Mr. m Nboimementz-NeSInMgeki BBonnementä.- Preis priinumerando i Viertelj-ibri. Z�o MI, monatl. l.IV MI, wöchentlich 28 Pfg. frei WS Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- - Nummer mit illustrierter Sonntags- Wcilage.Die Neue Well" lv Psg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband tür Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Auslan. S Marl pro Monat. Poslabonncmcnt» nebmen an: Belgien. Dänemarks tolland, Italien. Luxemburg. Portugal. umänicn. Schweden und die Schweis, 28. Jahrg. VI« Inlertions'Gcbflfcf •etriigt für die sechSgespaltene Uololiel- ,eile oder deren Raum SV Pfg., für politische und aewerllchaslliche BercinS- und Versammlungs-Anz eigen SO Pfg. „Kleine Bnzeigtn", das settgedruckte Bort 20 Psg. szuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buch- taben zählen für zwei Worte. Inserate 'r die nächste Nummer müssen biS Uhr nachmittags in der Expedition �gegeben werden. Die Expedition ist tiS 7 Uhr abends geösfnet. CiWot täglich außer montags. Verlinev Volksblnkk. Zcntralorgan der rozialdemokrati fchen parte» Deutfcblands. retegramm-Adresfet «Soziaiddaoknt BcrUa". Redaktion: SRI. 68, Lindcnstrasac 69 Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Der Krieg. Heber die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz liegen zu- derlässige Nachrichten überhaupt nicht vor. Die telegraphischen Verbindungen sind entweder vom Unwetter zerstört oder von der italienischen Regierung mit Beschlag belegt worden. Die italienische Regierung behauptet sogar, daß alle von Konstan- tinopel ausgehenden Mitteilungen tendenziös erfunden seien. Es ist daher nicht leicht, sich über den augenblicklichen Stand Rechenschaft zu geben. Zweierlei steht jetzt im Vordergrunde des Interesses: Welchen Erfolg wird der Ruf um I n t e r- v e n t i 0 n. den die Türkei hat ergehen lassen, bei den Groß- mächten finden? Sodann wie weit wird Italien in seiner Kriegführung gegen die europäische Türkei gehen V Was die diplomatische Aktion anlangt, so scheint sicher zu sein, daß die deutsche Regierung eine solche versucht hat. Dieser Jnterventtonsversuch ist offenbar zunächst resultatlos geblieben. Der türkische Finanz- minister Nail teilt mit. daß der Sultan von Wilhelm II. folgende Antwort erhalten habe: Der erste VermittelungSversuch der deutschen Regierung in Rom hat leider keinen Erfolg gehabt. Trotzdem habe ich meine Regierung angewiesen, mit Bemühungen zur Her- stellung des Frieden? fortzufahren.- Dagegen haben die übrigen Großmächte und vor allem England, auf dessen Haltung es in erster Linie ankommt, eine Intervention im gegenwärtigen Stadium abgelehnt. Man muß daher die Aussichten auf baldige Herstellung des Friedens mit großer Skepsis beurteilen. Und diese Skepsis wird am wenigsten dadurch verringert, daß die offiziöse italienische Presse mit erstaunlicher Unverfrorenheit Italiens Friedens' bereitschaft anpreist, natürlich unter der Voraussetzung, daß der Raub von Tripolis den italienischen Beutemachern garan tiert wird. Völlig unsicher sinS die Nachrichten vom Kriegs' schauplatz. Bis zur Stunde läßt sich nicht einmal sagen, ob die Meldungen über das Bombardement von Tripolis auf Wahrheit beruhen. Und völlig unbestätigt sind auch die Gerüchte, daß die Türken Tripolis ohne Wider- st and geräumt und die Italiener die Stadt bereits be- setzt haben. Am wichtigsten wäre es aber zu wiffen, ob die Meldung über die Landung italienischer Truppen in Prevesa auf Wahrheit beruhen. Von Konstantinopel aus wird nicht nur die Lanbung mit großer Entschiedenheit behauptet, sondern auch hinzugefügt, daß türkische Truppen nach Prevesa abgesandt seien und ein Kampf mit den Italienern bevorstehe. Dagegen läßt die italienische Regierung mit allem Nachdruck die Mel dung dementieren und erklärt, daß keine Absicht bestehe. Law düngen vorzunnehmen. In Wien wird der italienischen Versicherung starker Zweifel entgegengesetzt. Aber schon das Eingreifen der italienischen Flotte hat genügt, um in Oesterreich eine außerordentlich gereizte Stim mung auszulösen und Warnungen an die italienische Adresse zu richten. So schreibt die„Neue Freie Presse" offiziös: Die italienische Regierung hat, ehe sie ihre militärische Aktion gegen die Türkei aufnahm, erklärt, daß sie den Lutus quo im europäischen Orient nicht anzutasten gedenke und alle? ver- meiden werde, was geeignet sein könnte, den Ltgtus quo zu gefährden. Das Erscheinen italienischer Kriegsschiffe an der Küste des eben erst mit großen Schwierigkeiten beruhigten Albanien ist aber eine Handlung, die der Ruhe auf dem Balkan gewiß nicht förderlich sein kann und die daher von der öffentlichen Meinung Oestcrreich-Ungarns als in Widerspruch mit jener Erklärung der italienischen Negierung stehend empfunden werden muß. Und der„Pester Lloyd" schreibt als Sprachrohr des österreichischen Auswärtigen Amtes: Ran hat. hier mit Genugtuung das Dementi von der Lan- dung italienischer Truppen an der Küste der europäischen Türkei zur Kenntnis genommen. Indessen herrscht der Eindruck, daß die Lokalisierung des Krieges, welche die italienische Zirkularnote betont hatte, von den italienischen Militärkreisen eine extensive Auslegung erfährt. Dieser Eindruck wird durch die Versicherung nicht abgeschwächt, daß die italienischen Kriegsschiffe sobald der Zweck des Krieges erreicht sei, die albanischen Gewässer wieder verlassen sollen. Man kann wohl verlangen, daß eine Politik, welche die Verpflichtung zur Erhaltung des Ltatus quo im Orient wiederholt anerkannte, auch in der Wahl der Mittel für ihre kriegerische Aktion die äußerste Behutsamkeit anwende. Diese Sprache klingt entschieden genug und man braucht ßcn Gerüchten über das Auslaufen der österreichischer. Flotte und über den Beginn von Mobilisierungsmaßregeln gar keine ibesondere Wichtigkeit beizulegen, um zu erkennen, daß. das italienisäie Vorgehen den Gegensatz zwischen Oester- reich- Ungarn und Italien zu einem akuten zu Machen droht. Und mit jedem Tag wächst auch dw Gefahr, �n stalten herrscht eine zügellose imperialistische Agitation. Schon jetzt werden Stimmen laut, daß das armselige Tripolitanien allein das Spiel nickst lohne. Ter Ruf nach„Unserem Meere' wird immer lauter: Das Adriatische Meer für die Italiener! Denn nur wer die Ostküste der Adria beherrscht, ist wirklich Herr dieses Meeres.„Schon Napoleon," sagt Marx in einem Artikel aus dem Jahre 1857,„sah ein, was die Venezianer schon im zehnten Jahrhundert entdeckt hatten, daß die Herr- schaft über das Adriatische Meer dem Besitzersei nerO st- k ü st e anheimfällt." Daher die Sehnsucht, der italienischen Imperialisten nach Albanien, daher aber auch der Widerstand Oesterreichs, das durch die Festsetzung Italiens an der albanischen Küste seine Kriegsflotte eingesperrt, seine Handelswege bedroht sehen tvllrde. Tarin besteht— ganz abgesehen davon, daß die kleineren Balkanstaaten jeden Augenblick losschlagen können — das Gefährliche der Lage. Das läßt eine Jnter- vention der Großmächte so dringlich erscheinen. Nur daß eben die Verfeindung der Staaten durch die kapitalistische Raubpolitik dieise Intervention zu einem so schwierigen Unter nehmen macht und den Zeitpunkt des Eingreifens leicht so weit hinausschieben kann, bis jede Intervention zu spät kommt. Sngland und das tnpolitanifcde Abenteuer. London, 29. September.(Eig. Ber.) Wie unheilvoll der von dem blinden Egoismus der herrschenden Cliquen und der politischen Ignoranz des Bürger tums genährte Antagonismus zwischen England und Deutsch land für die ganze gesittete Welt ist, zeigt wieder einmal die Haltung der Großmächte zu dem Raubzug nach Tripolis. kann kaum eine Frage in der auswärtigen Politik angeschnitten werden, ohne daß die deutsch-englischen Gegensätze zum Voo schein kommen oder bei den Haaren herbeigezerrt werden. Hüben wie drüben haben die Hetzapostel ihre Arbeit so gründlich verrichtet, daß eine Verständigung kaum noch möglich erscheint. Die unschuldigsten Worte werden miß deutet, in bösem Sinne ausgelegt und wo man nichts aus legen kann, legt man etwas unter. Argwohn und Haß haben die herrschenden Klassen der beiden Länder so sehr verblendet, daß sie nicht einmal mehr ihre eigenen Interessen wahrnehmen können. Man hätte denken sollen, daß Deutschland und England in der tripoli tanischen Frage gemeinschaftlich ein energisches Veto einlegen würden, um ihre großen wirtschaftlichen und politischen Interessen im Orient zu schützen. Denn daß namentlich die Interessen dieser beiden Mächte durch das italienische Aben teuer aufs schlimmste gefährdet werden, darüber kann bei Menschen, deren Blick nicht durch Haß und Eifersucht getrübt ist, kein Meinungsunterschied bestehen. �Und wer hätte dem 111111 unterstützt man noch öffentlich und geheim ein Unternehmen, daß die mühsam erworbenen wirtschaftlichen Vorteile Deutsch lands im Orient mit einem Schlage vernichten und die Weltmachtstellung Englands untergraben kann. Als die ersten Nachrichten von dem geplanten Raubzug der italienischen Regierung in Großbritannien einliefen, war der erste Gedanke nicht etwa: In welcher Weise berührt dieses Unternehmen unsere Interesse»? sondern man dachte nur daran, daß sich Deutschland jetzt in einer Klemme befand Zwar scheuten sich einige Linkslibcrale nicht, das Ding beim rechten Namen zu nennen, aber die Kreise, die wirklich einen Einfluß auf die auswärtige Polittk Großbritanniens ausüben, frohlockten über die Schwierigkeiten, die Deutschland bereitet worden waren, das nun zwischen dem Verbündeten und dem türkischen Freunde zu wählen hatte. Man fand aufmunternde Worte für die italienische Regierung, die sich diese Anregung nicht entgehen ließ, und man fand sich gleich in den italienischen diplomatischen Phrasen zu recht, die auf den einfachen Menschen einen Eindruck machen, als wenn ein Einbrecher von seinem„Geschäftsunter- nehmen" spricht. Die Imperialisten lasen den Jungtürken die Leviten und bezeichneten die italienische Heimsuchung als eine Art Strafe Gottes für das Verbrechen, das sie begangen haben, indem sie den Deutschen und nicht den Engländern ihre Freundschaft geschenkt haben. Bald jedoch kam man zur Vernunft. Man erinnerte sich, daß das englische Reich 1t)l) Millionen mohammedanische Untertanen hat, die zu dem Kalifen in Konstantinopel als ihrem Führer emporblicken und die. wie man in den letzten Jahren deutlich gemerkt hat, die europäische Politik aufmerksam ver- folgen. Der„Tanin" gebrauchte kaum mißzuvcrstehende Worte über den Kampf zwischen der Christenheit und den Anhängern Mohammeds. Das wirkte etwas ernüchternd. Den größtc-n Eindruck machte jedoch ein Brief Emir A l i L. der in den„Times" erschien. In seinem loürdevollen Protest gegen die italienische Raubpolitik sagt Emin Ali unter anderem: Für. England ist diese Angelegenheit von ernster Bedeutung; hundert Millionen Muselmänner erkennen seine Herrschast an und verfolgen alle mit der schärfsten Aufmerksamkeit alles, was ihre Religionsgenossen im Ausland angeht. Die Wut und der Haß. zu der ein derartiger mutwilliger und unver- antwortlicher Angriff sicher Anlaß geben wird, wird auf alle Teile der muselmannischen Welt zurückwirken; Aegypten und der ganze Norden Afrikas werden unmittelbar davon berührt werden und das Werk der Versöhnung und der Fortschritt der Eintracht werden." intschlossenen Vorgehen dieser beiden Staaten Trutz bieten können? Aber anstatt sich aufzuraffen und Ruhe zu gebieten, werden auf Jahrhunderte zurückgeworfen Expedition: 6M. 68» Lindcnetraeae 69* Fernsprecher: Amt IV- Nr. 1984. So weit haben es die Chauvinisten diesseits wie jenseits sder Nordsee gebracht, daß jetzt, wo beider Interessen in chärfster Weise bedroht werden, England tvie Deutsch- land schachmatt sind. Die Diplomatie, die den Mund immer so voll nimmt von den„Lebensinteressen der Völker", versagt, wenn sie ein für die Völker wirklich nützliches Werk verrichten könnte. Man kann ein» wenden, daß weder Deutschland noch England moralisch be- rechttgt sind, Italien in seiner auswärttgen Polittk Vorschriften zu machen. England„verwaltet" Aegypten, Deutschland hat Kiautschou„gepachtet". Keiner der beiden Staaten hat Italien etwas vorzuwerfen. Aber wenn einmal„Realpolitik" getrieben werden muß, so haben die Völker mindestens das Recht, zu verlangen, daß fie mit Vernunft getrieben wird und daß den Eifersüchteleien der Diplomaten Schranken gesetzt werden. Ist denn Sir Edward Gr ey England oder Herr v. Kiderlen- W a e ch t e r Deutschland? Und wer bürgt dafür, daß sich Situationen wie die hcuttge nicht wiederholen oder gar in Zukunft regelmäßig eintreten werden? Nur der künstlich auf- gebauschte englisch-deutsche Antagonismus konnte eine Lage schaffen, in der die beiden mächtigsten Völker der Welt sich wie hypnotisiert anstarren, während ein Staat wie Italien ihre Häuser in Brand steckt. Störung aller Verbindungen. Rom, 2. Oktober. Die„Agenzia Stefani" teilt mit: Soeben wird bekannt, daß die radiotelegraphische Station in Derna von einem italienischen Kriegsschiff zerstört worden ist; ferner wird bekannt, daß das tripolitanische Tele- graphennetz nicht mehr mit dem tunesischen im Zu» sammenhang steht, und daß auch das Kabel zwischen Tripolis und Malta während des ganzen gestrigen TageS nicht gearbeitet hat und wegen Unwetters Radiotelcgramme weder empfangen noch gesendet werden konnten. Daher können alle von Konstantinopel tendenziöserweise ver- breiteten Meldungen, die den ausländischen Agenturen zuge- gangen und auch von italienischen Blättern verbreitet worden sind, nicht der Wahrheit entsprechen. Die Stimmung in der Türkei. Konstantinopel, 1. Oktober. Hier herrscht großefSfr« r e g u n g. Die unmittelbar aufeinander folgenden Nach- richten über die Kriegserklärung und den Beginn der Feind- seligkeiten wurden mit fieberhafter Spannung auf- genommen. Die gesamte Presse bezeichnet das Vorgehen Italiens als völkerrechtswidrig und gegen die Zivilisation verstoßend. Die Mehrzahl der Blätter ermahnt die Bevölkerung zur Ruhe, einzelne verlangen die Ausweisung der Italiener. Das jungtürkischeKomitee erklärt in einer Pro- klamation, die Italiener sollten aus der Türkei ausgewiesen, ihre Schulen geschlossen werden«. Das Komitee werde eine nationale Aktion einleiten. Die Proklamation ermahnt zu einer freundlichen Behandlung der übrigen Fremden. Das Komitee hat an das Großwesirat eine Depesche gerichtet, in der es verlangt, daß Italien bis aufs äußersteWiderstand geleistet werden solle. Die Blockade. Rom, 2. Oktober. Die italienische Regierung erklärt die Blockade der K ü st e n von Tripolis und C y r e- n a i k a von der tunesischen bis zur ägyptjfchen Grenze Keine Truppenlandungen? Berlin, 2. Okiober. Die hiesige italienische Botschaft bezeichnet die Nachricht, daß eine Landung italienischer Truppen in Prevesa stattgefunden habe, offiziell in der entschiedensten Weise als unrichtig. Es ist auch nicht ein einziger Mann aus- geschifft worden. Kein Bombardement. Augusta, 2. Oktober. Der italienische Kreuzer..Coatit" ist hier nnt Passagieren aus Tripolis angekommen. Er bringt die Nachricht, daß bis zum 30. September 8 Uhr abends die italie- nischen Kriegsschiffe noch nicht mit dem Bombardement der Forts begonnen hatten, um den Europäern in Tripolis ZeU zum Verlassen der Stadt zu geben. Zu ihrer Aufnahme habe die italienische Regierung zwei Dampfer gesandt. Die türkische Flotte in Sicherheit» Konstantinopel, 1. Oktober. Die hier verbreiteten und ins AuS- land telegraphierten Nachrichten über Kämpfe zwischen der t ü r. kischen und der italienischen Flotte werden katego- r.sch dementiert. Den letzten der türkischen Presse erteilten Jnjormationen zufolge befindet sich die türkische Flotte in Sicher- h e,t und soll heute nachmittag in den Dardanellen eintreffen. Bevorstehender Kampf bei Prevesa. Konstantinopel, 2 Oktöb-er. In P r e v e s a sind z w e k K° m° iifs 0 v* Mum-i-Zasfer, welches in Beirut m ei" türkisches Transportschiff sind nach P 0 r t S a t d g e f l u ch t e t. Die Opfer von Prevesa. .. 2. Oktober.„Tnily Mail" meldet aus Athen, daß das aar»an � t. �tches in der Nähe von Prevesa �ukkio? ff*»k!'taUen.schen Kriegsschiffen auf den Strand .Iii0 verloren ist. Der Kapitän sei getötet worden, acht Mann seien ertrunkei� gfaRfttiftfe Sclii<,> Rom, 30. Seplember. Die„Agenzia Stefani' Meld'el: Das Marinemimsterium hat folgendes Telegramm'aus Capo Santa Maria di Leuca erhalten: Die Torpedobootszerstörer »Artigliere" und„Corraziere" haben heute vormittag bei Pre- vesa einen feindlichen Torpedobootszerstörer und ein Torpedoboot in den Grund gebohrt.„Corraziere" be- findet sich auf der Fahrt nach Tarent, wohin er eine ge- kaperteJacht begleitet. Der Torpedobootszerstörer„Alpin o" hat einen Dampfer mit griechischer Besatzung auf- gebracht, der von Norden kommend im Begriffe war, in den Hafen von Prevesa mit fünf türkischen Offizieren. 162 türki- schen Soldaten und einer großen Menge Munition und Ketreide einzufahren. Die Italiener hatten keine Verluste, Ein gekapertes Schiff.'. Brindisi, 2. Oktober. Der türkische Dampfer„Sa bah", der türkische, für Tripolis bestimmte Truppen an Bord hatte und von italienischen Kriegsschiffen aufgebracht worden war, ist hier angekommen. Zwei weitere Häfen bombardiert. Konstantinopel, 1. Oktober.(Meldung des Wiener k. k. Telegr.- Korresv.-BureauS.) Der Wali von Janina meldet von gestern: Zwei italienische Panzerschiffe bombardierten aus der Ferne die türkischen Torpedoboote im Hafen von Re- s ch a d i e, wobei ein Torpedoboot beschädigt wurde; es schiffte seine Mannschaft aus. Die italienischen Schiffe liefen sodann in den Hafen ein, feuerten gegen die Stadt und be- schädigten einige Gebäude leicht. Endlich näherten sie sich den Torpedobooten, die sie in den Grund bohrten, worau• sie den Hafen wieder verließen. Die italienische Flotte lief auch in den Hafen von M u r t o ein und nahm dort den Hafenkapitän und drei Barkenführer gefangen. Von italienischer Seite wird die Meldung dementiert. Auslöschen der Leuchttürme. Das türkische Marineministerium kündigt an, daß keine türkischen Schiffe aus den Dardanellen auslaufen dürfen Alle Leuchttürme außerhalb der Dardanellen sind feit gestern abend gelöscht. Das Transportschiff„S e h a m", mit Proviantladung nach Tripolis bestimmt, wurde nach Kon stantinopel zurückbeordert. Italien hat den Mächten mitgeteilt, daß es im Roten Meer alle seine Lichter löschen werde. Der jungtürkische Kongreß. � Saloniki, 2. Oktober. Der jungtürkische Kongreß ist gestern eröffnet worden. Anwesend waren 50 Delegierte. Der Generalsekretär Hadji Adil Bey wurde zum Vorsitzenden gewählt. Der Kongreß nahm den Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Komitees im abgelaufenen Jahre entgegen, wobei die Beziehungen des Komitees zur Partei dargelegt wurden. Sodann wurde die Frage aufgeworfen, ob der Kongreß in Anbetracht der Kriegslage überhaupt abgehalten oder vertagt werden solle. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, der Kongreß wird eine Prolla» m a t i o n ausarbeiten. Kein Vorgehen gegen Griechenland. Athen, 2. Oktober. Der türkische Geschäftsträger begab sich gestern morgen zum Minister des Aeutzcrn und erklärte Auftrage des GroßwesirS Said Pascha, daß Griechenland die so öernchleN sie siör Sem Bilde Ser Madonna indrünfll'ge Gedeke f jvm5en sind. Dies sieh? zu fru�eiM sisr frast'zosi- schen und deutschen Negierung in scharfem Wider- sp r u ch. Da wurde uns versichert, daß fiir die Kompenfations- frage alles so vorbereitet ist, daß die Verhandlungen einen glatten und kurzen Verlauf nehmen würden.� Jetzt zeigt es sich, daß die öffentliche Meinung wieder angeführt worden ist. Im Osten ist die Welt in Brand geraten und die beiden Großmächte, die dabei mit am ineisten zu verlieren haben, streiten sich über die Kongosümpfe! Und zivilisierte Völker lassen sich eine solche unfähige Diplomatie ruhig ge- fallen._ im Truppenbewegungen, die in der Nähe der Grenze statt fänden, nicht mit Mißtrauen zu verfolgen brauche, da diese Bewegungen ihren Grund lediglich in dem Kriegs- zu st and mit Italien hätten. Die„Agence d'AthenßS" bemerkt dazu: Diese Erklärungen sind erfolgt auf Gerüchte und Interviews über einen von der Türkei angeblich geplanten Einfall in Thessalien und ein Ultimatum, das die Türkei wegen der Kretischen Frage an Griechenland gerichtet haben soll. Sie beweisen die völlige Grund- losigkeit dieser Veröffentlichungen und tun dar, daß die Türkei keineswegs daran denkt, ihre Beziehungen zu Griechenland zu stören. Mohammedanische Solidarität. Kalkutta, 2. Oktober. Eine Versa nimlung von M o.» hammedanern hat an den Unterftaatssekretär des Innern in Simla eine Depesche gesandt, in welcher das Auswärtige Amt in London gebeten wird, Großbritannien möge als die größte Mohammedanermacht den Gangde« italie- nifchen Angriffes aufhalten. Eine andere Depesche bittet den Großwesir, die EhredeSJSlam zu verteidigen. Italienische Heuchelei. Rom, 1. Oktober. Die Agenzia Stefani veröffentlicht folgende Rote: Die italienische Regierung erklärte schon wieder- holt, daß sie trotz des Krieges mit der Türkei mehr denn je fest entschlossen sei, ack der Aufrechterhaltung des terri- torialen Status quo auf der Balkanhalbinsel mit- zuwirkem Die Operationen zur See, welche die könig- jiche Marine in den europäischen Gewässern zu unternehmen ge- zwungen ist, stehen nichts?) im Widerspruch mit dieser uncr- schütterlichen(?) Absicht der italienischen Regierung. ES handelt sich dabei lediglich mn Operationen, um die italienischen Küsten und offenen Städte, den italienischen Handel und die Sicherheit der Militärtransporte nach Tripolis gegen bekanntgewordene bedroh- liche Pläne und Vorbereitungen des Feindes zu sichern. Angebliche Bedrohung der italienischen Schiffahrt. Bari, 1. Oktober. Wie versichert wird, kreuzen mehrere türkis cheTorpedoboote auf dem AdriatischenMeere und bedrohen die Dampfer, die die Adria zu durchqueren oder an der Küste von Dalmatien, Montenegro und Epirus entlang zu fahren suchen; die H a n d e 1 s s ch i f f a h r t st o ck t. Diese Meldung soll dem Borgehen Italiens an der albanischen Küste zur Entschuldigung dienen. Erregung in Oesterreich. Wien, 2. Oktober. Die Montagsblätter verurteilen übereinstimmend das Vorgehen Italiens in Albanien. und erklären, falls Italien fortfahre, seinen Tatendrang auf Albanien auszudehnen, müsse sich die Politik der ö st e r- reichischen Regierung trotz aller Bundestreue m i t einem Schlag ändern. Der Spaziergang Italiens nach Tripolis könne EuropaseineRuhe kosten. Das englische Mittelmeergeschwader. London, t. Oktober. Wie es heißt, ist das gesamte Ge- s ch w a d e r nach Malta beordert worden. Die Vorbe- reitungen zum Kohlen des Geschwaders werden mit Beschleuni- g u n g getroffen. Man glaubt, daß das Geschwader nach Ergänzung seiner Vorräte ohne Verzug iu See gehen wird. Banden gegco die Türkei. Sofia, 91. Oktober. Mehrere ehemalige Banden- f ü h r e r aus Mazedonien organisieren eine F r e i w i l l i- g e n l e g i o n zum Kampfe gegendieTürkei. Die Zahl der Mitglieder beträgt gegenwärtig über hundert. Sie beab- sichtigen, morgen beim italienischen Gesandten vor- zusprechen, um ihm ihre Dien st e anzubieten. Der Papst für den Banditenstreich. Man kennt die Sitte der süditaliemschen Banditen(wir meinen jetzt die kleinen Räuber): Habe» sie einen Streich vor, Die IftarokhoverbandlimgeD. Der Kabinettsrat, der Montag in Paris stattfand, hat ich in der Hauptsache mit dem Ergebnis der deutsch-fran- zösischen Verhandlungen über Marokko befaßt. Wie die offizielle Note besagt, erklärte der Minister des Aeutzcrn de SelveS, die französisch-deutschen Verhandlungen machten befriedigende Fortschritte. Am nächsten Donnerstag wird ein neuer Kabinettsrat abgehalten. Im Ministerium des Aeußern wird, wie die„Franks. Ztg." berichtet, in Ergänzung dieser kurzen offiziellen Note noch mitgeteilt, daß Herr v. Kiderlen-Waechter in einer letzten Unterredung mit dem Botschafter Cambon die wesentlichlichsten Einwände, die er bisher gegen die fran- zösischen Vorschläge über das künstige Regime in Marokko erhoben hat, fallen ließ. Infolgedessen sei es wahrschein- lich, daß das deutsch-französische Einvernehmen über Marokko nahe bevorstehe. Einigkeit über Marokko.