Ur. 250. flMnnementi'Btdtngongfii: BS omtraient#• Preis prSnumerand« s LierteNSHrl. 830 SKI., monatL 1,10 TOI, wöchmtlich 28 Pfg, frei WS Hau». Einzelne Nummer 8 Pfg, Sonntags. Nummer mit iDuftrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Pofi. Ubonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Pofl-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz, Crttcist»glich außtr niontaa*. 28. Jahrg. Vevllnev Volksblakk. ZentraXorgnn der fozialdemokratifchcn parte» Deutfchlands. DK TnlerfloiH'Gebflbr »efrSgl für die fechSgefpaltene Kolonel» zeile oder deren Baum«0 Pfg. für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen 80 Pfg. �Utein« ZInreisen", daS fettgedruckte «ort 20 Pfg.(julüsstg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort>0 Psg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste wort 10 Psg., jedes weitere Wort d Pfg. Worte über lö Buch- ltaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittag» in der Expedition »tgegeben werden. Die Expeditwn ist diS 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adreff»» .ZSlizlötldSltkll BtklK", Redaktion: SM. 68, Lindenstrasee 69» Fernsprecher! Amt IT, Nr. 1983, Mittwoch, de« 25. Oktober 1911. Expedition: SM. 68, Lindenötraaae 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984» Die Neuerung „ein HW ausgleitender fozlaler Gerecbtigkeit". In einer der Neben, die der diesjährige Herbstwanderzug Wilhelms II. gebar, wurde die Trockenheit des letzten Sommers mit der daraus folgenden Teuerung der Menschen- und Tier- uahrung eine Prüfung des Himmels geiiannt. Aus dieser Charakterisierung ergibt sich die Haltung, die ein hungernder Musterchrist einzunehmen hat, von selbst: er hat die Prüfung, ohne zu murren, in Geduld zu ertragen. Schärfer und Prä- gnanter drückt das der Deutsche Landwirtschaftsrat aus, der in einer am Sonnabend dem Reichstag vorgelegten „Denkschrift über die Lebensmittelteuerung 1911" erklärt, es sollte„nur als ein Akt aus- gleichender sozUiler Gerechtigkeit angesehen werden, das vorübergehend höhere Preisniveau ver- fchiedener Lebensmittel, soweit es in diesem Jahre durch außergewöhnliche und elementare Ereignisse herbeigeführt ist, im Interesse der schwer geschädigten Landwirtschaft zu er- tragen." Aus diesem einen Satz schon ersieht man, von welchen Gesichtspunkten aus der deutsche Landwirtichastsrat die Tcuc- rung betrachtet. Diese Körperschaft umfaßt die Cröme des deutschen, besonders des preußischen Agrariertums, was schon aus der Tatsache sich ergibt, daß der Präsident des Landwirt- schaftsrats der konservative Reichstagspräsident Graf Schwerin- Läwitz ist. Im Verein mit der„Deutschen Tageszeitung" er- klären die blaubliitigen Herrschaften: Am Hochschutzzollsystcm darf nicht gerüttelt werden! Das wird kein Mensch anders von ihnen erivartet haben. Neuartig aber ist immerhin die Argumentation, daß die hungernden Volksmassen gegen die ausgleichende soziale Gerechtigkeit verstoßen, wenn sie fordern, daß alle geeigneten Maßregeln ergriffen werden sollen, um die Preise wieder zu senken. Der Landwirtschaftsrat kommt nun zwar selbst mit seiner ausgleichenden Gerechtigkeit in Konflikt, insofern auch er empfiehlt, schleunigst alle Maß- nahmen zu ergreifen, die geeignet sind,„den Druck der höheren Lebensmittelpreise für die Konsunienten erträglich zu gestalten und den Produzenten die Herstellungskosten möglichst zu erleichtern". Man nimmt an, der nächste Satz niüsse nun lauten: also Aufhebung der Zölle auf die Nahrung der Menschen, auf die Futtermittel des Viehes. Aber die Denkschrift biegt mit einer jähen Wendung rasch wieder in den ersten Gedankengang von der„ausgleichenden Gerechtigkeit" ein und bekämpft nicht nur die Abschaffung bezw. Ermäßigung der Zölle, sondern auch die Beseitigung der Einfuhrscheiue oder die Beschränkung ihrer Verwertbarkeit mit größtem Nachdruck. Jedes Rütteln an dem System der Einfuhrscheiue würde„dem gesamten Agrarschutz eine unheilvolle Wunde schlagen". Perweilen wir einen Augenblick bei den einzelnen wich- tigsten Fcstslelluugen der Denkschrift. Wie schon der Titel zeig:, leugnet sie die Teuerung nicht, möchte sie aber als eine aufs Jahr 1911 beschränkte vorübergehende Erscheinung an- gesehen wissen. Die Preistabellen aus der amtlichen Statistik des Reiches und der Bundesstaaten, die beigefügt werden, lassen indessen wenig davon merken, daß es sich um eine vor- übergehende Erscheinung handele. Bei all den Schwankungen, die z. B. der Getrcidepreis infolge der Verschiedenheit der Ernten erfährt, hat er doch in den letzten zehn Jahren nie wieder den Tiesstand des Jahres 1909 erreicht; trotz der guten Getreideernte des laufenden Jahres war der Preis in den ersten acht Monaten 1911 noch um 15 M. höher als im Durchschnitt des Jahrzehnts 1991/10. Es ist kaum anzunehmen, daß binnen kurzem ein erheblicher Abschlag eintritt, vielmehr könnte eine ungünstige Getreide- ernte im nächsten Jahr wieder zu Prcishöhcpunkten führen, wie sie im Jahre 1999 erreicht wurden. Sollten aber etwa die Fleisckpreise eine baldige Verminderung erwarten lassen? Die Preisskala der letzten 19 Jahre ist kaum geeignet, derartige Hoffnungen zu erwecken. Im Gegenteil verspricht uns die Viehknappheit, die die gegenwärtige Futtcrnot im nächsten Jahre zur Folge haben niuß, noch ganz gewaltige weitere Steigerungen. Ebenso steht's mit anderen wichtigen Nechrungs- Mitteln, von deren gegenwärtigen Großstadtpreisen die Tabellen übrigens ein sehr unzulängliches Bild geben. So wird für Bayern ein Preis von 17 Pf. für die Milch als„Durchschnitt" der letzten 19 Jahre angegeben. Als ob auch nur ein Mensch daran glauben könnte, daß dieser Durchschnitt in den großen Bevölkernngszentren je wieder erreicht würde. In Wirklichkeit führen die Konsumenten zurzeit in Mürtchen den Kampf gegen den Preis von 2-1 Pf,, und leider wird� mit diesem Satz die Preistreiberei noch lange nicht ihren Abschluß gesunden haben. Die Bemerkung von dem„vorüber- gehenden höheren Preisniveau" enthält eine zweifache Heuchelei. Einmal wünschen die Agrarier in ihrem persön- lichen Interesse, das aus jeder Seite der Denkschrift rücksichts- los in den Vordergrund tritt, gar keine Senkung der Preise, und zum anderen wissen sie. daß eine solche nicht eintreten wird, zumal sie ja selbst der Anwendung der wirklich durch- greifenden Mittel sich widersetzen. Im weiteren müht sich die Denkschrift ab mit dem Nach- weis,„daß die deutsche Landwirtschaft für die Steigerung der Lebensmittelpreise nicht verantwortlich gemacht werden" könne. „Die Landwirtschast" hat eigentlich auch nie ein denkender Mensch dafür verantwortlich gemacht. Wohl aber ist die Zoll- gesctzgcbung dafür verantwortlich zu machen. Denn es ist nicht wahr, daß, wie die Denkschrift behauptet,„das Deutsche Reich in der Brot- und Fleischversorgung noch fast ebenso unabhängig vom Auslande da- steht, wie vor etwa 29 Jahren." Vor 29 Jahren war schon das Deutsche Reich in der Volksernährung nicht unabhängig und heute noch viel weniger. Die Denk- schrift stützt sich auf ein Wort Bebels vom Parteitag in Jena, wonach Deutschland 199 Millionen Menschen ernähren könnte, ohne Korn einzuführen, wenn alle technischen Mittel an- gewendet würden. Könnte! Wie aber stchts mit der Wirk- lichkeit? Die Denkschrift, so vorsichtig sie auch in der Zahlen- gruppierung ist, kann nicht hinwegdisputieren, daß die Mehr- einfuhr an Getreide aller Art von 9,91 Proz. des Verbrauchs im Jahre 1885 auf 15,72 Proz. im Jahre 1919/11 angewachsen ist. So erfreulich die Vermehrung der Bodenerträge in dem genannten Zeitraum ist, so bleibt sie doch hinter der Zunahme der Bevölkerung erheblich zurück. Die Erntemengen stiegen in den 25 Jahren von 13 217 319 auf 25 563 881 Tonnen, das sind etwa 34 Proz., die Mehreinfuhr aber nahm zu von 1 588 361 auf 5 576 749 Tonnen, das sind rund 243 Proz. Dabei hat sich beim Roggen in den letzten Jahren sogar eine Mehr ausfuhr ergeben, die 1919 den Umfang von 5 Proz. des Verbrauchs erreichte. Warum sollten die ostelbischen Roggen- agrarier auch nicht die Roggenausfuhr pflegen, wenn sie mit den Einfuhrscheinen einen so ergiebigen Handel treiben können. Aber die Mchrausfuhr an Roggen muß durch die Einfuhr anderer Brotgetreidearten erst wieder ausgeglichen sein, bevor eine Mehreinfuhr sämtlicher Getreidcarten festzu- stellen ist. Mag also auch die Versorgung des deutschen Volkes mit Brotgetreide, das der heiniische Kulturboden hervorbrachte, ein Ziel sein, aufs innigste zu wünschen, so sind wir von diesem Ziel doch heute weiter entfernt als vor einigen Jahrzehnten. Die Zollgesetzgebung hat uns ihm nicht näher gebracht, die Mittel aber, die das Reich zur weiteren Steigerung der Ertragsfähigkcit des Grund und Bodens, be- sonders des parzellierten Kleinbesitzcs, dem die Fortschritte der Technik und der Chemie nur höchst künimerlich zugute kommen, und ferner zur Kultivierung unbebauter Flächen anwenden könnte, werden für unproduktive Zwecke ver- pulvert. Das deutsche Volk braucht, wie die Dinge nun ein- mal liegen, zu seiner eigenen Ernährung und zur Förde- rung seiner Viehzucht große Mengen Getreides vom Auslande, und die herrschende Teuerung wird in geradezu verbrecherischer Weise gesteigert, wenn nicht nur auf jede Tonne des vom Auslande bezogenen Brotgetreides, sondern auch der gesamten Erntcmenge des Inlandes ein Tribut von 59— 55 M. geschlagen wird, der nur zum kleinen Teil in die Rcichskasse, zum weitaus größten in die Taschen der Großgrundbesitzer fließt. Im Namen der„ausgleichenden sozialen Gerechtigkeit" zu fordern, daß die Massen des armen. Not und Entbehrung leidenden Volkes diesen Tribut selbst in den Zeiten der bittersten Teuerung tragen sollen, damit die „schwer geschädigte Landivirtschaft". d. h. die auf ein glänzendes Getreidejahr zurückblickenden Gctreideproduzenten, keinen Pfennig zu opfern braucht, das kommt der Umkchrung aller Begriffe von Recht, Gerechtigkeit. Humanität, christlicher Nächstenliebe gleich. Während die Denkschrift„die Landwirtschaft", die niemand beschuldigt hat. von aller Verantwortung freispricht, weist sie auf die große Spannung zwischen den Groß- und den Kleinhandelspreisen hin, die bei verschiedenen Lebensmitteln eine steigende Tendenz zeige. Die bekannte großagrarische Taktik: Heiliger St. Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an I Der Zwischenhandel sei es, der durch die„Aus- beutung ungewöhnlicher Konjunkturen" die Notlage verschulde. Die konservative Mittelstandspolitik dürfte einigermaßen in die Brüche kommen, wenn von feiten der konservativen Agrarier dem Händler, dem Bäcker- und Metzgermeister der Vonvurf gemacht wird, daß er eine, wie die Denkschrift sagt, „über die gestiegenen Unkosten der Vermittclung und Ver- arbcitung hinausgehende" Aiisbentung der Konsumenten be- treibe. Aber das mögen die Mittelstandsretter unter sich ausmachen. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, den Kleinhandel gegen die Vorivürfe der Agrarier in Schutz zu nehmen. Wir unterstreichen vielmehr die Tatsache. daß auch der verteuernde, in unsere Zeit des entwickelten Verkehrs längst nicht mehr hineinpassende Zwischenhandel mit seinem irrationellcn, kraft- und zeitvergeudcnden Kleinbetrieb sein redlich Teil zur Steigerung der Lebensmitteltcucrung bei- trägt, und wir fordern daher ein Eingreifen von Staat und Gemeinde, um die Verteilung und Verarbeitung der zur Er- nährung der Menschen dienenden Rohstoffe mit allen Mitteln der Technik und des Verkehrs zu modernisieren und zu ver- billigen. Aber wir wenden uns zugleich gegen den Versuch der Agrarier, alle Schuld von sich auf den Zwischenhandel abzuwälzen, damit der Hochschutzzoll unangetastet bleibe. In ihrer widerspruchsvollen Argiimcutation greift die Denkschrift des Landwirtschaftsrats noch zu einem anderen Mittel, um die Begründung für den„Akt der aus- gleichenden sozialen Gerechtigkeit" zu liefern. Sie„er- kennt auf den ersten Blick, daß die Arbeitslöhne nicht nur nach ihrem Geldwert, sondern auch nach ihrem Realwert, d. h. im Verhältnis zu den Preisen aller Gebrauchsgegen» stände in den letzten 39 Jahren unverhältnismäßig stärker ge- stiegend sind als die Lebensmittelpreise." Mit einer Reihe von sorgfältig ausgewählten Lohntabellen wird diese Be- Häuptling zu belegen versucht. Diese Zahlen würden, ehe man sie als die Wirklichkeit getreu widerspiegelnd anerkennen könnte, erst einer genaueren Nachprüfung bedürfen. Aber nehmen wir sie einmal, wie sie geboten werden. Da pocht die Denkschrift auf die in Fettschrift wiedergegebcne Zahlenreihe, wonach die Zahl der Mitglieder des allgemeinen Knappschaftsvereins in Bochum, die einen Lohn von mehr als 5 M. hatten, von 16 299 im Jahre 1892 auf 225 292 im Jahre 1909 angewachsen ist. Sie schleicht sich aber an der Tatsache sacht vorbei, daß in derselben Zeit auch die Gesamtzahl der Mitglieder von 144 947 auf 348 389 gestiegen ist und daß die Zahl der Empfänger eines Lohnes von mehr als 5 M. im Jahre'1998 um 14 778 größer war, als im Jahre 1999. Der Rückgang der Bergarbeiterlöhne im Ruhrrevier hat auch nach 1999 angehalten, worin die agrarische Denkschrift offen- bar auch nur einen Akt„ausgleichender Gerechtigkeit" erblickt. Die statistischen Nachweise der Denkschrift über die Erhöhung der Löhne im Vergleich mit der Steigerung der Lebensmittel- preise sind unvollständig und tendenziös. Die vom kaiserlichen Statistischen Amte herausgegebene Bearbeitung von 852 Haus- Haltsrechnungen minderbemittelter Familien, von denen nicht weniger als 439 mit einem Fehlbetrage abschlössen, er- geben ein anderes Bild. In ihrer tendenziösen Beweisfüh- rung zeigt die Denkschrift zugleich, wie sehr die Agrarier von der Anschauung beherrscht sind, daß der Arbeiter ein Anrecht auf einen steigenden Anteil an den von ihm selbst geschaffenen Reichtümern und Kulturgütern nicht habe. Die„ausgleichende Gerechtigkeit" bedingt, daß, was der Arbeiter erschafft, nur dem Besitz zufließt. Das tollste, was sich die Denkschrift leistet, ist aber die Festklammerung an das Hochschutzzollsystem im Interesse der bäuerlichen Betriebe! Sie vereinigt zu sdicsem Zweck die Betriebe von 2—106 Hektar zu einer Gruppe. Ein Betrieb von 199 Hektar— ein„bäuerlicher" I Nicht übel I Der Bauer mit 2 Hektar und der„Bauer" mit 199 Hektar haben genau dasselbe Interesse an der Erhaltung des Schutzzoll» systcms I So die Denkschrift I Die Wahrheit ist— und der verstorbene Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat das be- stätigt—, daß ein Besitzer von weniger als 5 Hektar vom Schutzzoll keinen Nutzen hat. In ihrer großen Mehrheit leiden diese Kleinbauern unter dem Zollwucher fast ebenso wie die städtischen Konsumenten. Von den insgesamt 2 424 429 hauptberuflich selbständigen Landwirten Deutsch- lands aber besitzen 1 167 667 weniger als 5 Hektar. Weitere 989 145 besitzen 5— 20 Hektar. Selbst ein sehr großer Teil von dieser Gruppe, besonders der die Viehzucht bevorzugende Teil, hat an dem Schutzzollsystem kein Interesse. Bleiben schließlich übrig 276 698 Besitzer mit 29 Hektar und darüber, die vorwiegend den Körnerbau betreiben. Im Interesse dieser„bäuerlichen" Betriebe ist allerdings die Aufrecht- erhaltung der wucherischen Lebensmittelzölle gelegen. Wenn aber der Landwirtschaftsrat lediglich zum Vorteil dieser ver- schwindenden Minderheit der Großagrarier und zum Nachteil des gesamten Millionenheercs der Konsumenten und der Kleinbauern daS Festhalten an dem System des agrarischen Zollwuchers fordert, so darf er sich nicht wundern, wenn ihm das Volk erwidert: der Akt ausgleichender sozialer Gerechtig- keit ist in Wirklichkeit ein Akt brutaler junkerlicher Selb st sucht, ein Verbrechen an der Gesund- heit und Lebensfähigkeit deS Volkes. flgrariiche Variante». Eine Fülle von Rednern aus allen Parteien haben sich bei der RotstandSdebatte in die Rednerliste eintragen lassen. Die Reihenfolge der Fraktionen brachte es mit sich, daß am zweiten Tage nur Agrarier verschiedener Färbung zum Wort kamen. Zwischendurch sprach auch der preußische Landwirtschaftsminister v. S ch 0 r l e m e r, der natürlich aus diesem Milieu in keiner Weise herausfiel. Auch die nationalliberale Partei hatte es vorgezogen, einen Vertreter ihrer agrarischen Richtung vorzuschicken. Der Ab- geordnete Fuhrmann, der zwar jetzt als Parteisekretär funktioniert, in früheren Zeiten aber sich als Großgrundbesitzer ernährte, suchte zwischen dem gemäßigten und dem ungemäßigten Agrariertum einherzubalancieren. In dieser Sdiinst haben ja bekanntlich die ewig eine mittlere Linie suchenden National- liberalen eS zu einer gewissen Fertigkeit gebracht. Da diese Volks- beglücker ein vollgerütteltes Teil der Schuld an dem herrschenden Hochschutzzollshstem tragen, war von ihnen ein energischer Vorstoß gegen dessen gefährliche Wirkungen natürlich nicht zu erwarten. Völlig im Sinne der reichskanzlerischen Darlegungen be- wegtcn sich natürlich die Vertreter der rein agrarischen Parteien der Rechten. ES wurde von diesen Parteien schlauerweise die Taktik befolgt, in erster Linie keinen Großgrundbesitzer sprechen zu lassen. Die Konservativen schickten den bayerischen Bauern Niederlöhner vor, die Antisemiten den württem- bergischen Bauern Vogt- Hall, die Freikonservativcn den elsässi- schen Arzt Dr. Höffe l, der neuerdings als Hauptredner für alle möglichen Fragen von dieser Diplomatenfraktiop xrä- sentiert wird. t Die Rede des preußischen Landwirtschaftsministers v. S ch o r- I e m e r war ganz mit Bcthmannschen Schlagwortcn voll- gepfropft. So mutete seine Darbietung an etwa wie Grünebergcr, der einzige Wein, den uns Ostclbien präsentiert, mit Wasser vcr- setzt— Schorle-Morle nennt man eine solche Mischung. Das ministerielle Ucbcragrariertum wurde nur noch von Schorlemer durch einige Nuancen bereichert. So wariierte der Herr Baron das Bethmannsche Zugeständnis, daß die Begrenzung der Ein- fuhrscheine diskutabel sei, dahin, er habe nichts dagegen, daß diese Frage erörtert werde, aber immer unter dem Vorbehalt, daß seiner Meinung nach diese Einfuhrschcinbegrenzung nichts nutzen würde. Allgemeine Heiterkeit auf der Linken quittierte für dieses überaus gnädige Entgegenkommen. Erst der Redner, der dann die Tribüne betrat, erweckte wieder allgemeines Interesse. Es war der BaUerndoktor Heim, der vor kurzem erst im bayerischen Landtag mit seinen Zentrumskollegen Speck und Pichler über die Agrarfrage einen Strauß aus- gefachten hatte, wobei Heim gegenüber dem auch im Zentrum vor- herrschenden Junkerintercsse das Bauernintcresse verfochten hatte. Heim befolgte in seinen Ausführungen die Taktik, zunächst bei den gesamten Agrariern, auf der Rechten und im Zentrum, sich einen Resonanzboden zu verschaffen, indem er ganz im Sinne seiner agrarischen Vorgänger, wenn auch mit erheblich mehr Witz und Sachkenntnis, gegen die Linke polemisierte. Von Aufhebung der Lebensmittelzölle oder auch nur von deren Einschränkung will auch er nichts wissen. Dabei dienen ihm die bekannten schütz- zöllnerischen Auslassungen, die in den letzten Jahren die Sozia listischen Monatshefte geziert haben, als willkommenes Beweis- Material. Wie skrupellos Heim sich übrigens die Tatsachen für seine Zwecke zurechtstutzt, geht daraus hervor, daß er die Be- Häuptling aufstellte, die M i l ch werde tatsächlich unter den Herstellungskosten verkauft. Als Beweis dafür diente ihm, daß in einem angeblich unter sozialdemokratischer Leitung stehenden Sanatorium die Leute früher selbst Kühe ge- halten, aber die Milchwirtschaft aufgegeben haben, weil ihnen bei dieser Eigenproduktion der Liter Milch auf 28 Pf. zu stehen ge- kommen sei. Als ob nicht jedermann bekannt ist. daß jedwede Art gärtne- rischer oder landwirtschaftlicher Produktion im Nebenberuf die Produktionskosten weit über das normale Maß hinaus steigert. Endlich kam dann Herr Heim auch mit seinen eigenen Bor- schlügen heraus, durch die er sich im Gegensatz nicht nur zu den übrigen agrarischen Rednern, sondern auch zu seinem Fraktions- kollegen Spahn stellte. Heim verlangt nämlich eine Suspension der Zölle auf Futtergerste und Mais, will aber ge- wisse Kontrollmahregeln durchgeführt haben, die die Ver- günstigung tatsächlich nur den Futterstoff kaufenden Bauern zu- gute kommen ließe. Die Kluft, welche er durch diese Vorschläge zwischen sich und den übrigen Agrariern gegraben hatte, suchte er durch allerhand Angriffe auf die agrarpolitischen Anschauungen der Sozialdemo- kraten weit zu machen. Auf der Linken fand er dann wieder Zu- stimmung, als er sich für Bauernwirtschaften und gegen die Fidei- kommksse erklärte. Er gab dieser Forderung dann aber sofort eine reaktionäre Wendung, indem er hinzusetzte: Aber her mit Fideikommissen für die Bauern! Offenbar übersieht der Bauerndoktor oder will es nicht ein- gestehen, daß die bäuerlichen Fideikommisse, wie man sie in Nieder- sachsen historisch kennen gelernt hat, die Wirkung haben, die Wirt- schaftliche Entwickclung verknöchern und die Bevölkerung stagniere» zu lassen. Zum Schluß schüttet er eine Fülle von Lesesrüchten aus aller Herren Länder über das Haus aus, wobei er in der Wider- sprechendsten Weise vom Standpunkt der Linken auf den der Rechten und wieder zurück hin und her hupfte. Er sorgte aber doch dafür, daß er mit einigen Knalleffekten abtrat, die ihm die Zu- stimmung der Rechten und des Zentrums sicherte. Die Forderung nach Suspension der Futtermittelzölle brachte noch in später Stunde den Reichsschatzsekretär Mermuth auf die Beine. Er kehrte sich gegen Hein« mit dem Einwand, daß die Ein- reißung der Schutzzollmauern an der einen Stelle immer das ganze Gebäude gefährde. Dann aber bedrohe diese Forderung auch das Reich mit einem jährlichen Einnahmeausfall von 60 Millionen Mark. Damit wäre unser ganzes herrliches Finanzsystem er- schüttert. Mit diesem ministeriellen Hinweis darauf, daß die an sich schon genügend schädlichen Lebensmittelzölle obendrein zur Fütterung des Kriegsmolochs unentbehrlich feien� schloß die gestrige Debatte. Heute goht sie weiter. geltend macht. Sein erstes Komplott sei gescheitert und er habe i g i e r u n g unseren rechtzeitigen Ratschlägen kein Verständnis flüchten müssen. Damit er den Schergen der Mandschus nicht in die! entgegengebracht hat. Daß Italien seine Allicrtc» von seine» Hände falle, habe er sich mit Detektivs umgeben. ver Krieg. Die chlveMche Revolution. Der Rückzug der RegiernngStrnPpen. Shanghai, 23. Oktober. lMoldung des Neutcrschen BurcauS.) Konsularberichte besagen, daß sich die Regierungstruppen von Hankau bis zum Kilometer 64 zurückgezogen haben, offenbar in der Absicht, sich mit Jintschang bei Hsiaukan zu vereinigen. Die finanzielle Lage in Shanghai bessert sich ständig. Eroberung von Kiukiang. Shanghai, 24. Oktober. Kiukiang ist in die Hände der Aufständischen gefallen. Sie haben den Damen niedergebrannt. Die Ordnung ist anscheinend sonst nicht ge- stört worden. Sunyatse«. London, 24. Oktober. Wie„Daily NelvS" aus N e w D o r k meldet, ist der chinesische Revolutionär S u n y a t s e n gestern dort eingetroffen, trotzdem die New Dorker chinesischen Revo- lutionäre dies ableugnen. Man weiß, daß Sunyatsen nur Mel- düngen a»S Peking abivartet, um dann nach China abzu- reisen, aus den, er feit 12 Jahren verbannt ist. Er soll auch bereits interviewt worden sein. Cr soll sich über die bereits erzielten Resultate sehr befriedigt geäußert haben. „Ich habe die feste Ueberzeugung, daß unsere Sache mit einem endgültigen Siege endigen wird. Meine Reise zu den Komitees in den verschiedenen Staaten Amerikas sowie die Nach- richten, welche ich aus China erhalten habe, machen mich glauben. daß die Tage der Mandschudynastie gezählt sind. Die Einnahme der Städte Wutschang, Hanka» und Hanyang gibt dri. Revolution festen Boden,»nd der ganze Aangtsckiaiig wird nach und nach in den Besitz der Rebellen kommen. Eine Schlacht ist unmittelbar bevorstehend, sie wird in den nächste» Tagen 200 Kilometer von Hankau entfernt stattfinden. Die der Regierung treugebliebenen Truppen zögern immer mehr. und angesichts des Erfolges, den wir haben, werden sie zu uns übergehen. Wir haben Anhänger in den G a r n i s o n e n i n P e k i n g und diese werden sich auf da» erste Signal erheben, und sich der Stadt bemächtigen. Ich spreche mit großem Optimismus, ich habe aber alle Mittel studiert, um die Revolution glücklich durchführen zu können." Der Korrespondent fragte Sunjatscn. tvie er dazu gekommen sei. diese Bewegung ein- zuleiten und dieser erzählte ihm. daß er v i e l e n H i n r i ch t u n g e n in seiner Jugend mitbeigewohnt habe. Er habe sich mit den An- gehörigen der Hingerichteten unterhalten und nach und nach ge- funde», daß sich ein revoluliotiärer Geist unter der Bevölkerung Das Gefecht bei Tripolis. Rom, 24. Oktober. Die„Agonzia Stefani" meldet aus Tripolis vom 23. Oktober:?luf den gestrigen Angriff auf die Vorposten der Italiener folgte bald eine Er Hebung der?l r a b e r der Oase, welche einen Flanken angriff auf die Italiener ausführten, der zweifellos seit einigen Tagen vorbereitet war. DaS Vorgehen wurde eingeleitet durch Scharen arabischer Reiter, die unter den dunkelen Uniformen der Türken durch ihre weißen Mäntel hervorstachen. Diese Reiter warfen sich mit großer Wucht gegen die italienischen Linien, wurden aber durch Gewehr feucr der Italiener aufgehalten und mit Verlust zurückgetrieben. Zur selben Zeit griff türkische reguläre Infanterie auf den anderen Seiten an und versuchte die Italiener durch heftiges aber nicht sehr wirksames Feuer zurückzutreiben. Während dieses Kampfes griffen die Arabcrtruppen aus der Oase, die sich hinter Bäumen verborgen gehalten hatten, ein und gingen in einem Flankenangriff gegen die italienischen Linien vor. Die Italiener machten, ohne Verluste zu erleiden, auch gegen diese Seite durch ein schnelles Manöver Front, und es ge- lang ihnen, einen Teil der aufständischen Araber zu umzingeln und ihnen große Verluste beizubringen. Nach den Angaben einiger Gefangener betragen die Verluste der Türken Hunderte von Toten und noch viel mehr Verwundete. Die Italiener haben keine schweren Verluste er- litten(?). Die Feiiwscligkeitcu der Araber, die sich in der Oase zerstreut hatten, hörten auch nach dem Kampfe nicht auf, und man meldete während des ganzen Tages Gewehr- schüffe an verschiedenen Orten, man hat alle verhastet, die man mit der Waffe in der Hand antraf. Die Zahl der vor- genommenen Verhaftungen beträgt ungefähr dreihundert. Ein Erlaß setzt die Tode s st rase für alle fest. die mit Waffen angetroffen werden. Verluste der Italiener. Koustantiuopel, 24. Oktober. Wie verlautet, hat daS Ministerium des Innern eine Depesche erhalten, nach welcher die Italiener bei dem Bombardement DernaS durch das Feuer der türkischen Truppen bedeutende Verluste er- litten haben. Nach dem Bombardement landeten die Italiener 1500 Mann. Die türkischen Truppen und die Einwohner zogen sich in das Innere zurück, wo sie Verstärkungen abwarten, uni dann einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen. Die Deputierte nkammer hat nach längerer Be- ratung über die Opportunität einer Vertagung während des Krieges beschlossen, dreimal wöchentlich zu tagen. Das Bombardement von Beughasi. Malta, 24. Oktober. Nach Briefen aus B e n g h a s i hat das Bombardement der Italiener dort große Ver- heerungen angerichtet und eine große Panik hervor- gerufen. Zahlreiche Wohnhäuser und andere Gebäude sind zerstört. Die.Malteserkirche ist zum Teil eingestürzt, wober acht Personen getötet und zehn verwundet wurden. Des weiteren wird gemeldet, daß das englische Konsulat .chwer beschädigt und der englische Konsul verletzt wurde. Ferner wurden mehrere englische Juden, die in das Konsulat zeslüchtet waren, getötet oder verwundet. Die Briefe chätzen die Zahl der Getöteten unter den Eingeborene ll a u s 4000. Die italienische Darstellung. Rom, 24. Oktober. Wie der„Agenzia Stefani" aus Beughasi gemeldet wird, sahen sich die italienischen Truppen bei ihrer Landung einer feindlichen Streitmacht von nicht weniger als 600 oder 660 regulären Soldaten, die durch 4000 oder 6000 Araber verstärkt waren, gegenüber. Die Verluste der Türken und insbesondere der Araber waren bedeutend. Die Zahl der Toten beträgt etwa 400. die Angaben über die Zahl der Ver- wundeten schwanken zwischen 300 und l200. Die Verluste des Feinde? würden noch größer gewesen sein, wenn der Einbruch der Dunkelheit nicht seine Flucht in das Innere deö Landes begünstigt hätte. In der Stadt blieben während der Nachtnur sehr wenig Menschen zurück, welche die Toten be- statteten und die Verwundeten fortschafften. Daraus erklärt es sich, daß die Italiener am folgenden Morgen, als sie die Stadt besetzten, fast keinen Widerstand fanden. Der in der Stadt durch das Bom- bardement angerichtete Materialschaden ist nicht beträchtlich, da die Zahl der auf die Südseite der Stadt abgegebenen Schüsse gering war. AnSdehnnug des Kriegsschauplatzes. Rom, 23. Oktober.