Mr. SS7. BbonnemenfS'Bedingnngtn: «vonnements- Preis pränumerando i Siertcljährl. SM Mk, moitaK. 1,10 SRI., wöchmtlich 23 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummcr mit illufiriertcr Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. klbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal. — nänien, Schweden und die Schweiz. 88. Jahrg. VIe TnferflonS'Gebabr »eträgt für die sechsgespalten- Koloncl- »eile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Pereins- und Äersamiiilllngs.Anzeigcn 30 Pfg. „AUin- Hnieigcn", das fetlgcdrurkle Wort 20 Pfg.(zulässig 2 settgedruckte Worte), jedes weitere Bort 10 Pfg. Stelleiigesuche und Schlnsstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort b Pfg. Worte über lö Buch- stabeil zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis lt Uhr nachinittags in der Expedition den werden. Die Expedition ist '>is 7 Uhr abends geöfsnit, CrldstlDt tägild) außer mcntaai. Berliner Volksblnkk. Zcntralorgan äer fozialdcmokratifcbcn Partei Deutfchlande. relegramm- Adresse: «Sgzlzltleiiioltral SirUi". Kedaktlon: SM. 68, L-indenstuasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den 28. September INH. Expedition: SM. 68, Lindcnstraeac 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. So Meiler Zatho. G§ scheint, als ob die Wirren, in die der preußische Oberkirchenrat seine und damit die gesamte protestantische Kirche Deutschlands durch die Amtsentsetzuna des Kölner Pfarrers Jatho wegen Irrlehre gestürzt hat. im Be- griff stehen, eine neue, verstärkte Auflage zu' erleben. Soeben kommt eine Schrift auf den Büchermarkt, die dem Oberkirchenrat nichts übrig lassen wird, als dem ersten Ketzergericht ein zweites hinzuzu- fügen. Tut er das nicht, so setzt er sich und sein Spruch- kollegium Jatho gegenüber in schwerstes Unrecht. Wagt er aber ein zweites Ketzergericht, so trägt er selbst so sehr wie niemand anders innerhalb der protestantischen Kirche zur Förderung der Zersetzungsprozesses bei. in den diese nach vielen Anzeichen gegenwärtig immer mehr hineingerissen wird. Die Schrift, die bei Eugen Diederichs in Jena erschien, führt den Titel:„Staatschristentum oder Volks- k�i r ch c". Ihr Verfasser ist der Verteidiger Jathos vor dem Spruchkollegium, der Dortmunder Pfarrer Lic. theol. G. T r a u b. Der Schritt, den Traub mit der Veröffent- lichung der Broschüre getan hat, verdient auch von unserer Seite, die wir auf ganz anderem politischen Boden stehen wie er, größte Hochachtung Die Veröffentlichung ist die Tat eines aufrechten, wahrhaftigen und unerschrockenen Ätannes. Ihr Inhalt ist eine einzige Herausforderung an den preußi- schen Oberkirchenrat, ohne Wenn und Aber, ohne Hüllen und Klauseln. Die Schrift beginnt mit einem klaren, knappen Bekenntnis der religiösen Ueberzeugungen des Verfassers und endet in einer etwas breiten Darlegung eines neuen kirchenpolitischen Programms. Dazwischen steht eine über- aus scharfe Kritik an der heutigen preußisch-deutschen pro- tcstantischen Landeskirche und deren Theologen, orthodoxen wie liberalen. Ein angehängtes letztes Kapitel, das aber hätte wegbleiben können, beschäftigt sich nochmals im be- sonderen mit dem Richterspruch des Kirchenkollegiums, der Jathos Absetzung verfügte. Das Glaubensbekenntnis Traubs lautet in der Hauptsache und ungefähr mit seinen eigenen Worten folgendermaßen:„Vor mir liegt das sogenannte a v 0 st 0- Iis che Glaubensbekenntnis: ich lehne dieses Be- kcnntnis der katholischen Reichskirche als mein Glaubens- bckenntnis vollständig ab. Ich höre das Wort D r e i e i n i g- k e i t— ich benutze es nie. Man hält mir die sogenannten Heilstatsachen der jungfräulichen G e b u'r t Jesu, der A u f e r st e h u n g und Himmelfahrt vor: ich kenne nur geschichtliche Tatsachen: Heilstatsachen sind mir fremd. Man erinnert mich an die S a k r a m e n t e: ich feiere keine." Unter ewigem Leben versteht er nichts weiter wie das „Uebergehen zu einer vollständig neuen Form des Lebens". Jesus steht er in vieler Beziehung skeptisch gegenüber. Er weiß auf Grund dessen, was man als einigermaßen geschichtliche Urkunde über ihn aus der Bibel gelten lassen kann,„viel zu wenig von ihm, um sich ein einwandfreies Bild seiner Persönlichkeit entwerfen zu können". Manches von dem, was über ihn berichtet wird,„stößt ihn ab". Er hütet sich ängstlich, ihn„Sohn Gottes" zu nennen: er an- erkennt nur seine„reine Menschlichkeit". Aehnlich offen urteilt er über die Bibel:„Es ist etwas nicht darum gut, weil es in der Schrift steht, und es wird ctlvas darum nicht schlecht, weil nian es aus der Schrift nicht belegen kann". Schließlich, das Wichtigste, seine Gottesaufassung. Einen persönlichen Gott lehnt er. freilich ein wenig verblümt, ab: denn:„ich kann mir ihn gar nicht persönlich denken". Gott ist ihm vielmehr„das Unendliche",„der Sinn des gesamten Lebens und der Welt",„helfende Kraft", die man„hat" und„erlebt", aber„nicht lehrt":„Gott ist nicht ein einzelner, sondern der, außer dem nichts ist und in dem alle gleich nahe sind, weil alle gleichmäßig von dem letzten Sinn innerlich und äußerlich getragen werden". An dieses Bekenntnis schließt sich ein vernichtendes Urteil über die Landeskirche und die Mehrzahl ihrer Theologen. Nur einiges Wenige daraus sei hier zitiert:„Die preußische Landeskirche ist genau so ein Stück Welt, wie alles andere neben ihr: sie ist u m n i ch t s ch r i st l i ch e r als d i e W e l t."„Unsere kirch- lichcn Synoden haben gar keinen Begriff von geistiger Arbeit: sie sind weniger als die organisierte Bedeutungslosigkeit"! An einer anderen Stelle geht er sogar soweit, die Landeskirche nur noch als eine Fiktion darzustellen:„Wir haben keine Landeskirche mehr: wir haben heute eine Millionen- kirche in der nicht nur Angehörige verschiedener Landes- kirche'n vermöge der Freizügigkeit Platz finden, sondern in der zwei Landeskirchen selbst(die lutherische und die reformierte) durch die Union sich zusammengeschlossen haben.- Die Landeskirche im eigentlichen Sinn des SSortcs'.. war nichts anderes als eine staatliche Unter- 'weisung des Volkes, das in einem bestimmten Lande wohnte. in dem Bekenntnis seines Landesherrn. Sie war... ge- wahrt durch die Landeshoheit des Fürsten. Sie war Staats- Einrichtung... Der Staat ist aber paritätisch geworden. Ter Landesherr hat seinen Mitgliedern, ob konfessionell oder konfessionslos, vollständig gleich gegenüber zu stehen- Ao fehlt den Behörden, die heute noch mit dem Begriff der Landeskirche operieren, der staatsrechtliche Hintergrund. Und wie die Landeskirche von oben her aufgegeben ist, so auch von unten..." Das Endergebnis seiner Kritik ist schließlich, daß auch er den immer stärker hervortretenden Katholisieru'ngsprozetz der evangelischen Kirche konstatiert. Endlich sein kirchenpolitisches Programm. Hier verlangt Traub die Umwandlung dieser Landeskirchen in eine„Volkskirche", eine„Millionenkirche", wie er sie gern nennt, zu der alle gehören sollen, die weder katholisch noch jüdisch sind! Für diese soll die neue Volkskirche bloße Ver- waltungseinheit sein. In ihr soll keinerlei Glaubenszwang herrschen. Jede Gemeinde soll in dieser wie in kultischer Beziehung völlig souverän sein. Jede Gemeinde soll sich ihre eigene gottesdienstliche Ordnung schaffen. Das apostolische Glaubensbekenntnis soll beseitigt werden. Die theologischen Fakultäten sollen von den Universitäten verschwinden. Tie Trennung zwischen Staat und Kirche soll vollzogen tverden. Trotzdem aber soll der Staat den Religionsunterricht der Schule in der Hand behalten. Allerdings soll dieser vor- wiegend in Religionsgeschichte bestehen. Dadurch soll„eine Näherbringung der Konfessionen untereinander zur Er- zeugung einheitlichen Nationalbewußtseins" erzielt werden. „Die Kirche," schließt Traub seine Forderungen,„verzichte grundsätzlich auf Herrschast: dadurch gibt sie das leuchtende Beispiel für wirkliche Hilfe und wirkliches Gottvertrauen." Was haben wir unsererseits zu alledem zu sagen? Ganz einer Meinung müssen wir mit Traub in der Beurteilung des Wesens der heutigen Landeskirchen sein. Was er über sie in scharfen Worten ausführt, das ist von uns schon oft mit gleicher Schärfe dargelegt worden. Die heustgen Landeskirchen sind Ana- chronismen ihrer Verfassung nach, Herrschaftsinstrumente des heutigen Klassenstaates. Die organisatorische Entwickelung, die sie seit etwa fünfzig Jahren durchgemacht haben, ist eine Entwickelung zu einer neuen, nur anders gefärbten katho- Irschen Kirche. Der Annäherungsprozeß der preußischen protestantischen an die römisch-katholische Kirche ist ein immer vielseitigerer und rascherer. Er geht parallel zu dem immer engeren wirtschaftlichen und politischen Zusammen- schluß der Agrar- und Jndustriekapitalisten vom Zentrum einerseits, der nationalliberalen und konservativen Partei andererseits im blau'-schwarzen Block. Ueber das Glaubensbekenntnis, das Traub persönlich für sich ablehnt, zu urteilen, fehlt uns an dieser Stelle die Möglichkeit. Doch muß auch einmal die Klarheit, Tapferkeit und Wahrhaftigkeit gerühmt werden, mit der er mit allen alten Ueberlieferungen bricht. Offen stellt er sich in dieser Beziehung an Jathos Seite, identifiziert sich geradezu mit ihm und hebt sich so leuchtend von fast allen anderen Theologen ab, die eine ähnliche Selbstcharakteri- sierung bisher peinlich vennieden haben. Nach unserer per- sönlichen Meinung ist auch sie innerlich auf die Dauer nicht haltbar: trotz der Tapferkeit ihrer Verfechter ist sie noch eine Halbheit, die aber aus dem Charakter der Uebergangszeit. in der sich die Gegenwart religiös befindet, durchaus erklärlich ist. Jedenfalls ober steht das ganze Glaubensbekenntnis Traubs im schärfsten Widerspruch mit allem, was man. selbst in tolerantester Färbung, bisher in der Kirche als christlichen Glauben verstand. Insofern enthüllt der Gegensatz, in dem sich dieser zu jenem befindet, von neuem die ganze ungeheure auf ein paar Jahrtausende zurück sich datierende Rückständig- keit der christlich-kirchlichen Glaubenslehre gegenüber allem, was heute den vorwärts drängenden Menschengeist an geistigem Gut lebendig und notwendig erfüllt. Es ist schon ein Verdienst, wenn ein Theologe und Pfarrer im Amt dazu beiträgt, daß diese Tatsache von neuem vor aller Oeffentlich- keit konstatiert wird. Als utopisch, unklar und teilweise eine Halbheit er- scheint uns aber Traubs kirchenpolitisches Pro- g r a m m oder vielmehr die Grundlagen, von denen aus er es formuliert. Utopisch ist seine Forderung, daß die Kirche auf Herrschaft verzichte. Herrschaftsausübung über diet Geister im Sinne einer weit zurückgebliebenen Welt-j! anschauung ist gerade so sehr ihr heutiges Wesen, daß die' Beseitigung dieser Herrschaft das Ende ihrer Existenz sein wird. Eine Halbheit ist seine Forderung der Trennung zwischen Staat und Kirche: denn sie bleibt in einem wichtigen Punkte unvollendet, solange dem Staat der Religionsunter- richt in der Schule erhalten bleiben soll. Er wird, bei seinem Charakter als Klassenstaat, ihn in demselben Sinne und zu demselben Zweck erteilen, wie die Klassenkirche ihre Herr- schaft ausübt. Völlig unklar, geradezu unverständlich bleibt die Hoffnung auf eine Wiederannäherung der Konfessionen zu einem einigen Nationalbewußtsein: sie ist ganz uuerklär- lich bei einem Manne, der soeben mit jeder Form von Kon- fession bricht. Eine Unmöglichkeit ist endlich die„Volks- und Millionenkirche" aller Nichtjnden und Nicht- katholiken. auch nur in der Form eines bloßen äußerlichen einheitlichen Verwaltungsorganismus. Sieht Trank» nicht, daß die ganze gegenwärtige kirchliche Entwickelung, wenig- stens aus protestantischem Boden, in Deutschland statt auf neue Zufaminenfassung vielmehr auf Auseinanderfall. Zcr- splitterung. Isolierung hinausgeht? Die Sekten nehmen an Zahl und Gehalt zu und lösen sich längst von der Kirche. Die Heilsarmee wuchs als eine neue selbständige religiös-kirch- liche, noch dazu internationale Organisation in die Höhe. Die Monisten sammeln eine neue Bewegung. Traich und seine Freunde selber bilden innerhalb der überlieferten Landes- kirche auch organisatorisch immer mehr einen Fremdkörper, auf den diese stark ablehnend reagiert. Als ihr Gegenpol präsentieren sich die pietistischen Gemeinschaftskreise, die sich ebenfalls immer mehr ab- und zusamnienschließen. Zu Zehn- taufenden strömten schon Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Kirche heraus, zu Dutzenden und Hunderten folgen ihnen ihrer noch heute täglich. Wir sehen also keinen Weg. der Aussicht auf Verwirklichung des organisatorischen Grund- gedankens von Traubs kirchenpolitischem Programm böte. Doch das ist in diesem Augenblick nicht die Hauptsache. Hauptsache ist, daß der Mann den Mut fand, vor oller Oeffentlichkeit zu sagen, wie es religiös in seinem Innern aussieht. Damit ist er freilich in schweren Konflikt mit seiner Kirchenbehörde geraten. Der Kampf, den er mit ihr auszufechten haben wird, wird nicht leicht sein. Wir wünschen ihm dafür Ausdauer und Mut- /__ Paul Göhre- Die lilarohhoaffäre. Eine halbamtliche Pariser Meldung besagt: Botschafter C a m b 0 n hat über seine letzte Unterredung mit Staats- sekretär v. Kiderlen-Waechter kurz tclegraphisch hierher berichtet. Man erwartet nunmehr die von dem Staats- sekretär angekündigte definitive Antwort, um den deutschen Standpunkt zu den letzten französischen Vorschlägen genau zu prüfen. Der„Matin" macht folgende nähere Angaben: Der Vertrag kann so gut wie fertig angesehen werden. In der Verhandlung zwischen beiden diplomatischen Vertretern am Montagabend haben die Diplomaten noch einmal das Projekt der Errichtung eines französischen Protekto rares in Marokko besprochen. Dieses Protektoratsprvjckt besteht, wie wir erfahren, aus fünfzehn Artikeln. Herr von Kiderlen-Waechter hat mit unserem Vertreter jeden einzelnen Punkt genau durchgesprochen und. sich bis auf drei Artikel mit ihm geeinigt. Einer von diesen drei noch nicht zugestandenen Punkten betrifft die Aufhebung der Konsulargerichtsbarkeit in Marokko. Herr von Kiderlen-Waechter will keine Aenderung dieser drei Artikel eintreten lassen. In offiziellen französischen Kreisen legt man jedoch diesen kleinen redaktionellen Aende» r u n g e n wenig Wert bei und glaubt, daß im Prinzip der deutsch-französische Marokkoakkord bereits geschlossen ist, Schlappen der Spanier. Tanger, 27. September. Meldungen aus eingeborener Quelle besagen, die Spanier hätten alle Stellungen am rechten Ufer des Ued Kert räuinen muffen. Eine Kolonne soll am Donnerstag überfallen worden sein, die Munition sei weg- genommen worden. Bei Seluan, welches am Sonntag von den Spaniern geräuint worden sei, haben die Rifleute angeblich fünf Kanonen erbeutet, deren Verschlutzstücke abgeschraubt waren. Eine Bestätigung dieser Meldungen liegt noch nicht vor. Verhinderte Landung. Mogador, 26. September. Der spanische Kreuzer Aguila, mit einer Militärmission an Bord, die den Auftrag hat. Jfni zu rekognoszieren, ist vor diesem Platz eingetroffen. Die dortigen Stämme zeigen sich feindlich und verhindern die Landung. Offizielle Kreise erklären, daß an Bord des vor Jfni ein« getroffenen Kreuzers sich keine M i l i t ä r m i s s i 0 n befinde. Starke Worte. Madrid, 26. September. Bezugnehmend auf die Meldung eines auswärtigen Blattes betreffend künftige Verhandlungen zwischen Frankreich und Spanien über eine Räumung von E l k s a r und L a r r a s ch, erklärt„I m p a r c i a l", bei einer solchen Räumung stehe das Ansehen des Landes in Frage; keine spanische Regierung würde ihr zu st im in en. Nalienz Kaubaug. Jeder Tag vermindert die Wahrscheinlichkeit einer fried- lichen Lösung. Und selbst eine solche würde, da sie eine im- erträgliche Demütigung der Türkei bedeutet, für Europa die Gefahren nicht vermindern. Weicht die Türkei auch zurück, so wird doch die Orientfrage aufs neue aufgerollt. Schon werden neue Unruhen in Albanien gemeldet, schon rüstet Griechenland, um die Kretafrage ins reine zu bringen. Nur wenn es gelänge, Italien zu zwingen, von seinem Verbrechen abzulassen, könnten die unheilvollen Kon- sequenzen dieses neuesten Raubzuges des Imperialismus ver- mieden werden. Doch dazu sind die Aussichten vorläufig recht gering. Die Türkei hat sich an D e u t sch l a n d um Vermittelung gewandt. Die deutsche Regierung sieht sich aber bei jedem Schritt dem Widerstande nicht nur Italiens, sondern vor allem Eng- l a n d s und Frankreichs gegenüber, und auch Oester- reich hofft aus dem Ende der Türkei für sich MachtcNveitc- rung zu gewinnen. Das ist ja das Schlimmste an diesem Streich der italienischen Regierung, daß dadurch Ereignisse heraufbeschwört werden, die von den käpita- listischenStaatsmächten nicht mehr beherrscht werden können. Augenblicklich dauern die diplomatischen Besprechungen zwischen der Türkei und Italien noch fort. Aus eine sehr energische Note Italiens hat die Pforte geantwortet, sie wolle die wirtschaftlichen Forderungen Italiens erfüllen, wolle aber mit eigenen Mitteln dafür sorgen. Italien, heißt es, ist von dieser Antwort nicht befriedigt, es verlangt„Garantien" für die Erfüllung des Versprochenen, Garantien, die offenbar in der Einräumung von Herrschaftsrechten in Tripolitanien bestehen sollen. Ein italienisches Ultimatum soll unter- Wegs sein und die italienischen Kriegsschiffe kreuzen vor Tripolis, bereit, jeden Augenblick Truppen zu landen. Beachtung verdient die allerdings noch unbestättgte Mel- dung, England beabsichtige im Falle der Besetzung Tripo- litaniens durch Italien, sich an der K ü st e der C y r e n a i k a festzusetzen. England würde damit zu erkennen geben, daß es den wertvollsten Teil des noch übrig gebliebenen Nordafrikas selbst zu rauben beabsichtigt. Es würde damit zugleich eine Pufferkolonie zwischen Tripolis und Aegypten gewinnen. Bestürzung in der Türkei. Konstantinopel, 27. September. Die Nachrichten über die Vor« bcreitungen Italiens rufen in der öffentlichen Meinung der Türkei Bestürzung hervor. Die Regierung ist bemüht, die Erregung zu dämpfen. Eine für morgen angesagte gegen das Borgehen Italiens gerichtete Versammlung ist verboten worden. Der Minister des Innern hat gestern nachmittag die Vertreter der Presse zu sich berufen und ihnen empfohlen, angesichts der Lage die Veröffentlichung von Alarmnachrichten zu vermeiden, weil eine Erregung der Gemüter bedenkliche Folgen zeitigen könne. Der Kriegsminister hat die Presse gebeten, über militärische Maßregeln nichts zu veröffentlichen. Beim Großlucsir finden täglich Ministerberatungen statt, deren Beschlüsse geheim- gehalten werden. Gerüchte besagen, es herrsche die Meinung vor, daß Truppen und Munition nicht nach Tripolis gesandt werden sollen. Bon maßgebender Stelle werden die jungtürkischen ZeitungS- Nachrichten für falsch erklärt, nach denen der Ministerrat beschlossen haben sollte, daß im Falle einer Landung italienischer Truppen in Tripolis die dort liegende Division bis auf den letzten Mann zu kämpfen hätte, daß die Italiener aus der Türkei vertrieben, die Be- Ziehungen abgebrochen und die Kapitulationen für Italien gekündigt werden sollten. Nach sicheren Mitteilungen greift jetzt in Regierungs- kreisen eine hoffnungsvollere Auffassung Platz, weil bereits Besprechungen über die Forderungen Italiens angeknüpft worden sind. Türkische Truppeuseudungen. Köln, 27. September. Die„Kölnische Zeitung" meldet auS Konstantinopel: Aus türkischer Quelle verlautet, daß die Türkei von befreundeter Seite dahin beraten wird, Italien jeden Grund zu militärischem Einschreiten zu nehmen, in dem sie im Bereich äußerster Möglichkeit Entgegenkommen zeigt, wirtschaftliche Wünsche wohlwollend prüft und keine militärischen Maßnahmen in Tripolis ergreift. Doch ist fraglich, ob die türkische R e- gierung st ark genug dazu sein wird. Inzwischen sind im geheimen vorgestern drei Transportschiffe mit Truppen nach Tripolis abgegangen. Die italienische Flotte. Malta, 27. September. Aus Tripolis hier eingelaufene Privatdepeschen besagen, daß italienische Kriegs- �.Ichiffe mit Landungsstreitkräften in einer Entfernung von 20 Meilen vor Tripolis liegen. In Tripolis selbst herrscht unter den Italienern eine Panik, weil man befürchtet, daß es im Augenblick eines Landungsvcrsuchcs zu cincnl Massaker gegen die Europäer kommen wird. Tripolis, 27. September. Hier sind verschiedene italienische Kriegskorrespondenten eingetroffen. Der größte Teil der italienischen Kolonie wurde heute unent- geltlich nach Syrakus befördert. Italienische Kriegs- , schiffe sind in Sicht gekommen. Noch nicht! Rom, 27. September. lMeldung der.Agenzia Stefam".) DaS türkische Schiff„Derna* ist in Tripolis eingetroffen. ES hatte nur wenige Soldaten, Gerste und sehr wenig Waffen an Bord. Unsere Kriegsschiffe hatten keinen Befehl erhalten, es zu nehmen. Kein Generalstreik. Rom, 27. September. Trotzdem die allgemeine Arbeiter- Vereinigung im Einvernehmen mit der sozialistischen Partei als Protest gegen die Haltung Italiens in der Tripolisfrage für 2 t Stunden den Generalstreik beschlossen hatte, ist auch weiter- hin keine Störung der Arbeit hier eingetreten. Wie aus Mailand, Turin, Venedig, Genua, Ancona, Florenz, Bologna und anderen Orten gemeldet wird, zeigen auch diese Städte ihr ge- wohnteS Aussehen. Alle öffentlichen Betriebe sind im Gange. Der Streik hat nur geringen Umfang angenommen. In allen Hauptstädten sind die Soldaten des zu den Fahnen ein- berufenen Jahrganges 1888 Gegenstand begeisterter Kundgebungen. Ein diplomatisches Duell. Paris, 27. September. Der türkische Botschafter Rifaat Pascha erklärte einem Mitarbeiter des„Tempö": Ich kann sagen. daß es sich nicht bloß um eine tripolita nische Frage handelt; denn eine Landung in Tripolis würde sich völkerrechtlich nicht von einer Landung in Smyrna oder Saloniki unterscheiden. Unter diesem Gesichtspunkte müssen die öffentliche Meinung und die Regierungen Europas diese Frage betrachten. Wir fasten nicht allein die Notwendigkeit eineS lokalen Widerstandes ins Auge. Won» aus der Drohung von heute Mrklichkeit würde, so müßte die Türkei ihre Existenz als souveräner und unabhängiger Staat gegen diese Methode aus einein anderen Zeitalter verteidigen. Auf diese Erklärung erwidert der italienische Botschafter Tittoni im„Matin" folgendes: Ich muß durchaus bestreiten, daß die türkischen Behörden in Tripolis, die gegenüber Italien vexatorisch und illoyal Verfahren sind, in gutem Glauben bandelten. Ich erkläre kategorisch, daß das wirtschaftliche Vorgehen Italiens in Tripolis durch alle möglichen Gesetze und Mittel von den türkischen Beamten verhindert worden ist.'Die Haltung dieser Beamten hat niemals den guten Worten entsprochen, die aus Konstantinopel kamen. Ich selbst war als Minister des Aeußern mehr- mals im Begriff, die Geduld zu verlieren. Im Jahre 1903 müßte ich zu dem Mittel einer Flottendemonstration greifen, und in demselben Jahre erklärte ich in der italinischen De- putiertenkammer, wenn die Methode der Türkei von anderen Groß- mächt« angenommen würde, so hätten wir jeden Tag den euro- päischen Krieg. Die Vexationen und Feindseligkeiten gegenüber Italienern dauern fort. Italien ist genötigt, aus Achtung vor feiner Würde die Verteidigung feiner Interessen mit aller Energie geltend zu machen.' Aufregung i» Griechenland. Saloniki, 27. September. Uebereinstimmende Meldungen der türkischen GrenzlommandoS besagen, daß seit einigen Tagen an der griechischen Grenze eine lebhaste Bewegung herrsche. Griechischerseits würden besonders nachts außergewöhnliche Verteidigungsmaßregeln getroffen und Verstärkungen der Artillerie vorgenommen. Munitionstransporte trafen ein. Unter den Mohammedanern herrscht infolge.der Verschärfung der tripolitanischen Frage eine tiefgehende Gärung. Line englische flatooil an die deutschen Hottenlreiber. Der englische Marineminister Mc. Kenna hat am Dienstag in London eine Rede gehalten, die sich als Antwort auf die neuen Forderungen des Flottenvereins darstellt. Der englische Minister führte aus: Mit der größten Befriedigung halte ich im März dieses Jahres die Hoffnung ausgesprochen, daß von Ende dieses Jahres an die Ausgaben für unsere Rüstungen nicht mehr erhöhl würden. Ich ging damals sogar soweit, zu erklären, daß unser Budget für die Flottenansgaben, falls nicht die anderen Mächte besondere Anstreiigungen machen würden, sich im nächsten Jahre vermindern könnte. Ich fühle mich berechtigt, jetzt die damalige Erklärung zu>v i e d e r h o l e n. Aber wie imnier müssen stck die Auiwenduiigcn für unsere Flotte danach richten, was die anderen Mächte für ihre Schiffe ausgeben. Ich leugne gar nicht, daß es in England eine ganze Anzahl von Personen gibt, die der Meinung sind, es sei gar nicht nötig, daß wir unsere Flotte auf einem der- artigen Umfange erhalten müßten. Ich glaube aber, daß diese Leute sich über die Notwendigkeiten unseres Landes gründlich täuschen. Ich stütze nrich auf den unangreifbaren Satz, daß der Frieden nicht das notwendigste Gut der Menschhett ist; in erster Reihe stehen die materiellen Interessen des englischen Reiches. Unsere Lage, unsere großen und zahlreichen überseeischen Besitzungen, unser ge- samter ausländischer Handel, unsere unvergleichliche Handelsmaviue sind so gestaltet, daß wir in einemKricge nichts zu gewinnen haben. Aber diese unsere Weltinteressen bringen uns von Zeit zu Zeit in Kontakt— ich will das Wort Konflikt nicht aussprechen— mit Hoffnungen und Wünschen der anderen Völker. Nichts als das Vorhandensein unserer überragenden Kriegsflotte hat uns zu jeder Zeil und unter allen Umständen die Freiheit auf den sämtlichen Secverkehrswegcn, die für unsere Sicherheit und unsere Interessen unentbehrlich ist, verbürgt. Die Erhaltung des Friedens ist unser e r st e S I n t e r e s s e. Aber wir können ihn nicht erhalten, indem wir bitten. Wir können uns den Frieden nicht erkaufen, soydern lediglich durch eigene Kraft können wir uns ihn sichern. Es gibt für England keinen anderen dauernden Frieden, als den Frieden mit Ehrenl Sicherlich hat� sich einiges in unserem Lande geändert, seitdem Deutschland seine Einschüchteningsversuche, mit denen es über die R u s s e n in P e r s i e n, ja selbst über Großbritannien im Orient siegreich gewesen ist, nunmehr auch auf Marokko übertragen hat.� Die Regierung unseres Landes hat im Juli d. I. öffentlich ausgesprochen, daß sie sich zur Politik der Enteute cordiale bekennt. Sie nimmt eine mittlere Haltung ein. Sie gesteht zu, daß in den deutschen Forderungen einiges enthalten ist, was unweigerlich zugestanden werden muß. England hat Frankreich immer empfohlen, Deutschland einen Test zugeben. Sett dem Frontwechsel im MonatAngust bezüglich der Entschädigungen in Afrika hat Engwud seinen Stand- Punkt nicht verlassen. Man darf in dieser geryäßiglen Haltung nicht ein Zeichen von Schwäche sehen. Sie eiflspncht der Taktik der englischen Diplomatie, die von dem Verfahre» in der Wilhclmstraßc gniildvcrschicde» ist. In der Wilhelmstraße Verlangl man viel, um wenig zu erhalten. In England ivählt man mit dem ersten Wurfe seine Stellung, auf der nian bis zum Ende känipft. England ladet zum Frieden ein, zum Nachlassen in den Flottenrnstungen. Aber es gibl gleichzeitig die Versicherung: Wenn man eben daraus dickköpfig anl Worten und sich auf anderer Grund- läge bewegen will, so wird England darin seine Haltung wahren, daß es seine Flotte aufrecht erhält. Die Rede beweist, daß das Wettrüsten weiter gehen wird. Zwar ist es Wahnsinn, da ja doch die englische Regierung entschlösset ist, den Abstand zwischen der deutschen und englischen Flotte unvermindert beizubehalten. Aber die herrschenden kapitalistischen Kreise sehen in diesem Wahnsinn die einzig mögliche Methode ihres Herrschens. Der pzialdcmokratische Abrüstungsantrag ist von Herr» v. Beth- mann H o l l w c g mit Spott und Hohn überschüttet worden, keine bürgerliche Partei hat es gewagt, für ihn einzutreten. ES wird weiter gerüstet, mag auch die deutsch-englische Spannung, von der auch diese übermäßig scharfe Rede Zeugnis gibt, immer bedrohlicher werden und die beiden Kultlirnatilmen in den Abgrund des Krieges reißen. Der Kapitalismus weiß keineu anderen Ausweg._ Die Zersetzung der natloßailiberalen Partei im ßuhrrevier. Daß die nationallibcrale Partei sich in einem Zersetzungs- Prozeß befindet, ist nicht neu. Die wirtschaftlichen Interessen de? rechten und des linken Flügels sind so sehr entgegengesetzter Art, daß diese heterogenen Elemente sich dauernd nicht zusammenhalten lassen werden. Müssen einerseits die Sonderbestrebungcn des Jungliberalismus über kurz oder lang zu ernsthaften Konflikten ühren, so bedingt andererseits die Entwickclung des rechten Flügels zum ausgesprochenen Jndustriekonservatismus innere Auseinandersetzungen. Tie Nationalliberalcn deS rheinisch-westfälischen Industrie- bezirks haben von jeher ans dem rechten Flügel der Partei ge- jtaiidcn. Tic.Abgeordneten des Ruhrreviers, die Müllensiefen, Schmieding, Haarmann ssowohl der verstorbene Oberbürgermeister als auch der Geheime Justizrat), Hilbck und Wcstermann waren stets die Vertrauensleute der Schlot- und Kohlenbarone, die von jeher mehr frcikonscrvativ als nationalliberal waren. Recht deut- lich kam die Auffassung dieser Kreise gelegentlich der Wahlrechts- debatten im preußischen Abgeordnetenhaus zum Ausdruck. Der Anhang der Großindustrie, die Zechcndirektoren, Grubeninspektoren und Fabrikdirektorcn aus dem Ruhrrcvier erteilten den national- liberalen Landtagsabgeordneten, die. mehr oder weniger der Rot gehorchend, für die geheime Wahl eintraten, in der..Rheinisch» Westfälischen Zeitung" ein deutliches Desaveu, indem sie mit großem Nachdruck öffentlich gegen die Einführung der geheimen Wahl zum preußischen Landtag protestierten inid die Beibehaltung der„bewährten" öffentlichen Wahl forderten. Seit jener Zeit ent- wickelten auch die Herren vom rechten Flügel eine intensivere Tätigkeit, wenigstens insofern, als sie auf die Presse einen größeren Einfluß ausübten. Tie Versuche der Rechtsnationalliberalen, durch die Presse politischen Einfluß zu getvinnen. sind älteren Datums. Zunächst war im Dortmunder Kreis die„Dortmunder Zeitung" stets für die Herren ein völlig gefügiges Sprachrohr. Bald aber genügte sie den Scharfmachern nicht, so daß sie bor etwa zehn Jahren in Dortmund die ,.W e st f ä l i s ch e Allgemeine Zeitung" ins Leben riefen. Tie Herren opjfirtcn für dieses Organ, das den krassesten Scharfmacherstandpunit vertrat, große Summen, ohne daß jedoch das Blatt irgendtvelche Bedeutung zu erlangen vermockste. Deshalb zogen die rcchtSnationalliberalcn Kreise es nach diesem Fiasko vor, die„Westfälische Allgemeine Zeitung" mit der„Dortmunder Zeitung" zu vereinigen. Der Chefrcdakieur der„Westsälischen Allgemeinen", die dank ihrer rohen Schreibweise kn Dortmund' ganz allgemein die„W est- sali s che hundsgemeine Zeitung" genannt wurde, übernahm dann die Leitung der„Dortmunder Zeitung". Gleich- zeitig sicherten sich die Großindustriellen durch Einsetzung einer P re tz k o m m i s s i o n, in der sie die Mehrheit hatten, dcu Einfluß auf die politische Haltung der„Dortmunder Zeitung", die es sich sehr angelogen sein ließ, nach dem berüchtigten Muster der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" die Interessen der Montan- industrie zu vertreten. Seine besondere Aufgabe erblickte das Blatt in jener Zeit natürlich darin, die Sozialdemokratie mit allen Mitteln zu verleumden. Tie neue Haltung der„Tort- munder Zeitung" trug dem Unternehmen jedoch neuen finanziellen Mißerfolg ein, eine starke Abnahme der Abonnenten, so daß der Verlag sich gezwungen sah, den Chefredakteur Dabis zu entlassen. Es wurden hierbei allerdings auch andere Gründe angegeben, die indessen nur vorgeschützt gewesen sein dürften. Das Gericht hat diese jedenfalls nicht gelten lassen, sondern Herrn Dabis eine er- hebliche Entschädigungssumme zugesprochen. Nach Herrn Dabis hat'mehrere Jahre die Chefredaktion in den Händen des Herrn von Wildenradt gelegen, dessen Roman „Der Zöllner von Clausen" mehrfach in der Parteiprcsse abgedruar wurde. Herr von Wildenradt war ein durchaus vornehmer 'Charakter, der das Blatt denn auch absolut nicht nach den Wün- schen der rechtsnationallibcralen Scharfmacher redigierte. Die Großindustriellen setzten bei der Neubesetzung des Postens des Chefredakteurs nach dem Tode von Wildenradts durch, daß dieser aus den Kreffen der zuverlässigen freikonservativ-rechts- nationalliberalcn Parteigänger gewählt wurde. In dem früheren Privatsekretär des Freiherrn Heyl zu Herrnsheim, dem Haupt- mann a. D. von Trützschler. glaubte man den geeigneten Herrn gefunden zu haben. Vor reichlich zwei Jahren übernahm Herr von Trützschler die Chcfrcdaktion. Diese Zeit hat völlig gc- nügt, um die„Dortmunder Zeitung" hinsichtlich des Abonncnwn- standes ganz auf den Hund zu bringen, dafür wurde das Blatt aber völlig im Geiste der Schlot- und Kohlenbarone redigiert. Sein Urteil in allen Wirt- schaftlichen Fragen war so wenig von irgendwelcher Sachkenntnis getrübt, daß der Mann schon nach kurzer Tätigkeit nur noch als komische Figur bewertet werden konnte. Trotzalledem soll er den ungeteilten Beifall der rechtsnational- liberalen Scharfmacher gefunden haben. Noch Mitte Juli verkündete der Herr großspurig an der Spitze des Blattes in Fettdruck, daß„Herr Chefredakteur von Trützschler seinen Sommerurlaub angetreten habe"; Ende August wurde den Lesern das weltbewegende Ereignis der Rückkehr des Ehefredak- teurs von Trützschler kund getan und Mitte September war Herr von Trützschler schon gegen Zahlung einer Abfindungssumme aus der Redaktion ausgeschieden; gleichzeitig löste der Verlag das Ver- hältnis mit der Preßkommission und übertrug die Chefredaktion dem Chefredakteur des„unparteiischen"„Dortmunder Generalanzeiger s", der nunmehr beide Blätter, die übrigens in demselben Verlage erscheinen, leitet. Unter der segensreichen Acgidc des Herrn von Trützschler hatte die„Dortmunder Zeitung" bei einer Verbreitung über den ganzen Kreis bis aus etlva 4000 Leser alle Abonnenten verloren, dem Verlag schien es deshalb eine Pflicht der Selbstcrhaltung zu sein, sowohl die Beziehungen zum Herrn von Trützschler als auch zu den rechtsnationalliberalen Scharfmachern zu lösen. Die nationalliberale Partei im Wahlkreise Dortmund hat infolgedessen kein Parteiorgan mehr. Die Bedeutung diese? Borganges ist mit dieser Tatsache allein aber nicht erschöpft. Vielmehr geht aus den ganzen Ereignissen deutlich hervor, daß die Jndustriekonservativen. abgesehen von ihren Angestellten und den wirtschaftlich von ihnen abhängigen Hand- wcrkern und Kaufleutcn, auch im Ruhrrcvisr keinen nennenswerten Anhang mehr haben, und daß die nationalliberalen Kleinbürger und Handwerker sich ganz unzweideutig von ihnen lossagen. Tie politische Bedeutung der Großindustriellen soll deshalb nicht unter- schätzt werden, es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich der Riß vorübergehend wieder zuzieht, trotzdem vollzieht sich aber die Zer- setzung ganz unzweideutig. politifcbe(leberNebt. Berlin, den 27. September Isill. Zerstreute Profithoffnungen. Die„Rheinisch-Westf.-Ztg." ist über den Ausgang des Morokkoabenteuers höchst erbittert. Sie irnd ihre groß- industriellen Hintermänner fühlen sich in ihren schönsten Hoffnungen getäuscht. Gor zu gern hätten sie gesehen, wenn es um das Land Sus zu einem kulturverheerenden Kriege gekommen wäre, denn dieser hätte den Stahl-, Geschütz- und Munitionsfabrikanten manchen gewinnbringenden Auftrag eingetragen. Diese schöne Aussichten auf Riesenprofite sind nun zerronnen. Da ist es vom Standpu'nkt der Herren Großindustriellen und ihrer journalistischen Kommis begreif- lich, wenn sie ihren Monarchismus revidieren und sich gegen die Regierung die giftigsten Angriffe leisten, ja gewisser- maßen sie des Landesverrats beschuldigen. So schreibt zum Beispiel die„Rhein.-Westf.-Ztg." unter der Ueberschrift: „Das Siegel unserer Schmach": „In der Wilhelmstraße zu Berlin aber hat man in natio- nalen Ehrenfragcn die„stärkeren Nerven", das robustere Gc- wissen. Das Deutsche Reich wird bei den Mächten, die seine Niederlage in AlgeciraS gesehen, betteln gehen, damit sie seine neue, viel g»ößere. den Tiefstand seiner Weltgeltung erkennen und anerkennen. Als der alte Ludwig XIV., durch den Neid des Schlachtengottes im DebÄcle des spanischen Erbfolgekrieges niedergebrochen, die Hand zur Vertreibung des Enkels bieten sollte, weigerte sich der Sonnenkönig, die eigene Schmach zu signieren. Unserer Diplomaten, die von anderem Holze sind, Oberster begießt den bevorstehenden Bank- rott beim famosen Junggesellendiner mit der Milch der Veude Cliquot! So weit sind wir! So endet die Lohengrinfahrt nach Tanger, mit der ein deutscher Kaiser für die Ausrcchterholtung schcrifischer Sou- veränität seine Ehre verpfändete, mit unserer tiefsten Erniedrigung durch die Preisgab» des Islams. Wir geben nicht nur die deutschen Schutzbefohlenen und die deutsche Konsular- gcrichtsbarkeit in Maiokko auf, verzichten auf die Mindeftbe- teiligung unserer Industrie an den öffentlichen Arbsiten, sondern wir nehmen auch den Franzssen da? Odium ab, um den Fana- tismus der enttäuschten Moslems auf unS. die Wortbrüchigen, zu überwälzen!" Dann wird der von Italien geplante Raubzug nach Tripolis als lcnchtendes Vorbild hingestellt und folgender Hohn über die Reichsregierung ausgegossen: „Die Erde wurde wieder einmal verteilt. Nur der deutsche Poet geht mit leeren Mnden und spaziert durch die„offene Tür" hinaus. Vielleicbä daß er in den Urwäldern der Kongosümpfe �ie Leibwache der franzö- fischen Monopolgesellschaften stellen darf.,, Und in denselben Tagen beschwören ernsthaft genommen sein wollende Organe deutscher öffentlicher Meinung, kein Miß- trauen gegen die Leitung invfetcr auswärtigen Politik zu nähren; nur die Beobachtung, daß-as deutsche Volk geschlossen hinter seiner Regierung stehe, werde Eindruck auf das Ausland machen.