Ar. SSS. Rbenntments-Bcdingungtn: ■EonnementS- Preis pränumerando: Viertcljährl. 8,30 SJlf., monatl. 1,10 Ml, ttöttifiitliu: 2s Psg. frei ms Haus. einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfa. Post- Abonnement: 1,10 Mars pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postabonncmcnts nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Aumäinen, Schweden und die Schweis. 28. Jahrg. Vit lnIertlonz-Seboh? beträgt für die sechsgespalteiie Kolonek- leile oder deren Raum SO Psg., für politische und gewerkschaftliche Pereins« «nd Versainmlungs.Anzeigcii 30 Psg. „Kleine Hnzeigen", daS settgedriukle Wort 20 Psg. liulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlassicllcnan- beigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition »bgcgeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gei�'' Criltclnt tSglich außer Dlgntast- Berliner Volksblnkk. Zcntralorgan der fozialdcmokrati fcheti Partei Deutfchlands. lelegramm- Adresse: „Sozialdsmolirai Bcriia" �Icdahtlons 8 Cd. 68, Lindcnstrasac 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 30. September 1011. Expedition: 8 Cd. 68, Lindenstraeee 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Aahllieg in DUffeldorf. Bei der heutigen Reichstacssstichwahl wurden abgegeben für den sozialdemokratischen Kandi- daten Haberland 89 2K4, für den Zentrums- kandidaten Dr. Friedrich 36111 Stimmen. Der sozialdemokratische Kandidat Haber l a n d siegte also mit einer Mehrheit von 3153 Stimmen. Wenn auch der Wahlsieg der Sozialdemokratie in Düssel dorf nur deshalb möglich wurde, weil sich die National- liberalen bei der Stichwahl der Stimme enthalten haben, so kann doch die Sozialdemokratie ihren Sieg mit freu- digem Stolze verzeichnen. Denn die Sozialdemokratie weist in dem Wahlkreise Düsseldorf ein Wachstum auf, das zu der Hoffnung berechtigt, daß es der Sozialdemokratie in wenigen Jahren gelingen wird, aus eigener Kraft nicht nur den Sieg über das Zentrum, sondern auch über eine ultramontan-nationalliberale Koalition davonzutragen! Bei der Hauptwahl hat die sozialdemokratische Stimmenzahl sich um 8700 Stimmen vermehrt, während die Zahl der Zentrumsstimmen völlig stationär geblieben war. Ilnd bei der Stichwahl hat sich die sozialdemokratische Stimmenzahl abermals um fast 5200 vermehrt. Wenn auch anzunehmen ist, daß die 3315 demokratischen Stimmen rest- los auf den sozialdemokratischen Kandidaten übergegangen sind, so ist es der Sozialdemokratie gleichwohl gelungen, aus der Masse derer, die sich beim ersten Wahlgang der Stimme enthalten hatten, noch rund 1800 Wähler für sich zu gewinnen. Das wäre insgesamt ein rein sozial- demokratischer Stimmenzuwachs von mehr als 10000 Stimmen ein Resultat, mit dem wir vollauf zufrieden sein können! Weniger zufrieden darf das Zentrum auf den Ausfall der Stichwahl blicken. Denn selbst wenn es sich von vorn- herein klar darüber war, daß es ohne die Hilfe der National- liberalen das Mandat nicht erobern könne, so blieb doch die von ihm erreichte Stimmenzahl sicherlich beträchtlich hinter seinen Erwartungen zurück. Ueber die Tatsache, daß die Sozialdemokratie 8700 Stimmen gewonnen hatte, während das Zentrum nur so eben seine alte Stimmenzahl wieder er- langte, suchte es sich durch die Hoffnung zu trösten, daß unter den weit mehr als 30 000 NichtWählern sehr starke Zentrumsreserven vorhanden wären, die für die Stichwahl noch auf die Beine zu bringen seien. In t diesen Hoffnungen hat es sich nun aber gründlich ge- täuscht! Denn wenn es auch bei der Stichwahl einen Stimmenzuwachs von 7180 Stimmen aufweisen konnte, so befinden sich darunter doch reichlich 3500„nationale" und polnische Stimmen, die für Herkenrath und den polni- scheu Kandidaten beim ersten Mahlgang abgegeben worden waren. Von den mehr als 30 000 NichtWählern l)at das Zentrum also nur den zehnten Teil für sich heraus- zuholen vermocht, während es der Sozialdeinokratie gelungen war. auch für sich noch zirka 2000 Wähler zur Wahlurne zu bringen. Da insgesamt diesmal 75 375 Stimmen abcsegeben wur- den, die Zahl der Wahlberechtigten aber 101 788 beträgt, haben sich auch bei der Stichwahl noch annähernd 30 000WählerderStimmeenthalten. Diese Zahl beweist, daß in der Tat die Nationalliberalen, die im Jahre 1907 14 064 Stimmen erhielten, sich nicht nur bei der Stich- Wahl, sondern auch bei der Hauptwahl der Weisung ihrer Leitung entsprechend der Abstimmung Enthalten haben. Der Ka m p f wurde also im wesentlichen geführt(die demokratischen Stimmen, die der Sozialdemo- kratie zufielen, werden ja aufgewogen durch die nationalen und polnischen Stimmmen, die sich in der Stichwahl auf das Zentrum vereinigten) zwischen Sozialdemokratie und Z e n t r u m. Und bei diesem Kampfe hat das Zentrum die wohlverdiente vernichtende Niederlage er- litten. So widerstandsfähig sich auch der Zen- trumsturm dank der brillanten Organisation des Zentrums erwiesen hat, so klar hat aber auch die Düsseldorfer Wahl bewiesen, daß das Zentrum im besten Falle seine Position zu behaupten vermag, während die Sozialdemo kr atie rüstig vorwärts schreitet! Dabei hat das Zentrum es cm den außerordentlichsten Anstrengungen nicht fehlen lassen. Nicht nur zwischen Haupt- und Stichwohl, sondern vor allen Dingen auch am Wahltage selbst hat es eine geradezu fieberhafte Agitation entfaltet. Der Kölner Windthor st bund hatte am Stichwahl- tage etwa 100 Windthorstbündler zur Wahlarbeit entboten. Aber auch der katholischeKlerus dürfte wohl noch nie bei einer Wahl eine solche Agitation betrieben haben, wie am Freitag im Düsseldorfer Kreise. Auch auf sozialdemokratisckier Seite hat es namrlich an intensiver Wahlarbeit nicht gefehlt. Und als besonders er- frculiches Zeichen für die aufpeitschende Wirkung unseres Systems der Volksausplünderung und Lebensniittelverteu- erimg verdient vermerkt zu werden, das; an, Stichwahltage broiiders auch die Genossinnen des Wahlkreises eine außerordentlich rege Werbearbeit entfaltet haben. Alles in allen: begrüßen nur den Wahlsieg in Düsseldorf als Symptom und Wahrzeichen für die entscheidende Wahl- rechtsschlacht des nächsten- Jahres.' Kriegsbeginn! Das Furchtbare ist geschehen. Zwischen zwei europäischen Mächten ist der Krieg erklärt worden I Hier die Meldung: Rom, 29. September. Da die ottomanischc Regierung die iu dem Ultimatum enthaltenen Forderungen Italiens nicht a n g e n 0 in m e n hat, besteht zwischen Italien und der Türkei seit heute, den 29. September, nachmittags 2V2 Uhr, Kriegszustand. Die italienische Regierung wird für die Italiener sowie für die Angehörigen der anderen Nationalitäten in Tripolis und Cyrcnaika mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln Sorge tragen. Die Blockade der ganzen Küste von Tripolis und Cyrcnaika wird sofort den neutralen Mächten notifiziert werden. Die Folgen dieser Nichtswürdigkeit sind unabsehbar. Die Besetzung von Tripolis setzt auch den Balkan in Flammen. Bulgarien, Serbien, Griechenland lauern seit Jahren auf den günstigen Augenblick, über die Türkei herzufallen und ihr jene Gebiete zu nehmen, wo ihre Nationsgenossen wohnen. In Jemen herrscht der Aufstand, in Albanien sind die Stämme jeden Augenblick bereit, die Unabhängigkeit des Landes zu erklären. Und im Hintergründe warten die Groß- mächte. Oesterreich- Ungarn sieht den Moment herannahen, wo es den Wunsch erfüllen kann, mit Saloniki sich freien Zugang zum Aegäischen Meere zu schaffen. Rußland kann daran denken, die Niederlage von 1908 weit zu machen und sich den freien Durchgang durch die Dardanellen zu sichern. Englands Absichten aber sind noch im Dunkeln.... Was wird die Türkei selbst tun? Die Frage klingt seltsam und doch ist die Antwort nicht ganz leicht. Die Türkei hat die italienischen Forderungen abgelehnt. Wird sie sich aber der Besetzung von Tripolis mit Gewalt widersetzen? Einer Pariser Meldung der„Agence Havas" zufolge hat die türkische Regierung beschlossen, einer italienischen Landung keinen Wider st and zu leisten. Aber diese Meldung stammt aus den Stunden vor der Kriegserklärung. Kein Zweifel, die Türkei wollte alle nur irgend möglichen Zugcständniffe machen, wollte wciterverhandeln. Die italienische Regierung hat diese Absichten durch die Kriegs- erklärung vereitelt, hat die verbrecherische Gewalttat mit allen Mitteln beschleunigt, um jede Intervention unmöglich zu machen, ihren Raub so schnell als möglich in Sicherheit zu bringen. Die Türkei wollte um jeden Preis den Krieg vermeiden, die italienische Schandregicrung ihn um jeden Preis führen. Jetzt sind auch die Machthaber in Konstantinopel nicht" mehr Herr ihrer Entschließungen; sie müssen kämpfen. Aber können sie kämpfen? In Tripolis selbst werden die Italiener mit großer Uebermacht landen; ob die türkischen Truppen in der Lage sind, sich zu widersetzen, ist mehr als fraglich. Sie werden sich wahrscheinlich ins Innere zurückziehen und einen Guerillakrieg zu organisieren suchen, der den vom imperialistischen Machtrausch besinnungslos gewordenen Italienern noch teuer zu stehen kommen kann. Aber den Türken stehen noch andere Mittel zur Ver- sügung. Die„Voss. Ztg." veröffentlicht ein interessantes Dokument, einen paniSlaniisischen Aufruf, der von Berlin aus in alle mohammedanischen Weltteile hinausgesaudt wurde. Der Aufruf enthält eine Instruktion an die Häupter des Pan- islamismiis und enthält folgende Begründung: Nack Loge der Sache kann die Türkei als Kalifat Tripolis nicht mehr abgeben. Ein Abtreten der Kolonie ließe sich vor der mohammedanischen Welt in keiner Weise verantworten, da kein wie immer gearteter Grund vorliegt. Auch im eigensten Interesse kann die Türkei an eine Abtretung von Tripolis nicht denken, weil ihr dadurch erstens als Staat auf dem Balkan höch st wahrscheinlich überall die grötzten Schwierigkeiten entstehen würden, und zweitens, weil sie dann wahrscheinlich durch ein arabisches Kalifat ersetzt werden würde. Ein Abtreten von Tripolis wäre also gleichbedeutend mit S e l b st m 0 r d als Kalifat sowohl wie als Staat. Die Mohammedaner stellen an die Türkei ganz bestimmte Anforderungen, wobei nicht zu vergessen ist, daß die panislamitische Organisation in den Händen europäisch ge- bildeter Leute liegt. Agitationszentrum ist nicht etwa der Orient, sondern eine in Europa gelegene Hauptstadt. Was di?fe Organisation von der Türkei unbedingt ver- langt, und was sie, wenn es notwendig werden sollte, über den Kopf des os manischen Reiches hin- weg, ausführen würde, ist: Gegen Italien nicht nur die Boykottirrung in der Türkei allein, sondern überall dort in der Welt, wo Mohammedaner zu Hause sind, wie in Aegypten, Indien, Algier, Tunis, Krim, Kaukasus usw. Sollten nach dem Konflikt Italiener es wagen, weiter in der Türkei zu verbleiben, so wird man sie dort als Geisel zurückhalten. Das Kalifat aber muß von seinem Recht Gebrauch machen, die Mohammedaner der ganze« Welt um Hilfe anzurufen; um Geld und uni Menschenmaterial. Und im äußersten Notfalle, falls die europäischen Mächte den Italienern nicht ein Halt zurufen, wird sich das Kalifat gezwungen fühlen, alle völlerrechtlichen Vereinbarungen, speziell die der Nichtanwendung des heiligen Krieges, als nicht existierend anzusehen. Denn nicht nur ist Italiens Handlungsweise gegen das Völkerrecht, sondern bei jedem internationalen politischen Kongreß haben sämtliche europäischen Mächte die Integrität der Türkei garantiert. Halten sich diese Mächte nicht an die von ihnen gegebene Garantie, so darf sich auch das Kalifat als von seinen Versprechungen entbunden betrachten. Sollte die Türkei wider Erwarten diesem Gedankengang nicht folgen, so kann sie darauf gefaßt sein, daß man üb e r i h r e n Kopf hinweg selbst zuck Ausführung schreitet. In zwei Monaten und zehn Tagen finden die Pilgerfahrten nach Mekka statt. Und dort ist dann alles möglich. Das Programm spricht für sich selbst und wenn auch die Macht, die dahinter steht, heute noch nicht abgeschätzt werden kann, die ungeheuerliche Provokation der Italiener sorgt dafür, daß der islainitische Fanatismus erwacht, daß die Türkei den Krieg auch auf das wirtschaftliche Gebiet überträgt und kein Zweifel. daß dieser Kampf den Italienern Wunden schlagen kann, für die in Tripolis keine Heilung zu finden ist. Dann aber kann die italienische Regierung weit über das hinausgeführt werden, was sie heute beabsichtigt, dann kann sie sich gezwungen sehen, den Krieg auch in der curo- päischcn und asiatischen Türkei zu führen und dann ist an eine Einschränkung des Brandes erst recht nicht zu denken. So kann der heutige Tag den Beginn des Welt- k r i e g e s bedeuten, wenn es nicht der Tatkraft des Proletariats gelingt, die Regierungen zur Vernunft zu zwingen. Nicht das ist in der heutigen Situation das Schlimmste, daß die europäischen Großmächte den Krieg nicht vermeiden wollten, sondern daß ihnen die Ereignisse so sehr über den Kopf wachsen, daß sie ihn nicht vermeiden können, nicht können, wenn ihnen nicht das Proletariat seinen Friedenswillen aufzwingst) Vor dem Brande, den die italienische Negierung entfacht hat. entfachest durfte, weil Deutschlands, Frankreichs und Englands Beherrscher Feinde sind, graut ihnen doch allen. Denn so fest ist der Kapitalis- mus nicht mehr,'daß er heil und ganz aus einem Weltkrieg hervorgehen würde. Einen solchen zu vermeiden, darauf müssen jetzt alle Anstrengungen gerichtet sein. Die eng- lische Regierung scheint, nach den Aeußerungen ihrer Presse zu urteilen, einer Intervention zugunsten der Türkei nicht abgeneigt zu sein. Die deutsche Regierung müßte alles tun, um mit den Westmächten vereint, Italien in den Arm zu fallen. Sind die kapitalistischen Regierungen nicht einmal mehr dazu imstande, soll die Raubsucht des Imperialismus wirklich die Gräuel des Weltkrieges über die unglücklichen Völker heraufbeschwören, dann müssen die Herrschenden damit rech- neu, daß nicht allein über Krieg und Frieden, daß über das System des Kapitalismus selb st die Eni- scheidung in ihre Hände gelegt ist. Vor dem I�riegsausbruck. Tie Antwort auf das Ultimatum. Konstantinopel, 29. September. Die Antwortnote der Pforte auf das italienische Ultimatum ist der italienischen Bot- schaft heute früh übermittelt worden. Tie Pforte erklärt unter langer Begründung, daß sie bereit sei, über wirtschaftliche Zugeständnisse an Italien sowie über die Auer- kennung der besonderen Interessen Italiens in Tripolitanien zu verhandeln, unter der Voraussetzung, daß der heutige Status quo beibehalten werde und eine Okkupation nicht erfolge. Wie ergänzend bekannt wird, erklärt die Pforte in ihrer Antwortnote sich weiter vorbehaltlich der Hoheitsrechte der Pforte und der bestehenden Verträge zu wirtschaftlichen Zugeständnissen bereit. Die Pforte gibt zugleich die Zusage, während der Verhandlungen keine militärischen Veränderungen vorzunehmen. Panik in Konstantinopel. Konstantinopel, 28. September. Die Nachricht von der Ueber- reichung des Ultimatums hat in Stambul Bestürzung her- vorgerufen. An der Börse brach eine förmliche Panik auS. Etwa 80 Deputierte traten, heute nachmittag zur Beratung der Notwendigkeit einer vorzeitigen Einberufung des Parlaments zusammen. Die Debatte nahm einen ziemlich erregten Verlauf. Die Abgeordneten aus Tripolis führten Klage über die Zustände in Tripolis sowie über die Unfähigkeit der türkischen Beamten und forderten Abhilfe. Schließlich wurde einstimmig der Wunsch nach baldigster Einberufung des Parlaments geäußert und sofort dem versammelten Ministerrat mitgeteilt _______- PreUtl'mMttt,. * Nonstaniinoßcl, 29. September. Die gesamte Pres s« be- ?undet schärf st e Entrüstung über das Vorgehen Italiens. Der„Tan in" erklärt, die Türkei werde zur Verteidigung den Krieg erklären und sich mit allen Mitteln»n den Italienern rächen.„Jeni Gazetta" bezeichnet das Vor- gehen Italiens als politische Räuberei und sagt, Italien ließe jedes menschliche Gefühl beiseite. Die An» nähme des Ultimatums wäre die Vernichtung des Lebens der Türkei.„A I e m d a r" kritisiert die Haltung der Regierung, welche durch eine fähigere ersetzt werden müsse, und„Sab ah" hebt die Grundlosigkeit des Vorgehens Italiens hervor, welches ohne Zwischenfall das Ultimatum überreichte, und betont die Not- wendigkeit des einmütigenHandelns. derOttomanen zur Verteidigung des Vaterlandes., Ministerkrise? Konstantinopel, 29. September. Es laufen Gerüchte um, die einen Ministerwechsel nicht als ausgeschlossen erscheinen lassen. Man spricht über eine mögliche Bildung eines Kabinetts unter Kiamil oder Said. General Robilant und die übrigen in türkischen Diensten befindlichen italienischen Gendarmerie- Offiziere sollen heute Konstantinopel verlassen. Nach griechischen Meldungen haben auf türkischer Seite Truppenkonzcntrationen an der thessalischen Grenze begonnen. 28 Kanonen sind in Elassona eingetroffen. Vor Tripolis. Rom, 29. September. Die„Tribuna" meldet aus Tripolis: In der vergangenen Nacht herrschte ununterbrochen die größte Llufregung unter Türken und Arabern. Nachdem sich die ita- lienische Eskadre zuerst dem Hafen genähert hatte, begab sie sich wieder auf hohe See, doch sind mehrere Schiffe sichtbar. Die ge- samte Bevölkerung lagert am Strande. Die Terrassen aller Häuser find dicht von Menschen besetzt, die die italienischen Schiffe sehen wollen. Heute vormittag um 11 Uhr versammelten sich alle Ita- liener auf dem Konsulat; sie bereiten sich für eine etwa notwendige Verteidigung vor. Der Konsul hat allen empfohlen, abzureisen. Eine Note an Griechenland. Wien, 29. September. In diplomatischen Kreisen, welchen die Absichten der türkischen Regierung bekannt sind, verlautet: Die Türkei hat die Absicht, an Griechenland in der ener- gischsten Form heranzutreten und zu verlangen, daß das Kabinett von Athen in der kürzesten Frist sein Desinter- rsscment an Kreta erkläre. Wenn das Kabinett von Athen keine zufriedenstellende Erklärung abgeben würde, glaubt man, daß die Türkei sich dazu entschließen werde, militärische Demonstrationen an der Grenze von Thessalien auszuführen. Zur Beruhigung der Börse. Wien, 29. September. Der heutigen Börsenkammer kommt in der Tripolisfrage folgende amtliche Erklärung zu: Es geschieht alleS, um die Angelegenheit zu lokalisieren, und es ist nicht wahrscheinlich daß unsere Interessen durch dieselbe direkt berührt werden. Russische Preszstimmen. Petersburg, 29. September. Zur Tripolisfrage schreibt die«Nowoje Wremja": Die russische Politik in Nordafrika muß in der Solidarität mit dem verbündeten Frankreich bestehen, das bereits lange Italien die Freiheit des Han- d« l n s in Tripolis überließ.- Augenblicklich müssen wir uns der Handlungsweise der italienischen Regierung gegenüber völlig passiv verhalten. Die Jungtürken säten Sturm gegen Rußland, jetzt kommt Rußland ihnen nicht zu Hilfe. „Rjetsch" schreibt: Es ist schwer, sich ein Dokument vorzustellen, das jeden Schamgefühls ebenso entbehrt wie das italienische Ultimatum, das an die Epoche Cesare BorgiaS erinnert. JSacb der Kriegserklärung. Die Bekanntgabe der Kriegserklärung in Konstantinopel. Konstantinopel, 29. September. Die Kriegserklä- r u n g Italiens wurde heute nachmittag durch den italie- nischen Geschäftsträger auf der Pforte überreicht und kurz nach 3 Uhr in der ganzen Stadt bekannt. Die nächsten Operationen. Rom, 29. September.„Tribuna" sagt, die Operationen würden jetzt durch die Schiffseskadre begonnen werden, die in den tripolitanischen Gewässern kreuzt; demnächst würde eine militä- rische Expedition unter dem Befehl des Generals C a n e v a folgen. Truppenlandung. Malta, 29. September. Ein eben eingegangenes Privat- telegramm meldet. 12 italienische Kriegsschiffe haben vor Tripolis Anker geworfen und man erwartet, daß sie heute nachmittag Mannschaften landen werden. Deutschland als Schutzmacht. Rom, 29. September.(W. T. B.) Die Berliner Korrespon- denten der„Tribuna" und des„Giornale d'Jtalia" teileu mit, daß Deutschland den Schutz von Leben und Eigentum der in der �Urkei wohnenden Italiener übernommen habe. „Tribuna" und„Giorale d'Jtalia" heben die völlige L o h a l i- t ä t Deutschlands sowie den freundschaftlichen und s.YM- pathischen Charaker seiner Haltung hervor. Die fflarohkoaffare. Ministerpräsident Caillaur erklärte Donnerstag 'abend auf eine Anfrage betreffend die d e u tss ch- f r a n- zösischen Unterhandlungen, die neuen For- derungen Deutschlands seien in seinen Aiogen nicht der Art, daß sie den endgültigen Abschluß der Ver- Handlungen in Frage st eilten. Im übrigen handle es sich eigentlich mehr um Abänderungen von For- mein, über die eine Einigung noch nicht erzielt sei, als um neue Forderungen. Es sei nicht die Rede davon, daß man auf die bereits festgelegten Punkte, insbesondere auf den Teil des Abkommens, der sich auf die wirtschaftliche Herr- fchaft in Marokko beziehe, zurückkommen werde. Diese Aeußerungen des Ministerpräsidenten stehen in offenkundigem� Mderspruch mit der Mitteilung des fran» zösischen Ministers des Aeußern über die neuen Forderungen Deutschlands, die den Abschluß hinauszögerten. Dieser Zwie- spalt in der französischen Regierung erleichtert«auch nicht gerade das Zustandekommen der Vereinbarung. Und doch wäre der Abschluß nie dringender als gerade jetzt. Preßstimmen. Paris, 29. September. Die nationalistische Presse zeigt einige Unzufriedenheit, weil die deutsche Antwort auf die Note der französischen Regierung noch nicht die definitive Beendigung der Wapokkoperhandlungen bringt.-Fi gare", der in dieser Ange- kegenheik die Stimmung der Regierung stets gelreu wiedergegeben hat, erklärt hierzu: Nach Erkundigung an bestunterrichteter Stelle muß man sich hüten, die Dinge zu schwarz zu sehen. In offi- ziellen Kreisen weigert man sich, in dem deutschen Verlangen etwas zu erblicken, was die Besprechungen irgendwie zum S ch e i- t e r n bringen könnte. Ministerpräsident C a i l l a u x, der gestern eine lange Unterredung mit dem Minister-des Aeußern de Sel- ves hatte, beschloß in Uebereinstimmung mit diesem, die Antwort der französischen Regierung nach Berlin zu senden, ohne daß der Mini st errat erst darüber zuberaten brauche. Wir können uns zu dieser Beschleunigung nur Glück wünschen." Das Blatt will ferner wissen, daß es sich bei den letzten Differenzen zwischen der deutschen und der französischen Regierung hauptsächlich um bis Frage der Bergwerke in Marokko handle,_ Zur cebeliZiMeltelieniug. Eine Teucrungsdcbatte in der Hamburger Bürgerschaft. In der Hamburger Bürgerschaft gelangte am Mittwochabend ein ganzes Bündel von Anträgen bezüglich der Lebensmittelteuerung und deren Beseitigung bezw. Herabmilderung zur Beratung. Unter den sich als„Freihändler" vorstellenden Rednern befanden sich einige merkwürdige Exemplare. Mit guten Gründen vertraten ihre Anträge Genosse Stötten und die Linksliberalen Dr. N ö l d e k e und Winker. Da mehrere in der Sache dasselbe bezweckende Anträge vorlagen und den Fraktionen darum zu tun war, ein möglichst ein- stimmiges Votum zu erzielen, einigte man sich auf folgende An- träge: 1. den Senat zu ersuchen, im Bundesrat auf eine zeitweilige Aufhebung oder Ermäßigung der Zölle auf notwendige Nahrungs- mittel und auf Futtermittel sowie auf eine Reform der Einfuhrscheine hinzuwirken. 2. sAntrag der sozialdemokratischen Fraktion): Beseitigung aller Verbote und Grenzsperren gegen die Einfuhr von Vieh oder Fleisch, soweit sie nicht durch sanitäre Gründe unbedingt geboten find. 8.(Antrag der sozialdemokratischen Fraktion): Maßnahmen für eine bessere Versorgung der Hamburger Bevölkerung mit billigen Seefischen zu wessen. Sämtliche Anträge wurden angenommen: » G • Unsere„bewährte" Zollpolitik. Der christliche.Zentralverband deutscher Eisenbahnhandwerker und-Arbeiter" hält im Jndustrierevier deS Westens Versammlungen ab, in denen über Maßnahmen gegen die Teuerung beraten wird- In den angenommenen Resolutionen wird auf die starke Belastung des Haushalts der kleinen Leute durch die Teuerung hingewiesen und gegen die„rigorose Preispolitik des Zwischenhandels" protestiert. — Bei der Zentrumspartei ist es zurzeit üblich, die Gefahr für „unsere bewährte Zollpolitik" restlos auf den Zwischen- Handel abzulenken. In einer Zenwumsparteiversammlung in Dort- m u n d kramte der Reichstagsabgeordnete S i t t a r d- Aachen die alte Weisheit aus, daß in Zeiten der Teuerung der BrotprciS ohne Zoll höher sein könne wie in anderen Zeiten mit Zoll. Womit er einer Ansicht nach„bewies", daß— der Zoll ohne Einfluß auf den Preis bleibet! Daß der Zwischenhandel und die Preispolitik des Kartells auch ihr großes Sündenkonto haben, ist bekannt, aber die Sozialdeino« kratie hat bisher keine Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager gefunden, wenn sie wirksame Maßnahmen gegen diese Politik vor- ichlug. Und daS Zentrum hat noch auf seinem letzten Parteitag, dem Katholikentag, den katholischen Arbeitern zur Pflicht gemacht, aus christlicher Liebe dem Konsumverein fernzubleiben und beim privaten Zwischenhandel höhere Preise zu bezahlen. � � RotstandSdebatte im Chemnitzer RathanS. Die sozialdemokratische Frakrion der Stadtverordnetenversamm- lung in Chemnitz hatte an das Kollegium den Anwag gerichtet, eine Eingabe an die sächsische Regierung zu unterstützen. In dieser Ein- gäbe wird die Regierung ersucht, ihre Vertreter beim Bundesrat an- zuweisen, mit Enlichiedenheit einzutreten: 1. für eine zeitweilige Aufhebung aller Zölle auf Getreide, Vieh, Fleisch und Futtermittel; 2. die Beseitigung deS Systems der Einfuhrscheine s»r Getreide; 8. für die Beseitigung aller Verbote gegen die Einfuhr von Vieh und Fleisch, soweit sie nicht durch saniläre Gründe unbedingt ge- boten sind. Ein weiterer Antrag lautete: „Die Stadtverordnetenversammlung beschließt, in Rücksicht ans die Teuerung den Rat der Stadt zu ersuchen, folgende Maß- nahmen zu treffen: 1. für den Einkauf und die unmittelbare Ver- sorgung der Chemnitzer Bevölkerung mit Kartoffeln. 2. ftir die unmittelbare Versorgung der Chemnitzer Bevölkerung mit billigen Seefischen. 3. Die Stadtverordnetenversammlung ersucht den Rat, eine Vorlage einzubringen, durch die allen Arbeitern der Chemnitzer städtischen Betriebe sowie allen städtischen Beamten, soweit ihr Einkommen unter 2900 M. im Jahre beträgt, eine Teuerungs- zutage gewährt wird." Am Donnerstagabend hatte sich die Stadtverordnetenversamm- lung mit diesen Anträgen zu beschäftigen. Genosse N o S k e begründete die Anträge der sozialdemotralischen Stadtverordnetenfraklion.— Der Antrag, der den Rot ersucht, sofort in Chemnitz Hilfsaktionen gegen die Teuerung durchzuführen, ivurde abgelehnt, ober an den gewählten gemischten Teilerinigsansschuß vorwiesen.