Nr. 278. übMiMiMiitS'Bedlnganseii: IlbonneniknIS- Preis pränumrr«i BieneljShrl. 8£0 Mr., monall. 1,10 SKf, wSchenlIich 28 Pf«, frei ins H-u». Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- nunimer mil illuflrierler Sonntags. Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Posf. vbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingelragen in die Post. Zeilung». Preislifle. Unter Kreuzband für Deulfchland und Oeslerreich. Ungarn L Mark, für das übrige iiusland 3 Marl pro Monal. VostabonnemenlS nehmen an: Belgien. Diinemart, äolland. Italien. Luxemburg. Portugal. ' neu. Echweden und die Schweiz, 28. Jahrg. Sie fnftrflons'Gtbllbr »«trügt für die fechsgetpallen» Kolonet- zeile«der deren Raum« Pfg., für »olitilche und g-wertschaftliche Vereins- «nd Verfanuniungs-ilnzeigen 30 Pfg. .Klein« Unielgen", das fettgedructie «ort 20 Pig.(zulSlftg 2 tettgedru-lte Vörie), jedes weitere Wort 10 Pfg. etellengeiuch» und Schlafstellen tm- zeigen das erlle Wort 10 Pfg., jedes «eitere Wort» Pfg. Sorte über lb Buch- staben zühlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis G Uhr nachmittag« in der Erdedition »»gegeben werden. Die Expeditton ist bis 7 Uhr abend»»eöfsiiet, ««tili, lilgll« auStr mtotitt. Derlinev Volksblakk. Zcntralorgan der fozialdcmohratt Tchcn Partei Deutfcblatids. relegramm• tldress«! aSozlildctgsknt IttU»". R.cdahtlon: 8 LI. 68, Lindenetrasee 69« Fernsprecher: Amt Moriypiatz, Nr. ütt«Z. Dienstag, den 28. November IvlUL. Expedition: SM. 68, I.indcnsti'asse 69. Fernsprecher: Ami Moriiiplatz. Nr» Nilhelm?fan»liuch. Am 23. November feiert wieder einer der Alten der Partei seinen Ehrentag. In erfreulicher körperlicher und geistiger Frische begeht Genosse Wilhelm Pfannkuch seinen siebzigsten Geburtstag, an dem er auf fast ein halbes Jahr- hundert eifriger und erfolgreicher Parteiarbeit zurückblicken darf. Gehört Pfannkuch auch zu denjenigen Mitgliedern der! Partei, deren Tätigkeit nach außen hin weniger hervortrat, so weiß doch die Partei seine unermüdliche agitatorische und organisatorische Arbeit nicht minder zu schätzen. Genosse Pfannkuch zählt zu den nur noch sehr spärlich■ verstreuten Veteranen der Partei, denen vergönnt war. den größten Agitator der Sozialdemokratie. Ferdinand Lassalle. persönlich zu hören. Als Pfannkuch in seiner Vaterstadt Kassel das Tischlerhandwerk erlernt hatte, duldete es den geistig Reg- samen nicht lange in der philiströsen Atmosphäre der kurfürst- lichen Residenz. Als Neunzehnjähriger ging er in die Fremde und bald kam er nach Berlin. Ivo er drei Jahre lang arbeitete. Im Winter 1362/68 hörte er die Vorträge von Schulze-Delitzsch, deren Inhalt in der Broschüre„Kapital und Arbeit" nieder- gelegt ist. Aber die sozialen Rezepte des Fortschrittsapostels. die als Allheilmittel Sparen, Konsumvereine und Kredit- genossenschaften empfahlen, vermochten dem jungen Prole- tarier, der das Vordringen des Kapitalismus offenen Blickes beobachtete, nicht zu imponieren. Ganz anders zündete bei ihm die Lehre Ferdinand Lassalles. Dessen Darlegungen über die Natur des Kapitalgewinns, des Unternehmerprofits und! deS Arbeitslohnes packten ihn wie eine Offenbarung.„Mein Tag von Damaskus war gekommen, ich wußte, welchen Weg ich fürderhin zu wandeln hatte. Der letzte Rest von Achtung, den ich bis dahin den Bestrebungen der Fortschrittler gezollt hatte, fasziniert durch den Verfassungskonslikt in Preußen. ging verloren, als ich Zeuge wurde der infamen Insulten, die Lassalle in einer Versammlung im Admiralsgartcn von den Fortschrittlern zugefügt wurden." Nachdem Pfannkuch sich sieben Jahre in der Fremde umgetan hatte, trieb ihn die Liebe zur bergwaldumrauschten Heimatstadt um die Jahreswende 1866/67 wieder nach Kassel zurück. Auch über seine kurhessische Heimat war inzwischen der Sturm der Geschichte hinweggegangen. Der letzte der kurhcssischen Duodezdespoten war bei dem preußisch- öfter- reichischen Konflikt so unbesonnen gewesen, sich aus die Seite Oesterreichs zu neigen. Die Annexionserklärung Kurhessens war die prompte Antwort des preußischen Königs, und der depossedierte Landesvater verschwand von der Bildfläche, nachdem er vorher sein Hausvermögen, an dem Schweiß und Blut so vieler Landeskinder klebte, vorher in Sicherheit gebracht hatte. Die Arbeiterbewegung lag in der borussifizierten kur- hessischen Residenz damals noch in den Windeln. Wohl existierte ein Häuflein von Arbeitern, das bereit war, sich den: vier Jahre zuvor gegründeten Allgemeinen Deutschen Ar- beiterverein anzuschließen, allein die Zahl dieser Klassen- bewußten war noch sehr gering. Ein sogenannter Arbeiter- bildungsverein, in dem die Kasseler Arbeiter ihre geistigen Bedürfnisse zu befriedigen suchten, stand unter der Leitung eines Pfarrers und eines Literaten, und war schon durch die statutarische Bestimmung, die die Erörterung sozialer und politischer Probleme verpönte, hinlänglich als Versimpelungs- institut gekennzeichnet. Den gerade deshalb vorhandenen Drang der Arbeiterschaft nach politischer Betätigung suchte ein alter Acktnndvierziger und Kanlönlipatriot. ein Buchhändler seines äeichens, dadurch in seine Segel einznfangen, daß er die ründung einer„Hessischen Volkspartei" mit partikularistisch- demokratischen Bestrebungen betrieb. Hier nun konnte Pfannkuch die in der Frenide erworbene politische Aufklärung fruchtbringend nützen. In jener Versammlung,>vo das Kind klein- und pfahlbürgerlicher Konsusion aus der Taufe gehoben werden sollte, setzte Pfannkuch durch sein energisches Ein- greifen eine mit großer Mehrheit angenommene Resolution durch, die zum Anschluß an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufforderte. Damit war Pfannkuch zugleich die Führerschaft der einsetzenden Kasseler Arbeiterbewegung zugefallen. Ein Vierteljahrhundert lang stand von nun ab Pfannkuch in der vordersten Reihe der Arbeiterbewegung der neugeschaffenen Provinz Hessen-Nassau. Das schlichte Heldentum seiner Partei- und Kulturarbeit gleicht aufs Haar der ver- dienstlichen Pionierarbeit, die in den verschiedensten Teilen Deutschlands von so vielen Gleichstrebenden geleistet wurde. Heute, wo die Partei so groß geworden ist. wo die Partei- organisationen ihre Mitglieder nach vielen Hunderttausenden und die Gewcrkschaftsorganisationen nach Millionen zählen, vermag sich der jüngere Genosse kaum noch ein Bild zu machen von der unter den oft tragikomischsten Schwierigkeiten zu leistenden Kleinarbeit, die in jenen ersten Jahrzehnten der sozialistischen Arbeiterbewegung bewältigt wurde, und deren bescheidene Teilerfolge dennoch die Summe jener Energie er- gaben, die das deutsche Proletariat in schwerster Zeit zu ent- wickeln vermochte und die es in den Stand setzte, den brutalsten Tücken des Sozialistengesetzes zu trotzen. Vornehmlich unter dcir Schneidern, Schuhmachern, Tabak- arbeitern und den Schmieden der Henschelschen Maschinenfabrik fand Pfannkuch den Stamm seiner rührigen Mit- arbeitet. Als im Jahre 1869 in Kassel das Stiftungsfest des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gefeiert wurde, war nicht nur die Beteiligung eine imposante, sondern die Feier warf auch den für die damalige Zeit bedeutenden Ueberschuß von 129 Talern für die Kriegskasse ab. Auch die Gewerk- schaftsbewegung entwickelte erfreuliche Ansätze. Wie schwer trotz alledem die Arbeit war, beweist schon der Mangel an Versammlungslokalen. Wenn ein paar hundert Genossen sich zusammenfinden wollten, mußten sie nach den benachbarten Dörfern hinauspilgern. Ja, der Verfasser erinnert sich noch des Enthusiasmus der Kasseler Arbeiterschaft, als es selbst im Jahre 1892 gelungen war, durch den Boykott ein städtisches Lokal zurückzuerobern, das nach der peinlichen polizeilichen Berechnung ganze 239 Personen faßte. Dazu kam das Fehlen einer verbreiterteren Presse, so daß in jenen Zeiten die Werbe- arbeit im engeren Zirkel eine ganz andere Bedeutung besaß als heute. Im Frühjahr 1879 lernte Pfannkuch Bebel und Lieb- knecht persönlich kennen. Während der Eisenbahnfahrt nach Elberfeld, wo er als Delegierter der Generalversammlung des Allgenieinen Deutschen Arbeitervereins beiwohnte, fand er sich im Coupö mit zwei Reisenden zusammen, die sich lebhaft über Arbeiterfragen unterhielten. Es ergab sich bald, daß die beiden Mitreisenden keine anderen waren als das streitbare Dioskurenpaar Bebel und Liebknecht. Kurze Zeit darauf kam auch Schweitzer nach Kassel zur Generalversammlung der Deutschen Gewerkschaften. Das Kasseler Proletariat ver- bläffte daS Spießbürgertum durch eine glänzende Temon- stration. Selbst nach bürgerlichen Schätzungen gaben 4999 bis 5999 Personen dem Präsidenten des Allgemeinen Deut- schen Arbeitervereins das Geleite. Als Pfannkuch bald darauf heiratete— seine treue Lebensgefährtin begeht mit ihm den heutigen Gedenktag—, zwangen ihn die Verhältnisse, sich eine dauerndere Arbeitsstätte zu suchen. Er fand sie in den königlichen Eisenbahnwerk- statten, wo er bald zum Führer einer Kolonne, zum„Gruben- nieister", aufrückte. Auf die äußere agitatorische Tätigkeit mußte er jetzt freilich verzichten: aber in der inneren Agita- tion und Organisation stand er um so eifriger seinen Mann. Doch sollte auch seine Stellung als preußischer Eisenbahn- arbeiter nicht von ewiger Dauer sein. Ein nationalliberales Lokalblatt hatte durch seine vehementen Angriffe auf die Ar- beiterbewegung Aufsehen und Entrüstung erregt. Es gelang, den betreffenden Redakteur zu einer öffentlichen Diskussion herauszufordern. Im Thaliatheater fand der öffentliche Waffengang statt, zu dem je 699 Einlaßkarten für die Sozial- demokratie und die Bürgerlichen ausgegeben wurden. Als Wortführer der Partei trat Pfannkuch auf. Mit dem Erfolg, daß auch die bürgerliche Presse die schmähliche Niederlage des nationalliberalen Kämpen zugestehen mußte, dem sein Für- Witz denn auch sein Amt kostete. Aber auch Pfannkuch wurde nunmehr aus seiner Stellung herausgeekelt. Kaum hatte er als Expedient und Redakteur eines sozialdemokratischen Kopfblattes in Kassel eine neue Tätigkeit gefunden, als das Schandgesetz mit der übrigen Parteipresse auch das Kasseler Kopfblatt hinwegfegte. Pfannkuch eröffnete nunmehr ein Ge- schäft, dessen winziger Bureauraum zugleich eine Art Rechts- bureau wurde, in dem sich auch manches Bäuerlein— natür- lich unentgeltlich— in seinen Nöten beraten ließ. Hatte es die Partei im Wahlkreise Kassel-Melsungen 1877 bereits auf 4597 Stimmen gebracht, so brachte die Wahl von 1881 wie überall einen Rückschlag, der aber 1884 bereits wieder ausgeglichen wurde. Und dann ging es unaufhaltsam vorwärts mit der Stimmenzahl, trotz aller Schikanen der sozialistengesetzlichen Zeit, die auch Pfannkuch eine Gefängnis- strafe von sechs Wochen eintrug. 1884 bis 1887 kam Pfannkuch als Vertreter des sechsten Reichstagswahlkreises zuin erstenmal in den Reichstag, dem er von 1898 bis 1996 als Vertreter Magdeburgs abermals angehörte. Nachdem Pfannkuch bereits seit Jahren reger Mitarbeiter gewerkschaftlicher Blätter gewesen war. ging er 1892 als Ne- dakteur der„Holzarbeiterzeitung" nach Hamburg. Im Jahre 1894 wurde er dann in den Parteivorstand gewählt, dein er auch heut noch angehört. Seit 1899 wirkt er auch als eifriges Mitglied der Berliner Stadtverordnetenfraktion. So steht Pfannkuch vor uns als einer der Alten in der Partei, die von der Pike auf gedient haben, deren Aufsteigen aus bescheidensten Ansängen zu verantwortungsvollem Parteidienst zugleich ein Merkzeichen ist des Aufstiegs der Arbeiterbewegung. Mit den Alten, die die Jahre der Ent- Wickelung in zähem Kampfe miterlebt haben, bringen auch die Jüngeren dem Parteiveteranen ihren herzlichsten Glück- Wunsch dar! Möge es Wilhelm Pfannkuch beschieden sein, noch manches Jahr im Dienste der Partei zu wirken, möge er noch manchen stolzen Erfolg des deutschen und deS internatio- nalen Proletariats miterleben! süllorge des Reiches für Kolonial- ItapitaliUen und für Heimarbeiter. An sich haben die beiden Gesehesvorlagen, die am Montag den Reichstag beschäftigten, nichts miteinander zu tun. Aber sie werfen doch in ihrer Gegenüberstellung ein interessantes Schlag- licht auf den Kurs, den das Rcichsschiff gegenwärtig steuert. Daß für Kolonialkapitalisten Gelegenheit zu erhöhten Profiten auf Kosten der Eingeborenen einerseits, der Steuerzahler andererseits geschaffen wird, dafür sorgen Regierung und ReichstagSmehrheit mit stetig wachsendem Eifer. Gleichzeitig aber verebbt und ver- kümmert die Eozialresorm. Beide EntwickelungLtendenzen der Reichspolitik traten in den beiden zur Verhandlung stehenden Vor- lagen deutlich zutage. Bei der ersten Vorlage handelt eS sich um die Fort« führung der 0 st afrikanischen Mittellandbahn, sie ist stückweise bewilligt und gebaut worden. AlS die Regierung zuerst an dieses Unternehmen herantrat, wurde feierlich in Abrede gestellt, daß man beabsichtige, sie durch die ganze Kolonie Ostafrika hindurch von Daressalam bis an den Tanganjikasee zu treiben. Zuletzt war sie bewilligt worden bis nach Tabora hin. der mittleren Handelsstadt des Kolonialgebietes. Der Unternehmer erwartet nun, die Bahn in wenigen Monaten bis an diesen vorläufigen Endpunkt zu treiben. Einige Zeit hindurch wurde schon lebhaft von interesiierter Seite Propaganda dafür gemacht, sie noch weiter zu führen bis nach Udschidschi am Tanganjikasee. Als Hauptargument wurde dafür angeführt, daß der Kongovertrag mit Frankreich eine baldige Eisenbahnverbindung mit dem Kongostaat von Osten auS empfehlenswert mache. Das würde ja auch durch die Fortführung bis Udschidschi erreicht werden, da der Tangajikasce Deutsch-Ostafrika vom Kongostaat scheidet. Dieser Vorschlag ist nun schleunigst von der Regierung aufgenommen worden. In einem Nachtragetat wird die Fortführung der Bahn bis Udschidschi ge- fordert, und zwar soll die Fortführung auf die Weise bewerkstelligt werden, daß auS der bereits gewährten Anleihe die Kosten für den Bahnbau auch auf der neuen Strecke bereitgestellt werden. Für diesen Plan ist nun bezeichnenderweise durch die»Deutsche Tageszeitung" die chauvinistische Lärmtrommel gerührt worden, indem verlangt wurde, der Reichstag solle debatteloS die Bahn bewilligen, um auf diese Weise dem Ausland zu zeigen, daß Deutschland sich von seinen kolonialen Plänen in keiner Weise abbringen lasse. Mit diesem chauvinistischen Pronunciamento hatten die Speku. lauten allerdings kein Glück. Doch sprachen sich die Vertreter der bürgerlichen Parteien lediglich freundlich für die Vorlage ans. Ernstliche Opposition wurde nur von der Sozialdemokratie gemacht, deren Einwendungen vom Genosien N 0 S k e vertreten wurden. NoSke wies insbesondere darauf hin, in welch unwürdiger Weise die eingeborenen Arbeiter bei den Bahnbauten behandelt werden. Diese Erscheinung trete überall in den Kolonien zutage. Wie wir im vorigen Jahre die Metzeleien in Südwestafrika erlebt haben, so liegen jetzt Berichte vom Bau der Kamerunbahn vor, aus denen hervorgeht, daß die Schachtmeister, also die Mittels- männer der Bauunternehmer, in geradezu scheußlicher Weise die eingeborenen Arbeiter ausbeuten und mißhandeln. Das könne nicht bei den Sozialdemokraten Lust erwecken, die im kapitalistischen Interesse liegenden Eisenbahnbauten zu fördern. Der stellver- tretende Kolonialsekretär, Herr S 0 l f, gab zu, daß der Regierung ein Teil dieser Fälle bekannt sei. Er vertrat aber natürlich den Standpunkt, daß solche Schönheitsfehler kapitalistischer Unterneh- mungen nicht gegen deren Notwendigkeit sprächen. Die Vorlage wurde schließlich der Budgetkommission überwiesen. Der Gesetzentwurf über die Heimarbeit unterlog In zweiter Lesung der Beratung. In der Kommission war es den Sozialdemokraten nicht gelungen, Regierung und Mehrheit von der Notwendigkeit gründlicher AbHilfsmittel gegen das Elend der Heimarbeiter zu überzeugen. So entspricht die Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt denn auch durchaus nicht den Anforderungen, die im Interesse der Heimarbeiter an sie gestellt werden müssen. Genosse Robert Schmidt wie? das in der Generaldebatte nach. indem er an einer Anzahl Tatsachen zeigte, welch grauenhaftes Elend heute noch im Deutschen Reich, dessen Sozialrcform von den Prozentpatrioten bis über den SckiellendauS gepriesen wird, bei den Heimarbeitern zu finden ist. Gibt eS doch in der Rhön, dem hessischen Berglande, noch Heimarbeiterlöhne, die 8, SV M. wöchentlich und weniger betragen. Leider suchen alle bürgerlicher Parteien die Heimarbeit aufrechtzuerhalten, der sie eine falsche Aureole als Hort des Familienlebens andichten. Schmidt konnte darauf hin- weisen, daß selbst Hirsch-Dunckersche Arbeiter mit dieser Stellung- nähme der bürgerlichen Parteien höchst unzufrieden sind, Am Dienstag geht die Debatte weiter. vie kecke Sit Cdward Greys. Der englische Minister des Auswärtigen hat die mit großer Spannung erwartete Rede im englischen Unterhause Montagnachmittag gehalten. Die Rede läßt zwei Punkte deutlich erkennen: Die Verschärfung der Beziehungen zwischen England und Deutschland, die sich nicht weniger als dreimal zur akuten Kriegsgefahr steigerte, ist zwar in erster Linie eine Folge der„drohenden Geste" von Agadir, sodann aber eine Folge des unehrlichen und zwei- deutigen Spiels der Diplomatie. Sir Edward G r c y erklärt das schroffe Auftreten der englischen Regierung in der zweiten Hälfte des Juli damit, daß England ohne jede Information von der deutschen Re» gierung geblieben war. Und in der Tat ist eS völlig unverständlich, warum Herr v. K i d e r l e n dasselbe zweideutige Spiel, das er der deutschen öffentlichen Meinung gegenüber trieb, auch der englischen Regierung gegenüber beliebte. Auf der anderen Seite versteht ein diplomatisch unangekränkelter Verstand freilich nicht, warum sich die englische Regierung diese Aufklärung nicht durch eine offctfe und MtcRe Anfrage in Berlin verschafft fjal, Sa HON einmal der deutsche Botschafter in London nicht unter- richtet war. Bedeutsamer aber ist es, daß Sir Edward Grey eine durchaus versöhnliche Rede gehalten hat, die jedem scharfen Wort sorgsam auswich und die Bereitwilligkeit der englischen Regierung deutlich zu erkennen gab, zu einer Besserung derdeutsch-englischenBeziehungen beizutragen. Grey betonte, daßeskeinegeheimenAbmachungen mit Frankreich gäbe. Das Gerede von einem englisch- französischen Defensiv- und Offensivbündnis, das seine Spitze gegen Deutschland richte, ist also völlig unwahr. Der Minister erklärte ausdrücklich, daß England keiner Handlung Frankreichs oder Rußlands, die Deutschland provozieren könnte, Unterstützungen leihen würde und schloß mit dem Wunsche Englands, mit Deutschland auf gleichem Fuße zu leben. Wenn er hinzufügte, daß guch Deutschland Sorge tragen sollte, keine Besorgnisse im Auslande zu erregen— die einzige kritische Bemerkung, die sich auf die törichte„Agadir". aktion bezieht—, so hat er nur ausgesprochen, was der dringende Wunsch des größten Teils des deutschen Volkes ist. An der deutschen Regierung ist es nun, eine Politik einzuschlagen, welche die von den arbeitenden Massen Teutschlands, Englands und Frankreichs einmütig geforderte Beseitigung der Spannung zwischen den großen Kulturnationen herbeiführt. Das organisierte Proletariat dieser Länder wird alle Kraft daran setzen, entgegen den Treibereien der Rüstungsfanatiker und Kriegshetzern ihre Regierungen zu f r i e d l i ch e r Politik zu zwingen. Lond»n, 27. November. Im Unterhause begann heute die De« vatte über die auswärtige Politik. Sir Edward Brey erklärte, er wolle sich auf die jüngsten Marokkoverhandlungen beschränken. Der Gegenstand sei so wichtig, so ernst und im«ugenblick noch so heikel, daß«Z für ihn äußerst ungelegen wäre, andere Fragen damit zu vermengen. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte er gerne bis zum«bfchluß der Debatten im ftanzöfischen -und deutschen Parlament gewartet, bevor er irgend etwas über die Frage gesagt hätte. Aber in Deutschland sei bereits so viel darüber gesprochen worden, insbesondere in den jüngsten Darlegungen des deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen, daß er sich selbst auf die Gefahr hin, die Debatten zu stören, die in Frankreich und Deutschland noch stattfinden müßten, verpflichtet fühle, eine ziemlich vollständige Erklärung abzugeben. Er wünsche auf die Empfindlichkeiten und Schwierigkeiten der öffent- lichen Meinung in Frankreich und Deutschland jede Rücksicht zu nehmen. Aber, fuhr Grey fort, e» ist bereits so viel über uns dort gesprochen worden, daß wir dieselbe Rückficht auf unsere eigene öffentliche Meinung nehmen müssen. Man werde es sicherlich im Auslände verstehen, das was geschehen sei, es für England unmöglich mache, eine vollständige Er- klärung noch länger hinauszuschieben. Er werde also einen Bericht über die Unterhandlungen zu geben haben, die im Sommer zwischen ihm und dem deutschen Botschafter stattgefunden hätten. Er wolle beginnen mit einer Erzählung dessen, was zwischen England und Deutschlairb im Sommer vorgegangen sei; dann wolle er untersuchen, waS der wirkliche Grund der zwischen Deutschland und England durch die marokkanische Frage �bervorgerufeaen Spannung gewesen sei, es habe sich bezüglich dieser Spannung im Sommer so viel Mißtrauen und Gerede angesammelt, daß es die Gemüter in beiden Ländern mehr als je zuvor erregt und aufgereizt habe, obwohl die Krisis, welcher Art sie nun auch gewesen sein mag, vorüber ist, werde ich mich bemühen, jene Erregung zu mildern, nicht dadurch, daß ich verkleinere, waS wirklich ernsthaft gewesen ist, sondern dadurch, daß ich versuche, eine getreue Darstellung der Situation zu geben. Der dritte Teil von dem, was ich sagen möchte, wird allgemeine Bemerkungen über die auswärtige Politik bringen und eine Antwort auf gewisse Abschnitte der Reden des deutschen Reichskanzlers sein, die mir ein hoffnungsvolles Bvrzeichea zu sein scheinen. Grey schloß seine einleitenden Bemerkungen mit folgenden Worten: wenn in dem früheren Teil meiner Erklärung Dinge ent- halten zu sein scheinen, die keine hoffnungsvolle oder versöhnliche EntWickelung vorsprechen, so bitte ich das HauS, zu bedenken, daß, wenn ich richtigstelle, was schwierig und störend gewesen ist, ich dies nicht in der Absicht tue, es hervor zu heben oder zu verewigen, sondern in der Wsicht, eS aus dem Wege zu räumen. Der d eut sch e S t a a tS se kr etä r des Auswärtigen Amtes hat bereits nicht eine vollständige, aber eine ausgedehnte Aufklärung über da? gegeben, was in der Unterredung zwischen dem deutschen Botschafter in London und mir vorgegangen ist. Im diplomatischen Verkehr ist eS sehr ungewöhnlich, einen Be- richt über Unterredungen zu veröffentlichen, ohne vorher den anderen Teilnehmer zu befragen. In diesem Fall wußte ich nichts, bis Ich den veröffentlichten Bericht zu lesen bekam. Ich verstehe, daß die Anforderungen der Lage in Deutschland eS unmöglich ge- macht haben, daß ich vorher befragt wurde. Wenn ich befragt worden wäre, so würde ich sicherlich keine Einwendung erhoben haben. Ich erhebe keine Beschwerde darüber, aber eS wurde mir dadurch die Notwendigkeit auferlegt, aufzuklären, was nach meiner Ansicht dem HauS über den Anteil, den wir an der Angelegenheit genommen haben, mitgeteilt werden muß. Der deutsche Reichskanzler und der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Amts haben bereits ein Mißverständnis er- l e d i g t. Man hat in einigen Kreisen angenommen, daß Deutsch- land gegen die französische Aktion. daS heißt gegen den Marsch nach Fez überhaupt protestiert und daß Frankreich angesichts eine» deutschen Proteste? auf dem Marsch bestanden habe. Die deutsche Regierung hat dargelegt, waS die deutsche Ansicht wirklich gewesen ist, und ich habe keinen Kominentar dazn zu geben und keine Kritik daran zu üben. Meine Erzählung beginnt also mit dem I. Juli. An diesem Tage kam der deutsche Botschafter auf da? AuS- wärtige Amt und machte folgende Mitteilung.(Es folgt die be- kannte, auch von der„Rordd. Allg. Ztg." veröffentlichte Note.) Der „Panther" war, glaube ich, damals auf dem Wege nach Agadir. Aber in der Erläuterung des Botschafters, welche diese Erklärung legleitete, war noch mehr enthalten. Diese Mitteilung war begleitet von einer Erläuterung, die erkennen lieh, daß die deutsche R e- gierung eine Rückkehr zum Statusquo in Marokko als zweifelhaft, wenn nicht als unmöglich betrachtete und das, was sie im Auge faßte, eine definitive Lösung der marokkani- schcn Frage zwischen Deutschland. Frankreich und Spanien war. Die Mitteilung wurde am Sonnabend gemacht, und sie ließ darauf schließen, daß das ins Auge gefaßte wirkliche Ziel eine definitive Lösung der ganzen marokkanischen Frage war. Am folgenden Mo». tag teilte ich dem deutschen Botschafter mit, daß ich mit dem Kremiermini st ergesp. rochen habe, und daß wir die durch die Entsendung 6eS„Panther" nach Agadir geschaffene Eiiuativn als so wichti« betrachteten, daß sie in einer Sitzung des Kabinetts erörtert werden müßte. Ich wollte bis zu dieser Kabinettssitzung nichts weiter sagen, aber ich möchte, daß die deutsche Regierung so- fort erfahre, daß nach unserer Ansicht die Lage ernst und wichtig sei. Ich sah den deutschen Botschafter am 4. Juli wieder und sagte, ich müsse ihm mitteilen, daß unsere Haltung bezüglich Ma- rokkos keine uninteressierte sein könne. Wir müßten unsere Ver- tragsverpflichtungen gegen Frankreich und unsere eigenen Interessen in Marokko in Betracht ziehen. Wir seien der Ansicht, daß durch die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Agadir eine neue Situation geschaffen sei. Die künftige EntWickelungen könnten vielleicht die britischen Interessen direkter berühren, als sie bisher berührt worden seien, und daher könnten wir keine neuen ArranzcmentS anerkennen, zu denen man ohne uns gelangen könnte. Ich machte es g a n z k l a r. daß diese Mitteilung und die von mir gebrauchten Worte genau diejenigen von Seiner Majestät Regierung seien. Nun folgte eine Periode des Schweigens. Der deutsche Botschafter hatte keinen Auftrag, mir irgendeine Bemerkung bezüglich meiner Mitteilung zu machen, und wir erhielten keine Mitteilung von der deutschen Regierung über das, was ihre Wünsäpe und Ziele seien oder woran sie gedacht habe,� als sie von einer definitiven Lösung des marokkanischen Pro- blems sprach. Das war die wirklich wichtige Frage. Aus anderen Kreisen gelangten einige Mitteilungen an uns, die uns besorgen ließen, daß die von Deutschland ins Auge gefaßte Regelung eine Teilung Marokko» sein könnte, und zwar durch Verhandlungen, zu denen man uns nicht hinzuzuziehen beabsichtigte. ES ist natürlich vollständig richtig, daß wir uns in Marokko durch daS. Abkommen mit Frankreich von 1904 politisch desinteressiert hatten, aber beim Abschluß dieses Ab- kommens hatte die frühere britische Regierung gewisse wirt- schaftliche und strategische Bedingungen stipuliert. Diese hätten durch ein« neue Regelung bezüglich Marokkos gestört werden können, und daS war der Grund, warum wir uns über das beunruhigten, waS geschehen könnte. Der britische Botschafter in Berlin hatte am 12. Juli Gelegenheit, den deutschen Staatsselrc- tär des Auswärtigen Amts über einige weniger wichtige Fragen zu sprechen, und ergriff die Gelegenheit, zu sagen, daß einmal von einer Unterhaltung zu Dreien zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien gesprochen worden sei, woraus zn schließen wäre, daß wir davon«uSgeschlossen werden sollte». Der Staatssekretär sagte nnserem Bot- schafter, er möge uns nnltellen. daß niemals irgend ein Gedanke a n eine solche Unterhaltung existiert habe. Aber ausgenommen diese negative Erklärung enhielten wir von der deutschen Regierung keine weitere Mitteilung. Etwas später hieß eS in der P r e s se. daß die deutsche Regierung mit Bezug auf Französisch-Kongo Forderungen von einer Ausdehnung gestellt habe, daß offenbar weder die französische Regierung noch die französische Kammer hätte zustimmen können, und ich wurde besorgt wegen der künftigen EntWickelung der Marokko- frage. Ich sprach daher am 21. Juli mit dem deutschen Botschafter urtd sagte ihm, ich möchte keinen Zweifel darüber bestehen lassen, daß unser Stillschweigen nicht so verstanden werden dürfe, als ob wir an der marokkanischen Frage nicht daS Interesse nehmen würden, das m unserer E r- klärungvom4. Juli ausgesprochen worden war. Wir hätten gewußt, daß eine Berichtigung der Grenze von Französisch-Kongo als Grundlage für die Verhandlungen mit Frankreich vorgeschlagen worden sei. Wir hielten eS für möglich, daß auf dieser Basis eine Berständigung zwischen Deutschland und Frankreich er- reicht werden könnte, welche die britischen Interessen nicht berührte. Wir würden uns sehr freuen, wenn die» gelingen sollte, und in der Hoffnung, daß dies geschehe, hätten wir uns bisher beiseite gehalten. Aber ich sei ängstlich geworden durch Mitteilungen, die Tags zuvor über die von der deutschen Regierung an die fran- zösische gestellten Forderungen erschienen seien. Forderungen, welche tatsächlich keine Grenzberichtigung, sondern eine Abtretung von Französisch-Kongo bedeuteten und denen offenbar die französische Regierung unmög- lich zustimmen könnte. Ich hätte gehört, daß die Verhandlungen noch«ndanern und ich hoffte noch, daß sie zu einem befriedigenden Resultat führen würden. Aber ich könnte keinen Zweifel darüber lassen, daß eine sehr verwirrende Situation entstehen würde, wenn sie erfolglos verlaufen sollten. Ich be- merkte dem deutschen Botschafter, daß die Deutschen in dem ge- schlossenen Hafen Agadir sich befänden, daß sie nach Gerüchten, die unter den Eingeborenen verbreitet seien, Mannschaften lau- beten und mit den Stämmen verhandelten, so daß sie nach allen,, was wir wüßten, Konzessionen daselbst erwerben könnten und daß sogar die deutsche Flagge in Agadir gehißt sein könnte. daS der passendste Hafen für eine Flottenbasis an jener Küste sei. Es lasse sich nicht sagen, bis zu welchem Grade die Situation zu unserem Nachteil sich ändern könnte, und wenn die Verhandlungen mit Frankreich scheiterten, würden wir gezwungen sein» etwas zum Schutz der britischen Interessen zu tun und unsererseits an drn Erörterungen teilzunehmen. Je länger die Deutschen in Agadir blieben, um so größer sei die Gefahr, daß sie einen Stand der Dinge schaffen, der eS für sie noch schwieriger machen würde, sich zurückzuziehen und für uns noch notwendiger, irgend einen Schritt zum Schutz der britischen Interessen zu unternehmen. Ich hätte all dies sagen wollen, solange wir noch die Hoffnung hegten, daß die Verhandlungen mit Frankreich erfolgreich sein würden. Wenn ich das jetzt nicht täte, könnte es später zur Erbitterung führen, wenn die deutsche Re- gierung durch unser Stillschweigen zu der Annahme verführt worden wäre, daß wir keinJnteresseander Sache hätten. Der deutsche Botschafter war nicht in der Lage, mir irgend eine Aufklärung zu geben, wies aber die Annahme zu- rück, daß. was ich als mögliche Schädigung der britischen Jnter- essen bezeichnet hafte, wirklich stattgefunden habe, er sei gewiß, seine Regierung habe nicht die Absicht. Handelsmono- pole zu erwerben und unsere Interessen in unfairer Weise zu schädigen. Darauf bemerkte ich, die Tatsache, daß Deutschland einen geschlossenen Hofen weiter besetzt halte, schließe wenigstens ein Monopol für kommerzielle Möglichkeiten in sich., Im Laufe diese» Tages, des 21. Juli, sagte mir Lloyd George, er habe bei einem wichtigen Anlasse im Mansionhouse am Abend zu sprechen, er beriet mit dem Premier mini st er und mir, was gesagt werden sollte, es war 14 Tag«, nachdem die letzte öfsenkliche MiiteilltNg über Marokko hie? gtittachi Korben war, und diese Mitteilung war lediglich die sehr kurze Darlegung gewesen, die von dem Premierminister in diesem Hause vorgebracht war, wir waren ängstlich gespannt(suxious) aus den Weg, auf dem die Dinge sich entwickelten, und wir alle fühlten, daß, wenn ein Kabinettsmiuister ersten Ranges bei einem so förmlichen Anlasse kein Wort über auswärtige Angelegenheiten sage, das überall zu einer Irreführung der öffentlichen Meinung Veranlassung geben würde, was ich an diesem Tage dem deutschen Botschafter in bezug auf Agadir und die Verhandlungen mit Frankreich gesagt hatte, war offenbar nur für den diplomatischen Weg geeignet. Der Schatz- Kanzler nahm deshalb in seiner Rede in mehr allgemeinen Aus- drücken auf die Lage bezug. Was er gesagt hat. ist in Erinne- rung. Die Ausführungen Lloyd Georges verlangten keiner- lei Vorrang oder Borherrschaft für uns in internationalen Angc- legenheiten, keinerlei Drohung im Sinne des Wortes„Hände weg" gegen irgendjemand oder irgendwohin. Sie brachten nicht zum Ausdruck, daß irgend eine spezielle Forderung oder irgend welche Ansprüche auf feiten Deutschlands mit britischen Interessen nicht zu vereinbaren wären. Ihre Bedeutung(purport) war, daß, wo britische Interessen be- rührt würden, wir nicht behandelt werden dürfen, als ob wir nicht mitzählen. Wenn die Zeit je kommt, wo das nicht gesagt werden darf, werden wir aufgehört haben, zu existieren, wenigstens als eine Großmacht. Tatsächlich waren die ersten deutschen Be- sprechungen der Rede, die mir zu Gesicht kamen, so, wie man sie natürlicherweise erwarten durste. Ein deutsches konser» vatives Blatt sagte, daß, wenn das Wort Deutschland statt des Wortes England gesetzt würde, die Rebe von einen« deutschen Minister hätte gehalten sein können. Aber der Wortlaut der Rede war bald vergessen, und eine Art Legende wuchs um sie empor. Zum Beispiel hörte ich einige Wochen später von einem Deut- schen, der zu seinem englischen Freunde gegen die Rede protestierte, Als man ihm aber einen Bericht zu lesen gab, sagte er, daß das- jenige, wogegen man sich in Deutschland gewandt habe, nicht die Rede selbst sei, sondern die Tatsache, daß sie zu einem Zeitpunkt gehalten wurde, als Frankreich und Deutschland im Begriffe waren, zu einem Einverständnis zu kommen, und daß sie die Vorhand- lungen gestört habe. Gerade das Gegenteil ist wahr, bezug- lich des Zeitpunktes, zu dem die Rede gehalten wurde, drei Tag: nach der Rede Lloyd Georges, besuchte mich der deutsche Bot- s ch a f t e r und teilte mir mit, daß die deutschen Absichten bei der Entsendung eines Schiffes nach Agadir sich nicht ge- ändert hätten. Nicht ein Mann sei dort gelandet worden, die deutsche Regierung bedaure, daß man den Insinuationen über die Absichten Deutschlands Glauben schenkte, die von feindseliger Seite herrührten. Deutschland habe nie daran gedacht, einen Hafen für seine Flotte an der marokkanischen