Nr. 262. fltonnemtms'BedlngungMis Abomikmenl« Preis pcftnumnanftat BierteljShrl. 3,30 Ml, monoll. 1,10 SRI, wöchmllich 28 Pfg, frei ws Hau». Ginjclne Nummer B Pfg, Sonntag?. nummer mil illullrierter Eonmaa?. Beilage.Die Neue Well» 10 PU>. Posl- ilbonnemenl: 1,10 Marl pro Konat Eingetragen In Bit Posl-Zettung?» Tretsuite. Unter Kreuzband wr Dcutichland und Oesterreich» Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland S Marl pro Monat, Postabonnrment? nebmen an: Belgien. Dänemark Holland, Italien, Luxemburgs Portugal, Kumünten. Schweden und die Schweis 28. Za�g. %k Inlfffloiw-SfMBr »«trügt für die sechsgespaltene Kolons »eile oder deren Raum 00 Pfg„ für politische und gcwerlschaltltche Derein?- und Bcrsammlungs-Aitzeigen 30 Pfa. „Klein« Anreisen", das lcügedruckte «ort 20 Pfg, siulüsflg 2 settgedruckte »Sorte), jede? weitere Wort>0 Psg. Stellengesuche und Schlasslellenan- , eigen das erste Wort 10 Psg„ jede? »eitere Wort 5 Pfg, Worte über 15 Buch. staden jühlen für zw et Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bi? t Uhr nacdmUIag? in der Expedition «»gegeben werden. Die Expedition ljt bis 7 Uhr abend? geöfsnel. Crtitttot tizll« luScr montjj«. Derlincv Dolksblcrtt. Zcntralorgan der rozialdemohrat» fehen Partei Deutfcblands. relegramm-Adresset aStzUKtBOkrit Berli»". Redaktion t 8Al. 68, Lindenstrasse 69. Fcrusprecher: Amt IV, Rr. 1983. Gefährliche Onfähigkeit. � Bethmanns Marokkoabschluß hat zu einem ergötzlichen Streit zwischen den schivarzblauen Bethmanniten und den liberalen Bülowitern geführt. Gegenstand des Streites ist die Preissrage: Ist für den Abschluß des Marokkoabenteuers die verflossene Unfähigkeit Bülows oder die regierende der Herren B e t h m a n n und K i d e r l e n verantwortlich? Die Konservativen, die nun einmal dem regierenden Agrarier auf Gedeih und Verderb verbunden sind, möchten alle Schuld dem früheren Reichskanzler aufladen. Der hat ja auch keine Landratsunterstützung bei den Wahlen mehr zu organisieren. Bülows Politik wird von ihnen deswegen ver> dämmt, weil er im Funi 1905 es abgelehnt hat. sich mit Frankreich friedlich auseinanderzusetzen. Damals bot der französische Ministerpräsident Nouvier dem Fürsten Bülow einen vollständigen Kolonialvertrag an, der den beut» sehen Wünschen im weitgehenden Maße Rechnung trug. Denn die als so revanchelüstern verleumdeten Franzosen haben in Wirklichkeit schon seit Jahren den Wunsch, sich mit Teutschland zu verständigen: ein Wunsch, der um so begreiflicher ist, als sonst Frankreich ganz auf die englische Unterstützung ange» wiesen ist und naturgemäß sich dadurch gezwungen sieht, eng- lischen Wünschen mehr als sonst Rechnung zu tragen. Bülow lehnte aber damals das französische Anerbieten ab und bestand auf der Konferenz von A l g e c i r a s. Dort stellte es sich dann heraus, was außer dem deutschen Auswärtigen Anit niemandem ein Geheimnis war. daß Deutschland mit seinen Marokkoonsprüchen völlig isoliert war. Die damalige Nieder- läge, die Fürst Bülow verschuldet habe, habe seinem Nach- folger einen günstigeren Abschluß zu erlangen jetzt unmöglich gemacht. Die Bülowiter können die Blamage von Algeciras nicht leugnen. Ader sie suchen Bülow herauszureißen, indem sie Wilhelm ll. hineinlegen. Seine„Lohcngrinfahrt" nach Tanger, die Rede, die er dort gehalten, die Versicherung, daß er die Souveränität des Sultans und die Integrität Ma- rokkos zu schützen wissen werde, die habe Bülow gezwungen, das Anerbieten Rouviers abzulehnen, das mit der kaiserlichen Zusage in Widerspruch stand. Diese Verteidiger vergessen nur. daß Bülow ausdrücklich den Ruhm, die Tangerfahrt ver- anlaßt zu haben, für sich in Anspruch und vor dem Reichstag mit den pathetistischsten Worten die Verantwortung für diese Politik auf sich genommen hat. In Wirklichkeit haben die Konservativen und Klerikalen. die heute den Fürsten Bülow völliger Unfähigkeit zeihen, sicher recht. Mit Lperettenstreichen und Kaiserreden, wie sie Bülow oeranlaßt oder wenigstens nicht gehindert hat, ist sicher keine erfolgreiche Politik zu machen. Aber warum, so müssen wir nun fragen, waren denn die Konservativen und bis zu den Tagen des Bülowblocks auch die Klerikalen so b e- geisterte Lobredner des früheren Reichskanzlers? Warum haben denn diese Leute namentlich gegen die sozial- demokratische Kritik nicht genug Haß und Geiser verspritzen können? Warum? Nun, aus genau demselben Grunde, wes- wegen sie seinen gewiß noch viel minder befähigteren Nach- folger verteidigen! Weil sie ihn für einen agrarischen Reichskanzler gehalten haben. Und wenn diese Leute ihren Profit durch den Zollwucher gesichert halten, dann ist ihnen, den„wahren Patrioten", alles andere völlig egal. Denn daß die Herren den jetzigen Reichskanzler oder gar den Staats. fekretär des Auswärtigen Amtes wirklich für fähigere Staats- männer halten sollten als die von ihnen jetzt als völlig un- fähig bezeichneten Vorgänger, hieße ihrer Jbtelligenz zu nahe treten. In der Tat haben die Kritiker des Herrn von Kid er» len-W aechter leichtes Spiel. Von Herrn von B e t h- mann braucht man ja in diesem Zusammenhang gar nicht zu reden. Als er Reichskanzler wurde, ließ er durch die offi- ziöse Presse der Welt mitteilen, daß er auswärtige Politik ,11 studieren beginne. Wir können uns nicht erinnern, daß dem deutschen Volke verkündet worden sei, daß der Herr Reichskanzler diese Studien beendet habe. Von einem so ernsten und gewissenhasten Mann kann man ober nicht vor- aussetzen, daß er schon vorher sich in die auswärtige Politik eingemischt habe. In Herrn von Bethmann Hollweg haben wir daher nur eine Art S i tz r e d a k t e u r des Herrn von Kiderlen-Waeckter zu erblicken, der infolge der überlebten Bestimmungen der Reichsversassung sich gezwungen sieht, für Taten verantwortlich zu zeichnen, deren Tragweite er nicht ausreichend beurteilen kann. Mit Herrn von Kiderlen-Waechter ist es dagegen etwas anderes. Als er aus Bukarest ankam, verkündete die offiziöse Presse, daß er so etwas wie ein neuer Bismarck wäre. Und damals war ja fast alles mit wenigen Ausnahmen offiziös. Von ihm mußte man also voraussetzen daß er wisse, was er tut. Aber selbst diese selbstverständlichste Voraussetzung er- wies sich bald als zu günstig— wie sich im Lause der Marokkoverhandlungen nur allzu deutlich gezeigt hat. Ueber den Gang der Verhandlungen ist ja von den deutschen Offiziösen fürchterlich viel zusammengelogen worden. Sie haben sich eben auch in dieser Beziehung ihrem Herrn angepaßt, und plötzlich eine unheimliche orientalische(Vu- karester) Phantasie entwickelt. Wäre es den bürgerlichen Parteien ernst mit ihrer Opposition, so müßten sie vor allem die Regierung zwingen, ihnen ein Weißbuch mit den offiziellen Dokumenten über den Gang der Ver» Handlungen vorzulegen. Das wird nun freilich nicht ge- sckehen. Denn die Regierung hat nichts mehr zu scheuen als die Oeffentlichkeit. Trotzdem kann man aber aus dem, was während der Verhandlungen bekannt wurde, sich ein Bild von den wirklichen Vorgängen machen. Die Entsendung des„Panther" war deshalb schon eine durch nichts zu rechtfertigende Brüskierung Frankreichs, weil kurz vorher der Botschafter C a m b 0 n seine Bereitwilligkeit gezeigt hatte, mit Deutschland zu unter- handeln. War er doch deshalb sogar dem Staatssekretär nach Kissingen nachgefahren. Herr von Kiderlen aber l e h n t e a b. Er brauchte ja eine sensationelle Politik, um sich als zweiter Bismarck zu erweisen und seinen kon- servativen Freunden die schöne Wahlparole zu ver» schaffen. Der„Panther" erschien vor Agadir. Damit nicht genug, wurde die ganze offiziöse Meute losgelassen, die all- deutschen Narren ermutigt und jene niederträchtige Kriegs- Hetze inszeniert, die Deutschland vor dem ganzen Ausland als Störenfried erscheinen lassen mußte. Wenn Kiderlen wirklich, wie er behauptet, nichts von Marokko annektieren wollte, wozu dann diese blödsinnige Demonstration, warum konnte er nicht in anständiger und zivilisierter Weise die französische Regierung zu Verhandlungen auffordern oder vielmehr auf das Angebot der französischen Regierung zu Ver- Handlungen eingehen? Die schwere Beunruhigung wäre Europa und Teutschland erspart geblieben und weniger als jetzt hätte der Herr Staatssekretär bei vernünftigem Vor- gehen sicher auch nicht erzielt. Die Art. wie dann die Verbandlungen weitergeführt wurden, entsprach ganz dem glorreichen Anfang. In Deutsch- land wurde offen der Absolutismus proklamiert. Das deutsche Volk durfte nicht das geringste erfahren, der Reichstag war vertagt und in der württembergischen Kommer wurde jede Anskunst verweigert. Durch die Ereignisse der letzten Tage ist auch festgestellt worden, daß nicht eininal die auswärtigen Botschafter und die zuständigen Staatssekretäre befragt worden find. Herr von Kiderlen übertraf in dieser einen Beziehung allerdings das Beispiel Bismarcks. Ebensowenig wie das Inland hielt Herr von Kiderlen es für nötig, das A u s l a n d über seine Ziele zu informieren. In England konnte man sich den Streich von Agadir nicht anders erklären, als daß Deutschland sich in Marokko festsetzen und in Agadir eine in England für bedrohlich er- achtete Flottenstation schaffen wolle. Es war vergeblich, daß Herr A s q u i t h bereits am 4. und noch schärfer am 7. Juli seiner Beunruhigung Ausdruck gab und von der neuen Situation sprach, die die britischen Interessen direkter be- rühre. Herr von Kiderlen, der von Anfang an sich über die Stimmung in England in einer ganz unerklärlichen Täuschung befand, hielt es nicht der Mühe wert, über seine Absichten Aufklärung zu geben. Und so kam es zu jener Rede Lloyd Georges, die in eine Kriegsdrohung aus- klang. Erst jetzt, nachdem diese glorreiche Politik Deutschland an den Rand eines Krieges gebracht hatte, lenkte man ein. Wir haben schon damals berichtet, daß erst die Nichtbeantwortung einer englischen Anfrage zur Rede des Schatzkanzlers geführt hat und daß erst nach dieser Rede die Antwort einlief, die dann A s g u i t h veranlaßte, im englischen Unterhaus» zu erklären, daß der englische Stand- Punkt in Berlin jetzt voll verstanden wurde, so daß England jetzt vollständig darüber beruhigt sein könne. Damit ist aber bewiesen, daß Herr von Kiderlen durch seine Politik das deutsche Volk wegen untergeordneter kapi- talistischer Mineninteressen in Gefahr gebracht hat, in einen Krieg mit England und Frankreich hineingerissen zu werden. Man erinnert sich noch an die H e tz e, die dann entstand, als bekannt wurde, daß in der Entscheidung zwischen Krieg und Frieden die Entscheidung für den Frieden gefallen sei. Man erinnert sich, mit welchen Beschimpfungen die Panzerplatten- presse über Wilhelm II. hersiel, weil er den Ausschlag für den Frieden gegeben hätte. Wenn es wirklich so ist, daß damals, wie die Patriotenpresse behauptete, Wilhelm II. erst zwischen Krieg und Frieden wählen mußte, dann schließt diese Behauptung in sich, daß Herr von Kiderlen-Waechter bereit war. die Konseauenzen einer falsch be- rechneten und unbesonnenen Politik das deutsche Volk trage n zu lassen und die beut- scheu Arbeiter auf das Schlachtfeld zu schicken, um von ihm nicht vorausgesehene Wider st ände mit Gewalt zu überwinden. Das ist es. was uns an dem nun beendeten Abenteuer so wichtig erscheint. Die Möglichkeit, daß die Herrschenden, ja daß zwei ganz gleichgültige Menschen, die ein verfehlter Entschluß zu Ministern gemacht hat, es in der Hand gehabt haben, über Krieg und Frieden des deutschen Volkes zu ent- scheiden. Das ist das Unerträgliche an den heutigen Zuständen, das ist das. was geändert werden muß. Alles übrige ist weniger wickitig. Wir teilen nickt die Meinung der deutschen Kokonialschwärmer, daß das Pro- tektorat über Marokko für das französische Volk ein Glück ist. Es ist merkwürdig, daß dieselben Leute, die zugeben, welch gefährliche und kostspielige Sache das t r i p 0 l i.ta n i s ch e Abenteuer ist, in Abrede stellen wollen, daß den Franzosen in Marokko dieselben Gefahren erwachsen können. Kapitalistische Kolonialpolitik wird ja überhaupt immer kostspieliger, ge- fährlicher und unproduktiver. Sie bedeutet immer mebr nicht Expedition: SM. 68, Undcnstrasse 69, Fernsprecher: Amt IV, Rr. 1984. eine Stärkung, sondern eine militärische Schwächung der großen Kolonialländer, und auch die Franzosen müssen darauf rechnen, daß sie nach Nordafrika noch viel stärkere militärische Besatzungen werden werfen müssen. Uns ist viel bedenk- licher, daß wir mit neuem Kolonialland belastet werden, mit einem Erwerb, der uns die Aussicht eröffnet, in n e u e K 0- lonialabenteuer in Zentralafrika verstrickt zu werden. Und deshalb ist uns selbst der Nachweis von der Unfähig- keit unserer auswärtigen Politik nur darum so wichtig, weil er zugleich die UnHaltbarkeit eines Systems aufzeigt, das das deutsche Volk von der Entscheidung über seine wichtigsten Lebensfragen ausschließt und sein Schicksal Leuten in die Hände spielt, die nur ein unglücklicher Zufall und die ver- brecherische Interessiertheit einer schmalen herrschenden Clique zu seinen Herren gemacht hat. m Die Zustimmung der Mächte. Als erste von den Mächten, die den AlgeciraLvertrag unter» zeichnet haben, haben Italien und Rußland ihr Zu st im- m u n g zum deutsch-französischen Marokkovertrag erklärt. Zu diesen freiwilligen Zustimmungserklärungen kommt noch die unfrei» willige des Sultans von Aiarokko. Die Befürchtungen Belgiens. Brüssel, 7. November. Es scheint sich zu bewahrheiten, daß Deutschland bei den Verhandlungen mit Frankreich einen gewissen Wert auf die Erwerbung des Vorkaufsrechtes gelegt hat. das Frankreich besitzt, falls Belgien die Kongokolonie zu ver- äußern gedenkt. Belgische Blätter, die möglichst ihre Ruhe zu be- wahren suchen, wie die radikale„Gazette", verhehlen sich nicht, daß Belgien Befürchtungen hinsichtlich seiner Kolonie hegen mutz; aber die Lage sei heute nicht schlimmer als zuvor und der Schutz Belgiens liege in der Schwierigkeit für die Signatar.» mächte der Berliner Akte, zu einer Verständigung zu gelangen. Das Marokkoabkommen vor der Kammer. Paris, 7. November. Präsident B r i s s 0 n sagte bei Eröffnung der Sitzung, er wolle zunächst der Nation das Lob aussprechen, das sie verdiene. Die Seele Frankreichs sei in diesen langen der Ge- schichte angehörenden Tagen so ruhig und so edel erschienen, daß sie sich den Beifall aller Rivalen und Freunde erzwungen habe. Sie sei sich stets gleich geblieben, sowohl in der Trübnis des mitunter beunruhigenden Schweigens, wie während der glänzenden Feier der vor Toulon versammelten Flotte, wie auch in der unendlichen Trauer über die schreckliche Katastrophe. Ein Volk, welches das Ge» schick durch eine Periode von mehr als drei Monaten so schwer treffe, ohne ihm eine Bewegung der Ungeduld oder ein Zeichen der Schwäche entreißen zu können, beweise dadurch, daß es das volle Bewußtsein habe davon, was es wert sei, und davon, was es wolle. Der Präsident sprach dann eingehender über die Katastrophe der Liberte und wiederholte seinen Dank an die Präsidenten der frem- den Parlamente, die Beileidsbezeigungen gesandt hatten. Minister des Aeußeren deSelves legte dem Bureau den Ge- setzentwurf betreffend das deutsch-französische Abkom- m e n vor und ersuchte um Verweisung an die Kommission für aus- wärtige Angelegenheiten. De Beauregard forderte, daß der Kommission der Geheimvertrag mit Spanien mitgeteilt werde.(Beifall auf zahlreichen Bänken.) Ministerpräsident Caillaux antwortete, der Kommission würden alle Dokumente, deren Vorlegung sie für gut befinden sollte, mitgeteilt werden.— Das Abkommen wurde darauf an die Kommission ver, wiesen._ Zur IRelchstagswal)). Wahlkampf in Württemberg. Am Sonntag, den B. November hat die Sozialdemokralle fei 1. württembergischen ReichStagSwahlkreise» den Wahlkampf mit 28 Versammlungen eröffnet. Die Versammlung in Stuttgart, in der der sozialdemokratische Kandidat Genosse Hilden- branb und Reichstagsabgeordneter Dr. Südekum sprachen, war von rund BOOO Personen besucht. Auch die übrigen Versammlungen im Stuttgarter Wahlkreis wiesen einen starken Besuch auf. Der Kampf um den 1. Wahlkreis wird sehr heiß wer- den. In der Haupiwahl 19(17 siegte Genosse Hildenbrand mit 2B 090 Stimmen über den nationalliberalen Kandidaten, der es mit Hilfe der Volkspartei auf 21 442 Stimmen brachte. Der ZentrumSmann erhielt 2400 Stimmen. Das Mehr der sozialdemokratischen Stimmen war also 1248. Die politische Situation hat sich mittlerweile sehr zugunsten der Sozialdemokratie geändert. Die bitteren Enttäuschungen, die der liberal-konservative„Bülowblock" gebracht hat, sind unvergessen. Die volksverräterische Politik des den„Bülowblock" ablösenden „schwarzblauen" Blocks hat ein UebrigeS getan, um die Empörung weiter Volkskreise zu steigern. Die Mitgliederzabl des Kreiswahl- Vereins hat sich verdoppelt. Diesen günstigen Momenten stehen aber auch manche nachteili- gen gegenüber. Die hohen Wohnpreise zwingen immer mehr Ar- beiter, außerhalb Stuttgarts ihren Wohnsitz zu nehmen. Unser RekrutierungSgebiet verengt sich dadurch, während die soziale Struktur des 2., 4. und B. Wahlkreises uns günstiger wird. Das Anwachsen der Sozialdemokratie, ein Resultat der wirtschaftlichen EntWickelung und der regen Agitations- und Organisationsarbeit der Genossen de» 1. Wahlkreises, hat auch den Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Sozialdemokratie verschärft. Liberale und Volks. parteiler buhlen offen um die Mahlunterstützung des Zentrums und der Konservativen, die ihnen— wenn auch nicht offiziell— auch wohl zuteil werden wird, freilich erst im zweiten Wahlgang, falls ein solcher sich notwendig machen sollte. Dem Wahlübcrcin- kommen gemäß, das Volkspartei und Liberale miteinander ge» troffen haben, hat die nationalliberale Partei den Kandidaten zu stellen, der van den Volksparteilern unterstützt wird. Ihren ge» riss«nsten Wahlmacher, den Oberdürgermeister Dr. Max Mül be r g e r von Eßlingen, haben die Nationalliberalen auf den Schild erhoben. Herr Mülberger soll die politisch Unentschiedenen lodern ein Geschäft, das er allerdings ausgezeichnet versteht. Mit Ver sprechungen weitgehendster Art ist der liberale Kandidat stets sehr freigebig gewesen. Ihm kann nur begegnet werden mit einer klaren prinzipiellen Agitation, die den Gegensatz zwischen proletarischer und bürgerlicher Politik scharf herausarbeitet. Im L. Wahlkreis(Tannstatt-Ludwigsburg> müssen wir uns gleichfalls mit einem Nationalliberalen herumzuschlagen. Im Jahre lS07 siegte hier mit dolksparteilicher Hilfe der national liberale Führer Dr. Hicber mit 18 787 Stimmen über den sozial demokratischen Kandidaten, der 1SS46 Stimmen erhielt. Der Rück. tritt HieberS machte eine Nachwahl notwendig. Die Blockpolitik .eug bittere Früchte für die bürgerlichen Parteien: am 3». Juli 1910 gaben 18 70S Wähler den sozialdemokratischen Zettel ab, SS28 Wähler unterstützten den gemeinsamen Kandidaten der Deutschen (uationalliberalen) Partei und der Fortschrittlichen Volkspartei, 4330 Wähler votierten für den Baucrnbund. Mit einer Mehrheit von 4244 Stimmen eroberte unsere Partei den Wahlkreis zum ersten Male. Die industrielle Eniwickelung dcS Kreises und die Zuwanderung zahlreicher Arbeiter, die zwar im 1. Wahlkreis ar- beiten, im 2. Kreis aber ihren Wohnsitz aufschlagen, lassen diesen Kreis als festen Besitzstand der Partei erscheinen. Der 5. Wahlkreis(Eßlingen-Kirchheim), der einzige, den die nationalliberale Partei in Württemberg noch besitzt, dürfte von der Sozialdemokratie wieder zurückerobert werden. 1907 nahmen die verbündeten Nationalliberalen und Volksparteiler uns den Wahlkreis mit 15 864 Stimmen, die der nationalliberale Kandidat Wetzel erhielt. Der bisherige Inhaber des Mandats, Genosse Schlegel, brachte es auf 12253 Stimmen(1903: 10168). Gerade in diesem Wahlkreis ist aber die Blockbegeisterung gründlich ver» flogen. Der nationalliberale Inhaber des Mandats hat auf die Kandidatur verzichtet. Der 3. Wahlkreis(Heilbronn) gehärt zum Besitzstand der Fortschrittlichen Volkspartei. 1907 wurde mit sozial demokratischer Hilfe Pfarrer Naumann gewählt. Schon damals war die Sozialdemokratie der Volkpartei hart auf den Fersen lSoz. 9467 St., Volksp. 9713 St.. Bauernbund 11529 St.). Um den Wahlkreis nicht in bauernbündlerische Hände fallen zu lassen, stimmte die Sozialdemokratie für Naumann. Diesmal wird sich wohl der EnkscheidungSkampf zwischen Bauernbund und Sozial- demokratie abspielen. Die Zahl der organisierten Parteigenossen hat sich seit 1907 von 1398 auf 2467 erhöht, die Zahl der Leser der sozialdemokratischen Presse von 1319 aus rund 6000. Der 6. Wahlkreis(Tübingen-Reutlingen), die„Hochburg" des Führers der Volkspartei, des Herrn v. Payer, Kammerpräsi- dcnt usw., wird diesmal einen scharfen Ansturm der Sozialdemo- kratie auszuhalten haben. Zwar siegte Payer 1907 mit 11 797 libe- raleu und volksparteiltchen Stimmen über seine Gegner(Soz. 6040, Zentr. 3484, Bauernbund 1209 St.). Diesmal dürfte ihm eine Stichwahl kaum erspart bleiben. Den 7. Wahlkreis(Calw-Herrenberg) konnte auch 1907 die Volks Partei erst in der Stichwahl holen. Zwar stehen hier den 7894 volksparteilichen und 7086 Bauernbundsstimmen nur 8439 sozialdemokratische Stimmen gegenüber. Die politische Eni- Wickelung hat aber auch vor diesem Wahlkreis nicht Hmlt gemacht. Auf den 8. Wahlkreis(Freudenstadt-Horb) trifft das gleiche zu. Den 8536 volkSparteilich-nationalliberalen Stimmen stehen 4204 sozialdemokratische, 6455 Zentrumsstimmen und 568 Bauernbundsstimmen gegenüber. Die Volkspartei rechnet auch hier auf sozialdemokratische Wahlhilfe gegen das Zentrum, in anderen Kreisen auf Zentrumshilfe gegen die Sozialdemokratie. Das ist so nationalliberal-volkSparteilicher Brauch in Württemberg. Heiß umstritten wird der 9. Wahlkreis(Balingen-Rott- weil) deS volksparteilichen Führers Konrad Hautzmann, des Zweifronten-TaktikerS. Den 10 426 volkSparteilich-nationallibe- ralcn Stimmen stehen 7082 sozialdemokratische und 8306 Zentrums- stimmen gegenüber. Die treulose Taktik des Herrn Haußmann, Eugen Richters sel. Erben, gegen die Sozialdemokratie hatte schon 1907 den Beschlug der zuständigen Partciinstanzen gezeitigt, diesem volksparteilichen Politiker zum wohlverdienten Durchfall zu ver- helfen. Man hat aber von einer kraftvollen Durchführung des Beschlusses Abstand genommen und es bei der Warnung bewenden lassen. Herr Haußmann rutschte noch einmal in den Reichstag hinein. Kaum fühlte er wieder Boden unter den Füßen, da über- schüttete er auch schon die Sozialdemokratie mit Hohn und Spott, der ihm allerdings noch nachträglich bitter aufstoßen dürfte. Den 10. Wahlkreis(Göppingen-Glwünd) hat die Sozial- demokratie bereits in Besitz gehabt; er wurde ihr 1907 durch einen in allen Farben schillernden Volksparteiler entrissen. Diesmal dürfte ihn die Sozialdemokratie mit Glanz zurückerobern. Der 14. Wahlkreis(Ulm�Heidenheim) ist zurzeit auch noch volksparteilicher Besitz. Das Wahlabkommen zwischen Volks- Partei und Nationalliberalen, das den 3., 6., 7* 8., 9., 10., 11., 15. und 16. Wahlkreis der BolkSpartei. den 1., 2., 6.. 12., 13. und 17. Wahlkreis den Nationallibcralcn zuspricht, hat auch den 14. Wahlkreis der Vvlkspartei reserviert, aber nur für den Fall, daß sich der bisherige Inhaber des Mandats. Rechtsanwalt Storz, ein Nationalliberaler, der sich merkwürdigerweise als Volksparteiler bezeichnet, wieder aufstellen läßt. Herr Storz ist aber ein vorsich- tiger Mann, der sich einem Durchfall nicht gern aussetzt. Er hat die Kandidatur abgelehnt. Die Folge war ein monaielange» Geraufe der verbündeten Parteien. Gegenkandidaten wurden aufgestellt, die voltsparteiliche und liberale Presse vollführte ein homerisches Kriegsgeschrei. Da keine Partei nachgeben wollte, schien das ganze Wahlabkommen bedroht. Nun endlich hat man sich dahin geeinigt. eine politische Null aufzustellen, an der die Parteien glücklicherweise überreich sind. Ob dieser„Sammclkandidat" in die Verlegenheit kommen wird, im Reichstag den Politiker mimen zu müssen, ist jedoch fraglich. Die Sozialdemokratie mit ihren 7283 Stimmen, die seit 1907 sicherlich nicht weniger geworden sind, wird auch noch ein ernstes Wörtchen mitreden. Ten 10 932 Stimmen der verbün- dcten Parteien standen außerdem noch 4543 Zentrumsstimmen und 2486 bauernbündlerische Stimmen gegenüber. Ter 13., 15., 16., 17. Wahlkreis und Hohenzollern sind sicherer Besitz des Zentrum s. Schlimmer ist der B a u e r n b u n d daran, der seinen 4. Wahlkreis(Böblingen-Leonbcrg) stark bedroht sieht. Die nationalliberale Partei, die mit 6281 gegen 6965 bauernbündlerische Stimmen steht, hofft ihn zu erobern. Die So- zialdemokratie ist ihr mit 5813 Stimmen aber sehr nahe gerückt und wird sie wohl überflügeln. Der Bauernbund muß dann„das Vaterland retten". Den 11. Wahlkreis, der sich zurzeit noch einen Bauernbündlcr gefallen lassen mutz, beansprucht die Volks» partei, die 1907 den 10 450 baucrnbündlerischen Stimmen 4528 ent- gegenstellte. Die Sozialdemokratie erhielt 2947 Stimmen. Den 12. Wahlkreis(Crailsheim) möchte die liberale Partei dem Bauernbund abnehmen. Das Stimmenverhältnis ist: Baucrnbund 8332, Naiionalliberale 5351, Zentrum 4472. Sozialdemokratie 1241. Bruder Zentrum wird jedoch den Bauernbund nicht im Stiche lassen. Man sieht, Volkspartei und NationaNiberake haben im Schwa- benlantzc alle Dinge weislich geordnet und das Bärenfell brüderlich geteilt. Das Wahlabkommen weist nur noch den einen SchönheitS- 1 genommen, so daß der Versuch mißlang. Gegen Einbruch der Nacht fehler auf, daß nämlich der Bär noch nicht erlegt ist. Die'Sozialdemokratie, die 1907 nur einen Wahlkreis (Stuttgart) behaupten konnte, den 4., 5. und 10. Wahlkreis verlor, wird am 12. Januar 1912 nicht nur die Schlappe auswetzen, sondern aller Voraussicht nach weitere Fortschritte machen. Unsere Wahl- Versammlungen find fast stets überfüllt, und unsere Genossen lassen es an Arbeit, Eifer und Opfcrwilligkeit nicht fehlen, um den Wahl- tag zu einem Gerichtstag für alle offenen und verkappten Volks- feinde zu machen. ».» Eine nattonale Einigungskandidatur ist in Hannover aufgestellt worden und zwar in der Person deS Obermeisters Harry Plate, der bekanntlich vor gar nicht langer Zeit auf„allerhöchstes" Vertrauen als Vertreter des Mittelstandes ins Herrenhaus berufen wurde. GS sind hauptsächlich die konservativen Elemente der Stadt Hannover, die diese Kandidatur proklamiert haben. Am unangenehmsten überrascht werden davon die koalierten Rationalliberalen und Freifinnigen sein, die in der Person des Volksparteilers Lenzberg, der einst als demokratisch galt, mittlerweile fich aber zum Nationalliberalen mit freisinnigem Aushängeschild durchgemcmfert hat, den geeigneten Sammclkandidaten gegen die Sozialdemokratie gesunden zu haben glaubten. Unsere Genossen werden jedenfalls das ihrige tun, um das Erbe Meisters der Partei zu erhalten. « Graf PosadowSky als Hansnbündlcr. Auf eine Anfrage der Bielefelder Ortsgruppe des Hansabundes hat Graf PosadowSky erklärt, daß er mit den Grundzügen deS HansabundeS vollkommen einverstanden sei. Eine zustimmende Erklärung deS einstigen Staatssekretärs zu der ihm angetragenen Kandidatur ist noch nicht erfolgt. ver Krieg. Italien fühlt sich, wie aus der Proklamation der Annexion und aus dem Rundschreiben an die Botschafter hervorging. als siegreicher Eroberer. Nur schade, daß seine Taten ntit seiner Großsprecherei nicht übereinstimmen wollen. Der„Avanti" meldet nämlich, daß auch die Reserven der Jahres- klaffen 1886 und 1887 einberufen und daß auS diesen das t r i p o lit a n i sch e Expeditionskorps auf 100 660 Mann gebracht werden soll. Ferner kann die Regierung immer weniger die Wahrheit über die tatsächlich erlittenen Verluste vertuschen, ebenso wenig wie die unverschämte Sprache der italienischen Tripolispresse die an den Arabern begangenen Greueltaten aus der Welt schaffen kann. Freilich braucht sich die deutsche, österreichische, englische usw. Vourgeoispresse über die freche Verlogenheit der italienischen nattonalistischen Zeitungen nicht sittlich zu entrüsten. Sie haben es alle nicht besser gemacht, als ihre eigenen Regierungen auf kolonialen Raub ausgingen. Wie haben zmu Beispiel die deutschen bürgerlichen Blätter über die sozialdemokratischen Zeitungen geschimpft, als diese von Greueltaten während des Hunnenzuges und des Herero aufstandes berichteten, Greueltaten, die im Laufe der Zeit von einwandfreien Zeugen bestätigt worden sind. Und wie hat die englische Presse über die gekeift, die zur Zeit des Burenkrieges von den Abscheulichkeiten der Konzentrations lager berichteten. Sie sind allzumal Sünder und Pharisäer, und die italienischen Blätter, die jetzt die Arabermetzeleien in Tripolis frech ableugnen, handeln nur nach berühmten Mustem. Ferner will es sehr wenig zu den italienischen Sieges- berichten stimmen, daß jetzt General C a n e v a als Sünden- bock hingestellt und abberufen werden soll. Der Mann, der die Verantwortung für das viele unschuldig vergossene Blut zu tragen hat, ist aber weniger schuldig als die, die n frevelhafter und gewinnsüchtiger Absicht zu dem Aben teuer getrieben und über die Situation in Tripolis, besonders über die Stimmung der Araber, verlogene Berichte in die Welt posaunt und dem italienischen Volk den Korsareuzug als einen„militärischen Spaziergang" dargestellt haben. Die Folge davon war, daß die militärische Aktion höchst leichtfertig vorbereitet war und infolge der klugen Taktik der türkischen Truppenleitung sich nur auf eine verlustreiche Verteidigung von Tripolis und einiger anderer Küstenstädte deschränken konnte. All das muß auch jetzt die Nachrichten von Zwistigkeiten zwischen Türken und Arabern, die von den italienischen Offiziösen niit großer Geschäftigkeit verbreitet werden, höchst verdächtig erscheinen lassen. Die Geschichte der nord aftikanischen Kriege zeigt zwar, daß es immer schwer war, größere Aufgebote von verschiedenen Stämmen angehörenden Arabern und Berbern für eine einheitliche Aktion zttsamnicn zuhalten, aber vorläufig liegt kein Grzmd zur Annahnte vor, zaß es den türkischen Offizieren nicht gelingen soll, die arabischen HilfStruppen auch weiterhin zu gemeinsamen Aktionen mit verwenden, wie sie es bisher Mit den italienischen offiziösen und von Mangel im türkisch auch sehr wenig die vom Kriegs korrespondcnten des„Avanti" mitgeteilte Erzählung eines Bersagliere übcrcin, der in türkische Kriegsgefangeiischaft ge- raten war und wieder entfliehen konnte. Danach befanden sich im türkischen Lager vor Tripolis mindestens 7000 Araber und 2000 türkische Soldaten, ferner aber auch reiche Vorräte an Lebensmitteln und Munition. In den letzten Tagen ist es bei Tripolis und Dern a wieder zu ernsteren Kämpfen gekommen. Wi� immer, stehen die türkischen und italienischen Meldungen darüber im schärfsten Widerspruch, jede der beiden Parteien will gesiegt haben. Die Wahrheit wird sich wohl auch erst in einigen Tagen feststellen lassen. Die Kämpfe vor Tripolis. Italienische Darstellung. Tripolis, 7. November.