— Charakteristisch bei der Debatte war die Talsache, daß der nationalliberale Land- lagsabgeordncte L a ng h a mm e r im Bunde mit den Antisemiten zcgen den Teil des sozialdemokratischen Antrages stimmte, der die äckisische StaatSregierung aufforderte, ihre Vertreter im Bundesrat zu veranlassen, auf eine zeitweilige Aufhebung der Zölle für Ge- treibe, Vieh, Fleisch und Futtermittel hinzuwirken. � � Gegen Zölle und Grenzsperre«. Zur LebenSmittelteuerung hat der G e m e i n d e r a t von Gera (R e» ß) einstimmig folgenden Antrag der Sozialdemokraten und Freifinnigen angenommen: „Eine Eingabe an die Fürstliche Landesregierung und den Bundesrat dahingehend zu richten, daß zur Milderung der be- stehenden und zur Verhütung einer voraussichtlich noch an- schwellende» Verteuerung der Lebensmittel geeignete Maßnahmen getroffen werden, insbesondere: 1. Suspendierung der Zölle auf Lebensmittel und Viehfutter; 2. Orffnung der Reichsgrenzen für die zollfreie Einführung von Vieh und Fleisch unter Beachtung notwendiger Veterinär- polizeilicher Maßnahmen; 3. Beseitigung der Getreideeinfuhrscheine; 4. Einsetzung eines gemischten Ausschusses(2 Mitglieder deö Stadtrates und ö Mitglieder des GemeinderatcS) zur Beratung von Mitteln und Wegen, wie die Stadt der Teuerung entgegen- wirken kann." Der Stadtrat ist dem Beschlüsse beigetteten. politische(leberfiekt. Berliit, den 29. September 1911. Zentrums-Ethik. Als wir gestern, um die widerliche Heuchelei der Zen- trumspresse zu entlarven, den Briefwechsel zwischen Bebel, Singer und dem Zentrumsabgeordneten Müller-Fulda tiet'- öffentlichten, zweifelten wir keinen Augenblick, daß die„Ger- mania" als würdige Jnterpretin der Zentrums-Ethik einen Teil des von uns erbrachten dokumentarischen Nachweises unterschlagen und durch allerlei verlogene jesuitische Knifie ihre Behauptung aufrecht zu erhalten suchen würde, nicht Müller-Fulda, sondern Bebel hätte 1997 den Abschluß eines Stichwahlabkommens zwischen Sozialdemokratie und Zen- trum angeregt. Unsere aus jahrelanger Kenntnis der edlen moralischen Charaktereigenschaften der ehrsamen„Germania" geschöpfte Erwartung hat uns nicht betrogen. Tatsächlich leistet sich heute abend dieses Hauptorgan der Zentrumspresse einen Artikel, der die ganze Vorgeschichte des Briefwechsels: die von dem Zentrumsabgeordneten Müller-Fulda bereits vor der Hauptwahl an Singer gerichtete Anfrage, ob die So- zialdcmokratie ihn eventuell im Wahlkreise Hünfeld-Hersfeld unterstützen wolle, die kühle Antwort Singers und die Tat- fache, daß der„Vorwärts" bereits vor dem Eintreffen des ersten Müllerschen Briefes die sozialdemokratische Stichwahl- Parole veröffentlicht hatte, einfach unterschlägt sind schließlich nach der Wiedergabe beider Briefe Müllers vom 27. und 30. Januar 1907 und des Bebelschen Briefes vom 28. Januar 1907 zu folgende verlogenen Schlußfolge- rungen kommt: «Jeder Unbefangene, der diesen Briefwechsel liest, muß zu der Ucberzeugung kommen, daß Bebel dem Zentrum ein Stich- Wahlbündnis angeboten hat, was in dem Schreiben des Abg. Müller-Fulda glatt abgelehnt worden ist. Der Parteivorstand will das aber nicht zugeben. Er bleibt dabei, daß ein Zusammen- gehen deS Zentrums mit der Sozialdemokratie nicht von Bebel, sondern von dem Abg. Müller-Fulda angeregt worden sei. da dieser in seinem ersten Brief auf die gefährdete Gesamtlage auf- merksam gemacht habe. Wie man in dem angezogenen Schreiben des Abg. Müller-Fulda das Anerbieten eines Wahlbündnisses erblicken kann, ist uns unerfindlich. Es ist in dem ganzen Schreiben mit keiner Silbe von einem Stichwahlabkommen die Rede, nicht einmal eine Andeutung findet sich dafür. Dagegen enthält das Schreiben des Abg. Bebel das Angebot eines rege!- rechten Wahlabkommens. Das Zentrum soll die Unterstützung der Sozialdemokratie erhalten in allen Wahlkreisen, in denen ZentrumSka.ididaten anderen bürgerlichen Kandidaten gegen- überstehen und die Sozialdemokratie den Ausschlag gibt. Dafür sollte sich das Zentrum verpflichten, den So- zialdemorraten zu unterstützen, wo er in der Stichwahl sei und das Zentrum den Ausschlag zu geben bat. Aus dieses Angebot ist das zweite Schreiben des Abg. Müller-Fulda eine glatte Ablehnung. Das wird niemand bestreiten können und auch der Parteivorstand gibt sich gar nicht erst die Mühe, den unnützen Versuch zu machen. Er beruft sich immer nur auf das erste Schreiben des Abg. Müller-Fulda und behauptet, wie schon er- wähnt, daß darin ein Anerbieten des Stichwahlbündnisses liegt. Auf das zweite Schreiben deS Abg. Müller-Fulda geht der Partei- vorstand der Sozialdemokratie nur insofern ein, als er sich mit der Bemerkung beschäftigt, daß die Bedingungen des Zentrums denen der Sozialdemokratie ziemlich angepatzt seien, und sucht daraus den Anschein zu erwecken, als ob die Stichwahlbedingungen des Zentrums denen der Sozialdemokratie nachträglich angepatzt worden seien. Daß davon gar keine Rede sein kann, wird jedem aufmerksamen Leser deS Briefwechsels ohne weiteres einleuchten. Gegen diese ebenso verlogenen wie verlegenen jesuitischen Verdrehungen ernsthaft zu polemisieren, lohnt sich nicht der Mühe. Dieses den dokumentarischen Beweisen direkt ins Gesicht schlagende Verlegenheitsgestammel glaubt nur, wer seit Jahren seine politische Erkenntnis einzig aus der„Ger- mania" bezieht und durch diese„geistige" Kost moralisch und intellektuell degeneriert ist. Nicht nur die liberale Presse, sondern selbst die konservativen Blätter— mit Ausnahme der„Deutschen Tageszeitung"— ziehen denn auch ganz andere Folgerungen aus dem Briefwechsel als die„Ger- mania". Sogar das Spezialorgan für Sozialistentötung, die freikonservative„Post", meint: „Aus diesem Schreiben geht ohne weitere? die traurige Wahrheithervor, daß der Zentrumsabgeordnete Müller- F n l d a sich z u e r st an die Sozialdemokratie um Hilfe in feinem i Wahlkreise Hünfeld-HerSfeld gewandt hatte... Wenn es zu einem förmlichen Abkommen nicht gekommen ist. so lag das nicht an der grundsätzlichen Auffassung des Abg. Müller, sondern an dem Umstand, daß die Zeit zu kurz und viel- fach Verabredungen schon gemacht waren." Eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart. Eine Korrespondenz meldet: „In der linksliberalen Presse wird seit einiger Zelt wieder mit Rücksicht auf die bevorstehenden Wahlen die Forderung er- hoben, dem Landtage noch vor seinen eigenen Wahlen eine Wahl- vorläge vorzulegen. Wie wir hören, besteht in den maßgebenden Kreisen Preußens nicht die Absicht, dem Landtage vor den Neuwahlen zum Landtage eine Wahlvorlage zu unterbreiten, da bei den augenblicklichen Parteiverhätlnissen die Annahme einer der Regierung annehmbaren Wahlrechtsvorlage nicht zu erwarten ist. Unter den gegenwärtigen Ver- Hältnissen würde eine Wahlvorlage die unerwünschte Folge zeitigen, unter den Parteien, die für das Zustanöckommen der Vorlage Hand in Hand arbeiten müssen, zurzeit aber sich ent» fremdet haben, die Entfremdung noch zu verschärfen. Erst wenn sich diese Gegensätze gemildert haben, kann auf die Vor- legung eines neuen Wahlentwurfes gereckmet werden." Man schrieb den 20. Oktober 1908, als der preußische Landtag durch eine Thronrede des Königs eröffnet wurde, in der versichert wurde, daß es der„Wille" des Königs sei, eine „organische Fortentwickelung des Wahlrechts" im Abgeord- nctcnhailse herbeizuführen. Der König erblicke darin„eine der wichtigsten Ausgaben der Gegenwart".. Und diese so luichtige Aufgabe der Gegenwart, die noch heute, drei Jahre später, nickt gelöst ist, soll auf abermals mindenstens zwei Jahre verschoben werden I Weil der infame Schacher der bürgerlichen Parteien, die gerade auf Grund des elendesten Wahlsystems im preußischen Abgeordnetenhause den Herren spielen, schließlich an gewissen Gegensätzen zwischen Nationalliberalen und Zentrum scheiterte, und weil diese Gegensätze auch auf allgemein- polittschem Gebiete gegenwärtig vorhanden sind, soll„eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart" ungelöst bleiben. Bis die herrschenden Klassen, die Nutznießer des Geldsackwahlrechts, sich über das Maß der gegen- seitigen Zugeständnisse auf Kosten der Masse der Wähler geeinigt haben, soll die ungeheure Mehrheit des preußischen Volkes geduldig der Erfüllung des Königswortes harren I Wenn die Krone eine so erstaunliche Geduld den Herren von Geldsacks Gnaden gegenüber an den Tag legt, so sind die Volksmassen, die unter dem schmachvollen preußischen Wahlsystem zu leiden haben, keineSlvegs zu solcher Langmut geneigt. Während des Wahlkampses werden die preußi- schen Wahlrechtsheloten mit Untersiühung ihrer Gesinmutgs- genossen im ganzen Reiche auch den Kampf um die Beseitigung der Preußischen Wahlrechtsschande zu führen wissen und die schuldigen Parteien gebührend zur Rechenschast ziehen! Ein Kompliment für Herrn v. Kiderlen-Waechter. Die»Rheinisch-Westfälische Ztg.' macht dem Leiter unserer auswärtigen Politik folgendes boshafte Kompliment: /»Wenn Herr v. Kiderlen-Waechter nach Abschluß der deutsch-ftanzösischen Verhandlungen, wie wir unlängst angedeutet fanden, um eine AdelS-Nangftufe höher klimmen wird, so wäre es angezeigt, wenn fein Wappentier, der Storch, zur Erinnerung für feine Kinder und Kindeskinder eine Tsetsefliege in den Schnabel bekäme. Denn die Herren aus der Wilhelmstraße bemühen sich krampfhaft seit der Entdeckung des .großen Mißverständnisses" durch alle ihnen zugänglichen Blätter an der Spree, am Rhein und an der Isar der schnöden Welt zu beweisen, daß ihr Herr utid Gebieter mit der gelben Weste 'niemals etwas anderes gewollt hat, als den Franzosen Marokko als Kolonie zu schenken und ftür uns die herrlichen Gefilde am Tschadsee für zehn Millionen Mark jährlichen Reichszuschuß zu erwerben." Da fich alle unsere.patriotischen", kolonialfteundlichen Blätter bisher darin einig gewesen sind, daß das eingehandelte Kom« pensationSobjekt am Kongo Deutschland nur gewaltige Kosten verursachen, aber keinen Nutzen bringen wird, so wollen wir hoffen, daß die Herren im Reichstag den Deutschland von Herrn v. Kiderlen- Waechter zugedachten Kolonialerwerb mit E n t- schiedenheit ablehnen werden. Der sozialdemo- kratischen Unter st ützung können sie dabei sicher sein I Das Reichsschatzovnt a« der Arbeit. Wie die„Germania" zuverlässig erfährt, hat man im Reichsschatzamt zurzeit alle Hände voll zu tun. um den künf- tigen Reichsetat aufzustellen. Der Plan, diesen Etat noch dem jetzigen Reichstag vorzulegen, ist fallengelassen worden, weil sich die Unmöglichkeit ergeben hat, den Etat noch beraten zu können: aber es besteht t»-e feste Absicht, dem Reichstag den günstigen Abschluß vorzulegen, den Herr Mermuth herausrechnet. Beruhigend wird hinzugefügt, daß an eine Aenderung der Fahrkartensteuer nicht gedacht wird, womit auch dem Gerücht der Boden entzogen sei. daß die vierte Klasse belastet, hingegen die Steuer für die erste Klasse er- mäßigt werden solle. Daran, daß der Etatsabschluß, der dem Reichstage vor- gelegt wird, günstige Ziffern aufweisen wird, war keinen Augenblick zu zweifeln: handelt es sich für das Schatzamt doch darum, einen Auftrag des schwarz-blauen Blocks zu er- füllen, nämlich nachzuweisen, daß die letzte Finanzrefonn eine Gesundung der Reichsfinanzen herbeigeführt habe. Schon der jetzt geltende Etat war mit Rücksicht auf die kommenden Reichstagswahlen recht kunswoll zurechtgestutzt worden. Die dem Reichstage zugehende Uebersicht wird natürlich ein geradezu glänzendes Bild von der Finanzlage des Reiches entwerfen. Das Bild wird allerdings grausam zerstört wer- den, wenn der neue Reichstag zusammentritt und dann den wirklichen Etat in die Finger bekommt. Das Reichsschatzamt leistet in diesem Falle Wahlarbeit, und die günstigen Zahlen, die den Wählern geboten werden, werden unter solchen Um- ständen mit einer gehörigen Portion Vorsicht aufzunehmen sein. Wir wollen nur an folgendes erinnern: die sozialdemo- kratische Reichstagsfraktion hatte beantragt, die Altersgrenze für den Erwerb der Altersrente von 70 auf 65 Jahre herab- zusetzen. Diesen Antrag hat der Schatzsekretär damit be- kämpft, daß die finanziellen Mittel hierzu fehlen und weiter mitgeteilt, daß die Verbündeten Regierungen die ganze Reichsversicherungsordnung scheitern lassen würden, wenn der Antrag angenommen werden sollte. Daraus ergibt sich, daß nicht einmal die verhältnismäßig bescheidenen Mittel vorhan- den sind, die bei Annahme des Antrages hätten flüssig ge- macht werden müssen. Das beweist, daß die finanziellen Ver- Hältnisse des Reichs auf sebr schwankendem Boden stehen, und daß eine einzige neue Flottenvorlage die ganzen Berech- nungen des Äcichsschatzamtes mit einem Schlage über den Haufen werfen kann. Die Versicherung, daß die Finanzver- Hältnisse des Reiches gesund seien, ist demnach nichts anderes, als ein Wahlmanöver._ Das bayerische Budget. Ohne jegliche Feierlichkeit ist heute der bayerische Landtag tvieöo- eröffnet worden, und zwar mit einer langen Rede de« AinanzministerS v. Pfaff über den Budgetvorschlag für 1912/13. Der vorgelegte Entwurf schließt im Ordinarium in Einnahmen und Ausgaben mit 67S 214 154 M. ab. Das ist gegen daS Budget für die laufende Finanzperiode ein Mehr von. 50 065 526 M., wovon 29 565 290 M. auf den Eisenba hnctat, 20 500 236 M. auf die übrigen VcrwallungSzweige entfallen. Im einzelnen schließt der ordentliche Etat des Ministeriums des Auswärtigen mit einem Mehrerfordernis von 217 895 M. ab, der deS Justizministeriums mit einem solchen von 718 112 M. DaS Ministerium deS Innern weist ein Mehrerfordernis von 1 530 051 M. auf, der des Kultusministeriums ein solches von 1475 956, der deS Finanzministeriums ein solches von 1303 450 M. Es ist nicht möglich gewesen, für die Aufbeffcrung der Lehrergehäller Mittel flüsitg zu machen. Die Fehlbeträge im Jahre 1908/99 im Betrage von 17 108 631 M. ausschließlich in dem ordentlichen Budget der kommenden Finanzperiode unlerziibringen, war unmöglich. Einen Rest von 8 Millionen soll, wenn 1910/11 nichr lieber» fchüfte in dieser Höhe sich ergeben, die Eisenbahnverwaliung über- nehmen, falls der AuSgleichsfondS in dieser Finanzperiode die vor- geschriebene Höhe von 20 Millionen erreicht, andernfalls soll er durch vorübergebende Aufnahme einer Anleihe gedeckt werden. Der Boranschlag an direkten Steuern betrögt 63,7 Millionen, eine Be- lasmng für den Kopf von. 9.26 Mark. Der Gebührenetut schließt mit einer Mmdereinnohme von 684 000 Mark ab. Im Etat der Zölle und indirekten Steuern ist der Anfall an Malzaufschlag mit 64 Millionen oder 6,6 Millionen mehr als im letzten Etat vorgesehen. Die im vorigen Jahr beschlossene Erhöhung des Malzaufschlages wird, wie der Finanzminister versichert, eine Schädigung der Brauindustrie nicht zur Folge haben. Im Eisenbabnetat, der ein günstiges Bild ergibt, find neben der Leistung von 3 Millionen an die Zentral- staatSkaffe, die Tilgung der vertragsmäßigen vier Millionen und westerc Rückstellunzen für Schuldenrilgung in Höhe vvn 3 Millionen vorgesehen. Der Etat der Postverwallung weist eine Mehr- einnähme von 3485 732 Mark auf. der Forstetat schließt mit einem Ueben'chuß von 32 427 949 Mark ab. Als neue Einnahme- Position befindet fich im Etat das Erträgnis der Staats- lolterie mit 1 661 250 M. Bei Erwähnung dieser Position gibt der Minister die Beweggründe an, die die Regierung veranlaßt hoben, in Gemeinschaft mit Baden und Württemberg den bekannten Staats- vertrag mit Preußen abzuschließen, der drin Landtag zur ver- fasiungsmäßigen Genehmigung gleichzeitig zugegangen ist. Für die Schuldentilgung weist der Etat eine Gesamtausgabe von jährlich über 1V Rill. auf. Der Slat für Sieichszwccke erfordert insgesamt die Summe von 4 706 225 M. AuS dem außerordentlichen Etat ist erwähnenswert, daß der PostVerwaltung auf Rechnung deS Gefällsablösungsfonds 12 661 000 und auf Rechnung der allgemeinen StaatSanlehen 4 949 610 M. zur Verfügung gestellt werden, wovon 647 000 M. für den Ausbau des bayerischen Telegraphennetzes, 12 000 000 M. für das Telephonnetz und 3'/z Millionen für Postbauten ausgesetzt sind. Für Eisenbahnzwecke find im außerordentlichen Etat eingestellt rund 29 Millionen Marl ftir Neu-, Erweiterungs- und Ergänzungsbauten, 4Vz Millionen für Beschaffung von Wohnungen, 13 Millionen für neue Bahnen und lü'/z Millionen für die Ergänzung des Fuhrparks. »• • Sozialdemokratische Interpellationen und Anträge im bayerischen Landtage. Die Sozialdemokratie hat in dem am Freitag begonnenen bayerischen Landtage drei Interpellationen und eine Anzahl Anträge eingebracht. Bon den Interpellationen fordert die erste von der Regierung Maßnahmen gegen die Teuerung; in der zweiten wird die Regierung angefragt, warum sie in der MaroklokrisiS nicht den diplomatischen Ausschuß einberufen hat; die dritte verlangt Aus- kmift über den verfassungswidrigen Erlaß gegen die süddeutschen Eisenbahner. In den Anträgen wird Lohnerhöhung für StaatSarbeiter und Beamte mit unter 2000 M. Gehalt gefordert; für die Arbeitslosen- Versicherung soll ein Zuschuß von 200 000 M. bewilligt werden. Zur Untersuchung der Verhältnisse deS bankrotten, erst neuerdings erworbenen Staatsbergwcrks Stockheim soll eine parlamentarische Kommission eingesetzt, die betroffenen Arbeiter und Gemeinden unter- stützt werden. Weiler wird eine Revision des Artikels 20 des Beamtengesetzes gefordert, wodurch die Annahme von Geschenken <. Dotationen") künftig verboten sein soll. Schließlich richtet sich ein Antrag gegen die zunehmenden Fideilommißbildungen. Selbstverwaltung der Gemeinden. In dem schleswig-holsteinischen Städtchen Barmstedt haben die guten Bürgersleute ihren alten Bürgermeister vor einigen Monaten wiedergewählt, und zwar ohne Gegenkandidaten. Die Sozial- demokratie hielt sich ver Wahl fern. Es vergingen Wochen nach der Wahl, die Bestätigung durch den Regierungspräsidenten blieb aus. Da wurden die guten Barmstädter Bürger ungeduldig und wählten in einer Bürgerversammlung eine Deputation, die beim Regierungspräsidenten anfragen sollte, wie es mit der Bestätigung stehe. Die Kommission hatte kaum um eine Audienz beim Re- gierungspräsidenten nachgesucht, da erhielt sie auch schon von der Regierung die Mitteilung, daß der Regierungspräsident die Be- stätigung der Wahl des Bürgermeisters versagt habe. Der Regierungspräsident ist gesetzlich nicht verpflichtet. Gründe für die Versagung der Bestätigung anzugeben und hat solche auch nicht mitgeteilt. In welcher Richtung diese Gründe aber liegen, kann man aus den Gerüchten ersehen, die„Freunde" des Bürger- meistere in die Welt setzen. So soll der Bürgermeister, Christen ist sein Name, die Absicht gehabt haben, Mitglied der sozialdemo- kratischen Parteiorganisation in Barmstedt zu werden; in einem Cafä soll er sozialistische Lieder gesungen und gelegentlich des schleswig-holsteinischen Städtetages in Burg a. Fehmarn mit dem sozialdemokratischen Stadtverordneten Rindfleisch aus Kiel zu- sammen Skat gespielt und Sekt getrunken haben. Ferner soll er sogar einmal im Gewcrkschaftshause in Kiel gewesen sein. Aus alledem geht hervor, daß Herr Christen, der kein Bureaukrat ist und so gar nichts von den Allüren ostelbischer Amts- Vorsteher an sich hat, nach allen Regeln der Kunst bei dem Re- gierungspräsidenten als verkappter Sozialist denunziert worden ist. Und Denunziationen, die sich in dieser Richtung bewegen, schlagen natürlich bei einer preußischen Regierung immer durch. Di« Barmstedter Böiger hnhon nun In einer zivciten Bürger- Versammlung beschlossen, treu zu ihrem Bürgermeister zu halten und haben eine Deputation gewählt, die vom Minister des Innern die Bestätigung der Wahl erbitten soll. Die Sozialdemokratie in Barmstedt steht der ganzen Sache vollständig kühl gegenüber, wie sie sich ja auch an der Wahl nicht beteiligt hat, der beste Beweis, was an dem Gerücht von der sozial- demokratischen Gesinnung des Bürgermeisters wahres ist. Die von liberaler Seite mit vollen Backen bei jeder Gelegenheit gepriesene„Selbstverwaltung" der schleswig-holsteinischen Städte wird durch die Barmstedter Vorgänge aber eigenartig beleuchtet. Ein rücksichtsvolles Kriegsgericht. Gegen den Fähnrich a. D. Graf Ernst v. Schimmelmann, Sohn de? in Ahrensburg fHolstein) wohnenden Großgrundbesitzers Kammer- Herrn Exz. Graf v. Sch., ist ein DegradalionSverfahren eingeleitet worden, weil er rechtskräftig vom Bezirksgericht Windhuk(Südwest- afrika) wegen versuchten Betruges zu einer Geldstrafe von 100 M. oder 10 Tagen Gefängnis verurteilt worden ist. Die Sache be- schästigte das Kriegsgericht der 13. Division(Altona). Der An- geklagte diente zunächst im 3. Garde-Ulanen-Regiment und ließ sich dann in die lv. Kompagnie der Schutztruppe in Südwestafrika versetzen, wo er zum Fähnrich avancierte. Er quittierte aber den Dienst und hat dann in Gemeinschaft mit einem anderen jungen Mann die Firma Bödiker in Windhuk um 780 M. zu schädigen versucht, indem er sich falscher Vorspiegelungen bediente. Der AngeNagte, der gegen eine jährliche Remuneration von 18 000 M. auf daS Majorat des gräflichen Gute« in Ahrensburg verzichtet hat. suchte ein Kompromiß herbeizuführen. Er behauptet, zu Unrecht bestraft worden zu sein, weil ein Zeuge falsch geschworen habe. Sollte er degradiert werden, dann würde er gegen den Zeugen vorgehen, sonst würde er die Sache auf sich beruhen lassen.(!) Der Ankläger beantragt die Degradation. Mit Rücksicht auf die Familienverhältnisse nimmt das Kriegsgericht von einer Degradation Abstand.(Der alte Graf v. Sch. ist vor einigen Jahren zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz befördert worden.) Oektemlck. Der politische Tod des Dr. Gcsimann. Wien, 29. S.'ptcmber. In der heutigen Sitzung de? nieder- österreichischen LaudesauSschusies gelangte eine Zuschrift deS Dr. Geß» mann zur Verlesung, worin er sein Landesausschuß- Mandat niederlegt. Die antisemitische Vereinigung des Landtages beschloß, an seiner Stelle Ernst Schneider als Kandidaten anfzustcllcn. perficn. Ein Sieg der RcgierungStrnPpc«. Teheran, 28. September. Laut hier eingetroffenen Meldungen fand gestern in der Nähe von Nauberan eine große Schlacht zwischen den Regierungstruppen und Salar ed DaulehS Truppen statt. Dieser verlor 400 Mann an Toten. 200 Gefangene und 7 Geschütze. Er zieht sich in der Richtung auf Chainädan zurück, verfolgt von den RegierungStruppen. Mexiko. Zur Präsidcutcnfrage. Mexiko City, 29. September. Bcrnardo R e y e S, der endgiltig von der K a n d t d a t u r um die P r ä f i d e n t s ch a f t zurück- getreten ist. hat erklärt, er wünsche der Regierung keine Lcr- legenheiten zu bereiten, und ist nach New Aork abgereist. Uns der Partei« Die Bezirksorganisation für Schleswig-Holstein und Fürstentum Lübeck wird ihren diesjährigen Parteitag in Eutin abhalten. Tie Agitationskommission hat jetzt ihren Jahresbericht veröffentlicht, der über eine erfreuliche Aufwärtsbewegung der Partei im Bezirke berichten kann. Die Mitgliederzahl der Kreisvereine stieg von 40 516 im Vorjahre auf 44 887 im Berichtsjahre. Das ist eme Steigerung von 4371 oder 10.62 Proz. An der Zunahme sind die männlichen Mitglieder mit 3103, die weiblichen mit 1263 beteiligt. Die Zahl der weiblichen Mitglieder beträgt jetzt 7146, der Bez'.rk dürfte damit relativ mit an erster Stelle unter den Bezirksorgant- sattonen des Reiches stehen. Im 6. Wahlkreise und einigen Orts- vereinen des Fürstentums Lübeck wird von den männlichen Mit- gliedern ein Beitrag von 10 Pf. die Woche erhoben, im Kieler Wahlkreise wird der Beitrag vom 1. Oktober an monatlich 50 Pf. betragen(vorher 40 Pf.), in dm übrigen Kreisen beträgt der Beitrag monatlich 40 Pf. Weibliche Mitglieder zahlen überall 1b Pf. Monatsbeitrag. Die agitatorische Tätigkeit im Bezirk wird. durch folgende Ziffern illustriert: Es wurden abgehalten 444 öffentliche Versammlungen, 1126 Vereinsversammlungen, 114 besondere Zu- sammcnkünfte für weibliche Mitglieder; verbreitet wurden 1 481 590 Flugblätter, 73 020 Broschüren. 42 401 sonstige Agitations- sclmften, 493 530 Exemplare der..Landpost". Die„Schleswig- Holsteinische Landpost", die zweimal jährlich ganz allgemein auf dem flachen Landgebiete verbreitet und in den übrigen 10 Monaten je einmal an feste Bezieher versandt wird, hat jetzt eine feste Be- zieherzahl von 23 275. Außerdem wurden noch 24 000 Exemplare von„Dct rode Postbud", der Agttationszeitung für den nördlichen dänisch sprechenden Teil der Provinz verteilt. Auch die Presse hat Fortschritte gemacht. Die„Schleswig-Holjteinische Volkszeitung" hat jetzt 24 000 Abonnenten, die..Flensburger Volkszeitung', das seit dem 1. April d. I. erscheinende Kopfblatt für Flensburg, 2800; dos„Hamburger Echo" wird im Agitationsbezirk in 15 650, der „Lübecker Volksbote" in 860 Exemplaren gelesen. Die„Gleichheit" hat 3300 Abonnenten. Die Agitation unter den Frauen wurde besonders eifrig betrieben, zu ihrer Förderung fand im September 1910 eine Frauenkonferenz statt, die sehr anregend verlief. Die Jugendbewegung steht so ziemlich auf dem Stand des Vorjahres. Die Zahl der Jugendausschüsse im Bezirk beträgt 24. Die„Ar- beiter-Jugend" ist in 1928 Exemplaren abonniert(1910: 1699). Bildungsausschüsse bestehen im Wezirk 20, Altona-Ottensen und Wandsbek regeln die Bildungsarbeit mit Hamburg gemeinsam. Die Bildungsausschüsse haben eine außerordentlich rege Tätigkeit entfaltet. Die Maifeier wurde in 69 Orten durch mehr oder minder umfangreiche ArbeitSruhe begangen. Für den ganzen Organi- sationSbezirk(ausgenommen Altona-Ottensen, Wandsbek und eine Anzahl kleiner Orte bei Hamburg, die zum BezirksmaifondS Ham» bürg gehören) besteht ein Maifeierfonds, der gespeist wird von den Beiträgen auf Grund deS Nürnberger Parteitagsbeschlusses. deil Uebcrschüssen der Maifeierveranstaltungen und einem Maifeier- beitrag von mindestens 50 Pf, für männliche und 25 Pf. für weib- liehe Mitglieder. Der Fonds hat jetzt einen Bestand von 30 000 M. Die Zahl der sozialdemokratischen Stadtverordneten stieg von� 36 auf 45, die der Gemeindevertreter von 147 auf 182. Der Kassen- bericht schließt mit einer Einnahme von 33 923,58 M. und einer Ausgabe von 29 738,85 M. ab. Unter den Einnahmen stehen 16 435,06 M. Beiträge der Z�reiSorganisationen, 9000 M. vom Parteivorstand, 4000 M. vom Parteiaeschäft in Kiel. An den Parteworstand führten die Kreise des Bezirks 32 693,52 M. ab. Statistisches. Nach einer soeben veröffentlichten Statistik des Deutschen Transporkarbeiterverbandes über das Verhältnis seiner Mitglieder zu den Partei- und genossenschaftlichen Organi- sationen, waren 32.7 Proz. von 80 849 an der Statistik beteiligten Mitgliedern politisch organisiert, während den Konsumvereinen Uü,7 Proz. angebörten. Prozentual sind an der Parteiorganisation am stärksten beteiligt die Hausdiener und Packer. Der«Courier" bemerkt zu dem Ergebnis:„Dieses Verhältnis ist zwar nicht ganz unerfreulich zu nennen, genügt aber durchaus nicht, wenn wir in Betracht ziehen, daß für den Fortschritt der Arbeiterklasse die Zugehörigkeit zur politischen Organisafton genau so notwendig ist, wie die zur gewerkschaftlichen." So2iales. Epilepsie als Unfallfolge. Ein 50 Jahre alter Fuhrmann fiel im Jahre 1906 von seinem Wagen herab und erlitt dabei eine Verletzung des Kopfes. Er war mehrere Wochen erwerbsunfähig und ging dann wieder seiner ge- wohnten Beschäftigung nach. Mehr als vier Jahre später stellten sich bei dem Verletzte» die ersten Krampfanfälle ein. die sich später verstärkten. Die Fuhrwerks-Berufsgenossenschaft wollte von einer Entschädigung des Unfalles nichts wissen und erklärte im Ablch- nungsbescheid: „Durch den Fall vom Wagen zogen Sie sich eine Kopfverletzung zu. Bis zum 10. März 1906 waren Sie erwerbsunfähig, dann nahmen Sie Ihre frühere Tätigkeit wieder auf. Die in neuester Zeit aufgetretenen Krampfanfälle stehen mit dem Unfall vom 15. Januar 1906 nicht im ursächlichen Zusammenhange." Das Schiedsgericht hörte auf Antrag des Verletzten dessen Kassenarzt und holte weiter ein Obergutachtcn von einem bekannten Tpezialarzt für Nervenleiden ein. Beide Aerzte erklärten, daß der Verletzte an Krampfanfällen leide und daß diese Anfälle eine Folge des früher erlittenen Unfalls seien. Anderer Ansicht war natürlich der Vertrauensarzt der Berufsgenossenschaft, ein Dr. Pilf aus Wiesbaden, welcher den Verletzten gar nicht kannte und doch zu dem Schluß kam, daß die Anfälle auf„Alkoholmißbrauch" zurück- zuführen seien. Das Schiedsgericht verurteilte aber die Genossenschaft, eine Rente von 30 Proz. zu zahlen und� führte im Urteil u. a. aus, daß die ärztlichen Sachverständigen darin übereinstimmen, daß auch erst nach Jahren einer vorausgegangenen Schädelverletzung epileptische Anfälle auftreten können. Ferner ist, wie der Ver- traucnsarzt des Schiedsgerichts im Termin erklärte, zum Auftreten von Epilepsie nicht immer eine'schwere'Schädelverletzung Vorbedin» gung, sondern es genügt, zumal, bei disponierten Personen, eine allgemeine Erschütterung der Gehipnsubstanz.