscher fortreißen. Der aufregende Vorgang hatte ungewöhnliche Menschenansammlungen zur Folge. Wer ist der Tote? Die Leiche eines unbekannten Mannes wurde Sonntag morgen in der Jungfernheide im Jagen 20 aufgefunden. Der Unbekannte hatte sich dort an einem Baum erhängt. Er ist etwa S0 bis 55 Jahre alt und mittelgroß, hat spärliches graues Haar, einen Schnurrbart und trug einen dunkelgrauen Hut, einen dunkelkarierten Anzug und eine Brille. Seine Börse enthielt nur noch 50 Pf. Am rechten Knie hat der Tote eine Narbe. Olhmpia-Park, 24. September. Die für den Sonntag geplanten Radrennen, unter denen namentlich ein Zweistundcn-Rennen mit Motorführung mit der Besetzung von Demke, Tommy Hall, Lavalode, Miquel, Ryser und Schippke spannende Kämpfe verhieß, konnten nicht zum Austrag gebracht werden, da die Holzbahn infolge des TagS zuvor herniedergegangenen Regens noch zu feucht war, so daß die Fahrer in Hinsicht auf die Sturzgefahr sich weigerten zu starten, nachdem einige von ihnen bei den Proberennen zu Fall gekommen waren. Die Rennen wurden daher auf den nächsten Sonntag ver- schoben. Das Eintrittsgeld wurde zurückgezahlt. Der gegen 5 Uhr einsetzende Regen rechtfertigte die von der Sportplatzleitung getroffene Verschiebung deS Rennens. Die nationale Flugwoche in Johannisthal. Während zu dem Start zum großen deutschen Rundflug im Juni infolge der bekannten Leitungsreklame Hunderttausende hinausgepilgert waren, war am Sonntag bei der Eröffnung der Herbstflugwoche der Besuch ein viel spärlicherer. Auf dem billigen Stehplatz hatten sich zwar mehrere Tausend Besucher eingefunden; der Dreimark-Platz dagegen wies nur einige Hundert Besucher auf. Und auf der große» Tribüne mit ihren 3400 Sitzplätzen befanden sich kaum einige Dutzend Personen. Sonderbar genug, denn während bei dem Start zum Rundflug eigentlich nur der Abflug, das heißt so gut wie nichts zu sehen war, kommen die Zuschauer bei den Flugwochen um so reichlicher auf ihre Kosten. So spielte sich auch am Sonntag in den Lüsten ein hochinteressantes Schauspiel ab. Zeitweise befanden sich 14 Apparate gleichzeitig in der Luft, und man konnte häufig ganze Schwärme von Flugmaschinen— wir zählten einmal deren neun— mit einem einzigen Blick erfaffen. Besonders brillante Leistungen boten Fräulein B e e s e, die erste deutsche Pilotin, die mit Passagier auf ihrer Rumplertaube einen ununterbrochenen Flug von 2 Stunden 9 Minuten Dauer absolvierte, und P i e t s ch k e r, der sich auf seinem Albatros-Doppeldecker ebenso lange in der Lnst hielt. Einen prächtigen Flug in 800—900 Meter Höhe führte der Wright-Pilot Witte aus. Auch Suvelack. Caspar(beide auf Etrich-Rumpler-Eindecker), Hoffmann, Jahnow(Harlan-Ein- decker), K a h n t(Grade), Büchner(Aviatik-Doppeldecker), und andere unternahmen stundenlange schöne Flüge, zum Teil in 400 bis 600 Meter Höhe. Die Fortschritte der deutschen Aviatik sind so unverkennbar, daß die Beranstaltung eines internationalen Wettbewerbes in Johannisthal sicher ganz zeitgemäß wäre! Zu tadeln ist, daß diesmal an den Fahrzeugen die Flieger- numm er fehlt, so daß kein Zuschauer weiß, wer denn eigentlich fliegt. Neben der Fahrzeugnummer sollte doch auf keinen Fall auch die Fliegernummer fehlen, selbst wenn eS sich nicht um Flieger». sondern um Fahrzeugwettbewerbe handelt. Die Flüge beginnen bei günstigem Wetter pünktlich 3 Uhr 20 Min. nachmittag«._ Vorort- JVacbncbtem Eharlottenburg. Ein schreckliches Brandunglück ereignete sich am Sonntag früh in der K a n t st r. 109. Die dort im ersten Stock des Quergebäudes mit ihren drei Kindern