V- WS RkniMtntfltS'Bttftnsinis»: «Semnemenlä• Preis DtfitrumetonSo! «iertcljShrl. 8�0 ÜJU, monatl. 1.10 Ml, wöchentlich 2b Pfg. frei ins Haus. einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- nummer mit illuslrierler Sonntags- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- Slbomiement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnememS nehmen an: Belgien, Dänemark Holland. Jtoli?«, Luxemburg, Portugal, Kumänien, Schweden und die Schweis vlchk« tlgn»«»» nwtatt. 28. Jahrg. DU Tnlerflons-fiebülfr Getrögt für die sechSgespaltene Kolonel- »eile oder deren Raum 00 Pfg.. für politische und aewerlschaftliche Vereins- Und Versaminlungs. Anzeigen 80 Pig. „Kleine Anreizen", das fettgedrurlle Wort 20 Pfg. izulässig 2 fettgedrinfte Wortef, jedes weitere Wort>0 Pfg. Stellengesuche und Lchlafstellenan- iciaen das erste Wort 10 Pfg, jede» weitere Wort b Pfg. Worte über In Buch- slaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer Müllen bis fi Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. NevUnev Volksblatt. Zcntralorgan der rozialdcmokratifcbeti parte» Deutfcblanda. Telegramm> Adresse: »SStllllüiMS'ilfSl ksrU»". kedakrion: SM. 68, I�iiicletistrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. I9S3, Donnerstag, de« 5. Oktober 1911. Expedition: SM. 68, Lindcnetrasae 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die S(i)Ulreforn) der Sozial' demokratic. DaS vor einigen Monaten erschienene Buch deS Genossen Heinrich Schulz über„Die Schulreform der Sozialdemokratie" (Kaden u. Co., Dresden) erfreut sich dauernder Ungnade bei der Zentrumspresse. Schon gleich nach seinem Erscheinen zogen die Zentrumsblätter in allen Gegenden Deutschlands zornig vom Leder, weil sie die im Buche hier und da zutage tretende Uebereinstimmung einiger Forderungen der fortschrittlichen Lehrerschaft mit den nächsten Schulforderungen der Sozial- demokratie kränkte; besonders die Forderung der reichsgesetz- lichen Regelung des Schulwesens hatte es dem Zentrum an- getan, und mit unheilschwangerer Geste malte sie die„großen Gefahren" einer„Großblockmehrheit" im Reichstage an die Wand. Inzwischen hat das Buch des Genossen Schulz auch in der pädagogischen Fachpresse ausführliche Besprechungen ge- funden; auch die„Pädagogische Ztg.", das von den Schwarzen wohlgehaßte Hauptorgan des Deutschen Lehrer- Vereins, widmete dem Buche einen Artikel, der zwar im wesentlichen nur referierender Natur war. aber neben verschiedenen Vorbehalten doch von dem„im ganzen groß- zügigen Schulreformplan der Sozialdemokratie". sprach. Da inzwischen die Reichstagswahlen und damit die„großen Ge- fahren" einer„Großblockmehrheit", was für die Zentrums- leser nur ein beschönigender Ausdruck für die Abrechnung mit dem schwarzblauen Block ist, noch näher gerückt sind, so hält es das Hauptorgan des rheinischen Zentrums, die„Kölnische Volkszeitung", für notwendig, noch einmal in zwei Artikeln von zusammen ungefähr zehn Spalten Länge auf das Buch des Genossen Schulz loszuschlagen. Der jugendlich-heiß- spornige Abgeordnete des preußischen Landtags und Kreis- fchulinspektor Dr. Hetz hat die edle Aufgabe übernommen, die Schulforderungen der Sozialdemokratie als utopisch, sinnlos, staatsgesährlich und religionsfeindlich nachzuweisen und auf diese bequeme Weise die deutschen Volksschullehrer als die gefährlichen Bundesgenossen solcher gefährlichen Gesellschaft zu denunzieren. Wir brauchen keine zehn Spalten, um?>ie geistvolle Polemik des Herrn Heß zurückzuweisen. Wir könnten sie auch ohne jede Sorge um die Folgen auf sich beruhen lassen, wenn es sich nicht verlohnte, an diesem Beispiele wieder einmal die besondere Kampsesmethode des Zentrums klarzustellen. Herr Heß teilt sich seine Arbeit in zwei Teile. Den zweiten, für ihn wichtigeren Teil überschreibt er„Die religiöse Seite", alles andere der sozialdemokratischen Schulreform faßt er ebenso einfach wie falsch als„materielle Seite" zusammen. In der Relionsfrage ist er so gnädig, den Genossen Schulz „ernst" zu nehmen, weil ihm das besser zu seinen denun- ziatorischen Nebenabsichten paßt. Obwohl die„Pädagogische Zeitung" sich zu den Ausführungen des Genossen Schulz über die Religionsfrage gar nicht geäußert hat, findet Herr Heß doch darin gerade das Bedenkliche. Das freisinnige Zentralorgan des Deutschen Lehrervereins werde„seine Gründe dafür haben." Wir können über die ganzen aufgeregten Deklamationen und Denunziationen des Herrn über„die religiöse Seite" zur Tagesordnung übergehen. Es wäre noch schöner, wenn wir in diesem Punkte irgendwelche Berührung Mit der Schulpolitik des Zentrums hätten l „Drigineller ist die Methode des Herrn Heß in der Be- Bekämpfung unserer sonstigen Schulforderungen. Mit kühner Phantasie, verwirklicht er plötzlich inmitten unserer ganzen heutigen Staats- und Wirtschaftsordnung sämtliche Schul- forderungen der Sozialdemokratie bis in ihre letzten Konsequenzen. Leider nur in der Phantasie, und leider nur in der verballhornten Weise, wie ein Zentrumsschädel die sozialdemokratischen Forderungen versteht. Und dann beginnt Herr Heß eine Rechnung aufzustellen; genau bis auf Heller und Pfennig berechnet er, was diese sozialdemokratische Zu- kunstsschule von Gnaden der Heßschen Phantasie kosten würde. Herr Heß kommt dabei auf rund vier Milliarden im Jahr. Wie er das macht? Ganz einfach, nach dem Hexen- einmaleins:„aus eins mach' zehn und zwei laß geh'n und drei mach' gleich, so bist du reich." Herr Heß geht von der Klassenfrequenz aus. Heute kommen auf einen Lehrer im Durchschnitt 58 Schüler. Die Sozialdemokratie verlangt— selbstverständlich jm Einklänge mit den Forderungen der wissenschaftlichen Pädagogik— eine Klasienfrequenz von 80. Ha. sagt Herr Hxsi. das ist nur die Hälfte; wird diese Forde- rung durchgeführt, so verdoppeln sich damit sämtliche Ausgaben für das Schulwesen, bisher betragen sie etwa 5Ü8 Millionen, mithin betragen sie nach dem Schulzschen Rezept eine Milliarde. denn zweimal zwei ist vier! So einfach und leicht und ohne viel Kopfzerbrechen kommt Herr Heß zu seiner ersten Milliarde. Aber ohne sich zu besinnen, begibt er sich an die ziveite. Nach einem Rechenexempel, dessen Zusammenhang er vorsichtiger- weise in seinem Busen bewahrt, rechnet er im Handumdrehen für Beseitigung der einklassigen und Halbtagsschulen eine Viertelmilliarde heraus. Noch besser lohnt sich seine Rechnung bei der unentgeltlichen Verpflegung und Kleidung, ll Millionen Schüler sollen an 250 Schultagen Frühstück und Mittagessen haben. Herr Heß setzt dafür— wahrscheinlich nach seinem eigenen Haushaltsetat berechnet— pro Tag und Kind 50 Pf. an.„Macht 1375 Millionen Mark," sagt Herr Heß;„aus fünf und sechs, so sagt die Hex', mach sieben und acht, so ist's vollbracht." Herr Heß räumt jedem Schüler jährlich zwei Anzüge zu je 10 M. ein,„macht" nach Herrn Heß nebst Schuhen und anderen nützlichen Bekleidungsgegenständen zu- sammen 330 Millionen Mark. Die Lehr- und Lernmittel be- rechnet Herr Heß„nur" mit einigen 60 Millionen pro Jahr. Dafür bringt er für die von der Sozialdemokratie geforderten Kindergärten durch einige kühne Besprechungen—„und neun ist eins und zehn ist keins"— eine Milliarde zuwege. Addiert man alles zusammen, so kommen ungefähr vier Milliarden heraus. Wer sich darob entsetzt, tröste sich mit Mephistos Menschenkenntnis:„Es war die Art zu allen Zeiten, durch drei und eins, und eins und drei, Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten." Es versteht sich von selbst, daß wir die Zahlen des Herrn Heß nicht wegen ihrer Höhe an sich der ösfentlichen Lächer- lichkeit preisgeben. Dadurch unterscheidet sich gerade die sozialdemokratische Schulreform von der bürgerlichen und besonders von der Schulreaktion des Zentrums, daß sie nicht zuerst wagt: was kostet eine Reform? sondern: Ist sie not- wendig? Nach der bürgerlichen Methode kommt die Schule nicht vorwärts, weil jede Verbesserung etwas kostet und für die Volksschule niemals Geld vorhanden ist. Nach der sozial- demokratischen Methode aber wird den Schülern und der Schule und damit auch dem Volke geholfen; wegen der Beschaffung der Kosten lassen wir eine Reform so wenig scheitern wie die bürgerliche Gesellschaft irgend eine Heeres- resorm an den Kosten scheitern läßt. Weswegen wir die Zahlenkunststücke des Herrn H-eß an den Pranger stellen, das ist einmal die ungeheuerliche Leichtfertigkeit, mit der Herr Heß— ein Kreisschulinspektor!— mit einem Anschein von Wissenschaftlichkeit und Sachverständnis phantastische Zahlen aus der Luft greift, um eine gute Sache aus politischer Gehässigkeit zu schädigen; und das ist ferner die totale Gleichgültigkeit des Herrn Hetz, eines der jüngeren und wahrscheinlich zukunftsreichen Schulpolitikers des Zentrums gegen jede ernsthafte Schulreform; denn das ist die Grund anschauung, aus der heraus die Argumentation des Herrn Heß geboren ist. Es scheint dem Herrn keinen Augen blick zum Bewußtsein gekommen zu sein, welche geradezu vernichtende Anklage er durch seine Zahlen operationen gegen daS heutige Schulwesen schleudert. Er kann nicht bestreiten, daß die Normalfrequenz in Preußen(70 und 80 Schüler in der Klasse) pädagogisch einfach unhaltbar ist, und daß auch bei 58 Schülern, dem Durchschnitt in Deutsch- land, keine guten Früchte zu erwarten sind. Statt nun mit anderen Schulreformern die Erringung der zulässigen Frequenz von 30 anzustreben, erhebt Herr Heß ein großes Geschrei: das kostet Geld I Freilich tut's daS, aber es ist eine Schmach für einen Kulturstaat wie Preußen, daß er dafür kein Geld hat. Allerdinas: in Preußen herrschen die Schwarzen und die Blauen. Was kümmert's die, wenn die Arbeiterkinder in Klassen mit 100 und mehr Schülern nichts lernen l Was kümmert's dieselben Volksfreunde, wenn von den Millionen Volksschulkindern täglich jahrein jahraus Hunderttausende ohne jedwedes warme Frühstück in die Schule kommen und auch den ganzen Tag keinen warmen Bissen in den Leib be- kommen I Die Ritter und Heiligen spüren den Hunger, der in den Eingeweiden der Proletarierkinder brennt, ja nicht. Und sterben die armen Kinder an Unter- ernährung dahin, so kommen sie in den Himmel. Sterben sie aber nicht, sondern verdummen sie nur, weil sie wegen körperlicher Schwäche dem Unterricht nicht ordentlich folgen konnten, so sind sie immer noch ganz brauchbare Ausbeutungs- objekte in den Spinnereien der schwarzen Schlotbarone am Rhein oder auf den Karroffel- und Rübenfeldern der blauen Grafen östlich der Elbe. Auch Säuglings- und Kleinkinder- schütz ist nach der Schul- und Sozialpolitik der christlichen Ritter und Heiligen nicht notivendig. Das alles kostet Geld I Sollte für einen christlichen Schulpolitiker nicht die erste Sorge sein, daß alle notwendigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulunterricht erfüllt werden? Müßte er nicht mit der Sozialdemokratie danach streben, daß die Kinder körperlich genährt und vor der zitternden Blöße geschützt sind. ehe man an ihre geistige Ausbildung denkt? Müßte er nicht mit uns sagen: Die Kinder müssen essen, und sie müssen Kldidung haben, möge der Staat Mittel und Wege finden, um die Kosten dafür aufzubringen l Bringt er doch auch die Kosten für die Erhaltung des kostspieligen stehenden Heeres auf! Allerdings beschäftigt sich auch Herr Heß mit dem Heere und seinen Kosten. Aber so verschwenderisch er ins Volle greift, so lange es sich um die Diskreditierung der von ihm zurecht phantasierten sozialdemokratischen Schulreform handelte, so vorsichtig und bedächtig wird Herr Heß, wenn er die Kosten für den Militarismus berechnet. Heer und Marine dürfen nicht in- schlechten Geruch gebracht werden, denn ihre Funkttonen des Massenmordes sind echt christlich. Herr Heß berechnet die jährlichen Kosten für Heer und Flotte auf un- gefähr eine Milliarde. Gegen diese unproduktiven Ausgaben hat er nichts einzuwenden, denn: Heer und Marine dienen zur Aufrechterhaltung deS Friedens(wie die gegenwärtigen Kriegszeiten klärlich beweisen I). das Heer ist der größte Kon- sument(als wenn eS die Schule bei freier Verpflegung nicht in noch viel höherem Maße wäre l), und das Heer setzt ungeheure Massen von Arbeitern in Brot(als wenn diese Arbefter beim Bau und bei der Instandhaltung von Schulen nicht viel nütz- kichere Arbeiten leisteten!). Aber die Berechnung der mili- tärischen Kosten durch Herrn Heß ist ganz unzulänglich. Wir haben erst vor einiger Zeit an dieser Stelle nachgewiesen, daß sich die jährlichen mittelbaren und unmittelbaren Aus- gaben Deutschlands für seine Heeresrüstung auf vier bis fünf Milliarden Mark stellen. Das ist ungefähr achtmal so viel, als die Kosten für das Schulwesen gegenwärtig betragen. Wenn das Verhältnis umgekehrt wäre, so könnten wir uns glücklich preisen. Im übrigen ist eS eine pharisäische Methode, wenn Herr Heß alle Schulforderungen der Sozialdemokratie, sowohl diejenigen, die sofort erfüllt werden können, als auch diejenigen, die erst eine völlige Umgestaltung zunächst der Staats- und später der Gesellschaftsverfassung voraussetzen, in einen Topf wirst und für dieses Durcheinander einen irreführenden Kosten- anschlag macht. Das Buch des Genossen Schulz will gerade die praktische Schulreform unserer Parteigenossen in Staat und Gemeinde orientieren, von der nächsten bescheidenen Schulreform an bis zur großen und ttefgreifenden. Deshalb stellt er auch überall die grundsätzliche Forderung, wie sie der wissenschaftliche Sozialismus verlangt, auf, um die Richttmg jeder einzelnen Reformaktion auf unser Endziel hin abzustecken. Daß das Volks- und schulfeindliche Zentrum die folge» richttge und entschlossene Schulreform der Sozialdemokratie voller Zorn im Herzen begeifert und verleumdet, ist im übrigen nur ein dankenswerter Beweis für die erfreuliche Tatsache, daß wir auf dem richtigen Wege sind. DU MsroMtoverhztiälutigeii. Mittwoch mittag hat eine Unterredung zwischen den Herren C a m b 0 n und v. Kiderlen-Waechter statt- gefunden. Man nimmt an, daß dabei die letzten Diffe» r e n z e n über den Marokkovertrag im engeren Sinne b e» s e i t i g t worden seien, so daß nunmehr die Verhandlungen über die Landabtretungen im KoNgo beginnen könnten. Die Hoffnung, daß diese Schacherei einen raschen Verlauf nehmen werde, ist durch die letzte Verlautbarung der französischen Regierung erheblich herabge stimmt worden. Die Kompensationen. Paris, g. Oktober.(Eig. Ber.) Der Abschluß des Abkommens über Marokko scheint nun wirklich handgreiflich nahe gerückt, und soviel profitlüsterne Hände werden ihm entgegengestreckt, daß er ihnen kaum mehr entgleiten kann. Die Börse ist ob der frohen Botschaft luftig emporgehüpft und die Presse um C a i l I a u x läutet FnedenSglocken und möchte mit ihrem patriotischen AndachtSgebet augenscheinlich daS Murren jener übertönnen, die sich von der marokkanischen Gründerei und dem Schacher im Kongo nichts zu versprechen haben. Vorläufig hat Caillaux über seine oppositio- nellcn Ministerkollegen gesiegt. T 0 r d i e u war ein Herold der Wahrheit und deS Völkerfriedens und darf auf den Erfolg der moralischen Kanonade pochen, mit der er die Störenfriede der Gruppe de S e l V e S zum Schweigen gebracht hat. Die Jämmerlichkeit der Kiderlen-Waechterschen Diplomatie hat freilich den Sachwaltern deS französischen Kolonialkapitalismus einige wertvolle Trümpfe in die Hände gespielt. Caillaux bringt das marokkanische Protektorat wirklich ohne die schikanösen Klauseln heim, worin sich schließlich das Genie der deutschen Politik erschöpft hat und fertigt die deutsche Profitbegehrlichkeit mit der zweifelhaften Konzesfion von unwohnlichen und— soweit werwoll— von kapitalistischen Kon» zessionären ausgepreßten Fiebergegenden ab. Nun ist aber damit noch lange nicht gesagt, daß der«est der Verhandlungen wie am Schnürchen gehen wird. Die Gegner Caillaux' rüsten nicht ab. DaS„Journal deS DöbatS", das von Anfang an dem Marokko-Abenteuer keinen Geschmack abgewonnen hat, erklärt verdrossen, daß den Leuten, die die Affäre für erledigt halten, noch Ueberraschungen bevorstehen dürften. Die nationalistische und antirepublikanische Presse wird natürlich jeden von der Republik ge- schlossencn Vertrag, laute er wie immer, für einen Verrat am Vater- land erklären. Aber auch andere Stimmen mischen sich ein. Im „Figaro" erklärt heute der Financier und gemäßigte Republikaner Joseph R e i n a ch, dem Versuch der Regierung, etwa den ganzen mittleren Kongo und den Talweg des Ubangi als KompensationS- gebiet für Deutschland zu erwirken, ein entschiedenes„Neu possurnus" („28ir können nicht 1") entgegensetzen zu müssen. Wenn da» Kongo- abkommen scheitere, so falle fteilich auch daS Marokkoabkommen mit. was wohl dazu führen werde, die Marokkoangelegenheit wieder vor die Mächte Europas zu bringen. DaS werde zwar eine neue schwere Krise bedeuten, aber auch sein Gutes haben. Daß fich gegen dieAbttetung des Kongo die sentimentalen Regungen zugängliche öffentliche Meinung und das von ihr abhängige Parlament bearbeiten läßt, ist nicht unwahrscheinlich,«ber auch in der.Humanit6' wird die Kritik laut. Genosse Marcel S e m b a t begrüßt da« Marokko-Ab- kommen wohl, weil eS den Konflikt zwischen Deutschland und Frank- reich beende, aber er meint, man müsse doch erst abwarten, ob man nicht bei dem Tausch ein schlechtes Geschäft mache. Man sieht, der Himmel ist noch nicht wolkenftei und ebensowenig wie daS deutsche Proletariat wird das französische von seiner Auf» merksamkeit auf die Weltpolitischen Intrigen ablassen dürfen. Die Haltung der Sozialiste«. Paris, 4. Oktober. Der Abgeordnete MareelSembat stellt in einem Artikel in der.Humanith" fest, daß die französischen So» Misten zugunsten deZ deutsch-französischen MaroNoabkommenZ stimmen«Verden. Es heißt in dem Artikel:.Wir wollen den Frieden und wünschen, daß jede Spannung und Feind« s e l i g k e i t zwischeu Dciltschland und Frankreich vermieden «verde. Wir Iverden f ü r den Bertrag stimme», den der Ministerpräsident C a i l l a u x angenbliiklich zusainmenbraut, und der ein Friedensvertrag ist." Churchill über die deutsch-französischen Beziehungen. Loudon, 4. Oktober. Minister Churchill erklärte gestern in einer Rede in Dnndee: Der Anblick der europäischen Lage ist rauher und schrecklicher geworden als seit Jahren. Befriedigend ist, daß die zurückhaltenden Kräfte am stärksten sind bei den stärksten Nationen, und daß England, Deutschland und Frankreich gerade jene Mächte find. denen eS a m schwersten fallen würde, den Frieden zu brechen. In der Zwischenzeit «nachten wir eine unruhige kritische Zeit durch, die noch «veit unruhiger und kritischer gewesen«oäre, wenn nicht die britische Flotte stark genug gewesen wäre, um«nS die unbestrittene und ziveifellose tatsächliche Herrschaft zur See zu sichern. Der Streit zwischen Italien und der Türkei ist in ein Stadium getreten, wo leider Worte gegenwärtig unnütz sind. Was die marokkanischen Schwierigkeiten betrifft, so kann die Politik Groß- britannienS klar al» eine Politik bezeichnet werden. die. wie dieS Ministerpräsident ASquith und Schatzkanzler Lloyd George erklärt haben, eine vollkommen gerade«rnd ehrliche Politik ist. Wir wünschen ernstlich, Frankreich und Deutschland zu einen, Ab- kommen gelangen zu sehen, das für beide befriedi- g e n d und vorteilhaft und