„Auch liege eine erbliche Belastung nicht vor sind auf Alkoholmißbrauch könne die Krankheit auch nicht zurückgeführt werden. Wie der Hausarzt des Verletzten ausgeführt habe, ist der Verletzte durchaus kein Trunken- bald und von ihm genossener Alkohol übersteigt keineswegs das Durchschnittsmaß eines Arbeiters, dessen Beruf es mit sich bringt, daß er einen großen Teil seiner freien Zeit, namentlich bei Möbel- transPorten, in Gasthäusern zuzubringen gezwungen ist. Mag auch das Gehirn durch Gründe verschiedener Art geschwächt ge- Wesen sein, das auslösende Moment für die auftretende Epilepsie bleibt aber jedoch zweifelsfrei der Unfall von 1906. Hiernach ist das Schiedsgericht mit der überwiegenden Mehrzahl der zur Sache gehörten ärztlichen Sachverständiacn zu der Ueberzcugung gelangt. daß die epileptischen Krampfanfalle bei I. lediglich Folgen des diesem widerfahrenden Unfalls vom Januar 1906 sind; es hat daher die Beklagte zur Entschädigung für die Folgen dieses Unfalls per- urteilt." Da ferner alle Aerzte erklärt hätten, daß der Verletzte über heftige Kopsschmerzen, Schwindelanfälle mit. Bewußtsein- störungen, die oftmals mehrere Tage anhielten, leide und daß der- selbe daher nur noch solche Arbeiten ausführen könne, die mit keiner besonderen Gefahr verbunden seien, so habe das Schiedsgericht eine Rente von 30 Proz. für nötig erachtet, GewerfefcbaftUcbea. Die HrbeitövcrbäUrnffe in der Gelbmetall- induktrie. Der Erforschung der Arbeitsverhältnisse der vom Metall- Ärbeiterverband vertretenen Berufsgruppen ist in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden. In rascher Folge hat der Metallarbeiterverband Erhebungen über die Lage der Former, Goldarbeiter, Feilenhauer, Werftarbeiter, Klempner, Hüttenarbeiter, Heizungsmonteure und Mechaniker veranstaltet. An diese reiht sich nun eine Enquete über die Lage der in der Gelb- Metallindustrie beschäftigten Personen, deren Resultate soeben der Oeffentlichkeit übergeben werden. Berücksichtigt durch die Erhebung sind für die Metallindustrie äußerst wichtige Gewerbezweige. Gezählt wurden 2200 Betriebe mit 90 117 beschäftigten Arbeitern. Davon sind 65 963 erwachsene männliche, 13 871 weibliche und 10 283 jugendliche. Genaue An- gaben über die Arbeitsverhältnisse liegen jedoch nur für 1722 Be- triebe und für 87 095 Arbeiter vor. Bemerkenswert ist die große Zahl der in dieser Industrie be- schäftigten weiblichen und jugendlichen Personen; von je 100 Be- schäftigten sind 15,9 weibliche und 11,8 jugendliche. Weibliche Per- sonen werden am meisten in den Galanteriewarenfabriken und in der Beleuchtungsindustrie beschäftigt, jugendliche Personen sind am zahlreichsten in den Armaturenfabriken zu finden. An Hand der bei der letzten Berufs- und Betriebszählung und der bei der vor- liegenden Erhebung gewonnenen Ziffern wird untersucht, welche Verschiebungen in der Größe der Betriebe stattgefunden haben. Wenn Betriebe bis zu 10 beschäftigten Personen als Kleinbetriebe, Betriebe mit 11 bis 50 Personen als Mittelbetriebe und Betriebe mit mehr als 50 Personen als Großbetriebe betrachtet werden, dann ergibt sich, daß 32,5 Proz. der durch die Erhebung ermittelten Betriebe Kleinbetriebe, 44 Proz. Mittelbetriebe und 23,5 Proz. Großbetriebe sind. Im letzten Jahrzehnt hat sich eine starke Ver- Schiebung vom Klein- zum Mittelbetrieb vollzogen, und heute ist in dieser Industrie der Mittelbetrieb vorherrschend. Wird jedoch die Zahl der beschäftigten Arbeiter betrachtet, dann tritt die Ueber- legenheit des Großbetriebes klar zutage. Von den Arbeitern sind beschäftigt in den Kleinbetrieben 3,61 Proz., in den Mittelbetrieben 21,04 Proz. und in den Großbetrieben 75,35 Proz. Man erkennt aus diesen Ziffern die Bedeutungslosigkeit der Klein- und Mittel- betriebe und die Macht der wenigen Großbetriebe. Das Organisationsverhältnis der in der Gelbmetallindustrie beschäftigten Personen kann als ein erfreuliches angesehen werden; im Gesamtdurchschnitt sind 37 Proz. in gowerkschaftlichen Organi- sationen vereinigt. Den gegnerischen Organisationen gehören i7,4 Proz., der freien Organisation 92,6 Proz. an. Die Feststellung über die Arbeitszeit ergibt, daß nur noch 6,9 Proz. der Betriebe mit 5 Proz. der erfaßten Arbeiter mehr als 10 Stunden pro Tag arbeiten. Die zehnstündige Arbeitszeit besteht in 42,2 Proz. der Betriebe und für 38,6 Proz. der erfaßten Per- sonen, während weniger als 10 Stunden in rund 51 Proz. der Be- triebe und von rund 56 Proz. der Beschäftigten gearbeitet wird. In einzelnen Betrieben ergibt sich noch ein wesentlich gün- stigeres Resultat. So sind in Hamburg, Schleswig-Holstein 93 Proz. der Betriebe und 99 Proz. der Arbeiter weniger als 10 Stunden, in Bayern(rechts des Rheins) rund 81 Proz. der Ar- bciter unter 10 Stunden beschäftigt. In Frage kommt meist die 9- und die 9�stündige Arbeitszeit. Am günstigsten ist die Arbeits- zeit in der Beleuchtungsindustrie, an zweiter Stelle stehen die Metallwarenfabriken, am ungünstigsten stellen sich die Arb�itsvcr- Hältnisse in den Armaturenfabriken, Beschlägfabriken und in der Gruppe Apparate für die Industrie. Das Gesamtresultat der Fest- stellungen ist jedoch, daß die Arbeiter in der Gelbmetallindustrie auf dem besten Wege zum Neunstundentag sind. Aus den Feststellungen über die Lohnverhältnisse ergibt sich, daß in der Gelbmetallindustrie noch äußerst geringe Löhne gezahlt werden. Etwa die Hälfte der Arbeiter sind im Akkord beschäftigt, und die Ermittelungen sind daher getrennt für Zeitlohn- und Akkordarbeiter erfolgt. Der für die männlichen Zeitlohnarbeiter ermittelte Durchschnittsverdienst beträgt 41,6 Pf. pro Stunde, der Verdienst der männlichen Akkordarbeiter stellt sich auf 49,4 Pf. pro Stunde. Bei dieser Berechnung ist die Lohngruppe„unter 20 Pf." außer Betracht gelassen. Wir haben es also wohl durchweg mit Löhnen erwachsener männlicher Arbeiter zu tun. Unter dem Ge- samtdurchschnitt von 45,6 Pf. pro Stunde werden 57,9 Proz. der Arbeiter entlohnt, während 42,1 Proz. mehr als 45 Pf. Lohn haben. Bei den Zeitlohnarbeitern sind 57,5 Proz. unter dem Durchschnitt entlohnt, bei den Akkordarbeitern 58,5 Pröz. Die Frauenarbeit hat in weitgehendem Maße Eingang in die Gelbmetallindustrie gefunden; besonders sind Frauen als Gal- vaniseure, Gürtler, Klempner und Metalldrücker, als Schleife- rinnen, Stanzerinnen und Presserinnen zu finden. Die Löhne, die den Arbeiterinnen bezahlt werden, sind zum großen Teil miserabel. Der ermittelte Durchschnittslohn beträgt 22,8 Pf. pro Stunde, die Zeitlohnarbeiterinnen kommen nur auf 21,5 Pf., die in Akkord arbeitenden weiblichen Personen erzielen einen Durchschnittslohn von 24 Pf. Die Enquete hat sich außer der Erforschung der Arbeitszeit und der Lohnverhältnisse auch auf die Uebcrzeitarbeit, das Kolonnensystem, die Lohnabzüge an den Akkordpreisen und für fehlerhafte Arbeiten, auf das Bestehen von Tarifverträgen und Akkordpreistabellen, auf die Lohnzahlung, die Kündigungs- und Kautionsverhältnisse sowie auf die Schutzvorrichtungen in den Be- trieben und die Einrichtungen in hygienischer und sanitärer Be- ziehung erstreckt. Ein umfangreiches Kapitel ist der Art der in den Betrieben hergestellten Artikel gewidmet, in einem besonderen Ar- tikel werden auch die Exportverhältnisse der Industrie besprochen. Die Schrift wird in agitatorischer Hinsicht wertvolle Dienste leisten. Lerlin und Qmgegend. Der Streik der Albumarbeiter bei der Firma Georg Weigert dauert unverändert fort. Die Firma ist krampfhaft bemüht, Arbeitswillige heranzuziehen. Große Summen werden für Streikbrecherinserate in den bürgerlichen Tageszeitungen— nutzlos ausgegeben. Jetzt versucht es die Firma mit dem letzten Trick. Sie inseriert jetzt nach unorgani- s i e r t e n Alhumarbeitern und Arbeiterinnen. Es ist jedoch großer Arbeitermangel iw der Industrie vorhanden. Bekommen doch nicht mal die tariftreuen Firmen die erforderlichen Arbeits- krüfte. So mußte der Betrieb vollständig frei von Arbeitswilligen bleiben. Nur der Werkmeister Kuntschke und ein bei Tage in der Buchhandlung„Wilhelmi" in der Oranienburger Straße beschäf- tigter Buchbinder leisten des Nachts Rausreißerdienste. Eine recht passive Rolle spielt die Vereinigung Berliner Leder- Warenfabrikanten, die, obwohl es in dem mit dem Buchbinder- verbände abgeschlossenen Tarifvertrage ausdrücklich vereinbart worden ist, daß auch sie im Interesse des Berufes für die allgc- meine Durchführung des Tarifes einzutreten hat, stillschweigend zuläßt, daß ihre Mitglieder, wie die Firmen Weiß u. Kündiger. Andres und Julius Schloß, die bestreikte Firma mit Warenliefc- rungen unterstützen. Die ArbeiterorganisaAon hat sich dieserhalb bereits offiziell an den Vorstand der Arbeitgebervereinigung ge- wendet und man kann gespannt darauf sein, wie dieser das Ver- Berantw. Redakt.; Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw. halten seiner Mitglieder rechtfertigen oder verurteilen wird'. Die Ausständigen selbst sind guten Mutes und über die zwecklosen Be- mühungen der Firma belustigt. Gestern(Freitag) vormittag hielten sie wieder eine Versammlung ab und beschlossen ein- stimmig, weiter im Kampfe zu verharren, bis ihnen der Sieg zufällt._ Ein neuer Tarif für die Kupferschmiede in Berlin. In einer am Mittlvoch, den 27. September 1911, stattgefundenen, außerordentlich zahlreich besuchten Versammlung der Kupfer- schmiede berichtete der Geschäftsführer der Filiale Berlin des Ver- bandcs der Kupferschmiede Deutschlands, Wilhelm Kühne, über die mit dem Verein der Kupferschmiedereien und der Berliner Kupfer- schmiedeinnung, über den seinerzeit eingereichten Lohntarif, geführ- ten Verhandlungen. Nachdem am Montag eine Versammlung der in Frage kom- wenden Kollegen beschlossen hatte, wenn nicht bessere Zugeständ- nisse gemacht werden, in den Streik einzutreten, führten die Ver- Handlungen zu dem Ergebnis, daß die Arbeitgeber sich bereit er- klärten, einen neuen Lohntarif auf folgender Grundlage einzu- gehen. Die Arbeitszeit beträgt wie bisher 9 Stunden pro Tag. Der Minimallohn wird für Ausgelernte im ersten Jahr von 471h. Pf. auf 50 Pf. erhöht, im zweiten Jahre beträgt er stat? 521h Pf. jetzt 55 Pf. und dann statt bisher 62� Pf. jetzt 671h Pf. pro Stunde. Die Zuschläge für lleberstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit und Arbeiten an den Hohen Festtagen werden wie bisher mit 25, 50 und 100 Proz. Zuschlag zum Lohne des betreffenden Gehilfen bezahlt. Für Stadtmontagen, also Arbeiten außerhalb der Werkstatt, auf Bauten usw., werden statt 5 Pf. Zuschlag pro Stunde in Zu- kunft 10 Pf. gewährt, so daß der Minimallohn bei diesen Arbeiten in Zukunft statt bisher 671h Pf. nun 771h Pf. beträgt. Für Montagen nach auswärts sind die bisherigen Zuschläge, die 3 M. pro Tag betragen haben, jetzt auf 3 bis 4 M. pro Dag erhöht worden, je nachdem, ob es sich um einen billigeren oder teureren Ort handelt. Bei Akkordarbeiten soll, wenn es sich um erstmalige Arbeiten handelt, der Stundenlohn garantiert werden. Dagegen wird bei wiederkehrenden Akkorden nur der vereinbarte Preis gezahlt. Die Lohnzahlung soll in Zukunft innerhalb der Arbeitszeit stattfinden. Nach eingehender Diskussion mit lebhaftem Für und Weder wird in geheimer Abstimmung mit starker Majorität die Zinnahme des vorgelegten Tarifs beschlossen. Der Tarif gilt für 42 Geschäfte mit 135 Gesellen und tritt mit Montag, den 2. Oktober, in Kraft, eine bestimmte Zeitdauer ist nicht vorgesehen._ Achtung, Bauarbeiter! Auf dem Neubau„Deutsches Museum" führt die Stettiner Betonbaugesellschaft„Komet" die Beton- und Eisenbetonarbeiten aus. Sämtliche bei dieser Firma beschäftigten Arbeiter haben am Freitag wegen Lohndifferenzen die Arbeit ein- gestellt. Auf dem genannten Bau wurden seit Monaten die tarif- lichen Löhne für die Bauarbeiter nicht bezahlt. Die tägliche Ar- beitszeit betrug 11 bis 13 Stunden, ohne daß irgendwelche Ver- gütung für Usberstunden und Nachtarbeit geleistet wurde. Nach den Polizeiverordnungen vom 17. Juli 1907 soll auf allen Bauten, wo mehr als 10 Personen ständig beschäftigt sind, eine wetterfeste Baubude hergerichtet tverden. Auf dem Neubau des Deutschen Museums arbeiten bei der Firma„Komet" zurzeit zirka 200 Ar- bciter, für diese Arbeiter sind Unterkunftsräumc, in denen Kleider und Lebensmittel aufbewahrt werden können, nicht vorhanden. Die Arbeiter sind daher gezwungen, ihre Mahlzeiten auf dem freien Bauplatz oder in der Baukantine einzunehmen. Diese Zustände haben nun zu der Einstellung der Arbeit geführt. Der deutsche Bauarbeiterverband hat die Firma„Komet" gesperrt. Wir er- uchen alle Bauarbeiter, die Arbeitsstelle streng zu meiden. Deutscher Bauarbeiterverband, Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche. Der Ausgang der Bertreterwablcn zur Zwangsinnung der Schneider bedeutet, wie die klassische Wahl in diesem Frühjahr, eine Niederlage für die Partei des Jnnungsvorstandes, dessen Kandi- daten nur in einem Standesamtsbezirk durchgekommen sind. Es handelt sich hier um 37 Vertreter, denen 246 gegenüberstehen, welche als Gegner der Zwangsinnung gewählt sind. Diese Mehrheit be- steht zu einem Teil aus Mitgliedern des Schneiderverbandes, sonst aus Kandidaten dreier Vereine selbständiger Schneidermeister, die offenbar aus Handwerkcrstolz Gegner einer Innung sind. Man wird sich kaum darauf verlassen können, ob diese Leute nun, ihren Prinzipien treu, für Aufhebung des Jnnungszwanges sorgen wer- den.— Die Wahlbeteiligung war nach der lebhaften Agitation weit stärker als je in den früheren Jahren, jedoch schwach, wenn man dac gewaltige Zahl der Mitglieder und Zwangsmitglieder in Betracht zieht. Ein Teil Schuld daran trägt der Umstand, daß man das ver- .wickte Wahlsystem noch dadurch erschwerte, daß die Wahlen alle im Innern der Stadt stattfanden, teils um 5, teils um 7 Uhr, und die Wahllokale zu dem festgesetzten Zeitpunkt geschlossen wurden. Auf der vom Jnnungsvoritand versandten Einladung war aber nur die Stunde angegeben, und es war gar nicht daraus zu ersehen, daß wer nach 5 oder nach 7 Uhr kam, sein Wahlrecht nicht mehr ausüben konnte. Tarifbewegnng in der Herren- und Damenkonfektion. In der Stapelbranche der Herrenkonfektion sind die Tarifver- Handlungen zwischen den Vertretern des Arbeitgeberverbandcs der Branche und den Vertretern des Schneiderverbandes im Laufe dieser Woche fortgesetzt worden und am gestrigen Tage so weit ge- diehen, daß ein gemeinsamer Tarisentwurf daraus hervorgegangen ist, von dem man annehmen kann, daß er die Zustimmung beider Parteien finden wird. Dieser Entwurf wird nun in den nächsten Tagen zunächst einer Versammlung der Arbeitgeber vorgelegt, und danach werden auch die Arbeitnehmer zu entscheiden haben, ob sie damit einverstanden sind. Ter Tarif wird ini allgemeinen recht ansehnliche Lohnerhöhungen bringen. Ja der besseren Herrenkonfektion ist eS am Mitt- woch durch Verhandlungen vor dem Einigungsamt des Gewerbe- gerichts zu Vereinbarungen über die Einsetzung eines Schieds- gerichts gekommen, das aus zwei Instanzen, der Schlichtungs- kommission und dem Tarifamt, besteht. Das Schiedsgericht dient zun Beilegung aller Streitigkeiten aus bestehenden Tarifverträgen. Bei gekündigten und neu abzcsschließcnden Tarifverträgen hat es über neue Entwürfe zu beraten und sie den Beteiligten noch vor Ablauf alter Tarife zur Genehmigung zu unterbreiten. Beide In- stanzen bestehen jede aus sechs Beisitzern und einem unparteiischen juristischen Vorsitzenden. Die Arbeitgeber, die den Entwurf zur Geschäftsordnung des Schiedsgerichts ausgearbeitet hatten, wollten, daß das Schiedsgericht rechtlich bindende Entscheidung fällen sollte, so daß den Arbeitnehmern das Strcikrecht verloren gehen würde, und sie wollten außerdem, daß die Parteien, auf Arbcitcrseite der Schneiderverband, von vornherein finanziell haftbar für die Durchführung der Entscheidungen gemacht werden sollte. Solche Bestimmungen waren selbstverständlich für die Arbeitnehmer unannehmbar, und die Arbeitgeber sahen sich dann auch genötigt, darauf zu verzichten. In der Damenkonfektion haben die Zwischenmeister sich mit dem Schneiderverband über eine Tarifborlage verständigt, die demnächst den Großkonfektioncn zur Anerkennultg unterbreitet wer- den soll. In dieser Vorlage ist sowohl eine Regelung und Aufbcsse- rung der Preise vorgesehen, die die Zwischenmcistcr für ihre Arbeit erhalten, wie auch eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsvcr- Hältnisse ihrer Schneider und Schneiderinnen. Die Vorlage ist so weit fertig, daß nur noch über die Büglerlöhne zu entscheiden ist, zu welchem Zweck am Montag zwei Vüglervcrsammlungen stattfinden._ Th. Glocke, Bulin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstals DenvMies Reich. Zur Lohnbewegung im deutschen Steindrnckgewerbe. Die Lithographen und Steindrucker in Leipzig haben Forde- rüngen an die Unternehmer gestellt, die in der Hauptsache auf Ver- kürzung der Arbeitszeit, Regelung des Mindesilohnes, Lehrlings- Verhältnisses und allgemeiner Lohnzulagen hinzielen. Es kam zu Verhandlungen hierüber zivischen Vertretern des Unternehmcrschutz- Verbandes und des Gehilfenverbandes, die aber scheiterten, weil die Unternehmer so gut wie keine Zugeständnisse machten. Seit Sonn- abend, den 23. September, stehen nunmehr in Leipzig rund tausend Lithographen und Steindrucker im Streik.— Eine Gauleiter« konferenz des Gehilfenverbandes beschloß, weitere Vorstöße zu machen; die Lithographen und Steindrucker haben deshalb in den Städten Nürnberg, Fürth, Stuttgart, Cannstatt, Frankfurt a. M., Offenbach, Krimmitschau und Kassel dieselben Forderungen wie die Leipziger Kollegen gestellt und bis 21. beziehungsweise 22. d. Mts. Antwort von den Unternehmern erbeten. Diese haben aber überall gleichlautend erklärt, daß sie die eingereichten Forderungen der Zentrale des Unternehmerschutzverbandes überwiesen hätten. Die Arbeiter betrachteten dieses als ein Verschleppungsmanöver und haben am Sonnabend, den 23. d. M., in den obengenannten Städten die Kündigungen eingereicht; sie sind der Meinung, wenn die Unternehmer Frieden im Gewerbe wünschten, dann in der vierzehntägigen Kündigungszeit eine Einigung zustande kommen könnte. Auch bei der bekannten Firma Hagelberg in Berlin kam eS zur allgemeinen Kündigung. Alle Kündigungen laufen am 7. Oktober ab. Der Kampf richtet sich nur gegen Firmen, die dem Unternehmerschutzverband angehören, der wohl rückständige Verhältnisse nicht schützen will, in Wirklichkeit aber unter keinen Umständen gewillt ist, den Gehilfen annehmbare Zu- geständnisse zu machen. Nach dem jetzigen Stand sind außer den 1000 Lithographen und Steindruckern, die in Leipzig bereits im Streik stehen, noch rund 2000 in den verschiedenen Städten in Kündigung. Außerdem werden bei sämtlichen Schutzverbands« firmen in Deutschland die lleberstunden verweigert, was natürlich eine ziemliche Erregung hervorgerufen hat. Auch die Steindruckerei- Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen haben sich der Bewegung an- geschlossen und ebenfalls Forderungen an die Unternehmer gestellt. Es ist leicht möglich, daß sich die Bewegung noch auf weitere Städte ausbreitet. Auguste Müller im eigneiTHeim. Zu den Personen von„Ruf" gehört unzweifelhaft Frau Auguste Müller in Wandsbeck. Sie ist nicht nur eine Person von nationaler, sondern sogar eine solche von internationaler Bedeutung. Frau Auguste Müller handelt mit Menschenfleisch, mit lebendem allerdings; ihre Agenten und Zuschlepper suchen sich die rückständigsten Gegenden des In- und Auslandes aus, um dort jene bedauernswerten Kreaturen, denen der Solidaritätsbegriff völlig unbekannt ist, als Streikbrecher anzuwerben. In letzter Zeit unterhielt die betreffende Dame stets ein vorrätiges Lager,„um sämtlichen Anforderungen der geehrten Abnehmer gerecht werden zu können". Dabei war aber noch immer- bin etwas Rücksicht auf die Nachbarschaft zu nehmen, die mit dem Treiben im Internationalen Streikbrecherbureau nicht ganz ein- verstanden war. Jetzt hat Frau M. eine Villa in Marienthal, dem Villenviertel Wandsbecks, erstanden, von wo aus sie den Streik- brecherversand en gros zu betreiben gedenkt. Das Geschäft bringt also etwas ein. Als Dame M. umziehen wollte, weigerten sich sämt- liche Möbeltransportarbeiter,„derartige Sachen" zu befördern. Schließlich stellte ihr ein Schlächtermeister seinen Wagen zur Ver- fügung, und mit Hilfe von professionellen und angehenden Streik« blechern ging der Ilmzug von statten. Jetzt wohnt die Dame in ge- hobener Stellung ganz„standesgemäß". K-ctztc Nachrichten* Wie zu erwarten war! Wolffs Telegraphcnbu'reau meldet aus Köln: Zu der Erklärung des„Vorwärts" über die Verhandlungen betreffend ein Wahlbündnis zwischea Zentrum und Sozialdemokraten bemerkt die„Kölnische V ol k sz e i tun g": Der Ausschuß, den die Zentrums fraktion des aufgelösten Reichstags für die Wahlen eingesetzt hatte, lehnte, wie wir mit aller Bestimmtheit versichern können, das Angebot Bebels einstimmig ab»nd setzte den Abgeordneten Müller-Fulda da- von in Kenntnis. Was dieser vorher oder nachher mit den Sozialistensührern verhandelte, davon erfährt die„Volks- zeitung" durch die Veröffentlichung des„Vorwärts" zum ersten- mal,(!) es ist daher lediglich aus der eigenen Initiative Abgeordnete n Müller hervorgegangen und dessen P e" ö n. liche Angelegenheit. Weder von der Fra� noch von dem genannten Ausschuß hatte Mg. Mül-» Auk-� trag zu Anknüpfungen mit der So z i�cnio« k r a ti e erhalten. Ter Vorfall beweist aber, wie notwendig es ist, daß der Reichsausschuß vor den nächsten Wahlen in Tätigkeit tritt. In Zukunft werden derartige private Aktionen zweifellos ausgeschlossen bleiben. ,. Diese Bemerkung wird überall die größte Heiterkeit er- wecken. Das Zentrum handelt eben nach dem Grundsatz: „Wenn du etwas getan ha st, so leugne es abl" Aus Düsseldorf. Düsseldorf, 29. September.(W. T. B.) Vorläufiges amtliches Wahlresu'ltat. Bei der heutigen Reichs- tagsersatzstichwahl wurden 75 203 Stimmen abgegeben. Hab er la nd(Soz.) erhielt 39283, Dr. Friedrich(Z.) 35 894 Stimmen. Ungültig waren 26 Stimmen. „Tribuiia" über die Antwort der Türkei. Rom, 29. September.(W. T. B.) ,. Tribuna" schreibt: Die Antwort der Türkei stellt sich als ein offenbares Ver- zögcrungsmittel dar, erstens, um von diplomatischen Gesichts- punkten aus Zeit zu gewinnen und zweitens, um die für eine Lan- dung günstige Zeit vorüberstreichc,, zu lassen. Das Blatt will weiter erfahren haben, daß die C o n s u l t a dem türkischen Geschäfts. träger Seifeddin Beh seinen Paß übermittelte und den Baron Bordorano zu ihm entsandte, um ihm einen deson- derenWaggonfü sie Reise und alles, was er sonst wünschen könnte, anzubieten. Tie Güterannahme nach Tripolis eingestellt. Hamburg, 29. September.(B. H.) Die deutsche Levante» linie teilt mit, daß wegen der in Tripolis eingetretenen poli» tischen Verwicklungen die Güterannahme nach den tripolitanischen Hafenstädten eingestellt ist._ 35 000 Werkstättcnangestrllte im Ausstand. Chicago, 29. September.(W. T. B.) Heute vormittag 10 Uhr sind 35 000 Werkstättenaiigrstcllte der Harriman-Linien und der Illinois Centralbahn in den Ausstand getreten. Die Streikordcr wurde nach der Sitzung deS Präsidiums der Union Pacific-Bahn ausgegeben. Paul Singer& Co.,Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. UntcrhaltungSbÜ »- 229 28 1. Keilte des„IsriDürts" berliner iolblildlt." w**« � t Bebels S�ebetiserinnerutigeii. Soeben ist der zweite Band der Memoiren bon August Bebel erschienen. Ein stattliches Buch von 42V Seiten,*) umfaßt es die Zeit von dem Tode Lassalles bis zum Sozia- listengesetz. Im Vorwort kündigt Bebel einen dritten Band an, dessen Vorarbeiten allerdings erst noch in den Anfängen siird. Dieser Band soll die zwölf Jahre Sozialistengesetz, die „Hcroenzeit der Partei" umfassen. Hoffen wir. daß Bebel uns nicht allzulange auf die Erfüllung dieses Versprechens warten läßt. Ist doch kein, anderer so wie er in der Lage, uns gerade über diese Zeit, über die die Quellen und Bc- richte zu einem großen Teile fehlen, da alles Schriftliche in der Aera der Polizeiverfolgung zur Gefahr werden konnte, wertvolle und interessante Aufschlüsse zu geben. Ter zweite Band der Erinnerungen ist, sagt Bebel im Vorwort, zu einer Art Geschichte der Partei geworden, was erklärlich sei, bei der Stellung, die er in der Partei erlangt habe. Und in der Tat, weit mehr noch als im ersten Bande tritt das eigentlich Persönliche in diesen Lebenserinnerungen zurück und vor uns entrollt sich das Bild der deutschen Ar- beiterbewegung. Es wird der schwere Anfang geschildert mit den inneren Kämpfen zwischen den Lassalleanern unter Schweitzers Führung und den Eisenachern unter der Führung von Liebknecht und Bebel, und der mühsame Beginn der parlamentarischen Tätigkeit, wo aus der Arbeit' weniger Männer allmählich die Grundzüge jener parlamentarischen Taktik erwuchsen, die seitdem vorbildlich gewirkt hat, nicht riur für das deutsche, sondern für das internationale Prole- tariat. Dann schildert Bebel das große Drama des deutsch- französischen Krieges, die Meinungsdifferenzen, die der Ausbruch des Kampfes innerhalb der Partei hervorrief, die Verfolgung der Arbeiterbewegung und die Verhaftung ihrer Führer, den Leipziger Hochverratsprozeß und die Festungs- Haft. Ter Reichstag des neuen Deutschen Reiches tritt zu- fammen, die Feindseligkeit gegen die Sozialdemokratie nimmt mach dem Kriege noch mehr zu, die Verfolgungen werden immer schlimmer. Aber diese Verfolgungen haben nur die «ine Wirkung, die Einigung innerhalb der Arbeiterpartei zu beschleunigen. Das Einigungswerk gelingt und die Ein- heit wird unzerreißbar, die neue Partei wird zusammen- geschmiedet durch den eisernen Hammer des Ausnahmegesetzes. Mit der kurzen Schilderung der Wahl von 1878, die die Ma- forität für das infame Gesetz sichert, in der aber die Sozial- demokratie trotz der infamen Hetze, die sich an die Attentate von Hödel und Nobiling anschloß, ihre Stimmenzahl beinahe behauptet, schließt das Buch. Es ist heute noch nicht möglich, eingehend auf alle Einzelheiten des Werkes einzugehen. Aber heute schon darf man der Freude und Genugtuung über das wert- volle Geschenk Ausdruck geben, das Bebel den deutschen Ar- beitern mit seinem Buche gemacht hat. Die deutsche Ar- beiterbewegung von dem deutschen Arbei- ter erzählt, das wäre eigentlich der bezeichnendste Titel. Denn der deutsche Arbeiter, das ist ja Bebel immer gewesen, freilich der Arbeiter, in dem die Kraft, der Instinkt, das Bc- wußtsein, der Wille der ganzen Klasse in höchster Konzen- tration lebendig geworden ist. Die deutsche Arbeiterbewc- gung, das ist ja das Schicksal, das große innere Erlebnis dieses Arbeiters, wie schließlich das vieler taufender Klassen- genossen. Nur daß es bei ihir� nicht bloß passives Erlebnis, fondern Wille und Tat gewesen ist. Und so wird uns hier als einzelnes Erlebnis eben das geschichtliche Leben der Klasse geschildert, schlicht, einfach, prunklos. in der ungekünstelten Sprache, die eben in der Werkstatt gesprochen wird. Daß diese Werkstatt die Werk st att der Geschichte war, VZ hat auf den Ton und die Tarstellnngsart nicht eingc- w. kt. Nur die Sache, niemals der Autor wird pathetisch. "ist möchte man diese Sachlichkeit bedauern. Jni klein..