wohnende verwittwete Frau Ottilie W e i g t wollte auf einem Spirituskocher den Kaffee kochen. Sie beging dabei die Unvorsichtigkeit, bei offener Flamme Spiritus nachzugießen. Die Dpiritusdämpfe entzündeten sich sofort und steckten die Kleider der Witwe in Brand. In wenigen Sekunden war die Unglückliche voll» ständig von Flammen eingehüllt. Sie stürzte laut um Hilfe rufend nach der Treppe, wo sie erschöpft zusammenbrach. Mehrere Nachbarn eilten hinzu und erstickten das Feuer an dem Körper der Frau durch Auswerfen von Decken. Inzwischen hatten andere Personen auch die Charlottenburger Feuerwehr alarmiert. Diese schaffte die schwer� verbrannte ZLjährige Frau mit einem Fahrzeug nach dem Kranken- Haus Westend, wo sie am Spätnachmittag starb. Die drei Kinder verblieben einstweilen in der Wohnung. Schöneberg. Zur Stadtverordnetenwahl. Heute Dienstag wollen die Genossen um 7 Uhr abends bei Milde. Nollendorfstr. 16, zahlreich erscheinen. Die Genossen der anderen Bezirke wollen ihre Solidarität durch tätiges Mitarbeiten beweisen. Am Mittwoch, den 27. September, treffen sich die Genossen in demselben Lokal vormittags S'/a Uhr. während die übrigen Genossen sich deS Nachmittags zur Verfügung stellen. Von der Arbett der Genossen hängt es ab, ob der Bezirk für uns erobert wird. Groh-Lichterfelde. Großfeuer brach in der Nacht zum Sonntag auf dem Grundstück deS Ackerbürgers Lehmann in der Berliner Straße 129 aus. Es brannte eine große mit Erntevorräten gefüllte Scheune in ganzer Ausdehnung. Die Flammen gefährdeten im hohen Grade die an- grenzenden- Lagerplätze und die Schneidemühle der Firma Lßmann. Lerantwortlicher RMsteurt Aichard Barth, Berlin. Für den Lnierateoteil verantw.�Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag i Borwärtz Den Anstrengungen der Wehr gelang es, die Mühle und den Lager- platz zu halten. Erst am Sonntogmittag konnte die Wehr wieder abrücken. Die Erntevorräte waren nicht versichert. Trotz deS Regens schlugen die Flammen wiederholt aus dem Brandschutt hervor, so daß eine Brandwache zurückbleiben mußte. Friedenau. Aus der Gemeindevertretung. Als Vertreter deS Ortes in den Zweckverband wurde Schöffe Dräger mit 11 Stimmen gewählt. Bürgermeister Walger erhielt 7 Stimmen, während 3 Zettel un- beschrieben blieben. Als Ersatzmann wurde Gemeindevertteter Rechtsanwalt Uhlenbrook gewählt. Es zeigt auch diese Wahl wieder, daß das Verhältnis innerhalb unserer Gemeindeverwaltung zwischen den einzelnen Personen ein sehr gespanntes ist. Unseren Genossen ist es, da bei der Zusammensetzung der Gemeindevertretung die Wahl eines Sozialdemokraten ausgeschlossen ist, ganz gleich- gültig, wer von den beiden Vorgeschlagenen gewählt wird. Jedoch fänden sie es männlicher von der Majorität, wenn ihre Wortführer, außer mit dem Stimmzettel, auch mit offenem Visier dem Bürgermeister entgegentreten würden. Die Sozialdemokraten haben mit Herrn Walger nichts gemein, sie halten ihn wie alle anderen für einen ausgesprochenen Vertreter deS Besitzes. Jedoch können sie es ihm nachfühlen, wenn ihm im Kampfe mit solchen Gegnern, die ihm ins Gesicht immer schöntun, dabei aber hinten herum intrigieren, der Ekel ankommt. Auf Antrag deS Gemeindevorstandes wurde beschlossen, den vielumstrittenen Zugang zur Volksschule in der Rheingaustraße, von der Goßlerstraße aus. der nach Errichtung der höheren Mädchenschule geschlossen worden war, wieder steizugeben. Dem Beispiele der anderen Vororte folgend ersuchte ein Antrag jdes Gemeindevorstandes die Gemeinde- Vertretung zur herrschenden Teuerung Stellung zu nehmen. Bürgermeister