— Schwierigkeiten bei der Kongo- Verhandlung. Paris, 2. Oktober.(Meldung der„Agence HavaS".> End- gültiges Einvernehmen ttber Siorokko steht un- mittelbar bevor. Es konnte sestgestellt werden, daß auf beiden Seite» der lebhafte Wunsch«ach einer Einigung besteht, da Staatssekretär von Kiderlen-Waechter und Botschafter Cambon einzig und allein bestrebt sind, zu einem Text zu gelangen, der voll- kommen klar und jeder Zweideutigkeit bar ist und so für die Zu- knnft jede Ursache zu Reibungen oder zu Mihvcrständnissen vcr- hütet. Man verhehlt sich indessen nicht, daß die Regelung der ttongofrage nicht weniger schwierig und nicht weniger heikel ist. Soweit die halbamtliche Meldung. Der Schlußsatz kündigt cm, daß noch erhebliche Schwierigkeiten zu über- für das Gelingen. Handelt es sich gar um ein wichtigeres Unter- nehmen, so lassen sie sichs etwas kosten und stiften Opfergaben für eine Kapelle oder lassen von einem gefälligen Pfaffen Messen lesen. An diese Gepflogenheit wird man erinnert, liest man jetzt, wie freudig bewegt der Papst über das Seegefecht bei Prevesa ist, mit Ivclcher Sympathie er die Streiche der großen Banditen verfolgt und wie iialienisch-patriotisch plötzlich die vatikanische Presse geworden ist. Auch der metallische Hintergrund fehlt bei dieser Sympathie nicht völlig; ist doch die Bank di Roma die ein- zige Bank, die in Tripolis eine Filiale besitzt, ein vom Vatikan abhängiges Institut. Und so betet der Papst für das Ge- lingen deS Banditenstreiches und alle katholischen Priester schüren die Kriegshetze und entfesseln den Wahnsinn des Volkes bis zur Siedehitze. Die klerikale Welt ist aber nicht ganz einmütig. Die deutsche klerikale Presse schimpft lästerlich über dieselbe italienische Regierung, für die der Papst betet, und schenkt ihre ganze Sympathie den Türken. Der Papst ist für die christ- lichen Italiener und gegen die heidnischen Türken, die deutschen Klerikalen für die Ungläubigen gegen die Katholiken. Ein sicherer Führer scheint der Katholizismus in den Wirrnissen des Imperialismus nicht gerade zu sein. „Friedlich und menschlich". Unter dieser Ucberschrift bringt der christlich-konserbative „Reichsbote" in seiner Nummer 232 einen Leitartikel über den italienisch-türkischen Krieg, dem wir die folgenden Sätze entnehmen: „Friedlich und menschlich!" England hat die vornehmste Kulturforderung von der Unantastbarkeit des fremden� Eigcn- tumS im Völkerleben noch im letzten Jahrhundert mit Füßen ge- treten, und Italien ist soeben diesem verwerflichen Beispiele gefolgt, nachdem Frankreich und Spanien in Marokko nicht viel besser gehandelt haben, wenn sie auch versuchten, ihr Vorgehen durch das viel mißbrauchte Feigenblatt der bedrohten Interessen der eigenen Schutzbefohlenen notdürftig zu be- mänteln.... Wir vermögen uns von der spießbürgerlichen Rechts- auffassung nun einmal nicht loszulösen, daß der Diebstahl an fremdem Eigentum auch dann Diebstahl bleibt, wenn er mit allem Pomp staatlicher Macht auftritt und sich nur da- durch von dem gemeinen Einbruch unter- scheidet, daß er sozusagen im Massenbetriebe erscheint. Wir können den gewöhnlichen Raub dadurch nicht veredelt finden, daß er die Menschen in Massen hinschlachtet und einer ganzen Bevölkerung die Häuser über dem Kopf in Brand steckt.... „Friedlich und menschlich!" Schon lange prahlt die Gegen- wart damit, daß sie im Zeitalter der Humanität, der höchsten Kultur stehe. Was ist das für eine Humanität, was für eine Kultur, bei der ganz Europa, das„friedliche und menschliche", mit verschlungenen Armen zusieht, wie eine seiner „Kulturnationen"(I) halb Europa in Brand steckt, und zwar lediglich aus Lüsternheit nach fremdem Besitz? Was ist das für eine Humanität, was für eine Kultur, bei der der Halbmond das Kreuz daran gemahnen muß,„friedlich" und vor allen Dingen«m enschlich" zu sein? Friedlich und menschlich ist die mohammedanische Türkei in diesem Falle allein zu Werke gegangen, während das Auf. treten des christlichen Italien allem friedlichen Empfinden, aller Menschlichkeit Hohn spricht. Gleichwohl verfolgt der Papst, der sich so gern als den einzig berufenen Vertreter der Christenheit ansieht, Italiens Zug nach Tripolis mit un- verhohlener Sympathie und hat Gebete für die Erfolge der italienischen Waffen angeordnet. Die Freimaurer Italiens, die doch auch sonst in Werken der Humanität nicht die letzten sind, erblicken in dem Raubzuge nach Tripolis„ein Werk der Zivilisation", wie siin einen, offiziellen Manifest feierlich er- klären, das sie soeben erlassen haben. Ein„Werk der Zivilisation", wie sie in einem offiziellen Manifest feierlich er- den Trümmern von Familienglück und Wohl- fahrt aufgebaut werden soll, das kann nur dann im Ernst angesprochen werden, wenn die unerbittliche Not- wendigkeit, Herausforderung und Notwehr es schufen, aber aus Begehrlichkeit leichtfertig vom Zaun gebrochen, kann kein Segen auf solchem Werke ruhen." Diese Beurteilung der imperialistischen Raubpolitik durch ein christlich-konservativeS Organ muß man sich merken. Schade nur, daß der„Reichsbote" es unseres Wissens bisher immer ver- absäumt hat, die deutsche, Weltmachts- und Kolonialpolitik mit dem gleichen Maße zu messen! Die«Pachtung" KiautschouS durch Deutschland, der berüchtigte Hunnenfeldzug gegen China von 1200 und der Vernichtungskrieg gegen die HereroS in Afrika 'tauden, vom Standpunkt der christ lichen Moral aus betrachtet, um kein Jota höher als das Vorgehen der Engländer in Südafrika, der Franzosen und Spanier in Marokko und der Italiener in Tripolis. Müssen wir das christliche Blatt wirklich erst an das Bibelwort von jenem Menschen erinnern, ver wohl den Splitter in des Nächsten Auge, nicht aber den Balken im eigenen Auge sieht? Zw cebenzinitteltelieiMg. Die Fortschrittliche Volkspartci und die LebenSmittelnot. In Nr. 224 des„Vorwärts" berichteten wir, baß die fort- schrittlichen Königsbcrger Stadtverordneten gegen den von den sozialdemokratischen Stadtverordneten gestellten Antrag ge- stimmt haben, der Königsberger Magistrat möge die zu- ständigen Stellen des Deutschen Reichs ersuchen, in Anbetracht der Teuerung die Lebensmittelzölle, Grenzsperren und das Gctreideeinfuhrscheinsystem aufzuheben. Nur für die Auf- Hebung der Futtermittelzölle und der Vieheinfuhrverbote waren die Königsberger Freisinnsgrötzen zu haben. Dieses für die freisinnigen Lamentationen über die gegen» wärtige Notlage höchst charakteristische Verhalten des Königs- berger Freisinns ist bisher von dem größten Teil der links- liberalen Presse mit Stillschweigen übergangen worden. Man konnte daraus entnehmen, daß die fortschrittlichen Blätter mit den Königsberger Freisinnsgrößen in dieser Sache nicht ganz einverstanden seien, doch aber nicht den Mut fanden, deren eigenartige„liberale" Politik scharf zu rügen. Doch jetzt endlich, nach acht Tagen, findet die„Freis. Ztg." sich be- wogen, das Verhalten ihrer Königsbergcr Gesinnungsgenossen vor ihr Forum zu ziehen— aber nicht, um deren wider- liche Wahl- und Eigentumspolitik zu rügen, sondern um sie durch einige faule Gründe zu recht» fertigen. Und zwar hat sie sogar drei Gründe zur Hand, einer immer fauler wie der andere: Erstens, so behauptet sie, hätte die Fortschrittliche Volkspartei ja nie die Forderung einer Aufhebung der Getreideeinfuhrscheine erhoben; der Antrag Ablaß und Ge- nassen hätte nur eine„Reform" dieser Scheine verlangt. Wörtlich schreibt das Freisinnsblatt: „Sie(die Konservativen) behauptet wahrheitswidrig, daß dieser Antrag die Beseitigung der Einfuhrscheine gefordert habe, während jetzt der Freisinn in Königsberg den gleichen Antrag ab» gelehnt habe. Nun hat aber jener Antrag nicht die Beseitigung, sondern eine Reform des Einfuhrscheinsystems verlangt. K 11 des Zolltarifgesetzes sollte dahin abgeändert werden, daß 1. die Geltungsfrist der Einfuhrscheine auf höchstens drei Monate herabgesetzt wird und 2. die Geltung der Einfuhrschetne zur Zollentrichtung auf die Warcngattung beschränkt wird, für welche bei der Ausfuhr der Einfuhrschein erteilt worden ist. Ein recht wertvolles Eingeständnis, das aber noch durch die wettere Behauptung übertrumpft wird, die Frage der Auf- Hebung der Einfuhrscheine sei für die Freisinntge» gar keineParteifrage, fondern lediglich eine Frage der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit. Die«Freis. Ztg." erklärt nämlich: «Sachlich ist zu der Frage der Aufhebung der Einfuhrscheine zu bemerken, daß selbst die„Deutsche Tagcsztg." jüngst erklärt hat. diese Frage sei keine Parteiangelegenheih sondern nur eineFrage der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit. Der konservative Oberbürgermeister Dr. Beutler. der dem Zwölfer- Ausschuß der konservativen Partei angehört, hat sich nämlich trotz» dem für die Aufhebung der Einfuhrscheine ausgesprochen." Zweitens gibt es, wie die«Freis. Ztg." behauptet, in der Königsbcrger Stadtverordnetenversammlung keine« g e- schlossene freisinnige Fraktion".„Jeder stimmt. wie er es für recht hält. Die„freisinnige Führung des Abg. Gyßling in der Stadtverordnetenversammlung beschränkt sich lediglich darauf, daß er Vorsitzender der Vereinigung liberaler Stadtverordneter ist, der auch Mitglieder der nationalliberalen Partei angehören." Ein Einwand, der an Dummheit kaum überboten werden kann. Wird denn die Schuld der Königsbcrger Freisinnigen dadurch geringer, daß ihre Ver- etnigung eine lockere ist und ihr auch Ratio- nalliberale angehören? Als dritten Grund führt daS Wiemersche Blättle an: „ WaS die Aufhebung der Lebens mittelzölle anlangt, so entspricht sie nicht dem fort- schrittlichen Programm. Dieses fordert die allmähliche Herabsetzung nicht nur der Lebensmittel-, sondern auch der Industrie- zölle." Also, weil keine Aussicht besteht, daß zugleich die Jndustriezölle herabgesetzt werden, deshalb dürfen auch trotz der jetzigen Notlage die Lebensmittelzölle nicht aufgehoben oder ermäßigt werden! Gegen diesen offenkundigen Blödsinn zu polemisieren, ist zwecklos; aber der Ausspruch ist charakteristisch für die amphibische Natur des Freisinns. Wer glaubt, in der Fortschritt- lichen Volkspartei im nach st en Reichstag einen kräftigen Mitkämpfer gegen d aS heutige Agrarschutzzollsystem zu finden. wird bittere Enttäuschungen erlebenl Wie politische(lederlickt. Berlin, den 2. Oktober 1911. Einberufung des Reichstages. das Wölfische Telegraphenbureau mitteilt, hat der Präsident deS Reichstages, Graf v. Schwerin-Läwitz, die erste Reichstagssitzung der Herbstsession auf den 17. Oktober, nach- mittags 2 Uhr, anberaumt. Die Tagesordnung ist sehr um- fangreich, enthält aber lediglich Berichte über Petirionen. Die vertrauenswürdige Regierung. Ueber die in Italien veröffentlichte und in Deutschland verheimlichte Note des Wolffschen Bureaus, worin Italien die Berechtigung seines Vorgehens attestiert wird schreibt die „Rhein.-Wests. Zeitung": „Eine Aufklärung über diese Ungeheuerlichkeit ist sehr vonnöten. Soll wieder, wie 1909, eine Gefühlspolitik getrieben werden, die uns wieder wie damals zwischen die internationalen Mühlsteine treibt? Welches Interesse haben wir an Italien, das uns bei AlgeciraS verriet und das sich mit Haut und Haare» Snglavd und FrMujZ ergehen Hai. Unjeze poli, (trafen Jnkereffen Neffen fft fet Türke?,«n» Sem RTc schön vus neutraler Stellung heraustreten wollen, dann darf das, wie heute die Dinge liegen, nur zugunsten der Türkei geschehen. Ist denn unser Auswärtiges Amt so sehr von allen biSmarcki- Ischen guten Geistern verlassen, haß es durch Wojff die ohlje Tollheit verüben lassen konnjeZ," Die Düsseldorfer Wahl und die nationalliberale Presse. Erst in ihren Sonnabendmittagsausgaben besprechen die beiden führenden nationalliberalen Organe des Westens, die„Kölnische Zeitung" und die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" den Ausfall der Düsseldorfer Wahl. Während die letztere tiefsinnige Betrachtungen anstellt, beschränkt sich die„Kölnische Zeitung" auf wenige Sätze. Beide Blätter stimmen in ihrem Urteil jedoch völlig überein: Die Wahl des Sozialdemokraten Haberland ist bedauer- kick), aber das Zentrum mußte für die kommenden Wahlen kirre gemacht werden, und dann folgt die mehr oder weniger klare Andeutung: Zu Kompromissen, oder besser gesagt, zu einem generellen Kompromiß sind die National- liberalen für die bevorstehenden Reichstagswahlen durchaus geneigt: Wörtlich heißt es in der„Kölnischen Zeihmg": „Daß Düsseldorf für die letzte Session des sterbenden Reichsparlaments durch einen Sozialdemokraten vertreten wird, ist ja bedauerlich; aber diese Wahl hatte, wie wir von vornherein be- tonten, nur formelle Bedeutung, und die Nationalliberalen haben sich mit Recht geweigert, sie dem Zentrum und den Sozialdemo- traten zu Gefallen zu einer Probe für die bovorstehenden großen Wahlen zu machen. In der Betrachtung heißt es dann weiter: „Wir sind nicht der Meinung, daß die Politik den Charakter verdirbt,«wer wenn dies böse Wort irgendwo einen Schein von Berechtigung hat, dann ist es bei der Übeln Einrichtung der Stich- Wahlen der Fall. Das Sauberste bleibt immer noch, diese Art Wahl rein als ein Parteigeschäft zu betrachten und Stimmabgabe wie Stimmenthaltung allein danach einzurichten, wie weit sie der eigenen Partei und ihren Idealen von Nutzen sind. Bon diesem Standpunkt aus konnte die Nationalliberale Partei nicht anders als ihren Anhängern Wahlenthaltung zu empfehlen, und die Zukunft wird zeigen, daß sie damit ihren eigenen Interessen am besten gedient hat." DaS Kölner Blatt schließt seine Ausführungen mit dem be- zeichnenden Satz: Für den Wahlkampf des neuen Jahres ist da- mit nichts verdorbenl Gleich der„Kölnischen Zeitung" ist die„R H e i n i s ch- W e st- fälische Zeitung" der Ansicht, daß von dem nationalliberalen Bestandteil der liberalen Vereinigung mit ziemlicher Sicherheit fest- gestellt werden könne, daß er die Parteiparole:„Kein Mann zur Stichwahl I" befolgt habe. DaS Essener Scharfmacherblatt sagt dann weiter, daß mit Düsseldorf einer der ältesten Sitze der Zentrumspartei verloren worden und ein Eckpfeiler des„unerschütterlichen" TurmeS gebrochen sei. Mit Düsseldorf seien auch die anderen Zentrumsmandate im rheinisch-toestfÜlischen Industriegebiet, vorab Köln und Essen, ins Wanken geraten. DaS sei die„Bedeutsamkeit" der„P r o b e w a h l" und vom LS. September könne vielleicht die„Gesundung der politi» schen Verhältnisse von Rheinland und Westfalen" datieren. Zum Schluß sagt die„Rh.-W. Ztg." dann: "ES ist ein unwürdiger und unerträglicher Zustand, daß die nationale Partei aus der Vertretung der Jndustrieprovinz voll- kommen ausgeschaltet ist. In Düsseldorf, Köln und Essen wurde durch die Nationalen das Zentrum in den Sattel gehoben, das sie zur„Gegenleistung" in Duisburg, Bochum, Dortmund und Biele- feld an die Sozialdemokratie preisgab. Der„Dank" des Zen- trumS bestand gewohntermaßen in den rüdesten Anpöbelungen, und die lokale Zentrumspresse quittierte die selbstlos geleistete Wahlhilfe der Nationalen, indem sie nur zum Hohn den nur mit nationaler Unterstützung eingeholten Sieg ol»„aus eigener • Kraft" errungen ausposaunt. Angesichts der politischen Moral deS Zentrums ist die diesmalige Haltung der Nationalen auch für den entschiedensten Gegner jeglicher Großblocktendenzen verstand- lich. Der Uebermut deS Zentrum» mußte ge- brachen werden. Noch vor ein paar Tagen schwelgten in Dortmund die Herren Leasing und Sittard in großen Tönen von des Zentrums„Begeisterung und eisernem Willen zu siegen". Des- halb sollten ihm die G r e n z e n s e i n e r M a ch t e, n m a l ganz d e u t l i ch g e w i e s e n werden. Und da es sich nur um eine BierteljahrSvertretung im„sterbenden" Reichstag handelt, ist das Exempel, das an den Machtverhältnissen der Parteien nichts ändert, auch ziemlich ungefährlich. Wir wiederholen, waS wir Sonnabend schrieben: Erst mußte da? Zentrum mürbe werden, bevor eS für ehrliche Verständigung, für Kompew sationen und Kompromisse die Reife erlangt." Aller Wahrscheinlichkeit nach dürften die Kalkulationen der beiden nationalliberalen Blätter durchaus nicht fehlgehen: Da» Zen- trum dürfte mürbe gemacht sein, eS dürfte auch jetzt für„ehrliche" Verständigung, für Kompensationen und Kompromisse zu haben sein! Der Sozialdemokratie kann eine solche reinliche Scheidung der Deister nur erwünscht sein! Tie Landtagswahlen in Oldenbnrg. Die näheren Nachrichten über die LandtagSwahlen im Großherzogtum Oldenburg zeigen, daß dort die Sozialdemokratie einen bedeutenden Wahlsieg errungen hat. Soweit sich ersehen läßt, hat unsere Partei achtMandate erobert und kann damit rechnen, bei den Nachwahlen noch einige Landtagssitze zu gewinnen. Gewählt sind: Heitmann. Hug, Meyer und Schulz in Nüstringen, ferner Hug in Oberstein. Schmidt in Delmenhorst-Nordbezirk. Dull und Frick im Südkreis des Fürsten- tums Lübeck. Außerdem darf zienilich sicher darauf gerechnet werden, daß bei der Nachwahl uns noch drei oder vier Mandate zufallen. Unser Nüstringer Parteiblatt, das„Norddeutsche Volks- blatt". berichtet über den Wahlausfall: „Die Erfolge unserer Partei sind sehr erfreulich. Mit dreifacher Mehrheit wurden unsere Kandidaten in Rüstringen gewählt. Man hatte ihnen Renommierarbeitcr gegenüber- gestellt. Diese Kandidaturen haben nicht gezogen. Ja man kann sagen, daß, wenn nicht der Rechtsanwalt und der Schul- lehrer vorgespannt worden wären, sie so viel Stimmen nicht be- kommen hätten, denn die zahlreichen Beamten, die wir jetzt hier haben, hätten sie allein nicht gewählt. Die Parteigenossen in Delmenhorst haben sich prächtig geschlagen. Im Nordkreis, wo der alte Parteigenosse Schmidt gewählt worden ist. betrug die Mehrheit über die beiden Gegner SÜ7 Stimmen. Im Süd kreis steht Genosse Jordan in Stichwahl. Glänzend sinddie Wahlsiege unserer Partei in Lübeck-Süd. wo sie glatt die agrarischen und liberalen Demagogen und Ehrgeizigen zu Boden geworfen hat und m Oberstem, wo Hug auch im ersten Wahlgang über die drei gegnerischen Kandidaten siegte. Die Resultate in Lübeck- Nord und Idar(Birkenfeld), wo unsere Kandidaten in die Stich- wähl oder richtiger gesagt in die Nachwahl kommen, ist geradezu überraschend. Wäre in Jdar-Stadt und-Land die Partei- organisation so wie sie sein sollte, das Resultat wäre noch besser. Der Wahlkreis ist auch reif für unsere Partei. Einen der Wahl- Keife um Oldenburg zu gewinnen, ist uns leider nicht gelungen. Zweiftonten-Taktik. Der wiirttembergifche Reichstagsabgeordnete Konrad Hauß mann, neben dem Herrn v. Paher Führer der alten württem- bergischen Volkspartei(jetzt schwäbisches Fähnlein der.Forschritt- lichen Volkspartei") hat in einer Stuttgarter Versammlung am ver- gangenen Donnerstag die Parole für die kommenden Reichstags- Wahlen ausgegeben. Nach den übereinstimmenden Berichten säst aller bürgerlichen Blätter führte er auS: Die Wahlparole müsse sein: Die Niederwerfung der konsevativer Vorherrschaft. Erst dadurch werde ein neuer und gesunder politischer Boden gelegt. Wir müssen eine Politik mit Ideen fordern, denn wir haben in den letzten Jahren überhaupt keine Joee» mehr gehabt. DaS deutsche Volk lechze danach, Ideen haben... Die nahestehenden Parteien müssen sich koalieren. Zu.» 1 Die Sozialdemokratie vermöge sich am wenigsten zu unterwerfen. Durch ihre Haltung treibe die Sozialdemokratie den Staat lang- sam der Reaklion in die Arme. Wir dürfen deshalb der Sozialdemokratie keinen fußbreit Boden über- lassen... Wir sind verpflichtet, deS Prinzips wegen den Kampf gegen sie zu führen mit der ganzen Stoßkraft, über die wir verfügen. Was die Liberalen anbelangt, so haben dieselbe» gelernt. Auch sie haben wider- strebende Elemente i» ihren Reihen. Wenn die Liberalen unter Basiermann ihre Pflicht tun, so werden wir sie unterstützen, auch wenn ihre Männer an die Geschäfte berufen werden sollten." DaS offizielle Organ der Vollspartei gibt merkwürdiger- weise die dreiste Kriegserklärung HaußmannS an die Sozial- Demokratie in stark abgeschwächter Form wieder. Der„Beob- b a ch t e r" berichtet nämlich: „Die Bekämpfung der Sozialdemokratie sei, so lange die Sozialdemokratie für eine planmäßige praktische Politik im Par- lament versage, sür die Vollspartei geboten.(Lebhafter Beifall.) Die bisherige Taktik der Sozialdemokratie habe die Reaktion ge- stärkt.... Ein dauerhaftes Regiment könne nach der heutigen Lage nur auf die Gesamtheit der nicht illiberalen Volksteile ge- gründet werden. Darum müsse der Versuch gemacht werden, mit den Liberalen von der Riwtung Aassennanns Politik zu machen, Wenn diese die liberlae Richtung aufrichtig einhalten, dann müßte die Volkspartei sogar ihre Unterstützung leihen, wenn nach der Niederlage der Konservativen ehrliche liberale Männer zur Führung der Geschäfte berufen würden." Hier fehlt die schöne Redewendung, daß man der Sozial- demokratie keinen fußbreit Boden überlassen dürfe, sowie die Versicherung, daß die Volkspartei„um des PrinzipeS wegen" den Kampf gegen sie„mit der ganzen Stoßkraft" führen werde, über die die Volkspartei verfüge. Dem tapferen Kämpen Konrad Haußmann scheint also nach- träglich angst und bange geworden zu sein vor seiner eigenen Kourage. Die Mehrheit der württembergischen Parteigenossen hat von Anfang an von der Vollspartei nichts anderes erwartet. Wer die wirtschaftliche Entivickelimg Württembergs in neuerer Zeit offene» Auges verfolgt hat, wußte genau, daß der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, Arbeiterschaft und bürgerlichen Parteien einschließlich der„Fortschrittlichen Volksparlei", immer schärfer wird. So ging in Württemberg die Zahl der Selbständigen in Landwirtschaft, Handel und Industrie in den Jahren von 1882 bis 1S07 von 88245B auf 200 646 zurück, im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der U n s e l b st ä n d i g e» von 373 744 auf 747 233. Sie verdoppelte sich also. Daß diese wirtschaftliche Umwälzung auch das politische Leben entscheidend beeinflußt, ist selbstverständlich. ES wäre unsinnig, der Volkspartei einen Vorwurf au» ihrer Mauserung nach recht» zu machen. Aber noch verderblicher für die Sozialdemo� kratie wäre ei, nenn sie die Konsequenzen auS diesen veränderten Verhältnissen nicht ziehen, wenn ihre Führer den Klassenkampfe charalter unserer Partei abzuschwächen, den Gegensatz zu sämtlichen bürgerlichen Parteien zu verwischen suchten. Der Traum von einem wahltaltischen„Block der Linken in Württemberg dürfte nach der Kriegsansage HaußmannS endgültig ausgeträumt{ein._ Gegensätze im Zentrum. Im Wahlkreise Arnsberg-Olpe-Meschede, den der ZentrumSmann FuSangel früher einmal gegen den offiziellen ZentrumSkandidalen im Reichstag vertrat, ist man mit dem jetzigen ReichStagSabgeordneten Johannes Becker, Redakteur der„West- deutschen Arbeiter-Zeitung", nicht zufrieden. Der Wahlkreis, der in seinem südlichen Teil zwar eine starke Kleineisenindustrie hat, ist zum größten Teil ländlicher Natur. Die Landbewohner aber, die daS GroS der Zentrumswähler bilden, fordern die Aufstellung eines agrarischen ZentrumSkandidaten. Der Wahlkreisvorstand hin- gegen, der nicht auf die Stimmen der zahlreichen katholischen Industriearbeiter verzichten möchte, will jedoch Becker wieder vorschlagen. DaS agrarische ZentrumSblatt„Der Sauer- l ä n d e r" in Eslohe gibt sür diesen Fall deutlich zu verstehen, daß die Zentrumsagrarier dann einen eigenen Kandidaten aufstellen würden. AIS Grund für diese Sonderkandidatur wird angegeben, daß der„Arbeiterkandidat" Becker die Interessen der Jndustriearbeirer zu einseitig vertreten habe. In Wirklichkeit kann von einer Vertretung der Arbeiterinteressen durch Becker gar keine Rede sein. Herr Becker hat den Volksverrat des Zentrums restlos mit- gemacht. Daß aber die Zentrumsagrarier schon in einem gelegent- lichen schüchternen Wort für die Arbeiter eine zu intensive Vertretung der Arbeiterintcressen erblicken, ist kennzeichnend. DaS Revoltieren der Agrarier in ArnSberg-Olpe-Mcschede ist im übrigen ein Beweis für die Unmöglichkeit, die im Zentrum vertretenen divergierenden, wirtschaftlichen Interessengruppen dauernd zusainmen zu halten. Mexiko. Die PräsidenteuwM. Mexiko, 2. Oktober. M a d e r o ist zum Präsidenten gewählt worden. CWna. Nnrnhrn in China. Hankau, 2. Oktober. Die hiesigen chinesischen Behörden setzen die Europäer davon in Kenntnis, daß in Hankau Revolutio- näre eingetroffen und die chinesischen Truppen wenig zuver. lässig seien.