« Kreise weiß ja August Bebel reizend und mit glück- lichsten». umor zu plaudern und zu erzählen und da spricht er wohp anchmal auch von sich selbst. In dem Buche ist davon nur an zu wenig Stellen etwas zu merken. Dieser Mann der Oeffcntlichkeit hat stets die größte Scheu gehabt, mit seinem persönlichen Erleben vor die Oeffcntlichkeit zu treten. Er ist so sehr von der Sache erfüllt, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, die Oeffcntlichkeit könnte einiges Interesse daran nehmen, was denn dicsen großen Träger einer großen Sache auch in seinem Innersten manchmal bc- wegt. Und trotzdem, dieses Buch wird in all seiner Sachlich- keit und gerade wegen seiner Sachlichkeit und Unpersönlich- keit auch für das Persönliche seines Verfassers neues Per- ständnis und neue Verehrung wecken. Diesem Manne hat die Politik fürwahr nicht den Charakter verdorben, seine hohen Ziele haben alles Kleinliche und Vergängliche aus feinem Leben stets verbannt. Für den deutschen Arbeiter aber ist dieses Buch die beste Einführung in die Geschichte feiner Bewegung. Hat Mehring die Geschichte der deut- scheu Sozialdemokratie in ihrem Zusammenhang mit der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Entwickelung des deutschen Volkes dargestellt, so gibt uns Bebel diese Geschichte vom Standpunkt des Mitkämpfers und Mitgestaltcrs. Das gibt der Darstellung ihre große Lebendigkeit und ihren fesseln- den Reiz, wenn auch freilich manche Partien von subjektiver Färbung nicht frei sein mögen. Doch darüber wird wohl noch ein anderes Mal zu sprechen sein. Für�eute möchten wir nur den Wunsch aussprechen, daß Bebe? Buch ein Lese- buch des deutschen Volkes werden möge. Nun soll aber der Leser selbst entscheiden und deshalb der- öffentlichen wir das erste Kapitel aus dem Abschnitt über den Deutsch-Französischen Krieg. Die historische Re- miniszenz ist ja mehr wie je von größter Aktualität. Das Vorspiek zur Kriegserklärung. Tie Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer jenes Krieges in und außerhalb des Reichstages einnahmen. ist jahrzehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger •)„Aus meinem Leben", von August Bebel. Stuttgart 1V11. I. H. W. Dietz. Gxb. 3 R.. bxpsch. 2,50 R. Angriffe gewesen. Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht. Ich bekenne, daß ich unsere da- malige Haltung in keiner Weise bcdaure und daß, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewußt hätten, was wir im Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außcramtlichcr Per- öffentlichungcn kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augen- blick an eine noch schroffere gewesen sein würde. Wir hätten uns nicht, wie es geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen. Heute kann es keinem Zlvcifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1L7V von Bismarck gewollt und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anläßlich der Kriege von 1dt)4 und 1866 sich als den Unschul- digcn und dazu Gereizten hinzustellen, wenig Glück hatte, so ist ihm dieses in bezng aus den Krieg von 1876/71 glänzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der wußte, daß Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den Krieg mit Frankreich hinarbeitete— zu dem der damalige König und spätere Kaiser Wilhelm l. nicht gehörte—, hat Bismarck alle Welt düpiert und den Glauben zu erwecken verstanden, daß Napoleon den Krieg provozierte und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offiziöse Geschichtschrcibung hat diesen Glau- den, wonach Frankreich der Angreifer, Teutschland der Angegriffene Ivar, bis heute in der großen Masse der Bevölkerung ausrechtzucr- halten verstanden. Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das Bewundernswerte in der Bismarckschcn Politik lag darin, daß er die Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegs- crklärnng austrumpfen mutzte, er mochte wollen oder nicht, und so als der Friedensbrccher erschien. Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der Friedensbrccher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die unsere. Die Borgänge bis zur Kriegs- erklärung waren so irreführend und verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet Ivar, wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil erschein, die Kricgsvorbereitungen bis auf den letzten Lafetten- nagel fertig waren und die Mobilmachung wie am Schnür- chen sich vollzog. Die öffentliche Anklage, daß Bismarck der Urheber des Deutsch- Französischen Krieges sei, habe ich meines Erinncrns in der Partei zuerst in zwei Artikeln des„Volksstaat", und zwar in den Nummern 73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ucberschrift trugen: „Zum zweiten September". Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat nur einige kleine formale Aendcrungen daran vorge- nommen und hat sie beide an der Spitze seiner später erschienenen Broschüre:„Die Emser Depesche oder wie Kriege gemacht werden", abgedruckt. Ter Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lösung der deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmasscn in die Hand genomnien wurde, war bei der Situ- ation in Deutschland und Europa, die der Wiener Kongreß von 1815 geschaffen hatte, auch die Einmischung des Auslandes zu befürchten, in erster Linie die Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art Schiedsrichtcrrolle in Europa anzumaßen verstanden hatte. Der Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen, wie das ganze Gebilde des damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einließ, bei denen die Abtretung gewisser Teile Teutschlands als Kompensation für Anneriouen deutscher Staaten durch Preußen in Frage kam. Ich habe schon im ersten Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen. Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhältnisse zugunsten Preußens leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des Krieges von 1866 hatte doch genügt, um Preußen die geplante Annexion Sachsens unmöglich zu machen; auch war Napoleons Einfluß die Bestimmung des Artikel 4 des Präger Friedensvertrages zu verdanken, wonach eine Abtretung des dänisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dänemark in Aussicht genommen wurde; ferner mußte Preußen auf Annexionen südlich der Mainlinie verzichten. Napoleons Einfluß ivar weiter geschuldet die Lösung der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands. Es liegt auf der Hand, daß diese Störung von Bismarcks Zirkeln durch Napoleon bei Bismarck Rache- und Vcrgcltungs- gcdanken aufkommen ließen und er danach gierte, die überragende Stellung Napoleons und Frankreichs in Europa zu brechen. Einen 5krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald eine günstige Gelegen- hcit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der neuprcußisch- deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militärische Reorgani- sation und Armeecrweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es wurden alle Maßnahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment komme, mit Frankreich anbinden zu können. Daß der nächste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866 die Uebcrzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als selbstverständlich an und sehnte sich nach deni- selben. Wir klagten deshalb die Bismarcksche Politik an, daß sie einen Zustand fiir Teutschland gesckxiffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen sei. Das gespannte Verhältnis zu Oester- reich, das der Ausgang deS Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage für Teutschland doppelt gefährlich, weil befürchtet werden müsse, daß Oesterreich zu einer Revanche für 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde. Tatsächlich wurden auch bezügliche Verhandlungen zwischen Frankreich und Oesterreich ge- pflogen die aber keinen Erfolg hatten, weil der unerivartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schläge, mit der die französische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es Oesterreich klüger crsdbeiiien ließen, von einer Einmischung abzu- sehen. Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen Deutschland und Frankreich mit großem Unbe- Hagen entgegen, um so mehr, da man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbcsiegbarleit Frankreichs glaubte. Andererseits stand allerdings fest, daß der Mangel an positivem Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrollc heimgebracht, sein Ansehen im eige- ncn Lande tief heruntergesetzt und der bürgerlichen Opposition großen Anhang versck)afft hatte. Diese Stimmung kam deutlich zum Ausdruck bei den Wahicn im Mai 186V, bei welchen auf die Kandidaten der Regierung nur rund 4 469 666 Stimmen, auf die der Opposition 3 259 666 Stimmen fielen, lieber diesen Wahl- ausfall schrieb man damals der„Frankfurter Zeitung" aus Paris: „Nicht allein die moralisch�,, auch die materiellen Interessen Eu- ropas lassen die republikanische Staatssorm als unerläßlich für die Regeneration unserer Verhältnisse erscheinen." Die Opposition in der Kammer ivar auf 146 Köpfe gestiegen. Das veranlaßte Napoleon Anfang Januar 1876, das Mitglied der Opposition, Olivier, zuiy Präsideiiteg eines gemäßigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur Unterstützung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, ivobei er für sein Regiment zwar 7 356 666 Ja gegen 1566 666 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich war, die Armee und Marine hatten 56 666 Nein in die Urne geworfen. Außerdem hatten zahlreiche Städte, voran Paris, ein erhebliches Mehr gegen ihn ergeben. Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon ini Januar zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den der Prinz Pierre Napoleon bei einem persön- lichcn Streit meuchlings niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete demouslrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wäre dabei zu einem revolutionären Ausbruch gekommen. Alle diese Vorgänge wirkten niederdrückend auf Napoleon, der damals sckpn an einem schmerzhaften Blasenstcinleiden litt, dem er schließlich auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft. Aber auch die militärischen Verhältnisse Frankreichs waren solche, die einen Krieg mit einer starken Macht für gefährlich er- scheinen ließen. Wenn Prcußcn-Teutfchland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht in Frankreich. Napoleon hatte zwar in dem Oberst Stoffel einen Militärattache in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und fortgesetzt Berichte ein- schickte, worin er über die gewaltigen Fortschritte in der mili- tärischen Entwickelung Preußens Bericht erstattete und zu ähn- lichcm Vorgch-'n autrieb, aber alles war vergebens. Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von histo- rischer Bedeutung, mögen hier Platz finden. So schrieb er unteM dem 22. Juli 1868:„Nach meiner Meinung lebt man in Frank« reich in der tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preußen an- geht, sowohl die preußische Nation als die preußische Armee." Am 12. August 1869 schrieb er prophetisch:„Preußen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, daß der 5lricg, den es nicht wünscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle Anstrengungen gemacht, um vor- bereitet zu sein für diese Eventualität, daß irgendein. Ztvischcufall den Krieg herbeiführt." Ein andermal bemerkt er:„Das ist der Hauptgegenstand meiner Befürchtung, dieser schlagende Kontrast zwischen der Voraussicht Preußens und der Verblendung Frank- rcichs." Wütend ist er über Thiers, der 1848 verhindert habe, daß die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wurde. „Dieser Mensch war für unser Land ein schlimmeres Verhängnis a l s zwanzig Niederlagen." Und bei Ausbruch des Krieges bezeichnet er denselben von französischer Seite als den Krieg övr Voraussehungslosigkcit, der Unwissenheit und der Albernheit gegenüber der Voraussicht, Bildung und In- tclligcnz. Napoleon sei krank, die Revolution stehe vor der Tür, und dazu komme die Dummheit der Kaiserin. In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutsch- land. Noch Anfang Juli 1876, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kiriegcs, beschloß die franzö- fische Deputiertenkammer die Herabsetzung des Rckrutenkontingents von 166 666 a u f 96 666 Mann. Der Krieglmmister Lcboeuf erklärte, daß, wenn er der Her- absetzung zustimme, es geschehe, weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle. Und der Ministerpräsident Olivier erklärte auf eine Anfrage des Abgeordneten Jules Favre, daß zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens mehr gesichert sei als gegenwärtig. Nirgends gebe es eine auf. regende Frage. Und doch kam über Nacht der Krieg. „Fern im Süd das schöne Spanien" gab ungetvollt die Ge- legenhcit dazu. Seit Herbst 1868 ivar Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Königsuche. Wie nachträglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der Fürst Karl Anton von Hohenzollcrn davon unterrichtet, daß man seinen Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preußischen Gardcrcgimcnt stand, zum König von Spanien wünsche. Der preiißifche Gesandte in München, Frei- Herr v. Wcrthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, daß er davon etzvas gewußt habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohcnzollcruprinz als 5iaudidat für den spanischen Königsthron war eine Sache von größter politischer Bedeutung, sowohl für die Hohenzollcrn wie kür Napoleon. Napoleon und Frankreich fühlten sich in ihren Interessen aufs stärkste gefährdet, tvenn neben dem Hohenzollcrn an der Ostgrenzc ein Hohcnzoller auf der Südgrcnze als Regent eines großen Staates hinzukam. Jan Fall eines Krieges mit Deutschland mußte alsdann Frankreich sich gegen einen Uebcrfall von Süden schützen, was eine starke militärische Schwächung bc- deutete. König Will>elm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan, einen Hohenzollernprinzen aus de» spanischen Königsthron zu erheben, k e i n e A h n u n g. Er erhielt die Nachricht darüber erst Ende Februar 1876 und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck: „Die Einlage fällt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib! Wieder ein hohcnzollcrischer Thronkandidat, und Mar für Spanien. Ich ahndete kein Wort und spaßte neulich mit dem Erbprinzen über die frühere Nennung seines NamenS und beide verwarfen die Idee unter gleichem Spaß! Da Sie vom Fürsten Details erhalten haben, so müssen wir konferieren, obgleich ich von Hans gegen die Sache bin. Ihr W." Bismarck ließ sich aber durch diese Ansicht des Königs nicht irre machen, er verfolgte konsequent feinen Plan und erreichte schließlich doch, daß in einer Beratung unter dem Vorsitz des Königs, au welcher der Kronprinz, der Fürst von Hohenzollcrn, er und Moltke teilnahmen, der Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde. Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen liaben, was für seine Apathie und sein Ruhebedürfnis spräche. Als aber Anfang Juli die provisorische Regierung Spaniens sich für die Kandidatur des Hohcnzoller» aussprach und dieser Beschluß in Frankreich bekannt wurde, begann der größte Teil der französischen Presse zu toben ivegen der Gefahr, die ein Hohcnzoller auf dem spanischen Königsthron für Frankreich bedeute. Jetzt muhte auch Napoleon sich rühren. Er sandte seinen Botschafter Bencdetti um Aufklärung zu Bismarck. Dieser gab zur Antwort, das Mini- st e r i u m wisse nichts von der Sache. So stellt er selbst in„Ge- danken und Erinnerungen" die Sache dar. Dort erklärt er im zweiten'Bande auf Seite 86: Politisch I)abe er der Frage ziemlich gleichgültig gegenübergestanden. Auf der folgenden Seite aber äußert er bereits:„Wenn der Herzog von Gramont(in einer 1872 erschienenen Broschüre) sich bemüht, den Beweis zu führen, daß ich der spanischen Anregung gegenüber mich nicht ablehnend vcr- halten hätte, so finde ich keinen Grund, dem zu widersprechen." Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt:„Indem Bismarck Geschichte schreibt, macht er Geschichte", das heißt er dreht die Dinge so, wie sie ihm passen. Dem Lärm in der französischen Presse folgte der Lärm in der deutschen. Aber zunächst nicht ützexgll. Noch m 12. Juli sprgch feie„Kölnische Zeitung' sich seh« entschieken gegen die Hohenzollern- Kandidatur aus im Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Bürgerkreisen über den Militarismus dachte, darüber legt Zeugnis ab ein Beschlutz einer Vertrauensmänner- Versammlung der Fortschrittspartei für Rhcinpreutzen am 10. Juli in Köln. Jene Versammlung resolvierte: „Wir erwarten und fordern von den zu wählenden Abge- ordneten zum Reichstag, datz sie in der nächsten Session des Reichstages insbesondere für die Verminderung der Militärlast durch Verringerung der Friedensarmee und Verkürzung der Dienstzeit eintreten und für den Fall, datz diese Forde- rung abgelehnt wird, in Ausübung ihres der- fassungsmätzigen Rechtes jedwede Be Willi- gung von Geldmitteln für das Militär dem Bundespräsidium zu verweigern." Wer denkt in den bürgerlichen Parteien heute noch an der- gleichen Schritte, obgleich mittlerweile die militärischen Rüstun- gen zu Wasser und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit niemand für möglich hielt. Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedettt mit König Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brüsker Weise vom König gefordert haben, zu erklären, datz er nie wieder eine Hohen- zollernkandidatur für den spanischen Thron zulassen werde, nach- dem an demselben Tage auf Betreiben des Königs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Der König hatte durch einen Adjutanten an Benedetti diesem mitgeteilt, datz er die Verzicktleistung approbiert habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Bcnedettis, den König zu sprechen, lietz dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer Erklärung mit- teilte,„dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern. Seine Majestät müsse entschieden ablehnen, in betreff der bindenden Erklärungen für die Zukunft sich in weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wäre sein letztes Wort in dieser Sache, und er könne sich lediglich darauf �berufen. Hierauf erklärte Benedetti, sich seiner- seits bei dieser Erklärung beruhigen zu wollen." Damit war tat- sächlich der Zwischenfall erledigt." Aber nicht für Bismarck, dessen Pläne auf einen Konflikt mit Frankreich durch die Erklärung des Königs durchkreuzt waren. Er erzählt salbst in„Gedanken und Erinnerungen", daß. als er an jenem Tage mit Moltke und Roorj gemeinsam speiste, diese über die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron im höchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht, datz er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus EmS eine lange Depesche ein, in der Abelen im Auftrag des Königs den Vcr- lauf der letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstörte. Roon und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzählt Bismarck; datz die Aussicht auf Krieg geschtounden war, hatte ihnen den Appetit verdorben. Darauf setzte sich Bis- marck— immer nach seiner eigenen Darstellung— an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche so zusammen, daß die- selbe einen völlig veränderten Charakter bekam. Als er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider Augen, und Moltke, der Schweiger, rief:„So, das hat einen anderen Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare!" Alsdann setzten sich alle drei fröhlich zu Tisch und atzen mit bestem Appetit weiter. Der Krieg war gesichert. Sonnabend, 30. Sept. 1911: Ansang 3'/; Ubr. Belle-Alliance-Thenter. Iphigenie. Ansang 4 Uhr. Urania. Taubeiiftratze 48/4N. rlebcnde Tierbilder von nah und fern. Luisen. Aschenbrödel. Rose. Hansel und Grete!. Ansang 7'/, Uhr. K. Lperuhaus. Cavalleria rnsti- cana. Bajazzi. 5t. Zchauspielliaus. Penthesilea. Deutsches. Penthesilea. Haverlnud. Spezialitäten. Ansang 8 lldr. Urania. Danbensirasie 48/49. Lebende Tierbilder von nah und fein. Neues Kgl. Qperntheater. Hamlet. Kammerspirle. 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Goldmann 8,90. Tischt. Hartmann 5,20. Stellmacher Kabel- werk Ober-Schöneweide 14,10. Mobelfi Dibbelt u. Kothe 13,50. Möbels. Phönix 27,—. Tischt. Bembeneck, Koch u. Co.. 3. R. 9.—. Tischl. Schnell u. Co. 7,—. Tischl. Schirrmeister>2,—. Tischt. Werner. 3. R. 1,70. Ges. in Vers, der Bautischler am 25. Sept. 25,—. Möbels. Psaff 16,6ö. Tischl. Kramer 14.25. Tis-bl. CompowSli 7,—. Tischl. Reinlin u. Roper 2.50. Tischl. Laborenz 14,40. Tischl. Atzenroth 8,—. Tischl. Sauerwein 18,95. Tischl. Teisel u Co., 5. R 5.50. Durch Beil. Betrieb? 9,40. Tischl. Quehl, 3. St. 7,60, Tischl. Klug 4,50. Von den Angestellten der Zablstelle Berlin 55,—. Summa 1037,20. Bereits quittiert 5072,50. Summa 6109,70. 87/13 Die Ortsverwaltung. Orts-Krankenkasse Lichtenberg. Einladung zur Wahlversammlung. ES machen sich zufolge Ausscheidens Neuwahlen zur Generalver- sainmlung notwendig. In Gemäßhelt der HZ 51. 51a und 66 der Kaffcnsatzungen laden wir da- her zur Neuwahl hiermit ergebenst ein. Wahlberechtigt und wählbar find die aassenmitglieder, die großjährig und im Besitze der bürgerlichen Ehren- rechte sind. Die Wahlen finden tn getrennten Wahlgängen(Arbeitgeber und Arbeit- nehmer) stall. Zu wählen lst sür die Periode: 1. Oktober 1911 bi« 30. Septem- der 1913. Zur Vornahme der Wahl laden wir die Herren Arbeitgeber zum Mittwoch, den 11. Oktober 1011, nachmittags von 5—7 Uhr, im Lokal«Schwarzer Adler- de« Herrn Arnhold, Lichtenberg, Frank- fitrter Chaussee 5, Ncbcnsaal, Garten- eingang, hiermit ergebenst ein. Di« Kasseiimttglieder, die In zwei Abteilungen wählen, laden wir zur Vornahme der Wahl, und zwar die 1. Wahl.ibteilung, umsassend die Be- triebe östlich der Kürltlftraßc, der Dorsstraße und deS Weißcnseer WegcS, ausschließlich der drei genannten Straßen, sowie die Kasseumiigliedcr, welche in Wilhelmsberg beschäsligt sind, zum Mvntng, den 0. Oktober 1911, nachmittag« 4—8 Uhr, im Lokal«Schwarzer Adler- de« Herrn lllruhold, Lichtenberg, Frank- surter Chaussee 5, die 2. Wadlabteilung, umsaflcnd die Betriebe in der Gürtclslraße, der Dorsstraße und des Weißenscer Wege» sowie den Ortsteil westlich dieses Straßenzugcs, zum Dienstag, den 10. Oktober 1911, nachmittags 4—8 Uhr, im Lokal«Schwarzer Adler- des Herrn Arnhold. Lichtenberg, Frank» lurlerCbauffce-. hiermit ergebenst cln. Die Kassenmitglieder, die ihre Bei- träge selbst zablen lfreiwlllige Mit- glieder) wählen in der Aoteilung, in der ihre Wohnung belegen ist. Die Arbeitgeber haben auS ihrer Milte SS Delegierte; die Kassenmitglieder der 1. Wahl- abteilung 70 Delegiert««nb B5 Ersatzmänner. die Kassemnitglieder der 2. Wahl- abteilung 47 Delegierte«nb S4 Ersatz- männer. mittel« geheimer Wahl zu wählen. Die Wahlhandlung wird pünktlich eröffnet und gilt al» Legitimation sür die Kaffenmitglieder ewe vom Arbeit- geber ausgestellte Bescheinigung über daS BeschäsligungSvcrbälwiS, für die Arbeitgeber die letzte Beitragsquittung. Zur zahlreichen Beteiligung ladet ein 279/1 Der Kassenvorntand. 3. SU C. Settel, Vorsitzender. Arbeiter- Gesundheits- Kidlmthek. In dieser Sammlung sind bisher erschienen: Heft 1. Die erste Hilfe bei U«- " glücksfalleii. Dr. Christellcr. Hesl 2. Das erste Lebensjahr. Von Dr. Silberstein. Heft 3. Gesundheitspflege des Nervensystems. Von Dr. Hirsch- Inff. Host 4. Der Achtstundentag. Von Dr. Zadel. Hest 5. Alkoholfrage n. Arbeiter- klaffe. Von Dr. Fröhlich. Hest 6. Das Schulkind. Von Dr. Silberslein. Hest 7. GeschlechtSvetz�ehr und Geschlechtskrankheiten. Von Dr. Gebert. Hest 8. Nahrung und Ernährung. Von Dr. Chnjcs. Hest 9. Wie sollen wir uns kleide«? Von Dr. P. Bernstein. Heit 10. Der Arbeiterschutz. Bon Dr. M. Epstein. Heit tl. Franenleiden und bereu Verhütung. Dr. I. Zadek. Hest 12. Vom mediziniichen Aber» " glauben. Dr. E. Thesing. Hest 13. DaS Wafferheil< Wer- fahren in der GesundheitS. pflege des Arbeiters. Von Dr. S. Munter. Hest 14. Berhiitung und Heilung desStotternS. Von Dr. L.Jordan. Heft 15. Geschlechtliche Erziehung in der Arbeiterfamilbr. Von Dr. I. Marluse. Hest 16. Zähue und Zahnpflege. Von Gertrud Rewald. Hest 17. Bau und LebenStätig, keit deS menschlichen Körpers. Von Dr. Christeller. Hest 18. Der Geschlechtstrieb» Von Eduard Bernstein. Hest 19. Die Krankenpflege im Hause. Von Joh. Ranker-Mann» heim. Hest 20. Die Proletarier-Krank- heit. Von Dr. I. Zadek. Heft 21. Atemgymiiafttk. Von Otto Rühle. Hest 22. Haut- und Haarpflege. Von Dr. ChajeS. Hest 23. Wie hüten wir««S vor Herzerkrankunge»? Von Dr. Eugen Rehsijch. Hell 24. Die Hygiene der Arbeiter» Wohnung. Von Hugo Hillig-Ham- bürg. Heft 25. Die Schmarotzer des Menschen. Von Dr. A. Lipjchütz. Hest 26. TteKrantheitendesLhres, der Rase und ve* Rachens. Von Dr. Hans Schwerin. Hest 27. Sport und Arbeiter. Von Dr. R. Silberftein. -----leckes Heit kostet 20 PI. 5= in besseret Ausstattung 50 Pf. Bucbhandlung Vorwärts Lindenstr. 69(Laden). UNSERES RIEUEIM HAJ DIENSTAG, DEN 3. OKTOBER »ECIAUHAUS FÜR HERREN u.KNAB EM- KLEI DÜNG. 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Die Kritik an den Maßnahmen des Parteivorstandes betr. die Marolkodemonstrationen empfinde er als ungerecht und zum Teil persönlich. Die Veröffentlichung von Privatbriefen sei bisher nicht Brauch gewesen. Die Mehrzahl der Delegierten habe sich mit der Handlungsweise der Genossin Luxem- bürg nicht befreunden können. Die Verstärkung des Vorstandes um jjlwei Sekretäre und die Einsetzung der Reorganisations- kommission halte er für angebracht. Bebels Ausführungen über den Generalstreik könnten nur so verstanden werden, daß im Kriegsfalle der Ruf nach Brot alles andere übertönen werde.