a69- 28. z«h»«. HKonntmenfs-Bedlnaans«: H � a. Hl Die Tnfertions'Gcbflljr «konnemenlS. Preis pränumerand«! DKG DW CbI» tSBBl 1.»«hSot für die lechsgksvalicne SoTenrt- Bifrtclifi�tl. 3,30 ETcf,, monaü. 1,10 SKI., DD»>GW �WD s W» DA M»?M SBf I-rmk.*»eile oder deren Romn S) Psg.. flir wöchentlich Lkj Pfg. frei WZ Hauz. MD � JBtt IM IBS f i, AD KS WM Hg»M Mi 7/ WD H tK�S��ßv/ doNtilche und gewerllchafiliche Vereins» kwzelne Nummer S Pfg. Sonntags. �UBL f�mSM MM BM AD M> zW �A MB BB DD KB f/ iaB öA p.—-�/ und Veriliuimlungs-Anzeigen Lv Psg. nummer mit illustrierter Sonntags. �HHI tb=flB■ H Ksä—'» n«W H DU gW WN M LJ« //„Kleine Hnreigen", das i-ttgednickie Beilage.Die Neue«elt» lll Pfg� Post. MDDD sDW A» W DJ M«MB HH DU fegj kW£L Bert 20 Psg.(julössig 2 leilgedruckte Abonnement: l.lv Mark pro Monat. ZWU Km �A W» Hb DA Bb BH HH VA BKL. AX&*. Worte), jedes weitere Wort w Psg. eingetragen in die Post. Zeitung».->Em AV �A BH V BB.\»H.\ IM\ VW MS»Nk BD«WM�TZ» f Stellengesuche und Schlafstellen an- Preisliste. Unter Kreuzband für WW WD fBl �bMS- MiiV rafl WM I«eigen das erste Wort 1» Psg., jedes Teutschlands und Oesterreich, Ungarn»AM{SKI � MM // tsE I weiter? Wort b Psg. Worte über töBuch- L Mark, für dos übrige Ausland WA L/ Bry �H6Ä\ A? WD[ staben«üblen für zwei Worte. Inserate g Marl pro Monat. Postabonnements■HH�__»r_/ HS I für die nächste Nummer müssen bis nehmen an: Belgien. Dänemark V � � � S 5 Uhr nachmittags in der Erpedition Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, r�/f C y-\— �y.(?_. T/ abgegeben werden. Die Expedition ist itiumünien, Schweden und die Schweiz. V. bis 7 Uhr abends geöffnet, Verlinev Volksblntt.»=» _ Zentralorgan der rozialdcmokrati fchen Partei Deutfchtatida. Redaktton: 8M. 68, Ltndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Nie Cngland verstimmt wurde und das deutsche Volk belogen ward. 1. I5d. H. Unter dem Titel„Wie England Verstimmt wurde" bringt die„Bert. Volksztg." in ihrer Sonntagsnummer einen Artikel über die Vorgänge, welche die englische Regierung zu der von Lloyd George am 21. Juli im Mansion House ver- lesenen Erklärung trieben. Der Artikel ist von der guten Absicht diktiert, den Lesern zu zeigen, daß für das deutsche Volk kein Grund vorliegt. England jene Erklärung nachzu- tragen, aber sein Material ist doch nicht so lückenlos, um ein abschließendes Urteil über diese vielerörterte Erklärung zu ermöglichen. Es ist jedoch unbedingt nötig, in dieser Hinsicht einmal volle Klarheit zu schaffen. Die Frage, wie es zu jener Erklärung kam und was sie wirklich bedeutete, ist durch die Erklärungen der Regierungsvertreter in den Reichs- tagsverhandlungen über den Marokkokonipromiß noch keines» Wegs genügend aufgeklärt. Sowohl Herr v. Bethmann H 0 l l w e g wie Herr v. Kiderlen-Waechter haben es vielmehr geflissentlich vermieden, auf die von den Rednern unserer Partei und einigen anderen Rednern hervorge- yobenen Punkte so unzweideutige Antworten zu geben, wie sie in diesem Falle erforderlich waren. Bethmann Hollweg hat nur zugestanden, daß die Erklärung Lloyd Georges keinerlei Beleidigung oder Herausforderung. DeuU�lands enthielt, wie das selbst linksliberale Blätter monatelang be- hauptet hatten. Man kann daher sicher sein, daß National- liberale und deren Nachbarn von rechts in kürzester Zeit mit der Redensart von der„Anmaßung".„Mißgunst" usw. Englands weiter hausieren werden. Sie brauchen sie, um nach Möglichkeit„nationale" Wahlen zu machen. Der Negierung aber kam und kommt es nur darauf an, den Beweis zu liefern, daß ske vor keiner„Drohung Englands" zurückge- wichen sei. Weiter in der Klarstellung zu gehen, verbot Herrn v. Bethmann Hollweg die Rücksicht auf seine Kollegen vom Auswärtigen Amt und diesem die Rücksicht auf seine Amtsstellung. Man wird aber aus dem Folgenden ersehen, wie wichtig es für das deutsche Volk ist, d e n g a n z e n V 0 r- gang im Zusammenhange kennen zu lernen. Und damit zur Sache. Der Hafen von Agadir ist nach dem Algecirasvertrag für Kriegsschiffe gesperrt. Nur mit vorher erteilter Er- laubnis des Sultans von Marokko und Zustimmung s ä m t- sicher Mächte, die den Vertrag gezeichnet haben, darf ein Kriegsschiff sich dort aufhalten. Das ward deutscherseits so wenig als toter Buchstabe betrachtet, daß, als am 3. Dezem- ber vorigen Jahres ein französisches Kanonenboot in Agadir einlief, schon am 6. Dezember die„Kölnische Zeiwng" in einer offiziösen Notiz diese Rechtslage feststellte, am 10. De- zember der Reichskanzler in seiner Antwort auf eine diesen Borfall betreffende Anfrage Bassermanns zu erkennen gab, daß die deutsche Regierung bei der französischen ange- fragt habe, was das Einfahren des Kanonenbootes zu be- deuten habe, und am 12. Dezember Herr von Kiderlen- Waechter dem Reichstage mitteilen konnte, die französische Regierung habe„in loyalster Weise" die'„durchaus ge- nügende" Erklärung abgegeben, daß das Kanonenboot nur in Ausübung der Frankreich übertragenen Seepolizei bei der Verfolgung eines Schmugglerschiffes in Agadir eingelaufen. dle Erwirkung einer Eröffnung des Hafens damit nicht be- abstchtlgt sei. Die deutsche Regierung habe die Gelegenheit. benutzt, so heißt es wörtlich,„erneut unser Einverständnis mit der französischen ReAerung darüber festzustellen, daß die Eröffnung eines der geschlossenen Häfen nur durch den Sultan mit Zustimmung sämtlicher Ver- tragsmachteerfolgenkan n". So Herr v. Kiderlen- Waechter am 12. Dezember 1910 Am 1. Juli 1911 läuft das deutsche Kanonenboot „Panther" in Agadir ein. Die alldeutsche und die von All- deutschen bediente Presse verkündet der Welt jubelnd, das sei„endlich eine Tat", der deutsche„Panther" habe„seine Krallen in Marokko �eingeschlagen und werde sie nicht mehr heraufziehen". Nach den Enthüllungen der„Rheinisch-West- fälischen Zeitung" vom 4. November tat sie dies, nachdem sie vom- deutschen Auswärtigen Amt unterrichtet worden war, daß in bezug auf Südwest-Marokko ein Schlag bevor- stehe. Das Ausland wird stutzig, französtsche Blätter schlagen Lärm. Die auswärtigen Regieruagen fragen bei den beut- schen Botschaftern an. was die Sache zu bedeuten habe, und werden mit der Antwort beschieden, man sei noch ganz ohne Nachricht darüber von Berlin. Das macht die Sache doppelt auffällig. Am 6. �uli erklärt der englische Premierminister Mr. A s gut t h auf eine Anfrage im Haus der Gemeinen. die Marokkofrage nehme allerdings ein ernsthaftes Gesicht an. indes hoffe die Regierung in der Lage zu sein, beruhigende Aufklärung ZU geben. Dies bezieht sich aus eine Anfrage. welche die englische Regierung damals offiziell nach Berlin hatte ergehen lasten. Daß die englische Regierung zu dieser Akifrage b e r e ch- t i g t war, wird nach dein Vorstehenden jeder begreifen. Sie! tat damit nur, was die deutsche genau sechs Monate vorher unter gleichen Umständen getan hatte. Aber während damals l Donnerstag, den IG. November ItHI. Frankreich ohne Empfindlichkeit und Umstände so prompt eine zufriedenstellende Antwort gegeben hatte, daß neun Tage nach dem Vorfall im Deutschen Reichstag erklärt werden konnte, die Sache sei in loyalster Weise erledigt, bleibt die englische Regierung fast zwei bis drei Wochen nach dem Vorfall ohne jede Antwort von Berlin. Ich habe den Genossen Parlamentsmitglied I. R. M a c- d 0 n a l d, der diese letztere Tatsache im Septemberheft der „Socialist Review" festgestellt hat, neuerdings geschrieben und ihn unter Hinweis auf die Unklarheit, die in Deutsch- land über diese Frage obwaltet, gebeten, mir genau mit- zuteilen, was er von den Vorgängen mit Sicherheit er- klären könne. In seiner Antwort heißt es: „Unsere Regierung richtete ein Schreiben an die Ihre, das von freundlichster Absicht diktiert war(„kavins the tnost friendly intention"). Es blieb ungefähr vierzehn Tage un- beantwortet." Ist das wahr,'so konnte die englische Regierung dies Schweigen kaum anders denn als Verweigerung derjenigen Rücksichten auffassen, die Staaten, welche nicht im Kriegs- Verhältnis zueinander stehen, sich heute schulden. Macdonald ist der deutschen Regierung kein Unbekannter, auch für sie nicht der erste Beste. Ist sie in der Lage, seine Mitteilung zu bestreiten? Weiter. Aus dem Enthüllungsartikel der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung", der darauf bezüglichen Erklärung des Herrn von Kiderlen-Waechter im Reichstag und berichtigen- den Artikeln der„Post",„Täglichen Rundschau" usw. geht nun folgendes hervor: Das Auswärtige Amt hatte die„nationale" Presse schon vor dem 1. Juli informiert, daß Deutschland diesmal auf Landerwerbungen in Marokko bestehen werde(„Tägliche Rundschau"). Es hatte nach dem 1. Juli eine„nationale" Redaktion telephonisch instruiert, Deutschland beanspruche eine Siedlungskolonie in Marokko, und sie aufgefordert, auf die günsttgen klimatischen Verhältnisse, Erzreichtum, Fruchtharkeit usw. Südmarokkos hinzuweisen(„Post"). Eine Zusammen- kunft„nationaler" Journalisten und Politiker hat am 8. Juli „mit Wissen und unter Zustimmung des Auswärtigen Amts" („Rheinisch-Westfälische Zeitung") ein Aktionsprogramm in diesem Sinne vereinbart. Diese Zusammenkunft war die Fort- setzung von Besprechungen, an denen auch freisinnige Abgeordnete teilnahmen(„Tägliche Rundschau"). Die Zu- sammenkunft vom 8. Juli hat n i ch t im Auswärtigen Amt stattgefunden, dieses hat sich n i ch t für das Aktionsprogramm erklärt, sondern„den Hauptmatadoren durch einen Beamten sagen lassen: Seien Sie vorsichtig, allein werden Sie die Sache nicht machen können und die Regierung steht nicht hinter Ihnen." So Herr von Kiderlen-Waechter am 11. November im Reichstag. Der Reichstag hat diesen Satz des Ministers als Ironie aufgefaßt und seine Wiedergabe mit„großer Heiterkeit" auf- genommen. Zieht man aber in Betracht, wie ernst in jenem Moment, als er zuerst gesprochen sein soll, die internationale Situation war, dann wird man es nicht gerade als lustig stimmende Politik betrachten, wenn ein verantwortlicher Minister gegenüber einem Programm, wie es jener Konvent von„Alldeutschen"(Wort des Ministers) beschlossen hatte, keine andere Kritik am Platze hielt. Die Alldeutschen sind als Partei nicht stark, aber ihre Verbindungen in der Presse reichen erheblich weiter, als ihr direkter Anhang. Sie können durch eigene Kraft nichts Positives ausrichten, aber sie können sehr viel Unheil stiften. Was besagte jenes Programm? Nach der„Rheinisch-West- fälischen Zeitung" vom 4. November hieß es darin unter anderem: »Teilung Marokkos in Einflußsphären und Beanspruchung Südwest-MarokkoS als deutsche Interessensphäre. Ab Ich- nung jedes auftauchenden Konferenzplanes. Be- schränkung der Verhandlungen nur auf Frankreich und das Deutsche Reich." Soweit England in Betracht kommt, hieß das mit anderen Worten: Beiseitejchiebung Englands, das seit mehr als zwei Jahrhunderten direkte Beziehungen mit Marokko hat und dessen Handelsverkehr mit Marokko mehr als sechsmal so groß ist, als der Deutschlands. Für dies Programm agitiert die alldeutsche Gesellschaft mit Kenntnis-des Auswärtigen Amtes, das die Anfrage Eng- lands schon in Händen hatte. Das Amt läßt die Anfrage un- beantwortet und tut nichts, die Agitation durch eine offizielle Erklärung zu desavouieren. Natürlich blieb die Agitation im Ausland nicht unbemerkt. Dafür sorgte allein schon die Prahlsucht der Alldeutschen. Am 9. Juli, den Tag nach dem Konvent, beginnt Herr v. Kiderlen-Waechter mit dem französischen Gesandten in Berlin, Herrn von Cambon, über die Marokkofrage zu verhandeln.. Insoweit also genau die Aktionslinie, wie sie nach der„Rh. Wests. Ztg." im all- deutschen Aktionsprogramm vereinbart war. Von der Tat- lache, daß Verhandlung gepflogen wurde, erfahren die Ver- tragsmächte durch die Presse. Etwa am 15. oder 16. Juli wiederholt daher die englische Negierung ihre Anfrage in Berlin. Macdonald schreibt mir. er könne ans dem Gedächtnis absolut Genaues hierüber nicht mitteilen, ich stütze mich für diese Feststellung auf seine unter dem frischen Eindruck der Dinge geschriebene Erklärung in der„Socialist Review" vom September. Aus damaligen und späteren Notizen der englischen Presse geht aber hervor, daß Expedition: 8M. 68» Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984» der englischen Regierung um jene Zeit Mitteilungen aus Paris zugingen— ob offiziell und formell oder blos in- offiziell, könnte bloß eine Anfrage an die betreffenden Regie- rungen ergeben— die sie geradezu nötigten, von Berlin eine Erklärung zu erbitten. Uebrigens schrieben, wie man sich er- innern wird, Pariser Blätter damals die aufgeregtesten?lr- tikel über Zumutungen, die Herr v. Kiderlen-Waechter Frank- reich gestellt habe. Die zweite Anfrage der englischen Regierung blieb nicht unbeantwortet. Laut dem Artikel der„Socialist Review" aber war diese Antwort eine Insulte.- Und nun erst, nachdem alles dies vorangegangen, kommt es zu der von Lloyd George am 21. Juli im Londoner Mansion House verlesenen Erklärung. Sie bildet den Schluß einer Rede, die der Minister auf einem Bankett der Kauf- Mannschaft der City hielt und worin er den Wert des Friedens pries, und war das Ergebnis einer Sitzung des englischen Kabinetts, worin man beraten hatte, was England angesichts des Verhaltens der deutschen Regierung zu tun habe. Sie ward vom Minister mit sehr ernster Stimme verlesen und lautet: »Ich bin bereit, Opfer für die Erhaltung de? Friedens zu bringen. Ich begreife es, daß nichts außer Fragen von der' schwerwiegendsten nationalen Bedeutung eine Störung der inter- nationalen gutenBeziehungen rechtfertigen könnten. Aber wenn uns eine Situation aufgezwungen wird, wo der Friede nur durch die Preisgabe der großen und wohltätigen Stellung be- wahrt werden kann, die Großbritannien durch Jahrhunderle heroischer Taten und Leistungen errungen hat, nur dadurch, daß Großbritannien in einer Frage, die seine Lebens» interessen berührt, sich so behandeln läßt, als zähle es nicht mehr mit im Rate der Nationen, dann er» kläre ich mit Nachdruck, daß der Friede um diesen Preis eine Demütigung wäre, die für ein großes Land, wie das unsere, unerträglich sein würde." Kein Zweifel, diese Erklärung bedeutet eine War- nung, wenn man will, eine Drohung. Aber, wie Herr von Bethmann Hollweg selbst anerkannt hat, keine Drohung, die etwa verlangte, was nicht jedes Land in solcher Situ- ation zu fordern berechtigt ist. Und vor allem keine Drohung, die irgendeine beleidigende Bemerkung gegen Deutschland enthielt. Der englische Minister hielt sich sogar in der Form soweit zurück, daß er Deutschland nicht einmal erwähnte. Die Erklärung enthält auch, wie die Rede, deren Schluß sie bildet, keine Silbe gegen irgendeine von Deutschland in der Ma- rokkofrage erhobene Forderung. Wenn selbst linksliberale Blätter das nachträglich behaupten, so haben sie entweder ein sehr kurzes Gedächtnis oder sie geben sich bewußt zu Schrittmachern der alldeutschen Volksverhetzer her. Es ist für die ganze Prozedur des auswärtigen Amtes in dieser Sache bezeichnend, daß seine Offiziösen sich zuerst so stellten, als könne man nicht begreifen, auf wen die Er- klärung Lloyd Georges eigentlich ziele. Dies geistreiche Spiel konnte aber natürlich nicht lange getrieben werden. Man mußte zugeben, daß die Worte der englischen Negierung auf Deutschland zielten. Die Situation wurde sehr ge- spannt. Hüben und drüben rumorte es in den Kriegshäfen. Hätte nicht damals— und das ist ja auch wieder für unsere Zustände so bezeichnend— der deutsche Kaiser auf Grund von Briefen des englischen Königs und des r u s s i- schen Zaren interveniert, die ihm den Ernst der Situ- ation vorstellten, so war das Aeußerste vor der Tür. SchMzhttsadgsben als agrarische' ciebesgaben. »Selig sind die Frommen, ihnen muß jedes Ding zum Besten dienen," sagt Wilhelm Busch. In unserer Wirtschaftspolitik bewährt sich die Richtigkeit dieses Weisheitssprnches auf das Trefflichste. Was auch die geschätzte Reichsregierung anfaßt, alles kommt auf den Vorteil der frommen Agrarier, der Edelsten und Besten der Nation, der wahren Patrioten hinaus. Da haben wir jetzt das Reichsgesetz über Schiffahrtsabgaben. Es ist in den Händen der Bethmännischen Regierung zu einem H i I f S g e s e tz für die notleidenden Agrarier geworden. Nach langen Verhandlungen haben die agrarischen Parteien, aber auch etliche Mitglieder anderer Gruppen ihm in der Kommission.;« beratung ihre Zustimmung gegeben, ohne daß prinzipielle Aende- rungen an dem Regierungsentwiirf vorgenommen Warden wären. Der Vorteil für die Agrarier besteht darin, daß durch die Auf- erlegung von Schiffahrtsabgabcn auf den bisher abgabenfreien deutschen Strömen notwendigerweise die Frachten für alle Massen- güter nach dem deutschen Oberlande und damit vor allen Dingen die Getreidefrachten verteuert werden müssen. Die binnenländischen Agrarier können also gegenüber dem ausländischen Getreide wiederum die Preise um den Betrag dieser Fracht« perteuernng in die Höhe setzen. Dieses edlen Zweckes wegen hatte die preußische Regierung bereits zurzeit der Kämpfe um den Mittel- landkanal den preußischen Junkern die Einführung von SchiffahrtS- abgaben versprochen. Die Einlösung dieses Versprechens war daS preußische Schiffahrtsabgabengesetz und. da das nicht ausreichte, das jetzt vor- liegende Reichsgesetz. das mit einer Aenderung der Reichsversassuiig verbunden ist. Denn jetzt ist laut Reichs- Verfassung die Schiffahrt auf den deutschen Strömen abgabenfrei. Das war eins der gepriesensten Bindemittel zur Verkittung der deutschen Nnhett Bei Gründung deS Reich». Vor der Junkergier zerbröckelt dieser Kitt. Die letzte Hoffnung, daß diese Verkehrs feindliche Einrichtung nicht zur Durchführung gelangt, beruht jetzt auf dem Auslande. Denn durch internationale Verträge ist Holland auf demRhein und Oe st erreich auf de Elbe die freie Schiffahrt gewährleistet.. Wird der Entwur Gesetz, dann haben die Bethmänner Vollmacht, internationale Ver träge mit dem Ausland einzuleiten, durch die dem Nationalwohlstand neue Wunden geschlagen werden. Das nennt man dann»nationale Politik". Als der Gesetzentwurf am Mittwoch im Reichstage zur zweiten Lefung kam, erklärten zunächst Herr K r e t h für die konservative, Herr Zehnter für die Zentrumspartei die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit ihrer Fraktionen. Genosse David wie? unter Beibringung ausführlichen Belegmaterials nach, in welch blamabler Weise die preußische Regierung durch Anwendung teils terroristischer Mittel, teils durch den Köder von Sondervorteilen die anfänglich opponierenden deutschen Mittelstaaten dem Junkerwillen unterworfen hat, rmd erklärte, daß die Sozial demokratie diese gesetzgeberische Mißgeburt jedenfalls a b lehnen würde. Der preusstsche Eisenbahnminister v. Breiten bach uud der württembergische Minister v. P isch ek versuchten das Gesetz zu rechtfertigen, wobei Herr Pischek zugeben mußte, daß Württemberg seine anfänglich wohlbegründete Oppofition fich durch das Zugeständnis von Soodervorteilen bei der Neckarkanalisterung habe abkaufen lassen. Auch der Geheimrat PeterS, der eigentliche Macher und Verteidiger des Gesetzes, stellte sich in langer Rede dem Hause vor. Dann wurde die Debatte auf Donnerstag vertagt Das IHarokko-fiWwmmen. WaL wir gestern vorausgesagt haben, ist pünktlich ein getroffen: Das Zentrum hat den im Plenum mit so großem Nachdruck bekundeten Standpunkt prompt aufgegeben und stch der Regierung unterworfen. Der Marokko- Kongo Vertrag soll— so hat die Konmiission beschlossen— dem Reichstage nicht znr Genehmigung vorgelegt werden Der fchwarzbiaue Block hat sich zusammengefunden, als es galt, die Wahrung des Reichstagsrechts zu hindern, und das Zentrum hat stch keinen Moment lang besonnen, ein ivichtiges Recht der Volksvertretung preiszugeben. uni sich die Regierungsgunst zu erhalten. Jnr Reichs tage haben die Herren v. H e r t l i n g und Gröber ihre ,, Rechtsüberzeugung" dahin kundgegeben, daß die Verträge zu ihrer Gültigkeit der Zustimmung des Reichstags bedürfen. Und ehe der Hahn ziveimal gekräht hat, haben die Zentrums Herren die Betätigung ihrer Ueberzeugung verleugnet, nachdem allerdings Herr v. Kiderlen dem Abg. Erzberger in einer Unterredung das Nötige gesagt hatte. Eine prächtige Bolls Partei, dieses Zentrum l Die Verhandlung i« der Kommisfion. Die Beratung am Mittwoch dreht fich noch ausschließlich um die staatsrechtliche Frage, ob und in welchem Maße der Reichstag bei solchen Verträgen mitzuwirken hat. Abg. Dr. Spahn sen. bat. alles, waZ geschehen sei. anf sich beruhen zu lassen und der Regierung zuzugestehen, daß sie dom» kiäs gehandelt habe. Staatssekretär Delbrück gibt zu, daß keine Be- -Stimmung bekannt sei, die.eS verhindern könnte, Verträge wie das Marokkoablommen dem Reichstage zur Ge- uehmigung vorzulegen. Wenn die Regierung trotzdem davon ab« gesehen habe, den Weg der Gesetzgebung zu beschreiten, so deshalb. ivcil keine Regierung in solch striutjjen Fällen und Situationen auf Rechte verzichtet, die ihr durch die historische Entwickelung und durch die Praxis gegeben sind. Abgeordneter Genosse Ledebour trat lebhast für den sozial- demokratischen Antrag ein; aus den Ausführungen de» Staats- selretärS sei zu entnehmen, daß auch die Regierung einsehe, daß die geschichtliche Entstehung und der Wortlaut der Verfassung die Ge- uehmigung der Verträge durch den Reichstag bedingen. Niemand wolle einen Konflikt i die Sozialdemokraten schon deshalb nicht, weil sie erwarten, daß die Mehrheit des Reichstages die sozialdemo- kratischen Anträge annehmen würde. Der Reichstag würde sich sehr viel vergeben, wenn er in einer so wichtigen Sache vor der Regierung zurückweiche. Sehr bedenklich sei der PafsuS im Antrage des Zentrums und der Freisinnigen, daß die angestrebte Gesetzgebung auf Grenz- berichtigungen keine Anwendung finden soll; denn die Regle- rung würde durch diese Bestimmung freie Hand erhalten, selbst große Gebietsteile„berichtigen" zu können. Staatssekretär Delbrück gab eine Darstellung, was er unter Grenzberichtigungen versieht. Er betont nochmals, daß die Re- gicrung beim Abschluß des Marokkovertrages, wie auch früher, korrekt verfahrei,, für die Zukunft aber bereit sei, mit dem Reichs- rage eine Verständigung über anderweitige Abgrenzung der Rechte zwischen Regierung und Reichstag herbeizuführen. Abg. Dietrich erkennt nicht an, daß der Reichstag ein Recht habe, die Genehmigung der Verträge zu fordern. Die K o n f e r- v a ti v r n lehnten deshalb den naNonafliberalen Antrag ab, dagegen würden sie dem Antrage des Zentrums und der Frei- sinnigen ihre Ziistimmug geben.