„Hinter seiner Regierung!" Hinter was?! Was hat die deutsche Regierung seit dem verheißungsvollen 1. Juli. da der„Panther" seine Krallen in die Felsenriffe von Agadir schlug, alle- gewollt, was alles als„Mißverständnis" verleugnet! Was will sie heute, was will sie morgen? Wer weiß es? Ist ihr der„Wille" vielleicht nicht eine entbehrliche Seelenfunktion, auszu- schaltenaufdem Heilsweg ins seligeN i rwan a?" Das konservativ-freisinnige Wahlbündnis in Schlesien. Die Mitteilung, daß die Konservativen in Schlesien den dortigen Freisinnigen ein Wahlbündnis für die Stichwahlen angeboten haben, hat nicht verfehlt, allenthalben das größte Aufsehen zu erregen, um so mehr, als es sich um die Provinz handelt, in welcher die politische Führung der Konservativen in den Händen des Herrn v. Hehdebrand liegt. DaS Bündnis kann natürlich nur den Zweck haben, konservative Mandate gegenüber dem sozialdemokratischen Ansturm zu sichern und cS könnte den Fortschrittlern passieren, daß sie unter diesen Umständen daS Mandat von Hehdebrand, der sie so schmählich aus dem Block hinausgeworfen hat, sichern müßten. Die fortschrittliche Presie hat sich bisher zur Sache selbst noch nicht ge- äußert, mit einer einzigen Ausnahme, des»»Berliner Tageblatts", das die Ablehnung des Angebots fordert: .Vielmehr gehört auf ein solches Anerbieten die runde und nette Erklärung, daß die Liberalen im bevorstehenden Wahlkampfe keine höhere Aufgabe kennen, als die Vertreter der blauschwarzen Reaktion niederzuwerfen, so daß man ihnen unmöglich zumuten könne, einem solchen Reaktionär über die Hintertreppe der Stich- wähl wieder zu einem Mandat zu verhelfen. Man darf wohl er- warten, daß die schlesischen Fortschrittlichen in diesem Sinne sich entscheiden mid den Konservativen überlassen werden, ihre Stich« Wahlparole nach Belieben zu wählen." Tie Jenaer Dcpeschenaffäre. Tie Jenaer Depeschenangelegcnheit hat endlich Aufklärung ge- fluiden. Aus die Beschwerde des Genossen Bebel vom 13. d. Mis., daß eine für ihn bestimmte Depesche, die am 11. d. Mts. in Jena eingetroffen sei, ihm nicht ausgeliefert wurde, schreibt ihm das Post- amt zu Jena unter dem 22. d. MlS.: ES sei irrig, anzunehmen, daß die Depesche konfisziert worden sei. Bielniehr habe sich ergeben, daß die am 11. d. Mis. abends in Brüssel aufgegebene Depesche rechtzeitig denselben Abend in Jena angekommen sei. Jedoch habe der aufnehmende Beamte, der den Druckstreifen auS der Papierrolle hätte sofort herausschneiden, auf- kleben und die Telegrammausfertigung sofort zur Buchung weiter- geben müffen, diesen Dienst im Drange seiner Arbeit verabsäumt— da der Telegramm- und Fernsprechdienst während de? Parteitages äußerst lebhast gewesen— und so sei das Telegramm bedauerlicher- weise in der Papierrolle verblieben. Als dann am Ib.. abends, von Brüssel eine amtliche Anfrage bei dem Jenaer Postamt eingetroffen sei, ob das betreffende Telegramm bestellt worden wäre, habe ein Aufsichtsbeamier nach Brüssel telegraphiert, daß daS Telegramm nicht eingegangen sei. ES sei im Telegramm-AuSlunftsburean nicht verzeichnet gewesen. Darauf sei am 16. gegen niittag von Brüsiel daS Telegranun wiederholt und von dem Jenaer Telegraphenvorsteher an Bebel sosort durch Fern- sprecher nach dem Hotel mitgeteilt worden, w/raus dieser geanlwonet hat, daß er auf der Znsendung des Wortlautes uicht bestehe, da er die Sache als erledigt aiisehe. Dieses letzter« ist richtig. Bebel hatte bei der Ilnruhe, die um ihn herrschte, den Beamten dahin verstanden, daß es sich um irgend ein Mißverständnis gehandelt habe. Seine Ansicht wurde aber rektifiziert, als mehrere Stunden nach jener Telephon- Unterhaltung er von dem Genossen HuySincins ein Telegramm folgenden Inhalts erhielt: .Belgische Post meldet, deutsches Amt konfiszierte mein Tele- gramm Momag ohne Anzeige, h�le dringend Datum. Bureau- sitzung. weil französische Anfrage statutengemäß univeigerbar." Auf dieses Telegramm hin erhob nunmehr Bebel seine Ve- schwcrde und verlangte die nachträgliche Aussertigung des Tele- grammö vom 11. September, die auch erfolgte. DaS Telegramm besagt, man habe Grund, zu glauben, daß die Marokkoangel�genheit sich wesentlich verschlimmerte; deshalb werde auf Antrag des fran« zösischen Delegierten für Sonnabend, den 16.. eine Bureausitzung einberufen. Im weiteren teilte das Jenaer Postamt m,t, daß der betreffende Beamte wegen seines Versehens bestraft worden sei. Landtagswahlen im Jürstentnm Lübeck. Aus dem bekanntlich zum Großhherzogtum Oldenburg gehörenden Fürstentum Lübeck wird uns geschrieben: Am Freitag, den 2S. d. M»., finden die Wahlen zum olden- burgischen Landtag nach dem neuen Wahlgesetz statt. Die Wahlen sind jetzt direkt, doch muß man drei Jahr in, Fürstentum oder Olden- bürg gewohnt haben. 2b Jahre alt und Deutscher sein. Die Wähler über 46 Jahre haben eine zweite Stimme. Der Genosse Stelling- Lübeck sowie die beiden Kandidaten des nördlichen Wahlkreises: Rebenstorf- Eutin und Gloe- Neudorf haben in 14 Versammlungen unser Programm erörtert und ihre Kandidatenrede gehalten. Die Stimmung ist eine vorzügliche. ES herrscht ein guter Geist. Im ersten Wahlgang entscheidet die absolute, im zweiten Wahlgang die relative Mehrheit. Keiner der Kandidaten scheidet auS. Die Bündler machen bedenkliche Anstrengungen. Der Lübecker Wahlrechtskampf. In der Lübecker Arbeiterschaft ist gegenwärtig eine lebhafte Be- wegltttg zur Erringung eines freien und gerechten Wahlrecht? in Fluß. Nachdem die Bürgerschaft einen sozialdemokratischen Antrag auf Einführung deS allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für alle zwanzigjährigen Personen gegen die Stimmen unserer Fraktion abgelehnt hatte, beschäftigte sich am Montag eine von reichlich 2060 Personen besuchte Versammlang im Gewerkschafts- hauS mit der Wahlrechtsschmach in Lübeck. Zu der Bersammlimg war von der Parlcileilung besonders eingeladen und erschienen der bürgerliche.liberale" Mischnlaschkandidat Postsekretär Klein, der in der Bürgerschaft den sozialdemokratischen Antrag lebhaft bekämpft hatte. Von dem Referenten Genossen S t e l l i n g, sowie unserem ReichStagSabgeordneten Th. S ch w a r tz und dem Arbeitersekretär Genoffen M e h r l e i n wurde unter stürmischem Beifall daS schmähliche Wahlrecht zur Bürgerschaft und daS jämmerliche Verhalten derLiberalen m den Anträgen der Sozialdemokratie auf Schaffung eines gerechten Wahlrechts kritisiert. Die liberalen Redner suchten für die Ein- fiihrung des hundsmiserablen Wahlrechts zur Bürgerschaft die— Sozialdemokratie verantwortlich zu machen, die gerade in den Groß- städt-ii stark angewachsen sei und dort daS Erfurter Prograinm durchführen wolllen. Deshalb sei der WahlrechtSraub seinerzeit ge- schehen. Auf diese Weise suchten die Liberalen die Tatsache zu ver- tuschen daß eS die früheren liberalen ReichStagSabgeordneten stiller und Dr. G ö r tz(letzterer ist gegenwärtig noch Borsitzender der Lübecker Liberalen) im Verein mit dem liberalen Professor Kr Baethke gewesen sind, die den Reaktionären bei der Wahlentrech- tung der Lübecker minderbemittelten Bevölkerung Handlanger« dienste leisteten. Den in Lübeck mit dem Reichsverband ver- bündeten liberalen Volisfemden wurde in der Versammlung die gebührende Antwort zuteil. Fürwahr, der Liberalismus kann nicht tiefer sinken, als eS in Lübeck der Fall ist. Die imposante Versammlung nahm schließlich eine Resolution an, in der ansgesprochen wird, daß einzig und allein die Sozial- demokratie für ein gerechtes Wahlrecht eintritt. Um den Kampf für ein solches Wahlrecht machtvoll zu führen, sei vor allem eine Stärkung der sozialdemokratischen Organisationen notwendig. Mit einem dreifachen Hoch auf daS freie Wahlrecht wurde die glänzende Wahlrechtskundgebuug der Lübecker Arbeiterschaft geschlossen, welche die Liberalen in ihrer ganzen Jämmerlichkeit erkennen ließ. Maul-«nd Klauenseuche und Versammlungsrecht. In Fürstlich-Drehna bei Finsterwalde war zum 10. d. MtS. eine Versaminlung unter freiem Himmel geplant. Der Amtsvorsteher versagte die Genehmigung, weil— die Maul- und Klauenseuche herrscht. Der Landrat und der Frankfurter Regierungspräsident, letzterer durch daS nachfolgende Schreiben, bestätigten das Verbot:' „Ihre telegraphisch übermittelte Beschwerde gegen das von dem Herrn Landrat aufrecht erhaltene Verbot einer für den 10. d. Mts. in Fürstlich-Drehna anberaumten Versammlung unter freiem Himmel weise ich als unbegründet zurück. Das Verbot ist im vetcrinärpolizeilichen Interesse ergangen, in der Erwägung, daß durch ein Zusammenströmen von Menschen in einem Orte, in dem die Maul- und Klauenseuche herrscht, diese Seuche leicht verbreitet werden kann. Daß die Ansteckungsgefahr eine sehr große ist, geht auch daraus hervor, daß die kaiserliche Oberpostvirektion zu Frank- furt a. O. sich veranlaßt gesehen hat, das Betreten nicht nur der verseuchten, sondern aller im Sperrbezirk liegenden Gehöfte durch die Briefboten zu untersagen." Die Versagüng der Genehmigung widerspricht dem Reichs« verciusgesetz und dem Seuchengesetz. Nach diesem darf eine Ver- sammlung unter freiem Himmel nur versagt werden, wenn auS der Abhaltung der Versammlung Gefahr für die öffentliche Sicherheit besteht. Bon einer solchen kann bei dem Vorliegen einer Maul- und Klauenseuche keine R�ede sein. DaS Heranziehen einer Seuche zur Begrüiidung eine? Versammlungsverbots wurde bereits unter dem altpreußischen Gesetz als eine durch das Gesetz nicht berechtigte, daS Vereinsrecht drangsalierende Maßregel bezeichnet. Vollends nach dem ReichsvereknSgesetz findet ein solches Verbot im Gesetz keine Stütze. Nach diesem unterliegt das Versammlungsrecht nur den im ReichSvereinSgeictz und anderen Reichsgesetzen eiithaltcnen Be- schränkungen. Das Reichsviehseuchengesetz vom 20. Juni 190S enthält eure Reihe zulässiger polizeilicher Anordnungen gegen die Maul- und Klauenseuche, so daS Verbot des gemeinschaftlicken WeidegangeS der Tiere. Der Polizei ist jedoch nicht gestattet, Menschen den Aufenthalt im Gebiet der Maul« und Klauenseuche zu verbieten, ebensowenig die Abhaltung von Versanimlunge». DaS ReichSgesetz hat hier sehr recht gehandelt, weil die Behauptung, durch„Zu- sanimenströmeii von Menschen in einem Ort, an dem die Maul- und Klauensenche herrscht, könne diese Seuche leicht verbreitet werden," jeder wiffenschaftlichen Griindlage entbehrt und den tat- sächlichen Erfahrungen widerspricht. Würden Amtsvorsteher, Landrat mid Regierungspräsident eine solche Gefahr dennoch beftirchtcn, so wäre eS ihre Pflicht, jeglichen Menschen- verkehr an den Seiichenorlen zu verbieten und die Ein- wohncr des SeuchenorlcS unter Ouarantäne zu stellen. Denn auch der VetcriiiSriiiedizinmaiin dieser Beamten wird ihnen bestätigen, daß ein V e r s a m»i l u n a S besuch« keine größere Gefahr für Verbreitung der Seuche darstellen kann als ein Nichtversammlungs- besuch«. Freilich hällen die Polizeibcamten daS Recht zum Erlaß einer solchen Anordnung lvic zum Verbot der Versammlung nur, wenn das Reichsseuchengesctz ihnen dies einräumte. DaS hat aber daS ReichSgejetz unterlajjen, weil weder ein Mitglied der Regierung »och»i» RcichLtagSmitglicd die kuriose Ansicht, die in dem ver- sominlungSvcrbot ihren Niederschlag gesunden hat, zu vertreten ioagte, daß Meiische» Rinder seien und oaher die Rinderseuche auf Menschen und von Menschen auf Rinder übertragbar sei. Widerspräche das Versaminlungsverbot nicht dem Gesetz, so hätte die Polizeibehörde es in der Hand, jegliche Ver- sainnilung unter offcneu, Himmel unter Aufstellung natur« geschichtlich und medizinisch so interessanter Behauplungen wie der angefllhrteil zu verhindern und dadurch Wahlagitationen zu er- schweren. Um dem vorzubeugen, hat daS Reichs- vereinSgesetz der Polizei jede Möglichkeit, die Maul- und Klauenseuche zu in Vorwand eine» VersammlungSverbotS zu machen, durch Reichs- gejetz unterbunden. Wir sind gespannt darauf, ob der Reichskanzler, der als Staatssekretär lopale, schikanefreie Hand- habung de« ReichSvereinSgesetzeS versprach, von amtSwegen Remedur gegen diese Drangsalierung des Versammlungsrechts eintreten lassen lckrd. Ter erste Srfolg der hessischen Wahlrechtsreform zeigt sich schon jetzt, ehe noch die Wähler zur Urne gehen. Die Aufstellung der Wählerlisten für die am S. November stattfindende LandtagSwahl ergab, daß im ganzen Großherzogtum die Zahl der Wahlberechtigten gegenüber der nach dem alten in» direkten Wahlsystem stattgehabten früheren Wahl sich bedeutend ver- mindert hat. In Mainz waren bei der Wahl 1908 13 401 Wähler eingetragen, während die zurzeit aufliegende Lifte nur 11 387 ent- hält, llnv daS trotz der Zunahme der Bevölkerung. Allein in der Stadt Mainz haben also die ultramontan-national-bauernbündle- rischen„WahlrechtSrefonner" weit über 2000 bisherigen Wählern das Wahlrecht genommen. Liberales Bündnis in Hessen. Die Landesorganisation der Fortschrittlichen Volkspartei und der Nationalliberalen in Hessen haben einen Vertrag abgeschlossen, der die Wahrung deS gegensettigen Besitzstandes in Kurheffcn bezweckt. Im Wahlkreise Fritzlar- Homberg-Ziegenhaiu werden die Nationalliberalen den Kandidaten der Fortschrittlichen Volkspartei. Handelskainmcr-SyndikuS Dr. Laporte, unterstützen. Das Attentat von Kiew und die rulTircben Sozialrevolutionäre. Paris, 26. September.(Eig. Per.) Die„Humanitö" veröffentlicht heute ein Communiquö der Auslandsdelegierten der russsi scheu sozialrevolutionären Partei, das erklärt, daß das Zentralkomitee der Partei wie die angeschlossenen Organisationen an der Affäre Vagrows keinerlei Anteil haben. Oefterreicb. AuS Angst vor dem Streik. Wien, 26. September. Die Regierung nimmt im Zusammenhang mit der von ihr verbreiteten Aktion zur Ver- bcsserung der materiellen Lage der Staats- b e a m t c n und Staatsdiener eine gleichartige Aktion auch zugunsten des Personals der österreichischen Staatsbahnen in Aussicht unter der Voraussetzung einer befriedigenden Lösung der Deckungsfrage und unter der tveiteren Voraussetzung, daß die betreffenden Beamten sich von Schritten jeder Art fernhalten, die mit ihren Dienst- pflichten unvereinbar sind. CUrhel Neue Schwierigkeiten in Albanien. Wien, 27. September. Die„Neue Freie Presse" meldet ans UcSknb: In Prischtina sind vorgestern der Polizeichef und zwei Gendarmen von einem Albanesen erschossen worden. Die Gendarmen feuerten auf den Täter, verwundeten aber zehn n n- beteiligte Personen, darunter Frauen und Kinder. Der Bazar ist geschlossen. Die Aufregung unter den Alba- n e s e n w S ch st. Von Mitrowitza ist ein Bataillon dorthin abgegangen._ Hus der Partei. Sozialistische Einigung in Großbritannien. London» 26. September 1911.(Eig. Ber.) Die Kampf- stimmung, die seit einigen Monaten die britische Arbeiter- schaft beherrscht, hat auch aus die in unzähligen Parteichen und Sektionen gespaltene sozialistische Bewegung Groß- britanniens anregend gewirkt. Die sozialistische Einigung, von der schon seit etwa fünfzehn Jahren die Rede ist, h a t heute gute Aussichten, verwirklicht zw wer- den. Auf den 36. September und 1. Oktober ist eine Kon- ferenz nach Manchester zusammenberufen worden, zu der alle sozialistischen Körperschaften, die dein Gedanken der Einigung geneigt sind, eingeladen worden sind. Den Anstoß zu der Konferenz gab die S. D. P., deren Sekretär. Genosse Lee, die Zusammenkunft arrangiert hat. Genosse P u r c e l l, ein Beamter des Verbandes der Möbelarbeiter, wird den Vorsitz führen. Der Appell an die verschiedenen sozialistischen Körperschaften hat ein über alles Erwarten günstiges Resultat gezeitigt. Bis heute sind schon 266 Delegierte angemeldet und täglich laufen mehr Anmeldungen ein. Von den 266 Delegierten entfallen 56 auf Mitgliedschaften der S. D. P., 46 auf die der I. L. P., 30 Delegierte sind Ver- treter der Clarionklubs, die übrigen 86 vertreten die zahl- reichen, unabhängigen sozialistischen Gruppen und Verbände des Landes. Außer diesen 260 Organisationen, die Delegierte schicken, kommen noch eine große Zahl kleinerer Gruppen in Betracht, die finanziell zu schlecht gestellt sind, um sich an der Konferenz beteiligen zu können, die aber erklärt haben, der Gecinigten Sozialistischen Partei beizutreten, sollte diese Zustandekommen. Von den Resolutionen, die auf der Tagesordnu'ng der Konferenz erscheinen, sind besonders zwei zu erwähnen, die sich über die Festsetzung der Grundlage der Einigung aus- sprechen und sich dem Inhalt nach nicht wesentlich von- einander unterscheiden. Die eine ist von dem Vorstand der S. D. P. eingereicht worden und loulet: „Diese Konferenz sozialistischer Organisationen glaubt, daß die Meinungsdifferenzen und die Anwendung einer verschieden- artigen Taktik, die bisher die verschiedeneii Sektionen der britischen sozialistischen Bewegung gekennzeichnet haben, den eigentümlichen Umständen der Anfangsstudicn der Bewegung zu- zuschreiben sind; sie ist überzeugt, daß die Zeit jetzt zur Bildung einer Geeinigten Sozialistischen Partei reif ist, und die Delegierten verpflichten ihre Organisationen, bei der Vereinigung der Kräfte auf der folgenden gemeinschaftlichen Grundlage mitzuwirlen. Tie Sozialistische Partei ist der politische Ausdruck der M- beiterbewegung, die die Vergesellsichaftlichung der ProdurttanS- und Austauschmittel, daZ heißt die Umformung der kapitalisti- scheu Gesellschaft zu einer kollektivistischen oder kam. munisiischen Gesellschaft zum Ziel hat. In ihKn Zielen wie in ihren Idealen und den angewandten Mitteln ist die Sozialistische Partei, obwohl sie die Verwirklichung un- mittelbarer sozialer Reformen, die von der Arbeiterklasse ver- langt werden, anstrebt, keine reformistische, sondern eine r e» volutionäre Partei, die der Ansicht ist, daß die Wirt- schaftliche Freiheit und Gleichheit nur dadurch erobert werden kann, daß der Klassenkampf bis zu Ende aus- gekämpft wird, um dadurch alle Klassenunterschiede auf immer abzuschaffen., Die Delegierten auf dieser Konferenz ernennen des- halb ein Komitee, das ein Parteistatut im Ein- klang mit dieser gemeinschaftlichen Grundlage auszuarbeiten hat; ein Exemplar wird den hier vertretenen Körperschaften zu- gestellt werden, die sich verpflichten, nach der Ratifikation dieses Parteistatuts ihre Existenz als separate Organ»- sationen aufzugeben und sich mit der Gecinigten Sozialistischen Partei zu verschmelzen." Die andere Resolution stammt von dem Sozialistischen Vertretungskomitee Manchesters, einer der tätigsten sozio- listischen Organisationen des Landes. Sie hat den Wortlaut: „Um die sozialistische Einigung in Großbritannien herbei- zuführen, beschließen die hier vertretenen Organisationen, sich zu einer Geeinigten Soziali st ischen Partei zu- sammenzuschließen und alle Anstrengungen zu machen, um den Anschluß aller sozialistischen Körperschaften an die Partei herbeizuführen. DaS Ziel der Geeinigten Sozialistischen Partei soll sein: die Bergesellschaftlichung der Produktions- und Austauschmittel unter einem kooperativen Gemeinwesen, die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Abschaffung d e S Kapitalismus und deS Feudalismus(lanciloräism) und die Herstellung der sozialen und wirtschaftlichen Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Alle Mitglieder der Geeinigten Sozialistischen Partei er- kennen die Klassengegensätze zwischen den Kapitalisten .und Grundbesitzern auf der einen Seite und der Arbeiterklasse aus der anderen Seite an." Was die Zusammenkunft in Manchester so außerordent- lich wichtig machh ist, daß nie zuvor eine ähnliche Konferenz versucht tvorden ist. An Aussprachen zwischen der S. D. P. und der I. L. P. hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt; es ist bisher aber iu>ch nie gelungen, die Vertreter der ver- schiedenen sozialistischen Körperschaften zu einer Konferenz zusammenzuberufen. Wir werden nächste Woche einen aus- führlichen Bericht über die Einigungskonferenz ver'öffcnt- lichen._ Die Wertzuwachs steucr von Albert Südekum. Berlin 1011, Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H., Berlin SW. 68. Preis 1 M., VcreinSausgabe 40 Pf. In der unter Leitung von Paul Hirsch herausgegebenen Sammlung kommunal- politischer Abhandlungen ist soeben ein neues Heft erschienen, worin Albert Südetum die Wertzuwachssteuer(Reichsgesetz vom 14. Februar 1911) behandelt. Einleitend setzt der Verfasser das Wesen dieser Steuer und ihre Entstehung auseinander, um dann im Haupt- teil seiner Schrift den sachlichen Inhalt des Reichsgesetzes gemein- verständlich darzulegen. Den dritten und letzten Teil bildet eine kurze übersichtliche Zusammenfassung des Inhalts der AussührmigS- ftesetze bczw. Vollzugebeftimmungen der einzelnen Bundesstaaten. Die politische Seite läßt der Verfasser mit Rücksicht darauf, daß sie in dem vom Parteivorstand herausgegebenen Werk über die Finanz- reform und in der Broschüre von Göhre bereits gewürdigt ist, außer Betracht. Durch-»ie übersichtliche Anordnung des Stoffes und die leichtfaßliche Darlegung ist das Ziel, das Genosse Südekum sich gc- steckt hat. erreicht: ,eder. der mit der Wertzuwachsstcuer zu tun be- kommt, kann sich ein klares Urteil über den Willen des Gesetz- Lcbers bilden. Zu beziehen durch alle Buchhandlungin» GewerhfcbaftUcbes. Cdarum streiken Sie? Während des Streiks der englischen Eisenbahn- und Hasen arbeitet: erliefe eine verbreitete englische Wochenzeitschrift die Preisfrage:„Warum streiken Sie?" Für die beste Beant Wartung, die auf einer Postkarte erfolgen mufete, war ein Preis von 200 M. ausgesetzt. Dieser Preis wurde, wie die Redaktion der Zeitschrift in ihrer letzten Nummer mitteilt� folgender Beantwortung zuerkannt: „Als Arbeiter befinde ich mich im Besitz einer einzigen markt fähigen Ware und das ist meine Arbeitskraft. Ich beanspruche das Recht, diese Ware zu ihrem Marktwert zu veräußern und suche, wie es ja mein kapitalistischer Arbeitgeber auch mit seinen Waren hält, den möglichst hohen Preis dafür herauszuschlagen Ferner trete ich— wiederum in Uebereinstimmung mit den Methoden meines Arbeitgebers— einer Vereinigung bei, die den Preis, zu dem meine Arbeitskraft verkauft werden kann, fest- fetzt; wir, die Mitglieder dieser Vereinigung, verpflichten uns, unsere Arbeitskraft unter diesem Preis nicht zu verkaufen. Das Recht, diese Methode anzuwenden, bestreitet mir mein Arbeitgeber, während er sie ungehindert befolgt und anwendet. Wenn ich seine Ware nicht mit dem von ihm festgesetzten Betrag bezahlen will, erhalte ich sie nicht, und wenn er mir den von uns fest- gesetzten Preis für meine Ware nicht zahlen will, erhält er diese auch nicht. Ich streiket" Unter den vielen Einsendungen waren einzelne wieder gegeben, von denen hier einige folgen mögen. „Nicht um Aufruhr oder Plünderung hervorzurufen, die von wirklichen Arbeitern gehaßt werden, sondern um ent- sprechenden Lohn und freie Zeit für die Werte zu erhalten, die von uns geschaffen werden." „Ich bin ein Eisenbahner und trat in den Streik, weil die Führer unserer Vereinigung diesen ankündigten. Dann bedachte ich auch, daß dies der einzige für mich offene Weg war(nachdem ich andere erfolglos versucht hatte), um zu erlangen, was ich schon lange erstrebt hatte: 1. genügenden Lohn, der mich in den Stand setzt, anständig und vernünftig zu leben, 2. weniger Arbeitsstunden, um eine gewisse Freizeit zu erhalten, 3. Au- erkennung unserer Vereinsbeamten," „Um zeigen zu helfen, daß der Kapitalismus ohne Arbeit absolut machtlos Ferner, um die jämmerlichen Bedingungen derer heben zu helfen, die in den untersten Graden schwerer und beständiger Arbeit leben und sterben. Endlich um für die jetzigen und kommenden Generationen einen Teil der weltlichen Zufriedenheit und Bequemlichkeit zu erringen, den die Arbeiter wohl verdienen, aber selten erhalten, während die Finanzautokratcn darin schwelgen." Verlin und Umgegend. Die Rundschlcifer der A. E. G., Grünthaler Strohe, beschäftigten sich in einer vollzählig besuchten Versammlung mit den Mißständen, welche daselbst bestehen. Die Akkordpreise werden derart kalku- liert, daß es nicht einmal den tüchtigsten Arbeitern gelingt, einen Verdienst zu erzielen, wie er in anderen Betrieben längst üblich ist. ' Durch diese Festsetzung der Preise ist es denn auch erklärlich, daß nicht mit genügender Sorgfalt gearbeitet werden kann. In früherer Zeit wurden bis zu 0,03 Millimeter Toleranz gewährt, währenddem jetzt nur O.VOS Millimeter zugestanden sind. Hierdurch, aber auch durch das fortgesetzte Hasten bei der Arbeit, besonders aber durch die Unzuverlässigkeit der Maschinen, kommt es des öfteren »vor, daß ohne Schuld der Arbeiter unbrauchbare Arbeit gemacht wird. Die Firma will sich nun an den Arbeitern schadlos halten. Nicht genug, daß solche Arbeit nicht bezahlt wird; der Direktor �Zeidler verlangt sogar die Bezahlung der bereits vorher daran «geleisteten Arbeiten, welche oft das Zehnfache des Verdienstes aus- machen. Dieses Vorgehen hat denn auch den schärfsten Protest der Arbeiterschaft herausgefordert und erklärt dieselben, unter keinen Umständen sich diese oder weitere Verschlechterungen gefallen zu lassen. Achtung, Metallarbeiter! DerStreik bei der Firma Ho h n d e l, Warschauer Straße, ist mit Erfolg für die Kollegen beendet. Die Sperre über den Betrieb hiermit ausgehoben. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Achtung! Fleischergesellen! In der Wurstfabrik Heiber, G. m. b. H., Charlottenburg, Kantstr. 63, haben sämtliche Gesellen wegen Maßregelung von 10 Kollegen die Arbeit einge- st e l l t. Die Charlottenburger Innung ist der Firma bereits zu Hilfe gekommen, sie hat bereits Arbeitswillig« geliefert; auch im . Jnnungsnachweis Mulackstr. 3 werden solche gesucht. Die Gesellen hatten es gewagt, die Verkürzung der täglich 15 bis 16 Stunden be- tragend:?. Arbeitszeit zu fordern; ferner fordern sie Logis außer dem Hause. Verhandlungen, um die die Verbandsleitung nachsuchte, wurden abgewiesen. Wir ersuchen alle arbeitslosen Fleischcrgesellen, bei der Firma Heiber keine Arbeit anzunehmen. Zentralverband der Fleischer, Ortsverwaltung Berlin. Uebcr die Tarifverhandlungen im Buchdruckgewerbe verbreitet Wolffs Tclegraphenbureau folgenden offiziösen Bericht: „Der Tarifausschuß der Deutschen Buchdrucker ist in Berlin am 25. September zur Beratung über die Revision des zwischen der Prinzipalität und Gehilfenschaft vereinbarten Lohntarifes zu- sammengetreten, dessen Gültigkeitsdauer am Schlüsse dieses Jahres beendet ist. Zahlreiche und wichtige Anträge liegen von beiden Parteien vor; Anträge materieller Art, die sine wesentliche Auf- besserung der Lebenslage der Gehilfen zum Ziele haben, und solche, deren Annahme einer Hebung des Gewerbes dienen sollen. Die Spannung zwischen Fordern der einen Partei und dem Bieten der anderen Partei ist eine außerordentlich große. Eine weitere Anchlhl von Anträgen bezweckt eine präzisere Feststellung der gegenseitigen Rechte und Pflichten aus dem Arbeitsverhältnis; eine Regulierung der Lehrlingszahl unter richtiger Einschätzung der im Gewerbe vorhandenen arbeitslosen Gehilfen; eine Regelung der für die einzelnen Druckorte festgelegten und für andere Orte noch zu be- schließenden Lokalzuschläge, die den örtlichen Verhältnissen unter .Zugrundelegung behördlichen Materials Rechnung tragen sollen; eine Durchberatung der Sonderbestimmungen für Drucker und Maschinensetzer, die der technischen Entwicklung des Buchdruck- gewerbes. besser angepaßt werden sollen. Ferner ist dem Tarif- ausschuß die Aufgabe gestellt worden, den bisher gültigen Tarif nebst Kommentierung zu einem einheitlichen Lohngesetz zu vcr- schmelzen. Dieser Aufgabe hat sich der Tarifausschuß in den ersten beiden BeratungStagen unterzogen, und die Zusammen- fassung dieser beiden tariflichen Gesetzbücher zu einem einzigen Gesetzbuch darf im gegenwärtigen Augenblick so gut als wie voll- zogen betrachtet werden. Die Grundlagen für den neuen Tarif find bis auf einige Paragraphen somit bereits geschaffen. In- zwischen haben die Vertreter beider Parteien materielle Teile ihrer Abänderungsanträge in längeren Referaten vorgetragen. und die gegensätzlichen Anschauungen hierüber sind natürlich stark in die Erscheinung getreten, ohne daß jedoch der Wille sich auch über grundlegende und sehr wichtige Fragen zu verständigen, bei den Vertretern beider Tarifparteien irgendwelche Einbuße erlitten hätte. Am Dienstag, den 26. September, hat sich an die Tages- fitzung noch die Abendsitzung einer besonderen Kommission ange- schlössen, der zur Aufgabe gestellt wurde, sich über Grundsätze zur Feststellung der Lokalzuschläge zu verständigen. Diese Kam- Mission wird in der heutigen Plenarsitzung ihre Anschauungen. die sie über die vorliegenden Anträge getvonnen, zum Vortrag -bringen, und eS werden mit der Beratung über diese Anträge gleichzeitig die sonstigen materiellen Anträge der beiden Parteien nochmals in den Vordergrund gestellt und dann zu einer Beschluß� fassung über die Hauptanträge der beiden Tarifparteien geschritten werden. Die Verhandlungen hierüber werden sich aber bei dem Umfange und dem Inhalte der Anträge außerordentlich schwierig gestalten, doch steht zu erwarten, daß es trotzdem zu einer Eint gung zwischen beiden Parteien kommen wird." Die Tarifverhandlungen für die Wäscheindustrie Berlins, die bekanntlich auf Wunsch der Unternehmer unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden, haben bis jetzt herzlich wenig ergeben. Es scheint, daß die Unternehmer sich um alle die Forderungen herumzudrücken suchen, deren Erfüllung ihnen Unkosten verursachen würden. Den Arbeitnehmern liegt natürlich daran, ihre Lohn und Arbeitsverhältnisse zu verbessern, und da das nicht möglich ist, ohne daß die Unternehmer in die Taslche greifen, so scheint es vor- läufig noch zweifelhaft, wie die Sache verlaufen wird. Die Ver- Handlungen haben am vorigen Montag begonnen und sind am letzten Montag fortgesetzt worden. Sie dauerten beide Male von morgens bis abends. Zum Freitag ist eine neue Sitzung einberufen, und dann hofft man, die Verhandlungen beenden zu können. Dabei werden jedoch die wichtigsten Punkte unerledigt bleiben, um als strittig dem Einigungsamt des Gewerbegerichts zur Entscheidung überwiesen zu werden. Wie wenig Entgegenkommen die Wäsche- fabrikanten zeigen, geht schon daraus hervor, daß sie nicht einmal für die Verkürzung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen von auf 9 Stunden zu haben sind, und ebenso wenig für die Festlegung von bestimmten Anfangslöhnen. Im alten Tarifvertrag ist über die Zeitlöhne nichts festgelegt, und so soll es auch nach den Wünschen der Unternehmer im neuen Tarifvertrag bleiben. Dies sowohl wie die Frage der Arbeitszeit gehört zu den strittigen Punkten, und das gleiche gilt von der Forderung auf Lieferung der Zutaten durch den Arbeitgeber. Hinsichtlich der Akkordlöhne wurde zwischen den Vertretern der Parteien vereinbart, daß sie innerhalb der einzelnen Betriebe aufgestellt und dann der Schlichtungskommission zur Begutachtung vorgelegt werden sollen. Die Aufstellung der Akkordlöhne soll in allen Betrieben bis zum 9. Oktober erfolgt sein, später fertig werdende Tarife haben bis zu jenem Datum rück- wirkende Kraft. Soweit man sich in den Betrieben über Akkord löhne nicht einigen kann, steht der Schlichtungskommission die Ent- schcidung zu. Zwecks Regelung des Lehrlingswesens soll eine be- sondere Kommission aus Vertretern beider Parteien eingesetzt wer- den, die ihre Arbeiten bis zum 1. April 1912 beendet haben muß. Das ist so ziemlich alles, was bei den Verhandlungen bis jetzt heraus- gekommen ist. lieber die allgemeinen Bestimmungen des Tarif- Vertrages, über seine Gültigkeitsdauer usw. soll noch am Freitag verhandelt werden.— Die Vertrauenspersoncn der Wäschearbeiter und-arbeiterinnen hielten am Montag eine Versammlung ab, uni den Bericht über den bisherigen Verlauf der Verhandlungen ent- gegenzunehmen. Sie wären höchst unzufrieden mit dem Ergebnis und es wurden starke Zweifel daran geäußert, ob es überhaupt einen Zweck habe, lang und breit zu verhandeln, wenn nicht mehr als bisher dabei herauskommt. Oeubkcbes Reich, Zur Unterschlagung im Bergarbeiterverband. Wie sich jetzt herausstellt,' ist die Verbandskasse durch die Ver- untreuimgen des Hilfskassenbeamten Kreitz nicht so stark geschädigt, als zuerst angenommen wurde. Nicht um 25 999 M. wurde der Verband geschädigt, sondern insgesamt um 16 217,39 M., da ein Posten von 19 999 M. zu Lasten einer Bank entfällt, die Kreitz durch äußerst raffinierte Fälschung einer Anweisung zu täuschen gewußt hat. Damit die Verbandskasse möglichst entschädigt und der Verbrecher schnell zur strafgerichtlichen Verantwortung gezogen werde, setzte der Verbandsvorstand zur Anfeuerung der Nachforschung für die Fest- nähme deS Kreitz eine Belohnung von 1999 M. aus. Der Erste Staatsanwalt zu Bochum bat bereits einen Steckbrief hinter dem Verbrecher erlassen. Die Ausführung der verbrecherischen Tat läßt auf ein lang geplantes Vorgehen schließen. Am Dienstag, den 22. September erhielt der Hauptkassierer Horn ein Tele- zramin aus Zwickau, wonach sein- Sohn schwer krank ei, was den besorgten Vater bewog, sobald als möglich nach Zwickau zu reisen. Als er dort ankam, erfuhr er, daß sein Sohn gesund ist. Durch Verinittclung der Polizei wurde festgestellt, daß ?as Telegramm von einer fremden Person aufgegeben worden war. Eine mir Kreitz befreundete Frau hatte in seinem Auftrage daS Telegramm aufgegeben. Die Frau ist schon verhaftet worden und hat die Telegrammfälschnng eingestanden.— Kreitz hat Horn nach Zwickau locken lassen, um in seiner Abwesenheit das Verbrechen aus« zuführen. In Abwesenheit Horns hat Kreitz mit Hilfe gefälschter lnterschriften zwei größere Geldsummen erhoben. Christliche Streikbrechervcrinittelung. Im Frühjahr d. I., zur gleichen Zeit, als die Schuhmacher- gehilfen in Stuttgart sich im Streik befanden, standen auch die Schuhmachergehilfen in Augsburg in einer Lohnbewegung. In einer am 29. Mai in Augsburg stattgefundencn Versammlung öllte über die mit den Meistern getroffenen Vereinbarungen Be- chluß gefaßt werden. Zu dieser Versammlung war auch der Gau- leiter des christlichen Lederarbcitervcrbandes, Anderas Koppelt aus Bamberg, erschienen, da bis Lohnbewegung in Augsburg von den Mitgliedern des Zentralverbandes und den Christlichen gemeinsam geführt wurde, was in Stuttgart nicht der Fall war. Vor Beginn der Versammlung stellte der Vorsitzende der Zahlstelle Augsburg des Schuhmachervcrbandes, Genosse Gabriel, an Roppclt die Anfrage, ob es wahr sei. daß er(Roppclt) Streikbrecher nach Stutt- gart vermittelt habe. Roppclt gab dies zu mit dem Bemerken, daß für die Christlichen ein Streik in Stuttgart nicht bestehe, da der christliche Verband mit den Meistern einen Tarif abgeschlossen habe. Auf diese Antwort hin beantragte Gabriel die Hinaus- Weisung des christlichen Sekretärs, da es sich mit der Tätigkeit eines ArbeitervertreterS nicht vereinbaren lasse, auf der einen Seite Arbeitcrinteressen zu vertreten und auf der anderen Seite den Streikbrccheragcntcn zu spielen. Die Versammlung beschloß auch demgemäß und setzte Roppclt vor die Türe. Wegen des Ausdruckes.Streikbrecheragent" stellte nun Roppclt gegen Gabriel Klage wegen Beleidigung, das Gleiche tat er gegen den verantwortlichen Redakteur der„Schwäbischen Volkszeitung". Genossen Simon, weil diese das Verhalten des Roppclt einer entsprechenden Kritik unterzogen hatte. In der vor dem Schöffen- gericht Augsburg durchgeführten Verhandlung wurde nun die von dem christlichen Verband beliebte Streikbrcchcrvermittclung in aller Oeffentlichkeit festgestellt. Der Kläger mußte zugeben, daß der christliche Verband aus allen Teilen Deutschlands Arbeitswillige nach Stuttgart vermittelte, daß für diese aus Verbandsmiticln Fahrgeld und Reiseunterstiitzung gezahlt wurden und daß durch Rundschreiben an die christlichen Zahlstellen die Vcrmittclung von Streikbrechern systematisch betrieben wurde. Durch Zeugen wurde weiter bekundet, daß Roppclt selbst bei seiner Anwesenheit in Augsburg einem christlichen Mitglied die Zugverbindung nach Stuttgart notierte und ihm den Rat gab, schon in Cannstatt aus- zusteigen, damit er nicht von den Streikenden abgefangen werden könnte. Der Vertreter des Klägers verlangte trotz des erbrachten Wahr- heitsbeweises, daß die Beklagten wegen der Schwere der Beleidi- gung zu Gefängnisstrafe verurteilt werden sollten, ferner die Publi- kation des Urteils in nicht weniger wie sechs Zeitungen. Das Ge- richt erkannte für Gabriel auf eine Geldstrafe von 69 M., für Simon auf eine solche von 39 M., Tragung der Kosten sowie Publi- kation des Urteils in drei Zeitungen. Das Urteil erkennt in seiner Begründung an, daß der Ausdruck„Streikbrecheragent" nicht un- begründet gewesen sei; er sei aber formal beleidigend.� Wenn auch onst den Angeklagten der§ 193 zur Seite stehen müsse, habe die Verurteilung doch erfolgen müssen�___ Herr Roppelt un5 der christliche Lederarbeikeröerdaud können an dem Ausgang dieses-Prozesses wohl kaum besondere Freude haben. Ausland. Der irische Eisenbahnerstreik. London, 25. September.