„Popolo Romano" bezeichnet die Meldungen italienischer und ausländischer Blätter über«ine Kreuzfahrt der italienischen Flotte im Aegäischen Meere und eine unumgänglich notwendige Altion im Archipel und an seinen Küsten als jeder Begründung e n t b e h r e n d. l?j Diese Gerüchte beweisen, sagt das Blatt, daß diejenigen, die sie ver- breiten, die wirkliche Lage nicht klar erkennen und nicht er- wägen, ob«in solches Nnternehmen in politischer und mili- tärischer Beziehung vorteilhaft wäre. In der Tat ist eS vom politischen Standpunkt aus für Italien nur günstig, wenn der Konflikt aui Tripolitanien beschränkt bleibt und eine Rückwirkung auf ander« Gebiete, insbesondere auf die Küsten der östlichen Gewässer, so viel wie möglich verhindert wird. Vom militärischen Gesichtspunkt aus würde cS aber unvorteilhaft sein, die Kräfte jetzt zu zersplittern, wo die Besetzung der Küste von Tripolis«nd der Cyrenaika noch lange nicht vollständig durchgeführt ist und bevor nicht die italienische Herrschaft sowohl in den Städten und Dörfern der Küste, als auch iin Innern des Landes und unter den Stämmen festgegründet ist. Die TripoliSiuterpellation im österreichischen AbgeorduetenhanS. Wie», 24. Oktober. Abgeordnetenhaus. Zu Beginn der Sitzung beantwortete der Ministerpräsident v. G o u t s ch die Interpellationen über den TripoliSkonflikt. Er wandte sich dagegen, daß die Er- örteriing internationaler Verwickelungen als Anlaß zu beleidigenden Ausfällen Jorgen eine verbündete M a ch t denutzt erklärte er: Die italienisch- türkischen Regierung schon feit längerer und sie veranlaßt, sowohl in Rom ihre Bemühungen aufzu» eine Trübung der Beziehungen beider Tie italienische Regierung hat ihr worden sei. Sodann Differenzen Hachen die Zeit beschäftigt Konstantinopel wie in bieten, damit möglichst Reiche vermieden werde. Interesse an Tripolitanien seit jeher in wirtschaftliche» Momenten begründet. Die Regierung hat cS sich angelegen sein lassen, durcb freundschaftliche Ratschläge in K onsta»t i n o p e l dahin zu wirken, daß von türkischer Seite diesem wirtschaftlichen Interesse Italiens, tvelch letzteres ja bekanntermaßen für die Er- Haltung de» ststus quo am Balkan cinaetrcten war. in jenem Teile des Reiches das tunlichste Entgegenkommen erwiesen.werde. ES ist bedauerlich, daß die frühere türkische Re» Absichten nicht vorher verständigt hat, ist auf eine freund- schaftliche Rücksichtnahme der italienischen Regierung auf ihre Vcr- bündeten zurückzuführen. Auch war von Anfang an zu erkennen, daß das Königreich keinesfalls gewillt gewesen wäre, eine fremde Bermittelung vor Ausbruch der Feindseligkeiten zuzulassen. Aber auch nach Eintritt des Kriegszustandes war die Re- gierung bestrebt, eine Grundlage zur Beilegung deS Kon- f l i k t e s ausfindig zu mächen. Die Bestrebungen haben zurzeit allerdings noch zu keinem Resultate geführt, doch wird die Regierung nicht unterlassen, sobald sich der enk- sprechende Zeilpunkt hierzu ergiebt, auf dieselben zurück- zukommen. Wir glauben zu wissen, daß unsere Auffassung über den Konflikt im allgemeinen wie über die Möglichkeit, schon jetzt erfolgreich zu vermilteln, auch von den anderen Mächten geteilt wird. Es ist selbstverständlich, daß die Politik Oesterreich-Ungarns angesichts der großen Interessen der Monarchie in der Adria und den angrenzenden Balkanländern daS Hauptgewicht auf die Einschränknug des KriegStheatcrs legen mußte. In dieser Hinsicht hat die italienische Regierung von An- beginn ihrer Aklion ihre Disposition in der klar st en und un- zweideutig st en Weise kundgegeben, indem sie ihren Entschluß bekanntgab, alle? vermeiden zu wollen, waS eine unerwünschte Rückwirkung ihres Unternehmens auf dem Balkan anszuüben imstande wäre und die türkischen Küsten des Adriatischen und Jonischen Meeres von den kriegerischen Operationen auszuschließen. Wir haben alle» Grund, dielen Entschluß der mit uns befreundeten und alliierten italienischen Regierung als durchaus ernst und loyal aufzufassen. DaS Haus setzte hierauf die Debatte über die RegierungSdor- läge betreffend die italienische Rechtsfakultät fort. Eine Anfrage im NnterhanS. London, 25. Oktober. Das Unterhaus trat heute zu seiner Herbstsitzung wieder zusammen. Der Liberale David M a s o n fragte � den Premierminister ASquitb, warum die britische Re- gierung Italien und der Türlei nicht ihre guten Dien st e zum Zwecke der Beendigung der Feindseligkeiten angeboten habe. ASquith erwiderte, die Regierung sei nicht der Ansicht, daß irgend eine öffentliche Mitteilung über den Gegenstand in diesen? Augenblick das durch MasonS Frage angedeutete Ziel sördern würde.(Allgemeiner Beifall.) politifcde deberlicbt. Berlin, den 24. Oktober 1911. Die Landtagstvahlen in Elsast-Lothriugen. Nach den Mitteilungen unseres StrWburger BruderorganS ver- teilen sich die am 22. Oktober für die verschiedenen Parteien ab- gegebenen Stimmen— aus einigen wenigen Wahlbezirken fehlen noch die Angaben— folgendermaßen: Sozialdemokratie... 70 274 Zentrum......... 117 442 Nationalbündler...... 1 170 Lothringischer Block..... 25 096 Unabhängige....... 11693 Liberale......... 55 682 Demokraten........ 8 525 Wirtschaftliche Vereinigung.. 684 Im ganzen wurden also 200 566 Stimmen abgegeben. Wenn nun die„Germania" eS so darstellt, als habe das Zeutrmur besondere Ursache zur Zufriedenheit über derr Wahlausfall. dagegen den Sozialdemokraten und Liberalen nachsagt, daß sie„schinäh- lich abgeschnitten" hätten, so ist eS doch gut, dem Ergebnis, der Landwgswahl das der ReichStagSwahlen vom Jahre 1007 gegen- überzustellen. Bei den damaligen ReichStagSwahlen wurden im ganzen 34S557 Stimmen abgegeben. Die Zahl der abgcgebencu Stimmen blieb also diesmal um 53 000 hinter der Zahl der bei den Reichs- tagSwahlen abgegebenen Stimmen zurück. Wenn also auch die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen um mehr als 11000 hinter der bei de» ReichStagSwahlen erreichten Stimmciizahl zurückgeblieben ist, so ist doch der prozentuale Anteil der sozialdcniokratischcn Stimmen von 23.7 diesmal auf mehr als 24.1 Proz. aiigcwachscil. Im Verhältnis also hat die Sozialdemokratie trotz deS für sie ungünstigeren Wahlsystems, das durch die Bestimmung der Ansässigkeit gerade viele Arbeiter entrechtet, einen größeren Teil der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt. Das Zentrum erhielt bei den ReichStagSwahlen 106 845 Slinmicn. ES Hot also nicht nur prozentual, sondern auch absolut seine Stimmen vermehrt. Dabei kommt aber in Betracht, daß zu den Zentrums- stimmen diesmal ein erheblicher Teil der Stimmen der Ratio n a- l t st e n(z. B. sämtliche für Blumenthal und P r e i ß abgegebene Stimmen) des Lothringischen Blocks und der Unab- hängigen gerechnet worden ist, die bei der letzten Reichstagswahl besonders gezählt wurden. Denn während Liberale und Demo» kraten bei den ReichStagSwahlen nur 37 000 Stimmen er- hielten und auf die übrigen Parteien(außer Zentruin und Sozial- demokratie) nicht weiiigcr als 113 000 Stimmen entfielen, ist bei den L a n d t a g S Iv a h l c n die Zahl der für diese besonderen Parteien abgegebenen Stimmen auf 38 000 zurückgegangen. Das zeigt beul- lich. daß die für das Zentrum gebuchten 117 442 Stimmen sich zum großen Teil aus dem Mischmasch zusammensetzen, der diesmal mit dem Zentrum gemeinsame Sache gemacht hat. Wie „schmählich" Sozialdemokraten und Liberale dicSnial dem Zentrum und den ihin nahestehenden Parteien gegenüber abgeschnitten haben, ergiebt sich auch daraus, daß bei den LandtagSwahlc» auf Sozial- dcmokratcn und Liberale zusammen 40,2 Proz. sämtlicher Stimmen eiitfielen gegenüber nur 34,4 Proz. � bei den ReichStagSwahlen im Jahre 1907. DaS Zentrum hat also wahrhaftig keine Ursache, aus den AuSrall der Wahlen besonders stolz zu seiu l Zur Lebens, nitteltcncrung. Der AugSburgcr Stadtmagistrat trat einem Beschluß de« Gemeinde- kollegiumS bei, nach welchem, entsprechend einem sozialdemokratischen Antrag, die Summe von 10000 M. zum Ankauf von Kartoffeln durch die Stadt bewilligt werden sollen. Die Kartoffeln werden direkt durch die Stadt in Quanten von 10 bis 300 Pfund an die Konsumcnt-n abgegeben. Die cingeschriebencii Armen erhalten Teuerungszulagen, indem ihnen unentgelilich Kartoffeln verabfolgt werden. Die Frage der besseren Versorgung der Stadt mit F l e i s ch und Milch soll in einer besondere» Kam- Mission besprochen und geeignete Maßnahmen in Erwägung ge» zogen werden.# •* Die technischen Hilfsbeamten der preußischen Eisenbahn haben eine gemeinsame Petition an den Eisenbahnministcr gerichtet, in der sie um eine VesoldungSzulage in Form einer Unterstützung für alle technischen HilfSlräste bitten._ Die Ileischeinfuhr aus Argentinien. Prof. Dr. Jacob, der viele Jahre hindurch als Universitätslehrer an der medizimichen Falultat zu ViicuoS-AireZ gewirkt hat. wider- legt in der„Münch, med. Wochcnschrist" einige Einwände, die gegen die Fleischeinfuhr aus Argentinien gemacht werden. So sind die Bedenken gegen die hygienischen Verhältnisse unbegründet. Das argentinische Vieh ist infolge seiner Lebensweise im Freien gesund. Ansteckende Kranlheiten sind nicht häufiger wie in anderen Ländern und gegenüber Deutschland relativ selten. Bei dem geringen Preis der Tiere sind auch Vcrheim- lichungen von Erkrankungen viel seltener. Kranke Tiere werden aus demselben Grund viel frühzeitiger geschlachtet. Die Veterinär- ärztliche Ueberwachung ist austerordentlich streng. Der Staat hat sich schon lange überzeugt, dast hier das rigoroseste Vorgehen aus Gründen des ureigensten allgemeinen Interesses angezeigt ist. Die zahlreichen grostartigen Flcischgefrieranstallcn geben jedem Besucher den über- zeugendsten Eindruck, dast es möglich ist, dort auf rationelle ascvtische Weise das Fleisch des frisch geichlachtetcn und untersuchten Tieres in den gefrorenen Zustand überzuführen. Von hieraus gelangt es direkt in den Kühlraum des Spezialdampfers. Die Ueberwachung der Auswahl, Schlachtung und Verarbeitung der Tiere durch deutsche Sach- verständige lieste sich ohne weiteres ermöglichen. Das Fleisch müstte aus dem Dampfer direkt in die am Hafen zu errichtende» Gefrier- kammern und von da in die Kühlwagen der Bahn verladen, weiter befördert werden. Im Winter bietet dies weniger Schwierigkeit wie im Sommer. Bezüglich des Geschmackes geht es wie bei den See- fischen, inan gewöhnt sich daran und lernt es schliestlich schätzen. Will man die Konservierung vermeiden, so führe man lebendes Vieh ein, schlachte es im Hafen, untersuche eS und versende es daselbst im Kühlwagen. Will man es nicht ans Land lebend kommen lassen, so gibt es genügend alte Dampfer, an deren Bord auf der Reede die Schlachtung und Inspizierung vorgenommen werden kann._ Tie Handhabung des Vereins- und Vcrsammlungs- rechtes. Die Thorner Polizei führt schon jahrelang einen hartnäckigen Kampf gegen die moderne Arbeiterbewegung. Kürzlich fiel es der Polizei ein, Gott weist, aus welchen Gründen, den Genossen Neu- uiann als Borsitzenden der Thorner Sozialdemokratie schriftlich auf- zusordcrn, mitzuteilen,„wann und wer an Stelle des am 5. Januar 1905(!) von hier nach Cbarlottenburg verzogenen frühereu Vorsitzers des sozialdemokratischen Wahlvereins den Vorsitz im Vor- stände übernommen hat bezw. zum Vercinsvorsitzer gewählt worden ist". Genosse Neumann, der den jetzr amtierenden Vorstand ord- »ungsgemäst angcnieldct hat, konnte den Polizeiwuusch nicht er- füllen. Darauf kam eine zweite Aufforderung von der Polizei wegen der Vorstandsänderung von— 1005. Entweder Befriedigung der polizeiltchen Wistbegierde, oder es wird gegen Neumann.gcmäst § 132o des Gesetzes vom 30. Juli 1883 eine ZwangSstrase von 100 Mark evcnt. eine Woche Haft festgesetzt werden" I Bange machen gilt nicht, dachte Genosse Neuinann, und schrieb kühl und kurz an die Polizei zurück, dast die Androhung der Zwangs- strafe nicht zulässig ist, da die Aufforderung, den VorstandSwechscl von 1905 anzumelden, nicht unter daS Zwangsverfahren des Landes- Verwaltungsgesetzes fällt.— Na also! Die Plage und Mühe der Polizei und ihre bewunderungs- würdige Fähigkeit iin Ersinnen immer neuer Mittel, der niodernen Arbeiterbewegung daS VercinSrecht zu verkümmern, sind wirklich rührend— viel mehr aber beschämend für Preusten. Der Stern von Hohen-�inow. Undank ist der Welt Lohn. Um sich den Agrariern gefällig zu erweisen, hat Herr v. Bethmann Hollweg für seine Anti-Teuerungs- rede im Reichstag groste Vorstudien getrieben und beispielsweise sämtliche Jahrgänge der»Deutschen TagcSztg." von seinen Geheim- raten nach Bctveisen für die Nützlichkeit hoher Lebensmittelpreise durchsuchen lasse»— und nun findet diese wohlvorbercitcte schöne Rede selbst bei den extremen Agrariern nicht rückhalt- lose Anerkennung, während die liberale Presse sich teils in einer herben Kritik, teils in offenem Spott gefällt. So schreibt die»Kö ln. Ztg.":. vi--— t*-.- „Die Rede de? Reichskanzlers hat Klarheit geschaffen. Man weist jetzt, der yguzler ist, bereit, mit den Konservativen durch- zuhalten. Er hat ihr System, jede Förderniig, die da» grast- agrarische Portemonnaie berührt, als nationale Gefahr zu brand- marken, übernommen, und damit für den schwarzblauen Block eine Wahlparole ausgegeben, die die Form des WahlkampfcS nicht veredeln, aber doch keinen Menschen mehr täuschen wird. In diesem Zeichen ivird der schioarzvlaue Block nicht siegen. Der Wahlkampf ist offiziell eröffnet." Die. N ä t i ö n a l- Z e i t u n g" bemerkt: „Geschickt ist es von Herrn v. Bethmann Hollweg wahrlich nicht, dost er. statt sofort zu erklären, was die Regierung zu tun gewillt ist. seine Rede mit einer Polemik gegen die Forderungen der Sozialdemokratie beginnt. Diese schroffe. Negation der Aufhebung der Zölle fordert die Linke zu stürmischen Zwischeiiruscir heraus, gegen die sich der Rcichslaiizlcr mit nicht sehr glücklichen Argumenten wendet... Weiter bestreitet Herr v. Bethniann Hollweg. dast die Aufhebung der Einfnhrschcine einen günstigen Einflust auf die Lage hoben wurde. Diese Bcrleidigimg cines Systems. dessen Verderblichkeit längst überzeugend dargelegt ist, ruft auf � der Rechten natürlich louic Zustimmung hervor,— das deutsche Boll must sie peinlich berühren. Nur die recht bescheidene» Wünsche des Zentrums nach Abänderungen des Getreideeinfuhr- schemsystemS findet der Reichskanzler„akzeptabel", obwohl er— diesmal wohl auch mit Recht— von ihrer Wirksamkeit nicht über- zeugt ist.... Der Kanzler des Deutschen Reiches hat gesprochen, und— alle« bleibt beim alten. Die TeuermigSfrage ist nicht nur nicht gelöst worden, es ist„icht einmal der Versuch gemacht worden, sie.zu lösen, und Herrn v. Bethinann HollwcgS AuS. fuhningcn sind noch dürftiger ausgefallen, als man ohnehin schon besurchtcn mustte." Wenn die nationalliberale Preffe diese Töne anschlägt, braucht kaum erwähnt zu werden, dast man weiter nach links' noch ganz anders über des Reiches Kanzler von Junker» Gnaden urteilt. Aber selbst die Reichsparteiler sind nicht mit ihm zufrieden. Die ,,Post" trauert angesichts der Bethmannschen Leistung um einen .Bismarck, der ganz ander» plastische Bilder von den landlvirt- schaftlichcn Verhäliniffcn zu formen vermocht habe: „Durch Herrn v. Bethmann HollwcgS Rede dagegen zieht sich wieder wie ein roter Faden jener Professorale. rein doktrinäre Zug. der seinem ganzen Wesen und Auftreten eigen ist. Und schliestlich unterlief ihm, der kein glänzender Dcbattcr ist, dem, auch eine kleine Entgleisiuig, die wir von einein deutschen Reichskanzler lieber nicht vernoinmen hätten. DaS war. als er seinen Appell an die Landwirlschast richtete, sich der Pflichten gegen die Allgemeinheit bewustt zu sein, und als ihn hierbei ein s o z i a l d e m o k r a t i s ch e r Z w i s ch e n r u f unier- brach, da verstand er sich zu dem befier unterbliebenen Wort: „Meine Herren, ich spreche ja ganz in Ihrem Sinne!"... Seiner rednerischen Bcranlagimg nach ivürde er ' deshalb zivciselloS besser tun, sich durch gegnerische Einwürfe und Zwischeiirnfe nickit ans einen Boden locken zu lagen, auf l.em nur ganz gewandte Dcbalter keine Gefahr lausen, zu straucheln und mit einer Entgleisung den Eindruck der Rede zu mindern. Und gar die„Deutsche Tageszeitung" leistet sich eine versteckte Mistbilligung: „WaS die«»sichten und Absichten deS Herrn Reichskanzlers bezüglich der Abstellung der durch die Dürre deS letzten sommers vepur�cbten Schwierigkeiten anbelangt, fa? wollen wir daran heute keine Kritik üben. Äir»Verden im Zusammenhange mit dem weiteren Verlaufe der Debatte daranf zu sprechen kommen." Im allgemeinen findet freilich daS agrarische Blatt eS„er- freulich, dast nach einer längeren Schweigcpcriode von dem Ver- treter der Verbündeten Regierungen ein umfassendes Bekenntnis zu der allbewährten, vom' Fürsten Bismarck 'inaugurierten Wirtschaftspolitik erfolgt ist". Die„Deutsche Tageszeitung" hofft, dast dieses Bekenntnis zur Vahl- und Sammelparole der bürgerlichen Parteien werden wird. Und die grostindustrielle„Rheinisch-Westfälische Zeitung" akzeptiert den„K a in p f f ü r die gegenwärtige Zoll« und Wirt- s ch a s t S p o l i t i k" als brauchbares Wahlinstrilment. Aus Württemberg. Der Kampf um den ersten württembergischcn Reichstagswahlkreis(Stuttgart-Stadt und Amt) wird bei der bevorstehenden Wahl mit ousterordentlicher Schärfe geführt werden. Die Nationalliberalen haben ihren gerissensten Wahlmacher, den Oberbürgermeister von Estlingen Dr. Max M ii l b e r g e r als Kandidaten aufgestellt. Die Volkspartei unterstützt diese Kandidatur. Im Jahre 1907 siegte Genosse Hildenbrand mit 25 090 Stimmen über den Kandidaten der vereinigten Nationalliberale» und Volks- parteiler, der 21412 Stimmen erhielt. Der Zählkandidat des Zentrums brachte es auf 2400 Stimmen. In der Versammlung am Sonntag, die Herrn Mülberger die Kandidatur übertrug, wurde von liberaler Seite bereits mit Hochdruck auf die Einigung sämtlicher bürgerlichen Parteien vom Zentrum und dem Bauernbund bis zur Volköpartei gegen die Sozialdemokratie hingearbeitet. Die Kandidatur des Grafen Zeppelin im vier- zehnten Wahlkreis(Ulm) ist ins Waffer gefallen. Zeppelin hat endgültig abgelehnt. Die nationalliberale Partei darauf hin der Volkspartci überlassen, einen geeigneten Sammellandidaten in Vorschlag zu bringen. In, LandtagswahlkreiSCrailSheim must eine Rachwahl stattfinden. Der Inhaber des Mandats Landtagsabgeordneter Ernst B e r r o t h(Bauernbündler) ist gestorben. Bei der letzten Landtagswahl am 5. Dezember 1906 erhielt Bcrroth 1854 Stimmen, der Volksparteiler 1450, das Zentrum 327 Stimmen, die Sozial- demokratie 319 Stimmen. In der Nachwahl wurde Berroth niit 2516 Stimmen gewählt; der Volksparteiler erhielt 2296 Stimmen. Im Landtagswahlkreis Urach raufen vorläufig noch die Natioualliberalen mit der Volkspartei um die Kandidatur. Der Wahlkreis wurde, wie berichtet, bisher vom volksparteilichen Abgeord- neten Dr. Bauer vertreten. Die sozialdemokratische Bezirlskonferenz stellte endgültig den Gcnofien Robert Fette, Arbeitersekretär in Stuttgart, als Kandidaten auf._ Tas Schicksal eines mißhandelten Soldaten wurde in einer Verhandlung vor dem Dresdener Kriegs- gcricht ausgerollt. Im Mai d. I. wurde der Kanonier F i s ch b a ch von der 1. Batterie des Artillerieregimcnts Nr. 64 dat fand nicht den Mut zu einer Meldung, weil er Verschlechterung vom Hauptmann Gutwasser mihhandelt. Der Col- seiner Lage befürchtete! Bei einer Unterredung mit dem Sergeanten Schulze erklärte letzterer:„Es ist besser, Sie beschweren sich! Wenn es erst ein anderer meldet, werden Sie bestraft!" Darauf erstattete Fischbach Meldung gegen den bereits wegen Beleidigung Untergebener bestraften Hauptmann. Als aber Fischbach vor dem Gerichtsoffizier in der Angelegenheit vernommen werden sollte, sagte der Sergeant zu ihm:„Stürzen Sie mich nicht ins Unglück, es handelt sich um meine Kapitulation!" Damit war gemeint. F. solle nicht sagen, dast er zur Beschwerde veranlaht worden sei. Durch diesen Rück- zug des Sergeanten war F. sehr überrascht und sagte zu einem Kameraden:„Der Sergeant sagt einmal so und einmal so, und schließlich will er nichts wissen und gesehen haben; wenn er mich nicht zur Beschwerde getrieben hätte, würde ich nichts gemeldet haben.' Darin soll eine verleumderische Beleidigung gegen den Sergeanten liegen. Letzterer bestreitet entschieden, den Soldaten zur Beschwerde veranlaßt zu haben. Inzwischen fand nun die Verhandlung gegen den Hauptinann statt, die mit einer Verurteilung zu ü Ta««» Stupeuarrej�, ciüiete. Um den Sergeanten nicht ins Unglück zustürzen, sagte Fisch- bach in dieser Verhandlung aus, er s e i niicht veranlaßt worden, Beschwerde e i nziireich e n. Am Oberkriegs. gericht gab eS dann insofern eine Uebcrraschung, als Fischbach seine frühere Aussage widerrief und auf das bestimmteste erklärte, er sei vom Sergeanten zur Beschwerde getrieben worden. DaS Urteil gegen den Hauptmann erfuhr aber keine Abänderung. In der jetzigen Verhandlung erklärte Fischbach, er habe sich keiner Beleidigung schuldig gemacht, was er zu seinem Kameraden und vor dem ObcrkriegSgcricht gesagt habe, beruhe auf Wahrheit. (Demnach hätte also der Soldat aus Gutmütigkeit zugunsten de? Sergeanten vor dem Kriegsgericht eine falsche Aussage erstattet.) Vor Eintritt in die Beweisaufnahme wurde von allen Seiten auf die Schwierigkeit hingewiesen, die durch eine Vernehmung des Sergeanten entstehe, da djeser des Meineids und der Verleitung dazu verdächtig ist. DaS Gericht be- schloß schließlich, die Verhandlung auszusetzen, weil Fischbach und auch Schulze wegen Verletzung der EidcZpflicht verdächtig sind. F. wurde in Haft genommen! Dem Soldaten Fischbach muß man daS größte Mitleid entgegenbringen, denn seit Beginn der MißhandlungSaffäre war er allerlei Treibereien ausgesetzt. Besonders der Hauptmann hat alles in Bewegung gesetzt, um Material gegen F. zu sammeln-~ weil dieser von dem guten Recht der Beschwerde Gebrauch gemacht hat. Auch ein Beitrag zum Beschwerde., recht", fVanfcrncb. Der Skandal von Nds-hda. Paris, 23. Oktober.'