— Abg. Arendt ist froh, daß der Reichstag bisher k e i n G e n e h m i g» n g S r e ch t bei der Erwerbung oder Abtretung von Kolonialgebiet hätte,»sonst hätte Deutschland wahrscheinlich heute noch keine Kolonien". Arendt �vill den gemeinsamen Anträgen deS ZenwuinS und der Kreiflnnigen zustimmen. Abg. Wiemer stellte fest, daß die Konservativen in der Kommission einen anderen Standpunkt einnehmen als der Ab- geordnete v. Heydebrand im Plenum, der dem Reichstage keine Rechte bei Kolonialabtrrtimgen oder-Erwerbungen einräumen wollle. Abg. Inn ck gibt die Neigung der Nationalliberalen bekannt. für eine Resolution zu stimmen, die eine Verständigung mit der Regierung herbeisührt. Abg. Gröber kommt nach längeren staatsrechtlichen Betrachtungen zu dem Schluß, daß die Regierung dem Reichsiage einen erfreulichen und kaum erhofften Vorschlag gemacht habe. Die von den meisten Parteien ausgesprochene Bereit- Willigkeit, dem Antrage der Freisinnigen und deS Zentrums ihre Zustimmung zu geben, der ein neues Recht fordere, bedeute die An- erkennung, daßbrsher ein anderes Recht bestanden habe. Dr. Junck bade fich mit seiner RückzugSrede selbst ins Gesicht geschlagen.— Abg. Ledebour bemerkt hierzu: Wenn Dr. Junck sich ins Gesicht geschlagen haben soll mit der in Aussicht gestellten Zustimmung zu emcr Vermittelungöresolution, so habe Abg. Gröber sich links und rechts geohrfeigt. Denn Gröber habe im Plenum unter einem großen Aufwand juristischen Scharfsinns und unter dem Beifall der linken Seite des Hauses nachgewiesen, daß der Reichs- tagmitFugundRechtdie Genehmigung der Ver- träge fordern könne. Jetzt spreche Herr Gröber aber plötzlich ganz anders und konstruiere für die Regierung das Recht, selb- ständig den Marokkovertrag abschließen zu können. Die Sozial- demokraten fordern eine Verfassungsänderung derart. daß alle Verträge mit fremden«Staaten durch den Reichstag genehmigt werden müssen. Nach laiigerer lebhafter Auseinandersetzung zwischen National- liberalen und Konservatiben wurde zur Abstimmung geschritten. Der gemeinsame Antrag des Zentrums und der Frei- sinnige ir wurde einstimmig angenommen. Der von den Sozialdemokraten in diesem Antrage beanstandete zweite Satz wurde gegen 6 Stimmen abgelehnt. Der Antrag der National» liberalen wurde mit 16 Stimmen der Rechten und des Zentrums gegen 10 Stimmen der Linken abgelehnt. Der ozialdem v krat is che Antrag, der einen ähnlichen Wort- laut hat wie der nationalliverale, wurde mit allen gegen 8 Stimmen abgelehnt. Der weitere sozialdemokratische Antrag, der von den Verbündeten Regierungen einen Gesetzentwurf fordert, wonach in Zukunft alle Verträge mit fremden Staaten zu ihrer Gültigkeit der Genehmigung des Reichstages bedürfen, wurde mit 16 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Der angenommene Antrag Hertking-Müller-Meiningen hat folgenden Wortlaut: §1des Schutzgebietsgesetzes vom 10. September 1902 erhält folgenden Absatz 2: Zum Erwerb und zur Abtretung eines Schutzgebietes oder von Teilen eines solchen bedar es eines Reichsgesetz« S. Diese Vorschrift findet aus Grenz berichtigungen keine Anwendung. Die Debatte geht Donnerstag weiter. Deutschland»nd die spanischen Kolonien. Die Madrider Zeitung»Correspondencia de ESpana' erklärt, Spanien müffe zu der Zahlung, die Deutschland von Frankreich zugestanden worden sei, beitragen. Aber es wäre ungerechtfertigt, daß Spanien eine Kompensation zahle, die in keinem Verhältnis stände zu den Vorteilen, die es erlangen werde. In einem gewissen Widerspruch zu dieser Meldung, die zugibt, daß Deutschland von Spanien koloniale Ab tretungen zu erwarten hat, steht ein Dementi des Jmparcial", das bestreitet, daß zurzeit zwischen Berlin und Madrid Verhandlungen im Gange feien bezüglich einer A b- tretung von Spanisch-Guinea und Fernando Po an Deutschland._ Der Krieg. Die Lage ist heute noch genau so unklar wie gestern Auf der einen Seite wird weiter von bevorstehenden Friedens Verhandlungen berichtet, während nach einer anderen Meldung eine starke italienische Flotte in den Dardanellen gesichtet sein soll. Auf jeden Fall hat sich die italienische Regierung in eine Sackgasse verrannt, in die sie bei Verlegung des Kriegs- schanplatzes auf europäisches Gebiet noch tiefer hineingeraten würde. Es ist daher kein Wunder, wenn die kriegsbegeisterte Stimmung in Italien allmählich umzuschlagen beginnt und einem gewissen Pessimismus Platz macht. Anstatt die Schuld aber in den Fehlern der eigenen Regierung zu suchen, macht man jetzt alle Welt für die Mißerfolge verantwortlich. So ist man schlecht auf England und Frankreich zu sprechen, weil diese die Waffen-, Munitions- und Proviant zufuhr für die Türken über die ägyptische und tunesische Grenze nicht verhindert haben sollen. Auf den Dreibundsbruder und Erbfeind Oesterreich ist man zornig, weil er das größte "emmnis fiir einen Vorstoß im ägäischen Meere bildet, und 'eutschland wirst man einseittge Begünstigung der Türken vor. Die Verantwortung für all diese Komplikattonen trägt aber die italienische Regierung allein, die in ihrer imperia listischen Großmannssucht sich in ein koloniales Abenteuer gestürzt hat. von dem nur die Kolonialspekulanten, die Kriegs lieferanten, das Reederkapital und dergleichen Vorteil haben. Das Volk, wird aber neben den Blutopfern ein vollgerüttelt Maß von neuen Lasten zu seiner alten Bürde hinzu erhalten. Es ist angesichts dieser Situation kein Wunder, daß die Re gierung eine parlamentarische Erörterung der trtpolitantschen Affäre mit ihren Begleiterscheinungen zu vermeiden sucht und die Kammer erst im nächsten Frühjahr einberufen will. Verstärkung der italienischen Aktion? Rom, 11. November.(Eig. Ber.) Die gerüchtweise laut ge- wordene Nachricht von der Einberufung zweier weiteren Jahr gänge von Reservisten ist begreiflicherweise Grund zu nicht ge- ringer Beunruhigung. Man fragt sich, was in aller Welt man mit einem neuen Kontingent von rund 160 900 Mann anfangen will. Die Nachricht ist offiziell dementiert. Man darf sie weder durch Telephon noch durch Telegramm mitteilen, ja, eö wurde sogar den Journalisten verwehrt, sie auf diesem Wege zu dementieren. Trotzdem glauben Eingeweihte zu wissen, daß die Einberufung demnächst erfolgen werde. Da auch die nichtoffiziellen Nachrichten aus Tripolitanien nichts von einem Bedürfnis nach Verstärkungen verlauten lassen, so legt die Nachricht einer weiteren Mobilisierung den Gedanken an mögliche europäische Komplikationen nahe. Der.Llvauti" macht darauf aufmerksam, daß Lord Kitchener bei dem Krieg im Sudan erst nach zwei Jahren einen Zug ins Innere unternahm. Bis auf einige durch den Kriegsrausch un- zurechnungsfähig gewordene Blätter ist sich die ganze Presse über den Ernst und die Gefahr deS Vordringens nach dem Süden klar Die Frage der Transportmittel bietet unüberwindliche Schwierig- ketten. Es ist ganz unmöglich(worauf der»Vorwärts" schon ganz zu Anfang des Unternehmens hingewiesen hatte) in Nordafrika oviel Kamele zu requirieren, als zur Beförderung eines Heeres, einer Lebensmittel und des Trinkwassers nötig wären. Wollte man jetzt zu Beginn der Regenzeit einen Zug ins Innere wagen. o würde man hiermit ein Pendant zu dem ersten großen Fehler des Generals Caneva liefern, der darin bestanden hat, nach der Besetzung von Tripolis nicht die foforfige Entwaffnung der Araber zu fordern. Die eigentliche Bedrohung des italienischen Okkupationsheeres liegt nicht in den Türken und nicht in den Arabern, sondern in der Cholera. Der Berichterstatter des„Avanti" schreibt, daß nach einem bedeutenden Rückgang in der Sterblichkeit eine plötzliche Verschlimmerung der Seuche eingetreten ist. Zahlreiche Soldaten und Offiziere sollen in den letzten Ofiobertagen an Cholera ge- torben sein. Die Seuche wird hauptsächlich durch den Genuß von Datteln und durch schlechtes Trinkwasser verbreitet. Außerdem leiden die italienischen Truppen jetzt stark unter dem Durst. Unter allen Umständen herrscht an der Küste Mangel an gutem Trink- wasser; zum Ucberfluß haben nun die Araber überall, wo ihnen dies möglich war, die Leichen in die Brunnen geworfen. Der„Avanti" spricht von einem Gerücht über oft er- reichische Mobilisierung, und andererseits hört man von bedeutenden TruppendiSlozierungen an der österreichischen Grenze. Sollte es fich um einen Vorstoß gegen Serbien und Novi Bazar handeln? So ist der internationale Horizont trübe und drohend und der italienische wahrhaftig nicht hell. Freilich dementiert die Regierung alle Anleihegerüchte, aber es liegt auf der Hand, daß die heutige Kriegslage Hunderte von Mil- lionen verschlingt und Ausgaben fordert, denen man auf die Dauer nicht mit normalen Mitteln gerecht werden kann. Die Scharmützel vor Tripolis. Tripolis, 14. November.(Meldung der„Agenzia Stefani'.) Gestern nachmittag und abend versuchte der Feind in der Oase unter Ausnutzung des schlechten Wetters die italienischen Stellungen anzugreifen, wurde aber durch das Feuer der Batterie Hamidie zurückgeschlagen. � In der Nacht wurde die italienische Stellung bei Sidi Messri durch Artillerie und In- änterie verstärkt und mit elektrischen Scheinwerfern ausgerüstet. Heute vormittag wiederholten sich die gewohnten Scharmützel an der Front bei Bumeliana und Sidi Messri. Der strömende Regen hält aty Die Lage in d'er Cyrenaika. Tripolis, 15. November.(Meldung der„Agenzia Stefani".) In Benghasi entdeckte die Kavallerie während eines Erkundi- gungsrittes nach dem Innern noch eine Niederlage von Waffen und Munition, die die Türken während ihres Rückzuges eingegraben hatten. Während der Nacht vom 13. auf den 14. d. M. Ivurde Derna(dessen bor einiger Zeit gemeldete Einnahme durch die Türken fich nicht bestätigt hat) von Südwesten angegriffen. Der Feind wurde mit Verlusten zurückgeschlagen. Die Italiener hatten �wei Verwundete. Die Einrichtung der verschiedenen Verwaltungsdienste macht Fortschritte; man sorgt regelmäßig für Verteilung pon Lebensmitteln an die Eingeborenen. Die Kevolullon in China. Juanschikai Ministerpräsident. Peking, 14. November.(Meldung des Reuterschen BureauS.) Ein heute erlassenes Edikt befiehlt Juanschikai, mit Rücksicht auf das Wohl deS Landes das Amt des Mini st erpräsiden- ten zu übernehmen, obwohl er die Annahme wiederholt ernst- Haft(?) abgelehnt hat. Ein anderes Edikt befiehlt den Vizekönigen und Gouverneuren aller Provinzen, drei bis fünf fähige Vertreter auszusuchen, die nach Peking kommen sollen, um über den Stand der Dinge Ratschläge zu geben. Juanschikai hatte heute eine Audienz bei der Kaiserin-Witwe und dem Regenten. Die Regie- rung ist infolge Geldmangels in größter Verlegenheit, da sich die ausländischen Kapitalisten noch immer zurückhalten. Man fürchtet, daß die Monatszinsen im Betrage von 69 000 Pfund Sterling von der englisch-deutschen 160 Millionen-Anleihe des Jahres 1898. die am 6. Dezember fällig sind, die Veranlassung sein werden, daß China zum ersten Male seine Verpflichtungen nicht erfüllen kann, da die Likin-Zollstationen, deren Einnahmen für die Anleihe bürgen, von den Revolutionären besetzt gehalten werden. Eine Proklamation an die Fremden. Schanghai, 14. November.(Meldung des Reuterschen Bureau».) Der republikanische Minister des Aeußern Wu» t i n g f a n g richtete an die Fremden, die er als„die aus- ländischen Freunde" bezeichnet, eine Kundgebung, in der er auf der Notwendigkeit der Abdankung der Mandschu-Dynastie besteht und den Schutz rechtmäßig begründeter Ansprüche sowie Erfüllung der auswärtigen Verpflichtungen Chinas seitens der Republikaner zu- sichert. Die revolutionäre Bewegung. London, 15. November.„Daily Mail" meldet auS Tientsin von gestern: General Chang, der Befehlshaber der nördlichen Truppen, der kürzlich geringschätzig von Juanschikai gesprochen hatte, hat von einem Unbekannten, man vermutet von einem Agenten Juanschilais, einen Schuß in das Handgelenk erhalten. Chang hatte sich unter einem angenommenen Namen in der briti- scheu Niederlassung verborgen gehalten, bis er gestern sein In- kognito fallen ließ.— Dasselbe Blatt meldet aus H a n k a u vom 14. November: Zeitweise wird noch immer von beiden Seiten heftig mit Artillerie geschossen. Die Kaiserlichen erleiden die größeren Verluste, während die Revolutionäre vorwärtsdrängen. Die letzte- ren haben die Zölle der Provinz Hunan.— Nach einem Telegramm deS„Daily Telegraph" aus Peking von gestern bestätigen private Meldungen, daß die Dokohama Specie Bank dem Vizeköuig der Mandschurei zwei Millionen Pfund Sterling geliehen Hätz politilcbe(leberllcbt. Berlin, den 16. November 1911. Konservative Gemütsverstimmung. Die Konservativen befinden sich in recht gedrückter Stim- mung. Sie können den Regierungsapparat bei den nächsten Wahlen nicht entbehren und möchten es deshalb mit Bethmann Hollweg und dem hinter ihm stehenden Kaiser nicht verderben; andererseits aber wissen sie, daß sie sich wenigstens pro tormn gegen die scharfen Angriffe des Kanzlers verwahren und diese als völlig unberechtigt zurückweisen müssen, wenn sie nicht den Nimbus als herrschende, den Gang der Regierungspolitik be- stimmende Partei in Preußen einbüßen wollen. In dieser unan- genehmen Lage ist augenscheinlich die Parleitung darauf der- fallen, durch kuriose manifestartige Stilübungen ihr Ansehen wiederherzustellen. So veröffentlicht die„Konserv. Korresp." folgende parteiamtliche Verwahrung gegen Herrn v. Bethmann Hollweg: »Der Herr Reichskanzler v. Bethmann Hollweg hat seinen Reden im Reichstage noch einige Erllärungen in der»Norddeutschen All- gemeinen Zeitung" hinzufügen lassen. ES wird darin die Meinung vertreten, daß er e» als seine Pflicht habe erachten müssen, daS Land und die Parteien»zur Be- sonnenheii zurückzurufen", schädlichen Wirkungen angeblicher »chauvinistischer Aussprüche" vorzubeugen und daS Marokko- abkommen von.phantastischen Ansprüchen und wahltaktischen Rück- sichten' freizumachen, die bei mehr als einer Partei zu der un- günstigen Aufnahme des Werkes beigetragen hätten. Wa» die konservative Partei anlangt, so hat ihr Redner an dem Abkommen selbst nur eine da« Maß deS sachlich Zuläsfigen mit keinem Worte überschreitende Krittt geübt. Sie empfindet eö als eine schwere Kränkung, wenn ihr vor- geworfen wird, sie habe eine nationale Snge- legenheit zum Anlaß eines wahltaktischen Manöver? benutzt. Nach ihrer Vergangenheit sollte die konservative Partei gegen solche Vorwürfe geschützt sein. Wenn der leitende Staatsmann es als unberechtigt erklärt, daß auch der Redner der konservativen Partei im Namen seiner politischen Freunde gegen die unser nationales Existenz- und Selbstbestimmungsrecht einengende und von der deutschen Regierung jedenfalls öffentlich nicht mit genügender Deutlichkeit beantwotteie Kundgebung der englischen Staatsmänner aus dem nationalen Gewissen heran» Abwehr übte, so muß nochmals lebhast bedauert werden, daß der durch unser Volk gehende nationale Schwung so wenrg erkannt und benutzt wird. Wir wissen ans zahlreichen Kundgebungen, daß die Mitglieder der konservativen Gesamtpartei im Deutschen Reiche den Stand- punkt der Reichstagsfraktion vollkommen teilen" Interessant ist übrigens, daß auch Freiherr v. Zedlitz als Führer der RelchSpartei.m roten„Tag" gegen Her™ v. Bech- mann Hollweg vom Leder zieht und dessen Vorstoß gegen Herrn v. Heydebrand»einen Fehler von noch nicht L1 � e/u r a r VLi«.r 0 c 1* e" nennt, zugleich aber die günsttge Gelegenheit benutzt, auch dem ihm wenig sympathischen kleinen Generalfeldmarzchall der Konservativen ein paar Fuß- trttto zu applizieren. So meint er zum Beispiel: »Ganz so überrascht wie andere hat mich der scharfe Zusammen- stoß zwischen dem Reichskanzler und Herrn v. Heydebrand nicht. Ich habe mich längst darüber gewundert, daß Herr d. vethmann Hollweg s» lange ruhig den stallen Druck ertrug, den Herr v. Hehdebrand mit seinem überaus kräftigen Willen zur Macht auf die Regierung ausgeübt hat. Der.ungekrönte König von Preusjen" hat an der Spitze der mit dem Zentrum engverbündeten Konservativen auf die Regierung einen stärkeren Einfluß gehabt als selbst in der Blütezeit des Nationalliberalismus dessen Führer, und davon nach seiner Eigenart sicher einen für den leitenden Staatsmann manchmal recht unangenehmen Gebranch gemacht. Was der»Kleine* wohl dazu sagen würde, war eine Frage, der man nur zu ostbe- gegnete.*_ Zu den bayerischen Landtagswahlen. Wie bei den kommenden Reichstagswahlen scheint auch bei den infolge der bayerischen Landtagsauflösung nötig gewordenen bayerischen Landtagswahlen das Zentrum sich'als Schützer von Thron und Altar gegen die.rote Flut' aufspielen zu wollen. So heißt es zum Beispiel in einer Zuschrift aus Bayern an die ultramontane.Germania*: .Jetzt handelt es sich um etwas andere«, und zwar einfach darum: Sollen in Bayern die gleichen konservativen, staats- erhaltenden, den Bestand der monarchischen Staatsform schützenden Grundsätze gesichert werden oder soll der Zentrumshaß verant- wörtlicher und unverantwortlicher Mächtiger dazu führen, daß die politische Zukunft Bayern den Eleinenten der Gärung, der Zersetzung und des Umsturzes ausgeliefert wird? Bei den Neuwahlen wird es heißen: Trotz denjenigen, denen die Abneigung gegen das Zentrum oberstes Prinzip ist, nun erst recht für das Zentrum und gegen die liberal- sozialdemokratischen Blockbrüder, die in diesem Wahl- kämpfe als Regierungsschutztruppen und mini sie- rielle Schoßkinder vor dem Forum des baye- rischen Lölkes keinen leichten Stand haben werden.