für uns nicht nachteilig ist. Kein eng- lischer Mnister hat je öffentlich oder geheim eine einzige Silbe geäußert, welche einen solchen glücklichen Schluß verzögern oder beminen könnte. Wir wünschen eine Erledigung zu sehen, »velche der marokkanischen Frage ein für alle- «nal ein Ende machen und welche— da? ist weit «vichtiger als irgend etwas, wa» mit Marokko geschehen könnte— diese beiden großen Rationen, die beide der Menschheit unschätzbare Dienste geleistet haben, in die Lage setzen würde, zusamn, cn zu leben unter der Bedingung gegenseitiger Achtung. DaS ist die einzig sichere Grundlage, auf der der Frieden Europas aufgebaut werden kann. Der Wunsch nach einem solchen Abkommen leitet die ganze Politik Sir Edward GreyS._______ Der Krieg. Das Bombardement von Tripolis hat am Dienstagnachmittag begönne«, und ist am Mittlvoch wieder aufgenommen worden.' Ob Truppenlandungen erfolgt sind. ist zweifelhaft, und unbestätigt bleibt auch eine offiziöse Meldung rniS Konstantinopel, die von Kämpfen in 2 r i p o l i t a n i e n berichtet, die seit zwei Tagen im Gange wären. Da kürzlich von italienischen Truppenlandungen «vestlich von Tripolis die Rede war, so wäre die Nachricht an sich nicht unmöglich. Tie Italiener scheinen in gröblichster Mißachtung ihrer fortwährenden feierlichen Beteuerungen in ihren Operationen an der albanischen Küste fortzufahren. P r e V e s a soll ein zweiteSmal beschworen worden sein und der Herzog der Abrnzzen an den Hafenkommandanten ein Ultimatum gestellt haben, in dem die Auslieferung der SJanonenboote verlangt wird. Diese feie«, verweigert »vorden, so daß man sich auf neue Gewalttaten der Italiener gefaßt mache» müsse. Allerdings läßt die italienische Regierimg die Nachricht dementieren, dem Herzog der Abruzzcir sei gestern von zivei verschiedenen radio- telegraphischen Stationen aus und überdies durch ein eigens entsandtes italienisches Torpedoboot die bestimmte Weisung erteilt worden, jede Beschießung zu unterlassen. Es steht fest, daß diese Weisung den Herzog rechtzeitig erreicht hat. Fragt sich nur. ob der Herzog diese Weisung befolgt hat. In Wien»verde» jedenfalls diese Nachrichten neue Erregung verursachen und es ist sehr fraglich, ob dort die Dementis der italienischen Regierung viel Beachtung finden iverden. Uebrigen» betrachtet nicht nur Oesterreich das italienische Vorgehen»nit größtem Mißtranen. Auch Ruh- l a n d beginnt unruhig z»» werden. Es schickt Truppen in das Kaukasusgebiet und soll seine Schwarze-Meer-Flotte bereits mobilisiert habe»». Die Türken scheinen sich endlich zu'energischerem Vorgehen entschlossen zu haben. Zwar die Schwierigkeiten der Kabinettsbildung sind noch nicht völlig übertvunden. Aber das jungtürkische Zentralkomitee hat einen Ausschuß für die nationale Verteidigung gebildet und der »virtschaftliche Krieg beginnt. Die AnSlveisuna der Italiener aus der Türkei steht unmittelbar bevor und alle Waren italienischer Herkunft sollen konfisziert werden. Der»virtschaftliche.Kampf ist ja auch zunächst— vom Guerillakrieg in Tripolitanien abgesehen— der einzige, den die Türken führen können. Zur See sind ja die Türken der italienischen Uebcrmacht gegenüber so gilt wie wehrlos. Ob freilich die türkische Flotte»virklich. wie in Konstantinopel be- bauptet worden ist, schon in Sicherheit ist. ist noch immer nicht gewiß. Gerüchte wollen vielmehr»visscn. daß eine Seeschlacht in der Nähe der Dardanellen nördlich von Mhtileue nn Gange sei. All diese Nachrichten zeigen bereits, baß die V e r m i t t- lnngsaktion der Mächte vorläufig gescheitert ist. Zun« Uebcrfluß versichern auch die italienischen Offiziösen, daß Italien erst dann verhandeln könne, wenn Tripolis besetzt sei. An Entschädigungen für die Türkei sei nicht zu denken. Auf der anderen Seite wollen auch die Jungtürken vorläufig von dem kampflosen Ausgeben türkischen Gebietes nichts»vissen. So geht dein» der Krieg»veiter und die Erregung auf dein Balkan»vachst. Die Vernichtilng der türkischen Flotte, die die Italiener offenbar be« absichtigen,»vürde den Gleichgewichtszustand auf den» Balkan noch mehr erschüttern. Erhielte doch dann Griechenland gegenüber der Türkei die absolute Uebermacht zur See und damit die Möglichkeit, die K r e t a f r a g e mit größerem Er« folge als vorher aufzurollen und damit unabsehbare Verwick- lungen einzuleiten. Daö Bombardement vo» Tripolis. Rom. 4. Oktober. fMeldnng der Agenzia Stefani.) Vizeadmiral F a r a v r l l i hat von Bord des Panzerschiffes„Bcnedctto Brie»" gestern abend 7 Uhr SS Min. telegraphiert, er habe um 3'/, Uhr nachmittag? die Beschießung der Hauptbattericn von Tripolis begonnen»ind bis Soanenuntergang fortgesetzt. Die türkische» Batterien hätten da« Feuer erwidert, ohne jedoch gine Wirkung zn erzielen. Dir Beschießung werde heute wieder aufgenommen werden, um die Batterien vallstindig zu zerstören. Man habe während der Beschießung die größte Sorgfalt angewendet,»im Brschädignngen der Stadt zu vermeiden. und mir der in der Nähe einer Batterie stehende Leuchtturm sei zer- stört«vorden. Rom, 4. Oktober. Nach einer Meldung der»Tribuna" aus Malta über die erste Phase der Beschießung von Tripolis wurde das Feuer von der Diviston des Admirals Thaon di Reval, be- stehend aus den Schiffen„Feruccio",.Barefe" und»Garibaldi", und zwar von der Artillerie mittleren Kalibers er. öffnet. DaZ Feuer«vurde in langen Zwischenräumen ab- gegeben, als ob der Admiral gleich nach den ersten Schüssen die Hiffung der weißen Fahne als Zeichen der Ucbergabe erwartete. Die Schiffe schössen aus«veiter Entfernung von der Küste und schonten die Wohnhäuser und Moscheen. Truppenlandung in Tripolis? London, 4. Oktober.»Daily Mail" erhält über das Bombarde- ment von Tripolis folgende Einzelheiten: Das Bombardement be- gann nach Ablauf der dreitägigen Frist, welche den Europäern und anderen Ausländern gesetzt wurde, die Stadt zu verlassen. Als nach Ablauf dieser Frist der Generalgouvernenr von Tripolis die Sladt nicht übergeben wollte, eröffneten die italienischen Kriegsschiffe das Feuer, und zwar zunächst auf di« AußenfortS, dann auf den Palast des Walis und schließlich auf mehrere höher gelegene Punkte der Stadt. DaS Bombardement richtete ziemlich erheblichen Schaden an.«vurde aber nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Dann begann eine Truppenlandung, nach welcher das Bombardement fortgesetzt wurde. Das BesatmngskorpS. Rom, 8. Oktober. Die»Agenzia Stefani' meldet: Die vor« bereiwngen für die Z u f a m m e n st e l l u n g des Expeditionskorps schreiten in nonnaler Weise vorwärts. In den verschiedenen Einfchiffungshäfen wird eifrig an der Instandsetzung der für den Truppentransport bestimmten Schiffe gearbeitet. In Rnbettachr der verschiedenen Standorte der einzelnen Truppeneinheiten, aus denen das Erpeditionskorps zufammcngeftellt werden soll, hat man sich entsckilossen, die Einschiffung der Einheiten in den nächstgelegenen Häsen in der Weise vorzunehmen, daß die Ein- schiffungen nicht nur in den größeren, sondern auch in den kleineren Häfen der Ost- und Westküste vorgenommen werden. Daher wird »nan von Einschiffungen in den Häsen der Inseln und in Süditalicn absehe» könne«', wo die Truppen Gefahr lausen könnte««, durch das plötzliche Erscheinen irgendwelcher feindlichen Streitkräfte, die vielleicht der regen Ileberwaöbnng unserer Flotte entgangen sind, beunruhigt zu werdeu. Ans diesem Einschiffungsplan ergeben sich auch die Opera« tionen unserer Kriegsschiffe im lldriatischen Meer, das von feindlichen Schiffen freigehalten werden muß. damit unsere.Transportschiffe im geeigneten Augenblick ihre Nebcrsahrt ruhig beiverkstclligen könne». Obgleich die Arbeiten zur Instandsetzung der Dampfer so viel»nie»nöglich beschleunigt werden, so ist es doch n i ch t m ö g l i ch, den Zeitpunkt an» zugeben, zu«velchem die Transporte die EiiffchiffungShäfen ver- laffen oder sich auf hoher See vereinigen können. Die wenigen Tage Abwarten« werden aber nicht verlorene Tage sein, denn sie sind unerläßlich für die Flotte,«in, durch ihre Operationen gegen die feindlichen Seestreitkräfte eine ruhige U e b e r f a h r t des umfangreichen Transports sicher zu stelle«». Gin neuer Angriff auf Prrvefa. Saloniki, 4. Oktober. Wie aus P r e V o f a berichtet wird, erschitneu abermals italienische Kriegsschiffe vor Prevrsa, gaben Salven ab, ohne jedoch das Fort anzugreifen, und ver- schwanden dann wieder. Ihr Vorgehen wird a l s D e m o n st r a t i o n ausgelegt. Dem hiesigen jungtürkischen Komitee telegraphiert das Komitee in Benghasi, daß die Mohainmedaner beschlossen hätten, die Eyreuaika bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Tie Aktionen an der albanischen Küste. Paris, 4. Oktober. Nach einer Depesche des.Matin' aus Koiistniitinopel sind an der albanischen.Küste vier türkische Transportschiffe mit Truppen und Munition an Bord von den Italienern beschlag- nahmt worden. Der italienische Oberkominandierende hat ein Ultimatum an den Hafenkouiinmidanten von Prevesa gerichtet, worin dieser aufgefordert wird, die im Hafen liegenden vier türkischen Torpedoboote auszuliefern, widrigenfalls eine v e- schieß u ng deS HafenS stattfinden«verde. Die gestellte Frist ist gestern abend abgelaufei». Diese Nachricht wird auch von anderer Seite bestätigt. Die Behandlung türkischer Schiff«. Rom, 4. Oktober. Da« M a r i n e m i n i st e r i u m hat für die Kommandanien der Hnfenplätze folgende Anordnungen erlassen: Den im Augenblick der Kriegserklärung>m Hafen liegenden oder in Un- lcnntnis der Kriegserklärung eingelaufenen türkischen Schiffen sichere Rückkehr in die Heimo« zu ermöglichen, die übrigen türkischen Schiffe zu kapern, den türkiichen Schiffen, die ihre Fahrt gezwungenermaßen unterbrechen mußten, vir für eine sichere Weiter- fahrt erforderliche Zeitz» geivähren und über die auf beschlag- «ahmten Schiffen gefundenen Waren neutraler Mächte besondere Instruktionen de» ManneministeriumS einzuholen. Ein versenktes Schiff. Konstantinopel. 4. Oktober. Wie au» Tripolis ge>neldet wird, wurde das als Küstenschiff dienende Kanonenboot.Sejn-di- Dcria' von seiner Besatzung versenkt, damit eS den Italienern nicht in die Hände falle. Eine offiziöse Note widerspricht der von italienischer Seite atifgestelltcn Behauptung, die Türkei beabsichlige, Borstöße gegen die italienische Küste zu unternehincn. Die türkische Miaisterkris«. Konstantinopel, 4. Oktober. ES verlautet, daß e» Said Pascha gelungen ist. da? Kabinett z u bilden. Der M a r i n e m i n i st e r hat sein E n t l a s s u n g S g e s n ch zurück- gezogen, wahrscheinlich, um die Neubildung deS Kabinett» zu erleichtern. Das jungtürkische Zentralkomitee hat eine Pro- klamation erlassei«, in der es die Einsetzung«ineS Komitee» der nationalen Verteidigung ankündigt. Eine Gruppe von Abgeordneten, die gestern nachmittag dle Re- gierung um die Einberufung der Kammer ersucht hatte, hat von der Pforte die Mitteilung erhalten, daß da» Parlament zum l 4. Oktober einberufen wird unter dem Vorbehalt, daß sich bis dahin eine genügende Anzahl von Abgeordneten in Konstantinopel cinfind:. DaS Vorgehen gegen die Italiener, Konstantinopel, 4. Oktober. Der Ministerrat beriet über die Stellungnahme der Regierung gegenüber den in der Türkei befindliche»» Italienern. ES ver- lautet, daß das jungtiirkische Komitee anf der Ausweisung der Ataliener aus der Türkei bestehe, worüber die Pforie die Eni- scheidung jedoch aussetzte.„Tanin" meldet, der Ministerrat habe eine Entscheidung getroffen, die die Wahrung der nationalen Ehre sicherstelle. Die Blätter melden, ein italienisches Schiff habe im Roten Meer bei H o d e i d a ein türkisches Motor- boot zerstört. Der Torpedobootzerstörer„Peik-i-Schewkct" sei nach Hodcida geflüchtet, von wo aus er und andere Kanonen- boote gegen das italienische Schiff geschossen und es angeblich beschädigt hätten. Der Krieg and die Handelsschiffahrt. Konstantinopel, 4. Oktober. Die Schiffahrtskammer übermittelte den diplomatischen Missionen einen Protest gegen die von der Türkei verfügte Löschung der Leuchtfeuer und gegen das Verbot von Kohlen liefer un gen an fremde Schisie,«vas den vollständigen Stillstaud des Schiffsverkehrs an dcr Levante zur Folge haben müsse. Die Kammer ersucht die Pforie, das Verbot für die neutralen Schiffe aufzuheben. Russische Militärvorbereitunge». Konstantinopel, 3. Oktober. Wie der„Tauin' erfährt, trifft Rußland an der türkischenGrenze militärisch o Vorsichtsmaßregeln. cebenzmittelteuerung. Die Binger Handelskammer über die Teuerung. Ueber die Teuerung und die Maßnahmen zu ihrer Linderung verhandelte die Binger Handelskammer in ihrer letzten Sitzung. Der Bericht darüber sagt u. a.: Nachdem die hessischen Handelskammern bereits im August 1910 wegen der Fleischteuenmg gemeinsam vorstellig geworden waren, ist neuerdings ein Vorgehen gegen die besiehende und aller Voraussicht nach«ich noch steigernde allgemeine Teuerung in Anregung gebracht«vorden. Das Kollegium ist der Ueberzeugung, daß außer den bereits beschlossenen Frachtermäßigungen für Futlcrartikel, Streu- und Düngemirtel, jolvie einzelne Nahrungsartikel ivntere durchgreifendere Maßnahmen zur Verhütung künftigen Notstandes erforderlich feien. In« Hessiscken Handelskammertag«vurde nach eingehender Besprechung die Angelegenheit zu beschleunigter Behandlung einem engeren Ausschuß überwiesen. Die Vertreter von Bingen sprachen sich sowohl für«vcitgehende Herabsetzung der Frachten auf Futtermittel, namemlich auch aus die der Schweinemast dienen- den aus, alö auch für Ermäßigung oder zeinveise Auf- Hebung der Zölle auf Lebensmittel, insbesondere auch Getreide, rerner für zeitgemäße Reform des Systems der Getreide- Einfuhrscheme. deren vorübergehende Aufhebung mindestens für drei Monate, geboten scheine, wenn nicht ein gänzliches Ausheben des EinfiihrscheinshstemS zn ermöglichen wäre, da dasselbe speziell für Roggen und Hafer zu einer Aussuhrprämie auf Kosten der Reichskasse gelvorden ist, und «in künstliches Hochhallen der Preise im Inland bewirken muß. TuS Rußland erhält unser Getreide»im den Zollbetraa billiger, als wir selbst. Da in der Binger HandelSkaminer auch gelvichtige Persönlich- leiten deS Zentrums fitzen, so ist vorstehende Stellungnahme des- halb besonders beachtenswert, weil das Zentrum im Bunde mit den Junkern den wichtigsten der geforderten Maßnahmen gegenüber sich ablehnend verhält. Besonders der letzte Satz kann nicht oft und scharf genug herorgehoben werden. » Die Firma Krupp und die Teuerung. Vor kurzem erst mußte die Konsiimanstalt de? Kruppschen Riesenbetriebes in Essen, die jährlich 30 Millionen Umsatz erzielt, aus ihren Preistobellen feststellen, daß die Warenpreise sehr viel schneller gestiegen seien, als die Arbeitslöhne, und zwar in einem Zeitraum von S Jahren durchschnittlich«im 8,3 Proz. Dagegen sind iin gleichen Zeitrainn die Löhne nur uin 3 Proz. gestiegen; eS bleibt also für die Arbeiter ein Manko von über 5 Proz. Diese Feststellung wurde aber vor der Dürre dieses Sommers und demnach vor der beängstigenden Preissteigerung der Ictzien Monate getroffen. Heute ist auch die übergroß» Mehrzahl dcr Arbeiter bei Krupp von schwerer Sorge heimgesucht und angesichts der geradezu glänzenden Beschäftigimg de« Werke»— es wurde jüngst darüber berichtet— sollte für die Direktion nichts näher liegen, als der dringendsten Notwendigkeit gehorchend die zurück- gebliebenen Löhne wenigstens etwas heraufzusetzen. Statt deffen kehrt die Firma urplötzlich den brutalen Unternehmerstandpunlt hervor. Sie ließ in sämtlichen Kanonenbetriebe», deren 11 bestehen, verkünden, daß eine umfosseiide„Lohnregnlierung" vorgenommen werden soll, die eine Herabsetzung der hohen Akkordlöhne um eine Mark pro Schicht herbeiführen wird I ES sei bemerkt, daß in diese,, Betrieben zwar ausnahmsweise 0—7 M. Schichtlohn erzielt wird, aber mir in schwerster Akkord«, richtiger Mordschinderei. So tritt da»'Jndustrieniagnotentum der Teuerung entgegen I In wenigen Wochen wird die Firma Krupp ihr Huudertjahrg, jubiläum begehen, vielleicht fügt sie ihrem.WohlkahrtS'lorbeer ein neues Blatt hinzu, indem sie ihren 20000 Arbeitern je einen dauerhaften Schmachtriemen stiftet. Der Kanonenprosit erlaubt's in diesem Jahre. »• • Dir Stadwerordneten Versammlung in Gotha beschäftigte sich am Dienstagabend in öffentlicher Sitzimq mit der Leb« n» m i t telte uer un g. Dem Stadlrat wurde»ach längerer Debatte ein Vorschuß von VOOO M. au» der Suidtkasie genehmigt zum Aiikauf von Speisckartoffeln. doch soll erst die voll- ständige Ernte„abgewartet" werden, da die Herren der Reimma sind, daß die diesjährige Kartoffelernte genau so gut auSiallen wird. im Durchschnitt noch besser, als lvie in den früheren Jahren Eine Kommisston soll eingehende Ermittelungen anstellen, g,,* bemg darauf, ob ein solche« Vorgehen der Stadtverwaltung d,e treibenden schädigen könnte. politilcbe GeberHcht Berliu. den 4. Oktober 1511. Ein Brief von Müller- Fulda an die«Köln. Volksztg." Die..Köln. Volksztg." veröffentlicht in ihrer Nr. 843 folgende Zuschrift deS Zentrumsabgeordiicten Müller- Fulda: Die Nummer 883 Ihrer Zeitung enthält eine Notiz: Zentrum und Sozialdemokratie, in welcher gesagt ist, weine Verhandlung mit sozialdemokratischen Führern nach de», 28. Januar 1907 fti lediglich au» meiner eigenen Initiative hervorgegangen und somit meine persönliche Angelegenheit gewesen. Diese Behauptung ist unrichtig; ich hofo feiten« de» für die Stichwahlen eingesetzten Ausschusses, dem ich übrigen» selbst an- gehörte, den ausdrücklichen Auftrag erhalten, da« Angebot des Herrn Bebel abz» lehnen, und mich diese» Auftrage» dann durch den Brief vom 30. Januar 1907 rnl- ledigt. weitere Verhandlungen aber überhaupt nickt geführt. Nichtig ist. daß ich keinen Auftrag zu«nknüpfmigen mit anderen Partelen besaß; um einen sollt en Auftrag habe ich aber auch bei niemand nachgesucht, da ich mir schon von selbst die Be- rechtlgung zuerkenne, mich über die Stellungnahme anderer Parteien zu informieren. Diesem Schreiben fügt die„Köln. Volksztg.' mit dem ersichtlichen Gefühl der Genugtuung noch nachstehende Be- merkungen hinzu: Diese Berechtigung hatte Herr Abg. Miiller-Fulda zweifellos. Wenn wir seine Verhandlung mit den sozialdemokratischen Führern als seine persönliche Angelegenheit bezeichneten, so versteht eS sich, dafe wir dabei nicht die Ablehnung des Bebelschen Angebotes, die ja, wie wir selbst betonten, vom SuSschusie einstimmig beschlossen war, im Auge hatten, sondern lediglich die privaten Anknüpfungen, von denen Herr Abg. Müller-Fulda nun- mehr selb st bestätigt, dah er diese ohne Auftrag, also lediglich aus eigener Initiative bewirkt hat. Wobei übrigens zu bemerken ist, dah ein früheres Schreiben des Abg. Singer vom .Vorwärts' nicht veröffentlicht worden ist. Die Anspruchslosigkeit der ultramontanen„Köln. Volks- zeitung" macht ihrem guten Herzen, wenn auch weniger ihrem Verstände alle Ehre. Wie Herr Müller selbst, so erklärt auch sie den Müllerschen Brief von: 30. Januar 1907 für eine „Ablehnung des Bebelschen Angebots", nur glaubt sie nochmals hinzufügen zu sollen, daß diese Ablehnung uns einstimmigen Beschluß des Zcntrums-Ausschusses erfolgt sei. Nichts als alberne Verlegenheitsschwätzerei. Tatsächlich ist durch Herrn Müllers Brief vom 30. Januar 1907 gar keine Ablehnung erfolgt. Nirgends steht in diesem Schreiben etwas davon, dah die Zentrums- leitung den Bebelschen Vorschlag rundweg ab- gelehnt habe; Herr Müller spricht nur davon, daß der Vorschlag Bebels sich nicht durchführen lasse, weil die Zeit zu kurz fei und beiderseits schon Verabredungen be- ständen; dann aber fügte er hinzu, daß das Zentrum seine Bedingungen denen der sozialdemokratischen Parteileitung an- gepaßt hätte, und mahnt, jede Partei solle auch ohne gegenseitige Zusicherung ihre Pflicht tun. Das heißt doch wohl: jede Partei solle ohne formelles Abkommen die andere in der Stich- wähl unterstützen! Doch fetzen wir als bestes Beweismittel nochmals Müllers Brief vom 30. Januar 1907 hierher: Fulda, den SO. 1. 