ib-847, 28. Jahrg. BbonnementS'Bedinsungen: fH>�n ��xAxAxJlf Vit Intertions-GebaDr "SasÄ mÄmnÄs W H idfnäfr WlT/m m ml» mr W�A�n. �«.k««.-ch-g-wM«.-«-�«. wöchentli» W VW fr� ins W» MZ W M // IH■ H HHl W fc�M �L„f-der deren Raum w Pig. Nil ewlclne Zwmmcr 5 Pfa Sonntet �Jaä M«V«lZ l,> W«S W» tU W« � H H d°!i«sche und gewer, IchafNiche Vereins- �mm?r m™ iaufttkün Ion" aal MW Hg■» BG � IB H H Hfl Hu�H W'/7 und«.rI°mn.Inng§-Anzeig°n M Pfg. Beilage.Tie Neue Welt- lvPfgNl.>W» ffll Hfl fl HHfl Hfl H J0 H fl // fcnr'.™ l°ttS°dn>ck.- ilbonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. vW« W» SSi 881 g g g HB Hj MB g HB iÄa m�Ü« f"ÄCn lintcr'�Ä�i; B H fl fl Jfll M iMF1 M B■ I e'-ll°n«e!ucht �nd'° EchwfnZlle.?a'n°.' iish«s lf"EFen■> JLP«MMr D TB dRtt5W»aafc« •H-14ÄS gM VÄM: ESESSSl »SÄÄ'RA-a»'�Kyls-Äl'»* ««««m VLvItNDD Ä«s». N" Zentratorgan der rozialdcmokratifchcn Partei Dcutfcblands. Redaktton: 8Äl. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Die ffiederlage der klerikalen in Belgien. Brüssel, 18. Oktober.(Eig. Ber.) Die sozialistische und liberale Opposition hat das klerikale Schulgesetz samt seinem Erzeuger hinweggefegt. Die Regie- rung B r 0 c q u e v i l l e hat aber nicht völlig kapituliert. Das Klostergesetz wird im Hintergrunde gehalten, um ver- sprochenermaßen im gegebenen Augenblick in neuer,„ver- vesserter" Form präsentiert zu werden. Die Parteien der Linken hatten sich darauf hin geeinigt, das Schollaertsche Schulgesetz zur Wahlparole für die Gemeindewahlen zu machen und durch die� gleichzeitige Betonung der übrigen Forderungen der Opposition, vor allem der nach dem gleichen Wahlrecht, dem Wahlkampf eine politische Basis zu geben und ihn zu einer Entscheidungsschlacht zwischen Klerikalen und Antiklerikalen zu stempeln. Diese Auffassung der Dinge hat die Stimmung und schließlich die Losung einer allge- meinen Bündnispolitik zwischen Liberalen undSozialisten geschaffen, und im Zeichen dieser Taktik haben sich denn auch die Wahlen hüben und drüben abgespielt. Aus all dem ergibt sich, daß es sich in diesem Kampf nicht um die speziellen Grundsätze und politischen Anschauungen der einzelnen Parteien, um die Geltendmachung von Progammen und Hervorhebung von wirtschaftlichen uiid Klassengegensätzen Handelte, sondern ausschließlich um den Kampf der antikleri- Talen Parteien gegen den Regierungsklerikalismus.' Und unter diesem Gesichtspunkt ist natürlich auch das Wahl- resultat politisch zu veranschlagen. Der Kampf der Par- teien und Programme und ganz eigentlich der Klassen im politischen Leben wird für Belgien erst mit her endlichen Niederringung des Klerikalismus einsetzen. � Man.muß zugeben, daß für die Vorbereitung einer poli- tischen Situation, die der so dringend nötigen Entfaltung der Klassengegensätze in der modernen Gesellschaft endlich Raum gibt, die Gemeindewahlen ein gut Stück Ar- beit geleistet haben. Obwohl gerade die Kartellpolitik der Oppositionsparteien dem Klerikalismus mancherlei billige Vorwände geboten hat, Liberale gegen Sozialisten und diese gegen jene auszuspielen, um einmal die Bürgerlichen vor dem revolutionären Sozialismus und dann wieder die sozialistische Bevölkerung vor der bürgerlichen zu warnen, hat das liberal-sozialistische Bündnis eine politische Wirkung nur zum Schäden des Klerikalismus ausgeübt. Wie die Rcichswahlen von einer Wahlperiode zur anderen den steten Rückgang des Klcrikalismus ausweisen, zeigen nun ouch die letzten Gemeindewahlen die klerikale Partei i n d e r A u f l ö s u n g. Symbolisch und wirklich ist sie aufs Haupt geschlagen: in L ö w e n ist der verjagte ehemalige Mi- nisterpräsident und Vater des Schulgesetzes, Herr Schollaert, den seine Partei nach seinem Fall noch lärmend zum„Führer" ausrief, unterlegen, und neben ihm läßt die klerikale Partei eine wahre Hekatombe von Partei- Häuptern und Größen, Deputierten und Senatoren, auf dein Schlachtfelde, so den Präsidenten der Kammer, �m«cki b«.NHS,t»4chg5.e i.t.-u»d die. schmähliche und wohl einzig dastehende Hetze der Zeutrumspresse den politischen Gegnern gegenüber. Vom badischen Zentrumsführer, dem. Geist- lichen Rat Wacker, bis zum wahlunmündigen Kaplan hielten die katholischen Geistlichen Versammlungen ab oder leiteten.sie und schrieben Artikel für die-Zentrumspresse.' Die letztere drohte täg- lich, daß die Herrschaft der Freimaurer über Baden hereinbreche, daß der Religionsunterricht aus der Schule entfernt werde und die. Trennung von Kirche und Staat nur noch eine Frage der Zeit sei, falls die Katholiken nicht' den adeligen Landgerichtsdirektor in den Reichstag schickten. Daß man von dem liberalen Kandidaten Schmid stets sprach als von der liberalen Null, ist schon früher im„Vorwärts" berichtet worden. Diese schäbige Agitationsmethode hat sich für das Zentrum gerächt. In seinem Wohnsitze Konswnz erhielt v. Rüpplin diesmal nur 1470 Stimmen, während auf den Zentrumskandidaten von 1907 1613 Stimmen entfielen; dagegen stieg in Konstanz gestern die liberale Stimmenzahl von 1800 auf 2300, die sozialdemokratische von 630 auf 950. Schmid mochte es wohl auch seiner Person als Kreis- eingesessener und den widerlichen Zentrumsangrisfen zu danken haben, daß er dem Zentrumskandidaten so stark auf den Leib rückte. Manche Wähler sagten sich wohl auch, Schmid kommt ja doch in die. Stichwahl und deshalb wählen wir jetzt gleich liberal anstatt sozialdemokratisch. Nur so läßt es sich erklären, daß im Jndustriestädtchen Singen— dem Wohnsitze Schmids— unsere Stimmenzahl nur um 34 stieg, die Schmids aber um 360. (Hoffentlich legen unsere Genossen künftig besonderes Gewicht auf die Organisierung und Schulung dieser Arbeiterschichten, damit sich solche'Vorkommnisse nicht wiederholen! Die Unter- stützung des Liberalismus kann für sozialdemokratische Arbeiter stets erst bei der Stichwahl in Frage kommen. Die erste Auf- gäbe jedes Wahlkampscs für klassenbewußte Arbeiter ist die Stärkung der eigenen, der sozialdemokratischen Reihen. Anm. der Red. des„Vorwärts".) Aehnlich lagen die Fälle in anderen Orten. Es darf nicht außer acht gelassen werden. daß der Kreis sehr wenig Industrie hat und Pfaffenherrschaft und Kapitalsllbermacht sowie bäuerlicher Haß gegen die Sozialdemo- tratie noch eine erhebliche Rolle spielen. Immerhin wird es in der Stichwahl gelingen, den Verbünoeten der ostelbischen Junker zii Fall zu bringen und der schwarz-blauen Reaktion einen Wahlkreis, den sie- seit 1890 inne gehabt hat, zu entreißen,.............. Die chinesische Revolution. Wie nicht anders zu erwarten, lauten die Nachrichten über die Gefechte bei H a n k a u auch heute widersprechend. In Peking behauptet man in Regierungskreisen natürlich, daß die kaiserlichen Truppen erfolgreich sind. Da aber die Tele- graphenverbindung zwischen Peking und Hankau unterbrochen ist, verdienen diese Nachrichten schon deswegen keinen.Glauben. Dagegen sprechen alle Meldungen, die aus- H a n k a u direkt kommen, immer bestimmter von dem Siege der Revo- l u t i o n ä r e. den sie in einer zweiten Schlacht über die Regierungstruppen errungen haben. Die Kaiserlichen haben schwere Verluste von 600—700 Mann erlitten und mußten sich bis auf 10 Meilen nördlich von Hankau cf 6 lj L Bestätigen sich diese Nachrichten, dann kann man mit einer raschen Ausbreitung der Bewegung um so sicherer gerechnet Wieden, da die Mandschu- regierung in Peking selbst sich bedroht fühlt und mit dem Ausbruch der Revolution in der Hauptstadt rechnen muß. Aus dieser schwachen Position der Regierung erklärt sich ja auch, daß sie Nuanschikai Zugeständnisse genmcht hat, gegen die sie sich bis dahin aufs äußerste gewehrt hat. Nicht nur soll das Parlament bereits i m n ä ch st e n Frühjahr zusammentreten, sondern dem dann zu bildenden konstitutionellen Ministerium darf auch kein Mandschu angehören. Die nationale Forderung der Revolution wäre damit zu- einem guten-Teil erfüllt. Aber es� ist nicht sehr wahrscheinlich, daß die Revolutionäre sich durch-dieses Entgegenkommen werden in ihrem Bvnnarsch aufhalten lassen. In der ersten Beilage bringen wir eine U e b e r st ch t s- karte vom Kriegsschauplatz. Sieg der Revolutionäre. Loobon, 20. Oktober.-Wie die Blätter melden, telegraphierte der britische Konsul in Kiukiang nach �Schanghai, das) die Re- volutionäre behaupten, einen großen Siegln Hankau errungen zu haben. Sie halten die Flußstation eingenommen f alle chinesischen Kriegsschiffe hatten sich zurück- gezogcn mit Ausnahme eines Kreuzers, der sich den R e v» l u t i o- nüren angeschlossen habe. Weitere Einzelheiteir über den Sieg. Hankau, 19. Oktober.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Bisher.sind die Revolut-ro-näre sieg- reich. Am Mittwoch zlvaiigen sie die. Kaiserlichen, sich au ihr L a g e r z u r ü ckz u z i e he n. Am Nachmittag eröff- neten die Kanonenboote das Feuer, aber sie schössen zu weit. In der Nacht wurden- die Revo- l u t i o n ä r e Verstärkt und nahmen eine sehr starke Stellung ein. Toünerstag rückten 5 0 6 0 A u f st ä n d i s ch e vorsichtig gegen das Lager der Kaiserlichen vorq sie ver-� brannten Hunderte, von Hütten, in denen seind- liche Schützen eine. Deckung hätten finden können. Der Wider st and, dem sie begegneten, war ziemlich s ch w a ch. Die Kanonenboote gaben nur wenige. wirkungslose Schüsse ab. Das Lager der Kaiser- lichen wurde verlassen und von den Revolutionären besetzt, die Zelte und sechs Waggonladungen Gepäck und Munition vorfanden, die vom den Kaiserlichen zurückgelassen waren. Die Regierungstruppen zogen sich sieben Meilen vom alten Lager zurück, in dem jetzt die Revolntidnäre verschanzt sind. Die Kanonenboote sind flußabwärts gefahren. Regierüngsmeldnngen. Peking, 20. Oktober.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) In Regierungskreisen versichert man, daß die Lage sich stündlich bessert, und daß der schließliche Triumph der Re- gierung sicher sei. General Dinchang. hat die Organisation der Truppen beendet, die mit großer Beschleunigung ins Feld gebracht werben. Bob zuverlässiger Seite wird versichert, daß die Kon- Zentrierung zweier kaiserlicher Divisionen gestern abend in Kwang- schui durchgeführt war. Dort wird auch General Dinchang für heute erwartet. Beträchtliche lohale Streitkräfte sollen die Umgegend von Hankau erreicht haben. Die Vollmachten Nuanschikais. London, 20; Oktober.„Daily Telegraph" meldet aus Peking: Der Generalgouverneur von Hukuang Duanschikai reist morgen nach Wutschang ab.' General Dintschang, der kaiserliche Befehls- haber, ist in der vergangenen Nacht mit acht Bataillonen Infanterie und sechs Batterien Artillerie über den Jangtse gegangen. Die Einschließung der Rebellen ist nunmehr durch- geführt(?) und man hegt Hoffnung,, das gemeinsame Vom- bardement durch Landheer und Marine vermeiden zu können, um da? Arsenal von Nanyang, das auf dreißig Millionen TaelS bewertet wird, zu retten. Die Aufständischen können in jedem Augenblick zusammenbrechen.(?) Die unerwarteten Bewegungen der Truppen verursachen erheb- liche Kosten. Wie verlautet, soll im kommenden Monat im Auslände eine. Anleihe von 2 Millionen Pfund aufgenommen werden. Die Lage wird dadurch gekennzeichnet, daß Duanschikai, als er die Wiederernennung annahm» sich vom Thron für die Er- öffnung des Parlaments im nächsten Jahre die Ernennung eines rein chinesischen Kabinetts zu- ichern lietz, das Recht erlangte, eigene Abkommen mit den Aufständischen treffen zu können und sich un- begrenzte V o l l m a ch t e n für. das Jangtsetal geben ließ. lies' Krieg. Die Italiener haben am Mittwoch wieder einmal größere Kriegstaten verübt. Sie haben die ganz ungenügend be- festigten und nur mit schwachen Garnisonen belegten Hafen- Plätze der Cyrenaika, Bengasi, Deina und Homs von ihrer Flotte bombardieren lassen. Der Erfolg ist nicht gerade überwältigend. Selbst die amtlichen Depeschen müssen zugeben, daß die Türken trotz ihrer geringen Zahl tapferen und teilweise erfolgreichen Wider- stand geleistet und ziemlich lange die Landung der Italiener verhindert haben. Wichtig ist auch, daß die einheimischen Araber den Türken zu Hilfe gekommen sind, was für den künftigen Krieg im Innern für Italien schlechte Aussichten bedeutet. Das Bombardeiiient um Bengasi. Tripolis, 20. Oktober. Am 13. Oktober vormittags er- schien vor B e n g a si die zw.eite S t a f f e f des i.t a l i e- Nischen Expeditionskorps, heglcitet von einer Ab- teilung der Flott e. Ädmiral A u b r y forderte den Platz sofort zur Uebergabe auf. Die türkischen Be- Hörden verweigerte dies, und der italienische Admiral räumte infolge des schlechten Wetters noch eine Frist bis 6' Uhr früh für die Uebergabe ein. Die ganze Nacht über war das Meer bei Wind und Regen sehr'bewegti Gegen Morgen begann das Wetter sich zu beruhigen. Um 6 Uhr, als die der Garnison von Bengasi zur Uebergabe ge- währte Frist ergebnislos verlaufen war, schritt man zur Beschießung der Festungswerke, welche kurze Zeit andauerte, bis die Truppen mit der Ausschiffung, zu- erst der Matrosenkompagnien, dann der regulären Truppen beginnen konnten. Als die erste» italienischen Streitkräfte daS Land betraten, wurden sie von den Türken heftig an- gegriffen, indessen gelang es den Italienern, den Gegner zurück- zuschlage««nd sich zn behaupten. Nach und nach wurden dann 4000 Mann ausgeschifft, obgleich der Widerstand der Türken, unterstützt von einem Teile der arabischen Bevölkerung, sehr lebhaft fortgesetzt wurde. Diese Teilnahme der Araber am Kampfe erklärt sich aus der Tatsache, daß man die italie- nische Okkupation n i ch t w i l l. da man weiß, daß sie den, noch immer dort herrschenden sehr lebhaften Sklavenhandel ein Ende setzen würde.- Der Kampf begann gegen 9 Uhr früh und dauerte bis nach Sonnenuntergang. Die Italiener griffen schließlich die Kaserne und das Dorf Sidi-Hussein an nahmensieim Sturm. Sämtliche Truppen der Staffel waren am Abend an Land gesetzt und lagerten in den er- oberten Stellungeg. Heute miorgen wurde es infolge der noch immer feind- lichemHaltung eines Teils der Araber notwendig, den Süd- teil der Stadt zu bombardieren. Jedoch wurde nur eine beschränkte Anzahl vön Kanonestschüssen abgefeuert. Das Bombardement von Derua. Tripolis, 20. Ottober.(Meldung der Agenzia Stefani.) Tie 2. Division des ersten italienischen Geschwaders, die aus dem Linienschiff„Napoli", den Panzerkreuzer„Pisa",„Amalfi" und „San Marco", sowie dem geschützten Kreuzer„Argodat" und drei Torpedobootszerstörern besieht, erschien vor Derna am 16. d. Mts. früh. Eine Abordnung von Arabern kam an Bord des Admiralschiffcs, gab italienfrcundliche Versicherungen ab' und bat, daß die Stadt nicht bombardiert würde, da sie nur durch eine kleine In fanter ie abkeilun g mit einigen Kanonen verteidigt würde. Es wurde dann von italienischer Seite die Au.fsorderung zur U e b e r g a b e ausgesprochen; die drei Tiirken, die an Bord gekommen waren, erklärten aber, nicht darein willigen zu können. Man ließ sie an Land zurücklchreu, und es begann die Beschießung der Schützengräben und zweier Türme, die. zerstört wurden. Ferner wurden Schaluppen mit.Landungsabteilungen ausgesetzt. Zur selben Zeit wurde das Bombardement verstärkt. Die Schaluppen fuhren an Land und wurden von Gewehrsalven empfangen, die aber keinen Schoden anrichteten. Indessen war daß Meer derart bewegt, daß man es für richtig hielt, die Truppen, die noch nicht am Ufer angekommen waren, zurückzurufen. Am 17. Ok- tober wehte während des ganzen Tages eck heftiger Sturm, der jede Operation unmöglich Machte. Am 18. Oktöber schickte man, sobald die Wellenbewegung es gestattete, von neuem Landungskompagnien ab, denen eS gelang, die Stadt zu besetzen, und die italienische Fahne zu hissen. Während des ganzen Tages war eine weitere Aus- s ch i f f u n g von Truppen, abgesehen von einer Abteilung Genie« truppen, nicht möglich. Gestern wurde die Ausschiffung von Truppen und Materialien wieder aufgenommen. Einnahme von Homs. Tripolis, 20. Oktober.(Meldung der Agenzia Stefani.) Die vor Homs angekommenen Truppen sandten gestern ein Boot mit Offizieren an Land, um den Befehlshaber der türkischen Streitkräfte zur Kapitulation aufzufordern. Dieser erbat sich die Erlaubnis» an Bord kommen zu dürfen, um verhandeln zu können. Als er das Schiff betreten hatte, wiederholte man ihm die Aufforderung, sich zu ergeben, worauf er um Aufschub bat, der ihm nicht gewährt wurdtz. Nachdem er an Land zurückgekehrt war, verschanztest sich dieTürken in der Ka fern e und trafen V or- bereitungen für den Wider st and. Darauf er- öffneten die italienischen Kriegsschiffe das Feuer auf die Festungswerke, schonten jedoch die Häuser. Nach kurzer Zeit wurde eine weiße Flagge gehißt, und die Italiener wollten landen. Da das Meer aber zu bewegt war, mußte die L a n d u n g a u f heute verschoben werden. Ein Nachtkampf in Tripolis. Konstantinopel, 20. Oktober. Nach Mitteilung des Kriegs- Ministeriums hat am 16. Ottober in Tripolis ein dritter Nachtkampf gegen die Italiener stattgefunden, in dem diese sechzig Tote hatten. Der Deputierte für Bengasi Schetwan tei.lt brieflich mit, daß die S e n u s s i in einer Stärke von 14000 Mann ins Feld gezogen seien, um.im Hinterlande Bengasis den Italienern Widerstand zu leisten.— Nach Blätter- Meldungen marschiert der Häuptling des Stammes F e z z a n mit 10 000 Mann in der Richtung aus Tripolis» um sich den türkischen Truppen anzuschließen. Der Boykott. Saloniff, 19. Oktober. Die hiesige antiitalienksche B o y k o t t'k o m'm i s s i o n steht mit allen Boykottkommissioncn des Landes in Verbindung, und alle Barkenführer, Äuslader, Fuhrleute und Schiffsarbeiter l e i st e n ihr Folge. Es wurde bestimmt, daß italienische Waren auch nicht durch Schiffe unter anderen Flaggen eingeführt werden dürfen. Schsffe, die gegen diese Maßregel ver- stoßen, verfallen selbst der Boykottierung. Alle Kaufleute italienischer Nationalität unterliegen der Sperre; die Bevölkerung wird aus die betreffenden Geschäfte aufmerksam gemacht. Die Kammcrsitzung. Konstantinopel, 20, Oktober. Wie nachträglich verlautet, hat der G r o ß w e s i r in der gestrigen geheimen Kammersitzung erklärt, bei der Tripolisfrage handele es sich eigentlich n.v die Auf» werfung der Orientfrage. Die Pforte hoffe, durch Gc- Währung gewisier politischer, geographischer und wirischaftlicher Zu- geständnisse Ententen abzuschließen, dank denen auch die Tripoli-Zfrage gemäß den Interessen und.Rechten der Türkei gelost werden würde. Auf die Aufforderung, nähere Aufklärung hierüber zu geben, erklärte der Großwesir, dies nur tun zu können, wenn die Siammer die Verantwortung der Geheimhaltung über- nehmen wollte. Schließlich erklärte er. der Minister des Aeußern habe soeben ecke Depesche erhalten, nach der auf dem Balkan die Gefahr von Verwickelungen herannahe. Er verlange daher die Lösung der Kabinettsfrage innerhalb zweier Tage. Was das Verlangen nach Repressalien gegen Italiener anbetreffe, so besitze die Pforte das Recht zur Ausweisung, aber nicht das Recht, die Italiener wie Kriegsgefangene zu be» handeln. Die' Ausweisung wäre leicht, böch müsse man be» denken, ob die Maßregel dem verfolgten Ziel nützlich sei, Dahex hätte die Türkei provisorisch die Durchführung der Ausweisungen aufgeschoben und den Konsulaten nur Anweisung gegeben, keine neuen Italiener ins Land zu lassen. Auf die eigentliche Tripolisfrage übergehend, erklärte der Großwesir, es gebe zwei Wege: Widerstand oder friedliche Lösung.' Der eine 'chließe den anderen nicht aus. Die Regierung arbeite auch diplomatisch. Wenn er einsehe, daß die nationale Existenz der Türkei be- droht sei, werde er bis zum äußersten Widerstand leisten. Der Großwesir wandte sich sodann gegen eine JsolierungSpolitik. Wie jcdeS Land brauche auch die Türkei Allianzen und Ententen. Die Kammer nahm darauf mit starker Mehrheit die TageS» ordnung des Führers der Jungtürken an. welche besagt: Da der Großwesir erklärt hat, daß er in der Tripolisfrage feine Bemühungen aus eine wirksame Sicherung der nationalen Ehre, der Souveränitätsrechte und der Interessen des Reiches richten werde, spricht die Kammer dem Kabinett ihr Vertrauen aus. Das Elend der ausgewiesenen italienischen Arbeiter. Belgrad, 19. Okt.(Privattelegramm des„Vorw.".) Nach dem Beschluß der serbischen Negierung sind in drei besonderen Zügen bis 2000 aus der Türlei ausgewiesene und an der Grenze bettelnde italienische Arbeiter kostenlos auf das österreich-ungarische Gebiet übergeführt worden.-Ihr Elend ist unbeschreiblich. Ein Brief des türkischen Kammerpräsidenten. Achmed Riza, der Präsident der türkischen Kammer sendet uns das folgende Schreiben: Konstantinopel, 10. Oktober. Beim gegenwärtigen tripolitanischen Abenteuer ist Italien nicht der einzige Schuldige. Die anderen'Mächte sind seine Komplizen; denn der Anschlag gegen die Türkei war von den Mächten vor- bereitet. Ihre Vertreter packen uns an der Kehle und sagen:„Fügt Euch erst in die Okkupation als eine vollendete Tatsache, dann wollen wir Euch helfen, die Sache zu regeln." Diese unbegreifliche Haltung Europas schmerzt uns um so mehr, als ißr Verlust von Tripolitanien,- wenn wir es verlieren sollten, im ganzen Orient Mißtrauen, Verzweiflung und Abscheu erzeugen muß. Es würde kein Vertrauen mehr in die Zivilisation vorhanden sein, keines in das gegebene Wort, in die Verträge, die Europa unterzeichnet hat. Dieser Widerspruch zwischen Worten und Taten erscheint in den Augen der Orientalen als ein Majestätsverbrechen an der Moral. Die jungtürkische Partei, die sich so ehrlich bemühte, Europa dem Volke näher zu bringen und ihm seinen Fortschritt zu ver- mittel» und auf diese Weise eine Brücke zu schlagen zwischen dem Weste» und der islamitischen Welt, sieht ihre Aufgabe durch die Schuld dieses selben Europas scheitern. Jetzt nach dem brutalen llebexfall Italiens,' der unter der Zustimmung der Großmächte vor sich ging, machen uns unsere Gegner im Lande einen Vorwurf daraus, die europäische Zivilisation allzu sehr begünstigt und die Vorteile, die daraus für uns entstehen sollten, übermäßig gepriesen zu haben. Sie sind jetzt soweit gekommen, daß sie erklären, der wahre Fort- schritt bestände nur darin, daß wir uns militärisch stärkten� und der ivahre Patriotismus, daß man alles dem Militärbudget opfere. Dahin hat lmS jetzt Europa gebracht und vor allem Frankreich und England, dank ihres geheimen Einverständnisses mit Italien. Was soll man jetzt von den Verträgen von Paris und Berlin halten, die mit aller Bestimmtheit den Bestand der europäischen Türkei garantieren sollten? Und daS Völkerrecht, die Gerechtigkeit, die Humanität, die moralischen Prinzipien, waS soll Ulan in Zukunft davon halten? Und betrachten Sie nur, in welcher Art die Türkei auf den schmachvollen Raubanfall Italiens antwortet: Aus einem moralischen Gefühl heraus, das man in Europa schwerlich verstehen wird, hat sie nicht, wie das ihr unbestrittenes Recht sein würde, die 40000 italienischen Arbeiter aus ihrem Gebiet verjagt. Arbeiter, die in ihrer Heimat vor Hunger starben und zu uns kamen, um Gastfreundschaft und die Möglichkeit zu leben von uns zu ver- langen und zu erhalten. Was würde aus ihnen, ihren Frauen und ihren Kindern, wenn wir an ihnen Vergeltung üben wollten? Schon diese eine Tatsache neben vielen anderen sollte den Europäern und besonders den Sozialisten zu denken geben. Mit schwer bekümmertem Herz habe ich mich an Sie gewandt. Genehmigen Sie usw._ Achmed Riza. 9er Stand der Kompenfations- Verhandlungen. liebet den Kongoschacher wird in Frankreich und Deutsch- !and zurzeit sehr verschieden geurteilt. In der deutschen bürgerlichen Presse wird von Schwierigkeiten ge- sprachen, während die Aeußerungen der französischen Presse den Gang der Verhandlungen als b e f r i e d i g e n d be- zeichnen. Allzu ernst braucht man die deutschen Kassandrarufe nicht zu nehmen. Herr v. Bethmann Hollweg wird den Führern der bürgerlichen Parteien die Situation in der Marokkofrage in gedämpften Farben abgemalt haben, um sein Kneifen vor den Marokko-Jnterpellationen zu recht- fertigen. Und stets hilfsbereite Journalisten werden von den ins Vertrauen gezogenen Parlamentariern entsprechende Winke erhalten haben, um den hohenfinower Greis, der sich nicht zu helfen weih mit düster-geheimnisvollen Zeitungs- notizen aus der Klemme zu helfen. Wenn die bayerische Regierung aus die sozialdemokratische Marokko- Interpellation nicht antworten will, weil sie angeblich die gegenwärtige Situation für recht bedenklich hält, so wird sie sie sicher nur einem Wunsche des Reichskanzlers folgen. Denn wenn die Marokkofrage im bayerischen Landtage erörtert würde, mühte sie auch im Reichstage zur Sprache kommen. Inzwischen tappt die Oeffentlichkeit über"die Art der Kompensationen völlig im dunkeln. Vom Kongo will kein Mensch in Deutschland etwas wissen. Man spricht auch- schon von„anderen" Kompensationen. Wo diese zu suchen sind, wird nicht verraten. Zwischendurch stößt die alldeutsche Presse immer wieder einen Sehnsnchtsschrei nach Marokko aus.. Am anspruchvollsten ist die„Post", die nur unter dxr Bedingung auf Marokko verzichten will, wenn Frankreich soviel zentral- afrikanisches Gebiet an Deutschland abtritt, dah eine Ver- bindung von Kamerun mit Deutschostasrkka hergestellt werden könne und Deutschland nach Annexion der portugiesischen Kolonien an der Ost- und Westküste Afrikas ganz Mittelafrika be- herrsche. Weiter kann der koloniale Größenwahn kaum gehen. DaS Ergebnis des französischen Ministerrates. Paris. 