(Eig. Ber.) Die bürgerliche Presse Großbritanniens verbreitet die wider- sprechendsten Nachrichten über den Eisenbahnerstreik in Irland. Wenn man ihren Versicherungen Glauben schenken will, so steht es sehr schlecht mit den Streikenden. Nach diesen Meldungen haben die Eisenbahner den Streik schon verloren; viele Arbeiter sollen sich geweigert haben, die Arbeit einzustellen, andere sollen wieder zur Arbeit zurückgekehrt sein. Was wahres daran ist, ist schwer zu ermitteln. Im„Unity House", dem Hauptquartier der Gewerk- schaft der Eisenbahnangestellten, ist nichts zu erfahren; der Vor- stand ist in Irland und leitet den Streik und die sonstigen Beam- ten sind bei der Untersuchungskommission beschäftigt. Um das schon seit einigen Tagen angekündigte„Fiasko des Eienbahner- streiks" glaubwürdig erscheinen zu lassen, macht man heute viel Wesens von einer Resolution, die gestern von den Eisenbahnern in Wexford angenommen wurde, in der der Vorstand der Gewerk- schaft wegen der Erklärung des Streiks getadelt wird und die An- ficht zum Ausdruck kommt, daß der Streik für ganz Großbritannien und Irland hätte erklärt werden sollen. Daß die Regierung den Meldungen der Presse keinen Glauben beimißt, erhellt aus dem Umstand, daß, wie die„Times" heute morgen ankündigte, das Kriegsministerium die Hilfe des augenblicklich in Aldershot befind- lichen Eisenbahnkorps nach der irischen Hauptstadt abkommandiert hat. Diese Truppen sollen die Militärzüge bedienen und wenn nötig auch die Postzüge. Diese Maßnahme deutet kaum auf ein „Fiasko" des Streiks hin. Wenn sich der Streik in die Länge ziehen sollte, was sehr wahrscheinlich ist, so ist es nicht unmöglich, daß er sich auf Großbritannien ausdehnt. Das geht aus den Reden der Beamten der Eisenbahnergewerkschaften hervor, die die englischen Eisenbahner ermahnen, sich auf eine baldige Erneue- rung des allgemeinen Eisenbahnerstreiks vorzubereiten. J*ctzU Nachrkfitcn. Die schwedischen Rcichstagswahlen. Stockholm, 27. September. Die Wahlen zur zweiten Kammer des Reichstags, die zum ersten Male nach dem Proportionalsystem auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts stattfanden, nahen sich ihrem Abschluß. Von 230 Wahlen sind 20-l Ergebnisse bekannt, von diesen erhielt die Rechte 01, die Linke 87, die Sozialdemokraten 5K Man- date. Im vorigen Reichstage hatte die Rechte 33, die Linke 102 und die Sozialdemokraten 35 Mandate. In Stockholm wurden gewählt: Der Führer der Linken. der ehemalige Komeilpräsident Staasf, der jetzige Konseil- Präsident Lindman sowie der Führer der sozialdemokratischen Partei Branting. Die gesamte Presse betrachtet einen Äabincttswechscl als bevorstehend. Zum Chef des neuen Kabinetts wird lvahrscheinlich der Führer der Linken. Staasf, ernannt werden. Die Sozialdemokraten erklärten, daß sie nicht in das neue 5labinctt eintreten wollen, sie verlangen aber, daß man ihnen Gelegenheit gibt, die Ministerliste zu billigen, damit nicht allzu ausgeprägte Mitglieder der Rechten in das Kabinett aufgenommen werden.. „Die wirtschaftlichen Zugeständnisse." Wien, 27. September. Von offizieller türkischer Seite wer- den der„N. Fr. Pr." folgende Aeußerungen gemacht: Die türkische Regierung konnte in Verhandlungen wegen wirtschaftlicher Zugeständnisse, als man sie anderen befreundeten Staaten konzediert, mit Italien eintreten. Zugeständnisse, wie sie eine Regierung einräumen kann, ohne sich ihrer souveränen Rechte zu entäußern. Es ist jedoch für die ottomanische Regierung keine Frage, daß sie politische Privilegien oder ähnliche Zugeständnisse unter keiner Bedingung erteilen kann. Die ottomanische Regierung wird ihre souveränen Recht« in aller Integrität und mit alle» Rlitteln, über die sie verfügt, in Tripolis aufrechterhalten. Es hat in Tripolis keine Zwischenfälle gegeben. Die Sicherheit ist dort vollständig. Es gibt keinen legitimen Grund, der zu irgendeiner Beschwerde Anlaß geben könnte. Vorläufig wartet die ottomanische Regierung mit Ruhe die Ereignisse ab. Falls aber eine Landung von Soldaten»der irgendein Akt von Feindseligkeit in dieser türki- schen Provinz sich ereignen sollte, werde die ottomanische Regierung dies selbstverständlich als casus belli ansehen. Ter Zug nach Tripolis. London, 27. September. Das Reutersche Bureau erfährt auf Erkundigungen in den Kreisen der Londoner ausländischen Tiplo- mat�n, daß keine Nachrichten über eine weitere Entwickelung der türklsch-italienischen Lage bis heute nachmittag hier eingetroffen seien. Es herrsche der Eindruck, daß keinerlei Regelung von Einzel. fragen mit der Türkei Italien befriedigen werde und der Zug nach Tripolis fo gut wie gewiß fei. Zweifellos feien alle Borbereitungen für einen derartigen Zug beendet. Man glaube, daß sowohl die Türkei wie Italien dahin benachrichtigt worden seien, daß im Falle eines Zusammenstoßes die allgemeine Haltung der Mächte eine strenge Nichteinmischung sein werde. In gewissen ausländischen Kreisen ist die Ansicht geäußert worden, ein ernster Kamps an der Küste von Tripolis sei unwahrscheinlich, da Italien dvrt große Streitkräfte zur Verfügung stünden. Seinen Knecht erschossen. Erfurt, 27. September.(B. H.) Im benachbarten tldstädt er- schoß heute der 72jährige Gutsbesitzer Kaestner nach kurzem Wort- Wechsel seinen 30jäHngen Knecht mit der Jagdflinte. Schwere Brandkatastrophe». Tarmstadt, 27. September.(B. H.) Ein Großfeuer ist heute nacht in der Zelluloid- und Kämmefabrik von Gebr. Heim in Ober- ramstadt entstanden. Die Hälfte der Fabrik brannte total nieder. Der andere Teil sowie das große Lager konnten in der Hauptsache erhalten bleiben. Der Schaden beträgt nahezu 199 999 M. Bremen, 27. September.(B. H.) Die Norddeutsche Wo«- kämmerei in Delmenhorst ist nachts teilweise niedergebrannt. Die Wäscherei ist vollständig vernichtet, die Kämmereiabteilung teil- weise; die Spinnerei und die Lagerschuppen sind unbeschädigt, jedoch ist die Arbeit des ganzen Etablissements unterbrochen. Autmnobilkatastrophe in Paris. Paris, 27. September.(W. T. B.) Ein Automobil- omnibus ist heute nachmittag beim Pont de I'ArchevHch� in die Seine gefallen. Es sollen 20 Personen tot beziehungs» weise verletzt sein. Ein weiteres Telegramm aus Paris meldet: Gegen Uhr abends stiegen Taucher nieder, die den Wagen leer fanden. Neu» Tote und zehn Verwundete wurden rn das Krankenhaus gebracht. Man befürchtet, daß vier Personen von der Strömung forgetrieben worden sind. Berantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.; xh.Gl»cke,Berlin.Drucku.Verlag:VorwärtsBuchdr.u Verlagsanstalt PaulSingeraEo..BerlinLzv. Hierzu 4 Beilagen u. Nuterhaltungsbl. » a. awnra. 1, RkÜHt il(5„ödriMStö" 8fllill(t jllllllSllllltt. Die Berliner Genolfen und der Parteitag. Erster Wahlkreis. Den Bericht vom Parteitag erstattete der Kandidat des Kreises, Genosse D ü w e l l: Als wir Stellung nahmen zum Kongreß, habe man annehmen können, daß die Tagung ruhig und geschäftsmäßig verlaufen würde. Diese Annahme habe sich nicht bestätigt. Kurz vorher sei ei�e Polemik ausgebrochen, die sich um den Vorwurf drehte, der Partei� vorstand hätte in der Marokkoaffäre nicht rasch und entschlossen genug gearbeitet. Er(Redner) wolle nicht, was dort gesagt, wieder- käuen, sondern beschränke sich darauf, ein Stimmungsbild zu zeichnen. Redner streift zuerst die Frauenkonferenz und stellt sich gegenüber dem Vorwurf, die„G l e i ch h e i t" schreibe zu hoch, auf die Seite der Genossin Zetkin, indem er erklärt, daß die„Gleichheit" unter keinen Umständen von ihrer jetzigen Höhe herabgedrückt werden dürfe, sie sei vor allem dazu da, den intelligenten und geschulten Frauen Material zur weiteren wissen- schaftlichen Durchbildung zu bieten und es wäre ein schwerer Verlust für die sozialistische Literatur, wollte man das Blatt auf Kosten seines jetzigen Ansehens populärer gestalten. Zum Parteitag Übergehente meint Redner, daß die Marokko- frage die Hauptstelle in den Verhandlungen eingenommen habe, der übrige Teil des Vorstandsberichtes sei darum zurückgetreten. Einen unangenehmen Eindruck habe es erweckt, daß der Partei- vorstand eine kleine Broschüre verteilt und dadurch sofort eine persönliche Note in die Verhandlungen gebracht habe. Es müsse sejtgestellt werden, daß die eine Seite bemüht gewesen sei, sachlich zu bleiben, was man von der anderen Seite nicht sagen könne. ES habe auch den Anschein erweckt, als hätten Wels und Fischer im Namen der Berliner gesprochen. Die betreffenden Genossen hätten betonen müssen, daß sie nur ihre subjektive Meinung ausdrückten. Hatten Luxemburg, Lensch und Ledebour Fehler begangen, so konnte ihnen das. ohne persönlich zu werden, gesagt werden. Daß der Parteivorstand Kritik verdient hatte— nicht durch persönliches Verschulden seiner Mitglieder— habe ja selbst Bebel durchblicken lassen. Auch daß der Antrag des Berliner ersten Wahlkreises am meisten unterstützt und auch einmütig akzep- tiert wurde, spreche dafür. Was Marokko anbelange, sei der Vor- stand tatsächlich etwas saumselig gewesen, trotz der glänzenden Rede Bebels, war der Überwi�jende Teil der Delegierten der Meinung, daß Genossin Luxemburg erst Feuer hinter die Bewegung gemacht habe. Es sei dann auch bei der Abstimmung mehr die Abneigung gegen Luxemburg, Lensch, Ledebour als eine Meinungsverschiedenheit zum Ausdruck gekommen. Beim Stuttgarter Fall habe die Genossin D u n ck e r ihren Antrag sehr sachlich und maßvoll begründet und die wirtschaftlichen Verhältnisse gebührend gewürdigt. Es habe sich auch kein Widerstand gegen den Vorschlag von D i e tz geltend gemacht, der von einer Debatte abriet. Nur Fischer habe es nicht unterlassen können, dagegen aufzutreten; trotzdem aber sei von einer Diskussion abgesehen wor- den. Das Zirkular über den„guten Ton" habe Unwillen erregt, doch habe die Marokkofrage auch hierbei tiefgehende Wirkungen nicht aufkommen lassen. Wenn aus dem Referat Bebels vielfach eine glatte Ablehnung des Massenstreikgedankens herausgelesen werde, so sei das bei ihm(Redner), nicht der Fall, obgleich er in dieser Frage noch pessimistischer als Bebel sei. Unsere konfessionellen Gegensätze in Deutschland würden sich durch die Propagierung des Massenstreiks nicht überbrücken lassen; sie würden sich eher dadurch verschärfen. Ter Massenstreik ist möglich in Ländern, wo die große Masse noch indifferent ist und nur von einer großen Bewegung mitgerissen werden kann. Nur wenn solch große Kräfte sich aus- lösten, wäre bei uns daran zu denken, dann wäre der Massenstreik allerdings auch nicht zu verhindern. Vorläufig treffe dies aber nicht zu für Deutschland. Frappiert habe ihn Bebels scharfe Stellung zum Zentrum. Bis jetzt wären wir darin sehr flau ge- Wesen, die gemachten bitteren Erfahrungen hätten auch hier gutes bewirkt. Das Zentrum sei der reaktionäre Kern, um den die an- deren sich scharen werden, weil sie im Zentrum instinktiv das beste Bollwerk gegen die Sozialdemokratie sähen. Die Parole: gegen «jchwarz-blau" erschöpfe nicht alles; fangen wir an zu sieben, dann bleiben auch nicht viel Liberale übrig. Der Vorzug der Stichwahlparole sei darin zu sehen, daß sie es gewissen Opportunitätspolitikern unmöglich mache, schon vor der Hauptwahl mit den Gegnern zu techtclmechteln. Wer es dennoch tue, verstoße— wenn auch bei den besten Absichten— gegen den Parteitagsbcschluß. Zweitens hätten nun w i r zu bestimmen, wer „liberal" ist. Er könne sich nicht denken, daß F i s ch b e ck. K o p s ch und W i e m e r für liberal angesehen werden könnten. Man könne sich mit der Parole abfinden, wenn sie auch ihm(Redner) nicht sympathisch sei.— Bei Abstimmung in der Frage des Maifeier- bcitrages seien die Motive für die Abstimmung verschieden gewesen. Ein Antrag zur Parteischule konnte die Befürchtung auslösen, daß eine größere Debatte folgen würde. Dies traf jedoch nicht zu. Immerhin sei es unwirtschaftlich und nicht zweckentsprechend, wenn Plätze leer blieben._ Göhres Vorgehen in der Konsumfrage habe allgemein überrascht.' Redner war der Meinung, man habe nur vergessen, ihn vorher zu informieren; es ging den allermeisten aber genau so. Von wem das veranlaßt wurde, wisse er heute noch nicht. Die Erklärung der Genossen Wels und E r n st in SachcHder Landsmannschaften, erst müßte die Landsmannschaft beschließen, so könnten sie einer zu wählenden Kommission- nicht beitreten, habe ihn(Redner) überrascht. Die Landsmannschaften seien noch nicht einer Meinung. Im übrigen hoffe er, daß die Stellungnahme des Parteitages für die kommenden Wahlen von großer Bedeutung sein werde. B u b l i tz als erster Diskussionsredner meint, wer tiefer blicke, habe sowohl auf dem Parteitag wie auch auf der Frauenkonferenz tiefgehende Gegensätze wahrnehmen können. Die„Gleichheit" solle, wenn es nach gewissen Kreisen gehe, zum Hausfrauenblättchen herabgcdrückt werden. Festgestellt müsse werden, daß weder Wels noch Fischer berechtigt gewesen seien. im Namen der Berliner Genossen zu sprechen; am treffendsten habe ja Genossin Zetkin geantwortet. Er(Redner) sei mit der Luxem- burggruppe einverstanden. lieber die Form brauche man sich nicht zu streiten, damit wolle man die Aufmerksamkeit gewöhnlich nur ablenken von der Sache. Jnieressant sei es auch, eine Parallele zu ziehen zwischen dem„Vorwärts"-Konflikt und dem jetzigen„Tagwacht'-Streit. Die- selben Blätter, die damals den Mund nicht vollgenug nehmen konn- ten und einen Entrüstungssturm inszenierten, schwiegen sich jetzt Üiiöfdb aus. Philipp Bernstein: Er hätte gewünscht, daß Düwell seine eigene Meinung schärfer zum Ausdruck gebracht hätte. Der Parteivorstand gelte als Rat der Götter und halte sich für un- fehlbar Man fürchte sich vor ihm und diese Furcht habe er(Redner) noch aus der heutigen Nummer des„Vorwärts" herausgelesen. Es wäre besser gewesen, der Parteivorstand hätte eingesehen, daß Fehler von ihm gemacht worden seien. Er habe den Spieß umgedreht und iSenossin Luxemburg zum Sünder gemacht. Wohin solle es führen� � wenn, wie B üh ler sagte, es Genossen gebe, die aus Furcht ihre Mci- nung zurückhaltest. Wir seien doch keine Kinder. Dem Eingreifen der Genossin Luxemburg hätten wir die machtvolle Demonstration zu verdanken.— Genosse* SB ei§ werde selten kritisiert, weil man all- gemein Furcht bor ihm habe, doch scheint die Furcht allmählich zu schwinden. U. a. habe ihm Laufenberg gut gedient. Wels führe seit langem ein persönliches Regiment. Die Bevormundung müsse beseitigt und Wels in die Schranken gewiesen werden. Der Aktionsausschuß müsse verbessert und gleich- mäßiger verteilt werden. Auf den S. Kreis z. B. kämen prozentual IVa AktionSausschußmitglieder, heute aber säßen 5 Genossen aus dem 55. Kreis im Aktionsausschuß. Der Kultus und Servilismus nach obenhin müsse aufhören. Auch gingen bestimmte Genossen all- jährlich nach dem Parteitag, angeblich, weil sie dort unentbehrlich sind. Mandate hätten für die Partei eigentlich nur dann Wjert, wenn sie von uns selbständig errungen würden. Beim Massenstreik werde abgewinkt, man solle aber nicht bloß Phrasen gebrauchen, sondern an die Zeiten des Sozialistengesetzes denken, dann werden wir auch siegen. Täterow: Er hoffe, daß durch die Annahme des Antrages des 1. Kreises die Arbeiten jetzt besser klappen werden. Zu bedauern sei die Nichtunterstützung des Antrages für Einführung einer„Vor- wärts"-Abendausgabe. Parzik: Praktische Arbeit sei auf dem Kongreß vor lauter Streitigkeit nicht geleistet worden, abgesehen von Molkenbuhrs Refe- rat, das bedauerlicherweise wenig debattiert worden sei. Genossin Luxemburg hätte sich,,. i auch etwas zurückhalten i> i«ff' 1 können. D i e tz hätte keine größere Dummheit sagen können als es seine Bemerkung über fremdsprachliche Nationen war. Er pro- testiere dagegen. Alex Bloch: Es sei ganz richtig, wenn Streitigkeiten besei- tigt würden, wenn es gut gemacht werde. Es habe sich aber wiederum gezeigt, daß die Revisionisten die Radikalen vergewaltigt haben. Die Broschüre des Parteivorstandes stelle ein Schuldbekenntnis dar. Redner kritisiert des weiteren den Parteivorstand und sucht in Bebels Referaten logische Widersprüche nachzuweisen. Der Parteivorstand werde Mugdan und Genossen zweifellos für„liberal" erklären. Düwell irre sich: alle Konservativen können die Stichwahlbedin- gungen unterschreiben. Der Parteitag war oberflächlich, er trägt das Signum: keine Diskussion. Das sei kein' sozialdemokratischer Parteitag, sondern ein Katholikentag. Die genannten Klubs waren keine Sonderorganisationen; alle Genossen hätten das Recht, zu- sammenzukommen und zu diskutieren. Er bitte, nur den Teil der eingegangenen Resolution anzunehmen, soweit sie die Haltung der Delegierten betrifft, den anderen Teil jedoch abzulehnen. Woldersky: Er sei lange im Aktionsausschuß und auch oft auf Parteitagen gewesen. Es sei Einbildung, wenn man glaube, der Parteivorstand wolle keine Kritik. Alljährlich werden die Genossen ja geradezu herausgefordert, Kritik zu üben, dazu erscheine ja der Vorstandsbericht schon zeitig im Druck. Nur die Art der Ver- öffentlichung von Molkenbuhrs Brief sei als illoyal empfunden worden. Wenn der Parteivorstand in letzter Zeit nicht mehr so flott arbeiten konnte, so liege das wohl am Zusammentreffen meh- rerer unglücklichen Zufälle. Singer ist verstorben. Bebel hat seine Frau nach langer Krankheit verloren und war selbst schonungsbedürftig. G c r i s ch war krank, somit lag die ganze Arbeit auf den Schultern weniger Personen. M;m frage: Wer hat Wels und Fischer legitimiert, im Auftrage der Berliner zu sprechen? � Ja. Fischer ist Abgeordneter und hat sachlich für Stuttgart ge- sprachen. Auch Wels hat sich nicht selbst zum Wortführer gemacht, sondern er ist immer auf den vordersten Posten gestellt worden. Hierdurch und überhaupt aus seiner ganzen Haltung und Tätigkeit heraus, war er wohl berechtigt, für die Berliner zu sprechen. Man kann zu Wels stehen wie man will, er ist rücksichtslos, aber er ver- tritt immer mit Energie die Interessen seiner Mandatgeber. Die eigenartige Situation des 5. Kreises bringe es mit sich, daß nun gerade aus ihm 5 Genossen Mitglieder des Aktonsausschusses sind. Zucht wird seit zirka 155 Jahren immer wieder gewählt, mit den anderen ist es ebenso, was anderes steckt nicht dahinter. Man soll auch nicht ungerecht sein. Die Leute stehen alle Jahre zur Wahl; tun sie ihre Schuldigkeit nicht, so werden sie nicht wiedergewählt. Der Parteitag hat gesprochen, nun heißt es: arbeiten! Bublitz: Woldersky mache sich ein Phantom zurecht, um es nachher mit der Keule totschlagen zu können. Es habe niemand die Mitglieder des Parteivorstandes für Schlafmützen erklärt. Auch sei n-ur gesagt worden, daß Wels und Fischer nicht recht hatten ,im Namen der Berliner zu sprechen. Dr. Heinemann: Er müsse Woldersky beipflichten. Es sei wirklich nicht angängig, gegen alle möglichen Personen und Körper- schaftcn, ohne den Schatten eines Beweises, Vorwürfe zu schleu- der». Auf A. Bloch treffe der Vorwurf der Unfehlbarkeit viel eher zu. Nach der Art seines Auftretens müßte man ihn auf den Stuhl Pctri setzen. Nachdem die Berliner Delegierten den Be- schlüssen des Parteitages zugestimmt hätten, habe niemand das Recht, zu sagen, sie hätten aus Feigheit gegen ihre Ueberzeugung gestimmt. Er protestiere dagegen. Düwell: Der Akionsausschuß sei zu Unrecht in die Debatte gezogen worden, daher verzichte er, darauf einzugehen. Wvnn man durch Amt oder gewohnheitsmäßig als Führer der Landsmannschaft gelte, wie Wels, dann sollte man sich zurückhalten und alles Per- sönliche weglassen. Sicherlich sei auch die persönliche Note durch den Parteivorstand in die Verhandlungen gezogen worden, während die andere Seite bemüht war, sachlich zu bleiben. Bloch habe unrecht, wenn er Bebel Widersprüche vorwerfe. Machen wir künftig mit den Liberalen schlechte Erfahrungen, dann ergreifen wir die- selben Maßnahmen wie dem Zentrum gegenüber. Er habe seine eigene Meinung absichtlich nicht schärfer herausgekehrt, um der Diskussion Spielraum zu lassen. Die Delegierten haben eine große poltische Reife gezeigt, indem sie sich nicht gegenseitig zerfleischten. Der Massenstreik ist nicht abgewinkt worden; nur solle man nicht bei jeder Gelegenheit darüber reden. Aufklärung sei die beste Vorbedingung. Die Partei wird nicht versumpfen, dafür sorgen schon die Klassen- gcgensätze, die nach den Wahlen noch viel krasser hervortreten werden. Wir können mit dem Parteitag zufrieden sein, er hat kompakt gestimmt und kann mit seinen Beschlüssen hinausziehen in den Kampf.(Großer Beifall.) Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: „Die Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages und der Haltung ihres Delegierten einverstanden." Hierauf erstattete Genosse T a b b e r t den Bericht von der Brandenburger Provinzialkonferenz, der trotz der borgerückten Zeit mit großem Interesse entgegen- genommen wurde. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen und einem anfeuern- den Schlußwort Täterows war die Versacktmlung beendet. Zweiter Wahlkreis. In der Generalversammlung, die den großen Saal der Bock- brauerei am Tempelhoser Berg füllte� teilten sich die Genossen H ä u s e r und S ch r ö d c r in dex Berichterstattung vom Parteitag. Der erste Referent behandelte die vier ersten Punkte der Tagesordnung, wies beim Geschäftsbericht des Parteivorstandes namentlich auf die starken Fortschritte der Parteiorganisstion hin und forderte zu weiterer unermüdlicher Tätigkeit für die Partei auf. Es müsse dafür gesorgt werden, daß die Mitglieder- zahl beim nächsten Parteitag die Million überschritten habe.' Zur Kritik an der Haltung des Parteivorstandes in der Marvkkofrage bemerkte der Redner, daß es einige etwas reklamebebllrftige Genossen wären, von denen die Angriffe ausgingen. Die Behauptung, Bebels Rede hätte nur bei den Revisionisten so großen Beifall hervorgerufen, sei durchaus verkehrt. Es wären wohl nur b Ge- nassen gewesen, die nicht in den allgemeinen Beifall einstimmten. Ausführlich berichtete der Redner über Molkenbuhrs Referat zur Reichsversicherungsordnung und betonte zum Schluß, daß, wenn die Partei und die Arbeiterschaft in dieser Sache auch eine Nieder- läge erlitten hätten, die Sieger ihres Sieges nicht froh werden würden. Genosse Schröder berichtet zunächst über die Stellung des Parteitages zur Marokkofrage. Wenn ein kleiner Teil der Dele- gierten dem Parteivorstande Vorwürfe wegen zu großer Saum- feligkeit in der Marokkofrage machte, so sei diese Kritik von den Berliner Delegierten insofern als berechtigt anerkannt, als sie sämtlich für die Verstärkung des PartcivorstandeS stimmten.— Der Redner verliest die zu diesem Punkt ange« nommene Resolution, skizziert die Rede Bebels und bemerkt dazu, daß Bebel den Genossen mehr denn je aus dem Herzen gesprochen habe. Das habe auch der einmütige Beifall bewiesen. Die Dele- gierten, die nicht darin einstimmten, wären so gering an Zahl ge- wesen, daß sie in einziger Droschke hätten Platz finden können. Bei dem Punkte Die Maifeier, sei es zu bedauern, daß der Antrag aus Lübeck, die Maifeierfrage aus die Tagesordnung des nächsten Internationalen Sozialistenkongresses zu setzen, ange- nommen wurde, wenn auch nur mit knapper Majorität. Die Mai- feiersache liege so klar, daß es überflüssig sei, den internationalen Kongreß damit zu befassen. Gegen den Antrag 30 von Hamburg III hätten die Delegierten des zweiten Kreises deswegen gestimmt, weil sie der Meinung wären, daß ein solcher Beschluß überflüssig sei, da ja das beharrliche Zuwiderhandeln gegen Parteibeschlüsse schon durch das Organisationsstatut der Partei mit Ausschluß be- droht werde. Sie, die Delegierten des Kreises, seien wohl der Meinung, daß der Beschlutz des Nürnberger Parteitages, um den es sich hier handelte, bindend sei für alle Genossen in derartigen Stellungen, daß es aber verfehlt wäre, noch durch einen besonderen Beschluß und durch Strafandrohung einen besonderen Zwang aus- üben zu wollen. Höchst erstaunt seien die Delegierten gewesen, als die Resolution Groß-Berlins zum Konsumvereinswesen nach der Begründung durch den Genossen Göhre plötzlich zurückgezogen wurde. Die Berliner Delegierten hätten dem Borstand Borwürfe darüber gemacht, aber es sei ihnen nicht mehr möglich gewesen, etwas an der Sache zu ändern. Die Kritik, die jedenfalls an diesen Vorgängen geübt werde, könne sich also nicht gegen die Delegierten Berlins richten. Nachdem der Redner noch über die Wahlen zum Parteivorstand und die damit zusammenhängenden Beschlüsse berichtet hatte, ver- las er die Resolution zu den Reichstagswahlen, schilderte den Hauptinhalt der Rede Bebels und führte zum Schluß dessen zu unermüdlichem Wahlkampf anfeuernde Worte an. Von der Frauenkonfercnz berichtet die Genossin Döring. Sie schildert eingehend das Wichtigste aus den Verhandlungen und macht auf die Bedeutung der gefaßten Beschlüsse aufmerksam. Die Rednerin betont nament- lich die Pflicht der Genossinnen, Hand in Hand mit den Genossen aufs eifrigste den Wahlkampf zu führen, sowie überhaupt ihre ganze Kraft in den Dienst der Bewegung und der weiteren Auf- klärungsarbeit zu stellen. In der Diskussion sprach zunächst der Genosse Ewald. Er wendet sich scharf gegen die Aeußerung Häuscrs von einem gewissen Reklamebedürfnis der Genossen, die die Haltung des Parteivorstandes zur Marokkofrage angegriffen haben. Man sollte sich in solchen Fällen doch etwas gelinder ausdrücken. Hinsichtlich der Stellung der Delegierten des zweiten Kreises zum Antrag 30 erklärt der Redner, daß sie offen- bar keineswegs im Sinne ihrer Mandatgeber gehandelt hätten. Es gäbe eine ganze Reihe Leute in derartigen Stellungen, die dem Nürnberger Beschluß nicht nachkommen, und da sei es wohl ange- bracht gewesen, sie auf ihre Verpflichtungen aufmerksam zu machen. Ein Vorgang wie die plötzliche Zurückziehung der Reso- lution zum Konsumvereinswesen sei wohl noch nie vorgekommen. Man habe gleich darauf mit Wels und anderen Genossen Rück- spräche genommen, und sie hätten auch erklärt, daß sie nicht wüßten, wie die Sache zusammenhänge. Im allgemeinen könne man durchaus mit den Verhandlungen des Parteitages und mit der Haltung der Delegierten einverstanden sein, jedoch nicht mit ihrer Stellung zu dem die Maifeierfrage be- treffenden Antrag aus Hamburg III. Genosse Beil hält ebenfalls die Stellungnahme der Dele- gierten des Kreises zu jenem Antrag für verkehrt. Sie hätten hierin auf keinen Fall im Einverständnis mit den Parteigenossen des zweiten Kreises gehandelt. Die Resolution 550 aber hätten die Berliner Delegierten nach der Zurückziehung einfach nochmal einbringen sollen. Verkehrt sei es, zu behaupten, daß die Ge- nossin Luxemburg sowie die Genossen Liebknecht, Lensch. Ledebour in ihrer Stellungnahme gegen die Laschheit des Parteivorstandcs in der Marokkofrage nur eine kleine Zahl von Parteigenossen hinter sich hätten. Es sei vielmehr eine große Anzahl Berliner Parteigenossen, die mit ihnen einer Meinung sei. Die Stichwahlparole zu den Rcichstagswahlen sei außerordentlich sanft, und die Anforderungen, die danach an die bürgerlichen Kan- didäten gestellt werden sollen, seien eigentlich nicht weitgehend genug. Genosse Trettin führt unter lebhaftem Protest der Ver- sammlung aus. daß er die Bkaifeier nicht mehr für bestandfähig halte. Er wisse auch nicht, warum man immer wieder die Buch- drucker angreife. Es seien doch gerade die Buchdrucker die bei großen Kämpfen auf gewerkschaftlichem Gebiet immer mit tat- kräftiger Unterstützung bei der Hand seien. Der Nürnberger Be- schluß zur Maifeier sei nicht mehr haltbar; so lange er bestehe, müsse er natürlich durchaus aufrecht erhalten werden, im übrigen aber müsse man dafür sorgen, daß er endlich einmal verschwinde. Daß die Resolution zum Konsumvercinswesen zurückgezogen wurde, sei jedenfalls aus wohlerwogenen taktischen Gründen ge- schchen, denn innerhalb der Konsumvereine müsse in politischer Hinsicht Neutralität walten. Genosse Jacobe y hätte erwartet, daß Häuser das persönliche 'Moment aus dem Parteitage nicht auf die Versammlung übe», kragen würde! das wäre jedenfalls besser gewesen. Tic Art, wie die Maifeierangelcgenheit behandelt wurde, habe dem Parteitag nach außen hin ein unschönes Gepräge gegeben. Als Angestellter eines Parteigeschäfts müsse er, Nediicr» sich gegen den Antrag 3« wenden. Der Beschlutz werde sich praktisch nicht durchführen lassen und nur zu Zank und Streit Veranlassung geben. Genosse S ch i in in e l p s e n n i g führt aus, man könne über die Maifeier wohl zweierlei Meinung sein, aber so lange sie be- stehe, müsse sie vor allem von denen gehalten werden, die in erster Linie dafür in Betracht kommen und ohne persönliche Opfer feiern tonnen. Darum sei es aufs schärfste zu verurteilen, wenn sie ihrer Pflicht nicht nachkommen, und es sei deswegen gerade gut. datz ihnen dies durch den Antrag 30 ins Gedächtnis zurückgerufen wurde. An der Zurückziehung der Resolution zum Konsumvereins- Wesen trügen vor allem die Genossen Schuld, die noch üicht Mit- glieder der Konsumvereine sind. Genosse Gajus wundert sich, datz die Delegierten des Kreises gegen den Antrag 30 gestimmt haben und mitzbilligt es auch, daß Genosse Häuser in seinem Referat in so unschöner Weise Stellung nahm gegen die Genossin Luxemburg. Jeder habe das Recht der Kritik. Tatsächlich liege die Sache so, datz der Parteivorstand Glück gehabt habe, indem sich die Marokkoaffärc so lange hinzog, datz die Demonstrationen noch immer rechtzeitig kamen. Es würde gar nichts schaden, wenn wir noch ein paar Dutzend Leute vom Schlage der Genossin Luxemburg in der Partei hätten. Datz alle Delegierten den Ausführungen Bebels über die Schrecken und das Elend eines Krieges zustimmten, sei nicht zu verwundern. Für einen Fehler aber müsse man es halten, datz keine Diskussion über die Marokkofrage stattfand. Die Stichwahlparole hält Redner für ganz angebracht. Es müsse aber betont werden, datz wir keine Ursache haben, allzu siegessicher in den Wahlkampf zu ziehen, sow- dcrn uns vielmehr der unabweislichen Pflicht bewutzt sein mütztcn, alle Kräfte im Wahltampf zusammenzufassen. Genossin Zieh führt aus, datz sich unter den Delegierten, die für den Antrag 30 stimmten, zwei Richtungen zusammen- gefunden hatten, die aus ganz verschiedenen Motiven den Beschlutz bcrbeiführten. Der eine Teil dieser Delegierten habe dafür ge- stimmt, in der Meinung, der Beschlutz werde so viele Ausschluß- verfahren zur Folge haben, datz es zur Aufhebung der Nürnberger Resolution führen müsse. Tatsächlich aber habe der Jenaer Be- schlutz schon die Wirkung gehabt, datz eine ganze Anzahl Ange- stcllter das Geld nachträglich abführte. Es sei zu hoffen, datz der Beschlutz noch weiterhin eine gewissenschärfende Wirkung ausübt. Redncrin glaubt, daß die Delegierten des zweiten Kreises, als sie gegen jenen Antrag stimmten, aus besten Gründen gehandelt haben. Wenn aber einmal ein solcher Antrag vorlag, so mutzte allerdings durch eine solche Haltung der Anschein erweckt werden, als wolle man nichts unternehmen gegen die Leute, die ihrer Pflicht nicht nachkommen. Zur Stichwahlparole bemerkt die Rednerin. datz sie gewiß zu denen gehöre, die über die Veurätereien der Liberalen am meisten empört sind. Gleichwohl dürfe man unter solchen Um- ständen der Empörung nicht die Zügel schießen lassen, sondern nuisse vielmehr mit ruhiger Uebcrlcgung handeln. Wenn nicht weitergehende Forderungen gestellt ivurden, so beweise das eben nur, wie unsere Partei die Liberalen einschätze und einschätzen müsse. Bei der Hauptwahl werde man selbstverständlich aufs schärfste gegen die Gegner Stellung nehmen, aber in der Stichwahl komme es eben unter Umständen darauf an, sich für das kleinere Uebcl zu entscheiden. Was die Angriffe der Genossin Luxemburg betreffe, so sei es durchaus notwendig gewesen, sie aufs schärfste zurückzuweisen. Das Siecht der Kritik werde natürlich in keiner Weise angegriffen, aber wer kritisiere, müsse sich auch überlegen, ob die Kritik und die Art der Kritik auch zum Nutzen der Partei gereiche. Es sei durchaus nicht richtig, datz der Parteivorstand erst durch die Genossin Luxemburg zur Stellungnahme veranlaßt wurde. Redncrin hätte als Parteivorstandsmitglied selbst gewünscht, daß die Aktion etwas früher kommen sollte, aber schließlich hätte sie doch noch zu einem sehr günstigen Moment eingesetzt. Datz die Ge- nossin Luxemburg mitten in der Aktion das Flugblatt herunter- ritz, müsse als sehr schädliche Handlungsweise bezeichnet werden. Hätte jene Genossin statt dessen eine Reihe aufklärender Artikel über den Imperialismus und seine Folgen geschrieben, so wäre das gewiß viel nützlicher gewesen. Jene Art der Kritik müsse unter allen Umständen als ungehörig bezeichnet werden. Hinsichtlich des Berichtes der Delegierten sei es zu be- dauern, datz sie nicht mehr auf die/Frauenbewegung eingegangen wären. Tie Frauen hätten sich mehr gerührt als die Männer, und wenn die Frauen für die Partei gewonnen werden, seien sie auch meist die radikalsten Parteigenossen. Genosse A n d r e s e n ist in der Sache mit der Genossin Luxemburg durchaus einverstanden, wie man auch über die Art ihrer Kritik denken möge. Es sei zu bedauern, datz Bebel aus- führte, im Falle eines Krieges würden die Massen am ehesten nach Brot schreien. Durch diese Aeutzerung könne der Eindruck erweckt werden, als habe die Partei ihren Standpunkt zur Massenstreitfrage aufgegeben. Auch die moralische Entrüstung, die der..Vorwärts" über das christlich-soziale Flugblatt an den Tag gelegt habe, sei nicht recht am Platze. Das Zentralorgan hätte sagen sollen, datz die Partei den Mafsenstreit unter gewissen Umständen durchaus für berechtigt halte. Leider mache sich in der Partei nur zu oft eine Ucberschähung des Parlamentarismus bemerkbar. Zur Stich- Wahlparole hätte der Redner gewünscht, datz die in Frage kommenden Kandidaten auch auf ihre Stellung zur Heeres- und Flottenvorlage geprüft werden sollten. Genosse Alfred B e r n st e i n legt dar. datz der Krieg aus den schon von Bebel angeführten Gründen unter europäischen Völkern eine Unmöglichkeit ist. Der Hauptsaktor hierbei sei jedoch, daß die Massen keinen Krieg wollen. Der Parteivorstand aber hätte mit aller Kraft dafür sorgen müssen, die Massen in diesem Sinne aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Dieses Aufwühlen und Aufpeitschen der Massen sei vernachlässigt worden. Was im Falle eines Krieges unternommen werden soll, brauche nicht gesagt zu werden; darüber könnten sich die Herren da oben vorläufig die Köpfe zerbrechen. Verkehrt sei es, zu behaupten, datz es sich in Marokko nur um wirtschaftliche Interessen handelt, die Sache liege vielmehr so, daß die wirtschaftlichen von den politischen nicht zu trennen sind. Ebenso müsse man sich klar darüber lverden, daß die innere Politik nur ein Abklatsch der äußeren sei. Vor- läufig hätten wir den gewaltigsten Kanipf gegen den Militarismus zu führen. Gegenüber der Aeutzerung Bebels von Unverschämtheit müsse betont werden, daß Bebel sich hier denn doch gegen die par- lamcntarische Ordnung versündigte.' Genosse Stadhagen bemerkt zur Stichtvahlparole. daß sie die Mindestforderungen enthält, die an die betreffenden Kandidaten gestellt werden sollen, und daß. wenn wir nicht mehr verlangen, der Niedergang der bürgerlichen Parteien daran schuld sei. Bei persönlichen Reibereien auf dem Parteitag sollten die Genossen doch klar darüber sein, datz es immer die Sache ist die dahinter steht, um die es sich handelt, und das solche Debatten deswegen nicht als persönlich aufgefaßt werden dürften. Diejenigen, die da meinten, amn müßte der Genossin Luxemburg ihrer«tellungnahme wegen etwas anhangen, feien im Irrtum. Es wäre überflüssig. über diese Dinge noch weiter zu reden; die Hauptsache sei die Rc- organisation des Parteivorstandes. Es müsse in dieser Hinsicht vor allem dafür gesorgt werden, datz die leitenden Genoffen in enger Fühlung mit der Masse stehen. Die Zurückziehung der Konsumvercinsrcjolution habe all- gemeines Erstaunen hervorgerufen. Der Genosse G ö h r c scheine falsch unterrichtet gewesen zu sein. Ten Antrag nach der Zurück- ziehung wieder aufzunenmen, wäre verkehrt gewesen. Zu bedauern sei der Ausgang der Sache im Interesse der Konsumvereins- bewcgung. Ganz selbstverstäudlich müsse dafür gesorgt werden, die Konsumvereine mit sozialistischem Geiste zu durchdringen, was ja nun leider auf dem Parteitag nicht zum Ausdruck kommen konnte. Die persönlichen Reibereien auf dem Parteitag wären vermieden worden, wenn die radikalen Genossen, wie in Magde- bürg, vorher zusammengekommen wären. Es mache sich in der Partei ein gewisser Bureaukratismus geltend, eine Art Bevor- mundung der Genossen durch die Vertreter ihrer Organisation, und das müsse bekämpft werden. Zu den Reichstagswahlen be- merkte der Redner, daß man durchaus nicht zu siegessicher sein solle, sondern vielmehr alle Kräfte anspannen müsse im Dienste der Partei. Nachdem die Genossen Häuser und Schröder noch in kurzen Schlußworten ihren Standpunkt vertreten hatten, wurde auf An- trag der Genossen Ewald und Clavius folgende Resolution ange- nommen:» „Die Versammlung erklärt sich mit der Haltung ihrer Tele- gierten bis auf den die Maifcierfrage betreffenden Antrag Hamburg III einverstanden." Der zweite Punkt der Tagesordnung wurde wegen der vorge- schrittenen Zeit abgesetzt. Dritter Wahlkreis, Die Versammlung tagte im großen Saal des GeWerk- schaftshauses. Ueber den Parteitag berichteten die Delegierten Genossen Pohl und Budde. Genosse Pohl führte unter anderem aus: Nach der Stim- mung unter den Genossen einige Wochen vor dem Parteitage sei die Meinung gewesen, daß der Jenaer Parteitag einer der ruhigsten werden würde. Es sei ja— zeitweilig wenigstens— etioas anders gekommen, indem die Geister aufeinander platzten. So beim Vor- stondsbericht, der im übrigen sehr erfreuliche Fortschritte feststellen konnte. Nun könne man ja verschiedener Meinung sein über die Frage, ob der Vorstand den rechten Zeitpunkt wähle. Für einzelne Personen sei es leicht, zu sagen: Ihr hättet hier und da früher eingreifen und andere Mittel anwenden können. Der Parteivor- stand als solcher habe aber eine Verantwortung zu tragen, und wenn er das nötige Verantwortlichkeitsgefühl habe, dann könne es ihm nicht gleichgültig sein, ob eine Aktion gut verlaufe oder fehlschlage. Es sei etwas Vorsicht notwendig. Ob der Parteivorstand vielleicht etwas zu vorsichtig gewesen sei, wolle er nicht entscheiden, da er nicht das große poli- tische Wissen habe, wie die Genossin Luxemburg. Immerhin aber sei er der Meinung, datz es auf keinen�Fall nötig gewesen wäre, die Angriffe so scharf zu gestalten, wie es von einzelnen Personen gegen den Vorstand geschehen sei.— Den Wünschen nach Verstär- kung des Partcivorstandes habe ja dann der Parteitag entsprochen und Anträge, die ein Tadelsvotum enthielten, seien von den Antrag- stellern mit der Erklärung zurückgezogen worden, datz sie durch die Aussprache befriedigt seien. So habe Müller mit Recht im Schlutz- wort sagen können, daß wir alle einig seien. In der Tat sei es so gewesen. Der Parteitag sei in vollständiger Einigkeit ausein- ander gegangen.— Genosse Pohl gab ferner noch eine Uebersicht über verschiä>ene andere Punkte der Verhandlung und ihre Ergeb- nisse. Zu Bebels Referat über die Marokkofrage bemerkt er, datz die Zuhörer, welche in Massen die Tribünen füllten, voll auf ihre Kosten gekommen seien. Man müsse es erlebt haben, mit welchem Feuer und welcher Frische Genosse Bebel seine Aufgabe gelöst habe. Den Ausführungen Bebels in seiner späteren Rede zu den Reichs- tagswahlen, die sich auf die taktischen Borschläge für die Stichwahlen bezogen, sei im großen und ganzen zuzustimmen, namentlich wenn man die Angelegenheit, wie erforderlich. nicht bloß unter dein Gesichtswinkel der Großstadt ansieht.„Auf zum Kampf!" Mit diesen Worten habe Genosse Bebel sein Referat geschlossen. Diesen Mahnruf erhebe auch er zum Schlüsse seines Berichts. Wenn die Genossen des dritten Kreises ihn beherzigten, dann werde die nächste Wahl uns im dritten Kreise wieder den Sieg bringen.