1007. Frankfurt a. M. Sehr geehrter Herr Kollege I Ich empfing Ihre und Herrn Bebels Mitteilung vom 23. und antwortete heute früh nach Köln tel.: «Auch wir stellen prinzipielle Bedingungen, von welchen Unterstützung abhängt.' Vorschlag B. ist unausführbar, weil Zeit zu kurz und bereits vielfach Verabredungen bestehen auf Ihrer und unserer Seite. (Schlesien.) Ich verspreche auch nicht», was ich nicht voll er- füllen kann.' Unsere Bedingungen find den Ihrigen ziemlich angepaßt, sie Werden heute veröffentlicht und eS wird ohne weitere? voraus- gesetzt, daß alle Ihre Kandidaten eo ipso diesen Bedingungen zustimmen, der Mischmasch dagegen nicht. Nun tue jeder nach bester Ueberzeugung seine Pflicht, auch ohne gegenseitige Zusicherung. Hochachtungsvoll Richard Müller.' Das nennt die„Köln. Volksztg.' eine glatte Ablehnung? Genau ebenso viel ist die von Herrn Müller-Fulda be- . stätigte Behauptung der klerikalen Presse wert, er habe keinen Austrag zur Anknüpfung mit der sozialdemokratischen Partei besessen. Gewiß, 'einen offiziellen Auftrag der Zentrumsleitung hat er nicht ge- habt! DaS hat von sozialdemokratischer Seite auch niemand behauptet. Aber eine andere Frage ist, ob er auch mit keinem seiner Fraktionskollegen über seine Anbündelei gesprochen, ob keiner von diesen etwas davon gewußt hat. Die„Kölnische Volksztg." will doch wohl nicht der Oeffentlichkeit glauben machen, daß ein erfahrener Parlamentarier solche Schritte unternimmt, ohne vorher bei leitenden Personen seiner Fraktion zu sondieren?_ Jesuitische AuSreden. Die„Germania" verschweigt ihren Lesern nach wie vor das Treiben der italienischen Klerikalen, die, den Papst an der Spitze, für den Raubzug der Regiening Propa- ganda machen. Sie beruft sich demgegenüber auf die völlig nichtssagende formale Ncutralitätsrrflärung, die der Heilige Stuhl erlassen hat. Da sich die..Germania' dabei unS gegenüber auf eine Meldung des„Berliner Tagcbl.' berief, so wollen wir ihr die folgende Mitteilung des römischen Kor- respondenten diese» Blattes nicht vorenthalten: In dem klerikalen.Corriere d'Jwlia' veröffentlicht der Marqui» Crispoltt einen bemerkenswerten Artikel, in dem er die absolut» völkerrechtliche Korrektheit des ita- lienischen Vorgehens z u beweisen versucht. Der Ar- tikel kommt zu dem Schluß, Italien hätte die rechtlichen Formen 'n keine» Weise verletzt(I), sondern sich gewissen- baft(I) an die Vorschriften deS Vällerreckt» gehaltem Marquis Criepoi� der Verfaffrr diese» Artikel«, ist Chef der Nerikalen Partei und»in Schützling«nd persSnljchrr Freund de» Papste«. ist also eine freche Lüge, wenn die klerikale Presse ihre» Lesern erzählt, daß der Papst„über den streitenden Parteien" stehe. Er und seine Offiziösen verteidigen und preisen den Raubzug. Und alles Geschimpfe kann die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die deutsche und österreichische klerikale Presse eS nicht einmal wagen darf, über die wirkliche Haltung des Papstes in dieser Frage ihren Lesern die Wahrheit auch nur mitzuteilen. Verzögerung der Marokko-Jnterpellation. Der.Berliner Lokal-Anzeiger' bringt eine offiziös inspirierte Notiz, in der eS heißt: „Der Umstand, daß bloßer NedaltionSschwierigleiten wegen der Abschluß der Marokko-Verhaudlungen sich so lange hinauszieht. bat vieliaches Kopfschütteln erregt. Hier und da wurde auch der Vermutung Raum gegeben, daß durch die Verzögerung die deutsche Diplomatie ongeskytS der nahenden Reichstagteröffnung in eine Zwangslage versetzt und französischen Wünschen geneigter gemacht werden könnte. Diese Vermutungen können indessen ruhig aus- geschaltet werden. Die Regierung darf auf den Patriotlsmu« unserer Boltsvertreter vertrauen, welche sicherlich nicht wünschen werden, daß nur„m einige Tage früher in die Besprechung der Marolko-Verhandlungen eintreten zu können, auch nur ein Titelchen von dem geopfert wcrde, waS als erreichbar und erreichenswert auf dem Programm der ReichSvertrctung steht.' Da» heißt nichts anderes, als daß die von sozialdemolratischer Seite eingebrachte Marokko-Jnterpellation erst dann beantwortet werden soll, wenn eS den Herren von Bcihmann Hollweg und Kiderlen-Waechter in den Kram paßt. Der Appell an den„Patrio- tiSmu« der Volksvertreter' ist auf die bürgerlichen Parteien be- rechnet, denen damit nahegelegt wird, auf eine sofortige Beantwortung der Marokko-Jnterpellation zu verzichten. Stimmenergebnis in Oldenburg. Bei der Wahl der Abgeordneten zum Oldenburgischen Landtage am 20. September haben erhalten: Sozialdemokraten..... 48 788 Stimmen Fortschrittliche Volkspartei.. 40 48S, Nationalliberale..... 26 813 Zentrum........ 24 003„ Agrarier........ 11279 Im ganzen find rund 150000 Stimmen abgegeben; davon ent- fällt fast ein volles Drittel auf die Sozialdemokratie— ein glänzendes Resultat, das sich in dem.Agrarstaat' Oldenburg niemand hat träumen lassen I_ Geschäft ist Geschäft Die ZentrumSpresse im Westen grollt den Nationalliberalen wegen ihrer Stimmenthaltung bei der Düsseldorfer Ersatzwahl. Die .Rheinisch-Westfälische Zeitung' verteidigt da? Vcr- halten der Nationalliberalen damit, daß da? Zentrum.erst mürbe werden' müsse, bevor es für ehrliche Verständigung, für Kompen- sationen und Kompromisse.die Reife erlangt'. Und die.Köln. Zeitung' meint, bei der.üblen Einrichtung der Stichwahlen' bleibe eS immer noch das beste, sie.als ein Parteigeschäft zu betrachten und Stimmabgabe wie Stimmenthaltung allein da- nach einzurichten, wie weit sie der eigenen Partei und ihren Idealen von Nutzen sind'. Die.Kölnische Volkszeitung' erblickt in diesen Aeußerungeu den Versuch, einerseits das Zentrum aufs neue zu verlästern, andererseits daS eigene Gewissen zu beschwichtigen. Und doch gab eS eine Zeit, da die.Kölnische Vvlkszeitung' ganz wie ihre nationalliberale Landsmännin die Stichwahlen als eine reine Geschäftssache auffaßte, bei der nur die Rücksicht auf den eigenen Vorteil zu gelten habe. Nach der Haupt- wähl im Juni 1398 sprach sich das ultramontane Blatt dahin aus, daS Zentrum müsse da, wo seine Stimmen bei der Stichwahl zwischen anderen Parteien ins Gewicht fielen, dafür sorgen, daß es aus der Sachlage den denkbar größten Vorteil ziehe: .In der Hauptsache muß unser Bestreben ganz wie bei den diesmalig?» Wahlen überhaupt dahin gehen, daß die auSschlag- gebende Stellung des Zentrums zu erhallen, also vor allem die Kartcllpartcien nicht zu stark werden zu lassen. Für einen Sozial- demokraten kann die Zentrnmspartei natürlich nicht stimmen. In der Regel wird sie aber wohl für den Gegenkandidaten eintreten können.... Wenn irgend möglich ist dahin zu wirken, daß unsere Stimmen einer anderen Partei nicht umsonst gegeben lverden. Nicht allein, daß wir Garanlien in bepig aus Jesuitengesetz. Wahl- recht usw. verlangen müssen, wir müssen auch die Unterstützung der Partei, die unsere Stimmen erhält, für den Zentrums- kandidaten in einem anderen Wahllreise zu erhalten suchen: Unterstützt ihr das Zentrum hier, j o unter- stützen wir euch dal Darum übereile man sich mit der Zusage nicht, sondern sehe sich erst in der näheren oder weiteren Umgebung um, ob da nicht für einen Zentrumskandidatcn etwa; zu erreichen ist. Man muß nicht blöde in solchen Dingen sein, die anderen Parteien sind eS auch nicht.' Von diesen rein politisch geschäftlichen Erwägungen ließ das Zentrum sich dann auch bei der Stichwahl 1898 leiten. ES stimmte (trotz deS LbratenS der.Kölnischen Vollszeitung') für den Sozial- demokraten, wo eS ihm von Nutzen war, und es stimmte anderswo, wa» noch schlimmer, für Freimaurer, wenn ihm hier der Erfolg winkte. In Dortmund z. B. verpflichtete eS sich für den Schars- wacher, Freimaurer und Kulturkämpser Hilbck und ließ sich dafür zusichern, daß die Nationalliberalen. wenn bei der nächsten Wahl daS Zentrum mit den Sozialdemokraten in die Stichwahl komme, das Zentrum unterstützten; ferner wurde den Ultramontanen ein Drittel der Stadtverordnetensitze und die Ver- tretung in allen städtischen Kuratorien zugesichert; endlich machte der freimaurerisch knlturkämpferische Kandidat, damit man der ultra- montanen Wählermasse etwa« Brei um den Mund schmieren konnte, noch einige nichtssagende Zugeständnisse bezüglich des Jesuiten- gesetze». Wie man sieht: Geschäft ist in der Politik Geschäft— auch beim Zentrum! Ander« war'S im benachbarten Bochum. Dort hatten 1898 die Sozialdemokraten den Ausschlag zwischen Nationalliberalen und Ultramontanen zu geben. Unsere Genossen waren zur Wahl- «nthaltung entschlossen in der Erwartung, daß da« Zentrum in Dortmund da« gleiche tun werde. Al« sie von dem Pakt der Liberalen und Klerikalen erfuhren, änderten sie ihre Haltung und so kam e«. daß der ultcamontane Kandidat. Herr Fnchs-Köln durchsiel. Herr Fuchs hat daS seinen Parteigenossen in Dortmund sehr ver- dacht und in einer Kölner ZentrnmSversammlung hat er geklagt, daß die Dortmunder ZentrumSleut« an der Niederlage der Partei in Bochum die alleinige Schuld trugen. Sie hätten mit den National- liberalen ein Kompromiß gegen die Sozialdemokratie geschlossen, alle Versuche der Zentralleitnng, da? Kompromiß rückgängig zu machen, seien erfolglos gewesen. So habe das Zentrum in Dort- mnnd erreicht, daß dort der Nationalliberale durchgekommen sei. Diese Taliil sei durchaus verfehl«. Die Nationalliberalen seien zur- zeit die schlimmsten Feinde des Zentrums. Dazu koinme, daß der Dorwuinder Kandidat der Nationalliberalen Freimaurer und führendes Mitglied des evangelischen Bundes sei I In Dortmund kuhhandelt daS Zentnim mit den Nationallibe- ralen; in Bochum rechnet eS mit der Hülfe der Sozialdemokraten; es läßt sich mit Freimaurern und Lutherbündlern in Wahlkompro- misse ein— immer nach dem Grundsatz: Wer am meisten bietet, Hot mich! Unter solchen Umständen versieht man nicht recht, wcSbalb das Zentrum den Nationalliberale» grollt, die die Wahl ebenfalls als ein politisches Geschäft betrachten. Die Wahlen zur Lübecker Bürgerschaft finden am 14. und 17. November d. I. statt. In den ländlichen Bezirken, wo die Wahlen auf den 14. November angesetzt sind, werden sech» Vertreter in der dritten Klasse(mit mehr als 2000 M. Einkommen) und einer in der vierten Klasse(die übrigen Bürger) ge- wählt. Die städtische erste Klasse(mehr als LOOO M. Einkommen) wählt 32 Abgeordnete, loährend die niinderbeinittelten werktätigen Bürger ganze vier Abgeordnete der zweiten Klasse in das Staats- Parlament zu entsenden haben. Der Aeldsack hat sich somit von 43 Mandaten 38 gesichert, während man dem ärmeren Teil der Lübecker ganze fünf Mandate überlassen hat. Vvm Krach im Zentrnm. Roch einer Meldung des.Berliner Lokal-Anzeiger»' hat der ZentrumSabgeordnele Graf Oppersdorfs gegen die gleichkalls zentrümliche.Köln. Volkizeilung' wegen Abdrucks»ine« Artikels au§ der.Augsburger Poslzeiwug' die Beleidigungsklage angestrengt. Graf OpperSdorff hatte zunächst die Klag» bei dem Ersten Staatsanwalt in K ö l n eingereicht, der sie aber abgelehnt hat unter Verweisung ans den Weg der Privatklage. Der Prozeß kann unter Umständen interessante Einblicke in das Treiben hinter den Kulissen der.einigen' ZcntrumSpartei gewähren. Ein konservativer Ordnnngshcld vor Gericht. Die Strafkammer Detmold verurteilte den Landwirt Fritz Seel aus Huxel bei Lemgo wegen vorsätzlicher Körperverletzuna zu 300 M. Geldstrafe. Seck hatte am 2. Februar diese» Jahres spät abend» in der Dunkelheit da» Automobil de« freisinnigen ReichStagSabgmd- neten Dr. Ntnmann-Hofer mit Strahenschmritz beivorfen. Der Uebeltäter war vorher mit«inigen konservativen GesinnungS, genossen in der von sieisinniger Seite veranstalteten Versammlung gewesen. Durch den Wurf wurde der Chauffeur am Auge verletzt und das Automobil geriet in den Straßen- graben. Mit dieser Verurteilung ist das milde Urteil des Schöffen- zeeichts Lemgo aufgehoben worden, das den Angeklagten nur der a h r l ä s s i g e n Körperverletzung schuldig hielt und aus bO M. Geldstrafe erkannte._ Der Leutnant als Sittlichkeitsverbrecher. DaS Kriegsgericht in Posen verurteilte den Leutnant der Reserve Lindau, der in seiner Zivilstellnng höherer Bankbeamter ist, wegen SittlichkeitSvergchen zu einem Jahre Gefängnis und Dienstentlassung. Der Angeklagte war zu einer militärischen Uebung zum 19. Infanterieregiment nach Görlitz eingezogen und lag während deö Manövers in Posen im Quartier. Dort lockte er nach einem Ausfluge ein dreizehnjähriges Mädchen und einen fünfzehnjährigen Burschen in seine Wohnung, wo er erst an dem Knaben und dann mit dem Mädchen unsittliche Handlungen vornahm. Auf da? Ge- schrei des Mädchens eilte» Hausbewohner herbei und befreiten es. Die Untersuchung des Mädchens im Krankcnhause ergab, daß eS dem Angeklagten noch nicht ganz gelungen war. sein Vorhaben ans- zuführen. Demzufolge wurde er nur'wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen an Kindern unter vierzehn Jahren bestrast. Der An- geklagte entschuldigte seine Tat mit Trunkenheit. Portugal. Die monarchistische Verschwörung. Madrid, 4. Oktober. Der Ministerrat beschäftigte sich gestern mit der monarchistischen Erhebung in Portugal. Der Minister deS Innern legte dar, welche Maßregeln an der Grenze getroffen worden seien, um strenge Neutralität aufrecb:- zuerhalten, und teilte die an der Grenze von Galicien erfolgte Fest- nähme eine« Automobils mit. in welchem 40 Personen in Portugal eiuzndriiigen versucht hätten. Cnglanck. Für RüstungSeinschrknknng. London, 4. Oktober. Der Erste Lord der Admiralität M c K e n n a hielt gestern eine Rede, in der er ausführte, an die Stelle der K r i e g S g e r ü ch t e sei jetzt der K r i e g getreten. Das ganze Interesse der Welt sei darauf gerichtet, den Frieden wieder herzu st eilen. ES gebe kein AuSlvärtigeS Amt in Europa, das nicht die gemeinsame Hoffnung teile, daß befriedigende Bedingungen für eine Bei- lcgung deS Streite» gefunden lverden niöchten, bevor und nicht nachdem große Opfer an Menschenleben zu beklagen seien. Auf die Frage, ob er ein freundliches Einvernehmen mit Deutschland zum Zwecke der Beschränkung der Flottenriistunge» begünstige, erwiderte Mc Kenna: Nichts würde der Regierung größere Befriedigung gewähren, als wenn sie imstande wäre, Abkommen zu treffen, welche die N ü st u n g e n zu W a s j e r und zu Lande begrenzen. Rußland. Tie Spitzclkloake. Obgleich die Offiziösen sich bereits die größte Mühe geben, den Erörterungen über den Korruptionssumpf der Geheimpolizei ein Ende zu setzen, und ihren eigenen Enthüllungen über das Lock- spitzelunwesen die Spitze abzubrechen, nimmt die Flut der neuen Enthüllungen kein Ende. Die konservativsten Blätter, die hochstehendsten Bureaukraten, ja, selbst frühere Minister geben mit erstaunlicher Offenheit die bisher sorgfältig gehüteten Ge- Heimnisse preis und bestätigen jetzt die Nichtigkeit aller von sozial- demokratischer Seite erhobenen Anklagen gegen das Lockspitzel- system der Regierung. Sämtliche Fragen,'die während der Äsern- Affäre, de» LopuchinprozesscL die Oeffentlichkeit beschäftigt und deren Lösung durch die Einmischung Swlhpins unmöglich gemacht worden ist, finden jetzt eine gewisse Aufklärung. Es ist z. B. außerordentlich charakteristisch, daß daS Organ der Moskauer Reaktionäre, die vom alten Renegaten Tichomirosf herausgegebenen „MoSkowSlija Wedomosti" die Frage aufwerfen, in welchem Maße die Geheimpolizei an der Ermordung des Großfürsten Sergius und des Ministers Plehwe. die bekanntlich das Werk AsewS war, mitschuldig gewesen ist. Und die offiziöse „Nowoje Wrcmja", zu deren Redakteuren der Bruder des ge- töteten Ministerpräsidenten gehört, teilt jetzt offen mit, daß Stolhpin kurz vor seinem Tode die unwiderleglichsten Beweise für die polizeiliche Herkunft der eben erwähnten terroristischen Akte erhalten habe:«Vor seinem Tode hatte Stolhpin genaue Angaben erhalten, daß die Ermordung deS Großfürsten und W. Plehwcs von Asew organisiert worden war.... Indessen wurde Asew, ungeachtet seiner verbrecherischen Teilnahme an diesen zwei Mordtaten, in der Folge der ener» gischst« Gehilfe des Chefs der Ochrana, und auf ihn stützte sich die ganze Spionage. Wenn nicht ein Zufall ihn ent- larvte, so hätte Asew zweifellos noch heute sein Doppelspiel fort- gesetzt." Dies schrieb daS offiziöse Organ bor wenigen Tagen, während eö jetzt bereits eifrig an der Arbeit ist, seine eigenen Enthüllungen abzuschwächen und die.Ehre" AsewS wiederherzustellen. Bei diesem Vorhaben wird es keineswegs durch die Tatsache gestört, daß noch in diesen Tagen drei Agenten der Geheim- Polizei zu Baku, Kasusch, Molotschkow und Frolow. vom Vc- zirksgericht zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden sind, weil vor Gericht nachgeiviescn wurde, daß sie im Auftrag der Geheimpolizei Bomben nach Baku gebracht und dort zu Provokationszwecken verwendet hatten. Diese Praktiken. die sowohl von den größeren wie kleineren Agenten der Geheim- Polizei gehandhabt werden, sind in den Augen der RegicrungS- presse und der herrschenden Parteien eine notwendige Begleit- erscheinung des Kampfes gegen die Revolution. Es wird aus diesem Gebiete auch jetzt um keinen Deut besser werden— trotz des„unerschütterlichen" Willen» deS Hauptes der Lockspitzel, des Zaren Nikolaus II., diesem Treiben ein Ende zu setzen. Im Anschluß an die jüngsten Ereignisse in Rußland weist Burtzew, der sich durch die Aufdeckung deS Provokationswesens ein große» Verdienst erworben hat, darauf hin. daß noch immer nicht die Teilnahme AsewS an einem von ihm selbst organisierten Attentat von außerordentlicher Wichtigkeit und an den Attentaten gegen Admiral Dubasow und General Hörschelmann aufgeklärt sei. Ferner sei noch immer die Rolle der früheren Agenten deS PolizeidcpariementS, Roß und Brodski. unaufgeklärt, von denen der«rstere eine Reihe kühner„Expropriationen" verübte, während der andere die teuflische Machinaiion gegen die sozialdemokratische Fraktion der zweiten Duma einleitete, indem er ver- kleidete Geheimpolizisten als Delegierte verschiedener Truppenteile in die Fraktion sandte, in den Wohnungen der Ab- geordneten Flugblätter versteckte usw. perfien, England verstärkt seine Stellnng. London, 4. Ottober. Wie ein hiesiges Blatt aus Sstnka meldet. ist wegen der dauernden Unruhen in Südpersien beschlossen worden, die Wache n der verschiedenen britischen Konsulate zn verstärken. Zu diesem Zwecke haben zwei indische Kavallerie-Regim enter den Befehl erhalten, sich zur Einschisfung nachdem persische» Golf bereitzuhalten. ©cwerhrchaftlfcbcö. Lohnbewegungen, Streiks und Aussperrungen im Jahre i�io. ®oi Fahr 1910 war ein Fahr großer wirtschaftlicher Kämpfe. ES weist die größte Zahl wirtschaftlicher Kämpfe auf, die bisher in einem Jahre in Deutschland nachgewiesen wurden. Insgesamt S690 Kämpfe wurden geführt, an denen 1 025 512 Personen be- teiligt waren. Die Durchführung der Kämpfe erforderte eine Aus- gäbe von 18 666 523 M. Als Resultat ist zu verzeichnen eine Ar- beitszeitverkürzung für 344 570 Personen um 756 564 Stunden pro Woche und für 827 627 Personen eine Lohnerhöhung von 1 815 537 Mark pro Woche. Dazu kommt die Abwehr einer Arbeitszeitver- längerung von 9444 Stunden pro Woche und Zurückweisung einer Lohnverkürzung von 29 779 M. pro Woche. Von den Bewegungen des JahreS 1910 verliefen 6496 oder 67 Proz. ohne Arbeitseinstellung, während 3194 zu einer Arbeits- einstellung oder Aussperrung führten. An den Bewegungen ohne Arbeitseinstellung nahmen 656 531 oder 64 Proz. aller Beteiligten teil.