Nr. 286. in«im(m(ntS'BedlA9Dnwit «SonnementS• SteU pränumerando S SUrtcIjSIjtl. S,30 Mr., monoll. 1,10 Mr., wöchentlich 28 Pfg. frei WS Hau». einzelne Nummer 5 Pfg. KonnlagS- nummer mit illustrierter Sonntags» Vellage»Die Neue Welt" 10 Pfa. Post. ildonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post> Zeitung». Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonnement» nehmen an: Belgien. Döncmarl, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, vlchcli» Kg»» itlllier lll«iit»i». 28. Jahrg. vle lnIertlonz-Sedllh» »»trägt für die scchSgespaltene Kolonel» zeile oder deren Raum 00 Pfg.. für politische und gewcrllchaftlichc Vereins. und Berfaninilungs-Anzetgen M Ptg. „Ateine Rnoeigen", da» settgedruetle Wort 20 Psg.(zulässig 2 seUgedruckle Worte), jede» weitere Wort 10 P.g. Stellengesuche und Schlafstellenan. »eigen das erste Wort lO Pfg., jedes weitere Wort b Pfg. Worte über lbÄnili- ltaben zählen für zwei Worte. Fnserate für die nächste Nilüiliier mütseu bis B Uhr nachuuttagi in der Erpedition »pgcgeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abend» geofftiet. Verlmev Volksblatt. Zentralorgan der fozialdemokrati r eben parte! Deutfcblands. Telegramm- Adreff«: �gilalilunoUrit Serll»", Rcdahtion: SM. 68, Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Donnerstag, den 7, Dezember 1911. Expedition: SM. 68, binden Strasse 6g* Fernsprecher: Amt Moristplnt?, Nr. 1i)84. An die Neichotngowähler! Am 12. Januar 1912 sollen die Neuwahlen zum Deutschen Reichstage stattfinden. Kaum jemals zuvor standen die Wähler vor einer so folgenschivercn Entscheidung. Von dem Ans- gang dieser Wahlen wird es abhängen, ob auch in den nächsten Jahren die Politik der Be- driickung und Ausplünderung weiter betrieben oder ob endlich das deutsche Volk zu seinem Rechte kommen soll. Bei den Neichstagswahlen im Januar 19l)7 sind die Wähler von der Regierung und den sogenannten„nationalen" Parteien hintergangen worden; viele Millionen Wähler haben sich damals in die Irre führen lassen. Der Reichstag des„iiatioualen" Blockes von Heydebrand bis Wiemer und Naumann hat das Vereins- und Versammlungsrecht reaktionär gestaltet, den Gebrauch der nichrdeutschen Sprache in Versammlungen beschränkt und den Jugendlichen das Versammlungsrecht zum größten Teil geraubt, hat jede Forderung für Heer, Marine und Kolonien bewilligt. Eine ungeheure Mehrbelastung des Volkes war die Folge. Trotz der im Jahre 1906 bewilligten mehr als 200 Millionen Mark(Fahrkarten- und Frachtbriefsteuer, Zigaretten- steuer usw.), trotz der feierlichen Versicherung der Regierung durch das offiziöse Organ, un- mittelbar vor. der Wahl 1907, daß keine neuen Steuern geplant seien, kam die„Finanzrcform" der 590 Millionen. Konservative und Liberale waren vollkommen einig darin, daß vier Fünftel dieser ge' waltigen Summe durch neue oder durch Erhöhung schon bestehender indirekter Stenern aufzu' bringen seien zum weitaus größten Teil von Arbeitern und Angestellte», kleinen Geschäfts' lenten, Handwerkern, Kleinbauern. Da sich die Parteien des Bülowblockes aber weder über die sogenannten Bcsilzsteuern noch über die SchnapslicbeSgabe einigen konnten, so ging das unnatürliche Gebilde in die Brüche und der neue innerlich verwandte Block der Ritter und der Heiligen trat in die Erscheinung. Dieser hat die Liebesgabe für die Schnaps- brcnner gerettet, die Erbschaftssteuer, die nur wohlhabende und reiche Leute hatte treffen sollen, abgelehnt und dein schassenden Volke Vier, Branntwein, Tabak, Zigarren, Kaffee, Tee, ja sogar die Streichhölze», im ganzen um Hunderte von Millionen verteuert. Ebenso Volksfeind- lieh verhielt sich der konservativ-klerikale" Block bei der Verabschiedung der Reichsversicherungs ordnung, die zum guten Teile eine Verhöhnung der Arbeiter, ihrer Witwen und Waisen be- deutet. Raubt sie doch den Arbeitern Rechte, die sie jahrzehntelang mit glänzendem Erfolg für die Versiwerten ausgeübt haben, versagt sie doch de» schwangeren Frauen, den Müttern und den Säuglingen notwendigen Schutz und zureicheude Fürsorge. Es ist begreiflich, daß nach solchen Leistungen immer weitere Kreise erkannten, wie furchtbar sich die Leichtgläubigkeit der Wähler