(Eig. Ber.)' Mit seltener Ucbcrcinstimmung bezeichnen die Blätter aller Richtungen die Affäre von Udschda mit dem Schlagwort:„Ska n- d a l". Wobei freilich der Ausdruck noch keine Identität des Urteils bezeichnet. Für die Mehrzahl der bürgerlichen Blätter ist die Tat. fach« entscheidend, daß vor den Augen der ihrer nahen„Protektion" gewärtigen Marokkaner die höchsten Beaintcn der Republik gleich gemeinen Vcrbreck'ern arretiert und zwischen Bajonetten ins Gc- sängnis abgeführt wurden. Welche Erscksiitterung der„Autorität" der ZivilisationSbringerl Und dazu noch die kompromittierende Enthüllung der Verhältnisse zwischen Zivil- und Militärbehörden, zwischen der Soldateska und der Regierung, vor den anderen „Kulttirstaaten". Am wenigste» bekümmert die Patrioten augenscheinlich die Frage, ob und welche Rechtswidrigleiten, Gewalttaten und Mißbräuche dem Konflikt zugrunde liegen. Es ist allerdings noch nicht möglich, in diese dunkeln Hinter- gründe der Affäre Licht zu bringen, und eS ist fraglich, ob dies überhaupt gelingen wird. Denn es ist so gut wie sicher, daß General Toutee für seinen ohne Wissen der Minister voll- brachten Handstreich gemaßregelt werden wird. Und dann wird cS ja naheliegen, die verletzte Autorität der Verwaltung wiederherzu- stellen und die zweifelhaften Tinge, die jetzt hervorgczerrt worden sind, in den Schubladen einer UntcrsuchungSkonimission zu be- graben. Die demokratische Abneigung gegen die Uebergriffe der Militärgewalt könnte da manchen unsauberen Interessen dienstbar gemacht werden. Sicherlich, für die Sache des Generals Tou t4 e streitet keine lobenswürdige Vergangenheit. Ein tvpischer Säbelrahler, hat er erst- im Februar 1910 als KabincttSdirektor des Kriegs, Ministers Brun in der Deputiertenkammcr einen solchen Skandal gemacht, daß der Präsident Brisson den Minister ersuchte, seinem Untergebenen den Besuch des Hauses zu untersagen. Toutee hatte damals einen dem Kabinett des Ministers attachierten Hauptmann, der ein Schriftstück dem Minister direkt übergeben hatte, wegen dieser angeblichen Umgehung seiner Kompetenz in einer Weise angefahren, daß die anwesenden Deputierten in Enipörung gc». riefen. Toutee würde sofort Soff seiner Funktion enthoben, aber sonderbarerweise fiel er hinauf. Ihm wurde das Kommando der Division von Oran anvertraut, auf welchem Posten er sich durch seinen Uebereifer bei den marokkanischen Grenzoperationcn hervortat. Wiederholt mußte er zurückgepfiffen werden, und es scheint, daß sich besonders damals bei ihm der Groll gegen die Zivilbeamten angesammelt hat, auf deren Berichte er den Entschluß der S�gierung, die„Entsetzung" von Fez von Westen und nicht von Hsten her vornehmen zu lassen, zurückzuführen glaubte. Ein bis zu bitterer Feindschaft gehender Gegensah zwischen Zivil- und Militärbehörden ist allerdings überall in den Kolonien vorhanden, und er ist nicht nur im Kastengeist und im Widerspruch ihrer Machtinteresscn begründet— wo die Zivilgewalt entscheidend wird, verliert ja die militärische ihre Diktaturrechte— sondern auch in materiellen Interessen. Tie Offiziere profitieren von Kriegszu- ständen Avancements, die Zivilbeamten befinden sich im Frieden am wohlsten, wobei sich dann für so manche die Gelegenheit zu allerhand Plusmacherei ergibt. Man kann also für den Typus des Soldaten, der im Herren- Wahn mit seinem Schwert herumfuchtelt, wenig übrig haben und zugleich zugeben, daß Toutee in ein Wespennest kolonialkapitalisti- scher Korruption hineingcstochen hat. Wer ein wenig die nicht- offizielle Literatur der internationalen Kolonialpolitik kennt, dem sind die europäischen Beamten, die Hand in Hand mit den ein- heimischen Häuptlingen und Rcgierungsfunktionären die Ein- geborenen ausplündern, eine wohlvertraute Erscheinung. Ob sich die von Toutee verhafteten französischen und marokkanischen Ver- waltungsfunktionäre durch unsaubere Terrainspekulationen, durch Agiotageknisfe beim Wechsel von französischem und marokkanischem Geld und Profiimacherci in der Zollverwaltung öder— was denn doch gar zu stark an das Gebiet der komischen Oper streift— durch Waffenschmuggel bereichert haben, bleibe dahingestellt. Tee schnauzbärtige, wilde General, der sich über die bürgerlichen Ge- walten erhaben dünkt, und die von ihm behelligten Vertrauens- männer der Firma Etienne und Kompanie sind in jedem Fall natürliche Früchte vom Baum des kapitalistischen Imperialismus. Die Pnlververschwönitig. Paris, 21. Oktober.(Eig. Bcr.) Unter diesem witzigen Titel bespricht A. Morizet in der„Humanitü" die dunkeln Mackien» schaftcn. die sich an die Katastrophe der„Libcrtü" angeknüpft haben. Kanin lag daS Opfer, al» auch schon die Raben niederstiegen. Die Explosion diente nämlich zum Borwand einer Kampagne gegen daS Pulvermonopol. Im„Journal" erklärte der Senator Charles H u m b e r t. einer der berüchtigtesten Korruptionisten des französischen Parlaments, rundweg, daS Monopol sei die Ursache des Unglücks. Im„Petit Journal" stieß ein Anonymus in dasselbe Horn und verkündete, die Aushebung deS Monopols sei für die Sicherheit der Matrosen, der Flotte und der ganzen Nation(!) not- wendig. Hinter dieser Treiberei steht nun der Sprengstoff- Trust, der von drei Gesellschaften gebildet wird: der Loeiöt� centrale de Dynamite, der Societ6 Dynarnite Nobel und der Sociöth gSnörale pour lä fabrication de la Dynarnite et ies produits chirniques. Diese drei Gesellschaften bilden in Wirklichkeit eine. Jede besitzt Aktien der anderen. Bon ihren 28 BerwaltungSräten sind 7 zweien, 2 dreien gemeinsam. Zu den letzteren gehört Herr Paul C lernen ce au, der Bruder deS ehemaligen Ministerpräsidenten, der als Direktor der Sociötö centrale, die 14 Millionen Aktien- kapital hat(gegenüber 0 700 000 und 4 000 000 der anderen) der eigentliche Leiter des Trusts ist. Paul C l c m e n c e a u ist nebenbei Chefingenieur in Crensot. Administrator der Gesellschaft für Fabrikation von Artillorieinumtian.nyd, Administrator deS Syndikats der Kriegsmaterialfabrikanten.... Die politische Rolle Georges C l e m e n c e a u hat jedenfalls der industriellen Pauls nicht gc- schadet. Andererseits ist es nicht verwunderlich, daß trotz des jämmer- lichen Resultats der Elemenceauschen Regierung mächtige Einflüsse wiederum für ihn wirksam sind. Eine Bruderhand wäscht die andere. Cnglancl. Beränderuugeit im Mitiisterntm. London, 24. Oktober. Im Kabinett sind folgende Veränderungen eingetreten: Carrington wurde zum Lordgehcimsiegelbewahrer ernannt, M c K e n n a über- nahm das Staatssekretariat des Innern, Churchill wurde Erster Lord der Admiralität, H o b h o u s e Kanzler des Herzog- tnms Lancastcr, Runcinlan Landwirtschaftsministcr und P e a s e UnterrichtSminister. Ferner wurden McKinnon Wood zuni Finanzsekrctär im Schatzamt, A ck l a n d zum Parlaments-Nntersekretär im Auswärtigen Amt. E m m o t t zum ParlamentS-Nntersekretär im Kolonialamt und Lucas zum Parlaments-Nntersekretär im LandwirtschaftSamt ernannt. Der Wechsel kommt überraschend, namentlich der der Anstaiisch der Ämter zwischen Churchill und McKenna. In der Presse gehen die Ansichten stark aus- einander. Ein Teil der unionistischen Presse betrachtet die Ernennung Churchills als einen Erfolg der Anhänger der Sparsamkeit im Schiffbau. Andere, wie„Morning Post", nehmen sie als Zeichen, daß die Negierung den E r n st der Lage in der Weltpolitik erkenne.„Daily Chronicle" und„Daily News" führen den Tausch zwischen Churchill und McKenna auf persönliche Gründe zurück. „Daily Chronicle" sagt, der frühere erste Scelord Fisher habe im Jahre l9V8 nach dem Rücktritt des Lord Tivcedmouth seinen Einfluß aufgeboten, um Churchill als dessen Nachfolger zu gewinnen.„Morning Lcader" hofft. Churchill werde als Apostel des Sparsamkeitsprinzips Europa ein Beispiel geben. Kuniatid. Auf Ascws Spuren. Die Revision der Kiewer Qchrana durch den Senator T r u s s e w i t s ch(die übrigens ausgegangen ist wie das Hornberger Schießen) hat u. a. die pikante Tatsache zutage gefördert, daß A s e w noch jetzt in den Dien st cn der Geheimpolizei steht und in der letzten Zeit enorme Summen für seine„nützliche" Tätigkeit erhalten hat.— Wie sollte auch Nikolaus II. seinen treuen Galgenlieferanten '"'W.. Cürhci. Rtgieiungsktise in Kreta. Canea, 24. Oktober. Die k r c t i s ch e R e g i e r u n g ist nach einer stürmischen Sitzung der Kammer zurück- getreten, Hmcnha. Gegen die russische Unterdrückungspolitik. New D ork, 24. Oktober. Das nationale Bürgcrkomitee hat den Plan gefaßt, eine Agitation im fganzeu Lande zugunitc» der Abschaffung de» Handelsvertrages mit Rußland einzuleiten, da dieses sich weigert, die Pässe der a m e r i k a- nischen Juden zu visieren. Massenversammlungen sollen in den grotzen Städten abgehalten, und der Kongreß soll lurz und bündig anfgesordert wcldcn, den Handelsvertrag abzuschaffen. GewerhfcbaftUcbea. Hn der Ceuerung find die Hrbeitcr fchutdl In einer nur zu bekannten Zeitschrift kann man über die Ursachen der Teuerung jetzt das Folgende nachlesen: „Eine bessere Preisbildung für die Landwirt- schaft war erst möglich durch unsere neuzeitliche Wirtschaftspolitik. Erst nachdem die deutsches Land- Wirtschaft gegen die Konkurrenz des Auslandes einigermatzen gesckiützt war, konnte sie sich mit mehr Jntensivität auf die Be- wirtschaftung des Bodens und auf die Viehzucht werfen. Die intensivere Wirtschaft bedingt größeres Betriebskapital zur Be- schaffung von Maschinen, Erbauung von Stallungen und Ein- richtungcn, die den neuesten Erfahrungen insbesondere auf dem Gebiete der Hygiene, entsprechen; ferner zur Beschaffung von Kunstdünger und Kraftfutter. Verteuernd für die landwirtschaftliche Produktion wirken alsdann der Seuchenschutz sowie die Veterinär- polizeilichen Vorschriften für Vieh und Fleisch, nicht zuletzt jedoch auch die Erhöhung der landwirtschaftlichen Arbeiterlöhne. Intensivere Wirtschaft und Viehzucht ist nur möglich mit geschultem Personal.... Ganz besonders in der Viehhaltung hat sich ein vollständiger Umschwung vollzogen. Während früher dieselbe fast ausschließlich durch weibliches Personal be» sorgt� wurde, liegt sie jetzt in den größeren Betrieben in den Händen der Viehschweizer, die immerhin ganz er- heblich höhere Löhne beanspruchen als die früheren Dicnstmäg de." Diese Ursachenfeststellung der jetzigen, Teuerung, die darauf hinausläuft,„nicht zuletzt" die gestiegenen Land- arbeiterlöhne an der Preisverschiebung mit verantwortlich zu machen, steht nicht in einem agrarischen Landwirtschaftsdlatte, auch nicht in einer konservativen Zeitung oder Zeitschrift, svn- dern in der Nummer 21 des„Zentralblattes der christlichen Gewerkschaften"! � Es ist das führende Organ der christlichen Gewerkschaften, die heute 360 000 Mitglieder besitzen. daS so über die Ursachen der Teuerung spricht. Nach ihm sind die das Gebiet der Hygiene betreffenden Aenderungen in der deutschen Landwirt- schaft, die so äußerst notwendigen Vorschriften zum Seuchen- schütz, ebenso wie die gestiegenen' landwirtschaftlichen Arbeiter- löhne Mitursache der Preissteigerung! Davon, daß die Löhne der Landarbeiter, der Stall- schweizer usw., die heute nach dem„Zentralblatt" die viel billigere Stallniagd verdrängt haben, gerade im agrikolen Produktionsprozeß nur einen Bruchteil der Wirtschafts- ausgaben darstellen, dessen Umfang dabei noch ständig in der schmählichsten Weise zu verringern versucht wird, davon spricht das christliche„Zentralblatt" nicht. Von den�w i r k l i ch e n Ursachen der Teuerung, der un- glaublichen Schutzzollpolitik, dem Einfuhrscheinunwesen, der Flciscbeinfuhrsperre usw.. findet sich in dem Artikel, der acht Spalten lang ist, kein Wörtchen! Der christlichen Gewerkschaftsleitung obliegt die Aufgabe, ihren Anhängern die agrarfreundliche Politik des Zentrums, deren Schleppenträger sie ist, plausibel zu machen. Zumal wegen der kommenden Wahlen gilt es, eifrigst in entsprechen- der Aufkläning arbeiten. Damit soll die Gefolgschaft der christlichen Arbeiter gesichert werden. Deswegen sind die Leiter der vom-Zentrum bekanntlich„völlig unabhängigen" christlichen Gewerkschaften eifrigst dabei, ihre zentrümliche Meinung offiziell auf die gewerkschaftlichen Anhänger zu über- tragen. Im zentrllmlichen Jargon ist das der Kampf um Wahr- heit und Recht, in einfacher deutscher Sprache nennt man's Schuftigkeit._ Berlin und Umgegend* Die Zigarrenarbeiterbeivegung in Groh-Berli«. Wenn auch zugegeben werden kann, daß die Lohn« und Tarif- bewegung der Zigarrenarbeiler bis jetzt ganz günstige Resultate ge- zeitigt hat, so macht es sich doch notwendig, an dieser Stelle darauf hinzuweise», daß es leider noch Unternehmer gibt, die angesichts der teueren Berliner Lebensverhältnisse den Mut haben, ihren Arbeitern Löhne zu zahlen, die noch nicht einmal den, ach, so be- scheidenen Tarifsatz von 1896 erreichen. Es zahlen unter 6 M. für 1009 Stück Zigarren Rollerlohn noch die Firmen: A hrendt, SO., Köpenicker Straße 165, Krumhauer, N., Neue Hochstraße 9 und W i e g a'n d. N., Lychener Straße 13 IV. Bei einer ganzen Anzahl von Kleinfirmen sollen die Löhne ähnlich liegen. So unglaublich oben mitgeteiltes erscheint, fast noch unglaub- licher scheint es daß eS Arbeiter gibt, die, ohne sich zu rühren, in dieser Zeit und ohne daß sie das Bestreben hätten, sich rhren Arbeits- kollegen als organisierte Kollegen anzuschließen, solches Elend, solche Zustände schweigend dulden. Allerdings, die Frau duldet leichter, und so ist eS wohl kein Zufall, daß einzelne Firmen, so z. B. Wiegand, mit Vorliebe, ja ausschließlich Frauen beschäftigen. Aber auch diese müsien doch leben l Ihre erste und heiligste Pflicht wäre eS, der Organisation. dem Deutschen Tabakarbeiterverbaud. beizutreten. Beinahe wäre eS notwendig, ein schwarze» Buch über diese Verbältnisse anzulegen, damit man in Deutschland sieht, damit man in Berlin sieht, unter welch jämmerlichen Verhältnissen die Zigarren, die doch zum menschlichen Genuß bestimmt sind, hier und dort noch hergestellt werden. Ihr, die es angeht, zieht die Lehre daraus; werf» Eure Apathie ab, tut, waS Ihr schon lange hättet tun sollen. tretet in die Organisation ein, tretet ein in den Deutschen Tabak- arbeiter-Verband I Arbeiter! Raucherl Kaust nur dort, wo da« grüne Plakat, unterzeichnet mit Alwin Sckmlze. aushängt. Beachtet die Veröffentlichungen l Deutscher Tabakarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Zur Tarifbewegung in der Herrenstapelkoufektion. Die Zwischenmeister der Herrenstapelkonfektion hatten sich am Montag bei Schulz in der Münzstraße versammelt, um zu den Forderungen der Gesellen Stellung zu nehmen. Die Forderungen lagen der Versammlung gedruckt vor. Die täg- liche Arbeitszeit soll auf 10 Stunden festgesetzt werden, und als Minimallohn werden verlangt: für erste Bügler 42 M., für zweite Bügler 34. für erste Stepper 44, zweite Stepper 38, Taschenmacher 36. Futtermacher 32. erste Handnäher 34. zweite Handnäher 30 und Ausfertigerinnen 21 M. Wochenlohn. Für Ueberstunden bis 10 Uhr abends sind 25 Proz., für Nacht- und Sanntagsarbeit 50 Proz. Aufschlag zu zahlen. Die Forderung des Arbeitgebers auf Leistung eines bestimmten Pensums ist untersagt. Wo bisher höhere Löhne gezahlt wurden, müssen sie weiter bezahlt- werden. Zur Schlichtung von Streitigkeiten aus dem Tarifvertrag ist als höchste Instanz das Eini�... zcamt des Eewerbegerichts vorgesehen. Wie der Referent Zydower ausführte, ist eS zwischen den Kam» Missionen der Zwischenmcister und der Gesellen zu eigentlichen Verhandlungen noch nicht gekommen. Die Gesellen hatten ihre Forderungen fertig formuliert, und die Vertreter der Zwischen- meister hielten es unter diesen Umständen für notwendig, zunächst mit ihren Mandatgebern darüber Rücksprache zu nehmen. AIS Vertreter deS Schneiderverbandes bemerkte Krienke, daß die Forderungen der Gesellen bereits im vorigen Fahre aufgestellt Lerantv. Redakt.: Richard Barth. Berlin. Inseratenteil verantw.i worden sind, als eine Bewegung in der Stapelkonfektion«ingelektek war, die jedoch damals nicht zum Ziele kam. In diesem Jahre ist nun die Bewegung bekanntlich in der Weise vor sich gegangen, daß zunächst der Tarif der Zwischenmeister mit den Konfektionären abgeschlossen wurde, und nunmehr die jungen Leute ihren Anteil an den erreichten Vorteilen verlangen. Es ist sehr zu wünschen, daß es auf friedlichem Wege zur Regelung der Verhältnisse kommt, und das wird, wenn beide Teile den guten Willen haben, auch leine großen Schwierigkeiten bieten.— In der regen Diskussion sprach man sich allgemein für die tarifliche Regelung aus; mehrere Redner meinten jedoch, daß die Löhne für die minder tücbtigen Arbeits- kräfte doch wohl zu hoch angesetzt seien, und außerdem waren einzelne auch mit der gänzlichen Abschaffung der Pensumarbeit nicht einverstanden.— Die Versammlung wählte noch weitere drei Mitglieder in die Kommission, um gegenüber der Vorlage der Gesellen einen Tarifentwurs auszuarbeiten, der den Wünschen der Zivischenmeister Rechnung tragen soll. Außerdem wurde eine Re- solution angenommen, in der der Tarif in der vorliegenden Form abgelehnt und die Kommission beauftragt wird, nochmals mit der der Gesellen in Verhandlung zu treten, um einen für beide Teile annehmbaren Tarif zustande zu bringen und die Löhne so zu regeln, daß die Beschäftigung minder befähigter Kräfte nicht aus- geschaltet wird. Außerdem wünscht die Versammlung, daß der Punkt 4 des Tarifvertrages, der vom Verbot der Pensumarbeit handelt, in der vorliegenden Form gestrichen wird.— Bei den weiteren Verhandlungen werden sest-ftverständlich wie bisher nur vier Mitglieder der jetzt siebengliedrigen Kommission der Zivischen- meister teilnehmen, da ja auch auf Seiten der Gesellen nur vier Vertreter vorhanden sind._ Achtung, Tapezierer! Die Firma Rudolph H e r tz o g, Breite- straße 12—19, ist wegen Nichtanerkennung deS Tarifs für Polsterer. Dekorateure und Näherinnen gesperrt. Die Schlichtungskommission. veutfehes Reich. Achtung, Glasmacher! In Altenfeld in Thüringen haben die Flaconglasmacher der Firma Wiegand u. Bulle eine zebnprozentige Lohnforderung gestellt und um Abänderung einiger unangenehmer Arbeitsbedingungen gebeten. Die Firma erklärte sich bereit, einige Verbesierungen durchzuführen, dagegen lehnte sie es entschieden ab, eine Lohnerhöhung zu bewilligen. Die Arbeiter beschlossen darauf. die Kündigung am 21. Oktober einzureichen. Die eingeleiteten Ver- Handlungen find völltg gescheitert. In Betracht kommen rund 200 Ar- beiter. ES werden alle Flaconglasmacher und Schleifer ersucht, die Firma Wiegand u. Bulle in Alrenfeld zu meiden. Zum Streik auf der Carlshütte iu Rendsburg. Nachdem ein nochmaliger Versuch, durch Verhandlungen den Ausstand der Former und Gießereiarbeiter beizulegen, durch das Verhalten der Direktion vereitelt worden ist, haben weitere Ab- teilungen des Betriebes ihre Kündigung eingereicht. Die Direktion bat darauf einer weiteren Anzahl Arbeitern gekündigt, denen sie in einem Schreiben mitteilte, daß sie durch die Kündigungen der Arbeiter genötigt sei, auch in den anderen Abteilungen die Arbeit einzuichränkeit. Durch diese Maßnahmen der Direktion dürfte der ganze Betrieb zum Stillstehen kommen. Auch diesen von der Carls- Hütte gekündigten Arbeitern find die Werkswohnungen sofort durch Einschreibsendung gekündigt worden. Von der Einwohnerschaft Rendsburgs werden Anstalten getroffen, um auch diese Arbeiter- familie» in anderen Behausungen unterzubringen. Die lieben Arbeitswilligen, die sich die Direktion unter Auf- Wendung ungeheurer Mittel hat kommen lasten, machen ihr wenig Freude. Nicht nur, daß ein Teil nach Verlebung einiger guter Tage die Carlshütte wieder verließ, die Direktion sah sich auch veranlaßt, eine größere Anzahl dieser Arbeitswilligen wieder zu entlasten, weil sie nur Schaden anrichteten und Unfug im Betrieb verübten. Die Direktion der Carlshütte sieht somit alle ihre Berechnungen fehlschlagen. Die Einschüchterung der Arbeiter durch ihre rücksichtS- losen Maßnahmen ist nicht eingetreten, sondern hat die Arbeiter noch mehr erbittert._ Zur Buchdruckerbewegung. Die weitere Stellungnahme der Buchdrucker zu dem neuen Tarif findet der„Korrespondent", speziell in Süddeutschland, weniger befriedigend. In Karlsruhe, Heilbronn a. N., Eßlingen, Freiburg i. Br., Augsburg und Mannheim fanden lebhafte De- batten statt. In Stuttgart wurde in zwei stark besuchten Versammlungen, denen auch Vertreter einer Anzahl anderer Orte beiwohnten, an den Gehilfenvertretern und am Verbands- organ sehr scharfe Kritik geübt.„Tie größte Niederlage, die der Verband je erlebt habe," nannte ein Redner den neuen Tarif. Den Gehilfenvertretern wurde zum Vorwurf gemacht, daß manche Aeußerungen vor dem Zusammentritt de? Tarifamts die Buch- drucker in falsche Sicherheit gewiegt habe. Die Zurückweisung verschiedener Anträge einzelner Orte seitens der Gehilfen- Vertreter mit der Motwierung, die Anträge gingen zu weit, sei direkt unkollegial. Die halbe Stunde Arbeitszeitverkürzung pro Woche sei lächerlich. Nach diesem Tarifabschluß hätten die Buchdrucker das Recht verwirkt, als Pioniere der Arbeiterbewegung bezeichnet zu werden. Sämtliche Redner wandten sich energisch gegen die Redaktion des„Korrespondent". Es gelangte sodann fclgende Resolution unter stürmischem Beifall zur ein» stimmigen Annahme: „Nach Würdigung der schriftlichen und mündlichen Bericht- erstattung über die Tarifverhandlungen kommt die Gehilfen- schaft zu folgenden Entschlüssen: 1. Protestiert sie gegen das reklamehafte Ausposaunen einer 10prozentigen Lohnerhöhung, da diese Erhöhung gerade die älteren und tüchtigsten Gehilfen in vollem Umfang nicht trifft; 2. er- klärt sie die Zugeständnisse in betreff der Arbeitszeit. Verkürzung als ungenügend; 3. betrachten die Gc- Hilfen die Einführung der Akkordarbeit und die Per« längerung der Arbeitszeit an den S e tz m a s ch i n e n für eine unabsehbare Schädigung der Handsetzer und ge- eignet, die Zahl der Arbeitslosen und Kranken in ge- radezu erschreckender Weise zu st e i g e r n; 4. hätte angesichts der raffinierten Setzmaschinenausnützung die Lehrlings- s k a l a in ganz bedeutender Weise reduziert werden müssen; 5. b e d a u e r t die Gehilfenschaft angesichts der zahllosen in ihrer Existenz schwer bedrohten Handsetzer die definitive Festlegung des neuen Tarifs; sie hätte unter diesen Umständen den Ab- bruch der Verhandlungen vorgezogen. Die Stutt- gartcr lehnen jede Verantwortung über die neuen „Verbesserungen" ab und überlassen sie den Gehilfenvertretern und der durck ihre Schreibweise so„hervorragenden"„Korre- spondent"-Redaktion." Die Maschinensetzer Württembergs nahmen in einer Sonderversammlung Stellung zum Tarif. Sie faßten fol- gende Resolution: „Die Versammelten sprechen ihre tiefste Entrüstung über die RückwärtSrevidierung des Maschinensetzertarifs aus. Sie protestieren aufs nachdrücklichste gegen die tägliche Verlängerung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde, die Er- höhung der Minimalleiswng und die Herabsetzung der Grund- entschädigung für 10 000 Buchstaben. Die ohnehin große Ar- beitslosigkeit wird durch diese Bestimmungen noch erheblich ver- mehrt. Insbesondere ist die Heranbildung von Streikbrechern durch die protokollarische Ergänzung des Z 40 tariflich sanktioniert und damit bisher bestandene Verbandsgrundsätze preis. gegeben und somit das Pertrauen zur Organisation ausz schwerste erschüttert. Ebenso weist die Versammlung die höhnischen Bemerkungen der„Korresponden�-Nedaktion gegen- über der Kollegenschaft im Verbandsorgan als unkollegial ent- schieden zurück. Da die vermeintlichen Verbesserungen der All- gemeinhelt noch lange nicht die Verschlechterungen der Maschinen- sctzer auszugleichen in der Lage sind, so lehnt die Versamm- lung den neuen Maschinensetzertarif mit Entrüstung ab."_ Zh. Gleckk, Bttlin. Druck u. Verlig: Vorwärts Buchdr. u, Perlagsanstalt Zur Aussperrung der TaiakarSelter in Westfalen nahm eine kombinierte Versammlung der Tabakarbeiter, der Sortierer und Kistenbekleber in Bremen Stellung. Die Versammlung stimmle nach einem Referate des Vorsitzenden D e i ch in a n n und nach einer lebhaften Debatte einer Resolution zu, wonach sich die Tabakarbeiler verpflichten, die Arbeit einzustellen, wenn nicht bald eine zufrieden- stellende Einigung zustande kommt. Die Versammelten beauftragten die Vertrauensleute, diese Entschließung den Inhabern der einzelnen Betriebe mündlich mitzuteilen. Für Bremen und Umgebung kämen 22 Betriebe in Frage._ Beendigung der Ledcrarbeiteraussperrung in Kirchhain N.-L. Nach fast dreizehnwöchiger Dauer ist die Aussperrung der Weiß- gerber in Kirchhain sNiederlausitz) beendet worden. Der Stunden- lohn wird für die Arbeiterinnen, Hilfsarbeiter und Weißgerber um einen Pfennig erhöht. Nach l'/z Jahren erhöben sich die Stunden- löhne um einen weiteren Pfennig, Die Zertrümmerung der Organi- sation, die sich die Kirchhainer Unternehmer und wohl noch mehr die treibenden Kräfte im Unternehmerverband so schön ausgemalt hotte», ist natürlich nicht möglich gewesen. Die Kirchhainer Weiß- gerber haben bis zur letzten Minute im Kampfe ausgehalten und der Lederarbeiterverband hat leine finanziellen und moralischen Ver« pflichtungen bis zum Ende des Kampfes gelreulich erfüllt. Husland. Ein Konflikt in der französischen Buchdruckerorganisation. Paris, 21. Oktober. sEig. Ber.j Die so notwendige Festigung der französischen Gewerkschafisorgainsation will sich immer noch nicht einstellen, vielmehr haben sich gerade in der jüngsten Zeit bedenkliche Unstimmigkeiten kundgegeben. Nacb den Eisenbahnern sind es nun die Buchdrucker, die relativ bcstgefügte Organisation Frankreichs. deren AktionSkroft durch einen Zivist bedroht wird. Er hat folgende Vorgeschichte: Gemäß dem Bescklnß des Marseiller GewerlschaftS- kongreiieS, der die Verschmelzung der gewerlichafiliche» Organlialioneir in nationalen Jndustrieverbänden vorschrieb, hatten die zwei Orga- nikalionen, die der„Föderation du Livre", dem Typographenveiband nicht angeschlossen waren und zwar die Korreitorengewerkschaft und der Verband der typographischen Pressen ihren Anschluß beschlossen. Als nun die Drucker ihre Vertreter für das Zentralkomilee der Föderation namhaft machen sollten, hatte kowohl der Vorstand der Drucker wie der Zentrolvorstand vier Kandidaten aufgestellt. Das hing mit dem Gegensatz der in beiden Körperschaften Perrschenden Tendenzen zusammen. Bei den Druckern hat nämlich der revolutionäre Syndikalismus, im Zeutralvorstaiid der bis zum matlherzigsten Korporal'smuS getriebene Reformismus, der namentlich durch den Föderationssekretär Keüfer, einen stark spießerlichen„Pofitivisten" der Comleschen Schule repräsentiert wird. die Oberhand. Gewählt wurden nun die Kandidaten des Zentral- komileeS, aber durch eine Mehrheit, die nickt aus Druckern, sondern hauptsächlich aus den dem Verband angehörigen Setzern bestand. Die Druckergewerkichast erhob darauf gegen den Wahlmodus und gegen die Aufstellung von Kandidaten durch den Zentralverband Protest und schloß die vier Gewählten, die gegen den Willen deS Gewerlschaftsvorstandes die Kandidatur an» genommen hatten, aus. Das Zentralkomitee antwortete auf dielen Schritt mit der Suspendierung der Drucker- g e w e r k I it> a f t bis zum nächsten Verbondslongreß. Diese Suspendierung bedeutet nun, daß die Gewerkschaft in der Zwischenzeit auch nicht der Arbeitskonföderation an» gehört, der sie gemäß dem Konföderationsstatut nur auf dem Wege über ihren Jndustrieverband angesw losten sein kann. Dieser Umstand erweitert daS Gebiet deS Konflikts. Zunächst hat der Sekretär des GewerkschaflsverbandeS der Seine, Marie, der Mitglied der suspendirten Gewerkschaft ist, demissioniert mit der Begründung, daß er als nunmehr Nickt-Konföderierler in seinem Verband der Kon« föderation keine Funktion bekleiden könne. Der— bekanntlich durchaus revolutionSriyndikalistische— Seine-Verband lehnte indes ein» stimmig die Annahme der Demission ab. Der Konflikt wird weiter dadurch verschärst, daß die Pariser Sektion der„Födöration du Livre", die gleichfalls revolutionär- yndikalistifch ist, von früher her in einem überaus gespannten Ver» hältnis zum Zenit alvorstand ist und jetzt die Gelegenheit zu einem Vorstoß gegen diesen benützen will. Sie kündigt ein Protestmeeting aller Pariser Organisationen deS Buchdruckergewerbes an und ihr Sekretär hat erklärt, daß im Fall, daß daS Zentralkomitee eine neue Truckergewerkschaft konstituieren würde, diese als«ine.gelbe" Organi'ation angesehen werden würde.