(Meldung der Agenzia Stefani.) Der vorgestrige Angriff hatte keine weiteren Folgen. Diese einzelnen kleinen und unaufhörlichen Angriffe bezwecken dielleicht auch, die italienischen Arbeiten sllr eine endgültige feste Stellung zu hindern. Die Ankunft der neuen Verstärknitgen ließ eS opportun erscheinen, eine weiter vorgeschobene Linie in der östlichen Oase zu besetzen, um die tn der westlichen Oase verborgenen Feinde zurück- zutreiben. Um 2 llhr nachmittags ging dir 5. Brigade unter dem Befehl dcS Generals Dechaurand von der italienischen Verteidigungslinie schnell gegen die Batterie Hamidje vor, nahm sie ein und besetzte sie mit einer Batterie GebirgSschützen und einer Batterie Schnellsenerkanoiten. Die Ordnung mtd Schnelligkeit des italienischen VorrückenS machten cS dem Feinde umnöglich, be- merkenswerten Widerstand zu leisten. Die Türken und Araber be- mühten sich, mit Infanterie und Artillerie einen Gegenangriff zu machen, aber die 5. Brigade hatte bereits eine so starke Stellung«in» zog sich der überall zurückgeworfene Feind in großer Unordnung und mit nicht geringen Verlusten zurück, während die Italiener nur sieben Verwundete hatten. Die italienischen Truppen sind mit der Herrichtung der endgültigen Stellung beschäftigt. Auch die Ein- wohner bekunden nunmehr ein größeres Gefiihl der Sicherheit: sie haben mit vollem Vertrauen ihre gewohnte Beschäftigung wieder aufgenommen, so daß der Handel wieder aufzuleben beginnt, wie die Tätigkeit des Zollamtes in Tripolis ausweist. (Türkische Darstellung.) Konstantinopel, 7. November. Oberst Neschöd meldet unter dem 4. d. Mts. aus Tripolis: Wir unternahmen heute einen Sturm, welcher für die Italiener durchaus unglücklich ausgefallen. Die Italiener hatten 300 Tote und ebenso viele Verwundete. Unter den Toten befinden fich viele Offiziere. Während des ganzen Sturmes bombardierten die Kriegsschiffe unausgesetzt unsere Stellungen, so daß wir uns in die von ims eroberten Kasernen zurückziehen mußten. Die dort gefundenen Waffen sowie große Vorräte an Lebensmitteln tun uns große Dienste. Die Einnahme von Derna. Konstantmopel, 7. November. Beim KriegSministerium lief eine amtliche Meldung über die Einnahme von Derna ein. Danach hatten die Italiener einen Verlust von 500 Toten und zahlreichen Ver- wundeten. 18 Kanonen und 5000 Kisten Munition wurden erbeutet. Die Türken verloren 80 Tote und 100 Verwimdete. Eine weitere Meldung vom Major Enver Bey über den Sturm besagt:„Die Häuptlinge der Senussen verfügen mit unseren Truppen über 10 700 Mann. Der heutige Sturm kostete den Italienern 360 Tote und 167 Verwundete. Zirka 140 Gefangene wurden gemacht, 9 Kanonen erbeutet, wovon sechs unbrauchbar gemacht waren. Viele Munition und große Vorräte fielen in unsere Hände. Auf unserer Seite sind 280 Tote und 195 Verwundete zu beklagen. Darunter ein Frei- willigenleutnant." Türkische Truppcnkonzentration in Arabien. Konstantinopel, 7. November. Der dritte Teil der Truppen des AufstandSgebieieS von Afiyr wurde nach Hodeida und Umgegend zurückgezogen. Daselbst befinden fich bereits die Truppen aus dem Demen mit den beiden Kommandierenden Jzzed und Mchmed Ali Pascha. Da ein Rücktransport der über 12000 Mann starken Armee nach Konstantinopel gegenwärtig als ausgeschlossen gilt, hat die Konzentration nach Hodeida nur dann einen Zweck, wenn sie zu Operationen nach einer noch unbekannten Richtung verwendet wird. den regulären Truppen zu meisterhaft verstanden haben. Berichten von Zwistigkeiten arabischen Lager stimmt u. a. Sie Revolution in China. Die Zensur aufgehoben. Peking, 7. November. Da die Zensur für die Presse aufgehoben ist, veröffentlichen die chinesischen Zeitungen heute lange Berichte über die Metzeleien in Hankau und messen den Führern der Kaiserlichen die Schuld bei. Sie be- haupten, der Ausbruch der Revolution in Schanghai fei die direkte Folge der Metzeleien, und diese hätten die allgetneittc Beunruhigung und die Feindseligkeit gegen die Mandschns vermehrt. Die britische und die amerikanische Regierung ergreisen wirksame Maßnahmen, um ihre Landesangehörigen im Falle einer für die Fremden entstehenden Gefahr zu beschützen. Doch wird eine solche immer noch für unwahrscheinlich gehalten. Räch Briefen eines Offiziers, der zum Stabe von I u a n s ch ik a i gehört, verlangt der Führer der Aufständischen Liyuanheng unter anderem, daß der kaiserliche Haushalt mit den gesamten Gefolgsleuten einschließlich der Eunuchen aus Peking entfernt werde.— Konsularberichte aus Mulden besagen, daß viele Chinesen auf daS Land Mchten, da sie glauben, daß sich die Mandichus nach Mulden zurückziehen und die chinesische» Einwohner niedermetzeln werden. I u a n s ch i k a i hat der fünften Division in Schantung den Befehl erteilt, nach Nieko vorzurücken.— Die Handelskammer in Peking ersuchte die Regierung um viertausend Gewehre und dazu- gehöriger Munition zur Bewaffnung einer von der Karifmannschaft zu bildenden Polizeitruppe. Eine Bluttat der MandschuS. Peking, 7. November. General Wu, der vor kurzem neuer- nannte Gouverneur der Provinz Schaust, wurde heute morgen in seinem Schlafzelt bei Schihkiachwang von dreißig Mandschns ermordet. Bei ihrer Verhaftung erklärten diese, daß General W u im Geheimen den Rebellen angehört habe. Es verlautet, daß der Ermordung deS Generals Wu heute einige Kämpfe zwischen MandschuS und chinesischen Soldaten folgten, bei denen verschiedene Offiziere und Mannschaften getötet wurden. Der entflohene Prinz. Peking, 7. November.(„Meldung des„Reuterfchen vnrrauS'.) Prinz Tsai-hsün ein Bruder des Regenten, der im Jnhre 1910 an der Spitze der Koinntiffion für die Wicdereinrichtung der Marine Europa bereist hatte, ist seit drei Tagen nicht mehr ge- sehe» worden. Prinz Tsai-hsün war von seinem Postrn als stell- vertretender Marinentinister auf mehrere Monate beurlaubt, und es besteht die Vermutung, daß er g c f l o h e n ist. Diese Meldung mag die Veranlassung zu dem in Schanghai umlaufenden Gerücht gegeben haben, daß die H a u p t st a d t gefallen und der Hof geflohen sei. Wie es heißt, sind 250 englische Soldaten von Hongkong nach Schanghai beordert worden. Zioeihuudert russische Sol» baten sollen»ach Tienlsin gesandt werden. Fortschritte der si'wolutiou. London, 7. November. Die /.Dany Mail' meldt, an« Ran- g o o n vom 6. November: Wie ein Telegramm vom 29. Oktober ans Töngyue in der Provinz Jünnan besag», haben die dortigen Truppen am 27. Oktober gemeutert und den General Tschang getötet. Der Tnotai ist entweder getötet worden oder hat Selbstmord begange». Die Frauen des Taotai find in einem Brunnen ertränkt worocn. Nach den Berichten der Aufständischen find T a'l i f u am 23. Oktober und Jnngtschangsu sowie I ü n n a n f u am 27. Oktober eingenommen und alle dort befindlichen Beamten ermordet worden. Die Nationalversammlung für Juaiischikai. Peking, 7. November. I u a n s ch i k a i ist von der Nationalversamnilung formell zum Ministerpräsidenten gewählt worden.___ Zur cedensmitteitenei'nng. Für die Beamten eine Teiiernngsznlage— für die Arbeiter aber keine! Der Magistrat der Stadt Rostock hatte der Stadtverordneten- Versammlung eine Vorlage zugehen lassen, den Beamten, die unter 1800 M. Gehalt beziehen, eine einmalige Teuerungszulage von 100 M. zu gewähren. Unsere Genossen empfahlen die An. nähme der Vorlage, verlangten aber, daß die Bedingung gestellt werde, auch den städtischen Arbeitern die gleiche Zu- Wendung zu machen. Als Bedingung wollte die Mehrheit der Stadt- verordnetenversammlung solches jedoch nicht stellen, fie ließ es bei einer Wunschäußerung bewenden. Jetzt antwortet der Magistrat mm. datz er diesem Wunsche nicht stattgeben könne; er wolle indessen Erhebungen anstellen über die Zahl der städti- schen Arbeiter und darüber, was eine TenerungSzulage für fie der Stadt kosten werde. Der Magistrat rüffelt dann das Stadt- Parlament, weil eS bei den städtischen Arbeitern die Hoffnung(auf IVO M.) erweckt habe, die wahrscheinlich nicht befriedigt werden könne!— Mit mehr Nachdruck, als wie es hier geschieht, können die Arbeiter nicht mehr darauf gestoßen werden, daß wir in einem Klaffenstaat leben. � � Die Magistrate von Rüstringe« und Wilhelmshaven erließen nach gegenseitiger Verständigung vorige Woche einen An- schlag, in dem darauf hingewiesen wurde, daß die Verkaufspreise verschiedener Lebensmittel, speziell Kartoffeln, in keinem Verhältnis zu den Engrospreisen ständen. Die Händler wurden öffentlich auf- gefordert, innerhalb acht Tagen die Verkaufspreise herabzusetzen, andernfalls die Kommunalverwaltunqe» direkt einkaufen und so billiger verkaufen würden. Die Aufforderung hat gewirkt. Jetzt werden Kartoffeln, die vorige Woche noch mit 3,80 bis 4 M. pro t entner verkauft wurden, von den Händlern mit 3,20 M. angeboren. teckrüben, die pro Zentner mit 3 M. verkauft wurden, sind jetzt für 2 M. zu haben. Auch die Fleischer haben, um der Fleischabgabe durch die Städte auszuweichen, die Verkaufspreise um 10 Pf. pro Pfund ermäßigt. Die Abgabe von Seefischen zu Einkaufspreisen hat der Konsumverein in die Hand genommen, der auch einen großen Teil Schweine eigener Mästung selbst geschlachtet hat und an seine Mitglieder zu billigen Preisen abgibt. Gegen die Teuerung protestierten über tausend Eisenbahnhandwerker und Arbester des Eisenbahndirektionsbezirks Kassel.— Einstimmig wurde eine Resolu- tion angenommen, in der eine allgemeine Lohnerhöhung für alle Arbeiter und Handwerker in den Eisenbahnstaatsbetriebeit gefordert wird. Ferner bemängelte die Versammlung die über- hastete Art der Kartoffelbezüge durch den StaatseisenbahnvereinS- verband, wodurch schlechte Kartoffeln teuer bezahlt worden seien. polltifcbc Clcbcrficbt. Berlin, den 7. November 1911. Handelsvertrag mit Japan ttub Marokko-Vorspiel. Noch immer nicht der Marokkovertrag, sondern nur ein Handelsvertrag mit Japan war es, der am Dienstag dem Reichstage unterbreitet wurde. Daß auch dieser Vertrag keine besonderen Vorteile für Deutschland bringt, gab in seiner Begründung selbst der Staatssekretär Delbrück zu. aber er sei immerhin besser als gar kein Vertrag und gewähre Deutschland durch die Meistbegünstigungsklausel die Sicherheit, daß Japan nicht andere Staaten vertragsmäßig besser stellen könne. In der Debatte stimmten die Vertreter sämtlicher Par- teien darin überein, daß die neuen Vertragsbestimmungen Deutschland schlechter stellen als die alten, aber zur Ablehnung des Vertrages wollte doch niemand raten. Die Herren P i e p est;(Zentrum) und Stresemann(natl.) führten Klage darüber, daß der deutschen Seidenindustrie durch Herab- setzung des Zolls auf japanische Bandseide arge Konkurrenz gemacht werden könne. Herr Stresemann nutzte die Ge° legenhrit zu einer Warnung vor Sozialreform aus. Weil man nämlich die japanischen industriellen Arbeiter zu viermal so billigen Löhnen bekommen könnte, als die deutschen, dürfe man den wackeren deutschen Unternehmern nicht die Konkurrenz durch die Aufpackung immer neuer sozialpolitischer Lasten erschiveren. Diesen Schutzzöllnern sowohl wie der Stresemannschen Flanmacherei trat Genosse S ü d c k u m entgegen, indem er darauf hinwies, daß erfahrungsgemäß bei geringer Lohn- zahlung auch die Leistungen der Arbeiter entsprechend minder- wertiger seien, so daß die Konkurrenzfähigkeit eines Landes in keiner Weise durch hohe Löhne beeinträchtigt werde. Schließlich wurde der Vertrag in erster und zweiter Lesung genehmigt. Bei der Festsetzung der Tagesordnung für die folgende Sitzung kam es zu einem Borge plänkel wegen des Marokkovertrages. Der Präsident schlug vor. die nächste Sitzung erst am Donnerstag abzuhalten, uni dann über die Marokkosache zu verhandeln. Zunächst erhob Herr Bassermann(natl.) Widerspruch dagegen, schließlich stimmte das Haus insgesamt dem Vorschlage des Präsidenten aber zu; doch nahmen Vertreter verschiedener Fraktionen, darunter auch Genosse Bebel, die Gelegenheit wahr, ihrem Unwillen über die Art und Weise, wie dem Reichstag der Vertrag ohne alle Begründung und ohne Kartenmaterial vorgelegt ist, kräftigen Ausdruck zu verleihen. Nicht einmal in China würde die Regierung der Volksvertretung so etwas zu bieten wagen. Also am Donnerstag wird der Reichstag nun endlich einmal wieder Gelegenheit haben zu zeigen, wie weit seine Geduld gegenüber den amtierenden Bnreaukraten geht. Telegiertenvcrsamnilnng der Scharfmacher. Im Hotel Adlon fand heute die diesjährige Delegierten- Versammlung des Zentralvcrbands deutscher Industrieller statt, an der als Vertreter der preußischen Staatsregierung auch Geh. Oberrcgierungsrat Hofmann aus dem Handelsministerium tciliiahm. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten er- stattete der Generalsekretär des Verbandes, Regiernngsrat Dr. Schweighofer den Jahresbericht. Er griff die Politik des Hansabnndes aufs schärfste an und wandte sich dann gegen die Sozialdemokratie: Die Forderung des Herrn Präsidenten Rießer, die Sozial- demokratie zur Mitarbeit hcranzuzichcn, ist nicht neu. Da» ist schon seit Jahrzehnten versucht worden. Aber was ist der Erfolg davon gewesen? Diese Gelegenheit ist von der Sozialdemokratie stet« benutzt worden, die Ordnung und Disziplin zu untergraben und zu einer Schulung ihrer revolutionären Ideen zu machen. (Sehr richtig!) Jeder Parteitag liefert den Beweis, daß das Endziel der Sozialdemokratie auf den Umsturz der staat- lichen Ordnung hinausläuft. Der Glaube an eine Mause- rung wird von ihren Führern stets zurückgewiesen. ES ist daher wenig verständlich, wie im praktischen Leben stehende Männer hoffen können, die Sozialdemokratie durch ein Enrgegen- kommen umzuformen.(Lebhafte Zustimmung.) Der Zentralverband konnte derartige Gedanken nicht als richtig anerkennen und muß fie zurückweisen. Wir find überzeugt, daß eine Mitarbeit der So« zialdemokratie deren Uebermacht nur noch stärken würde, eS würde noch ein größerer Teil des Bürgertums vor die Wahl zwischen dem lleberagrarierwm und der Sozialdemokratie ge- stellt und eS würde die Gefahr noch größer sein, daß wir in Deutschland unter eine demokratisch- sozialdemokratische Herr- schaff gelangen. Aus taktischen Gründen mußten wir uns daher gegen derartige Grundsätze wenden. Die Sozial- demokratie hat seit 1907 nicht weniger als 10 Sitze erobert, Das ist ein Erfolg, den noch keine Partei bei Nachwahlen gehabt hat. Diese Erfahrung sollte doch nicht gleichgültig lasse», sonder» die bürgerliche Gesellschaft auffütteln und erkennen lassen, daß es ein Irrtum ist, unsere Wirtschaftspolitik würde durch die Neuwahlen nicht gefährdet. Besonders scharf wandte sich Dr. Schweighofer gegen die Gewerkschaften und forderte dringend den„Schutz der Arbeitswilligen": Der GewerlschastSkongreß zu Dresden hat gezeigt, welcher Wille zur Macht in diesen Organisationen steckt. Die Opferwillig- keit der Arbeiter soll auch für die Arbeitgeber ein Ansporn zum Ausbau der Organisation sein. Die englischen Ausslände haben gezeigt, welch schwere soziale Erschütterung einen Kultur- staat treffen kann. Es ist daraus der Beweis zu ziehen, daß die Einigungsämter nicht dem sozialen Frieden dienen, sondern eine Quelle von Unzufriedenheit sind und von den Arbeitern, wenn ihnen der Schiedsspruch nicht paßt, einfach beiseite geschoben werden. Unseren Regierungsstellen sollte daraus die Erkenntnis erwachsen, daß derartige Maßnahmen nicht geeignet sind, de» sozialen Frieden zu wahren und daß es notwendig ist, besondere Maßnahmen zu treffen gegen den immer rücksichtsloser auftretenden Terrorismus. Der Schutz der Arbeitswilligen wird immer dringender. Erfreulicherweise ist das Vorgehen deS Zentralverbandes auch vom bayerischen Jndustriellenverband unterstützt worden. Auch gegen die Verabschiedung des Privatbeamten- Versicherungsgesetzes vor Schluß des Reichstages macht Dr. Schweighofer im Namen des Zentralverbandes deutscher Industrieller Front. Fürst Bismarck habe einmal in ähnlicher Situation geäußert, daß sein Verantwortlichkcits- gesühl ihn daran hindere, dem abtretenden Reichstag noch eine so wichtige Vorlage vorzulegen. An maßgebender Stelle solle man sich hieran ein Beispiel nehmen. Parlament und Bundesrat dürfen doch nicht kurz vor den Wahlen lediglich ans politischen Gründen Materien kurzerhand zu erledigen suchen, gegen die von sachverständiger Seite die schwerwiegendsten Bedenken vorgebracht worden seien. Selbstverständlich blieb auch die Marokkofrage in dem sogenannten Geschäftsbericht nicht unerörtert, und ebenso selbstverständlich ist, daß Herr Dr. Schweighofer im Sinne seiner„Brotherron" fand, die deutsche Regierung hätte, unbesorgt um die Folgen, energischer zugreifen müssen. Wörtlich sagte er: Ich will die Frage nicht erörtern, ob eS nicht möglich gewesen wäre, diese eminente Vorzugsstellung Frankreichs in Marokko zugunsten des deutschen Machtbereiches etwas mehr ein- zuschränken, wenn die ReichSrcgierung bei der EntWickelung der inaroktanischen Frage von Anfang an die deutschen Ansprüche etwas stärker betont hätte und sich das alte ehmie Wort unseres großen Kanzlers etwas mehr zur Richtschnur genominen hätte. daß die großen Fragen der Zeit nicht durch Reden und Konserenzen erledigt werden, sondern daß hier einzig und allein die Tat die Hauptsache ist (Sehr richtig! Bravo!) Das Gefühl, daß der Wille zur Tat in unserer äußeren wie iuneren Politik sich nicht immer zur rechten Zeit geltend macht, daß hier ein mann- licher Akkord nur selten noch erklingt, ist leider in den weitesten Kreisen unserer Bcvvllcrung weit verbreitet, und gerade auch auf wirtschaftliche», Gebiete mehren sich die Stimmen, die hier eine energischere Vertretung unserer Jnter- essen verlangen. Eine Debatte über die Berichterstattung fand nicht statt. Die Versammlung war mit Herrn Schiveighofers Rede voll und ganz einverstanden. Neben zwei Resolutionen, die sich für ein„einiges Zusannnenarbeiten der Industrie" und gegen den Entwurf eines Versichcrungs' gesetzes für Angestellte aussprechen, gelangte folgende, einen stälkeren„Schutz der Arbeitswilligen" fordernde Resolutton zur Annahme: „Angesichts der immer drohender werdenden Gestaltniig der LrbcitSkämpfe und des imnier rücksichtsloseren Macht gebrauchS der Streikgewerkschoften erachtet der Zentralverband Deutscher Industrieller es für unbedingt erforderlich, daß die Verbündeten Regierungen tunlichst bald und energisch dafür Sorge tragen, durch gesetz liche Maßnahmen die Freiheit der Arbeit wirkungsvoller, als es bisher geschehen, st, zu schützen und damit die der Sozialdemokratie und ihren Gewcrk- schafte» noch nicht verfallene» Arbeiter vor dem TerroriSiims dieser Partei und ihrer Organisationen zu bewahren. Der Erlaß derartiger gesetzlicher Maßnahmen liegt im eigensten Interesse der Arbeiterschaft wie im Jntereffe der staatlichen Ordnung. Die schrankenlose Weiterentwickelimg deS sich ständig verschärfenden KlaffenkampfeS wird der Industrie die Aufgabe, der nationalen Wohlfahrt zu dienen, immer mehr erschweren, wenn nicht eines Tages ganz unmöglich machen." Geld, viel Geld! Geld, viel Geld fordert im roten.Tag" der Generalmajor Keim. Selbstverständlich wiederum für unseren Militarismus. Und zwar der Abwechselung halber für die Verjüngung unseres Offizierkorps. Die Verabschiedungen sollen noch in größerem Maßstab« stattfinden als bisher. Das koste natürlich .Geld, viel Geld", aber— das deutsche Volk habe cS ja dazu. Um das zu beweisen, beruft sich der ehemalige Generalissimus deS FlottenvercinS allf die riesige Steigerung des Bermögens, wovon ja die preußische ErgänzungSstcuerstatistik zeuge. Trotz der schlimmen Prophezeiung der„Zivilstrattgeu" habe der Wohlstand des deutschen PolkeS unter den Militärlasten nicht gelitten: im Gegenteil sei der Volkswohlstand in den letzten Jahrzehnten immenS gewachsen. Wie der Volk» Wohlstand gewachsen ist, das beweist in der Tat die preußische ErgänziingSstelierstaiistik. Vergleichen wir da? Jahr 1008 mit dem Jahr I89S. so ergibt sich folgendes Bild der Vermögensvermehrung und Vermögensverteilung auf die einzelnen Schichten: 139b 1908 Ab- und vermögen in Millionen Zunahme M.% M.% in% Zenssten bis 3000 M. Einkommen 18 436 20,6 21 404 24,4- 5,2 Zcnsiien mit über SObOOM. Euiloinmen 15 964 24,4 29 408 32,6+ 7,1 Wir sehen also, daß der Volkswohlstand keineswegs gestiegen ist, wohl aber ganz kolossal da? Vermögen der Schwer« reichen. Hatten die Zenfiten mit einem Einkommen von mehr als 30500 M. 1895 noch knapp ein Viertel des Gesamtvermögens in ihrem Besitz, so war ihr Besttzanteil im Jahre 1903 bereits auf annähernd ein Drittel deS Gesamtvermögens gestiegen. Woher dies Vermögen stammte, beweist ja der Umstand, daß in demselben Zeitraum das Vermögen der Zenstten mit einem Ein« kommen bis zu 3000 M. um 5,2 Proz. geringer geworden ist. Die Aera des Militarismus und MariniSmuS ist zwar dem Volke selbst sehr schlecht bekommen, aber die St e i ch e n und Allerreich st en haben dabei allerdings ein Bombengeschäft gemacht. Und damit die Volksausplünderung, die Konzentration des Reichtums in wenigen Händen auch künftig munter weiter geht, soll uiiser Heer ja auch das Bollwerk gegen den»inneren Feind", gegen die„begehrlichen" Hungerleider bilden! Ein Dementi. DaS Wolffsche Bureau meldet:„Gegenüber der Meldung, der Staatssekretär des ReichSmarineamtS v. T> r p i tz habe auf die An- frage des Kaisers, ob Deutschland aktionsbereit sei. Be- denken bezüglich der deutichen Schlagscrtigkeit zur See geltend gemacht, sind die„Kieler Neuesten Nachrichten" ermächtigt zu er- klären, daß die Meldimg glatt erfunden tst." Daß die deutsche Flotte der vereinigten englischen und ftan« zösischen Flotte nicht gewachsen ist, ist eine Tatsache, die ja Wilhelm II. auch ohne ausdrückliche Anftage bewußt fein konnte. Zur Landtagswahl in Breslau. Durch einen Gewaltakt des blauschwarzen Blocks wurde im Frühjahr dieses Jahres das Mandat deS LaudtagSabaeordneten Ehlers in Breslau für ungültig erklärt. Am Montag fanden die Wahlmänner-Ersatzwahlen siatt. Die Hoffnung der Reaktionäre. durch maffenweiseS Aufgebor aller Beamten die Zahl ihrer Mahl- rnänner zu vermehren, hat sich erfreulicherweise nicht erfüllt, im Gegenteil, es gelang den Sozialdemokraten und Liberalen, die sich bei den Stichwahlen gegenseitig unterstützten, den MandatSräubern eine empfindliche Schlappe beizubringen. Nicht weniger wie 45 Wahlmännermandate wurden dem blau- schwarzen Block entrissen. Die Sozialdemokraten, die 62 Mandate zu verteidigen hatten, gewannen 12; die Liberalen halten 57 zu verteidigen und gewannen 33; die blauschwarzen Reaktionäre hatten 103 zu verteidige», konnten aber davon niir 58 bchcmpien. Im ganzen standen 22t Wahlmämier zur Wahl. Einige Wahlen in der ersten Abteilung kamen nicht zustande. Die Majorität für den sreisiimigeii Abgeordneten-Kandidaten Ehlers ist mit Unterstützung der sozialdemokratischen Wahlmänner, die schon bei der letzten Wahl für ihn stimuiten, gesichert, selbst wenn noch einige kleine Verschiebungen eintreten sollten. frarikrdck. AuS dem Ministerrat. Paris, 7. November. Im heutigen Ministerrat unterzeichnete Präsident Falliöres den Gesetzentwurf betreffend das deutsch- französische Abkommen. Dieser wird heute dem Bureau der Kammer zugehen. Der Ministerrai beschloß General Toutöe vorzuladen, um ihn über die Vorfälle in U d s ch d a um Aufklärung zu er- suchen.— Bezüglich der Pulverangelegenheit be- schloß der Ministerrat die Direktoren der Pulverfabriken, M a s s i n und L o u p p, wegen der von ihnen begangenen Fehler und ihrer grobe» Nachlässigkeit vor den U n t e r s u ch u n g S- rat zu ziehen, um ihre Absetzung zu erwirken; ferner wurde beschlossen, den Generalinspekleur und ehemaligen Direktor der Pulverfabriken B e r a r d in den Ruhestand zu versetzen sowie die ganze Verwaltung des Pulvers zu reorganisieren und einige Pnlvervorräte zu untersuchen. Cnglanck. Die deutsch-englischen Vcziehungcu. London, 7. November. Unterhaus. Der Abgeordnete King (liberal) fragte, ob zwischen dem Auswärtigen Amt und der beut- schen Regierung ein Austausch von Mitteilungen stattgefunden habe übcp das angebliche Interview, das der britische Botschafter in Wien einer österreichischen Zeitung gewährt kabu» solle. Sir Edtvard G r e h antwortete: Zwei Zwischenfälle sind in der letzten Zeit Gegenstand von Mitteilungen Mischen der britischen und der deutschen Regierung gewesen. Der eine ist der in einer österreichische» Zeitung veröffentlichte Artikel, auf den in der Anfrage Bezug genommen wurde. Der andere ist ein Bericht in der deutschen Presse über eine von dem damaligen Marine- minister McKcnna gehaltene Rede. Die Mitteilungen, die zwischen den Regierungen ausgetauscht wurden, hatten im allge- meinen keinen formellen Charakter. Es ist nicht notwendig und es Ivürde vielleicht nicht passend sein, sie zu veröffentlichen, aber ich kann sagen, sie sind nicht so beschaffen, um irgendlvelche Schwierigkeiten zwischen den Regierungen zu verursachen. Ich halte es jedoch für wünschenswert, die Tatsachen darzu- legen. Es toar behauptet und in einigen Kreisen geglaubt worden, daß der britische Botschafter in Wien durch ein Interview oder auf eine andere Weise Anteil an der Veröffentlichung eines Artikels gehabt Hobe, der die deutsche Politik kritisiert. Es war berichtet worden, daß McKenna in einer öffentlich gehaltenen Rede die deutsche Politik angegriffen habe. Beide Vorfälle wurden in Deutschland als eine direkte öffentliche und internationale Be» l e i d i g u n g Deutschlands durch einen britischen Botschafter und einen britischen Minister ausgelegt und verursachten große Erbitte- rung. Die Tatsachen sind folgende: Der britische Botschafter in Wien hat in keiner Weise an der Veröffentlichung des Artikels teilgenommen, über den man sich beklagt hat und er hatte auch kcineKenntnisvon ihm vor seiner Ver- öffcntlichung.(Beifall.) McKenna hat in seiner Rede nicht die Aeußmmgen getan, über die man sich beklagt hat. Die tn Frage stehende Stelle ist in einen Bericht über seine Rede aus einer ganz- lich fremden Quelle eingeschoben worden und der Minister selber hatte nichts derartiges gesagt. Ich möchte der Hoffnung Ausdruck geben, daß sich die öffentliche Meinung nach diesen Vorfällen in acht nehmen wird, sich durch solche Behauptungen fortreißen zu lassen. (Beifall.) Schwierigkeiten können sich natürlich von Zeit zu Zeit zwischen England und anderen Ländern infolge von einer tat- sächlichen Verschiedenheit der Politik in einem besonderen Augen» blick ergeben, aber ich glaube, daß die betreffenden Regierungen im- stände sein werden, alle solche Schwierigkeiten zu überwindem wenn die Tatsachen nicht entstellt und übertrieben werden. Wenn jedoch falsche Nachrichten berichtet und geglaubt werden, so wird die Erbitterung und Erregung in der Ocsfcntlichkeit so übermächtig werden, daß es den Regierungen unmöglich wird, sie zu beherrschen. Bei einigen Organen der Presse hat bald in England, bald in Deutschland eine Neigung bestanden, tatsächlich oder angeblich ge- troffene Maßnahmen Deutschlands oder Englands in verschiedenen Weltteilen im bösen Sinne auszulegen. Ich glaube be- stimmt, daß mit dem Abschluß der in den Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland über Marokko jetzt glücklich erreicht worden ist, die Spannung verschwin- den wird, die in der britischen und deutschen Presse zu Verdöch- t ig u ngc n und falschen Auslegungen geführt hat. King fragte sodann, ob die Versicherungen und Erklärungen der englischen Regierung von der deutschen Regierung freund« lich ii n d ohne Zaudern entgegengenommen worden seien. Gr eh erwiderte: Meines Erachtens sollte King nach einer gründ- lichen und wohlerwogenen Mitteilung nicht noch Ergänzungssragen an mich richte�. Ich müßte sonst auf das verweisen, was ich bereit» mitgeteilt habe, nämlich, daß kerne der ergangenen Mitteilungen derart gewesen ist, um irgendeine Schwierigkeit zwischen beiden Ne» gierungen zu verursachen. 