bei den Hottentottenivahlen im Januar l907 rächte. Alle Nach- und Neuwahlen zum Reichstage sowohl wie zu den Landtagen und Ge- mein den zeigte» gewaltigen Stimmenzuwachs für die sozialdemokratische Partei. Ihre Gegner wurden infolgedessen immer mehr von der Wahlangst gepackt, und auf der Suche nach einer zugkräftigen Parole für die herannahenden Wahlen verfielen die Scharfmacher wieder einmal aus den Wahltrick, den Blick des Volkes von den Zuständen im Inneren durch eine„nationale Tat" nach außen abzulenken. Der Marokkohandel gab willkommene Gelegenheit dazu. Hüben und drüben schürten die kapitalistischen Kriegsinteressenten und die nationalistischen Schreier den Völkerhaß und trieben das gefährliche Spiel so weit, daß sich der Reichskanzler schließlich selbst gezwungen sah, seinen junkerlichen Bundesgenossen den Vorivnrs ins Gesicht zu schlendern, daß sie den Patriotismus zu Partei- und Wahlzwcckcn mißbrauchen. Aber der Versuch, im Interesse der reaktionären Parteien die nationalen Leidenschaften an fzustacheln, wird dennoch fortgesetzt. Wähler, seid auf der Hut! Bedenkt, daß Ihr am Wahltage vielleicht die Entscheidung über Krieg oder Frieden in der Hand habt Nicht weniger wichtig als für die auswärtige Politik wird der Wahlausgang für die innere Politik sein. Fürst Vüioiv erklärte bei den vorigen Wahlen:„Je weniger Sozialdemo k r a t e n. um so mehr soziale R e s o r m e n". Das Gegenteil ist richtig. Das haben die letzten Jahre schlagend bewiesen: Die sozialpolitischen Mühlen klapperten zwar, gaben aber nur sehr spärlich Mehl. Den Beamten und Staatsarbestern hatte man, um sie für„nationale" Reichstags- kandidaten einzusaugen, Gehalts- und Lohnanfbcffcrunge« versprochen. Man gab den oberen gutbezahlten Beaurten mit Scheffeln, den unteren, die die Ausbesserung ani meisten nötig hatten, mit Löffeln. Die bescheidenen Ausbesserungen wurden aber mehr als ausgeglichen durch die neuen Steuern und die wachsende Teuerung. Dem Volke verweigerte die Regierung, als eö bei den immer steigenden Lebensmittel Staats- und Gesellschaftsordnungen gewesen sind. Sie wird durch eine höhere, d i e sozialistische Ordnung ersetzt werden, für welche die Sozialdemokratie kämpft. Dann wirb die Solidarität aller Menschen und ein menschenwürdiges Dasein für alle der- wirklicht. Den Weg dazu bahnt die kapitalistische EntWickelung selbst, die alle Keime für eine neue Gesellschaft in sich birgt. Für uns besteht zunächst die Anfgabe, alle Mittel, die uns die Gegenwart in die Hand gibt, zu benutzen, um die vorhandenen Nebel zu mildern, neue Einrichtungen zu schaffen, dazu bestimmt, den großen Massen eine höhere Lebenshaltung zu ermöglichen. Daher fordern wir: preise» in seiner Not um Abhilfe schrie, jede Erleichterung. Und während der Reichskanzler tiefsinnig behauptete, daß die Presse durch die Schilderung des Notstandes die Preissteigerung verschärft habe, versagien die sogenannten Mittcistandsrcttcr— Zentrum, Konservative, Anlüemiten und ihre Gefolgschaft— jede von der Sozialdemokratie angeregte Hilfo und denunzierten dagegen den Mittelstand als den Lebensinittelverteuerer. Nene Stenern, Lebensmitteltenernng, Volksentrechtung, steigende Kriegsgefahr — das hat der 1907 mit so großem„nationalen" Tamtam begrüßte Reichstag gebracht. Nun naht dcr Gerichtstag! Wähler Deutschlands, sorgt für eine andere Mehrheit l Je stärker die Sozialdemokratie im Reichstage erscheint, um so sicherer verankert ist der Weltfriede und die Wohlfahrt des Volkes! Die Sozialdemokratie erstrebt die Eroberung der politischen Macht, die jetzt in den Händen der besitzenden Klassen ist und von dieser Minderheit zum Schaden der breiten Massen des Volkes m.ßbraucht ivird. Man denunziert uns deshalb als„Unistürzler". Törichter Vorwurf I Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ist ebensolvenig ewig, wie es frühere Demokratisierung des Staates in allen seinen Lebensbczichungen, freie Bahn für die Entfaltung aller persönlichen Anlagen und Fähigkeiten, keine Privilegien, die rechte Person an die rechte Stelle. Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht vom vollendeten 20. Lebensjahre an für alle Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts, und für alle Vertretungskörpcr. Berhältniswahl zur Beseitigung der mit dcr heutigen WahlkreiSeinteilung verknüpftell schreien- den Ungerechtigkeit. Durchführung deS parlamentarischen RegicrungSsystemS. Volle Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und der Staatssekretäre. Bildung eines Ausschusses durch den Reichstag für die Kontrolle der auswärtigen Politik. Mitentscheidung der Volksvertretung über Krieg und Frieden. Zustimmung des Reichstags zu allen Staatsverträgcn. Organisierung der Landesverteidigung auf demokratischer Grundlage. Durchführung der allgenieinen Wehrpflicht für alle waffenfähigen Männer. Herabsetzung der Dienstzeit auf das zur Ausbildung für die Landesverteidigung unumgänglich notwendige Maß. Erziehung der Jugend zur Wehrhaftigkeit. Beseitigung des Vorrechts des einjährig-freiwilligen Dienstes. Abschaffung alles Prunkes und aller kostspieligen Uniformiernng in Armee und Flotte. Bekämpfung der Klassenjustiz und Berwaltnngswillkür. Reform des Strafrechts, der Strafprozeßordnung, des Verwaltungsrechts und des Strafvollzugs im Sinne moderner Kultur- und Rechtsauffassung. Beseitigung aller Ausnahmegesetze und ausnahmercchtlichen Verwaltungsniahregeln. Sicherung des Vereins-, BersammlungS- und KoalitionSrechteS für alle Arbeiter, An- gestellten und Beaniten. Errichtung eines Reichsarbeitsamtes, von Arbeitsämtern und Arbeiterkammern. Wahl der Beisitzer durch die Interessenten auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und ge- Heimen Wahlrechts.— Auöbau dcr Gewerbeinspektion durch Zuziehung von Arbeitern und Arbeiterinnen als Hilfsorgane. Gesetzlich festgelegter NormalSarbcitStag von acht Stunden. Weitere Verkürzung der Arbeitszeit in gesundheitsschädlichen Betrieben. Reform der Arbeiterversichcruilg. Aushebnilg dcr Benachteiligung dcr ländlichen Arbeiter und dcr Dienstboten, direkte Wahl der Vertreter, Erweiterung des Rechtes der Arbeiter in den Vertretnngskörpern, Erhöhung der Leistungen, Herabsetzung des Alters für den Bezug dcr Altersrente von dem 79. auf daS 65. Lebensjahr, anSkönimliche Schwangeren- und Wöchiicrinneiinnterstütziing, Stillprämien und unentgeltliche Hebammen- und Arzt-Hilfe. Volle Religionsfreiheit. Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche. Keinerlei Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln für kirchliche Zwecke. Allgemeine unentgeltliche Volksschule als Grundlage des gesamten Bildungswesens (Einheitsschule). Unentgeltlichkeit der Lernmittel. Freiheit für Knust und Wissenschaft. Herabsetzung und schließliche Beseitigung der indirekten Stenern und Aufhebung der Lcbensmittelzöllc. Beseitigung der Zölle auf Futtermittel. Aushebung der Einfuhrscheinc. Beschränkung der Kontrolle bei Einfuhr von Vieh, Geflügel und Fllnsch auf die unumgänglich notwendigen sanitären Maßregeln. Entsprechenden Abbau dcr Jndustriezölle, welche die Syndikats- und Ringbildimg begünstigen und dahin führen, deutsche Jndustrieerzeugnisse billig dem Auslände zu liefern und sie dem inländischen Verbraucher um so teurer zu verkaufen. Unterstützung aller Maßregeln, die Handel und Verkehr fördern. Aufhebung der Fahr- kartensteuer und des Frachtbriefstcnipcls. Stnfenweis steigende Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuern, zumal diese Heran- ziehung der Wohlhabenden und Reichen zugleich das wirksamste Mittel ist, den Schrei unserer zahlungsfähigen Patrioten nach immer neuen Heeres- und Flottenverniehrungen zu dämpfen. Innere Kolonisation zwecks Steigerung der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Ucber- fühnmg des Großgrundbesitzes in Gemeineigentum. Gründung und Förderung von staat- lichen Miisteraiistalten und Landwirtschaftsschulcn. Urbarmachung der Moore, des Sumpf-, Oed- und Unlandes. Abwehr aller Versuche, die Unterjochung und Ausbeutung fremder Völker durch die Mittel dcr Kolonialpolitik herbeizuführen. Wähler Tentschlands! Eine neue Flottenvorlage und eine neue Militärvorlage stehen in sicherer Aussicht, die die Steuerbelastung um Hunderte von Millionen abermals steigern werden. Wie bisher schon, so werden auch fernerhin die Herrschenden versuchen, die neuen Lasten auf die Schultern der