20. Oktober. Im heutigen Ministerrat bemerkte der Minister des Aeußern de Selbes, daß die französisch-deutschen Unterhandlungen einen befriedigende«Fortgang nähmen. Nach der Beendigung des Ministerrats telegraphierte der Minister de Delves an den Bolichaster Cambon Instruktionen bezüglich der Fortietzung der Verhandlungen. Da diese in den letzten Tagen einen beträchtlichen Fortschritt gemacht hätten, so hoffe man an einem vcrhältnismtißig nahen Zeitpinckt zu einer Lösung zu kommen. Man glaubt, daß der 7. November endgültig für die Zusammen» berufung der Kammern gewählt ist. Politische deberlicht. Berlin, den 20. Oktober 1911. Privatbeamtenversichcrung. Aus demReichstage. 20. Oktober. Gei der Weiter- fiihrung der ersten Lesung des Privatbeamten-Versicherungs- gesctzes trat es sichtlich zu tage, welch tiefgreifenden erziehe- tischen Einfluß ouf die Parteien so eine unmittelbar bevor- stehende Neuwahl ausübt. Die Privatbeamtenversicherung ist nichts Neues. Seit Jahren fordern die Angestellten der Privatgeschäfte, daß ihnen durch ein Versicherungsgesetz mindestens die nämlichen Sicherheiten gewährt werden tvie den Arbeitern. DieRegierung hatte auchfchon mehrmals Denkschriften über die Frage dem Hause unterbreitet. Jetzt hat sie sich mit großem Eifer dahintergekegt. einen Gesetzentwurf auszu- arbeiten und dem Hause noch mit solcher Beschleunigung dem Hause zu unterbreiten, daß er noch vor Toresschluß Gesetzes- kraft erlangen kann. Begreiflich I Denn die Neuwahlen sind nicht mehr hinauszuschieben, die Angestellten beginnen auf- sässig zu werden. Es fielen aus ihren Reihen Aeußerungen. die keineswegs noch als Merkzeichen einer„staatserhaltonden Gesinnung" gebucht werden konnten. Auch unter diesem so- genannten„neuen Mittelstand", gewann die Partei des Pro- letariäts, die Sozialdemokratie, sichtbar an Boden. Da fließt nämlich das gute Herz der Regierungsmänner über von Frenndschaftsversicherungen für diese früher so unbedingten Gefolgschaften des Unternehmertums und der Regierung. � Und nun erst die bürgerlichen Parteien! Sie wetteifern um die Gunst der Angestellten und um ihre Stimmen bei den Wahlen. Herr T r i m b o r n benutzte die Gelegenheit Pro- paganda zu machen für die Bethmannsche Blockidee von Bassermann bis Heydebrand, zu der das Zentrum durch den Wahlausfall in Düsseldorf bekehrt wurde, indem er forderte, die nämlichen Parteien, die beim Reichsversicherungsgesetz zu- samniengewirkt hätten, möchten sich auch hier an- einanderschließen. Geradezu rührend war es aber, mit welcher Wärme der konservative Herr von R i ch t h o f e n den Angestellten seine Partei als die Herzenssrenndin des Mittelstandes anpries. Die Angestellten würden aber wirklich ein Andauern der konserva- tiven Mißwirtschast im Reich und in Preußen verdienen, wenn sie vergessen würden, daß diese Mittelstandsfreunde ihnen die Lebensmittel künstlich verteuert haben. Auch die National- liberalen wollten nicht hinter den Konservativen zurückstehen. Deshalb hielt es Herr Stresemann für ratsam, den saarabischen Scharfmacherkommis Alexander Tille ab- zuschütteln, weil er in hochtrabenden Redensarten die An- gestelltenversicherung als die„hauswirtschaftliche Entmündigung durch Staatsschutz" in Grund und Boden verdonnert hatte. Andererseits verfehlte aber Herr Stresemann nicht im Tone pastoraler Wehmut über die schweren Lasten zu klagen, die dem Unternehmertum durch dieses neue Gesetz wieder ausge- bürdet werden sollten. Ernstliche und in dieler Hinsicht beachtenswerte Kritik übte der freisinnige Herr M u g d a n an dem Gesetzentwurf aus. Besonders aber wurde die Grundlage des Gesetzentwurfs durch den Genossen Robert Schmidt beniängelt. Er konnte darauf verweisen, daß die Sozialdemokratie von jeher die Einbeziehung der Angestelltenversicherung in die Arbeiter- Versicherung erstrebt habe; der Entwurf aber schaffe anstatt der Vereinheitlichung eine neue Zersplitterung des Versicherungswesens. Entschieden vertrat er dann eine An- zahl Einzelwünsche, die von den Angestellten selbst in ihren Vereinen geltend gemacht werden und sprach die Hoffnung aus, daß es in der Kommission gelingen würde, diese berechtigten Forderungen in das Gesetz hineinzuarbeiten. Der Gesetzentwurf wurde dann der 16. Kommission, die für die Reichsversicherungsordnung eingesetzt worden war, zur Vorberatung überwiesen._ Eine Pause in den Reichstagsverhandlungen ist nach der Korrespondenz Woth für die nächste Zeit beabsichtigt. Im Interesse der Arbeiten der Kommission für die Privat- beamten Versicherung dürfte eine Unterbrechung der Ar- betten des Plenums eintreten, und zwar vorbehaltlich der Zu- stimmung des Seniorenkonvents vom 20. Oktober bis zum 9. November. Nach dieser Pause solle dem Wunsche der Regierung gemäh demnächst die zweite Beratung des Schiffahrtsabgaben- gesetzes aufgenommen werden. Im weiteren Verlauf der Ver- Handlung würden dann die handelspolitischen Vorlagen, das Hilss- kassengesetz und das Privatbeamtenversicherungsgesetz zur Be- ratung gestellt werden. Die Mogeleien des Zentrums. Der Landtagsabgeordnete Dr. Bell-Effen hat sich abermals mit der Frage der Wahlmogeleien beschäftigt. Trotz unserer neuer- lichen Feststellungen bringt es auch dieser Herr fertig, zu behaupten, mit den von Herrn Müll er-Fulda mit der Sozialdemokratie gepflogenen Verhandlungen habe das Zentrum als solches, insonder- heit das Stichwahltomitee in Köln, nicht das geringste zu tun gehabt. Wenn Herr Müller-Fulda Unterhandlungen mit der Sozialdemokratie gepflogen habe, so habe das Herr Müller-Fulda auf seine eigene Kappe getan, ohne daß das Stichwahl- komitee davon auch nur eine blatze Ahnung gehabt hätte. Es gehört wirklich sehr viel Zutrauen zu der Leichtgläubigkeit der Zentrumswähler, wenn Herr Bell alle Verantwortung Herrn Müller-Fulda zuschiebt und diesen gewissermaßen als Opf.er- lamm in die Wüste hinausstößt, obwohl Herr Müller-Fulda leitendes ge.schäftsführendes Mitglied des be- treffenden. Wiahlausschuffes gewesen ist, und seine ganzen Mit- tcilungen, insonderheit sein am 11. Oktober von uns veröffentlichtes Telegramm, beweisen, daß die mit der Sozialdemokratie zwar nicht formal, aber doch in der Sache sehr be- stimmt getroffenen Abmachungen sich auf e i n e g a n z c R e i h e von Wahlkreisen bezieheni Aber Herr Bell muß schon das Unglaubliche behaupten, und Herr Müller-Fulda, das leitende Mitglied des Wahlausschusses, muß sich schon der u n- er härtesten Eigenmächtigkeiten zeihen lassen, weil das gegenwärbrg die Wahlt-aklik des Zentrums so willl Für das Wohl der Zentrumspartei bringt Herr Bell gern das ohnehin nicht allzu große Opfer seines Intellekts und Herr Müller-Fulda das Opfer parteipolitischer Loyalität, Handelte es sich für das Zentrum doch einmal um die Glaublmftmachung des bodenlosen Schwindels, daß für das Zentrum wirk» lich politische und.ztogr„st aatserhaltende" Grundsätze existierten, und zum anderen darum, das Mißtrauen der Nationalliberalen, um deren Wohlhilfe in Rhein- land-Westfalen das Zentrum jetzt so brünstig wirbt, zu beschwich- tigen. Freilich wird dem Zentrum weder das eine, noch das andere gelingen, denn was dir„Tägliche Rundschau" jetzt über die Schachermacheien dos Abgeordneten Müller- Fulda im Jahre 1907 erzählt, mutz in der Tat dem Faß den Bdden ausschlagen. Das Blatt berichtet nämlich: „Einen Tag, bevor Müller sein Schreiben an Singer wegen Unterstützung seiner Kandidatur in HerSfeld richtete, am 24. Ja- nnitr 1907, schrieb er an den nationalliberälen Führer in Höckist. Justizrat Häuser: „Heute erhalte ich ein nationalliberaleS Flugblatt, in wel- chem die Gtelle vorkommt:.„Vielleicht gestalten sich, bei den Hauptwahlen die Dinge� im Reiche derart, daß bei uns in der Shchwahi auch die Zentrumswähler wieder als Partei mit uns in offener Feldschlacht gegen den gemeinsamen Feind eintreten können." Sollte dies �wirklich ernst gemeint sein und die Möglichkeit bestehen, daß Watzel, Tarmstadt, Offcnbach, Wies- baden. Höchst, Friedbcrg-BüdiNgen, Hanau, Mainz, Köln, Düffel- darf, Essen, Mülheim, Duisburg, Altena-Jserlohn, Hagen- Schwelm, Erfurt, Eisenach usw. nicht durch das Bestreben. den gegenseitigen Vernichtungskampf zwischen Liberalismus und Zentrum durchzuführen, an die Roten ausgeliefert werden? Dann müßte allerdings eine rasche Entscheidung erfolgen, und es wäre mir t-ann erwünscht, wenn sich der Aus- schuß-Vorsitzende Ihrer Parlei für das GroßheiZoglüm Hessen und Hessen-Nassau mit mir in Verbindung setzen würde." � Häuser ebenso wie der Vorsitzende des hessischen Lande--- ausschuffes der nationalliberalen Partei, Barlling. waren sofort bereit, auf diesen Vorschlag einzugchen und baten dringend um eine Zusammenkunft. Miller telegraphierte am 27..Januar:„B e- s p r e ch u n g c r st 31. 1. 0 7 m ö g l i ch."?lm selben 2 7. Ja- n u a r schrieb Müller den bekannten Pries n de n Genossen Singer, in dem er die Stichwahlhilfe für Hersfeld als nutzlos ablehnte, aber ein Gesamtwahlabkommen als notwendige Konse- auenz der Gesamtlage empfahl. Am Tage daraus telegraphierte Müller wieder dem Nationalliberalen Bartling wegen eines Zeit- Punktes für die Besprechung, lind wieder einen Tag später, am 29. Januar, schrieb Müller ini Auftrag des Wahlausschusses des Zentrums an Singer, daß das Zentrum die Bedingungen für eine Unter st ützung der Kandidaten anderer Parteien denen der Sozialdemokratie angepaßt habe und daß jeder seine„Pflicht tun solle, auch ohne gegenseitige Zusicherung". Wieder einen Tag später, am 39. Januar, tele- graphierte Müller abermals an Bartling, er möge sich wegen weiterer Verhandlungen an Cahensly wenden, obwohl er wußte, daß inzwischen das Wahlbündnis von dem hessischen Wahlausschuß, dem Müller angehörte, abgelehnt war.- Noch immer wußten die Liberalen in Hessen nicht, wie sie daran waren, bis sie ein Flugblatt folgenden Inhalts aufklärte: „Zentrumswähler des Wahlkreises Wiesbaden-Rheingaul Für die Stichwahl am 5. Februar gilt die Parole: Keine Stimme dem Liberalcnl Jede Stärkung des liberalen Blocks bildet eine Gefahr für die Volksrechte, insbesondere für daS Reichstagswahlrecht und verstärkt die Möglichkeit eines neuen Kulturkampfs. Für die Zentrumswähler tann es deshalb nur eine Parole geben: Nieder mit den Liberalen! Tue jeder Wähler am 5. Februar seine Pflicht, dann wird auch diese Gefahr vorübergehen. Fulda, den 2. Februar 1907. R i ch a r d Müller, Mitglied des Reichstags und der Zentrumspartei.. Die Zentrumswähler taten ihre„Pflicht" und wählten Mann für Mann den Sozialdemokraten. War das Vorgehen des Abgeordneten Müller gegenüber Bart- ling schon an und für sich unaufrichtig, so gewinnt es durch die neueren Enthüllungen des„Vorwärts" durchaus nichtanSchönheit. Zur selben Zeit, in der er den National- liberalen ein Zusammengehen gegen„die Roten" als die Forderung des Tages hinstellt, zur selben Zeit schreibt Müller an den Sozialdemokraten Singer, daß die Gesamtlage als notwendige Konsequenz ein Zusammengehen gegen die Re- oktion erfordere. Jedes Urteil über ein solches Verhalten eines Zentrumsführers erübrigt sich.." Jetzt begreift man erst recht, warum alle die schönen An- regungen und vertraulichen Zusicherungen des Herrn Müller-Fulda nur die Privat mogeleien dieses überaus vielseitigen Parlamentariers sein sollen. Schade nur, daß das Zentrum just diesen Blann zum leitenden geschäftsführenden Mit» gl teil seines W a l>!l a u s sich u�s s e s gemacht hatt�. Oder sollte die Betrauung Müller-Fuldas mit dieser Funktion gerade deshalb geschehen sein, weil dieser Herr die Fähigkeit besaß, wie ein Chamäleon in den verschiedensten Farben zu schillern!, Keine Heraufsctzung des Steilerminimnmß! MMÜ4< Nach einer halboffiziosM Meldung ist der Entwurf über die organische Neuordnung der preußischen Einkommen- und Ergänzungssteuern bereits vor einiger Zeit im Finanz- Ministerium fertiggestellt worden und nunmehr dem Staats- Ministerium zugegangen. In diesem Entwurf wird eine A b- äuderung der Steuerdenunzjationspflicht der Arbeitgeber den Arbeitnehmern gegenüber nicht ins Auge gesaßt. Die durch die. i n d ir e k t e n Steuern in der unerhörtesten Weise ausgeplünderten Arbeiter und unte- ren Angestellten werden also auch fernerhin kraft des De- nunziationsparagraphen bis zum letzten Pfennig zur d i» rekten Steuer herangezogen werden. Dagegen wird über Gesetzesbestimmungen, durch die auch Einkommen und Ver- mögen der Besitzenden besser zu erfassen wären, kein Wort gemeldet! Besonders interessant aber ist, daß in dem Regierungs- entwurf auch keinerlei Erhöhung des Ein» komme nm inimums vorgesehen ist, daß also die Ein- kommensteuerpflicht auch künftig, trotz der ungeheuer ge- stiegenen Verteuerung des gesamten Lebensunterhalts, von 900 Mark an beginnen soll. Die Frage, ob es möglich sei, den Beginn der Einkommensteuerpflicht von 900 auf 1200 oder 1500 Mk. heraufzusetzen, sei zwar eingehend geprüft, aber in ablehnendem Sinne entschieden worden, da eine solche Heraufsetzuna für die Staatskasse einen jährlichen Einnahme- ausfall von 17 bezw. von 38 000 000 M. zur Folge haben müßte. Der Regierungsentwurf über die Steuerreform trägt also den Charakter der schlimmsten Klassengesetz-- gebung I_ Das Urteil im neuen Becker-Prozeß lautete auf d r e i M o n a t e G e f ä n g n i s. In der ersten Instanz war Becker bekanntlich zu einem Jahre Gefängnis ver» urteilt worden. Auf die Begründung des Urteils und ein» zelne Episoden der Verhandlung werden wir noch zurückkommen. dngarn. Tcuerungsbekämpfung in Budapest. Die ungarische Hauptstadt hat. gezwungen durch die furcht- bare Not an Kleinwohnungen, seit zwei Jahren 4500 Klein- Wohnungen, zum Teil in Klcinhäusern, erbaut und zum Selbstkostenpreis vermietet, um 30 bis 50 Proz. billiger als die ortsüblichen Mietpreise. Die Pferdefleisch- ausschrotung ist Stadtmonopol, es werden an keinen Käufer mehr als 2 Pfund abgegeben, um Wiederverkäufcr auszuschließen. In 22 Verkaufsstellen wird zum Selbstkostenpreis verkauft. Die seit zwei Jahren bestehende städtische Brotfabrik wird zurzeit auf eine Tageserzeugung von 80 000 gegen bisher 25 000 Kilogramiit vergrößert. Die Stadt errichtet 14 Verkaufsstellen für Fleisch, Bohnen, Erbsen und Schmalz zum Selbstkostenpreis und hat eine 20 Joch große Schienen, und Magazinanlage für die Kohlenversorg nng herstellen lassen. Die 11500 000 Ge- viertklaftcr großen städtischen Grundstücke sollen nach Ablauf der gcgentvärtigcn..Pachtverträge nur noch an.Gemüscgärlncr ver- pachtet werden, die sich verpflichten, ihre Produkte nur aus die Budapest« Märkte zu bringen. perRcn. Englands Vordringen in Südpersie». Bombay, 19. Oktober. Dreihundert Mann K a v a l l e r i e werden am Freitag und Sonnabend auf zwei Dampfern nach Sü.dpersien abgehen, um die dortigen Kansulatswacheu zu verstärken. Die persischen Behörden in Buscha- machen bei der Beförderung und VerproviantieruNg der Truppen Schwierigkeiten. Einem Londoner Blatt wird aus Teheran gemeldet; Tie persische Regierung hat Großbritannien in einer dringenden Note gebeten, die Konsulatswachen nicht zu verstärken, da die persische Regierung bald selbst imstande sein werde, die unsicheren Zustände in Schiras zu beseitigen. GeweHtfcbaftlicbeö* Berlin und Umgegend. Der Streik der Berliner Eisenformer«nd Gießerei- arbeiter! Eine bemerkenswerte Aenderung im Stand des Streiks ist nicht eingetreten. Die Arbeitgeber geben sich große Mühe, ihre Mo- delle in auswärtigen Gießereien unterzubringen. Die aus allen möglichen Orten kommenden Mitteilungen beweisen, daß man mit allen Mitteln zu verstecken sucht, daß die Modells aus Berlin kommen. Unsere auswärtigen Kollegen ersuchen wir, nach wie vor Obacht zu geben und uns stets sofort Mitteilung zu machen, Wenn sich verdächtige Arbeit zeigt. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Regulativ des Arbeitsnachweises der Holzarbeiter. Seitdem durch den Tarifvertrag die obligatorische Benutzung des paritätischen Arbeitsnachweises vorgeschrieben ist, galt es, Widerstände zu überwinden» die sowohl unter den Arbeitern, Haupt- sächlich aber in den Reihen der Arbeitgeber gegen das Obligatorium sich bemerkbar machen. Es gab vielfach Erörterungen und Aus- einandersetzungen zwischen den Vertretern der Parteien über die Grundsätze, an denen beide Teile hinsichtlich der Arbeitsvermitte- lung gebunden sein sollen. Schließlich ist nach längeren Beratungen ein Arbeitsnachweisregulativ zustande gekommen, welches der am Mittwoch abgehaltenen Vertrauensmännerversamm- lung des Holzarbeiterverbandes unterbreitet wurde. Wie der Re- ferent, Arbeitsvermittler G ü t h bemerkte, enthält das Regulativ eigentlich nichts Neues, sondern es bringt mur die zurzeit geltenden Grundsätze in bestimmte Formen. Die wesentlichsten Bestimmun- gen sind folgende: Die Arbeitgeber des Bertragsgebietes sind ver- pflichtet, alle vakanten Stellen an den Nachweis zu melden.— Die beschäftigungslosen Holzarbeiter haben sich auf dem Nachweis per- sönlich eintragen zu lassen und sich täglich zur Kontrolle zu melden. — Die Vermittelung geschieht nach der Reihenfolge der Eingetrag'- nen. jedoch sind besondere Ansprüche der Arbeitgeber zu berück- sichtigen.— Können offene Stellen innerhalb 24 Stunden nicht besetzt werden, so steht den Arbeitgebern frei, sich anderweit Arbeits- krasie zu besorgen. Diese müssen sich aber mit einer Bescheinigung des Arbeitgebers vor Aufnahme der Arbeit eine Vermittelungskarte vom Arbeitsnachweis beschaffen.— Wenn ein vom Nachweis ver- mittelter Arbeiter die nachgewiesene Stelle annimmt, diese aber aus nichtigen Gründen nicht antritt, wird er je nach Lage des Falles drei bis acht Tage zurückgestellt.— Wer in ein Arbeitsver- hältnis vermittelt wird, welches in den ersten sechs Tagen aus be- rcchtigten Gründen wieder gelöst wird, kommt in der Nachweisliste nicht an die letzte Stelle, sondern er wird hinter seine alte Nummer um so viele Stellen zurückversetzt, als neue während seiner Arbeits- dauer eingetragen wurden.— Erkrankt ein Arbeitsloser nach min- bestens einer Woche der Arbeitslosigkeit, so behält er seine Ver- mittelungsnummer bis zur Dauer eines Vierteljahres.— Arbeitslose, die sich drei Tage hintereinander nicht gemeldet haben, verlieren ihre Nummer und werden von neuem eingetragen.— Werden für einzelne Vakanzen bestimmte Arbeitslose von den Arbeitgebern verlangt, so soll diesen Wünschen nach Möglichkeit Rechnung ge- tragen werden, jedoch soll es sich hierbei nicht um zugereiste oder erst in den letzten Tagen arbeitslos gewordene Arbeiter handeln. Ar- beiter, welche ihr Arbeitsverhältnis wegen Krankheit oder mili- tärischer Uebung unterbrechen oder aus anderen Gründen kurze Zeit aussetzen mußten, können ohne weiteres in ihre Stelle wieder eintreten.-—- Bei Streiks in Michtvertragswerkstätten ruht die Ar- beitsvermittelung. Bei Differenzen in Vertragsbetrieben hat sich der Arbeitsnachweis jeder Einwirkung auf die Parteien zu ent- halten, wenn nicht vom Kuratorium andere Anweisungen gegeben werden.— Beschwerden über die Geschäftsführung im Arbeits- Nachweis sind an die Obmänner der Schlichtungskommission zu richten. Aus der Versammlung wurden keine Einwendungen gegen das Regulativ erhoben. Hierauf verwies Glocke auf die neueste, in der Mittwoch- Nv.nmer des„Vorwärts" mitgeteilte Wendung in dem Kampfe in Hamburg. Er bezeichnete es als einen Verstoß gegen den Vertrag, wenn jetzt die Arbeitgeber die aus Hamburg gekommenen gegenwärtig in Berlin beschäftigten Arbeiter entlassen würden. Aus eine Anfrage seitens des Holzarbeiterverbandes hat Ober- mcister Rahardt seinerzeit ausdrücklich erklärt, es sei gegen die Beschäftigung der Hamburger Kollegen in Berlin nichts cinzu- wenden. Wenn die Arbeitgeber jetzt dagegen verstoßen wollen, so wird der Holzarbeiterverband derartige Maßnahmen nicht dulden. Den Kollegen wird zur Pflicht gemacht, dem Verbände zu melden, wenn Hamburger Kollegen entlassen werden, damit er Stellung dazu nehmen kann. Durch die bezeichneten Maßnahmen der Arbeitgeber wird ja an dem Ausgang des Hamburger 5�ampfes, der für die Arbeiter durchaus günstig steht, nichts geändert werden können. Die Arbeitgeber werden ihre Absichten nicht erreichen. Die Berliner Kollegen aber werden den Kampf in Hamburg nach wie vor mit aller Kraft unterstützen. Tabakarveiter, Tabakarbeiterinnen! Es ist etwas schönes um die Solidarität. Solidarität ist das, was die Berliner Arbeiterschaft den kämpfenden Tabakarbeitern entgegenbringt. Solidarität ist aber auch notwendig unter uns selber.' Nicht dauernd soll der Zeiten Ungunst den Menschen niederdrücken. Das erhebende Beispiel, welches die Arbeiterschaft von Berlin uns Zigarrenarbeitern in unserer Aufwärts- bewegung gibt, es muß anfeuernd wirken auf jeden, der jetzt noch zag beiseite steht. Die heilige Verpflichtung müssen wir für uns daraus herleiten. Schulter an Schulter mit unseren Helfern von heute vorwärts zu gehen, vorwärts zu gehen auf dem Wege der Organisation, der Ausbildung wahrer Kollegialität und der Soli- Parität I An Euch, ihr Hunderte von Kollegen und Kolleginnen ergeht der Ruf, an Euch, die Ihr jetzt noch am Wege steht, den das Heer zieht. Schließt Ench an, reiht Euch ein! Meidet jene Elemente, die eS für würdig und ersprießlich halten, in diesen bitterernsten Zeiten Zwietracht zu säen unter den Arbeitern. Diese Leute besorgen ja nur die Geschäfte der Unternehmer. Immer stärker werden unsere Reihen und wir lassen uns nicht mehr hudeln. Denn wir wollen und müssen vorwärts, Di- Resolution des achten deutschen Gewerkschaftskongresses, sie hat den deutschen Arbeiter aus unser Elend aufmerksam gemacht und sie hat uns im Kampfe erhoben. Aber sie legt uns auch die moralische Verpflichtung auf, an unserem Teile an der Organisation mit- zuarbeiten, für dieselbe zu werben und sie stark und stärker zu machen. Das ist die beste Antwort, die wir der organisierten Arbeiterschaft Deutschlands sowie der Berlins geben. Es lebe die Organisation! Hoch der Verband! »» • Die Sperre über die Zigarrenfirma S t a b r e h, dk,, Gleimsir. 