* '.' Die Münchener„Korrespondenz Hoffmann' meldet: In der Preffe ist die Behauptung aufgestellt, die Nachricht über ein Allerhöchstes Handschreiben, das in den letzten Tagen ergangen sein soll, sei den Münchener„Neuesten Rachrichten* durch die Geheime Kanzlei, speziell durch Herrn Ministerialdirektor v. Dandl direkt übergeben worden. Diese Behauptung ist absolut unrichtig. Um einer Legendenbildung über den Inhalt des Aller- höchsten Handschreibens entgegenzutreten, sind wir ermächtigt, dessen Wortlaut nachstehend bekannt zu geben: Aus der Presse entnehme ich, daß vielfach die Auffassung herrscht, das Staatsministerium sei in seinen Maßnahmen mit- unter durch die Rücksichlnahme aus meine Person behindert. Ich wünsche, daß einer derartigen Auffassung auf daS bestimmteste entgegengetreten wird. Ich war und bin jederzeit bereit, Vorschläge, die daS Ministerium der Sachlage entsprechend erachtet, entgegenzunehmen und bean- spruche für meine Person keinerlei Schonung bei der Erledigung der Regierungsangelegenheiten. Ich ermächtige Sie. von diesem Schreiben jedermann gegenüber Gebrauch zu machen. München, den 10. November ISlt. (gez.): Luitpold, Prinz von Bayern. An daS Gefamtministeriuin, zu Händen des Vorsitzenden im Ministerrat, StaatSminister Dr. Gras v. Podewils. Der Prinzregent hat dieses Handschreiben am 10. d. M. mittags dem Vorsitzenden im Ministerrat, Grasen v. Podewils, gelegentlich deS Vortrages persönlich übergeben. Die sozialdemokratische LandtagSfraktion wird am Donnerstag einen Aufruf an die Wähler veröffentlichen. DaS Zentrum verliert gerade jetzt den einzigen populären Führer, den einflußreichsten Mann in der Bauernbewegung, Dr. Heim. der angeblich aus Gesundheitsrücksichten weder für den Reichs- tag noch für den Landtag mehr kandidieren und auch den Borsitz in dem christlichen Bauernverein niederlegen will. Dr. Heim zieht sich, wie eS heißt, einstweilen ganz und gar aus dem politischen Leben zurück. Für die Sache des Zentrums ist dieser Berlnst nur schwer zu verschmerzen, da Dr. Heim die demo- kratische. agitatorisch wirksamste Spielart deS Zentrums repräsentierte. Die Wahlen werden wahrscheinlich am 7., wie von anderer Seite behauptet wird, vielleicht sogar schon am 3. Januar statt- finden._ Eine Schwindelnachricht. Die Scherl- Presse verbreitete am Mittwochabend folgende Meldung: „Die sozialdemokratische Mehrheit im Landtage deS Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt wird voraussichtlich vorläufig noch nicht endgültig zustande kommen. Es sind nämlich zwei Sozial- demokcaten doppelt gewählt worden. Nach einem Beschluß des sozialdemokratischen LändeSporteivorstandeS will man nun einen oder beide Kreise ausgeben. Da in einem dieser Kreise, in Stadt- ilm, nur eine sozialdemokratische Mehrheit von S Stimmen vorhanden war und da der gewählte Vertreter nicht diesen, sondern «inen für ,bn weit günstigeren Kreis übernimmt, gilt ein Erfolg de» bürgerlichen KandiSäten, der Bürgermeister' von Stadtilm ist. als sicher. Damit würde dann die sozialdemokratische Majorität fallen.* Daran ist auch nicht ein einziges Wort wahr. Bekanntlich sind zwei Genossen doppelt gewählt, jeder von ihnen muß in einem Wahl- kreis ablehnen, für den dann eine Nachwahl stattfinden muß. Diese Wahlkreise sind Frantenhausen und Königsee, beides Wahlkreise. die schon seit vielen Jahren sicherer sozialdemolratischer Besitz sind. ES unterliegt daher auch gar keinem Zweisel. daß bei� den Nachwahlen in dielen Kreisen wieder Sozialdemokraten gewählt werden. Die den Gegnern so unbequeme joziasdemokratische Majorität bleibt also aus alle Fälle bestehen. Tie blamierten Alldeutschen. Der Herausgeber des„Grenzboten", Herr C lein ow, gegen den bekanntlich alldeutsche Zeihtngen Klage erhoben haben, macht über diealldeutschePresse r o n f e r e n z, die bekanntlich„die Annexion Südmarokkos beschlossen hat, folgende pikante Mitteilungen:_........... „Wie kam doch jene Versammlung im Schr'.ltitellerklub zu- stände? Ich wurde am Nachmittag des betreffenden Tages an- geklingelt, und es wurde mir folgendes im Austrage des Herrn R i p p l e r(Herausgeber der„Täglichen Rundschau und Vor- sitzender de» Schrifistellerklubs) übermittelt: Abends fmde ,m Klub eine Besprechung über die politische Lage im Anschluß an die Marokkoaffäre statt. Die Besprechung erfreue sich des Jnter- csseS des Auswärtigen Amtes; einer der Herren ManneSmann werde wahrscheinlich an ihr teilnehmen. Abends fand ich denn auch«iwa 40 biS 60 Herren, messt Angehörige der Presse, im Klub vor. die daS interessante Programm gelockt hatte. Bald eröffnete Herr Rippler die Besprechung: Leider träte die Versammlung unter etwa? anderen Vor- auSsetzungen zusammen, als cs die Einladung angekündigt habe, aber daS Auswärtige Amt habe die Sache ver- darben, es habe sich zurückgezogen; erst wollte cS eine Rückenstärkung, dann wollte es überhaupt nichts wissen.„Ra. meine Herren, wie da» so ist!* lHeiterkeit.) Herr ManneSmann halte eS unter diesen Umständen nicht für taktvoll, herzukommen. sDaF stakt deS Herrn MaNüesMSlln dessen Berliner Verlrekek, Herr v. Reibnitz, erschienen war, davon sagte uns Herr Rippler nichts!) Aber der hervorragende Kenner Marokkos, Herr General- leutnant v. Wr o ch e m, werde als Gast des Klubs entschädigen durch einen Vortrag, und Herr v. Wrochem begann seine höchst dürftigen Kenntnisse mit der Stimme eines Reiterführcrs aus- zupacken. Zum Schluß teilte er Marokko unter die beteiligten Völker aus und vergaß auch Deutschland nicht. Eine Resolution wurde nicht gefaßt, aber aus dem Schlußwort des Herrn Generals klang ein gewisses Programm heraus, das lautete: Keine Kompensationen außerhalb Marokkos! Auf dieses Programm wurden die Anwesenden fe st gelegt, indem Herr Rippler in die Versammlung rief: Es wird angenommen, daß niemand gegen das Programm schreibe.* Daraus ginge also hervor, daß das Auswärtige Amt in der Tat mit der Versammlung nichts zu tun gehabt hat. Das hat aber die bösartigen Narren nicht abgehalten, so auszutreten, als würden sie die Ansichten der Regierung vertreten. Unbegreiflich und unverzeihlich aber bleibt, daß die Regierung nicht rechtzeitig diesem nichtswürdi- gem Treiben entgegengetreten ist. Pestilenziale Sümpfe. Wie der„Vossischen Zeitvng" von ihrem Pariser Korre- spondenten gemeldet wird, hat sich der katholische Bischof des Kongogebietes, Augouard, in höchst charakteristischer Weise über das von Herrn v. Kiderlen eingehandelte Kompensationsobjekt geäußert. Augouard, der 34 Jahre lang im Kongogebiet gelebt und gewirkt hat, also sicherlich der denkbar beste Kenner unseres neuerworbenen kolonialen Deorados ist, hat seine Meinung folgendermaßen zusammengefaßt: „Was die Deutschen im Kongogebiete finden werden? Steile Berge und unzugängliche Wälder. Sie wer- den dort auch Bevölkerungen vorfinden, die einen regen Appetit auf Menschenfleisch haben, denn man darf sich trotz der Anstrengungen unserer Mission'nicht einbilden, daß die Menschenfresserei dort verschwunden ist. Die Deutschen werden wohl binnen kurzem wahrnehmen, daß die Gebietsteile in Ubanghi, die wir ihnen abgetreten haben, daß die 20 Kilo- meter, die an zwei Punkten den Zugang zum Strome geschaffen, beinahe dauernd überschwemmt und folglich für jeden Handelsverkehr unbenutzbar sind. Es würde ihnen jedoch nicht geziemen, unS die Bedeutungslosigkeit unserer Freigebigkeit vorzuwerfen, da auch sie es sich haben angelegen sein lassen, uns bei der Abtretung der Spitze ihres berühmten Enten schnabels nur pestilenziale Sümpfe anzu- bieten, was mir das Recht gibt, zu sagen, daß Deutschland und Frankreich lediglich Sümpfe ausgetauscht haben." Die Zukunft„Groß-Kameruns", wie ja nun das durch die pestilenzialen Morastgebiete erweiterte Kamerun offiziell getauft werden soll, scheint demnach wirklich i m Sumpfe zu liegen.__ Terrorismnsschwindel. lieber„Gewalttätigkeiten und Roheiten* der Sozialdemokratie. begangen bei der Sladtperordnetenwahl in Unna, bringt die Reichs- verbaudspress« seilsame Schauermären. Die Nachricht entstammt der .Wahlzeitung der Kölner Zentrumspartei* und wird aus diesem Blatt von der„Kreuz-Zeitung" und ähnlichen Zeitungen mit Bebagen abgedruckt. In der Notiz wird erzählt, daß an den beiden Wahltagen, besonder? am zweiten, das Wahllokal von den Sozialdemokraten dicht umlagert gewesen sei. Schnapsflaichen hätten unaufhörlich die Runde gemacht. Und am Nachmittag wäre eS schon vielfach zu Augrsfsen aus die Vertreter des bürgerlichen Kartells ge- komiuen. Die bürgerlichen Stimmzettelverteiler wären mißhandelt worden, so daß sie flüchten mußten. Auch wäre aus einer sozial- demokratische» Gruppe abends auf einen christliche» Gewerkschafls- sekretär aus Köln geschossen � worden. Die Kugel hätte dicht neben dem Sekretär in die Haustür des Restaurants, in welchem das bürger- liche Kartell sei» Wahlbureau batle, eingeschlagen usw. usw. r Auf dieses Produkt krankhafter Phantasie antwortet die«Ar» b e i t e r z e i t» u g" in Dortmund, die sich bemüht hat, allen Be- hauptungen nachzugehen und genau festzustellen, waS Wahres daran ist, mit folgenden Feststellmigen: „Es ist unwahr, daß die Sozialdemokratie den Eingang zum Wahllokal unsicher gemacht haben solle. Wäre eS so gewesen, wie das Kölner Zentrumsblatt behauptet, so würde der Bürger- meister von Unna, der sich im Wahllokal aufhielt, unzweifelhaft eingegriffen haben. ES ist ferner unwahr, daß die Schnapsflaschen bei den Sozialdemokraten unaukhörlich die Runde machten. Da- gegen ist Tatsache, daß der bürgerliche Sssmmzettelverteiler G r ä w e derart betrunken war, daß er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und infolge seiner Betrunkenheit abgelöst werden mußte. Weiter wird in dem Artikel behauptet, daß auf den christlichen Gewerkschastssekretär geschossen worden sei und die Kugel in die Tür eingeschlagen wäre. Nun ist in einer Glas- scheide der Tür an der Wirtschaft von Schürmann, wo das bürgerliche Kartell sein Wahlbureau hatte, wirklich ein kleine« rundes Loch zu sehen, aber der Besitzer des Lokal« teilte auf Befragen mit, daß er selb st nicht wüßte, wann und wie eS hineingekommen fei... Dann wird noch behauptet, daß bei Bekanntgabe des Wahl- restiltats eine Horde Sozialaldemokraten das bürgerliche Wahl- lokal gestürmt hatten. Auch dieses ist unwahr. Da unsere Ge- nosien durch Listen die Kontrolle der Wahl ausgeübt hatten, wußten sie schon bei Schluß des Wahlaktes, daß sie unterlegen waren; sie brauchten folglich nicht erst die Bekanntgabe abzuwarten.< Die Schlägerei im bürgerlichen Wahllokale aber bestand darin, daß ein bekannter Zentrumsmann einer anderen Zentrumsgröße die Grundsätze der christlichen Liebe mit einem Ochse nzieni er einbläute. Die Namen sind festgestellt. Während der Nacht soll dann noch eine Schutzmaunspatrouille angegriffen worden sein. Die Sache vcr- hält sich so: Am 4. November war auf Zeche Köuigsborn Lohntag, insolgedesseit hatten einige Anlvohuer der Grabenstraße wohl über den Durst getrunken und waren in Streit geraten, zu dessen Schlichtung Schutzleute herbeigeholt wurden. DaS Vorkommnis hat nicht das geringste mit der Wahl zu tun.* Die Dortmunder„Ärbeiterztg." konnte überdies feststellen, daß. wenn von„Gewalttätigkeiten" zu reden ist, diese aus der anderen Seite zu suchen sind: „Der Meister einer Fabrik, der sozialdemokratisch wählte und einige akiwesende Patrioten verulkte, die singend schon im Vo» gesnhl deS künftigen Siege« schwelgten, wurde von den in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten Patrioten aus dem Wahllokal ge- warfen und derart tätlich angegriffen, daß er sich von Schutzleuten nach Hause begleiten lasse» mußte." Trotz dieser Feststellungen wird der„Unnaer TerroriSmuS'-Fall sicher bei der Wahlagitation den Wählern vorgesetzt werden. Snghnd. Balfours Abzug. London, 14. November 1911.(Eig. Ber.) Die Zauber- formet B. M. G. bat ihre Wirkung getan. Der Halsbury- Klub hat ihm sein Vertrauen ausgesprochen, aber Herr Balfour geht dennoch, wie der Chinese Juanschikai ging — wegen„Rheumatismus im ehrenwerten Bein." Der Ab- schied des Führers der Opposition ist in England von kaum geringerer Bedeutung als die Demission des Ministerpräsi- denken selbst. Denn der jeweilige«Leader of tsse Opposition* ist der künftige Ministerpräsident und genießt auch in dieser Rolle offizielle Anerkennung. Aber außer diesem ist er auch meistens eine Person von ganz hervorragender Begabung, ganz verschieden von den Bureaukraten, die in Ländern mit Scheinparlamentarismus ähnliche Posten füllen. Englische Ministerpräsidenten und Führer der Opposition gelangen zu ihrer Stellung nicht etwa weil sie mit Majestät gut Skat spielen können oder als Mittelmäßigkeiten nirgend Anstoß erregen, sondern weil sie Männer mit Initiative, Geist und Originalität sind, die am besten die Gedanken und Wünsche ihrer Partei vor der Oeffentlichkeit vertreten können. Man denke nur Gladstone, Disraeli, Roseberry, Asquith. Sie ver- körpern eine bestimmte Politik. Wenn daher Herr Balfour seinen Posten als Führer der konservativen Partei nieder- legt, so bedeutet dies mehr als ein Personenwechsel. M i t Balfour fällt die letzte Hoffnung der konser- vativen Freihändler. Lange hat er sich gewehrt; ein Mann mit geringerer Begabung hätte den Kampf gegen die ungestümen Chamberlainiten nicht so lange aushalten können. Herr Balfour ist ein äußerst gewandter und gefürchteter Dialektiker, der in der parlamentarischen Debatte keinen Gegner zu fürchten braucht. Darin liegt das Geheimnis der langen Krise, die die konservative Partei durchgemacht hat. Man kann sicher sein, daß unter dem neuen Führer, Herrn B o n a r L a w, die konservative Partei mit einer energischen Tarifreformpropaganda einsetzen wird, die die Arbeiterschaft zum Schutzzoll bekehren soll. Persönlich war Herr Balfour ein Gegner, dm man schätzen kann. Mit seiner Stärke in der Debatte vereinigt er ein Wissen, das ihm auch außerhalb des Parlaments eine hervorragende Stellung gesichert hätte. Den Arbeiterver- tretern im Parlament kam er stets höflich entgegen und schenkte ihren Ausführungen die größte Aufmerksamkeit. Den Sozialismus hat er offenbar gründlich studiert. Er weiß sehr wohl, daß ein Entscheidungskanipf zwischen den besitzenden Klassen und der Arbeiterklasse bevorsteht. Er glaubt, seine Klasse durch das Heranzüchten eines konservativen Klein- bauernstandes retten zu können: aber diese Idee findet bei den Großgrundbesitzern seiner Partei nur lauwarme Anhänger. Wenn in unserer Gesellschaft die persönlichen Faktoren mehr und die allgemeinen wirtschaftlichen Faktoren weniger die Richtung der Entwicklung bestimmten, so wäre Artur Balfour der Mann, der dem Sozialismus in England große Schwierigkeiten bereiten könnte. Er hat uns in allen Dingen mit klaren Bewußtsein entgegengearbeitet, ohne uns jedoch wie viele andere Gegner durch Worte zu verletzen. Auf nichts soll er stolzer sein als auf sein Schulgesetz, das den„School- böards" den Garaus machte, die so viele für die Arbeiter- demokratie nützliche Arbeiten verrichteten- Er war uns ein gefährlicher Gegner und von diesem Standpunkt aus kann der englischen Arbeiterschaft ein beschränkterer konser- vativer Führer nur willkommen sein. Daß der neue Führer der Opposition dem letzten nicht gewachsen sein wird, steht fest. Die konservative Partei befindet sich in einer verzweifel- ten Lage. Zuerst drohte es nach dem Rücktritt Balfours zu einer Spaltung zu kommen. Die Unionisten, die jetzt die schutzzöllnerischen Schlotjunker vertreten, schlugen den Sohn Chamberlaims als Führer vor, während die Tory- elemente, die hauptsächlich die Interessen der Landjunker, des Adels und der anglikanischen Geistlichkeit vertreten, den Herrn Long wünschten. Schließlich nahm der Außenseiter Bonar Law beiden Kandidaten den Ämd aus den Segeln und wurde als Einigungskandidat einstimmig gewählt. Was den neuen Führer der Opposition vor allem auszeichnet, ist seine Eigenschaft als Diskussionsredner; er ist vielleicht der sähigste Vertreter der unentwegten Tarif» r e forme r. die große Hoffnungen aus ihn setzen. Den Abzug Balfours empfinden die Tarifreformer offenbar als eine Erlösung. Das kam sehr deutlich in der Versamm- lung, in der der neue Führer gestern gewählt wurde, zutage. Man beobachtete nicht einmal die sonst stets übliche Höflichkeit, den scheidenden Führer zu bitten, seinen Entschluß noch einmal zu erwägen. Bezeichnend für die Situation ist es auch, daß in derselben Versammlung bekannt gemacht wurde, daß ein reicher Schnapsfabrikant der Tarifreformliga 19 999 Pfund Sterling versprochen habe. Der Rücktritt Balfours ist mithin das Signal zu einer neuen Entfaltung der schutzzöllnerischen Propaganda, die im letzten Jahre etwas flau geworden ist, Die Beziehungen zn Deutschland. London, 16. November. Unterhaus. Abgeordneter Gold» man Keilte des Amick" Kerlim WslilR Ao««erstag, t6. Kovmbtt l91t. Keil�stag. 808. Eitzu«s vom Mittwoch, den 18. November, nachmittags 1 Uhr. Lm BundeSratstisch: v. Breitenbach. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Gesetz- entwurfs betr. Erhebung von Schiffahrtsabgabe«. Abg. Dr. Zehnter(Z.): Der Artikel 1 unterliegt von meiner Fraktion keiner Beanstandung. Ueberhaupt hat der Entwurf solche Verbesserungen erfahren, daß auch diejenigen meiner Freunde, die früher Bedenken hatten, dem Entwurf zustimmen werden. Als hauptsächlichste Berbefferungen bewachten wir die Erweiterung des Interessengebietes der Strombauverbände; ferner, daß die Fortführung der Regulierung und Kanalisierung deS Ober« rheinS von Straßburg bis Konstanz in die Borlage aufgenommen ist; für eine sehr wesentliche Verbesserung halten wir die Be« seitigung jedes fiskalischen Interesses aus dem Gesetze, indem die Abgaben nur für künftige Verbesserungen verwendet werden dürfen, nicht auch, wie die Regierungsvorlage wollte, zur Unterhaltung älterer Anstalten. Eine Verbesserung ist auch im§ 7 enthalten durch Erweiterung der Interessentenkreise, aus denen die Strom« beträte genommen werden sollen; die Sozialdemokraten beantragen, unter diesen Jmeressentenkreisen noch.da» Gewerbe" besonders zu nennen. Ich persönlich hätte nichts dagegen, doch scheint es mir überflüsfig. Meine Freunde können also dem Gesetz zustimmen, aber nur, wenn es nicht etwa noch wesentltche Lenderungen erfährt. Eir halten eS nicht für angängig, durch einen einfachen ReichStagSbeschlutz ganz neue Regulierungsprojekte, wie eS die Anträge der Sozialdemokraten zu Artikel 2 wollen, in dieses Besetz aufzunehmen. sBravo l im Zentrum.) Abg. kreth(l): Meine Freunde werden mit Ausnahme unserer Parteigenossen auS Sachsen für die Borlage stimmen. Unsere sächttschen Freunde fürchten, daß die Borlage geeignet ist, die Interessen ihres Landes zu schädigen. Aber auch meine Freunde können der Borlage nur zustimmen, wenn da» Schifflein dieser Bor- läge, das schon bis zur Tiestadelinie bepackt ist, nicht noch Wetter beschwert wird. sZustimmung bei den Konservativen.) Abg. Dr. Davidn denen er einen tiefen Einblick in die künstlerischen Ideale deS Schauspielers gewahrt..Ich bin Dualist", bekennt Kayßler,.ja viel mehr noch: ich glaube an die vielfältige Zusammcngcsetztheit der Seele, die mir ebenso selbstverständlich bewiesen erscheint, wie die de» Zellengemeinwesens, da« wir Körper nennen. Wenn die Seele fich des Körperlichen bedient, um Kunst zu übermitteln, so tut fie es nur. um wieder Seele zu werden, d. h. Eindruck. Er- »nnerung zu werden rn der Seele des Genietzenden und als solche kürzer oder länger weit« zu leben. stumpf verharrend. schlummernd oder zeugend und Fruchte tragend." Luch im Kunstwerk der Bühne, da» doch mehr als jedes andere an das Körperliche gebunden ist, mutz nach KaytzlerS Meinung die Seele da« wichttgste sein..Wie plump ist im Grunde das Theater als Kunstform. Wie roh, wie barbarisch. Wie unendlich selten besinnt man sich in diesem wilden kreisenden ChaoS au« jäher Momentwirkung, von Staub. Schminke und Schweiß triefendem TageSruhm, und auf lärmender Bühne vollzogene», an uralte grausame Mhsterienopfer gemahnenden - seetischen Selbstentschleierungen— in diesem Cbaos. das mit dem Worte.Theater" täglich' so leicht über vergnügnngsdurstige Lippen gebt— wie unendlich selten denkt dabei einer an_ die Seele. Und doch: die Seele allein ist es, die da spielt. Ich ver« stehe dabei unter Seele das zu höherer Swie bereits Entwickelte heiße e«.sittliche Krast". heitze e« Persönlichkeit, kurz etwas, das durch die Art, wie es sich zur Außenwelt äußert, gute und Früchte tragende Werte schafft." Die Macht der großen Persönlichkeit ist eS, in der sich die beiden sonst getrennten Riesenreiche in Kunst und Leben berühren, das. was man.Sittlichkeit" nennen könnte und da« Kayßler mit den Worten definiert:»Da« Element de« Guten, de« in Wahrheit Frucht- baren in der Welt." Dieses Gute, wahrhaft Fruchtbare mutz unter allen Umständen der Gewinn sein, den wir aus dem Theater mit nach Hause nehmen. Dieses wahrhaft Fruchtbare kamt uns die düstere Gewalt eines Macbeth oder Richard M. ebenso schenken wie die Menschenliebe eines Gregers Werle oder Rosmer. fie kann uns aus Gretchen oder dem Heilbronner Kälhchen ebenso anleuchten wie aus Lady Macbeth oder Rebekka West. Nur mutz es überall eine Seele sein, die uns die Gestalt schenkt....... E« wird immer darauf ankommen, daß der GeluhlSumfang einer Gestalt voll gegeben wird, nicht so sehr auf die mnncherlei Realitäten, die an der Rolle hängen. Der brutalste wird sicherlich nicht der beste Macbeth und Richard sein sondern der, der die un- geheure seelische Spannweite hat. Wird jemals der jüdischste Shylock Shakespeares Geist deshalb näher kommen, weil er so unnachahm- lich jüdisch ist?