— Wie der Zwist beigelegt werden soll, ist bei der zwischen den beiden Richtungen herrschenden Verbitterung nicht abzusehen. Jedenfalls wird es dem Zentral» vorstand nicht möglich sein, die fünfjährige Frrst zwischen de» VerbandSkongresien diesmal aufrecht zu erhalten. KetzU Placbrichtcn. Die Revolution in China. Peking, 24. Oktober.(Meld. d. Reut. Dur.) Die Haupk» macht Generals Dintschang steht noch bei Eeayangt» schau. Dintschang berichtet in einer Boffchaft an die Re» gierung in Peking, daß die NevolutionSre 400 Geschütze besäßen» und daß er sich zu einem weiteren Borrücken nur verstehen könne, wenn er noch weitere Artillerie, Munition und Geld zur Bezahlung der Truppen erhalte. Die Revolutionären werden offensichtlich von Tag ,n Tag stärker. Amtliche Berichte aus Nanking. Wuhn und Riukiang besagen, daß an all diesen Orten die Bevölkerung außer» ordentlich unruhig ist. Die öffentliche Meinung in Rordchina steht im allgemeinen auf feiten der NevolutionSre. Sianfu. das als eine Hochburg der Dynastie galt, ist zu den Aufständischen über- gegangen. Die Regierung ist bemüht, der Bitte yintschangS um Artillerie und Geld nachzukommen. Ueber Feind, seligkeiten liegen weiter keine Berichte vor. Schwerer Golddiebstahl. Bern, 24. Ostober.(W. T. B.) An esner Sendunq von Barrengold von London an die Schweizerische Na» tionalbank in Bern ist unterwegs ein Diebstahl verübt worden. Von den acht Goldkisten enthielt eine bei ihrer An» kunft statt der bestellten drei Goldbarren im Werte von 139 000 Frank wertlose Bleibarren. Die Entwendung ist offenbar sorgfältig vorbereitet worden, da die Verpackung keine Spur von Gewalt zeigt und die Bleibarren für den Diebstahl besonders gegossen zu sein scheinen. Der Diebstahl ist vermutlich iy London ausgeführt worden. Absturz eines französischen Militärfliegers. Paris, 24. Oktober.(P.-E.) Aus Keim 8 wird gemeldet: Heut« stürzte der Militärflieger Dubreuil bei einem«er» suchsfluge. als er sich etwa 2 Kilometer vom Aerodrom entfern» befand, aus einer Höhe von 10 Metern herab. Ein heftiger Windstoß hatte seinen Apparat erfaßt und zu Boden geschleu» dert. Der Apparat wurde vollständig zerstört. Der Avi, atiker selbst erlitt schwere Verwundungen am Kopfe. In besorgniS, erregendem Zustande wurde er nach der Klinik gebracht. Mord? MoerS. 24. Oktober. Im benachbarten Walde wurde die Leiche des vor 14 Tagen versckstvundcnen Vorstehers Schmitz von der Westdeutschen Bank in Hombera aufgefunden. Die Leiche wie» einen Kopfschuß auf.____ jßgulSinger& Ev.,BerIin SW. Hierzu i Beilagen n. Untkrhatttmgsbl. ».m»Mm 1. Stilnjf iltg„ilotiuirtö" Sfrlinn i'ollisfelitt. Die Ceuerungsdebatte Im Reichstage. 1»». Sitzung. Dienetag, den 2t. Oktober, nachmittags 1 Uhr. Sm Bundesratstisch: v. Bethmann Hollweg, Del- brück, W eik.uth, v. Sch.rlemer. Die Besprechung der Interpellationen über die Teuerung wird fortgesetzt. Abg. Fuhrmann snatl.): Bei Erörterung über die Teuerung wollen wir nicht agitatorisch, sondern rein sachlich verfahren. Bei der Dürre des Sommers hatte man große Befürchtungen über den Ausfall der Ernte. Aber trockene Jahre sind meist gute Korn- jähre, und das hat sich auch in diesem Jahre bewahrheitet; die Befürchtungen, die im Juni und Juli laut wurden, haben sich nicht bestätigt. Auch der Preisstand des Getreides ist nicht über- mätzig, so datz man von Notstandspreisen nicht reden kann. Auch die Biehpreise sind keineswegs übermäßig; beim Schweinefleisch, das 60 Proz. des Fleisch- konsumS ausmacht, ist der Preis sogar zurückgegangen, da kann man die Erhöhung de? Preises für Kalbfleisch mit in den Kauf nehmen. Beim Brotgetreide und Fleisch bestreite ich also daS Vorhandensein einerTeuerung. Aber zuzugeben ist sie für Kartoffeln, Butter, Milch, Eier und Gemüse. Ich hätte gewünscht, daß der Reichskanzler über den dadurch ver- ursachten Notstand nicht damit hinweggegangen wäre, datz diese Preissteigerung für die einzelnen Haushaltungen unbequem sind, sondern datz er die Wärme deS Tones gefunden hätte, wie sie de» leitenden Staatsmannes würdig wäre.. Tabletts.............. 25, 60 pc Warmwasserkrüge... 40 bis 80 pi. Verdampfkasten..... 1.25, 1.50 I Zarte* Haut leidet nicht beim Waschen mit Persil, daher keine zersprungenen Hände. Persil gibt schöne lette Lauge, löst Staub und Schmutz spielend. 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Mittwoch. 35. Oktober l911. Bericht über die tätigheit der fozIaldemohratikheD Frahtion im Berliner Rathau fc.*) 3. Verkehrsfragen. Auf dem Gebiete des Verkehrswesens hat die sozialdemokratische Fraktion im Berliner Rathause konsequent den Standpunkt der» treten, daß das öffentliche Verkehrswesen in die Hand der Ge- meinde gehöre und nicht Privatgesellschaften überlassen werden dürfe. Gemäß dieser Grundauffassung haben die sozialdemokra- tischen Vertreter in der Verkehrsdeputation wie im Plenum der Stadtverordnetenversammlung ihre Stellung zu den einzelnen Ver- kchrsprojekten zum Ausdruck gebracht und alle Bestrebungen, die auf Begünstigung des Privatkapitals hinausliefen, auf das hart- nackigste bekämpft. Dabei blieb es auch nicht aus. Stellung zu nehmen zu Situationen, die durch das der Großen Berliner Straßenbahn durch frühere Stadtverordnetenbeschlüsse der Mehrheit zugewendete Verkehrsmonopol sich herausgebildet hatten. Dieses Monopol, das von den Auffichtsbehörden infolge des Kleinbahn- gesetzes ständig begünstigt wurde, bildete für die Stadt Berlin ein wahres Martyrium. Um die Stadtgemeinde auf dem Gebiete des Verkehrswesens zu hemmen, reichte die Große Berliner Projekte wegen Untertunnelung der Leipzigerstraße ein, was von der Ver- kehrsdeputation mit Gegenprojektcn beantwortet wurde, die eine Verkehrsbesserung durch Schaffung großer Straßendurch- brüche herbeiführen sollten. Gegen diese Projekte, die die Politik der Großen Berliner zu durchkreuzen geeignet waren, erhob sich Widerstand im Berliner Magistrat, der in letzter Linie auf eine Förderung der Interessen des privaten Aktienunternehmens hinauslief. Zunächst blieb es beim passiven Widerstand. Man tat nichts im Magistrat, ließ alle Verkehrs- Projekte liegen. Es trat auf dem wichtigsten Gebiete des öffentlichen LebenS, dem Verkehrswesen, Stagnation ein, welche die Chancen der Monopolgesellschaft gegen die Stadt Berlin nur förderte. Dazu kam, daß auch mehrere wichtige Verkehrsprojekte, Nixdorf-Moabit, Rixdorf-Gesundbrunnen, Alexanderplatz-Frankfurter Allee. Nord- Südbahn, nicht vom Flecke kamen. Und das geschah, obwohl die Straßendurchbruchsprojekte auch von den Aufsichtsbehörden als verkehrsverbessernd befunden wurden. Es waren eben in unserer Stadtverwaltung Kräfte am Werke, die um keinen Preis eine rationelle städtische Verkehrspolitik fördern wollten. Diese Sachlage veranlasste schließlich die sozialdemokra- tische Fraktion zu dem Entschluß, die ganze Materie aus dem Dunkel der Geheimniskrämerei cm das Licht der Oeffentlichkeit zu ziehen und der Bürgerschaft über die Treibereien gewisser Cliquen klaren Wein einzuschenken. Sie stellte deshalb folgenden Antrag: Die Versammlung ersucht den Magistrat, ihr in einer Vorlage zur Kenntnisnahme Mitteilung über den Stand der Verkehrsfragen zu machen. Der Antrag wurde am Lt. April ISIll in der Stadtverordnetenversammlung verhandelt und gelangte zur Annahme. Unsere Vertreter kennzeichneten bei dieser Gelegenheit die gesamte Verkehrsmisere und geißelten die auf Begünstigung der Großen Berliner hinauslaufenden Wider- stände gewisser Magistratskreise. Die öffentliche Erörterung blieb nicht ohne Erfolg, sie wirkte vorwärtStreibcnd. Der Magistrat kam dem Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung nach und legte Ende November tSlll die verlangte Vorlage vor, die am 1. Dezem- ber liüO verhandelt wurde. Dabei ergab sich, daß eines der wich- .tigsten Projekte, der Durchbruch der Voßstraße nach der Viktoria- straße als Entlastung der Leipziger Straße von der Mehrheit des Magistrats abgelehnt worden war. Man hatte den Obcrbürger- .nieister, der, im Vertrauen, den Magistrat hinter sich zu haben, de- reits dem Minister und dem König Zusagen gemacht hatte, in der schmählichsten Weise im Stich gelassen. Ferner stellte sich heraus, daß wichtige Verkehrsinteressen in der unglaublich saumseligsten Weis« behandelt worden waren, ohne überhaupt die Stadtverord netenversammlung zu befragen. Die Mehrheit der Stadtverorb •) Siehe auch Nr. 242 und 24S de?.Vorwärts'. Kleines feuilleton. Die Fremdherrschaft der Mandschu. Die in Wutschang am Jangtsekiang auSgebrochene revolutionäre Bewegung, deren letzte Ziele sich auf die Beseitigung der in China seit mehr alS einem Vierteljahrtautend regierenden Mandschudynastie richten, lenkt ein allgemeines Interesse auf diese Herrscheriamilie, die sich, obgleich dem echten Chinesenwm vollständig volksfremd, länger alS jede andere jemals dort zur Macht gelangte Dynastie ihre Macht bewahrt hat. Wenn man, wie allgemein üblich, den Beginn der Mandschuherrschaft auf das Jahr tSt4 ansetzt, in dem Huai- Tsung. der letzte Kaiser aus der Ming-Dynastie. durch Selbst- mord endete, so bedarf dies einer kleinen Korrektur. Schon im Anfang des 12. Jahrhunderts waren die Mandschu, ein Hauplzweig des turanischen Volksstammes der Tungnscn, die zwischen dem Amur und dem Sungari wohnten, politisch so weit erstarkt, daß ihr Häuptling«guta sich im Jahre IIIS zum Kaiser ausrufen lassen konnte. Seine Nachfolger eroberten dann einen großen Teil Chinas mit der Hauptstadt Jenking sdem heutigen Peking), das sie .Tichungtu', d. h. die.Kaiserstadt der Mitte' nannten. Schon im Jahre 1234 wurde aber durch die Nachfolger des Dschengis-Chan der Macht der aus ihrer Milte hervorgegangenen Dynastie Kin, die dem Lande neun Herrscher geliefert hat, ein Ende gemacht Die Mandschu sahen sich zur Auswanderung gezwungen und ließen sich im heutigen Liautnng nieder. Einem Teilfürsten namcnS Taitsii gelang es im Anfang de« 17. Jahrhunderts, viele bis dahin von einander unabhängige Tunguienstämme zu einem Volke zu vereinigen, das in gemeinsamer Stoßkraft der Herrschast der durch Eunuchen- und Harems- Wirtschaft entarteten Dynastie Mmg ein schnelle? Ende bereitete. Nachdem der letzte Ming-Kaistr Huai-Tsung. ein wohlwollender, aber schwacher Mann, seiner Gemahlin, seiner Tochter nnd sich selbst den Tod gegeben hatte, konnte TaitiuS Nachfolger, Taitsong, bereits den Titel de«.Gebieter! des Mittelreiches' annehmen, nnd mit der Er- oberung von Peking im Jahre 1S44 begann die in nur IS Jahren zu Ende geführte Unterwerfung des weiten Reiches. Schon fein Sohn Tsch'ng- tsu geriet mit den Sibirien erobernden Russen in einen langjährigen Krieg. der erst durch den Fneden von NertschinSk im Jahre 1689 beendet wurde. Der von dem Jesuitenpater Adam Schall aus Köln erzogene Kaiser war ein grosser Gelehrter und hat sich durch die Herausgabe des nach ihm benannten Wörterbuches und der großen Enzyklopädie»Chin- ting-tufhu-chi-cheng�, die£>020 Bände umfaßt, einen bleibenden Namen geschaffen. Unter dem vierten Mandschukaiser Kao-isung (Kienlung), der von 173« bi« 17Sb regierte, gelangten Reich und Dynastie auf den Gipfel ihrer Blüte. Kaiser K,a-king<179« bis 1820), gegen dessen Herrschast von geheimen Gesellschaften zahlreiche Aufstände angezettelt und zweimal Attentate unternommen wurden. glaubte da« Sinken seiner RegierungSmacht durch unsäglichen Hochmut ersetzen zu können. Unter seiner Regieriing wurde der Rüge Graf Jurij A. Golowin an der Grenze zurückgewieleii. weil er sich weigerte. vor einem mit einem gelben Tuch bedeckten Tisch den Kotau zu machen. William Pitt aber ließ er au» Peking ausweisen, weil dieser eS ab- lehnte, sich unmittelbar nach seiner Ankunft noch in Reisekleidern hör den Kaiser schleppen zu lassen. Unter Hsuan-Tsung, genannt Igo-Kuang<1821—1859), kam es zum ersten von England gegen neten hatte zwar auch keine Freude an der Verschleppungstaktik, beschränkte sich aber im übrigen darauf, in den gleichen Fehler zu verfallen wie einflußreiche Magistratsmitglieder, nämlich eine durch- greifende Verkehrsverbesserung— das sogenannte Voßstraßenpro- jekt— abzulehnen. Es war recht bitter für den Oberbürgermeister, zu sehen, wie er im Stiche gelassen wurde. Er gab seinen Gefühlen Ausdruck, indem er sagte: „Ich habe(bei einer Konferenz mit dem Kaiser), gestützt auf wiederholte, anfänglich einstimmige, dann nahezu einstimmige Beschlüsse der technischen Kommission, der Verkehrsdeputation, ge- glaubt, eine Erklärung abgeben zu müssen, an der ich heute noch kein Word bereue. Wenn ich wiederum in die Lage versetzt werden würde, mich einer ähnlichen Situation gegenüber zu sehen, würde ich es der Würde der Stadt für entsprechend halten, wenn ich eine solche Erklärung wiederholte. Aber, meine Herren, ich habe es erfahren, daß ich da zu weit gegangen bin. Ein Oberbürger- meister von Berlin hat nicht die Stellung, daß er, im Vertrauen auf den Gang, den die Dinge in der städtischen Verwaltung bisher genommen haben, bindende Erklärungen abgeben kann." Bemerkenswert ist noch eine Aeußerung, die bei derselben Ge- legenhcit der Oberbürgermeister über den eigenen Betrieb von Straßenbahnen durch die Gemeinde tat. Er sagte in bezug auf die städtischen Straßenbahnen: „Vom ersten Tage ab haben wir dort einen durchaus regel- mäßigen, guten, die Rücksicht auf das Publikum beobachtenden Betrieb eingeführt, einen Betrieb, der vom Publikum über Er- warten benutzt worden ist, einen Betrieh, der uns Beträge über Erwarten bis auf den heutigen Tag gebracht hat und der sich fort- dauernd noch günstig entwickelt. Meine Herren, dieser Versuch zeigt, daß die Stadtgemeinde zu diesen Betrieben sehr wohl befähigt ist." Kurz vor dieser Beratung über die Magistratsauskunft über den Stand der Verkehrsfragen hatte die Stadtverordnetenversamm- lung sich mit einem großen Verkehrsprojett zu beschäftigen— der Nord-Südbahn—, das schon im Jahre 1S05 beschlossen wor- den war, jetzt aber eine andere, bessere Linienführung durch die Friedrichstraße vorsah. Das Projekt war so notwendig und technisch so gut vorbereitet, daß die Versammlung einstimmig zustimmt«. Der Umstand, daß die Bahn am Belleallianceplatz endete, führte durch einen Eingriff der Aufsichtsbehörde dazu, die Endhaltestelle bis zur Gneisenaustraße zu verlängern. Ein weiteres großes Verkehrsprojckt sollte die Verbindung zwischen dem Gesundbrunnen und Nixdorf herbeiführen. In der Sitzung vom 9. März 1011 wurde es beraten. Unsere Fraktion hielt diesen neuen Verkehrsiveg für dringend wünschenswert, verlangte aber, daß die Stadt selber das Projekt ausführe, nicht aber eine Privatgesellschaft wie die A. E. G., die die Konzession nachsuchte. Die Mehrheit war unserer Ansicht ent gegen. Nach monatelangen Ausschußberatungen beschloß die Stadt- verordnetenversammlung am 21. September 1011, das Projekt der A. E. G. nur dann zu genehmigen, wenn die gesamte Strecke als Untergrundbahn gebaut werde. Ob die A. E. G. auf diese Be- dingung eingeht, ist ungewiß. Und da die Stadt nicht selbst bauen will, wird die Bevölkerung noch länger auf neue Verkehrs� Verbindungen warten können. Am 22. Juni 1011 verhandelte die Stadtverordneten- Versammlung wiederum über ein Verkehrsprojekt. Es handelte sich um den Abschluß eines Vertrages mit der Hochbahn- gesellschaft wegen Baues einer Untergrundbahn durch die Frankfurter Allee und Auflösung des sogenannten Gleisdreiecks. Und wiederum waren es Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion, die sich dagegen wandten, daß Privatgesellschaften durch die Erteilung neuer Kon- Zessionen ungeheure Vorteile zugeschanzt wurden. Die freisinnige Mehrheit war von der Vorlage so begeistert, daß sie den sozial- demokratischen Antrag auf Ausschußberatung ablehnte und der Vorlage ohne weitere Prüfung zustimmte. Die in Berlin herrschende Verkehrsmisere hat schließlich auch der Staatsregierung Veranlassung gegeben, sich näher mit der Materie zu beschäftigen und zu erwägen, ob nicht eine Zusammen- fassung der Verkehrsinteresseu Berlins mit den Vororten geboten sei. Bestrebungen auf Gründung eines VerkchrSzweckverbandes für Groß-Berlin fanden soviel Widerstände, daß eine Lösung durch China unternommenen Opiumkriege, der im Frieden von Nanking am 20. August 1842 sein Ende fand. China stand damals an der Schwelle eines neuen Zeitalters und vor der Notwendigkeit von Reformen, die die hochmütige Mandschudynastie doch nicht bewilligen wollte. Die Folge davon waren unaufhörliche gegen die Fremdherrschaft der Mandschu ge- richtete Rebellionen, deren letzte wir eben erleben. DaS Denkmal einer Nußverkäuferin. Aeltere Jtalienreifende. die in Genua geweilt haben, werden sich gewiß noch einer originellen Straßensigur erinnern, die sich selbst aus dem lebhaften Getriebe des SlraßentebenS in der wichtigsten Hafenstadt Italiens heraushob. Da iah man eine würdige Makrone, die mit einem seidenen Halstuch und einer Seidenschürze geschmückt durch die Straßen wanderte, an den Armen zwei große Körbe mit Nüssen, die sie jedem Vorüber- gehenden mit ein paar aufmunternden Worten zum Kaufe anbot. Wind, Wetter und Jahre hatten tiefe Furchen in das charakteristische Gesicht dieser wunderlichen Nußverkäuferin �ge- graben, ein trotziges breites Kinn zeugte von der zähen Willenskraft der Matrone, und unter einer hochgewölbten Stirn blitzten ein paar kluge und leuchtende Augen. Die alte Nuß- verläuferin ruht längst von ihrem mühevollen Erdenwallen in stiller Gruft aus und die sauber auf einem Faden aufgereihten Nüsse, die man früher für ein paar Saldi von ihr erstand, muß man jetzt schock- oder pfundweise in nüchlernen Läden kaufen. Doch troydem kann man auch beute nach die populäre Gestalt der alten Nußverkänferin in Genua sehen. Ein prächnges Marmor- ftandbild Überlieserl der Nachwelt Aussehen und Züge der Frau; ivohl eines der seltsamsten Denkmäler, da» man in Italien sehen kann Wohl kaum ein Fremder, der Genua berührt, versäumt es den berühmten Campo Santo(Friedhof) der Hafenstadt zu be- suchen Zwischen den stillen Einzelgräbern, die sich hier am Berg- hang hinziehen, fällt ein prächtiges lebensgroßes Marmorstandbild einer schlichten Frau auS dem Volke auf: das Grabdenkmal der kleinen alten Nuvvcrkänferin von Genua. In ihren jahrzehntelangen Wanderungen durch die Siraßen Genua« hat die alte Frau durch den Verkauf ihrer Nüsse ein kleines Vermögen zusammengebracht und da sie allein in der Welt stand und den Stand der Straßen- Händlerinnen immer mehr in der werdenden Großstadt untergeben iah. erwuchs in ihr der Wunsch, der Nachwelt von der Nuß- Verkäufern, zu erzählen, die bis an ihr Lebensende, alter Sitte getreu, dem Wandel der Zeiten getrotzt hat. Der G-nueser Bild- Hauer Luigi Orengo übernahm es, diesen Wunsch der alten Frau zu erfüllen, und nun schmückt das steinerne Abbild ihrer Gestalt den Kirchhos von Staglieno. Auf einem prächtigen hohen Marmorsockel steh: hoch aufgeriwlel die alte Nußverkäuferiki. genau wie sie einst m den Straßen Genuas stand._ Notizen. Theaterchronik. Die für Mittwoch, kett 28. 8. M., nachmittags, im Neuen Schauspielhause angezeigte Vor- stellung:„Nathan der Weise" beginnt bereits um 3 Uhr. ,— Vorträge. Auf Veranlassung des Vereins für Volks- Hygiene spricht ain Freitag, den 27. Oktober, abends 8 Uhr, im Bürgersaale des Berliner Rathauses Prof. His über:„Schonung und Abhärtung". Der Zutritt ist für jedermann frei. � Sexualprobleme unserer Zeit. Der Vortrags» zhklus, für den der Bund für Mutterschutz Herrn Dr. med. Magnus die Gemeinden nicht zustande kam; es spielten da weitgehende Interessen eine große Rolle. So kam es, daß, einer Anregung im preußischen Abgeordnetenhause folgend, die Re- gierung plötzlich einen Gesetzentwurf ankündigte, der einen Zwangszweckverband für Groß-Berlin in Aussicht nahm und der neben anderen Aufgaben vor allem den Bau, den Betrieb und die Erwerbung von Bahnen zum Ziel hat. Die Gemeinden wurden von der Regierung erst gar nicht gehört. Die Stadt- verordnetenversammlung setzt« am 5. Januar 1011 eine gemischt: Deputation ei» mit dem Auftrage, die Interessen der Stadt Berlin zu wahren und insbesondere eine Anhörung und Aeußerung der Vertretungen der beteiligten Gemeinden vor Einbringung des Ge- setzes im Landtage zu erlangen. Dazu kam es nicht; die Regierung brachte ihre Vorlage ein und sie setzte ihre Absichten auch durch. Das Gesetz gelangte zur Annahme. Wie wir oben wiederholt dargelegt haben, spielen die kapita- listischen Interessen im Rathause eine gewichtige Rolle. Bei jeder Gelegenheit wird das Privauapital begünstigt. Was Wunder, wenn in einer solchen Interessenvertretung planmäßig darauf hin- gearbeitet wurde, auch mit der Großen Berliner Straßenbahn wieder einmal ins reine zu kommen. Es mehrten sich die Stimmen, die mit der Großen Berliner Frieden schließen wollten. Von einem Erwerb des Unternehmens wollte man nichts wissen, obwohl dieser Ausweg, selbst wenn die Bürgerschaft hätte Opfer bringen müssen, noch der gangbarste gewesen wäre. So kam es, daß mit der Großen Berliner Verhandlungen gepflogen wurden, in welcher Form eine Verständigung zustande kommen könne. DaS Ergebnis dieser Verhandlungen war schließlich d«r Abschluß eines Vergleichs, nach der die Stadt Berlin für die Aufgabe ihrer Ansprüche, die einen Uebergang der Bahn in städtischen Besitz im Jahre 1910 vorsahen, verzichtete für eine Entschädigung von 23 Millionen Mark, wofür der Straßenbahn andererseits große Vorteile zugeschanzt wurden, Vorteile, die die Berliner Bürger an ihrem Geldbeutel spüren werden, als der Zehnpfennig-Tarif im Jahre 1029 insofern eine Einschränkung erfährt, als vom 1. Januar 1929 ab der Großen Berliner gestattet ist, bei Strecken über 5 Kilometer 15 Pfennige bei Strecken über 19 Kilometer 29 Pf. zu nehmen. Die Folge dieses neuen Vertrages ist, so legte unser Redner eindringlichst dar, die unbedingte Herrschaft der Großen Berliner Straßenbahn über die Straßen Berlins, soweit der Verlehr von Osten nach Westen in Frage kommt. Alle Einwände unserer Genossen wurden in den Wind geschlagen, die Mehrheit wollte unter allen Um- ständen Frieden schaffen. Kämpfe gegen mächtige VerkehrSgescl!- schaften zu führen, ist nicht ihre Art; das Interesse der großen Masse der Berliner Bürgerschaft wurde mit Füßen getreten und der Ver- gleich am 3. Juli 1011 angenommen. Das war die letzte„große Tat" des Berliner Kommunalfreisinns auf dem Gebiete des Verkehrswesens: die Kapitulation vor der allmächtigen Großen Straßenbahn. Inzwischen bereitet sich der Zwangszweck- verband vor, in dem die sozialdemokratische Fraktion mit acht Ver- tretern und acht Ersatzmännern für Berlin vertreten ist. Diesem Verbände wird in Zukunft die Regelung der Verkehrsinteressen Groß-Berlins übertragen sein. EL wird auch hier den Sozial- demokraten die Rolle zufallen, die sie in den einzelnen Gemeinden ausgeübt haben: eine großzügige, weitsichtige Ver, kehrspolitik z u treiben. Wer das will, kann dazu beitragen, wenn er am Sonntag, den 5. November, einem Sozialdemokraten seine Stimme gibt, fltos Indisftrie und r>andel. Geschäftspraktiken in der Maschinenindustrie. „Die großen Aufträge" müssen so oft zur Begründung guser Aussichten und günstiger Wirtschaftslage herhalten, daß sie zum ständigen Argument geworden sind. Wie es dabei oft in Wirklich- keit zugeht, zeigen jetzt besonders interessante Vorgänge in der deutschen Maschinenindustrie. Erst kürzlich wurde von inter- essierter Seite darüber geklagt, daß Maschinenausträge fast nur noch bei Gegengeschäften möglich sind. Bearbettungsmaschinen Hirschfeld als Redner gewonnen hat. beginnt am Mittwoch, den 25. Okt., abends 8 Uhr. in der Aula der 3. Realschule, Steglitzer Straße 3a. Hörerkarten für den ganzen Zyklus— b Doppel- stunden— für Mitglieder der freien Gewerkschaften bei P. Horsch im Gewerkschaftshause zu 3 M. — Der neue Fall Bode. DaS uralte Prinzip des Pferde- Handels, das Roß, das man verkaufen will, zu verschönern, und am anderen, das man kaufen wollte, lauter Fehler zu entdecken, ist auch im Kunsthandel immer noch maßgebend. Auch bei Museumsdirettoren scheint eS sehr beliebt zu sein. Herrn Bade ist ja AehnlicheS schon öfter vorgeworfen worden. In dem neuesten Fall, in den er ver- wickelt ist. dem deS hl. Franziskus von Rembrandt. soll er, wie sein Ankläger Dr. Abels behauptet, ähnlich verfahren sein(wenn auch nichl zugunsten seines Museums). Da Herr Bodd nach Amerika ver- reist ist und nicht klagen will, wird sich ja wohl die Wahrheit nicht gerichtlich feststellen lassen. Herr Bode liebt es, sein eigener Richter zu sein, wie die Flora-Affäre zuletzt noch klärlich erwies. Sei» Gegner, Dr. Abels, aber hält seine Anschuldigungen in der Wiener »Montagszeitung" aufrecht. — Der wiedergefundene Bauche r. BoucherS Ge« mälde»Neptun und Amphitrite". da« au» dem Museum in Ouimper(Frankreich) entführt wurde, hat sich bei einem ehemaligen Professor wiedergefunden. Er gesteht den Diebstahl. Das Bild hatte er vergeblich anzubringen veriucht.