Walger führte aus, daß Friedenau selbständig nach dieser Richtung hin schlecht etwas unternehmen könne, er schlage deshalb vor, den Gemeindevorstand zu beauftragen, sich mit Berlin und den umliegenden Orten in Verbindung zu letzen, um geeignete Schritte gegen die TeuerungSverhältnisse in die Wege zu leiten. Genosse Richter beantragte hierzu, den Gemeindevorstand zu be- auftragen, Kartoffeln und Gemüse einzukaufen und zu Einkaufs- preisen an die Einwohnerschaft abzugeben. Begründend führte er aus, daß, da die Regierung sich der Not des arbeitenden Volkes gegenüber taub stelle, es Pflicht der Kommunen sei, hier einzu- greifen. Die Herren v. Wrochem, Gerken und Lichtheim stehen, wie ie angeben, dem Antrage des Genossen Richter sehr ympathisch gegenüber, doch befürchten sie eine Schädigung der Gewerbetreibenden am Orte. Gemeindevertreter Schölzel ersuchte, da im Winter voraussichtlich große Arbeitslosigkeit herrschen werde, die Verwirklichung des beschlossenen RathausbaueS zu be- tbleunigen, um auf diese Weise Arbeit zu verschaffen. Genosse Richter entgegnete den Herren, daß da, wo das Interesse der All« gemeinheit in Frage komme, ein paar in Frage kommende Gewerbe- treibende zurückstehen müßten. Beschlossen wurde, dem Antrage deS Gemeindevorstandes zuzustimmen und den Antrag des Genossen Richter der Marktdeputation zur Prüfung zu überweisen. Auf eine Anfrage des Genossen Richter, wie weit die Stadtwerdungsfrage erledigt sei, erwiderte der Gemeindevorsteher, daß er neues in dieser Angelegenheit bisher nicht erfahren habe. Sldlershof. Bericht vom Parteitag erstattete Genosse Groger in der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Nach dem vor- züglichen, mit großem Beifall aufgenommenen Referat entspann 'ich eine rege Diskussion. Bedauert wurde, daß die von den Adlers- hofer Genossen eingebrachte Resolution, die sich gegen die Kauf. mannsche Broschüre wandte, auf dem Parteitag kurzer Hand fallen gelassen wurde. Genosse Neumann war nun der Meinung, daß diese wichtige Resolution nicht ein solches Schicksal verdient hätte, da doch hier immerhin 86,7 Proz. Arbeiter Mitglieder der Konsum- genossenschaft sind. Genosse Groger betont hierzu, daß die Reso- lution bei den süddeutschen Genossen keinen Anklang gefunden babe, da dieselbe in Rücksicht daraus, daß in Süddeutsckiland viele Beamte und Kleinbürger der Konsumgenossenschaft angehören, nicht hätten dafür stimmen können. Unter Verschiedenes wurde vom Genossen Neumann ein Artikel aus dem„Adlershofer Tageblatt verlesen, der sich mit dem Attentat auf den russischen Minister Stolypin beschäftigte. Es zeige sich wieder, was für geistige Kost den Lesern dieses Blattes, das leider noch viele Arbeiter lesen, vorgesetzt wird. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde das Andenken der verstorbenen Mitglieder Sucher und Ladwig geehrt. Ferner gab Genosse Hitze bekannt, daß 7 Mitglieder ausgetreten und 18 verzogen, dagegen 16 zugezogen resp. neu eingetreten sind. Mit der Aufforderung, sich recht rege an den kommenden Partei arbeiten zu beteiligen, schloß der Vorsitzende, Genosse Kladt. die Versammlung. Notvatves. Aus der Gemeindevertretung. Den Gesamtbebauungsplan hat auf Grund einiger in der letzten Sitzung geäußerten Aenderungs- wünsche Herr Ingenieur Härtel einer nochmaligen eingehenden Bearbeitung unterzogen; in der Sitzung erläuterte derselbe den Plan nun auf Wunsch des Bürgermeisters nochmals in ausführ- licher Weise. Es bestand vor allem der Zweifel, ob die Anlage einer oder zweier Uferstraßen vorgesehen werden soll. AuS