0ewerfercbaftllcbeo. Berlin und Qmzegend» Der Formerstreik. In den.PharuS-SSlen' fanden am DtenStagdormittag zwei überfüllte Versammlungen statt. Cohen gab den Simutionsbericht. Seit der letzten Versamm- lung seien bemerkenswerte Dinge vorgekommen, trotz der scheinbaren Ruhe nach außen hin. Am letzten Donnerstag seien die Metall« industriellen beisammen gewesen und hätten beralschlagt, was nun werden solle. Die Vertreter von den interessierten 23 Firmen hätten vier Stunden beraten, woraus sich auch die Schwierigkeit der Situation schließen ließe. Das Ergebnis war, daß der Wunsch einer Anzahl Vertreter, eS möchte mit dem Arbeitnehmer« verband noch mal verhandelt werden, abgelehnt wurde. Man wolle andere Wege beschreiten, hieß eS. Gestern sei nun ein streikender Former zu ihm, dem Redner, gekommen und habe mit- geteilt, der Chef hätte ihm durch den Meister sagen lassen. Cohen möge doch die Forderungen ihm noch einmal schriftlich formulieren und einreichen, Cr, der Chef, wolle sie dann bei den anderen Arbeitgebern vertteten. Er. Redner, habe dem Herrn aber sagen lassen, wenn er etwas wünsche, möge er sich direkt an ihn. Cohen, wenden. dann würde man darüber sprechen. Der betreffende Ches wisse auS früheren Gelegenheiten, daß er sich ruhig ihm, Cohen an- VerKauen könne und von ihm eine Bloßstellung nicht zu erwarten habe. Aber den vorgeschlagenen Weg mache er nicht mehr mit. Die Erfahrungen, die er gemacht habe, zwängen ihn zu dieser Stellungnahme. Noch eine zweite Firma wünsche Verhandlungen herbeizuführen, diese jedoch nicht auf Umwegen. Ferner habe im.Tegeler Anzeiger" eine Notiz gestanden, in der gesagt wurde, der Streik der Former wäre beendet, die Streikenden hätten fast vollzählig die Arbeit wieder ausgenommen; nur einige Halsstarrige wären nicht gefolgt. Dabei hat, wie Redner erklärte, noch nicht ein Mann die Arbeit wieder aufgenoinmen. Auch der.Börsen-Kurier" habe versucht, die Oeffentlichkeit irr* zuleiten, indem er ichrieb: eS sei gelungen, durch Herbetschaffung einer größeren Anzahl Arbeitswilliger genügend Guß herzustellen. so daß die Betriebs keine Unterbrechung hätten. Die Firma Löwe habe einen besonderen Kniff angewendet, um Arbeitskräste zu erhalten. Sie habe Merallformer verlangt und ein gestellt. Nachdem diese ein« Stunde gearbertet hätten, sei ihnen zu« gernutei worden, auch aus Eisen zu arbeiten. Da» hätten die be treffenden Arbeiter jedoch strikte abgelehnt und die Arbeit wleder aufgegeben. Nun griffen die Metallindustriellen zu einem anderen Mittel: sie sperrten für alle diejenigen Arbeiter, die bei den dem Verband der Metallindustriellen angehörigen Arbeit gebern beschäftigt waren, den Nachweis m der Wusterhauiener Straße(Kühnemännernachweis). Aus dieser ungewöhnlichen Matz nähme ist zu ersehen, daß die Ruhe der Herren nur äußerlich besteht und die Wirkung des Streiks für fie doch eine einschneidende sei. Gestern abend folgte aber ein zweites Erelgnrs von nicht inrnderer Bedeutung: die Dreher der Firma«orfig legten einmütig die Arbeit nieder. Die Dreher hatten sehr zu leiden unter dem Mangel an Guß und mußten teilweise aussetzen Diese Maßnahme erregte böse« Blut, da dabei nicht in der üblichen korrekten Weise vorgegangen wurde, sondern man die mißliebigen Arbeitet herausgriff. Dies ließen sich die anderen nicht gefallen und legren die Arbeit hin. Bei den anläßlich diese» Vor- falle« mit dem Direktor gepflogenen Verhandlungen erklärte dieser. daß die Auswahl absichtlich vorgenommen worden sei. Wohl hätte der Metallarbetterverband den Kamps bisher ruhig und sachlich ge« sübn. aber Krieg se» nun mal eben Krieg, und deshalb könnten auch die Forderungen der Dreher kerne Berücksichtigung finden. Die» alle«. erklärte Cohen, zeige, daß die Herren Arbeitgeber auf eine Eni« scheidung drängen und das Kamvfgeld verschieben wollen. Gut. die Arbeiter seien bereit; möge es kommen wie es wolle. Ob die große AuSeinanderietzung. von der manchmal seitens der Industriellen ge- sprachen werde, bevorstehe, werde sich in den nächsten Tagen zeigen. Wenn die jetzige Situation zu einer Erweiterung führen sollte, dann hätten die Arbeitgeber dafür die Veranrwortung zu tragen, denn sie feien es gewesen, die die ersten Maßnahmen zu dieser Ausdehnung gettosien hätten. Wahrscheinlich ist die Sperre nur vorgenommen worden, weil einzelne Mitglieder des Verbandes der Metallindustriellen, die be« sonders unter dem Streik zu leiden haben, daraus drängten, daß der Verband etwas für sie tue. Sonst wäre diese Maßnahme, unter der die Arbeitgeber selbst am schwersten litten, kaum zu der- stehen Doch was auch rmmer die Absicht der Herren sein möge, mit solchen Maßnahmen, wie die Sperrung des Nachweises, würden sie die Arbeiter zu keiner Lendernng ihres Verhaltens zwingen. Diese würden in aller Ruhe abwarten, wie die Sache sich weiter enr- wickeln werde und dafür sorgen, daß die Gewaltmaßnahmen der Arbeitgeber wirkungslos bleiben. lGrotzer Beifall.) In der Diskussion wurde den Ausführungen de« Redners zu» gestimmt und den Verirouensleuten einige Verhaltungsmaßregeln erteilt. Zum Schluß wies der Leirer der Versammlung noch daraus hin, daß die streikenden Metallarbeiter wie bisher den weiteren Phasen des Kampfe» zuieben und ihre Maßnahmen in aller Ruhe und Sachlichkeit treffen würden, wie dies bei organisierten Ardeitern selbstverständlich sei. Im Anschluß hieran versammelten sich in T e g e l die streikenden Dreher der Firma B o r s i g. Hier konnte konstatiert werden, daß der am Montagabend gefaßte Beschluß korrett durchgeführt worden ist. Abgesehen von einigen älteren Drehern, die mit Zustimmung der Stteikenden weiter arbeiten können, ist die Ardeitseinstellung eine vollständige. Es ist klar, daß diese Arbeitseinstellung eine Ueberroichung für die Herren rm Betriebe der Firma Borsig gewesen ist Es trat eben das Gegenteil ein von dem. wa« Her, Dnekror P mit seiner Drohung am Montag beabstchilgte Herr Direktor P. wollte mit dieser Drohung die Dreher einschüchtern, hat aber nun gerade da» Gegenteil erreicht. Die Arbeitsniederlegung darf deshalb als die Wirkung dieser Drohung angesehen werden. Der Herr Direktor erklärte ja: eS sei eben Krieg. Die Arbeiter aber machten sich diesen Ausspruch zu eigen und da muß dann alles. was im Interesse der Arbeiter liegt, ohne Rücksicht aus die Wünsche der Arbeitgeber getan werden. Aus den Worten de» Direktors scheint auch hervotiUigehen. daß die Arbeitgeber in sehr kurzer Zeil. vielleicht wenn die wichngsten Arbeiten e, ledigt sind, einen Schlag gegen die Gesamlarbeiterschaft der Metalllndulttie führen wollen Zur Zigarrenarbeiterbewcgnng. Die Vereinbarung mit der Großfirma Juhl. Nach drei. maligem Verhandeln der Verbandsleiiung der Tabakarbeiler und Zigarrenjorllerer est in diesen Berufen mit der Firma Paul Juhl in Pankow-Berlin eine Vereinbarung über die Lohnvcchält. nisse herbetgeführt worden, Bei dieser Firma, die meist bessere Oualitäten ansertigt, hätte ein noch besseres Resultat erzielt werden können, wenn man nicht leider anerkennen müßte, daß hier in Berlin zum Teil Firmen das Ladengeschäft in Zigarren beherrschen, die in schlechter Bezahlung ihrer Tabakarbeiter jeden Rekord schlagen. Man denke nur an die Löhne der Firma L o e s e r u. Wolfs in Elbing, I. Neumann in Graudenz usw. Vor kurzer Zeit ging durch die Blätter, und auch der.Vor- wärtS" hat seinerzeit darüber berichtet, eine Abhandlung über die in Elbing gezahlten Löhne. Gerade diese Niedrigkeit der dort gezahlten Löhne ist es. die es Unternehmern, die noch sozial c:iipfittdcn. fast zur Unmöglichkeit macht, in ihren Zugeständnissen höher zu gehen. Bei Gelegenheit der Verhandlungen, die zwischen S Vertretern der Firma Juhl unter Borsitz des.Herrn Georg Juhl und den Vertretern der Verbände der Tabakarbeiter und der Zigarren. fortierer gepflogen wurden, hatte die bei der Firma Juhl be- stehende SchlichlungSkommission ihre Rechte durch Majoritäts. deschlich den beiden Verbänden übertragen. Die Art und Weise, wie die Verhandlungen sich abwickelten, verdient, das sei in Hin- ficht auf manche häßliche Erscheinung in dieser Bewegung gesagt direkt vorbildlich genarmt zu werden und kann das hier ruhig an- erkannt werden. Es ist auch für die Berliner Tabakardeiterbewegung von wesentlichsr Bedeutung, jetzt, wo die Wogen des Kampfes in West- falen so hoch gehen, auf ein« Firma hinweisen zu können, die den jetzt so erschwerten Lebensbedingungen der Arbeiterschaft an ihrem Teile wenigstens einigermaßen Rechnung trägt. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Firma Juhl gelten als geregelt? Arbeiter, Raucherl Kauft nur dort, wo die grünen Plakate, unterzeichnet Alwin Schulze, aushängen! Beachtet die Veröffentlichungen im„Vorwärts". Die Namen der Zigarrenhändler, die grüne Plakate erhalten haben, werden nicht im„Vorwärts" veröffentlicht. Der Vertrauensmann der Tabakarbeiter. Achtung, Metallarbeiter! Die Mitglieder der erweiterten OrtS- Verwaltung ersuchen wir. das heutige Inserat zu beackten. Die Ortsverwaltung. Achtung, Steinarbeiter, Bauarbeiter! Seit längerer Zeit ist das KunMeinbearbeitungSgeschäfl Jüngers u. Schills ge- sperrt. Trotzdem ist es der Firma gelungen, einige Steinmetzen zu bekommen, mit denen sie ihren Betrieb notdürftig aufrecht erhält. Wir ersuchen die Bauarbeiter Groß Berlins, uns im Kampfe mit genannter Firma behilflich zu sein durch sofortige telephonische In- kenntnissetzung über vorliegende Arbeiten. Jüngers u. Schille arbeiten für fast sämtliche Kunststeingeschäfte wie C z a r n i k o w u. Co., Gebr. F r i e s e ck e, Terrasilgescllschaft u. a. Vor Tön- schungen sei deshalb eingehend gewarnt. Zurzeit kommen folgende Bauten als gesperrt in Frage: Warenhaus Tietz, Am Königsgraben, Schulneubau Kaiserin-Augusta: Allee, Bau Kurfürstendamm 7l lSäulenvorbau), Bau Bismarck-, Ecke Delbrückstraße. Kolonie Grunewald. Zentralverband der Steinarbeiter, Ortsverwaltung Berlin. Engelufer IS I, Zimmer 7a, Fernspr. IV, 11 371. Schutzleute als Nachtwächter und Schweinetreiber! Bei dem Streik der Richterschen Kutscher spielen sich Vor- gänge ab, die einer gewissen Komik nicht entbehren. Das Schutz- mannSaufgebot ist seit gestern früh in der Rigaer Straße und. Frankfurter Allee insofern noch verstärkt, als neben den Fußmanw schasten und Kriminalbeamten auch berittene Schutzleute in großer Zahl postiert worden sind. Die lieben ArbeilSwillige» werden, sobald sie vom Fuhrhos mtt den Gespannen fortfahren, durch ein starkes Aufgebot von Schutzleuten begleitet. Aus dem Kutscherbock und in den leeren Arbeitswagen haben uniformierte Schutzleute Platz genommen, hinterher folgen gemeinhin noch zwei beritten,. Schutzleute oder ein Jockelwagen, auf dem ebenfalls gewöhnlich zwei Schutzleute mitfahren. Daß solche polizeilichen Aufzüge die Verwunderung der Bevölkerung hervorrufen, ist be- greiflich. Die Ursache dieses polizeilichen Massenaufgebotes kann nur darin liegen, daß die Gebrüder Richter selbst die Qualität der angeworbenen Arbeitswilligen nicht hoch einschätzen und daß deswegen die Schutzleute die Sorge übernehmen müssen, daß keine Schweine- oder Rinderviertel an unrichtige Adressen gelangen. Der Diensteifer der Polizei geht so weit, daß sie des Nachts um 2 Uhr die Arbeitswilligen in ihren Wohnungen aufsucht und weckt. damit dieselben nicht die Zeit verschlafen und pünktlich zum Dienst erscheinen können. Zu diesem Zweck verabfolgen die Ar- beitswilligen den Schutzleuten ihre Hausschlüssell Die Schutz« leute begleiten dann die Arbeitwilligen bis zum Fuhrhos und gegen 3� Uhr sogar noch auf der Tour in dem Straßen revier. wo der Kehricht zu laden ist. Die betreffenden Schutzleute erfüllen somit gleichzeitig die Obligenheiten eines Nachtwächters. Die Arbeitswilligen sind natürlich in der Ausübung des Kutscherberufes sehr unzuverlässig DaS zeigte sich gestern be» sonderS in mehreren Fällen. Eines dieser nützlichen Elemente transportierte einen mit Schweinevierteln beladenen Wagen und bog mit seinem Gespann so kurz um. daß der Wagen umkippte. Zufällig war auch an diesem Wagen ein Schutzmann postiert. Derselbe hotte nun große Mühe, sich aus den aus ihn gefallenen Fleischmassen herauszukrabbeln. Ein anderer Arbeitswilliger hatte einen vollbeladenen Wagen lebender Schweine zu transportieren. Ob der Kutscher nun die Wagentür nicht richtig verschlossen hatte, oder wie eS sonst kam: plötzlich hüpfte ein Borstentier nach dem andern hinten auS dem Wagen. Grunzend und quiekend lief die Herde auf dem Straßendamm herum. Die begleitenden Schutzleute mußten nunmehr hilfreiche Hand anlegen, um die widerspenstigen Ausreißer zur Raison zu bringen. In der Rittergutstraße in Lichtenberg war einem der Richterschen Arbeitswilligen ein Radbruch oder sonst irgend ein Defett am Wagen passiert, wobei ein Benz,n- aß vom Wagen auf die Straße rollte. Es ist das ein Vorkommnis. das jeden Kutscher passieren kann. Hier aber tat man. als ob der Staat in Gefahr sei. Eine große Zahl von Schutzleuten zu Pferd« sprengten in vollem Galopp durch die stillen Straßen Lichtenberg» bis zur Stelle, wo dem Wagen der Unfall passiert war. Außerdem erschienen noch Gendarmen von Friedrichsfelde und Schutzleute per Fahrrad. AIS das Publikum, das sich inzwischen angesammelt hatte, hörte. daß die Attacke deshalb geritten wurde, weil eS sich um einen Wagen der bestreikten Firma Richter handelte, lachte man laut aus und ging seiner Weg«. Die streikenden Kutscher holten gut zusammen und werden sich durch die Anwesenheit der Polizei nicht zu unbesonnenen Hand- hingen hinreißen lassen. Sie find davon überzeugt, daß die Gebr. Richter aus die Dauer mit den neuen Leuten nichi fertig werden können und daß dann auch die beiden Unternehmer sich bequemen müssen, die Organisation anzuerkennen. Deutsches Reich. Zur Tabakarbeiter, ussperrung. Der Vorstand de» Westfälitwen ZigarreniabrikantenverhandeS. der fein« Stellungnahme zu den ihm am t3. Okiober unterbr-itelen EinigungSvorickilägen davon abhängig machte daß erst t»e unter Nubrinnehalmng der ÄufkündigungShist ausständigen Arbeiter sieb zur Wiederaufnabme der Arbeit melden reip. die Arbeit aufnehmen sollten, Hai der Neunerkommission die Mitteilung zugehen lasten, daß er auf diele ArbeilSeinsiellung keinen Wert mehr lege. Hieraus hat auch die Neunerkommiiston die gleiche Erklärung dem Westiäliichen Zigarrenfabnkonlenverband zugehen lasien mit der bestiiiimlen An- »rage begleitet, ob— angesichlS dieser beiderieitigen Erklärungen— der Borstand des Westiä iischen Zigorrenfabrikontenverdandes nunmehr geneigt sei. zu den überreichten ErnigiingSvorichtägen Slellrnig zu nedmen. Die Antwort hierauf ist der beiragte Vorstand schuldig geblieben. Die Zahl der Ausgesperrten beträgt zurzeit tn Westfalen und Lippe nahezu 10 000. darunter mehr als 4000 weibliche Mitglieder. Die bei den im Westsälischen Zigarrenfabrikanienverband organi» sterten Firmen in Hainburg-Ahona und Bremen und Magdeburg beschäsliglen organisierten Arbeiter legten ebenfalls die Arbeit nieder. weil ihnen zugemutet wurde. Slreikarbeit zu verrichten und weil sie nicht gewillt waren, ihren Mitarbeitern in Westfalen in den Rücken zu fallen. Die Zahl der Ausständigen beträgt in dielen Industrie- gebieten 2500. darunter nahezu 1000 Tabakarbeilerinnen. JnSgeiamt stehen 12 b00 Tadakarbelter. darunter b000 Arbeite- rinnen, im Ausstande. Wie nun bestimmt verlautet, werden alle übrigen Zigarren- fabttkanten, die den Arbeitgeberverbänden Hamburg-Altona. Bremen und Umgegend und Blumenthal-Burgdam angehören, ihre organi- sterten Arbeiter aussperren, wenn die ausständigen Tabakarbeiter �,-------„-------- ihre Arbeit nicht wieder oufnehinen. Die Ausstandigen lehnen e» i tö0" f500 � unterschlagen hatte, auf zwei Jahre zwei Monate Ge- ab, dieser Forderung zu entsprechen, so daß die Zahl der AuS- 1 fängniS"unter Anrechnung der erlittenen Untersuchungshaft. ständtgen und Ausgesperrten, wenn dteie Androhung zur Tat werden sollte, um mehrere Tausend sich vermehren wird. Der Plan der Tabakindustriellen, die Tabakarbeiter niederzuzwingen, wird nicht gelingen. Alle Maßnahmen der Tabakindustriellen werden die Ent- schlossenheit der Tabakarbeiter nicht ins Wanken bringen. Vor Zuzug nach dem wesisäliich-lippischen Industriegebiet, Hamburg-Altona, Bremen und Umgebung wird streng gewarnt, auch gewarnt, für diese Betriebe Arbeit anzunehmen. Zigarrenarbeiter, Zigarren- sortierer. Packer, Bekleber und Fertigmacher aller Orte, übt Soli- dantät I Die Namen der Fabrikanten, die den Arbeitgeberverbänoen angehören und aussperrten, werden in den nächsten Tagen bekannt- gegeben._ Tie Tabaktndustriellen wollen den Kampf! Die von der Neunerkommission eingeleiteten EinigungSverhond« lnngen. die zu einem brauchbaren EinigungSvorichtage führten, find wider Erwarten und ohne Angabe von Gründen von dem Vorstand des westfälischen ZigarrenfabnkantenverbandeS abgebrochen worden. Die an die Neunerkommission gerichtete Zuschrisl lautet: „Minden, den 4. November 1911. An die Neunerkommission I Ohne aus den Inhalt JbreS Schreibens vom 1. d. Mts betreffend den Konlraklvruch einzugeben, teile ich Ihnen mit, daß der Vorstand deS wcslsäliichen Zigarren- fabrikantenverbandes nicht in der Lage ist, Ihre ihm unterbreileleu Vorschläge anzunehmen. Hachachtend Htndenberg, Syndikus.� Angesicht« dieses ablehnenden Verhaltens steht nnnmehr fest, daß der west'älische Zigarrenfobrikanlenveiband den Kamps gegen die Arbeiterorganisationen führen will. Zu diesem Zwecke find nun auch noch die Unternehmerverbände der Zigarrenindusttte in Horn« burg-Aliona, Bremen-Hemelingtn und Burgdamm und Umgebung auf den Plan getreten und haben die in ihren Betrieben beschäsliglen organisierten Arbeiter ausgesperrt. Die Zahl der Ausgesperrten wird sich um viele Hunderte vermehren. Arbeiter aller Otte. übt Solidarität! Busland. Die Bewegung der englischen Eisenbahner. London, 4. November 1911.(Eig. Der.) Nach langen Beratungen beschlossen iwie bereits telegraphisch gemeldet) die Vorstände oer Eisenlxihnerorganlsatlonen, eine U ra b- st i mm ung über die Frage des General st reiks vorzu- nehmen. Während der geheimen Beratungen wurde von der bürger- lichen Presse hartnäckig behauptet, daß sich die Eisenbahner in bezug auf die einzuschlagende Taktik nichi einig seien, obwohl diese Noch- richl von den Gewerkschaftsbeamten sofort dementiert wurde. Daß Meinungsdlfserenzen vorhanden sind, ist jedoch leicht möglich. In den Verhandlungen über die Vereinigung der vier Eisenbahner- gewcrkschaften. die in der letzten Zeit gepflogen worden sind, traten die Lokomotivführer für eine Föderalion, die Gewerkschaft der Elserrbahnangestellten für eine Verschmelzung der vier Ovganija- tionen ein. Offenbar wollen sich die numerisch schwachen Loko- rnotivführer und Heizer nicht majorisieren lassen. Auch in den Sitzungen der Eisenbahnkommission trat diese Spaltung klar zutage, indem sich nämlich die Lokomoiivsuhrer gegen die Zentralarbeiler- aus/chüsse, in denen alle Arbciterkategorien vertreten sind, aus- sprachen, während sich die anderen Eisenbahnangestellten für diese Institute und gegen die Seklionsausschüsse erklärten. Aber die Hoffnungen, die die bürgerliche Welt auf diese Spal» tung baute, wurden letzten Freitag durch die ablehnend« Haltung der Eisenbahngesellsckaften und das schwächliche Gebaren der Regie- rung zunichte gemacht. Gleich zu Anfang der Beratungen faßten die vier Gewerkschaftsvorstände den Beschluß, die Regierung zu bitten, eine zweite Zusammenkunft zwischen den Vertretern der Ge- werksckaften und der Eisenbahngesellschaslen zu arrangieren, in der versucht werden sollte, eine Grundlage zur Lösung der Sireilsrage zu finden. Die Regierung hat es nick» vermocht diese Konferenz �ustandezubrrngen. Die Geschichte der Beratungen kann man aus der beute von dem gemeinschaftlichen Exekulivkomitee der Gewert- schasten angenommenen Resolution lesen. Die Resolution lautet: „Da wir die Antwort beraten haben, die der Ministerpräsi» dent auf die Resolution dieses Komitees gegeben hat. in der wir baten, daß die Eisenbahngesellschasten mit den Unterzeichnern der letzthin getroffenen Abmachung zusammenkommen sollten, um zu versuchen, auf Grund des Berichts der Eisenbahnkomnnssiofi die Basis für eine Abmachung zu stnden. bedauern wir tiefslenS. daß es der Regierung nicht gelungen ist. eine derartige Zusammen- kunst herbeizuführen, die nach unserer Absicht zu einer für belde Parteien zufriedenstellenden Lmung hätte rühren können. Wir hahen deshalb beschlossen, die Wünsche unserer Mit- glieder in der in dieser folgenden zweiten Resolution nieder» gelegten Weise festzustellen. Während wir, die Mitglieder diese? Gemeinschaftlichen Exe- kutivkomiteeS mit den Beschlüssen der Eisenbahnkommission nicht übereinstimmen, sind wir dennoch bereit, mit den Eisenbahngesell» schasten zusammenzukommen, um zu beraten, welche Aenberuna an den gemachten Vorschlägen annehmbar sind. Da die Eisenbabngesell schasten dieien Vorschlag zurückgewiesen haben, beschließt dieses Gemeinschaftliche Exekutivkomitee eine Abstimmung aller Mitglieder vorzunehmen, um zu entscheiden, ob diese bereit sind, die Beschlüsse der Eisenbahnkommission, wie sie in den gemachten Vorschlägen zum Ausdruck kommen, anzu, nehmen, oder wenn nicht, ob sie bereit sind, die Arbeit' nieder- zulegen, um die Anerkennung der Gewerkschaften und die Durch. fübrung eines Programms, das von den Mitgliedern diese» K» miiees entworfen werden wird, zu erringen." Nach der Stimmung unter der großen Masse der Eisenbahner zu urteilen, dürfte da» Resultat der Abstimmung kaum zweiselhast sein. Man wird sich gegen Weihnachten auf einen neuen Generalffreil gefaßt machen müssen.__ Letzte IVacbrfcbten. Die italienischen Kriegsgreuel. London, 7. November..Westminster Gazette" v«r» öffentlich» ein Telegramm aus Tripolis, worin ihr Kriea»- korrespondent Einspruch gegen die von den italienischen Truvpen begangenen Mafia kreS erhebt 400 Fronen und«inder und 40«« Araber seien einfach hingeschlachtet worden. Selbst 5 blinde Bettler wurden niedergeschofien. Der Korres>pondent versichert, selber Zeuge dieser Massakres gewesen zu sein und photographische Aufnahmen hierüber gemacht zu haben. Di« Soldaten durchzogen die Araber. stadt und töteten die Eingeborenen ohne Unter- schieb de? GefchischteS. Tie Offiziere waren noch schlimmer alS die Mannschaften. Die italienische Armee ist demaralisiert Die Konsuln sind sehr beunruhig» und haben die italienische Regierung ersucht, Transportschiffe zu entsenden, die im Falle der Gefahr eine« Aufstände» der Araber die Europäer in Sicherheit bringen. Ter Korrespondent schließt mit den Worten: Ich habe schrecklichere Szenen erlebt als russtsche Pogroms und ArmeniermassakreS. Verurteilte Betrüge, Ksnigsberi. 7. November.(W.T.B.) Die hiefige Straf. kam wer verbandelte heute m der Angelegenheit deS gegen die Stettiner Filiale der Norddeutschen Kreditanstalt Ende Juli ver- übten Betrüge», wodurch der Kaufmann Felix Kahan. der Pankbeamte KurtHor st mann und der Buchhalter Marttn Boderke aus Königsberg mittels einer«efSlschtev ZahinngS- anweisung 28 000 M. erschwindelt hatte». Da» Urteil lautete gegen Kahan und H o r st m a n n auf je 1� Jahre, gegen B o- d erke. der außerdem als Angestellter einer hiesigen Firma vorher Berantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Tl>.GI»cke.Berlin.Drucku.VerIag:VorwärtSBuchdr.C Verlagsanftalt PaulSlngertCo.,BerlinLVV. Hierzu 3 Beilage» u-Nnterhaltungsbl, Kr. 262. 28. Zchrgasg. 1. KkilU des.Kmülls" Slllim WllisblM Wwslh, 8. Nooember lSlt. Reichstag. Zoo. Sitzung dom Dienstag, den 7. Rovemver, nachmittags 2 Uhr. Llm BundeSratStisch: Dr. D e l b r ü ck. Eingegangen ist daS Marokkoabkommen. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste und zweite Be ratung des HaudelS- und SchiffahrtsvertrageS mit Japan. StaatSfekrerär Dr. Delbrück: Durch das Gesetz vom IS. Juni 1911 ist der Bundesrat ermächtigt worden, falls ein Handelsvertrag mit Japan zu stände kommt, ihn vorläufig in Kraft zu setzen und dem Reichstage die endgültige Bestätigung des Vertrages vorzubehalten. Auch andere Staaten z. B. Frankreich haben denselben resp. ähnliche Wege gewählt. Dieser Vertrag liegt nunmehr vor. Eine wesentliche Veränderung der Beziehungen zwischen Deutschland und Japan tritt durch den Vertrag nicht ein. Abg. Dr. Pieper: Wir bedauern, daß bei den Zugeständnissen gegenüber Japan wieder die Industrie vor allem betroffen worden tst, die schon bei allen anderen Handelsverträgen die Leidtragende gewesen ist, nämlich die Seidenindustrie. Die niederrheinische Seidenindustrie mit ihren 80 000 Arbeitern und 230 Millionen Jahresumsatz hat schon ohnehin mit den großen Schwierigkeiten des Modcwechsels zu kämpfen. Wir erwarten zum mindesten, daß die Regierung bei Aufstellung des neuen Zolltarifs darauf bestehen wird, daß für die Gewebe japanischer Herkunft ein höherer Zoll fest gesetzt wird. Abg. Dr. Stresemann snatl.): Aus den Drucksachen, die dem Reichslage bei Handelsverträgen zugehen, sollte, was leider jetzt nicht der Fall ist, in übersichtlicher Weise hervorgehen, in welcher Weise im einzelnen sich die Handelsbeziehungen gegen den bisherigen Zustand ändern.— Mit der wachsenden industriellen Erstarkung Japans ist auch das Land von der Hochichutzzollwelle ergriffen worden, die durch alle Länder geht. Dadurch wurde natürlich die Stellung unserer Unterhändler sehr erschwert. Die Konkurrenz der japanischen Seidenindustrie der deutschen gegenüber wird noch ge fäbrlicher durch die großen Unterschiede in den Löhnen und der Arbeitszeit. Einem Durchschnittslohn ist Deutschland von 932 M. steht ein japanischer Durchschnittslohn von 210 M. gegenüber. Aller- dings laffen sich die Summen nicht ohne weiteres vergleichen, es kommt aus die Kaufkraft des Geldes an. Man muß aber weiter bedenken, daß die japanische Seidenindustrie über 4200 Arbeits stunden im Jabre verfügt. die deutsche nur über 2880 Stunden. Das zeigt, wie schwer der Kampf auf dem Weltmarkt ist und wie die Klagen über zuweitgehcnde Sozialrefonn in diesen Tatsachen be- gründet sind.— Im allgemeinen ist der Vertrag für Japan günstiger Um so mehr ist zu bedauern, daß iir Japan deutsche Firmen und deutsche Fabrikate hinter englische und amerikanisch? Firmen zurück gesegt werden. Die Regierung sollte auf eine Beseitigung solcher Zurücksetzung hinwirken.— Immer weniger werden andere Staaten geneigt sein, besondere Tarife mit unS abzuschließen, wenn wir mit der Hingabe unserer Meistbegünstigung io fortfahren wie bisher. Amerika legt jetzt die Meistbegünstigung so aus. daß eS noch Vor zngstarife an andere gewährt, von denen wir trotz der Meist- begünstigung oiisgeschlosseii bleiben. Da sollten wir unS doch auch überlegen, ob wir unsere Anschauungen über die Meist begünstigung nicht einer Revision unterziehen sollen, zumal unsere Exportindustrie dauernd wachsenden Schwierigkeiten begegnet. �— Bielleicht kann der Staatssekretär uns über die von mir angeregten Fragen Auskunft geben. Wir könnten dann dem Vertrage ohne Kon, missionsberatung zustimmen. ,1J Abg. Kaempf: An dem vorliegenden Vertrage hat keiner außer Japan eine Freude, bei uns können die interessierten Kreise darin nur Nachteile erblicken. In der Begründung sucht man unS damit zu trösten, daß der englische Handel dieselben Nach- teile Japan gegenüber hat, wie unser Handel. Dieser Trost ist aber recht schwach. Handelsverträge sollten nur abgeschlossen werden, wenn� beide Teile einander Konzesstonen machen. Bei den erhöhten Zollsätzen wird eine Konkurrenz der deutschen Industrie in Japan fast unmöglich. Der Redner sucht dies, im Zusammenhang auf der Tribüne unverständlich, im einzelnen nachzuweisen und warnt vor einer Unlerschätzung der Meistbegünstigung. Gerade durch die Meist- begünstigung könne die Industrie mit festen Verhältniffcn rechnen. Unsere Z o l lp o li ti k lähmt unS bei Handelsvertragsverhandlungen Kleines feuilleton. 