— DiS gleiche Zahlenverhältnis war in den Vorjahren zu verzeichnen. In der Statistik der Generalkommission wird darau verwiesen, daß die große Zahl der ohne Arbeitseinstellung ver- laufenen Lohnbewegungen auf die Respektierung der gefestigten und finanziell gut fundierten Gewerkschaften durch die Unter- nehmer zurückzuführen ist. Bon den 6496 Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung galten 5580 der Verbesserung und 916 der Abwehr einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen; 70 Proz. der Angriffsbewegungen endeten erfolgreich, 29.7 Proz. teilweise erfolgreich; 83,7 Proz. der Abwehr- bewegungen hatten vollen Erfolg. Streiks und Aussperrungen sind im Berichtsjahre 3194 durch- geführt worden, und zwar 1385 Angriffsstreiks mit 110 613 B«- teiligten, 839 Abwehrstreiks mit 31 500 Beteiligten und 970 Aus- sperrungen mit 226 898 Beteiligten. Die größte Anzahl der Kämpfe entfällt auf das Baugewerbe; waren doch hier allein 1387 Streiks und Aussperrungen mit 181 000 Beteiligten zu verzeichnen. Der Zahl der Kämpfe nach folgt die Holzindustrie mit 539 Kämp- fen, doch bleibt die Zahl der Beteiligten hinter der in der Metall- industrie zurück. Während in der Holzindustrie 24 989 Personen an Streiks und Aussperrungen beteiligt waren, waren es in der Metallindustrie und im Schiffbau 95 516 Personen, an 430 Streiks und Aussperrungen. Von den Streiks und Aussperrungen waren 2657 oder 83.2 Proz. erfolgreich oder teilweise erfolgreich, mit 330 886 gleich 89,7 Proz. beteiligten Personen. Die Zahl der Angriffsstreiks war im Jahre 1910 beträchtlich höher als in den beiden Vorjahren, sie erreicht jedoch nicht die Höhe der Jahre 1906 und 1907. Der Prozentsatz der Streiks, die mit vollem Erfolg für die Arbeiter endeten, ist etwas größer als in den beiden Vorjahren und der größte, der seit 1900 erreicht ist. Die Aussperrungen find im Berichtsjahre so zahlreich ge» Wesen, wie in keinem Jahre vorher. Hauptbeteiligt hieran war das Baugewerbe, für das 851 Aussperrungen gezählt wurden. Von den 226 898 an den Aussperrungen Beteiligten entfielen allein auf das Baugewerbe 158 973. Und der weitaus größte Teil der bei- nahe 12 Millionen Mark betragenden Ausgaben, nämlich über 9i4 Millionen Mark, entfallen auf die Aussperrungen im großen Bauarbeiterkampf. Interessant ist, daß immer noch 20 AuS- sperrungen, mit allerdings nur 627 Beteiligten, verhängt wurden, um die Arbeiter zum Austritt au? der Organisation zu zwingen. Ms Resultat der Aussperrungen ist zu verzeichnen, eine Arbeits- zeitverkürzung für 90 217 Personen von insgesamt 162 386 Stun- den pro Woche und für 298 711 Ausgesperrte eine Lohnerhöhung von zusammen 845 182 M. pro Woche. Fast die gesamten Streikausgoben wurden von den Verbands- lassen selbst gedeckt. Im Jahre 1910 wurden aber noch an Extra- beitrügen von den Zentralvorständen 4 388 400 M. ausgeschrieben, und an Beiträgen der arbeitenden Mitglieder in Streikorten wur- den noch 521 800 M. aufgebracht. Das sind Summen, die höher sind, als die Jahreseinnahmen der gesamten Gewerkschaften in den Jahren 1891 bis 1897, denn erst mit dem Jahre 1898 über- steigt die Gesamteinnahme der Verbände 5 Millionen Mark. �cr Abschluß von Tarifverträgen war ein erheblich zahl- reicherer, als in den Vorjahren. Es werden 4393 Tarifverträge für 607 023 Personen verzeichnet. 1909 waren eS 1913 Verträge für 159 628 Personen und 1907 wurden 1860 Verträge für 282 948 Personen abgeschlossen. Die Erforschung der Organisation?- und Familienverhältnisse der an Ptreiks und Aussperrungen Beteiligten ergibt, daß 21 904 — 14,1 Proz. sich im Alter bis zu 21 Jahren befinden. Von den 310 711 in den Streiklisten Geführten waren 177 374 männliche und 4197 weibliche, zusammen 53 Proz. verheiratet. Sie hatten insgesamt für 327 882 Kinder unter 14 Jahren zu sorgen. 271 977 männliche und 15 636 weibliche Personen gehörten zu Beginn des Kampfes den Organisationen an, sechs Monate waren 227 986 männliche und 7215 weibliche Personen organisiert. Das Gesamtergebnis der wirtschaftlichen Kämpfe des JahreS 1910 kann als ein befriedigendes, wenn auch lange nicht als ein ausreichendes bezeichnet werden. Das Prozentverhältnis der mit vollem Erfolg für die Arbeiter beendeten Angriff- und Abwehr- streiks geht weit über den Durchschnitt hinaus. Die großen Lasten, die der Arbeiterschaft durch indirekte Steuern auferlegt wurden. geboten die Lohnerhöhung. Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen aber waren nicht einmal in der Lage, diese Teuerung durch Lohn. erhöhungen auszugleichen, weil sie den gewerkschaftlichen Organi- sationen fernstehen. Organisation, Solidarität und Opferwilligkeit aber sind notwendig, um die Arbeiterschaft auf eine höhere Kul- turstufe zu heben. Berlin und Qmgegend. Der Bewegung der Berliner Gisenkonstrnkteure um Anerkennung eines besseren Dienstvertrages haben sich auch die im Deutschen Techniker- Verbände organisierien Angestellten an- geschlossen und gleichzeitig ihre Kündigung zun, 1. Oktober ein- gereicht. Damit aber steht der Bund der technisch-industriellen Be« amten nicht aNein den Arbeitgebern gegenüber und die Berliner Metallindustriellen haben den ganzen organisierten Techiiikerstand gegen sich. Im besonderen wird die Sperrung der Stelleuverniitte- lung des Deutschen Techniker-Vcrbandes, die schon einmal beim Konflikt mit dem Reichen, arineamt niit überraschendem Erfolge den Kampf zugnusten der Techniker entschied, den Unternehmern viel zu schaffen machen. Wie hoch dies Moment im Kampf der Eisen- konstrukleure anzuschlagen ist, geht daraus hervor, daß im ersten Halbjahre 1911 787 Stellen durch den Verband vermittel» wurden. Bis heute ist eS den Firmen auch tatsächlich nicht gelungen, mehr als 20 von 230 Stellen neu zu besetzen, so daß die- Chancen für eine baldige Beilegung des Streites und Beseitigung der Differenzen sin Sinne der Techniker recht gute sind. Die Streikenden selbst sind guten Mute?, da eS ihnen geglückt ist, fast alle Kollegen im Kampse zu halten und den überwiegenden Teil derjenigen, die in Unkenntnis der Sachlage Stellung in Berlin genommen haben, zu veranlassen, von diesen Stellungen sofort wieder zurückzutreten. Insgesamt stehen zurzeit 220 Eisenkonstruk- teure im Ausstand, dreizehn derselben konnten nicht austreten, da sie Jahresvertrag haben, und drei bei Zivilingeuieurfirmen be- schäfligte Herren haben sich nach Anerkennung ihrer Forderungen mit ihren Firmen geeinigt.___ verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Die Lohnbewegung und die Streik» in»er PAIsche» industrie. Gestern abend fand wiederum eine«ußerordentllch zahlreich besuchte Versammlung der Wäschearbeiterinnen und Arbeiter statt, die den großen Saal des„Schweizer Gartens" bis auf den letzten Stehplatz füllte. Aus dem Bericht, den Eu« gab, ist zu entnehmen, daß die Arbeiterinnen und Arbeiter bei den Firmen W. Blume, Wohl u. H e y m a n n und F. u. M. Simon einmütig im Streik stehen. Wie die Personale der beiden zuerst genannten Firmen sich genötigt sahen, die Arbeit einzustellen, ist im„Vorwärts« bereits mitgeteilt. Die Firma Simon hatte sich auf Anfrage be- reit erklärt, ein TarifverhältniS einzugehen, jedoch erst nach Beendi- gung der allgemeinen Bewegung. Damit konnte sich das Personal natürlich nicht zufrieden geben, und da von der Firma eine bindende Erklärung, wann verhandelt werden sollte, ob heute oder morgen oder mindestens noch im Laufe der Woche, nicht zu erlangen war, wurde die Arbeit einmütig niedergelegt. Bei den Firmen Hauser, Nürnberg und Salinger liegt die Sache so, daß es aller Voraussicht noch auf fried- lichem Weg« zum Abschluß des neuen Tarifvertrages kommen wird. Die bestreikten Firmen versuchen namentlich die Heimarbeito- rinnen zur Ausführung von Streikarbeit zu veranlassen, was jedoch nicht gelingen wird. Mit der Festlegung der Akkordtarife bei den dem Arbeitgeber- verbände angehörenden 33 Firmen steht es so, daß ein Teil an- nehmbare Zugeständnisse gemacht hat, ein anderer Teil jedoch bei einzelnen Positionen nur ganz geringe Zulagen machen, bei anderen Positionen überhaupt nichts zulegen will, so daß hier eine Eini- gung ausgeschlossen scheint und die Tarifkommission wohl erst einmal ihr Urteil darüber abgeben muß,, wie es in den allgemeinen Ver- einbarungen vorgesehen ist. Es ist selbstverständlich» daß die Av- beiterschaft unter keinen Umständen auf die ihr zustehende Ver- besserung der Löhne verzichten wird.— Auch diejenigen Firmen, die bis jetzt auf die ein« oder ander« Art von der Tarifbewegung nicht erfaßt sind, können bestimmt auf die Einreichung der Forderungen rechnen. In der regen Diskussion, die dem Bericht folgte, sowie in einer einstimmig angenommenen Resolution gaben die Versammelten zu erkennen, daß sie einmütig hinter den im Kampfe Befindlichen stehen und die Bewegung mit aller Kraft durchführen werden. Achtung, Zigarrenartetter, Wickelmacher t Der Zigarren- fabrikant Sckiachmann, Winsstratze 12. der schon seit langem tn Berlin unter den Zigarrenarbeitern wegen seiner Löhne eine traurige Berühmtheit erlangt hatte, hatte vor wenigen Wochen seinen Arbeitern Zugeständnisse gemacht, die die Lohn- Verhältnisse in seiner Fabrik etwa ans das Niveau von 1896(1)— man höre: 1896 1— brachte. Man sieht also, er harte fich wirklich nicht besonders angestrengt. Mit Ver Zeil reute ihn aber sogar dies winzige Zugeständnis und er ließ unter dem Borgeben, von nun an allein, das heißt ohne Ardeiter fabrizieren zu wollen, die bei ihm beschästkglen Leute, 2 Roller und 2 Wickelmacher aufhören. Das war am 22. September. Run fft er wahrscheinlich der Meinung, daß er seine früher erprobte Taktik, ungehindert mit niedrigsten Löhnen weiter fabrizieren z» können, wieder einschlagen kann. Er sucht jetzt durch die„Volkszertung" Zigarrenarbeiter, die er wieder und weiter mit 5,75 M. pro Mille abspeisen kann. Er spekuliert auf die Notlage der Branche und meint, leicht wieder Arbeiter be- kommen zu können. Vielleicht täuscht er sich. Jedenfalls hat er mit dieser Handlungsweise daS schlechteste Mittel gewählt, seinen Umsatz zu steigern. Ucber den Betrieb ist die Sperre verhängt. Von der Wurftfabrik Heider, Cherlettruburg, wird bei der Kund- schaff das Gerücht verbreitet. daß der Streik erledigt und die Forderungen bewilligt seien. Hierauf haben verschiedene Kunden. die abbestellt hatten, wieder Waren bezogen. Wir machen darauf aufmerksam, daß der Streik fortdauert; die Firma weigert sich nach wie vor, die gewiß minimalen Forderungen der Gesellen anzuerkennen. Alle Bemühungen, den Betrieb aukrechi zu halten, find vergebens z es finden sich nicht genügend Arbeits- willige. Selbst von diesen gewiß zufriedenen Elementen hat ein Teil die ungastliche Stätte wieder verlassen. Verhandlungen, die von der Berliner Gewerkschaflskomnnssion angebahnt, hat die Firma rundweg abgelehnt. Zentralverband der Fleischer. vevrkefft» Ret*. Erneute Lohnbewegung der Verglevte. Ein Privattelegramm meldet uns aus Bochum: Der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein hat in drei Konferenzen in Dortmund. Wanne und Oberhausen den Beschluß gefaßt, infolge der großen Teuerung bei den übrigen Bergarbeiterorganisationen anzufragen, o b s i e gemeinschaftlich in eine Lohnbewegung ein- treten wollten. Der deutsche Bergarbeiterverband hat bereits zugesagt._ Streikbrecher— eine Beleidigimg. lieber einen Dachdeckereibetrieb in Magdeburg war vom Dach- deckerverband die Sperre verhängt worden. Als die Differenzen ausgeglichen waren, die Sperre aber trotzdem nicht unverzüglich auf- gehoben wurde, sragte der Unternehmer den Dachdeckergesellen Hegebarih nach der Uriache. Dieser antwortete angeblich:„Wenn Sie ven schwarzen Wohlbier, den Streikbrecher, entlassen, ist alles gut." De? Wortes Streikbrecher wegen wurde gegen Hegebortb eine Piivatbeleidigungoklage anhängig gemacht. Das Magdeburger Schöffengericht verurteilte Hegebarth zu einem Tage Gefängnis. In der Begiündung bemerkte der Gerichtsvorsitzeiide, daß dem�An« geklagten der Schutz des§ 193 hätte zugebilligt werden müssen, wenn die Bemerkung etwa gelautet hätte:„Schicken Sie den Wohl« bier weg, der hat wiederholt den Streik gebrochen!" So aber habe er das vcipönte Wort„Streikbrecher" gebraucht und darum habe er verurteilt werden müssen._ Eersiffelte Streikpostenjäger. Aus Halle a. S. berichtet man uns unterm 30. September: Gelegentlich des letzten Bergarbeiterstreiks im Mitteldeutschen Re- vier wurden mehrere Bergleute aus dem ManSfeldischen Bezirk bei dem sogenannten erlaubten Streikpostenstehen von Gendarmen wiederholt in arger Weise belästigt, so daß das Hallesche Schöffen- geeicht die Beamten ab und zu in ihre Schranken zurückweisen mußte. Auch in der letzten Sitzung waren die Bergarbeiter Koch und B ö n i ck e angeklagt, im Juli d. I. als Streikposten den„Ver- kehr gestört" zu haben. K. war einfach von einem Privatgrund- stück weggewiesen worden, und pegen B. mar ein Wachtmeister sehr ausfallend geworden, wie ein Zeuge bekundete. Der Gerichtsvor. sitzende erteilte den Wachtmeistern Nagel und Erfurt kräftige Belehrungen, und der Amtsanwalt mußte zugeben, daß die Streik- Posten bei den merkwürdigen Anordnungen der Beamten manchmal nicht gewußt hätten, wo sie hinflüchten sollten. Als aber der Ver- leidiger die Anzeige des einen Beamten als frivol bezeichnete, wurde er wegen Ungebühr vor Gericht in eine Geldstrafe von 10 M. genommen. Allerdings wurden die Maßnahmen der Be. amten für ungerechtfertigt bezeichnet und die Angeklagten frei. gesprochen.— Wenn man aber gegen die ungesetzlichen Maß» nahmen der Gendarmen bloß belehrende Worte erläßt, dann wer- den sie von ihrer Jagd auf Streikposten nicht so leicht ablassen. Der Streik der Bremer Branerctarbeiter hat an Ausdehnung zn- genommen. Jetzt haben aucki die Arbeiter der Hemelinger Aktien» Brauerei, die der Bremer Brauer-Sozielät angehört, die Arbeit niedergelegt, so daß fich die Zahl der Streikenden dadurch auf 1000 erhöht. Dogegen hat die der Brauer-Sozietät n'cht angehörende Union-Brauerei, eine Gründung der GastwirtS-Organisalion. mit dem Brauereiarbeiterverband einen Tarik abgeschlossen und die For- sh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Vertagsanstalt l berungen der Srdeiter anerkannt, ein Beweis, daß die? auch den übrigen Großbrauereien möglich war, wenn sie den ehrlichen Willen zur Verständigung gezeigt hätten. Die letzte Erklärung der Unter- »ehmer vom Montag, den 2. Oktober, die der Syndikus der Lobn- kommissson übermittelte, daß daS mangelnde Entgegenkommen der Arbeiter in der Lohnnage die Sozietät außerstand setze, der Frage der Arbeitszeitverkürzung näher zu trelen. wird durch die Zugestäud- nisse der Union-Brauerei als grundlose Ausrede festgestellt.— Nun der von den Unternehmern movozierre Kampf entstanden ist. sollen die Hintzebrüder helfen. Von Hamburg wurde am 2. Oktober die Abfahrt von 200 Berufsslreikbrechern nach Brenien gemeldet.— Zuzug von Brauereiarbeitern aller Kategorien nach Bremen ist streng sernzuhalten._ Tarifabschlust für die Heizungsmonteure i« Frankfurt am Main. Durch Verhandlungen kam ein Tarifvertrag zum Abschluß, der für die Heizungsmoiitenre und Helfer wesentliche Verbesserungen enthält. Die wöchentliche Arbeiiszeit beträgt 55 Stunden gegen bisher 57 bis 60 Stunden, der Mindestlobn für Manteure 70 Pf., bisher 60 bis 63 Pf. pro Stunde; für Helfer im ersten Jahre nach beendeter Lehrzeit 45 Ps., danach bis zur Pollendung oes 21. Lebens- jahres 55 Ps. Bisher beirng der Mindestlohn für Helfer 42 Ps., Monteure erbalten eine Lohnerböhnng von mindestens 3 Pf. und ab 1. Juli 1912 eine abermalige Lobnerhübung von 2 Pf. pro Stunde. Die Moiuagezulage wurde für Monteure von 3 M. auf 3,30 M. und für Helfer von 1,50 M. auf 2 M. pro Tag erhöht. Der Ueberstundenzuschlag beträgt für die beiden ersten Sinnden 25 Proz., für jede weitere Stunde sowie bei Soniitagsarbeit 50 Proz., bei Arbeiten an den hohen Festlagen 100 Proz. Der Vertrag hat Gültigkeit bis zum 1. Oktober 1914. Hueland. Friedensschluß im Baugewerbe Schweden». Die Aussperrung im schwedischen Baugewerbe ist jetzt endlich, nachdem sie drei Monate gedauert hatte, aufgehoben worden, und zwar auf Grund von Einigungsvorschlägen des staatsangestellten Schlichtungsbeamten, die die Zustimmung sowohl des zentralen Arbeilgeberverbandes, wie der in Betracht lommenden Gewerlschatten gefunden haben. Eine Arbeilerorganisation, der„Bau-Holzarbciter- verband". hat die Vorschläge allerdings abgelehnt, konnte jedoch, zumal er der Landesorganisation der Gewerkschaften nicht angehört und auch nur zwei Zahlstellen besitzt, der allgemeinen Einigung nickt hinderlich sein. Die Arbeit soll, soweit eS möglich ist, sofort, spätestens aber am 16. Oktober wieder aufgenommen werden. Die Friedensbedingungen, wie fie nun von beiden Parteien anerkannt sind, werden von der lknternehmerpresse als„nicht zufriedenstellend" bezeichnet. Tatsächlich hat der Arbeitgeberverband denn auch mit seiner Aussperrung, die von vornherein von einem großen Teil der Unternehmer nicht durchgeführt wurde, eine Niederlage erlitten. Allerdings hat man eS durchgesetzt, daß die neuen Verträge aus fünf Jahre abgeschlossen wurden, jedoch nicht, wie die Unternehmer verlangten, mit den alten Löhnen oder gar Lohnherabsetzungen, sondern mit Lohnerhöhungen von ein bis fünf Oer« die Stunde, sowie einer weiteren generellen Erhöhung um zwei Oer« vom 1. April 1914 ab. Auch der Versuch der Unter- nehmer, die Arbeitszeit in den Berufsgruppen, wo der Neunstunden« tag schon durchgeführt war, aus 57 Stunden die Woche zu ver« längern, ist mißlungen, und dasselbe gilt von ihrem Verlangen, den Äblaukstennin auf den 3l. Dezember festzusetzen; eS bleibt wie bis- her beim 31. März. Ebenso mußten die Unternehmer auf ihre „prinzipielle" Forderung, über dl« Anwendung des Atkordsysiems in jedem einzelnen Fall allein zu entscheiden, venichlen. Wo Streitig« leiten über die Akkordpreiie vorliegen, sollen die Parteien verhandeln, und wenn eine Einigung nicht erzielt wird, die Streitfragen durch Schiedsgericht entscheide» lassen, und zwar bis zum 1. November dieses JahreS._ letzte Wacbriebteii« Serbiens Neutralität? erklärung. Koastantinopel, 4. Oktober.m Friedrich-Wilhelinstüdtischen Schauspielhause gastieren. — Der Stand der australischen Südpolar- expedrtion. Die Forschungsreise, die von Australien aus in das Siidpolargebict unternommen worden soll, kann jetzt als ge- sichert betrachtet werden. Die von de» verschiedenen australischen Regierungen zur Verfügung gestellten Mittel erreichen bereits die Hohe von 440000 M. — Eine neue Forschungsreise ins Innere Sudamerikas hat Dr. Karsten von der Universität Helsing- fors angetreten. Er will besonders die teils noch sehr wenig bekannten, teils noch gar nicht besuchten Stämme des hinteren Bolivia und des Gran Chaco mit Bezug aus ihre rcligiöseg un!) sozialen Zustande erkunden.