— In der Provinz H u p e h sind Unruhen aus- gebrochen. Eine große Anzahl von Soldaten sind desertiert. Ms der Partei. Ein glänzender sozialdemokratischer Kommunalwahlfleg. Einen katastrophalen Zusammenbruch erfuhren die bürgerlichen Parteien in Mülhausen i. Elf. bei der am letzten Sonnlag, den 1. Oktober, staltgefundenen Gemein deratSersatzwahl sür acht Mitglieder. Die Liste unserer Parteigenosien siegte mit 7602 bis 7311 Stimmen, während die Liste deS Zentrums, daS mit der Gruppe des berüchtigten Scharfmachers Paul Kullmann zusammenging, mit 3767 bis 4032 Stimmen unterlag und auch die gesondert vorgehenden Liberal-Demokraten nur 2084 bis 21V0 Stimmen erzielten. Die sozialdemokratische Liste siegte sonach mit einem Vorsprung von durchschnittlich 1671 Stimmen. Gewählt sind die Ge« nossen L. Emmcl, Jean Marlin, August Wicky usw.. alle acht sozial- demokratischen Kandidaten. DaS Wahlergebnis ist von mehr als lolaler Bedeutung, weil die „Niederlage" unserer Genossen in Mülhausen i. E. bei den Gemeinde- rotshauptwahleu von IVOS(übrigen» mit 42 Prozent aller. l abgegebenen gültigen Stimmen) von der bürgerlichen Presse Ides ganzen Reiches und insbesondere vom Reichsverband gegen die Sozialdemokratie dahin ausgelegt wurde, daß die im Wahlkampfe behauptete Finanzmitzwirtschaft trotz aller sozialdemo- kratischen Entgegnungen doch aus Wahrheit beruhen müsse. � Jetzt haben die Wähler der oberelsässischen Industriestadt über die finen- zielle und sonstige Mißwirtschaft der„Sieger" von 1008 geurteilt, und wie I Heiter ist, daß die in dem jüngsten„Vorwärts"- rozeß erfolgte„gerichtliche Feststellung", daß die Sozialdemo- kratie in der Zeit von 1002—1908 auf Mülhausens Rathaus die Gemeindeschuld von 2 auf 28 Millionen vermehrt habe, im Gedränge deS WahIkampfeS in offizieller Gemeinderatssitzung von dem Ver- fasier der bürgerlichen Flugblätter von 1003, dem heutigen Bei- geordneten L o u v a t, Lügen gestraft werden mußte, denn Herr Louvat erklärte zu Protokoll des GemcinderatS, es sei falsch, was ihm ein sdzialdeinokratisches Wahlflugblatt unterschiebe, daß er jemals behauptet habe, die Gemeindeschulden seien unter der „sozialdemokratischen Herrschaft" von 2 auf 28 Millionen gewachsen, etwas Derartiges habe er niemals behauptet, er habe viel- mehr jederzeit erklärt, daß 18(nicht 23) Millionen Schulden ge- macht wurden und daß im Jahre 1008 von den 13 Millionen noch 3 vorhanden waren. Die Berufung, die vom„Vorwärts" gegen die Verurteilung deS Genossen Barth zu drei Wochen Ge» sängnis angekündigt wurde, verspricht unter diesen Umständen doppelt interessant zu werden. Der sozialdemokratische Wahlsieg vom 1. Oktober 1911 in Mülhausen i. E. bedeutet den Zusammen- bruch des bürgerlichen Finanzschwindels über Mülhausen i. E., wo- mit man drei Jahre lang nicht nur im Deutschen Reiche, sondern selbst über dessen Grenzen hinaus gegen die Sozialdemokraiie hausieren ging. Unsere durch die Kommunalwähler von Mül- bansen i. E. so glänzend rehabilitierten Genossen werden durch ihre Tätigkeit auf Mülhausens Rathaus nun dafür sorgen, daß dieses Debacle besiegelt wird.— Die LandtagSwahlen im Elsaß werden durch diesen Erfolg der Partei prächtig eingeleitet. KreiSversammlung des I. Württembergvschen RelchStagS- Wahlkreises(Stuttgart-Stadt und-Amt). Am Sonntag, den 1. Oktober, tagte in Degerloch bei Stuttgark die von 102 Delegierten besuchte Kreisversammlung. Dem Kreis gehören außer Stuttgart-Stadt noch 22 ländliche Mitgliedschaften an. Den Verhandlungen und Beschlüssen dieser Kreisversammlung wurde allerseits mit größter Spannung entgegengesehen. Haupt- Punkt der Tagesordnung war die W a h l v o n V i e r M i t» gliedern der neu zu schaffenden Preßkommissiori für die„Schwäb. Tagwacht". Der 2. Kreis hat zwei Mit- glieder zu wählen, der 4. Kreis ein Mitglied. Die beiden letzt- genannten Wahlkreise haben die Wahl bereits vollzogen. Weiter standen die Vorgänge bei der Delegiertenwahl zum JenaerParteitagzur Erörterung. Es wurde beantragt, den Reichstagsabgeordneten Hildenbrand ein Referat über den Parteitag erstatten zu lassen. Das wurde abgelehn:. Ein Delegierter fragte an, wer eigentlich am anderen Tage, den 2. Oktober, die Redaktion der„Tagwacht" besorgen werde; die bisherige Redaktion sei ja am 1. Oktober ausgeschieden. Der Vor- sitzende des LandesvorstandcS, Reichstagsabgeordneter Hilden» b r a n d, antwortete, die Versammlung habe kein Recht, daS zu verlangen, da den« Landesvorstand die Frage vorher nicht bekannt gegeben worden sei und die zuständigen Körperschaften ihn zur Be- antwortung der Frage nicht ermächtigt hätten. Er könne jedoch sagen, wer vorläufig morgen das Blatt redigieren werde. Den poli- tischen Teil werde er selber besorgen, den württembcrgischen Teil der Sekretär des Landesvorstandes, Pflügcr, und den lokalen Teil Genosse Herpich.— Sodann wurde der Antrag gestellt, den Kreisvorstand von der Leitung der Versa mm- tung zu entbinden und ein besonderes Bureau mit dem früheren Kreisvorsitzenden Sämann als Vorsitzenden mit der Leitung der Verhandlungen zu beauftragen. Der Antrag wurde abgelehnt. Wahl der PreszkommissiinSmitglieber. Der erste Wahlgang wurde von der Versammlung mit starker Majorität für ungültig erklärt, da mehr Stimmzettel abgegeben worden waren, als Stimmberechtigte gezählt wurden. Im zweiten Wahlgang erhielten Stimmen B u l l m e r 66, W e st m e h e r 27, Heidinger 26, Genossin Zetkin 54 Stimmen. Es erhielten außerdem Stimmen Epple 23, Martersteia 22, Göhl 22, Bratz 7 Stimmen. Letzterer hatte im zweiten Wahlgang auf seine Kandi- datur verzichtet. Ziemliche Erregung verursachte es in der Ver- sammlung, als bekannt wurde, daß Genosse Joh. S ch e r m, der gar nicht delegiert war, vervielfältigte Stimmzettel mit den Namen Marterstcig, Gohl-Degerloch, Epple-Feuerbach und Bratz- Stuttgart unter einem Teil der Delegierten zur Verteilung hatte bringen lassen. Gewählt sind Bullmer. West meyer. Heidinger und Genossin Zetkin. Frey- Stuttgart hatte einen längeren Antrag gestellt, daß die der Preßkommission ohne Rücksicht auf die„Richtung" der Vorgeschlagenen vorgenommen werden möge, den Antrag aber wieder zurückgezogen. Bremer kritisierte scharf die politische Redaktion der„Tag- wacht", die sehr viel zur Verschärfung der Differenzen innerhalb der Partei beigetragen habe dadurch, daß sie die Auseinander- setzungen auf das persönliche Gebiet geschoben habe. Ob man denn wirklich im Ernst behaupten wolle, der Streit drehe sich nur um zwei Personen? Wer glaube ernstlich, daß zwei Genossen die ganze Partei so lange Zeit in Erregung versetzen könnten. Mit zwei Personen wäre die Partei längst fertig geworden. ES seien fach- liche Differenzen, die den Auseinandersetzungen zugrunde liegen. DaS habe auch KautSky anerkannt, den man doch nicht, ohne weite- res in den Papierkorb werfen könne. Daraus entwickelte sich eine Debatte über die Vorgänge Parteitag in Jena. bei der Delegiertenwahl zum Der Kreisvorsitzende Oster gab eine Darstellung der Vorgänge und bezeichnete daS Vorgehen der Stuttgarter Genossen um Hilden- brand usw. beim ersten Wahlgange als Wahlmache. Er sprach sein Bedauern darüber aus, daß der Parteitag die erste Wahl der Dele. gierten für gültig erklärt babe. In der Debatte sprachen sich die Genossen Bremer, Bratz. Kimmich. Schncck, Heidinger. Nafzer und Bullmer gegen die Art, wie der erste Wahlgang bei der Delegierten- wähl zum Jenaer Parteitag vor sich gegangen sei, aus. Genosse Bruckner und vor allem Genosse Hildenbrand, der Abgeordnete des Kreises, verteidigten dagegen die Vorkommnisse bei der ersten Wahl. Nach weiterer kurzer Debatte wird eine von Brückner ringe- brachte Mißtrauenserklärung gegen den Kreisvorstand zurückge- zogen, auf die Aufnahme in das Protokoll verzichtet. Daraufhin verzichtet der Kreiövorstand daraus, eine Vertrauenskundgebung für ihn zur Abstimmung zu bringen. ES gelangt sodann solgende Resolution zum italienischen Krieg mit sehr starker Mehrheit zur Annahme: „Die Interessengemeinschaft des Proletariats aller Länder legt den Parteigenossen der einzelnen Staaten die Pflicht auf. ,n schärfster Weise wie gegen die Raubabsichten der Bourgeoisie dcö eigenen Landes, so auch gegen den Raubzug der italienischen Kolonialinteressenten Protest zu erheben. Es ist daher für die Parteigenossen der heiitigen Kreisversammlung des 1. Wurttem- belgischen Wahlkreises sclbstverstäiijzliche Ehrensache, unter Hin- weis auf den Raubcharaklcr dcS Kapitalismus den italienischen Friedcnsbruch und Völkermord zu brandmarken. Die Kreisversammlung fordet den Vorstand auf. in ge- eignet erscheinender Weise eine Massenversammlung einzuberufen und als Referenten ,n erster Linie die Genossin Luxemburg oder den Genossen Ledebour vorzusehen." DaS Protokoll deS Parteitag» zu Jena sowie der Franenkonferenz gekangt, wie nnS der Verlag B u ch h a n d l n n g Vorwärts P a u l S i n g e r A. m. b. H. mitzuteilen bittet, von Montag, den 0. Oktober d. I. ab zum Versand. Der Preis für dt« Vereins- ausgäbe iit 1.22 M. An Organisationen wird das Protokoll wieder zum Selbstkostenpreis geliefert. Die Be tellungen werden in der Reihenfolge de» Eingangs expediert. ©ewevhrcbaftlicbca. Die britilcben ßcrgarbcitei*. London, 29. September 1911. Mer Augen sind gegenwärtig auf die Bergarbeiter gerichtet, die im ganzen Lande, Nord, Süd, West und Ost, mit dem General streik drohen. In allen Revieren herrscht unter der Bergarbeiter- bevölkerung eine Aufregung wie vor 19 Jahren vor dem General streik. Mannigfaltig sind die Klagen, die die Arbeiter in den ver- schiedenen Distrikten vorbringen, mannigfaltig sind auch die Fov derungen, aber die Hauptfrage, um die es sich handelt, das Banner, um das sich die unzufriedenen Knappen scharen, ist die Forderung eines Minimallohnes. Für die Tagesordnung der nächste Woche in Southport stattfindenden Jahreskonferenz der Bergarbeiter- federation Großbritanniens, die über 609 000 Mitglieder zählt, hat der Bergarbeiterverband von Lancashire eine Resolution eingereicht, in der für daS ganze Land ein Minimallohn für Hauer von 7 Schilling gefordert wird. In der Resolution, die wohl von allen Landesteilen unterstützt werden wird, wird ferner die Erklärung des Generalstreiks verlangt, sollten Verhandlungen mit den Unter nehmern zu keinem Resultat führen. Auf dem Festlande herrscht allgemein die Ansicht, daß ein Minimallohn in der britischen Bergwerksindustrie existiere. Das ist auch in gewissem Sinne der Fall, nur ist der Minimallohn dem Arbeiter nicht garantiert. Es würde zu weit führen, die ver- wickelten Lohnverhältnisse, die in der Montanindustrie Groß britanniens herrschen, ausführlich zu erklären. Folgende kurze Erörterung mag deshalb zur allgemeinen Orientierung in den kommenden Kämpfen dienen. Der Bergmann dieses Landes wird nicht, wie es auf dem europäischen Festlande üblich ist, nach der Wagenladung, sondern nach dem Gewicht der geförderten Kohle bezahlt. Oben am Schachtausgang stehen zwei Wiegemeister, von denen der eine von der Zechenverwaltung und der andere von der Belegschaft angestellt ist, die das Gewicht der Kohle aufzeichnen und kontrollieren. Der Wiegemeister der Belegschaft ist meist der Vertrauensmann der Gewerkschaft. Bei der Festsetzung Preises der geförderten Kohle kommen zwei Momente in Betracht Zuerst gibt es in jedem Revier einen sogenannten Minimallohn, der mit dem Preise der Kohle schwankt und in jedem Revier ver� schieden ist. Dieser Minimallohn besagt nichts weiter, als daß jeder Hauer für die Schicht soundsoviel verdienen muß. Der Preis für die Tonne Kohle, den der Arbeiter bekommt, wird aber für jedes Flöz besonders in einer„Preisliste" festgelegt. Verschlechtert sich nun der Flöz mit fortschreitender Arbeit, so kann der Arbeiter mit dem Preise, den er bei der Inangriffnahme des Flözes nach ober- flächlicher Schätzung angenommen hat, nicht mehr auskommen Dann sorgt gewöhnlich der Gewerkschaftsbeamte dafür, daß die Zechenverwaltung den Arbeiter aufbessert. Ist der Arbeitgeber einsichtig, so ist die Schwierigkeit damit abgetan. In der Vev gangenheit hat man derartige Streitigkeiten meist ohne viel Rel bung beigelegt. In den letzten paar Jahren hat sich nun in der britischen Montanindustrie eine große Wandlung vollzogen, die sich für die Bergarbeiter besonders dadurch bemerkbar machte, daß sich die Werksbesitzer immer mehr abgeneigt zeigten, die Löhne der an„ab- normen Stellen" arbeitenden Hauer aufzubessern. Tausende der Bergarbeiter können heute keinen auskömmlichen Lohn mehr ver- dienen, so sehr sie sich auch anstrengen. Dazu kommt noch die stetig wachsende Teuerung, die der arbeitenden Bevölkerung immer größere Entbehrungen auferlegt. Die Werksbcsitzer erklären vor der Oeffentlichkeit, daß das Achtstundentagsgesetz an den mißlichen Verhältnissen schuld sei. Das Gesetz habe ihre Produktionskosten so sehr in die Höhe getrieben, daß sie sich fürderhin nicht mehr so generös zeigen könnten wie in der Vergangenheit. Privatim aber pfeifen sie eine ganz andere Melodie. Nicht von dem Achtstunden- tagsgesctz, sondern von der inneren Konkurrenz werden die Werks- besitzer Großbritanniens geplagt. Gewiß gab das Achtstundentags- gesetz den Anstoß zu der Verschärfung dieser Konkurrenz. Eine Folge des Gesetzes war, daß sich die Zechen anschickten, ihre in vielen Iällen recht mangelhaften technischen Einrichtungen zu ver- bessern. Daß dabei die Großen gegenüber den noch zahlreichen Zwergbetrieben in Großbritannien alle Trümpfe in der Hand hatten und sie jetzt auch ausspielen, versteht sich. Der herrschende wilde Wettbewerb zwischen den verschiedenen Kohlenrevieren und Zechen, bei dem auch die Eisenbahnen die Hand im Spiele haben, wird noch beständig durch die Eröffnung neuer ungemein ergiebiger Gruben verschärft. So versuchen denn die Zechenverwaltungen den wirtschaftlichen Druck, der durch die Vereinigung der Betriebe leicht behoben werden könnte(die ausländische Konkurrenz kommt auf dem englischen Kohlenmarkt nicht in Betracht) auf die Arbeiter abzuwälzen. Am 29. September wird in London eine Konferenz der Ver- treter der Bergarbeiter und Werksbesitzer stattfinden, um über die „abnormen Arbeitsstellen" zu beraten. Wie verlautet, schlagen die Arbeitgeber folgende Lösung der Frage vor: Die Löhne für nor- male Arbeitsstellen sollen erhöht werden; für abnorme Arbeits- stellen soll ein Lohn festgesetzt werden, der um ein Drittel geringer ist, als der normale Lohn; dem Arbeiter soll eS überlassen sein. seinen Arbeitsplatz als abnorm oder normal zu erkläreg. Eine ähnliche Einrichtung ist in Südderbyshire getroffen worden, hat aber bei der Arbeiterschaft keinen Anklang gefunden. Gerade in diesem Revier ist die Unzufriedenheit augenblicklich am größten und wird am heftigsten nach einem Minimallohn für alle Arbeiter verlangt. Mögen sich die Klassengegensätze in einigen Revieren in einer anderen als der hier gezeichneten Form offenbaren, Tatsache ist, daß sich die Lage der britischen Bergarbeiter ungemein verschlech- tert hat, daß in allen Revieren eine große Erbitterung herrscht, daß die jüngeren Elemente ungeduldig an der Koppel zerren, und daß die augenblickliche Situation den Keim gewaltiger Wirtschaft- licher Konvulsionen in sich birgt. London, 30. September. Nach Blättermeldungcn ist die hier abgehaltene Konferenz zwischen den Arbeitgebern und Arbeit- nehmern der britischen Kohlengruben gescheitert und keine Einigkeit über die Beschwerden der Arbeiter erzielt worden. Die Besorgnis, daß es zu einem Streik kommt, wächst. Das Publikum beeilt sich, Kohlenvorräte einzukaufen, da ein Steigen der Preise erwartet wird. Verlln und Umgegend« Zum Streik in der Geschäftsbücherbranche. Als am Sonnabend die Arbeiterausschüsse in den verschiedenen Betrieben nochmals wegen einer friedlichen Verständigung über den Wblaufstermin des Tarifs vo�tellig wurden, zeigte der Vorsitzende der Fabrikantenvereinigung, Herr Ashelm, ein Telegramm von den Stuttgarter Geschäftsbüchersabrikanten, wonach die dortige Ar- beiterschaft den von den Prinzipalen gewünschten Ablaufstermin, also den 30. Juni 1916, endgültig angenommen haben sollte. DaS entspricht nicht den Tatsachen, sondern im Gegenteil lehnte eine Ver- fammlung der Stuttgarter Kollegen sowohl den Termin als auch die Zugeständnisse der Arbeitgeber, weil zu geringfügig, überhaupt ab, zudem sie folgende Resolution annahm: „Die heute am 29. September im Gewerkschaftshause tagende, überäu's stark besu'chke VerfaMmkuttg der Konkobu'charbeiker nud -arbeiterinnen nimmt Kenntnis von dem jetzigen Stand der Tarif bewegung. Sie bemerkt, daß die bis jetzt gemachten Zugeständnisse der Prinzipale keineswegs den Forderungen der Personale enl sprechen und denselben genügen. Diese minimalen Zugeständnisse sind nur geeignet, das Personal zu verbittern und zum äußersten zu treiben. Die Versammlung verlangt eine Rektifizievung der bis jetzt getroffenen Abmachungen und erwartet von den Prinz! palen ein größeres Entgegenkommen. Die Kommission wird be auftragt, nicht einen Abschluß herbeizuführen, der weniger bietet, als der Dreistädtetarif seinen Mitgliedern gibt. Ausstand der Berliner Eisenkonstrukteure. Die technischen Angestellten der Berliner Eisenbaufirmen, die bekanntlich am 11. August unter Einreichung ihrer Anstellungs fcrdcrungen solidarisch gekündigt hatten, haben nunmehr einmütig ihre Arbeitsstätten verlassen, nachdem alle Versuche einer Verständigung an der ablehnenden Haltung der Arbeitgeber gescheitert sind. Ein Teil der in Betracht kommenden Firmen war zwar anfänglich geneigt, die von ihnen als durchaus maßvoll bezeichneten Wünsche der Angestellten zu er- füllen. Unter dem Einflüsse des wegen seiner scharfmacherischen Tendenzen hinlänglich bekannten Verbandes Berliner Metallindu- strieller, dem die Berliner Eisenbauanstalten seit kurzem ange schlössen sind, haben sie sich jedoch jedes Entgegenkommens enthalten müssen. Zunächst wurden Verhandlungen mit der Or- ganisation der technisch-industriellen Beamten rundweg abgelehnt. Der Vertragsentwurf der Angestellten wurde vollständig ignoriert! Statt dessen brachten die Unternehmer vier Wochen nach der Kündigung einen Gegenentwurf heraus, dessen Einführung nicht die leiseste Verbesserung, sondern in allen FirmenwesentlicheVerschlechterungendeSgegen- wältigen Zustandes zur Folge haben würde. Natürlich ist der Konflikt durch diese Brüskierung der Ange stellten wesentlich verschärft und eine unnötige Erbitterung in die Kreise der Ingenieure und Techniker hineingetragen worden. Trotzdem haben diese noch einen letzten Versuch gemacht, Verhand lungen zustande zu bringen. Sie erklärten sich bereit, von dem zur Leitung ihrer Aktion eingesetzten Ausschuß diejenigen Mitglieder zu Besprechungen mit einer Kommission der Arbeitgeber zu ent- senden, die selbst an der Kündigung beteiligt sind. Aber nicht ein- mal auf dieser Basis konnte eine Verständigung herbeigeführt wer- den, weil die Arbeitgeber die doch eigentlich selbstverständliche For- derung, zur Führung der Verhandlungen einen u n p a r- teiischen Vorsitzenden zu bestellen, ablehnten. Man wird unter diesen Umständen zugaben müssen, daß es nicht Schuld der Angestellten ist, wenn bis heute keine Verständi- gung erzielt werden konnte. Die Arbeitgeber sollten allmählich einsehen, daß die Oeffentlichkeit für diese Hervorkehrung eines ver- alteten Herrenstandpunktes in den wirtschaftlichen Kämpfen kein Verständnis hat. Am meisten muß es aber überraschen, daß die Metallindustriellen diese Taktik auch einer Gruppe von Angestellten gegenüber zur Anwendung bringen, von denen sie sonst als von ihren„Mitarbeitern" nicht genug zu reden wissen. Es ist dies das erstemal, daß eine größere Anzahl von Privat- angestellten sich gezwungen sieht, zum Mittel der solidarischen Ar- beitsverweigerung zu greifen, um sich gegenüber dem schroff ab- lehnenden Verhalten der Arbeitgeber durchzusetzen. Im Interesse des sozialen Friedens mutz man wünschen, daß die Arbeitgeber recht bald von ihrem scharfmacherischen Standpunkt abkommen und sich wenigstens bereit erklären, mit ihren technischen Ange- stellten auf dem Fuße der Gleichberechtigung zu verhandeln. Zur Lohnbewegung der Wäschcarbeiterschaft Berlins. Ueber die Antworten der sechs nicht dem Arbeitgcberverband angehörenden Firmen auf die seinerzeit eingereichten Forderungen berichtete Eue gestern abend in einer zahlreich besuchten Verscmtm- lung der Arbeiter und Arbeiterinnen dieser Firmen. Außer von der Firma H a u s e r sind Antworten an die Organisation nicht eingegangen. Bei Hauser werden die Verhandlungen am heutigen Tage stattfinden: ob es zu einer friedlichen Verständigung kommt, hängt von dem Ergebnis ab. Bei der Firma W. Blume, die seinerzeit auf die Kündigung des Tarifs erklärt hatte, daß die einzelnen propagandierenden Hetzer unter ihrem Personal aus dem Betrieb ausscheiden möchten, und die Ende der verflossenen Woche eine Zettelabstimmung zu veranstalten suchte, sind gestern sämtliche Arbeiterinnen in den Streik getreten. Bei drei anderen Firmen, Nürnberg, Simon und Salin- ger, hat man dem Personal gegenüber zu verstehen gegeben, daß man für eine Einigung zu haben wäre. Dort wird heute seitens der Kommission telephonisch angefragt; die Antwort und die etwaigen Verhandlungen werden dann ergeben, was bei diesen �irmen zu geschehen hat. DaS Personal der Firma Wohl u. . e h m a n n, das bereits am Sonnabend gekündigt hatte, faßte in der gestrigen Versammlung e i n st i m m i g den Beschluß, die Arbeit von heute ab ruhen zu lassen. Ebenso ein- stimmig wurde sodann beschlossen, daß, falls die Anfragen bei den oben genannten 3 Firmen kein befriedigendes Ergebnis zur Folge haben, die Arbeit dortam Mittwochnicht Wiederauf. genommen wird.