10, ist aufgehoben. Dieselbe hat die Tarifforderungen voll bewilligt. Die Zigarrenfirma Heinrich Beyer. Elbinger Str. 13, hat sich mit ihren Arbeitern im Einverständnis mit der Organisation geeinigt, Herr Beyer jrm. teilt uns übrigens mit, daß der Preis von 5,50 per Mille Rollerlohn, der jungst eine Rolle spielte in einem Artikel, schon teit langem auf 6 M. Rollerlohn pro Mille erhöht worden ist. Arbeiter, Raucher! Beachtet die Veröffentlichungen im„Vor- wärts". Kauft nur dort, wo die grünen Plakate, unterzeichnet Alwin Schulze, aushängen. Der Vertrauensmann der Tabakarbeiter. Der Streik im Eafä Nagler am Moritzplatz ist gestern mit «incm vollen Erfolge der Organisation beendet. Auf Grund der vom Verband deutscher Gastwirtsgehilfen mit Herrn Nagler ge- pftogenen Verhandlungen erkannte dieser die Organisation. und den Arbeitsnachweis an. Die bisher bestandenen Abgaben werden abgeschafft. Außerdem werden einige andere Wünsche der Kellner erfüll� Verband deutscher Gastwirtsgehilfen, Eine tarifwidrige Anssperrung. Die Aussperrung bei der Firma C. L o ch b a u m, Photo- rahmenfabrik, Sebastianstratze 14, beschäftigte am Mittwochabend zum wiederholten Male die Schlichtungskommission für die Album-, Mappen- und Galantericwarenindustrie. Anfang Juli wurde ein neuer Tarifvertrag für diese Industrie geschassen, der auch sofort in Kraft trat. Die bei der Firma C. Lochbaum beschäftigten Mitglieder erhoben auch ihrerseits An- spruch auf die in diesem Vertrage festgesetzten höheren Löhne, wur- den aber von dem Firmeninhaber wochenlang hingehalten. Am Sonnabend, den 12. August, wurde eine Kommission der Arbeiter- erneut vorstellig. Anstatt nun endlich den Arbeitern den taris- lichen Lohn zu gewähren, entschloß sich Herr Lochbaum, seinen Be- trieb von den Verbandsmitglicdern zu säubern und entließ sie sämtlich, 1ö an der Zahl, am Schlüsse des Arbeitstages. Diese Aussperrung seiner Mitglieder ließ sich der Buchbinderverband nicht gefallen. Er erhob Klage aus Grund des Tarifvertrages bei der � Schlichtungskommission. Diese ließ sich zunächst Zeit mit ihrem Zusammentritt. Erst nach einundeinerhalben Woche fand die erste Verhandlung in den Räumen des Gewerbcgerichts statt. Sie verurteilte zunächst die Firma, sämtliche Ausgesperrten wieder einzustellen und zwar bei gleicher Beschäftigung an ihren alten Arbeitsplätzen zu tariflichen Löhnen. In einer weiteren Sitzung wurde über die Lohn- und Entschädigungsansprüche der Arbeiter und deren Organisation verhandelt. Die Forderung auf Nachzahlung der in der Zeit vom 1. Juli bis 12. August zu wenig gezahlten Lohnbeträge in der Gesamtsumme von 106,14 M. wurde von der Beklagten anerkannt. Ueber die Entschädigungsansprüche der Arbeiter für den Lohnausfall während der Aussperrung und die Forderung des Verbandes auf Erstattung der den Ausgesperrten gezahlten Unterstützung wurde am Mittwoch nach ausführlicher Verhandlung und eingehender Beweisaufnahme dahin entschieden, daß die geltend gemachten Ansprüche für neun der ausgesperrt gewesenen Arbeiter und Arbeiterinnen berechtigt seien, weil diese Arbeiter als gemaßregelt zu betrachten wären. Die Ent- lassung der übrigen sechs habe die Schlichtungskommission auf Grund der Beweisaufnahme für berechtigt gehalten, da ihr Ver- halten ein derartiges gewesen sei, daß der Beklagten nicht zu- gemutet werden konnte, sie noch zu beschäftigen. Vier Arbeitswillige hatten unter ihrem Eide bekundet, daß diese sechs die anderen Arbeiter zum Langsamarbeiten aufgefordert hätten, damit, wenn es zu einem Streik kommen sollte, nicht soviel Vorrat vorhanden sei. Diese Aeußerungen stan- den übrigens nur in Verbindung mit der von dem Arbeitgeber- verbände vor dem 1. Juli angekündigten Aussperrung, die für den Fall vorgenommen werden sollte, daß es zu einer Tariserneuerung nicht kommen sollte. Die Verneinung der Maßregelung der sechs durch die Schlichtungskommission ist deshalb geradezu unverständ- lich. Beide Organisationen wollen sich mit dieser Entscheidung nicht zufrieden geben und an die Berufungsinstanz, das Einigungs- amt des Gewerbcgerichts, gehen. Die Tarifbewegung in der Damenkonfektion. Die Zwischenmeister der Damenkonfektion versuchten bekannt- lich schon im vorigen Jahre, die Konfektionäre für den Abschluß eines Minimaltarifes zu gewinnen, wobei allerdings nur die billigsten Genres berücksichtigt waren. Die Konfektionäre erklär-. ten die tarifliche Regelung für eine Unmöglichkeit, und die Be- wegung ist dann scheinbar im Sande verlaufen. Aber seitdem hat sich in den Kreisen der Zwischenmeister immer mehr die Erkennt- nis Bahn gebrochen, daß sie allein schwerlich imstande sein werden, den Konfektionären einen festen Tarif abzutrotzen, sondern daß sie dazu der Mithilfe ihrer Arbeiter und Arbeiterinnen bedürfen, was natürlich zur Voraussetzung hat, daß auch die Lohnverhältnisse dieser Partei aufgebessert und tariflich geregelt werden. Daß die Durchführung eines Minimal-Preistarifes unmöglich sein sollte, halten sowohl die Zwischenmeister wie die Arbeiter und Arbeite- rinnen für nichts als eine Ausrede der Konfektionäre, mit der sie über die ganze Sache hinwegzukommen suchen. Inzwischen hat eine gemeinsame Kommission von Vertretern des Arbeitgeberver- bandes für das Damenschneidergewerbe, des Verbandes der Schnei- der und Schneiderinnen sowie des Gewerkvereins der Heimarbeite- rinnen einen Minimalpreis- und Lohntarif ausgearbeitet, in dem sowohl die Preise aufgeführt sind, die der Konfektionär für die verschiedenen Stücke und besonderen Arbeiten zu zahlen hat, wie auch der Arbeitslohn und dann die Spesen sowie der Nettoverdienst, und zwar in fünf Tarisklassen. Gestern abend fand nun in Kellers Konzerthaus eine von den drei Organisationen einberufene öffentliche Versamm- lung für die Damenkonfektion statt, um zu den For- derungen Stellung zu nehmen und über den einzureichenden Tarif zu beschließen. Als Referenten sprachen Herr D r e w s vom Arbeit- geberverband, Kunze vom Schneiderverband und Fräulein B e h m vom Gewerkverein. Sie sowohl wie die ihnen folgenden Diskussionsredner ließen keinen Zweifel darüber, daß man sich nicht etwa mit prozentualen Erhöhungen der Preise— durch die eine Besserung der elenden Verhältnisse nicht herbeigeführt werden kann— abspeisen lassen wird, sondern unter allen Ilmsländen eine feste tarifliche Regelung verlangt und, wenns sein muß, alle zur Erreichung dieses Zieles erforderlichen Mittel anwenden wird. Die Versammlung erklärte. sich schließlich einstimmig dafür, daß der Tarifentwurf der Kaufmannschaft vorgelegt wird. Antwort wird bis zum 1. November verlangt; fällt sie ablehnend aus, so hat die Kommission über die weiteren Schritte zu beraten, und sodann werden wiederum in öffentlicher Versammlung die nötigen Be- schlüsse gefaßt werden. Deirtkefies Reich. Zur Lohnbewegung in der Bielefelder Metallindustrie. In der mit den fünf größten Betrieben getroffenen Vereinbarung fand besonders der Wegsall der Frühstückspause bei den Arbeitern großen Widerstand, obgleich das Frühstückeinnehmen bei der Arbeit gestattet war. Nunmehr haben die Unternehmer diese Bedingung fallen gelassen; es bleibt also die Frühstückspause von Vi Stunde bestehen. An Sonnabenden wird 8 Stunden, von 6'/Q bis 23/1 Uhr mit einer einviertelstündigen Frühstückspause gearbeitet. Der Ver- kauf von Nahrungs- und Genußmitleln in den Fabriken wird ver- boten. Zu der Vereinbarung nahmen am Mittwoch auch die Arbeiter der übrigen Betriebe Stellung; es sind deren 39 mit rund 3009 Arbeitern. In fünf gut besuchten Versammlungen erklärten sich die Arbeiter für die Unterbreitung der Vereinbarung an samt- liche Fabrikanten, um zu einheitlichen Arbeitsverhältnissen in allen Betrieben zu kommen. Erklären sich, was zu erwarten ist, die In- Haber dieser Betriebe für die Vereinbarung, dann gilt diese für rund 11 009 Arbeiter Bielefelds und seiner näheren Umgebung. Zur Lohnbewegung in der Dresdener Schokoladen- und Zuckerwarenindustrie. Die Dresdener Fabrikanten scheinen in ihrer Not die Stellen- vermittler der Städte, aber auch des Landgebietes in Bewegung gesetzt zu haben, um ihnen Streikbrecher in Masse zu verschaffen. Denn es kommen jetzt Leute in Masse in Dresden an, die bisher in der Landwirtschaft, in Ziegeleien usw. beschäftigt waren, die in Unkenntnis der Verhältnisse sich als Arbeitswillige verschicken ließen. Wenn es auch bisher gelang, durch die Streik- Posten fast alle diese Leute wieder zur Abreise zu bewegen, so ist es doch eine dringende Notwendigkeit, daß die Arbeiterschaft aufFernhaltung desZuzugs achtet. Der Bäckerverband appelliert an die organisierte Arbeiterschaft, die Streikenden in diesen: schweren Kampfe gegen Kapitalistenübermut, bei dem es sich darum dreht, für Arbeiterinnen Stundenlöhne von IL bis zu 23 Pf., und für Arbeiter solche von 23 bis zu 32 Pf. zu erringen, dadurch zu unterstützen, daß überall für strengste Fernhaltung des Zuzuges ge- sorgt wird! Der Kampf steht sehr günstig, 2820 Männer und Frauen stehen im Streik und die Mehrzahl der bestreikten Betriebe ruht vollständig, während 1202 Personen in fünf Fabriken zu neuen Bedingungen arbeiten. Bewilligt haben die Firmen Wafselfabrik Gebr. Hör- mann, Waffelfabril Heidemann, Schokoladen- und Zucker- Warenfabrik Selbmann, desgleichen Gerling». Rock st roh und Hering._ Christlich-Hirsch-Dunckersche Gewerkschaftsarbeit. Eine derbe, aber berechtigte Kritik übt Dr. med. Alfons Fischer-Karlsruhe im„B. T."(Nr. 525) an der Tätigkeit der Ge- sellschaft für soziale Reform in Verbindung mit den Christen und Hirschen. Der bisherigen Tätigkeit der Gesellschaft zollt der Ver- fasser hohe Anerkennung, um so schwerer fällt seine Kritik ins Gewicht. Er hatte bei ihr angeregt, den Reichstag zu interessieren, daß er gegen die Erneuerung der skandalösen Ausnahmcbestim- mungcn betreffend die Nachtarbeit jugendlicher Personen Stellung nehme. Durch Bundesratsverordnung ist nämlich das Verbot der Nachtarbeit Jugendlicher zum Teil illusorisch gemacht. Sie stipu- licrt Ausnahmen für Glashütten, Hammer- und Walzwerke sowie Steinkohlenbergwerke. Ohne eine energische Kundgebung des Reichstages ist kaum zu erwarten, daß der Bundesrat den kategori- scheu Willen der Großindustrie auf Verlängerung ihres Privi- legiums sich widersetzen wird. Daher muß es befremden, daß die Gesellschaft für soziale Reform— bei der die Christen ja Hahn im Korbe sind— der Anregung nicht entsprochen hat. Sie be- gnügte sich vielmehr damit, nur an den Bundesrat Eingaben zu machen, lind diese Politik der„weißen Salbe" haben die Christen und Hirsch-Dunckerschen mitgemacht. Was aber ganz besonders befremden muß, ist die auffällige Tatsache, daß in den Eingaben nur um die Beseitigung der Nachtarbeit in den Walz- und Hammer- werken gebeten wird. Damit haben die Christen und Hirsche der Nachtarbeit Jugendlicher in Glashütten gewissermaßen ihren Segen erteilt. Hält man, im Gegensatz zu Aerzten und Sozial- Politikern, die Nachtarbeit in Glashütten vielleicht für eine Er- holung und Gesundheitsstärkung. oder fürchtet man, die Glaskönige müßten ohne das Recht der Ausbeutung Jugendlicher auch während der Nachtstunden bankerott machen? Der Vorgang zeigt wieder mal, was die Arbeiter von den Christen und Hirsch-Dunckerschen zu erwarten haben.— Weiße Salbei Husland* Die Wiener Telephon- und Telegraphenarbeiter sind in eine schon sehr notwendige Lohnbewegung eingetreten. 15 M. wöchentlich ist bei diesen Staatsarbeitern heute schon ein hoher Lohn. Sie fordern auch Regelung ihrer Rechtverhältnisse und feste Anstellung nach 7jähriger Dienstzeit. Der Reichsratsabgeordneet Genosse Domes, Sekretär des Metallarbeiterverbandes, sprach in einer großen Versammlung unter großem Beifall. Niemand for- derte ihn auf, die Versammlung zu verlassen. Erfolge der dänischen Gewerkschaftsbewegung 1919. Obwohl in Dänemark eine sehr starke und kampflustige Unternehmerorgani- sation besteht und trotz der wirtschaftlichen Schwächung der Ar- beiterschaft durch eine langwierige Krise sind im Jahre 1910 doch recht ansehnliche Vorteile durch die dänischen Gewerkschaften er- zielt worden. Nach dem dänischen Jndustriebericht waren an den errungenen Vorteilen folgende Berufe und Berufsgruppcn be- teiligt: 130 Zuckerwarenarbeiter, 400 Schlächter, 800 Braucrei- arbeiter„ 4500 Zigarren- und Tabakarbeiter und. 350 Kau- iabakarbeiter, 55 Hutmacher, 1300 Maler, 180 Stellmacher, 700 Sattler und Tapezierer, 10 000 Maschinenbauer, 1400 Former, 65 Elektroarbeiter, 500 Buchbinder, 160 Mühlenarbeiter, 360 Bött- cher sowie 90 Vergolder und 150 Schiffszimmerer. Im ganzen beträgt die für 19 375 verschiedene Berufsarbeiter erreichte Lohn- erhöhung 1119 190 Kronen, und außerdem- wurde für 13105 Ar- beiter die tägliche Arbeitszeit um eine halbe Stunde verkürzt, und für 65 um eine volle Stunde. Im übrigen wird in dem Bericht noch mitgeteilt, daß 7226 ungelernte Arbeiter, ohne nähere Angabe der Berufszugehörigkeit, Lohnerhöhungen erzielt haben, die im Jahre 421 535 Kronen ausmachen. Die Statistik ist jedoch in dieser Hinsicht mangelhaft, so daß die tatsächlich erreichten Vorteile jeden- falls größer sind, als nach den vorliegenden Zahlen anzunehmen wäre. Der Streik im Secfischcreibeiriebe zu Dmuiben ist nun vM neuem ausgebrochen, und die Vereinigung von Reedern der Fischereifahrzeuge hat die Arbeitsniederlegung mit einer allge- meinen Aussperrung beantwortet. Gegenwärtig liegen bereits 33 Dampfboote im Fischereihafen von Dmuiden still. Die Behörden scheinen schon wieder einmal von Furcht vor Streikunruhen bef-illcn zu sein, denn man hat die Ortspolizei durch Gendarmerie verstärkt, obwohl irgend welche Unruhen nicht vorgekommen sind» Hetzte Nachrichten« Der Streik der böhmischen Textilarbeiter. Prag, 20. Oktober.(W. T. B.) Der Lohnkampf der Textil- arbeiterschaft hat in den letzten zwei Tagen an Ausdehnung zugenommen, da auch ein großer Teil der Arbeiterschaft in den Betrieben des Königinhofer Bezirkes in den Ausstand getreten ist. Die Verhandlungen, welche in N a ch o d zwischen Unternehmern und Arbeitern gepflogen wurden, haben insofern zu einem positiven Resultate geführt, als im Prinzip eine Lohnerhöhung ia Aus- ficht gestellt wurde. Erdrutsch in einem Bergwerk. Möns, 20. Oktober.(Pr.-Tcl.) In den Kohlenbergwerken von Courbevoix ereignete sich heute ein Erdsturz. Bier Arbeiter sind verschüttet worden. Ei» Arbeiter ist tot, drei find tödlich verletzt worden._ Großfeuer in Russisch-Polen. Warschau, 20. Oktober.(Pr.-C.) Aus Szruck ist die Nach- richt eingetroffen, daß in der Stadt ein furchtbarer Brand zum Ausbruch gekommen ist. Die halbe Stadt ist niedergebrannt. Das Krankenhaus. Postgebäude und Rathaus sind voll- ständig eingeäschert worden. Besonders schreckliche Szenen spielten sich in dem K r a n k e n h a u s. in dem sich sehr viele Kran- ten befanden, ab. Halb bekleidet versuchten sie die Treppe hinab- zustürmen. Viele von ihnen sprangen in der Verzweiflung auS den Fenstern auf die Strasse hinab. Die Berlustc an Menschenleben sind sehr gross. Das Postgebäude sowie das Rathaus sind mit allen wichtigen Akten niedergebrannt. Aus P I o ck wurde Militär zur Hilfeleistung herbeigezogen. Der Schaden ist ungeheuex, Ein griechischer Bischof ermordet. Saloniki, 29. Oktober.(W. T. B.) Der von Räubern Überfallene und entführte griechische Bischof von Greven« Emilianus wurde samt seinem Vikar, einem Gehilfen, einem Kawassen und einem Diener eine Stunde von Grevenn entfernt ermordet auf» gefunden._________ Paul Singer Co., Berlin L�V. Hierzu 3 Beilagen u.Unterhaltungsbk. Lerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.i Th> Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdr.u, Verlagsanstalt jt 247. 28. i Ktilage iles„Wmllrts" Serlilter UvldsdlM. Reichstag. 1S8. Sitzung. Freitag, den 20. Oktober, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratZtische: Delbrück. Die erste Beratung des Entwurfs eines Versicherungsgefetzes für Privntangestellte wird fortgesetzt. Slbg. Trimborn iZ.): Der Entwurf ist die Krönung und Ergänzung unserer ganzen Versichcrungsgesctzgebung, feine Verabschiedung ist die wichtigste Aufgabe dieser Session und wir werden alles tun, ihn zur Verabfchie« dung zu bringen. sBravo! im Zentrum.) Nicht weniger als zwei Millionen Angestellte sollen in die Versiche- ning einbezogen werden. Somit stellt dieser Entwurf ein Stück Mitlelstaudspolitik dar. Ter neue Mittelstand verdient ober auch diese Fürsorge, stellt er doch die Unterführer in Handel, Industrie und Landwirtschaft. Im grosten und ganzen werden wir das Gesetz s v annehmen müssen, wie es vorliegt; ein- schneidende Llendcrungen werden wir nicht daran vornehmen können. Wir beantragen die Vorlage der Kommission zu überweisen, die die ReichSversichc- rungSordnung beraten hat. Parteipolitische Gesichts- punkte sollten bei diesem Gesetz nicht in den Vorder- grund geschoben werden, um die Verabschiedung des Gesetzes in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit nicht zu gcsährde».(Bravo! im Zentrum.) Abg. Freiherr v. Richthofcn(k.): Wir sind uns der groben Bedeutung des Entwurfs bewubl; es werde» damit neue Bahnen beschritten. Im allgemeinen bin ich mit dem Vorredner einverstanden. Redner geht aus Einzelheiten der Vorlage ein, bleibt aber auf der Tribüne unverständlich. Dem Antrag auf Beratung des Gesetzes in der Neichsversicherungsordnungs- kommission schlieben wir uns an. Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Der Entwurf hat mehr Gegner gefunden, als man ursprünglich annehmen durfte. Und unter den Gegnern befinden sich recht Bedeutungsvolle und Einflubreiche. die auch einen üblen Einflub auf die Verhandlungen der Kommission für die Reichsversichcrungsordnuug ausübten; ich kann daher die Befürchtung nicht unter- drücken, da b auch jetzt wieder dieser üble Ein- f l u b sich geltend nr a ch e ir könnte. Doch hoffe ich, dab die prinzipielle Gegnerschaft nicht durchdringen wird, sondern dab die Wünsche der Privatangestellten mehr Berücksichtigung finden werden und die Vorlage entsprechend geändert wird. Man hofft durch die besonderen Einrichtungen dieser Ver- ficherung die Privatangestelltcn der Sozialdemokratie zu entziehen. Eine uns zugegangene Denkschrift des Zentral» auSschusicö der Prinzipalsverbände sagt dazu, dab der Entwurf nur Enttäuschung und Verbitterung hervorrufen wird und dab weite Kreise der Privatangestellten dadurch auch politisch ver- ärgert würden. Ich halte diese Meinung nicht für ganz unberechtigt, denn ich teile nicht die Ansicht der beiden Vorredner, dab der soziale AuSschub. der Hauptausschub, mit seinen Lorschlägen sehr weit gegangen ist, ich glaube vielmehr, er hat sich große Reserve auferlegt und nur das mindeste gefordert, was gefordert werden muH. Es ist mir aber gleichgültig, aus welchen Gründen diese Vorlage in den Reichstag gekommen ist. ob etwa aus politischen Gründen in Rücksicht auf die vorstehenden Wahlen, um der Sozialdemokratie das Wasser etwas abzugraben. Für mich steht in dieser Frage die Sache obenan und der Wunsch, dab aus � der Vorlage etwas wird, was den Wünsche lt der Angestellteil entspricht.(Zustimiilung bei den Sozialdemokraten.) Wie die erwähnte Denkschrift der Prinzipale von einem gewissen Verärgertsein der Beamten spricht, so stellt auch die„Deutsche Jndustriebeamtcn-Zeitung" in der Nummer vom 49. Mai d. I. bei der Besprechung der Reichsversicherungsordnung fest, dah an der Ablehnung aller Forderungen der Angestellten alle Parteien Rleines fcuillcton» , �A»s Briefen Franz Liszts. Am 22. Oktober ivor 100 Jahren) tst Franz Lifzt geboren worden. Ein paar Stellen aus seinen Briefen zur Ebarakterisiit des Mannes und der Kunst in unseren Zeiten: Fch kann Ihnen nicht sagen, welchen heftigen tiefen und innigen Impuls mir diese so l e b cji d i g e i, Gedichte gcgbcn haben! Es wäre mir sogar unmöglickl. Ihnen darüber ein banales Kompliment auszusprechen. Genug, daß sie die ersten, ich möchte sagen die einzigen waren, die mich zu vielleicht verunglückten Vokaltom- Positionen angeregt haben. �(An Hcrwcgh 1842.) Heutzutage weniger als je darf man sich schmeicheln, der Kunst förderlich zu sein, während man bloß darin macht und nach- m a ch t� sie betreibt, wo nicht vertreibt, damit herum- tändelt und dabei, wie so üblich, spekuliert und schachert. Schöpsen und Schaffen ist das Wesen der Kunst.(An Gutzkow 185S.) * T«r Strom der Angewohnheit und die Sklaverei des Künstlers, der zur Erhaltung und Verbesserung seiner Existenz und seines Renommees auf den Zuspruch und den Applaus der Menge ange- wiesen, ist so bändigend, daß es selbst den Bcssergefinnten und Mutigsten, unter welche ich den Stolz habe, mich zu rechnen. äußersl schwierig wird, ihr besseres Ick vor allen den lüsternen, ver- w'orrcnen und trotz ihrer großen Zahl unzurechnungsfähigen Wir zu wahren.-(An Wasielewsii 1857.) * Wäre nicht überhaupt das beste Ilcsultat der Kritik, zu neuem Schaffen anzuregen?(An Rcinickc 1849.) Pcrsönlichkeitsfeststellung durch Aingerabdrücke. Die Methode der Persönlichkeitsfeststellung durch Fingerabdrucke wurde von dem vor eikiigen Monaten verstorbenen Sir Francis Galton erfunden; der Franzose Bcrtillo», der Galtons System verwertet und ver- breitet hat, ist nicht, wie oft angenommen wird, der Urheber dieser unter dem Namen Daktyloskopie bekannten Methode zur Wieder- crlennung rückfälliger Verbrecher Der Fingerabdruck so liest man in der italienischen Zeitschrift„Minerva"— ist eine so kom- plizicrte vsache, daß man einen solchen Abdruck, Ivenn man ihn analysieren ivill, ohne sich zu irren, in Unterabteilungen zerlegen muß. In einem jüngst an französische Akademie der Wissen- fchaftcn gerichteten Bericht teilt B Balthazard den Fingerabdruck rii hundert kleine Quadrate, und zwar so. daß jedes von diesen Quadraten etwas Besonderes ausweist Wenn zwei Abdrücke gleich sein sollen, müssen dieselben Besonderheiten sich an derselben Stelle befinden, und die Wahrscheinlichkeit zwei solcher Abdrücke zu finden, beträgt 1 bei einer von sechzig Nullen gefolgtc» 1. Will man nun gar berechnen, wie gros; die Wahrscheinlichkeit ist. zwei Menschen mit zehn gleichen Fingcrabdruckzcichcn zu finden, so muß man schon an hyperbolische Zahlen, die sich gar nicht mehr aussprechen lassen, denken. Findet man bei einem Fingerabdruck 17 Einzelheiten, die mit Einzelheiten eines früher einmal gcnom- schuld seien mit Ausnahnle der Sozialdemokratie und stellenweise der Fortschrittlichen Volkspartei; die technischeil gestellten müßten die Abgeordneten zur Verantwortung ziehen; die Mehrheitsparteien hatten es nicht ciiimal für nötig gehalten, die Gründe ihres Verhaltens anzugeben, und damit der Gesamtheit der Privatangestelltcn eine unerhörte Beleidigung znge- fügt; wem, sie bei den Wahlen un, die Stimmen der Angestelllen buhlen, so müssen diese ihne» mit aller Deutlichkeit sage», daß die Angestellten sich ihrer Bedeulnng bewußt seien und eine anständige Behandlung verlangten. Auch der Bund der tcchinsch-iiidustriclle» Beamten hat die Stellliilgiiahine unserer Partei bei der Reichsver- sicherungSordniuig gewürdigt und unsere Tätigkeit anerkannt. Herr Trimborn sagte, es handele sich hier u», den„euei, Mittelstand. Es ivar mir interessant, daß der neue Mittelstands- verband, der in diesem Jahre in Dresden gegründet wurde, diesen neuen Mittelstand ausdrücklich von der Aufnahme ausgeschlossen hat. Charakieristisch ist die dort gefallene Aeußerung: die ivichügste Forderung des Mittelstandes ist: Schluß mit der krank machende» Sozialpolitik.