-' Leiterschaft nichts genützt Die geeintgts sozialistische Partei dürfe nicht mit Lloyd George konkurrieren. � Ihre erste Ausgabe sei die Kritik und ihre kritische Stellung dürfe sie um keinen Preis auf- geben. Aus den halbbclvubten Massen müsse sie eine klassenbewußte Arbeiterschaft machen. H u n t e r W a t t s fS. D. P.) erinnert daran, daß die ganze internationale Bewegung für soziale Reformen eintrete. Der Acht« stundentag sei eine derartige Forderung. Die Ultrarevolutionäre vergessen, daß es nicht allein darauf ankomme, die Armee ins Feld zu schicken, sondern man müsse auch die Kräfte der Armee erhalten. Es gebe zwei Arten der Sozialreform: eine reaktionäre und eine revolutionäre. Zu den letzteren Reformen gehörten die Ernährung der Schulkinder, der Achtstundentag, die Selbsterhaltung der Arbeits- losen. Der Prüfstein der wirklichen Sozialreform sei: Ist die Reform geeignet, die Arbeiterschaft in eine bessere Lage zu versetzen, um den Klassenkampf erfolgreicher durchführen zu können? ES sei kindisch, sich zu dieser Zeit noch den Palliativmitteln zu widersetzen. Fräser sMarxistnche Gesellschaft, Aberdeen) erklärt, daß es den bürgerlichen Parteien bisher immer gelungen sei, die Wirksam- keit der zugestandenen sozialen Reformen zu vereiteln. Er befür- wartet eine revolutionäre Taktik. Russell S m a r t(B. S. P.) bemerkt, daß er sich auS dem Sumpfe der bürgerlichen Sozialreform herausgearbeitet habe und keine Lust verspüre, wieder hineinzuplumpsen. Wenn man dem Teufel den kleinen Finger reiche, so werde er bald die ganze Hand nehmen. Unter allen Umständen müsse vermieden werden, den An« schein zu erwecken, als sei man auf der Seite der Sozialreformer, die nur danach strebten, die Ziele des Sozialismus zu verdunkeln. Soziale Reformen gewährten die Regierungen nicht, weil sie ihnen geneigt wären, sondern weil sie vor den revolutionären Parteien Angst hätten. K e m r e d y Schuhputz Ueberau zu haben in Dosen ä 10 und 20 PIg. FabriKt LubszynsKi Co.. Berlin-Licbtenberg. Buchhandlung Vorwärts LIndenslr. 69(Laden). Reuerscheinungen: Rllsjlschk Etfäugllisst. Von Wera Aigner. Preis 75 Pf. Kaiser Kanzler Zentrum. Von I. Vlccrfclb. Preis 75 Pf. Vereinsausgabe 30 Ps. Aas neue Reichs-Merl- vom 1. April 1911 und die Stellung der Sozialdemokratie zu ihm. Von Paul Göhre. Preis 75 Pf. 847,4 Vcreinsausgabe 25 Pf. 1 sf?.aIrail««n-«fej.; u». erlaglich saubere Menlur für Schüler. 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Eie Namen der beiden in der letzten Sitzung als Zeugen der nommencn Offiziere, die als Gäste im Wertheimfchen Haufe der- kehrten, find, wie uns nachträglich mitgeteilt wird, Oberleutnant Von Vetter un!� Leutnant von Ziehsar. In der gestrigen Sitzung führt der Angeklagte zum Beweis, dah er an die Wahrscheinlichkeit seiner Heirat mit Frau Dolly Landsberger geglaubt habe, noch folgendes an: Am heiligen Abend war ich als einziger Fremder bei Wertheims zu Gast. Von Dolly Landsberger erhielt ich ein kostbares Weihnachtsgeschenk, eine Reitpeitsche mit silbernem Griff. Auch an den beiden Wcihnachtsfciertagen war ich bei WertheimS. Fast täglich schickte ich an Dolly Landsberger und ihre Mutter Blumen. Häufig war ich nach dem Tattersaal bestellt, wo Dolly L. ilieitübungen unternahm. Bei einem Abendbcsuch sollte ich ihr ein- mal im Boudoir ihr schönes schwarzblaues Haar aufmachen. Ich war felsenfest davon überzeugt, dag meine Werbung angenommen werden würde, die ich auf der Reise nach dem Süden anbringen wollte. Der als Zeuge geladene Dr. Artur Landsberger hat aus Prag ein Telegramm eingesandt, in dem er erklärt, selbst auf die Gefahr des ZeugniSzwangsverfahrcns hin werde er keine Bekundungen gegen seine frühere Frau machen. Als die Verteidigung weitere Beweismittel zur Erschiitterung der Glaubwürdigkeit der Frau Wertheim anführt, erklärt der Staatsanwalt: Er betone aus- drücklich, daß er an dem Zeugnis der Frau Wertheim unh der Frau Dolly Landsberger keinerlei Interesse habe. Die Straftaten des Angeklagten fallen in eine andere Zeit als die der Aera Wertheim. Es sei ihm unerfindlich, wie der Augeklagte aus dem Fall Metternich einen Fall Wertheim machen wolle. Er sei bereit, die Fälle, die in die Aera Wertheim fallen, fallen zu lasten. Eine Andeutung des Staatsanwalts, die Wertheimasfäre sei so stark vorgeschoben, um das Interesse von dem Angeklagten selbst abzu- lenken und Sensation zu machen, weisen die Verteidiger und der Angeklagte entschieden zurück. Die Beweisaufnahme über die Glaubwürdigkeit der Frau Werthcim wird fortgesetzt. Justizrat Mrschclsvhn bekundet, er sei juristischer Berater, nicht Syndikus der Firma A. Wertheim. Eines Tages sei in der Zeitschrift„Herold" ein vermutlich von Frau Wcrtheim inspirierter Artikel erschienen. In diesem wurde die absolut unwahre Behauptung aufgestellt, man habe versucht, Wolf Wertheim durch eine Art Komplott zur Ableistung eines Meineides zu drängen, um ihn dann mit Hilfe des sich daraus ergebenden StrasprozesseS au? der Firma A. Wertheim auszuschließen. Das strafrechtliche Vorgehen gegen den verantwortlichen Redakteur sei dann dadurch aus der Welt geschaffen, daß Abbitte geleistet und Buße gezahlt wurde. Frau Werlheim habe ihn später einmal ge- beten, ihre Interessen wahrzunehmen; er habe das unter Vorwurf wegen des„Herold"artitcls abgelehnt. Frau Wertheim erwiderte, ihr sei gesagt worden, sie kriegen zehn Millionen, wenn der Artikel tomint. Nach Ansicht dcS Zeugen suchte man durch den Artikel eine Erpressung einzuleiten. Heber dieselbe Angelegenheit ist später eine Broschüre erslbiencn; wegen dcrselben schwebt ein Strafver- fahren gegen deren Verfasser, Gerson.— Rechtsanwalt Severin Behrendt bekundet, daß Frau Wcrtbeim ihre 7viährigr Schwieger- muttcr zu einem Offenbari, ngSrid darüber getrieben hat, daß sie bestimmte Briefe nicht hinter sich habe. Auch ein MeineidSver- fahren gegen die eigene Schwicgermutter habe Frau W. versucht einzuleiten. In der Zeitschrist„Morgen" sei dann durch einen Artikel„Tiergartcnskandal", dessen Urheberin wohl Frau W. sei, die ganze Affäre aufgerollt worden. Gegen die eigene Mutter, eine Frau Tictzer, erstattete Frau Werthcim eine Anzeige wegen Urkundenfälschung.— Ter frühere Privatsekrctär des Dr. Artur Landsberger, Kühn, bekunde! als Zeuge, daß Frau Dolly Lands- berger sich häufig darüber beklagt habe, daß sie von ihrer Mutter mit den gemeinsten Schimpfwortcn belegt werde. Auf Befragen erklärt der Zeuge unter anderem: Eine Miß Giftin habe erzählt, Frau Weriheim babe eines Tage? zu ihr geäußert, die Dolly darf nicht vor ihrem 22. Jahre heiraten. Zwischen 18 und 22 Jahren tonn sie meinetwegen Verhältniste haben, aber jede Woche einen anderen.— Ter Borsitzende weist darauf hin, daß eine solche Be- weiSaufnahme darüber, was eine dritte Person, deren Glaub- Würdigkeit man gar nicht kenne, geäußert haben soll, doch nicht zulässig sei.— Die Verteidigung beschränkt sich darauf auf Fragen. die der Zeuge aus eigener Kenntnis beantworten könne. Ter Zeuge äußert unter anderem: Es ist richtig, daß Frau Wertheim mal gesagt hat: Unter einem Banderbilt oder einem Rothschild machen wu s nicht. In einem Briefe der Frau Dolly heiße eS u. a.. als sie mal erk örte„Mutter laut wieder mal Fürstenschlösser", habe diese geantwortet: O nein, da nehm ich da? Paket und schlage Dich, bis Tu Gehiriibautcntzündung hast. Sie sei von ihrer Mutter hypnotisiert und müsse alles tun, was sie wolle. In einem Gutachten des Geheimen Medizinalrats Professor Dr. Eulenburg heißt eS:„Bei Durchsicht dieser Briefe und Auf- Zeichnungen glaubt man stellenweise etwas von der von schwülem Parfüm durchzogenen Dunstschicht und dem heißen Atem einer modernen Salome, der würdigen Tochter einer modernen HerodiaS Su spüren."— Vorsitzender: Das schreibt ein Professor, Tonner- wetterjal— Rechtsanwalt Dr. Jaffä: Ja. allerdings, und zwar Gkheimrat Eulcnburg.— Vorsitzender: In. ja, ich kenne ihn schon. — In einem an die damals infolge ihre« Sturzes aus dem Fenster bes Esplanadc-Hotels schwerkranke Dolly Landsberger gerichteten Briefe schreibt Frau Wertheim:„Warum habe ich für Deinen Vater Pi.,k„s. her meinen Namen fälschen wollte, die Wechsel unterschrieben, die der herrlich- Kerl Wolf bezahlt«? Damit Dir das Zuchthg�z nicht anhängen sollte, in das Dein Bater ohne Gnade hineinspaziert wäre." Dem Vortrag ähnlicher Acußerungen der Frau Werthcim und ihrer Tochter beugt der Vorsitzende durch die Erklärung vor, eS ist ja bekannt, Dr. Landsberger da? damals ISjährige junge Mädchen gegen den Willen ihrer Eltern in England geheiratet hat. Daß da die Muttcr nicht sehr freundliche Aeußerungen gemacht haben wird, ist begreiflich. Ter Zcuge bekundet noch: Die Be- banptung der Frau Wcrtheim in einer Eingabe, die Flucht deS Fräulein Dolly Pinkus nach England habe unter der Aegide Maximilian Härders stattgefunden, ist völlig unwahr. Haiden wußte von der Sache damals gar nichts.., Schriftsteller Edmund Edel macht über seine Beobachtungen, die er als Gast an dem im Wolf Wertheimschen Hause verlebten Silvesterabend ilM gemacht hat, folgende Schilderung: Ich war mit meiner Frau eingeladen worden; es war eine Gesellschaft von 10 bis S0 Personen zugegen. Der große weiße Saal war sehr schön dekoriert. In der Mitte dcS EaaleS stand eine große Tafel. Graf Metternich führte die Tochter des Hauses S Tisch. Wir unterhielten unS in der Gesellschaft über diese Er» cinung und waren uns darüber einig, daß irgend etwas vor» gehe. Es war ja bekannt, daß für Dolly Pinkus Heiratsplänc im Gange waren, und so dachte man, Graf Metternich sei wahrschein- lich der präsumtive Thronfolger. Im übrigen hatte man auch den Eindruck, daß irgendeine prominente Persönlichkeit alS Tafel» dckoration herangezogen werden sollte. Dafür hielt ich den An- «-klagten. Es waren sehr viele Künstler, Schriftsteller, Bertrcter der Industrie anwesend. Das Essen ivar allerdings nicht gut. (Heiterkeit.) Präs.: Ich muß dock, bitten, solche Bemerkungen zu unterlassen. Das gehör! nicht zur Sache und sieht aus wie eine Verhöhnung deS Gerichtshofes. Zeuge Edel bekundet weiter: Kichtig ist, daß ich Dr. Landsberger gegenüber geäußert habe: „Gestern ist Graf Metternich als Schwiegersohn an der Tafel herumgereicht worden." Ein Geldvermittler suchte von Dr. Landsberger— allerdings vergeblich— für den Angeklagten 5000 M. zu pumpen. Hof- und Gcrichtsadvokat Mahr-Güuthcr bekundet: Graf Metternich trat mit mir, als er sich mit der Schauspielerin Fräulein Claire Vallentin verheiratete, zwecks Negulicrang seiner Schulden in Ver- bindung. Er gab diese auf etwa 40 000 M. an; manche Beträge sind aber zweifellos ihm viel zu hoch berechnet. Zeuge hatte den Eindruck, daß es mit dem Willen, die Schulden zu regulieren, dem Angeklagten ernst war. Die eingeleitete Regulierungsaktion sei durch die Verhaftung des Angeklagten, der sich keineswegs der- borgen gehalten habe, durchkreuzt worden. Hierauf wird die Ehefrau des Angeklagten, Frau Gräfin Claire Wolff-Mctternich geborene Vallentin vernommen. Sie erklärt, von meinem Zeugnisverweigerungsrecht will ich keinen Gebrauch machen. Meinen Gatten hatte ich in Scheveningen kennen gelernt. Am 28. September 1910 heirateten wir. Vor der Hochzeit teilte mir mein Mann mit, daß er etwa 20 000 M. Schulden habe. Ich erklärte mich sofort bereit, diese zu bezahlen. Das eifrigste Bestreben meines Mannes war, sich eine Stellung zu verschaffen. Er erhielt eine solche mit 300 Kronen Monatsgehalt und hatte die besten Aussichten, bald ein erheblich höheres Gehalt zu beziehen. Die Schulden bezahlte ich nur zu einem Teil, da uus unser Anwalt Mayr-Günther riet, damit nicht zu voreilig zu sein, wir sollten die Leute ruhig einige Zeit warten lassen, da mein Mann ja ganz erheblich übervorteilt wor- den war. Die Schulden eines Mannes halte ich nicht für besonders Auffallendes. Mein Mann hat mir gesagt, er hätte damals die Frau Dolly Landsberger heiraten können oder sollen; dann hätte er die Schulden ohne weitere» bezahlen können. Wenn jemand hier ins Gefängnis gehört, so ist es der Vater und nicht mein Mann. Da er von seinem Vater nud 30 M. monatlich erhielt, er- zählte er mir. mutzte er Schulden machen,' um den großen Auf- wand als zukünftiger Schwiegersohn Wertheims machen zu können. Unter den traurigen Verhältnissen sei er gezwungen gewesen, eine sogenannte Namenshcirat einzugehen, trotzdem es immer seine Ab- ficht gewesen sei, nur eine wirkliche Liebesheirat einzugchen.— Vorsitzender: Glauben Sie, daß Sie von Ihrem Gatten aus Liebe geheiratet worden sind?— Zeugin: Jawohl, ganz bestimmt. Er hat damals den ganzen Tag gejammert, daß er nicht so schnell eine Stellung finden könne. Ich hätte auch nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn mein Gatte gar nichts tun würde. Die Be- hauptung, daß mein Mann von seiner Familie verstoßen sei, ist nicht ganz richtig. Ein Brief seiner Schwester bekundet, daß die besten Aussichten dafür vorhanden sind, daß in Zukunft alles beb gelegt werden würde. Sie hatte geschrieben: Schau nur, bah Deine Frau nicht beim Theater bleibt, und alles wird gut werden. Auch sein Vater hat ihn im Gefängnis besucht. Der Vater ver langte von mir, mein Mann solle ins JrrcnhanS, dann wolle er alles tun. Ich habe dankend abgelehnt und ihm gesagt, ich habe keine Veranlassung, mich seinem Willen zu fügen. Auf Hinweis des Oberarztes in der Eharite Tr. Förster, daß in den Akten sich ein Gutachten eines Dr. Zerner befindet, in dem er. klärt wird, der Graf leide an moralischer Idiotie, erwidert die Zeugin: Mein Gatte war sehr eifersüchtig; ich wäre sehr beleidigt gewesen, wenn er eS nicht gewesen wäre. Das Gutachtn ist wohl darauf zurückzuführen, daß Dr. Zerner durch den guten Willen, meinen Mann zu retten, sich zu weit bat hinreißen lassen. Der Kaufmann Eduard Buchwald hat als Heiratsvermittler Schritte für eine Heirat des Angeklagten mit einer reichen Amerikanerin unternommen. Er erhielt einen Provisionsschein über 50 000 M., der fällig sein sollte, wenn eine reiche Heirat mit einer Millionärin zustande käme oder wenn Angeklagter von Hause ein größeres Kapital erhielte. Di« Ansicht, daß der Graf Frau Dolly heiraten würde, sei allgemein gewesen. Bei der Zeugin PeusionSinhaberiu Frau Uhrinann hat Ange- kkagter ein Jahr lang für 30 M. monatlich, mit voller Beköstigung für 120 M. monatlich gclvohnt. Di« Zeugin hat dem Angeklagten einen großen Kredit eröffnet; bestimmend war die Rücksicht auf seinen Namen und daß er sagte, er würde einmal von Hanse eine Viertelmillion erhalten und hoffe reich zu heiraten. 1500 R. hat sie zurückerhalten und hat noch 1200—1500 M. zu verlangest. Der Angeklagte habe sehr bescheiden gelebt. Eine Frau Brehm soll in emem Fall geschädigt sein. Sie ertvarb einen Wechsel von 5000 M. gegen Zahlung. Für den Wechsel hasteten der Angeklagte und ein Mann namens Zenner, der sich„Baron von Zenner" nannte, aber später als Schwindler sich entpuppt hat. Die Auskunst über Graf Metternich, die die Zeugin einzog, fei schlecht gewesen; sie habe mehr auf die Solidität des Barons von Zeuner und das von diesem gegebene Unterpfand Gewicht gelegt. Jr Fall Gustke legt die Anklage dem Angeklagten folgendes zur Last: Im Sommer 1909 lernte der Angeklagte die in der Halbwelt sehr bekannte Tän- zerin Elvira Gustke, genannt„Elvira Eommeri", kennen. Metter- nich trat sehr vornehm auf und warf mit dem Geld ziemlich umher. Schon nach dreitägiger Bekantschaft erzählte er der Gustke, er müsse nach BadcwBaden reisen, wo seine Heirat mit einer reichen Ameri- kanerin perfekt werden»oürde und bat sie, ihm 1900 M. zu borgen. Di« G. ging auch darauf ein und erhielt von Metternich einen Wechsel über 1200 M., den er bereits fertig geschrieben ans der Tasche zog. Zwei Tage später erhielt die Gustke von Metternich aus Baden-Baden einen Eilbrief, in welchem er sie nochmals um 300 M. bat. Die G. ließ jedoch nicht» mehr von sich hören und gab den Wechsel dem Juwelier Stoß in Zahlung, bei dem sie eine größere Schuld hatte. Bei Fälligkeit wurde der Wechsel von Metternich nickst eingelöst. Später zahlte Metternich an Stoß in Raten 800 M. zurück.— Dsc Angeklagte hat schon früher bestritten, von der G. überhaupt 1000 M. erhalten zu haben. Er habe der G. den Wechsel lediglich zum Geschenk gemacht. Der Angeklagte bestritt vor Gericht, sich in diesem Falle schuldig gemacht zu haben. Er habe die Gustke im„Moulin rouge" lcnnen gelernt und sei morgens gegen 4 Uhr in angeheitertem Zustande mit ihr nach ihrer Wohnung gegangen. Dort habe er ihr auf ihre Bitten, als Beitrag zu einem Brillantkollicr, zu dessen Erwerb auch andere Kavaliere beitrügen, einen Wechsel über 1200 M. geschenkt. Er habe sich nach einigem Zögern dazu breitschlagen lassen. Er habe auch mit ihr gesprochen, daß er nach Baden-Baden fahren wolle, um sich dort mit einer Amerikanerin zu verloben. Man hatte. darüber auch schon anderwärts gesprochen und gesagt: Das ginge nicht so schnell; er habe sogar mit einer anderen Dame eine kleine Wette abgeschlossen, daß er sich bald verloben würde. Auf seine Bemerkung, daß es in Baden-Baden sehr teuer sei, habe sie sich bereit erklärt, ihm im Bedürfniöfalle 300 oder 500 M. zu schicken. Er habe dann auch auS Baden-Baden geschrieben und um 500 M. gebeten, hierbei habe er allerdings särchlich gesagt:„Die Braut ist da!" Doch habe er dieS nicht zur Täuschung der Zeugin getan, sondern mit Rücksicht auf die kleine W»tte, die er abgeschlossen hatte. — Der Brief wird zur Verlesung gebracht. ES heißt darin u. a.: „Die Braut ist gestern angekommen; sie ist reizend. Es wird bestimmt etwas! Hnrra! Ich ftrnc mich auf ein Wiedersehen. D«S wird ein fidrler Abend werden!" Elvira Gustke bekundet als Zeugin folgendes: Ich habe dem Angeklagten, der seinerzeit ein eigenes Automobil hatte und sehr diel Geld in den Nachtlokalen ausgab, die 1000 M. gegeben. Ich hatte keine Bedenken, daß ich das Geld wiedererhalte, ich hatte nur Bedenken, daß er überhaupt ein Graf Metternich war. Als ich dann aber aus Baden-övaden den Brief erhielt und dem Grafen npch- mal 300 M. pumpen sollte, verhielt ich mich ablehnend, da Metter- nich allem Anschein nach bei mir ein«„Pmrrpstation" anlegen zu können glaubte. Metternich lauerte mir dann auf der Straße auf und machte mir beinahe auf der Straße eine Szene. Ich habe Metternich dann noch wiederholt in Nachtlokalen gesehen, wie er einen Tausendmarkschein wechselte. Zu den Freunden dcS Grafen gehörte auch ein Herr von Rauch, der ein ganzes Paket Blanko- Wechsel des Grafen bei sich trug. Als sie diesen auf den zweifel- haften Wert der Wechsel hinwies, sei von Rauch ordentlich wütend geworden und habe ausgerufen:„Mein Freund Gisbert ist mir sicher!" Es ist nicht wahr, daß Angeklagter von mir nichts erhalten habe, sondern mir den Wechsel zum Geschenk gemacht habe. Der Graf Metternich hat mir ja sogar drohen lassen, mich wegen Wuchers anzuzeigen, weil ich 200 M. Zinsen genommen hatte. Das ist doch gar nicht meine Profession.