— Der Punkt„Reichstag�vahl" gab dem Redner Gelegenheit, beson- derS die Frontstellung gegen das Zentrum und diese Partei an sich zu kennzeichnen. Die Stichwahlbcstimmungen bewegen sich wohl in richtigen Grenzen, da nicht allein die Grundsätzlichkeit derselben, sondern die Einhaltung durch die Kandidaten Hauptsache sei.— Der Nürnberger Beschluß zum Moifeierfonds sei beibehalten wor- den. Und mü Recht, wenn man in Betracht ziehe, daß Angestellt« in Parteigeschäften usw. nicht den Maßregelungen von in Privat- betrieben Beschäftigten ausgesetzt find.— Der Referent bedauerte noch, daß die Resolution zur Konsumgenossenschaft zurückgezogen worden sei und der Parteitag so keine Stellung zu der Neutrali- tätsauffassung in der Grotz-Einkaufsgeselljchaft nehmen konnte.— Der Gesamteindruck des Parteitages sei ein erfreulicher gewesen. In allen entscheidenden Fragen herrschte Einigkeit. Genosse Molkenbuh' unterstrich in der Diskussion seine in Jena gemähten Ausführungen über die Veröffentlichung seines Briefes.— Ter durch den Parteitag gewissermaßen eröffnete Wahl- kämpf werde sich diesmal schärfer gegen das Zentrum wenden und überhaupt abe bisherigen Kämpfe an Ausdehnung und Schärfe in Schatten stellen. Genosse U n g e r war der Meinung, daß die Demonstrationen Nicht früher hätten einsetzen können.— Das Zirkular des Vorstandes über..den guten Ton" hätte man auch in den Debatten mit der Genossin Luxemburg als Richtschnur nehmen sollen. Unerklärlich erscheine ihm, daß man der Genossin Luxemburg als Mitglied des I. S. B. die Berichte sperren könne. Genosse Mvlkenbuhr hielt seine AuSfÄhrungen aufrecht, daß der Parteivorstand rechtzeitig eingegriffen habe.— Mit der Sperrung der Berichte sollte nach Aufklärung durch den Genossen Huysmans die»Leipziger Volkszeitung" getroffen werden. Friedenau. Den Bericht vom Parteitag erstattete in der Mitgliederver- sammluna des Wahlvereins Genosse Eduard Bern st ein. Einleitend bemerkte der Redner, daß man wohl bald daran denken müsse, die Zusammensetzung des Parteitages anders zu organi- sieren, da durch das stetige Wachstum der Partei die Zahl oer Delegierten immer größer werde, tvas naturgemäß die Verhand- lvngen immer schwieriger gestalte. Mit dem Ausgange der Tagung könne man sehr zufrieden sein. Wenn auch die Schärfe der Aus- einandersetzungen an den beiden ersten Tagen hätten vermieden werden können, so hätten sie doch den außerordentlich guten Ein- druck der gesamten Beratungen nicht getrübt. Die Aufnahme, die die glänzenden Referate unsere» alten Bebel fanden, hätten ge- zeigt, daß, wenn es den Kampf gegen den gemeinsamen Feind der Arbeiterklasse zu führen gelte, alle Meinungsverschiedenheiten zu- rückgestellt und die Welt nur ein« schlagfertige einige Sozialdemo- kratische Partei vorfände. Ob die Genossin Luxemburg durch die Veröffentlichung des bekannten Briefes sich einer Indiskretion schuldig gemacht habe, wolle er nicht beurteilen; es sei diese Frage auch ganz unwesentlich. Doch sei die 5tritik, d«e von der Genossin Luxemburg an dem Kautskqschen Flugblatt, das ein mifklärendes fein sollte, und dem er bis auf einige Punkte ohne weitere» zustinime, erstens in eine wenig fdhöne Form gekleidet habe, zweitens sei auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung derselben der denkbar verkehrteste gewesen. Die Mehrheit der Delegierten war davon überzeugt, daß der Parteivorstand feine Schuldigkeit, soweit es in seinen Kräften stand, getan habe, was ja auch die weitere Enttvickelung der Maroktofrage bestätigt habe. In der Angelegenheit deS sogenannten Geheimzirkulars habe der Partei- vorstand seine Kompetenz durchaus nicht überschritten. Es sei das Recht und sogar die Pflicht des Parteivorstandes, wenn in der Hitze des Gefechts von einigen Parteiorganen die Grenzen des unter Genossen zulässigen Tones überschritten werden, die be- treffenden Redaktionen in kameradschaftlicher Weise auf die schädi- genden Wirkungen ihres Tuns aufmerksam zu machen. Was natür. lich auch für die andere Seite gelte. Die Resolution des Genossen Bebel betr. der Stichwahlen verlange von dem bürgerlichen Kandi- daten ja herzlich tvenig, doch müsse man, da unser Bürgertum politisch total verlumpt sei, sckwn fvoh sein, wenn diese For- derungen schriftlich akzeptiert werden. Bedenklich halt« er den Passus in der Resolution, der besage, daß, wenn beide Kandidaten unter- kleines Feuilleton. Deutsche DichtergedSchtnis-Stiftung. Eine große Bücherver- teilung an ländliche Vollsbibliotheken hat, wie alljährlich, auch in diesem Jahre die Deutsch« Dichtergedächtnis-Stiftung in Angriff genommen. Diese Sammlung besteht aus je 87 Bänden, di« an di- stattliche Agzahl von 1750VolkSbüchereien vergeben werden soll. Insgesamt werden also 64 750 Bände im Gesamtladen- preis von 94L7ö M. verteilt werden. Unter diesen Büchern befinden sich neben den neuesten Bänden der„Hausbücherei" und der„Volksbücher" der Deutschen Dichtergedächtnis-Stiftung zahl- reiche Werke, die von anderen Verlagsbuchhandlungen zu diesem Zweck angekauft wurden, die also wie alle Bücher der Verteilungen der Stiftung völlig neue, tadellose Exemplare sind. Neben schönen älteren Dichterwerken, wie z. B. Eichendorffs»Aus dem Leben eines Taugenichts" oder den Dickensschen.Weihnachtserzählungen" sowie Hauffs„Lichtenstein" befindet sich darunter auch eine große Anzahl von Werken neuerer und neuester Dichter. Hat sich die Stiftung doch zum besonderen Ziel gesetzt, junge dichterische Talente in der geschilderten Weise zu ehren und zu fördern. Infolgedessen sind auch in die diesjährige Bücherverteilung an kleine Vol.sbiblw- theken mehrere Werke lebender junger Dichter aufgenommen. Bewerbungen von kleinen Vollsbibliotheken� um Zuwendung eine? Exemplars dieser Sammlung von 87 Bänden, die einem Ladenpreis von 64,10 M. entspricht, sind an die Bibliotheksabteilung der Deutschen Dichtergedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel zu richten. Theater. Kleines Theater:»Papa'. Lustspiel bon deFlerS und de Caillavet. Die Firma, von'welcher der weiland im Lessing-Theater gespielte.König", der lustigste Pariser Schwank des letzten Jahrzehnts, stammt, hat auf französischen Bühnen auch mit dieser ihrer letzten Novität großen Erfolg gehabt. Die Aufmachung ist bedeutend anspruchsvoller, statt eines Wirrwarrs toller Ueber- raschungen soll eS so etwas wie eine lustspielmäßige, aus dem fhreiben, der Liberale vorzuziehen ist. Hier müsse man es doch en örtlichen Organisationen überlassen, die Entscheidung zu treffen, da bei aller Gemeinheit des Zentrums die Wahl eines Zentrums- mannes, der eines nationalliberalen Scharfmachers aus Rheinland- Westfalen vorzuziehen sei, sofern die Person desselben die ge- nügende Garantie nach dieser Richtung hin biete. Die Stimmen- Zersplitterung gelegentlich der Wahl des Genossen Haase zum zweiten Vorsitzenden wurde irrtümlicherweise von verschiedenen Seiten als Protest des Revisionismus gegen die Radikalen aus- gefaßt; er glaubt, daß dieser Vorgang nur auf persönliche Ver- ärgerung einzelner infolge der Vorgänge in Magdeburg zurück- zuführen ist. Die bisherige Tätigkeit des Genossen Haase bürge dafür, daß er das ihm übertragene Amt gewissenhaft ausüben werde. Trotzdem der von Lipinski begründete Antrag betr. der Maifeier abgelehnt worden sei, sei diese Frage noch einmal ein-- gehend zu prüfen, da zu befürchten ist, daß, da sich eine ganze Anzahl von Genossen weigern, dem Nürnberger Beschluß Folge zu leisten, es fortwährend zu Zank und Streit kommen würde. Alles in allem könne behauptet werden, daß der diesjährige Parteitag eine würdige und eindrucksvolle Einleitung des Wahlkampfes dar- gestellt habe. In der Diskussion tadelte als erster Redner Genosse Richter das Verhalten des Parteivorstandes, der, um seine eigene schwache Position zu verdecken, einen Fall Luxemburg konstruiert habe. Der Genossin Luxemburg gebühre unzweifelhaft das Ver- dienst, den Parteivorstand vorwärts getrieben zu haben. Auch in der Geheimzirkularangelegenheit habe der Parteivorstand ein zu großes Entgegenkommen der Generalkommission gegenüber gezeigt, die sich zum Wächter des guten Tones in der Parteipresse aufspielt, während sie über die Niederträchtigkeiten des Organs der Buch- drucker während der ganzen Jahre geschwiegen haben. Daß die Berliner Resolution, das Genossenschaftswesen betreffend, zurück- gezogen worden sei. bedaure er außerordentlich. Das Verhalten des Genossen Wels dem Genossen Ledebour gegenüber grenze stark an Selbstüberhebung und werde wohl von den Berliner Genossen nicht gebilligt werden. Genosse Eulert schließt sich im wesentlichen den Ausführungen Richters cm. Genosse Richard Hagen hätte gewünscht, daß der Nürnberger Beschluß betr. der Maifeier auf- gehoben worden wäre, er schaffe für unsere Parteibetriebe, in denen nickt nur Genossen beschäftigt seien, große Schwierigkeiten; man solle es überhaupt vermeiden, einen Zwang nach dieser Rich- tung hin auszuüben. Den Uebergriffen der Herren Kaufmann und Dr. Müller gegenüber werde man mit Resolutionen schlecht etwas ausrichten. Hier heißt es: Jeder Genosse hat dem Konsum- verein beizutreten und dort die Ideen der Sozialdemokratie zu vertreten. In seinem Schlußwort ivandte sich der Referent gegen einige Aeußerungen der Genossen Richter und Eulert. Er schloß seine Ausführungen mit der Aufforderung an die Genossen, den Konsumvereinen beizutreten als wirksamsten Protest gegen die Praktiken der jetzigen Leiter den Genossenschaftsbewegung. Spandau- Die Gcnerolversinmnliing deS sozialdemokratischen Wahlvereins wurde am Dienstagabend im Restaurant von Bühle abgehalten. Zum P a r t e i t a g» b e r i ck t führt Genosse Dr. Liebknecht aus, daß der Jenaer Parteitag sehr mannigfaltige und wider- sprechende Stimmungen ausgelöst hat. Die schwarzblauen Gegner sind mit dem Resultat unzufrieden, das fei der beste Beweis, daß der Parteitag gute Arbeit geleistet habe. Erfreulich sei es, daß der Parteitag nicht an der Nahrungsmittelteuerung vorübergegangen ist. Redner geht auf die Beschlüsse hierzu näher ein und kommt dann auf die Jugendbewegung zu sprechen. Er schildert die unge- setzlichen behördlichen Eingriffe, von denen Spandau auch in voriger Woche einen kleinen Begriff erhalten hat, als der Arbeiter-Turn- verein in seinem Lokal von Polizeibecunten überfallen wurde und 16 Verhaftungen erfolgten. Partei und Gewerkschaft sind über- einstimmend von der Wichtigkeit der Jugendbewegung überzeugt und der Parteitag hat es der Partei zur Pflicht gemacht, sich nach Kräften der Jugendbewegung anzunehmen. Er hofft, daß dies auch in Spandau geschehe. Redner streift dann auch die auf dem Parteitag vorgebrachten inneren Parteiangelegenheiten und hofft von den getroffenen Maßnahmen ein gutes Resultat. Zur Konsumvereinsresolution erklärt Redner, daß, obgleich sie zurück. gezogen, der Parteitag doch einhellig mit ihr einverstanden war. Das wichtigste war außer der Reorganisation und Ergänzung des Parteivorstandes die Marokkofrage und die Stellung zur Reichs- tagswahl. Die Marokkofrage zerfalle in zwei Punkte, nämlich erstens, ob der Parteivorstand in dieser Frage die erforderliche Energie und Schlagfertigkeit gezeigt, oder ob mit Recht Kritik an dem Verhalten des Vorstandes geübt wurde. Die Sache habe viel Staub aufgewirbelt und stehe im Zusammenhang mit der be- fchlossenen Reorganisation des Parteivorstandes und der Vermeh- rung der Sekretäre. Redner meinte, daß daö lange Schweigen des Vorstandes schließlich doch keinen Schaden angerichtet habe. Die in Deutschland und anderen Ländern seitens des Proletariats vor- genommenen wuchtigen Demonstrationen haben auf die Regie- rungen zweifellos abkühlend gewirkt und mit dazu beigetragen, daß ein kriegerischer Ausgang vermieden wurde. Trotzdem zeige jetzt Tripolis, daß die Partei weiter die Augen offen behalten müsse. Man könne nur bedauern, daß man versuchte, die ganze Frage auf ein falsches Gleis« zu schieben. Es ist nicht richtig, daß die ganze Protestbewegung erst durch die Genossin Luxemburg ins Rollen ge- bracht wurde, wertvoll und nützlich aber waren ihre Veröffent- lichungen sicher. Man hätte deshalb auch nicht die Kleinlichkeit der Kontrast von Tharakteren herausgeholte Entwickelung geben; in- dessen die Erfindung, die dort so überreichlich sprudelte, schleppt sich bier ziemlich langsam und mühselig fort, flickt ihre Lücken mit Requisiten Hank wertsmäßiger Roniine aus. Der»Papa" ist einer jener allbekannten typische» Lebemänner der französischen Komödie. Als er in die Jahre kommt und ibn ein Dämchen feine? Alters wegen einmal auslacht. besinnt er sich auf einen unehelichen, fern von der Hauplstadt aufgewachsenen Sohn. Es müßte beim Herannahen der Invalidität ergötzlich sein, den hübschen Jungen zu adoptieren, ihn als Nachfolger und Ersatzmann in die Welt und Halbwelt einzuführen. Nach einer farblosen Expofilion kommt eS im zweiten Alt, als sich der nüchterne, solid- gesunde Splößling dem ehrenwerten Herrn Grafen endlich vorstellt, zu einigen markanteren Szenen. Jean bezeugt bei dem Zusammen- treffen, ebenso wie der ungleich interessantere Bursch. der in den Bahrschen.Kindern" seinem uneheliche-' Bater einen Besuch abstatiet, nicht die mindeste Entrüstung oder Seutimentalllät. Er hat sich auch bisher ganz wohl gesuhlt und trägt— was dem Erzeuger unfaßlicher als alles andere ist— gar kein Verlangen nach der Be- kannlschast junger Damen. Er sei bereits verlobt und werde heiraten. Die lustspielmäßig gelungenste Partie ist die ironische Schilderung, wie der noch immer leichtentzündliche Papa, anfangs voller Empörung über eine solche Mesalliance des Sohnes, sich unversehens in die schöne Braut verliebt und mit der ihm geläufigen Kunst des glirteö, ganz ohne schlimme Absicht, Jean« Bild aus ihrem flatterhaften Seelchen drängt. Dock Jean behält die Augen offen, macht sich den Lauf der Dinge nüchtern klar. Er lamentiert nicht lange. Froh, daß ihm diele Einsicht nicht zu spät kam, verzichtet er und führt die beiden selber zu einander. Abel, in seiner trefflichen Darstellung deS Sohnes, brachte die Schlußwendung mit überraschend glücklichsm Akzent, ohne jeden falschen Nebenton posierender Sentimentalität heraus. Gut war auch S ch ö n s e l d in der Rolle des unverbesserlichen leichtsinnigen Bonvivant und Fräulein Brandt als die exzentrische Verlobte. Adalbert gewann der Episodenfigur eines mißbrauchlea Freundes und Salontrott«ls höchst komische Effekte ab. dt. Indiskretion so in den Vordergrund stellen sollen. Betont darf werden, daß die Partei im Lande die Sache nicht so langsam und indolent behandelt zu sehen wünschte. Es wäre zweifellos klüger ge-l Wesen, wenn der Parteivorstand nicht so rechthaberisch aufgetreten wäre. Man hätte zugeben sollen, daß der Vorstand infolge Ueber- lastung die Frage etwas langsam behandelt habe, dann wäre die scharfe Diskussion darüber vermieden worden. Trotzdem wurde diese Frage auch in voller Einmütigkeit erledigt. Redner ging dann zu dem Referat Bebels über die Marokkofrage über. Eine bessere Lösung, so meinte er, konnte nicht gefunden werden, als daß Bebel als Repräsentant der Partei das Referat übernahm. Das Referat ist von der Presse meist günstig beurteilt, aber es läßt sich nicht leugnen, daß es manches zu wünschen übrig läßt. Redner war erstaunt, daß Bebel kein Wort von unserer großartigen Massen- Protestbewegung gesagt und auch kein Wort der Anfeuerung ge- funden hat. Bebel habe wohl nicht die Absicht gehabt, dies zu unterlassen. Deshalb wollte er, Redner, eine diesbezügliche Er- gänzung in der Resolution anbringen. Daran sei er aber durch den Schluß der Debatte verhindert worden. Eine Verständigung mit Bebel wegen der Amendements war auch nicht mehr möglich. Die Ablehnung derselben spreche nicht gegen den Inhalt, denn Genosse Bebel habe sich in seinen Schlußworten mit seinen und der Ge- nossin Luxemburgs Ausführungen einverstanden erklärt. Um Quertreibereien habe es sich jedenfalls nicht gehandelt. Ueber die Frage des Massenstreiks läßt sich Genosse Liebknecht dahin aus, daß sich derselbe im Falle eines Krieges selbstverständlich nicht dekro- tieren lasse. Dergleichen habe aber auch noch kein vernünftiger Mensch behauptet. Genosse Bebel habe recht, wenn er sagte, daß die Massen bei Ausbruch eines Krieges nach Brot und Arbeit rufen würden. Das fei aber auch ein durch den wirtschaftlichen Zu- sammenbruch aufgezwungener„Massenstreik", der sehr wohl noch durch freiwillige Streikbewegungen der empörten.Massen ergänzt werden könne. Und solche Bewegungen seien auch vor dem Kriegs- ausbruch möglich, um ihn von vornherein zu verhindern. Der Massenstreik könne nur durch die Zustände des Krieges oder vor dem Kriege und die zugespitzte Stimmung im Volke hervorgerufen werden. In diesem Sinne ist auch die Antwort aufzufassen, die die deutschen Vertreter auf dem Stuttgarter und dem Kopenhagener Internationalen Kongreß gegeben haben. Wenn auch die jetzige italienische Massenstrcikbewegung ungünstig ablaufen werde, sie werde nichts gegen den Gedanken des antikriegcrischen Massen- sireiks beweisen. Bebel habe seine Ausführungen über den Massen- streik zum Teil wenig glücklich formuliert. Genosse Bebel habe dann auf die revolutionäre Wirkung der Mobilmachung hingewiesen und damit großen Eindruck auf die herrschenden Klassen gemacht. Ueber die Reichstagswahl habe Bebel nur wirksam zusammengesetzte bekannte Gesichtspunkte vorgebracht. Das Hauptgewicht ist auf die Leitsätze bei der Stichwahl zu legen, und diese sind vom Parteitage gebilligt. Nachdem sich der Redner noch eingehend über diese Leit« sätze ausgelassen, schließt er mit der Erklärung, daß der Parteitag gute Arbeit geleistet habe. Das Referat wurde mit Beifall auf, genommen. Nach ganz kurzer Diskussion gelangte folgende Refo.« lution einstimmig zur Annahme: „Die heutige Generalversammlung des Wahlvereins Spandau verpflichtet sich nach Entgegennahme des Berichts vom Jenaer Parteitage, im Sinne der vom Genossen Bebel gestellten Resolu, tion über die Reichstagswahlen tatkräftig zu arbeiten, um die Mitgliederzahl des Wahlvereins und den Abonnentenstand der Arbeiterpresse den Verhältnissen Spandaus entsprechend zu heben." Es erfolgte dann die Wahl der Schlichtungskommisston sowie die Ersatzwahl von drei Mitgliedern in den Bildungsausschuß. Genosse Scior gibt bekannt, daß für die Radfahrer ein besonderer gahlabend eingericktet ist und daß zu den demnächst in Aussicht ge» nommenen Protestversammlungen am Sonntag vorher Flugblatt- Verbreitung stattfindet. Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie»vurde die interessante Versammlung gegen 12 Uhr geschlossen. Erklärung. In der Versammlung des 5. Berliner RcichstagStvahlkreiseS vom 26. September hat der Genosse W e l S geäußert, es sei in Jena zutage getreten, daß die Absicht bestanden hätte,„fast den ganzen Parteivorstand zu stürzen oder abzu» murksen." In der gestrigen Nummer des„Vorwärts" hat Ge- nosse Stadthagen bereits die Behauptung im allgemeinen als durchaus unrichtig zurückgewiesen. Da Genosse Wels aber auf eine Herausforderung hin, wer denn das gesagt haben solle, meinen Namen genannt hat, halte ich eS für notwendig, auch meinerseits diese neue Bezichtigung des Genossen Wels ausdrücklich zurückzu- weisen. Das Verfahren von Wels ist um so verwerflicher, da ich über meine Stellung gegenüber dem Parteivorstande mich schriftlich und mündlich so unzweideutig und klar ausgesprochen habe, daß Wels, dem das alles bekannt ist, sich überhaupl gar nicht im Irrtum über meine wirklichen Absichten befinden konnte. Ich habe nämlich in zwei Artikeln im, Volksblatt" für Halle vom 3. und 9. September zunächst an der Hand von Tatsachen dargelegt, daß unser früherer Parteivorstand dringend reformbedürftig sei, wie ich das auch nachher auf dem Parteitage selbst, we»n auch not« gedrungen in sehr abgekürzter Form, ausgeführt habe. Ueber das, was meiner Ansicht nach zur Reformierung des Parteivorstandes zu Neue frei« Volksbühne. Max Halbe'« Drama „Der Strom" wurde Donnerstag abend im Neuen Volkstheater gegeben. Vom heißen Atem angeweht, der durch die mit psycho- logischem Scharfblick aus der Wesenstiefe der Personen heraufgeholte und konsequent bis zu erschütternder Tragik gesteigerte Handlung geht, gaben sich die Darsteller ganz dem Werke hin und schufen so eine Aufführung, die in allem und jedem aufs feinste abgestimmt und herausgearbeitet, musterhaft genannt werden kann. Maria Meyer(Renaiej, August M o m b e r sPeter Doorn), Otto Montu« iStrombaumeister), Robert 81 ß m a n n(Jakob Doorn), Emil R a m e a u(Ulrichs), traten in großenteils vorzüglichen Charakter- leistungen hervor; selbst die beiden Vertreterinnen der weiblichen Episodenrollen taten ihr bestes. Die Zuschauer standen unter dein Bann der Bühnendichtung wie der Darsteller und wurden wieder- bolt, insonderheit beim Schlüsse des zweite»! Aktes zu begeistertem Beifall hingerissen._«, k. Notizen. — Neue g« n s u r st ü ck ch e n. In Leipzig ist, wie zuvor in Königsberg, Wedekinds„Büchse der Pandora", in Köln eine Tragödie„Judas" von G. v.Basse witz verboten worden. Dort nimmt die beamtete Moral, hier die abgestempelte Religiosität Anstoß. JesnS darf nicht auf die Bühne. — Engelbert HumperdinckS Märchenoper„Königs- linder" wird jetzt ins Französische und Italienische übersetzt. Fünf Nationen sind eS dann, in deren Mitte sich das Werk Bürger» recht erworben hat. — Opernbohkott. Die Mustkkaufleute in Amerika drohen dem Italiener P u c c i n i mit einem regelrechten Boykott, da dessen Verleger für jede Oper Puceini» und für jeden Abend 1800 M. Tantieme fordert. Die Bewegung richtet sich aber auch gegen unseren Richard Strauß. Hammerstein in London hat für das Aufführungsrecht der„Elektra" 120 006 M. bezahlen müssen. ES geht eben alles umS Geld— weniger um die Kunst. — Die große Berliner Kunstausstellung g» Lehrter Bahnhof wird Sonntag, abends 7 Uhr. geschloffen. geschehen hätte, habe ich tn senem Zwesten Artikel vom 9. Sepiemver Wörtlich ausgeführt: „Die Ueberbürdung der gegenwärtigen Vorstandsmitglieder Wird ja allgemein anerkannt. Der Parteitag wird voraussichtlich dazu schreiten, die Zahl der Parteisekretäre um zwei oder drei zu vermehren. Damit ist es aber nicht genug. Der Haupt- schaden des Parteivorstandes rührt meiner Ansicht»ach her von seiner bureaukratischen Verknöchern ng. Es ist ein Unding, dast die politische Leitung einer großen Partei, der revolutionären Partei des Proletariats obendrein, in den Händen einer fast rein bureaukratisch zusammengesetzten Be- Hörde liegt. Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Vor- standes gehört eigentlich nur Bebel nicht der Parteibureau- kratie an. Und so hoch»ir seine außerordentliche Begaäung, seinen Charakter, seine reiche Erfahrung zu schätzen haben— durch persönliche Verhältnisse wird er leider mehr und mehr verhindert, regelmäßig sein gereiftes Urteil in die Wagschale zu werfen. Auch das reicht zur Sanierung des Vorstandes nicht aus, daß der Parteitag ihm einen zweiten Vorsitzenden an die Seite geben wird. Es bleibt doch im Vorstand immer das bureaukratische Element entschieden überwiegend. Je mehr aber die Partei wächst, je zahlreicher einerseits die angestellten Bureaubeamten werden, die als Vorstandsmitglieder fungieren, je größer und wichtiger die Aufgaben sind, die ihnen zufallen, um so bedenklicher wird dieser Zustand. Wenn ich von den Gefahren der bureaukratischen Verknöche- rung des Vorstandes rede, so ist die Schuld daran nicht in einer etwaigen mangelhaften Veranlagung der amtierenden Vorstands- Mitglieder zu suchen, sondern in den Verhältnissen. Es ist die unausbleibliche Wirkung jedes Zusammenwirkens in einer Behörde, daß unter den Beamten der bureaukratische Geist stch entwickelt. Allmählich gewinnen da Anschauungen die Ober- Hand, die die Mitglieder mit dem besonderen bureaukratischen Bewußtsein erfüllen und ihnen den weiteren Blick einschränken. Bureaukratische Ueberhebung gegenüber gewöhnlichen Menschen- lindern pflegt dann gerade bei solchen Mitgliedern der Behörde in Erscheinung zu treten, die auf das geringste Matz von wertvollen Leistungen für eine große Sache zurückzublicken haben. Der Uebe4stand der bureaukratischen Verkuöcherung des Vor« standes läßt sich nun in keiner Weise durch weitere Verstärkung des bureaukratischen Elements heben, da es sich nicht um eine bloße Personenfrage, sondern um die Nachwirkung von Einrichtungen handelt. Wir müsien also irgend eine s�orm finden, um dem bureaukratischen Element in den Vorstandsfitzungen eine Anzahl sonst außerhalb des Vorstandes tätiger und in der Hauptsache politisch tätiger Persönlichkeiten gegen« überzustellen.... Ich möchte deshalb den Vorschlag machen, daß der Vorstand durch sieben bis neun Beisitzer vennehrt wird, die nicht an den eigentlichen Verwaltungsgeschästen teilnehmen, aber doch jederzeit zu allen Sitzungen zugezogen werden können und zu- gezogen werden müssen, sobaldBeschlüsse politischen Charakters zu fassen sind. Ich nehme an, daß dieser Beirat durchschnittlich alle Woche an einer Vorstandssitzung teil« nehmen würde." Ich hatte dann weiter in jenem Artikel die Anregung gegeben, da eine Statutenänderung im Sinne jener Forderung so rasch nicht zu erreichen sei, provisorisch einen politischen Beirat des Vorstandes von neun Personen zu wählen, dem tatsächlich die nämlichen Funktionen zu übertragen seien, wie den im nächsten Jahre einzusetzenden Beisitzern, hatte aber auf Anraten anderer Genossen von der Befürwortung eines solchen Provisoriums Abstand genommen. WaS ferner die Wiederwahl oder NichtWiederwahl der bisher amtierenden Vorstandsmitglieder an- betrifft, so habe ich auch da mich ganz unzweideutig, und zwar i n der Gegenwart des Genossen Wels, in einer Sitzung der Berlin-Brandenburger Landsmannschaft ausgesprochen, indem ich erklärte, daß ich die beiden in den Vorjahren zuletzt hinzugewählten Sekretäre nicht geeignet halte für ihr Amt und ihnen deshalb meine Stimme nicht geben würde. Das zu tun, war mein gutes Recht, denn ich stehe durchaus nicht auf dem Standpunkte, daß man ver- pflichtet ist, jedes Vorstandsmitglied ein für allemal wiederzuwählen auch gegen bessere Ueberzeugung. Sie sollen gewählte und jederzeit der Kritik bei der Wiederwahl unterstehende Geschäftssührer der Partei sein, nicht aber eine unantastbare Stellung haben gleich den Kardinälen der römischen Kirche. Niemand konnte offener und deutlicher seine Stellung gegenüber dem Parteivorstand darlegen, als ich. Wenn trotzdem der Genosse Wels mir hinterhältige Pläne zur Abmurksung fast des gesamten Parteivoistandes andichtet, so beweist das nur, daß er in seiner persönlichen Voreingenommenheit mir gegenüber völlig verblendet ist. G. Ledebour. » Erklärung. Genosse Bloch ersucht um Aufnahme folgender Be- richtiguag: Der Bericht über meine Rede in der Versammlung im ersten Berliner Wahlkreise enthält mehrere grobe Irrtümer. 