— Ob daS ein gut«! Bor« zeichen für die Wiedererlangung der»Mona Lisa' ist? — Der AetnaauSbruch im Kinematographen. In London wird jetzt eine farbige kinematographische Aufnahme de« letzten ActnaauSbruchS gezeigt, die unter großen Schwierigkeiten auf« genommen worden ist. Die Darstellung bietet allerdings nicht da« Staunenswerte, was man von ihr crivarten möchte, ist aber nament- sich für den Geologen außerordentlich interessant, weil sie das lang- same Vorrücken eines LavastromeS in allen Einzelheiten vorführt. — Ein Denkmal des Nationalkonvents wird im Pariser Pantheon errichtet, das bisher außer Fresken religiösen Charakters nur einen miserablen Schinken des patriotischen Schlachtenmalers Detaille als Jnnenschmuck hatte. Das neue Mo- nument, von dem ein Abguß zur Erprobung der Lichtwirkungen schon jetzt aufgestellt wurde, ist eine Schöpfting des Bildhauers Sicard. Der Konvent wird durch eine hohe, ernste Frauenaestalt verkörpert, die sich mit dem linken Arm auf das Liktorenbeil stützt. in der Rechten ein blankes Schwert hält. Zu ihren Füßen sieht man links in einer leidenschaftsichen Schwurgebärde eine Gruppe berühmter Konventsmitglieder— darunter Danton. Robespierre. TeSmoulinS, Condorcet. Maral und Carnot vereinigt, während zur Linken eine Schar von Revolutionssoldaten, unter ihnen hoch zu Roß in Jünglingsschönheit General Hoche, hervordringt. — P e t r o l e u m i n T u r k e st a n. Wenngleich der Reich. tum und die Ergiebigkeit der Naphtaquellen im Gebiet der Kaspi- See unerschöpflich scheinen, so suchen doch die großen Oelgeselb- schaften immer neue Fördcrgebiete ausfindig zu machen. So wird demnächst die schwedisch-russische Petroleumsirma Nobel ihre Tätigkeit auch aus daö Innere von Türke st an ausdehnen. Daß diese Gegenden reich an Erdöl sind, ist schon lange bekannt. Der Stockholmer Professor Sjögren hat festgestellt, daß daS dort aus dem Gebirge hervorsprudelnde sogenannte Bergöl von vorzüglicher Beschaffenheit ist. Es dürfte somit schon in kurzer Zeit im Innern TurrestanS eine blühende Naphtaindustrie entstehen« föttStii In Aufkrag gegeBeft, Ken? als Zahlung Makeriakken— Rohstoffe, Halbfabrikate � angenommen werden. Bares Geld kommt dann überhaupt nicht in die Kasse solcher Unternehmungen, sie müssen mit sehr kapitalgesegneten Bankverbindungen beglückt sein, wenn dabei trotzdem Geschäfte herausspringen sollen. Die Maschinenfabrik Buckau mutzte sich vor einiger Zeit sogar damit begnügen— was überdies nicht allzu selten sein soll— für eine der Gewerkschaft Merkur gelieferte Brikettanlage Obligationen dieses niederlausitzer Braunkohlenunternehmens zu erhalten, und zwar im Betrage von weit über eine Million Mark. Die GeWerk- schaft Merkur geriet jetzt in Zahlungsschwierigkeiten, die Obli» gationen sind damit für die Maschienenfabrik Buckau zu einem derben Verlust geworden. Die typische Rolle der wissenden Finanz- macht spielt bei dieser Sache wieder die Deutsche Bank. Seit September verkauft sie auf der Börse fortgesetzt ganze Posten Aktien der Maschinenfabrik Buckau. Sie hatte kurz vorher erst die Werte dieses ihr nicht fremd gegenüberstehenden Unternehmens empfohlen, war auf der anderen Seite auch an der Sanierungsaktion der Gewerkschaft Merkur lebhaft beteiligt. Sie war also orientiert, als sie ihre Werte der Buckauer Maschinenfabrik, ohne der Oeffent- kichkeit von den inneren Gründen etwas mitzuteilen, planmäßig abstieß. Heute, wo bekannt geworden ist, welche ungünstige Divi- dendenaussichten für die Aktien der Maschinenfabrik Buckau be- stehen, ist die Deutsche Bank vor jedem Verluste sicher. Ueberdies hat die Maschinenfabrik Buckau auch nach anderer Seite hin die Methode der modernen Maschinenbaugeschäfte schon einmal blitzartig beleuchtet. Sie lieferte vor etlichen Jahren für den Fürsten Hohenlohe zwei Brikettierungsanlagen im Werte von 4,5 Millionen Mark. Plötzlich verlangte der Fürst Rückzahlung schon geleisteter 1.5 Millionen Mark und Zurücknahme der ganzen Anlage! Es war durchgesickert, daß mehrere ihm nahestehende Personen, die sich sehr für die Bestellung der Brikettanlagen gerade bei der Maschinenfabrik Buckau ins Zeug gelegt hatten, von ihr für diesen kleinen Liebesdienst zusammen eine Million Mark be- kommen hatten. Das Geschäft wurde dann tatsächlich rückgängig gemacht, trotzdem erklärt worden war, daß derlei Provisionen ge- rade im Maschinenbaugeschäst nichts Abnormes an sich hätten. Derlei Praktiken hält selbstverständlich kein noch so gut fun- diertes Unternehmen aus. � Unzufriedene Aktionäre« Eine Anzahl Aktionäre der Linke-Waggon-Akticngesellschaft ist init der in unserem letzten Wochenbericht besprochenen Interessen- gemeinschaft zwischen der Linke- und der Hofsmann-Gesellschaft nicht zufrieden. Sie fühlen sich gegenüber den Vorzugs-Aktionären benachteiligt. Noch ein anderer Grund zur Unzufriedenheit der Aktionäre ist vorhanden. Sie erlangten zu spät Kenntnis von den Dingen. Die Wissenden, die wohl vorwiegend in der Ver- waltung zu suchen sein dürften, haben durch Aktienkauf ihren Reb» dach bei dem Geschäft gemacht, denn es gibt doch diesmal zirka 160 Proz. Dividende und der Aktienbesitz bestimmt das Bezugsrecht auf die neuen Aktien der Pachtgesellschaft. Schließlich er- regt die Ausschüttung der Dividende überhaupt Mißstimmung, weil dabei die Verwaltung einen Riesenhappen schluckt. Den Aktionären würde eine Kapitalsrückzahlung angenehmer sein. Jetzt bekommt zunächst die Direktion eine vertragsmäßige Tantieme, deren Höhe nicht bekannt ist. Die 3 Mitglieder des Aufsichtsrats beziehen im Falle der Verteilung einer über 4 Prozent hinaus- gehenden Dividende eine Tantieme in Höhe von 8 Proz. von dem Neingewinn, soweit er den 25. Teil des Aktienkapitals übersteigt. Berücksichtigt man lediglich die Dividende als Rein- gewinn, dann würden diesmal für den Aufsichtsrat schon zirka 825 000 M. als Tantieme herausspringen. Ein akzeptables Extra- geschenk. Da die Herren sich dazu jedenfalls auch ein hübsches Pöstchen Aktien gesichert haben werden, verschafft ihnen die zu dem Zwecke der Ersparnis von Arbeiterlöhnen und der Gewinnverschseicrung inszenierte Transaltion einen an. ständigen Vermögenszüwachs. Die Verwaltung dürfte bei der Geschichte insgesamt ein paar Millionen schlucken. Dafür werden die Leute kräftig mit einstimmen in das Lied von den uner- schwinglich hohen sozialen La st en und der Begehr- lichkeit der Arbeiterl Kriegsfolgen. AuS Konstantinopel wird gemeldet: Die Bank bon Mytilene mit Hauptgeschäften in Konstantinopel. Alexandrien, Smhrna, Saloniki und Athen hat nach Erklärung ihrer Direktion temporär die Zahlungen eingestellt. Das Aktienkapital, das ganz in festen Händen ist, beträgt 8 Millionen Franks. Dem Aufsichts- rate des Instituts gehören erste griechische Persönlichkeiten der Handels- und Reedereikreise an. Die Bank wurde durch die In- solvenz der Bank of Eghpt sowie durch die hiesige schwierige Geld- läge in Mitleidenschaft gezogen. Hua der Frauenbewegung. Ich heirate? Wie oft hört man, wenn man unter den ledigen Arbeiterinnen für den Anschluß an die Berufsorganisation agitiert, die Ent- gcgnung:„Ach, was soll ich denn im Verband. Ich heirate ja bald und dann gebe ich die Arbeit doch auf." Es ist den jungen Arbeite- rinnen gewiß nicht zu verdenken, Ivenn sie sich der schönen Illusion hingeben, die Ehe sei eine Versorgungsanstalt, ein schützender .Hafen, in dem sie ihr Lebensschifflein für immer bergen können. Ach, wenn dem nur so wäre! Leider aber reden die Tatsachen eine andere Sprache, und die nackte Wirklichkeit greift sehr oft mit knöcherner Faust rücksichtslos und unerbittlich in den lieblichen Mädchentraum, und reißt ihn auseinander. Nur allzuviele der Jungvermählten mußten die bittere Erfahrung machen, daß auch die Frau mit beitragen muß zum Lebensunterhalt, sollen nicht die Daseinsbedingungen auf die tiefste Stufe herabgedrückt werden. Und in Zeiten der Arbeitslosigkeit oder Krankheit des Mannes liegt in der Regel die ganze Last des Unterhalts auf den Schultern der Frau. Der Mann als„Ernährer" der Familie kommt seit langem nur noch in bedingter Weise in Betracht. „Dann brauche ich doch nicht zu heiraten, wenn ich nachher auch noch mitverdienen soll!" Wie stolz das klingt! Viele haben eS nachgesprochen, gedanken- los, und nachher, als das unerbittlich-starre Muß an sie herantrat, von selbst schon wacker und resolut zugegriffen und unverdrossen mitgcschasft. um den Wirtschaftsetat balanzieren zu können. Wenn imm jung und sorgenlos ist, sieht die Sache eben anders aus als nachher, da Sorge und Pflicht mit Zentnerschwere auf die Schultern drückt. In der Jugend schmerzt die Geißel des Kapitalismus ge- wohnlich noch nicht derart, daß daraus von selbst die Erkenntnis reifte: Du mußt Dich mit Deinen Leidensgenossen und-Ge- nossinnen verbinden, nur dann seid Ihr eine Macht und könnt etwas ausrichten. Noch schimmert die Welt so rosig, noch hängt der Him- mcl voller Geigen— ach, wie bald wird der Lust ein End' gemacht. Diese Erfahrung kann man nicht nur im gewerkschaftlichen Leben machen. Wer die politischen Veranstaltungen kennt, weiß, daß die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmerinnen verheiratete Frauen sind. Für die Leseabende trifft das gleiche zu. Woran es liegt? Zum Teil daran, daß eben dre� weibliche Jugend sich schwerer für ernste Fragen interessieren laßt. Er- ziehung, Tradition. Vorurteil usw. spielen hierbei eine hervor- ragende Rolle. Nicht zum wenigsten aber auch die Gleichgültigkeit vieler„Bräutigams", die, selbst politisch und gewerkschaftlich or- ganisiert, dasselbe für ihre zukünftige Lebensgefährtin nicht für nötig halten. Die Folge davon sind sehr oft Differenzen, die wegen der Beteiligung an der politischen und gewerkschaftlichen Arbeit und wegen der Beiträge entstehen— alles Dinge, die die unaufge- klärte Frau für überflüssig und schädlich hält. WaS in der Brautzeit leicht gefallen wäre, fällt nachher schwer. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn es einem überzeugten Genossen und Ge- wcrkschaftler nicht gelingen sollte, seine Braut von dem Werte und der Noltöendlgkei! der politischen und gewerkschaftlichm Arbeik zll überzeugen. Sehr oft kommt die bittere Einsicht erst, wenn die Arbeiterin zum zweitenmal, als Ehefrau und Mutter, hinausgetrieben wird in den tobenden Existenzkampf. Dann bricht der Traum von dem sicheren Hafen jäh in Scherben. Und der grausame Hohn auf unsere christliche, von Gott gewollte Gesellschaftsordnung zeigt sich besonders in dem Umstände, daß je größer die Kinderschar, je not- wendiger die mütterliche Aufsicht ist, um so mehr die Mutter zur Mitarbeit getrieben und der Häuslichkeit entzogen wird. Ja, bis hinein in die mittleren Schichten des Bürgertums greift dieses Uebel bereits. Die Frauenarbeit nimmt erschreckend zu. Je schlechter die Zeiten, je größer die Teuerung, um so gewaltiger ivachst die Flut der arbeitenden Frauen. 1907 waren in der In- dustrie 2 103 924, in Handel und Verkehr 931 373 weibliche Erwerbs- tätige. Groß ist die Zahl der geschiedenen und verwitweten Frauen, auch eine drohende Mahnung, sich nicht sorglos auf die Eheversiche- rung zu verlassen. Die Tatsachen zeigen, daß hierauf kein sicherer Verlatz ist, die beste Gewähr für eine bessere Zukunft bildet einzig und allein der einmütige Zusammenschluß der arbeitenden Frauen in den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen. Wohl ist schon ein stattliche Schar Frauen organisiert; noch aber stehen Hun- derttausende außerhalb der Organisationen, hilflos, ohne Rat und Stütze jeglicher Willkür ausgeliefert. „Warum sind Sie nicht vorher zu mir gekommen und haben sich bei mir Rat und Auskunst geholt?" fragte kürzlich anläßlich eines Streiks ein Arbeitgeber eine Arbeiterin, als er erfuhr, daß sie organisiert war. Wie der väterliche„Rat" ausgefallen wäre. laßt sich leicht denken. Die Unternehmer betrachten die hilflose Frau als willkommenes Ausbeutungsobjekt, sie ist gewöhnlich billiger und williger als der Mann, sie duckt sich eher, wo jener muckt. Daher die Liebe! Aber als reife Frucht fallen die Errun- genschaften niemanden in den Schoß. Jeder Fuß breit auf dem Gebiete der Lohn, und Arbeitsbedingungen will erkämpft werden. Darum hinein in die Organisationen! Frauen, Mädchen, organisiert Euch, nur dann könnt Ihr eine wirksame Verbesserung Eurer Lage erhoffen,_ Leseabeude. RummelSburg. Der Leseabend am Donnerstag finde? diesmal bei Tempel,„Cafe Bellevue", statt. Genossin Buch mann gibt den Bericht von der Frauenkonferenz in Jena, GericKts-�eitimg. Cin P-lizeiwachtmeister alS unglaubwürdiger Zeuge. Am 1. Januar hatten der Polizei-Sizewachtmeister Sleischmann und der Krimiualschutzmann Brahm Dienst vor dem Zirkus Busch. Von einer ZirkuSbesucherin erfuhren sie. daß diese ihr Billet in einem Bierlokal gekaust hatte. Die beiden Beamten gingen mit der Dame in das Lokal, um den Billethändler festzustellen. An- scheinend lag nach polizeilicher Auffassung eine Uebertretung der Sonntagsruhevorschriften seitens des Billechändlers vor. Die Dame erkannte den Verkäufer des BilletS zuerst nicht. AIS bald darauf die Beamten mit ihr zurückkehrten, bezeichnete sie den Billethändler Günther als denjenigen, welcher das Billet einem anderen ge- geben hatte, von dem sie eS kaufte. Hierauf wurde Günther vom Vizewachtmeister Fleischmann sistiert. Dabei soll Günther Wider- stand geleistet haben. Er hatte sich deshalb vor der 132. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte zu verantworten. Vor Gericht wurde die Frage aufgeworfen, weShallb Fleisch» mann eigentlich die Sistierung vorgenommen hat, da, wie feststeht, ihm die Persönlichkeit Günthers bekannt war. Flcischmann berief sich auf eine Verfügung des Polizeipräsidenten vom 10. Dezember 1909, wonach Billethändler, welche bei einer Uebertretung be- troffen werden, in jedem Falle zu sistieren und bis 949 Uhr abends auf der Wache festzuhalten sind, damit sie an dem betreffenden Abend Nicht mehr handeln können. Wie Günther vor Gericht angab, packte ihn Vizewachtmeister Fleischmann im Lokal, schob ihn zur Tür hinaus, schimpfte: „Sie Spitzbube, Sie Halunke, wenn ich die Macht dazu hätte, brächte ich Sie ins Zuchthaus!" und zog vor der Tür des Lokals den Säbel, allerdings ohne zu schlagen.— Der als Zeuge ver- nommene Bizewachtmcifter Fleischmann erklärt alles, was der An- geklagte sagte, für ausgeschlossen. Er gibt an, er habe Günther nicht gestoßen, sondern ihn am Arm hinausgeführt. Draußen habe Günther Widerstand geleistet. Deshalb habe er, der Zeuge, an den Säbel gefaßt, ihn aber nur ein kleines Stück aus der Scheide ge- zogen. Daß er den Säbel ganz herausgezogen habe, erklärt der Zeuge mit großer Bestimmtheit für ausgeschlossen. Nach Fleischmann traten mehrere Zivilzeugen auf. die gesehen haben, daß der Vizewachtmeister durch einen Stoß ins Genick den Angeklagten Günther aus dem Lokal beförderte. Zwei Zeugen gaben mit großer Bestimmtheit an, daß Fleischmann vor dem Lokal den Säbel ganz herausgezogen hatte. Als später ein dritter Zeuge ebenso bestimmt ein nur teilweises Herausziehen des Säbels gesehen zu haben angab, stellte der Vorsitzende Amtsrichter diese Zeugen gegenüber und meinte, einer derselben müsse doch gelogen haben. Gegen diese Charakterisierung von Zeugenaussagen legte der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn, entschieden Ver- Wahrung ein und bemerkte, daß Widersprüche in den Aussagen von Beamten nicht so charakterisiert worden seien. Gegen Ende der Verhandlung bekundete noch ein Schutzmann HargenS, daß Fleisch- mann den Säbel ganz herausgezogen hatte, während Fleischmann bei seiner Angabe blieb.— Jetzt sagte der Vorsitzende nicht, daß einer von diesen beiden gelogen haben müsse. Nachdem Günther festgenommen war, wurde er nach der Wache gebracht, wobei ihm Vizcwachtmeister Fleischmann am Arm fest- hielt. Kurz vor der Wache zog Fleischmann den Säbel und schlug Günther mehrmals über den Kopf. Zwei Säbelhiebe gibt Fleischmann selber zu. Ein anderer Zeuge sprach von drei bis vier Hieben. Fleischmann gibt an, er habe den Säbel zu seiner Verteidigung gebraucht, denn Günther habe sich losgerissen und sei angriffsweisc gegen ihn vorgegangen.— Nach der Darstellung anderer Zeugen spielte sich dieser Vorgang so ab: In kurzer Ent- fernung hinter Fleischmann und Günther ging der Kriminalschutz- mann Brahm im Gespräch mit der Billetkäuferin. Kurz vor der Wache rief Brahm dem Vizewachtmeister Fleischmann zu, Günther habe das Billet nicht verkauft, er könne also losgelassen werden. Als Günther das hörte, drehte er sich um, und nun zog Fleisch. mann blank und hieb auf Günther ein. Günther mußte, der Verfügung gemäß, längere Zeit auf der Wache bleiben. Jnzwifchcn hatte seine Frau von dem Vorgefallenen Kenntnis erhalten. Sie eilte nach der Polizeiwache, um sich nach ihrem Manne zu erkundigen. Da soll sie der Vizewachtmetster Fleischmann in buchstäblichem Sinne des Worte? hinausgeworfen haben. Um das zu beweisen, hatte der Verteidiger Frau Günther laden lassen, aber das Gericht vernahm diese Zeugin nicht. Es wurde jedoch durch andere Zeugenaussagen dargetan, daß Fleisch- mann zur Zeit deS Vorganges sehr erregt war und auch andere Billethändler bedroht hatte. Der Amtsanwalt meinte, die Schuld deS Angeklagten sei erwiesen, er müsse deshalb mit einer Woche Gefängnis bestraft werden. Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn beantragte Freisprechung, da der Angeklagte keinen Widerstand geleistet habe. Abgesehen davon, baß die Verfügung, aus Kelch« sich Re WfHefuftf stützk, mtgese?» lich sei, wäre die Sistierung schon deshalb unberechtigt gewesen, weil ja Günlher das Billet gar nicht verkauft hatte. Von einer berechtigten Amtshandlung könne also keine Rede sein. Jedenfalls habe Günther, der ja die Verfügung des Polizeipräsidenten nicht kannte, annehmen müssen, das Vorgehen gegen ihn sei unberechtigt. Sollte der Angeklagte bei seiner Festnahme versucht haben, sich loszureißen, so sei er ja berechtigt, einer rechtswidrigen Freiheit?- beraubung Widerstand entgegenzusetzen. Vor der Wache sei zweifel- los Fleischmann der Angreifer gewesen, gegen dessen Schläge sich Günther mit vorgehaltenen Armen zu schützen suchte. Es fehle jede Möglichkeit, den Angeklagten wegen Widerstandes zu bestrafen. Das Gericht hat sich— wie der Vorsitzende verkündete— nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugen können und ihn deshalb freigesprochen. Es mag dahingestellt bleiben, ob sich Fleisch- mann in berechtigter Ausübung seines Amtes befand. Das Gericht hält nicht für erwiesen, daß der Angeklagte Widerstand geleistet hat. Der Zeuge Fleischmann hat sich bezüglich des ersten Säbel- ziehens vor dem Lokal in Widerspruch gesetzt zu den Angaben des Schutzmanns HargenS und anderer Zeugen. Hiernach kann die Aussage FleischmannS allein nicht genügen um den Angeklagten zu überführen. Da Fleischmann aber der einzige ist, welcher an- gibt, der Angeklagte habe Widerstand geleistet, so mußte Frei- sprcchung erfolgen._ Eine LiebeStragßdie im Grunewald bildete den Gegenstand einer Anklage wegen gefährlicher Körper» Verletzung, welche gestern unter Vorsitz des LandgerichtSdirektorS Hesse die 2. Strafkammer des Landgerichts III beschäftigte. Aus der Untersuchungshaft wurde der 21jährige Friseurgehilfe August Kauf- mann vorgeführt. Am frühen Morgen des 7. September d. I. erschien der jetzige Angeklagte bei dem Wächter des Kais«r-Wilhelm-Turmes im Grüne- wald und erklärte, er habe soeben seine Braut erschossen. Er telephonierte dann nach dem Krankenhaus Westend und bat um sofortige Sendung eines Krankenwagens. In der Zwischenzeit be- gaben sich mehrere Personen unter Führung deS Angeklagten in den Wald, wo die 23jährige Sophie A., die Braut des Angeschul- d igten, aus zwei Wunden an der Schläfe blutend aufgefunden wurde. Sie wurde mittels des inzwischen eingetroffenen Krankemvagens nach dem Krankenhause geschafft, wo sich die Verletzungen� als nur leicht herausstellten. Die Ermittelungen ergaben folgendes. Der Angeklagte war seit Mai ohne Stellung, verlobte sich nach kurzer Bekanntschaft mit der um zwei Jahre älteren Sophie A., die als Dienstmädchen in Stellung war. Als die A. ihm dann eine? Tages ein„süßes Geheimnis" in das Ohr flüsterte, brach der wenig männliche und völlig unreife junge Mensch zusammen. Anstatt den Kampf umS Dasein aufzunehmen, um die von ihm Geliebte zu heiraten, warf er gleich die Flinte ins Korn. Seine Mutlosigkeit wirkte auf die sonst lebenslustige A. derartig ein, daß auch sie ohne jedes Nachdenken sich schließlich bereit erklärte, aus dem Leben zu scheiden. Um diesen Entschluß auszuführen, steckte der Angeklagte eines schönen Tages eine kleine Pistole, wie sie sonst zum Spatzen- schießen verwendet wird, und zwei Patronen zu sich. Das Pärchen fuhr dann nach dem Grunewald hinaus und mietet« sich in Pichels- berge ein Ruderboot, in welchem die Tat vollführt werden sollte. Um ganz sicher zu gehen, schluckten beide ein von ihm zusammen- gebrautes„Gift". Nachdem sie längere Zeit enganeinandergeschmiegt in dem Kahn gesessen und den Tod erwartet hatten, äußerte sich die Wirkung deS Giftes bei ihnen in einer recht unerwarteten Weise. Der Angeklagte hatte nämlich zufällig ein in der Medizin als Brech- mittel verwendetes Präparat erwischt, so daß Beide gezwungen waren, dem Flußgott ihren Tribut zu zahlen. Hierdurch noch nicht genügend ernüchtert, gingen die beiden Lebensmüden in den Waldinr wo sie bis zum frühen Morgen lagerten. Auf ihr Verlangen schoß der Angeklagte der A. dann eine Kugel in die Schläfe, die aber nur eine ganz ungefährliche Verletzung hervorrief. Auf ihr weiteres Verlangen schoß er dann auch noch die zweite, eigentlich für ihn selbst bestimmte Kugel auf die A. ab, die ebenfalls nur eine leichte Verletzung an der Schläfe verursachte.— Da es ein versuchtes Ver- brechen gegen den§ 213 Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlange» nicht gibt, wurde gegen K. Anklage wegen Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges erhoben.— Vor Gericht beantragte Staats- anmalt Bscher eine Gefängnisstrafe von IV* Jahren, da der An- geklagte anstatt seinen Einfluß als Mann aufzubieten und der A. die törichten Gedanken auszureden, sich nicht gescheut habe, ein recht frevelhaftes Spiel mit einem Menschenleben zu treiben.— Das Gericht hielt dem Angeklagten zugute, daß seine Tat keinerlei schädliche Folgen gehabt habe und erkannte auch mit Rücksicht auf seine Jugend nur auf K Monate Gefängnis unter Anrechnung von 1 Monat der Untersuchungshaft. Ein Zuhälter. Ein gemeingefährlicher Borfche, der längere Zeit mit beifpicl- loser Rohheit das Gewerbe einer Art Sklavenhalters betrieben hatte, wurde gestern auf längere Zeit unschädlich gemacht. Wegen gefährlicher Körperverletzung und Zuhälterei hatte die 4, Straf- kammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Tr. Gaycr gegen den 23jährigen„Arbeiter" Paul Losfin zu verhandeln. — Der Angeklagte hatte vor längerer Zeit die Bekanntschaft der Arbeiterin Anna B. gemacht, die er allmählich derartig unter seinen Einfluß brachte, daß er sie zwang, auf der Straße Geld zu ver- dienen. DeS TagS über sperrte er das Mädchen ein, während sie de» NachtS von ihm verfolgt auf Männerfang ausgehen mußte. Wenn ihm das von der B. abgelieferte Geld nicht genügte, schlug er sie in der brutalsten Weis« mit allen möglichen Gegenständen, die ihm gerade m die Hände fielen.— Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf die außerordentliche Nohhcit des Angeklagten auf 3 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust. Außerdem wurde vom Gericht die Ueberweisung an das Arbeitshaus nach verbüßter Strafe über ihn verhängt.__ Abgeschlagene vrhebcrrrchtsmanie. Frau Adele Schreiber hatte sich gestern vor der 3. Strafkammer deS Landgerichts III unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Liebenow auf eine eigenartige Anklage wegen unberechtigten Nach- drucks zu verantworten. In der Beilage zur Zeitschrist„Daheim", dem„Frauen-Erwerb", hatte der Schuldircktor Dr. Häußel in Saalfeld einen Artikel„Ein Beruf für die verwitwete Frau" ver- öffentlicht, in dem er für eine Ausdehnung der Altersgrenze für den Besuch des GewerbeschüllehrerinnensemmarS eintrat, um ver« witweien Frauen Gelegenheit zu geben, ihre reicheren Lebens- erfahrungen als Lehrerinnen in der Fortbildungsschule zu ver- Iverten. Frau Adele Schreiber hatte in der von ihr herausgegebenen Zeitungsiorrespondenz„Frauen-Zeiwng" dieser Arbeit des Dr. H. einen sympathischen Artikel gewidmet und zur Kennzeichnung der empfehlenswerten Tendenz etwa 17 Zeilen aus jenem Artikel, die als wörtliche Ausführungen des Verfassers kenntlich gemacht worden waren, ihrem Artikel eingefügt. Dadurch soll sie sich gegen das Urheberrecht vergangen haben. Dr. H. stellte Strafantrag, nachdem sein Anspruch auf Zahlung von 100 M. von Frau Schreiber ab- gelehnt worden war. EtaatSanwaltsassessor Dr. Erich hielt eine Verletzung deS Gesetzes betr. das Urheberrecht für nachgewiesen und beantragte 50 M. Geldstrafe. Die Angeklagte sowohl alS auch die Rechtsanwälte Gronemann und Grünspach ivicsen dagegen darauf hin, daß es dem Dr. H. bei Abfassung seines Artikels nicht auf Gelderwerb, sondern vielmehr nur auf einen propagandistischen Artikel im Interesse des Frauencrwerbcs angekommen sei. Die Angeklagte sei der Meinung gewesen, daß dem Dr. H. eine so empfehlende Kritik und damit eine weite Verbreitung deS Inhalts seines Artikels äußerst erwünscht hätte sein müssen. Sollte die Praxis des Dr. H. Usus werden, dann würde jede journalistische Tätigkeit lahmgelegt werden.— Der Gerichtshof erkannt« im An» schluß an diese Ausführungen auf Freisprechun» Die Anklage zeigk, wohin die ürhebemchtSmanle führt Eine Anklage gegen den Scbuldircltor wäre verständlicher gewesen, als die erhobene._ Ein weltfremdes Urteil. Die Strafkammer in Plauen fällte gegen den Geschäftsführer drS Textilarbeiterverbandes in Falkenstcin. Pöhlmann, und gegen einen Textilarbeiter in Rodewisch ein für die Auffassung gelehrter Richter bezeichnendes Urteil. In einer im vorigen Jahre in Rodcwisch abgehaltenen Betriebs- Versammlung erklärte Pöhlmann, daß ihm glaubhaft versichert worden sei, daß die Firma Wolff u. Söhne als diejenige Firma bekannt ist, welche die niedrigsten Löhne in Rodewisch zahle. Der Riitangeklagte hatte ihm kurz vorher erzählt, daß er im Jahre 1908 bei dieser Firma gearbeitet habe und ihm da einmal ein Stunden- lohn von Pf. ins Lohnbuch eingetragen worden ist. Bei der Wiedergabe dieses war ihm der Irrtum unterlaufen, daß er von 8?L anstatt 9% Pf. sprach. Und außerdem hatte er die bei der Firma Wolff u. Söhne gezahlten Löhne als Hungerlöhne bezeichnet. Zwei in der Versammlung anwesende Werkmeister erstatteten hiervon der Firma Bericht. Diese erhob gegen Pöhlmann wegen einfacher und gegen den Textilarbeiter wegen verleumderischer Beleidigung Anzeige. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen Beide Anklage im öffentlichen Interesse. Das Schöffengericht in Auerbach hat im Juli v. I. beide Angeklagt« freigesprochen, ihnen auch den Schutz des K 193 zugebilligt. Hiergegen legte aber die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Ueber diese verhandelte am Mittwoch die Plauener Strafkammer. Der Oberstaatsanwalt Dr. Huber vertrat die An- klage. Wie sehr ihm die moderne Arbeiterbewegung eine wildfremde Erscheinung geblieben ist, ergab sich u. a. auch aus seiner voller Zorn ausgestoßenen und im Inhalt doch so naiven Frage:„WaS für ein Recht hat der Angeklagte, sich um die Lohnverhältnisse bei der Firma Wolff u. Söhne zu bekümmern, wenn die Arbeiter der Firma das gar nicht begehrt haben?" Dabei hat Pöhlmann die Aeußerung in einer Betriebsversammlung der Arbeiter dieser Firma getan. Er ist Geschäftsführer des Textilarbeiterverbandes, hat also die Pflicht, für die Verbesserung der Lohnverhältnisse der Arbeiter einzutreten und war in jener Persammlung auch Bericht- erstatter. Der Oberstaatsanwalt beantragte strenge Bestrafung. DaS Gericht kam seinem Verlangen nach: es erkannte gegen Pöhl- mann auf 14 Tage Gefängnis und gegen den Mitangeklagten Textil- arbeiter auf 8 Tage Gefängnis. Der Schutz des§ 193 wurde beiden versagt. Pöhlmann, so hieß es in der Urteilsbegründung, habe durch das Wort..Hungerlöhne" sich der Beleidigung schuldig ge- macht, er habe leichtfertig die Ehre der Firma Wolff u. Söhne der- letzt. Dies ungemein harte Urteil, obwohl in der Gcrichtsvcrhand- lung die von Pöhlmann gemachten Aeußerunget» bis auf die eine Mitteilung des Mitangeklagten Textilarbeiters als richtig zugegeben werden mußten. Von Klassenjustiz soll aber trotzdem nicht ge- sprachen werden,_ Versammlungen. Verband der Sattler und Portefeuiller. Am Mittwoch fand die OuartalSversammlung statt. Schulze erstattete den Ge- fchäftsbericht. Die Tarifbewegung der Reiseartikelbranche ist glatt und in befriedigender Weise beendet worden. Schwierig- leiten ergaben sich nur bei der Durchführung deS abgeschlossenen Tarifs in einer Anzahl Betriebe, die bis jetzt auch größtenteils behlwen sind. Wo dies nicht zutrifft, handelt eS sich nur um kleine Betriebe, die eine geringe Anzahl Gehilfen beschäftigen und die daS Gesamtverhältnis nicht beeinträchtigen können. Differenzen waren in verschiedenen Betrieben anderer Branchen eingetreten. Durch daS Eingreifen der Organisation konnten dieselben mit Erfolg beigelegt werden. Durch die Tarifbewegung der Tapezierer wurde die Eisenmöbelbranche gleichfalls zu emer Lohnbewegung veranlaßt, da die gesteigerten Lebensbedingungen es erheischten und andererseits, damit die in Betracht kommenden Arbeiter den Tapezierern gegenüber nicht als Lohndrücker aufzutreten brauchten. Weyher erstattete den Kassenbericht: a) Ortsverwaltung: Einnahmen und Ausgaben balancieren mit 19 633,80 M. An Unterstützungen sind folgende Summen ausgezahlt worden: Streik 1216,80 M., Maßregelung 971,70 M., Reise 159,00 M.. Arbeitslosen 4597 M.. Kranken 3028,50 M. An die Hauptkasse wurden abgesandt: 4771,47 M. d) Lokalkasse: Einnahmen und Bestand: 63 201.27 M., Ausgaben: 4287,72 M. Bestand vom 30. 9. 1911: 58913,55 M. Unter den Ausgaben befinden sich folgende Zuschüsse zu den Unterstützungen: Streik 200 M., Maßregelung 168,50 M.. Arbeitslosen 2696,75 M.. Kranken 660,25 M. c) B e r. liner Verwaltung: Einnahmen: 2724,69 M., Ausgaben: 2507.27 M.. Bestand am 30. 9. 1911: 217,42 M. ck) Lehrlings. und Jugendabteilung: Einnahmen und Ausgaben bilan- zieren mit 155.10 M. Mitglicderbcwegungder Jugend- lichen: Mitgliederbestand am 1. Juli 1911: 143. Davon sind Lehrlinge: 123, Hilfsarbeiter: 20. Mitgliederbestand am 30. Sep- tember 1911: 130, davon sind Lehrlinge: 112, Hilfsarbeiter: 13. Mitgliederbewegung der Erwachsenen: Mitglieder- bestand am 1. Juli 1911: 3372, darunter 221 weibliche Mitglieder. R Mitgliederbestand am 30. September 1911: 3399, darunter 242 weib- licbe Mtglieder. Benutzung de» Arbeitsnachweises: Eingeschriebene Arbeitslose: 663, vabon 52 nicht organisiert: Juki 245, August 202, September 216. Verlangte Arbeitskräfte: 426. Juli 86, August 101, September 239. Besetzte Stellen: 289; Juli 63, August 64, September 162. Die Konjunktur war in den letzten beiden Quartalen— wie Hauptmann in seinem Bericht hervor- hob— sehr günstig, nur für die Damentaschenfabrikation trifft dies nicht zu. Nachdem noch einige Ausschluß- bezw. Aufnahmeanträge erledigt waren, hielt Dr. Phil. Felix B.o �ch e r t von der Humboldtakademie einen interessanten Vortrag über:»Die Ge- schichte der Ehe und Familie", der mit großem Beifall aufgenommen wurde. Lehrer"MoeweS droht mit dem Staatsanwalt. Mit diesem Thema beschäftigte sich am Sonntag eine nach Wöllsteins Lustgarten in Adlershos einberufene von 700 Personen besuchte öffentliche Versamm- lung. Den Lesern deS.Vorwärts" sind die Vorgänge, welche der Behandlung des Themas zu Grunde lagen, bereits aus der Nr. 247 dieses Blattes vom Tage vorher bekannt. Der Referent, Gemeinde- Vertreter Horlitz, rollte den ganzen Fall MoeweS, wie er im April 1910 seinen Anfang genommen und nunmehr wieder zu einem unliebsamen, die Eltern erbitternden Vorkommnis geführt hat, vor den Zuhörern auf. Seine Ausführungen wurden wiederholt von stürmischen Beifallskundgebungen und scharfen Zwischenrufen unterbrochen. In der Diskussion meldeten sich mehrere Väter zum Wort und führten ebenfalls lebhafte Klage.— Die Versammlung, welche auch von Anhängern der bürgerlichen Parteien stark besucht war, nahm einstimmig folgende Resolution an: .Die heute, am Sonntag, den 22. Oktober, in Wöllsteins Lokal in großer Anzahl versammelten Eltern schulpflichtiger Kinder erheben gegen die vom Lehrer Moewes an dem Knaben B e r n d t verübte Züchtigung allerschärssten Protest und fordern sofortige Abhilfe. Die Anwesenden verwahren sich energisch dagegen, daß Herr Moewes versucht, in einem an den Varer des Knaben gerichteten Briefe die Kritik seines persönlichen Verhaltens als Hetze gegen den gesamten Lehrerstand zu bezeichnen. Es steht vielmehr fest, daß die Anwesenden, soweit st« der Sozialdemokratie angehören. durch ihr Wirken in Reich, Staat und Gemeinde stets um die Hebung der geistigen und materiellen Interessen des gesamten LehrerstandeS bemüht waren und auch in Zukunft sein werden. Die Versammelten erkennen aber auch an, daß derartige Auswüchse, wie sie der Fall MoeweS entwickelt, unausbleibliche Folgen des heutigen Schulsystems sind, sie geloben deshalb, ihre ganze Kraft dafür ein- zusetzen, daß die Sozialdemokratie auch die Herrschast über das Gebiet der Schule erlangt. Sie allein vertritt die Anschauung, daß wahre Menschenbildung weder der Prügelstrafe, noch sonst einer anderen Bestrafung bedarf." Alt-Glienicke. In der Generalversammlung sollte der Bericht vom Parteitag gegeben werden: der Zentralvorstand hatte jedoch keinen Referenten gesandt, weil den Genoffen die Parteitagsprotokolle zur Verfügung ständen. Die Genoffen wollen gegen diese Maß- nähme Protest erheben. Betont wurde, daß ein Referent, welcher den Parteitag besucht hat, in Kürze die Genoffen beffer informieren könne, als dies durch das Lesen des Protokolls der Fall fei. Auf- genommen wurden zwei Genossen. Den Kassenbericht erstattete Genosse Karl König. Einer Gesamteinnahme im ersten Quartal von 242,60 M. steht eine Gesamtausgabe von 219,56 M. gegenüber. Der minimale Verkauf der Maimarken wurde von den Genossen bemängelt und die Bezirksführer beauftragt, Umfrage bei den Ge- noffen zu halten, wer gearbeitet und keine Maimarken geklebt hat. Den Gemeindevertreterbericht gab Genosse Max Winkelmann. Unier anderem gab Redner bekannt,! daß aus Antrag unserer Genoffen die Gemeinde den bedürftigen Ortseinwohnern zur Anschaffung von Kartoffeln 1000 M. als Darlehen zur Verfügung gestellt hat. Be- schloffen wurde, einen Lichtbildervortrag über die deutsche Revolution 1848/89 mit nachfolgendem Tanz stattfinden zu lassen. In der Versammlung legten die Genossen Nietner und Klein das Amt als Bezirksführer nieder. An deren Stelle wurden die Genossen Gustav Schulz und Dürr gewählt Petershagen hei Fredersdorf. In einer von zirka 300 Personen besuchten Versammlung referierte am Sonntag im Lokal.Zum alten Deffauer" Genosse Ucko über.Teuerung und die bevorstehende ReichStagSwahl. Die Anwesenden, darunter viele Frauen, lauschten mit großer Aufmerksamkeit den Ausführungen deS Referenten, welcher in seinem anderthalbstündigen Vortrag in sehr trefflicher Art die Sünden deS schwarzblauen Blocks kennzeichnete. Der Referent er- mahnte am Schluß seines beifällig aufgenommenen Bortrogs die Anwesenden, bei der nächsten Wahl Mann für Mann ihre Stimme nur dem Kandidaton der Sozialdemokratie zu geben. Genosse Höselbarth-Petershagen forderte am Schluß die ver- sammelten auf. sich, soweit dies noch nicht der Fall ist, zu organi- steren und Abonnent vom.Vorwärts" zu werden. Am Anfang so- wie am Schluß der Versammlung brachten Mitglieder vom Arbeiter- gesangverein.Solidarität" einige stimmungsvolle Lieder zu Gehör. Rehfelde. Zum ersten Male fand an unserem Orte eine öffentliche Versammlung am Sonntag statt. Sie mußte, da kein Saal uns frei- steht, auf dem Grundstück deS Gastwirts Voigt unter freiem Himmel abgehalten werden. Genosse Stadthagen sprach über»Teuerung, Kriegshetze und Reichstags- wählen' bor etwa 300 Zuhörern recht wirkungsvoll. In der Diskussion erwartete man als Gegner den Rechtsanwalt Vredereck, den Sohn eines in der hiesigen Gegend ansässigen Besitzers. Die Versammlungsbesucher waren recht enttäuscht, als nicht Bredcreck, sondern ein Schriftsteller F e d o r aus Berlin das Wort nahm, um allerhand konfuses Zeug zum besten zu geben. Die niederziehende Wirkung seiner Darlegungen auf die in nicht unwesentlicher Anzahl erschienenen Anhänger des Bundes der Landwirte und des patriotischen Vereins war so stark, daß das.Hoch das Vaterland I", init dem er schloß, ohne irgend ein Echo blieb. Sofort nach der Rede verduftete der konservative Gegner mit einem kleinen Häuflein Begleiter. Die Versammlung schloß nach einem anfeuernden Appell des Vorsitzenden zu ernstlicher ÄgitationS- und OrganffationSarbest mit einem brausenden Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Eine Reihe der Sozialdemokratie bislang Fernstehender meldete sich zur Aufnahme in den sozialdemokratischen Wahlverein. Eingegangene DfiicKfdmften. Die lebendig Toten. LluS dem Russischen von Sl. L. 1,80 M. H. Caspari, Berlin Vl. 35.... .Reichskredit! und weisser Stimmzettel bei ReichStagSwahlen". Verlag PH. W. Düsscl, Frankfurt a. M-süd. 60 Pf. Neue Musik. Zeitung. 33. Jahrg. Heft 1. Quart. 8 Hefte. L M. C. Grüninger, Stuttgart. Stimmpflege und Tonbebandlung«ach Magdagna«. von Dr. D. Schultz. 15 S D. Ammann, Leipzig. Kleine weisse Sklaven. Von Henriette Arendt, Polizeiassistentin a.D. Vita, Deutsches VcrlagshauZ, Berlin-Ch. 2,5V M.. geb. 3,50 M. Annale» für soziale Politik und Gesetzgebung. Herausgegeben von Dr. Heinrich Braun. Hcst 2 und 3. I. Springer, Berlin W. 9. Lasst uns unfern Kindern leben. Ein Buch für Eltern und Er- zlcber. Von Otto Ernst 2.50 M.. geb. 3,50 M. L. Staackmann Verlag, Leipzig. JudaS. Roman von Lulu von Strauß und Torney. SM.—- Oedbof. Bilder aus den Kreisen der Familie Arlet. Von Franz Nabt E. Fleilchel u. Co.. Berlin Vf.. Linkste. 16. Das Schlafzimmer. Poetische» Flugblatt von H. Lautensack.— Nasciturus. Lyrisches Flugblatt von A. R. Meyer. 30 Ps.— AillrurS. Von Leon Deubel. 30 Pf.— Felix und Galathea. Bon Frank Webe- lind. 50 Pf. A. R. Meyer, Wilmersdorf, Kaiicrplatz 16. Vom freudige» Schaffen. Eine Anthologie aui unseren Tagen. Herausgegeben von Julius A. Weichet Geb. 1,80 M.— DaS Buch Adelheld. Von Horst Schüttler. 8 M., in Originalband 4 M. L. Staack- mann Verlag, Leipzig. Auf dem enge» Steg. Schauspiel von H. Raithet 143 S. Druck von O. Brandstetter, Leipzig. »Das lustige Salzer-Buch«. Heitere Lektüre und Vortragsstücke von Professor Marcell Salzer. Verlag Anton I. Benjamw, Hamburg XI. 3 M., geb. 4 M. Die Andere. Roman von M. Grad. 457 S- F. W. Grunotv, Leipzig. Des KSnigS Erziehung. Eine halb spaßhafte Geschichte von W. Hegeler. 200 es. Holbein, Stuttgart. .Das grosse Weltpauorama-. Band XI. 7,50 M.—„SpemannS Alpen-Kalender 1912". 2 M. W. Spcmann in Berlin und Stuttgart. Auf die Schanzen. Lichter und Lotungen von Th. Kappstein. 252 S. Neuß u. Pollack, Berlin, Potsdamer Str. ItSo. Sonnenblicke. Verse von K. Petersson. 107 S. Geb 2 M. Auer u. Co., Hamburg.________ ßriefkaften der Redahrion. ®fe inttstlsch« ejttiyftunee findet Linden st rase 69,»dir vier rredde» — yahrftnyl—, wotytniäfilid) von 4>4 618 7>4 Uyt abcndS, SonnadendS, von 4zz bis 6 Übe adends statt. Zeder für den Briefkasten bestimmten Anfragt ist ein Buchstabe und»in» gahl als Merkzeichen vcizniügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen teine AbonnementSanIUnng beigefügt ist, werden nicht beantwortet, tiflige Fragen«rüge man t» der eprcchstnnde vor. M. 2. 21. Die Medizinaltaxe ewihült so große Abstufungen, daß sich eine Einigung ev. Bezahlung empfiehlt.— P. 21. 40. 1. 1,65 Mark. 2. 35 Pf. 3. Ja, sofern nicht ein Verzicht vorliegt.— Trimborn, Bam- berg. ES war aus Grund des§ 20, Abs. 2 ReichSpreßgesetzrs Frcüprechung möglich.— R. 263. Erinnern Sic ichriftlich an Erledigung.— O. B. 19. Beschwerde an das Polizeipräsidium.— B. M. 8. Der Portier ist reinigungSpslichtig.— F. S. 9. 1. Ja. sosern eine Zwangs- Versteigerung vor dem 3. Januar vorliegt. 2. New.— Hildegard 100. Nein.— O. K. R. IL. Wenn sich nachweisen läßt, daß der Wirt fein Versprechen nicht erfüllt hat. sind Ei« nicht zahlungspslichüg.— E. S. 88. 1. B erlin-Mitt«, Neue Friedrichsir. 12/15. 2. Bis einschl. Kalender jähr 1912.— M» 925. 56. Dem Genchlsvollziehei, sofern er einen Schuld- titcl besitzt.- A. E. Sie sind nicht zahlungspflichtig. Reklamieren Sic. — Streitende Sernwaeiwr. Streitfragen cn«-beiden wir nicht.— M. L. R. 55. Sie sind zahlungspflichtig.—«. 80. Führen Sie Beschwerde beim Landrat.— M», Rixdorf. Erheben Sie Erinnerung bei der Gerichtskafse, fowett der Stempel für die zweite Bollmacht in Betracht kommt. Für den einmaligen Stempel sind Sie cli Zweilfchuldner haftbar.— M. St. 100. Das«st statthat.— Marktpreise von Berlin am»».Oktober 1911, nach Ermittelung de, Künigsichen PollzetprasidiumS. M a r k t b a l l e n p r e i I e.(Kleinhandel». 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 35,00—50.00. Speisebobnen weiße, 35.00—50.00. Linsen 40,00-80,00. Kartoffeln 7,00-14,00. 1 Kilo. aramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch. Bauchfleilib bis 1,70. Schweinefleisch 1.30—1.80. Kawfleisch'"""" � JJA O AA ca...!.- O-A A.A rn~~ 1,30 Ii« 1,70. eqweinestci,-h 1.30—1,80. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch .30—2,00. Butter 2,40—3,40. 60 Stück Eier 3,80-6,40. 1 Kilogramm Karpfen l, 20— 2,40. Aale 1,20—2,80. Zander 1.40— 8,60. Hechte 1 20 bis Krebse e<�fte 1'40~3'0a Bleie 0.80-1,60. 60 Stück Auffallend billige Angebote Besonders gunstige Kaufgelegenheit! lttr J—* J«hre 090 durchwog � � Blaue Cheviot-Anzüge Mki h»ltb«, ▼•r«ehlo4oae Muoter o»i /I 50 otottanzuge............................ 4 M Manchester-Anzüge 35m0 15 Manch.-Anzüge8BTO.fl. 61° Kammgarn- Anzüge 61° Sport- Anzüge 61° Qr-x-ir-f— A rolche Auomiuterung, für 10J*hro Q OpOn-MTlZUge(jede grdüere bummerSOPl.melir) J 50 u. Jackett-Anzüge SuÄ 9». Loden-Joppen rSVVT.'V. Loden- Joppen 750 u. 31° 41° Knaben-Pyjack 42u5 Knaben-Hosen&a. 1 5°u 60?«. Schüler-Hosen tÄ,"Ä 2m0-. 11° Knaben-Manchefl-Hosen 23m5 Schüler-Mütjen 60 p{.»» ▼lel« Formen TOQ ■ Große Posten Muster-flnzilge, Pyjdtks, Dlster, Paletots Prima Stoffe, aparte Faaom, teilweise unter Herstcllungspreii Loden-Pelerinen (Ur Knabsn und Uadohcn,. Imprlgn. Statte, grau, oÜt 1150 und braun..... von M an Baer«Sohn Kleider-Werke, Deulschlands größte Fabrik dieser Art Chausseestraße 19-50 � Ii B r Q ck e n s tr a Qe tl Große Frankfurter Straße 20 Schöneberg, Hauptstraße 10 w�>-w%�-wwwvvwwvw%-vwwv.AA- Oer�iaupt»I!ataIog�4o�t3�V�tnter�-d4oöer�y4i-���postfreh� aDve«««««| Unserm alten Partelgenosien � Franz Busch und seiner lieben Gattin zu ihrem SSiäbrigen Ehejubiläum die herzlichste Gratulation. 01« Genossen der VI». Gruppe, Charlattenburg. | Todes-Anzeigen| SoziaideinokratiselierWalilferelD für den 4. Beri. Reiebstags-Valreis. Görlitzer Viertel. (Beztrt 225 I). Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser Genosse, der Kutscher Hermann Meißner gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 26. Oktober, nach- mittag» 3 Uhr, aus dem neuen Jalobi. Kirchhos in Rixdors, Hermannsttaße, statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borftaud. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezlrksverwaltung GroB-Berlln. Den Mitgliedern zur Nach- richt, daß unser Kollege, der Rollkutscher Hermann Knauz vom Transport. Comtoir Anhalter vahnhos am 23. Ottober im Wer von 42 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 26. d. Mi»., nachmittags S1/, Uhr, von der Leichenhall« de» Christus- Ge- meinde- KirchhoseS, Lichtenrader Chaussee au» statt. Den Mitgliedern serner»m Nachricht, dag unser Kollege, der Bodenarbeit er Karl Schulz am 23. Oktober im Aller von 3t Jahren verstorben ist. Ehre setuem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 26. d. MtS., nachmittags 3'/. Uhr, von der Leichenhalle des Lichtenberger KemeindesriedhoseS'in Marzahn. au» statt. 71/17 Ferner starb unser Mitglied, der Hausdiener �uxust Bargel am 8. Oktober im Alter von 23 Jahren. Ehre seine« Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 26. d. MtS., nachmittags 3 Uhr, vonderLeichen- ...-.. ta hall« des Zentral-Friedhose» ZriedrichSselde auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Dir BezirkSverwaltung. Danksagung. str die vielen Beweise herz- licher Teilnahme bei der Beerbt, ung unseres lieben, unoergeß- ichen VaterS, des Tischler» Paul Eichel 1 sagen wir allen verwandten, Freunden und Bekannten, ins- I besondere der Firma Rachsall, den LlUlbenkolonisten und dem Deut« scheu Raucherbund unseren innig- strn Dank. I Die trauernden Hinterbliebenen. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Arbeiterin Frida Zibilla am 21. Oktober an Lungenleiden gestorben ist. 125/ 10 Ehre ihrem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 25. Ottober, nach« mittags 3 Uhr, von der Leichen- balle des Neuen Jakobi-Kirchhoj« in Nixdvrs, Hermannstraße. auS statt. Rege Beteiligung erwartet vle Oi«tsvei«Hv«»Itmi». Danksagung. Für die vielen Beweise herzlichster Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Manne», de» Putzer» 1238b GottHeb Im in sage ich allen Verwandten und Be- kannten, insbesondere dem Gesang- verein der Putzer und dem Wahl- verein, meinen herzlichsten Dank. Wwe. Henriette Imtn. Danksag««! Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und unseres BaterS sagen wir allen Verwandten, Bekaimten, dem Verein der Berliner Buchdrucker und Schrist- gießer und dem Personal der Buch- druckerei G. Bernstein unseru herz- lichsten Dank. Witwe Bngrdrowlts _ nebst söhnen. Danksagung. Für die zahlreich« Beteiligung und schonen Kranzspenden bei der Beerbt- gung meiner lieben Frau und unserer Tochter Helene Sueker g°b. Günther sagen allen unsern herzlichen Dank. hauptsächlich Herrn Waldeck Manafse sür die trostreichen Worte, dem Gesang- verein Lorbeerkranz und den Kollegen der Firma Faßtrupp. 1244b Richard Sucker. Max Günther und Frau. Tcrlelta-Instltnt: Friedrictisl.llS/l.a.Drabg. "Tor. Sieg. Frack, Gehrock 1,50.Hose 1.00, Weste 50Ps. Beinleitlen. Zlmmerstr. 78. 9—12, 3— 6. Mittwochs u. Sonntags 9—12. Extra- Abl.el] ung |l. Gesch.: Berlin W., Mohren- I StraSe37a(2. Hau« von der Jerusalemer Strage). Ml. Gesch.: Berlin NO., GreSe Frankfurt. Str.ttS(2. Haus| von der AndreasstraBe). I Sehrgr.Äusw.iert. Kleider, I ] Hüte, Handschuhe, Schleier j etc. v. einfachsten bis sam I | hochelegant. Genre z.&ollerat j niedrigen Preisen. Sonder- Äbteilong: naBanfertlgang in 10 bis 12 Stunden. (1 Haben Sie Stoff? kh fertigt davon Anzuff od. PmMot nach Ah MS 8, schick, daasrh. 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Ferner weisen wir daraus hin, daß in diesem Winter ew Unterrichtskursus statt« finden wird. Nähere» in der Versammlung. Die Ortsverwaltung. Oknv jede Anzahlung MAA A erstklassiges Fabrikat IPl/in KiSÄÄ Ii I LI II �9 und Stilarten ron ■ w wmi(lerbar8r Tonfülle. (Flttgelton) gegen kleine monatliche Tellxahlung, ohne Jeden PreloantBchlag. 130/10* Für jedes Instrument gewähre ich 20jShr. sohrifti. Garantie. Conrad Krause Nchfg., Eo"KÄ.et"'bmech�r\(>uo. Aach Sonntage getttTnet. Donnerstag, den SS. Oktober, abends S Uhr, in den Mufikersälen, Kaiser-Wilhelm-Str. 18 m: 2ö/19 Branchen»Versammlung aller in den Geschäftsbttcher-Betrieben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tarisbewegung. 2. Wahl von drei Beifitzem und drei Stellvertretern zumsSchlichiungSausschuß. 3. BerbandSangelegenhetten. Zahlreichen Besuch erwartet_ Die Ortsverwaltnng. i-sr r Servus sagt der Spreeathener, Servns putzt doch ville schöner. BefterSchnhpuh! Ueberall zu haben in Dosen a 10 und 20 Pf. Eabrik: LubSezhnki St E o., Berlin-Lichtenberg. piiiarh-NSatel »t»» arossor �us>»»KI ZK.4S.Klt.?S.I?D.iSV.M|. Uodelle soosi 70 bis S.O u. Für altere Damen: Mobolrplfleok 4H U.(10 Jahre Garantie). Pslz- Konfektion Potstaner Norz*. lUenmuf mal-. Orto- burger Jaoketto and Stolen« aar«cht© Folio, 30*1,, unt.Orlglnalpreisen Mohrenstrasse 37a(nahe Jerusainmer Str.), Gr. Frankfurter Str. 115"UrZS*"' Gewaltige Auswahl S Flausch-Häntel Modell« 12, 16, 20, 25, 33, 42, 50, 75 M. liodelle sonst 23 bis 148 M. KostUme Modeile 18,25,33,45,54,66,82,1001. Modelle sonst 35 bis IOO U. Gesellsch.- Kleid. «■na heaandera billig. Zurückgesetzt! Vetk4%-Ä. Zurückgesetzt! ISttad Piaschkonteki sontl vi,(IS.... für H 2 Ständer Visier Oll sensl btj 52..... far M 0 1« 2 SUoS Koatflnie 2 St And ROekc I Stand..oielUeh t Sllnd. Binnen ■e., oeael bin SS.etil M. 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Verschiedenes. 91/4 'lllcheS Erscheinen emes jeden Kollegen ist erforderlich. Die Ortuverwaltwng. r fraisiflrlrtiter- Sektion Berlin 1. Burea«: Engeluser 14/15 II, Zimmer 83. Fernspr.: Ami IV 2383 u. 4747 Arbeitsnachweis: Mte Leipziger Straße 1.— Fernsprecher: Amt I, 2632. vadier, Hausdievtr, Kutscher usw. aus der Klus-, Horjtllau-, Kkleuchtuugs-, Galautene-, Kurz- u. Spirl- lvureu-, Ftderuiartll-, Ahreu-, Chirurgische, Eumilh». Alabuster-, Sprechmaschineu-, Klechembaltagev- vud Eüport-Krancht! Mittwoch, de» 1. November. abendS 8 Uhr, im Lokal»tRittetfSIc, Ritterftr. 75: Allßeriirdtlllliihe gtinidjtnoctfttroniltinj. Tagesordnung: |. Stellungnahme zu der DagcSordnung der örtlichei Versammlung. 2. Branchenangclegenbeiten und Verschiedene». BÖT' Erscheint alle I— Keiner dars fehlen I der örtlichen Seneral- VerschiedeneS. . chle»!"»S Nie Branehenleltnikg. THeater-VorsteNung stKW Sonntag, de« 2S. Oktober, abend» 7 Uhr, in„Boernero Pent- •dien", Koppenftr. 20a. Zur Ausführung gelangt:„Bor«rak von l.n».emhnrg". Billett SO Pj. Freitag, de« 27. Oktober, abendS S'/i Uhr, bei Boeber, Weberstraße 17; Kombinierte Versammlung der KoutroMmmisfiollkn mit der Grtövknvattsvs. Stellmacher. Dvuaervtag, de« 2«. Oktober, abends 8ljt Uhr, t»»ofenthaler Hof, Rofenthaler Str. 11/12: BranÄken» Vefkammlung. Tagesordnung: 1. Bericht vom dritten Quartal. 2. Bericht vo» der Generalversammlung. S. Branchenangelegenheite». Bezirk Schöneberg. Donnerstag, den 20. Oktober, nachmittag» S'/, Uhr, tat Lokal Neue Kathan» säte, SchSneber«, Martin-Luther-Str. 00: Mitglieder-Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag de» Genossen Eduard vernstein Un .Deutsch-englische ffiirlschailstämple*. 2. Berbandsangelegenbeiten. 91/5 Buchhandlung Vorwärts Lindenstraße 69(Laden). Oie Sozialdemokratie im Urteile ikrer Gegner. Von l>r. Eugutt Srdmann. Prei» gebd. 2 Mark. von find fino und zwar Urtette gunsttg gifter erleichtert da» Nachschlagen. 247/2 Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Kür den gnseratenteil verantw.:TH.Glsckr.Berlm, Dcucku.Verlag:Vörwärt» Buchdruckeret g. VcrlagSanstalt Paul Singer Berlin SW. fit. 250. 28. Zahtgang. 3. WM Ks, Amiirls" öcriiwr Alksdlstl. Much. 25©tot« 1911. Der ßadiltallsmus in Liquidation. Aus Paris wird unS geschrieben: Der alte P e l I e t a n wird für den Senat kandidieren. Das heißt so viel, wie daß er sich aus dem politischen Kampf zurückzieht. Er will sich lieber zu den Greisen des Parlamentarismus setzen, als unter seinen Eunuchen bleiben, und sucht die Stille, nachdem er wiederholt die Erfahrung hat machen müssen, daß die bürger- liche Demokratie auch mit dem heftigsten Türzuschlagen nicht wieder zu erwecken ist. Zuletzt hat er auf dem radikalen Partei- tag in NimeS einen polternden Abgang gesucht, als dem Ministe- rium Caillaux einhellig das Vertrauen votiert worden war. Und der höhnische Gleichmut, womit die Partei diesen Protest zu den übrigen gelegt hat. ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß seine Rolle ausgespielt ist. Ter radikale Parteitag hat die fortschreitende Unterjochung der bürgerlichen Politik durch den Finanzkapitalismus deutlich gemacht. Die jakobinische Tugendmeierei hat keinen Boden mehr, nun gilt es, an Profiten mitzuzehren und das Institut des Profits selbst vor seinen Feinden zu schützen. In Caillaux ist die Groß- finanz zur unmittelbaren Herrschaft über die auswärtige und innere Politik gekommen. Der Radikalismus aber, der die klein- bürgerliche Opposition gegen das Kapitalmagnatentum in seiner Tradition hatte, streckt die Waffen vor ihr. Die Leute von der großkapitalistischen„Demokratischen Vereinigung", dem ausgereif- ten Girondismus, sprechen über den Verlauf der Tagung, von Nkmes ihre besondere Zufriedenheit ans. Denn wenn die Radi- kalen auch Caillaux' Kriegserklärung an die Sozialisten nicht formell unterschrieben haben, vielmehr nur die„Vaterlandslosen" ausdrücklich ächten, so ist doch ihr Anschluß an den großen bürger- lichen Block unzweifelhaft. Und dafür, daß die Kampfpolitik gegen die gemäßigten Bourgeoisparteien ein Ende genommen hat, spricht die Abschwächung auch der alten demokratischen Programmforde- runyen zu nichtssagenden Allgemeinheiten. Der junge und'sehr begabte Bürgermeister von Lyon, H e r r i o t, zweifellos eine Zu- kunftsgröße der bürgerlichen Republik, hat in seiner programmati- schen Schlußrede die elegantesten Eiertänze aufgeführt. Natürlich hat man die ehrwürdigen Ladenhüter: Verweltlichungspolitik, Sozialreform usw. nicht aus der Bude hinausgeworfen, aber man hütet sich wohl, sich in der Schulfrage auf das staatliche Schul- Monopol zu binden, das bei den Kapitalisten immer stärkere Ab- neigung weckt, je mehr sich bei den Lehrern gewerkschaftliche und sozialistische Regungen zeigen. Dafür ist der Kongreß in der Frage der Mahlreform den gemäßigten Republikanern insofern entgegen- gekommen, als er seine Zustimmung zu einem Listenskrutinium mit Minoritätenvertretung aussprach, was freilich praktisch auf die Bereitschaft hinausläuft, die Wahlreform gemeinsam einzu- scharren. Wenn so der Kongreß der Regierungspolitik seinen Segen gegeben hat, so ist weiter zu bedenken, daß die Bezirkspolitiker, die da die Partei repräsentieren, noch viel ungeberdiger sind als die Parlamentarier, die zu den Parteitagen überhaupt nur noch wenig zahlreich erscheinen und in der Kammer die durch mancherlei Interessen gebundene politische Klientel des großkapitalistischen Klüngels bilden. Man hat das im vorigen Jahre gesehen, wo der radikale Kongreß ausdrücklich das Ministerium Briand als reaktionär geächtet hatte, die große Mbhrheit der radikalen Dcpu- tierten aber monatelang zu seinen schlimmsten reaktionären Hand- streichen die Mauer machte. Darum war es auch lächerlich, daß die deutsche bürgerliche Presse mit der Erklärung des Kongresses über die Kongo-Kompensationen so viel Wesens gemacht hat. Man braucht nur die, übrigens sehr instruktive Artikelserie, die das offizielle Organ der Partei, der„Radical", über die Kompensa- tionSfrage veröffentlicht, zu lesen, um zu merken, wie wenig sich die radikalen Deputierten an den braven patriotischen Rütlischwur der Provinzhonoratioren kehren werden, wenn die regierenden Finanziers es für vorteilhaft halten, den marokkanischen Handel auch um den Preis von Konzessionen, gegen die sich der klein- bürgerliche chauvinistisck)« Sentimentalismus sträubt, fertig zu bringen. Diese Ohnmacht des kleinbürgerlichen Nationalismus, der in den Massen der radikalen Wähler fester verankert war, als man in der ideologischen Konfusion der DreyfuSkrise erkennen konnte, ist sicher, vom Standpunkt des internationalen Friedens- interesses gesehen, kein Unglück. Nur daß die imperialistische Stimmungsmache des Finanzkapitals, wenn dieses einmal seine Rechnung nicht in einem einvernehmlichen Schacher zu finden glaubt, ungleich gefährlicher werden kann, als die Rodomontoden der wackeren Kannegießer, denen doch, dem Scheinwerk des bürger- lichen Parlamentarismus zum Trotz, der Zugang zu den wirk- lichen Machtmitteln deS modernen bürgerlichen Staats fehlt. Eingegangene Dmdisdmkten. Zur Reform des preuftischen Einkommen- und ErgänznngS- fteuergefetzes. Von H. Schüler. 1,60 M. Berlin 4.8, Leonhard Simion Nachs. Das Fraiienbaus von Brescia. Von K. H. Strobl. Btta, Deutsches Verlagshaus, Berlln-Ch. 3,— M.„ Bertsuferinncn, Gedanken und Vorschläge eines Praktikers. Von W. Cohn. 1 M. Dr. W. Rolhschild, Leipzig. LSttternngsüberstNi» vom S4. Oktober 1911. a s a 55 1 - U if J 1B Setter Srattierndt 1 753 WSW 4 halb bd. finmAurg j753 SW 4 halb bd. berlu 756SW .Irantl a IM(759 SW kVilnifiec ,761 SW Wien'761 Still 2 wollig 2 Dunst 2bedeckt bedeckt OK a II E» mS> ;eI •tatUmii w Settel »Ii h »»i Havaranda 743 N 2 wölken!— 9 Petersburg 737 S' 1 Regen 9 Sctlld 748 WSW 6 wolkig, 12 Iderdeev.747 ONO SRegeu 8 Paris>759 SW, 2halb bd. 9 I I I rsetrrrvrognoke fixt Mittwoch, den 25. Oktober 1911. Mild, jedoch vorherrschend wolkig mit leichten Regcnsällen und lebhasten südwestlichen Winden. Berliner Wetterburea«. WaslerstaudS-Siackirtckite» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. ')+ bedeutet Buchs.— Sall.—») Uiiierverel. ALEXANDERPLATZ LEIPZIGER STRASSE Diese Woche— soweit Vorrat« FRANKFURTER ALLEE orzelim, MM MsciL-firtlkel OlrtscMfts-flrM Waschwannen ir„V,a'.kom 676925 1100 Waschzober... r.»» 675 9°° 11°° Waschtöpfe ZÄ"" 1 90 245 276 Wäschemangeln.... 1 750 1 880. 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Morgen und folgende Tage: Ein Walzer von Chopin. Frlcdrlch-Wilhelmutiidt. Schuaspiclhana. Abends 8 Uhr: Die Mirit von Dalem. Luisen-Theater. Heute und folgende Tage: Die Wacht der Kiede. Lelle-�ttisnee-Idesler Novität! Allabendlich 8'/, Uhr: Der Menripostel. osc-incAie Kroge Franksurtel Str. 132. Abends 8 Uhr: w M l!ez Iiedm. Morgen: Kean oder: Genie und Leideufchafl._ Metropol-Tlieater. Die Naclit von Berlin! Grotze JahreSrevue in 7 Bildern von Abends 8 Uhr: Letzte Woche der Weltstadt- Attraktionen. 10 Uhr: Ein Abend in einem amerikanischen TiiiK«! Tangel. _ New Yorker Pantom. Co. Noacks Theater. Direktion: stöbert 01». Berlin N., Brunnenttrabe 16. Mit bedeutend verstärktem Personal: Die Räuber. Ein Trauerspiel in 5 Akten von Fr. v. Schiller. Ans. d. Konzerts 7ll„ d. Borst. 8'/, U Ehren- und Vorzugsfartc» gültig l Königstadt-Kasino. Holzmarktstr. 72, Ecketzllexanderstr. Die Weber(Bombenersolg). la Spexialitliten la Ans. 8 Uhr, Sonntag«>/, Uhr. 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Am Mittwoch, den 25. d.M., abends Z'/zUhr, Generalversammlung des Wahlvereins beim Genossen Haupt, Hassel» Werder», Ecke Fennstratze. Der Vorstand. berliner JVachnchtcn. Im ältesten Berlin räumt die Spitzhacke jetzt gewaltig auf, namentlich tn der Stralauer Stratze, deren Geschichte bis in die Zeit der Eni- stehung Berlins zurückreicht. Viele, zum Teil düstere Erinne- rungen knüpfen sich an die Häuser dieser Stratze, besonders an das Grundstück?ir. 33 und 2. Zwischen dem Hause Nr. 2 und dem späteren Friedrichs-Waisenhause, an welches nur noch die Waisenbrücke erinnert, befand sich ehemals der Stadt- Hof mit einem Gefängnis der Stadt Berlin, das noch im 18. Jahrhundert bestanden hat. Nach der Sitte jener Zeit waren mit den Berliner Gefängnissen überall Torturkeller verbunden, und es ist nachgewiesen, datz im Folter- keller des Stadthofes in der Stralauer Straße die be- rüchtigte„eiserne Jungfrau" gestanden hat, das entsetzliche Marterwerkzeug, das die Lokalsage fälschlich nach dem Grünen Hut am Berliner Schlosse verlegt. Das Jnventarium des Berliner Magistrats von 1718 führt aber die eiserne Jung- frau ausdrücklich unter den Foltergeräten des Stadthofes auf, nur ist schwer nachzuweisen, wann und wie lange das In- strument in Tätigkeit gewesen ist. Auf einem Teile des ursprünglichen Magistratsbesitzes wurde das Waisenhaus er- richtet. Ein anderes, das Schindlersche Waisenhaus, befand sich Stralauer Straße 33, in einem Hause, das nachher mannigfache Wandlungen durchmachte. Nach dem Tode Schindlers kam es an einen Hutmacher Mannich, dann an den Kaufmann Favrau, später an den Hutmacher Lütke, der es sehr prächtig ausbauen ließ. Hier befand sich Anfang des 13. Jahrhunderts eine Gold- und Silbermanufaktur, die 1737 nach der Wilhelmstratze verlegt wurde. Im Hintergebäude deS Hauses Nr. 42 legte der Kaufmann Rhau unter Friedrich dem Großen die erste Pfetfenfabrik an, während Nr. 55 von einem Färber erbaut wurde und deshalb lange Zeit den Namen„Die blaue Hand" führte. Von 1695 bis 1702 be- fand sich in der Stralauerstraße das Französische Gymnasium. Die Hausnummer ließ sich bisher nicht ermitteln; in den Ur- künden heißt es nur, daß die Anstalt in ein Haus„nahe dem Stralauer Tore" verlegt wurde. Schließlich seien noch zwei Häuser genannt: Nr. 36. wo sich eine der ältesten Weißbier- brauereien und Weitzbierstuben Berlins befindet, wohnte der tofschuhmacher Stolze, der Vater des Stenographiebegründers stolze, Nr. 52 Keibel, dessen Namen die Keibelstraße trägt. vtrle»w>> von Straßenbahnlinien wegen deS Laue« der Unter- ßrvndbahn. Die Strotzenbahn ist genötigt, wegen Baues der Unter» grundbahn ihre Kreuzung Kleiststratze-Lutherstratze zu verlegen. In den Nächten vom 26. zum 27. und vom 27. zum 28. Oktober müssen deshalb die Linien 64. 66 und 67 nach beiden Richtungen umgeleitet werden. Der Wagen der Linie 54 ab Savignhplotz t2.4S, 66 ab Friedenau 12.54 und Spittelmarkt 12.51 sowie 67 ab Lichtenberg 12.07 und Spittelmarkt 12.59 geht dann von der Schillstratze durch die Kurfürsten- und Nürnberger Stratze. Bei der Linie 81 nimmt der Wagen ab Amtsgericht Charlottenburg 12.54 nur in der Richtung nach Berlin seinen Weg über den Kurfürstendamm und die Kurfürsten- stratze. Acnderung der Briefpost nach Amerika. Die Beförderung der Briefpost nach den Vereinigten Staaten von Amerika erfährt eine Aenderung. ES war in Aussicht genommen, die deutsche Post wieder am 28. Oktober mit dem Dampfer.New Aork' der American Line von Southampton und Cherbourg nach New Uork zu schicken. Diese Fahrt fällt jedoch aus. Die Sendungen gehen deshalb am 29. Ok- tober von OueenStown»ach New Aork mit dem Dampfer„Lusitania" der Cunard- Linie. Die letzten Bahnposten zum Anschluß an den Dampfer gehen am 27. Oktober von Berlin vorm. 11,40, Hannover nachm. 3,36, Köln abends 6,13 nach OueenStown. Briefe werden mit dieser Gelegenheit nur befördert, wenn sie mit 20 Pf. frankiert find. Eines Leiwermerks bedarf es nicht. Unterrichtsstunden für stotternde Kinder. Mit Ansang deS Winter Halbjahres hat die Schuldeputation an den folgenden Gemeinde schulen besondere Unterrichtsstunden für stotternde 5kinder unter Leitung von Lehrern und Lehrerinnen eingerichtet: an der 6.. 15.. 22.. 23.. 25.. 45.. 49., 58., 61.. 71., 81.. 82.. l04., 113., 151., 166,, 186., 192., 195., 208., 221., 226., 259. Gemeindeschule. Der Kursus soll in der Regel 12 Teilnehnrer, Knaben und Mädchen, umfafien. Konfirmanden, katholische Kinder, welche wegen Teilnahme am Reli- gionsunterricht die Kurse nicht regelmäßig besuche» können, sowie Kinder, welche Nebcnklasscn angehören, sind von der Teilnahme an den Kursen für stotternde Kinder ausgeschlossen. Die Kurse, welche bis zum Schlüsse des Winterhalbjahres dauern, werden in täglich je einer Stunde, möglichst der letzten Vormittagsstunde abgehalten, nur in Ausnahmefällen darf der Nachmittag gewählt werden. Kinder, bei denen der Zweck des Sonderuuterrichts schon früher erreicht ist, können nach dem Schlüsse deS Oklober-Dezember-VierteljabreS ausscheiden. DaS Uebungsbuch für Stotterer von Gutzmann wird, sofern nicht die nötige Anzahl von Exemplaren vorhanden ist, auf begründeten Antrag von der Schul deputation geliefert werden; desgleichen eine von demselben Verfasser herrührende Anweisung, betrefiend die Behandlung stotternder Kinder. Die Uebungsbllcher sind nack Beendigung des Kursus von dem Leiter an die Schule, an welcher der Heilkursus stanfindet, zurückzugeben. Die Ordinarien derjenigen Klassen, aus denen Schüler der Stollererlurse teilnehmen, sind von der Schul- deputation erneut ersucht worden, wenigstens einmal während des WinterbalbjahreS den SlottererkursuS zu besuchen, um sich von den Fortschritten ihrer Schüler zu überzeugen und gleichzeitig daraus achten zu lernen, wie dem Stottern zu begegnen ist. In schwere Lebensgefahr gerieten in der vergangenen Nacht durch eine Gasvergislung zwei junge Mädchen auS Bardeleben bei Magde- bürg, die zu ihrem Onkel, dem Swuhmachermeister Nosentreter in der Stargarder Str. 5 zu Besuch gekommen sind. Die siebzehn und dreizehn Jahre alten Mädchen halten sich am Montag Berlin an- gesehen und kamen erst nach 10 Uhr nach Hause. Sie legten sich gleich in der Küche schlafen. Gestern morgen um 5 Uhr nahm Rosentreter einen starken Gasgeruch wahr. Nichts Gutes ahnend öffnete er die Küchenlür und fand den Raum mit GaS angefüllt. Die beiden Mädchen lagen bewutztloS in ihrem Bette. Der Meister riß die Fenster auf und holte dann von der Rettungswache in der Gaudhstratze einen Arzt. Dieser brachte die Besinnungslosen wieder zu Bewußtsein. Sie konnten in seiner Behandlung in der Wohnung bleiben. Das Unglück war dadurch entstanden, daß die Mädchen den Hahn der GaSampel nicht ordentlich zugedreht hatten. Heber die Todesfahrt eines Trainsoldaten wird berichtet: Im Hofe des Proviantamts in der Köpenicker Stratze 16/17 hielt Montag- nachmittag ein mit zwei Pferden bespannter Wagen deS Garde- Train-BataillonS zum Brotempfang. Der Trainsoldat Briesing von der 3. Kompagnie des Garde-Train-Bataillons saß als Fahrer auf dem Bock. Plötzlich scheuten die Pferde und gingen durch. Sie rasten durch den Hof auf die Stratze und dann diese entlang, den Wagen hinter sich her schleifend. Briesing wurde vom Bock ge- schleudert und auf die Deichsel geworfen, wo er sich krampfhaft an- klammerte. In dieser entsetzlichen Lage mutzte er verharren. An der Ecke der Pücklerstratze stürmten die Pferde gegen den dort stehenden Laternenpfahl. Briesing geriet dabei zwischen Mast und Wagen und wurde furchtbar zugerichtet. Autzer schlimmen Brust- quetschungen, Rippenbrüchen und einem Schädelbruch erlitt er andere schwere innere Verletzungen. Man schaffte den Besinnungslosen nach dem Garnisonlazarett, wo er in der Nacht seinen Verletzungen erlag. Zu diesem Unglück erfahren wir, datz der Verunglückte ein Rekrut war. Rekruten dürfen aber nach der Dienstvorschrist zu der« artigen Diensten keine Verwendung finden. ES wird Sache der Militärbehörde sein, sich hierzu zu äutzern. Ein schwerer Unfall ereignete sich gestern abend in der Weiß- bachstraße. Dort werden eine Anzahl Häuser abgeputzt. Unacht- samerweise blieb ein Tau hängen, an dem sich die Kinder vergnügten. Sie zogen sich gegenseitig in die Höhe und belustigten sich an diesem Auf- und Herunterziehen. Auch ein 12 bis 13jähriger Knabe namens Wofinsky, Kochhannstt. 30, wurde hochgezogen. Äls der Junge bis zum 2. Stock gekommen war, lietzen die andern Knaben da« Tau los und Wosinsky stürzte mit voller Wucht ab. Er hat sich beide Arme gebrochen, ist auch am Kopfe schwer verletzt. Passanten brachten den Verletzten zunächst nach der Unfallstation, von da wurde er nach dem Krankenbause geschafft. Um Wiederholungen des Un- glücksfalles zu vermeiden, muß dafür gesorgt werden, daß das Tau so angebracht wird, datz eS für die Jungen nicht erreichbar ist. Em gewerbsmäßiger Opferstockplünderer wurde am letzten Sonntag in der St. Afrakapelle in der Graunstratze ertappt und ver- haftet. Ein Fuhrherr, der auf dem Grundstück wohnt, beobaivtete seit einiger Zeit zwei Männer, die sich jedesmal nach dem Gottes- dienst wieder in die Kapelle des St. Afrastiftes hineinbegaben und dort einige Zeit verweilten. Als er sie auch am letzlen Sonntag wieder sah, ging er ihnen auf Strümpfen nach und sah nun, wie der eine auf einem Schemel inbrünstig betete, während der andere sich an einem Opferstock zu schaffen machte. Der.Betende" hatte die Aufgabe, die Aufmerksamkeit etwaiger Besucher auf sich und von seinem Spießgesellen abzulenken. Dieser nahm ein Papier aus der Tasche, fuhr dann mit einem dünnen Hölzchen in den Opferstock hinein, zog das Hölzchen wieder heraus, streifte Geldmünzen, die daran klebten, herab und steckte sie in die Tasche. Nachdem er das festgestellt hatte, nahm der Fuhrherr den Mann am Kragen. Der Ertappte setzte sich zur Wehr und versuchte den Fuhrherrn im Ringkampf abzuschütteln. Das gelang ihm aber nicht. Jetzt eilte ihm der.Betende" zu Hilfe. Der Fuhrherr packte auch diesen, konnte ihn aber nicht halten. Er ritz sich los und entkam. Der Festgenommene wurde der Polizei übergeben und entpuppte sich als ein Italiener, ein 28 Jahre aller Konditor David Bottero, der über Paris, Marseille und Süddeutsch- land vor zwei Monaten nach Berlin kam. Hier wohnte er unan» gemeldet in der Elsasser Stratze. In seiner Behausung fand man noch eine Menge Klebestoff und Holzstäbchen, die er mtt dem Stock bestrich, auch ein Tuch, mit dem er die Stäbchen nach dem Gebrauch abzuwischen pflegte. Bottero ist ohne Zweifel ein Spezialist, der auch in anderen Gotteshäusern die Opferstöcke geplündert hat. Der düpierte Gefnngenenwärter. Der hiesigen Kriminalpolizei gestellt hat sicb der Gefangenenausscher Rudolf Raat aus Graz, der teit vergangenen Sonnabend mit dem Grazer Bankier Samuel Schwarz flüchtig war. Swwarz befand sich wegen Unterschlagung von 100 000 Kronen im Grazer Untersuchungsgefängnis. Er über- redete den Ausseber Raat, ihm zur Flucht zu verHelsen und versprach ihm dafür 10 000 Kronen. Im Vertrauen auf dieses Versprechen ging Raat auf den Plan ein, öffnete die Kerkertür und fuhr mit Swwarz nach Berlin. Hier sollte er den versprochenen Lohn er- halten, erlebte jedoch eine arge Enttäuschung. Schwarz gab ihm nicht 10 000, sondern nur 320 Kronen. Dann ließ er sich von Graz seine Geliebte kommen, fuhr mit ihr. nachdem er sich drei Tage in hiesigen Fremdenlogis ausgehalten hatte, nach Frankreich und ließ Raat hier sitzen. Dieser war mit seinem Gelde bald fertig. Als er völlig mittellos und ohne Obdach dastand, kam er gestern zur Kriminalpolizei und stellte sich ihr zur Verfügung. Eine traurige Aufklärung hat das Verschwinden der 22 Jahre alten Arbeiterin Anna Schade aus der Jägerstr. 57 zu Ripdorf gefunden. Das Mädchen, das seit ungefähr 14 Tagen vermißt wurde, verkehrte seit fünf Monaten mit einem 20 jährigen Hausdiener. Dieser, ein leichtsinniger Mensch, ließ sie sitzen, als sie darauf drang, datz die Ehe geschlossen werde. Enttäuscht und in ihren Hoffnungen betrogen verließ sie die Wohnung und gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Am Donnerstag voriger Woche landete man auS dem Hafen an der Schöneberger Brücke die Leiche eines Mädchens. In ihr wurde jetzt die(vermißte Schade erkannt. Ihr Geliebter hat schon vor zwei Jahren einmal ein Mädchen, eine 16jährige A., durch sein Verhalten in den Tod getrieben. Kindesmord? Vorgestern mittag erschien das Dienstmädchen Olga Eichbaum auf der Wache des 7. Polizeireviers und teilte mit, daß das 26 Jahre alte Dieustnindchen Pauline SzclinSka in der Nacht zum 20. er. in der herrschaftlichen Wohnung in der Eichendorffstraße ein Kind weiblichen Geschlechts geboren habe. Das Kind sei tot zur Welt gekonimen und werde von der SzelinSka im Ofen aufbewahrt. Die Polizei steht den Angaben vorläufig noch skeptisch gegenüber. Sie beschlagnahmte die Leiche und übergab sie dem Schauhause zur Obduktion. Die Szelinska wurde in Haft genommen und der Kriminal- Polizei zugeführt. Ein Betriebsunfall ereignete sich, wie uns nachträglich berichtet wird, vor einigen Tage» in der Werkzeugbauabteilung der Firma Borsig in Tegel. Dort geriet ein Revolverdreher mit der rechten Hand in den Automaten, wodurch demselben die Hand vollständig zerschmettert wurde. Der Unfall soll durch das Selbsteinrücken der Maschine entstanden sein. Wie uns von Arbeitern deS Betriebes mitgeteilt wird, kommen derartige Unfälle häufiger vor. Im wesentlichen soll das in dieser Abteilung grassierende Antreibesystem die Schuld hieran tragen. Es wird z. B. als besonders gefahrvoll und die Kraft eines Arbeiters übermäßig in Anspruch nehmend be- zeichnet, daß ein Mann fünf Automaten bedienen mutz. Hinzu konnnt noch das Bestreben, die Akkoropreise auf ein möglichst tiefes Niveau berabzndrücken, so daß die betreffenden Arbeiter, um bei der gegenwärtigen Teuerung überhaupt ihre Familie ernähren zu können, in großer Hast arbeiten müssen. Ein„schwerer" Diebstahl ist in den Ausstellungshallen am Zoo- logischen Garten verübt lvordcn. Nach dem Diebstahl eines Adler- Wagens ist jetzt entdeckt worden, daß auch eine Kiste mit Zubehör- teilen entwendet worden ist. Es handelt sich um mit der Hand gearbeitete Modelle von Schrauben, Muttern. Wasserhähnen usw. Die Kiste ist 6 X 50 Zentimeter groß und wiegt 49 Kilo. Sie ist mit Strickgriffen versehen und trägt die Aufschrift: Julius Block. Ausstellungshallen am Zoo. Nr. 3102, Ihr Inhalt ist 3000 N. wert. Ein Lehrer im Tegeler See ertrunken. Ein trauriges Nachspiel hatte die Einweihungsfeier der neuen Hnmboldt- Oberrealschule in Tegel, die am Montag stattfand. Als in der letzten Nacht der Vor- schullehrer Krause von jener Feier nach seiner Wohnung in der Brunostr. 7 zurückkehren wollte, irrte er bei der herrschenden Dunkel- heit von dem richtigen Wege ab und benutzte eine Straße, die am Tegeler See entlang führt. Plötzlich kam er der steil ablaufenden Böschung zu nahe und stürzte ins Wasser. Krause ertrank, da seine Hilferufe nicht gehört wurden. Erst gestern früh wurde die Leiche gefunden. Krause stand im 45. Lebensjahre und war der Schwieger- söhn des früheren Tegeler Bürgermeisters Bruno. Er hinterläßt eine Witwe und eine erwachsene Tochter. Die Leiche kam nach der Fried- hofshalle in Tegel. Beim Verlassen eine? fahrenden Straßenbahnwagen» lebcns» gefährlich verunglückt ist am gestrigen Montagmittag gegen 1 Uhr ein Arbeiter Heinrich Schultze. Sch. hatte am Moritzplatz einen Motorwagen der Linie 36 benutzt und sprang vor dem Hause Bad- stratze 9 von dem in der Anfahrt zur Haltestelle befindlichen Waggon ab. Er kam zu Fall und schlug so heftig mit dem Kopf auf das Straßenpflaster auf, daß er blutüberströmt und besinnungslos liegen blieb. Der Verunglückte, der einen schweren Schädelbruch erlitten hatte, erhielt auf der nahen Unfallstation Notverbände und mußte von dort nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt werden. Eine neue Verkehrsregelung macht der Polizeipräsident durch folgende Mitteilung bekannt:.Die Verkehrsregelung in den engen Teilen der Friedrich- und Charlottenstraße, die nun seit dreiviertel Jahren besteht und sich bewährt hat, brachte es mit sich, daß die vom Süden kommenden Wage», deren Ziel auf der Südseite der Straße Unter den Linden zwischen der Kleinen Mauerstratze und der Charlottenstrotze liegt, einen ziemlich bedeutenden Umweg machen mußten, da sie von der Behrenstraße ab die Friedrichstraße nicht benutzen durften und daher, da auch die Kleine Mauerstratze bisher nur in der Richtung von der Straße Unter den Linden nach der Behrenstraße zu durchfahren war, bis zur Wilhelmstraße fahren mußten, um erst durch diese zu den„Linden" zu gelangen. Diesem Uebel- stände, den besonders die in jenem Teile der„Linden" wohnenden Ladeninhaber als Schädigung ihrer Geschäfte empfanden, hilft eine Bekanntmachung ab, die der Polizeipräsident im Einverständnis mit dem Magistrat soeben erlassen hat und die sogleich in Kraft treten soll. Danach darf nunmehr die Kleine Mauerstraße nur noch in umgekehrter Richtung, d. h. von der Behrenstraße nach der Stratze Unter den Linden zu, befahren werden. Hierdurch wird der er» wähnte Umweg wesentlich abgekürzt und den Wünschen der be- treffenden Geschäftsinhaber Rechnung getragen. Zur Sicherheit der Fußgänger, die den Fahrdamm der Kleinen Mauerstraße im Zuge des südlichen Bürgersteiges der Straße Unter den Linden kreuzen, ist die Anordnung getroffen, datz die Durchfahrt und Ausfahrt im Schritt erfolgen mutz." Vorort- JVacbricbtem Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Genosse D Stirn ig hat sein Mandat niedergelegt, weil er vom Magistrat als Beamter des Arbeitsnachweises angestellt worden ist. Vor Eintritt in die Tagesordnung ersuchte Stadtv. Kurnitz ki darum, daß die Akten einer vor einem Jahrzehnt gegen ihn angestrengten Klage ausgelegt werden möchten, da seine Fraktionsgenossen Behauplungen über ihn aufgestellt hätten, die ihn zu kompromittieren geeignet seien. Mit der Einziehung der Armenpflegekosten soll der frühere WohnungS- aufsehet Friede! betraut werden. Als Diensteinkommen soll derselbe jährlich 1000 M. feste Vergürigung und 1 Proz. von den vom Ein» zieher selbst eingezogenen bezw. an die Kasse der Armendixeklion abgeführten Beträgen erhalten, letztere soll jedoch die Höhe" von 300 M. pro Jahr nicht überschreiten. Die sozialdemo» k r a t i s ch e Fraktion beantragte, dem Einzieher 1600 M. zu ge» gewähren und die Prozente in Fortfall kommen zu lassen. Genosse Bäumler betonte hierzu, datz die Höhe de» Ein» kommens zu den Tcuerungsverhältnissen in gar keinem Vergleich stände und die Provisionsbezahlung, die teilweise nur noch im Handel vorkomme, ausscheiden müßte. Es sei der Stadt unwürdig, derartige Zustände aufkommen zu lassen.— Kämmerer M a ch o v i c z meinte, es gäbe viele Städte, die mit einer derartigen Praxis sehr gut aus- gekommen wären. Nachdem sich noch Geuosse Hoffmann gegen die Vorlage gewandt, wurde dieselbe dem Etatsausschutz überwiesen. Bei Nachbewilligung der restlichen Polizeikosten in Höhe von 35 782 M. wurde verlangt, datz man beini Polizeipräsidium vor- stellig werden soll, um eine zweckmäßigere Einteilung der Polizei- reviere zu verlangen. Angenommen wurde folgender, vom Genossen Bernstein begründete Antrag: „Das Gesetz von 11. März 1850, betreffend die Polizei» Verwaltung, möge dahin abgeändert werden, datz allen Gemeinden Preußens ohne linterschied die selbständige Verwaltung der Orts» Polizei zugesprochen wird. Außerdem sind die Gemeinden, denen dieses Recht jetzt vorenthalten ist, zum Anschluß an diese Petition einzuladen." Hierauf gelangte folgender von der sozialdemokratischen Fraktion gestellte Antrag zur Beratung: „Der Magistrat wird ersucht, schleunigst ein OrtSstatut zu erlassen, in dem die Oeffentlichkeit der Wahlhandlung bei den Stadtverordnetenwahlen angeordnet und ferner zum Ausdruck gebracht wird, datz niemand auS dem Wahllokal hinausgewiesen werden darf, so lange Platz vorhanden und die Ruhe aufrecht- erhalten bleibt." Nachdem Genosse K ü t e r den Antrag eingehend begründet und die Stadtvv. Meyer und Schneider gegen die Annahme desselben gesprochen halten, wurde der Antrag gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Ferner hatte die sozialdemokratische Fraktion beantragt: „Der Magistrat wird ersucht: Um dem Arbeiter-Turnverein zu seinen llebungen eine Turnhalle zu überweisen, ist eS erforderlich, das bereits fertiggestellte Projekt auf dem hinteren Teil deS Spielplatzes am Tempelhofer Weg zur Ausführung zu bringen. Die erforderlichen Mittel werden dem Ueberschutzfonds entnommen." Nach Begründung deS Antrages durch den Genossen O b st gab Stadtv. Starke seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß die sozialdemokratische Fraktion gerade jetzt derartige Anträge stelle. Im übrigen trage die Regierung die Hauptschuld, wenn den Arbeiter-Turnvereinen die Hallen entzogen würden. Andererseits verstände der Arbeiter-Turnverein das Entgegenkommen der Stadt- Verwaltung nicht zu würdigen, seien doch lebhafte Klagen über den- selben geführt worden anläßlich der Benutzung de» Spielplatze» in der Maxstraße. Genosse Molke nbuhr betonte: Der Stadtv. Stark scheine nur die Gelegenheit genommen zu haben, um zu reden, denn hätte die sozialdemokratische Fraktion die Anträge, die gar nicht neu sind, nicht eingebracht, dann.hätte der liberale Redner seine Verwunderung darüber ausgesprochen. Eine städttsche Turn« Halle, die nur dem guten Willen entspreche, sei bis jetzt nicht er- richtet worden. Darum werde darauf gedrungen, datz die AuS- fübrung bald geschehen möge.