(Heiterkeit.)— Angeklagter bestreitet die Darstellung der Zeugin. Dies« erklärt auf Befragen: Den An- geklagten habe ich sehr oft gemahnt. Es hat bei solchen Mahnungen nicht an entsprechenden Titulaturen von seiner und auch von meiner Seite gefehlt. Ich habe ihn auch in Gegenwart dritter Personen gemahnt, das waren wohl Heiratsvermittler, wenigstens taxierte ich sie so. Vor Hingabe der 1000 M. habe Angeklagter ihr gesagt, er beziehe 2000 M. monatliche Revenuen. Alle Kreuz- und Ouer fragen, die die Verteidigung an die Zeugin richtet, um die Richt.g- keit ihrer Aussagen in Zweifel zu ziehen, beantwortet die Zeugin präzis und bleibt bei ihrer Aussage. Auf Befragen erklärt sie: ich bin im Alter von etwa 17 Jahren nach Berlin gekommen, vorher war ich etwa 3 Jahre Soubrette in Varietes an verschiedenen Orten. Ein Zeuge Nmtsgerichtsrat Graf von der Schulenburg hat den Angeklagten auf dem Tennisplatz kennen gelernt. Zeuge hat die feste Ueberzeugung gewonnen, daß es dem Angeklagten mit der Heirat mit Frau Dolly Landsberger ernst war. Er selbst habe dem Angeklagten ein Darlehen von VOOO M. gegeben, fühle sich aber nick: geschädigt und fasse auch das Verhalten des Angeklagten nicht als ein betrügerisches auf. Die Verhandlung wird hierauf auf heute vertagt, Soziales. LehrlingSklagc». 1. Der Vuchdruckcreibesitzsr Albert Kleiber hatte den Buchdrucker- lehrling W. in der Lehre. Am 4. September d. I. erreichte du» LehrverhältniS ein vorzeitiges Ende. Der Lehrling beklagte sich darüber, daß er in ilberuiäsfiger Weise gezüchtigt, ja geradezu miz- handelt worden sei und daß er bei seinem Lchrhcrrn nichts rechte» lernen könne, weil die Voraussetzungen zu einer sachgemäßen Aus» bildung nicht gegeben seien. Der Lehrling klagte deshalb beim hiesigen Gelverbegericht. Er forderte/daß der Lehrherr in die bereits vollzogene Lösung des Lehr- Verhältnisses willige und ihn bis zur Annahme einer neuen Lehr- stelle pro Woche 8 M. zahlen soll. DaS Gewerbegericht kam auf Grund deS Ergebnisses der Beweis- aufnähme zu der Ansicht, daß der Kläger von dem Beklagten zwar nicht übermäßig schlecht behandelt worden sei, daß eS aber der Bs- klagte an der nötigen Busbildung habe fehlen lassen. Der Beklag:« selbst habe sich geweigert, den Kläger zu unterweisen. Unter diesen Umständen habe dem Jungen nicht mehr zugemutet werden können, noch länger zu bleiben. Die Lösung dcS LehrverbältnisseS sei zu Recht erfolgt. Nur in bezug auf die Höhe der Schadenersatzforde- rung wich da? Gericht vom Klageanspruch ab. ES setzte de» deü! Kläger zu ersetzenden Schaden auf 100 M. fest. 2. Ter Buchdnickereibesitzer Weinberg ist von seinem früheren Lehrling P. verllagt worden. Auch hier beschwerte sich der Lehrling über den Mangel einer sachgemäßen Ausbildung. Der jetzige Leh.- herr und dessen Obermaschinciimeister bekundeten übereinstimmend, daß der Kläger, der bereits S'/g Jahre gelernt hat, noch außer- ordentlich weit zurück sei. Die Arbeiten, die er verrichten kann, seien nnr Hilfsarbeiten. Selbständig zu arbeiten sei er nicht in der Lage. Der Ecllagte gab daran der Beschränktheit deS Lehrlings die Schuld: er habe sich die größte Mühe gegeben, dem Jungen' etwot» beizubringen. Die dem Gericht von ihm vorgelegten Erzeugnisse zeigten, daß in dem Betriebe auch ein Stück guter Arbeit geleistet wird. Der jetzige Lehrherr des Klägers gibt zu, daß dieser wohl nicht einer der intelligentesten Menschen sei, ist aber der Meinung, daß dieser Umstand an der Zurückgeblieben- heit nicht die Schuld trage. Denn der Junge zeige fi.ti bei ihm ganz anstellig. Der Maschinenmeister, der jetz: den Kläger zu unterweisen hat, habe nicht gefunden, daß dieser be- schränkt sei. Das Gericht hielt den Beklagten nicht ganz frei von aller Schuld, denn die AuSbildnng sei nicht so gewesen, wie st« sein sollte. Sie war mangelhaft. Andererseits trage auch der Lehrling selbst einen Teil der Sckrnld, da et sich nicbt die gehörige Mühe gegeben habe, um etwas Ordentliches zu lernen. Das Gericht fetzte den von dem Beklagten zu ersetzenden Schaden ans 00 M. fest. Erfüllte Wartezeit. Der Zeitpunkt deS Eintritts der Invalidität spielt im nach- folgenden Fall eine außerordentlich wichtige Rolle, da die Warte- zeit nicht erfüllt gewesen, wenn die Invalidität von einem früheren Zeitpunkt angenommen worden wäre. Die Wartezeit beträgt be- lanntlich 200 Wochenbeiträge. Die Arbeiterin Auguste K. stellte am 14. Februar 1911 bei der LandeSvcrsicherungSanstalt Brandenburg den Antrag auf Bewilli- gung einer Invalidenrente. Dieser Antrag wurde von der Landes- Versicherungsanstalt mit der Begründung abgewiesen, daß Frau K. mindestens seit Ja»uar 1910 krank und erwerbsunfähig sei. Frau K. habe ivohl bei Stellung ihres Antrages 218 Beitragsmarken ge- leistet; die seit dem Januar 1910 gewisteten Beitragswochen können jedoch nicht in Anrechnung gebracht werden, weil diese Marken für einen Zeitraum gellebt waren, wo bereits Invalidität im Sinne des Gesetzes eingetreten war. Die Landesversicherung stützte ihre Ansicht, daß Frau K. seit Januar 1910 dauernd erwerbsunfähig sei, darauf, daß sie vom Januar 1910 bis ebenda 1911 nur 32 volle Tage gearbeitet und dafür höchstens 35 M. Lohn erhallen habe. Gegen den ablehnenden Bescheid wurde Berufung beim Schiedsgericht für Arbcitervcrsichcrung, Reg.-Bcz. Potsdam, ein- gelegt und geltend gemacht, daß die Erwerbsunfähigkeit erst im Januar 1911 eingetreten sei. Im Jahre 1910 hat Frau K. als Landarbefteriu noch Arbeit verrichtet, Rüben gebuddelt bei der Ernte geholfen, Säcke geflickt usw. usw. Auf Grund der eingeholten Erkundigungen beim Arbeitgeber wurde als festgestellt eraebtet, daß Frau K. vom April bis Ende Oktober 1910 mehr als 00 Tage Lohnarbeit verrichtet und daneben noch die häuslichen Arbeiten der- richtet hat. Medizinalrat Dr. B., der im Auftrage deS Schied?- gericksts die Frau K. untersuchte, kam ebenso wie der Frau K. im Auftrage der Laudesvcrsicherungsanstalt untersuchende Arzt zu dem Ergebnis, daß Frau K. seit Ende Oktober 1910 für dauernd erwerbsunfähig anzusehen sei. Die untere Verwaltungsbehörde Ijatte Frau K. vom 20. Februar 1910 ab fiir dauernd invalide ev-' achtet. Das Schiedsgericht verurteilte daraufhin die LandcSversichc- rungsanstalt zur Zahlung der Invalidenrente. Da Frau K. erst vom Oktober 1910 invalide sei. die Wartezeit erfüllt wäre; denn bis Ende Oktober 1010 hatte Frau K. 205 Marken geklebt. Auch in diesem Fall tritt dos Bostrcbcn der Versicherungsanstalten, die Fälle zu ihren Gunsten auszulegen, in Erscheinung, Rente auf gewisse Zeit unzulässig. S» einer Frankfurter Brauerei wurde ein Fahrbursche vom Pferd geschlagen und fiel so unglücklich zu Boden, daß er auch noch Sett ttchten TMogtN vraH. Eosorl k»?r»« rsn«rzk MvstN. welcher einen Verband anlegte. Bald darauf wurde der Verletzte angewiesen, die mediko-mechcmische Anstalt von Dr. Pfeiffer- Frankfurt a. M. zu besuchen, welche ihn mehrere Wochen behielt. AlS der Verletzte später Rentenanspruch erhob, wurde ihm von der Werufsgenossenschaft der lakonische Bescheid, daß erwerbsstörende Unfallfolgen nicht mehr vorhanden seien. Dann folgten im Be- scheid ganz gelehrte Ausführungen, wie:«Am verletzt gewesenen Arm finden sich nirgends Weichteilftörungen, es bestehen nirgends Druckschmerzen, auch keine Gefühlsstörungen. Die Muskulatur des rechten Armes ist normal, die Gelenke sind alle frei beweglich. Als einzige Folge des Unfalls besteht noch an der rechten Hand eine geringe Beschränkung in der Jnnendrehung, die jedoch so minimal ist, daß dadurch eine nennenswerte Erwerbsbeschränkung nicht bedingt ist. Sie sind daher wieder als vollkommen hergestellt zu betrachten." Der Verletzte glaubte natürlich, daß diese Ausführungen von Üem Vertrauensarzt der Genossenschaft herrühren, der von seiner Kunst eben sehr überzeugt sei und keinen Patienten ungeheilt aus seiner Klinik entlassen wolle. Sehr groß war sein Erstaunen, als er Einblick in die erbetene Abschrift dieses Arztgutachteus nehmen konnte. Der Schluß des Gutachtens lautete nämlich:«Die Wewegungsbcschränkung dar rechten Hand kommt nicht praktisch in Betracht. Sie ist durch die Knochennarbe des rechten Ellenbogen- knochens verursacht und wird im Laufe der Zeit, wenn der CalluÄ kleiner wird, oerschwinden. Ich empfehle für R. eine UebergangS- rente von 10 Proz., und zwar auf die Dauer von drei Monaten." , So wenden die Genossenschaften ihre eigenen Gutachten »praktisch" an.... Was würde man sagen, wenn ein Verletzter dieses wagen würde? Im vorliegenden Falle batte der Verletzte' also bereits bor dem Termin gesiegt, denn oas Schiedsgericht konnte nach Lage der Sache ja gar nicht anders handeln, als die so schwer blamierte Berufsgenossenschaft verurteilen. Nur in einem Punkte ging das Schiedsgericht nicht auf die Berufung ein. Der Verletzte protestierte nämlich weiter gegen die Festsetzung der Rente auf eine gewisse Zeit von 3 Monaten, da man doch unmöglich den Zeitpunkt einer gewissen Besserung von vornherein feststellen könne. Das Reichsverstcherungsamt hatte sich also im Rekursweg mit dieser interessanten Frage zu befassen und entschied auch hier v«« Verketzkek». Fm RefirtftitWI flm*»aVlvf ßktM. wiesen, daß. abgesehen von den Fällen, in denen das End« de» Be- zugsrechtes unzulässig ist und daß eine dem Grundsatze zuwider in einem Bescheid aufgenommene zeitliche Beschränkung des Anspruches als nicht geschrieben anzusehen isti Um tick tot Infektionskrankheiten zn schützen, trinken die VJIker des Südens Wasser nicht ohne Zusatz von Wein. Dasa das Volksbewusstsein richtig ist, haben Misere Oeiehrten durch umfangreiche Uatersncbangen bestätigt gefunden. Dvch Vermischen gleicher Teile gewähnHchen Trinkwassers mit Wein wurde dte Zahl der Infektionskeime zn vernichtet, nach kurzer Zeit sogar vollständig, so daaa nach dem Bericht des Dr. Mfg. Wasser durch WelnzusaU absolut keimfrei wurde» iiili Lucia Todes-Anzeigen I Sozlaläeigskrslise�r WalilferelD für den ilJerl. Belciistaps-IaM. ftdpenitlec Viertel. (Bezirk 194). Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, [ daß unser Genosse, der Maler �gestorben ist.' n»*}<• Ehre seine« Andenke« I Die Beerdigung fand am M!II- j woch, den 4. Oktober, siait. 222/9 Der Vorieand. ZvMMMckMMöiv de» 8. M. ttiapaSIhm Todes. Aimelge. Am 2. Oktober verstarb unser Genosse, der Lackierer �uxust Hopps Hochstraße 32. Ehre seinem Zlndenke« i Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den S. Oktober, nachmittags i Uhr, von der Leichenhalle beS neuen PaulS- KtrchhofeS, Plötzensce aus statt. Um rege Beteiligung ersucht ve« Vorstand. Hierdurch allen Verwandten, J freunden wie auch Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber lmvergeßlicher Wann, unfer Vater, Sohn, Bruder und Schwager Erick Schatz | am 2. Oktober an Herzschlag sanft und plöhlich verstorben ist. Die? zeigt mit der Bitte um stille Teilnahme an 1 Emma Schata nebst Kindern, v-dstr.(52/63. Die Beerdigung findet Arritug- I nachmittag 4 Uhr»an der Halle I de» neuen PanIS firchhofeS in 1 Plötz«wee uns statt»626 ZMeniM. ffaMieraa Rixdorf Den Parteigenossen zur Aach- richt, daß unser Mitglied, der Lacklerer Franz Apelt Wanzlickstr. 9 verstorben ist. Ebre seine« Andenke« l Dte Beerdigung findet am Zreilag, den 6. Oktober,«ach- mittag« 4 Uhr, von der Leichen» haste deS Rixdorser Gemein be- FriedhosS, Martendorser weg, aus statt. Der Vorstand. I /fywvJSi Jßjph, KßnjiU*? äW aa«VOV�i � 5 SoziatdeiEDkr&tlsclierWalilYerelD des 6. Herl. Wsiags-ffaliftrElses. Todes- Anzeige. Am 2. Oktober verstarb unsere Genossin Fr-u Henrielle Raefs Weddingstr. 7. Ehre ihrem Andenken k Dir Beerdigung findet am Freitag, den 6. Oktober, nach. mittags 3 Nhr, vom Traueihausc au« nach dem Friehos der Frei- religiösen Gemeinde, Pappel-Allee, statt. Um reg» veieistgung ersucht 231/6 Der Vorstand. Oeutsclier Mtlaliarbeiter-Verbandl Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zm Nachricht, daß I unser Mitglied, der Metallarbeiter I Ericd Schatz gestorben ist Ehre seinem Andenke« t Die Beerdigung findet am I Freitag, den 6. d. WiS., nach- mittags 4 Uhr von der Leichen-! Halle des Pauls- Kirchhofes in| Plötzensce auS statt. Den Kollegen serner zur Nach- richi. daß unser Mitglied, der Schleiser Cteorx Bnrde am 2. Oktober infolge Herzleidens gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute DonnerSIag, den 5. b. MtS., nachmittags 5 Ubr, von der Leichen- halle deS Lutsen-ZkirchhoseS in Westend an« statt. Rege Beteiligung erwartet 123/20 Tie OrtSvermaltung. Kerdand der Maltr, IMikttr, Anstmlhklllsw.! Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachrichs, | daß per Kollege Frsnz Apelt | am 3. Oktober verstorben ist. Ehre seinem Andenkenk Die Beerdigung findet am I Freitag, den 6. Oktober, nach- I mittags 4 Uhr, aus dem Rixdorser i Gemeindesriedhos, Martendorser ~ statt. Die OrtSverwaltung Verband- defGacieinde-ond Staalsarbeiter. Filiale Cirofi-Berlln. Am 2. d. M!S. verstarb dcrj -christsetzerinvalide Herr Xuxust Raedisch ( im Alter von 84 Jahren. I Die Beerdigung findet am| i Donnerstag, den 6. b. MtS., nach. 1 mittags 4 Uhr, vom Friedhof der j Gemeinde zum Heiligen Kreuz.! i Marieudorf, Eijenachcr Stv. 62, I auS statt. 9506| Paul Magna», Rendant der I OrtSlranlenkasses. d. Buchdruckgew. ! Verband der Gemainda- u.l Staatsarbeiter. Filiale GroB-Berlln. Durch den Tod ist uns unser I Kollege �ugllst Hiewitz I h(U. Abteilung der städt. Straßen- rcinigungj entrissen worden. Wir werden ihm ein ehrende! Andenken bewahren. Die Bestattung findet am Donnerstag, de» 5. Okiober, nachmilkägs 4'/, Uhr, von der Halle des Geihsemane-Kirchhoses in Nordend aus statt. 31/6 Die OrtSverwaltung. Durch den Tod tst nn« unser Kollege Eriek Müiler von der Seklion Nixdors. Kranken- Haus, enirissen worden. Wir werden ihm ein ehrendes An- denken bewahren. Die Bestattung findet in der Heimat statt. 31/7 Dl« Ortsrerwnltnng. 3 Am 2. OVober oerstarb unser früherer langjähriger Mitarbeiter. der Schrisisetzerinvalide August ßaediscb im 85. Lebensjahre. 9496 Ehre seinem Andenken Z Das Personal d. Buchdruckern H. S. Hermann. «Tlln WnavSJrt.fttn fitthpf iRests! Daaientuche'oh7�i?UDd per Meter ton 8 Hark an Kostümstotfe per Meter von 2 Hark an Seidenplüsch Joel cm � per Meter.... 41 TIark Engl. Seal 120 cm breit per Meter.... IO Starb Astrachan 120—130 cm breit per Meter.... 5 Mark Samt und Seide etc. etc. zu sehr billigen Preisen. Kottbuser Straße 5. C. Pelz, Für die zahlreiche Beteiligung und die Kranzivenden bei der Beerdigung meines Neben ManneS, unseres gulen Vaters, Schwieger- und Großvaters, des Arbeiters 11 er in n nn Jaurseh sagen wir allen Beteiligten, besonders den Vereinen imd Korporationen sowie dem Kesangchor, welche ihm das letzte Geleit gegeben haben, unseren ausrichtigen Dank. Witwe Angnst« Janrseta nebst Kindern. Or. Simmefi für Spezial-Arzt Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, Ä*. 10—2. 6—7. 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Sonnabend 8 Uhr zum erstenmal: Die Legionäre. Upania. WisBenaohaftliches Theater Nachm. 4 Uhr: Lebende Tierbilder von nah u. fern. Abends 8 Uhr; Dr. W. Bemdt: Gchcimnlose der belobten Xatar In lebenden Bildern. Das Programm der Hörsaalvorträge im 4. Qu. 1911 ist erschienen und kostenlos erhältlich. Residenz-Theater. Direltlon Richard AlexandAt Ansang 8 Uhr. Ein Walzer von Chopin. Schwant in 3 Akt. v. K�roul u. Sarrä. Für die deutsche Bühne bearbeitet oon Bolten-Bacckers. Morgen irttd folgende Tage: Ein Walzer von Chopin. fpir" Aclitung! Mit�roder Gruppe 43 K&rtennnmmer 10 600— 1t Ol 6. Die Vorstellung am 8. Oktober findet nicht im Kesidenr-Theater, sondern im ThalJa»The»tep statt. CDer Zlcarcttenkanten.)(3. Rubrik der Mitglieds- karte.)— Die Residenz• Theater- Voratellnnc (10. Rubrik der Karte) ist am 10. Hai. Hessing- Theater ) Björnson: Wenn der junge Wein blüht. Belle- Alllance-Theater. Donnerstag, 5. Oft, ab. 8'/, Uhr: Der Sittenapo'tel. Freitag und Sonnabend t Der Titteuapostel. Luisen-Theater. Donnerstag und folgende Tage: Die Macht der Liebe. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die drei Haulemännerchen. Thalia-Thealer 'John Qalsworthy: Oer ZipeilM. Kenes Schansplelbaos Lessing: Nathan dei Weise. Kesidenz-Theater Emil Augier: Die arme Löwin. Heute abend 7'/, Uhr: Große Vorstellung mit auserwähltem Programm. Auftreten sämtl. Spezialitäten. und um O1/, Uhr: Äuflühmng der prachtvollen Feerio 1000 Jahre auf dem Meeresgrund in S Bildern. Freitag, 6. Oktober: Keiae ZirKns- Vorstellaas sondern tun 6 Uhr: König Oedipus IOSE=THEATE /Ihendahteilungsn Des Meeres und der Liebe Wellen. Kerrnfeld-Theater Wied: SxÄ-S. «Kroge gtaufjurm Ztr. 132.| Anfang 8 Uhr. Richters Ulülonen. Freitag: Richters Millioneu. Sonnabend nachm.: Prinzcistn Edcltraut. Kiene Rlitslieder können sieh In allen Zahlstellen niclden für die IVuchniittags- und Abendabtellunsen. 241/14 Der Terettand. I. V.: 6. Winkler, Die Nacht von Berlin! G roste JahreSrevue in 7 Silbern von Iul. Freund. Mufti von B. Holländer, On Szene geiept vom Dir, R. Schulst. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet, Allahoudlich: Harra! Parade! Gr. militärische Revue in 6 Bildern. Sport-Attrab- j t Ionen I, Ranges. Sololäufer u.-Läuteriunen. 1 Sehnellanf-KoufcurJ'cnaen, Hockey-Spiele usw., ■f rkcade. «slk-KapeTlon.— Zirka 200 HJtsoirloinc Direktion: Willi Cretner. Morgen unwiderruflich letzter Tag der mit stürmischem Beifall aufgenommenen Pariser Sittenkomödie ■htnnor. Ab 8 Uhr: 10 sensationelle üiovltäten. EiKenmental-Plhchologe Leo Erichsenl ®n Abend In einem amerikantschen VI n gel Kringel New Aotler BiirleSfe.Gesellichast uiw, BERMAER KOX ZERTH AUS Mauerstra'o 82 X ZlmmerstraBe 90 91. Gr. Doppel-Konzert. Musikchor it. 5. Gaäe-üegls.TcpKöfrinh Chorffltistor 1 JvlIasowU hMm di! DÜözesde Fiilie der irigeii uarbietuosga. Passage-Thsater. SäEE, ff Abends 8 Uhr: die jspan. Mimo- dramntikerin mit ihrer Truppe i. ihr. »"ß Mimodramen. Ali Ben Hamad-Truppe, 15 eingeb. Springer a. Agadir. Oeorg Kaiserii« ihren Putzt Cassanii Parodien und das gr. Oktober-Progr. 14 Sporialitäten."ZpQ tu FuB und Kusikobor j Ulanen-Begt». Anlang 8 Uhr. des 1. Garde- T ncop Chermeister tUaUr. Anfang 3 Uhr. I An.11, Wochentag. Murikc. d. 2. bei freiem Eintritt: • Q.-Rjt.F.Chornt. Graf. Corso-Varlatö. Erledrlchstr, 105. GroSc SpezialHälen-VorsteUuag, U.a.: Die ZffErgiD-Mii(terü.ilireTce!itep i 12 iHfraktionen 12 1 SntreekOPf WW fvlies Cspriee. Täglich 8'/, Uhr: Kobi Krach. Bunter Teil. Nr. 14. Trianon-Theater. Freitag zum erstenmal: Meli» lLSter Noch nie dagewesener Lacherfolg! as Kind der Firma mit Anton und Denat Herrnfeld in den Hauptrollen. Vorher: Schmerzlose Behandlung Anfang 8 Uhr. vorverf. 1t— 2 Uhr sTheaterfaffe). Volks-Cijcatcp. Rixdorf, Hcrmannfir. 30. Sonntag, 8,/li).: Wach- u. Schlteft. gcfcllfchaft. Schwan! w 3 Alten oon Rich. Nanz, Montag. 9./10: Die Eamelie». da nie. Drama tu 5 Alten von DmnaS filS,__ Königsladl-Kasino. Holzmarttftr, 72, Ede A exanderstr. 