praktischen Gründen entschloß sich die Kommission für die Anlage einer Straße am südlichen Ufer, während auf der nördlichen Seite die Grundstücke ebenso wie der etwa 50 Meter breite Ladeplatz direkt an die Ruthe grenzen sollen. Damit dürfte den zu erwartenden industriellen Anlagen genügend Rechnung getragen sein. Weiter handelte es sich um die Frage, ob der Bcthlehemkirchplatz von einer breiten Verkehrsstraße durchschnitten werden soll. Da diese Mög- lichkeit.wegen der Gestalt des Platzes bezweifelt wurde, beschloß die Kommission, an der Südseite einen schmalen Ausgang zu schaffen und für den Hauptverkehr zu beiden Seiten breitere Straßen vorzusehen. Auf dem ausgedehnten Gelände nach der Havel zu sind große Baublocks für industrielle Zwecke vorhanden. Da die genannten Aenderungen nach Ansicht des Herrn Härtel nicht nur in ästhetischer, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung wesentliche Verbesserungen darstellen, gab ihnen di� Vertretung ihre Zustimmung.— Das Gewerbegericht beendigt mit dem Ab. laufe dieses Monats sein erstes Geschäftsjahr. Da die Amtsperiode des Vorsitzenden sich nur auf ein Jahr erstreckte, so wurde eine Neuwahl erforderlich. Die Vertretung wählte wiederum Herrn Bürgermeister Winkelmann als Vorfitzenden und den Schöffen Obst als Stellvertreter.— Nach den erlassenen gesetzlichen Be stimmungen ist auch für unsere Gemeinde ein Zuwachssteueramt zu bilden. Nack 8 23 der Ausführungsbestimmungen sind bei Ver- gleichen zwei Mitglieder der Gemeindevertretung zur Genehmi- gung hinzuzuziehen. Die Vertretung wählte für dieses Amt den Bürgermeister als Vorsitzcnocn, den Schöffen Obst als Stellvertreter und die Herren Gemeindebaumeister Kluge und Gemeinde- sekretär Lobbes als Beisitzer.— Der 12. Armenbezirk hat nach Angabe des Vorstehers, Herrn Rentier Böhme, im Laufe der Zeit eine so große Aus-dehnung genommen, daß die Erledigung der not. wendigen Arbeiten nur mit großem Zeitaufwande möglich ist. Hinzu kommt noch, daß einzelne Armenpfleger des weiten Wege? halber höchst selten zu den Kommissionssitzungen erscheinen und die Beschlußfähigkeit somit in Frage gestellt wird. Die Vertretung beschloß daher, gemäß dem vorliegenden Antrag die Gartenstraße, Ahornstraße und die Großbeerenftraße von Nr. 102 bis 270 von dem bisherigen 12. Armenbezirk abzutrennen und hierfür einen neuen(13.) Bezirk zu bilden. Behufs Abrundung wurde ferner beschlossen, die Berliner Straße von Nr. 94 bis 148, sowie die Kaiserstraße und die Böckmannstraße vom 9. Armenbezirk ab- zutrennen und dem 12. Bezirk zuzuteilen.— Den interessantesten Punkt der Tagesordnung bildete, wie der stark besetzte Zuhörer- räum bewies, die Stellungnahme zu dem abgeänderten Projekt der Eisenbahnhöherlegung auf Grund des Ergebnisses der von der Regierung vorgenommenen örtlichen Äesichtigung. Ter Bürger» meister betonte hierzu, daß bei dem von der Landespolizei an Ort und Stelle abgehaltenen Termin, zlk dem diejenigen ein-febadest waren, die Einspruch erhoben haben, der Regierungsvertreter der- artig mit Fragen und Entschädigungsforderungen besturmt� worden sei. daß er sich gezwungen sah. den Termin nach dem Sitzungs- saale des Rathauses zu verlegen. Dort habe er den Geladenen erklärt, daß er lediglich zu untersuchen habe, ob landespolizerliche Bedenken gegen den Plan der Eiscnbahnbehörde vorliegen oder nicht. Bezüglich der Bismarckstraße bemerkte er, daß für dieselbe die bisherige Breite von 6 Meter vorgesehen sei. � Wenn die Interessenten die Straße breiter haben wollten, so mußten sie sich an die Gemeinde halten. Der Einspruch