— Ich möchte Lady Macbeth aus der süßesten, lieb- lichsten Weiblichkeit hcrvorstarren sehen— Ich glaube an keine Gretchen und Käthche» deshalb, weil sie so süß und jugendlich wirken und vor der Mutter GotteS herzbrechend weinen können. Ich glaube nur an das Gretchen, daS in Wahrheit in ihrer Frauenseele den stillen Kinderfrieden von Schiffahrtsabgaben sei ganz besonders notwendig auf dem R h e i n, der ein Einfallstor Kat' exochen(in hervorragendem Matze) bilde, dessen Gefährlichkeit durch den auszubauenden Kanal noch erhöht würde.(Hört I hört l b. d. Sozialdem.) Ein Mitantragsteller führte aus, durch die SchiffahrtSabgaben müsse die Regierung der heimische» Landwirtschaft zu Hilfe kommen, weil die Frachten auf den Strömen so gesunken seien, daß die Zölle illusorisch gemacht seien.(Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) In demselben Sinne äußerte sich der Berichterstatter, und das ist interessant, nachdem das Zentrum hier eben den Versuch macht, den eigentlichen Charakter des Gesetzes zu maskieren. Der Bericht im preußischen Abgeordnetenhause rührt nämlich von dem Kollegen Dr. Lm Zehnhoff her. und dieser sagt über die Tendenzen deS Gesetzes: der einheimischen Landwirtschaft bringen die großen Ströme durchweg Nachteile, indem fie den ausländischen Produkten alS EinfallStor dienen, wodurch die Schutzzollpolitik durchkreuzt wird. (Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Den Interessen der heimischen Landwirschaft und Industrie werde am besten gedient dadurch, daß die von der Industrie benötigten Materialien möglichst von Abgaben verschont, dagegen das ausländische Getteide mit um so höhereu Abgaben belegt würde." (Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Sie erkennen, um was es sich handelt. ES ist ein neue« Glied in der agrarischen Brotverteuerungspolitik.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Und die Bemerkungen des Vorredners haben das noch unterstrichen. In der Kommissionsvorlage finden Sie eine Be- ftimmung, daß Eisen und Erze in den niedrigsten Tarifklassen sein sollen. Dieser Anttag stammt von dem Kollegen Am Zehnhoff. Wir fügten diesem Antrage hinzu, daß auch Butter, Eier u. a. Nahrungsmittel in den niedrigsten Tarifklassen sein sollten, und sofort machte der Vertreter des Zentrums dagegen Front.(Lebhaftes Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Daraus erkennen Sie also das eigentliche Gesicht dieser Bor- läge. ES genügt, diesen agrarischen Pferdefutz vorauSzu- stellen, um alle die schönen Worte, als handle es sich um eine ver- kehrSfreundliche Borlage, als daS zu charakterisieren, was sie find. Verschleierungen, Behauptungen, die den Tatsachen in» Gesicht schlagen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) WaS hat nun damals die preußische Regierung getan, als ihre Zustimmung zu den SchiffahrtSabgaben als Kompensation für den Kanaltorso verlangt wurde? Sie befand sich in einer schwierigen Situation, gleichsam zwischen zwei Mühlsteinen. Der König von Preußen hatte erklärt, er bestehe aus der Kanalvorlage; der ge- schästsführende Ausschuß.der wackeren Patrioten", die Kanal« frondeure erklärten, fie dächten nicht daran. Aus dieser Klemme mutzte man heraus. Man wollte sich nicht länger nach dem schönen Ausspruch des früheren Landwirtschaftsministers v. Podbielski .von dem Lauseianal vor den Bauch stoßen lassen" und daher willigte die preußische Regierung ein, sie akzeptierte den Anttag und gab ihre Zustimmung zu seiner Aufnahme in das Kanalgesetz. Der Wechsel, den die preußische Regierung damit unterschrieben hatte, war aber nicht so leicht einzulösen. Zuerst wurde der Versuch unternommen, die Bestimmung des Artikels S4, wonach die Erhebung von Abgaben auf den natürlichen Wasserstratzen verboten ist, durch eine geistvolle Interpretation auS der Welt zu schaffen. Die Re- gierung mutzte sich aber von anerkannten Staatsrechtslehrern sagen lassen, datz das ein sehr bedenklicher und vom Standpnntt der Wissenschast ein glitt) aussichtsloser versuch sei. Die preutzische Regierung lietz sich jedoch dadurch nicht ab schrecken und auch dadurch nicht, datz sie sich durch ihren JnterpretationSversuch in schroffen Gegensatz stellte zu der Erklärung, die der preußische Ministerpräsident, der ja im Rebenamt auch Reichskanzler ist, hier abgegeben hatte, wonach die Einführung von SchiffahrtSabgaben nur möglich sei, wenn diese Bestimmung auS der Reichsverfassung entfernt werde. Die Regie- rung hat sich auch nicht abschrecken lassen durch die Verträge mit Oesterreich und Holland und die jahrzehntelange Praxis, datz gemäß den Verträgen und der Reichsverfassung keine Schiffahrts- abgaben erhoben wurden. Durch all da? lietz sich die preußische Regierung nicht von dem Auslegungsversuch abhalten, um aus der mitbringt. Diese Kinderseele mutz ich haben, gleichviel, ob die dazu gehörige Erscheinung mehr oder weniger jugendlich ist." Kayßler glaubt selbst, datz für die meisten, besonder« aber für die theatergeübten Ohren, diese Auslassungen vielleicht lächerlich. jedenfalls recht unpraktisch klingen mögen. Aber ich bleibe dabei: die Seele ist eS, die da spielt, und die seltenen Augenblicke, die sie unS von der Bühne herunter schenkt, sind nach meiner Ueberzeugung überhaupt das Einzige, um dessentwillen man dem Theater eine Zukunft wünschen kann. Und einmal wird e« auch eine höhere Art der Bühne geben, in der die Seele herrschen wird und—' der Geist." Der„Bandifte". Nicht weit von der altehrwürdigen Notre damo-Kathedrale, fast im Herzen von Paris, existiert noch ein Viertel, das sich aus winkligen, engen Gassen mit Jahrhunderte alten Häusern zusammensetzt. Wer sich, zumal an einem Wmter- abend, in diese Gegend verirrt, glauibt sich in das mittelalterliche Paris zurückversetzt. In einer dieser Gassen, der Rue de Bicvre, lebt, hungert, vegetiert eine der seltsamsten Typen, welche die untersten Sprossen der sozialen Stufenleiter bilden— der„dan- diste". Das alte wurmstichige Haus Nr. 11, mit dem total ver- witterten Dach und der abbröckelnden, grauen Fassade ist seine Zuflucht, sein schützendes Asyl, sein Fveudenort trotz Fron und Elend der dunklen Tage. Im Quartier wird Nr. 11. über dessen Haustür ein Schild prangt:„Gemüse O kr 10". kurz:»Da Bibine" genannt.� jgftinj- verkehren die armen Teufel, die in den großen Sck>relbstuben die Streifbänder(bände) und Firmcnkuverts mit Adressen versehen. Bei dieser Arbeit verdient der Bandiste (so ist sein offizieller Name) pro Tag 1,25—1.80 Frank, voraus- gesetzt, daß er tausend Adressen fertig bringt. Nur sehr wenigen gelingt das, und wer diese Rekordziffer gar regelmäßig erreicht. wird für ein Weltwunder angesehen. Sein Mittagessen, das aus Brot und Wurstabföllen. für je zwei Sous, besteht, verzehrt der Bandiste auf der Arbeitsstelle. Des Abends begibt man sich all- gemein zum Stammlokal, zur Bibine. Charakteristisch für das ..Etablissement" ist, daß man sehr wenig Wein oder Branntwein dort trinkt. E» kommt mitunter vor. datz der Bandiste. der über besonders flinke Finger und gute Augen(beides ist nötig zu seinem„Beruf") verfügt, eine Woche lang Rekordarbeit leistet; dann gestattet er sich eine Sonntagsmahlzeit in irgendeiner Arbeiterherberge. Dort kostet jede Platte 20 Centimes, also das Doppelte der gewohnten Ausgabe. Zahlreicher als die Sonntage mit solchen bescheidenen Extravaganzen sind die Tage, wo der Bandiste nur einmal, nämlich abends, speist oder wo er Hunger leidet. Im Sommer gibt es fast niemals Arbeit. Während des Winters wohnt der Bandiste in den ältesten, schmutzigsten Vierteln von Paris, im Quartier des Halles oder im Quartier Maubert. Eins der besdicidensten„Hotels", in der Rue Saint-Victor ist ousschlietzlick) von Bandiften bewohnt. Der Zimmerpreis beträgt 50 Centimes pro Nacht; oft nehmen sie die kleine Kammer zu zweien, um zu sparen. Diese äutzerste Oeko- nomie erstreckt sich auch auf die Kleidung. Der Bandiste ist nicht „reich" genug, um sie beim Althändler zu erstehen. Darum kauft er sie zu„konkurrenzlosen Spottpreisen" bei den Trödlern, die Schlinge, die die preutzische Kanaloppofition ihr um den Hol» gelegt hatte, herauszukommen. Dann kam aber eine Entscheidung, die zwang die preußische Regierung doch auf die Knie. ES war daS ein Gutachten des Reichsjustiz- amtS, daS auf Veranlassung einzelner Bundesstaaten über die Auslegung des Artikels 54 vom Reichskanzler eingeholt wurde und das den Auslegungsversuchen Preußens ein für allemal den Riegel vorschob. Der Inhalt dieses Gutachtens ist offiziell nicht bekannt gemacht worden, aber es hieß im.Dresdner Journal" darüber:.Alle Winkelzüge nützen nichts, eS wird immer offen- kundiger, daß die sämtlichen preußischen Minister unter ein Gesetz ihre Namen gesetzt haben, welches mit der Rcichsverfassung in Wider- spruch steht.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.)... Davon konnte sich die preußische Regierung auch überzeugen au» dem Gutachten, welches der frühere Reichskanzler Fürst Bülow vor wenigen Jahren vom Reichsjustizamt eingefordert hat. In diesem Gutachten ist einwandfrei die Auffasiuna aus- gesprochen, daß daS am 1. April 1S05 veröffentlichte preußische Gesetz, welches in seinem Z IS die Einführung der SchiffahrtSabgaben vorsieht, mit Artikel 54 der Reichsverfassung nicht vereinbar ist.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) reilich ist die? Gutachten des ReichSjustizamtS von der preußischen Regierung streng geheim gehalten worden."(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) So schreibt kein sozialdemottattscheS Blatt, sondern da» sächsische Regierungsorgan. Aucki in der Kommission ist jeder Versuch, dies Gutachten deS ReichSjustizamtS vorgelegt zu erhalten, von der preußischen Regiemng mit den Zeichen äußersten Schreckens zurückgewiesen worden mit der Behauptung, daS sei eine diskrete Angelegenheit innerhalb des Bundesrats, dies Aktenstück könne auch nicht diskret mit- geteilt werden.(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Da? ist die beste Bestätigung dafür, datz das Gutachten wirklich den Inhalt hat, wie er in dem Dresdener Blatt mitgeteilt ist. Nachdem nun dies Gut- achten erschienen war, entschloß man sich endlich den Weg zu gehen, den die Versassung vorschreibt und die anderen Regierungen für eine Ver- fassungsänderung zu gewinnen. DaS war nun keine leichte Sache, aber' was bringt die preutzische Regiemng nicht fertig, wenn eS ihr darauf ankommt, andere Bundesregierungen mürbe zu machen. Einige gewannst« durch Zuckerbrot, bei anderen drohte sie mit derPeitsche. Bayern gewann fie durch die Mainkanalisation. Württemberg durch daS Ver- sprechen eines großen Zuschusses zu der geplanten Neckar- kanalisation. Der Speck roch so gut, datz die württembergische Regiemng und ein Teil der württembergischen Vertreter auch in diesem Hause in die Falle hineingingen. Weniger Glück hatte Preußen mit Baden, Hessen und Sachsen. Auch da wurden mancherlei Versprechungen gemacht, aber diese Bundesstaaten hatten doch das Gefühl, datz durch die Beseitigung der Abgabenfreiheit die Interessen ihrer Länder allzuschwcr geschädigt würden, als daß es die Regierungen hätten wagen können, nachzugeben. Baden, Hessen und Sachsen blieben also aufrecht auch gegenüber der Drohung, die von Preutzen kam(Hörtl hört! bei den Sozialdemo- kraten), und die darauf hinauslief, die preutzische Regierung würde nichts mehr aufwenden für die In st and- Haltung und Verbesserung der unteren Strom» äufe.(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Minister v. Breitenbach erklärte am 18. April 1S07 im preußischen Abgeordnetenhaus:.Diese Sistierung der Bauten, die auf Verbesserung der Schiffahrtsstraßen abzielt, halte ich von meinem Standpunkt aus für ein erlaubtes und durchaus konse- quenteS Mittel, um dies Ziel zu erreichen."(Hört I hört l bei den Sozialdemokraten.) DaS war die Drohung mit der Peitsche. daS war die bundeSfreundliche Meth ode, um den Widerstand der opponierenden Bundesstaaten zu brechen. Trotzdem hat man es gewagt, nachher vom RegierungStisch darauf hinzuweilen, daß im Bundesrat die Vorlage einstimmig angenommen worden sei.(Hörtl hört! bei den Sozialdemolraten.) Man hat diese Haltung deS Bundesrats als eine nationale Tat hier hinstellen wollen. Dabei hat wohl selten eine Vorlage solche Kämpfe im Schöße deS Bundesrats zur Folge gehabt wie diese, wohl selten hat man sich in einer Reche bon Bundesstaaten so verzweifelt gegen Preußen gewehrt. Haben doch schließlich Baden und Sachsen die Flucht in die Oeffentlichkeit antreten müssen, indem sie gemeinsam ein Memorandum im .Dresdner Journal" und in der.Karlsruher Zeitung" veröffent- speziell für die Klienten der Bibine in dieser Schenke ihre Waren seilbieten. So ersteht er einen Hut für 15 Centimes, einen Paletot oder ein Beinkleid für höchstens 50 Centimes. Ist der Preis eines Heindes für den Moment unerschwinglich, so begnügt sich der Ban- diste mit einem großen Papierkragen, den er unter der Weste fest- näht. Von den Strümpfen lohnt es sich nicht zu sprechen, denn meistens trägt er keine. Der„Beruf" des Bandiste» bildet die letzte Zufluchtsstätte aller Deklassierten und der vielen anderen Unglücklichen, die trotz monatelanger, verzweifelter Anstrengung keine Stellung finden. Man trifft unter ihnen alle Berufskreise, alle Altersstufen; neben dem jungen Arbeiter und dem Bureaugehilfen den Steuer» kontrolleur und den Unterpräfekten, neben dem ewigen Bruder Studio und dem genial verbummelten Künstler den ehemaligen Notar, Buchhalter, Unternehmer, Großhändler usw. -- Vielleicht wird eines Tages ein Maler kommen und ein- mal diese seltsamen Type» auf seine Leinwand bannen— wie sie, so verschiedenartig zusammengewürfelt aus allen Ländern, Klassen und Altersstufen doch den einen Zug auf ihren frühgefurchten Stirnen oder um die welken, gekniffenen Lippen tragen: den Zug des Elends, wie wir ihn in den dunklen Winkeln unserer Weltstädte als charakteristische Grimasse des Lebens wiederfinden, Notizen. — Kunstabend. Am Donnerstagabend 8 Uhr veranstaltet der Verein zur Förderung der Kunst den 3, Volkskunstabend im Fest- saale des Charlottenburger Ralhauses, Berliner Str. 72. Hermann K i e n z l wird nach einem kurzen Vortrage über R o s e g g e r aus dessen Werken rezitieren. — Kunstchronik. In Wilmersdorf wurde am Mitt- woch in der neubegründeten Kunsthalle die erste Ausstellung eröffnet. »-Das große musikalische Ereignis: die Auf» führung von StraußenS.Rosenkavalier" ist am Diens- lag in Berlin vor sich gegangen. Zu kolossal erhöhten Preisen und unter sonstigen Erschwerungen. Mit Recht hat man sich in der Provinzpresse(die Berliner Presse kuscht durch die Bank vor der Gencralintendanz) darüber lustig gemacht, daß die Kgl. Oper zehn Monate nach Dresden und verschiedene Monate nach einer Reihe von Provinzstädten mit dieser.Neuigkeil" daherkommt und dieselben Ein- triitSpceise verlangt, die die Hochkonjunktur der Dresdener Premiere erpreßle. Trotzdem: eS war eine Sensation(sagt der f... euillc- tonistische Detekliv des„Lokal-Anz." und zählt ein halbes Dutzend von Namen auf. die außerhalb ihres Stammtisches niemand kennt). Das in Text und in der Musik wesentlich dekadente Werk ist von uns bei der Dresdener Uraufführung ausführlich gewürdigt worden. Die Berliner Aufführung zu besprechen war uns unmöglich, da die Intendanz sich seit Jahr und Tag weigert, uns(für unser gutes Geld versteht sich) einen Platz zu reservieren. Durch welche(anti- chambrierenden!) Künste die übrige Berliner Presse in den ZirkuS Hülsen gelangt, ist uns unbelaniit. — In, Bellealliance-Theater findet am Donnerstag, abends 8'/, Uhr. eine einmalige Aufführung der Serbischen Oper .Troubadour" statt. Die Besetzung der Hauptrollen besteht aus früheren Mitgliedern der Berliner Volksoper. lichten, daS folgendermaßen schloß:»Die Regierungen Sachsens und Badens glauben hiermit dargetan zu haben, von wie überaus weittragenden, grundsätzlich bedenklichen Folgen Ivirtschafispolitischer und verfassungsrechtlicher Art, die von der preußi- schen Regierung erstrebte Zulassung von Schiffahrtsabgaben ver- Kunden sein würde. Sie können sich der ernsten Sorge nicht erwehren, daß die Bestimmungen der Vorlage weite Kreise Deutschlands wirtschaftlich schädigen, sHört, bört! bei den Sozialdemokraten) den föderativen Charakter des Reicks a n t a st e n,(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten) die Ein- tracht unter den deutschen Bundesstaaten stören lHört! hörtl bei den Sozialdemokraten) und das Vertrauen in die Unverbrüchlichkeit der Verfassirng erschüttern werden. lHört I hört! bei den Sozialdemokraten,) Sie geben sich der Hoffnung hin, daß es gelingen möge, die Abgabenfreiheit der deutschen Schiffe, dies Wahrzeichen der deutschen Einheit zu schirmen und zu erhallen." Das war die Spräche dieser Regierungen gegen eine »nationale" Vorlage. Es wäre nur zu wünschen, wenn die Ver- treter der opponierenden Regierungen den Mut hätten, wie das seinerzeit Herr v. M i t t n a ch t in der Weingesetzfrage getan hat, auch hier im Reichstag ihre gegensätzliche Stellung aufrecht zu erhalten und zu begründen. Ebenfalls in demselben Sinne und zwar namens seiner Partei sprach 1903 der national- liberale Führer Dr. Sattler. Zu derselben Zeit erklärte Reichskanzler Fürst Bülow die Erhebung von Schiffahrlsabgaben als mindestens unvereinbar mit der gegenwärtigen Fassung des Art. 64 der Reichverfassung. Ein paar Wochen später stellte sich der damalige preußische Minister Budde auf den entgegengesetzten Standpunkt. In der Zwischenzeit nämlich hatten die Konservativen nebst Zentrum ihr Verlangen nach den Schiffahrtsabgaben unzweideutig dargetan, und daS genügte der Regierung in ihrer gottgewollten Abhängigkeit lHeiierkeil und Sehr gut I links), ihren Standpunkt zu ändern. Die Schiffahrtsabgaben sollten nach dem Abg. Frhrn. v. Zedlitz dazu dienen, der Kanalvorlage den freihSudlerischen Giftzahn auszubrechen.(Hört! hört! links.) Einstmals— eS war freilich die Zeit, in der sie frcihändlerisch war— begrüßte die k o n s e r- vative Partei in ihren Organen, wie der.Kreuz-Zeitung", der »Schlesischen Zeitung" die Abgabcnfreihrit der Ströme als«ine wertvolle Errungenschaft der deutschen Einheit. (Hört I hört!) Und jetzt!?— Daß man schließlich auch Juristen gefunden hat, die den Artikel 54 umzuinterpretieren verstanden, ist iveiter nicht verwunderlich. Mit geschickten Taschen- spielerkniffen macht man aus einem Schnupftuch ein Kaninchen.(Heiterkeit und Sehr gut! links.) Mein rechtliches' Gefühl bäumt sich gegen die Art und Weife auf. wie von feiten der preußischen Regierung die ReichSverfassaug geradezu verhöhnt worden ist.(Lebhafte Zustimmung links, Unruhe rechts.) Echließlich freilich hat auch die Regierung einsehen müffen, daß eS mit dem Interpretieren nicht ging und die Frucht dieser Einsicht ist die uns hier beschäftigende Vorlage. Zweck der Vorlage ist, den Reichstag zum Vollstrecker der Wünsche des Abgeordnetenhauses zu machen, ihn sozusagen in gottgewollte Abhängigkeit vom preußischen Landtag zu bringen. Andererseits aber ist schon die bloße Existenz dieser Vorlage ein Beweis dafür, daß Preußen mit der Einführung der Schiffahrtsabgaben in sein Kanal- gesetz einen Bruch der Reichsverfassung begangen hat.(Lebhafte Zu- stimmung links, Widerspruch rechts.) Man tue doch wirklich nicht so, als ob der preußische Staat unerschwingliche Riesensummen für die Regulierung der Flüffe auf- gewandt habe. Was Preußen in einem ganzenJahr hundert sür die Ströme aufgewandt hat, verschwindet gegenüber dem, was in einem Fahrzehnt an Liebesgaben an die Getreide-, Zucker- und Branittweinproduzenten bezahlt worden ist.(Lebhafte Zustimmung links.) ES läßt sich hören, wenn bei besonders wichttgen«md kost- spieligen Wasserbauten, wie zum Beispiel bei der bekannten Regulierung der Unterweser, durch ein besonderes Gesetz die Er- Hebung von Abgaben vorgesehen wird. Ganz anders aber steht es mit dieser Vorläge, die prinzipiell die Abgabenfreiheit der deutschen Ströme beseitigen soll. Angesichts der geschichtlichen Entwickelung dieser Vorlage kann man nur sagen: Bundesrat, dein Name ist Schwachheit.