Küste zu schaffen und werde niemals daran denken, solche Gedanken seien Halluzinatio- n e n. WaS die Verhandlungen mit Frankreich betreffe, so sei die deutsche Regierung, wofern ihre Forderungen etwas hochgespannt seien, bereit, Konzessionen zu machen, sowohl in Marokko als auch in anderen kolonialen Angelegenheiten, aber der chauvinistische Ton der französischen und eineS Teiles der brist- schen Presse, die Deutschland mit einer Einmischung der Freunde Frankreichs bedrohten, sei nicht dazu angetan, eine Beilegung zu fördern. Auf diese Erklärung des Botschaftern erwiderte ich, es sei wahrscheinlich, daß ich im Parlament befragt werden würde, was in Agadir vorgeht. Ich möchte daher gern wissen, ob ich aut- Worten könne, daß die deutsche Regierung mich benachrichtigt habe, baß nicht ein Mann gelandet worden sei. Der Botschafter bat mich dann, über diese Unterredung nicht eher eine öffentliche Erklärung abzugeben, als bis er Zeit gefunden, mit seiner Regierung in Ver- bindung zu treten. Am nächsten Tage besuchte mich der deutsche Botschafter wiederum und sagte mir, daß seine Mitteilung vom Tage vorher vertraulich sei und daß die deutsche Regierung ihre Zustimmung nicht geben könne, daß im Parlamente davon Gebrauch gemacht werde. In bezug- auf die Rede Lloyd Georges machte er mir dann die Mitteilung, welche jetzt von dem deutschen Staatssekretär deS Auswärtigen veröffentlicht worden ist. Diese Mitteilung war eine scharfe Kritik und zwar mehr an der Wirkung der Rede auf die Presse, als an dem Inhalt der Rede selbst. Aber sie war außerordentlich steif im Tone und ich hielt eS für notwendig, zu sagen, da die Rede mir keinen Anlaß zur Klage zu geben scheine, sei die Tatsache, daß sie in Deutschland Ueberraschung hervorgerufen habe, an sich eine Rechtfertigung der Rede, denn sie hätte keine Heber- raschung hervorrufen können, wenn nicht in Deutschland eine gewisse Neigung zu dem Gedanken bestanden hätte, daß man uns nicht zu brachten brauche. Die Rede Lloyd Ge» orgeS hatte nichts gefordert außer daß wir berechtigt seien, als eine der großen Nationen betrachtet zu werden. Sie hatte keinen Borrang beansprucht und hatte nicht einmal angedeutet, daß eine Krise bestände. Sie handelte in allgemeinen Ausdrücken von entfernten Möglichkeiten. Die deutsche Regierung hat erklärt. eS vertrage sich nach der Rede des Schatzkanzlers nicht mit ihrer Würde, darüber Erklärungen zu geben. was in Agadir vorgehe. Ich fand, daß der Ton ihrer Mitteilung es unvereinbar mit unserer Würde machte. Erklä- rungen über die Rede abzugeben. An dieser Stelle möchte ich dem HauS sagen, daß Erklärungen über das, was in Agadir stattgefunden hatte, mir natürlich von dem deutschen Botschafter gegeben worden waren, aber das öffentliche Erklärungen nicht gegeben werden konnten. Ich fügte in meiner Unterredung mit dem Botschafter hin- zu, daß durch nichts, waS gesagt worden sei oder gesagt«verden würde, beabsichtigt werde, die Unterhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich in Verwirrung zu bringen. Wir hegten im Gegenteil den aufrichtigen Wunsch, tzaß zum Erfolge führen möchten, aber der Ton der deutschen Mitteilung sei sehr un- erfreudlich(unkavcmrable) sowohl für Frankreich als kür uns, und mache eS klarer als je, daß eine sehr schwierige Situativ» entstehen würde, wenn die Verhandlungen Deutschlands mit Frank- reich nicht zum Erfolge führen sollten; auf diesem Standpunkt blieb die Angelegenheit bis zum 27. Juli. Der deutsche Bot- schafter machte an diesem Tage folgende Mitteilung:„Wir hegen die Zuversicht, daß Sir Edward Grey durch unsere sehr offene und aufrichtige Mitteilung djx Ueberzeugung gewonnen hat, daß unsere Besprechungen mit Frankreich im jetzigen Augenblick die britischen Interessen n i ch t b e r ü h r c n. Wir verlassen uns auf des Ministers große Loyalität, die er so oft bezeigt hat. daß er eS möglich finden wird, diese Tatsach« im Parla- ment festzustellen, ohne jedoch irgendwelche Einzelheiten unserer vertraulichen Mitteilung zu geben. Wir bestätigen mit Vergnügen dcS Ministers Erklärung, haß er«in Abkvmmen zwischen Deutschland und Frankreich wünsch� find vollkommen überzeugt. daß dies sich als eine sehv gr,f}e Förderung der Fortschritte der Verhandlungen erweisen wir� � 5« Hmblick auf 5en SSn Sir EKvarZ ausgedruckten Wunsch können wir aber nicht völlig einsehen, wie er bei dem gegenwärtigen Stande der Besprechung unsere Forderungen als offenbar unmögliche bezeichnen kann, ohne daß er weih, was wir unser- seits Frankreich auf politischem Gebiet und in kolonialer, territo- rialer Beziehung anzubieten beabsichtigen. Mit Rücksicht auf die formelleVerpflichtungderGeheimhaltung, welche wir übernommen haben, ist es nicht möglich, auf Einzel» h e i t e n einzugehen. Aber da die eventuell auszutauschenden Ge- biete ausschließlich deutsche und französische sind, so glauben wir nicht, daß speziell englische Interessen berührt werden könnten, und es erscheint ratsam, es den beiden unmittelbar be° teilig t'en Parteien zu überlassen, den Wert der even- tuell auszutauschenden Objekte abzuschätzen. Die unfreundliche Kritik von englischer Seite muß offenbar die Unterhandlungen er- schweren. Auf der anderen Seite würde eine öffentliche Er- klärung, daß England einen erfolgreichen Abschluß der französisch-deutschen Unterredungen gern sehen würde, einen höchst wohltätigen Einfluß auf ein günstiges Resultat ausüben, daS wir auf das ernsthafteste erhoffen. Wir wünschen auf das aufrichtigste, alle Reibungspunkte, die wir mit Frankreich in der kolonialen Sphäre, besonders in Afrika, haben, zu vermindern, und hoffen, daß eS schließlich möglich sein wird, sie gLnnzlich ver- schwinden zu lassen. Selbst wenn dies geschehen sollte, können wir nicht auf Schaffung intimer Beziehungen mit Frank- reich hoffen, aber wir glaubten, daß es die Ursache häufig wieder- kehrender Spannung beseitigen würde. Wenn die Wünsche Eng- l a n d S in derselben Richtung liegen, so würde der beste Weg, dieses Resultat zu erlangen, sein, einen beruhigenden Einfluß auf die öffentliche Meinung in Frankreich auszuüben, welche gerade jetzt durch halbe Wahrheiten und ungenaue Erklärungen beträchtlich erregt worden ist. Der Ton dieser Mitteilung war durchaus freundschaftlich sowohl für Frankreich als auch für uns und ich würdigte sogleich den freundschaftlichen Ton» in dem die Mitteilung abgefaßt war. Der deutsche Botschafter und ich hatten noch einige weitere Gespräche allgemeiner und informierter Natur, in deren Verlauf er einiges Bedauern über die Art und Weise ausdrückte, in welcher unsere öffentliche Meinung zu feindlichen Schlüssen über das deutsche Vorgehen verleitet worden sei. Ich fragte ihn, was denn anders erwartet werden konnte, wenn die deutsche Re- gierung plötzlich ein Schiff nach Agadir sende, einem geschlossene» Hafen, der an der Westküste Marokkos der geeignetste Platz für eine Flottenbasis sein soll. Natürlich habe diese Aktion die britische öffentliche Meinung in Bewegung gesetzt. Ich wies darauf hin, daß wir nach meiner im Namen der britischen Regierung ihm abge- gebenen Erklärung von der deutschen Regierung keinerlei Mitteilnng vor dem 24. ljuli erhalten hätten und selbst dann sei die Verneinung jeglicher Ab- ficht, eine Flottenbasis zu schaffen, in einer Form erfolgt, von der ich keinen Gebrauch machen konnte, um den Argwohn zu be- schwichtigen, der hier erweckt worden war. Ich schlug dem Bot- schafter vor, und er nahm diese Anregung sehr herzlich auf, daß wir diesen Punkt nicht weiter verfolgen sollten, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese neueste deutsche Mitteilung als ein neuer Ausgangspunkt genommen werde und daß wir nicht auf die Dinge zurückgehen brauchten, die zu gegenseitigen Beschnldi- gungen führen müßten. An Nachmittag desselben Tages gab Pre- mierminister A s q u i t h seine Erklärung im Untcrhause ab, und jeder, der diese Erklärung liest, wird sehen, daß der Geist, in welchem wir die Sache in der Oeffentlichkeit erörterten, dem Geist entsprach, in welchem wir uns einander soeben genähert hatten, von jenem Tage ab gab es keine weitere» Schwierigkeiten zwischen uns und der deutschen Regirrung. taira und Paul Carfargue. Von KarlKoutSkh. Vor wenigen Wochen noch, am 1. November, oui dem Kongreß unserer französischen Genossen zur Revision des Or- ganisationsstatuts ihrer Partei, nahm Paul Lafargue in energischer und bedeutsamer Weise an der Debatte teil. So- eben bringt uns der Telegraph die Trauerkunde, er sei mit seiner Lebensgefährtin freiwillig aus dem Dasein geschieden. um körperlichem und geistigem Verfall zu entgehen! Eine überraschende und erschütternde, aber nicht niederdrückende Kunde. Das Abscheiden des tapferen Paares erinnert an jene altgermanischen Helden, die sich von Freundeshand mit einem Speer durchstoßen ließen, sobald sie fühlten, daß die Gebrechlichkeit des Alters nahe, da sie nichts mehr fürchteten. als den„Strohtod", das langsame Hinsterben auf dem Siechenbett. Zu jenen alten Recken fühlte sich Lafargue stets durch eine starke Sympathie hingezogen. Die Vorzeit war ihm daS liebste Objekt seiner Studien. Seine Abstammung mag an der Hinneigung zu diesen Studien nicht unbeteiligt gewesen sein. Er wurde von französischen Eltern am 15. Januar 1842 in Santiago auf Kuba geboren. Die Mutter seines VaterS war eine Mulattin von Sankt Domingo, der Vater seiner Mutter ein Jude. Abraham Armagnac: endlich die Mutter seiner Mutter eine Indianerin! So berichtet wenig- stens Eh. Verecque in seinem eben erschienenen„victionnairo ein eozialisme". Ich habe von der Abstammung seiner Mutter nie erzählen gehört, wohl aber wies er selbst gern darauf hin. daß er Negerblut in seinen Adern habe. Wie es sich mit seiner Abstammung auch verhalten möge. auf jeden Fall ergab die Mischung der Rassen ein treffliches Resultat: der Frohsinn und Optimismus des Negers mit dem Esprit und der Phantasie des Franzosen machten Lafargue zu einem der liebenswürdigsten und anregendsten Menschen, die ich kennen gelernt. Aber diese Liebenswürvig- keit hinderte ihn nicht, ein ebenso krafwoller wie zäher und unerbittlicher Kämpfer für eine große Sache zu sein. Und die seine wurde schon in frühen Jahren der Sozialismus. Mit neun Jahren kam Lafargue nach Frankreich, besuchte die Lyzeen von Bordeaux und Toulouse und studierte sckiließlich Medizin in Paris. Schon dort schloß er sich der republikanisch. sozialistischen Opposition gegen das Kaiserreich an und war einer der Organisatoren des Studentenkongresses zu Lllttich 1866. Außerdem nahm er an einer Demonstration gegen Napoleon III. teil. Grund genug, daß er von allen französi- fchen Universitäten relegiert wurde, was ihn nach England trieb, wo er seine inedizürischen Studien vollendete. Natur- stch blieb er daneben auch seiner politischen Tätigkeit treu, wurde Mitglied der Internationale und in ihr, wegen feiner Kenntnis des Spanischen, Sekretär für Spanien. Mit Marx krak er bald in engeren Verkehr, wurde sein Schüler und Freund und schließlich auch sein Schwiegersohn. Gatte seiner zweiten Tochter Laura. Es war eine ungemein beglückende und harmonische Ehe. die Lafargue einging— harmonisch auch in ihrem Aus- klingen. Nur in einem Punkte brachte sie dem jungen Paare schmerzliche Erfahrungen. Ihre beiden Kinder starben ihnen in zartem Alter, was Lafargue so erschütterte, daß er an der medizinischen Wissenschaft verzweifelte und der ärztlichen Praxis entsagte. Das geschah indes erst einige Jahre nach dem Jahre 1871. Dieses fand Lafargue im südlichen Frankreich, in Bordeaux, wo seine Eltern wohnten. Begeistert begrüßte er die Pariser Kommune, die ihm den Auftrag erteilte, für eine der Kommune freundliche Bewegung tätig zu sein. Damit hatte er keinen Erfolg und mußte schließlich froh'lein, daß es ihm gelang, mit heiler Haut nach Spanien zu flüchten. Dort schlug er seinen Wohnsitz auf und arbeitete für die Jnter- nationale, im Verein mit Pablo I g l e s i a s, der heute noch als unermüdlicher Kämpfer in Spanien wirkt. Vereint suchten sie dem Bakunismus entgegenzuwirken, der damals die Internationale unterminierte und in Spanien lebhaften Anklang fand. Auch hier hatte Lafargue keinen Erfolg. Trotz der zähesten und opfervollsten Tätigkeit gelang es ihm und seinen Freunden nicht, des Bakunismus Herr zu werden, der in Spanien eine seiner Hochburgen fand. Schließlich verließ Lafargue Spanien und wandte sich wieder nach England, wo er mit seiner Frau nun das gleiche Emigrantenelend durchzumachen hatte, das zwei Jahrzehnte vorher Laura Marx schon als Kind mit ihren Eltern in so hohem Maße erfahren mußte. Aber wie die Alten jungen, so zwitscherten die Jungen. Alle Enttäuschungen und alles Ungemach vermochten ihre Siegeszuversicht nicht zu brechen. Und endlich kamen auch wieder bessere Tage. Die Ar- beiterbewegung in Frankreich begann sich am Ende der sieb- ziger Jahre von dem Schlage zu erholen, den ihr die Nieder- läge der Kommune versetzt hatte. Sogleich war Larfargue dabei, auf die französischen Arbeiter im Sinne des Marxismus zu wirken, den er aufs gründlichste studiert hatte. Einen tat- kräftigen Genossen fand er dabei in Jules Guesde, der seit 1876 in Paris für den Sozialismus tätig war und den unser deutscher Genosse Karl Hirsch dort dem Marxismus zuführte. Im Jahre 1886 kam Guesde nach London und war mit Lafargue bei Marx, wo das Progranim der niarxistischen Partei, des parti ouvrier fransais, formuliert wurde. Nach der Amnestie der Kommunarden 1882 kehrte Lafargue nach Paris zurück, wo er schon 1883 die Freiheit der Republik durch eine Verurteilung zu sechs Monaten Ge- fängnis wegen einer Rede kennen lernte. Er ging von nun an vollständig im Tageskampfe durch Presse und Reden auf, was ihm bald weitere Anklagen und 1891 wieder eine Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis brachte. Als Protest gegen diese Niedertracht wählten ihn die Genossen von Lille in die Kammer, wo er mit Geschick und Energie unsere Sache verfocht. leider nicht lange, denn die Regierung, der er sehr unbequem war, änderte seinen Wahl- kreis und gestaltete diesen derartig, daß Lafargue bei der nächsten Wahl 1893 nicht wieder gewählt wurde. Seitdem saß er nicht mehr in der Kammer, und er drängte sich auch zu keinem Mandat. Er hatte wohl die Empfindung, daß seine Eigenart ihm außerhalb des Parlaments eine vollere Entfaltung seiner Kräfte ermögliche. Er ist seitdem hauptsächlich als Schriftsteller, namentlich aber als Theoretiker der Partei, tätig gewesen. Dem histori- schen Materialismus galt sein Hauptinteresse; ihn praktisch anzuwenden, sowohl in der Kleinarbeit des Tages wie in der historischen Forschung, darin sah er seine Hauptaufgabe. Auf seine urgeschichtlichen Forschungen wurde schon eingangs dieser Zeilen hingewiesen. Aber dabei blieb er nicht stehen. Auch über die Geschichte der französischen Revolution hat er wertvolle Beiträge geliefert und seine Literaturkritiken, über Viktor Hugo. Zola, Daudet usw., waren ebenfalls sehr be- deutend. Dabei wurde er niemals ein trockener Gelehrter. Immer humorvoll, immer voll Geist und Scharfsinn, war er ein Meister der politischen Satire, und sein„Recht auf Faulheit" hat ihn vielleicht bekannter und populärer gemacht, als alle seine wissenschaftlichen Arbeiten. Mehr über diese zu sagen, ist in den flüchtigen Zeilen, die ich unter dem ersten Eindruck der Trauernachricht hin- schreibe, nicht möglich. Genug, er war nicht bloß für den französischen, sondern für den internationalen Sozialismus einer unserer Meister. Nach Marx und Engels war auch er mein Lehrer, und ich darf wohl bei dieser Gelegenheit ihm persönlich den Zoll der Dankbarkeit aufs Grab legen für die Fülle von Wissen und Einsicht, die ich ihm verdanke. Weniger als über Paul läßt sich über Laura Lafargue sagen, die zweite Tochter von Karl Marx, die ihm 1845 ge- boren wurde. Sie war keineswegs eine weniger reiche Natur als ihr Gatte, nicht weniger charakterfest, nicht weniger unserer Sache ergeben, nicht weniger voll politischen Interesses und Verständnisses. In der Kenntnis des deutschen Sozialismus war sie ihrem Gatten sogar überlegen. Aber sie scheute die Oeffentlichkeit. war für unsere Sache immer nur im stillen. unscheinbar tätig. Ihre Hauptbegabung war die sprachliche. Sie meisterte die verschiedensten Sprachen mit gleicher Leichtigkeit und das Uebersetzen wurde ihre liebste Arbeit. Namentlich als Ueber- setzerin deutscher Gedichte, z. B. von Heinrich Heine, ins Englische, hat sie bedeutendes geleisi-t. wnch vor zwei �abren veröffentlichte sie eine französische Uebersctzung von Marx' „Kritik der politischen Oekonomie" in vollendeter Form; eine Leistung, die in jeder Beziehung zu den schwierigsten gehört, und die nicht hätte ahnen lassen, daß diejenige, die sie voll- bracht, so bald freiwillig auf jedes weitere Wirken unter uns verzichten werde, um dem Verfall des Alters zu entgehen. Laura Lafargue ist offenbar in voller Kraft von unS geschieden, weil»Zr das Leben ofjne den Gefährten« mit dem sie mehr als vier Jahrzehnte in innigstem Verein gekämpft, unerträglich erschien. Schmerzlich werden wir die beiden vermissen, als Freunde, als Kameraden, als Lehrer. Und doch, so hart der Schlag, liegt ein versöhnendes und erhebendes Moment in der stolzen Art, in der sie dem Tode wie dem Leben in gleicher Weise ihre Verachtung bezeugten. Keine schmerzliche Erinne- rung an Siechtum, an Verfall, an Senilität, trübt das An- denken an sie. Nur mit freudigen, erhebenden Eindrücken ist unsere Erinnerung an sie verbunden. Sie sind wirklich in Schönheit gestorben, um so schöner, weil ohne jede Pose, so einfach und schlicht, so wahr und groß, wie sie gelebt. Die Todesnachricht. Paris, 27. November.(Privattelegramm de?„Vorwärts".) Gestern früh wartete der Gärtner des kleinen Landhauses in Dreveil, einem Landort in der Nähe von Paris, vergebens auf das gewohnte Erscheinen des Ehepaares Lafargue. Unruhig ge- worden, öffnete er das Schlafzimmer. Lafargue lag tot ausgestreckt auf dem Bette, seine Frau Laura saß entseelt in einem Fauteuil. Auf dem Tische lagen Briefe und eine Depesche an Edgar L o n g u e t, ihrem Neffen und Enkel von Karl Marx. Der Brief Paul Lafargues lautet: „Gesund an Leib und Geist gab ich mir den Tod, bevor das unerbittliche Greisenalter einen Teil des Vergnügens und der Freude des Daseins nimmt und mich der physischen und geistigen Kraft beraubt, meine Energie lähmt, meine Sinne bricht und mich zur Last für mich selbst und die anderen macht. Seit Jahren habe ich mir das Versprechen gegeben, das 7l>. Lebensjahr nicht zu überschreiten. Ich habe die Jahreszeit für meinen Abschied aus dem Leben längst bestimmt und die Ausführung meines Ent- schlusses vorbereitet, nämlich eine Einspritzung von Zyankali. Ich sterbe mit höchster Freude, die mir sie Gewißheit bereitet, daß die Sache, der ich 45 Jahre meines Lebens gewidmet habe, in nicht allzu ferner Zukunft triumphieren wird. Es lebe der Kommunis- mus, es lebe der internationale Sozialismus!" IflaroltkofrageD. Eine vernünftige Maßregel. Wie offiziell mitgeteilt wird, tritt der Kreuzer„Berlin�, nachdem in Agadir alles ruhig und keine Gefahr für Leben und Eigentum von Deutschen mehr vorhanden, über Casablanca und Tanger die Heimreise an. Das Kanonen- boot„Eber" wird die„Berlin" nach Casablanca und Tanger begleiten und sich dann wieder auf die westasrikanische Station begeben. DaS Märchen von der Siedelungskolonie. Hamburg, 27. November. Iii der heutigen Gesellschafter» Versammlung der Hamburg-Maroklanischen Gesell» s ch a f t m. b. H. legre die Verwaltung den Bericht über die bis- herige Tätigkeit der Gesellschaft, die Interessen hauptsächlich im südlichen Marokko verfolgt, vor. Die Verwaltung ist der An» ficht, daß nach den bisherigen von ihr an Ort und Stelle vor- genommenen Ermittelungen aus Gründen deS Klimas und der Bodenbeschafsenheit eine Ansiedelung deutscher Bauern in Südmarokko(Susgebiet) nicht Ausficht auf wirtschaftlichen Erfolg bieten würde, und daß andererseits auch zurzeit der Nachweis fehlt, daß die Boraussetzungen vorliegen, die eine lukrative Plantagenwirtschaft ermöglichen. Die Versammlung be- schloß daher, einstweilen von dem Erwerb landwirtschaftlicher Jnter« essen in Südmarotko abzusehen........ Was das Erzvorkommen in Südmarolko anlangt, so hat die Gesellschaft aus Grund reichhaltiger Erzproben eine Reihe Mgu Fundorten angemeldet. Die unsicheren Verhältnisse haben aber bis- lang eine genaue Nachprüfung der Mächtigkeit und Abbauwürdigkeit der betreffenden Lager ver- hindert. Die Gesellschaft ist daher auch davon über» zeugt, daß keine der anderen in Südmarokko tätigen bergbaulichen Jmeresseimngruppen Lager entdeckt hat. deren Abbauwürdigkeil ini großen heute schon»ach« g e w i e s e n ist. Da jedoch verichiedene Umstände daraus hinweisen. daß sich— so wenig hierüber auch heute f e st st e h t—* in Südinarokko wirklich abbauwürdige Erzlager finden, und da ferner durch da« Marokkoabkommen, dessen Abschluß von der Gesellschaft begrüßt wird, eine Konsolidierung auch der südmarokkanischen Ver- hältnisse zu erwarten ist. die«in sachgemäße« Weiterarbeiten gestatten wird, beschloß die Gesellschaftervedammlung, wie bisher das be- treffende Gebiet durch Fachleute untersuchen zu lassen und die für die Fortführung der Tätigkeit erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Verhandlung in Frankreich. Paris, 27. November. Wahrscheinlich wird die Beratung Aber das deutsch-französische Abkommen in der Kammer am 6. oder?. Dezember beginnen können. Vermutlich werden drei Sitzungen genügen, die Debatte zu erschöpfen. Der Senat wird voraussichclich seinen Beschluß so fassen, daß der Vertrag noch vor Ende des Jahres in Kraft treten kann. politifcke(leberNcbt. Berlin, den 27. November ISN. ReichStagsauflösung in Sicht? Als Termin für die Auflösung des Reichstages ist, wie die..Militärpol. Korrespondenz" versichern zu können glaubt, Mittwoch, der 6. Dezember, in sichere Aussicht genommen. Reichsverband und Haiisabund. Die Konservativen hatten zum Sonntag in Hannoder eine Demonstrationsversammlung einberufen, in der der Reichsverbandsgencral v. L i e b e r t über die Sozialdemokratie und die bürgerlichen Parteien sprach. Liebert arbeitete mit den bekannten Reichsverbaudsargumenten. besonders goß er die Schale seines Zornes über den Präsidenten des Hansa- bundes aus. Nach Ansicht des Rcichsverbandsgenerals be- deutet die Aufstellung von 220 Kandidaten des Hansabundes eine Zerrüttung aller Wahlkreise und damit einen Triumph der Sozialdemokratie. Der Aergcr des großen Reichsverbandsstrategen dürfte eine seiner wesentlichen Ursachen darin haben, daß ihm durch die Gründung des Hansabundes verschiedene Geldquellen ver- schlössen worden sind. Wie die Dinge liegen, wird der Reichs- verband als konservative Wahlagitationszentrale nicht anders können, als im Wahlkampf seine Agenten anch gegen den Hansabund mobil zu mache«, und damit würde der Reichs- verband natürlich neuerdings den Beweis dafür erbringen, daß er seine Aufgabe nicht etwa einzig darin erblickt, den Kampf gegen die Sozialdemokratie zu führen, sondern daß er alles niederringen will, was nicht bereit ist. im konservativen Fahrwasser zu segeln. Es ist ein höchst gelungener Witz, daß sich der Rcichsvcrband jetzt gegen jene Kreise wendet, die eifrig mitgeholfen haben, ihn groß zu ziehen. Außer Herrn v. Liebert räsonierten auch Herr v. Kröcher. der antiseinitische Abgeordnete und Amtsgerichtsrat Lattmann, der Generalleutnant v. Wrochem und Herr Diederich Hahn gegen dt« Sozialdemokratie, den Hansabund und die heutige demokratische Strömung. Besondere Erwähnung verdient des letzteren Rede, denn er erklärte, daß die B i e h- zucht und der Gartenbau in höherem Maße als bisher gegen die Konkurrenz des Aus- lande» geschützt werden müßten, und deshalb die Konservativen im nächsten Reichstag bei der Borbereitnng der nenen Handelsverträge einen erhöhten Zollschntz für Bieh- Produkte und Gartenbauerzengnisse fordern würden. Eine höchst beachtenswerte Ankündigung I Den Land- bündlern sind also die enorm gestiegenen Preise für Vieh. Milch und Gemüse noch immer nicht hoch genug. Deshalb sollen durch neue Zölle die Preise noch weite in die Höhe getrieben werden! Man schlägt sich— man verträgt sich! AuS gut unterrildteten politischen Kreisen will die„Rhein.-West Zeitung" erfahren haben, dah Herr v. Bethmann Hollweg in der erneuten Plenarberatung deS Marokko-Abkommens seinen scharfen Worten vom 10. November gegen Herrn v. Heydebrand eine ent gcgenkommende und abschwächende Auslegung zu geben beabsichtige. „Mit dem Volke." Man merkt, daß die ReichstagSwahlen nahe sind. Nicht nur an der Erregung der Wählerschaft, sondern auch an dem Ton der libe ralen Blätter, und zwar auch derjenigen, deren Liberalismus man sonst mit der Laterne suchen muß, um schließlich zu entdecken, daß gar keiner vorhanden ist. So fühlt auch die ehrbare„Kölnisch Zeitung" auf einmal wieder ihr„liberales" Herz an die dürren Rippen schlagen. Sie gibt dem stürmenden Drang Ausdruck in einem Artikel mit der verheißungsvollen Ueberschrift„Mit dem Volke!" Darin wird dem fünften Reichskanzler eine Vorlesung über die Regierungskunst der Neuzeit gehalten und die Erwartung ausgesprochen, Herr von Bethmann Hollweg werde. wenn er die Ergebnisse seiner Politik überblicke, zu der Einsicht kommen, daß sich mit der Theorie allein, so verführerisch sie auch im Wirrwarr der Parteien erscheine, nicht mehr regieren lasse „Was in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus gut und wohl gewesen sein mag! Alles für das Volk, nichts durch das Volk, schickt sich nicht für das zwanzigste Jahrhundert. Heute kann die Parole nicht anders lauten als: AveS für das Bolh alles mit dem Volke. Sogar auf die auswärtige Politik will die„Kölnische Zeitung' diesen Grundsatz ausgedehnt wissen. Die letzte kritische Phase un 'erer Rcgierungspolitik habe die Tatsache bewährt, daß man heute luswärtige Politik nicht mehr von Kabinett zu Kabinett, sondern mr noch mit dem Volke machen könne. Und um darzutun. vie ernst es dem Nationalliberalismus mit seiner Liebe zum Volke ist, teilt daS Blatt an anderer Stelle mit, daß für den Wahl kreis Köln-Land als n a t i o n a! l i b e r a l e r Kandi dat ein Eisenbahnschlosser aufgestellt worden sei Damit, glaubt das Blatt, da auch in Bochum und Göttingen natio nalliberale Arbeiterkandidaturen aufgestellt seien, dürfte nun end lich mit der Meinung aufgeräumt sein, daß in den Reihen der Libe» ralen für Arbeiter kein Platz sei. Im Landkreis Köln fielen bei der letzten ReichStagswahl au da» Zentrum 28 OVO, auf die Sozialdemokratie 17 öOll und auf die Nationalliberalen 7500 Stimmen. E» lebe die nationalliberale Ar beiterkandidaturl Auch mit dem schönen Spruch: Alles mit dem Volke! kommt das nationalliberale Blatt einige Jahrzehnte zu spät. Für uns lautet der Spruch: Alles durch das Volk! Das Volk braucht keinen Mitregenten, es kann und wird sich selber regieren I Parteiverschiebungen im Reichstag. Di«„Voss. Ztg." weist darauf hin, daß seil den Wahlen von 1ÜV7 im ganzen 48 ReichSlagSersatzwahIen erforderlich gewesen sind. abgesehen von der offengelassenen Ersatzwahl sür Liebermann v. Gonnenberg. Von 48 ReicbStagSersatzwahIen find 80 für die Partei, die im Befiy deS Mandats war, erfolgreich gewesen. 18 haben mit einem Verlust deS Mandats geendet. In 13 Wahlkreisen ist also seit ISO?«in« Parleiverfchiebung erfolgt. Die Konservativen und Ebristlichsozialen er» zielten nickt einen einzigen Gewinn, verloren aber vier Mandate Emden-Norden und Labiau-Wehlau an die Forrickrittliche BolkS Partei. Siegen und Oletzko»Lyck an die Nationalliberalen. Die Antisemiten gewannen gleichfalls nirgend» ein neues Mandat, verloren aber zwei Wahlkreise: Tisenach und Zschopaw Marienberg an die Sozialdemokraten. Da» Mandat de» Bunde» der Landwirte für Mzetp Bingen ging nach dem Tode de« Abg. Keller an da« Zentrum über. Neben diesem Mandatsgewinn hone da» Zentrum drei empfindliche Verluste zu verzeichnen: E« verlor Jmmenstadt und Konstanz an die Nationalliberalen, Düsseldorf an die Sozial demokraten. Die Polen hatten weder Verluste noch Gewinne zu ver zeichnen. Die Weifen eroberten Syke-Hoya-Berden von den National- liberalen. Die Nationalliberalen gewannen vier Mandate: Siegen von den Christlichsozialen. Oletzko-Lyck von den Konservativen. Jmmenstadt und Konstanz vom Zentrum. Sie büßten aber sechs Mandate ein: an die Weifen Syke-Hoya-Verden und an die Sozial demokraten Landau, Cannstatt, Koburg, Friedberg-Büdingen und Frankfurt-LebuS. Die Fortschrittliche Volkspartei verlor an die Sozialdemokralen Ueckermünde-Ufedom-Wolltn und Halle, gewann aber von den Konservativen Emden-Norden und Labiau-Wehlau. Die Sozialdemokraten endlich gewannen zehn Mandate zwei von den Antisemiten sEisenach und Zschopau-Marienbcrg), zwei von der Fortschrittlichen Volkspartei sUeckermünde-Usedom-Wollin und Halle), fünf von den Nationallibcralen sLandau, Koburg, Friedeberg, Cannstatt, Frankfurt-LebuS) und schließlich vom Zentrum Düsseldorf. Die Verlogenheit der tkaplanSpreffe. Mit jener eigenarttgen.Wahrheitsliebe, die ihrer christlichen Ethik entspricht, mcht die Zentrumspresse ihren Lesern einzureden, daß die Getreide-, Vieh- und Fleischzölle nebst den die letzteren so vorzüglich ergänzenden Vieheinfubrverbote ohne Einfluß auf die Getretde» und Fleischpreise sind. Wenn die Preise so mancher dqr wichtigsten Lebensmittel eine ganz ungewöhnliche Höhe erreicht hatten, so liege daS einerseits lediglich an der Dürre im letzten Sommer, die als eine Schickung Gottes betrachtet werden müsse, gegen die niemand murren dürfe, anderer» feits'aber daran, daß die mit Lebensmitteln handelnden Krämer, Kleinkaufleute und Gemüsehändler zuviel verdienen wollten. Be- sonder» aber schlügen gerade die sozialdemokratischen wie freisinnigen Händler wie auch die„sozialdemokratischen" Konsumverein« zu viel auf die EngroSpreile auf. Do läuft zurzeit folgende hübsche Geschichte über eine angeb- liche„fozialdemokratischeFleischverteuerung" durch die Kaplanspresse, die der in Oelde erscheinenden„Glocke" ent- nommen ist: „Dieser Tage wurden hier rote Wahlflugblätter verteilt, die uns Landwirten das bekannte sozialdemokratische Verlangen„die Grenzen auf" begreiflich machen sollten. Wir sagten den Zettel- Verteilern:„WaS wollt ihr? Wir können unser Vieh ja nicht mal lo» werden. Kauft ihr e» un» doch ab! Für SS Pf. das Pfund ausgeschlachtet könnt ihr e» haben 1" AlS die Roten erwiderten, fi« müßten für das Pfund Speck SS Pf. bezahlen, wurde ihnen gesagt:„So geht doch nach Güterslohs, dort könnt ihr Speck, soviel ihr haben wollt, für 70 Ps daS Pfund kaufen." Da erklärten uns die Flugblatt- Verteiler, fie könnten doch nach Feierabend nicht mehr zum Speck» einkauf nach Gütersloh« fahren; ihren Speckbedarf müßten fie beim Bielefelder Konsumverein decken. Also die GüterSIoher Geschäfte verkaufen den Speck mit 70 Pf. für da» Pfund sdie Bielefelder Detailgeschäfte mit 75 Pf.), aber der sozialdemokratische Konsum» verein nimmt seinen Mitgliedern M Pf. ab I Da der Speck beim Einkauf im Großen etwa 05 Pf. kostet, hat der sozialdemokratische Konsumverein einen Nutzen von zirka 82 Prozent, während sich die bürgerlichen Geschäfte mit einem Nutzen von 10— 12 Prozent begnügen I Ein lehrreiche« Kapitel!" Acht Tage früher, als die Zentrumspresse diese Notiz brachte. hatte die„Glocke" am 14. November folgender Berichtigung Raum geben müssen: „Der Bielefelder Konsumverein 0. G. m. 6. H. schreibt unS „In Ihrer Ausgabe vom 10. d. M. geben Sie unter der Rubrik:„Zur Wahlbcwegung' eine Unterhaltung gelegentlich einer Flugblattverbreitnng wieder, in welcher behauptet wird, daß der Speck im Bielefelder Konsumverein SS Pf. per Pfund kostet. Wir ersuchen Sie höflichst, folgende Berichtigung in Ihrer Zeitung aufzunehmen: Der Speck kostet im Bielefelder Konsumverein nicht, wie in der Notiz vom 10. er. behauptet wurde, 90 Pf., sondern nur 88 Pf., und von Montag, den 18. er., ab nur 80 Pf. Auf diese Preise erhalten die Mitglieder eine Rückvergütung von 12 Proz., so daß die prozentuale Gewinnberechnnng, nach welcher der Konsumverein einen Nutzen von 82 Proz. haben soll, Unsinn ist. Um übrigen ist zu bemerken, daß der Speck erst in den letzten Wochen infolge bedeutender Vorräte in aller Ware billiger geworden ist. Es ist dann die Rede von dem „sozialdemokratischen Konsumverein". Wenn damit gesagt sein soll, daß der Bielefelder Konsumverein die sozialdemokratische Partei finanziell unterstützt, dann ist darauf zu erwidern, daß der Konsumverein sich in diesem Falle mit dem Genossenschastsgesctz in Gegensatz bringen würde, und im anderen Falle ist die Be- zeichnung.sozialdemokratischer Konsumverein" völlig sinnlos.' Eröffnung des Landtages für Elsaff-Lothringen. Wie aus Straßburg gemeldet wird, ist als Tag der Eröffnung des neuen Landtages der 0. Dezember in Aussicht genommen. Die feierliche Eröffnung wird im Kaiserpalast stattfinden. Ter deutsch-türkische Handelsvertrag vom 26. August 1896 nebst Zusatzübereinkunft vom 25. April 1907 ist nach einer Mitteilung der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" bis zum 25. Juni 1914 verlängert worden. Konservative und nationalliberale Parteigründungs versnche in Elsast-Lothringcn beschäftigen seit einigen Wochen die Presse dieser Parteien, mehr in Attdeutschland als in den Reichslanden selbst, wo es neben den Zentrumsblättern eine konservative Presse und neben der bald rechlS-, bald linksliberal schillernden„Slraßburger Post" ein nanonolliberales Blatt gar nicht gibt. Tragisch sind diese Gründung» versuche nicht zu nehmen, und im Lande nimmt sie kein Mensch ernst. Da ist zunächst ein sogenannter Elsaß-Lothringl» scher W a h I v e r e i n. für den die„Deutsche Tage? zeitung" die Reklametrommel gerührt hat und der alle rechi» Nchenden. konsei vativ-monarchistisch gerichteten Wähler sammeln will: dann eine Geschäftsstelle der National» liberalen Partei in Straßburg, die ein nalionalliberaler Verein für ganz Elsaß-Lotbringen werden möchte, und an deren Spitze der.Post"»Jourrialist Max Winterberg steht, der infolge dieser Machenschaften auS dem Vorstände des Liberalen Vereins Straßburg und aus dem Vorstande der Liberalen Landespartei aus geschieden ist. Der Liberale Verein Stroßburg Halle nach diesem Austritt das Bedürfnis, öffentlich zu erklären, daß man sich„aufs neue zu dem ursprünglichen Ideal der Liberalen Landes Partei, als einer Sammlungsstätte für alle wahrhaft liberale» und demokratischen Elemente unseres Landes", bekannt habe. Mit dieser feierlichen Erklärung tut die Liberale Landespartei der national liberalen Sezession zu viel Ehre an l Doch wer kann sür seine Angst? Einen Wahltrick unsauberer Art leistet sich in Nr. 47 vom 25. November das Organ der Demokratischen Vereinigung,„Das freie Volk", indem es behauvtet. die sozialdemokratische Parteipresse habe„sich zu auS- schließlich mit den Fragen der Arbeiter im engeren Sinne be- schäftigt". Der Zweck dieser Behauptung ist ohne weiteres ersichtlich Die Demokratische Vereinigung möchte die Wählerstimmcn der kaufmännischen und technischen Angestellten der Sozialdemokratie ab- jagen und für sich gewinnen. Natürlich ist jene Behauptung durch- auS unwahr. Man erinnere sich nur daran, daß bei dem kürzlichen Attentat der Gutehoffnungshülle in Slerkrade auf das KoalitionS- recht der Angestellten es gerade die sozialdemokratische Parteipresse gewesen ist, die entschieden für die Interessen der Angestellten ein trat. Auch früher, ehe die Demokratische Vereinigung geboren war, haben die sozialdemokratischen Tagcszcltungen die Interessen der Angestellten wahrgenommen. Druckfchlerbcrichtigung. In dem Artikel:„DaS Regierungsspiel mit dem KriegSicuer" in Nr. 270 de»„Vorwärts" muß es aus der weiten Spalte, 80. Zeile von unten, statt„deS deutschen See- a n d e!