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Charlottenburg war durch den Oberbürger- meister Schustehrus und den Stadtrat Dr. Gottstein der- treten, Schöneberg durch den Oberbürgermeister Dominicus und den Stadttat Kaufmann, Dt.-Wilmersdorf durck den Bürgermeister Peters und den Stadtrat Bohn, Rixdorf durch den Stadttat Dr. Weinreich, Groß-Lichterfclde durch den Bürgermeister Schulz, Lichtenberg durch den Oberbürger- meister Ziethen. Friedenau durch den Bürgermeister Walger und den Beigeordneten Lichtheim. In der Beratung, die fast zwei Stunden dauerte, wurde betont, daß die Notwendigkeit besteht, die Bevölkerung mit preiswerten Lebensmitteln zu versorgen. Man besprach zunächst die Maßnahmen, welche in dieser Richtung bisher von einzelnen Gemeinden ergriffen sind. Sodann wandte man sich der Erörterung der Fraae zu. ob von den Kommunen durch Einkauf von Lebensmitteln der Teuerung gesteuert werden könnte. Dabei wurde die Frage auch von dem Ge- sichtspunkte behandelt, ob überhaupt bei den einzelnen Lebens- Mitteln die Preise durch einen Einkauf und Verkauf durch die Gemeinden in nennenswerter Weise unter die allgemeinen Preise herabgesetzt werden könnten. Bei den Beratungen wurde auch die Frage berührt, welche Wirkung etwaige weitergehende Maßnahmen der Kommunen auf die zahlreichen Existenzen des Mittelstandes und des Kleinhandels haben würde, welche heute durch den Verkauf von Lebensmitteln ihren Unterhalt verdienen. Als Ergebnis der Beratung wurde festgestellt, daß dann Ein- Verständnis bestehe, daß ein gemeinsanier Einkauf von See- fischen für Berlin und Vorstadtkreise zu erstreben ist. Den einzelnen Städten bleibt es überlassen, sich dieserhalb mit Berlin in Verbindung zu setzen. Berlin ist zu Verhandlungen darüber bereit. Gegen die Beschaffung anderer Lebensmittel als Angelegenheit von Groß-Berlin wurden erhebliche Bedenken erhoben. Die Prüfung dieser Frage muß deshalb den einzelnen Städten nach Maßgabe ihrer lokalen Verhältniffe überlassen bleiben. Es wurde als zweckmäßig erachtet, daß die von Berlin an die Reichsregierung in Aussicht genommene Eingabe gemeinsam mit den Vorortstädten eingereicht würde. Die Ausarbeitung dieser Eingabe soll von feiten Berlins im Eiu vernehmen n.it den anderen Städten erfolgen. Ferner wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß sich weitere Vorortstädte und Gemeinden den Beschlüffen der Konferenz anschließen. Die Versammlung wird in 14 Tagen»vieder zusammentreten. Vorbereitung der Wahlen zum Zweckverbanb. Der Magistrat beschäftigte sich gestern in außerordenilicher Sitzung mit der Vorbereitung der Wahl der Vertreter Berlins in der VerbandSvcrsammlung des Zweclverbandes Groß-Berlin.— Tie Stadt Berlin hat zu dieser Versammlung außer dem Ober- bürgermeister, der nach dem Gesetz Vorsitzender der Versammlung ist,"tv Vertreter zu entsenden. Jeder Vertreter muß außerdem einen Ersatzmann haben. Es müssen demnach 80 Herren von den Gemeindebehörden Berlins gewählt werden. Die Wahl soll heute, Tonnerstag, in gemeinsamer Sitzung des Magistrats und der Stadtverordneten vorgenommen werden. Für die Wahlordnung ist das Wahlreglement der Provinzialordnung vom 2V. April 1875 mit einigen Aendcrungcn vorbildlich gewesen. Ter Wahlvorstand be- steht aus dem ersten Bürgermeister als Vorsitzenden und vier Bei- sitzern, die von der Wahlversammlung aus der Zahl der Wähler Zu wählen sind. Die Wahl erfolgt durch Stimmzettel. Sie kann nach der zustimmenden Erklärung des Ministers des Innern durch Akklamation erfolgen, Ivcnn alle Wähler damit einverstanden sind. Tcmnächst tagte ebenfalls unter dem Vorsitz des Oberbürger- Meisters die aus Mitgliedern des Magistrats und der Stadwerord- netenversammlung zusammengesetzte Deputation zur Vorbereitung dieser Wahlen. Es wurde unter vollständigem Einverständnis aller Anwesenden die Liste der Personen ausgestellt, welche heute der Wahlversammlung als Vertreter und Ersatzmänner der Stadt Berlin in der Verbandsversammlung in Vorschlag gebracht werden sollen. Ez sind dies 10 Magistratsmitglieder und 30 Stadwer- ordnete. Auf dix sozialdemokratische Fraktion entfallen 8 Vertteter und 8 Stellvertreter._ Berliner Ashlvrrcin für Obdachlose. Im Monat September nächtigten in, Männerasyl 14 607 Personen, wovon 8074 badeten. im Franenasyi 3816 Personen, wovon 1396 badeten. ArbeitSnach- weis wird erbeten für Männer: Wiefenftr. 66—60, für Frauen: «olberger Str. 30. Ferien und Stadtverordnetenversammlung. Die Stadtverordneten haben bisher die Monate Juli und August als Ferienmonate fest- gesetzt. Dieser Umstand bat schon zu immensen Unzuträglichkeiten geführt, indem manche wichtigen Angelegenheiten, die schnelle Er- ledigung heischten, nicht zur sofortigen Verhandlung gelangen tonnten. «nS diesem Grunde bat die sozialdemokratische Stadwcrordnelen- fraklion beschlosten, folgenden Antrag einzubringcii:„Die Ver« sanimlung beschließt, durch einen Ausschuß von 10 Mitgliedern Maß- regeln erivägen zu lassen, um den Mißständen abzuhelfen, die sich bei der bisher üblichen Ferieiifestfetzuiig bemerlbar machen." Aus dem Friedrichshain-KrankenhnuS wird uns ein Vorlomm- nis mitgeteilt, von dem wir annehmen, daß so etwas wirklich noch in keinem Krankenbaus dagewesen sei. Sollten wir in diesem Punkt irren, so bitten wir, uns zu berichtigen. In dem Pavillon 12 lag jm unteren Saal ein achtjähriger Knabe, der mit einer Scharlacherkrankung eingeliefert »oorden war.-ier Junge stand am 27. September in der Nacht aus seinem Bett auf, nahm von einem im Nachbarbett liegenden Mädchen den Kittel und die Strümpfe und ging not- dürftig bekleidet in den Garten hinaus, um sich nach Hause zu seinen Eltern zu begeben. Selbstverständlich konnte «r nicht aus der Anstalt heraus, aber er kehrte auch nicht in den Saal zurück, sondern versteckte sich im Garten unter einem Strauch und brachte dort bis zum Morgen zu. Gefunden wurde er erst, nachdem eine große Zahl von Angestellten des Krankenhauses— BW» spricht von 30, doch legen wir lein Gewicht auf diese Angabe — mit Laternen lange Zeit den ganzen Anstaltsgarten abgesucht hatten. Ueber die Dauer dieser Suche nach dem Flüchtling hat man den Eltern im Krankenhaus sehr sonderbare Mitteilungen gemacht. Aus dem, was ein Arzt und einige Schwestern ihnen hierüber sagten, glaubten sie entnehmen zu sollen, daß der Junge 2K Stunden hindurch vergeblich gesucht und erst morgens um 6 Uhr gefunden worden sei. Man wird fragen, wie es möglich war, daß nicht die Flucht sofort bemerkt und der Junge gehindert wurde, überhaupt den Saal zu verlassen. Im Krankenhaus soll der Arzt den Eltern gesagt haben, die Schwester sei zu der Zeit im oberen Saal gewesen, um einer kranken Frau eine Spritze zurecht zu machen. Bis auf weiteres halten wir das für einen Irrtum; denn selbstverständlich hat jeder Saal seine eigene Nachtschwester, und schwerlich wird eine ihren Saal ver- lassen dürfen, um in einem anderen Saal zu helfen. Wer die Ueberbürdung der Nachtschwestern kennt, wird von vornherein für glaubhaft halten, daß die diensttuende Schwester im Drang der Geschäfte nicht bemerkt habe, wie hinter ihrem Rücken der Junge aus dem Bett stieg und auf Strümpfen den Saal verließ. Aber vielleicht erfahren wir aus einer amtlichen Erklärung der Kranken- Hausverwaltung, ob es so oder doch anders war, und wie das Vor- kommnis möglich geworden ist. Die Eltern haben den Eindruck ge- Wonnen, daß im Krankenhaus als der eigentlich Schuldige der scharlachkranke Knabe selber angesehen worden sei. Als an dem- selben Tage in der Besuchsstunde die Mutter nach dem Kranken- Haus kam" und erfuhr, was vorgefallen war, sagte ihr eine Schwester:„Strafe muß sein; er hat heute nichts zu essen be- kommen." Die Mutter beschwerte sich Hierüber bei dem Arzt und erbielt nun von diesem die Antwort, er habe angeordnet, daß nur Milch gegeben werde; erst wolle er sehen, ob der Zustand des Jungen nach diesem Abenteuer sich etwa verschlimmern werde. Die Eltern dankten jetzt für die Fürsorge des Krankenhauses und nahmen noch an demselben Tage ihr Kind nach Hause. Ein Schaden ist dem Jungen aus dem nächtlichen Aufenthalt im Garten Wunder- barerweise nicht entstanden._ Die Konfirmationen sind nun wieder vorüber. Alljährlich zweimal, zu den Schul- entlassungslerminen um Ostern und um Michaelis, können die zu ent- lassenden Knaben und Mädchen der Kirche zugeführt werden. Nach herkömmlichem Kirchenbrmich kann man in dem Augenblick, wo sie ins Leben hinaustreten sollen, fie sozusagen mit eigener Zustimmung in die Kirchengemeinschaft aufnehmen lassen. Man kann daS, doch man braucht es nicht. In den letzten Jahren, wo die Abwendung von der Kirche und ihrem Pastoren immer weitere Kreise der Be- völkerung ergriffen hat, dürften auch die Konfirmanden sich merklich vermindert haben. Aber auch in den meisten derjenigen Familien, die mit dem alten Brauch, die Kinder taufen und konfirmieren zu lassen, noch nicht brechen möchten, herrscht sonst gegenüber der Kirche die vollkommenste Gleichgültigkeit. Die Eltern fragen den Teufel was nach der Kirche, machen aber Taufe und Konfirmation mit, weil andere es machen, die im übrigen sich ebensowenig dabei denken wie sie. Nähme die Kirche den Konfirmationen das äußere Drum und Dran, so würden ihre Pastoren sehr bald mit Bestürzung sehen, wie winzig das Häuflein der Konfirmanden wäre, das ihnen bliebe. Sehr oft ist die Konfirmation die erste Gelegenheit, bei der die Familie zu dem Pastor und der Pastor zu der Familie in eine nähere Beziehung tritt. Und in der Regel ist diese erste Gelegenheit auch die letzte; denn nachher kümmern die Eltern sich ebensowenig wie vorher um die Kirche— und die eben konfir- mierten Jungen und Mädel tun's ihnen nach. Als was die Konfirmation eingeschätzt wird, das steht man bei den Zwistigkeiten, die zwischen Pastor und Eltern gerade aus Anlaß der Konfirmation gar nicht so selten entstehen. Zu Zwistigkeiten dieser Art kommt es leicht, wenn über die Frage des st a n d e s gemäßen Drum und Dran einerKonfirmation der Pastor anderer Meinung ist als die Eltern. Konfirmationen können eine sehr kostspielige Sache werden, wenn dabei der Unbemittelte sich verleiten läßt, alles das mitzumachen, was beisolcher Gelegenheit der Wohlhabende sich leistet. Um da« zu verhindern, setzen manche Pastoren einer etwaigen Be- gehrlichkeit ihrer Konfirmanden aus minderbemittelten Familien von vornherein einen Damm entgegen, indem sie die weißen Kleider, die Bukettschleifen und AebnlicheS verbieten. Zweifellos wird hier- mit dem wirtschaftlichen Interesse minderbemittelter Familien ge- dient, die für eine Konfirmation oft ihren Not- groschen hingeben oder Schulden machen. Aber im Wesen der Konfirmation, wie sie in den mit dem Brauch nicht brechen wollenden Kreise der Bevölkerung aufgefaßt wird, liegt eS nun einmal, daß dabei ein gewisser Pomp entfaltet werden müsse. Daher machen jene Verbote immer iviedcr böses Blut, werden immer wieder umgangen und fübren immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Eltern und dem Pastor, der ihnen ja zu anderen Zeiten ohnedies nichts gilt. So wird uns aus der Samaritergemeinde mitgeteilt, daß dort in diesem Herbst der Pastor Hachtmann durch die Uebertrctung deö bei ihm herkömmlichen Verbotes der Bukett- schleifen in anscheinend nicht geringe Erregung versetzt worden ist. Unmittelbar vor einer Konfirmation, zu der die Kinder sich in der Sakristei versammelten, rügte er scharf, daß eine Konfirmandin doch eine Schleife am Bukett hatte, und löste in i t e i n e m R u ck die Schleife ab. Andere Eltern hatten gleichfalls nicht darauf verzichten wollen, ihren Kindern eine Bukcltschieife mitzugeben. Sie gebrauchten aber die Vorsicht, selber die Schleifen vor dem Ein- tritt in die Kirche abzulösen, um sie ans dem Heimweg wieder zu befestigen. Wir wissen nicht, ob dem Herrn Pastor das bekannt ge- worden ist. Wenn ja, dann wird er sich, nehmen wir an, seine eigenen Gedanlen darüber gemacht haben. Der Vater jener Kon- firmandin, die in der Sakristei ihre Schleife hergeben mußte, erfuhr hiervon erst nachher. Als seine Tochter weinend aus der Kirche kam, ging er»ach der Sakristei, um die Schleife zurückzufordern. In der iSakristci fand er mehrere Herren, die zusammen mit dem Pastor gerade dabei waren, Geld zu zähle». Ter Pastor, bei dem er sich über die Beseitigung der Schleife beschwerte, antwortete ihm: „Hier habe ich zu bestimmen I" Darauf wurde dem Vater die Schleife ausgehändigt, und einer der Geld zählenden Herren winkte ihm, zu gehen.' Die Eltern dieses Kindes haben hinterher darauf verzichtet, es zum„Abendmahl" zu schicken. Für die meisten Kon- firmanden pflegt ja diese erste, pflichtmäßige Beteiligung am„Abend- mahl" auch die letzte in ihrem ganzen Leben zu sei». Aber daß auS dem oben mitgeteilten Grund sogar die erste Beteiligung unterblieb, wird dem Pastor ganz besonders zu denken gegeben haben. Die Vermitreuungen und Schiebungen ans dem städtischen Schlacht- uud Biehhofc wurden in der letzten Sitzung des KuraloriuniS für die beide» Unternehmungen besprochen. Ueberraichl wurde kein Kura-� toriumsmilglied durch die Aufdeckung der Angelegenheil. Seit Jahren pfiffe» es die Spatzen von den Dächern, daß auf dem Viehhofe vieles uiibt mit rechlc» Dingen zugehe, nur beweisen loiinte eS niemand. Die Vieblommissionäre wollten nicht gern gegen gewisse Obertreiber zeugen; an einer Kontrolle ließe» sie eS gänzlich fehle». Wie weit die Verhältnisse gekommen waren, beweist ein Ausspruch eines Ober- treibcrS, der gegen seinen Viebkommissionär äußerte:„Zeigen Sie mich mal au, dann zeige ich Sie auch an." Die Fnttcrschicbungen waren mit der Zeit sogar zu einem Gewohnheitsrechte geworden, so daß manche Kuratoriumsmitglieder dem AuS- gange der Sache sehr skeptisch gegenüberstehen. Büßen werden wahrscheinlich einige Arbeiter und Vorarbeiter, die durch die wahrhaft Schuldigeii gedrängt und verstihrt»vprden sind. Daß Beamte an den Dingen beteiligt find, hat fich bis jetzt noch nicht feststellen lassen. Allgemein war das Verlangen nach Vor- kehrungen, die die Wiederholung solcher Vorkommnisse unmöglich machen. Sollten dabei die Viehkommisstonäre versagen, so müsse dazu übergegangen werden, die Fütterung des Viehes der städtischen Verwaltung zu übertragen. Notwendig seien auch wiederholte, Plötz- liche und gründliche Revisionen. Ein Versuch, die Oeffnung des Rinderschlachthofes wieder eine Stunde früher stattfinden zu lassen, wurde einstimmig ab- gelehnt, nachdem festgestellt wurde, daß die Behauptung der Antrag- steller, die Gehilfe» wünschten das, von letzteren als unwahr erklärt wurde. Nach den letzten bedauerlichen Vorkommnissen von unbefugter Verwendung gesundheitschädlichen Fleisches, das von auswärts eingeführt wird, soll der Möglichkeit,'Fleisch von auswärts von dem hier in Berlin geschlachteten und untersuchten Vieh in den Markthallen gesondert feilhalten zu lassen, näher getreten werden. Die Markthallendeputation hat die Zusage ge- macht, beim Bau der neuen Zentral-Engrosmarkthalle auf diesen Wunsch Rücksicht zu nehmen; ob die Bevölkerung auf diese kleine Sicherheitsmaßregel solange warten kann und will, ist eine andere Frage.— Den vorübergehend auf den Böden beschäftigten Arbeitern und Arbeiterinnen sollen in Zukunft die heißen Sommertage als ,. schwere Arbeit" angerechnet und mit einem Anfschlag von 26 Pf. bezahlt werden. Dasselbe soll den Arbeitern an der Seuchenstelle und denen an der Untersammelstelle zuteil werden. Zu der letzteren Bewilligung muß, da es sich um Arbeiter im Wochenlohn handelt, erst der Magistrat seine Zustimmung geben. Da die demnächst bevorstehende Vereinfachung der Fleischbeschau. durch Einführung eines neuen in Süddeutschland schon praktisch durchgeführten Systems, eine Ersparnis von 150, ja eventuell bis 250 Fleischbeschauer möglich macht, sollen die Bewerberlisten auf weitere 6 Jahre geschlossen bleiben und die zum nächsten Kursus noch nötigen Kräfte aus den Reihen der Hilfsstempler genommen werden. Die Monate werden immer länger, allerdings imr bei der Post. Kürzlich teilten wir mit, daß auf einem Bricfkouvert, das auf einem hiesigen Postamte abgestempelt war. der 34. September aufgedruckt wurde. Wir glaubten, daß damit der Rekord eines langen Monats geschlagen war. Wir befanden uns mit unserer Annahme in einem Irrtum, denn heute wird uns ein Briefkouvert vorgelegt, das in Straupitz abgestempelt worden ist und das den Stempel trägt: 39. 10. Danach schreiben die Leute in Straupitz bereits den 39. September. Wann wird dieser September in Straupitz zu Ende gehen? Ter Mann in Frauenlleibern oder die Frau in Männer» klcidern? Diese gewiß eigentümliche Frage mußte sich der Dezer- nent des Berliner Polizeipräsidiums vorlegen, als er unter dem 27. September eine Verfügung erließ, in welcher dem Kaufmann Josef Meissauer aus Mühldors am Inn die Erlaubnis zum Tragen von Fraueukleidern gegeben wurde. Meissaucr, gegenwärtig 48 Jahre alt. stammt aus einer bayerischen Bauernsamilie, war lange Jahre Mcßner, nachher Trappistenfrater und ist jetzt Kaufmann. Von frühester Jugend an hatte er den unüberwindlichen Drang, in Fraueukleidern zu gehen, und dieser Trieb ist so mächtig in ihm, daß er in Männertracht sich völlig de- primiert und tiefunglücklich fühlt und sich mit Selbstmordgedanken trägt. Sobald er jedoch Frauenkleider anlegt, verschwinden alle trüben, niederdrückenden und quälenden Gedanken, und er fühlt sich wohl und frei, sicher und glücklich. Er gehört also, da sein Sexualtrieb in seiner Richtung völlig normal ist, mit diesem Ver- kleidungstrieb als eine der vielen Formen sexueller Zwischenstufen in die Klasse der sogenannten Transvestitem Meissauer ist wiederholt wegen des Tragens der Frauentracht angeklagt worden. aber bisher immer, zuletzt in dritter Instanz vom Königlichen Oberlandesgericht München im Dezember vorigen Jahres, frei- gesprochen worden. Trotz dieses FreispruchS hat sich M., um den zuständigen Behörden den Beweis zu erbringen, daß es sich bei ihm tatsächlich um einen angeborenen Verkleidungstrieb handelt, an den Rechtsanwalt Fritz Selten in Berlin gewandt, um die Erlaubnis zu erwirken, als Frau ruhig und unauffällig leben zu dürfen. Der Anwalt überreichte dem Polizeipräsidium ei» ausführliches Gut» achten der Spczialärzte Dr. Magnus Hirschfeld und Dr. Iwan Bloch, nebst Photographien, die M. in Männer- und Frauenkleidung darstellen. D-er Polizeipräsident hat daraufhin in Uebereinstimmung mit mehreren früheren Verfügungen dahin ent- schieden, daß er„gegen das Tragen von Frauenkleidern seitens Meissauers nichts einzuwenden habe."' Der„Klingellcitungsrevisor", der unier dem Vorwande. die Klingelleitungen in Ordnung bringen zu wollen, sich Zutritt zu Wohnungen verschaffte, um bei seinen Arbeiten die erste beste Ge- legcnhcit zum Stehlen zu benützen, konnte endlich von einem Be- aniten der KriminalpokWci festgenommen werden. Es ist der 23 Jahre alte Monteur Pem�ELichmann aus der Gabriel-Max-Straße 9 zu Lichtenberg. Der Spitzbube ist in vollem Umfange geständig. Ein großer Teil der zahlreichen von ihm gestohlenen Schmucksachen wurden noch bei ihm vorgefunden und kann den Eigentümern zurück- gegeben werden. Ein neuer Konkurs in der Pianofortebranche. Die Firma Knabe u. Söhne in der Urbanstraße 116 ist in Zahlungsschwierigkeiten ge- raten. Eine Gläubigerversammlung vermochte nicht die von den Inhabern der Firma angestrebte Einigung zu erzielen und so sahen sich die drei Inhaber de« Geschäft« gezwungen, gestern ihren Konkurs anzumelden. Knabe u. Söhne sind durch den Konkurs Karl H HintzeS zu Fall gebracht worden. Dieser Konkurs ist bereits der zehnte, den der Krach der Pianofortefirma Karl H. Hintze im Gefolge hat' Wie auS Branchekreisen mitgeteilt wird, dürfte der Zusammenbruch der Firma Knabe u. Söhne noch nicht der letzte der in Mitleidenschaft gezogenen Berliner Pianofortefirmen sein. Es sind vielmehr noch eine Reihe anderer Fallissements zu erwarten. Ein schwerer Straßenbahnnnfall ereignete sich gestern dormlltag vor dem Hause Göbenstr. 