(Heiterkeit.) Der Bundesrat ist bisher durch das kaudinische Joch gegangen, daS Ritter und Heilige in Preußen aufgerichtet haben. Das Gesetz stärkt nicht den Reichsgedanken, es muß die Reichsverdrossenheit fördern. Deshalb würde sich der Reichstag ein hohes Verdienst erwerben, wenn er dies Gesetz ver- würfe.(Bravo! links.) Abg. Gamp(Rp.): Herr Gothein sprach von dem kaudiniichen Joch der Ritter und Heiligen. Er muß aber wissen, daß auch die Nationalliberalen und ein Teil der Freisinnigen in Preußen für die Schisfahrtsabgaben gestimmt haben. Ich kann erklären, daß die große Mehrzahl meiner Freunde für die Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt stimmen wird. Doch würde das Gesetz für uns unannehmbar, wenn etwa die Moselkanaliiierung darin ausgenommen würde.(Hört! hört! linlS.) Bedenklich erscheint mir nur die allzu große Zahl von Personen, aus denen die Slrombaubeiräte bestehen sollen. Abg. Hanisch(Wirtsch. Vg.) erklärt, daß zwei seiner Freunde gegen die Vorlage, die Mehrheit dafür stimmen werde. Württembergischer Staatsminister v. Pischet: Ich muß den Vor- wurf des Herrn Abg. Dr. David zurückweisen, als hätten wir wider unsere bessere Ueberzeugung unseren Widerstand gegen die Schiffahrts- abgaben gewissermaßen sür ein Linsengericht ausgegeben. Die uns zugestandene Neckartanalisalion bedeutet vielmehr eine Lebensfrage nicht nur sür unsere Industrie, sondern auch für die Landwirtschaft. Die zweifellos die Gctteidepreise verteuernde Tendenz»er Schiffahrtsabgadea wird wenigstens für den ganzen Süden ausgeglichen durch die ver- billigende Wirkung, die die Möglichkeit der Benutzung von Wasier« straßen auf eine viel längere Strecke als bisher zur Folge hat. Auf Grund unserer Berechnungen, die in der Denkschrift zur Neckar- regulierung niedergelegt sind, bin ich dcShalb der bestimmten Mei- nung, daß durch das Gesetz sür den Süden die Getreidepreise nicht erhöht, sondern eher verbilligt werden.(Hörtl hört! rechts.) Also mit diesem Argument werden bei den Wahlen nicht viele ernsthafte Fische gefangen werden.(Heiterkeit.) Ich anerkenne also, daß der Entwurf uns wesentliche Vorteile bietet und würde eine Pflicht versäumen, wenn ich nicht das bundesfreund- liche Entgegenkommen begrüßen würde, das wir auf der anderen Seile gefunden haben.(Bravo I rechts.) Abg. v. Strombcck(Z.) begründet einen Antrag, der den Begriff der„tünstlichen Wasserstraßen" zu Art. I festlegen will. Ministerialdirektor PcterS wendet sich gegen die Ausführungen' des Abg. Gothein, bleibt aber im einzelnen auf der Tribüne un- verständlich. Hierauf vertagt das Haus die Weiterbcratung auf Donners« tag 1 Uhr. Schluß 9 Uhr._ parlamentarircbca. Versicherungsgesetz für Angestellte. '(Sitzung vom Mttwoch, den 16. November.) Zu Beginn der Sitzung liest der Berichterstatter ein Telegramm des Zentralausschusses der Hamburger Prinzipalsver- t r e t e r vor, in der Einspruch erhoben wird gegen die schnelle Art der Erledigung der Vorlage und die Ablehnung des Gesetzes verlangt wird. Die Kommission nimmt die Kund- gebung zur Kenntnis. Zu§ 59 wird ein Antrag unserer Parteigenossen angenommen, der. entsprechend den Wünschen der An- gestclltenverbändc, verlangt, daß die Beitragsrückcrstattung für weibliche Angestellte beim Tode der Versicherten an die A»- gehörigen erfolgt, wenn die Versicherte wesentlich zum Unterhalt der Hinterbliebenen beigetragen hat. Voraussetzung ist dabei, daß mindestens 60 Mdnatsbeiträge gezahlt und bisher keine Rente gewährt wurde. Bei§ 63 beantragten unsere Genoffen, daß den weiblichen Angestellten beim Tode des Ehemannes aus den von ihnen selbst aufgebrachten Versicherungsbeiträgen eine Rente gezahlt wird. Es sollten infolgedessen Beiträge nicht zurückerstattet werden, wenn die Angestellte aus der Beschäftigung austritt. Unsere Ge- »offen wollten damit eine höhere Rente erzielen, als sie in den sogenannten Leibrenten in Aussicht gestellt werden. Der An- trag fand von keiner bürgerlichen Partei Unter- stützung. Entsprechend den Bestimmungen der ReichsverstcherungS- ordnung beantragten unser« Genossen, daß, wenn die Rente eingestellt wird, die Einstellung erst in in dem der Zustellung folgenden Monat eintritt. Der Antrag wurde abgelehnt. Bei§ 98 wurde die Frage der Selbstverwaltung erörtert und angefragt, welche Bevorzugung den Militäranwärtern bei der Anstellung der Beamten gewährt wird. Von der Regierung wurde erklärt, daß die unteren Beamten nur aus den Kreisen der Militäranwärter genommen wer- den, während die mittleren Beomtenstellungen nur zur Hälfte von Militäranwärtern besetzt werden. Abg. M u g d a n bemerkte, daß dies berechtigt sei; er könne«ine Zurücksetzung der Militär- anwärter nicht billigen, und der Vergleich, daß in de? Reichsver- sicherungsordnung den Militäranwärtern diese Bevorzugung nicht zu teil wird, treffe hier nicht zu. Vom Genossen Schmidt wurde dem Vertreter der VolkSpartei entgegengehalten, daß es geradezu unerhört sei, daß die Versicherten keinen Einfluß auf dre Anstellung der Angestellten haben. Angestellte und Prinzipale haben die Mittel allein aufzubringen, die Beamten ernennt dieRegie- rung, und sie nimmt eigenmächtig auS dem Versicherungsfonds die Mittel für die Besoldung. Was würden die Unternehmer sagen, wenn man so bei den Berufsgenossenschaften verfahren wollte. Aber es ist bemerkenswert, daß ein Vertreter der Volks- Partei in der Weise daS Selbstverwaltungsrecht der Angestellten behandelt. Selbst Herrn Stresemann ging diese Anforderung zu weit, denn er wies mit gutem Recht darauf hin, daß doch wohl auS den Kreisen der Angestellten mancher für diese Arbeiten sich qualifiziere. Mit unseren Parteigenossen betonte dieser Redner, daß eS sich nicht um eine Zurücksetzung der Militäramvärter han- delt, sondern um die Ablehnung einer Bevorzugung. Militäranwärtcr sollen von diesen Posten nicht ausgeschlossen wer- den. Die Debatte wurde schließlich abgebrochen, weil die tmrger- lichen Patkelm wü Fet AqstNlAg eet�mSelfl Sollen, Me©eff sie bereit sei, Zugeständnisse in der Selbstverwaltung zu machen. Von unseren Genossen lagen bereits einige Anträge auf Erweiterung der Rechte der Versicherten vor. Die Wahl der Vertrauensleute aus den Kreisen der Werficherten sollte nach der Vorlage durch eine Wahlordnung er- folgen, die der Reichskanzler erläßt. Auf eine Anfrage von unserer Seite stellte sich heraus, daß die Wahl öffentlich in der Weise erfolgen soll, daß der Versicherte den Stimmzettel mit seiner Bei- tragÄarte an den Wahlkommissar einsendet. Gegen diesen Wahl- modus erhoben unsere Genossen Einspruch; sie verlangten geheime Wahl durch Stimmzettel, denn es stellte sich im weiteren Verlauf der Debatte heraus, daß die Regierung in ihrer Wahlordnung auch die öffentliche Stimmabgabc anordnen konnte. Dr. M u g d a n ist auch hier mit der Regierung der Meinung, daß die Wahl gar nicht anders erfolgen könne, und der Abg. S t r e s e m a n n hob hervor, daß der Hauptausschntz der Angestelltenverbände sich ausdrücklich damit einverstanden erklärt habe, daß von einer geheimen Wahl Abstand genommen werden könne. Schließlich erlangten unsere Genossen nur, daß wenigstens die öffentliche Stimmabgabe untersagt wird. Das Frauenwahlrecht zu dem Rentenausschuß wurde gegen die Stimmen unserer Genossen und der Volkspartei abgelehnt. In 8 147 sollte nach einem Antrage unserer Genossen den Invaliden und den freiwillig Versicherten aktives und passives Wahlrecht für die Wahl der Vertrauensmänner erteilt werden. Der Zweck des Antrages war, daß zur Vertretung der Interessen der Angestellten unabhängige Personen herangezogen werden können. Für den An- trag trat keine der bürgerlichen Parteien ein. Auf Antrag unserer Genossen wurde nochmals erörtert, ob die Schieds- gerichte den Oberversicherungsämtern, d. h. den Instanzen der ReichsversicherungKordnung angegliedert werden sollen. Das Zentrum enthielt sich wieder der Abstimmung. Die Fraktion will eine abwartende Stellung einnehmen und schließlich für die besonderen Schiedsgerichte stimmen, um das Gesetz nicht zu Fall zu bringen.— Der Teil der Vorlage bis zu den Zuschuß- und Ersatzkassen wurde ohne besondere Debatte angenommen. Hus der Partei. Kommunalwahlsieg. Einen glänzenden Sieg über die vereinigten bürgerlichen Parteien errangen unsere Genossen am Montag bei den Stadt- verordnetenwahlen in H a y n a u sSchlesien) für die 3. Abteilung. Trotz des in den Lokalblättern den Geschäftsleuten und anderen Personen angedrohten Boykotts siegte die Liste unserer Genossen mit 643 bezw. 639 Stimmen über die der Bürgerlichen, die nur 457 bezw. 443 Stimmen auf sich vereinigte. Vier Genossen wurden gewählt. Da ein Besitz zu behaupten war verfügt jetzt die Fraktion über neun Mandate. In Fürth errangen unsere Genossen die Hälfte sämtlicher zu besetzenden 14 Sitze; im Gemeindekollegium stehen sich jetzt 19 Sozialdemokraten und 23 Bürgerliche gegenüber. ES ist zu er- warten, daß wir bei der nächsten Drittelerneuerung die Mehrheit bekommen.— Einen prächtigen Erfolg erzielte die Sozialdemokratie auch in Erlangen, wo 5 Sozialdemokraten und 9 Bürgerliche gewählt wurden. Die Zahl der sozialdemokratischen Sitze steigt dadurch auf 9(von 42). In Mannheim brachten die Stadtverordnetenwahlen der Sozialdemokratie in der ersten Klasse noch zwei Mandate. Das Stadtverordnetenkollegium setzt sich nunmehr zusammen aus 40 Sozialdemokraten, 24 Nationalliberalen, 18 Fort- schrittlern, 12 Zentrum und 2 Mitgliedern der Mietervereinigung gegen bisher 33 Nationalliberale, 32 Sozialdemokraten, 28 Fort- schrittler und 3 Zentrum. Die Sozialdemokratie wird nun noch 8 Stadtratssitze erlangen, statt bisher 4, so daß die Wahlen der sozialdemokratischen Vertretung eine Verstärkung um 12 Sitze brachten. Bei der M e m m i n g e r Gemeindebevollmächttgtenwahl erhielt die Liste der Sozialdemokratie 3542 Stimmen, die Liste der Bürger- vereine sLiberale und Zentrum) brachte es auf 8941 Stimmen. Die Sozialdemokratie bekommt drei S i tz e, auf die Bürgerlichen ent- fallen sieben Sitze. Unsere Partei war bisher im Rathause nicht vertreten._ Kommunalwahlsieg im Obcrelsaß. Bei der am letzten Sonntag in G ü n S b a ch(Kreis Kalmar i. E.) stattgesundenen Gemeinderatsersatzwahl wurden alle vier sozial- demokratischen Kandidaten mit 69— 78 Stimmen gewählt. Da die Zahl der insgesamt abgegebenen gültigen Stimmen 133 beträgt, hatten alle vier Genossen das absolute Mehr. Günsbach ist ein Fabrikort, in welchem bei den verflossenen Landtagsivahlen eine ganze Versammlung den Nationalistensührer Blumenihal aNein ließ und unserem Genossen Grumbach in ein anderes Lokal folgte, als Blumenthal. der die Versammlung einberufen hatte, Grunibach das Wort verweigerte._ Personalien. Die„Bremer Bürgerzeitung" hat den Genossen Johann K n i e f, der sich gegenwärtig noch als Lehrer im Staatsdienst befindet, zu ihrem zweiten politischen Redakteur gewählt. Innerhalb zweier Jahre ist das der dritte bremische Lehrer, der als Redakteur in unsere Parteipresse eingetreten ist. Wer da weiß, wie sehr gerade im angeblich„freien" Bremen die Beamten in ihrer politischen Betätigung von der Behörde heimlich überwacht und schikaniert werden, der wird begreifen können, wie gern unser Genosse den Schulmeisterrock an den Nagel hängen wird. yollreitiebe», Lerlcvrilcbeg ulw. Wieder ein HallcschcS Tendenzurteil. » AuS Halle a.<5. berichtet man uns unterm 1l. November: Der Redakteur Genosse Kasparek vom„Volksblatt" war heute bor der Strafkammer angeklagt, durch einen am 19. Juli veröffent- lichten Artikel die Bitterfelder und Hallesche Polizei beleidigt zu baben. Gelegentlich des Bezirkssängerfestes �in Bitterfcld hatte die dortige Polizei gegen die Arbeiterschaft ähnliche Maßnahmen unternommen wie die Hallesche. Man verbot, das Fest auf einer Wiese abzuhalten. Der Ilmstand führte dahin, daß sich Tausende von Sängern und Freunden des Gesanges in einem Verhältnis- mäßig zu kleinen Lokal versammeln mußten. Da zwei unbekannte Personen in auffälliger Weise mit der Polizei Streit begannen, vermutete man, es mit zwei provozierenden Polizeiagenten zu tun zu haben und berichtete man darüber im„Volksblatt" mit dem Hinweise, die Leute hätten wohl vergessen anzugeben, daß sie von der Polizei geschickt waren.— Diese harmlose Notiz veranlasste den Staatsanwalt, eine schwere Beleidigung zu konstruieren und eine Geldstrafe von 1096 M. zu beantragen. Das Gericht erkannte allerdings auf„nur" 6 6 9 M. In der recht bemerkenswerten Be- gründung hieß es u. a.: Der Umstand, daß der Angeklagte schon vorbestraft ist und seine Vorgänger am„Volksblat t", das bestrebt sei. die Polizei herabzusetzen, wegen ähnlicher Delikte Strafen erlitten hätten, habe dahin geführt, die empfindliche Strafe zu verhängen. Strafbare Kritik. DaS„Volksblatt" in Mühlhausen i. Th. hatte im August dieses Jahres nach einem Brande in Sömmerda, bei dem 20 Häuser in Flammen aufgingen, die Unzulänglichkeit der dortigen Feuerwehr kritisiert. Anstatt die Kritik zu beherzigen, fühlte stch die empfindliche Wehr beleidigt und stellte gegen den verantwortlichen Redakteur,� Genossen H a a s e, Strafantrag. Die Strafkammer zu Mühlhauscn verurteilte den Angellagtcn wegen „Uebertreibung" und einer formalen Wendung in der Notiz zu 15 M. Geldstrafe. Zug Industrie und ktandei. Ei« Zollkonflikt mit de» Vereinigten Staate». In den geplanten amerikanisch-kanadischen Handelsvertrag war von der nordamerikanischen Union unter andemr die Zollfrei- heit für Holzschliff, Zellulose, Zeitungspapier, sowie andere Papiersorten und Pappen kanadischer Herkunft zugestanden worden. Obwohl das kanadische Parlament den Handelsvertrag nicht genehmigte, ließen die Vereinigten Staaten die Zollfreiheit für diese Artikel bestehen. Zufolge der Meistbegünstigungsklausel müßte daher die Zollfreiheit für diese Artikel auch bei der Einfuhr aus Deutschland gelten. Nun haben ja die Amerikaner die Meistbegünstigungsklausel schon früher willkürlich eingeschränkt, indem sie behaupteten, daß die Meistbegünstigung mit anderen Ländern die Regierung dieser Länder nicht zu einer Zollgleichstellung mit solchen Staaten berechtige, die sich besondere Vergünstigungen durch be- sondere Zugeständniffe erkauft hätten. Wäre selbst diese Ein- schränkung so berechtigt, wie sie es nicht ist, so trifft sie auf diesen Fall auf keinen Fall zu, da Kanada seinerseits den Vereinigten Staaten gar keine Zugeständnisse gemacht hat. Deshalb hat die deutsche Regierung durch den deutschen Botschafter in New Jork dem Staatssekretär Knox ein Memorandum überreicht, in dem um die Anwendung der für Holzstoffe. Zellulose und Holz- stoffdruckpapier kanadischen Ursprungs bestehenden Zollsreiheit aufdiegleichenArtikeldeutschenUrsprungS ersucht wird. Die amerikanische Regierung wird schwerlich umhin können, diesen Anspruch anzuerkennen. Soziales. Teuerung und Konsumvereine. Genosse Paul Breiter richtet eine längere Zuschrift an unS, in der er unter Bezugnahme auf unser Zitat aus dem„Konsum- genossenschaftlichen Volksblatt" in Nr. 261 darlegt, daß ihm fern- gelegen hat, zu der Ansicht zu verleiten,„je kleiner der Konsum- verein, desto besser". Er sei stets dafür eingetreten, daß kleinere Vereine sich zu einem großen zusammenschließen. Sein Artikel habe die Tendenz gehabt, den Konsumvereinsmitgliedern darzu- legen, daß es einem Konsumvereinsvorstand nicht möglich ist. eine allgemeine Teuerung zu überwinden, dazu bedürfe es ganz anderer Faktoren. Er habe in dem von uns in der Abwehr gegen die „Rundschau" wiedergegebenen Satz nur auf die Schwierigkeiten in der Heranschaffung der Waren zu Teucrungszeiten hinweisen wollen. Daß Genosse Breiter diese Absicht verfolgt hat, bezweifeln wir nicht. Seine Darlegungen führen aber zu einem anderen Ergebnis. Sie lauteten im Zusammenhang: „Einzelne Stimmen erheben sich auch und schimpfen, daß der Vorstand gleich mit den Preisen in die Höhe gegangen sei; er hätte nach ihrer Meinung doch noch den alten Preis beibehalten sollen. Wieder andere drohen damit, daß sie ihre Waren nun von den Krämern und Händlern beziehen wollen, denn dort sei alles billiger. Aber leider erbringt keiner den Beweis, daß es in Wirklichkeit so ist. O, Ihr Kleingläubigen! Ihr seid mit dem Hunde zu der- gleichen, der den Stock beißt, mit dem er gezüchtigt wird. Seht Ihr denn nicht, daß der KonsumvercinSvorstand ganz ohnmächtig gegenüber dieser allgemeinen Teuerung ist? Seht Ihr denn nicht, daß der Vorstand noch mehr wie Ihr darunter leiden mutz. daß alle Artikel ständig im Preise steigen? Nein, Ihr wißt es nicht und könnt es schließlich nicht wissen, wie schwer es jetzt dem Einkäufer der Genossenschaft fällt, überhaupt Lebensmittel zu einigermaßen annehmbaren Preisen heranzuschaffen. Und je größer die Genossenschaft ist» desto schwieriger wird rS jetzt beim Einkaufe." Der von uns ausgezeichnete letzte Satz billigt in seinem Ver- folg, wie wir in Nr. 261 schrieben, die falsche Ansicht:„Je kleiner der Kdnsumvereine, desto besser". Zuschriften, die derselben Auf- fassung des hervorgehobenen Satzes in empörten Worten Raum gaben, zeigen, daß unsere Ansicht durchaus zutraf, nach der die Redaktion der„Rundschau" den Lapsus nicht passieren lassen durfte, der dem Genossen Breiter, natürlich gegen seinen Willen, unterlaufen ist. Der Redaktion durfte nicht entgehen, daß der um- strittene Satz so wie wir dargelegt aufgefaßt werden konnte, ja mußte. Der Darlegung des Genossen Breiter, daß er mit uns der Ansicht:„Je größer die Konsumgenossenschaft, desto besser", geben wir aber gern Raum._ Gerichts-Zeitung« Anarchistcnverfolgung. Der verantwortliche Redakteur der anarchistischen Wochenschrift „Der freie Arbeiter", Tapezierer Wolkewitz, hatte sich gestern vor der II. Strafkammer des Landgerichts l wegen angeblicher Auf- fordernng zum Ungehorsam gegen Gesetze, Aufforderung von Sol- datcn zum Ungehorsam gegen die Befehle ihrer Oberen und Auf- reizung verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten gegeneinander zu verantworten. Vier Artikel in zwei Nummern des„Freien Arbeiter" vom 29. Juli und 6. August sind es. in denen die Staatsanwaltscktzift den Tatbestand der genannten straf- baren Handlungen erblickt. Wer die inkriminierten Artikel nicht mit den Augen und den Empfindungen eines preußischen Staats- a nivalis liest, wird sich verwundert fragen, wo denn da eigentlich das Strafwürdige steckt. Die drei Artikel, welche nach der Behauptung der Anklage zum Ungehorsam gegen Gesetze und zu Ge° walttätigkeiten auffordern, sind rein sachliche Darlegungen des bekannten syndikalistischen Standpunktes, wonach als einzig wirk- same Mittel zur Befreiung der Arbeiter aus den Fesseln kapita- listischer Ausbeutung und zur Beseitigung der Klassenherrschaft die direkte Aktion, der Generalstreik, angepriesen werden.— Ein vierter Artikel, von Rodin verfaßt, drückt den Gedanken auS, daß Kriege zu verabscheuen sind und.dadurch am besten verhindert werden könnten, daß sich die Soldaten mit ihren Brüdern im Ar- beitSkittel in jedem Falle solidarisch fühlen.— Wegen dieses Artikels ist Anklage aus§ 112(Aufforderung von Soldaten zum Ungehorsam gegen Befehle ihrer Oberen) erhoben. Vor Eintritt in die Verhandlung beantragte Staatsanwalt Müller den Ausschluß der Oeffentlichkeit. Ter Verteidiger, Rechts- auwalt Dr. Halpert, widersprach dem.— Schon zur Begründung dieses Antrages wurde, dem Verlangen dcS StaatsaMvalts entsprechend, die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Wie wir erfahren haben, begründete der Staatsanwalt den Ausschluß der Oeffentlichkeit mit dem Himveis auf eine mögliche Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit.— Der Ver- teidigcr trat den Ansichten des Staatsanwalts entgegen. Er verwies darauf, daß die Anarchistenprozesse, selbst vor dem Reichs- gericht, bisher immer öffentlich verhandelt worden seien, ohne daß sich irgendeine Gefahr für die Ordnung und Sicherheit bemerkbar gemacht habe. Die öffentliche Verhandlung, namentlich die An- Wesenheit der Presse sei für den Angeklagten immer die sicherste Rechtsgarantie. Darum müsse öffentlich verhandelt werden. Staatsanwalt Müller machte hierauf eine Bemerkung, die daraus schließen läßt, daß es ihm gerade um den Ausschluß der Presse zu tun ist. Er sagte, über einen früheren Prozeß, wo auch ein anarchistischer Redakteur angeklagt war, habe der„Vorwärts" einen Bericht gebracht, worin seine(des StaatsaMvalts) AuS- führungen kurz und entstellt, die Rede des Verteidigers aber aus- führlich und zutreffend wiedergegeben worden sei. Aus dieser irrigen Auffassung, folgerte der Verteidiger, fürchte der Staats- anwalt also weniger eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, wie eine unrichtige Wiedergabe seiner Rede, Er wolle also in seinem eigenen Interesse die Oeffentlichkeit auSge- schlössen wissen. Das Gericht gab dem Antrage des Staatsanwalts statt und schloß die Oeffentlichkeit wegen Gefährdung der öffentlichen Ord- nung und Sicherheit aus. Wie wir weiter erfahren, ließ der Staatsanwalt im Laufe der Verhandlung die Anklage aus 8 112 fallen, weil in dem fraglichen Artikel von Rodin die juristische Voraussetzung, nämlich die Auf- forderung zum Ungehorsam gegen konkrete Befehle an Soldaten, fehlt. Dagegen hielt der Staatsanwalt die Anklage wegen der beiden anderen Delikte aufrecht. Auch der Rodinsche Artikel soll. nach Ansicht des Staatsanwalts, eine allgemeine Aufforderung zum Ungehorsam enthalten, was begründet sei im Hinblick auf die Kriegsgefahr, die zur Zeit der Veröffentlichung des Artikels be- standen habe.