«" heißen:„der deutschen See macht". Ferner find auf der dritten Spalte die beiden letzten Absätze umzustellen._ perHen. Neue Forderuugen Rußlands. Petersburg, 26. November. AuS durchaus kompetenter Quelle verlautet, daß die russische Regierung durch die persische Entschuldigung der Besitzung Schoah eS die Ersetzung der Gendarmen aus altaneles durch Kosaken keines- wegS zufriedengestellt ist. Die russischen Truppen bleiben in Resch und werden nach Bedarf, nachdem sich die Dinge entwickeln, Wetter vor- marschieren. vie keile Sir 6dward Greys. (Fortsetzung von Seite 8.) fflre# fährt fort: Damit ist tatsächlich da» Ende meines Berichte» erreicht und die einzige Erklärung, di« ich dazu zu machen habe, ist, daß in den Enthüllungen, die im Reichstag durch den deutschen Staatssekretär für die auswärtigen An- gelegenheiten erfolgten, ich di« Anführung finde, daß eine Absicht. einen Hafen in Marokko zu nehmen, in Deutschland nie bestanden habe. Er sagte, er habe die» ausdrücklich zu gegebener Zeit einem wohlbekannten Alldeutschen mitgeteilt: der in Red« stehende Herr habe«» aber nicht geglaubt. Wen» na» der Erklärung be« Ka. binett», die wir dem deutschen Botschafter am 4. Juli vbermitlellen, diese Absicht nn» al» endgültige anvertraut worden wäre, so würde, wie ich glaube, ein gut Teil Mißverständnis vermieden worden ein(Beifall). Pas den weiteren Verlauf der Verhandlungen betrifft, so brauche ich nur zu sagen, daß die französische Regierung unS über jede« Punkt zu Rat» zag, toa«• irgendwie wahrscheinlich schien, daß brittische Interessen berührt werden konnte», und vielleicht«it Ausnahme eines oder zweier untergeordneter Punkt« vo» au«. schließlich ökonomischem Charakter in Marokko selbst, wäre« wir in der Lage, zu erklären, daß britische Interesse« nicht t» de« Bor- schlägen oder Gegenvorschläge«, die im Laufe der Yrrhaudluugen gemacht wurde«, in Frage käme». Alle» wa» wir sagte« oder taten in unseren Mitteilungen an die französisch« Regierung, richtete sich auf Förderung«nd nicht auf vehiaderu«g der Verhandlungen. Wenn er auf das eingehe, was er al» die wahre Natur der Spannung bezeichne, so habe er zu erklären, daß zwischen Frankreich und Deutschland ein Abkommen erreicht sei, in welchem beide Seiten sich wichtige Zugeständnisse machten und wichtige Borteil» gewihr- ten. Daß diese» Abkommen angenommen wurde und der Friede gegenüber der Erregung während der Verhandlungen bewahrt blieb, ist eine den an den Verhandlungen beteiligten Diplomaten hoch anzurechnende Tatsache(Beifall) und durchaus nicht befchä» mend für die Stellung, die wir unsererseits nahmen, obgleich eZ nur eine nebensächliche(subsidiarv) Stellung war. NichtSdesto- weniger ist dies der Moment, den einige Leute dazu aussuchten, sich einer anszuregen und soviel anders als sie in Deutschland»der hier durch eine Erörterung aufregen konnten, wie nahe man an dem Kriege war.(Beifall.) In diesem Augenblicke scheint wirklich in der Weltatmosphäre raendein unheilvoller Einfluß an der Arbeit gewesen zu sein, der jeden Teil der Erde beunruhigt und erregt. Wir sind Heuer durch einen Zeitraum großer Erregung hindurchgegangen. Einige Län- )er befinden sich im Bürgerkriege, andere sind im Kriegszustände, und in meheren Ländern, die weder Bürgerkrieg noch Kieg haben, gibt eS Leute, die entzückt davon sind, auseinanderzusetzen, wie nahe sie dem Kriege oder der Revolution gewesen sind oder mög- icherweise sein werden, sei es in der Vergangenheit, in der Gegen- wart oder in der Zu�m-t. l Heiterkeit. Beifall.) ES ist wirklich, al» ob die Welt in einem Zustande von poli- tischem AlkoüoliSmuS wäre.(Beifall, Heiterkeit.) Ich erwähne die Rede, die kürzlich Oberst Faber hielt, nur. weil diese Rede auch in der Budgetkommisston deS Reichstags Gegenstand der Erörterung war, und wie mir von ganz zuverlässiger Seite mitgeteilt wurde, die Verbitterung de» beut- scheu Bolles verstärkt hat. Ich weiß wohl, daß e» für un» leicht nöglich wäre, zu erwidern, daß eine oder zwei im Reichstag ge° halten» Reden— nicht amtliche, und auch Faber ist kein amtliches Mitglied(Heiterkeit)— uns genau so viel Grund geben, hier zu .'rklären, daß unsere öffentliche Meinung dadurch beleidigt wurde. Ich kann nur mein Beste» tun, ich kann versuchen, den v«rha-n denen Argwohn und das aufregende Gerede absujchwächen. Aa türlich war eine sehr beträchtlich» Besorgnis, wie e» Frankreich und Deutschland gelingen würde, eine Lösung durch ihre Verhandlungen zu finden. Diese Verhandlungen waren sehr schwierig und hätte eine? von ihnen sie abgebrochen, so wäre eS sehr schwierig gewesen, zu sagen, was die nächste Folge gewesen wäre. Wir wußten, Frankreich hegte den ernstlichen Wunsch nach einer Verständigung und würde die Verhandlungen nicht plötzlich ab- brechen. Wir glaubten auch nicht, daß die deutsche Regierung dies tun würde, obschon ihre Ansichten über den Lauf der Verhandlungen uns unbekannt waren. Es sah ein- oder zweimal später im Sommer so au», als ob die Verhandlungen aus einen toten Punkt kommen könnten. Natürlich würde der nächste diplomatische Schritt für eine an der Aigenrasakte beteiligte Macht der gewesen sein, eine Konfcreno vorzuschlagen. Da» wäre ein Schritt gewesen, den zu tun wir be reit gewesen wären. Ich hatte die deutsche Regierung im Juli daraufhin sondiert. Die Antwort deutete an, daß der Vorschlag nicht annehmbar erscheinen dürfte. DaS war das Bedenkliche an der diplomatischen Lage. Im andern Falle hätten di« Dinge dann nicht besser, sondern schlechter werden können. Wir würden folgende Lage vor uns gehabt haben: Wir würden aus alle Fälle den Anfang einer Teilung Marokko» gehabi haben zwischen den drei Parteien Frankreich, Deutschland und Spanien, die verschiedene Stellen im Besitze hatten. Wir würden dann keinen Anteil an Verhandlungen gehabt haben, wir würden aber an die Erklärung gebunden gewesen sein, daß wir keine Rege- lung anzuerkennen vermöchten, bei der wir nicht gefragt worden wären. Wenn die Verhandlungen gescheitert wären, so würden wir die Aussicht auf eine sehr gespannte diplomatische Situation gehabt haben, und zweifellos ist dieser Zeitraum wirklich von Jen zu Zeit voll Spannung gewesen nicht wegen dessen, was in den nächsten 24 Stunden sich ereignen würde, sondern wegen der Br- sorgniS um daS, was sich möglicherweise ereignen konnte. Das ist eine genaue und getreue Wiedergabe der Situation wie sie bestand, eine Darlegung oder wirkliche Tatsachen der Situation, welche in Anbetracht des GeredcS von Kriegsgefahr nicht allarmierend und beunruhigend, sondern lindernd auf die Erregung wirke» sollte. (Beifall.) Redner kam dann ausführlich auf die auswärtige Politik allgemeine zu sprechen. im Gewerkschaftliches siehe 2. Beilage. Letzte Ffacbrlchten« Die Aussperrung in der Metallindustrie. Wie uns mitgeteilt wird, findet heute, Dienstag, eine Zusammenkunst von Vertretern der beiden streikenden Parteien latt, um zu versuchen, in letzter Stunde noch eine Verständi- gung über die strittigen Punkte Herbeizuführen. Inwieweit diese Bemühung, die von dritter Seite angeregt wurde, Er- olg hat, bleibt abzuwarten.�_ Mctallarbeiterstrcik in Königsberg. Königsberg i. Pr., 27. November.(Privattelegramm Oes„Vorwärts".) Samtliche Former und Gicßereiarbeiter der Union A.-G., Königsberg haben heute die ArbeitSeinstel- lung wegen AkkvrdprciSabzügen beschlossen. Der italienische Raubzug. Rom, 27. November. Nach einer Meldung de» M e s s a g e r> über den gestrigen Kampf bei Tripolis fanden die Italiener in bei Säufern der Oase mehr als 500 Tote und Verwundete(!) des FeindeS. In S e n n i wurden 72 Leichen gefunden. Viele andere unterhalb I a k a h. Die Zahl der Gefangenen beträgt über 300, unter ihnen mehrere türkische Offiziere. yxrantw. Redakt.: Richqrd Barth, Berlin, Inseratenteil vergntw.t xh. Glocke. Perlin. Druck u.«erlag: Vorwärts Buchdr.u Berlagsanstalt Paul Singers Co.. Berlin LW. Hierzu 4 Beilagen u.Untrrhaltunflsbh it. 378. S&lilftiMf. I IfilAM Ks„Wmiirls" ßtrlintt ßollislilott. Reichstag* »1». Sitzung Dom Rontag, den 27. Xodemver. Am Bundesratstisch: Staatssekretär Dr. Wermuth, Staats- fekretär Dr. Solf. Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Besetzent- Wurfs, betr. Eisenbahnbauten im Ostafrikauischen Schutzgebiet. Die Borlage enthält einen einzigen Paragraphen, durch den der Reichskanzler ermächtigt wird, die zur Fortführung der Usambarabahn und zum Ausbau des Hafens in Tonga bereitgestellten Mittel auch zu ErgänzungS- und Neubauten auf der Stammstrecke Tanga-Mombo, sowie zur Gewährung eines Darlehns an die O st afrikanische Eisenbahn- gesellschaft zur Fortführung der Eisenbahn Daressalam- Morogoro bis an den Tanganjikasee, sowie zu Er- gänzungs- und Umbauten an der Stammstreckt Daressalam- Morogoro zu verwenden. Staatssekretär Dr. Solf begründet die Borlage: Die Borlage ist nur ein Bau st ein zu dem Gebäude, zu dem mit Zustimmung des Reichstags im Jahre 1M8 der Grundstein gelegt wurde. Diese erste Vorlage, die ich vor dem Reichstage zu vertreten habe, ist auf die ureigene Arbeit meines Vorgängers, des Herrn Staats. sekretärS v. Lindeguist, zurückzuführen, der dieser Angelegenheit seine ganz besondere Aufmerksamkert zugewendet hat. Bei Annahme der Vorlage würde die Bahn den Tanganjikasee erreichen und das wäre ein wesentlicher Vorteil; denn wenn die belgische Kongokolonie mit ihren Bahnbauten vor uns diesen See erreichen würde, so würde sie einen großen Teil des Handels von dem natürlichen Einfluhgebiet unseres Schutzgebietes nach Westen zum Atlantischen Ozean ableiten. Der dringend notwendige Um« und Ergänzungsbau der Usambara- bahn würde einen Kostenaufwand von 1 800 000 M. erfordern. Der Betrag ist bei den etatsmähig bereitstehenden Mitteln verfügbar, da bei dem Weiterbau bis Moschi Ersparnisse in dieser Höhe erzielt worden sind. Abg. Erzberger(Z.): Der Weg, der mit dieser Vorlage wieder beschritten wird, ist für das Budgetrecht des Reichstages sehr g e- f ä h r l i ch, und die Budgetlommission, an die ich die Vorlage zu verweisen beantrage, wird eingehend prüfen müssen, ob der Reichs« tag in solcher Form Nachtragsetats bewilligen kann. Die Ausgaben, die für Bahnbauten hier gefordert werden, betragen 62 Millionen Mark, denn wenn die gegenwärtige Vorlage angenommen wird, so kann man später die Bahnbauten nicht liegen lassen, wenn das Geld ausgegangen ist. Die früheren Vorlagen und Vorarbeiten für die Bahnbauten waren offenbar ganz ungenügend, wenn so stark von den Plänen abgewichen wird, wie es der Fall ist. Dah dem Reichstage ungenügendes Material seinerzeit vorgelegt wurde, geht auch auS dem hochwichtigen Dokument hervor, das Kollege S ü d e k u m am 4. November im.Plutus" veröffentlicht hat, näm- lich das Gutachten einer anerkannten kolonialen Autorität über die Wertlosigkeit der Oltavibahn, die 190g verstaatlicht wurde. Hätte dieses Gutachten dem Reichstage damals vorgelegen, so hätte der Reichstag trotz aller Beredsamkeit Dernburgs dem An« kauf der Ottavibahn nicht zugestimmt. Der Reichstag hat also alle Veranlaffung, die Vorlage nicht in einer Hurrastimmung an- zunehmen, sondern fie ernstlich in der Kommission zu prüfen.— Dah die Bahnbauten den Kolonialgebieten nützen werden, ist ja anzunehmen: aber einen Teil der Kosten wird man doch wohl von den Eingeborenen erheben können, denen es Wirt- fchaftlich jetzt erheblich bester geht als früher. Ueber die voraussichtliche Rentabilität der Bahnen gestattet die uns zugegangene Denkschrift gar kein Urteil, Ueberschüsse werden ja nur da erzielt, wo Baumaterial transportiert wird. An Ueberschüsse ist jedenfalls nicht bald nach Fertigstellung der Bahn zu denken. Im allgemeinen stehen meine Freunde der Weiter- führung der Bahn bis zum Tanganjikasee freundltch gegenüber; aber über die finanzielle Seite müssen wir noch nähere Ausklärungen be- kommen. sBravo I im Zentrum.) Staatssekretär Dr. Wermuth: In der ErmächtigungSvorlage, die Ihnen vorliegt, ist allerdings ein NachtragSetat enthalten. Aber von Anfang an war angenommen, dah die Bahn nicht bei Tabora endigen, sondern bis zum Tanganjikasee fortgeführt werden sollte. DaS haben sowohl wir wie der Reichstag von Anfang an inS Auge RUines feuilleton« Theater. NeueS VolkStheater:„Die lebendige Leiche" von T o l st o i. Die Neue Freie Volksbühne führte ihren Mit- gliedern das in Tolstois Nachlatz gefundene Stück, über dessen In- halt der„Vorwärts" schon kurz berichtete, vor. Das Publikum folgte mit williger Aufmerksamkeit und wurde von den abschlietzen- den Gerichtsszenen ergriffen. Prolassows Ausbruch vor dem schnüffelnden Untersuchungsrichter, dieser empörte Aufschrei mensch- lichen Empfindens, rief stürmisch-dcmonstrativcn Applaus bei offener Szene hervor. Ein Drama freilich wird man diese Arbeit kaum nennen dürfen. Der Stoff, der nur durch eine autzerordentlich eingehende, in die Vergangenheit der Hauptperson zurückgreifende psychologische Analyse überzeugende Gestaltung hätte gewinnen können, wider- strebt dem engen Bühnenrahmen. Die abtönenden Zwischenglieder fehlen. Man hat den Eindruck von Skizzen für einen Roman. Pro- lassow. der sich und der Seinen Lebensglück in willenloser Schwäche vernichtet und doch ein zartes, gütiges Empfinden im Herzen trägt, soll offenbar ein Typus, eine Art Produkt und Symptom der gesellschaftlichen Verhältnisse sein. In unseren vornehmen Kreisen, lätzt ihn der Dichter sagen, hat ein junger Mensch nur drei Möglichkeiten: man wird russischer Beamter, kratzt Geld zu- samnien, richtet sich in dem allgemeinen Sumpf behaglich ein; und das ist manchem widerwärtig. Oder man kämpft an der Seite derer, die den Sumpf trocken legen wollen, aber dazu mutz man ein Held sein. Oder man sucht sich durch Ausschweifungen zu be- täuben. Immer drücke ihn bei allem, was er tue, die Scham, er hätte anders handeln sollen, darum suche er in Rausch und Taumel Vergessenheit. Indes, diese Zusammenhänge, diese sozialen Hinter- gründe und die Art, wie sein Gefühl dagegen reagiert— das alles wird im Stücke nicht lebendig. Da erscheint er rein als patholo- gisches Subjekt, das in jeder Klaffe, trotz guter Anlagen, an seiner inneren Haltlosigkeit verbluten mützte. So empfindet man wohl Mitleid, doch kein besonderes Interesse für die Gestalt. Datz Prolastow der Frau, die er durch Untreue und seine Laster quälte, zu einer neuen Ehe mit einem besseren Manne Helsen und so einen Teil seiner Schuld abtragen möchte, ist wohl ver- ständlich; desto wunderlicher und verworrener aber sein Verhalten bei der Ausführung. Er deklamiert: Die Lügen, zu denen er durch die Scheidungsklage getrieben werde, seien unerträglich, schreibt seiner Frau, er wolle lieber sterben und findet schliehlich nicht den Mut zur Tat. Die Leiche eines angeschwemmten Selbstmörders wird als die seinige rekognosziert. Er selbst verschwindet un- erkannt. Nach der Heirat der beiden wird Prolastow von einem schuftigen Denunzianten angezeigt, ein Gerichtsverfahren gegen seine Frau und ihren neuen Gatten als der Bigamie verdächtig eingeleitet. Sie sollen Prolastow mit Geld bestochen haben, den Selbstmord zu fingieren. Da endlich, ehe noch die Nichter ihren Spruch gefällt, erlöst er sich durch einen Schutz von dem verhatztcn Leben. Herr Momber brachte die Mischung weicher Schwärmerei k gefaßt. Das einzige Neue und Unerwartete ist, datz die Strecke bis �Tabora verhältnismäßig früh fertig geworden ist. Bei der Bahn handelt es sich um eine werbende Anlage und deshalb ist zur Be- schaffung der Mittel der Weg der Anleihe zulässig, den wir Ihnen vorschlagen. Ob die Aufwendungen für die Bahn sich gleich in den ersten Jahren verzinsen werden, ist zweifelhaft; aber das ist doch kein Grund, die Bahn nicht bis zu ihrem natürlichen Ende fortzuführen. Stellvertretender Staatssekretär Dr. Solf: Die einzelnen von Herrn Erzberger erhobenen Bedenken werden wir in der Budget- kommission zerstreuen. Aber schon jetzt möchte ich den gegen die Finna Holzmann in Frankfurt a. M. erhobenen Vorwurf zurückweisen. (Abg. Erzberger(Z.): Ich habe keinen Namen genannt.) Aber die Firma ist deutlich bezeichnet worden. Anfangs war die Bahn wie alle Kolonialbahnen, nur Siichbahnen; jetzt muß dagegen der Unterbau ein ganz anderer sein, und daraus ergeben sich die Mehr- forderungen der Firma. Abg. Dr. Wagner-Sachsen(k.): Es könnte zweifelhaft er> scheinen, ob der Reichstag jetzt noch vor seinem Ende einen Beschluß fassen soll, der wenigstens moralisch auch eine Belastung der Zukunft bedeutet.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Aber es handelt sich um die Fortführung eines Pro- gramms, dem auch der Reichstag zugestimmt hat, und deshalb kann von diesem Bedenken abgesehen werden. In einer Hurrastimmung sind wir nicht; wir erblicken aber in der Vorlage ein wesentliches Mittel für die wirtschaftliche EntWickelung dcS Schutzgebietes. (Bravo I rechts.) Abg. Noske(Soz.): Ueber das glänzende Geschäft, das daS Reich gemacht hat, als eS sich die Ottavibahn ausschwatzen ließ, wird bei der nächsten Etats- beratung bester ausführlich zu sprechen sein als bei dieser Vorlage. Die gegenwartige Vorlage ist um so überraschender, als wohl keiner im Reichstag geglaubt hat, es solle noch eine Vorlage von so bedeutender finanzieller Tragweite erledigt werden. Die Zeit ist so kurz, daß man Zweifel hegen kann, ob es möglich sein wird, sie mit der notwendigen Muße zu erledigen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Freilich, daß die Vorlage einmal kommen würde, stand lange fest; insofern gilt, daß, wer A gesagt hat, auch B sagen muß. Unmöglich konnte man die Bahn mitten im Lande bei Tabora stecken lassen. Die Vorlage ist aber viel rascher ge- kommen, als in Aussicht genommen war.— Wenn die wirtschaftliche Lage des Schutzgebiets und der Eingeborenen sich durch die Bahn auch heben wird, so ist eS doch fraglich, ob wir dann gleich von den Eingeborenen mehr Steuern werden erheben können. Bei der Erschließung neuer Gebiete durch die Bahn sollte mit außerordentlicher Vorsicht vorgegangen werden, denn eS liegt eine autzerordentliche Gefahr darin, wenn die Steuererhebung in dem Ugandagebiete dazu führen sollte, daß die Millionen streitbarer Männer in jenem Gebiet in Bewegung gesetzt würden. Wie weit die in der Denkschrift gemochten Zahlenangaben zutreffen, können wir hier nicht nachprüfen. Wir schließen uns deshalb dem Antrag an, die Vorlage der Kommission zu überweisen. Die an sich nicht unerfreuliche Feststellung der Ersparnisse bei dem Bahnbau beweist, wie mangelhaft der Voranschlag gewesen ist. Die Denk- schrift ist borsichtiger, als die unverantwortlichen Befürworter der Bah» in der Presse gewesen sind. Ohne Eisenbahnen kann natürlich Afrika nicht der Kultur erschlossen werden. Das erkennen wir auch an. Der Teil der Presse, der sich besonders für diesen Bahnbau ins Zeug gelegt hat, hat aber ganz unnötige, geradezu gemeingefährliche chauvinistische Argumente dafür in? Feld geführt. ES scheint, datz ohne hurrapatrischen Tamtam in Deutschland überhaupt nichts mehr gemacht werden kann.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In der„Deulschen TageS- zeitung" wird dafür Stimmung gemacht, die Vorlage ohne nennenswerte Debatte deswegen anzunehmen, weil in einer der- artigen überhasteten Beschlußfassung eine Demonstration gegenüber England läge. Zu einer solchen Hurra- patriotischen Kundgebung ist doch wahrlich dieser Bahnbau absolut kein Anlaß. Es handelt sich um eine rein wirtschaftspolitische Maß- nahnie, die der Reichstag nüchtern prüfen soll. Vor allem sollte man dafür sorgen, daß bei den Bahnbauteit in den Schutzgebieten eS auch einigermaßen menschlich zugeht. Mir ist eine Menge Material über einen der Bahn- hauten zugegangen, das derartig entsetzlich ist, daß ich es nicht glauben würde, wenn nicht die amtlichen Unterlagen und wüster Zerfahrenheit in Prolassows Figur anschaulich charakte- ristisch heraus Maria Mayer repräsentierte eindrucksvoll und würdig die duldende, bei allem Leid in stiller Liebe ausharrende Frau. Die übermäßig vielen Pausen, die der Szenenwechsel er- fordert, hatte die Regie nach Möglichkeit gekürzt, indem sie die Dekorationen durch einfache Lcinwandvorhänge im Hintergründe ersetzte. äc. S i m s o n, Tragödie in fünf Akten von Herbert Eulen- berg. Uraufführung im Düsseldorfer Stadttheater. Es ist nicht uninteressant, in den Tagen der Kleistfeiern den Erfolg eines Dichters zu sehen, der sehr viel Verwandtes mit dem jetzt von den Patrioten Gefeierten hat. Herbert Eulenberg ging zwar noch nicht wie der Dichter des Prinzen von Homburg am Prcutzentum zugrunde, aber dafür hat ers mit den deutschen Philistern zu tun. Auch bei der Uraufführung des Simson wußten die Philister des Parkett, als sie so viele ihrer würdigen Ebenbilder auf der Bühne sahen, nicht recht, was sie mit diesem Drama anfangen sollten. Nichts destoweniger kann Eulenberg endlich einen vollen Erfolg buchen. Ueber den Dichter Eulenberg streitet heute keiner mehr. Der Dramatiker hat sich diesmal die Bühne erobert. Eulenbergs Simson ist, bis auf die Liebe zum Weib, ganz der biblische. Er lätzt sich das Schwert entlocken und sein Haar damit abschneiden. Er entsagt seinem Volk, dem er bis dahin Retter gewesen, lätzt sein Weib und die Kinder mit seinem Haus in Flammen aufgehen, nachdem er sich kindlich trotzig als Ehebetrüger bekannt. Delila ist des Philisters Kaleb Tochter und seiner Feinde schönheitsgleitzender Zeitvertreib. Sie liefert ihn als Hochzcitspsand Fürst Amman aus, der ihm seine beiden Augen, die verhängnisvollen Irrlichter seines Schicksals, blenden läßt. Als man vor ihm am Hochzeitstage den blinden Simson zur Schau stellt, erschrickt er in sich selbst hinein und be- schließt sein Ende. Simson sieht, geblendet erst sich ganz selbst wieder und den Abgrund, vor dem er gestanden. Er tastet sich zum wollustjauchzenben Festsaal, wo Delila tanzt, stürzt die Säulen, um eine verpestetx Zeit zu vernichten und einer neuen besseren Platz zu schaffen... Simson ein ungebändigter Triebmensch, bewegt die ganze Hand- lung. Er reißt alles andere mit in den Zusammenbruch. So stürmt er über die Bühne, benimmt einem den Atem in gewaltiger Sprache. Wie über allen Stücken Eulenbergs liegt auch über dieser Tragödie ein frischer poetischer Reiz, die Sprache ist wuchtig schön. Das Publikum rief den Dichter bereits nach dem vierten Akt. Julius Zerfatz. Totensonntag--Konzerte. Es ist unter der Berliner Arbeiterschaft ein schöner Brauch geworden, diesen„stillen" Tag ihren musikalischen Veranstaltungen großen ernsten Stils auszu- füllen. Im Blüthnersaale hatte der Verein arbeitender Frauen und Mädchen sein zweites L i s z t- Konzert, das an der Spitze aller übrigen Darbietungen stand. Außerdem fanden die gemischten Konzerte von zweien der stärksten und leistungsfähigsten Arbeiter- gesangvereinc statt, nämlich der Typographia(im Festsaale der„Neuen Welt", Hascnhcide) und der Kreuzberger Har- m o n i e(im Konzertsaal der Brauerei Friedrichshain). Der Typo- graphia gebührt der Porrang, die künstlerische Schulung ynd nuisi- dafür vorhanden wären. Nach dem mir vorliegenden Material beginnt der Skandal schon bei der Anwerbung der farbigen Bahnarbeiter. Ich richte an die Kolonialverwaltung d« be- stimmte Frage, ob es richtig ist, datz auch deutsch« Schutz- tr Uppenoffiziere und farbige Soldaten zur Anwerbung von Bahnarbeitern in Kamerung Verwendung gefunden haben. Die An- Werbung geschieht in der Weise, daß die Leute bedroht werde« und daß man ihre Weiber gefangen nimmt, wenn fie nicht frei- willig zum Bahnbau sich melden. Oft fliehen die Leute aus Angst vor den Werbern in den Busch. Es find zwar Vorschriften über die Behandlung der Arbeiter erlassen worden, aber sie stehen nur auf dem Papier. Die Sterblichkeit unter den Arbeitern der Bahn in Kamerun beträgt etwa 20 Prozent und die Krankheitsziffer ist autzerordentlich groß. Die Lazarette werden aber von der Bahnbauverwaltnng unterhalten und diese schickt die kranken Leute oft gegen den Widerspruch der Aerzte wieder zur Arbeit.(Hört I hört I) Eine Ver- sügung des stellvertretenden Ingenieurs weist darank hin, datz die Bahnverwallung endlich noch einen weiteren Arzt anstellen möge, weil die Kranlheitsziffer so autzerordentlich hoch sei. Die zur Arbeit herangetriebenen Farbigen werden in ge- wisser Beziehung tatsächlich wie Hunde behandelt. Es wird keiner mit Namen angeredet, sondern die Leute sind im amilichen Verkehr nur Nummern. Jedem wird mit einer festen Plombe eine derartige Hundemarke um den Hals gelegt. (Hört! hört! Der Redner zeigt eine runde Blechmarke.) Die Leute werden auch sonst ganz unmenschlich behandelt. Die aller- gröblichsten Mitzhandlungen sind an der Tagesordnung und Beschwerden menschlich fühlender Weißen werden von der Bau- leitung glatt abgewiesen. Auf eine solche Beschwerde erging wört- lich folgender Bescheid der Bauverwaltung:„Wenn ein Mann von einem Schachtmeister blutig geprügelt wird, so haben Sie den Man>i einfach verbinden zu lassen, alle? andere geht Sie nichts an!"(Hört I hört I> Alle diese Tatsachen sind der Kolonialverwaltung zur Kennt« nis gebracht worden. Ein schwarzer Arbester wurde von einem Schachtmeister mit dem Hammer am Schienbein blutig ge- schlagen. Als der Arzt der Bauleitung dies mitteilte, wurde ihm verboten, davon der Aufstchtsbehörde Mitteilung zu machen. Von den Revisionen beim Bau und in den Lazaretten ist die Ver- waltung vorher unterrichtet und sie zeigt den revidierenden Beamten dann Potemkinsche Dörfer. Die Heilgehilfen in den Lazaretten haben einen schwunghaften Handel mtt de» Köpfe» der schwarze« Arbeite» getrieben, die fie den dort Verstorbenen abschnitte«.(Hört! hört» Der menschenfreundliche Arzt Dr. Beyer teilte in einem Schreiben den Heilgehilfen mit, datz er ihnen zu„seinem Bedauern" das weitere Abschneiden der Köpfe verbieten müsse. Die Behand- lung der farbigen Arbeiter ist derartig, daß man sich direkt wundern mutz, daß nicht ein Aufstand eine unmittelbare Folge davon gewesen ist. Farbige Arbeiter sind durch die Schacht- meister direkt zu Boden geschlagen worden. Vorher hat man sie allerdings halb verhungern lasten. Die Schacht« meister haben einfach den Arbeitern die Beköstigung gestohlen und die Leute dann durch Prügel gezwungen, die Kost von ihnen wieder zurückzukaufen, llnter diesen Schachtmeistern be- finden sich die schwersten Verbrecher. Wenn der Aufsichts- beamte zur Revision kam, haben die Schachtmeister die Leute mit offensichtlichen Mitzhandlungsmerkmalen einfach in den Busch geschickt.(Hört! hört!) Ein Schachtmeister, Kaiser heißt dieser Kulturträger hat einen farbigen Arbeiter buchstäblich mit den Füßen totgetreten. Dafür wurde er zu der niedrigen Strafe von zwei Jahren drei Monaten Gefängnis verurteilt. Alle diese Vorgänge sind erst vor ganz kurzer Zeit passiert. Sie spielten sich bei Kameruner Bahnbauten ab, aber es ist notwendig, datz gegen derartige Schändlichkeiten so schnell als möglich eingeschritten lvird. Wir haben nicht die geringste Garantie, daß diese Schandwirtschaft, die in Kamerun mehrere Jahre dauern konnte, sich nicht auch bei den Bahnbauten wiederholt, die uns jetzt beschäftigen. Wir werden uns sehr gründlich überlegen, ob wir der Regierung Geld bewilligen für kalische Geschlossenheit dieses mächtigen Stimmkörpers sichert seinen Konzerten um deswillen eine ungewöhnliche Anziehung. In be- zug auf das Programm hielten sich indes beide Veranstalter die Wage. Beethovens Ouvertüre zu„Coriolan", das Andante aus der C-moll-Sinfonie, desgleichen seine unsterbliche„Eroika", sowie Werke von Weber und Saint-Saöns machten den instrumentalen Teil aus, den dort das„Neue Sinfonie-Orchcster", hier das„Oer- liner Sinfonie-Orchester" vornehm durchführte. Für die Borträge lyrischer und episch-dramatischer Solo- wie Chorgesänge waren be, währte Künstler aufgeboten. Es war gewiß ein eigenes Zusammentreffen, datz die Typo- graphia und die Kreuzberger Harmonie gleichzeitig Max Bruchs bedeutendes Oratorium„Frithjof" aufführten. Wäre dies Werk dort z. B. an den Anfang des Programms gestellt, hier für den Schluß vorgesehen gewesen oder auch umgekehrt, so hätte sich für den Referenten ein Abwägen beider Leistungen ermöglichen lassen. Jetzt verbleibt ihm nur die Pflicht, einige Worte über die Aufführung bei der Kreuzberger Harmonie zu sagen. Hier hörten wir Frau Hertha Geipclt(Jngeborg) und Karl Rache (Frithjof). Der Vertreter dieser letzteren Rolle, der über einen veritablen Batzbaryton gebietet, sprach sehr an; indessen ließe sich gewiß aus beiden Rollen eine tiefer hinreißende dramatische Wucht herausholen. Ehor und Orchester hielten sich im ganzen tadellos auf der Höhe ihrer zum Teil schwierigen Aufgabe. Der Schlußsatz wurde zu grandioser Wirkung gesteigert. Bei der Typographia hatten Hermann Wcitzcnborn und Paula Wein bäum die Soliparts. Die Sängerin hörien wir nur in einigen Liedern, geradezu prachtvoll sang sie„Judiths Sicgeslied",. e. k. Notizen. — Ludwig P i e t s ch, der unsterbliche Ballplauderer und Reise-, Fest- und Kunstberichterstatter der„Bossischen Zeitung" ist Montag früh gestorben. Weihnachten wäre der Unverwüstliche 87 Jahre alt geworden. Bis in die letzten Tage hatte er die Ber- liner Bourgeoisie, soweit sie zur Tante Boß in Beziehungen steht, über all die Nichtigkeiten des gesellschaftlichen Lebens unterhalten. Die Legende behauptet, datz der Hofball ohne L. P. kein Hofball mehr iväre. Sicher ist, datz Pietsch für die moderne Kunst keinerlei Verständnis halte und eben deswegen bei S. M. beliebt war. An Orden konnte er es mit manchem Bahnhofsportier aufnehmen. Schließlich war er die wandelnde Gcsellschaflschronik und zugleich ein lebender Anachronismus von Anno dazumal geworden. — Auf der Trcptow-Stern warte spricht Mittwoch, abends 8 Uhr, Dr. A r ch e n h o l d über„Mars in Erdnähe" und Freitag, abends 8 Uhr. Prof. K. Schaum über„Die Best i m m u n g der Temperatur von Himmelskörpern". Mit dem großen Fernrohr werden abwechselnd der Mars und der Saturn, dessen Ringsystein weit geöffnet ist, gezeigt. — Eine Leibl-Galerie in Köln. Die Stadt Köln beabsichsigt die Sammlung von Gemälden ihres großen Sohnes. des Malers Leibi, die sich im Besitz des Geheimrates Seeger in Berlin befindet, anzukaufen. Der Ankaufspreis soll eine Million Mark betragen.— Zu Leibis Lebzeiten hat sei�-Baterstadt natürlich nicht daran gedacht, von ihm Bilder zu erwerben, lind dgmgls hätten sie sie recht billig haben könnfff. den Fortva» von Dahnen. Sei denen die Möglichkeit gegeven ifi, daß sich Borgönge ereignen, die geradezu eine Schande fü das Deutsche Reich sind.(Beifall bei den Sozialdemokraten� Abg. Eickhoff(Vp>: Daß man in Afrika anfangs bei dem Bau Fehler gemacht hat, ist nicht verwunderlich; aber gerade bei der Bahn bis Tabora sind die früheren Fehler vermieden worden. Dah die Bahn bis zum Tanganjikafee fortgeführt worden muff, ist aus finanziellen und wirtschaftlichen Gründen erforderlich. Würde der Bahnbau jetzt unterbrochen und später wieder weitergeführt werden, so wäre das ganz irrationell. Meine Freunde werden der Borlage also zustimmen, doch wünschen auch wir noch in der Kom inission Aufklärung über einige Einzelheiten.(Bravo! bei der Bolkspartei.) Stellvertretender Staatssekretär Dr. Solf: Herr Roske hat Fälle von Brutalität seitens Angestellter der bauausfiührenden Firma Lenz vorgetragen. Dem Gouverneur sind zwei Fälle von Mißhandlungen von Arbeitern durch Schachtmeister bekannt geworden. In beiden Fällen ist Bestrafung eingetreten. Weiteres Material liegt uns nicht vor, und ich würde Herrn Noöke dankbar sein, wenn er uns sein Material unterbreitete. Herr Erzberger sprach von Ausschreitungen der S ch u tz t r u p P e. In dieser Allgemeinheit muff ich den Vorwur' zurückweisen. Verfehlungen einzelner ASkariS gegen Eingeborene find vorgekommen; diese find aber auch auf das strengste bestraft worden. Abg. Dr. Arning(natl.): Bielfach klagen die Pflanzer über Mangel an farbigen Arbeitern, weil diese es vorziehen, sich bei den Eisenbahnen anwerben zu lassen. DaS ist ein Beweis dafür, daff es die Sieger bei den kolonialen Eisenbahnbauten nicht schlecht haben.— Redner verbreitet sich, vielfach unverständlich, über die eventuelle Rentabilität der Fortführung der Bah» bis zum Tangau jikasee und über ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung. Et iväre ungerecht, von Kolonialbahnen eine sofortige Rentabilität zu verlangen. Abg. v. Liebert(Rp.): Endlich nach so vielen ungünsügen Nach richten auS Afrika wieder einmal eine groffzügige Vorlage 1 Alle die großen Afrikaner, Peters und Wissmann und Graf Pfeil, sind für eine deutsche Ueberlandbahn vom Indischen Ozean bis zum Tangajiia-See eingetreten und ich habe meine ganze Persönlichkeit dafür eingesetzt. Wir müsien brechen mit dem System der zwecks losen Stichbahnen. Die Handelsbilanz Ostafrikas zeigt ein er- freuliches Fortschreiten. Natürlich sind wir für die Vorlage.(Bravo! rechts.