Mr. 238. BbenneroatS'Bcdingungeoj HS oimemcntä■ Preis pränumerando; «icrteljShrl. 3,30 m.. monall. 1,10 M5. wöchcmlich 23 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags« nummcr mit wusirierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Blarl pro Monat. ;K/k:ui|U)iu*iv»4tiv• vtn�utii 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal» Rumänien, Schweden und die Schweiz, 28. Jahrg. Crtdjclnt Wich außer montaat Verlinev Volksblatt. Zaitralorgan der fozialdcmokrati(eben Partei Deutfchlands. Die IntertlonS'GebQbr beträgt für die sechsgespaltene Kolonek. geile oder deren Raum SO Psg., sür politische und gewerllchaslliche Vereins- und Bersannuliuigs. Anzeige» 30 Psg. „Weine Hnicigen". daS sellgcdrnclte Wort SO Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Wortes, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellcnan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort b Psg. Worte über 12 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Ruinnier lliüssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition »borgeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geossnet. Delegramm-Adreff« aSozlaldcnelint Renn". Redaktion: 8M. 68, Lindcnstraaae 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 198Z. Zum Kampsvürde;aber man wollte sich doch die Möglichkeit nicht verderben, mit Hilfe der ge- täuschten Nationalliberalen einige weitere Mandate zu ergattern. Nicht irgendwelche Patriotischen, religiösen oder moralischen Bedenken, nicht die Sorge um Thron und Altar haben demnach im Januar 1997 den Wahlausschuß bestimmt, auf Bebels Brief ablehnend zu antworten, sondern lediglich die Mandatslncht. Wie wenig patriotische oder religiös-moralische Bedenken das Verhalten des Wahlausschusses bestimmten, beweist die Tatsache, daß dem Brief des Abgeordneten Müller-Fulda an Singer vom 39. Januar alsbald ein am 31. Januar in Frank- furt a. M. aufgegebenes Tclegramni folgte, das die Ab- l e h n u n g zum Teil wieder aufhob. Es ist nämlich nichts als eine bewußte Lüge, wenn die Zentrumsblätter ver- sichern, mit dem Ablehnnugsbrief des Abgeordneten Müller hätte jede Verbindung zwischen dem Zcntrumsansschnß und dem sozialdemokratischen Parteivorstand aufgehört. Am31. Januar lief vielmehr folgendes Telegramm bei Singer ein: .In Offcnliach, Frniikfnrt. Hann», Friedbcrg Entqnltiing, Kompromisse mit Liberalen wegen Mainz und Höchst habe» wir abgelehnt." Vielleicht wird die Zentrumspresse wieder behaupten, auch dieses Telegramm sei eine reine Privatangelegenheit des Herrn Müller-Fulda. Tatsächlich fungierte, wie schon hervorgehoben ist, Herr Müller als Geschäftsführer des Wahlausschusses, und in dieser Eigenschaft, nicht als Privat- mann, hat er seine Briefe und sein Telegramm verfaßt, spricht er doch auch ausdrücklich von„wir"! Zudem sollten sich doch die Zcntrumsblättcr reiflich überlegen, derartige Verlegcnheitsausreden zu gebrauchen, denn sie beschuldigen damit Herrn Müller, Hinterbein Rücken und gegen den Willen des zentrumsparteilichcn Wahl- ansschusses eine die Absichten dieses Aus- schusses durchkreuzende Politik getrieben zu haben, das heißt ein gemeiner Parteiverräter zu sein. Wir sind wirklich neugierig, ob ein Zentrumsblatt eine solche Expedition: SM. 68» tdndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Anklage zu erheben wagtl Vorläufig mag dieser niedliche Beitrag zur Charakteristik des Zentrums genügen: weiteres später.._ Der Krieg. Neue Meldungen vom Kriegsschauplatz liegen nicht vor. Von italienischer Seite erfährt man nur, daß der erste Teil des Expeditionskorps abgegangen und in dem strategisch wichtigen Hafen von T a b r u k Bewachungsmannschaften zurückgelassen habe. Im übrigen unterdrückt die italienische Zensur alle privaten Mitteilungen. Das deutsche AuswärtigeAmt legt Wert darauf, die Italiener zu versichern, daß seine Politik im schärfsten Widerspruch zu dem Empfinden des deutschen Volkes stehe. Dem Korrespondenten eines römischen Blattes ist in der Wilhelmstraße mitgeteilt worden, daß die deutsche Presse keineswegs die Gedanken der deutschen Ne- gierung wiedergebe. Auf diesem indirekten Wege erfährt man auch, daß das Auswärtige Amt sich zu jener berüchtigten Note des Wolffschcn Bureaus bekennt, in der das italienische Vorgehen gebilligt worden war. Diese Zustimmung ist übrigens nicht nur eine platonische. Der deutsche Botschafter in Ron: muß getreu seiner Beschützcrrolle der Italiener die türkische Regierung an der Führung des wirtschaftlichen Krieges gegen Italien zn hindern suchen und in einer offiziösen Auslassung der„Köln. Zeitung" wird der Türkei bereits erklärt, daß sie auf Tripolis werde verzichten müssen. Das offizielle Deutschland ist also der Helfershelfer der italienischen Politik und da verübelt man es noch den Jungtürken, wenn sie von der deutschen„Freundschaft" nichts wissen wollen? In der Türkei selbst wächst zusehends der Gegensatz zwischen dem Ministerium, das nach wie vor unschlüssig und unentschieden ist, und den Jungtürken, deren Kongreß den entschieden st en Widerstand und die rücksichtslose Durchführung des lvirtschaftlichen Krieges fordert. Es scheint, daß der jungtürkische Einfluß im Wachsen begriffen ist und schließlich seinen Willen durchsetzen wird. Bedenklich für die Italiener ist es auch, daß der Scheik der Senussi. eines mächtigen mohammedanischen Ordens, der durch ganz Nordafrika vabreitet ist, den Heiligen Krieg erklärt hat. In Italien wächst, von den Päpstlichen mit allen Mitteln geschürt, die Kriegsstimmung immer mehr. Und mit steigender Entschiedenheit erklärt die Presse, daß die Türkei auf alle Rechte in Tripolis und der Barka bedingungslos ver« zichten müsse. Wie unter solchen Umständen eine Ver- mittelungsaktion Aussicht auf Erfolg haben kann, ist vorläufig nicht recht einzusehen. Auf de.� Balkan aber wächst die Unruhe, und trotz aller Dementis ,cheincn die kleinen Balkan- staaten zu mobilisieren. Ob auch schon O e st e r r e i ch, ist zweifelhaft. Ausfahrt des Expeditionskorps. Rom, 19. Oktober. Die„Agcnzia Stefani" teilt mit: Der e r st e Teil des Expeditionskorps, der sich aus Infanterie, Artillerie und einer Kompagnie Genicsoldaten zusammensetzt, verließ Neapel in der Nacht vom 5. zum 6. Oktober und landete heute in Mersa Tobruk. um den Hafen in Verteidigungszustand zu setzen und hier eine Wachmannschaft zurückzulassen. Die Landnngs- trnppcn gingen dann wieder an Bord und bleiben also außer Aktion. Die Besetzung von Tobruk. Neapel, 10. Oktober.„Jl Maltino" veröffentlicht über die Be- setziing von Tobruk am 5. d. M. folgende Einzelheiten: Sofort. nachdem die Beschießung der Forts begonnen hatte, wurde eine L a 11 d 11 11 g S k 0 m p a g n i e ausgeschifft, die mit aufgepflanztem Bajonett unter dem Feuer der Schiffsgcschütze das Fort erst ü r m t e und dort die italienische Flagge hißte. Die aus dem Fort verjagten Türken, die sich auf die Verteidigung mit Gewehr- fcuer beschränkt hatten, setzten ihr Feuer von den niiiliegenden Höhen aus fort. Die nunmehr im Fort befindlichen italienischen Matrosen erwiderten dieses mit wohlgezielten Schüssen. Allmählich hörte daS Schießen der Türken auf. Währenddem hatte sich die Stadt ergeben. Den Mamiichaftcu wurde ausdrücklich anRcfohlen, sich nicht an Frauen oder Privateigentum zu vergreifen und die reli- giöscn Gefühle der Eingeborenen zu schonen, sodann wurden die Häuser nach Waffen und Munition durchsucht und das Gefundene beschlagnahmt. Während der Nacht feuerten die Wachen von Zeit zu Zeit auf Banden, die in räuberischer Absicht in die Stadt einzu- dringen versuchten. Eine Seeschlacht im Roten Meer. Rom, 10. Oktober. In der letzten Nacht lief hier daS Gerücht «m, daß ein Kampf zwischen italienischen Schiffen und türkisch.en Torpedobooten, die auf der Fahrt nachdem R 0 t e 11 M e e r begriffen gewesen seien, stattgefimden habe. Dies Gerücht wird von der.Vita" und dem„Meffagero" unter Vorbehalt wiedergegeben. Eine amtliche Bestätigung dieses Gerüchtes liegt bisher nicht vor. Der„Heilige Krieg". Konstantinopel, 19. Oktober.„Jeni Gazetta" erfährt, daß der im Hintcrlande von Tripolitanien ansässige Scheik der S e n u s s i den Italienern den heiligen Krieg erklärt hat. Der Sultan hat den Blättern zufolge I m a m I a h i a für sein Angebot, IM MO Mann für den heiligen Krieg gegen Italien stellen zu wollen, seine Befriedigung aus- sprechen lassen. Auch der Grostwesir antworte dankend, fügte aber hinzu, vorläufig sei die angebotene Hilfe un- nötig. DaS Komitee will hartnäckigen Widerstand. Konftautinopel, 9. Oktober. Der türkische Gesandte in Sofia Mustapha A s s i m- B e y hat das Portefeuille des Ministeriums des Aeußern angenommen. Der frühere Finanzminister Dschavid-Bey, der heute abend hier eingetroffen ist, hat dem Großwesir die Be- schlüsfe des jungtürkischen Kongresses in der Tripolisfrage niitgeteilt. Der Kongreß empfiehlt, hart- nackigen Wider st and zu leisten. Die Behandlung der Italiener. Konstantinopel, 10. Oktober. Ein Zirkular des Justizministeriums an die Justizbehörden enthält genaue Anweisungen über die B e> Handlung der I t a I i e n e r auf Grund des Völkerrechts. Die Instruktionen gelten bis zum Friedensschluß. Ferner hat der Ministerrat beschlossen, daß während der Dauer des Abbruchs der Beziehungen Italiener Immobilien nicht erwerben dürfen. Der Beschluß über die Ausweisung der Italiener soll der Kammer unterbreitet werden, weil die Regierung die Verantwortung für eine so schwerwiegende Angelegenheit nicht allein übernehmen will. Der Wuusch der Kretenser. Wien, S. Oktober. Wie die.Neue Freie Presse� aus Kanea meldet, ist die kretische Nationalversammlung heute früh im Namen des Königs von Griechenland eröffnet worden. Die Abgeordneten riefen: ES lebe die Vereinigung mit Griechenland. Die Antwort der Mächte. Konstantinopel, 10. Ollober. Wie verlautet, sind die bis gestern abend hier eingetroffenen Antworten der Mächte auf den letzten Schritt der Pforte bezüglich Tripolis in dem Sinne ge- halten, daß die Mächte sich über die Anfrage der Pforte ins Ein- vernehmen setze» werden. Das türkische Proletariat und der Krieg. Am 4. Oktober fand in Saloniki, einer Meldung der „Franks. Zeitung" zufolge, ein Protestmcetig gegen den Krieg statt, obgleich die Negimmg strenge Weisungen erteilt hatte. die Abhaltung von Meetings gegen Italien zu verhindern. Die Versammlung war von den Iß organisierten Arbeiter- syndikaten Salonikis einberufen und fand im Hafen- gebiet statt. Diese Syndikate umfassen bereits 16 000 Ar- bester und bilden eine geschlossene sozialistische Partei. Die Reden wurden in türkischer, bulgarischer, judeo-spaniolischcr, griechischer und französischer Sprache gehalten. Dabei haben sich ganz besonders der bekannte Ar- beiterführer und Abgeordnete Vlahoff und der jüdische Arbeiterführer A r d i t t i durch scharfe Beurteilung der Zustände bemerkbar gemacht. Besonders der letztere unterzog das Vorgehen der bisherigen Regierung und der sogenannten leitenden Kreise einer sehr scharfen und wohlberechtigten Kritik, wobei auf den Chaitvi- nismus hingewiesen wurde, von dem sie beseelt sind. Die Versammlung verlief ohne störenden Zwischenfall, und nach Verlesung der gefaßten Beschlüsse, die auch das angestrebte Zustandekommen einer Vereinigung der Balkanstaaten be- treffen, zu welchem Zwecke die Unterstützung des inter- nationalen Proletariats herangezogen werden soll, protestierte man ganz energisch gegen die seitens Italiens begangene Piraterie, aber man erhob auch energischen Einspruch gegen die Absicht, die italienischen Staatsange- hörigen von hier auszuweisen, weil dadurch die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter» verbände zu schwer geschädigt würden. ktach Dülicldcrf Konstanz. Aus dem 1. badischen ReichStagSwahlkreise wird MS ge« schrieben: Die linksliberale Presse drückte nach dem sozialistischen Siege von Düsseldorf den Wunsch aus, eS möchte bei der am 19. Ok- tober stattfindenden Nachwahl im Kreise Konstanz-Ueberlingen ge- lingen, das Zentrum in die Stichwahl zu drängen und ihm dann mit sozialdemokratischer Hilfe den Kreis abzunehmen. Diese Presse ist anscheinend nicht darüber unterrichtet, daß die Liberalen dieses Kreises seit der letzten Reichstagswahl alles unterlassen haben, um die Vorbedingungen für eine Mehrung der liberalen Stimmen bei der jetzigen Nachwahl zu schaffen. In den städtischen Bezirken hielten sie° und halten sie noch ihre regelmäßigen libe- ralen Stammtischabende ab, schimpften über die Pfaffen und das Zentrum und rührten keinen Finger, um das der letzteren Partei treuergebene Landvolk politisch aufzuklären und für sich zu ge- Winnen. Der verstorbene Hug siegte 1907 mit 14 327 Stimmen im ersten Wahlgang, während auf den liberalen Block 8596 und auf die Sozialdemokratie 2565 Stimmen entfielen. Will man unter diesen Umständen einen solchen Kreis zu einer liberalen Domäne umwandeln, dann darf man sich nicht auf hie Bärenhaut legen; zumal dann, wenn die Einwohnerschaft dieses Kreises zu vier Fünfteln katholisch ist. Jetzt allerdings setzt die liberale Agitation mit Hochdruch ein. Auch den Abg. Naumann hat man sich für die letzten Tage vor der Wahl verschrieben; aber auf iet Seite des Zentrums steht der ganze Heerbann der katho« lisch en Geistlichen unter Führung des geistlichen Rats Wacker aus Zähringen-Frciburg. An den Sonnabenden und Sonntagen spricht er von Torf zu Dorf und schreit:„Die Ne- ligion ist in Gefahr, stattet die Dankesschuld an Hug durch Wahl des Zentrumskandidaten Freiherrn von Rüpplin ob." Auch die Zentrumspresse ist in Konstanz-Ueberlingen fast durchgängig in den Händen der Geistlichen, und das Blatt, das den Wahlkampf am scbärfsten führt, die„Freie Stimme" in Nadolfzell. wird von einem katholischen Geistlichen geleitet. In einer Versammlung in der Gemeinde Mimmenhausen ließ Wacker sämtliche Geistliche und � danach das ganze Laienvolk aufstehen. zum Zeichen dafür, daß es sein Einverständnis„mit der politischen Tätigkeit der Seelsorger" laut und öffentlich bekunde. Da kann der Fürstbischof Kopp in Breslau zwanzig Erlasse gegen die Wahl- tätigfett der Geistlichen hinausgehen lassen; in Baden, sagt die Zentrumspresse, gehören die katholischen Geistlichen vor die Front! Für die Beurteilung des Ausfalls der Wahl kommt es vor» nehmlich auf die 1360 Wähler an, welche der Kreis seit 1967 zugenommen hat. Schlagen die sich auf die Seite der Gegner des Zentrums, dann kommt es zur Stichwahl. Der Zentrums- kandidat ist ein aristokratischer Landgerichtsdirektor, der sich seit Jahren als konservativ-klerikal bezeichnet und dem die heutigen Verbündeten des Junkertums, die Klerikalen, in früheren Zeiten zu demokratisch waren. Er hat deshalb auch mehrmals in der rechtsliberalen Presse gegen Wacker polemisiert. waS diesen aber gegenwärtig nicht hindert, mit großem Eifer für den konser« vativ-klerikalen Freiherrn die Wahlpropaganda zu betreiben. Ein echter Zentrumsführer vergebe alles; deshalb konnte auch Matthias Erzberger bei seiner jüngsten Anwesenheit im Kreise die Be- hauptung wagen, dem Zentrum habe man es zu ver- danken, wenn die indirekten Steuern in Deutsch- nicht noch höher seien. Der liberale Kandidiat ist ein Gärtnereibesttzer Schneider im Jndustriestädtchen Singen; seit zwei Jahren sitzt er im badischen Landtag. Politische Konsequenz ist nicht seine stärkste Seite. Er macht der ländlichen Wählerschaft— im Kreise hat die Industrie nur größere Bedeutung in Konstanz, Radolfzell und Singen— ziemlich weitgehende Zugeständnisse in bezug auf den Zollschutz. Immerhin besitzt er als Kreiseingesessener eine größere Popularität als der Konstanzer Landgerichtsdirektor, den die Zentrumspresse täglich„zum populären Volksmann mit hohen Kenntnissen und tief religiöser Gesinnung" stempelt, um ihn den Bauern des badischen Seelreises einigermaßen empfehlenswert zu machen. An der sozialdemokratischen Agitation ist charak- ieristisch, daß unsere Partei bei der diesmaligen Wahl auch in den schwärzesten Dörfern Versammlungslokale erhält. Ihr Kan- didat, Buchdrucker Großhans in Konstanz, eilt an den Ver- sammlungstagen— Sonnabend, Sonntag und Montag— von Dorf zu Dorf und findet überall gute Aufnahme. Ein Zeichen des steigenden Einflusses der Sozialdemokratie ist ferner die starke Zunahme der Abonnenten der neugegründeken Parteizeitung des badischen Oberlandes, der Freiburger„Volkswacht". Der Pariser Codifpltzelprozeß. Paris, 9. Oktober.(Eig. Ber.) Am Sonnabend hat vor den Geschworenen des Seine- Departements die Verhandlung gegen die„revolutionären jungen Garden" begonnen, die die„revolutionäre Sicherheitspolizei" organi- siert und auf der Redaktion der„Guerre Sociale" die Lockspitzel Bled und Motivier entlarvt hoben. Auf der Anklagebank sitzen sechs Angehörige der revolutionären Organisation, darunter der Redakteur der„Guerre Sociale" Almereyda. Die Anklage beruht namentlich auf den nachträglichen Beschuldigungen der Spitzel, daß man sie während ihres unfreiwilligen Aufenthalts auf der Redaktion dieses Blattes mit Revolvern bedroht und mißhandelt habe. In ihren schriftlichen Geständnissen wird das Gegenteil bezeugt. Die Anklage lautet auf Einschränkung der persönlichen Freiheit und Verletzung des Hansrechts— durch eine bei Bled ohne sein Wissen vorgenommene Hausdurchsuchung. Zwei weitere, in die Strafverfolgung einbezogene Personen, die Redakteure der„Guerre Sociale" Merle und Perceau, sind aus Belgien, wohin sie sich, um das Weitererscheinen der„Guerre Sociale" zu sichern, ge- flüchtet haben, nicht zurückgekehrt. Vier der Angeklagten, die gleich- falls in Belgien waren, haben sich zur Verhandlung dem Gericht gestellt. Dagegen ist der Kronzeuge der Anklage Motivier nicht erschienen, ebenso sein�Geliebte. Angeblich halten sie sich in Casa- blanca auf, wo Metiviers Schwester ein öffentliches Haus besitzt. Personen, die ihn gut kennen, bezeugen aber, ihn noch vor wenigen Tagen in Paris gesehen zu haben. Warum er es vorgezogen hat, durch Abwesenheit zu glänzen, ist bei der Verhandlung klar geworden. Da? Verhör bietet zunächst nicht viel Juteresiantes. Die An« geklagten bestreiten entschieden, gegen die von ihnen verdächtigten Personen— es war noch eine dritte, der„Anarchist" Dudragne, dabei, der indes nicht überführt werden konnte— Gewalt an- gewendet zu haben. Als beim Fall Mälivier zur Sprache kommt, daß die Angeklagten die Polizeiberichte deS Spitzels in Hände» hatten, bemerkt der Präsident:„Das beweist also, daß Ihr Sicher- heitSdienst gleich dem anderen(ein nettes Geständnis!) ein schwarzes Kabinett hat, wo die auf den Postämtern cnt- wendeten Briefe geöffnet, photographiert und hernach wieder befördert wurden." Almereyda erwidert:„Ich kann bezeugen, daß der Brief MütivierS an Clemenceau nicht auf einem Postamte beiseite gebracht worden ist." Präsident:„Nun also.. Almereyda:„Nun, es gibt höhere A e m t e r als es die Post- ämter sind."(Heiterkeit.) Präsident:„Sehr gut! Es ist aus- gezeichnet, daß die Jury nun weiß, daß Ihr revolutionärer Sicher- heitSdienst selbst in die höchsten Regionen eindringt." Der Spitzel Bled macht bei seinein Auftreten einen kläglichen Eindruck. Er wiederholt stammelnd seine Sätze oder korrigiert das eben gesagte. Sein Bestreben, in die„junge Garde" Einlaß zu finden, will er damit rechtfertigen, daß er Anarchist sei. Aber er kann nicht leugnen, daß er sich z u v o r b e i den m o n a r ch r st i- schen„Camelot du roi" herumgetrieben hat. Die geladenen Polizeibeamten find nicht erschienen.„Sie würden sich ohnedies auf das Amtsgeheimnis berufen," meint der Präsident nicht unrichtig. Nach der Verlesung der Aussage MetivierS kommt eS zu einer sensationellen Szene. Almereyda legt zunächst dar, wie Motivier vor 3 Jahren von Clemenceau angeworben wurde, um über die Tätigkeit der politischen und Gewerlschaftsorganisationen Berichte zu liefern: „Wir wußten aber, daß er auch ein Lockspitzel sei. Wir wußten, daß ihm die Manifestation von Villcnciivc-Saint-GcorgrS zu danken war, wo es 3 Tote und 300 Verwundete gab. Wir wußten, daß dank ihm beim Färbcrstreik der Zusammenstoß von C l i ch y stattfand, bei dem Streikende und Polizisten einander massakrierten. Aber ich liefere den Beweis, daß er eS war, der zur Zeit deS Eisenbahnerftreiks die Bombe bei dem Redakteur der„Patric" und Gcmrindcrat Massard niederlegte und so die Verhaftungen und Bcrsolgungeu des Herrn Briand provozierte. Hier das Dolunient: Und unter ungeheilrer Spannung liest Almereyda: „Ich weiß über die Petarde Massard Bescheid, die während deS Eisenbahn er st reiks platzte. Ich verpflichte mich. darüber Schweigen zu bewahren. Ich bekenne, am Legen der Petarde teilgenommen zu haben." Ntöiivier. Und Almereyda fügt hinzu:„Ich glaube, meine Herren Ge- schworencn, durch die DemaSkieriuig dieses Menschen haben wir nicht nur uns selbst gedient, deren Betvegiing er zu entehren drohte, sondern auch jenen, die seine Opfer hätten werden können l" Die Wirkung dieser Enthüllung ist ungeheuer. Die Ge- schworenen sehen einer den anderen an und können ihre Entrüstung nicht verhehlen. Der Vorsitzende aber sagt mit gewichtiger Stimme: Kraft meiner diskretionären Gewalt erkläre ich diese? Schriftstück für in Beschlag genammen. Meine Herren, Sie haben einen Verbrecher angezeigt. Wenn die Totlachen, die in diesem Schrifistück berichtet werden, wahr sind, haben Sie der Gesellschaft einen Dienst erwiesen und die Justiz dankt Ihnen durch meinen Mund! Welche Tragweite Aluicrchdas Euthüllmig hat, braucht wohl uicht erst ausgeführt zu werden. Motivier hat also nicht nur Clemenceau, sondern auch Briand gedient und diesem den Vorwand für seine Gewaltpolitik geliefert. Ein neuer Lichtschein fällt auf die dunkeln Vorgänge des EisenbahncrstreikS. der bekannt- lich in einem für die Eisenbahner ungünstigen Augenblick, gegen den Willen deS gewählten Generalstreikkomitees ausgebrochen ist. Briand hat damals als Ordnungsretter Diktatorgewalt erlangt— mit Hilfe des Bombenmanns Motivierl Und wie denkt Herr Löpine über seinen Gehilfen? Nebenbei— hängt der rälselhafte lange Besuch, den Briand vor einigen Tagen Caillaux gemacht hat, vielleicht mit diesem Prozeß zusammen? Herr Caillaux mochte allerdings ihm zuliebe nicht auf die Verhandlung verzichten, die Clemenceau, der sich wieder mausig macht und anscheinend den Kongo-PatriotismuS zu parlamentarischen Intrigen ausbeuten möchte, dermaßen kompromittiert. Die heutige Verhandlung brachte bei der Zeugenvernehmung noch manches interessante Detail. So sagte Genosse A u t a g n i e r, der als Sekretär des Gewerkschaftsverbandes der Seine bei den Er- eignissen von Villeneuve-Saint-Georges im Vordergrund stand, auS: „Alles wäre ohne Blutvergießen ausgegangen. Aber man hatte uns den Kameraden Ricordeau und Motivier gesendet, der die Seele des Ausstands wurde. Es ist wahr, daß er sich i m richtigen Augenblick verhaften ließ, indem er einen Dragonerlentnant beschimpfte. Er muße ja während der Repressalien im Loch sitzen..." Im gleichen Sinne sagt GriffuelheS und andere Zeugen aus. Mehrere Journalisten, die zur EntlarvungSszene nach der Rc- daktion der„Guerre Soziale" eingeladen worden waren, bezeugen, daß die entlarvten Spitzel durchaus nicht den Eindruck von Äeuten machen, denen Gewalt angetan worden wäre. Mit jugendlicher Verve tritt der achtzigjährige R o ch e f o r t an den Zeugenstand und sagt auf die Frage, was er von der politischen Spitzelei denke:„Was ich denke? Mein Gott, alle Regierungen gleichen einander. Ich habe oft mit Lockspitzeln zu tun gehabt. Aber ich muß feststellen, daß die Bomben, die man ehedem niederlegte, meistens inoffensiv waren. Heute sehen wir zum ersten Male einen axont provocateur, der Eisenbahnzllge in die Lust sprengen will und eine Bombe in einem bewohnten Haus niederlegt". Woraus der Staatsanwalt entrüstet fragt, was dem Zeugen erlaube, der Geheimpolizei solche Abscheulichkeitcn zuzutrauen. DaS Bekenntnis Metiviers sei„ein Papierfetzen". Was aber ist dann seine Zeugen- ausjage, die die Basis der Anklage bildet? Freisprechung! Paris, 10. Oktober.(W. T. B.) Ii: dem Prozaß gegen die Redakteure der„Guerre Sociale" wurden gestern sämtliche An- geklagte freigesprochen. Es hantelt sich dabei um folgendes. Der Redakteur Almereyda konnte nachwrifcn, daß Motivier bei Leguug einer Bombe in dem Hanse eines Pariser Grmcindcratsmitglicdes betciligt war und von der Pariser Polizei ein Monatsgehalt bezog. poUtüchc Oebcrficbt. Berlin, den 10. Oktober 1911. Sozialdemokratische Interpellationen. Durch den Abg. Bebel wurden am Dienstag, den 10. Oktober, namens der sozialdemokratischen Fraktion folgende Interpellationen im Reichstage eingebracht: 1. Die Unterzeichneten richten an den Herrn Reichskanzler die Anfrage, welches der Stand der Dinge in den Ver- Handlungen mit Frankreich bezüglich der Marokkofrage ist. 2. Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um der notorischen Teuerung der notwendigsten Lebens- und Futter- mittel, die zu einer Kalamität für den größten Teil des deutschen Volkes geworden ist, entgegenzuwirken? 3. Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß von feiten einer Reihe von Behörden gröbliche Verstöße gegen den klaret: Wortlaut des Vereins- und Versammlungsgesetzes für das Deutsche Reich begangen wurden? Und ivas gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um dem erwähnten Gesetz seitens der Behörden Geltung zu verschaffen? Die Kongoverhandlungen. Neber die Marokkoverhandlungen schreibt heute der„Figaro": Viele Leute schreien bei uns über Demütigung, weil die Regierung sich rüstet, einen Teil des Kongo an Deutschland ab- zutreten. Diese Abtretung ist gewiß sehr unangenehm. aber wir wußten eS, und wir hatten sie im Prinzip bereits seit Juli ait genommen. Am ersten Tage, an dem wir in Unterhandlungen zu Zweien traten, mußten wir wissen, um was es sich handelt, um die Freiheit des Handelns für Frank- reich in Marokko gegen Ucberlassung von Gebiets- teilen des Kongo an Deutschland. Jetzt ist eS zu spät. darauf noch einzugehen, auch können wir nicht mehr über das Prinzip der Kompensationen diskutieren, sondern mrr noch fiö(t ihren Umfang. Mit gutem Willen und mit Geduld kann man zu einer für beide Länder annehmbaren Lösung gelangen. Zur Information. Wie die„Nordd. Allg. Zeitung" mitteilt, wird der AuSfch,,� des Bundesrats für die Auswärtigen Angelegenheiten Mittwoch versammelt werden, um, wie in den letzten Jahren vor dem Zusammentritt des Reichstages, Mitteilungen des Reichskanzler-? entgegenzunehmen. Dieses verfasiungsniäßige Glied ist bekanntlich längst verdorrt' es darf warten, sehen und manchmal sogar hören, aber beileibe keinen Einfluß nehmen. Zur Charakteristik der KanipfcSweise des Zentrums. Wie uns telegraphisch aus München gemeldet wird ent- hält die Tienstagnunimer der„Müitchener Post" einen'„Vergleich". der einen Verleunidungsfeldzug der Zentruntspresse in einer für diese geradezu vernichtenden Weise abschließt' Im April dieses Jahres wies die..Münchener Post" einen Angriff des Organs der christlichen Eisenbahner zurück und be- merkte dabei, daß gerade der Redakteur des Eisetrbr'hner- blattes. der bayerische Zentniinsabgeordnete Dauer genau wisse...wie nachsichtig die sozialdemokratische Presse selbst gegen politische Gegner ist. denen sie manches am Zeuge sticken könnte". Darauf wandte sich Herr Dauer gegen das sozialdemo- kratische Tuscheln und Mauscheln. Jene Bemerkung sei..Er- presserpolitik"; es sei ja bekannt,,„daß hie..Münchener Post" nach dem System der Revolverblätter über jeden Gegner Personalakten führt". Das Münchener Zentrumsblatt, der„Bayrische Kurier". unterstrich dann diese Aeußerungen noch kräftig: „Mit Drohungen von„Enthüllungen" will die„Münchcner Post" den Gegner einschüchtern, auch wenn sie nichts weiß.