der Gemeinde gegen die Verlegung der Bergstraße könne sich nicht auf die Wahrung orfent- licher Interessen stützen. Kein Hausbesitzer hafo das Recht aus eine durchgehende Straße. Infolge dieser Feststellungen sowie mit Rücksicht darauf, daß bei Aufrechterhaltung des Einspruchs die Fertigstellung des Bahnbaues sich mindestens um ein halbes Jahr verzögern würde, was für die Gemeinde eine weitere wirt- schaftliche Schädigung bedeuten müßte, sah sich der Bürgermeister veranlaßt, den Einspruch der Gemeinde, vorbehaltlich der mung Oer Vertretung, zurückzuziehen, um so mehr, als die projer- tierte neue Straße der bisherigen Bergstraße unbedingt vor- zuziehen sei. Leider seien durch die hohe Forderung der Kom- Mission wie durch den Einspruch selbst verschiedene vorteilhafte Angebote wieder zurückgezogen worden, so lehne z. B. Herr �.evi die Aufrechterhaltung der seinerzeit gemachten Versprechungen ab. Nachdem Gemeindevertreter Quappe nochmals die Notwendigkeit eines Fußgängertunnels zwischen Bismarck- und Kaiser-Wilhelm- Straße betont hatte, plädierte Gemeindevertreter Nathan gleich- falls für Zurücknahme des Einspruchs. Genosse Neumann sprach sich im Einverständnis mit seinen Fraktionskollegen im gleichen Sinne aus und ersuchte den Bürgermeister, die Forderung nach einem Fußgängertunnel im Auge zu behalten. Die Ge- meindevertretung erklärte sich schließlich mit-der Zurücknahme des Einspruchs einverstanden.— Die Vertretung gab sodann ihre Zu. stimmung. daß die Firma Töller u. Co., Frankfurt a. M.. im Orte zwei öffentliche Fernsprechzellen errichtet.— Zum Schluß fand die von einer Kommission ausgearbeitete Ortssatzung für das Kaufmamisgericht Annahme. Potsdam. Stadtverordnetenversammlung. Der Rechnungsabschluß für 1910 weist einen Ueberschuß von 239 416 M. auf, von denen allerdings bereits 105 217 M. bei Ausstellung des Etats für 1911 al» mutmaß- liche Ueberschüsse vorgetragen find. Vom Magistrat wird in Zukunft von dem nicht ganz einwandfreien Mittel der Einstellung mutmaßlicher Ueberschüsse des laufenden Etatsjahres beim Abschluß des neuen Etats kein Gebrauch mehr gemacht werden. Etatsüberslbreitungen haben in Höhe von 77 671 M. stattgefunden. Darunter ist auffällig die stetige Steigerung der Ausgaben für Geisteskranke. Für die 120 Geisteskranken beträgt die Ausgabe für 1. April bis 31. Dezember 1910(also drei Vierteljahr) schon 33000 M., während sie im ganzen Jahr 1909 nur 26 000 M. betrug.— Von der Brandenburgischen Landeshauptkasse sind als Beihilfe zur Unterhaltung der hiesigen VerpflegungSstation 2750 M. bewilligt.— Die Neue Luisenstraße soll von 17 auf 20 Meter verbreitert werden, damit die elektrische Bahn zweigleisig verlegt und außerdem der Verkehr nach dem neuen Flugplatzgelände aufgenommen werden kann. Die Anwohner wollen drei Dieter Vorgarten für 15 M. pro Ouadratmeter abtreten mit der Bedingung, daß sie zu den Pflasterungskosten nur zum Höchstbetrage von 160 M. pro Meter herangezogen werden. Außerdem soll das Zinnowsche Grundstück mit 75 000 M. angekauft werden. Verschiedene Stadtverordnete bemängelten die fortgesetzten Grund» stücksankäufe. Nach langer Debatte wurde die Vorlage mit großer Mehrheit angenommen, da eine gute Entwickelung dieses ganzen Teiles von der Zukunft erwartet wird.