> Abg. Erzberger(Z.) wendet sich gegen die Einwände, die im Laufe der Debatte gegen seine Ausführungen über die mangelhaften Borarbeiten, ungenügend durchgearbeiteten Projekte usw. erhoben Warden sind» und hält seine Behauptungen im vollen Umfange aufrecht. Damit schließt die Debatte. Die Borlage wird an die Budgetkommission verwiesen. ES beginnt sodann die zweite Lesung des Hausarbeitsgesetzes. Abg. Dr. Kolbe(Np.j äußert Bedenken gegen die Bestimmung, wonach von dem Gesetz ausgenommen sein sollen diejenigen Werk stellen, in denen ausschließlich für den persönlichen Bedarf des Be- stcllerS oder seiner Angehörigen gearbeitet wird. Der Redner tritt für die 5kommissionSbcschüsse ein und ersucht die Regierung, ihnen zu entsprechen. Abg. Robert Schmidt-Berlin(Soz.): Wenn die Heimarbeiter gehofft haben, daff in der Kommission noch enie Aenderung des Gesetzes zu ihren Gunsten vorgenommen wird, so dürften sie nach Abschluß der Kommissionsverhandlungcn in diesen Hoffnungen betrogen sein.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Auch aus den vorliegenden Anträgen dürfte hervorgehen, daff nur die Sozialdemokratie die jenigen Anträge gestellt hat, die im Jntereffe der Heimarbeiter bei einer Avnveruag des Gesetzes in Frage kommt. Die Heimarbeiter haben nach Abschluß der Kommissionsverhandlung nochmals in einem großen Kongresse ihre Forderungen aufgestellt, doch diesen Fordernngen ist' nur in den Anträgen der Sozialdemokratie entsprochen worden Es ist festzustellen, daß dieser Gesetzentwurf leider große erhebliche Wünsche der Heimarbeiter nnrrfüll« läßt, und es ist eine eigenartige Zumutung, die der Gesetzentwurf an die Heimarbeiter stellt, daß sie in ihren Werkstätten und Wohnungen gewiffen sanitären Vorschriften entsprechen sollen, während auf der anderen Seite an die wichtigste Frage, die Lohnfrage, nicht herangegangen wird. Immer inehr wächst in den Kreisen der Heimarbeiter die Ueberzengung, daß die Voraussetzung für eine Reform der Heimarbeit die Regelung der Lohnfragc ist. AuS einer ganzen Reihe von Tarifverträgen, die ich hier vor- gelegt habe. geht hervor, daß solche Tarife auch m den schwierigsten Situationen die Lohnsrage regeln können. Besonders ist eS die Ä o n s e l t i o n s i n d u st r i e, die eine ganz umfassende Tarifierung ihrer Arbeiten schon durchgeführt hat. Im wesentlichsten handelt es sich dabei ober um die Maffbranche. an der die Heim- arbeiter weniger beteiligt sind. Die Tatsache, daß die Tarife für die Maßarbeit durchführbar sind, ist aber ein Beweis dafür, daß sie auch in der übrigen Konfektion für die Heim- arbeiter durchgeführt werden können. Die Zwischcnmeister in der Damenkonfektion sind jetzt dazu über- gegangen, sich mit den Arbeitern in Verbindung zu setzen und g e- m eins am einen Tarifvertrag auszuarbeiten, der die Löhne für die Meister wie für die Heimarbeiter festlegt. Diese Verständigung der Zwischenmeister mit den Arbeitern scheitert aber an der schroffen Ablehnurg der Fabrikanten, die immer wieder die Behauptung aufstellen, daß solche Tarifverträge nicht durchführ- bar seien. In Verbindung mit der Lohnfrage steht auch die andere Frage der AuShängung der Tarife, die von großer Wichtigkeit für die Heimarbeiter ist. Die englische Gesetzgebung hat schon seit langem die Bestimmung getroffen, daff für die Heimarbeiter die Tariflöhne an den Stätten, wo die Arbeil ausgegeben wird, sichtbar bekannt gemacht werden muffen. Die deutiche Gesetzgebung sollte diesem englischen Beispiel folgen. Wir haben in den' letzten Wochen und Monaten eine außerordentlich rege Agitation gesehen, die den Nachweis führen will, daff die Lohn- verhälmiff? durchaus nicht so übel in der Heimarbeit seien, daff man von einer Elendsindnstrie reden könnte und die Gesetzgebung für die besonderen Bedürfnisse der Heimarbeit dienstbar machen müßte. Vor einiger Zeit wurde im Reichstag die Aeufferung eines Vertreters der sächsischen Regierung in die Debatte geworfen, der gesagt hatte, die DaOllung der Verhältnisse auf der Berliner Heimarbeilsausftellung sei tendenziös und einseilig und die dort bekanntgegebene» Löhne hätten einer Nachprüfung nicht Stich gehalten und ieien viel zu niedrig angegeben worden. Woher kommt diese Kenntnis der sächsischen Regierung? Wir haben bei der HeimarbeitsauSstellung die Mitteilungen für die Arbeitslöhne im sächsischen Erzgebirge der Regierung zur Verfügung gestellt, weil uns ge- sagt wurde, man wolle eine Nachprüfung vornehmen. Die sächsische Regierung hat das von ihr gewonnene Material nicht ver- öffentlicht, sondern nur die allgemeine Behauptung aufgestellt, die Angaben aus der B e r l i n e r H e i m a r b e i t s- A u s st e l l u n g seien unrichtig. Anstatt sich an Hand des Materials mit den betreffenden Organisationen in Verbindung zu letzen, ist die sächsische Regierung einfach an die Gemeinde» herangegangen und hat die Fabrikinipelloren mit der Untersuchung beaustragt. Diese sind nicht an die Heimarbeiter herangetreten, sondern a» die Unternehmer und Großkaufleutr.(Hört I hört!) Ick habe der sächsischen Regierung gesagt, die am meisten beteiligte O r g a n i- sation der Holzarbeiter ist auch beute noch bereit, die erforderlichen Führer zur Nachprüfung deS Materials zu stellen, da- von hat die sächsisch« Regierung aber leinen Gebrauch ge- macht.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wir tounen das Material auch jetzt nach zwei Jahren»och ruhig nachprüfen lassen und wir habeir der Regierung die Möglichkeit gegeben, durch ihre Beamten gemeinsam mit unseren Angestellten an Ort und Stelle diese Nachprüfung vorzunehmen. Darauf wird av« nicht ein gegangen. Sie hat auf unser Angebot gar nicht geantwortet und so geht die Behauptung in die Well, die Heimarbeitsausstellung habe ein unrichtiges Material vorgebracht. Auch der Vertreter der sächsischen Regierung sagte in der Kommission, mit den Verhältnissen der Heimarbeit im Erz« gebirge sei es nicht so schlimm. Ich will einige Stich proben aus dem Material der sächsischen Regierung mit allen ihren Fehlern geben. Eine aus vier erwachsenen Personen bestehende Familie verdient danach pro Person eine» Wochenlohn von 5,80 bis 6 M. (Hört! hört l bei den Sozialdemokraten.) Das beweist doch wahrhaft jämmerliche Zustände. Heute verdient dieselbe Familie nach dem selben amtlichen Bericht 2S M. pro Woche, also 0,35 Mark pro Person, und wenn Sie die Lebensmittelpreise berücksichtigen, will ich den sehen, der anffteht und sagt, die Lohnverhältniffe find nicht so schlimm, daß die Regierung nicht Anlaß zum Eingreifen hätte. Der sächsische Berichterstatter fügt dem Bericht hinzu: Vom Verhungern der Familie ist nie die Rede. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Eine andere Familie, die aus Mann, Frau, einer fünfzehnjährigen Tochter und einem zehnjährigen Sohne besteht, verdient bei dreizehn- bis scchzehnstündiger Arbeitszeit täglich 9 M. in der Woche.(Hört hört I bei den Sozialdemokraten.) Ein Drechsler verdient mit Frau und Gehilfen, also drei erwachsene Personen zusammen 15 M die Woche, und diesen Tatsachen fügt der sächsische Bertchterstotter hinzu .Ein Gang durch die Dörfer lehrt uns, daß von besonderer Not oder gar von chronischer Unterernährung nicht die Rede sein kann."(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Das ist das Bild, das ein Vertreter der sächsischen Regierung an seine Regierung berichtet, wenn er selbst konstatiert, daß erwachsene Personen einen Lohn von 5—6 M. pro Woche bekommen, und die sächsische Regierung sagt dann, die Berliner Heimarbeitsausstellung sei tendenziös gewesen! Das Herz im Leibe muh sich einem zusammenkrampfen, wenn man diese Löhne in Vergleich zu den Kosten der Lebenshaltung stellt. Nach solchem amtlichen Material verstehe ich es, daß die sächsische Regierung sich mit Händen und Füßen gesträubt hat, daß dieses Elends- bild ans der Hhgieneausstellung in Dresden aus- gestellt wird.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Nicht die Gewerkschaften wollten Tendenz üben, sondern die sächsische Regierung übt Tendenz zugunsten der K a u f l e u t e und Unternehmer, während es ihre Aufgabe gewesen wäre, gerade die Elendesten zu stützen, für sie eine Lanze zu brechen, nicht siir die Millionäre, die ihre Millionen aus dem Hunger und Elend der Aermsten zusammengescharrt haben.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Von der Frankfurter Heimarbeiterausstellung ägt der Vertreter der sächsischen Regierung, sie habe ein objektives Bild gegeben. Gewiß hat sie eine Reihe von Gewerben gezeigt, die in der Heimarbeit nicht das düstere Bild erwecken, wie im Erz- tebirge. Aber auch dort gibt es Bezirke, die ganz dasselbe Elend zeigen und uns dadurch zum Eingreifen auffordern. Der Redner zeigt an der Hand des Büches„Schttderung der Heimarbeit. herausgegeben von Dr. Becker", das auf der Frankfurter Ausstellung ausgestellt war. daß im östliche» Vogelsberg bei 15- bis 18stündigrr Arbeitszeit ein durchschnittlicher Tagelohn von 1,11 Mark verdient wird» daß die Bevölkerung außer Kartoffeln nur zuweilen Gemüse auf den Tisch bringen kann, daß in der Weberei die Höch-stlöhne, die nur wenige Heimarbeiter bekommen, 18 Pfennig betragen» und daß sie bis zu 7 Pfennig heruntergehen; als Folge der ungenügenden Ernährung finden wir eine hohe Kindersterblichkeit, und einen ganz schwächlichen Menschenschlag. Die Armut der Weber vom VogelSberg kann höchstens noch durch die der Rhön übertroffen werden, wo bei lbstiindigrr Arbeitszeit die durchschnittlichen Wochenlöhne 3,50 Mark betragen(Hörtl hörtl tzei den Sozialdemokraten) und bis auf 2,50 Mark heruntergehen. Und von diesen Zuständen sagt ein Pfarrer, daß die lang« Arbeitszeit die Arbeiter vor dem Besuch der Wirtshäuser bewahrt und vor schlechten Wegen behütet, was er als einen Segen des Himmels preist.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Da sehen wir, welcher tiefe Mangel an sozialem Verständnis gerade in diesen Kreisen vorhanden ist. In der Baumwollweberei beträgt nach den Eingaben der Handelskammer der Wochenlohn 1 2 b i s 14 Mark, wobei die Handelskammer aber nicht angegeben hat, daß es sich hier um de» Lohn von zwei Personen, von Mann und Frau handelt.(Hörtl hört! bei den Sozial« demokraten.) Man muß einen solchen Raum einmal gesehen haben, wo außer dem Webstuhl nur noch der Kochherd steht, und Wirt- chastsgegenstände so gut wie gar nicht vorhanden sind. In der stauberfüllten Luft müffen sich auch die Kinder aufhallen: daS ist das glückliche Heim des Heimarbeiters! Die Leute drängen ich auch geradezu aus der Heimarbeit heraus, um in die Fabrik zu kommen. Es wurde dort in Oberfranken vor einigen Jahren eine Genoffenschaflsweberei mit Fabrikbetrieb gegründet, die aber bei weitem nicht alle Weber aufnehmen kann, die sich melden. Charakteristisch für die Verdältniffe in Ober- ranken ist die Ablehnung eines Rentengesuches in Schwarzenbach. weil der Mann noch in der Lage sei, l.dv M. bis 2M. täglich zu verdienen. Der Bürger- meister von Schwarzenbach bemerkt ausdrücklich, daß dieser Verdienst nur ganz selten und zwar von vollständig ge« unden Arbeitern erreicht wird.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Angesichts solcher Zustände ist unsere Gesetzgebung dahin ge- richtet, die Zahl der Heimarbeiter noch immer zu vermehren. Durch unseren Tabakzoll werden die Fabrikanten dazu gedrängt, die Fabrikatton aufs Land zu verlegen und dort zur Heimarbeit über- zugehen. In Berlin sehen wir den großen Ausstand der Heim» arbeiter zur Errmgung besserer ErwerbSverhältniffe. wobei sie mit den Zwiscbenmeistern zusammengehen, und trotzdem ist eS nicht möglich, den Widerstand der Unternehmer zu brechen, wenn nicht auch die Gesetzgebung da« Ihrige tut. den Arbeitern das Rückgrat zu steifen gegenüber einer so mächtigen Unt ernehmergruppe. Ich weise auf das Beispiel deS Auslandes hin und möchte gerade den reisinnigen Herren da» Wort Brentanos vorhalten, das er im Hinblick ans die englische Gesetzgebung am 1. November ge- 'prochen hat:»DaS Gesetz vom Fahre l90S ist eines der großen sozialpolitischen Verdienste der liberalen Partei in England. Hoffent- lich werden sich auch die Vertreter der liberalen Partei im Deutschen Reichstag die Gelegenheit nicht entgehen laffen, die gleiche» politischen Lorbeeren wie ihre englischen GesinmingSgenoffcn u erwerben." Ich habe nicht den Eindruck nach ihrem bisherigen Verhalten in dieser Frage, daß sie tatsächlich die Neigung haben, diese Lorbeeren Ihrer englischen Freunde zu erwerben. Ich bedaure das in hohem Matze. Auch die Hirsch- Dnnckersche Arbeiterorganisation. die einzige, die Sie noch in Ihrem Anhang aufzuweisen haben, verurteilt Ihre Anträge zum HauSarbeitsgesetz, Ihre Fordenmg der Fachausschüsse statt der Lohnämter, die gar nichts wert seien. Bon Ihrer Stelllmg sagt die Hirsch-Dunckersche Organisation:.Da» Unglaubliche wird zur Tatsache." Scharf verurteilt sie auch, daß ein Arbeiterfiibrer wie Herr Behrens seine Unterschrift zu Anträgen gibt, die Fachausschüsse statt der Lohnämter fordern, und mit Rück- icht auf dies Verhatten aller anderen Parteien zum HauSarbeitsgesetz ägt die Hirsch-Dunckersche Organisation: „Die Sozialdemokratie hat eiu Schweiurgläck." Ich kann sagen, ich würde auf dieses.Schweineglück" in diesem Falle ehr gern verzichten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo. kruten) wenn wir im stände wären, mit Ihrer Unterstützung wirtlich bessere Verhalmiffe für die Heimarbeiter zu schaffen. Abgeordneter Dr. M u g d a n hat hier einmal von der»papiernen Sozialpolitik des Zentrums gesprochen. Jetzt haben Sie sich einwickeln lassen von dieser papiernen Sozialpolitik mitsamt den Herren vom Zentrum. (Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Die Gegensätze zum Zentrum sind hier bei Ihnen nicht mehr vorhanden, sondern hier zeigen Sie ein Einverständnis in einer so Wichligen Frage, wo die Heimarbeiter mit Recht von Ihnen verlangt hätten, daß Sie eine andere Stellung einnehmen. Das Urteil Ihrer einzigen Arbeiter- organisation. des Gewerkvereins, ist eine scharfe Ver- urteilung Ihrer ganzen Sozialpolitik. Wir erheben hier noch einmal die mahnende Stimme, endlich den Bedrängten und Ausgebeuteten wirkliche Hilfe und wirklichen Schutz zu bringen.(Bei- fall bei den Sozialeemokraten.) Abg. Dr. Fleischer(Z.): Der Abg. Schmidt hat hier ein Bild der entsetzlichen Notlage der Hausarbeiter entwickelt. Wir alle sind von den mitgeteilten Tatsachen ebenso tief ergriffen und er- schüttelt wie die Herren von der Sozialdemokratie.(Na, na l bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Schmidt nahm die Tatsache deS Elends zum Vorwand, um zu erklären, daß allein die Sozialdemo- kratie für die Jntcreffen der Heimarbeiter eingetreten sei.(Leider wahr I bei den Sozialdemokraten.) Nein, das ist nicht wahr, diese Behauptung bestätigt sich nicht in vollem Umfange Die Regierungs- Vorlage bedeutet doch immerhin einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem bestehenden Zustande und die Regierungsvorlage ist doch die Frucht jenes Antrages, der im Jahre 1906 von allen bürgerlichen Parteien diele« Hauses gestellt worden ist. Der Heim- arbeiterkongreß hat in seiner Resolution die in der Kominiffion be» schlossenen Verbesserungen des Gesetzentwurfs anerkannt. In der Resolution werden gefordert die allgemeine Registrierpflicht, die Unterstellung unter die Gewerbeaussicht, die Durchführung eines sanitären Schutzes, die allgemeine Einführung von Abrechnungs- büchern, die allgemeine Einführung vorn Lohntafeln. Alle diese Forderungen sind durch die Beschlüsse der Kommission verwirklicht. Ich muß es deshalb als eine in jeder Beziehung den Tatsachen und der Wahrheit widersprechende Behauptung zurückweisen, wenn Kollege Schmidt hier vor aller Welt die Dinge so hinzustellen beliebt, als ob die bürgerlichen Parteien den Forderungen des Heimarbeiter- kongresseS nicht Rechnung getragen hätten.(Zurufe bei den Sozialdemokraten:»Der entscheidende Punkt, die L o h n f r a g e?") Darauf kommen wir beim Paragraph 3 b. Die sozialdemokratischen Anträge würden, wenn fie überhaupt durchführbar wären, die Lage der Heimarbeiter nicht verbessern, sondern nur dazu führen, viele Existenzen brotlos zumachen. Wir protestieren gegen die Behauptung, daß wir kein Herz für die Heimarbeiter haben. (Bravo! im Zentrum.) Abg. v. Naumann(Fortschr. Bp): Es handelt sich nicht um daS Quantum von Herz, das jede Partei für die Heimarbeiter hat, sondern um positive Leistungen.(Sehr wahr! link«.) Es ist im große» und ganze» gleichgültig, ob man dieS Gesetz annimmt oder nicht(Lebhaftes Hört! hört l bei den Sozialdemokraten); es enthält keine Verschlimmerungen, aber auch keine wesentlichen Verbesserungen.(Lebhaftes erneutes Hört! hört I bei de» Sozialdemokraten.) Die Statistik zeigt fast überall ein ständiges Sinken der Ziffern der Heimarbeiter; eine Ausnahme machen Schneiderei und Konfektion, in denen aber nur die weibliche, nicht die männliche Arbeiterzahl zunimmt, und die Industrien de« minderwertigen LuxnS, des Plunders, in deren Mittelpunkt das schöne Weihnachlsfest steht. Und für diese Berufe ist daS, was das Gesetz bietet, nichts als weiße Salbe. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist die Unter- bietung der Maschine, von der die Heimarbeit lebt. Die armen Frauen der Großstädte und die weitentlegenen Dörfer der Gebirge, das sind die Träger der Heimindustrie. WaS kann hier Hilfe schaffen? Einmal die Elektrizität. Darüber können wir hier nicht verhandeln. In dieser Hinsicht ist jede Sitzung der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft wichtiger als alle Ver- Handlungen des Reichstages über die Frage der Heim- industrie. Das aber, was der Reichstag schaffen kann, sind Lohnämter. Es muh dahin gewirkt werden, daß die Verhält- niffe in der Heimindustrie gesund werden. DaS sind aber keine ge» iunden Zustände in einer Industrie, wenn alle kräfttgen, lebenS- fähigen Individuen genöttgl sind, ihr den Rücken zu kehren. Daß die Heimarbeit unorganisiert ist— unorgaiiisien in bezug auf die Unternehmer, unorganisiert in bezug auf die Arbeiter—, bas ist ihr Krebsschaden. Die Lohnämter sind der Hebel, an dem die Beffcrung einsetzen kann und muß. Um so mehr wundert mich die Haltung des Zentrums.(Z»ruf vom Zentrum: Die ab- lehnende Haltung der Regierung!) Die ablehnende Haltung der Regierung? Sorgen Sie(zum Zentrum) doch für eine Mehrheit, die die Lohnämter beschließt, und dann wollen wir sehen, ob die Re« gierung da« Gesetz an den Lohnämtern scheitern lassen wird. Was die Fachausschüffe betrifft, so mögen sie unschädlich sein; aber nie und nimmer als Ersatz für Lohnämter gelten.(Lebhafter Beifall links.) Abg. Schmidt-Berlin(Soz.): Der Abg. Dr. Fleischer sagte, ich habe der Wahrheit zu« wider die Behauptting ausgestellt, daß die Forderungen des Heim- arbeiterkongreffes von keiner bürgerltchen Partei berücksichtigt worden seien. Ich stelle fest: Der Heimarbeilerkongreß hat nach Abschluß der KommissionSverbandlnngen getagt. Er hat Forderungen gestellt, die über die KommiffionSbeschlüffe hinausgingen. Die Auf- erlegung der allgemeinen Registrierpflicht, die allgemeine Einführung von Abrechnungsbüchern, der obligatorische Aushang von Lohnlarifen ist von dem Kongreß in ganz anderer Form gefordert worden als_ eS_ die KommissionSbeschlüsse tun, die dem Bundesrat die Möglichkeit geben, diese Bestimmungen nicht durchzusühren. Der Kongreß hat auch Entschädigung für unverschuldete Zeitversäumnis beim Holen oder Bringen von Arbeit gefordert. Wo ist denn ein dahingehender An- trag von bürgerlichen Parteien? Der Kongreß hat weiter Lohn- ämter und Invalidenversicherung gefordert. Diese Forderungen sind nur von der Sozialdemokratie in ihren Anträgen aufgenommen worden.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Abg. Behrens(Wirtsch. Vg.): Viel bester als die schönen Er- klärungen des Abg. Naumann hätte es uns gefallen, wenn er uns die Stimmen seiner Freunde für unsere weitergehenden Wünsche auf den Tisch des Haiise« gelegt hätte.(Sehr richtig l) Draußen im Lande werden viele Hoffnungen auf die Vorlage gesetzt, die auch in ihrer jetzigen Form einen großen Fortschritt darstellt. Große Verdienste um dieses Gesetz bat die Arbeit deS Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen. Unsere Schuld ist es nicht, wenn die Kommission schließlich die Lohnämter abgelehnt hat. Auch ich muß den vom Abg. Schmidt gegen die bürgerlichen Parteien erhobenen Vorwurf zurück- weiten. Ueber die Fachausschüsse, die jedenfalls vor den Lohnämtern den Vorzug haben, daß fie eine Mehrheit in der Koinmission ge- funden haben, werden wir uns morgen näher unterhalten können. — Wir wollen für die Heimarbeiter erreichen, was fich erreichen läßt.(Bravo I rechts.) Hiermit schließt die Diskussion.§ 1 wird in der KommisstonS- faffung angenommen, ebenso Z 2. Präsident Graf Schwerin schlägt vor. die nächste Sitzung ab- zuhalten Dienstag� 12 Uhr mit der Tagesordnung: Rest der zweiten Lesung der«chlsfahrt sab gaben. Fortsetzung der zweiten Lesung des Hausarbeitsgesetzes. Abg. Frhr. v. G-mp(Rp.(zur Geschäftsordnung)) regt im Jntereffe der wichtigen Arbeiten der Budgetkommission an. die Sitzungen an den nächsten Tagen nicht allzu früh anfangen zu lassen. Präsident Graf Schwerin macht seinerseits darauf aufmerksam, daß doch eine gewisse Eile nöiig sei, um bis Anfang Dezember mit den Arbeiten des Reichstags zum Abschluß zu kommen. Es bleibt beim Borschlag de« Präfidente«. Schluß 7'/« Uhr. Der Krieg. Zur Kriegslage. Rom, 24. November. Der„Avanti" melde!, daß SaS Expeditionskorps in Tripolitanien demnächst 80 000 Mann stark sein wird, um in der Folge aus 100 000 erhöht zu werden. Zurzeit sind drei Divisionen in Afrika und eine vierte ist unterwegs. Als unser Zentvalorgan vor Wochen von einem BesatzungSheer von 100 000 Mann sprach, hatte die bürgerliche Presse nicht Worte genug, um diese„phantastische Schwarzseherei" zu dementieren. Diese Tatsache zeigt, wie sehr man gerade in nationalistischen Kreisen über die wirkliche Bedeutung des Krieges im unklaren war. Auch die wirtschaftlichen Folgen dürsten kaum in ihrem vollen Ernst vorher richtig eingeschätzt worden sein. In der Zeit vom 10. bis 20. November haben die Einfuhrzölle 2,4 Millionen weniger ergeben, als in der entsprechenden Periode des Vorjahres. Dieser Rückgang ist allerdings zum großen Teil eine Folge der guten Weizenernte und der entsprechend geringeren Weizeneinfuhr, aber auch für die anderen Waren ist ein Rückgang von rund 580 000 Lire ga verzeichnen, der ganz auf Rechnung der Kriegsdepression zu setzen ist. Italienische Offensive in Tripolis. Tripolis, 26. November.(Meldung der„Agence Havas".) General Frugoni gab den Befehl zum Vormarsch bis zum Fort Messri und bis Elharmi. Das Fort Meflri wurde um Uhr besetzt. Das 50. italienische Infanterieregiment ist auf dem äußer- sten rechten Flügel in einem lebhaften Kampf mit türkischen regu- lären Truppen verwickelt. Tripolis, 26. November.(Meldung der„Agenzia Stefani".) Heute früh erfolgte der allgemeine Vormarsch unserer TruppenanderSüdostfront. Er war auf allen Punkten von vollem Erfolge gekrönt und schloß mit dem Rückzüge des FeindeS aus seinen befestigten Stellungen. Diese Aktion gestaltete sich nach einem sehr lebhaften Kampfe, der den ganzen Tag dauette, zu einem glänzenden Sieg, der bestimmt sein dürfte, für den ganzen Feldzug von entscheidender Wirkung zu sein.(?) Die italienischen Truppen an der Ostfront gingen zähe vor und mußten eine Befestigung nach der andern, ein HauS nach dem andern den Arabern abringen, die sich hinter den Palmen versteckt oder hinter Hindernissen aller Art verschanzt hatten. Ein HauS, das den Grenadieren im Wege stand, mußt« in die Luft gesprengt werden; so erbittert war der Widerstand, den die Insassen leisteten. Gegen 4 Uhr nachmittags war der Vormarsch auf der ganzen Linie durchgeführt. Das 33. Infanterieregiment besetzte die neue ihm zugewiesene Stellung, in die bald darauf auch die Grenadiere ein- rückten, während die Bersaglieri das Dorf Henni besetzten und den Feind vor sich her trieben, der sich in Unordnung auf allen Seiten zurückzog. General Caneva nahm an den heutigen Kämpfen teil. Man sagt, daß zahlreiche Türken gefangen genommen worden seien Ein Gefecht bei Derna. Derna» 2b. November.(Meldung der„Agenzia Stefani".) Gestern wurde auf dem Plateau vor der Stadt eine Erkundung mit zwei Bataillonen Infanterie, einem Bataillon Alpenjäger, drei Maschinengewehrabteilungen, einer Abteilung Gebirgsartillerie und einer Kompagnie Matrosen vom Linienschiff„Napoli" unter- nommen. Gegen 0 Uhr wurden beträchtliche Streitkräfte des Feindes gemeldet, und kurz darauf begann ein lebhafter Kampf, der bis 5 Uhr nachmittags dauette. Die Türken und Araber, die ernsthafte Verluste erlitten hatten, verloren an Boden und begannen sich zurückzuziehen. Bei Sonnenuntergang gingen auch die italienischen Truppen, nachdem sie den Feind aus den Augen verloren hatten, auf Derna zurück. Die italienischen Verluste betragen 50 Mann, darunter 12 Tote. Die Haltung der Truppen war ausgezeichnet. Die Mächte gegen die Blockade der Dardanellen. Konstantinopel, 26. November. Der„Jkdam" meldet, der englische Botschafter habe gestern im Ministettum des Aeußern erklärt, daß die Blockade der Dardanellen den englischen Handel berühren und die Signatarmächte des Londoner Vertrages vom Jahre 1871 in eine schwierige Situation bringen würde. Konstantinopel, 27. November. Wie bettchtet wird, erbat die russische Schistahrtsgesellschast bei der hiesigen russischen Botschaft Weisungen, ob sie die Schiffahrt durch die Dardanellen fortsetzen soI«. Der Botschafter habe geanwortet, der verkehr Linne®te bisher fortgesetzt werden. Wien, 27. November. Die offiziöse„MontagSrevue" meldet folgendes: Wie wir von informierter Seite erfahren, ist die russische Demarche gegen eine Blockade der Dardanellen bei den Kabinetten aller Mächte erfolgt. Me Auf- fassung der russischen Regierung wird an den hiesigen maßgebenden Stellen geteilt, und wie aus den hier vorliegenden Informationen ersichtlich ist, allem Anschein nach auch in Berlin als richtig anerkannt. Der russische Schritt bietet den neutralen Mächten Anlaß zu einem Meinungsaustausch, der sich vielleicht auch auf andere mit dem italienisch-türkischen Konflikt zusammenhangende Fragen erstrecken dürfte._ Die Revolution in Ghina. Eine Schlacht bei Nanking. London, 26. November. Wie der Korrespondent des Reuierschen Bureaus, der sich bei den Angreifern vor Nanking befindet, tele- graphiert, haben die Revoluttonäre heute früh 7s4 Uhr begonnen, Nanking von einem eine Meile nördlich der Stadt gelegenen Fort aus zu bombardieren. Nach einem bisher noch unbestätigten Ge- rücht sollen die Kaiserlichen bereits 800 Tote haben. New Aork, 27. November. Der Korrespondent des„New Dort Herald" in Nanking telegraphiert seinem Blatte einen längeren Bericht über das gestrige Gefecht bei Nanking: Das Bombardement wurde von den Rebellen eröffnet, die in Stärke Von 4000 Mann auf den Friedhöfen von Ming Aufstellung genommen hatten. Sic verfügten über 12 Siebenzenttmetergeschütze, während die kaiserlichen Truppen von den Festungswerken und dem Purplehügel mit 14 7,5 Kanonen sich verteidigten. Die Rebellen versuchten ver geblich in die Stadt einzudringen und hatten 300 Tote und Ver- wundete, während die kaiserlichen Truppen 2000 Tote gehabt haben sollen. Gestern morgen machten die kaiserlichen Truppen einen Ausfall, wurden aber von den Rebellen mit großem Verluste zurück- geworfen und zogen eiligst in die Stadt zurück. 3000 Rebellen griffen dann das Forts Uuwatai an und besetzten es, ebenso das südliche Tor. wo die kaiserlichen Truppen in die Stadt zurück- geworfen wurden. Im Norden bombardietten die Rebellen die kaiserlichen Truppen vom Mafusanforts aus und zerstörten das Löwenbergtor, den Pecheotempel und den Palast des Vizekönigs. Die Rebellen wurden bei ihrem Vorgehen von der revolutionären Flotte unterstützt. Gestern abend begannen die aufständischen Truppen von Chinkiang einen Angriff auf das Tafungmuntor und zetsstötten durch eine Feuersbrunst das ganze Mandschuviertel. Das Gefecht dauerte die ganze Nacht durch. Einmischung der fremden Mächte. Petersburg, 27. November. In hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, daß die chinesische Regierung in nächster Zeit die Mächte um Hilfe anrufen werde, wofür sie hervorragende Privilegien in Aussicht stellt. Zurzeit bemühe sich die chinesische Regierung, di» Stimmung der Mächte nach dieser Richtung hin zu erforschen. Tokio, 26. November.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Nach einer amtlichen Meldung ist die japanische Regierung gemäß dem Beschlüsse der diplomatischen Vertreter in Peking, wegen der gegenwärtigen Lage die fremden Garnisonen in Peking zu verstärken, bereit, demnächst die notwendigen Verstättungen zu schicken. Ebenso wurde beschlossen, wegen der sehr begrenzten Anzahl der in Petschili stationierten Truppen gleichzeitig eine entsprechende Truppenmacht nach Tientsin zu senden. In Peking und Tientsin werden die Truppen insgesamt um ein Bataillon Infanterie und eine Maschinengewehrabteilung vermehtt werden. Di« Gesamtzahl der Streitkräfte in Petschili wird die Truppenzahl nicht überschreiten, die sich vor der Reduzierung im Jahre 1008-dort befand. Drei deutsche Bataillone für China. Die„P o st" verlangt mit Rücksicht auf die gegenwärtige Situation in China die sofortige Entsendung von drei Bataillonen mit je acht Maschinengewehren und mindestens 20Kavalleristen pro Kompagnie und ferner je eine Batterie zu jedem Bataillon. Der Anfang zu einem neuen ostasiatischen Expeditionskorps neben den jetzt schon im Kiautschougebiet stehenden Truppenteilen wäre damit gemacht. Die».Post", die bei dee Marokkokseße nW Mf LfW Rechnung kam, hofft jetzt, aus den chinesischen Wirren Bor- teil für ihre Auftraggeber herauszuschlagen. Es ist also nötig, daß man auch die ostasiatische Politik unserer Zur- perialisten scharf unter Kontrolle nimmt. Eue Induftrie und ftandeL Bergarbeiterlöhne. Dem Jahresbericht des BergbauvereinS Essen für 1910 entnehmen wir über die Bergarbeiterlöhne folgendes: Die Arbeiterzahl(ohne Beamte) stieg im Oberbergamtsbezirk Dortmund von 330 414 im Jahre 1909 auf 334 619 im Berichts- jähr, in Oberschlesien von 115 908 auf 116 262, im Saarbezirk von 51 738 auf 52 397, in Niederschlesien von 27 812 auf 27 979 und im Aachener Bezirk von 21 660 auf 22 224. Der Jahresverdienst eines Arbeiters der Gesamtbelegschaft betrug in den letzten Jahren: 1903 1909 1910 im Oberbergamtsbezirk Dort» mundj........ 1494 M. 1850 M. 1882 M. in Oberschlesien...... 1016 Z„ 986„ 964„ im Saarbezirk...... 1182„ 1136„ 1122„ in Niederschlesien..... 1000„ 975„ 974„ im Aachener Bezirk.... 1409„ 1344„ 1375„ Die Jahreslöhne der unterirdisch beschäftigten eigentlichen Berg- arbeiter betrugen: 1903 1909 1910 Dortmund.... 1766 1556 1589 M. Oberschlesien... 1146 1100 1063. Saarbezirk.... 1333 1273 1248„ Niederschlesien... 1088 1045 1040„ Aachen..... 1532 1456 1502„ Auf eine Schicht der Gesamtbelegschaft und der eigentlichen Bergarbeiter entfiel ein Verdienst von: NM-ZS 1908 1909 1910 1908 1909 1910 Dortmund.. 4,82 4,49 4,54 5,86 6,83 5,37 Lberschlesien. 3,52 3,48 3,44 4,04 3,97 3,91 Saarbezirk., 4,04 3,96 3,97 4,63 4,51 4,50 Niederschlesien 3,29 3,23 3,23 3,59 3,47 3,46 Aachen.... 4,58 4,45 4,49 5,17 3,01 5,09 Die Statistik beweist, wie nötig eS die Bergarbeiter haben, in der Zeit der Teuerung sich um höhere Löhne zu sorgen. Teuere Lebensmittel, niedrige Löhne, das ist ein Skandal, den die Berg- arbeiter aus der Welt schaffen können, wenn sie endlich geschlossen und einig dem protzigen Grubenkapital entgegentreten. Wo starke Organisationen der Arbeiter wirkten, da haben die Unternehmer selbst in der Zeit der Krise sich bequemen müssen, anständige Löhne zu zahlen oder Lohnerhöhungen eintreten zu lassen. Wann wird es im Bergbau auch so sein? M arktvretie vo» Berlin am LS. November 1911, nach Ermittelung deZ Köntgl. Polizeipräsidiums. Marktballenpreise.(Kleinhandel), 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 36,90— 50,00. Speiscbobncn weihe, 40.00-60,00. Linien 40,00-80,00. Kartoffeln 7,00-10,00. 1 Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30 bis 1,70. Schweinefleisch 1,20—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,20—2,20. Butter 2,60-3,20. 60 Stück Eier 3,80-6,40. 1 Kilogramm Karpsen 1,00-2,40. Aale 1,20-2,80. Zander 1,40—3,60. Hechte 1,20 bis 2,60. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1,40-3,20. Biete 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,40-24,00._ WaflerttandS-StoMrichte« der Lande? anstatt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau ')-p bedeutet Wuchs,— stall.—») Unlerpeaet. Das Hochwasser der M o s e l ist am Unterlaus des FlusseS weit unter dem mittleren Hochwasser geblieben: bei Metz überschritt sie gestern daS Mittelwasser nur noch um 1 Meter. KavonSeife eine neuartige Hanshaltseife von fabelhafter Waschkraft. Die Kavon-Seife wird nach einem ganz neuen verfahre« gewonnen. Bekanntlich find die Seifen, die jetzt meistens zur Wäfche benutzt werden, mit Hilfe von Natronlauge oder Soda hergestellt. Es find das die sogenannten Kernseifen. Die Kavon-Seife ist dagegen eine Kaliseife. Schon feit undenklichen Zeiten ist den Seifensiedern bekannt, dast Kaliseifen die weitaus besten für alle Haushaltzwecke fein würden, nur gelang es lange nicht, solche Seifen in festen Stücken zu erzeugen. Nach langjährigen Versuchen ist es uns nun endlich gelungen, reine Kaliseife ohne fremde Zusätze in dauernd festen Stücken herzustellen, nnd wir bringen unsere Seife unter dem Namen Kavon-Seife in den Handel. Die großen Vorzüge der Kavon-Seife bestehen vor allen Dingen darin, daß sie die Wäfche nicht angreift und die Farben schont. Dabei ist die Seife von einer sehr großen Änsgiebigkeit, die sich schon bei ganz leichtem Anstreichen in der mächtigen Schaumbildung zeigt. Wir haben die Kavon-Seife, ehe wir sie in den Handel brachten, Hunderten von Hansftauen zum Probieren in ihrem Hanshalt gegeben, und es wird einstimmig die enorme Waschkraft der Seife, sowie die große Schonung der Wäfche und der Farben gepriesen. Z. B. behalten Wollsachen, die sonst so leicht einlaufen und verfilzen, ihre ursprüngliche Form, Farbe und Elastizität. Auch wird gerühmt, daß die Wascharbeit mit Kavon-Seife auffallend bequem und für die Haut angenehm sei. Zu einem Versuch wähle man besonders verschmntzte Wäsche oder empfindliche Stoffe wie Wolle nnd Seide. Preis pro Stück ÄO Pf. Jetzt überall erhältlich. Kavon-Werke Dresden. Winter Woche Verzugs- Angebote großer Posten zu enorm herabgesetzten Treisen Schluß übermorgen Posten 1 Winter- Paletots i glatten Stoffen, auch für 1500 große Figuren Posten 2 Winter- Paletots funkelgrauer Cheviot mit feinen Streifen, 2400 für jede passend. Posten 3 Winter- Ulster gestreifte und karierte Phantasiestoffe... Cheviots und Kammgarne, reihig, Mustern 2100 Posten 4 Winter- Anzug fel in vielen gare, ein- und swel- 2700 für Herren u. Damen. Grau oder 750 Posten 5 Winter- Pelerinen cher Loden. Imprägn. 