Minderbemittelten zu wälzen, und damit die Existenz dcr Familien weiter zu erschweren. Mögen darum auch die Frauen, auf denen die Bürde des Hanshalts in erster Linie niht, die heute selbst� noch politisch rechtlos sind, an der Aiifklärnugsarbeit teilnehmen und sich entschlossen in den Dienst unserer Sache stellen, die auch die ihre ist. Wühler Deutschlands! Seid Ihr mit diesen grundsätzlichen Auffassungen einverstanden, dann gebt bei der Wahl am 12. Januar de» sozialdemokratische» Kandidaten Eure Stimmen. Helft den Grund legen zu einer neuen, besseren Gestaltung unseres staatlichen und gesellschast- lichen Baues, der die Devise tragen soll: Tod der Not und dem Müßiggang! Arbeit. Brot und Gerechtigkeit für alle! Euer Schlachtruf am Wahltage sei: Berlin, den 5. Dezember 1911. Es lebe die Sozialdemokratie! Parteivorstand und sozmldempkratische Fraktion des Reichstags. Munition für den WaWanips. Genosse Dr. G r a d n a u e r hat kürzlich eine treffliche Agitationsschrift für den Wahlkampf erscheinen lassen(Wahl- kämpf! Die Sozialdemokratie und ihre Gegner. Von Georg Gradnauer. Kaden u. Co., Dresden, Zwingerstr.), die auf ihren 174 Seiten Text eine Fiille wertvollen Materials ent- hält, das allen im Wahlkampf propagandistisch tätigen Gl- nossen wärnlstcns empfohlen werden kann. Wir glauben, die verdienstliche Schrift am besten dadurch kennzeichnen zu können, daß wir ihr folgende Stichproben entnehmen: Nation und Sozialdcmokratit. Es ist absurd, der Sozialdemokratie nachzureden, sie habe kein Verständnis für die Bedeutung der Nation. Wer ist denn über- Haupt„die Nation"? Ist nicht das arbeitende Volk, das sich in der Sozialdemokratie politisch organisiert, selbst ein großer und weseni- licher Teil der Nation? Die gegnerischen Vorwürfe enthalten die abgeschmackte Zumutung in sich, daß das arbeitende Volk gegen sich selb st feindlich gesonnen sei. Vollends lächerlich und ebenso dunrm wie gemein sind aber jene anderen Beschimpfungen, die Sozialdemokratie wolle das Deutsche Reich zerstören usw. Die Sozialdemokratie Deutschlands, wie die Sozialdemokratie jedes anderen Landes ist eine im besten Sinne nationale Partei. Wir haben nicht das mindeste Verlangen danach, mit den„nationalen Parteien" um die Wette in nationalen Phrasen zu schwelgen. Wir halten es vielmehr für unsere Aufgabe, die Volksfeindlichkeit der Politik aufzudecken, die sich bei uns als „nationale Politik" marktschreierisch spreizt. Wir sind aber in Wahrheit national, wenn dieses Wort bedeuten soll, für das Wohl- ergehen der arbeitenden Klassen und Massen das Beste erstreben! Der bewaffnete Frieden als Versicherungsprämie. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Politik des„bewaffneten Friedens" zu immer tolleren Uebergipselungen einer Nation durch die andere, zu immer gewaltigeren Opfern an Geld und Volks- wirtschaftlichen Kräften bei sämtlichen Nationen führt. Schließlich muß aber doch diese verhängnisvolle EntWickelung im u n ge- heuerlich st en Weltkrieg explodieren. Danach könnte der- selbe grausige Tanz der Wettrüstungen von neuem beginnen. Der „bewaffnete Friede" ist in der Tat ein Schrecken ohne Ende. Die Militär- und Marinerüstungen wären fürwahr eine eigenartige„Versicherungsprämie". Eine Prämie, die fort- während höher geschraubt wird! Eine Prämie, die die Kriegsgefahr nicht vermindert, sondern vermehrt! Man fabelt von„Versicherungsprämie", während man immer mehr Pulver zusammenträgt, so daß die Explosion s- gefahr immer größer wird! Die Nutznießer des Wettrüstens. Die llbsitzenden Klassen haben in der Armee und Marine eine günstige Gelegenheit, ihre Söhne mit„standesgemäßen" Berufs- siellungen auszustatten und. zu versorgen. Jede neue Militär- und Marinevorlage bringt ihnen neue Posten und bessere Aussichten auf Karriere und Gehattssteigerung. Dazu kommen unmittelbare ma° tcrielle Vorteile für viele Grundbesitzer und Kapitalisten aus den Lieferungen für die Armee. Die Agrarier erzielen durch den Absatz von Korn, Fleisch, Pferden usw. große und sichere Gewinne. DeS- gleichen fackeln Jahr um Jahr die Kanonen-, Gewehr- und Panzer- Plattenfabrikanten, die Pulverfabriken, die Tuchfabriken, die für den Militärfiskus liefern, enorme Gewinne ein. Man weiß auS den Beratungen der Budgetkommission des Reichstags, wie unver- schä.