(Beifall.) Genosse Budde vervollständigte den Bericht vom Parteitag. Besonders ließ er sich u. a. über die Verhandlung zur Frage der Maifeier aus. Er ist der Meinung mit der Mehrheit, datz der Nürnberger' Beschluß durchgeführt werden müsse und datz es not- wendig gewesen sei, den von Hamburg gestellten, aber zurückge- zogenen Antrag 30 wieder aufzunehmen unh danach zu beschließen, datz das Ausschlutzverfahren einzuleiten sei gegen die Angestellten im Sinne des Nürnberger Beschlusses, welche ihren Tagesverdienst vom 1. Mai nicht abliefern. Genosse Alfred Fröhlich als erster Diskussionsredner vertritt die Auffassung, datz in der Marokkoangelegenheit der Parteivorstand zu spät gehandelt habe und datz die Einleitung der Aktion der Genossin Rosa Luxemburg zu danken sei, die aller- dings in der Form gefehlt habe. Von der Annahme des An- träges 30 zur Maifeier verspricht Redner sich nichts, weil das Aus- schlutzverfahren sich zwar gegen einzelne, aber nicht gegen hundert durchführen ließe. Man schaffe sich nur Gegner im eigenen Lager. In der Maifeier werde es nicht eher Frieden geben, bevor sie nicht auf den Abend des l. Moi verlegt werde. Genosse M ö b u s meint ebenfalls, datz Genossin Luxemburg nicht Unrecht gehabt habe damit, datz der Parteivorstand für die Protestversainmlungcn gegen die Kriegshetze(Marokkoan�clegenheit) die Anregungen früher hätte geben müssen, als es geschehen sei. Nicht gefallen hätten ihn: die persönlichen Auseinandersetzungen, auch die zwischen Wels und Ledebour. Besonders erfreut ist Redner über die Art, wie die Marokkoangelegenheit selber auf dem Parteitage behandelt worden ist. Das sei ganz vorzüglich gewesen und habe das Interesse der Partei aufs Beste gewahrt. Was die Maifeier angehe, so wünsche er, datz jeder für ihre erfolgreiche Durchführung eintrete. Jeder möge sich den Beschlüssen fügen. Wenn es ewig zu Zmistigkeiten kommen sollte wegen der Maifeier, dann lväre es allerdings besser, sie zu begraben. Auch Genosse Gen tncr vertritt den Standpunkt, datz durch das Drängen der Genossin Luxemburg und Ledebour die Marokkoaktion der Partei gefördert worden sei. Des längeren äußert er sich zum Streit in Württemberg und er fordert, datz die Süddeutschen den Parteitagsbeschlüssen gegenüber zur Disziplin angehalten werden sollen. Ein« Disziplinwidrigkeit sieht er darin, datz der württembergische LandcSvorstand die von der Landeskonfe- rcnz beschlossene Kündigung der Redakteure iWestmcver) durchführt trotz des Beschlusses des Parteitages von Jena. Hinsichtlich der Maifeier erwartet Redner von jedem Idealismus genug, sie recht würdig zu gestalten und auch die von der Partei durch ihre Be- schlüsse geforderten Opfer zu bringen. Auch die Angestellten müßten sich dem fügen, was in Nürnberg bescksiossen sei. Genosse Aysche: Die Kritik am Partcivorstand sei nicht so ganz gerecht gewesen, wie man es sonst z. B. bei der Genossin Luxemburg von früher her gewöhnt gewesen sei. Diesmal sei nickt der Partei gedient worden dadurch; es sei ein unnützer Streit herauf- beschworen worden, der beinahe eine Wiederholung der Dresdener Vorgänge befürchten ließ. Natürlich müsse im Parteiinteresse das Recht der 5>ritit gewahrt werden. Toshalb solle man auch mit der Genossin Luxemburg nicht so scharf ins Gericht gehen. Genosse W u s ch i ck betrachtet es auch als selbstverständlich, daß der Kritik unterliegt, wer im öffentlichen Leben steht, also auch unser Parteivorstand. Genossin Luxemburg sei aber viel zu weit gegangen. Ter Partrivorftand habe in all den Jahren bewiesen, daß er zur rechte» Zeit einzugreifen verstand. Genossin Luxemburg brauchte nicht erst kommen, um ihn zu rüffeln. Nachdem Redner die Auseinandersetzung zivischen Bebel und Lede- bour besprochen und dabei Bebel recht gegeben hatte, erklärte er für das Schlimmste, was in der augenbUcklichen Situation geschehen konnle, die Kritik des K a u t s k y s ch e n Flugblätkcs durch Rosa Luxemburg. Dadurch hätten die Gegner Waffen erhalten, die sie ausnutzen würden. Gegenüber den Ausführungen Gentners be- merkt Redner, daß der Landesvorstand von Württemberg nur seine Pflicht tue, wenn er die ihm durch Beschlutz der Landesversamm- lung übertragenen Aufträge ausführe. Das verstoße auch durch- aus nicht gegen den Beschluß des Jenaer Parteitages, der den Aus- gleich der Streitigkeiten in Württemberg betrifft.— Vor allem gelte es jetzt, allen unnützen Streit, auch den, bei welchem mit den Worten Radikalismus und Revisionismus so gern operiert werde, beiseite zu lassen.€Sir seien alle einfach Parteigenossen, ständen: alle einem Feinde gegenüber, und dieser stehe rechts. Ihn wollen wir bekämpfen und dabei müßten wir zeigen, datz wir eine ge- schlossene Macht seien. Genosse Alfred Fröhlich stellt gegenüber einer mitzver- ständlichen Auffassung seiner Worte fest: Er habe ausdrücken wollen, datz die Angestellten in Parteigeschäften usw. sehr Wohl den Pflich- tun aus dem Nürnberger Beschlutz nachkommen könnten, datz aber, wenn sie es in größerer Zahl nicht täten, der Beschlutz von Jena auf Einleitung des Ausschlutzvcrfahrens undurchführbar wäre. Genosse Adolf Harndt: Den Streit mit den Redakteuren müßten allerdings die Württemberger unter sich ausfechten. Auf der anderen Seite würden aber wir Norddeutschen es uns niemals nehmen lassen, darauf zu dringen, daß in Süddeutschland die Partei- tagsbeschlüsse beachtet werden.— Auch er bedaure, datz Genossin Luxemburg diesmal nicht den richtigen To» gefunden habe. Er stehe aber ganz hinter ihr barin, datz erst sie den Parteivorstand vorwärts getrieben habe. Ihre Art und Weife habe ihm dagegen nicht behagt. Was die Kritik des Flug- blattes angehe, welches Genosse Kautsky im Auftrage des Partei- Vorstandes geschrieben habe, so sei diese Kritik als unangebracht zu bezeichnen. Denn eine Aktion, die bereits im Laufen sei. dürfe man nicht stören.— Die Anregung, die Maifeier auf den Abend zu verlegen, müsse verworfen werden. In solchem Falle könnte von einer Maifeier überhaupt nicht mehr die Rede sein. Nach einer kurzen Ausführung Gentners trat Schlutz der Debatte ein. Der Vorsitzende Genosse Vöhl stellte dann unter Zustimmung der Versammlung fest, datz diese mit dem Ergebnis des Parteitages einverstanden sei. Darauf berichtete noch Genosse Braun über die Berhandlun. gen der Brandenburger Provinzialkonserenz. Damit war die Tagesordnung der Versammlung erledigt; Vierter Wahlkreis. Die in Kellers Festsälen abgehaltene Generalversammlung des 4. ReichstagSwahllreiseS war sehr gut besucht. Ueber den Jenaer Parteitag berichtete Genosse Sassen. In längeren Ausführungen rekapituliert Redner die in Jena gepflogenen Verhandlungen und die gefaßten Beschlüsse. Der vom vierten Kreis gestellte Antrag, die Wahlrechts- reform auf die Tagesordnung des Parteitages zu stellen, fei ab- gelehnt worden, doch Habs Genosse Bebe� in Auifickt gestellt, auf diese Materie in seinem Referat über die RcichstagSwahlen Bezug zu nehmen. Aus den Berichten der Parteileitung seien groge organisatorische Fortschritte der Partei hervorgegangen. Die Zahlen über Wachstum der Organisation und Partcifinauzen habe die Gegner in Erstaunen versetzt. Ausführlicher behandelt Redner dann die Generaldiskussion über den VorstandSberichl, sich auch hier auf eine rein sachliche Wieder» gäbe der wesentlichen GesicktSpuukie beschränkend. Bebel sei den Kritikern deS Parteitages scharf entgegengetreten, aber mit Reckt habe Genossin Zetkin daran erinnert, datz gerade er eS stets gewesen sei, der das Recht auf Kritik betonte, daS man aber in diesem Falle dem Partei» vorstand gegenüber wohl nicht zur Anwendung bringen dürfe. Aber trotzdem habe der Vorstand eine Kritik über sich ergehen lassen müssen, die er von keinem der früheren Parteitage her kmmte. Ein Antrag deS vierten Kreises die Londogitntion betreffend sei dem Parteivorstand zur Berücksichtigung überwiesen worden. Bei allen wichtigen Abstimmungen— erklärt Redner— haben die Berliner Delegierten einheitlich gestimmt, nur bei der Maifeier, als na- mentlich über den ParteiauSlchlutz bei Nichtbefokgung des Nürnberger Beschlusses abgestimmt wurde, votierten einige Berliner Genossen anders. Angenommen wurde ein weiterer Antrag des vierten Kreises, der bezweckt, den Schuapsboykott in Erinnerung zu bringe». DoS Gesamtbild des Parteitages— schließt Redner— sei ein erfreuliches gewesen; wenn es auch anfänglich teils beftige Debatten gab, so wurde schließlich doch die Einheit und Geschlossenheit der Partei dokumentiert. Die Versammlung möge sich dies zum Vorbild dienen lassen und in der Debatte nicht etwa ins Kleinliche ver» fallen. Jetzt gelte eS, die Wahlarbeit aufzunehmen, welche ebenfalls den vierten Kreis vor große Aufgaben stelle. Wir müssen alle unsere Kräfte daran setzen, den Sieg vorzubereiten. sBeifall.) Anschließend erstattete Genossin B i e n den Bericht von der Frauenkonfercnz. Auch sie beschränkt sich auf eine sachliche Wiedergabe deS Ber» laufs derselben. In ihren Ausführungen bemüht sich Rednerin. ein Gesamtbild von der Konferenz zu entiverfen. geht aber auch näber auf die einzelnen Beschlüsse ein, worin sie später in der DiS- kussion wirkungsvoll von der Genossin Fahre nwald unterstützt wird. Beide Genossinnen gaben besonders der Erwartung Ausdruck. daß der Parteivorstand dem ihm überwiesenen Antrage auf An- Stellung von Parteisekretärinnen, wie dies zur Förderung der Agi- tation und Aufklärung unter den Frauen der Arbeiterklasse notwendig sei. tatsächlich näher trete. Mit einem beifällig aufgenommenen Appell an die Genosse», die Genossinnen in ihrer schweren Arbeit u»ntersttttzen, beendeten beide Rednerinnen ihre Ausführungen; ie Frauenkonfereaz habe gute Arbeit geleistet, die nun fortgesetzt we�eu müsse. • In der Diskussion erhält als erster Redner das Wort Genosse Eugen Brückner, der ausführt, datz der Berichterstatter zwar bemüht gewesen sei, in kurzen Umrissen ein Bild von den ParteitagSvelhandlungcn zu geben, es aber sich nun notwendig mache, auf eine Resolution hinzulveisen, die unS besonder» inter- essiert. Der Parleilag nahm zu der die gesamte Bevölkerung auf- regende Teuerung Stellung. In einer Resolution wurde die Auf- Hebung der Lebensmiltel- und Futterzölle und die Grenzsperre ge- ördcrt und ferner werden die Arbeiter hingewiesen, selbst Hand an« zulegen, der Teuerung durch Stärkung der Organisationen entgegen- zutreten. Besonder» weist Redner auf den Beitritt zu den K o»> u m- genossenschaften hin, deren Milgliederzahl in Berlin in keinem Verhältnis zur Zahl der gewerkschaftlich und politisch orga- msierten Arbeiterschaft siebe; konsumgenossenschafllich organisiert, könne die Berliner Arbeiterschaft zu einer bedeutenden Wirtschaft- liche» Macht lverden, es sollte daher dem letzten Satz der Jenaer Resolution mehr Beachtung geschenkt werden. Die Marokkosrage habe durch die Veröffentlichung deS Molken- buhrschen Briefes seitens der Genossin Luxemburg viel Staub auf- gewirbelt. In der Versaminlang. welche vor dem Parteitag im vierten Kreis stattfand, habe man sich— nach dem Empfinden des Redner«— ohne Abstimmung mit den AuSführnngra des Genosse» Ströbel einverstanden erklärt, der zu einer Verurteilung der Hand- lung der Genossin Luxemburg gekommen sei. Wir verschivenden an unnützen Diskussionen überhaupt viel zu viel Zeit, die sich besser ini Kampfe gegen den gemeinsamen Feind verwende» ließe. Aber auch der Parteitag habe dem Vorstand fchlietzlich recht gegeben und die letzten Sonnabeild stattgefundene Sitzung des Internationalen Bureaus billigte da» Verhallen der deutscheu Partei in der Marokko- frage ebenfalls, womit dem Verhalten der Genossin Luxemburg das Urteil gesprochen ist. Nicht richtig sei, wenn gesagt werde, der Standpunkt, den die Ge- nofsin Luxemburg und Lcdcbonr vertreten, sei auch von vielen anderen Genossen eingenommen, aber nur nicht zum Ausdruck gebracht wordcn; eine Abstimmung hätte jedenfalls dafür nur eine kleine Minderheit ergeben, denn die Genossen haben eben erkannt, dass ivir einig sein müssen, den gemeinsamen Feind zu schlagen.(Beifall.) Nächste Rednerin ist Genossin Fahren wald, deren Aus- sührungen sich ausschliesslich, wie oben bereits skizziert, aus die Frauenkonfercnz beschränken. Tann erhält Genosse Adam das Wort, um auf den Buchdruckerkonflitt bei Scherl zurückzukommen. Redner macht unter Protestrnfen feiten? der Ver- sammlung der Parteipresse den Vorwurf einer unanständigen Stellungnahme hierzu. Genosse Müller vom Parteivorstand habe auf die Schreibweise des„Korrespondent" hingewiesen, aber der von ihm— Müller— zitierte Passus sei keine redaktionelle Aensserung, sondern komme in einem Versammlungsberichte vor, dies dem Parteitag zu sagen, sei aber vom Genossen Müller ver- säumt worden. Redner nimmt seine Organisation vor den Angriffen aus Partei kreisen in Schutz und hält den am„Korrespondent" gemachten Aussetzungen Aeusserungeu aus der„Bergischen Arbeiter- stimme" entgegen. Zur Maifeier meint Adam, dah der Nürnberger Beschluss kein glücklicher sei, was sich aus den wegen Nichlbefolgung desselben eventuell notwendig gewordenen Ausschlüssen ergebe. Zur Lebensmittelverteuerung empfiehlt Redner, eS wie in Oesterreich mit dem Fleischboykott zu versuchen, da die Proteste in den Versamm- lungen wirkungslos verpuffen. Reinhardt knüpft an Bebels Magdeburger Rede an. Dort habe dieser für die Kritik den freiestcn Spielraum gefordert, in Jena jedoch seien die Kritiker von ihm gehörig abgebürstet worden. Dass der Parteivorstand in der Tat nicht allen Anforderungen entsprach, sondern mit Arbeit überlastet war, führte ja zu der Anstellung der zwei Sekretäre. Redner bedauert, dass Göhre seine Resolution zur Genossenschaftssrage zurückzog; weshalb dies geschehe», bedürft der Aufklärung. Reinhardt befürwortet den folgenden Antrag: Die Generalversammlung des vierten Kreises ersucht den Parteivorstand um inöglichste Beschleunigung des Antrages des vierten Kreises betreffend Landagitation, damit vor den Reichstags- wählen noch auf dieser Basis agitiert werden kann. Gegen Genossen Adam gewendet, weist Redner den der Ver- sammlung gemachten Vorwurf, die Genossen orientierten sich nicht genug über die Gewerkilbasten, zurück; die Genossen seien im Gegen- teil so unterrichtet, dass sie sogar wissen, was bei den Buchdruckern vorgehe.(Heiterkeit und Beifall.) A d o l f H o f f m a n n: Auf dem Parteitag hat man sich nicht mit den Buchdruckern, sondern mit dem sogenannten„Geheim- zirkulär" des PaiteivorstandeS beschäftigt, in welchem seiner Ansicht nach Licht und Schalten nicht hinreichend verteilt waren. Was den von Adain enipfohleiien Fleischboykott anbelangt, so bestehe ein solcher unfreiwillig für die Arbeiter schon seit langer Zeit. (Heiterkeit und Zustimmung.) In längercu Ansführuiigen befchäftigt sich Redner mit der von der Stadt Berlin in Aussicht genoininenen Aktion gegen die Teuerung, die jedoch niangels eines ernsten Willens der bürgerlichen Parteien der Bevölkerung nichts bringe» werde.— Auf Brückners Ausführungen Bezug nehmend, spricht Hoffmann der Genossin Luxemburg, dem Genossen Ledebour und der„Leipziger VolkSzeitung" das Verdienst zu, in der Marokkofrage de» Partcivorstand vorwärts getrieben zu haben. Was die Kritik des Flugblattes anbelangt, mag die Genossin Luxeinburg taklisch nicht richtig gehandelt habe», aber andererseits war cS Pflicht, zu sagen, dass der Vorstand in dieser Sache seine Schuldigkeit nicht tat. Auf Worte, die in der Hitze des Gefechts fallen, sollte man kein zu grosses Gewicht legen, sonst müsste man dies auch bei den Aeusserungen Bebels dun Genossen Ledebour gegenüber tun. Aber nicht auf Worte, sondern, dass wir uns trotz- dem vor dem Feiude wieder zuflnunenfinden, darauf kommt es au. SS mutzte in der Marokkosrage rechtzeitig mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln vorgegangen werden, zumal Aussicht bestand, diese zur Wahlparole zu machen. Eine Stellungnahme zur Partritaktik mache sich wahrscheinlich notwendig, dazu sei aber erst Zeit nach den Wahlen, jetzt gehe cS zunächst gegen den Feind.(Lebhafter Beifall.) Genosse P ö tz s ch macht einige Ausführungen zum Scherlschcn Konflikt und wahrt der Parteipresse das Recht, jederzeit auch zu Vorkommnissen auf geiverischaftlichein Gebiet Stellung zu nehme». Die Ausführungen AdamS seien deplaciert gewesen; dieser habe sich jedenfalls im voran» schon auf eine Rede präpariert, die nun hier aber gar nicht gehalten wurde. In seinem Schlußwort gibt Genosie Sassen Ausllärinig über die Zurückziehung der Göhrcschcn Resolution. Zur Kritik Brückners betreffend Veröffent- lichung des Molkenbnhrschen Briefes und zur Marokkofrage über- Haupt vertritt Redner die Ansicht, datz zwar die EntWickelung der Veihältnisse dem Parteivorsland recht gebe, eS aber doch bei dem in Deulichlaiid herrschenden ZickzackkurS leicht anders kommen konnte. (Beifall.) Nachdem hierauf d,e Resolution Reinhardt angenommen und Genosse Reinhardt seinen Bericht über die Prvvinzialkonferenz gegeben, den zu vertagen die Versammlung abgelehnt hatte, war die Tagesordiiuitg erledigt und erfolgte Schlnss der Versammlung gegen 12 Uhr. Fünfter Wahlkreis. Ten Bericht vom Parteitage erstattete Genosse Jriedländer. Mit dem Verlauf des Partei» tage»— sagte er— kann die Gesamtheit der Partei zufrieden sein. Man kann auf den Parteitag das Wort anwenden: ES gab weder Sieger noch Besiegte. Weder sind die Revisionisten durch die Radikalen, noch die Radikalen durch die Revisionisten besiegt worden. Es stand auch nicht Norddcutschland gegen Süddeutsch- land. Die Mainlinic war nicht gezogen. Das Verdienst dieses Erfolges fällt der Groß-Verlin- Brandenburger Delegation zn, die sich nicht durch das Zusammengehen de» radikalen Flügels bc- stimmen licss. die Interessen der Gcsamtpartci aus den Augen zu verlieren. Wenn wenige Genossen mit dem Parteitag unzutricdcn sind, so haben sie da» ihrem Mangel an politischem Takt und politischem Weitblick zuzuschreiben.— Ter Bericht des Partei- Vorstandes zeigt ein starkes Anwachsen der Partei. Es ist selbst- verständlich, dass in einer so grossen Partei nicht volle Uebercin- stimmung herrschen kann. Tie Kritik ist notwendig. Würden die Sandlungen der Führer nicht kritisiert, dann müsste die Partei in ihrem Fett ersticken. Aber daran müssen wir festhalten, dass die Kritik frei sein muss von jeder persönlichen Animosität. Nicht giftig und ungerecht darf die Kritik sein, sondern sie muss erfolgen unter dem Gesichtspunkt der Zusauimcngchörigk-it und des Zusammen» Kattens der gesamten Partei. Wenn sich die Kritik nicht von diesem Gesichtspunkt leiten läht, dann wirkt sie nicht aufbauend, sondern zerstörend Auf dem Parteitage setzte die Kritik ein beim Bor- standsbericht. Dem Vorstande wurde vorgeworfen, er sei in der Marokkosrage nicht tätig genug, oder wie einige Genossen sagten, untätig gewesen. Wir können ruhig zugestehen, datz der Parte,- vorstand bei manchen Angelegenheiten nicht die nötige Aktivität acbabt hat. ES ist ja möglich, dah der Vorstand einer sehr grossen Partei sich schwerer zu Aktionen entschlieht als der Vorstand der Variei die noch klein war. Aber wir müssen doch fragen, ob die Erregung eines grossen Teils der Parteigenossen berechtigt war «der nicht— Ter Redner erörtert eingehend die Entwickelung des JRarokkolonflikts. daS Verhalten deS Parteivorstandes und des Internationalen Bureaus, sowie die Kritik, lvelche mit dem Ar- 1 tikel der Genossin Rosa Luxemburg in der„Leipziger Volkszeitung" einsetzte und führt dann weiter aus: Die Diskussion über diese Angelegenheit wurde auf dem Parteitage mit ausserordentlicher Heftigkeit geführt. Der Parteivorstand nannte die Veröffent- lichung des Briefes des Genossen Molkenbuhr durch Rosa Luxem- bürg eine Indiskretion, dazu war er berechtigt. Parteigenossen, die sonst ihre Worte nie scharf genug wählen können, erhoben Kla- gen über scharfe Worte des Parteivorstandes. Ich will nicht bc- streiten, datz scharfe Worte in den Ausführungen des Parteivor- standes enthalten sind. Aber man mutz wissen, welche Dinge vor- ausgegangen sind und Veranlassung zu scharfen Worten gegeben haben. Die Berliner Genossen hatten ihre Wahlrechtsversamm- lungen am 4. Juli schon mit einer Demonstration gegen die Ma- rokkoaffäre verbunden. Später erschien der Artikel von Rosa Luxemburg, der den Parteivorstand der mangelnden Aktivität be- schuldigte, weil er nicht eingegriffen hat zu einer Zeit, wo man die Marokkoangelegenheit noch nicht für brennend halten konnte. Als die Affäre dann durch die Haltung England» zu einer Verhetzung zwischen Deutschland und England ausgenutzt wurde, was viel ge- jährlicher ist wie die ganze Marokkofrage, da wandte sich der Parteivorstand an das Internationale Bureau und erließ den Aufruf zur Demonstration. Im Interesse derselben verbreitete der Parteivorstand ein Flugblatt und Rosa Luxemburg kritisierte dasselbe in der„Leipziger Volkszeitung" als ein elendes Mach- werk. Als sich dann herausstellte, dah Kautsky der Verfasser des Flugblattes ist, sagte Rosa Luxemburg, wenn sie das gewußt hätte, würde sie das Flugblatt nicht kritisiert haben, weil sie wisse, wie leicht erregbar Kautsly sei.— Wer Rosa Luxemburg kennt, der weiss, daß sie sich nicht durch Erregung fortreißen laßt, sondern sorgsam ihre Pfeile spitzt und wohlüberlegt ihre Bosheiten— ich will nicht sagen Niederträchtigkeiten— von sich gibt. Wer das weiss, der wird annehmen, datz Rosa Luxemburg genau gewußt hat, dah Kautsky der Verfasser des Flugblattes ist und dass sie ihn hat treffen wollen. Die Kritik dieses Flugblattes im Augenblick der Aktion hat Entrüstung unter den Parteigenossen hervorgerufen. Kurz darauf brachte die„Leipziger Volkszeitung" einen wahr- scheinlich von Dr. Lentsch verfaßten Leitartikel, worin Kautsky und Mehring einfach zum alten Eisen geworfen werden. Dieser Artikel, namentlich die Art, wie der Verfasser seine Ansicht vertritt, hat Erregung unter den Genossen hervorgerufen. Auch die Frage der Reorganisation des Parteivoritandes gehört hierher. Wenn es sich um weiter nichts gehandelt hätte, als um eine Vermehrung der Vorstandsmitglieder, dann wäre kein Grund zur Erregung dagewesen. Aber es ist ganz laut und öffentlich gesagt worden, man muh die Zusammensetzung des Vorstandes ändern. Als Radikale, hieß es, seien die Vorstandsmitglieder eingesetzt worden und dann hätte» sie sich zu Revisionisten entwickelt.— Wenn man das alles weih, dann ist es verständlich, dass der Vor- stand in der Abwehr scharf zugehauen hat und das war nötig. Man sah aus der Diskussion, wie unangenehm es den Rednern der Opposition war, dass Bebel die Sache des Vorstandes führte. Tie Diskussion war sehr scharf. Am schlechtesten hat Ledebour abgeschnitten. Bebel hat ihn meiner Meinung nach zu scharf vor- genommen; aber die Schärfe hat er verdient. Ledebour hatte keine Veranlassung, dem Genossen Bebel den Vorwurf zu machen, er werde geschoben und diesen Vorwurf in einem Zwischenruf nochmals zu bekräftigen. Darauf bekam Ledebour die scharfe Abführung durch Bebel.— In der Diskussion ergab sich, dah die Berliner und Brandenburger Delegierten die Aufsaffung des Vor- standes über die Reorganisation zu der ihren machten. Daß eine Vermehrung und eine Reorganisation des Vorstandes notwendig ist, darüber war kein Streit. Wenn jetzt von der sogenannten radikalen Richtung — ma» weih ja gar nicht mehr, wen man zu den Radikalen zählen soll und wen nicht— also, wenn jetzt von dem Fähnlein der sieben Ausrechten behauptet wird, sie hätten mit der Verstärkung des Vorstandes um zwei Mit- (jlieder einen Sieg erfochten, denn der Vorstand habe ja nur einen «ekretär mehr verlangt, so irren sie sich. Schon vor dem Partei- tage war bekannt, datz der Vorstand zwei neue Sekretäre wünschte. Wenn das der ganze Zweck der Ucbung war, dann waren die De- batten am Montag und Dienstag überflüssig. In der Generalversammlung von Nicderbarnim sagte Ge- nasse B ü h l e r, viele Genossen wären der Ansicht Ledehours, sie hätten aber nicht den Mut gehabt, das zu sagen, ueber diese Acutzcrung habe ich mich gewundert. Die Berliner und Branden- burger Delegierten hielten geschlossene Sitzungen ab, an denen auch Bühler teilnahm. Nach dem Verlauf dieser Sitzungen zu ur- teilen, kann Bühler sich und die anderen Teilnehmer nicht ge- meint haben, wenn er sagte, viele stimmten mit Ledebour überein, batten aber nicht den Mut, es zu sagen. Ich kann nur annehmen, dass Bühler den Abgeordneten seines Kreises, den Genossen Artur Stadthagen, gemeint hat, denn merkwürdigerweise schwieg Stadthagcn, alS alle OppositionSredncr: Klara Zetkin, Rosa Luxemburg, Ledebour, Lentsch, den Kopf gewaschen bekamen, obwohl doch Stadthagcn, Ivie ich annehme, über den Parteivorstand dieselbe Anschau- ung hat wie Ledebour.— Als Rosa Luxemburg das Tadelsvotum gegen den Parteivorstand zurückzog, ging ein Lachen durch den Parteitag. Es war den Antragstellern klar, dass ihr Antrag ab- gelehnt werden würde. Es ist die Frage, ob diese Debatten auf dem Parteitage noch notwendig waren, nachdem wir unsere Demonstrationen gegen den Krieg bereits veranstaltet hatten. In dieser Hinsicht kann ,ch mich de» Ausführungen des Genoffen Karl Liebknecht anschließen, welcher sagte, wenn auch Fehler gemacht worden seien, so sei doch die Partei und die Gewerkschaften noch nie so einig gewesen wie gegenwärtig in der Marokkosrage. Das sollten sich unsere Gegner gesagt sein lassen. Der Redner besprach nun die Behandlung der Reichstags- wählen aus dem Parteitage. Sehr wichtig war hierbei die Frage, wie wir uuS zu internationalen Konflikten stellen. Die Gegner rechneten damit, dah wir für den Fall einer Mobilmachung den Massenstreik erklären würden. Tarauf wollten sie ihre Wahlaktiin aufbauen. Der Landesverrat der Sozialdemokratie sollte zur Wahlparole un- serer Gegner gemacht werden. Das ist ihnen durch die grosse Rede Bebels verdorben wordcn. Er stellte fest, datz die deutsche Sozial- dcmotratie nie den Gedanken gehabt hat, im Falle einer Mobil- machung und eines Krieges den Massenstreik zu proklamieren. Ten Ausbruch des Krieges wollen wir verhindern. Das kann die internationale Sozialdemokratie.— Viele Genossen werden gegen die aufgestellte Stichwahlparole sein. Aber sie haben sich dem Willen des Parteitages anzuschliessen. E» gilt, den schwarz-blaucn Block zu beseitigen.— So hat der Parteitag allen Erwartungen entsprochen. Er hat den Wahlkainpf eingeleitet. Die Partei ist nicht gespalten, sie zieht einig und geschlossen in den Wahlkainpf. Die Diskussion wird eröffnet. W e l s: Der Parteitag hat gezeigt, dass die Einheit der Partei unerschütterlich dastehen kaum Er hat aber auch Borgänge ge- zeigt, aus die das Augenmerk der Genossen gelenkt werden muss. Die Kämpfe zwischen Radikalen und Revisionisten haben Formen angenommen, die eine Verständigung zwischen beiden Richtungen ausschlicssen muss, wenn es so weiter geht. Wir können dem Ge- nossen Kautsky darin zustimmen, dass der radikale Flügel nicht mehr die Mehrheit der Partei vertritt. Ich stehe grundsätzlich aus dem Boden dcS Erfurter Programms. Tie Blätter, welche mit der„Leipziger VolkSzeitung" übereinstimmen, haben nicht das Recht, zu sagen, dass nur sie den Marxismus vertreten und des- halb alle auf den rechten Flügel werfen, die nicht in allen Punkten mit ihnen übcrcinstimmeNj DaS Auftreten dieser Blätter hat dazu geführt, dass ' die Gruppe, die den linke» Flügel der Partei bildet. * immer kleiner geworden ist. und die Masse der Parteigenossen den breiten Raum gefundcrl hat, auf dem c» möglich ist, die Interessen der Gesamtpartei zu vertreten.— Auf dem Magdeburger Parteitag führte der Gegen- ätz zwischen rechts und links dazu, dass jede der beiden Richtungen besondere Sitzungen abhielt, in denen sie Stellung nahmen zu den Fragen, die den Parteitag beschäftigten, und dann im Plenum durch die Abstimmung ihre Macht zum Ausdruck brachten. � Es tagte also die rechte Seite besonders und die linke Seite ebenfalls und im Plenum wurde dann die eine Seite durch die andere nieder- gestimmt. Ich kann mir Situationen denken, wo es notwendig ist, datz eine Gruppe besonders zusammenkommt, um Schädigungen der Gesamtpartei zu verhindern.,>- Das darf aber nur geschehen, wenn Lcbcnsinteressen der � Partei auf dem Spiele stehen. Auf dem Magdeburger Parteitage ist ein Ausschuß ber Linken—• der sogenannte Wohlfahrtsausschutz— eingesetzt worden, der die Aufgabe hat, Zusammenkünfte der Linken, wenn sie ihm nach der Sachlage notwendig erscheinen, zu veranlassen.— Am ersten Sonntag in Jena trat der in Magdeburg eingesetzte Wohlsahrts- ausschutz, der sozusagen eine Nebenregierung in der Partei bildete» l wieder zusammen; er zog uns als Vertreter Berlins hinzu und be� stimmte, datz die Linke wieder besondere Zusammenkünfte abhal- ten solle. Eine solche Zusammenkunft fand denn auch statt. Dort gab ich im Einverständnis mit den Genossen E r n st und L i e p» mann, die mit mir zusammen als Vertreter der Berliner und Brandenburger Delegierten bestimmt waren, die Erklärung ab. datz wir uns nicht an der Neubildung des„Wohlfahrtsausschusses" beteiligen könnten, ehe wir die Berlin-Brandenburger Delegation befragt hätten, oü sie besondere Zusammenkünfte der Linken noch für notwendig hält. Ledebour machte mir den Vorwurfs dah das Fernbleiben der Ber- liner von der Sitzung die Stotzkraft des linken Flügels schwacheni solle. Wir, die Vertreter der Berlin-Brandenburger Delegation, verwahrten uns dagegen und sagten, wir mühten erst die Ent- scheidung der Delegation herbeifuhren. Trotzdem wurde die Sitzung fortgesetzt. Es handelte sich aber nicht um Lebensinteressen der Partei, sondern in der Hauptsache um die Absicht, fast den ganzen Parteivorstanb zu stürzen. Für solche hinterlistige Abmurksung konnte ich mich nicht erwärmen'. Wir haben dann in der Berlin-Brandenburger Delegation dagegen Protest erhoben. Die Delegation hat den Genossen Ernst und mich als Vertreter zu den Sitzungen der Linken entsandt. Wir haben der Sitzung der Linken die Ansicht unserer Delegation unter- breitet. Sie hat sich aber an den geschlossenen Sitzungen der Linken nicht mehr beteiligt. Ohne die Berlin-Brandenburger Delo- gation hatte die Linke nicht die Mehrheit. Wir bildeten also das ausschlaggebende Zünglein der Wage. Hätten wir nicht diese Hal- tung eingenommen, dann iväre es zu ganz anderen Debatten und Beschlüssen auf dem Parteitage gekommen, als sie jetzt vorliegen.— Ich billige es nicht, datz die rechte Seite besonders zusammentritt. um die linke Seite zu überstimmen und kann es deshalb auch nicht billigen, wenn die Linke dasselbe tut. Durch das Nebeneinandcrtagen von zwei gesonderten Parlamenten mutz doch der Zivist in der Partei verstärkt werden. Dadurch wird der Konfliktstoff derart angehäuft, dass, wenn diese Taktik noch auf drei bis vier Parteitagen fortgesetzt wird, die Spaltung der Partei die notwendige Folge ist. Die Vorwürfe, die gegen uns erhoben wordcn sind, können mich nicht alterieren, weil wir uns aus die Delegierten von Berlin und der Provinz Brandenburg stützen mit Ausnahme der Vertreter von Niederbarnim. Ich mutzte auf diese Dinge eingehen, weil Stadthagcn in der Generalversamm- lung von Niederbarnim— es steht zwar nicht im Bericht deS „Vorwärts", es ijt imr aber gejagt worden— gejagt hat, die Zu« sammenkünfte der Linken seien durchaus notwendig.— Die hinten- hältige Art der Diskussion, wo jeder, der nicht mit Stadthagei#' Rosa Luxemburg und Ledebour einverstanden ist, zu den Revisia- nisten geworfen wird, muss aufs schärfste getadelt werden. Wer ist denn heut nach Ansicht dieser Genossen noch radikal? Nicht einmal das Zentralorgan, der„Vorwärts", das Organ der Ber« liner Genossen, zu dessen Redakteuren Düwcll und Stadthagen gd» hören. Wäre es nicht so, dann brauchte ja Rosa Luxemburg ihre Artikel nicht in der„Leipziger VolkSzeitung" ablagern und Lede- bour, der Abgeordnete des sechsten Berliner Kreise» und parla« mentarischcr Mitarbeiter des„Vorwärts" hätte nicht nötig gehabt, unmittelbar vor dem Parteitage seine gehässigen, giftigen Angriffe auf den Parteivorstand im„Volksblatt für Halle" zu veröffenti» liehen. Man hat mir vorgeworfen, dass ich den Brief des Genossen Ledebour in der Debatte benutzt habe. Würde ich den Brief ganz verlesen haben, dann lsiitte sich gezeigt, dass nach Ledebour» Ansicht selbst ein auf dem linken Flügel stehender Redakteur des„Vor- ivärts" nicht mehr zu den stubenreinen Radikalen zählt. Das allcS mutz doch vergiftend und sür die Partei schädigend wirken.— DelN Fähnlein der sieben Aufrechten fehlt der Mut der Konsequenz, sonst müßten sie den Parlamentarismus verurteilen und zu anderen Mitteln greifen.— Wenn Genosse Laufenberg sagte, er wundere sich, mich Arm in Arm mit Robert Schmidt und Legten zu sehen, so betoiw ich, die Einigkeit von Partei und Ge» wcrtschaft ist für unseren Kampf gegen den Kapitalismus so not» wendig, datz wir sie nicht von einzelnen Personen aufs Spiel setzen lassen dürfen. Der Parteitag soll der Ausdruck des Willens des gesamten Proletariats sein, aber nicht der Ausdruck einer Meinung, die von einzelnen Cliquen und Personen in demagogischer Weije gemacht wird. Dr. We inberg verteidigt Rosa Luxemburg, die, wie er sagt. von Friedländer abgeschlachtet worden sei. Als Rosa Luxemburg die Marokkofrage anschnitt, war die Frage aktuell. Man dürfe die Frage nicht von ihrem jetzigen Standpunkt au? beurteilen.� Die in dem Briefe Molkenbuhrs vertretene Meinung hat nicht die Mehr- hcit der Partei hinter sich Rosa Luxemburg hatte das Recht, diese Ansicht zu kritisieren. Wenn ihr Indiskretion vorgeworfen wird, so erinnert das an die Sprache der Diplomaten. Hier sind keine Geheimnisse veröffentlicht wordcn. Der Artikel von Rosa Luxem- bürg hatte den gewünschten Erfolg, der Partcivorstand trat in die Aktion ein. Wen» einer in der Partei rücksichtslose Wahrheitsliebe nnd Bckcnnermut hat, so ist es Rosa Luxemburg. Es ist deshalb ungerecht, ihr vorzuwerfen, sie habe sich nur so gestellt, als wisse sie nickst, datz Kautsky das Flugblatt verfaßt hatte.— Ucbcr den Ton der Debatte hat sich keiner der Radikalen beklagt. Keiner von ihnen hat die Kritik unterbinden wollen. Den von Fried- länder erwähnten Artikel der„Leipziger Volkszcitung" gegen Kautsky und Mehring billige ich nicht; aber als Beispiel des schlcch. ten Tones kann er nickst gelten. EZ ist im Gegenteil ein Muster- beispicl sachlicher Auseinandersetzung. Man darf dem Genossen Ledebour nickst zum Vorwurf machen, datz er sagte, Bebel sei ge- sckwbcn wordcn. Das war doch nicht anders gemeint als wie die bekannte Redensart: Du glaubst zu schiebe» und du wirst ge» schoben. Wels sagte, der Partcworstand sollte abgemurkst wer- dem Ich habe mich auf dem Parteitage mit vielen Personen über diese Angelegenheiten unterhalten, aber nichts gehört, was die An- sickst von Wels begründen könnte. Wenn die Absicht, den Partei- vorstand abzumurkscii, bestanden hat. dann mutz Wels sagen, wer diese Absicht gehabt hat.— Wenn die einzelnen Gruppen beson- ders tagen, so macht das einen deprimierenden Eindr,»f. Gcnoss» Wels hat hier nur gegen die Tagung des linken Flügels gesprochen. Auf dem Parteitage hat man sehen können, wie gut organisiert der linke Flügel für sich war. Mein persönlicher Eindruck vom Partei- tage ist der: Er stand nickst aus der Höhe des ersten Jenaer Partei- tagcs. Tort wurden Fragen von weltgcschichtlickjer Bedeutung bc, handelt, lvährend hier nur Wahlen vorbereitet wurden. Volm erHaus meint, der Parteitag habe jede prinzipielle Frage zurückgestellt und nur für den Wahlschacher gewirkt. Noch nie sei ein Parteitag so flau gewesen wie dieser, Alles sei auf die' Bekämpfung beS s«Wa?z-KkauK CcflotS genchfek gÄvefÄk. WaS würde es denn helfen, wenn der schwarK-blaue Block zertrümmert wird. Die Regierung werde schon Maßnahmen treffen, um einer Mehrheit der Linken das Genick zu brechen. Wir müssen das Prin zip hochhalten. H u n s ch e d e wendet sich gegen die Ansicht, als ob durch den Artikel von Rosa Luxemburg der Parteivorftand erst zur Aktion veranlaßt worden sei." Schon vor dem Erscheinen des Artikels habe ja die große Demonstration in der Neuen Welt stattgesunden, an der auch der Parteivorstand beteiligt war. Die Beurteilung der Marokkoaffäre durch Molkenbuhr sei zur Zeit seines Briefes durch- aus begründet gewesen.— Zur Maifeier meint der Redner, der Nürnberger Beschlutz sei unhaltbar und es wäre besser, wenn er auf- gehoben würde. G u r l a n d ist der Meinung, es könne nicht bestritten werden, daß der Parteivorstand in der Marokkofrage versagt habe. Der Vorstand habe sich zu sehr von Rücksichten aus die Wahlen, vielleicht auch von Rücksicht aus die Gewerkschaften leiten lassen, die für große politische Aktionen nicht leicht zu haben seien. Der früher so radikale Genosse Wels habe sich gemausert. Auch er stehe unter dem Einfluß der Wahlrücksichten. Ob Ledebour Entgleisungen und Fehler begangen habe, möge dahingestellt bleiben. Sein Vorgehen sei an sich berechtigt gewesen. Das Recht der Kritik habe er auch gegenüber dem Genossen Bebel.— Der Parteitag habe es leider unterlassen, ausdrücklich zu betonen, daß wir grundsätzliche Gegner der Kolonialpolitik sind. Auch das sei auf Rücksichten auf die heutige Situation zurückzuführen. Man dürfe nicht zu große Hoffnungen auf den Parlamentarismus setzen. Wir wollen die alte revolutio- näre Sozialdemokratie bleiben. Dieser Parteitag aber hat uns einem Abwege von diesem Ziel genähert. Rober t Schmidt: Ich bin von dem Parteitage auch nicht sehr begeistert, weil dort ähnliche Debatten wie hier gepflogen worden sind. Daß verlangt wurde, man solle keine Kritik üben, habe ich nicht gehört. Aber das muß ich sagen: Zuviel Kritik schadet nach beiden Seiten. Wenn gesagt wird, die Kritik ist das Leben der Partei, so sage ich, die Kritik kann auch der Partei das Genick brechen. Wenn solche Debatten auf jedem Parteitag wiederkehren, so trägt das nicht zur Stärkung der Partei bei. Es ist auch hier wieder gesagt worden, es kommt uns nicht auf die Mandate, son- dorn nur auf die Vermehrung der Stimmen an. Erinnern Sie sich doch der Wahl von 1907. War denn einer von uns begeistert über die große Stimmenzahl, während wir gleichzeitig die Hälfte unserer Mandate verloren hatten? Keiner wird das sagen. Wir wollen doch auch einen Erfolg unserer Arbeit sehen.— Eine kleine Gruppe auf dem Parteitage wollte weiter gehen als die Partei bis- her gegangen ist. Diese Gruppe drängt fortgesetzt weiter nach links auf einen Weg, der ein Stück Antiparlamentarismus und ein Stück Syndikalis muS zeigt. Von einer solchen Taktik kann die Partei keinen Vorteil haben.