— Am Mittwoch abend wird übrigens wieder eine große öffentliche Versammlung stattfinden, in der über die Arbeitsniederlegungen, wie auch über die Tarifierung der Löhne bei den zum Arbeitgeberverband gehörenden Firmen ge- sprachen wird. Eue machte noch besonders daraus aufmerksam, daß das Personal in den einzelnen Betrieben und Abteilungen durchaus selbst zu bestimmen hat, welche Personen mit der Firma über die Festlegung der Akkordtarise beraten sollen. Die Untttttehmer stimnsten dem zu. Die am Frekkag. htti 29. September, tagende Versammlung beschloß, nun die Arbeit am Montag, den 2. Oktober, zu diesen Bedingungen— zu denen sich noch einige weitere gesellten— aufzunehmen. Die Arbeit ist in Gera am 2. Oktober in allen Betrieben auf-- genommen worden. Die Einstellung erfolgt derartig, daß in einigen Tagen alle Arbeiter eingestellt werden. In Ichtershausen erklärte die Thüringer Nadel« und Stahlwarenfabrik, alle ausgesperrten und streikenden Arbeiter mit Ausnahme der Schleifer einstellen zu wollen; prinzipielle Bedenken gegen die Einstellung der Schleifer lägen nicht vor. Es wurden sodann mit der Firma die Vereinbarungen für die Wiederaufnahme der Arbeit getroffen, die im wesentlichen eine Regelung des Arbeits- Verhältnisses betreffen.— Damit ist der Kampf in_ Ichtershausen ehrenvoll beendet. Die Arbeiter haben ihre Organisation schätzen und die Firma hat sie achten gelernt. Wenn die Beendigung der Aussperrung in Thüringen Ort für Ort geregelt werden muß. weil der Metallinduftriellen-Verband nicht den Einfluß hat. eine zentrale Regelung herbeiführen zu können, so ist für die Ortsgruppe der Metallindustriellen in Saalfeld a. S. nicht einmal eine gemeinschaftliche Regelung möglich geworden, weil dem Borsitzenden, Herrn Franz Jrmischer, die Fähigkeit zur Er- ledigung der Sache fehlt, trotzdem er Stadtverordneten-Vorsteher in Saalfeld a. S. ist. Aus dem Grunde wurden für Saalfeld a. S. die Verhandlungen für jeden Betrieb besonders geführt und die Arbeit ebenfalls nach den so erzielten Vereinbarungen aufgenommen, das im Laufe der vergangenen Woche in allen Bc- trieben geschehen und soweit durchgeführt ist, daß noch etwa 30 Personen ihren Arbeitsantritt in der nächsten Zeit vornehmen sollen.— Da in der Aussperrungszeit in Saalfeld a. S. drei Be- triebe abgebrannt sind, so können eine Anzahl Arbeiter nicht sofort die Arbeil aufnehmen. Die Regelungen zur Beendigung der Aussperrung in K a tz- Hütte in Thür, war der Ortsgruppe der Arbeitgeber in Saal- eld a. S. und in letzter Stunde der Ortsgruppe Erfurt überwiesen worden, nachdem von Saalfeld a. S. eine Regelung nicht mehr in Aussicht zu nehmen war. Die Firma Rohrbach in Katzhütte ver- ücht, die Arbeiter mit Einladungen einzeln und nach ihrer Auswahl zur Arbeitsaufnahme zu bewegen, was von den Aus« gesperrten einmütig abgelehnt wurde. Die danach von den Aus« zesperrten angebotenen Verhandlungen ergaben die Bereitwilligkeit >er Firma, alle Arbeiter sofort einzustellen. Die Firma lehnte jedes Zugeständnis zu den vorhandenen materiellen Wünschen der Arbeiter ab. Da auch wiederholte Verhandlungen keine Verständigung er- möglichten und die Arbeiter mit ihren Forderungen schon sehr weit zurückgegangen waren, wurde die Aufnahme der Arbeit zum Montag, den 2. Oktober, beschlossen. Der Beschluß wurde gefaßt, um den Friedensschluß auf der ganzen Linie zu fördern. Damit ist die Aussperrung in Thüringen beendet. Lorbeeren konnte der Metallindustriellenverband damit nicht ernten. Der Formstccherstreik in Griesheim bei Tarmstadt, der seit Anfang Dezember vorigen Jahres auf beiden Seiten mit einer in unseren Reihen noch nie dagewesenen Hartnäckigkeit geführt wurde, ist am 23. September durch Verhandlungen beigelegt worden. Nach« dem vor kurzer Zeit die Vermittclung des Darmsitädter KreisamtcS angerufen wurde, welche auch in anerkennenswerter Weise sofort zu- gesagt wurde, und nachdem der Fabrikinspektor bei den besireikten Internehmern vorgesprochen hatte, zogen eS die Prinzipale vor, sich direkt mit den Gehilfen zu einige». Än den Verhandlungen nahmen auch je ein Vertreter des Hauptvorstandes und der Zentratkommisfion der Gehilfenorganisation(des Verbandes der Lithographen, Stein« drucker und verwandten Berufe Deutschlands) teil. Zugestanden wurden die geforderten, im Formstcchergewerbe allgemein üblichen Lohn- und Albeitsbedinguugen. Die noch vorhandenen Streikenden werden wieder eingestellt. Tarifbetvegung in der Wäschebranche. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma W. Blume, I. n, Hauser, A. Nürnberg, F. u. M. Simon, G. Salinger und Woh Hhmann haben durch ihre Organisation neue Tarisforderungen�ge W. ohl u. stellt. Den Firmen war bis zum 30. September Frist gelassen, darauf zu antworten. Für die Firma Hauser finden Dienstag, den 3. Oktober, seitens der Organisation der Wäschcarbeiter Ver- Handlungen statt. Bei der Firma Blume haben Montag früh sämtliche Arbeiterinnen die Arbeit eingestellt. Da die in Frage kommenden Wläschefabriken Blume, Nürnberg, Simon, G. Salin ger und Wohl u. Hymann auf die eingereichten Forderungen der Arbeiter keine Antwort erteilt haben, so sind die Betriebe gesperrt. Die Ortsverwaltung, Berlin III. Achtung, Fensterputzer! In dem FensterreinigimgSinstitut „Borussia", Inhaber Voigt, sind wegen Lohndiffercnzen die Arbeiter in Streik getreten. Der Unternehmer, der entgegen den Abmackmngen des Einheitstarifes 22 M. bezahlte, weigerte sich, den Einheitstarif anzuerkennen. Zuzug ist fernzuhalten. Transportarbeiter- Verband. Ortsverwaltung Berlin. veutfebea Reich. Beendete Aussperrung in der Metallindustrie in Thüringen. Die eigenartige und vollständig unberechtigte Aussperrung der Metallarbeiter in Thüringen ist jetzt so weit beendigt, daß nur noch eine allgemeine, offizielle Beendigung zu erfolgen braucht. Die Ortsgruppe Gera des Verbandes Thüringischer Metall- industrieller gab nach einer AuSschußsitzung ihreS Verbandes auf die Forderungen der Arbeiter eine Antwort, die einige Zugeständnisse enthielt. Für die Ausgesperrten wurde daraufhin ein Ultimatum an die Unternehmer gestellt. da-Z verlangt: 1. Die Arbeit wird in sämtlichen Betrieben, wo sie noch nicht 58 Stunden beträgt, auf 68 Stunden herabgesetzt. 2. Es wird eine sofortige Teuerungszulage gewährt von 2 Pf. pro Stunde und zwar für alle in Lohn geleistete Arbeits« zeit. 8. Am 1. Juli 1912 wird die ArzeitSzeit auf 57 Stunden herabgemindert, unter Gewährung einer Lohnzulage von 1 Pf. pro Stunde, wiederum für die in Lohn geleistete Arbeitszeit. letzte Nachrichten* Grosifeuer in Riigenwalde. Der Ort Rügenwalde in Pommern, in der ganzen Welt bekannt durch seine delikaten Gänsebrüste, ist am Montag von einem großen Schadenfeuer heimgesucht worden. Nach den bisher vorliegenden telephonischcn Nachrichten sind mehr als 40 Gebäude eingeäschert, wodurch 30 Familien obdachlos wurden. Außer vielen Borräten sollen auch Stallungen mit zahlreichem Kleinvieh ein Raub der Flammen geworden sein. Erst gegen Abend gelang es, den Brand einzudämmen. Er soll in einem Stall des Schmieds W. Witzle in der Erbstraße auS unbekannter Ursache ausgekommen sein. Leider sind mehrere der Abgebrannten nur geringversichert._ Die französischen Gewerkschaftler für den Generalstreik Paris, 2.'Oktober.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Eine hier stattgefundene Konserenz der Arbeitsbörsen und Berufsverbände beschloß mit III gegen 5 Stimmen, bei 3 Stimmenthaltungen, im Falle einer Kriegserklärung den Generalstreik zu proklamieren. Die Buchdrucker, die unter marxistischer Leitung stehenden Textilarbeiter und die kaufmännischen Ange st eilten stimmten dagegen, die Bergarbeiter dafür, während sich die E i s e n« b a h n e r der Abstimmung enthielten. Ein Konflikt in Kreta. Rom, 2. Oktober. Die„Agencia Stefani" meldet aus Canea: Die Verwaltung der türkischen Leuchttürme sandte auf Befehl der türkischen Admiralität ihren Beamten auf Kreta die tele- graphische Weisung, die Feuer aller Leuchttürme auf der Insel zu löschen. Die Konsuln Frankreichs, Englands, Rußlands und Italiens haben jedoch in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Krctafchutzmächte auf ihre Verantwortung Maßnahmen angeordnet. um die Ausführung des Befehls zu verhindern und haben zugleich ihre Regierungen um weitere Weisungen gebeten. Winter im Riesengebirge. Breslau, 2. Oktober.(W. T. B.) Im ganzen Riesen- gebirge fällt bis auf 800 Meter herab andauernd starker Schnee. Bei der Hampelbaude erreicht die Höhe des Schnees hercits 25 Zentimeter. Sturmschaden auf der Scheide. Antwerpen, 2. Oktober.(W. T. B.) Der Dampfer„Eduard Dowson" ist auf der Scheide gestrandet und iu Brand geraten. Fünf Mann der Besatzung werden vermißt, ein sechster ist tot, ein siebenter liegt im Sterben. In Bruinisse ist eine »anze Fischcrbootsflottille verschwunden. Die Scheide führt zahl- reiche Leichen ml: sich. Der angerichtete Schaden ist außerordentlich bedeutend. Ein Leutnant als Mörder. Budapest, 2. Oktober.(B. H.) Gestern erschoß der Oberst. leutnant Robert Bartl den Leutnant Edmund Lazar auf der Straße, weil BartlS Frau die Absicht hatte, sich>""1 ihrem Manne scheiden zu lassen, um Lazar zu heiraten.' Zugentgleisung in Südrusiland. Jekaterinoslaw, 2. Oktober.(W. T. B.) JwWen den Stationen Zllarionowo und Ssinclmikowo entgleiste ein Kurierzng infolge böswilligen Losschraubens des Gleises. Zwanzig Personen wurden verletzt. verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glicke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt PaulSinger i Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u. UuterhaltungSbl. it. ZA. 28. Iahrgavs. 1. KeilsU des.MMs" Kcrlim NxllisdlM Dienstllg, 3. Oktober 1911. vss Lob äer Keichz-Veriichei'uvgz- vrcknung. Mit regrK Nfer find die Herren vom Zentrum bemüht, ihren Anhängern darzulegen, welche große sozialpolitische Schöpfung sie mit der Reichsversicherungsordnung vollbracht haben, wie all ihr Tun und Handeln, auch da, wo es gegen die Arbeiter gerichtet war, doch nur im höheren Interesse sozialer Pflichterfüllung, in der Ab- ficht, das Werk zustande zu bringen, geschehen ist. In Versamm- jungen und in der Presse wird unausgesetzt das Thema variiert mit der Anklage gegen die bösen Sozialdemokraten, die darauf hinaus- gingen, gar nichts zu stände zu bringen und unerfüllbare Wünsche stellten. Unerfüllbar waren die Wünsche nur deshalb, weil das Zentrum und seine konservativen Freunde gut begründete Anforderungen der Sozialdemokraten ablehnten, um keine weiteren Lasten den Unter- nehmern und dem Großgrun!�>esitzer aufzuerlegen. Es kann deshalb nicht oft genug dieses reaktionäre Gebaren des Zentrums, das sich so gerne den Anstrich von Arbeiterfreund- lichkeit gibt, gegeißelt werden. Man wird es verstehen, wenn der ganze Heerbann der Agitatoren einsetzt, um die engelreinen Ab- sichten des Zentrums und der christlichen Arbeitervertreter bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung im Reichstag den Gläubi- gen darzutun, wird doch bei den Wahlen gerade diese Stellungnahme des Zentrums keine untergeordnete Rolle spielen. Wenn ein wenig Selbstkritik in diesen Kreisen vorhanden wäre, müßte schon die Stellung des Zentrums vor und nach der Beratung der Reichsver- ficherungeiordnung seine Anhänger stutzig machen. Es ist außer- ordentlich dankbar, gegenüberzustellen, das, was die Kritik des Zen- trums vor der Beratung des Gesetzes leistete, um dann die voll- kommene Umkehr nach und nach im Reichstage und nun in der weiteren öffentlichen Kritik gegenüberzustellen. Das bedenkliche ihrer Situation haben die am meisten Kam- promittiertcn bald erkannt, und so bemühte man sich mit allen Mitteln, den Sachverhalt zu verdunkeln und zum Ueberflutz schließ- lich die Sozialdemokratie noch für die Mängel des Gesetzes verant- wortlich zu machen. Den neuesten Versuch dieser Art unternimmt der Arbeiter» fekretär und Landtagsabgeordnete Heinrich Königbauer in München än der in der Buchhandlung des Verbandes süddeutscher katholischer Arbeitervereine herausgegebenen Broschüre mit dem Titel„Rotz wendigkeit, EntWickelung und jetziger Stand der deutschen Arbeiterversicherung*. Sie enthält eine Rechtfertigung der Stellung des Zentrums zur Reichsversicherungs- ordnung. Wir übergehen die einleitend vorgetragenen üblichen Lob- preisungen der sozialpolitischen Erlasse Wilhelm I. und Wilhelm II., die ein ständiges Kapitel zum Aufputz auch der schwächlichsten Sozialpolitik geworden sind und wenden uns zu dem, was der Ver- fasser zur Begründung der Stellung des Zentrums zur Reichsver sicherungsordnung vorbringt. .Vorhandene Mängel überschreibt Herr Königbauer ein Kapitel seiner Schrift, und in der Tat werden einige grundsätzliche Mangel angeführt, die von der Sozialdemokratie bei Beratung des Gesetzes und auch vorher in der öffentlichen Diskussion von dem Verfechter der ZcntrumStaktik geltend gemacht wurden. Nur fehlt die Konsequenz in der Tarstellung, die nun erwarten ließe, daß das Zentrum diese Schäden des Gesetzes zu beseitigen suchte, nein; das Üebel ist mit Hilfe des Zentrums beibehalten und teilweise ver schlimmert worden. Königbauer erkennt an, daß von sozialpolitisch erfahrenen Leuten die Zersplitterung der Krankenkassenorganisation beklagt wird, er betont die Abneigung der Arbeiter gegen die Be- triebskrankcnkassen und hebt den großen Einfluß der Unternehmer in diesen Kassen hervor. Nur sagt er seinen Lesern nicht, daß das Zentrum gegenüber der Regierungsvorlage eine Stärkung der Betriebskrankcnkasscn herbeigeführt hat. Es muß immer wieder be- tont werden, daß die Regierungsvorlage nur Betriebskrankenkasse.i in Betrieben, die SOl) und mehr Arbeiter beschäftigen, zulassen wollte, während Herr Herold vom Zentrum in der Kommission be- fürwortete, schon bei 50 Arbeitern in der Industrie und 20 Arbeitern in der Landwirtschaft die Betriebskasse zuzulassen. Die christlichen Arbeitervertreter gelangten aber mit ihren agrarischen Freunden kleines feuilleton. Der italienisch-türkische Krieg in der Satire. Ei».Diplomatisches Drama in zwei Akten* veröffentlicht Cloment Vautel im.Matin*. Der erste Akt spielt irgendwo in der Türkei. Der Marquis von San Giuliano, ein italienischer Diplomat, wird von Briganten überfallen. Erster Brigant:„DaS Geld...* Zweiter Brigant:.... oder das Leben I' Der Diplomat:.Schöne Geschichten das l Leben wir eigent lich im zwanzigsten Jahrhundert oder nicht?* Erster Brigant:.Halten Sie hier keine Vorträge! Sofort Geld her oder...* sEr zeigt seinen mit zahlreichen Dolchen und Pistolen gespickten Gürtel.) Der Diplomat:„Und dabei befinden wir uns hier in einem zivilfficrten Lande. Was würde erst geschehen, wenn das Land nicht zivilisiert wäre!* sEr gibt den Räubern alles, wa« er besitzt.) Der zweite Akr spielt in Konstantinopel: Derselbe Marquis von San Giuliano vringt beim Großwesir ein. Der Diplomat:.Tripolis oder Krieg!* Der Großwesir:.Schöne Geschichten daSI Leben wir eigentlich im zwanzigsten Jahrhundert oder nicht?* . Der Diplomat:.Halten Sie keine Vorträge! Hier ist das Ultimatum:„Tripolis innerhalb vienmdzwanzig Stunden oder...* i�r zieht den Großwesir ans Fenster und zeigt ihm ein italienisches Schiff.).Und wir haben noch mehr von der Sorte!* Der Großwesir:.Und dabei sind wir doch beide zivilisierte Menschen! Aas würde erst geschehen, wenn wir es nicht wären!" Ter zweite Akt wird sicher genau so eiiden wie der erste. Theater. Theater in der Königgrätzer Straße:.Die Spielereien einerKaiserin" von Max Dauthendey. DaS von der Bürde seines programmatisch stolzen NamenS jetzt endlich befreite Hebbeltheater eröffnete unter der Direktion von Meinhard und Bernauer die neue Spielzeit, nicht eben glücklich, mit dem drania- iischen Versuche eines als Lyriker bekannten und geschätzten Autor«. Dauthendeys fünf Akie find nicht nur kein Ganzes, kein Drama; die Situationen, die er hier an einer Schnur aufreiht, entschädige» für den Mangel inneren Zusammenhanges auch nicht durch andere dichterische Qualitäten. Nach dem eigenartigen, Spannung erregenden Auftakt des ersten Aktes, biegt er schleunig in die Bahnen einer leeren Thcatralik um. Die Farben in vem Bild der Kaiserin lausen im kunterbunten Mischmasch durcheinander; die Kontraste, durch hie er dw Figur vertiefen möchte, gehen nicht in einer Einheit auf; sie stehen siöi spröde und unvermittelt gegenüber. Man sieht die Absicht einer Tragik, doch ohne jede Möglichkeit des Mitempfindens 1 Heldin des Stückes ist das berühmte livländische Dragonerweib. daS in russische Kriegsgefangenschaft gerät, a«S den Händen Mensch'koffS m die Peters des Großen überging, vom stände einer kaiserlichen Houptmaitresse zur Kaiserin avancierte. ,m Trunk und in Ausschweifungen dem Beispiel des erlauchten Gemahl» erfolgreich nacheiferte und mit Menschikoffs, ihres alten GünstlingS. Hilfe nach PeterS Tode im Jahre 172ö den Thron hßsiieg. Dauthendey begleitet diese Katharina in all' den ver- schließlich auch dazu, für die Industrie die Mindestzahl der beschäf- tjgten Arbeiter auf 150 und für die Landwirtschaft auf 50 festzu- setzen. Wenn also Herr Königbauer und andere seiner Zentrums- freunde ihren Anhängern immer vorreden: Es war in der Reichs- versichevungsordnung nicht mehr zu erreichen, weil die Regierung absolut nicht dem Zentrum entgegenkam,— so handelte es sich hier um eine vom Zentrum ausgehende erhebliche Verschlechterung der Vorlage, die von den„christlichen Arbeiterfrennden" den Scharf- machern im eigenen Lager konzediert werden mußte. Ein Vorgang, der sich im Laufe der Beratung noch oft wiederholte. Gehen wir weiter den Mängeln nach, die Herr Königbauer regi- striert. Er plädiert für eine Ausdehnung der Versicherungspflicht auf Handelsangestellte, Betriebsbeamte und Werkmeister mit einem Einkommen von über 2000 Mk. Das Zentrum setzte die Einkommen- grenze auf 2500 Mk. hinauf, obwohl die Angestelltenverbände jede Begrenzung verworfen hatten, mindestens aber bis 5000 Mk. Ein« kommen die Versicherungspflicht forderten. Das Zentrum versagte hier vollkommen; denn es gestattete nicht einmal die Weiterversiche- rung der Handlungsgehilfen und Werkmeister bei einem Einkommen über 4000' Mk., und fügte damit eine neue Verschlechterung der Vorlage bei, die allerdings auch die Unterstützung des Herrn Dr. Mugdan fand. Der Verteidiger der Taktik des Zentrums zählt uns als weitere Mängel des Gesetzes auf: Das Ausscheiden der Gewerbekrankheiten in der Unfallversicherung, niedere Renten der Landarbeiter, die Beschränkung der Unfallrente aus 66% Proz. des Jahresarbeitsverdienstes, die Gewährung der Altersrente bei Vollendung des 70. Jahres, anstatt des 65. Jahres und das Fehlen einer Invaliden- Versicherung der Heimarbeiter. Daß auf allen diesen Ge- bieten die Anträge der Sozialdemokraten von den Zentrumsvertretern abgelehnt wurden, be- richtet Herr Königbauer nicht. Er fügt nur zur Be- ruhigung der chcistlidhcn Arbeiterschaft hinzu: „Wir sehen also, daß vielen Klagen, die in den Reihen der Arbeiterschaft bezüglich der Arbeiterversicherung vorgebracht wor- den sind, eine Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Andererseits mutzte man sich aber bewußt sein, daß bei einer Abänderung des Vcrsicherungsrechts niemals alle Fehler beseitigt werden konnten. Ganz besonders war das zu erwarten auf jenen Gebieten, auf welchen die Erfüllung der an und für sich gewiß berechtigten Wünsche bedeutende Mehrausgaben erfordern werden. Wir haben uns deshalb in der christlich-nationalen Arbeiter- bewegung stets darauf beschränkt, zunächst die Angriffe auf die Rechte der Versicherten abzuweisen, die aus Scharfmacherkreisen in nicht geringer Anzahl erhoben wurden." Wenn man schon bescheiden ist und nicht die Abstellung aller Klagen verlangt, so ist die Verzichtleistung auf die Beseitigung auch nur einer Klage aus den Arbeitcrkreisen eine Konzession an die Scharfmacher, nie aber eine Handlung, bei der Interessen der Arbeiter ausschlaggebend waren. Wo aber sind vom Zentrum die Angriffe auf die Rechte der Versicherten abgewiesen, die aus Scharftnacherkreisen erhoben wurden? Die Scharfmacher haben ihre Sonderrechte in den Be- triebskrankenkassen erhalten, weit mehr, als die Regierung vorsah. der Einfluß der Scharfmacher ist in der Verwaltung verstärkt durch den größeren Einfluß im Vorstand der Krankenkasse, ohne Zu- stimmung der Scharfmacher wird künftig kein Beamter in der Kasse, nicht einmal ein Laufbursche, angestellt; der Einfluß der Scharfmacher in der Berufsgenossenschaft ist geblieben, das Ver- langen des Kleingewerbes auf eine Gleichstellung in der Verwal- tung zurückgewiesen, der Einfluß des VersicherungsamteS bei der Rcntensestsetzung auf Wunsch der Scharfmacher beseitigt, entgegen der Regierungsvorlage der Erlaß von Unfallvcrhütungsvorschristen in der Landwirtschast in das Belieben der Scharfmacher gestellt, der Anspruch aus der Krankenversicherung für die Landarbeiter auf Wunsch der Scharfmacher ungünstiger gestellt, als für die Industrie- arbciter, die Landarbeiter um die Wahl einer Verwaltung der Krankenkasse gebracht, die Wöchnerinnenunterstützung der Land- arbeiterin, entgegen der Regierungsvorlage, gekürzt, die Heim- arbeiter entsprechend dem Verlangen der Großkausleute aus der Invalidenversicherung ferngehalten und das Streitverfahren für den Versicherten verschlechtert. Die Reihe ließe sich noch eheblich verlängern, es sind nur die markantesten Vorgänge hervorgehoben, die aber zugleich den untrüg- lichen Beweis liefern, daß auch nicht ein einziger Anschlag der schiedencn Phasen ihres abenteuerreichen Schicksals. Man sieht sie in dem Zelte Menschikoffs: eine heißblütige, tollkühne Soldaten- dirne, die sich dem Feldherrn hingibt, um für ihren gefaiiaenen Mann die Freiheit zu erkaufen. Verliebtkeit in den russischen KriegSgelvaltigen schlägt um in Drohen und Wüten, da er mit der Erfüllung des Versprechens zögert; und als sie ihren armen branntlveindustenden Iwan wiedersieht, scheint sie de» andern völlig zu vergessen. Der jähe Wechsel des Empfindens ist hier in ein- drucksvoller Weise nicht ohne eine gewisse psychologische Glaub» Würdigkeit dargestellt. Aber je höher Katharina steigt, um so geliinsteller wird dieses Leitmotiv des Umschlagens und der Exzentrizitäten fortgeführt. Mensckiikoff, der slrupeUose Genußmensch des ersten Aktes, hat sich, da Katharina nun einmal Gelegenheit zum Pathos un- gestillten LiebeSschnens habe» soll, in einen entsagungsvollen Ritter Toggenburg zu wandeln, der wohl andere Liebhaber seiner Kaiserin totschlägt, selbst aber keinen Antrag wagt— aus Zarentreue! Sie schmachten beide bis zu PeterS Tode im fünften Akt; im sechsten, der sich Epilog nennt, sitzt er knmmervoll am Bette der Sterbenden. Tilla Durieux bewies auch in dieser Rolle wieder ihre emi- nente Kunst. Aus den Unmöglichkeiten des Dichters läßt sich nichts Einheitliches schaffen, dafür gab sie in Mienen, Sprache und Ge- bürden wundervolle packende Momcntbilder der Leidenschaft. Gut war auch Ludwig H a r t a u in der Figur de» Zaren. 