(Hört! hört! bei de» Sozialdemokraten.) Ich verweise auch auf eine Aeußerung der„Werkmeister-Zcitung". des Organs der Werlmeisterorgaiiisation, welches mit Bezug auf de» Abgeordneten Pauli- Potsdan, sagt: er ist Handwerker und Vertreter reiner menen Fingerabdrucks übereinstimmen, so kann man in der Praxis ohne weiteres annehmen, daß es sich um ein und dieselbe Person handelt; ein Irrtum kann bei 17 Milliarden Fällen nur einiiial vorkommen. Es gibt aber bekanntlich in der ganzen Welt nicht mehr als eine Milliarde und 500 Millionen Menschen. Und doch soll i»an einmal zwei Individuen gefunden haben, die mehr als dreißig gleiche Einzelheiten auswiesen: es handelte sich aber um ein Zwillingspaar. Drakonischer Vogelschut?. Auf dem Gebiete des Vogel- schutzeS haben die Amerikaner das alte Europa weit hinter sich gelassen. Erst im vergangenen Jahre hat das Parlament von New Vork ein Gesetz genehmigt, das den Verkauf und das Tragen von Reihcrfedern mit schweren Strafe» belegt. Mit de», 1. Oktober dieses Jahres ist dieses Gesetz nun in Kraft getreten und die Behörden sorgen mit der größten Strenge dafür, daß seine Bcstim- mungen inngchalten werden. In den letzten drei Wochen ist es auch mehrfach zu Zwischenfälle» gekommen,»»d jetzt ist die Staats- anwaltschaft gegen einen New Uorkcr Kaufmann eingeschritten, der in einer Zeitung Nciherfcdcrii annonciert hat. Es wurde festge- stellt, daß der bctresfcndc Kaufmann tatsächlich Reihcrfedern ver- taufte, und das Ergebnis war die sofortige Verhaftung. Mit vieler Mühe konnte der Angeklagte durch Hinterlegung einer Kaution von 2000 M. seine vorläufige Freilassung crlaiigcii. Die Strafe», die das Gesetz für das Tragen und den Verkauf von Rciherfedcrn vor- sieht, sind außerordentlich streng. Wer Reihcrfedern zum Verkauf anbietet, wird mit einer Geldstrafe von 240 M. und mit einer weiteren Strafe von 100 M. für jede bei ihm vorgcfuiidcnc Reiher- fcdcr belegt. Trotz dieser drakonischen Bestimmungen hat das neue Gesetz den Beifall aller Vogelfrcunde gesunden, wird cS doch das Seinige dazu beitragen, die völlige Ausrottung einer interessanten Vogclart zu verhindern, die durch die modernen Frauciihutmodcn bereits an die Grenze der Vernichtung getrieben ist. Theater. Königliches Schauspielhaus:„Ter Bettler von Syrakus", Tragödie von Hermann Suder mann. Aus dem dornigen Gebiet des modernen Dramas, in dem die Er- findung sich der Kontrolle des die Möglichkeiten und Wahrschein- lichkeiten, den psychologischen Zusammenhang der Motivierung nachprüfenden Verstandes untenvcrfen muh, ist Sudermann ins freie Land der Sagen umgesiedelt, wo„ach solchen Klcinig- leiten weniger gefragt wird. Genug, wenn es blitzt und donnert. Darauf versteht er sich so gut wie Wildcnbruch, er hat dasselbe Bühlicnteniperamcnt, de» gleichen unbekümmert auf den Effekt losstürmenden Elan. Das zeigten seine„Strandkindcr", mit denen er, der einstmals als Naturalist Verfemte, seinen Einzug in das Königliche Schauspielhaus hielt, das zeigte von neuem der „Bettler von Syrakus". Nichts hält in den« Gewebe dieser Handlung, die zu der Zeit der Kämpfe Karthagos mit Sizilien spielen soll, der näheren Ueberlcgung stand. Die Voranssetzungen sind, wofern man sich die Griechen vor zweitausend Jahren als uns ver- wandte, vcrstandbcgabte Menschenwescn vorstellt, ebenso unmöglich I Haiidwerkcriuteressm, hoffentlich sieht auch ihn der neue Rcickistag nickt iv i e d e r. ES scheint also in den Kreisen der Aiigestellleii sich 1 langsam eine Klarheit über die sozialpolitische Stellung der Parteien im Reichstag durchzuringen. Wenn ich mich zu den Gegner» des Ent» Wurfs wende, so ist bcachtenSivert, daß der Zcntralvcrband deutscher Industrieller da an erster Stelle rangiert. Er hat auf einmal gefunden, daß cS zweckmäßiger sei, die Jilvalidenversicherung weiter auszubauen; gleichzeitig freut er sich aber, daß der sozialdemokratische Antrag, die Lohnklasje» zu eriveitern, abgelehnt wurde. Dabei ist dieic Erweiterung der Lohnklasseu doch die Voraussetzniig für die Angliederung der Versicherung der Privataugestelltcu au die Jilvalidenvcrsicheruug. Danach kann mau wohl annehmen, daß es dem Zentralverband angenehm wäre, wenn cinc Versicherung der Privatangestellten überhaupt nicht z u st a n d e kommt. Gegen die �ondcrkasse, die der Entwurf vorsieht, haben sich neben dem Zentralverband auch eine große Zahl von Handels« l a»i in e r n ausgesprochen; ich eriniiere nur an die Dcnkschnfi der Arbeitszeutrale für Privalbeamtenversicherung. Es wird da ausgcsübrt, daß durch die Angliederung an die Jiivalidenversichcruiig höhere Leistungen zu erzielen seien. Die Grundlogen der Berechnung in der Regicruiigsvorlage in bezug auf die Wirkungen der Belastung sind van Dr. I a c o b s o h n einer eingehenden Kritik unlerzogc» ivorden, welche wie der weitere Verlauf. Dafür(jibt er Bilder, die im Augenblick de» Zinn gefangen nehmen, ja, die darüber hinaus durch farbig- beziehungsreiche Kontrastierung der Gegensätze zuweilen einen Schein symbolischer Bedeutsamkeit erhalten. Ter Bettler von Syrakus ist ein Mann, dem die Stadt die Rettung vor dem Angriff der Karthager zu danken hat. Sein Plan, den Feind in einem Felsenkessrl zu vernichten, wurde ver« rate», das Griechenhecr umzingelt; aber seine Hcldcnkraft errang trotz alledem damals den Sieg— doch nicht de» Ruhm, von dem er träumte. Verwundet fällt er den Karthagern in die Hände. Sein Freund Arratos, der Verräter, verleumdet sein Gedächtnis bei dem Volk, usurpiert des Sieges Ehre für sich selbst. Er cr- schleicht die Krone und ehelicht die Frau des Totgeglaubten. � Ein Blinder, der von Almosen sein armes Leben fristet, kehrt Lykon»ach zehn Jahren aus den karthagischen Gefängnissen heim: Nack)« zu üben und den Ruhm zu fordern, der ihm gebührt. Hilter die Bettler der Straße gemengt, erwartet er den Festzug des Tyrannen. Er schleudert ihm den Nanicii Lykons, des im Kerker schmachtenden Siegers, unter dem Jubel des Volkes ins Gesicht. In theatcrmäßig wirksamer Steigerung wird dies Mvtiv der Kon- trastierung>veitcr durchgeführt. Seiner Frau, seinen Kindern erzählt der Blinde von dem unglücklichcn Feldherr», die schatten der Veraa»genl?eit heraufbeschwörend. Im Sohn regt sich die Scham, daß cr des großen Vaters so lvcnig würdig sei. Ee lädt den Fremden in den Kreis seiner gedankenlose» Zechgcnosscn, und der seltsame Gast schafft sich Gehör. Seine Schilderung, uüc er au Lykons Seite kämpfte, zwingt die jungen Leute, die mit leichtlebigen Frcuudinnc» ein Fest des Bacchus und der Venus feiern Ivollteu. i» einen Taumel der Begeisterung. Als Mago, der Karthager und Günstling des Arratos, Auslieferung des Alten verlangt, wird er von einem zerlumpten Bettlerricscn, Lykons unzertrennlichem Begleiter, erschlagen. Zu Heller Lohe flammt die Rebellion auf. Zum zweiten Male befreit der Blinde seine Vaterstadt, indem er die Tyrannenherrschaft stürzt und die karthagischen Schiffe aus dem Hafen treibt. Den schwer Verwundeten trägt das Volk in de» Palast. Der Usurpator tötet sich. und der Blinde ilimmt das Geheimnis seines Namens schweigend mit ins Grab, im Sterben fällt die Eitelkeit der Ruhmsucht von ihm ab. Dem Publikum schien die skrupellose Thcatralik der Szenen zu gefallen, es applaudierte mit großem Eifer. Herr Clciniug, das neue Mitglied des Schauspielhauses, bot in der Titelrolle eine virtuose Leistung. Pohl spielte den König, Frau Rosa Poppe sciiic Gattin. Krau ß neck den herrisch-grausamen Karthager. Sonst wäre noch �raulein T h i m i g z» nennen, die in der Episodcnfigur von Lykons Tochter durch einfache Natürlichkeit und Anmut überraschte,.vie Inszenierung war reich und glänzend. cit. Notizen. — Jena oder S e d a n, der bekannte Roman Franz Adam B e y e r l e i n S, ist soeben im Verlag der Vita in einer neuen Auflage erschienen und hat damit eine Verbreitung von 250 000 Exemplaren erreicht. zeigt, tinft diese Gnmdlagen völlig unzureichend sind. So legt die Vorloge dar, daß in der Lohnklasse bis zu 3000 M. eine Mehrbelastung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer von rund 79 Millionen Mark eintrete, wozu noch die Mehrbelastung durch die Einbeziehung der Angestellten bis zu 2000 Mark Gehalt mit Millionen trete, so daß in Summa durch die Angliedernng an die Reichsversicheruitgsordilung eine Mehrbelastung von 103 Millionen Mark entstehen würde. Dazu kommt die Vorlage aber nur in der durchaus unrichtigen Voraussetzung, daß gar kein Versal der Beiträge eintrete» würde. Weiter ruht die Berechnung au den Ergebnissen der Kruppschen Betriebskrankenkasse, Mit Recht führt Dr. Jacobsohn dagegen an, daß die Kruppscheu Löhne nicht allgemein als Durchschnittslöhne für Deutschland gelten können, Die Vorlage kommt so zu dem falschen Ergebnis, daß sie in der Lohnklasse von 1500 bis 3000 M. eine Zahl von Personen enthält, die um 170 Prozent höher ist, als überhaupt Zensite» in der Ein kommensteucr in Deutschland vorhanden find. Solch schwerer grund legender Fehler dürste doch in oer Begründung einer Borlage nicht ent halten sein. Nimmt man das vom Neichsstatistischen Ann für das Jahr 1908 ermittelte Resultat über die Einkommensverhältnisse der städtischen Arbeiter zur Grundlage, so sinkt die Mehrbelastung beim Anschluß an die Reichsversicherungsordnung von den 79,2 Mllionen der Vor läge auf 8,1 Millionen,(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Im ganzen berechnet Jacobsolm die Belastung bei der Ausdehnung der Versicherung aus Einkommen bis zu 3000 Mark aus 36,2 Millionen, bei der Ausdehnung aus die Einkommen bis 5000 Mark aus 50,5 Millionen. Das ist ein weit günstigerer Abschluß für die finanzielle Grundlage der Erweiterung der Invalidenversicherung gegenüber der übertriebenen Dar stellung der Kosten in der Regierungsvorlage. Ferner hat der selbe Kritiker berechnet, daß auch die Verwaltungs- k o st e n bei der Angliederung an die Invalidenversicherung nur etwa die Hälfte ausmachen würden von den Ver tvaltungSkosten bei der Sonderkasse. lHört! hört! bei den Sozial demokraten.) Welch ein unglücklicher Zustand ist es überhaupt, daß, nachdem wir eben eine Reform abgeschlossen haben, die, wenn auck niangelhaft, doch in einigen Punklen eine Zentralisierung und Zu- sammenfasiung der BersicherungSeinrichtungen durchgeführt hat, wir nun wieder zu einer Zersplitterung, einer Zerstörung der Einheitlichkeit der ganzen Sozialversicherung mit diesem Gesetz übergehen. Daß die ganze soziale Versicherung einheitlich aufgebaut' sein sollte. hat ja auch Graf Posadowsky betont.'sHört! hört! bei den Sozialdemokraten.)— Ferner vermisse ich in dem Gesetz die Möglichkeit einer freiwilligen Versicherung für solche Angestellte, die nicht dem Versicherungszwang unterstellt find. Es ist zwar vorgesehen, daß der Bundesrat durch Verordnung einen solchen Vcrsicherungszwang ausspreche» kann für Gruppen, die bisher nicht im 8 1 genannt sind. Es dürfte sich doch aber sehr empfehlen, wenn die freiwillige Versicherung allen gestattet würbe, die sich in ähnlichen Stellungen befinden wie Privatbeamte, z. B. auch den freien Schrift st ellern.— Eine sehr üble Einrichtung ist dann die doppelte Versicherung. Wir haben für die Angestellten bis zu 2000 Mark Einkommen die Zwangs Versicherung bei der Jiwalidenversicherung und auch die Zwangsversicherung i» diesem Gesetz. lHört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Dabei ist der Zeilpunkt, von wann au die Leistungen gewährt werden, in beiden Versicherungen verschieden. Sehr zu be- Mängeln ist ferner die mangelnde Möglichkeit der F o rt s e tz u n g der Versicherung. Diese soll erst möglich sein, wenn der Privotangestellte 60 Beiträge bezahlt, alio 5 Jabre der Versicherung angehört hat. Mit Recht bemerkte der Werkmeisterverband, daß für seine Verufsangehörigen diese Bestimmung von sehr großem Rachteil werden kann, denn es kommt sehr oft vor, daß ein Werlnreister nur eine Zeitlang sich in dieser Stellung befindet, daß er da nicht die Möglichkeit hat, schnell wieder eine ähnliche Anstellung zu finden und genötigt ist, wieder als Arbeiter zu gehen. Wenn der Mann nun 4>/z Jahre Beiträge geleistet hat, so find seine Beiträge, wenn er nicht wieder einen Werkmeisterposten erlangen kann, vollständig verfallen, er hat nicht die Möglichkeit der freiwilligen Fort- setzung, wenn er ein paar Beiträge weniger als 60 geklebt hat, es ist ihm auch nicht möglich, die geleisteten Beiträge zurückzuerlangen. Dazu kommt, daß der Werkmeister, als er vom Arbeiter zum bester entlohnten Angestellten wurde, bei der Reichs»« rsichernngsordiiiliig seine VersichcrinigSpflicht eingebüßt hat.: Auch wir sehen in dem Entwurf eine brauchbare Grundtage der Verbaiidluiigeii. Unzweiselhast sind eine große Reihe Einzelheiten verbesserungsbedürftig: wenn wir uns aber allzu intensiv mit den Eingaben des HauptauSschusseS beschäftigen. dann wird, fürchte ich, nichts zustande kommen. Auch wegen seiner Rückwirkung auf die ReichsverstcherungS- ordnung ist diese Vorlage zu begrüßen. Nachdem bei den Privatangestellten die Altersgrenze auf 65 Jahre festgesetzt ist. nachdem allen Witwen der Privalbeannen, nicht bloß den erwerbsunfähigen. die Reine zugesprochen ist, wird man. davon bin ich überzeugt, diese Wohltaten der i n d u st r i e l l e n Arbeiterschaft ans die Dauer nicht borentballeii können.(Lebhafte Zustiminung links.) ErwähneuSlvert würde cS sein, ob mau nicht in irgend einer Form die selbständigen Handwerker an den Wohltaten der Prwatbeamtenversicherung beteiligen kann, zumal da» so gern mit seiner Mitlelstandssreundschast prunkende Zentrum die Handwerksmeister bei der ReichsbersicheruiigSordnung mit den mageren Brocken der Selbstversicherimg abgespeist hat. Redner wendet sich im weiteren Verkauf seiner Ausführungen den Einzelheilen der Vorlage zu. Die Grenze von 5000 M. scheint angemessell. Die Einbeziehung der Aisistenzärzte dürfte sich� tüchl empfehlen, da die wenigsten von ihnen in die Loge kommen dürften, von den Wohltaten der Versicherung Gebrauch zu macheu. Es ist nicht entwürdigend, einer Versicherung unterstellt zu werden; aber eS ist unangenehm, Geld zu zablen für etwas, wovon man nichts hat.(Heiterkeit.) Sehr bedauerlich ist. daß die Vorlage keine B e- teiligung derFrauen an der Rechtsprechung kennt. (Sehr ivahr! links.) Sehr schwierig ist die Frage, wer beim eigentlich d,e K o st e n trägt. Unzweifelhaft ist es, daß die Kosten der gesamten sozialen Versicherung zum Teil auch bei der Preissteigerung fast aller Gegen- stände ihre'Rolle spielen. Ebenso unzweifelhaft aber ist, daß die soziale Fürsorge sich bezahlt macht, daß sie die Tüchtigkeit und A r b e i t s f r e u d i g k e r t d?'- Arbeiter und Angestellten der Industrie und des Handels steigert. Daher erwarten wir auch von dieser neuen Versicherung segensreiche Wirkungen für unser ganzes Wirtschaftsleben und werden uns daher an der Verabschiedung dieser Lorlage mit allem Eifer beteiligen. (Lebhafter Beisall links.) Abg. Li»,(Vp.): Wir danken der Regierung für die Einbringung dieses Gesetzentwurfs. Trotz der zum Teil sehr beachtensiverten Einwürfe von verschiedenen Seiten uiird� unsere Fraktion für die Vorlage stimmen, weil sie aus Gründen ausgleichender sozialer Gerechtigkeit dafür ist, daß auch die Privatangestellten an den Wohltaten der sozialen Versicherung teilnehmen. � Diese Vorlage bedeutet einen weiteren Ausbau des gewaltigen Gebäudes, daS auf der Grundlage der kaiserlichen Botschaii von 1881 ruht. Das Gesetz enthält eine ganze Reihe von humanitären Be- stimmiingen, wie z. B. die Einführung des Begriffs der Berufs- invaliditär. Die Frage der Sonderkaffe ist durch die Annahme der ReichsversicheruiigSordnimg eigentlich erledigt. Nach dem scharfen Widerspruch, den die Sonderkaffe aber auch heute noch seitens des Abg. Schmidt gefunden hat, wird die Regierung in der Kommission ihre Gründe für die Sonderkaffe zweifellos nochmals eingehend dar- legen. Daß in der Möglichkeit der Rückzahlung eines Teiles der Beiträge eine große Versuchung für die Angestellten liegt, ist zuzu- geben. Für eine Auflösung aller Peusionskasscii, die� von eiiizeliien Unteriiehinern aus sozialem Verständnis heraus gegründet sind, sind wir nickt zu haben. Wir sind aber damit einverstanden, daß auch die Kasten der Berussorganisationen bestehen bleiben. Abg. Korfantq(Pole) ist mit der Vorlage im allgemeinen em- verstanden. Abg. Raab(Antis.): Der Widerstand eines Teiles des Mittel- standss gegen diese Vorlage, den der Abg. Schmidt erwähnte, ist erllärlich angesichts der großen Belastung des Mittelstandes durch die soziale Versicherung. Aber wegen des sozialen Grundgedankens des Gesetzes ist der Einwurf zu begrüßen und wir werden gern an seiner Fertigstellung mitarbeiten. Damit schließt die Beratung. Der Entwurf geht an die Versicherungsordnungi» k o m in i s s i o n. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Nächste Sitzung Sonnabend 11 Ubr. (Gesetz über den KonsulargerichtShof und Gesetz über Ausgabe kleiner Aktien). Schluß«/sö Uhr._ parlamentarilekes. DaS HilfSkassengesetz in der Kommisfion. Die Kommission der Reichsversicherungsordnung nahm am Frei- tag ihre Verhandlungen wieder auf und beschäftigt« sich mit dem Gesetzentwurf gegen die HilsStassen. Der Re» gierungSvertreter, Gcheimrat I a u b. legte die Gründe dar, welche e»ie Aenderung der bestehenden Gesetzgebung notwendig machen. Es sind bekamulich die Erfahrungen mit den sogenannten Schwindel- lassen. Die bürgerlichen Parteien erklärten sich im allgemeinen mit dem vorliegenden Gesetzentwurf einverstanden. der daS HilfSkassengesetz versicherungSgese Hägen, Mo aufheben und die HilfSkassen dem Privat« ? unterstellen will. Die Genossen Stadt- k e n b u h r und Hoch dagegen wiesen nach, daß nach dem vorliegenden Gesetzentwurs die Schwindel- lassen nicht nur nicht bekämpft, sondern in mancher Beziehung ogar begünstigt wurden und daß eine wirklich« Abhilfe der Mißstände nur durch die Aenderung des vorliegenden Hiliskasien- gesetzes erreicht werden könne. Aus diesem Grunde beantragten die Sozialdemokraten, die Kommission möge beschließen, den Gesetz- entiours betreffend die Aushebung des Hilfskassengeietzes abzu» lehnen und de» Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage einen Entwurf vorzulegen, in dem die zur Beseitigung der Miß« 'tände in den Hilsskasien notwendigen«enderungen der Hilfskassen. gesetzgebung vorgeschlagen werde. Die Debatten über diesen An» trag mußten schließlich auf die nächste Sitzung am Sonnabend vertagt werden._ Hus der Partei. Die sozialdemokratische Partei Mecklenburgs hat ihren Bericht vom letzten Geschäftsjahr herausgebracht. Ex zeigt, daß die Partei auch in dem rückständigsten deutschen Bundes- staate, in dem Lande der ausgeprägtesten Junkerherrschaft in er. freulichem Fortschritte begriffen ist. Seit dem Jnkroittreten des ReichsvercmSgesetzeS zeigt sich auch in den kleineren. Leben, trotzdem in diesen Orten der Mangel an Loka�.i unserem Bordringen mancherlei Hindernisse in den Weg stellt. Ter Terroris- mus der Junker, den die Kriegervereine nachdrücklich untert'tüüen oeranlaßt die Wirte, uns ihre Lokale zu Versammlungen»ü oer� weigern. Auch die lebhafte Fluktuation der gelernten Arbeiter aur dem platten Lande erschwert unsere Position gegenüber dcn büraer. Alchen Parteien. Das Gros der Landarbeiter besteht auS den bedürfnislosen, polnisch sprechenden Saisonarbeiter, den" köae� nannten Schnittern, die für die sozialistische Propaganda meist noch nicht reif sind. Immerhin zeigen die sich Sommer für Sommer mehrenden Fälle von.Kontraktbruch, die hier und da ervlono auspuffenden Schnitterstreils, daß auch diese zurückgebliebenen Ele- mcnte aus Pose». Rußland. Galizien usw. 3u denken anfangen. Trotz dieser erschwerenden Umsiande hat sich die Sozialdemo. rnüie nicht abhalten lassen, cino rege Propaganda zu entwickeln. Tie Zahl der vom LandeSvoritand veranstalteten öffentlichen Ver- sammlungeu betrug im Geschäftsjahr HO. Mityliederversainln- lungen haben nach den Mitteilungen der Vereinsvorjtände 454 statt» gefunden. Die schriftliche Agitation gestaltete sich folgendermaßen: Es wurden verbreitet 216 000 Flugblätter und 15 000 Flugschriften, 100 000 Exemplare des.Mecklenburgischen Volkskalender" und 5000 Propagandanummern der„Gleichheit". Außerdem wurden bei allen öffentlichen Versammlungen und bei sonstigen Gelegenheiten Exemplare der„Mecklenburgischen VolkSzeitung" verbreitet Un: die F r a u e n für die politische Organisation zu gewinnen, wurden 50 öffentliche graueitversammlungen abgehalten. Tie Vcrsamm- lungen hatten sich fast überall eineS guten Besuches zu erfreuen; in den meisten wurden neue Mitglieder für die politische Organi. sation und Abonnenten auf die Partcizeitung gewonnen. Besonders bewährt hat eS sich, daß in einzelnen Orten Frauen zur Partei» arbeit herangezogen wurden. In den Orten, in denen uns Lokale nicht zur Verfügung standen, fanden Versammlungen im Freien statt; auch die �ouSagitation tat hier gute Dienste. DaS Parteiblatt, die.Mecklenburgische Volkszeitung" erfreute sich auch im letzten Jahre eineS besonderen Aufschwunges. Die Mitgliederzahl ist von 7395(6394 männlichen und 1001 weiblichen) im letzten Jahre auf 8712(7480 männlichen und 1232 weiblichen) gestiegen; die Steigerung beträgt mithin 1317 oder 17 Proz. Auch die Kassenverhältnisse zeigen einen günstigen Stand. Schließlich sind im Berichtsjahre jn zwei Städten(Plan und Ten* Woos) fteuc Ortsvereme gegründet worden. �Die Maifeier wurde in den größeren Orten von den Genossen in erhöhtem Matze durch Arbeitsruhe begangen. Die kleineren Orte beschränkten sich meist auf Abendfeiern; an diesen war die Beteiligung zufrieden- stellend. Recht bedeutende Fortschritte hat die Partei auch auf k o m m u- n a l e m Gebiete gemacht. Trotz des miserablen Wahlrechts zu den kommunalen Vertretungskörpern gelang es uns, in den bedeuten- deren Orten in die Ortspanamente zu kommen. Am größten waren unsere Erfolge in Wismar. Hier hatten die Gegner aus Furcht vor der Sozialdemokratie im vorigen Jahre das Wahlrecht verschlechtert. Die Antwort der Arbeiter- schaft war. datz sie in diesem Jahre sämtliche 16 Sitze der dritten Abteilung der Sozialdemokratie über- trug; auch in der 2. Klaffe brachten es unsere Kandidaten zu höchst erfreulichen Minoritäten. Die Parteigenossen von G ü st r o w erfochten zu den 4 Sitzen, die sie hatten, S neue. Auch in R o st o ck hatte man aus den gleichen Gründen wie in Wismar vor einigen Jahren niit liberaler Zustimmung das Wahlrecht verschlechtert. Auch hier wurde in diesem Jahre ein G e- nosse wieder- und vier Genossen neugewählt und der Zeitpunkt ist wohl nicht fern, wo auch hier die dritte Abteilung von der Sozialdemokratie besetzt wird. Mit Ausnahme der. Städte, wo das Wahlrecht an den Besitz eines eigenen Grund st ückes gebunden ist, sind wir im Gemeindeparlament vertreten. Im ganzen haben wir 37 Gemeinde- Vertreter. Die Genossenschaftsbewegung zeigt ebenfalls kräs- tige Triebe. In verschiedenen kleinen Orten— sogar in rein länd- lichen— sind Verkaufsstellen des Konsumvereins errichtet worden. Die Mitgliederzahlen sind überall um Beträchtliches gestiegen. Allerdings zeigt sich auch gerade in den kleineren Orten die Ge- fahr, die genossenschaftliche Neutralität zur II e b e r n e u t r a l i t ä t auswachsen zu lassen. Doch werden diese Bestrebungen an dem gesunden und praktischen Empfinden der Mecklenburger scheitern. Auch der Jugendbewegung wurde die crsorderliche Auf- merksamkcit geschenkt, wenn es auch auf diesem Gebiete langsamer geht, als auf allen anderen. In den grötzeren Orten, wo recht gute Ansätze vorhanden sind, wurden im Laufe des vorigen Winters Jugendheime errichtet. Hier ist unserem jungen Nachwüchse ein behaglicher Aufenthalt, eine gute Bibliothek und anregende Zeitungslektüre geboten. Die eingeführten Lcsestunden erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Das Organ„Die Arbeiterjugend" hat seine Leserzahl bedeutend erhöhen können. Höchstgcrichtliche Anerkennung der Maifeier. Daö Höchste Gericht hat am Dienstag ein Urteil gefällt, durch daS das Recht der Arbeiter auf die Maifeier grund- sätzlich anerkannt wird. Um Irrtümer zu vermeiden, wollen wir gleich betonen, datz das in Norwegen geschehen ist. Von deutschen Gerichten wird kein Mcm'ch eine wiche Entscheidung erwarten. Den Arbeitern einer norwegischen Fabrik die wegen der Maifeier allsgesperrt wurden, sind ungefähr 13(XX> Kronen Schadenersatz zugesprochen worden. ES handelt sich hier um die EmbrctSfoS Pavierfabciken. Dort hatten die Arbeiter im Jahre 1367 be» schloffen, den 1. Mai zu feiern, die Direktion wollte sich jedoch mit diesem Organisationsbeschlutz nicht zu- frieden geben, sondern verlangte, datz noch eine Listen- abstilnmllng im Betriebe vorgenommen werden sollte. Das Ansinnen lehnten die Arbeiter, die fast alle organisiert waren, ab, und als sie dann am 1. Mai gefeiert hatten, wurden sie un- geachtet der IStägigen Kündigungsfrist plötzlich entlassen. Es folgte eine grotze, von der Arbeitgebervereinigung veranstaltete Massen- auSsperrung, die damals auch da« Storting in einer Interpellation des Genossen Vraa beschäftigte. Inzwischen beschritten die Arbeiter von EmbrelsfoS den Klageweg. wurden aber vo« den unteren Instanzen abgewiesen. Dagegen ivurde Berufung eingelegt, und jetzt, nachdem 4'/z Jahre darüber verflossen sind, ist die Sack« zugunsten der Arbeiter endgültig entschieden. Das Höchste Gericht stellte sich in seiner Mehrheit auf den Standpunkt ihres Anwaltes, des Genossen Puntervold, u»d erklärte, der Organisationsbeschlutz der Arbeiter hätte der Fabrik leitung genügen müssen, und in der Maifeier habe keineswegs ein ernstes Vergehen gegen die Fabrikordnung gelegen, datz dadurch etwa die lündigungslose Entlassimg gerecht« fertigt worden wäre. Deshalb seien de»t Arbeiter Engström b4 Kronen Lohnentschädigung samt i Proz. Zinsen vom 1. August 1367 ad zu zahlen. Da eS sich aber im ganzen um 256 Arbeiter handelt, die damals unter denselben Umständen entlassen ivnrden, und im Durchschnitt aus jeden über ö6 Kronen kommen, wird die Fabrik- leitung 13 666 bis 11 600 Kronen Lohnentschädigung zahlen müssen. polizeiliches, SencbUicKes ufw« Beri'ammlungö„recht" im Mansfeldifchen. Wie kürzlich aus dem Versammlungsvcrbot des Landrat von §,•tz Arendt aus Zehlendorf wegen Beleidigung des Rechts- amvalts Ber zu verantworten. Bei Beginn des Termins fehlt« der Angeklagte, er hatte ein Attest des Medizinalrats Dr. Hoffmann, welches aber älteren Datums war, eingesandt, um seine Vorhand- lungsunsnhigkeit zu beweisen. Das Gericht beschloß jedoch, den Angeklagten durch die Polizei vorführen zu lassen.— Die Beleidi, aungen, welche der Anklage zugrunde liegen, beziehen sich auf die Familien- und Bermögensverhaltnisse des Rechtsanwalts Ber und sind erfolgt in einer Verhandlung vor dem Zivilgerrchk, in der B. dem Angeklagten wegen eines zu leistenden Eides lebhafte Vor- Haltungen gemacht hatte, so daß Arendt dem Rechtsanwalt sogar Ohrfeigen anbot.