3nr Ehrenrettung der„Savnnnnh", des ersten Ozeandampfers, schreibt man uns: Die„Savannah" brauchte für die llcbcrfahrt nach Europa nicht.einen vollen Monat', sondern 20 Tage, von denen» Tage gesegelt wurden. Daß daS Schiff Segel führte, war durchaus natürlich: noch in den 70cr Jahren des vorigen Jahr« Hunden«, als die Dampfschiffahrt bereits im Stadium der Rekord- brecherer angelangt war, galten jene Dumpfer für die schnellsten, die am melstcn Segel führten! Sie alle halten Vollschiff- oder SchooneNakclage mi: vier und fünf Masten. Erst später beschränkte die heute üblichen zwei Pfahl,„asten. Die . savannah har sich da,m auch durchaus bewährt. Von Liverpool machte ste noch eine Rundreise über Kopenhagen, Siockholm und Petersburgs fand überoll gebührende Bewunderung und legte auch d>e Rucksahn nach Amerika ohne Unfall zurück. Das ist umso bemerkenswerter, als das Schiff nur ein Raddampfer don 80 Meter Länge und 8 Meier Breite mit recht schwacher Maschine war. Zum Vergleich sei gesagr. daß die jetzt gebräuchlichen Paffagierdampfcr auf der Spree bei 0 Meter Breite 33,5 Meter lang sind und bei zwei«chraubei, maichinen zwischen 270—360 Pkerdekräste haben. Diese Dampfer stehen der.Savonnob' an Seetüchtigkeit nicht nach. würden ober bei ihrer Geschwindigkeit von 11—12 Seemeilen in der Stunde für die Fahrt na» Amerika noch nicht die halbe Zeit brauchcn wie die.Saronnah'. Der erste Sprceoampfer die.Prinzessin Charlotte', der schon im Jahre 1316— zwei Jahre vor der Konstruktion der.Savannah' und nenn Jahre vor Er- öffmmg der regelmäßigen Schiffahrt auf dem Rheine— de» Verkehr zwischen Berlin. Charlortenburg und Potsdam vermitlekte. konnte sich freilich mit der.Savannah' nicht messen. DaS neue Beförderungsmittel fand damals bei den Berlinern und Pot?damern wenig Anklang und konnte die Postkutsche nicht verdrängen. Aber man muß olle diese Ansänge einer Eiitivickelung, die wir jetzt vor Augen haben. doch als solche betrachten und bewerten; dann wird man weniger spöttisch auf sie herabsehen und weniger begeistert auf daS Neue blicken.. Theater. Theater in der König gräyer Straße:.Schau- fpielerin von Heinrich Mann. Wie die Nachbildung fremder Affekle und Leidenschaften auf der Bühne die Darsteller auch in ihrem privaten Leben öfter zu Komödianten macht, die- sich durch Worte und Genen in irgend ivelche Einpsiudung hincinphanlasreren lind am gemalten Feuer selbst betrüge»— dies psychologisch kam- Plizterre»h.ma wird in Romanen und Theaterstücken oft gestreisl. Meist m.r ironlscder Tendenz. So now ziiletzl in MolnarS viel ge- spiellern �Lelbgardlst. Heinrich Mann versucht es. dem Motive eine trapnche Sendung abzugewinnen. Doch mangelt jede wirtliche Ge- stal'ungskrast Eme l.efer angelegte Natur, die so viel lrilisthen ®*nnr rf. 1?' Tendenzen einer derartigen Aushöhlung bet sich selber wahrzimehmen, und die dann von der Angst gepackt Wl/d, m der Sche.nwelt bloßer Nachahmung zu ersticken. wäre M dlchtensch uberzeugender Darstellung ein Gegenstand von starkem Interesse. �zndeS die Mannfche Heldin bleibt, ob ste und bei künftigen Handelsvertragsverhandlungen wird nicht sowohl auf die Meistbegünstigung zu achten sein, als vielmehr auf einen Abbau unserer Zölle. sBrabo! bei der Volkspartei.) Staatssekretär Dr. Delbrück bestreitet, daß unsere Zölle unsere Stoßkraft bei Handelsvertragsverhandlungen schwächen, sonst müßte ja Großbritannien einen viel günstigeren Handelsvertrag mit Japan abgeschlosien haben.— Die Meistbegünstigung bringt ja manche Unbequemlichkeit mit sich; aber grundsätzlich werden wir an ihr doch festhalten müssen, ebenso wie an den Zöllen, die unsere Position bei Handelsvertragsverhandlungen stärken. Unterstaatsseiretär Kühn sauf der Tribüne unverständlich) scheint Auskunft über Einzelheiten zu geben. Abg. Dr. Südeknm(Soz.):' Der Staatssekretär hat auch diese Gelegenheit benutzt, für den sogenannten Schutz der nationalen Arbeit einzutreten. Aber die Eni- fcheidimg über die Zollpolitik fällt nicht hier und nicht jetzt. An dem vorliegenden Verlrag ist das beste, daß er überhaupt zu- stände gekommen ist. In der Qualität der Verträge sind wir ja wahrlich nicht verwöhnt. Wenn man behauptet, daß der Ver- kehr mit Japan nach Abschluß des Vertrages sich vermehrt hat, so beweist daS nichts für die Qualität dieses Vertrages, sondern nur etwas gegen den früheren Zustand. Bei dem Vertrage find die Japaner besser weggekommen als Deutsch- land. Das Zugeständnis, das wir ihnen in der Seidenindustrie gemacht haben, ist hoch bedeutsam. Aber Anlaß zu besonderen Befürchtungen gibt es nicht. Ich erinnere daran, daß im Jahre 1898 von Angehörigen des Zentrums und derNationallibe- r o l e n Antrüge auf Herabsetzung der Seidenzölle gegen Japan ge- fordert wurden, denn die seidenverarbeitende Industrie führte den Rohstoff infolge des hohen Zolles gegen Japan über Paris ein. Der Begriff der Seidenindustrie ist eben lein einheitlicher und die seiden- verarbeitenden Industriellen werden die Verbillignng ihreS Rohstoffes sicherlich mit Freude begrüßen. Ich bedauere, daß in dem Vertrage die Sojabohne nicht bester weggekommen ist. Sie ist eine der bedeutsamsten Nahrungspflanzen für die Menschen. In dem japanischen Pavillon in der Hygieneausstellung in Dresden befanden sich tausend Rezepte für Zubereitung von Speisen mit dieser Bohne, und cS wäre sehr zu wünschen, daß sie der» deutschen Volke zugänglicher gemacht würde; ich bedauere auf das schmerzlichste, daß das Reichs- gesundheitsamt dieser Frage gar keine Bedeutung beilegt »nd hier vollständig versagt. sSehr wahr I bei den Sozialdemo- kraten.) Herr Stresemann hat geglaubt, darauf aufmerksam machen zu sollen, daß die Arbeitsverhäliniffe in Japan ganz andere sind als bei uns, daß dort der Arbeiter täglich vierzehn Stunden zu arbeiten hat und er nahm darauf Veranlassung, uns zu raten, mit einer Ansdehnnng zum Schutze der Arbeiter und der sozialen Fürsorge vorsichtig zu sein. Ich be- Haupte im Gegensatz, daß die Konkurrenzfähigkeit durch Arbeiter- schlitz und soziale Fürsorge nicht in Gefahr gebracht, sondern gestärkt wird.(Lebhaftes Sehr riibtig! bei den Sozialdemokraten.) Man überschätzt die Leistirngssähigkeit ii� der japanischen Industrie und namentlich die des einzelne» japanischen Arbeiters. Nach den besten Mitteilungen darüber ist anzunehmen, daß die Handarbeit im Endeffekt in Japan nicht billiger ist als in Deutschland und daß eS selbst vom Standpunkt de§ Kapitalisten nicht vorteilhafter ist, in Japan den Arbeiter vierzehn Stunden zu beschäftigen als in Deutschland neun oder zehn Stunden. Die Leistungsfähigkeit des Japaners ist bei weitem nicht so boch, wie die des westeuropäisckien Arbeiters, und daher ist die Konkurrenzfähigkeit der Industrie nicht nach der Stundenzahl und den Lohnsätzen zu bemessen. Der Lohn ist in Japan allerdings so elend, daß die Arbeiter ihr Leben kaum s r i st e n können. Vor allem kommt hinzu, daß nur die soziale Fürsorge und die Erhöhnng des Arbeitslohnes zufolge des gewerkschaftlichen Kampfes den Anreiz zu jenen technischen Verbesserungen haben, die auf die Dauer unserer Industrie die Ueberlegenheit sichern.(Lebhafter Beifall bei den Sozial demokraten.) Abg. Linz(Rp.): Es ist eine unangenehme Situation, daß wir einen Handelsvertrag nur im ganzen annehmen oder ablehnen können. — Die Zähigkeit und Bedürfnislosigkeit der gelben Raffe kann mich »nS einmal gefährlich werden, wie sie für die Vereinigten Staaten schon lange zu einer Gefahr geworden war. Die deutsche Seiden- industrie wird, wie schon mehrfach mit Recht hervorgehoben ist. durch den vorliegenden Vertrag sehr geschädigt. Gewiß hat Gefühle mimt, ob ste sich selbst des KomödiantentumS anklagt, in kalten, unverständlichen Tiraden stecken, eine schematisch konstruierte Gliederpuppe, hinter deren Bewegungen man überall die groben Drähte sieht. Noch farbloser erscheinen die beiden konkurrierenden Liebhaber: ein zaghafter Jüngling, von dessen Liebe sie die Er- lösung zu ihrem wahren Selbst erhofft, und ein skrupellos brutaler Don Juan, der gleich mit Gift hanriert und ihr ein Fläichchen seines Suites mitbringt. Ohne eine Spur von Motivierung springt die umworbene Theaterdame fortwährend von einem Rollenfach der Liebe ins andere und dellamierl sich schließlich mit Hilfe jenes GifteS in den Tod hinein. Tilla D u r i e u x füllte wie in DaulhendyS.Spielereien einer Kaiserin' den leeren Rahmen mit einem Mosaik glänzender Moincntbildcr. die sich aber natürlich nicht zu einem einheitlichen Ganzey zusammenschließen konnten. dt. Musik. Da? Blüthnerorchester hat sich mit seinen mannigfachen Darbietungen gut künstlerischer und auch gut populärer Art so viel Sympathien erworben, daß am Montag der Wiederbeginn seiner großen Sinfoniekonzerte im Blüthnersaal ein saalsüllendes und andächtig ausharrendes Publikum fand. Das Programm war eine Nachfeier zum lOO. GebnrtStng L i s z t S. ES brachte als Hauptstück eine der.sinfonischen Dichmngen', die besonders charakteristische.Sinfonie zu Dan res Divina Com- media', und vorher einiges Kleinere. Wie da der Berliner Lehrerinnen-Ge sang vereine, mehrere Solisten, das Orchester und sein Dirigent, der ebenfalls durch sinfonische Dichtungen wohlangesehene Komponist Siegmnnd v. H a u i e g g e r, zn gutem Erfolg zusammenwirkten sei hier durchaus anerkannt. Etwas anderes liegt uns noch mehr am Herzen, ein Nachwort zu den Geräulchen der Liszl-Feler. das sich„ns gerade an einem so sehr zugunsten deö Meisters sprechenden Abend aufdrängt. Auf eine ganz paradoye Weise steht Liszt zugleich alS ein Ab- s ch l u ß und als ein A u f a» g da— als ein Abschluß, der erst recht nicht daS Ende bringt, und als ein«»fang, von dem aus es doch nicht recht weitergeht. Als ein Abschluß: e r hat das Virtuosen- tum de« Jnslrumentalmusi.'erS. und zwar des Klavierspielers, auf eine Höhe gebracht, auf der ivcitercs sich nicht mehr lohnt und doch immer wieder begehrt wird. Daß uiis-r heutiges K'avrerlernen und Klavierkonzertiere» im Gniude ein Wahnwitz ist und in trauriger Weise die allgemeine Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was eigentlich not- tut: diese Einsicht könnte jetzt doch endlich einmal durchdringen— gerade auch dem Jubilar zu Ehren. AlS ein Anfang: er hat nach langem Abweichen der Tonkunst vom künstteri'chen Sinn ins unkünstlerisch Sinnliche als der erste oder wenigstens nachdrücklichste Kämpe sie zu ihrem wahren Wesen zurückzuführen gesucht. Keine Musik, die dem Hörer nicht die lieverzeugling beibringt, daß sie bis ins Kleinste hinein geistig motiviert ist I— so läßt sich Liszts Schaffimg des»Ncudenlschen' in der Musik wohl am kürzesten zusammenfassen. Nur merkwürdig, daß eS daran gerade schon bei Liszt großenteils fehlt— sowohl wenn er über irgend eine Vorlage die Fülle seiner Klavierlünste ausgießt(zumal in den Transskriptioncn), wie auch wenn er den.Marsch der heiligen drei Könige' komponiert, den wir � Dr. Südekum darin recht, daß die Leistung de? japanischen Arbeiters hinter der des deutschen zurücksteht; aber diese Differenz wird weit mehr als ausgeglichen durch dre Differenz der Produktionskosten, die in Japan um mehr als 27 Proz. niedriger sind als in Deutschland. Der.Vorwärts hat nicht unrecht, wenn er darüber Klage führt, dak dre für dre Bekleidung des kleinen Mannes in Betracht kommenden Baumwou.-- gewebe im Vergleich mit japanischer Luxuslerde unverhaltmsmaßrg hoch belastet sind. Japan macht mit dem Vertrag ein ebenso gutes Geschäft, wie wir ein schlechtes. Wir müsian brechen mit dem ganzen Meistbegünstigungssystem.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Werncr-Gießen(wrrtsch. Bg.) bestreitet, daß die Schutz» Zollpolitik die Handelsbeziehungen ertchwere und klagt über dre schwächliche Marokko- und Ostmarlenpolirik. Zu der slawischen und jüdischen kommt nun noch die gelbe Gefahr..Volker Europa-, wahrt Eure heiligsten Güter' und macht Gesetze gegen die gelbe Ein- Wanderung I— Redner verbreitet sich unter wachsender Heiterkeit des Hauses über und gegen das Weltbürgertum. Abg. Dr. Nös.cke(k.) wendet sich gegen das Meistbegünstigungs« system. Wir müssen unsere zollpolrtische Rüstung verstarken, nicht vermindern; der von den Freisinnigen geforderte Abbau der Zolle ist das ungeeignetste Mittel, um unsere handelspolrtrsche Stellung zu verbeffern.(Beifall rechts.) Abg. Oescr(Vp.i: Der Vertrag ift für uns schlechter als der bestehende Zustand. Die Japaner haben sich sehr gestraubt, über- Haupt einen Vertrag mit uns abzuschließen und haben sich nur bet wesentlichen Zugestandnisien dazu bereit ertlärt. Man spricht immer von dem neuen Zolltarif, der 1913 kommen müsse. Wo steht denn daS? Die Verbündeten Regierungen sind rechtlich durchaus in der Lage, auf Grund des bestehenden Zolltarifcs neue Handelsverträge abzuschließen oder die alten bestehen zu lassen. Es wäre wünschenS- wert, ivenn der Reichskanzler sich einmal klar darüber aus- sprechen wollte, wie er sich das Festhalten an unserer bewährten Wirtschaftspolitik denkt.(Bravo! links.) Damit schließt die Debatte. Da ein- KommisstonSberawng nicht beantragt ist, wird sofort in die zweite Lesung eingetreten. Ohne Debatte wird der Vertrag in dieser genehmigt. Ebenso debatteloS eine Vereinbarung mit Japan über daS KOtt' sulaiSwesen. ES folgt die erste event. zweite Beratung des Vertrages mit Großbritannien über die gegenseitige Auslieferung von Verbrechern zwischen Dentschlanb und gewissen britischen Protektoraten(z. B. Ost- afrika, Zanzibar usw.). Abg. Dr. Junck(natl.) fragt an, warum man zwei AuS« liefcrungSverträge mit Großbritannien abgeschloffen habe, einen im Januar diese« Jahres für den Auslieferungsveckehr zwischen unseren Schutzgebieten und den britischen Prorektoraten, der dem Reichstage nicht zur Genehmigung vorlag, und jetzt dieser Vertrag über den Auslieferungsvertrag zwischen dem Reich und den britischen Protektoraten. Alle derartigen Dinge müßten dem Reichstage unterbreitet werden; der AuslieseruiUSverkehr sollte über- Haupt durch Reichsgesctz geregelt werden. Geheimrat Kriege: Im Januar stellte sich ein Bedürfnis nach einer Regelung des AuslieferungSverkehrs zwischen dem Deutschen Reiche und den britischen Protektoraten noch nicht heraus. Der Vertrag vom Januar, der den AuSlieferungsverkehr zwischen unseren Schutzgebieten und den britischen Protektoraten regelt, brauchte dem Reildstage nicht vorgelegt zu werden. Abg. Dr. Dovr(Vp.) schließt sich dem Wunsche des Abg. Junck nach einem Auslieferungsgesetz an. Abg. Heine(Soz.): Gegen den vorliegenden Vertrag tst nicht daS geringste einzuwenden. Glücklicherweise ist ja der Auslieferungsvertrag mit England der beste, den wir überhaupt haben. Wir haben immer auf dem Standpunkt gestanden, daß das ganze AuSlieferungs- wesen anders geregelt und auf gesetzlichen Boden gestellt werden soll. Wir haben sogar noch mehr getan und haben die Miß« bräuche, die bei den Auslieferungen nach dem Ausland namentlich in politischen Fällen vorgekommen sind, oft ßenug und ge« bührend gekennzeicknct.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn wir nur damals die Hilfe der Nationalliberalen gehabt hätten, wo mehr Zeit zu solchen Erörterungen war, als gerade heute! Heute schien mir eigentlich das Kolleg über die Notwendigkeit eines AuS- lieferungSgesetzeS etwas unnötig. Aber es toll mich immer freuen, wenn die Herren Nationalliberalen unS unterstützen werden, wenn am Montag gleichfalls hörten, und bei dem man doch fragen darf, wo denn eigentlich die drei Könige bleiben. D i e Muster aber, die Liszt in treffsicherer Weise zur Betätigung seiner Ideen gegeben hat, lassen sich kaum noch steigern. Weiter vorwärts gehen.kann eS jetzt zwar im Sinne der Ideen und vieler einzelner Errungenschaften des Meisters, schwerlich aber in dem seines gesamten Schaffens. ll. Humor«nd Satire. Homogen! Der Lindequist, der Lindequist; Was dem nur angeflogen ist? Läßt Porteföll und Sessel stehn Dem Bcthmann und dem Kiderlen. Nicht homogen,— Ach, nicht die Spur mehr homogen! Und hinter ihm ein Ruf erschallt, Ein fürchterliches Schimpfen, Ein großes Naierümpfen Im offiziösen Blätterivald. O Theobald. Fglttigitt, o Theobald l Doch kommt der zwölfte Januar, Dann wird noch ganz was andre? klar. Millionen Wähler kommen dann Und wählen alle Mann für Mann H ö ch st homogen,— Ach, ganz verdammt rot homogen! Dann Hilst im offiziösen Wald * Kein Kläffen und kein Rasen, Und die gerümpften Naien. Die werden laug und eklig kalt. O Theobald, Fahrwohl, fahrwohl, o Theobald! _ Pippo. Notizen. — DaS LustspielhauS tst infolge der Verurteilung Zickels ohne konzessionierten Direktor und wurde vorläufig geschlossen. Direktor Halm, der daS Theater bis Ende Dezember gepachtet hatte, besitzt nur die Konzession mit Zickel zusammen. Er hat inzwischen um eine neue Konzeision nachgcmcht. — I. V. W> d m a n n ist im Älter von 69 Jabren in Bern gestorben. Als Dichter und Feriilletonist(er war seit 1880 Feuilleton- redakleur des Berner.Bund') bat er in der Schweiz mrd dann auch im Deutschen Reich einen guten Ruf gehabt, wenn er auch mit keinem seiner Dramen, auch mit keiner Idylle oder Novelle vollsrümlich ge- Ivorden ist. ES war der ästhetnch-philosophisch Gebildete, der in seinen Werken zu Worte kam, nicht der dichterisch Schaffende. Die Phantastische.Maikäferkomödie' ist sein originellstes Werk, wie seine Dichtung.Der Heilige und die Tiere' sein tiefftcmpfundenes. Als Reiseschuflsteller hat er deutsche und welsche Landschafte»»nd Stim- mungen in schönen Rahmen festzuhalten verstanden. tolt eine gesetzliche und eine frelheltttche Reselnng des«nSNefermisS- Verfahrens beantragen. sSehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Wie die Dinge augenblicllich liegen, mutz ich sagen: im Verkehr mit England bleibe ich einstweilen lieber bei dem, wie es ist, als dast ich' auf den Boden trete, mit dieser Regierung und dieser Mehrheit des Reichstags etwa ein neues Auslieferungsgesetz zu machen. sSehr gntl bei den Sozialdemokraten.) Denn ich weig, daß die Herren Verwaltungsjuriste» bereit? mit aller Gewalt ge�en das Privileg politisch Verfolgter auf- treten; eS ist auf juristischen Kongresse!» bereits die Ausnahme politisch Verfolgter als schreiendes Unrecht bezeichnet worden. Also in diesen, Fall bin ich mal konservativ(Heiterkeit), lasse eS lieber ivie eS ist und vertraue nicht auf ein AuSlieferungSgesetz, das unter Mitwirkung der Rationallibcralen zustande kommen würde.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Der Vertrag wSrd hierauf genehmigt. Ebenso debattelos die Vorlage betreffend Regelung der Handelsbeziehungen zum britischen Reich. Aus Vorschlag deS Präsidenten wird alsdann die Vertagung beschloffeu. Der Präsident schlagt vor, die nächste Sitzung Donnerstag l Uhr abzuhalten mit folgender Tagesordnung: Interpellation Albrecht und Genosien über die Beeinträchtigung des Koalitionsrechtes der Arbeiter der Reicheise»- bahnen, 2. Besprechung des deutsch-französischrn Marokkoabkommens und der Jndrrpellntione«. Abg. Bajsermaan snvtl.)(Zur Geschäftsordnung): Ich bitte, die Debatte über die auswärtige Politik morgen stattfinden zu lassen. ES liegt kein Grund vor, von der Vereinbarung im Seniorenkonvent abzuweichen. Die Abgeordneten haben sich darauf eingerichret und überall wartet man auf unsere Verhandlungen. Auch in der fran- zösischen Kammer sollen die Verhandlungen an demselben Tage statt finden. Die Grnndzüge des Abkommens sind bereits seit Tagen be� kannt und ein geschästSordnungSmäßigeS Bedenken, die Denkschrift inorgen auf die Tagesordnung zu retzen, liegt nicht vor. Präsident Graf Schwerin-Läwitz: Geschäftsordnungsmäßige Schwierigkeiten in dieser Richtung bestehen nicht. Aber nach den Mtteilungen verschiedener Parteiführer hatte ich Grund zu der An- nähme, daß eine Einigkeit in dieser Frage eher erzielt würde, wenn ich die Beratung zu übermorgen vorschlüge. Abg. Gröber(A.): Ich halte den Vorschlag des Präsidenten für den geeigneten, einen Tag auszusetzen, damit sämtliche Fraktionen die Borlage, die heute noch nicht in unserem Besitz ist, und deren Inhalt wie man behauptet, mit privaten Kundgebungen in der Zeiwng über- einstimmt, was ich aber nicht kontrollieren kann, zu beraten. Das ist um so notwendiger, als der Vorlage, wie verlautet, ein sehr dürftiges Material beigegeben ist. weder Begründung nock Karten.(Zuruf: Schlimm genug I) Der Reichstag wird zu prüfen haben, ob eS überhaupt genügt, daß er die Vorlage nur zur Kenntnis nimmt, oder ob nicht nach dem gelteilde» Recht eine weitergehende Behandlung einzutreten hat. Wenn eS richtig ist, daß d»er Vorlage keine Begründung beigegeben ist, so ist die Desprechtinfg für uns Abgeordnete um so schwieriger. und dazu brauchen wir nicht ein paar Stunden; wir brauchen geraume Zeit für eine so wichtige Weltvorlage. Wenn eine Vorlage von so großer Tragweit« von uns in öffentliche Diskussion genommen würde, ohne daß sie in unserem Besitz ist, so wäre das ganz ungewöhnlich. Wer wissen noch nicht einnial, ob wir heute abend in ihren Besitz kommen. Selbst wenn wir die Borlage nur zur Kenntnisnahme bekommen, ist unsere politische Verantwortlichkeit eine ungeheuer große, amb für den Fall, daß wir eine juristische Berantworrlichkeit nicht haben, und deshalb wünschen wir in vor- heriger Beratung zu der Vorlage Stellung zu nehmen.(Lebhafte Zustimmung.) Abg. Wiemer(Vp.): Gewiß sollen Beschlüsse deS Senioren- konventS nach Möglichkeit«ingehalten werden. Als wir aber die Vereinbarung trafen, das Viarokkoabkommen am 8. November zu besprechen, geschah eS unter der Voraussetzung, daß das zur Beurteilung erforderliche Mawrial dem Reichslage auch recht- zeitig vorgelegt würde.(Zustimmung.) Da» ist bisher nicht geschehen. Nachdem die Verhandlungen über Marokko so lange Zeit erfordert haben, kann der Reichstag wohl für sich einen Tag zur Prüfung in Anspruch nehmen. Ein sachlicher Schaden kann dadurch nicht entstehen. Herr Basiermann wies auf die Gleichzeitigkeit der Verhandlungen im französischen Parlament hin. So viel ich weiß, tvird auch dort die Verhandlung auf einen Tag verschoben. Das ist allerdings nicht entscheidend, aber entscheidend ist. daß wir so viel Zeit verlangen müssen, daß eine gründliche Prüfung des amtlichen Materials möglrb ist.(Zustimmung.) Abg. Dr. Baflenoarni(natl.): Als der Präsident verkündete. das Marokkoabkommen fei eingegangen, war eS auch auf dein Bureau zum Studium erhältlich. Bei der Dürftigkeit der Vorlage, bei der jede Begründung und jedes Kartenmaterinl fehlt, nehme ich an, daß gerade diese Vorlage beim Studium besondere Schwierige keilen nicht bereiten kann. Nachdem aber Herr Gröber gesagt hat, eS ist zu prüfen, ob die Vorlage nur zur Kenntnis zu nehmen ist oder ob dies nicht genügt und sie dem Reichstage zur Genehmigung vorgelegt werden muß. bin ich so erfreut darüber, daß ich gern nach- gebe und meinen Widerspruch zurückziehe.(Lebhafte Heiterkeit und Zustimmung.)„*.. Abg. Bebel(Soz.): GeschäftSordnungSmäßig möglich ist eS. schon morgen in die Verhandlung einzutreten, denn wir sollen ja nach der Ansicht der Regierung die Vorlage nur zur Kenntnis nehmen. ES ist auch richtig, daß der Seniorenkonvent gewünscht hat, sobald als möglich nach den Ferien in die Beratung des MarotkoabkommenS einzutreten. Aber ich meinerseits muß auch' erklären, daß ich dann nur unter der Voraussetzung zugestimmt habe, daß wir auch wirkliches Material zur Beratung bekommen.(Sehr richtig I) Ich habe mir auch das Aktenstück verschafft, das uns heute abend überreicht werden soll und ich bin überrascht, was uns da geboten wird oder vielmehr nicht geboten wird.(Hört! hört l) ES steht fest, daß das Abkommen endgültig nur erledigt werden kann durch die Zu- ftimmung der französischen Kammer. Insoweit sind wir bereits ganz erheblich benachteiligt(Sehr richtig I>, und nun kommt hinzu, daß wir beraten sollen ohne Motive, ja sogar ohne Karte.(Hörtl hört!) Der Abgang des Herrn v. L i n d e q u i st beweist doch, daß be- deutende Meinungsverschiedenheiten über dies- Dinge in der Re- gierung selbst bestanden haben. Meinen Sie, daß man der französischen Kammer ein solches Aktenstück anbieten würde?(Leb- hafte Zustimmung.) Sie würde es aus jeden Fall zurück- weisen, würde verlangen, daß ihr daS gan�e Material vorgelegt wird und sie würde eS bekommen.(Sehr richtig I> Ich bin schon deshalb für die Verschiebung ans Donnerstag, damit sich die Fraktionen unter einander verständigen können, ob wir Über- ?aupt in eine Verhandlung deS Marokkoab- ornrnen« eintreten, ehe wir daS ganze Material haben.(Heitere Iusiinimung.) Präsident Gras Schwerin-Löwitz: Nachdem Herr Bassermann seinen Widerspruch zurückgezogen hat, bleibt eS also bei meinem Vorschlag. Schluß 8'/« Uhr.__ Der„Hvant)" über De fclicc. Rom, den 4. November. An leitender Stelle veröffentlicht der.Avanti' vom 1. November einen Artikel über den sozialistischen Abgeordneten De Felice, der, wie bekannt, augenblicklich als Kriegs» berichter st atter bürgerlicher Blätter in Tripo- litanien weilt und von hier ans begeisterte Berichte über die Kriegstaten der italienischen Truppen sendet. Der Artikel weist zu- nächst die Verleumdungen zurück, die De Felice verdächtigen wollten. an kapitalistischen Spekulationen in der neue» Kolonie beteiligt zu sein. Jeder wisse, daß De Felice blutarm sei und in seinem langen politischen Lebe» genug Gelegenheit gehabt hätte, sich durch seinen politischen Einfluß zu bereichern, falls er zu der Menschensorte gehört hätte, die solchen Schmutz nicht der» schmähen. Trotzdem, heißt es in dem Artikel weiter, kann man aber nicht umhin, mit Befremden und Schmerz die wachsenden Zeichen von De Felicrs Kriegsbegeisterung zu verfolgen. Der von ihm geleitete. C o rri e re di Catania� steht heute in der Beurteilung der Tripolisaffäre keinem nationalistischen Blatte nach Zu Anfang trugen die Berichte De FeliceS noch gelegentliche Spuren sozialistischer Auffassung und sozialistischer Kritik. Heute hat das ganz und gar aufgehört. Ja, als in der Presse der Vorschlag auf tauchte, den Krieg durch Anerkennung der türkischen Oberhoheit über Tripolitanien zu enden, veröffentlichte De Felice einen Artikel in dem von ihm geleiteten Blatte, der den Titel»Annexion oder Revolution' trug. In diesem wird mit den heftigsten Worten die Möglichkeit zurückgewiesen, daß Italien sich auf Veranlassung der europäischen Groß mächte mit dem bloßen Protektorat über Tripolitanien begnügen könnte. „Welch unerhörte moralische Niederlage für uns. wenn wir eine derartige Demütigung erfahren müßten I Wehe, wenn die Negierung das wagte I Allein wir Sozialisten, so weit wir Vertreter des AnnexionSgedankenS sind, würden genügen, um das Feuer zu ent- flammen, das man hier, wo so viele Tapfere vor Freude und Enthusiasmus über die baldige Austreibung der Türken aus diesen fruchtbaren Gefilden glühen, mit einem Schlage auslöschen möchte. um irgend einem uneingestehbaren internationalen Druck Rechnung zu tragen. Daraus könnte man nur mit der Revolution am- worten! Und ich als erster würde zu ihr aufrufen und sie nähren, ich, der ich in Erkenntnis der ungeheueren Vorteile der Besetzung TripolilanienS den Mut und die Offenheit hatte. die energische und entscheidende Aktion zu loben, durch die unsere geschichtlichen, ethischen, ökonomischen und polifischen Rechte auf das andere Ufer des Mittelmeeres, auf die natürliche Fort> setzung des italienischen Bodens zur Geltung gebracht werden sollten. Und an dem Tage, an dem man der Türkei irgend ein auch mir scheinbares Recht der Oberhoheit über diese nunmehr uns ge. hörenden Länder zugestehen würde, würde ich nicht zögern, die italienische Regierung der Feigheit und des Hochverrots zu b� schuldigen und überall die Notwendigkelt des AufstandeS zu predigen.' Nach Aniührung dieses Zitats meint der Artikel, daß selbst der wütendste Nationalist nicht so weit ginge wie De Felice. Die Drohung der Revolulion mit Hilfe der Sozialisten, die Ber treter des AnnexionSgedankenS sind, müsse als dumme Prahlerei von der Regierung verlacht werden, denn dieser Sozialisten gäbe eS recht, recht wenige.„Was fällt Dir ein, Gei»osse De Felice', fährt der Artikel fort,„wenn Du wirklich noch Sozialist bist, so mußt Du verstehen, daß die Besetzung nicht im Interesse des Proletariats erfolgt, daS in Sizilien wie in Tripolitanien in gleicher Weise aus gebeutet sein wird, sondern im Interesse der großen Kapitalisten und des Banco di Roma... Siehst Du denn nicht ein, Genosse De Felice, daß Du auf falscher Straße bist? Wieviel besser wäre eS, Du kämst ins Vaterland zurück, um Deine Kampfstellung in- mitten des unglücklichen Proletariats SüditalienS wieder ein- zunehmen, dem Brot, Licht und ErkeiliitniS so not tun I Tripolitanien ist hier, Genosse De Felice, wo eS an Gerechtigkeit. an Schulen, Straßen, Trinkwasser. Licht, Hygiene fehlt; hier, wo das Latifundium, wie die Wüste der von Dir ersehnten Ländereien alles beherrscht; hier, wo die unwissenden und versklavten Massen noch die Cholera auf Brunnenvergistung zurückführen und an Vorurteil und Aberglauben den Türken nichts nachgeben, die wir mit der Kaiione zivilisieren wollen. Wenn wir einst unser teures Vaterland wirklich gesittet und groß sehen werden. dann ist eS immer noch Zeit, wenn die Notwendigkeit es heischt, an Kolonialexpansionen zu denken. Heute nicht, heute ist eS ein Ver> brechen am Vaterlande, ein Verbrechen an der Menschheit!'