6t. Neues Theater:„Die Näherin*, Posse von Ludwig Held. Musik von Karl M i l l ö ck e r. Obgleich Musikfragmente des bewährten Oprrettenkomponisten aufgeboten werden— diese ..Posse" ist doch ein elender Schmarrn. Daran ändert auch Hansi Niese nichts, die als Näherin die drolligsten Kapriolen und Ver- Wandlungen vorführt. Eins muß man ihr lassen: das Habit eines Vollblutmagyaren bis auf die sporenklirrenden Langschäftigen und den kräftigen Schnauzbart steht ihr gut; und den Czardas tanzt sie virtuos. Mehr ist freilich nicht zu sagen; bestenfalls noch, daß sie ein Stück echt wienerischer Luft verbreitet, wofür das Publikum, in erster Linie natürlich die zahlreichen Landsleute, mit Lachsalven, Beifallsbezeugungen und Ueberreichung eines Riesenkranzes er» kenntlich waren. e. K. Münchener Theater. Der Münchener Satiriker Josef Ruederer hat wohl an die zehn Jahre gearbeitet und gefeilt an der historischen Tragödie:„Der Schmied von Kock! el*. die im Münchener Schauspielhaus am Sonnabend zur Uraufführiing kam und dem Dichter leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat. Wie dem erfolgreichen Tbeatraliker Schönherr, hat wohl auch ihm der leuchtende Gedanke vorgeschwebt, die„Tragödie eines Volkes' zu schreiben. Aber die schöpferische Kraft, die un» eine„Fahnenweihe*. die geistig überlegene Hofkomödie„Die Morgenröte" und manche bodenständige Münchener Satre geschenkt hat. erwies sich nicht stark genug, eine» tragischen Volkshelden sinnfällig und überzeugend zu gestalten. Die Zeitgenossen kchinen den Stoff der Tragödie aus den: Rcllameplakat der Kochelbrauerei. Wo der riefige, Iveißbärtige Schmied an der Spitze der Oberländer Bauern mit gewaltigem Stoß seiner Wagendeichsel das Scheunentor aufbricht, hinter dem die Kaiserlichen stecken. Ruederer hat darauf verzichtet die jainmer- vollste Episode des Bayerischen Kurfürstenclends unter dem ver» lodderten Französlmg Max Emanuel, die Tatsächlichkeiten der»Send» Scharfmacher gegen die Arbeiterversicherung zurückgewiesen wurde, ihre wichtigsten Forderungen sind vom Zentrum, von den„christ- lichen Arbeitervertretern", begründet und zur Durchführung gebracht worden. So sieht die Abwehr der Angriffe auf die Ver- sicherten aus, die das Zentrum betrieben hat. Ii» Wahrheit konnte der Zentralverband deutscher Jndu- strieller und der Verband der Berufsgenossen- schaften keine bessere Vertretung finden, als die Zentrumspolitiker. Man hat es auch verstanden, mit den Unternehmern bessere Fühlung zu unterhalten, als mit den Ver- tretern der Krankenkassen. Wohl nahmen christliche Vertreter an dem Kongreß der Krankenkassen teil, Herr Becker und Giesberts ließen sich sogar in einen Ausschutz wählen, den der Kongreß ein- setzte, aber sehen ließen sich die Herren an dieser Stätte nicht mehr, sie hajten den Anschluß auf der Scharfmacherscite gefundeg» Soziales. Heilbehandlung der Vcrsichcrungsanstalten. Im Verlage von Behrend u. Co. in Berlin IV. 64, Unter den Linden 16, ist soeben die im Reichsversicherungsamte bearbeitete „Statistik der Heilbehandlung bei den Versicherungsanstalten und zugelassenen Knsseneinrichtungen für die Jahre 1905 bis 1910" (239 Seiten, Preis 5 M.) erschienen. Sie gibt fi» ausführlichen Vorbemerkungen und zahlreichen Tabellen eingehende Auskunft über Umfang, Kosten und Erfolge der Heilbehandlung, über oie von den Versicherungsanstalten errichteten eigenen Heilanstalten sowie über ihre sonstigen Maßnahmen auf dem Gebiete der all- gemeinen Volkswohlfahrtspflege. Die außerordentliche Bedeutung, die diesem Zweige d?r sozialen Fürsorge zukommt, wird am wirk- samstcn durch die Gegenüberstellung folgender Zahlen veranschau- licht. Im Jahre 1900 sind 27 427 Personen mit einem Kosten- aufwände von 6,2 Millionen Mark behandelt worden. Im Jahre 1910 dagegen betrug die Zahl der behandelten Personen bereits 114 310 und der Gesamtkostcnaufwand 26,6 Millionen Mark. Der hauptsächlichste Kampf gilt der Lungen- und Kehlkopf- tuberkulöse; ihr ist als der größten und wichtigsten Krankheits- gruppe auch der breiteste Raum in der Bearbeitung gewährt worden. Ein besonderer Abschnitt ist der Behandlung des Lupus gewidmet, der weniger infolge seiner Hänfigkcit, als wegen der schreckenden Form seines Auftretens das Eingreifen der Ver- sichernngSanstalten notwendig macht. Die dritte Krankheitsgruppe umfaßt alle übrigen Leiden, wie beispielsweise Gicht, Rheuma- tiSmus, Nervosität, Blutarmut. Herz und sonstige Lungenlcidcn, Trunksucht usw. Naturgemäß liegt der Hauptwert und die praktische Bedeutung der Statistik hinsichtlich der erzielten Erfolge überwiegend auf dem Gebiete der Lungentuberkulose, und hier zeigt die Bearbeitung, daß zur Erzielung einwandfreier Ergebnisse mit großer Sorgfalt verfahren ist, indem aus dem zahlreichen Bcobachtungsmatcrial nur zweifelsfreie Fälle zur Beurteilung der Erfolge herangezogen wurden. In dieser Krankheitsgruppe sind nicht nur die Wirtschaft- lichen Erfolge(Beseitigung der Erwerbsunfähigkeit gemäß§ S Abs. 4 des Jnvalidenversicherungsgesetzes) zur Darstellung ge- kommen, sondern es sind auch durch Feststellung des Krankheits- bildes vor und nach der Behandlung auf Grund der Turban- Gerhardtschcn— Kaiserliches Gesundheitsamt— Stadien- einteilung die medizinischen Erfolge in wirksamer Weise ver- anschaulicht worden. Die Heilbehandlung hat borwiegend in Heilstätten, Gcnesungs- Häusern, Krankenanstalten und Bädern stattgefunden. Ein großer Teil der Kranken, besonders Lungentuberkulöse, ist in den eigenen Heilanstalten der Versicherungsträger behandelt worden. In einem Abschnitt der Statistik werden diese eigenen Heilstätten näher behandelt. Insbesondere findet man hier Angaben über die Zahl und Größe der Heilstätten, über Anschaffungs- und Betriebs- kosten und der Kosten der Naturalverpflegung. Auch über den linger Mordweihnacht 1705" realistisch zu behandeln. Z,, seinem Schaden verließ er den Boden, auf dein er bisher feststand und bi»g seinem Lebenswerk ein mystisch-symbolischeS Mäntelchen um. Der sagenhafte Schmied vom Roßhofe am Kochelsee— gelebt hat er nie. obwohl man ihm Denkmäler gesetzt hat— schwebte ihm in mannigfacher Gestalt vor. Als die Verkörperung markiger oberbayerischer Bauern- kraft, als politischer GlaubeuShort des einfachen Landvolkes in der schweren Zeit, da die bayerische Ilntertanentreue hinten und vorne verraten war. als ein Prophet und Visionär und wunderlicher Heiliger, der fest an seine eigene Wunderkraft glaubt. Keines von all' diesen Erscheinungsformen des Helden geriet aber Ruederer bühnenmäßig deutlich.„Balthasar", wie der Schmied hier heißt ist ein sehr passiver Held. Er handelt nur einmal, als er— ganz Bild— drei gewaltige Hammerschläge auf den verlassenen AmboS tut, die den„Silbernen Ritter" herbeizaubern sollen. Der aber (sein Idol, der Kurfürst) saß in Brüssel und schlampampte mit Weibern. Sonst tut der Schmied nichts, an den das Volk doch glauben soll, als statuarisch stille stehen und warten, warten auf das Wunderbare. So mußte man ernüchtert und unbefriedigt von der Gestalt des Volkshelden selbst sich begnügen mit der onschaulichen Charakteristik scharf um- rissener Nebcngestalten wie des Mathies, de« Sohnes des Schmiedes oder des historischen Jägerwirts, der Seele de« Münchener Auf- standes gegen die Kaiserlichen, mußte sich freuen der unerschrockenen Sprache, die— von jeher ein Verdienst des aufrechten Ruederer— die Dmge beim rechten Namen zu nennen sich„ichr scheut Die Darstellung— ein fast rein norddeutsches Ensemble in einem bayerische» Volksstück I— war wenig genügend. Der Schlußakt in dem das Publikum endgültig seuie hohen Erwartungen betrogen sah, wurde abgelehnt. � Humor und Satire. Hungerlogik. Dem Satten ist das Herz verstockt. Wer hungert, dem ist alles schnuvve. Ihr habt sie selber eingebrockt Nun löffelt aus die Beltlersiippe I Sie bauen wirklich Barrikaden I Der Herr Geheimrat werden blaß- Der Spießer wimmert:.Euer Gnade«. Ich bitt' Sw: Derffen sie oenn das? DaS Gas erlischt in Ottakring. Der Herr Minister kriegt die Kolik. Fürwahr, es ist ein eigen Ding Um österreichische Symbolik. Herr Christus predigte Erbarmen- Das ist zweitausend Jahre her. Wir stillen den Hunger mit Gendarmen Und. ist er groß, mit Militär. Der Junker bläst jetzt in die Kohlen: .Die Sozi find es!* Herr, vergib l Du weißt: Ein jeder, der gestohlen. Rennt hinterdrein und hascht den Dieb! (E. Steiger im.SimplicisfiMUS".) iUmfattg der Beschäftigung der Pfleglinge in dieseti Anstalten gibt die Statistik Aufschluß. Auf dem Gebiete der allgemeinen VolkswoWahrt ist nament- lich die Jnvalidenhauspflege zu nennen. Unheilbare Lungen- oder Kehlkopstuberkulöse, die ihre Umgebung oft in schlimmster Weise gefährden, werden auf ihren Wunsch Anstalten überwiesen, in denen ihnen die Wohltat einer sachgemäßen Pflege zuteil wird. Zur Durchführung einer geordneten Krankenpflege auf dem Lande sind Beihilfen im größeren Umfange gezahlt worden, die Haupt- sächlich zur Unterhaltung von Krankenpflegerinnen in Land- gemeinden, zur Beschaffung von Pflegegerätschaften und zur Aus- bildung von freiwilligen Helferinnen Verwendung fanden. Aus der Bearbeitung ist ferner zu ersehen, in welchem Umfang und zu welchen Zwecken die Vrstchcrungsträger Aufwendungen auf oem Gebiete der vorbeugenden Heilfürsorge gemacht haben. Es handelt sich hier um Beihilfen zur Errichtung von Heilstätten, Auskunft?- und Fürsorgestellen für Lungenkranke, Walderholungsstätten, serner Beiträge an Vereine, die sich die Bekämpfung der Trunk- sucht, der Geschlechtskrankheiten, des Lupus usw. zur Aufgabe ge- macht haben. Endlich sei erwähnt die Uebersicht über die Dar- lehcn, welche Versicherungsträger der Invalidenversicherung zum Bau von privaten Heilstätten für Tuberkulöse zu mäßigen Zins- sähen hergegeben haben. Für Angehörige des ärztlichen Berufs und für alle mit der Fürsorge betrauten Stellen, vornehmlich für solche, die sich in den Dienst der Tuberkulosebekämpfung ge- Jtellt haben, bietet die Statistik wertvolle Hinweise. Diese amtliche Statistik enthält eine scharfe Verurteilung der Regierungen und der Neichstagsmchrheit, die in der Reichs- Versicherungsordnung bekanntlich eine Vorschrift ZUt! Herab- | e h u n g der Heilbehandlung enthält. Versammlungen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma Aroü, Fabrik für Elcktrizitäiszähler in Chnrlottenburg, versammelten sich am Donnerstagabend im Volkshause, Rosinenstratze, zur Besprechung der Betriebsangclcgenheiten. Der Referent Horn, vom Deut- scheu Metallarbeiterverband, trug eine Reihe von Beschwerden vor, deren Berücksichtigung von der Arbeiterschaft des Wertes dringend gewünscht wird. Die Versammlung war außerordentlich stark be- sucht und die Firma hatte einen Vertreter, den Betriebsleiter Neubauer, gesandt, um zu hören, welche Wünsche die Arbeiter haben. Der Referent schilderte zuerst die Entwickelung der Firma aus kleinen Anfängen zu einer großen Aktiengesellschaft, die um ijcdcn Preis große Profite erzielen will, worunter natürlich die Arbeiterschaft immer mehr zu leiden hatte. Für die Bedürfnisse der Arbeiter ist wenig gesorgt. So wurde zum Beispiel geklagt, daß die Garderobe für 409 Arbeiter im Keller untergebracht ist, wohin auch allerlei Schutt befördert wird. Die Garderobe für L99 Frauen ist ebenfalls an einem schlechten Plah, wo der Fußboden ständig �o naß ist, daß Bretter gelegt werden müssen; auch werden dort Säuren aufbewahrt, die ständig eine Gefahr bilden. Von der Feuerwehr wurde die Ansicht geäußert, daß dort ein zweiter Ausgang notwendig wäre.— In der Abteilung von Bürvenig haben 69 Arbeiterinnen nur ein Klosett, und bei Strafe ist es vec- boten, nach einem anderen Saal zu gehen. In einer anderen Ab- iteilung haben 69 Arbeiter nur ein Klosett. In der Abteilung Licht- warg werden jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren von 7 Uhr früb bis 8, manchmal bis 9 Uhr abends beschäftigt; sie erhalten 29 Pf. als Stundenlohn, für Ueberstunden 2 bis 3 Pf. Aufschlag. Andere Klagen betreffen das Strafsystem, das oftmals rücksichtslos aus- geübt wird; ferner die schlechte Ventilation in den Sälen, dann das Ueberstundenunwesen. Die sogenannten Wohlfahrtseinrich- tungen sind schlecht angeschrieben bei den Arbeitern, weil einmal sehr unzureichend, und weil ein Arbeiter leicht seine Entlassung zu erwarten hat, wenn er von einer Unterstützungseinrichtung Ge- brauch machen muß. In der Diskussion wurden die Ausführungen des Referenten bestätigt und ergänzt. Der Vertreter der Firma, Herr Neu- bau er, nahm mehrmalz das Wort; er erkannte die erhobenen Klage» zum Teil als berechtigt an und versprach auch, für mancher- lei Abhilfe zu sorgen. Die Versammelten beauftragten in einer Resolution den Arbeiterausschuß, bei der Direktion vorstellig zu werden und in einer späteren Versammlung Bericht zu erstatten. Zugleich machten sie es allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zur Pflicht, dem Deutschen Metallarbeiterverbande beizutreten, denn nur durch ein gemeinsames Vorgehen in einer guten Organi- sation könnten dauernde Verbesserungen erzielt werden. Entgegnung. Zu den Ausführungen Ungers habe ich folgendes zu bemerken: 1. Ich beanspruche keineswegs mehr Raum wie andere Dis- kufsionsredner, im Gegenteil, ich würde gern auf die Wiedergabe nieiner Worte verzichten, wenn Unger berichtet, da er sie, sei eS aus Unfähigkeit oder Tendenz, stets falsch referiert. Mit Recht kann ich aber beanspruchen, daß, wenn eine Wiedergabe meiner Worte erfolgt, sie nicht völlig sinnentstellende Fehler aufweist. 2. Im übrigen halte ich meine Behauptungen voll aufrecht (einen Teil hat Unger ja selbst zugegeben), speziell daß ich von Württemberg gesprochen habe. Um festzustellen, wer hier die Wahrheit spricht, habe ich die Angelegenheit der Preßkommission übergeben, welche ja den Tatbestand leicht ermitteln wird. Jedes weitere Wort ist also hier Raum- und Zeitverschwendung. _ Alexander Bloch. Spanbau. Am Mittwoch, den 4. Oktober, abend» 8'/, Uhr, findet bei Böblc, Hoveistr. LO, ein Arbeiter-SamariterkursuS statt, in welchem ein hiefiacr Slvjl einen Vortrag über.Physiologie" halten wird. Kursus-Teil- «ehmer können sich noch daselbst melden. Gmchts-Zeitung. In der Jrrenhausaffäre des Studenten Hagei» stand gestern wiederum vor der 43. Abteilung des Amtsgerichts Charlottenburg ein Termin an. Von dem Studenten Hagen war durch seine Rechtsvertreter, die Rechtsanwälte Dr. Ehrcnfricd und Bahn, bekanntlich der Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen den Anstaltsleiter Dr. Weiler in Charlottenburg beantragt worden. in welcher diesem aufgegeben wurde, dem Notar Aehnelt zur Be- alaubigung der Vollmacht und ferner den von Hagen namhaft ge- machten Aerzten den Zutritt zu seiner Anstalt zu gestatten. Ter Prozchvertreter des Dr. Weiler hatte bekanntlich in einem anderen Verfahren verlangt, daß die von Hagen gegebene Vollmacht des Rechtsanwalts Ehrenfried notariell beglaubigt werde, hatte dann aber, als der Notar Aehnelt zu diesem Zwecke erschien, diesem den Zutritt verweigert. Erst durch einen Richter der freiwilligen Ge- richtsbarkeit konnte die Vollmacht beglaubigt werden, nachdem er in einem Protokoll erklärt hatte, daß er nach sorgfältigster Prüfung zu dem Schlüsse gekommen sei, daß Hagen voll geschäftsfähig sei. In der gestrigen Verhandlung handelte es sich nur noch um den --weiten Teil jenes Antrages, den von Hagen vorgeschlagenen Aerzten zu gestatten, die Weilcrsche Anstalt zwecks Vornahme einer eingehenden Untersuchung zu besuchen. Rechtsanwalt Werthauer erklärte zu Beginn der Verhandlung, daß er von Dr. Weiler beauftragt sei, auch in diesem Verfahren den Antrag zu stellen, dem Rechtsanwalt Dr. Ehrenfried aufzugeben, eine nota- riell beglaubigte Bollmacht vorzulegen. Rechtsanwalt Dr. Ehren- fricd stellte hierauf den Antrag, nach§ 85 Z..P.-O. das Verfahren vorläufig für zulässig zu erklären und ihm auszugeben, bis zu dein Publikationstermin die verlangte beglaubigte Vollmacht einzu- reichen. In der Sache selbst führte der Vertreter des Klägers „och an: Wenn irgendeine Fürsorge für Hägen geschaffen werden -müsse, so könne dies auch von anderen Aerzten sehr gut geschehen. Kie pol» sfcr. Ueiselt ouSgehente Fürsorge sei oicht so ganz eis,. ivandSfrei, ivenn man bedenke, daß Dr. W. SV Mark pro Tag. also 18 90V M. pro Jahr, für diese Fürsorge erhalte. Der Fall des Rats- zimmermeisters E. in Wilmersdorf, der erst entmündigt und in die Weilerfche Anstalt untergebracht, dann aber rechtskräftig als vollkommen geschäftsfähig erklärt worden sei, beweise zur Evidenz, daß auch Dr. Weiler Irrtümern unterworfen sei. Der Sanitäts- rat Bilfinger spreche auch nicht umsonst von einem„Ring der Psychiater" und einem„Korpsgeist". Ein anderer Psychiater. Prof. Finkelnberg in Bonn, der versucht hatte, wider den Stachel zu löcken, sei auch sofort von seinen Kollegen in Acht und Bann getan. Dr. Ehrenfried wies sodann auf die eidesstattlichen Versicherungen mehrerer Wärter und Angestellten des Dr. Weiler hin, welche sämt- lich die Ansicht haben, daß durch die Einsperrung des Hagen ein Verbrechen verübt werde. So habe zum Beispiel der Stationspfleger Ullrich, ein Mann, dem allseitig das beste Zeugnis ausgestellt werde, erklärt, daß Dr. Weiler selbst den Wärtern streng verboten habe, mit Hagen zu sprechen, so daß dieser ganz stumpfsinnig werden müsse. Hagen sei nach seiner Meinung ein durckmus klar und logisch denkender Mensch, der an keinerlei Wahnborstellungen, insbesondere nicht an Verfolgungs'deen leide. Als Dr. Ehrenfried in Be- glcilung eines Gerichtsbcamten und eines Schlossers in der Anstalt erschien, sei Hagen auf Anordnung des Dr. Weiler schleunigst in den Garten geführt worden, so daß Dr. Ehrenfried in ein leeres Zimmer kam. Aehnliche Aeußerungen anderer Wärter könne er. wie Rechtsanwalt Dr. Ehrensried ausführte, jederzeit dem Gericht einreichen.— Rechtsanwalt Dr. Werthauer trat diesen Ausführun- gen, die vollkommen unzuverlässig seien, mit aller Schärfe entgegen. — In später Abendstunde beschloß das Gericht, für den nächsten Freitag Publikationstermin anzusetzen. Ein Staatsanwalt a. D. zu 3)-! Jahren Gefängnis verurteilt. Der in Dresden bekannte Rechtsanwalt Staatsanwalt a. D. Dr. Ludwig Thieme, ein Mann von 69 Jahren, stand am Sonn- abend vor der 5. Strafkammer des Dresdener Landgerichts, um sich wegen umfangreicher Unterschlagungen und Untreue zum Schaden der Stadt Dresden zu verantworten. Dr. Thieme ist durch ein verschwenderisches Leben, durch Unterhaltung zahlreicher kost- spieligen Verhältnisse und andere noble Passionen auf die schiefe Ebene gekommem Im Laufe der Voruntersuchung machte Dr. Thieme einen Selbstmordversuch. Er hatte in seiner Kanzlei nachts die Gashähne geöffnet und wurde frühmorgens von seinem Bureaupersonal leblos in seinem Pcivatbureau gefunden. Mit Hilfe der sofort herbeigerufenen Feuerwehr, die eine» Sauerstoffapparat in Anwendung brachte, gelang es, den Lebensmüden ins Leben zu- rückzurufen. Von diesem Tage an ging es mit dem Angeklagten schnell abwärts. Mit seiner Praxis ging eS rapide zu Ende, und als der Rat zu Dresden Rechnungslegung von Dr. Thieme in seiner Eigenschaft als Nachlaßverwaller einer der Stadt Dresden zuge- fallcnen Erbschaft in Höhe von 259 999 M. verlangte, stellte eS sich heraus, daß der Angeklagte große Veruntreuungen begangen hatte. deren Höhe auf S9 999 M. beziffert wurde. Seinen Einwand, er habe sich für berechtigt gehalten, diese Summe als„Honorar" für seine Mühewaltung für sich zu verwenden, ließ das Gericht natür- lich nicht gelten. Es verurteilte den einstmals vielgesuchten glän- zenden Verteidiger.- der seine Karriere als Staatsanwalt wegen persönlicher Differenzen aufgegeben hatte, zu 3 Jahren 6 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrenrechtsverlust. Wegen Fluchtverdachts erfolgte seine sofortige Inhaftnahme. Em aller Melt. Eine Stadt dureb CHalTerflutcn zerftort 500 Menschen getötet. Durch eine furchtbare Ueberschwemnrung ist am Sonn- abend die im nordamerikanisck)en Staate Arkansas gelegene Stadt Austin in wenigen Minuten fast vollständig zerstört worden. Urjache der entsetzlichen Katastrophe war ein D a m m b r ü ch des oberhalb der Stadt gelegenen künstlichen Sees. Wie Augenzeugen des Unglücks berichten, sei zuerst nur ein- kleines Loch bemerkt worden. Plötzlich gab der ganze, an 32 Fuß starke Damm in einer Länge von überbvÜFuß nach und Millionen Kubik- meter Wasser stürzten donnernd in dos etwa 300 Fuß tiefe Tal hinab. Ehe die Einwohnerschaft an Rettung denken konnte, hatten die Fluten die Stadt erreicht. Die Gebäude stürzten vor den andrängenden Wogen wie Kartenhäuser zu- sammen und begruben Hunderte von Menschen unter sich. Kaum hatten sich die Fluten etwas verlaufen, als durch eine Gasexplosion die Häusertrümmer in Brand gerieten. Viele Menschen, die sich aus den Fluten gerettet hatten, kamen im Feuer um. In der ersten Bestürzung wurde die Zahl der Opfer auf 2000 geschätzt, doch stellte sich heraus, daß viele männliche Einwohner auf den benachbarten Höhen ihrem Gewerbe als Holzfäller nachgingen. Die letzten Nach- richten von der Unglücksstätte sprechen von etwa 500 Toten und Hunderten mehr oder weniger schwer Ver- letzten. Ueber die Einzelheiten des furchtbaren Unglücks be- richten folgende Telegramme: New Vork, 1. Oktober. Austin ist jetzt eine grauenvolle Trümmerstätte. Die Flutwelle hat große Gebäude eine halbe Meile weit fortgerissen. Das nachfolgende Feuer machte eine Rettung unmöglich. Die ganze Nacht durch ertönten Hilfe- und SchmerzenSrufe der unter brennenden Trümmern liegenden Verwundeten. Viele Ein- wohner waren zur Zeit des Dammbruches auf den Hügeln, wo sie ohnmächtig zusahen, wie die Häuser einfielen und ihre An- gehörigen forttrieben. Augenzeugen erzählen, daß die Flutwelle sich mit Blitzesschnelle und mit furchtbarem Getöse heranwälzte. Verwirrung und En-tsetzen verbreitend. Steinhäuser stürzten wie Kartenhäuser zusammen. Die Straßen sind angefüllt mit verstümmelten Leichen, an denen sich herz- zerreißende Szenen abspielen. New Jork, 2. Oktober. Die Katastrophe in Austin übertrifft alle Befürchtungen. Austin und da? vier Kilometer abwärts ge- legene Städtchen Eostcllo sind völlig vernichtet. Die Zahl der Toten wird auf 859 bis 1999 geschätzt; hunderte sind verletzt, 2999 Personen obdachlos. Das Wasser riß Holzhäuser, Bäume, Telegraphenstangen mit. was alles die Gewalt der Flut verdoppelte. Ein GaSröhrenbruch rief Feuer hervor und kostete vielen in den Häusern Eingeschlossenen daS Leben. Diebe ver- suchten, die Situation auszunützen. Die Bahndämme sind meilenweit fortgeschwemmt, so daß die Hilfsaktion auf Automobile angewiesen ist. Der geborstene Damm war zweifellos falsch konstruiert. New Fort, 2. Oktober. Die amtliche Untersuchung über das Unglück in Austin ist eingeleitet. Der Materialschaden wird auf sechs Millionen Dollar geschätzt. Tie Verluste an Menschenleben scheinen nach den neuesten Feststellungen d i e Zahl 399 nicht zu übersteigen. Gegen die Leichen. fledtzerer wurde das Standrecht angewendet. New Jork, 2. Oktober. Bei dem Rettungswerk haben einige Männer heroische Heldentaten vollbracht. Ein Arbeiter fand ein kleines Kind, das in einen Holzstoß eingeklemmt war. Er stürzt in die brennende Fabrik hinein, holt eine Axt und eilt zu dem Holzstoß zurück. Alz er ankommt, haben die Flammen daS Holz bereits erfaßt, und der Mann schlägt kurz entschlossen mit der Azt den Fuß des Kindes ab, in der Hojjnung. ihm dadurch wenigstens LaS Lessen zu rekken. Harry D a b i d S, ein Lokomotivführer der Buffalo-Susquehannabahn, hatte an dem Unglückstage gerade dienstfrei und benutzte die Zeit, um den soeben vollendeten Damm und das Wasserreservoir zu besichtigen. So wurde er Zeuge des Dammeinsturzes. Er stürzt in ein Haus und telephoniert eine Warnung nach der Stadt. Jedoch, bevor die Zentrale in Austin die Unglücksmeldung weiter- geben und die Dampfpfeife der Papierfabrik Alarmsignale geben kann, hat die Flut die Stadt erreicht, die dem rasenden Element wehrlos preisgegeben war. Die Familie des Staatssenators B a l d w i n ist in den Fluten umgekommen, seine Kinder, sein Vater, seine Mutter und seine Schwester ertranken. Ter Senator selbst ist schwer verletzt. Um die Mitternachtsstunde haben sich schreckliche Szenen abgespielt, als die Ueberlebenden ihre Angehörigen in den Trümmern suchten. Die RettungS- Mannschaften aus den umliegenden Orten leisteten ihnen dabei mit Magnesiumfackeln Hilfe. Längs eines Stacheldraht- zäun es auf einem ziemlich hohen Hügel wurden über hundert Tote gefunden. Fünfzig Leichen von jun-gen Fabrik- arbeiterinnen sind aus den Ruinen der Papierfabrik ge- borgen worden. Den unglücklichen Mädchen war der Weg ins Freie abgeschnitten. Die Rettungsarbelten gestalteten sich überaus schwierig. Die Ueberlebenden hatten nichts zu essen, und auch an Aerzten herrschte ein großer Mangel. Eine Telephonistin, die rechtzeitig gewarnt worden war, tclephonierte rasch nach mehreren Häusern, bis sie selbst von den Fluten überrascht wurde und er- trank. In der Ortschaft C o st e l l o sind zwei Drittel der Bevölkerung von der Gewalt der Strömung fortgerissen worden. DaS Wasser riß eine hundert Fuß lange Mauer nieder und verhinderte auf diese Weise, daß die Bewohner sich auf einen Hügel retten konnten. Auch einige kleine Ortschaften im Sinne» mahonnigtal haben bei der Katastrophe schwer gelitten, Unwetter in Westeuropa. Schwere Stürme sind am Sonnabend und Sonntag über da? westliche Europa dahingebraust und haben auf der N o r d s e e, im Kanal und auch im Mittelmeere unter den auf See besind- lichen Schiffen großes Unheil angerichtet. Verschiedene Boote und kleinere Schiffe wurden durch die Gewalt des SlurmeS zum Sinken gebracht; die Mannschaften sind zum Teil er- trunken. Vor allem hat der Sturm in der Nordsee fürchlerlich gewütet. Durch die an der Nordsee gelegenen deutschen Sta- tionen zur Rettung Schifsbrüchiger wurden am Sonn» abend von verschiedenen wrack gewordenen Schiffen 19 Personen vor dem Tode errettet. Ueber das Unwetter liegen folgende Telegramme vor: Cuxhaven, 1. Oktober. Der Bagger 236/9 Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. lönUsIveM der Schuhmacher Deutschlands. Todes- Anselme, Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Kollege Rudolf Berg am 30. September verstorben ist. Ehre seinem Andenren: Die Beerdigung findet am Dienstag, den 3. Oktober!9t1. nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Jakobi- sluchijofcS in Nixdorj, Hermann- ftrage, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht >70/1 Ter Borftand. SMlieivlilti'M.Vzhlsei'ejli im Nieder-Bafnioi Bezirk Lichtenberg. Hiermit zur Nachricht, dast unser Mstglied Bmm» Wncheberg (Kudrunstr. 9) verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet Mitt- woch. nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle in Marzahn aus statt. Rege Beteiligung erwartet 14�3 Die BezirkSleitun Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Mm greitag, den 29. September, verstarb unser Kollege Eduard Huhnke. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 3. Oktober, nach- mittags'Iji Ubr, von der Halle des städtischen FriedhoseS, Schöne- b-rg(Blanke Hölle), au» statt. 01« OrUverwaUung. Bm 30. September, nachmittag» 4% Uhr. eiitldjlicf nach schwerem Leiden mein lieber Mann, un>er guter Vater. Schwiegervater, Grosjvater und Bruder Wilhelm Krusemark im 71. Lebensjahre. gm Rainen der Hinterbliebenen zeigt die» tiesbttriivl an Zlatbarina Krniemark geb. H a u p r i ch. Berlin, Gubener Stratze 58. Hamburg. Hodelusl-Thavsse« 93. Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 4, Oktober, nach« mittags 4 Uhr,»an der Leichen- dalle de» Georgen- KirchhoseS, Landsberger Allee 2t— 23. au» statt. 824V älm s«wtag entschlies nach kurzem. Ichweiem Leiden meine liebe Arau. untere gute Mutter. Schwester. Tante und Schwägerin Hinna Dciksch„d Um stille» Beileid bitten plr Hl-terbitrb-nrn. Die Beerdigung findet Mittwoch nachmittag 4 Uhr von der Halle de» SmmauS-Kirchhol», Hermann- strafie. au» statt._ 9396 Deutscher Bauarbeiter-Verband Zweigverein Berlin. Am 28. September verstarb unser Mitglied fUlolf Laube. (Bezirk Osten II.) Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 3. Oktober, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- balle des KirchhoseS in AhrenS- selde auS statt. Um rege Beteilig 140/7»oi- 1 mg ersucht 'oratand. Slm 29. September, abend» 7 Uhr, entschlies lanst unier Vater und Großvater, der Dreher Karl Vleweg: im Aster von 57 Jahren. Die» zeigen mit der Bitte um stille Teilnahme an Oie trauernden Hinterbliebenen Die Beerdigung findet am Dienstag, den 3. Oktober, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Heiland»- Kirchhose» auS statt. 78L die traurige Nach- richt, daß' mein lieber Sohn, unser Bruder, Schwager, Onkel und Bräutigam, der Buchhalter Beorg Wuttig nach langem schweren Leiden am 1. Oktober, früh 3 Uhr, ent- schlasen ist. 940b Oie trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am 4. Oktober, nachmittag» 3 Uhr, vom Trauerhause Pankstraße 43 aus statt. Allen lieben Bei wandten, Freunden und Bekannten die traurig« Nachricht, daß meine herzensgute Frau, unsere liebe. gute Mutter, Tochter, Schwester und Schwägerin Id» Wonde geb. SlelolT am 1. Oktober, nachmittag» 3'l, Uhr, au Kindbettsteber Plötz- lich verstorben ist. 335b Die» zeigt ttesbelrübt an der trauernde Gatte Wonde nebst Kind. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 4. Oktober, nach- mittag» 4'/, Uhr, von der Leichen- Halle de» Rummelsburger Ge- meindesnedboss, Lückstt., au» statt. Verband der freien Gast- und Schankwirte Deutschiands. Ortsverwaltung Lichtenberg. Den Mitglieder» zur Nachricht, daß die Frau unseres Kollegen Mfincheberg Emma verstorben ist. Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 4. Ottober, nach- mittag» 4 Uhr, von der Leichen- hall« in Marzahn au» statt. Der Zug jährt von Lichtenberg- Friedrich«seide um 3.20 Uhr. Di« .Kollegen versammeln fich um 2'/. Ubr beim Kollegen Max Hoser, Frankfurter Thaussee 99. Um rege Beteiligung«sucht SSKb Der allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau und unsere gute Mutter 925b Luise Bieperl 3°.», nach langem Leiden verstorben ist. Um stille» velleid bitten 01« trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 4. Oktober, nach- mittag», von der Kapelle de« Panlower Gemeinde- FriedhoseS, Schönhalzer Heide, aus statt. Am Sonnabend entschlies sonst nach kurzem Leiden im 33. Leben»- >ahre mein« liebe, herzensgute Frau und Mutter Elisabeth Schatz �mbein Die« zeigt tiefbetrllbt an ggzb Otto ttchatn. Die Beerdigung findet am Dienstag, nachmittag» 5 Uhr. von der Leichenhalle des Treptower KirchhoseS au» statt. Dr. Simtnel Spezial-Arrt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄpiTt«. 10— 8. 6—7. Sonntag« 10—12. 2—4 Hannemann, Böttcher, Pampel, Mutter gratuliert zum Ge burtstage. 9336 Syphilis- Nachweis In allen frisch, u. veraltet, zweifelhaft. Füll, durch wissenschastl Untersuchung. sosort; deSgl. Harn-(spez. aus Go- norrboe-Fäden) u. Svuwm-Analhsen. Or. Homeyer 4 Co., Spezial-Laborat., Friedrichftr. 189, zw. Kronen- und Mohrensttaße), I. 8724. Pers.Rülkspr diZkr. u. kostenl. 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September in der Internationalen Hygieneaus st ellung in Dresden eröffnet. Der Vorsitzende des Deutschen Bundes für Mutterschutz, Justiz- rat Dr. Rosenthal(Breslau), begrüstte die Internationale Versammlung in längerer Rede. Ueber die vermeintlichen Gegensätze von Mutterschutz und Rassenhygiene äußerte sich in eingehender Ausführung der Reichstagsabgeordncte Dr. Eduard David(Berlin). Er führte aus. daß der„Schutz der Schwachen" innerhalb der Kulturwelt durchaus nicht, wie von einzelnen Rassehhgienikcrn behauptet wird, im Widerspruch zu den Auslesetendenzen der Gattung stehe. Denn der Begriff der Wirt- schaftlich Schwachen deckt sich nicht mit dem der organisch Schwachen. So stellt sich Mutter- und Kinderschutz als raffe- hygienische Prophylaxis dar. Der Massenvergeudung organischer Werte muß vorgebeugt werden. Maria Lischnewska schilderte hierauf die EntWickelung der deutschen Mutterschaftsversicherung und forderte den Ausbau der Mutterschaftsversicherung und der jftnderrente, die an alle Familien, die unter 5000 M. Einnahmen haben, vom dritten Kinde an zu zahlen wäre. Ueber die freiwillige Mutterschaftsversicherung, die unter dem Namen„La Muhtalitc Maternelle" über ganz Frankreich der- breitet sei, wurde ein Referat von F. Poussineau(Paris) per- lesen. Dr. R u t g e r s(Haag) und Frau M. Cohen Tervaert- Israels berichteten über den Stand des Mutterschutzes in Holland, die den Charakter der Rettungsarbeit trage. Frau Prof. Dr. Paolina Schiff(Italien) referiert über Italien und berichtet von dem dort noch herrschenden Verbot gegen die Nachforschung der Vaterschaft. Die staatliche Mutterschafts- Versicherung sei aber bereits im Keim vorhanden, Stillstuben und Wöchnerinnenunterstützungen verbreitet. Nachmittags sprach Pastor Wilhelm Kießling(Hamburg) über die volkswirtschaftliche Bedeutung der unehelichen Mutter. Nicht die Bekämpfung der unehelichen Mutterschaft, sondern die Ueberwindung der mit ihr verbundenen besonderen Nachteile sei ein volkswirtschaftliches Ziel. Mrs. Drhsdale(London) berichtet von den verschiedenen Formen der englischen Sozialpolitik der Mutter gegenüber. Sie mahnt die deutsche Mutterschutzbewegung, dem NeumaltHusianis» mus gehörige Beachtung zu schenken. Dr. Klein(Wien) berichtet über den Stand der Sache in Oesterreich. Die österreichische Bewegung verlangt für das unehe- liche Kind Familienrechte, den Namen und das Erbrecht des Vaters. Nur wenn der Vater nachweist, daß das Mädchen in der kritischen Zeit auch anderen Verkehr unterhielt, soll er von diesem Anspruch des Kindes befreit werden. Frida Steenlyzff, die bekannte radikale schwedische Führerin der Mutterschutzidee, kennzeichnet die Tatsache, die die Mutterschaft der sozialen Tortur unterwirft; eine gewisse Aktion zugunsten der unehelichen Mutter und des Kindes habe sich aber in der letzten Zeit bemerkbar gemacht. Sie prägt das schöne Wort:„Die Unrepräsentierten werden leicht um ihre Rechte be- trogen", und charakterisiert den„defekten Vatektyp" als einen er- schreckend allgemein gewordenen. Rosika Schwimmer(Budapest) spricht von der naturwissen- schaftlichen Merkwürdigkeit, die die Religion nur in einem einzigen Falle, das Gesetzbuch aber in unzähligen Fällen kennt:„Von dem Kind ohne Vater". Der gesetzliche Mutterschutz in Ungarn ist neuerdings sehr günstig, und die ungarische Kinderschutzgesetzgebung hat Weltruhm erlangt. Gerade dieses Kinderschutzgesetz dankt sein Entstehen der positiv politischen Mitarbeit der Frauen, die ein Minister für acht Tage zu einem Extraparlamcnt zusammenrief. Der großartige Effekt war jenes Gesetz.(Stürmischer Beifall.) Unter allgemeiner Spannung betritt die letzte Rednerin des Tages. Frau K j e l s b e r g(Norwegen), die Tribüne. Sie besitzt das Stimmrecht und kandidiert in ihrer Heimat für den Reichstag. Wenn der Vater des unehelichen Kindes in Norwegen sich seiner Alimentenpflicht entziehen will, wandert er ins Arbeitshaus und verliert sein Familienrecht. Der 2. Tag des Kongresses brachte eine deutlich bemerkbare Steigerung des Interesses. Ueber Sexualwissenschaft als Grundlage der Sexualreform sprach Dr. Magnus H i r s ch f e l d(Berlin). Wie bei allen anderen sozialen und biologischen Vroblemen, so muß auch für das Sexual- Problem die wissenschaftliche Forschung matzgebend werden. Es fehlt aber noch eine vergleichende Tatsachenforschung im großen Stil. Redner bemerkte, der Begriff der Sittlichkeit sei heute ein Gegenstand der Geographie, verdiene aber als Faktor der Biologie und nicht anders gewertet zu werden. Die eingehendste Erforschung des sexuellen Chemismus sei notwendig, um den biologischen Ge- setzen der Phänomene des Sexuallebens die natürlichen Grund- lagen zu schassen. Dann sprach Frau Grete Meisel-Heß(Berlin) zu dem Thema „Ehe- und Sexualrcform". Sie nennt das Moment der öffentlichen sozialen Er- k! ä r u n g der Zusammengehörigkeit und das der suggestiven Wirkung, die die Verbindung als solche auf die Partner ausübe, die wertvollsten Momente der Ehe. Darum werde diese immer das Ziel der Menschen bleiben. Diese Gebundenheit dürfe aber nicht erpreßt werden durch alle möglichen Konjunkturen, die mit dem Wesen der Sache nichts zu schassen haben, und jene Menschen, die diesen Zustand dauernder sexuell-sozialer Verbindung nicht er- reichen, dürfen deswegen ihres Geschlechtslebens nicht beraubt werden. Die schlimmste Folge der herrschenden Moral, welche heute das freie Verhältnis brandmarkt, sei die Notwendigkeit zur Hintertreibung der natürlichen Fruchtbarkeit, wodurch die echte Auslese durchkreuzt werde, während die verfälschte Auslese flott ihr Spiel treiben kann. Frau Meisel-Heß führte aus, daß man die Ehe sogar erfinden müßte, wenn sie nicht bestände und daß nur der terroristische Absolutismus, mit dem sie das ganze Geschlechtsleben unter ein Schema zu bringen sich anmaßt, zur Reform dränge. Sie charakterisiert die Sehnsucht nach Mutterschaft und fordert gesellschaftliche Maßnahmen, die den Eltern die Kinder aufziehen helfen, damit nicht, wie es heute der Fall ist, die beiden Momente der späten Zeugung und der späten vollen Erwerbsfähigkeit zum Schaden der Rasse zu- sammensallen müssen. Sie teilt die Reformvorschläge, die zur Lösung des sexuellen Problems gemacht werden, in solche, die mit den Prinzipien der Monogamie brechen, und jene, die es bei aller Freiheit erhalten zu sehen wünschen. Sie erklärt, daß sie nur dieses letztere Prinzip, das die Monogamie zum mindesten als das anzustrebende, wenn auch nicht immer erreichte Ideal erhalten sehen will, anerkenne. Der sexuelle Reformkampf gilt nicht dem Genuß, der die Seele depraviert, sondern verfolgt im Gegenteil höhere sittliche Ziele im Hinblick auf das Wohl und Wehe der Nach- kommenschaft. Frida Steenhoff aus Schweden sieht in der gesetzlichen Familie das wesentlichste Kampfmittel für die ungerechte soziale Machtverteilung. Bei Reformen mutz man darauf dringen, daß das Gesetz allen Kindern gleichen Schutz gewähre und alle Gesetze sollen darauf hinwirken, daß die Zwangsche allmählich überflüssig wird. Dr. Freiherr Emil v. Hofmanstal(Wien) sprach sodann über das österreichische Ehegcsefc, das er durch und durch unlogisch und ungerecht nennt. Referent verweist auf das vernunftwidrige Eheverbot der Lehrerin, und seine diesbezüglichen Thesen werden mit voller Majorität angenommen. In der Diskussion wies Dr. Eduard David aus Berlin die Argumente des orthodoxen Neu- malthusianers Prof. Wicksell(Lund in Schweden) zurück. Dr. R u t g e r s(Haag) führte aus, daß uns die Normen, die wir im Laufe der Zeiten dem Wesen der Freundschaft gegenüber errungen haben, auch den Weg für die Vorgänge in der Liebe weisen sollen. Auf Aufrichtigkeit und Uneigennützigkeit, auf den Wunsch zur Dauer sollen beide Beziehungen begründet sein, hin- gegen sei jeder Zwang dem Wesen dieser Gefühle widersprechend. In großer öffentlicher Versammlung wurde am Abend des 29. September der Kongreß beendet. Der Abend wurde mit einem Vortrag von Dr. Iwan Bloch(Berlin) über die sexuelle Frage im Altertum und ihre Bedeutung für die Gegenwart eröffnet. Hierauf sprach Frau Dr. Helene Stöcker(Berlin) zu dem Thema:„Ehe und Sexualreform". An Stelle von Geheimrat Prof. Dr. Eulenburg(Berlin), der durch einen Todesfall in der Familie am Erscheinen verhindert war, hielt Dr. med. Julian Marcuse(Partcnkirchen) das Schlußreferat. Am nächsten Vormittag konstituierte sich eine Jnternatio» nale Vereinigung für Mutterschutz und Sexual- r e f o r m, der die Vertreter sämtlicher anwesenden Nationen bei- traten. Gerichts-Zeitung« Scharfe Streikjnstiz. Am Sonnabend gelangte vor dem Schöffengericht HI Hamburg eine aus dem Holzarbciterkampfe resultierende An- klage wegen Beleidigung eines Arbeitswilligen zur Ver- Handlung. Das passiert ja alle Tage, und wir hätten weiter keine Notiz davon genommen, wenn nicht der Verteidiger, Dr. Herz- Altona, den Schleier gelüftet hätte, wieso es denn komme, daß wegen der- geringsten Streikbrecherbeleidigung seitens der Ver- treter der Anklage— Gefängnis st rafe Beantragt wird. Gegen einen Ausgesperrten, der vor einem Streikbrecher ausgespuckt und diesen„Heidelberger" genannt hatte, wurde nicht weniger als ein Monat Gefängnis beantragt. Dr. Herz betonte, daß diese scharfen Strafanträge auf einer generellen Anordnung beruhen, sonst wären diese Anträge gar nicht verständlich. Ziehe man die Erregung der seit Monaten kämpfenden Tischler in Betracht, denen von Leuten in den Rücken gefallen wird, die später ernten, ohne gesäet zu haben, so müsse dies doch als strafmildernd in Be- tracht gezogen werden, Gefängnisstrafe sei da sicher nicht am Platze. Der Ankläger schwieg zu diesen Ausführungen, die selbst das Gericht für beachtenswert erklärte. Das Urteil lautet auf eine Woche Gefängnis. In diesem Falle könne nicht auf eine Geldstrafe erkannt werden, weil das Ausspucken die schlimmste Form der Mißachtung darstelle.— Andere Hamburger Schöffengerichte haben in letzter Zeit wegen solcher Beleidigungen auf zwei Wochen Gefängnis erkannt, während sonst Geldstrafe für ausreichend erachtet wurde. Wie lautet die gegen die Arbeitcrklaffe gerichtete generelle Anordnung wörtlich, die in unerhört scharfer Weise für Klassenjustiz und den die Verfassungsgleichheit auf den Kopf stellenden Grundsatz eintritt„wenn zwei dasselbe tun ist es nicht dasselbe". Enthält die generelle Anordnung auch Vor- schriften darüber, wie gegen polizeiliche Mörder eines Arbeiters oder gegen Herren vorzugehen ist, die ähnlicher Taten wie Fürst Eulenburg beschuldigt sind? Eine Ver- öffentlichung und Aufhebung der generellen Darstellung durch den Justizminister täte dringend not. Prozeß Schrriber-Springer. Aus der Krise im Bunde für Mutterschutz stammt die Privat« klage der Schriftstellerin Frau Adele Schreiber-Krieger gegen den Rechtsanwalt Dr. Bruno Springer, zu deren Verhandlung gestern Termin vor dem Schöffengericht Berlin-Schöneberg unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Belgardt anstand. Gegen die Geschäfts- und Kassenführung des im Bunde für Mutterschutz den Vorsitz führen- den Fräulein Dr. Helene Stöcker lagen, wie noch erinnerlich sein wird, im Winter 1919 Beschwerden vor. In einer Vorstandssitzung der Ortsgruppe Berlin im Januar 1919 wünschten einige Mit- glieder des Vorstandes, darunter auch Frau Schreiber, diese Be- schwerden vorzubringen. In der darüber entstandenen lebhaften Erörterung hatte Rechtsanwalt Springer Aeutzerungen getan, die schwere persönliche Angriffe auf das Privatleben von Frau Adele Schreiber enthielten. Letztere strengte darauf die Privatklage an, Nachdem mehrere Termine vertagt worden waren, da Rechtsanwalt Springer umfangreiche Schriftsätze einreichte und zahlreiche Zeugen vorladen ließ, wurde der Streitfall heute durch folgenden Vergleich beendet: Rechtsanwalt Springer erklärt: Ich nehme die den Gegen- stand der Privatklage bildenden Vorwürfe mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück und erkläre, daß ich die von mir zum Beweise der Wahrheit vorgebrachten Behauptungen in keiner Weise aufrecht er- halten will.— Frau Adele Schreiber erklärt: Nachdem Rechtsanwalt Dr. Springer die vorstehende Erklärung abgegeben hat, stehe ich nicht an, auch meinerseits mein Bedauern darüber auszusprechen, daß ich in der Erregung unparlamentarische Ausdrücke gegen Dr. Springer gebraucht habe. Klage und Widerklage werden zurück- genommen; sämtliche Kosten übernimmt Dr. Springer. Kaufmännische Kranken, und Stcrbekasse von 188S.(T.© 71.) Heute abend 9 Uhr im Restaurant Jüdenslr. 18/19: Sitzung. 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Oktober 1S11» abends S'/z Uhr: Ordentliche General-Vers ammlnng in der Brauerei Königstadt(groster Saal), Schönhauser Allee 10/11. TageS-Ordnung: I. Mtteilungen. 2. KeschSstS., Kassen- und Arbeitsnachweisbericht für daZ S. Quartal 1311. 3. Erledigung eingegangener Antrage. 4. Geschäftliches. Die gewählten Delegierte» sind hierzu freundlichst eingeladen.— Legitimationskarte und Mitgliedsbuch find mitzubringen und zwecks Kontrolle am Eingang zur Versammlung vorzuzeigen. Ohne Karte und Buch kein Zutritt. Wer über 8 Wochen mit seinen Beiträgen im Rückstände ist, hat ebenfalls keinen Zutritt. 71/7 Die Bezirksverwaltung. I A.: A. Werner. Verband der Maler, Eaetderer, Anstreicher Sentseber Sanarkiter-Verband. Zweigverein Berlin. Am Mittwoch, den 4. Oktober d. I., abends 8'/- Uhr, finden folgende Versammlungen statt, ans deren Besuch die in Frage kommenden Kollegen hingewiesen werden. Sektion der Putzer. In den bekannten Lokalen(im Norden I und II bei Obiglo, Schwcdter Straße 23/21, im Osten bei Hoffumm«, Königsberger Straße 28) finden Bezirkssitznitgen der Putzer statt. Tagesordnung: Beratung über eine Lohntarifvorlage sowie Verschiedene?. Im Jnleresie aller Kollegen ersuchen wir um pünktliches Erscheinen: Gäste haben Zutritt. Die örtliche Verwaltung und Obleute. NB. Gleichzeitig machen wir daraus aufmerksam, daß der Gesangverein der Putzer am Tounabend. den 14. Oktober d. I., sein 13. Stiftungsfest in den Räumen der Königsbank, Grosie Frankfurter Str. 117, feiert und ersuchen wir alle Kollegen, die mit ihren Familien..einen genußreichen Abend zu verleben gedenken, daran teilzunehmen._®. O» Sektion der Steinholzleger im„Bürgerheim", Me Schönhauser Straße 23/24. In dieser Versammlung kommen die gedruckten Verträge zur Verteilung. Sektion der Rohrer im Saal 1 des Berliner Gewerkschastshauses, Engelufer 18. Tagesordnung: Die Aufgaben und die EntWickelung der Organisationen. Zu dieser Versammlung sind alle Rohrer eingeladen. Mit kollegialischem Gruß _ Der Vorstand deS Deutschen Bauarbeiter-Berbandes, Zweigvereln Berlin. Melchiorfiraße 28, pari. Filiale Berlin. BSI9. Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Donnerstag, den 5. Oktober» abends 8'/, Uhr: SMons-veriammiung der Lackierer im Gewerkschaftshaus. Engelufer 18. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen W. Siering:„Ist die Ausübung des Koalitionsrechtes eine Erpressung?" 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. 127/3 Wir erwarten, dah die Kollegen vollzählig erscheinen. Die Sektionsleitung. ftS. Die Kollegen der Firmen: Allgemeine Omnibnsgesellschaft, Hochbahn, Neust, Kühlstein, sowie die in Kleinbetrieben Beschäftigten, find besonders eingeladen. Ortsvervraltuiig llerllm Bureau: verlin 0., Rosen thalerstt. 11/12, Restaurant Schilling. Amt M, 2438. - Achtung! i s �1* Wir empfehlen bei Veranstaltung von Vergnügen usw. den geehrten Borstände«, Komitees und Saalinhnbern unseren kostenlosen Arbeitsnachweis, Rosenthalerstr. 11/1&« Geschäftszeit täglich von 10'/,— 1 Uhr mittags. Kapellen vom größten bis kleinsten Orchester stehen jederzeit zur Verfügung. Der Borstand. NB. Unsere Mitglieder find Im Besitz einer Kontrollkarte. Dieselbe ist sür das 4. Quartal lila und muß mit dem Verbandsstempel versehen sein. Alle andere Legitimation ist ungültig und ist sosort anzuhalten. Fi, Freien Stunde». Wochen. schnft sür das arbeitende Volk. Romane und Erzählungen. Abonnements wöchentlich 10 Ps. nehmen alle Aus» gäbe stellen des.Vorwärts' entgegen. Probeheste grattS. Dentscher Holzarbeiter-Verband. Verwaltung Berlin. Morgen Mittwoch, den 4. Oktober ISll, abends 8� Uhr: Uertranensmanner Versammlungen der Kezirke und Krauche». Tagesordnung: I. Bericht des ObmanneS. 2. Bericht der Werkstatt-Vertrauensleute. 3. Verbandsangelegenheiten. r�irckler. Südwesten: in BabelS Braueret. Bergmannstr. 5—7, SUdea: bei Gliestng. Wastertorstr. 68. SttdoMen I. n. II: in den Raunvn-Festfäle», Nannynstr. e. Unten I: bei Kluge. Lange Str. 53. Osten II: bei ZteN, Warschauer Str. 60. Osten III: bei Bergmann. Boxhagener Str. 26. Oestllche Vororte: bei W. Schulz. Uvl)tender>, Kronprinzenstraße 47, Ecke Jcharnweberftraße. Nordosten: Bei Mcrlmanu, Gr. Frankfurter Sir. 16. Qcbe Sargtischlerei muß»wen Vertrauensmann nach dieser verlamm» lung senden. Bosentbaler and Schönhauser Torstadt: bei Obiglo, __ Tchwedter Straße 23...._ Weddln»- und Moabit: bei Kaezorowski. Ravensstr. 