120-130 cm lang Posten 6 Geh- Pelze Echter Pels- Kragen... Feiner, schwarzer Melton- Bezug. 42 dunkelgrauer oder grüner Loden sowie 950 Posten 7 Winter- Joppen latte Stoffe, durchweg warm gefüttert.. Posten& Pelz- Joppen er Loden- Bezug mit Zirbel gefüttert. 1500 Posten 9 Winter- Hosen gestreifte Cheviots und Kammgarne, große grauer Soweit Auswahl. für 9-14 Jahre, durchweg Posten 10 Burschen- Winter- Anzüge Cheviots u. Kammgarne, Posten 11 Knaben- Pyjacks dunkelblauer Cheviot, Aermel m. Abzeichen, Posten 12 Winter- Anzüge warm gefüttert, für 3 bis 8 Jahre, durchweg f. Knaben, melierte Buckskins, schöne hochgeschloss. Formen, für 3-8 Jahre, durchweg 750 750 425 4.50 Baer John Kleider- Werke Deutschlands größte Fabrik dieser Art 11 Brückenstraße 11 Chausseestraße 29-30* Schöneberg, Hauptstr.10 Gr. Frankfurter Straße Der Haupt- Katalog No 43( Letzte Moden) kostenfrei 16. Ziehung 5. Kl. 225. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 27. November 1911, vormittags. tr die Gewinne über 240 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. Die Gewinne fallen auf die bezeichneten Losa beider Abteilungen. ( Ohne Gewähr.) ( Nachdruck verboten.) 18 90 314 587 653 706 97 967 1438 79 843 911 27 64 2102 50 494 606 63 87 883 991 3030 149 295 [ 500] 301 502 10 83 87 628 36 99 913 61 4013 295 555 56 608[ 500] 792 808 23 41 5382 418 617 745 805 48 6073 91 139 335 40 404 858 7022[ 500] 189 325 28 33 438 46[ 5001 F72 667 70 783 65 812[ 500] 916 [ 500] 8095 115 70 212 367 654 738 854 906 9073 103 23 300 525 600 6 23 853 10007 215 87 450 618[ 5000] 699[ 1000] 758 11269 357 460 78 540 58 608[ 500] 735 92 863 953 86 12187 310 65 598[ 3000] 815 88 974 82 13065 93 226[ 500] 310 38 73 708 54 874 88 915 24 81 14001 31 89[ 500] 174 219 325 50 89 597 639 87 831 994 15063[ 1000] 210 455 559 70 630 36 738[ 500] 872 917 87 16030 54 194 474 88 510 619 86 717 48 900 4 43 82 96 17014[ 500] 76 90 98 136 60 326 725 18009 12 47 150 488 515 651 96 763 19070 113 59 348 405 546 746 67 836 909 79 20049 146 312 34 45 46 94 552 21054 137[ 3000] 88 290 426 27 600 705 50 56 897[ 500] 22047 109 93 384 431 45 583 670 86 713 32 906 36 57 89 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Nachdruck verboten.) 56 210 34 418 71 628 87 88 61 814 917[ 1000] 83 1004 110 70 248 98 391 446[ 500] 738 89[ 500] 872 918 52 69 2092[ 500] 123 264 72 844 402 30 558 646 80[ 500] 714 41 3137 57 255 552 79 784 63[ 1000] 945 4108 68[ 500] 301 512[ 1000] 67 622 721[ 3000] 5057 313 16 517 781 6216 311 49 440 652 58 727[ 1000] 806 17 81 99 919 93 7069 131 213[ 3000] 485 693 870 967 8083 342 698 749 888 919[ 5000] 66[ 500] 98 9029 76 85 256 636 94 95 10003 33[ 500] 178 441 42 59 513 729 955 11000 11 110 343 525 64[ 500] 775 88 859 12076 119 37 272 382 625 92[ 3000] 898 911 91 13040 72 [ 3000] 116 18 491 726[ 1000] 865 14059 68 86 252 418 21 51 663 76 710[ 500] 804 20 15068 123 42 415 556[ 500] 710 828 98 957,63 16162 461 574 638 50 58 845 903 5 44 81 17358 466 90 562[ 1000] 641 95 861 982[ 500] 88 18017[ 1000] 105[ 600] 10 13 98 283 96[ 500] 465 541 42 640 80[ 1000] 816 24 900 19308 436[ 500] 509 902 20019[ 500] 32 106 397 607 56 87 931 21120 236 44 390 98[ 1000] 552 65 620 910[ 1000] 73 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525 46402[ 500] 31 57 523 817 912 44 47262 327 39 45[ 500] 411 580 731[ 500] 946 48126 242 53 357 449 504 733[ 1000] 49109 54[ 3000] 318 570[ 500] 50333 79 461 599 633 73 740 924 36 51285 326 [ 1000] 441 550 61 607 15 64 851 71 72 75 982 52045 318[ 500] 35 467 704 42 800 53 909 53244 384 691 780 967 54270 377 425 27 699 780 839 55256 374 435 86 90 636[ 500] 894 949 56042 88 240 99, 395 553 725 841 53 906 81 57162 210 31 366 73 470 642 50 799[ 500] 850 928 37 58238 60 365 408 520[ 1000] 24 26 43 746 803 26 65 97 59227 32 48[ 500] 337 39 432 511 97 640 69 736 800 37 60172 80 234 463 691 728 883 919 61108 268 488 732 62257 395[ 500] 497 605 803 19 916 82 63220 401 89 606 706 816[ 500] 41 64007 270 406 617 880 65614 937 66091 112 48 59 247[ 500] 461 509 19 29 609 50 899 67081 340 400[ 500] 800 11[ 500] 14 42 68174 265 91 409 18 42 621 55 720 41 59 802 902 69162 217 444 705 20 54 928[ 500] 70150 300 432 39[ 500] 622 46 768 968 90 93 71006 45 113 52 238 512 63 695 806[ 500] 85 98 921 93 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169206 308 62 80 479 510 13 18 44 766 843 939 42 170320 491 519 751 832 945 171133 287 412 655 172230 319 58 84[ 8000] 430 668 915 173018 51 343 587 881 913 46[ 1000] 84 174121[ 500] 46 221 [ 1000] 84 576 612 83 745 861[ 600] 97 175003[ 500] 82 202 319 521 676 94 994 176008 16[ 500] 63 92[ 500] 187 274[ 5000] 335 578 95 98 650 51 762 843[ 1000] 177004 97 159 95 283 313 410 42 60 818 178229 50 [ 500] 304 483 87[ 1000] 512 754 994 179180 226 97 [ 500] 486 511 81 631 711 826[ 1000] 921 180101 442 544 650 970 181048 123 311 53 82 438 69 615 700 38 97 99 182017 71 201 21 57.338 596 699 739 58 183060 84 248 409 67 85 528 48 922 [ 600] 184072 97[ 500] 300 431 525 68 705 91 967 185221 24 613 78 90 948 54[ 3000] 186083 92 151 355 487 507 745 885 966 187178 212 414 745 848 973 188086 92 245 363 69[ 3000] 90 484 620 189027 80 138 91 294 510 22 642 49 84 714 841 [ 500] 56 Berantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Drud u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. Kr. 278. 28.|«|rg«g. 2. Ktilage des Jetinärts" Setlintt lolUlstt Kirnstag. 28. Kovembtt 1911 GewerkfchaftUchee. Berlin und llmgegend. Der Streik in der BerUner Damenkonfektion. Der nunmehr ausgebrochene Streik der Berliner Damen- konfektionsschneider und-Schneiderinnen hat wieder die Ge- danken an das Jahr 1896 und an die oft beklagten schlechten Lohnverhältnisse der Heimarbeiterinnen ausleben lassen. 1876 bis 1871 gelang es den Berliner Konfektionären, den Export nach Amerika, England, Belgien und der Schweiz an sich zu reißen, den früher Paris hatte, der aber von dort nicht besorgt werden konnte, weil Paris eingeschlossen war. Be- sonders der Export nach Amerika brachte bis zu Anfang der achtziger Jahre Umsätze von 1V bis 12 Millionen Dollar (46 bis 56 Millionen Mark). Die amerikanische Zollpolitik machte diesem glänzenden Geschäft ein Ende. Dafür wurden aber in den neunziger Jahren in England Jahresumsätze bis zu 66 Millionen Mark erzielt. Aber auch nach England hat der Export nachgelassen(1964 betrug er noch 41,2 Millionen Mark), dafür hat sich aber der Absatz nach Holland, Belgien, den skandinavischen Ländern, dem Orient und Kanada be- deutend vermehrt. Die Berliner Konfektion rechnet damit, daß, wenn im nächsten Jahre der amerikanische Zolltarif revidiert wird, sich auch der Export nach Amerika wieder hebt. Während die Berliner Konfektion bei dem Exportgeschäft mit anderen Ländern nicht die früheren Umsätze erzielen konnte, nahm das Jnlandgeschäft in überraschender und un- geahnter Weise zu. Vor 25 Jahren, 1886, erzielte die Ber- liner Damenkonfektion Jahresumsätze, die sich auf zirka 96 Millionen Mark beliesen. Berlin fabrizierte 1886 6� Millionpn Mäntel, von denen das Inland 2 Millionen, das Ausland 4� Millionen konsumierte. Im Jahre 1916 be- standen in Berlin zirka 256 Engrosgeschäste, die einen Umsatz von 226 Millionen Mark erzielten und 49 666 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigten, wogegen im Jahre 1886 etwa 17 666 Arbeiter und Arbeiterinnen in dieser Industrie be- schäftigt wurden. Diese Zahlen beweisen, welchen enormen Aufschwung die Berliner Danienkonfektion, trotz Verlust des Exportgeschäfts, genommen hat. Im Bericht der Aeltesten der Kaufmannschaft klagen die Unternehmer, daß sich der infolge der Zollschranken zurück- gegangene Export nur noch aufrecht erhalten läßt, weil er „auf den billigen Arbeitslöhnen basiert". Somit stützt sich heute die Damenkonfektion in der Hauptsache auf den in- l ä n d i s ch e n Markt, da die Länder, wohin sie heute noch exportiert, nicht als vollwertiger Ersatz für England und Amerika in Rechnung gestellt werden können. Wenn die Berliner Damenkonfektion auf den Export nach dem Auslande fast ganz verzichten mußte, so kann sie doch den ungeahnten und überraschenden Aufschwung des in- ländischen Marktes gebührend in Rechnung stellen. Die Er- höhung des jährlichen Umsatzes von 96 auf 226 Millionen Mark im Zeitraum von 25 Jahren läßt wahrlich nicht auf „schlechte Geschäfte" schließen. Das ergibt sich auch aus einer Lohnstatistik im Vergleich zum Umsatz, welche die Unter- nehmer während dieser Lohnbewegung aufgenommen haben, womit sie aber offenbar nichts anfangen können. Bisher haben sie wenigstens der Oeffentlichkeit keine Kenntnis davon gegeben. Für die günstige Lage der Berliner Damenkonfektion spricht aber noch ein weiteres Moment. Alle großen Kon- � fektionshäuser befinden sich in einer der teuersten Gegenden � Berlins. Nach den Untersuchungen von Schmoller betrug der Kaufpreis für den Quadratmeter Boden am Hausvogteiplatz, � dem Konfektionsviertel, im Jahre 1865, als die Konfektion � sich zu entwickeln begann. 72 bis 436 M.: im Jahre 1895 war er schon auf 1296 M. gestiegen. 1966 wurde in dieser Gegend ein Haus zum Preise von 1 166 666 M. an eine Konfektions- firma verkaust, dessen Wert sich im Vergleich zum Miets- erträgnis auf nicht mehr als 656 666 bis 766 666 M. belief. Zurzeit werden in dieser Gegend allgemein 36 666 bis 46 666 Mark für die Ouadratrute bezahlt, während für Eckgrund-> stücke 76 666 und in letzter Zeit in einem Falle sogar 86 666 Mark pro Ouadratrute bezahlt wurden. Das„Jahrbuch für Handel und Industrie" sngt hierzu, daß Paris derartlge Preise sogar in bester Bonlevardlage kaum aufzuweisen habe. Die Gehälter der Konfektionäre, das sind die technischen Leiter der Firmen, werden auf 18 666 bis 75 666 M. pro Jahr angegeben. Eine Organisation haben dre Unternehmer dieser Branche schon lange. Es gehören ihr nahezu alle Firmen an. Wenn auch diese Organisation nicht gegründet wurde, um in das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein- zugreisen(der Verband ist schon vor dem Jahre 1896 zur Wahrung der Handelsinteressen gegründet worden), so hat sie doch stets zu den Lohnstagcn Stellung genommen. Während der Verhandlungen über das Hausarbeitsgesetz, sowohl im Reichstage als in der Oeffentlichkeit, haben sich die Konfektionäre gegen die Lohnämter gewehrt. Es ist daher durchaus begreiflich— wenn auch nicht verständig—, daß die Unternehmer erklären, daß ein Lohntarif in dieser Branche technisch unmöglich sei. Beinahe sechs Monate haben die Berliner Zwischenmeister und eine Kommission der Damenkonfektionsschneider und-Schneiderinnen an einem Tarif gearbeitet, der nun den Konfektionären vorgelegt ist. In diesem Tarif ist festgelegt, was der Zwischenmeister von feiner Firma zu verlangen und was er wieder an die Arbeiter- schaft zu zahlen hat. Diesen Sachverständigen gegenüber be- haupten die Unternehmer, daß ein Tarif unmöglich sei. Ware der gute Wille bei ihnen vorhanden, so bestände die Möglich- keit. einen Tarif abzuschließen. Um nicht das Odium auf sich zu laden, jede Lohn- erhöhung abgelehnt zu haben, erklärten sie, bereit zu sein. „die Löhne aufzubessern, soweit sich eine Aufbesserung als nötig herausstellt". Daß eine Lohnaufbesserung in diesem Sinne keine Sicherstcllung für die Beschäftigten bedeutet, wenn kein Tarif zustande kam, liegt auf der Hand. Dem bestimmten Ver- langen nach einem Tarif stand die bestimmte Ablehnung der Unternehmer gegenüber. So lange kein Tarif besteht, lvird es möglich sein, daß für einen Damenrock an die Heim- orbeiterinnen 12� Pf. bezahlt wird, während der Zwischen- tneister hierfür, wie neuerdings festgestellt wurde, 22�2 Pf- erhält. Diese Löhne sind eine Folge der jetzigen Preis- festsetzung mit dem einzelnen Zwischenmeister. Es darf als ausgeschlossen bezeichnet werden, daß derartige Löhne in einem Tarif Aufnahme finden, daher ist der Tarif„technisch unmöglich". Wie man in der Konfektion Löhne festsetzt, geht aus einem Artikel des„Confectionairs" im September 1966 hervor, in welchem zunächst geschildert wird, daß die Reisenden zu billig verkaufen. Der Verlust wird nach dem „Confectionair" folgendermaßen geteilt: Es ist selbstverständlick, daß der Konfektionär, vor der Tat- fach« billigerer Verkäufe stehend, nach Mitteln und Wegen suchen muß, um den Verlust zum Teil von seinen Schultern abzu- wälzen.... Es wird also zum so und sovieltenmale das Kalkulationsbuch zur Hand genommen und schließlich beschlossen, die Arbeitslöhne und, wenn möglich, auch die Einrichtung des betreffenden Artikels herabzusetzen, zu„verschlimmbessern". Man glaube nicht, daß unsere Fabrikanten mit leichtem t erzen dazu übergehen, insbesondere widerstrebt eS ihnen, einen ruck auf die Schneider auszuüben. Was bleibt ihnen aber schließlich übrig? In einer hochnotpeinlichen Konserenz mit dem Kon- fektionär werden die Einzelheiten festgestellt; mag sich dieser auch noch so sehr gegen die geplanten Maßnahmen sträuben, das„G e- schäftsinteresse" wird und muß schließlich Sieger in diesem ungleichen Kampfe bleiben. Dem Konfektionär aber bleibt die traurige Pflicht, seinen Schneidern gegenüber die Preisreduktion, so gut es geht, plau- sibel zu machm D i e Anforderungen, die an die fertigePiecege st eilt w erden, bleibendiese Iben, der Schneider verdient eben weniger und muß sich noch mehr einschränken als bisher, eine Forderung, die in Anbetracht der täglich steigenden Preise für Lebensmittel und Mieten schier unerfüllbar i st." Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß die Ar- beiterschaft unbedingt einen Lohntarif verlangt. Soweit sich bisher übersehen läßt, steht die Sache der Arbeiterschaft durchaus günstig. Auch ist der Zeitpunkt für den Streik gut gewählt. Es kommt darauf an, die Herstellung der Muster für die Reise zu verhindern, und das gelingt bei der großen Ausdehnung des Streiks vollkommen. Die Zahl der streikenden Zwischenmesster betrug Sonnabendmittag 2866. Das heißt, daß vier Fünftel aller in der Damen- konfektion Beschäftigten am Streik beteiligt sind. Das„B. T." bringt in seinem Handelsteil eine Notiz, die an- scheinend dem Zwecke des Starkmachens der Großkonfektionäre dient. Es wird da ausgeführt, daß die jetzige Zeit für einen Streik die allergünstigste für die Unternehmer sei, weil bis nach Weih- nachten niemand cm Interesse daran habe, seine Läger zu kom- plettieven. Wie die Verhältnisse liegen, wissen die Arbeiter und Meister sowie ihre Organisationsvcrtretungen natürlich ganz genau. Ihre Taktik ist die beste, die sich denken läßt. Gewiß herrscht jetzt Arbeitslosigkeit, aber indem die Streikenden nun das Herausbringen von Mustern unterbinden, legen sie das ganze Geschäft für die nächste Saison lahm. Das bringt die Konfektionäre in die aller- ungünstigste Situation. Das ahnt auch der Artiklcr im„Tageblatt", er meint, wenn der Streik sich allerdings bis Ende Januar aus- dehnen sollte, dann würde es viele Zahlungsschwierigkeiten und Zusammenbrüche geben. Aber er tröstet sich: die Organisation der Heimorbeiter umfaßte höchstens ein Drittel der Branche, einem Ansturm von Zehntausenden würden die Kassen aus die Dauer nicht gewachsen sein.— Hier spricht wohl der Wunsch als Vater des Ge- dankens. Aber die Rechnung hat ein Loch. Hinter den Streikenden steht mit dem ganzen Gewicht seiner Macht der Zentralverband der Schneider und Schneiderinnen Deutschlands. Das zu übersehen, bedeutet einen gewaltigen Fehler in der Unternehmerrechnung. Die Herren können allen Unannehmlichkeiten leicht aus dem Wege gehen, sie brauchen sich ja nur mit den Arbeitern durch tarifliche Regelung der Arbeitsverhältnisse zu verständigen.— Oder spekulieren die Großkonfektionäre darauf, daß eine größere Anzahl der kleineren Konkurrenten bei dem Kampf über die Klinge springen muß und sie dann Ernte halten können? Sie behaupten allerdings, die Forderung der Arbeiter fei unerfüllbar, dazu wird aber im„83. T." bemerkt, daß die Berechtigung dieser Behauptung in manchen Kreisen der Branche nicht anerkannt werde. DaS läßt auf Mei- nungsverschiedenheiten schließen. Um so größer mag der Wunsch sein, die Arbeiter irre zu führen. Das bereits in unserer SonntagSnummer erwähnte Antwort- schreiben der Kommissionen der Meister und Arbeitnehmer an den Verband der Damenmäntelfabrikanten gibt Aufklärung üKr die Entwicklung der Lage und zeigt mit aller Deutlichkeit, wie unzu- treffend die Behauptungen der Konfektionäre sind. Es lautet wie folgt: „Indem wir das gefällige Schreiben vom LS. November bestätigen, beehren wir uns Ihnen folgendes zu erwidern: Der in Ihrem Schreiben erhobene Vorwurf, daß wir unsere Auftraggeber einseitig und nicht im Sinne der Verhandlungen unterrichtet haben, ist falsch. Sie können dies auS der Tatsache ersehen, daß wir Ihr Schreiben vom 19. November der erwähnten Versammlung unterbreitet haben und Ihre Darlegungen in unserer Resolution eingehend erörterten. In der gemeinsamen Sitzung haben wir nicht erklärt, daß wir uns ein anderes Mandat auSbitten wollten, sondern, daß wir Bericht erstatten und eventuell wieder weitere Verhandlungen nachsuchen würden. DaS können Sie aus dem Protokoll ersehen. Wenn Sie uns Vorhaltungen machen, daß wir Ihre Vor- schlüge nicht abgewartet haben, so gestatten wir uns, Sic daran zu erinnern, daß Serr Kommerzienrat Bamberg ausdrücklich in der gemeinsamen Sibung erklärte, daß Sie keine anderen Vor- schlage zu machen hätten; das sei vielmehr Sache der Arbeiter. Hiernach konnten wir doch nicht annehmen, daß Sie doch bereit seien, andere Vorschläge zu machen. Wir hatten also keine Aus- ficht, aus Vorschläge von Ihnen zu rechnen. Der Umstand, daß wir nur über den Tarif zu verhandeln beauftragt waren, konnte Sie an anderen Vorschlägen schon deshalb nicht hindern, weil wir Sie chierum ersucht haben und Sie es ablehnten, Vorschläge zu machen. Daß wir unserer Versammlung Vorschläge unterbreiteten, die auf den ferneren Gang der Tinge Einfluß ausüben sollten, ist doch kein Novum. Unsere Mitglifder sind daran gewöhnt, und er- folgt auch in anderen Verbänden die Vorbereitung von Beschlüssen in gleicher Weise. ES dürfte Ihnen dies auch bekannt sein. Ihre Klage darüber, daß wir Fabrikanten in unserer Ver- sammlung nicht geduldet haben, erledigen wir wohl am besten damit, indem wir Sie auf die von Ihnen abgehaltenen Versamm- lungen aufmerksam machen, wozu wir ja auch keinen Zutritt haben, um eine aufklärende Aussprache herbeizuführen. Es ist uns auch zum ersten Male vorgekommen, daß ein derartiges An- sinnen an uns gerichtet wurde. Wenn Sie aus dem Umstände, daß niemand gegen den Streik gesprochen hat, schließen, daß Gegner nicht zu Worte kamen, so bitten wir zu berücksichtigen, daß die Beschlußfassung einstimmig erfolgte. Hiernach sind wir bereit, die Verantwortung für unsere Hand- lungen zu tragen. Andere Vorschläge, als die von uns gemachten, können wir der Form nach nicht machen. Da Sie aber erklären, andere Vor- schläge mackien zu können, so ersuchen wir Sie» dieselben zu unserer Kenntnis zu bringen. Wir werden sie alsdann prüfen und Ihnen Nachricht von unserer weiteren Stellungnahme zukommen lassen. Ihrer gefälligen Rückantwort sehen wir entgegen.' So weit unS bekannt ist, haben die Konfektionär« bis jetzt n i ch f geantwortet. » Die Konfektionsschneider und-Schneiderinnen in Erf u r t er« klärten sich mit der Einführung eines Minimal-PreiL- und Lohn- tarifs für die gesamte Damenkonfektion einverstanden. Sie be, schlössen, keinerlei Streilarbeit für Berliner Firmen anzufertigen. Im PharuS-Berlag, einer Firma, die der Allgemeinheit durch Pläne und Wanderkarten bekannt ist, baben die Steindrucker die Arbeit eingestellt, da die Firma darauf bestand, Streikarbeit der Firma Schwenfegcr u. Co. drucken zu wollen. Die Lithographen in der Kartographie reichten ihre Kündigung ein. Die Firma ist für Lithographen und Steindrucker gesperrt. Verband der Lithographen und Steindrucker. Achtung, Tapezierer! Der Tarifkampf bei der Firma Rudolph H e r tz o g. Breitestraße, dauert unverändert fort. Da Angestellte der Firma über die Ursachen der Differenzen Unwahrheiten in die Welt setzen, um die Oeffentlichkeit zu täuschen, müffen auch wir die Oeffentlichkeit aufsuchen, um den wahren Sachverhalt festzustellen. Bei der allgemeinen Lohnbewegung im Frühjahr traten auch die Kollegen bei Hertzog mit Forderungen an die Firma, die— nach- dem dort die Kollegen kurze Zeit im Ausstand waren— zum Teil bewilligt wurden. Später kam dann zwischen den Unternehmern (Innung und Arbeitgeberschutzverband) einerseits und dem Verband der Tapezierer andererseits ein vierjähriger Tarifvertrag zu stände. Die in dem Vertrage festgelegten Bestimmungen waren und wurden bei Hertzog nicht erfüllt, so daß es langwieriger Verhandlungen in der Schlichtungskommission bedurfte, um die Tarifbestimmungen über Lohn, Akkorde und Spesen Geltung zu verschaffen. Als das noch nicht einmal erledigt war, lief bei der SchlichtungSkommission ein Schreiben— unterzeichnet von Herrn Rudolph Hertzog— ein, daß sein Vertreter den Auftrag habe, über die strittigen Lohn-, Spesen- und Akkordsätze weiter zu verhandeln, im übrigen aber der allgemeine Tarif von der Firma nicht an- erkannt werden könne. Da nun die Schlichtungskommission die Ueberzeugung hatte, daß es dieser Firma nicht um den Frieden zu tun war, sondern daß sie den krassen Herreiistandpunkt vertrat und für sich Sonderrechte in Anspruch nehmen wollte, beschloß die Koin- Mission— Unternehmer und Gehilfen— einstimmig, den Tapezierbetrieb der Firma Hertzog zu sperren. Als alle Mittel zum Frieden erschöpft waren, traten die Gehilfen in den Ausstand, s Die Firma erklärte am folgenden Sonnabend alle Kollegen für entlassen und ließ erklären, daß die eigene Werkstatt aufgelöst werden solle; selbst Gehilfen, die krank waren, wurden für entlassen erklärt. Zunächst übertrug nun die Firma anderen Unternehmern. die teils auch sonst für sie Arbeiten lieferten, die Arbeiten und suchte neue Unternehmer für sich zu gewinnen, so daß die SchlichtungSkonimisston beschloß, alle Firmen, die für Hertzog arbeiten, zu sperren. Mit dem Auflösen der eigenen Werkstatt war eS auch nichts; denn nun wurde versucht, durch Schreiben an einzelne Ausständige diese mit dem Köder eines AnstellungS- Vertrages zu fangen und sie zu Verrätern an den eigenen Kollegen zu mawen. Leider haben sich auch einige gefunden, die darauf eingingen. DaS Verhalten der Firnia ist um so merkwürdiger, als diese mit ihrem sozialen Empfinden nach außen prunkt. Hier, wo sie praktisch durch Anerkennung eine» Tarifvertrages dem sozialen Frieden dienen kann, versagen diese Grundsätze. Wenn zwei Kontrahenten einen Vertrag schließen, der dem sozialen Frieden diene» soll, haben auch beide Parteien sich den Vertragsbestimmungen zu fügen. Verbandsleitung der Tapezierer. Achtung, Töpfer! Wie wir auS der„Einigkeit" vom LS. November ersehen, hat sich der Töpfermeister Louis Müller dem Verein der Töpfer gegenüber verpflichtet, von nun ab den Tarif wieder zu be- zahlen und modern Organinerte zu beschäftigen. Somit ist auch für unS die Sperre gegenstandslos geworden. Gleichzeitig weisen wir darauf hin, daß die Firma Her» mann H a a s e wegen restierender Löhne gesperrt ist. Die VerbandSleiwng. Achtung, Metallarbeiter! Bei der am Sonntag stattgefundenen Wahl von sechs Angestellten sind die Kollegen Völkel, PeterS« dorf, Blanke, Jakob. Vollmer und Scharf gewählt. Deutscher Metallarbeilerverband. OrtSverwaltung Berlin. Dcutfdus Reick). Polizeiliche Streikbeendignng. In der Hafenmühle(I. F. Hildcbrandt) in Magdeburg stehen 197 Arbeiter seit dem Lv. November in Streik. Der Betrieb ist von tauglichen Arbeitskräften entblößt. Als Ersatz hat nun die Firma öS Hintzebrüder aus Hamburg erhalten, die unter starker polizeilicher Bedeckung ihrem Bestimmungsort zugeführt wurden. Da der Betriebsleitung das Strcikpostenstehdn nicht gefiel, kam sie auf den schlauen Gedanken, die Polizei davon zu überzeugen, daß ein Streik überhaupt nicht mehr besteht, dieser dann das weiter„Er- forderliche" überlassend. Und die Polizei machte sich wirklich diese Ansicht zueigen. Die Streikposten wurden fortgewiesen, und der Polizcikommiffar erklärte der Streikleitung:„Die Leute hätten ihre Entlassung bekommen und bestände für sie kein Streik mehr!" Auf eine Beschwerde an das Polizeipräsidium gab Polizeiinspektor Schmidt die gleiche Erklärung ab.— Einfach grandios für die Unternehmer, wenn es von ihnen und von der Polizei abhängen würde, einen Streik für beendigt zu erklären und jede Mitteilung über das Bestehen eines Streiks zu verhindern. Soweit sind wir denn doch noch nicht, und auch der Streik in der Hafenmühle in Magdeburg besteht weiter, trotz Polizei, bis die Firma zur Ein- ficht kommt. Aber hier zeigte sich auch noch weiter, daß die„nachgeordneten" Behörden von dem Bestehen des Reichsvereinsgesetzes noch keine Kenntnis zu haben scheinen, denn der Polizeiinspektor berief sich auch auf das alte preußische Vereinsgesetz vom 11. März 1859. Nach diesem Gesetz sei es unzulässig, die freie Willensbestimmung anderer, die arbeitswillig fein möchten, zu beeinflussen. Und eine Beeinflussung sei schon darin gelegen, wenn ein Streikposten auch nur zu jemand sage:„Hier besteht Streik." Achtung, Sckiiffßzimmerer! Auf der Schiffswerft des Kohlen- Magnaten und Reeders Friedländer in Glogau sind Diffe- renzen der Werftleitung mit den dort beschäftigten SchiffSziinmc- rern entstanden. Schlechte Behandlung und der Versuch, durch ungerechte Einteilung der Arbeitszeit und die damit verbundene Bevorzugung eines Teiles der Arbeiter eine Zersplitterung hervor- zurufen, hatten schon seit längerer Zeit Unzufriedenheit erzeugt. Als nun an fünf Arbeiter das Ansinnen gestellt wurde, für 28 Pf. Stundenlohn im Eisenschiffbau Lohndrücker zu spielen, und als dieses abgelehnt wuroe, wurden die Arbeiter entlassen. Nach Rück- spräche mit dem Ingenieur, der die Entlassung nicht rückgängig machte, erklärten sich sämtliche Arbeiter solidarisch und legten ein- mutig die Arbeit nieder. Vor Zuzug nach Glogau wird deshalb gewarnt. Die Differenzen in NuraS, Gr.-Döbern, Genthin und Ketzin sind ebenfalls noch nicht beigelegt. Eine Schadenersatzklage wegen einer Arbeitseinstellung. Am L8. September d. I. stellten die in ihrer Mehrzahl chriit» lich organisierten Straßenbahner in Saarbrücken die Arbeit ein. Der Streik verlief nach fünftägiger Dauer ergebnislos. Dieser Streik wird nun noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Am 13. De- zember wird vor dem Landgericht Saarbrücken eine Schadenersatz- klage der Straßenbahngesellschaft für da» Saartal gegen 43 Straßen» bahner, die von t»er Gesellschaft nicht mehr eingestellt wurden, zur Berhandlung lommen. De Befeja Berlang! Bon ben 3 e- abnten, Explofibstoffe enthielt. Während feber die Das Luftschiff Schwaben" im Winterhofen. Em Sontagmorgen maßregelten 3959 M. Schadenersatz. Aus der uns vorliegenden Büchse an sich zu bringen suchte, erfolgte die Explosion. ift das auf seiner Fahrt nach Baden- Ors in Gotha au einer Antlageschrift geht herbor, daß die Gesellschaft fich nicht nur für Alle neun Mann wurden in Stüde geriffen. Zwischenlandung niedergegangene Beppelin- Luftschiff zur Weiterfahrt den Ausfall an Einnahmen durch den Streit an den Streifenden aufgestiegen. Nach glatter Fahrt fonnte es gegen 4 Uhr nachmittags schadlos hält, sondern von ihnen auch noch die Kosten für die Tödliche Grubenunglücksfälle. bor der Halle in Baden Drs landen. Streitbrecher berlangt. Von den 43 Angeklagten haben 42 fünf Erdbeben im oberen Rheinlande. Wie ein Telegramm aus Tage und einer hab nur vier Tage gestreift, so daß auf die 42 Der Schnitter Tod hält unter den Grubenillaben anbauernb Freiburg meldet, wurde am Montagmorgen um 4 Uhr 10 Min. eine Forderung von je 92,50 M., auf den einen Mann eine solche reiche Ernte. Am Montag find auf der Zeche Carolus Magnus" in der oberen Rheinebene ein Erbstoß verspürt, der, bon bon 74 M. entfällt. An dem Streit waren insgesamt 173 Personen bei Essen a. d. Stuhr drei Bergleute berschüttet worden, leichtem Rollen begleitet war. mit 849 Streiftagen beteiligt. Diese werden, mit 8 Ausnahmen, für von benen einer als Leiche, die anderen schwer verlegt Fliegerabstürze. Der 27jährige aviatiler Deczoee if in den Schaden haftbar gemacht, den die Gesellschaft auf insgesamt geborgen wurden. Auch auf dem„ Krugschacht" bei Rönigs. Turin am Sonntag bei Flugversuchen abgestürzt und feinen 15 706,50 M. berechnet. Es steht außer allem Zweifel, daß bie- hütte( D.- Schl.) gingen am selben Tage Kohlenmaffen zu Bruch Berlegungen erlegen. Der Flieger Servies stürzte bei jenigen, die wieder eingestellt wurden, die 92,50 M. fich stillschweigend einem Fluge an der algerischen Küste mit seinem Eindecker von ihrem Lohne haben abziehen lassen. Bei den Gemaßregelten und verschütteten mehrere Bergleute. Ein Hauer mußte das ins Meet. Er fonnte sich rechtzeitig von seinem Size Losmachen ist die Herausgabe der Kaution bis zum Austrag der Entschädi- Unglück mit dem Leben büßen. gungsflage verweigert worden. In einer Kohlengrube bei erpignan( Frankreich) erfolgte Maffenvergiftungen. In der australischen Hafenstadt el. am Montag eine Explofton. 8 mei Bergleute wurden dabei gebourne find 800 Berfonen, meist Kinder, nach einem tötet, brei fchwer verlegt. Bidnid unter Vergiftungserscheinungen ertranft. In einem Steinbruch bei Acireale( Siglfien) wurden durch Sechs Kinder find bereits gestorben, wanaig herabstürzendes Gestein fünf Arbeiter getötet und zwei ich weben nog in Lebensgefahr. schwer verlegt. Von den in der Klagefchrift aufgeführten Posten intereffieren besonders folgende: Ausfall der Einnahmen, ohne Berüdsichtigung der berlorenen Abonnements, 10 621,80 M., Autofahrten 43,70 M., Beföftigung der Arbeitswilligen 210 M., Entschädigung an Arbeitswillige für vermehrte Dienstleistung, sowie für gehabte Auslagen für Speisen und Getränke, mangels Ablösung infolge Ausfall der Dienstpausen, 3655 M., Pension für das von Hörde und Braunschweig beorderte Hilfspersonal 130 M., desgleichen für das von Breslau beorderte Hilfspersonal 154,20 M., Straßenbahn Hörde( Reisekosten und Tagegelder für das abfommandierte Personal) 293,50 M., Straßenbahn Braunschweig desgleichen 1688 M., Pfändung der Uniformen 192,70 Mark, Generaldirektor Schimpf( Reisekosten Berlin- Saarbrüden) 248,65 M. Mit noch anderen kleineren Posten beträgt die Gesamtforderung 19 295 M., denen an Ersparnissen gegenüberstehen 3598,30. Die Gesellschaft verlangt also in echt saarabischer Bescheidenheit nicht mehr und nicht weniger, als daß die Streifenden die ganzen Transport- und Pflegekosten der Herren Streifbrecher tragen und außerdem auch die Neise des Herrn Generaldirektors von Berlin nach Saarbrüden bezahlen sollen. Man darf wirklich neugierig sein, ob sich ein Gericht finden wird, das diesem Verlangen der Gesell schaft nachkommt und die Angeklagten verurteilt. " Aus aller Welt. Hechwürden darf nicht verklagt werben. -Die Hohenzollernschen Blätter" teilten dieser Tage mit, daß ein junges Mädchen in Rangendingen den katholischen Ortsgeistlichen verklagt hatte, weil er es wegen Tragens einer am Halse durchbrochenen Bluse beleidigt hatte. Darauf schrieb der Pfarrer, Wit ist sein Name, an den Vater des Mädchens am 18. September einen Brief worin es heißt: Sie werden wohl wiffen, daß es einem Ratholiten nicht erlaubt ist, gegen seinen Seelsorger wegen feelsorgerlicher Maßregeln vor das weltliche Gericht zu ziehen. Sollte Ihre Tochter bei der angestrengten Klage beharren, so würde ich mich gezwungen sehen, gegen Ihre Tochter wie auch gegen Sie, soweit Sie für ihre Tochter berantwortlich sind, zur Aufrechterhaltung der seelsorgerlichen Autorität die kirchlichen Strafen, soweit sie mir als Pfarrer zur Verfügung stehen, anzuwenden. Wenn Ihre Tochter glaubt, es fei ihr Unrecht geschehen, so steht es ihr frei, fich beim Bischof zu beschweren. Uebrigens ist es ein Zeichen von wenig firchlichem und christlichem Geiste, wenn eine junge Person von ihrem Seelforger sich keine Zurechtweisung mehr gefallen lassen will." Durch diesen Nichtterrorismus ließ sich die Klägerin zur 3urüdnahme des Strafantrags bewegen! Das famose Motu proprio" dehnt bekanntlich die Immunität der Pfarrer auf alle Delifte, nicht nur auf die Seelsorgerei aus! Was ein Häkchen werden will... Auch ein Denkmal. Der deutschnationale Präfident des österreichischen abgeordneten Hauses hat die Löcher, die der verrückte jeg ufch in die Minister bant und den Tisch des Präsidiums schoß, nicht ausbeffern, son dern in Messing fassen und mit dem Datum ( 5. Oktober 1911) versehen laffen.... Wahrscheinlich läßt der Oberspießer das so machen, damit seine Rumpane gelegentlich die Erschrödlichkeit der Sozialdemokraten baran demonftrieren fönnen. Ein Revolutionsberuhiger". und durch Schwimmen retten. Briefkaften der Redaktion. Die farifiische Sprechstunde findet Stadenza e 69, born wiez Zreppen Fahrstuhl, wochentäglich von 4% bis 7% Uhr abends, Sonnabends, 2. 101. Deutsche Biele Freude dürften die Eltern eines fleinen neapolitanischen Burschen namens Edgardo Baino an ihrem Früchtchen erleben. Der dreizehnjährige Junge hat es fertig gebracht, mit on 4½ bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Briefkasten bestimmten Anfrage ift ein Buchstabe und eine Zahl als Mertzeichen beizufügen. Briefliche Antwort ber mme feines Brüderchens durchzugehen. Dem wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine Abonnementsquittung beigefügt ist, eigenartigen Liebespaar ist die Polizei auf den Fersen. Im all- werben nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. gemeinen ist man der Ansicht, daß der Säugling die amme viel 28. G. 14. Erfahren Sie durch den Metallarbetter- Berband, Charités nötiger brauchte, als der dreizehnjährige Knirps die Geliebte. straße 3. Seftion der Rinooperateure.- D. 20. Angeblich Galilei, was aber neuerdings bestritten wird. G. 3. 100. Soweit uns befannt, leicht dämpfen und dann mit der Brennschere behandeln. C. 6. 257. betreffende Meldung ging uns von einer Spezialforrespondenz zu. BerErfahren Sie am besten bei einem Rotteriefollefteur. 1. 8. 28. Die fönlich haben wir uns nicht davon überzeugt. Bentrale für Jugendfürsorge, Berlin, Wallstr. 