— Der Staatsanwalt beantragte ein« Gefängnis- strafe von sechs Monaten. Der Verteidiger beantragte, den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg und den Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter als Zeugen zu laden. Sie sollten bekunden, daß, wie kürzlich im Reichstage festgestellt wurde, wegen der Marokkoasfäre eine Kriegsgefahr überhaupt nicht bestanden habe, da die Regierung, wie der Reichskanzler sagte, nie eine andere Absicht hatte, als die Angelegenheit friedlich gu erledigen. Nicht eine Kriegsgefahr habe bestanden, sorchern eine Kriegshetze der nationalen Parteien. Wenn diese Parteien unge- straft für den Krieg demonstrieren dursten, dann müsse es doch auch gestattet sein, gegen den Krieg und für den Frieden zu de- monstriercn, wie es der Rodinsche Artikel tue.— Ferner beantragte der Verteidiger die Vernehmung des Professors Scmibart darüber, daß unter„direkte Aktion" nicht die Anwendung von Gewalt, sondern der Generalstreik zu verstehen sei.— Im übrigen beantragte der Verteidiger die Freisprechung des Angeklagten. In der öffentlichen Urteilsverkündung führte der Vorsitzende. Landgerichtsrat Gohr aus: Die beiden Eventualanträge der Ver- teidigung seien abgelehnt worden. Was der Reichskanzler und der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter-bekunden sollten, werde als wahr unterstellt. Die Ladung des Professors Sombart sei abgelehnt worden, weil das Gericht dem Generalstreik einen anderen Sinn unterlege wie die Verteidigung.— In Ueberein- stimmung mit der Staatsanwaltschaft halte das Gericht den 8 11.2 in keinem Falle für anwendbar. Den Rvdinschcn Artikel erklärte das Gericht für straffrei. Durch die anderen drei Artikel aber seien die§8 119 und 139 verletzt. In dem ersten Artikel werde gesagt, die Neichen heucheln nur Patriotismus, und den Arbeitern werde nahegelegt, zur direkten Aktion überzugehen, also Gewalt anzu- wenden. Der zweite Artikel fordere ebenfalls zur direkten Aktion auf und sage, die Arbeiter müßten von Solidaritätsstreiks über- gehen zum allgemeinen sozialen Streik, zum Generalstreik. Gc- neralstreiks lassen sich bekanntlich— so wurde verkündet— nicht ohne Anwendung von Gewalt in Szene setzen und wenn es zum Generalstreik kommt, dann geht es nicht ohne Verletzung der Gesetze ab. Aehnliche Gedanken wie die beiden ersten enthalte auch der dritte Artikel. Das Gericht hat deshalb den Angeklagten wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und wegen Auf- reizung zu Gewalttätigkeiten zu einer Geldstrafe von 699 M. verurteilt._ Automobilunfall. Mit der Ablehnung des Borsitzenden und eines Beisitzer» be- gann eine Verhandlung, welche die 3. Strafkammer des Land- gerichts III bis in die späten Abendstunden beschäftigte. Es hau. delte sich um ein gerichtliches Nachspiel zu einem in der Nähe von Werneuchen passierten schweren Automobilunfall, bei welchem mehrere Personen verletzt worden waren. Unter der Anklage der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung war der Chauffeur Karl Elger angeklagt. In dieser Sache stand schon ein- mal Termin an. Der Angeklagte wurde damals zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. In jener Verhandlung war der Geheime Regievungs- und Baurat Vögeler vom Gericht als Sachverständiger geladen worden. Von der Verteidigung wurde s. Z. gegen die Ver- nehmung dieses Sachverständigen protestiert, da er als Beamter der Eisenbahnbehörde, die in dem vorliegenden Falle angegriffen wurde, als befangen anzusehen sei. Das Gericht nahm deshalb auch von der Vernehmung des Sachverständigen Abstand mit der Begründung, daß es für die in Frage kommenden sehr einfachen Dinge selbst sachverständig genug sei. Gegen das Urteil wurde von der Verteidigung Revision eingelegt und-diese damit begründet, daß das Gericht einen formalen Fehler begangen habe, daß es jenen Sachverständigen, der ordnungsmäßig geladen gewesen sei und nach der Strafprozeßordnung'hätte vernommen werden müssen, nicht vernommen habe, obwohl gerade die Verteidigung gegen die Vernehmung s. Z. protestiert hatte. Das Reichsgericht hob das erste Urteil wegen des Formfehlers auf und verwies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurück.— In der Verhandlung trat außer dem Rechtsanwalt Dr. Stöhr, der vom Gericht als Verteidiger zugelassen, Justitiar Dr. Scrini auf, welcher die Interessen einer Stuttgarter Äersicherungs-gesellschaft wahrnehmen sollte, bei welcher die Oryxwerke in Rixdorf gegen Unfälle versichert ivaren. Bei diesen war der Angeklagte s. Z. an- gestellt gewesen. Vor Eintritt in die Verhandlung lehnte Dr. Serini den Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Licbenow und den als Beisitzer fungierenden Landgerichtsrat Hallervorden wegen vorliegender Besorgnis der Befangenheit ab. Diese wurde damit motiviert, daß die genannten Richter in der Revisionsbcgründung angegriffen worden seien. Die beiden abgelehnten Richter er- klärten, daß sie sich durch die im Interesse des Angeklagten ge- schehencn Anariffe ,n keiner Weise befangen fühlen. Das unter Vorsitz des Landgerichtsrats Dr. Lamprecht gebildete Beschluß- gericht kam zu der Entscheidung, daß die Ablehnungsgründe völlig unzureichend seien, um die Besorgnis der Befangenheit zu be- gründen. Der Anklage selbst lag folgender Sachverhalt zugrunde: Am 27. November v. I. unternahm der bei den Oryxwerken angestellte Angeklagte eine Probefahrt mit einem neuen Orhxwagen, in wel- chem der Prokurist Stammer, der Lithograph Kaiser und ein Kaufmann Bartsch Platz genommen hatten. In den Abendstunden, nachdem der Angeklagte etwa 12 Stunden den Wagen geführt hatte, befanden sich die Automobilisten aufder Rückfahrt zwischen Tiefen- see und Werneüchen. Etwa 899 Meter vor dem Bahnhof Wer- neuchen befindet sich ein Bahnübergang, dessen durch Petroleum beleuchtete Schranken geschlossen waren, da gerade der nach Wriezen fällige Zug heranbrcmste. Der Angeklagte, dessen Wagen schlecht leuchtenide Laternen'hatte, achtete nicht auf die Schranken und fuhr in übermäßig schnellem Tempo.weiter. Als er den Zug sah, war es zu spät. Das Automobil durchbrach die Schranke und wurde mit furchtbarer Gewalt von der Lokomotive in den Graben geschleudert. Der Prokurist Stammer, der erst wenige Minute« vorher seinen Platz gewechselt hatte, wurde auf der Stelle getötet. Die übrigen Insassen kamen mit schweren Verletzungen davon.— Vor Gericht machte die Verteidigung geltend, daß der Unfall da- durch entstanden sei, daß die Schranken völlig ungenügend be« leuchtet gewesen seien. Der Sachverständige, Gcheimrat Professor Eauer, bekundete, daß die Schranken nach der Eisenbahnbetriebs- ordming ordnungsmäßig beleuchtet gewesen seien. Diese Bcleuch- tungsart, die nachträglich erheblich verbessert worden sei, ent- spräche zivar der Betriebsordnung, nicht aber den heutigen Ver- kchrsverhältnissen, denn damals, als die Betriebsordnung geschaffen sei, habe man noch keine schnellsabrenden Automobile gekannt.—, Das Gericht erblickte eine Fahrlässigkeit des Angeklagten darin. daß er. dessen Wagen selbst schlecht beleuchtet war, in dem infolge einer Kurve unübersichtlichen Terrain übermäßig schnell gefahren sei, so daß er den Wagen nicht rechtzeitig habe zum Stehen bringen können. Das Urteil kantete dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf 2 Monate Gefängnis. Seid achtsam bei Kautionsverkrägenk Daß der Kautionsschwindcl trotz aller Warnungen immer noch in Blüte steht, brtvicS wieder einmal eine Verhandlung, welche gestern unter Lorsitz des UmtSgeMtZratö Losssu fett SMilleo» «iricht Verlin-Mitt» SeschSstigte. Wege» vetruge» w Mehreren Fällen war der Kaufmann Karl Bartsch angekk�t.— Der Ange» klagte gründete vor einiger Zeit unter Assistenz seiner Ehefrau und eines Kaufmanns Liedtmann eine Gesellschaft mit be- schränTtcr Haftung mit der Firma„Seifenzentrale". Er erließ dann in mehreren Zeitungen Inserate, in denen er kautiansfähige Filialleiterinnen suchte. Es meldeten sich zahlreiche weibliche Per- sonen, welche die Hoffnung hatten, sich mit Hilfe ihrer mühsam erworbenen Ersparnisse eine bescheidene, aber sichere und selbstän- dige Existenz schaffen zu können. Sie wurden auch engagiert und mußten Beträge bis zu 500 M. hinterlegen. Bei dem Abschluß der Verträge wurde von dem Angeklagten stets nur von einer Kaution gesprochen. Schon nach wenigen Tagen merkten die engagierten Personen, daß sie einem Schwindel zum Opfer gefallen waren. Eine der Hereingefallenen mußte wochenlang in einem leeren Laden sitzen, bis ihr der Angeklagte auf ihr Drängen hin Ware lieferte. Aehnlich erging es den übrigen. Als sie schließlich ihre Kaution zurückverlangten, erklärte ihnen der Angeklagte mit höh- Nischen Worten, sie sollten nur ihren Bertrag durchlesen, von einer Kaution sei ihm nichts bekannt. Evst jetzt merkten dt« Geschädig- ten, die sich, wie viele ihresgleichen, den Bertrag nur oberflächlich durchgelesen oder sich mit der Vorlesung durch den Angeklagten begnügt hatten, daß sie sich verpflichtet hatten, für ihre Ersparnisse die Ware selbst zu kaufen. Dieser sorgsam versteckte Passus wurde jedoch durch die Tatsache als Schiebung gekennzeichnet, daß die Betrogenen ihre Einnahmen stets an den Angeklagten hatten ab- liefern müssen und nur SO M. Gehalt bekommen hatten.— Das Gericht kam nach mehrstündiger Verhandlung zu der Verurteilung des Angeklagten, der jede betrügerische Absicht energttch bestritten hatte. Mit Rücksicht auf die außerordentliche Gemeingefährlich- reit derartiger Betrügereien erkannte das Gericht auf 7 Monate Gefängnis bei sofortiger Berhaftung. Ei» diebischer Schutzmann. Der Schutzmann Johann Pietz stand gestern unier der Anklage de? vollendeten und versuchten Diebstahls vor der 7. Strafkammer de» Lanbgertcht» I, Der«ngeklagke, ve» tM Bchrcho Polizeirevier in der Kulmstraße zugeteilt war, hat doet zage- standenermaßen einem Kollegen 140 M. bares Geld und tutt übt entwendet. Als er nach dem Revier in der Kronenstratze versetzt worden war, wurde er dabei ertappt, als er sich nach der Wohnung des Reviervorstandes, Polizeileutnant Heck, geschlichen hatte, in der Absicht, dort einen Ginbruchediebstahl auszuführen. In einem früheren Termin hatte der Verteidiger unter Hinweis auf eine schwere Erkrankung, die der Angeklagte durchgemacht, Zweifel an der geistigen Gesundheit deS Angeklagten angeregt,� der doch hier Taten verübt habe, die man unter normalen Verhältnissen einem Schutzmann doch nicht zutrauen könne. Der um sei» Gutachten angegangene Medizinalrat Dr. Hoffmann hat die? dahin abgegeben, daß der Angeklagte zwar sehr nervös sei, der§ öl aber auf ihn keine Anwendung finde. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu 9 Monaten Gefängnis unter Anrechnung von L Monaten auf die Untersuchungshaft. KwonSeife eine neuartige Hanshaltseife von fabelhafter Waschkraft- Besonders wird man überrascht sein über die absolute Schonung jedes Gewebes, sei es gewöhnliche Wäsche, sei es Wolle, Baumwolle oder Seide. Die Stoffe lausen nicht ein und behalten ihre Weiche und ihre ursprüngliche Farbenschönheit. Dabei ist die Kavon- Seife austerordentlich ausgiebig. 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November verstarb unser Genosse, der Schlosser Karl Stahnke Garlenstr. 68. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. November, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Golgatha-Kirchhoses, Barsusstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 232/20 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungisteile Serjin. Todesanzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, das, unser Mitglied, der Klempner Berdinsnä Remle gestorben ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. November, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle deS Schöneberger Kirch- Hofes am Sachsendamm aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Schlosser Karl LtslinKe am 13. November an Lungen. leiden. Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. November, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des. Äolgatha-Kirch- Hofes in der Barsusstraße aus ' Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 126/6 Die Orteverwaltung. Sozialdemokrat. Wlferein Kreis Wieder-Barnim Bez. Reinickendorf-West. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Genosse Wolter Ssblowsld am Montag an der Proletarier- lranlheit gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS Gemcinde-Friedhoscs in der Humboldtstratze aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 239/3 Die Bezirksleitung. Deutscher Bauarbeiter-Verband. Zweigverein Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Jollann Dierinx (Bezirk Lichtenberg) am 12. November verstorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. November, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des St. Pius-Kirchhoses in Hohen- Schönhausen aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 141/4 Der Vorstand. Deutscher Hofcarheiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Jollann KuIss Wassertorstr. 5, im Alter von 31 Jahren ge- starben ist. Ehre seine« Andenke«! Die Beerdigung findet am Freilag, den 17. November, nachmittags 3 Uhr, aus dem AnstaltS-Kirchhose in EberSwalde statt. Am 12. November starb unser Kollege, der Tischler �IllertLcllrnldtke im Alter von 69 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 16. November, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des St. Markus- Kirchhofes in WilhelmSberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 92/12 Die Ortsverwaltung. Verband der Gemeinde- u. Staatsarbeiter. Filiale Groß-Bei lin. Durch den Tod ist uns miser Kollege \gnaz Woytkowiak entrissen worden. Wir werden ihm ew ehrendes Andenken bewahren. Die Bestallung findet am Frei- tag. den 17. November, nachmittags >/z4 Uhr, von der Leichenhalle der Epiphanien-Gemeinde in Staaken aus statt. 31/17 Die Ortsverwaltung. lleutscber i Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Haus- diener 71/5 kart Kalmaier am 14. November im Alter von 37 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. November, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Auserstehungs. Kirch. Hofes, Weißensee, Lichlenberger Straße, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Vezirtsverwaltung. WMHitamHwi IMiirMltr StCSST Zahlstelle Berlin. Am 9. November 1911 starb unser Mitglied, der Müller friedried Beihl an der Proletarierkrankheit. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sand am 12. November er. aus dem ZionS Kirchhof in Weißensee statt. 44/18 Die Ortsverwaltnng. Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Filiale«s-oL-Boz-Uii. Durch den Tod ist uns unser Mitglied, der Kollege tuliirc Schusterei! von der 30. Revierinspektion der städtische» Gaswerke entrissen worden. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung findet am Freitag, den 17. November, nach. mittags 3'/. Uhr, von der Leichen« Halle der Philippus.Apostel>Ge. meinde, Müllerstr. 43, Ecke See- straße, aus statt. 31/16 Die Ortsvertvaltung. Am 12. November verstarb nach langem, schwerem Leiden, im 19. Lebensjahre, unsere liebe Schwester, Schwägerin und Tante ]Vl»R'te leange. Die trauernde« Geschwister. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. d. M., nach- mittags 3'/4 Uhr, von der Leichen- Halle des Sophien- Kirchhofes, Freienwalderstraße, aus statt. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme beider Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters ICsnI Wendt sagen wir hiermit allen Verwandten und Bekannte» sowie dem Verband der Bauarbeiler Berlins, den arg. Bauaib. der Unterstützungskasse Rix- darf> Britz, dem Soz. Wahlverei» Rixdors, dein Verband der freien Gast- und Schankwirte Deulschlaiids, dem Kraft- und Ringoerei»„Eichen- lrauz". dem Deutschen Raucherbund, dem Rauchklub„Freie Raucher" und dem Sparverein.Freundschaft I* unseren innigsten Dank. Witwe Alma Wendt nebst Angehörigen. Freireligiöse Gemeinde. Am Sonntag, den IS. November» abends 6 OeffcntliclK Versammlung bei Mörner(früher Keller), Koppenstr. iiS. Referent: Herr Prof. Dr. Gurlitt: „Moderne Weltanfchaunng und Kirche." Diskussion.— Nach dem Vortrag:(ieselti�es Beisammensein. Eintritt 10 Pf. 57/8* Der Einberuser: A. Harndt, Pappeiallee 18—17. mm Für die herzliche Teilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Wtadisiaus Saturua sage ich allen Verwandten und Be- kannten sowie dem Sozialdemo- kratischen Wahlverein Rixdors. dem Deutschen Holzarbeiterverband, Zahl- stelle Berlin, der Kolonie.Mai- glöckchen" und dem Siammtisch Müller mewen besten Dank. Witwe Cordula Saturn« Rixdors, Bergstr. 59. Orts-Krankenkasse der Klempner. Donnerstag.»3. November er.. abends 8>/, Uhr. im GewerkschastS. hause, Engeluser 15, Saal 1: Versammluiig der großjährigen Mitglieder unserer Kasse behuss Wahl von 200 Vertreter» sür da» Jahr 1912. Ouittungsbuch legitimiert. Donnerstag. 23. November ct., abends 8'/, Uhr, Köpenicker Str. 100: Vonssrnmlung der Arbeitgeber» welche Beiträge für angemeldete Mit- glieder zu unserer Kasse leisten, behuss Wahl von 100 Vertreter» für das Jahr 1912. Di« Arbeitgeber können sich auch durch ihre GeschästSsührer oder Betriebsbeamte vertreten lassen. 1563b_ Der Vorstand. Berliner irei. (Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haslpslicht.) Am 2. Dezember,-H» abends 8'/, Uhr, Gerichtstraste 23: -------- Ordentliche-------- ßeneral-Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht deS Vorstandes und Aus- sjchtsraleS, Vorlegung der Bilanz und Belchlußfassung über dieselbe. 2. Entlastung deS Borstandes und AnssichlsraleS. 3. Neuwahlen. 4 Statulenänderungen. 5. Anträge und Verschi-dene». Die Bilanz liegt den Mitgliedern im Kontor, Gerichtssttaße 23. zur Einficht auS. 108/18 Der Torntand. A. M i ch a e Iis. P a u l L e n ,. Kiniiltu-»»d Cuaiifliiubrrri von Roberl Meyer,* nur Monüluitn-Ztraße 2. Tankfagung. Für die herzliche Teilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben guten Bater« Wilhelm Bommer sagen wir allen Beteiligten unseren innigsten Dank. I. A.: lohannes Bommer. Für die vielen Beweise -iln herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben, unvergeßlichen Manne» sage ich allen Freunden, Kollegen und Be- kannten meinen herzlichsten Dank. Mioe. Flldili Rkinhoidt. Neu!! Achtung!! Vollblatt, bocbl. Llnksdecker. sicher weiB brennend u. vorzüglich im Geschmack und Oeckkratt, per Pfd. 3,50 und 4 M. Hamburger RohtabakaHaus Filiale: Berlin N.» BrnnnenstraOe 25. Neu II Danksagung. >ie herzliche Teilna Für die herzliche Teilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meine« lieben ManneS Fnediick Abel sage Ich allen Verwandten, Bekannte» und dem Wahlverein meinen besten Dank. 1577b Witwe Adel und Kinder. Orts-Krankenka sse der Schmiede. Sonnabend. 25. November 1911, abend» 8'/. Uhr. bei Fröhltch. MuSkauer Str. 1: _ Ordentliche■ General■Versammlung. 1. Neu- resp. Wiederwahl der ausscheidenden Vorslandsmttglteder aj 1 Arbeitgeber aus 3 Jahre, b) 2 Arbeitnehmer aus 3 Jahre, c) 1 Arbeitnehmer aus 2 Jahre (Ersatzwahl). 2. Wahl der Revisoren zur Ptttsnug der JahreSrechnung 1911. 3. Verschiedenes. 281/5 Der Borstand. Ad Pilgrim, Vorsitzender. Hermann Fischars billigste Sarge llrdaustr. III. früher Rixdors. Tel. Ortsgruppe Oroß-Berllii. Bureau n. Stellennachweis: Ltnienftr. 8. Amt VII 605. Geöffnet vo» 8—6 Uhr. Heute Donnerstag, den 10. November, abends 8'/, Uhr: Allgki». Mitgllebkr-RtchWmIllng in de» Musikerseftsälea. Kaiser-Wilhelm-Ltrafte 18 m. TageS ordnung: 1. Wahl der Revisionskommission. 