— Vor Gericht beantragte der Staatsanwalt 1 Jahr Gefängnis gegen Arendt, da die Anwälte gegen solche An- griffe ganz energisch in Schutz genommen werden müßten. � Rechtsanwalt Bahn beantragte als Verteidiger eine mildere Strafe, da auch der Anlvalt die Verpflichtung habe, sich in �seinen Aus- führungen zu mäßigen und die Gegenpartei nicht durch Vorbringen von Dingen aus dem Privatleben zu reizen. Dies werde bewiesen durch die Vorwürfe, welche gegen die Fragestellung der Verteidigung in dem Metternich-Prozetz erhoben worden seien, ob mit Recht oder Unrecht, könne hier nicht untersucht werden. �— Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf die Schwere der öffentlich vorgebrachten Beleidigungen auf 6 Monate Gefängnis und sofortige Verhaftung. Der Haftbefehl wurde jedoch wieder aufgehoben, da Arendt in einem anderen gegen ihn schwebenden Strafverfahren eine größere Kaution gestellt hat._ Heilmittelschwindcl. Der Versuch, endlich mit dem Wucherparagraphen gegen Leute borzugehen, die geringwertiges Zeug gegen hohes Entgelt an Un- bemittelte verkaufen, ist in dem Prozetz, der mehrere Tage lang die 2. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte, gescheitert. Nach dem gestern vom Landgerichtsdirektor Westermann verkündeten Urteil hat das Gericht in allen Fällen, in denen wegen Sachwuchers die Anklage erhoben worden war, die Tatbestandsmerkmale dieses Vergehens nicht für gegeben erachtet und deshalb auf Freisprechung erkannt. Zehn Angeklagte wurden gänzlich freigesprochen, da sie die in Frage stehenden Annoncen so vorsichtig abgefaßt hatten, datz weder das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb noch der 8 4 der Polizeiverordnung vom 21. August 1363 Anwendung finden kann. Verurteilt wurden der Kaufmann Max Hardicke und Frau Berta Härder wegen Uebertretung der Polizeiverordnung zu je 66 M. Geldstrafe eventuell 6 Tagen Haft. Sckriftstcller Hans Kellerhals wegen Vergehens gegen ß 4 des Gesetzes gegen den uw- lauteren Wettbewerb zu 66 M. Geldstrafe, der Ingenieur Franz Renner und der Jnseratenredakteur der„Welt am Montag" Emil Weigand wegen Vernehens gegen die Sittlichkeit im Sinne des § 184 St.-G.-B. zu 26 M. bezw. zu 46 M. Geldstrafe.— Das Verfahren gegen die Angeklagten Jakob Kailing aus Frankfurt am Main und Dr. med. Karl Reinhardt wurde vertagt. Ka'Img soll zum nächsten Termin vorgeführt werden. Die prinzipielle Frage, ob und unter welchen Umständen gegen Heilmittelschwindler der Sachwucherparagraph Anlvendung zu finden hat, ist damit nicht verneint. Wünschenswert wäre die Einlegung der Revision seitens der Staatsanwaltschaft, damit das Reichsgericht Gelegenheit erhielte, grundsätzlich die Frage zu erörtern, unter welchen Voraussetzungen der Sachwucherparagraph gegen die oben gekenn- zeichneten Leute Anwendung zu finden hat. Gegen die Rellame-Rechtsanwälte. Die im Berliner Anwaltsberein organisierten Rechtsanwälte waren am Donnerstag zirka 366 Mann stark versammelt, um sich mit dem Reklameskandal, den einige der RcchtSanwaltskollegen be- trieben, zu beschäftigen. Es besteht im Anwaltsverein eine söge» nannte Prcssekommission, die die von den Anwälten gemachte Re- klame zu überwachen und gegen allzu unsaubere Tricks einzu- schreiten hat. Diese Pressekommission beantragte ihre Auflösung, da sie weder beim Vorstand der Anwaltskammer noch beim Ehren- gerichtshof hinreichende Unterstützung ihrer Bestrebungen fände.. In der stundenlang währenden, sehr heftigen Debatte wurde scharfe Kritik an den Anwälten geübt, die jede Gelegenheit benutzen, für sich Reklame zu machen. Vor allen Dingen ging es auch den Ver- teidigern im Metternichprozetz, Joffe und Alsberg ziemlich schlecht. Diese beiden Angegriffenen versuchten sich zu verteidigen, wurden aber häufig in ihrer Verteidigungsrede stürmisch unterbrochen. Die Pressekommission wird wahrscheinlich fortbestehen. Es wurde vom Vorsitzenden der Versammlung noch mitgeteilt, daß gegen die Ver- teidiger im Metternichprozetz eine ehrengerichtliche Untersuchung wegen ihres Verhaltens eingeleitet sei. DaS Automobilgesetz vor dem Reichsgericht. Das Automobilgeseh, daS im August 1363 in Kraft getreten ist, hat am Donnerstag zum erstenmal das Reichsgericht beschäftigt. Der 8 7 dieses Gesetzes erklärt den Halter des Kraftfahrzeuges für haftpflichtig, wenn beim Betriebe des Fahrzeuges der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache be- schädigt wird. Der Absatz 2 dieses Paragraphen läßt folgende Ausnahme zu: Wird das Fahrzeug ohne Wissen und Willen beS Fahrzeughalters von einem anderen in Betrieb gefetzt, so ist dieser an Stelle des Halters zum Ersätze des Schadens verpflichtet. Der Fall, daß jemand ein Fahrzeug ohne den Willen des Automobilhalterö in Betrieb fetzt, tritt jedenfalls dann ein, wenn ein Mensch ein auf der Straße stillstehendes Automobil besteigt und mit ihm davonfährt. Anders ist es jedoch, wenn der Automobil- Halter das Fahrzeug einem Freunde für einige Stunden zu einer Spazierfahrt leiht und der Entleiher länger bleibt, als wie er ge- sagt hat. Der Auffassung, daß der Automobilhalter weiter haftet, wenn sein Chauffeur eine von dem Halter gewollte Fahrt für sich weiter ausdehnt, ist das Reichsgericht für den vorliegenden Fall beigetreten. Dabei handelte es sich um folgende Vorgänge: Ein Lastautomobil der Miihlheimcr Aktienbraucrci war auf der Stratze von Miihlhcim nach Wesel hängen geblieben. Infolge- dessen wurde der Chauffeur mit dem LuxuSautomobil zu Hilf« gc- schickt. Nachdem der Schaden behoben war, fuhr der Chaffcur nicht zurück, sondern weiter nach Wesel, um dort seine Mutter zu be- suchen. Als er abends nach Mühlhcim zurückfuhr, geriet er in der Nähe der Lippcbrücke mit einem Pferdegespann zusammen und beschädigte Pferd und Wagen. Die Schadenersatzansprüche, die der Fuhrwerksbesitzer H. in» folge dieses Unfalles gegen die Mühlheimer Attienbrauerei erhoben hatte, wurden vom Landgericht Duisburg dem Grunde nach als berechtigt anerkannt. Ebenso entschied, abgesehen vom Schmerzens- geld, daS Obcrlandcsgcricht Düsseldorf. In feinen EntschcidungS- gründen erklärte das Oberlandesgericht, datz daS Fahrzeug mit dem Willen der Brauerei in Betrieb gesetzt worden ist und datz die Brauerei deshalb nach§ 7 des AutomobilgcsetzcS haftpflichtig ist. Der Ausnahmefall dcS Absatzes 3 liegt nach der Ansick t des Obcr- landesgerichtS nicht vor. Denn der Automobilhaltcr ft.ll nach dem Sinne des Gesetzes für nachteilige Folgen durch den Betrieb ein- stehen, den er veranlaßt hat. DaS sei aber auch noch dann der Fall wenn seine Angestellten den Betrieb fortsehen. Die Ausnahmcstelle deö Absatzes 3 bezwecke den Ausschlutz der Haftung nur dann wenn die Inbetriebsetzung durch andere erfolgt. Das Reichsgericht ist dieser Auffaung beigetreten und hat die Revision der beklagten Brauerei zurückgewiesen. Zur Begründung hat der anerkennende Senat erklärt, datz mindestens in dem vor- liegenden Falle der Absatz 3 des s 7 des AutomobUgesetzes nicht anzuwenden gewesen sei.__' «Ktteruuqsüdersick» vom 80. Oktober 1011. Wetterprognose tür Sonnabend, de«>1. Oktober lttll. Mild bei mäßigen südöstlichen Winde» und allmählich zunehmende» Bewölkung ohne erhebliche Niederschläge. § Ö s i i Dandorf&G Belle-AUiancestrasse Gr. Frankfurterstrasse Brunnenstrasse Kottbuser Damm Sc weil'Vorrats Frisches Fleisch, Obst, Kartoffeln von der Zu- sendung ausgeschlossen, PL Pf. Kassler. 65 Gänse 63, 68 StQck� ,75 bis 3.7 5 Schinken imcan».,?kinä 65?k. Billige Lebensmittel Kotelett.........«»>» 75 Rot- od. Zwiebellelierwurst»... 48« Leberwiii st(ü.» ,.>> 95« Sardellenleberwnrst», 95» Schweizer Käse 85» Kamm od. Schuft 76 Kürbis............. 4 Kartoffeln 10 38 pt pf. PL Pt Spittelmarkt Bolle-Alliancestrasse 6p. Frankfurtepstrasse Brunnenstrasse Kottbusep Damm 2 WaggonT ekel-«. Kaffee-Geschirr @ Speiseteller tief°s-r dach..�.-.. 28?? g Dessertteller...................... 22 pr. Porzellan mit moderner Goldguirlande I Kompotteller..................... 18 ei. 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Am Donnerstagabend fand in»Kellers F e st s ä l e n" eine öffentliche Versammlung statt, die sich mit der herrschenden Teue- rung und der Lage der Eisenbahner beschäftigte. Ferner wurde im zweiten Punkt der Tagesordnung der„Triersche Verband" und die Maßnahmen der Eisenbahnverwaltung einer eingehenden Würdigung unterzogen. Der Umstand, daß als Referenten die Genossen Adolf Hoffmann und Reichssektionsleiter der Eisen- bahner L. B r u n n e r angegeben waren, mutzte wohl bei den maß- gebenden Behörden grausige Vorstellungen ausgelöst haben, worauf das Polizeiaufgebot schließen ließ, welches die Koppenstraße be- wachte und den preußischen Staat vor dem Umsturz bewahrte. Anders wäre es wohl nicht erklärlich, daß vor dem Eingang zu den Kellerschen Lokalitäten selbst ein Polizeioffizier in höchsteigener Person auf- und abspazierte. Die aufgewendete Mühe war vergeb- lich, höchstens daß das Bild Stoff zu einer hübschen Satire auf unsere preußischen Zustände bot. Aber all das und auch die liebe- volle Einwirkung der Eisenbahnverwaltung hatte es nicht verhin- dern können, daß die Eisenbahner— zum Teil mit ihren Frauen— erschienen waren und so einen lebendigen Protest gegen die Ver- gewaltigung als gleichberechtigte Staatsbürger verkörperten. Gleich nach Eröffnung erkannte man unter den Anwesenden einen Vorgesetzten— er hatte sich auf die � Galerie verkrochen. Unter großer Erregung der Versammlung zeigte ihm der Vorsitzende, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Hierauf wurde die Ver- sammlung auf kurze Zeit vertagt, um das Erscheinen der Arbeiter aus den entlegeneren Gegenden abzuwarten. Dann nahm Land- tagsabgeordneter Adolf Hoffmann das Wort und erklärte einleitend: Wenn wir heute hier sind, so geschieht dies auf Wunsch vieler Eisenbahner. Ich will— was ich schon am Sonntag in der Versammlung erklärt habe— Ihre Beschwerden und Wünsche kennen lernen, um sie im Landtage vorbringen und vertreten zu können. Ich mutz aber hervorheben: die Art und Weise, wie den Eisenbahnern das Vereins- und Versammlungsrecht unterbunden wird, steht im schroffsten Widerspruch mit der Erklärung des Ministers Breitenbach im Parlament. Und sind denn ihre Ver-. hältnisse so gut, daß der Zentrumsabgeordnete Beyer aus Dort- mund erklären konnte: er spreche im Namen aller nationalen Eisenbahner, wenn er sage, daß das Jahr 1910 ein Jahr des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts für die Eisenbahner ge- Wesen sei. Es seien wohl noch viele Wünsche vorhairden, es müsse aber— den Sozialdemokraten zum Trotz— anerkannt werden, was die Eisenbahnverwaltung geleistet habe und dafür müsse man ihr Dank abstatten. Dies stimmt mit den Tatsachen nicht überein, auch der Abgeordnete Schröder. Kassel, habe zugegeben, daß unter den Eisenbahnern eine große Notlage herrsche. Der Eisen- bahnminister hat geklagt, die Abgeordneten brächten, wenn sie in die Versammlungen gingen, ein beunruhigendes Moment unter die Arbeiter. Wenn aber der Bund der Landwirte tagt, werden die Abgeordneten geradezu gezwungen, hinzugehen. Ich halte es für meine Pflicht, als Abgeordneter in die Arbeiterversammlungen zu gehen, um mich zu unterrichten. Darum hatte man auch am Sonn- tag kein Recht, den einzigen Abgeordneten, der erschienen war, hinauszuweisen. Der Staat sollte vorbildlich wirken hinsichtlich der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Immerhin ist es bezeichnend, daß der Minister erst aussprechen muß, daß die Volksvertreter nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hätten, sich in den Ver- sammlungen von den Wünschen der Arbeiter zu informieren. Darum war es ungehörig, einen Abgeordneten hinauszuweisen, wenn es auch nicht aus Abneigung, sondern einzig und allein aus FurchtvorEntlassung geschehen ist. Aber auch die Eisen- bah wer selb st sind an diesen Zuständen mitschuldig. Würden sie stets zu 5 oder noch mehr Tausenden erscheinen, dann wäre es unmöglich, diese Menschen alle aus Lohn und Brot zu treiben. �(Großer Beifall.) Eine Teuerungszulage ist unbedingt crforder- lich. Ist doch schon Sachsen vorangegangen und hat zugelegt, wenn es auch nur ein Groschen war. Ich bin aber überzeugt, daß Sie jetzt Zulage erhalten. Die Vorgänge in der letzten Versamm- lung haben den Eisenbahnern mehr Nutzen gebracht, als ein Dutzend anderer Versammlungen.(Lebhafte Zustimmung.) Mit- gewirkt hat besonders die Haltung der übergroßen Mehrheit, die einfach musterhait war. Sorgen Sie, daß es so bleibt. Wenn aber die Wahlen zum Reichstag kommen, geben Sie eine Antwort, die keinen Zweifel mehr über die Stimmung der Eisenbahner zuläßt. ssGrotzer Beifall.) Hierauf entrollte Reichssektionslciter B r u n n e r ein Bild lßon den Lohn- und Arbeitsbedingungen der Eisenbahner und räumte gründlich auf mit den Behauptungen von der guten Lage der Eisenbahner und der rührenden Fürsorge ihrer Verwaltung I für fie. An der Hand von einwandfreiem Zahlen- und Tatsachen- Material zeigte der Redner, wie tieftraurig die Lebens- und Ar- beitsverhältniffe der bei der königlich-preußischen Eisenbahn be- schäftigten Arbeiter und Handwerker sind und zog hierbei Ver- gleiche mit der Lage der englischen Eisenbahnarbeiter, die anlätz- lich der großen Streiks in einem Artikel der„Vossischen Zeitung" als dauernd darbende Unglückliche bezeichnet worden waren. Dabei ständen die englischen Eisenbahner sich noch bei weitem besser wie ihre deutschen Kollegen, was Redner in detaillierter Weise mit Zahlen unterstützt. Aber die englischen Eisenbahner seien gut organisiert und verzichteten nicht auf ihr Koalitionsrecht, wie die großen Eisenbahnerverbände in Deutschland es täten. Diese könnten mit ihrer starken Mitgliederzahl die Verhältnisse sehr wohl ver- bessern, wenn sie nur wollten und zwar ohne Streik. Die Auf- forderung, eine gemeinsame Aktion zur Besserstellung der Eisen- bahner würde weit über die Grenzen Deutschlands hinaus ein Echo in der organisierten Arbeiterschaft auslösen, die eine große Macht besitze, auch wenn einmal ein Streik ungünstig verlaufe. Dazu aber sei der„Triersche Verband" nicht gewillt, der erkläre, die Eisenbahyer hätten andere Interessen wie die Arbeiter in Privatbetrieben. Von Sozialdemokraten wollten sie im Parlament gar nicht vertreten sein. Und doch hätten bisher nur diese die Interessen der Staatsarbeiter nachdrücklich und wirksam vertreten. Was der„Triersche Verband" bisher geleistet habe, sei nicht der Rede wert. Die Arbeiterausschüsse, deren Einführung er für s e i n e Arbeit erkläre, könnten nichts leisten, wie ja schon längst bekannt sei. Wer darin wirklich die Interessen seiner Mitarbeiter ver- treten wolle, fliege sehr bald. Und wie sei es mit den Pensions- lassen? Die Beiträge seien um 33�, die Pensionen aber nur um 18 Proz. erhöht worden und zwar unter hervorragender Mitwirkung von Vertretern des„Trierschen Verbandes". Es bleibe also so gut wie gar nichts übrig von den Errungen- schaften dieses Verbandes, der schon durch sein Statut dokumen- tiere, daß er nur den Willen der Direktion befolgen wolle. Mit dem Elbersclder und dem Hirsch-Dunckerschen Verband sei es nicht anders. Hingegen seien es die freien Gewerkschaften, die die Lage der Eisenbahner verbesserten, indem sie die treibende Kraft darstellten, und die Verwaltung zwängen, wenn auch wider- willig und langsam, den Privatbetrieben zu folgen. Hinter den Gemaßregelten ständen die erstgenannten Verbände nicht, das be- wiesen die Tatsachen. Ein Arbeiter sei anläßlich der letzten Ver- sammlung schon aus dem Betrieb getreten. Dagegen müsse man protestieren. Die hierher gekommen seien, hätten gezeigt, daß sie in Zukunft nicht gewillt seien, ihre gesetzlichen Rechte sich nehmen zu lassen. Der Vorsitzende, der die Versammlung leitete, in der S t r ö b e l sprach, sei unter Einwirkung des Ministers gemäß- regelt worden. Das sei eine Schande für eine Organisation. Der „Triersche Verband" wende ja auch bald abgewirtschaftet haben. Darum trete jeder Eisenbahner in die freie Gewerkschaft über, damit ein freies Arbeitsverhältnis geschaffen werde, statt der Sklaverei von heute.(Großer Beifall.) In der Diskussion wurden die beiden Referate noch wirksam ergänzt. Der Arbeiter, dem die Sonntagsversammlung den Dienst gekostet hat. sprach ebenfalls. Er habe Verhöre zu bestehen gehabt, ob er in der Versammlung gewesen und Hoffmann nachgefolgt sei. Auch ein Protokoll, das er aber erst noch korrigieren habe lassen, habe er unterschreiben müssen. Er hätte deshalb sofort gekündigt, weil die Entlassung doch gewiß gekommen wäre und der„Triersche Verband" ihn fallen gelassen hätte. Nach einem wuchtigen Schluß- wort Hoffmanns wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: „Angesichts der allgemeinen Teuerung und der stets noch steigenden Preise für Lebensmittel, und in Anbetracht der riesigen Ueberschüsse, die sich aus dem Betriebe der Staatseisen- bahnen ergeben, erwarten die am 19. Oktober in Kellers Fest- säle» versammelten Eisenbahner und-Handwerker, daß ihnen unverzüglich eine den Teuerungsverhältnissen entsprechende Lohnzulage gewährt wird. Von dem Standpunkt ausgehend, daß den in Staatsbetrieben beschäftigten Arbeitern und Bediensteten, wie jedem anderen Arbeiter, nur die im Reichsvercinsgesetz vorgesehenen Beschrän- kungen der Vereins- und Versammlungsfreiheit auferlegt wer- den können, protestiert die Versammlung entschieden gegen die ungesetzlichen, das Vereins- und Versammlungsrecht der Eisen- bahner aufhebenden Maßnahmen der Eiscnbahnverwaltung. Um den Eisenbahnarbeitern für die Zukunft volle Vereins- und Versammlungsfreiheit zu sichern und ihnen die Wahr- nchmung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen zu er- möglichen, empfiehlt die Versammlung den Eisenbahnern aller Dienstzweige, bei den Wahlen zum Deutschen Reichstage nur solchen Kandidaten ihre Stimme zu geben, die sich verpflichten, für volle Koalitionsfreiheit der Eisenbahner und Unterstellung derselben unter die Gewerbeordnung einzutreten. Da eine wirksame Vertretung der wirtschaftlichen Interessen der Eisenbahner nur möglich ist durch eine einheitliche, freie, von der Eisenbahnverwaltung unabhängige Organisation, emp- fehlen die Versammelten allen Eisenarbcitern den Eintritt in die freie Gewerkschaft." Eine Anzahl Eisenbahner erklärten ihren Eintritt in den freien„Eisenbahnerverband". Jugeudbewegimg. „Arbeiter-Jugend." AuS dem Inhalt der soeben erschienenen Nummer 21 heben wir hervor: Die Sozialdemokratie und der Völkerfriede(Schluß), � Skizzen aus dem Wanderleben, Von Emil Unger.— Der Prosit. Von Gustav Eckstein.— Spinnen.(Mit Illustrationen.)— Die Sprengung des Halleschen Pfingstjugcndlagcs vor Gericht.— Der Pranger der Lehrlingsschinder,— Katholische BildungSarbcit.— Zur wirtschaftlichen Lage der Arbeiterjugend.— Vom Kriegsschau- platz usw. Beilage: Der König der Vagabunden(Schluß), Erzählung von Erwin Rosen.— Jugend im Herbst. Von Ernst Almsloh.— Das Emporkommen des Bürgertums im 18, Jahrhundert.— Der Nil.(Mit Illustrationen.) Von H, Thurow-Kairo.— Deutsche Arbeiter als Orientreisende.— Bei Kairo. Gedicht von H. Thurow. " Bücher für die Jugend.— Der verblende Lowe. Von S. Rast. Zur Frage der Jugendorganisation in Holland. Der Vorstand der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands hat ein Zirkular an die Abteilungen der Partei erlassen, worin gemäß den Beschlüssen des letzten Parteitages Anweisungen zur Gründung selbständiger Jugendorganisationen gegeben werden, die für die jungen Leute von 14 bis 18 Jahren bestimmt sind, denen aber auch Mit- glieder der Partei bis zum 20. Lebensjahre angehören können. Die Parteiabteilungen in den verschiedenen. Orten oder Bezirken sollen das Reglement der Jugendorganisation feststelle». Sie sollen dabei ausgehen von dem, Grundsatz der Selbstverwaltung der Jugend- organisation unter Aufsicht und Leitung der Parteiabteilung, die zu diesem Zwecke aus ihrer Mitte eine besondere Kommission wählt. Kleinere, einander naheliegende Parteiabteilungen können sich zwecks Gründung der Jugendorganisation zusammentun, sofern es an den einzelnen Orten nicht möglich erscheint, die Sache mit Erfolg durch- zukühren. Vis zum 1. März 1912 sollen die Abteilungen und Föderationen der Partei dem Parteivorstand mitteilen, inwieweit es gelungen ist, Jugendorganisationen ins Leben zu rufen.— Bekanntlich hat sich die alte Jugendorganisation Hollands„De Zaaier" von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei abgewandt und sich mehr oder weniger der Sozialoemokratischen Partei zugewandt, weshalb seitens der Arbeiterpartei jegliche Verbindung mit dieser Jugendorganisation abgebrochen wurde. Eue Industrie und Kandel. StinnesscheS AuSdehnungSbediirfnis. Der nach amerikanischem Vorbilde rasch aufgestiegene Kohlenmagnat Stinnes, der in den letzten Jahren auch eine große Reihe Montanwerke erivorbsn'choh"» daß er neben Krupp und Thyssen als der größte Industrielle gelten muß, hat in Schweden große W a l d a n k ä u f e ab- geschlossen und trägt sich mit der Absicht, die schwedische Holz- b e a r b e i t u n g s i n d u st r i e zu syndizieren. Es kommt hauptsächlich die Fabrikation von Fenstern und Türen in Betracht. Nebenher erfordern auch die von ihm vor einiger Zeit erworbene Dortmunder Union, die eine Fabrik für Waggonbau betreibt, sowie die Stinnesschen Gruben einen großen Holzbedars. WasserstanvS-Nawrtchte» der LandeSanftalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Weiterbureau, Wasserstaus Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Natbenow') Spree, Svremberg') , BceSkow Weser, Münden , Minden R h e i o, Maxi milianSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Werthcim Mosel, Trier ') st- bedeutet Wuchs,— Fall.—') Unterpegel. 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Heute und solgende Tage: Die Macht der Liebe. 4 Uhr: Was Hans und Lisel im Zauberwatd erlebte«. Sonntag 3 Uhr: Tie Grille. 08E-mA1E Grotze Frankjuri er Str. 132. Nachm. 4 Uhr: I«« l Nacht. Abends 8 Uhr: Das Glück des Lebens. Sonntag 3 Uhr: Kasernenluft. Eröffmingsleier des Winzerfestes in den feenhaft ausgeschmückten Gesamträumen !2Ö0 MitjI f>rem,'ere der Original-Revue mit Gesang und Tanz „Winzerträume" » Mit ,1 _ ���������Wwwwwwwwwwwwvwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww isunter leil— Sport und Humor. Im Saal der Winzer: Die lustigen Dorfmusikanten, Cafe, Bar. Im ganzen Hause: Frischer Most, Stimmung, Humor, Behaglichkeit. Eintritt 1 M., Sperr- sitz(1. Reihe) L JI. Bestellte Tische können nur bis S1/,. Uhr reserviert werden. Sonntag und folgende Tage: Winzerfest. Heute bis 71/s Uhr abends geschlossen. Grösster Eispalast der Welt! Sämtliche Freikarten sind während das Winzerfestes aufgehoben. Urania. Wissenschaftliches Theater Nachm. 4 Uhr: Lebende Tierbilder von nah u. fern. 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Suszerdem werden dle Mitglieder der Bezirke 1S4 und 169 ersucht. sich bei Baum, Stallschreiberstr. 47, und die Mitglieder der Bezirke ISö, 1S6 und 170 bei Licbich, Alte Jakobstr. 69. einzufinden. Der Borstand. Charlottenburg. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Partcigenofien wollen sich am Sonntag, den 22. Oktober, früh V'/o Uhr, an der von den bekannten Lokalen aus stattsindeirden wichtigen Flugblattverbrcitung beteiligen. Gcwerkschaftskommission Charlottenburg. Der Vorstand des WahlvcreinS. Groß-Lichterfeldc. Sonntag, den 22. Oktober, nachmittags 2 Uhr, im.Kaiserhot". Kranoldplatz 2: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung:.Wie die Völker heute betrogen werden". Rescrent: Schriftsteller Eduard Bernstein. Diskussion. Sonntag früh 8 Uhr: Handzettelverteilung. Die Bezirks- führer des Ostens nehmen die Handzettel im Kaiserhof in Empfang. Adlershof. Morgen, Sonntag, den 22. Oktober er., nachmittags 2 Uhr, im Lokale des Herrn Wöllstein. Bismarckstr. 