— In allen Parteikreisen wird diese Stellungnahme deS.Avanti' mit Genugtuung degrüßt werden. Es war in der Tat Zeit, daß von maßgebender Stelle ein Wort zum Falle De Felice gesprochei» wurde. Im allgemeinen hört man selbst unter Sozialisten viel fach De FeliceS Ueberzeugungstreue und seinen Bekennermut lobe», aber schließlich gründet sich die Zugehörigkeit zu einer Partei doch nicht bloß auf moralische Eigenschaften. Wenn heute ein namhafter Parreigenosse plötzlich zu einem begeisterten Bekenner, sagen wir deS MarienkultuS, würde und in katboliilben Blättern den Tiefsinn der MuttergotteSmysterien priese und verherrlichte, so würde der an den Tag gelegte Mut etwa derselbe sein und doch dürfte niemand auS ihm daS Recht weiterer Parteizugehörigkeit ableiten. Zur Partei gehört, wer ihr Programm annnnmt. Wer aber schreibt und handelt wie De Felice, der hat entweder mit diesem Programm bewußt und klar gebrochen und dann sollte er sich eine andere Partei suchen, oder er vereinigt seine Kriegsbegeisterung mit diesem Programm, und dann muß man ihm dringend raten, einen tüchtige» Irrenarzt zu konsultieren. Auf alle Fälle ist die Partei keine Menagerie für Ucberzeugungsakrobaten. Da De Felice nicht organisierter Partei- genösse ist, eben weil in Catania überhaupt keine Parteisektion besteht, können die praktischen Folgen deS hier ausgeführten Gedankens nicht zu seinem Ausschluß aus de? Partei führen. Wohl sollte sich aber die sozialistische Pchrla mentSfraktion. der De Felice angehört und durch die er überhaupt ausschließlich mit der Partei Beziehung hat, überlegen, ob sie De Felice weiter zu ihren Mitgliedern zählen kann. Man sagt, daß gegen den Ausschluß die Toleranz inS Gewicht falle, die die Fraktion gegen F e r r i und dann gegen B i s s o l a t i an den Tag gelegt hat. Hierüber ist zu bemerken, daß Ferris Seitensprünge und sein Nationalismus zu einer Zeit einsetzten, als er bereits aus dem aktiven Leben der Partei ganz ausgeschieden war. Außer» dem gingen seine«eußerungen denn doch lange nickt so weit, wie De FeliceS. Schließlich war im Fall Ferri eine zuständige Instanz da, die ihn nicht verurteilt hat. nämlich di« römische Parteisektion auf der einen und seine Wähler in Gonzaga auf der anderen Seite. Beide haben unserer Ansicht nach Unrecht getan, aber jeden» falls entlasten sie die Parlamentsfraktion. Was den Fall Bissolati betrifft, so steht er doch aus einem ganz anderen Blatte. Was Bissolati getan hat, das glaubt er im Ei»klang mit dem Partei- Programm getan zu haben; seine Absichten und Ziele waren sozio» listisch, und wenn er sich in Mitteln und Wegen vergriffen hat, so bandelt eS fick um einen Mißgriff in der Erkenntnis. Bei De Felice baden aber Mittel und Ziele aufgehört, sozialistisch zu sein, seine Wertung und seine Idealität ist nicht mehr die unsere, seine ganze Gedantenwelt ist eins mit der der herrschenden Klassen. Die Kon- sequenz auS dieser Umwandlung sollte er selbst als erster zieben. Entgeht sie ihm in diesen Tagen halluzinatorischer Aufgeregtbeit, so sollte, unseres Erachtens, die ParlamentSfraktion De FeliceS Ent- fernung vom Boden deS Sozialismus zur Kenntnis nehmen. Der Parteitag der Statutenrevislon. Paris, 2. November.(Eig. Ber.) Der gestern und heute abgehaltene außerordentliche Kongreß der geeinigten Partei hat sich ausschließlich mit der Revision des Parteistatuts beschäftigt. Einschneidende Aenderungen der Organi- sation sind hierbei nicht getroffen worden. Ein großer Teil der Diskussion vrehie sich um Detairftagen vtck um Fragen tn®e» schäftSordnung, und nur bei der Diskussion der Stellung der Tepu- tierten in den Vertretungskörpern der Partei kam es zu einer bedeutsamen Debatte. Der Kongreß war gut beschickt. Von 84 Föderationen waren 78 vertreten, die über 338 Shandate verfügten. Unvertreten waren nur ganz kleine Föderationen. Die Debatte über die Zulassung der Deputierten in die Verwaltungskommission eröffnete Genosse Roland. Er legte dar. daß die Funktion der Kommission nur durch die Praxis, aber durch keinen präzisen Text hestimmt werde. Der Parteitag genüge nicht, um die Partei zu leiten, der National- rat, der immer nur einen Tag beisammenbleibe, sei auf eins administrative Tätigkeit beschränkt. So sei es gekommen, daß sich eine verborgene Parteileitung entwickelt habe— in der Fraktion und der Presse. Wir wollen nicht, daß die Depu- tierten einen Organismus außerhalb der Partei bilden. Sie ge- hören in sie hinein. ES ist wahr, daß seinerzeit bei der Einigung der Partei den Memanistcn die Fernhaltung der Deputierten von der Parteivertretung zugesichert wurde. Aber seither haben viele Angehörige dieser Richtung ihre Ansicht geändert. Wir brauchen einen ZentrvlorganiSmuS mit Autorität und Verantwortlichkeit. Du cos de la Haille, der für den StawSquo spricht, wendet sich gegen Rolands Auffassung, daß die Partei krank sei. Sait der Einigung ist sie von 30 000 aus 70 000 Mitglieder gestiegen. Man vergleicht diese Ziffer mit der der deutschen Sozialdemokratie. Aber ist der Kontrast nicht noch größer, wenn man die C. G. T. mit den deutschen Gewerkschaften vergleicht? Im Nationalrat sind die zentralen Körperschaften durch die 22 Mit- glicder der VevwaltungSkommisfion und die 12 Vertreter der Frak- tion repräsentiert. Kämen noch mehr Deputierte hinein, wäre ein allzu großer Einfluß der Deputierten zu befürchten. Eine Ver- stärkung der Autorität der Parteivertretung widerspreche dem französischen Temperament und würde Parteizwistigkeiten hervor- rufen. Uhry me-int, die Schwäche der Partei komme nicht vom Fehlen einer Zentralleitung, sondern vom Weiterbestand der alten Fraktionen in der Form der„Tendenzen", die einander zu majori- sieren suchen. V a i l l a n t: Man sagt, die Partei werde nicht geleitet. Aber dies ist eben ihr Verdienst, daß sie sich s e l b st leitet. Be- handeln wir nicht gleich einer Akademie die Fragen Föderalismus und Zentralismus! Ich selbst war seinerzeit für die Zulassung der Deputierten in die Verwaltungskommission. Die Frage wird viel- leicht bald einer einmütigen Lösung sähig sein. Wer in diesem Augenblick fordert eS die Rücksicht auf die Partcieinheit, die gegen- über den Allemanisten eingegangene Verpflichtung zu erfüllen. Die Partei wird so lange nicht lebendig sein, als die„Tendenzen" fortbestehen. Ich gehöre nicht zu denen, die, bevor sie hierher- gekommen sind, an Sonderversammlungen teilgenommen haben.(Lauche ruft: Auch nicht an Banketten?— was eine Anspielung auf die von der Redaktion des„Socialisme" alljährlich organisierte Zusammenkunft der guesdistischen Gruppe ist). Wenn wir nicht mehr leisten konnten, so ist nicht die VerwaltungSkom- Mission, sondern die Partei selbst daran schuld. Wer haben wie nickt angcsickts der Kriegsdrohung die Kommission die-Manifesta- tion im Aero-Park im Verein mit der C. G. T. organisieren ge- sehen? In jeder sozialistiscken Organisation hängt die Kraft der Mtion vom Kontakt zwischen den führenden Genossen und der Masse ab. Dies zeigt uns auch das deutsche Beispiel. Auch der deutsche Parteivorstand ist nur eine Verwaltungskommission, und in Jena find gegen ihn die gleichen Kritiken ausgesprochen worden, wie hier gegen unsere Kommission. Man findet den Nationalrat überflüssig, ober K a u t s k h hat ihn in der„Neuen Zeit" den deutschen Genossen als empfthlenswerte Institution hin- gestellt. Das WackStum der Partei hängt vom Verschwinden der Tendenzen ab. Ihre Einigkeit fordert aber die Aufrcchterhaltung des Statusquo.(Beifall.) DaS Gegenprojekt Braemer, da» die Aufbebitng de? Ratio- nalratS, die Verstärkung der Autorität der Verwaltungskommission, und die Abhaltung von zwei Parteitagen im Jahre vorsieht, wird mit 212 gegen 110 Stimmen abgelehnt. Die 87 Enthaltungen ent- fallen fast ganz auf die gueSdistische Nord föderation. Die Wir- kung diese? Verhaltens hat sich im weiteren Verlauf des Partei- tageS darin gezeigt, daß die verärgerten Guesdisten der Seine» föderation die Anträge der Nordsöderation zu Fall brockten. In der weiterdauernden Diskussion über die Spezialfrage de? Eintritts der Deputierten in die Verwaltungskommission verweist L e b u s auf die auSlündisckcn Brndcrparteien. Bebel, Adler, JglesiaS usw. sitzen in den Parteivorständen. Wenn wir einem Ge- nossen daS Vertrauen entgegenbringen, ihn inS Parlament zu wählen, sollen wir nickt das Vertrauen zu ihm haben, ihn in die Verwaltung der Partei zu berusen? Renaudel findet den biherigen Zustand vollständig logisch. Auf dem Kongreß, der der leitende OrganiAnruS der Partei ist, gibt eS keinen Untersckied zwnckcn den Genossen. Der Nationalrat aber hat eine praktische Funktion. Er bat die Beschlüsse der Partei- tage auszuführen, darum� sind die Körperschaften, die sie in ver- antwortltckcr Tätigkeit täglich anzuwenden haben, in ihm als Kollektivitäten vertreten. NebrigenS ist der Forderung der Genossen deS Nordens sckon insoweit Rechnung getragen, daß Vertreter der Fraktion den Sitzungen der Vcrwaltungskommissionen beiwohnen und gemischte Sitzungen stattfinden. Auch nimmt daS Bureau der Partei an den FraktionSsihungen teil. Bracke: Gerade dtejenigen. die sick über die„Tendenzen" beklagen, macken sie hier lebendig, indem sie uns die von den Alle- manisten gestellte Bedingung entgegenhalten. Der„Parti Socialiste de France" hat damals der Einigkeit seine Opposition gegen die Kollektivvertretung der Fraktion zum Opfer gebracht. Man bat doch eine Partei gegründet, die ihre Satzungen nach ihren Ersah- rungen zu ändern das Recht hat. Heute beraubt man die Partoi der Dienste derjenigen, die ihr die würdigsten geschienen haben; man setzt sie abseits und— muß sie doch suchen, wenn man ein Manifest ausputzen will. Auch ich will gleich den Akten vom P. O. S. R.(Allemanisten) keine Devntierienherrschast. Wer ebendarum will ich einen Zustand abschaffen, der die Partei von den Deputierten inS Scklepptau nehmen läßt, womit vielleicht viele Deputierte zufrieden sind. � Leiden unsere deutschen Genossen etwa darunter, daß vier ReicfiStagSohgeortmete im Parteivorstand sitzen? Unsere deutschen Genossen haben so die Aktion der Fraktion und der Partei„unifiziert". Dorm oh befürchtet, daß die Deputierten im Nationalrat rmd besonders in der Adniinistrativkommission eine herrschende Stellung erlangen würden. Wenn die Organisation der Arbeitermassen stark wäre, wäre der Antrag nickt gefährlich. Aber man übersehe deck; nicht die Unpopularität deS Parlamentarismus in den Massen. Die Annahme des Antrages würde als Unterjochung der Partei durch die Parlamentarier gedeutet werden.. JaureS war be, der Gründung der geeinigten Partei für die Zulassung der Deputierten. Wer er hält sich durch die gegen. über den Allemai,»ten eingegangene Verpflichtung für gebunden. Wenn diese Gruppe als Organismus nicht mehr besteht, so besteht doch ihre Denkweise weiter fort. Wenn eS möglich wäre, die Zahl der Deputierten in der Verwaltungskommission zu beschränken, so nicht im Nationalrat, wohin jede Föderation ihren Delegierten unabhängig entsendet. Auch ist die Arbeit im französischen Par. lament viel aufreibender als>m Deutschen Reichstag, so daß es den Deputierten unmöglich wäre, allen Sitzungen der Kommission bei- zuwohnen, was die Bedeutung der dort gefaßten Beschlüsse schwächen tvuröL. GueSde glaubt nicht, daß die parlamentarische Arbeit die erste Sorge der Deputierten sei. Die Sauptsach- ist die Arb-eit in der Partei, auch ftir die Deputierten. Was in den Vor- zimmern der Bourgeoisie, als welche sich daö Parlament darstellt. vorgeht, ist nicht so wichtig zu nehmen. Nicht dort haben wir unsere Kräfte aufzubrauchen. Wir schulden sie ganz und vor allem der Partei. Dos Parlament ist nur eine T r i b ü n e. die Partei ist da? ®to!e!«t!Ä! In ftllloft. Mcht da» Parlament, sondern die Partei ist das Element der sozialen Umgestaltung. Was uns in den Augen des Proletariats schadet, ist just dieses, daß wir uns zu sehr parlamentisicrt haben und dafc unsere Fraktion mit den Vertretungskörpern der Partei als Macht zu Macht verhandelt. Geben Sie acht, dah wir mit dieser Methode nicht dahin kommen, daß wir 150 D e p u t i e r t e haben, hinter denen 2 Millionen Wähler stehen und die. durch diese Masse getrieben, sich ü b e r d i e 70 000 Mitglieder der Partei hinwegsetzen, um sich in den Couloirs der Mini st er zu verlieren. Geben Sie acht und halten Sie die Deputierten fest, damit sie immer m i t und i n der Partei sind! Halten Sie sie zu den gleichen Arbeiten an wie die anderen Genossen! Und lasten Sie sie ihre gefährliche und lächerliche Stellung alSPrivilegiertePariasverlassen! (Beifall.) Der Antrag der Nordföderation wird mit 189 gegen 163 Stimmen abgelehnt, bei 26 Enthaltungen. In der weiteren Verhandlung wurde die Frage der landS- mannschaftlichen Gruppen erledigt, die in Paris und einigen anderen Großstädten besondere, nicht an die lokale Födera- tion angeschlostene Sektionen bilden. Es wurde beschlosten, diese Gruppen nur in der Seine- Föderation mit Autorisation des Nationalrats weiterbestehen zu lassen. Doch haben sie ihre Mit- gliederlisten der Seine-Föderation zu übermitteln und unterstchen in ihrer Aktion der Kontrolle dieser Föderation. Nach zwei Jahren sind die Mitglieder, wofern sie in ihrer Heimatföderation nicht Wähler geblieben sind, in die Listen der Seine-Föderation zu über- schreiben. Die Pflicht der Mitglieder, der gewerkschaftlichen und genossen- schaftlichen Organisation anzugehören, wurde bestätigt. Der Antrag. den Ausdruck„Pflicht" durch„Zwang" zu ersetzen, wurde mit der Erklärung des Berichterstatters erledigt, daß die„Pflicht" im Sinne des Zwangs aufgefaßt werde. Auch wurde als selbstverständlich erklärt, daß unter der Gewerkschaft und Genossenschaft die an die betreffenden Konföderationen angeschlossenen Organisationen zu verstehen seien._ Hua der Partei. Der Protest gegen die koloniale Ranbpolitik. In Elsterwerda, Wackwitz(Saalckrcis) und Wittenberg wurden am 4., 5. und 6. November sehr stark besuchte Prote st Versammlungen abgehalten. In den drei Versammlungen, in denen Genosse Retchstagsabgeordneter Fritz Kunert über das Thema„Weltkrieg und Weltfrieden" referierte, wurde die vom Parteivorstandc vorgeschlagene Nesolution einstimmig und mit Begeisterung angenommen._ Stadwerordnetenwahlfieg. Trotz Terror und Reichsverband bchaupleten unsere Genosten in E i l e u b n r g bei Leipzig bei der am TienStagvormittag statt- gebabtcn Ersatzwahl ibre drei zur Dahl stehenden Mandate. Die Gegner brachten es auf Sl5 Stimmen, während 691 Stimmen auf die sozialdemokratischen Kandidaten fielen. vom Fortschritt der Parteipresse. Einen erfreulichen Forlschritt bat die in H o f in Bayern erscheinende.Oberfrän tische Volkszeitung" zu verzeichnen. Sie hat mit dem 1. November einen Abonnentenstand von über 5000 erreicht, was um so mehr besagen will, alS die.Volkszeitung" nur für den Wahlkreis Hos-Münchberg-Naila-Selb erscheint. Diese in kurzer Zeit erfolgte starke Zunahme der Abonnenten ist sicher ein ' gutes Zeichen siir die kommenden ReichStagSwahlen. Die.Volkswacht". die in Danzig für Westpreußen wöchentlich einmal erscheint, wird wegen des WahlkampfeS vom 14. November 1S11 ab. z w e i m a l wöchentlich. Dienstag« und Frei- tags, herauskommen. Ermöglicht wird dieser Fortschritt durch das Wachsen der Abonnentenzahl. Unser Heitbronner Parteiblati, das.Neckar-Echo", steht gleichfalls unter dem Zeichen eines erfreulichen AufichwungS. In der verhältnismäßig kurzen Zeit seines Bestehens bat es eine Auf- läge erreicht, die all« Erwartungen weit übertrifft. Am I.März 1908 trat es mit 3500 Sbonnenten ins Leben. Von Jahr zu Jahr ist die Leserzabl weiter gestiegen und jetzt stellt sich die tägliche Auflage auf 9000. Das ist ein glänzeitder Erfolg, auf den die Genoffen.ütt S. würitcmbergischen Wahlkreise mit Recht stolz sein können. Darf der Ausschluß auS der Partei veröffentlicht werden? Auf Antrag des Sozialdemokratsichen Vereins Augsburg wurde seinerzeit durch einstimmigen Beschluß deS GauvorstandeS für Südbayern der Friseur Rebele ans der Partei a u s g e sch lassen. Dieser Ausschluß, der durch alle Parteiinftanzen bestätigt worden ist, wurde unter Angabe der zum Ausschluß führenden Gründe in der .Schwäbischen Volkszeitun g". dem Parleiorgan sür Augsburg, bekaimtgegeben. Gegen diese Belanntgabe wandte sich MM Rebele und stellte gegen den verantwortlichen Redakteur Genossen S i m o n Strafantrag wegen Beleidigung und Geschäftsschädigung. In der vor dem Schöffengericht Augsburg durchgeführten Ver- Handlung wurde nun der Beklagte freigesprochen, nachdem ihm das Gericht den Schutz des§ 193— Wahrung berechtigter Interessen— zugesprochen hatte. Rebele, gegen den wegen beleidi« gender Aeußerungen Widerklage erhoben worden war, wurde zu drei Marl Strafe und Tragung der sämtlicheil Kosten verurteilt._ poliztUidus, OerlchtUcb«» ufw. Schwerste Strafe demjenigen... Vor der Strafkammer in M e> n i n g e n hatte sich der Gauleiter Genosse K n ö n e r vom Deutschen Troiisportarbcilcrverband wegen angeblicher Bedrohung von Arbeitswilligen zu verailtivorteit. die er anläßlich eines in Salznugen auSgebrocheuen Streiks der Brauerei« arbciler getan haben soll. Da» Gericht verurteilte Knöuer zu zwei Monaten Gefängnis. Der Staatsanwalt baite sogar fünf Monate Gefängnis beantragt, obwohl Genosse Knöncr noch unbestraft ist. Der beleidigte Militarismus. In Krimmitschau waren vor einiger Zeit zwei Reservisten in einen Zug der freien Turner eingetreten,«le>vurdcn deSbalb. der eine zu sünf, der andere zu neun Tagen Arrest und Aberkeniiung de« GesreltengradcS vernrletlt. Die Chemnitzer.Volks- stimme" überschrieb den Artikel: Radelstlckpolitik de? sächsischen Militarismus und gab dem Unmut der Bevölkerung über das Vor- kommnis Ausdruck. Dadurch suhlte sich der Oberst v. Watzdorf ii, Zwickau beleidig, und stellte Strafantrag gegen den Leraiilwort- lichen der.Volkestimme", Genossen Hermann Müller. Die Klage kam am Freitag vor dem Schöffeiigelickt in Chemnitz zur Ver- haudluna. Al» Zeuge war der Polizeisergeant Petzold in «rimmitschau geladen. Jnte.essant war. daß er aus die Frage. w,e groß die«ufreguug der Bevölkerung über die Beteiligung der zwel Reservisten an dem Umzug gewesen sei. mir zwei Perionen an- geben fonnie, und zwar den SaniiätSrat Dr. W a g n e r und den Fabrikbesitzer H o f m a n n. Diese beiden waren auch in ihrer silt- lichen Em, iistting zu den, Zeugen gelaufen und halten ihn auf- gefordert. Anzeige zu erstatten."*' Ä/ifaSr v"""'" m"'°°' 200"• SoziaUv. Ein Stückchen sozialer Geschichte. Die kapitalistische Entwickelung predigt den Klassenkampf l Sie peitschte jetzt eine Berufsgruppe hinein, die man bisher fast nur als Schutzgarde des Unternehmertums anzusehen gewöhnt war. Die harten Tatsachen der Interessengegensätze zwangen den Technikern einen Kamps auf, der in seiner Tendenz und in seinen Ausdrucks- Mitteln den unverfälschten Widerstreit zwischen Kapital und Arbeit spiegelt. Ueber die einzelnen Phasen des Kampfes berichtete der gewerk- schaftliche Teil des„Vorwärts". Der Vorgang gewinnt an Interesse, wenn man ihn erkennt als logische Folge der Verhältniffe. In ihm wird ein Stückchen sozialer Geschichte lebendig. Sie läßt die Klassen- kampstendenzen als Triebkräfte des JnterestenkonflikteS deutlich er- kennen. Mit rauher Faust zerreist die kapitalistische Logik die Nebel einer vermeintlichen Jntereffengemeinschast zwischen Kapital und Arbeiter, holt die letzten Fetzen der Harmonieduselei von den Zinnen des— StandeSbewußtseiiiS herunter. Das ist besonders lehrreich für die Arbeiter, deren Gleichgültigkeit und Einfältigkcit immer noch ein Hindernis für den Anschluß an ihre Berufsorganisation bildet- Kaufleute, Techniker. Ingenieure usw. hält ein falsches Standesbewußtsein vielfach davon ab, sich als Lohnarbeiter zu fühlen und zu betätigen. Auch manche Arbeitergruppen kultivieren davon noch ein Restchen als Bodensatz lächerlichen Kastengeistes und SichbefferdünkenS. Bei den Konflikten zwischen Kapital und Arbeit standen die Techniker bisher unbedingt auf der Seite der Ausbeuter; oft ließen sie sich sogar herbei, Streilbrecherdienste zu leisten. Als Verkäufer ihrer Arbeitskrast gehörten sie aber doch schon stets zur Lohn- arbeiterschaft. Nur genoffen sie lange Zeit eine Pofllion, die sie ziemlich weit über das Niveau der Handarbeiter hinaus hob. Ein anderer Umstand erweiterte die Distanz! ES war die beffere formale und meist auch höhere Allgemeinbildung der Angestellten. Sie stiegen mit verschwindenden Ausnahmen nicht aus der Arbeiter- schaft herauf, sie entstammten vorwiegend dem Bürgertum, den freien Berufen, dem Lehrer- und Beamtenstand. Mit der übernommenen Denk- und Gefühlsweise dieser Schichten nährten sie gegen das aufsteigende Proletariat eher Abneigung wie Sympathie. Sie glaubten ihre Interessen mit denen des Unternehmertums verbunden. Aus solch steinigem Boden gedieh naturgemäß kein Klassen- bewußtsein und lein Klassenwillen. Aber die kapitalistische Eni- Wickelung wühlte da? harte, widerstrebende Erdreich doch allmählich auf, durchsetzte eS mit fruchtbaren Keimen der Klaffenerkenntnis. Mit der riesenhaften industriellen Entwickelung, speziell in der Eisenindustrie, hielt der Zustrom von Angestellten auS den oben erwähnten Schichten nicht gleichen Schritt. Das um so weniger, als der Bedarf an Technikern weit stärker zunahm, als wie der Umfang der Eisenindustrie. Die Tendenz, die Produktivität der Arbeit zu erhöhen, ließ nicht nur eine immer minutiösere Teilarbeit erstehen. sie ersetzte auch in wachsendem Maße die manuelle Arbeitskraft durch mechanische. Der SiegeSzug der Kraft- und Arbeitsmaschine, der tausenderlei Spezial«, Dreh-, Bohr-, Stoß-, Fräs- und Hobel- bänke, Sägen, Locher. Pressen usw., erforderte ein Heer von Technikern und Zeichnern. Dem wachsenden Bedürfnis an Kräften ging aber auch eine Oualitätsdifferenzierung konform- Die Zerlegung de» Arbeitsprozesses in eine Reihe sich stets wiederholender Einzelfunktionen wurde in gewisser Art auch Praxis im Zeichensaal. Die in der Maflenproduktion tätigen Kräfte bedurften nicht der Summe von Allgemein- und Spezial- kenntnissen. die bei selbständig tätigen Konstruktionsingenieuren Voraussetzung war. Und noch eine Parallele mit der Arbeiterschaft trat in die Erscheinung. Wie durch die Entwickelung begünstigt, der Schicht der gelernten Facharbeiter in den sogenannten Angelernten. au» der Schicht der eigentlichen Hilfsarbeiter Emporgestiegenen ein Konkurrent erwuchs, so dem wissenschaftlichen Techniker in dem nur mit VoUSichulbildung ausgestatteten Zeichner. VolkSschüler mit gutem Auge, sicherer Hand, zeichnerischen An- lagen, konnten sich in den ForlbildungS- und Fachschulen die zu einem Zeichner erforderliche Fähigkeit in wenigen Jahren aneignen. DaS Kapital erkannte seinen Vorteil. ES rekrutierte den Ersatz sür seine technischen Bureau» und sür die eigentliche Zeichenarbeit aus intelligenten, entsprechend vorgebildeten Volksschülern. DaS Ein- dringen dieser Schicht wirkte allmählich sozial nivellierend. Der Nachwuchs kam mit geringeren materiellen Ansprüchen, er bildete das lohndrückende Element. Gleichwirkende Kräfte setzten von der anderen Seite ein. Die Zahl der erforderlichen wissenschaftlich gebildeten Techniker blieb hinter dem Andrang der Akademiker bald erheblich zurück. Die Ueberfüllung deS Berufes hatte auch hier Lohndruck im Gefolge. Den erstklassigen Konstrukteuren machten zu- dem die befähigten, von unten Heraussteigenden die Plätze streitig. So wurde der Technikcrstand. seines exklusiven NimbuffeS ent- kleidet, immer tiefer auf der sozialen Stufenleiter herabgedrückt. Schon längst sind die Techniker wirtschaftlich schlechter gestellt als wie gut bezahlte Handarbeiter. Sozial sind sie ganz allgemein unfreier wie diele. Organisierte Arbeiter sind der ganz un- beschränkten Willkür de» Unternehmers, der den Techniker mit brutaler Gewalt unter die kapitalistiiche Botmäßigkeit zwingt, im allgemeinen schon längst entrückt. Durch die Bewegung der EisenkonitluktionS- techniker in Verlin ist bekannt geworden, daß solche Angestellte mit Monatsgehältern bis zu— 70 Mark herunter abgefunden werden! Dafür spielen manche Unternehmer dann auch die Muttei Borsehimg. Damit der Techniker nicht durch Heirat sich und andere ins soziale Unglück stürzt— vielleicht gar seine Begehrlichkeit an- gereizt wird— darf er laut Vorschrift des.Brotherrn" nur dann iiach eingeholter Erlaubnis heirate», wenn er zu einem bestimmten Gehalt nach so und soviel Jahren sich heraufgehungert hat. Selbst- verständlich soll die Braut auch ttaudeSwürdig sein I Welcher Arbeiter unlersti-hi noch solcher Bevormundung? Ein weiterer„Vorzug" des Technikers ist der, daß er nach Kommando de» UnternebmerS Ueberstunden- und Sonntagsarbeit einfach zu leisten verpflichte, ist— ohneAnsprnchausBezahlung—, iväbrend der Arbeiter für solche Extraarbeit meist höhere Stunden- löhne erhält und der Unternehmer wegen Leistung solcher Arbeit sich mit ihm verständigen muß. DaS wirtschaftliche und soziale Höher- stehen der Techniker gehört der Vergangenheit an. Die geschilderte Entwickelung versah die Schicht der Angestellten aber auch mit einem Sauerteig, der in ihr allmählich ein Klaffen- gesühl lebendig werden ließ. DaS aus der Lrbeiterichafl stammende Element, von vornherein mit einem Schuß KlassenbewußlseinS in- fiziert, gab hier den Resonanzboden ab für die Lehren der modernen Arbeiterbeivegimg. Das Unternehinerlum selber half, durch brüske Hervorkehrung seines DiktatorenstaiidpuntleS, die KlaffenerkenntitiS in die Hirne der Angestellten hinein- zuhämmern. Der bescheidene Verftich, einige kleine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zu erlangen. fand schroffe Ablehnung. Und als die Techniker eS daraufhin gar wagten, von dem Recht dex Kündigung Gebrauch zu machen, ausständig zu werden, da zeigte ihnen das Kapital, daß der Kampf auf dem Boden der Klassengegensätze auSgefochten werden müffe. Die Techniker werden genau wie streikende Arbeiter behandelt; mit Hilfe der Polizei und im Auslände angeworbener Streikbrecher sticht man sie zu Boden zu zwingen. Alle Register de» Klassenkampfe» läßt das Kapital aufziehen; e» mobilifierte im ganzen Reiche gegen die Techniker. In Oberhausen müernahm man einen scharfen Vorstoß gegen die Organisation. Die dem Verbände angehörenden Techniker und Ingenieure vernahmen das Kommando: entweder Treubruch gegen die Organisation oder Verlust der Arbeitsstellen! Entweder oder! Der Herr befiehlt den Knechten! Die Beamten lehnten das entehrende Ansinnen zunächst ziemlich einmütig ab. Am nächsten Tage allerdings fielen einige Angstmeier doch um. Sieben Aufrechte behaupteten ihr« Menschen- und Staats- bürgerwürde; ste wurden abgelohnt— für 3 Monate im voraus— und dürfen den Hof der. Gutehoffnungshütte" nicht mehr betreten! Das war der erste Streich des wutschnaubenden Kapitals! Der zweite soll die Tapseren nach erprobter Manier ächten, vernichten I Der Berein deutscher Eisen« und Stahlindustrteller signalisierte die sieben allen seinen Mitgliedern. Die schwarze Liste soll ihnen die Wiedererlangimg einer Exister-z unmöglich machen. Das Kapital macht keinen Unterschied zwischen Kopf- und Handlohnarbeit! Alle Bestrebungen, die feiner ungezügelten Herrsch- und Profitgier Widerstand leisten können, bekämpft es bis aufs Messer. So predigt das Kapital den Klassen- kämpf, weist allen produktiv Tätigen, die ihm ihre Arbeitskraft ver- kaufen müssen, einen Platz an in der Reihe deS klassenbewußten Proletariates! Hus Industrie und Kandel. Korruption. Wir lesen im„Pan": Was man gegen die agrarische Wirtschaftspolitik auch ein- wenden mag,— o i e Anerkennung muh man ihr zollen, sie ist bis zur Tollheit konsequent. Kaum ein Gesetz der letzten Jahre, von Verwaltungsmaßnahmen gar nicht zu reden, kann genannt werden, das nicht offen oder versteckt dem Großgrundbesitz und seinen Helfershelfern Sondervorteile zuschanzte. In allen nur erdenklichen Formen tritt diese gesetzgeberische Geschäftsmacherei auf, immer breiter macht sich die legalisierte Kor» r u p t i o n. Bloßgelegt sind allerhand Finessen agrarischer Gesetzgebung». kunst wieder in dem Kampf, der sich seit der Verabschiedung der Reichsfinanzreform in der H e f e i n d u st r i e abspielt. Zu den Perlen der Finanzreform gehört das SpirituSgesetz, dessen Neu- bestimmungen die Einnahmen auS der Spiritussteuer für die Reichskasse erhöhen sollten, aber von ihren Urhebern zu verstärkten Gewinnquellen für die alten Großbrennereien ausgebaut wurden. Die Urheber des Gesetzes sind die Leiter der Svirituszentrale, des Ringes der Brennereien und Sprit- fabriken, deren politischer Einfluß nicht weniger weit reicht alS ihre wirtschaftliche Herrschaft. Zum Wohle des befestigten Brennereibesitzes ist Brennereien, die vor dem 1. Oktober 1907 betriebsfähig hergerichtet waren, nur die Herstellung von so viel Alkohol erlaubt, als sie im Durchschnitt der Jahre 1902/03 bis 1090/07 nach Abzug von 10 Prozent pro- duzierten. Bei Ueberschreiiung der festgelegten Erzeuaungsmengen ist eine besondere Abgab« zu bezahlen, als Ausgleich dafür er» halten neue Fabriken überhaupt kein Pro» duktionsrecht. sondern unterliegen mit ihrer gesamten Pro« duktion neben den anderen Steuern der Abgabepflicht von 24 M. pro 100 Liter. Aber damit waren die Ansprüche der Spiritus- zentrale noch nicht befriedigt, sie brachte in das Gesetz den Ver» gällungszwang hinein, den Zwang, einen erheblichen Teil der Spiritusproduktion durch Denaturierungsmittel für den Trink. konsum und chemische Zwecke unbrauchbar zu machen, also zu ent» werten. Ausgenommen von dem VerdreckungSzwang wurde dabei von vornherein der Spiritus innerhalb der Kontin» gente der alten Brennereien. Dem so gearteten SpirituSgesetz unterstehen auch die Hefe- fabriken, weil sie Spiritus als Nebenprodukt erzeugen. Kaum war die Reichsfinanzreform unter Dach und Fach, da traten jene Fabriken, die sich gegen neue Konkurrenz völlig geschützt glaubten, zu einem Syndikat zusammen... Schnell aber folgten peinliche Ueberraschlin�en. Es