9. Eine etwa 36 jährige bisher un- belannte Frau wollte kurz vor dem Motorwagen 1274 der Linie 6 das Gleis überschreiten, wurde umgestoßen und' geriet unter den Wage». Mit Hilfe von Passantc» kounte die Vorunglückle schon nach zwei Mimuen unter dem Waggon hervorgezogen werden. Ein hinzugernfener Arzt stellte fest, daß die Frau einen Schädelbruch erlitten habe und veranlaßte ihre Ueberführuna in daS Elisabeth- Krankenhaus. Wer ist der Tote? Am 29. v. Mts. wurde an der EbertSvrücke auS der Spree die Leiche eines ca. 20 bis 26 Jahre alten Manne« gelandet. Sie war 1,70 Meter groß, hatte blondes Haar und blonden Schnurrbart und war bekleidet mit schwarzem Jackettanzug, schwarzen «chmirstieseln. grauen, wollenen«trümpsen. Trikothemd mit Firmen- stcmpel I. Schießer-Radolfzell. Tttkoiumerhose, weißem Chemisett. iveißem Stehkragen und dunklem Schlips. Bei der Leiche befand sich ein Taschenmesser mit Hornschale, ein Schlüssel und.ein blaueS Taschentuch mit weiß und roter Kante. Die Leiche, welche etwa acht Tage im Wasser gelegen hat, befindet sich im Schauhause Hau- noversche Str. 6. Etwaige Rekognoszenten wollen sich dorthin be- Vorovt-JVachricbtcn. Steglitz. Die Lohuverbältnisse der Gemeindembeiter. deren«uf- besserung un,ere' Genossen in der Gemeindeverttetersitzung vom vorigen Freitag beantragten, sollen in der zum 6. Oktober elnverufenen neuen Sitzung unseres GemeindeparlamentS geregelt werden. Ferner steht ein Antrag auf Erweiterung der Badeanstalt zur Beratung und ein Antrag betreffend Anlegung der gleislosen Bahn. Hierbei wird man hoffentlich erfahren, weshalb die Bahn noch nicht angelegt ist. obwohl ein Beschluß hierüber schon vor Monaten gefaßt worden ist. Mit der am 1. Oktober eröffneten Gcmeindesparkasse in Zusammenhang steht ein weiterer An- trag auf Einrichtung von Schulsparkassen. Ein Zufall fügt es, daß in dieser Sitzung die Abrechnung über den Bau der Badeanstalt abgenommen werden soll; in derselben Sitzung, die schon wieder über einen bedeutenden Erweiterungsbau beschließen ioll. Da kann man wohl nicht von einer besonderen Fixigkeit der Genieindeverwaltung reden.— Zu der T e u e r u n g s d e b a t t e in der letzten Sitzung ist noch nachzutragen, daß der MarktauZschuß, dem die Borberatung der gefaßten Beschlüsse überwiesen wurde, sich durch einige Mitglieder verstärkt hat, und daß dadurch auch Genosse A ß m a n n nunmehr dem Marktausschuß angehört. Nixdorf. Ein dreister Raub wurde gestern vormittag an der Ecke der Steinmetz- und Helmannstraße verübt. Die Ehefrau Marie Kuhnert. Steinmetzstr. 12, hatte ihr Töchterchen zum Einkaufen fortgeschickt. Auf der Straße trat plötzlich eine unbekannte ältere Frauensperson an die Kleine heran, versetzte ihr einen Stoß und riß ihr die Tascde mitsamt dem Portemonnaie. daS einige Mark enthielt, aus den Händen. Die Diebin entfloh dann schleunigst mit ihrem Raube und entkam. Achöneverg. Der BildungSausschuß veranstaltet am Sonnabend, den 7. Oktober, abends 8 Uhr. in den Neuen Rathaussälen. Martin- Luther-Straße 61, eine Herbstfeier, bestehend aus Vorträgen, Theater und turnerischen Aufführungen mit nachfolgendem Tanz. Eintritt 30 Pf. Steglitz-Friedena». Eine SchulentlassungSfeier, wozu besonder? alle Eltern mit ihren jetzt aus der Schule entlassenen Söhnen und Töchtern, sowie alle Freunde der Jugendbewegung eingeladen find, veranstaltet der BildungsaUSschuß am Sonntag, den 8. Oktober, bei Sckellhase, Ahornstr. 16». Neben einer Ansprache des Genossen Däumig werden Rezitationen und Gesangsvorträge die Feier verschönen. Nach der Feier findet ein geselliges Beisammensein statt. Die Feier beginnt pünktlich 3 Uhr. Der Eintritt ist frei. Friedrichshagen. Aus der Gemeindevertretung. Zunächst wurde eine Neu- regelung deS Feuermelde« und Unfallwesens vorgenommen. Es werden zehn tclephonische Nachtverbindungen, an welche auch das Rathaus und eine Arztwohnung angeschlossen sind, geschaffen. Ferner soll im Rathause eine Rettungsloache mit Unfallstation und l.llen dazu notwendigen Geräten eingerichtet werden. Der Bürger« ilieister teilte mit. daß die formelle Ucbernahme der Gasanstalt durch die Gemeinde von dem bisherigen Befitzer am 2. Oktober nattfindet. Nachdem ein von unfern Genossen gestellter DringlichkeitS- antrag, in eine Besprechung der gegenwärtigen TeuerungSverhälmisse einzutreten, angenommen war. betonte Genosse Barth, daß eS Pflicht der Gemeinde sei, bei der bestehenden Teuerung für den ärmeren Teil der Einwohner etwas zu tun, umsomehr, als Berlin :»ld eine Anzahl Vororte bereits dahingehende Beschlüsse gefaßt hätten. Durch Ankauf größerer Mengen Kartoffeln und Abgabe derselben zum Selbstkostenpreis, Einführung von Seefischen, Erhöhung der UnterstützungSgelder für Ortsarme und Exlraunterstütznng durch Lebensmittel usw. ließe sich vielleicht die Teuerung in etwas mildern. Er, Redner, stellt den Antrag, eine Kommission zu wählen, 'welche schleunigst der Frage näher treten und alle ergreisbaren Mittel erwägen solle. In der Diskussion wurde auch von den Bürgerlichen allgemein anerkannt, daß etwas geschehen müsse, nur dürften die hiesigen Gewerbetreibenden, die hohe Gewerbesteuern bezahlen müßten, nicht so sehr geschädigt werden. Auch würden in Ermangelung einer Markthalle bei dem Verkauf von Seefischen Schwierigkeiten entstehen. Es wurde eine Kommission aus fünf Mitgliedern gewählt, welche den Auftrag erhielt, möglichst schnell Borbereitungen zu treffen. lZpanda». Die Saalbesitzer und die bevorstehenden ReichStagSwahlen. Der Verein der hiesigen Saalbesitzer hat, wie berichtet wird, vor einiger Zeit Schritte uniernoinmen, um de» Militärboykott abzuwenden für den Fall, daß ein Saal für eine sozialdemokratische Versammlung hergegeben werden sollte. Er wandle sich zuerst an den Komman- daiiten Generalleutnant v. Horn, der indes eine Aendernng des bis- herigen ZustandS nicht in Aussicht stellte. Danach wurde der Verein beim Kriegsminister vorstellig, der sich auf die Sache aber nicht einließ, sondern erklärte, daß hierüber allein der Stadtkonimandant zu entscheiden habe. Eine hierauf abgehaltene persönliche Rücksprache mit dem Kommandanten hatte auch nicht den von den Saalbesitzern gewünschten Erfolg. Nunmehr hat der Vorstand des Verein« den Entschluß gefaßt, daß die Mitglieder während der Wahlperiode keiner politischen Partei ihre Säle zu öffentlichen Versa n, mlungen zur Verfügung st e l l e n sollen. Eine Versammlung der zun, Verein gehörigen Saalbesitzer wird demnächst ihre Entscheidung zu diesen, Vorschlage des Vorstandes treffen. Daß die Mitglieder des Vereins dem Vorschlag des Vorstandes zustimmen werden, erscheint noch zweifelhaft. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so würden— das hat die Praxis stets gelehrt— nur die sozialdemo- kratischeu Versammlungen von dieser Maßnahme betroffen werden, da de» Konservativen und sonstigen bürgerlichen Parteien die Säle zur Verfügung gestellt werden. Wie die Entscheidung aber auch immer fallen möge, die sozial« demokratische Partei wird sich mit den Umständen abzufinden wissen. AuS welchem Grunde die Spandaner Militärverwaltung, im Gegensatz zu andern größeren Städten des Reichs, an der alten Uebung festhält, ist noch nicht bekannt. Will sie vielleicht dadurch verhindern, daß der sozialdemokratische Kandidat in dem bisher konservativ ver- trerenen Wahlkreis gewählt wird? „Klärend" gewirkt. Im.Spandauer Anzeiger' lesen wir folgende Notiz: „Ueber Vorbereitungen zur Stadtverordnetenwahl der I. Ab- teilung fand gestern abend eine Besprechung im Restaurant.Havel- tcrrasie" statt, wo sich eine Anzahl Herren zu diesem Zwecke ein- gefunden holien. Die Umei Haltung har in mancher Hinsicht klärend gewirkt: Beschlüsse wurden nicht gefaßt.' Daß die Unterhaltung der geringen Anzahl Wähler erster Güte über die Vorbereitungen zur Stadtverordnelenwahl klärend gewirlt hat. wird die Bürgerschaft mit besonderer Genugtuung erfüllen. Es wäre auch furchtbar, wenn die Wähler und zugleich dte Vertreter der ersten Klasse unklar in die Stadtverordnetenversammlung einzögen. Königs-Wusterhansen und Wildau. Die Freie Turnersch-f, Königs-Wnsterhausen- Wildau feiert am Sonuabeud. den 7. Okiober, im Restaurant Wwe. Wedhorn sein neuntes Stiftungsfest, bestehend in Konzerl. turnerischen Ausführungen, Festrede des Turngruossen Bruno L i e s k e- Berlin und Tanz. Da der Verein auch bei Arbeiterfestlichkeilen mitwirkt, werden die Ge« nofien ersucht, sich rege an dem Fest zu beteiligen. Wittenan-BorsigUialde. AuS der Gcmciudrvertrctung. Die Einsetzung eines Verwaltung?- rats für das Verbandslrankenhaus wurde mit der Begründimg ab- gelehnt, daß bei einer eventuellen Wahl die Ortschaften nicht in gleicher Stärke verireten wären, eZ hätte Rosenthal einen, Wittenau zwei. Tegel drei und Reinickendorf vier Vertreter zu wählen, wo- gegen jetzt die Geineinden nur die Herren Gemeindevorsteher entsendeii. Von sozialdemokratischer Seite* wurde die Annahme des Antrags empföhle»,, damit der Verwaltungsrat in dauernder Fühlung mit de» Angestellten und Kraiilen sich befinde und somit Fehler vermieden würden. An- genommen wurde ein Nachtragsvertrag zu dem bereits bestehenden Vertrage über daS zinsfreie Kreisdarlehen für das Verbands- Krankenhaus, wonach bei Anstellung der Aerzte sowie der Pflege- schwestern der Kreisausschuß gehört werden muß. Die bei der Etats- beratung von der Gemeindevertretung einstimmig abgelehnte vierte Polizeisergeantenstelle wurde, nachdem der Gemeindevorsteher die Notlvendigkeit der Errichtung damit begründet hatte, daß unter den beim Bahnbau beschäftigten Ausländern Schlägereien an der Tages- ordnung seien, zum Schutze der Einwohner beschloffen. Unser Redner hielt die Belastung der Steuerzahler für unnötig; wenn man den Polizeisergeanten, welcher die Beanfsichtigung über den Spürhund habe, davon enthebe, so hätte man eine Polizeikraft mehr. Die Hunde hätten sich im großen und ganzen nicht bewährt, dies habe man bei dem Mord in Stolpe gesehen, wo der Hund nach Frohnau, der Mörder aber nach Velten gelaufen sei. Im übrigen sollte aber auch dafür gesorgt iverden, daß bei staatlichen Vauten die hiesigen Sieuerzahler beschäftigt würden, dann wären die Ausländer über- flüssig. Die Arbeitsordnung für die Gemeindegasaiistalt wurde nur ganz unwesentlich abgeändert, trotzdem die Annahme der von den Arbeitern eingereichte» Arbeitsordnung nur ganz geringe Mehrkosten verursacht hätte. Die Ausführungen unseres Redners zu diesem Punkt wurden von den bürgerlichen Vertretern durch Zwischenrufe unterbrochen. Einen wahren Sturm löste der Hinweis auf die soziale Rückständigkeit unserer Gemeindevertretung aus. Nach Schluß der heftigen Debatte wurde die abgeänderte Arbeitsordnung mit allen gegen vier Stimmen angenonimen. Die Lieferungen und Arbeiten für das Feuerwehrdepot erhielt als Mindestfordernde die Firma Kißmaim bierselbst mit 67 884 M. Unsere Genoffen erklärten, nur dafür stimmen zu können, wenn die Firma sich vertraglich verpflichtet, tarif- mäßige Löhne zu zahlen. Ein Antrag des Herrn Pastor Weiße, Bc- willigling eines Zuschuss� von 1000 M. zur Gründung einer kleinen Kiiiderschule, wurde abgelehnt, da die Mittel für dieses Jahr hierzu nicht vorhanden sind. Reinickendorf- West. In einer gut desuchten WahlvereinSversamtNlung gab Genosse Diebel einen eingehenden Bericht über den Jenaer Parteitag. Redner ging besonders auf die Affäre Luxemburg ein und erläuterte darauf die übrigen VerhandlungSgeiistände, wobei er die Tätigkeit des Parteivorstandes rückhaltlos billigte. In der folgenden Diskussion traten dem Referenten die Genossen Kuschminder und Ohl entgegen, die mit der Behandlung sowohl der Marokkoaffäre wie auch anderer Fragen sMasseiistteik, Stichwahltaktik u. a.) durchaus nicht ein- verstanden waren und Befferung von der beschloffenen Veränderung resp. Verstärkung des Vorstandes erhoffen. Genosse Blamann sprach über die Maiseier und die die Konsumgenoffenschaiten betreffende Resolution.— Neu aufgenoinmen wurden 12 männliche und ein weibliches Mitglied.— Nach einer Reihe geschäftlicher Mitteilungen warnte Genosse Ohl dringend vor einer Frau Heinrich, die in Reinickendorf Mitglieder für zwei Krankenkapen,.Securitas' in Köln und.Victoria', Deutsche Volkskrankenkasse in Berlin/, Uhr vorm. V. Wanderung der Photographen. Krune- wald-Spandau. Treffp. wie oben. VI. FriedrichShageu-RahnSdorstr Mühle- Erkner. Abs.: Schles. Bahnh. 1.23 Uhr nachm. Gäste willloimuen. Eue aller(ftelt. Panik bei der Beerdigung der„Libert6"-Opfer. Am DienStag fand in T o u l o n das feierliche Leichenbegängnis der Opfer der Explofionskataftrophe im Touloner Hafen statt. Als der Zug den Thcaterplatz passierte, ertönte plötzlich ein lauter Knall. Die Zuschauernienge glaubte, daß eine Bombe geworfen worden sei und stürzte in panischem Schrecken davon. In Wirklichkeit war eine mit Zuschauern besetzte Tribüne zusammen- gebrochen. Durch da? kopflose Flüchten der aufgeregten Menschen- massen wurden viele Personen zu«oden gerissen. Insgesamt wurden 23V Menschen verletzt, darunter Sv ziemlich schwer._ Professor und Steuerhinterzieher. Die Stuttgarter Strafkammer verurteilte am DienStag den Professor Dr. F ü n f st ü ck von der Technischen Hochschule in Stuttgart wegen � 20000 Mark Geld st rase. nahmen ans literarischen Arbeiten gegeben, außerdem hatte er sein deutend niedriger eingeschätzt, als wurde aufmerksam auf die teuerhinterziehung zu Fünfstück hatte beträchtliche Ein- bei der Einschätzung nicht an- Vermögen zur Besteuerung be- es wirklich war. Die Behörde Steuerhinterziehung durch die Denunziation eines Kollegen Fünfstücks, des Professors Dr. Burger. Um sich wegen privater Streitig- leiten zu rächen, hatte Professor Burger die Denunziation eingereicht. Zwei recht würdige Mitglieder des Hochschulkollegiums. Der Segen der„Kaiserblumc". Der Kornblumentagsrumniel des letzten SommerS hat in vielen Kriegsveteranen angenehme Hoffnungen auf reichliche Uuterstiitzuug auS den gesammelren Geldern erweckt. Wo so viele hohe und höchste Herrschasten als Protektoren, millionenreiche Kommerzienräle als Arrangeure mitwirkten, konnte man wohl annehmen, daß Geld in Hülle und Fülle einkommen würde. Als aber die, für deren Wohl man sich so eifrig mühte, noch immer nichts erhielten. wurden sie ungeduldig und schienen ganz den schuldigen Respekr vor ihren.Vorgesetzten" zu vergessen. Auf dem b a d i s ch e n Militär- Gauverbandstag vertröstete der Herr General v. R ö d e r die bedürftigen Kriegsveteranen bis— Weih- nachten. Aber dann! Jede Not hat ein Ende, ganze zwanzig Mark entfallen im Durchschnitt auf jeden notleidenden Veteranen. Denn wie der Herr General mitteilte, sind in Baden 240 000 Mark eingekommen und 1 2 000 Veteranen haben Unter- stützungsgesuche eingereicht. Natürlich wird über Würdig- keit und Bedürftigkeit der zu Unterstützenden säuberlich nach- geforscht, so daß die Auszahlmig fich bis Weihnachten hinziehen wird. Hoffentlich sind bis dahin nicht allzuviel würdig befundene ehemalige Vaterlandsverteidiger der herrschenden Not zum Opfer gefallen I_ Betrunkene Fische als Opfer der Spiritusfiener. In der.Wochenschrist für Aquarium« und Terrariumkunde" wird von Herrn Bruno Neumann folgendes niedliche Geschichtchen erzählt. In der Dill- und Layngegend und zwar in der Nähe von Wetzlar zeigten die Fische eines schönen Tages ein Benehmen, das bei allen Beobachtern lebhafte Verwunderung hervorrief. Sie schwammen rücklings, machten die wunderlichsten Kapriolen und wurden mit leichter Mühe eine Beute der Netze und Angeln. Man fand bald die Ursache deS absonderlichen Verhaltens und Gebarens dieser ver- hexten Schuppenträger. Zwei Mühlenbesitzer in Dorla hatten bor einiger Zeit eine Mühle in Katzenfurt in eine Hefenfabrik umgewandelt. Die Fabrikanten stehen nun außerhalb ded HefenringS und verkaufen billiger. Um aber die billigen Preise be- haupten zu können, müssen sie die auf den Spiritus(ein Mit« Produkt der Hefefabrikanon) lastende Steuer zu vermeiden suchen; sie lassen daher den Spiritus in die Fluten des vorbeifließenden Dillflusses laufen. Und für diesen kleinen Schönheitsfehler unserer wirischafilichen Ordnung müffen nun die armen Fische durch unfrei« willigen Alkoholgenuß büßen I_ Kleine Notizen. Lebendig verbrannt. Auf eigenartige Weise hat in Ober- L ö s ch w i tz bei Dresden der Rittmeister a. D. v. Magnus seinem Leben ein Ziel gesetzt. Er tränkte sein Bett mit etroleum und zündete eS, nachdem er sich hineingelegt hasse,' an. Als man auf den Brand aufmerksam wurde und in daS Zimmer drang, fand man die halbverkohlte Leiche in dem noch brennenden Bett. Finanzielle Fehlschläge sollen den Rittmeister zum Selbstmord getrieben haben. Folgenschwerer Gcriisteinsturz. Bei dem Neubau einer Zucker- fabrik in B u d w e i s in Böhmen stürzte ein Gerüst ein, auf dem sich elf Personen befanden. Alle wurden mit in die Tiefe gerissen und schwer verletzt. Selbstmord eines Bankiers. Der Besitzer der Klosterbank, Bankier K l o st e r m a n n in Hattingen, hat sich nach dem Zu» sammenbruch der Bank das Leben genommen. BrnfKaften der Redaktion. ®lt tnttftlfiflt 6Dtedinnn»f findet Linden st rage 69, vor» vier Treppen — Fahrstuhl—, woihcnia glich von 4 Mi bis 7>/z Uhr abends, Sonnabends, von 4 Mi bis 6 Uhr abends statt. Jeder fUr den Brirstaftcn brftimmtc» Anfrage Ist rin Bachstabe und eine Zahl ol? Merkzeichen brizuftigen. Ariestiche Aniwort wird nicht erteilt. Ansragen, denen keine Abonnementshnittnng beigefügt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage mau in drr Sprechstunde bor. R. SS. 54. Sic sind noch zahiimgSpflichttg.—®. Hain Nr. 50. Ja.— 20. I. 50. Eine Verpflichtung, die Miete zu stunden, hat der HauSwirt nicht. Zur Jnstaudsctzuug der Schlösser und Beseitigung des Ungeziefers ist der Wirt verpflichtet! tut er das trotz Aufforderung nicht, so können Sic klagen, auch den etwaigen Schaden ersetzt verlangen.—- ßriefkalten der Expedition. •enoffe S. 59. Anonym nicht. eMtteningsöberftdtt vom 4. Oktober 1911. ll; 10 7 « «vettervrognose für Donnerstag, den 5. Oktober 1911. vielfach heiler, nachts etwas kühl, am Tage ziemlich kühl bei mäßigen südöstlichen Winden: keine erheblichen Niederschläge. Berliner S etttlbniMUjB C* »» tr kBaflerstaiidS.Naihrtchte» der LandeSanstalt für Geiväfferkmide, mitgetellt vom Berliner Vetterbureau' vaflerstand M- m e l. Tllftt B r e g- 1, Jnsterbmg Weichsel. Tborn Oder, Ralibor , Kronen , Frankiurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netz«, Lorvamm Elb«, Leinneritz , Dresden , Larbh , Magdeburg -4- bedeutet Wuchs.— Fall.—>) llmerpegel. 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