24: Oeffenl- liche Versammlung. Tagesordnung:»Herr Lehrer Moewes droht mit dem Staatsanwalt". Zossen. Sonntag früh 8 Uhr von Kurzner aus Flugblatt- Verbreitung. Das Flugblatt betrifft die bevorstehende Stadt- verordnetenwahl. Der Vorstand. Ladeburg bei Bernau. Sonntag, den 22. d. Mts., nachmittags 3 Uhr: Oeffentliche Versammlung im Lokale des Herrn Sonnner. Tagesordnung:.Die nahenden Neichstagswahlcn und die Teuerung". Referent: Reichstagskandidat B. Bruns. Berliner Nachrichten. Tie Berliner Stadtbahn, die jetzt elektrischen Betrieb er- tialtcii soll, wird erst im kommenden Jahre 30 Jahre alt: aber diese drei Jahrzehnte haben sowohl der Bahn wie ihrer Uin- yebung recht einschneidende Veränderungen gebracht. ES imitet eigenartig an, wenn nian in Berichten ans dcni Jahre 1881 lieft, daß die Berliner Stadteisenbahn„demnächst" in Betrieb kommen soll, und zwar mit vier Bahnhöfen für der. durchgehenden Verkehr und fünf Haltestellen. Es waren der Niederschlesische Bahnhof, Bahnhof Königsbrllckc(Alexander- platz), Friedrichstraße, Charlottenbura. Haltestelle Jannowitz- drücke, Neue Promenade, Lehrter Bahnhof, an der Spree beim Caf6 Gärtner und am Zoologischen Garten. Noch schärfer aber tritt der Kontrast zwischen damals und jetzt her- vor, wenn man die Umgebung betrachtet. Dafür nur zwei Beispiele. In einem Bericht von 1882 von der ersten Stadt- bahnfahrt heißt es, daß„der Bahnhof Charlottenburg einen großstädtischen Eindruck macht, der freilich nur solange an- hält, als wir nicht bemerken, daß in seiner allernächsten Nähe der Schöneberger Hauptgraben unter dem Bahnkörper durch- geführt ist. dieser Teltowsche Acheron, der seine schwarzen Stoffe in die Spree wälzt. Ter Auslug aber von diesem Bahnhof ist entzückend. Wir schauen die Steglitzer Kirche, die Wilmcrsdorfcr Kirche und die blauen Massen des Grunewalds, auf der vor uns liegenden Ebene aber gut bepflanzte Wege und freundliche Villen, blumenbunte Wiesen und Aeckcr". Von dieser Umgebung ist heute natürlich nichts mehr zu sehen. Der Bericht fährt dann fort:„Die Haltestelle am Lehrter Bahnhof ist in geradezu genialer Weise an dieser Stelle errichtet worden. Soweit das Auge blicken kann, nirgends ein Gebäude, dessen Insassen diese Haltestelle be- nutzen könnten. Ich nehme nämlich an. daß die Insassen des Zellengefängnisses nicht Stadtbahn fahren, daß die Bewohner der Ulanenkaserne auch nur an Sonntagen hierzu Zeit haben. und daß die Beamten des Kriminalgcbäudcs ebenso leicht zum Bahnhof Bcllcvue, als zum Bahnhof Lehrte gehen. Als einzige Stadtbahnfahrer für diese Haltestelle bleiben die paar Dutzend Menschen, die am Siegesplatz wohnen, und die Kroll- bcsncher. Für diese ist wiederum genialcrweise der Zugang uach Norden, nicht nach Süden angelegt." Seit diesen Bc- richten sind kauin 30 Jahre verstrichen. In diesem Zeitraum bat sich Berlin mit seinen Vororten in ungeheurer Weise eist- wickelt und damit auch der Verkehr. Ter Magistrat und das Philharmonische Orchester. Der Magistrat hatte, wie seinerzeit mitgeteilt wurde, der Stadt- berordnctcnversamnilung vorgeschlagen, dem Philharmonischen Orchester zunächst für das Etatsjahr 1912 eine Subvention zuzu- sichern unter der Bedingung, daß es für diese Zeit ein dauerndes auswärtiges Engagement nicht annnimwt und nach Vereinbarung mit dem Magistrat eine Anzahl von Volkskonzerlen veranstaltet folvie an ähnlichen musikalischen Veranstaltungen teilnimmt. Die Stadtverordnetenversaiumlung hat die Angelegenheit einem Aus- schütz zur Vorberatung überwiesen. Dieser hat zunächst den Ma- pistrat ersucht, ihm eine Aufstellung der vom Philharmonischen Orchester in Aussicht gestellten Aufführungen vorzulegen. Die mit dem Orchester gepflogenen Verhandlungen besänftigten den Ma- gistrat in seiner gestrigen Sitzung. Ter Magistrat hat beschlossen. dem Ausschutz die mit dem Orchester getroffenen Verabredungen der Stadwerordnctenvcrsammlung zur Aitnahme zu cmpschlcn. Es ist tn Aussicht genommen, in den Sommermonaten— 3uni bis September— in jeder Woche zwei und im Winter fünf öfsentliche Kon- Serie zu veranswlten. Für diese Konzerte soll ein EintrittSge.d erhoben werden und zwar von 50 Pf. für% und 30 Pf. für%. Autzerdem hat das Orchester im Laufe des Winters an icchs Nach- Mittagen Schülerkonzerte zu veranstalten, zu welä)cn der Eintritt ifrei sein soll. Das Programm der zu veranstaltenden Konzerte Wird von der �rchesterleitung culsocsteßl uni) dem all.- Nionatlich zur Äenntnilönohme cinslereicht. TäK Orchester har in einer Besetzung von 55 Mann zu konzertieren. Klagen über ungenügende Beförderung dnrch die Große Berliner Straßenbahn gehen uns wiederholt zu. Wir möchten heute einige besonders krasse Fälle mitteilen. Personen, die gestern von dem Stratzcnbahnhof Nieder-Schöiihausen-Nordend die Linie 47»ach Berlin benutzen wollten, mntztcn die Wahrnehmung machen, daß der um 8.24 früh fällige Wagen einfach ausfiel. Warinn das der Fall war. konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Wenn auf der Staatsbahn eine solche Veränderung des Fahrplans eintritt, so wird da« öffentlich bekanntgegeben, aber die Stratzcnvahn scheint das 1 nicht für notwendig zu halten. Ein Plakat, das dem Publikum von dieser Maßnahme Kenntnis gegeben hätte, war nicht zu sehen. Viele Personen, die sich darauf verlassen, mit einem bestimmten Wagen nach ihrer Bcschäftigungsstelle zu gelangen, kommen durch eine solche Veränderung in die größten Verlegenheiten. Ein Sturm auf die Straßenbahnwagen erhebt sich jeden Morgen an dem Straßenbahnhos in der Schönhauser Allee, Ecke Gleimstratzc. Da nicht genügend Wagen gestellt werden, das Publikum aber zu bestimmter Zeit an der Arbeitsstelle sein muß, kommt es dort zu heftigen Kämpfen um die Plätze. Dabei passiert es, daß manchen Kämpfenden die Kleider buchstäblich vom Leibe gerissen und manche Fahrgäste in die Gefahr kommen, überfahren zu werden. Uns wird berichtet, daß nicht genügend Einsetzwagcn verwendet werden. Die leitenden Beamten dcS Bahnhofes sehen dem Schauspiele zu, ohne für Abhilfe zu sorgen. Wenn diese Mitteilungen zutreffen, und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, so muß die Verkehrs- Polizei hier abhelfen. Die Straßenbahn hat die Verpflichtung, für reguläre Beförderung des Publikums Sorge zu tragen. Hoffentlich tragen diese Zeilen zur Abhilfe bei. Vom Zuge überfahre» und getötet wurden in der Nacht vom Donnerstag zu Freitag innerhalb Berlins nicht weniger als drei Männer. Der 44 Jahre alte Prokurist Karl Rawe aus der Paul- straße zu Moabit wurde kurz vor 2 Uhr vor dem Bahnhof Vcllevue auf einem Stadtbahnglcise tot und stark verstümmelt von einem Rottenführer aufgefunden. Die Leiche wurde zunächst ans dein Bahn« Hofe geborgen und dann nach dem Schauhanse gebracht. Nach den Ernnttelungen muß der Berunglückre auf der Heimfahrt zu früh ausgestiegen sein. So geriet er unter einen Zug, der aus der entgegen- gesetzten Richtung kam und nach dem Lehrter Bahnhof zu fuhr. Rawe war verheiratet und Vater eines»och schulpflichtigen Kindes.— Auf dem Bahnhof Pntlitzstraße kam gestern um 6 Uhr morgens ein »och unbekannter Mann um das Lebe». Er sprang ans dem Inge, der in der Richtung nach Nauen in den Bahnhof einbiegt, aus, bevor er noch hielt, fiel zwischen zwei Wagen auf die Schieucn und wurde Übersahren. Ein Rad zermalinte ihm den Kopf, so daß er auf der Stelle verschied. Die Leiche auch dieses Ver- «»glückten wurde nach dem Sckiauhanse gebracht. Es handelt sich um einen etwa 50 Jahre alten Mann, der dem Aeußern nach Arbeiter ist. Er ist ziemlich beleibt, hat grangemisäites Haar mit Glatze und trug eine schwarze Hose, ein schwarzes Jackett, eine grauschwarz karierte Weste, einen schwarzen steifen Hm und eine Nickelbrille.— Ein Eisenbahn angestellter, über dessen Verhältnisse auch noch nichts Näheres bekannt ist, wurde auf dem Außenbahnhos der Wannsce- bahn überfahren. Auch ihm wurde der Kopf zerschmettert. Seine Leiche wurde vorläufig auf dem Bahnhof Schöneberg geborgen. Eine ExplosionSkatastrophc, bei der vier Prrsonen schwer verletz wurden, ereignete sich gestern früh in der Zentrale Oberspree der Berliner Elektrizitätswerke in Ober- Schöneweide. Als sich gester» früh der Inspektor Gohlke mit dem Monteur Ihlenfeld in den Kabel- keller des Werkes begab, um dort die hochgespannten Stromzuleilmigen einzuschalten, erfolgte aus noch unbekannten Gründen plötzlich eine Explosion. Die genannte» beiden Personen sowie die in einem an- stoßenden Räume befindlichen Monteure Guckel und Schmidt wurden von Stichflammen getroffen und erlitten schwere Brandwunden. Alle vier konnten sich ins Freie retten. Auf die Detonation hin eilten von allen Seiten Leute herbei. die sich der Schwerverletzten annahmen und für deren Ueberführung nach dem Elisabcth-Hospital in Ober-Schöneweide sorgten. Nach Ausspruch der Aerzte besteht bei den vier Ver- unglückten keine direkte Lebensgefahr. Die Feuerwehr de» Werkes hatte längere Zeit zu tun, um die Flamnie» zu löschen und die be« stehende Gefahr weiterer Explosionen zu beseitigen. Unter der zahl- reichen Arbeiterschaft war bei der Detonation ein panischer Schrecke» ausgebrochen. Die Untersuchung bezüglich der Ursache deS Unglücks ist im Gange. Bor dem Gebäude der Zentrale sammelten sich nach dem Unfall Hunderte von Menschen an, deren sich eine große Aufregung be« mächligte, als das Gerücht umlief, daß die vier Verunglückten tot ieie». Es stellte sich jedoch bald heraus, daß diese Befürchtung un- begründet war. Der Keller des Hauses der Zentrale ist dnrch den Unfall stark demoliert worden. Ucber den Vorfall berichtet die Berliner ElcktrizitätS-Gescllschast: Heute vormittag ll'/z Uhr wurde in der Kraftzentrale Obcrspree ein HochspannungSschalter dnrch Kurzschluß defekt. Dad in dem Schalter enthaltene Oel geriet in Brand und es entstand infolgedessen im Keller ein Feuer. Infolge starker Berqualmung wurde cö schioer, in den Keller zu gelangen und die Maschinenanlage nmßte so lange abgeschaltet werden, bis das Feuer gelöscht war und der Rauch sich verzogen hatte. Alsdann wurden zunächst die Berliner Unter stationen wieder in Betrieb gesetzt und im Anschluß daran die Borortsnctze versorgt. Eine Störung in der Licht- und Kraft- Versorgung hat in Berlin nicht stattgefunden; nur der Slraßen- bahnverkehr am Halleschen Tor erlitt eine kaum halbstündige Unter- brechung. Vom sagenhaften Märchendrunnen sieht man jetzt endlich etwa« mehr als Holzgcrüste und Gipsmodelle, die jahrelang schon den Spott der Berliner herausforderte». Die halbrunde Säulenhalle mit der architektonisch äußerst wirksamen Galerie auf der Höhe ist jetzt im Rohbau ziemlich fertig, so daß man sich von der zutünflizc» Gestaltung einigermaßen cincii Begriff machen kann. Mit den übrigen Arbeiten haperlS nach wie vor. Tiejenigen Gewerbetreibenden, welche in Berlin eine gcwcrb- liche Niederlassung besitzen lind im Jahre l9l2 persönlich oder durch in ihren Diensten stehende Reisende für die Zwecke ihres Gciverbe- betriebes Waren aufkaufen oder Bestellungen aus Ware» suck)cn wollen, werden in ibrem eigenen Jntcrcssc aufgefordert, die hierzu gemäß§ 44, 44a der Neick)sgemcrl'eordnu»g erforderlichen Legiti- mationskarten für das Jahr 1912 baldigst zu beantragen und zwar ausschließlich bei dem Polizeirevier, in dessen Bezirk ihre gewerb- liche Niederlassung liegt. Anderenfalls Ivürde bei der großen An- zalh der eingehenden Anträge die rechtzeitige Ausstellung nicht ge- sichert sein. Ter Polizeipräsident»lacht noch besonders darauf aufmerksam, daß die für die Anträge zu benutzenden Formulare, welche die zur Information der Gewerbetreibenden erforderlichen Beiuertuiigen enthalten, von den Gewerbetreibenden selbst zu beschaffen sind; sie können u. a. vom Formularberlag vo;, Karl Kühn, u. Söhne, Berlin C, Brcitcstr. 25, bezogen werden. Die Spitzcntoilette der Herzogin von Koburg, die im Juli d. I. Anlaß zu einem grotzen Prozeß gegen den Schriftsteller Dr. Wcrmo- darf in Jena gab, ist gestern vormittag in der hiesigen Pfand- kainmcr in der Neuen Schönhauser Straße für den Preis von 4000 M. versteigert worden. Sie wurde von Herrn Justizrat � Rupprccht-Koburg zurückgckauft. j_ Ein nichtswürdiger Viibenstreich ist gestern nacht in dem Om- nibnsdcpot in der Köpcnickcr Straße verübt worden. Noch uncr- mittele Personen haben ungefähr 40 Pferden die Schlvcisc derartig . verschnitten, daß die Tiexe can3 entstellt Kussehen. Ein gefährlicher Stellenschwindler, der vielen armen Teufeln auch die letzten Notgroschen noch abgenommen hat, ist jetzt von der Kriminalpolizei unschädlich gemachl worden. Ein gewisser Max Heimann, der schon iviederholt beslrast»st und vor einiger Zeit erst wieder aus den» Gefängnis entlassen wurde, nahm sofort sei» alteS Treiben wieder auf. Auf den Arbeitsnachweisen, in den Verkehrs« Herbergen und vor den Mietsburcaus»»achte er sich an arglose Leute Hera», die in der Hoffnung, iu der Großstadt bald Beschäsligmig zu finden, nnt ihren letzten Ersparnissen nach Berlin gelommei» ivarcn. Er versprach ihnen, sie gleich anbringen zu»volle»»,»vcil er schon lange eine geeignete Person suche, und führte sie dann kreuz»md q»ier durch die Stadt bis an ein Eckhmis mit zwei Ausgängen. Hier tat er so, als ob er iin Vorübergehen eine Besorgung zu machei» habe, kau» dann wieder heraus, erzählte den» An- geworbenen, daß ihm an einer bestimmten Snnnne, die er brauche, noch so und soviel seble, ließ sich von ihm das Geld geben, ging dann»vieder in das Hans hinein, und verschwand»nil der Beule durch den zweiten Eingang nach der anderen Straße. Gestern sah ein Betrogener den gefährlichen Burschen in der Dresdener Straße und ließ ihn festnehmen. Heimann gestand der Kriminalpolizei,� die ihn sofort lvicdcrerkaniite, seine Scknvindcleien ein, luciß aber selbst nicht»nehr,»vievicle es sind, weil ihm sein Streich fast täglich mehr als cinnial gelungen sei. Nachklänge zmn Prozeh des Rektors Bock. Ter Lehrer Adolf K n ö f e l, der seinerzeit mit Rektor Bock wegen Sittlichkeitsver« gchens vor Gericht stand,-dort aber sreigesprochen wurde, hatte sich gestern vor dem DiSziPlinargcrichtshof des Provinzialschulkollcgiuins zu verantworten. Es blieben genug Bclastungsniomcnte übrig, so daß die Verurteilung Knöfels zu Dienstentlassung ohne Pension erfolgte. K. will gegen das Urteil Berufung einlegen. Ein Handtaschenräuber»st gestern abend im Tiergarten wieder aufgetreten. Als»in 7 Uhr eine Dame an? der Thoiiiasinsstraße die Charlottenburger Chausiee entlang ging, kam plötzlich ein Kerl an sie heran, entriß ihr die Haiidlajche und verschwand mit der Beute im Gebüsch, bevor sich noch die Beraubte von ihrem Schreck erholt halte. Trotz der Hilferufe entkam der Räuber. Beschreiben kann sie ihn auch nicht. Die grünlcderne Tasche cnthiclt 12 M. bares Geld und einige Kleinigkeiten. Berliner Ecldschraiikknackcr a»f Reisen. Eine lohnende Gastrolle haben in der vorvergangene» Nacht Berliner Einbrecher in Woltersdorf gegeben. Sie drangen von der Straße ans in den Laden der Manu- sakinr- und Modewarenhaiidlung von M. Gninpert ein und erbrachen die Kontorräume. Hier machten sie sich sofort an die Sprengung des schweren eisernen Geldschrankes,»vobci sie sich der inodernsieil Werkzeuge bedienten. Mittels eines Sauerstoffgebläscs schnillen sie da« Schloß hermtS nnd konnten so lcich» das Spind„knacke»»". Ten Dieben fielen über 800 M. baareS Geld, ein Sparkassenbuch über 700 M. sowie mclirere Lotterielose»md eine wertvolle Münzen» saininlnng in die Hände. Nach der ganzen Art der Ausführung des Einbruchs Handel» es sich»»in ganz gewiegte Bursche»». ES ist auch zweifellos, daß nur Berliner Geldschraiillnacker»u Betracht kommen, toahrscheitilich diejenige», die auch kürzlich den Einbruch in den: Kauf- banse Laserstein in Weißeiiscc verübten und bei der Sprengung des Geldschrankes gestört worden waren. Von den Tätern fehl» bisher noch jede Spur. Ein schwerer Straße»hohim»f>,ll ereignete sich an» Donnerstag- abend gegen'/P5 Uhr in der Perlcbcrger Straße. Tort wurde an der Stefanstraße der siebenjährige Sohn Max dcS in der Perleberger Str. 11 ivohnhaflen Fabrikarbeiters Krüger von einem heran- nahenden Straßcnbahmvagcn der Linie 5»»»»gestoßen. Der Knabe ge»iet»lnter den Vorderperron und»nit beiden Beine»»mter den Schutzrahinen. Mittelst»»itgeführter Winden wurde der Waggon angehoben und der Verunglückte befreit. Der Kleine hatte einen Bruch des rechten Oberschenkels, eine Quetschung des linken Ober- schenkeis und eine Verletzung der Weichteile erlitten und mußte nach dem Krankenhause Moabit übergeführt werden. Die von Passanten herbeigerufene Feuerwehr brauchte nicht in Tätigkeit zu treten. Vor dem Hause Frankfurter Chaussee 15 erlitt Donnerstagabend gegen 11 Uhr der auf den» Vorderperran eines Straßenbahnwagens der Linie 68 stehende Diener Paul Wühler aus der Atzpodienstr. 42 in Lichiettberg einen OhmnachlSanfall nnd stürzte während der Fahrt auf die Straße hinab. W. trug eine Gehirnerichütterltng davon und wurde, nachdem er ans der nächsten Unfallstation ärztliche Hilfe er» halten halte, nach seiner Wohnung übergeführt. Nicht identisch ist der Kaufmann Bruno Görlich, Nathenower Str. 8, mit den» in Nr. 243»ititeres Blattes genannten Wohnungs- cinbrcchcr gleichen NcnncnS. Auf Wunsch des' Herrn Görlich flellei» wir dies gern fest. Fe, irr in einer Schuhfabrik. Gestern früh kurz nach 4 Uhr wurde die Feucrtvchr nach der Großen F r a n k f u r t e t Str. 84 gerufen, wo in einer Schuhfabrik Fetter ausgebrochen war. Bei Ankunft des ersten Löichzttgcs branutcu Regale mit Kartons, Bretter- verschläge, der Fußboden und die Swaldecke. Der Brandt,»eister ließ sofort mit einer Schlauchleitung Wasser geben, wodurch cS gelang. die Flammen auf die Schuhfabrik zu beschränke». Eine Bc« sichtiguug der Brandstelle nach der Ablöichting zeigte, daß vermnilich Brandstiftinig vorliegt. Die Feuerwehr benachrichtigte daher die Kriminalpolizei, die nun die iveitcrei» Enrnitelmige» in dieser Richtung anstellt. Eine Vcrhastnng ist noch»licht erfolgt. Ei» sehr gefährlicher Brand kam am Frcitagmiltag um 1 Ubr auf ein ei», Holzlagerplatz an» Köllimcheu Ufer 44 zmn Ausbruch. Dort halte man fahtläisizer Weise alten Hausrat, Sofa»isw. in tm- mittelbarer Nähe eines AschetthnttfetiS gelagert. Sie fingen Feuer. Zmn Glück war die Fcttertvchr schnell zur Stelle. Nachts wäre die «itiialion gefährlich gewesen. Der Feuerwehr gelang eö. den Brand zu lokalisieren und so die großen Holzvorrätc zu schützen. Vorort- Nachrichten. Wilmersdorf-Halensee. Beamte und öffentliche Stiininabgabe. Es ist längst bekannt, daß die öffentliche Wahl ein Hohn auf die fteie Wahl ist. aber wohl selten ist der Skandal der öffentlichen Stimmabgabe so anschaulich offenbart worden, als bei den letzten S t a d t v e r o r d n e t e n e r sa tz w a h l e n' in Wilmersdorf. Ein paar Zahlen, mit denen man vor einigen Tagen in einem der konservativen Bezirksvereine prunkte, be. weisen in dieser Hinsicht mehr als lange Ausführungen. WiltnerS« darf ist bekanntlich zum guten Teil von Staatsbeamten be- wohnt. Eine besondere Kolonie bildet das Beamtenhaus in der Hildcgardstraße; seine erwachsenen männlichen Bewohner. 184 an der Zahl, sind in demselben zehnten Bezirk, in dem die kon- servalive Partei am 11 Oktober über die Sozialdemok'-ltie siegte, Angehörige der bei dieser Wahl in Betracht gekommenen dritten Wählerklasse. Daß ein Beamter oder Staatsarbeiter. mag er im Grunde seines HerzenL der Arbeitersache auch noch so viele Sympathien entgegenbringen, öffentlich für einen Sozial» d e m o k r a t e n seine Stimme abgeben kann, ist in Preußen natür- ltch ausgeschlossen; er wurde sofort seiner Stellung enthoben wer- den und mit seiner Familie am Hungertuche nagen müssen. Aber es ist einem Beamten auch fast unmöglich, sich der Stimmabgabe zu enthalten und dadurch zu dokumentieren, daß er die Jmuioralität der öffentlichen Wahl zu würdigen weiß. In ihrer.Pgrteinghme gegen die Sozialdemokratie drängt schon dl« Regierung d'en Beainken an Len Wahltisch; und tüo deren Wink mit dem Zaunpfahl noch nicht nützt, ist sicher der konservative Be- zirkSverein auf dem Plan, um dem beim Staate in Lohn und Brot stehenden Wähler plausibel zu machen, daß er den„Umsturz" unter» stützt, iocnn er nicht bürgerlich wählt und obendrein der„guten" Sache seine agitatorischen Kräfte leiht. So kam eS denn ganz selbstverständlich, daß die Beamten auch bei der letzten Wahl die wesentlichste Rolle spielten. Von den 1011 Wählern, die ihre Stimme abgaben, wählten 351 sozialdemokratisch und 360 bürger- lich. Insgesamt nahmen 42,54 Proz. der 2340 eingeschriebenen Wähler au der Wahl teil. Als Beamte sind im Kaiserplatz- bezirk 685 oder 29,27 Proz. der Wähler in der Liste aufgeführt, doch stimmten hiervon 458 oder 67,30 Proz.; von den erwähnten 184 Wählern des Beamtcnhauses traten gar 150 oder 81,52 Proz. an den Wahltisch. Im ganzen zerfielen die bürgerlichen Wähler, soweit sie ihr Wahlrecht ausübten, in 458 Beamte, 145 Ge- werbetreibende und 57 andere Personen. Diese Zahlen lassen deutlich die Wirksamkeit des von den Konservativen ausgeübten Druckes erkennen. Mit belanglosen Ausnahmen übten nur abhängige Personen zugunsten des bürgerlichen Kandi- baten ihr Wahlrecht aus. die Beamten aus den vorhin ge nannten Gründen, die Geschäftsleute, weil sie eine Ent- zichung der Kundschaft, also gleichfalls eine wirtschaftliche Benachteiligung befürchteten, falls sie zu Hause blieben oder gar sozialdemokratisch stimmten. In der frischen Erinnerung an die Konfliktszeit wollte Bismarck dereinst den Beamten das Wahlrecht entziehen. Wäre dieser Plan verwirklicht worden, so hätte die Sozialdemokratie auch bei den öffentlichen Stadtverord nctenwahlen in einem der„vornehmsten" Bezirke Groß-Berlins glänzend gesiegt. Wir Sozialdemokraten wollen selbstverständlich auch den Beamten das Wahlrecht gesichert wissen. Ja, mehr noch, wir streben mit aller Energie dahin, daß sie frei wählen können, was selbstverständlich nur unter dem geheimen Wahlrecht möglich ist. Vielleicht tragen auch die hier mitgeteilten Zahlen ihr Teil zur Kennzeichnung und damit zur Beseitigung des heutigen unsittlichen Zustandcs der öffentlichen Klassenwahl bei, Als man sie hervorholte, zeigten sich schwere Verletzungen. Rippen- beinbrüche usw. Aerztliche Hilfe war sofort zur Stelle und wurden die schwer Verletzten mittels Krankenwagen nach dem Krankenhaus geschafft._ Jugendveranstaltnnge». Schöneberg. Sonntag, den 22. Ollober, nachmittags 4 Ubr, in den „Neuen Nathaus-Sälcii", Mdmngcr Str. 8(im Tunnel): Geieltiges Bei- sammensein, Spiel und Unterhaltung. Die Arbeiterjugend wird ersucht, zahlreich zu erscheinen. Eltern sind srenndlichst willkommen. Huq der frauenbemgun� Grost-Lichterfelde. Reiche Herrschaften und Gemelndc-Notstandsaktionen. Ans Leser- kreisen werden wir um Aufnahme folgender Zuschrift ersucht: „Bekanntlich haben in letzter Zeit einige Gemeinden— unter dem Druck des Bolksprotestes gegen die Lebcnsmittclteuerung— sich bereit gesunden, kleine Bezüge von Lebensmitteln auch Heizungs- Material zum Selbstkostenpreis abzugeben. Selbstverständlich ist jede dieser Gemeindegrötzen davon überzeugt, für das arme Volk etwa« wirklich Bedeutendes geleistet zu haben. In Wirklichkeit konnte man aber vor einigen Tagen bei einem Kartoffelverkauf der Ge meinde Friedenau in der dortigen Vornslratze beobachten, wie auch mit ihren Dienstmädchen„gnädige" Frauen sich nicht genierten. den späterkommenden Arbeiterfrauen dieKartoffelrationen sortzukaufe». Und zwar wurden immer nur 10 Pfund pro Person verkauft, macht pro„Gnädige" nebst Anhang 20 Pfd. Dasselbe bat man in Grog- Lichtcrfelde IV. beim Kohlenverkauf beobachten tönnen. Auch hier wurden die Kohlenvorräte hauptsächlich von wohlhabenden Damen angekauft." Wir haben dieser Zuschrift gern Raum gegeben, damit die be- treffenden Gemeinden Vorkehrungen treffen können, wodurch einem solchen Mißbrauch der NotstandSaktionen vorgebeugt werden kann. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Von drei Körperschaften, näm- lich vom hiesigen Gewerkschaftskartell, vom Hirsch-Dunckerschen Gewerkvcrcin und vom Technikerverein, sind der Versammlung zu verschiedenen Zeiten Gesuche um Einführung einer städtischen Arbeitslosenversicherung zugegangen. Diese Gesuche sollten nach altem Gebrauch dem Siebenerausschuh überwiesen werden. Auf Einsprache einiger Stadtverordneten, welche die Angelegenheit durch eine besondere Kommission behandelt zu sehen wünschen, werden diese Gesuche nunmehr in der nächsten Versammlung verhandelt und wahrscheinlich in einer Kommission begraben werden.— Ein Gesuch des Arbeiterausschusses der städtischen Betriebsarbeiter um Gewährung einer Teuerungszulage wurde dem dritten Ausschuß überwiesen.— Nach Erledigung noch weiterer schriftlicher Eingänge gelangte eine Erklärung des Magistrats bezüglich der Sonntags- wähl zur Kenntnis der Versammlung, deren Inhalt besagt, daß der Magistrat den Antrag, die Stadtverordnetenwahl für die dritte Abteilung an einem Sonntag stattfinden zu lassen, abgelehnt hat und bereits der Termin für die Wahl(7. November) festgesetzt ist. Ehrfurchtsvoll geknickt hörte die Versammlung die Magistrat- liche Botschaft, nur eine Stimme rief:„Wir kommen wieder!"