zeigte sich nämlich eine Lücke im Gesetz, die nun ganz plötzlich von den Herren der Spirituszentrale entdeckt wurde. Für 3 Melassebrenncreicn bestand ein steuerliches Aus- nahmeverbältnis, sie konnten in Hefcbrennereien umgewandelt werden, ohne ihre steuerliche Vorzugsstellung dadurch nennenswert zu verschlechtern. Zwei dieser Melassebrennereien befanden sich im Besitz eines Herrn Untucht. der zu dem Direktorium der Spirituszentrale ge« hört. Herr Untucht forderte von dem Hefesyndikat die Zahlung von 1 Million Mark, als Gegenleistung versprach er, auf die von ihm geplante Umwandlung seiner zwei Mclassebrenncreien in Hefcbrcnnereien zu verzichten. Ztvar wurden diese Wünsche nicht in ihrem ganzen Umfange erfüllt, aber das Syndikat gestand Herrn Untucht die Zahlung von jährlich 50 000 Mk. zu, indem es ihm ein Produktionsrecht auf seine Melassebrenvereten in Höhe von 10 000 Zentnern für das Jahr zubilligte, das weiterhin vom Syndikat der größten Preßhefefabrik übertragen wurde, zu deren AufstchtSratSmitgltedern übrigens Herr Untucht gleichfalls gehört. Geschlossen wurde dieser Vertrag auf die Dauer von 10 Jahren, so daß Herr Untucht sich immerhin eine Hefe» Pension von 500000 M. zu sichern wußte. Zugleich mit diesen privaten Geschäften ihreS Direktors hatte die SpirituSzcntrale von den syndizierten Hefefabriken, die der Spirituszentrule in ihrer Eigenschaft als SplritnSproduzenten noch nicht angehörten, den sofortigen Anschluß verlangt. Auch diese Forderung erfüllte sich größtenteils, die Verbindung wurde immer intimer, und seitdem erfreut sich daS Hefcsvndikat der Lrnld deS SpirituSringeS, eS wurde zu einem der bekanntesten Güter der Nation, die gegen alle Angriffe geschützt werden müssen. Was eine so hohe Protektion bedeutet, hat daS Hefefhndikat gar bald gemerkt, als die Revolution tn der Heferndustrie ihr Haupt erhob. Die Rolle der Revolutionäre spielte wieder ein» mal die Technik, der ein neues HefebereitnngSverfahren gelang. Während die guteinaerichteten Hefefabriken bisher eine Ausbeute von 32 Brozent Hese und 9 Prozent Spiritus erzielen, werden durch das neue Verfahren bis 50 Prozent Preßhefe und zirka 6 Prozent Spiritus gewonnen. Infolge dieser großen Hefeausbeute kann bei dem neuen Verfahren auf die Verwertung des Spiritus verzichtet werden, so daß die damit arbeitenden Fabriken außerhalb deS SpiritusgesetzeS stehen und von den hohen Belastungen, denen ins- besondere neue Fabriken unterworfen sind, befreit bleiben... Schon wankte das Hcfesyndikat in seinen Grundpfeilern, die inneren Differenzen nahmen ständig zu. Kampfpreise wurden für ver- schieden« Gegenden beschlossen, denn in Hamm war ein Unter» nehmen gegründet worden, daS das neue HcfebereitungSverfahren erworben hatte und anwendete. In dieser Zeit der höchsten Not winkte dem Hefeshndikat Rettung durch ein unerwartetes Glück: die neue H e f e f a b r i k. die sich trotz Verzichtleistung auf die Verwertung von Spiritus außerordentlich konkurrenzfähig zeigte, wurde polizeilich geschlossen. Aus sariitätspolUci- lichen Gründen erfolgte die Betriebsstillegung, Anwohner hatten Beschwerden über gesundheitsgcfährliche Einwirkungen des ab- fließenden Spiritus erhoben, den Beschwerden wurde stattge» geben. Bei allem Glück verloren di« Herren deS Hefesyndikats und der Spirttuszentrale die ruhige Besonnenheit nicht. Sie sagten sich, daß es schließlich keine unlösbare Aufgabe sein kann, ein paar Orte in Deutschland ausfindig zu machen, in denen Hefe- fabriken, die mit dem neuen Verfahren arbeiten, geduldet würden, wenn durch Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln auch die letzten sanitätspolizeilichen Bedenken fortfielen. Um diesen Gefahren zu begegnen, kam man auf die anfache Idee, von den Regierungen auH Re Besteuerung jene» GpirituB zu verlangen,»er von Hefe- fabriken gar nicht verwertet, sondern weggegossen wird. Damit wären alle Schwierigkeiten des Hcfcstindikats gelöst, die neuen Hefcfabrikcn mutzten für ihren gesamten Spiritus die Sonderab- gäbe von 24 M. jjro 100 Liter bezahlen und werden in ihrem Wettbewerb trotz höherer Leistungsfähigkeit unterbunden,— denn die alten Hefefabriken sind für die ihnen gesetzlich zustehenden Produktionsmengen von der Sonderabgabe frei. Nach offiziösen Meldungen ist der Bundesrat geneigt, diese forderungcn zu erfüllen, die nur das eine Ziel und den einzigen weck haben, den unter dem Protektorat der Spirituszentrale stehenden Hefefabriken jede neue Konkurrenz vom Halse zu halten. Ein technischer Fortschritt ermöglicht eine Ver- billigung der Hefefabrikation, aber er darf nicht zur Anwendung kommen, weil eine Störung der Geschäftsinteressen einer begnadeten Clique verhindert werden soll. Die Hefepolitik ist keine AuSnahmeerscheinung, sie ist gemeinhin die preutzisch-deutsche Politik, die man in der Sprache des Philosophen der gottgewollten Abhängigkeiten—» Schutz der nationalen Arbeit nennt. (3 mckts-Leitung. Der Tag des Gerichts. Unter dieser Ueberschrist brachte die„Tribüne", ein bürgerliches Berliner Wochenblatt, einen Feuilletonartikel, den der Sckiriftsteller Larsen nach einem russischen Original bearbeitet hatte. Der Artikel ist eine literarische Arbeit im besten Sinne des Wortes, eine Dich- tung, die von tiefem Empfinden und sozialem Verständnis ihres Verfassers zeugt. Die Staatsanwaltschaft aber will aus dem Artikel eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten im Sinne des 8 130 des Strafgesetzbuches herauslesen. Larsen hatte sich deshalb ge- meinschaftlich mit dem verantwortlichen Redakteur der«Tribüne". Dr. Lautenbach, gestern vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten. Der Inhalt des unter Anklage gestellten Artikels ist kurz folgender: Ein russischer Millionär und Großindustrieller schläft in der Nacht zum 1. Mai ein mit dem Gedanken an einen in seiner Fabrik bestehenden Streik und einer auf seinem Gute stattgehabten Bauernrevolte. Im Traume sieht der Millionär, wie eine nach Tausenden zählende Menge aus Bergwerken und Fabriken, aus Kellern und Mansarden herbeiströmt.„Zum Gericht! Zum Ge- richtl" ruft die Menge, die eine weite Ebene füllt, in deren Mitte eine weibliche Gestalt als Richterin thront. Zu ihren Fützen sieht der träumende Millionär sich selbst als Angeklagten, umringt von dem Heer seine Ankläger.— Ein alter Arbeiter tritt vor und er- hebt seine Anklage:„Ich verkaufte Dir die Kraft meiner Hände, Du aber nahmst meinen ganzen Körper und die Seele dazu. Keinen Pfennig birgt Deine Kasse, der nicht auS meinem Blute gepretzt wäre. Und wie danktest Du mir? Nie zahltest Du mir einen Lohn, für den meine Familie menschlich hätte leben können. Du ließest mich arbeiten bis zur Erschöpfung und kürztest mit Abzügen und Strafen meinen kärglichen Lohn. Du bezahltest mich wie der ge- meinste Dieb, der dem Bettler auch noch den Bettelsack stiehlt. Als ich Lohnerhöhung forderte, trugst Du kein Bedenken, mich fortzu- jagen, meine Familie dem Hunger preiszugeben. Und zermalmten Deine Maschinen meine Brüder, was scherte eS Dich? Dir war es gleich.... Hier stehe ich im Namen von Millionen von Brüdern und verlange Rechenschaft von Dir über unser gebrochenes Leben." — Nach dem Arbeite: tritt ein Bauer mit einer ähnlichen Anklage hervor. Dann erhebt eine Frau die Anklage:„Auch ich habe gelitten wie sie, ja noch mehr... Das verzeihe ich Dir. Aber eins kann ich Dir nicht verzeihen, datz Du mich zur Unfruchtbarkeit verdammtest, daß Du mich hinausstießest in Kälte und Graun, datz Du mir die Mutterfreuden nahmst, ein Glück, das selbst das Tier hat..."— Auch eine Dirne klagt den Unternehmer an, daß er ihr« Familie zerstört und sie selbst auf den Weg deS Lasters geführt habe.— Nachdem der Zug der Ankläger vorüber ist, spricht die Richterin ihr Urteil. Sie wendet sich zunächst an die Ankläger und wirft ihnen vor. datz sie selbst nichts getan hätten, um dem Joch, in das sie der Kapitalismus spannt, zu entrinnen. Ich frage Dich, Arbeiter, so ruft die Richterin ans, der Iah: um Jahr den Hammer gegen sein eigenes Leben schwang, schwingen mutzte, wie oft hobst Tu diesen Hammer, um Deine Fesseln zu sprengen? Ich frage Dich, Bauer, den man von der Scholle vertrieb, dessen Nacken man ins Joch spannte: Wie oft hobst Du diesen starken Nacken gegen die Be- drücker? Ich frage Glich, Frauen, Mütter und Schwestern, was tatet Ihr, um Eure Söhne, Männer und Brüder anzufeuern, mit ihnen vereint zu kämpfen, mit ihnen in Reih und Glied zu stehen? Sagt nicht, der Feind war übermächtig. Seht ihn an, wie schwach er ist, sobald er allein steht. Er war stark nur durch Eure Kraft, mächtig durch Eure Macht! Ihr selbst gabt ihm das Gold, mit dem er Euch knechtete. Ihr gabt ihm Eure Kinder zu Soldaten, zu dem Heer, das Euch zerrüttete und Euch selbst bedrohte.— Nun spricht die Richtcrin das Urteil über den Angeklagten: Ich verurteile Dich zu dem, was Dir das Schrecklichste ist, das Unerträglichste, was Du mehr als alles andere scheust und stets auf andere abzuwälzen bemüht warst— ich verurteile Dich zur Arbeit!... Der Unter- nchmer erwacht, freut sich, datz alles nur ein Traum war, und sieht nun die Wirklichkeit: ES ist der 1. Mai. Draußen ziehen die de- manstrierenden Arbeiter vorüber. Die Polizei kommt und gerät mit ihnen ins Handgemenge. Da ist es dem Millionär, als ob sich seine nächtlichen Traumgesichte bald erfüllen würden. Wo enthält nun diese Dichtung— so wird jeder Unbefangene fragen— eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten? Der Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Porzclt, gab auf diese Frage eine Antwort, die an gewagter Auslegung der dichterischen Darstellung nichts zu wünschen übrig läßt. Die Reden der Ankläger im Traume des Unternehmers erscheinen dem Staatsanwalt aufreizend. Dann die Richterin, die so wenig objektiv ist, datz sie den Angeklagten ver- urteilt, ohne ihn gehört zu haben, besonders aber ihre Worte an die Ankläger, datz sie nichts getan hätten, um ihr Joch abzuschütteln. und nun gar die Frage an den Arbeiter, wie oft er den Hammer gegen seine Bedrücker erhoben habe, das alles soll nach Ansicht des Staatsanwalts geeignet sein, Arbeiter, welche diesen Artikel kurz vor dem 1. Mai lesen, zu Gewalttätigkeiten gegen die Besitzenden anzureizen. Der Verteidiger LarsenS, Rechtsanwalt Dr. Heincmann, er- Inncrte den Staatsanwalt daran, datz ja die„Tribüne" ein bürger- liches Blatt ist, welches von Arbeitern fast gar nicht gelesen wird, so datz die Befürchtung, welche der Staatsanwalt an den 1. Mai knüpfte, schon deshalb gar nicht angebracht ist.— In sehr eingehender Rede wies der Verteidiger nach, datz der Artikel mit keinem Worte zu Gewalttätigkeiten auffordert, und datz auch kein organi- sierter, kein klassenbewußter Arbeiter daran denkt, seine Ziele durch physische Gewalt zu erreichen. Eine so brutale Auffassung von den Kampfmitteln der Arbrterklasse haben eben nur Unternehmer vom Schlage dessen, den der Verfasser des Artikels vorführt. Kein ver- ständiger Leser wird die bildliche Ausdruckswcise eines Redners oder Schriftstellers wörtlich nehmen. Wenn der Staatsanwalt meint, die Frage an den Arbeiter, wie oft er den Hammer gegen seine Bedrücker erhoben habe, könnte in wörtlichem Sinne verstau- d«n werden, dann müßte man eS auch wörtlich nehmen, wenn die Verantwortlicher Redakteur: Richard Borth. Berlin. Für den Richtsrln dem Arbeiter sagt, er yave Fahr um Jahr den Hammer gegen sein eigenes Leben geschwungen. Welcher verständige Mensch werde denn diese Worte so verstehen, datz der Arbeiter Jahr um Jahr sich mit dem Hammer bor den Kopf geschlagen habe, bis er zertrümmert war? Da nichts von den Voraussetzungen deS§ 130 vorliege, so müsse der Angeklagte freigesprochen werdem Der Staatsanwalt versuchte nochmals, seine Position zu retten. Ja, sagte er, gebildete Leser werden den Sinn der Worte nicht miß- deuten. Aber die Arbeiter, und noch dazu am 1. Mai, die denken dabei an Gewalt. O nein, antwortete Rechtsanwalt Heinemaun. Die Arbeiter sind in politischer Hinsicht viel gebildeter als die Angehörigen anderer Klassen. Nirgends wird gerade für politische Bildung und Aufklärung so viek getan, wie in den Kreisen der organisierten Arbeiter. In diesen Kreisen versteht mau«ine dichterische Aus- drucksweise nicht falsch. Wirkungslos blieben im Kreise der Juristen die vom Vcrtei» diger geltend gemachten Vernunftsgründe. Das Gericht erklärte ohne nähere Begründung den Artikel für aufreizend im Sinne des Z 130 und verurteilte den Angeklagten Larsen. wie der Staats- anwalt beantragt hatte, zu einer Geldstrafe von 300 Mark. Die Verhandlung gegen Dr. Lautenbach wurde vertagt. Ueber seine Be- hauptung, er habe den Artikel erst kennen gelernt, nachdem die Zeitung bereits erschienen und beschlagnahmt war, soll Beweis er- hoben werden. Zurechnungsfähig? Zu einer wüsten Szene im Gerichtssaal kam es gestern wieder in einer Verhandlung vor der S. Strafkammer des Landgerichts III, vor der sich erst kürzlich ein ähnlicher Exzeß abgespielt hatte. AuS der Untersuchungshaft wurde der vielfach vorbestrafte und als ge- werbsmätziger Dieb bekannte Paul Grosse vorgeführt, der sich wegen einer großen Anzahl der verschiedenartigsten Diebstähle zu veraut- Worten hatte. Als der Staatsanwalt mit Rücksicht auf die große Gemeingefährlichkeit eine Gesamtstrafe von 8 Jahren Gefängnis beantragte, begann der Angeklagte in der Anklagebank zu toben und chleuderte schließlich nach dem Richtertische zu einen Stuhl, der völlig in Stücke ging. Der Tobende wurde von dem Gerichtsdiener Hahn überwältigt. Der Angeklagte beruhigte sich schließlich, so daß das auf 2 Jahre Gefängnis lautende Urteil ohne weitere Störungen verkündet werden konnte. Polizeimißhandlungen und Wahrnehmung berechtigter Interessen. In Duisburg spielte in den Jahren 1908 und l909 ein Polizei- ergeant Ehristian Bose eine üble Rolle, und mehrfach gingen der 'resse Berichte bezw. Beschwerden zu, mit dem Ersuchen, im öffent- lichen Interesse das Treiben des Polizisten Bose zu kritisieren. In vielen Fällen wurde Klage darüber geführt, daß der Polizist Ar» rcstanten mißhandele. Anfangs Februar 1909 war der frühere Berichterstatter Gerhard PctcrS von dem Polizisten Bose zur Wache gebracht und dort nach seinen Angaben arg verprügelt worden. Ucbcr diesen Vorgang brachte der in Duisburg erscheinende„Bürger- und Gcwerbcfrcund" am 26. Februar 1909 eine eingehende Schilde- rung. Im Anschluß hieran erschien in derselben Zeitung am 9. März 1909 ein zweiter Zlrtikcl, der in poetischer Form sich mit den„Taten" des Polizisten befaßte. Die Polizei stellte gegen den Redakteur Anton Hubert Auweiler, den genannten Berichterstatter Peters und gegen den Redakteur der„Niederrheinischen Arbeiter- Zeitung", Genossen August Schoch aus Duisburg Strasantrag wegen Beleidigung. Die Verhandlung am 23. Februar 1910 vor der Straf. kammer in Duisburg endete mit der Verurteilung von Auweiler zu 23 Mark und Schoch zu 20 Mark Geldstrafe. Der Berichterstatter PetcrS wurde freigesprochen. Obschon in dieser Verhandlung für alle Behauptungen der Wahrheitsbeweis im wesentlichen erbracht worden war, wurde den Bestraften als Zeitungsredakteuren der Schutz des§ 193 des Strafgesetzbuches nicht zugebilligt. Die von den Verurteilten eingelegte Revision war von Erfolg. Vom Reichs- gericht wurde, wie unseren Lesern erinnerlich, das Urteil der Straf- kammer in Duisburg aufgehoben und die Sacke zur anderweitigen Entscheidung an die Strafkammer in Düsseldorf verwiesen. Zur Begründung wurde u. a. ausgeführt, eS fei der 8 193 offenbar ver» knnnt worden. Die Angeklagten hätten keineswegs nur Rechte wahr- genommen, die jedem Staatsbürger zustehen. Sie hätten als Ein- wohncr von Duisburg mit der Möglichkeit zu rechnen, datz dieser Pflichtwidrig handelnde Beamte, der ruhige Spaziergänger auf der Straße durch seinen Polizeihund anfallen lasse, sie eines Abends auch einmal anfallen lasse, besonders, da er sie wegen der früheren Veröffentlichungen auf dem Zuge hatte, datz das ausreiche, sei vom Reichsgericht schon mehrfch anerkannt worden. Aber auch in einer anderen Richtung sei der 8 193 verkannt, insofern gesagt sei, Peters iei lediglich gelegentlicher Mitarbeiter und nicht standig angestellter Berichterstatter. Eine derartig nahe Beziehung werde vom Reichs- gerickt nicht verlangt. In der Verhandlung am 11. Oktober 1910 mutzte die Straf- kammer i» Düsseldorf die Verhandlung auf unbestimmte Zeit ver- agen, weil der Polizist Bose epileptische Anfälle bekam. Bei späteren gerichtlichen Vernehmungen in seiner Wohnung bestritt Bose alle?, wurde aöer auch von Krampsansällcn heimgesucht. In der Ver- Handlung, die nun am 3. November 1911 stattfand, erklärte der Gcrichtsarzt: der Polizist sei ein hochgradig nervöser Mann, der geneigt sei, in seinem Zustand Amtsüberschreitungen zu begehen. Für seine Reden sei der Polizist auch nicht verantwortlich zu machen. Hierzu bemerkte der GerichtSvorsitzcude. aus dem Grunde sei ein gegen den Polizisten schwebendes McineidSvcrfahrcn einge- stellt worden. Die zu oen einzelnen Fällen vernommenen Zeugen bekundeten übereinstimmend, von dem Polizisten feien sie mörderlich verhauen worden. Auf Grund der Ansfagrn deS Polizisten wurde» die so Mißhandelten noch obendrein bestraft. Diescrhalb ist eine Wiederaufnahme des Verfahrens im Esting«. Von dem Staatsanwalt wurde die Verurteilung des Angcklag- ten Auweiler zu einer Geldstrafe von 25 M. beantragt, denn durch das Gedicht fei der Polizist beleidig! worden. Für den Angeklagten Schoch beaniragte er die Freisprechung, denn diesem Angeklagten stehe der Sckmtz des 8 193 des Strafgesetzbuches zur Seite. Nach längerer Beratung wurde folgendes Urteil verkündet: Im vorliegenden Falle handelt es sich um Beleidigungen, begangen durch die Presse. Tie Artikel befassen sich mit der Duisburger und Nuhrorter Polizei, besonders wird an dem Vcrbaltcn des Polt- zisten Bose Anstoß genommen. Diesem Beamten wird Pflichtwidrig- kcit bei den Festnahmen und falsche eidliche Aussagen vorgeworfen. Die Angeklagten wenden ein. alles was gcichrieben worden sei, sei wahr. Bei dem Fall Peters hat sich das als wahr erwiesen, was von den Angeklagten borgetragen worden ist. Nach Ansicht des Ge- ricktes haben die Angeklagten in diesem Falle in Wahrung bercch- tigter Interessen gehandelt und müssen von dieser Anklage frcigc. sprechen werden. In der„Niedcrrhcinischcn Arbeiter- Zeitung" hat der Angeklagte Schoch an dielen Fall den Vorgang zwischen dem Beamten und dem Zeugen Köllmann angeknüpft. Der Borgang hat sich in der geschilderten Form zugetragen. Durch die Form des Ar- tikcls ist der Beamte Bose auch nickst beleidigt worden. Wenn in diesem Artikel geschrieben worden ist. eS wird Zeit, daß die Behörde die Bürger vor solchen Tchnisteuten schützt» dann kann darin keine Beleidigung liegen, weil es wahr ist. In einem Gedicht hat der Angeklagte Auweiler die Fälle Köllmann und Sittcrts behandelt. Nach den Aussagen des Landrichters Schulte ist die Schilderung des Falles Sittert nicht so, aber der Vorgang ist nur referierend wieder. gegeben worden. In dem Vers zwei ist der Polizei von Ruhrort und Duisburg im allgemeinen ein beleidigender Vorwurf gemacht worden. Der Angeklagte Auweiler mutz deshalb bestraft werden. Die Absicht war keine verwerfliche und mutz gesagt werden, daß die Angeklagten sich Verdienste erworben haben. Für Schoch lautete iws Urteil auf kostenlose Freisprechung, Auweiler wurde wegen des Gedichtes. VerS zwei, zu einer Geldstrafe von 25 M. verurteilt. Inseratenteil verantw.: Th- Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts )Zus aller Melt. Oer Deiratsmarkt. Das Verbot von Heiratsanzeigen in Tageszeitungen vill ver „Kunsiwart" auf Grund folgender Betrachtungen in seinem November» Heft: Das Weib, daS sich für einen Abend verkauft, nennen wir Dirne, die Mätresse, die das sozusagen im Abonnement auf längere Zeit tut, steht uuS auch nicht höher, kann einer, dem die Gedanken und die Gefühle auf geraden Wegen gehen, daS Weib oder den Mann besser bewerten, die sich auf Ehezeit verhandeln? Such die freieste Moral in geschlechtlichen Dingen wird daS Hingeben des Leibes gegen materiellen Entgelt als gemein ansehen und daS Verkaufen nicht nur des Leibes, sondern auch der besten Lebensfreiheit: der Freiheit bei der Ergänzung deS eigenen Menschenwesens, doppelt. Heirat umS Geld oder sonstigen „Vorteil", ohne Liebe, bedeutet Verzicht auf gemeinsame Höchst« entwickelung deS Ichs, der Familie, der Rasse. Zwar kommen die „Praktischen" damit,„Vernunftheiraten' fielen oft„glücklich" auS, wobei dann unter„Glück" der sanfte Zustand der Lauheit verstanden wird, der tatsächlich beim Mangel an Besierem für viele Bürger das Zurräglichste sein mag. Und sie be« baupten: auch die Heiratsannoncen führten oft zu braven Ehen. Such möglich, da eS ja in der Welt erstaunlich viel Kropzeug gibt. Wem hat aber jemals einer, der sich für einen anständigen Menschen ausgab, mitgeteilt oder zugestanden, daß er seine Ehehälfte durch Heiratsvermittler oder durch Inserat oder daß er seiner Tochter auf diese Weise den Eidam „gewonnen" habe? Man tut'S, tut es, wie die Heiratsmärkte in den Zeitungen beweisen, massenhaft, aber man ver« heim licht'S. Wohl: eS gäbe in solchen Dingen keine Heuchelei. wenn'S in ihnen keine Scham gäbe, die allgemeine Scham aber ist der unwiderlegliche Beweis dafür, datz der Instinkt das Gemeine empfindet, wo die Praxis des Lebens es verschleiert und benutzt. Eine treffliche Illustration zu obiger Geißelung der bürgerlichen Moral gibt ein HeiratSgesuch in der Dienstagnummer deS„Berliner Tageblatt". Da wünscht ein Sohn seine auS feinstem jüdischen Gesellschaftskreise stammend« Mutter an einen noch frischen Herrn im Alter von 60 bis 60 Jahren wiederznverheiraten. Natürlich muß der Käufer größeres Vermögen besitzen. Ein wirklich vornehmer Charakter l Schiffskatastrophen. Die schweren Stürme der letzten Tage haben auf der Nordsee und im Kanal zu mehreren schweren Unglücksfällen geführt. Wie ein Telegramm aus London meldet, ist während des Sturmes in der Nacht zum Dienstag im Kanal der nach Antwerpen bestimmte griechische Dampfer«Lord Byron" gesunken. Von der Besatzung sind 22 Mann ertrunken, drei M'a n n konnten durch den holländischen Dampfer„Grotius" gerettet werden.— Der aus Cux» Häven ausgelaufene englische Dampfer„Elswick House" ist mit schweren Deckschäden aus See zurückgekommen. Er hat zwei seiner Boote verloren und zivci Mann sind über Bord gespült worden. Auch imHamburgerHafenundaufderUnter« elbe hat der Sturm große Verheerungen angerichtet. Die Taucher sind stark in Anspruch genommen, fortwährend laufen neue Meldungen über gesunkene Fahrzeuge ein», die Zahl der gesunkenen und an Strand getriebenen Schiffe ist unverhältnismäßig groß. Bei Schulau sind fünf Fahrzeuge gestrandet und mehrere Ewer gesunken. Die nach einem auf Scharhocrn ge- strandeten Dampfer ausgelaufenen Bergungsdampfcr sind zurückgekehrt. Sie haben von dem Dampfer, über dessen Namen und Nationalität nichts festgestellt werden tonnte, nichts mehr wahrgenommen�_ Klerikaler Sauherdeuton. Während deS verflossenen Wahlkampfe» für den hessischen Landtag prangte am Spriyenhause in Klein-Auheim folgende zeutrumSchristliche Stilübung: . Wähler Klein-AuheimS l Laßt Euch nicht von der roten Bande beeinflussen, denn daS sind die schlechtesten, die eS überhaupt gibt. Das seht Ihr ja an den Oberhäuptern der roten Bande. Wer ist Stephan und wo ist er her? Er ist ein Faulenzer, der noch nicht einmal seine Frau ernähren kann, und will sich auch noch als GemeinderatSvertreter aufstellen lassen, so ein hergelaufenes Individuum. Sein Bater ein Zuchthäusler. Wer ist Jalob Gunkel? Ein S a u h i r t e n b u b. der die Kartoffeln bei den reichen Bauern aus dem Sauzuber frißt. Wer ist Simon? Er stammt aus dem FindclhauS. Wer ist Valentin Heinzinger? Der stamntl von einer Eule ab. Und diese Kerle wollen Klein-Aubeim regieren, diese Lausbuben." Da wage noch jemand zu sagen, daß daS Zentrum seine Agitation mit unanständigen Miltein betreibt. Die rn dem Aufruf angewandte Sprache paßt vortrefflich zu der Dreschflegeltaktik der schwarzen Gendarmerie. Was ist der Reick, skanzler? Hat da ein preußischer Lssistenzart mit den Rekruten eine» Kavallerieregiments Prüfungen angestellt, um ihr Wissen vom Reich»« kanzler zu erforschen. Von 174 Mann konnten nur 42 die richNge Antwort geben. 105 schwiegen und 27 lieferten falsche Antworten. So wurde unter anderem geantwortet: der Höchste im RerchStage — ei» Mann im Reichstage � Oberst vom Reiche— er hebt und senkt die Steuern— der bat alles zu bezahlen, wenn im Staate was gemacht wird— der ist über die Abgeordneten— hat die Kriegssachen unter sich— der Reickisprediger— der beim Kaiser alles schreiben tut dcr, was dem Kaiser alles zuteilt— er bedient seineMajestät — der die Steuern einnimmt—_ ein Abgeordneter— der daS Haupt im Gericht führt der über das Reich die Pläne aus» iührt— der Oberst von den ReichStagSwählern— hat die Stadt Berlin unter sich— der im Reichstag die Ansprache machen muß � der alles auf dem Lande ausschreibt— ver- waltet die Bücher deS Kaisers— der liest alle» vor und macht bekannt waö im ReichSrag befchlosien ist— ist beim Kaiser— der oberste Psarrer— ein Bi'chos— Oberster in einer Provinz— steht dem Kaiser zur Seite im Kriege— Untertan des Kaiser»-- regiert die gm nächsten kommt die Sntwort: er bedient Seine Majestät-so lange er nach der Pfetfe der Junker tanzt, müßte jedoch hinzugefügt werden. Kleine Notizen. Folgenschwere Gasexplosion. In der Nacht zum Dienstag er» folate im Hause eines Fatzr.lanten Ziegter in Schwäbtsch. Gmünd eine Gasexplosion, durch die drei Söhne de» Fabrikanten im Alter von 19— 23 Jahren getötet wurden. Der Vater erlitt schwere, ein vierzehnjähriger Sohn leichtere Brandwunden. Tie Tochter konnte durch ein Fenster gerettet werden. In den Flammen umgekommen. Im Dorfe K r i n k e l t ln der Rheixprovinz brannten in der Nacht zum Dienstag drei Wohn« Häuser nieder. Zwe' der Häuser waren von je einem alten Junggesellen bewohnt, von denen der eine imBettverbrannte und der andere gleichfalls in de» Flammen umkam, als er ein Rind aus einem brennenden Stalle retten wollte. Buchdrucker«» u. BerlagSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin S\V» |li.262. 28. IahtMs. 2. Ktilage kä.Amiiris" Sttlinct Heere und Revolutionen. Uttwch, 8. Hdüfitr« 1911. Eine Zeitlang sah cS aus, als sei daS Zeitalter der gewalt- famen Revolutionen für alle Zeiten abgeschlossen. War noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Waffentechnik so wenig entwickelt, d eine mäßig bewaffnete Volksmenge geraume Zeit hinter Barrikaden, ja auf freiem Felde den Kampf mit ganzen Hcerkörpern durchhalten konnte, so hat in den letzten Jahrzehnten die Technik des Massenmordes solche Fortschritte gemacht, daß von ernsthaftem Widerstände gegen eine ordnungsmäßig ausgerüstete, ihren Vorgesetzten gehorsame Truppe keine Rede mehr sein konnte. Ta auch innerhalb der Truppen keine SelbständigkeitSgelüste zutage traten, so schien es, als sollte tatsächlich die Stelle, in deren Hand die Herrschaft über die bewaffnete Macht liegt, mit dem„letzten Beweismittel des Königs" auch die politische Entwickelung unbe- dingt beherrschen. Ter Leutnant mit den tv Mann als Bändiger einer widerspenstigen Volksvertretung wurde ein ebenso zutreffendes Symbol der militärischen Macht des Monarchen, wie es der Haupt- mann von Köpenick für die militärfromme Gesinnung des deutschen Bürgertums geworden war. Die Knechtung der Menschheit durch die rohe Gewalt einer nach Willkür gelenkten. Vernichtungstechnik schien vollendet. Hat die industrielle Arbeiterschaft es fertig gebracht, der un« bedingten Macht des Besitzers der Arbeitsmittel gewisse Schranken zu setzen, so sehen wir bei der bewaffneten Macht den einzelnen Mann weit über das Maß dessen, was der militärische Zweck selbst erfordert, hinaus zum bloßen Werkzeug fremden Willens herab» gedrückt. Wenn man den für den Kriegsfall erforderlichen blinden Gehorsam, der. ohne zu fragen, alle Gefahren auf sich nimmt und auf Befehl alle Greuel begeht, zum normalen FriedenSzustand herangrzüchtet, richtiger— gezüchtigt hat, so darum, weil in einem der Klassenherrschaft dienenden StaatSgcbilde das Heer nicht nur Machtmittel des Staates nach außen, sondern vor allem Mittel zur Niederhaltung des als„innerer Feind" aufgefaßten eigenen Volkes ist. Solange da» Heer nur eine Bande zusammen- geworbener Söldlinge war, konnte das nicht schwer sein. Heute aber sind in den Ländern der allgemeinen Wehrpflicht nur noch Offiziere und Unteroffiziere Söldner, die aus dem Kriegshandwerk ihr Geschäft machen und darum ihren Brotgcbcrn blinde Werkzeuge liefern, sei eS auch gegen die eigenen Volks» und selbst Familien- angehörigen. Daher war es eine große, freilich nicht der Bewunderung, sondern des Abscheues würdige Leistung, die Massen der Volksheere durch ein eng verknotetes System grausamster Strafen, spärlicher Belohnungen und ständig wirkender Suggestion und Fanatisieruny von ihren Volksgenossen künstlich abzusperren, Hunderttausende gesunder Männer so ihrer Persönlichkeit zu be- rauben, daß sie sich als willenlose Werkzeuge einer ihnen fremd, ja feindlich gegenüberstehenden Macht fühlen lernten. In dieser Herrschaft über die bewaffnete Macht schien das absolutistische System, da? in jedem Militärstaat, sei es auch unter dem Deck- mantel des Konstitutionalismus, herrscht, für die Dauer gesichert. Sein Werkzeug war unwiderstehlich, lind dies Werkzeug war blind. Was aber sehen wir heute? Ein Land nach dem anderen zeigt uns rebellierende Heere. Nicht nur einzelne Glieder oder Truppenteile zeigen sich aufständischen Bolksmassen gegenüber nicht mehr sicher oder gehen gar zum„Feinde" über— das sah man schon öfter in Frankreich, ja vereinzelt 1848/49 auch bei uns. Schon in der russischen Revolution spielte das Eingreifen ganzer Heer- und Flottenkörper«ine größere Rolle. Aber in viel höl)erem Maße finden wir in den letzten Jahren in einer Reihe von Ländern das Heer im Bunde mit der Revolution, ja als deren vornehmstes Werk- zeug. AIS 1996 das norwegische Volk sich von Schweden lossagte, da regte sich im Heer keine Hand für den König, dem man den Treueid geleistet hatte. Das war freilich eine nationale Los lösung eines ganzen Volkes, bei der die Teilnahme des Heeres sehr nahe lag. Aber schon zwei Jahre zuvor hatte in Serbien das LffizierkorpS selbst mit Billigung de» Heeres, dazu noch mit un- nötiger Brutalität. daS Land von der Dynastie der Obrenowitsch befreit. Aehnlich hatten sckon 17 Jahre früher bei der Vcrschwö rung gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien eine Reihe Offiziere mitgewirkt. In den letzten, Jahren ober erscheint das Heer als Ganze» immer häufiger als vornehmstes Werkzeug der Revolution, dem e» seine MannSzucht und seine Mordmittel zur Verfügung stellt. 