-n das Reich durch die patriotischsten der Patrioten, durch die Krupp, Stumm und andere ausgebeutet worden ist. Kein Wunder, daß Freiherr von Stumm' einmal erklärte:„Es gibt gar keine produktivere Anlage als die Ausgaben für die Armee!" Für die Finna Stumm sind sie sicherlich sehr„produktiv" gewesen! Die Geschädigten. Die Lasten für das volkswirtschaftlich unproduktive Militär- Wesen sind derartig riesenhaft geworden, daß dadurch die Ent- Wickelung vieler für das Volkswohl dringend nötiger Maßnahmen mehr und mehr stockte. Die englische Regierung hat durchaus offen das Problem gestellt: ent- weder Militärrüstungcn— oder Sozialreform, beides zugleich i st unmöglich. Lawinenhaft wachsen die Summen an, die in alle» modernen Staaten von den arbeitenden Massen aufgebracht werden müssen, um die unersättlichen Zlnsprüche des Militarismus und Marinismus zu befriedigen. Infolgedessen sind die Staaten unfähig, für Linderung sozialer Lei- den des Volkes, für die Ausgestaltung von WohlfahrtScin« richtungen, für Kulturaufgaben, die nötigen Aufwendungen zu machen. Könnte zunächst nur die Hälfte der 1!4 Milliarden, die das Deutsche Reich für Militärzwccke ausgibt, für hygienische Maß- nahmen, für Gesundung, Kräftigung und Kultur der Arbeiter- massen verwendet werden, wieviel Heilsames liehe sich da schaffen! Brot- und Fleischwucher. Einen bedeutenden Vorteil von den Kornzöllen haben nur die Großbauern und Großgrundbesitzer. Nach der Statistik von 1307 gab es 262 131 landwirtschaftliche Betriebe mit 23 bis 100 Hektar und 23 566 Betriebe mit mehr als 133 Hektare Diese 285 757 Betriebe umfassen insgesamt mehr als die Hälfte der land- wirtschaftlich benutzten Fläche des Deutschen Reiches. Nicht zu- gunsten der„Landwirtschaft", sondern zugunsten von kaum 330 333 Grundbesitzer» wird das ganze deutsche Boll durch die Hochschutzzölle aufs äußerste gebrandschatzt. Ein Beispiel für den kolossalen Rückgang de? Fleischverbrauchs gibt die amtliche Statistik der Stadt Dresden. Danach ist in Dresden der Gesamtverbrauch an Fleisch aller Art von 72,27 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 1333 auf 58,72 Kilograuim im Jahre 1333, das heißt, um 13,51 Kilogramm, gleich zirka 13 Proz., zurückgegangen. Dabei ist zu beachten, daß in den besser situierten Kreisen der Verbrauch trotz Preissteigerung nicht geringer geworden sein dürfte. Die Minister und Geheimräte, die mit den Agrariern über den„Fleischnotrummel" höhnen, werden ja nicht allzusehr unter den hohen Preisen zu leiden haben. Sie bekommen ihre Gcbälter erhöht, und wenn die Hoshaltung des Königs von Preußen in diesen teueren Zeiten nicht mehr auskommt, so wird die Zivilliste von 15�4 Millionen Mark um 314 Millionen Mark aufgebessert. Unterernährung. Es ist festzustellen, daß die große Masseder arbeiten- den Bevölkerung längst nicht die Ernährung erreicht, die von der Wissenschaft als unbedingt nötig gefordert wird zur Wiederherstellung der Körperkräfte. Es wird auch entfert nicht diejenige Ernährung erreicht, die d e r Staat s e l b st z. B. bei Ernährung seiner Soldaten als Norm aufstellt. Die Wochenration für die Schiffsmannschaften der Marine ist so be- messen, daß pro Woche und pro Kopf ein Aufwand von 8 M. dafür gemacht werden mutz, ohne daß Kosten für Zubereitung, Zutaten usw. eingerechnet sind. Für seine Familie von vier Köpfen, Mann, Frau und zwei Kinder, gleich drei Erwachsenen gerechnet, müßten also 24 Mk. für Nahrungsmittelaufwand bereit sein, pro Jahr 1248 M. Aber die Mehrzahl der Arbeiter kann nicht einmal d i e H ä l f t e davon aufwenden, ein großer Teil noch weit weniger. Die Gesundung der Reichsfinanzen. Tatsächlich erweist sich das Gerede von der Gesundung der Reichsfinanzen als eitel Dunst. ES ist ganz selbstverständlich, daß das Reich aus der Unmenge neuer Steuern bedeutende Mchrein- nahmen erzielt. Aber von Gesundung der Reichsfinanzen kann ein verständiger Mensch ernstlich nicht sprechen, wenn diese Mehreinnahmen durch die schwer st e Be- lastung der steuerzahlenden Bevölkerung, durch die Störung weiter E r w e r b s k r e i s e, durch