2. Bericht der am 20. Oktober ge. wählten Kommission. 3. Bericht vom 3. Quartal. 4. VerbaiidSangelegenhcitcn. — Jlitpliodsbuch legitimiert! Zahlreiches Erscheinen der Kollegen erwartet Die OrtSverwaltnug. /takAung! Achtung! Sonnabend, de» SS. November, tu der.Silhambr««» Wallner-Theater-Straße 15- Gi*oßes Rcrbftfcft. Aus dem reichhaltigen Programm heben wir besonders hervor: F»ÜnriteriIcbe3BrOll2erl,t,eitonA Rcrr Kapellmeiftcr Hlbig Rezitation: frU Rardactz und fterr Kubiw Lieder zur Laute- frU 611« Colman Lustspiel, frL Lifa edier. Hußcrdem Große Combola: Damcnpräfentc und = Großer f cftbaU.----- Einirittskartcn k 60 Psennig find im Bureau, Linienstraße 0, DU haben. 45/1&_ Das Berg«agungSt»«ttee. Lerantwortltcher Siedakteur Richard Barttz. Berlia. Für dc« Jnseratentcilvcrantw.l TH. Glocke. Berlin. Drucku-Perlag: Vorwärts Buchdruckerci u. BerlagSaniiait Paul Singer u. Verim SWT ft. 269. K. ZelMvs. filnp des Jimtrls" Kerlimr WIM». Donnerstag, 16. November 1911. Sie Btrltoer Genolfen in der NshI- bewcpng. Fünfter Wahlkreis. »Dle Abrechnung mit dem schwarzblauen Block" Thema eines Vortrages, den Genosse Robert Schmidt am Diens- tag in einer öffentlichen Versammlung hielt, durch welche die Wahl« bewegung im fünften Kreise eingeleitet wurde. In einer großzügigen Betrachtung der gegenwärtigen Situation zeigte der I fluh bewiesen, daß es auch eine Kriegspartei unter den Kamarillen gibt. Je komplizierter aber die Politik und die Weltwirtschaft I wurde, um so mehr muhte es sich zeigen, wie unfähig diese Leute «sind, die Aufgaben zu erfüllen, die ihnen obliegen. Das zeigte sich > namentlich deutlich bei dem Maroklohandel. DaS Stück Kongo > mit seinen Sumpf, und Fiebernestern, das Deutschland erhielt, weil es Frankreich über Ländcrstrecken verfügen läht, über die weder lautete das der eine noch der andere Staat ein Verfügungsrecht hat, ist eigent- lich nichts als ein HehlerlShu. Durch die Aeuherungen Bethinann Hollwegs im Reichstag über die Wahlmache, die die Konservativen mit ihrem patriotischen Gerede betreiben, ist unseren Gegnern ihre beste Waffe aus der Hand geschlagen. Zerrüttung in den Redner, wie der schwarzblaue Block dem Volke nicht nur ungeheure � Kreisen des Regierungsklüngels ist aufs höchste gestiegen, und der -—- p � Beweis von der UnHaltbarkeit des halb abfolutistischen Systems rst klarer denn je erbracht. Eine demokratische Umgestaltung von tiefgehender Art muh die Folge sein.— Nachdem der Redner noch weiterhin die politischen Zustände und die Ereignisse der letzten Zeit geschildert hatte, schloh er mit den Worten� Wrr dürfen uns nie darüber im Unklaren befinden, dah diese Kämpfe der Anfang sind von den gewaltigen Umwälzungen, die in der Folge zu nichts anderem führen können, als zur endlichen Einführung des Sozialis- muS. Unsere nächste und wichligste Aufgabe ist, mtt aller Kraft darauf hinzuwirken, dah endlich einmal auch in Deutschland des Volkes Wille das höchste Gesetz wird. Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Gegner meldeten sich trotz aller Aufforderung nicht zum Wort. Nachdem der Vorsitzende die Genossen und Genossinnen aufgefordert hatte, alle Kräfte in den Dienst der Wahlbewegung zu stellen, schloß die Versammlung mrt Hochrufen auf die Partei. Auf dem Gesundbrunnen, wo eine Versammlung fci Frankes Festsälen, Badstrahe, stattfand, war der Besuch so stark, dah viele Leute wieder umkehren muhten; in beängstigender Enge standen die Besucher beieinander, denn die meisten muhten sich mit Stehplätzen begnügen. Zahlreiche Arbeiterfrauen sah man, die im bloßen Kopf und nur mit einem Tuch um die Schultern aus Steuerlasten aufgebürdet und dadurch die Lebenshaltung der ar bettenden Bevölkerung verschlechtert, sondern auch die Rechte des Volkes geschmälert hat, namentlich durch die Vernichtung der Selbst» Verwaltung in der Reichsversichcrungsordnung. Die mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen klangen dahin aus, daß es gilt, bei den Wahlen Abrechnung zu halten mit dem schwarzblauen Block, damit die Bahn frei wird für günstige Handelsverträge, Ab- wehr der Hochschutzzölle und vor allem Abwehr gegen die Beein- trächtigung der politischen Rechte, die uns droht, wenn die gegen» wärtige Reichstagsmehrheit wiedergewählt würde. Durch die Wahlen mutz die Herrschaft des fchwarzblauen Blocks beseitigt werden. Verdrängen wir ihn aus den Positionen, wo er sich noch sicher fühlt, dann haben wir zugleich einen weiteren Schritt vor- wärts getan zur Erreichung der Ziele unserer Partei. Sechster Äahlkreis. Zu der öffentlichen Versammlung in Puhlmanns Theater, wo der Reichstagsabgeordnete und Kandidat des sechsten Kreises über den Zusammenbruch des junkerlich-bureau» kratischen Regierungssystems sprdch, hatte sich eine außer« ordentlich zahlreiche Menschenmenge eingefunden, so daß auch der äußerste Winkel des großen Saales gedrängt voll war. Gewürzt eS sich im bayerischen Abgeordnetenhause gezeigt hat, es wird ganz sicherlich zur rechten Zeit umfallen. Redner schildert dann die Tätigkeit des jetzt im Sterben liegenden Block-Reichstagcs. Die Differenzen, die jetzt zwischest der Regierung und den bürgerlichen Parteien bestehen, werden nicht lange vorhalten. Auch die klein- lichen Differenzen zwischen den Parteien werden verschwinden, und noch vor den Stichwahlen werden sie sich allesamt mit der Regie- rung zusammenfinden zum Kampfe gegen die Sozialdemokrati-. Wir aber haben dafür zu sorgen, daß wir in vermehrter Zahl in den Reichstag einziehen. Dann wird auch der Zeitpunkt gekommen sein, wo wir einer sozialistischen Entwickelung entgegengehen. Mit voller Aufmerksamkeit hatten die Versammelten in einer überhitzten und schwülen Atmosphäre den stündigen Aus- führungcn des Redners gelauscht und dieselben mit besonderem Beifall quittiert. Da Gegner nicht anwesend waren, wurde eine Diskussion nicht beliebt. Ihre Kampfentschlossenheit brachten die Versammeltest' mit einem begeisternden Hoch auf die Sozialdemo- kratie zum Ausdruck._ Marktpreise von Berlin am 14. November tSIl, nach Ermittelung des König!. Polizeipräsidiums. Marklhallenpreife.(Kleinhandel), 100 Kilogramm Erblen, gelbe, zum Kochen 36,00—50,00. Speisebohnen weihe. 40.00-60.00. Linsen 40,00-80,00. Kartossein 7,00—10,00. 1 Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20— 1,80. Kalbfleisch 1,60—2,40. Hammelfleisch 1,30—2,20. Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 3,80—6,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,40. Aale 1,20—2,80. Zander 1,40—3,60. Hechte 1,20 61« 2,60. Barsche 1,00—2,00. Schlei» 1,40-3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,40-24,00._ «vitterungsüderiia» vom 15. November 1911» mit beißender Satire schilderte Genosse Ledebour die eigen- der Nachbarschaft herbeigeeilt waren und der scharfen Kritik der tümltche politische Lage und ihre Entwickelung, die auf eine all- gegenwärtigen Verhältnisse, die in dem Vortrag des Reichstags- mähliche Zerbröckelung de? junkerlich-bureauiratischcn und halb � abgeordneten Alex K u n tz e- Stettin zum Ausdruck kam, auf- absolutistischen Regimentes hinausläuft. Daß etwas faul ist in' merksam folgten. Nach einem Ueberblick über die gegenwärtige den Kreisen, die die Macht in Händen haben, war ja schon lange � Politik und die jüngsten Neichstagsverhandlungen, erörterte der klar. Bereits vor drei Jahren ging der Krach eigentlich los, und I Redner die Stellung, die die arbeitende Bevölkerung bei den be- Bereits vor drei Jahren ging der Krach eigentlich los, und eS brach sich die Ueberzeugung Bahn, dah das gegenwärtige System unhaltbar war. Aber der Hottentottenblock wurde durch den CchnapSblock abgelöst, und die Wähler der bürgerlichen Parteien muhten erkennen, dah sie sich durch den patriotischen Rummel von 1907 schmählich hatten täuschen lassen. Nun kommen die Leute in Massen zur Sozialdemokratie, als zu der Partei, von der sie über- zeugt sein können, dah st« wirklich die Interessen des Volkes vertritt. Die Nachwahlen im Laufe der nun zu Ende gehenden Legislatur» Periode, die Eroberung von neun neuen Mandaten und der ge- waltige Stimmenzuwachs der Partei sind Beweise für diesen Um- schwung. Alle Versuche der Gegner, aus der gegenwärtigen Situation eine Wahlparole herauszuklauben, mißlingen; je mehr sie in dieser Hinsicht tun, um so tiefer reiten sie sich in den Morast hinein.— Nach diesen einleitenden Worten ging der Redner im einzelnen näher auf die politischen Zustände und die jüngsten Er- eigiiisse im Reichstage ein.— Wenn man in Deutschland von konstitutionellem Leben redet, so ist das im Grunde genommen nichts als Schwindel. Die Volksvertretung ist bei uns eigentlich nichts anderes als ein Diskutierklub. Die Politik wird von den Kamarillen, wovon es verschiedene am Hofe gibt, und von ihren Hintermännern, den junkerlichen und kapitalistischen Interessen- gruppen, gemacht, und der Versuch des Kronprinzen, auf panto- mimischem Wege im Reichstage Einfluß zu üben�hat zum Ueber« vorstehenden Wahlen einzunehmen habe.— Die Antwort, dah die Sozialdemokratie die volle Unterstützung finden müsse, wenn die arbeitende Klasse eine wirkliche Vertretung ihrer Interessen wünsche, fand die allgemein« stürmische Zustimmung der Ver- sammelten.— Zur Diskussion meldete sich nur ein Redner, der im Sinne des Referenten sprach. Unter Hochrufen auf unsere Partei löste sich die Versammlung auf. Auch die Versammlung in der Berliner Bockbrauerei, Chausseestrahe, war überfüllt. Schon eine halbe Stunde vor der i festgesetzten Zeit war der Saal besetzt, und obwohl schon sehr wenig � Tische in ihm waren, wurden die Stuhlreihen immer enger zu- sammengerückt, um den Nachkommenden Platz zu schaffen. Fast die Hälfte der Versammelten muhte mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Genosse Lehmann, Reichstagsabgeordneter für Wiesbaden, leitete seinen Vortrag über den Zusammenbruch des junkerlich- burcaukratischen Regierungssysbems mit einer Schilderung der neuesten Vorkommnisse in der Budgetkommisfion ein. die sich zur« zeit mit dem Marokko- und Kongoabkommen beschäftigt. Die Zu- sammenstöhe der Parteien mit der Regierung lassen eine vor- zeitige 2tuflösung des Reichstags möglich erscheinen. Die bürger- lichen Parteien werden aber voraussichtlich wieder umfallen, ins- besondere wird sich das Zentrum im Reichstage so fest zeigen, wie «tattonen Wetter Swmevid«"65£23■ 4 bedeckt Hamburg>765 WSW 3 bedeckt Btrftr 768 SW 3 bedeckt Krantt a IR 768 6 II bedeckt Äünchen 769 SO 1 4 bedeckt Wien 770 91! 1 wolkig »95 ci* 5» i? Wio «tattonen Haparanoa' 747 SW Petersburg 759 SSO Scillh 752 S Aberdeev Baris 2 Nebel 2 Schnee 4 Nebel ! 753 SSW' 1 bedeckt 766 SSO i 1 heiter Wetter s ti ä H 0 -1 12 11 0 evettrrprognosk inr Donnerstag, den 1k. November 1911. Zunächst ziemlich trübe und regnerisch bei lebbasten südwestlichen Winden, wärmerer Nacht und wenig veränderter TageStemperatur; später wieder langsam ausklarend._ WasiersiaudS.Ra�rickit«» st 4- bedeutet Wuchs,— Fall.— st llaterpegel. �«rnrnrncmmm Unserem langsährigen lieben �9 BorftandsmUgliede Harle Klotaach wie ihrem Gatten sendet zur Silberhochzeit herzlichste u. aufrichtigste Glückivünsche vor»«rein ihr frauoo und Mldchtn der Arbeiterklatee. SSSSSESSS laste. V Glatt undtlank roll. Sie Ihre Wische mit meinen langt, be» i kannten u. bew.ibrlen »„prlnraS"«. Wäsche. f mangeln. Sehr pralt au bequem Volle Garantie|. Dauer hastig. feit u. Leisia, Tisch. mangeln v.M. 19 an ,__ Gestellmangel wir Abbild. M. 95. Preisliste gratla. 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Jeder Zigarellen-Raucher sollte bei seinem Zigarrenhändlcr die der Tnbakarbetter- Genoiseiischaft Sluttgart verlangen. Preislage 2—5 Ps. Hervorragende Oualffälen. Keine MaschlncnarbciL— Sinr organisierte Ztrbetter. Vertretung für Berit» und Brandenburg: Faul Hor«ieh. C igelufer 15. Kugo BeUng Weingroßhandlung n. Likörfabrik 60 eigeie Filialen.' EinzeiverM zu Enpspreisen. I. Ziehung ft IQ. 228. KgLPreoM. Lotterie. Ziehung rora 16. KoTember 1*11, vormlttafn Ab» die Oewiane Uber 140 Merk lind den betretfend«! Nununern in Klammern beigefügt. Die Gewinne falle»» auf die beielohneten Lea« beider Abteilungen. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 23 a«1«e ea» ssa SS tsoo) lost eo xei 260 S4Z fca 669 99 725 85 899 2003 283 479 823[600] 3134 86 226 514 78 11000] 98 646 77 763 92 815[1000] 66 4023 126 80 80 328 60[3000] 66[30001 668 703 83 884 949 5168 220 22 429 654 66 773 889 5056 298 880 681 804 989 7169 98 281 489 668 8024[600] 162 P59 046 742 867 79 900 46 9328 438[1000] 674 693 1Ö075 81 Sil[1000] 810 872 928 82 11043[8000] 253 283 619 98 728 876 92 12063 62 195 224 48 1500] 381 611 28 836 83 018 1*105 88 210 869 470 »67 75 90[10001 614 IT 62 810 48 93 074 1 4224 021 682 711 88 850 83 908 48 64 80[10001 15027 29 40 231 62 1600] 63(600) 308 450 62 634 78 663 89 02 882 80 943 16048 67 289 383 646 63 17040 85 100 [1000] 83[600] 233 81 311 27 674 99 18085 161 270 13000] 427 600 713 807 911 67 1 9063 60 277 468 012 30 64 72 900 3 20335[10001 660 088 2 1 010 237 470»7 670 660 716 857 92 987 2 2433 636 840 726 2 3013 265[10001 361 65 432 740 73 816 965 24125 348 482 612 614 25 87 078 25082 70 396 461 89 865 74 818 60 763 82 845 28190 316 042 60 902 20 2 7163 878 413 604 46 13000) 959 2 9004 876 93 452 539 862 970 2 9044 [1000] 241[1000] 78 86 410 IS 38 809 822 26 80086 210 614 83 867 81 747 61 70 822 919 78 [1000! 3 1 008 16 24 27 85 324 89[1000] 403 12 63 «43 3 2093 116 42 805 64 93 754 33112 08 489 831 «24 81 819 096 3 4020[1000] 44 88 231 348 51 86 73 649 787 35008(30001 64 11t 70 204 304 15 87 731 804 38182[1000] 244 67 572[500] 37 021 133 336 97 «00 665 727 36 11000] 85 1500] 38269 76 324 601 724 «14 23(1000 i 39218 80 302 430[1000] 803 933 40371(6001 647 90 776 818 41429 635 031 42010 242 62 391 420 641 87 709 827(30001 41 43 43170 813 849 4 4048 94 08 133 341 68 451 745 824 [1000] 922 45126 67 92 236 596 674 46121 243 342 08 657 708 76 03 98 808 0 09 13000] 901 47 029 69 197 205 328 593 803 797 051 48103 44 285[80001 815 19 30 04 464 65[1000] 07 74 675 605 716 98 49019 872 407 EBB 698[1000] 740 49 809...... 59153 492 888 95 708 884 904[3000] 80 51184 245 1500! 78 333 64 472 80[500] 84 508 45[600] 67 «18 83 87 786 901 96 52202 22 96 362 431 610 784 53019 419 674 700 946 u6 54107 292 318 453 81 603 67 828(3000) 939 66059 74 278[1000] 90 325 834 74 56004 181 436 559 869 811 81 966 57131 276 427 «12 62 97[1000] 649 1600] 99[600] 777 63U3 241 72 384 430 68(500) 031 81[600] 94 50042[1000] 68 133(1000) 35 51 09[500] 324 707 60 914 60115 220 28 804 41 185 828 90. 4X081 96 119 88 039 639 804 735 840 82016 73 158 68 582 556 774 63042 233 838 660 673 77 719 24 85 810[1000] 964 68 8 4076 117 88 200[10001 318 33 600 740 49 79 65079 168 87 332 7 2 84 613 83 879[500] 88150 270 602 433 588 851 87106 85 26� 832[1000] 674 812 807 2 3 7 2 916 57 6 8 1 83 3 48 6 1 94 474 530 89 683 716[600] 874 979[30001 60028 237 43 80 744 875 «04 IS 70012 99 HB 63 202 393 898[ 600] 7X007... 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Ziehung 8. Kl. 22S. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 15. November 1011, nechmlttag«. Nur die Grwlnne Uber HO Mark Bind den betretenden Nummern in Klammern beigefügt, Sie Gewinne fallen auf die betclctanctcn Losi beider Abtei'ungca (Ohne Gewähr.)!(Necbdruck verboten.] 284 341 68[500] 92 410 74 819 905 33 33 1163 392 421 71 613 63 608 874[500] 999 2115 273 364(16000) 447 623 97 879 717[500] 827 47 3113 60 291 331 37 [1000] 82 641 72 82 4080 103 16 30[500] 62 90 442 683 764 5065 88 105 33 210 70 328 38 94 435 73 77 855 6113 339 430 54 80 5-4 847[3000] 707 48 1600] 883 972 75 99 7184 203 57 378 88 8043 51 107 218 30 481 734 47 870 993 0131 271 397 487 790 818 944 10127 369 76 641 86 11340 827 970 12281 655 608 778 923 26 28 87 13004 274[1000] 319 538 727 45 824 14075 470 601 18 53 832 99 910(30001 15043 114 48 74 289 322 410 63 65(500) 684 780 10036 106[500] 215 410 64 685 778 888 921 17033 72 179 268 363 570 072 35 769 13000) 027 10169 331[500] 64 442[1000] 49 621 600 701 33 894 909 10025 384 [1000] 407 607 640£8 705 926 20C 34 91 830 03[300001 489 801[600] 860[500] 906 61 21021 208 322 606 59 84[600] 708 13 89 821 [500] 907 29 86 86 22121 63 226 442 79 83 562 718 853[3000] 939 23569 017 19 746 60 24180 70[30001 65 239[600] 378 618 93 874 956 28049 84 407 632 714 99 841 48 992 26213 395 419 527 644 27107 249 76 385 630 749 952 20128 220 349 82 480 643 730|600] 838 40 84 07 940 69 2 0037 109 37 303 470 548 790 877 933 48 30017 33 11000] 66 78[600] 271 841 449 75 519 652 382 948 31084 118 378 448 622 828 948[5000] 32108 393 682 704 44 33159[3000] 207 383 449 629 74 811 38 731 45 932 34200 352 04 408 76 690 702 63 808 IT 26 32[1000] 47 77 35231 624 762 85 808 36050 550 703 922 33[500] 78 3 7015 IT 70 230 6 8 03 325 80 427 526 04 857 739 939 68 30008 181 444 761 851 39030 109 264 485 685 720 807 23 938 40304 433 00[3000] 767 872 908 41025 279 347 75 95 641 799[500] 943 42019 28 34 18000] 88 84 203 5 323 459[1000] 648 95 718 62 882 609 87 43122 288 671 803 84 913 4 4029 97 77 98 100 268 882 840 57 4 5081 181[500] 357 60 603 614 778 803 603 4 0002 69 1600] 63(1000) 85 108 237 885 704 59 809 923 33 47085 162 413 677 897 968[500] 83 40763 133 49 86 82 378 662 71 631 33 85 730 81 983 49101(600) 26 220 830 560 74 716 SIT 60 66 880 81 50023 26 130 328 527 638 68[6001 69 838 681 �C�.5ä0«630 81 830 80 931 88 52048 307 465 88 670 730 63103 55 78 229 401 643 759 830 54015 257 «,S�ea7 7r49 82 87 I800' 848 55018 34 198 243 880 429 674(100001 813 50085 223 37 660 92(30001 738 53 73 78 802 ISO«! 