1998 in der Türkei war eS daS 3. Armeekorps. die mazedonische Armee, die unter Führung ihrer Offiziere dem verfaulten System des Mörder» Abdul Hamid, dem sie Treue ge- schworen hatten, ein Ende machte. Wie im vorigen Jahre die portugiesischen Truppen in ihrer Mehrheit sich von ihrem Heldenkönig Manuel lossagten und der Republik anschlössen, ist noch unvergessen. Und jetzt sehen wir den wahrhaft weltgeschichtlichen Vorgang der großen Umwälzung des chinesischen Ricscnreichö sich unter tatkräftiger Mitwirkung de» Heeres vollziehen. Ein Teil hat sich unmittelbar der Empörung gegen die Mandschu.Dynastie angeschlossen, und die Generalität macht ihr Verharren bei den kaiserlichen Fahnen von Bedingungen abhängig, die schon einen Sieg der Revolution bedeuten— nebenbei«in Beweis, um welch eine ausgesprochen bürgerliche Revolution eS sichmur handeln kann. Umgekehrt sehen wir in europäischen Staaten stark wider- gcsetzttch. reaktionäre Bestrebungen im Offizierkorps mächtig. In Frankreich zeigte sich das Osfizierkorps unter Führung seines bewahrten Gencralstabs in der D r c y f u L. Angelegenheit der weltlich-bürgerlichen Republik bis zum Verbrechen feindlich. Und bei der Durchführung der antiklerikalen, der Vertreibung un- gesetzlicher Orden und der Trennung der Kirche vom Staat dienen. den Gesetze gab sich bei einer Anzahl der zur Mitwirkung berufe- nen Offiziere und der über Widersetzliche urteilenden Kriegs- gerichte die gleiche vcrfassungsfeindliche Gesinnung kund, die den aufrichtig republikanischen Offizieren noch heute vielfach den Dienst zur Hölle macht und jedem Prätendenten, der den Mut zum Lo». schlagen hätte, als bereite» Werkzeug zur Verfügung stände. Und wer möchte ernsthaft glauben, in dem heutigen p r c u ß i. schen Offizierkorp» mit seinem junkerlichen Kerne nichts vor sich zu sehen als ein bloßeS Werkzeug der gesetzlichen Ordnung? Dem- selben Osfizierkorps.' das. im Banne eineS von der Gesetzgebung verurteilten„besonderen Ehrbegriffs", die Verletzung des den Zweikampf verbietenden Gesetze» zur Bedingung der Zuge- Hörigkeit macht! In dessen bevorzugten Teilen die Betreibung des vom Gesetz wie durch kaiserliche Ordre» verpönten Unehren- haften Glücksspiels so wenig abreißt wie die Duldung, ja selbst Vorübung einer trotz aller sozialdemokratischen Gegenarbeit noch immer erschreckend großen Zahl von Soldaten miß. Handlungen. Aus dessen Reihen noch immer die Sorte Politiker herkommt. die frühsten zur Gewaltpolitik und zum Staatsstreichs. aufreizt I Rem. wenn dieses Offizierkorps sich im engen Einklang � 0fmetnt ist. mit der bestehenden Staatsgewalt fühlt, so darum, weil eben diese Staatsgewalt ein Werkzeug derselben Kasteninteressen ist, als deren bevorzugten Vertreter der Offizierstand sich fühlt. Man 1 denke sich nur einmal den König von Preußen als Befür-I worter einer Politik, die vom Landtag bis zur Landgemeinde daS allgemeine, gleiche und freie Wahlrecht unter Beseitigung alles Feudalismus, vom Gutsbezirk bis zum Herrenhaus, maßgebend machen wollte; die die Enteignung des Großgrund- b e s i tz e S zu einem nicht nach den künstlich erhöhten Preisen des inländischen, sondern nach denen des Weltmarktes, ohne Zölle und Liebesgaben, zu berechnenden Preise forderte. Da wäre es nur die Frage, ob das Osfizierkorps einer solchen Politik gegenüber seiner Mannschaften sicher, nicht aber ob es mit seinem Fahneneid vereinbar wäre, einen derartig„regierungsfähig gewordenen" Monarchen auf geeignete Weise zu versorgen. Sehen wir so die Offiziere im Banne der Gedankengänge, die die Schichten beherrschen, aus denen sie hervorgehen, so wäre es töricht, wollte man glauben, daß nicht auch die Mannschaften am Ende von den geistigen Strömungen der Volksschichten, aus denen sie sich rekrutieren, erfaßt werden müßten. Treten sie doch schon immer mehr ins Heer ein, erfüllt von der Gedankenwelt, die ihre Klasse beherrscht. Und in dem Maße, in dem das militärische Erfordernis mit seinen in den Vordergrund tretenden technischen Bedürfnissen dazu nötigt, mehr Angehörige der technisch und geistig besser geschulten Jndustricarbeiterschaft einzustellen— in dem ferner die Gefechtserfordernisse dahin gehen, anstatt auto- matisch reagierender Werkzeuge immer mehr selbständig urteilende Köpfe im Dienste zu haben—, in demselben Maße wird eS auch immer weniger möglich sein, den künstlichen Gegensatz zwischen dem Willen dcS Volkes und der seinen Feinden dienenden Willen. losigkeit der ihm auf kurze Zeit entrissenen Söhne aufrecht zu erhalten. Je mehr schon vorher geschulte Anhänger der proletari- schen Gedankenwelt ins Heer treten, um so weniger verfangen die geistreichen Abwehrmittcl von der Spindrevision und dem Lokal- verbot bis zum Kasernenarrest bei Volkskundgebungen und der Zensur des Klosettpapiers. So sehr die Arbeiterbewegung eS ab- lehnt, daß in gcsetz- oder disziplinwidrigen Handlungen, nach dem Muster duellierender, hasardierender und mißhandelnder Varl gesetzter, sich solche Gesinnung kundgibt; so sehr wir Wert darauf legen, daß Sozialisten nicht nur die besten Arbeiter, sondern auch die besten Soldaten sind: eS genügt schon, wenn in den maß- gebenden Kreisen das Bewußtsein besteht, daß man auf diese an- schwellende Zahl der besten Soldaten nicht rechnen kann zu den Zwecken hochverräterischer Staats st reiche oder zur Nieder- metzclung der um eine Verbesserung ihrer traurigen Lage ringenden Väter und Brüder eben dieser Soldaten. Der Geist der Zeit ist unabweisbar. Hat er eS im kleinen Portugal und im gewaltigen China fertig gebracht, daß Offiziere und Soldaten den Fahneneid beiseite setzten und zur bürgerlichen Republik übertraten, so wird er auch imstande sein, zu verhindern. daß ein in seiner großen Mehrheit aus Proletariern bestehendes Heer, geführt von den Feinden der eigenen Klasse, sich dazu ge. brauchen ließe, mit den Mitteln ungesetzlicher Gewalt die Frei- heitöbewegung de» Proletariats niederzuschlagen. Sie Mssekr frotctlkundgedung. Brüssel, 6. November.(Eiq. 0er.) lieber daS Massenmeeting vom Sonntag schreibt uns unser Karre« spondent in Ergänzung des telegraphiichen Berichtes noch folgende»: Dem grandiosen, von erregter Stimmung getragenen Brüsseler Protestmeeting wohnten außer der belgischen Arbeiterschaft noch zahl reiche Proletarier verschiedener Nationen, so insbesonderS auch Deutsche, bei. Im folgenden seien noch einige charakteristische Stellen aus den Reden der Wortführer des französischen, deutschen, türkischen und belgischen Proletariats wiedergegeben. AI» wir in Zürich, bei der Sitzung de» Internationalen soziall stischen Bureaus versammelt waren, sagte Baillant, konnten wir kaum glauben, daß eö mit dem tripolitanischen Verbrechen ernst sei. Kaum daß der Kraftaufwand der deutschen und ftanzö fischen Arbeiter und ganzen internationalen Proletariats, die durch das Marokkoabenteuer heraufbeschworene Kriegsgefahr ab gewendet hatte, zeigte sich das neue Verbrechen an. Auch hier müssen wir wieder auf das italienische Volk zählen. Aber die Italiener konnten daS Unmögliche nicht leisten, die, wie alle Welt, überrumpelt wurden und ihren Widerstand nicht zu organisieren ver- mochten. DaS kapitalistische Italien Hai den Krie entfesselt, daS italienische Proletariat mu sorgen, daß er rasche st enS endet. Wa» die moralische Stärke des Proletariat» in solchen Kata- strophen in Zukunft vermögen wird, läßt sich an dem Schritt des türkischen Kammerpräsidenten ermessen, der eine energische Einwirkung des Internationalen sozialistischen Bureaus für de» Friede» erbat. Aber nicht nur Italien ist schuldig, sondern ebenso die übrigen Mächte, deren Solidarität sich aus denselben Verbrechen der Vergangenheit ableitet: siehe Frankreich in Marokko. England in Aegypten. Die Interessen de» Kapitalismus sind eS, die dir Regierungen leiten: im französischen Ministerrat regiert daS Bonkkopital, daber die Koloiiialpolitik. die der organisierte Konflikt deS Kapitalismus ist. Wenn die kapitalistischen Jnteresien bedroht sind, gibt-S Konflikte. Da gibteS nur einen unerbitt- lichen Kampf gegen alle Kolonialpolitik: keine Kolonie ist auch nur dieKnochen eines einzigen Arbeiters wert. Die sozialistische Internationale hat in den letzten Jahren immerzu für die Beschwörung der Kriegsgefahr gewirkt, aber wir dürfen unö nicht begnügen protestieren. wir müssen handeln und dem Krieg vorbeugen. Die Internationale muß sich weltumschließend im Kampf gegen den Kapitalismus, gegen den Militarismus und den Krieg zusammen« finden. Der Delegierte der deutschen Sozialdemokratie, ReichStagS- obgeordneter Genosse Scheidemann zeigt in der Darstellung de« Marokkoschachers die kapitalistischen Beweg» und Untergründe der Kriegsgefahren und Katastrophen. Siehe den Marokkovertrag, der unier Einschluß de« 65 MillionenvitzkeS für eine Handvoll Kapitalisten zusonimengeschachert worden ist. Aber die iinperialisüsche Politik und die dursb sie geschaffenen Katastrophen erwecken auch daS Gewiffen des Proletariats, dessen sozialistische Kraft sich überall der- tieft und Wurzeln schlägt. So hat sich da» italienische Proletariat erhoben, und Tauiende von türkischen Arbeitern haben in Saloniki gegen den Krieg demonstriert. Jede« Land habe seine spezielle Abart von Patrioten. Deutsch- land hat seine Kriegshetzer: die Kanonen» und Pan�erplattenerzeuger aus der einen und die Junker aus der anderen Seite, die für ihre Söhne Raum und Karriere brauchen. Diese Leute beschuldigen uns deS Mangels an PatrioliSmuS l Um den kapitalistischen Patriotismus in seiner ganzen Glorie zu erfassen, halte man sich an die Mannes niann-Asfäre, deren Peripetie Scheidemann in launiger Weise unter einem Ausbruch von Heiterkeit der Zuhörer zum besten gibt. Wenn vom Verbrechen Italiens die Rede ist, wissen wir alle, baß nicht das italienische Volk, sondern da? kapitalistische Italien gemeint ist. So machtvoll die Demonstrationen Deutsch- land» gegen den Marokkokonklikt waren, die Demonstrationen gegen das italienische Verbrechen werden nicht weniger grandios sein. Der deutsche Sozialismus wird mit aller Klarheit das Borgehen Italiens brandmarken. Und hier, von der sozialistischen Zentrale müssen die Vertreter der Nationen den unterdrückten Klassengenossen der ganzen Welt brüderlich einen symbolischen Gruß entgegenstrecken. Der Kapitalis- muS wird immer mehr zur Geißel, zur steten Kriegsgefahr. Darum: k bas le capitalisine iiiternatioiialo! Vivo �Internationale sooialiste.(Nieder mit dem internationalen Kapitalismus I Es lebe die sozialistische Internationale l)— Die deutsche Rede wurde von HuySmans übersetzt. Nach den von Scheideniann französisch ge- iprochcnen Schlußworten ertönte brausender Beifall. Lang und demonstrativ wurde der junge Vertreter der türkischen Arbeiter, Genosse Sank Nahum an? Saloniki begrüßt. Er hält seine Rede in fließendem fast akzentlosem Französisch.— Die sozialistische Presse hätte Italiens verbrecherischen Angriff mit aller Schärfe charakterisiert. Aber es muß immer wieder gesagt werden, daß Italien zu seinem Vorgehen von den anderen Mächten, die Afrika zerstückelt haben, getrieben worden ist.— Nahum greift die Jungtürken verschtedentlich an und mißt„ihrer Ungeschick- lichkeit" einen großen Teil der Schuld an der gegeit wältigen Lage der Dinge zu. Statt für die Freiheit zu wirken, haben sie der Reaktion gedient und den natio- italen Ansschivung vernichtet. Nahum schildert dann die von Italienern verübten Greuel in Tripolis, die einen Stunn der Entrüstung wecken. Ei» Italiener am Pressctisch macht einen die Worte NahumS bezweifelnden Zwischenruf und wird deshalb in strengen Worten vom Vorsitzenden zurechtgewiesen. Der sozialistische Deputierte und Mitglied deZ sozialistischen Bureaus Fiirncmont beleuchtet das Interesse deS kirchlichen Rom am lripolttanischen Krieg. Furnemont, der selbst Mitglied der interparlamentarischen Friedenskonferenz ist, macht sich dann nicht wenig über die harmlose Gesellschaft lustig. HuysinanS ergänzt seine AuSsührungeii dahin, daß er von Furnemont verlangt, er möge in dieser Frtedenskonseretiz eilten Neittigungsakt vornehmen, indem er bei der nächsten Zusammenkunft den Ausschluß jenes Herrn San Giuliano beantragen möge, der denKrieg Italiens gegen Tripolis organisiert hat. Nach dieser Abschweifung zur Farce bürgerlicher FriedenSmeierei kehrte die Versammlung zum Ernst der Situation wieder zurück. HuySmanS brachte die vom Jnlernationalen sozialistischen Bttremt vorgeschlagene, von uns bereits erwähnte Resolution zur Ab- stimniung, die einstimmige Annahme ergab. Hatten die Reden die Versammlung oft genug zu Empörung und Enlrüstung geführt, so ließ der AuSllang dieser Versantmluitg, der Ausruf zur endgülüaeu Abwehr gegen Krieg und Völkerbaß alle Teilnehmer zum zukunftS« srohett VefteiungSgedankcn des Sozialismus zurückkehren. �ugenäbe�egung. 25 Jahre Junge Garde. Im„Peuple" erzählt I. T o r d e tt x von der Organisation der jugendlichen Sozialisten und Nntimilitaristen. die im Sturmjahr 1886 begründet wurde, Dantals, in einer Zeit der Krise, brachen in der durch sozialistische Propaganda und die einsetzende Wahlrechtsbewegung aufgerüttelten belgischen Arbeiterschaft eine Reihe großer Lohnkämpfe aus, die in der uttgeschulte'n und unorganisierten Masse vielfach zu gewaltsamen Erhebungen, bei denen die Lock- spitzelarbeit der ministeriellen Pourbaix eine Rolle spielte, aus- loderten. Die Regierung wandte daS alte Heilmittel der Regierungen an: gewaltsame Niederwerfung der durch ihre sträs- iche Gleichgültigkeit herbeigeführten, durch die Verbrechen ihrer Werl« zeuge beschmutzten Voilserhebtmgen. DaS Heer griff ein; in Seraing und Roux gab es Tote. Damals kam man in sozialistischen Kreisen zum Entschluß, die Soldaten, die sich dank dem Freikanfs- recht der Besitzenden nur attS dem Volke rekrutierten, so aufznklären. daß sie zu solchen UnterdrückungSgeschäften nicht mehr zur Verfügung stehen sollten. In Gent, Brüssel, dessen Vororten, Antwerpen: über- all bildeten sich Vereine mit verschiedenen Namen, die sich bald als Sozialistische Junge Garde bezeichneten und nach einem Kongreß von 1869 einheitlich organisierten. Eine ganze Reihe antimilitaristischer Zeitungen in fron« zösischer und flämischer Sprache entstanden. Jetzt, nach der Ein« führung der allgemeinen, kurzzeitigen Wehrpflicht, gibt es nur noch ein zweisprachiges Blatt„Der Voltswehrmann'. daS alljährlich in die Hände der NeuauSgehobenen gelangt. Auch mehrere Broschüren wurden herausgegeben. Natürlich fehlte es auch nicht an Verfolgungen. 1836 wurde A n s e e l e zn S Monaten verurteilt, weil er im„Vooruit" den Müttern geraten hatte, ihre Kinder so zu erziehen, daß sie nicht auf daS Volk schössen. Eine Reihe„Junger Garden" wurde ebenfalls verurteilt, während andere unter gleichen Anklagen Freisprechung erzielten. Die höchste Strafe war 19 Monate Gefängnis, die T r o c l e t 1895 für seinen Katechismus des AuSgehobenen erhielt. DaS hinderte nicht, daß die Zeitungen, Plakate, Broschüren der Bewegung zu Hunderttausenden verbreitet wurden und überall Versammlungen in Sälen und unter fteiem Himmel abgehalten wurden. Aber auch die sozialistische Erziehung wurde gepflegt, eine Menge Vildungsvereine und Bibliotheken gegründet, Wonrage ge« halten usw. Viele Kämpfer sind aus dieser Bewegung hervor- gegangen, von denen nicht wenige leitende Stellungen m Partei. Gewerkschaften oder Genoffenschaften einnehmen. Zur Gedenk- f e i e r soll zu Weihnachten eine geschichtliche A u S st e I l u n g von Zeitungen. Plakaten, Bildern uiw. der Beivegung veraitstaltct, ferner eine U n t e r st ü tz u n g s k a s s e fiir Opfer soztalistischcr und antimilitaristischer Propaganda begründet und ein B a n k e t t der ehemaligen und heutigen Jungen Garden abgehalten werden. ßue der frauenbevegung. Eine Petition um Gewährung dcS FranenwahlrechtS wird von der Sozialistischen Partei der Bereinigten Staaten von Nordamerika in Umlauf gesetzt. Man rechnet mit der Hilfe der Gewerkschaften und aller fortschrittlichen Verbände und hofft, über eine Million llntersöbriften zu gewinnen. Es gilt, eine Aenderung in der Konstitution der Vereinigten Staaten herbeizu- fuhren, und die Petition soll von dem einzigen sozialistischen Ab- geordneten, dem Deutschamerikaner ViktorBerger aus Milwaukce. dem Kongreß in Washington vorgelegt werden. In den einzelnen Staaten mutz natürlich die Agitation eifrig weiter betrieben iv erden, denn zu einer Aenderung der Verfassung in dem gewünschten Sinne ist die Zustimmung der großen Mehrheit der Bundesstaaten notwendig. Der Sieg der Frauen in Kalifornien hat die Agitation der Frauenrechtlerinnen in anderen Staaten sehr gefördert. Von den 48 Bundesstaaten haben nm 6 bis jetzt den Frauen die gleichen politischen Rechte ein- geräumt; zuerst Wyoming, seit 1869, dann K o l o r a d o. seit 1893. Seitdem ging es schneller vorwärts; im Jahre 1896 folgten Utah und Idaho, 1919 der Staat Washington und 1911 Kalifornien. In diesem Monat November wird Kansas über die Frage deS Fraueiiwahlrccht« durch eine Volksabstimmung entscheiden. In einer Reihe von Staaten haben seit Jahren Ab- stimmungen darüber stattgefunden, bisher freilich mit einem un- günstigen Resultat, aber nirgends haben sich die Frauen abhalten lasien. neue Abstimmungen zu beantragen. In vielen Staaten hat man den Frauen ein teilweises Wahlrecht eingeräumt, zum Beispiel in Steuerfragen. In 2l Staaten haben sie in Schulftagen in gleicher Weise mitzureden wte die Männer. Bersammlnngen— Veranstaltungen. Die«lnderschvtztommission hält am Freitag, abends 8'/, Uhr, bei Borgmann. AndrcaSstraße 21, eine Versammlung der Kon- trolleurinnen ab, in der Genosse Freier einen Vortrag über «Die Rechte der ehelichen und unehelichen Kinder" halten ivird. flnrntymeftellen für„Kleine Unzeigen" Berlin C. A. Hahnisch. Auguststr. K0, Tingang Joachlmstratze. XV,(S. Schmidt. Ktrchbachstr U O. R. Hackclbusch. PtterSburger Platz 4. Gustav Bogel, Koppen- strahe 83. R. Wengelp. Gr. Franksurler Sir. lzo. XB. L. Zucht. Jmmanuelkirchstr. 12. I. Reul. Barnimilr. 42. Itz'. W. Baumann. RheinSberger Str. 87. F. Trapp, Slettiner Str. 10. Kart MarS. Greisenhagener Str. 27. I. Hönisch, Nazarethkirchstr. 43. H. Bogel. Lortzingstr. 37. KU Tietz, Jnvalidenstr. 124 L. Dechand, Ruheplatzftr. 24. NW. Karl Anders, Ealzwedelerstr. 8. Lawerenz. SotzlowSlhftr. 23. HW. H. Werner, Gneiienausv 72 Taehn, Hagelberger Str. 27. vi. St. Krit«, Prinzenstr. 31. F. Gutschmidt, Kottbuser Damm 8. h»«. Paul Böhm. Lausitz« Platz 14/15.®. Horsch, Sngeluser 15. Adlerahof. Karl Schwarzlose. Hosstnannstr 3. Bnnmaehn lenzes- H- Hornig, Marienthalerstr. 13, 1. Boralx�nlde. Paul Kienaft, Räuschstr. 10. U'hsrlottendnrs. Gustav Scharnbcrg. sesenhelm« Str. U rrledrleliahnxen. Ernst Werlmann, Köpenick« Str. 18. Grtinan. Franz Klein. Friedrichstr 10 .Tohannlathal. Pielick«, Kaiser-WilHelm-Platz 0. Karlahorat. Richard Knter. Rödelftr 3, II. Kopenlelr. Emil Wtstler. Kietzerstr. 8. Laden. lAehtenherg/. Ctto Setkel, Wartenbergftr 1. Nleder-Schöneweide. Gehrt, Britzer Str. S. Norvarrea. Wilhelm Jappe. Friedrichstr. 7. Oher-Sehtfnewelde. Alfred Bader. Wilhelmwenhosstr. 17 11. Pankow. Ctto Ristmann. Muhlemir 30. Relnlcsendorf. P. Gursch, Provtnzstr. 58, Laden. Ill»dorC Ac. Heinrich, Neckarstr. 2. Eonrad, Hermanvftr 50. E. Rohr. Stegsriedstr. 28/23. Kammelaharx. 31. Rosenkranz. All-Lorhagen 56. Hctattneberc. Wilhelm Bäumler, Martin-Luther-Str. 69 im Läden. «pandan. Köppen, Breiteftr. 84. iSteUllt». H. Bernsee, Mlenstr. 5. Tenipelhof. Franst, Berlin« Sir. 76, Laden. Treptow. Rodert Gramenz, Kiesbolzstr. 412, Laden. Weltlenuee. Fuhrmann, Sedanftr. 105. Schillert. König-Thausie« 33» WUmeradorf. Paul Schubert. WilhelmSaue 28, Hos parterre ». Esders& Dyckhoff Gertraudlenstraße 8/9 M »b dar FatriUreh» •n dar Fatrikiroha und Wnalietikleidami J Besonderes Angebot! 1 ! 6 0 HDWWWWWWMMMMMMWMWMMWWWMMWMWWWWWWM Fertige Herren- Anzüge m Ulster* Geh-Pelze Loden« und Pelz« Joppen. i Ziehung eehonj 10. und 11 November Schweidnitzer| etteriel 85»»(itmlmtm in W.rta T. K. 123000 140.000 120000 LoseälH.�� 5 Lmj 4�0 M. 1 11 USI 10 II/ tmm*. «»red 4»« Oeaerd-DebU H.t Kröger Berim ws'/inss- aewl««Ii« dürrst Fiskale kennlllebas Varkaafiataiiaa T»U(r.-A«r.i„OeMsuali»". I vn VJÜ Haben S« Stoff?' Idtftro*, davon Anzog md. PaJdtöt mmm M HSM, ttfuci, JanmK 2S Mark an. MorlU Ltisok, me«, U. fStodib. RSn. Mj»tOt I Zutatmn{ tkaak, J Theater und Vergnügungen »illwoch. S. Novbr. 1311: Ansang 4 Uhr. Ilrouia. Taubenstrafte 48/4S. Lebende Tierbilder von nah und fem. Anfang Vlt vhr. Jt Schauspielhaus. Di« glückliche Hand. »eutscheS. P-nthestlea. Haverland. Spezialtiäiet». Zirkus Busch. Gala-Vorstellang. Zirkus Schumann. Gala» Vor- stellung. Ansang 8 Uhr. Urania. Taubcustraste 48/40. Di« Natur der'oberen Lust- schichten. gm Hörsaal: vaumcift« Phoenix: AnlrtebSmaschinen im Gewerbe« betriebe 57. Cpernhaus. Slettra. Neues St. Cperutheater. Othello. Kammerspiele. Der Arzt am Scheidewege. Lessing. Glaube und Heimat. Berliner. Bummelstudenten. Neues. Das Mädel von Moni. martre. LuftipielhauS. Die BergnügungZ- reife. Neues Schauspielhaus. Bllxl. Kleines. Fanny» erste» Stück. Residenz. Ein Walzer von Chopin. Neues Operette«. Die modern« Eva. Komische Oper. Sibirien. «öntggräster Straste. 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MUtwoch, abend» 8 Uhr: Der Plarrervon Kirchfeld DonnerSiag, abend» 8 Uhr: Antigone. Freitag, abend» 8 Uhr t Hadame Kana-Oene. Schiller-Thealer ChV5en Mtlwoch, abend» 8 Uhr; Zopf nnd Schwert. Donnerstag, abend» 8 Uhr: Ea lebe das Leben. Freitag, abends 8 Uhr: Zu» Feier vo» Schiller» Geburtstag von 4,'arloa. Neues Theater. Abend» 8 Uhr: ===. Am KSnlfator. | Heute!!! 2;� Walzer- Abend... | Joha | Morgen; Joh Johann Strauß««s Wien. 1 Morgen; Johann Strauß. Freitag; Karl Hoinzius-Abend. I m Urania. Wissenschaftliches Theater Nachm. 4 ühr: Lebende Tierbilder reo nah g. fern. Verein: 8 Uhr Dr. We�ener; Die Natur der oberen Luftechichten. Hörsaal 8 ühr Banmstr. Phoenix: Antriebe maschinen im Gewerbebetriebe. Ab 8 Uhr: DaS neue Programm. Der Gipfel der«omikl U. a.: Cbretlenne n. l.onlaette holländische Dueilistcn. Paul Jülich mit leinen Szenen: Nachexzerzieren. Eine Wahlver- sammlung. Nur noch kurze Zeit: Ein Abend in einem amerikanischen TIuksI Tauget. Passage-Theater. Abends 8 ühr: Dan beste Programm der Berliner Varieti-Saison I Claire Waldoff mit neuen Schlagern. Menö Telepat. Fhänome. The Black cats engst. Backfisch-Ens. und die 10 slänzaenden Vaeletö-Snmmcrn. Äntolt! Scholz. Bäsenheiile 108, U. Mittwoch, 8. November: Ansang 8'/, Uhr. Entree 30 Pf. Boranzeige! Sonntag. 12. No- vemb«, nachm. 3 Uhr: Kinder- Vorstellung: Aschenbrödel. t Platz 50 Pf. a Platz 30 Pf. Zirkus-Tragödie. Alexanderplatz Unter den Linden Wedding Moritzplati Hasenbelde □ □□ lim. Corso-Vadef6. Friedrichstr. 163. Heitere Künstler- Abende. 12 JUtraUtionen 12> ü. a.:| Das urkotn. Zwergittnen-DuetL Entrce 50 Bf. Trianon-Theater. Täglich abend» 8 Uhr: Mein Baby, 1 Zirkus S I A. Schumann Heute abend 7'l, Ühr: Luis Hardt | Qentlemen- Athlet, genannt Der Knabe Samson. De Marios american wenden: Daa Froacbparadles. Busto,"Ät" | mit seinen dressiert Gänsen. Die«roße Peerie 1000 Jahre aal dem neereaFmad. Freitag, den 10. Norember, abends 8 ühr; Die Orestle. AutlQhrunj das Deutsch. 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Sie sagte dem Beamten, da werde doch wohl mit der Vollstreckung der Strafe noch gewartet werden, und erhielt die Antwort:.Bis jetzt ist noch nichts hier, dann wird wohl auch nichts kommen". Fünf Tage später kam aber doch etwas, nämlich ein Schutzmann, der sich in Frau R.S Wohnung einfand, um zunächst den Sohn abzuholen. Dieser war nicht zu Hause, darum konnte er nicht sofort mitgenommen werden. Frau 9t. berief sich auf ihr Aufschubsgesuch, legte wieder den Postschein vor und wies darauf hin, dasi sie nach ihrer schwere» Operation, die sie ja schon auf den, Polizcibureau mitgeteilt habe, »och nicht völlig wieder hergestellt sei und durch eine Festnahme des Sohnes ihrer Hilfe beraubt werden würde. Der Polizist ging, nahm aber de» Postschein mit, den er dem Wachtmeister vorlegen wollte. Zivci Tage spater kamen in aller Frühe zwd Schutzleute und sordcrtcn den Sohn aus, ihnen zur Wache zu folgen. Als Frau R. wieder ihr Aufschubsgesuch erwähnte, antwortete man ihr, er solle nur mitkommen, auf dem Bureau werde man die Akten ein- sehe». Auf dem Polizcibureau wurde dem Sohn erklärt, er müsse zablen oder sitzen. Er zahlte jetzt seine 3 M. und wurde entlasien. Wieder zwei Tage später verlangten am frühen Morgen zwei Schutz- leutc Einlasi bei Frau R. Da sie noch im Bett lag, aber allein zu Hause war und daher nicht öffnete, so muhten sie toieder umkehren. Nach weiteren zwei Tagen wiederholte sich die Morgenvisite zweier Schutzleute, doch war jetzt nur der Sohn anwesend, der ja schon bezahlt hatte. Er ging a», Vormittag zum Bureau und forderte den Postschein zurück, ihm wurde ober von einem Beamten erklärt, er wisse von keinem Post- schein. Am folgenden Tage fand zur Morgenvisite sich nur ein Schutzmann ein. doch war Frau N. wieder nicht mehr zu Hause. Ein paar Stunden später wurde sie dann von einem anderen Schutz- »nanu zu Hause angetroffen. Um der Festnahme zu entgehen, lieh sie jetzt 6 M. und schickte den Sohn zur Wache mit, um zu zahlen. Fünf Tage darauf kam von der StaatSanwoltschaft ein Schreiben, datiert bereits von dem Tage, an dem Frau R. ihre diesen vor da« Haus Jernsalemerstr. 43 hingestellt halte um nach- zusehen, ob er mit dein Wagen auf den Hof fahren könne. Als er nach ganz kurzer Zeit zurückkehrte, war der Wagen mit den Fellen verschwunden. Diebe hatten den Augenblick benutzt, das Geführt zu stehlen. Kurze Zeit darauf fand man den leeren Wagen in der Lindenstratze. Die Tibetgarnituren aber, die ungefähr 300 M. wert sind und der Firma Segall in der Kurstr. 47/48 gehören, blieben verschwunden. Protestvcrsammlung deS Kultnrkartells Groß-Berlin. In Berlin hat sich vor einiger Zeil ein.KnlUirkartell" gebildet, dem bis jetzt die„Deutsche Gesellschaft für Ethische Kultur", der.Deutsche Mcmistenbund" und der»Deutsche Bund für weltliche Schule und Moralunterricht" angehören. Der Anschlutz weiterer Organisationen sieht bevor. Das Kulturkartell verfolgt den Zweck, alle diejenige» Organisationen und Eiuzclpersoiien Grotz-Berlins zu gemciusamer kuliurpolitisckier Aufklärungsarbeit und zu gemeinschaftlichen Aktionen zusammenzuschltetzen, die auf dem Boden der drei Grundforderungen des Kartells stehen: 1. Trennung von Schule und Kirche. 2. Trennung von Staat und Kirche. 