~ sie rechnet damit, daß jeder Mensch„dunkle Punkte" hat. Das ist eine zwar sehr schäbige, aber nicht wirkungslose Methode. In wie manchen städtischen und staatlichen Acmiern nimmt man eine be- sondere, durch nichts gerechtfertigte ängstliche Rücksicht ans das Sozialislenblatt. weil man fürchtet, es könnte einem persönlich unbequem werden! Man bemüht sich um da? Wohlgefallen der sozialdemokratischen Herren, wie etwa Geldinstitute dem„Kleinen Journal" oder der„Kritik"(Anmerkung: Zwei Münchcner Skandal- blätter) fette Inserate geben, in der stillen Hoffnung, so seine Ruhe zn haben." Der christliche Artikel schließt mit der Drohung, daß auch Zentrumsredakteure manches wüßten:„Man trägt ihnen oft z. B. seit langem unbezahlte Schneiderrechnungen und pikante Ehegeschichten führender Genossen zu." Unser Parteiblatt antwortete mit der Ankündigung einer Klage gegen den„Bayerischen Kurier" und fügte hinzu, daß es nunmehr wegen der Schwere des Vorwurfs gezwungen sei. die bisher geübte Reserve aufzugeben: „Wir werden zu der Verhandlung gegen den „Bayerischen Kurier" zunächst drei katholische Geistliche, darunter einen hervorragenden Führer der Zentrumsfraktion des Landtages, als Zeugen laden lassen. Diese erste Serie vonZeugen, denen, jenach der Entwickelung des Prozesses, weitere Serien folgen werden, mag dann unter Eid vor der breitesten Oeffentlichkeit des Gerichts die«per- sönliche Kampfesweise" und die„Erpresser- taktil" der.Münchener Po st" in das rechte Licht rücken." Seitdem hatten die Verleumder im„Bahrischen Kurier" keine ruhige Stunde mehr. Man hatte keine größere Sorge, als um jeden Preis diesen Prozeß zu verhüten. Die wissenden Männer des Zentrums setzten dem Blatte so lange zu,, bis es sich zur Selbstentleibung entschloß, und, indem es der „Münchener Post" eine demütige Ehrenerklärung ausstellte, sich selbst als jämmerlichen Verleumder bekannte. Der„Bayrische Kurier" verstand sich nämlich zu folgendem Vergleich: 1. Der.Bayrische Kurier" hat... einen Artikel veröffentlicht, in welchem der sozialdemokratischen.Münchener Post' u. a. Er- presserpvlitik. schäbige Methode, Feigheit vorgeworfen, und worin fie aus eine Stufe mit der Revolverpresse gestellt wird. Der Privatbeklagte nimmt hiermit die in jenem Artikel enthaltenen Beleidigüngen mit dem Ausdrucke des Bedauerns zurück und erklärt, daß oieindemArtikel enthaltenen beleidigenden Angriffe jeder tatsächlichen Grundlage cnt- b ehren. Er widerruft sie daher hiermit in aller Form. 2. Der Privatkläger ist ermächtigt, diesen Vergleich auf Kosten des Privatbeklagten je einmal in der.Münchcner Post", dem „Bayrischen Wochenblatt", dem.Bayrischen Kurier", im.Eisen- bahner" und den„Münchener Neuesten Nachrichten" in der für amt- liche Bekanntmachungen üblichen Form öffentlich bekannt zu geben. 3. Der Privatbeklagte trägt die bisher entstandenen Kosten." Der Fall wird im Reichstagswahlkainpf nicht vergessen werden. Je gemeiner, roher und lügenhafter jetzt die Zentrumspresse gegen die Sozialdemokratie tobt.umso wichtiger ist dieses ultramontane Selbst- z e u g n i s. Denn das führende Zentrumsblatt Münchens ist nun- mehr geständig: 1. Daß die Zentrumspresse die Gegner brutal, sinnlos und schmutzig verleumdet. 2. Daß dagegen die sozialdemo- kratische Presse nicht nur die Gesetze des Anstandes befolgt, sondern auf den Gegner jede mögliche menschliche Rücksicht nimmt. 3. Daß Zentruinsführer und Zentrumsgeistliche allen Grund haben, es mit allen Mitteln zu vermeiden, daß sie unter dem Gerichtseid über die Moral eines sozialdemo- kratischen Blattes aussagen müssen! Selbst mit dem Mittel. daß sie das eigene Parteiblatt zum moralischen Selbst- mord zwingen!_ Die Zarenschmach in Teutschland. Am lt. d. MtS. findet vor dem Ehrengericht der Anwalts- kammer für die Provinz Brandenburg die Verhandlung gegen den Genossen Dr. Karl Liebknecht statt, die vom ersten Zivilsenat des Kammergericht« angeordnet worden ist. Die Vorgeschichte dieses Falle? ist bekannt. Im Okiober vorigen Jahres wandte sich der Rechtsanwalt Schwabe in Berlin an den Jiistizmiiiister mit dem Antrage, gegen Liebknecht wegen seines Auftretens auf dem Magdc- burger Parteilage einzuschreiten. Der Justizminister gab' dem An- trage des Denunzianten sofort bereitwillig statt und setzte den be- hördlichen Apparat in Bewegung, um Liebknecht wegen seines flam- Menden Protestes gegen die Zarenschmach an den Kragen zu gehen. Im Verlauf von einigen Monaten wurde auf Veranlassung des Justizministers in den entsprechenden Instanzen die Fwge erwogen, od man gegen den Gcnosien Liebknecht ehrengerichtlich oder Ürofrechtlich vorgehen könne. Der OberreichSanwalt wieder Oberstaatsanwalt in Naumburg und der Erste Staatsanwalt in Magdeburg fanden kein« gesetzliche Handhabe für die strafrechtliche Verfolgung unseres Genossen und entschieden deshalb diese Frage in verneinendem Sinne. Daraufhin richtete der Ober- staaiSanwalt am Kammcrgericht an den Vorstand der AnwallSkammer in Berlin den Antrag, ein ehrengerichtliches Verfahren gegen Lieb- knecht einzuleiten. Dieser Antrag wurde von den SlandeSgenossen Liebknechts abgelehnt. Auf Beschwerde des Oberstaatsanwalts erfolgte am 27. Februar d. I. der Beschluß de« KammergerichlS, der über den ursprünglichen Antrag weit hinausging und unter Abstand- nahiiie von tjnet Voruntersuchung sofort da« Hauptverfohren er- öffiiete. E r st dann— also fast ein balbeS Jahr nach seiner Magdeburger Rede— erfuhr Geiwsse Liebknecht von dieser ganzen gegen ihn gerichteten Staaisaktion. Bis zu dem Moment der Zu. swlluiig de� KaiumergerichlSbeichlusicS hatte er keine Ahnung, daß ein hochnotpeinliches Verfahren gegen ihn im Gange war. Diese Angelegenheit brichästigte daraufhin auch das preußische «bgeorduetenbauS Die sozialdemokraii'che Fiottlon hatte— gegen den Wunsch von Liebknechl— aus prinzipiellen Gründen den Amrog-'»gebrach,, daß daS Verfahren gegen unseren Genoffcn ein- gestellt werde. Dieser Antrag., der der bisher geübten Prt�i« dlirwauS enliprach, und dem bisher sietS anstandslos eiitfprochen worden war, wurde aber von der Geschä'tSordnungSkv,i,n,issi»n a b- gelehnt. Indessen konnte dieser Beschluß, der als Ansfinß niederer pol i»scher Nachsucht der ichwarzblauen Majorität de« Ab- geordnetenhouses angesehen werden muß. im Plenum nicht ausrecht erhallen werden, da das Zentrum im letzte» Augenblick umfiel. ES wurde infolgedessen ntt, kleiner Majorität der Antrag an- genommen, daß das-brengerichilichc Verjähren während der Dauer der Session eingestellt werde. Die sür den lt. d. M. angesetzte Verhandlung bietet dem Ge- nassen Liebknecht endlich Gelegenheit, mit dem Vertreter der An- llagebehörde>" dieser Frage die Klinge zu kreuzen. Diese Aus- einandemyung tst für die OeffeMlichkeit durchaus erwünscht. Gibt sie ihr doch wieder einmal Gelegenheit, sich eingehender mit den fürchterlichen Zuständen in, Zarenreiche und der Person des Blut- zaren zu beichältigen, dessen fluchwürdiges Treiben mehr denn je den Abicheu der gesamten Kulturwclt erweckt und den allgemeinen Prolest gegen seine Henkerregierung herausfordert. Das böse Gewissen. Von parlamentarischer Seite gehen der.Post' aller- liebste Indiskretionen über die Motive zu, die die Regierung wid die regierenden Junker veranlaßt haben, trotz einer Fülle wichtiger Beratungsgegenstände auch diesmal wieder den Land» tag verspätet, nämlich erst nach Reujahr einzuberufen. Der Parlamentarier schreibt der„Post": „Das Staatsministerium scheint nun doch beschlossen zu haben, den Landtag erst nach Neujahr einzuberufen. Für diese Entschließung ist offenbar sie Rücksicht auf die bevor- stehenden Reichstagswahlen maßgebend gewesen. Man besorgt wohl, daß die Verhandlungen deS Abgeord- iietenhauses seitens der Opposition, besonders seitens der Sozialdemokraten, zu Wahlagitationen mißbraucht werden. Wenn, Ivie glaubwürdig verlautet, der Beschlutz des StaatSministerillms sich mit den Wünschen der Konser- vativen deckt, so sind dafür zweifellos auch äh nliche Beweggründe bestimmend gewesen. Man wird aber befürchten müssen, daß durch den Verzicht auf eine Herbst- session in noch höherem Maße das herbeigeführt wird, was man gerade damit vermeiden wollte, denn' es ist geradezu mit Sicherheit anzunehmen, daß die oppositionellen Parteien aus der Richteinberufung des Landtages im Herbste den Schluß ziehen werden, daß die gesetzgeberischen Absichten der Regierung derartig bedenklich seien, daß man damit vor den Wahlen nicht an die Oeffentlichkeit zu treten wage." Die Befürchtung, daß die Verhandlungen des Landtages der Sozialdemokratie den dankbarsten Agitationsstoff geliefert haben würden, ist sicherlich nicht unbegründet gewesen. Ebenso recht sreilich müssen wir der„Post" darin geben, daß auch die Nicht- einberufung deS Landtages der Sozialdemolratie dankenswerte Ge- legenheit zur Geißelung der volksfeindlichen borussischen Politik bieten wird!_ Rivalitätsstreitigkeiten im bayerischen Zentrum» In der bayerischen Landtagsfraktion des Zentrum? gab eS in den letzten Tagen allerlei Kämpfe hinter den Kulissen. ES handelte sich um die Wahl des Fraktionsvorsitzendcn— nach dem Tode Dallers. Mit der konservativen Richtung rang die von Heim ge- führte bäuerliche Gruppe. Heim unterlag. Zum Fraktions- Vorsitzenden wurde der Landgerichtspräsident L e r n.o gewählt, ein schwarzer Reaktionär, der seine politische Laufbahn als Demokrat und Redakteur an einem demokratischen Blatt begonnen hat. „Unpraktische Wissenschaft." In der Tagung des Vereins für Sozialpolitik, die Montag in Nürnberg begann, gab Professor S ch m o l ler in seiner EröffnungS- rede über die politische Befähigung der bürgerlichen Professoren ein recht skeptisches Urteil ab. Er sagte: „Wir sind weder ein lediglich wissenschaftlicher Verein, noch ein Verein für praktische Politik. Wir stehen aui der Schwelle, die die Wissenschast init praktischer Betätigliiig vereint. Wir dürfen aber dabei die sittlichen und ethischen Werturteile nicht ausschalten: denn damit würde der Verein seine Bedeutung per- lieren. Ich glaube, daß die ganze Zusammensotzuiig unseres Vereins mehr befähigt für wissenschastliche Untersuchungen; praltische Polit ick treiben können Wissenschaft- liche Kreise nicht; denn wo zwei Professoren zusammenkommen, da gibt es ja bekanntlich drei bis vier Meinungen. Um praktische Politil wirksam zu betreiben, müßten wir viel einseitiger sein. Wir dürfen daher unsere Tore nicht so weit öffnen wie bisher. Wir sind und bleiben also in erster Reihe vorwiegend eine akademische Publikationsgesellschaft." Diese Resignalion der akademischen Sozialpolstiker ist recht be- zeichnend. Im Grunde genommen kann es gar keine schärfere Bankrotterklärung der bürgerlichen Sozial- Wissenschaft geben, als das Geständnis, daß ihre Träger zu praktischer Politil, also zur Uebertragung der Theorie in die Praxis unfähig sind. Und es ist nicht nur die spezifisch politische Feigheit und Charalterlosigkeit preußischer Professoren, die an eine wirkliche Freiheit der Wissenschaft ja nicht mal zu denken wagen, die sie nach dem Geständnis Schmollers zur Politik unfähig macht. ES liegt viel mehr noch an der M e t h o d e der bürgerlichen sozial- wissenschaftlichen Forschung. Die Herren lehnen den Marxismus aus Furcht vor den Konsequenzen von vornherein ab; damit per- sperren sie sich aber zugleich die einzige Methode, die auf die Auf- zeigung strenger kausaler Gesetzmäßigleit in der Geiellschaftswisten- schafl gerichtet ist. Sie ziehen eS vor, trotz ihrer„praktischen Un- fähigkest' ethische, subjektive Regeln für das ihnen richtig scheinende Verhalten der Parteien und Klassen aufzustellen. Und wieder hat Schmoller den Erfolg richtig charakterisiert, wenn er sagt, wo zwei Professoren zusammenlomnien, da gibt eS drei bis vier Meinungen. Diese gänzliche Zeriahrenheit der bürgerlichen Sozialwissenschaft wird freilich ihre hochmiiligen Vertreter nicht davon abhalten, den wisseuschasllichen Sozialismus vom hohen Roß herab in Grund und Boden zu kritisieren._ ES war nicht bös gemeint. AuS Stuttgart wird uns geschrieben: Konrad Haußmann, der voltsparteiliche Reichstags- und Landtagsabgeordnete aus Schwaben, hat, wie berichtet, letzter Tage in einer öffentlichen Versammlung in Stutlgart der Sozialdemo- kratie Krieg angesagt. Bei den kommenden Wühlen werde die Volkspartei ihre ganze Stoßkraft— soweit sie über solche verfüge, setzte Herr Haußmann vorsichtig hinzu— gegen die Sozialdemo- kratie richten, des Prinzips wegen. Die Antwort des .Vorwärts" auf diesen KricgSnis hat der Vollspartei nicht ge- fallen. Der Chef der Partei. Kammerpräsident v. P a y e r. sucht einzulenken. In einer Versammlung in Mössingen und neuerdings auch in Hellbronn, versicherte er, sein Freund Konrad Hauß- mann habe das nicht so bös gemeint.„Daß die Sozialdemokratie neben dem Ziel der Niederwerfung des schwarz-blauen Blocks noch da» andere Ziel der Stimmenzählung verfolgt, ist gerade in diesem Wohlkampf zu bedauern, und die Acußerungen' Hauß- mann« in Stuttgart sind nicht, wie der„Vorwärts" sagt, eine Kriegsansage. sondern lediglich die Konsequenz der sozialdemokra- tischen Haltung." So Poyer in Heilbronn. Der naive Beschwichtigungsversuch PayerS wird verständlich angesichls der politischen Situation der Vollspartei in Württemberg. Hcilbronn, wo Pnh-r sprach, per- danlt die Volkspartei der sozialdemokratischen Stichwahlhilfe. Durch eigene Kraft hätte die Volkspartei Naumann nicht in den Reichs- tag gebracht. Im volksparteilichen Reichstagswahlkrcis Calw- Herrenberg stehen den 7834 volksparteilichen Stimmen 7386 Jen» trumSstimmen und 3439 sozialdemokratische gegenüber, in Freuden- stadt wurden in der Hauptwahl 1337 gezählt: Volkspartei 8536, Zentrum 6455. Sozialdemokratie 4234. In Balingen, dem Reichstagswahlkreis K. Haußmanns, hat es die Sozialdemokratie in der Hand, den großen Sozialistentöter zu werfen. Schon 4337 hatte Haußmann durch seine ebenso anmaßende wie treulose Politik die Genossen derart erbittert, daß der Beschluß gefaßt wurde, Hauß- mann zu werfen und den Zentrumsmann zu wählen. Von einer energischen Durchführung dieses Beschlusses ist jedoch abgesehen worden. Man glaubte,-die Warnung an die Adresse Haußmanns werde ihn ernüchtern. Auch im 44. Wahlkreis(Ulm) wird die Sozialdemokratie ein sehr ernstes Wort mitreden. Bei den Landtagswahlen im nächsten Jahre steht es für die Volkspartei noch ungünstiger. 4336 wurde ein Wahl- abkommen sür den zweiten Wahlgang zwischen Sozialdemolratie und Volksparlei vereinbark, bei dem die Sozialdemokratie den größten Teil der Kosten übernahm und der Volkspartei den Löwen- anteil an Mandaten überließ. Bemerkt mag werden, daß im zweiten Wahlgang alle Kandidaten wieder aufgestellt werden können, die relative Stimmenmehrheit entscheidet, während im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit aller abgegebenen Stimmen erforderlich ist. Nach diesem Uebereinkommen zog die Volkspartei ihre Kandidaten in fünf Wahlkreisen zurück; die Sozialdemokratie hingegen zog ihre Kandidaten zugunsten der Volkspartei in fünfzehn Wahlkreisen zurück. Die Sozial- demokratie erlangte drei Mandate, die Volkspartei verdankt dieser recht uneigennützigen Wahlhilfe der Sozialdemokratie acht Landtagssitze. Ohne diese Hilfe wäre die Vollspartei zu einem Häuflein zusammengeschmolzen. Kaum aber war die Landtag?- wähl vorbei, kaum hatte die Vollspartei ihre Mandate in Sicher- heit gebracht, als sie auch schon mit den Nationalliberalen an- bändelte und ein Wahlabkommen zur Reichstags wahlgegen die Sozialdemokratie schloß. Der Hottentottenrummel wurde von der Volkspartei weidlich gegen uns ausgenützt. Die Folge war, daß die Sozialdemokratie von ihren vier Reichstags- sitzen drei einbüßte und nur einen Stuttgart— behauptete. Diesmal ist die parteipolitische Lage wesentlich anders. Die Zeiten sind vorbei, da die Volkspartei für sozialdemokratische Wahl- Hilfe mit Fußtritten danken konnte. Herr v. Payer scheint das begriffen zu haben, Herr Konrad Haußmann noch nicht. Oeftemneb. Die Teucrnngsdebatte. Wien, 13. Oktober. Abgeordnetenhaus. Bei der heute fort- gesetzten Beratung der Tcuerunasanträge wies Ministerpräsident Baron G a u t s ch die von dem sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Adler bei der Besprechung des Tripoliskonfliktes gegen eine besteundete Macht erhobenen„Anwürfe" um so nach- drücklicher zurück, als sie auch einen Oesterreich-Ungarn Verbündeten Slaat betrafen. Ferner wies der Ministerpräsident ganz entschieden den der Regierung gemachten Vorwurf der Untätigkeit in der Teuerungssrage zurück. Die Verhandlungen mit Ungarn hinsichtlich der Fleischfrage würden fortgesetzt, lieber daS Ergebnis dieser Verhandlungen möge daS Haus sein Urteil fällen, dem er sich dann gewiß beugen werde. Am Schlüsse seiner Rede erklärteder Minister- Präsident, das Teuerungöproblem könne nur unter Berücksichtigung der Interessen aller produzierenden Stände durch Zusammenwirken der Regierung, des Parlaments, der Länder und der Gemeinden gelöst werden._ Der Etat. Im Abgeordnetenhause wurde der Staatsboranschlag ein- gebracht. Das Erfordernis beträgt 2 346 633 333 Kronen. Es wird ein Ueberschuß von 333 333 Kronen heranSgerechnet. Die Ausgaben sind gegen das Vorjahr um 38 Millionen erhöht, zum größten Teil für Swulen. zur 4lnleistützung der großenteils bankrotten Provinz- Verwaltungen, zur Einführung der automatischen Borrückung der Eisenbahner(Angst vor der passiven Resistenz!) und zur Erhöhung der Allivitätszulagen der Staatsbeamten. Wenn der Beitrag zu den mit Ungarn gemeinsamen Angelegenheiten(Heer und Flotte) um 43 Millionen geringer eingestellt ist, so ist daS nur Blendwerk, denn die Delegationen müssen wieder lieue 63 Millionen nach dem Rüstungsprogramm bewilligen. Die Ausgaben für die Landwehr, die in Oesterreich bekanntlich eine ständige aktive Formation ist. sind bereits erhöht. Der Ausgleich im Etat ist nur durch neuen Hundertmillioneiipump möglich. Für Schuldenzahliing, Militär und Eiseiibahnaufivcndllngen ergibt sich denn auch ein Mehrbedarf von 473 Millionen für die nächsten zwei Jahre. Ueber die neuen Steuern kann jetzt genaueres berichtet werden. Die Einkommensteuer wird von 13 333 Kronen Jahres- einkommen an erhöhl, dem Staat das Recht der B n ch e r« e i ii s i ch t gewährt, die Gebühren für Versicherungen werden ver- teuert, die Tantiemesteuer desgleichen und schandenhalber verteuert man dein Rennpublikum auch daS Wetten beim Totalisator und den Buchmachern. Für Kteinwohilungsbau wird zwar eine weitere Er« Mäßigung der Steuer gewährt, sie beträgt aber inuner noch 17 Prozent(!), dafür wird die Steuerfrciheiisperiode von MietS- Häusern verkürzt. Die Beamten-, Offizier- und Gendarmengchaltserhöhungen sollen nicht eher in Kraft treten als die Steuererhöhinigen und zur Herein- briiigung der Zugeständnisse an die Eisenbahner erhöht man die Tarife> Halbheit auf allen Linien; die österreichische Erbsünde. Eine pikante Interpellation. Im Abgeordnetenhause brachten die sozialdemokratischen Abgeordneten Hillebrand, Schiegl und Genossen an den Mi- nisterpräsidenten folgende Interpellation über die Beteili- gung der Mitglieder des kaiserlichen Hauses an den Kartellen ein: Der Herr Ministerpräsident hat in der Obmännerkonferenz vom 45. September gesagt, daß an derTenerung vor allem die Kartelle und der Zwischenhandel schuld trügen. Leider hat sich der Herr Ministerpräsident mit dieser theoretischen Feststellung begnügt, er hat auS ihr noch keine Praktischen Schlüsse gezogen. Bisher hat die Regierung das Treiben der Kartelle und des Zwischenhandels nicht gestört. Die Volks- Massen sind sehr erstaunt darüber, daß die Worte des Herrn Ministerpräsidenten in so schroffem Widerspruch zu den Taten seiner Regierung stehen. Das Erstaunen der Völker ist um so begreiflicher, da sie beobachten können, daß zwar der Leiter der kaiserlichen Regierung auf die schädlichen Wirkungen der Kartelle hinweist, daß aber gleichzeitig die. Privatdomänen des kaiserlichen Familienfonds und der Mitglieder des kaiser- lichen HauseS an einigen mächtigen. Kfartellen beteiligt find, so insbesondere an dem Zuckerkartcll. dem S p i r i t u s k a r t e l l, an den M i l ch k a r t e l l e n und an dem Eisenkartell. Zwar gehören die kaiserlichen Zuckerfabriken dem Zuckerkartell nicht förmlich an, aber es ist bekannt, daß sie mit dem Zuckerkartell in engsterVer- bindung stehen und seine Preisfeststellungen auch ihrerseits einhalten. Bon den Liebesgaben die der Staat dem Spirituskartell gewährt, bekommen auch die Spiritusbrennereien des Kaisers und der Erzherzoge ihren Teil, was um so erstaunlicher ist, als bekanntlich der Kaiser und die Erzherzoge von-der Personalein kommen st euer befreit sind. An dem Eisen karte ll ist der Erzherzog Friedrich als Haupt- glaubiger und Aktionär der Oesterreichischen Berg- und Hütten- werksgesellschast beteiligt und zur Verteuerung der Milch hat niemand mehr gedrängt als die D o m ä n e n v e r w a l t u n a desselben Erzherzogs. Wir richten daher an den Herrn Ministerpräsidenten die Frage: Welche Konsequenzen gedenkt der Herr Minister- Präsident aus dem Widerspruch zwischen den Ueber- zeugungen der kaiserlichen Regierung und der Praxis des kaiserlichenFamiliensondszu ziehen? Kanada. Das neue Ministerin«. Montreal, 13. Oltober. Sir Fred. Borden hat daS Kabi« nett� gebildet. Monk, der bisherige Führer der konservativeir französischen Kanadier im Unterhause, der das Flottcngesetz von Sir Wilstid Laurier auf das heftigste bekämpfte, hat das Portefeuille der öffentlichm Arbeiten übernommen. GewerbrcbaftUcbes. Berlin und Qmzegend« Achtung, Metallarbeiter! Der Streik bei der Firma Pahlitzsch, Gueisenaustrabe, dauert unverändert fort. Es ist den Bemühungen der Firma bis jetzt nicht gelungen, brauchbaren Ersatz für die Streikenden zu bekommen. Die Arbeitswilligen, welche zum Teil in der Herberge zur Heimat logieren, sind Leute, welche den Streikbruch permanent betreiben, und ist nicht zu erwarten, daß diese den Streikenden grotzen Abbruch lun können, Entgegenstehenden Gerüchten gegenüber weisen wir darauf hin, dasi der Betrieb nach wie vor streng gesperrt ist, und ersuchen wir, alle Angebote der Firma strikte zurückzuweisen. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Die Kriminalpolizei gegen die Eisenkonstrnkteure! Wie bereits berichtet worden ist, wird der Kampf im Berliner Eisenbau seitens der um einen besseren Dienstvertrag kämpfenden Ingenieure und Techniker mit allen Mitteln geführt, die in ähn- lichen Fällen von den Arbeitern oder von den Aerzten bei ihren Kämpfen mit den Krankenkassen angewendet worden sind. So haben die Berliner Eisenkonstrukteure unter anderem auch einen geordneten Ueberwachungsdienst organisiert, um das von den Fir- mcninhabcrn zum Ersatz herangezogene Personal gleich bei der Ankunft abfangen und über den ausgebrochenen Konflikt aufklären zu können. Wie die Organisationsleitung mitteilt, ist es auf diese Weise gelungen, den weitaus größten Teil der bisher eingetroffenen Er- satzkräfte davon abzuhalten, daß sie ihren kämpfenden Kollegen in den Rücken fallen. Seit einigen Tagen konnte man nun beobachten, daß ein Teil des Unternehmertums auch seinerseits nicht davor zurückscheut, den Kampf mit allen Machtmitteln zu führen, die bei solchen Gelegen- heiten zur Verfügung der Arbeitgeber zu stehen pflegen. Verschie- dene Firmcninhaber haben die Unterstützung der Polizei enge- rufen und auch erhalten, so daß man vor mehreren Bureaus wäh- rend des ganzen Tages einen der bekannten Doppelposten mit der umgeschnallten Browningpistole stehen sieht. Noch einen Schritt weiter scheint die Direktion der Lauchhammer Aktiengesellschaft zu sein, deren Bureau sich in der Leipziger Str. 109 befindet. In dem f lur dieses Hauses sollen nämlich seit einigen Tagen sogar mehrere riminalpolizisten postiert sein. Zu welchem Zweck und auf wessen Kosten ist allerdings nicht erfindlich. Einige Ingenieure haben sich deshalb auch bereits an das Polizeipräsidium gewandt, um dort über die vorgekommenen Belästigungen Beschwerde zu führen und Abstellung dieser in nichts begründeten Maßnahme zn verlangen. Es muß abgewartet werden, welchen Erfolg dieser Protest haben wird, Ueber seine Berechtigung kann allerdings ein Zweifel nicht bestehen, denn weder gehört es zu den Aufgaben der Kriminal- Polizei, in Wirtschaftskämpfe zugunsten des Unternehmertums ein- zugreifen, noch entspricht eine derartige Parteinahme den Jnter- essen des Staates und der Bürger, die die Polizei unterhalten müssen._ Der Tarifvertrag für die Stapelkonfektion ist nun durch die weiteren Verhandlungen zwischen den OrganisationS- Vertretern zum Abschluß gekommen. Am Montag fand in den Musikersälen eine öffentliche Versammlung der Stapelkonfektions- schneider statt, die über den Tarif zu beschließen halte. Zunächst wurde der Tarif, wie er aus den Verhandlungen hervorgegangen ist, mit allen seinen Positionen verlesen, und darauf gab Kunze Be- richt über die letzten Verhandlungen und legte ausführlich dar, welche Vorteile der Tarif bietet und welche Rechte und Pflichten den Konfektionsschneidem aus dem Tarifverhältnis erwachsen. Durch den�Tarif sind im allgemeinen wesentliche Lobnzulagen erreicht. Die Bewegung konnte infolge der günstigen wirtschaftlichen Konstellation ohne größere Opfer mit dem Erfolg durchgeführt werden, der der Stärke des Organisationsverbälmisses entspricht. Es sind mindestens 20 Pf. auf das einzelne Stück zugelegt, und daneben ist auch die Bezahlung für die verschiedenen Extraarbeiten genau festgesetzt. JedeoSchneider muß in eine höhere Serie kommen, zwiickien den einzelnen Serien darf nicht bezahlt werden, und außerdem bat für jede einzelne Firma eine bestimmte Serie als die unterste zu gelten. Es ist also in jeder Weise Vorsorge getroffen, daß nicht etwa der einzelne Schneider durch Aufdrängnug einer billigeren Serie um die Lohn- zulage gebracht werden kann. Im übrigen hat über Streitigkeiten ans dem Tarifverhältnis die aus Vertretern beider Parteien zusammenzusetzende Schlichtungskommission zu entscheiden. Selbst- verständlich müssen die Schneider darüber wachen, daß der Tarif überall streng innegehalten wird, und sich in jeden Fall, wo es nötig werden sollte, an die Schlichtungskommission wenden. Der Tarif soll mit dem 1. Januar 1912 in Kraft treten. In der Zwischenzeit ver- pflichten sich die Konfektionäre, bestimmte prozentuale Aufschläge auf die bisherigen Löhne zu zaölen. Dieser Aufschlag ist bei einigen Firmen bereits festgesetzt und zwar auf 5 Proz, Von einer großen Anzahl von Firme», namentlich von denen, die dem Arbeilgeber- verband angehören, ist der Tarif bereits unterzeichnet. Die Firmen, die bis jetzt noch nicht von der Bewegung erfaßt sind, werden sich auf alle Fälle ebenfalls zur Anerkennung des Tarifs ver- anlaßt sehen. Das Unterbieten der Schneider und das damit zusammenhängende Verheimlichen der Preise, die sie vom Konfektionär erhalten, muß natürlich gänzlich aufhören. Im übrigen gilt es, und hat bei der Bewegung von Anfang an als selbstverständliche Pflicht gegolten, daß die Zwischenmeister den bei ihnen beschäftigten jungen Leuten ihr Teil an dem Erfolg der Bewegung zukommen lassen, wobei namentlich auch die Ver- kürzung der überlangen Arbeitszeit in Betracht kommen wird. Ter Redner empfahl den versamnielten Zwischenmeistern zwecks Regelung dieser Angelegenheit die Wahl einer Kommission, um in der auf Dienstag einberufenen Versamniluna der bei den Zwischenmeistern beschäftigten jungen Leute eine Verständigung herbeizuführen. In der regen Diskussion, die dein Bericht folgte, trat wohl eine starke Unzufriedenheit darüber zulage. daß nicht mehr erreicht worden ist, die Versammlung erklärte sich jedoch schließlich mit starker Majorität mit dem Tarifvertrag einverstanden und es wurde sodann auch die Kommission gewählt, die über die Vorschläge zur Regelung der Arbeits- bedingungen der jungen Leute beraten soll. Borübergende„Wohltat" statt dauernden Rechtes. Die Schokoladenfabrik Sarotti hat ihren Arbeitern und Ar- beiterinnen kürzlich eine Teuerungszulage gewährt, die vorläufig bis zum 27. Dezember gezahlt werden soll. Die Teuerungszulage beträgt wöchentlich für Arbeiterinnen 1 M.. für unverheiratete Gehilfen und Arbeiter 1,50 M,. für verheiratete Gehilsen und Ar- beiler 2,50 M,— Auch die Schokoladenfabrik von Hildebrand hat den dort Beschäftigten die gleiche Teuerungszulage gewährt, die bei Sarotti gezahlt wird. Das sind noch einsichtige und humane Unternehmer, wird mancher sogen, der von diesem Verhalten der beiden Firmen hört und die näheren Umstände nicht kennt. Doch die Sache hat einen Haken. Der Verband der Bäcker und Konditoren bereitet eine Lohn- bewegung für die in Schokolade- und Zuckerwarenfabriken Be« schäftigten vor. Der Abschluß eines Tarifvertrages mit festen, den heutigen Verhältnissen entsprechenden Lohnsätzen ist das Ziel der Bewegung. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firmen Sarotti und Hildebrand sind gut organisiert und für die Lohnbewegung gewonnen. Die beiden Firmen müssen also damit rechnen, daß ,hnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen angesichts der Hoch- faison nicht« übrig bleibt, als die berechtigten Forderungen der Ar- beiter zu erfüllen. Also glauben die Unternehmer, dem Verbände der Bäcker und Konditoren durch schleunigste Gewährung einer Teuerungszulage den Wind aus den Segeln zu nehmen. Man kal» knliert jedenfalls so: Wollen wir die Unzufriedenheit mit den gegen- wältigen Löhnen beseitigen und uns ein brauchbares Arbeitspersonal sichern, dann müssen wir Zulagen gewähren. Beim Abschluß eine« Tarifvertrages, der sich nicht umgehen laßt, wenn die Bewegung einmal einsetzt, würden die Zulagen dauernde sein. Also gewähren Berantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw. wir schon„aus freiem Willen' eine Teuernngsziikage. Das sieht recht human aus. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die nur von heut auf morgen denken, werden damit zufrieden sein, das Interesse an der Lohnbewegung wird eingeschläfert, und wenn wieder alles ruhig ist, dann wird eben die Teuerungszulage nicht weiter gezahlt. Uebrigens verdient das durch Teuerungszulagen bekundete „Wohlwollen' der Schokoladenfirmen noch nach einer anderen Seite hin beleuchtet zu werden. Bei der Firma Hildebrand sind die Akkord- löhne für Prallineearbeiterinnen erst kürzlich so herabgesetzt worden, daß eine Arbeiterin unter normalen Verhältnissen wöchentlich 2 bis 2.40 M, weniger verdient. Dafür bekommen die Arbeiterinnen jetzt eine ivöchentliche Teuerungszulage von IM.— Ein feines Geschäft— für die Firma. Bei Sarotti besteht ein Akkordsystem, welches den Arbeiterinnen gar keine Kontrolle über ihren Verdienst geioährt. Infolgedessen komnit es vor, daß Arbeiterinnen, die im Wochenlohn 17 M. und darüber hatten, im Akkord arbeiten müssen, wobei sie kaum zwei Drittel ihres bisherigen Wochenlohnes verdienen. In eurem Neben- betriebe der Firma werden jugendliche Arbeiterinnen mit 7 M. Wochenlohn eingestellt. Unter solchen Umständen bedeutet eine Teuerungs- zulage von 1 M, soviel wie nichts, Doch selbst diese geringfügige Zulage hätten die Arbeiter und Arbeiterinnen sicher nicht bekommen, wenn nicht der Verband der Bäcker und Konditoren in den Fabriken von Hildebrand und Sarotti festen Fuß gefaßt hätte und die Unternehmer deshalb einsehen mußten, daß sie um eine Aufbesserung der Löhne nicht mehr herum- kommen. Wenn sie aber glauben, sie könnten durch Teuerungs- zulagen, die jederzeit wieder eingestellt werden können, die Arbeiter und Arbeiterinnen den Bestrebungen des Verbandes entfremden, dann sind sie im Irrtum. Das Ziel der in den Schokoladefabriken Beschäftigten ist eine dauernde, den Zntverhältnissen entsprechende Lohnaufbesserung, Davon werden sich die Arbeiter und Arbeiteriune» durch keine„Wohltaten' abbringen lassen, Zur Tarifbcwegung der Z.garrenarbeiter! Einer recht eigenartigen Methode, nach außen hin das Gesicht zu wahren und sich selber das Portemonnaie zu füllen, befleißigt sich die Zigarrenfirma Blaurock, hier NO., Heinersdorfer Straße. Unter dem Eindruck der Tarifbewegung der Zigarrcnarbeiter Groß- Berlins mochte wohl das Murren seiner schlechtbezahlten Zigarren- arbeiterinnen und Wickelmacherinnen auch das Ohr des Herrn Blaurock erreicht haben. Denn seltsam genug, er legte den Ar- beiterinnen, denn nur um solche handelt es sich bei Herrn Blaurock, die fürstliche Summe von 25 Pf. pro Mille zu. Das war für die Außenwelt berechnet. Im stillen Kämmerlein aber hatte der Herr Blaurock noch etwas anderes in petto. Fast plötzlich verschlechterte sich das Rohmaterial, die Zutaten, und zwar in einem solchen Maße, daß die Löhne mitsamt der obengenannten' Zulage von 25 Pfennig pro Tausend(etwa 75 Pf. pro Woche) meist weit unter das Niveau gerieten, auf dem sie bisher gestanden. Ein solches Vorgehen konnte sich Herr Blaurock erlauben, denn seine Arbeite- rinnen sind unorganisiert und die Furcht des Herrn hält sie mit ängstlicher Scheu vom Verband fern. Hier ist nun der Dank des Fabrikanten dafür. Wann werden die Blaurockschen Arbeiterinnen endlich einsehen, daß auch für sie die Verpflichtung besteht, sich ihren Arbeitsbrüdern und Schwestern im Verband zuzugesellen? Die Firma Schachmann hat sich mit ihren Arbeitern im Ein- Verständnis mit der Organisatwn geeinigt. Die Sperre bei der Firma Schackmann ist aufgehoben. Dieselbe hat ihre alten Arbeiter wieder eingestellt. 9** Achtung, Raucher! Kaust nur in den Geschäften, wo sich unser grünes Plakat, unterzeichnet: Alwin Schulze, Vertrauensmann, Große Hamburger Straße 18/19, befindet, Acktel auf die veröffentlichten Namen! Deutscher Tabakarbeiterverband. Der Streik in den Wäschcfnbrike» W, Blume und Fr. M. Simon dauert unverändert fort, ES ist nicht ein einziger Streikbrecher vorhanden,— Die Firma Wohl u. H y m a n n hat der Organisation der Wäschearbeiter mitgeteilt, daß sie zu Ver- handkmigen und zum Abschluß eines Tarifvertrages bereit ist. Die Verhandlungen finden am Mittwochvormiltag 10 Uhr statt. Am Donnerstag, den 12. Oktober, abends 8>/z Uhr, findet im „Schweizergarlen" eine öffentliche Versannnlung statt, m der über die Streiks und Tarifabschlllsse berichtet wird. Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschearbeiter Deutschlands. Achtung, Tapezierer! Wegen Tarifdifferenzen ist die Werkstatt A. Zellmanit, Bartelstr. 12, für Polsterer gesperrt. Die Schlichtungskommiffion. Deutkcbes Reich. Eine Schlacht der Hinyebrüder in Bremen. Wenig Freude haben die Brauereiunternehmer an ihren Arbeitswilligen. Die Arbeitswilligen von der Kaiserbrauerei waren gegeneinander geraten und richteten sich bös zu. Revolver. Messer und Gummiknüppel wurden benutzt und taten ihre Wirkung. Einer der Arbeitswilligen erhielt einen Schuß in den Rücken, andere eine mehr oder minder große Zahl Messerstiche in Kopf, Rücken usw.; einer erhielt einen Stich ins Bein, die Messerklinge brach ab und blieb stecken. Die Polizei mußte gegen die staatserhaltenden Elemente einschreiten. Einige wurden gefesselt und in Gewahrsam genommen. Eine Anzahl Schwerverletzter wurde nach dem Krankenhans gebracht. Die weniger schwer Verletzten wurden scheinbar von Interessierten zurück gehalten, um die Schlacht nicht zu groß erscheinen zu lassen. Ausland. Seemaschinistenstreik. Tos Maschinenpersonal des Tampjfischeretbetriebs in Dmuiden ist in den Ausstand getreten. Vierzig Fiichereldampfer, die zur Abfahrt bereit sind, wurden aufgehalten. Das Maschinenpersonal fordert einen Zuschlag, der dem Anteil jedes Teckarbeiters gleich- kommt. Wenn diese Forderung nicht zugestanden wird, so wird das Maschinenpersonal den Dienst an Bord nicht übernehmen und die Abfahrt der Fischereidampfer somit unmöglich. VerlammUingen. Zentralverband der Hausangestellten. Die Vierteljahrsversamm- lung der Ortsgruppe Berlin fand in der vorigen Woche in den „Industrie- Festsälen' statt. Den Tätigkeitsbericht sür das dritte Quartal dieses Jahres erstattete die Vorsitzende. Frl. Arndt. Der Verband entfaltete eine lebhafte Agitation. 20 000 Flugblätter und Handzettel kamen zur Verteilung. Zwei Sonntagsversammlungen und sechs Mitgliederversammlungen fanden statt, die in der Regel gut besucht waren; auch neun Ausflüge wurden veranstaltet, nicht allein zum Vergnügen, sondern auch in der Absicht, die Mitglieder für den engeren Anschluß an den Verband zu gewinnen. Vom 1. Oktober ab werden in den Räumen des Zentralarbeitsnachweises. Linkstr. 11. Fortbildungsabende vom Verbände eingerichtet, deren Besuch den Mitgliedern dringend empfohlen wird. Diese Abende finden zweimal im Monat statt. In Verbindung mit dem Bildungs- auSschun ist die Leituna bemüht, die Vortragsabende Kets inter- essant und anregend zu gestalten. Wünschenswert ist, daß die Mit- glieder sich bemühen, sür guten Besuch der Vorträge zu sorgen.— Drei Vorstandssttzungen fanden in der Berichtszeit statt. Den Kassenbericht erstattete Fräulein Lücke. Die Hauptkasie bilanziert in Einnahme und Ausgabe für daS dritte Quartal mit 434,29 M. Unter den Ausgaben stehen verzeichnet für Rechtsschutz 26,15 M., für Krankenunterstützung 44,50 M. Die Lokalkasse zeigt eine Bilanz von 3169,02 M. Der Bestand der Lokalkajse am Schluß des dritten Quartals war 1473,80 M, Der Mitgliederbestand ist ziemlich unverändert geblieben, obgleich 170 Mitglieder neu auf- : Th.Glvcke, Berlin. Druck u.Verlag:VorwärtsBuchdr.>t Verlagsanstalt genommen wurden und 8 aus anderen Verbänden übertraten, was als Gesamtbestand 1345 Mitglieder ergab. 49 Mitglieder erklärten ihren Anstritt, weil sie einen anderen Beruf ergriffien, sich ver- heirateten oder nach auswärts zogen. 82 Mitglieder gingen verloren, indem sie verzogen, ohne ihre Adressen mit- zuteilen. Das letztere ist ein alter Uebelstand, der immer wieder gerügt wird, ohne daß der gewünschte Erfolg eintritt. Im Berliner Bureau, Michaelkirchplatz 1, gingen in der Berichlszeit 478 Postsachen ein und 756 wurden versandt. Ueber 300 Anfragen um Auskunft in bezug auf Differenzen im Dienstver« bältnis wurden an das Bureau gerichtet, zum größten Teil von Nichtmitgliedern. In zahlreichen Fällen gelang es. die Differenzen durch Lermiltelung des Verbandes auf gütlichem Wege zu schlichten. Für die dazu berechtigten Mitglieder wurden zehn gerichtliche Klagen anhängig gemacht. Von den Klagen, die in der Berichtszeit zur Erledigung kamen, liefen manche recht günstig aus und 238 M. wurden für die Klägerinnen erstrillen. Seit dem Beginn deS Geschäftsjahres sind auf dem gerichtlichen Wege 652,52 M. an schuldigem Lohn und Kostgeld für die Mädchen mit Hilfe des Verbandes erlangt worden. Viel Schwierigkeiten boten die Beschwerden von Hausangestellten über nngünstige Zeugnisse, die nach den Angaben der Mädchen nicht wahrheilsgemüß ausgestellt waren. In 22 Fällen, in denen die Mädchen durch schlechte Zeug- nisse an ihrem Fortkommen gehindert waren,— mehreren Mädchen mar es unmöglich, überhaupt eine Stellung zn erlangen— hat der Verband bei den zuständigen Polizeibehörden Anträge auf Aende- rung der Zeugnisse gestellt, ist aber stets abgewiesen worden. Bei der polizeilichen Untersuchung der Angelegenheit wird als Regel den Aussagen der Herrschaft der maßgebende Einfluß eingeräumt; die Mädchen werden oft überhaupt nicht vernommen. Den Mitgliedern wurde bekanntgegeben, daß vom 1. Oktober ab die Krankenunterstützung nach zweijähriger Mitgliedschaft auf 3,60 M. pro Woche erhöht worden ist. Als ErsatzmitgliSd für den Hauplvorstand lourde Frl, Göttel gewählt. In der Diskussion über den Bericht wurde unter anberem auch der„Hansdienstaiisschuß" für Berlin besprochen, der aus Vertretern von 15 Berliner Organisationen, die sich alle um die Lösung des Dienstbotenproblems bemühen, gebildet werden soll. Dieser Ausschuß gedenkt in der nächsten Zeit seine Tätigkeit aufzunehmen, und es wird nötig sein, diesen Bestrebungen Aufmerksamkeit zu widmen Letzte Nachrichten. Aus dem„demokratischen" Frankfurt. Frankfurt a. M., 10. Oktober.(Privattelegramm des „Vorwärts".) Das Stadtparlament beschloß in seiner heutigen Sitzung die Einsetzung einer gemischte» Kommission, die über geeignete Maßnahmen gegen die Teuerung beraten soll. Ein sozialdemokratischer Antrag, der Kommission einen Kredit von 100 000 Mark zu bewilligen, wurde gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt. Tie Teucrnngsdebatte im österreichischen Abgeordnetenhaus. Wien, 10. Oktober.(W. T. B.) Im weiteren Verlauf der Verhandlung über die Teuerungsanträge legten der Ackerbau- und der H a n de l s m i n i st e r die von der Regierung getroffeneu sowie geplanten Maßnahmen zur Behebung der Lebensmittel- teuerung dar. Ter I u st i z m i n i st e r kam auf den Revolver- anschlag vom 5. Oktober zurück und erklärte, er erblicke darin einen Zwischenfall, der ihn selbswerständlich von der gewissen- haften Erfüllung seiner Amtspflichten und der Verfolgung seines bisherigen Weges nicht abbringen werde.(Lebhafter Beifall.) Der Minister wies mit aller Entschiedenheit die Angriffe gegen den Richterstand wegen zu strenger Urteile aus Anlaß der Teuerungs- ausschreitungen zurück und erklärte die Behauptung einer Beein- flussung der Richter von oben als Beleidigung des gesamten Richterstandes. Das Schlagwort von der Klassenjustiz sei ein Schlagwort der Sozialdemokraten, während genug Leute glaubten, daß es nur eine einzige Klassenjustiz gebe und zwar die sozialdemokratische Parteijustiz. Das Abgeordneteichaus sollte in eigenem Interesse alles vermeiden, was einer unbefugten Beeinflussung des richterlichen Ansehens und der Unabhängigkeit der Richter gleichkomme.(Siehe auch Seite 3 unter Oesterreich.) Vom Kriegsschauplatz. Rom, 10. Oktober.(B. H.) Die Beschießung von Tripolis dauert fort. Die Schüsse sind hauptsächlich gegen den Küsten» r a n d gerichtet, um zu verhindern, daß türkische Kavallerie» truppen einen Angriff gegen die italienische Besatzung ausführen. Zweitausend Mann türkische Soldaten haben sich nach C h e r i a r zurückgezogen. Die italienischen Truppen nahmen zwei Vorposten zu ie 21 Mann gefangen. Der„Tribuna" zufolge haben die türkischen Truppen, die sich nach Vehare und Kirkaris zu» rückgezogen hatten, in der vergangenen Nacht einen Borstoß gegen Tripolis unternommen. Sie wurden jedoch durch die italienischen Besatzungslruppcn unterstützt won den Schiffsgcschützen zurück- geschlagen. Konstantinopel, 10. Oktober.(W. T. B.) Dem Kriegs- m i n i st e r i u m wird gemeldet, daß am 7. Oktober ein italienisches Kriegsschiff in Trrna eine Truppenlandung per- sucht habe. Tic türkische Garnison habe dies verhindert; darauf habe das Kriegsschiff die Stadt bombardiert und die Kaserne, das Hospital und andere öffentliche Gebäude zerstört und sei dann abgefahren. Die Türken hatten vier Tote und sieben Verwundete. Italienischer Optimismus. Mailand, 10. Oktober.(W.T.B.) Corricre del'la Sera meldet aus Tripolis: Da viele türkische Offiziere im Hospital zurückgeblieben waren, indem sie sich als Aerzte ausgaben, so wurde das Hospital zu einem Mittelpunkt der Spionage. die mit den geflüchteten türkischen Truppen in Verbindung stand. Daher verfügte Kommandeur Cagni die Ausweisung der Aerzte. Di- militärische Lage gibt nicht viel An» laß zu Besorgnis. Häufig eintreffende Ueberläufer erklären. die türkischen Truppen hätten keine Führer und seien deSorga- nisiert. Allnächtlich kommt es jedoch trotzdem noch zu Alar- mierungen, da die türkischen Ausklärungstruppen sich der italienischen Vorpostenkette zu nähern versuchen. Das Fort Sul- tania wurde in die Luft gesprengt, nachdem die italienischen Truppen es geräumt hattew, Schwerer Bauunsall. Reval, 10. Oktober.(W. T. B.) Beim Einsturz eines Mauerteils des im� Bau begriffenen E st h i s ch e n Theaters sind etwa 15 Personen„nter den Trümmern verschüttet worden. Bisher sind e i n Toter und fünf Verwundete geborgen. Wolkcnbrüche in Santa Cathariaa Rio de Janeiro, 10. Oktober.(W. T. B.) Nach geringer Unterbrechung haben die seit acht Tagen herrschenden Wolkenbrüche wieder eingesetzt und unberechenbaren Schaden verursacht. Be- sonders schwer heimgesucht wurde die fruchtbare Gegend zwischen Jtajahi und Blumenau im Staate Santa Catharina, sowie die Stadt Blumenau selbst, deren Einwohner größten« teils deutschen Ursprungs sind. Paul Singer sc Co., Berlin ZW. Hierzu Z Beilagen u. Unterhaltung«'»«. Nr. 288. 28. Jahrgang. 1. Scilatt des Joniiätfs" KMer llolliolilntt. Millich. 11. eiitolirr 1911. Graf Voltt-Metternich vor Gericht. (Sechster Tag.) In der gestrigen Verhandlung wurde der Rest der Anklage- ?älle erledigt, der Untersuchungsrichter, der eigenartige„General- znajor a. D." Pauli und der Oberleutnant von Vetter vernommen. Heute um 9 Uhr sollen die Plaidoyers beginnen. Im März 1910 kam Metternich zu dem Gärtner Riesbeck in der Neustädtischen Kirchstraße, bei welchem er schon öfter kleine B-estellungen gemacht hatte. Er bestellte einen Rosenstrauß zum Preise von SO Mark für eine Künstlerin, die im Kaiserhof wohnte. Er soll dabei gesagt 'haben, er kaufe sonst bei Bock, wo er einen Kredit von 299 bis L99 M. habe. Er werde aber dort überteuert und komme deshalb zu ihm. Die teueren Rosen, die das Beste sein sollten, das es ,nbt, wurden geleistet. Riesbcck hat später vergeblich versucht, Zahlung zu erhalten, Mahnbriefe hatten keinen Erfolg, R. mutzte deshalb den Klageweg beschreiten. Jetzt erst, im August, ist Zahlung geleistet worden. Der Gärtner bekundet, den Kredit gewährt zu haben, weil er sich überzeugt hatte, daß es sich wirklich um den trafen Metternich handelte. Pumperei im Hotel Esplanabe. Ter Zeuge Frey, Direktor des Esplanade-Hotels, bekundet u. a. folgendes: Der Angeklagte hat im Esplanade-Hotel verkehrt und Essen und Trinken stets bezahlt. Einmal habe ich ihm ein Dar- lehen von etwa 199 M., welches ich wiedererhalten habe, gegeben. Der Graf erzählte dabei, datz er reich heiraten werde. Eines Abends Zam er wieder und wollte von neuem Geld von mir leihen, was ich aber ablehnte. Dann kam er und gab mir einen Scheck, auf den hin ich ihm 199 M. lieh. Nach 3 Tagen kam der Scheck zurück, weil keine Deckung vorhanden sei. Auf Vorhalt und Drohung mit einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte die Deckung besorgt und den Scheck zurückerhalten.— Angeklagter: Sie haben in der vorigen Verhandlung bekundet, datz ich sogar Kellner an- gepumpt hätte. Ich möchte bitten, datz mir diese Kellner namhaft gemacht werden.— Zeuge: Ei» Oberkellner wird bekunden, datz Sic ihn angepumpt haben.— Angeklagter: Ich mutzte nicht, datz dies ein Kellner war, ich habe den Betreffenden stets für den Hotelmanager gehalten. Außerdem will ich, wenn es darauf an- kommen sollte, die Namen von Gardckürassiercn, Gardculanen, Gardehusarcn nennen, die im Esplanade- und im Monopol-Hotel die Kellner angepumpt haben, wenn sie vom Rennen kamen und beim Jeu satzen. Im Esplanade-Hotel wird auch gejeut. Zeuge: Das muh ich bestreiten. Der Untersuchungsrichter, Landrichter Dr. Dreist, erklärt: Es tst völlig ausgeschlossen, datz ich von dem Justizminister die Anweisung erhalten hätte, die Voruntersuchung gegen den Angeklagten, soweit er in der Stallmann-Asfäre in Frage kommt, noch nicht zu schlietzen. Der Justizministcr kannte den Stand der Sache gar nicht. Die Boruntersuchung ist nicht geschlossen, weil nach Stallmann noch weiter recherchiert wird. Ueber Beeinflussungen von Zeugen durch den Angeklagten während der Untersuchungshaft teilt der Zeuge auf Befragen folgendes mit: Der Angeklagte hat, während er stch in der Charite befand, Versuche gemacht, Briefe an seine Frau meiner Kenntnis zu entziehen. Er soll die Briefe durch einen Eharitewärter und die Verwandte eines anderen Patienten hinaus- «cschniuggelt haben.— Staatsanwalt: Ist Ihnen bekannt, datz der Angeklagte in einem dieser Briefe seine Frau ersucht hat, nichts davon zu erwähnen, datz er es gewußt habe, datz sie Geld von einem gewissen Herzfelder, mit dem sie...— Angeklagter(höchst erregt dazwischenrufend): Das ist nicht wahr, das ist eine ganz gemeine Lüge. Der Borsttzende erklärt, man wolle auf die Sache nicht näher eingehen, allem Anschein nach wollte der Angeklagte, seine Ehefrau sollte nichts aussagen, was den Verdacht einer Gei- stcskrankheit aufkommen lassen könnte. Das bestätigt der An- geklagte. „Generalmajor a. D." PaulU Mit einer großen Reihe von Orden und Ehrenzeichen ge- schmückt und von einer Pflegerin geleitet, betritt der Zeuge Pauli den Gerichtssaal. Borsihcndcr: Es hat sich die Notwendigkeit er- kleines f cuilleton. 20 000 M. für eine Gedankenübertragung. Die Frage der Ge- dankenübertragung hat die Menschheit von Zeit zu Zeit immer wieder in Aufregung versetzt und zuweilen geradezu Epidemien des Aberglaubens herbeigeführt. Daß eine gewisse Beeinflussung des Denkens und Wollens sowohl auf dem Wege der unmittel- baren Berührung, alS� auch durch den Raum hindurch stattfinden kann, wird niemand völlig bezweifeln, der ein aufmerksamer Aeob- achter ist. Etwas ganz� anderes aber wäre es, wenn sich die Ge- danken auch über Entfernungen hinaus übertragen könnten, bei denen von einer unmittelbaren Einwirkung durch Blick oder Stimme keine Rede mehr sein kann und auch das geschriebene Wort nicht mitspricht. So unerklärlich derartige(übrigens nie be- glaubigte) Vorkommnisse auch erscheinen müssen, werden sie doch immer wieder geglaubt, zum mindesten in Verbindung mit Träumen, und manck)« Leute, wie der berühmte Swedenborg, haben ihren großen Einfluß hauptsächlich auf Grund einer angeblichen Fähigkeit der Gedankenübertragung und der Fernseherei erworben. Bei der großen Anhängerschaft, die solchen Ideen noch heute zuteil wird, ist es vielleicht ganz verständig, wenn ein reicher Amerikaner in einem Aufruf in der angeschenen Wochenschrift„Science" einen Geldpreis von nicht weniger als 29 999 M. für einen wirklichen Nachweis einer Gedankenübertragung aussetzt. Zunächst hat dies eigenartige Unternehmen schon den Erfolg erzielt, das; der Begriff der Gedankenübertragung einmal sorgfältig definiert worden ist. Es soll darunter verstanden werden, daß unter gewissen bisher noch nicht aufgeklärten Bedingungen die bei dem Tcnkvorgang im menschlichen Gehirn sich abspielenden Bewegungen durch ein gleich- falls noch unbekanntes Medium nach einem anderen Gehirn über» tragen werden und in diesem die gleichen Bewegungen und damit auch die gleichen Gedanken erzeugen. Danach wäre der Vorgang ähnlich vorzustellen wie eine Uebertragung durch drahtlose Tele- graphie. Datz dafür wirklich ein Nachweis erbracht werden kann. ist freilich sehr zu bezweifeln. Warnung. Wir warnen Neugierige. Nämlich sick, etwa für ihr teures Geld Vorstellungen im Dent'chcn Theater anzusehen, nachdem die Premiere länger als eine Woche verstrichen ist.(Früher waren es fünf Wochen.) Wenn die Berliner Kritik diese Vorstellungen, die Reinhardt dem Publikum z« bieten ivagt, kritisieren würde— die Urteile würden anders ausfallen als jetzt. Sonunerthkater in Zerbst, Ziäi'en oder Piepen-Eichen—: das sind so ungefähr die Aullänge dieser Kunst.. Nehmen wir das letzte Vorkommnis dieser Art. Auf den Säulen steht: Penthesilea... Gertrud Eysoldt. Das Parkett kostet ungefähr 7 M.. der gute Platz; zweiter Rang g.hv M. Du kommst ins Theater, und außer einer gut besetzten, winzigen Nebenrolle stehst du einen guten Schauspieler. Die Eysoldt?— keine Spur. Irgend jemand, eine Dame, die die harten, dunklen Verse geben, Sie noch über einige Punkte zu befragen.— Zeuge(mit erhobener Stimme): Ich möchte recht viel hier reden, denn ich bin in der schmachvollsten Weife angegriffen und beleidigt worden, und zwar vom Staatsanwalt, demselben Herrn, der schon einmal den Grafen einen gemeinen Betrüger genannt hat. Er glaubt wohl, mit mir ebenso verfahren zu lönnen. Das gibt eS nicht!— Vor- sivendcr: Sie haben hier nicht in solchem Tone zum Gericht zu reden. Wie weit haben Sie die Berechtigung, Rang und Titel eines Generalmajors zu führen? Wollen Sie darüber Auskunft geben?— Zeuge: Na, warum denn nicht? Können wir ja machen! Hier liegen alle meine Patente vor und hier sind meine Orden und Ehrenzeichen.— Borsiticnder: Ich frage Sie nochmals: Sind Sie preußischer Gene- ralmajor?— Zeuge: Nein. Habe ich auch noch nie behauptet. Ich bin Major a. D., Stabsoffizier, das ist ungefähr ein Unterschied wie zwischen einem Referendar und einem Kammcrgcrichtsrat. Ich habe als preußischer Offizier den Krieg 1879/71 mitgemacht, habe das Eiserne Kreuz zweiter Klasse erhalten und bin bis zum Major avanciert. Dann erhielt ich eine Mission nach China und ging dorthin mit 12 Offizieren und 5 Unteroffizieren, um das chinesische Militär zu organisieren. Ich wurde zum Kaiserlich chinesischen Generalmajor ernannt und erhielt zwei hohe chinesische Orden. Später ging ich nach Peru und habe als Gcneralstabsoffizier mitgewirkt, die Revo- lution niederzuschlagen. Bei meiner Abreise wurde ich zum Generalstabsoberst der Republik Peru befördert. Auch den Titel eines Generalmajors der Republik Honduras trage ich. Ich habe hier in Deutschland in allen offiziellen Gelegen- bciten niemals den Titel Generalmajor geführt.— Staatsanwalts- schafts-Rat Porzclt: Nach der eingeholten Auskunft des peruanischen Generalkonsuls soll ei» mittelloser Offizier namens Pauli seiner- zeit nach Peru gekommen sein, habe sich des Verrats gegen den Präsidenten und seinen Kriegsherrn schuldig gemacht und habe dem General noch sein bestes Pferd gestohlen.— Zeuge Pauli: Ich habe die Konsulate im Auslande kennen gelernt; sie sind verächtlich, sie sagen nicht die Wahrheit. Auch hier in diesem Falle ist nicht die Wahrheit gesagt worden.— Staatsanwaltschafts-Rat Porzelt: Der Zeuge hat hier mit großem Nach- druck gesagt: er würde dem Grafen Metternich jede Summe ge- borgt haben.. Hat der Zeuge überhaupt Mittel? Zeuge: Sie müssen fragen: Hatten Sie Mittel vor drei Jahren? (Sehr laut): Ich habe inzwischen 198 999 M. verloren, ich bin wie so viele andere, beschwindelt und ausgenutzt worden.— Staats- anwaltschafts-Nat Porzelt: Haben Sie nicht schon den Offen- barungseid geleistet?— Zeuge: Herrgott, warum denn nicht? (Heiterkeit.)— Vorsitzender: Haben Sie also 1994 den Offen- varungseid geleistet?— Zeuge: Ja.— Vorsitzender: Dann können Sie doch auch nicht sagen, daß Sie den« Angeklagten jede Summe zur Verfügung gestellt hätten.— Zeuge: Damals hatte ich Geld; wenn ich es noch hätte, würde ich es ihm unbedingt zur Verfügung stellen, damit er endlich aus der Haft herauskommt und nicht wahnsinnig wird. Ordensschacher. Staatsanwaltschafts- Rat Porzelt: Sie vermitteln gegen Geld Orden?— Zeuge: I Gott bewahre! Das haben Sie wohl geträumt?— Vorsitzender: Das verneinen Sie unter ihrem Eide?— Zeuge: Haben Sie mich schon vereidigt? Vorsitzender: Sie sind schon einmal vereidigt worden und werden nachher nochmals den Eid leisten müssen.— Zeuge: Ich habe mit solchen Sachen noch nie Geld verdient. Haben Sie denn ein Gesetz, welches verbietet, daß man jemand aus Freundschaft Titel und Orden besorgt? Fragen Sie mich nicht so! Ich kann machen, was ich will.— Die Verteidigung beantragt, als Zeugen zu laden: 1. Den Oberhofmeister Ihrer Majestät der Kaiserin, Exzellenz Graf von SNirbach zu Berlin, 2. Landrat a. D. Kammerherrn von Rocll zu Berlin, 3. den Geh. Hofrat Rene zu Berlin. Diese drei Herren sollen als Zeugen und Sachverständige bekunden, daß es in den Kreisen der hohen und höchsten Gesellschaft absolut nicht als ehren- rührig oder herabsetzend angesehen wird, wenn jemand seine Be- Ziehungen zu Fürstlichkeiten, Regierungen oder anderen einfluß- reichen Stellen und auch Behörden dazu benutzt, dritten Personen, Kleists aufsagte und zerstückte. Und das ist nicht etwa eine Aus- nähme— I Es ist ein öffentlicher Skandal, eine ganz bekannte Tatsache, daß sich nach den ersten Vorstellungen Reinhardts Theaterschule und ein Chor unfähiger Statisten auf der Bühne austobt, während die Preinierenbesetzung spazieren gebt. Dagegen halle man das Lcssing-Theater, wie da noch in einem Jbsenstück nach hunderte» von Aufführungen die ersten Schauspieler so agieren wie am ersten Tage. Während Reinhardt, der Professor, den Fidschi-Insulanern Oedipus vormimt, werden den Berlinern echte LMissen und pappenc Schauspieler gezeigt. Theater. Pariser Theater.„Primerose". das neue Schauspiel der flinken Firma Flers und Caillarct, das am Sonnabend in der offiziellen Comödie Fraucaise seine Generalprobe erlebte, ist nur als Zeugnis für die augenblickliche Stimmung der berrschenden Bourgeoisie"interessant. Man hat die Trennung von Kirche und Staal gemacht, aber fühlt sich dabei doch nicht recht behaglich und niöchte lieber, um«dem Volle die Religion zu erhalten", eüien sanfte» Ausgleich mit dem Katholizismus in der Form einer liberalen und nationalen, von Rom einigermaßen unabhängigen Kirche. In„Primerose" wird diese Tendenz hauptsächlich durch einen Kar- dinal vertreten, der seinen Liberalismus in öligen Tiraden verschleißt. Ab und zu laufe» ein paar witzige Weiiditiigen unter und sie sind das einzig Erträgliche an dein iniserabcln Rührstück, worin die sonst so hormlos munteren Autoren ohne Geschmacksskrupel ununterbrochen an die Tränensäcke der Zuschauerinnen appellieren. Primerose, die junge Aristokratiii, die, weil sie sich verschmäht glaubt, ins Kloster geht und Pierre, der ilenestens belieble Gründer-Edelinann, der sie nach allerlei Hindernisseii dank der Säkularisation zum Schluß doch kriegt, lassen eine wahre lleberschivemmung von Seelenboheit, Selbst- Verleugnung und sämtlichen übrigen Tugenden über die Bühne fluten. — Die Taschentücher der Damen waren während der ganzen Vor- stellung in Bewegung, aber schließlich war es dem Publikum des Guten und der Güte zu viel. o. p. Musik. Am Montag wurde dem viclgeplagtsn Berliner Volks- ch o r eine wohlverdiente Ehrendcinonsträtion zu teil: der Riesen- räum der„Neuen Welt" gepreßt voll, der Jubel am Schluß klar verständlich! ES gab, wie schon vor einiger Zeit, das Oratorium von Robert Schümann:„Das Paradies und die Peri". Was wir damals und bei älmlichen Gelegenheiten gesagt, könnten wir leicht und breit wiederholen: Der Geaeiisatz zwischen den be- quem nachzuweisenden Uiivollkomineithcitcn deS Werkes und seiner meist hinreißenden Wirkung ist auffällig; Schuiilailiis Deklamalionsweise ist wenig abwechslungsreich, für die ciiifacke Erzählung wie für die reichste Lyrik bleibt sie sich ungefähr gleich, so mischt das Melodien- mit dein AusdruckSinteresse. wird aber in ihrer phantasievollen Romantik doch kaum wieder erreicht usw. Auch über die Leistungen des Chores und seiner Mitwirkenden dürfte kaum neues zu sagen sein; doch seien aus den Solisten die Sängerin der Pen. Elisabeth B o e h m vanEndert und sodann Paula W e i n b a u IN schon deshalb hervor die sich darum bemühen, Orden, Ehrenzeichen, Titel, Standes- erhühungen oder sonstige derartige Auszeichnungen zu erhalten, mit ihren Beziehungen in Verbindung zu bringen, um diesen Zweck zu erreichen. Nach längeren erregten Auseinandersetzungen zwischen der Bcr- tcidiguug und der Staatsanwaltschaft darüber, daß die Staats- anwaltschaft Verdrehungen und Verschiebungen der Verteidigung vorgeworfen habe, erklärt der Zeuge Pauli: Ich werde Strafantrag gegen denjenigen stellen, der das in die Zeitungen eingesetzt hat. Ich werde ihn verklagen wegen Beleidigung, Ehrenkränkung und Verleumdung. Sie haben mich in meinem Berufe und in meiner Existenz geschädigt, das ganze Gericht hat es getan, ich werde Sie alle auf Schadenersatz verklagen.— Borsitzcnder: Wir haben doch nichts mit den Artikeln in der Presse zu tun, da müssen Sie sich schon an den Verfasser und den verantwortlichen Redakteur wen- den.— Zeuge Pauli(zum Vorsitzenden): Sie haben das doch alles hier vorgebracht, Sie sind also dafür verantwortlich. Kriminalkommissar Krüger wird hierauf vernommen undi bekundet: Als ich Pauli 1998 in einer anderen Sache vernahm, ergab sich, daß er keineswegs über großes Vermögen verfügt und außerstande war, Geld zu verleihen. Es handelte sich damals um die Vermittelung von Titeln, Orden und Würden. Gelegentlich einer Haussuchung vor wenigen Monaten in einer hannoverschen Sache sind bei dem Zeugen Briefe und Papiere vorgefunden, aus denen sich ergibt, daß Zeuge sich in großem Umfange mit der Per- Mittelung von Orden, Titeln und Würden beschäftigt. Auch mit einer Hciratsvermittclnug war er befaßt.— Zeuge Pauli bestreitet entschieden, für Titel- und Heiratssachen einen Pfennig er- halten zu haben. Er könne viele hochstehende Personen nennen, die auch Titel und Orden vermitteln, wenn die Betreffenden Geld für wohltätige Zwecke stiften. Als der Staatsanwalt erklärt, es sei ihm nur darauf angekommen, das Ansehen und die Stellung des Zeugen in das rechte Licht zu setzen, fährt der Zeuge Pauli erregt auf: Wer hat Ihnen das alles gesagt, das ist eine Lüge, das sind ja Redensarten; zu mir kommen viele Leute, die etwas wollen. Auf die Frage, ob er beschwören könne, daß er kein Geld be- kommen habe, erwidert Zeuge: Ich habe nie Geld genommen, ver- sprachen ist es mir manchmal.— Vorsitzender: Ahal— Zeuge: Was denn aha? Nein: Aha nicht. Versprochen wird viel, aber nicht gehalten. Bekanntschast im Schloß. Im weiteren Verlauf der Verhandlung kommt der Staats- anwnlt auf die Bemerkung des Angeklagten zurück, daß ihm Stall» mann von einem Offizier im königlichen Schlosse vorgestellt sei. Aus einer Auskunft des OberhofmarschallamteS ergebe sich, daß der Angeklagte nicht auf der Liste der zu den Hoffestlichkeiten Ein- zuladcndcn steht. Angeklagter erwidert, das habe er gar nicht be- haupten wolle; er habe einen Gardeoffizier in der Schloßwache besucht, darauf habe sich seine Bemerkung bezogen.— Staats- auwalt: Da könnte ja jeder, der 59 Pf. für den Besuch des Schlosses erlegt, sagen: Es sei ihm dieser oder jener im königlichen Schloß vorgestellt. Ordnungsstrafen. Als Zeuge Pauli nochmals befragt wird, ob er denn überhaupt in der Lage gewesen wäre, dem Angeklagten Geld zu leihen,� bittet der Zeuge, ihn zu entlassen, da er„das nicht mehr aushalte". Ter Staatsanwalt erzähle immer Sachen, von denen er keine Ahnung habe. Der Staatsanwalt beantragt gegen den Zeugen wegen des gegen ihn erhobenen Vorwurfs der Lüge eine Ungebührstrafe von 50 M. Auf die Frage des Borsitzenden, ob der Zeuge sich wegen des Ausdrucks Lüge entschuldigen wolle, erklärt dieser: Na, dann sage ich Unwahrheit. Rechtsanwalt Dr. Jnffe: Ich stelle fest, daß die Befragung nach den finanziellen Verhältnissen der Frau Wertheim der Verteidigung abgelehnt worden war. Angeklagter: Das wollen unparteiische Richter sei»! Das ist preußische Gerechtigkeit! Die Anträge der Verteidigung werden immer abgelehnt, die des Staatsanwalts aber angenommen. Nach kurzer Beratung beschließt das Gericht, die Anträge auf Ladung des Herrn v. Mirbach usw. abzulehnen. Ferner verkündet es: Gegen den Zeugen Pauli wird eine Ungebührstrafe von 24 Stunde» festgesetzt; diese soll vorläufig nicht vollstreckt werden. Zeuge Pauli ruft empört:„Wofür soll ich denn bestraft werden? Wollen Sie das zurücknehmen, was in der Zeitung stand? Ich ver- urteile Sie dafür zu 1599 M. Geldstrafe!" und verläßt den Saal. Das Gericht verkündet ferner: Es ist beschlossen, den Angeklagte» wegen seiner Aeußcrung: Das wollen unpartciischr Richter sein. gehoben, weil sie zwei nicht leicht zu vereinigende Partien zu be« wältigen hatte. Aber all das ist nicht die Hauptsache. Viel», ehr gilt eS jetzt erst recht, die bisherigen Anfänge volkslümlichcr Musikpflege stets weiter auszubauen, hoffentlich so weit, daß eS einmal möglich sein wird, einem Werk wie dem eben gehörten alle Mittel einer Muster- aufführnng, zumal ein genügend großes Orchester und eine ge- nügende Anzahl von Orchcstciproben, zukommen zu lassen. Weit ist der Weg bis zu einer— sagen wir: musikalischen Volksaladcmie allerdings noch. und anzufangen wird vor allem mit einem umfassenderen Anschluß aktiver Kräfte an den Volkschor sein. Doch eS wird sich lohnen. Und wenn wir jetzt hören, daß in wenig Woche» der Chor mit einem so onspruchsvollen Werke wie dem Requiem von I. BrahmS heraus- rücken wird, dann lohnt sich'S erst recht, selber und sofort mit Hand anzulegen._ sa. Notizen. — DaS Verbot der O r e st i e- A u f f ü h r u n g im ZirkuS Schumann, das die Polizei aus formellen Gründen über Direktor Reinhardt verhängt Halle, ist vorläufig aufgehoben worden. In- zwiichen wird die prinzipielle Streilfrage zum Austrag gebracht werden. — B r a h in S Nachfolger. Die schon seit längerer Zeit bekannten Nücktrittsivunsche des Leiters des Lessing-Theaters, Brahm, sollen zum Herbst 1914 berlvirklicht lverden. Wie das„Bcrl. Tagebl." erfährt, übernimmt Baruowsky, der Direktor des Kleinen Theater?, von diesem Termin ab das Leising-Theater.— Die all- gemeine Berliner Theatcrmisere wird bei solche» Aussichten— Reinhardt will auch seine hiesige Tätigkeit aufgeben oder erheblich einschränken— noch trister, als sie so schon ist. — Charles Mal herbe, der Bibliothekar der Pariser Großen Oper, ist in Paris gestorben. Obivohl er in der Affäre des Schumann-ChorcS von 1348 sich kleinlich und engherzig erwies, soll doch nicht verschwiegen werden, daß er ein tüchtiger Musilforscher und überaus eitriger Musiksammler war. Er hat viele seltene und kostbare Manuskripte(darunter auch besonders von deutschen Kom- ponisten) an sich zu bringen gewußt. Er war etwas verbittert, weil er seine Fähigkeit in Frankreich nicht genügend anerlannt glaubte. — Hoffentlich gelingt es jetzt noch, eine Abschrift von Schumanns „Hymne an die Freiheit" für die deutschen Arbeitersünger zu be» kommen. — TolstoisDra m'a„D erlebe ndigeLeichnam"(aus seinem Nachlaß) wurde im M o S k a u e r Künstlerischen Theater zum l. Male aufgeführt. ES ist eine Fannlientragödie und eine Anllage gegen die russische Justiz zugleich. Der lebendige Leichnam ist ein voriiehincr, aber verkommener Trunkenbold, der seine Frau verließ und ihr seinen Selbstmord ankündigte. Er gilt für tot, seine Frau hat einen Jugendfreund geheiratet. Aber das Geheimnis des Tst- geglaubten wird verraten. Die Frau wird wegen Bigamie verklagt. Die GerichlSszene verwandelt sich in eine Anklage gegen die russische Justiz. Ehe das Urteil gefällt wird, erschießt sich der„Leichnam", damit er nicht länger im Wege steht. Das nach einer wirklichen Begebenheit gearbeitete Drama,, das Verstehen und Verzeihen predigt, machte einen tiefen Eindruck. ba et NntersuchungSgefangener ist, in eine Disziplinarstrafe von Kostbcschränkung auf Wasser und Brot auf 48 Stunden zu nehmen. Angeklagter erregt: Meinetwegen 100 Stunden Wasser und Brot! Meinetwegen auch Kopf ab! Die Richter sind von mir moralisch gerichtet! Die Oeffentlichkeit wird mir Recht geben. Alles kann man in Preußen denn doch noch nicht knechten. Im übrigen will ich jetzt essen und verlange eine Pause. Die Mittagspause tritt ein. Nach derselben erklärt der Angeklagte, er habe die Bemerkung, das wollen unparteiische Richter sein, nur zu seinem Anwalt gesagt. Er und die Verteidigung sprechen die Ansicht aus, es dürfe nur eine Haft- oder Geldstrafe als Ordnungsstrafe verhängt werden, nicht ober die Disziplinarstrafe. Dos Gericht verweist auf den Weg der Beschwerde. Hierauf wird der Oberleutnant von Bettet nochmals vernommen. Der Staatsanwalt erklärt, daß die Verneh- mung dieses Zeugen mit Rücksicht auf die Behauptungen in dem Wolf Wertheimschen Artikel erforderlich seien. Aus die Frage des Staatsanwalts, ob des Zeugen Verkehr im Wertheimschen Hause recht intim war, erklärt der Zeuge: Ich glaube wohl, daß bei der Tochter die Meinung geherrscht hat, daß ich als Bewerber im Hause verkehrte, aber ich glaube daß das nur auf die Mutter zurückzu- führen war, die das Bestreben hatte, das Kind, welches krank war, zu beruhigen. Staatsanwalt: Haben Sie nicht ein» monatliche Rente von Frau Wertheim bezogen?— Zeuge: Rein, sondern nur ein Darlehn, bezüglich dessen ich noch vor nicht langer Zeit einen rein geschäftlichen Brief von Frau Wertheim erhalten habe. Ich habe 3000 M. und dann noch einige Raten zu 1000 M. erhalten.— Vors.: Haben Sie denn nicht angenommen, daß diese Hingabe des Geldes mit bestimmtem Endziel geschehen sei? Gewöhnlich werden doch WertheimS keine Darlehen geben.— Zeuge: Ich glaube eS damit erklären zu können, daß ich nach der Meinung der Mutter «inen guten Einfluß auf das Kind hatte.— Staatsanwalt: Haben Sie sich nicht mit der Frau Pinkus geduzt und ihr in Briefen Kose- namen beigelegt?— Zeuge: Nicht ich habe ihr. sondern sie hat mit Kosenamen beigelegt.— Staatsanwalt: Sie haben doch auch sehr wertvolle Geschenke ierhalten, beispielsweise einen Pelz, eine Kravattennadel und der- gleichen.— Zeuge: Ich kann, wie gesagt, nur annehmen, daß alles dies mit Rücksicht auf den leidenden Zustand der Tochter geschah. — Staatsanwalt: Haben Sie nicht bei Ihrer Uebersiedelung nach Mainz die Wohnungsausstattung auch noch aus dem Kaufhause übernommen.— Zeuge: Nein.— Es kommt noch zur Sprache, daß der Zeuge kaufmännischen Unterricht genommen habe. Er erklärt dies daniit, daß er dies auch schon früher getan habe, da er auf seinen Reisen im Auslande gefunden habe, daß«r in dieser Be- zichung eine Lücke ausfüllen müßte. Auf wiederholten Vorhalt erklärt der Zeuge nochmals: er habe nicht die Absicht gehabt, Frau Dollh z» heiraten, die Tochter mag vielleicht dieser Meinung gc- Wesen sein, und diese Meinung dürfte durch Frau Wertheim ge- nährt worden sein, obgleich diese aus einer Unterredung mit ihm das Gegenteil entnommen haben müßte.— Staatsanwalt Pvrzclt: Warum haben Sie das alles bei Ihrer Vernehmung nicht gesagt? — Zeuge: Meine Aussage habe ich gemacht, so wie ich gefragt worden war und wie ich es zur Aufklärung der Stellung des An- geklagten im Hause Wertheim für genügend erachtete. Der An- geklagte betont nochmals, daß der Zeuge ihm von alledem nichts mitgeteilt habe. Er habe annehmen müssen, daß er der einzige Bewerber sei und finde es komisch, daß neben ihm noch zwei oder drei Bewerber bis 2 Uhr nachts mit Frau Dolly allein zusammen geblieben waren. Zeuge von Vetter: Er habe der Frau Wcrtheim ' zwei, oder dreimal erklärt, daß er nicht heiraten wolle. Als Ge- rächte über seine Verlobung laut wurden, habe er seinem Regi- mentskommandeur auch entsprechende Mitteilungen gemacht, ebenso anderen Leuten; auch habe er auf einem Ball Frau Dolly offen- sichtlich„geschnitten". Er beton« nochmals, daß er keine Rente, sondern nur ein Darlehen von Frau Wertheim erhalten habe.— Rechtsanwalt Dr. Alsberg behauptet, daß andere Personen gleich- falls als Tafeldekorationcn gedient haben und Geld dafür bekommen haben. Auch mit dem jungen Thyssen sei man in gleicher Weise verfahren, weil man ihn gern als Schwiegersohn haben wollte. Bus der Partei. Die italienische Partei und das tripolitanlsche Abenteuer. Gewisse bürgerliche Blätter DeuischlandS gehen bei ihren Schilderungen der Bollsstimniung in Italien darauf aus, die italienischen Sozialisten als vom Tripoliskoller befallen hinzustellen. AuS Aeußerungen und Taten einzelner exaltierter oder unklarer Köpfe wird eine ganz falsche Schlußfolgerung aus die Haltung der Gesamtpartei gezogen. Demgegenüber sei festgestellt, daß da« Zentralorgan der italienischen Partei, der, A v a n t i*, von Anfang an mit allem Nachdruck gegen das tripolitanlsche Abenteuer Front gemach, hat und in jeder Nummer die imperialistische Politik vom prinzipiell sozialistischen Slanopunkte aus sowie au« Gründen der praktischen Politik und im Interesse der Humanität mit der größten Schärfe bekämpft. Der. A v a n t i' vertritt damit auch die Meinung der Majorität der Parlamentsfraktion und.die aller fortgeschritteneren und ktardcntenden proletarischen Kreise. Allerdings gibt es eine«uzabl Sozialisten in den verschiedenen Lagern, denen der imperialistische Rausch den klaren Blick getrübt hat. Wir nennen hier Bissolati, L a b r i o la usw. Am tollsten treibt es aber der sizilianische Abgeordnete D e Feltce, der schon so oft aus der Reihe getanzt hat und den die Kolonialbegeisterung sogar mit der„siegreichen" Flotte nach Tripolis trieb. Aber auch die sizilianische Bevölkerung scheint bis weit in daS Proletariat in «inen kolonialen Taumel gerate» zu sein, wobei daS süditalienische Temperament, die Unwissenheit und die mangelhaste sozialistische Aufklärt, ngsarbeit eine Rolle spielen. ES erweckt fast den Eindruck. als ob man sich mit dem kriegerischen Ldentener über das eigene Massenelend hinwegtäuschen wolle. Freilich sind nicht alle sizilianischen Abgeordneten für die tripolitanische Briganten« fahrt, so ninimt Genosse Cammarcri-Sinoti im„Avant!" ganz entschieden Stellung dagegen, aber diese Stimme der Bernunft verhallt neben dem marltschreierischen Getue eines De Felice, der seine Popularität emein PerioncnkultuS verdankt. der überall da in Blüte schießt, wo ungeschulte Massen in den Taten ihrer Parlamentarier Ossenbarungen einer höheren Weisheit sehen. Wozu das führt, zeigt eine Schilderung des Berichterstatters des „Avanti". der De Felice im Kriegshafen Augusta vor der Ei». schiffung na» Tripolis beobachtet bat. Am Abend vor der Abreise fand auf einem öffentlichen Platze ein Konzert statt, zu dem De Felice Arm in Arm mit einem Marineosfizier erschien. DaS Paar wurde von den Klängen des Königsmarsches empfangen, dem allerdings später die Arbeiterhymuc folgte. Slö Belohnung für sein der Regierung sehr angenehmes Verhalten erhielt De Felice die Erlaubnis, die Ueberfahrt noch Tripolis auf einem Torpedobooljäger zu machen. Er nahm dann an dem„Helden- haften" Bonibardement von Tripolis teil und beglückte die Welt mit Nachrichlen vom Kriegsschauplatz, die die anderer italienischer Korre'pondenien an südlicher Phantasie und kriegerischem Pathos weit überirafen. ES ist aber durchaus falsch, die italienische Partei als solche für den Wirrkopf De F> lic« verantwortlich zu machen. ES ist wohl anzunehmen, daß der bevorstehende Parteitag von Modena ganz entschieden von dieser Spezies eine» kriegerischen Sozialisten abrückt. »* Hebet die Stellung Bissolati» zur Tripolisaffäre schreibt man uns unter dem 7. Oktober au» Rom: 1 Bissolati veröffentlicht im Mailänder„Secolo" einen Artikel über die Haltung der Demokratie zur Tripolisfrage nach der einmal erfolgten Besetzung. Er meint, daß es jetzt nicht mehr am Platze fei, protestierend seitab zu stehen. Bielmehr müsse man daran dringen, eine unnütze Erbitterung der Türkei zu vermeiden und ihr durch finanzielle Abfindung weitere Demütigungen ersparen. In diesem Sinne müsse das Wirken der Demokratie gerichtet sein, um einerseits die Möglichkeit freundschaftlicher Beziehungen zur Türkei nicht für alle Zukunft zu zerstören, und andererseits die europäischen Großmächte. mit deren Zustimmung Italien heute vorgeht, nicht über das Maß dieser Zustimmung hinaus zu treiben. Die Organisationen zum Jenaet Parteitag. Mit den Verhandlungen des Porieitages befaßten sich in zwei Versammlungen die Genossen der Wahlkreise Köln»Stadt und Köln-Land. Der Delegierte Partei- iekretär Runge bedauerte, daß gelegentlich der Marokko- hetze daS Internationale Bureau nicht in feiner Gefamtdeit zusammengetreten ist, um eine allgemeine Protestaktion einzuteilen. Der zweite Kolner Delegierte, BezirkSsekrerär H o f r i ch t e r, ver- gleicht die Maifeier mit einem Karren, an dem die Pferde noch verschiedenen Seiten ziehen. Es zeuge aber für die Lebensfähigkeit des Maiseiergedankens, daß er trotz allem nicht totgeredet werden konnte. Wenn der internationale Kongreß erneut über die Maifeier entschieden habe, müsse sich, einerlei, wie die Entscheidung falle, jeder fügen. Der Nürnberger Beschluß habe bestehen bleiben müssen, da man von den Arbeitern nicht höhere Opier fordern könne, als von den Angestellten. Syndikalistische Anschauungen könne man der Gruppe Ledebour unmöglich vorwerfen. Die Amendements zur Marokkorefoluiion, die dem Parieitag einige Tage vorgelegen habe. feien abzulehnen gewesen, weil sie im letzten Augenblick eingingen. In der Marolkofrage sei die Partei völlig einig gewesen. Genosse M e e r f e l d gibt der Meinung Ausdruck, daß der Anarchosyndikalismus sich theoretisch in gewissen Köpfen festgesetzi habe. Es sei ei» Verdienst des Genosse» Wels, die Konvenlikel- Wirtschaft aufgedeckt zu haben. Die neue Richtung erinnere ihn an die„Jungen" vor zwei Jahrzehnten. Genosse H o t ck s bedauert, daß die Erörteriing der imperia- listischen Polnil zu kurz gelommen sei. Die Opposition der Genossin Luxemburg sei verdienstvoll gewesen. Er widerspreche entschieden der Meinung, daß in der Partei syndikalistische Unterströmiingen im Gange seien; die Gruppe Luxemburg sei gegen den SyndilaliSmus. Genosse S o l l nr a n n verwirft eS, gegenüber Luxemburg und Ledebour von Syndikalismus und Phrafeuren zu reden. Angesichts der Gefahr eines Weltkrieges sei der Parleivorstand nicht auf seinem Pasten gewesen. Energisch müsse gegen die Sondertagungen der beiden Richlungen proiesliert werden; da fehle nur noch der Ab- stimmungSzwang. Kllnstig müßten die Delegierten verpflichtet werden. an solchen Fraktioiissitznngen nicht teilzunehmen. Genosse H o f r i w t e r bezeichnet den Vergleich der Gruppe Luxemburg mit den„Jungen" als verfehlt; denn diese hatten den P.irlameniariSmuS verworfen und ihn lediglich als Milte! zur Agi- tation gebrauchen wollen. Die Soiiderziisammeiilünfte seien do» beiden Seiten veranstaltet worden, und eine Folge der Zusammen- lunst van Rechts fei die Demoiistrationskaiididatnr gegen Haase. I» der Zusanimenkniift der Linken bade Ledebour Karikaiurbilder von einzelnen Mitgliedern des Vorstandes gezeichnet und dabei keinerlei Anklang gefunden.— Genosse Runge legt die persönliche Zuspitzung der Debaiie ani dem Parteitage der Genossin Luxemburg, die die Diskussion eröffnete, zur Last. Mit der Prolestaklion gegen die Kriegshetze hätte man nicht auf den Parleivorstand warten zu brauchen und tatsächlich seien die Genossen allenthalben auch schon vor dem Erscheinen des Aufrufs aus sich vorgegangen. Die Verlaminluiig nahm eine Resolution an, worin fie u. a. gegen die Sonderzusainmenküiifte aus den Parteitagen pro- testierte und die Erivarlung ausspricht, daß im Interesse der Einheit der Partei solche Konferenzen in Zukunft unterbleiben. Niederrheinischer Parteitag. Di« Parteigenossen des Agitationsbezirks Niederrhein hielten am Sonntag ihren Parteitag in Elberfeld ab. Verireten waren sämtliche 14 Wohlkreise durch Il4 Genossen. Für den Par- teivorstand war Genosse Scheidemann erschienen. Aus dem vom Parteisekretär Haberland erstatteten Geschäftsbericht heben wir folgendes hervor: Mit Ausnahme des noch sehr rück- ständigen Krei-es Cleve-Geldern haben alle Wahlkreise einen er- freulichen Fortschritt in der Organisation zu ver. zeichnen. Die Zahl der Parteimitglieder ist um 6709 oder 22.8 Proz. gestiegen. Prozentual sind die Ziffern der männlichen und weiblichen Mitglieder gleichmäßig gestiegen. Die Gesamtzahl der Mitglieder beträgt 36 098, darunter 6647 weibliche. Die Reineinnahme der Kreise stieg von 166 661,21 M. auf 200 763,08 M. oder um 21,2 Proz. An den Partcivorstand wurden 20 510,39 M. und an das Agiiationslomitee 15 851,51 M. abgeführt. Die Abreckmimg des AgitationSkomileeS weist eine Reineinnahme von 16 907,19 M., eine Ausgabe von 13346,19 M. und einen Kassenbestand von 8291,01 M. auf. Versammlungen wurden 2292 abgehalten, darunter 359 öffent» liche. Schriften wurden verbreitet im ganzen rund 2'ch Millionen, darunter etwa 250 000 unentgeltliche Broschüren. Außerdem wurde der Agitationskalender in einer Auflage von 238 750(darunter 6250 polnische Kalender) und die AgitationS- schrift„Morgenrot" im monatlichen Durchschnitt von 24 000 Exem- plaren verbreitet, letztere zum größten Teil gegen Bezahlung. Sozialdemokratische Gemeindevertreter gab es im Bezirk am Schlüsse des Berichtsjahres im ganzen 166, davon ent- fallen 117 ans 25 Städte und 49 auf 21 Landgemeinden.— Das Bildungs wesen ist in Gemeinschaft mit den Gewerkschaften und den BildungSauSschüssen einer Reorganisation unterworfen worden, der der Parteilag seine Zustimmung erteilte. Danach wird der Agitationsbeziri in drei Unterbczirke mit den Vororten Elberfeld, Düsseldorf und Essen eingeteilt, die je einen Vorortausschuß wählen, der in Gemeinschaft mit den Orts- oder Kreisbildungsausschüssen seine Tätigkeit zu entfalten hat. Als oberste Leitung fungiert ein BezirkSbildungSauSschuß, der in Elberfeld seinen Sitz hat und gebildet wird aus je einem Vertreter des AgitationskomitecS und der Gewerkschaftszentrale, drei Ver- trctcrn des VorortauSschusseS Elberfeld und je einem Vertreter der übrigen Vorortausschüsse. Beschlossen wurde, bei dem Parleivorstand die A n st e l l u n g eines zweiten Parteisekretärs zu beantragen, der speziell In den schwarzen Kreisen am Niederrhein, die noch keine KreiS-Parteisekretärc haben, seine Tätigkeit entfalten und in Kre- feld seinen Wohnsitz nehmen soll. Genosse Scheidemann hielt einen Vortrag über die Reichs- tagSwahlen, dem eine längere Diskussion folgte, in der für die Wahlarbeit zahlreiche Anregungen gegeben wurden. Das Agi- tationSkomitee behält seinen Sitz in Elberfeld» AuS dem Wahlkreis MmiSfcl». Eine recht schwierige Agitation haben unsere Genossen im Maus- feldscken. Oeffeinliche Versammlungen, die von der Genehmigung der Behörden abhängig sind, werden ausnahmslos verboten, wobei die drolligsten Gninve herhalten müssen. Dem Genosten Eh. wurde für den Ort Siebigerode die Genehmigung verweigert, weil bei einer früheren Beriammlima der betreffende Landbesitzer Bier in Flaschen abgegeben Hobe und auch Strafen deshalb erfolgt seien. Auch der Landrat v. Hasiell schlägt in dieselbe Kerbe. Auf eingelegte Beschwerde bin antwortete er, daß der 2.75 Meter breite Zugang zu eng sei. Auch sei ein Chansiee- grabenobhang. der allerdings durch einen Zaun vom Grundstück ge- trennt ist. für die Bersammlungsbesucher gefährlich. Der Abbang ist in schräger Lage 1'/, Meler, also senkrecht noch keinen Meter'tief Gleichwohl halte der vorsorgliche Landrak Angst. eS könnten einem Besucher beim Kollern in den Graben die Knochen gebrochen werden. Lber tut Herr Landrat sorgt auch für die Zukunft. Dem Genossen Eh. teilte er mit. bei Neuanmeldung einer Versammlung werde zu prüfen sein, ob nicht noch weitere Bedingungen zu erfüllen sein würden. Aber der hartnäckige Einberufer hat schon wieder eine Versammlung angemeldet. Die Genosien sind neugierig auf die neuen Bedingungen sowie auf den Ausgang der Beschwerde bei der Regierung in Merseburg._ Die Arbeiter von Utah für den Sozialismus. Nun haben sich auch die Arbeiter des amerikanischen Mormonen- staateS mit bemerkenswerter Schärfe für daS neue Evangelium erklärt. Die Konveulion der Staalsarbeitervereinigung in Ogden, auf der mehr als 10 000 Gewerkichafter vertreten waren, nahm, im Gegensatz zu der alten Regel, die jede Behandlung politischer Fragen verbot, auf's lebhafteste zugunsten der Socialist Party Stellung. Fast einstimmig wurde eine Resolution angenommen, die das Ver- halten der Staats- wie der Bundesregierung in Arbeiterstreitigkeiten scharf tadelt, die Socialist Party als die einzige Vertreterin der Arbeiterinlereffen anerkennt und die organisierte Arbeiterschaft auf- fordert, für den Sozialismus zu arbeiten, um die Befreiung der Arbeiter von den Ketten der Lohnsklaverei zu beschleunigen. Eine zweite Resolution richtet sich gegen GomperS. Sie tadelt eS scharf, daß er mit Carnegie und sonstigen schlimmsten Arbeiterfeinden in der Civic Federation zusammeiisivl, und forderte ihn auf, dort auszutreten oder die Leitung des Gewerkschaftsverbandes niederzulegen.— Weiler wurde die Gründung eineS Wochen- blatteS besprochen. Sämtliche gewählte Beamten sind Sozialisten. Unser deutsch-ungarisches Parteiorgan, die.Volksstimme", bisher ein Wochenblatt, erscheint seil dem 1. Oktober dreimal wöchent- lich. Einmal in der Woche bringt eS die Beilage„Der Berg- orbeiter". Man hofft, in absehbarer Zeit ein Tageblatt heraus- zugeben. Skandinavische Sozialisten. Der Skandinavisch- Sozialistische Verband, der seit einigen Monaten ein schwedisches Wochen- b l a t t herausgibt, hat nun auch ein dänisch-norwegischeS Blatt iiiS Leben gerufen. ES wurde beschlossen, daß Inserate von Pateniniedizinen und von Wirlichaflen nicht aufgenommen werden dürfen._ Jugendbewegung. Die italienische Jugend und der Krieg. Man schreibt unS aus Rom vom 7. Oftober: Die in der Nacht vom 7. Oktober erfolgte Abfahrt des 82. Infanterieregiments zum Kriegsschauplatze Hot zu einer großen Demonstration für das tripolitanische Abenteuer Anlaß gegeben. Die bürgerlichen Blätter berichten von 200 000 Demonstranten, aber wenn man die Zahl auch halbiert, wobei man annähernd das richtige treffen würde, bleibt sie noch immer groß genug. Gewiß darf man solche Massenäußerungen in ihrem Wert nicht überschätzen. Eine Bevölkerung wie die römiiche läßt sich nicht gern um ein Spektakel betrügen. Früher gaben ihr die Imperatoren Brot und Spiele: beule will sie wenigstens ihren Teil an Spielen nicht missen. Aber man mag noch so viel von der Demonstration auf die übliche Speklnkelsucht auf« rechnen, es bleibt doch die Talsache bestehen, daß in dem Publiluin teilweise echte Begeisterung sich gellend machte. Wohlverstanden befanden sich wenig erwachsene Arbeiter darunter, und die Haupt- masse bestand aus Kleinbürgern. Gymnasiasten und Studenten. Die wenigsten mögen gewußt haben, um was eS sich drehte. Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache von Bedeutung, daß noch heute der Krieg und die ihm innewohnenden Gefahren und Wagnisse mit einem solchen Nimbus umgeben sind, daß sie große Menlcheiiinengen und besonders die Jugend zur Begeisterung hinreißen. Man ersieht daraus, wie tiefe Wurzeln die Eiziehung noch in der Psyche eines großen Teils der Bevölkerung hat. jene Erziehung, die die Begriffe von Heroismus, Größe und Wagnis schlechthin mit Kriegsuntcrnehmen und kriegerischer Gewalttat identifiziert. Solange es junge Menschen geben wird, werden sie sich an dem Gedanken der Gefahr, des hohen Spiels und der Hingabe an große Zwecke berauschen und begeistern. Die heutige Erziehung versiebt eS. diesen Idealismus und dieses Ueberichäumen mit der Ideologie kriegerischer Geivalliaten zu verquicken. Es ist Sache der sozialistischen Jugenderziehung, die heranwachsende Generation zu lehren. daß eS lühnes Wagnis und heldenhafte Hingabe auf den Gebieten des Friedens gibt, und die Begeisterung der Jugend hierher zu lenken. Schon in der Schule werden Kundgebungen wie die gestrige vorbereilet; die Familie muß ihnen entgegenwirken, nur eine sozialistische Kindererziehung kann ihnen vor- beugen._ Eine Niederlage der Polizei in Halle. Zu Pfingsten dieses JabreS hat die Polizei in Halle den nach dort eiuberufenen Jngendtag aufgelöst, weil der Genoffe Peters» Berlin eine politische Rede gehalten haben sollte. Peters wurde damal« sistiert und zwei Tage long in Haft behalten. Außerdem wurden noch weitere 17 Sistierungen vorgenommen, die Räume des VolksparkeS, in' der Jugendlag stallfinden sollte, wurden ge- sperrt, eine Am ql Slrafinandate im Gciamtberrage von über 500 Mark wulve» verfügt, der Redakteur deS.Halleschen BolkSblatteS", Genosse Koenen, hatte einen Prozeß zu bestehen, und nun Haidas Schöffengericht in Halle am Dtensiag in der Verhandlung der An- llage gegen PeterS festgestellt, daß die Rede, die er gehalten hat, keine polttijche war. Peters wurde deshalb freigesprochen. Bus Industrie und Kandel. Margarine als deutsches VokkSnahrnngSmittel. Jahrtausende alte Erfahrungen haben die frische Milchbufter alS daS dem menschlichen Organismus bekömmlichste Nährfett erwiesen und halbwilde Hirtenvölker, die noch nicht den Segnungen einer agrarlapitaiistischen WirlichasiSordnung teilhaftig geworden sind, dürfen heute noch diese gleichzeitig köstlich mundende Speise in ge- nügenden Mengen lonsuimeren. Ein zivilisierter Europäer jedoch darf dies dank der hvchichntzzölliierischen Politik seiner fürsorglichen Regierungen nur dann, wenn er wohlhabend genug ist, um die horrenden und in diesem Jahre der Fuilernol zu schivindelnden Höhen emporsteigenden Butterpreiie zu bezahlen. Einzig da« zwar viehornie. oder sreihändlerische England bildet unier den europäischen Großstaaten in der Butlervcrsorgnng seiner Einivvhner eine Ausnahme. indem es für etwa 400 Millionen Marl jährlich Butter aus rein agrarsichen Ländern beziehr. Das gleichfalls überiviegend industrielle, aber im einseitig agrarische» Interesse regierte Deutsch- land hingegen kann zwar seiner bntterbedürfligen Bourgeoisie zuliebe leine Grenzen gegen diese Ware nichi volllomme» sperren, bringt eS jedo» durch einen hohen Einfuhrzoll immerhin fertig. seinen Butterimport auf etwa den fünscehnten Teil des englischen herabzndrücken und bloß nngcführ für 26>/z Millionen Mark Butter jährlich einzuführen. Was Wunder, daß die Milch- bntler für die arbeitenden Schichten des Volkes beinahe zu einem unerschwinglichen Luxusartikel und ein unter dem Namen„Margarine" oufgetominener sogenannter Butterersatz zu einei» regelrechten Volks- »ahrungSmiitel geworden ist. Leider ist die deutsche Gcsanilprodutlion der Margarine statinisch nicht zu ermitteln. Man kann sich ade- eine ungefähre Vorstellung von ihrem Ricleiiumfailg machen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die wegen der diesjährigen Ver» gisiuiigSiälle bekannten Margarinewcrle Mohr u. Eo. in Altona» Ollensen allein täglich 120 000 Pfimd produzierten. Aber, was dürfen wir uiiler Margarine verstehen? Laut dem recht allgemein gehaltenen Reichsgesetz, betreffend den Verlehr mit Butter. Käse, Schmalz und deren Ersatzmitteln vom l5. Juni 1897, § 1, Abs. 2,„sind Margarine diejenigen der Milchbutter oder dem Butterschmalz ähnlichen Znbereiluugen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt". Worin hat nun die nicht näher gekennzeichnete Sehnlichkeit dieser Zubereitungen zu bestehen? DarLver hat ims der vom 8. dtZ 10. Juni d. I. vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Altona gegen die Firma Mohr u. Co. durchgeführte Prozeß Aufschluß gegeben: in der Farbe, im Geruch und im Geschmack. Außerdem ist Giftfreiheit und ein der Butter konformer Fettgehalt Bedingung. Unähnlich darf das Präparat also in seiner sonstigen Zusammensetzung sein, sofern diese nicht direlt gesundheitsschädlich ist. Die Unähnlichkcit erstreckt sich also gerade auf den wichtigsten Punkt, die chemische Zusammensetzung, und dies muß um so bedenklicher erscheinen, als es zumindest heute noch rechr fraglich ist. ob die für den menschlichen Organismus so günstige Wirkung des Milchbutterfettes nicht gerade durch feine Bindung mit der Milchsäure verursacht wird und ob nicht gewisse Fette, die in Bindungen mit anderen, vielleicht absolut harmlosen Stoffen dem Körper' verabfolgt werden, einen mehr oder weniger großen Teil ihres Nährwerts einbüßen. Ja selbst die Giftfreiheit muß der Fabrikant nur chemisch fest- stellen lassen, obwohl der Direktor des kals. Gesundheitsamtes, Geh. NegierungSrat Dr. W. Kerf in einem am S. August d. I. in der .Umschau" über.die Verwendung unbekannter Fette" veröffentlichten Artikel zugeben mutz, daß der Chemiker bei dem jetzigen Stand feiner Wissenschaft hierüber noch kein entscheidendes Uneil abgeben kann, sondern einzig der Arzt auf Grund des pharmatologiswen Tierexperimentes. Aber selbst wenn die Behörden nach den trüben Erfahrungen der leylsn Jahre schärfere Vorsichtsmaßregeln ergreifen sollten, um das Volk vor direkten Vergiftungen zu schützen, die Frage nach der Bekömmlichkeit der Margarine und ihrer Fähigkeit, die Milchbutter zu ersetzen, bleibt deswegen immer noch offen. Die Pflanzenteile, aus denen Margarine bereitet wird, wie das Baumwoll- samen-, Erdnuß-, Sesam-, Mowraöl usw. kommen vorwiegend aus dem Orient und werden in den meisten Fällen von den Ein- geborenen jener Zonen nicht als Nahrungsmittel sondern äußerlich gegen Wunden und Geschwüre verwendet. Bei uns dienten sie früher zur Kerzen- und Seifenfabnkalion. Im heutigen.sozialen" Klassenstaat aber muß sich das Volk von diesen der Butter künstlich „angenäherten" Kerzen- und Seifenstoffen ernähren. Die Margarine- fabrikanten freilich, die die hohen Profile einstreichen, führen sich indessen in Gesellschaft der edlen Junker, deren Politik sie die glänzenden Geschäste verdanken, beim leckeren Mahle die feinste Tee- buller zu Gemüte._ Allgemeine Elektrizitäts-Gcscllschaft. In der heutigen AufstchtS- ratssitzung berichtete der Vorstand über das Ergebnis des Geschäfts- jahres vom 1. Juli 1910 bis 30. Juni 1911. Nach Abzug von Un- kosten, Steuern, Obligationszinseu und Wschreibungen stehe» 22 140 729.29 M.(i. V. 18 425 225,78 M.) und zwar wieder aus- schließlich auS dem FabrikationS- und Warenverkaufsgescbäft zur Ver- fügung. Der Generalversammlung wird die Verteilung einer Dividende von 14 Prozent(wie im Vorjahre) auf 100 Millionen Mark alte Aktien und von 7 Prozent auf 30 Millionen Mark, vom 1. Januar d. I. ab dividendenbereibtigte, neue Aktien vorgeschlagen werden. Die Umsätze in den ersten zwei Monaten deS neuen Geschäftsjahres zuzüglich der vorliegenden Aufträge ü b e r st e i g e n die in der gleichen Periode des Vorjahres sehr beträchtlich. Kriegsfolgen. AuS Solingen wird vom 10. Oktober ge- meldet: Die Folgen des türkisch- italienischen Kiieges machen sich bei der b e r g i s ch e n K l e i n e i s e n i n d u st r i e, die einen be- deutenden Handel nacb der Levante treibt, bereits sehr stark be- merkbar. Aus den Bahnhöfen deS bergijchen Landes, besonders aber in Solingen, lagern große Mengen für die Levante bestimmte Waren. Der Betrieb ist um ein Drittel eingeschränkt worden. Soziales. Der Bergmann. Wenn viele Kinder einen Segen des Himmel? bedeuten, ivie die katholische Kirche lehrt, dann ist der BergmannSberuf in ganz besonderem Maße begnadet. Oesters schon haben Nationalökonomen auf die hohe Geburtenziffer bei der Bergarbeiterbevölkerung hin- gewiesen. In sehr eingehender Weise beschäftigte sich mit dem Problem Dr. Hannes Pyßk a.*) Unter Verwendung des ein- schlägigen Materials, wobei die Berufszählungen und die statisti- fchen Veröffentlichungen der Bundesstaaten die Quellen abgaben, hat der Verfaffer die Verhältnisse scharf beleuchtet. Eine minutiöse Verarbeitung und Gliederung der Zahlen, auf der Basis einer zweckentsprechenden Berufsgruppenbildung nach großen, mittleren und kleinen Gemeinden gesondert, erlaubt ihm ein ziemlich sicheres Urteil. In Anlehnung an die deutschen Berufszählungen greift er die Gruppe B. III(Bergbau, Hütten, Salinenwesen, Torfgräbcrei) heraus. Bezirke, in denen von je 1000 Einwohnern mehr als 500 zu dieser Berussgruppe gehören, bilden bei Phßka eine Abtei- lung A; in die Abteilung B rangieren die Bezirke mit je 300 bis S00 Berufszugehörige: die Abteilung C umfaßt Bezirke mit je 200 bis 800 Berufszugehörige, und Bezirke mit weniger als 200 Berufs- zugehörige von je 1000 Einwohnern gehören zur Abteilung O. In den Bezirken der ersten beiden Abteilungen ist keine andere Berufs- gruppe stark vertreten; dagegen sind die Bezirke der Abteilungen C und D teilweise stark durchsetzt mit Landwirtschaft. Textilindu- strie oder Metallverarbeitung. Ein wichtiges Moment bei der Untersuchung bildet die Untermischung der Bevölkerung mit Polen, Massuren. Kassuben. Betrachten wir nun die von Phßka gewonnenen Resultate, dann läßt sich folgendes feststellen: Während für die gesamte Bevölkerung Preußens nach den standesamtlichen Aufzeichnungen die Geburten- Ziffer von 39,1 Promille im Jahre 1882 auf 88,1 Promille im Jahre 1895 zurückging, und im Jahre 1907 ein weiteres Sinken der Ziffer auf 34 Promille sich ergab, war sie bei der Berufsgruppe B, III nicht nur allgemein größer, sie tritt auch mit einer Steige- rung in denselben Jahren aus dem Gcsamtrahmen scharf heraus. Die Geburten Promille nahmen zu von 45.2 im Jahre 1882 auf 51.5 im Jahre 1895 und sodann auf 53.4 im Jahre 1907. Als weiteres charakteristisches Merkmal ist hervorzuheben, daß die rela- tive Geburtenhäufigkeit konform geht mit der Stärke der Berufs- gruppe B. in in der Gesamtbcvölkerung. Die Abteilung A steht mit 52,9 Promille Geburten über dem Durchschnitt der ganzen Berufsgruppe, dagegen bleiben die Abteilungen B mit 46, C mit 40,8 und D mit 35,5 Promille hinter der mittleren Ziffer zurück. Weiter ergibt sich, daß die Bezirke mit der schwächsten polnischen Durchsetzung die höchste Geburtenziffer aufweisen. So hatte, um nur ein Beispiel anzuführen. Gelsenkirchen mit 631 Bergarbeiter- bevölkerung und 84 Polen pro 1000 Einwohner 56.2 Geburten; da- gegen Tost-Gleiwitz mit 132 Bcrgarbeiterbevölkerung und 822 Polen auf je 1900 der Gesamtbevölkcrung nur 44,4 Geburten. Diese Tat- fache kann jedoch nicht als Beweis dafür gelten, daß die Polen weniger fruchtbar seien als die Einheimischen; sie rechtfertigen nur die Annahme, daß weniger die Abstammung als der Berus die Geburtenhäufigkeit beeinflußt. Weiter glaubt der Verfasser die Beweislette so enge geschlossen, um behaupten zu können, daß ebenso wie die Nationalität, auch die Lehre der katholischen Kirche höchstens als mitwirkev-e Faktoren, v-�t aber als die hauptsächlich bestim. Menden für die hohe Fruchtbarkeit der Bcrgarbeiterbevölkerung angesprochen werden könnten. Wr. müssen unS hier darauf be- schränken, auf diese, durch detaillierte Zahlenangabe unterstützte Beweisführung hinzuweisen. Registriert sei an dieser Stelle auch nur, daß Pytzka die von ihm ermittelte hohe Fruchtbarkeit der Berg- arbeiterbevöllcrung an der Hand von Vergleichszahlen auS Nord *) I. Bergarbeiterbevölkerung und Fruchtbarkeit. Hannes Svßka. Doktor der Staatswiffenschaften. München 1911. Perlag. , Birk u. Co. 1 und Süd, West und Ost und auS verschiedenen Berufsgruppen er- j härtet. Das Fruchtbarkeitsverhältnis wird durch folgende Haupt- zahlen dargestellt: Deutsches Reich 151, Berufsgruppe B, III Abteilung A 247,4, Abteilung B 199,5. Bemerkenswert ist sodann noch, daß in den Bergarbeiterbezirken die Zahl der unehelichen Geburten geringer ist als im Reichsdurchschnitt. Die Vergleichsziffern find diese: Deutsches Reich 29,2, Berufsgruppe B. III Abteilung A 19,4, Abteilung B 18,6. Ehe wir auf die Ursachen der Erscheinung ein- gehen, müssen noch die Sterblichkeitsziffern kurz berücksichtigt wer- den. Die allgemeine Sterblichkeit ist in der Bergbaubevölkerung größer als im Reichsdurchschnitt. Sie beträgt in der Berufs- gruppe B, III Abteilung A 25,6 Proz., in der Abteilung B 25 Proz., im Deutschen Reich 24,3 Proz. Günstiger gestaltet sich für die Bergarbeiterbevölkerung die Säuglingssterblichkeit. Dem Durch- schnitt für Preußen mit einer Ziffer von 18,9 Promille steht die Abteilung B mit 18,3 Promille und die Abteilung A mit 18,1 Promille gegenüber. Hier beträgt infolge der höheren Geburten- ziffer und niedrigeren Sterblichkeitsziffer der Geburtenüberschuß 27,3 Promille, bei der Abteilung B 20 Promille und im Reichs- durchschnitt nur 13,3 Promille. Pyßka weist dabei nach, daß bei den Polen die Säuglingssterblichkeit etwas größer ist als bei der übrigen Bergarbeiterbevölkerung. Seine Ursache dürste das in dem Umstände finden, daß bei der einheimischen Bevölkerung, speziell in Rheinland-Westfalen, der Kinderpflege und Körperhygiene etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als bei der polnischen Be- völkerung, wenn auch im allgemeinen auf diesem Gebiete noch so sehr viel zu wünschen übrig bleibt. Für die von ihm ermittelte hohe Fruchtbarkeit Hai der Ver- fasser verschiedene Ursachen gefunden; teilweise sind sie physischer, fast mechanischer, teils aber auch psychischer Natur. Die letzteren Einwirkungsfaktoren haben für uns vom Standpunkt der sozialen Würdigung gesellschaftlicher Erscheinungen die größere Bedeutung. Zu der ersten Art Erscheinungsursachen gehört die starke Zuwande- rung junger Elemente in die Bergbaubezirke und ihr Eindringen in den Bergmannsberuf. Hinzu kommt, daß der Bergmann schon in verhältnismäßig fiühem Alter ein relativ hohes Einkommen erzielen kann, und damit die Voraussetzung zu einer Familien- gründung gegeben ist. Drittens darf nicht unerwähnt bleiben, daß infolge der aufreibenden Tätigkeit die schwächlichen Elemente schnell abgestoßen werden— hohe allgemeine Sterblichleit. Die Bergarbeiterbevölkerung weist aus allen diesen Gründen einen ge- ringen Prozentsatz älterer Personen auf. Die Altersskala zeigt fol- gendes Bild: Von je 100 Personen hatten ein Alter bis zu 18 Jahren: im Reich 40,6, in der Bcrufsgruppe B, III Abteilung A 48, Abteilung B 44,4; im Alter von 18 bis 50 Jahren: im Reich 43,9, Abteilung A 43,4, Abteilung B 44,8; 50 bis 70 Jahre waren alt: im Reich 12,8, Abteilung A 7,5, Abteilung B 9,1; über 70 Jahre: im Reich 2,7, Abteilung A 2, Abteilung B 1,5. Die frühzeitige Verheiratung in der Bergarbeiterbevölkerung kommt noch in fol- genden Ziffern in die Erscheinung. In Preußen waren von je 1000 Frauen 491 im gebärfähigen Alter, aber nur 261 verheiratet; die Berufsgruppe B, III Abteilung A dagegen hatte unter 1000 Frauen 469 gebärfähige und 301 verheiratete, die Abteilung B 480 gebärfähige und 292 verheiratete. Die genannten rein physischen und wirtschaftlichen Gründe erklären aber nicht restlos die über- wiegende Fruchtbarkeit der Bergarbeiterbevölkerung. Pyßka glaubt mit Recht, daß ein psychischer Faktor eine Hauptrolle spiele; er er- blickt ihn in der Eigenart der beruflichen Arbeit und der daraus resultierenden geistigen Verfassung der Bergarbeiter. Leider erlaubt das Material kein Urteil darüber, ob und in welchem Grade daß psychische Moment auch auf die Frauen sich überträgt, oder ob für sie lediglich die äußeren Umstände die Fövderer höherer Fruchtbar- keit bilden. Pyßka faßt sein Urteil also zusammen: „Daß sich dieselbe Erscheinung— hohe Fruchtbarkeit— sowohl bei den Bergleuten des Ostens wie bei denen des Westens ergab, weist auf das gemeinsame der Berufsarbeit hin. Diese Berufsarbeit ist in ihrer Schwierigkeit, in der damit verbundenen LebenSgefährdung, in ihrer den Menschen abstumpfenden Eigenart in ZolaS„Germinal", in Aeußxrungen von Bergleuten selbst(„AuS der Tiefe", Arbeiterbriefe, Morgen-Verlag, Berlin 1909), ferner erwähnungsweise in Arbeiten von Brentano und Momhcrt geschil- dert worden. Höhere Bedürfnisse, zu denen auch eine intelligente Masse nur langsam gewonnen wird, bleiben dem Bergmann trotz seiner pekuniär nicht schlechten Lage nahezu versagt. Die Lebens- Haltung hat sich bei ihm nur materiell gebessert, die Steigerung der geistigen Lebenshaltung wird ihm durch den Beruf erschwert oder unmöglich gemacht." Die Arbeit des Bergmannes, speziell die unter Tage, ab- geschlossen von der Außenwelt, wobei die Dunkelheit den Gebrauch der Sinnesorgane beschränkt und das ganze Milieu leicht zum Mystischen neigen läßt, ist kein Wecker geistiger Bedürfnisse. Ihre Befriedigung, soweit sie vorhanden sind, erschwert die oft auf'das private Leben sich erstreckende Abgeschlossenheit. Die Bergarbeiter domizilieren vielfach in Kolonien, eng zusammengepfercht, nur mit Berufsgenossen zusammen. Das Wohnen in den schmuck- und reiz- losen, jeden künstlerischen Geschmack entbehrenden Werkskasernen schwächt natürlich nicht die aus den übrigen Faktoren resultierende Neigung zum Grobsinnlichen. eS wirkt nach dieser Richtung ganz erheblich begünstigend. Den auf Anerziehung edlerer und höherer Genüsse gerichteten Bestrebungen der modernen Arbeiterbewegung stellt gerade daS Grubenkapital die größten Schwierigkeiten in den Weg. In der Konservierung der Unwissenheit und primitiver Be- dürfnisse sieht das Unternehmertum seine Interessen am besten ge- schützt. Daher stemmt daS Kapital sich allen Bestrebungen entgegen, die dahin zielen, der Masse eine höhere, von geistigen Bedürfnissen veredelte Lebenshaltung anzuerziehen. D. Hus der Frauenbewegung. Bürgerlicht Frauentag, ingen. Die deutsche bürgerliche Frauenstimnirechtsbcwegung. die un- gefähr>902 unter Führung Dr. A ugspurgs einsetzte, hat schon manchen Sturm erlebt. Stürme von außen, Stürme in sich. So stürmisch aber, wie es hinter den Kulissen der letzten vierten Generalversammlung des Deutschen Verbandes für Frauen- stimmrecht. die vom 5. bis 7. Oktober in Hamburg stattfand, in der die beiden ersten Führerinnen radikal abgesagt wurden, ist es nie zuvor bei ihr hergegangen. Die Unmöglichkeit eines erfolgreichen Zusammenarbeitens, der in dieser Bewegung vereinten Elemente, konnte nicht krasser zutage treten. Der§ 3 der Satzungen des Deutschen Verbandes, der in seinem ersten Abschnitt erklärt, daß der Verband neutral sei, Frauen aller Parteirichtungen als Mit- glieder aufnehme, dann aber in seinem zweiten Abschnitt hinzu- fügt, daß der Verband da? allgemeine Wahlrecht für beide Ge- schlechter erstrebe, dieser widerspruchsvolle§ 3 war die Ursache, daß der Perband von Geburt an kränkelte und sich jetzt endlich in Hamburg, wo er ja auch seinerzeit daS Licht der Welt erblickte, einer lebensgefährlichen Operation unterziehen mußte. Die Operation, wie eS immer heißt, gelang, ob nun der Patient nach. träglich an allgemeiner Schwäche stirbt, oder zu neuem Leben er- blüht, muß abgewartet werden. Zu der Tagung waren zirka hundert Delegierte erschienen, und einleitend teilte die Vorsitzende mit, daß ein erfreulicher Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen wäre. Ter zur Tagung eingeladene regierende Bürgermeister und der Senat hatten schriftlich für die Einladung gedankt, und außerdem begrüßte während der Verhandlungen ein Abgesandter der Fraktion der vereinigten Linken der Hamburger Bürgerschaft die Stimmrechtsdamen. Der Bürgermeister von Budapest erwies sich liebenswürdiger, indem er den Damen, weil der Weltbund für Frauenstimmrecht in zwei Jahren in Budapest tagen wird, als zu erwartenden Gästen eine Mappe mit Illustrationen Ungarns übersandte. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Deutschen Ver- bandes zählt heute zirka 8000 Köpfe, gegen ungefähr 5000 vor zwei Jahren/ An erster Stelle steht Bremen mit 400 Mitgliedern bei einer Viertel Millimv Einwohnern. Zu dem ominösen Z 3 hatte der hessische Landesverein beantragt, das allgemeine Wahl- recht, das Abschnitt 2 vorsieht, fallen zu lassen, und dafür zu setzen: der Verband erstrebt volle Staatsbürgerrechte für alle Frauen. Um diese total offizielle Verwässerung zu verhüten, hatte der Bayerische Landesverein beantragt, das allgemeine Wahl- recht nicht für beide Geschlechter, sondern nur fürdieFratteu zu fordern. Dieser Antrag wurde akzeptiert. Zwar hatten sich einige der Linksmitglieder zuerst für den§ 3 ic seiner alte« Fassung geäußert, aber zum Teil recht matt, wie Frau Breit- scheid, die gleich darauf mit den drei Stimmen, die sie ver- trat, den bayerischen Antrag unterstützte, und etwas wärmer wie Frau Lindemann- Stuttgart, die erklärte, daß in Württem- berg kein Mensch gegen das allgemeine Wahlrecht zu sprechen wagen würde. Aber punktum, Strich— daS allgemeine Wahlrecht der Stimmrechtsdamen verblich. Und zwar au» dem Ge- dankengange heraus, daß der Verband von unten her, au» dem Volke, aus den Sozialdemokratinnen, wahrscheinlich keinen Zu- wachs zu erwarten habe, dagegen von rechts her eventuell neue Truppen herangezogen werden könnten. Na, und so ein Prinzip, das werfen diese Damen eben gelegentlich über den Haufen! Sie werden sich auch, wie ja schon L. G. H e y m a n n in der„Frauen- stimmrechtszeitung" darlegte, mit einem beschränkten Damenwahl- recht abzufinden wissen. In innerem Zusammenhang mit dieser Paragraphenaffäre standen die beiden Referate von Frau Breitscheid und Fräu- lein Heymann über die Mitarbeit der Frauen in den poli- tischen Männerparteien, in denen sich die erstere für diese Mit- arbeit aussprach, wogegn sich L. G. H e y m a n n zu einer glühen- den Philippika gegen die gesamte parteipolitische Männerwelt auf- schwang und die damit schloß:„Verlaß ist nur auf unsere eigene Kraft." Man kann den H e y m a n n s ch e n Standpunkt nicht billigen; was seine Geradheit anbelangt, mutz man ihn gelten lassen. Wie sich die anderen Damen mit ihrer Doppelfecle in der Brust— einerseit flammende Begeisterung für Liberalismus oder Demokratische Vereinigung oder sonst eine Partei, andererseits vollständige innere Neutralität als Frauenstimmrechtlerinnen— abfinden werden, das zu beobachten dürfte für uns nicht uninter- essant werden. Denn in dieser Doppelehe werden sie in die Lage kommen, heute z. B. in einer Parteiversammlung zu erklären, das intrigante Zentrum hat es schändlicherweise erreicht, daß die Mutterschaftsversicherung abgelehnt worden ist, und morgen dann in einer Frauenstimmrechtsversammlung werden sie erklären: „Frauen aller politischen Richtungen(natürlich auch Zentrums- frauen!) gehet hin und unterstützt eure Partei!" Dazu wird allerdings„ein feiner Takt" nötig sein, sprach eine der Referen- tinnen. Dieser Halbheitstakt dürste den Damen doch noch etliches Kopfzerbrechen verursachen. Für uns Sozialdemokratinnen ist diese Frauenstimmrechtsbewegung damit erleoigt; wir kennen nur ein Bestreben, einen Kampf für beide Geschlechter und müssen es unseren Führerinnen danken, daß sie von Anfang an die cnnere Morschheit dieser Gesellschaft erkannt'und gebrandmarkt haben. So boshaft differenzierend, wie der„Börsencourier", der erklärte, daß es mehr die männlich gearteten Frauen gewesen, die sich gegen die Mitarbeit mit den Männern gewandt, und daß es die weib- kicheren Naturen, die für die Kameradschaft der Geschlechter ein- treten, brauchen w i r heute darum gar nicht zu werden. Auch die Unlogik dieser Idee wollen wir nicht analysieren. In ihrem schar- fcn Referat trat L. G. H e h m a n n auch besonders der Fort- schrittlichen Volkspartei entgegen, deren Sündenregister gar nicht mehr abzubeten sei, und segnete nach Kräften die Sozialdemokratie, gegen die sie die alten Kamellen vorbrachte, daß sie in Ungarn und Belgien in Beziehung auf das Frauenstimmrecht versagt. Die Belehrung über diesen letzten Punkt mußte sie aus den Reihen der eigenen Mitglieder entgegennehmen. Am wütigsten aber kläffte wie immer in der Diskussion die schwergeladen nach der alten Handels- und Bordellstadt gereiste liberale Frau Maria Lischnewska gegen die verflixten Sozialisten. Klara Zetkin, die Vertreterin der 120 000 organisierten sozialistischen Frauen zerschmetterte sie mit dem bedeutenden Satz:„Ueber die ist die Zeit hinweggeschritten!" Daß die Politik nicht in der Hasenheide, nicht in Treptow gemacht werde, stehe bei allen denken- den Individuen fest, lautete eine andere ihrer Reminiszenzen. Ihr deutsches Staatsbewußtsein ist dabei im Gegensatz zur Jnter- Nationalität derartig ausgewachsen, daß sie bei dem etwas unge- schickt angefangenen Satz einer Referentin betreffs der Stammes- Verschiedenheit in Deutschland fast einem Krampfanfall unterlag, was sie aber nicht verhinderte, in einem anderen Atemzug zu be- haupten, die höchstbedeutsame Kraft der englischen SuffragetteS müsse unbedingt auf die altgermanische Mischung zurückgeführt werden. Die erste Abendversammlung brachte vier Referate vor über- fülltem Saale und den Glanzpunkt bildete eine extra zur Feier verschriebene Suffragette, die zum Teil deutsch, zum Teil englisch über die SuffragettcSbewegung berichtete und deren ganzer Herzenswunsch darin auSklang, nicht in die politischen Männer- Parteien sollen die Frauen eintreten, sondern kämpfen wie wir, auch in Deutschland! In der zweiten öffentlichen Versammlung mit dem Thema:„Der alte und der neue Reichstag, Kritik und Forderungen der Frauen," hielt Dr. AugSpurg eine gründliche Abrechnung mit dem deutschen Liberalismus und sprach eingehend über die Reichsversicherung und insbesondere über Mutterschafts- Versicherung; auch die Reichsfinanzreform wurde gebührend von ihr beleuchtet. Sie strich Bebel und P o t t h o f f als Vertreter der Frauen heraus und erklärte, daß die Frauen mit ihrer Kritik nicht zurückhalten würden. Die zweite Referentin Dr. S ch i r- macher besprach die Bedeutung der Teuerungsfrage, der Reichs- gcwerbenovelle, die Strafgesetzreform(K 175) und hielt es für notwendig, daß den Abgeordneten andauernd Vorträge der Frauen ge- halten würden. Wie derartige Angelegenheiten neutral besprochen werden können, ist nicht recht klar, jedenfalls wurden von den ge- samten Referentinnen die Referate nicht neutral gehalten. Die übrigen Verhandlungen fanden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Zunächst handelte es sich um die„Frauen- stimmrechtszeitung", die von dir Frauenbewegung losgelöst und zu einem großen Verbandsorgan ausgestaltet werden soll, dann aber in der Hauptsache um die Vorstandswahl. Es gähnt eine tiefe Kluft zwischen den Mitgliedern, vor allen Dingen zwischen den Preußen und Süddeutschen. Zunächst schien es, als ob die alten Leiterinnen wieder das Schwert in Händen behalten würden. Dann aber siegten die reinen Persönlichkeitsfragen, die schon ge- wählten beiden' Vorsitzenden legten nieder und der neue Vorstand setzte sich aus Frau Stritt, �ra» Lindemann, Frau Z i etz, Dr. Schirmacher, Frl. von Welczck und Frau Vogt zu- sammen. Die Redaktion des neuen„Frauenstimmrechtsblattes" war Dr. Augspur g zuerkannt. Ob aber unter obwaltenden Umständen die Redaktion von ihr ausgeübt werden wird, erscheint fraglich. ES ist dagegen wohl möglich, daß sich nach dieser Wand- lung in der Leitung die bereits bestehenden anderen deutschen Frauenstimmrechtsvereine gemäßigter Richtung mit dem Verband für Frauenjtimmrecht zu einem großen Sammelsurium, ähnlich dem Bund deutscher Frauenvereine, den Frau Stritt ja auch lange mühsam zusammengehalten hat. verbinden. Koiitrolleurinnen der Kiiidcrschutzkonnuisstou für R i x d o r f sind noch die Genossinnen Heuelmann, Richardstr. 54, Müller, Wanzlicl- straße 13 und Rademacher. Thomasstr. 26. Hl Leseabcnde. � Grünau. Am Mittwoch, den 11. d. M.. abends 8% Uhr findet im Lokal.Zur grünen Ecke". Köpenicker Str. 83. der Frauenobend statt. Tagesordnung: i. Vortrag über die Wirt- schastliche Stellung der Frau. Referentin: Genossin I u ch acz. 2. Freie Aussprache. S. Verschiedene«. Gerichts-Zeitung Ein polizeiliches Misivcrständnis. Ein sehr harmloser Vorfall führte dazu, dah vor einigen Tagen zwei Frauen als Angeklagte vor dem Schösscngericht Berlin- Tchönebcrg erscheinen muhten. Ein. Haufen strafbarer Hand- Hungen wurde ihnen zur Last gelegt. Der einen, einer Frau Luolke, Nichtbcfolgung von Anordnungen eines Polizcibeamten, Beleidigung von Polizeibeamten, Whhandlung eines Polizeibeamten, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Der anderen, einer Frau Rnop, versuchte Gefangenen'oefrei- un�. Beleidigung eines Polizeibeamten, Hausfriedensbruch. xker Anklage lag nach der Verhandlung folgender Tatbestand zu- «runde: Am 26. Juli ging ein Wolkenbruch über Berlin nieder. Es bildeten sich in der Gneisenaustrahe grohe Wasserlachen, in denen die Kinder sich damit amüsierten, daß sie badeten und vor- übergehende Personen mit Wasser spritzten. Schutzleute wollten diesem harmlosen Treiben ein Ende bereiten und einige Kinder, die sich durch Spritzen hervortaten, zur Wache bringen. Sie faßten einen Knaben, aber gerade einen, der nichts getan hatte. Das brachte die Erwachsenen, die sich an dem Treiben der Kinder amü- sierten, in Aufregung. Die Angeklagte Frau Quolke rief:„Das ist der falsche Junge, gespritzt hat der Junge mit der blau-weih ge- streiften Jacke. Kaum hatten die Polizeibeamten das Wort„blau" gehört, als sie Frau Quolke packten und zur Wache bringen wollteir. Sie meinten, Frau Quolke habe geschimpft: Laßt die"Blauen sich den Jungen doch selber holen. Wie die Beamten vor Gericht aus- sagten, seien sie hierdurch beleidigt worden, Frau Quolke habe sich dann geweigert, mit zur Wache zu kommen, sie habe sogar einem Polizcibeamten einen Faustschlag gegeben und auf dem Wege zur Wache Widerstand geleistet. Dagegen gab ein Zeuge Richter genau lvicselbe Darstellung, wie die Frau Quolke. Diese behauptete, daß sie die Schutzleute nur darum gebeten hätte, allein zur Wache gehen! zu dürfen, die Beamten hätten ihr die Bluse aufgerissen und sie habe dann erklärt, sie geniere sich, mit der offenen Bluse über die Straße zu gehen. Nichter bestätigte auch dieses, während die Po- lizeibeamten kein Wort hiervor gehört haben wollen. Die zweite Angeklagte, Frau Knop, die Mutter der ersten An- geklagten, machte folgende Angaben: Sie habe davon gehört, daß ihre Tochter zur Wache sistiert worden sei, sie sei darauf den Polizeibeamten nachgelaufen, habe sie aber nicht mehr erreichen können und sei dann zur Polizeiwache gegangen, um sich nach dem Verbleib ihrer Tochter zu erkundigen. Dort angekommen, sei ihr ein Schutzmann entgegengetreten, der sie aufgefordert habe, die Wache zu verlassen. Sie habe darauf erwidert, daß sie sich nur mach ihrer Tochter erkundigen wolle. Der Schutzmann habe sie ober trotzdem ersucht, schleunigst die Wache zu verlassen, er habe ihr zugerufen: Verfluchtes Aas, willst Du machen, daß Du die Treppe herunterkommst, ich schmeiße Dich die Treppe herunter. Der Schutz- mann habe sie, die nervenleidende Frau, dann die Treppe her- untergeworfen und sie habe sich dabei den Arm gebrochen. Von den Beamten wollte keiner von diesen Dingen etwas wissen. Doch konnte keiner von ihnen bestreiten, daß die Frau sich den Arm gebrochen hatte. Sie meinten, dies sei auf der Straße geschehen, wo sie zu Fall gekommen sei, als sie den Beamten nach- tief. Demgegenüber bekundete aber der Zeuge Richter, daß Frau Knop auf der Straße nicht zu Fall gekommen sei, den Armbruch also nur auf der Treppe zur Polizeiwache erlitten haben könne. Bei dieser Sachlage mußte selbst der Amtsanwalt die Anklage wegen Nichtbefolgung einer Aufforderung eines Polizeibeamten, wegen Gefangenenbefreiung und Hausfriedensbruch fallen lassen. Er beantragte wegen Beleidigung. Körperverletzung und Widerstandes gegen Frau Quolke eine Geldstrafe von 25 M., wegen Be- leidigung gegen Frau Knop eine Geldstrafe von 3 M. Der Verteidiger Dr. Kurt Rosenfcld rügte in scharfen Worten das Verhalten der Schutzleute, die allein daran schuld seien, daß der an sich ganz harmlose Vorfall zu einer Anklage geführt habe. Er wies darauf hin, daß auf die Aussage der Schutzleute, die bei dem Wort„blau" sofort meinen, beleidigt zu sein, kein großes Gewicht zu legen sei und daß die beiden Frauen sich offenbar in höchster Er- regung über die ihnen zugefügte Unbill befunden hätten. Das Gericht verurteilte nur Frau Quolke zu 30 M. Geldstrafe wegen Widerstandes und Frau Knop zu 10 M. wegen Beleidigung. Von den übrigen Strafanschuldigungen sprach das Gericht beide Angeklagte frei.____ Ist der„zweite Borsitzende" einer Versammlung ohne weitere? ein„Leiter" im vereinsrechtlichen Sinne? Diese Frage hatte am Freitag das Kammergericht entscheiden. Nach§ 18 Ziffer 2 des Reichsvereinsgesetzes wird mit Geldstrafe bis zu 150 M. bestraft, wer eine Versammlung ohne die durch die ZZ 5, 6, 7, 3, 9 des Gesetzes vorgeschriebene Anzeige oder Bekanntmachung veranstaltet oder leitet. Die öffentliche Jugend- Versammlung in Berlin, welche sich am 16. Oktober 1910 mit dem kurz vorher ergangenen Urteil des Oberverwaltungsgerichts in Sachen der Freien Jugendorganisation beschäftigte und dagegen Protest erhob, war nicht der Polizei angezeigt oder in einer dafür bestinimten Zeitung rechtzeitig bekannt gemacht worden. Die Versammlung wurde als öffentliche Versammlung zur Erörterung politischer Angelegenheiten angesehen und es erfolgte auf Grund der zitierten Vorschrift Anklage gegen das aus der Versammlung gewählte Bureau. Das Landgericht nahm an, namentlich im Hin- blick auf ein vorher verbreitetes Flugblatt, daß diese öffentliche Versammlung zur Erörterung politischer Angelegenheiten bestimmt gewesen sei und deshalb zu den anzeigepflichtigen Versammlungen gehörte. Es verurteilte jedoch nur den„ersten Vorsitzenden" Scholz als Leiter. Der„zweite Vorsitzende" Wenzel und der Schriftführer Holzhütter blieben straffrei. Ausgeführt wurde: Nur Scholz komme als Leiter in Frage. Wenzel und Holzhütter könnten nicht als Leiter gelten. Als Leiter könnte nur die tat- sächlich den Vorsitz führende Person angeschen werden. Das sei hier nur Scholz gewesen. Die anderen beiden Mitglieder des aus der Versammlung gewählten sogenannten Bureaus hätten keine leitende Tätigkeit ausgeübt, und zwar per zum„zweiten� Vor- sitzenden" bestimmte Wenzel auch nicht dadurch, daß er zum Schluß feststellte, es sei keine Resolution eingelaufen. Die Staatsanwaltschaft legte gegen das Urteil, soweit dadurch Wenzel freigesprochen worden war, Revision beim preußisäien Kammcrgcricht ein. Sie machte geltend: Wenzel als zweiter Vor- sitzender hätte ebenfalls als Leiter verurteilt werden müssen. Die Versammlung habe ihn durch die Wahl zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Wenn aber eine Versammlung zwei Borsitzende wähle, dann hätten beide Leitungsbefugnisse; beiden stehe das Recht zu, Ordnung und Ruhe aufrechtzuerhalten und die Versammlung zu leiten. Ob der zweite Vorsitzende wenig oder gar nicht Gebrauch davon mache, sei ganz egal. Auf jeden Fall sei auch er„Leiter". Uebrigens sei Wenzel am Schluß auch als Leiter dadurch hervor- getreten, daß er feststellte, es sei keine Resolution eingegangen. Auch die Feststellung des Resultats gehöre mit zu den Aufgaben des Leiters. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld als Vertreter Wenzels be- tonte vor dem Kammergericht die große Bedeutung, die für die vereinsrechtliche Praxis in der hier zur Entscheidung stehenden Frage liege, ob der"zweite Vorsitzende einer Versammlung ohne weiteres ihr Leiter sei. Die Frage müsse verneint werden. Eine Versammlung könne nicht gleichzeitig zwei Leiter haben. Wer zum zweiten Vorsitzenden gewählt werde, werde dadurch noch nicht Leiter. Er sei erst dann dazu berufen, ein Leiter zu werden, wenn der erste Vorsitzende irgendwie verhindert sei, zu leiten und wenn die Leitung so auf den zweiten Vorsitzenden übergehe. Das sei aber hier nach den Feststellungen des Landgerichts nicht geschehen. Das Kammcrgcricht stellte sich auf denselben prinzipiellen Standpunkt und verwarf die Revision der Staatsanwaltschaft, indem es noch ausführte: Das Landgericht erkläre als festgestellt, daß Wenzel sich nicht an der Leitung beteiligt habe, wenngleich er neben dem ersten Vorsitzenden Platz nahm, und daß er auch dadurch sich nicht cm der Leitung beteiligte, daß er feststellte, es sei keine Reiiolution eingegangen. Die Ausführungen ließen erkennen, daß der Vorderrichter sich zwar bewußt war. daß durch die Fest- siellung des Resultats eine leitende Tätigkeit ausgeübt werden konnte, daß er eine solche Tätigkeit hier aber aus tatsächlichen Gründen verneinte. Somit sei die Revision des Staatsanwalts unbegründet. Ein trübeS Sittenbild vom Lande, so berichtet man uns unterm 7. Oktober aus Halle a. S.. entrollte heute das Jugendgericht in der Sache gegen den ISjährigen Wirtschaftseieven Rönicke und das D i e n st m ä d ch e n B ö t t g e r aus Zschernewitz bei Delitzsch. Die B. war wegen ver- suchter Abtreibung der Leibesfrucht, Kindesmordes, und der löjährig« Vater wegen Beihilfe zur versuchten Abtreibung beschuldigt. Der „Junge" hat mit dem Mädchen monatelang verkehrt, den Ab- ireibungsversuch verabredet und vorbereitet und da er mißlang, hat die junge Mutter nachher das Kind bei der Geburt getötet. Sie wurde zu zehn Monaten, er zu einem Monat Ge« f ä n g n i s verurteilt. Die so viel gepriesenen Sittenverhältnisse auf dem Lande werden durch diesen Fall recht drastisch illustriert. Wir lehnen es aber ab, uns darüber in eine große Entrüstung hineinzustürzen, da wir die Grundlagen kennen, auf denen solche beklagenswerten Zu- stände emporwnchern. Weil aber unsere Agrarier, Landpastoren und alles, was dazu gehört, nicht müde werden, bei der jetzigen Jugend- Verfolgung über den„Großstadtsumpf" zu zetern, hielten wir es für angebracht, den Fall zu registrieren. Hus aller Alelt. Das Parteivorstandslokal wegen Cholera gesperrt. Aus Rom schreibt unser dortiger Korrespondent unter dem 7. d. Mts.: Eine recht unangenehme Ueberraschnng erwartete heute früh den italienischen Parteisekretär und das Bureaupersonal des Vorstandes: sie fanden alle Wände des Hauses, in dem die Bureaus liegen, mit Kalkmilch betiincht und an dem Haustor wartete ihrer ein Schutzmann, der sie freundlich darauf aufmerksam machte, daß sie nach Betreten de? Hauses auf fünf Tage in die Isolier st atio n gebracht werden würden. Es hatte sich nämlich über Nacht in dem Hause ein Cholerafall er- eignet, und alle seine Bewohner waren bereits auf die Isolier- stätion gebracht worden. Die letzten Tage haben der Hauptstadt mehrere Cholerafälle gebracht, die man auf den Genutz infizierter und ungekochter Milch zurückführt. Mehrere Häuser sind deshalb geräunit und sanitäispolizeilich gesperrt worden. Für den Partei- vorstand ist dieser Umstand deshalb so peinlich, weil der am 15. in Modena zusammentretende Parteitag im letzten Stadium seiner Vor- bereitungen stand, in dem die plötzliche Absperrung des Personals von den Bureaupapieren wahrhaftig keine Annehnilichkeit darstellt. DaS Schicksal de? ParteivorstandeS teilen übrigens auch die Neda!» tionen der„Sosfitta" und des„Sempre Aventi". Vom Spiel i» den Tod. Ein schrecklicher Vorgang, wobei ein Knabe den Tod fand und ein zweiter schwer verletzt wurde, ereignete sich bei L u ck e n w a l d e. An der Stadtgrenze liegt ein ausgedehnter Sandberg, auf dem häufig die Kinder spielen. Sie bauen Höhlen und Gänge und durch Sandeinstürze gerieten Knaben schon des öfteren in ernste Gefahr. Einen verhängnisvollen Verlauf sollte jedoch der Einsturz einer Höhle, die zwei zwölfjährige Knaben gegraben hatten, finden. Die letzteren hatten bereits einen etwa drei Meter tiefen Gang in den Sandberg hineingegraben, als die Seitenwand plötzlich nachgab und einstürzte. Die'.. beiden Knaben wurden unter den Sandmassen v o l l st ä n d i g begraben. Zum Glück hielten sich in der Nähe einige andere Kinder auf, die forteilten und Hilfe herbeiholten. Zahlreiche Bewohner aus der Nachbarschaft eilten zur Unglücksstätte und machten sich sofort an die Befreiung der verunglückten Linaben. Man schaffte sie auch ans Tageslicht. Sie waren völlig leblos und nur bei einem der Gefährdeten hatten die Wiederbclebungs- versuche eines herbeigerufenen ArzteS Erfolg. Er wurde bedenklich erkrankt davongetragen. Der zweite Knabe war aber bereits tot. Die Mutter, die gleichfalls auf die Kunde von dem Unglück herbeigeeilt war, brach ohnmächtig an der Leiche ihres Kindes zu» sammen._ Bekämpfung der Schundliteratur. Nachdem der Bildimgsausschuß der organisierten Arbeiter von Gera sReuß) seit mehreren Jahren zu Weihnachten eine Jugend- schriften- und Wandschmuck-Ausstellung veranstaltet, hat auch der Geraer Lehrerverein im vorigen Jahre zum ersten Male eine Jugend- schristen-Ausstellung eingerichtet. Der Lehrerverein ist nun einen Schritt weiter gegangen, indem er auf dein Jahrmarkt in Gera einen Verkaufsstand für Jugendschriflcn zum Preise von 10 Pf. bis 1 M. errichtet hat. Den Verkauf haben die Töchter der Lehrer über- nommen.— Die städtischen Körpeischafien von Gera haben dem Lehrerverein einen Zuschuß von 250 M. zur BekSnipfung der Schund- literatur bewilligt._ Blutige Kämpfe im Bordell. Im Quartier der öffentlichen Häuser in T i r n o w o kam eS ge- legentlich einer von der Polizei veranlaßien HauSsilchmig, die nach mehreren mit Gewalt z u r ü ck g e b a l t e>« c» Zigeuner» mädchen forschte, zu blutigen Schlägereien. Es mußte Militär aufgeboten werden, um die Ordnung wieder herzustellen. Bei dem sich entspinnenden Kampfe wurden zwei Zigeuner und zwei anderePersonengetötet sowie viele verletzt. Kleine Notizen. Ein Schiffsbrand auf der alten Spree bei Paulstern be- sckmitigte am Montag nachmittag die Feuerwehren der umliegenden Orts-baften. Auf einem der in der Nähe von Paulstern lagernden Schiffe war in der Führerkajüte ein eiserner Ofen geheizt worden und die Mannschaft begab sich unvorsichtigerweise, während der Ofen in Tätigkeit war, an Land. Schon nach einiger Zeit be- merkten Arbeiter am Ufer, daß aus der Kajüte eine helle Flamme herausschlug, die sich rasend schnell über das ganze Schiff verbreitete und die fetthaltigen Rohstoffe entflammte. Der herrschende starke Wind trieb die Glut nach dem Ufer hinüber, so daß auch bald da« hölzerne Bollwerk Feuer fing. Die Ortsfeuerwehr mußte sich darauf beschränken, das User zu schützen, während der Kahn v o l l st ä u d i g ausbrannte. Zugentgleisung. Wie ein Telegramm aus Osnabrück meldet. entgleiste bei der Station G e e st e ein Güterzug. 15 Wagen und der Tender der Lokomotive wurden umgeworfen und stark beschädigt. Ein Schaffner wurde verletzt. Der Materialichadeu ist bedeutend. Ucbcrschwemmiingcn in Colorado. Nach Meldungen aus S ü d» oft-Colorado und dem Nordosten von Neu-Mexiko sind dort weite Strecken überschwemmt. Viele Personen sollen um- gekommen sein, die entstandenen Verluste sollen sich auf 5 Millionen Dollars belaufen. Die Lage ist ernst, da eS an Lebensmitteln mangelt. Siebzig Zentimeter Schnee in Italien. In Cutigliano auf dem toslanischcn Appenin. 700 Meter über dem Meeresspiegel, ist in diesen Tagen ein ganz plötzlicher Temperatursturz eingetreten. Der Schnee liegt bis zu 70 Zentimeter hoch, und das Wetter ist absolut winterlich. Sturm auf der Newa. Seit gestern wütet auf der Newa sowie auf dem Ladogasee ein orkanartiger Sturm. Mehrere Schiffe sollen gestandet sein und zahlreiche Havarien er» litten haben. Ein Anschlag auf einen Eisenbahnziig wird aus Kalkutta gemeldet. Sonntagnacht wurde in der Nähe von S a i d p u r auf den Postzug von D a r j e e l i n g, in dem sich viele Europäer, dar- unter verschiedene hohe Polizeibcamte befanden, die nach den Feier- tagen nach Kalkutta zurückkehrten, ein Anschlag unternommen. Die Schienen waren in einer Länge von acht Fuß aufgerissen und cnt- f-rnt. Dem Postzug fuhr ein Güterzug vorauf, der entgleiste iind vollständig zerlrünimert wurde. Das Personal auf der Lokomotive wurde e r u st l i ch verletzt. Kraft-�otwSm n. 1.50«. 2.00 Nachahmungen bitte zurückzuweisen Käutlicli in Apotheken, Drogerien :: und Delikatessen-Oeschäften:: Um sich vor liifcktirnslcrankheiten zu schütm, Irinken die Völker des Südens Wisset niehl ohne Zusatz von Wein. 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Anzüge und Paletots v. 10 M. an. Nr. 238. 28. Aahrgavg. 2. Kilxge i>cs Jorairtf Knlim Klllolilotl. Mmch. 11. ffiHolitt 1911. Heute, den 11. Oktober: Zahlabend in den Bezirken Groß-Berlins. Partei- Hngclegcnbeiten. Erster Kreis. 5. Abteilung. Der Zahlabend findet von jetzt ab Marlgrafenstr. 88 bei Lörrach statt. Zweiter Wahlkreis, Fricdrichstadt. Heute(Mittwoch) abend, hält die m. Abteilung ihren Zahlabeud gemeinschaftlich bei FuliuS Meyer, Oranienstr. 103, ab. Vortrag des Genossen Max Grun- Wald. Ab ll'/a Uhr, Z a h l n a ch t für Buchdrucker, Stereotypeure, Kino-Operateure. Der Vorstand. Sechster Wahlkreis. Heute, Mittwoch, den 11. Oktober, unter- nehmen die Mitglieder der Kinderschutzkommission des sechsten Wahl- kreises eine Besichtigung des Erziehungsheims für Kinderschutz in Zehlendorf. Wilhelmstr. 14. Treffpunkt Potsdamer Bahnhof(Wannseebahn) um 2'/, Uhr nachmittags. Groß-Lichterfelde. Zahlabend findet statt: Osten: 1., 2., 3. Bezirk im Kaiserhof, Kranoldplatz 2; 4. Bezirk bei Erpel, Berliner Str. 123; 6., 5a Bezirk bei Zunicke, Heinersdorfer Str. 15. — SBesten; 6., 7., 10., 12. Bezirk bei Wrotnicki. Ringstr. 17; 8. Bezirk bei Wahrendorf, Bäkeslr. 22; 3., 11. Bezirk in Bötzow- Bierquclle, Hortciisienstr. 11, am Bahnhof Botanischer Garten. Johannisthal. Der heutige Zahlabend findet gemeinsam bei Stto Senstleben, Friedrichstr. 48, statt. Diejenigen Parteigenossen, d ihren Wohnsitz gewechselt haben, werden ersucht, dies in dem Zahlabend bekannt zu geben. Der Vorstand. Eichwalde, Zeuthen und Micrsdorf. Heute Mittwoch, den 11. Oktober, abends 3 Uhr, im Lokal des Herrn Lindemann in Zeuthen: autzerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: Bericht deS Vorstandes, Bericht vom Parteitag, Ausgabe der Billetts zum Slistungssest, Anträge und Verschiedenes. Der WahlvereinSvorstond. Marieiifelde. Der Zahlabend findet diesmal bei Emil Scholz, Kieperlplatz, statt. Bernau. Donnerstag, den 12. Oktober, abends 8'/, Uhr, im Lokal des Genossen Salzmann, Basdorfer Strahe: außerordentliche Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Schwenk. 2. VcreiuSangelegenheiten. Vor der Versammlung werden Beiträge einkassiert. Die Bezirksleitung. Bohnsdorf. Der heutige Zahlabend findet abends 8'/z Uhr im Lokale deS Herrn Bukofzec(Villa Kahl) statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des ArbcitersekretärS Genossen Engen Brückner über .Die ReichsversicherungSordnung". 2. Diskussion. 3. Vereins- angelegcnheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Zossen. Am Donncrslag, abends 8 Uhr, im Saale des Ge- Nossen Kurzner: aichcrordeinliche Generalversammlung. Tages- orduung: 1. Bericht vom Parteitag in Jena. Referent: Genosse Groger-Rixdorf. 2. Unsere Stadtverordnelenwahl. Der Vorstand. Falkenhage»- Seegefeld. Die für heute geplante Mitglieder- Versammlung findet nicht statt, da uns kein Lokal zur Verfügung steht. Weiteres wird»och bekannt gegeben. Der Vorstand. berliner Nachrichten. Abrechnung. „Mamselleiibiertel" heißen im Volksmunde die rings an der Berliner Wcichbildgrenze zahlreich verstreuten Stadt- bezirke, denen die sogenannte Konfektionsstube eine besondere Signatur verleiht. Hier existiert kaum ein Haus, in dem nicht mindestens ein Zwischemneister seine Werkstatt aufge- schlagen hat, und an manchen Häusern sieht man gleich mehrere grellrote große Plakate mit der lockenden Aufschrift:„Mam- i'ells werden verlangt". Merklich wird auch das Straßenleben davon beeinflußt. Bald hier, bald da fahren Handwagen und Dreiräder mit Stoffballen vor. Tausende von Heim- arbeitcrinen, denen man ansieht, daß sie die Nachtstunden mit zum Tage machen, um sich notdürftig durch das Leben zu schlagen, pendeln mit zugeschnittener und halbfertiger Ware hin und her. Viele haben die Kinder an der Hand, den Säugling auf dem Arm. Nicht wenigen steht der Keim der mörderischen Proletarierkrankheit auf dem hektisch geröteten Gesicht geschrieben. Ein Tag ist im Frondienst der Tret- Maschine wie der andere, und innner von neuem ziehen mechanisch die Opfer der Heimarbeit keuchend treppauf, trepp- ab ihren Dornenweg. Wieviele Hunderte von Nadelstichen gehören dazu, um einen einzigen lumpigen Groschen zu Brot zu verdienen! Und wie oft tönt dabei aus siecher Brust rasselndes Husten der dem langsamen Vergehen Geweihten! An jedem Freitag wird es in den Mamsellenvicrteln noch lebendiger. Da muß nach altem Brauch an die Groß- konfektionäre„geliefert" werden. Die Droschkcnhaltestellen sind heute ganz besonders gut besetzt. Unsere Rosinanten- lenker und Chauffeure wissen, daß am Freitag hier draußen für sie Erntetag ist. Schon von acht Uhr niorgens an werden die Droschkenführer in schneller Folge nach den Abholeorten beordert. Aus dem Umfang der in graue und schwarze Tücher gehüllten Ballen fertiger Kleider kann man ermessen, was der Arbeitgeber für ein Stück Geld verdient— auf Knochenkosten seiner Dutzende. Hunderte, Taufende von Heimarbeiterinnen. Auf Rosen tanzt ja der Zwischenmeister gegenüber dem Riesen- rebbach der Konfektionsdrohnen auch gerade nicht, aber er steckt doch immer noch Märker in die Tasche, wo die eigentlichen Arbeitsbienen sich mit Nickeln begnügen müssen. Bei manchem Anfänger reichts nicht mal zur Droschke. Da müssen zwei, drei der„Gräfinnen der Nadel" mit heran, um die Kleider- Pakete mit der Straßenbahn nach dem Hauptgeschäft zu trans- Portieren. Es sind keine fröhlichen Mädchengesichter, die man da an der frischen Luft sieht. Das ewige Sitzen über der Nähmaschine schnürt den Humor ein, stumpft den Geist ab. So ist die Fahrt nach dem Stadtinnern eine gern gesehene Abwechselung, eine Feiertagsstunde. Und gern gibt man auch dem Fahrer der Elektrischen, damit er nicht murrt über das große Paket, seinen Obulus in Gestalt einxs Sechsers. Manche Zwischenmeister haben auch einen festen Abträger, der vertrauenswürdig ist und mitunter zum Stamm jener schiff- brüchigen Existenzen gehört, die im Konfektionsviertel nngs um Hausvogteiplatz und Spittelmarkt sich verdiensthungrig den anfahrenden Lieferdroschken oder der Elektrischen an der Haltestelle entgegenstürzen. Am Sonnabend wird„gerechnet", manchmal auch erst am Montag der Lohn bezahlt, abzüglich der chronischen Vorschuß- litanei. Zum Sterben �ists zu viel, zum Leben zu wenig Dann stehen die beglückten Armen wohl noch ein Viertel�und Hunderte von Hausfrauen, die zu spät kamen, mußten cat stündchen auf der Straße, philosophieren von unseren Herr- lichen Zeiten und überlegen, was sie mit ihrem Reichtum an- sangen sollen.„Kinder, regt euch nich unnötig usf," poltert die resolute Müllern,„davon werd't ihr bloß häßlich. Et kommt ooch mal eine andere Zeit... jawoll! So jeht det doch nich mehr lange weiter. Habt ihr nich in den Metternich- Prozeß gelesen, det so'ne Lausejungens, die noch nich drocken hinter de Ohren sind un noch in de Schule jehn, von ihre Jdiotenvaters monatlich dreihundert Mark Taschenjeld kriejen? Zustand! Nu rechnet Euch mal aus, wat wir da zusammenkniebeln müssen, um so'n Haufen Pinke mit de Nadel ranznschasfen. Js det nich himmelschreiend? Jawoll! ... Wat sajen Se, Anna, Se wer'n die besseren Zeiten nich mehr erleben? Mit Ihnen is et bald aus?" Verstohlen sieht sie zur Seite, fährt schnell mit der Hand über die Augen.