— Der Magistrat brachte einen DringlichkeitSantrag ein, nach dem eine Kommission eingesetzt werden soll, die die Mittel und Wege beraten soll, wie �die LebenSmittelteuerung zu lindern fei. Die Stadtväter waren sprachlos; das konnten sie so schnell nicht begreifen. Hoffent» lich beeilen sich Magistrat und Stadtverordnete mit der beabsichtigte« NotstandSaktion und machen ganze Arbeit. Die Bloßlcgung eines 1608 gesunkenen Salzkahnes finrfc gegenwärtig vom Potsdamer MufeumSverein auf dem Gelände der Dietrichfchen Badeanstalt vorgenommen. Nach der lieber- lieferung soll infolge einer Kollision mit der früheren Holzbrücke über die Havel, die am Platze der heutigen Kaiscr-Wilhelmbrücke den Strom überspannte, der mit Salz aus kurfürstlichen Salinen beladene Kahn gesunken sein. Daß dabei Menschenleben verloren gingen, scheint nach den Ausgrabungsfunden außer Zweifel zu sein. Man schaufelte aus dem morastigen Havelboden Teile von menschlichen Schädeln, Gefäßstücke, gelochte Steine und eine eisen» beschlagene Schifferstaake, die alte Prägungen aufweist. Der Kahn ist mit einigen markanten Teilen der Bordwand bloßgelegt und wird im Auftrage des MuseumSvcreinS nach gründlicher Durchsuchung photographiert..... it.-- Die Stadtverordneteuwahlen finden für die dritte Abteilung am Montag, den 20.. und Dienstag, den 21. November, von vormittags 10 Uhr bis abends 8 Uhr statt. Am 20. November wählen alle Wähler mit dem Anfangsbiubstaben.A— D und am 21. November diejenigen von dl— Z. Den Wahlvorstand bilden für den 1. Wahlbezirk(Rothaus) die Stadtverordneten BrieSuick, Nonnast und Noack und im 2. Wahlbezirk(Schule in der Jägerstraße) die Stadtverordneten Saft, Schott und Brandenburg. Die zweite Ab- teilung wählt am 23. und 24. November und die erste Abteilung am 25. November. Stadtverordneter Grell, der erst vor 4 Jahren in der dritten Abteilung gewählt wurde, bat aus GesundheiiSrücksichten fein Mandat niedergelegt. Oberlehrer Prof. Grell ist Vorsitzender des Reichs- Verbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Für feine Tätigkeit bei der ReichStagSwabl 1907 berücksichtigte ihn im Herbst der Neue Wahlverein bei der.Verteilung' der Mandate. Im Reichs- verband und bei den Alldeutschen bleibt Grell nach wie vor an der Spitze._ «Setterproqnoie Nir Dienstag, den L«. September ISU. Ziemlich milde, zeitweise ausklarend, vorwiegend nebelig oder wolkig mit etwaS Regen und meist schwachen südwestlichen Winden. Berliner Wellerbureau. Marktpreise von Berlin am SS. Septbr. lvll, nach Ermittelung des Königlichen Polizeipräsidiums. M a r t t h a l l e n p r- i s e.(Kleinhandel) ilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00—50.00. Speijcbobncn 100 weitze, 35.00—60,00. Linsen 34,00—80,00. Kartoffeln 7,00—12,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,50—2.40. Rindfleisch, Bauchfleisch l 30 bis 1,70. Schweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40-2,40. Hammelfleisch 1,30—2,20. Butter 2.40—3,20. 60 Stück Eier 3,20—6,00. 1 Kilogramm Knipsen 1,20—2,40. Aale 1.60—2,80. Zander 1.40—3,60. Hechte 1,20 bis 2,60. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,00. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,50-30,00._ WaflerstandS-Narti riebt»» der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wagerstand M e m e l. Tilstt B r e g e l. Insterbiirg » e i ch s e l, Tboru Oder, Rattbor , Krosien , Frankfurt Warth«. Schrimm , Landsberg Rehe, vordamm Elb«, Leitmcriy , Dresden , Varby . Magdeburg Wagerfland Saal«, Arochlttz Havel, Spandau') , Rathenow') E p r e«, Evremberg') , veestow Weser, Münden , Minden Rhein, RaximüianZau , Kaub Köln Neckar, Heilbron» Main, Wenheu» M o sei. Trier am 24. S. orn 40 —7 —40 76 68 71 140 102 61 14 feil 23.9. cro1) +5 +2 —4 +2 +2 —2 0 +1 -3 *)+ bedeute. Wuchs.— Kall.—«) Unterveaet. Kuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW,