Kr. 245. Bbonnemcn tS'Bedlngungen: ® onnemcntä. Preis pränumerando i Liertcljährl. 3,30 Ml�, monall. l.lv Mk., wöchenilich 28 Pffl, frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nunimer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Psm Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post.Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland Z Mark pro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz, Crldicint täglldj auOcr(ilontags. 28. Jahrg. Die TnlcrflonS' Gebühr »eträgt für die sechSgespallcne Kokonel» zeile oder deren Raun, W Pfg., für politische und gcwerkichastlichc BereinS- und VeriamnilungS-Auzeigeu L0 Plg. „Ktein« Rnreigcn", das iettgedruckle Wort 20 Plg, Izuläsfig 2 iellgedruclie Worte), jedes weitere Wort 10 Pjg. Stellengesuche und Schlafitellenan- zeigen daS erste Wort 10 Pig„ jedes weitere Worts Psg. Worte über 15 Buch- siaden zählen sür zwei Sorte, Jnseraie für die nächste Nunnner niülle» b'J & Uhr nachmittags in der Expedition »pacgeden»werde>u Die Expedition ijt biS 7 Uhr abend- geussnet. Dcrlinev Volksblntt. �entralorgan äer fo2ialc1emokratifcken Partei veuttcklanäs. lelegramm- Adresse: �»gxjzllitmsdkal KeriiS". Redaktion: 6RI. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. IS8Z. lüeichztagsohnmacht. Für die selbstverschuldete Ohnmacht des Reichstags lieferte die Mittivochsitzung den vollgültigen Belums. Ein ganzer Haufen Interpellationen Mar auf die Tagesordnung des Reichstags gesetzt worden, davon allein fünf über die aus- wärtige Politik des Reiches, drei über den Notstand und eine sozialdemokratische über die Handhabung des Vereinsgesetzes. Der Notstand wie die bedrohlichen internationalen Verwickelungen sind brennende Fragen ersten Ranges. Das Schicksal, das ihnen bcschieden ist. zeigt wieder mit zwingender Deutlichkeit, wie dringend verbesserungsbedürftig die Ge- schäftsordnung des Reichstags ist, um der Volks- Vertretung die sofortige Erörterung einer wichtigen Frage durch das Mittel einer Interpellation zu ermöglichen. Jetzt hat der Reichstag das nämlich nicht in der Hand. Wird eine Interpellation auf die Tagesordnung gesetzt, so stehen dcni Reichskanzler demgegenüber drei Wege der geschäft- lichen Behandlung offen: Er kann sich zur Beantwortung der Interpellation sofort oder doch an einem der nächsten Tage bereit erklären; damit ist deren Verhandlung gesichert. Er kann aber auch erklären, daß er sie überhaupt nicht beantworten will; auch dann kann durch 50 Mitglieder des Hauses die sofortige Besprechung der Interpellation er- zwungen werden Erklärt aber der Reichskanzler, daß er zwar die Interpellation beantworten will, sich jedoch die Fest- setzung eines Tages dafür zur genehmen Zeit vorbehält, so ist die Erörterung der Frage auf unberechenbare Zeit vertagt. Der Reichstag hat kein Mittel, die sofortige Besprechung zu erzwingen. Diese Ohnmacht zu sofortiger Aktion hat der Reichstag oft genug schwer empfunden. Und als im Jahre 1908 die Verfasjungssrage akut wurde, hat die Sozialdemokratie auch diesem Uebelstande durch einen Antrag aus Abänderung der Geschäftsordnung abzuhelfen gesucht. Der Antrag zielte darauf ab. daß der Reichstag oder vielmehr eine Zahl von 36 oder doch 56 Interpellanten die sofortige Erörterung einer Interpellation auch gegen den Willen der Regierung erzwingen könne. Mit den anderen Vcrfassungsanträgen ist auch diese Machtstärkung deL Reichstags durch die Mehrheit vereitelt worden. So konnte denn der Verlegenheitskanzler, als er zur Aus- kunft über die internationalen Beziehungen aufgefordert wurde, sich durch Beschreitung des dritten Auswegs vorläufig aus der Verlegenheit ziehen. Er war vorsichtig genug, die Berech- tigung der Volksvertretung zur Erörterung der Frage anzu- erkennen, aber vorläufig erscheint sie nicht opportun; später einmal, wenn der uncrforschlichen Weisheit der Regierung der günstige Zeitpunkt gekommen erscheint, wenn die Schacher- gcschäfte der Diplomaten nicht mehr durch eine unbequeme Opposition gestört werden können; kurz, wenn der Reichstag auf die tatsächliche Beilegung der Konflikte gar keinen Einfluß mehr ausüben kann, dann wird das Kaiizlerveilchen. das im Verborgenen von Hohenfinow blüht, wieder einmal kometengleich durch den Reichstag huschen und um die Resultate der Geheimregierung mit einigen philosophastrischen Allgememheiten herumreden. Herr v. Bethmann Holliveg hatte sogar die Güte, zu versichern, in seiner Absicht liege es. daß dieses freudige Ereignis dem sterbenden Reichs- tage noch vor seinem Heimgange einige Wonnestunden bereite. Diese Zusage mag den treuen Seeleu Genüae tun. die im Vollbewußtsein des beschränkten Untertanenverstandes einer hohen Regierung nach wie vor trotz aller bitteren Erfahrungen zu jeder Tapsigkeit und Tölpelei auf dem Gebiete der aus- wärtigen Politik freien Spielraum lassen wollen, sür die Sozialdemokratie kann die beschämende Situation, in die der Reichstag gebracht ist. nur ein neuer Ansporn sein, in dem neuen Reichstag alles aufzubieten, um dem Parlament einen bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der auswärtigen Be- Ziehungen des Reichs zu ermögltchen. Denn zehnmal wichtiger als die Kritik vollzogener Tatsachen ist das Mitbestimmungs- recht über Krieg und Frieden, ist der Einfluß auf den Gang der Verhandlungen, die zuckriegerischenVerwickelniigensiihrcn können. AuS seiner Ohnmacht gegenüber einer Regierung, die so ziemlich bei allen Parteien sich durch die Handhabung der auswärtigen Politik in Mißkredit gebracht hat. hätte aller- Vings dem Reichstag noch ein Ausweg offeugestandcn. nämlich die sofortige Einbringung eines Initiativantrages. der die brennenden Fragen der auswärtigen Politik an- schneidet und zu einer Beschlußfassung nötigen würde. Aber um einen solchen Antrag auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen und damit zur Erörterung zu bringen, hätte es eines Mehrheitsbeschlusses bedurft. Das war jedoch von der schwarzblauen Mehrheit nicht zu erwarten. Erst für den unwahrscheinlichen Fall, daß der Kanzler auch nicht einmal noch innerhalb dieser Tagung sich zu einer Beantwortung der Interpellation be- quemen sollte, wäre ein solcher und dann wohl ein- st i m m i g e r Beschluß des Reichstages zu erwarten. To aber sür sofortige Annahme eines solchen Antrages nur die Sozial- demokratie oder doch nur eine Minderheit des Reichstages eingetreten wäre.� konnte der Kanzler die klägliche Geschäftsordnung zur Verschleppung der Erörterung der ausivärtigen Politik auf unbestimmte Zeit ausnutzen.; Gxpcdition: 8CCI. 68, Lindcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981, Zur Beantwortung derNotstandsinterpcllation erklärte er sich sür Montag bereit. Die Interpellation wegen der mißbräuchlichen Handhabung des Vereinsgesetzes beantwortete der Stellvertreter des Reichskanzlers, Herr Delbrück, sofort. Auch diese Debatte ließ wieder die Ohnmacht des Reichs- tages unerfreulich in Erscheinung treten. Seit Erlaß des Reichsdcreinsgesctzes im Jahre 1903 reißen die Klagen über dessen mißbräuchliche Handhabung durch die Vcrwaltungs- organe nicht ab. Zum Teil sind die absonderlichen Aus- legungen des Gesetzes auf Unklarheiten und Vieldeutigkeiten der Fassung des Gesetzes zurückzuführen; zum Teil werden aber auch ganz klare Bestimmungen in einer Weise durch die Behörden gehandhabt, die den Verdacht der Böswilligkeit erweckt. Alle Jahre nun kommen Hunderte solcher Verfehlungen vor; alle Jahre werden sie teiliveise wenigstens im Reichstag vorgebracht und alle Jahre erfolgt die nämliche stereotype Antwort durch die Regierungsvertreter, daß die Reichsregierung wie die Einzel- regierungen den besten Willen haben und daß einzelne Miß- griffe immer vorkommen lverden. Dabei bleibt's. Ernstliche Maßregeln, die Unterbehörden zur strikten Bcobachtling des Ge- sctzes anzuhalten, werden nicht ergriffen. Im folgenden Jahre kann dann die alte Leier wieder angestimmt werden. Genosse A l b r e ch t konnte als mehrjähriger Begründer der sozialdemokratischen Interpellation daraus hinweisen, daß es sogar jetzt noch schlimmer geworden ist. als in den vorauf- gegangenen Jahren. Mit einer Fülle von Material, besonders aus dem Vereinsleben seines Heimatortes Halle, begründete er das. Dort hat die Polizei die Sicherstcllung der Vereine gegen polizeiliche Ucberwachung einfach illusorisch gemacht. Die Bestrebungen zur Bildung und Erziehung der Arbeiter- jugend werden aber in ganz Preußen und über dessen Grenzen hinaus durch ganz willkürliche Auslegung des Vereinsgesetzes illusorisch gemacht. Auch der Gewerkschaftsbewegung sucht man beizukommen, indem man die Vereine einfach sür„poli- tisch" erklärt. Bezeichnend ist, daß in einem Falle die Polizei das Beweismaterial für diese Behauptung aus Vor- gängen vor Erlaß des Reichsvereinsgesetzes entnommen hat. Der Staaitssekretär Dr. Delbrück hielt die gewohnte Beschönigungsrede und zog sich hinter die Kompetenz der Einzelregierungen zurück. Er mußte sich sogar von dem Zentrumsredner Gröber belehren lassen, daß nicht nur der Reichsregierung die Beaufsichtigung der Handhabung der Reichsgesetze zusteht, sondern auch dem Reichstag die Mit- Wirkung bei dieser Beaufsichtigung. Gröber verlangte dann eine Revision des Gesetzes, um allen Unklarheiten der Fassung ein Ende zu machen. Selbst der nationalliberalc Herr I u n ck hielt mit der Kritik nicht zurück, und der Pole Kor- f a n t y vervollständigte Albrechts Material durch erdrückende Beweise für die Behördenpraxis in Oberichlefien. die er als „infame Rechtsbeugung" kennzeichnete. Für die Rc- gierung legten sich der Konservative Gans EdlerzuPut- litz und der sreikonservative Elsasser Hösfel ins Zeug. Letzterer war polizeifrommer noch als der Minister, was ihm vom Genossen E m m e l die Bemerkung eintrug, es sei wohl eine Kandidatenrede für die Berufung in die Erste elsaß- lothringische Kammer auf Grund kaiserlichen Vertrauens. Sie chinesische Revolution. Tie Ereignisse in China nehmen eine schnelle EntWicke- lung. Depeschen des Reutcrschen Bureaus melden den B e- ginn des Kampfes zwischen den Truppen der Revo- lution und denen der Regierung. Die Meldungen besagen: Hiuikau, 18. Oktober. Heute morgen entwickelte sich ein Gefecht zwischen zweitausend Mann Regie- rungstr Uppen und zehntausend Aufständi- schen. Der Admiral Sah-tschenping gab seinen Kreuzern den Befehl, Abteilungen zu landen. Tie Auf. ständischen rückten von Wutschang her vor und erösfneten sofort das Feuer, worauf die Geschübe der Kreuzer ant- ioorteten. Ein lebhaftes Gefecht auf beiden Usern des Flusies dauert an. Tie fremden Kriegsschiffe haben Tetachements an Land geseut. Hankan, 18. Oktober. Das Gefecht ist bisher un- entschieden geblieben. Die Aufständischen trieben die Angreifer vorübergehend zu- rück. Tann aber begann sich ein Mangel an P a- t r 0 n e n fühlbar zu machen und die A u s st ä n d i s ch e n ziehen sich jetzt auf Wutschang zurück. Einige von ihnen erkundigten sich bei Fremden, ob sie in den Fremdenniederlassungen Schub finden würden. Es haben nur zweitausend Aufständische an dem Gefecht teilgenommen. Tie Abteilung der Ausständischen, welche, wie gemeldet, gestern den Hanfluß auswärts rückte, unter- nahm den Versuch, das in der Nähe der belgischen Nieder- lassung aufgeschlagene Lager des kaiserlichen Generals durch einen Angriff von rückwärts zu nehmen. Augenblick- lich finden Verhandlungen zwischen dem kaiserlichen Admiral und dem Führer der Aufständischen statt. Eine endgültige Entscheidung ist also noch nicht gefallen; aber schon dies gestaltet die Sache sür die Pekinger Regierung nicht günstig. Es ist ihr nicht gelungen, die Revolutionäre zu besiegen, und die Verhandlungen, die angeknüpft worden sind, können sich gar leicht für die Regierung bedenk- lich gestalten. Ist sie doch weder der Truppen, noch der Führer sicher. Ist die Regierung aber nicht imstande, der Be- wegung in ihren Anfängen Herr zu werden, so ist ihre rasche Ausbreitung sicher. Denn die Ursachen, die die entwickeltsten Provinzen des Reiches zum Aufstand ge- trieben haben, sind ja auch im übrigen Reiche, wenn auch vielleicht nicht in derselben Stärke, wirksam. Wir haben bereits gestern darauf hingewiesen, wie sehr der Kapitalismus die bestehenden sozialen Verhältnisse zu revolutionieren begonnen hat. Auch hier hat vor allem der Bauvon Eisenbahnen umstürzend gewirkt. Tie große Masse des Volkes sind Kleinbauern und Kleinhandwerker, daneben eine Menge ärmster Tagelöhner. Es begreift sich, daß namentlich diese Kulis das Eindringen der Eisenbahnen, die ihnen ihre durch Lastträger- und Lasttierarbeit erworbene elende Handvoll Reis wegnehinen, mit Erbitterung sehen. Sind es Bahnen ausländischer Unternehmer, so entsteht leicht eine große Volksbewegung; man denke an den an zwei den:- schen Forschungsreisenden vor 2�/2 Jahren verübten Totschlag aus Erregung über eine von Tonking her ins Land geführte französische Linie. Dazu kommen gekränkte Interessen ein- heimischer Eisenbahnunternehmer, die sich durch die von der Regierung angeordneten Verstaatlichungsmaßregeln benach» teiligt fühlen. Dazu kommen politische Momente. Dauernd und allgemein ist die sich immer weiter ausbreitende Un- Zufriedenheit mit dem verknöcherten P 0 l i z c i st a a t, dem rückständigen und größtenteils korrupten Beamten- tum, das die innere Verwaltung beherrscht, wie mit der alles niederhaltenden, von je verhaßten Mandschu- Herrschaft. Die Reformen der Regierung— Förderung des Schulwesens in der Richtung auf die obligatorische Volks- schule: Modernisierung des höheren Unterrichts und der Be- amtenprüfungen durch Einführung der Naturwissenschast neben den bisher ausschließlich maßgebenden literarischen Fächern; Abschaffung der Fußverkrüppelung der Mädchen und des Zopftragens; Vorbereitung eines neuen Strafrechts an stelle des alten, von teuflischer Grausamkeit erfüllten usw.— vermochten der vorwärtsdrängenden Unzufriedenheit nicht mehr zu genügen, mögen aber auf der anderen Seite manchen mißvergnügten Konservativen in die Reihe der Unzufriedenen gedrängt haben. Auch die erst für 1917, dann auf stürmisches Drängen des Volkes für 1913 verheißene Eröffnung eines Reichsparlaments, dem die von Provinzialparla- menten vorangegangen ist, genügt jetzt nicht mehr. Und gerade die eine von der Regierung mit Eifer be- triebcne Reform: die Modernisierung des H e e r Wesens, kehrt sich jetzt gegen sie. Genötigt durch die ständigen Belästigungen der fremden Raubstaaten, sah sich die Regierung veranlaßt, an- statt der alten, lächerlich gewordenen Armee eine auf Grundlage europäischen Soldatendrills aufgebaute, modern ausgerüstete neue zu schaffen. Bis 1912 sollten eigentlich die 36 Divisionen mit rund<109 000 Mann aufgestellt sein. Tatsächlich jst es heute erst die Hälfte, etwa 12, vollständig, und ebenso viele zur Hälf:e ausgebaute Divisionen. Später sollten aus den 70 000 bis 80 000 Mann der mandschurischen Bannertruppen weitere 8 Divisionen errichtet werden: eine Macht, die mit den er- forderlichen Reserven Wohl imstande sein dürfte, raubgierige Eindringlinge fernzuhalten. Es hat sich gezeigt, daß gerade unter diesen geschulten Soldaten ein beträchtlicher Teil sich den Lehren der in zahlreichen geheimen Gesellschaften orgam- sicrten„Uinsturzapostel" zugänglich gezeigt hat. Heber 20 000 sind bereits der Revolutionsarmee angeschlossen, die zugleich mit der Stadt Hanyang die größten Arsenale in die Hand bekommen hat und dort in Tag- und Nachtschichten reichliche Munition für Gewehre und die 140 Geschütze, die sie zur Verfügung hat, herstellen läßt. Tort, am Mittellaufe des mächtigen Jangtsekiang des chinesischen Hauptstroms, der da. über 1000 Kilometer von seiner Mündung, noch für große Scedampfer und Kriegs- schiffe fahrbar ist, hat die Bewegung ihren Herd. Es sind namentlich die Provinzen Szechuang. im Westen des Reiches, an Tibet grenzend und am Oberlauf des Jangtse. und Hupeh' weiter östlich, am Mittellaufe desselben Stromes, mit einem Teile des südlich daran grenzenden Hunan, die sich der Be- wegung angeschlossen haben. Sie konzentriert sich namentlich in den drei auf beiden Ufern liegenden Städten Hankau Wutschang und Hanyang, die zusammen etwa iy2 Millionen Einwohner zählen und bedeutenden Flußhandel betreiben der die Niederlassung vieler Ausländer zur Folge gehabt'hat. Eine ganze Reihe anderer bedeutender Städte stromauf, und -abwärts haben sich angeschlossen. Auch die erste Hafenstadt des Reiches. K a n t 0 11, im fernen Süden, mit fast einer Mil- lion Einwohner, die schon lange ein Sitz republikanischer Be- strebungen und zu Ausstanden geneigt ist. ist einbezogen. Und wahrend man den Anschluß Nankings und anderer Großstädte erwartet, hat sich der Ausstand schon nach dem fernen Norden, der Provinz Tschili. zu der die Hauptstadt Peking gehört, aus- gedehnt. Tie Regierung fürchtet sich vor den eigenen Be- amten, und die Soldaten sind, soweit sie nicht Mandschus sind. mindestens unsicher. Die deutsche Schutzaktion- Der Kommandant der„Leipzig" meldet aus Hank an:„Tag und Nacht sind ruhig verlaufen. Die Aufständischen haben sich Z II r li ck g e z o g e n. Ter britische A d m i r a l ist eingetroffen und hat als rang- ältester Offizier den Oberbefehl auf dem Wajser und am Lande über die vor Hankau versammelten Seestreitkräfte übernommen." Dazu bemerkt das„Wolfssche Bureau": Das Fehlen weiterer Nachrichten über den Zusamnienstoß des deutschen Landungskorps mit chinesischem Pöbel labt darauf schließen, daß die Suiutzaktiou nur kurz, erfolgreich und ohne größere Bedeutung war. Schonung der MitndschnS. Hiinkiiu, 17. Oktober. Das Gemetzel unter den M a n d- schus ist anscheinend beendet, und die Befehlshaber der Auf« ständischen haben eine Proklamation erlassen, in der sie ihren An- hängern den Befehl erteilen, alle, die sich der neuen Regierung unterwerfen, zu schonen. Die Aufständischen sind weiter damit beschäftigt, große Truppen mengen anzuwerben und umfangreiche Vorbereitungen für den bevorstehenden Feldzug zu treffen. Der Dienerschaft der Europäer hat sich eine Panik be- mächtigt und Tausende verlassen die Stadt. Nach Mitteilungen aus K i u k i a n g stehen revolutionäre Truppen vor der Stadt und verlangen deren Uebergave. Eine antidhnastische Demonstration in Hongkong. Hongkong, 18. Oktober. Während der Feier des Geburtstages des Konfuzius wurde vor einigen Läden, die mit Fahnen in den kaiserlichen Farbe» geschmückt waren, gerufen: „Nieder mit den Mand schus!" Die Menge wieder- h o l t e d i e s e R u f e so lange, bis die Fahnen eingezogen waren. Aeußerungen Sun Aatsens. New Jork, 18. Oktober. Die in den Vereinigten Staaten an- fässigen chinesischen Anhänger der Revolution veranstalteten hier eine Kundgebung, in der sie die Fortschritte der Re« v o l u t i o n feierten. Der Führer der Revolutionäre S u n D a t s e n erklärte, dah die neue chinesische Republik ein moderner Staat sein werde, in welchem Männer und Frauen gleich« berechtigt wären. Die Mitglieder der beiden Häuser sowie der Präsident der Republik werden direkt durch das Volk ge- wählt werden. Auch in Chicago fand im Chinesenviertel eine ähnliche begeisterte Kundgebung statt. Nichteinmischung Englands. London, 13. Oktober. Wie das Neutersche Bureau erfährt, wird sich die Politik Englands während der augenblicklichen chine- fischen Wirren darauf beschränken, alle Maßregeln zu ergreisen, die zum Schutz von Leben und Eigentum britischer Staatsangehöriger als notwendig angesehen werden. Sollte sich eine Landung von Marinesoldaten als nottvendig erweisen. so werden die erforderlichen Anordnungen an Ort und Stelle getroffen werden._ Der Krieg. Der Vatikan und die tripolitanische Expedition. Rom, 12. Oktober 1911.(Eig. Ber.) Offiziell sieht der Vatikan in der italienischen Regierung nur den Usurpator der Rechte der Kirche, aber diese Haltung hindert ihn nicht, den ganzen tripolitanischen Klimbim mit größtem Eifer mitzumachen. Als die ersten Kriegswolken aufstiegen, erhob wohl der offizielle„Ofservatore Ro> man o" Einspruch gegen das Abenteuer, aber es war ein recht bescheidener Einspruch, der zum Uebersluß in keiner Weise tonangebend für die klerikale Presse wurde. Wir finden gerade unter den klerikalen Blättern die Haupthctzer. Kein Blatt hat für den Raubzug frühzeitiger und eifriger Stim- mung gemacht als der klerikale„Corriere d'Italia" in Rom. Ihm haben sich dann Kirchenfürsten und klerikale Organi- fationen angeschlossen, so daß man heute in den schwarzen Blättern eine Kriegsbegeisterung findet, die der ministeriellen Presse fehlt, nnd die nur in dem Geschwefel der nationalifti- sehen Presse ihresgleichen hat. Die Erklärung dieser Erscheinung ist ziemlich leicht und liegt ziemlich offen am Tage. Unbefangenen Gemütern könnte es scheinen, daß die Vertreter der„Religion der Liebe" nicht übertriebene Sympathie für Feuer und Schwert, für das Be- schießen harmloser fremder Städte und das Jndengrnndbohren schlechtbewehrter Schiffe haben sollten. Diese Auffassung be- ruht natürlich auf einem Vorurteil, von dem die Kenntnis der Geschichte jeden kurieren sollte. Mit Scheiterhoufen, Dolch und Gift hat ja der Vatikan jahrhundertelang Liebe gepredigt, und kein Völkermord und kein Raubzug hat ihn je vor der Gelegenheit zurückschrecken lassen, die„Hcilslehre zu den Ungläubigen zu tragen". Der Vatikan ist also durch- aus im Bilde, wenn er l)eute dem Vergießen des Blutes Un» gläubiger das Wort redet. Aber im Grunde ist es ja gar nicht diese uns unchristlich scheinende Blutgier, die an der Haltung der Kirche befremdet. Man kann wirklich nicht gut verlangen, daß tvir den Vatikan als ideellen und ethischen Faktor auch nur halbwegs ernst nehmen. Was befremdet, das ist die politische Seite der Sache: die plötzliche Begeisterung für die Waffen des„Usurpators" und das Interesse für das Schicksal seiner Fahnen. Dieser politische Umschlag ist nun ausschließlich wirtschaftlich zu be- werten und zu verstehen. Es sind mächtige klerikale Inter- essen, die den SchmockS der klerikalen Blätter den Griffel führen, mit dem die Leutchen heute„Weltgeschichte schreiben". Von Anfang an wußte man— und wir haben darüber wieder- holt berichtet—, daß die„Banco di Roma" in Tripolitanien große Kapitalien investiert hat, und daß,»venu man schon von einem Schutze italienischer Interessen sprechen wollte, es sich eigentlich nur um die der erwähnten Banken handeln konnte. Nun sind die Kapitalien der„Banco di Roma" aus- schließlich klerikaler Herkunft. Hohe Prälaten, der schwarze Adel, soweit er Immobilienbesitz hat, und klerikale Geschäftsleute, sind die Aktionäre. Schon seit recht langer Zeit sucht diese Bank auf die öffentliche Meinung Einfluß zu erlangen. Und es wird wohl nicht eitel Hcrzensgüte sein, wenn sie seit mehreren Jahren I o u r n a l i st e n Wechsel diskontiert, auch wenn die Herrchen recht wenig kredit- fähig sind. Wir glauben zu wissen, daß ein seit einigen Jahren fälliger W e ch s e l sich in dem Portefeuille der Bank befindet, der den Namen eines heute akut kriegs- wütigen Literaten trägt, und zwar eines von denen, denen auch unsere Partei Stufe zum Fortkommen sein mußte. Die«Banco di Roma" hat es verstanden.gleichzeitig Mil- lionen für die tripolitanische Sandwüste und Hundert- t a u s e n d e für die C h a r a k t e r w ü st e der i t ast i e- nischenJournalistik hinauszuwerfen. Aus dem Sande ging wenig auf, aber die durch Geld beflügelten Federn er- wiesen sich als eine gute Kapitalanlage. In Tripolitanien hat die Bank für Konzessionen. Ankauf bon Geland'en und' Gründung von Filialen rund 19 Millionen Lire ausgegeben, von denen, dem Urteil eines Sachverständigen nach, das das Genueser„Lavoro" veröffentlicht, kaum 599 999 Lire heute realisierbar wären. Da haben sich die Journalisten doch wackerer gehalten: die haben Bücher und Artikel über Tripo- litanien geschrieben, haben den Sand mit Palmen bevölkert, lassen wenige Meter unter dem Boden unerschöpfbar- Quellen rieseln, haben Gold und Schwefel und Phosphatlager ent- deckt, kurz haben alles getan, um Tripolitanien zum Lande der Verheißung umzugestalten. Und so wird richtig die „Banco vi Roma" durch ihr für italienische Journalisten aus- geworfenes Geld die im Wüstenlande verlorenen Schäfchen seiner Millionen in Sicherheit bringen. Und zwar in zwölfter Stunde, dennmanwar dicht, ganzdichtvoreine in Krach, als die Kriegsbegeisterung alles rettete. Wir haben keineswegs eine so phantastische Auffassung von der Macht des klerikalen Kapitals, daß wir ihm zutrauten, die ganze Expedition in Szene gesetzt zu haben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der heutige Raubzug ohne inter- nationale Zustimmung nicht möglich war, und daß von englischer Seite es sich um mehr als Zustimmung, um direkten diplomatischen Druck für die Beseitigung Tripo- litaniens als europäischen Streitapfel gehandelt hat. Aber ohne Stimmungsmache im Inland hätte kein internationaler Druck Italien nach Tripolis treiben können: dazu sind der Witwen nnd Waisen von Adua und Abba Garima noch zu viele, dazu sind die Wunden des Crispischen Imperialismus noch zu frisch. Von dieser Stimmungsmache hat ohne Zweifel die„Banco di Roma" die Hauptkosten getragen. Wissen die Herren von dieser Bank vielleicht nichts mehr von dem nieder- trächtigen Kleinkrieg, der gegen den Konsul Pestalozza in Tripolis geführt worden ist, weil dieser Konsul nicht dafür zu haben war, tagtäglich von türkischen Provokationen und Schändlichkeiten zu berichten? Pestalozza ist richtig weg- gebissen worden und durch einen Konsul ersetzt, der die Bosheit der Türken und die unermeßliche Fruchtbarkeit Trivolitaniens besser zu sehen verstand. Mitden Geldern der Bank sind Zeitungen gegründet worden, und mit diesen Geldern haben Jo urnali st en Tripoli- tanien bereist, um„ganz objektiv" zu be- richten. Die Fata Morgana des tripolitanischen Reichtums ist mit guten italienischen Banknoten erzeugt worden. Ein Teil der Unkosten ist vielleicht schon durch die Ver- proviantierung von Tripolis am Vorabend des Kriegs ge- deckt worden, welche Verproviantierung ja ein Dampfer der „Banco di Roma" vorgenommen hat. Tampferlinien an der tripolitanischen Küste erhält die Bank nämlich auch aufrecht: sie sind sogar das einzige ihrer verschiedenen Unternehmungen, das sich bis jetzt halbwegs rentiert hat, allerdings bei einem jährlichen Staatszuschuß von 195 999 Lire. Wenn die Dinge so stehen, wer kann sich da wundern, daß Kardinäle italienische Truppen, die Truppen des Usur- pators, segnen, ehe sie hinausziehen, um ihr Blut für... die ausstehenden 19 Millionen der„Banco di Roma" aufs Spiel zu setzen. Am 11. d. M. hat der Kardinal Maffi in Pisa den abfahrenden Truppen die folgenden Worte zu- gerufen: „Meine Herren Ofsizsere, tapfere und aelicbte Soldaten! Ehe Ihr hinausgeht, Eure Bajonette mit türkischen Säbeln zu kreuzen, empfangt in dieser Kirche, die diesen Feierlichkeiten nicht fremd ist, den Segen des Herrn und die Glückwünsche derer, die Euck als Brüder lieben. Die Gefilde Afrikas rufen Euch, auf denen die Spuren vergangener Zivilisationen nur noch im Namen und in Stein erhalten sind. Euch erwarten die Gefilde, die mit jedem Tage heißer nach wahrer und edler Erhebung streben, die wir ihnen in italienischem Geiste vermittelt sehen wollen.... Gehet hin! Man weiß dort kaum vom Brüllen des Löwen, kennt nicht den Rachen des Krokodils: unsere Schwalbe ist Euch vor- aufgeeilt, die Euch bei der Ankunft den ersten Gruß vom Vater- lande entgegenzwitschern wird. Gehet, der Duft der Orangen und der Zitronen, des Mandel- und Granatbaumes ladt Euch ein. Gehet! Der heilige Augustinus ruft Euch Mut zu, der Afrikaner, der in Italien sein Grab fand und jetzt von Eurer Hand erwartet, auf den Mmarets die Fahne mit dem Kreuzes- zeichen wehen zu sehen." Der Kardinal hat sich dann auch über den Wassermangel ausgesprochen und mit feuchten Mittelmeerwiwden getröstet. Darauf verfiel er wieder ins Kirchliche: „Meine geliebten Brüder und Söhne, die das Gefühl für Religion, Menschlichkeit und Vaterland hierher geführt hat, vereinigt Euer Gebet mit dem meinen: Herr der Heerscharen, König der Könige, Herrscher der Herrschenden, durch den Mund Deines Priesters steigt von diesem Altare auf zu Dir das Flehen der Be- Hörden, der Mütter, der Gattinnen, der Schwestern, aller, die da beten für unsere Soldaten. Herr, unser Gott, erhöre uns, daß Brüder und Söhne uns zurückkehren mögen, daß die italienischen Fahnen bald Sieg und Frieden über das afrikanische Land ver- künden. Damit wir unsere Soldaten Dir zurückführen können und auf diesem Alter Dir für den Sieg die Ehra geben. Ziehet hinaus, Soldaten, Euch begleiten unsere Gebete. Der Herr ist mit Euch, mögen seine Siege mit Euch sein." Auch der Kardinal Capecelatro. Erzbischof von C a p u a, hat von seinem Krankenlager einen Brief an den Klerus und das Volk bei Gelegenheit des Abzugs der Soldaten gerichtet: �„ES genügt nicht," heißt es darin,„daß wir die Soldaten, die für das Wohl unseres Vaterlandes ihr Leben aufs Spiel setzen, mit dem Wunsch des Sieges und Friedens begleiten. Wir müssen unL vertrauensvoll an den Herrn der Heerscharen wenden und ihn innig bitten, daß er das Blut unserer Brüder soviel als möglich schone, und daß diese bei dem Anblick des Kreuzes, daö ihren Fahnen vorangetragcn wird, im Glauben erstarken und im tiefsten Innern die hohe und geheimnisvolle Bedeutung des Kreuzes Christi verstehen lernen. Laßt unS auch den Herrn in den Kirchen bitten und mehr noch im Innern unseres Herzens, daß der Sieg der Unseren nicht nur ein Sieg unseres Vaterlandes sei, sondern ein Triumph der katholischen Religion und der christlichen Kultur. Gott gebe, daß der Sieg der Italiener eine warme Welle des Glaubens über Afrika ent- sende, das uns einst den größten Kirchenlehrer und vielleicht den gewaltigsten Geist der Christenheit gab, den heiligen Augustinus." Nach diesen Zitaten, die wir direkt dem klerikalen „Corriere d'Jtalia" entnehmen, wird niemand mehr daran zweifeln, daß der Vatikan mir wohlwollenden Augen aus den Kriegszug blickt. Und diese Zitate ließen sich noch beträchtlich vermehren. Aber immer ist es derselbe Herr der Heerscharen, den man um den Sieg des Kreuzes anruft, und immer werden es dieselben Filialen der„Banco di Roma" sein, denen der Sieg zugute kommt, dieselben Aktionäre, deren Dividende erhöht, deren Kapital gerettet wird. Wir mächen den Klerikalen gewiß nicht zum Vorwurf, daß sie ihre Inter- essen vertreten. Wenn aber, einem großen Bankinstitut zu- liebe, einer Bevölkerung Begriffe, die ihr heilig sein können, wie Gott und Christentum und Vaterland, gleichsam als ein dekoratives Feuerwerk, als ein begeisterndes und erschüttern- des Bild vorgehalten werden, vorgehalten von denen, die mit keiner Fiber diese Begeisterung mitfühlen können, weil sie nicht uMissend' gestug sind', utn an eine aus Blut ustü Geivalt« tat erstehende Saat der Liebe zu glauben, weil sie zu Pfäffifch gesinnt sind, um etwas für das Vaterland zu empfinden, in dessen Namen sie heute reden— dann halten wir das für einen kalten und ruchlosen Betrug, für eine Falschmünzerei, die dem Volke sein Heiligstes fälscht und ihm aus seinen Idealen eine Binde macht, um es zu blenden und irrezuführen. Uns kann es gleich sein, wenn heute fast der gesamte italienische Klerus die Begriffe von christlicher Nächstenliebe und Vaterland mit schmutzigen Händen angreift. Wenn aus ihnen ein Köder oder eine Dekoration gemacht wird, um das unwissende Volk in Abenteuer zu locken und für ein Wagnis zu begeistern, dessen Ausgang nicht abzusehen ist. Aber die, die heute ihren Einfluß aus die Volksseele, soweit sie einen solchen noch besitzen, in Münze ausprägen, die sollten nicht vergessen, daß man die Aktien einer schlecht stehenden Bank leichter heben kann, als man die Massen zurückgewinnt, wenn diese einmal hinter die Geheimnisse der heutigen klerikalen Krcgsbegeisterung geblickt haben. Und daß ihnen diese Ge- Heimnisse nicht verhüllt bleiben, das wird sich die sozialistische Partei angelegen sein lassen. Am Schluß der Rechnung könnte es sich dann herausstellen, daß doch ncht allein die italienische Regierung die Kosten des Bankkreuzzuges zu tragen hat, wenn auch das Defizit der Kirche sich nicht wägen uuo zählen läßt.. Fortsetzung des Krieges. Konstantiuopel, 18. Oktober. Wie„Sabah" meldet, hat der M i n i st e r r a t beschlossen, keine Verniittelungs- aktion anzunehmen, sondern den Krieg fortzu- setzen, bis Italien auf der Grundlage des Standpunktes, oen die Pforte einnimmt, Verhandlungen eingehe. Nach Blättcrmeldungen ist das a me rika nis cheEskadre, das aus sechs größeren Kriegsschiffen und einigen Torpedobootszerstörern besteht, vor Mytilcne eingetroffen. Wechsel im türkischen Oberbefehl. Rom, 17. Oktober. Munir Pascha hat. wie die„Tribmia" aus Tripolis meldet, den Oberbefehl an Oberst N i m s c i a t- B e y abgetreten. Das türkische Lager, das bis gestern in Simi Ben Adia war, ist nach A g e r i a, wenige Stunden von Tripolis, verlegt worden. Ahmed-Bey hält mit Kavallerie noch immer Garian besetzt. Die Türken bemühen sich vergeblich, die einheimische Be- völkerung aufzuiviegekii, die im Gegenteil an mehreren Orten die Türken angegriffen hat. Türkische Freiwillige. Konstantinopel, 18. Oktober. Der Antrag der Deputiertrn von Tripolis, in dem die Erhebung der Anklage gegen das frühere Kabinett verlangt wird, bemängelt in schärfsten Ans- drücken die Nachlässigkeit des früheren Kabinetts, daö die Reform der Verwaltung und der Verteidigung von Tripolis gänzlich unterlasien. die von der Kanimer bewilligten Maßregeln nicht ausgeführt und das Wilajet ohne Wali und den Militär- kommandanten ohne Jiistruktioiicn zur Verteidigung gegen die Italiener gelassen habe. Der Abgeordnete von B e n g h a s i, Jnssiif Schetwan, soll be- reitS über 8000 Freiwillige, die gegen die Italiener kämpfen wollen, verfügen. Mechined Bei, der Enkel Abdel Kaders, soll in Tunesien ein Freiwilligenk.orpS von 80 000 Mann gebildet und die Grenze von Tripolis überschritten haben. Die in Aegypten gebildete Freiwilligenabteilung ist an der G r e ii z e v o» A e n g h a s i e i n g e t r o f f e n. i Die Italiener besetzen Homs. Tripolis, 18. Oktober. Der Oberbefehlshaber der italienischen Streitkräfte beschloß H o m S, einen Kiistenplatz östlich von Tripolis, zu besetzen und entsandte dorthin Truppen unter Eskorte einiger Kriegsschiffe. Die türkische Garnison HomS wird zur Kopi- tnlation aufgeforden werden. Falls sie diese ablehnt, wird die Be- setzung mit Gewalt v o r g e n o in in e n werden. Angebliche Kämpfe im Innern. Konstantinopel, 18. Oktober. Tie Kämpfe in der Umgegend von D e r ii a und B e n g h a s i dauern fort. Nach amtlichen Meldungen wurden alle Angriffe der Italiener unter großen Verlusten zurück- geschlagen. Die Stellung des türlischcn Ministeriums. Konfiantinopel, 17. Oktober. Die j u n g t ü r k i f ch e Kammer« Partei hat beichlosien, nach Verlesung des RegieriingSexposSeS in der morgigen Sitzung der Kammer für Vertagung der Be- ratung über das Vertrauensvotum einzntrcUn. Die Parteien der Kammer und des Senats wurden zu einer geiiieiiisainen Beratung eingeladen,»m ein Einvernehmen in der Frage der Bildung des Kabinetts zu erzielen. Die Opposition erklärt eine Koalition mit der Majorität für möglicki unter der Be- dingnng der Bildung eines a u ß e r p a r I a m e n t a r i s ch c n Kabinetts, das nur dann Vertrauen genießen solle, wenn es weder eine kleinmütige noch eine demonstrative auswärtige Politik verfolge. Eine geheime Kammersitzung. Konstantinopel, 18. Oktober. In der Deputiertenkammer verlas der G r o ß w e s i r fein Programm über die innere und die äußere Politik des Kabinetts und verlangte für die Ausllänmgen über die Tripolisfrage eine geheime Sitzung, die sogleich angeordnet wurde. politifcbe QebcrHcbt. Berlin, den 18. Oktober 1911. Zur LebenSmittelteuerung. Die Eingabe, die die Berliner Handclskauimer unlängst be- schlössen hat, ist jetzt dem Reichskanzler zugegangen. Sie enlhält folgende Forderungen: 1. Bis zum 31. Juli 1012; Ermäßigung der Zölle für Hafer auf 28 M., für Mais auf 16 M. je 1000 Kilo- aramin; zollfreier Eingang für andere als Malzgcrfte, Hirse, Bohnen, Erbsen, Linsen, Lupinen, Wicken, Rot-, Weiß- und Wirsiigkohl. 2. Als dauernder Bestandteil de? Zolltarifgesetzes: Herab- setz n ng des Zollwertes der Einfuhrscheine, die erteilt werden bei Ausfuhr einer Tonne Weizen auf 40 M.. Roggen auf 3ö M., Hafer auf 35 M. 3. Für die Zeit der Geltung der ermäßigten Zölle(1) Fest- setzimg des Wertes des Hafereinfuhr fcheineS auf 20 M. für die Tonne, SuSpcnston der Erteilung von Einstihrscheinen bei der Ausfuhr von Hiilienfrüchtcn und Gerste; UebergangS- bestimmimgen zum Schutze schadloser Ausführung der nach- weislich in gutem Glauben unter Kalkulation der bisherigen Einsiihrscheimverte abgeschlossenen Geschäfte über Lieferungen nach dem Auslände. Zugleich hat die Handelskammer an den preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten den Antrag gerichtet, zur Milderung der Teuerung die Notstandstarife auch auf Brotgetreide und Hafer auszudehnen, und zwar in Gestalt einer SOprozeiUigen Herabsetzung der bisherigen Sätze bis zur nächsten Ernte. '." Die Ortsgruppe Gera(Reuß) des HansabundeS beschloß in ihrer Vorstandssitzung am 12. Oltober einstimmig eine Resolution, die sich die bereits bekannten Forderungen des HansabundeS zu eigen macht und in der Hauptsache für Erleichterungen der Fleischeinfuhr aus dem Auslande, namentlich die Zufuhr gefrorenen Fleisches, für Aufhebung der bestehenden Zölle auf Masseilgemüse.sürBcseitigung der Ausfuhrtarife für Getreide und Reform des Systems der Einfuhrscheine eintritt. Auch der Gewerkverei» christlicher Bergarbeiter hat eine längere Eingabe an den Reichskanzler gerichtet. Nachdem einleitend auf die gerade bei den kinderreichen Bergarbeiterfamilien um so schlimmere Gefahr der Unterernährung sowie auf die unzu�äng- li ch en Löhne, namentlich auch aus den st a a t l i ch e n Gruben an der Saar, hingewiesen worden, werden folgende Vorschläge ge« macht: Erleichterung der Einfuhr der nicht zollfreien Futtermittel. Erleichterung der Einfuhr von Gemüse und Ersatzmitteln, Hülsenfrüchten usw., unter Rülkvergütung deS Zolles an die Genossen- schaften; die Zulassung von gefrorenem Fleisch sowie Büchsenfleisch und Harlwurst, wenn auch uiiter Beachtung der genügenden sanitären Vorschriften. Auffallend ist, daß nicht einmal die Beseitigung der Einfuhrscheine gefordert wird, durch die doch die wucherische Absicht der Zölle erst voll zur Geltung gebracht wird. Die agrarier- freundlichen Zentrumsberater der christlichen Bergarbeiter werden daS nicht geduldet haben! Die Flottentreiber an der Arbeit. Nun hat auch der Flottenverein in M e i d e r i ch bei Duisburg auf Vorschlag seines Vorstandes eine Resolution zugunsten des„Ausbaties der Wehrmacht des Reiches zu Wasser" gefaßt und dem Reichskanzler übcrsandt. Die Resolution oerlangt, daß noch für das Etatsjahr 1912 den gesetzgebenden Faktoren eine entsprechende Vorlage zugehen möge. So sind die Flottenvatrioten überall am Werke, um der Regierung einen Rüstungsfanatismus vorzuspiegeln, der in Wirklichkeit nur bei kleinen Interessentenkreisen vorhanden ist. Denn Ivie uns aus dortigen Beamtenkreiscn mitgeteilt wird, war obendrein die belTeffende Versammlung in Meiderich nur äußerst schwach besucht, sodaß die Resolution eigentlich nur den Meinungsausdruck des V o r st a n d»c s darstellt. Seit der Haniburger Kaiserrede aber glauben unsere Panzcrplattcnpatrioten wieder Oberwasser zu haben. Militaristische Mehrausgaben im neue« Reichsetat. Die»Berliner Politischen Nachrichten" kündigen»ganz beträcht- liche" Mehrausgaben an. die in erster Linie für die weitere Durch- führung des neuen Quinquennatgesetzes bestimmt sind. Weiter ver- sichern sie, datz auch die Mehrausgaben für Natural- Verpflegung in Heer und Marine schwer ins Gewicht fallen werden. Im Etat ISIS werde dieser Posten gegen 1911 eine Er- höhung um nicht weniger als 15 Millionen Mark erfahren. Dazu komine noch die Erhöhung bei der gleichen Position des MarineetaiS. Die Lebensmittelteuerung, die zum großen Teil durch den Brot- und Fleischwucher der Agrarier verursacht worden ist, findet also auch in unserem ReichSctat ihren schwerwiegenden Ausdruck. Wenn die Ausgaben für unseren Militarismus aber so beträchtlich steigen, darf man gespannt darauf sein, durch welche Etatkünsteleien die Regierung den von dem blauschwarzen Block gewünschten günstigen Etatabschluß vorzuspiegeln suchen wird! Dem Abgrund zu. Das Zentrum befindet sich in der Wandlung zu einer aus- gesprochen volksfeindlichen Partei, die bald vor keinem wider die Rechte und das Volk gerichteten Streich mehr zurückschrecken wird. Das ist nicht etwa ein Gesinnungswechsel, nicht etwa der Heber- gang von vollsfreundlicher zu volksfeindlicher, von fortschrittlicher zu rückschrittlicher Gesinnung, sondern die Zentrumspartei enthüllt damit nur ihr wahres Wesen, ihren angeborenen Charakter, den sie vorteilhaft zu verhüllen wußte, als die politischen Umstände sie in die Opposition drängten. Die Führer des Zentrums, die Reichensperger, Mallinckrodt, Windthor st und Genossen, waren im Grunde ihres Herzens konservatw gesinnte, stockreaktionäre Gesellen, die nur der Umstand, daß sie an der Spitze einer von der Regierung bekämpften Partei standen, zu gelegentlichen Radikalismen verleitete. Die beiden Reichensperger z. B. galten in ihren Kreisen, namentlich dem ultramontancn Adel. als halbe Umstürzler, und doch schätzten sie in der Masse nur das willige Werkzeug ihrer Politik und trugen kein Bedenken, die schä- bigsten Mittel zur Anwendung zu empfehlen, wenn eS der Masse gelüsten sollte, ihr Geschick aus eigener Kraft zu gestalten. Im Jahre 1873 hatte August Reichensperger das Soziali st engesetz noch als ein„Sedan für die bür- gerliche Freiheit" bezeichnet, denn noch war ja der Kultur- kämpf nicht beendet. 1881 hatte sich der Biedermann bereits zu der Anschauung durchgerungen, daß das Gesetz der Verlängerung be- bürfe, weil» wie er in einem Briefe an einen Freund bemerkte, er glaubte,»nicht Christenseelen in unberechenbarer Zahl in noch höherem Maße, als dermalen schon der Fall ist, den Ver- führungLkünsten einer Sekte preisgeben zu dürfen, die sich seit dem Zustandekommen des Sozialistengesetzes immer mehr als eine revolutionäre, rcligionsfeindliche vor keinem Mittel zurückschreckende gekennzeichnet hat." Unterdes war die Kulturkampfgcsetzgebung zum guten Teil beseitigt und an dem Frieden zwischen Regierung und Zentrum .kein Zweifel mehr. Und im selben Maße kamen die reaktionären Anschauungen der Zentrumsführcrschaft zum Vorschein, wenn auch zunächst nur in vertraulichen Korrespondenzen und Unterhaltungen. Im Jahre 1890 schreibt Reichensperger. wie wir aus seiner Biographie von Pastor wissen: Es scheint mir sehr zweifelhaft, ob dem schon so stark ge- wordenen, so weit greifenden Anlauf der Arbeitermassen und des Proletariats anders Halt geboten werden kann, als durch offene Gewalt oder etwa durch Deportation der revolutionären Wühler in einen andern Weltteil. Was jetzt und weiter geschieht, wird dieselben schwer befriedigen und überdies von den Sozialdemokraten als . Erfolg ihres Treibens beansprucht werden. Man sieht, die Sehnsucht nach dem„starken Mann" ist nicht dloß in den Kreisen der ostelbischen Junker zu finden. Und das schrieb der Zentrumsmann zu einer Zeit, als selbst die Regierung das Sozialistengesetz schon halb aufgegeben hatte! In einem Briefe vom April 1890 hieß es:„Mit weißer philo ntro- pischer Salbe ist der Sozialdemokratie nicht bei- zukomme n." Und im August 1900 erinnerte in der klerikal-agrarischen „Rheinischen B o l k s st i m m e" jemand, der mit August Reichensperger eng befreunder war und sich oft mit ihm über politische Dinge unterhalten hatte, daß der genannte Zentrums- fuhrer ihm nicht ein-, sondern zehnmal gesagt habe; Die Sozialdemokratie, die offen den Umsturz der Reichs- und Staatsverfassung predigt, sie also nicht anerkennt. stallt sich von selber außerhalb des Rechts. Es ist deshalb nur ein Gebot der Notwehr, ihnen das Recht zu wählen und gewähltzu werden, zu ent- ziehen." So einer der hervorragendsten Zentrumsführer, der zudem noch auf dem linken Flügel seiner Partei stand. Was für Ge- danken und Pläne mögen im Busen derer geschlummert oder sich in den Briefen und Gesprächen derer bekundet haben, die im Zcn- trum auf der rechten Seite standen oder noch stehen. Und daß das heutige Zentrum längst die Scheu vor Ausnahmegesetzen über- wunden hat, beweist das Verhalten der Partei in Bayern, wo sie das Heft in Händen hat und offen die Sozialdemokraten als minderen Rechtes erklärt und von der Regierung fordert, daß sie keine Sozialdemokraten als Beamte, Angestellte und Arbeiter in Staatsdiensten duldet, wo sie die ausnahmegesetzliche Behandlung sogar auf die gewerkschaftlichen Bestrebungen der klassenbewußten Arbeiterschaft ausgedehnt wissen will. Das Zentrum merkt, daß sein Ansehen bei den Massen zu schwinden beginnt. Es muß mehr und mehr zurückweichen vor der siegenden Macht der Sozialdemokratie, und es sucht daher Anschluß bei den übrigen bürgerlichen Parteien und Schutz bei einer Re- gierung der starken Männer. Die wirtschaftliche und soziale Ent- Wickelung zwingt das Zentrum, den volksfreundlich schillernden Mantel abzulegen und sich offen zu geben als das, was es immer war: die volksfeindlichste und rückschrittlichste Partei, die je auf Erden gewandelt ist. Die dienstliche Ueberlastung des Fahrpersonals im Staatsbetriebe, so schreibt man uns au§ Baden, wurde im.Vorwärts" zuletzt im Zusammenhange mit dem großen Eisenbahnunglück bei Müllheim erwähnt. Jener Artikel stieß auf Widerspruch in der ossiziösen Presse, in welcher die Dienstzeiten des Fahrpersonals und die ihm gewährten Ruhepausen als einwandfrei bezeichnet wurden. Damals konnte auf häufige andaueriide Iii- auspruchnahmen der Beamten des Zuges von über zwölf Stunden ohne Unterbrechung hingewieien werden, speziell auf die Tatsache. daß bald nach der Müllheimer Katastrophe ein Lolomotiv- führer auf der Station Bühl wegen Uebermüdung erkrankte. Heute wird dem.Volksfreund" aus Offenburg gemeldet, daß im dortigen Güterbahnhof am letzten Sonnabend ein Lokomotivführer sich weigerte, ein als notwendig gefordertes Manöver zu inachen. weil er nach 15 stündigem, andauerndem Dienst zur ferneren Arbeit untauglich sei. Auch das übrige Fahrpersonal ist außerordentlich in Anspruch genomnien, seit man aus Sparsamkeitsgründen in diesem Sommer zwei Dutzend Beamte aus dem Fahrbetrieb dieser Station hinweggenommen hatte. Vor kurzer Zeit begründete der badische F i n a n z m i n i st e r die fortschreitende Besserung des badischen BetriebScrgebnisses Haupt- sächtich damit, daß durch die Ersparnisse des Eisenbahnbetriebes eine bleibende Ausgabeiiverniinderuiig herbeigeführt sei. Mail spart am Personal und den Bureauausgaben. Dabei werden bei den Eisenbahnbauten technische Fehler gemacht, die hohe Geldverluste verursachen. Wenn man diese Kosten aus dem Fahrpersoual herausholt, dessen Gesundheit und Leistungsfähigkeit aufS Spiel fetzt, wird die Betriebssicherheit in Frage gestellt! Die Verhandlung gegen den Lokomotivführer Platten wird eine Prüfung dieser Frage herbei- führen müssen: jetzt befindet sich der Angeschuldigte zur Beobachtung in der psychiatrischen Klinik._ Tie Normal-Wahlurne«. Der Reichstag hat in das Gesetz über die Wahlen zur Zweiten Kammer des Landtages für Elsaß-Lothringen vom Mai dieses Jahres eine Bestimmung aufgenommen, nach welcher die Stimmzettel in eine abgeschlossene Wahlurne zu legen sind. Die Wahl- urnen sollen den im Verordnungswege zu erlassenden Normativ- .bestimmungen entiprechen. Bei den am nächsten Sonntag in den ReichSlanden stattfindenden Wahlen zur Zweiten Kummer werden also zum erstenmal gesetzlich vorgeschriebene Wahlurnen zur Ver- Wendung kommen. Die Normalivbestimniungen für die Beschaffen- heit der Wahlurnen sind schon von der Landesregierung erlasien. Danach müsien die Urnen eine Höhe von 80 �Zentimeter und eine Breite von 35 Zentimeter haben. Für kleinere Gemeinden mit nicht mehr als 400 Wählern ist eine Höhe von 40 Zentimeter zugelassen. Ob diese letzte Einschränkung aber nicht geeignet ist, den Zweck der Wahlurnen— eine Nachkontrolle beim Schichten der Umschläge zu verhindern— illusorisch zu mache», niag dahingestellt bleiben. Je geringer die Höhe der Urnen ist, desto eber findet ein Auseinander- schichten der Umschläge in der Reihenfolge ihreö Einwurfs statt. Eine Nachkontrolle wäre dann aber gerade bei einer geringeren Zahl von Wahlzetteln noch leichter möglich. Die Kosten der Wahlurne» haben die Gemeinden zu tragen. Nationalliberaler Berlust. Die LandtagSerfatzwahl im kurhessischen Wahlkreise Mel- s u n g e n- F r i tz l a r. die infolge Ablebens deS Nationallibcralen Gleim stattfinden mußte, hat mit dem Siege des freikonscr- v a t i v e n L a ii d b ü ii d l e r s Noll geendet. Dieser erhielt 114 Stimmen, während der nationalliberale Kandidat B a r t h e l mit 55 Stimmen nicht einmal in die Stichlvahl gelangte. Ter ebenfalls bündlerifche Gutsbesitzer B l u nj, der auf eigene Faust kandidierte, unterlag in der Stichwahl mit 73 Stimmen, weil die iiationallibe- rale» Wahlmänner schließlich für den sreikonservativen Großgrund- besitzer eintraten._ Fortführung der ostafrikanischen Zentralbahn. Wie die Korrespondenz Wolh erfährt, sollen im nächsten Kolonial- etat die Mittel für die Fortführung der ostafrikanischen Zentralbahn von Tabora nach Udjidji gefordert werden. Man hoffe, die Weiterführung der Bahn bis zum Tanganjitafee mit 40 Millionen Mark durchführen zu lömien. Zur Begründung bringt man vor. daß die Bahn, wenn sie nur bis Tabora durchgeführt bleibe, sich nicht verzinsen werde, da aus dem Bezirk Tabora„vorläufig" keine nennenswerten Zufubren zu erwarten feien. Erst wenn der Tagaiijikasee erreicht sei und vor allem auch der Kongoverkchr über die Bahn gelenkt werde, sei an eine Rentabilität zu denke». Ob sich diese ZukunstS'pekulatioucn bestätigen werde», steht natürlich noch sehr dahni. Sehr bedenklich ist auch, daß man die Absicht hegen solle, die Verzinsung der neue» Teilstrecke über Tabora hinaus durch eine Erhöhung der Hütte»st euer sicher zu stellen, da eine iolche schwere Belastung leicht böses Blut unter der schwarzen Bevölkerung erregen könnte._ Ein Oberstleutnant als Betrüger. (OberkricgSgericht des 1. bayerischen Armeekorps.) Ntiiiichen, 16. Oktober 1911. Oberstleutnant Ludwig S t r i tz l, der dem Generalkommando des 1. Armeekorps zugeteilt war, hat gegen daS Urteil des Kriegs- gcrichtS der 1. Division, daS ihn wegen zahlreicher Betrügereien zu 5 Monaten Gefängnis und Ausstoßung aus dem Heere verurteilte, Berufung eingefegt. Dieser Berufung schloß sich aber auch der Gerichtshcrr an. weil seiner Meinung nach auf eine zu niedrige Strafe erkannt worden war. Es handelt sich um die bekannte Stellen schacheraffäre, über die wir gelegentlich der Verhandlungen in der ersten Instanz berichteten. Wir beschränken uns deshalb darauf, den Sachverhalt in aller Kürze zu rekapitulieren. Im April 1910 erschienen in einer Reihe bürger- lichcr Blätter fortgesetzt Inserate, tvonach jungen Leuten sichere Lebensstellungen durch einen hohen Staatsbeamten ver» sprachen wurden, wenn sie„eigenartiger Verhältnisse halber" dem Chef ein Darlehen von 3—10 000 M. zur Verfügung stellen würden. Im bürgerlichen Vlätterwalde war die Entrüstung sehr groß dar- über, daß Unter Mißbrauch der Staatsautorität ein solcher Stellen- schachcr getrieben werde. Als Aufgeber des Inserats wurde durch unser Augsburg« Parteiorgan, bis„Schwäb. VolkSzeitung'. der Agent Georg Hahn aus Nürnberg entlarvt. Die sofort bei diesem vorgenommene Haussuchung ergab, daß der hohe Staatsbeamte der Oberstleutnant Stritzl war. Die eingeleitete Untersuchung ergab denn auch, daß auf die Inserate zahlreiche Personen hereinfielen.' Den Reflektanten auf Staatsstellen stellte sich Hahn zunächst als Vertrauensmann des hohen Staatsbeamten vor. Hatten die Be- treffenden das verlangte Darlehen bereits in der Tasche, dann wurden sie in das Bureau des Oberstleutnants Stritzl geführt, wo das„Geschäft" perfekt wurde. Oberstleutnant Stritzl machte in einigen Fällen wohl den Versuch, für die Darlehnsgeber Staats- stellungcn zu verschasfen, aber nicht ein einziger Versuch hatte Erfolg. Die Darlehnsgeber sind dadurch um die gegebenen Sun:- nien dauernd geschädigt, da über das Vermögen des Oberstleutnants der Konkurs eröffnet wurde. Das Verhör des Angeklagten Stritzl vor dem Oberkriegsaericht ergab nichts, was nicht schon aus der ersten Verhandlung bekannt wäre. Er gab zu, daß er seit Jahren niit finanziellen Schwiengkeiten zu kämpfen hatte und besonders in den letzten Jahren von weiblicher Seite finanziell stark in An- spruch genommen wurde. Er leugnet, daß er von dem Inhalt der von Hahn erlassenen Inserate Kenntnis hatte, gab aber zu, daß diese Inserate von ihm bezahlt wurden. Ebenfalls mußte er auf Vorhalt zugeben, daß die Jnseratenausschnitte unter seinen bc- schlagnahmten Papieren gefunden wurden. Von der Verschaffung von Stellen habe er mit Hahn keine Silbe gesprochen. Er habe, als die Sache von den Zeitungen aufgegriffen wurde, Hahn sofort zur Rede gestellt, und ihm gesagt, es sei doch haarsträubend, solche Inserate aufzugeben. Der Verhandlungslciter meinte, daß es sehr auffällig sei, daß er. als die Sache von den Zeitungen besprochen wurde, seine ge- samte Korrespondenz von seinem amtlichen Bureau in seine Pri- vatwohnung schaffen liefe. Stritzl versicherte nochmals, daß er von dem Text der In- serate keine' Kenntnis habe, was darin angeführt sei. sei der reinste Schwindel. Auch bei der Besprechung der einzelnen Fälle bestritt der Angeklagte jede betrügerische Absicht. Auf die Frage, wie er die Darlehen wieder zurückzahlen wollte, erklärte er, er habe aus die von Hahn versprochenen 14 000 M. gerechnet und ferner auf die Rückzahlung seines Guthabens bei einer gewissen Greti Müller seiner Halbweltdame aus Kaiserslautern), die ihm mehrere tausend Mark schuldete. Wie die Zeugen aussagten, hat der Vertrauensmann des Oberstleutnants, Agent Hahn, an sie, bevor er sie in das Dar- lehnsgcschäft einweihte, die Frage gestellt, ob sie zur sozial- demokratischen Partei gehören. Erst nachdem sie diese Frage verneinten, sei er mit seinem Darlchnsplan für den hohen Eh« herausgerückt. Hahn habe sie dann zum Oberstleutnant Stritzl geführt, der an sie die Frage stellte: Wollen Sie zur Straßenbahn oder zum Magistrat?— Hahn habe vorher immer gesagt, der Oberstleutnant sei die rechte Hand des Prinzen Rupp- recht von Bayern und sei mit dem Oberbürgermeister sehr gut bc- freundet. Nach längeren Reden des Anklagevertreters und des Vcrteidi- gers verurteilte das Oberkriegsgericht den Stritzl zu 8 Monaten Gefängnis und zum Verlust des Offizierstitcls. Frankreich. Die Eiuberufung der Kammer. Paris, 18. Oktober.»Figaro" meldet, die Regierung habe noch immer die Absicht, das Parlament auf den?. November einzuberufen. Falls jedoch die Verhandlungen über die Kongofrage bis dahin noch nicht beendet sein sollten. habe man ins Auge gefaßt, die Einberufung der Kammern b i ö zum 14. November zu verschieben. Lelgien. Folge« der Gemeindewahlsiege. Brüssel, IS.Oklober. Sämtliche o p p o si t i o n e llen Blätter fordern die Regierung auf, angesichts des Ergebnisses der Ge- melnderatswahien vom Sonntag zu demissionieren. Sollte daS Kabinett dieser Aufforderung nicht Folge leisten, so werde man den König zwingen, eine Auflösung de« Parlaments vor- zunehmen. In gut informierten Kreisen glaubt man, daß die Aus- lösung des Parlaments noch im Laufe de« Januar, spätestens aber Februar n. I. stattfinden wird. Portugal. Die vtonarchistischcu Verschwörer. Big», 17. Oktober.(Meldung der„Agence HavaS'.) Nachrichten aus Verin(Spanien) besagen, Paiva Co nceiro befinde sich jetzt infolge der Ankunft zahlreicher gut bewaffneter Monarchisten an der Spitze einer starken Kolonne. Man ver- mutet,'daß ein Marsch auf Braganza geplant ist. Serbien. Bor dem Generalstreik in Belgrad. Belgrad, 16. Oktober.(Eig. Ber.) Am 1.(17.) Oktober trat daS serbische Parlament zusammen. Die Vorstände der sozialdemo« kralischen Partei und die GcwerkschaftSkomtnissiou beabsichtigen dem Parlament einen Protest zu überreichen, in dem scharfe Vor- slellungen erhoben werden gegen die Nachlässigkeit der Regierung bei Ausübung der Arbeiterschutzgesetzgebung. Vom 1. Juli ab trat die neue Gewerbeordnung in Kraft. Sie enthält sehr wichtige Vorschriften, wie den allgemeinen zehn- stllndigen Arbeitstag, Verbot der Nachtarbeit der Jugendlichen unter 18 Jahren und der Frauen, acht« stündigen Arbeitstag für die Jugendlichen, Verbot der gelverblichen Arbeit der Jugendlichen unter 14 Jahren, Anerkennung der Gewerkschaften, gesetz« liche Anerkennung der Tarifverträge, Legalisierung der kollektiven ArbeitSeiustelluligeli, Gewerbegcrichte. legale Vertretung der Arbeiter» klaffe durch die von Gewerkschaftsmitgliedem wählbare und vom Staate zu unterhaltende Arbeiterkammern, Kranken« und Uitfallversicherung, Gewerbeschulen usw. Für dieses Gesetz hat die Arbeiterklasse acht Jahre lang einen zähen Kamps geführt. DaS Inkrafttreten des Gesetzes stieß aus einen ungeheuren Widerstand seitens deS ganzen Unternehmertums. DaS Gesetz wird nur da angewendet, wo die organisierten Arbeiter durch unmittelbaren Druck es erzwungen haben. Die Regierung hat absolut nichts getan, um den Widerstand deS Unternehmertums zu brechen. Sie hat sich sogar mit ihm solidarisch erklärt, und alles vernachlässigt, was zur Durchführung des Gesetzes nötig war. Ja. sie hat sogar verlauten lasse», daß sie bereit ist, nach den Wünscheil der Unternehmer das Gesetz zu ändern. Die Regierung tut das, um für die im nächste» Jahre, kommenden allgemeinen Wahlen das jungradikale Kleinbürgertum an sich zu ziehen. Zur gleichen Zeit werden die Partei- und GewcrlschaftSvorstLnde eine Petition mit zweiundzwanzigtausend Unterschriften für daS allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht dem Parlament überreichen. Die heutige arbeiterfeindliche Politik der radikalen Regierung ist durch die Wahlentrechtung deS Pcole- tarials ermöglicht. Um die Wirkung des Protestes und der Petition zu verstärken und den festen Wille» deS Proletariats für seine Rechte»uerschÜttcr- lich zu kämpfen zum Ausdruck zu bringen, wird am Tage der Ueberreichung der Zuschriften in Belgrad ein allgemeiner Streik erklärt und große Protest- Versammlungen vor dem ParlamentSgebäude ab- gehalten werden. GeweffefcbaftUchea. Huö der Älerkftatt der„Cerrori9mus"fäircher. Außergewöhnlich plump ist eine Mordgeschichte über an- geblichen„Tcrrorismus" zurechtgelumpt worden, die wir in großen„liberalen" und ultramontanen Zeitungen Rheinland- Westfalens fanden. Da die Notiz wohl noch weiter umgehen wird und da sie recht klar zeigt, wie die infamen Falscher arbeiten, sei sie hier ganz wiedergegeben: Düsseldorf, 7. Oktober. Mit einem bezeichnenden Falle von sozialdemokratischem Terrorismus hatte sich heute die hiesige Strafkammer in einer Verhandlung gegen den Installateur Konrad Wouters wegen Freiheitsberaubung, Beleidigung und Bedrohung zu besänftigen. Wouters hatte während des Aus- standes der hiesigen Installateure am 22. Oktober vorigen Jahres den arbeitswilligen Installateur Kann in das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus geführt, wo man Kann von feiten verschiedener Ausständiger derart zusetzte, daß er sofort seine Tätigkeit bei der Jnstallationsfirma Wickel aufgab. Wie Kann in der heutigen Gerichtsverhandlung bekundete, sei er zur Niederlegung der Arbeit durch die drohende Haltung der Ausständigen unb durch das Benehmen des heutigen Angeklagten gezwungen worden, der ihn einen notorischen Lumpen und einen gewerbsmäßigen Streik- brecher genannt habe, der das Judaszeichen auf der Stirn trage. Als sich dann Kann dahin ausließ, daß er für seine Familie zu sorgen habe, habe er die Antwort erhalten:„Wenn auch Frau und Kinder am Nagel hängen, so sei das noch ehrenvoller als Streik- brecher." Während der Verhandlungen mit Kann war die Zimmertür verschlossen und ihm mit Schädelspalten gedroht wor- den, wenn er das Zimmer verlasse. Der Staatsanwalt bean- tragte 3 Wochen Gefängnis. Dem Angeklagten Wouters konnte aus der umfangreichen Beweisaufnahme nur eine Beleidigung des Kann nachgewiesen werden, welche das Gericht mit 50 M. Geldstrafe ahndete." Also trotz umfangreicher Beweisaufnahme wurden all die grauslichen Verbrechen, die oben geschildert wurden, nicht erwiesen. Trotzdem stellt sie der Schmierfink, der diesen Bs- richt verfaßte, als erwiesene Schandtaten hin! Und große Zeitungen nehmen den mit Händen zu greifenden Schwindel begierig auf! Todsicher kann wohl darauf gerechnet werden, daß auch der vorstehende Gerichtsbericht, die schülerhafte Lehrlings- arbeit irgendeines Zeilenschinders, trotz ihrer sichtbaren Achillesferse, nach Jahr und Tag als„Material" des„Reichs- Verbandes" oder des Zentralverbandes der Industriellen wieder auftauchen wird._ Berlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Medizinisches Waren- HauS, Aktiengesellschaft, stehen die Metallarbeiter aller Branchen im Streik. Die Firma zahlt äußerst niedrige Löhne und hatten die Streikenden um Aufbesserung derselben ersucht. Es wurde ein Anfangslohn von tzl) Pf. pro Stunde für Dreher, Klempner, Schlosser, Schleifer und Bandagisten gefordert. Im ersten Jahre nach beendeter Lehrzeit sollte der Stundenlohn 50 Pf. betragen. Weiter wurde ein Aufschlag auf die sehr minimalen Akkordpreise verlangt. Diese sehr niedrigen Forderungen lehnte die Firma ab, obgleich sie wohl in der Lage wäre, selbige bewilligen zu können, zumal sie sich ihre Fabrikate(medizinische Apparate und Jnstru- mente) von ihren Abnehmern sehr gut bezahlen läßt. Neben der Fabrikation betreibt die Firma auch noch die„Ausbildung" von Lehrlingen. Bei 30 Gehilfen beschäftigt sie 36 Lehrlinge. Diese werden in. den ersten zwei Jahren ihrer Lehrzeit im Besuch der Kundschaft mit Ablieferung der Wvren, und im Schieben des Handwagens„ausgebildet". In den letzten beiden Jahren ihrer Lehrzeit werden die jungen Leute dann in die Fachkenntnisse der Fabrikation medizinischer Apparate und Instrumente eingeweiht, um am Ende der Lehrzeit als Hilfsarbeiter„ausgebildet" zu sein. Die Firma versucht nun, ihre Arbeiten in anderen Betrieben unter- zubringen; jedoch ist dies bis jetzt an der Wachsamkeit unserer Kol- legen gescheitert. Auch der Nacbweis der Gelben in der Holzmarkt- stroße gibt sich die eifrigste Mühe, seine Rausreitzer unterzu- dringen. Nun sind jg medizinische Instrumente keine Eisenkon- struktion, und werden die Bemühungen von dieser Seite erfolglos sein. Wir ersuchen die Kollegen in allen Betrieben, insbesondere die Schleifer und Bandagisten, sofort Mitteilung an unser Bureau gelangen zu lassen, sobald irgendwo Streikarbeit angeboten wird. Der Betrieb Medizinisches Warenhaus ist für Kollegen aller Bran- chen gesperrt, und ersuchen wir, Zuzug fernzuhalten. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Zum Kampf im graphischen Gewerbe. Durch das Machtwort der Scharfmacher im Schutzverband der deutschen Steindruckereibesitzer sind mit Ablauf der vorigen Woche 2566 Lithographen und Steindrucker aufs Pflaster ge- flogen und beträgt die Gesamtzahl der bereits vorher im Streik sich Befindenden und der Ausgesperrten zusammen 4566. In einer am Mittwoch im Gewerkschaftshause abgehaltenen, äußerst zahlreich besuchten Versammlung der Ausgesperrten gab Kollege Ezech einen ausführlichen Bericht über den Stand der Bewegung. In seinem ersten„Aufklärungsflugblatt" spricht das Unternehmertum davon, daß es die Gehilfenschaft sei. die das Gewerbe in so un- erhörter Art beunruhige. Wie steht es in Wirklichkeit? In der großen Bewegung von 1966, deren hauptsächlichste Aufgabe es war, die rückständigen Verhältnisse in der Provinz und den kleineren Städten zu beseitigen, fiel naturgemäß für die Kollegenschaft der Großstädte wenig oder gar nichts ab. Die ungeheure Preis- steigerung der Lebensmittel und aller Wirtschaftsartikel in Ver- bindung mit der von den Unternehmern geübten Nadelstichtaktik der ewigen Lohnabzüge und der ständig wachsenden An- sprüche an die Leistungsfähigkeit des einzelnen lösten bei der Kollegenschaft eine riesige Empörung aus. Nachdem die Kollegen jahrelang auf eine bessere Konjunktur gewartet hatten, mußten die Verwaktungest endlich dem allgemeinen Drängen nachgeben und den Ruf zum Kampf für bessere Lohnbedingungen ergehen lassen. Der Verdienst war infolge der schikanösen Preis- und Lohndrückerei ein so minimaler, daß z. B. hier in Berlin nach der letzten Statistik der Berliner Lithographen von 367 verheirateten Kollegen ein Drittel der Frauen zum Verdien st beitragen mußten und ein großer Teil der Lithographen gezwungen war, Hausarbeit und U e b e r st u n d e n zu leisten, um nur den nötigsten Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die Löhne, im Durchschnitt etwas über 30 M., sind so niedrig, daß sie schon längst von ungelernten Arbeitern überholt sind, und es klingt geradezu lächerlich, wenn von Unternehmerseite derartige Löhne als ausreichend bezeichnet werden. Nachdem nun die Kon- junktur angezogen hat. konnten die Leipziger Kollegen ihren Vor- stoß wagen, und werden die von ihnen aufgestellten Forderungen von allen Kollegen als das Minimum unserer Wünsche betrachtet. In der am 15. September in Berlin gepflogenen Verhandlung erklärte der Schutzverband die bekannten Leipziger Forderungen: 8Vj statt 9 Stunden Arbeitszeit für Drucker und Erhöhung des Mindestlohnes für Lithographen und Drucker im ersten Gehilfen- jähre auf 24 M. für unannehmbar. Sie wollten der Gehilfen- schaft wohl entgegenkommen, allerdings nur auf dem Papier, da die den Druckern angebotene Arbeitszeit für diese bereits prak- tisch besteht. Ebenso würde der angebotene Mindestlohn von 22 M. im ersten Gehilfenjahr nur für einen verschwindend kleinen Teil verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.:' der Kollegen in Frage kommen. Ueber die anderen Forderungen wurde, da die Unternehmer es für zwecklos hielten, nicht mehr verhandelt. So sieht das weitgehendste Entgegenkommen der Schutzverbändler aus. In einem zweiten„Aufklärungsflugblatt" entrüstet sich das Unternehmertum hauptsächlich darüber und sucht damit Gimpel einzufangen, daß die statutarischen Ansprüche nicht einklagbar sind. Warum sie es nicht sind, wissen die Herren, das wissen aber auch unsere Kollegen schon lange. Nun will es aber die Ironie, daß auch bei den Lieblingen der Schutzverbändler, dem Frankfurter Verein, diese Ansprüche nicht einklagbar sind. Vor allen Dingen dürfte es aber schwer sein, uns auch nur einen ein- zigen Fall nachzuweisen, in dem ein Mitglied seinen Rechten zu- wider behandelt wäre. Wie es um die Chancen in diesem Kampfe steht, können wir wohl am besten erkennen an den Mitteln, mit denen der Schutzverband kämpft. Man bietet Zulage über Zulage, um die Angestellten zu halten, ja, man schreckt auch nicht vor Drohungen zurück. So hat die Firma W. Hagelberg, Berlin, einen ihrer Buchbinder, dessen Sohn in gleicher Firma als Drucker tätig war, sich aber nicht als Arbeitswilligen brauchen lassen wollte, ohne weiteres nach 7süjähriger Tätigkeit entlassen. Des weiteren stellte Czech noch einige unwahre Behauptungen in der letzten Nummer des Unternehmerorgans richtig. Unsinnig sind die Auslassungen des Unternehmerorgans über die Massen- flucht aus dem Verband. Im Gegenteil, den 16 Austritten z. B. bei den Berliner Lithographen stehen 47 Eintritte entgegen. In der lebhaften Diskussion machte Kollege Haß u. a. darauf auf- merksam, daß auch speziell bei den Maschinenmeistern die ganze Bewegung sehr günstig ist und in ganz Groß-Berlin nur dreißig Maschinen laufen._ Zum Tarifvertrag in der Wäscheindustrie Berlins. Am gestrigen Tage fand vor dem Einigungsamt des Ge- Werbegerichts die Festlegung der Tarife statt für diejenigen Firmen, bei denen es in der Sitzung vom 9. Oktober noch nicht möglich gewesen war. Es waren dies zunächst die Firmen Becher, Jacobi Nachfolger und Behrendt, bei denen teils in der Zuschneiderei-, teils in der Nähereiabteilung noch Differenzen vorlagen, die nunmehr erledigt wurden. Für die Firma Kastens u. Lachmann teilte der Fabrikantenvorsitzende Herr Hanf mit, daß sie bereits vor der Tarifkündigung aus dem Fabrikantenverein ausgeschieden sei, so daß diese Firma also für die Verhandlungen mit der Unternehmerorganisation nicht in Äe- tracht kommt. Die Firma Emil Sternberg hatte keinen Tarif eingereicht, weil, wie sie erklärte, keine Akkordarbeit bei ihr angefertigt wird; die Firma erkennt den allgemeinen Tarifvertrag als bindend an. Ueber die Verhältnisse bei der Firma Cohn u. Ellenburg mußte sehr lange verhandelt werden, ohne daß es zur Festlegung des Tarifes kam. Die Firma wurde schließlich er- sucht, bis spätestens zum 1. November d. I. mit ihren Arbeiterinnen einen neuen Tarif auf anderer Grundlage aufzustellen. Bis dies geschehen ist. hat sie ihren Arbeiterinnen eine wöchentliche Zulage von 1,50 M. zu zahlen, und zwar mit rückwirkender Kraft bis zum 9. Oktober. Für die nicht dem Fabrikantenverein angehörenden be- streikten Firmen liegt die Sache so. daß bei Wohl u. Hey- mann gestern wiederum Verhandlungen stattgefunden haben, wobei jedoch noch einige Punkte strittig blieben, bei denen die Firma keine Erhöhung zugestehen wollte. Das Personal der Firma konnte sich deshalb mit dem bisherigen Ergebnis noch nicht einverstanden erklären. Die Antwort wird der Firma heute morgen im Beisein einer Kommission der Arbeiterinnen überbracht werden. Ausgeschlossen erscheint es nicht, daß es noch zu einer Einigung kommt. Bei Simon sowohl wie bei Blume dauert der Streik un- verändert fort. Im Hause der Firma Blume hat man den Streikenden das Betreten des Grundstücks und damit zugleich auch der im Hofe liegenden Gastwirtschaft verboten. Das Haus Schön- hauser Allee 109 gehört der„Viktoria". Der Portier droht mit Anklagen wegen Hausfriedensbruch, wenn die Streikenden sich dem Verbot nicht fügen sollten, und ein Schutzmann steht ihm zur Seite. Sozialistenfrefsende Cafötiers. Den Inhabern der Berliner Cafes ging dieser Tage folgendes Schreiben zu, das wir wortgetreu wiedergeben. Unsere Leser werden daraus auch ersehen, wie es mit dem Bildungsgrad des Schreibers steht: Parole des roten Kellner�VerbandS Hamburger-Straße: Nieder mit dem KaffeehauS-Gewerbe! Hoch die Organisation!! Werter Herr Kollege! Wir stehen jetzt vor den letzten Mo- ment uns aus dem Vorhaben des roten Verbandes Hamburgerstr. aus der Schlinge zu ziehen! Wir müssen, werter Herr Kollege jetzt endlich aufwachen von unserm Winterschlaf, uns zusammen- raffen um das geheime Vorhaben des Kellner Verbandes Ham- burgerstr. ganz energisch entgegen zutreten. Wir müssen auch Ihre Hilfe in Anspruch nehmen, beeilen Sie sich ehe es zu spät ist. Wir können uns dieles rücksichtslose und schroffe Vorgehen des Verbandes Hamburgerstr. nicht länger gefallen lassen. Darum werter Herr Kollege säubern Sie Ihr Haus von solchen Mit- gliedern und Anhängern des Kellner Verbandes Hamburgerstr. so schnell wie möglich. Unsere Parole muß sein: Kein Mitglied aus dem roten Kellner-Verbande Hamburger-Straße zu entnehmen. Wie bekannt ist, stehen die im Verbände deutscher Gastwirts- gehilfen organisierten Cafekellner seit mehreren Wochen mit den Cafetiers in Unterhandlung wegen Anerkennung der Organisation und Einführung eines Lohntarises für Aushilfskellner. Zurzeit steht die Angelegenheit so, daß von Mitgliedern des genannten Unternehmervereins ein Waffenstillstand angeboten wurde. Ter- selbe ging dahin, daß. um die von den Unternehmern angebotenen Unterhandlungen nicht zu stören, beiderseitig nichts unternommen werden sollte. Seitens der Unternehmer war versprochen, daß eine demnächst stattfindende Versammlung endgültig über die Eini- gungsverhandlungen beschließen solle. Da das obige Schriftstück keine Unterschrift trägt, eine Nachprüfung bei der Kürze der Zeit auch nicht iniiglich ivar, so sind wir nicht in der Lage zu sagen, ob der Cafetier-Verein das Anschreiben veranlaßt-hat. Wir nehmen das zur Ehre der Herren nicht an. Sollten die Gastwirtsgehilfen sich aber vom Gegenteil überzeugen müssen, so dürfen die" Herren versichert sein, daß die ersteren den Kampf aufnehmen werden._ Tapezierer! Die Sperre über die Firma Z e l l m a n n. Bartelstraße 12, ist aufgehoben. Die Schlickilungskommission. Achtung, Zignrrenarbeiter! Die Zigarrenfirma Laser. NO., Landsberger Str. 91. hat sich mit ihren Arbeitern im Ein- Verständnis mit der Organisation geeinigt. Arbeiter, Raucherl Kauft nur dort, wo das grüne Plakat aus- hängt, unterzeichnet Alwin Schulze. Beachtet die Veröfsentlichuxgen im„Vorwärts". Der Vertrauensmann der Tabakarbeiter. In der Wagen- und Karosseriefabrik von F. Neu mann. Kottbuserdamm 79, sind die Sck, miede und Schlosser wegen Ver- Weigerung einer halben Ueberstunde ausgesperrt, und bitten wir, dieses Betrieb zu meiden. Ter Betrieb gilt als gesperrt. Zentralverband der Schmiede, Zahlstelle Berlin. Im Cafe Nagler am Morivplatz dauern die Differenzen fort und wird der Betrieb durch Arbeitswillige aufrechterhalten. Den Vorschlag der Gehilfen, das Berliner Gewerbegericht als Einigungsamt anzurufen, hat Herr Nagler nach be- endeter Bedenkzeit abgelehnt. Ter Betrieb bleibt also für organi- sierte Gehilfen gesperrt! Verband der Gastwirtsgehilfen. Th, Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdr.li Verlagsanstalt Oeutfchee Reich. Zu de« Differenzen auf der„Carlshütte" in Rendsburg. Durch den Ausstand der Former und Gießereiarbeiter geraleit die übrigen Abteilungen des Betriebes ins Stocken. Die Arbeiter im Ma'chinenbau können nur noch sechs Stunden täglich arbeiten und bald dürfte es auch damit vorbei sein. Ein Versuch der noch im Betrieb befindlichen Arbeiter der übrigen Abteilungen, nochmals eine Verhandlung wegen Beilegung der Differenzen herbeizuführen, scheiterte an dem Verhalten der Direktion. Statt dessen werden von dieser die Versuche fortgesetzt, Arbeitswillige heranzuziehen. Ein Teil der herangeholten Arbeitswilligen hat aber bereits wieder die gastliche Stätte der„Carlshütte" verlassen. Porzellanarbeiter! In der Porzellanfabrik Elektrotechnische JnduKrie in Kranlwfeld i. Thür, veriuckit die Direktion, die bis- verig? neunstündige Arbeitszeit auf ständig zehn Stunden zu er- höhen. Außerdem siud Lohnreduktionen selbst bei Löhnen von weniger als 15 M. pro Wowc keine Seltenbeiten. Mit größeren Versprechungen veriuckit die Firma Leute von auswärts heran- zuziehen, halt aber die gemocknen Versprechungen nickit ein. Die Arbeilerfchast beschloß in den Streik zu treten, weil die Direktion Verhandlungen zur Beilegung der Differenzen ablehnt. Man halle jeden Zuzug strengsten? fern. Die im Zentralverband der VBttckier organisierten Böttchergehilfen in Augsburg streiken. Die Gehilfen hatten vor einigzx Zeit den Meistern einen Tarifvertrag unterbreitet, diese haben jedoch jede Verhandlung mit der Organisation abgelehnt und auch die Vermittelung des Gewerbegerichts schroff zurückgewiesen. Der Widerstand der Arbeitgeber wird bestärkt durch das ver- räterische Vorgehen des christlichen Holz- arbeiterverbandeS, der hinter dem Rücken der Arbeiter mit den Meistern einen Tarifvertrag abgeschlossen hat, der eher eine Verschlechterung, denn eine Verbesserung der miserablen Lohnverhältnisse der Ge- Hilfen bedeutet. Die Christlichen arbeiten weiter und halten so den Meistern den Rücken steif, die den schlechten christlichen Tarif auch den freiorganisierten Gehilfen aufzwingen wollen.— Zuzug von Böttchern ist von Augsburg streng fernzuhalten. HusUnd. Streik i» der böhmischen Textilindustrie. Infolge von Lohndifferenzen sind in dem Jndustriebezirk Ztochod 10 000 Textilarbeiter in den Streik getreten. J*ctzU ffocbrichtciu Das Programm des Grostlvesirs. Konstantinopel, 18. Oktober.(W. T. B.)(Deputierten- kammer.) Ter Saal und die Tribünen waren dicht gefüllt. Unter allgemeiner Spannung bestieg der Grosiwesir die Tribüne und ver- las sein Programm. Er hob die Schwierigkeit der Uebernahme dev Regierung unter den jetzigen Umständen hervor. Jedoch gebe es, fuhr der Redner fort, in den Geschichten der Völker Augenblicke, in denen die Staatsmänner nicht säumen dürften, ihre Pflicht zu tun. Bezüglich der beabsichtigten Reformen auf allen Gebieten der Verwaltung kündigte er eine Reihe von Gesetzentwürfen an, darunter ein Gesetz über die Ministerverantwortlichkeit. Die Re- gierung würde sich bemühen, die Zolleinnahmen durch Abschluß von Handelsverträgen zu vermehren und, falls sich dies verzögere, inzwischen eine vierprozentige Zollcrhöhung einzuführen. Die Patentsteuer soll reformiert und auf Fremde augewendet sowie eine Verzehrungssteuer eingeführt werden. Betreffend die Privi- legten der«ichtmohammedunischen Gemeinden erklärte der Groß- wesir, die Regierung würde die bestehenden Firmans und Gesetze wahren. Bei den öffentlichen Bauten würde die Regierung die Teil- nähme des auswärtigen Kapitals und der auswärtigen Technik sicherstellen. Betreffend die äuhere Politik erklärte der Großwesir: Wir werden zunächst an der Lösung der Tripolisfrage arbeiten in einer Weise, die wir für die Interessen des Landes am günstigsten halten. Wir wollen uns der Verstärkung der freundschaftlichen Beziehungen mit allen befreundeten Mächten. besonders mit den Nachbarstaaten, widmen. Wir legen Wert dar» auf, uusere normalen aufrichtigen Beziehungen zu allen Balkan- staaten aufrechtzuerhalten und zu verstärken auf der Grundlage gegenseitigen Bertrauens und JneinklangbringenS unserer gemeinsamen Interessen. Wir haben keine aggressiven Absichten und keine ehrgeizigen Tendenzen gegen irgendein Land oder irgendeinen Staat, im Gegenteil ist es unser wärmster Wunsch, die legitimen Rechte aller Länder zu respektieren, allerdings aber auch Respekt für unsere eigenen legitimen Rechte zu erwirken. Indem wir einer- seits die materiellen Beweise für diese Dispositionen liefern und andererseits die den Rechten und den Interessen des Landes nütz- lichen Entente» verwirklichen, haben wir das Bewußtsein, die uns zukommenden friedlichen Pflichten zu erfüllen. Ter Großwesir sicherte am Schlüsse seiner Ausführungen im Falle eines Ver» trauensvotums die volle Durchführung seines Programms zu. Die geheime Kammersitzung. Konstantinopel, 18. Oktober.(W. T. B.) Ueber die geheime Sitzung der Kammer verlautet: Die Sitzung war stellenweise be- wegt. Der Großwesir erteilte Aufklärungen über den Stand der Tripolisfrage, indem er einzelne Fragen beantwortete, ohne in Einzelheiten einzugehen, was er als unzulässig bezeichnete. Depn- tierten, welche lange sprechen wollten, wurde das Wort entzogen, da die Kammer noch nicht die eigentliche Debatte begonnen habe. Am längsten sprach der Deputierte von Tripolis, Nadschi. TaS frühere Ministerium wurde heftig angegriffen, besonders der Kriegsminister, der durch beleidigende Worte insultiert wurde. Ter Kriegsminister wollte sprechen, der Großwesir nahm jedoch das Wort, um ihn und andere Mitglieder des Kabinetts zu decken. Tie revollitionäre Bewegung in China. Hankau. 18. Oktober.(Meld. d. Reut. Dur.) Die Derstärkun. gen der Revolutionäre wurden beim Ueberschreiten des Flusses etwas in Unordnung gebracht. Die Leute zeigen meist eine gute Haltung, beklagen sich aber über ihre Führer. Ein Eisenbahnzug Regierungs- truppen ist heute früh angekommen. Es wird behauptet, daß Lihuantscheng die Regierungstruppen, zum Abfall aufgefordert habe, aber ohne Erfolg. Das planlose Schießen unmittelbar hinter Hankau setzte sich bis zum Nachmittag fort. Angeblich sind 209 bick 300 Revolutionäre getötet worden, während die RcgicrungStruppen geringere Berluste erlitten haben sollen. Schwerer Unfall auf der Aachener Kleinbahn. Köln, 18. Oktober. Die„Köln. Ztg." meldet aus Aachen: Heute vormittag kippte auf der Trierer Straße der Anhängewagen' eines aus Stolberg komincndcn Triebwagens der Kleinbahn in der Weiche um. Von den Insassen wurden fünf schwer und zwölf leicht ver- letzt. Die am schwersten verletzten erlitten d o p p e l t e A r m» u n d Beinbrüche.____ HaulSingeräi Co., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsbl. |t. 345. 28. ZahMSH. t. ßtilnjt des„Uswsrls" Knlim KldsdlR DsNerstag, 19. Oktober 1911. l�eickstag. !S1. Sitzung. Mittwoch, den is. Oktober 1011. nachmittags 1 Uhr. »m lvundeSratStische: von Bethmann Hollweg, Dr. Delbrück. Die Interpellationen über die auswärtige Lage werden zunächst zusammen zur Beratung gestellt. Auf die übliche Frage des Präsidenten erklärt: Reichskanzler von Bethmann Hollweg: Ich bin bereit, die Jnter- pellationen zu beantworlen. Für voll berechtigt halte ich den Wunsch deS Reichstages, baldmöglichst von der Regierung Auskunft über die auswärtige Lage zu erkalten. In dem gestern an Ihren Herrn Präfidenten gerichteten Schreiben habe ich dargelegt, aus welchen Gründen ich mir heute eine Erklärung versagen und die Bezeichnung deS Zeitpunktes noch vor- behalten muß, an dem ich sie werde abgeben können. Ich werde nicht unterlassen, Ihrem Herrn Präfidenten den Termin an- zuzeigen, sobald es mir möglich ist. Noch meiner Absicht wird der Reichstag nicht auSeinandergehn. obne daß zuvor hier über die auswärtige Politik verhandelt worden ist.(Bravo!) Präsident Graf Schwerin: Damit ist dieser Gegenstand der Tagesordnung für heute erledigt. Hierauf werden die Interpellationen über die Teuerung zur Verhandlung gestellt. Reichskanzler v. Bethmann H-llweg erklärt sich bereit, die Jnter- pellationen am nächsten Montag zu beantworlen. Es folgt die Interpellation A l b r e ch t(Soz.) und Genossen betr. Verstöße gegen das Vereins- und VersammlungS« g e s e tz. Dte Interpellation lautet: Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß von feiten einer Reihe von Behörden gröbliche Verstöße gegen den klaren Wortlaut deS Vereins- und Versammlungsgesetzes für daS Deutsche Reich begangen wurden? Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um dem er« wähnten Gesetze seilen« der Behörden Geltung zu verschaffen? SlaatSsekrerär Dr. Delbrück erklärt sich zur sofortigen Be- antwortung der Interpellation bereit. Zur Begründung der Interpellation erhält daS Wort Abg. Blbrechtvie in früheren Jahren nachgegangen und habe mit den beieiliglen BundcSregierunge» Fühlung genommen und dabei feststellen können, daß zwischen der ReichSIcilnng und den Bimdesregiermigen grundsätzliche Meinung»- verickiedenheiteii über die Handhabung und die Auslegung des ReichSveremSgesetzes nicht bestehen. Damit habe ich das getan, wozu ick versassmigsinäßig verpflichtet und befugt bin. Die Handhabung der Gesetze in den Bundesstaaten ist Sacke der e i n z e l st a a t l i ch e n Behörden, die den Eingriffen der Reichs- bebörde entzogen sind und deren Erörterung in die Eiiizcllandtage gehört. Ein Eingreifen für die Reichsleitniig ist nur insoweit gegeben, als grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über die Aus- legung der Gesetze zwischen ihr und den Einzelregienrngen sich ergeben. Bis heule bin ich nicht in der Lage geivescn, grundsätz- licke Meinungsverschiedeiiheiteil. die mir Anlaß zu einem Eingreifen geben könnten, festzustellen. Ich möchte das aber auch noch aus- drücklich betonen in bezug auf den preußischen Minister des Innern, in dessen Amtsbereich der größte Teil der Beschwerden fällt. Bei den Etatsberatnngcn im Frühjahr wurde auf den§ 7 des Vereinsgesetzes hingewiesen und darauf, daß der oft zitierte Erlaß deS preußischen Ministers deS Innern vom 16. April 1916 im Widerspruch stände mit den Bcstümnuiigcn des Reichsvereinsgesetzes über die Gcnchinigung von öffentlichen Aufzügen und Versammlungen, mit der Jndikatur zu diesem Paragraphen und zu meinen Aussnhruiigen, die dahin gingen, daß selbstverständlich keine Landeszentralbehörde be- fugt sein könne, allgemein derartige Aufzüge und Versammlungen zu verbiete», sondern daß die Verhältnisse deS einzelnen Falles zu prüfen seien. Ich habe schon damals darauf hingewiesen, daß eine Differenz zwischen diesem Erlaß und meinen Ausführungen nicht b e st e h t und daß der zuständige Minister in Preußen äusdrückiich ausgeführt hat, daß die Prüfung für den einzelnen Fall zulässig sei und daß ivcnn der Erlaß in seiner Fasjung vielleicht zu mißverstand- licher Auslegung seitens der Behörde Anlaß gegeben habe, dies nicht mehr zu erwarten sei, nachdem die Judikatur der Auffassung bei- getreten ist, die ich hier vertreten habe. Ich habe mich ober trotz- dem mit dem preußischen Minister des Innern in Verbindung gc- setzt und von ihin die Mitteilung erhallen, er habe Vor- sorge getroffen, daß der Erlaß nicht mißverstände», sondern in dem Sinne aufgefaßt werde, den ich hier mehrfach ver- treten habe. Danach besteht also zwischen dem preußischen Minister des Innern und mir über den§ 7 des Reichsvereinsgesetzes vollständige Uebereinstimmnng. Im Anschluß daran möchte ich auch noch ausdrücklich feststellen, daß ich mit ihm auch darin vollkommen einig bin, daß sowohl bei der Handhabung des Vereinsgesctzes im allgemeinen als bei Gesuchen um die Genehmigung öffentlicher Auf- züge und Versammlungen unter freiem Himmel die Heranziehung an sich unzutreffender Gründe ebensowenig zu billigen ist ivie die Heranziehung von S ch e i n g r ü n d e n, die den Bc- amtcn leicht den Vorwurf schikanöser Auslegung des Gesetzes ein- tragen. Das ist eigentlich selbstverständlich.(Große Heilerkeit und Sehr wahr! links) Ich füge noch hinzu, daß der preußische Minister des Innern Anordnungen getroffen hat, daß nach diesen Grundsätzen auch verfahren wird.(Zuruf b. d. Soz.: Es kümmert sich nur niemand um diese Anordnung I) Ich glaube alio feststellen zu können, daß auch die ReichSlcilung und die einzelnen Bundesregierungen ebenso wie Sie aus dem Boden des Gesetzes stehen und der Auffassung sind, daß die Gesetze so zu handhaben sind, wie sie der Gesetzgeber erlassen hat und ausgelegt zu wissen wünscht.— Ich habe schon zesagt, daß die Verhandlungen über das Vorgehen der einzel- 'taailichen Beamten vor das Forum der betreffenden Landtage gehören.(Aha! bei den Sozialdemokraten.) Jeden'allS werden Sie mir zugeben, daß eS ausgeschlossen ist, hier eine Fülle von Fällen. die im einzelnen nach der tatsächlichen Seite hin scharr gar nicht kontrolliert werden können, seitens der Reichsleitung zum Gegenstand von Urteilen über das Verhalten der Zentralbehörden in den einzelnen Biindesstaalen zu machen.(Sehr richtig! rechts. Zurufe bei den Sozialdemokraten: Das paßt Ihnen so!)' Ich habe in früheren Fällen in Aussicht geitelll, daß ich alles hier zur Er- örterung komnrende Material den zuständigen Bundesregierungen zugänglich machen ivurde. Ich werde das selbstverständlich auch jetzt rvicder tun, und wenn sich dann etwa diffcrenle Auffassungen über die Auslegung deS Vereinsgesetzcs zwischen uns ergeben ollten, werde ich die erforderlichen Schritte zu tun nicht unterlassen.— Nun � hat der Herr Abg. A l b r e ch t die Güte ge- habt, mir eine Auslese der Fälle zugänglich zu machen, die er zum Ausgangspunkt seiner heutigen Anfragen genommen hat. Ich kann natürlich auch auf diese einzelnen Fälle hier nickt eingehe», zum Teil sind sie in letztinstanzlicker gerichtlicher Enlicheidung erledigt. Ick möchte aber darauf hinweisen, daß 23 von 20 Fällen mit einem Rechtsmittel überhaupt nicht angegriffen worden sind und daß eine Reihe weiterer Fälle nach dem Ent- scheid der uuteren Instanz nicht weiter verfolgt sind. Man kann also jedenfalls den LandcSzentralbehörden für die Fälle nicht verantlvorilick machen, mit denen sie nicht direkt befaßt worden sind. ES ergibt sich jedenfalls doranS, daß, wie ich schon im vorigen Jahre sagte, die strittigen Fälle zur Entickeidung der letzten Instanz oder der Gerichte zu bringen, der einzige Weg ist. um die Schivieriakeileii zu beseitigen und um schließlich Klarheit über die juristische Auffassung der immerhin nicht ganz einfachen Bestimmungen zu schaffen. Auch ergibt sich daraus. daß, wenn Mißgriffe der unteren Instanzen vorgekommen sind, was niemand bestreiten kann, daraus nicht hervorgeht, daß die Zentralbehörden nicht die Absicht bätlen, ihrerseits dein Gesetz Geltung zu verschaffen. In einer Reihe von Fällen ist die Ans- legung de? VereinSgeietzeS zweifellos heute noch strittig. All diese Fälle hier von der Tribüne deS Reichstags zu entscheiden, bin ich völlig außer stände. Wir werden abwarten müssen, daß die Jndikatur auch hier Klarheit schafft.(Lachen.) Ich möchte hier eine Reihe von grundsätzlichen Fragen erörtern, die in den Ansführnngen des Herrn Vorredners im Wege der Dctailarbeit auch eingebend bebandelt find. Es kommen z.V. dauernd Klagen darüber, daß die Polizeibehörden Versanimlnngen überwachen, die nach dem Vereinsgesetz nicht uberwacht werden dürfen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Nun liegen die Dinge hier so: das pmihiicve Oderverwaltniigsgericht hat den Kreis der üherwachmigsfähigen Versammlungen in gewissen Grenzen eingeschränkt. Das Reicks- gericht hat dem gegenüber in einem ErkennlniS vom 2S. April 1911 den Standpunkt vertreten, daß. die Polizeibehörde befugt ist, gemäß§ 13 des BereinSgesetzes in alle öffentlichen Versammlungen, mögen sie politische oder unpolitische sein. Beauftragte zu entsenden. Diese Auffassung wird auch vom Kamnicrgericht, vom Oberlandes- gericht Breslau und Eelle und vom königlich sächsischen Oberver- lvallnngSgericht geteilt. So lange diese Entscheidung zu Reckt besteht,' wird niemand darüber Beschwerde führen können, wenn in einem Bundesstaat nach dieser Entscheidung des höchsten Gerichts- Hofes des Reichs Verfahren wird, und die Vorwürfe nach dieser Richtung sind meiner Ansicht nach unbegründet,(lln- ruhe bei den Sozialdemokraten.— Zuruf: Erklärung der Re- gierung beim Erlaß deS Vereinsgesetzes.) Ich kann mich hier auch auf eine Autorität im Reichstage berufen, auf Herrn Müller- Meiningcn.(Große Heiterkeit bei den Sozial- demokraten.) Im Zusammenhang damit steht die Frage: wie sind Ver- sammlungrn geschlossener Vereine zu behandeln? Auch hier besteht grundsätzlich bei niemand ein Ziveifel darüber, daß sie nicht»der- ivackt ivcrden können, aber es kann im einzelnen Fall zw eise l» hast sein, ob die Versanimlnng eine? geschlossenen Vereins nicht eine öffentliche Versammlung ist.(Aha! bei den Sozialdemokraten.) Das wird sich aus der Art der Verhandlung. der Art der TagesordnuiigSausstellung und daraus ergeben, ob sich Leute an der Erörterung beteiligen, die nicht Vereinsmitgtieder sind. Diese Nechlsauffassung ist doch sehr klar.(Zuruf bei den Soz.: WcShalb wendet man sie nicht auch gegen bürgerliche Vereine an?j DaS ist eine zweite Frage.(Hciierkeit bei den Sozialdemokraten.— Zurns: Aber eine sehr wichtige I) Die Polizei ist nicht verpflichtet zu überwachen, sondern eS ist i h rem Ermesse» überlassen, inwieweit sie überwachen lvill. Wenn sie aiso nicht überwacht, so ivird sie dafür ihre Gründe haben.(Sehr tvahr! und Große Heiler- keit bei den Sozialdemokraten. Zuruf: Also reine Poltzenvillkür I) Nein, ob ich von einem Recht, das mir zusteht, Gebrauch mache oder nicht, ist nicht Willlür.— Genau so liegt die Sacke be- züglich der Gewerkschaften. Selbstversländltch ist die Geiverkschaftsversainntlung als solche nickt der polizeilichen Ucberwachilug unterworfen. Wenn aber nach Lage der Verhältnisse feststeht, daß die Gewerkschast gewissermaßen nur eingeladen bat. daß aber jedermann, der sich dafür interesfiert. sich an den Er- örlernnaen beteiligen kann, so ist die Versammlnug eine öffentliche. Ob die'ie Vorausietznng im einzelnen vorliegt, kann nicht in all- gemeinen Normen festgestellt werden. Werden die BorauSsetzungen nach Ihrer«usfassnng zu Unrecht angenommen, so stehen Ihnen die Rechtsgarantie n deS Gesetzes dagegen zur Verfügimg.— Eine weitere Frage, die nicht hier, aber m der Presse lebhaft erörtert worden ist, ist die. wie weit die Polizeistunde einen Einfluß auf öffentliche Versainmlungcn hat. Hier ist eine höchstinstanzliche Entscheidung nicht ergangen, eS liegen aber vor Entscheidungen des Kammergerichts und der Oberlandes- gerichte Breslau und Hamm, von denen die letztere einen solchen Einfluß der Polizeistmide verneint, die beiden anderen sie bejahen in Ucberciiistimmung mit der früheren Praxis in Preußen. die dahin ging, daß der Polizeistunde auch unterworfen sind die Mitglieder einer öffentlichen Versammlung, daß aber eine Polizei- stunde nicht angeordnet werden kann besonder? für eine öffentliche Versammlung. Nach§ 1 des Gesetzes unterliegt die Ausübung des Versammlungsrechts nur denjenigen Veichränkungen, die in Reichsgcsetzen ihre Begründung haben. Zu dieicn Reichsgeietzc,. gehört auch'§ 36S des Reicksstrafgesetzbuchs resp. die auf Grund desselben erlassenen Bestimmungen. ES kommt dazu die Auffasinng deS Äammergerichts, daß die Bestimmung des§ 1 nicht so auf- gefaßt werden kann, daß alle Landesgesetze für die Personen außer Kraft treten, die sich zufällig in Äusübling ihres Vereins- und V»r- sanimlnngsrcchtes befinden. Wir werden abwarten müssen, weich« Entscheidung in der letzten Instanz getroffen wird. Ems andere Frage ist, ob man eine Versammlung auflösen kann, weil sie über die gebotene Polizeistunde tagt. Diese Frage wird zu ver- »einen sein, denn die Voraussetzungen, unter denen aufgelöst werden kann, sind im K Ii des VereinSgesetzeS erschöpfend geregelt. Es lönneii nur die Zwangsmittel angewandt werden, die sich aus dem§ 365 deS ReichssirnfgesetzbucheS ergeben.— Was dann daS Vorgehen gegen die sogenaimteii Ju� endvereine der sozialdemokratischen Partei betrifft, so hat der preußische Minister lediglich seine Pflicht getan, wenn er die Behörden auf die Eni- scheidung deS OberverwaltungsgerichtS aufmerksam gemacht bat. DieS Gericht stellt im übrigen einen ganz unbestreilbaren Gedanken auf. Es sagt: Nach§ 2 kann ein Verein, der den Strafgesetzen zu- ividerlätih. aufgelöst werden. Im Z 18b heißt eS: Personen, die das 13. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dürfen nicht Mit- glieder von poluischcn Vereinen sein usw. Im selben Paragrapden werden bei Zuwiderhandlungen Strafen festgesetzt. Daraus ergibt sich klar, daß ein Verein, der sich mit politischen Angelegenheiien beschäftigt, wenn er Personen unter 18 Jahren aliinimmt, sich mit dem Srrakgesetzbuch in Widerspruch setzt.(Zuruf bei den Sozial- demokraten.) Man rnit mir zu, ein Nadfahrerverein kann unmöglich politische Zwecke verfolgen. Wenn eS ein bar in loser Radfabrcr- vercin ist. gewiß nicht. Aber nicht der Name eines Vereins, nickt seine Statuten und gelegenlliche Beschäftigung seiner Mitglieder ist maßgebend dafür, ob er politisch ist oder nicht, sondern lediglich die Tatsache, die festzustellen ist, ob der Verein Einfluß auf politische Angelegenheiten ausübt.— Weiter ist die Frage strittig. ob die Polizei»och befugt ist. Anfragen an Ver- eine zu richten. Bisher waren nach dem Gesetz die Vereinsorgane verpflichtet, jede Aufrage der Polizei zu beantworten. Das ist beseitigt. Aber es besteht noch eine Verpflichtung der VereinSvoistände zur AluSkunftS- erteilmig an die Polizei soweit, als die Polizei über- Haupt im allge m einen solche Auskünfte vor- langen k a n n.— Damit glaube ich die wichtigsten grundsätzlichen Fragen berührt zu haben. Ich hoffe, daß die Tätigkeit der Gerichte dazu beilragen wird, daß die zahlreichen Beschwerden über die Hand« habung des Reichsvereinsgesetzes geringer werden. Ich werde, wie bisher, verfolgen, wie das Vereinsgesetz ausgelegt und angewandt wird, und werde nicht unterlassen, soweir eS in den Grenzen meiner vcrfasiuiigSmäßigeii Befugnis liegt, dahin zu wirken, daß sehlsame Auslegungen in Zukunft unterbleiben.(Bravo! reckiZ.) Auf Antrag des Abg. Bebel(Soz.) wird die B c« p rechung der Interpellation gegen die Stimmen der Rechten beschlossen. Abg. GrSkcr(Z.): Der Reichstag hat zwar keine Disziplinar- befugnis gegenüber einzelstaatiichen Beamten, die entgegen dem Vcreiiisgesctz handeln, wohl aber hat er das Recht, über solche Ver- Ivße von Beanuen zu sprechen.(Sehr richtig!) Die Interpellation spricht von Verstößen gegen den„klaren Wortlaut" deS Gesetzes. (Zuruf des Abg.?N ü l l e r- Meiningen). Herr Müller-Meiniugen, der Vuier des GeietzeS, ist sich klar über sein Kind(Heitcrkeiti, aber alle übrigen bis hinauf zu den höchsten Verwaitungs- und Gerichts- behördcn sind sich im Unklaren darüber.(Abg. H n e: DaS ist seinerzeit vorausgeiogt worden!) Gewiß, und eS hat sogar Leute gegeben, die gesagt hoben, das sei der Zweck deS Gesetzes. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) So kann niemand von uns, mit Ausnahme des Abg. Müller- Meiningen(Heiterkeit), mit voller Sicherheit sagen, welche Versammlungen dürfen über- Haupt überwacht werden. Man sagt, die Polizeibehörde soll sich an die richterlichen Entscheidungen halten. Aber a n w e l ck e? Die höchsten richterlichen Behörden haben ja sehr verschiedene Ent« scheidnngen gefällt und jede hat immer sehr gute Gründe angeführt. Eine scheinbar sehr einfache Frage ist die der P r a x i S der Polizeistunde. Auch hier Häven wir sehr verschiedene Ans- legimgen. Der Staatssekretär hat kein Wort darüber verloren, wie eS damit bei Wahlversammlungen gebalten werden soll. Gelten die Bestimmungen über die Poliieistnnde� auch für solche Versammlungen 7 Man erkeimt daran, was die Staaten durch das NeichZvereiiisgesey verloren haben, die so ausgeklügelte Be- ftimmungen sriiber nicht kannten. Gerade bei einem Gesetz, da» so tief ins öffentliche Leben eingreift, wie das LereinSgesetz. ist eS notwendig, daß der Gcsrygcbcr klar sagt, waS cr will. Daß cS das nich» tut, ist der schwerste Fehler des Reichsvereinsgesetzes. (Bravo! im Zentrum.) Abg. Dr. Jnnck(natl.): Die grundsätzliche Uebereinstimmnng deS Staatssekretärs mit den Landcszentralbcbörden über die Auslegung deö Vereinsgesetzes nützt uns nichts, wenn diese Zen'ral- behörden nicht die Energie haben, diese Grundsätze auch bei der An- Wendung des Gesetzes zur Geltung zu bringen.(Sehr richtig!> Beim Vercinsgcsey liegt der Schwerpunkt auf der Anwendung'(Zu- stimmmig.) Herr Gröber wirft dem Reichsvereinsgesetz Unklarheit vor' der Grund ist, daß es ein B l o ck g e s e tz ist. ES bedeutet trotz seiner mißbräuchlichen Anwendung eine wesentliche Verbesserung des früheren RechtSznstandeS(Sehr richtig I bei den Nationalliberalen und Frei- ssiinipen) und wir lassen unS die Befriedigung über diese liberale Blockfrncht nicht nehmen.(Zuruf im Zentrum: Sie sind eben sehr bei che, den.) In den Grundzügen ist das Gesttz sehr klar, und wir klagen gerade darüber, daß es durch die Praxis der unteren Verwallmigsbehördeii vieUack entstellt wird. Die einzelnen Fälle, die in der Presse und auch hier vorgebracht sind, können wir nicht prüfen; aber wenn auch nur ein Teil der Fälle richtig ist. so handelt es sich um grundsätilich unrichtige Anweuduiiz des NcichsvereinSgefetzcS durch die liiiteren BerwaitnngSbkyörden. Aber es ist doch auch über zutreffende Anwendung deS Gesetzes zu berichten, so in Sachsen, speziell in Leipzig Und dabei haben wir doch in Leipzig eine Reinkultur der Sozialdemokratie, einen wahre» EdelmarxismuZ. Was die Frage der P o l i z e i st n n d e beirifft, so muß Landesrecht dem Reichsiecht weichen, und das Reich-Zvereniögeietz keimt eine Be- sckrSiikiiiig von Berfammlnngen durch die Polizristniide nicht. ES mag ja die Frage der Polizeistunde zweifelhaft sein; aber dann müssen wir doch mindestens den Äppeg �n die Regierung richicu, daß den Vereinen dadurch nanientlich im Hinblick auf die kommenden Wahlen nicht Eckwierigkeuen bereiter werden. Ich wünicke, daß eS dem Reichstage eripart bleibt, in jedem Jabre solche Verhandlung zu baben. Ich habe absichliich ctnzcine Fälle nichl vorgebracht. Wenn aber eine Versammlung unter freiem Himmel nicht genehmigt wird, weil die Fasanen auf dem benachbarten Grundstück a est ort werden k ö n n r e n(Große Heiter.eit), oder we>l eS moalick- ss:i, daß die Teilnehmer an der Venammlung nackh-x ms WirlShauS geben und daß dort eine Messerstecherei entstehen kömiie so ist das eine B e r b ö h n u n g d e d G e�i e tz e S.(Lebhaftes Sehr rick-ig! lintt.) E»? wäre schlecht nnl>.>.111 Staate bestellt, wenn es nickt gelänge, solche Verhöhnungen de-? GeietzeS zu verhindern. Die unteren Ver. waltnngSbcborden wurden derartiges nicht wagen, wem, sie nicht glaubten, cius nacbstchtlge Behandlung rechnen zu können. Loblied auf die Handhabung des ReichsvereinSgesetzeS durch die Ve- Hörden gesungen. Jetzt klingt sein Lied anders. Damals interpellierte.allerdings daS Zentrum, während jetzt die Sozial- demoiratie interpelliert. Mit Recht hat der Staatssekretär daraus hingewiesen, dak der Regierung auf die Entscheidungen der Gerichte kein Einfluß zusteht. Die heutige Verhandlung hat er- neut bewiesen, datz die Aufsicht führenden Behörden in loyalster Weise bemüht sind, das Neichsversicheiungsgesetz. so wie eS seinem Wortlaut nach ist, zur Durchführung zu bringen. Verstöye sind immer un- vermeidlich, namentlich, wenn eS sich um neue Gesetze handelt.— Wir unsererseits haben folgende Bitten an die Reichsregierung zu richten: 1. Sie möge ihr Augenmerl darauf richten, dah. wenn nicht genehmigte öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel statt- finden, energisch gegen diese Gesetzwidrigkeit eingeichrnten iverde. 2. Sie möge dafür sorgen, datz bei genehmigten öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel oder Umzügen nicht die Ordner sich Vollmachten anmajzen, die allein der Polizei gebühren.(Bravo! rechts.) Ich schliefe mit der Erklärung, dah diese Verhandlungen erneu: die loyale Handhabung des Reichs- Vereinsgesetzes beweisen.(Bravo I rechts. Groste Heiterkeit links.) Abg. Korfanty(Pole): Dast die Konservativen mit der Hand- habnng des BereinsgefetzeS zufrieden find, ist ja nicht weiter ver- wunderlich.(Sehr gut! links.) Zioischen dem Staatssekretär V.Bethmann Hollweg, der die liberalsten Zusicherungen über die Handhabung des Reichsvereinsgesetzes gab. und dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg. unter dessen Aegide die Versprechungen in ihr Gegen- teil verkehrt werden, klafft ein Gegensatz, der uns weiter nicht wundernimmt, der aber hoffentlich die Liberalen, wie Dr. Müller« Meiningen, veranlagt, bei künftiger Gelegenheit von der Tugend des Mißtrauens ausgiebigeren Ge« brauch zu machen, als bei dem R e i ch S v e r e i n s- g e l e tz I(Sehr gut I bei den Polen und den Sozialdemo« traten.) Man fährt in der Politik mit dem Mißtrauen durchweg besser, als mit dem Vertrauen.(Heiterkeit und Zustimmung.) Wahrhaft schamlos sind die Polizeibehörden, um Vorwände für Veriammlungsverbote an den Haaren herbeizuziehen. Ein solcher Amtsvorsteher schämt sich nicht, die Arbeiter eines ganzen Distrikts als Trunkenbolde hinzu st ellen.(Hört I hört I und Psui!-Rufe bei Polen und Sozialdemokraten.) Die Fasanen- geichichte, von der der Kollege Dr. Junck sprach, ist mir passiert. Eine Versammlung unter freiem Himmel, in der ich sprechen wollte. wurde verboten, weil durch sie die Fasanen des Grafen Henckel v. Donnerömarck gestört werden könnten.(Heiterkeil und Hört I Hört!) Also die Rücksicht auf die gräflich Doniiersmarck- schen Fasanen steht den preußischen Behörden höher als die Rücklicht auf die gesetzlich verbürgten Rechte der Staatsbürger!— Eine andere Versammlung unter freiem Himmel wurde verboten. weil Gefahr bestehe, daß die Teilnehmer ihre Bedarf- niffe aus dem Nachbargruudstück verrichten würden.(Hört! Hört! und Heiterkeit.) Für uns ist gar kein Zweifel mehr möglich: die Behörden suchen bewußt und mit böser Absicht die polnischen Bürger an der Ausübung ihrer Rechte zu hindern. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) So etwas ist wirklich nur in Preußen möglich. Ein Staatswesen. daS etwas auf sich hält, würde solche Gemeinheiten bei seinen Beamten nicht dulden.(Lebhafte Zustiminnua bei den Polen und Sozial« demokraten.) In ganz Obcrschlesicn stehen den Polen nur zwei Säle zur Verfügung: in Widerspruch zu den Erklärungen des Staatssekretärs v. Bethmann Hollweg treiben unter dem Reichskanzler v..Bethmann Hollweg die Behörden systematische Saalabtreibereien. Die Säle werden uns ab- getrieben; die Versammlungen unter freiem Himmel werden verboten und die Behörden bis znm Minister berauf bestätigen die eigentüinlichen.Begründimgen", die I Ämtsvorsteher ihren Verboten hinzufügen. Selbstredend stneli unter diesen Gründen die Maul- und Klauenseuche „d i e Hauptrolle, daneben Scharlach, Diphtherie, Ge- üflclcholera; von der letzteren war z. B. in einem Dorfe die Rede, wo just zwei Hühner krepiert waren.(Heiterkeit und Hört I hört!) Ich habe hier die Beweise für infame Rechts- beugungcn des Laiidralcs des KreiseS Rosenberg in der Hand... (Glocke des Präsidenten.) Prä'. Graf Schwerin-Löwitz: Sie dürfen einem Beamten keine infamen Rechtsbeugungen vorwerfen.(Brovo! recht?: erregte Zu- rufe � bei den Polen und Sozialdemokraten.) Ich rufe Sie daher zur Ordnung.(Bravo! rechts. Erneute erregte Zurufe. Abg. Ledcdvur: Rufen Sie lieber den L a n d r a t zur Ordnung I Sehr gut! bei den Polen und Sozialdemokraten.) Abg. ti-rfanty(fortsahrend): Ich Hobe keine andere Bezeichnung für e i n c n s o l ch e n M a n n. der die Bürger an der Ausübung ihrer Rechte hindert.(Sehr gut l bei den Polen und Sozialdemolraten. Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Schwerin-Löwitz: Ich rnfc Sie zum zweiten M a l e zur Ordnung und mache Sie auf die Folgen eines dritten Ordnungsrufes aufmerksam.(Bravo! rechtö. Zurufe bei den Polen und Sozialdemokraien.) Abg. Korfanty fährt fort und schildert an einer großen Anzahl weiterer Fälle die Bccinträctliguiig der polnischen Staatsbürger, besonders der polnischen Arbeiter. Alle polniichcii Vereine, die rein kulturelle» etngeichloffen. werden von Behörden und Gerichten für p o l i l i? ch erklärt; die bloße Tatsache, daß ein Verein ans Polen beslcht, genügt, ihn zu einem politischen zu stempeln. E» fehlt nur»ow. daß p o l n i s ch e E h e n s N r p o l i t i f ch erklärt und die polnischen Ehepaare aufgefordert iverden, ihre Statinen ein« zureichen.(Heilerkeil und Sehr gnt l) Wenn nicht Haß und Ver- aciitung dre Herzen aller Polen erfüllen solle», so muß mit diesem System gebrochen werden.(Bravo! bei den Polen.) Staatsiclretär Delbrück: Der Einfluß der Reichsregierung auf die eiiizelstaailichen Regierungen ist nur ein moralischer. Selbstverftäildlich hat jede Regieriing die Pflicht und auch das Be- streben, das. was sie als grundsätzlich richtig anerkennt, innerhalb ihre« Ressons auch mit aller Energie durchziifNhrcn. DaS ist speziell auch der Fall bei dem preußischen Minister deS Innern. Deshalb ist es zwecklos. Einzelfälle hier näher zu erArtern: das geschieht praktischer in den Einzellandtagen. Einer der Borredner machte mir den Vorwurf, ich hätte mich zurückdallend geäußert. DaS war nolwendig angesichts des lluistandes, daß eine Reihe von Fälley»och der richterlichen Beurteilung umer- liegen.(Lehr richtig! rcchi,.) lieber die AaSlegu»., der Bc- stimnningen bezüglich der Polizeistunde bin ick— das ist lediglich meine persönliche Auffasiung_ mit dem Abg. Dr. Junck nicht aanz einverstanden. Doch sind die Fälle, in denen eine«uflö'img emer Versammlung ei folgen därf. durch 8 lt des Vcrei»Sgrsel.'.-s völlig umfaßt. Der§ Mb des Reichsslr.ifgesctzcS kann meuies Er« achtens nicht benutzt werden, um Bestimmungen zu erlassen, die nach dem ReichsvereiuSgesetz an sich unzulässig wären.— Ich betone, daß ich weit eiitscrnr bin. j,, hjer vorgetragene» Fallen. falls sie richtig vorgetragen sind. daS Verhalten der Behörde» zu billigen; ich bin vielmehr der Meiminq. daß bei der Auslegung deS BereinSgeseyeS mchrfach j» ej„xx Weise verfahren wird, die den eigensten Jntcrcsseu der Behörde nicht entspricht. Ich'veiß aber auch, daß diese«»ffaffung grundsätzlich von. Ben BmideSregicruiigen. speziell d-r preußische», geteilt wird.(Bravo! rechlS.) Abg. Dr. Höffcl(Rp); Po,, den 50 von Herr» Albrecht vor- getragenen Fällen lind, wie wir gehört haben, nicht weiter ver« folgt worden. Das ergibt ein ganz anderes Bild, als die Aus- führlingen dcS Herrn Alvrccht. Es ist klar, daß ein solch-S Gesetz wie dos ReichsvereiuSgesetz sich erst einleben muß. Die weitere Beiprechling ivird vertagt auf Donnerstag 1 Uhr. (Außerdem zwei Jiiterpellatioiie» des Zeillruinö und der Freisimiigen gber die Maul- und Klauenseuche. Schluß S Uhr._ Der Parteitag von lodena. (Erster Tag.) Modcna, den 15. Oktober. Nach Vorversammlungen der verschiedenen Fraktionen, auf denen auch die Vereinbarungen über die Bureauwahl getroffen wurden, hat heute der 12. italienische Parteitag hier seine Ar- beitcn begonnen. Die Eröffnungsrede des Genossen Abgeordneten A g n i n i setzte mit einer in schärfster Form gehaltenen Protest- erklärung gegen das tripolitanische Abenteuer ein, um dann der Opfer der italienischen Reaktion zu gedenken, die in den letzten Monaten gefallen sind, und den feit 4 Monaten iin Streik stehenden Arbeitern der Eisenwerte der Insel Elba den solidarischen Gruß des Parteitags zu entbieten. Nach einigen BegrüßungS- Worten des Bürgermeisters von Modena legte der Parteisekretär C i o t t i im Namen des PartcivorstandcS die folgende Protestmotion gegen den Krieg mit der Türkei vor. die mit Begeisterung durch Akklamation angenommen wurde: „Der Kongreß erhebt feierlichen Einspruch gegen die intcr- nationale Politik, die. unter Ausschluß der Diskussion und Prü- fung der Volksvertretung, das Land zu kolonialen Anschlägen und militaristischen Expeditionen führt. Indem er seiner Ge- nugtuung für die energische Protestaktion Ausdruck gibt, die Gewerkschaften und Partei in der Form des Generalstreiks durchgeführt haben, betont der Kongreß die bedingungslose Ab- lehnung des Krieges durch die Partei und durch das organisierte Proletariat; entbietet den türkischen Sozialisten seinen brüder- lichen Gruß in dieser Stunde, in der die Sozialisten der ganzen Welt einstimmig ein Vorgehen verwerfen, das für die Systeme und Methoden der Bourgeoisie charakteristisch ist und gibt schließlich der Hoffnung Ausdruck, daß die fortschreitende Ver- breitung der sozialistischen Uebcrzeugung und Idealität auch die internationalen Fragen einer Lösung im Sinne der mensch- lichen Solidarität cntgegenführcn möge." Nach Vornahme der B u r c a u w a h l, bei der die Genossen A g n i n i(rcv.), A l t o b c l l i(Reform. Fraktion Turati), B u s s i (ebenso), C a l d a(echter Reformist) und L a z z a r i(rev.) zu Präsidenten gewählt werden, tritt der Kongreß in sein Hauptthema: Unterstützung eines Ministeriums und Teilnahme an der Regierung ein. Als erster Referent nimmt der gemäßigte Reformist Dr. B u s s i das Wort. Im Jntereffe einer Reformpolitik, die die Kampfstellung des Proletariats verbessere, fordert er für die Partei das Recht, gelegentlich ein Kabinett zu unterstützen und schildert die Vorteile, die seiner Ansicht nach durch den bisherigen Mini- sterialismus der Fraktion erzielt wurden. Was den Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Kabinett betrifft, so stellt er ihn in seiner Resolution als zurzeit durchaus inopportun hin. Die Worte dcS Referenten werden mit Widerspruch und großer Un- ruhe aufgenommen, als er sagt:„Für mich ist die Frage des ..MinisteriabilismuS" heute ebenso fern, wie auf dem Mailänder Parteitag." Schließlich tritt Redner für den Uebergang zur Opposition ein, da nach der tripolitanifchcn Expedition von einer großzügigen Reformpolitik, die allein die Unterstützung eines Kabinetts durch die Partei fraktion rechtfertigen könnte, nicht mehr die Rede sei.(Beifall bei den Reformisten.) Von lebhaftem Beifall seiner Fraktion begrüßt, betritt darauf der Korreferent Giovanni Lerda die Tribüne. Er wandte sich gegen den Borredner, der unsere Partei jeder beliebigen politi- schen Partei gleichgestellt und ihren Charakter als Klasscnpartei übersehen hat. Als solche können wir uns nicht, je nach den mo- nientanen Forderungen des politischen Milieus, drehen und win- den, ohne die Massen an uns irre zu machen. WaS heißt das, daß man heute�fvegen Tripolis zur Opposition übergehen will? Bei jeder bürgerlichen Regierung besteht stets die Möglichkeit eines Kolonialabenteners: Tripolis ist stets potentiell gegeben! Die Rc- formisten stellen sich an, als ob der Antagonismus zwischen Bour» geoifie und Proletariat nur zufällig sei. Zufällig und beiläufig ist aber nur die F o r m, in der sich dieser Antagonismus äußert. Hier liegt der Unterschied zwischen den Jntransigcnten und den Reformisten der Fraktion Turati: Ihr seid heute antiministcriell, wir sind es immer. Ihr seht heute, daß die Partei es satt hat, Euch zu folgen und ändert darum die Taktik. Aber die Massen vergessen gegenüber Eurer heutigen Haltung Cur« gestrige nicht, und wenn Ihr ihnen jetzt von Klassenkampf und antimonarchischcn Forderungen sprecht, so antworten sie: Seht Euch doch Euren Bissolati an, der ins Ouirtnal gegangen ist! Aber Bifsolati hat vor Euch den Vorteil voraus, daß er logisch ist.(Beifall.) Lerda weist dann auf die Verödung des Idealismus hin, die sich aus der reformistischen Taktik ergeben hat und schlicht, indem er eine Resolution vorlegt, die die Unterstützung eines Kabinetts und die Teilnahme an der Regierung als im Widerspruch �um Begriff des KlaffenkampfcS und zu den Interessen des Proletariats stehend, ein für allemal ablehnt. Es wird nunmehr die Diskussion eröffnet, in der Nobili, ein süditalienischcr Arbeiter, den Ministcrialismus verteidigt. Seit die Fraktion ministeriell sei, hätte die Regierung aufgehört, Süditalien wie ein erobertes Land zu behandeln. In scharf kritischer Rede wandte sich dann Terzaghi (revolutionär) gegen den MinisterialiSmuS. Er bekämpft die Auf- fassung, daß die Partcifraktion durch ihren MinistenaliSmuS ein größeres Uebel verhüten lpnne und müsse. Nach solchen Grund- sähen bliebe man ministeriell während eines Krieges, um den Krieg sozialistisch zu mitoern, und bliebe ministeriell nach einem reaktionären Staatsstreich, um die Folgen abzuschwächen! Da gäbe eS überhaupt keinen Grund mehr, um sich je von einem Ministerium abzuwenden. Als letzter Redner des Tages spricht Genosse BarberiS, ein Turiner Arbeiter(rev.), der die Entartung der Partei beklagt. Er erzählt, daß er unlängst während eines Wahlkampfes die bür- gerlichen Kandidaten gefragt habe. waS sie in der Kammer zu tun gedächten, und die Antwort bekommen hätte: Genau das, was die Sozialisten tun. Diese Antwort halte ihm den Mund gestopft. Im Gegensatz zu früheren Rednern erklärt Barberis, daß die Regie- rung in ihren Stellvertretern uni> namentlich in der Polizei nie reaktionärer und brutaler gewesen sei, als gerade heute.(Beifall.) (Zweiter Tag.) Modena, den 16. Oktober. Fortsetzung der Diskussion über Ministcrialismus und Teil- nähme an der Regierung. Ter zweite Verhandlungstag hat nicht unwesentlich zur Klä- rung der ziemlich verworrenen Situation beigetragen, wofür das Verdienst vor allem dem Abgeordneten Genossen Bonomi zu- kommt, der in seiner heutigen Rede eine klare und deutliche Scheidelinie zwischen den echten Reformisten(Fraktion Bissolati) und den gemäßigten Reformisten(Fraktion Turati) gezogen hat. Vis jetzt sind die L Hauptsätze der Fraktion Turati. wie sie die Redner' des ersten und zweiten Tages dargelegt haben, die folgenden: Diese Gruppe ist prinzipiell f ü r den MinisterialiSmuS, aber teils gegen die Teilnahme an der Regierung, teils will sie sie von der Zustimmung des Parteivo-s'nndcS und der 5lonföderation der Arbeit abhängig gemacht wissen; sie ist schließlich mit Rücksicht auf die tripolitanische Expedition für den sofortigen Uebergang zur Opposition. Mit anderen Worten: Sie ist aus Rss-ksicht auf die augenblickliche Loge antiministeriell und gegen die Teilnahme an der Regie- rung. Was die Prinzipicnfrage betrifft, so stellt sie jeden Zu- sammcnhang zwischen MinisterialiSmuS und Teilnahme an der Regierung in Abrede, während die echten Reformisten in dem einen die logische Krönung des andern schen. Redner der Turati- schen Fraktion am zweiten Vcrhandlungstage waren die Genossen Petriello, Speroni und Modigliani. DaS Hauptinteresse dcS TageS fiel aber der Rede dcZ Abgeordneten Genossen Bonomi zu. der seinerzeit als Unterstaats- sekretär mit Bissolati und Cabrini in daS Kabinett Giolitti ein« treten sollte. Ter Redner stellte sich die Aufgabe, seine Stellung zu den beiden Hauptproblemen des Kongresses klarzulegen: I. Zur Frage des Ministcrialismus und der Teilnahme an der Regierung, 2. zu der des Verhaltens der Partei gegenüber der heutigen internationalen Situation. Zu dem ersten Punkte führte er aus, daß man früher Fort- schritt und Entwicklung nur als Resultat des Widerstreits cnt- gegeustrebender Kräfte angesehen halte und mit einer stetigen Zu- spitzung der Gegensätze rechnete. Die Tatsachen hätten, wie er meint, diese Aufsassung widerlegt. Die bürgerlichen Parteien, an» statt einen einzigen bürgerlichen Block zu bilden, fraktionieren sich mit jedem Tage mehr, und selbst im Proletariat zeige sich eine Tendenz zur Fraktionsbildung. Daraus folge, daß man die Re- gierung nur noch durch Koalitionen erobert. Wer ein Ministerium unterstützt, müsse unter Ilmständen bereit sein, in dasselbe ein- zutreten. Lazzari, der die Unterstützung ablehnt, sei konsequent. Turati, der ministeriell sein will und doch gegen die Teilnahme an der Regierung ist, sei es nicht. Redner hob dann die angeblichen Vorteile des MinisterialiSmuS hervor und betonte, daß heute in Italien eine demokratische Regierung ohne die Unterstützung der Parlainentssraktion unserer Partei ganz unmöglich sei. � Zum zweiten Punkt übergehend, hob dann Bonomi die ver- schicdcnen Stimmungen hervor, die sich am Vorabend der tripo- litanischeu Expedition unter den Reformisten geltend machten. Turati lehnte daS Unternehmen unbedingt ab und bezeichnete es als ein nationales Unglück. Bissolati begründete seine Ablehnung mit dem Hinweis auf die italienischen Interessen am Adriatischen Meer, die er geschädigt glaubt, während der Redner unter anderem die finanziellen Folgen als für das Proletariat verhängnisvoll bezeichnete. Inzwischen proklamierte die Konsöderation der Arbeit den Generalstreik. Er, Redner, und viele Abgeordnete, sei dagegen gewesen, hätte aber das Proletariat, da eS schon einmal im Kampfe stand, nicht in: Stich lassen wollen. Gegen den Generalstreik sei er gewesen, weil er in der Kolonialpolitik einen notwendigen und unabwendbaren Ausdruck der kapitalistischen Wirtschaft sehe. Warum sollte das Proletariat mit Gewalt gegen diese Notwendigkeit aufstehen? Dann müsse er sich tägl'ch mit Gewalt gegen die anderen notwendigen Aeußerungen des Kapitalismus richten! Ter französische Proletarier hat nicht durch den Generalstreik gegen die Marokioaffäre, der deutsche nicht gegen die Einmischrmg seiner Regierung protestiert. Um seinen Standpunkt gegenüber der vollendeten Tatsache der Okkupation klar zu stellen, verliest Redner einen Artikel des Genuescr „ L a V o r o", der im Interesse der italienischen Auswanderer dem nunmehr unvermeidlichen Unternehmen einen günstigen Ausgang wünscht.(Unruhe, lebhafter Widerspruch, auch auf den Tribünen.) Es gäbe eine Stammessolidarität, die nicht im Widerspruch zur Klassensolidarität stehe. Heute gelte es nun, Einfluß auf die Ereignisse zu gewinnen, damit der Imperialismus nicht die finanziellen Energien des Landes aufsauge und nicht einige Gruppen von Kapitalisten alle Vorteile aus der Okkupation ziehen. Redner stellt jede Parallele zwischen der heutigen Situation und der von Adua als unberechtigt dar und warnt dieTuratianer, wegen der tripolitanischenExpcdition das Ministerium zu verlassen.„Euch, Reformisten der Linken", ruft Bonomi, wird man in Zukunft weder Glauben schenken, noch wird man Euch fürchten! Uebers Jahr werden die Revolutionäre ihre Fahne auf den Trümmern eines Mißerfolges aufpflanzen." Zum Schluß bekämpft Redner die Ansicht, daß unsere Politik den Massen verständlich sein müsse. Wir wollen die Ereignisse zum Vorteile der Massen wenden und diese so gewinnen. Die mit lebhaftem Beifall von den Reformisten aufgenommene Rede war zweifellos die bedeutendste des Tages. B e r e n i n i, der auch für die Fraktion Bissolati sprach, hielt sich ausschließlich an die augenblickliche Lage. Ter morgige Tag wird die Reden der von den 4 Fraktionen (Bissolati, Turati, Integralsten und Revolutionäre) bezeichneten Rednern und dann das Votum bringen. Es dürfte gleichzeitig über 4 Tagesordnungen abgestimmt werden, was eventuell zu einer Stichwahl führen könnte. Modena, 18. Oktober.(Privaticlegramm deS„Vorwärts".) Die Tagesordnung Lerda erhielt 8634 Stimmen, die der Inte- gralisten 1074, während sich die Reformisten in drei Tages- Ordnungen zersplitterten, nämlich echte Reformisten 1954. Turatianern 7818 und ontiministcrielle Reformisten 173Z. ES ergibt sich somit ein reformistischer Block von 11 508 Stimmen, aber gleichzeitig eine antiministcrielle Mehrheit, nämlich 11 444 von 21 215 Stimmen. Die Rovolutionäre verzichten auf die Stichwahl. Das Votum bedeutet eine völlige Niederlage des MinisterialiSmuS unter Beibehaltung dcS heutigen reformistischen Partcivorstandes. ES ist die Niederlage einer Taktik unter Jnamtbleiben ihrer bis- herigcn Vertreter. Die Reformisten verzichten auf ihre Taktik, behaupten aber ihre bisherige Machtstellung- Huö der parte!. Mehring»nd Bebel über I. B. Schweitzer. In dem am Freitag erscheinenden Heft der„Neuen Zeit" (Nr. 3 vom 20. Oktober) schreibt Genosse Mehring als Anfang eines zweiten Artikels über Bebels Denkwürdigkeiten: „Die Meinungsverschiedenheit, die wegen Schweitzer zwischen dem Genossen Bebel und mir besteht, veranlaßt eine ganze Reihe von bürgerlichen Blätter», von der„Freisinnigen Zeitung" bis zur „Deutschen Tageszeitung", mich mit wilden Schmähungen zu über- schütten. Ich lehne nun gern ab, diese wohlfeilen Triumphe— nach der bekannten Theorie des Genossen Bebel über das Urteil der Gegner— gegen ihn selbst zu verwerten, denn was zwischen ihm und mir auszumachen ist, steht in der Tat über dem leeren Gerede der bürgerlichen Zeitungsschreiber. Soweit jedoch diese edle Zunft behaupte:, Bebel habe mich zu Ehren des verstorbenen Eugen Richter vor allem Volke abgeschlachtet, muß ich mich um meiner selbst willen dazu mit einem kurzen Worte Äußern. Ich soll nämlich den verstorbenen Eugcn�üichtcr in„nieder- trachtiger",„pöbelhafter",„schamloser" usw. Weise angegriffen haben, weil er im Jahre 1005 dasselbe über Schweitzer gesagt bat, was jetzt Bebel in seinen Denkwürdigkeiten bestätige. Diese Bc- hauptung ist einfach aus leerer Luft gegriffen. Mein« Differenz mit Bebel wegen Schweitzer ist jetzt mindestens 15 Jahre alt. und vor etwa 10 Jahren habe ick mich deshalb mit ihm schon in der »Neuen Zeit" auseinandergesetzt. Vor etwa 6 Jahren nun. im Mai 1005, erließen die Berliner Vertrauensmänner der Partei einen Aufruf um Material für eine Berliner Parteigeschichte Auf diesen Akt der Pietät, der keine Person und keine Partei angriff, antwortete Eugen Richter in einem selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich hämischen Artikel unter dem Titel: Sozialdemo- kratie und Neptilienfonds. worin er höhnisch erklärte, er wolle gern Material für die Geschichte der Partei liefern, und nun den Schwindel, wovon er sich 40 Jahre genährt hatte, abermals ab- baspelte» den eschwindel nämlich» daß die Sozialdemokratie ech Produkt des ReptilicnfondS fei. Es ist richtig, daß er sich daöci auch auf Bebels Urteil über Schweitzer berief, aber es ist ebenso richtig, daß ich in der Notiz, worin ich ihm an einigen Punkten, sei es feine Unwissenheit, fei es stme Unwahrhaftigleit. nachwies, diesen Punkt mit keiner>silbe berührt habe, wovon sich jeder überzeugen kann, der die Nr. IL2 der„Leipziger Volkszcitung" vom 20. Mai 1005 nachschlagen will. Mit Bebel hatte ich mich wegen Schweitzer längst auseinander gesetzt, und selbst, wenn dem nicht so gewefen wäre, so wäre die moralische Abfertigung eines Gegners von dem Kaliber des verstorbenen Eugen Richter die unpassendste Gelegen- heit zu einer solchen Auseinandersetzung gewesen. Aus diesem ein- fachen Tatbestande machen nun die brotwuchcrischen wie die divi- dendcnlüsterncn Bewunderer Eugen Richters in ihrer lguteren WaHrheitSliebe und ihrem sonoren Sauherdenton das Märlein zu- recht, ihr Götze habe 1905 die Bestechlichkeit Schweitzers aufgedeckt, ich hätte ihn deshalb„niederträchtig",„pöbelhaft",„schamlos" usw. angegriffen, aber nun käme Bebel als Rächer über mich. Was mich bei alledem fast zu Tränen gerührt hat, ist die helle Begeisterung, womit sich der Knuken-Oertel, der fast jeden Tag mit unsauberen Denunziationen hinter den Beamten herhetzt, die in Düffeldorf für den sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt haben sollen, für die erhabene Idee ins Zeug wirft, daß die Sozialdemokratie ein Pro- bukt bismärckischer Staatskunst sei. So lohnen sich dem seligen Eugen doch die Dienste, die er bei den Zolltarifdebatten von 1992 den Brot- und Fleischwucherern geleistet hat, und wie tröstlich, daß es noch Dankbarkeit auf Erden gibt." Die britische sozialistische Partei. London, 16. Okt.(Eig. Ber.) Das provisorische Komitee der sozialistischen Partei, das auf der Einigungskonfcrenz zu Manchester ernannt wurde, hat seine erste Sitzung abgehalten und ein Partei- statut(Eonstitution) entworfen, dessen prinzipielle Sätze wie folgt lauten: „Der Zweck der britischen sozialistischen Partei ist die Errich- tung eines kooperativen Gemeinwesens, das heiht, die Umgestaltung der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft in eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft. Die Erziehung des Volkes in den Prinzipien des Sozialismus. Das möglichst enge Zusammenarbeiten mit den wirtschaftlichen Organisationen, die nach der Vergesellschaftlichung der Produktions- mittel streben, und Befürwortung der beruslichen Einigkeit (Industml unity) der Arbeiter, die für die wirksame Organisation in jenem Sinne wesentlich ist. Die Schaffung einer sozialistischen Partei im Parlament und an den lokalen Körperschaften, die von allen Parteien, die das kapi- talistische Wirtschaftssystem unterstützen, vollständig unabhängig ist, Die britische sozialistische Partei unterstützt alle Maßregeln zum Schutze des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter und solche, die geeignet sind, die Arbeiter in ihrem Kampfe gegen die Kapr talistenklasse zu stärken." Ein Organisationsstatut ist ausgearbeitet worden, das in einigen Tagen den verschiedenen Organisationen, die an der Eini gungSkonferenz teilnahmen, zur Annahme unterbreitet werden wird. Inzwischen geht eine emsige Organisationsarbeit vor sich, Besonders Sozialisten, die sich bis heute wegen der großen Zer- splitterung nicht angeschlossen haben, sind begierig, Mitglieder der neuen Partei zu werden. Der erste Parteitag der britischen soziali- stischen Partei wird zu Anfang des neuen Jahres abgehalten werden._ Blödsinn. Der.Secolo' in Mailand brachte dieser Tage eine Kor- respondenz aus Berlin, in der behauptet wurde, daß in Deutschland zur Bildung von Freiwilligenkorps zur Unterstützung der Türkei auf- Sefordert werde. Auch die sozialdemokratische Partei abe in Berlin ein Flugblatt verbreitet, das allerdings sofort von der Behörde beschlagnabint worden sei und in dem die Genossen aufgefordert wurden, sich zur Verteidigung der Türkei zur Ver- fügung zu stellen. Der Korrespondent des„Secolo" fügte noch geistreich hinzu:„Die Haltung der deutschen sozialdemokratischen Partei steht in Widerspruch mit den Beschlüssen des letzten Partei- tageS." ES erübrigt sich, ein Wort über diesen Unsinn zu verlieren. Den meisten italienischen Journalisten scheint der Tripoliskoller auch das letzte Restchen klaren Denkens vernichtet zu haben. Gemeinbewahlerfolg. In T i n z bei G e r a(R e u ß) fand am 14. Oktober eine Ersatzwahl zum Gemeinderate für zwei ausgeschiedene bürger- liche Mitglieder statt. An Stelle der bürgerlichen Kandidaten wurden zwei Parteigenossen mit erheblicher Stimmenmehrheit gewählt. poUzetlldies, Ckricfcttfdies uto. Die BreSlauer Polizei will anscheinend nichts lernen. Erst kürzlich erblickte sie in dem Vorantragen von Kränzen mit roten Schleifen bei der Beerdigung eines alten Parteigenossen ein„außergewöhnliches" Leichenbegäng- nis, zu dem keine Genehmigung nachgesucht und erteilt worden war. Als die Polizei die Entfernung der roten Schleifen von den Kränzen verlangte und dieser Polizeiwunsch von den Kranzträgern nicht befolgt wurde, wurden die Kranzträger mit den Kränzen nach dem Polizeipräsidium sistiert. Hier wurden die Schleifen von den Kränzen unter dem Protest der Sistierten gewaltsam entfernt und die ihres Schmuckes beraubten Kränze den Trägern zur Verfügung gestellt. Diese wieder verweigerten deren Annahme und noch heute befinden sich die Kränze im Polizeigewahrsam. Durch das außer- gewöhnliche Verhalten der Polizei entstand damals naturgemäß unter den zahlreichen Leidtragenden eine berechtigte Empörung, die ihren Höhepunkt erreichte, als Genossen L ö b e auf dem Friedhofe, wo er dem Verstorbenen einen Nachruf widmen wollte, schon nach den ersten Sätzen vom überwachenden Polizeikommissar das Wort entzogen wurde. Angeblich sollte Genosse Löbe in einer nicht ge- nehmigten Versammlung unter freiem Himmel geredet haben. In Wirklichkeit sprach Löbe in der Leichenhalle und nur einige Teil- nehmer, die keinen Platz mehr in dieser finden konnten, hörten außerhalb derselben zu.' Diesen geradezu unglaublichen Vorgängen setzte die über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Polizei Breslaus noch die Krone dadurch auf, daß sie den drei Kranzträgern und Genossen Löbe je einen Strafbefehl über 19 M. zuschickte. Vor Gericht erfolgte ganz selbstverständlich die glatte Freisprechung aller vier Genossen. Nun sollte man glauben, daß die Breslauer Polizei aus dieser für sie geradezu vernichtenden Niederlage etwas gelernt hätte. Aber weit gefehlt. Wenige Tage nach der gerichtlichen Verhandlung wiederholte sich ein ähnliches Schauspiel bei der Beerdigung eines Genossen und am Dienstag bei der Beerdigung der Genossin Kaiser zum dritten Male. Wieder zwang ein großes Aufgebot von uniformierten und Kriminalpolizisten die Kranzträgerinnen, mit ihren Kränzen in Droschken zu fahren, sorgsam darauf achtend, daß die roten Schleifen möglichst unsichtbar waren. Und als eine dieser Droschken mit den Kränzen ein etwas schnelleres Tempo an- schlug, liefen eine Anzahl Behelmter im Laufschritt hinterher, wahr- schernlich aus Sorge um das Sichtbarwerden der roten Kranz- schleifen. Selbswerständlich erregte das Eingreifen der Polizei und die dadurch hervorgerufene Störung des Leichen- begängnisses den heftigsten Protest der zahlreichen Leidtragenden, der sich in recht drastischen Bemerkungen über die Polizei Luft machte. Gerichts-Zeitung. Fällt Arbeiternumgel unter die Streikklausel? Beim Abschluß von größeren Lieferungsverträgen pflegen die Fabriken leider immer noch sogenannte Streikklauseln in die Liefe- rungsbedingungen einzufügen, um für verspätete Lieferungen in- folge von Betriebsstörungen durch Arbeiterausstände oder höhere Gewalt entschuldigt zu sein. Kurzlich hat das Reichsgericht darüber zu entscheiden gehabt, ob eine bloße Betriebsstörung infolge von Arbeitcrmangel auch auf Grund der allgemeinen Streikklausel als entschuldigt gelten könne. Es handelte sich dabei um folgenden Vertrag: Die Firma Sacconaghi u. Co. in L. in Italien wollte eine Seidenwarenfabrik einrichten und hatte zu diesem Zweck bei der Maschinenfabrik H. in Lennep zwei Maschinen bestellt. Die Ma- schinen sollten im Januar 1997 abgesandt werden. Die Lieferung erfolgte jedoch erst zu Anfang Juli 1997. Die Empfängerin rügte die verspätete Lieferung und machte Schadensersatzansprüche gegen die Lieferantin geltend. Daraufhin erhöh Me Maschinenfabrik Klage auf Zahlung de? Kaufpreises und brachte zur Entschuldigung der verspäteten Lieferung vor, daß sie im Deze über 1996 von einem Angestellten der im Bau befindlichen italienisaien Fabrik eine Post- karte erhalten habe, die ihr die Zurückhaltung der Maschinen empfohlen hätte, weil die Fabrik noch nicht soweit fertig sei, um die Maschinen aufnehmen zu können. Eine deshalb an die Beklagte ge- richtete Anfrage sei von dieser nicht beantwortet worden. Außerdem aber berief die Klägerin sich auf ihre sogenannte Streikklausel, in- dem sie erklärte, daß im Februar 1997 em Arbeitermangel, hervorgerufen durch eine Hochkonjunktur in der Moschinenbranche, einge- treten sei. Sie habe trotz Zahlung hoher Löhne keine Arbeiter er- � langen können, weil diese sich gern größere Städte als Domizil ge- wählt hätten. Das Landgericht Elberfeld und Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilten die beklagte italienische Firma zur Zahlung von 19 884 Mark und wiesen ihre Ansprüche aus Schadloshaltung ab. Da? Ober, landesgericht sieht die verspätete Lieferung der Maschinen als ent- schuldigt an. Zunächst erklärt es, daß die Klägerin durch die Karte die Auffassung gewinnen konnte, der Beklagten sei die Lieferung vor Vollendung der Fabrik nicht erwünscht. Aber auch auf Grund der Streikklausel hält das Oberlandesgericht die Lieferantin für ent- schuldigt, da es der Klägerin nicht möglich gewesen sei, infolge des durch die Hochkonjunktur bedingten Arbeitermangels genügend Ar- beiter zu erlangen. Sie habe durch Zahlung hoher Löhne und Ein- iührung günstiger Arbeitsbedingungen alles mögliche versucht, um oie alten Arbeiter zu behalten und neue zu erlangen. Das Reichsgericht hat sich dem Urteil des OberlandeSgerichts Düsseldorf verständigerweise nicht angeschlossen. Auf die Revision der Beklagten ist das Urteil des OberlandeSgerichts Düsseldorf am DienStag soweit aufgehoben worden, als die Beklagte zu mehr als zur Zahlung von 2347,69 M. verurteilt worden war. In diesem Umfange ist die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entschei- dung an das Oberlandesgericht zurückverwiesen worden. Auffallend ist, daß der Versuch der Klägerin, glaubhaft zu machen, daß sie trotz hoher Lohnangebote Arbeitskräfte nicht habe bekommen können, beim Oberlandesgericht auf sehr fruchtbaren Boden fiel. Die Auffassung, was hohe Löhne sind, ist recht ver- schieden._ „Die Totenbrüder". Drei jugendliche Erpresser mußten sich gestern vor dem Straf« richter verantworten. Wegen versuchter Erpressung waren der 19jährige Registrator Fritz Lochow, der gleichaltrige Kontorist Hermann Heuer und der Handlungsgehilfe Erich Hoffmann ange- klagt.— Eines Tages erzählte der Angeklagte Hoffmann den beiden Mitangeklagten, mit denen er seit längerer Zeit befreundet ist, daß er durch Zufall erfahren habe, daß ein naher Verwandter mit einem Fräulein D. ein Liebesverhältnis unterhalte. Alle drei kamen sofort überein, aus dieser Kenntnis Kapital zu schlagen. Einige Tage darauf erhielt jener Verwandte des Angeklagten tzoffmann einen Brief, welcher die Unterschrift„Die Totenbrüder" trug. Er wurde aufgefordert, einen bestimmten Betrag unter einer Chiffre an ein Postamt zu senden, anderenfalls gewisse Beziehungen zu einer jungen Dame enthüllt würden. Als der Empfänger auf diesen Brief nicht reagierte, erhielt er einige Tage später einen zweite« Erpresserbrief, in welchem die Erpresser schon etwas deutlicher wurden und mit einem Revolver drohten. Die Briefschreiber wurden sehr bald ermittelt und der Empfänger der Briefe war nicht wenig erstaunt, unter den Fest- genommenen seinen eigenen Neffen zu erblicken. Der Staatsanwalt beantragte gegen Lochow 6 Wochen und gegen Heuer und Hoffmann je 2 Monate Gefängnis. DaS Gericht ging mit Rücksicht auf die recht gemeine Gesinnung der Angeklagten erheblich über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und erkannte gegen Lochow auf 2 Monate und gegen Heuer und Hoffmann auf je 5 Monate Gefängnis. (ltroLer tlmTUKS-�usverlLauk seruzslemer 5tra88e 38-39, am vönkottplste O IG u I» Die wiederkehrende Gelegenheit! Infolge der grossen Verkaufstage unseres Umzugs-Ausverkaufs sind manche Artikel unsortiert geworden. Aus diesem Grunde haben wir auf die noch vorhandenen Bestände unseres Warenlagers neue grosse Preisermässigungen vorgenommen und bietet sich für jedermann eine tatsächlich nie wiederkehrende Gelegenheit zu einem überaus günstigen Einkauf von Schuhwaren aller Art für Herren, Damen und• Kinder Der AusverRaul findet nur noch Kurze Zeit statt! |t.245.. 28. Zahrgaug. 2. ßtilnw ks.Amiick" ßtrlintt plUhlt Donnerstag. 19. Moder(911. kericht über die tätigheU der lozialdemokratKcben Fraktion im Berliner Ratbau fe. S. Tie Polizei und die Stadt Berlin. Berlin that den zweifelhaften Vorzug, eine königliche Polizei zu besitzen. Das hat zur Folge, daß die Stadt Berlin zwar die recht erheblichen Polizeikosten zahlen mutz, dafür aber nicht das mindeste in die Polizeiverwaltung hineinzureden hat. Nach dem Etat für 1911 betrugen die Polizeikosten über 8 Millionen Mark. Dieses Verhältnis der Stadt Berlin zur Polizei hat wiederholt die sozialdemokratische Fraktion veranlatzt, Anträge auf lieber- tragung der Ortspolizei insbesondere der Sicherheitspolizei in stadtische Verwaltung zu stellen. Die freisinnigen Stadtväter konnten sich nicht dazu auf- schwingen, diesem Antrage ihre Zustimmung zu geben; sie meinten, man müsse das Erreichbare zu erlangen trachten. Nicht erreichbar sei die Uebertragung der Slcherhcitspolizei an die Stadt und so kam am 22. April 1909 der Beschluh zustande, bei den Staats- bebörden auf Uebertragung der LZ o h l f a h r t s p o l i z e i vor- siellig zu werden. Der Magistrat kam dem nach, konnte aber der Stadtverordnetenversammlung nur mitteilen, datz der Obcrpräsi- dent es ablehne, die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Tarauf- bin beantragte die sozialdemokratische Fraktion in der Sitzung vom 2. Februar 1911 von neuem, mit den Staatsbehörden zwecks Ueber- tragung sämtlicher Zweige der Polizei auf die Stadt in VerHand- lungen zu treten. Unser Redner wies nach, wie weit die Mehrheit der Stadtverordneten mit ihrer grotzen Vorsicht, um Gottes Willen nichts zu beantragen, was aussichtslos sei, gekommen ist. Trotz dieser großen Vorsicht fei nicht das geringste erreicht worden, es sei einfach abgelehnt worden, auch nur in Verhandlungen ein- zutreten. Es spreche einer Selbstverwaltung Hohn, wenn die Stadt für die Polizei nur zahlen darf, ohne etwas zu sagen zu haben. Der Antrag unserer Genossen fand bei der Mehrheit keine Gegenliebe, weil man so kurz nach der Ablehnung ein erneutes Borgehen für untunlich hielt. Bei dieser Gelegenheit brachten unsere Genossen auch die Ausschreitungen und Brutalitäten von Schutz- l e u t e n zur Sprache, wie sie sich in Moabit zu- getragen hatten und die in gerichtlichen Verhandlungen durch zahlreiche Zeugenaussagen erwiesen worden waren. Unsere Genossen beantragten, die erforderlichen Matznahmen zu ergreifen, um Bürger gegen die Ausschreitungen von Polizeibeamten in Zukunft zu schützen. Aber auch hier zeigte sich die Schwächlichkeit und die Halbheit der bürgerlichen Vertreter. Wohl beklagten sie teilweise die Ungehörigkcitcn von Schutzleuten gegenüber dem Publikum, aber man wollte wiederum alle Vorsicht anwenden, um nirgends anzustoßen. Und so erklärten die Herren durch ihre Wortführer, datz sie den sozialdemokratischen Antrag ablehnen müßten und sich mit der Annahme des folgenden An- trageS. begnügen wollten:„Die Stadtverordnetenversammlung spricht die Erwartung aus, datz von den zuständigen Behörden die geeigneten Maßnahmen getroffen werden, um zu verhüten, daß bei etwa erforderlichem Eingreifen der Pplizeiorgane zur Her. stellung der öffentlichen Ordnung Uebcrgriffe erfolgen und ins besondere unbeteiligte Personen verletzt oder beschädigt werden." Und zu dieser Selbstverständlichkeit schwangen sich die freisinnigen Männer auch nur deswegen auf, da eS, wie Herr Cassel erklärte. —.einen falschen Anschein erwecken wurde, wenn wir uns damit begnügen würden, den sozialdemokratische» Antrag abzulehnen". Schon vor diesen Erörterungen hatte die sozialdemokratische träktion die Stadtvcrordnetentribüne benutzt, um die polizeilichen uSschreitungen anläßlich einer im Treptower Park beabsichtigten WahlrecktSdemonstration der Berliner Ar- b e i t e r s ch a f t zur Sprache zu bringen. Es handelte sich um den Wahlrechtsspaziergang am 6. März 1910, den der Polizei» Präsident von Berlin glaubte dadurch verhindern zu können, datz er den der Stadt Berlin gehörigen Treptower Park polizeilich absperrte. Gegen diejenigen, die den Park besuchen wollten. ging die Polizei mit der blanken Waffe vor. Bei der Beratung des PolizeietatS am 23. März 1910 stellten unsere Genossen deshalb den Antrag:„Die Stadtverordnetenversammlung protestiert gegen die seitens des Polizeipräsidenten am 6. März veranlatzte Ab- spcrrung des Treptower Parks und gegen die Behinderung der Bürgerschaft in der Benutzung Berliner Straßen, Parks und Plätze." Auch im vorliegenden Falle wiederholte sich die gleiche Erscheinung, daß die freisinnige �Mehrheit klaren Beschlüssen aus- weicht, wenn sie vor die Entscheidung gestellt wird. Dem Stadt- verordneten Sonnenfeld blieb es vorbehalten, den Massenspazier- gang nach dem Treptower Park für einen Aufzug nach K 7 des VereinSgesehes zu stempeln, für den die polizeiliche Genehmigung einzuholen ist. Herr Sonnenfeld stützte das Vorgehen des Polizei- Präsidenten, indem er erklärte, eS bleibe eine ungesetzliche Hand- lung. wenn mit vollem Bewußtsein ohne polizeiliche Genehmigung das Publikum der Gefahr ausgesetzt werde, in die es gerate. Der rech! bescheidene sozialdemokratische Antrag wurde abgelehnt und der folgende von den Mehrheitsfraktioncu gestellte Antrag, der wiederum eine Selbstverständlichkeit enthält, angenommen:„Die Versammlung ersucht den Magistrat, durch geeignete Vorkehrungen bei den Staatsbehörden dahin zu wirken, daß öffentliche Versamm- lungen unter freiem Himmel und Aufzüge auf öffentlichen Straßen und Plätzen, von denen eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit nicht zu befürchten ist. dem Vcreinsgesctze gemäß in dem Polizei. rayon Berlin nicht gehindert werden." Am 3. Juli 1911 hatte die Stadtverordnetenversammlung wiederum eine Polizeidebatte. Anlaß hierzu gab ein Erlaß des Polizeipräsidenten v. Jagow an die Berliner Schutzmannschaft, in Zukunft mehr von der Schußwaffe als von der Hiebwaffe Gebrauch zu machen. Die sczialdemokratische Fraktion brachte einen Antrag ein, in dem gegen diesen Erlaß protestiert und der Magistrat aufgefordert wird. Schritte zu tun zur Aufhebung der polizeipräsidialen Anordnung. Unser Redner wies auf das Un» gesetzliche der Verfügung hin, die eine große Gefährdung der Sicherheit der Berliner Bevölkerung bedeute. Die Anordnung des Polizeipräsidenten sei um so gefährlicher, wenn man bedenke. welche Ausschreitungen zahlreiche Schutzleute in Moabit begangen hätten. Der Redner der Freisinnigen. Herr Cassel, wollte keine feste Stellung zu der Angelegenheit einnehmen.„Man könne nicht wollen, daß die Beamten in Ausübung ihres Dienstes Un- holden preisgegeben werden, die zu verfolgen, deren Straftaten festzustellen im Interesse der bürgerlichen Gesellschaft und nicht im persönlichen Interesse der Schutzmannschaft liege. Die Be. amten müssen vor Verbrechern geschützt werden." Eigentlich, so meinte Herr Cassel, müßte man annehmen, daß die bisherigen Vorschriften genügten. Da man aber offiziell die Verfügung nicht kenne, solle man die Sache in einem Ausschusse beraten. Dem wurde stattgegeben. Noch war dieser Ausschuß gar nicht zusammengetreten, weil inzwischen die Ferien der Stadtverordneten eintraten, so machte Herr v. Jagow von neuem von sich reden durch einen zweiten Schi etzer laß. Bei Verfolgung eines Verbrechers war ein Schutzmann angeschossen worden. Dieser Fall veranlaßte den Polizeipräsidenten, den ersten Schietzcrlaß insofern zu verschärfen. als jedem Schutzmann, der„zu spät" von der Schußwaffe Ge- brauch mache. Strafe in Aussicht gestellt wurde. Und wiederum war eS die sozialdemokratische Fraktion, die die Stadtverordneten- Versammlung durch einen Antrag veranlaßte, sich in der ersten Sitzung nach den Fernen am 7. September 1911 mit diesem zweiten Schießerlaß zu beschäftigen. Unsere Genossen wiesen nach, daß dieser neueste Erlaß noch größere Gefahren als der erste in sich schlietze. Er nötige die Beamten geradezu, eher zu früh als zu spät zu schießen und bringe die Beamten selber in die größte Gefahr. Der Erlaß involviere die Proklamierung des Standrechts über Berlin. Ueber Leben und Tod von Menschen zu entscheiden, sei nicht Sache eines Schutzmannes, allerdings habe man das er- hebende Gefühl, datz die blauen Bohnen, die ungesetzlich einen Ber- liner Bürger töten, bezahlt werden mit dem Gelde dieser selben Bürger. Die Besprechung des sozialdemokratischen Antrages zeigte wieder dieselbe Erscheinung wie in früheren Fällen, in denen es sich um die Berliner Polizei handelte. Mit einem Einerseits— Andererseits und wieder Einerseits— Andererseits bugsierte die Mehrheit den Antrag in den schon wegen des ersten Schietzerlasses eingesetzten Ausschutz, in welchem er bei Schluß unseres Berichtes noch ruht. Wie mutig die Herren aufzutreten verstehen, beweist am besten der Ausspruch des Herrn Mommsen, man hätte die Sache gar nicht öffentlich beraten sollen, sonst erreiche man bei der Polizei gar nichts. Die Herren Freisinnigen haben also so wenig Zu- trauen zu sich selber, datz sie über derartige, die ganze Bevölkerung aufs tiefste berührenden Fragen am liebsten nur im engen Kreise reden. Da? ist es aber, was unserem Freisinn den Stempel auf- drückt: Keine feste energische Haltung gegen Uebergriffe seitens anderer Behörden, sondern schwächliches Zetern und„mutiges" Zurückweichen. Wer da will, daß die Interessen der erwerbstätigen Bevölkc- rung energisch vertreten werden, kann am 5. November nur einem sozialdemokratischen Kandidaten seine Stimme gebenl )Zus Induftne und RandcL Chinas Außenhandel und Zolleionahmen. Der chinestiche Außenhandel, der bis zum Jahre 1842 nur auf dem Landwege über Maimatfchin oder für den Seeweg nur über Ranton unter recht erschwerenden Bedingungen gestattet war, hat seit dem Frieden von Nanking einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Die Zahl der für den Handelsverkehr mit dem Auslands g e- öffneten Häfen betrug im Jahre 1909 bereits 4S Der Außenhandel des cküitesischen Reiche« hat sich vom Jahre 1990 bis 1909 mehr als verdoppelt. Die Ein- und Ausfuhr Chinas belief sich nämlich in den nachstehenden Jahren auf Millionen Mark: Einfuhr Aussuhr Gesamtaußenbandel 1900 661,45 422,04 984.36 1906 1189,29 603,19 1795.48 1909 1 112.32 901,71 2014,03 Die Einfuhr ist seit dem Jahre 1900 um 660,87 Mill. Mark oder 98,1 Proz. gestiegen. Der von 1906 auf 1906 eingetretene Rück- gang ist nahezu wieder ausgeglichen. Der Gefamthandel zeigt feit 1900 eine Zunahme um 1 029,63 Mill. Mark oder 104,6 Proz. Nahezu die Hälfte des gesamten Außenhandels nahm im Jahre 1909 den Weg über Shanghai. Die wichtigsten Bertragshäfen waren nämlich im Jahre 1909 an der Ein- und Ausfuhr Chinas be» teiligt wie folgt: Einfuhr Ausfuhr Insgesamt Wert in Millionen Mark Shanghai.. 618.99 407.91 918.90 Canton... 76. lO 120,13 196,23 Kaulun... 72,54 40,19 112,78 Hankau... 46,33 47.43 92,76 Dcnren... 32,56 69,37 91.93 Tieiilstn... 66.29 14,76 81,06 Mithin entfallen auf die genannten sechs Haken 74,2 Proz. des gesamten chinesischen Außenhandels. Als wichtigste Einfuhr- artikel kommen Tergilwaren aller Art in Betracht. Auch der Import von Erzeugmssen der Metall- und Masdlmenindustrie ist recht bedeutend. Es wurden näuilich eingeführt in Millionen Mark: Zu- resp. Abnahme 4- 70,20 + 1,17 — 2,74 2,00 2,50 ,33 — 11,44 + 19,68 — z, + 2,( + 2,: + l.' 1908 1909 Baumwollwaren.».. 294,99 365,19 Alpaka, Flanell usw,.. 3,86 6,03 Wollwaren...... 11,54 8,80 Leinen usw...... 6,05 7,05 Metalle u. Maschinen., 15,16 17,66 Zündhölzer...... 18.73 16,06 Petrdleinn...... 72,70 61,26 Zucker....... 52,69 72.27 Ter günstigsten Entwicklung deS chinesischen Außenhandels dankt das während der Taiping-Revolution geschossene Seezollamt seine troße Bedeutung, die eS heute für die StaalSfiuanzen Chinas hat. Diese von dem jüngst verstorbenen Engländer Str Robert Hart otganisierte und ausgebaute Behörde kau» heule als das Rückgrat der chinesische» Finanzwirtschaft bezeichnet werden. Seit dem Jahre 1900 entiwckelien sich die Einnahmen der Seezollverwal- tung in Millionen Mark wie folgt: aus d. auSw, Handel aus d.etnh, Handel 1900.. 48,36 1905.. 73,26 1909.. 76 29 Die Scezollcinnahmen zusammen: 12,47 20,24 18.25 Insgesamt 60,83 93.40 94,54 setzten sich in der Haupsache, wie folgt, Einfuhrzölle.. Aussuhrzölle.. Küstenbandelszölle Tonneugedühren. Tranfitgebübren. Opium-Likin.. Am bedeutendsten 1908 1909 Zu- resp. Abnahme Wert in Millionen Mark .. 35,98 37.45+ 1.47 .. 30,08 82.80+ 2,72 .. 5,10 5,37+0.27 .. 3,45 3.40— 1,05 .. 4,90 5,11+0,21 .. 10,60 10,87— 0,37 waren im Jahre 1909 die Einnahmen in Shanghai mit 27,85 Millionen Mark, In Canton wurden 8,17, in Hankäu 7,53 und in Tieutsin 7,36 Millionen Mark vereinnahmt. Im Hafengebiel von Kiaulschou beliefen sich die Zölle und Gebühren aus 2,93 Millionen Mark. Während bisher alle wichtigen Stellen in der Seezollverwaltung mit Europäern, hauptsächlich Engländern und Franzosen, besetzt wurden, werden neuerdings chinesische Kräfte stark bevorzugt._ Statistik der deutsche» Seeschiffe. Angaben über den Bestand der deutschen Seeschiffe(Kauffahrtei- schiffe) am 1. Januar 191 l werden in Teil I deS Bandes 244 der „Statistik deS Deutschen Reichs" verösseuilicht. Danach waren an registrierten Fahrzeugen mit einem Brutto- rnumgehalte von mehr als 50 Kubikmeter vorbanden 4675 Schiffe mit einem Geiamtraumgehalt von 4 513 191 Registertonnen brutto und 21903 570 Registertonnen netto gegen 4653 Swiffe mit 4 430 227 Re- gistertonnen Brutto- und 2 859 307 Registertonnen Nettorauingehalt am 1. Januar 1910. Gegen das Vorjahr hat die Zahl der Schiffe um 17 zugenommen, der Brutloraumgehalt um 82 964 Registertonuen, der Netioraumgehalt um 44 263 Negistertonnen. Der Galtung nach waren am 1. Januar 1911 2371 Segelschiffe mit 452 996 Register- tonnen brutto und 403 24t Registertoiinen netto, 331 See- leichter(Schleppschiffe) mit 110 436 Negistertonnen brutto und 103 596 Registertonnen netto, sowie 1973 Dampfer mit 3 949 759 Registertonnen_ brutto und 2 396 733 Negistertonnen netto vorbanden, während am 1. Januar 1910 die Zahl der Segelschiffe 2377 mir einem lliaumgehalt von 453 411 Registertonnen brutto und 404 576 Registertonnen netto, die der Seeleichter(Schleppschiffe) 33 l mit einem Itaumgehalt von 111540 Registertonnen brutto und 105 174 Negistertonnen netto und die der Dampfer 1950 mit einem Raumgehalt von 3 865276 Register- tonnen brutto und 2 319 557 Registertonnen netto bettagen hatte. Die Verteilung auf die einzelnen Größenklassen war bei den drei Schiffsgottungen sehr verschieden. Unter den Segel- schiffen waren der Zahl nach die kleineren Fahrzeuge am stärksten vertreten, und zwar die Schiffe von 30 bis unter 50 Registertonilen Bruttoraumgehalt mit 33,3 Proz., die von 50 bis unter 100 Register- tonnen mit 26,7 Proz. und die unter 30 Registertonnen niit 24,2 Proz. aller Segelschiffs. Die größte Zahl der Seeleichtcr (Schleppschiffe) entfiel auf die Größenklasse von 200 bis unter 300 Registertonnen Bruttoraumgehalt mit 27,5 Proz. aller Seeleichter. demnächst aus die Größenklassen von 300 bis unter 400 Register- tonnen mit 19,3 Proz. und von 100 bis 200 Registertonneil mit 16,6 Proz. Bei den Dampfschiffen fand eine gleichmäßigere Verteilung auf die einzelnen Größenklassen statt. An erster Stelle standen hier die Schiffe zwischen 100 und 200 Registertonnen Brutto- raumgehalt mit 12.8 Proz. aller Dampfschiffe, dann folgen die Schiffe von 200 bis unter 300, von 50 bis unter 100, von 800 bis unter 1000, von 2000 bis unter 2500 und von 600 bis unter 800 Registertonnen(8,3 Proz., 7.5 Proz., 5,7 Proz., 5,0 Proz. und 4.9 Proz.)._ Berlängerung deS SchiffahrtStrustS. Die in den letzten Tagen in Paris gepflogenen Verhandlungen zwischen den am t r a n s- atlantischen Verkehr beteiligten Schiffahrtsgesell- s ch a f t e n haben am Mittwoch zu einem befriedigende n Abschluß geführt, in dem das bisherige Abkommen auf fünf Jfa h r e erneuert worden ist. Soziales. ZentrumSabgrordnetcr GieSbertS über die NrichSverflcherungS» Ordnung, In dem letzten Heft des in Frankfurt am Main erscheinenden „Zentralblattes der RcichSversicherung"(Herausgeber Professor Dr. Stier-Somlo) sucht der Zentrumsabgeordnetc Arbeitcrsekretär GieSbertS die Stellung des Zentrums zur Rcichsversicherungs- ordnung zu verteidigen. Seine Verteidigung zeigt klar, daß inner- halb der Zenttumspartei die Arbeiter nichts zu sagen haben. Er legt dar, �die Zentrumspartei ist aus den verschiedensten Volks- klaffen und Berufsständen zusammengesetzt, sie birgt in sich nicht nur breite Arbeiterschichten, sondern auch diejenigen Gruppen des Volkes, welche die Zech« bezahlen müssen und zwar meist die lci- stungsschwachen Gruppen: Kleinbauern, Handwerker, Gewerbe- treibende usw.; sie muß ldeshalb bestrebt sein, in ihren eigenen Reihen die sich kreuzenden Interessen auf einen bestimmten Punkt zu einigen. Erst wenn sie die Wucht ihrer hundert Stimmen geschlossen für ein Ziel in die Wagschale werfen kann, ist eine zu- verlässige Mehrheitsgruppierung im Reichstag durchweg möglich", Das ist eine liebenswürdige Umschreibung der Tatsache, daß die Zentrumsfraktion eine Fraktion gegen Sozialpolitik ist oder gc- worden ist. Eigenartig mutet es an, daß ein Arbeitersekretär behauptet, die Zeck?« hätte der Unternehmer zu zahlen. Die Mit- glieder aller Parteien, insbesondere aber Mitglieder der Zcn- trumSpartei, wie Reichenspcrgcr und Hitze, haben früher offen an- erkannt, daß selbst der Teil der Beiträge, der nominell vom Unter- nchmer zu zahlen ist, tatsächlich nur ein Teil deS dem Arbeiter vorenthaltenen Lohnes ist. Nachdem aber die Interessen der Groß- agrarier und Großindustrie im Zentrum die Oberhand und un- bestrittene Herrschaft gewonnen haben, liest man es mit einemmale anders. Die ZentrumSpartei war ja früher schon antisozial gc- richtet. Wir erinnern daran, daß sie es war, die 1883 eine wirk- liche Krankenversicherung der Landarbeiter hintertrieb und daß sie gegen die Invaliden- und Altersversicherung stimmte, weil diese— zuviel biete; ja, sie beantragte noch im Jahre 1897, die Invaliden- und Altersversicherung allmählich völlig aufzuheben. Diesen Tatsachen gegenüber klingt es wie eine Verspottung. wenn GieSbertS bei der Betrachtung, wie ein« MchrheitSbildunz im Reichstag zu ermöglichen war, meint,„die grundsätzlichen und praktischen Forderungen des Zentrums neigten zweifellos mehr nach der Linken". Der ZentrumSal'geordnete meint dann, bei der Frage einer MehrheitSbildung„mußte die sozialdemokratische Partei, deren Vertreter zwar in der Kommissto» sachkundig und eifrig mitarbeiten durch Anträge und Reden, von vornherein auL- scheiden". Die Regierung hätte ein Gesetz, daS Konservative und Nationallibcrale nicht befriedigte, nicht angenommen. DaS Nach- geben deS Zentrums bei dem Wöchnerinnenschutz sei eins der schwersten Opfer gewesen. Und doch hat daS Zentrum in der zweiten Lesung gar noch daS Zugeständnis gemacht, datz bei den Land- krankenkassen die Wöchnerinnenunterstützung vier Wochen, statt acht Wochen betragen soll. Datz diese Verschlechterung selbst der Kommissionsbeschlüsse eine Forderung„ausschließlich aus agrarj- schen Kreisen" war, gibt GieSbertS zu. Er gibt auch zu. daß die endgültige Gestaltung deS Gesetzes„mangelhaft" ist und meint. sie habe„am wenigsten den Wünschen und Hoffnungen der Sozial- Politiker des Zentrums" entsprochen. Beim Wahliampf werde man daS Zentrum„fälschlicherweise als die alleinverantwortliche für die Mängel der ReichSverfichc- rungSordnung hinstellen". Aus den Darlegungen de» Zentrums- abgeordneten klingt trotz der Versicherung, batz daS Zentrum mit gutem Gewissen für das Gesetz habe stimmen können, die innere Ueberzeugung durch: wäre daS Zentrum in seiner Mehrheit nicht so agrarisch und antisozial und wäre der schwarzblaue Block nicht geschlossen, so hätten wir eine RcichSversicherungsordnuirg erhalten, weit besser, als die wie eine Verhöhnung der Arbeiter, ihrer Witwen und Waisen anmutende jetzige ReichSversicherungLordnung, und die Regierung hätte ihr weit eher zugestimmt und zustimmen müssen, als sie bei der„Finanzreform" der Forderung des schwarz. blauen Blocks nachgab, von einer Besteuerung der hohen Erb- schaften mit Rücksicht auf die Agrarier Abstand zu nehmen. „Rangerhöhung" statt Lohnerhöhung. Viele Versicherungsgesellschaften suchen die schleck) ken Bezüge ihrer Angestellten mit Titulaturen, Ivie„Subdirektor",„General- agent" usw. schmackhafter zu machen. Annoncierte doch erst dieser Tage eine Gesellschaft, datz„jedermann sofort Generalagent" werden könne, gleichviel, ob er Branchenkenntnisse besitze oder nicht. Dieses Titelverleihshstent hat bereits in der Eisenindustrie Nach- ahmung gefunden. Professor Francke veröffentlichte in seiner „Sozialen Praxis" das Schreiben einer Aktiengesellschaft, das diese einem ihrer Monteure sandte, als er um eine kleine Lohnerhöhung bat. Das betreffende Schriftstück hat folgenden Wortlaut:„Auf Ihren Brief vom... erwidern wir. datz wir bei den gedrückten Preisen Ihren Stundenlohn nicht erhöhen können. Um Sie aber in anderer Weise zu entschädigen, ernennen wir Sie hiermit zu unserem Ingenieur, und können Sie sich fortab außerhalb unseres Betriebes stets so bezeichnen. Wenn Sie fortfahren, unsere Jnter- essen bestens wahrzunehmen, stellen wir Ihnen in Aussicht, Sie nach einiger Zeit zum Lberingenieur zu ernennen. Aber wir rechnen darauf, daß Sie diese unsere Bereitwilligkeit als voll- gültigcn Ersatz für jede Lohnerhöhung ansehen, die wir Ihnen nicht gewähren können." Angesichts der großen Teuerung ist anzu- nehmen, datz die humane Direktion ihren fleißigen Beamten bald zum Wirkt. Geheimen Obcr-Brtriebsingenieur mit dem Prädikat „Exzellenz" ernennt Hus der f rauenbewegung» Der weibliche BevölterungSüberschuß geht in Preußen zurück. Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung soll der Ueberschuß an weiblichen Personen in Preußen zurückgehen. Man begründet diese Tatsache damit, daß durch die moderne Säuglingspflege mehr männliche Kinder am Leben geblieben sind, und daß außerdem die Auswanderung, an der doch das männliche Geschlecht bei weitem stärker beteiligt ist, als das weibliche, in den letzten Jahren ab- genommen hat._ Die Franen im Kampf gegen die Teuerung. Der Kampf gegen die Teuerung zeitigt auch in Oesterreich mannigfache Episoden, in deren Mittelpunkt Frauen stehen. Manche Ereignisse erinnern direkt an die Vorzeichen, wie sie Revolutionen vorausgegangen sind. So der Kampf, den die Jndustriearbeite- rinnen rn einigen mährischen Städten und die Arbeiterfrauen einiger Wiener Vororte gegen die unmittelbaren Lebensmittel- Wucherer in den letzten Wochen geführt haben. In Floridsdorf und in Simmering, beides Bezirke, die an der äußersten Peripherie von Wien liegen, haben die Frauen spontan Stellung genommen gegen die hohen Preise, die für Obst und Gemüse verlangt werden. Die Frauen haben durchgesetzt, daß Händler, die an der Spitze der Preistreiberei standen, vom Markte verschwinden mußten, teil- weise wurden auch Waren vernichtet. Die in großer Zahl aufge- botene Polizei suchte mit Verhaftungen die Frauen abzuschrecken und einzuschüchtern, was aber nicht gelang. Erst als die sozial- demokratischen Organisationen Frauenversammlungen einberiefen und von Sozialdemokraten das ganze Wesen der Teuerung aufge- rollt und auf die parlamentarische Aktion gegen die Teuerung ver- wiesen wurde, gelang es, beruhigend auf die Frauen einzuwirken. In Zwittau und in Mähr-Schönberg zogen die Arbeite- rinnen in Massen auf die Märkte und erzwangen einen Rückgang der Preise. Manches Hundert Eier, manches Stück Butter und vieles Obst wurden bei der Gelegenheit vernichtet. Der Zorn der Arbeiterinnen steigerte sich, wenn Händler, die mit ihrer Ware von den Dörfern kamen und billiger verkaufen wollten, durch die„An- sässigen" gezwungen wurden, höhere Preise zu fordern. Es ist dem energischen Auftreten der Arbeiterinnen gelungen, durch ihre„di- rekte Aktion" den Preis der Kartoffeln von 22 auf 16 Heller herabzudrücken. Pflaumen wurden vorher 2 Stück um einen Heller verkauft, jetzt 4 Stück; auch bei Eiern und Butter wurden Preisreduzierungen bewirkt. Als Militär in den Straßen erschien, um die„Revolution" der Frauen eventuell mit Waffengewalt zu unterdrücken, strömten alle Arbeiterinnen aus den Fabriken noch- mals auf die Straße. In einem mächtigen Zug strömten sie zum Bahnhof, wo sozialdemokratische Vertrauensmänner Reden an sie hielten und sie zur Aufnahme der Arbeit bewegten. Auch das Militär wurde durch Intervention der Vertrauensmänner zurück- gezogen. Bald flammt es da, bald dort auf. Auch in böhmischen Jndustrieorten kam es zu spontanen Arbeitseinstellungen und zu Straßendemonstrationen. Aber auch wo die Aktion gegen die Teuerung in den üblichen sozialdemokratischen Versammlungen vor sich geht, ist das auf- fallendste Merkmal die große Beteiligung der Frauen. So in der ganzen Provinz und in allen Hauptstädten. In Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, wurde von der Volksversammlung eine Deputation zum Statthalter geschickt, der auch zwei Frauen angehörten. Eine Tabakarbeiterin und die Gattin eines Eisen- bahnbediensteten. Letztere, Genossin Bruhlmeier, schilderte dem Statthalter in längeren Ausführungen die durch die Teuerung hervorgerufene Notlage. Dieser versicherte, an die Regierung nicht nur telephonisch, sondern mündlich zu berichten, was er erfahren habe über die Leiden und Stimmungen des Volkes. In Graz er- regte ebenfalls der imposante Zug der Frauen großes Aufsehen, als die Arbeiter mit Fahnen und Standarten zur Teuerungsver- sammlung zogen. Wohl gab es unter den Zuhörern auch ge» dankenschwache Spötter, die ausriefen:„11 jegerl, die vielen Weiber. sollen lieber kochen zu Hausei" Ihnen wurde von den Frauen die Belehrung zuteil, daß sie eben deshalb demonstrieren. um wieder kochen zu können, wenn die Lebensmittel billiger sein. werden.. In. Wien wollten die Genossinnen in der Volkshalle des Rathauses eine Frauenversammlung einberufen und sie wandten sich an den Bürgermeister, den Dr. Neumayr, um Ueberlassung derselben. Der Bürgermeister von Wien aber verweigerte die Volkshalle, weil ihn. nach seiner Meinung, ganz Wien auslachen würde, wenn er sie nach dem 17. September noch einmal Sozialdemokraten über- lassen würde. Auf die Bemerkung, daß es sich um eine Frauen. Versammlung handele, sagte er:.Die Frauen, ja das waren am 17. September die ä r g st e n." Sil eine Depukaikon bürgerlicher Frauen bei« Bürgermeister war. um ihn aufzufordern, gegen die Verteuerung der Milch etwas zu unternehmen, und wenn kein anderes Geld vorhanden sei, so möge mit dem Geld, das für daS„Lueger-Denkmal" bestimmt sei, eine„Lueger-Molkerei" errichtet werden, da kam der Herr Bürgermeister außer Rand und Band. Er ist zwar weltliches Mit- glied eines Kapuzinerordens und natürlich ein Christlichsozialer. aber vom christlichen Vergeben und Vergessen scheint er nichts zu wissen. Denn so wie er den Sozialdemokraten beim Ansuchen um die Volkshalle zur Frauenversammlung alles vorgeworfen hat, was sie gegen ihn und die christlichsoziale Partei schon getan haben, so warf er den bürgerlichen Frauen vor, daß sie im Wahlkampf gegen ihn agitiert haben. Die Taten des Bürgermeisters gegen die Teue- rung erschöpfen sich also bis jetzt so ziemlich in kleinlicher Ranküne. Wen aber, der die Teuerungsverhältnisse in Oesterreich kennt, mag es wundern, daß der 17. September mit all seinen furchtbaren Folgen nicht imstande ist, die Teuerungsbewegung zum Stillstand zu bringen, daß vor allem auch unter den Frauen, bis in die Mittelschichten hinauf, die Unzufriedenheit einen immer höheren Grad erreicht. Als Symptom dafür mag noch angeführt sein, daß vor wenigen Wochen in Linz eine Versammlung der Frauen der Eisenbahnbedien st eten stattgefunden hat, zu der über 1660 erschienen waren. Und die Eisenbahnerfrauen fühlen sich in ihrer überwiegenden Mehrheit durchaus nicht als Proletarierinnen. Der Erfolg war. daß 166 der politischen sozialdemokratischen Frauenorganisation beigetreten sind. Versammlungen— Veranstaltungen. Zeutralveriand der Hausangestellten. Donnerstag, den IS. Oktober. abends Vzll Uhr: Vortrag von Herrn Leonhardt Nauscb über: »Ada Negri, eine Dichterin des Proletariats".— Gäste will- kommen. Riederlehme. Sonntag, den 22. Oktober, im Lokal von Koch. BiSmarckstr. Ii Frauenversammlung. Bortrag der Genossin Frau Frida Schulte- Rixdorf über.Kindererziehung'. Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein. Lefeabende. WilmerSdorf-Halensee. Freitag abend«>/, Uhr bei Schilling. Lauenburger Straße 26. Vortrag deS Genossen Schröder: »Wege und Ziele der Sozialdemokratie'. Sericbtg- Leitung. Heilmittelschwindel. Der große Prozeß wegen Verösfentlichung zur Täuschung ge- eigneter Heilmittelanzeigen, der seit dem 14. Oktober vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts l gegen 18 Personen verhandelt wird, ist nun soweit gediehen, daß nur noch das Urteil aussteht. Die Oeffentlichkeit blieb während der ganzen Dauer der Verhandlung ausgeschlossen. Der Staatsanwalt ließ gegen einzelne Angeklagte die Anklage fallen, hielt aber gegen mehrere Angeklagte die Be. schuldigung des Sachwuchers und des unlauteren Wettbewerbes auf- recht. Zum Teil gestützt auf Gutachten des Prof. Dr. ThamS vom Pharmazeutischen Institut in Steglitz und des Medizinalrats Dr. Hoffmann, vertrat, dem Vernehmen nach, der Staatsanwalt die Ansicht, daß es sich in den meisten Fällen um die Anpreisung wir- kungs- und wertloser Heil- und Schönheitsmittel handele, durch welche teils auf die Notlage, teils auf die Einfalt des einfachen Publikums spekuliert wird. Wenn auch die angepriesenen Mittel hier und da einen gewissen, zum Teil auf Suggestion zurückzuführen- den Erfolg haben können, so handle es sich doch bei dem eigenartigen Vertriebe der teilweise längst bekannten, unter neuen Namen in die Welt gesandten Heilmittel zu sehr hohen Preisen um die Erzielung eines wucherischen Gewinns. Durch diese marktschreierische Reklame werde namentlich das den ärmeren Klassen angehörende Publikum, welches oft die ärztliche Behandlung scheue, ausgebeutet. Der für die Mittel geforderte Preis stehe in auffälligem Mißver- hältniS zu den angebotenen Leistungen.' Die Mittel würden zu außerordentlich geringen Preisen von Grossisten bezogen und durch marktschreierische Reklame zu unerhörten Preisen an das Publikum vertrieben. Das sei eine wucherische Ausbeutung deS Publikums. Bei einer anderen Gruppe von Angeklagten handele es sich um Ver- öffentlichung von Anzeigen mit Erfolgeszusichcrungen, di« der tüchtigste und erfahrenste Arzt seinen Patienten zu geben nicht in der Lage sei. Der Staatsanwalt beantragte gegen die wegen Sach- Wuchers Angeklagten je 3 Monate Gefängnis, gegen einige wegen unlauteren Wettbewerbs und dergleichen Angeklagte Geldstrafen, gegen einige andere Freisprechung bezw. Einstellung deS Verfahren».--»> Seite«» der Vertekbiger Bürsten Ke AnSfsihnmgen kcl Staatsanwalts lebhaft bekämpft, insbesondere auch bestritten, daß Sachwucher vorliege. Es fehlten schon die objektiven Voraussctzun- gen deSjS 302e St. G. B. Wenn man die großen Unkosten für Ge- hälter, Mieten, Steuern, Verpackungsspesen und die ricsiegen Un- kosten für Inserate in Betracht ziehe, so ergebe sich nur ein„bc- scheidener Nutzen". Aber auch das subjektive Moment des Wuchers liege nicht vor. Würde man eine Ausbeutung uird außerordentliche Uebervorteilung annehmen, dann müßte jeder Drogenhändler, der Parfüms usw. verkauft und hierfür Reklame macht, wegen Wuchers verurteilt werden. Das Gericht beschloß, Termin zur Verkündigung de» Urteils auf Freitag anzuberaumen. Versammlungen. Die Etuisarbeiter und-Arbeiterinnen Berlin? hatten sich am Montag zahlreich im Graphischen Vercinshause dr«.iammelt, um sich mit der Frage zu beschäftigen, ob die Abhaltung einer Kon- ferenz der Etuisarbeiterschaft Deutschlands notwendig ist. Die letzte Konferenz hat im Jahre 1964 stattgefunden und sie hat offenbar viel dazu beigetragen, daß die Organisation in dieser Branche des Buchbindcrverbandcs erstarkt ist und in den meisten Orten, wo die Etuisindustrie vertreten ist, Tarifverträge aogc- schlössen oder Vereinbarungen über die Lohn- und ArbeitSverhält- nisse getroffen werden konnten. Im Jahre 1964 waren von rund 1566 Etuisarbeitern Deutschlands nur 356 organisiert, jetzt aber sind eS von 2666 rund 1566. Damals wurden in Berlin noch Löhne bis hinunter zu 16,26 M. bezahlt und der Durchschnittslohn war 25 M.; seit 1916 aber ist der allgemeine Minimallohn 29,?8 M., Ausgelernte erhalten 23,85 M. und der Durchschnittslohn beträgt 36 bis 31 M. In den letzten Jahren waren die Erfolge der Bc- wegung jedoch nicht besonders befriedigend. Das Unternehmertum der Branche hat sich inzwischen über ganz Deutschland organisiert, und obwohl die Berliner Etuisfabrikanten in früheren Jahren so taten, als ob ihnen, um selbst bessere Löhne zahlen zu können, viel daran gelegen wäre, daß die Konkurrenz der Provinz durch Schaf- fung besserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse eingedämmt werde, waren sie bei dem VerbandStag der deutschen Etuisfabrikanten in Etsenach mit dabei, als beschlossen wurde, keine Tarifverträge mit der Arbeiterschaft abzuschließen. Die letzten Kämpfe haben gezeigt, daß die Organisation der Etuisarbeiterschaft trotz allen Fortschrittes, und obgleich der Buchbinderverband mit voller Kraft für sie eintritt, dem organisierten Unternehmertum nicht so gc- wachsen ist. um überall die vor allem auch durch die Teuerung not- wendig gewordenen Lohnaufbesserungen zu erzielen. AuS diesem Grunde und um den anderen Mißstärtden im Berufe besser als bisher entgegenwirken zu können, hält die Etuisarbeiterschaft die Konferenz für erforderlich. Nachdem der Branchenleiter in dieser ZLeife die Verhältnisse geschildert hatte, sprachen sich alle Dis- kussionSredner im selben Sinne auS und es wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die der Zentralkommission und der Branchenleitung Auftrag gibt, den Verbandsvorstand, der die Kon- ferew�biS jetzt abgelehnt hat, nochmals um seine Zustimmung zu Zentralverband der Handlungsgehilfe« und-Gehilfinnen Deutschlands. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung deS Bezirks Groß-Berlin tagte am Freitag in den.Arminhallen". Die Ortsverwaltung erstattete in derselben Bericht über ihre Tätigkeit im S. Vierteljahr 1911. Der Kassenbericht schließt in Einnahme und Ausgabe mit 11592,59 M. ab; der auf das 4. Vierteljahr vor- getragene Kassenbestand beträgt 2743,76 M. An Maimarken wurden 1564 Marken im Betrage von 869 M. verkauft. Die Zahl der Mit- Slieder ist um 115'auf 2287 gestiegen; außerdem gehören 164 lugendliche der Jugendabteilung an. Trotz der heißen Sommer- monate war das Berbandsleben ein äußerst reges: 89 Veranstaltun- gen fanden im 3. Vierteljahr in Groß-Berlin statt. In den Orten Spandau, Treptow-Baumschulenweg und Tempelhos-Mariendorf wurden Unterbezirie gegründet, die zur Ortsverwaltung Groß- Berlin gehören. Mit einer größeren Berliner Firma wurde ein Tarif abgeschlossen, der den dort beschäftigten Angestellten erhebliche Verbesserungen ihrer Gehalts- und Arbeitsbedingungen gebracht hat.— In dem Bericht der Delegierten zur Gewertschaftskom- Mission wurde die Versammlung ausgefordert, den Kampf der Textilarbeiter um die Verbesserung der so traurigen Lage der Heimarbeiter in der Textilindustrie tatkräftig zu unterstütze». ferner bei Einkauf von Backwaren und Erzeugnissen der Tabak- industrie die von den Verbänden herausgegebenen Listen zu be- achten. Todes-Anzeigen �MWMcderMei'elo dos 6. fieri. Relfhslags-Watilkrelses. Tode«- Anzeige. Am 16. Oktober verstarb unser Genosse, der Handlungsgehilse lleinncd Dunker Brunnenftrahe 74. Ed« seinem Andenken l Die Beerdigung findet heute Donnerstag nachmittags S Uhr, vom Virchow- Krankenhaus« auS nach dem allen Eliiabeth-Kirchhosc w der Prinzen-Allee statt, Um rege Beteiligung ersucht Den Vonztnnd. Sozialdemokrat. Mvereia Rixdorf. Den Parteigenossen zur Nach- richt, datz unser Mitglied, der Lederarbeiter Max Drescher Weichselstr, 48 verstorben ist. ffiftre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen, Freitag, nachmittags 4 Uhr. von der Leichenhalle des alten Bäh- mischen Kirchhofs, Hohenzollern- Platz, aus statt. Den Vonztnnd. Verband der Litbopoben, Steindroeker n. verw. Öenife. (Deutseber Senefelder-Bunrt.) Am 16. Oktober oerstarb plötzlich bei der Arbeit unser Kollege und Mitglied, der Steindrucker Ott« Kanltz im Alter von 66 Jahren am Schlagansall. Ehre seinem«»denke«: Die Beerdigung findet am Freitag, den 26. Oktober, nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- balle des Gemctnde-FricdhoseS in Lichtenberg statt, vis Verwaltung der Filiale I. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben, u». vergeßlichen MayneS, unseres guten VaierS sagen wir allen Bckannien, Genossen, insbesondere den Kollegen der Firma Schulze u. Jost, unseren herzlichsten Dank. Witwe Schneider und Kinder. taZM Fischers bllligate Sarge Ürbanstr. Hl, früher Rixdorf. Tel. lleutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlln. Den Milgliedern zur Räch. richt, daß unser Kollege, der Fräser-Arbeiter Hellmuth Müller verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den IS. d. MtS., nachmittags 4>/. Uhr von der »eickenhalle des ZionS-KirchhoseS, Nordend, auS statt. 71/13 Um rege B-t-iligung ersucht Die BezirkSverwaltung. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Gustav Schäfer Iürstenberger Str. 13, Im Alter von 68 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet heut» Donnerstag, den 18. Ottober. nachmittags 4 Uhr, von der Halle des FricdhyseS der Fretreligiösen Gemeinde aus statt. Um reg» Belciligung ersucht 36/13 Die Ortsverwaltung Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Frliz öottschall sage allen Freunden und Lelannten meinen herzlichsten Dank. Die trauernde Witwe Rosa KottsedAlI geb. Tripke 11498 Rykestraße 15. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß unser lieber Vaier, Schwicgervaier und Großvater, der Stetndrucker Otto Könitz am 16. Oktober mitlag» 12'/, Uhr plötzlich am Schlagansall ver- starben ist. Oie tranermlEB Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Freitag. den 26. Ottover, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle deS neuen Lichtenberger Gemeindesriedhoses. Marzahn, auS statt. 2S2L MwJjX£! Für die Beweise herzlicher Teil- nähme bei der Beerdigung meines leider viel zu srüh dahingeschiedenen liebevollen BräuttgamS Ferdinand Schakowski läge aus diesem Weg« allen meinen herzlichsten Dank. 11466 Eilriede Heering, Braut Kinmen- nttb hrnnibinörrfi von Roberl Meyer,* not Mamlllien.Slrnße 2. V&Ö Heallh snuff fobacco. Tabac& pplscr de sanrt. Tabaka do zazywania dla zdrowta. Tabacoo da naao afla saluto, # Unserem Kollegen T*. Paul Hänsel w * die b-uen Glückwünsche zum jsi J dreihigstc» Geburtstage. � Die Versetze« der Firma u. «» 11486 Czarnikew. JL Sie hat etwas sehr ReisvoUee, die Modo von 1911-12. Entzückende, für jeden Oeschmack passende Modelle enthält das reich ausgestattete Favorit• Modenalbum fnur 60 Pf.), franko 70 Pf., Jugend• Modenalbum 60 Pf., franko 60 Pf., bei C. MOIIer, Berlin, Spittelmarkl 6.• Zeilungs- Fremdwörter und politische Sehlaporte. Verdeutscht und erläutert von Adolf Braun. Vierte stark vermehrte und revidierte Auflage. —— Preis 30 PI.—— Zu beziehen durch die Ruchandlnng Vorngrtw, Ijindenstr. OO(Laden), t#vie durch alle, Vorwärts"- Ausgabestellen. IT An diesem Schild sind die Läden erkennbar, LI in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. SfnatergtllHs In Konntraktlon and Aasftthrane, gleich vorzüglich für Hausgebraach a. Indastrle. IL Singer Co. 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Ad Sonntag, den 8. Oktober er., Familien-Nachmittags-Vor- Stellungen um 4 Uhr zu ermäßigten ��Prcifeit/Elttr»2�3L��� Noacks Theater. Direktion: stöbert 01». verlin hl., Brunnenstraße 16. Der Brandstifter. Ansang 8V« Uhr. Ehren- und Vorzugskarien gültig l Sonnabend: Die Räuber. Statisten werden hierzu verlangt I Meldezeit abend« von 6 Uhr ad. Voigt-Theater. chesunddrunnen Badstraße 58. Heute: Gastspiel In «mm«Ik. Tic Himmelsleiter. GesangSposse in« Akten v D Mann- itaedt. Musik von G StcstenS. jstaiienerössn. 7 Uhr. Ans. 8-/, Uhr. Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: Atetn OssinoTkestvi' Loibringer Str. 37. Täglich 8 Uhr Allabtiidlich der ne«t Ktrliner poffkn- Schlager Der selige gollschinsky. Sonnt. 3V» Uhr: Ew Weib«. d. Volke. f Amtjn, Berliner ll* ww mmor-ftunrlett 6g. Treuer N(RastaDieullu40 Adniltieilsaakast AmBahnhcdttbcarktiftawc Eiz-Arcnu Mittags von 12 Uhr bis 2 Uhr{ Korzo bei Unzik. BTachmittagz: Militärkonzert und i Produktionen v. Sololäufern. Abends zum 210. 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Die von über 2500 Personen besuchte Ver- sammlung wurde durch ein vom Arbeitergesangverein vorgetragenes Lied eingeleitet. Hierauf fübrte Genosse S t r ö b e l in klarer und wirkungsvoller Weise den Versammelten, unter denen die Frauen sehr zahlreich vertreten waren, die Ursachen der Teuerung vor Augen. Stürmischer Beifall belohnte den Redner für seine vor- trefflichen Ausführungen. Bohnsdorf. Die von etwa 150 Personen besuchte Versammlung nahm nach dem Referat des Genossen Buhl einstimmig die Re- solution an. Der Referent verstand es vorzüglich, den Besuchern an Hand von Statistiken die agrarische Räuberpolitik vor Augen zu fuhren. Hohen-Schönhausen. Vor überfüllter Versammlung(über 300 Personen) referierte Genosse H o r l i tz. Kaulsdorf. Die Versammlung im Hermannschen Gesellschafts- haus war gut besucht. Ueber 200 Personen folgten den Aus- führungen des Genossen Bauer. Stralau. In den Marlgrafensälen, fand eine überfüllte Ver- sammlung statt, so daß die Räumlichkeiten die Besucherzahl nicht fassen konnten. Der reiche Beifall über die Ausführungen des Ge- nossen Bruns legte Zeugnis ab, daß die Worte den Zuhörern aus dem Herzen gesprochen waren. Tegel. In Trapps Festsälen waren 1500 Personen versammelt; Genossin R e i ch e l t referierte. Wcihensee. Im großen Saale des Schloß-Etablissements sprach vor zirka 1600 Personen Genosse D u p o n t- Berlin. Die Versamm- lung erhielt ihr besonderes Gepräge durch die Anwesenheit viele: Frauen. In scharfer Weise ging der Referent mit den herrschen- den Parteien und der Regierung ins Gericht, die gegenüber den Folgezuständen ihrer brutalen Wirtschaftspolitik für das Volk nur leere Redensarten übrig haben. Stürmischer Beifall belohnte den Redner für seine trefflichen Ausführungen. Wilhelmsruh. In einer von über 500 Personen besuchten Ver- sammlung sprach Genossin Anna Holzapfel. Maricndorf. In einer überfüllten, oon 400 bis 500 Teil- nehmern besuchten Versammlung sprach Genossin L u n g w i tz zu dem Thema des Tages. Nach einem anfeuernden Schlußwort des Vorsitzenden meldeten zahlreiche Versammlungsbesuchcr ihren Beitritt zum Wahlverein an. Bor über 500 Personeu referierte in Johannisthal Genossin Schulte unter großem Beifall der Versammlung. 300 Personen, darunter zahlreiche Frauen, folgten in Lankwitz dem Referat der Genossin 2 o d a h l mit regem Jnter- esse. In der Diskussion kritisierte Genosse Radicke das mangelnde Entgegenkommen der Gemeinde bei der gegenwärtigen Teuerung. Die Genossen Schimmcier, Barwich und Anders ergänzten die Aus- führungen der Vorredner. In Baumschulcnweg referierte vor 500 Personen Genosse B ü h l e r. Der Gesangverein„Liedesfreundschaft" eröffnete und beschloß die imposante Versammlung durch einige stimmungs- volle Gesangsvorträge. 200 Bcrsammlungöbesucher hatten sich in KarlShorst ein- gefunden, die den zum Kampf gegen die Feinde aufsordernden Worten des Referenten, Genossen P e tz c l, begeistert zustimmten. In Bernau beleuchtete vor einer imposanten, von etwa 500 Männern und Frauen besuchten Versammlung die Ursachen der gLgenwärtigen Teuerung Genosse Mermuth. Die von dem Referenten sowie dem in der Diskussion sprechenden Genossen Krüger an die Versammellen gerichtete Mahnung, sich in die Kampsrcihe der organisierten Arbeiterklasse zu stellen, hatte den Erfolg, daß am Schlüsse der Versammlung eine Anzahl Neu- aufnahmen für den Wahlverein zu verzeichnen waren. Ueber eine gleichfalls gut besuchte und imposant verlaufene Versammlung wird aus Lichtenrade berichtet. Hier sprach Genosse K u b i g vor einer aufmerksamen Zuhörerschaft. In Zossen referierte vor 200 Personen die Genossin Wulff unter dem Beifall der Versammclwn. Tie Versammlung in Birkcnwcrdcr, wo Gen. Demmninger referierte, war sehr gut besucht. Unter den Versammelten befand sich ein Gegner, der durch seine deplacierten Zwischenrufe der Ver- sammlung in eine gewisse Erregung versetzte. Als der Zwischen- rufer jedoch in der Diskussion aufgefordert wurde, zu sprechen, reagierte derselbe nicht darauf. Herinsdorf. Die Versammlung, bei deren Anfang und Schluß die Arbeitersänger je ein Lied zum besten gaben, war überfüllt (zirka 200 Personen). Trotz Ausräumung der Tische mußte ein Teil der Besucher umkehren. Genossin Philipp referierte. Ein Antisemit, namens Wolf, stellte sich als kleiner Landwirt von 6 bis 8 Morgen vor. Es zeigte sich aber, daß er, übereinstimmend mit seinem Namen, der„Wolf im Schafspelz" war, als den ihn der Vorsitzende alsbald unter schallendem Gelächter entlarvte. da er sein wahres Gesicht sorgfältig zu verbergen suchte und als Vertreter einer neuen Partei(?). der„Mittel- und Arbeiterpartei Teutschlands", auftrat. Seine Tiraden verursachten oft stürmische Unterbrechungen und Schlußrufc. Ihm wurde eine derbe Abfuhr durch die Diskussionsredner zuteil, der sich der Herr so weit vor den Toren Berlins sicher nicht versehen hatte. 700 Personen, darunter viele Frauen, füllten das Versamm- lungslokal in 5tö»igs-Wuslerhausen. Das vom Genossen Schubert- Spandau gehaltene Referat wurde mit großem Beifall auf- genommen. Am Schlüsse der Versammlung brachten die Arbeiter- sängcr noch ein stimmungsvolles Lied zum Vortrag. In Französisch-Buchholz referierte vor etwa 200 Personen. darunter viele Frauen. Genossin Döltz. Tie Rednerin erntete großen Beifall. In Oranienburg sprach vor 350 Personen Genosse Knöschke- Bernau. Nach dem eingehenden, mit lebhaftem Beifall auf- genommenen Referat verwies der Vorsitzende auf die im November dieses Jahres stattfindenden Stadtverordnetenwahlen. 400 Patienten der Lungenheilstätte in Beelitz versammelten sich gleichfalls an demselben Tage, um in Nebereinstimmung mit ihren Klassengeuosscn gegen das freventliche Spiel der Volks- ausbeute: Protest einzulegen. Tie Versammelten waren alle nur von dem einen Gedanken beseelt, nach Wiedererlangung ihrer Ge- sundheit sich dem Kampf gegen das verruchte Wirtschaftssystem mit erneuter Kraft wieder zuzuwenden. Die Resolution gelangte in allen Versammlungen zur An- »ahme, Partei- 5Zngelegendeiten. Charlottenburg. Am Sonntag, den 22. Oktober, früh 8'/, Uhr: Wichtige Flagblanv rbreitnng. Kein Genosse darf fehlen I Nach der Flugblattverbreitmig au, Sonntag beruft die siebente Gruppe eine Ertlazusaiiunenkunft nach dem Zahllokal Wielandstr. 4 bei Tunak. Fredersdorf Petcrshagen. Am Sonntag, den 22. d. MtS.. nach- mittags 4 Uhr. im Lokal zum„Allen Dessauer" in Pelershagen, Hennickendorfer Straße: Ocffentliche Versammlung. Tagesordiinng: Die derriwende Teuerung und die bevorstehenden Reichstagswahlen. Referent: Genosse Ucko. Di- Genossen werden ersucht, hierfür tüchtig zu agiiieren sowie sich an der Handzettelverteilung am Sonntag früh rege zu beteiligen. Schmargendorf. Heute Donnerstag, abends S1� Uhr, im„Wirtshaus Schmargendorf": Extra- Zahla'bend. Derselbe beschäftigt sich mit der in diesem Monat stattfindenden Gemeindewahl. Die Ge» nossen wollen die ausgefüllten Listen mitbringen. Der Vorstands Trebbin. Am Sonnabend, den 21. Oktober, abends S'/a Uhr, im Schützenhause(W. Fromm): Wahlvereinsverfammlung. Tages- orduuug: 1. Kasse mid Aufnahme neuer Mitglieder; 2. Abrechnung vom 1. Quartal 19l1/12; 3. Parteiangelegcuheiten. Ferner machen wir die Genossen auf den Anfang des Bilduugszyklus am Sonntag, den 22. Oktober, aufmerksam. Dabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 21. d. MtS., abends 9 Uhr, bei Wiese: Mitgliederversammlung. Es ist eine wichtige Tagesordnung zu erledigen. Lerlmer IVackricdten. Verwelktes Laub... Trotz des heißen Sommers hielten die Bäume Heuer ziemlich lange ihr Laub. Der Wassermangel ließ es wohl früh gilben, aber der Wind machte es gnädig und schob die Kahlheit der Aeste und Zweige hinaus. Die letzten Tage aber gestalteten das Bild der Natur zusehends um. Regen und Sturm mühten sich um die Wette, das große Zerstörungswerk zu beginnen. Und zum großen Teil mit Erfolg. In den öffentlichen Parkanlagen und in Aden baunibestaudenen Straßenzügen hat das große Rascheln begonnen, das unab- lässig den Fuß des Schreitenden umrauscht. Gelb und braun und rot schwebt es von den Zweigen, denen der rauhe Herbsthauch das welke Blattwerk abnimmt, daß sie schwarz uud fröstelnd das kahle Rutengewirr gegen den wölken- verhangenen Oktoberhimmel strecken. Wo aber noch zäh sich das Laub an die Zweige klammert, da hat der Herbst gerade jetzt seine flammendsten Farben aufgesteckt. Rot haben sich die Blätter des wilden Weins an den Giebeln der Vororthäuser gerollt. Birke und Ahorn leuchten in einem schwefeligen Gelb. Die dunkelgebrännten Blätter der Buche haben einen stumpfen Sonnenglauz. Ein paar Heckenstraucharten fallen durch das verioaschene Grün ihrer kleinen, hellgeran- beten Blätter auf. Die weißen Stämme der Birken leuchten in einem fahlen Schimmer. Und wo noch ein paar Blumen im Garten kümmern, da tupfen ihre blassen Farben die nacht- reifgebräunten, starren Grashalme des Rasenteppichs. Aber über Blumen und Halme hinfort streut der Herbst- stürm das welke Laub. Mit gierigen, vollen Händen schüttelt er und weht es wieder auf. Und immer dichter und höher wird der Teppich des verwelkten Laubes. Nur ein paar Nacht- fröste noch, gefolgt von rieselndem Herbstregen und fauchenden Windstößen, dann ist es auch um die letzte Herrlichkeit getan. Dann verblassen die Farben des Herbstes zusehends und kahl und winterlich steht die Welt... Zur sachgemäßeren Behandlung psychopathifcher Fürsorge- zöglingc hat in den letzten Jahren die Provinz Brandenburg ver- schiedene im Prinzip anzuerkennende Einrichtungen getroffen, während in derselben Richtung die Stadt Berlin erst nachhinken will. Wie wir kürzlich in dem Artikel„Das psychiatrische Groß- Berlin" erwähnten, soll in der städtischen Erziehungsanstalt Lichtenberg eine kleine,- für etwa 15— 20 Betten berechnete psychiatrische Beobachtungsstation für psychopathische Fürsorgezöglinge, die jetzt ohne Umstände in das für sie keineswegs geeignete Milieu der benachbarten Jrranstalt Herzberge kommen, eingerichtet werden. Die brandenburgische Provinzialverwaltung, die ja überhaupt in der Geistcskrankenpflege sehr Tüchtiges leistet, ist auch darin weit voran und verfügt bereits über zwei größere Anstalten, die zwischen die eigentlichen Erziehungsanstalten sowie Idioten-, Epileptiker- und Irrenanstalten sich eingliedern. Derartige Zwischenanstalten sollen„solche defekte und abnorme Fürsorgezöglinge, die durch ihr reizbares und heftiges Wesen, ihre Verschlagenheit, ihre antisozialen und verbrecherischen Neigungen, ihr renitentes und revoltierendes Verhalten sowohl die erzieherische Tätigkeit an den Erzichungsan- stalten als auch die nachgiebige Behandlung an den Kranken- anstalten mutwillig und herausfordernd stören", aufnehmen. Die erste derartige brandenburgifche Anstalt ist die im Jahre 1905 er- öffnete, für 40 psychopathische schulpflichtige Knaben bestimmte Beth- lehemstiftung bei Potsdam, die bis heute 136 Fürsorgezöglinge passiert haben. Gleichen Zwecken dient die baufertige, in wenigen Wochen belegbare Anstalt Hclenenhof ebendort. die für 20 schul- entlassene und 30 noch schulpflichtige psychopathische weibliche Für- sorgezöglinge eingerichtet ist. Nach einem Bericht in der neuesten Nummer der„Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift" liegt das äußerlich sehr gefällige, einstöckige Gebäude frei und offen da und birgt w'e der nach außen, noch in fernem Innern irgendwelche Z w a n g s e i n r i ch t u n g e n. wie Gitter oder Arrestzellen. Eine Scheidung zwischen älteren und jüngeren Mädchen ist leicht durchführbar, doch wird sie nicht gerade für notwendig gehalten. Um den schulentlassenen Zöglingen die nötige Gelegenheit zur Beschäftigung und Ausbildung zu geben. wird die kleine Anstalt selbständig wirtschaften. Damit ist ihr ebenso wie in erziehlicher Hinsicht eine weitgehende Freiheit ein- geräumt. Immerhin wird sie der Oberleitung der Nachbaranstalten. die im Einvernehmen mit der Zentralbehörde über Zuweisung geeigneter und Wegnahme ungeeigneter Zöglinge zu entscheiden hat. unterstehen, so daß die Stimme des Psychiaters jederzeit gehört werden kann und wesentliche Entscheidungen auch auf dem Gebiete der Erziehung ohne seinen Rat nicht getroffen werden dürfen. Mit diesem Hause ist die bauliche Ausgestaltung der Sonderabteilungen für psychopathische Fürsorgezöglinge in der Provinz Brandenburg noch nicht abgeschlossen. Geplant werden noch ein weiteres für etwa 50 schulpflichtige männliche psychopathische Zöglinge bestimm- tcs an die Bethlchcmstiftung anzuschließendes Haus, sowie eine Anstalt für schulentlassene männliche Zöglinge, welche in leicht er- reichbarer Entfernung von Potsdam ihren Platz finden soll. Was hier zum Teil schon verwirklicht wurde und noch erweitert wird, ist nur eine Etappe in den Forderungen, welche wir für eine gedeihliche Entwickelung des heutzutage in der Hauptsache noch stark versagenden Fürsorge-Erziehungswesens von jeher vertreten haben. Wenn die genannte psychiatrische Wochenschrift sagt, daß in diesen Zwischenanstalten auf den krankhaften Zustand psychopathischer Für, sorgezöglinge alle billige Rücksicht genommen, zugleich aber dort eine „strengere und straffere Ordnung", also noch strenger alS in den eigentlichen Fürsorge-Erziehungsan st alten, gehandhabt werden soll, so muß allerdings die Erzielung durchaus günstiger Resultate sehr bezweifelt werden. Die Diffe- renzierung der Fürsorge-Erziehungseinrichtungeu ist für die Er- ziehung von abnorm Veranlagten von höchstem Vorteil, aber eine übermäßige Strenge wird die schönsten Theorien praktisch immer wieder verderben. Städtischer Seefischverkauf. AuS den: Rathause wird milgeteilt: Der durch Vermittelung der städtischen Marklballen-Depnlation eingerichtete Berkauf vou See- fischen erfreut sich eines derartigen Zuspruchs seitens der Bevölke- rung, daß die vorhandenen Bestände nicht nur glatt geräumt worden sind, sondern daß auch noch zahlreiche Nachfragen unbefriedigt bleiben mußten. Es werden deshalb in Zukunft größere Mengen und auch größere Fische, besonders größere Schellfische eingekauft und zum Verkauf bereit gestellt werden. Da im Publikum mehrfach Klagen darüber laut geworden sind, daß die Fische beim Verkauf' in Zeitungspapier eingewickelt sind, ist den Händlern aufgegeben worden, von jetzt ab nur noch sauberes Pergamentpapier zum Einwickeln zu ver- wenden. Leider bat es sich bisher infolge be'onderer Umstände in den Fischereihäsen nicht ermöglichen lassen, daß die Seefischsendungen so rechtzeitig den Marktballen zugeführt werden konnten, daß der Verkauf in den Markthallen pünktlich um 8 Uhr beginnen konnte. Die Markrhalleiiverwaltung hat daher mit den Fischhändlern ver- einbart, den Seefischverkauf jetzt auf Mittwoch uud Donnerstag zu verlegen; es besteht dann die Aussicht, daß die Fische rechtzeitig zu Beginn der Verkaufszeit in die Markthallen gelangen. Außerdem soll einem mehriach geäußerten Wunsche entsprechend auch die Markt- Halle auf dem Magdeburger Platz für den Seefischverkauf zur Ver- fügung gestellt werden. Der günstige Erfolg der Stadt Berlin bat bereits verschiedene Vorortgemeinden veranlaßt, an die Stadl Berlin wegen gemeinschaftlichen Einkaufs heranzutreten. Was die Verkaufstage betrifft, so würde der Sonnabend für viele Frauen ein recht geeigneter Tag sein. Der Grund, daß dieser Tag nicht berücksichtigt worden ist, soll nach uns gewordenen Mit- teilungen in der allzugrotzen Rücksicht auf die verkaufenden Händler zu suchen sein. Diese Händler haben an den Sonnabenden für sich stark zu tun und wollen sich keinen Abbruch machen lassen. Diese Rücksicht auf die Händler scheint uns aber wenig angebracht bei einer Einrichtung, die doch im Interesse weiter Kreise der Ve- völkerung getroffen worden ist und lediglich ihr zu gute kommen soll. Ein Polizeistückchen. Unsere Polizei scheint in letzter Zeit wieder nervös geworden zu sein. In der„Z. a. M." war der Vorschlag gemacht worden, die Berliner Arbeiter sollten gegen die Politik der Lebensmittel- Wucherer gewaltige Demonstrationsversammlungcn unter freiem Himmel veranstalten; großen Eindruck würde sicher ein Massen- aufgebot der Frauen machen. Solche imposante Kundgebungen wirkten auf die schuldigen Abgeordneten vielleicht am heilsamsten, wenn sie in der Nähe der Parlamente stattfänden und könnten auch kommen, ohne daß eine Parteiorganisation das Zeichen dazu gebe. So die„Z. a. M.". Am Dienstag wurde nun der Reichs- tag eröffnet. Die Berliner Polizei nahm Wohl an, daß sich der nur zu berechtigte Zorn der Berliner Arbeiterschaft in einer Demonstration gegen die Zollwucherer im Reichstage vor dem Reichstagsgebäude Luft machen werde. Da mußte vorgesorgt werden. Am Dienstagmittag wurden unter Führung von zwei Offizieren und zwei Wachtmeistern 50 Schutzleute in die 2. Etage des Hauses Dorotheenstratze 38, Ecke Sommerstraße, einquartiert. Da aber jede Demonstration der Arbeiter unterblieb, vertrieben sich die Schutzleute die Zeit so gut es ging, um schließlich unvcr- richteter Sache wieder heimzugehen. Die Sorge war uwsonst. Einen kleinen Bülowblock scheinen die Freisinnigen doch immer noch zusammen zu betteln, wenn ihre Mandate in Gefahr sind und die Konservativen sich zur Unterstützung der„Kandidaten aller bürgerlichen Parteien" herablassen. So plauderte der Stadiver- ordnete G i e s e gar erbauliche Machenschaften aus, die er für seine Wiederwahl im 1. Kommunalwahlbezirk getrieben. Am Montag hatte er die Vertrauensleute seines Bezirks zu einer vertraulichen Besprechung nach Neumanns Festsälen eingeladen, um die Wahl» taktik zu beraten, die zum sicheren Siege des„freisinnigen" Kan- didaten führen soll. Anwesend waren ca. 40 Personen. Nachdem Giese ausgeführt, daß die Wahl des Sozialdemokraten unter allen Umständen verhindert werden müsse und nur seine Wiederwahl die Gewähr biete, daß im Berliner Stadtparlament die Jnter- essen aller Bürgerlichen vertroten werden, gab er einige Finger- zeige, wie diese„Vertretung" zustande kommt. Er hätte mit den Konservativen des Bezirks bereits ein festes Abkommen, getroffen, wonach diese von der Aufftellung eines eigenen Kandidaten Ab- stand nehmen. Die Konservativen wollten sofort für ihn ein- treten. Sie verbreiten ein Flugblatt mit einer Aufforderung an ihre Parteianhänger, ihre Stimmen für Herrn Giese abzugeben. Ja, sie tun noch etwas mehr für den freisinnigen Kandidaten. Früher mußte die freisinnige Partei der konservativen die Un- kosten erstatten, wenn diese sich für die Wahl von„freisinnigen" Leuten ins Zeug legten. Diesmal aber tragen die Konservativen die Unkosten selbst, soviel wäre ihnen Herr Giese schon wert. Aber auch der Zustimmung„hoher Kreise" erfreue sich die Kandidatur des Herrn Giese. Er hätte sich persönlich an den Königlichen Marstall gewandt und von dort sei ihm die tröstliche Versicherung gegeben, ihm werde die Ehre zuteil, von allen dort Angestellten gewählt zu werden. Durch diese Wahl--- freiheit hoffe er, allein aus dem Marstall 96 Stimmen zu erhalten. Das war für den Bürgerstolz der freisinnigen Mannen überwältigend. Nur einige jüngere Leute glaubten an diesem echt freisinnigen Prin- zipienkampf etwas aussetzen zu müssen. So tadelten sie vor allem, daß Herr Giese sich selb st mit dem Marstall in Verbin» dung gesetzt und mit den Konservativen das Abkommen getroffen hat. Solche Sachen hätte ein Unbeteiligter machen müssen. Wenn die Sozialdemokratie davon erführe, so wäre das geradezu bla- mabel für den Freisinn. Diese würden es sicher in dem Wahl- kämpf ausnützen. Es schien ihnen also doch noch nicht alle Scham abhanden gekommen zu sein. Herr Giese und seine alten„Macher" aber beruhigten die„Nörgler" mit dem Hinweis auf den reichen Schatz ihrer Wahlmache-Erfahvungen. Ganz überzeugt waren die Kritiker aber doch wohl nicht; denn nach Schluß der Versammlung schimpften sie recht weidlich über diesen Skandal. Herr Giese teilte der Versammlung dann noch mit. daß die Freisinnigen dcn Oberbürgermeister zu bewegen suchen, die Wahlzeit bereits um 11 Uhr beginnen zu lassen. Die Geschäftsleute könnten dann in der Kirchzeit wählen gehen. Andernfalls verlieren die Frei- sinnigen viele Stimmen, da die Läden von 12 bis 2 Uhr geöffnet seien, weil die Geschäftsleute also nicht zur Wahl gehen könnten. Nach 2 Uhr gingen aber die Anhänger der freisinnigen Partei—: essen und schlafen.— Das scheint uns für diese Sorte Freisinnige noch die nützlichste Verwendung ihrer Fähigkeiten zu sein. Unseren Genossen aber erwächst in diesem Bezirk die Aufgabe, alle Kraft anzuwenden, um den Sieg des sozialdemokratischen Kandidaten aus eigener Kraft zu erringen gegen Konservative und ihre Stipendiaten, den sogenannten Freisinn. Zur Elektrisierung der Berliner Stadt- und Ringdahn hören wir, daß im Eisenbahnetat für 1912 die erste Rate für die Elektrisierung dieser Bahn eingestellt worden ist, nachdem die Vorarbeiten ab» geschlossen worden sind und das Finanzministeriuin sich überzeugt hat, daß die Eleltrisierung der Berliner Stadtbahn eine wohltätige Kölge auf die Einnahmen dieser Bahn zeiligen wird, so dag anzu- nehmen ist. dah die Stadtbahn sich später, allerdings unter Erhöhung der jetzige» Tarife, mit 3 Proz. verzinsen wird. Versuche mit elektrischen Lokomotiven, die für die Berliner Stadtbahn bestimnit sind, finden zurzeit in Bitterfeld statt. Der Strom für die elek- irischen Lokomotiven wird von Bitterfeld nach Berlin geleitet werden. Die Stromzuführung geschieht durch Oberleitung, so daß das alte Wagenmaterial der Stadtbahn aufgebraucht werden kann. Dammbruch am Großschiffahrtskaual. Von einem gewaltigen Dammbruch ist vorgestern in früher Morgenstunde der Großschist fahrtskanal in der Nähe von Eberswalde heimgesucht worden. An jener Stelle, wo der Werbelliukanal den Großschiffahrtsweg kreuzt, waren Hunderte von Arbeitern in letzter Zeit damit beschäftigt, den seiner Vollendung entgegengehenden Großschiffahrtsweg fertig- zustellen. Mächtige Dampfbagger waren aufgestellt, um mit deren Hilfe die Wälle des angrenzenden Werbellinkanals wegzuräumen. Bis auf das linke Ufer waren diese Arbeiten nahezu beendet. Da die abgreuzende Wand des linken Ufers nicht mehr allzu sehr befestigt war, vermochte es dem starken Druck des Kaualwassers nicht mehr standzuhalten und vorgestern in früher Morgenstunde kam es zu einem mächtigen Danimbruch. Unter starkem Gelöse durchbrachen die Wassermengen den Damin und stürzten sich in das Kanalbett des Großschiffahrtsweges. Ein Schutzwall, der eine Strecke weiter angebracht ist, vermochte die andringenden Wassermengen ebenfalls nicht zurückzuhalten und nach kurzer Zeit hatte sich das' leere Bett vollständig mit Wasser angefüllt. Erst bei einem dritten Schutzwall wurde den Wasserfluten Halt ge- boten. Man ist nun damit beschäftigt, Viesen zweiten Schutzwall bedeutend zu verstärken, damit er nicht doch noch durch die Waffer- mengen unterspült und fortgerissen werde. Ein Spaziergang im Grunewald, den ein Herr und eine Dame am Dienstag in den Nachinittagsstunden machten, hat ihnen ein sehr verdrießliches Abenteuer eingebracht. Als beide miteinander auf der Chaussee vom Teufelssee nach Westend dahinschritten, folgte ihnen ein berittener Gendarm und richtete, nachdem er sie ein- geholt hatte, ohne alle Förmlichkeit an den Herrn die Frage:„Ist das Ihre Braut?" Der Herr antwortete mit der Gegenfrage, welches Recht der Beamte zu haben glaube, danach zu fragen. Jhl» fei, erwiderte der Gendarm, soeben von Waldarbeitern gesagt worden, daß eine Frauensperson schon seit mehreren Monaten hier gesehen werde und zwar immer wieder mit einem anderen Mann. Er fügte hinzu, mit den ihm gemacht- n Angaben über das Signale- mcnt und im besonderen über die Kleidung jener Frauensperson stimme das Aussehen der Begleiterin des Herrn überein. Dieser legitimierte sich jetzt, und als der Gendarm noch zu wissen begehrte, wer die Begleiterin sei, wies auch sie eine Legitimation vor, die sie zufällig bei sich trug. Der Gendarm aber gab sein Mißtrauen noch nicht auf, sondern sagte:„Kommen Sie mit zu den Waldarbeitern!" Beide folgten ihm und wanderten etwa eine Viertelstunde weit, bis sie in die Nähe der Waldarbeiter gelangten. Jetzt trabte der Gendarm voraus und wechselte einige Worte mit den Wald- arbeitern, dann aber machte er plötzlich Kehrt und empfing die Herankommenden mit dem kurzen Bescheid:„Die Sache ist er- l c d i g t."„Für mich ist die Sache nicht erledigt." antwortete der Herr, den es schwer verdroß, daß er mit seiner Begleiterin in dieser Weise angehalten worden war und nun so entlassen werden sollte. Da sein Verlangen, eine Angabe über die Persönlichkeit des Be- amten zu erhalten, abgelehnt wurde, so schrieb er sich die Adressen zweier Waldarbeiter auf. Gegen den Pflichteifer des Gendarmen, der die beiden Spaziergänger für verdächtig gehalten hatte, wird keine Beschwerde nützen. ES bliebe nur noch zu fragen, welches Quantum Höflichkeit er gegenüber den Opfern seines Mißgriffes aufgewendet hat, als er sie entließ. Er selber wird meinen, Höf- l i ch g e n u g gewesen zu sein, die durch ihn angehaltenen Spazier- gänger aber sind durch die Form der Entlassung ganz und gar nicht befriedigt worden und empfinden eben deshalb das ganze Abenteuer um so kränkender. Auf eine Beschwerde würde wahrscheinlich auch von der dem Gendarm vorgesetzten Behörde geantwortet werden, daß er höflich genug gewesen sei. Kampf um CarusobillcttS. Großer Andrang herrschte gestern wieder an der Kasse des Königlichen Opernhauses, die um lO'/�UHr mit der Ausgabe der Eintrittskarten für die Carusovorstellungen be- gönn. Schon während der Nacht sammelten sich die ersten Be- Werber auf den Proineuadenwegen am Denkmal der Kaiserin Augusta. Von 8 Uhr a» begann die Aufstellung am Opernhause selbst. Während bis dahin sechs bis acht Mann uebeneinander gc- standen und sich stellenweise gedrängt und„geichubst" hatten, wurden die Bewerber jetzt paarweise geordnet und so von Schutzmännern in Schranken gehalten. Die Kette dehnte sich bald bis ungefähr rund um dos Opernhaus herum aus. In der Menge sah' man fast keinen einzigen Soldaten, die sonst wohl für ihre Offiziere die Eintrittskarten zu holen pflegen, um so mehr aber andere Beauftragte, besonders Angestellte der Paketfahrtgesell- schaft. � Ein großes Aufgebot war für die Billetthändler tätig, die nur auf diesem Wege in den Besitz von mehreren Eintrittskarten koinmeu können, weil an eine Person immer nur höchstens zwei Karten verkauft werden. Viele Wartende vertrieben sich die Zeit mit dem Lesen von Zeitungen. Noinanen usw. DaS große Schutz» mannSaufgebot. daS für Ordnung sorgte, fand wenig Anlaß zu be- sonderem Einschreiten. Wenn es auch an dem üblichen Gedränge nicht kehlte, so ging eS doch diesmal verhältnismäßig ruhiger her alS früher. Mit Gold aufgewogen werden einige Quadratmeter Straßenland, das die Stadt Berlin zur Verbreiterung der Friedrichstraße zwischen Bahnhof Friedrichstroße und Weidaiiimer Brücke benötigt. Die dort stehende alte Kaiser-Wilhelm-Akademie soll abgebrocken werden. Diese Gelegenheit soll benutzt werden, uin die Friedrichstraße an jener Stelle zu verbreitern. Ein au dieser Stelle entstehender Neubau wird einige Meter zurückrücken, um Platz für Verbreiterung zu gewinnen. Es werden etwa 330 Quadratmeter für die Verbreiterung der Straße gebraucht. Die Stadt ist mit dem FiskuS wegen der Höhe des Preises in Verbindung getreten und bat ihm den Preis geboten, den sie selber beim Verkauf deS Grundstücks für die Komische Oper erhalten hat. Der PreiS für den Onadratnieter ist auf 1194 M. bemessen worden. Im hohen Norden an der Weichbildgrenze kostet der Quadratmeter Straßenland etwa ganze 30 M., je nach Lage. Rätselhafter Tod eines Berliner Kriminalbeamten. In einem Abteil dritter Klasse eines vom Lehrter Bahnhof nach Hamburg verkehrenden Personenzuges wurde vorgestern abend um 6 Uhr auf -der Station Spandau die Leiche eines Mannes gefunden, in dem aus vorhandenen Lcgitimationspapieren der Kriminalschutzmann Behr vom Berliner Polizeipräsidium festgestellt wurde. Bei dem Toten wurde eine goldene Taschenuhr nebst Kette vorgefunden, dagegen fehlte jedes bare Geld fotvif auch die Fahrkarte.. Dieser Umstand ist einigermaßen befremdlich und läßt den Schluß zu, daß der Beamte auf der Fahrt bestohlen sein könnte, doch haben sich bisher keinerlei nähere Anhaltspunkte für diese Annahme ergeben. "Auch die Todesursache konn:e bisher noch nicht genau festgestellt werden, wesbalb die Obduktion der Leiche erfolgen soll, die nach der Halle in der Gatower Straße übergeführt wurde. Behr ist 44 Jahre alt und unverheiratet, ein Bruder von ihm wohnt in Hamburg. Sonntagk-rl-elt und Konditoreien. Ter Polizeipräsident givt bekannt: Auf Grund der KZ lOSb Absatz 1 und 105e der Reichsgewerbeorbnung, der§§ 1 und 2 des 'Gesetzes betreffend die Polizciverwaltung in den Stadtkreisen. Char- lottenburg, Schöncberg und Nixdorf vom IZiJuni 1900 sG.S. S. 247) sowie des Gesetzes betreffend die Erweiterung des Landespolizei- bezirkeS Berlin vom 27. März 1907(G.S. S. 37), vom 7. März 1908 sG.S. S. 21) und vom 23. Juni 1909(G.S. S. 533) wird hiermit für »en L�andespolizeibezirk Berlin folgendes verordn'eti" Die Vorschriften im Z 2 meiner Verordnung bom 13. Februar 1909 betreffend Sonntagsarbeit in Konditoreien werden aufgehoben und durch folgende Bestimmungen ersetzt: K2. In Konditoreien dürfen Arbeiter an den Sonn- und Festtagen nur nach Maßgabe nachstehender Vorschriften be- schäftigt werden: 1. Die Arbeit darf in der dem Sonn- oder Fest tage vorausgehenden Nacht nicht' vor 12 Uhr beginnen» darf nur während eines Zeitraumes von 8 Stunden stattfinden und muß spätestens um 12 Uhr mittags endigen. 2. Die frühestens um i2 Uhr nachts beginnende Arbeitszeit(Ziffer 1) darf am Kar freitage, am Sonntage vor Weihnachten und am Silvester, sofern dieser auf einen Sonntag fällt, bis zu 10 Stunden und an acht weiteren, von dem Arbeitgeber nach freier Wahl zu bestimmenden Sonn- und Festtagen des Kalenderjahres bis zu 12 Stunden aus gedehnt werden. 3. Abgesehen von den Fällen unter Ziffer 2 dürfen Arbeiter über 12 Uhr mittags hinaus nur mit der Be reitung und dem Austragen(Ausfahren) leicht verderblicher Waren, die unmittelbar vor dem Genuß hergestellt werden müssen(Eis, Cremes u. dgl.), beschäftigt werden. Die Arbeitszeit der hiermit beschäftigten Personen darf indes nicht länger als 10 Stunden dauern. Die beteiligten Arbeiter sind an einem Werktage der darauf folgenden Woche, mit Ausnahme der beiden letzten Wochen vor Weihnachten, von 12 Uhr mittags an von jeder Arbeit frei- zulassen.'_ Wer sind die Toten? Das Polizeipräsidium teilt mit: Am 8. d. M. wurde in der Forst in Nieder-Swönhausen ein 45 Jahre alter unbekannter Mann erhängl aufgeiunden. Der Tote ist 1,70 Meter groß, hat blondes Haar, starten blonden Schnurrbart und trug scbwarznieliertcn Jackettonzug. graumelierten Uuibang, Gr. A. gezeichnete Wäsche, hellgrauen Schlips, schwarze Schnür- stiefel, schwarze wollene Strümpfe und schwarzen steifen Hut. Vor seinem Tode soll der Selbstmörder zu einer Person geäußert haben, daß er französischerKorrespondenl sei und mit Freunden, die ihn versetzt hätten, nach Nieder-Schönhausen einen Ausflug ge- macht habe. Personen,--die über die Persönlichkeit des Toten Aus- kunft geben können, werden gebeten, ihre Wahrnehmungen der Kriminalpolizei oder einem Polizeirevier mündlich oder schriftlich zu den Akten 4129. IV. 30. 11 mitzuteilen. Eine weiblicheLeiche, 1,40 Meter groß, etwa 20—25 Jahre alt, kräftig, rundes Gesicht, hellbraune Augen, dunkles Haar, be- kleidet intt schwarziveiß kariertem Kostüm, Weiße, blau- und grüngeblümte Bluse, weißes Beinkleid, weißes Hemd, gez. Gl. E., braune Strümpfe, schwarze halbe Lackschuhe, Ohrringe mit 2 Stahl- perlen, die etwa 14 Tage im Wasser gelegen hat, ist am 14. Oktober er. gegenüber von Stralauer Allee 23a von Schiffern aus der Spree gelandet worden. Rekognoszenten wollen sich an das Leichenschau- hauS bezw. an den III. Kriminalbezirk, Zimmer 321. wenden. Die Leiche bat anscheinend dem Dienstbotenslande angehört. Sie weist keinerlei Verletzungen auf. weshalb Selbstmord vorliegen wird. Ein Dachstuhl in Flammen. Ein größerer Dachstuhlbrand wütete gestern früh in der Langestraße 45 im Osten Berlins. Das Feuer hatte seinen Herd im Dachge-schoß des Vorderhauses, war aber bei Ankunft der Feuerwehr auch schon auf den Dachstuhl des rechten Seitenflügels übergesprungen. Die Feuerwehr eröffnete den Löschangriff sofort mit drei Rohren. Die Mannschaften dran- gen über eine mechanische Leiter und über die Treppen hinweg gegen die Flammen vor. Da sich eine starke Rauchentwickelung geltend machte, mußte auch ein Ranchschutzapparat in Benutzung genommen werden. Beide Dachstühle brannten größtenteils nieder. Die Ursache des Feuers ist nicht ermittelt.— Vorher hatte die Feuerwehr in der Belle-Allianccstraße 10 einen größeren Keller- brand und in der Königlick?en UntversitätS-Frauenklinik in der Artilleriestrahe 13 einen Wohnungsbrand abzulöschen. An der letzten Stelle wurden Gardinen und Immobilien zerstört. Eine Schwester Charlotte Peters erlitt Brandwunden am rechten Arm. Vorort- richten. Rixdoi?. Nicht gerade auf fixe Erledigung der Äcschäfte in der Steuer- Verwaltung läßt ein Fall schließen, über den uns ein Leser folgendes mitteilt:„Ani 29. Septbr. sandte ich zum Nachweise meiner Arbeits- losigkeit meine Ouittungskarte an die Rixdorfcr Steuerbehörde, Reuterstr. 08/09. Obwohl ich um Rücksendung der Karte bis zuni 30. September gebeten hatte, ist mir die Karte bis zum 10. Oktober nicht zugestellt worden. Dies geschah auch nicht, als ich am 12. Ok- tober die Steuerbehörde schriftlich um die Zuschickung ersucht hatte. Am 10. Oktober wurde mir auf persönliche Nalbftage auf. dem Steuerburcau der Bescheid, daß die Karte bereits abgesandt sei. Am Abend deS genannten Tages war ich jedoch noch nicht im Besitz derselben. Da ich nun am 14. Oktober entlassen ivurde, bin ick infolge der Bummelei der Steuerbehörde daran gehindert worden, mich anderweitig um Arbeit zu bemühen. Bei dieser Gelegenheit möchle ich noch erwähnen, daß dieselbe Steuerbehörde mir im vorigen Jahre meine Karte sieben Wochen einbehalten hat, um meine Arbeitslosigkeit festzuflellen, obgleich mein Arbeitgeber in einem Schreiben an die betr. Behörde ersucht hatte, die Karte innerhalb einer Woche zurückzusenden." Vielleicht erfährt die Oeffentiichkeit einmal, weshalb die Behörde nahezu drei Wochen gebraucht, um auf Grund der Jnvalidenkarte die Arbeitslosigkeit festzustellen. Dem so lange Zeit Warlenden könnten wir es nicht verargen, wenn er gegen die Steuerbehörde wegen des durch die lange Vor- enthaltung seiner Karte erfolgten materiellen BerlustS klagbar würde- Verhaftung eines PolizeisekretärS. Aufsehen erregt die hier erfolgie Verbaitung eines ungetreuen Polizeibeamten. Es wird darüber folgendes gemeldet: Wegen mehrfacher Betrügereien und schwerer Urkundenfälschungen ist der Polizeiiekreiär Paul Wesolowsli auS der Steinmevstr. 09 verhaftet worden. W. halte auf dem Polizeivrändium die Gastwirts« lonzeisionen zu bearbeiicn. Er pflegie die Gastwirte periönlich auf- zusucden und die erheblichen Stempelgebühren(25—50 M.) einzukassieren. ohne ihnen die Sienipelmarken auszuhändigen. W. fälildte zahlreiche Unterschriften, auch die des Polizcipräsidenlen und seines StellverlreterS. Bereits am Sonnlog verhaflel. wurde er wieder freigelasien, nachdem er die gegen ihn erhobenen Be- ichuldigungen in Abrede gestellt hatte. Runmehr ist W. von neuem festgenommen worden. In der BolkSversanimlung am Dienstag ist in den Passage- Festsälen ein Damenkopfschal gefunden worden. Die Verlicrerin kann denselben in der Parteispedition, Neckarstr. 2, entgegennehmen. Ein gewaltiger Brand kam gestern abend in der Erlanger Straße 4 zum Ausbruch. Die Gefahr wurde erst bemerkt, als kurz vor 7 Uhr aus dem Dochgeschoß deS dortigen Fabrikgebäudes plötzlich Flammen hervorichlugen. DaS Feuer griff mit rapider Schnelligkeit um sich und erfaßte in kurzer Zeit den ganzen Dach- stuhl. Die Flammen fanden an dem Inhalt der Bodenverschläge reichliche Nahrung und drohten auf die unteren Stockwerke über- zu'pringen. Die hiesige Feuerwehr war bald in ganzer Stärke zur Stelle und ging sofort mit mehreren Schlanckleitiiiigen vor. Ob- gleich nun ungeheure Wasscrmengen in die Glut geschlendert wurden, dauerte es doch eine Stunde, ehe die Gefahr al§_ beseitigt gelten konnte. Der Dachstuhl brannte mit den Bodenräumen fast voll- ständig nieder. Charlottenburg. Ein Revolvexattentat avf den Verführer seiner Tochter beging Mittwochnachmirtag der 43 Jahre alte Portier Franz P a r l o w, Kantsir. 29 wohnhaft. Der verheiratete Kanfmann Paul Müller auS der Uhlandstraße hatte die 17jährige Tochter Parlows verführt. Da er die versprochene Entschädigung nicht zahlte, sollte gestern auf dem Amtsgericht in Charlottenburg Termin stattfinden. Als sich beide vor dem Amtsgericht trafen, zog nach einer kurzen Auseinander- setznng Parlow einen Revolver und gab einen Schuß auf M. ab. Die Kugel verfehlte aber ihr Ziel und traf den gänzlich unbeteiligten 25 Jahre alten Kaufmann Adolf Beurer, ihn streifend und ihm die Hose durchlöchernd. Der Täter wurde festgenommen. Ein neues Postamt wird auf wiederholte Eingaben deS Magistrats hin im Jahre 1912 in der Gegend des Gustav-Adolf-Platzes unter der Bezeichnung Charlottenburg 8 errichlst werden. Das neue Postamt wird unbeschränkte Aufnahmebefugnisse und Telegraphen- betrieb erhalten. In der Protestver'ammlung am Dienstagabend im oberen Sau.« des Volkshauses referierte nicht, wie dies irrtümlich in unserem Bericht hieß, Genosse Zempetburg, sondern Genoffe Richter. Steglitz. Bon einem plötzlichen Tode wurde gestern früh der e2jährige Galvaniseur Richard Buchwald aus der Thorlvaldsenstraße 24 in Steglitz ereilt. Als V., der bei der Kunstanstalt Meisenbach, Riffarlh u. Co. in der Hauptstraße 8 in Schöncberg seit einigen Jahren be- schäftigt ist, gestern früh kurz nach Aetriebsbeginn eine Präge- Maschine in Tätigkeit gesetzt halte, brach er plötzlich ohnmächtig zu- sammen. Ein aus nächster Nähe herbeigerufener Arzt konnte leider nur noch den infolge Herzschlages eingetretenen Tod feststellen. Ober-Schönetveide. Der Gesangverein Ober-Schöneweider Liedertafel begeht am Sonnabend, den 2l. Oktober, im Elablissenient Wilhelminenhof die Feier seines 13. Stifiitngsfestes. Dem Verein, welcher stets bereit ist. die von der Arbeiterschaft arrangierten Feste zu unterstützen, wird eine rege Beteiligung der Arbeiterschaft gewünscht. Petershagen bei Fredersdorf. In der Gcmcindcvcrtrctcrsitzung wurde noch einmal über die bereits angenommene Grundsteuerordnung verhandelt. Wie init- geteilt wurde, dürfte die Steuer die Genehmigung nicht finden, wenn der bereits festgelegte Steuersatz darin bestehen bleibt, ohne daß im Etat entsprechende Ausgaben vorgesehen sind. Infolgedessen wurde die Angabe eines Prozentsatzes gestrichen, so daß es nur noch heißt: von unbebauten wird der doppelte Sleuerbetrag als wie von bebauten Grundstücken erhoben. Die Höhe des Prozentsatzes wird bei der Etataufsteltung selbst festgesetzt. Ein Orlsstatut. welches die Gcmeindevertrelcrsitziingen regeln soll, fand gegen die Stimmen unserer Genossen Annahme, letztere begründeten, daß bereit? vor kurzem ein von ihnen eingebrachtes ÖrtSslatut durchberatcn und auch zur Annahme gelangt sei. Ein Antrag deS Küster? an den Kirchenvorstand, ihm die niederen Küsterdienste abzunehmen, wurde von jener Körperschaft der Gemeindevertretung überwiesen mit dem Ersuchen, dem Antrage stattzugeben. Beschlossen wurde mit sieben gegen zwei Stimmen bei einer Stimmcnihailung. die Sache zu übernehmen. Es ist bezeichnend, daß der Kirchcnvorstand leine Ver- pflichtungen stets der politischen Gemeinde aufzuhalsen sticht. Ii« der geheimen Sitzung wurde beschloffen, dem Kirchenvorftand die Einführung der Kirchensteuer zu empfehlen. Schöncrlinde(Bezirk Pankow). AlS Einleituiig zu den RcichStagSwahlen fand am Sonntag eine Versammlung statt, in ivelcher Genosse D u p o n t über Lebens- mitieltcucning und die ReichStagswahlen referierte. In anschaulicher Weise zeigte der Referent den Versammelten die wahren Ursachen der Teuerung. Er gab ferner ein Bild von dem volksfeindlichen Verhalten der bürgerlichen Parteien und präzisierte demgegenüber die Forderungen der Sozialdemokratie. Zum Schluß rief er zur eifrigen Mitarbeit>ür die kommende ReichstagSwadl aus. Nach zustimmender Diskussion und einem Appell deS Geiioffcn Junge zum Eintritt in die Organisationen wurde die Versannnlung mir Hoch- rufen auf die Sozialdeinokratie gelchlossen. Vier Tetlnehmer meldete» sich zum Eintritt in den Wahlverein. Spanvau. In der Generakversammlung deS WahlverrinZ konnte infolge plötzlicher Erkranlung des Voisitzenden Genoffen Sclor ein Bericht des Vorstandes nicht gegeben werden, dies soll in der nächsten General« Versammlung erfolgen. Für den gleichfalls erkrankten erste» Kassiercr Genosse Koppen erstattet Genosse Senftleben den Kassenbericht. Da- nach betrugen die Einnahinen inkl. deS Bestandes vom vorigen Quartal 1402.70 M., die Ausgaben 1203.50 Dl, fo daß ein Bestand von 201,30 M. verbleibt. Das Sonnnersest brachte eine Einnahme von 574,30 M. und eine Ausgabe von 450,10 M. Der nächste Punkt der Tagesordnung, Stadtverordneteuwahl und Aufstellung von Kandi« baten zeiligte eine längere Debatte über das Kommmialprogramm der sozialdemokratifchen Stadtverordneten. Die Debatte soll dem- nächst in einer aiidere» Versammlung fortgeführt werden. Als Stadt- verordneten-Kaiididaten wurden anrgestellt für die 3. Abteilung alZ Nichihausbesitzer die Genossen Pieck, Pieser, Schubert und K ö p p e n. Als Hmisbeiitzerkandidat der 3. Abteilung wird für die beide» in Frage kommenden Bezirke der Genosse Paul Schmidt aufgestellt. Für die 2. Abteilmig kandidieren die Genossen H o r n i a Ko nitzer. Stahl. Ganzer, Marzilger und Schubert'. Am 20. Oktober findet eine«ommunalwählerve. ainmluno bei Böble statt. Die Verteilung der aufgestellten Kandidaten für die ein, eine» Bezirke soll dem Wahlkonutee überlassen werden. Ferner wurde auf Antrag des Bezirls 8 deichlossen. das Buch.Bebels Snnnernnaen" Band 2 zum Vorzugspreise für die Gewerkschaften anzuschaffen. Mit dem Hinweis, daß am 3. November ein Vortrag über Konstlm- genoffenschaften im Lokal von Krause. Neuendorfer Straße abaebaiten wird, wurde die Versammlung geschloffeu. b' 0— unter Wasser. In einer Knabenschule stand das Waffer fast 30 Zentimeter hoch in de» Räumen. Die Schüler mutzten einzeln gerettet werden. Der angerichtete Schaden ist sehr bedeutend. An vielen Stellen erfolgten Erdrutsche. Die Telephon- und Tele- graphenverbindungen sind unterbrochen. Sämtliche Fliiffe sind stark gestiegen und weitere Ueberschwemmungeu werden befürchtet. Kleine'Notizen. Eisenbahners Ende. Ein schwerer Betriebsunfall ereignete sich auf dem Bahnhof R a t h e n o iv. Der Lolomoiivheizer Otto Rahmsdorf aus Stendal, der die Maschine eines nach Stendal bestimmten Personenzuges bediente, lehnte sich, als der Train sich schon in Bewegung gesetzt hatte, aus der Lokomotive hinaus und schlug dabei mit demKops an den Mast der elektrischen Beleuchtungsanlage, Dem Bedauernswerten wurde der Kopf vollständig zerschmettert, so daß der Tod nach kurzer Zeil eintrat. Bcrhaftung eines Berliner Dcfraiidantcn. In Nürnberg wurde der Hausdiener Rcinhold S t o l p, der vor einiger Zeit dem Berliner Kaiserkeller die Tageseinnahme von über 7000 Mark gesioblcn hat, verhaftet. Von der gestohlenen Summe hatte Stolp 1700 Mark verbraucht. Eine böse Pleite. In der französischen Ortschaft Remire- m o nt hat der Bankier Henry wegen völliger VermögenSzerrüttuug seinem Leben ein Ende gemacht. Der Verstorbene hat Schulden im Betrage von über 1 Million Frank hinterlassen. Ein gesuiikeiicr Schatz, Die Hebuugsversuche der im Zuydersee versunkenen holländischen Kriegsfregatte»Lutine' werden eifrig fortgesetzt und haben schon schöne Erfolge gezeitigt. An Bord der Fregatte befanden sich Goldbarren im Werte von insgesamt 30 Millionen Frank. Bis jetzt konnten au? dem Innern dcL Schiffes für 2'/z Millionen Frank Gold an die Oberfläche geschafft werden. Entgleisung eines Schnellzuges. Bei P i ä t i g o r s k in der Nähe der Station Mineralnyja Wodi(Kaukasus) ist in der letzten Nacht ein Schnellzug entgleist, wobei ein Wagen umstürzte und neu» Personen verletzt wurden. Die Ursache der Katastrophe ist böswillige Lockerung der Schienen. irouristenverei».Die Naturfreunde-', Ortsgruppe Berlin, Sonn- ~........ wer I Gäste will- tag. den 22. Oktober: Wanderung von Zehlendors nach Machnower Schleuse Absahrt Wannseebahiihoj miltugS t.10. MMWWMM und Neu Babeisberg kommen. Arbeiter-Wanderbund»Die Naturfreunde". Wandersahrten am Sonntag, den 22, Oktober 1311. l. Durch den Unterspreewald. Lübben- Buchcnhoin, Kabnsahit'nach Gr.-Wasserbmg.Köthen-Oderm. Abs,: Görl, Badnh, Sonnabend 12,40 nachts, II, Freienwalde-Tiesensee, Abs,: Stett, Fernbabnh, 6 Uhr vorm, III. Zepernick- Ltepnitzsce- Birlcnwerder, Abs,: Steil, Vorortbahnh, 6,06 Uhr vorm, IV, Grunetvalv, Trefsp, Bahnh, West- end 7 Uhr vorm, V, Sadoiva-Ravensteiner Mühle-FriedrichShage». Abs.: Schles. Bahnh, 1,23 Uhr nachm. VI. Kinderwanderimg, Karlshorst-Raoen- steincr Mühle- FnednchSdagen, Trefsp. 1. Bahnh, Wedding(Eilig, Rettel- bcckpl) 7.45 vorm, 2. Schles. Bahnh,, Ecke Frucht- und Madaistr. 8,15 Uhr vorm. Gäste willkommen, BrUfKalten der Redaktion. Sie lurlftlsche epreaiftvnde findet Ltudeuftraße 63, vorn vier Treppe» — Fadrftulil—, tvortinitiinli« von 4', 4 bis 7V4 Ubr abends, EonnadendS, von 414 bis 6 Uhr abends ftolt. Jeder für den Brlritasten deftimmlc» Anfrage ist ein Sachfiade and eine Zagt»IS McrNelaien deljuingen. Briesttchr Antwort wird«tibi erteilt,«»fragen, denen keine AdonnenientSgllittung»elgefltg« ist, werde« nicht beantwortet. EUige Fragen trage man in der Sprechstnndr vor. Erkner Ivv. Etwa 33 Prozent deS Nennwertes,— G. SS. Die Klinik der kgl, Eharilö, Gebeimcat Dr. Ziehm,>0—12.— A. Rlü. Lindenftr. Ob eS passendAist, kommt aus die Umstände an. Unanständig und gemein kann man nicht sagen.— A. 71. Cbariottenburg, am Luisen- platz,— E. H. 148. Gehen Sie mit den Satzungen der Kasse in unsere Sprcchstnnde. 5'/,— 7'/, jeden Abend,— 91.®. 10«. 1. 7,70 biS 30.00 SR. 2. 1 M, bis 3 M, 3. Nach Bedarf- B. M. 07. Die Organisation JhreS Berufes wird sich der Sache gern annehmen,— K. L.«5. Wenden Sie sich unter Darlegung Ihrer Berbältnisse an die Slislungsdevutation de» Magistrats, Postilraße l6,— Frida«K. Fragen Sie ge älligst im Artillcriedepot nach, nähere Adresse finden Sie im Berliner Adreßbuch,— Nt. H. 7. Wiederholen Sie die Frage unter Beifügung der Ouiitung.— Gruft LS Tie Frage besprechen Sie doch besser mit einem Zabntcchn ker, uns find die emlchläglichen Verhältnisse nicht bclaiint.— Stierftr. N- s. lieber geschäftliche Unleincbmungcn müssen Sie ein NuStunstSbur.au be< stagen.— R. Sv. Das ist eine Frage so versönlichcr Natur, daß wir Jpnen empfehle», mit Ihrer OrganisatsoiiSlcilung darüber zu spreche».— —(0. D. I. Durch Bestellung bei der Post.— ff. Z. 86. Arbeitsnachweis der Gärtner, Metzer Straße 3, Alb. KwaSnick. Alles Nähere erfabre» Sie dort,— M. P-§ 11- Soll das Ei a»s Daunen oder aus Pflastersteine falle».— H. ffi. IS. Ja. — W. H. Der Lehrer hasiet nur dann, wenn er sich eine Verletzung der AussichtSpflicht hat zuschulden kommen lassen. Ob die» der Fall ist oder nicht, ergibt Ihr Schreiben nicht,— Ztz. T. 155. Lob» ist beschlagnahme- sähig, soweit es 125 M. oder 23,85 M, übersteigt,— K. Sv. 1, Die Sita' tat verjährt, wenn nicht gemeinschastlich begangen oder der Täter bewaffnet war, in drei Jahren, 2, Gesängnis bis zu 3 Monaten oder Geldstrafe bis 300 M,, wenn nicht die unter 1 genannten sirasverschärjenden Momente hinzukommen,— Kayser, Pankow. Nichlerscheinc» straflos, Fortgang des VersahreuS davon abhängig, ob Kegeupiirtei Klage erhebt,— K.J. 8t!. Wenn ernstlich gemeint und beweisbar, SchcidmigSgrund, Suchen Sie jeden Streit zu vermeiden.— M. P. 97. Der monnllich 125 M. übersteigende Betrag ist pjändbar, Kosten einige Mark,— R.®. 1588. 1. u. 2. Nur von dem Nutze» des Grimdstiicks,— Luther, Ntareschstraffe. Ja, gegen die Stadtgemcinde, veitrcten durch den Magistrat,— I. R. ffticling- straste 8. 1, Bis zur Tauer von 6 Wochen. Ist die Krankheit aus Anlaß der Dienstverrichluiigen eliislandeu, unbeschränkt, 2. Nein,— ff. L. 97. Nur der Zeil, der unterschrieben hat,— W. M. O. Nein, — W. ff. 8. Noch dem Gescpestext halten wir die Rückerstattung uickt mehr für zulässig. Versuchen Sie es mit einem Nnlrag au den Magistrot. — K. H. 57. Fordern Sie durch eingeschriebenen Briej vom Hauswirt Beseitigung der Mängel unter Setzung e ncr Frist, Nach ersolgloscin Ab- laus der Frist köiilicn Sie llagen,— Zl. P. SS. 1, und 2. Neichen Sie die Rechnung dem Genieindevorstand ein mit dem Antrage aus Znhlmig. Eine Beschränkung in der Auswahl findet nicht statt. Berlin ist bis zum 1. Mai der� Gemeinde Pankow gegenüber crstatlungspflichiig.— Z. 5. 1. und 2. Sic müssen vorher eine Frist setzen, am zweckmäßigsten durch ein- geschriebenen Brics, und für den Fall der Ersolglosigkcit die sofortige Be. tragSIösung androhen. 3. New,— R. N.®. 4L. Ja.— R. ff. IVO. Nein.— R. 3. 30. 1. Falls unverheiratet, find Ihnen etwa 20 M,, falls verheiratet, etwa 25 bis 28 M, wöchentlich zn belassen, 2, Leider nicht. — B. St. So allgemein läßt sich die Frage nicht bcaniwortcn. — H. G. 1. Nein Der Mann kann nur dann, wenn er zur Bestreitung seines Unterhalts außerstande ist. an die für schuldig erklärte Frau Unter- Haltsansprüche stellen, 2, Nein, 3, Dem unschuldigen Teil, Werden beide Teile sür schuldig erklärt, dem Manne, sobald der Junge das sechste Lebens- jähr vollendet Hai, 4, Kenn die Frau sich, ohne einen EhescheidungSgrund zu haben, gegen den Willen des ManneS trennt, hat sie keinen Anspruch aus Unterhalt. Die Rechte des Mannes— Nießbrauchs-, Verwaltungs- und Erbiecht— bleiben bestebcn. 5, Auch der Mann, falls er den MictS- vertrag uiilcrschricbcn hat, 6, Ja, Ein Zurückbehaltungsrecht aus dem Grunde hat die Schwiegermutter nicht. M arktpreiie von Berlin am 17. Oktober 1911, nach Ermittelung deS Königlichen Polizeipräsidiums. Marklballenpreise,(Kleinhandel), 100 Kilogramm Evble», gelbe, zum Koche» 35,00—50,00. Speisebobneu weiße. 35.00- 50.00. Linien 40,00-80,00. Kartoffeln 7,00—14,00. 1 Kilo- gromm Nindfleisch, von der Keule 1,60—2,40, Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30 bis 1,70. Schweinefleisch 1,30— 1.80. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,30— 2,00. Butler 2,40— 3,40, 60 Stück Eier 3,80— 6,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,00—2,40. Aale 1.20-2.80. Zander 1.40—3,60. Hechte 1.20 bis 2,80. Barsch- 0.80—2,00. Schleie 1,40-3,00. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück krebse 2,10-30,00._ ?vt»ter,ingsüderü.i>i vom 18. Oktober 1911. iBl w sl <* ir: 81«='«I ttaümai ,EÄ== Z Bettet Jli®* Ül 81 Lwtnemde 773 SO önrntnrg i770D Serw(772 0 Frmtl a v! 768 NO München ,763 SO Sien'774 SO 3 beiter 3 wollenl 2 bald bd. 2 wolle»! 3 wollenl 3 heiter w« t* all i? 64« E tattonen �|1 81 S-l-2 Iii1' tavaranda 76293 etersburg 767 W Sctllh 762OSO 'lderoeen ,767 SO V-rrrS ,765 ONO Bettet I 4 heiter 2 wollenl 3 Nebel 3 bedeckt 1 heiter .Üa 13 •i 7 SSettervrognok« ftir Doiiuerstag, den 19. Oktober 1911. Trocken und vorwiegend heiter, elwas wärmer, bei mäßigen jüdöst- lichen Winde»! später zunehmende Bewölkung. Berliner Detterbureau. Woslerftanvs.stoitirtckieei, der LandeSanstait sür Gewafierkunde. niitgeteilt vom Berliner Wetlerbureau. -) 1- bedeutet Such»,— Fall,—') Umeroeaet. .;"Jju, r*rV � i*-...,,•. ÖÄ?"» y-c•*' v'.1■ y*,-»■*''''4'y- Brockhaus Stark verkleinerte Abbildung. Meines Konversations Lexikon J�cuc E" us 3 a b« 1911. 2 Bände mit 80 000 Stichwörtern auf ca. 2100 Seiten, 2000 Text« abbildungen, 100 schwarzen, 28 buntenTaf ein, 430 Landkarten Elegant gebunden, zusammen nur 24 Mark. Ich bin in der aBgenehmen La�e, dieses ausgezeichnete Werk portofrei gegen monatliche Teilzahlungen von nur 2 Mark ohne Preiserhöhung anzubieten, um den Bezug desselben jedermann zu ermöglichen. 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Oktober 1911, abends 8 Uhr, in Kellers Konzerthaus, Köpenicker Str. 90—97: velfentlicke Versammlung lies Arbeitgeberverbandes für das Damenschneider- Gewerbe Deutschlands gemeinsam mit dem Verbände der Schneider und Schneiderinnen Deutschlands und dem Gewerkverein der Heimarbeiterinnen Deutschlands. TageS-Ordnung: 1. Welche Forderungen stellen wir an die Groß- kaufmannschaft? 2. Beschlußfassung über den Minimal- Preis- und Lohn- tarif für die Damenkonfektion. 237/7 I m Auftrage: DniH Drews. Fr. Knnzc. Frl. M. Behm. Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Montag, den 23. Oktober 1911, abends 8'/, Uhr. in Kellers Fest- salen(Jnh. Mtoerner), Koppenstr. 29: General-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Geschäftsbericht.— 2. Vortrag des Revisionsberichts.— 3. Entlastung deS Vorstandes und Aufsichtsrats.— 4. Beschlusifassung über die Verteilung des Reingewinns.— 5. a. Wahl von 5 Aufsichtsratsmitgliedern, b. Wahl von 5 Ersatzpersonen für den Aussichtsrat.— 6. Anträge betreffend: 1. Die Geschästszeit. 2. Das Verhalten des Generalselretärs Kaufmann. 3. und 8. Der Notfonds. 4. u. 5. Anstellung. 6. Die Beschaffung von Schürzen für Vcrkausspcrsonal. 7. Das Liejerantcnsystem. 9. Die häusigere Ab- Haltung von Generalversammlungen. 107/17 Der Vorstand R. Junger, Lamm, C. Mücke, Der.A.nk»lel»tsrat: Pauk Müller, Gustav Flade.' Fr. Schulze. — Nur Legitimationskarte» berechtigen zum Eintritt.» Arbeiter- BiMungssElrnle. Sonntag, den 22. Oktober, abends V.S tthr, im„Kiinigftadt- Kafiuo-, Hotzmarktstraste 72 i "lulia' lludin über:„Gerhart Hauptmann und das rncderne Drama". Eintritt 20 Ps. Garderobe(tri, 6/13* Nach dem Vortrage- GtMiltlilljkS KtisaMMlNstill Ulld TlUlf. l>ie reellsten und billigsten Möbel and Polstersvaren auf Teilzahlung zn Kassenpreisen nud Zins. Vergütung erhält man in der seit 33 Jahren bestehenden Möbelfabrik unter lOjähriger Garantie � Schulz Reichenii8rs9r 3L* B» Verkäufe. Tehpiche tFarbcnsehler) Gelegen- heitskaus. 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