— Seinerzeit hat sich Rosa Luxemburg für den Generalstreik zur Er ringung des freien Landtagswahlrcchts ausgesprochen. Das war ein Symptoui. Dann kam die Marokkoaffäre. Da tauchte die Frage aus, ob wir durch aktive Handlungen oder durch passive Resistenz den Krieg verhindern sollten. Man weiß doch, was im Ernstfalle einer kriegerischen Aktion den trifft, der zu solchen Maß- nahmen auffordert. Die Genossen, die an der Spitze der Partei stehen, haben die Verantwortung für das, was die Massen tun. Sie haben deshalb die Pflicht, die Massen von Unbesonnenheiten zurückzuhalten. Die Regierung war sich doch von vornherein klar darüber, welche Auffassung die Sozialdemokratie über den Krieg hat. Sagte doch der Reichskanzler, ein Krieg kann heut nicht mehr von den Kabinetten gemacht werden. Das heißt also, ein Krieg ist nicht mehr möglich, wenn nicht die Volksmassen dafür begeistert werden können. Das ist es, woraus es ankommt: Eine gefestigte Auffassung, die nicht tönend nach außen auftritt und doch nicht die Macht hat, etwas zu tun, sondern die sich auf das beschränkt, was auszuführen möglich ist. Wir dürfen nicht mit unserer Macht Raub- bau treiben, sondern müssen überlegen, was wir zu tun haben.— Das Lamento darüber, daß der Parteivorstand nicht schon früher "Eingegriffen hat, ist recht überflüssig. Alle die, welche jetzt ver- langen, der Parteivorstand hätte früher eingreifen sollen, hatten doch schon vordem das Recht, zu verlangen, daß das gemacht werde, was sie für notwendig hielten. Warum hat sich denn Genosse Wein- bcrg nicht an den Vorstand des Wahlvereins gewandt? Niemand hätte uns doch hindern können, im fünften Wahlkreise eine Marokko- demonstration zu machen, wenn uns jemand von der Notwendigkeit derselben überzeugt hätte. Wer jetzt erst mit seiner Kritik kommt, der plappert nur nach, was andere schon gesagt haben. Jetzt, wo der Parteivorftand etwas tut. da kommt Rosa Luxemburg und sagt, das Flugblatt ist ja scheußlich. Ich glaube, sie hat den Verfasser des Flugblattes nicht gekannt, sondern angenommen, der Partei- vorstand sei schon so weit gesunken, daß er es von einem Revisio- nisten schreiben ließ. Es gelingt ja nicht jede literarische Arbeit. Muß man aber deshalb in der Parteipresse über das Flugblatt herfallen und dadurch die Aktion lähmen? Die Kritik am Partei- Vorstande ist doch recht planlos. Diese Dinge hätten auf dem Parteitage nicht die Rolle spielen dürfen, die sie gespielt haben. Die Veröffentlichung des Brieses Molkenbuhrs ist eine Indiskretion. Es gab doch noch einen anderen Weg, um den Vorstand zum Ein- greifen zu veranlassen. Man konnte ihn fragen, warum er nichts tue, um der Kriegsgefahr vorzubeugen. Das wäre ein loyales Mittel gewesen. So weit sind wir noch nicht, daß jeder das Recht hat, Briefe, die nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt sind, zu ver- öffentlichen aus rein persönlichem Interesse und nicht im Interesse der Partei. Sind wir denn so weit gekommen, daß Genossen, die nicht auf dem radikalen Flügel stehen, aber doch das Beste der Partei wollen, als minderwertig angesehen werden? In einer so großen Partei werden immer verschiedene Strömungen vorhanden sein. Muß denn jede Meinungsverschiedenheit immer auf die beiden Richtungen zugespitzt werden? Ich gehe nicht so weit, zu sagen, daß die besonderen Zusammenkünfte der Linken zum Auseinandertreiben der Partei führen. Aber ich sage, diese Konventikel sind eine Gefahr für die Demokratie in der Partei. Es gehört doch zur Demokratie, daß niemand im voraus auf einen Beschluß gebunden wird, sondern sich durch die Verhandlung sein eigenes Urteil bilden kann. Den Berliner und Brandenburger Delegierten bin ich sehr dankbar, daß sie zu einer demokratischen Auffassung zurückgekehrt sind.— Wir lassen uns durch alle die kleinlichen Dinge, die vorgekommen sind, nicht die Liebe und den Eifer sür die Partei verderben. Es ist doch eigentümlich, daß einige Redner unzufrieden darüber sind, daß der Parteitag ganz unter dem Eindruck der Wahlen gestanden hat. Ich sage, das ist doch sehr wichtig: denn uns drohen schwere Gefahren auf politischem Gebiet. Eine Erstarkung der Linken im Reichstage ist für uns immer günstiger wie eine Erstarkung der Rechten. Wenn ein so alter Parlamentarier und erfahrener Taktiker wie Genosse Bebel für unsere Stichwahlunterstützung der Linken eintritt, dann können wir wohl annehmen, daß das die richtige Taktik ist. Das ist ja auch die Ansicht des Parteitages. Daß diese Taktik für alle Zeit gelten soll, glaube ich nicht. Was der Parteitag beschlossen hat, wird zum Nutzen der Arbeiterbewegung sein. Friedländer sagte in seinem Schlußwort unter anderem: Ich habe nicht vom Genossen Weinberg erwartet, daß er beim Vorstande des Wahlvereins oder beim Aktionsausschuß die Veranstaltung einer Marokkodemonstration beantragen würde. Aber vom Genossen Ledebour hätte ich verlangt, daß, wenn er eine Aktion für so notwendig hielt, er sich an den Vorstand des ö. Wahlkreises geivandt hätte, was er dock? sonst immer tut, wenn er den Drang fühlt, etwas zu veranlassen. Weinberg sagte hierauf in einer persönlichen Bemerkung: Genosse Wels hat mir mitgeteilt, woraus er seine Ansicht, daß ein Abmurksen des Parkeiborstanbes beabsichtigt kvar, sserleikek. Ich gebe zu, daß Wels glauben konnte, es seien gewisse Anhaltspunkte für seine Ansicht vorhanden. Ich selbst halte diese Anhaltspunkte aber nicht für ausreichend, um von einer beabsichtigten Abmurksuwg zu reden. Wels(persönlich): Die Ausführungen, auf die sich meine Ansicht stützt, sind gemacht worden in einer Sitzung von 129 An- gehörigen des linken Flügels, als es sich um Stellungnahme zu der Besetzung des Vorstandes handelte. Auf einen Zwischenruf aus der Versammlung: Wer hat solche Ausführungen gemacht? antwortete Wels: Ledebour. Sechster Wahlkreis. Die Generalversammlung tagte in den Germania-Festsälen in der Chausseestraße. Wie alljährlich, so brachten auch diesmal die Genossen den Verhandlungen und Beschlüssen des Parteitages großes Interesse entgegen. Das zeigte insbesondere der Besuch der Versammlung. War doch der geräumige Saal mit seiner Ga- lerie dicht besetzt. Selbst die Bühne mußte einen Teil der Ver- sammlungsbesucher aufnehmen. In die Berichterstattung vom Parteitage teilten sich die Genossen H i n tz e und Müller. Wie H i n tz e berichtete, zeigte sich der Aufschwung, den die Partei im Laufe des letzten Jahres genommen hat, schon in dem Besuch des Parteitages. Waren doch außer dem Parteivorstand, der Reichstagsfraktion und den zahlreichen Gästen 495 Delegierte erschienen. Es ist das die höchste Zahl, die bisher ein Parteitag aufzuweisen hatte. Erst habe man geglaubt, daß der bisherige Par- teitag ein solcher zur Vorbereitung der Reichstagswahlen sein werde, aber durch seine Stellungnahme zum Imperialismus sei er zu einem der bedeutendsten Parteitage geworden. Die Einmütig- keit bei den Entscheidungen in der Marokkofrage, der herrschenden Lebensmittelteuerung und der Stellungnahme zu den bevorstehen- den Reichstagswahlen lasse die Meinungsverschiedenheiten, wie sie in der Debatte zum Vorstandsbericht zutage traten, verschwinden. Daß die Berliner Delegation nicht mit der Tätigkeit des Parteivorstandes zufrieden war, habe sie dadurch zu erkennen gegeben, daß sie gemeinsam mit Q u a r ck und Auer einen Antrag auf Anstellung zweier weiterer Sekretäre einbrachte und für eine Reorgamsation der Partei- leitung eingetreten ist. Es sei nur erfreulich, daß sämtliche gegen den Parteivorstand gerichteten Anträge zurückgezogen wurden Auch sonst war man in der Verurteilung des Parteivorstandes nicht allzu hart; das zeigte insbesondere das Stimmenverhältnis bei der Neuwahl des Parteivorstandes; sind doch die alten Vorstandsmib glieder mit erheblichen Stimmenmehrheiten wiedergewählt worden Mit der in der Resolution festgelegten Stichwahlparole(Zuruf: Sehr bescheiden!) sei die Berliner Delegation, insbesondere die vom 6. Kreis, eigentlich nicht so recht zufrieden gewesen, weil gerade die Berliner Genossen mit den Liberalen zu schlechte Erfahrungen gemacht haben, so daß es ihnen schwer fällt, dafür einzutreten, in der Stichwahl einen Liberalen noch herauszuhauen. Strikte Stimmenenthaltung bei Stichwahlen zwischen den Kandidaten bür- gerlicher Parteien wäre ihnen lieber gewesen Müller geht zunächst auf die Verhandlungen über den Be- richt der Reichstagsfraktion des näheren ein, bei denen auch der von einigen Genossen aus dem 6. Kreise gestellte Antrag betreffend die Jmpffrage, der nicht die nötige Unterstützung auf dem Partei- tage fand, doch mit berührt wurde. Eigentlich sei die Jmpffrage keine Parteisachc. Streiten sich doch noch die Gelehrten über die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit des Jmpfens. Nur gegen den Impfzwang, nicht aber gegen das Impfen an sich würde der Partei- tag Stellung nehmen können. Dies sei aber auch schon durch unsre Reichstagssraktion geschehen. Mit dem Mandatsstreit in Stutt- gart hatte sich der Parteitag ebenfalls zu beschäftigen. Die vom Kreisvorstande angeordnete Wahl mußte sür ungültig erklärt und am Ergebnis der ersten Wahl festgehalten werden, weil auch in diesem Falle ein alter grundsätzlicher Standpunkt nicht verlassen werden konnte. Der Parteitag beauftragte dann noch den Partei vorstand, schlichtend in dem Stuttgarter Streit zu wirken. In dessen dürfte die Hoffnung auf Beilegung des Konflikts durch die neuerlichen Maßnahmen des württembergischen Landesvorstandes, der damit störend in die Verhandlungen eingriff, in absehbarer Zeit wohl schwerlich erfüllt werden.' Bei der Maiseierfrage ist ins- besondere der durch einen Beschluß bekundete Willensausdruck des Parteitags gegenüber den Genossen zu begrüßen, die sich weigern, den entsprechenden Tagesverdienst an den MaisondS abzuführen. Wenn Genossen sich nicht trauen, auf den Verdienst für einen Tag nur zu verzichten, dann können wir auch auf solche Mitglieder verzichten.(Beifallsrufe: Sehr richtig!) Zu erwähnen sei dann noch der Berliner Antrag betreffend die Ueberneotralität der Genossenschaften, der vom Genossen Göhre sehr gut begründet, dann aber zurück ezogen wurde, weil ein Teil der Berliner Delegierten mit der jiovm des Antrages nicht einverstanden gewesen sein soll.— Die Berufung gegen die Entscheidungen der Organisationsinstanzen in dem vom 6. Kreise betriebenen Ausschlnßverfahren gegen den Ge nossen Hoppe hatte insofern nicht den gewünschten Erfolg, als der Parteitag den Vorinstanzen beitrat und dem Genossen Hoppe eine allerschärfste Rüge erteilte, anstatt ihn auszuschließen.. Die Ab- 'tandnahme vom Ausschluß wurde mit dem hohen Alter Hoppes gerechtfertigt. Im ganzen genommen habe der Parteitag aber ein wertvolles Stück Arbeit geleistet und die Hoffnungen, die die Ge- samtpartei auf ihn gesetzt hat, auch erfüllt. Im Anschluß hieran erstattet den Bericht von der Frauenkonferenz die Genossin M a t s ch k e. Es sei die erste Frauenkonferenz nach dem Anschluß an die Gesamtpartei gewesen. Wenn auch die Ge- nossinnen ein Stück Bewegungsfreiheit aufgegeben haben, so haben-' ie doch andrerseits wieder viel gewonnen, denn ihre Beschlüsse und ihre Anregungen werden nunmehr von dem Willen der Gesamt- Partei getragen und gewännen somit an Bedeutung und Wirkung. Auch die Werbekraft habe sich gesteigert. Mit 29 999 Mitgliedern ei die Frauenorganisation zur Gesamtpartei gekommen, und jetzt nach einem Jahre haben wir 198 999 weibliche Mitglieder mustern können. Wäre der Nürnberger Beschluß, wonach die Genossen ver- pflichtet seien, ihre Frauen und Töchter für die Partei zu ge- Winnen, besser beachtet worden, so würde ein noch größerer Zu- wachs zu verzeichnen gewesen sein. Die guten Erfolge, die mit dem ersten Frauentage gemacht worden sind, zeitigten den Eni- schluß, im nächsten Jahre einen zweiten Frauentag zu veranstalten. Beachtenswerte Anregungen haben die Genossinnen bekonunen durch den Austausch der Meinungen und Erfahrungen über die Tätigkeit der Kinderschutzkommissionen und das erfolgreiche Wirken der Leseabende. Ein Zlntrag der Frauenkonferenz, bei dem Wieder- zusammentritt des Reichstages Protestversammlungen gegen die herrschende Lebensmittelteuerung zu veranstalten, wurde vom Par- teitag angenommen, und, wie der»Vorwärts" bereits mitteilte, werden dieselben am 17. Oktober stattfinden. So habe die Frauen- konferenz vorzügliches geleistet. Sie habe nicht nur neue An- regungen gegeben, sondern den Frauen auch gezeigt, daß sie zu uns kommen müssen, wenn sie das volle Bürgerrecht in Staat und Gemeinde erringen wollen. Die Frau muß sich den Platz erobern, der ihr gebührt! In der Diskussion über die Berichte nahm zunächst das Wort der Genosse Leid. Sein Eindruck, den er von der Jenaer Tagung erhalten hat, ist. daß sie erfreuliche und leider auch unerfreuliche Momente gezeitigt hat. Erfreulich ist vor allem, daß es unferm August Bebel ver- gönnt war, zwei so große und eindrucksvolle Referate zu halten, in denen so recht zum Ausdruck kam, was die große Masse der Bevölkerung denkt. Bei der Stellungnahme zu den Reichstags- svahken fväre eine äusführlichere BehanMung dieser öFer senet Frage wünschenswert gewesen, und manches Wort hatte schärfer ausgesprochen werden können, als es der Fall war. Auch über die Mittel, die unsrerseits zur Anwendung kommen sollen, wenn es gilt, den Frieden zu erhalten, hätte sich Bebel etwas anders ausdrücken können. Er verstehe es wohl, wenn des gewaltigen Eindrucks wegen, der erzielt werden sollte, von einer Diskussion und Aendcrung der Resolution zur Marokkofrage Abstand ge- nommen worden ist, doch hätte er gewünscht, daß das Amendement Luxemburg, welches sich gegen die Kolonialpolitik richtete, an- genommen worden wäre. Auch habe er nicht recht verstanden, wie es zugegangen ist, daß Genosse Göhre die Resolution gegen die sozialistenfrefferische Tendenz der Hamburger Leitung der Ge- nossenschaftsbewegung zurückziehen konnte. Man werde später solche Resolutionen vom Kreise selbst stellen und den Delegierten des Kreises die Entscheidung darüber über« tragen müssen, wann und ob solche Resolution zurückzuziehen ist. Von der Debatte über den Geschäftsbericht habe er die Empfin- dung, daß dieselbe in einer Art und Form geführt wurde, wie sie unter Parteigenossen nicht als wünschenswert zu bezeichnen ist. Man kann verschiedener Meinung sein, ob der Vorstand seine Schuldigkeit getan hat. Aber man kann verlangen, daß nicht Parteigenossen in der unerhörtesten Weise beleidigt und herab- gesetzt werden. Sehr verschiedener Meinung kann man auch sein. ob die Veröffentlichung des Briefes des Genossen Molkenbuhr geboten war. Er ist der Ansicht, daß selbst, wenn man der Mei- nung ist, daß der Parteivorstand etwas nachlässig gewesen ist, man nicht immer und zu jeder Zeit solche Sachen an die große Glocke hängen und damit den Gegnern unsere Schwächen zeigen soll. Andrerseits ist auch er der Meinung, daß die Kritik nicht unterbunden werden dürfe. Die Debatte auf dem Parteitag habe ihm aber die Meinung aufgedrängt, daß der Parteivorstand in geradezu unglaublicher Weise auf die Kritiker eingehauen hat. Man müsse aber verlangen, daß das in einer Form geschieht. die wirklich der Sache dient. Darüber werde die Versammlung reden müssen. Es handelt sich um unfern Genossen Ledebour, der auf dem Parteitag heftig angegriffen worden ist. Vorwürfe wie „Unverschämtheit" und er, L» übertrifft an»Taktlosigkeit alle Parteigenossen" sind doch keine sachlichen Argumente mehr. Auch Genosse Bebel hätte solche beleidigenden Aeußerungen nicht aus- sprechen sollen.(Zurufe: Bebel ist auch beleidigt worden! Ist denn„Geschoben werden" keine Beleidigung?!) Es handelt sich nicht nur um den Genoffen Ledebour, es handelt sich auch um den Abgeordneten unseres Kreises. Die gegen ihn gerichteten Angriffe waren persönlich gehässig. Und das Sonderbare? Solche Aeußerungen sind nur gefallen gegen die Genossen auf der Linken in der Partei, während wir vergebens danach suchen können, daß scharfe Worte nach der rechten Seite hin gefallen wären. Man mutz schon Revisionist sein, um sich in der Partei alle? erlauben zu können. Auch die Art und Weise, wie Wels auf dem Parteitag mit Ledebour verfahren ist, ist nicht richtig. Er nehme es Wels nicht übel, wenn er seine Ansicht ausspricht. Aber aus seinen Worten spricht eine maßlose Ueberhebung. Loyaler als Ledebour anläßlich des ihm angetragenen Referats über die Marokkofrage in der Verbandsgeneralvcrsammlung verfahren ist, könne gar nicht ver- fahren werden. Er glaubt, daß der Wahlkreis die dringende Pflicht hat, gegen diese Art der Kritik entschieden Einspruch einzu- legen und öffentlich auszusprechen, daß dies, was vorgekommen. nicht zu billigen ist. Redner empfiehlt die Annahme folgender Resolution: „Die Generalversammlung des Wahlvereins für den 6. Ber- liner Reichstagswahlkreis hat von den Verhandlungen dcS Parteitages in Jena Kenntnis genommen. Die Versammlung bedauert die auf dem Parteitage gegen den Genossen Ledebour, ihren Abgeordneten, gerichteten per- sönlich-gehässigen Angriffe, weil unsachgemäß und die Agitation erschwerend; insbesondere weist sie die von maßloser Ueber- Hebung zeugenden Angriffe des Genossen Wels gegen Ledebour auf das entschiedenste zurück." Genosse Mahler hat in den Berichten ein Stimmungsbild vermißt. Nach seiner Meinung gibt die jüngste Tagung der Partei zu denken Anlaß. Der Kernpunkt der Verhandlungen waren nicht mehr die kommenden Reichstagswahlen, sondern die Stellung zum Imperialismus. Die Debatten erreichten ihre Höhe beim Vor- standsbericht. Die Stimmung der Delegierten ist durch die Recht- fertigungsschrist des Parteivorstandes beeinflußt worden, und die revisionistische Minderheit habe die Situation geschickt auszunutzen verstanden. Ledebour sei von Bebel am allerheftigstcn angegriffen worden. Bebel hätte sich sagen sollen, daß er durch seine Bc- merkungen die Genossen und die Partei diskreditiert. Redner be- grüßt den Antrag in der Maifeierfrage und hofft, daß die An- stellung der Jugendsekretäre recht bald geschieht. Der Antrag zur Genossenschaftsfrage hätte nur mit Einwilligung der Berliner De- legierten zurückgezogen werden dürfen. Im Gegensatz zur Ge- nosfin Matschke ist er der Meinung, daß die Leseabende so stark wie möglich besucht werden müssen. Genosse Obst findet es erfreulich, daß der Parteitag in den grundlegenden Fragen Einigkeit geschaffen habe. Es sei dies ein gutes Omen sür die Rcichstagswahl. Es war vorauszusehen, daß beim Vorstandsbcricht eiklige Genossen wieder eine Prinzipien- debatte zu entfesseln suchen würden. Die Süddeutschen waren aber nicht dumm genug, darauf hineinzufallen. Die Genossin Luxemburg hatte keine Beranlassung, da« Marokko- flugblatt in der Weise zu kritisieren, wie sie es gemacht hat. Ihre Erklärung im»Vorwärts" war eine, wie er sie hilfloser noch nicht gesehen hat. Redner ist nicht der Meinung, daß hier Ledebour herausgerissen werden müsse. Es war eine Taktlosigkeit von ihm. Bebel vorzuwerfen, er habe sich schieben lassen. Die Eni- schcidung des Parteitages in der Angelegenheit Hoppe gefällt Redner nicht; er kann nicht verstehen, daß der Genosse noch in der Orga- nisation geduldet wird. (Schluß in der 2. Beilage.). SericKts- Reitling. GcfängniS-Psychose. Von der sogenannten Gefängnis-Psychosc ist der Kaufmann Friedrich Wrgener befallen worden, der gestern unter der Anklage des fortgesetzten Betruges sich vor der 11. Strafkammer des Landgerichts I verantworten sollte. Wegener soll als Tarlehns- vermittler zahlreiche Personen in der sattsam bekannten Weise geschädigt haben. Er bot sich seit mehreren Jahren in den ver- schiedcnsten Zeitungen als Torlehnsvermittler an und hat zahl» reiche Kunden aus den ärmeren Bevölkerungsklassen gefunden. Das Gcschäftsprinzip des Angeklagten bestand im wesentlichen darin, daß er den Tarlehnssuchcrn Geld für angebliche Auskünfte abnahm und ihnen dann Geld nicht verschaffte. Er wurde am 17. Dezember v. I. in Untersuchungshaft genommen und sitzt mit- hin über neun Monate in Haft. Diese lange Dauer erklärt sich dadurch, daß umfangreiche Vernehmungen der geschädigten Per- onen stattfinden mutzten. Vorübergehend hat der Angeklagte auch Zlufenthalt in der Charitc nehmen müssen, wo er auf die Dauer von sechs Wochen auf seinen Geisteszustand untersucht wurde. Zum gestrigen Termin waren zirka 99 Zeugen geladen worden. zu deren Vernehmung es jedoch nicht kam. Der als Gutachter vor» geladene Professor Dr. Koeppcn bekundete, daß der Angeklagte zur- zeit verhandlungsunfähig sei und an der Gefängnis-Psychose leide, die bei längerer Haftdauer die Gefahr in'sich berge, daß sich daraus eine schwere Geisteskrankheit cntivickeln könne. Unter diesen Um- tändcn sei der Aufenthalt im Gefängnis mit Lebensgefahr für den Angeklagten verbunden. Das Gericht beschloß auf Antrag der Verteidigung, die Sache auf unbestimmte Zeit zu vertagen und den Angeklagten ohne Kaution aus der Haft zu entlassen. verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für des Inseratenteil verantw.:Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag-Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagSanstglt Paul Singer».Co.. Berlins�. Hr. 227. 28. Iahrgasg. 2. Itildjf Ks Jimöiitls" Sttlinct pllisliliitt. Donnerstag. 28. September lStl. Sie kerlinei' Genoiien und der Parteitag. Sechster Wahlkreis.(Schlug aus der 1. Beilage.) Genosse John findet im Gegensatz zu Obst in der Erklärung der Genossin Luxemburg im„Vorwärts" keine Blamage für sie. Man kann sehr wohl persönliche Gründe haben, zu schweigen in einer Sache, in der man sonst sprechen würde. Auch er hätte ge- wünscht, daß die Genossen, die unsre Meinung zu vertreten haben, sich nicht so gegenseitig herunterreißen. Man hätte gut getan, die Kampfhähne vorher in vertraulicher Aussprache gegcnüberzu- stellen, damit sich die Meinungen klären und sie sich auf dem Partei- tage auf die Abgabe kurzer Erklärungen beschränken konnten. Da- mit wäre der Richtung in der Partei, die wir hier in Berlin ver» treten, viel mehr gedient worden. Zu dem Beschluß über den Mai- cheitrag bemerkt er, daß auf die Genossen, die es nicht mal über sich bringen, einen Tagesverdienst zu opfern, keine Rücksicht ge- nommen werden dürfte, denn was können wir mit denen im Kampfe anfangen, wo es weit bedeutendere Opfer zu bringen gilt. Solche unsicheren Kantonisten entfernt man lieber aus der Partei. Zu dem Referat Bebels über die Marokkofrage hätte er nur den einen Wunsch, daß Bebel die Frage des Massenstreiks nicht so er- bärmlich totgeschlagen hätte. Es habe keine äußere Veranlassung dazu vorgelegen, unseren Gegnern zu sagen, an den Massenstreik denken wir nicht. Vom gegenwärtigen Delcgiertensystcm müssen wir abgehen, damit solche Wirrnisse, wie sie diesmal unter den linksstehenden Genossen auf dem Parteitag zutage traten, in Zu- kunst vermieden werden. Unter den Berliner Delegierten befand sich nur ein einziger, der auch auf dem vorigen Parteitag war. Es war bisher üblich, daß Genossen, die sich im Dienste der Partei außerordentlich bewährt haben, zum Dank, zur Belohnung für ihre Dienste nach dem Parteitag entsandt wurden. Infolge der großen Zahl der verdienten Genossen wechseln alljährlich die Dele- gierten. Dadurch kommt es, daß immer neue Genossen nach dem Parteitag gehen, die mit den Dingen weniger vertraut sind und nicht hinter die Kulissen sehen können. Es sollte aber nicht die Parteitagsdelegation als eine Art Belohnung gebraucht, sondern zur Vertretung unserer Interessen benutzt werden. Deshalb sollte man alte, bewährte, mit den Dingen vertraute Genossen, die alle Finessen der Geschäftsordnung zu handhaben wissen, nicht immer absägen, sondern sie immer wiederwählen, wie es in Süddeutsch- land geschieht. Es ist deshalb auch kein Wunder, wenn unsere Delegierten uns sagen müssen, sie wissen nicht, wie es gekommen ist, daß Göhre den Berliner Antrag zurückgezogen hat. Das zeugt von einer mangelhaften Organisation und dem fehlenden Zusammenhang in der Berliner Delegation. Das hat auch dazu geführt, daß Konflikte ausgetragen wurden von der Linken zum Gaudium der Rechten. Betrachten wir in Zukunft die Delegation nicht als eine Art Belohnung für Parteitätigkeit, sondern als Interessenvertretung, dann wird die Linke der Partei besser fahren als es diesmal der Fall war. Genosse Schulze ist erfreut über die Haltung Bebels. Er habe Gegensätze beseitigt. Redner wendet sich gegen die Resolution Leid, die nach scinor Ansicht nur unnütze Schärfen, die wir ver- meiden müßten, schaffe. Ledcbour habe unnötige Schärfen in die Debatte hineingetragen. Bebel habe er den ärgsten Vorwurf ge- macht, und er, Redner, freue sich, daß ihn Bebel so scharf zurück- gewiesen hat. Hinsichtlich der Maifeier sei er der entgegengesetzten Ansicht als die große Mehrheit der Parteigenossen. Ter Parteitag hätte mit der Maifeier aufräumen sollen. Genosse Krause hat gefunden, daß in der Partei ein Personenkultus getrieben wird. Der Respekt vor Bebels Alter habe zur Slblehnung aller Amendements der Marokkoresolution geführt. Es wäre aber an der Zeit, daß wir nun nicht mehr die herrschenden Klassen mit Papicrrcsolutionen bekämpften. Die Parteileitung müsse bestimmte Direktiven geben, was wir im Falle einer Mobilmachung zu tun haben. Genosse Chalinski billigt nicht die abfällige Kritik Hintzes über die Stichwahltaktik. Tic Resolution Leid sei untaktisch. Mit ihrer Annahme wird nach seiner Meinung unnötigerweise gegen den Parteivorstand protestiert. Genosse Roseufeld weist die Vorwürfe, daß auf eine Prinzip, enfrage hingearbeitet worden sei, zurück. Der Vorstand habe sich eines Unterlassungsdelikts schuldig gemacht. Die Bekanntgabe des Briefes Molkcnbuhrs war durchaus notwendig. Wahrscheinlich würden wir die große Protestaktion überhaupt nicht bekommen haben, wenn nicht die Genossin Luxemburg den Oer MUnfckelruten-(lnfug in preuken scheint immer noch nicht nachzulassen, eher sogar zuzunehmen, so daß die Direktoren der deutschen Geologischen Landesanstalten er- neut genötigt waren, offiziell dagegen Front zu machen—. zumal. dem Beispiel sehr hoher Herrschaften folgend, die preußischen Be- Hörden ganz offen diese Charlatanerie protegieren. Wir leben ja anscheinend wieder in einer Periode der Kurpfuscher, Gesundbeter und Spiritisten. Zu dieser Klasse vo» Leuten gehören auch die Herren v. Uslar, v. Biilow und Konsorten, die es geschickt verstehen, sich mit einem geheimnisvollen, schau, anen- haften Nimbus zu umgeben. Es gibt, wie der Landes- geologe Dr.Wolff in einer Versammlung näher ausführte, in Preußen „Gegenden, in denen man kaum noch einen Brunnen ohne dieses Orakel bohrt. Nicht bloß Private, sondern auch städtische Behörden, Geineindevorstände und leider sogar staatliche Behörden suchen ganz allgemein statt bei Hydrologen und Geologen bei den Ruten- gängern Rat. Ja. es haben sich sogar Bestrebungen gezeigt, am Hamburgischen Kolonialinstitut Herrn v. Uslar mit seiner Kunst zur Geltung zu bringen I Im Sommer 1910 sind die Hörer dieses Institutes zu einer Exkursion ein- geladen worden, auf der ihnen der Schlachthofdirektor Neumann und der Landrat v. Uslar das Wassersuchen»fit der Wünschelrute vor- geführt haben. In Schleswig-Holstein ist Uslar von der tgl. Eisen- bahndirektion ebenso zu Rate gezogen worden wie der verstorbene Bülow-Vothkamp von den dortigen Forst- Auch andere Rutengänger, zum Beispiel der loer Mißerfolgen durch Professor Friedrich gefertigte Herr Kuhbcrg auö Schleswig. Au,'träge. DaS ist in einer Provinz, in der die Uslar, Blllow und Franziüs Verwirrung gestiftet haben, freilich nicht zu verwundern. Tie Eisenbahnbehörden konsulticreu überhaupt recht viel die Wünschelrute, z. B. berief die Direktion Berlin Herrn EnderS für Kremmen. A», weitesten hat es die Eisenbahnbetriebsinspektion Jnstcrburg gebracht, die sich von— Fräulein LiSbeth Paulat, �llempnermeifterStochter aus Eydtkuhnen, Bohrpunkte auf den Bahnhöfen Norkitten und Wchlau ai, geben ließ und dafür je 75 Mark entrichtete. Für die ForstvcrwalNmg wnnschelt in Ostpreußen der Förster Klein auS Tiitz." Der Schaden. b«, die Rutengänger anrichten, besteht nicht allein in einer Diskreditierung der Wissenschaft, sondern auch in außerordentlich schweren pekuniären Einbußen, die die Kommunen durch die von ibiieii veranlaßte. fehlgeschlagene Bohrungen erleiden; z. V. seien hier die erfolglosen Bohrungen der Stadt Strehlen im harten «ranit und die der Provinzialirrenanstalten zu Nietleben und KU. Scherbitz nach den Angaben der Rulengänger Snder» und Baubehörden. mit seinen Oldes- so gründlich ab- erhielten amtliche Brief veröffentlicht hätte. Sie hat sich damit ein Verdienst um die Partei erworben. Kurz darauf habe der Parteivorstand erst den Mund aufgemacht. Es ist ungerecht, der.Genossin Luxemburg deshalb Vorwürfe zu machen; man sollte ihr den Dank der Partei aussprechen. Die Sache ist auf dem Parteitag nicht in der Weise zur Tis- kussion gekommen, wie gewünscht wurde. Der Partcivorstand habe sich nicht erst angreifen lassen, sondern hat gleich selber an- gegriffen. Seine Broschüre wimmelte von Beleidigungen. Mit ihr hat der Vorstand die Diskussion in Jena eingeleitet, und sie auf ein ganz anderes Gleis geschoben, indem er einen Fall Luxem- bürg schuf. Dem Genossen Ledcbour ist nicht zu verübeln, daß er sich zur Wehr gesetzt hat. Die Resolution Leid muß an- genommen werden. Das ist das mindeste, was unser Zlbgeordneter von«ns verlangen kann. Auch nach dem Parteitage werden die Kritiker des Vorstandes noch angegriffen. So überschreibt die„Frankfurter Volksstimme" einen ihrer Artikel über den Parteitag:„Die Anarchosyndikalisten an der Arbeit." Der Vorwurf des Anarchosozialismus entbehrt jeder Begründung. Jetzt habe man für diese Genossen noch eine neue Bezeichnung gefunden. Man nennt sie die Neuradikalen. Wenn aber auch Ledcbour als Neuradikaler angesprochen wird, so hoffe er doch, daß die Resolution Leid angenommen wird. Mit dem Ergebnis der Verhandlungen des Parteitages können wir durchaus zufrieden sein. Der Angriff des Genossen Legien gegen Haase, war die beste Gewähr dafür, daß wir den richtigen Mann für den Parteivorstand vorgeschlagen haben. Er habe nun die Ueberzeugung, daß solche Fehler, wie sie bei der Marokkoange- lcgenheit und dem Gcheimerlaß gemacht worden sind, nicht mehr vorkommen werden, und wir freuen uns, daß wir in den Wahl- kämpf ziehen mit einem Parteivorstand, zu dem wir das größte Vertrauen haben können. Genosse Ledebour hätte sich am liebsten an der Debatte nicht beteiligt. Da aber von zwei Rednern hier gegen ihMVor- würfe erhoben worden sind, so will er doch einiges sagen, biegen die auf dem Parteitag gegen ihn gerichteten verunglimpfenden Ausdrücke hält er kein Wort der Abwehr für nötig. Wer sich aber ausdrücklich darüber freut, zeigt, daß er mit Engelszungen nicht zu überzeugen ist. Er wollte mit jener Aeutzerung nur zum Ausdruck bringen, daß sich die wirklich schuldigen Vorstandsmit- glieder, die nicht das Wort ergriffen haben, hinter Bebel versteckt haben. Ihm, Redner selbst, passiere es, daß er' vorgeschoben wird und alle Leute mit Temperament lassen sich sehr leicht vorschieben. Ja, eS gibt sogar Umstände, wo man sich vorschieben lassen muß und es die Pflicht der anderen Genossen ist, jemanden vorzu- schieben. Bebel war an der Sache gar nicht beteiligt. Der Vor- stand hätte ihn deshalb auch nicht zu der Sache, von der Bebel auch gar nicht genau informiert war, reden lassen sollen. Er (Ledcbour) sei aber in verschiedenen Punkten besser informiert gewesen, weil er im Auftrage des Parteivorstandcs an der Friedensdemonstration in Paris teilgenommen und die deutsche Partei vertreten hat. Er sagte sich deshalb, er müsse reden, um nicht den berechtigten Vorwurf de« Feigheit zu erhalten. Auch der Rügebrief der Generalkommission war eins der un glaublichsten Ereignisse. Er enthielt nicht nur eine Rüge des schlechten Tons, sondern er verbat sich auch die an sich sachliche Kritik der„Essener Arbeiterzeitung", weil sie eine abfällige war. Das war ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Presse. Da muß man wieder von den dgmals in �dieser Angelegenheit amtic- renden Parteivorstandsmitgliedern sagen, daß sie nicht genug Par- teigefühl hatten, uin die Zumutung der Gcncralkommission zurück- zuweisen. Die Vorstandsmitglieder gaben sich zu Handlangern der Generalkonimission her. Sie hatten kein Gefühl für die Ehre der Partei. Das sind doch Beweise genug, daß der Parteivorstand in zwei großen außerordentlich wichtigen Fragen versagt hat. Jetzt erst hat endlich in Zürich die Konferenz des Jnternatio- nalen Bureaus stattgefunden. Bebel habe ihn nur nicht ver- standen. Er, Redner, ist der Ueberzeugung, daß er mit seiner Kritik der Partei gedient habe und daß ihm jeder prüfende Ge- nosse Recht geben wird, wenn nicht jetzt, so doch später. Auf Antrag W e i m a n n wurde Vertagung beschlossen. Rixdort. Der Bericht über den Parteitag in Jena beschäftigte am Dienstag abend die sehr gut besuchte Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins. Genosse Scholz referierte und v. BtUow, bezw. des Grafen Wrschowetz genannt. Die'„Erfolge" der Wünschelrutenmäuner sind entweder in Gegenden erzielt, in denen, wie ini norddeutschen Flachlande, von einer gewissen Tiefe ab immer Wasser zu finden ist; oder sie be- stehen nur in der Einbildung der Herren. So hat Herr v. Uslar, der von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes nach Deutsch- Südwestafrika geschickt wurde, dort etwa 800 Bohrpunkte bestimmt; davon sind 200, die am ehesten Erfolg versprachen, ab gebohrt worden. Von diesen 200 liegen erst die Ergebnisse von 55 Boh rungen vor, von denen angeblich nach den„Windhuker Nachrichten' nur 26,8 Proz. erfolglos geblieben sind. Eine genaue Prüfung aber ergab in nur etwa der Hälfte der Fälle eine tatsächliche Erschließung, jedoch fast ausschließlich in Gebieten, in denen schon Wasser vor- handen war; nur eine einzig« USlarsche Bohrung hat eine wirklich neue Wasserstelle in einer bis dahin wasserlosen Gegend erbracht— bei Schakalskuppe— und auch diese war vor der„Entdeckung" durch Uslar von dem Gouverncmentsgeologen bereits als aus sichtsvoll für Bohrversuche bezeichnet worden. Zudem stimmten Uslar« Tiefenangaben niemals, selbst nicht bei den erfolgreichen Bohrungen. Diese Wünschelrntengängerei nebst den Bobrungen aber kostet den Reichssäckel wieder einige Hundert- tausende. Leider kann man Quellen nicht zu Experimenten ver- stecken, sonst würden sie von den Rutengängern ebenso schwer auf- gefunden wie versteckte Goldstücke, Edelsteine usw., die auf sie ja auch eine magisch anziehende Kraft ausüben sollen. In solchen Fällen wenigstens hat man die Herren schon ausS Glatteis geführt; zum Beispiel konnte weder Landrat v. Uslar in dem Lüderitzbuchter Kasino ein verstecktes Goldstück, noch Herr v. Bülow in der Berliner Bergakademie den Platz eines Transvaaler Gold- klumpens richtig angeben. Am eklatantesten würden sich die Rutengänger selbst schlagen, wenn man sie einfach mit verbundenen Augen ihre Kunst ausüben lassen würde: wo man das probierte, zeigten sich sowohl Widersprüche zwischen verschiedenen Gängern als auch zwischen den Angaben dcS einzelnen. Trotzdem finden sich leider noch kii viele Leichtgläubige, die auf den alten Aberglauben hereinfallen, so daß die„Ouellenfindcr", die bezeichnenderweise nie Naturwissenschafiler, sondern vielfach— Juristen sind, immer hochtrabender und überhebender gegenüber den Fachleuten werden. So behauptet Enders in seinem überallhin versandten Prospekt, er wäre in der Lage, mit positiver Gewiß- beit unterirdische Wasseradern zu bestimmen, und zwar in welcher Tiefe und von welcher Seite sie kommen oder wohin sie gehen. Und in einem Brief an die Geologische Landesanstalt schreibt Prinz Earolaib:„Im übrigen dürste sich die hohe Bergakademie doch endlich überzeugen, daß wir Leute mit der Wünschelrute doch mehr Erfolge im Quellensuchen erzielt haben als die Herren Geologen". Es ist charaktcrisch, daß besonders in dem bigotten Preußen, daneben auch in Bayern und Württemberg sich der Unfug der Nutengängerei am meisten bemerkbar macht, während sonst, z. B. in Hessen und Sachsen, weniger davon zu spüren ist. eg. und führte etwa folgendes aus: Der Parteitag fand bei seinem Zusammentritt eine gespannte Situation in der Partei vor. Ter Marokkorummel, das Kautskysche Flugblatt und das Zirkular an die Parteiprcsse in Sachen des Berliner Buchdruckmaschmenmeister- streiks hatten in der Parteipreffe, insonderheit der„Leipziger Volkszcitung", heftige Vorwürfe gegen den Partcivorstand ge- zditigt. Der geschäftliche Teil des Berichts des letzteren zeigte ausgezeichnete Fortschritte der Partei; er führte zu keinen Aus- siellungen. Aber die erwähnten Streitpunkte führten zu heftigen Debatten. Die Angriffe bezüglich der Marokkofragr und de> Flugblatts waren jedoch unberechtigt. Ob im crsteren Punkte zu spät gehandelt wurde, ist strittig; jeden- falls kam die Aktion der Partei noch zurecht und ist deshalb auch nichts versäumt worden. Die Angriffe gegen das Kautsky-Flug- blatt, die dessen Verfasser in persönlich verletzender Weise geradezu als Flachkopf hinstellten, verpufften mit Recht vollständig. Anders lag die S-Atze bei dein Pressezirkular über den Buchdruckerstrcik. Gewiß war das Eingreifen des Vorstandes berechtigt; denn obwohl der Parteipresse ein Eingreifen in solchen Fällen nicht bestritten werden kann, so ließen doch einige Organe dabei das notwendige Verantwortlichkeitsgefühl vermissen. Andererseits mutz aber auch verlangt werden, daß der Parteivorstand gegen die ungehörigen Angriffe etlicher Gewerkschastszeitungeu das nötige unternimmt. Bedauerlich war, daß die Disferenzen über diese Punkte wieder einmal zu einem Kampf zwischen Revisionisten und Radikalen gestempelt wurden, wobei man den Parteivorstand kurzerhand zu den ersteren warf. Diesen Unfug kennzeichnete ein Berliner Dele- gierter in der Landsmannschaft-Sitzung treffend dadurch, daß er er- klärte: 86— 90 Proz. der Genossen sind einfach Sozialdemokraten und fragen nicht»ach der Richtung. Wenn den Berlinern, welche in Jena die„Mitte" bildeten, da? Schimpfwort vom„Berliner Sumpf" zugeworfen wurde, so werden wir das zu tragen wissen und uns nicht darin beirren lassen, stets objektiv die Gründe zu prüfen, gleichviel, ob sie von rechts oder links kommen. Das„Fähnlein der sieben Aufrechten" wählte in Jena schließlich den besseren Teil der Tapferkeit und zoy die Miß- sallens-Resolution gegen den Parteivorstaud zurück. Die Anträge zur Jugendbewegung wurden der Zentralstelle zugewiesen und eS ist zu wünschen, daß in diesem Punkte endlich intensiver gearbeitet wird, auch in Nixdorf. Die angenommene Resolution S ü d e k u m über die Lebensmittclteuerung wird im Reichstag vertreten wer- den, aber sicher nicht die Hauptsache, die Aufhebung der Zölle, zeitigten. Wenn die Junkerregierung wirklich Konzessiönchen machen sollte, so nur zum Zwecke des Stimmenfangs bei den bevorstehen- den Wahlen. �Eine unliebsame Sache sind die Differenzen in