1. Der Satz:„Die Revisionisten haben die Radikalen ver- gewaltigt" ist natürlich unsinnig, wenn man annimmt, daß ich von dem Jenaer Parteitag spreche. Tatsächlich sagte ich:„In Württemberg haben die Revisionisten die Radikalen vergewal- tigt, und zwar dank eines Vertretungssystems, das in seiner Wirkung dem preußischen Dreiklassensystem ähnelt. Trotzdem finde ich eS richtig, daß der Parteitag sich damit nicht selbst beschäs- tigte, sondern den Parteivorstand beauftragte, dort geordnete Ver- Hältnisse zu schaffen." 2. Ferner habe ich nicht gesagt:„Alle Konservativen können die Stichwahlbedingungen unterschreiben", sondern:„Die Stich- Wahlbedingungen sind derart zahm, daß sie sogar viele Konser- vative, wäre nicht der Schutzzollparagraph, unter- schreiben könnten. Denn nur einzelne Konservative, niemals aber die konservative Partei selbst, hat sich für Abschaffung des allge- meinen Wahlrechts erklärt. Die Konservativen werden uns sicher das Wahlrecht zu nehmen versuchen, Ebenso werden sie Ausnahme- gesetze machen, wenn sie die Zeit für gekommen erachten, sie sind aber nicht so dumm, dieses vorher auszuposaunen. Ist eS aber so weit, mit Ausnahmegesetzen und Wahlentrechtungen vorzugehen, dann werden die Konservativen nicht nur die Hilfe des Zentrums, sondern besonders auch die Hilfe der Liberalen finden. Man braucht nur an den Zolltarif und die Reichsversicherungsordnung zu denken. 3. Was die„genannten Klubs" anbetrifft(auch diese Aeuße- rung muß dem Leser völlig unverständlich sein), so handelt es sich um den„Karl Marx-Klub" in Baden und um einen Revisionisten- Klub in Hamburg. Es ist meiner Meinung nach durchaus kein Verstoß gegen das Parteistatut, wenn Leute zu dem Zwecke zu» sammcnkommen, um ihrer Meinung innerhalb der Partei zum Siege zu verhelfen. 4. Eine Auslassung des Genossen Rechtsanwalts Heinemann ist im„Vorwärts" wiedergegeben, nicht aber meine Entgegnung hierauf. Heiaemann hat auch nicht den Schatten eines Beweises für seine Behauptung gebracht. 5. Bei Annahme des Antrages hat sich ein Teil der Anwesen- den der Stimme enthalten. Ich und andere Genossen stimmten nur deswegen mJji gegen den Antrag, weil wir wohl mit der Haltung des Delegierten Düwell zufrieoen, keineswegs aber mit allen Be- schlüssen des Parteitages einverstanden waren. AlexanderBloch. Em der Partei. Die Generalstreikbewegung in Italien. Rom, 27. September.(Eig. Ber.) Der für Mittwoch von tier Konföderation der Arbeit proklamierte 24stündige Proteststreik gegen das tripolitanische Abenteuer stellte kaum etwas anderes dar, als die offizielle Kenntnisnahme eines Tatbestandes durch Sie gelverkschaftliche Zenlralisattoik. Der Generalstreik tvak in Mailand, Rom und vielen kleineren Orten bereits proklamiert, als die Konföderation ihn zu beschließen für richtig fand. Be- merkenswert dabei sind vor allem zwei Dinge: die völlige Stimm- enthaltung des Parteivorstandes und die Tatsache, daß die Parlamentsfraktion sich mit dem Generalstreik abgefunden hat, obwohl die Mehrheit der Abgeordneten durchaus gegen ihn war. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Entscheidung über einen politischen Generalstreik nicht der Konföderation der Arbeit, oder doch nicht dieser allein zufallen sollte. Es muß sehr be- fremden, daß der Parteivorstand in einer so ungeheuer wichtigen Frage seine Führerrechte ganz und gar an die Konföderation ab- getreten hat. Dieses Verhalten steht in offenem Widerspruch zu der bisherigen Gepflogenheit der italienischen Partei. Was die Haltung der Parlamentsfraktion betrifft, so waren, dem Bericht des„Avanti" zufolge, die Genossen Turati, Bissolati, Calda, Bertesi, Bonomi, Zerboglio, Nofri, Berinini, Treves und C a b r i n i in der Dis- kussion gegen den Generalstreik, während Marangoni, Pieraccini, Giacomo Ferri, Musatti, Bocconi, Prampolini, Bentini und P e s c e t t i aus verschiedenen Gründen für den Streik eintraten. Nichtsdestoweniger wurde, nach Kenntnisnahme des Beschlusses der Konföderation der Arbeit. einstimmig eine Tagesordnung angenommen, die die Arbeiterschaft auffordert, den Streik nicht über die vorgesehenen 24 Stunden auszudehnen und ihn diszipliniert durchzuführen. Weiter fordert die Tagesordnung, deren Verfasser Turati ist, die sofortige Ein- berufung der Kammer und protestiert energisch gegen die militärische Besetzung Tripolitaniens. Von einem Uebergang der Parteifraktion zur Opposition ist in der Tagesordnung nicht die Rede: die Fraktion protestiert gegen das afrikanische Abenteuer, als ob es sich lediglich um eine Episode im Leben des Ministeriums handele, aber sie hört darum nicht auf, ministeriell zu sein. Der Grund für dieses eigenartige Verhalten ist in der geradezu panischen Angst zu suchen, Giolitti könnte die Wahlrechtserweite- rung zurückziehen, falls die Sozialisten aufhörten, ihm um den Bart zu gehen. So kostet diese Wahlrechtserweiterung, die aller- dings keinen Kraftaufwand des Proletariats verkörpert, die Parlamentsfrartion ein Zugeständnis nach dem anderen. Schließ- lich wird man sich fragen, ob sie, die als Gnadengeschenk Giolittis den Massen in den Schoß geworfen werden sollte, dem Prole- tariat nicht doch zu teuer zu stehen kommt. Was den Generalstreik betrifft, so hat er den Charakter des Protestes und nicht den der Drohung. Immerhin stellt er eine feierliche Trennung der Verantwortlichkeit für das tripolitanische Abenteuer dar: die herrschende Klasse hat es gewollt, und das Proletariat hat es nicht gewollt. Ueber Einzelheiten der Generalstreikbewegung gingen uns folgende Mitteilungen zu: Da die römischen Buchdrucker auf die Order der Arbeiter- kammer hin für 24 Stunden in den Ausstand getreten sind, fehlt es an Nachrichten über den Verlauf des Generalstreiks in den Provinzen. In Rom war der Streik unvollständig, da Tram- bahner und Droschkenkutscher weiter gearbeitet haben und auch auf verschiedenen Bauten die Arbeit nicht ruhte. In Calle d'E l s a(Siena) wurde der Zug, der die Reservisten wegführen sollte, am Abfahren verhindert, indem große Holzbalken auf die Schienen gelegt wurden. Die Reservisten wurden zu Fuß nach der nächsten Station geschickt. Zu ernsteren Szenen kam es in Poggibonzi, in derselben Provinz, wo die Demonstranten auf den Bahnhof drangen und den Reservisten den Zugang zum Zuge versperrten. Der nach Siena gerichtete Zug wurde dann zum Halten gebracht und durch über die Gleise gelegte Balken an der Abfahrt gehindert. Auf die Balken selb st legten sich Frauen mit ihren Kindern. Die im Zuge befind- lichen Reservisten wurden von den Demonstranten in die Stadt geführt. Erst als am Nachmittag Verstärkungen aus Siena ein- trafen, konnte die Abfahrt der Reservisten erfolgen. Eine klare Darstellung des Hergangs fehlt noch, aber immerhin beweist er, daß noch heute in den Massen der Geist lebt, der während des letzten afrikanischen Krieges die Schienen ausheben ließ, um die Abfahrt von Verstärkungen auf den Kriegsschauplatz zu verhüten. In Nonantola, 10 Kilometer von Modena, kam es zu einem Konflikt zwischen Demonstranten und Carabinieri, wobei ein Demonstrant durch einen Revolverschuß getötet wurde. Zwei benachbarte Orte haben die Telegraphendrähte, die sie mit Modena verbinden, durchschnitten. In Modena selbst ist es auch zu Zusammenstößen gekommen, bei denen der Sekretär der Arbeiter- kammer, ein Parteigenosse, verwundet wurde. In vielen Orten der Provinz haben sich die Trambahner am Streik beteiligt. Das Zentralkomitee der Eisenbahnerorganisation hat sich angesichts der heutigen Lage gegen die Beteiligung an dem Generalstreik aus» gesprochen, offenbar mit Recht, da ein 24stündiger Eisenbahner- streik ein Unsinn wäre. Ein rein demonstrativer Streik bedarf nicht der Mitwirkung der Eisenbahner. Im großen ganzen kann man sagen, daß der Proteststreik die Regierung 24 Stunden in Atem gehalten hat und die Konzentrierung der Truppen an der siziliamschen Küste durch die Besorgnis verzögert hat, die Be- satzungen der Städte während der Demonstration zu verringern. EIiis Industrie und Kandel. Italiens Schatz. Während die Türkei in Paris über eine neue Anleihe unterhandelt, dementiert die italienische Regierung offiziell, daß sie irgendwelche Schritte für eine neue Emission tue. Die Ressourcen des Schatzes»vären derartig, daß sich keine Notwendigkeit in diesem Sinne ergäbe. Vorläufig glauben wir das gern. Wenn aber erst die finanziellen Früchte des heutigen Unternehmens reifen, dann wird es mit den Ressourcen des Schatzes wohl etwas anders aussehen. Inzwischen hat der Schatz etwa 45 Millionen Ueberschuß, weiter hat er von seinem Recht, Staatsschatzscheine für 300 Millionen auszugeben, bis jetzt nur für die Summe von 70 Millionen Gebrauch gemacht. Schließlich verfügt die Zentralkasse über 60 Millionen in Gold außer der zur Metall- deckung des Papiergeldes nötigen Goldmenge. Die Rentabilität der chemischen Industrie. Die GeschästSergebuisse der deutschen chemischen Industrie haben sich im abgelaufenen BetriebSjahr wieder ganz wesentlich ge- hoben. In den Monaten Januar bis August 1311 haben inS- gesamt Iii Aktiengesellschafien der chemischen Industrie ihre Bilanzen für daS Geschäftsjahr 1310/11 resp. 1310 veröffentlicht. Sie reprä- sentierten am Schlüsse des Berichtsjahres ein Aktienkapital von 404,36 Mill. Mark. Gegen daS Vorjahr ist eine Erhöhung des gesamten Grundkapitals um S,06 Mill. Mark erfolgt. Für daS Geschäftsjahr 1310 konnten 64. 7Z Mill. Mark oder durchschnittlich 16,0 Proz. Dividende an die Aktionäre verteilt werden. Für daS Betriebsjahr 1303 waren 61,83 Mill. Mark oder IS, 6 Proz. Dividende zur Ausschüttung gelangt. Mithin haben sich die Dividendenerträg- niffe durchschnittlich um 0,5 Proz. gebeffert. Für daS Geschäfts- jähr 1308 wurde die Durchschnittsdividrnde auf 14,3 Proz. berechnet. Bei 104 Miengesellschaften läßt sich die Bewegung der Abschreibungen im letzten und im vorangegangenen Geschäftsjahr verfolgen. Das Grundkapital dieser Gesellschafte» betrug bei Aufstellung der jüngste» Bilanz 406,70 Mill. Mark, es ist gegen 1303 um 3,84 Mill. Mark gestiegen. Die Abschreibungen für 1310 beliefeo sich auf 38,12 Mill. Mark, das sind 4,6S Mill. Mark mehr als im vorangegangen-n Betriebsjahr. Im Geschäftsjahr 1310 ergab sich bei 105 Gesell- schaften mit einem Grundkapital von insgesamt 400,83 Mill. Mark ein Reingewinn von SS.SZ Mill. Mark. Fast durchweg sehr gut abgeschnitten haben die Farbwerke. Einige wichtige Gesell- schaften dieser Art verteilten in den letzten drei Jahren folgende Dividende in Prozent deS Nominalkavitals: 1303 ISi» 1310 Badische Anilin- und Sodafabriken, Ludwigshafen....... 22 24 21 Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer u. Co.. Elberfeld..... 24 24 25 Bronzefarbwerke A.-G. vorm. Karl Schlenk, Barnsdorf b. Nürnberg S 8 S Gerb- und Farbstoffwerke H. Renner u. Co., Hamburg.... 13,5 12 18 Auch die Kohlensäure Soda- und Spreng st off- fabriken hatten meist gute Ecgebniffe. Der schleckte Geschäfts- gang in der Zündholzindustrie kam auch in einem Rückgang bezw. gänzlichem Ausfall der Dividende zum Ausdruck. Sprcchmaschineniudustrie. Die Vereinigten Staaten von Nord- amerika führten nach der soeben erschienenen hlontttty summary o! comerce and finance an Sprechmaschinen und Sprechmaschineu- Material(Phonographen, Graphophone, Grammophone, Platten nebst Zubehör) aus im Jahre: 1310 1911 nach Großbritannien für.. 755 031 Dollars Tn 653 Dollars , dem übrigen Europa für 141 782. 173 080. , Kanada für..... 331 577„ 528 401, . Mexiko für..... 263 717„ 176 543 . Südamerika für.-. 374 035. 674 362 , Britisch-Ozeauien für. 256 380, 373 583» . den übrigen Ländern für 257 930„_ 880 954„ Zusammen:.. 2 381 172 Dollars 2 383 686 Dollars Da, wie den„Vorwärts'lesern bekannt, die Vereinigten Staaten von Nordamerika die größte Konkurrenz Deutschlands auf dem Ge- biete der Sprechmaschinenindustrie darstellen, dürfte eS intereffant fein, daß nach den monatlichen Nachweisungen über den aus- wältigen Handel Deutschlands in der gleichen Zeit, im Jahre 1310 von Deutschland an Sprechmaschinen, Platten und Walzen exportiert wurden 2380 250 Dollars, im Jahre 1311 4 193 750 Dollars. Nach dieser neuesten Aufstellung eineS Fachmanns kommt der Wert der amerikanischen Ausfuhr deS letzten Jahres annähernd dem Werte der deutschen Ausfuhr deS vorhergehenden Rechnungsjahres gleich, wogegen der Wert der deutschen Ausfuhr deS letzten Rechnungsjahres den amerikanischen Wert des gleichen letzten Jahres noch um reichlich 1200000 Dollars übertrifft._ Hus der f rauenbewegung» Ein Schandfleck. Ueber einen Vorstoß zur Eroberung des Frauenwahlrechts in Persien berichtete die„Times" folgendes: Während daS Par- lament gerade über die Vorbereitung zu den kommenden persischen Herbstwahlen beriet, erhob sich unerwartet der Abgeordnete von Hamadan Hadschi, Wakilel Rooh, und hielt eine leidenschaftliche Rede für das Frauenstimmrecht. Eine Woge des Entsetzens ging durch die Reihen der Volksvertreter, als der Hadschi rundweg er- klärte, die Frauen besäßen eine Seele und Rechte und sollten daher auch mitreden und mitwählen. Voll Eiser forderte dieser Frauen- freund die Unterstützung der Geistlichkeit, aber der oberste Vertreter der Ulemas erhob sich und erklärte, nie im Leben seien seine Ohren durch so schamlose Aeußerungen beleidigt worden. Er sprach den Frauen sowohl die Seele als alle Rechte ab und erklärte, daß solche Lehren das Ende des Islams bedeuten würden. Schließlich erhob sich der Präsident des Parlaments und forderte die Schriftführer auf, in ihren Berichten diesen entwürdigenden Zwischenfall zu unterdrücken, damit keine Erinnerung an ihn die Chronik des per- fischen Parlaments beflecke. Aus derselben Gesinnung, wenn auch etwas anders in der Ab- lehnung formuliert, kämpfen unsere Junker und deren Gefolgschaft gegen Frauenrcchte. Sie mißachten das Weib mindestens ebenso wie die Perser; man braucht nur an die famose Aeußerung des Herrn von Mottle über seine Frau als Objekt gewisser Verrich- tungen zu erinnern, um über die Anschauungen und Denkweise dieser Kreise ein Urteil zu haben. Aber trotz alledem� tzje Frauen werden das volle Staatsbürgerrecht erobernl So�iales� Gesindcsklaverei. Ein neiieS Kulturbild wurde in einer Verhandlung vor dem Jugendgericht in Dresden aufgerollt. Unser Dresdener Parteiblatt berichtet darüber: Ein 14jähriger Dienstknecht, der einen sehr intelligenten Eindruck macht, erhob Einspruch gegen eine Strafver- fügung über drei Tage Haft, die ihm wegen„böswilligen Verlaycns des Dienstes" nach K 95 der sächsischen Gcsindeordnung zugeschickt wurde. Der Strasantrag war vom Gutspächter Schneider in Strehlen mit folgendem Wortlaut gestellt: „Bitte um exemplarische, möglichst Gefängnisstrafe, da man sonst seine Leute in der Erntezeit nicht halten kann." Der Angeklagte ist zuvor schon zweimal fortgelaufen, wurde aber auf Antrag Schneiders jedesmal wieder durch die Polizei ge- holt. Als Gründe für die Lösung des Dienstverhältnisses gab er an. er sei wiederholt von den Mägden geschlagen worden und auf seine Beschwerde habe Schneider keine Abhilfe geschaffen. Als er das zweite Mal mißhandelt worden war, legten sich seine Mutter und sein Vormund ins Mittel und kündigten Schneider an, daß bei einer Wiederholung eine Aenderung geschaffen werde. Trotzdem wurde er weiter mißhandelt. Der Vorsitzende war der Ansicht, daß das alles noch nicht ihn berechtige, den Dienst sofort zu verlassen.(!) Ganz mit Recht bemerkte hierauf der Junge, er könne sich doch nicht mit der Gabel bedrohen und in das Gesicht treten lassen, wie es ge- schehen sei. Zur Rechtfertigung der Höhe der ausgeworfenen Strafe bemerkte der Staatsanwalt, daß zur gleichen Zeit auch andere Knechte von Schneider fortgelaufen wären, und daß hier anschei- nend eine Verabredung vorliege mit dem Zwecke, Schneider bei der Ernte sitzen zu lassen. Das bestritt der Angeklagte; seines Wissens wären die anderen Knechte ebenfalls wegen schlechter Behandlung fortgelaufen. In alledem erblickte daS Gericht noch kernen Grund zur Lösung deS Dienstverhältnisses und bestätigte deshalb die im Strafbesehl ausgeworfene Strafe. So sucht man die Arbeiter»an die Scholle" zu fesseln._ Zum Inkrafttreten der RcichsvcrflcherungSordnung. Die Meldung des„Zentralblatts der Reichsversicherung", daß die ReichSversichcrungSordnung statt am 1. Juli 1912 erst am 1. Januar 1313 in Kraft treten dürfte, bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung, deren Inkrafttreten zum 1. Januar durch daS Gesetz selbst festgelegt ist. sondern auf die Neuorganisation sowie auf die Kranken» und Un- fallverficherung. Möglicherweiie tritt dieser Teil noch später in Serickts- Leitung. Unternehmer-„Rccht". i Aus einem Kürschnerstreik, der im letzten Winter bei S. Gärtner u. Co. in Berlin entstanden war, datierte eine Be- leidigungsklage, die am Donnerstag vor dem Amtsgericht Berlin- Mitte(Abteilung 147) verhandelt wurde. Ein Mitinhaber der Firma, Kaufmann Hugo Lenkershcimer, war angeklagt der der- lenmderischen Beleidigung der Buchhalterin Frau Mikley, die bei der Berliner Ortskrankenkafse der Kürschner angestellt ist. Die Staatsanwaltschaft hatte der Beleidigten den erbetenen Schutz verweigert und sie auf Privatklage verwiesen. Krankenkassen haben zwar mit Streiks nichts zu tun, aber mit dem Streik bei S. Gärtner u. Co. war die Kürschner-Krankenkasse durch Herrn Lenkersheimer auf eigen- artige Weise in Verbindung gebracht worden. Den Anlaß dazu bot ihm der Umstand, daß unter den streikenden Ar- beitern von S. Gärtner u. Co. sich auch der Ehemann der bei der Krankenkasse angestellten Frau Mikley befand. Als im Januar 1911 die bestreikte Firma den Betrieb ihrer Mützenfabrik mit Ar- beitswilligcn aufrecht zu erhalten suchte, aber die Arbeitswilligen wieder davonliefen, hatte Herr Lenkersheimer eine Idee, die er Wohl für besonders pfiffig hielt. Er setzte sich hin und schrieb an den das Krankenkassenwescn Berlins beaufsichtigenden Magistrat, seine Arbeitswilligen würden von Streikenden belästigt und durch Drohungen von der Arbeit abgehalten. Das Streikkomitee der- schaffe sich von der Krankenkasse die Adressen der Arbeitswilligen, die die Firma einstelle. Frau Mikley hinterbringe die Adressen ihrem Mann, der bei dem Ausstand zu den führenden Personen gehöre. Daran hängte Herr Lenkersheimer die Anfrage, ob nicht sein Betrieb einer anderen Krankenkasse zugewiesen werden könne, damit es den Streikenden erschwert werde. Arbeitswillige von der Arbeit abzuhalten. Da der Magistrat keine Antwort gab, so schrieb Herr L. einen zweiten Brief, in dem er zeigen wollte, wie die Krankenkasse gegen ihre Mitglieder vorgehe. Er erzählte, einer erkrankten Stepperin habe die Kasse die Uebernahme der Krankenhauskosten verweigert. Frau Mikley, die die Ehefrau eines Führers der Streikenden sei, habe der Kranken gesagt, sie solle sehen, wo sie die Kosten herbekomme. Es sei doch, fügte Herr L. hinzu, erstaunlich, daß derartigen Personen Vertrauens Posten bei Krankenkassen übertragen würden. Vor Gericht zerflossen diese Behauptungen des Angeklagten in ihr Nichts. Sein Verteidiger, Justizrat Rcichcnbach, hielt bezüglich des ersten Briefes, weil L. in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe, eine Beweisaufnahme für überflüssig. Ueber- flüssig war sie in der Tat, weil gleich darauf dem Angeklagten selber ein Geständnis entschlüpfte. Er hob hervor, nur in der Zeit des Streiks habe die Kasse bei Anmeldung seiner Arbeits- willigen die Adressen verlangt, während das sowohl vor dem Streik wie auch nach ihm nicht geschehen sei. Auf eine Frage, woraus er denn schließe, daß Frau M. die Adressen weitergegeben habe, antwortete er:„Sie hat versucht, die Adressen zu bekommen. Aber da ich die Adressen nicht gab, so konnte sie nichts machen." Der Rechtsbeistand der Klägerin, Rechtsanwalt Joseph Herzfcld, dem der Angeklagte dieses Geständnis machte, stellte fest, daß hiermit L. selber die verleumderische Beleidigung zugebe. Ueber- führt werde er auch durch die eventuell dem Gericht vorzulegenden Anmeldungen Arbeitswilliger, da tatsächlich aus keiner einzigen Anmeldung die Adresse vermerkt sei. In der Beweisaufnahme gab ein Lehrling Lenkersheimers an, daß während des Streiks ihm bei der Kasse einmal gesagt worden sei, die Anmeldungen seien unvollständig, die Adresse fehle. Eine Angestellte der Kasse bekundete, daß wohl nicht wegen der Adresse, sondern aus anderem Grunde die Anmeldungen als un- vollständig bemängelt worden seien. Festgestellt wurde, daß trotz Fehlens der Adresse eine wirkliche Zurückweisung überhaupt nicht erfolgt sei und daß im übrigen die Adresse sogar durch das Statut gefordert wird. Ebenso wenig blieb übrig von der Behauptung, daß Frau M. ein Kassenmitglicd schroff behandelt habe.- Eine Rassenangestellte hatte sich vergeblich bemüht, jener Stepperin klar zu machen, unter welchen Voraussetzungen sie Krankengeld erheben oder bei Verzicht auf Krankengeld in ein Krankenhaus gehen könne. Bei einem zweiten Besuch im Kassenlokal war die Tante der Stepperin mitgekommen, und diese Zeugin bekundete vor Gericht, daß ihre Nichte dort der Frau Miklcy, die jetzt mit ihr verhandelte, selber erklärte:„Sie haben mich ja gar nicht bedient!" Zeugin hat an der Behandlung durch Frau M. nichts Ungehöriges bemerkt, Frau M. sei„sogar sehr nett" gewesen, und schließlich habe Zeugin selber die Nichte getadelt:„Da hast Du mich ja schon wieder beschwindelt!" Bei S. Gärtner u. Co. hat dann, wie zwei Angestellte Lenkersheimers als Zeugen aussagten, die Stepperin geklagt, auf der Kasse sei sie schroff behandelt worden und aus der Beschreibung hat ein Werkführer auf Frau M. geschlossen. Wohl um die angeblich schroffe Behandlung zu erklären fragte der Verteidiger, Justizrat Reichenbach diesen Zeugen:„Sie war eine Streikbrecherin—?" und, erschrocken innehaltend, korrigierte er:„... Arbeitswillige?" Zeuge be- jahte das. Rechtsanwalt Joseph Herzfeld als Rechtsbeistand der Klägerin beantragte gegen den Angeklagten nachdrückliche Bestrafung. Daß Frau M. Adressen von Arbeitswilligen weitergebe, habe er in Bei« trssen Brief ivtber besseres Wissen behauplel, obwohl ihm bekannt war, daß sie die Adressen gar nicht hatte. Durch diese frivole Beschuldigung habe Frau M/s Stellung bei der Kasse ge- fährdet werden sollen, und dieselbe Absicht spreche auch aus dem Schluß des zweiten Briefes, dessen Behauptungen gleichfalls als unwahr dargetan seien. Von Wahrung berechtigter Interessen könne keine Rede sein, weil L. ja gcflvutzt habe, daß Frau M. nicht durch Weitergabe von Adressen, die sie gar nicht hatte, ihn schädigen konnte. Der Verteidiger Justizrat Rcichenbach beantragte Frei- sprechung. Es sei L.'s gutes Recht gewesen, jene Briefe zu schreiben, durch die er nicht Frau M. aus ihrer Stellung bringen, sondern sein Geschäft habe schützen wollen. Das Urteil entschied: Bei dem zweiten Brief hat L. in gutem Glaubecr gehandelt, er wird daher von diesem Teil der Anklage freigesprochen, durch den ersten Brief aber hat er sich einer schweren Beleidigung schuldig» gemacht, für die er zu 159 M. Geldstrafe verurteilt wird. Tie Begründung sagte, daß der Wahrheitsbeweis völlig mißlungen sei. Bezüglich der Adressen habe L. genau ge- wüßt, daß Frau M. keine weitergeben konnte. Die Forderung der Adressen könne durchaus harmlos aufgefaßt werden; denn ordnungsgemäß solle ja angemeldet werden. Man müsse sich sagen, daß jene Beschuldigung, die zur Wahrung berechtigter Jntcr- essen nicht nötig war, geradezu wider besseres Wissen aufgestellt worden sei. Wolle man das aber verneinen, so sei sie mindestens als sehr frivol zu bezeichnen. Wegen der Frivolität der Be- leidigung habe auf eine„ziemlich erhebliche" Strafe erkannt werden müssen. Herr Lenkersheimer wird sich's leisten können, die 159 M. als keineswegs erheblich zu empfinden. Wie wäre es der Kassen. angestellten Frau Mikley oder ihrem bei S. Gärtner u. Co. streikenden Gatten ergangen, wenn er oder sie aus Anlaß des Streiks irgendeine ähnliche schwere Verleumdung gegen Herrn Lenkersheimer ausgesprochen hätten? Was hätte da die Staats- anwaltschaft gesagt?