— Vor einiger Zeit hatten die Stadtverordneten einem Vertrage zur Errichtung eines elektrischen städtischen und Kreiskraftwerks zu- gestimmt, nach welchem der Beitrag der Stadt 1 Million Mark betragen soll. Im Verfolg dieses Beschlusses wurde vom Magistrat die Aufnahme einer Anleihe von 1 Million Mark beantragt, welche mit 3'�— 4 Proz. verzinst und mit l'A Proz. getilgt werden soll. Tie Notwendigkeit der Anleihe cinsebcnd, stimmte die Ver- saminlung ohne jede Debatte zu.— Aber noch zwei weitere An- leihen von je einer Million Mark bewilligte die Versammlung ohne jede Debatte. Diese Anleihen sollen" von der Bankfirma Hassengier u. Co. mit 4 Proz. Zinsen und 1.1 Proz. Damno (22 000 M.) entnommen werden. Dw Darlehen sollen zunächst bis zum 1. Januar 1911 gegenseitig unkündbar sein. Diese Anleihe stellt einen Teil der beschlossenen 30-Millionenanleihe dar, welche die Stadt für Entsestigung. Hafen, Straßenbahn usw. braucht.— Für jeden Polizeihund, es sind jetzt 6 vorhanden, der mit Genehmigung des Polizeichcfs gehalten wird, soll eine monat- liche Vergütung von 15 M. gewäbrt werden und ferner soll die Versammlung einmalig 100 M. für die Kasse bewilligen, aus welcher die Ausgaben im Interesse der Erziehung und Ablichtung von solchen Hunden geleistet werden. Wie der Referent mitteilte, hat der Polizeiinspektor etwa 14 solcher Hunde in Aussicht gestellt. Ein Antrag des Genossen Pieper sorgte aber dafür, daß diese Hunde. liebljabcrei bedeutend beschnitten wurde. Er beantragte nur die Kosten für drei Hunde zu bewilligen. Diesem Antrage stimmte die Versammlung mit großer Majorität zu.— Als Beihilfe zum Bau einer Kinderbewahranstalt in der Wilbclmstadt wurden 2000 M. bewilligt.— Die Firma Franke u. Berghotd hatte auf Grund des Submissionsergebnisses den Bau des Umleitungskanals für ein Angebot von 33 932,90 M. übertragen erhalten. Im Laufe der Arbeit stellten sich aber angeblich soviel unvorhergesehene Schwierigkeiten ein, daß die Firma jetzt eine Nachsorderung von 14 874 M. stellte. Die Versammlung genehmigte ohne jede Debatte die Nachforderung. Für eine dienstliche Fahrt nach Berlin erhalten Magistratsmitglicder und Stadtverordnete eine Entschädigung von 7.50 M. pro Tag, Ober- und Suballernbeamte aber nur 5 M. Die Herren Oberbeamten ivollen nun dieselbe Ent- schädigung haben wie die Magistratsmitglieder, damit sie von den Subalternbcaiiiten unterschieden würden. Ter Magistratsvertretcr hielt einen solchen Standesdünkel für völlig berechtigt, was der Genosse Stadtv. Pieper dahin glossierte, daß ja nach diesem Grundsatz auch die Stadtverordneten der 1.» 2. und 3. Klasse ver- Lchiedene Entschädigungen erhalten müßten. Die Versammlung legte den Herren Oberbeamlen 1 M. zu, so daß sie jetzt 6 M. für eine Reise nach Berlin erhalten und um 1 M. den Subaltern» beamten höher gesetzt sind. In die gemischte Kommission zur Be- ratung der Angelegenheit betreffs Maßnahmen zur Behebung der Fleischnot wird u. a. auch der Genosse Pieper gewählt. Ein Unglücksfall ereignete sich gestern Frcitagvormittag in der eisten Stunde bei der Finna Tbomas am hiesigen Hafen. Die Arbeiter waren dort mit dem Ausladen von Vecbin dungShölzern beschäftigt, die sie zu großen Stapeln aussetzten. Plötzlich stürzte einer dieser großen Stapeln um und begrub vier Arbeiter unter sich. Adoptionsschwindel. Die„Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindcsrecht" teilt unter der Ueberschrift:„Der Kampf gegen Kinderhandel und Adop- tionsschwindel" mit, daß sie sich einer Zentralstelle zur Bekämpfung des Kinderhandcls und Adoptionsi'chwindcls, verbunden mit einer Adoptionszentrale angliedern werde, um den grauenvollen Miß ständen aus diesem Gebiet, von denen s i e durch die in den letzten Monaten angestellten Recherchen der ehemaligen Stuttgarter Polizciassistentin, Schwester Henriette Arendt, Kenntnis erhalten hat, zu begegnen. Demgegenüber sieht sich die„Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge" genötigt, darauf hinzuweisen, daß sie diese Mißstände lange bevor Schwester Henriette Arendt mit ihren Ent- hüllungen über Berliner Verhältnisse an die Oeffentlichteit trat, erkannt und bereits vor IVs Jahren eine eigene Abteilung für Adoptionen eingerichtet hat, in der bisher zahlreiche Fälle mit bestem Erfolg bearbeitet worden sind. Scheint ihre Zahl auch klein gegenüber den Ziffern, die Schwester Henriette Arendt anzugeben pflegt, so liegt doch gerade darin die Garantie für die Qualität der geleisteten Arbeit. Demnach könnte der„Vorwärts", der seit langen Jahren den Kampf gegen den Adoptionsschwindel geführt, nun geduldig die Hände in den Schoß legen und abwarten, ob das nun endlich zu aller Ohren gedrungene Elend abgestellt wird. Und ihm könnte es auch gleich sein, ob die„Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindesschutz" oder die„Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge" den ersten Preis davonträgt. Er beabsichtigt wenigstens nicht, sich um die Ehre, ans diesem Gebiet zuerst und bahnbrechend tätig gewesen zu sein, zu bewerben, wennschon et..... Aber eine andere Frage wird eS sein, ob insonderheit die „Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindcsschutz" imstande ist, gegen dieses Elend, das alltäglich in fast allen bürgerlichen Zei- tungen und Zeitschristen schwarz auf weiß zutage tritt, ernstlich vorzugehen. Jedenfalls dann nicht, wenn sie auf dem Stand- punkt verharrt, den sie an dem Tage, als die Schwester Arendt öffentlich in Berlin sprach, eingenommen. Damals wurde in klarer Weise von Genossen in der Diskussion nachgewiesen, daß man, wenn man hier etwas Positives leisten wolle, zunächst den Adop- tionsannonccn zu Leibe zu gehen habe. Was aber war die Ant- wort der Vorsitzenden dieser Gesellschaft auf die absolut sachlich und richtig vorgebrachte Ansicht unserer Genossen, die ihre Rkei- nung in einer Resolution zum Ausdruck bringen wollten? Sie erklärte, daß die Genossen(die das Material zurzeit vielleicht schon besser beherrschten als sie selbst) nur niit sozialdemokratischen Schlagwörtern um sich geworfen und ganz übcrflussigevweise ihren Haß über bürgerliche Blätter losgelassen. Inzwischen hat der ..Zeitungsverlag", das Organ der bürgerlichen Zeitungsverleger, bereits Front gegen diese Schand- und Schwindelannoncen gemacht, und auch das Berliner Polizeipräsidium erklärte auf eine Anzap- fung unsererseits hin(es handelte sich um den Brief eines Kinder- handel-Jnseratenaufgebers Zwiencr, Berlin, Prenzlauer Straße I, der das Polizeipräsidium als Referenz für die Solidität seines Geschäftes angegeben), daß ihm dieser sogenannte AdoptionS- schwindet erhebliche Arbeit verursache. Wir wiesen dann bereits in einem anderen Artikel nach, daß seit Warnung des„ZeitungSvcrlags" einige große bürgerliche Zeitungen loeniger dieser scheußlichen Inserate brächten, daß hin- gegen andere Blätter, wie die„Berliner Morgenpost", fortführen, Dutzende solcher Schwindelannoncen pro Tag zu veröffentlichen, ferner, daß die Aufgeber dieser Annoncen jetzt mehr in den Pro- vinzen annoncierten, und wir sprachen die Hoffnung aus, daß auch dorthin bald der Entrüstungsschrci über den Kinderhände! dringen möchte. Wir wiesen auch nach, daß eS sich um zweierlei Arten von Annoncen in dieser Sache handele. Die eine Art sucht Gimpel ins Garn zu locken, um diese Gimpel um 5 bis 10 M. zu schröpfcu und den Inserenten einen großen Schwindelverdienst zu ver- schaffen. Die andere Art betrifft den wirklichen Kinderhandel, dessen Schrecknisse durch Henriette Arendt ganz entschieden heller beleuchtet worden sind. Wir halten es für ausgeschlossen, daß dieser Schwindel und dieses Elend durch private Hilfe und Vereinshilfe, sie mag noch so gut gemeint sein, radikal ausgemerzt werden kann. Unsere Meinung geht dahin, daß hier nur das Gesetz Wandel schassen wird. Die von uns Sozialdemokraten erstrebte generelle Durchführung der G e n e r a l v o r m u n d» schaft, die wir als eine der Grundforderungen betreffs des Mutter- und Säuglingsschuhes an die Gemeinde stellen, dürfte voraussichtlich ein für allemal dem Adoptionsschwindel daS Lebens» licbt ausblasen. DaS heißt, wenn vor allen Dingen auch viele, viele Frauen aus dem Volk, wie auch Frauen überhaupt, Anstellung bei dieser Generalvormundschaft fänden. Hier ist zu bemerken, was Genossin Wehl auf dem Frauentag in Jena über die kommunale Tätigkeit der Frauen sagte, daß die Frauen in der Waisenpflege nichts zu melden hätten, daß sie sozu- sagen nur die Laufburschen wären, die die aufgegebenen Recherchen machen müßten. Die Waisenpflege in Berlin ersticke im Bureau- kratismuS! Oft vergehe ein Viertel- oder halbes Jahr, ehe die notwendige Recherche angeordnet würde, währenddem sei das Kind manchmal schon gestorben. Oder verkauft, sagen wir! Denn in ihrem Schlußwort führte die Genossin Wehl aus: „Es ist an mich die Anfrage gestellt, was dann zu tun sei, wenn Kinder verkauft würden? Wir Waisenpflegerinnen rcsp. Wohlfahrtspflegerinnen haben leider kein Mittel, dies zu ver- hindern, und es ist äußerst schwer, nachzuweisen, daß eine Familie einen solchen Kauf zu unsauberen Zwecken vornimmt. Sehr schlimm sind die Mädchen daran, die ihre Kinder gegen einmalige Abfindung in Pflege geben. Wir erfahren bei unserem Besuch einfach, daß das Kind in unserem Bezirk abgemeldet worden ist, und darüber hinaus gehen unsere Befugnisse nicht." Uns scheint, hier wurzelt das Grundübel, auf dem die Schwiiidelannoncen und der noch viel schlimmere Kinderhandel üppig wuchern. Darum hinein mit den Frauen in die kommunalen Aemler und hinein mit ihnen in den Reichstagswahlkampf, damit wir andere, bessere Volksvertreter und andere, bessere Gesetze be- kommen!_ Leseabende. Borsigwalde. Umstände halber findet der Frauen-Leseabend Nicht am Montag, den 23. d. M., sondern am 30. Oktober statt. ES spricht Genossin Reichert über:„Tie Volksschule, wie sie ist und wie sie sein soll". Die Bezirksleitung. Tegel. Montag, den 23. Oktober, abends 8�4 Uhr. Schlieperstr. 30: Frauen-Leseabend. Vortrag des Genossen Victor Brucko über:„Die wirtschaftliche Lage". Huq aller Alelt. Rettung aus der I�ot. Schwer lastet die Teuerung ans dem Volke. In erschreckendem Maße sind alle Lebensmittel im Preise gestiegen und der kommende Winter läßt noch eine weitere Preissteigerung erwarten. Während sonst in der jetzigen Jahreszeit die LrbeiterhauSfrau durch Einkauf von Gemüse, da» mit wenig Fleisch oder Talgzusatz ein einiger» maßen schmackhaftes Gericht ergab, dein Mittagstische eine Ab» wechselung geben konnte, ist der Preisstand des Gemüses in diesem Jahre ein derartig hoher, daß eS geradezu ein Luxusartikel ge- worden ist. Da ist es interessant, wie sich in den Köpfen der bürgerlichen Frauen die Teuerung malt, welche Rezepte sie vor- schlagen, um Ersatznahrungsmittel für daS verteuert- Gemüse zu finden. In der letzten Nummer der auch in Arbeiter- kreisen vielgelesenen Modenschrift»Die praktische Berlinerin" gibt eine Frau I. aus Göttingen unter dem Titel„ E r s a tz s p e i s c n für das teuere Gemüse" einige Rezepte zum besten. In dem Artikel heißt es: Als erster Ersatz ist der nahrhafte und fast allgemein beliebte Reis zu nennen, als Zugabe zu gekochtem und gebratenem Fleisch aller Arten.' Er muß dazu gut auSgequellt und m i t B u tte r und B o ui ll o n gemilcht, eventuell auch mit einige» Tomaten durchgekocht werden, die einen feinfnuerlichen pikanwn Geschmack geben.— Soll Reis allein das Gericht bilden, so füllt man ihn in eine Schüffel und belegt ihn sternförmig mit ge- schnittenen, in Butter und feingeschnittenen Zwiebel» geschmortem Cornedbeef oder Schinken, Tomaten- püree, gewiegter Petersilie und Schnittlauch, ebenfalls elwas vorher geschmort, geriebenem Schweizer- oder Parmesan käse, braun gebratenen Zwiebeln. gehacktem harten Eigelb, in Butter gebräunten geriebenen Semmeln und feingeschnittenen Pilzen. Morcheln uiw. Man kann dieses Reisgericht ganz nach Belieben feiner oder ein- facher herstellen, es wird immer ein nahrhafles und wohl- schmeckendes Gericht sein, das auch appetitanregend ist und hübsch aussieht. Auch in den übrigen Rezepten jongliert die Nuge Hausfrau mit kaltem Roastbeef, Ausschmtt, Schinken. Hamburger Ranchfleisch. Eiern und saurer Sahne herum, daß jedem Feinschmecker das Wasser im Munde zusammenläuft. Aber um Himmelswillen! Das sollen.Ersatzspeisen' für daS teure Gemüse sein? Wessen Geldbeutel so widerstandsfähig ist, daß er Schinken und kaltes Roastbeef verträgt, der braucht sich auch keine grauen Haare darüber wachsen lassen, daß das Gemüse teuer ist. Die Arbeiterfrau aber wird dank den Junkern und Pfaffen nach wie vor mit banger Sorg« dem kommenden Winter entgegen- sehen. Für sie bedeutet der„Gemüseersatz" eine unerreichbare Fata Morgana. Die Arbeiterfrau weiß aber auch, daß ihr Rettung aus ihrer jammervollen sozialen Lage nur gebracht werden kann durch das Erstarken, durch den Sieg des Sozialismus. Schweres Straftcnbahnunglück i« England. In der Nähe von Manche st er ereignete sich am Freitag ein schweres Verkehrsunglück. Als ein Straßenbahmvagcn den steilen Abhang bei M o ß l y unweit Manchester hinunter- fuhr, verlor der Wagenführer die Herrschaft über die Bremse. Der Wagen durchbrach eine Mauer und stürzte über eine Eisenbahnbrücke aus die Schienen hinab. Vier Personen wurden getötet, sieben verletzt._ Krieg iui Frieden. Auf dem deutsiben Linienschiffe„Thüringen' wurde während einer Schießübung in der Nähe von Wilhelmshaven durch vor- zeitige Entzündug einer Kartusche ein schweres Unglück hervorgerufen. Herumfliegende Teile der Kartusche verletzten die Matrosen Dapp und Marsen schwer, jedoch nicht lebens- gefährlich. Der Geschützführer kam mit leichteren Verletzungen davon. Kleine Notizen. Tödlicher Absturz eines Flieger». In M a r o n im nord- amerikanischen Staate Georgia ist der Flieger Ely während eineS SchauflugcS abgestürzt. Nach kurzer Zeit ist der Verunglückte seinen schweren Verletzungen erlegen. Die Pariser Wasserleitung verseucht. Wie die städtische Kommission für Hygiene in Paris erklärt, sind durch den Genuß von Pariser Leitungswasser typhöse Erkrankungen festgestellt worden. Die Hygienekommission empfiehlt daher der Bevölkerung, nur ab« gekochtes Trinkwasser zu genießen. Explosion in einem Pulvermagazin. Durch die Explosion einer Granale geriet ein Pulvermagazin in Val di Fornola in Brand. DaS Dach und die Mauern st ürzten«in. Das Feuer wurde schnell gelöscht. AuS den Trümmern zog man zwei Tot«, zwei ich wer und einen leicht Verwundeten. Ein spanischer Dampfer in der Nordsee gesunken. Bilbao, 20. Oktober. Der Dampfer„Segundo del Cerro", der am 1. September von Vivero nach Rotterdam abgegangen war, ist bisher an seinem Bestimmungsort nicht eingetroffen. Er dürfte mit seiner 23 Mann zählenden Besatzung in der Nordsee unter- gegongen sein... Margarinevergiftungen? vor einigen Tagen brachten wir die Meldung, daß in L u d w i g S h a f e n zwei Frauen nach dem Genüsse von Margarine erlrankt und gestorben seien. Dazu teilt uns die Vereinigung deutscher Margarinefabrikanten mit. daß fix telegraphischc Anfrage vom LudwigShafener Bürgermeisteramt die Antwort erhalten habe, daß die Sektion der beiden Frau-n als Todesursache Vergiftung ergebe» habe. Die Ursache der Ter- gisiung sei noch nicht festgestellt. ES erscheint demnach zweifelhast, ob Margannegenuß die Todesursache gewesen ist. FretrcltgtSse Gemeinde. Sonntag, den 22. Oktober vm-mlttaas ir.._s.->.' v-nmiiiaq- Brahmanentum". Damen und Herren als Gäste jehr willkommen Stllgrmetne Familienstrrbetafl«,~ . J_______________ Sonntagiiachmili.ig von 8—« Ubr «nicke und Sebastianstr. 36 bei Lieble; Zahlung und Ackerslr. 123 bei Ausnahme._ Marktprelle vo» Berlin am 10. Oktober 191». nach Trmittelimg de» Konigltch« Polizeipiäsidium« M a r» t b al I« n p r»«> e.(Kletnbaiidel), 100 Riloqramm Erbien. gelbe. ,»m Kochen 35.00— SO.OO. St'-ilcbo!»i-n weitze. 35.00 50.00. Linien 40,00- 80,00. Kail ort ein 7,00—14,00. 1 Kilo. «ramm Rindfleisch, von der Keule t.OO— 2.40. Rindfleisch, Banchsleilch 1.30 bis 1,70. Schiveiiieslcisch 1.30—1,80. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch 1.30—2,00. Butter 2.40—3,40. 60 Stück Eier 3,80—6.40. 1 Kilogramm Karpsen 1,20-2.40. Aale 1,20-2,60. Zander 1.40-3,60. Hechte 1.20 bis 2,80. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,40—3,00. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Kreble 2,40-3.00. fieinleiden. Dr.meilMelnianiis Speziaiinsiitui Zimmertrir. 78. 0—12,3— 6. Mittwochs u. Sonntags 9—12.* Buchhandlung Vorwärts Berlin SW. 68 lilndcnstr. 09(I.ndcn). Soeben erschien: iDis Sozialdemokratie im Urteile ihrer Gegner von Dr. Aag. Erdmann. PrelS gebd. 2 M.! ZeitratefflolBerrenhekleidiiiit Nene FriedrlchMtr. 35 neben Zentral-Marlldall« Beiert an jedermann elegante Herren-Lsnieroben nacli MnB unter Garantie(fit tadellosen Sitz geg.««ekentl. 7eIIr. »on t lflle. an. guschiieiderei u. Werl- stall im Hause. Aus Virnich Lesuch d. Reisenden m. neuest. Stosjnmstcrn. — Sonntag« geöffnet.— w >'/ Vt> SO SV SV SV SV I £€€€€««st»ss Unserem lieben Bezirkssührer und seiner lieben Brnut Frl� liettts zu ihrer heutigen Vcernählung die herzlichsten Glückwünsche. vis kunKtlonSre des 15. Bezirks Rixdorl. «ssssssssseeess�s� Unserem Bezirkssührer �Vilhclm West zum 50. Wiegenfeste ein dreimal donnerndes Hoch! Bis Lonossen und Genossinnen des 308. Bezirks. Todes-Anzeigen ZiMeWdM�WsM. des 6. Bert. ReielistaiSwalilkrElses. Todes- Anzeige. Am Mittwoch, den 18. Oktober, oerstarb unser Genosse, der Putzer Gottlob Imm Christinenstraste 7. Ehre seinem Rndcnken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 21. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle de» Zionskirchhose» in Nord- end au» statt. Um rege Beteiligung ersucht 232/1 vei- Vorstiind Deulscüer Bauarbeiter-Verband Zweigvercin Berlin. Sektion der Patzer. Den Mitgliedern sowie dem Gesangverein der Putzer zur Nach- rlcht, dah da» Mitglied Gottlieb Imm am t8. d. Mi», im Alter von 72 Lahccn verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 21. d. Mts.. nachm. 4 Uhr, von der Halle der ZionS-Gemcinde in Nordend aus statt. 140/13 Um rege Beteiligung ersucht Die örtliche Berwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes» Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Lodert �kjrer am 18. d. Mt». an Gehirnleidcn gestorben ist. 124iiS Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22. Oktober, nach. mittag» 4 Uhr, von der Leichen- balle de» Wilmersdorser Gemeinde- Kirchhose» in Wilmertdors, Ber- Iw-rltratze, au» statt. Rege Beteiligung erwartet I>le Ortsverwaltang. Verband der Sattler und Portefeuiller. 0r,£�la„'.tun9 Den Kollegen hiermit zur Nach- richt. dag unser Mitglied, der Militärsatller Ott««OVSS (Werkstatt H. Becker) verstorben ist. Ebre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22. d. M., nach- mittag» 3 Uhr. von der Leichen- Halle de» St. SimeonS-Kirchhose», Tempelhoser Weg, au» statt. 15813 Die Ortsverwaltung. Hieder-Barnim. Bezirk Weißensee.! Am 18. Oktober verstarb plötzlich in der Lungenheilanstalt Lipp- springe(Wesrsaien; unser Genosse j Isidor Görner. Ehre seinem Andenken: ! 18/3 Die Bezirksleitung. Unserm Bezirkssührer Genossen fran? Oylewski nebst Frau» zur Silberhochzeit die herzlich- sten Glückwünsche. 1174b Tie Funktioniire der K. Abteilung 5. Jmic. j 3 Unlerem Genossen Ednard. j Papke und o-rn» die herz- J ] lichlten Glückwünsche zum k z SSjährigen Ehejubiläum. Die Genossen l de? 5 Ei Bezirks Rixdorf.| MMV Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Tischler Paul picket Vollmer Sir. 11. im Alter von 52 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22. Okiober, nachmittags 3'/. Uhr, von der Halle des Zions-KirchhoseS in Niederschönhausen- Nordend aus statt._ Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, dag unser Kollege, der Maschii/enarbeiter WlKetm Pankow Königsbcrger Str. 5/6 im Alter von 47 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Montag, den 23. Oktober, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Halle des Zentral-FriedhoseS in Fried- richsselde aus statt. Um rege Beiciligung ersucht 90/i7 Die Ortsverwaltung Deutscher Holzarbeiter-Verband Branche der Maschincnarbeiter. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser langjähriger Funltionär WitKetm Pankow am Mittwoch, den 13. Oktober, nach langem Leiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Montag, den 23. Okiober, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Halle des Zentral-Friedhoses in Fried- richsselde aus statt. 90/18 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Brnnchenkoinmission. Danksagnttg. Für die zahlreiche Bcieiligung bei der Beerdigung unteres einzigen Sohnes lagen wir hiermit allen Be- teUigtcn uuscrn herzlichsten Dank. pmil Hartmann __ liebst Frau geb. Nugalla. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen Freunden und Be- kannten, insbesondere dem Gesang- Quartett meiuen innigen Dank. ZOLL Frida Klettke. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichlichen Kranz- wenden bei der Beerdigung meines lieben unvergeßlichen Mannes, unsere» Vater» und Großvater» 1168b Ltis�sv Schäfer sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten, besonder» dem Herrn Wolbeck Manasse sür die trost> reichen Worte am Grabe, sowie dem Gesangverein, dem 6. Wahlverein (Bezirk 489»), und dem Holzai bester verband unseren herzlichen Dank. vi« trauernden Hinterbliebenen. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben Manne», unsere» guten Vater», sage ich allen Freunden und Bekannten, ins- besondere den Kollegen u Kolleginnen de» Meister»»chabow, sowie dem (Gesangverein meinen herzlichsten Dank. pidL Ulm. Martha Hendeinith liebst Kindern. Tanksagnna. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdsgung meiner lieber Frau llnchwald und die großen Kranz- svenden. sage Ich allen Freunden und Bekannten meinen innigen Dank. Aug. Bachwald, Wilhelmsruh. für Hausfrauen! Achtung! Großer Teuerungszuschuß! Achtung! „Ideal=Brot(< zrarantiert reines, verfeinertes Roggenbrot, vorzfigliob im Geschmack und leicht verdaulich, kostot von heute ab nnr 43 Pf."'•3M2 das übliche große Ilrot. Zu haben in Delikatoß-, Kolonialwaren- und Milchgeschdfton, wo nicht, wende man sich direkt an die Ideal-Brot-Fabrik in Pankow, Mßhlenstr. 17 oder Binzstr. 8. Fernsprecher: Pankow 132. 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Abzahlung wächentllcb, monatlich resp. nach Uebereinkunft. Vorzeiger dieses Inserats erhält beim Kauf 3 M. gutgeschrieben. Sonntags geöffnet van 8—10 u. 12—2 Uhr. Arbeiter«..de» für ihre« Zgruf 3892< gute und billige w«roke« AnSwahl Srtmnenstr. 158, Otto Keinicke. ir = Verwaltung Berlin.- __ Theater-Vorstellung Sonntag, den 20. Oktober, abends 7 IIk>r. in„M«erner» Vent» «Älen", Koppenstr. 20s. Zur Aufführung gelangt:„Der Gral von XiUxembnrg". Billelt 50 Pff CadeneinricIttnngS', iontormöbcl« und Kiefei ne IRöbelbrancffc. Montag, den 23. Oktober, abends K>/2 Uhr �gleich nach Feierabend): Branchen-Vee'samniliing im„Englischen Garten", Alexanderstraffe 27c. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Beiehe. 2. BranchenangelegenHeitcn. Bautischler. Montag, den 23. Oktober, abends 8 Uhr, bei Boeker, Wcberstr. 17 Vertraueusmäiiner- Versammluag. Taaes-Ordnung: Das Frnhlingsmeisterchsten« in der Bantischlerbranche. krsnche der lRöbelpolierer, KeiZer und lifcgaÄnarbeiter! Montag, den 23. Oktober, abends 8 Uhr, i» de» Braehtshlen Alt-Uerlin. Blnmenstraffe 10: Branchen- Versammlung T a g c s- O r d n u n g: 1.»ReichstagsNiahlen und ihre Bedcutnug für die Gewerk schastcn". Referent: ReichStagsabg. t»tto BUchncr. 2. Antrag Südosten:„Aushebung der Arbeitsvcrinittelung des Nach. millags". 3. Verschiedenes. 90/15 tscher Met Arbeitsnachweis: Hof f. Amt 3. 1239. Berlvaltungsstelle Berlin Hauptbureau: Charitestr. 3. Hof III. Amt 3, 1937. Montag, den 23. Oktober 1911, abends 6 Uhr, Mk" Versammlung aller in den Setrielien der Gürtler Innung(freie Jnnung) beschäftigten Giirtlergesellen in den A r m i tt h a l l e n, Konnnandantenftr. 38/39. TageS-Ordiiung: t. Bericht des Kefellenausschusses. 2. Diskussion. 3. Ausstellung der Kandidaten zum Geselleiiausschuff. 13t/lS Eine rege Beteiligung erwartet Tie Ortsverwaltniig. i ir Am Sonntag, den 22. Oktober, vormittags iO'/z Uhr. in den„Industrie-Sälen". Benthstr. 