6. WelUensee; im Prälaten. Lehderflraße 122. AbendS 6'/, Uhr. Itlxdo��: bei Krömke, W-ichselstr. 8(Jdeal-Passage). Schtfaeberg: um 51/, Uhr bei Kuschte, Metninger Straße 8. ßautffchlcr. Bezirk i- Südwesten» Süden, Südosten bei«ratzhoff» Admiralstr. 13o. Beslrk L;«sten bei Bratner, Weidenweg 85. Bezirk 3; Korden und nördliche Tororte bei©lief che, Kopenhagener Straße 74. Bezirk 4: GeHnndbrnnnen, Wedding und Hoablt bei Sochfe» Lindower Straße 26. gT Die Kollegen der Wertstatt Meyer, Höchste. 30, sind zu dieser Versammlung besonders eingeladen."W* K Indorf: bei Schenk, Rosenstr. 24. l�aclen einriß? tungs- uncl kontormöbelbrancde im„Englischen Garten", Mexandcrftraße 27c. Hüchetimöbetbrand�e bei Lehmann. An der Stralauer Brücke 3. filöbel- u. BtuhlpoUcrer sowie JMagazinarbeitcr. Osten bei Boekcr, Weberstr. 17. Südosten im»Märkischen Hof», Abmiralstr. 18c. Worden bei Günther, Brunnenstr. 36. Klavierarbeiter im GewcrkschaftShause lArbeNSlosensaay. Vreeftsler, Treppengeländer- unck L.uxusmöbel- Srancbe. Morden bei DSHling, SBnmncnftr. 73. Osten bei Schneider, Friedenstr. 67. Südosten und Südwesten bei Stramm, Ritterstr. 123. Einsetzer im Gewerkschastshanse, Engelufer 14/1S, Saal 11. JVIodeUtircblCP bei Waldt, Pflugftr. 5. Pünktlich 8 Uhr. Boclenleger im«ewerkfchaftShanse, Saal 2. Stellmacber Rosenthaler Straße 57. Jalousiearbeiter bei Walter, Adaldertstr. 62. Vergolder im Gewerkschastshanse, Engeluser 14/1S, Saal 5. Klften- und Koffermadier bei Baudach. Breslauer Str. 38. korbmackier bei«raufe, Muskauer Str. 20. Lllrstenmadier bei Preutz. Holzmarktstr. 65. 83/16 Stockarbeiter um 6 Uhr bei Lehmann, An der Stralauer Brücke 3. Perlmutt-, Born- u. Steinnußarbeiter um 6 Uhr bei Ernst Thomas, Melchiorstr. 5. Schirmmacker 8 ühr bei Lehmann, An der Stralauer Brücke 2. Freitag, den 6. Oktober 1911, abends 8 Uhr, im Gewerkschastshanse, Engelnfer 14/15: General Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht vom Gewerkschaftskongreß. 2. Bericht der NeorganiscitionSkouimission. Mitgliedsbuch und Delegiertenkarte legitimiert. Theater- Vorstellung Sonntag den SS. Oktober, abends 7 Uhr, salen,«oppenstr. 80a. Zur Aufführung gelangt: l-nneinhurg". in Moeruez» Uest- Ä�Pcr Grmt von H MU Filiale Berlin III, Nene KönlgstraBe«• Mittwoch, den 4. Oktober 1011, abends 8'/, Uhr, im»Schweizer» garten- am Fricdrichshain: Ocssklltlilht Nkchmmlüng lllltl Arbkitkrilinru vud Arbeiter der Wäsche- und Krawattenbranche Kerlins. TageS-Ordnung: 1. Das Ergebnis der bis jetzt gemachten Aufstellungen her Akkordlöhne. 2. Die Arbeitseinstellung bei W. Blnme tmb die Situation bei den s Firmen J. und W. Haaser, A. EiUrnberg, F. Ä H. Simon, G. Sulinger und Wohl A Heimann. Kollegen und Kolleginnen I Erscheint vollzählig Mann für Mann und zeigt, daß Ihr gewillt seid, alles daran zu setzen, um unter allm Um» ständen besriedigcnde Tarisabschlüsse zu haben. 252/12 I>ie Ortsverwaltnng. Buchhandlung Vorwärts Lindenstraße 69 sLadrn). Me SosiAlÄemokratie im Steile ihrer Gegner« Von Dr. HuguFt Srdmann. Preis gebd. L Mark. gistcr erleichtert das Nachschlagen. die worden Re» 247/2 'kbdsNoT IM. I wöclientliclie Teilzahlung liefere elegante fertig und nach Mass Garantie für tadellosen Sitz und feinst« Verarbeitung. J. 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Oktober, abends 8 Uhr, bei Schuster, Kirchstr. 78: Mitgliederversammlung des Wahlvereins.— Am Freitag, den 6. Oktober: Flugblattverbreitung zur Gemeinde- wähl. Potsdam. Mittwoch, den 4. Oktober, abends 8�/2 Uhr, bei Wilhelm Kaiser, Wilhelmstr. 38: Wahlvereinsversammlung. Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Schubert-Spandau. Nachher: Kassierung für alle Bezirke. Der Vorstand. berliner JVacbricbten. Die städtischen Wahlfortbildungsschulen für Jünglinge und Männer. Zu den Einrichtungen Berlins auf dem Gebiete des Fort- bildungsschulwesens gehören die Wahlfortbildungsschulen für Jünglinge und Männer. Zurzeit bestehen 8 solcher Schulen (Wassertorstraße 31, Hinter der Garnisonkirche 2, Prenzlauer Allee 228, Hagelbergerstraße 34, Turmstraße 86, Frucht- straße 38, Reichenberger Straße 44/45 und Ravenästratze 12). Angehörige aller Berufe haben hier Gelegenheit, ihr allge- meines Wissen zu erweitern und zu vertiefen, Lücken in ihrer Bildung auszufüllen und sich die besonderen für ihren Beruf notwendigen Kenntnisse anzueignen. Der Unterricht, der in den Abendstunden zwischen 6 und 16 Uhr und im Zeichnen auch Sonntags vormittags von 8�— IOV2 Uhr stattfindet, erstreckt sich auf Algebra, Aquarellieren, einfache, amerika- nische und doppelte Buchführung, Chemie, Deutsch, Englisch, Französisch, Geographie, Geometrie, Gesundheitslehre, Han- dels- und Wechselrecht, Handelskunde, kaufmännische Korre- spondenz, Lackschrift, Literatur, Malen, Modellieren, Ma- schineschreiben, Physik, Rechnen, Rundschrift, Schnellschön- schreiben mit Zierschrift, Schriftzeichen, Stenographie, Trei- den, Trigonometrie und Zeichnen und zwar Freihand-, Pro- jektions-, Zirkel- und figürliches Zeichnen(Zeichnen nach dem lebenden Modell) und Zeichnen für Konfektionäre und Schneider. An der Wahlfortbildungsschule Hinter der Gar- nisonkirche 2 werden außerdem von Juristen in gesonderten Kursen Vorträge aus der Gesetzeskunde für jedermann ge- halten. Für die Teilnahme am Unterricht in den genannten Fächern wird, je nach dem Unterrichtsfache und der Anzahl der Wochenstunden, die 2 oder 4 beträgt, ein Schulgeld von 6,56 bis 5 M. für das Halbjahr, von außerhalb Berlins Wohnende das Doppelte erhoben. Für Mitglieder der Armen und Schulkommlssionen und des Waisenrats ist die Teil- nähme an den Kursen kostenfrei. Die Wahl der Unterrichts- fächer steht frei. In allen Unterrichtszweigen wird auf den Beruf Rücksicht genommen. Im allgemeinen haben die An- stalten eine kaufmännische und eine gewerbliche Abteilung. In allen Fächern, in denen fachliche Bildung notwendig ist, wie im Zeichnen, unterrichten Fachlehrer. Die zur Pflege von Konversation und kaufmännischer Korrespondenz einge- richteten Lberkurse in Sprachen werden von Ausländern ge- leitet. Die in allen übrigen Fächern unterrichtenden Lehrer müssen eine besondere Befähigung nachweisen. Seit der Errichtung der Pflichtfortbildungsschule, die von Lehrlingen und ungelernten Arbeitern im Alter vom 14. bis zum vollendeten 17. Lebensjahre besucht werden müssen, wird die Wahlfortbildungsschule vor allein von Per- fönen im reiferen Alter besucht. Wir finden hier Männer bis zu einem Lebensalter von 56 Jahren. Den Schülern der Pflichtfortbildungsschule ist die Teilnahme am Unter- richt der Wahlfortbildungsschule gestattet. Im Schuljahre 1916/11 waren 15 729 Teilnehmer in den Wahlschulen vor- handen. Neue Kurse beginnen Anfang April und Oktober. Die Wahlfortbildungsschulen für Jünglinge und Männer stehen unter der Leitung hauptamtlicher Dirigenten. Sie nehmen täglich von 6—9 Uhr abends und Sonntags vormittags die Anmeldungen entgegen und erteilen über alle sich auf den Unterricht erstreckenden Fragen Auskunft. Mit fast allen Wahlfortbildungsschulen sind Abteilungen des städtischen Gcwerbesaales und Abteilungen der Tischler- schule verbunden, in denen Maschinenbauern. Mechanikern, Schlossern und Angehörigen verwandter Berufe bezw. Tisch- lern die entsprechende zeichnerische und wissenschaftliche Aus- bildung durch Fachlehrer vermittelt wird. Der Gewerbe- faal wurde im Schuljahr 1916/11 von 3811, die Tischler- f-bule von 1554 Teilnehmern besucht. In dem Kursus für ehemalige Schüler der Fachschule für Maschinenbauer, Hinter der Garnisonkirche 2, werden von einem Diploniingenieur Vorträge mit praktischen Uebungen zur Ufissenschaftlichen Fortbildung der Hörer gehalten. Ter Wahlfortbildungsschule Fruchtstraße 38 ist die Schiffcrschule angeschlossen, die die Teilnehmer auf die Segel- und Dampfschiffsführerprüfung vorbereitet. An ge- nannter Anstalt sowie an der Fortbildungsschule Prenzlauer Ullee 228 besteht je ein Kursus für Stotterer. Mit diesen Schulen ist eine Einrichtung geschaffen wor- den, die den Bürgern Berlins durch Förderung der allge- meinen Bildung und Berufstüchtigkeit von großem Nutzen werden kann.__ Der Haupttag des OktoberumzugeS gestaltete sich durch den SonniagSregen für ote zahlreich umziehenden kleinen Leute äußerst empfindlich. Sie können wegen Mangel am nötigsten nicht die gepolsterten Riesenmöbelwagcn und oft nicht mal einfache, offene Verdeckwagen mieten, sondern müssen sich mit möglichst billiger Transportgeleaenhelt auf Plattenwagcn und anderem Fuhrwerk ohne Verdeck de- onügen. So haben vielfach die Möbel und Haushaltungs- gegenstände recht sehr unter der Nässe gelitten, und die fidele Stimmung, die sonst manchmal beim Wohnungswechsel herrscht, wollte nicht aufkommen. Man war froh, wenn man seine »sieben Sachen" glücklich von der regnerischen Straße herunter dn Trockenen hatte. Der prozentuale Umfang des Umzugs läßt sich nur durch spätere Statistik feststellen, da heutzutage der halbjährliche Wohnungswechsel sich nicht mehr auf einen Haupttag konzentriert, sondern infolge der vielen leerstehenden Wohnungen auf 8 bis 14 Tage vor dem letzten Termin zur Wohnungsräumung verteilt. Es scheint aber doch, als ob diesmal noch mehr als bei dem letzten großen Umzugstermin gezogen worden ist. Wegen Erbauung einer Fußgänger- und Fahrbriicke iiber die Spree im Zuge des Markgrafendamms hat der Hausbesitzerverein Stralauer Tor-Bezirk neuerdings eine Eingabe an den Magistrat gerichtet; in dieser wird angeführt, daß der jetzige neben der Eisen- bahnbrücke laufende, völlig primitive Futzgängersteg schon lange nicht mehr dem Fußgängerverkehr genüge, während in einer Eni- fernung von über 140g Meter überhaupt keine Fahrverbindung mit dem Südosten Berlins bestehe. Dieser Zustand führe schon jetzt zu großen Unzuträglichkeiten, würde aber unhaltbar, sobald der Hafen- bau vollendet sei. Dann sei die Oberbaumbrücke natürlich nicht mehr in der Lage, den Riesenverkehr allein zu bewältigen, und müsse der Magistrat dann notgedrungen innerhalb des Hafen- geländes eine zweite Brücke erbauen. Der Verein bittet in seiner Eingabe, die Projektierung der Brücke während des Baues des Hafens vorzunehmen, da nach seiner Fertigstellung die Kosten er- heblich höhere sein werden. Jugenbwehrrummel. Nach einer Mitteilung des Mosseblattes hat der Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz, der bekannte Organisator der türkischen Armee, mit Zustimmung des obersten Kriegsherrn und in schöner Eintracht mit hochgestellten Personen aus der Armee, der Beamtenschaft und der Finanzwelt den Plan gefaßt, eine Vereinigung„Jung-Deutschland" ins Leben zu rufen, die eine Zentralisierung aller bisher bestehenden Bestrebungen zur Hebung der nationalen Eigenschaften und Wehrhaftigkeit der deut- schen Jugend darstellen soll. Die neue Organisation richtet sich an die Jugend zwischen dem 14. und lg. Lebensjahr und wird die Unterstützung der Heeresverwaltung erhalten. „Zur Hebung der nationalen Eigenschaften" ist entschieden gut gesagt. Man merkt, wohin das zielt, ohne deshalb verstimmt zu werden. Auch Volkskreise, die sich prinzipiell gegen Rüstungs- Wahnsinn und Kriegstreiberei wenden, sind national, sobald es darauf ankommt, wahre nationale Gesinnung zu zeigen. Hat unsere Jugend nicht bessere Aufgaben zu erfüllen, als sich, wenn kaum die Kinderschuhe ausgetreten sind, zu Kanonenfutter präpa- rieren zu lassen? Polizeimajor Bruno Klein ist gestern früh in fast vollendetem 63. Lebensjahre in seiner Wohnung Wichmannstr. 5 nach längerem Leiden gestorben. Major Klein war im Berliner Leben eine sehr bekannte Persönlichkeit. Längere Zeit war er Vorsteher der Hauptmannschaft, in deren Bezirk das königliche Schloß und die Linden liegen. Bei der Errichtung der Polizeibrigadcn wurde er zum Major befördert. Seitdem stand er an der Spitze der 2. Bri- gade, die den Norden Berlins und Moabit umfaßt. In dieser Eigenschaft hatte Klein auch das Kommando über die bei den Moabitcr Vorgängen tätigen Schutzleute. Vor Gericht erklärte er damals, es sei ausgeschlossen, daß Beamte sich solche Brutalitäten hätten zuschulden kommen lassen, wie sie zahlreiche Zeugen bekunde- ten. Im zweiten Moabiter Prozeß nahm er seine erste Aussage zurück. Beteiligte in dem Prozeß versichern, daß die Ausschreitungen der Schutzmannschaft in Moabit nicht die Billigung Kleins gefunden hätten. Betriebsstörung auf der Untergrundbahn. Der Zug. welcher 10,12 Uhr ab Wilhelmsplatz(Charlottenburg) nach Spittelmarkt abgelassen wurde, überfuhr vor dem Bahnhof Zoologischer Garten das noch auf„Halt" gestellte Einfahrtssignal und wurde durch die zur Sicherung angeordnete Sandweiche sofort zum Stehen gebracht, wobei der erste Wagen aus dem Gleis gehoben wurde. Die Fahr- gaste legten unter Benutzung eines Nebenausgangcs die kurze strecke bis zum Bahnhof Zoologischer Garten zu Fuß zurück. Der Betrieb vom Zoologischen Garten nach Westen mußte auf etwa zwei Stunden unterbrochen werden, während der Ost- und Stadtverkehr vom Zoologischen Garten ab aufrechterhalten werden konnte. Opfer der Straßenbahn- Ein tödlicher Straßenbahnunfall hat sich am Sonntag gegen 11 llhr abends vor dem Hause Frankfurter Allee 31 ereignet. Dort wollte der in dem genannten Hause wohnende Gastwirt Heinrich Zunge den Motorwagen eines Zuges der Linie 68 während der Fahrt besteigen, glitt jedoch ab und geriet unter den Anhänge- wagen. Dem Bedauernswerten wurde das Bein bis zum Knie vollständig zerquetscht. In besinnungslosem Zustande wurde der Verunglückte, der auch innere Verletzungen erlitten hatte, nach der Unfallstation in der Warschauer Straße gebracht und von dort nach Anlegung von Notverbänden nach dem Krankenhause am Fried- richshain übergeführt. Hier ist Z. bald nach seiner Einlieferung verstorben,— Vor dem Hause Holzmarktstraße 19 trat ein 4Sjährigcr Mann, der anscheinend dem Arbeiterstande angehörte, aus das Gleis, während ein Wagen der Linie 9 herankam. Trotz- dem der Fahrer Notbremse gab, konnte er den Wagen nicht mehr zum Stehen bringen. Der Mann wurde umgestoßen und kam neben dem Wagen zu liegen. In bewußtlosem Zustande wurde er nach der Unfallstation am Grünen Weg und von dort nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht, wo er infolge Gehirn erschütterung bald darauf verstarb.— Ein ähnlicher entsetzlicher Straßenbahnunfall ereignete sich am Sonntagnachmittag gegen %4 Uhr vor dem Hause Greifswalder Straße 27. Dort wurde der 41jährige Arbeiter August Szielatus, Greifswalder Straße 218 wohnhaft, von einem Wagen der Linie 62 E überfahren. S. geriet mit beiden Beinen unter den seitlichen Schutzrahmen. Von dem Hinterrade wurde das rechte Bein des Unglücklichen abge schnitten, das linke mehrfach gebrochen. Mittels mitgesührter Winden wurde der Wagen hochgehoben und der Arbeiter aus seiner entsetzlichen Lag« befreit. S. wurde in hoffnungslosem Zustande nach dem Krankenhause am Fricdrichshain gebracht. Explosion im Tegeler Gaswerk Eine gewaltige Explosion erfolgte gestern früh gegen 8 Uhr auf dem Gaswerk Tegel. Der Explosionsherd lag im Apparate- und Maschinenhanse, das sich dicht an der Gaswerkstraße befindet. Im Augenblick der Explosion hielt sich in dem Maschinenraum nur der 37jährige Maschinenanwärtcr Adolf Reuß auf, während dw beiden Heizer Schubert und Prochnow in einer Arbeitsstube neben dem Maschinenraum saßen. Durch den gewaltigen Luftdruck wurde die nahezu zwanzig Meter lange Außenwand an der Straßenfront fast vollständig eingedrückt. Der Maschinenanwärter Reuß flog mit dieser Wand bis auf die Straße, wo er schwerverletzt liegen blieb. Im Innern des Maschinenraumes wurde außerdem noch erheblicher Schaden angerichtet. Die Wand nach der Arbeits- stube zersprang bei der Detonation und die Steinmassen der- schütteten die beiden Heizer Schubert und Prochnow. Die Per- unglückten konnten aber bald befreit werden und hatten, wie sich herausstellte, nur leichte Verletzungen davongetragen. Der schwer- verletzte Maschinenanwärter mußt« nach dem Paul-Gerhardtstift ip dex Müllerstraße geschafft weii�iy wo die Aerzte außer schweren Brandwunden im Gesicht und an den Händen einen Bruch des rechten Unterschenkels feststellten. Reuß ist verheiratet und Familienvater. Die Ursache der Explosion konnte noch nicht festgestellt werden. Auf der Unfallstelle trafen bald nach der Explosion die Feuerwehren von Borsig und Tegel ein. Da das Dach des Maschinenhauses Feuer gefangen hatte, mußten die Wehren längere Zeit Wasser geben. Die Aufräumungsarbeiten selbst werden von Arbeitern der Gasanstalt ausgeführt werden. Jmvieweit die Maschinen beschädigt worden sind, bedarf noch der genauen Untersuchung. Das Verwaltungsgebäude der Gasanstalt ist nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, da es ziemlich weit von dem Maschinenhaus entfernt liegt. Nur in einigen anderen Baulichkeiten des Gaswerks wurden zahlreiche Fensterscheiben eingedrückt._» Der Mann mit den drei Bräuten. Der 30 jährige Landschafts- gärtner O. Berndt aus Rixdorf wurde vorgestern von der Char- lottenburger Polizei wegen Betruges verhaftet. Er verstand es, sich zu gleicher Zeit mit drei Dienstmädchen zu verloben, denen er unter allerlei Vorspiegelungen ihre Ersparnisse in Höhe von 1120, 1160 bezw. 1000 M. abschwindelte. Zwei Störungen im Straßcnbnhnbetriebe machten sich gestern Rackimittag in der Potsdamer und ibren Nebenstraern fühlbar be- merkbar. Durch Ueberlaftung einer Maschine im Kraftwerk Königin- Augustastraße wurden die durch die Potsdamer Straße fahrenden Linien von 4.20 Uhr bis 4.30 Uhr und später von 6.18 Uhr bis 6.30 Uhr stromlos. Durch Zuschalten anderer Speisepunkte gelang es, die Störungen zu beheben. Der artistische Leiter des Sportpalastes flüchtig. Die Direktion des Sportpalastes erhielt vorgestern von dem artistischen Leiter des Sportpalastes, Otto Karraß, ein Schreiben, worin er mitteilt, daß er„aus zwingenden Gründen Berlin verlassen müsse". K. hat die Gelder imehrere tausend Mark), die ihm zur Auszahlung der zwei- wöchentlichen Gagen des artistischen Personals anvertraut waren, unterschlagen. Die Direktion des Sportpalastes hat, obwohl deS Sonntags wegen die Banken geschlossen waren, die sofortige Aus- zahlung der Gagen bewirkt. Selbstmord beim Gottesdienst. Während des jüdischen Gottes- dienstes in der Aktienbrauerei am Friedrichshain erschoß sich ein etwa 2Sjähriger junger Mann. Er wurde nach dem nahe gelegenen Krankenhanse Am Friedrichshain im bewußtlosen Zustande gebracht, seine Personalien konnten nicht festgestellt werden. Zur JohanniSthaler Flugwoche. Am Sonntage, der den Schluß der Flugwoche bildete, waren wieder Taufende von Besuchern nach dem Flugplatz hinausgepilgert. Die meisten Zuschauer waren in der Erwartung gekommen, scharfe Endkämpfe zu sehen, und sie wurden in dieser Hoffnung nicht ge- täuscht. Nach dein Ausfall der Wettbewerbe des Sonnabends kam es für die an der Spitze liegenden Flieger vor allem darauf an, zeitig aufzusteigen und ihre schwer errungenen Positionen zu be- haupten. Besonders gespannt war man auf das Duell von Melly Beese mit Witte, die am Sonnabend nur 13 Minuten voneinander entfernt waren. Der Kampf zwischen beiden endete jedoch schon frühzeitig, da Fräulein Beese der starken Külte und der heftigen Böen wegen vorzeitig landen mußte, während Witte, wie üblich, bis zum Schluß durchflog. Das Wetter war am Sonntag nicht gerade schön zu nenne». Trotzdem kam Snvelak als erster pünktlich an den Start. Um 3 Uhr 20 Min. überflog er die Start- linie und umkreiste in 60 bis 60 Meter Höhe die Bahn. Eine Minute später folgte ihm Hoffmann vom alten Startplatz und um dieselbe Zeit Pietschker, der die Absicht hatte, den deutschen Höhenrekord mit zwei Passagieren anzugreifen, Witte startete um 3 Uhr 20 Min. vom Wrightschuppen aus. Mellh Beese, die sich der Kälte wegen in einen dicken Pelzmantel gehüllt hatte, flog um 3 Uhr 34 Minuten mit ihrem Schüler Rosenstein ab. Die Maschinen hatten anfangs schwer gegen den Wind zu kämpfen; namentlich Wittes Doppeldecker mit dem schwachen Motor kippelte bedenklich in den Kurven. Später kamen auch die Gradeflicger aus den Schuppen heraus. Noelle, der bisher noch nicht die vorgeschriebene Höhe von 100 Metern erreicht hatte, versuchte mehreremal hoch zu kommen, doch'wollte der Motor nicht recht durchziehen. Auch Kahnt, der anfangs gut flog, mußte später landen, weil sein Motor aussetzte. Während sich die meisten Flieger in durchschnittlich 100 bis 160 Meter Höhe hielten, zog Witte in 500 bis 600 Meter Höbe dahin. Erst als gegen 6 Uhr eine schwarze gefahrdrohende Wolke aufzog, entschloß sich dieser Pilot, die Nähe der Erde aufzusuchen. Pietschker, der durchaus einen neuen Rekord ausstellen wollte, hielt sich in 700 Meter Höhe, aus der er erst zum Schluß in glänzendem Gleitflug herniederkam. Melly Beese flog nur 21 Minuten und landete dann, da sie der starken Böen wegen das Steuer nicht mehr regieren konnte. Aus demselben Grunde landete auch Oelerich nach einem kurzen Fluge. Gegen 6 Uhr flaute der Wind über dem Boden ab, und ein klarer durchsichtiger Himmel spannte sich über dein Felde ans. Jetzt ließ Hirth, der während der ganz?» Konkurrenzen nur zweimal geflogen war, seine Renntaube aus dem Schuppen bringen. Als er sich von Professor Berson einen Boro- grapyen holte, äußerte er. daß er, wenn möglich, einen neuen Rekord aufstellen werde. Diese Absicht hat er in glänzender Weise durch- geführt. Um 6 Uhr 10 Minuten ging Hirth vom Start und in er- staunlich steilem Winkel stieg er empor. Nach der ersten Runde schwebte der ausgezeichnete Aviatiker bereits in 1000 Meter Höhe, bei der zweiten Runde war er schon 2000 Meter hoch. Die Rumplcr-Taube erschien nur noch als ein winziger Punkt am Himmel. Die Luft war jedoch so klar, daß man jede einzige Bewegung deS Flugzeuges genau verfolgen und beob- achten konnte. Nach der zweiten Runde verließ Hirth das Feld und zog in der Richtung Bahnhof Johannisthal davon. Er ent- fernte sich jedoch nicht allzuweit, sondern kehrte schon nach einem. wenige Kilometer langen Ueberlandfluge zurück. Die Maschine war jetzt so klein, daß man nur noch mit Hilfe eines guten Fernglases die Umrisse der Taube unterscheiden konnte. Schließlich sah man das Flugzeug sich der Erde zuneigen und Hirth führte einen Gleitflug anS 2475 Meter Höhe nnt abgestelltem Motor aus. Nach einer Runde befand sich der Flieger schon 1400 Meter tiefer, nach der zweiten Runde flog e- 50 Meter über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Noch eine Ehren- runde machte der neue Rekordmann, dann landete er in gewohnter sicherer Manier mitten auf dem Felde. Mit dieser Leistung hat Hirth den von ihm selbst am 21. Juni m der Kieler Flugwoche aufgestellten Rekord von 2200 Meter geschlagen. Den ersten deutschen Rekord in, Höhenflug mit zwei Passagieren, der gleichzeitig auch einen deutschen Dauerrekord in, Flug mit zwe, Passagieren bildet, hat Pietschker gestern ausgestellt. Er stieg nnt zwei Fluggästen auf 700 Meter Hohe. Der diesbezügliche Weltrekord, den Moineau am 17. Auausi d. I. in Douai aufstellte, beträgt 87« Meter Höhe. Die offiziellen Zeiten des Sonntags sind folgende: Wettbewerb(Flugzeugwettbewerb.) Pietschker �SülSMm.' Suvelak 64 Min., Grulich- Hoffmann 61. Beese 29. Otto 7 Min. Wettbewerb B.(Fliegerwettbewerb.) Witte 2 Stunden 20 Min.. Pietschker 2 Stunden 19 Min.. Grulich 1 Stunde 41 Mm Oelerich 1 Stunde 38 Min., Sei, wandt 1 Stunde 21 Min.. Suvelak 1 Stunde 12 Mm., Hanuschke 47. Caspar 35. Schirrmeister 32. Beeie 29, Kahnt � Schauenburg 12. Srcinbeck 9. Otto 7. Noelle 6 und Wertheim 4 Minuten. Die Gesamtflugzeit der einzelnen Flieger stellt sich demnach: Wettbewerb A.