Stuttgart. Die Mehreit der dortigen Genossen hat sich mit Recht dagegen gewehrt, daß Stuttgart auf der Laudesversammlung die Minderheit der Delegierten stellt, obwohl es die Mehrheit der württembergischcn Genossen repräsentiert. Nichtsdestoweniger war die zweite Delcgiertenwahl, welche der Stuttgarter Kreisvor- stand ausschrieb, zu kassieren, da ein solches Recht nur dem Partei- tag zusteht. Glanzpunkte des Parteitages waren die Referate Bebels. Seine Marokkorcde war ausgezeichnet und ist den Ge- nassen deren Lektüre nur dringend zu empfehlen. Die Ablehnung aller Zlenderungen der Resolution war durchaus richtig und mit Rücksicht auf eine geschlossene Frontsielluug der Pkirtei eine Selbst- Verständlichkeit. Viel Kritik gefunden hat die Reichstagswahl- resolution Bebels wegen der Empfehlung liberaler Kandidaten bei Stichwahlen. Gewiß ist die Unzuvcrlässigkeit der Liberalen ein berechtigter Einwand; aber die Resolution zwingt sie, Farbe zu bekennen, ob sie an der Sprengung des Blocks der Ritter und Heiligen ernstlich mitarbeiten wollen. Anderenfalls fiele ihnen dze� Verantwortung zu, wenn die blau-schwarzcn Kulturfcinde siegen. Als Ganzes genommen, hat der Parteitag in Jena wie selten einer die Selbstzerflcischung der Partei zurückgewiesen und die un- erschüttcrlichc Geschlossenheit derselben demonstriert. Der Auf- marsch der Sozialdemokratie zum Wahlkampf ist glänzend gezeigt worden. Mit einem temperamentvollen Appell an die Genossen im Lande, den Jenaer Beschlüssen nachzueifern, schloß der Redner unter lebhaftem Beifall. In der Diskussion sprach zuerst Klühs: Die Haltung des Parteiborstandes tvar außerordentlich lahm. Rosa Luxemburg und L e d e.b o u r ist es zu danken, wenn überhaupt zum Marokkokonflikt noch etwas geschah. Das hat der Parteitag auch anerkannt, indem er sicher mit Absicht energische Radikale in den Partcivorstand wählte. Der Angriff von Wels gegen Ledcbour. der einer unserer be- fähigtesten Politiker ist, war beschämend. Eine Bevorzugung der Humor und Satire. Guter Rat. Wo der Zar haust und in Spanien, überall geht's wieder loS; selbst der Aetna in Catanien rebelliert durch manchen Stoß. Englands Bahnen bleiben stehen, der Verkehr kommt nicht in Schwung; Frankreichs Volk will nicht mehr sehen LebenSmittelteuerung. Und in OestreichS Hauptstadt Gassen wie im frommen Belgierland demonstriert in großen Massen der bedrückte vierte Stand. Portugal, das kleine Ländchen, ach, es ist ein wahrer Graus. nahm gar Manuel sein Släud— chen, warf ihn obendrein hinaus. Ach, wie mag das bloß noch werden? seufzt darob manch Potcnlat, schön ist'S nicht mehr hier auf Erden, daS Negieren ist'ne Plag. Diesen Leutchen ist zu raten: Packt euch auf nach Afrika, wo euch Kannibalen braten knusprig hart mit Paprika. _ H ä n s e 1. Notizen. — Der beschnüffelte Schlafrock. In BahrS Schauspiel„Josephine", das gegenwärtig im.Neuen Schauspielhause" gegeben wird, trägt Fräulein W ü st einen modischen, aber sehr dezent wirkenden Morgenrock. Wer die Künstlerin keimt, weiß ihre vor- nehme Art zu würdigen. Nicht so der Herr v. Llldinghause n gen. Wolf, Polizeipräsident von S ch ö n e b e r g. Er hat, wie uns verraten wird, gestern an die Künstlerin ein Brieflein gerichtet: des Inhalts, sie niöge doch den Schlafrock ändern lassen, weil er ihm. dem Herrn Präsidenten, doch zu„indezent" er- scheine... Da ficht inan'S Ivieder: Herr von Jagow macht Schule Und was für eine! — Felix von Weingartner hat nunmehr den Könio von Preußen aus Rückzahlnna von 9000 M. Konvelitionalslr.:� wegen Kontraktbruchs, die ihm seinerzeit abgezogen wurden, verklag' Nun wird man ja wohl sehen, wer verurteilt wird: ob die Krön als Eigentümerin der Hostheater auf Herausgabe, oder— ob. wc� geblecht wurde, geblecht bleiben soll. Liberalen bei Stichwahlen ist völlig unberechtigt; diese haben schon beim Sozialistengesetz im Reichstage Verrat geübt und halten Stichwahlbersprechen so wenig wie die Konservativen. Nach B a u m g a r t e n, der die Beitragserhöhung als eine Ueberrumpelung bezeichnet, spricht Böske. Er bezeichnet das Vor- gehen der kleinen Gruppe Kritiker gegen den Parteivorstand als ct||, i-.T-f*- ■' Liieratengeziink der bekannten Art," das mal von rechts und mal von links kommt und womit nur die Geschäfte des Reichsverbandes besorgt würden; denn dieser krebst schließlich mit den Reden der Angreifer. Gegen solche Schädigungen müssen sich die die Kleinarbeit verrichtenden Ge- nopen entschieden verwahren. Der Krieg war gar nicht so nahe und das Geschrei der Kriegshetzer nichts als ein Bluff, um eine gute Wahlparole zu bekommen. Das Gerede vom Massenstreik konnte unterbleiben; ein solcher wäre im Kriegsfalle ausgeschlossen. Tie Resolution gegen die Ueberneutralität der Genossenschaften hätte nicht zurückgezogen werden sollen; das beste Mittel, hier den sozialistischen Geist zu fördern, wird aber der allgemeine Ein- tritt in die Genossenschaften bleiben. Mermuth hestreitet, daß der Krieg um Marokko so fern ge legen hat. Böske hat unrecht, wenn er glaubt, ein solcher würde durch die schlechte Finanzlage der beteiligten Staaten hintangehal- tcn. Tie Zusammenstöße mit Rosa Luxemburg,-Ledcbour und anderen waren durch die diesen gegenüber beliebte verdächtigende Art der Polemik veranlaßt. Ledebour hat sicher aus reinen Mo- tiven gehandelt: ihn, der bei Aktionen im Reichstag immer seinen Mann gestanden, als..politische Null" zu bezeichnen, ist ungerecht. Ter Parteivorstand ist doch schließlich keine Majestät, die außerhalb der Kritik steht. Kritik ist die treibende Kraft der Demokratie. Ter Kampf zwischen Radikalismus und Revisionismus entbrannte infolge der Haltung Ed. Bernsteins; er datiert seit Stuttgart und ist kein Wortspiel, wie es der Referent hinstellte, sondern liegt im Wesen der Partei begründet. Das Erfreuliche von Jena ist die zum Ausdruck gekommene Geschlossenheit der Partei, die sich trotz aller traurigen Zwischenfälle nicht im Kampf um ihre Ziele wird beirren lassen. P r e u ß hat tiefes Mißtrauen gegen die Liberalen. Die Mai feier hält er jetzt, in der Zeit der Hochflut des patriotischen Klim- bims, unbedingt für nötig und meint, man solle nicht ewig daran herumnörgeln. Gegen die Behauptung, daß die Erweiterung des Partcivor- standes eine Niederlage desselben und ein Sieg Ledcbours gewesen sei, wendet sich L i e p m a n n. Die Ergänzung durch einen weite- rcn Beisitzer war bereits vor Jena vom Parteivorstand in Aussicht genommen, wie auch dieser gerade die Borschläge für die neuen Männer vorbereitet hat. Gegen Ledebour und die anderen mußte einmal Stellung genommen werden, und x. Wels hat ausgesprochen, was vier Fünftel der Berliner Genossen denken. Die Parteivorstands-Mitglieder hat man wie Schwachköpfe und Idioten hingestellt und keinen anderen Beweis dafür gewußt, als daß angehlich die Marokkoaktion ein paar Tage zu spät erfolgt ist. Die Einrichtung der Parteischule, des Presscburcaus, der Partei- Korrespondenz durch den Vorstand zählt offenbar nicht. Wenn Mermuth hier eine schöne Rede für Ledebour hält, so muß einmal auch die andere Seite beleuchtet werden. Wir waren so weit ge- kommen, daß ungeachtet der landsmannschaftlichen Besprechungen radikale und revisionistische Nebenparteitage ahgehalten wurden. Derartigen Spaltungsgelüsten muhte entschieden ein Ende gemacht werden; denn an der Einigkeit der Partei und der Gewerkschaften durften wir nicht mehr rütteln lassen. Di? Wahlresolution trifft das Richtige;«ollen die Liberalen nicht derselben entsprechen, so graben sie ihr Grab selbst. Und so kommt es auch mit der Demo- kratischen Vereinigung/ wenn sie die Düsseldorfer Methode fort- setzt und gar in Teltow-Beeskow, nach Art der seinerzertigen Stammtisch-Kandidatur im 5. Berliner Wahlkreis, einen eigenen Kandidaten aufstellt. Sie zeigt dadurch nur, daß sie unser Gegner ist, wie andere auch. In Jena ist mit Recht ttc>jKe Einmütigkeit und Schlagfertigkeit der Partei Hauptleitmotiv gewesen, und die Berliner haben sich durch ihre Haltung darum verdient gemacht. Hermann führt aus, daß nicht Ledebour die Partei ge- schädigt hat, sondern daß die Süddeutschen mit ihren Affären dies reichlich tun. In seinem Schlußwort stellte Scholz fest, daß er nicht daran denkt, die Kritik gegen den Partcivorstand zu unterbinden Das Recht darauf ist selbstver- stündlich. Aber anständig und einwandsfrei muß die Kritik sein, was nicht immer der Fall war. Ledebour hat sicher aus ehrlicher Ueberzeugung geredet. In der Sache hatte Wels diesem gegenüber aber recht, wenn er es verhinderte, daß in der Groß-Berliner Verbandsversammlung statt eines einmütigen Protestes gegen Er- obcrungspolitik und Kricgshctzerci der Oeffentlichkcit kritische Aus- fälle gegen den Parteivorstand vom Stapel gelassen worden wären. Das war da so unangehracht wie im gegebenen Augenblick in Jena, und man darf zufrieden sein, daß dort lediglich vom Stand- punkte der Kampffähigkeit oeS Proletariats aus gehandelt wurde. Nachstehende Resolution fand darauf einstimmige Annahme: „Die Generalversammlung des Wahlvereins Nixdorf ist mit den Arbeiten des Jenaer Parteitages, insbesondere niit der Hol- i tung der Delegierten des Kreises Teltow-Beeskow einverstanden. Die Generalversammlung hat die Hoffnung, daß die Be- schlüsse des Parteitages bei der kommenden Reichstagswahl der Sozialdemokratie neue Siege zuführen werden." Ter sozialdemokratische Wahlverein Charlottenburgs versammelte sich im ,. Volkshause", Rosinenstratze. Den Bericht vom Jenaer Parteitage erstattete Genossin Rosa Luxemburg in einem Vortrage, der i% Stunden dauerte.. Ausführlich er- örterte die Vortragende den„scharfen Kampf zwischen einem Teil der Delegierten und dem Parteivorstand". Dieser Kampf sei zu- erst in eine verkehrte Form gebracht worden durch einen taktisch verfehlten Griff des Partcivorstandes, der eine Rechtfertigung»- oder Anklageschrift verbreitete zu der Frage der Indiskretion bei der Publikation von Molkenbuhrs Brief. Diese Frage sei von ganz untergeordneter Bedeutung und sie, die Rednerin, beant- Worte die Frage nach wie vor mit einem N e i n. Ter Gegenstand. der hier in Frage gestellt werde, sei derart, daß er jede diskrete Behandlung ausschließt. Es handle sich hier um die Frage der Aktionsfähigkeit des Proletariats' und nicht um ein indiskretes Vorgehen einer Person; es handle sich um die Frage des Verhaltens des Vorstandes der Partei gegen- über dem Marokkokonflikt und dem Auftreten des J�npcrialismus. Dieser Parteitag in Jena werde der erste einer. ganzen Reihe von Parteitagen sein, die sich mit diesen bedeutsamen Fragen zu be- fchäftigen lwbcn. Tie Vortragende geht dann auf die Entstehung des Marokkokonfliktes in kurzen Zügen ein und verweilt bei den Aufgaben der Sozialdemokratie, die Arbeiterklasse gegenüber den drohenden Kriegsgefahren in Bewegung zu setzen. Sie wiederholt ihre Behauptungen und Anklagen gegen den Parteivorstand, wie sie in Jena von ihr vorgetragen wurden und weist hier mit Nach- druck darauf hin, daß der Parteivorstand die Unterstützung der Opportunisten in der Partei in auffälliger Weise gefunden habe. Wenn die Radikalen gegen den Vorstand auftraten, so taten sie es gerade darum, s die Autorität, die Kraft und Macht dcS Partcivorstandes zu stärken; es habe die Attionsfähigleit der Massen dabei als Leitmotiv vor- gelegen.— Tie Frage der Ncichstagswahlcn habe nicht im Mittel- punkt des Parteitages gestanden und das sei gut so. Die Wahlen sollten und dürften nicht alle anderen Interessen verdrängen. Bebels Rede über die Reichstagswahlen ermangelte der großen Gesichtspunkte; die Rede bot mehr eine parlamenjacische AuFeig- and'ersetz'uitg, Einiger einen großen Schlachtruf zum Kampf gegen die Bestrebungen der Reaktion. Der Parteitag hätte sich gegen dir Kolonialpolitik der Herrschenden mit Schärfe wenden müssen und zwar nicht nur für den Fall, daß ein Krieg droht, sondern gegen jede Kolonialpolitik, auch im Frieden, wie sie heute von den herrschenden Klassen geübt wird. Die Rednerin bedauert, daß ihre Amendements zu der Resolution in der Marokkofrage abge lehnt wurden und konstatiert mit Genugtuung, daß das Jnter- nationale Sozialistische Bureau in seiner Sitzung am Sonnabend in Zürich dieselben Amendements einstimmig angenommen habe. (Allgemeine Bewegung in der Versammlung.) Die Vortragende geht dann auf die Maifeierfrage ein, der sie große Wichtigkeit beimißt. Führende Elemente in der Gewerkschaftsbewegung be trachteten die Maifeier schon als alten, lahmen Gaul, der au den Schindanger gehört, aber die Maifeier werde von Jahr zu Jahr immer bedeutsamer werden. Ter Nürnberger Beschluß, für den die Revisionisten sich mit Macht ins Zeug legten, sei unhalt- bar geworden und müsse fallen, über kurz oder lang werde man ihn fallen lassen müssen. Die Unterstützungsfrage müsse überhaupt zurücktreten; es gelte die Massen zu erziehen, daß sie die Be- deutung der Arbeitsruhe am 1. Mai erkennen.— Als „kleines interessantes Zwischenspiel" beleuchtete die Rednerin die württembergische Streitfrage auf dem Parteitag und meinte, die Kassierung der Mandate der betreffen- den Genossen sei unrecht gewesen; der„Tagwacht"-Streit wurde näher von ihr besprochen.— Sie verweilte dann bei der schon viel besprochenen Bemerkung Bebels über den Massenstreik, die ge- eignet sei, Vcrwirung über diese Frage hervorzurufen. Es handle sich doch um den Massenstreik zur Verhinderung des Krieges und nicht nach Ausbruch des Krieges. Falsche Auffassungen machten sich aus Grund von Bebels Bemerkungen breit. Der Ru' des Volkes nach Arbeit und Brot werde eine andere Bedeutung haben. Nicht in das alte kapitalistische Joch werde die Arbeiter- klaffe zurückkehren wollen, sondern nach Arbeit in einer andern, in einer neuen sozialen Ordnung verlangen. Man solle sich er- innern an die französischen Nationalwerkstätten, die man nach 1848 dem Volke als ein, freilich ganz unzulängliches Surrogat angeboten habe. Heute würden sich die Dinge anders entwickeln, aber die alte Ordnung werde sich jedenfalls in großen Krisen nicht aufrechterhalten lassen.— Zum Schlüsse sprach die Rcfe- itnän Ujre volle Befriedigung mit dem Resultat deS diesjährigen Parteitages aus. Wolle man den richtigen Begriff von der Tagung erhalten, o müsse man sich freimachen von den äußerlichen Geschehnissen, die zuerst in den Vordergrund gehoben wurden, aber von unter- geordneter Bedeutung sind. Das Bleibende und das Vorüber gehende werde sich sondern. Wir könnten mit Befriedigung be. grüßen, daß die Frage der Massenaktion gegenüber dem Jmperia lismus von jetzt ab im Vordergrunde steht.— Wenn es jetzt in der Presse heißt, daß der linke Flügel der Partei gespalten sei, io ist diese Auffassung irrig. Nur der Parteivorstand sei durch eine ungünstige Konstellation— vorübergehend— nach rechts verschoben worden. Die Taktik unserer Partei werde nicht künit lich geschaffen, sondern sei durch die Entwicklung vorgezeichnet und gegeben.(Beifall.) Der Vortrag wurde von der stark besuchten Versammlung mit der größten Aufmerksamkeit angehört, nur selten unterbrochen von einzelnen Aeußerungen des Widerspruchs oder des Beifalls. Die. Diskussion etzte langsam ein, aber bald meldeten sich immer mehr Redner, die mit den Ausführungen der Genossin Luxemburg unzufrieden waren. Kein Redner erklärte sich befriedigt von der scharfen Kritik; der Parteivorstand und seine Maßnahmen wurde»»er- tcidigt.. Immer wieder wiesen die Redner auf die kommenden ReichStagSwahlen hin, aus die Ausgaben, die uns daraus er- wachsen, auf die viele praktische Kleinarbeit der Genossen, zu der der Mut gestärkt werden müsse. Rur in bezug auf einzelne Punkte, besonders die Maifeier betreffend, fand die Rednerin die ungeteilte Zustimmung einiger Genossen, die aber in der Minder- heit blieben. Maifeier und Massenstreik, das waren die Haupt- punkte der Diskussion, bei denen jeder Redner mehr oder weniger lange verweilte. Daß die Referentin für die Aufhebung des Nürnberger Beschlusses in der Maifcierfrage eintrat, gefiel den meisten Rednern durchaus nicht. Mancher äußerte sich auch recht pessimistisch über die weitere Entwicklung der Maifeier, andere wieder waren hoffnungsvoll. Die Diskussion über den Massen- streik knüpfte vielfach an Bebels Worte an, daß die Massen nach Arbeit und Brot schreien würden, wenn die Schrecken des Krieges hereinbrechen. Es sei wohl möglich, daß auch Bebel sich den all- gemeinen Ruf nach Arbeit in dem Sinne der Darstellung der Refercntin gedacht habe, aber man könne die Entwicklung der Dinge da nicht voraussehen. Genosse Orthmann meinte, er sei nicht geschult genug, um sich mit der Referentin in einen Streit einzulassen; er stütze sich auf die Beschlüsse der Majorität auf dem Parteitag, denn die meisten werden da nicht die dümmsten gewesen sein. Bebels große Reden seien ein guter Leitfaden für die Massen der Ar- bcitcr. Tie Referentin habe wohl vieles zu schwarz gemalt. Genosse Dose vermißt die Objektivität in dem ersten Teil des Berichts; er warf der Referentin große Zeitverschwendung vor, indem sie über unbedeutende Dinge, ihren Streit mit dem Partei- vorstände betreffend, außerordentlich viele Worte gemacht habe. Wo soll denn eigentlich der Vorteil liegen, wenn Revisionisten und Radikale sich schlagen, fragte der Redner. Zu seiner Verwunderung habe die Refcrentin zuletzt selbst gesagt, daß sie ganz zufrieden sei mit dem Parteitag. Genosse Thomas erinnert daran, daß die Genossen in erst Linie der Aufgabe gedenken müßten, den schwarzblauen Block zu stürzen. Genosse B r u ta t lenkt die Aufmerksamkeit auf die Konsumgcnosscnschaftsbewegung und bedauert, daß Göhrc den An- trag der Berliner zurückgezogen habe. Genossen W o l l e n st e i n, Schaffner und andere beteiligten sich ebenfalls an der Tis- kussion in der bereits gekennzeichneten Weise. Ein Vertagungs- antrag, um die Diskussion später fortzusetzen, wird abgelehnt, da- gegen ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. � Rosa Luxemburg wendet sich in ihrem Schlußwort besonders gegen die Revisionisten und erklärt, daß die Radikalen den Wert der fruchtbaren„praktischen Arbeit" mindestens ebenso zu schätzen wüßten wie die Revisionisten. Es komme aber darauf an. wie die praktische Arbeit geleistet werde, die Prinzipien seien dabei Hochzuhalten. Nachdem sie noch einmal Maifeier und Massenstreik besprochen, erklärte sie, daß unsere Wahlparole nicht die Niederringung des schwarzblauen Blockes fein könne, denn diese Forderung werde auch von den Freisinnigen erhoben, sondern daß es auf den Sturz der gesamten Reaktion in Deutschland an- komme. Der Parteitag habe uns zur Gcfamtaktion aufgerufen, und diesem Aufruf werden wir folgen.(Beifall.) '.' Genosse Göhre sendet uns folgende Zuschrift: Nochmals die Jenaer GenossenschaftSresolutio». Soeben von einer Agitationstour zurückkehrend, ersehe ich aus dem.Vorwärts", daß ein Teil der Berliner Parteitagsdelegierten in Jena von der Absicht, die Genossenschaftsresolntion zurückzuziehen, vorher nicht unterrichtet gewesen ist. Angesicht«(dessen möchte ich doch noch kurz erklären daß ich bis zu diesem Augenblick der Meinung war. daß der Auftrag der Zurückziehung, den ich im letzte» Augenblick erhielt, ein solcher der Groß-Berliner Gesamtdelcgation war. Ich hätte ihn sonst natürlich nicht übernommen, am aller» wenigsten gerade in dieser Angelegenheit, in der ich seit Jahr und Tag für den Inhalt der Resolution eingetreten bin. Zehlendorf, 27, September. Paul Söhre. Soziales. i Bertrag gegen die guten Sitte». Vor nicht allzu langer Zeit hatte das hiesige Gewerbegericht sich) mit aller Entschiedenheit gegen eine Vertragsbestimmung einer Be» liner Nachtwachgesellschaft ausgesprochen, nach der den�Angcstellten ein Lohnanspruch für die ersten drei Tage ihrer Tätigkeit nicht zugestanden werden sollte. Das Gewerbegericht bezeichnete diese Bestimmung als gegen die guten Sitten verstoßend und deshalb nichtig. Am Dienstag hatte sich das Gewerbegericht mit einer ahn- lichen Bestimmung zu befassen. Ter Wächter L. machte neben mehreren anderen Ansprüchen einen Lohnanspruch für die letzten drei Tage gegen die Bewachungsgesellschast m. b. H. geltend.� Die Beklagte berief sich auf den mit dem Kläger schriftlich abgeschlossenen Vertrag, in dem dieser ausdrücklich aus den Lohn für die letzten drei Tage bezw. Nächte seines Engagements verzichtet hatte. Das Gericht bezeichnete auch diese Bestimmung als gegen die guten Sitten verstoßend. Sie stelle eine unzulässige Ausnutzung der wirtschaftlichen Abhängigkeit des Angestellten dar und sei daher nach§ 138 des Bürgerlichen' Gesetzbuches nichtig. Dem Klägey wurde der Lohn für die drei Tage zugesprochen. � Inkrafttreten der Reichsvcrsichcrungsordnung. Wie dem in Frankfurt a. M. erscheinenden„Zentralblatt der Reichsversicherung"(Herausgeber Stier-Somlo, Bonn) von best» informierter Seite mitgeteilt wird, ist infolge der Schwierigkeiten, die sich bei dem Entwurf der Ausführungsbestimmungen für den Vollzug der Reichsversicherungsordnung teils bei den Reichsbehör- den, teils bei den Landesbehörden ergeben haben, der Termin für das Inkrafttreten des neuen Gesetzes vom 1. Juli 1912, wie an» fangs beabsichtigt, zum 1. Januar 1913 verschoben worden; die Ueberleitung der bevorstehenden Vorschriften in die neu erfordcr» lichen beanspruchten so viel Zeit, daß ein früherer Zeitpunkt aus- geschlossen erscheint. Das hätten auch die Arbeiten ergeben, die im Anschluß an die Neuregelung der unständigen Arbeiter(Haus- gewerbetreibende) notwendig geworden sind. Tcn jüngst im Reichsversicherungsamt in Anwesenheit hervorragender Praktiker des Krankenkassenwesens zur Ausarbeitung gelangten Muster- statuten für Krankenkassen sei der 1. Januar 1913 als Termin zugrunde gelegt worden._.>_ Kürschners Lexikon des deutschen Recht?» das 1990 in 2 starken Bänden zum Preise von 29 M. erschien, wird in Annoncen für S M. angeboten. Das ist in Rücksicht auf den Umfang des Werkes, die Fülle des Materials, das gute Papier, den schönen Druck und Einband außerordentlich billig, und dieser Preis deckt wohl nicht die Herstellungskosten. Anders stellt sich die Sache dar, wenn man den Gebrauchswert dieses gebotenen Materials berücksichtigt. Vielfach besteht dieses nur in Nach- Weisungen, aber auch wenn gesetzliche Bestimmungen, Erlasse uns Bekanntmachungen selbst angeführt werden, so sind es nicht die jetzt geltenden. Das gilt von den rechtlichen Bestimmungen über Arbeiterrecht, Strafrecht, sozialpolitische Gesetzgebung, die Ge- richtsverfassung. das Vereins-, Versammlungs-, Vcrsicherungs- und Gcwerbcrccht, ebenso von den Zoll- und Steuerbeftimmungen, von fast allen Schutzbestimmungen für Arbeiter, Arbeiterinnen, jugcnd, liche Arbeiter und Kinder, von den Bundcsratsbckanntmachungen zum Schutz der Arbeiter mannigfacher Berufe, wie der Blei- arbeitcr, der Arbeiter in Blcifarbenwerken. der Maler, der Schriftsetzer, der Zigarrenarbeiter, der Arbeiter in Walz- und Hammerwerken, Hcchelräumen, Spinnereien, Steinkohlen- und Erzbergwerken. Zinkhütten, Zuckerfabriken und Raffinerien, Zündholzfabriken, Alkalichromatfabrikcn, Thomasschlackcnmühlen. Glashütten, Gummuvarenfabrikcn, Gerbereien, Roßhaarspinne- reien, Borsten- und Pinsclfabriken, Zichorienfabriken, Sprengstoff- und: Anilinfarbensabriken usw. usw. Sie alle sind seit dem Jahre 1999 mehr oder weniger, zum Teil wiederholt ergänzt und ve» ändert oder neu geschaffen worden, und von all Liesen Bcräocc- rungen, Ergänzungen und neuen Bestimmungen, erfährt natürlich der nichts, der darüber das Rechtsbuch vom Jahre 1999 einsieht und der daher durch die Einsicht in dieses Buch ganz irregeführt werden kann. Aehnlich verhält es sich mit der Gesetzgebung übe» das Wohnungswesen, die Anzeigcpflicht, den Nachweis, die Schutz- maßregeln gegen die Menschen- und Viehseuchen usw. � Daher öllte es sich jeder zweimal überlegen, ob er die 5 M. für diese zwei Bücher ausgeben soll, die zwar sehr umfangreich und schon ausgestattet sind, die er aber nur selten, mit Erfolg nachschlagen wird.-..-n_, Hub Induftric und Kandel. Ausnahmctarife— Ausnahmcliebesgaben. Von der einzigen Notstandsaktion der deutschen Regierung, der Ermäßigung verschiedener Frachttarife, zehrt jetzt die ganze rechtsstehende Presse. Die agrarischen Männer an der Gesetzes- und Verordnungsmaschinerie erklären kategorisch: Nun ist's genug; an die Aufhebung der Getreideeinfuhrscheine ist nicht zu denken; schon die Einführung des Identitätsnachweises würde uns ruinieren; wir gestatten aber, daß die Regierung„in Erwägungen" eintritt! Tic Bethmann Hollmänner„erwägen" also, rcher bis die Wahlen vorbei sind! Tie Arbeiterschaft hat die brennende Pflicht, gegen solche Gaunerei, wie sie mit den Frachtermäßigungen getrieben wird, chärssten Protest einzulegen. Wie steht es mit den„weit- reichenden" Frachtermätzigungen? Die„Norddeutsche Allgemeine" versucht, an spaltenlangcn rechnerischen Beispielen nachzuweisen, was für imponierende Maßnahmen die Frachtermäßigungcn eigentlich seien. Für Futterger st e werden nach der„Norddeutschen All- gemeinen Zeitung" pro Zchntonncnladung von Thorn nach Berlin 92 Mk. weniger Fracht gezahlt als nach dem normalen Tarif. Zehn Tonnen sind 19 999 Kilogramm, die Frachtermäßigung macht pro 199 Kilogramm 9,92 M. und pro Kilogramm etwas mehr als einen halben Pfennig aus! Tic» find, hoch gerechnet— am 26. d. M. notierte gute Futtergerste 199 Kilo- gramm 189 bis 196 M.—, 9,3 vom Hundert des jetzigen Preises, der gegenüber norinalcn Zeiten um rund 29 bis 2 5 P r o z. g e st i e g e n i st! Bei Mais rühmt die„Norddeutsche Allgemeine", daß die Fracht für die Zchntonncnladung ermäßigt wurde von Hainburg nach Berlin um 94. von Hamburg nach Erfurt um 99 M. Der MaiS- preis ist gegenüber normalen Zeiten um rund 3 9 vom Hundert g e st i e g e n; er notierte gestern an der Berliner Börse, beste Qualität— amerikanischer—, 176 bis 189 M. pro Tonne. Nehmen wir einen Frachtermäßigungsdurchschnitt von 89 M. an. so stellt sich die imponierende Frachtermäßigung auf 89 Pf. pro 199 Kilogramm gleich rund 4,5 vom Hundert des Preisest Wohlgemcrkt. des Preises, der in der letzten Zeit um rund 39 Proz. gestiegen ist!! Bei Hülsenfrüchten betrögt die Ersparnis'/,» bis 7/io Pf. für das Pfund, und bei Kartoffeln, die im Preise um 199 bis 159 Proz. gestiegen sind, machen die be- rühmten Frachtcrmäßigungen ebenfalls nur einen winzigen Teil der Preiserhöhungen aus. Mit solchen Maßnahmen meint die Regierung daS Volk beruhigen zu können. Bei der Betrachtung der Herabsetzung der Frachtraten darf zudem nicht übersehen werden, daß erst vor gar nicht allzu langer Zeit eine ganze Reihe Erhöhungen dadurch erfolgten, daß bestimmte Produkte aus dem Spczial- tarif III in den Tarif I übernommen wurden! Auch diese Er- höhungcn sind durch die jetzigen Ermäßigungen noch lange nicht wieder ausgesckiattct worden. Bis jetzt ist die ganze Regierungsaktion in erster Linie ein Betäubungsmittel, weiter aber nichts. Alle Preisermäßigungen tragen übrigens einen ausgesprochen agrgrijcheZ Charakter. Warum ,st bis jetzt der Ausnahmetarij für Futtermittel nicht auch auf Hafer auSgevehnt word'en? Weil eS den Agrariern nicht patzt? Und sie wären wohl auch mit der Ermätzigung der anderen Futtermittel nicht einverstanden gewesen, wenn sie sich nicht gesagt hätten, datz allein durch die Brachlegung der billigen Binnenschiffahrtsstratzcn die Preise so hoch getrieben worden sind, datz trotz der kleinen jetzt ein- getretenen Frachtermätzigung noch anständig verdient werden kann. Die einzig wirklich gesunde Matznahme, die die Regierung bis jetzt fertig gebracht hat, ist die Aufforderung an die Ge- meinden, gegen den Mißstand der Teuerung etwas zu tun. Die «Deutsche Tageszeitung" versucht übrigens schon, nachzuweisen, datz die Frachtermätzigungen„eigentlich keinen Zweck" hatten, da ja doch nur das Grotzhandelskapital die daraus entstehenden Pro- fite einstreiche. Die Arbeiterschaft wird nicht ruhig zusehen, wie nach wie vor die wertvollsten Erntemengen billig auf Staatsunkosten nach dem Ausland geschafft werden, um dort billiges Viehfutter abzugeben, während das deutsche Volk hungert. Die Regierung soll sich gesagt sein lassen, datz ihre Ausnahmetarife als das betrachtet werden, was sie sind: Ausnahmcliebesgaben. Erhebliche Kapitnlserhöhung. In der Aufsichtsratssitzung der Gelsenkirchener Bergwerks- Aktien-Gesellschaft am Mittwoch in Berlin berichtete die Direktion über das Ergebnis des 1. Halbjahres 1911, das sich befriedigend gestaltet hat. Ferner wurde der Beschlutz gefaht, zwecks Be- schaffung der Mittel zur weiteren Ausgestaltung der Geschäfts- anlagen und zur Verstärkung der Betriebsmittel einer auf den 28. Oktober d. I. einzuberufenden auherordentlichen Gcneralver- sammlung den Antrag auf Erhöhung des Aktienkapitals um nom. Mark 24090000 zu unterbreiten. Die neuen Aktien sollen vom 1. Januar 1912 ab gewinnanteilberechtigt sein. Es ist in Aussicht genommen, einen Teilbetrag der Neuemission von Mark IS 000 000 den alten Aktionären zum Bezüge anzubieten, so datz auf 10 alte Aktien eine neue Aktie entfallen würde. Jeden- falls sollen die alten Aktionäre dabei ein Kursgeschäft machen können. Tie Preissteigerung. � Die gegenwärtige Verteuerung aller Dinge, insbesondere aber der Nahrungsmittel, ist so augenfällig und wird von den großen Massen so sehr am eigenen Leibe gespürt, datz die Not der Be- völkerung sich schon in direkten Hungerrevolten, wie in Oesterreich, Lust macht. Dennoch ist es gut, sich ad und zu die veränderten Verhältnisse in nüchternen Zahlen zum Bewußtsein zu bringen. Nach den Vierteljahrsheften zur Statistik des Deutschen Reiches haben sich die Großhandelspreise für eine Reihe wichtiger Waren in den Jahren 1901 bis 1910 wie folgt erhöht: Roggen pro 1000 Kilogramm in Berlin von 140,70 auf 152,30 M., Weizen pro 1000 Kilogramm in Berlin von 163,00 auf 211,50 M., Mais pro 1000 Kilogramm in Breslau von 121,80 auf 1S4,S0 M., Gerste pro 1000 Kilogramm in Breslau von 132,70 auf 144,40 Mark, Hopfen pro Doppelzentner in Nürnberg von 148,80 auf 275,80 M., Kartoffeln pro 1000 Kilogramm ohne Säcke in Magdeburg von 21,40 auf 26,00 M., Rindvieh pro Doppel- zentner Schlachtgewicht in Berlin von 117,30 auf 145,00 M., Schweine pro Doppelzentner in Berlin von 112,00 auf 128,00 Mark. Hammel pro Doppelzentner in Berlin von 112,90 auf 148,10 M,. Butter pro Toppclzentner in München von 203,40 auf 251,80 M., Rohzucker pro Doppelzentner in Cöln von 20.70 auf 26,80 M., K a r t o f f e l s p i r i t u s pro 100 Liter(roh) in Hamburg von 19,10 auf 25,30 M.. Kaffee pro Doppelzentner in Hamburg von 73,60 auf 100,60 M., Reis pro Doppelzentner von 17,10 auf 18,90 M,. Schmalz pro Doppelzentner in Bremen von 88.50 auf 128,10 M.. Hasenfelle pro 500 Stück in Leipzig von 245.80 auf 494,20 M., Gewaschene Wolle pro Doppel- zentner in Bremen von 302,80 auf 434,20 M., Baumwolle pro Doppelzentner in Hamburg von 89,30 auf 151,70 M., B a u m- Wollgarn pro 1 Kilogramm in Ersfeld von 4,28 auf 7L2 M., R o k> s e i d e pro 1 Kilogramm in Crefeld von 42,00 auf 46,00 M, Die Kleinhandelspreise, die sich schwieriger feststellen lassen, weil sie noch mehr schwanken, sind inzwischen noch vielmehr ge- stiegen. Ter Handel war ja auch bestrebt, höhere Gewinne zu er- zielen. Die Preissteigerungen haben vor allem der Landwirtschaft höhere Einnahmen gebracht. Die Erträgnisse des Bodens sind ganz erheblich gestiegen. Der Wert des z. B. im Königreich Sachsen geernteten Getreides betrug im Jahre 1893 zusammen 102 Mil- lioncn Mark, im Jahre 1910 aber 175 Millionen Mark. Der Wert der Ernte pro Hektar stieg in der gleichen Zeit beim Weizen von 313 auf 532 M., beim Roggen von 237 auf 404 M. Die Steige- rung der Einnahmen der Landwirte ist also eine ganz erhebliche, — dank der deutschen Schutzzollpolitik. Und da gibt es noch immer Agrarier, die in ihrer Bescheidenheit von„schlechten Zeiten" reden. Auch die Viehzucht hat leine Folge der Grenzsperre), wie die mit- geteilten Zahlen zeigen, den Landwirten gesteigerte Einnahmen gebracht. Und wo sind die Arbeiter geblieben? Die Arbeitslöhne sind in den angegebenen Zeiten zwar auch etwas gestiegen, aber nicht in dem Matze, wie die Preise der Lebensmittel. Bestenfalls haben die Arbeiter nur ihre alte Lebenshaltung aufrecht erhalten können. )Zus der frauenbewegung. Die Reglementierung— eine antisoziale Maßregel. Ueber die Reglementierung der Prostitution sprach Frau Weide- mann auS Hamburgs in Charlottenburg, und führte aus, daß das erwachte sozral« Verständnis der Frauen nach Erlangung-deS Stimm- rechts gegen die Regleiiientierunz sich wenden werde. Denn die Reglementierung ist ein der Polizeiwillkiir überliefertes Ausnahme- Zeley gegen das weibliche Geschlecht und«in Verstoß gegen die ver- afsungSinäßig gewährleistete Gleichheit vor dem Gesetz, die den Paragraphen 47 und 180 Hohn spricht. Sie wies nach, an Hand großen statistischen Materials, daß die Hälfte aller Prostituierten durch Jammer und Elend zu ihrem traurigen Bewerbe kommen, und der größte Teil der zweiten Hälfte nicht durch eigene Schuld, sondern durch die Versäumnisse der Umgebung, de« Staate«, der Gemeinde und der Familie. Die Prostitution, sagte die Referentin. ist eine antisoziale Maßregel, im Interesse einer kaufkräftigen M ä n n e r k l a s s e. gegen die armen unbemittelten Töchter deS Volkes, die sie der tiefsten Erniedrigung, au« der eS fast kein Ent- rinnen gibt, in die Arme treibt. Die Prostitution ist unsittlich weil sie weibliche Wesen zu Handelsobjekten herabstempelt. und dadurch die Achtung vor der Frau im allgemeinen vernichtet. Die heutige Reglementierung sei direkt antihygienisch, da sie dem Manne eine niemals zu gewährleistende Sicherheit vor- täusche und ihm außerdem jedes Verantwortungsgefühl abnehme. Der berühmt« Professor Reißer sage darüber, die sanitäre Ueber- ivachung. wie sie heute ausgeübt wird, ist nicht so. daß sie„auch nur einigermaßen ein« Gewähr für die Nichtinfektiosität der Untersuchte» böte". Außerdem bewirke da« heutige Kontrollmädchensystem, daß die noch nicht unter Kontrolle stehenden Prostituierten vor jeder ärztlichen Behandlung zurückschrecke», sogar wenn eS sich gar nicht um venerisch« Krankheilen handle. Bemerkenswert fei, daß 4S Proz. aller Ehefrauen durch ihre Männer infiziert würden. Wer untersucht und behandelt diese Männer? Nicht die Sittenpolizei, sondern der PrivathauSarzt. der die Frau nicht einmal über die Art ihrer Er- kranknng ausklären darf, während andererseits die ärztliche Schweige- pflicht fortfällt, wenn iveibliche Personen nur unter dem Verdacht aewerbSinäßiger Unzucht stehen. In Ländern, wie Frankreich, die die Reglementierung besitzen, sind die Geschlechtskrankheiten am stärksten vertreten. Länder, die die Reglementierung abgeschasst, hoben nachweislich die VolkSgesundheit gehoben. Je mehr die »rauen Rechte erringen, besonders das Frauenstimmrecht, desto mehr werden sie darauf einwirken, ihre Macht zur Beseitigung diese« Un- rechts aufzuwenden. Denn wenn auch die Reglementierung zu einer bv'ienifchen Einrichtung gemacht würde swa» unmöglich erscheint!). wäre diese Einrichtung zu teuer bezahlt mit der H e r a b s e tz u n g deS WeibeS, der Kuppelei durch den Staat, und der totalen Verwirrung aller sittlichen Begriffe. Bersammlungen— Veranstaltungen. Perein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, den 2. Oktober, abends 8 Uhr. in Kellers.Neue Philharmonie', Köpenicker Str. 96/97. Vortrag: Franz LiSzt(EinführungS- abend zu den Liszt-Konzerten). Referent: Leo Kestenberg. Auf- führung von Liedern und Werken für zwei Klaviere. Klavier: Frl. Gcrnth und Herr Flesch, Lieder für Alt: Frl. Nettermann, Begleitung: Frl. Friedburg. Sonntag den 15. Oktober, nachm. 4 Uhr, im Bliithner-Saal, Liitzowstr. 76: 1. Konzert zur Feier des 100. Geburtstages Franz LisztS unter Mitwirkung von Frl. Maria Eheblad<«gl. Hofopernsängerin), Herrn Smauuel Reicher(Mitglied des Lessing- Theaters, Herrn Egon Petri(Klavier), Frau Margarethe Gille (Klavier), Herrn Walter Fischer(Orgel). Billetts a 50 Pf. sind zu haben im Verein, bei Horsch, Engelufer 15; Gottfried Schulz, Admiralftr. 40: Frau Klotzsch, Fichtestr. 1: Frau Jordan, Lübecker Str. 43; Frau Kulicke, Prinzenstr. 102; Frau Köhler, Schreinerstr. 58; Frau Panzeram, Pappel-Allee 76; Frau Guhn, Zorndorfer Str. 38: Frau Döring, Steinmetzstr. 23; Frau tannemann. Rixdors, Fantanestr. 25; Frau Jakobey, Wiesen- raße 10; Frau Pohl, Rostocker Str. 27. fc Ckrlcbtö- Zeitung* Der Vertrauensarzt der JnvaliditätSversicherung. TaS„Neumärkische Bolksblatt" brachte im Mai d. I. einen Artikel des folgenden Inhalts: Eine Frau Michaelis in Driesen, die sich durch mehrere Unfälle ein schweres Leiden zugezogen hat und dadurch bis zum Skelett abgemagert ist, hatte den Antrag auf Invalidenrente gestellt und mußte sich zu diesem Zwecke von dem Kreisarzt Dr. Steinberg in Friedeberg untersuchen lassen. Trotz- dem die Frau täglich von vielen Schmerzen gepeinigt wird, erklärte Dr. Steinberg sie für arbeitsfähig und gab ihr den freundlichen Rat, sich als Kinderfrau zu vermieten! Als die Frau erklärte, dann könne sie sich lieber gleich aufhängen, erwiderte Dr. Steinbcrg: Ra, dann hängen Sie sich man aus! An diese Darlegung war eine scharfe Kritik geknüpft. Wegen dieses Artikels erhob der Staatsanwalt öffentliche Anklage, die am Dienstag in Landsberg gegen den verantwortlichen Redakteur Genossen Hoffmann verhandelt wurde. Der Vertreter deS als Nebenkläger zugelassenen Dr. Steinberg, Rechtsanwalt Binting, erklärte, es sei der Inhalt des Artikels, der wahr sein möge, nicht beanstan- det, so datz jede Beweisaufnahme abzulehnen sei. Unter Anklage gestellt sei nur der formell beleidigende Ausdruck:„gefühlsroh". Der Verteidiger Hoffmanns, Rechtsanwalt Dr. Heinemann-Berlin, wies demgegenüber nach, datz hier eine ganz bestimmte Handlung des Arztes als gefühlsroh bezeichnet sei. Es finde also§ 186 des Strafgesetzbuchs Anwendung und der Wahrheitsbeweis könne nicht abgeschnitten werden. Das Gericht gab diesem Antrage statt und beschloß, Frau Michaelis und Dr. Steinberg als Zeugen zu ver- nehmen. Frau Michaelis bekundete, datz nicht nur der Inhalt des Artikels vollkommen der Wahrheit entspreche, Dr. Steinberg habe noch viel mehr gesagt. Als sie ihm klagte, daß sie völlig arbeits unfähig sei, von jeder Leiter, auf der sie stehe, herabfalle usw., habe Dr. Steinberg erwidert, das ist egal, wie Sie zu Tode kommen Als sie auf die Bemerkung des Arztes, daß sie sich als Kinderfrau vermieten solle, erwiderte habe, das' könne sie nicht leisten; am besten sei es, wenn ein armer Mensch sich aushänge, bemerkte Dr. Steinberg: Davon, daß Sie das tun, wird Sie keiner zurückhalten! Dr. Steinberg gab die Möglichkeit zu, diese Acutzrrung getan zu haben. Er habe die Bemerkung der Frau, sie müsse sich das Leben nehmen, wenn sie die Rente nicht erhalten, als— eine„Art Er- pressungsverfuch" angesehen und habe darauf möglicherweise, wie behauptet, erwidert. Er würde auch heute noch genau dasselbe wieder sagen. Dagegen bestritt er entschieden die andere Aeutze rung, die Frau Michaelis bekundete, getan zu haben. Der Ber- teidiger beantragte die Freisprechung HoffmannS, da der Wahrheits beweis voll gelungen sei. ES sei der Ausdruck gcfühlsroh nicht zu kräftig gewählt, selbst wenn man nur daS als erwiesen ansehe, waS Dr. Steinberg selbst zugebe. Es verdiene' schwersten Tadel, wenn ein Arzt einer so unglücklichen Frau, die um ihr letztes kämpfe und zu den Aermsten der Armen gehöre, so, wie hier geschehen, be- gegnc.