89. G. S. 26. 1. Dras goner- Regt. Nr. 10. 2. Alenstein. 3. Nicht bekannt. Zwei Streitende. Nach den Kuriosas, die wir selbst schon öfter fritisiert haben, scheint weder das eine, noch das andere ausschließlich als Grundlage zu dienen. Vielleicht erhalten Sie auf einem Bahnhofsbureau darüber genauen Bescheid. K. W. 304. Beitschrift mit dem angegebenen Titel nicht zu ermitteln. Aehnliche Fachschriften finden Sie verzeichnet im 2. Band des Berliner Adrehbuchs, Teil II, Seite 259. F. D. 400. As Adresse genügt: Wein. Es wird aus Petersburg wird uns geschrieben: Ein großer Broge, ber Königliche Ansiedelungskommission in Bosen. stiller und mousfierender Champagner. Seinen foeben in Tiflis sich abgespielt hat und beffen Objett die Be- unterschieden Namen hat derfelbe nach der französischen Provinz Champagne. raubung eines Postwagens der transfaspischen Eisenbahn Grüger. 1. Vom 26. Dezember d J. ab. 2. Ja. 3. Untersagen. des Winters 1905/06 abermals die Aufmerksamkeit gelentt. Denn liegt. Beelis gilt nicht als Ihr Wohnsiz. um 469 500 Rubel war, hat auf die Brutalitäten und Willkürtaten . 48. Anmeldung bei dem Amtsgericht, in deffen Bezirk Jhr Wohnsitz Charlottenburg 37. 1. Ja. einer der Angeklagten, der Kapitän Jermolow, gehörte seiner- 2. Für das abgelaufene Kalenderjahr oder den Teil desselben. zeit zu den rabiatesten Beruhigern" der revolutionären Bewegung 3. Sa. 4. Staatsanwaltschaft beim Landgericht Königsberg. 2. Nein. im fleinen Gurien. Jetzt ist er als einfacher Kriminalverbrecher, 2. 18. Bir tönnen Ihre Mitteilung nach Lage der Sache öffentlich als ehler der Räubergesellschaft, auf die Anlage des Reichstages. Bum Abgeordnetenhaus ebenfalls beim Staftellan. nicht verwenden. E. 8. 84. Zu bestellen beim Raftellan am Bortal V bant geraten und zur Einreihung in die Arrestanten. Rompagnien für vier Jahre verurteilt worden. Damals Braunschweig 26. Bei einer Bank oder bei der dortigen Staatsschuldenverwaltung. Schloffer 100. Das Blatt beschäftigt sich, soweit und be. aber, als es galt, der Revolution Herr zu werden, hatte einen tannt, mit tatsächlichen Ereignissen. Uns ist der Fall nicht befannt., Ersolchen typischen Verbrecher die Regierung mit außerorbent fundigen Sie sich bei der Nebaltion jenes Blattes. R. R., Rigdorf. lichen Vollmachten bersehen, und er hauste brüben im Duedfilber ist um einige Einheiten schwerer als Platin. 6. B. 98. In fernen Rautafus wie eine Bestie. Vor Gericht brüftete er sich Württemberg.- O. P. 14. 1. Ja. 2. Seit ungefähr einem halben Jahr. selbst damit, daß er seinerzeit in Gurien die Menschen nieber 3. Beil nach polizeitechnischem Ansdrud öffentliches ergernis" erregt wurde. Sch. 2. 17. 1. Wer einer staatlich anerkannten Kirche nicht an geschossen und gemordet, daß er ihren Besiß ein. geäschert habe, und es ging aus seinen Worten deutlich hervor, gehört. 2. Ja. 3. Ber feinen Gott anertennt.-. 26. 1. Ber zurzeit bamit betraut ift, wiffen wir nicht. 2. Sind zu bestellen beim Stastellan daß es ihm gar nicht eingefallen war, zwischen Schuldigen und Un- Portal V des Reichstages. 6. G. 33. Unseres iffens faßte bas Nachdem der Magazin acht Batronen und eine neunte fonnte unmittelbar in den Lauf schuldigen irgendeine Trennung vorzunehmen. Stautasus beruhigt war, begann er bie Bevölkerung auszupreffen gebracht werden. und trieb gang willkürliche Steuern und Abgaben ein, so daß eine Fülle von Beschwerden gegen ihn fich richteten. Aber das brach ihm natürlich nicht das Genic. Erst als er ein Verbrechen gegen die Staatstaffe begangen und in boller Uni. form den Raub von beinahe einer halben Million Rubel vor den Augen der schützenden Ordnung für die Bande in Sicherheit gebracht hatte, da ereilte ihn das Schicksal. Das sind die Männer, in beren Hand im Jahre der Straferpeditionen Gut und Blut der Bürger sich befand. Kleine Notizen. Stationen -Witterungsübersicht vom 27. November 1911. Barometerstand mm Wind richtung Windstärke Swinembe 7700 Hamburg 767 DSD Berlin 769D Frankf.a M. 764 50 München 76760 Nenn Matrofen bei einer Explosion getötet. Auf eigenartige Weise fanden neun Mann der Besazung des an der Samoainsel festgerannten Dampfers Prinz Joachim" der Hamburg- Amerita- Linie den Tod. Nach einem draht- meißen lebte mit seiner Frau in Unfrieden und fürchtete, daß ihm Bien Berzweiflungstat eines Baters. Der Arbeiter Iler aus losen Zelegramm von Bord des Dampfers waren die bei der bevorstehenden Trennung sein dreijähriges Töchterchen geneun Mann in drei Booten beschäftigt, die nach der Stran nommen werden könne. Um das zu verhindern, erdrosselte er dung über Bord geworfene Ladung wieder zu bergen. Dabei das Kind und flüchtete. Aus hinterlaffenen Briefen geht hervor, griffen fie gleichzeitig nach einer Büchse, die, ohne daß sie es daß er auch sich selbst das Leben nehmen will. Unserem Reichstags- Kandidaten Wilhelm Pfannkuch zu seinem * 70. Geburtstage* 40 214/7 die herzlichsten Glückwünsche. Die Genossen und Genossinnen des III. Berliner Reichstags- Wahlkreises. BEEEEEEEE* 9999 Unserem Genossen, Wilhelm Pfannkuch 品 號 jetnem 70. Geburtstage die herzlichsten Glückwünsche! Die Genossen des 94., früher 109. Bezirks. BΣ Die besten Glüdwünsche für unseren Genossen und Parteibeteran 17925 Wilhelm Pfannkuch senden zum 70. Geburtstage Die Genossen vom 109. Bezirk ( 2. Wahlkreis). Todes- Anzeigen B Sozialdemokratischer Wahlverein für den 4. Berl. Reichstags- Wahlkreis. Stralauer Biertel. ( Bezirk 347 II.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genoffe, der Dach decker Fritz Schröder ( Bofener Str. 24) geftorben ist. am Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Donnerstag, den 30. November, nachmittags 3, Uhr, von der Halle des Zentral- Friedhofes in Friedrichsfelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Sozialdemokratischer Wahlverein für den 4. Berl. Reichstags- Wahlkreis. Petersburger Viertel. ( Bezirk 373b II.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unsere Genoffin, Frau Selma Neumann ( Mirbachstr. 38) geftorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. November, nachmittags 4 Uhr, auf dem Kirchhof in Ahrensfelde statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Voritand. Sozialdemokratischer Wahlverein des 6. Berl. Reichstags- Wahlkreises. Todesanzeige. Am 22. November verstarb unser Genoffe, der Glasarbeiter Karl Löffelbein Schwedter Str. 249 a. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. November, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle der Bions- Gemeinde, Nieder- Schönhausen- Nordend, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Zentralverband der Glasarbeiter und-Arbeiterinnen Deutschlands. Ortsverwaltung Berlin. Am 22. November schied unser langjähriges Mitglied, der Kollege Karl Löffelbein freiwillig aus dem Leben. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. November, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle der Zions- Gemeinde, Nordend, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Am Sonnabend, den 25. November d. J., vormittags 7, br, und verschied plötzlich infolge eines Herzschlages unser treuer Kollege der Buchbinder Karl Wacker im Alter von 54 Jahren. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten! Die Kolleginnen und Kollegen der Firma H. Sperling. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. November, nachmittags 3 Uhr, auf dem neuen Gemeindefriedhof in Martendorf, Friedenstraße, statt. 17815 Sozialdemokratischer Wahlverein des 6. Beri. Reichstags- Wahlkreises. Um 24. b. Mts. verftarb unser Genoffe, der Ladierer Berthold Beierke Hochstädterstraße 3. Chre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 28. November, nachmittags 3 Uhr, von der Leichendes Nazareth- Kirchhofes, halle Reinidendorf West, Stögelstraße, aus ftatt. 233/8 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter- Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todesanzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Keffelschmied Hermann Jabs gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. November, nach mittags 4 Uhr, von der Leichen balle des Gethsemane- Kirchhofes in Nordend aus statt. Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. 152/1 Allen Freunden und Bekannten hiermit die Nachricht, daß meine liebe Frau, unsere gute Mutter Elise Grunow, geb. Drichel am Sonnabend, den 25. d. Mts., nach langen schweren Leiden im Alter von 47 Jahren sanft ent 17746 Schlafen ist. Ferd. Grunow neb Kindern, Chauffeeftr. 49. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. b. Mis., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle der Charité nach dem Kirch hof der Gnadengemeinde, Barfus. straße, aus statt. Better 4 bedeat 6 bededt 3bebedt 2 Dunst Temp. n. bok Dog Stationen Barometer ftand min Wind richtung Windstärke Wetter Temp. n. T. 5° 4°. 0 Haparanda 769 52 2bebedt-19 Petersburg 776 1 0 Scilly 759DD Aberdeen 766D 4 2Nebel 0 Baris 1bebedt 1 Booltig 2balb bd. 759 D 6 bededt 1Schnee 0971 7689 Wetterprognose für Dienstag, den 28. November 1911. Ein wenig lälter, vorwiegend nebelig oder wollig bei ziemlich frischen fadöstlichen Winden, teine erheblichen Niederschläge. Berliner etterbureen. Am Sonntag verstarb unser bewatcter Bertmeister, Hers Robert Thomas na turzem Krantenlager. Derfelbe war unserer girma burd lange Bagerier und zuberläffiger Mitarbeiter und werben wir tu tets en trenes Gedenten bewahren. Kersten& Zemann Nacht, Danksagung. Kofferfabrik. Danksagung. Te die vielen Beweise ver Für die vielen Beweise, herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Baters lieben, unvergeßlichen Mannes spreche fagen wir allen Seilnehmern unferen ich allen Verwandten, Freunden und herzlichsten Dant. 17866 Bekannten, insbesondere dem Herrn Wwe. Berta Leska Bohn. Meister Fabrik und den Kollegen der Maschinenfabrit von Karl Flohr, fowie dem Metallarbeiter- Berband meinen wärmsten Dank aus. Paula Köhler geb. Rosemann und Berwandte. Danksagung The bte vielen Bemette Bes Zeitnahme und jabreichen ung perben bet der Beerdigung meiner lieben Fran Marie Bekert [ age to hiermit allen Freunden und Befannten, sowie dem Sostald. Bahl verein Rigdorf und dem Rauchklub Für die Beweise herzlicher Tell- Besub meinen herzlichsten Dant. nahme und Kranzspenden bei der Im Namen der Hinterbliebenen Danksagung. Beerdigung meines lieben Mannes, des Werkmeisters Heinrich Eckert. Artur Tzschernig Tätowierung fagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dant. entfernt Dr. Schünemann, 17845 Spezialarzt für Hautfranfbeiten, Berlin, Dramenftr. 189. Wwe. Anna Tzfchernig und Kind. Familie Angust Tsschernig. Danksagung. Fl bie bielen Beweise herzlicher Teilnahme bei ber Beerdigung meines lieben Mannes fage ich allen Be fannten, fowie der Agitationslom Für die vielen Beweise herzlicher mission des Stonsumvereins, Abt. VI, Teilnahme bei der Beerdigung meiner Berlin und Umgegend, bem Holz. lieben Frau und guten Mutter jagen arbeiterverband und dem 4. Berliner wir allen Teilnehmern unseren besten Reichstagswahlkreis meiner herzlich. Dant. Paul Stargardt Sohn. sten Dant Wwe. Klein sebß Rindern. Tag III Gold, Kork, ohne und mit Mundstück sind ein Genuß für Qualitäts- Raucher. 299/ 11* Tag- Zigaretten von 2-5 Pf. sind Handarbeit. Nur organisierte Arbeiter. Keine Maschinenware. Fordern Sie bei Ihrem Zigarrenhändler: Tag- Zigaretten. Vertreter für Berlin a. Brandenburg: Paul Horsch, Engelufer 15, Geffentliche politische Versammlungen. Sechster Wahlkreis! Dienstag, den 28. November 1911, abends 8%, Uhr: Reste Damentuche schwarz und farbig per Meter von 3 Mark, an Kostümstoffe neueste engl. Muster per Meter von 2 Mark an Seidenplüsch Vel du Nord per Meter. 80 cm breit 4 Mark Oeffentliche politische Versammlungen l. Seal is om brei in folgenden Lokalen: Swinemünder Gesellschaftshaus, Swinemünder Str. 42. Brauerei Patenhofer, Turmstr. 25/26. Cranz Festsäle, Kösliner Str. 8. norbillagesordnung: Reaktion Engl. 120 cm per Meter. 10 Mark Astrachan 120-130 cm breit per Meter. 5 Mark Samt und Seide etc. etc. zu sehr billigen Preisen. Die Abrechnung mit der Reaktion. C. Pelz, 233/5 Referenten: Reichstagsabgeordneten Busold- Friedberg. Haberland- Düsseldorf. Ledebour- Berlin. Freie Diskussion. Die Einberufer: Julins Marschner, Stoinemünder Str. 70. Heinrich Umlauf. Wilhelmshavener Str. 31. Friedrich Stäffler, Hochstädterstr. 16. Deutscher Holzarbeiter- Verband.) Verwaltung Berlin. Mitglieder- Versammlungen: Korbmacher Mittwoch, 29. November, abends 81, Uhr, im Gewerks fchaftshause, Engelufer 15, Saal IV( Arbeitslosensaal). Zagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Dr. Max Schütte über: Der Stultus des Krieges". 2. Bericht von der Lohnbewegung der Nohrarbeiter. 3. Branchenangelegenheiten. Braktisch und künstlerisch erfahrener Architekt übernimmt die Herstellung von Ent. würfen zu Gebäuden feber Art für die Partet, die Gewerkschaften und die Genossenschaften. 17725* W. Zimmer, Bamberg, Obere Seelgaffe. Kottbuser Straße 5. Achtung! Hierdurch zur Kenntnis, daß ich mit dem heutigen Tage das Etablissement Backhaus Ballsalon. Weißensee, Uckermart. Straße 6, übernommen habe. Läg lich: finematographische Vorführungen. Empfehle allen„ Borwärts"-Refern mein Lotal. Zwei Ber einszimmer noch frei. August Bieul. Wenn nicht Ia geliefert, auf meine Roften geg. Nachn. retour. Ganz frisch vom Rauch fette fehr schön ger. Aale Sifloßbrän Florphaubinen wirken anregend. aber nicht aufregend und haben nur einen geringen Alkoholgehalt. Die Qualität ist. fervorragend! Deutscher Metallarbeiter- Verhand Arbeitsnachweis: Hof I. Amt Norden, Nr. 1239. Verwaltungsstelle Berlin Hauptbureau: of III. Charitéstraße 3. Amt Norden, Nr. 1987 Mittwoch, den 29. November 1911, abends 6 Uhr, im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Str. 11/12: Versammlung der chirurgischen Branche. Tagesordnung: 1. Bortrag. 2. Distuffion. 3. Branchenangelegenhetten und Berschiedenes. Bahlreicher Besuch wird erwartet. Stifte 45 l. Fettbüdlg., Stüd echten Mittwoch, den 29. November 1911, abends 3½ Uhr, Rauchlachs, ger. Schellfisch, ff. Roll- im Dresdener Garten, Dresdener Straße 45: mops, Dose 40 Heringe Milchsauce, Lachsbüdling, Geleeher. u. Brather. Alle 9 ledere Sorten zusammen 2.95 M. Mitglieder- Versammlung E. Napp, Altona Ottensen 62. der Gold- und Silberarbeiter und verw. Berufsgenossen. Bahnf. beste Salzher. 68, Postf. 2, M. Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschearbeiter Deutschlands. Filiale Berlin I. Bureau: Sebastianstr. 37/38. Telephon Umt IV, Nr. 9737. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen reger über: 3ölle und indirekte Steuern. 2. Neuwahl der Branchenkommission. 3. Berbandsangelegen heiten und Berschiedenes. Verbandsbuch legitimiert. Bahlreiches und pünktliches Erscheinen wird erwartet. Die zu heute Dienstag einberufene Nachdem am Mittwoch der Streit für die gesamte Damentonfettion Vertrauensmänner- Konferenz der Elektromonteure und Helfer findet nicht beschloffen ist, fordern wir alle in der Bürsten- und Pinselmacher Damenkonfektion, Musterkonfektion Mittwoch, den 29. November, abends 8%, Uhr, und in Damenkonfektions- Ateliers bei Preuß, Holzmarktstr. 65. Zagesordnung: 1.aben die Arbeiter ein Baterland? beschäftigten Kollegen und Kolleginnen auf, die Arbeit einzustellen, Referentin: Genossin Frida Wulff. 2. Branchenangelegenheiten. Die Stollegen werden ersucht, thre Frauen mitzubringen. gleichotel ob fie Maß oder andere Privatarbeit anfertigen. In der Muster. fonfeftion ist auch da die Arbeit einzustellen, wo mit den Arbeitgebern Tarifverträge abgeschlossen sind. Der Streit richtet sich nicht gegen die Meister, sondern gegen die Unternehmer und ist gemeinsam Haarschmuckarbeiter und-Arbeiterinnen mit den Weistern zu führen. Mittwoch, den 29. November, abends 8 Uhr, bei Merkowski, Andreasstr. 26. Tagesordnung: 1. Fortseßung der Debatte der lezten Branden versammlung. 2. Bericht der Generalversammlung. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Bodenleger 190 Mittwoch, den 29. November, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 15, Saal III. Tagesordnung: Bericht der Kommission und Branchenangelegenhelten. Achtung! Achtung! Lehrlinge und jugendliche Arbeiter der Holzindustrie! Mittwoch, den 29. November, abends 8 Uhr, bei Eide, Schönleinstraße 6: Versammlung Lagesordnung: 1. Vortrag. 2. Disfuffion. Jeder Lehrling und jugendliche Holzarbeiter muß in diefer Versammlung erscheinen. 93/4 Schirmnäherinnen und Schirmmacher! Dienstag, den 28. November, abends 8 Uhr: aller in der Oeffentliche Versammlung Schirminduftrie tätigen Arbeiter und Arbeiterinnen in Wilkes Festsälen, Sebastianstraße 39. Tagesordnung: 1. Das Elend der Heimarbeiterin. Referentin: Martha Jeetze. 2. Unsere Lohnverhältnisse. Referent: Kollege Hildebrandt. 3. Diskussiou. D Die Branchenkommiffion für die Schirmindustrie. amen- Täschchen stets aparte Neuheiten 19 Ste Gegr. in allen Preislagen. 1828 C. A. Flemming, Beathstr. 11, am Spittelmarkt. Berlin SO. 16, H.& P. Uder, Engel- Ufer 5. Tabak- Großhandlung und Tabakfabrik. Rauch-, Kau-, Schnupftabake, Zigarren, Zigaretten. Vorteilhafteste Bezugsquelle für Wiederverkäufer. Größte Auswahl gelagerter Zigarren in allen Preislagen. Sämtliche bezu Originalpreisen.. kannten Marken Zigaretten Amt 4, 3014. Die Streifenden haben sich täglich zweimal in folgenden Zolalen in der Zeit von vormittags 9-11 Uhr und nachmittags von 3-5 Uhr zu melden: Wedding: bet Prepernau, Bajewaller Str. 3, Umt Moabit 8829, Norden: Swinemünder Str. 42, Swinemünder Gesellschaftshaus, Amt Norden 4976, Norden: Grunze, Schönhauser Allee 156, Amt Norben 1139, Nordosten: Rosenberg, Langenbedstr. 1, Amt Röntgftabt 4358, Südosten: Manzet, Reichenberger Str. 16, Umt Morigplay 11724, statt. RECHT ERLIN 126/20 Stempel Fabrik Dont S Robert Hecht, 2* Berlin 9., Orantenftr. 142, Die Ortsverwaltung. Eile zu Weile! ZU liefert fchnell unb 119 Dresdener Straße billig alle Arten Stempel in befter Ausführung. Kautschul- Typen Perfett auen Zusammensetzen einzelner Wörter lotte ganzer Säge von 1.50 M. an Osten: Germaniabrauerei, Frank. 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Der Ar- tikel lautet: „In das Berliner Weichbild greifen bekanntlich im Westen der ReichStagSwahikreiS Teltotv-BeeSkow-Storkow, im Osten Nieder- Tabelle a. Die Bevölkerung von 8 Reichst I barnim hinein. Das verbleibende Gebiet Berlin» zerfällt in sechs Wahlkreise. Bei der ersten nach Begründung des Reiches vor- genommenen Volkszählung vom 1. Dezember 1871 betrug die Be- > völkerung dieser 8 Wahlkreise 822 S(3g. Auf dem gleichen Gebiet wurden bei der letzten Volkszählung vom 1. Dezember 1910 2 009 077 Personen gezählt. Da dl« gesamte Bevölkerung Berlins an dem letztgenannten Tage sich auf 2 071 257 belief, so bleibt für die Anteile der beiden vorerwähnten Nachbavlvahlkreise am Stadt- gebiet Berlins eine Bevölkerung von 62 180 übrig, von welcher allein 61 946 auf Niederbarnim entfallen und nur 234 auf Teltow- BeeSkow-Storkow. agswablkreifen Grost-BerlinS 1871 und 1910. Zunächst seien die 6 Berliner Reichstagswahlkreise nach ihrer damaligen und ihrer heutigen Bevölkerung miteinander verglichen. Der nach Maßgabe der letzteren kleinste Wahlkreis I. der sich um den historischen Kern der Berliner Altstadt gruppiert, wies im Jahre 1871 eine Bevölkerung von 106 316 auf, die in den seit dem verflosienen 39 Jahren infolge einer je länger um so lebhaf- teren Citybildung auf 62 419, d. i. um 41,3 Proz. abnahm. Um- faßte der Wahltreis 1871 noch 12,9 Proz. der Bevölkerung aller 6 Berliner Wahlkreise, so war dieser Anteil 1910 auf nur 3,1 Proz. herabgeschmolzen! Der Wahlkreis II zählte 1871 rd. 146 000 Einwohner. b. i. 17,8 Proz. der damaligen Gesamtbevölkerung der 6 Wahlkreise. Obwohl seine Bevölkerung von da ab bis 1910 um rund 167 000 oder 114,4 Proz. zunahm, hat sein Prozentanteil infolge einer im Gesamtdurchschnitt der 6 Wahlkreise noch lebhafteren Bevölkerungs, entwickelung seinen früheren Stand nicht behauptet: von dem eben genannten Betrage von 17,8 Proz. wich er auf 15,6 Proz. zurück. Eine dem I. ähnliche Entwickelung zeigt der an diesen südlich anschließende llbt Wahlkreis. Auch hier ist es, wenngleich später und in geringerem Umfange zu citymätziger Bevölkerungs abnähme gekommen, und zwar in den 39 Jahren bis 1910 von rd. 124 700 auf 104 600, d. i. um 16,1 Proz., derart, daß der Prozent- anteil dieses Wahlkreises heute mit 5,2 Proz. nur etwa den 3. Teil desjenigen von 1871(15L Proz.) beträgt. Der. über weite Gebiete des Osten» sich erstreckende I V. Wahlkreis zeigt dagegen eine um so stärkere Bevölkerungs- entwickelung: von rd. 168 100 im Jahre 1871 auf 517 900 in 1910, eine Zunahme um 349 800 oder 208,1 Proz. Hier ist sonach die Bevölkerung in den 39 Jahren auf daS 3fache gestiegen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkcrung von 20,4 auf 25,8 Proz. Der östlich anschließende, über daS nördliche Zentrum(Spandauer Viertel) bis zur Frisdrich-Wilhelmstadt in schmalem Strei- fen sich hinziehende ReichStagSwahlbezirk V zählte im Jahre 1871 rd. 120 200 Einwohner, jetzt 145 600. Bei diesem vom inneren Stadtkern aus bis an die äußerste Peripherie im Nord- osten sich erstreckenden Gebiet haben wir eS in den zentralen Teilen mit erheblicher Bevölkerungsabnahme, in den nach außen vorgerückten Gebieten mit starker Zunahmetendenz zu tun, so daß daS schließliche Ergebnis, eine Zunahme um rd. 25 400 oder 21,1 Proz., nur die Wirkung jener beiden entgegengesetzten Kräfte ist. deren Spuren ganz besonders deutlich gerade im letzten Jahr- fünft sichtbar wurden in der Aushöhlung der inneren Stadtgebiete infolge zunehmender gewerblicher und geschäftlicher Verwendung bisheriger Wohnhäuser, andererseits in der durch lebhafte bauliche Erschließung möglich gewordenen umfangreichen Besiedelung an der Peripherie. Der Bevölkerungsanteil dieses Wahlbezirks be- trug 1871 14,6 Proz., jetzt mit 7.3 Proz. kaum die Hälfte davon. Der bei weitem am meisten ausgedehnte, den ganzen Nord- Westen und große Gebiete des Nordens umfassende VI. Reichs- tagswahlkreis wies 1871 eine Bevölkerung von 157 300 auf, die bis zum Jahre 1910 auf 865 600, d. i. um nicht weniger als 703 300 oder 450,3 Proz. gestiegen ist mit der Wirkung, daß dieser Wahlkreis, welcher im Jahre 1871 einen Anteil an der Bevölke- rung aller Berliner Wahlkreise im Betrage von 19,1 Proz. auf- gewiesen hatte, jetzt einen solchen von nicht weniger als 43,1 Proz. in Anspruch nimmt. Di« Folge all dieser, vorstehend im einzelnen bezeichneten Be- Völkerungsveränderungen ist denn eine geradezu gewaltige Ver- schiebung der Wahlrechtsbegrenzung, eine völlig regellose DiS- Parität schon in den einzelnen Berliner Wahlkreisen. Sieht man ab von den Verschiedenheiten der Alters- und Geschlechtsverteilung, des Anteils der Reichsausländcr— Momente, deren Berücksichtigung an der vorhandenen Ungleichheit nicht viel ändern können—, so ergibt sich, daß in das gleiche Stimmgewicht, welches 100 Be- wohner des I. Wahlkreises besitzen, sich teilen müssen 168 im III., 233 im V., 501 im II.» 830 im IV. und 1387 im iVI. Wahlkreis. Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung würden im Ge- samtdurchschnitt des Deutschen Reiches auf 1 Reichstagsabgeord- neten rd. 163 500 Personen entfallen. Nach diesem Verhältnis hätte Berlin Anspruch auf 12 Reichstagsabgeordnete, also auf die doppelte Zahl derer, die es besitzt. In Oesterreich ist diesem Maß- stab der Bevölkerung bei dem nach dem Gesetz vom 26. Januar 1907 ebenfalls aus allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen hervorgehenden Rcichsrat gegenwärtig durchaus ent- sprachen, indem von den 516 Mandaten allein 33 auf Wien ent- fallen. Noch größere Verschiebungen, als wir sie für den VI. Berliner Wahlkreis festgestellt hoben, sind für den überhaupt größten Wahl- kreis des Reiches: für Potsdam 10, d. i. Teltow-Beeskow- Storkow, zu verzeichnen. In diesem Wahlkreis, der die aus ihrem Kreisverbande meist schon vor längerer Zeit ausgeschiedenen Städte Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf und Wilmersdorf sowie von Berlin einen nur wenig bewohnten TeirteS Tiergartens mitumfaßt, wurden 1871 rd. 149 500 Personen, bei der letzten Boltszählung von 1910 rd. 1315 000 gezählt, so daß hier eine Zu- nähme um rd. 1 165 000 oder 780 Proz. zustande gekommen ist, an welcher die eben genannten Vororts-Grohstädte in der aus den Kochstehenden Angaben ersichtlichen Weise beteiligt sind. Gemeinde Charlottenburg..... Schöneberg(Alt- und Neu-). Rixdorf........ Wilmersdorf....... 1 626 Zusammen Bevölkerung im jeweiligen Gebietsumsang 1871 1910 . 19 518 305 978 . 4 555 172 884 . 8 125 237 289 109 716 825 867 33 824 An der Bevölkerungszunahme des ganzen Wahlkreises in den 39 Jahren sind sonach die 4 größten Vororte allein mit rd. 792 000, d. i. mit über%(68,0 Proz.) beteiligt, im einzelnen nahm zu Charlottenburg auf das 15,7fache, Rixdorf auf das 29,2-, Schöne- berg auf das 38,0- und das allerdings nur eine vergleichsweise beträchtlich geringere Anfangszahl aufweisende Wilmersdorf auf das 67chfache. Mit seinen rd. 150 000 Personen hatte der Wahl- kreis im Jahre 1871 dem Durchschnitt des Reiches— rd. 103000— etwa entsprochen und selbst alle 4 Gemeinden zusammen hätten mit ihren 34 000 Bewohnern noch keine eigene Vertretung erwarten dürfen. Nach den gegenwärtigen Verhältnissen aber stünden Char- lottenburg 2, Schöneberg Rixdorf. Wilmersdorf je 1 Mandat zu, und aus dem ganzen Wahlkreis wären deren 8 zu bilden. Der Wahlkreis Potsdam 6— Kreis Niederbarnim mit Lichtenberg und einem Teil des Berliner Standesamts- bezirks Vllb(Vieh- und Schlachthofterrain mit Umgebung)— hat Von 1871 bis 1910 die Entwickelung von 88 654 auf 588 410 Be- völkerung erfahren. Die Zunahme stellt sich sonach auf rd. 500 000 oder 564 Proz., in Lichtenberg insbesondere stieg die Bevölkerung von 3128 auf 81 199, d. i. auf das 26fache. Der Wahlkreis hätte auf Grund seiner Bevölkerung gegenwärtig in 4 Wahlkreise zu zerfallen. Im ganzen ergibt sich bei Zugrundelegung der Bevölkerung für die Bemessung der Mandate— wie sie zur Zeit deS Norddeutschen Bundes im wesentlichen Platz gegriffen hatte—, daß bei einer nach gleichen Grundsätzen nach Maßgabe der letzten Volks- Zählung zu bewirkenden Neueinteilung der 397 Reichstags- Mandate an Stelle der behandelten 8 Wahlkreise von Groß-Berlin deren 24. also 3mal soviel als bisher zu treten hätten. Die Bevölkerungsveränderung in den letzten fünf Jahren stellt sich nach folgender Tabelle B: Berlin I . n . ni . iv . V . VI Berlin I— VI zuiammen. Bevölkerung am 1. Dezember 1905 1910 75 944 837 967 119 183 527 454 149 567 786 873 Zunahme(+) Abnahme(—) 1905/10 absolut Proz. 62 419 312 909 104 590 517 914 145 608 865 637 1 996 978; 2 009 077 Potsdam 6 umfaßt: Stadtkreis Lichtenberg. Kreis Nieder-Barnim.. Vom Sradikreis Berlin (das Viehhofsviertel). Wahlkreis Nieder-Barnim zusammen..... Potsdam 10 umfaßt: Sladtkr. Cbarlottenburg. , Scdöneberg.. „ Rixdorf... Wilmersdorf.. Kreis TeUow.... , Becskow-Storkow. Vom Sladitreis Berlin lTieranrienviertel).. Potsdam 10 zuiammen. 55 896 336 130 42 732 434 253 239 632 141010 153 572 67 568 313 808 46 649 438 958 677 81 199 445 265 61946 588 410 305 978 172 884 237 289 109 716 438 918 49 852 234 1 314 871 -s- 25 868 •f 109 136 -f- 19 214 — 13 525 — 25 148 — 14 593 — 9 540 — 3 959 + 78 764 + 12 099 — 17,81 — 7,41 — 12.2 — 1,81 — 2,65 + 10 01 + 0,61 + 154 157 66 346 81 874 83 717 46 148 125 110 3 203 >— 204— 46.58 + 46,69 + 82,47 + 44,96 + 35,50 --27,69 -- 22,60 --54,51 -- 72,60 -- 39,87 -- 6,87 Am bedeutendsten und zu den allerextremsten Verhältnissen führend gestaltete sich die Zunahme im Wahlkreise Potsdam 10 — Tcltow-Beeskow-Storkow— mit rd. 356 000 oder 87 Proz. Au der absoluten Zunahme sind am meisten beteiligt Kreis Teltow mit 125 000, Rixdorf mit 83 700, Charlottenburg 66 300, WilmerS- darf 46 100, Schöneberg 31900, während der hier zugehörige, mit seinem Bevölkerungsanteil sehr zurücktretende Kreis Beeskow- Storkow, welcher für Groß-Berlin übrigens kaum in Betracht kommt, nur um 3200 zunahm, derart, daß dieser rein ländliche und kleinste Bestandteil des Wahlkreises nur 6,9 Proz. an Bevölkerung gewann, während die Prozentziffer der Zunahme betrug in Schöncberg 22,6, in Charlottenburg 27.7, im Kreise Teltow 39.9. in Rixdorf 54,5, in Wilmersdorf 72,6. Im ganzen haben die 8 behandelten Groß-Berliner Reichs- tagSwahltreise allein in diesen letzten 5 Jahren um mehr als eine halbe Million— 522 000 Personen— oder 15,4 Proz. zugenommen." Die Arbeit des Professors Dr. Silbergleit ist eine recht dankenswerte. Sie läßt klar erkennen, welche großen Ungerechtig- leiten bei der heutigen Wahlkreiseinteilung vorhanden sind tlnd daß diese sich vollständig unhaltbar gestaltet haben. Aus der Zusammenstellung läßt sich auch ein Schluß ziehen auf die Zahl der Wahlberechtigten in den einzelnen Wahlkreisen. wobei wir bemerken möchten, daß im fünften Wahlkreise sich seit der Volkszählung(Dezember 1910) die Zahl der Einwohner be- stimmt wieder vermehrt hat infolge Zuzug in die in diesem Kreise neu hergerichteten Wohnungen; andere Kreise wie der erste und der dritte dagegen haben wiederum auf Vermehrung nicht zu rechnen. Etos der parte!» + 3561941+37,15 Seit der Volkszählung von 1905 nahm hiernach von den sechs Berliner Rcichstagöwahlbezirken nur der VI. an Bevölkerung zu, und zwar um rd. 10 Proz., während der I. um 17,8, der III. um 12,2, der II. um 7,4, der V. um 2,7 und der IV. um 1,8 Proz. zurückging— eine Entwickelung, durch welche die schon früher in sehr erheblichem Ilmfange hervorgetretenen Ungleichheiten sich noch weiter verschärften. Der Anteil des kleinsten unter den Berliner Wahlkreisen(I) fiel in den 5 Jahren von 38,0 auf 31,1 Promille. der dcs größten(VI) stieg von 394,0 auf 430,9 Promille. Sehr bedeutend waren die eingetretenen Veränderungen in den beiden anderen hier betrachteten Nachbarlvahlkreisen. PotS- dam 6— Niederbarnim— nahm zu um rd. 154 000 oder 35.5 Proz.. in höherem Maße noch im einzelnen: Stadt Lichtenberg, und zwar um 46,6 Proz. sowie der zu Berlin gehörige Anteil um 45,0 Proz Den geringeren aber an sich noch ganz außerordentlich hohen Zu- nahmeprozenten des Kreises Niederbarnim— 32,5 Proz,-s liegt eine absolute Zunahme von rh. 109 000 zugruiche. Kommunalwahlsiege. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Schönebelka.tz. Elbe siegten unsere Genossen in der 8. Klasse mit 700 Stimmen, die Gegner erhielten nur 472 Stimmen. Bei der Gemeinderatswahl in Weimar wurde Genosse Ba Udert mit einem Zuwachs von nahezu 300 Stimmen gegen« über der Stimmenzahl vor zwei Jahren wiedergewählt, obwohl nach Reichsverbandsmcthode von den rechtsstehenden Parteien ge« arbeitet wurde und Nationalliberale und Fortschrittler eine Stimmen» Zersplitterung bei den Arbeitern dadurch herbeizuführen versuchten, daß sie ein früheres Mitglied der sozial>'««nokratischen Partei, den Tiichlermeister I. Hauser, der unter dem Sozialistengesetz in Leipzig ausgewiesen wurde, mit aufstellten. Das Manöver mißglückte in- sofern, als Baudcrt nicht hinauSgewählt wurde, sondern Hauser ebenfalls in das Gemeindeparlament kam. In Oberweimar wurde Genosse Tr autsch al» erster Sozialdemokrat gewählt._ Die Gemcindcratswahlen in Württemberg finden im Monat Dezember statt. In jedem Jahr haben in sämt» lichen Gemeinden Württembergs die Wähler zur Urne zu schreiten; in den Jahren mit ungerader Jahreszahl zur Wahl eines DrittelO der Gemeinderatsmitglieder, in denen niit gerader Jahreszahl, zur Wahl der Hälfte des Bürgerausschusses. Die Bürgerauc-ichuß- Mitglieder werden somit aus vier, die Gemeinderäte auf sechs Jahre gewählt. Bei beiden Wahlen ist das Wahlrecht allgemein und gleich; eS scyl aber den Besitz des GemeindebürgerrechlS voraus, das der neu Zuzwbende erst nach dreijähriger ununterbrochener Steucrleistung gegen eme Gebühr von 2 M erwerben kann. In den Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern wird nach dem Proporz gewählt mit un- gebundener Liste und Zulassung der Stimmenhäufung bis zur dritten. Die Zahl der Gemeinden, die nach dem Proporz wählen dürfen, vermehrt sich in diesem Jahre um einige, die die GeietzeSvorschrift erfüllt haben, bei zwei aufeinanderfolgenden Volkszählungen mehr als 10 000 Einwohner nachgewiesen zu haben. Nach der neuesten Zusammenstellung hatte unsere Partei in 132 Gemeinden 262 GemeinderatS-, in 157 Gemeinden 472 Bürger- ausichußmitglieder. Die Aufmerksamkeil richtet sich natürlich zuerst aus die größeren Gemeinden, voran Stuttgart. Hier entlallen von den 8 ausscheidenden Gemeinderatsmitgliedern 4 auf uniere Partei. Da aber kürzlich beschlossen wurde, das Kollegium um 6 Mit- glieder zu vergrößern, sind diesmal 14 Mandate neu zu besetzen. Eine Parteiveriammlung hat bereits die Kandidatenliste aufgestellt und beschlossen, 5 Kandidaten je 2 Stimmen zu geben. Dieser Vorzug kommt aber keinem der Ausscheidenden zu gute, von denen drei, die Genossen Tauscher, WaSner und Baitinger, wieder auf- gestellt wurden. Die Wahl ist in Stuttgart auf den 8. Dezember festgesetzt. In Eßlingen findet die Wahl schon am 1. Dezember statt. Dort zählt der Gemeinderat 18 Mitglieder, davon sind gegen» wärtig 6 Sozialdemokraien. Unter den Ausscheidenden ist kein Parteigenosse: von den 6 Neuzuwählenden werden uns aber wenig- stens 3 zufallen, mit denen unsere Partei dann die Hälfte deS Kollegiums besetzt. Um zu verhindern, daß wir die absolute Mehr- heit bekommen, haben sämtliche bürgerlichen Parteien eine ver- bundene Liste aufgestellt. Der Eßlinger Bürgerausschutz besteht schon jetzt zur Hälfte auS Sozialdemokraten. f)olir«illil,e», Sericbtllcdes uftv, Aufgehobenes ZuchthauSurteil. Am 21. Juni dieses JahreS wurde der Genosse Holzbildhauer Maurer in Lage vom Schwurgericht zu Detmold wegen Mein- eids zu zwei Iah, en Zuchthaus verurteilt. Er sollte in einem Streik- Prozeß falsch geschworen haben. Die Staatsanwaltschaft stützte ihr Verfahren gegen ihn auf die Aussagen zweier Arbeitswillige», die eine Drohung aus dem Munde eines Kollegen von Maurer gehört haben wollten, von der Maurer unter seinem Eide bekundete, nichts zu wissen. Die Geschworenen, die das verurteilende Erkenntnis fällten, waren in der Mehrzahl Gutsbesitzer.