„Red' nich so'n dummet Zeuch, Meechen. Wer wird jleich an't Sterben denken! Lebste denn zweemal? Ich sage euch, bald jibts'ne andere Abrechnung wie eben da oben... un w i r sind et, die zuletzt am besten lachen.. Die Stadtverordneten-Ersatzwahl für den verstorbenen Stadtverordneten Marggraff hat der Magistrat gleichfalls auf Sonntag, den 5. November, festgesetzt. Der zu wählende Stadtverordnete muß Hausbesitzer sein. Nach der Neueinteilung der Wahlbezirke kommt der 4. Gemeindewahl- bezirk in Frage. Die zu diesem Bezirk gehörigen Stadtbezirke haben wir dieser Tage schon bekannt gegeben. Die„teure" Volksschule. Von Zeit zu Zeit bringt die bürgerliche Preffe Berlin? immer mal wieder einen Hinweis auf die angeblich sehr bedeutende Zu- nähme der Ausgaben des Stadtsäckels für das Gemeindeschulwesen. So finden wir jetzt im„Berliner Tagebl." eine Notiz, die folgender- maßen kantet: „Die Kosten für die Berliner Gemeindeschulen find in den letzten Jahren außerordentlich gestiegen. Im Jahre 1830 belrugen die Gesamtausgaben 8,3 Millionen Mark oder 48 Mark pro Kind. Zehn Jahre später mußten schon rund 13�/. Millionen Mark oder 65 Mark für jedes Kind aufgewendet werden, und dann stiegen die Ausgaben fast regelmäßig um eine Million Mark. Im letzten Jahre sind nicht weniger als 25 Millionen Mark oder IM/zMark für jedes Kind in den Volks- schulen verausgabt worden. Seit 1830 haben sich also diese Aus- gaben verdreifacht, obgleich die Frequenz in der letzten Zeit etwas zurückgegangen ist." Also verdreifacht haben sich seit 1830 die Ausgaben für die Genteiudeschnlen, obwohl die Frequenz in der letzten Zeit etwas zurückgegangen ist! Man beachte die Fassung dieses Schlußsatzes der Notiz und stelle sich die Wirkung vor, die das ans den frei- sinnigen Spießbürger ausüben muß. Die Verdreifachung wird herausgerechnet aus den absoluten Ausgabebeträgen, aber in demselben Atemzuge wird von der Frequenz und ihrem in letzter Zeit eingetretenen Rückgang gesprochen, so daß mancher in der Wertung von Zahlen nicht geübte Leser zu der Meinung gelangen kann, die Verdreifachung der Kosten ergebe sich unter Berücksichtigung der Frequenz. Dem Durchschnittsleser wird schwerlich bei den an- deren Zahlenangaben der Notiz sogleich auffallen, daß unter Berück- sichtigung der Frequenz nicht viel mehr als eine Ver- doppeln ng herauskommt. Von 1830 bis 1310 eine Erhöhung der Ausgabe pro Kind von 48 M. auf llO'/a M., das ist eine Zu- nähme um 130 Proz. der damaligen Ausgabe pro Kind. Nun ist aber hierbei noch ein Haken, der dem Verfaffer jener auf die Angaben des neuesten Jahresberichtes der Schuldeputation sich stützenden Notiz entgangen ist. In dein Bericht über das Schul- jähr 1310/11 steht eine Kostenberechnung, bei der sich— wie seit vielen Jahren— der übliche Znsatz findet, daß unter anderen die Baukosten neuer Schulhäuser und die Kosten größerer Reparaturen nicht berücksichtigt seien. Das war früher richtig, trifft aber in dem neuesten Bericht nicht mehr zu. Seit 1310/11 werden diese Bau« und Reparaturkosten in den Gcmeindeschuletat miteingestellt, und auch in der von dem Schuldcputationsbericht genannten Ausgabe- summe sind sie tatsächlich mitenthalten. Scheidet man sie aus, so ergibt sich für 1310/11 eine Aufwendung von knapp 100 M. pro Kind, und die Zunahme von 1830 bis 1310 von 48 M. bis 100 M. pro Kind bedeutet dann eine Erhöhung um etwa 108 Proz. Aus dieser Zunahmcziffer kann man sehr verschiedene Schlüsse ziehen, je nachdem man sie von der einen oder von der anderen Seite betrachtet. Der Freisinn möchte zeigen, wie Großartiges Berlin auf dem Gebiete des Volksschulwesens geleistet habe. Uns aber ist diese Ziffer ein Beweis dafür, wie sehr die f r e i s innig Stadtverwaltung lange Zeit hindurch ihre Pflicht gegenüber den Bildungsstätten, auf die die unbemittelte Bevölkerung für ihre Kinder angewiesen ist, vernachlässigt hat. Erst da« tatkräftige Eingreifen der Sozialdemokratie, deren Einfluß auf die Berliner Stadtverwaltung in den letzten 20 Jahren immer mehr erstarkt ist, hat dazu geführt, daß in unserem Volksschulwesen schließlich doch manches besser geworden ist. Uebrigens muß man, um die oben nachgewiesene Zunahme der Ausgabe pro Gemcindcschulkind um nur 108 Proz. richtig werten zu können, auch den Ausgaben für andere Schulen der Stadt einige Beachtung schenken. ES gibt zu denken, daß bei den Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen der Zuschuß auS dem Stadt- säckel sich im Jahre 1830/01 auf 08,80 M. pro Jahr stellte, dagegen im Jahre 1300/01 auf 151.10 M. und im Jahre 1303/10 sogar auf 244,30 M.(Für 1310/11 ist die Zuschußziffer noch nicht bekannt- gegeben.) Hiemach ist bei jenen höheren Lehran st alten der Stadt die Ausgabe pro Schüler in 13 Jahren um volle 144 Proz. gestiegen. Die Ausgabe pro Gcmeindeschulkind stellt sich für 1303/10 auf nur 37,30 M., hier ist also gegenüber den 48 M. aus 1830/31 in denselben 13 Jahren kaum mehr als eine Ver- doppelung, genauer eine Zunahme um 103 Proz., eingetreten. Eine Steigerung der Kosten pro Kind um 103 Proz. bei den Gemeinde schulen, dagegen um 144 Proz. bei den Gymnasien usw.-- das ist der wahre Sachverhalt I Man sieht, daß die Volksschule dem Berliner Stadtfreisinn wirklich nicht so„teuer" ist, wie er glauben machen möchte. Der erste Berliner Scefisch-BerkaufStag. Der vom Magistrat Berlin zur Linderung der Lebensmittel- teucrung in die Wege geleitete Verkauf von Seefischen hat am gestrigen Dienstag morgen einen durchschlagenden Erfolg gezeitigt. Schon lange vor Schluß der Verkaufszeit waren die in sieben Markthallen eingerichteten Verkaufsstände völlig ausverkauft täuscht ohne Fische von bannen ziehen. Wie kaum anders zu er- warten war, klappte am ersten Tage die Organisation noch nicht völlig. Durch den umständlichen Transport der Fische, die-mar- gens um 5 Uhr vom Lehrter Güterbahnhof in der Haidestraßc aus Rollwagen abgeholt, dann nach der Markthalle in der Wörther Straße und von dort aus erst nach den einzelnen Marrthallcw geschafft wurden, trat eine erhebliche Verzögerung ein. Die Eisen-- bahndirektion hatte sich nämlich unbegreislicherweise geweigert, die Verteilung der Fischmassen auf ihrem Bahngelände selbst vor- nehmen zu lassen. So kam es denn, daß die einzelnen Sen-- düngen erst gegen%8, manche erst gegen 3 Uhr an den einzelne» Verkaufsständen eintrafen. Vor den Markthallen selbst hatte» sich schon bald nach 8 Uhr Hunderte von Frauen eingesunden, die ungeduldig dem Beginn des Fischverkaufes entgegenharrten. So- bald die Hallen geöffnet waren, stürmte alles auf die deutlich ge- kennzeichneten Verkaufsstände für Seefische los und es entstand ein Gedränge, daß der Schutzmann, der einem jeden Stand bei- gegeben war, Not und Mühe hatte, den Verkehr der übrigen Markt- Hallenbesucher zu regeln und die Gänge freizuhalten. Die See- fische kamen in großen runden Körben, zwischen feinkörnigem Eis gelagert, zum Verkauf. Die kleineren Fische, wie Schollen, Gold- barse waren in großen flachen Kisten, sauber aneinandergereiht, verpackt. Die Fische waren zumeist noch steif gefroren, so daß die Fischhändler mit Beilen den Ausschnitt vornehmen mußten. Die Ware war durchweg erlesen. Die Stadt Berlin hatte nur erst- klassige Qualitäten aufgekauft und so gestaltete sich der Kauf un- gemein rege. Im ganzen standen etwa 400 Zentner zum Verkauf, die in Quantitäten von 10 bis 20 Zentner an die Unterhändler abgegeben wurden. Schon bald nach 10 Uhr waren jedoch in den meisten Hallen die Vorräte erschöpft und die Händler bestellten telephonisch Nachlieferungen. Sie konnten freilich bei weitem nicht mehr so viel erhalten, als sie wünschten und es ist sicher anzu- nehmen, daß schon am nächsten Verkaufstag etwa 600 bis 800 Zent- ner auf den Berliner Markt kommen werden. Die Stimmung im Publikum war anfangs recht geteilt. Die Frauen musterten mit kritischem Blick die einzelnen Fische, um mit Kennermiene schließ- lich sich das beste Gericht herauszusuchen. Die Preise für die einzelnen Fische waren folgende: Kabeljau stellte sich im ganzen, d. h. mit Kopf, Flossen und Eingeweide pro Pfund auf 23 Pf.; im Aus- schnitt dagegen kostete das Pfund 31 Pf. Für Schellfisch wurde im ganzen 24 Pf., für Seelachs ganz 20, im Ausschnitt 27 Pf. be- zahlt. Goldbars brachte 13 Pf. und Schollen 24 Pf. pro Pfund. Die Käufer erhielten unentgeltlich die vom Verein Berliner See- sischhändler herausgegebenen Kochrezepte, die Anweisungen für gute und schmackhafte Bereitung der Fische enthielt. Die übrigen Fischhändler in den Marklhallen sahen dem Verkauf der Seefische mit scheelen Augen zu. Obwohl sie die Preise für Seefische ge- waltig herabgesetzt hatten und teilweise sogar die städtischen Preise zu unterbieten suchten, blieben ihre Verkaufsstände fast ohne Käu- fer und an den nächsten Verkaufstagen dürften sich wohl sämtliche Berliner Fischhändler bei der Stadt Berlin als Unterverkäufer melden. Für die ganz armen Leute gab es zum Schluß noch in- sofern ein Freigericht, als die Verkäufer die Köpfe und übriggeblie» benen Fischstücke verschenkten. So endete der erste Berliner See» fischverkaufstag zu allgemeiner Zufriedenheit. Amt 3 oder Amt Norden? Ueber die Umbenennung der Ber- liner Telephonämtcr ist sich die Postverwaltung anscheinend noch immer nicht im klaren. Die im Westen belegenen Aemter haben seit längerer Zeit die Namen„Lützow" und„Pfalzburg" erhalten, auch für das bisherige Amt 1 soll die Umbenennung in„Amt Zentrum" feststehen. Offizielle neue Namen für die übrigen Aem- ter fehlen anscheinend noch. Am weitesten ist die Annahme ver- breitet, daß es nicht mehr Amt 3, sondern Amt„Norden" heißt. Dementsprechend werden auch die Aemter vielfach vom Publikum angerufen. Die Tclephondamen fühlen sich dann aber häufig zu der Bemerkung veranlaßt:„Wie oft soll ich denn noch erklären, daß eS Amt 3 heißt!" Zweifellos wisien die Beamtinnen doch ganz genau, was gemeint ist. Es ist also nur Zeitverschwendung und gibt unnützen Aerger, in solcher Form das Publikum anzu- fahren. Nach dieser Richtung hin kann das neue Fernsprech-Kon- trollamt sicher wohltuend auf allzu nervöse Telephonistinnen ein- wirken._ Berufsvormundschaft in Berlin. In der gestrigen Sitzung der Waisendeputation wurden in'mehreren durch Unterkommissionen vorberatenen Fragen Beschlüsse grundsätzlichen Inhalts gefaßt. Die Deputation beschloß, den Gemeindebehörden zu empfehlen, vom 1. SlPril nächsten Jahres ab. die Berufsvormundschast über die seit diesem Zeitpunkt geborenen unehelichen Kinder durch die Stadt zur Einführung zu bringen. Auch die Kommission zur Vorberatung von Reformen auf dem Gebiete der Fürsorgeerziehung legte das Er- gebnis ihrer Beratungen vor. Die Deputatton stimmte den ihr unterbreiteten Vorschlägen in den Grundzügen zu. Es handelt sich u. a. um die Umgestaltung der Erziehungsanstalt Lichtenberg zu einer Handwerkerbildungsanstalt nlit Einschluß einer Vertcilungs- und Beobachtungsstation, die gesonderte Anstaltsversorgung der schwer erziehbaren und psychopathischen Zöglinge und Vorkehrungen für die landwirt- schastliche Ausbildung von Zöglingen. Schiller, der Erleuchtete. Einer der bisher lichtärmsten Plätze im Innern Berlins, der Gendarmenmarkt, erhält jetzt neue Be- leuchtung. In den sämtlichen umgebenden Straßenzügen wird Preßgaslicht auf hohen Kandelabern angelegt. Vier solcher Licht. mästen sind auch rings um das von Reinhold Begas ausgeführte Schillerdenkmal aufgestellt worden. Wagen mit Mcßvorrichtnngcn in de» Volksschulen. Unsere Volksschulen erhalten mit dem Beginn des neuen Halbjahres Wagen mit Meßvorrichtungen, die im Konferenzzimmer der Schule Aufstellung finden sollen, deren Rektor auch die Hausverwaltung hat. Sie sollen zum Wiegen und Messen solcher Kinder benutzt werden. bei denen eine besondere gesundheitliche Ueberwachung erforderlich erscheint. DaS Bein abgefahren. Auf dem Anhalter Güterbahnhof hat sich Montagabend in später Stunde ein schrecklicher Unfall zugetragen. Der dreißigjährige Lokomotivführer Robert Masauch, Ebersstr. 22 wohnhaft, hatte nach beendetem Dienst den Heimweg angetreten. Er kreuzte dabei die Gleise und übersah das Herannahen einer Rangierlokomotive. M. wurde erfaßt, zu Boden geworfen»nd überfahren. DaS rechte Bein wurde dem Acrmsten vollständig vom Rumpfe getrennt. Der Schwerverletzte fand im Elisabeth-Kranken- Hause Aufnahme. Sein Zustand gibt zu ernsten Besorgnissen Anlaß. Preßkohlen statt Vanille. Ein raffinierter kPnrenschwmdler tritt gegenwärtig in den verschitdensteir Stadtteilen Berlin» aus. Ter Gauner gibt im Austrage von Wohnungsmietern, die angeblich nicht daheim sind, Pakete bei Nachbarn ab und behauptet, es handle sich um eine Lieferung Vanille. Er bittet sodann um Begleichung der Rechnung. Sobald der eigenttt«« Empfänger wieder heimkehre. iverde. er die verlangte Summe, die bald 20, bald 30 M. beträgt, sofort wieder zurückerstatte� Aus diese Weise gelingt ti auch dem Betrüger, Opfer zu finden� Werden später die Pcrfete geöffnet, so findet man darin anstatt Vanille zwei Preßlohlen vor. Der Berliner Polizeipräsident weist von neuem auf die Explosions- und Feuersgefahren hin. die durch das Nachfüllen von Benzin. Petroleum und Spiritus in offene ftlammen und durch das Umfüllen dieser Mssigleitcn aus einen, Gefäsi in ein anderes in der Nähe einer offene» Flamme hervorgerufen werden können. Es steht fest. dag bei der Verwendung von Lampe», Koch- und Brennapparaten. die mit solchen Flüssigkeiten gespeist werden, die Ursache einer Explosion fast ausnahmslos nicht in der mangelhaften Bauart oder in dem unzuverlässigen Arbeiten dieser Apparate zu suchen ist. son dern in der großen Sorglosigkeit und Leichtfertigkeit, mit der die Brennstoffe benutzt werden. ES ist notwendig, daß die Haushallungs vo, stände ihre Familienangehörigen und Angestellten von Aeit zu Aeit immer wieder auf die Gefahren aufmerksam machen, die durch fahrlässiges Umgehen mit diesen Brennstoffen entstehen können. Den Tod im Wasser suchte Montagmittag eine unbekannte Frau, die an der Herkulesbrürke in den Landwehrkanal sprang. Sie er- reichte ihr Ziel nicht, wurde vielmehr gerettet und nach dem Elisabeth- krankenhause gebracht. Angaben über ihre Person verweigert sie hartnäckig. Es scheint, daß man es mit einer Geisteskranken zu tu» hat. Ihrem Aeußeren nach gehört die Unbekannte den besser ge- stellten Kreisen an. Sie ist etwa 40 Jahre alt und trug ein schwarzes Jackett, einen schwarzen Rock, einen schwarzen Filzhut mit grünem Band und Schnürstiefel. Aus dem Fenster gestürzt hat sich gestern vormittag da? 21 Jahre alte Hausmädchen Anna Lochmann, das seit 1>/z Jahren bei einer Rentiere im Hause Würzburgerstr. S beschäftigt war. Das Mädchen zeigte sich stets ordentlich, war aber in letzter Zeit sehr nieder- gedrückt. Bekannten gegenüber äußerte sie, daß sie ihren Bräutigam. der in Posen, ihrer Heimat, arbeitete, nicht heiraten dürfe, weil er schlver lungenkrank sei. Gestern erhielt sie einen Brief aus ihrer Heimat, der sie sehr betrübte und der Verzweiflung nahe brachte. Vier Stunden halte sie nach Erhalt dieses Schreibens im Keller gesessen und geweint. Gestern morgen wurde sie von ihrem Scbmerz überwältigt und sie faßle den Entschluß, aus dem Leben zu scheiden. Nachdem sie die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, stürzte sie sich aus dem Fenster der im vierten«Stockwerk belegenen Wohnung auf die Straße.«Sie fiel zuerst auf einen vor dem Hause stehenden Kohlenwagen und von diesem auf die Straße. Mit einem Schädelbruch und schweren inneren Verletzungen blieb sie dort bewußtlos liegen. Feuerwehr leute schafften sie zum Sckiöneberger Krankenhause, doch verschied sie schon auf dem Wege dorthin. Die Konsumgenossenschaft Berlin uud Umgegend hatte im S e p- tember einen Umsatz von 693125,11 M. gegen 897 798,21 M. im September des Vorjahres, das sind 295 326.99 M. niehr. Das erste Vierteljahr des 13. Geschäftsjahres brachte 1835 382.17 M., wozu noch 136 819,99 M. Umsatz der Adlershofer Verkaufsstellen kommen, also im ganzen 1 972 193,16 M. gegen 1 197 637,57 M. im gleichen Zeitraum des Vorjahres, eine Zunnahme von 864 455,59 M. Der Zuwachs beträgt ohne Adlershof schon 65 Prozent. Eröffnet werden in der nächsten Zeit noch Verkaufsstellen in Rixdorf, Stein- »cetzstr. 197 die 39., in der Ufnaustr. 16 die 81. und in der Sonnen- burger Str. 23 die 82. Der Zentralverband der Schmiede teilt mit: Angeblich gestohlen ist das Mitgliedsbuch Nr. 85 962, lautend auf den Namen Franz Henne. Eingetreten am 27. Juni 1998 zu Radeberg. Da vermut- lich mit demselben Unfug getrieben wird, ersuchen wir, eS Vorkommendenfalls anzuhalten und an uns einzusenden. Die Ortsverwaltung, Linlenstr. 73. Gefunden.� Beim Sick H tu n-g S f esst-d e S A r b esi t« R a d« fahrerverein» Groß-Berlin sind folgende Gegenstände gefunden worden: Ein Portemonnaie mit Inhalt, ein Ring und ein Manschettenknopf. Abzuholen bei Ed. Packheiser, Britzer Str. 16. Der Gewinn Nr. 6 ist noch nicht abgeholt. Vorort-]Vacbncbtett» Schöneberg. Au» der Stadwerordnetenversammlung. Zunächst fand die Ein führung der neugewähltcn Stadtverordneten Lassen und Seidel statt. Alsdann stimmte die Versammlung einer Nachbewilltgung von 5919 M. für Beschaffung kleiner Wirtschaftsgegenstände sowie für die Unterhaltung der Wasserversorgnngs- und Milchkühlanlage auf dem Nieselgut zu. Die Besitzer der Grundslücke der Münchener und Westarpstraße ersuchten um Beseitigung des Kinderspielplatze», weil durch das Spielen der Kinder viel Lärm verursacht werde. Nach eingehender Untersuchung war festgestellt worden, daß der ruhe« störende Lärm von halbwüchsigen Burschen veranlaßt wurde, die dort ihr Unwesen trieben. Dadurch, daß der Parkwächter sowie die Polizei schärfer kontrollieren, ist der Lärm beseitigt. Der Bezirks- verein„Alt-Schöneberg' hatte den Magistrat ersucht, eine Neu- konzessionierung des Baues de» Riesengasome�ers in der Torgauer Straße mit allen Mitteln zur verhindern. Genosse Molkenbuhr meinte, eS wäre nicht recht klar, war für Gründe gegen da» Werk ciAntlich vorliegen. Obwohl der Gasometer von seiner Wohnung sehr gut zu sehen sei. hätte er bis jetzt keinen Anstoß daran genommen. Stadtverordneter Starke(Lib.) meinte, daß man es der Gesellschaft nicht zu leicht machen dürfe. Däraushin wurde der Antrag angenommen. Nach Behandlung einiger Fragen von geringerem Interesse wurde die Einrichtung einer städtischen Seefischhalle besprochen. Es ivar beabsichtigt, am Schnittpunkt der Kolonnen» und Feurig« straße, an der Sedanbriicke, vom Eisenba hnfisku» einen Teil der Böschung zu pachten und eine Fischverkaufshalle aus Holz darauf zu erbauen. Da die eingetretene Lebcnsmittelteuerung jedoch sofortige Maßnahmen notwendig machte, der Bau auf dem eisrnbahn- fiskalischen Terrain aber ungefähr 6—8 Wochen in Anspruch ge- nommen hätte,, so wurde in der Feurigstratze 4 ein Laden zum Preise von 1599 M. pro Jahr gemietet und auch gleichzeitig ein Betriebsleiter zu einem Monatsgehalt von 225 M. engagiert. Ferner wird beabsichtigt weiteres Personal, zunächst 2—3 Ver- käuferiunen mit einem Monatsgehalt von je 89—99 Mark ein- zustellen. Genosse K ü t e r erklärte sich im Prinzip mit der Errichtung einer städtischen Fischhalle einverstanden, doch halte er die Gegend für zu abgelegen. Es wäre vielleicht besser gewesen, die Halle aus Holz an der Sedanbrücke zu errichten oder in der Kolonnen- bezw. Hauptstraße einen geeigneten Laden zu mieten. Michalski (Liberal) wünscht, daß auf den Märkten freie Stände vergebdn mid an Kleinhändler Ware zu billige» Preise» verabfolgt werde». Hierauf wurde der Errichtung einer städtischen Seefischbnlle in der Feurig- straße 4 zugestinimt. Für die Anstellung eines Betriebsleiters nebst Hilfspersonal, sowie als BetriebSniittel zur Deckung eines etwaigen Fehlbedarfs ivcrden den, Magistrat 5999 Mark zur freien Ver- siigung gestellt, die auS dem Ueberschußfonds zu entnehmen sind.— Hierauf gelangte eine Verfügung zur Kenntnis, wonach der Oberprästdeiit sich damit einverstanden erklärt, daß die Be- stimnlung, daß Schaufenster und Schaukästen an Sonn- und Feiertagen während der Stunden des Hauptgottesdienstes zu ver- hängen sind, aufgehoben wird. Die f o z i a l d e r a t i s ch e Fraktion hatte folgende An- frage eingebracht: Der M«)tzr»t,wto..crsucht, der Stadtverordnetenversammlung er dem Antrag der Stadtverordneten- ' betreffend Umfrage wegen Ein- Arbeiter des Pumpwerks che gediehen ist. teilte niil, daß in der ge« 'agen zusaminentreten wird. Nachdem in den Ausschuß ts die Genossen Küter, Obst 'entliche Sitzung geschloffen. ��Wpril ftiOrrti.) 8« tknoKiiii den tage - KotgSPeHÄsim hol und wiell Oberbürgermeister D o ml mischten Deputation, die inner darüber nähere Auskunft erteilt für die Wahl eines unbesoldet! und Molkenbuhr gewählt, nd Wannsee. Die Gemeindeverfteterfibung beschloß die Einführung des Nacht- Fernsprechverkehrs für den hiesigen Postbezirk. An der von der Post verlangten Garantiesumme von 2299 M. beteiligt sich Nikolassee, welches zum Postbezirk gehört, prozentual ihrer Fernsprech- teilnehmer. Durch die zahlreichen Waldbrände in den letzten Monaten war die hiesige freiwillige Feuerwehr stark in Anspruch genonimen. Die Genieindevertretung bewilligte eine Extraentschädi- gung von 599 M. Tempelhof. Ein gewaltiger Dachsiuhlbrand, der weithin sichtbar war, kam hier gestern abend kurz nach 6 Uhr zum Ausbruch, Das Feuer wütete im Dachgeschoß des großen Eckhauses Dorfstraß e 53 und Stolberger Straße, das erst neu errichtet war und dem Berliner Spar- und Vauverein, E. G. m. b. H., gehört. Die Flammen griffen mit rapider Schnelligkeit um sich und erfaßten in kurzer Zeit den ganzen Dachstuhl. Bei der großen Gefahr einer Weiterverbreitung wurde neben der Ortswehr auch die Schöneberger Feuerwehr tele- phonisch zu Hilfe gerufen. Obgleich mit mehreren Robren Waffer gegeben wurde, konnte von dem Dachstuhl doch nichts mehr gerettet werden. Auch die Wohnungen im Obergeschoß wurden durch Wasser stark in Mitleidenschaft gezogen. Die vollständige Ablöschung und die Aufräumungsarbeitcn waren erst am späten Abend beendet. Die Ursache deS Feuers steht noch nicht fest. Marienfelde. So ist eS denn unter Anwendung der erdenklichsten Mittel den Gegnern gelungen bei der am Montag stattgcfundenen Gemeinde- Vertreterwahl den Sieg mit 176 über unsere Kandidaten, auf die 153 Stimmen entfielen, davon zu tragen. Ein solches Resultat kann nicht überraschen, wenn man die für die außerhalb des Ortes beschäftigte Arbeiterschaft ungünstige Festsetzung der Wahlzeit in Be- tracht zieht. Außerdem waren die Gegner vom Beginn der Wahl mit Automobilen tätig, um die abhängigen Wähler an den Wahltisch zu holen. Und da außerdem der dritten Wählerklasse Steuerzahler bis 667 M. angehören, so verfügten die Bürgerlichen von vornherein über eine beträchtliche Anzahl Anhänger. Sind indessen unsere Genossen auch diesmal noch unterlegen, so werden sie bei der nächsten Wahl mit umso größerer Energie in die Wahlarbeit eintreten, um den Sieg über die Bürgerlichen davonzutragen. Ober-Schöneweide. Gegen die Bcreinsmeicrei. Das GewerkschaftSkartell beschäftigte ich in seiner letzten Sitzung erneut mit der Frage, wie dem am Orte bestehenden Unwesen der Gründung von unzähligen Spar-, Sport- und sonstigen Vereinen und deren überhandnehmenden Ver- gnügungsveranslaltungen wirksam entgegengetreten werden könne. ES geschah dies aus der Erkenntnis heraus, daß einmal ein großer Teil der Mitglieder solcher Vereine gerade durch diese Vereinsmeierei der Partei- oder Gewerkschaftsarbeit entzogen wird, und zum anderen durch die unsinnige Vergnügungsveranstaltung— viel- ach recht zweifelhafter Güte— die Veranstaltungen der Partei und Gewerkschaften, für welche große Mittel ausgewendet werden, leiden. Die bislang in dieser Hinsicht unternommenen Ver- uche gütlicher Aenderung haben fehlgeschlagen; au« diesem Grunde kam das Kartell zu dem Entschluß, den organisierten Arbeitern zur Pflicht zu machen, alle zum Kauf angebotenen Eintrittskarten für Veranstaltungen, welche nicht mit dem genieinsamen Stempel deS Kartell- und WahlveremSausschuffes versehen sind, entschieden zurück- zuweisen. Bestimmt wurde ferner, daß die Veranstaltungen deS Kartells, Wahlvereins, Gewerkschaften, Vereins Jugendheim. Arbeiter-Turn-, Gesang- und Radfahrvereine in dieser Weise zu kennzeichnen sind. Zur Durchführung dieser Maßregel wurde ein Ausschuß gewählt. Man erwartet, daß die stritte Befolgung dieser Abmachung fruchtet. Teitpitz. Volksversammlung unter freiem Himmel. Bei der von der Sozialdemokratie bereits eingeleiteten Wahlagitation zeigt sich überall im ländlichen Gebiet der Mangel an Versammlungslokalen. So ist eS auch in Teupitz und Umgegend. Die Angst vor Polizeischikane» und Boykottierungen durch Kriegervereinler und sonstige Hurra- Patrioten hält auch hier die Gastwirte davon ab, den Sozialdemo- traten die Säle zu Versammlnngen zur Verfügung zu stellen. Oft- malS handelt eS sich auch um übertriebene Angst. Es gibt leider viele Wirte, die gegenüber der herrschenden Gesellschaftsklasse in hündischer Demut ersterben. Die also geächtete Sozialdemokratie versucht, diese Hindernisie auS dem Wege ju räumen, indem sie be kanntlich Versammlungen unter freiem Himmel veranstaltet. Die? geschah auch am letzten Sonntag im benachbarten Tornow, wo der Genosse K l ü ß- Rixdorf über„Die Taren des alten und die Aufgaben de? neuen Reichstags' sprach Die ländlichen Arbeiter und kleinen Landleute waren vollzählig erschienen uud harrten trotz stürmischen und regnerischen Welters, den Worten unieres Redners die größte Aufmerkiamleit widmend, bis zum Schlüsse au«. Der bekundete Beifall der Zuhörer bewies, daß auch hier die Anschauunge» der Sozialdemokratie fruchtbaren Boden finden. Beeskow. Trotz aller behördlichen Schwierigkeiten ist eS der zähen Energie unserer Genossen endlich doch gelungen, in diesem entlegenen Winkel deS Kreises Teltow-Beeskoio-Charlottenburg eine Versammlung zu stände zu bringen. Polizei und LaiidratSnmt arbeiteten getreulich Hand in Hand, eine sozialdemokratische Versammlung zu verhindern. Von diesen Behörden wurde daS ReichSvereinsgesetz in einer Weise ausgelegt, die niit den klaren Bestimmungen desselben in aus fallendem Gegensatz siebt. Wieder war es die Gefährdung der öffenllichen Sicherheit, die als Grund dienen sollte, die Nichlgenehmignng einer geplanten Versammlung zu begründen. Nach Suffasinng der Polizeibehörde, der sich der Landrat anschloß, bestand die Gefahr, daß bei Abhaltung der Versammlung(natürlich unter freiem Himmel) Feldfrüchte zertreten werden könnten und ähnliches mehr, das die Versagung der Genehmigung rechtseriigen und die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit begründen sollie. Ans die von unseren Ge- nossen eingelegte Beschwerde an den RegierungSpräsidenien wurde die Polizeibehörde belehrt, daß bei richtiger Anwendung des ReichSvereinSgesetzeS der geplanteil Versammlnng die Genehmigung hätte erteitt werden m ü I s e n. Noch einen moralischen Erfolg können die beschiverdeführenden Genossen buchen. Während der Jnstanzenzug'sich sonst rtiva neun Monate hinzog, dauerte eS diesmal nur vier Wochen. Eine Folge der erzieherischen Tätigkeitu n sererGe nossen. Trotz deS heulenden SlnrmwindcS und zeilweilig strömenden Regens hatten sich reichlich 259 Bersammluiigsbesucher eingefunden, die den scharfpointierten Darlegungen de« Genossen H e tz s ch o l d- Berlin über„Die politischen Zustände in Deutschland und die bevorstehenden Wahlen" mit Aiifmerksamkeit folgten. Die lebhafte Zustimmung während und nach dem Vortrage bewies, daß der �aiiZgestreute Samen auf fruchtbaren Boden gefallen ist und gifte Früchte bei de» Wahlen z» tragen verspricht. Genosse Kröger� unterzog das herrschende Polizeiregime in Beeskow einer schneidenden Kritik. die sich der Herr Polizeigewaltige in reipeltvoller Entfernung teilweise mit anhörte. Als dann seine besonderen glor« reichen Taten im Kampfe gegen die Sozialdemo- kratie in da§ richtige Licht gerückt worden, was bei den Anwesenden lebhaften Beifall auslöste, war der Herr mittlerweile außer Sehweite. In das vom Vorsitzenden, Genossen PagclS, aus- gebrachte Hoch auf die völkerbefreieude Sozialdemokratie stimmten die aus weit entlegenen Dörfern zusammengelomnicnen VcrslimmlungS- teilnehmer begeistert ein. Die übereifrige Polizei, die in ihrem Bestreben, daS Aufkommen der Sozialdemokratie zu verhindern, manche Niederlage erlitten hat, hat durch ihr Verhalten in Beeskow viel zu dem Gelingen der Ver- sammlung beigetragen.'