— Das Gericht hielt bei dem Widerstreit der Aussagen nicht für erwiesen, datz Dr. Steinberg gesagt habe, es sei gleich. wie die Frau zu Tode komme, die Hauptsache sei nur, datz dies geschehe. Dagegen sei festgestellt, datz Dr. Steinberg auf die Be- merkung der Frau, datz sie sich das Leben nehmen müsse, wenn sie die Rente nicht erhalte, gcanttvortet habe, wenn sie das tue, werde sie niemand daran hindern. Wegen des formal beleidigenden Aus- drucks wurde Hoffmann zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt. Soll nun unser Bruderorgan vom Kreisarzt behaupten, er sei gefühlvoll?-_ Ein Attentat auf einen Straßenbahnwagen, welche? unter Umständen zu jiiner Entgleisung hätte führen können, beschäftigte gestern die Strafkammer des Landgerichts III. Wegen fahrlässiger Gefährdung eines Elsenbahntransportcs waren die Schlosscrgescllcn Wilhelm Rhode und Bruno Steunert und der Eisendreher Adolf Bernhöft angeklagt.— Die Angeklagten dattcn am 1. Februar d. I. in einer Schankwirtschaft in der Prinzenallee an einem Gescllcnabcnd teilgenommen. Die An- gctlagten tranken nach Angabe des Schankwirts jeder etwa 25 Glas Bier und zahlreiche Schnäpse, so daß er ihnen nichts mehr ein- schenken wollte, da sie fast sinnlos betrunken waren. Als sie in einer gewissen Radaustimmung auf die Straße kamen, verübten sie allerlei Unfug, der schlietzlich einen recht gefährlichen Charakter annahm. An einer Stelle in der Prinzen-Allee. an welcher Pslasterarbeitcn vorgenommen wurden, schleppten sie neun Pflastersteine auf die Scksienen der Straßenbahn. Gleich darauf brauste ein Straßenbahnwagen der Siemens u. Halske-Linic heran, dessen Führer aber noch rechtzeitig die Gefahr merkte und unter Anwendung der Gefahrbremse den Wagen kurz vor den Steinen zum Stehen brachte. Die Angeklagten, welche sich noch in der Nähe aushielten, waren schon vorher beobachtet worden. Sie wurden von zwei hinzukommenden Schutzleuten festgenommen.— Die Staatsanwaltschaft erblickte in der Tat der Angeklagten eine vorfäyljche Transportgefährdung, bei welcher als Mindeststrafc eine Zuchthausstrafe von einem Jahre in Betracht kommt. Eine Eröffnung des Verfahrens auf Grund des 8 915 des Strafgesetz- buches. für welchen nur das Schwurgericht zuständig ist, wurde jedoch abgelehnt und nur Anklage wegen fahrlässiger Transport- gefährdung erhoben. Vor Gericht bekundete der als Sach- verständiger geladene Zivilingenieur Monthey, daß die Wagen der Siemens u. Halske-Bahn mit sogenannten Bahnräumern versehen sind, welche die Steine beiseite geschoben hätten. Tie Möglichkeit einer Entgleisung habe zwar trotzdem vorgelegen, sei aber nicht sehr wahrscheinlich. Rechtsanwalt Dr. Max Kantorowicz wies darauf hin, datz nach einer Rcichsgcrichtsentschcidung die Wahr- scheinlichkeit einer eventuellen Gefährdung und nicht nur die Mög- lichkeit eines Unfalles zu der Erfüllung des Tatbestandes einer Transportgefährdung vorhanden sein müsse. Nach dem Gutachten deS Sachverständigen müsse deshalb die Freisprechung erfolgen. DaS Gericht folgte dieser Ausführung und erkannte auf Frei- sprechung der Angeklagten, denen ober eine ernste Verwarnung durch den Porsitzenden zuteil Wird«, i Eue aller Melt. furchtbare Hungersnot in Sibirien. Hiobsposten ungclvöhnlichcr Art treffen aus dem Innern Sibiriens ein. Infolge der schlechten Somniercrnten droht überall das Gespenst der Hungersnot. Bisher sollen zirka 250 000 Menschen den Hungertod gestorben sein. Ent- schliche Szenen spielen sich in den Straßen der Städte und Dörfer ab. Zu Hunderten liegen die schon vollständig entkräfteten Bewohner vor den Häusern und auf den Landstraßen und erwarten in stoischem Gleichmut ihren Tod. Aus allen Teilen sind zahlreiche Spezialzüge mit Lebensmitteln nach den gefährdeten Gouvernements abgegangen, doch glaubt man, daß alle Hilfe zu spät kommt._ Zur Katastrophe von Toulon. Die Bergungsarbeiten im Touloner Hafen wurden im Laufe des letzten Tages fortgesetzt. Die Mannschaften mutzten mit großer Vorsicht ans Werk gehen, da man mehrfach auf nicht e x p l o» vierte Geschosse stieß. AuS dem Wirrwarr der Schiffs- trümmer wurden noch mehrere gräßlich verstümmelte Leichen geborgen. Herzzerreitzende Szenen spielten sich in Paris vor dem Marineministcrium ab. Während des ganzen Tage? erschienen Angehörige der Opfer der.Liberts', um sich nach dem Schicksal ihrer Lieben zu erkundigen. Noch immer ist man sich in den leitenden Kreisen über die Um- stände nicht klar, die zu der ungeheueren Ausdehnung des Unglücks geführt haben. Während das Marincministerium die Schuld auf Selbstentzündung des Pulvers schiebt, wird andererseits behauptet, datz die Abwesenheit des ersten und zweiten Kam« Mandanten der.Libertv' die Hauptursache an der Katastrophe trage. Die beiden diensthabenden Offiziere seien vor der Verantwortlichkeit zurückgeschreckt, die Munitionskammer unter Wasser zu setzen. Als sie aber schlietzlich den Befehl hierzu erteilten, sei eS bereits zu spät gewesen. ES gelang wegen der ausströmenden giftigen Gase nicht mehr, in den Raum zu gelangen, in dem sich die Vorrichtung zum Unterwassersetzen der Munitionskammer befindet. Schwere Blitzschlagunfälle. Bei einem schweren Gewitter, das am Dienstag über das un» garische Komitat E i s e n b u r g niederging, schlug der Blitz in der Gemeinde Z a l a f o in das Haus eines Landwirtes, namens Pala. Der Hausbesitzer saß gerade mit seiner Familie und einem Gast zu Tisch, als sich das Unglück ereignete. Pala, seine Frau und der Gast wurden sofort, getötet. Die vier Kinder des Landwirtes liegen schwer verletzt im Krankenhaus, und es be- steht wenig Hoffnung, sie am Leben zu erhalten. In der bosnischen Ortschaft B l a g u j schlug während eines Gewitters der Blitz in die Schule. Mehrere Kinder wurden getötet, eine Anzahl anderer verletzt. Jndianeraufstand in Mexiko. Wie ein Bild aus den vergangenen Tagen der Sitting Bnll und Schwarzer Adler mutet eine Meldung ans Mexiko an. Danach haben aufrührerische Indianer im Staate Las Chiapas am Sonn- abend den Ort C h a m u l a geplündert. Sie sollen einen Mann an das Kreuz geschlagen, Frauen und Kinder in barbarischer Weise hingeschlachtet, Säuglinge in die Luft geworfen und sie mit den Spitzen iHrer.Lanzen a u f g e f a n a e n haben._ Kleine Notizen. Schweres Automobilmiglück. In der ungarischen Ortschaft B a r o s fuhr in der vergangenen Nacht ein Automobil in eine Gruppe von Arbeitern, die eine Mauer entfernen wollten. Zwei Arbeiter wurden getötet, drei wurden schwer verletzt. Die Lungenpest in Asiatisch- Rußland. In der Provinz Scmir- jctschensk sind in der Nähe von NarynSk(Bezirk AtbaschinSk) acht Todesfälle an Lungenpest vorgekommen. Uebcrschwcmmung auf der Insel Martinique. Die Stadt Fort de France ist ü b e r s ch w e m m l, da der Fluß infolge von Regen- güssen über seine Ufer getreten ist. Die Magazine stehen unter Wasser. Der Schaden ist bedeutend. Die OnaiS sind e i u g e st ü r z t und die Schuppen fortgeschwemmt worden. KriekKaften der Redaktion. Sie lurimichc Sprc««u»de findet Li, n den st rase t>S, vorn«Irr Treppe» — F» I> r ft u li l—, woltirntägtiiti von r' j bis TA Mir abends, Sonnabends, von i'A bis 6 Uhr abend« doli. Jeder ftir dcn Brtrltaftcn detiimmten Änfrage ist ein Buihdabe und eine Zahl als Merr«lichc» detjusiigen. Aitrsltche Antwort wird nicht crlrilt. Aasraacn, denen leine Ädo»»cnicntSa»iitung bcigtsiig» id, werden nicht beantworict. eilige»rage» trage via» in der Sprechdnndc vor. G. 2. Wenn Ihr Nesse verheiratet iit, 1.08 M. Pro Tag, andcrcnsallS nichts.— Militär 148. l. Magistrat. 2. Vorsihcudcii der VeranlagungS- konmiission. 3. Ja, jedoch nur bezüglich der LtaatSeinkonimeiisteuer.— A. 23. Ja.—(5. V. 45. Eine Bcstrasuiig Ihrer Schwester ist nur für den Fall der Scheidung möglich.— Zt. 2. LO. Die Eltern hasten nicht. — K. W. 1000. Ihre Darstellung ist so unllar, dag wir eine AuSkunst nicht erteilen können. ES erscheint zweckmässig, einen Anwalt zu bestellen und denselben mündlich zu insormieren.— 2t. H. LI. 1. Nein. 2. Die sogenaiintc Uiiaussindbarkeit hemmt dcn Laus der VcrjährungSsrist nicht.— F. G. 8. Sie sind zur Lohnzahlung verpslichtet� Mit etwaigen Schadcncrsahaiisprüchcn töniien Sie ausrechne».— R. F. 15. Als Strastat in 5 Jahren.— Moabit 300. DaS Vertiko, welches Jg. Eigentum ist. Tvitteriinqeüveriievr vom L7. September 1014. u a Lq O g i i Ii SwMcmde 768Saffi Hamburg: 7 68 SO »trlir 1 768 S Frantt.a M 769 Still München 1770 SW Wie» 1 769 SN© iEcttcrvroqnoir Ocitn 1 wolkig 2 Dunst «K «ä» A II i- Mi I bald dir 12 Dunst Z heiter 2 heiter «tattonen �- s S öS c 5 Ä n - 3 i? 85 Lettre I i Davaranda 760 2 SA VclcrSdurg 764 SO Scillv>768 WS© Werveen 757 SSW VarrS 770 N t- i 2 Regen 1 Nebel 3 Dunst I 13 3 wölke»! 11 2 halb bd. 9 i 12 14 für Donnerstag.>Ai 28. September 1011. Mild, zunächst ziemlich trübe und nebelig, später wieder aujklarend bei schwache» südwestlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wclterbureau. Wasserstands. Ztaevrtäilr» der LandcSanstalt Ilir Oiewällertunde. mitgcleill vom Berliner©ctterbm can. Wasserstand Saal«,(Srochlth. Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Svremberg') , LecSlow Weser, Münden Minden Rhein. MaxrmilianSau . Kau» -. Köln R e ck a r, Heilbronn Main, Smheu»-' Mosel. Trier am 26.9. am 50 _ 2 —36 76 90 75 139 339 Ut 62 23 85 t icit 25 9. cm') —20 +3 +2 0 +1 +3 +2 +5 47 41 —18 0 0+ bedeutet Such»,-galt.- Unlerpeget. •v—■ 4i#;' r UHMANN mrUGUB GE.XLTRA.U O BN ST H.A. SS E EROFFTSlUXa unseres neuem SONNABEND djn 3 O. SEPTEMBER. HAMEN SCHNHDEIKHLEIDERuMANIEE FAHrtGELEÄENHEIT: VNTEBfiHUNDBAHN SPSlrcXMAnKT STRASSENBAHM: y, 38, vr, V%SS,5?, 62, 6V, 65,66, 6�6?, 1t,«, ri, 76, YS, r9,99, OMNIBUS: azteren Bralis zur frBMaung Smttbetuj HaäimHIag J Uhr erhält jeder Kunde eine versilberte Taschenuhr bei Einkauf eines Paar Stiefel von M. 11.50 an. Sensationell billige Posten Schuhwaren. Ledi :rsoh Ud Ein Posten Damen-Lederhaosschoh*, �55 mit biegsamer Sohle.. Paar nur M. 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S. berichtet man uns: Die Jugendbewegung, die hier trotz aller Verfolgungen die besten Fortschritte macht, läßt„unsere Behörden" nicht ruhen noch rasten. Der Tischler Genosse I ä n i ck e hatte am Jugendtage zu Pfingsten mit mehreren jungen Leuten einen Spaziergang unter- »ommen. Als er einen seiner Freunde zu sich winkte, wurde er von der Polizei sistiert und auf Grund unseres famosen Reichs- Vereinsgesetzes wegen unerlaubter Veranstaltung eines„öfientlichen Aufzuges' unter Anklage gestellt. Das Schöffengericht erkannte auf Freisprechung, da es Jänicke nicht als Leiter des Zuges ansah; die jungen Leute können sich auch ohne sein Zutun um ihn ver- sammelt haben. Die Strafkammer verurteilte unseren Genossen aber auf eingelegte Berufung des Amtsanwalts zur Zahlung von 30 M. und zioar auf Grund des.liberalen' Reichsvercinsgesetzes. Gehörst du zu uns? Eine Anrede an einen jungen Arbeiter. Von Heinrich Schulz. Herausgegeben von der Zahlstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands, Berlin SW. 68, Lindensir. 3. Verlag: Buchhandlung Vorwärts, Paul Singer G. m. b. H.(HanS Weber. Berlin). 20 Pf. Die Zentralstelle für die arbeitende fugend will mit dieser Schrift eine Lücke ausfüllen; es fehlte bisher an einer einfach und überzeugend geschriebenen Propagandaschrift für die jugendlichen Ar- bester und Arbeiterinnen. Die vorliegende Schrift sucht in der Form der unmittelbaren Anrede an einen Jugendlichen unter Anlehnung an seine Gedanken- und Gefühlswelt und unter Berücksichtigung seiner etwaigen Einwände die Bedeutung der proletarischen Jugend- bewegung darzulegen. Sie wandert mit dem Jugendlichen aus seinem ärmlichen Heim heraus und führt ihn dann durch die Schule mit ihrer ungenügenden und krüppelhaften Weisheit, durch Werkstatt und Fabrik, durch die Fortbildungsschule, durch die bürgerlichen Jugendvercine, um ihm überall der dieser Wanderung den Beweis zu liesern, dast der junge Arbeiter in die Kreise seiner proletarischen Jugendkollegen hinein gehört. Der Wert der Arbeiter- Jugend- bewegung in bezng anf die Bildung, Belehrung. Unterhaltung und Geselligkeit der Jugendlichen wird dem jugendlichen Arbeiter i» überzeugender Weise klargemacht. Todes-Anzeigen jol{{5jl Sozialdemokrat. Vabirerein für den 2. Herl. ReieiistaDswalireis. (Bezirk 127.) Nachruf. Am 20. September verstarb unser Genosse, der Barbier Eduard Weiß, Mittenwalder Straße 1. Ehre seinem Andenke»! Beerdigung hat bereits stall- gesunden. 211/ 12 Ter Borstand. Sozialdemokrat. Mlmm Adlershof. Am Montag, den 25. September. verstarb unser Genosse 203/12 Eniil Gottschalk Handjerhstraße 2, im Zill er von 44 Jahren. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 29. d. MtS., nachmittag« 5 Uhr. von der Halle de« hiesigen Gemeinde-Friedhoses au« statt. Rege Beteiligung erwartet Der Vorstand. ! RsliMIud„Sieden mM". M. d. A.-R.-B. Am 25. d. MtS. verstarb unser I Pseisenbruder Emil Gottschalk. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am ! Freitag 5 Uhr von der Leichen. Halle deS Gemeindefrledhosc« in f AdlcrShos au« statt. 226/4 Rege Beteiligung ist Pflicht. Nach langem schweren Leiden verschied am 26. September unser lieber Kollege, der Schrislsetzer Franz. Lange im Alter von 54 Jahren. Während seiner langjährigen Tätigkeit bei der Firnra hat der Verstorbene sich stets als braver Mitarbeiter und treues, Sljähriges Organisationsmitglied bewährt. Ein bleibendes Andenken bc- wahrt ihm vss personal von Ullstein& Co. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. September, vonnittagS 10 Uhr, von der Leichenhalle des Heilig- Kreuz- KirchhoscS in Mariendors, Eise- nachcr Straße, ans statt. 5805L Typographia. Allen SangeSbrüdcrn die be- trübende Nachricht, daß unser licbeS passive« Mitglied Lange am 26. September nach schwerem Leiden sanst ciitichlaseii ist. Während seiner L5jährigen Mit- alicdschast hat er sich die volle Achtung aller Kollegen erworben. Die Sänger werden gebeten, sich zahlreich an der Beerdigung unseres braven Kameraden zu beteiligen. 61/16 Ehre seinem Andenken! vei- Vorntand. Betr. Beerdigung stehendes Inserat. siehe vor. Melier Metallarbeiter-Verband Verwaltungstlelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Former Max Petersohn am 26. September an Blut stürz gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Tie Beerdigung findet am Freitag, den 29. September, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Paul«. Kirchhoses, Plöhensee, auS statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 123/13 Oie Ortsverwaltung Deutscher Holzarbeiter-Verbanii Den Mitgliedeln zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Dskar Neumann gorndorser Str. 42 im Alter von 37 Jahren ver- starben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Freitag, den 22. September, nach- mittag« 4 Uhr, von der Halle des Zentral-FriedhoseS in Frie- brich«! elfte aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 82/10 Tie OrtSvenoaltung. Am DienStag, den 26. Sep. tember. verstarb nach kurzem, schwerem Leiden unser einziger Sohn und Bruder LHeh im Alter von 11 Jahren an Scharlach. Er solgte seiner«chwester Emma nach, welche vor acht Zagen im Alter von 4'/, Jahren der- selben Krankheit erlag. Die« zeigt tiesbetrübt an Familie Albert Köpernick. Die Beerdigung findet am Frei- tag. den 29. September, nach. mittag« 4 Uhr, von der Halle des Rummeisburger Gemeinde-Fiied. hos», Lückilraße. aus statt. S42b Am 26. Septbr., früh 3'/, Uhr, entschlief nach langen, schwere» Leiden mein lieber Mann, unser guter Vater, der Rohrlegermeistcr Franz John im Aller von 47 Jahren. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen Klai-a John nebst Kindern Echonenschestr. 12. Die Beerdigung findet morgen Fieitag, den 29. Septbr., nachm. 3 Uhr, von der Kapelle des-st. Georgen-KirchhofeS in Weißcnsce auS statt. bL06L Am 26. Septbr., früh S1/. Uhr, entschlief sanft nach langen Leiden unser geschätzter Chcs 5807L Franz John. Ehre seinem Andenken! Rohrleger nud Helfer der Firma F. John _ Schckfienscheftr. 12. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau 58100 Marie Reift sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, sowie meinen Arbeitskollegen der Firma Jürft u. Eo. meinen herzlichsten Dank. Uei-thold Rcltt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau Marfka Brandt sage ich hiermit allen Beteiligten, den lScnossen und Genoisinnen des Wahl- veleins, den Kollegen U.Kolleginnen der MaSglühlicht- Akliengcsellschast, (Subener Straße und Auer-Gesell- schast, desgleichen den Sängern meinen innigsteii Dank. 8416 Karl Brandt, Rnmmclöburg, Att-Boxhagen la. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannc«, unseres guten ValerS Adolf Sievert sagen tvir allen Freunden und Be« kannten unseren herzlichen Dank. Witwe Bathilde Sievert SS09L mib Tohn. »ssssssss K' � E Unserem Kollegen und E stf Genossen ste | Georg Rohr und Frau|t die beste» Glückwünsche � zur Silberhochzeit. � E Die Werkstattkollegen.>v Unserem Genossen K Bruno Koch nebst FrautmvpsoJ2wiv. (3� Von der Reisezurück* Freischmidt, prakt. Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer, Charlottenburg, Berliner StraBe 107. 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Der Verfasser gelangt aus Grund seiner sorgsältigen aus zahlreiche statistische Tabellen gestützte Untersuchungen zu dem Nachweis, daß der Bergmannsberus, im Gegensätze zu dun in neuerer Zeit durchweg beobachteten Sinken der Fruchtbarkeit bei besserer Lebenshaltung die Tendenz zu steigender Fruchtbarkeit ausweist. Paul Kämpft mezker: Wellanschauung und Sozialdemokratie. Hest 1 der.Süddeutschen Volksbücher'. 64 Seiten. Preis 40 Pf. Eine durchaus gemeinverständliche Darstellung der wichtigsten philosophischen und ethischen Fragen in ihren Beziehungen zur Sozialdemokratie. L. Isenheim: Streik. Roman auS dem gegenwärtigen Klaflenkampf. In 6 LIcserungen a 30 Pf., in Leinen gebunden 8,60 M., Einbanddecke 76 Pf. Der aus der Arbeiterklasse hervorgegangene Verfasser schildert hier in meisterhafter Weise die Kämpfe der zum Klassenbewußtsein erwachten Arbeiter. Zahlreicher Bilderschmuck eine« Wünchener hervorragenden Künstlers verleiht dem Werke noch besonderen Wert. Rudolf Franz: Die schönsten Märchen für die vationale Kindemelt bearbeitet im Sinne des Reichsverbandei gegen die Sozialdemokratie mit zahlreichem Bilderschmuck von Reinh. Pfeiffer, München. PreiS 1 M. Eine meisterhafte politische Satire der deutschen Scharsmacher aller Grade de« durch seine Schrift:.Warum ich kein Sozialdemokrat bin l' be- kannten VersaflerS. tMff" Alle Buchhandlungen und Kolporteure liefern obige Schriften zu Originalpreisen. Möbel-Rechner Brunnenstr. 7, am Rosenthaler Tor. : Auf Kredit und gegen bar: Riesen- Auswahl Anzahlungen auf Stuben und Küchen: M. 15 30 50 75 GinzelDeMöbelstMe von 5 M. Anzahl, an. Sehlatzimmer etc. bis 25 bis 45 bis 70 bis 100 von 30M.Anzhl. an. Liefere auch nach auswärts. Abzahlung wöchentlich, monatlich resp. nach Ueberelnkunft. Vorzeiger dieses Inserats erhält beim Kauf 5 M. gutgeschrieben. Sonntags gobffnel von 8—10 u. 12-2 Uhr. Phänomen-Gold cS=t*±±LpL ,"-■: v-.'"V■: � �-"-' Theater und Vergnügungen Donnerstag, 28. 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Neues Theater. Ans. 8 Uhr. Gastspiel«anei Niete: Die Pr»a Grctl. Hierauf: Kttnlg Ocdlpw». Vorverl 10-2. Theater des Westens. 8 Uhr: Die Dame in Rot. Sonulag nachmittag 3'/, Uhr: Ei» Walzertraum. Reside»»z-Theater. Ansang 3 Uhr. Letzte Spielzeit unter Direktion Richard Alexander. Ei« ÄDalzer von Chopin. Schwank in 3 Akt. o. Ksroul u. Borrs. Morgen u. jolg. Tage: Dies. Vorstell. Sonntag, l. Okt., 3 Uhr, zu ermätz. Preisen: Die Dame von Maxim. hiel!sie!i-�ll!,slm8tgll!i8l!liö8 Schauspieliiaus. Donnerstag, den 28. Sept., 8 Uhr: Judith. Freitag: Kabale und Liebe. Sonnabend: Moral. Sonntag: Moral.__ Belle- All innce•Theater. Stute und morgen 8>s, Ubr: Zaza. o»nabend3'/, Uhr: Jpbigentc ans »auris. 8�. Uhr: Zaza. Dienstag. 8. Okt.. z t. Dl.: Der Siltenaposirl. �uisen-Theater. SibendS 8 Uhr: Das Wintermärchen. Unsnis. V�isseusokattllokes Ltrentsr �dsnäs 8 Uhr: I-ebenUe tierbilUer von nak unU kern. Da« Programm der Hörsaal- voi-trSga im 4. 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Man verlange Prospekte, die in den Zahlstellen das Vereins, in den Warenhäusern Tletz, Alexander-Platz, Frankfurter Allee, Leipziger Straße(an der Theaterkasse) und in der Geachlltaateile des Vereine: Köpenicker Sir. 68 unentgeltlich zu haben sind. Tolephonische Auskunft Amt IV 10292, 11138. Metropoi-Theater. Die Nacht von Berlin! Kroße Jnhresrevue in 7 Bildern von Jul Freund. Musik von B. Holländer. I» Szene gesetzi vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr.— Rauchen gestaltet. Letzte Tage! Ab 8 Uhr: 10 große Novitäten, Die G' schämige. Ein Dialog nach dem bekanuleu Bild _ von F. v. Rezutcek._ Reiehshallen-Thealer. Stettiner Sänger Mejreel, Britten, Seidel, Horst, Schrüter, Schubert Gröning A. u. R. Schräder. - Ansang wochentags 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. Sonntag, den 1. Oktober, nachmittags S Ehr: fessing- Theater ' Björuson: Wenn der junge Wein blüht. Thalia-Theater � John Galsworthy: Oer ZiprelMaslen. jlbendahteilungen Des Meeres und der Liebe Wellen. Neues Schauspielhaus Lessing: Nathan der Weise. Kesidenz-Theater Emil Augier: Die arme Löwin. Nermfeld-Theater Wied: ax2-5. Xeuc Mitglieder können»loh in allen Zahlstellen melden für die Siachmittagz- und Abendabteilnngen. 241/13 Der Torstand. I. V.: G. Winkler. Potsdamer Ar. 72 Allabendlich: Hurra! Parade! Gr. militärische Kevue in 6 Bildern. 8port-Attrak- tionen I. Ranges. Sololäufer u.-Läuferinnen, Schnellauf-Konkurrenzen, Hockey-Spiele usw. Zirka 200 mitwirkende. 2 Hnulk-Kapcllen.— Eeenhafte Ueleuchtung. Freitag, den 29. September: Berliner Vereinstag. Halbe Preise für Mitglieder aller Vereine. Auf vielseitigen Wunsch: Monntag, den 1. Oktober: Populärer Nachmittag. Eintritt bis 5 Uhr 80 Pf. Nachm. u. abends Vorstellungen. GrSsster Eispalast der Welt! CLOU BERLIN KK KOTZERTHAim MauerstraBe 82 X Zimmoretraßo 90,91. Gastspiel von •fohann Strauß aus Wien mit seiner Kapelle und dem Musikk. des 5. G.-Reg�F. fSCll ätSCli. Anfang 8 Chr. Anfang 8 Chr. Heute abend 7'/, Uhr: Brillante Vorstellung. Läs reichhaltige Programm und 9'/, Uhr die prachtvolle Feerie 1000 Jahre auf dem Meeresgrunde in 5 Bildern. Besonders hervorzuheben: 2. Bild: Maurischer Palast; das mlrchenhafte orientalische Ballett. 4. Bild: Oer Dampfer auf hoher See; Explosion und Untergang des Dampfers. 5. Bild; Das Palais de Danse; das glanzende Balabll». Rixdorf, Mainzer StraQe. Nähe des Hermannplatzes. Heute, Donnersiag, 8 Ubr: ? Boston amerikanischer Kunstradfahrer. -- Miß tlargncrite-- Schuireilerin. Massen- Pferde• Dressuren.— The twe Moulies, die besten Lustkünstler. tffaa&r Direktion: Willi Crcmcr. Moritzplatz. Hcnte nnd morgen nnwldcrrnfllch letzte Aufführung: Schauspiel in 3 Akten mit hlü lijffl Haupholle. I¥eii© Welt Hasenheide 108/114. Sonntag, den 1. Oktober: Polnische VirlsehaH Am Berliner Thalia-Theater über 400 Mal aufgeführt. Preise der Plätze: Vorverkauf Entree 50 Pf., Balkon 75 Pf., II. Parkett 1 M- I. Parkett 1,25 M. Vorverkaufsstellen: Neue Welt, i. Böckmann, Rixdorf, Bergstraüe 136; Krüger St Oberbeck, Hennannplatz 1._ MMII Lüh Theater Noch nie dagewesener Lacherfolg! Das Kind der Firma mit Anlon und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Vorher: Zclimgfiloss ögiisnlllung Ansang 8 Uhr. Vorverf. 11—2 Uhr(Jhcaf erfasse). Königstaiit-Kaslno. Holzmarktstr. 72, Ecke A.exanderstr. Täglich: In lauschiger Nacht. Burleske mit Gesang in 1 Akt. Nante Pohlmann Monny Solms. Mir.ni Neumann Rudolii. Präciosa, der weibl..Sherlock Holme»-. Rut wochmt 8. Somilags 6 Ubr. Saisonschluß I Die letzten vier Tage! Sensationelle Attraktionen! Johnstowns Untergang u. v. a. Eintrittspreis bis 6 Uhr 80 Pf., nach 6 Uhr 5« Pf. Kinder bis 10 Jahren haben in Begleitung Erwachsener freien Eintritt. Passage-Theater. Abends 8 Uhr: Marietta Olly (Kleines Theater) Guido Herzfeld (Deutsches Theater) in ihrem Sketch „In einer Nacht!" Sorna Balogh d. Sänger m. d. doppelt Kehle nnd da» große Variete-Programm. 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Diskussion.— 130/1 Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. fHisiv Groß-Berlin. Freitag, 29. September, abends C1!*|(ljr, im Gemerkschastshaust, Engelnfer 15, Saal Außerordentliclie General- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Beschlußfassung über das Arbeitslosen-Rcgulativ. streik. 3. Verschiedenes. _ Zablreichen Besuch erwartet__ 2. Stellungnahme zum Fenster- 133/2 vor Yor»t»nck. Dp, Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41,„tÄ. 10—2. 5—7. Sonntags 10—12. 2—4 Gartenstadt Folkeniiasen-West direkt am Bahnhof See£efeic Fahrzeit ab Lehrter Hauptbahnhof 30 Min., ab Charlottenburg. Bahnhof Jungfernheide. 10 Min, tteizendo landscbaftUcbeLage. meilenweite Laub- u. Kadel- waldungen. Idoalate Wohn- stiltte für Jedermann. Leichtester Erwarb einet Eigenhelm«. HZ Hochwald-, � Landgrundstäoke. □ R. 16 Mark anl Klelnete Anzahlung. 18 jähr. Amortieatlonehypothek.— Som- ner-Ferlenhäueer 300 M.. Eigen. hkueer 5003 M. an. Ä-uskunft u. 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Oktober, nachmittags 3 Uhr, am Dienstag, den 3. u. 10. Oktober, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 15, Saal I. am Mittwoch, den 4. u. 11. Oktober, abends 8 Uhr, im Artushof, Perleberger Str. 26 (Moabiter Wintergarten). Anmeldungen erbitte rechtzeitig vor Beginn des Unterrichts, sowie nach meiner Wohnung zu —————— richten.————————— Hochachtungsvoll Bichard Heinrich, Wrangelstr. 107, vorn II. i Die neuen UnterrichfSeKurse beginnen; Sonntag, den 1. Oktober, nachm. 3 Uhr, in Anton Boekers Festsälen, Weberstr. 17. Donnerstag, den 4. Oktober, abend« 8 IJhr, in Webers Gesellschaftshaus, Willielmsbcrg, Hohen- Schönhausener Str. 58. Anmeldungen erbitte in meiner Wohnung Keibel- straBe 6 III oder bei Beginn des Unterrichts. Hochachtungsvoll Reinhold Schcbel, Tanzlehrer. MM' | Wichtig für Frauen, Töchter, Schneiderinnen. 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Süden. »Wilh.«oerner, Ritterstr. 15. 'August Zech. Gitschlner Str. 53. »Vinstav Schmidt, Gräsestr. S8. 'Gustav Lochmanu» Wastertorstr.43. Nordwesten. »Richard Kiepert, Zwinglistr. 23. Otto«ornkestcl. Waldstr. 33, III. 'Robert Kern, SIromstr. 25. Skichard Schoppan. Wiclcsstr. 4S, I. H. Hagedorn, Beusselsti. 33. -Büsenberg, Rostocker Str. 21. Norden. 'Deglow. Hochstr. 2a. »Paul Mazante. Pankslr. 24. »Hermniiu«ornehki, WollinerSt. 23 Heinrid, Kempers. gehrbelliiicr Straße 57. A. Liiidciiiaiiii'RheinsbcrgcrStr.37. »Friu Sperber, Ruppiner Str. 44. »Franz Proske, Ruppiner Sw. 2t. »«. Moritz. Bernauer Str. 18. Hermann Licbrccht, Wcißenburgcr Straße 33. »Julius Ricke, Saarbrückcr Str. 7. »Büilh.«lein. Müllerstr. 184. P.ini Oviv, Lynarstr. 2. »«. Robrahn, GreisciihageiierStr.tS. »Karl Gugclhardt, Schönhauser Allee 50a. Karl Hellman», Schönhauser Allee t0a IE »Frau Krause, Biesenthaler Str. 3. »Oskar Klose, ZieillickcndorserSlr.36. H. Bongardt. Gleinistr. 40. F. 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Ttübner, Steglitz, Schloß- straße 115. M. Lehmann, Rcinickendois- Ost. Thiliierstr. 5. »Wilh. Klein, Tegel. Berliner �tr. 84 Her«. Goldman». Tegel. Berlin-? Straße 33 pt. »Alb. Janike. Pankow. Mühlenstr. 38. »Jacobt. Wcißensce.BerliiierAllce 173 Rob. Werner, Weißensce. Sedan- straße 13 I »nftrrde« sämtliche Verkaufsstellen der GrosteinkaufSgefellschaft Hamburg. Alle mit einem» versehenen Firmen haben Ladengeschäste. ... Nachträglich eintreffende Bewilligungen werden den späteren Veröffentlichungen mit angefügt.— Plakate für Fabrikanten werden nur gegen Vorzeiauna des unterzeichneten Tarifs im Bureau der Tabakarbeiter, Groge Hamburger Str. 1K/19. 2. Hof II, ausgehändigt.' Obigen Tariffirmen zur Kenntnis, daß Plakate für die Händler, die Zigarren zu Tariflöhnen und nachweislich n ur von Tariffirmen beziehen, den in Franc kommenden Fabrikanten täglich nachmittags von llß—6 Uhr von Unterzeichnetem ausgehändigt werden. � Auf verschiedene Anfragen diene zur Antwort, daß wir eine Liste derjenigen Fabrikanten haben anfertigen lassen, welche neben den im„Vorwärts" veröffentlichten Nomen Tarife mit unserem Verband abgeschlossen haben. Diese Liste können sich legitimierende Händler im Bureau erhalten. �-lauun, Der ZIgarrensabrikant Herr I. Ttubrey N., Gleimstr. 10, int Laden, erfüllt die Tarifbedingungen nicht. Die Fabrik ist für unsere Kollegen Htzlperrt. ffilii QtV ittVttrtUCHÖWlWlL 31. Tchulzc, Große Ham53rger Ttr. IS/IS. i Verkäufe. Tcppiche tFarbensehler) Gelegen. heitsk-ius. Fadnklager Mauerhofs� Nur Große Fraiikfurlerstraße g, Flur emgnng. Gegründet 1874. Vorwärts� lesern 10 Prozent. Sonntags geöffnet. 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Zuschriften erbeten an l. SchSnhorz, Biala(Calizien), Haupt- straBe 39. 296/6» Achtung! Holzarbeiter. Wegen Streik oder Lohn- disferenzen find gesperrt: Parkettbodengcschäft Kampf» moyer. Chr. Becker Söhne. Klrstoin. Berliner Parkettf. Bad» ineycr, Jnh. Knssack. Blbinger. Kosenfold. Bumkc i. Fa. Schlesinger, Butterweich. Pick. IV w.«all, Bibrich. Ccrfreter: Beliehen. VVoyck. ■leine, Berlin. Bernfsvcreln der Berliner Parkcttgescbält«. THo- niastusstr. 18. Goldlcistenfabrit Dschlcrle� in Rixdorf. Räderfabrik»enn, Schlefifche Straße S8. Kammfabrik Bloch, Warschauer Straffe 41/4« und Revaler Straffe 1. Bantischlerei raal, Monu- nientens, raste 23 und Hagel- berger Strasse 4. SitmUlche Betriebe in Hamburg. Das Berliner Arbeitswilligen- vcriiiittelniigsbnreau d. gelben »Halidlorrkerschntsverbaiides». 'Arbeitsnachweis d. Stell macher- inuiliig und der Büagcnfabri- kanten, Kaiser-Franz-Grenadier» Platz. Zuzug ist streng sernzuhallen. Die Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Holzardeiterverbandcs PxrantkvortliÄer Richard Barth, Berlin. Für den Jnferatentell verantw.i TH.GIvcke, Berlin. Druck u. Berlag: Pgrsärl« Kvchdrullerei u. Berlagsanftalt Paul Singer Brillu LÄ. i,.227. 4. Keilte des„Wmiirts" öerlllltr MllisdIM. Partei- Hngelegcnbeiten. Groß-Lichterfcldc. Heute Donnerstagabend: Handzettelverteilnng. Die Bezirksführer des Westens nehmen die Handzettel Dürer- straße 42, des Ostens im Kaiserhof in Empfang. Freitag, den 29. d. MlS.. abends 8>/z Uhr. im Saale von Ernst Richter, Chausseestr. 104: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: .Der Hunger droht. Die Notftandspolitik unserer Gemeinde- Verwaltung". Referent: Genosse Julius Kaliski. Die Herren Ge- nieindevertreter find eingeladen. Arbeiter, Parteigenossinnen und Genossen, sorgt für Massenbesuch. Der Einberufer. Köpenick. Heute Donnerstag, abends 8 Uhr, im Stadt-Theater: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung:.Die politische und Wirt- schastliche Lage". Referent: Genosse Siering. WaidmannSlust und Umgegend. Am Sonnabend, den 30. Sep- tember, abends 8 Uhr, in Hohen-Neuendorf bei Blessin, sWaldschänke Frohnau, am Bahnhof Stolpe): Anherordentliche Mitglieder- Versammlung.— Tagesordnung: Vcreinsangelegenheiten und Ver- schiedeneS.__ Die Bezirksleitung. Berliner JSacbricbtem Das Wctterbureau. Seitdem der Mensch sich die Luft erobert hat, ist die Kenntnis der Luftströmungen und der Witterungsverhältnisse für die nächsten Stunden oder Tage zu höherer Bedeutung gelangt. Kein Luftpilot unternimmt heute eine über mehr als eine Stunde ausgedehnte Fahrt, ohne über die Wetter» aussichten genaue Erkundigungen eingezogen zu haben. Die hierfür maßgebende Stelle ist in Berlin das lange Zeit rein wissenschaftlich im Verborgenen gcblühte und erst im Jahre 1906 durch die forcierten Versuche mit lenkbarem Flugzeug mehr an die Oeffentlichkeit getretene, von Professor Lessen geleitete Wetterbureau in der Berliner landwirtschaftlichen Hochschule. Man darf sich nun darunter nicht ein Institut wie etwa eine Sternwarte mit ihrem umfangreichen teämischen Hilfsapparat vorstellen. Vielmehr besteht die ganze Einrichtung der paar Arbeitszimmer aus einigen n»it Schriftstücken überladenen Tischen sowie einer größeren Anzahl von Thermometern. Barometern und Hygrometern. Tiefes letztere Instrument, das wagerecht aufgehängt wird und zur Messung des Feuchtig- keitsgehalts der Luft dient, ist für die VorauLbestimniung der Witterung von ganz besonderer Wichtigkeit. Lediglich mit solchen Apparaten an einer einzigen Stelle läßt sich nun eine Vorausbestimmung des Wetters nur unvollkommen be- rechnen, das heißt im großen und ganzen nur für Berlin, die Provinz Brandenburg und etwa noch ihre allernächste Umgebung. Damit wäre den Luftpiloten und den zahlreichen übrigen Interessenten, die innerhalb eines einzigen Tages von einem Ende Teutschlands zum anderen mit der Eisen- bahn fahren, nicht gedient. Es mußten also Einrichtungen getroffen werden, um die Wetterprognose für ganz Deutsch- land und noch darüber hinaus zu stellen. Zu diesem Zweck ist Norddeutschland in zehn Wetterbezirke eingeteilt, die jeder für sich, genau wie die Berliner Meßstclle für Berlin und feine weitere Umgebung, ihre Beobachtungen machen und diese der Hamburger Secivarte mitteilen. Außerdem bestehen im ganzen Deutschen Reich,', also auch in Süddcutschland. mehrere hundert Wetterdienststellen, an denen nach bestininl- ten sinnreichen Regeln die Temperatur, der Luftdruck, der Niederschlag und die Feuchtigkeit der Luft gemessen wird. Tie Ergebnisse dieser Messungen an den zahlreichen Einzel- stellen sind nun sehr verschieden, je nachdem sie innerhalb großer bebauter Komplexe(Städte), auf dem flachen Lande oder im Gebirge erfolgen. Natürlich ist nicht überall ein besonderes Wctterbureau wie in Berlin eingerichtet, sondern viele naturwissenschaftlich gebildetere Leute, insbesondere auch Lehrer, unterziehen sich der ziemlich genauen Sammelarbeit. Von allen diesen Einzclstellcn wird das Ergebnis der Beob- achtung täglich nach Berlin telegraphiert. Dazu kommt das Tepeschenmatcrial der an die Hamburger Seewarte von den zehn Wetterbezirken Norddeutschlands erstatteten Berichte. Erst wenn von allen Seiten täglich in schneller Folge die Fäden zusammengelaufen sind, läßt sich das Netz spinnen, eine annähernd zuberlässige Wettervorausberechnung für den nächsten Tag und je nach Umständen auch für einen längeren Zeitraum. Ohne Frage wird diese exakte Organisation, dcrm Nutzen für moderne Arbeits- und Lebensverhältnisse gar nicht abzusehen ist, im Laufe der nächsten Jahre noch erheblich vervollkommnet werden können und müssen. Treten auch zuweilen so schnell Luftveränderungen ein. daß die Prognose über den Haufen geworfen wird, so ist doch zweifellos den Ankündigungen des Berliner Wctterbureaus eine gewisse Zuverlässigkeit nicht abzusprechen. Aus der Deputation für die Straßcnreinigung. In der letzten Sitzung der Deputation für die städtische Slratzenreinigung stand als erster Gegenstand eine neue Arbeitsordnung zur Beratung. Von unserer Seite waren zahlreiche ÄbänderimgSanträge vorbereitet, deren Erledigung über zwei Stunden der Verhandlungen in An- spruch nahm. Annahme fanden nur zwei Bestnnniungen. Zu Z 2 wurde die Zusicherung gegeben, daß Arbeitern, deren Einste llnng erfolgt, die Koste» deS beizubringenden ärztlichen Gesundheitsattestes erstattet werden sollen. Bei Nichleingestellten werden Kosten für das Attest ärztlicherseits nicht liquidiert.§ 3 ivurde dahin er- weilen, dag das statt einer Bescheinigung auszustellende Zeugnis bei Beendigung des Dienstverhältnifjes auf Verlangen auf die Leistungen und die Führung im Dienste auszudehnen ist. Außerdem erfuhr Z 1 eine" aus der Sache sich ergebende Lenderung. Alle anderen Anträge wurden von der Deputation mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt. Das Hauptargument der ablehnenden Mehrheit bestand in dem Eimvand, daß in �der Verbondinng, die von der Direktion mit dem ArbeiterauSichuß über die Arbeitsordnung gepflogen wurde, Einivände nicht erhoben seien, vielmehr dieselbe einstimmig genehmigt sei. Als Beweis wnrde das Protokoll der Verhandlung vorgelegt. Dasselbe trägr die Unter- fchrift von neun Ausschußmitgliedern. Diese Tatsache konnte die Antragsteller nicht abhalte», die ihrer Ansicht nach notwendigen Ver- besserungen zu beantrage». Unter den andere» BeratungSgegenständen befanden sich zwei UnterstüyungSgefuche. denen stattgegeben wurde.— Aufgenommen in den Arbeitsplan wurden mehrere Siraßen.— Der LiefernngS- vertrag für die Bekleidung des AnffichtS- und SrbeitSperfonalS mit der Firma Czempin wurde um zwei Jahre verlängert.