(Flugzeugwettbewerb.) Pietschker 13 Stunden M M,».. Snvelak 11 Stunden 55 Min.. Grulich- Hoffmgm 10 Shmdrn lo Mm.. Beese-Hirth ö Stunden 30 Min., Engekhnrd 8 Stunden 18 Min, Otto 2 Stunden 10 Min., Engelhard 44 Min., Hoffmann 10 Min. Biidbner flog Wohl 55 Min erreichte jedoch nicht die vorgeschriebene Höhe von 500 Meter. Wettbewerb L.(Fliegerwettbewerb). Pietschker 13 Stunden 6g Min., Suvclak 12 Stunden 13 Min., Witte 10 Stunden KS Min., Grulich 9 Stunden 2g Min., Beese 9 Stunden 22 Min. Engelhard 7 Stunden 3 Min., Kahnt S Stunden 12 Min., Oelerich 5 Stunden 16 Min., Schwandt 5 Stunden 12 Min., Schirrmeister 6 Stunden 8 Min, Schauenburg und Caspar je 5 Stunden, Hanuschke 4 Stunden 17 Min., Wertheim 3 Stunden 13 Min., Noelle 3 Stunden S Min., Otto 2 Stunden 10 Min., Növer 1 Stunde 34 Min., Stein beck 1 Stunde 16 Minuten Nicht bewertet werden, da sie den vor- schrift-Zmähigen Höhenflug von 100 Metern nicht ausgeführt haben. von Gorrissen, der im ganzen 49 Min. flog, Schulze mit 27, und Dr. Lissauer mit 26 Min. Der Ankauf der zwei siegreichen Ein- und Doppeldecker im Flug zeugivettbewerb durch das'Kriegsministerium fällt den Albatros werken und der Rumpler-Luftfahrzeugbau G. m. b. H. zu. Gefaßt wurde endlich der Schwindler, der mit gefälschten Quittungen der städtischen Feuersozietät arbeitete und auf dessen 'Treiben wir wiederholt aufmerksam gemacht haben. Es ist ein früherer Versicherungsagent Otto Thiele, der der Kriminalpolizei schon seit einiger Zeit als der Schwindler bekannt war, aber erst letzt festgenommen werden konnte. Aug der Spree gelandet wurde gestern nachmittag die Leiche des 37 Jahre alten Tischlergesellen Paul Mathäus. Der Mann stammte aus Sarau und meldete sich auch dorthin ab, als er im Juni d. I. seine Wohnung in der Böckhstraße 61 verliest. Er wohnte aber unangemeldet in einer Laube, die er in Treptow besäst. Ob ein Unfall oder ein Selbstmord vorliegt, läht sich noch nicht sagen. Eine 6 Zentimeter lange quer über den Schädel gehende blutende Wunde, die man an der Leiche fand, rührt ohne Zweifel von einem Bootshaken her. Zwei gefährliche WohnungSeinbrecher wurden gestern wieder einmal auf der Klingelfahrt überrascht und unschädlich gemacht. Ein Gürtler Hermann Garlipp, der schon oft mit der Strafbehvrde zu tun hatte und erst im vergangenen Monat nach Verbüstung einer Strafe von 3'/z Jahren aus dem Zuchthause entlassen worden war. hatte sich mit einem Hausdiener Leopold Lethe, der ebenfalls wieder- holt bestraft ist, zu gemeinsamer„Arbeit" zusammengetan. Gestern nachmittag kamen die beiden auf der Klingelfahrt auch nach der Emdener Straste. Als sie hier an einer Wohnung keine Antwort erhielten, glaubte» sie, dah niemand zu Hause sei, kantelten mit unheimlicher Geschwindigkeit die Türe auf und begannen die Wohnung auszuräumen. Von diesem Geräusch erwachte der Wohuungsinhaber, der im Mittags- schläfchen daS Klingeln überhört hatte. Er war nicht wenig erstaunt, als er sich plötzlich zwei fremden Kerlen gegenüber sah, die gerade keinen vertrauenerweckenden Eindruck machten, erholte sich aber bald von seinem Schreck und schlug Lärm. So gelaug eS, die beiden Einbrecher festzunehmen. Auf dem Polizeipräsidium gab Leiha ruhig seinen Namen an, Garlipp dagegen spielte den wilden Mann, bestritt entschieden, der oft bestrafte Verbrecher zu sein und behauptete, dast er ein Baron v. Neuendorf sei. Der ErkennungS dienst der Kriminalpolizei aber stellte seine Persönlichkeit sehr bald fest und die Ertappten wurden dann beide dein Untersuchungsrichter Vorgeführt. Beim Renkenempfang vom Tode Sverrafcht wurde der 77 Jahre alte Zimmermann Heinrich Weine aus der Schwerinftr. 11. Gestern wollte er vom Postamt 67 in der Steinmetzstraste seine Invaliden- rente abholen. Bevor er jedoch das Geld erhalten hatte brach er im Vorflur des Postamtes zusammen. Ein anwesender Arzt be- mühte sich sofort um den Greis, doch konnte er nur noch den Tod des Mannes feststellen. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Bon einem Automobil überführen und schwer verletzt wurde gestern nachmittag 4 Uhr vor dem Hause Flensburger Str. 12 der K— 6 Jahre alte Knabe Thomas. Nachdem ein in der Nähe woh- nender Arzt dem verunglückten Knaben die erste Hilfe geleistet und neben anderen Verletzungen einen Beinbruch festgestellt hatte, Wurde der Verunglückte nach einem Krankenhaus gebracht. Die WintcrcmSgabe des offiziellen FahrplanbuchS der Großen Berliner Straßenbahn(Berliner Wegweiser) ist soeben erschienen. DaS Büchlein hat in diesem Jahre unter Mitwirkung der bezüglichen Verkehrsgesellschaften eine redaktionelle Umarbeitung erfahren. Bc- sonders sind bei jeder Strohe Berlin« die durchfahrenden bezw. kreuzenden Linien angegeben. Das Verzeichnis ist gänzlich neu auf- gestellt worden. Der Berliner Wegweiser enthält sämtliche Fahr- Pläne der Strahenbahulien Grost-Berlins, sämtliche Omnibnslinien, Hoch- und Untergrundbahnen, die Fahrpläne der Stadt- und Vorort- bahnen, ferner gemeinnützige Angaben, Post- und Telegraphentarif, Museen und Theater. Ein inehrsarbiger Pharus-Plan ist dem Buche beigegeben. Der Wegweiser ist bei den Schaffnern der Grnsten Berliner Strast.'nbnhu sowie in sämtlichen Buch» und Papier- Handlungen und im Pharus-Bcrlag. Berlin SWi, Lindenstr. 3, erhältlich. Preifi 26 Pf._ Vorort- JVacbncbten. Steglitz. Mit einer Beschwerde des GemeindevertrekerS Fischer gegen die eigenmächtige Geschäftsführung deS Gemeindcvorstandcs begann die letzte Sitzung der Gemeindevertretung. Acht Gemeinde- Vertreter hatten vor neun Tagen den geschäftSordnungSmästigen Antrag auf Anberaumung einer auherordentlichen Sitzung mit acht Tagesordnungspunkten gestellt. Statt dessen wurde eine ordentliche Sitzung einberufen und die Tagesordnung mit 26 Positionen belastet. Die..kompalte Mehrheit" liest jedoch ihren Gemeindevorstand nicht fallen, so dast sich die Antragsteller damit begnügen muhten, für die Zukunft mehr Berücksichtigung zu fordern. Eine Anfrage betr. Stadtwerdung unseres Dorfes wurde vom Bürgermeister dahin beantwortet, daß ihm auf persönliches Vorstelligwerden im Ministerium des Innern von dem betreffenden Dezernenten gesagt worden sei. man dürfe hoffen und erwarten, daß die Regierung dem Landtage ein diesbezügliches Gesetz vorlegen werde. Nun. mehr kam ein Antrag des Gemeindevertreters Gaedeke betr. Maßnahmen zur Linderung der Lebensmittel- teuerung zur Beratung. Der Vorsitzende teilte mit, daß noch ein Antrag der Gemeindcvertreter Aßmann und Hamburg ein- gegangen sei, dahingehend, den Gemeindebeamten mit einem Gehalt bis 3000 M. eine Teuerungszulage von 160 M. und den Gemeinde- arbeiten! eine Zulage von 50 Pf. täglich zu zahlen. Der Bürger- meister bemerkte zu dem Antrage, daß der Gemeindevorstand der nächsten Gemeindevertrbtersitzung seinerseits eilne Vorlage hetr. Erhöhung der Löhne unterbreiten werde; auch über eine Teue- rungSzulage an die Beamten feien schon Erwägungen im Gange. Er glaubt, daß diese Mitteilung unsere Vertreter veranlassen werde, ihren Antrag zurückzuziehen. Das geschah jedoch nicht. Ge- meindevertreter Gaedeke betonte in der Begründung seines Antrages die Pflicht der Gemeinde, hier helfend einzugreifen. Wenn auch die Fleischpreise erst im Frühjahr eine Steigerung erfahren würden, so seien doch die übrigen Lebensmittel schon jetzt abnorm teuer. Hauptsächlich müsse versucht werden, der ärmeren Bevölkerung Kar- toffeln zu möglichst niedrigem Preise zu verschaffen. In einzelnen Landesteilen sei die Kartoffelernte sehr gut ausgefallen und die Preise seien dort mäßig. Da für Gemeinden der Frachttarif um HO Proz. ermäßigt sei, könne man die Kartoffeln weit unter den (hiesigen Preisen liefern. Auch die Zufuhr von frischen Seefischen müsse in die Hand genommen werden. Da es verschiedene Möglichzeiten gebe, dw Hilfsaktion zu organisieren, schlage er zunächst die Wahl einer Kommission vor, die sich dieser Sache annehmen möge. Der Antrag fand zwar allseitige Zustinimung, doch wurden auch Befürchtungen laut, daß den Geschäftsinhabern der Lebensmittel- brauche damit großer Schaden entstehe. Der Bürgermeister führke aus, daß die Kartoffelernte auf unserem Rieselgute zwar nur ein Drittel der vorjährigen betragen würde, daß ober trotzdem rund 2000 Zentner zur Verfügung stehen würden. Er schlug vor, die Marktkommission mit der Vorberatung zu betrauen. Hiergegen wandte sich Genosse Aßmann mit der Begründung, daß diese Kom- Mission zu langsam arbeite. Habe man doch bis heute noch nichts gehört über das Schicksal des vor reichlich einem halben Jahr an- genommen Antrages betr. Errichtung einer Seefischhalle. Zu seinem Antrag führte er aus, daß er ihn deshalb aufrechterhalten müsse, um für die unteren Beamten und die gering entlohnten Arbeiter möglichst bald etwas zu tun, da diese am meisten unter der Teue- rung zu leiden hätten. Schon bei der Etatsberatung habe er einen Antrag auf Lohnerhöhung der Gemeindearbeiter auf Wunsch des Gemeindevorstehers zurückgezogen, der eine baldige Neuregelung versprach. Seitdem sei ein halbes Jahr vergangen, ohne daß die versprochene Vorlage gekommen sei. Man möge unserem Antrage zustimmen, dann vollbringe man eine positive Leistung. Gemeinde Vertreter Gädtke unterstützte den Antrag, der sicher in der Bürger schaft gut aufgenommen werden würde. Bei der Abstimmung wurde oer Antrag jedoch gegen die Stimmen der Antragsteller und des Ge meindevertreters Gädtke abgelehnt, der Antrag Gaedeke angenommen und der Marktkommission überwiesen. Um.9410 Uhr wurde die Sitzung vertagt. Nnmmelsburg. Die Gemeindevertretung wählte in ihrer Sitzlmg am Freitag den Magistratsassessor Dr. Maretzkh in Rixdors mit 16 gegen 12 Stimmen zum besoldeten Gemeindeschöffen. Die 12 Stimmen waren auf den Gegenkandidaten Assessor Knothe in Weitzensee entfallen. Dr. Maretzkh verdankt seine Wahl seiner Kandidatenrede, in der er die Vertreter der beiden Grundbesitzervereine dadurch für sich ge� wann, daß er ihnen versprach, sie in ihrem sorgenvollen Dasein als Grundbesitzer einer besseren Zukunft entgegen zu führen da« durch, daß er dafür sorgen werde, eine Herabsetzung der Steuern zu erwirken, welche den Grundbesitz belasten. Daß Dr. Maretzkh liefe Messias-Aufgabe ernst gemeint hat— diesen Glauben kann man natürlich auch nur bei solch naiven Gemütern, wie die Rummelsburger Grundbesitzervertreter nun einmal find, finden. Im Wablausschuß selbst halte sich die Mehrheit auf Herrn Assessor Knolhe geeinigt und denselben der Gemeindevertretung auch in Vor- schlag gebrachl. Anschließend an diese Wahl fanden die Wahlen der Vertreler und Stellvertreter für den Kanalisations- zweckverband Lichtenb-rg-Rummelsburg wie die Wahlen der Vertreter und Ersatzmänner für den Zwangszweckverband Grost-Berlin statt. Für den erster«» Verband waren vom Wahlausschuß für die vier zu wählenden Vertreter, außer den drei bürgerlichen Vertretern Lange, Bäsch und Beckmann auch unser Vertreter John in Vorschlag gebracht worden. Die Grundbesitzervertreter, welche eigens wegen der Vorschläge des Wahlausschusses eine vertrauliche Besprechung unter sich ab- hielten, beschlossen in dieser Zusammenkunft, die sozialdemokrarischen Vertreter von diesen Aemtern auszuschliesten. Dieses selbstherrliche, edweden AnstandeS hohnsprechende Gebaren dieser Gesellschaft ist um so verwerflicher, wenn man in Betracht zieht, dast die Gemeindevertretung erst in diesem Frühjahr ohne Widerspruch dahin übereingekommen war, dast bei Vergebung aller vorkommenden Aemler sämtliche Fraktionen entsprechend ihrer Stärke gleichmäßig zu berücksichligen sind. Bei der Wahl unseres Kandidaten stimmten dann a»ch die Grundbesitzervertreter geschlossen gegen denselben, wodurch Eigen- tümer Wernstädt mit 16 gegen 13 Stimmen, welche auf Genossen John enlfallen waren, gewählt wurde. Die drei anderen bürgerlichen Vertreter waren fast einstimmig gewählt worden, da auch unsere Ber- treter auf Grund des betr. Abkommens für dieselben gestimmt hatten. An den hierauf zu vollziehenden Wahlen der vier Stell- Vertreter beteiligten sich unsere Vertreter nicht. Wohl um daS Beschämende ihrer Handlungsweise etwas zu verwischen, wählt man trotz der Nichtbeteiligung unserer Vertreter auch Genossen John als Stellvertreter, welcher die Wahl aber dankend ablehnte. Bei den Wahlen zweier Vertreter und zweier Ersatzmänner für den Zweck- verband Grost-Berlin. war nach den Vorschlägen deS Wahlausschusse« als Vertreter der Bürgermeister und ein Gemeindevertreter von der Grundbcsitzerfraktlon und als Ersatzmänner Schöffe Lange und ein Gcmeindevertreter von der Sozialdemokratie in Vorschlag gebracht worden. Als Vertreter wurden gewählt: Dr. Hahn ein- stimmig und Gemeindevertrcter Eigentümer Vctirich mit den 16 Grundbesitzerstimmen. Als Ersatzmänner wurden Schöffe Lange und Genosse Jahn gewählt. Bei der Wahl unseres Genossen vollzog sich sonderbarerweise eine Spaltung der Gruiidbesitzerstimmen— indem die Hälfte der Grundbefitzervertreter für unseren Kandidaten mit- stimmten, wodurch derselbe mit 13 gegen 6 Stimmen, welche auf den Hausbesitzer Leichnitz entfallen waren, gewählt wurde. An die Wahlen schloß sich eine nichtöffentliche Sitzung an, welche zur Ber- schmelzung mit Lichtenberg definitive Stellung nehmen sollte. Nach einstündiger Debatte wurde die Sitzung aber auf nächsten Mittwoch vertagt. Nixdorf. Der Frllhmarkt soll einem Beschkust der VerkehrSdeputatkon zn- folge nach dem Maybachufer östlich der Friedelstrastc verlegt werden. Der neueingerichtete Markt im oberen Ortsteil soll bis auf weiteres auf die südliche Hälfte deS Herrfurthplatzes und auf die beiden Fahrdämme der Schillerpromenade beschränkt werden.— Der Vor- sitzende machte die Mitteilung daß der Einrichtung eine» Pferde- markte» durch die Stadt bisher die Genehmigung der AussichtS- behörde versagt worden ist, und dast sich jetzt die Angelegenheit in der Beschwerdeinstanz befindet.— Die Deputation nahm von dem Bericht de» Borsitzenden über den derzeitigen Stand der Schnellbahn- angelegenheit(Amchlutz der Rixdorfer Untergrundbahn an die Nord- Südbahn) Kenntnis. Die Eisenbahndirellion hat die Einrichtung eines Gepäckbeförderungsdiensies und GepäckaufbewahrungSraumeS für den Bahnhof Stixdorf abgelehnt. Verschmähte Liebe und NahrungSsorgcn hat den 21 Jahre alten Expedienten Otto Umlauf aus der Siegfriedstr. 16/17 in den Tod gelrieben. Der junge Mann war nervenieidend und seit acht Wochen stellungslos. Vor einigen Wochen schickte ihm seine Braut,«ine l8jährige Verkäuferin, den Abschiedsbrief. Diese Enttäuschung brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Als sein Wirt am Sonntag morgen von einer Festlichkeit heimkehrte, fiel ihm ein starker Gasgeruch auf. Er schlug die verriegelte Tür ein und fand den jungen Manm der den Hahn der Ampel aufgedreht hatte, in seinem mit GaS angefüllten Zimmer tot auf dem Fußboden liegen. In AbschiedSbriefen. die auf dem Tische lagen, und an seine Eltern in Oesterreich und Bekannte in Rixdorf gerichtet waren, hatte er mitgeteilt, dast er wegen Nah- rungssorgen und auS Liebeskummer in den Tod gegangen war. Zehlendorf(Wannseebahn). lieber Mutterschutz und Rassenhygiene wird in einer am Donnerstag bei Mick, Karlstraste, stattfindenden öffentlichen Vcr- sammlung Reichstagsabgeordnetcr Genosse Dr. Eduard David sprechen. Die hiesigen Genossinnen und Genossen werden ersucht, für den Besuch der Versammlung lebhast zu agitieren. Auch werden die Genossen der umliegenden Vororte, Lichterfelde, Schlachtensee, Nikolassee usw. gebeten, an dieser interessanten Versammlung teilzunehmen. Sldlershof. Aus der Gemeindevertretung. Die Einführung deS dritten Schöffen, Herrn Oberlehrer Matthes, wurde in der üblichen Weife vollzogen. Nachdem dann die Gültigkeit der letzten Gemeinde- verordnetenwahl einstimmig beschlossen war, wurde die Einführung unseres Genossen Petrich erledigt. Den Bemühungen unserer Ge- nassen war es gelungen, in den Etat von 1911 die Summe von 800 M. für zwei Schulärzte einzustellen. Endlich wurde nun am Donnerstag die Dienstanweisung dieser Schulärzte der Gemeinde. Vertretung zur Annahme unterbreitet. Genosse Herlitz knüpfte an einige Paragraphen derselben eine scharfe Kri'-'"nängelte, daß die Herren Aerzte durch diese Dicnstordnu.M Nicht verpflichtet werden, einen Bericht über die im Lause eines Jabres gemachten ErfahrMgen zu Veröffentlich ett. ffe?rier ssav Genosse Horkiß die Anregung, ob es nicht ratsam sei, die Aerzte in ihrer Tätigkeit durch sogenannte Schulschwestern zu unterstützen. Die Herren der Mehrheit begrüßten zwar diese Anregung, wollen aber die vor- gelegte Dienstanweisung erst ein Jahr hindurch auf ihre Brauch- barkeit erproben. Die Neuregelung der Sonntagsruhe im Handels- gewerbe hat durch das mangelnde Entgegenkommen der Stadt- verordnetenversammlung von Köpenick eine unangenehme Ver- zögerung erlitten. Vor einigen Wochen hatte die von uns ein- gesetzte Kommission mit Vertretern der Gewerbetreibenden, den deutschnationalen Kaufleuten, des Gewerkschaftskartells und des sozialdemokratischen Wahlvereins unseres Ortes eine gemeinsame Besprechung abgehalten. Man hatte unter allseitiger Zustimmung beschlossen, mit Ausnahme der Morgenstunden von 7—10 Uhr völlige Sonntagsruhe einzuführen, vorausgesetzt, daß die Stadt Köpenick sich dem anschließt, weil wir mit Köpenick ein einheit- liches Wirtschaftsgebiet bilden. Der Beschluß der Köpenicker Stadt- Väter macht nun bei uns nochmals neue Beratungen nötig. Nun- mehr kam der Punkt„Bekämpfung der Lebensmittelteuerung" zur Beratung. Der Bürgermeister Köhler führte aus, daß die Wir- kungen der vorhandenen Teuerung herabgemindert werden müßten und empfahl für diesen Zweck den Vertrieb von Seefischen. � Aber nicht in eigener Regie, sondern es sollten ein oder zwe: Kaufleute, denen man festgesetzte Verkaufspreise vorschreiben würde, im Auf- trage der Gemeinde den Verkauf übernehmen. Bürgermeister Köhler fügte hinzu, daß in Rücksicht auf unsere lediglich aus Ar- beitern bestehende Bevölkerung die Teuerungsfrage eine brennende sei. Unsere Genossen brachten zu diesem Punkte folgende Reso- lution ein: „Um der bestehenden Teuerung und der fortwährend zu- nehmenden Preissteigerung der unentbehrlichsten Nahrungs- und Genußmittel des Volkes wirksam begegnen zu können, er- sucht die Gemeindevertretung von Adlershof, den Deutschen Reichstag sowohl wie den Preußischen Landtag, die Zölle auf Lebens- und Futtermittel und das System der Einfuhrscheine aufzuheben. Zur Linderung der Fleischnot wird die Regierung ersucht, die Einführung ausländischen Schlachtviehs und gefrorenen Fleisches sofort freizugeben. Für die örtlichen Maßnahmen ist sofort eine Kommission zu wählen, welche zu beraten hat, wie die Abgabe von Lebens- und Bedarfsmitteln an die hiesige Bevölkerung(zum Selbstkosten- preise) durch die Gemeinde schnellstens in die Wege zu leiten ist. Die Kommission ist auch zu beauftragen, festzustellen, in welcher Höhe den Beamten und Arbeitern der Gemeinde eine einmalige oder fortlaufende Teuerungszulage zu gewähren ist." Genosse Horlitz bezeichnete die vom Gcmeindcvorstand emp- fohlenen Mittel als keineswegs ausreichend, er ersuchte die Ge- meindevertretung dringend, die vorgelegte Resolution einstimmig anzunehmen. Für den ersten Teil der Resolution stimmten der Bürgermeister, die drei Schöffen und sämtliche Herren der 2. Abtei- lung mit unseren Genossen. Dagegen stimmten von der 1. Abtei- lung die Herren Dr. E h r m a n n, Dr. Baurath, Bach. R i e p r i ch und Lüddekens. Der zweite Teil wurde ein- stimmig angenommen, nachdem sich unsere Genoffen m iteiner un- wichtigen redaktionellen Aenderung einverstanden erklärt hatten. Es wurde eine achtgliedrige Kommission gewählt, der die Genossen Petrich und Horlitz angehören. Unter verschiedenem wurde dann noch die Uebertragung der Lieferung von Eisenträgern für den Schulneubau an die Firma Wolfs-Netter u. Jacobi in AdlerShof von unseren Genossen kritisiert. Durch Ortsstatut ist bei uns be- stimmt, daß nur solche Firmen, welche in bezug auf Löhne und Arbeitszeit für ihre Arbeiter die zwischen Verbänden und Ar- beitnehmern abgeschlossenen Tarife einhalten. Aufträge erhalten. Unsere Genossen wiesen nach, daß dies bei besagter Firma nicht der Fall ist. Die Löhne der einzelnen Arbeiterkategorien wurden genannt und nachgewiesen, daß der Verdienst aller Arbeiter bei Wolfs-Netter u. Jacobi durchschnittlich 5— 8 Pf. pro Stunde nie- driger ist, wie in anderen gleichartigen Betrieben. Da» Koalition«. recht der Arbeiter wird nicht anerkannt und die Arbeitszeit beträgt 63 Stunden wöchentlich, während der bestehende Tarif nur 66 Stun- den vorsieht. Trotzdem hatte der Vertreter der Firma durch Unter- fchrift die Bedingungen der Gemeinde anerkannt.— Bei den am 29. September stattgefundenen Wahlen zum WasserverbandSauSschuß wurden Herr Dr. Saling von der 1. Abteilung und unser Ge- nosse Horlitz mit 11 und 9 Stimmen gewählt. Wittenau-Borsigwalde. Uebcr Kirche und Religion sprach in einer Von über 900 Per- sonen besuchten Volksversammlung Genosse U n g e r. Nach Schluß der Versammlung erklärten sich etwa ein Viertel der Anwesenden zum Austritt aus der Landeskirche bereit. Sachsenhausen. Ueber die Beschwerde unseres Genossen Emil Kühl gegen die Gültigkeit der Wahl de« Gemeindevertreters SchiffbaumeifterS Schreiber-Sachfenhaufen wurde vor einigen Tagen vor dem Kreis- auSschust verhandelt. Bekanntlich erhielt bei der Wahl im Frühjahr Genosse Kühl 32. Schreiber 43. Hoff 9 und Schulz 1 Stimme. JnS- gesamt wurden also 86 Stimmen abgegeben. Die Beschwerde richtete sich gegen den Gemeindevorsteher, der einen taubstummen Wähler, welcher einen Stimmzettel mit dem Namen unseres Genoffen Kühl abgeben wollte, zurückgewiesen hatte. Außerdem wurde dem Gemeindevorsteher zum Vorwurf gemacht, dast er eine Vollmacht der Witwe Zander ungeprüft zurückgewiesen habe. Danach hätte, weil die absolute Majorität nicht 43 sondern 44 Stimmen betrug, Stichwahl zwischen Kühl und Schreiber statt- finden muffen. Der Kreisausschuß gab der Beschwerde statt und erklärte die Wahl für ungültig. ES ist nicht anzunehmen, dast bei der klaren Sachlage gegen dieses Urteil Revision eingelegt wird. Unseren Ge» nassen erwächst daher die Pflicht, jetzt schon in die Agitation einzutreten, damit daS Mandat erobert wird. «MUeraitgsüderftä, vom« Oktober 1911. x a l3 Ü fmmnnbt erliv Frlmkl a Vt München Wien II a| "64 SW 756 NW 754 W 759 N 1759 3 1 753 NW Vetter ZRebel 5 halb bd. 2 bedeckt Shalb bd. 4 Regen 8 Regen »B ei* f* M« II i. i Haparanda 764 92 u Petersburg 767 SO Sctllh lberk'eeli BariS 767® 765® 765 NW v?et»rrprog»o(e für Dienstag, de« 3. Oktober igu. Kühl, zeitweise ausklareiid, vorwiegend trübe mit leichi,» weaenMen und ziemlich siijchen nordwestlichen Winden. � n Berliner« etterb ureau. Wasserstands. Starb richte» der LandeSanstalt sür Eewääerkiinde. miigeieiü vom Berfln-r Wetterbnrean. Wasserstand Nemel. TllsU B r« g e l. gniierbarg Weichsel. Thor» Oder, Rattb« , Krassen , Frankbirt Warth,. Schrnnm , LanoSberg Reh«, Bordamm ? l b«, Leirmcrih , Dresden , varbv , Magdeburg vasserktan» Saal», Mrochssh Havel, Spandau') . Rathenow') Spree, Sdrcmbergft . BeeSkoto O e 1 1 1. Münde» _- Rinden Bpettt, Waxiniiiansau » fttuifi » Köln R ei! a t. Heilbron» Main, Wertheu» Moiel. Trier Kerantworllicher Redakteur: Richard Barth. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Block«. Berk,». Druck».Berlag: Vorwärts Bn 1 4- bedeutet«»««.— Kali.~»> vnterveaei. BerkagSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin 3W.