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November, im„Lindengarten" statt. Berliner JVadmcbten. Wie die Verteuerung der Kraukeupflege wirkt! Die Krankenhäuser der Stadt Berlin haben während des Etatsjahres 1910(1. April 1910 bis 81. März 1911) im ganzen 59253 Kranke verpflegt, im einzelnen das Krankenhaus Friedrichshain 12 113 Kranke, das Krankenhaus Moabit 11 607, das Krankenhaus Urban 8952, das Virchow- Krankenhaus 21 226, das Krankenhaus Gitschiner Straße 2096, das Kinderkrankenhaus 3259. Gegenüber dem vorhergehenden Jahr, wo im ganzen 55 651 Kranke verpflegt worden waren, ist diesmal ein Mehr von 3602 Kranken zu verzeichnen. Die Zunahme hat in den letzten Jahren unter dem Ein> flutz besonderer Umstände sehr geschwankt. In den sechs Etats jähren 1905 bis 1910 wurden 38 429, 43 960, 51 840, 54 212, 55 651, 59 253 Kranke verpflegt, und das Mehr gegenüber den vorhergehenden Jahren war 790, 5531, 7880, 2372, 1439, 3602. Die Winzigkeit der Zunahme in 1905 erklärte sich hauptsächlich daraus, daß die Krankenhäuser der Stadt, weil nicht rechtzeitig an ihre dringend notwendige Vermehrung herangegangen worden war, längst an der Grenze der Leistungsfähigkeit angelangt waren und wegen ständigen Platz mangels zahlreiche Kranke abweisen mußten. Die Jahre 1906 und 1907 brachten eine plötzliche und ganz autzerordent- liche Steigerung, weil jetzt durch die endliche Eröffnung des Virchow-Krankenhauses. das nach und nach in seinen einzelnen Teilen in Betrieb gesetzt wurde, die Möglichkeit sehr viel zahlreicherer Aufnahmen geschaffen worden war. Nachdem dann in 1903 die Zunahme wieder zu einem normalen Maß gelangt war, trat in 1909 eine weitere Ermäßigung ein, so daß sich ein auffallend geringes Mehr ergab. Warum es In 1909 so gering blieb und erst wieder in 1910 sich steigerte, das sagt der von der Krankenhausdeputation erstattete Jahresbericht für das Etatsjahr 1910, den der Magistat jetzt veröffentlicht hat. Im Vorjahr 1909 war in den Kranken Häusern der Stadt wieder mal der Kurkostensatz er� höht worden, von 2,50 M. pro Tag auf nunmehr 3,00 M. Gegen die erneute Verteuerung der Krankenpflege hatten, wie gegen die frühere, die sozialdemokratischen Stadtverordneten erfolglos Einspruch erhoben. Sie machten geltend, daß da- durch für die minderbemittelte Bevölkerung die Möglichkeit, sich in einem Krankenhaus behandelnzu lassen, beeinträchtigt werde. Daß diese der Volksgesundheit keineswegs förderliche Wirkung tatsächlich eingetreten ist, gibt auch der Jahresbericht über 1910 zu. Wir lesen da über die in 1910 wiedergekehrte Steigerung der Zunahme, sie erkläre sich»daraus, daß die infolge der Erhöhung der Kurkostensätze im Vorjahre beobachtete Verminderung der Aufnahmen von Kassenkranken im Berichtsjahre 1910 zum Still- stand gekommen ist. Für Rechnung von Krankenkassen (einschließlich Berufsgenossenschaften) waren im Vorjahr nur LI 887 Personen aus Berlin aufgenommen worden, im Be- richtsjahr dagegen belicf sich die Zahl dieser Aufnahmen auf 25 636: Das Plus betrug hier allein 3749, es wurde aber zum Teil wett gemacht durch ein Minus bei anderen Auf' nahmegruppen. so daß das Gcsamtplus sich, wie oben an gegeben, auf 3602 stellte. Unter den Gruppen, für die keine Mehrung eingetreten ist, verdienen besondere Beachtung die»Vorschußzahler", die auf eigene Kosten behandelt werden. Absehen wollen wir. wie bei den Kassenmitgliedern, so auch bei den Vorschuß- zahlern von den auswärts wohnenden Kranken, deren Zahl in den Krankenhäusern der Stadt Berlin sich immer weiter verringert hat, weil ihnen die Aufnahme immer mehr erschwert worden ist. Bei den in Berlin wohnenden Vorschußzahlern war von 1903 zu 1909 eine Minderung der Ausnahmen von 2531 auf nur noch 2254 eingetreten, zweifellos infolge der Erhöhung des Kurkostensatzes. Hier ist es auch in 1910 noch nicht wieder zu einer Mehrung gekommen: es wurden auch diesmal nur 2252 Vorschußzahler aufgenommen. Neben diese Tatsache halte man die andere, daß die große Gruppe der Auf- nahmen für Rechnung der Armendirektion, die von 1908 zu 1909 plötzlich von 22 854 auf 27 162 gestiegen war. in 1910 sich weiter auf 27 225 gesteigert hat. Im besonderen hat in dieser Gruppe die Zahl der auf eigene Meldung Auf- genonimenen, d. h. derjenigen, die nicht Kassenkranke sind und auch nicht sogleich selber zahlen und daher als Pfleglinge der Armendirektion gelten, sich in den letzten drei Jahren auf 10387, 13385, 15 650 gestellt. Hier ist also die Zunahme »wch fortgeschritten. So hat die Erhöhung des Kurko st ensatzes oewirktl Diese Bewachtung über die Verteuerung der Krankenpflege ergänzt die andere, die wir in unserer Sonntags- nummer über die Erhöhung des Kurkostensatzes der Heim- statten unö die dadurch bewirkte Verteuerung der Genesenden- pflege anstellten. Unter den Folgen dieser allen Forderungen der Sozialhygiene ins Gesicht schlagenden Verteuerungspolitik der vom Freisinn beherrschten Berliner Stadtverwaltung leiden nicht nur Arbeiter, die ein nicht bei einer Krankenkasse versichertes Familienmitglied in ein Krankenhaus geben möchten. In gleichem Falle müssen das ebenso auch die kleinen Beamten spüren und mehr noch die selbständigen kleinen Gewerbetreibenden, die oft auch selber in keiner Krankenkasse sind. Plötzliche Masscnentlassungcn von Angestellten sind im Sport- Palast ,n der PolSdamerstratze erfolgt. Gegen 120 Angestellte haben die schristuche Mitteilung erhalten, daß sie mit dem 15. November enUaflen find. ES find dies sämtliche Sislüiistler. Eislauflehrer und Bedienstete des EiSbahnbelriebes. der seit drei Tagen eingestellt ist. da jetzt im Innern des Sportpalastes«ine Radrennbahn errichtet wird, auf der am Sonnabend die ersten Rennen stattfinden sollen. IIn den Briefen wird den begreiflicherweise auf da» peinlichste über- raschten Angestellten verkündet, daß die Sislaufsaison geschloffen sei, daß ober die Angestellten„aus besonderem Entgegenkommen" ihre Gage bis zum 15. d. M. erhalten und an der Kaste abholen könnten. In den mit allen diesen Angestellten abgeschtossenen Ber- trägen heißt es ausdrücklich, daß sie für die Eislaufiaison 1V11-1S12 engagiert seien. Für den Fall des KontraktbruchS sind Konventional- strafen festgesetzt. Die Angestellten sind der Ansicht, daß seitens der Direktion des Unternehmens ein glatter Kontraktbruch vorliege, da die Fälle, für die eine plötzliche Vertragsauflösung stipuliert ist, auf die jetzige Situation des Unternehmens nicht zutreffen. Große Heiterkeit erregte e» gestern, als nach der Rekruten- Vereidigung im Lustgarten die Franzer mit klingendem Spiel die Grünstraße entlang zogen. Hinter dem Militär fuhr nämlich ein Wagen der Reichsschuldenverwaltung einher. An ein Ausweichen war nicht zu denken und die Insassen de» Wagens mußte»«t» dem Publikw» manchen Witz anhören. Effenbahnbeschwerden werden uns von Arbeitern unterbreitet, die in Oberschöneweide arbeiten, aber in Pankow wohnen. Ein Arbeiter schreibt uns: Ich bin in Echöneweide beschäftigt und habe all 14 Tage RachmittagSschicht von 3 bis 12 Uhr nacht». 12.27 nachts fahre ich von Schöneweide mit dem Charlottenburger Zug ab nach Stralau-Rummelsburg, um den Nordring nach dem Gesundbrunnen zu benutzen. Ankunft 12.43, Abfahrt 12.45. Jetzt beginnt die Leidensfahrt. Fahrplanmäßig soll dieser Nord« ringzug 1.05 auf dem Bahnhos Gesundbrunnen sein. Nur dann, wenn er pünktlich einfährt, ist eS knapp möglich, noch in aller Eile den 1.06 nach Pankow fahrenden Tegeler Zug zu erreichen. Aber nur in ganz seltenen Fällen geschieht das. Der Stadtring kommt mit 2, 3. auch 5 Minuten Verspätung an, und so erreiche ich den Zug nicht mehr. ES kommt auch vor, daß der bis Stralau fahrende Zug fich verspätet. Von 28 Fahrten konnte ich nur in drei Fällen den Anschluß erreichen und die Strecke, für die ich bezahlt habe, abfahren. Um nun nach Hause zu kommen, mußte ich mit der Siemensbahn fahren und für jede Fahrt natürlich bezahlen, obgleich ich meine Eisenbahnkarte bezahlt hatte. Eine«enderung wäre möglich, wenn der Tegeler Zug einige Minuten später vom Stettiner Bahnhof abgelaffen würde. TodeSsturz eines Flieger». Nachdem die deutsche Aviatik erst vor kurzer Zeit durch den TodeSsturz Engelhard» einen schweren Verlust erlitten, hat fie am gestrigen Mittwoch wieder ein neue? Opfer zu verzeichnen. Alfred Pietschker, der Sieger der letzten Johannisthaler Flugwoche, stürzte gestern morgen 8 Uhr 45 Minuten bei einem Versuch, einen neuen, von ihm selbst konstruierten Eindecker auszuprobieren, aus einer Höhe von 25 Metern ab und war sofort tot. lieber den Unfall, der unter den Johannisthalern Fliegern größte Bestürzung hervor- gerufen hat, erfahren wir folgende Einzelheiten: Alfred Pietschker hatte sich vor einiger Zeit der Aviatik zu- gewandt, in der Absicht, einen neuen, von ihm konstruierten Ein« decker auszuprobieren. Die Maschine wurde bei den Albatroswerken erbaut und stand bereits seit mehreren Tagen im Schuppen fertig da. Gestern morgen gegen B'A Uhr ließ Pietschker den Monoplan aus dem Schuppen herausziehen. Der Eindecker gleicht im Ausbau und in der Form der Tragflächen ungefähr der Taube, ist aber etwas höher aufgesetzt als das Rumpler-Flugzeug. Eine besondere Neuheit war die, daß Pietschker die Tragflächen ihrer vollen Länge nach beliebig krümmen oder strecken konnte, um der Maschine ein schnelleres Aufsteigen und in der Luft schnellere Fahrt zu ermög- lichen. Pietschker. der seinen Doppeldecker mit bekannter Meister- schaft steuerte, hatte diesen Eindecker noch niemals praktisch aus- probiert und es wurde ihm von feiten der AlbatroSwerke dringend geraten, zunächst nur Rollversuche und kurze Sprünge zu machen, um sich mit dem Eindecker erst vertraut zu machen. Der Flieger achtete jedoch leider der berechtigten Warnungen nicht, sondern stieg gleich vom Start au» um 8 Uhr 30 Minuten früh steil in die Luft empor. ES lag noch dichter Nebel über dem Platz, so daß man den Apparat, der mit einem 70 pferdigen Gnommotor montiert worden war, bald aus den Augen verlor. Nur aus dem gleichmäßigen Surren de? Gnom konnte man darauf schließen, daß alles in Orb- nung sei. Etwa 10 Minuten lang mochte Pietschker geflogen sein, als ihn sein Schicksal ereilte. Auf der Seite der großen Tribüne, nicht weit von der Stelle, wo auch Engelhard seinen Tod fand, sah man plötzlich den großen Eindecker jäh zu Boden schießen. Ein lautes Krachen ertönte, dann wurde alles still. Zwei Angestellte des Flugplatzes, die sich in der Nähe befanden, und mehrere Mecha- niker der Albatroswerke eilten sofort an die Unfallstättc. Der Ein- decker bildete einen wüsten Trümmerhaufen. Das Untergestell war vollständig zerbrochen, die Tragflächen umgeknickt. Der Aeroplan war aus einer Höhe won 25 Metern mit dem Motor nach vorn senkrecht zu Boden gesaust, denn die Schraube hatte sich in das Erdreich eingewühlt und die Stirnseite deL GnomS war voller Schmutz und Erde. Da» BerbindungSgestell zlvischen den Trag- flächen und der Steuerung war halb geknickt und ragte in die Luft. Pietschker lag vier Meter von seinem Apparat entfernt. AIS ihn die Mechaniker und der Leiter der Pilotgesellschaft in das Automobil hoben, gab er noch schwache Lebenszeichen von sich, verstarb jedoch bereits auf dem Wege zu dem Johannisthaler Arzt Dr. Dietrich. der Genickbruch und innere Verletzungen konstatierte. Ueber dem linken Auge sah man eine kleine Schramme, die einzige äußere Wunde, die der Verunglückte aufwies. Die Leiche Pietschkers wurde einstweilen bei dem oben erwähnten Arzt aufgebahrt und wird von den Angehörigen nach Potsdam übergeführt werden. Ueber den Todessturz PietschkerZ gibt ein Telephonist des Flugplatzes, der sich nur etwa 20 Meter von der Unfallstelle ent- fernt befand, folgende Darstellung: Als Pietschker von der Waldseite her herumkam, beschrieb er eine äußerst gefährliche enge Kurve. Der Apparat lag in einem Winkel von etwa 60 Grad in der Kurve und es schien mir un- vermeidlich, daß der Sturz eintreten müsse. Ich konnte bemerke». daß Pietschker die größten Anstrengungen machte, um den Apparat wieder aufzurichten, denn es war deutlich zu erkennen, daß er die Verwindung heftig betätigte. Für einen Augenblick schien eS so, als wolle sich das Flugzeug auch tatsächlich wieder aufrichten, doch machte oer Eindecker aus der Höhe der Hügeltribüne plötzlich eine zweite, fast rechtwinklige Kurve und glitt seitlich auS etwa 25 bis 30 Meter Höhe ab. Pietschker blieb bis zum letzten Augenblick in der Maschine. Erst nach dem Aufprallen wurde er in weitem Bogen auf das Feld geschleudert und blieb sofort regungslos liegen. Kurz vor dem Sturz hörte der Motor auf zu arbeiten. Ob Pietschker ihn in Erkenntnis der Gefahr, in der er schwebte, selbst abgestellt hat, ist noch nicht festgestellt.— Eine ähnliche Darstellung gibt auch die Albatros-Gesellschaft, die den Sturz darauf zurückführt, daß der Eindecker dem Steuer und der Verwindung nicht mehr gehorchte Und daß«vor allen Dingen im entscheidenden Augenblick der Motor aussetzte. Zwei mutmaßliche Kindcrmorde beschäftigen die hiesige Kriminal- Polizei. Als Dienstag abend gegen 7% Uhr eine Frau aus dem Hinterhause Philippstr. 20 einholen ging und über den Hof des Grundstückes kam. fand sie dort in der Näh« de» Torweges die Leiche eines neugeborenen Knaben, die ganz unverhüllt war. Sie meldete den Fund der Hansverwalterin, die dann der Revierpotizei Anzeige machte. Diese beschlagnahmte die Nein« Leich« und tteß sie nach dem Schauhause bringen. Der Knabe war dem Befunde nach erst kurz vorher geboren und ist wahrscheinlich gleich nach der Geburt getötet worden. Denn am Halse zeigen fich zu beiden Seiten dunkle Flecke, wahrscheinlich Druckflecke, die darauf Ichließen lassen, daß das Kind erwürgt worden ist. Die Mutter ist vermutlich eine Frau, die nach den Beobachtungen der PförwerSsxau kurz vor dem Auffinden der Leiche mit einer offenen Droschke vor dem Hause vorgefahren kam und in den Torweg hineinging. ES ist eine etwa 30 Jahre alte, ziemlich beleibte Frau.— Auf dem Gör» litzer Bahnhof fand ein Müllkutscher, der dort ausräumte, in. einem Behälter die Leiche eines neugeborenen Mädchens, die bei vorläufiger Besichtigung leine Spuren äußerer Verletzung aufwies. Sie War in weiße Leinwand ohne Zeichen eingewickelt. Da« Luftschiff„Tchwaien" hat tn letzter Zeit wiederholt größer« Paffagiersahrten ausgeführt. In der vorigen Woche ist der Krön« prinz mit aufgeflogen, am Dienstag der Reichskanzler v. Bethmam» Hollweg und gestern war der Berliner Polizeipräsident Herr v. Jagow an Bord, um sich die Lustwege anzuschauen. Eine alte Unsitte, die schon oft in den Zeitungen gerügt worden ist, hat am Dienstag wieder einem Kinde das Leben gekostet. Wen» auf dem Güterbahnhof in der Fruchtstraße Heu oder Stroh verladen wird, so pflege» die Kinder auS der Nachbarschaft an die Wagen auch während der Fahrt heranzudrängen, um Halme au» der Ladung herauszuziehen. So geschah es auch Dienstag nachmittag um 514 Uhr wieder, als ein beladencr Heuwagen der Berliner Mörtclwerle vom Bahnhof kommend durch die benachbarte Münchc- berger Straße fuhr. Acht Kinder, die dort spielten, liefen zu gleicher Zeit, ohne daß der Kutscher es sah, an den Wagen heran und mit ihm an einer Seite nebenher. Hierbei stieß nun ein Junge den 5)4 Jahre alten Sohn Georg des Arbeiter? Höhne aus der Müncheberger Straße 13 so unglücklich, daß er hinfiel und ihm das rechte Hinterrad des schweren Wagens über den Kopf ging. Als die Kinder laut auffchrien, hielt der Kutscher, aber da» Un, glück war geschehen. Der Vater des verunglückten Knaben wurde herbeigerufen und trug ihn nach der Wohnung herauf. Als er dort ankam, war er aber schon tot. Die Leiche wurde beschlag- nahmt. Den Kutscher trifft keine Schuld. Zu dem Postraud in der Winterfeldtstraße wird berichtet, daß der Verhaftete Georg Treptow in der Schwedenstraße 14 gewohnt hat und daß gestern auch der„Fri�" ermittelt wurde i» der Person des 46 Jahre alten Formers Friedrich Heidenreich aus der ProSkauer Straße. Dieser bestreitet aber entschieden, der Verführer zu sein, behauptet vielmehr, daß Treptow den Plan ausgeheckt habe. ES wird berichtet, daß Treptow seiner Wirttn erzählt habe, er streike und erhalte wöchentlich 6 M. Unterstützung. Erkundigungen über die Person Treptows, die wir eingezogen haben, gehen dahin, daß Treptow nicht zu den Streilende« gehörte und demnach seiner Wirtin etwas vorgeflunkert hat, wenn er wirklich erzählt haben sollte, er gehöre zu den Streikenden. In der Liste der streikenden Former und Gießereiarbeiter ist ein Karl Treptow angeführt, der verheiratet ist und in geordneten Verhältnissen lebt. Dieser wohnt in der Oudenarder Straße. Um Verwechselungen vorzubeugen, stellen wir fest, daß dieser Treptow sich am Miltwochvormittag wie gewöhnlich zur Streikkontrolle ge» meldet hat und mit dem Verhafteten nichts zu tun hat. Vor der Herberge �verhaftet wurde gestern morgen einer der russisch-polnischen Räuber, die vor einigen Wochen einen Landsmann verschleppten, beraubten und schwer mißhandelten. Wie damals berichtet wurde, machten sich an den Schnitter Tomczyk, der sich auf der Durchreise nach der Heimat in Berlin aufhielt, mehrere Lands- leute heran, die ihm Arbeit versprachen. Sie erzählten ihm, sie hätten lohnende Beschäftigung für ihn auf einer Ziegelei in Fürsten- walde. Er solle deshalb lieber nicht nach Haute sahnen, sondern hier bleiben und gleich mit ihnen nach der Arbeitsstelle gehen. Tomczyk war damit einverstanden und schloß sich den Landsleuten an, ohne zu ahnen, daß er einer Räuberbande in die Hände ge« fallen war. In der Forst in der Nähe von Fürstenwalde fielen seine Begleiter plötzlich über den Ahnungslosen her, raubten ihm Uhr mit Kette und Barschaft und verletzten ihn durch einen Messer» stich in den Kopf so schwer, daß er nach dem Fürstenwalder Kranken» hause gebracht werden mußte. Dort ist er jetzt wieder hergestellt. Unterdessen erfuhr die Kriminalpolizei, daß die geraubte Uhr in Berlin verkauft worden war. Bei den Nachforschungen nach dem Verkäufer stieß sie auf einen angeblichen Arbeiter Joseph Bernhard, der den Spitznamen.Kotelettenfranz" führt. Gestern morgen ermittelten Beamte diesen vor einer Herberge und nahmen ihn fest. Der Verhaftete mußte bekennen, daß er die Uhr verkauft hatte, sah sich überführt und legte dann auch das Geständnis ab, daß er bei dein Raub beieiligi war. Er wurde sofort dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Wie er eigentlich heißt, steht noch nicht fest, er nennt sich jetzt Kuscha. In Berlin nannte er sich stetS Bernhard. Er ist schon wiederholt bestraft und lebte schon seit langer Zeit nur von der Ausplünderung seiner Landsleute. Krankheit und Arbeitsunfähigkeit haben den 41 Jahr« alten Tischler Otto Franz auS der Birkenstraße 30 in den Tod getrieben. Der Mann, der seit 7 Jahren verheiratet und Vater eines Sohne» war, litt seit 6 Jahren an einer Leberkrankheit. Diese war ihm in der letzten Zeit bei der Arbeit so hinderlich, daß er immer nach kurzer Zeit wieder aufhören und seine Stellung wechseln mußte. So ging eS ihm auch jetzt wieder in einer Ptanofortefabrik in der Gneisenaustraße, wo er seit acht Tagen arbeitete. Sein Mißgeschick trieb ihn endlich zur Verzweiflung. Als er sich vorgestern morgen von seiner Frau verabschiedete, tat er so. als wenn er noch zur Arbeit gegangen wäre. Die Fra» ging dann auch weg. Bei ihrer Rückkehr fand sie da» Portemonnaie und die Schlüssel rhre» Manne» auf dem Tische liegend. Nicht» GuieS ahnend suchte sie nach dem Vermißten, fand ihn aber nicht. Erst gestern fand sie ihn aus dem Boden des Hauses tot wieder. Dort hatte er sich erhängt. In großer Gefahr schwebten gestern früh drei Personen und mehrere Straßenpassanten sowie Fahrgäste eines Straßenbahnwagen» in der Schönhauser Allee 10/11. Dort wollte ein Kutscher mit einem hochbeladenen Henwagen den steilen Eingang zur Brauerei König- stadt forcieren. Die Pferde zogen aber nicht recht an. Der Wagen rollte etwa» zurück und wurde von einem gerade passierenden Straßenbahnwagen mit dem Vorderperron erfaßt. Der Heuwagen tippte um, wobei der Bauin über dcr Ladung fortschnellte. Drei Perkonen wurden unter dem Heuwagen begraben. Zwei konnten sich mit Hilfe von Straßenpassanten und Arbeitern der Brauerei unter dem Heuwaaen bald emporarbeiten. Sie hatten nur leichte Verletzungen und Quetschungen erlitten. Der dritte, ein fünfzehn- jähriger Knabe Fritz Konrad, hatte einen Knöchelbruch davongetragen. Er wurde von der Feuerwehr hervorgeholt und nach dem Kranken» Hanse am Friedrichshain gebracht. Vertauscht wurde bei dem am Sonnabend in Kliem» Festsälea stattgefundenen UnterhaltunaSabend de» zweiten Kreises ein brauner Sommerüberzieher. Es wird gebeten, denselben bei Klientz Hasen« Heide 15, abzugeben.__ Vorort-JVacb Hebten. Lichtenberg. Das Schuldbewußtsein der RathauSmehrheit kommt in deren verlegenem Schweigen zum Ausdruck. Früher traten die Leute vor 1»�«. dl» 8 Uhr abend» statt. Jcver für den Brirslaften bestimmten Ansrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkjetchr» beizufiige». Briefliche Slntivvct Ivird nicht erteilt. SInfrage», denen leine AboiiiilmcntSquiiinng hcigefstgt ist, werde» nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der svrechstnnde vor. Nummer 187». Eine Vorschrift besteht nicht. Kanzleipapicr, die Bozen ineinander gelegt.— F. W. IV. Poststr. 16. Stistungsdeputation des Magistrats.— M. K. KI und Harzerstr. 83. Die Frau darf nicht älter wie 30 Jahre sein. Meldungen beim Kreisarzt. Lehrzeit 6 Monate. Kosten etwa 300 M. Wartezeit nach der Meldung an 3 Jahre.— Wünsch 27. Diese sachtechnischen Ausführungen können wir nicht im Briefkasten machen. Wenden Sie sich an den Techniker Genossen Woldt, Elbinger Sir. 83.— A. M. 18. Uns ist eine solche Verbindu"? nicht bekannt. Vielleicht erreiche» Sie Jbrcn Zweck auf Anfrage bei der"franz. Kolonie. Siehe Adrcfjbiich.— Rixdors 48. Buchhandlung Vorwärts, Lindeuitr. 69. oder Ihr Spediteur.— I. St. Nr. 52. Schlagen Sie doch bitte das Berliner Adreßbuch, Teil II, auf.— Sl. Miles, Bremer- havci». In Charlotteuburg.— K.®. 6C(i. Wenden Sie fich an das Bureau der Seeleute, Engeluser 21.— H. Eorell. Dazu reicht unser Briefkasten nicht au».— F. Mastke. Jeden Freitag, abend'1,9 Uhr, bei Bluine, Ait-Boxhagen 56.— E. M. 567. 1. Ja. 2. und 3. Rein. - F. B. 100. 1. Ja. 2, An gegnerischen Aiiwalistosten 12 Bis 15 M. 3. und 4. Eine Verpflichtung zur Gewährung von Ziatenzahlungen besteht weder für den Gläubiger, noch sür den Anwalt, noch sür das Gericht. Es können aber NatenzahluiiiZen zugebilligt werden.— H. 5. Sie bleibe» hastbar. Der Vermieter rst nicht einmal verpflichtet, den Käufer in den Räumen zu dulden.— Pleitcgeicr. 1. und 2. In allen Fälle» kann Ihre Ehefrau iiilerveniercu.— K. 2. T. 0. Wir halten den Wirt für schadcncrfafzpflichlfg.— E. F. 137. Rein.— P H. II. Spätestens am 16. Dezember.— A. St. 90. Nein. Sie sind aber nicht verpflichtet, die Anbringung zu dulden.— W. L. I. 1. Drei Monate. 2. Ja. falls beide Parteien im selben Ort wohnen. 3. Nein.— E. B. 32. Allmonatlich derart, daß der Vermieier fpätefteiiS ani 16. tm Besitz der Kündigung ist, mit Wiriung zum 1. loinmeudeii Monats.— L. E. Ja. Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u, Co., Berlin SVV* Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Ätz. Glocke, Berlin. Druck u, Verlag: Vorwärts