den Ruin ganzer Industrien, durch den Hunger Zehntausen- der von Arbeiterfamilien erkauft werden. ES ist nur ein neues Gaukelspiel, das die Herrschenden jetzt treiben. Wenn sie neue Ausgaben für Heer und Marine fordern und noch mehr, wenn sie vor Reichstagswahlen stehen, dann erklären sie stets: Es ist mit unseren Finanzen vortrefflich bestellt. Sind die Wahlen vorüber, dann kommt das dicke Steuer- ende nach. So war es bisher stets. So wird es sich auch in nächster Zukunft wieder herausstellen! Wer den Nationalreichtum besitzt. Nach R. W i l b r a n d t, Professor in Tübingen, entfallen von den 33 Milliarden, die das heutige deutsche Nationaleinkommen jährlich ausmacht, etwa zehn Milliarden auf Einkommen aus Ber- mögen. Die betreffenden Einkommensbezieher erhalten dadurch für jährlich 13 Milliarden Mark Verfügung über allerlei zu kaufende Ware. Das heißt nichts anderes, als daß„der dritte Teil des GesamtarbeitsprodnktS von denen, welche die gesamten Produkte erarbeiten, an die Besitzer des Einkommens auS Vermögen ab- gegeben wird". Die Arbeitenden leisten von aller Arbeit zwei Drittel für sich selbst, ein Drittel für die Vermögensbesitzer, also jährlich 233 Arbeitstage für sich selbst, und hundert Arbeitstage für die Besitzenden. S t e i n m a n n- B u ch e r hat das gesamte deutsche„Volksvermögen" auf zirka 353 Milliarden eingeschätzt. Wollte man dieses Vermögen auf die Bevölkerung gleichartig ver- teilt denken, so käme auf den Kopf 5333— 5533 M. Vermögen. Die breite Masse des Volkes hat aber so gut wie nichts davon. Es ist ein ungeheurer und stets wachsender Reichtum in ber heutigen Gesellschaft vorhanden, aber er befindet sich zum über- wiegenden Teile in den Händen einer verhältnismäßig kleinen An- zahl von Personen. Ziele des Sozialismus. Wer die Umwälzungen der letzten Menschenalter über- schaut, der wird nicht annehmen können, daß das so stürmisch Gewordene nunmehr zur Dauer bestimmt sei Die Nutznießer des Kapitalismus möchten den gegen- wk� cigen Gesellschastszustand nach Möglichkeit unverändert er- ha'.en. Jedoch es regen sich im Schoßc des Kapitalismus die ÄUuie zu neue» Umwälzungen, es gestalten sich neue Gebilde, die in eine künftige höhere Wirts chasts- und Gesellschaftsordnung hinausweisen. Sowohl die technische Betriebsentwickelung, als der wirtschaftliche, poliitische und kul- turelleAufstiegderArbeiterklasfe bereiten eine Wirtschaftsordnung vor, die die Vorteile und Fortschritte der kapitalistischen Periode beibehält und fortbildet, die aber zu- gleich die ungeheuren Nachteile eben dieser Periode auslöscht, indein sie die Wiedervereinigung der Arbeit mit den Arbeits- Mitteln und den Arbeitserträgen herbeiführt. Da« wäre eine Wirtschaftsordnung, in der der Reichtum an materiellen und kulturellen Gütern nicht einzelnen Klassen, sondern allen Ar- beitenden gehört. Das wäre der Triumph der Genossenschaft- lichkeit, der Gerechtigkeit! Zur Reichstagswal)!. Der Wahlkampf in Baden. Die Nachwahl in Konstanz hat einen Vorgeschmack davon ge- geben, wie in Baden der allgemeine Wahlkampf geführt werden wird. Die heftige Agitation und die gewaltige Aufpeitschung der Wähler hat im Konstanzer Kreise eine Wahlbeteiligung von 93 bis 35 Proz. zuwege gebracht. Von den 14 Reichstagswahlkreisen Badens gehörten nach den Wahlen von 1337 dem Zentrum 3, den Sozialdemokraten 3. den Nationalliberalen 2 und den Konservativen 1 Kreis. Stimmen entfielen auf: Zentrum....... 138 863 liberalen Block..... 133 336 Sozialdemokratie.... 93386 Konservative...,. 24 697 Von den Wahlkreisen, die das Zentrum zu verteidigen hat, sind zwei bombensicher, Tanberbischofsheim und Bühl— Rastatt, in welchen die Abgeordneten Zehnter-Heidclberg und Lender-Sasbach 63 und 66 Proz. aller abgegebenen Stimmen erhielten. In den anderen Kreisen stehen die Aktien nicht besonders gut; gefährdet ist das Zentrum vor allem im 2. Kreis(Donaueschingen— Villingen— Triberg). 