3. Freie Enttvickelung des geistigen Lebens und Abwehr jeder geistigen Unterdrückung. Eine bestimmte Weltanschauung will das Kartell nicht vertreten. Die Ausdehnmig des Kartells auf ganz Preutzen ist in Aussicht genommen. Am Sonntag, den 12. November, vormittags ll'/a Uhr, veranstaltet das Kartell im grossen Saale der Vikloriabrauerei, Lützowstr. III, eine grosse Protestversammwng zum Schutze der Dissidcntenkinder gegen religiöse Vergewaltigung. Ganz im Gegen- satz zu früheren Erlassen preussischer Kultusminister und zum Geiste der preussischen Verfassung hat der preuhische Kullusminister neuer- dings unler dem 27. Jnni lvlO verfügt, dass auch die Kinder von Dissidenten am konfessionellen llieligionöunterricht der höheren Lehr- anstalten teilnehmen müssen. Gegen eine derartige verfassungs- widrige Zwangsverfrommung soll energisch Protest erhoben werden. Eine LicbeStragödie hat fich in vergangener Nach» in einem PotS« damer Hotel abgeipielt. Ein junge« Paar aus Berlin machte dort durch Gift seinem Leben ein Ende, lieber den Vorgang wird fol- gendes gemeldet: Vorgestern nachmittag bestellte in dem Hotel der Violinvirtuose Elbe aus Berlin für fich und»seine Frau" ein Zimmer. Den Nachmittag verbrachten beide mit Spaziergängen durch die königlichen Gärten und abends begaben sie fich in ein Baricts. von dort gingen die jungen Leute in ihr Hotel, nahmen auf ihrem Zimmer das Abendbrot ein und bestellten Sekt. Dem Personal gaben sie den Austrag, um'/zl) Uhr morgens zu wecken. Als das Wecken gestern morgen vergeblich blieb, öffnete man nach Verständigung der Polizei die Tür und fand das Paar eng umschlungen als Leichen. Auf dem Nachttisch im Eislübel befand sich eine leere Sektflasche und in den Bechern noch der Rest de» aufgelösten Zyankalis. Im Bett fand»um auch einen kleinen Revolver liegen. In hinterlaffenen Briefen macht das Paar Andeutungen über den Grund der Ver- zweiflungStat. Danach sollen dir Eltern deS Mädchens sich der Ver- «inigung der Liebenden widersetzt haben. Das Paar wurde fest- gestellt als der 1801 geborene Kapellmeister Erich Elbe ouS Berlin, Bredowstr. 18, und die 17jährige Melanie Scherner aus Charlotten- bürg, Kantstr. SSa. t• Wegen Unterschlagung von 20 660 Mark wurde 3 Jahre nach Kerübung der Tat der 40 Jahre alte Lademeister Gustav Lindner jetzt von der Kriminalpolizei ergriffen. Lindner war früher bei einer Kleinbahngesellschaft in der Nähe von Berlin angestellt. Im Jahre 1668 unterschlug er dieser 20 000 M. und entfloh mit der Deute. Wie sich jetzt ergab, ging er nicht weit. Unter dem Namen Gustav Schmidt, auf den er auch Ausweispapiere bei sich führte. trieb er sich die ganze Zeit in Berlin umher. Den Lebensunter- halt erwarb er sich durch Klavierspielen in Kneipen. Bei.Damen". die er hierbei kennen lernte, fand er stets Unterschlupf. Dieser Tage wurde cr von einer Frau G., die im vergangenen Jahre in der Schumannstrasse in einer Gastwirtschaft kurze Zeeit auch den Klavierspieler„Schmidt" beschäftigt hatte und bald um einige Hundert Mark angeborgt wurde, erkannt und später festgestellt. Die Ermittelungen ergaben bald, dass hinter dem„Klavierspieler Gustav Schmidt" niemand anders als der lange gesuchte Lade- meiste r Gustav Lindner steckte. Die Kriminalpolizei verhaftete ihn. Gcschgftscinbrecher suchten die Herrenkleiderhandlung„Nord- stern" in der Brunnenstr. 86 heim. Sie liessen sich auf dem Grundstück einschliessen, erbrachen eine Tür, die vom Hof in den Keller führt, stiegen von diesem aus durch eine Falltür in den Laden ein und packten hier für 2000 M. Herrenanzüge, einzelne Stoffhosen. Sommer- und Winterüberzieher und Knabenwasch- anzüge zusammen. Ihre Beute packten sie auf einen der Bulter- Handlung Jösicke gehörigen Handwagen, der auf dem Hofe stand und fuhren dann unangefoösten davon. Ter mitgestohlene Hand- wagen, ein dunkelbrauner, zweirädriger Wagen mit zwei Stoss» stangen, trägt kein Firmenschild. Auf einen KindeSmort» lässt«in Leichenfund in der Jungfern- Heide schlichen. Im Jagen 18 fand man die Leiche eme» neu- geborenen Knaben, die in weisse Leinwand und graues Packpapier cingewieckelt war. Die Hülle wurde mit einer Znckcrschnur zu- sammengehalten. Anhaltspunkte für die Ermittelung der Mutter trug die Verpackung nicht. Die kleine Leiche wurde nach der Halle in Plötzensee gebracht. Handwagcndicbstähle werden in letzter Zeit wieder häufig verübt. In bezug auf die Ladungen find die Diebe gar nicht wählerisch. Sie nehmm was sie bekommen können. So wurde einem Haus- Vorort- Nacbricbten. Schönederg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst wurden in den AuSschuss für den Ausbau der Rückcrtschule u. a. die Genossen Bernstein und Molkenbuhr gewählt. Hierauf erhielt die Versammlung Kenntnis über das Schicksal der in den Jahren l90S und 1910 gefassten unerledigten Beschlüsse. Die Vorlage wegen Errichtung einer städtischen Turnhalle sei noch nicht spruchreif; obwohl die Mittel zum Bau von der Regierung bereits genehmigt seien, haben die Verhandlungen wegen Ermittelung bezw. Ankauf eines geeigneten Grundstücks noch nicht zum Abschluß kommen können. Der Magistrat hält die Errichtunnz einer obligatorischen Fortbildungsschule für Mädchen durch die Einrichtung einer fakultativen für erledigt. Die Stadtv. Bam- berg slib.) und Bernstein(Soz.) sprachen sich entschieden gegen diese Auffassung aus. Der Magistrat war ersucht worden, gegen jede Tarif er- höhung im Strassenbahnverkehr Protest zu erheben. ES wurde mitgeteilt, dass die Tariffrage eine besondere Rolle spielt, Iveil die Stadt auf diesem Gebiet glaubt Zugeständnisse machen zu müssen, gegen die sie Vorteile anderer, hauptsächlich verkehr- licher Art, einzutauschen gedenkt. Dem Magistrat wurde zu ver- stehen gegeben, dass die Versammlung gar nicht daran denkt, über den 10 Pfennigtarif hinauszugehen. Ter Antrag unserer Genossen, dem bisherigen Wohnungsauf- seher Friede! für das Einziehen von Armenpflegekosten anstatt ein jährliches Gehalt von 1000 M. und eine bis 300 M. reichende Provision 1600 M. AnfangSgehalt zu gewähren, stiess beim Ma- giftrat auf Widerstand; letzterer vertrat die Auffassung, dass man dann eine jüngere Kraft einstellen müht« und den bereits seit dem Jahre 1904 tätigen Mann nicht weiter beschäftigen könnte. Der Antrag wurde abgelehnt, und die Magistratsvorlage gegen die Stimmen der Sozialdemokratie angenommen. Bei der hierauf vorgenommenen BauratSwahl wurde Stadtbaurat Egeling mit 51 von 64 abgegebenen Stimmen auf 12 Jahre wiedergewählt. Die Schenkung des KommerzienratS Haberland von 10 0 0 0 M. wurde angenommen. Die Versammlung beschäftigte sich hierauf noch mit einigen Petitionen, darunter der auf Errichtung eines städtischen Hallen- schwimmbades sowie einer Petition Teuerungszulagen betreffend. Während die erstere dem Magistrat, wurde die letztere dem be- stehenden TeuerungSauSschuss zur Beratung überwiesen. Ein tödlicher Automobilunfall ereignete sich vorgestern abend an der Kolonnen- und Hauptstrasse. Gegen Wi Uhr wollte dort der 79jährige Rentenempfänger Wilhelm Siebcrt aus der EbcrS- strasse 11 den Fahrdamm überschreiten. Er übersah dabei daS Herannahen eines Privatautos und lief gegen den Krafttvagen. S. wurde umgerissen und geriet unter das Auto, dessen Räder über ihn hinweggingen. Der Greis erlitt ausser Brüchen beider Arme und Bein« schwere innere Verletzungen. Räch Anlegung von Notverbänden in der Hilfswache in der Borbengstrasse wurde der Verunglückte nach dem Schöneberger Krankenhause übergeführt, wo er bald nach seiner Einlieferung verstarb. Für die am 12. November vorzunehmenden Stadtverordneten. wählen haben bereits mehrere Parteien Kandidaten aufgestellt, die sich natürlich alle mehr oder weniger die Bekämpfung der Sozialdemokratie zum Ziel setzen. Die Linksliberalen haben ihre Kandidaten im 6. und 11. Bezirk aufgestellt und müssen den Kampf nach zwei Seiten führen; hier warten ausser der Sozialdemokratie auch ein grosser Teil der Beamten mit eigenen Kandidaten auf, die im 11. Bezirk Herrn Zobel, den Führer der Liberalen, zu Fall bringen wollen. Den 3. Bezirk hat man den sogenannten Haberländern, auch liberale Bereinigung genannt, überlassen. Im 6. und 7. Bezirk sind je ein Hausbesitzer zu wählen, da haben die Liberalen keinen Kandidaten aufgestellt; hier heisst eS daher doppelt vorsichtig zu sein. Im 11. Bezirk stehen sich nunmehr gegenüber 2 Kandidaten der Sozialdemokratie. 2 der Liberalen und 2 von den Beamten aufgestellte. Auch da? Zentrum tritt überall mit einem Kandidaten hervor. Ueber daS marktschreierische Gebaren der Liberalen herrscht in der Bevölkerung bereits grosse Erbitterung, so dass der Wahlkampf ein ausserordentlich scharfer werden dürfte. Die Arbeiterschaft wird alles daran setzen, um die Zahl der sozialdemokratischen Vertreter zu vermehren. ES ist daher die Pflicht jedes einzelnen, die wenigen Tage bis zur Wahl zur lebhaften Agitation auszunutzen. DaS leichtfertige Hantieren mi» einer Schußwaffe hat vor- gestern wieder einen schweren Unglücksfall herbeigeführt. Abends gegen 10 Uhr wollt« der Hausdiener eines Kaufmanns in der Hohenstaufenstr. 66 dem in demselben Geschäft tätigen Ivjährigen Lehrling Fritz Koch den Mechanismus eines Revolvers erklären. Dabei kam er unvorsichtigerweise dem Sahn zu nahe, die Waffe entlud sich und die Kugel drang dem Koch in die Stirn. Der Schwerverletzte brach sofort blutüberströmt und besinnungslos zu- sammen. Er wurde zunächst nach der Unfallstation in der Bor- bergstrasse und von dort nach dem Schöneberger Krankenhause übergeführt, wo er bedenklichen ZustandeS daniederliegt. Charlottenburg. Wahlberatung bei erwißizte» vierpreifea. Die Liberalen Wahlkomitees für den II. und IV. Bezirk der III. Abteilung zur Herbeiführung liberaler Etadtverordneten-Wahlrn haben vor einigen Tagen folgendes Zirkular versandt: Sehr geehrter Herr! Wir gestatten uns. Sie zu einer dringenden Sitzung auf Freitag, den 3. November er., abeiids 8'/, Uhr. nach dem Cafö-Restaurant Kutschera, Wilmersdorfer Str. 63/54(Separat- saal 1 Tr.. Eingang durch das unlere Lokal) ganz ergebenst einzu- laden. Wir rechnen bestimmt auf Ihr Erscheinen und zeichnen hochachtungsvoll Die liberalen Wahlkomitees für den II. und IV. Bezirk. I. A.: Bollmann, Hope, Drucker. Schilling. Tagesordnung: 1. Beri-dt über die bisherige Wahlarbeit. 2. Besprechung der Organisation am Wahltage Sonntag, den 6. November. 3. Ver« schicdcnes.— NB. Wir gestatten uns besonders darauf hinzu- ivciien. dass für die Teilnehmer die Vierprrise an diesem Abend ermäßigt sind. D. O. Die Herren Liberalen scheinen wohl bereit? gewittert zu haben, dass ihre Sache auf einen niedrigen KurS steht. WaS die liberale Sache an Zugkraft vermissen liess, sollten wohl die billigen Bier- preise ersetzen. So mancher Empfänger eine? solchen Zettel? wird nicht gerade erbaut davon gewesen sein, dass ihm die Absender die Teilnahme an einer solchen Sitzung mit billigen Bierpreisen schmack- Haft zu machen suchten._ AlS Stadtverordnete der zweiten Adtcilung wurden gewählt: Wenig, SanitätSrat Dr. Bauer, KommisnonSrat Zander, Zahnarzt Marense, Reg.-Rat Dr. Stadtbagcn, prakt. Arzt Dr. Ryck, Fabrik- besitzer Imberg, Lebrer Dr. Damm, Oberstleutnant Stein, Fabrik- besitzer Kerb und Rentier Eugen Loskau. In der ersten Abteilung wurden folgende Herren zit Stadt- verordneten ernannt: Hubalsch, Dr. med. Mommsen, Kaufmann Max Keitmann, Mann, Gutduann, Schwass, Justizrat Fricdländer, Kaufmann Engen Baumann, Architekt Wenzke, Saiiitätsrat Dr. Landsberger, Wvllmer. Rixdorf. llrl'el Süssen mußte es am letzten Sonntag ein Feldwebel eine? GarderegimeinS, der im Gartenlokal von Heckert, Canncr Chaussee. Damen, die die Toilette benutzten, zu beobachten suchte. Bereits vor einigen Wochen sollen Perionen wahrgenommen haben, dah sich der Feldwebel an der Tamentoilette zu schaffen machte. Da hier noch das Tonnensystcm bcrrscht, konnte sich der Soldat in den hinter den Toiletten befindlichen Raum einschleichen und von hier aus die die Toilette aussuchenden Damen beobachten. Am Sonntag hatte man geseden. wie sich der Feldwebel wieder einschlich und nicht mehr zum Vorschein kam. Auf Ersuchen einiger Personen, zu öffnen, meldete fich zunächst niemand, erst als man drohte, die Bude zu vernagelu, schloß der Feldwebel auf. Wie man uns mitteilt, soll ihm für seine Neugierde Übel mit« gespielt worden sein. Unter Begleitung zweier Polizcibeamien wurde cr alsdann aus seinem Versteck hervorgeholt und mutzte den Gang zur nächsten Polizeiwache antreten. Weifte, isce. Snnmnnaler Seefischverkauf. Jeden Mittwoch und DonnerS- top. von vormittags 8 Uhr an, findet in den Verkaufslokalen des Fischhändlers Reimann, Berliner Allee 197 und Langhansstr. 144, ein Verkauf von frischen Seefischen zu billigen Preisen statt. Es gelangen zum Verkauf: Seelachs, Kabeljau, Galdbarsch, Schellfisch und Bratflunder. Die Preise werden an beiden Tagen durch Aus- hang in den Verkaufsstellen bekanntgegeben. Die von der Gemeindevertretung beschlossene Erweiterung der Sonntagsruhe hat die Bäcker, Milchhändler und Schlächter auf die Beine gebracht, die die Verkaufssiunde» von 8— 10 Uhr morgens auch Im Winter wieder festgesetzt wissen wollen. In Berufsvcrsamm- lungen wurden Protestresolutionen angenommen, wonach die Ge- meindevertretung ersucht wird, die ganze Sonntagsruhe wieder auf- zuheben.— Der verein der Gewerbetreibenden hat in seiner von 15 Personen besuchten Versammlung dagegen protestiert, datz die Gemeinde zur Linderung der Rot. den Verkauf von Kartoffeln und Seefiichen in die Wege geleitet, sie erblicken darin eine Schädignng des Geloerbestandes. Ein ehemaliger Gewerbetreibender meinte so- gar, datz, wenn fich die Gewerbetreibenden daS alles gefallen laffen, die Gemeinde noch mit Schlipsen handeln werde. ES fehlte blotz noch, datz fich die betreffenden Herren über die bestehende Teuerung lustig gemacht hätten. Der Männerchor Weißcnsee veranstaltet am Sonnabend, den 11. November, abcndS 8'/, Uhr, in der Gcmeindeturnhalle ein grosses populäres Konzert. Mitwirkende: Königlicher Kammer- länger F. Kallweit(Tenor), Frl. G. Nettcrmann, Kouzertsüngerin (Alt). Herr van Laar(Violine), Herr Löwensohn(Biolincello), Herr Kestenberg(Flügel), ausserdem der veranstaltende Gesangverein. Zum Vortrag gelangen SoliS, Trios, Duette und Chöre, Da die Mitglieder des Männerchores sich bei allen Veranstaltungen der Partei in uneigennütziger Weise zur Verfügung stellen und auch bei allen sonstigen Parteiarbeiten ihre Pflicht crsüllen, ersucht der Bor« stand d«S WahlvereinS, denselben durch zahlreichen Besuch zu unter» stützen. Wildau-Hoherlehme. Die Gemcindevcrirettini beschloß in ihrer letzten Sitzung a. o. die Anschaffung eines GaSdruck-RegistnerapparateZ. Unsere Genossen hatten bereits im vorigen Jahre die Beschaffung eine« solchen be- antragt. Durch den Apparat kann da» an KönigS-Wusterhausen ge- lieferte Gas zu beliebiger Zeit auf den nötigen Druck untersucht werden. Vom Zimmernieister König ivar für den Bau der Gemeinde- Badeanstalt eine Nachforderung in Höhe von 1300 M. eingegangen Die Forderung wurde der Badeanstaltkommission zur Prüfmig überwiesen. Hierbei gibt der Gemeindevorsteher bekannt, dass fich die Einnahmen seit Eröffnung der Anstalt am 15. Juli bis 1. Oktober auf 870 M. belaufen. Die durch den Wegzug de« Herrn Weidmann frcigewordenen Plätze in den Kommissionen werden wie folgt besetzt: BadeanMtkommisfion: Genosse T a en z e r. Vor-inschätzunaS- kommission: Genosse S ch um a n ii. Rechnungslegimoslominissioii- Gemeiudevertretcr Soltmann. Grundstenerkommiiflon: Gemeinde-' Vertreter: Neumann. Kuratorium der Fortbildungsschule: Herr Der Gemeindevorsteher machte die Mitteilung, dass der Bertraa betreffend Uebemahme der Kreischausseen in Wildau vm? Sat rnid vom Kreislag genehmigt worden sc,. Hiernach übernimmt die Gemeinde die durch Wildau führende zirka zwei Kilometer lange S'rasse. Der Kreis zahlt hierfür pro laufenden Meter L5 M oöo zirka 50000 M. und die Gemeinde übernimmt die Vcrpflichtun'a. die Strasse einem bestimmten Zeitraum auszubauen. Es soll vor- ausfichtlich mit der Pflatzerung und Legung des BürarrsteiacS im kommenden Frühjahr begonnen werden. Damit wird dem jetzigen unhaltbaren guslande ein Ende bereitet. Ferner gab der Gemeinde- Vorsteher bekannt, dass durch die un vorigen Jahre eingeführte Wert- zuwachssteuer beim Verkauf der chemischen Fabrik Hierselbst die Ge- meinde eine Einnahme von zirka IS 000 M. zu verzeichnen habe. Alz unsere Genossen vor etwa drei Jahren die WcnzuwachSsteuer beantragten, sttessen sie überall auf Widerstand; erst nach langen Verhandlungen gelang eS ihnen«m letzten Jahre, hierfür eine Mehr» heit zu gewinnen. WaS der Gemeinde hieraus für ein Nutzen cnt» standen ist, erhellt erst deutlich daraus, wenn man bedenkt, datz der ganze JahreSetat mit zirka 175 000 M. balanziert. Siethen. Auch hier, in der dunklen Gegend des Wahlkreises Teltow- BeeSkom beginnt r« zu tagen. Am Sonntag fand in Siethen eine öffentliche Versammlung nnter freiem Himmel statt, in welcher Ge- noffe«ler Pog-l« die kommenden RcichSIagswahlen referierte. Mit grossem Beifall wurde von 70 Männern und 17 Frauen der Vortrag entgegengenommen. Nachdem der Leiter Genoffe MarowSky noch auf die neuerrichtete Bibliothek hingewiesen, wurde die Ver- sammlung gkkchloffen. Dielelbe Ware noch besser besucht worden. °°° NowaweS. Besteht g,gc..«Srtsg eine m.ßkrgtwähnttche Teuerung? Diese Frage hat der hiesige Verein für Handel und Gewerbe in seiner kürzlich abgehaltenen Generalversammlung verneint. Nach einem Referat deS Schneidermeister« vonifch gelangte eine Resolution zur Annahme, worin gegen die von der Gemeinde getroffenen Teuernngs- mahnahmm Protest erHoven wird und zwar mit folgender Be- crftnbimg: Eine außergewöhnliche Teuerung bestehe überhaupt nicht, und wo eine Teuerung besteht, wie z. B. bei frischem Gemüse, könne sie durch Gemeindemaßnahmen nicht bekämpft werden. Die Beschaff artg billiger Lebensmittel hätte nur dann einen Zweck, wenn sie wesentlich billiger als von den hiesigen Lebensmittelhändlern verabfolgt werden könnten. DicS fei jedoch nicht der Fall, da die Händler Kartoffeln fast ebenso billig verlausten wie die Gemeinde, trotzdem letzterer»och die ISprozcnIige Zrachterinäßigung zugute käme. Ferner sei cS eine Ungerechtigkeit gegen den gesamte» Handclsstand, wenn die Gemeinde auch für anders Kreise als die bedürftigen Lebensmittel beschafft. Zur wirtlichen Bekämpfung der„teilweise vorhandenen Teuerung' wird schließlich vorgeschlagen, 1. allen Gcmeindebeomtrn und-arbeitern den TeuerungSverhältniffen entsprechende Gehälter und Löhne zu gewähren; 2. den bedürftigen Einwohnern ausreichende Naturalien, die von den hiesigen leistungSsähigen Zwischenhändlern zu entnehmen sind, zu bermittelu.— Daß der Verein für Handel und Gewerbe eine außergewöhuliwe Teue« rung kurzweg bestreitet, wird wohl niemand überraschen. Als unwahr mutz die Behauptung znrückgewiesen werden, die Händler verkauften ihre Kartoffeln fast ebenso billig wie die Gemeinde; wenn sie in letzter Zeit ihre Preise ennäßigt haben, so dürfte dicS wohl nur eine Folge der Gemcindemaßnahmen fein. Besonders scharfe Berurleilung fanden die TenerungSniaßnahmen durcki den Schneidermeister Vortisch, der den auch von Hausbesitzern gestellten Antrag zur Linderung der Teuerung als unverständlich bezeichnete und die Potsdamer Stadlverordneten, die sich in der gleichen An- gelcgeuheit ablehnend verhielten, als Muster hinstellte. Spandau. Bei den gestern stattgefundenen Stadtverorbnetenwahken ge° lang eö unseren Genossen leider nicht, ein Mandat gu erobern. Das Stimmenverhältnis stellt sich in den fünf zur Wahl gc° standenen Bezirken wie folgt: Im 1. Bezirk wurden abgegeben 45Z Stimmen; davon er- hielt der Sozialdemokrat l21, der Mielerverein 172, die Konser- vativcn 137 und der BezirkSvercin 22 Stimmen, während 1 Stimme zersplittert war. Mithin Stichwahl zwischen dem Kandidaten des Mictcrvercins und dem der Konservativen. Im 3. Bezirk wurden 785 Stimmen abgegeben. Es erhielt der sozialdemokratische Kandidat 229, der deö Mieterbercins 407. der Konservative 91, der BezirkSvcrcin 49 Stimmen, zersplittert waren 9. Gewählt ist der Kandidat des Mictervereins. Im 4. Bezirk wurden 763 Stimmen abgegeben. Hier waren zwei Stadtverordnete zu wählen. Die Kandidaten des Mieter- Vereins erhielten 438 und 378, die Sozialdemokratie 259, die Konservativen 76 und der Bezirksverein 19 Stimmen. Gewählt sind die Kandidaten des Mietervereins. Im 6. Bezirk wurden 999 Stimmen abgegeben; davon erhielten die Sozialdemokratie 837, der Mieterverein 497, die Konservativen 118, der Bezirksverein 42 Stimmen, während 6 zersplittert waren. Stichwahl zwischen Mietcrvcrein und Sozialdemokratie. Im 7. Bezirk wurden 743 Stimmen abgegeben; davon erhielt der Sozialdemokrat 369, der Mictervcrein 183, der Bezirksverein 156 und die Konserdatiden 45 Stimmen. Hier steht der sozial- demokratische Kandidat in aussichtsreicher Stichwahl mit dem Kan- didaten des Mietcrvereins. «»uristenveret»»Die Naturfreunde', Ortsgrupp« Berlin. Sonntag, den 12. November: Wanderung von Melchow über Sydow, Beerbaum, Klobbicke, Schbuholz nach Mclchow. Abfahrt sriih 6,00 Uhr— Fernzug— nach Mclchoiv. Gälte willkommen. ßriefhaften der Redaktion. Die iurlstlsche eprechstunde findet Gtntenfitafie 69, vor» vier ErtWen — Nahrstnht—, teoidtntäalirti von 4V4 bis'Vi Ubr adendS, SonnadcndS, »vn«g.»tS 6 Uhr abrndS statt. Jeder für drn Brirfwsten»esttmniecn Anfraor ist et» Nnchstovr mik eine SnM»IS Merkzeiche» deizoitizen. vricfltidr Antwort wird nicht ertttt». Anfragen, Venen leine AvvnnrmrntSanUwng detaefstgt ist, werden nicht d»»ntwortrt. EUtge Fragen trage man in der Sprechstundi vor. November 1911. Bis zur Dauer von sechs Wochen. Nach Abiaus dieser Zeit kann Enllassung erfolgen.— P. R. 31. 1. Der Antrag kann gestellt werden, wiederum an die LaiideSaersicheriingSanstalt. 2. Betriebs- bureau der Städtischen Straßenbabnen, Postsir. l3.— W. R. Schiller- sirniie. 1. Nut pflichtteilsbcrechtigt. L. Nein Stempelung kann nach er- solgter Einreichung bei dem Rachlaggciicht, die unverzüglich»ach dem Ab- leben eine» Teils geschehen mutz, siatlfinden. 3. Nein. 4. In der Regel ja.— Rtxburg. Ihre Angabe» reichen nicht an», um beurteilen zu können, ob llhrc Tätigkeit al» diejenige eines Handlungsgcbilsen oder eines Gcwerbegebilsen anzuscbcn ist. Erstere haben/ wenn nichts anderes vcr- cinbart ist, eine sechswöchige Kündigungsfrist zum Beginn eine? Kalenderquartals, letztere eine lltigige KündignngSirist.— F. B. 1VV. Die Gebührenordnung sieht 4 bis 40 M. vor. Bei Ihrem Stand dürften 6 M. angemessen sein. Vesinchen Sie eine Einigung.— W. II. 2. Nein. — Z.«. LZ. Ivo. l. Geldswafen bis zu 900 M. oder 6 esänginsiwaie bis zu 2 Jahren. 2. Den nawwcisbaren Schaden und Schmerzensgeld.— Herzog. Leider nicht.— H. P. 18. 1. Ja, durch Naturaliiatio». 2. An- trag an die Ncgicriing. 3. Berschirden. Bei Bedürftigkeit Mindestsatz 5 M. 4. Für die Kinder ist, da der Vater verstorben, besonderer Antrag er- forderlich.— R. G. S2. 1. Falls Ueberqnbc erfolgt ist: nein. 2. Ab- tehnen.— L. 87. Wenn sich nachweisen läßt, daß das Leiden eine Folge dcS Dienstes ist und eine ErwerbSbeichräntung vorliegt, Antrag bei dem Bczirlskommando aus Rente.— Lotte 100. 1. bis 3. Ja. 4. Voraussichtlich erfolgt Ausweisung.— v. V. 1260. Sie haben Anivruch aus Herausgabe, falls daS Verlöbnis ohne gesetzlichen Grund gelöst ist.— Marktpreise von Verl»,, am«. November 1911, nach Ernilttelung be» Königlichen Polizeipräsidium». Marttballcnpretse.(Kleinbandei), IVO Kilogramm Trbien, gelbe, zum Kochen 36.00— 60,00. Speisebobnen weiße, 40,00—60.00. Linien 40.00-8il,00. Kartosiein 7,00-10,60. 1 Kilo. graium Nindsleisch, von der Keule 1,60— 2,40. Niubfleisch, Danchsteisch 1,30 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20—1,80. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch 1 30—2,00. Butler' 2,60—3,20. 60 Stück Eier 3,80—6,40. 1.Kilogramm Knrpsc» 1,00-2,40. Aale 1.20-2,80. Z ander 1,40—8,60. Hechte 1.10 bis 2,60. Barsche 0.80—2,00. Schleie 1,40-3,00. Blei« 0,80-1,60. 60 Stück Krebst 2,40-24,00. BTitterunaSüverklckii vom 7. November 1911. Stationen e It « £ i Wetter WS Site »!> Sss Mi Stationen ä S sE P ei Zwniemde 750 WSZ Hamburg,. 53 erW serlir 760 SW Frankk»®i, 766 SB Äünchrv j770SW Wien>766W 5 Regen 4 halb bd. 5 bedeckt 5 halb bd. 4 heiler 1 wolkig Havaranda!— I. Petersburg 737 W Scilla>762 WSW Wetter tüS ä II ZiS Wlo Pans 75.0 WSW 767 SSW 3 bedeckt 6 halb bd. 2 halb bdr 1 wolkenl Wetterprognose kSr Mittwoch,»«« 8. November 1911. Ziemlich mild und zeitweise heiter, aber noch veränderlich mit etivaZ Reg«, und sehr lebhaften südwestlichen Winden. Berliner W e t t er b ur e au. iWasserkiaudv'Ratti richte« der Laiidrsanstalt fttr Gewäflerbnid«. m!I geteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasieritand R e m e l, Tllfli P r e g e l, Jnsterbiag Weichsel, Tborn Oder, Natibor , Krosien , Frankfurt Warthe, Schrnmn , LandSberg Netze, Bordamm Elbe, Leionmtz , Dresden , Barbe , Magdeburg st 4- bedeutet Buch«.— Fall.—») Unterpegel. eine neuartige Hanshaitseife von fabelhafter Waschkraft. Besonders wird man überrascht sein über die absolute Schonung jedes Gewebes, sei es gewöhnliche Wäsche, sei es Wolle, Baumwolle oder Seide. Die Stoffe laufen nicht ein und behalten ihre Weiche und ihre ursprüngliche Farbenschönheit. Dabei ist die Kavon- Seife anfferordentlich ausgiebig. Schon bei ganz leichtem Aufstreichen ist der Schanm da. Preis pro Stiick 20 Ps. Ueberall erhältlich. Todes-Anzeigen z Hierdurch die traurige Nachricht, daß unser Urgroßvater, Großvater und Bater 5902 KssH Sorge Huifilenstr. 40, mn 6. Novenibcr 1911 plötzlich an j Schlagansall verschieden ist. lZlo treuermien Hinterbliebenen. Die Beerdigung sindet am 9. No- iuember 1911 von der Halle de« lHtmmelsahrts.Kirchhoss in Nord- � end-Nicdcrschönhausen auZ statt 1 SBzialtakraüscher Walilvereli){ s des 3 3. Beri. Relchslags-Waliftrelses. Tort�wanKelBC.■ ,„ 0- �cvemiiEv verstarb unser J | Genofle. der Modelltischler' �sr> Sorge (Hussitensir. 40.) ,»•• In le Aoetuhrnnieo. M. 8.— Rflcke(antatet Modelle,», H.®*/4 ßeseilschaftsklelder,., I» rlelea Feeeone««» 8.*8.— KostQme...»•«,,,» daruater evarte 8äede» n» 13,— llogrülulel 1864 waren. Engros— Export. S. Schlesinger, Neise KSnigstr. 31 Ordonnanzhaus. Kein l.adcn! II. Etage. Einzelverkauf wie alljährlich zu billigst. Preisen Pelz-Sfolas Muffen Chick garnierte Dsiseiipelfhiite federleicht. Reparaturen sauber und billig. Sonntag gsöttnet. Bitte genau auf Hausnianmer 31 zu achten. Flanseh- Stoffe, angewebtm Futter, f. Herren- und Damen-Ulster. Mir. 4,56, 5,S0 Tuchlager Koch d Seeland, G.m.b.H. 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November 1911, abends 7'/, Uhr: KezirKo- Uersammlungen in folgenden Lokalen: 1. Bezirk: Merkowski, Andreasstrabe 26. ii.„ Gliesche, Kopenhagener Straße 74. 'Ä.„ Sauer, Levetzowstraße 21. 4.„ Schenk, Rixdorf, Rosenstraße 24. I.», Wicmer» Bülowstraße 5�. <». ,» Mix, Skalitzer Straße 69. 7.», Tnnack, Charlottenburg, Wielandstr. 4. 8. ,» Melzer, Wiesenstraße 29. 92/3 Der Demonstrationsversammlungen wegen finden die Versammlungen Nicht am Sonntag, sondern am Donnerstag statt. Sitzmöbelbranche. 9. November, abends 8 Uhr. i au». Eingang B, parterre, Saal 4 Vertrauensmänner-Berfammlnng. Donnerstag, den 9. November, abends 8 Uhr, im«ewerkschafts- hau», Eingang B, parterre, Saal 4: Arbeitsnachweis: Berwailunqsftell« Berlin iiaiipthureau: Hos I. Amt 3, 1239. Chariiestr. 3,_ Hos III. Amt 3, 1987- Die Mitglieder der erweiterten Ortsver- waltung werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Sitzung am 9. November nicht in den„Musiker-Sälen", sondern in Wendts Feftsälen, Münzstr. 17, Eingang Königs- graben, stattfindet. 125/17 Die OrtBTerwaltnng. iitailii W-i Die Genossen aus Sonnenburg, Göritz usw., die in Berlin arbeiten, werden ersucht, am Tonnerstag, den 9. November, abends 8>/z Uhr, zu einer Besprechung bei Merkowski, Andreasstr. 26, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. 293/14»_ I. A.: A. Schuft e r. Die loltbefte und billigste Bezugsquelle für Glas-ChrlsüiamnsehmueU ist uiiitreillg die Glasbläser-Genossenschajt des Jfcininger Bberlandes. Viele glänzende— unverlangte— Anerkunnungs- u. Dankschreiben. Steigerung unseres Umsatzes im vorigen Jahre um wiederum 50 Prozent. Von der reichhaltigen Zluswahl unserer nur von organisierten Genossen hergestellten Artikel empsehlen wir al» besonders preiswert «in Sortiment der»eh»n»iten Venhelten, enthaltend 225 Stück prachtnoilste ßrillant-ßtassachen sowie 6 Dutzeuo SoiifcfihoUcr, 6 Stück Lichthalter aus Klammern, ein Paket Engelshaar usw. sür nur» ll-u'h franko gegen Nachnahme. DoppeMftm sür 9,50 M. Bei Votemiendung des Betrage» 25 bezw. � 35 Vf. billiger. 10 SorttmentSkisten ht Bahnsendung per Frachtgut wfl«ahnklste 46 M. Händler wollen für gröBere Bezüge unsere Preisliste mit zirka 130 Nummern verlangen. Bestellungen bitten wir zu richten an die tz!a5dtüzer'l!enn55en5ekafi dk5 Meiuinger Oberlandes e. G. m. b. H. in Lnuitcha, S R(früher Steinach, S B.). Die Berliner Arbeiter iverden besonders daraus aufmerksam gemacht dafi ad 10. Dezember im GewerkschaftShause(Eaalgebäude) und Lorhiugftr. 4(Rest. Schmalowsly grober Berkauf von Glaa-Ehrist- baumschmnck obiger Genossenschaft zu HerttellnugSpreise« erfolgt. weiterer Auskunft wende man sich an den Genossen R. Barth, SO., Adalbertstr. 20 III.! Aehtnng!- Bewilligte Bäckerei, �ehtnng: Teste dem verehrten Publikum und Nachbarschaft mit, dah die Diste- renzcn mit dem Vertrauensmann der Bäcker und Konditoren beigclc.st find und werde dem verehrten Publikum vor wie nach W jeder Weise entgegenkommen. AchtlmgSvoll 6912 Peukert, Bäckermeister, Torsstt. 14. iver Bcrtrauensman» der Bäcker u. Konditoren Berlins u. Umg. Servns siizt der Spretiitlitlier, Serous puht deili villt schtt«». Sern«» bester Schuhputz. Neberall zu bade» tu Dose» n 10 und 20 Pf. Fabrik: LudSzynski». Eo., Berlin- Lichtender G. Für Zlsussrsuen! /tehtllng! EcoLer leuerunxs�usckuk! Achtung! „wesl-vrof garantiert reine», rerkeinertes Roggenbrot, vorzüglich im Geschmack und leicht verdaulich, kostot von beute ab AM- nur 45 Pf."W das übliche groBe Brot. 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