20: mr V ersammlung"W Bericht über Tarifrevision und Jondcrbestinimungen der Maschinen- incister. Ziescrent: Kollege Höver. Die Teilnahme der Notalionsabteilung sowie zahlreichen Besuch erwartet II Tbb__ Für den Borstand:(i. Maro im. iiigemeine Krauken- u. Sterbekasse der deutschen Drechsler und deren Berufsgenossen(E. H. 86 Hamburg). Mitglieder-Uersammtnttgru finden statt: A am Sontag, den 22. Oktober, vormittags 10'/, Uhr, tv /v im tOetuorkichaktsbaiis. Zaal 9. im GewerkschaftShanS. Saal 9. Barn Sonntag, den 22. Oktober, vormittags 10'/, Uhr, bei Ehiert, Wiener Straffe 25. Cam Tonntag. den 22. Oktober, vormittags 10'/, Uhr, bei Bartseh, Alte Jakobstr. 13/19. D-am Sonntag, den 22. Oktober, vormittags 10'/, Uhr, bei Unniinel, Sophienjlr. 5. Tages-Ordnung: 1. Geschästliches. 2, Kassenbericht vom 3. Quartal 1911. 3. Ergänzungs, Wahl deS Vorstandes. 4. Verschiedenes. 11525 Tie Ortsvcrwaltungen. »1 11 Für die strcikcndcn Holzarbeiter Hamburgs gingen weiter folgende Beitrage ein: Tischt. Bökel 10.—. Tischt. E. F. Müller 29,70. Rahmens. Nipprasch, 2. Zl. 6,—. Werkst. Grobowski 7,—. Tischt. Seifart u. Ochlschlegel 23.—. Tischt. Wollmar u. Hanke, 6. R. 13.65. Von den Koll. der Streikt. 20,—. Tiichl. Petersen, 4. R. 6,20. Tischt. MileS u. Neumann, 6. R. 17,—. Tante Böhl, 2. N. 5,—. Tischt. Dobbert, 2. R. 7,—. Maler, Kücheinns. Pranst 3,—. Tischt. Fclzer u. Köster. G. 31. 8,—. Modelli. Nilcswerle, 4. 31. 7,50. Trcpbengcls. Jensen 5,—. Schwarz u. Fröhlich inkl. Einsetzer, 2. R. 31,10. Vereinigte Werkstätten für Kunst, 2. 3i. 10,55. Tischl. Schacht 7,—. Reiche „. Co außer Reimann, 2. 3t. 9,25. Tischl. Wolsbardt u. Goldschmidt, 3. 3t. 11,65. Tischl. M. u. Fr. Bcrndt, 3. R. 47,—. Tischl. Beier u. Kröning, 2. 3t. 20,—. Tüchl. Porth, außer den Lokalorganisicrtcn 9,35. Tischl. Mitusch u. Langisch, 7. 3i. 7,85. Mitusch u. Langisch, 8. 3t. 7,90. Gen. Voran, 4. 3t. 7,25. Schulz' u. Ditlmcr 15,—. Pianos. NöSke 11,60. Perlmutts. .Holzbearbeitringss. Weiffensce 3F5. Tischt. Polumski, 2. 3t. 6,—. Tischt. Müller 8,—. Möbels. Mai u Co., 3. 3t. 7,10. Tischt. Haserkorn 6,35. Tischt. Jacob u. Braunsisch, 3. Abt. 4.—. Tischt. Thomas, 4. R. 8.50. Küchenms. Manzke, 5.3t. 9,75. Tischl. Haase, KönigSbergerslr. 14,10. Werkst. Klinger n. Schmidt 6,—. Nickel Körnicke Ii- Lehmann, 5. 3t. 12,90. Tischl. Nöhle, 4. R. 15.45. Tischl. Sauerwein, 4. 3i. 17,—. Tischl. Ziert II. Böhmer 5,50. Tischl. Krause II. Koirlla 12—. Tischt. Schnelle u. Co. 6,50. Tischl. M. Kaiser 13,75. Tischl. Krause u Co. 8.—. Tischl. Nöffler u. Schmidt. 2. R. 60,—. Tischl. Tlwmcn u. Leukat 6,95. Tischl. Schullrich 5.25. Tischl. John u. Bester, 6. 3i. 9.10. Siern, Seliger u. Comp. 13,10. Tischler von Klug 32,—. Summa 751,— M. Bereits quittiert 7249,60 M. Einnahme dieser Woche 754,— M. 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Brandinspektor Dannehl ließ sofort über die bereits verqualmten Treppen und eine mechanische Leiter vier Schlauchleitungen vor- nehmen und kräftig von Dampfspritzen Wasser geben. Dadurch ge- lang eS, eine weitere Ausdehnung deS Feuers auf die oberen Ge-> schösse und die angrenzenden Gebäude zu verhindern. Der Dach- stuhl ist zum größten Teil ausgebrannt und muß vollständig er- neuert werden. Ueber einen folgenschwere« Gerüfiabftnrz berichtet die„WilmerS- dorfer Zeitung". Beim Bau des neuen Elektrizitätswerkes in der Forckenbeckstroße glitt der Monteur Wilhelm Kartei auf dem Gerüst auS und stürzte aus erheblicher Höhe in die Tiefe. Er blieb mir Kopf« und Beinquetschungen und einer Gehirnerschütterung be- sinnungslos liegen und wurde in hoffnungslosem Zustande in die Eharitee eingeliefert. Rixdorf. Fortschritte der Jugendbewegung. Eine gut besuchte Versamm- 'hing für die schulentlassene Jugend tagte am Sonntag im großen Saal bei Hoppe. Hermannstratze. Pünktlich stellten sich die jungen freunde und Freundinnen sowie auch einige Erwachsene ein. Der Referent, Stadtverordneter Ritter, schilderte in seinen Aus- führungen die Bemühungen unserer bürgerlichen Gegner, um die Arbeiterjugend einzufangen, und machte den Anwesenden in ein- dringlichen Worten die unbedingte Notwendigkeit des Anschlusses an die proletarische Jugendbewegung klar. Wie ihm dies gelungen, bewies die große Zahl der Jugendlichen, die sich sofort nach der Versammlung im Jugendheim, Jdealpassage 8, Besucherkarten aus- bändigen ließen. Großes Interesse erregte auch die«Arbeiter- Jugend", für die eine stattliche Menge neuer Abonnenten ge- Wonnen wurde. Mit einem Hoch auf die freie Jugendbewegung wurde die Versammlung, die sich auch des Schutzes der nie fehlenden Polizei„erfreuen" durste, geschlossen. Steglitz. Ein schwerer Straßenvahnunfall ereignete sich am gestrigen Freitag um 12 Uhr vor dem Hause 121. Dort versuchte der stellungslose Kaufmann Johann Brenke, der seit längerer Zeit obdachlos ist, kurz vor dem Motorwagen 20(X) die Gleise zu überschreiten, wurde aber von dem Straßenbahnwagen erfaßt und geriet mit dem linken Bein unter den seillichen Schutzrahmen. Mittels Winden wurde der Waggon angehoben und der Verletzte auf einem Feuerwehrwagen nach dem Krankenhause in Groß-Lichterselde gebracht, wo B. das linke Bein amputiert wurde. Tempelhof. Eine fünfklasssge katholische Schule soll jetzt die Gemeinde er» balten, da die Zahl der Kinder die zur Errichtung einer derartigen Schule gesetzlich vorgeschriebene Höhe erreicht Hat. ES müssen vier Lehrer und eine Lehrerin angestellt werden; die Klassen werden .in der Knabenschule in der Werderstraße untergebracht. Wohl im Zusammenhang hiermit bewilligte die letzte Gemeindevertretung für die Ausstattung von vier Klassen die Summe von 3099 M. Verschiedene Kaufangebote auf dem westlichen Teil deL Tempel- ihofer Feldes versprechen eine gimstige Abwickelung des Geschäfts, und ha es zweckmäßig erscheint, dieses nicht aufzuhalten, bewilligte die Vertretung den Berkauf einzelner Parzellen gemäß dem Ver- trage vom 8. September 1919.— Mit Bezug auf den Rathaus- neubau in der Berliner Straße sei erwähnt, daß zunächst ein Bauprogramm aufgestellt wird und dann ein Preisausschreiben erfolgen soll. Da immerhin Jahre vergehen werden, ehe oer Bau ausgeführt ist, die Gelder verzinst und jetzt schon neue Räume gemietet werden müssen, ist es wohl an der Zeit, den Bau zu deschleunigen.— Der Abschluß eines neuen Vertrages mit den Berliner Lorort-Elektrizitätswerken wegen Lieferung elektrischer Energie war zwar für die öffentliche Sitzung vorgesehen, wurde jedoch im letzten Augenblick in die nicht-offentliche Sitzung ver- wiesen. So erreichte denn die öfsentliche Sitzung in kaum% Stunden ihren Schluß. Nieder-Schöneweide. Das Opfer eines Unfalles ist der Arbeiter Max Meyer aus der Berliner Str. 83 geworden.� Der Mann glitt vor vierzehn Tagen beim Absteigen von einem Straßenbahnwagen auf der Slubenrauch- brücke zu Ober-Swöneweide auS und fiel so unglücklich hin, daß er sich eine schwere Verletzung über dem rechten Auge zuzog. Er wurde zunächst vom Kassenarzt behandelt und dann nach der kgl. Klinik in der Ziegelstrab« gebracht. Hier ist er jetzt, wahrscheinlich an den Folgen eines Schädelbruches, gestorben. Die Leiche wurde zur Fest- stellung der Todesursache beschlagnahmt. Adlershof. Die Notstandsmaßnahmen scheinen in Adlcrshof auf einen toten Punkt angelangt zu sein. Die Teuerungskommission ist seit 14 Tagen noch nicht wieder zusammengetreten, um über weitere Schritte zu beraten. Während unsere wesentlich kleinere Nachbar- gemeinde Johannisthal schon ganz bedeutende Mengen von Kar- toffeln an ihre Bewohner abgegeben hat, scheint man in Adlers- Hof den von unseren Genossen beantragten Kartpffelverkauf in kaum glaublicher Ruhe und Gelassenheit auf die lange Bant zu schieben. Die Kommission hat in ihrer ersten Sitzung gegen die Stimmen unserer Genossen den Beschluß gefaßt, die Kartoffeln zum Weiterverkauf an die Gemüsehändler abzugeben, und diesen vorgeschrieben, mit 19 Proz. Nutzen verkaufen zu dürfen. Der Verein der Gewerbetreibenden lehnte das Anerbieten ab. weil sie unserer Bevölkerung die Kartoffeln nicht um 19 Proz. verteuern wollen. Ja, ein anderer Verein, der� ebenfalls durch den Bor- sitzenden des Vereins der Gewerbetreibenden geleitet wird, gibt sogar 19 Zentner Kartoffeln unentgeltlich an Bedürftige unserer Gemeinde ab. Auch der erste Seefischverkauf ließ in seiner Organi- sation beinahe alles zu wünschen übrig. Die eingetroffenen 1Z0 Pfd. in drei verschiedenen Sorten waren durch vorherige Bestellung beinahe völlig aufgebraucht, so daß viele Frauen wieder mit leeren Körben nach Hause gehen mußten. Heute, am 21. Oktober, stehen nun 8'/Ä Zentner zum Verkauf. Hoffentlich wird diesmal das ein. treffend« Quantum ausreichend sein. Zum Verkauf kommen Schell. fisch zwei- bis dreipfündig, Seelachs und Cabliau, ohne Kopf, Gold- barsch und Schollen. Mit den Erziehnngspraktiken des hiesigen GemeindeschnllrhrerS Moewes beschäftigt sich erneut die hiesige Bevölkerung. Bereits im Mai vorigen Jahres wurde gegen Herrn MoeweS wegen allzu reich- licker Züchtigung an Schulkindern beim Kreisschulinspektor SakobielSki Beschwerde geführt. Dem damaligen Beschwerdeführer erteilte der Herr KreiSschulinspektor am Schlüsse eines Handschreibens folgende Antwort: „Ich bemerke, daß ich bereits vor Eingang Ihres Schreibens bei Gelegenheit der Jahresrevision Veranlassung gennmmen habe. das Verholten deS Lehrers gegen die Schüler eingehend zu prüfen und das Erforderliche zu veranlassen". Herr Moewes trat bald darauf einen 3 monatigen Erholung?- Urlaub an. Bei Eltern und Kindern war nunmehr die Meinung verbreitet, dieser Urlaub bilde deu Abschluß der Er« ziehertätigkeit des Herrn MoeweS. Nach drei Monaten kam Herr MoeweS jedoch gesund und munter wieder an die Stalte seines Wirkens zurück. In einem Artikel der„Pädagogischen Zeitung", der im„Vorwärts" eingehend besprochen wurde. stellte sich Herr Moewes als ein unter vielen verfolgtes Opfer, einer über ganz Deutschland gegen die Lehrer organisierten Hetze hin. Am 18. d. Mts. wurde nun der 12jShrige Schüler Karl Berndt durch Herrn M. er- heblich gezüchtigt. Der Knabe wurde dem Dr. med. Kurt Jochen, zugeführt, welcher folgendes Attest ausstellte. Dr. med. Kurt Jochem. Berlin, den 18. Oktober 1911. 80., Mariannenplatz 21. Karl Berndt hat auf dem Gesäß viele rot und blau verfärbte Stellen, Blutergüsse, wie solche durch starke Schläge zu entstehen pflegen. Außerdem sind noch mit frischem Schorf bedeckte Blut- wunden zu konstatieren; im Hemde sind größere und kleinere Blutflecken. Am selben Tage richtete Herr MoeweS an den Vater deS Knaben folgenden Brief: AdlerShof, den 1S./10. Ib. Herrn Berndt Wohlgeboren. Ihr Sohn Karl ist von mir wegen großer Unaufmerksamkeit und Foiilheit. über die schon Herr Zasuel klagte, durch 2 Schläge aufs Gesäß bestraft worden. Daß ein Schlag durch falsches Bücken des Knaben vielleicht fehl gegangen, ist nicht meine Schuld. Nach- dem ich gehört habe, daß von einer bestimmten Seite dieser Fall ausgeschlachtet werden soll, als Hetze gegen mich und den Lehrer- stand, warne ich Sie vor unbedachten Äeußerungen, da ich nun« mehr alles Material dem Staatsanwalt übergeben werde. Moewes. Eharakteristisch für die von Herrn M. in dem Schreiben auf- gestellte Behauptung, auch der frühere Lehrer des Knaben, Herr Zaspel, habe sich über seine, des Schülers, große Unausmerksamkeit und Faulheit beklagt, ist, daß Karl Berndt in seinen von Herrn Zaspel ausgestellten letzten Zensuren über Betragen: gut. Aufmerksamkeit: ziemlich gut und Flerß gleichfalls ziemlich gut vermerkt erhielt. Außerdem ist der Knabe von Herrn Zaspel wegen feines Rechnens öffentlich belobigt worden. Wir können es daher nicht begreifen, daß sich der Junge in der kurzen Zeit, in der er von Herrn MoeweS unterrichtet wird, so geändert haben soll. Wenn wir trotz der an den Vater deS ge- prügelten Knaben gerichteten Drohung mit dem Staatsanwalt von der neuesten ZüchtigungSmethode des Herrn Moewes Notiz nehmen, so hauptsächlich deshalb, um die Schuldeputation auf diesen Fall be- sonders aufmerksam zu machen und in Erwägung zu ziehen, ob eS das erforderliche gute Einvernehmen zwischen Eltern und Haus fördert, wenn Herr MoeweS in AdlerShof fernerhin noch Kinder unterrichtet. Ein gemeinsames Herbstfest veranstalten der Arbeiter- VildungSauSschuh und der Arbeitergesangverein„Frohsinn" heute, Sonnabend, den 21., abends 8 Uhr, in Wöllsteins Lustgarten. Mit- wirkende sind: Herr Emil Kühne, Rezitator; Fräulein Marianne Geyer, Lieder zur Laute; Adlershofer Mönnerchor, Eintrstk inkl. Tanz 50 Pf. Arbeitslose freien Eintritt. Alt-Glieniike. Die Protestversammlung gegen die Teuerung am Dienstag war, wie uns nachträglich noch mitgeteilt wird, von 499 Personen, darunter einem großen Teil Frauen, besucht. Da? Referat der Genossin Zeetze fand bei den Versammelten lebhasten Beifall. Pankow. Mit Maßnahmen zur Linderung der Teuerung beschäftigte sich die Gemeindevertretung in ihrer Sitzung am Dienstag. Bürger- meister Kühr bemerkte in seineu die Beratung einleitenden AuS- führungen, daß nach seiner wie der FinanAkommission Meinung das Vorhandensein einer Teuerung zwar nicht geleugnet werden könne, daß aber die Verhältnisse in dieser Hinsicht nicht so schlimm seien, wie es allgemein hingestellt werde. Die Kommission habe sich trotzdem eingehend mit der Frage befaßt und empfehle der Vertretung, ihren Vorschlägen zuzustimmen. Diese Vorschläge gehen dahin, daß 1. seitens der Gemeindeverwaltung Kar- toffeln in großen Mengen beschafft und unter Ausschluß von Wicderverkäufern direkt an die Konsumenten in kleineren Quanten bis zu einem Zentner zum Selbstkostenpreise abgegeben, 2. See- fische im Austrage der Gemeinde durch hiesige Fischhändler gegen Gewährung eines geringen Nutzens an letztere zum Verkauf ge- stellt, und 3. Kohl von den Nieselgütern zum Selbstkostenpreise an geeigneten Verkaufsstellen abgegeben werden sollen. Zur Durch- führung dieser Maßnahmen wird die Bewilligung eines Kredits von 3999 M. beantragt. In der ausgedehnten Debatte wurde von einem Teil der bürgerlichen Redner der Notstand wohl anerkannt, aber ebenfalls als übertrieben bezeichnet und befürchtet, daß die vorgeschlagenen Maßnahmen den wirklich Notleidenden gar nicht zugute kommen würden. Von unseren Genossen wandte sich zu- nächst K u b i g gegen die vom Bürgermeister und einigen Bürger- lichen ausgesprochene Ansicht von der Uebertreibung des Notstandes. Wenn auch im Augenblick die Notlage vielleicht noch nicht überall in so krasser Weise in Erscheinung trete, so sei doch für den Winter und darüber hinaus das schlimmste zu erwarten. Den besten Be- weis hierfür habe die preußische Regierung erbracht, indem sie in einem Rundschreiben an die Gemeinden letztere auf den allge- meinen Notstand aufmerksam gemacht und ihnen nahegelegt habe. geeignete Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Allerdings sei eS eigenartig, daß dieselbe Regierung, welche durch ihre Politik die Teuerung im wesentlichen mit verschuldet habe, die Abhilfe einfach den Gemeinden aufhalse. Gerade umgekehrt mühten die Gemein. den von der Regierung verlangen, daß sie mit ihrer Politik der Grenzsperre, Lebenßmittelzölle und vor allem mit dem System der Eiiifuhrschcine breche. Er beantrage deshalb, an die Reichs- regierung eine Petition zu richten, in der um Ocffnung der Gren- zen für die Einfuhr von Vieh und Beseitigung des Einfuhrschein- systemS ersucht werde. Auch die Genossen Hirschmeier und B r a l l traten der Ansicht entgegen, als ob die Notlage übertrieben dargestellt würde. Genosse B r a l l forderte neben den von der Finanzkommission vorgeschlagenen Maßnahmen auch Beschaffung billiger Hülsenfrüchte und billigen Fleisches und beantragte außer. dem, für die untersten zwei oder drei Steuerstufen für vielleicht ein halbes Jahr die Gemeindesteuer zu erlassen. Gegen den Antrag des Genossen Kubig machte Bürger« meister Kühr geltend, daß er grundsätzlich gegen eine Oeffnung der Grenzen sei und deshalb auch nicht für die Absenduug einer derartigen Petition stimmen könne. Bei der Grenzsperre kämen außer volkswirtschaftlichen auch hochpolitische Interessen in Frage. Dagegen sei ihm der Antrag Brall sehr sympathisch; nur bitte er diesen der Finanzkommission zur Prüfung zu überweisen. Im weiteren Verlauf der Debatte wurde noch von bürgerlicher Seite beantragt, den unteren Gemeindcbeamten und Gemeinde« arbeitern eine' Teuerungszulage zu gewähren. Hiergegen»vandte sich mit großer Entschiedenheit der Bürgermeister mit dem Hin- weis darauf, daß die Beamten und Arbeiter sich in festem �Ein- kommen befänden und sich mit ihren Bezügen einrichten müßten und könnten. Genosse Kubig entgegnete ihm. daß die Entlohnung speziell der Gemeindearbeiter eine solche sei, daß hier eine Teue- rungszulage wohl am Platze wäre. Im übrigen erinnerte er an die bereits im Mai d. I. beantragte und bis dato immer noch im Stadium der Erwägung befindliche Gleichstellung der Friedhofs arbeiter im Lohn während der Somnier- wie Wintcrmonate. Bei der Abstimmung wurden die Vorschläge der Finanzkom Mission(Beschaffung von Kartoffeln, Seefischen und Kohl und dazu einen Kredit von 2000 M. bereitzustellen) sowie der Antrag Kubig(Petition an die Reichsregierung) angenommen, der Antrag Brall(Erlaß von Gemeindesteuern) sowie der Antrag betreffend Teuerungszulagen für untere Gemeindebeamte und Gemeinde-- arbeiter der Finanzkommijsion überwiesen. »» » Vor Eintritt in die Tagesordnung gab Bürgermeister Kühr bekannt, daß Gcmeiudeverordncter Rechnungsrat a. D. Balzev ans Gesundheitsrücksichten sein Mandat niedergelegt hat. Von einer Ersatzwahl soll zurzeit Abstand genommen und diese im nächsten Frühjahr bei den allgemeinen Gemeindelvahlcn vollzogen werden. Tie Bevölkerung Pankows hat die Zahl 59 990 überschritten. Von der Postvcrwaltung ist dem Gcmeindcvorstand mitgeteilt worden, daß im Laufe des nächsten Etatsjahres die Er- richtung eines zweiten Postamtes in Pankow» und zwar in der Gegend der Berliner Straße südlich der Stettinev Bahn, erfolgen werde.— Von den weiteren BcratungSgcgenständcn seien noch folgende erwähnt: Zum Zwecke einer ordnungs- mäßigen M i l ch k o n t r o l l e, die bisher nicht immer allen Anforderungen entsprochen, und die jetzt die Landwirtschaftskammer im Kreise durch hierzu besonders vorgebildete Personen ausführen lassen will, wurden 599 M. bewilligt.— Für das Bürgerpark- Restaurant soll eine elektrische B e l euch t u ng s a n« läge geschaffen werden, deren Kosten 8999 M. erfordern. Der Oekonom hat sich erboten, die JnstallationSkosten(2999 M.) der Gemeinde mit 19 Proz. zu verzinsen. In dem hierüber abzu- schließenden Vertrag ist vorgesehen, daß bei dem zu erwartenden erheblichen Stromverbrauch dem Oekonom ein entsprechender Rabatt bei Entnahme bestimmter Strommengen gewährt wird. In der Debatte wurden wiederum— wie bei dem in letzter Sitzung beratenen Erweiterungsbau der Restaurationsräume— Bedenken laut, daß die abermalige Steigerung der Pachtsumme eventuell nicht herauSgewirtschaftet und dadurch dann der Gemeinde Schaden erwachsen könnte. Auch wurde gewünscht, daß die Vergünstigung der Verbilligung von Strom bei größerem Verbrauch auch anderen Geschäftsleuten zuteil werden soll, was vom Bürgermeister für den Fall zugesagt tourde, daß entsprechende Anträge bei der Gemeinde- Verwaltung eingereicht würden.— Ein Entwurf eines neuen OrtS- gesetzeS nebst Polizeivcrordnung über die Anlegung und Bebauung von Straßen und Plätzen wurde zur nochmaligen Durchprüfung an die Hoch- und Tiesbaukommission zurückverwiesen.— Dann stimmte die Vertretung einer Nachbewilligung von Mitteln in Höhe von zusammen 1199 M. für bauliche Unterhaltung von Ge« meindebaulichkeiten zu.— Hierauf gab der Bürgermeister eine lange Reihe von E t a t s ü b er sch r e i tu n g en im Jahre 1910 bekannt, die insgesamt 85 289 M. betragen, welcher Summe aller- ding" auch ein Ucberschuß von etwa 99 999 M. gegenübersteht.— Da mit Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung im nächsten Jahre die Errichtung der durch dieselbe vorgesehenen Versicherungs- ämter zu erfolgen hat, ist vom LandratSamt an die Gemeinde die Anfrage ergangen, ob Pankow ein eigenes Versiche» rungsamt zu errichten wünsche oder die letztcrem zustehenden Funktionen dem Landratsamt übertragen wissen will. Stadtrat Stawitz empfahl im Interesse der Gemeinde wie der Einwohner» schast die Errichtung eines eigenen BersicherungSamteS für Pan« kow, wenngleich eS sich hier nur um einen Wunsch handle, der der Gemeinde durchaus nicht unter allen Umständen erfüllt zu werden brauche, dessen Erfüllung aber zu erwarten stehe. Die Vertretung erklärte ihr Einbcrständnis mit der eventuellen Errichtung eines eigenen Vcrsichernngsamtes.— Der öffentlichen folgte dann eine geheime Sitzung. Reinickendorf. Ans der Gemeindevertretung. In geschlossener Wahlversamm- lung wurde zunächst der Gcmeirrdeschösfe Ingenieur Schmidt auf weitere 6 Jahre wiedergewählt.— Gegen den verantwortlichen Redakteur der„Quelle", der über Vorkommnisse bei einem Dachstnhlbrand in der Provinzstraße angeblich Unwahrheiten be« richtet hat, soll Strafantrag gestellt werden. Obgleich unsere Ge« nassen dagegen plädierten und stimmten, wurde der Antrag auf Drängen des Bürgermeisters und des Schöffen Schemmel(selbst Verleger einer Zeitung) angenommen.— Das größte Interesse beanspruchte der Antrag des Gcmcindevorstandes und der Verkehrskommission auf Sckiafsung einer Strahenbahnvcrbindung zwischen den östlichen und westlichen OrtSteilen. Nach vielen, sich schon jahrelang hinziehenden Verhandlungen mit den verschieden» stcn VcrkchrLgesellschaftcn ist endlich ein Projekt zustande ge- kommen, das Aussicht auf Verwirklichung in sich birgt, wenn alle Beteiligten(Gemeinde, Anlieger und nicht zum wenigsten die „Große Berliner Straßenbahn") sich zu Konzessionen verstehen werden. Die Gemeinde hat den redlichen'Willen; aber leider kostet die Ausführung des Planes viel Geld. Die Straßenbahngesellschaft ist bereit, die Linie 37 zu verlängern. Diese soll dann durchfahren: die Provinz-, Winter-, Amende-, Residenz-, Haupt- und Humboldtstraße, Auguste-Viktoria-Allee und Eichbornstraßc. Jedoch verlangt sie hierfür von der Gemeinde einen einmaligen Zuschuß von 229 999 M. Hierzu kommen für die Gemeinde die Kosten für Neu- bezw. teilweise Umpflasterung der Winter-, Amende-, Humboldt« straße und Auguste-Viktoria-Allee. Sie betragen insgesamt etwa 399 999 M., so daß die Gemeinde für die Anlage der Straßen- bahnverbindung zirka 549 999 M. opfern müßte. Eine Summe» deren Verzinsung und Amortisation jährlich mit rund 35 999 M- den Etat belasten würde. Diese Summe aus den bisherigen Ein- nahmequellcn zu decken, erscheint um so schwieriger, als der Landrat nun auch darauf drängt, diejenigen Schulden durch erhöhte Steuer» einnahmen zu decken, die sich ans den Defiziten früherer Jahre summiert haben. Eine Bedingung, die um so schwerer zu erfüllen ist, als gleichzeitig verlangt wird, etwa ans Grundstücksverkäufen sich ergebende Einnahmen nicht mit in Berechnung zu ziehen, da diese zunächst zur Verzinsung und Amortisation der für Grund- stllckSankäufe aufgenommenen Anleihen verwandt werden sollen. Der nächste Etat wird also auch die Summen für diese Schulden» tilgung ausweisen, d. h. etwa 79 999 M. Mehreinnahmen eröffnen müssen. DaS sind also insgesamt zirka 195 999 bis 119 999 M. jährliche dauernde Mehrausgaben, falls die Ost— Weswerbindung hergestellt wird. Ebenso dringlich sind aber auch and-r? Aufgaben, die der Lösung harren; erwähnt sei unier anderem nur die hoffent- lich baldige Einrichtung der Pflichtfortbildungsschnle, deren Statut schon vor zwei Jahren beschlossen wurde. Auch der Zwangszweckvcr- band, das Krankenhaus, ebenso das Rieselgut„Sck>önerlinde" wer- den neue erhöhte Ausgaben erzwingen. Es ist daher begreiflich, daß eine Ausgabe, wie sie die erwähnte Ost— Westverbindung bedingt. nur mit sehr großer Vorsicht übernommen werden kann. Jedoch wurde schließlich nach längerer Debatte, an der sich auch unsere Genossen beteiligten, mit großer Mehrheit folgender An- trag angenommen:„Die Gemeindevertretung beschließt, mit der Herstellung der Straßenbahn und dem Ausbau der Straßen sich grundsätzlich einverstanden zu erklären, vorbehaltlich der näheren Bedingungen und unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß eine angemessene Beteiligung der Anlieger an den StraßenauSbankosten gewährleistet wird." Nieder-Tchönhnusen, Nordend. Der hiesige Bildungöausschuß veranstaltet einen VortragSknrsuS über:„Die Theorien und Programme der bürgerlichen Parteien in Deutschland". Vortragender Reichstagsabgeordneter E. E i ch b o r n. Die Vorträge finden an vier Freitagabenden und zwar am 29. und 27. Oktober. 3 und 19. 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