1937 erhielt der jetzige Abgeordnete Dusfner 11 911 Stimmen, der liberale Blockkandidat 3863 und der Sozial- demokrat 2253 Stimmen. In der Stichwahl holte Duffner das Mandat mit 12 589 Stimmen, während sein liberaler Gegner 11 114 Stimmen erhielt. Diesmal kandidiert der Gutsbesitzer Duff- ner für das Zentrum wieder. Die Liberalen haben den Rechts- anwalt R o m b a ch aus Offenburg, unsere Parteigenossen den Arbeitersekretär M a r tz l o f f aus Freiburg aufgestellt. Richtet sich in der Stichwahl die Spitze gegen den schwarzblauen Block, dann kann dieser Kreis dem Zentrum abgenommen werden. Günstiger liegen seine Chancen im 3. Kreis(Waldshut— Säckingen— Schopfheim). Dort standen bei der letzten Wahl 13 433 Zentrumsstimmen 13 733 Stimmen der Liberalen und Sozialdemo- kraten gegenüber. Die Textilindustrie ist im 3. Kreis stark ver- treten und wir dürfen deshalb auf eine erhebliche Stimmenzunahmc für den sozialdemokratischen Kandidaten rechnen. Kommt eS zur Stichwahl, dann ist der Llusgang für das Zentrum auch zweifelhaft. Recht kompliziert liegen die Verhältnisse im 5. Kreis(Frei- bürg— Emmendingen— Waldkirch). 1937 fielen auf den Zentrums- kandidatcn, den Bäckermeister und jetzigen Abgeordneten Hauser, 13 435 Stimmen, auf seinen liberalen Gegenkandidaten 13 519, auf unseren Parteigenossen Kräuter 6282 Stimmen. In der Stich- wähl siel Hauser das Mandat mit 15 532 gegen 12 587 liberale Stimmen zu. Diesmal kandidiert von sozialdemokratischer Seite der Parteisekretär Engler-Freiburg. Hauser ist wieder aufgestellt. Der liberale Block präsentiert den Professor v. Schulze-Gäver- nitz, und vor einigen Tagen ist noch eine reichsparteiliche Kan- didatur in der Person des Freiburger Konsuls und früheren Kruppschen Beamten S ch i n z i n g e r auf den Plan getreten. Ge- lingt es, den sozialdemokratischen Kandidatcn in die Stichwahl zu bringen, dann ist ein sozialdemokratischer Sieg nicht ausgc- schlössen. Der 6. Kreis(Euenheim— Lahr— Wolfach) wird von dem ba- dischen Zentrumsführer Fehrenbach vertreten. Er hat 1937 den Kreis im ersten Wahlgang mit 11435 gegen 7834 demokratische und 2427 sozialkemokrakische«fkumen femanw«, WH W» MV eS zur Stichwahl kommen, denn Fehrenbach ist ei» etfriger Reffte« worter der Reichsfinanzreform, von der er erst jüngst sagte, tt(ei stolz darauf, daß er sie mit beschlossen habe; unter gleich« Hau ständen würde er genau so handeln wie im Sommer 1333. Äw* habe gerade die badischen Landtagswahlen bewiesen, daß die ktnft« stehenden Wühler in Sachen der Finanzreform keine» Spaß bau stehen. Entscheidend kann die Sozialdemokratie auch eingreife» k« 7. Kreis(Offenburg-Oberkirch-Kehl>, wo sich 1937 das Zentrum miß 11 849 Stimmen gegen 8734 liberale und 2554 sozialdemokratische Stimmen behauptete.— Somit wäre die Situation für das Zen- trum, soweit es sich um seine bisherigen Wahlkreise handelt, ge- zeichnet. Das Zentrum will nun freilich auch mit aller Gewalt den Konstanzer Kreis zurückerobern und es will auch in den Kreisen, wo es auf eigene Erfolge nicht rechnen kann, entscheidenden©in- fluß üben im Sinne der Parole:„Unter allen Umständen gegen die Sozialdemokratie und den Groß« block!" Das Zentrum unterstützt deshalb im 9. Kreis(Durlach— Pforzheim) den rechtsstehenden Nationalliberalen Wittum, im 13. Kreis(Karlsruhe— Bruchsal) den Konservativen v. G e m m i n- gen, um diese Kreise der Sozialdemokratie abzunehmen. Im 13. Kreis(Sinsheim— Bretten— Eppingen) stimmt das Zentrum für den Konservativen Rupp, um diesen Kreis gegen de» liberalen Block zu festigen, und im 12. Kreis tritt es mit einer eigenen Kan- didatur auf, um sie eventuell als AuStauschhilfe für einen anderen Kreis benutzen zu können. Der liberale Block hat zunächst seine zwei Mandate in Lörrach— Mülheim und in Heidelberg zu halten. Den ersteren Kreis vertritt im Reichstag der Weingutsbesitzer Dr. Blankenhorn, der 1937 in der Hauptwahl 7741 Stimmen erhielt; ihm standen gegenüber daS Zentrum mit 6253, die Sozial- demokratie mit 3445 und der Freisinn mit 1914 Stimmen. In der Stichwahl bekam Blankenhorn 11 133, sein Zentrumsgegner 9334 Stimmen. Ein heißer Kampf wird in Heidelberg entbrennen. Bei der letzten Wahl fielen auf den nationalliberalen Oberamtmann Beck 11 135 Stimmen, auf den mit dem Zentrum verbündeten Konser- vativen 8483 und auf den sozialdemokratischen Kandidaten 6713 Stimmen. In der Stichwahl behauptete Beck den Wahlkreis mit 14 685 gegen 9287 zentrümlich-konservative Stimmen. Diesmal