— Der Autrag wurde dem Magistrat überwiesen. Ein dritter Antrag der Fraktion ersucht den Magistrat, die unentgeltliche Einführung der Lehr- und Lernmittel in den Gemeindeschulen schleunigst in die Wege zu leiten. Um dies zu ermöglichen, soll eine Umfrage bei größeren Firmen die SchnlbedarsSartikel umsetzen, veranstaltet werden, um die Engrospreise der einzelnen Schulartikel festzustellen. Dem EtatSanSschntz ist da» Ergebnis bis zur Etattbtraiung zu unterbreiten." Genosse Bernstein wies gleich darauf hin, bah dies kein neuer Antrag sei. Das Gesetz zwinge die Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken, es muh daher auck dafür gesorgt werden, dah alle Kinder die gleichen Lehrmittel erhalten. Die Stadtvv. H e p n e r(wild) und Zabel(lib.) wandten sich, Wie immer, gegen diesen Antrag. Genosse Stüter nagelte die kurzsichtige Politik der Liberalen gebührend fest und kennzeichnete zugleich die ungleiche und ungerechte Handhabung, die jetzt bei der Gewährung der Lehrmittel von der Stadt ausgeübt ivcrde. Mit Ausnahme der Hausbesitzergruppe wurde dem Antrage zu gestimmt. Im Stadtpark soll eine monumentale Brunnensäule aufgestellt werden. Nach der Skizze ist die Säule so gedacht, dah Unterbau, Springbrunnen und Säule aus Muschelkalk gefertigt, die Figur des Hiriches, der auf der Säule steht, i» Kupfer getrieben und vergoldet werden soll. Die Gesamtkosten betragen 28 274 M. Da nur 10 274 M. hierfür vorhanden sind, soll die Restsumme nachbcwilligt werden. Kraatz(lib. Frkt.) befürwortete aus künstlerischen Gründen die Herstellung, während Genosse B e r n st e i» meinte, dah die ganze Säule einen komischen Eindruck erweckt. Die Vorlage wird einem Ausschüsse überwiesen. Die sozialdemokratische Fraktion hatte noch folgenden DringlichkeitSantrag eingebracht. Der Magistrat wird ersucht: „Der Stadtverordnetenversammlung unverzüglich eine Vorlage zu unterbreiten, wonach den Angestellten und Arbeitern vom 1. Oktober d. I. bis zum 31. März 1912 pro Tag eine Zulage von einer Mark gewährt wir d." Genosse B e r n st e i n betonte, dah die Bedürfnisfrage kaum ge- leugnet werden könne, da die Teuerung eine auhergewöhnliche fei. Die Mehrkosten an Lebensmittel seien um öl) Proz. gestiegen. Zu- dem werde der kommende Winter die Lage der Arbeiter noch trost- loser gestalten. Die Regierung habe ihre Verpflichtung auf die Ge- mcinden abgewälzt. Oberbürgermeister DominicuS versprach, dah die dafür eingesetzte Deputation am 31. Oktober zusammen- trete. Dieselbe werde diesen Punkt als ersten behandeln, Zobel (lib. Frakt.) befürwortete, den Antrag der Deputation zu überlveisen. Da dem Redner die Sache peinlich zu sein schien, so wandte sich derselbe den Ausschuhwahlen der städtischen Arbeiter zu und jammerte, dah die bösen Mitglieder des sozialdemokratischen Gemeindevertreter- verbandes mit den braven„Hirichen" im AuSschnh nicht gemeinsam arbeiten wollten. Schneider(konservativ) meinte, eine Teuerung existiere nicht, sondern nur eine Verteuerung, die durch die Zwischen- Händler hervorgerufen sei. Der Fleischhandel liegt in den Händen von 32 Berliner Händlern, die die ganze Teuerung verschuldeten.— Genosse Molkenbuhr wies darauf hin. dah die Arbeiter durch Konsumvereine den Zwischenhandel ausschalten könnten. Wenn jedoch Konsumvereine gegründet würden, dann kämen die Partei- freunde des Herrn Schneider, die Konservativen, und ver- steuerten die Vereine mit der Motivierung, dah durch die- selben der Mittelstand ruiniert werde. Im Reichstag habe der Reichskanzler erklärt, dah die Kommunen mehr eingreifeir sollten. Jede Verteuerung der notwendigen Lebensmittel bedeute für die Arbeiter, die an Tarife gebunden seien, eine Lohnreduktion. G o t t s ch a l k(lib. Frakr.) erkennt die Notlage an und meinte, dah unbedingt geholfen werden müsse. Nachdem die Genossen Bern- stein, K ii t e r und B ä u m l e r noch zur Sache gesprochen und gegen die unrichtigen Ausführungen des liberalen Stadtv. Zobel protestiert hatten, wurde beschlossen, die Angelegenheit einein Aus- schuh zu überweisen, der noch in dieser Woche zusammentritt. Der öffentlichen folgte eine geheime Sitzung. Lichtenberg. Sladtvcrordneten-Ersatzwahlen. Am Sonntag, den 19. November, von 12—7 Uhr nachmittags finden in der d r i t t e n W ä h I e r k l a s s e die Stadtverordneten- Ersatzwahlen statt. ES stehen folgende Bezirke zur Wahl: 4. Bezirk. Wahllokal: Paul Neumann. Müggelstr. 24. Umfassend die Straßen: Finowsirahe, Jungstrahe, Müggelstrahe. Odcrstr. 8— 25, Scharn- weberstr, 9—20 und 47—57, Traveftrahe und Weichselstrahe, 3. Bezirk. Wahllokal: Karl Spitzig. Frankfurter Allee 193 Umsaiiend die Ströhen: Frankfurter Allee 177—199, Kronprfnzcnsw, 1—12 und 47—54, Scharnweberstr. 1—8, 10. Bezirk. Wahllokal: Friedrich Schäfer Franksiirter Chaussee 110, Umfassend die Stiahcn: Eckerlstra«e, Egmontstraue, Frankfurter Chausse 25 bis 87, Oberweg, Psarrstr. 1—26 und 44—79, Prinzen-Allec, Noscnsclder- slrahe, Skandinaoische Straße, Verbindungsweg, Verlängerte Lesfingftrahe, Wilhelmsw, 85a— 89,, IS. Bezirk. Wahllokal: Hcilirich Schulze, Eitelstrahe 70s7t. Umfassend die Straße»: Augustastraße und-Platz, Eltclstr. 2l— 80, Emanuclstrahe, Friedrichilr. 15—63», Giselastraße. Leopoldstraße, Lück- slraße 70—71, Ludwigilrahe, Maximilianslraße, Onbahnstraße, Rupprecht- slraße, Wilhelmstr. 7—77». 13. Bezirk. Wahllokal: Restaurant Ratskeller, Mollendorfstr. 5,6. Umsnssend die Straßen: Bornitzstraße, DoNislraßc. Frank, Chaussee 129—156, Mällendorsstraße, Normannenstraßc, RathauSstraße, Nuschestraße und Straße 2 und 3, Die Wahlen zur zweiten Wählerklasse finden am Montag, den 20. N o v e m b e r, in der Zeit von 2— S Uhr nachmittags in folgenden Bezirken statt: 2. Bezirk. Wahllokal: Restaurant„Zum schwarzen Adler", Frankfurter Chaussee 5. Umsassend die Straßen: Dosscstraße. Eckertstraße, Frankfurter Allee 193—199, Franksurter Chaussee 1—11. Gürtelstraße, zvictzerweg. Kleine Slraße, Kroiwnnzcnstraße, Marltiuskirchstraße, Scham- wcberstr. 1—8 und 58—64. Verbindungsweg, Verl. Lessingstraßc, Warten- b-rgslraße, Wcserstr, 1—8, Wiesenweg mit Gasanstalt. Wuhlestraße. lt. Bezirk. Wahllokal: Restaurant.Wartburg". J»h, Schubert, .-frankfurter Chaussee«Ick, Umsassend)dic siraßen: Aifredstraßc, Auausta. sirah« und.Platz. Atzoodlenstraße, Bürgerhelmstraße, Egmontstraße, Eckel. straßc, Emanuelstraße. Frankfurter Chaussee 39—118, Freyastrahe und-Platz, Frledaftraße. Frletrichslraße. Gernotswaße. Glselastraße, Gudrunitraße, Guntherstraße. Sagenstraße, H-mrlchstraße. HuberUiSstraße, Jrenenftmße, Krimhildslraße. Leopoldstraße. Lndwigstraße. Lückstr, 70/71, Magdalenen- swaße. Margareteiislraße, Maximilianslraßc, ONbahnstraizc, Prinzen-Allee. Rosenfelderslraße. Siudigerstraße. Nupprechtstraße. S.egjkiedstraße. Skandinavische Slraße. Sophienstraße, Tristwcg, Volkerstraße, Wagnerswage und -Platz. Wilhelmstraßc, Wolanstraße. � �. 4. Bezirk i Wahllokal: Restaurant„Ratskeller", Mollendorf- f träfet 5/6. Umsassend die Stranen: Bornitzstraße. Buggenhagenerstraßc, Dottistraße. ESerhardstiaße. SrziehungSbauS. Franksurter Chausse« 12—33 und 119—156, Selmulsliaße, Herzbergsiraße mit Irrenanstalt,, Sahen- Schönbansencr Straße, Hohen-Schönhausencr Weg, Landsberger Chaussee. Möllendor-sstraße. Müllentraße. Norinanncnswaße, Raihansstrage. Ritterguts- straße, Rocderillaße, Ruschestri-ße, Scheffclstraße, Straße 2 und 3. Weigenscer zx-cg, Wördenstraße. Wolfgangstraßc, Da diesmal die Wahl für die dritte Wählerklasse an einem Sonntag staltsindet, muß die Wablbeteiligung eine besonders hohe sei,,. Es kann jeder Wühler sein Wahlrecht anSüben. ohne wie das sonst der Fall war, Einbuße an seinem Arbeitsverdienst zu erleiden. Daher erwächst für jeden Arbeiter, dem daran liegt, daß die Ber- treter der Sozialdemokratie mit möglichst hoher Stimmenzahl in das Stadtparlament gewählt werden, die Pflicht, in eine um» fassende Wahlagitation einzutreten. Den bürgerlichen Vertretern, die bisher ihre wichtigste Aufgabe in der Wahrung ihrer eigenen und der Interessen der Grundbesitzer erblickten, muß am Wahltage durch die Wahl sozialdemokratischer Kandidaten die Quittung für ihr gemeinschädliches Verhalten gegeben werden. ES erwächst uns aber auch die Pflicht, in der zweiten Wähler- klasse, die bisher nur als alleiniger Besitz der durch das kommunale Geldsackswahlrecht Begiinstigien galt, eine rege Agitation zu enl- falten, um auch hier Erfolge zu erringen. Wenn jeder Arbeiter die kurze Zeit, die unS noch von der Wahl trennt, zur Propaganda für die sozialdemokratischen Kandidaten aus- nützt, so kann der Erfolg nicht ausbleiben. Steglitz. Eineu interessanten Verlauf nahm die am Montag von der De- mokratischen Vereinigung nach dem AlbrechtSbofe einberufene Volks- ~ Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Versammlung. Da dieses größte Lokal von Steglitz der sozialdemokra tischen Arbeiterschaft für Versammlungen verweigert wird, so be» nutzte sie die Versanimlung, um ihrem Protest gegen daS Verhalten der Lokalbesitzer zum Ausdruck zu bringen. Von den 1ö00 Ver- samnllungsbesuchecn gehörten fast dreiviertel der Sozialdemokratie an, die als Ausdruck ihres Protestes auf den Genuß jeglicher Ge- tränke und Speisen verzichteten. Vom Vorstand des sozialdemokra- tischen Wahlvereins wurde der Leiter der Versammlung, Herr Oberst Gädke, ersucht, der Versammlung nachstehenden Antrag vor Eingang in die Tagesordnung zur Entscheidung vorzulegen. „Die heute von der Demokratischen Bereinigung einberufene und von zahlreichen Männern und Frauen besuchte öffentliche Ver- sammlung protestiert gegen die Weigerung der Besitzer des AlbrechtS- Hofes, ihre Lokalitäten der organisierten Arbeiterschaft zu öffcut- lichen Versammlungen zur Verfügung zu stellen, wodurch es der Arbeiterschaft in Sieglitz unmöglich gemacht wird, zur Beratung politischer Angelegenheiten in größeren Massen zusammenzukommen, Die Versammelten erblicken darin eine unerhörte Beeinträch- tigung der ohnehin schon arg beschränkten Rechte und Freiheiten des arbeitenden Volkes. Als ein Zeichen ihres Protestes beschließen die Versammelten auf den Konsum jeglicher Getränke und Speisen in der heutigen Versammlung zu verzichten und auch im übrigen, außer zu pvli- tischen Aktionen, den Albrechtshof so lange zu meiden, bis die Besitzer, wie allen übrigen Parteien auch der sozialdemokratischen Arbeiterschaft den AlbrcchtShof zu Versammlungen zur Verfügung stellen." Da das Bureau der Versammlung sich weigerte, diese über den Antrag entscheiden zu lassen, so verständigte man sich dahin, daß der Antrag vom Vorsitzenden verlesen und seine Befolgung empfohlen werden sollte. Stürmischer Beifall folgte der Verlesung des Antrages und den kräftigen Worten seiner Empfehlung durch den Vorsitzenden. So sehr auch die Stellner sich abmühten, Bier los zu werden, wurden an fast allen Tischen ihre Anfragen mit eisiger Ablehnung beantwortet. Hoffentlich trägt diese musterhafte Disziplin der Versammelten dazu bei, die Besitzer des AlbrechishofcS bald zu besserer Einsicht zu bringen. Wie diese Einleitung der Versammlung, so war auch der übrige Verlauf, der sich bis nach 12 Uhr hinzog. sehr anregend. Dem Referate des Herrn von Gerlach über„Des Volkes Not" folgte«ine lebhafte Diskussion. Von den Genossen Pieck und Aßmann wurde die Kritik des Herrn von Gerlach an der gegenwärtigen Teuerung durch eine Kritik ihrer eigentlichen Ursachen und dem schäbigen Verhalten der Steglitzer Gemeindevertretung gegenüber sozialdemokratischen Teucrungsniiirägen wertvoll ergänzt und zum Veitritt zur Sozialdemokratie aufgefordert. Lchmargcnvorf. Eine öffentliche gntvesnchte Gcmeindcwählerversammlung beschäf- tigte sich am Montag im Schützenhause mit der am Donnerstag, den 26. Oktober, stattfindenden Gemeindewahl. Genosse Groger-Rixdorf referierte über die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Gemeinde In dem mit reichem Beifall aufgenommenen Vortrag geißelte Groger daS Verhalten des von den Bürgerlichen aufgestellten Kandidaten, welcher als früherer Stadtverordneter sozialdemokratischen Tendenzen huldigte, es jetzt aber nicht als unter seiner Würde hält, sich unter der Regie des Herrn Dr. Fränkel, des Verwesers des Reichsverbandes zur Bekämpfimg der Sozialdemokratie, von den bürgerlichen Parteien reaktionärster Schattierungen als Kandidat zur Gemeindevertretung auf- stellen zu lassen. Ein solcher Mann, der es fertig bringe, in kurzer Zeit eine derartige Schwenkung nach„rechts" zu machen, sei auch nicht im entferntesten des Vertrauens würdlg, um auch nur eine einzige Stimme der werktätigen Wähler der 3. Wählerklasse zu erhalten. Es müsse daher ein jeder, dem es Ernst sei mit der Reformiening unserer reaktionären Gemeindevertretung, bei der am Donnerstag stattfindenden Gemeindevertreterwahl seine StimmedemKandidaten der Sozialdemokratie geben, denn nur so sei es möglich, den Sieg des« selben in dem so überaus schweren Wahllampf sicherzustellen. Hierauf wurde der von unseren Genossen vorgeschlagene Kandidat. der Buchdrucker Genosse Ernst Cullmann, von der Versammlung einstimmig bestätigt. Die Wahl selbst findet am Donnerstag, den 26. Oktober, nachmittags von 4 bis 8Nhr,ini hiesigen R a t h a u s e statt. Wem eS irgend möglich ist, komme schon um Uhr, damit wir bei der Wahl der Beisitzer zum amt- lichen Wahlbureau recht zahlreich zur Stelle sind. Kailshorst. Tragödie eines junge» Ehepaare?. In der Heiligenbergcr Straße 14 wurde gestern der 28 jährige Kaufmann Reeber mit seiner um acht Jahre jüngeren Frau tot aufgefunden. Das Ehepaar lag im Bett und hatte sich anscheinend im gegenseitigen Einverständnis vergiftet. Da die Leichen schon in Verwesung übergegangen waren. so muß die Tat schon Ende voriger Woche geschehen sein, lieber die Gründe des Doppelselbstmordes ist noch nichts bekannt geworden. DaS Ehepaar war erst seit acht Tagen verheiratet. Der Mann hatte in einem Berliner kausinännischen Bureau eine Stellung inne. Die Frau stammt aus Spandau. Die Leichen wurden von der Polizei beschlagnahmt und verbleiben einstweilen in der Wohnung, bis eine Gcrichlskommission den Tatbestand aufgenommen hat. Köpenick. Der Secfischverkauf findet nach den bisher bekannt gewordenen Mitteilungen der eingesetzten Kommission zur Linderung der Lebens- mittelpreise am Donnerstag, den 2 6. d, M., von vormittags 8 Uhr ab im Spritzenhause an der Dammbrllcke statt. Gleichzeitig werden auch dort Kochrezepte für Zubereitung der Seefische zu haben sein. Ober-Tchöneweide. Die Erhebung des FrcmdcnschulgcldcS in der Gemeinde mit 30 M. jährbch für solche Schulkinder, welche aus irgendemem Grunde nicht ortsansässig werden oder deren Eltern Ausländer sind, ist«ine grvde Ungerechiigkeit. ES ist gar nicht einzusehen, warum solche Eltern, die doch ebenfalls wie jeder andere Steuern entrichten, besonders belastet werden. Wenn auch die Einschränkung besteht, daß ein Einkommen unter 2000 M, von der Zahlung befrelt. so sind doch Fälle vorhanden, in denen bei geringer lleberschreitung dieser Summe gleich für mehrere Kinder da? Schulgeld fällig wird. Da nun infolge der zwaugSiveisen Beitreibung die Frage eine recht brennende geworden ist. werden unsere Vertreter m der Geineiiidevcrlretuug nicht verfehlen, die Aufhebung deS Schulgeldes zu beantragen. Adlershof. Die Gemeiildevertrcterfitznng am Donnerstag, den 26. d. Mts,, abends O1/� Uhr wird sich u. a, mit der Wahl von Gewerbegerichts- Vorsitzenden, Marktplayangelcgeuhciten und Schaffimg einer öffent« lichen Bedürfnisanstalt kiolvie mit einem Brief der Firma Wolf- Netter u. Jacobi beschäitigen/ der Brief ist an unsere Genossen ge- richret/ die Firma fordert darin, die von»»5 geübte Kritik an den Verhältnissen der Arbeiter ihres Betriebes solle dedingungSlos zurück- genommen werden, weil sie unzutreffend seien. Jossen. Die Stadtvcrordiictrnwahl in der dritten Abteilung findet am 6. November von vormittag? 10 bis nachmittags 2 U h r statt. Alle Bemühungen des sozialdemokratischen Wahl- Vereins sowie deS GewerkichaftSkartellS. den Wahltermin in eine für die Arbeiterschaft günstigere Zeit zu verlegen, waren erfolglos. ES liegt allem Anschein nach System darin, die Arbeiterschaft von der Wahl fernzuhalten und die Sozialdemokratie somit einflußlos auf die Geschicke der Kommune zu erhalten. Die Tonangebenden in der Stadtverwallung wissen, daß die Arbeiterschaft bei dieser ungünstigen L»ieraten:eil verantw.: Th Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwä«» Wahlzeit nur unter erheblicher Einbuße an ihrem Arbeitsverdienst ihr Wahlrecht ausüben kann. Aber gerade diese Spekulation, auf so schäbige Weise die werktätige Bevölkerung an der Ausübung ihres Wahlrechts zu hindern, muß von letzterer durchkreuzt werden, indem sie nun erst recht zahlreich zum Wahltisch schreitet. Die sozial» demokratischen Kandidaten zu den ErgänzungSwahlcn sind die Genossen Trebbin und Karl Lemke, und zu den Ersatzwahlen die Genoffen Saupe und Tschersich. Jeder Arbeiter agitiere bis zum Wahltage unermüdlich für die Wahl der sozialdemokratischen Kandidaten. Trebbin(Kreis Teltoiv). Aus der Stadtverordnetenssbung. Zunächst ivurfien 300 M. zur Errichtung einer Eichstelle bewilligt. Die Erbauung eines neuen Feucrwehrdepots sowie die Anschaffung von mehr Feuer- alarmgcräten und einem Mannschaftswagen sowie eines Schlauch- Wagens wurden abgelehnt. Der Antrag des Gewerkschaftskartells, die Badezeit im neuen Schulhaus zu verlängern, sowie den Preis für Wannenbäder von 50 Pf. auf 30 Pf. und der Brausebäder von 25 Pf. auf 15 Pf. herabzusetzen, unier der Bedingung, dah das Kartell die Garantie übernimmt, 1000 Karten zum Preise von 30 Pf. bzw. 15 Pf. umzusetzen, wurde dem Magistrat überwiesen. Gleichsalls dem Magistrat überwiesen wurde auch der Antrag des Genossen Schönsce, welcher die Holzauktion abwechselnd in allen Lokalen abzuhalten, befürwortet. Nun ging es zur Lesung des Ver- waltungsberichts. Unter dem Titel„Allgemeines" befand sich der von uns schon kritisierte Satz. Der Stadtverordnetenvorsteher, Herr Koppen, fragte hierbei den Bürgermeister, wer denn solche harren- den Preise für Ländereien gefordert habe. Genosse Richter brachte nochmals die für uns in Betracht kommenden Stellen zum Vortrag. Es kam dann zur Sprache, daß d-d. Kirchenrat für den Morgen Land, an der Bahn gelegen, 2400 M. gefordert habe.— Wie für die Entwicklung der Stadt gesorgt wird, besaeft ein Ausspruch des früheren Beigeordneten, jetzigen Swdtältcsten Herrn Hagen: Lieber zwei Rentiers als eine Fabrik. Der Bürgermeister erklärte, daß er niemand habe zu nahe treten wollen. In der Bürgerver- sammlung sei er als parteiisch hingestellt worden. Er bedauere eS lebhaft, daß der Bericht solchen Unwillen in der Bürgerschaft her- vorgerufen habe. Er habe nur den Gründen nachspüren wollen, welche zum Rückgang der Bevölkerung geführt habe. Es sei ihm bitter leid geworden, daß er einen derartigen Bericht geschrieben habe. Für die Zukunft werde er sich damit begnügen, nur die trockenen Aktengahlen aneinanderzureihen. In bezug auf den Fall Schurig betonte der Bürgermeister, dah er es einem Unternehmer nicht übelnehmen könne, wenn er dort seine Unternehmungen er- richte, wo er genügend brauchbare, willfährige und billige Arbeits- kräfte erhalten könne. In der nächsten Sitzung soll die Fortsetzung des Verwaltungsberichts ersolgen. Noivawes. Die Gemeindevertretung beschäftigte sich in ihrer ketzien Sitzung zunächst mit dem von der Regierung aufgestellten Bebau- ungsplan für die sogenannte„Große Sandscholle", d. i. das Gc- lände östlich der Eisenbahn, etwa von der Forkstrahe bis zum töchützenhausc. Der Plan, der den verschiedenen Wünschen der Gemeinde entsprechend geändert worden ist, sieht außer schönen breiten Straßen(bis zu 7 Meter Stratzendammbreite) auch drei größere Plätze vor. Eine Anregung des G.4V. Reiff, am Realgymnasium einen größeren Platz zu reservieren, wurde vom Bürger- meister dahin beantwortet, daß das nicht notwendig sei, da die gegenüberliegende Spitze nicht bebaut werden dürfe und somit der Blick auf das Gymnasium nicht behindert werde. Die Vertretung erklärte sich mit dem vorgelegten Plan einverstanden.— Die Polizei- Verordnung für den Wochenmarktverkchr ist von der Marktkoin- Mission einer Durchsicht unterzogen worden und soll nun nach Vor- nalMe einiger Aenderungen neu erlassen werden. DaS Marktstand- vcld wurde einheitlich auf 10 Pf. pro Quadratmeter festgesetzt.— Der Punkt„Beteiligung an den Kosten der Neupflasterung der Kaiserftraße" löste eine lebhaft« Debatte aus. Der Bürgermeister betont«, daß die Straße dem Kreis gehöre, der somit auch für deren Instandhaltung zu sorgen habe. Auf vielfach geäußerte Klagen über den schlechten Zustand der Straße habe sich der Kreis zu einer Neuchauffierung entschlossen und für diesen Zweck 55 000 M. in den Etat gestellt. Dieser Plan sei jedoch auf starken Widerspruch der Anwohner gestoßen, die ein einwandfreies Steinpflaster verlangten. Ter Kreis habe schließlich dicien Wünschen nachgegeben und ein künstliches Steinmaterial gewählt, wodurch sich die ursprünglich an- gesetzte Summe um etwa 30 000 M. erhöhte. Der Rest der Mehr- austvendung soll nun von den beteiligten Gemeinden Klein-Glienicke und RowaweS aufgebracht werden. Während nun erstere bereits einen Betrag von 75 000 M. bewilligt habe, sei eS Sache der Ver- tretung, über den auf unsere Gemeinde entfallenden Beitrag, der etioa 21 970 M. betrage» zu beschließen. Obivohl die Gemeinde rechtlich zur Zahlung deS verlangten Beitrages nicht gezwungen ivcrdcn könne, so sei doch mit Rücksicht auf daS der Gemeinde seitens des Kreises bisher bewiesene und auch in Zukunft zu erwartende Entgegenkommen eine Slbkchming nicht zu empfehlen. In der Diskussion sprachen sich die G.-V. Klinder, Reiff und Quappe mit Rücksicht auf die finanzielle Lage der Gemeinde gegen die Bewilli- gnng der geforderten Summe aus. Sic vertraten den Standpunkt, daß bei nochmaliger Verhandlung der Kreis seine Forderung er- mäßigen würde. Dem widersprachen G.-B. Nathan und der Bürger- meister. Genosse Nemnann erklärte sich im Namen seiner Fraktions- kollegen für die Bewilligung, weil die Gemeinde, die von den An- wohner» Steuern erhebe, auch die Verpflichtung Hab«, für einen geordneten Zustand der Straße Sorge zu tragen. Im übrigen stände die Sozialdemokratie auf dem Standpunkt: entweder ob- lehnen oder bewilligen. Diese Erklärung gab dem G-.V. Reiff Per. anlassung zu einein geharnischten Angriff auf die Sozialdemo- kraten. Etwas anderes habe der Herr von den Vertretern der dritten Klasse nicht erwartet, da dieselben ja stets den Standpunkt Alles oder Nichts einnehmen. Außerdem bemängelte er das Zu- fammengchen der dritten mit der ersten Klasse. Genosse Reu- mann wies dem Redner nach, daß die Sozialdemokraten sich fci ihrer Stellungnahme stets dem Wohle der Gemeinde untergeordnet haben. Was das Zusammengehen mit den Vertretern der ersten Klasse anbelangt, bemerkte unser Redner treffend, die Sozialdenw- kratie habe sich die Unterstützung für ihr Anträge immer daher geholt, wo sie Verständnis dafür finde. Schließlich wurden die Koiten mit allen gegen drei Stimmen bewilligt.— Da nach Mit- teilung der Eisenbahnbauleitung die Aussicht besteht, bei günstigem Winter die Unterführungen im Zuge der Bülow- und der Eiseir- bahnstraße bis zum Herbst nächsten Jahres fertigstellen zu können, beichloß die Vertretung auf Vorschlag des Bürgermeisters, schon jetzt die zur Pflasterung von Teilen der Eisenbahnstrahe, Schulstraße und Priestcrstraße chis zur Bäckerstraße) benötigten Kupferschlacken- steine zu bestellen. Zu der in der letzten Sitzung zurückgezogenen Vorlage betr. Ankauf de? Grundstücks Lindcnstr. 52 betont der Bürgermeister, daß das ehemals Jordanschc Grundstück vom Obcr- linvereiu angekauft fei. Das an das RathauSgrundstück direkt an- grenzende Gelände wäre für einen späteren Rathausumbau uuent- bchrlich und es sei dessen Ankauf daher dringend geboten, um so mehr, als der geforderte Preis. 50 000 M. für 1000 Quadratmeter, nicht zu hoch gegriffen sei. Da der Oberlinverein das Grundstück für die Errichtung eines Feierabcndhauscs in Aussicht genommen und sich darüber in seiner nächsten Monatsversammlung endgültig entscheiden will, müsse die Gemeinde rasch zugreifen. Gegen die Vorsage erklärte stch Schöffe �.amm. Nachdem sich jedoch die Herren Reiff und Obst sowie im Namen der sozialdemokratischen Fraktion Genosse Fesser für die Vorlage ausgesprochen, wurde der Ankauf des Grundstücks gegen eine stimme beschlossen.— Auf Vorschlag des Bürgermeisters erklärte sich die Vertretung mit der Uebernähme der Kosten für die Absonderung von krankenhauSpflegcbedürftigen. an übertragbaren Krankheiten leidenden Personen durch die Go- meindc einverstanden.— Zum Schluß wurden einige Ersatzwahlen von Armenvorstehern und-Pflegern vorgenommen. Auchdruckerei u. PerlagSanjtalt Paul Singer u- Eo.. Berlin