— Dem VerkehrSmteresse entsprechend, wurden zwei Tclephonanschlüsse in den Abteilungen und den, Unitausch eines Autos zugestimmt. Die Wahlen zum Zwcckverband. Gestern fand unter Vorsitz deS Oberbürgermeisters eine Sitzung der gemischte» Deputation zur Vorbereitung des Wahlverfahrens und der Wahlen zur BerbandSver- fammlung des ZweckoerbandeS statt. Die Stadt Berlin hat zu der verbandsverfammlung außer dem Oberbürgermeister, der Bor- sitzender der Versammlung ist, 40 Vertreter zu entsenden. Jedes Verbandsmitglied muß außerdem mindestens einen Vertreter haben. Es müssen also 80 Herren von den Gemeinde- bchörden Berlins gewählt werden. Man beschloß, den Gemeinde- behörden für das Wahlvcrfahren die Anweildung des Wahl- reglemcntS der Provinzialordnung vom 29. April 187S mit gewissen Aciideruiigen zn empfehlen; insbesondere wäre das EiiiverftäiidniS des Ministers des Innern dazu einziiholen. daß die Wahlen in Berlin mit Rücksicht ans die Verhältnisse nicht durch Slinimzettel, sondern durch Zuruf erfolgen können. Es wurde in Aussicht ge- nommen, für die Wahl 8 Magistratsniitglieder und 32 Stadt- verordnete vorzuschlagen. Die Vorschläge der Personen soll in einer späteren Sitzung erfolgen._ Mehr Kinderschuh? Die Erwerbsarbeit schulpflichtiger Kinder ist in Berlin und seinen Vororten, wie die Kiiiderschiitzkommission oft geinig festgestellt hat, leider linmer noch überaus häufig. Auch die Vorschriften des KiiidersckmtzgeietzeS, das die Erwerbsnrbeit der Kinder von einem gewissen Atter an und unter gewissen Bc- dingungen noch zuläßt, können nicht verhindern, daß � die Aus- bentimg der kindlichen Arbeitskraft fortdauert. Dabei werden selbst die geringen Einschränkungen, die gegenüber der KinderauSbentling durch das Gesetz porgesckrieben sind, nur zu oft nicht beachtet. Die schlimnisten Mißbränche werden wohl in den Schul- ferien getrieben, wo ja die Versuchung, die Arbeitskraft von Kindern auszuilutze», für Unternehmer wie für Eltern noch größer als sonst ist. Das Kuiderschutzgeietz komnit solckicu Wünschen ohne- dies entgegen, indem es für die Schulferien die Ausnahmebestimmung trifft, daß die Arbeitszeit der erwerbstätigen Kinder, die sonst auf täglich drei Stiinden begrenzt ist, hier auf vier Stunden ausgedehnt werden darf. Aber diele vier Stliiiden genügen weder dein Unter- nehmer, der Profit aus Kinderhänden herausholen will, noch den Eltern, die ihre Kinder mitverdienen lassen wollen. Eine besonders arge Ueberfchreitiulg der für die Ferien zu- gelassenen Arbeitsdauer ist in den diesjährigen Sommerferien durch eine Kontrollcurin der Kinderfchntzkominisfion in einem Betriebe erniittelt worden, von dem es sehr fraglich erscheint, ob in ihm überhaupt irgendwelche Beschäftigung schulpflichtiger Kinder durch das Gesetz gestattet ist. Im Hinblick auf die Herbstferien, die in den nächsten Tagen beginncii nnd gewiß wieder mancheni Kinde durch langdalieriide Erwcrbsarbeit verbittert werden sollen, halten wir es für unsere Pflicht, die über jene» Betrieb gcinachtcn Fest- stcllungen zu veröffentlichen. Es handelt sich um das Geschäft von M. Aron iGreifswalder Straße 96— 98), das nach Angabe des AdreßbpckiS ein Produkten-EngroSgeschäft ist. Die Firma kauft hauptsächlich Abfälle von Papier und Pappen, um sie weiter zu verwerten. Der Betrieb ähnelt dem der L u m p e n s o r t i e r e r e i e n, in denen nach den Vorslbiiftcu de» KinderschntzgesetzeS die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder gänzlich verboten ist. Bei Aron sind aber, wie"leider erst jetzt bekannt geworden ist, eine Reihe von Jahren hindurch und bis in diesen Sommer hinein iir den Ferien zahl- reiche Kinder mitbeschäftigt worden und das obenein bei einer Arbeits- daucr, an der ein Erwachsener genug haben kann. In den diesjährigen Sommerferien sind bei Aron zugleich IS Kinder beschäftigt gcweien, die größtenteils aus dem benachbarten W e i ß e n s e e herbeikamen. Die Kinder standen, soweit Feststellungen darüber gemacht werden konnten, ini Aller zwischen 11 und 14Jabren; es ist aber sehr wahrscheinlich, daß einige noch erheblich jünger waren. Unter den Kindern befanden sich auch ein paar, die erst einige Wochen vorher anS der Erholungsstätte Birkholz zurückgekehrt waren, in die die Gemeinde Wcißensee sie wegen Kränklichkeit entsandt hatte. Die„Nachkur" in dem Aronschcn Betrieb wird ihnen«gut" bekommen sein I In demselben Arbeits- räum saßen Frauen, die Papier glatt strichen und sortierten, und Kinder, die aufgekaufte Mustcrkarten deS Rudolph Hertzogschcn Konfektionsgeschäfts in ihre Bestandteile zerlegten, indem sie die Stoffetzen von den Pappkartons lösten. Gewiß, diese sauberen Stoffetzen sind nicht dasselbe wie schmutzige Lumpen, aber auch durch sie wird bei der Arbeit ein den Lungen schädlicher Staub erzeugt. Bei dieser Tätigkeit brachten die Kinder in den Ferien dieses beißen Sommers täglich volle sieben Stunden zul Die Arbeit begann morgens um 7 Uhr, endete nachmittags um 4 Uhr und wurde durch Frühstücks-, Mittags- und Vesperl'ausen unter« brochen, über deren Länge die Angaben der Kinder schwanken. Nehmen wir sie auf zusammen zwei Stunden an, so ergibt sich bei neunstündigem Aufenthalt im Betriebe eine sieben- stündige Arbeitszeit. Im vorigen Sommer soll die Arbeit morgens um 7 Uhr begonnen und sogar bis 8 Uhr abends gedauert haben. Will man wissen, wie hoch der Verdien st war, den die Kinder heimbrachten? Selbstverständlich ließ das Geschäft die Kinder nicht gegen Tagelohn, sondern im Akkord arbeiten, weil so mehr ans ihnen herauszuholen mar. Mehr als 4 M. pro Woche scheint dabei kein Kind verdient zu haben, in der Regel ging der Verdienst wohl nicht über 3 Mark pro Woche hinaus, und manche Kinder schafften nur 2 Mark pro Woche oder noch weniger. 2 Mark pro Woche macht pro Arbeitstag ungesähr 35 Pfennige, das ergibt pro A rch e i l s st u n d e ganze fünf Pfennige. Für 5 Psennige pro Stunde wurden die Kinder bei glühender Sommerhitze in den dnilstigcn ArbeilSrainn gepfercht, für 5 Pfennige pro Stunde wurden sie um ihre Ferienerholung gebracht. Die Firma hat gegenüber dem Hinweis auf das gesetzlich Un- zulässige ihres Verhaltens die Kinder sofort abgelohnt. Sie ent- ichnldigte sicki damit, daß ihr bisher die B e st i in in u n g e n deS KinderschntzgesetzeS unbekannt gewesen seien. ES ist zu hoffen, daß bei ihr sich diese AllSniitznilg von Kindern nicht wieder- holt. Leider darf man aber überzeugt sein, daß ähnlich Schlimmes auch in anderen Geschäften getrieben wird und unbemerkt fortdauert. Die K i n d e r s ch u tz k o m m i s s i o n zählt zu ihren wichtigsten Aufgaben die, das Elend der erwerbstätigen Kinder aufzudecken. Nur zu oft muß sie sehe», daß Not es war, die die Eltern zwang. prositgierigen Unternehmern die Kinder als Ausbeutungsobjekte zu liefern. Auch zweierlei Mast. Das Berliner Polizeipräsidium teilt regel- mäßig im„Berliner Lokal-Anzciger" annlich mit, daß irgend ein „Führerschein" zur Führung eines Kraftfahrzeugs, der für eine be- stimmte Person vom VerkehrSkomniissariar ausgestellt war, für un- gültig erklärt wird und cinzuziehen ist. Darunter steht dann stets die Schlußformel:„Angeblich ist der Schein verloren gegangen". Im Abendblatt des ScherlorgnnS vom Dienstag sieht man zwei solche Bekanntmachungen, beide vom RegierimgSrat Haaselan unterzeichnet, Hintereinauder. Die eine betrifft einen Ritlmeislcr, die andere einen Cbausfeiir. Aber nur bei dem Chauffeur steht der Zu- sntz, daß der Schein„angeblich" verloren gegangen ist. Man sieht daran, wie zartsühlend doch jeweils unsere Polizei sein kann. Der Offizier würde sich doch schwer beleidigt fühle», wenn man in seine Angabe, daß er den Führerschein verloren habe, Zweifel setzen wollte. Dem einfachen Chauffeur darf man»ach Ansicht des Polizeipräsidiums ohne weiteres mißtrauen, ch Luft- und Lichtbäder sollen in städtischen Badeanstalten ein- gerichtet und den interessierten Vereinen auf Beschluß der städtischen Deputation für das Badewesen zur Verfügung gestellt werden. Von einer Zicvolte im Fürsorgestift Bcthnbara in Weißensce wissen bürgerliche Blätter folgende« zu berichten: Dienstag früh, als von vierzig Zöglingen die Mehrzahl bereits an ihre Arbeit ging, verweigerten acht Mädchen im Eßsaal den Dienst. Ans das gütliche Vorhalten der Vorgesetzten erwiderte eine, sie wäre schlecht behandelt worden, eine Wärterin hätte gedroht, ihr ein Tintenfaß an den Kopf zu werfen und solche Drohung brauchten sie sich nicht gefallen zu lassen.(Die betreffende Ausseherin sollte gestern Bethabara verlassen und hat auch seit Sonntag nicht mehr Dienst getan.) Da alles Zureden nichts half, wurde der Eßsaal Verstössen, Nun begannen die acht Mädchen einen wüsten Tumult. Sie bc- waffncten sich mit Gardinenstangen, zertrümmerten die Fenster, stießen die Wände der Bücherschränke ein, zerrissen eine erst vor kurzem an- geschaffte neue Bibliothek im Werte von 180 M. und demolierten Siühle, Bänke, kurz alles, was ihnen erreichbar schien. Die Ans- seherinnen holten nun die Polizei, zwei der Widerspenstigsten wurde» in die sogenannten Arrestzellen gesperrt; auch hier rissen sie einen angeschraubten Stuhl los, zertrümmerten das Fenster und die Tür- süllimg, zerpflückten est-.eii Strohsack und warfen die Fetzen in den Garten. Die anderen vier bis sechs hatten sich inzwischen beruhigt und sammelten sogar friedsertig die zerrissenen Bücher wieder auf und suchten die Spuren ihrer Tätigkeit zu beseitigen. Die übrigen Mädchen der Anstalt verhielten sich in der Nähstube völlig ruhig und äußerten ihren Unwillen über den Aufruhr der Genossinnen. Gestern früh wurden die acht aufsässigen Zöglinge dem Amtsgericht Weißen- sce zugeführt. Sämtliche Fürsorgezöglinge von Bethabara sind von der Stadt Berlin dorthin überwiesen und befinden sich in einem Alter von 15 bis 20 Jahren. Wie Direktor Knauth vom städtischen Waisenhaus der„Vossischen Zeitung" zu dem Borfall noch erklärt, wird die Be- Hörde keinen Strafantrag stellen, da eine derartige Bestrafung dein Prinzip der Fürsorge widerspreche. Der Antrag der Anstalt ist ohne Wissen der Behörde ergangen, allerdings wohl nur aus der Not des Augenblicks heraus, da die Leiterin und der Direktor nicht an- wesend waren. Es ist doch kaum anzunehmen, daß die Mädchen ohne jeden Grund und Ursacke zu den VerzweiflungSjchntten gekommen sind. Uns sind im Laufe der letzten Jahre wiederholt Klogen über die Behandlung der Mädchen in Bethabara zugegangen, ohne daß wir in der Lage waren, die Berechtigiiiig der Klagen nachprüfen zu können. Mit Strafen ist da nichts getan, es muß vielmehr eine gründliche imparteiische Untersuchung durch unsere Waisenverwaltung stattfinden, um die Wahrheit zu ermitteln. Ein Krieg um den Milchpreis scheint ausbrechen zu wollen zwischen den größeren Milchhändlcrn, die ihre Milch als Pächter direkt von den Produzenten beziehen, und den kleineren, die nur Abnehmer solcher Pächter sein können. Wir haben am Mittwoch berichtet, daß eine Versammlung von Mi Ich Händlern, die überaus zahlreich besticht war, nahezu einstimmig beschlossen hat, vom 1. Oktoeer ab den Milch- preis auf 24 Pfennig bei Ladenverkauf und 20 Pfennig bei Hanslieferung zu erhöhen. Die Ver« antwortung für diese Milchverteuerung wurde in erster Linie den Milchpächtern anfgcbürdert, denen man vorwarf, daß sie wegen der herrschenden Milchknappheit einander bei den Milch- Produzenten in den Preisen zu überbieten gesucht und dann die Mehrausgabe den als Abnehmer austretenden kleineren Milchhändlcrn zugcwälzt hätten. In einer Versammlung der M i I ch p r o d u- zenten, die an demselben Tage unter Beteiligung von Milch- Pächtern stattgefunden hatte, war beschlossen worden, daß in.Äetn gegenwärtigen Augenblick die Produzenten den Preis zu- nächst nicht weiter erhöhen wollten und daß im Handel der schon vor zwei Jahren festgesetzte MilchpreiS'vNi 22 Pf. bei Ladenverkauf und 24 Pf. bei HaiiSlieferiuig beibehalten und nunmehr allgemein durchgeführt werden sollte. Jetzt wird gemeldet, daß die Milchpächter auch gegenüber dem von den kleineren Milchhändlern gefaßten Beschluß einer Erhöhung des MilchprciseS auf 24 Pf. und 20 Pf. an ihren alten Preisen von 22 Pf. und 24 Pf. festhalten wollen und demnächst in einer vom Verein Berliner Milchpächtcq einzuberufenden Versammlimg darüber beschließen werden. Ein solcher Beschluß wird von der minderbemittelten Bevölkerung, die ohnedies unter der sonschreitendenVertcuerung allerLebensmittclschwcr leidet, mit Freude begrüßt werden, aber die Milchpächter haben keinen Anlaß, ans dieses„Opfer" besonders stolz zu sein. Sie können sich diese„Großmut" leisten, weil sie einen Teil der von den Produzenten ihnen aufgepackten Preiserhöhung bereits auf die ihnen als Abnehmer gegen über st eh enden kleine» ren Milchhändler abgewälzt haben, die ihrerseits die Mehrausgabe nun auf das konsumierende Publikum abzuwälzen versuchen. Den Letzten beißen die Hunde, aber der Letzte wird diesmal wohl der kleine Milchhändler bleiben, dem der Konsument die ver- teuerte Milch nicht wird abnehmen können oder wollen. Wohl der einzige, der bei diesem Milchlrieg ins Fäustchen sich lachend einen Profit einsackt, ist wieder mal der M i l ch p r o d u z e n t. Die Flugwoche in Johannisthal. Auch der viert» Tag der Flugwoche war vom Wetter äußerst begünstigt, so daß die sportlichen Leistungen sich denen der vorher- gehenden Tage würdig anreihten. Mehrere Piloten, nämlich Pietschker, Hosfmann und Fräulein Beese, flogen wiederum glatt ihre 2 Stunden und 20 Minuten. Auch S u v e l a k brachte es auf zirka 2 Stunden, Büchner und Engelhardt auf i*lt Stunden, Oe leri ch und S ch w a n d t auf l'/z Stunden' Unter den übrigen Fliegern zeichnete sich der junge H a n u s ch k e durch einen Flug ans, der sich in bedeutenden Höhen bewegte. Die höchste Höhe erreichte diesmal Kapitän Engelhardt, der eS auf etwa 700 Meter brachte. Doch war das Emporsteigen zu Höhen von 400 bis 000 Meter auch diesmal etwas ganz Gewöhnliches. Sicherlich hätte das windstille Wetter zu besonderen Höhenflügen eingeladen, wenn diesmal ein Höhenpreis ausgeschrieben wäre. Nach dem offiziellen Schluß deS Meetings gab es noch eine interessante Extravorsiellung, Es wurden nämlich zwei besonders ichuelle Nemifahrzeuge im Wettbewerb miteinander vorgeführt, eine Rumpler-Taube mit 120pfcrdigem Motor durch H i r t h und ein Aviatik- Eindecker mit lOOpferdigein Motor durch I e a n n i n. Beide Apparate besitzen eine Gcschivindigkeit von mehr als 100 Kilometern— welcher Apparat der schnellere ist, ließ sich nicht feststellen. Beide Piloten bewiesen ihre Künste durch die schneidigsten Evolutionen, durch jähe Ausstiege und ebenso jähe, sturzähnliche Gleilfliige aus beträchtlicher Höhe. Die tollkühne» Virtiioscnstückchen dieser beiden erstklassigen Flieger zeigten so recht, wie weit wir es bereits in der Beherrschung der Luft gebracht haben._ Selbstmord eines Schuhmanns im Lustgarten. Der 31 Jahre alte Schutzmann Emil Moll, der sich noch in der Probedienstzeil be- findet, hcn sich in der vergangenen Nacht gegen l3/4 Uhr im Lustgarten mit seinem Dienstbrowning erschossen, Moll sprach kurz vor- der noch mit einem Kollegen, der am Portal 4 des Königl. Schlosses Posten stand, ohne daß diesem das Geringste an dem Wesen Molls ausgefallen ist. Von der Klinik in der Ziegelstraße. zu der Kollegen des Moll diesen hingebracht hatten, wo aber nur noch der bereits eingetretene Tod des Beamten festgestellt werden konnte, wurde die Leiche nach dem Garnisonlazarett in der Scharnhorststrabe gebracht Moll hatte sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen, die aus der linken Kopfseite wieder herausgedrungen war. Auf der Suche»ach Albert Gicsow. Die Nachforschungen nach deni im Jahre 1898 verschwundenen Lederarbeiter Albert Giesow� der vermutlich das Opfer eines Verbrechens geworden ist, werden mit voller Energie betrieben. Auf dem Grundstück Britzer Str. 11 sind seit gestern Morgen um 8 Uhr wieder sechs Pioniere unter der Leitung zweier Kriminalbeamter damit beschäftigt, den auf dem Ho" belegenen Garten umzugraben und nach den etwaigen Resten des Skelettes zu forschen. Die 49 Quadratmeter große Fläche wurde von den Soldaten im Laufe des Vormittags bis zu einer Tiefe von zwei Metern vollständig umgegraben und die in dem Garten stehenden Bäume zum Teil entfernt. Bis gegen mittag konnte man jedoch noch nichts Verdächtiges finden. Der Verdacht der Kriminalpolizei war auf zwei Stellen des Terrains ge richtet. Man nahm an, daß, wenn die Leiche überhaupt in dem Garten vergraben sein sollte, sie wahrscheinlich unter einer mitten auf der kleinen freien Fläche errichteten Laube verborgen sein würde. Die Holzlaube wurde deshalb sorgfältig entfernt, doch fand man hier nichts. Auch die Untersuchung der zweiten Stelle ergab kein positives Resultat. Auf der hinteren Seite des Hofes stand bis zum Jahre 1897 eine kleine Tischlerei, die in dem genannten Jahre abgerissen wurde. An der Baustelle befand sich eine tiefe Baw grübe, die, wie aus den anonymen Briefen hervorgeht und durch Nachforschungen der Behörde bestätigt wurde, einige Tage nach dem plötzlichen Verschwinden Albert Giesows zugeschüttet wurde. Jedoch auch hier fand man nichts. Die Ausschachtungen wurden bis zu einer Tiefe von zwei Meter durchgeführt, weil eS ausgeschlossen erscheint, daß ein oder zwei Männer, also die mutmaßlichen Täter im Laufe einer Nacht ein tieferes Loch auszw heben imstande gewesen sein können. Die Ausschachtungsarbeiten in dem Keller Giesows, der, wie bekannt, späterhin zementiert wurde, werden erst im Laufe des Donnerstags vorgenommen werden. Die Arbeiten dürften sich dort sehr schwierig gestalten, da die Betondecke 39 Zentimeter stark ist und nur sehr vorsichtig mit Hammer und Meißel entfernt werden kann. Sollte sich unter der Zementschicht etwa eine Lage Kalk befinden, so dürften die Nachforschungen er- gebnislos sein, da die Knochen des Skeletts von dem Kalk aufgezehrt sein dürften. DaS HauS Britzer Str. 11 wurde am gestrigen Vor mittag von Hunderten von Zuschauern belagert, die sich stundenlang vor dem Gebäude aufhielten und vergeblich einen Blick auf den Hof und den angrenzenden Garten zu tun versuchten. Das Eingangstor wurde von Schutzleuten flankiert, die Neugierige energisch abwehrten und uur Hausbewohnern den Zutritt gestatteten. Noch nicht aufgeklärt ist bis heute ein Vorfall, der sich in der Nacht von Montag zu Dienstag in Oranienburg in der Lehnitzstraße abgespielt hat. Gegen 3 Uhr morgens fand ein patrouillierender Polizeibeamter in dieser Straße einen Mann auf dem Straßendamm ausgestreckt liegend. Der Körper war mit Blut besudelt, das linke Ohr zur Hälfte abgerissen und der Schädel am Hinterkopf gespalten. In dem völlig Bewußtlosen wurde der Baggermeister David Enselaid rekognosziert, der bei der Firma Gramens angestellt war. Im Krankenhause konstatierten die Aerzte noch außerdem eine schwere Gehirnerschütterung. Wenige Stunden später ist E. dort ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, gestorben. Man nimmt an, daß E. das Opfer eines heimtückischen Ueberfalls geworden ist, der aus Rache gegen ihn verübt wurde. Ein Raubmord dürfte kaum in Betracht kommen, da weder Uhr noch Portemonnaie fehlten. Zu dem Tode der Frau Erter schreibt uns der Vermieter des Hauses Voigtstraße 7/8 folgendes: Die Notiz macht mir den Vorwurf, durch Erhebung der Ex- missionsklage die Ursache zu dem Selbstmorde der Frau Erler ge- geben zu haben. Dies ist insofern unrichsig, als Herr Erler selbst der Kriminalpolizei Bezirk 3 erklärt hat, daß schon vor der Er- Hebung der Exmissionsklage die Schwermut seiner Frau insbesondere darin ihren Grund gehabt habe, daß er vor mehreren Wochen mit einer anderen Frau ausgegangen sei. Die Notiz macht mir ferner den Vorwurf einer rigorosen Ausnutzung des Exmissionsrechtes in einer unbegründeten Klage. Es ist richtig, daß ich ebenso wie vielen anderen Mietern, auch Herrn Erler gegenüber bei unpünktlicher Mietszahlung häufig Nachsicht geübt habe. Ich habe aber bei aber- maliger unpünktlicher Zahlung im August d. I. Herrn Erler aus- drücklich darauf hinweisen lassen, daß in Zukunft die Miete pünktlich, d. h. spätestens bis zum vierten Tage des Monats, bei Vermeidung der Exmission gezahlt werden müsse. Erler war demnach vorbereitet. Aus diesen Gründen hat auch das königliche Amtsgericht Berlin- ' Milte im heutigen Termine dem Exmissionsantrage ohne Beweis- aufnähme entsprochen. Ein aufregender Borfall spielte sich gestern vormittag 19 Uhr in dem Hause Schmidstr. 17a, ab. Eine dort drei Treppen wohnende Frau wurde plötzlich geisteskrank, sang und schimpfte zum offenen Fenster auf die sich auf der Straße ansammelnde Menge hinab. Da die Frau sich eingeschlossen hatte, wußte die Polizei keinen anderen Ausweg, als die Feuerwehr herbeizurufen, die auch in wenigen ' Minuten zur Stelle war und die Kranke aus der Wohnung nach dem Polizeirevier in der Neanderstraße schaffte. Von dort erst brachte man dieselbe mittels Krankenwagens nach der Irrenanstalt. Erschossen hat sich gestern nachmittag 5 Uhr der 76 Jahre alte Privatier Martin Cohn aus der Joachimstraße 29. Als Motiv zur Tat wird Lebensüberdruß wegen langwieriger Krankheit angegeben. Ein sofort herbeigerufener Arzt konnte nur noch den Tod des alten Mannes feststellten. Zcugengesuch. Am 23. August ist eine Frau, die den Straßen- bahnwagen der Linie 29 vom Wedding bis Alexanderplatz in der . Zeit zwischen'/zIL— 1 Uhr benutzte, beim Ueberfahren einer Weiche zur Seite geschleudert und innerlich verletzt worden. Der Herr, der neben der Frau stand und den Vorfall beobachtete, wird um Angabe seiner Adresse an Röthe, Bülowstr. 53, Ouergebäude IV, gebeten. Zeugen gesucht. Personen, die gesehen haben, wie am Freitag, den 28. Juli d. I. nach der Versammlung mit den franzö- fischen Gewer schaftSsührern in der»Neuen Welt' des Nachts um V, 12 Uhr aus dem Turnplatz in der Hasenheide 1!4 Schutzleute kamen, werden gebeten, ihre Adressen an I. K l i ch e, LO. 26, Kottbuser Str. 13, gelangen zu lassen. Vorort- �acdricktem Charlottenburg. Charlottenburgs Vermögen und Schulden. Die Aktiva der Stadt- gemeinde betragen laut Vermögenslagerbuch 196,3 Millionen Mark, von denen 192,8 Millionen auf das Kämmereivermögen, 9.5 Millionen auf Stiftungsvermögen entfallen. Von dem Kämmereivermögen ent- fallen iviederum 113 Millionen auf die allgemeine Verwaltung, 56,9 Millionen auf Elektrizitäls- Gas- und Wasserwerke. 17,5 Millionen auf die Kanalisationswcrke und 3,5 Millionen ans Ladestraßen, Stätteplatz und Lagexplatz. Im einzelnen verteilt sich das Vermögen auf Grundbesitz mit 143,7 Millionen, ausstehende Kapitalien 15 Millionen, Kasienbestände 15,5 Millionen, ausstehende Einnahmereste 1 Million, Wert des Mobiliars und Inventars 19,3 Millionen. Gegen das Vorjahr ergibt sich eine Erhöhung der Aktiva um 16,8 Millionen. Die Passiven betragen laut Schuldlagerbuch 154,6 Millionen gegen 148,2 Millionen im Vorjahr, mirhiu 6.4 Millionen mehr. Von diesem Mehr entfallen rund 2,4 Millionen aus die städtischen Werke, welche die Verzinsung selbst aufbringen bczw. einen erheblichen Gewinn abwerfen. Die Anleiheschulden betragen 136 Millionen. Bei Gegenüberstellung der Zunahme der Aktiven und Passiven ergibt sich also ein Mehrzugang an Aktiven um 19,4 Millionen, ein Zugang, der zurückzuführen ist auf Ursachen, die ent- weder zur Schaffung von Vermögenswerten führten, ohne gleich- zeitig die Schulden zu vermehren, oder die Schulden einseitig minderten, insbesondere auf Neubauten. deren Kosten aus laufenden Mitteln bestritten wurden, auf da? Anwachsen der städtischen Fonds(einstweilige Kapitalansammlungen, Grundstücks- erwerbsfonds, Ausgleichsfonds usw.), den Mehrwert des Mobiliars (allein für die Beschaffung von Elektrizitätszählern wurden 963 999 M. aufgewendet, den Mehrwert des Verwaltungsüberschusses der Jahres 1911 gegenüber dem des Vorjahres(plus 733 999 M.) und die planmäßige Tilgung der Anleihen. Auch die höhere Be- Wertung der städtischen Grundstücke, schon infolge der aufgewendeten Zinsen, wirkte erhöhend ans die Aktiven ein. Schöneberg. Die Stadtverorbnetennachwahl im I. Bezirk zeitigte eine echt liberale Wahl. Schon in den Flugblättern wurden die Unwahr- heften über die Sozialdemokratie kübelweise gegossen, so daß der Reichsverband dagegen gar nicht aufkommt. Eine schöne Blüte im Liberalismus war nun erst der Wahlvorsteher Herr Großmann. Als ihm die Wähler scheinbar zu langsam den Namen dos Kandi- baten hersagten, nahm er den Wählern einfach den Stimmzettel aus der Hand und verlas den Namen laut und deutlich. Als unsere Genossen im Wahlvorstande gegen ein derartiges Verfahren pro- testierten, verwies der Wahlvorsteher die beiden Beisitzer aus dem Lokal. Kurz vor 8 Uhr wurde der Wahlakt geschlossen, als noch einige Wähler erschienen, wurde die Wahl nochmals eröffnet um sofort wieder geschlossen zu werden. Das Ergebnis der Wahl war folgendes: von 2239 einge- schriebenen Wählern gaben 578 dem Architekten Lassen die Stimme, während Genosse Mohs 333 Stimmen erhielt, elfterer ist somit bis zum 31. Dezember 1913 gewählt. Gegen die Wahl soll Protest eingelegt werden. (Sroft-Lichterfelde. Tie Gemeindevertretung nahm in ihrer letzten Sitzung Stellung zur Aufnahme einer vorübergehenden Anleihe von 399 999 Mark. Bürgermeister Schulz begründete die Notwendigkeit der Aufnahme einer sslchen Anleihe mit der unaufschiebbaren Er- höhung des Betriebsfonds auf 699 999 M. An Gehältern, Zinsen usw. seien jetzt schon zirka 179 999 M. ausgegeben und weitere Ausgaben auf Grund der Beschlüsse der Gemeindevertretung seien zu bestreiten. Das Darlehen solle von der Sparkasse des Kreises Teltow entnommen werden. G.- V. Meyer wünscht das Darlehen von der Sparkasse auf eine längere Reihe von Jahren; über den Kündigungstermin mit der Sparkasse gar nichts zu ver- einbaren, halte er mit Rücksicht auf die jeweilige Geldlage nicht für wünschenswert. Obligationsanleihen seien zu solch günstigen Bedingungen nicht zu bekommen, müßten auch außerdem amorti- siert werden; dies käme bei' schwebenden Darlehen in Wegfall. G.- V. Jäger will das Darlehen auf höchstens zwei !ahre aufgenommen wissen. Die Gemeinde werde doch bis dahin ungefähr einer Million Mark bedürfen und diese Summe durch eine Obligationsanleihe decken müssen. Die Gemeindever- tretung beschloß die Aufnahme einer Anleihe von 399 999 M. bei der Kreissparkasse Teltow zu 4 Proz. zur Auffüllung des Betriebs- fonds für so lange als die Sparkasse keine Amortisationsquote ver- langt. Innerhalb eines Jahres solle der Gemeindevorstand be- timmte Vorschläge bezüglich der eventl. Aufnahme einer weiteren Anleihe machen. Als stellvertretender Vorsitzender des Kauf- manns- und Gcwerbegerichts wurde an Stelle des verstorbenen Justizrats Scheff Justizrat Springer gewählt.— Ueber die Eisfabrik teilte Schöffe Lange mit, daß sie im kommenden Frühjahr in Betrieb gesetzt werden könne. Es seien bereits eine Reihe von Liefcrungsanträgen eingegangen.— Zur Anlegung einer Promenade auf dem Gelände der Terraingescllschaft am Neuen Botanischen Garten längs der Wannseebahn wurden 29 999 M. 'ür den Erwerb von 59 Ouadratruten Land und 3599 M. für Anlegung der Promenade bewilligt.— Außerhalb der Tages- ordnung lagen zwei dringliche Anträge von Mitgliedern der Ge- meindcvertretung vor. Der erste beschäftigt sich mit der neuen Rechtslage in der Auguststraße infolge eines Prozesses des Gärt- ners Thöin gegen den Bauverein und bezweckt den Anschluß der dortigen Grundstücke an die Kanalisation und den Erlaß eines Ortsstatuts auf Grund des Fluchtliniengesetzes bezüglich des Ge- ländes des Bauvercins. Die Angelegenheit wurde behufs Klärung einer Reihe juristischer Fragen einer Kommission überwiesen.— Der zweite Antrag Jäger betrifft die jetzigen Teuerungs- Verhältnisse. Ter Antragsteller frägt an, welche Schritte der Gcmcindevorstand zu unternehmen gedenke, um der drohenden Verteuerung der Lebensmittel vorzubeugen. Das Rieselgut erben sei nicht in der Lage, Kartoffeln und sonstige Nahrungs- mittel in nennenswertem Maße zu liefern. Es handle sich über- dies auch um die Fleischteuerung, der nach Möglichkeit gesteuert werden müsse. In der Presse seien auch Mitteilungen, über ein gemeinsames Vorgehen Groß-Berlins in dieser Frage erschienen. Gemeindevorsteher Schulz teilte mit, daß die Kartoffelernte auf Gut Werben schlecht ausgefallen sei und über den eigenen Bedarf von zirka 9999 Zentner kaum etlvas übrig bleibe. Ter Gemeinde»- vorstand habe sich über die Teuerung bereits unterhalten und die Frucht» seiner praktischen Politik sei, daß bereits 59 Zent- «er(l) Kartoffeln für die Armen der Gemeinde zur Verfügung gestellt worden seien! Die Vcrsor- gung mit Seefischen sei ja vielleicht(!) gut, aber man'werde am besten die weiteren Schritte im Gemcindevorstand und in einem päteren Stadium des Jahres beraten. Als aus der Mitte der Gemeindevertretung heraus darauf hingewiesen wgrde, daß es sich nicht bloß um die Ortsarmen handle, sondern darum, den Minderbemittelten überhaupt durch die Vermittelung der Go- mcinde Nahrungsmittel zu annehmbaren Preisen zu verschaffen und dadurch den durch die Teuerung entstandenen Notstand nach Möglichkeit zu mildern— da war der Herr Gemeindevorsteher er- taunt und rief naiv aus: Also verkauft sollen die Kartoffeln lverdcn, davon habe ich ja gar keine Ahnung!— Schöffe Lange hält die Sache nicht für so dringlich, während G.-V. Prause verlangt, daß jetzt sckwn geeignete Räume zur Lagerung von Fleisch, Fischen und Kartoffeln in Bereitschaft gehalten werden allen. Die ganze Angelegenheit wurde daraus dem Gemeind» vorstand, der noch einige Mitglieder aus dem Plenum� zuziehen soll, überwiesen. Es dürfte sich empfehlen, in der Ocfsentlichkeit mit N a ck d r u ck den Gemeinde vorstand zu einer beschleunigten Stellungnahme gegenüber der Lebensmittelteuerung zu vcran- lassen. Er scheint von der ganzen Sache wenig erbaut zu sein und das höchste, zu dem er sich allenfalls aufzuschwingen beliebt, ist die Gclvährung von Bettelsuppen an die Ortsarmcn, die man auch noch mit einem gewissen Stolz in die„praktische Politik' des Ge- meindevorstandes einreiht. Inzwischen werden auch die Mittel- standspolitiker, der Verein der Handwerker und Gewerbetreibenden usw. kein Mittel unversucht lassen, um die Aktion der Gemeinde zur Linderung der durch die Teuerung hervorgerufenen' Notlage zu verhindern. Lankwitz. Der dritte Lichtbilder- Bortrag de? Genossen Graf mußte be- .anderer Umstände halber verlegt werden. Derselbe findet schon am nächsten Freitag, den 29. d. M., bei Prochatzka statt. Teilnehmerkarten ind noch zu haben. Ferner wird bekannt gemacht, daß am nächsten Sonntag vor- mittag um 19 Uhr bei Schulz, Mühlenftr. 21, eine Uebung mit Musik zu den Kinderreigen stattfindet. Der Bildungsausschuß. !?ummersdorf bei Storkow. Eine außerordentlich gutiesuchte öffentliche Bersammlung tagte am Sonntag im Lokale von Helling. Gespannt folgten die An- wesenden den Ausführungen des Genossen Groger, der an der Hand einiger drastischer Beispiele zeigte, wie sich in de» ländlichen Bezirken die Herren Amtsvorsteher und sonstige polizeiliche Organe über die Gesetze hinwegsetzen, um dem politischen Gegner zu schaden. Sodann besprach der Referent unsere äußere Politik und wies nach, wie ohne Rücksicht auf die Jntereffen der breiteren Volksschichten das Grotz kapital mit Hilfe der Regierung fein verwegenes Spiel treibt. Die Aufforderung des Redners, bei der bevorstehenden Reichstagswahl für unseren alten, bewährtön Genossen Fritz Z u b e i I einzutreten, löste unter den Anwesenden allgemeinen Beifall aus. In der Diskussion sprachen sich mehrere Redner im Sinne des Referenten auS. Genosse Mitzner ersuchte die Versammelten noch, unsere Presse zu lesen. Hierauf wurde die Versammlung mit einem begeistert aufgenonimencn Hoch auf unsere Partei geschlossen. Alt-Schadow.(Kr. Teltow-Beeskow.) Notstand, Kriegshetze und Steuerlast war das Thema, über da? Genosse W n s ch i ck- Berlin vor einer leider nur schwach besuchten Versammlung referierte. Der schwache Besuch der Versammlung wird darauf zurückgeführt, daß die am Ort wohnenden, aber bis zum Herbst in Berlin arbeitenden Maurer und Zimmerer sich in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis befinden. In der Zeit der Arbeitslosigkeit suchen die Arbeiter im hiesigen Forst Beschäftigung. Außer einem niedrigen Tagelohn von 2 M. können sich die Arbeiter Holz und für ihr Vieh Streu mitnehmen. Diese Beschäftigung bleibt ihnen aber versagt, sobald sie bei dem Förster in den Geruch sozial- demokratischer Gesinnung kommen. Ebenso soll der die Arbeit ver- gebende Wasserbauinspektor verfahren. Um sich bei der bestehenden Teuerung den Drohungen und der Ungnade dieser die sozialdemo- kralische Gesinnung hassenden Herren nicht auszusetzen, bleiben sie den Versammlungen fern. Daß die Arbeiter durch ein solches Per- halten die Position ihrer Ausbeuter und politischen Feinde stärken helfen, werden sie früh genug zu spüren bekommen. Bruchmnhle. In einer am Sonntag stattgefundenen Mitgliederversammlung für den neugebildeten Bezirk Brnchmühle-Eggerdorf wurden folgende Mitglieder in den Vorstand gewählt: 1. Vorsitzender: M. Lindholz; 2. Vorsitzender: W. Zinn; Kassierer: G. Jacobitz; Schriftführer: E.Biedermann, B. Linnecke; Revisoren: O. Buchholz, M. Wernickc; Beisitzer: H. Lehmann, H. Matthes. Nowawes. Der Bildlingsausschuß hat für das Winterhalbjahr folgende Ver- anstaltungen in Aussichl genommen: Am Sonnabend, den 7. Oktober, in den„Deutschen Festsälen': Theaterabend. Zur Aufführung ge- langt die Sittenkomödie„Frau Warrens Gewerbe' von Bernhard Shaw. Am Sonnabend, den 28. Oktober, hält im Singerschen Saale Herr Ingenieur Grempe-Berlin einen Vorirag über„Modernes Verkehrswesen'. Am Sonntag, den 26. November, gelangt im gleichen Lokal das vieraklige Swauspiel„Glaube und Heimat' von Schönherr zur Aufführung. Vom 14. bis 23. Dezember findet in den„Deutschen Festsälen' die übliche Ausstellung für Jugendschriflen und Wandschmuck statt. Weitere Veranstaltungen werden noch später bekanntgegeben. Potsdam. Der vermißt gewesene Kriminalschutzmann Robert Krüger ist wieder zu seiner Familie zurückgekehrt. Er soll sich in einem krank- haften Zustande befunden haben und soll in ärztliche Behandlung kommen. Kr. war acht Tage vom Dienst abwesend. Spandau. Polizei gegen Arbeiterturnrr. Am Freitag, den 22. September. abends gegen 9� Uhr. drangen plötzlich unier Führung des Kriminalbeamten Melchers zwei Kriminalbeamte in das Borchertsche Lokal in der Seeburger Straße, um die dort anwesenden 16 Turner der Freien Turnerschaft zu verhaften. Das Lokal ist von der Freien Turnerschafl zum Zwecke des Turnens gemietet worden. Obwohl das Lokal geöffnet war, gingen die beiden Beamte» Melchers und Kiefer hinten über den Zaun, wobei ver- schiedene Beschädigungen vorkamen. Beim Eindringen in den Saal ging auch noch eine neben dem Eingang befindliche Fensterscheibe zum Teufel. Ohne Angabe von Gründen ging'S unter Vorzeigen der Legftimationsmarken zur Verhaftung sämtlicher an- wesenden Turner. Auch die eine Legitimation bei sich führenden Turner mußten, von beiden Beamten und einem Polizeihund be- gleitet, den Weg nach der Wache antreten. Auf der Wache selbst begnügte man fich mit der Feststellung des Alters, der Nainen und deS Geburtsortes der Sistierten. Dann erfolgte ohne Angabe von Gründen über die Verhaftung und ohne jede Entschuldigung gegen 11 Uhr nachtS die Entlassung. Die Frage, ob im Verein auch Jugendschriften vom.Vorwärts' ver- teilt würden, läßt den Schluß zu, daß die Behörde nach einer Jugend- ocganisation sucht. Unter den Verhafteten waren aber Perionen miter 18 Jahren überhaupt nicht zu finden. Die Betroffenen haben keine Lust, sich das polizeiliche Vorgehen gefallen zu lassen. Sie werden alle Schritte unternehmen, um sich Genugtuung zu ver- schaffen. Ter„gelbe" Nonnendamm. Vor zwei Jahren war noch keine Aussicht, auf dem Nonnendamm Mitglieder für den Wahlverein zu werben. Jetzt hat der jüngste Spandauer Bezirk bereits 37 Mit- glieder und ist eifrig bestrebt, in Gemeinschaft mit den freien Ge- werkschaften den Gelben das Wasser abzugraben. Die regelmäßigen öffentlickien Versammlungen loerden iminer besser besucht. Die nächste Versammlung findet ain 8. Oktober, nachmittags 5 Uhr, bei Dreier stall. Da bis zmn 1. Oktober eine Anzahl Reubauten für Vlwa 390 Familien bezogen werden, so hat am Dienstag eine „Vorwärls'agitatioii begönne», welche bis Sonnlag dauert. Zu- ziehende Abonnenten oder solche, die es werden wollen, werden er- sucht, schon jetzt den.Vorwärts' bciin Genossen Köppen, Spandau. Breitestr. 64. oder beim Bezirksführer. Genossen Spann. Märkischer Steig 19, zu bestellen. Douriftcnvercin„Die Naturfreunde--. Ortsgruppe verlin. Sonntag, den 1. Oktober: Wanderung von Erkner nach Kalklee, Torf Rüdersdorf. Faii.üchleuse. Erkner. Abfahrt Alcrandeiplatz 7,16, Schlesilchcr Bahnhof 7.23 nach Erkner. Gäste ivillkuinmen. Arbeirer-Waiiderbund»Tie Naturfreunde--. Dandersabrken am Zonnlag, den 1. Oktober 1911. 1. Durch den Ober-Spreewald. Lübbenau über Slrndow nach Burg.(Kirchgang der vendinnen.) Bürger Kaupc». Forstbaus Eiche(Kahnsahrt) Kanno-Mnhle Lchde, Lübbenau. Abs. Görlitzcr Bahnh. Sonnabend, abends 12)40 Uhr. 2. Vellen-Bueselang-Fiiitcukruz. Abs. Stell. Vororlbahnb. 6,91 Uhr vorm. 3. Ticsciisce-BIumenthal-Tiesensce. Abs. Schlcs. Bahnh., Wriezencr Bahnsteig 5.32 Uhr vorm. i. Mclchow- Nonncnsticß-Nclchow. Abs. Stctt. Fernbahnh. 6 Ubr vorm. 5. Hecrslrahe. PichcISlvcrder. Grunewald. Abs. Schlcs. Bahnh. 1,11 Uhr, Bahnh. Friedrich- strajje 1,23 Uhr nachm. Gäste willkommen. eingegangene vruckfckrifren. „In Freien Ttuude».-- Eine Wochenschrift. Romane und Erzählungen sür das arbeitende Volk. Verlag Buch. Handlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H., Berlin LIV. 68. Jede Wodie erscheint ein Heil zum Prciie von 19 Pf. Probehejte kostenlos durch alle Parteibuchha»d!ungcn und Spediteurs. .„Rominuiiale Praxis--. Dje gegenwärtig vorliegende Nummer 33 schließt das III. Quartal dieser vom Genossen Dr. Albert S ü d c l u m redigierten Zeitschrlst sür Kommuiialpoliiik und GcmemdesozialiSmuS ab. Die Ncichhalvglcit KS Inhalts sollte jeden Genossen, der sich mit der Kominuiialpolilil beschästsgt, veranlassen, die.Kommunale Praxis' zu abonnieren. Da mit dem 1. Oktober ein ncneS Quartal beginnt, ist die jetzige Zeit zum Beginn eines AbonnenicnlS besonders geeignet. Bestellungen zum Preis« von 3 M. pro Quartal nehmen alle Post- anstalten. Luchhandlungen und Spediteure entgegen. Probenummern lieserl kostenlos der Verlag der Buchhandlung Vor- wärtS Paul Singer. G. m. b. H., Berlin S1V. 68. Marktpreise von Berlin am S«. Zeptbr. 1911. nach Ermittelung de» Königlichen Polizeipräsidiums. M a r t l h a I l e n p r e i s e.(Kleinbaudcl.) 199 Kilogramm Srbicii. gelbe, zum Kochen 35.99—59.99.. Speiscbobircn weiße, 35.99-59.99. Linsen 34.99- 89.99. Kartosseln 7.09-12,99. 1 Kilo- gro.rnm Nnidsicisch, von der Keule 1,6-1—2.49. Rindfleisch. Barichflcisch 1.39 bis 1,79. Schweinefleisch 1,39—1.89. Kalbfleisch 1,40—2,49. Hammelfleisch 1,30—2,90. Butler 2,40—3,20. 60 Stück Eier 3,20—6,00. 1 Kilogramm Karpsen 1,20—2,40. Aale 1.60-2,80. Zander 1.49—3,60. Hechte 1,20 bi» 2,80. Barj che 0,80—2,00. Schlei« 1,40-3,00. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,50—30,00. Keranttvortliger Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th.Glocke.Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdrucker«! u. Ve rlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin LW»