« Bernau. In der Stadtverordnetenversammlung wurde der bisherige Rats- Herr Kiesling einstimmig als Magistratsmitglied wiedergewählt. Der Antrag unserer Genossen, die Stadtverordnetenwahlen der dritte» Wahlabteilung an einem Sonntag stattfinden zu lassen, wurde vom Genossen Krüger begründet und mit 9 gegen 7 Stimmen an- g e n o m m e n. Vom Magistrat wurde in Vorschlag gebracht, drei befähigten unbemittelten Knaben und Mädchen aus der Gemeinde- scbule Freistellen in der höheren Knaben- und Mädchenschnle zu ge- währen. Bon unseren Genoffen wurde die geringe Zahl der Frei- stellen bemängelt und die unentgeltliche Lieferung der Lehrmittel für die Freischüler verlangt. Die Bürgerlichen lehnten die hierauf bezug- »ehmenden Anträge unserer Genossen ab. Es wurde sodann ein Kuratorium für die höhere Schule gewählt, dem auch Genosse Krüger angehört. Gegen die Konzessionierung der von Dr. Milbradt zu erbauenden Privatklinik hatte die Versammlung nichts einzuwenden. In nichtöffeiillicher Sitzung wurde über die Züchtigung der Schul- klnder von einem Lehrer der hiesigen Gemeindeschule verhandelt und Abhilfe zugesagt. Orniiienburg« Rii» der Stadtverordnetenversammlung. Dem Antrage, die Tilgungsrate der Kanalisationsanleihe statt mit l'/g mit 2 Proz.. wie es der BezirksailSschuß wünscht, zu amortisieren, wurde zugestimmt. Der Gewinnanteil vom Eleklrizitäts- und Wasserwerk beträgt buch- mäßig für daS Jahr 1919 5256,94 M. Nach der seinerzeit getroffenen Vereinbarung darf der Gewinnanteil nicht unter 7999 M. betragen. Die Gesellschaft schüttet eine Dividende von S Proz. aus. Der Preis der Lichtstromabnahme beträgt vom 1. Oktober d. I. 9,49 M. pro Kilowattstunde. Bei der Festsetzung einer Anerkennungsgebühr für eine Sommerverailda auf 49 M. entpuppte sich der Stadtv. Justizrnt Jonas als Steuersucher, indem er die Frage aufwarf, ob es nicht möglich sei, für die Gastwirte, welche derartige Sommerverande» vor ihrer Tür haben wollen, zu einer neuen Konzessionssteuer heranzuziehen, da bekanntlich nur die Jnnenräume des Lokals konzessioniert seien. Dem findigen Herrn wurde von unseren Genossen bedeutet, daß die Gastwirte leider schon überlastet wären. Zu einer scharfen AuS- einandersetzung kam es zivischen unseren Genossen und dem Staadt- verordneten Neümann, der sich schon loiederholt als Sozialistentötcr gezeigt hat, bei dem Antrag unserer Genossen, den Magistrat zu er- suchen, die Stadtverordnetenwahlen der 3. Wählerklasie an einem Sonntage vorzunehmen. Den Antrag begründete Genosse SchUmanu mit dem Hinweis, daß ein großer Teil der Arbeiter gezwungen sei, in Berlin und noch darüber hinaus Arbeit zu nehmen. Vielen sei es in Anbetracht der gegenwärtigen Ttiierungsverhältnisie unmöglich einen halben, ja sogar einen ganzen Tagelohn einzubüßen, um von ihrem Reckte als Staatsbürger Gebrauch zu machen. Sehr viele Arbeiter hätten schon deshalb ihre Arbeit verloren, weil sie gegen den Willen ihres Arbeitgebers ihr Wahlrecht ausgeübt haben; er bitte daher, den Antrag einstimmig anzunehmen. Stadtverordneter Jonas besürwortete unseren Antrag, schon um der Sozialdemokratie nicht neues Agitationsniaterial zu geben. Stadtverordneter Neuman» meinte, die Arbeiter opferten doch' bei der Maifeier ganze Tage, ja Wocken, er bitte daher, den Antrag abzulehnen. Die Genossen Garlipp und Paris traten dem Herrnentschieden entgegen. NachdemnochdieSladt- verordneten Sziede. Weinberg und Genosse Schumann sich mit Herrn Neumann auseinandergesetzt, wurde der Antrag gegen die Stimme des Herrn Neumann angenommen. Sodann gab der Beigeordnete Miedecke nach Anfrage Ausklärung über den Stand der Arbeiten an den Brückenbauten und KanalisationSarbeiten. Die Brückenbau-Unter- nehmer sollten laut KommisfionSbeschluß sechs Wochen nach Zuschlag- erteilung die Betonarbeiten ausgeführt haben. Laut Vertrag ist den Unterilehmern aber erst diese Pflicht auferlegt, wenn sie mir der Arbeit begonnen haben. Bei den KanalisationSarbeiten hat sich herausgestellt, daß das Prinzsche Projekt einfach«»brauchbar ist, einzelne Gutachter bezeichneten dasselbe geradezu als Schiiterurbeit. Leider hat man eS auch unterlassen, dem auf Urlaub befindlichen Bürgermeister von der«Sachlage Kenntnis zu geben; nach Ansicht unserer Genossen hätte er dann die Pflicht gehabt, seinen Urlaub zu unterbrechen. Nach längerer Debatte nahm die Versammlung folgende Resolution an: „Nach den angehörten Gutachten muß eS als erwiesen angesehen werden, daß das entworfene und genehmigte Projekt nicht aus- führbar ist. mindestens nicht in seinem vollen Umfange. Insbesondere nach dem von dem Dresdener Prosesior angegebenen Gutachten und seinen dem Beigeordnelen Sladirat Dechcrt und Ingenieur Lüne- bürg gegenüber gemachten mündlichen Ausführungen unterliegt e5 keinem Zweifel, daß das Projekt einer Umänderung dahin bedarf, daß die Röhren im allgemeinen tiefer gelegt werden müssen. Um nickt eine vollständige Störung im Fortgang der Arbeiten eintreten lassen zu müssen, wird es sich empfehlen, das inzwischen abgeänderte Projekt zwischen Eisenbahn»nd Havel zur Ausführung zu bringen. Zum Sckluß wird Herrn Prinz nahegelegt, freiwillig von seinem Bertrage mit der Stadt zurückzutreten." Hierauf geheime Sitzung. Slngegangene vruckfckriften. Ultramontauieuius und Sittlichkeit oder dem„Asketen- feine Geitzel. Von H. Floerkc. 80 Pf.— DaS Verbrechen der Gottes- lästerung und dle Freiheit der religiösen Kritik. Von W. Börner. 69 Pi.— Die Tragödie des katholischen Pfarrer«. Von K. Sauvrin. 3,20 M.. geb. 4,20 M.— Neuer Franlsurter Verlag, Franlsurt a. M. Marktprelfe von Berlin an, N.Oktober. ISll. nach Ermittelung des KSntglichen VollzetpräsidiumS� M a r k t b a! I e n v r e i f e.(Kleiiibandct.) 100 Kilograomi Erbsen, gelbe, zum Kochen 35.00—50.00. Speisebocnicn weihe. 35.00-50.00. Lmleil 34.00- 80.00. Kartoffeln 7,00-12.00. 1 Kilo. gramm Rindfleifch, von der Keule 1.60-2.40. Rindfleisch, Baiichflelsch i 30 bis 1,70. Lchweiilefleilch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40-2,40. Hammelfleisch 1,30—2,00. Butter 2,40—3,40. 60 Stück Äer 3,60—0,40. 1 Kilogramm Karpfen 1.00—2,40. Aole 1.20-2,80. Zander 1.40—3,60. Hechle 1.20 bis 2,80. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,40—3,00. Viele 0,89—1,60. 60 Stück Krebse 2,50-30,00. «vitternngsüderK», vom 10. Oktober 1911. il§l l§2 M i« l 9*" SwMemd» 709 NNW Oambarg i772N berüi. 17703!® sstaltkUn 772 NO Rüiicheu>770 NB Wien«707 NN® 5 belter 2beiter 3 bciter 1 heiter 3 bedeckt 4 wollig wc »II Sf Hl «i i A tBcttn ■-» 5 II 5* Havaranba 702 N 2 wölken!—3 Petersburg 742 N 4 Regen 2 SctUl) 771C9ffi Shalbbd. 10 -lberdeev>777 BN® 1 heiler 0 BariS! 772 NO> 4 wölken! 6 B>ett>>rvrvg»ole'ür Mittwoch, deu 11. Oktober 1911. Zunächst viclsach heiter, nachts last, am Tage wärmer bei ziemlich leb- hasten südwestliche» Winden; später zunehmende Bewölkung ohne erhebliche iittederschlüge. Berliner Wetterbureau. Waflrrstauds.st»chrtchtr» der Landesanstalt für Gewässerlunde, mitgetclll vom Berliner Wetterburcau. Wasserstand W e 01 e I, TUM B r e g- l. Jnfterbmg W e i ch s e t. Tboru Oder, Rattbor , Kr offen , Frank! urt Warthe. Schrinna . Landsberg Reh». Vordamm Elbe. Lettmeritz , DreSdeo , varby , Magdeburg am 9 10. cm 69 —52 —8 103 27 43 —35 —60 -36 -01 —183 26 31 «eit 8. 10. am') A 0 —2 tl +1 —1 2 -4 —9 -1 +1 Wasserstand Saale. Drochlitz Havel, Evandauft _» Rathenow') esprte, Evremberg') . vecttow Weser, Münde» m. Minden Rhein, MarimiltoUmi » Kaub ™' Köln Neckar, Heilbronn Main. B-rtbeim Mosel. Trier am 9.10. cm 44 14 -30 80 79 73 147 346 130 94 30 87 S seit 8.10. cm') -s-3 0 -f-10 0 —8 —4 4-1 -f*5 0 —2 4-9 —3 ') 4- bedeutet Such».- Fall.—•) Unierpegel. Unserem Genossen ► Max Doppscher» t nebst Gemahlin j die herzlichsten Glückwünsche � zur Hochzeit. 1g3L vis Lsnosson lies 700. Bezirks. i l Todes-Anzeigen ! SoziaUemokratisetier Vahlvereln I des 18. Kerl. Reic!isl8gs-Wal!lkrEises.| Todes- An®clge. Am 9. Oktober verstarb unser � > Genosse, der Arbeiter Wilhelm Kühn Gottschedstr. 26. Ehre seinem Zlndenken! Die Beerdigung findet am I Donnerstag, den 12. Oktober.| nachmittags 4 Uhr, vom Virchow- Krankenhause aus nach dem neuen> PaulSlirchhoj in der Seestrafie! \ statt. Um rege Beteiligung ersucht _ Ter Vorstand. Verband der Fabrikarbeiterl Deufsciiiands. Am Montag, den 3. Oktober, ist unser Mitglied Wilhelm Kühn verstorben. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Oltober, nachmittags 4 Uhr, vom Virchow- �.rankcnhause aus nach dem neuen Paulskirchhos, Plötzensee, statt. Rege Beteiligung erwartet 64/3 Die Ortsverwaltung. r Am 8. Oltober, abends 11°/, Uhr, A cntschlies saust nach langem, schmc- rem Leiden meine liebe Frau, Mutter, Tochter, Schwester und Schwägerin Alwine Sahmiand geb. Knabe im 28. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrilbt an t'ritn Sahmiand nebst Sohn> Ellern u. Geschwister. Die Bcci digung findet DonnerS- tag 4'/, Uhr von der Leichenhalle des städtischen Friedhofes i» der Müllerstraße, Ecke Seestraße, aus statt. Dantsagttug. die Beweise herzlicher Teil- nähme bei dem Ableben meines lieben Mannes, unseres guten Vaters, Bruders und Schwagers sage ich allen Bekannten, besonders dem Wablvercin und dem Transport- orbeiter-Berband meinen herzlichsten Dank. 10366 Im Namen der Hinterbliebenen. _ ffran E Küster. Tanksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben Bruders sprechen wrr hiermit allen Verwandten, Bekannten, den Kollegen der Bock- braucrct(Abt. II), dem Verband der Brauerei- und Mühlcnarbciter, dem Wahlverein deS 6. Kreises, dem Sparveretn Unverhofft unseren innig- ften Dank aus. 1942 Im Namen der Hinterbliebenen Gc- schwister: Paul Tchülkr. Für die Beweise berzttchcr Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben ManneS ]£zu't Gräber sagen wir allen, insbesondere dem Deutlchen Bauarbeiter-Verbande so- wie dem Wahlverein Charlotlenburg, unseren herzlichsten Dank. WwIiizzbgibKraberg-b Kecban und Sohn. Allen Belwandten und Bekannten sowie dem Deutschen Transport« arbciler-Verband und sechsten Wahl- kreis sür die Teilnahme bei der Beerdigung meines geliebten ManneS •An'K. A- Rolenkranz, AI,-Boxhagen S6. Schönebers. Wilhelm Bäumler, Marttn-Luther-Str. 69 im Laden. 8pa»dan. Koppe», Breitestr. 64. Steglitz. H. Bernsee, Atsenstr. 5. T'enipelbek. Krantz, Berliner Str. 76, Laden. Treptow. Rodert Gramenz, Kiesbolzftr. 412. Laden. rVeltieiinee. Fiilirmann, Scdanstr. 105. Schillert, König-Thauffee 39a W Ilmersdorf. Paul Schubert. WilaelmSaue 26. Ho, parterre In allen �eik-hääen: l. Allerbeste Ware erster Qualität! 2. Billigste Lebensmittelpreise! 3. Fachmännische, höfliche und zu« vorkommende Bedienung! 4» Wertvolle ReiksRabattmarken! Reik in Rixdorf. Für jede vollgeMebte Relk-Eabattkailo wird in ollen Relk- Läden sofort 5 Mark In bar ausgezahlt Eabattkarten zum Einkleben der Reik-Kabattmarken gibt es in allen Relk-Läden umsonst, ebenso Preislisten. 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Mithin mehr... 4 950,— M. konsurn-Verein kür Vexel und Umgexead. Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Hattpflicht. Max lilchtcuberg. llngo Kubier. Friedrich Httlle. Wissen Sie schon» dafi Persil Ihnen die Wäsche nicht not von selbst wäscht, sondern daß es Ihnen die Wäsche auch schont und erhält? Wenn nicht, dann überzeugen Sie sich durch einen Versuch. Crhlltlleh nur In Ortglna]>l*aketeB. HENKEL& Co., DÜSSELDORF..uch'iiftahÜi�uV, tlenkpls Bleich-Soda. Fabrik-Niederlage für Berlin und Vororte: Job. tächmalor, Berlin N. 4, Tieckstraßo 11. für Kausfrauen! Atiitung! Großer Teuerungszuschuß! Achtung! „Ideal-Brot" garantiert reines, verfeinertes Roggenbrot, vorzüglich im Geschmack und leicht verdaulich, kostot von heute ab 8�" nur 45 Pf. das übliche crofio Brot. Zu haben in Delikateu-, Kolonialwaren- und Milchgeschäften, wo nicht, wende man sich direkt an die Ideal-Brot-Fabrik in Pankow,«IBhlenstr. 17 oder Blnzstr. 8. Fernsprecher: Pankow 132. 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ZahrzW 3. Keilige des Jotiüirts" Kerlim KcksM Mwoch. ll. Oktober lNt. Aus?olkeiMche». Die Klagen über Mißhcmblinig auf Polizeiwachen hören nicht auf. llnd fast immer bestreiten die Schutzleute jede Mißhandlung, während die vermeintlich Mißhandelten recht oft die Mißhandlungen durch Wunden glaubhaft machen. Die Widersprüche zivischen den Aussagen der in der Regel als Zeugen erscheinenden Schutzleute und der in der Regel zu Angellagien gemachten Kläger über Mißhand- lung könnten dadurch leicht behoben werden, daß die Polizeiwachen mit Phonographen-Aufnahmeapparaten verschen würden. Dann wäre ein„objektiver Zeuge' da. Der Kostenpunkt wäre ein un- erheblicher, zumal leider Berlin durch Gesetz gezwungen ist, für die Polizei Millionen mehr Kosten zu zahlen, als eine wirklich der Sicherheit der Person und des Eigentums der Bürger dienende städtische Potizewerwaltung erfordern würde. Die Klagen über Mißhandlungen auf Berliner Polizeiwachen haben sich ja in vielen Fällen, auch nach Ansicht des Gerichts, als berechtigt herausgestellt. Auch in den Fällen, in denen das Gericht in Hinblick auf SchutzmannSauSsagen ein„Nicht erwiesen' aus- sprechen zu müssen glaubt, wird der Leser oft anderer Auffasiung wie daS Gericht sein. ES liegt auf der Hand, daß Mißhandlungen auf der Polizei und bereits die Befürchtung solcher feigen Brutali» täten die SicherheitSzustände Groß-BerlinS auf's ärgste gefährden. Auch vom Standpunkt der bürgerlichen Parteien müßte der Borschlag, einen objektiven Zeugen für die Borgänge auf Polizeiwachen durch Aufstellung von Phonographen zu schaffen, begrüßt werden. Wer freilich die Ansicht vertritt, die Polizei sei dazu da, um unter dem Vorwand für Ordnung und Sicherheit zu sorgen, diese auf's ärgste zu gefährden, wird unseren Borschlag bekämpfen. Nachstehend bringen wir den Bericht über zwei vor Gericht be- hauptete Mißhandlungsfälle auf Polizeiwachen— alle derartigen Verhandlungen in Berlin zu bringen, ist schon auS räumlichen Rück- sichten unmöglich. Furchtbares Angstgeschrei und Hilferufe auf der Polizeiwache versetzten die Bewohner deS Hauses Rodenbergstr. 3. in dem sich die Wache deS IIS. Polizeireviers befindet, am Abend deS 3. Juli in begreifliche Erregung. DaS Geschrei kam auS einer Arrestzelle der Polizeiwache. Es machte den Eindruck, als ob jemand, der schwer mißhandelt wird, das furchtbare Angstgcschrci ausstieß. Zwischendurch hörte man Hilferufe und die Worte:„Ihr schlagt mich ja tot." Die Bewohner des Hauses, sowie deS angrenzenden Grund- stückeS Wichertstr. 158 sahen aus den Fenstern, um die Ursache des entsetzlichen Lärms zu erkunden. Einer der Hausbewohner namens I e s ch k e machte von seinem Fenster auS unwillige Bemerkungen über prügelnde Polizeibeamte. Deshalb hotte er sich gestern vor dem Schöffengericht Berlin-Wedding wegen Beleidigung der Polizeibeaniten zu verantworten. Neben Jeschke erschien Schulz, der Mann, welcher das entsetzliche Geschrei ausgestoßen hatte, auf der Anklagebank. Ihm wird Hausfriedensbruch, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beamtcnbeleidigung zur Last gelegt. An dem bezeichneten Abend erschien Schulz auf der Polizeiwache und wollte eine Anzeige erstatten. Ihm wurde bedeutet, seine An- zeige betreffe eine Zivilstreitsoche, die Polizei habe damit nichts zu tun. Schulz hat das augenscheinlich nicht begriffen. Er bestand auf der Entgegennahme seiner Anzeige und geriet mit einem Beamten in Wortwechsel. Schulz wurde aufgefordert, sich zu entfernen, er ging aber nicht. Ueber da», was nun folgte, stehen sich die Angaben des An- geklagten Schulz und der beteiligten Beamten gegenüber. Schulz behauptet, er sei im Verlaus deS Wortwechsels an Händen und Füßen gefesselt, in die Zelle gebracht, an dem Strick, womit er gefesselt war, hin und her gezerrt worden. Tatsache ist, daß Schulz mit einer Kopfwunde die Wache verlassen hat. Seiner Angabe nach muß ihm die Verletzung durch Schläge mit einem Schlüssel oder einem ähnlichen Instrument beigebracht worden sein. Die beteiligten Polizeibeamten dagegen stellen den Sachverbalt so dar': Schulz sei noch der Zurückweisung seiner An- zeige und der Aufforderung, sich zu entfernen, in große Erregung geraten und habe einen der Beamten tätlich angegriffen. Man habe ihn dann in die Zelle gebracht und, weil er unaufhörlich um sich ge- schlagen habe, seien ihm die Hände gefesselt worden. Schulz habe unaufhörlich geschrien und getobt. Auch als er ganz allein in der Zelle war, habe er Hilfe gerufen und geschimpft:.Ihr Hunde, Ihr Lumpen, schlagt mich doch tot!' Schließlich sei Schulz, um ihn am Toben zu hindern, auch an den Füßen gefesselt und in der Zelle aus die Bank gelegt worden. Er habe immer weiter geschrien und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Schutz- mann G ö r i ck e sagt, er sei in die Zelle gegangen und habe ver- sacht, Schulz durch Zureden zu beruhigen..Aber Herr Schulz'— habe er gesagt—.Sie werden sich den Kops blutig schlagen.' Da habe Schulz gerufen:.Das will ich auch, ich will bluten' und habe weiter auf die Beamten geschimpft. Frau Brandenburg, eine Hausbewohnerin, ist durch den Schutzmann Zinke aufgefordert worden, mit ihm in die Wache zu gehen und sich zu überzeugen, daß Schulz ohne Ursache schreie. Frau Brandenburg ist der Aufforderung nachgekommen, sie hat sich aber, wie sie sagt, gefürchtet, in die Zelle hineinzugehen, hat aber gesehen, daß Schulz ganz allein in der Zelle lag und fortgesetzt schrie, er werde totgeschlagen.— Ein anderer Hausbewohner, K u b i n S k i, sagte als Zeuge, er habe laute Hilferufe und die Worte gehört:.Ihr schlagt mich tot'. Gleichzeitig habe er ein klatschendes Geräusch, wie von Schlägen herrührend, ver- nommen. Die Hausbewohner seien infolge deS LärmS an den Fenstern erschienen. Da habe der Schutzmann Zinke die Fenster gemustert. Sogleich sei das Licht, was man bis dahin in der Zelle sehen konnte, verlöscht. DaS Geschrei sei aber noch nachdem zu hören gewesen. Nun habe der Schutzmann Zinke Frau Brandenburg ersucht, mit hinaufzugehen. Als sie wieder herunterkam, habe sie zu den Hausbewohnern ge- sagt, dem Manne passiere nichts, er sei ganz allein in der Zelle und schrie ohne Veranlassung.— Am Tage nach diesem Vorfall — sagt der Zeuge RübinSki— seien die Fensterscheiben der Polizeiwache durch einen Anstrich Uti durchsichtig gemacht worden. Einer der vernommenen Schutzleute sagte, nachdem Kubinsli vernommen war: Kubinski sei gehässig gegen die Polizei, weil er wegen Spielens eines Musikautomaten bei offenem Fenster in eine Polizeistrase genommen worden sei.— Der Zeuge KubinSki ver- wahrte sich ganz entschieden gegen die Verdächtigung, als ob er unter seinem Eide die Unwahrheit gesagt habe. Der Angeklagte Jeschke soll nach Angabe deS Schutz- manns Zinke aus dem Fenster gerufen haben:.Die Blauen, die Pennbrüder, die Schwciiiebmide schlagen die Steuerzahler tot.'— Nach seiner eigenen Angabe, die vom Zeugen Kubinski bestätigt wird, soll Jeschke gesagt haben:.An die Pennbrüder trauen sich die Schutzleute nicht heran, aber die Steuer- zahler schlagen sie tot.— Jeschke sagt, eS sei oft ein derartiger Lärm in der Polizeiwache gewesen, daß eS die Hausbewohner nicht ertragen konnten. Das habe ihn zu einer unwilligen Bemerkung veranlaßt, durch die er sich Ruhe vor solchen Störungen zu schaffen glaubte. Das Gericht verurteilte den Angeklagten Schulz wegen Hausfriedensbruch zu einer Geldstrafe von 30 M., sprach ihn aber von der Anklage des Widerstandes und der Beleidigung frei, weil er sich zur Zeit dieser Handlungen in einem durch Wut und Erregung hervorgerufenen Zustande der Unzurechnungsfähigkeit be- funden habe. Jeschke wurde wegen Beleidigung zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt. Studenten auf der Polizeiwache. Bier Studenten gingen in einer Mainacht, von einer Kneiperei kommend, angeheitert nach Hause. Einer von ihnen erkletterte eine Straßenlaterne und drehte sie aus. Die ganze Gesellschaft sang ihr .Bundeslicd' und ließ ihren.Bundespfiff' ertönen. Ein Schutzmann erschien und brachte die jungen Herren nach der Wache, wo ihre Personalien festgestellt werden sollten. Hier sollen zwei au? der Gesellschaft, der jetzige Chefredakteur Kertzendorf und der Student Herold, den Beamten Widerstand geleistet und sie beleidigt haben. Das Schöffengericht Charlotten- bürg hatte sie aber von dieser Anklage freigesprochen und sie nur wegen des ruhestörenden Lärms auf der Straße in eine Geldstrafe von je fünf Mark genommen. Infolge der B e- r u f u n g der Staatsanwaltschaft wurde die Sache gestern vor dem Landgericht III verhandelt, aber nur gegen den Studenten Herold, da der jetzt in Weimar weilende Chefredakteur Kertzendorf nicht er- schienen ivar. Durch die Beweisaufnahme ergab sich, daß schon auf der Straße ein Streit zwischen de» Studenten und dem Schutzmann darüber entstanden war, da sich die Studenten durch Vorzeigung ihrer Studentenkarte ausreichend legitimiert glaubten, während der Be- amte auf der Sistierung bestand, weil ihm die Angaben der Karte nicht vollständig genug erschienen. Auf der Wache wurde dieser Streit fortgesetzt. Herold weigerte sich ganz entschieden, seine Wohnung anzugeben, und meinte, die Karte müsse den Beamten genügen. Wie einer der vernommenen Schutzleute sagte, sollen Studentenkartcn als ausreichende Legitimation angesehen werden. Da aber die Karten keine Wohnungsangabe enthalten, so muß die Polizei die Wohnung beim Sekretariat der Universität erfragen. DaS macht aber soviel Schreibereien— sagte ein anderer Schutz- mann— daß wir die Herren sistiert haben, um von ihnen selbst die Wohnung zu erfahren. Auf der Wache haben die jungen Herren Er- fahrungen gemacht von der Art, wie sie oft von Si stierten vor Gericht bekundet, von denBeamten aber immer be st ritten werden. Kertzendorf ist von drei Beamten in die Zelle gesperrt worden. Warum? Weiler um sich schlug und uns angriff, sagte einer der Schutzleute.— Beim Transport nach der Zelle oder noch in derselben rief Kertzendorf: .Man mißhandelt michl' Tatsächlich ist Kertzendorf, nach- dem er mit seinen Freunden die Polizeiwache verlaffen hatte, auf der Rettungswache verbunden worden. DaS alles er- wähnte der Angeklagte Herold so nebenbei. Ueber Art und Ursache der Verletzung Kertzendorfs erfuhr man nichts. Herold soll nach Angabe der Schutzleute einen Beamten, der dem Kertzendorf den Hut vom Kopfe nahm, mit dem Stock bedroht und einen anderen Beamten mit dem Stock vor die Brust gestoßen haben.— Herold sagt, er sei«S, dem ein Schutzmann den Hut vom Kopf genommen und mit der Faust auf den Hut geschlagen habe. Er habe in der einen Hand seinen Stock, in der anderen die Studenten- karte gehabt und einem Beamten klar zu machen versucht, daß die Karte als gesetzliche Legitimation gelte. Da sei der Beamte plötzlich auf ihn losgestürzt und habe gesagt:„Sie haben mich mit dem Stock vor die Brust gestoßen. Das kommt vor den Staatsanwalt. DaS wird Ihnen teuer zu stehen kommen.'— Der Angeklagte be- streitet, den Beamten gestoßen zu haben. Er zj-be mit den Händen gestikuliert und könne vielleicht unabsichtlich den Beamten mit dem Stock berührt haben.— Schutzmann Zimmermann be- hauptet dagegen, er habe mit der Krücke des Stockes einen kräftigen Stoß vor die Brust bekommen und glaube nicht, daß dies ohne Absicht geschehen sein könne. Das Gericht hielt diesen Punkt nicht für aufgeklärt. Es bestehe zwar der Verdacht, daß der Angeklagte den Stoß absichtlich geführt habe, aber erwiesen sei es nicht. Die Berufung des Staatsanwalts wurde verworfen. » Die Freisprechung des Studenten von der Anklage, einen Beamten tätlich angegriffen zu haben, ist durchaus gerechtfertigt. Bei objektiver Würdigung des Beweismaterials konnte daS Urteil gar nicht anders ausfallen. Und doch haben wir schon öfter Ber- urteilungen erlebt in ganz ähnlich liegenden Fällen, wo sich die Aussagen pon Schutzleuten und Zivilpersonen über Borgänge auf der Polizeiwache gegenüberstanden und man hätte sagen müssen: Es ist nicht aufgeklärt. Trotzdem wurden die Angeklagten in solchen Fällen verurteilt. ES waren allerdings keine Studenten. Versammlungen. Der Deutsche Bauarbeiterverbanb hielt am Sonntag eine Mib< gliederversammlung für den Zweigverein Berlin ab. Der Vor- sitzend« Hanke erörterte in einem beifällig aufgenommenen Vor- trage die Frage: Entspricht die durch die Organisation erkämpfte Lohnhöhe den heutigen Verhältnissen? An der Hand eines reich- haltigen statistischen Materials wies der Redner nach, daß die Lohn- steigerung der letzten Jahre eine Hebung der Lebenslage der Ar- beiter nicht gebracht hat, denn die Lohnerhöhung wird schon allein durch die Steigerung der Lebensmittelpreise verschlungen. Dazu kommt noch daß auch alle sonstigen Bedarfsartikel im Preise ge- stiegen sind. Wenn man die Kosten, welche die Ernährung eines Marinesoldaten verursacht, zugrunde legt, dann müßte eine vier- köpfige Arbeiterfamilie bei den gegenwärtigen Lebensmittelpreisen wöchentlich 23,04 M. allein für Ernährung ausgeben. Das aber kann kein Bauarbeiter bei den heutigen Löhnen aufwenden. Man muß deshalb sagen, die mit so großen Opfern durch die Organi- sation erkämpfte Lohnhöhe entspricht zwar den derzeitigen Macht- Mitteln der Organisation, aber sie entspricht nicht den gegenwär- tigen Lebensmittelpreisen und den Ansprüchen der heutigen Kultur. Die nächste Gelegenheit, die Lebenslxiltung der Bauarbeiter zu erhöhen, bietet sich im Jahre 1913. Doch kann nur etwas erreicht Werden, wenn die Organisation gestärkt wird. In dieser Hinsicht ist noch viel zu tun. Von etwa 46 009 in Berlin beschäftigten Bau- arbeitern gehören erst 12 900, also nur der vierte Teil, dem Veri» bände an. Allerdings wird eS schwer sein, den widerstrebenden Teil der Kollegen, die sich stets der Organisation zu entziehen wissen, dauernd zu gewinnen. Aber seit 1S07 ist ein größerer Teil jüngerer Kollegen in den Beruf hineingekommen, an die eine tief- gehende Agitation für die Gewerkschaft noch nicht herangetreten ist. An diese soll man sich vor allem wenden, um sie für den Verband zu gewinnen. Dann aber gilt es auch, die neu aufgenommenen Mitglieder, deren Zahl in den letzten Wochen eine recht beträchtliche war, zu erziehen und sie zu überzeugten und treuen VerbandSmit- gliedern zu machen. Die für die nächsten Monate bevorstehende Reichstagswahlbewegung bietet die beste Gelegenheit zur Agitation auch für die geiverkschaftlichen Aufgaben. Wenn die Agitation von den Mitgliedern mit Eifer und Interesse betrieben wird, dann werden die Bauarbeiter im Jahre 1913 ihre Lebenshaltung ver» bessern können. Die vom Referenten vorgetragenen Gedanken wurden in der Diskussion weiter gesponnen und nach verschiedenen Richtungen er- örtert, wobei auch unterschiedliche Ansichten über Ursachen des un- genügenden Interesses vieler Kollegen an der Organisation zu Tage gefördert wurden. Einig waren sich jedoch alle Redner dann. daß die Agitation eifrig betrieben werden mutz, dann wird eS auch vorwärts gehen. WATinry w'wvvvyw-MVViJUWUUMUuvw�iiijuuin-rLrinri'~ r iit"---'" �-wwwwinrmrwinnnrirMm.n an Großer J oppen V erkauf Angebo.'i Von C B. 8000 Wl II t C T- J O P pC Fl Pelz-Joppen in Welen Fell-Arten, flute krffHfle"1 CT M. 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