__ Urteil im Mainzer Prozeß. Gestern wurde in dem Mainzer Prozeß, in dessen Mittelpunkt die Polizeiassistentin Schapiro steht, das Urteil verkündet. Der Angeklagte. Redakteur Hirsch, wurde wegen Beleidigung und ver- leumderischer Beleidigung(8§ 185 und 186 des Strafgesetzbuches) zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In den Urteilsgründen wird dargelegt, die sieben Artikel des„Neuesten Anzeigers" ent- halten eine Reihe gröblicher Beleidigungen und Verbreitung un- wahrer Behauptungen über die Polizeiassistentin und den Bei- geordneten Berndt. In den Gründen wird dann unter anderem weiter dargelegt, der Angeklagte Hirsch habe der Polizeiassistentin Frau Dr. Schapiro den Vorwurf der Sittenschnüfselei gemacht, ganz Mainz stünde unter Kontrolle, sie gehe viel zu rigoros vor, treibe Lockspitzelei usw. Die Verhandlung habe nur zwei Fälle von Lockspitzelei ergeben, in denen die Polizeiasststentin ungeschickt vorgegangen sei; sonst sei nicht das geringste gegen sie festgestellt worden. Dem Beigeordneten Berndt sei der Vorwurf gemacht worden, daß er gegen alle Beschwerden taub sei, seine Amtsgewalt mißbrauche und ein laxes Privatleben führe, so daß er zum Polizeidezcrnenten nicht befähigt und geeignet sei. Das Ansehen der Beleidigten sei durch diese Slngrifse in gehässiger Weise ge- schädigt. Ter Angeklagte Hirsch sei auf Grund des§ 186 zu be- strafen. Strafcrhöhend komme in Betracht die Schwere und Zahl der Beleidigungen, die auch eine Lockerung der Beamtendisziplin herbeigeführt habe. Zugute komme dem Angeklagten, daß er das, was ihm zugetragen worden ist, geglaubt habe. Die Strafe bleibt zwar weit hinter den drakonischen Anträgen der Staatsanwaltschaft zurück, die ein Jahr und neun-Monate (zusammengezogen auf ein Jahr acht Monate) beantragt hatte, sie ist aber nach Art und Höhe durch die Situation nicht'gerecht- fertigt: das Ergebnis der Beweisaufnahme selbst, nicht Strafart oder Höhe sollte für gesundes Rechtsempfinden die beste Sühne gegen Beleidigungen sein. Eigenartig ist das Verhalten des„Neuesten Llnzeigers", deren Chefredakteur der Angeklagte war. Dies Blatt sagt nach Betonung der Tatsache, daß die Zeugen dem Chefredakteur unwahre An- gaben gemacht hätten, zu dem bedauerlichen Prozeß habe eine„Ver- kettung von bedauerlichen Mißverständnissen und bedenklichen Zu- fälligkcitcn, mangelhafter Einsicht, hartnäckiger Rechthaberei und schließlicher Unnachgiebigkeit geführt". Das Mainzer Zentrums- organ„Journal", das vor kurzem die schleunige Entfernung der Polizeiasststentin aus ihrem Amte forderte, anerkennt jetzt, daß sie von gutem Willen beseelt ist. Eine Frage an den Staatsanwalt: wird nunmehr öffentliche Klage wegen niedriger Beleidigung gegen die Personen eingeleitet werden, die die Polizei veranlaßten, schuldlose Mädchen und Frauen über ihren Geschlechtsverkehr zu inquirieren? Wird ferner gegen die Bordellinhaber und deren Begünstiger Anklage wegen Kuppelei und Wucher erhoben werden? Pressungen hat nunmehr nach wochenlangen Verhandlungen seinen Abschluß gefunden. In dem Prozeß sind ganz unerhörte Schweine« reien höherer Beamten an das Tageslicht gekommen. So wurde dem Ober st en v. GierS nachgewiesen, daß er über eine halbe Million Mark von Lieferanten erpreßt hat. Er wurde für seine Verbrechen auf drei Jahre in die Arrestantenkompagnie eingereiht. Umfangreicher Er- Pressungen wurden auch die Oberstleutnants Alexejew und E s s i p o w überführt. Im ganzen wurden zehn Angeklagte zur Einreihung in die Arrestantenkompagnien und Verlust aller Privi- legien und Orden verurteilt. Die Verbrechergesellschaft, die sich bisher auf freiem Fuße befand, wurde in Haft genommen. Nach der Katastrophe. Die Reede von T o u l o n bietet wegen der zahlreichen Trümmer, die infolge der Explosion auf der„Liberto" allenthalben umher- gestreut liegen, eine große Gefahr für die Bewegungen der Kriegsschiffe. Das Panzerschiff„Jauröguiberry" stieß gegen eine gesunkene Panzerplatte und wurde leicht beschädigt. Dem ersten Geschwader, das in den Hafen einlaufen wollte, wurde mitgeteilt, die Reede biete wegen der zahlreichen Trümmer jetzt keine Sicherheit. Das erste Geschwader bleibt daher vorläufig bei Salins. Man hofft, das Wrack der„Libertö" in ungefähr zwei Monaten beseitigen und dann mit den Ausräumungsarbeiten beginnen zu können. Die meisten Schiffer im Hafen von Toulon klagen darüber, daß die Präzisionsinstrumente infolge der durch die Explosion auf der.Liberto" hervorgerufenen Erschütterungen be- schädigt wurden und nicht mehr funktionieren. Auf dem Unglücksdampfer setzten die Taucher ihre Suche nach den Opfern der Explosion fort; am Donnerstag wurden 27Leichen. darunter die eines Offiziers, geborgen. Hus aller Alelt. Väterchens Militärbeamte. Der Prozeß gegen eine Anzahl Moskauer Intendantur- b e a m t e n wegen der von ihnen verübten Unterschleife und Er- Folgenschwerer Hauseinsturz in Spanien. Eine telegraphische Nachricht aus G a l l u r meldet, daß dort am Freitag ein Fabrikgebäude eingestürzt ist. Die Arbeiter hatten sich gerade in der Fabrik eingefunden, als die Katastrophe sich ereignete. Bis jetzt ist es gelungen, einen Toten und eine große Anzahl Schwerverletzter aus den Trümmern hervorzuziehen. Man glaubt, daß sich noch mehrere Todesopfer unter den Trümmern des Gebäudes befinden, da»och fast die Hälfte der 59 Mann zählenden beschäftigten Arbeiter vermißt werden. Die Feuerwehr und Sanitätsmannschaften arbeiten mit fieberhafter Eile, um die Aufräumungsarbeiten so schnell wie möglich zu Ende zu bringen, und die unter den Trümmern noch Verborgenen hervorzuholen. Man glaubt, daß von den Schwer- verletzten, die bis jetzt ins Hospital eingeliefert werden konnten, nur wenige mit dem Leben davonkommen werden. Kleine Notizen. Großfcuer in Baden. In dem Dorfe Brötzingen bei Pforz« heim brannten in der letzten Nacht zehn Wohnhäuser und dreizehn Scheunen nieder. Ein Glaser wurde bei den Lösch- arbeiten schwer am Kopfe verletzt. Wcchsclfälschunqen. In Siegen wurde der in Konkurs ge- ratene Kaufmann G u n z verhaftet. Es wird ihm zur Last gelegt, Wechsel im Betrage von 220000 Mark gefälscht zu haben. Räuberuuwescn im Kaukasus. Im Torekgebiete GberfUl eine Räuberbande eine von einer Militäreskorte begleitete Bahn- kommission. Die Soldaten sowie zwei Mitglieder der Kommission wurden von den Räubern nieder- gemacht; ein Ingenieur wurde als Gefangener entführt. Dr.Simmel Spezial-Arzt ifir Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41,„'S,;:,,. 10— 2. 5— 7. Sonntags 10—12. 2— 4 Ein neuer Zusctineide- Frei- Kursus im Schnittzeichnen, Zuschneiden u.Nähcn d. gesamt. Damen- iu. Kind.-Garderob. sowie Wäsche be- r° mt am Montag, 2. Oktober. An- meldekarten, Pro- 5726* spekte grat. u. fr. 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Die Genossen versammeln fich am Sonntagvor- mittag ys Uhr in ihren Bezirkslokalen zur Flugblattverbreitung. Karlöhorst. Sonntag, den 1. Oktober, Familienausflug nach Gustav Exners Gesellschaftshaus in BieZdorf-Süd. Treffpunkt 2 Uhr am Bahnhof Karlshorst. Die Bezirksleitung. Pankow. Am Dienstag, den 3. Oktober, abends 8Vs Uhr. bei Krienelke, Berliner Straße 27: Mitgliederversammlung"des Wahl- Vereins. Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. Referent Genosse Schwenk._ Die Bezirksleitung. ßcrllner JVacbncbtem Schulentlassung. Gin wichtiger Tag ist heute für eine Zahl unserer Schul- iklnder gekommen. Es gilt ihre Entlassung aus der Schule, der sie acht Jahre angehörten. Es ist eine lange Zeit, die hinter den Schülern und Schülerinnen liegt und wie schnell ist sie verflossen. Mancher wird denken: Gott m dank, daß sie zu Ende ist. Und doch ist sie die schönste Zeit im Leben. Sie war frei von Sorgen, denn die trugen bis hierher treu- sorgende Eltern. Nun aber heißt es: Hinaus ins Leben! Manche Arbeiterkinder haben schon fest mitarbeiten müssen. Ter Junge muß in die Lehre, um sich auf seinen zukünftigen Beruf vorzubereiten und auch dem Mädchen blühen ernste Beschäftigungen, wenn auch nicht immer die Ergreifung eines Berufes bei ihnen notwendig ist. Im Konfirmationsstaat erscheinen sie zum letzten Male in den vertrauten Räumen zur Entlassungsfeier und um die Entlassungszeugnisse in Emp> fang zu nehmen. Mancher wird durch eine Prämie für Fleiß und gutes Betragen ausgezeichnet. Zum letzten Male sitzen die Kinder unter den Augen ihrer Lehrer, die sie bisher geleitet und geführt haben und die sie vertraut gemacht haben mit dem, was sie für ihr Leben an notwendigen Kenntnissen und Fertigkeiten brauchen. Was wird ihnen das Leben bieten? Haben sie ihre Schulzeit gut ausgenützt und sind sie zu tüchtigen Menschen herangewachsen, so wird dieser und jener vielleicht seinen Weg machen. Arbeiterkindern stehen in der Hauptsache neue Sorgen und Mühen bevor. Die Hauptsache ist, daß sie mit der Zeit erkennen lernen, welch wichtigen Faktor die Arbeit und ihre Träger im heutigen Wirtschaftsprozeß spielen._ Zur Stadtwcrdung von Steglitz erfahren wir: Die jahrelangen Bemühungen der Landgemeinde Steglitz um Er- Werbung der Stadtrechte werden im nächsten Jahre endlich von Erfolg gekrönt werden, die Verhandlungen mit dem Ministerium des Innern haben dazu geführt, daß der Ge- meinde Steglitz die Stadtrechte verliehen werden mit der vorläufigen Einschränkung, nicht aus dem Kreise Teltow aus- scheiden zu dürfen. Eine entsprechende Vorlage wird dem Landtage im Winter zugchen. Ein Ausscheiden aus dem Kreise Teltow ist erst möglich, wenn sich die Verhältnisse mit Friedenau geklärt haben werden. Friedenau will Land- gemeinde bleiben und verspürt auch keine Lust, sich von Steg- litz eingemeinden zu lassen. Da Friedenau von Schöneberg, Wilmersdorf und Steglitz eingeschlossen ist, würde es, wenn Steglitz kreisfreie Stadt wird, eine Exklave des Kreises wer- den, deren Verwaltung als solche Schwierigkeiten bereiten würde. Auch als Stadt würde Friedenau nicht bereit sein, gegen Entschädigung aus dem Kreise auszuscheiden. In Steglitz wird zurzeit auf ein Ausscheiden aus dem Kreise kein so hoher Wert wie früher mehr gelegt, da der Kreis doch bedeutende Entschädigungen und eine weitere Beteiligung an den Unkosten der Verwaltung für den Teltowkanal von Steglitz fordern würde.— Groß-Lichterfelde. das ebenfalls Stadtgelüste hat, wird seine Hoffnungen vorläufig noch nicht erfüllt sehen. Der Stadtverordnete Marggraff, über dessen Ableben in der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag Mittei- iung gemacht wurde, war ein überzeugter Demokrat und hat jn zahlreichen Fällen vielfach als einziger bürgerlicher Stadt- verordneter für die von der sozialdemokratischen Fraktion gc- stellten Anträge gestimmt. Der Verstorbene vertrat den b. Bezirk der 3. Abteilung: sein Mandat lief bis 1915. Durch den Tod Marggraffs wird eine Ersatzwahl notwendig: bei tatkräftiger Agitation dürfte das Mandat der Sozialdemo- kratie zufallen._ Seefischvcrkanf in den Mnrkthallen. Der Magistrat bat beschlossen, daß in sieben Markthallen(am Wedding, Marheinickeplatz. ArminiuSplatz, Pücklerstraße, Wöhlert- straße, Dresdener Straße) 10— 11 Stände, im ganzen zirka 70 Stände für den Seefischverkauf eingerichtet werden. Der Verkauf soll jeden Dienstag und Donnerstag stattfinden. Die Sorten der Fische, welche an den betreffenden Markttagen zum Verkauf konunen, werden TagS zuvor mit den Preisen an den Anschlagsäulen an- gegeben werden. Der Ankauf der Fische steht unter Auf« ficht deS städtischen Verkaufsvermittlers für Fffche. Die Preise sind von der Markthallendeputation festgesetzt worden. Beim Einkauf werden für die betreffenden Fischsorten die Kochrezepte mit ausgehändigt. Die Markthallenverwaltung hat sich verpflichtet, den Fischhändlern etwa übrig bleibende Reste zur anderweiten Ver- Wendung abzunehmen, so daß stets nur frische Seefische aus neuen Zufuhren zum Verkauf kommen werden. Die durch diesen Versus die preiswerte Fischnahrung populär zu machen und als teilweisen Ersatz für Fleisch einzubürgern, entstehenden Kosten für Anzeigen. Hergabe der Stände übernimmt die Stadt. Der Fischverkauf wird in der zweiten Oktoberwoche beginnen. Jn der Maske feiner Engländer traten Ladendiebe auf, die es auf Juwelengeschäfte abgesehen haben. Es sind zwei Männer von etwa 25— 27 Jahren, die nur gebrochen deutsch sprechen, wahr- scheinlich gewerbsmäßige internationale Diebe. Jn einem Geschäft in der Potsdamerstraße verlangten sie eine Krawattennadel für etwa 200 M. und ließen sich dann auch Broschen vorlegen. Sie suchten längere Zeit, meinten dann aber, daß sie doch nicht das Nichtige fänden und empfahlen sich, ohne etwas zu kaufen. Zu soät entdeckte die Gcsckäftsinhaberin, daß sie heimlich eme Brillant- brosche mitgenommen hakten, die 225 M. wert ist. Die Juweliere werden gut tun. vor diesen Kunden auf der Hut zu sein. Ter eine von ihnen ist mittelgroß und scheint etwas schwerhörig zu sein, er hat dunkelbloftdes Hgar, ganz kleinen Schnurrbart, auf- fallend lange blonde Augenwimpern, ein blasses, längliches, mageres Gesicht, eine lange spitze Nase und trug einen mode- farbigen Ulster, einen schwarzen steifen Hut mit breiter Krempe, einen braunen Stock mit silbernem Knopf und einen schmalen goldenen Trauring. Der zweite ist groß und schlank, hat dunkel- blondes Haar, einen englisch gestutzten Schnurrbart und trug einen moosgrünen, glockenförmig gearbeiteten Jackettanzug. Ihm fehlt einer der oberen vorderen Schneidezähne, die auffallend vor- stehen. Beide haben schmale wohlgepflcgte Hände. Der Einkommenstcuer-BeranlagungSbezirk des Kreises Teltow wird mit dem 1. Oktober d. I. geteilt und aus den Geineinden Steglitz, Groß-Lichterfelde, Friedenau und Zehlendorf ein besonderer Veranlagungsbezirk gebildet, für den mit dem Sitze in Steglitz eine neue Einkommensteuer-Veranlagungskominission, ebenso ein Schätzungsausschuß für die Ergänzlingssteuer und Steuerausschüsse für die Gcwerbestcuerklassen III und IV unter dem Vorsitz des Geh. Reg.-Rats Dr. Kühne eingerichtet werden. Die neue Kom- Mission fiihrt die amtliche Bezeichnung:„Einkommensteuer-Ver- anlaglingskommission in Steglitz", die aus dem verbleibenden Restkreise Teltow gebildete Veranlagungskommission usw. führt vom 1. Oktober 1011 ab die Bezeichnung«Einkommensteuer-Ver- anlagungskommission für den Landkreis Teltow in Berlin". Der Vorsitz in dieser Konin,ission und den AliSichiissen ist dem Reg.-Rat G oerlich(bisher in Halle a. S.), die Stellvertretung dem Reg.- Assessor M a s k o s in Berlin übertragen worden. Wandcrgewerbcscheine für öffentliche Schaustellungen usw. Diejenigen Gewerbetreibenden des Landespol izeibezirks Berlin, welche beabsichtigen auf Grund eines nach§ 55 Nr. 4 R. G. O. ausgestellten Wandcrgewerbescheins öffentliche Schaustellungen, Musikaufführungen, theatralische Vorstellungen und sonstige Lust. barkciten im Jahre 1912 außerhalb und innerhalb des Landes- polizcibczirks Berlin darzubieten oder zu veranstalten, werden gut tun, entweder zeitlich getrennte Scheine je für den aus- wältigen Bezirk, in dem sie das Gewerbe betreiben wollen, und für den Landespolizeibezirk Berlin zu lösen, oder einen Jahres schein nur für den Landespolizeibezirk zu beantragen und feiner. zeit dessen Ausdehnung auf den auswärtigen Bezirk nachzusuchen, da eine Ausdehnung auswärts erteilter Scheine dieser Art auf den Landespolizeibezirk Berlin nicht stattfindet. Bei Beantragung zeitlich getrennter Scheine wird der Zeitraum, auf welchen der Schein für den betreffenden Bezirk gebraucht wird, genau be- zeichnet und zur Vermeidung voller Besteuerung hervorgehoben werden müssen, daß und für welchen Teil des Jahres auswärts ein Schein beantragt ist._ Der Wert von Schutzmamisaussagru. Welchen Wert Schutzmannsaussagen manchmal haben, möge folgender Fall illustrieren. Der Kaufmann K. wurde beschuldigt, am 11. Juli gegen 4 Uhr nachts in der Putlkamerstraßc laut skanda liert und mit dem Spazierstock auf den Bürgersteig geschlagen zu haben, wodurch ruhestörender Lärm und ein Auflauf erregt worden sein sollte. Er erhielt ein Strafmandat, das 10 M. Geldstrafe gegen ihn festsetzte. Gegen diesen Strasbefchl erhob K. Einspruch und be antrogte richterliche Entscheidung. K. behauptete, an dem Skandal nicht beteiligt gewesen zu sein, er habe vielmehr mit anderen Freunden eine Nachtfahrt unternommen und sei als Zuschauer hinzu gekommen, als die Skandalmacher festgenommen wurden, er sei aber als angeblich Beteiligter von den Beamten fistiert worden. Zwei Schutzleute beschworen aber, daß K. doch dabei gewesen fei. Das bestritt ein Zeuge Sch.. der mit vier Freunden den Lärm hervor- gerufen hatte. Sch. erklärte, K. gar nicht zu kennen, K. sei an dem Vorfall nicht beteiligt gewesen: letzterer sei nur mit ihnen mit- gegangen und habe gesragt, warum Sch. und seine Freunde verhastet worden seien. St. wurde daraufhin freigesprochen. Das Gericht hat deshalb angenommen, daß sich die Schutzmänner geirrt haben und daß der Angeklagte K. sich nicht der bezichtigten Uebertretung schuldig gemacht habe. Die Kosten wurden der Staatskasse auferlegt. DaS Hutverbot JagowS tritt noch nicht in Kraft. Der Minister des Innern hat, wie uns der Vorstand des Verbandes der Berliner Bühnenleiter mitteilt, auf die in der Angelegenheit des Damenhut- Erlasse? an ihn gerichtete Beschwerde den Polizeipräsidenten an- gewiesen,.die Vollstreckung der Verfügnugen vom 10. August bis zu dereit Rechtskraft auszusetzen". Somit bleiben die Verfügungen des Polizeipräsidenten gegen daS Tragen von Damenhülen in den Theaterlogen außer Kraft bis der Oberpräsident resp. das Oberver- waltungSgericht gesprochen haben. Bon der Krankenpflege in den Ferienkolonien. Auf unsere wiederholten Mitteilungen über Erkrankungen in der Ferienkolonie Ucbigau hat endlich der Berliner Verein für Ferienkolonien durch seinen Vorsitzenden uns eine Gegenäußerung zukommen lassen. Es handelt sich— das sei hier noch einmal hervorgehoben— darum, daß in den diesjährigen Sommerferien in der Ferienkolonie Uebigau mehrere Knaben nacheinander von einer Krankheit ergriffen wurden, die ein Arzt als„Mandelentzündung" bezeichnete. Der Kolonieleiter ließ die Erkrankten meist zwischen den Gesunden liegen und gestattete einem 13 j äh r i ge n Knaben die Beteiligung an der P f l e ge, für die eine berufsmäßige Krankenpflegerin nicht da war. Einer der an„Mandelentzündung" erkrankten Knaben wurde nach Berlin noch krank mitgenommen und starb zwei Tage nachher ifn Virchow-Krankcnhaus an Scharlach und Diphtherie, wie die ärztliche Todcsbescheinigung sagt.(Jn einem uns überreichten Auszug ans den Akten des Ver- eins wird als Todesursache irrtümlich nur Diphtherie angegeben.) Ein anderer der Knaben wurde in Berlin den Eltern als von „Mandelentzündung" genesen übergeben, worauf einige Tage nach- her in der Familie unter den Geschwistern eine Scharlachcpidemie ausbrach, die drei Kindern den Tod brachte. Erst nachträglich wur- den die ahnungslosen Eltern durch zwei zu Rate gezogene Aerzte belehrt, daß ihr aus der Ferienkolnie heimgekehrter Sohn dort gleichfalls Scharlach gehabt haben müsse.(Der oben erwähnte Aktenauszug sagt irrtümlich, dieser Knabe selber sei in Berlin ge- storbcn.) Von allen unseren Angaben wird keine durch den Vorsitzenden des Vereins als ungutreffend zurückgewiesen. Gewünscht wird nur, daß wir zu der Ucberzeugung gelangen, in den Ferienkolonien seien alle nur möglichen Vorkehrungen getroffen. um die Weiterverbreitung an st eckender Krank- heiten zu verhüten. Selbstverständlich wissen auch wir. daß überall da, wo Kinder in großer Zahl zusammenkommen und zu- sammenleben, ansteckende Krankheiten nur zu oft auftreten. Das haben wir selber in unserem ersten Artikel über Uebigau ausdrück- lich betont. Aber die Vorkommnisse in Uebigau zeigen, daß gegen die Weitcrverbreitung solcher Krankheiten und im besonderen gegen die Einschleppung in die Familie sehrviel wirksamere Matz- regeln nötig waren. Dem uns überreichten Vertrag, den der Verein mit den Kolonieleitcrn schließt, können wir nicht mit Sicher- heit entnehmen, ob die Vorschriften unzureichend sind oder ob sie in Uebigau nicht voll befolgt wurden. Für den Fall der Erkrankung eines Kindes sind Bestimmungen getroffen, die der Leiter„Pein- lich beachten" soll. Die erste lautet:„Es ist sofort der Arzt zu rufen und das Kind abzusondern."„Abzusondern" bei allen Krank- heiten oder nur bei ansteckenden,„abzusondern" vor Ankunft des Arztes oder während der ganzen Krankheit? Die zweite Bestim- mung schreibt vor:„Den Anordnungen des Arztes hinsichtlich der Behandlung des Kranken ist Folge zu leisten, insonderheit ist zu veranlassen, daß bei ansteckenden Krankheiten sämtliche Lagerstätten, Geräte, Kleidungsstücke, sowie das gemeinschaftliche Schlafzimmer und der Abprt eingehend deMfiziert werben," Ig Uebigau hat man, nachdem der Arzt gerufen worden war und immer wieder nur„Mandelentzündung" angenommen hatte, die Kranken s ehr mangelhaft abgesondert und— wir würden es nicht glauben, wenu es nicht einwandfrei festgestellt wäre— Kranke sogar durch einen anderen Knaben Pflegen lassen. Hätte man es für nötig gehalten, eine berufsmäßige Krankenpflegerin zu holen und auch mal einen anderen Arzt um sein Gutachten zu ersuchen, so wäre vielleicht der ganze Ernst der Lage erkannt worden und auch die Eltern hätten dann auf die Gefahr der Einschleppung aufmerksam.gemacht werden können. Zum Schutz der Tausende von Kindern, die der Verein all- jährlich aussendet, zum Schutz auch der vier- oder fünffachen Zahl von Geschwistern, die daheim bleiben, haben wir diese Zustände öffentlich besprechen müssen, damit sie einmal mit Hilfe unserer Leser möglichst vollständig aufgedeckt würden. Welche Gefahr die Ferienkolomen den Kindern und ihren Familien bringen können, das haben uns auch die weiteren Mitteilungen gezeigt, die aus Anlaß unserer Artikel über Uebigau uns noch über eine andere Ferienkolonie des Berliner Vereins zugegangen sind. Wr er- fahren, daß im Monat August auch in Bad Sulza unter den Ferienkolonisten eine Scharlach epidcmie aus- gebrochen war, bei der acht Kinder(wir legen kein Gewicht auf die Zahl) erkrankt sein sollen. Bisher haben wir erst drei Berliner Familien ermittelt, teren Kinder im August in Sulza untergebracht waren. Jn einer Familie trat wenige Tage nach der Heimkehr eines nicht krank gewesenen Knaben bei einem jüngeren Schwesterchen eine schwere Scharlacherkrankung auf. Jn einer anderen Familie liegt ein in Sulza gewesener Knabe infolge Scharlacherkrankung noch schwer danieder. Einer dritten Familie ist ein in Sulza an Scharlach erkrankter Sohn, nachdem er dort Wochen hindurch im Krankenhaus gelegen hatte, soeben durch den Tod entrissen worden. Ein tödlicher Unfall, der eine große Aufregung verursachte, ereignete sich in der vergangenen Nacht im Betriebe der Unter- grundbahn auf dem Bahnhof Friedrichstraße. Als um 11% Uhr ein Zug nach dem Wilhelmsplatz zu sich schon in Bewegung gesetzt hatte, kam die 23 Jahre alte Friseurin Frida Werner aus der Nachodstraße 24 mit einem Herrn aus ihrer Nachbarschaft im letzten Augenblick angelaufen und versuchte noch einzusteigen. Sie kam aber zu Fall, stürzte auf das Gleise, wurde überfahren und getötet. Jn der furchtbaren Aufregung, die entstand, kamen auch zwei andere Personen noch zu Schaden. Ein 21 Jahre alter Kaufmann Hermann Lange aus der Stein metzstraße 38 erlitt einen Nervenchok, fiel besinnungslos zu Boden und mußte nach der Charite gebracht werden. Frau Versicherungsdirektor Klara Kaufmann vom Nollendorfplatz 7 zog sich eine schwere Quetschung der rechten Hand zu, konnte sich aber nach ihrer Wohnung bc- gegeben. Der Zug wurde sofort wieder zum Stehen gebracht und die Leiche unter ihm hervorgeholt. Der Unfall hatte eine längere Verkehrsstockung zur Folge.— Das beklagenswerte Unglück ist auf die Unsitte zurückzuführen, bereits in Fahrt befindliche Züge noch zu besteigen, obgleich die betreffenden Fahrgäste, wie es auch in diesem Falle geschehen ist. von dem Bahnpersonal durch den Zuruf„Zurückbleiben" gewarnt werden. Der Versuch, einen schon in Bewegung befindlichen Zug zu besteigen, ist bei der Hoch- und Untergrundbahn besonders ge« fährlich, weil bei dieser die Züge eine viel größere AnfangSge- schwindigkeit haben, als bei der Stadtbahn. Lictzenseepark Charlottcnbnrg. Wie wir erfahren, hat die Charlottenburger Stadlverordnetenversammkung in nicht- öffentlicher Sitzung den Beschluß gcfaßl. zu de», der Gemeinde bereits gehörigen Besitz am Lictzensce auch noch daS Westufer südlich der Neuen Kant- straße anzukaufen. Die Stadt Charlottenburg würde dann daS ganze Ufergelände ausschließlich des siidlichen Teils des OstuferS be- sitzen. Sollte der Kauf zustande kommen, so wäre dadurch der Stadtgemeinde Gelegenheit gegeben, eine große Parkanlage zu schaffen. an denen es in Berlin und Charlottenburg noch immer mangelt._ Todcssturz eines Fliegers in Johannisthal. Der Teilnehmer an der Berliner Flugwoche, der bekannte Flieger Kapitän Engelhard, ist gestern kurz nach 4% Uhr abgestürzt und alsbald seinen Verletzungen erlegen. Im einzelnen wird berichtet: Wie am Tage zuvor, herrschte am gestrigen Freitag stürmisches rauhes Wetter, das den Fliegern sikstvere Sorgen bereitete. Zwölf bis vierzehn Sekundenmcter zeigte der Windmesser am Startplatz über be», Boden und in der Höhe war es noch schlimmer, wie man an der Schnelligkeit der tiefhängenden über das Feld hinzielenden Wolken erkennen konnte. Die Zuschager waren wiederum in Massen erschienen, denn man erwartete bei dem sturmartigen Winde einige aufregende Sensationen. Wirklich fanden sich auch gestern wieder einige Flieger, die dem Sturm trotzten und an den Start kamen. Pietschker und Suvclack eröffneten den Reigen und bald folgte ihnen Kapitän Engelhard mit seinem Schüler Sedlmaher auf der kleinen schnellen Baby-Wright-Maschine. Das Flugzeug, das Wilbur Wright bei seinem letzte» Besuch in Berlin ini August d. I. mit- gebracht hatte, tvar bereits mehrmals von Engelhard gesteuert worden und hatte sich bei seinen Aufstiegen stets als flugtüchtig bewiesen. Ter Doppeldecker zeigt bedeutend kleinere Abmessungen als die übrigen Wrightmaschinen und war mit einem Original- Wrightmotor ausgestattet. Bei ruhiger Witterung hatte Engelhard mehrmals Geschwindigkeiten bis zu 100 Kilometern erreicht. Noch am Tage zuvor steuerte er sein Flugzeug trotz des böigen Windes mit vollendeter Sicherheit und Meisterschaft, die ihm den Ruf eines kaltblütigen und furchtlosen, dabei aber vorsichtigen Fliegers ein- gebracht hatten. Auch am gestrigen Nachmittag stieg Engelhard wie gewöhnlich von dem Schuppen der Wright-Gcsellschaft an der Wald- seile auf. Die Maschine, die vorher von den Monteuren wie stets nachgesehen und geprüft worden war, kam gleich anfangs glatt vom Start ab und erhob sich auf 30 Meter. So flog Engelhard mehrere Runden, teils dicht am Boden fliegend, teils in 80 bi� 90 Meter Höhe, um die günstigste Luftschicht zu suche». So kam er gegen %5 Uhr an der Haupttribüne vorüber. Der Doppeldecker lag glänzend und arbeitete sich gegen den von Westen herkommenden Wind wacker durch die Luft. Ueber der Hügcltribüne, ungefähr auf der Höhe der Albatrosfabrik sah man plötzlich das Flugzeug sich scharf nach der linken Seite überlegen. Im nächsten Augenblick flog ein Maschinenteil durch die Luft. Noch eine Sekunde schien der Apparat sich zu halten, offenbar wollte Engelhard wohl in den Gleitflug übergehen, dann sauste das Flugzeug aus 30 Meter Höhe auf den Boden. Mit furchtbarem Krachen schlug die schwere Ma- schine auf, die Flügel knickten zusammen, das Untergestell zerbarst und der Motor fiel auf die Erde. Die Zuschauer glaubten im ersten Augenblick wohl, daß der Sturz nicht allzu gefährlich sei und alles blieb ruhig auf den Plätzen. Als jedoch sich nichts unter dem Trümmerhaufen regte, wurde man unruhig und die Angestellten des Flugplatzes hatten Mühe, das Publikum zu beruhigen. In- zwischen hatte die Sportleitung bei dem nächsten Pfosten angefragt, ob den Fliegern etwas zugestoßen sei. und erhielt zur Antwort: Flugzeug total zertrümmert, Flieger und Passagier unverletzt. Diese Nachrichten verküMte Msjox von Tschudi den Besuchern des Startplatzes mtt dem Sprachrohr und die Aufreguffg auf dem Startplatz legte sich. Nach einigen Minuten sah man jedoch ein Automobil mit Ambulanzgehilfen und den Arzt, ein zweites vom Wrighischuppen über den Platz jagen. Eine geraume Zeit verstrich, ehe die beiden Kraftwagen zurückkehrten. In dem vordersten befand sich Engelhard, der bleich und regungslos auf dem Hinteren Sitz lag. Man schaffte ihn sofort in den Sanitätsraum, wo der diensthabende Arzt feststellte, daß der Flieger bereits seinen Geist aufgegeben habe. Engelhard ist bei seinem Sturz offenbar von einer zer- brechenden Spire getroffen worden, die ihm so schwere Verletzungen am Unterleib beibrachte, daß der Tod fast auf der Stelle eintrat. Sein Passagier zeigte eine klaffende Schädelwunde sowie mehrere Arm- und Beinbrüche. Er dürfte, wenn er auch lange auf das Krankenlager gefesselt sein wird, mit dem Leben davonkommen. Die Ursachen der Katastrophe. Die Mechaniker machten sich sofort an die Untersuchung der Maschine und stellten fest, daß die VerWindung, ebenso wie die Steuerorgane vollständig in Ordnung waren, und daß selbst die Führungsdrähte unversehrt geblieben waren. Dagegen zeigte der eine Propeller einen Bruch. Etwa die Hälfte der Schraube fehlte. Man suchte überall, konnte das Holz- stück schließlich aber erst 100 Meter von der Unfallstelle entfernt auffinden. Wie die Angestellten des Flugplatzes und zahlreiche Zuschauer übereinstimmend aussagten, haben sie diesen Teil bereits einige Sekunden vor dem Sturz durch die Luft fliegen sehen. Eine nähere Untersuchung des Holzteiles ergab, daß die Leinewand, welche den Propeller umgibt, schlecht verleimt war. Das Holzstück ist der Länge nach abgerissen und hat so den Sturz herbei- geführt. Sobald die Sportleitung den Tod Engelhards erfahren hatte, wurde den Zuschauern durch das Sprachrohr verkündet, daß Engelhard schwer verletzt sei und daß deshalb die Flüge abgebrochen würden. In der Säuglingsfürsorgestelle I findet im Oktober wieder unentgeltlicher Unterricht in Säuglingspflege mit praktischen Uebungen statt, wöchentlich einmal. Meldungen schriftlich oder mündlich von 2—4 Uhr im Bureau des Kinderhauses, Blumen- straße 97._ Vorort- Nachrichten. Rixdorf. Stadtverordnetenversammlung. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde durch den Ober- Bürgermeister der neugewählte besoldete Stadtrat A r l a r t ein- geführt und verpflichtet, dem das gesamte Kämmerei-, Finanz- und Kassenwesen unterstellt sein soll. Zum Zwecke der Vorbereitung einer städtebaulich beftiedigew den Verwertung der von der Stadt erworbenen 80 Morgen großen Grundstückskomplexe am Mariendorfer Weg und am Mittelweg hat der Magistrat einen öffentlichen Wettbewerb veranstaltet, für den Indemnität nachgesucht wird. Stadtv. Wutzky(Soz.s hält die in dem vorgelegten Programm des Wettbewerbs enthaltene Forderung, daß in der Hauptsache der Typ der Drei- bis Vier- zimmerwohnung geschaffen werden soll, für verfehlt. Dadurch bc- kommt man nicht die erhofften gutsituierten Bürger und werde erneut die Erfahrung machen, daß schließlich die geschaffenen großen Wohnungen in baulich unzulänglicher Form zu kleinen umgewan- delt werden. Zu rügen sei auch die Zusammensetzung des Preis- gerichts, unter dessen 10 Mitgliedern nur ein Vertreter der Stadt- verordnetenversammlung sich befindet. In einer Arbeiterstadt wie Rixdorf gehöre in solche Körperschaft auch ein Vertreter der un- bemittelten Einwohner hinein, der aber anscheinend geflissentlich ferngehalten worden ist. Stadtrat Dr. Glücksmann und Ober- bürgermeister Kaiser bestreiten, daß eine derartige Absicht den Magistrat geleitet habe; letzterer verspricht, der Grundeigentums- deputation von den eingelaufenen Arbeiten zur Aeußerung Ge- legenheit zu geben. Die Vorlage wurde einstimmig genehmigt. Dem Antrage des Magistrats,«der Realschule i. E. von Oktober ab eine dreiklassige Vorschule anzugliedern, gaben die Stadtvv. K y l l m a n n(Neubürgerl.) und Dr. Dietrich (Altbürgerl.) ihre Zustimmung. Stadtv. Dr. S i l b e r st e i n(Soz.) wandte sich energisch grundsätzlich dagegen, da durch die Vorschulen die Volksschule herabgedrückt werde. Bei Annahme der Vorlage hätten wir für 3 höhere Lehranstalten nicht weniger als 4 Vorschulen; derartiges fände man in keiner anderen Stadt. In Berlin gäbe es für Realschulen überhaupt keine Vorschule. In bezug auf die höheren Schulen scheine Rixdorf anscheinend auf dem Geldsack zu sitzen, während die Gemeindeschulen elend rückständig seien. Diese Worte lösten bei den Bürgerlichen stürmischen Widerspruch aus, worauf Redner auf die unerhört hohe Klassensrequenz unserer Volksschule hinwies. Außerdem fehlten immer noch Schulärzte. Brausebäder; noch immer seien die Lchrgehälter gegenüber anderen Städten weit zurück.— Bürgermeister Dr. We i n r e i ch ist theo- retisch auch nicht für Vorschulen, aber— hält sie in Rixdorf für einen..sozialen Ausgleich". Die Ausführungen des Vorredners über die Rückständigkeit der Rixdorfer Volksschule halte er für Agi- tationsmache, welche nach seiner Meinung dadurch in sich zusammen- fallen, daß Stadtverordnete der 3. Abteilung selbst ihre Kinder �n die Volksschule schicken.— Diesen Vorwurf wiesen die Stadtvv. Dr. S i l b e r st e i n(Soz.) und Conrad lSoz.) entschieden zurück. Wenn Arbeiter in dem Bestreben, ihren Kindern eine gute Schul- bildung zu geben, schwere pekuniäre Opfer bringen und diese in die Vorschule schicken, so sei das gerade ein Beweis dafür, wie wenig Vertrauen die Volksschule genieße. Letztere bekäme sofort ein anderes Gesicht, wenn das Kind des Fabrikanten neben dem des Arbeiters in derselben Platz nehmen müßte.— Die lange und von wiederholten Zusammenstößen zwischen den Sozialdemokraten einerseits und den Bürgerlichen und dem Magistrat andererseits durchsetzte Debatte endete mit der Annahme der Magistratsvorlage. Es folgte die Beratung der bereits veröffentlichten Anträge, die Mahnahmen gegen die Teuerung fordern. Der erste Antragsteller Stadtv. Emmeluth wünscht angesichts der steigenden Lebensmittelpreise, daß mit den übrigen Gemeinden Groß-Berlins über Maßnahmen gegen die Teuerung in Beratung getreten wird. Von bestimmten Vorschlägen sähen sein Freunde, die Neubürgerlichen, ab und beantragen die Ein- setzung einer gemischten Kommission.— Stadtv. G r o g e r(Soz.) begründet den Antrag der sozialdemokratischen Vertreter: Mit der Kommissionsberatung sei er und seine Freunde einverstanden. Nichtsdestoweniger muß hier über die Ursachen der ungeheueren Teuerungsverhältnisse das Notwendige gesagt werden. Der so oft hervorgekehrte Hinweis auf die Trockenheit dieses Sommers treffe keineswegs das Richtige. Es bestehe vielmehr eine ständige Tendenz für hohe Lebensmittelpreise, welche nur durch Umgestaltung der verkehrten Wirtschafts- und Zollwucherpolitik beseitigt werden kann. Wenn die bezüglichen Eingaben der Städte bisher nicht gewirkt haben, so sei das vor allem auf die wenig energische Haltung des Bürgertums zurückzuführen, das sich ein Beispiel an der Tatkraft der Junker nehmen sollte, die ihre Macht rücksichtslos nutzen und dem Lande die Wucherpolitik aufgezwungen haben. Jetzt gelte es, bestimmte kommunale Maßnahmen zu treffen. In Süddeutschland seien Kommissionen mit der Regelung der Lebensmittelpreise be- traut worden. Auch hier müsse dem LebenSmittelwucher entgegengewirkt werden. Ferner sei ein Zusammenarbeiten der Gemeinden Groß-BerlinS anzustreben, um in großzügiger Weise die Eigen- Produktion von Lebensmitetln respektive Versorgung der Bürger- schaft mit solchen zu organisieren.— Stadtv. Heinrich(Alt- bürgert.) trat für chie Kommissionsberatung ein.— Oberbürger- meister Kaiser sieht in der Herstellung einer Eingabe unnütze Zeitvergeudung. Nach den Erfahrungen der Städte fänden der- artige Schritte kein Verständnis; dafür seien die in Teuerungs- Zeiten eingehenden Zuschriften des Landwirtschaftsrats Beweise. in denen die Gemeinben aufgefordert werden, die..Fleischpreise zu kontrollieren". An Pen vom Stadtv. G.roger richtig gekennzeichneten Ursachen der Teuerung sei der Hebel anzusetzen; das sei aber eine Aufgccke der politischen Parteien.— Stadtv. Groger(Soz.) be- merkte demgegenüber, daß die Städte erheblich selbst mitschuldig seien, weil sie ihre Rechte nicht energisch wahrnehmen und sich meist oucken.— Die Anträge wurden an eine lögliedrige gemischte Kom Mission verwiesen. Die Anschaffung einer Automobil-Drehleiter zum Preise von 27 000 Mark für die Hauptfeuerwache in der Erkstratze wurde beschlossen. Hierauf fand noch eine nichtöffentliche Sitzung statt. Charlottenburg. Die Stadtverordnetenwahle« der dritte« Abteilung beginnen, wie der Magisttat mitteilt, Sonntag, den 5. November, bereits um 9 (nicht erst um 11) Uhr vormittags; die Wahlzeit endet um 0 Uhr. Durch die Mandatsniederlegung des Stadtverordneten Dr. Hennig war in der zweiten Abteilung noch ein Hausbefitzermandat frei ge worden. Durch das Los ist entschieden, daß der erste Wahlbezirk der zweiten Abteilung einen Hausbesitzer zu wählen hat. Groß-Lichterfelde. In der letzten Mitgliederversammlung de? WahlvereinS hielt Genosse Kaliski einen mit Beifall aufgenommenen Vortrag über: Allgemeine Teuerung". In der Diskussion wurde der Antrag: .Der Wahlvereinsvorstand wird beauftragt, beim Gemeindevorstand zu beantragen, unverzüglich Schritte zur Linderung der Lebens- mittelteuerung zu nnternehmen, als auch durch Eingaben an die zuständigen Stellen um Aufhebung der die Nahrungsmittel ber- teuerndcn Maßnahmen hinzuwirken", eingebracht und angenommen. Auf Anregung des Genossen Jul. Borchardt soll noch in dieser Woche eine öffentliche Versammlung stattfinden, welche zu dieser Frage Stellung nehmen wird. Zu dem gleichen Zweck soll am 3. Oktober eine Versammlung in Groß-Beeren abgehalten werden. Ein weiterer Antrag an den Gemeindevorstand bezweckt die Teilung des West lichen Gemeindewahlbezirkes und Anberaumung der Wahl auf einen Sonntag. Der Vorsitzende teilt mit, daß es nicht möglich gewesen t\, einen Referenten zum Bericht vom Parteitag zu erhalten, und regt an, dies in einer späteren Versammlung nachzuholen; es wird jedoch von einer späteren Berichterstattung Abstand genommen. Da am 17. Oktober die Wahlen zur Ortsttankenkasse stattfinden, muß die für diesen Tag geplante Volksversammlung um eine Woche hinausgeschoben werden. Die Versammelten erklären sich ferner im Prinzip für Zusammenlegung der am Orte befindlichen Bibliotheken. Aufgenommen wurden sechs Mitglieder. Mit einem Appell des Vor- sitzenden um rege Agitation zum Besuch der kommenden Versamm- lungen und Hilfe bei den Wahlvorarbeiten wurde die nur mäßig be- suchte Mitgliederversammlung geschlossen. Marienfelde. Wie es gemacht wird. Am 16. August beschloß die hiesige Ge- meindevertretung die Neuwahlen unverzüglich vornehmen zu lassen. Der Wahlverein stellte den Antrag, die Wahl auf einen Sonntag zu verlegen, damit die Arbeiter durch die Ausübung ihres Wahl- rechts keinen Lohnausfall erleiden. Jetzt endlich nach 6 Wochen macht der Gemeindevorstand bekannt, daß die Wahlen am Montag, den 9. Oktober, im Lokal von W. Manntz stattfinden. Man hätte nun in Anbetracht der ungünstigen Wirtschaftsverhältnisse er- warten sollen, daß der Gemeindevorstand ohne weiteres auf den Antrag des Wahlvereins eingehen würde, aber weit gefehlt. Nicht nur, daß die Wahl auf einen Wochentag verlegt, findet dieselbe noch zu einer Zeit statt, wonach Wähler, die außerhalb deS Ortes beschäftigt sind, den ganzen Tageslohn einbüßen müssen, um ihr Wahlrecht auszuüben. Die Wahl findet nämlich von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags statt. Aus dieser ganzen Machination geht klar und deutlich hervor, daß man die Arbeiter verhindern will, an der Wahl teilzunehmen. Wir sind trotzdem überzeugt, daß die Arbeiterschaft kein Opfer scheuen wird, und trotzdem Mann für Mann am Montag, den 9. Oktober, ihre Stimme für die Kandidaten der Sozialdemokratie, die Genossen Fritz Greulich und Richard Kreutzberg abgeben wird. An die Mitglieder des Wahlvereins ergeht die dringende Aufforderung, unverzüglich mit der Agitation zu beginnen. Zeigen wir dem bürgerlichen Mischmasch, daß die Arbeiterschaft im hiesigen Ort nicht länger gesonnen ist, sich ihr Recht, im Gemeindekollegium vertreten zu sein, verkümmern läßt. Lichtenberg. In der am Dienstag im„Bereinshanse" abgehaltenen Mitglieder Versammlung erstattete Genosse Grauer- Lichtenberg den Bericht vom Parteitag. Eine Resolution, welche sich mit den Verhandlungen deS Parteitages sowie mit dem Verhalten der Niederbarnimer Dele- gierten einverstanden erklärte, wurde einstimmig angenommen. In dem Bericht der Kinderschutzkommission wurde mitgeteilt, daß 15 Fälle zu erledigen waren. Zwei besonders krasse Fälle führte die Genossin Dietrich an. Hieraus wurde, nachdem noch bekannt ge geben, daß bei der im Mai stattgefundenen Kontrolle 74 Kinder mit Milch-, Frühstück- und ZeitungsauStragen usw. beschäftigt wurden. die Kommission auf 15 Mitglieder verstärkt. Als Obmann fungiert Genosse Gründler. Ein Antrag Levy, welcher verlangt, die Kinder aus den bürgerlichen Turnvereinen herauszunehmen, wurde an- genommen und der Bezirksleitung aufgegeben, Mittel und Wege zu sinden, welche einen Ersatz dafür schaffen. Unter Bezirksangelegen� heiten wies Genosse Schlemminger auf das am 14. Oktober statt sindende Stiftungsfest und auf die am 17. Oktober abzuhaltende Protestversammlung hin. Weihensee. In der letzten Gemeindevertteterfitzung wurde zunächst Gemeinde Vertreter Nauber zum Kurator der Schule in der Gustav-Adolf-Straße gewählt. Eine Pflasterkostenhypothck auf ein Grundstück in der Langhansstraße wurde zur Löschung beschlossen. Für 1020 M. sollen Schläuche und Zubehör für die freiwillige Feuerwehr angeschafft werden. Dieser Punkt wurde debattelo* genehmigt, während die vorige Sitzung in ausgedehnter Debatte dieselbe Angelegenheit von der Tagesordnung absetzte, da der Dezernent für Feuerwebri'achen, der zugleich auch Brandinspektor und Oberführer der freiwilligen Feuer- wehr ist, glaubte die vor fünf Jahren gewählte Feuerlöschkommission ausschalten zu köuneu. Hiergegen protestierten einige Mitglieder und der Herr Dezernent mußte wohl oder übel erst die Feuerlöschkommission einberufen, die dann auch die Mittel zur Bewilligung vorschlug. Die letzte Sitzung der Kommission fand vor drei Jahren statt und ziemlich unbeholfen war des Brandinspektors Entschuldigung, daß er schon oft eine Sitzung beim Bürgermeister beantragt habe, was dieser aber entschieden bestritt; seine Person mit der Verlegenheit deS Dezernenten in Verbindung zu bringen, müsse er sich sehr verbitten. In der geheimen Sitzung beschloß man eine schwebende Anleihe von einer halben Million Mark aufzunehmen, zur Deckung der Kosten von Grundstücksankäufen. Nach einem Bierteljahr wird man zur Aufnahme einer größeren Anleihe gezwungen sein, die zu vorteilhaften Bedingungen erzielt werden kann. Der Vorstand der Hiesigen Ortskrankenkasse hat tnU den am Ort praktizierenden Kassenärzten vereinbart, daß in geeigneten Fällen vorläufig auf die Tauer von vier Wochen den kranken Mitgliedern von der Gemeinde-Milchkuranstalt hergestellte Jogurth verordnet werden kann; Jogurth wird von vielen ange» sehenen Aerzten als vorzügliches Heilmittel für Magenleidende empfohlen. Nach der vierwöchentlichen Erprobung wird dann der Vorstand wiederum Beschluß fassen, ob Jogurth-Kuren dauernd eingeführt werden. AU-Glietticke. Mit kommunalen Angelegenheiten, unter besonderer Berückfichti« gung der im hiesigen Orte bestehenden rückständigen Verhältnisse beschäfttgte sich am Sonntag eine von etwa 300 Personen besuchte öffentliche Versammlung. Der Referent Genosse Wenz el- Groß« Lichterfelde schilderte zunächst an der Hand zahlreicher Beispiele, wie in kleinen Gemeinden, in denen die Sozialdemokratie noch keine Vertretung im Ortsparlament hat, die Interessen der Em- wohner recht einseitig wahrgenommen werden. Unter Bei- fall der Anwesenden erläuterte Redner sodann die Forde- rungen, die die Sozialdemottatie auf kommunalpolitischem Ge- biete stellt. In der Diskussion machte Genosse Dürre II Aus- führungen über die rückständigen Verhältnisse am Oft. So wartet man immer noch vergebens auf den Bau eines geräumigen Schul- gebäudes; die Kinder werden in engen Mietsräumen unterrichtet; die Leichenhalle ist völlig unzureichend und� für eine Armenpflege stellt man nur ungenügende Mittel zur Verfügung. Genosse Baftel übte scharfe Kritik an dem Verhalten der vorgesetzten Behörde� die von der Gemeindevertretung mit Ehrenämtern betraute Ortsbürger wiederholt nicht bestätigte. So ist unter anderem gegenwärtig kein Schiedsmann am Oft und müssen die Parteien nach dem benachbarten kleinen Ort Rudow, wo die Sühnetermine stattsinden. Den unlängst von der Gemeindevertretung gewählten Schöffen hat man ebenfalls ohne Angabe der Gründe die Bestättgung versagt. Nachdem noch einige Genossen recht saftige Blüten der preußischen Selbstverwaltung zum besten gegeben hatten, gab der Referent be- achtenswerte Aufklärung, wie die sozialdemokratischen Gemeinde- Vertreter zum Wohle der Allgemeinheit wirken können. Zum Schluß wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Miß- billigung über die Nichtbestätigung der gewählten Schöffen aus- gesprochen und die Beseitigung der in der Gemeinde bestehenden Mißstände gefordert wird. Reinickeudorf. Mehrere Tage tot in seiner Wohnung gelegen hat der Klempner- meister Emil Ladewig aus der Scharnweberstt. 61. L., der seit mehreren Jahren Witwer und schon seit längerer Zeit kränkelte, lebte sehr zurückgezogen. Am vorigen Freitag war der Klempner zuletzt gesehen worden. Als vorgestern nachmittag der Architekt E. au? Tegel, ein entfernter Verwandter des L., diesen besuchen wollte, wurde ihm nicht geöffnet. Er ließ daher durch den Portter die Wohnung öffnen und nun fand man den alten Mann angekleidet tot auf seinem Bette liegen. Ein hinzugerufener Arzt stellte fest, daß Ladewig einem Herzschlage erlegen war. Nach dem Zustande der Leiche ist anzunehmen, daß der Tod bereits vor mehreren Tagen eingetreten ist. Pankow. Ei» Todessturz aus dem Fenster hat sich gestern nachmittag um 3 Uhr ereignet. Um diese Zeit war die 38 Jahre alte Reinmache- rau Martha Schulz mit dem Neinigen der Fenster einer im dritten Stockwerk des HauseS Binzstr. 64 belegenen Wohnung beschäftigt. Sie stand gerade auf der Fensterbrüstung, als sie fehltrat und köpf- über auf die Straße hinabstürzte. Die Frau erlitt so schwere Ver- letzungen, daß der Tod auf der Stelle einttat. NowaweS. Für Arbeiter gut genug— so mag wohl die Eisenbahnver- waltung gedacht haben, als sie beschloß, den Bahnsteig des provi- 'orischen Bahnhofs mit Steinschlagschüttung zu befestigen. Dieses Material, das die Schuhsohlen außerordentlich angreift und ner- vöse Leute durch das Knirschen bei jedem Tritt rein zur Ber- zweiflung bringen kann, hätte gewiß durch ein besseres, allerdings wohl nicht so billiges ersetzt werden können, um so mehr, als der Bahnhof mindestens zwei Jahre lang dem Verkehr dienen wird. Auf Bahnhöfen, wo Fürstlichkeiten oder andere„hohe" Personen mitunter den Zug benutzen, wird nicht nur auf tadel- losen Zustand des Bahnsteigs besonderer Wert gelegt, sondern in der Regel noch ein Teppichläufer in Bereitsckiaft gehalten, damit die„allerhöchsten" Füße nicht etwa mit dem Schmutz der gewöhn- lichen Sterblichen in Berührung kommen. Hier jedoch, wo Haupt- sächlich Arbeiterpublikum in Betracht kommt, langt es nicht ein- mal zu einer einwandfreien Echüttung! Potsdam. Die neue Potsdamer Droschkentaxe. Am t. Oktober tritt eine neue Droschkenordnung in Kraft, die Bestimmungen für Pferde- droschken, Schlitten und Kraftdroschken umfaßt. Sie unterscheidet sich gegen ihre Vorgängeftn dadurch, daß sie nur mehr Taxameter anerkennt. Die Schwarzhüte verschwinden aus Potsdam. Der Tarif kennt nur drei Taxen. Taxe I: Innerhalb des Stadtbezirkes und am Tage für 1—2 Personen. Grundpreis, der für alle Taxen ein« heitlich ist. 70 Pf. Fahrt bis 800 Meter Wegstrecke. Für je 10 Pf. 400 Meter Fahrt. Taxe II: Für 3—5 Personen am Tage oder 1—2 Personen nachts. Für den Grundpreis von 70 Pf. 600 Meter Wegstrecke. Für 10 Pf. je 300 Meter. Taxe HI: Innerhalb Potsdams 8—5 Personen nachts oder 1—5 Personen nach außerhalb ohne Unterschied der Zeit. Für die Grundtaxe 400 Meter Fahft und für 10 Pf. je 200 Meter. Für die Kraftdroschken gilt dieselbe Grundtaxe und dieselbe Fahrtbedingung. In der Taxe I sind 600 Meter Fahrt einbegriffen, und 300 Meter kosten 10 Pf./ Taxe II gilt für 400 Meter, je 200 Meter 10 Pf., und Taxe III gilt bis 300 Meter, je 100 Meter 10 Pf. Die Stunde Wartezeit kostet bei Pferdedroschkcn 1.50 M., bei Kraftdroschken 2M. Im allgemeinen werden die neuen Droschkensätze weniger das Publikum als die Droschkenkutscher be- friedigen. Teilweise werden die Erhöhungen für zu weitgehend ge- halten._ Marktpreise von«erlin am S8. Septbr. 1911, nach Srmltt-Iuna des Königlichen PolizeipräfidiumS. M ar k t h a l l e n p r eis e.(Kleinhandel.) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 35.00—50 00. Spei ebobnc» weiße, 35.00—50.00. Linsen 34,00-80,00. Kartoffeln 7,00—12,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleifch, Bauchfleisch 1,30 bis 1,70. Schweinefleisch 1.80—1.80. Kalbfleisch 1.40-2,40. Hammelfleisch 1.30— 2,00. Butter 2,40— 3,20. 60 Stück Eier 3,20— 6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,00—2.40. Aale 1,60-2,80. Zander 1.40—3,60. Hechte 1.20 bis 2�1 0.80— 2,00. Schleie 1,40-3,00. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,50—30,00._ «SitternngSnderitipr vom 29. September 1911. swtnemde Hamburg Berlw Franis.a l» Ätünchev Wien Zs h II Ii s? Setter 760 WSW 4 woMg 760WZW 4 Regen 762 SW' 66 SW i767 SS8 I764N 2 wolkig 1 Dunst 3 Regen 2 heiter »K ci f« i? M« 1= Ö§ -I BS Savaranda 7523 eter«burg 763 SD Sctllv>772 NNW Wert>ee» 762 W Baris! 768 NNW I I Bett« C« t- 8 bedeckt; 11 3wolkeiil 8 4 halb bd. 11 5woltenl 7 »bedeckt IL «vrtterproanase inr Sonnabend, de« 89. September 1911. Ziemlich iühl und vtränferHth, vielfach wolkig mit Regenschauern und frischen westlichen Winden. Berliner W e t t e r b u r r-lu. Waflerstands. Stachrichte» ber LandeSanflalt für Gcwäflerkunde. mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. vaflerftand M e m« l. TUM B r e g» l, Jnfterbttrg Weichsel. Thor» Oder, Rattbor , Krossen , Frankfurt S a r l h e, Schrimm , Landsberg Setze, Vordamm Elb«, Ii et mu ritz » Dresden m varby , Magdeburg Wasserstand Saale, Srochlltz Havel, Edandauft , Rathenow Spree, Spremberg') , LeeStow Weser, Münden , Minden R h e i a, MaximilianSau . Kaub , Köln Neckar, HcUdronn Main, WerlheN» Mosel, Tri« ») 4- bedeutet Such».— Fall.—•) lluierpegrl. [IUI Todes-Anzeigen|b!�| des {6. Berl EeieMagsvniilkreises.l Am 27. September verstarb ! unser Genosse, der Maschinen- | arbeiter Max Thieraann Greisenhagener Str. 27. Ehre seinem Zlndenken! Die Beerdigung findet heute xonnabend, den 30. September, ! nachmittags ii Uhr, von der Leichenhalle des Gethsemane Krchhoses, Nieder- Schönhausen | Nordend, aus statt. 231/4 Um rege BeleUigung ersucht Der Vorstand. Deutscher | Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwattung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, l datz unser Kollege, der Haus- I diener Theodor Hahnemann am 27. d. MtS. im Aller von 55 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 30. d. MtS., nach- mittags'1,5 Uhr, von der Leichen- halle des ThomaS-KirchhoseS, Rixdors, Hermannstrahe, auS statt. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der GeschäftSkutscher Vilh. EanneDgießer am 27. d. MtS. im Mer von 31 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beeidigung findet he«te Sonnabend, den 30. b. MtS., nachmittags VjS Uhr, von der Leichen- Halle des MarmS- ZkirchhojeS in WUHelmsberg auS statt. 71/4 Die Bezirtsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser >Vl!Ii Cii-jesler am 27. September wsoige Nierenleidens gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. d. M., nach- mittags 21/, Uhr von der Leichen- balle des Ztixdorser Gemeinde. Friedhofes, MariendorserWeg, aus statt. Ferner starb unser Mltgved, der Schleiser Karl Heller am 27. September wsoige Lungen- leidenS. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Ottober, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Heilands« KirchhoseS in Plötzensee aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet. 123/15 Ole Ortsverwaltung. herzlicher mden bei Uanksaennc. 8696 Für die vielen Beweise Teilnabme und die Kranzspenden der Beer digung unseres lieben Bruders u. Schwagers Kicliard Gerber sagen wir allen Verwandten und Be- kannten unseren herzlichsten Dank. Bio trauernden iiinterdliebenen. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Am Dienstag, den 2S. d. M., ist unser Mitglied HerrnannXVeiwel freiwillig auS dem Leben ge. schieden. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. d. M., nach- mittags i'lt Uhr, von der Halle des Emm aus-Friedhofes, Rixdors, Hermannstratze, aus statt. Rege Beteiligung erwartet Ole Ortsverwaltung. Am 27. d. M. verstarb nach langem schweren Leiden mein lieber Mann, unser guter Vater, der Böttchermeister Franz Tetzlaff sStralauer Allee 31b). Die Beerdigung findet Sonn- tag, vormittags 10 Uhr, von der Leichenhalle des Zentralsriedhoses in FriedrtchSselde aus statt. IMe trauernde Witwe nebst Kindern. Danksagung. Für die so rege BeteUigung bei der Beerdigung meines lieben Mannes Reinhold Schtttae spreche ich allen Freunden und Be- kannten, insbesondere den Kollegen vom 12. Revier der Städttschen Gas- werke meinen ausrichtigen Dank aus. Die trauernde Wttwe 874b Marie Lcdüt/e Tochter. Danksagung. Allen Freunden und Bekannten den besten Dank sür die rege Tell- nähme bei der Beerdigung des Gürtler« 139/18 Hugo Wobig. Die Hinterbliebene«. Danksagung. Fitr bis mir bei der Beerdigung meines lieben M anneS Theodor Karl bewiesene herzliche Teilnahme sage allen Freunden und Bekannten, namentlich den erschienenen Vereinen und Korporationen meinen herz. lichsten Dank. 880b Frau Ww. Marx. Karl nebst Kindern, Metzer Str. 25. Danksagung. Allen Verwandten und Bekannten sowie den Ches» nebst Personal der Firmen A. Henschel, Neuenburger Straße, und Schuppke d Co., Schwedter Str. 44, sage ich sür die zahlreichen 5tranzspcnden und die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Karl Vernicke meinen herzlichsten Dank. Witwe Wenn icke, 5841 geb. Stiller. Danksagung. Für die vielen Beweise der Teil- nähme bei dem Begräbnis meiner lieben Frau, unserer guten Mutter Minna Rani sagen wir hierdurch unseren herz- lichsten Dank. Hermann Paul nebst Kindern. Gänk! 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Einen noch nicht 6 Jahre alten Schüler, der öfter zu Klagen und Ermah- nungen Anlaß gab, züchtigle Greiner in der Luisenschule zu Dort- mund, als er absolut nicht tun wollte, was der Lehrer verlangte. Außer sonstigen Schwielen stellte nun ein Arzt am linken Ellenbogen des Knaben eine Handteller große blutunterlaufene Stelle fest. Er erklärte auch, daß die Züchtigung eine sehr heftige gewesen sein müsse. Gegen Greiner wurde ein Strafverfahren wegen Körper- Verletzung eingeleitet. In diesem Verfahren bestritt er. daß die Stelle am Ellenbogen von ihm herrühren könne. ES käme mit in Frage, daß der Knabe öfter von seiner Mutter sehr stark geschlagen werde. Das Landgericht nahm jedoch auf Grund der Beweiswürdi- gung an, daß die Verletzung am Ellenbogen auch von Greiner her- rühre und verurteilte ihn wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe. Nachdem Greiner beim Reichsgericht Revision eingelegt hatte, erhob die Regierung in Arnsberg zugunsten des Lehrers den Kon- flikt, indem sie gellend machte, es könne nicht gegen den Lehrer strafrechtlich vorgegangen werden, weil er bei der Züchtigung in Ausübung seines Amtes gehandelt und seine Amtsbefugnisse nicht überschritten habe. Dem Lehrer stände dasselbe Züchtigungsrecht zu �wie den Eltern. Es frage sich nur, ob Angeklagter ein ange- messenes Züchtigungsmittel gewählt habe. Das sei aber anzu- nehmen. Es sei einwandfrei, wenn er, wie feststehe, die hinteren Teile züchtigen wollte. Es könne ihm nicht angerechnet werden, wenn infolge des Strampelns des Knaben der Stock Stellen traf, für die der Schläge nicht berechnet waren. Das Oberverwaltungsgericht erklärte dieser Tag? den Konflikt der Regierung für unbegründet und führte aus: Mit der Straf- kammer habe der Senat angenommen, daß die Verletzung am Ellenbogengelenk durch die Züchtigung des Lehrers entstanden sei. Wenn der Lehrer auch das Ellenbogengelenk nicht habe treffen wollen, so komme doch in Betracht, daß es sich um einen jährigen Schüler gehandelt habe. Gegenüber Kindern in solchem zartem Alter müsse der Lehrer bei Züchtigungen doppelt vorsichtig seän. Diese.Vorsicht habe er außer acht gelassen; die Verletzung am Ellenbogen müsse auf sein Konto kommen. Es könne deshalst nicht auf Einstellung des Strafverfahrens erkannt werden. Dieses müsse vielmehr seinen Fortgang nehmen. | Sie kaufen preiswert| nur in einem Geschäft, das seine Konfektion selbst S ßbrizifert, das schon beim Einkauf der Rohstoffe; aus den ersten Fabriken den alles verteuernden Z Zwischenhandel umgeht. 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