— Die von dem An- wall Maurers gegen das Urteil eingelegte Revision hat da» Reichs- gericht jetzt als begründet anerkannt»nd die Sache zu neuer Ver» kaiidlnng an das Schwurgericht zurückgewiesen, so daß nächstens Gelegenheit geboten sein wird, die merkwürdigen Vorgänge, die dem Urteil zugrunde liegen, vor der Oeffentlichteit nochmal zu be» sprechen. Jugendbewegung. Das staatsgcfShrliche Jugcndlirderbuch. Lin Sonnabend abend wurde in der Buchhandlung Vor« wärt» von der Berliner Kriminalpolizei nach dem bekannten Jugendliederbuch g e h a u S s u ch t. Die Lieder.Bei' und arbeit" und die.Jnlernatioiiale". die schon tausende Male von deutschen Arbeitern gesungen worden swd, ohne daß daS Deutsche Reich in Trümmer ging, sollen aus einmal so staalSgefährlich fein, daß sie von Justiz und Polizei vernichtet werden müssen. Aber alle Schutz. teilte und Staatsanwälte Preußeii-Deulschlands werden diese Lieder nicht mehr aus der Well schaffen könneii, weim sie auch»och so viel Bücher konfiszieren lassen. Am Sonnabend war freilich der Erfolg der Polizei hierbei nicht groß, es fielen ihr nur 7 Exemplare in die Hände. Soziales. BetnebSgefahr oder GefälligkeitSbkeftst? Welche Ausreden Unfall-BerufSgenossenschafteir suchen, Wlt um sich von der Nentenzuhluug zu drücken, zeigt uns wieder nach- stehender Fall: Ein Fuhrmann aus dem Kreise Höchst hatte eine Fuhre Back- steine in die� Stadt zu fahren� Auf dem Rückwege wurde er von einem Bekannten gebeten, doch eine Anzahl leerer Holzkisten auf dem leeren Wagen mitzunehmen, Der Fuhrmann ließ sich nicht lange bitten und nahm die Ladung auf. Als er jedoch dem Bahn- Übergang näher kam. scheuten die an sich sehr unruhigen Pferde und gingen im wilden Galopp durch. Beim Aushalten der Pferde stürzte der Fuhrmann vom Wagen und wurde sehr schwer durch «Uiien Arm- und Beckenbruch verletzt. Die Fuhrwerts-Berufs- gcnossenschaft untersuchte aber den Vorfall recht lange und genau und kam zu»cm Resultat, die Entschädigung abzulehnen, weil gar kein Betriebsunfall vorliege. Der Verletzte habe ja selbst zugegeben, daß., er die Holzkisten aus reiner Gefälligkeit und ohne Wissen seines Arbeitgebers mitgenommen habe. Die Kisten seien eben am Bahnübergang ins Rutschen gekommen, auf die Pferde gefallen, wodurch diese scheuten und so das Unglück geschah. Ein Betriebs- Unfall liege also nicht vor.„weil es sich beim Kistentransport ledig- lich um eine Gefälligkeitsleistung handelte". Das Schiedsgericht gab sich leider keine Mühe, den Fall weiter aufzuklären und stützte sich, wie so oft. nur aus die Akten der Be- rufsgeirossenschast. Vergeblich waren die Ausführungen des Ver- letzten, daß am Unfalltage der Bahnübergana aufgebrochen gewesen, die Barriere gestrichen wurde, daß zahlreiche Arbeiter ihre Werk- zeuge gehoben und laut geschriem auch der aufgestellte Teerkessel stark geraucht habe und nur dadurch die an sich unruhigen Pferde scheuten. Zeugen wurden nicht gehört. Die Berufung wurde ab- gewiesen. Ja, man erklärte im Urteil, daß den Ausführungen des Verletzten kein Gewicht beizulegen sei, da der Unfall„lediglich durch das Herabfallen der Kisten zustande gekommen sei. Da das Mit- nehmen der Kisten ohne Wissen des Arbeitgebers und nicht im Interesse des Betriebes erfolgte, so wurde hierdurch der Zusammen- hang mit dem Betrieb gelöst. Im übrigen hat Kläger auch grob- fahrlässig gehandelt, daß er. obwohl ihm wohl bekannt war, mit sehr wilden, leicht scheuenden Pferden zu wn zu haben, dennoch die losen, nicht gebundenen Kisten usw. beförderte." Das Reichsversicherungsamt ging aber näher auf die Sache ein und hörte auch Zeugen, welche unter Eid den Unfall bestätigten. Aus den Zeugenaussagen ging hervor, daß die Angaben des Ver- letzten richtig waren, daß„die Arbeiter schrien, ihre Schippen hoben und daß vor dem Rauch des Teerkessels die Pferde durchgingen". Die Berufsgenossenschaft wurde zur Entschädigung des Unfalls verurteilt. Es sei festgestellt worden, heißt es im Urteil, daß die Pferde nicht allein infolge des Fallcns der Kisten scheu wurden, sondern, daß andere Ursachen, die Betricbsgefahren bedeuten, zum Beispiel die Barriere, der Rauch des Kessels, das Verhalten der Arbeiter, dabei mitgewirkt haben, anscheinend so�ar die Pferde erst unruhig machten. Der Kläger habe sich auch nicht durch die Mit- nähme der Kisten aus dem Betrieb begeben. Wenn sie auch nicht im Betriebsinteresse und ohne Wissen des Unternehmer», vielleicht sogar seinem Willen zuwider, mitgenommen wurden, so nahmen sie doch nicht der Fahrt den Charakter der Betriebstätigkeit.— Zur weiteren Belehrung des SchiedSgerichisvorsitzenden wurde dann noch angeführt, daß es auch„unerheblich sei, wenn man dem Kläger grobe Fahrlässigkeit vorwerfe, da solche den Entschädigungsanspruch nach dem Gesetz nicht ausschließt". Das Vorliegen eines Betriebs- unsalls sei also anzuerkennen und die Genossenschast zur Entschädi- gung des Unfalls verpflichtet._ Aerzteverbanb und Eisenbahnverwaltung. Bekanntlich haben die„honorigen" Aerzte Deutschlands mit Vorliebe nur die Ortskrankenkassen angegriffen und über„sozial- ..Demokratische Mißwirtschaft" geschrien, wenn sich diese Kassen weigerten, den Wünschen dieser Herren auf Einführung der freien Arztwahl usw. entgegenzukommen. Selten kamen die Betriebs- «Tfeankenfassen in den Kampf, da ja diesen solche billigen Vorwürfe nicht zu machen waren und auch die Regierung da nicht immer so leicht zugunsten der Aerzte eingegriffen hätte. Während nun in Preußen z. B. die Aerzteschaft die Betriebe- krankenkassen des Staates in Ruhe läßt und zugibt, daß diese Kassen den„Segen der freien Arztwahl" nicht vertragen können. macht man jetzt gegen die bayerische Bahnverwaltyng mobil. Mit Spieß und Stangen geht der Leipziger Verband jetzt los. Es hat die pfälzische Eisenbahnverwaltung mit zirka IVO Aerzten unlängst einen Vertrag abgeschlossen, welcher aber keine freie Arztwahl vor- sieht. Da aber diese Aerzte fast alle Mitglieder des Leipziger Verbandes sind, so war man dort sehr wütend, daß man ohne vor. herige Verständigung solche Verträge abschließen konnte. Jetzt begann der Zeitungskrieg. Dem„Aerztlichen BereinSblatt" macht die Bahnbehörde Vorwürfe und die dort angegriffenen Aerzte wehren sich mit dem Hinweis darauf, daß Bayern doch die Pfalz- bahnen übernommen und das Bahnpersonal dem übrigen in Bayern doch gleichzustellen sei. Die SS Bahnärzte der Pfalz finden es also ganz in der Ordnung, daß die Eisenbahner Zwangsärzte haben, die sie aber für die übrigen Arbeiter verwerfen, weil eben die übrigen bayerischen Bahnarbeiter auch Zwangsärzte haben. Wütend ruft der Leipziger Verband seinen Kollegen der Pfalz nun zu, daß sie das von der Bahnverwaltung ihnen vor die Nase gehaltene „Narkotikum in langen Zügen eingeatmet" haben. Nach diesen Iachausdrücken kommen dann die Vorwürfe über„Liebedienerei", „rücksichtslosem Eigennutz",„mangelndem Rückgrat",„Verrat der gemeinsamen Sache" usw. Die Verwaltung der bayrischen Bahnen ist daher jetzt auf die„schwarze Liste" der Aerzte der sogenannten Cavete-Tafel gekommen. Die Sperre ist verhängt und die Streik- Posten werden bald ausgestellt werden. Geschieht der Regierung auch ganz recht. Jetzt verspürt sie am eigenen Leibe das Törichte und Ungerechte der behördlich unterstützten Hetze egoistischer Aerzte gegen die Ortskrankenkassen. Wird etwa nach berühmtem Muster die Aufsichtsbehörde der bayrischen Eisenbahnkrankenkassen den Vor- stand— absetzen, weil er„unfähig war, einen Bertrag mit dem Leipziger Verband abzuschließen?" Ueber die Lebens- und Ansteckungsfähigkeit der Mikroorganismen. Im„Mikrokosmos" teilt der Chemiker Busson mit. daß er Milzbrandsporen, die vor 17 Jahren an Seidenfäden angetrocknet wurden, jetzt in Bouillon übertragen habe, wobei sich zeigte, daß die Milzbrandsporen nicht nur ihre Lebensfähigkeit, sondern auch ihre Ansteckungstraft bewahrt hatten, also noch Milzbrand erzeugen konnten. Für die Weitcrverbreitung ansteckender Krankheiten ist die Art des Wandanstrichs eines Aufenthaltsortes nicht ohne Ein- sluß. wie Staabsarzt Dr. Hüne in der„Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten", Bd. 69. berichtet, können die die Ueber- tcagung vermittelnden Krankheitserreger sowohl in Form von Spritzern als auch mit Staub vermischt sich an den Wänden ob- lagern. Im elfteren Falle haften sie nach dem Eintrocknen meist ziemlich fest ans der Wandoberfläche, während sie im Staube sich nur lose dort auflegen und schon durch leichten Luftzug wieder weiterverbreitet werden können. Daher können Milzbrandsporen � und Tuberkelbazillen bei ihrer großen Widerstandsfähigkeit beim Eintrocknen in gewerblichen und Wohnräumen mit schlechtem An- strich für die Verbreitung dieser Krankheiten besonder» günstig sein. Dr. Hüne kommt bei seinen Untersuchungen zu folgenden Ergeh- nisten: 1. Ein hygienisch einwandfreier Wandanstrich muß möglichst glatt, rissefrei und eben sein und darf nicht aus nassem, löslichem oder in Wasser aufquellendem Material bestehen, um einerseits so wenig wie möglich insektionshaltiges Material aufzunehmen und andererseits eine leichte Reinigung auf mechanschcm Wege oder die Abtötung der Bekterien mit desips, zierenden Mitteln zu er- möglichen. 2. Der Anstrich muß genügend Widerstandsfähigkeit gegen- über den Einwirkungen mechanischer Reinigungsmittel oder desinfizierender Stoffe besitzen, um die unter 1 genannten Eigen- schasten für aulreichende Zeil. 9. y. 6il zur Unumgänglich nBIigen Erneuerung nach angemessener Zeit, zu behalten. 3. Die keimtötende Wirkung sogenannter selbstdesinfizierender Anstriche ist verhältnismäßig gering und läßt bald nach. Von den daraufhin untersuchten Anstrichfarben besitzt das„Vitralin" der Kasseler Firma Rosenzweig u. Baumann die stärkste keimtötende Wirkung. 4. Den unter 1 und 2 gekannten Anforderungen entsprechen am wenigsten Anstriche aus Wasser-, Leim-, Gummi- und Kasein- färben, da sie schon durch Wasser aufgeweicht werden. Gewöhnliche Oelfarben können auch nur kaltem Wasser widerstehen, leiden aber schon bei Anwendung von heißem Wasser und noch mehr durch jlüssige Desinfektionsmittel. Am widerstandsfähigsten haben sich Emaillefarben und von diesen besonders das Vitralin gezeigt. Was den— ja auch bedeutenden— Kostenpunkt betrifft, so stellt sich nach dem Verfasser 1 Quadratmeter Oelanjtrich auf 65 Vf., Japanlackanstrich auf 126 Pf. und Vitralinanstrich auf 166 Pf. Letzterer hat aber neben seinen hygienischen Vorzügen noch den größerer Haltbarkeit. Hus der frauenbewegung. Unsere heutige Prostitution. Unter diesem Titel hat der Senatsprästdent R. Schmölder in Hamm(Verlag Ernst Reinhardt, München) eine kleine Schrift er- scheinen lassen, die darum beachtenswert ist, weil ein konservativ und kirchlich gerichteter Mann hier zur strikten Ablehnung der Be- Handlungsmethoden kommt, durch die Staat und Gesellschaft die Prostitution einzudämmen wähnen. Die heute in Deutschland geltenden Bestimmungen über die Prostituierten sind«in Niederschlag de» Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten vom Jahre 1794, da? die Anmeldung des Prostitutionsgewerbes durch die„Dirnen", ihre Stellung unter Polizeiaufsicht und die Bedrohung der nicht zünftigen Konturrenz mit hohen Strafen dekretierte. Allein inzwischen ist die Prosti- tution eine andere geworden. Sie ist nicht nur ins Ungemessene gewachsen, sie ist auch eine fluktuierende geworden. Dazu kommt, daß die Prostituierte heute nicht wie die zünftige, konzessionierte und privilegierte Prostituierte vergangener Jahrhunderte zur freiwilligen Einschreibung in die Liste der Polizei zu bringen ist. Daher sucht die Polizei nun auf dem Wege des Zwanges die Unterstellung der Prostituierten unter ihre Kontrolle zu er- reichen. Eine gesetzliche Unterlage besitzt dieses Verfahren nicht. Als solche kann auch die jahrhundertelange Uebung nicht gelten. Ein derartiger Zustand war nur möglich durch die unklare Sprache der Gesetzgebung und durch das geringe Interesse, das man der Sache entgegenbrachte. Aus der fluktuierend gewordenen und riesengroß angewachsenen Prostitution vermag die Polizei immer nur einen verhältnismäßig kleinen Teil unter ihre Kontrollmaßregeln zu bringen. Hiervon entzieht sich wieder ein nicht geringer Teil den wöchentlich statt- findenden Zwangsuntersuchungen auf geschlechtliche Krankheiten. In den Jahren 1888— 91 war in Berlin ein durchschnittlicher Be- stand von 4666 Unterstellten, die einer wöchentlichen Untersuchung unterworfen waren. Sie mußten also im Jahre zu 268 666 Unter- suchungen erscheinen, sind aber im Jahre tatsächlich nur zu 94 566 Untersuchungen gekommen. Dieses schreiende Mißver- hältnis illustriert schlagend den Nutzen, den die entwürdigende Untersuchung hat. Ueberdies nimmt sie den Unterstellten den letzten Rest von Schamgefühl und jode» Empfinden der Verantwortung, während die unerfahren« männliche Jugend in Sicherheit gewiegt wird. Eine Folge solcher Zustände sind dann so alltägliche Szenen wie die folgenden: „Eine Unterstellte zieht im Bewußtsein ihres Freibriefs frech und schamlos durch die Straßen, sie bietet, in der Gefolgschaft der Zuhälter, ihren durchseuchten Körper offenkundig einem jeden an. Die Polizei läßt sie passieren. Daneben geht eine hungernde Saisonarbeiterin. Sie läßt nur ängstlich ihre Blicke schweifen. Morgen würde sie vielleicht wieder ein« ehrliche Arbeit gefunden haben, morgen wäre sie viel- leicht zu ehrbaren Kreisen zurückgekehrt. Aber einer der zahl- reichen Agenten der Polizei in Uniform und Zivil durchschaut sie. Sie wird aufgegriffen und nach einer in Gesellschaft von aller- Hand Gesindel verbrachten Nacht vorgeführt und bestraft." Um in diesen unhaltbaren Zuständen Besserung zu schaffen, fordert der Verfasser die grundsätzliche Beseitigung jeder Unter» stellung unter eine besondere polizeiliche Aussicht, mag sie auf Antrag oder zwangsweise erfolgen, sowie die grundsätzliche Besettt- gung jed:r Privilegierung oder Konzessionierung des Unzucht, g'ewerbe» Auf dem Gebiete des Strasrech.ts läßt Schmölder eine Bestrafung der Prostituierten nur in den Fällen zu, wo sie ihr Ge. werbe öffentlich in Aergernis erregender Weise zur Schau tragen, serner wenn sie mit Zuhältern, Dieben oder anderen Verbrechern Verkehr unterhalten und wenn sie ihr Gewerbe fortsetzen, obwohl sie wissen oder den Umständen nach annehmen müssen, daß sie an einer ansteckenden Geschlechtskrankheit leiden. Diese letztere Be- stimmung soll auf beide Geschlechter angewendet werden. Zur Anbahnung der nötigen Reformen wünscht der Verfasser schließlich das Zusammenwirken einer Kommission aus sachverständigen Männern und Frauen, wie sie unter anderem die Deutsche Gesell- schaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten seit langem fordert. Wie man sieht, bewegt der Verfasser�sich mit feinen Reform- bestrebungen durchaus in bekannten Gleisen. Alle seine Forde, rungen, so notwendig und wichtig sie sind, lassen die Wurzeln, aus denen die Prostitution ihre Nahrung zieht, unberührt. Wirtschaft- liche Not ist— wie auch Schmölder zugibt— bekanntlich die Haupt, Ursache zu vorübergehender oder dauernder Prostituierung. Daher rekrutiert sich die große Mehrzahl der ihr verfallenen Unglücklichen aus dem Proletariat, da» im ständigen harten Kampfe mit ökono- Mischer Bedrängnis lebt, aus dessen Kreisen jede Krise so und so viele Existenzen in da» Lumpenproletariat hinabsinken läßt. Die Sozialdemokratie, die die Gleichberechtigung der Frau unter ihre Grundsätze aufgenommen hat und jeder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen den Krieg erklärt hat, ist nicht nur seit jeher für die Aufhebung der Reglementierung der sittenpolizeilichen Kon- trolle, eingetreten, sie verheißt auch für die Zukunft die Beseitigung der Prostitution mit all ihren entsetzlichen Folgeerscheinungen. Denn indem sie die kapitalistische Ausbeutung hinwegräumt, in der die Masscnarmut wurzelt, entzieht sie der Prostitution als sozialer Klassenerscheinung den Nährboden. Sericbts- Leitung. Mm die beschlagnahmten Aschenreste einer Verstorbenen handelte eS sich in einem Zivilprozeh, der vor einigen Tagen vor dem Landgericht II zu Ende aesührt worden ist.— Ein in Berlin wohnhafter Schneidermeister hatte vor einigen Wochen seine Ehe- frau durch den Tod verloren. Da dies« den Wunsch geäußert hatte, nach ihrem Tode in dem Krematorium Jena eingeäschert zu wer- den, wandte sich der Witwer an das Beerdigungsinstitut Grieneisen. Einem weiteren Wunsche der Verstorbenen gemäß gab er der Firma den Auftrag, neben dem Zinksargc. in welchem die Leiche nach Jena befördert werden sollte, noch einen Holzsarg zu liefern, der gleich- falls mit verbrannt werden sollte. Kurz vor Beginn der geierlich- keit in dem Krematorium stellte cS sich heraus, daß der gelieferte Holzsarg nicht den Matzen des Verbrennungsofens entsprach, so datz der Sarg nicht mit eingeäschert werden konnte. Da de« Besteller ausdrücklich zugesichert worden war, daß der Sarg in den richtigen Maßen geliefert werden würde, weigerte er sich, den nun völlig zwecklosen Sarg zu bezahlen. Um ihn trotzdem zu der Bezahlung zu zwingen, beschlagnahmte die Firma G. die Aschenreste der Bcr- storbcnen und weigerte sich wiederholt, diese an den Ehemann herauszugeben.. Dieser erschien eines Tages rn dem Bureau eines hiesigen Anwalts und beklagte sich unter Tränen, datz die Ueber- reste seiner Gattin in den Kontorräumen der Firma G. vielleicht in einer Zigarrenkiste aufbewahrt würden und die Gefahr vorliege, daß irgendwelcher Unfug damit gemacht werden könne. Der An- trag aus Erlaß einer auf Herausgabe der AschM2es»e lautenden einstweiligen Verfügung wurde vom Amtsgericht Schöneberg mit der Motivierung abgelehnt, daß wesentliche Nachtelle nicht ent- stehen könnten. Gegen diesen Beschluß erhob Rechtsanwalt Dr. Kurt Roscnfeld Beschwerde. Sie hatte den Erfolg, daß das Land- gericht ll die Herausgabe der Aschenreste anordnete, da die Zurück- Haltung gegen die guten Sitten verstoße. Kampf zwischen Einbrechern und Kriminalbeamte». Ein Kampf, den Kriminalbeamte am 2. September nachts mit Mitgliedern der sogenannten„Weddingkolonne" zu bestehen hatten, hatte gestern sein gerichtliches Nachspiel vor der 1. Straf- kammer des Landgerichts ll unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Schmidt. Die aus schweren Diebstahl, Beihilfe und Widerstand gegen die Staatsgewalt lautende Anklage richtete sich gegen die An- geklagten Karl Gcrlach, Willi Hupfeld, Alexander Binder, Wladis- laus Ehudowitz, Max Tievmann und den Wächter Albert Schubring. Die meisten Angeklagten sind mehrfach vorbestraft. Das Per- brechen, das ihnen zur Last fällt, grenzt an den Versuch des Tot- schlages bei Unternehmung einer strafbaren Handlung.(§ 214 des Strafgesetzbuchs.) Die ersten fünf Angeklagten wurde» am 2. Sep- tember auf frischer Tat betroffen und nach beiderseitigem Kampf mit Schußwaffen überwältigt. Sie hatten unter Beihilfe des Schu- bring, der als Wächter der WirtschastSgenossenschast der Berliner Grundbesitzer das Haus Müllerstr. 172a zu überwachen hatte, el»en Einbruch in die dort belegenen Kontorräume der Baufirma Kuhn vor langer Hand geplant. Gerlach war mit Schubring bekannt, dieser hatte ihn mehrmals auf seinen nächtlichen Kontcollgängen mitgenommen und ihm dabei die im Kontor stehenden beiden Geld- schränke gezeigt und sich 16 Proz. des zu erbeutenden Geldes als Belohnung ausgemacht. In der Nacht zum 2. September ging die Kolonne an die Arbeit. Um 1 Uhr hatte Schubring verabredeter- maßen noch die Kontrolluhr gestochen, um 1)4 Uhr drangen die Verbrecher in die Kontorräume, indem sie durch ein Klosettfenster stiegen, welches der Wächter Schubring vorsorglich offen gelassen hatte. Ehudowitz muhte Schmiere stehen. Gerlach und die anderen öffneten zunächst mit Knabberwerkzeugen den einen Geldschrank; vom zweiten waren bereits die Rosetten abgeschlagen, als die Kata- strophe über die Verbrecher hereinbrach. Der Polizei war der Coup verraten und acht Beamte hatten sich an den Tatort be- geben und hielten sich dort verborgen. Alz der Wächter, um jeden Verdacht von sich abzulenken, die Uhr um 2.26 vorschriftsmäßig ge- stachen hatte, kamen sie aus ihrem Versteck hervor. Die Verbrecher wurden festgenommen. Bon den Einbrechern wurde auf die Be- amten geschossen. Die Schüsse wurden erwidert. Der Angeklagte Hupfeld wurde niedergeschossen und muhte später nach der Charite transportiert werden. Die Beamten gaben zusammen 14 Schüsse auf die Einbrecher ab, letztere die gleiche Anzahl auf die Beamten. Gerlach erhielt zwei Schüsse in den linken Arm und wurde über- wältigt, zwei andere Einbrecher entkamen: der größere von ihnen, Felix Godor. gab noch zwei Schüsse auf den Wächter des benach- harten Grundstücks ab. Die Angeklagten sind auch beschuldigt, in der Nacht vorher den Einbruch bei der Firma Lennhof verübt zu haben. Die Verhandlung, die sich bis in die späten Abendstunden hin- zog, endete nach einer umfangreichen Beweisaufnahme mit der Verurteilung sämtlicher Angeklagten. Es erhielten Gerkach 5 Jahre Zuchthaus. Hupscld 3 Jahre Zuchthaus. Binder 3 Jahre Zuchthaus. Schudowitz 4 Jachre Zuchthaus, Tietzmann 3xh Jassre Zuchthaus, außer- dem wurde der Wächter Schubring zu 9 Monaten Ge, fängnis verurteilt._ Der AdlerShofrr UriaSbrief. Der Vorsitzende des AdlerShofer Wahlverein», Genosse Emil Klodt, ist nun endgültig wegen angeblicher Beleidigung des LehrerS Euppas verurteilt worden. Wie noch erinnerlich sein dürfte, wurde Klodt im April vom Schöffengericht ,n Köpenick freigesprochen, weil eine Absicht der Beleidigung nicht vorlag. Der Lehrer legte Be- rufung ein. die den Erfolg hatte, daß das Landgericht Ii das frei- sprechende Urteil aufhob und K. zu 36 M. verurteilte. Dies eigen- artige Urteil wurde dieser Tage vom Kammcrgericht bestätigt. Versammlungen. Zentralverband der?1Zaschinift«n und Heizer. Die General- Versammlung der Ortsverwaltung Berlin fand am Sonntagnach- mittag in den Arminhallen statt. Der Vorsitzende Schwittau erstattete den Bericht der Verwaltung für die Zeit„dm 1. Juli bis 36. September 1911. Der Verband hatte am Schlüsse des dritten Quartals 1911 1861 Mitglieder: 86 wurden als necte Mitglieder aufgenommen: 81 traten von anderen Organisationen. 16 z u anderen Organisationen über; ausgeschlossen wurden 2. gestrichen wegen rückständiger Beiträg« 81. verstorben waren 5 Mitglieder. Die Verwaltung hatte eine reiche Tätigkeit zu entfalten, wie aus folgender Aufstellung ersichtlich ist. In der Berichtszeit fanden statt: ö Sitzungen der Verwaltung. 1 Sitzung des Kuratoriums für den Arbeitsnachweis. 69 Betriebsversammlungen, dann mancherlei Verhandlungen mit den Verbänden, zu denen die Maschinisien und Heizer in einem Kartellverhältnis stehen, es waren notwendig 5 Sitzungen des Kartells für die Metallindustrie, 4 Sitzungen des Kartells für die Brauindustrie, 1 Sitzung des Kartell» für die Wagenbauindustrie: ferner fanden statt 2 Sitzungen mit Vertretern der Konsumgenossenschaft, 3 Versammkuiigen für die Berliner Eick- trizitätswerke, 1 Versammlung der Ruhegehaltskasse dieser Werke, 2 Versammlungen für die Brauindustrie und 32 Verhandlungen mit den Unternehmern. Einige Lohnbewegungen brachten den Mit- gliedern verschiedene Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen. Schwittau besprach die Verhältnisse in einer Reihe von Branchen. die für die Maschinisten und Heizer in Betracht kommen und wünschte, daß die Versammlungen der Mitglieder in den einzelnen Branchen besser besucht würden. Ter Redner besprach dann die drohende Aussperrung in der Metallindustrie und erteilte Jnstruk- tionen an dieienigen Mitglieder, die bei der Aussperrung in Mit- leidenschaft gezogen würden. Nach einer Diskussion über den Be- richt. in der vielfach Grenzsircitigkeiten erörtert wurden, erstattete der Kassierer Holz den Bericht für das 3. Quartal 1911. Der Kassenbericht zeigte eine Einnahme von 13 699,26 Mk., eine Aus- gäbe von 15138.91 Mk., mithin beträgt die Mehrausgabe 1491.71 Mark. Der Kassenbcstand betrug am Schlüsse des 3. Quartals 14 361,13 Mk.— Die Einnahmen für die Zentralkasse betrugen 8698,66 Mk., die Ausgaben 5586,86 Mk. Unter den Ausgaben sind an Unterstützungen verzeichnet: Für Arbeitslose 1462,22 Mk.. für Kranke 2269,82 M., für Sircikende 1686,26 M., bei Maßregelungen 267,56 M., in Sterbefällen 485 M., für Rechtsschutz 49 M.— Eine Diskussion über den Bericht wurde nicht beliebt, und die Ver- sammelten hörten dann den Gericht des Delegierten Müller von der Gewerkschaftökommission, dem der Bericht des Kuratoriums vom Arbeitsnachweis folgte,, soweit eS sich um eingegangene Be- schwerden handelte. Die Beschwerden wurden von Schwittau und Holz als unbegründet zurückgewiesen. Einge<7sngen« vruckifcki'lften, eietiec tarfufnrl. Da« Wunder.(Wn modernistischer Nomon. Breis gehesiet 3 W., in Leinwand geb. 4 3».— H. S.«örll«. Der Un- fickibare. Ein grotesker Ronian. Preis gehesiet 3 M., in Leinwand geb. 4 W.— Verlag von Julius Hossmann, Stuttgart. FOD Nr. 00 Ausnahmepreis Nr. 411 Ausnahmepreis Theater. Dienstag, 28. November 1911: Anfang 72 Uhr. R. Opernhaus. La Traviata. 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Die für heute einberufene Mitgliederversammlung findet nicht statt, sondern erst am Freitag, den 1. Dezember, abends 8Vz Uhr. bei Schellhase, Ahornstr. loa. Der Vorstand. Lankwitz. Mittwoch, den 2g. November, abends 8>/z Uhr, Mitgliederversammlung bei Schulz, Mühlenstratze. Tagesordnung: 1. Die Organisation im Wahlkampf. 2. Diskussion. 3. Wahllechnik. 4. Ver- schiedeneS. Der Vorstand. Hohen-Schönhausen. Morgen Mittwoch, abends 8'/, Uhr: Aufier- ordentliche Mitgliederversammlung bei Reyher, Berliner Str. 93. Tagesordnung: Vorstandsbericht. Die bevorstehende Reichstagswahl. Verschiedenes. Die Bezirksleitung.W Reiniikendorf.Ost. Heute Dienstag, abends von 7 Uhr ab, von den bekannten Stellen aus Flugblattverbreitung zu der am Donnerstag stattfindenden öffentlichen Versammlung. Reiuickendorf-West. Heute, abends 8 Uhr, in Hartmanns Brauerei. Scharnweberstr. 103/104: Oeffentliche Versammlung. Reichstagsabgeordneter Genosse Stadthagen spricht über„Kriegs- hetze, Teuerung und NeichstagSwahl". Genossen! Sorgt für guten Besuch der Versammlung. Der Einberufer. Wilhelmsruh-Nieder-Schönhausen-West. Freitag, den 1. Dezember, abends 8 Uhr, im Lokal von Herrn Deutschmann. öffentliche Volks- Versammlung. Genoffe Stadthagen spricht über: Teuerung, Kriegshetze und Reichstagswahl. Handzettelverbreitung zu dieser Versammlung am Donnerstagabend von 7'/, Uhr an von den bekannten Bezirkslokalen aus. Die Bezirksleitung. LerUner j�ackrickten. Der Totensonntag mar vom Wetter begünstigt. Es fiel ein Reif in der Novembernacht... Von dem leichten, weißen Flaum war auf den Dächern der Stadt bald nichts mehr zu sehen, aber da draußen, wo der Wind schon eistg über die weiten Leichen- felder wehte, lag es hier und da noch wie ein durchsichtiger Schleier auf den Hügeln und Massengräberit. Das Straßen- bild dieses herbstlichen Ansnahmesonntags ist uns schon zur Gewohnheit geworden. Man möchte beinahe glauben, daß unter dieser Gewohnheit das echte Gefühl der Massen, die nach den Großstadtfriedhöfen spazieren gehen, etwas leidet. Wie eine schier endlose schwarze Schlange wälzte sich der Trauerzug auf beiden Seiten der Frankfurter Allee gen Friedrichsfelde, wo besonders die Kindergräber und die Ruhe- Plätze der Freiheitshelden des Volkes reichen Blumenschmuck zeigten. An solchem großen Menschenstrom sieht man so recht, daß auf diesem einzigen Friedhof fast hunderttausend Erden- kinder vom Lebenskainpf ausruhen. Und nach allen anderen großen Friedhöfen war der Zufluß ähnlich stark. Soll man sich erneut entrüsten über den Aufwand von scheinbarer Nächstenliebe und offenkundiger Seelenfängerei, den die Trabanten der Kirche in Trauerparade vorführten? Es ist seit langen Jahren auf den kirchlichen Begräbnisplätzen immer das gleiche wenig angenehme Manöver, und es wird in unserer Gesellschaftssphäre auch so leicht nicht anders werden. Man ignoriert am besten diese frömmelnden Ge- fchäftsleute, die mit ihren papierenen Ergüssen den Tod und seine Heimstatt entweihen. Selbst in Friedrichsfelde wurden cm Ausgang seitens der Berliner Stadtmission Traktätchen aufgedrängt. Und vor dem monumentalen Portal dudelte ein Krüppel, den ein Gendarm allerdings sehr milde fort- wies, seinen Leierkasten. In der vierten Nachniittagsstunde, als der Friedhofsverkehr den Höhepunkt erreicht hatte, rieselte feiner Novemberschnee... die Natur hüllte die frisch- geschmückten Hügel in ein gemeinsames Leichentuch. ZlnS der Armenpflege der Stadt Berlin. Die Notstandsjahre sollen nun für die Armenpflege wieder vor- über sein. Diese Ansicht äuhert die Armendirektion der Stadt in dem Verwaltungsbericht, den sie über den ihr vorbehaltenen Teil der Armenpflege für das EtatSjahr�lSIO ll. April 1910 bis gl fMärz 1911) erstattet hat. Es handelt sich hier hauptsächlich um die sogenannte offene Armenpflege, die die Bedürftigen nicht in Anstalten unterbringt. sondern sie in ihren Wohnungen beläßt und ihnen bares Geld oder Lebensmittel, Kleidung. Arzthilfe usw. gewährt. Auch im EtatSjahr 1910 hat die Armendirektion wieder mehr Aufwendungen als im vor- hergehenden Jahre zu machen gehabt, aber ihr Bericht, den der Magistrat jetzt veröffentlicht, hebt hervor, daß die Ausgabesteigerung diesmal doch nicht so bedeutend wie in den letzten Jahren war. Die Armendirektion sieht darin«eine Folge der allmählichen Besse- rung der wirtschaftlichen Verhältnisse". In 1910 wurden ausgegeben 13 339 433 M., die Einnahmen brachten nur 960 750 M. lsie fließen fast nur auS Unterstützungs- erstattungen und sind alljährlich so gering), mithin mußte der Stadt- säckel 12 378 677 M. decken. Die Steigerung gegenüber dem Vor- jähr betrug in 1910 bei den Ausgaben nur 167 089 M., bei dem Zuschuß 183 336 M., während noch in 1909 die Ausgaben um 857 921 M., der Zuschuß um 803 007 M. höher als in 1908 war. Von den gesamten Ausgaben geht der größte Teil durch die Hände der Armendirektion, die die Bedürftigen mit Geld. Lebens- Mitteln usw. unterstützen. In 1910 gaben die Armeukommissionen 7 402 697 M. Almosengelder, 1 401 846 M. Pflegegelder sfür Kinder), 1373 959 M. einmalige Unterstützungen, 316 536 M. FeuerungS- beihilf«, das sind zusammen 10 495 038 M. Gegenüber dem Vor- jähre haben sich wieder erhöht die Aufwendungen für Almosengelder um 249 599 M., für Pflegegelder um 51 254 M., für Feuerungsbeihilfe um 5664 M., während die Aufwendungen für ein- malige Unterstützung um 129 554 M. heruntergegangen sind. Wieder haben die Armenkommissionen, obwohl sie im allemeinen wahrlich nicht zu rasch und zu tief in den ihnen zur Verfügung gestellten Beutel greisen, die im Etat angenommenen Beträge überschreiten müssen, weil diese zu knapp bemessen worden waren. Durch den Etat für 1910 waren bewilligt worden 7 100 000 M. Almosengelder. 1320 000 M. Pflegegelder. 1400 000 M. einmalige Unterstützungen, 310000 M. Feuerungsbeihilfen. An Mehr- ausgaben wurden notwendig bei den Almosengeldern 302 697 M., bei den Pflegegeldern 81 846 M.. bei den Feuerungsbeihilfen 6536 M., und nur bei den einmaligen Unterstützungen gelang eS den Armen- kommissionen, 26 041 M. zu erübrigen. (Die Flut der Hilfesuchenden einzudämmen, ist in 1910 noch nicht so recht gelungen. Noch ist von 1909 zu 1910 die Zahl der , Unterstützungen weiter gestiegen, im Monatsdurchschnitt die Almosen- zelder von 34 595 auf 35 344, die Pflegegelder von 12 926 auf 13 179, die einmaligen Unterstützungen von 8080 auf 10 118, in Summa von 55 601 auf 58 641, pro 10 000 Einwohner Berlins von 264 auf 285. Erst in dem laufenden Etatsjahr 1911 dürfte die Auf- wärtsbewegung zum Stillstand gekommen sein. Schon am Schluß des Etatsjahres 1910, d. h. am 31. März 1911, waren die Zahlen der zu diesem Zeitpunkt in den Listen geführten Almosengeld- empsänger und Pflegegeldempfänger, 34 507 und 13 478, niedriger als die entsprechenden Zahlen vom 31. März des Vorjabres(35 329 und 13 495). Eine andere Frage ist freilich, ob die jetzt sich voll- ziehende Ermäßigung der Unterstützungsziffern nur in der be- haupteten»Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse" ihre Ursache hat. Bei solchen Abwärtsbewegungen wird in der Regel von Armenpflegeorganen kräftig nachgeholfen, im Uebereifer sogar kräftiger, als es nach der ganzen Wirtschaftslage sich schon recht- fertigen ließe. Wenn man sich übrigens vergegenwärtigt, wie sehr die besitzlose Klaffe durch die Verteuerung aller Lebensbedürfnisse bedrückt wird, dann muß man in der Tat stark bezweifeln, daß die Notstandszeit schon vorüber sei. Die andauernden Preissteigerungen treffen doch auch die von der Armenpflege unterstützten Personen und am härtesten diejenigen, die durch Krankheit oder Alter völlig erwerbsunfähig geworden sind, so daß ihnen keine Mehrung der Arbeitsgelegenheit nützt. Dem Siechenhauskuratorium hat kürzlich der Siechenhausinspektor Pieper in einem Bericht erklärt, man müsse für die nächste Zeit»damit rechnen, daß bei dem stets kostspieliger werdenden Lebensunterhalt draußen mehr Anwärter denn je für die öffentlichen Verpflegungsanstalten zu erwarten sind". Merken nur die Armenkommissionen keine Folgen der Teuerung? Die Gaswerke der Stadt haben im Etatjahr 1910(1. April 1910 bis 31. März 1911), aus dem jetzt der Verwaltuugsbericht vorliegt, etwa 295)4 M i l- lionen Kubikmeter Gas produziert. Vor 10 Jahren, im Etatjahr 1900, produzierten sie erst 149)4 Millionen Kubikmeter, im letzten Jahrzehnt hat mithin ihre Gasproduktion sich nahezu verdoppelt. An Vororte, die den Gaswerken der Stadt angeschlossen waren, lieferten sie in 1900 erst etwas über 3% Millionen Kubikmeter Gas, in 1910 aber waren die jetzt angeschlossenen Vororte bereits mit ziemlich 18zh Millionen Kubikmeter beteiligt. Die für die Straßenbeleuchtung Berlins hergegebene Gasmenge blieb in 1900 noch unter 11 Millionen Kubikmeter, in 1910 aber ging sie bereits über 21 Millionen Kubikmeter hinaus. Läßt man die an Vororte gelieferten sowie für Berliner Straßenbeleuchtung verbrauchten Gasmengen außer Betracht, und zieht man noch den sogenannten«Gasverlust" ab(der sehr beträchtlich ist. aber größten- teils nur durch Zusammenziehung des Gases zustande kommt), so ergibt sich die Höhe des Gaskonsums der privaten Abnehmer in Berlin(einschließlich Verbrauch der Gaswerke selber). Er stellte sich in 1900 erst auf rund I31)h Millionen Kubikmeter, da- gegen in 1910 bereits auf ziemlich 243 Millionen Kubik- meter. Der private Gaskonsum in Berlin war pro Kopf der Bevölkerung in 1900 etwa 70 Kubikmeter, in 1910 ging er über 117 Kubikmeter hinaus. In den letzten Jahren ivar übrigens die Konsulnzunahme bei weitem nicht so stark wie früher. Noch im Etatjahr 1907 hatte sie für den Berliner Privatkonsuni 7,5 Proz. gegenüber dem Vorjahr betragen, aber in 1908 und 1900 sank sie auf 3,5 Proz. uüd 3,1 Proz., und erst in 1910 hat sie sich wieder auf 4,3 Proz. gehoben. Für die Gesamtmenge des Gases, das überhaupt abgegeben wurde, sind die Zunahmeziffcrn günstiger, weil hier der Konsum der Vororte und seine tatsächliche Zunahme ins Gewicht fällt. Die Gesamtmenge erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr in 1907 um 7,9 Proz., in 1908 und 1909 um 5,9 Proz. und 3,4 Proz., und dann in 1910 wieder um 6,6 Proz. Der Ueberschuß der Gaswerke wird, unter Berücksichtigung der Ausgaben für Abschreibungen sowie für Verzinsung und Tilgung des aus Anleihen entnommenen Kapitals, für 1910 auf M i l- lionen Mark berechnet. In dem letzten Jahrzehnt hat der Ueberschuß eine wachsende Höhe gehabt, wesentlich infolge der wechselnden Höhe der Produktionskosten, auf die besonders der Kohlenpreis von Einfluß ist. In 1900, wo der Gaseinheitsprcis noch nicht bestand, wurden annähernd 6)h Millionen Mark als Ueberschuß gebucht. Zu ihm kommt aber noch der Wert dcS für die Straßenbeleuchtung Berlins verbrauchten Gases, das die Gaswerke umsonst liefern müssen. Wird es so in Rechnung gestellt, ivie das in den Gaswerken selber verbrauchte Gas, nämlich mit 10 Pf. pro Kubikmeter, so ergeben sich aus 1910 noch über 2 Millionen Mark für reichlich 21 Millionen Kubikmeter Gasverbrauch der Straßenbeleuchtung. Sie sind aus den Gas- werken mitherausgewirtschaftct worden, und durch sie erhöht sich der Ueberschuß für 1910 auf fast 10 Millionen Mark. Die Diphtherie-Erkrankungen hatten sich in Berlin, wie wir kürzlich mitteilten, im Oktöber ganz außerordentlich gemehrt. Aus den vier Woche» vom 1. Oktober bis zum 28. Oktober waren nacheinander 176, 205, 218, 263 Er- krankungen an Diphtherie gemeldet worden, und erst die Woche vom 29. Oktober bis zum 4. November brachte mit 236 Meldungen wieder einen Rückgang. In der Woche vom 5. November bis zum 11. November, aus der die diesbezügliche Zusammenstellung des Berliner Statistischen Amtes jetzt vorliegt, ist es leider noch nicht zu einer weiteren Minderung der Erkrankungsziffer ge- kommen. Aus ihr wurden wieder 236 Erkrankungen gemeldet, genau dieselbe Zahl, wie in der vorhergehenden Woche. Die Zahl der pro Woche gemeldeten Sterbcfälle durch Diphtherie ist sogar noch weiter gestiegen. In dem vier- wöchigen Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 28. Okiober hatte die Sterbeziffer sich auf wechselnder Höhe gehalten: an Diphtherie starben in diesen Wochen 22, 17, 25, 17 Personen. Die Woche vom 29. Oktober bis zum 4. November brachte dann schon 29 Diphtherie- Sterbcfälle, und aus der Woche vom 5. November bis zum 11. No« vember sind sogar 38 Diphtherie-Sterbefälle gemeldet worden. Im ganzen wurden aus den sechs Wochen 1334 Diphtherie- Erkrankungen bekannt. Hierin sind mitenthalten 35 Fälle, in denen auswärtige Personen während ihres Aufenthaltes in Berlin erkrankten. In den übrigen 1299 Fällen handelte es sich um Per- sonen, die in Berlin ihren Wohnsitz hatten. Bei diesen 12 9 9 Diphtheric-Erkrankungen war die Verteilung über die einzelnen Stadtteile sehr ungleich. Die- jenigen Stadtteile, in denen die Bemittelten zahlreicher vertreten sind, waren durchweg mit geringen Erkrankungsziffern beteiligt. Von denjenigen Stadtteilen, die vorwiegend von Arbeiterfamilien bewohnt sind, hatten einige gleichfalls mäßige Erkrankungszifferu, aus anderen aber, und zwar den meisten, wurde eine sehr beträcht- liche Zahl Erkrankungen gemeldet. Das große Gebiet, das die Stadtmitte sowie die Friedrichstadt, die Schöncberger Vorstadt, die Tempelhofer Vorstadt umfaßt, hatte in sechs Wochen zusammen nur 127 bekannt geivordene Fälle. Zu diesem Gebiet gehören die ..vornehmsten" Stadtteile, der ganze Westen mit den Quartieren der Wohlhabenden. Ein Geyenstück bildet das kleine Gebiet des westlichen Teils vom Stralagcr Viertel, das von der Alexandcx. platzgegend ostwärts bis zur Andreasstraße und nordostwärtS bi» zum Frankfurter Tor und zum Landsberger Tor reicht. AuS ihm allein wurden in den sechs Wochen gleichfalls 127 Diphtherie- Erkrankungen gemeldet, die überhaupt höchste Zahl, die in diesem Zeitraum für einen einzelnen Stadtteil beobachtet wurde. ES folgen dann der Gesundbrunnen mit 123 Fällen, der Wedding mit 98 Fällen, doch sind diese Stadtteile volkreicher als der westliche Teil des Stralauer Viertels. 98 Fälle wurden auch aus dem oft- lichen Teil der äußeren Luisenstadt(Umgebung des Görlitzer Bahn- Hofes) gemeldet, 96 aus dem ihr benachbarten Teil des Stralauer Viertels(Umgebung dcS Bahnhofs Warschauer Straße), 93 aus dem nordwestlichen Teil der Rosentaler Vorstadt(zwischen CJchön. hauser Allee und Humboldthain), 90 aus dem nördlichen Te?l des Königsviertels(zwischen Prenzlauer und Landsberger Allee), 79 aus der Oranienburger Borstadt, 65 auS dem äußeren Teil Moabits usw. Auch die im ganzen 148 Sterbefälle durch Diphtherie, die aus den sechs Wochen gemeldet wurden, verteilten sich sehr ungleich. Wir verzichten hier darauf, einzelne Stadtteile durch» zugehen, weil in manchen bei der Kleinheit der Zahlen der Ein« fluß etwaiger Zufälle zu sehr mitsprechen kann. Erwähnt sei nur, daß am stärksten beteiligt war der westliche Teil des Stralauer Viertels mit 19 Sterbefällen und der östliche Teil der äußeren Luisenstadt gleichfalls mit 19 Sterbefällcn. Grundsätze für Bbholungsfächer. Die verschließbaren W- holungsfächer der Post haben sich mehr und mehr eingeführt. Im Laufe der Jahre haben sich umfangreiche Grundsätze herausgestellt, die den Abholern mitgeteilt werden, die ein Schließfach wünschen. Aus der jetzigen Fassung teilt die„Urzeitung" das Wichtigste mit. Durch die Fächer werden ausgegeben: gewöhnliche Briefsendungen jeder Art, Telegramme, Zeitungen Postpaketadressen, Ablieferungs» scheine zu Wert- und Einschreibsendungen sowie Postanwersungcn, ferner Zahlungsanweisungen der Postscheckämter. Bestellt werden auf alle Fälle Staatstelegrammc, dringende Telegramme, Telegramme mit Empfangsanzcige, Telegramme, für die Botenlohn vorausbezahlt ist, eigenhändig zu bestellende Telegramme sowie telegraphische Postanweisungen. Auch gewöhnliche Telegramme werden bestellt, wenn sie nicht am Tage nach dem Eingang abgeholt worden sind. Von Sendungen, die wegen ihres Umfanges nicht in die Schließfächer aufgenommen werden können oder mit Nachnahme belastet sind, werden die Empfänger durch Einlegen einer Karte be- nachrichtigt. Ein Abholer kann auch nur einen Teil dieser Sen- düngen durch das Schließfach, den anderen im gewöhnlichen Ab- holungsverfahren entgegennehmen. Auch können einzelne Gat- tungen von Postsendungen von der Abholung ausgeschlossen werden. soweit eine Trennung nach Klassen zulässig ist. Ein Schließfach ge- wöhnlicher Größe, 14 mal 11 mal 36 Zentimeter groß, kostet 12 M., ein größeres 18 M. jährlich. Auch größere Fächer können durch Vereinigung kleinerer hergestellt werden. Die Ueberlassung erfolgt auf ein Jahr und muß drei Monate vorher gekündigt werden. Jeder Fachinhaber erhält zwei Schlüssel, weitere müssen bezahlt werden. Falsche Sendungen sind sofort am Schalter zurückzugeben. Der Zentralverein für Arbeitsnachweis, der in der Gormann» stratze 13 und Linkstr. 10 eine Abteilung für weibliches HauS- personal unterhält, ist seit Jahren von einzelnen Hausfrauen sowie den Bezirksveremen der Stadtteile Moabit und Hansaviertel ge- beten worden, auch in ihrem Bezirk eine Filiale zu errichten. In seiner letzten Vorstandssitzung hat der Zentralverein beschlossen. diesen vielfach geäußerten Wünschen entgegenzukommen und eine Abteilung für H a u s p e r s o n a l in einer Gegend zit� Vr- richten, die für die Anwohner von Moabit und Hansaviertel aleich- gelegen ist. In dieser neuen Abteilung sollen vormittags Aushilfs- personal(Wasch-, Reinemachefrauen, Aufwärterinnen, Plätte- rinnen, Ausbesserirmen, Aushilfsmädchen), nachmittags Dienst- mädchen vermittelt werden. Die Gültigkeit der Berliner Wertzuwachssteuerordnung»»« 4. März 1910 unterlag gestern der Nachprüfung des Oberverwal- tungsgerichts. Zur Frage der Gültigkeit hatte der 7. Senat unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Strutz in den zahlreichen, zur Verhandlung stehenden Prozessen aus Berlin in erster Linie Stellung zu nehmen, nachdem der Bezirksausschuß in verschiedenen Fällen die ganze Wertzuwachs st euerordnung vom 4. März 1910 für ungültig erklärt hatte. Der Bezirksausschuß war davon ausgegangen, daß die Steuerordnung die beiden ausschlaggebenden Begriffe»Anschaffungswert" und.Veräußerungserlös" nicht genügend klargestellt habe und daß wegen der Unbestimmtheit die ganze Orb- nung keinen RcchtSbestand haben könne. Die zur WertzuwachSstcuer Herangezogenen waren in diesen Fällen freigestellt worden. DaS Oberverwaltungsgericht hob die Urteile in den Sachen Grumbach, Lorenz und Hypothekenbank, wo der Bezirksausschuß auf die Einzelheiten wegen der angenommenen Ungültigkeit der ganzen Verordnung nicht eingegangen war, auf und verwies die Sachen zu nochmaliger Entscheidung an den Bezirksausschuß zurück. Der Senat erachtete nur die Z i f f e r 3 des 8 2 der Ordnung für ungültig, die Ordnung im übrigen aber für gültig und anwendbar. Unter anderm wurde in der Begründung ausgeführt: Der Senat habe dem Bezirksausschuß nicht darin folgen können, daß auf eine Ungültigkeit zu schließen sei auS dem Wortlaut des, im ß 2 in be» zug genommenen ß 6, Absatz 3, der u. a. Versteigerungen betrifft. ES sei hier zwar eine Lücke, indem z. B. Tauschgeschäfte unberück- sichtigt seien; das führe indessen nicht zur Ungültigkeit.— Für ungültig müsse nun allerdings erachtet werden Ziffer 8 deS 8 2, welche sagt:„Als BeräußerungSerlöS gilt die Summe, die der Umsatz st euer zugrunde gelegt wird(§6, Absatz 1—3), abzüglich usw." Denn eine derartige Bestimmung, die eine, in einem andern Verfahren(dem U m s a tz st e u e r verfahren) ermittelte Summe für die Ermittelung des Wertzuwachse? für binöend erkläre— und das geschehe durch Ziffer 3 des 8 2— fei ungültig. Daraus folge aber noch nicht die Ungültigkeit der ganzen Wertzuwachssteuerordnung. ES bleibe die Ziffer 1 des 8 2 unberührt, worin gesagt sei:»AIS Wertzuwachs gilt der Betrag, um den der BeräußerungSerlöS den Anschaffungswert übersteigt." Auch ohne weitere Erläuterung könne mit den beiden Begriffen, insbesondere mit dem deS BeräußerungS- crlvseS. operiert werden. Er sei einigermaßen an sich klar, resp. klarzustellen durch den Verwaltungsrichter. Somit werde die Bültig- keit der Wertzuwachssteuerordnung im ganzen durch die Ungültig- keit der Ziffer 3 des 8 2 nicht berührt. Zum Zwecke der Prüfung der Einzelheiten und anderweiter Entscheidung müßten die genannten Sachen an den Bezirksausschuß zurückverwiesen werden. Die Entscheidung rettet der Stadt Berlin größere Summen. welche aus der Zeit vor dem Inkrafttreten des Reichs-Wertzuwachs» steuergesetzeS noch streitig sind. Die beiden Postdicbe Mendt und Cavcllo wurden Sonnkag und Montag weiteren Verhören unterworfen. Fest steht, daß beide im Einvernehmen gehandelt haben und sich seit längerer Zeit kannten. i5s handelt sich noch um Feststellungeu von Einzelheiten, dann werden die Verhafteten dem Untersuchungsrichter zugeführt. Ein Kind totgefahren. Einen tödlichen AiOgang nahm ein Unfall, der sich am Sonnabend gegen abend in der Mcißenburger CkraFe 9 abspielte. Dort wurde der achtjährige Sohn HanS des Agenten Crohn von einem städtischen Kehrichtwagen überfahren. Der Knabe erlitt einen Bruch der Wirbelsäule und wurde von der nächsten Unfallstation ins Krankenhaus geschafft, wo er bald nach der Einlieferung starb._ Panik bei einem Brande, Panikartige Szenen spielten sich gestern in der zweiten Morgenstunde bei einem Brande ab, der in der T h u r n e h s s e r- st ratze 7 am Brunnenplatz im Norden Berlins zum Ausbruch kam. Das an sich kleine Feuer führte in kurzer Zeit eine de» artige Verqualmung herbei, datz die Bewohner der oberen Stach werke in Erstickungsgefahr gerieten. Zum Glück war die Feue» wehr schnell zur Stelle, die in wenigen Sekunden zehn besonders gefährdete Personen über Leitern hinweg in Sicherheit brachte. Nur einer der Geretteten stürzte aus etwa einem Stockwerk Höhe von einer Hakenleiter ab, da er sich infolge erlittener Brandwunden mit den Händen nicht genügend festhalten konnte. Der Ver- unglückte ist der Eisendreher Max Ballerstädt und fand im Virchowkrankenhaufe Aufnahme. Im einzelnen wird uns gemeldet: Das Haus Thurnehsserstratze 7 ist von nahezu vierzig Miets- Parteien bewohnt und hat nur eine Treppe. Im zweiten Stock hat seit mehreren Jahren der Schlosser Ballerstädt eine Wohnung inne, die vom Vorderhaus bis zum Hof durchgeht. Di« Familiei» Mitglieder schlafen teils vorn, teils, in einem Hinterzimmer. In der letzten Nacht brach nun auf bisher unermittelte Weis« auf dem Korridor dieser Wohnung Feuer aus. Die schlafenden Leute be- merkten die Gefahr, in der sie schwebten, erst, als die Türen durchbrannten. ES war die höchste Zeit, denn die ganze Wohnung war in dichten, erstickenden Rauch bereits eingehüllt. Während die Familienmitglieder, die vorn geschlafen hatten, sich nach dem Balkon retten konnten, war dem Schlosser Max Ballerstädt und seinem Onkel, die beide hinten geschlafen hatten, der Ausweg durch die Flammen abgeschnitten. Durch die Hilferufe der Bedrängten wurden auch die übrigen Mieter des Hauses aus dem Schlaf ge- schreckt. Ms die Bewohner des dritten und vierten Stocks über die Treppe flüchten wollten, stellte sich heraus, daß auch das Treppenhaus schon vollständig vergualmt war, so datz sich ein Passieren der Treppe als unmöglich erwies. Die von Todesangst gepackten Personen eilten nach ihren Wohnungen zurück und schrien aus den Fenstern nach der Straße laut um Hilfe. Schon waren auch ihre Wohnungen vom Rauch erfüllt, als die Feuerwehr anrückte. ES war der Löschzug aus dem nahen Depot in der Pankstratze; der Brandinspektor ließ sofort sowohl auf dem Hofe, wie auf der Straße Rettungsmanöver ausführen. Da die gefährdeten Pe» sonen schon Miene machten, auf die Straße hinabzuspringen, wurde ihnen fortgesetzt zugerufen:„Oben bleiben, nicht springen!" Auf dem Hof wurde ein Hakenleitergang hergestellt und ein Sprung- tuch ausgebreitet, während auf der Straße die große mechanische Leiter emporgerichtet wurde. Im nächsten Augenblick stiegen auch schon Feuerwehrleute nach den einzelnen Wohnungen hinauf. lieber die mechanische Leiter wurden acht Personen inS Freie geschafft, nämlich aus dem dritten Stock drei Erwachsene und ein Kind und aus dem vierten Stock vier Kinder. Alle hatten durch den Rauch schon stark gelitten und wurden von den Samaritern per Feuerwehr durch Tropfen und andere Mittel gelabt, so daß sie sich bald wieder erholten. Die Familie Ballerstädt konnte auf dem Balkon verbleiben, da hier eine Gefahr für sie nicht bestand. Auf dem Hof wurde der Schlosser Max Ballerstädt und sein Onkel über die Hakenleiter hinweg in Sicherheit gebracht. Als der Schlosser einige Schritte auf der Hakenleiter getan hatte, verlor er plötzlich den Halt und stürzte ab. Er wurde aber von einem Feuerwehrmann aufgefangen, so daß er durch den Sturz keinen wesentlichen Schaden erlitt. Dagegen hatte sich der Mann in der Wohnung schon schwere Verbrennungen an beiden Händen zuye- zogen, weshalb er sich auch an der Leiter nicht genügend festhalten konnte. Nachdem ihm Verbände angelegt worden waren, wurde er mit einem Krankenwagen des Verbandes für erste Hilfe nach dem Virchowkrankenhause geschafft. Die Ablöschung des Brandes konnte mit einer Schlauchleitung bald erfolgen. Die Verqualmung in den beiden Obergeschossen war dadurch so schnell eingetreten, daß der Rauch durch die Fußböden hindurchdrang. Wäre�die Gefahr eine Viertelstunde später erst bemerkt worden, so wäre eine Katastrophe wohl unvermeidlich gewesen. Berliner Bolkschor. Der Berliner Volkschor, der vor einigen Monaten vom Provinzial-Schulkollegium wegen seines Anschlusses an den Deutschen Arbcitersängerbund gemaßregelt wurde, in dem ihm die seit 7 Jahren benutzte Aula des Sophien-Realgymnasiums gekündigt wurde, hat nun wieder ein würdiges und sicheres Heim gefunden. Der Magistrat hat dem Chor auf sein Ersuchen die Aula der 6. Pflichtfortbildungsschule in der Langenstr. 31, beim Schlesischen Bahnhof, zur Verfügung gestellt. Die Chorproben werden daselbst Dienstags und Freitags, abends von 814 bis 10 J4 Uhr, stattfinden. Zu den allgemeinen Proben am Freitag sind Gäste stets willkommen. Zur Einstudierung gelangt zunächst Händels„Judas MaccabäuS". Radrennen im Sportpalast(Winterbahn). Die für Sonnabend und Sonntag ausgeschriebenen Rennen erfreuten sich eines guten Besuches. Der gebotene Sport war infolge der Anwesenheit einer großen Anzahl guter Fahrer recht interessant und zeitigte span- nende Momente. Die Helden der Abende waren Stol, Hoffmann, Finn, Packebusch und andere, die durch ihr draufgängerisches Fahren den Beifall der Zuschauer errangen. Einige Stürze verliefen glimpflich. Das Stundenprämienfahren brachte 20 Fahrer an den Start und durch häufige Vorstöße Leben in das Feld, das bis zum Schluß auf 6 Mann zurückging.— Am Donnerstagabend findet ein Match in drei Läufen zwischen dem Weltmeister Elle- gaard, I. Stol und Fr. Hoffmann statt. Zeugen gesucht! Diejenigen Personen, welche am Sonntag. den 3. September cr., nach Schluß der Protestversammlung im Treptower Park im Milchgeschäft von Fromm, Schlesischestr. 20, anwesend waren, als der Kriminalbeamte erschien und Frau Fromm aufforderte, daS Geschäft zu schließen, werden dringend gebeten, ihre Adresse an E. Fromm daselbst gelangen zu lassen. Unkosten werden gern erstattet. Vorort- �admdrtem Charlottenburg. Der Charlottenburger Hilfsschularzt erklärt in seinem Bericht für das Schuljahr 1010/11, daß bei den Eltern der Hilfsslbulkinder oft das Interesse und Verständnis für die Untersuchung und Beratung des Schularztes fehlt. So hatte u. a. der Vater eines Mädchens der 5. Klasse der Hilfsschule I dem Schulleiter in schroffer Forin erklärt, datz er unter keinen Umständen einer Vorladung vor den Schularzt folgen und sein Kind von ihm irgendwie untersuchen lassen werde. Die Kontrollnntersuchungen ergaben wie in früheren Jahren, daß in der Hauptsache immer wieder eS Konstitulions- krankheiten(Blutarmut. Skrofulöse und Rhachitis) sind, an denen eine entsprechende Pflege und Behandlung der Kinder notwendig ist. Diese zu veranlassen, ist Aufgabe der Schulschwestern. Ihnen wurden überwiesen aus Hilfsschule l 33 Kinder<23 Knaben, 1? Mädchen) . U 23.(10.' 13..> . III SO,(30 20.) zusammen III Kinder(63 Knaben. 48 Mädchen) von im ganzen 248 Kindern, also ein ziemlich hoher Prozent satz. Davon kamen in Behandlung bei Stadtärzten 61, bei anderen Aerzten, zum Teil bei Spezialisten neben den Stadtärzten 20, davon 1 beim Augenarzt; in Polikliniken 12, in operative Behandlung wegen Hals-, Rasen- und Ohrenleiden 11, in die Fürsorgestelle für Lungenkranke 8, von denen 6 in die Walderholungsstätle gesandt wurden. Einer wurde wegen schlechter Ernährung der Schulspeisung überwiesen, war aber nicht dazu zu bringen, hinzugehen. In zwei Fällen klagte die Schulschwester darüber, daß die Kinder die ihnen von Schulärzten Überwieseue Milch absolut nicht trinken wollen. In einem Falle wurde die Fürsorgestelle für Alkoholkranke von den Zu- ständen in der Familie benachrichtigt. In fünf Fällen wurde der Schulschwester erklärt, das Kind fei nicht krank und brauche keine Be- Handlung. Diese Vorkommnisse zeigen das Unsinnige der Bestim- mung, daß der Schularzt beraten und untersuchen, aber nicht be- handeln soll. Selbst die Wohltat der Aufnahme in die Ferienkolonie wollten die Eltern von drei Kindern diesen nicht zukommen lassen, obgleich es für sie vom Schularzt als besonders wünschenswert erklärt und zugebilligt worden war. Aber sie wollten die Kinder lieber während der Ferien bei sich behalten. Andere Eltern hätten es sehr gern ge- sehen, wenn ihre Kinder mitgenommen worden wären. Bielleicht können in den Arbeiterinnenleseabenden solche Voreingenommen- heilen durch Aufklärung beseitigt werden. Die bedauerlichen Vor- kommnisse mit den in der Ferienkolonie an Scharlach erkrankten und mangelhaft verpflegten Kinder kann nicht die Veranlasiung dieser Weigerung gewesen sein, denn diese Fälle wurden doch erst am Ende der Ferienzeit bekannt, und so sehr bedauerlich diese Erkrankungsfälle in der Ferienkolonie gewesen sind, so wird man doch in Zukunft alle Vorsorge treffen, daß solche Fälle nicht wieder vorkommen können, damit die Ferienkolonien auch in Zukunft vielen Kindern Kräftigung und Gesundheit bringen. Elternverein für freie Erziehung. Mittwoch, den 19. Dezember- findet im Volkshause, Rostnenstr. 3, eine große Märchenaufführung statt. Zur Aufführung gelangt:„Weihnachten im Nixen- Haus", ein Weihnachtsmärchenspiel mit Gesang und Reigen in zwei Bildern von Ludwig Reinike, gespielt von zirka 40 Kindern der Mitglieder. Saalöffnung nachmittags 2I/a Uhr, Eintritt für Er- wachsene 30 Pf., für Kinder 10 Pf. Billetts sind zu haben bei Liermann, Kaiserin-Augusta-Allee 01, 2. Ausg. vorn III: Grätz. Spreestr. ö6, Ouerg. II; Friese, Neue Christstr. 7, Seitenfl. III: Weisheit, Rostnenstr, 3(Stehbierhalle); in der Konsumniederlage, Wallstr. 23, und„Vorwärts'-Spedition, Sesenheimer Stt. 1. Rixdorf. Mit einige» wichtige» Beratungsgegenfländen wird sich die am Donnerstag, den 30. November, nachmittag? 8 Uhr. im Rathause, Berliner Straße 03, tagende Stadtverordnetenversammlung beschäftigen. Ein Anttag de? Magistrats verlangt zwecks Abgabe von Kartoffeln zum Selb st kostenpreise an ärmere Ein- wohner der Stadt die Bewilligung eines außerordentlichen Kredits von 10 000 Mark; die Verausgabung bei den Vorschüssen zu ge- nehmigen und mit der Durchführung der erforderlichen Maßnahmen die bestehende Kominission zu betrauen. Des weiteren hat die sozialdemokratische Fraktion folgende An- träge eingebracht: Die Stadtverordnetenversammlung wolle beschließen: den Magistrat zu ersuchen, alle R e i ch S t a g S w ä h l er, die in die Wählerliste eingetragen find, von dieser Eintragung zu b e n a ch- richtigen. Die Benachrichtigung soll schriftlich erfolgen und dient gleichzeittg bei der Wahl als Legitimation. „Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen: den Magisttat zu beauftragen, alle städtischen Arbeiten nur solchen Unternehmern zu übertragen, welche die tariflichen Verein- barungen zwischen Gewerkschaften und Unter- nehm er anerkennen und in ihren Betrieben zur Durchführung gebracht haben." Außerdem ersucht der Magistrat um da» Einverständnis der Versammlung, daß der Frühmarkt von der Schinkestraße und dem Maybachufer westlich der Hobrechtbrücke nach dem Maybach- und Weigandufer östlich der Hobrechtbrücke bis zum Wildenbruch- platz unter Inanspruchnahme der ManitiuSsttatze sowie der Liberda-, Nansen- und Rütlistraße bis zur Pflügerstraße verlegt wird. Wünsche ans Bcrkehrsausdehnung einer Anzahl Straßenbahn- linien wurden in der letzten Sitzung der Verkehrsdeputation aus- gesprochen. Es soll 1. eine stärkere Besetzung der Linien 7, 18, 21, 28, 20 mit Anhängern, 2. ein ausgedehnterer Betrieb auf der Linie 20, deren letzter Wagen jetzt 8,47 Uhr abends abfährt, etwa bis 11,47 Uhr, ebenso für die Linien 27 und namentlich 30, welche über den Hermannplatz hinausgeführt werden, 3. die Einlegung einer neuen Linie, welche etwa unter Einhaltung der Berliner Trace der Linie 22 bezw. 40 nach der Hermannsttaße durch die Steinmetz- und Zietenstraße geführt werden, erfolgen. Hierzu wird auch eine Ringlinie in gleichzeitig wechselseitiger Fahrtrichtung durch die Steinmetz- bezw. Zietenstraße, Hermannstraße, Knesebeckstraße, Bergstraße mit Verbindung nach dem Molkenmarkt und Alexander- platz durch die Pannierstraße in Anregung gebracht, 4. eine Weiter- führung der Linie 32 vom Görlitzer Bahnhof nach Rixdorf.— Für die Omnibuslinie Buschkrug-Krankenhaus Buckow wurde unter Be- rückfichtigung der veränderten Fahrzeiten der Straßenbahn folgen. der neuer Fahrplan für die Abendzeit genehmigt: Ab Krankenhaus 9,33, 10,38, 11.38 Uhr. ab Buschkrug 10,08, 11,03, 12,13 Uhr. 80 Beittagsmarken a 90 Pfennig vom Deutschen Bauarbeiter- Verband sind am Sonntagvormittag in der Zeit zwischen VzIO bis '/all Uhr auf dem Wege von der Warthe- bis zur Emser Straße verlorengegangen. Der Finder der Marken wird gebeten, entweder die Marken auf dem Bureau de? genannten Verbandes, Engel- ufer 15, Zimmer 83, abzugeben oder von seiner Adresse Mitteilung zu machen. Lichtenberg. Die amtliche Ausschreibung der Stichwahl für 0 Mandate der zweiten Abteilung ist nun erfolgt. Danach steht erst fest, wer von unseren Genossen im 3. Bezirk in die Stichwahl gelangt. Einer der bürgerlichen Kandidaten, Herr Dornbusch, war von beiden bürge» lichen Parteien auf die Liste gesetzt worden, wodurch er eine Majorität erlangte. Von unseren Kandidaten hatten die Genosien Abraham 183, Grauer und MuuS je 132 Stimmen erhalten. Einer von den letzteren mußte für die engere Wahl ausscheiden; das Los entschied für den Genossen Mirus, der auch im 4. Bezirk in die Stichwahl kam. Im 3. Bezirk erhielten die gegnerischen Kandidaten 188 resp. 102 Stimmen; die ausgefallene Gruppe hatte 103 resp. 97 Wähler für ihre Kandidaten an die Wahlurne gebracht. Die Stichwahlen werden am Montag, den 11. Dezember, wiederum in der„Wart- bürg" und im„Ratskeller" in der Zeit von 2 bis 6 Uhr vorgenommen. Ober-Schonetveide. Ocffentliche Lesehalle. Die von der Gemeinde im Anschluß an die Polksbidliothek geschaffene öffentliche Lesehalle hat sich noch nicht des Zuspruches zu erfreuen, der ihr gebührt. Eine reichliche Auswahl von Zeitschristen, welche dort ausliegen, fuhren in alle Wissensgebiete ein. Ueber die politischen Vorgänge unterrichten die ausliegenden namhaften Parteizeitungen. Für den'beginnen- den Wahlkampf sollte dies eine willkommene Gelegenheit sein, die Vorgänge zu verfolgen. Die Lesehalle ist im Schulgebäude Frischenstraße, Montag, Mittwoch und Freitag von 0—8 Uhr abends geöffnet. Wei�ensee. Kanalisationsbeiträge oder Kanalisationsgebühren. Ter Streit hierüber ist unter den Haus- und Grundbesitzern in ein neues Stadium gekrettn. vom 1. Oktob« av köttven«Te SWer 2% Proz., fortan 4% Proz. Gebühren des Nutzertrages der Gebäude für die Kanalisation von den Hausbesitzern erhoben. Die Grund- besitzer und Terrainspekulanten, die zu den Beiträgen herangezogen werden sollen, sowie diejenigen Hausbesitzer, die noch die Differenz zwischen 18 M. und 80 M. pro laufenden Meter Straßenfront nach- zuzahlen haben, haben durch zirka 300 Einsprüche erreicht, datz der Beitragsordnung bis zur Erledigung der Einsprüche vom Regie- rungspräsidenten die Genehmigung versagt ist, dagegen hat aber die erhöhte Gebührenordnung Rechtskraft erlangt, weil eine Deckung der für die Kanalisation aufgewendeten Mittel auf irgend eine Art geschaffen werden muhte. Die Grundbesitzer und Terrainspeku- lanten lachen sich ins Fäustchen; denn sie wird man erst treffen können, wenn sie Häuser bauen. Die Hausbesitzer geben sich gegen- seitig gute und schlechte Ratschläge, wie der drückenden Last begegnet werden kann. Am liebsten würde man die Last auf den Mieter ab- wälzen, wenn die Zeit nicht so ungünstig wäre. In den letzten fünf Jahren hat ein großer Teil Hausbesitzer Neubauten errichtet, der zur Zahlung von 50 M. Kanalisationsbeiträgen pro laufenden Meter verpflichtet war; diese Hausbesitzer haben zetzt noch die Lasten der hohen Gebühren. Vom Hausbesitzerverein 1910 ist nunmehr eine Agitation in die Wege geleitet; es wird das Verhalten der Pro- testierenden mißbilligt, außerdem werden zahlreich Unterschriften gesammelt, um dieselben an maßgebender Stelle zu verwenden. Dieses Vorgehen hat bei den Grundbesitzern und Terrainspekulanten wie eine Bombe gewirkt; die großen Herren steigen jetzt zu den Kossäten herab. Bei den nächsten Wahlen wollen die Herren mal wieder vorsichtig zu Werke gehen und nur solchen Vertretern ihre Stimme geben, welche wirkliche Hausbesitzerinteressen vertrettn. Unsere Genossen werden aber diese Vertreter späterhin zwingen, die Interessen der Allgemeinheit wahrzunehmen. GcwerbegrrichtSwahl! Die Wahllegilimationen liegen in fol- genden Lokalen aus: Pähl, Gustav-Adolfstraße; Louis JSberner, Roellestr. 130; Franz Content, Lehderstr. 6; Gustav Peukert, Berliner Allee 281; Karl Gierig. Berliner Allee 89; Hermann Nerlich, Zigarren- Handlung, Lothringen-Stt. 13. Es wird ersucht, von diesen Legitimationen regen Gebrauch zu machen. Die oben Genannten übemehmen die Abstempelung der Be- scheinigungen auf der Polizeibehörde. Gleickzeittg findet zu diesen Wahlen am Mittwoch, den 29., eine Flugblattverbreitung von den Zahlabendlokalen auS statt, an der eine rege Beteiligung erforder- lich ist. Adlershof. Mit einigen wichtigen von unseren Genossen gestellten Anttägen wird sich die näcbste Sitzung der Gemeindevertretung am Donners- tag, den 30. d. Mls„ nachmittags O'/� Uhr, im Sitzungssaale des Gemeindeamtes beschäftigen. Unter anderem stehen auf der Tages- ordnung: Speisung der Schulkinder; Oeffnung geheizter Schulräume für den Winter; amtliche Wahllegitimatione» zur ReichStagSwahl und ferner ein Antrag der Armenkommission auf Gewährung von Notstandsbeihilfen an«lmosenempfänger. Nieder- Schönhausen. Die letzte Gemcindevertreterfitzung hatte sich mit etttekK noch- maligen Einkauf von Kartoffeln zu beschäftigen. Die von der Ge- meinde angebotenen 2000 Zentner waren in wenigen Tagen ver- griffen, es sind jedoch' noch Bestellungen in Höhe von 600 Zentner unbefriedigt geblieben. Bis jetzt haben nur diejenigen Besteller Kartoffeln erhalten, die nicht mehr als 2000 M. Einkommen haben. Die mit dem Ein- und Verkauf der Kartoffeln betraute Kimmisjion machte den Vorschlag, noch 1000 Zentner einzukaufen. Hierüber entstand eine längere Debatte, in der der Vertreter Herr Kuhlmann in seiner bekannten Weise gegen diesen Vorschlag zu Felde zog. Er könne es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, so betonte der Herr, daß den kleinen Geschäftsleuten der Verdienst weggenommen wird, ganz unverständlich sei es, daß man Leuten mit 2000 M. Einkommen billige Kartoffeln liefere. Die paar Mark, die durch den billigen Kartoffeleinkauf erspart würden, gingen bei diesen Leuten durch den Besuch von Theatern und Vergnügungen wieder druufr er hätte es gern gesehen, wenn die Grenze auf 1500 M. festgesetzt worden wäre. Bürgermeister Abraham hielt dem Redner entgegen,. daß es ja nicht zu umgehen sei, wenn einige kleine Geschäftsleute dadurch geschädigt werden. Die Gemeinde habe das Bestreben ge- habt, der großen Mehrheit der Bevölkerung die Teuerung etwas zu lindern. Hierauf wurde der Vorschlag der Kommission mit großer Mehrheit angenommen. Ferner sollen der Armen�eputation 100 Zentner überwiesen werden, um dieselben an besonders Bedürftige kostenlos abzugeben. Die Genehmigung zur Ausstellung von öffent- lichen Fernsprechzellen auf dem Friedens- und Bismarckplatz wurde erttilt. Für die zahnärztliche Behandlung der Schulkinder vom 1. April 1912 ab wurden zunächst 500 M. bewilligt. Ter Zahnarzt soll bei den Neueinschulungen die Zähne aller Kinder unter- suchen. Für das Plombieren der Zähne sollen 1,80 M. extra in Anrechnung kommen; hiervon soll die Gemeinde 80 Pf., die Eltern 1 M. tragen. Dr. Pratsch wandte sich gegen die zwangsweise Unter- suchung; Genosse Äreitmann betonte, daß die Eltern den Rat des Zahnarztes dankbar entgegen nehmen werden, denn gerade aus die Zähne werde in den meisten Fällen wenig geachtet. Die Kosten zur Errichtung einer Direkwrstelle an der höheren Mädchenschule zum 1. April 1912 wurden bewilligt. Die Anschlägcrarbeiten für den Neubau der höheren Mädchenschule wurden dem hiesigen Unternehmer Zetsche zum Preise von 0223 M. übertragen. Genosse W o s ch k e sprach den Wunsch aus. daß man Arbeiten nur solchen Unternehmern übertragen möge, die auch Gehilsen beschäftigen» der Unternehmer Zetsche beschäftige jedoch nur Arbeitsbursche» Klosterfelde. Einen für andere Gemeinde» nachahmenswerten Beschluß faßte die letzte Gemeindevertreiersitznng. Auf der Tagesordnung stand: Ankauf von Acker zu Kirchhofszwecken. Wie mitgeteilt wurde, bat die hiesige Pfarrgemeinde das in Betracht kommende Land kaufen wollen und sie hat sogar bereit» einen Kaufvertrag mit dem Besitzer desselben geschlossen. Im letzten Augenblick sei letzterer jedoch von dem Vertrag zurückgetreten, nachdem er Kenntnis davon erbalten, daß die Gemen, de Wert darauf lege, das Land zu Friedhofszivccken zu erwerben. Von einem bürgerlichen Vertreter wurde nun erklärt. daß die Gemeinde den Acker unter allen Umständen kaufen müsse. denn bei den gespannten Verhältnissen zwischen Pfarrer und Ge- meinde könne dl« Verttetung gar nicht anders handeln. Es wurde denn auch mit 12 gegen 1 Stimme der Ankauf des Ackers zum Preise von 800 M. pro Morgen beschlossen. Spandau. Bei der gestrigen Stabtverordnetenstichwahk gelang«S unseren Genossen, im 7. Bezirk das Mandat zu erobern. Das Ergebnis der Stichwahl in den drei Bezirken war folgendes: Im, 1. Bezirk ent- fielen von 419 abgegebenen Stimmen auf den Konservativen Schob 213 und auf den Kandidaten des Mietervereins Großer 291 Stim- men. Herr Schob ist demnach mit Ach und Krach noch einmal ge- wählt worden und kann seine reaktionäre Politik fortsetzen. Im 8. Bezirk wurden 710 Stimmen abgegeben, davon erhield Genosse Schubert 299 und der Kandidat des Mietervereins 411 Stimmen. Im 7. Bezirk siegte Genosse Pieck mit 394 Stimmen über den Kandidaten des Mietervercin?, der 293 Stimmen auf sich ver- einigte.___ Kaufiiiännische Kranken, und«terbekaste von 488».(«. H-71.) Heute abend S Nhr im Restaurant yudensn. 18/lg: Sidung. iLber-Schönewetde. 5m der Arbeiter- Zamaritcr-Kolonne Ober- Schöneweide und Nmg-acnd findet heute. DienStaq. abend« 8>/, Uhr. im Samariterheim,-Hackepeter, slemen-Zitr. 12, ein Vortrag über„Bewußt- lojigkeit. Hitzlchlag, Blitzschlag, Beschädigung durch Eleltrizilät" statt. Gäste haben treicn Einttitt. Spandau. Miitwoch deu 29. November, abend» S',, Uhr. Im Nestau- rant von Peczeli«. Pichettdorser Str. 5; UebungSabend der Samariter. Ein Arzt wird einen Vortrag über.Bewuhtlojigkeit, Hitz'chlag. Blitzschlag, Beschädigung durch Lleltrizllal' halten. Gäste wlllkommeu. UUfummw axa o\iiuuciif*o giCtllücC»]£ UUlcx. ytiv«yuuva uuü»» vm—------ u.....~»umt-ummtts. Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Perlag: BorwärtH Buchvruckerei u. Be clagSanstalt Paul Singer u.«o., Berlin L�»