wird die Stichwahl wahrscheinlich zwischen Nationalliberalen und Sozialdemokraten auszusechten sein. Zentrum und Konservative gehen getrennt vor, um dies Resultat bestimmt zu erreichen und um dann die Nationalliberalen in die Zwangslage zu bringen, daß sie Hilfe von den Schwarzblauen erbitten müssen. Den einzigen Konservativen aus Baden sandte der 13 Kreis; er wurde 1937 mi: Zentrumshilfe getvählt und erhielt 13 553 Stimmen, gegen 7781 liberale und 2862 sozialdemokratische Stimmen. Die Sozialdemokratie hat drei Mandate zu verteidigen, das Mannheimer Mandat(11. KreiS), daS Genosse Dr. Frank 1937 im ersten Wahlgang mit 25 969 gegen 16 933 liberale und 8173 Zentrumsstimoien holte. Inzwischen ist die Industrialisierung Mannheims noch weiter vorgeschritten und die Hochburg der ba- dischen Sozialdemokratie hat sich erst bei den jüngsten Gemeinde- wählen in einem glänzenden Lichte gezeigt. An dem sicheren Siege Dr. Franks schon in der Hauptwahl ist also nicht zu zweifeln. Im 9. Kreis(Durlach— Pforzheim) erhielt Genosse Eich- Horn im Jahre 1937 in der Hauptwahl 15 883, sein national- liberaler Gegner 12 393 und der Zentrumskandidat 6892 Stimmen. In der Stichwahl trug Eichhorn mit 17 387 Stimmen über den jetzt wieder kandidierenden Stadtrat Wittum den Sieg davon, der 14 764 Stimmen erhielt. Unser Parteisekretär Trinks wird keinen leichten Stand haben, denn es ist nicht zu zweifeln, daß die Zen- trumswähler der Parole gegen die Sozialdemokratie und für den Nationalliberalen folgen werden, den Nationalliberalen, der sich seines katholischen Glaubens rühmt und im Wahlkamps damit ar- beitet, daß seine Tochter in einem katholischen Institut erzogen ist. Den 13. Kreis(Karlsruhe— Bruchsal) vertritt seit 1898 Gen. Ad. Geck. 1937 bekam er in der Hauptwahl l4 433 Stimmen, der Freisinnige 11 482, der Zentrumskandidat 9569 und der Konser- vative 2684 Stimmen. In der Stichwahl schlug Geck seinen Gegner mit 17 366 Stimmen. Auf den letzteren waren 16 243 Stimmen entfallen. Das Zentrum verzichtet diesmal trotz seiner hohen Stimmenzahl auf einen eigenen Kandidaten, da es der Sozial- demokratie auch dieses Mandat mit allen Mitteln abjagen möchte. Seine Stimmen fallen restlos dem Straßburger Kreisdircktor v. G e m m i n g e n zu, der der konservativen Partei angehört und sich unter den Gründern der neuen elsässischen Reichspartei be- findet. Mit diesem dürfte Genosse Geck in die Stichwahl gelangen, deren Ausgang dann von den Liberalen abhängt. Auf. die Rechts- liberalen ist nicht allzuviel Verlaß, deshalb wird auch hier die Gewähr eines Sieges in einer starken Steigerung der sozialdemo- kratischen Stimmen liegen. In Baden hat die Finanzreform und die sonstigen Taten de? schwarzblauen Blocks den Boden für weitere Erfolge der Sozial- demokratie sehr gut vorbereitet, was sich schon bei den Landtags- wählen von 1933 in einem Stimmenzuwachs von 36 333 und in einem Gewinn von acht Mandaten offenbarte. Selbst bei den Blockwohlen 1937 behauptete die badische Sozialdemokratie ihre drei Mandate und vermehrte ihre Stimmenzahl um 21 333(29 Proz.)— sie kann also mit großer Zuversicht in den Wahlkampf ziehen. »» » Die Demokratische Bereinigung in Frankfurt a. M. faßte den Beschluß, für die ReichStagswahl keinen eigenen Kan- didaten aufzustellen, sondern gleich im ersten Wahlgang für den Sozialdemokraten zu stimmen.— Die„Deutsche Tageszeitung" bemerkt zu der Meldung: DaS ist wenigstens offen und ehrlich! ** * Fortschrittlich-nationalliverale Einigung im Rheinland. Im Rheinland ist, wie der„Berg. Thürmer" mitteilt, eine Einigung zwischen den Nationalliberalen und der Fortschrittlichen Volkspartei zustande gekommen in den Wahlkreisen Lennep-Mett- mann, Düsseldorf, Solingen, Neuß-Grevenbroich, Bonn-Rheinbach und Elberfeld-Barmen. Wahrscheinlich ist die Einigung für Aachen- Stadt und Eupen-Aachen-Land. Von diesen Wahlkreisen haben fortschrittliche Kandidaten Solingen, Lennep und voraussichtlich Aachen-Stadt. Die Nationalliberalen werden von den Fortschritt- lern unterstützt in Düsseldorf, Neuß, Bonn, Elberfeld-Barmen und voraussichtlich Eupen-Aachen-Land. Neue Kandidaturen. Der Hirsch-Duncker-Sekretär Erkelenz ist als gemein- samer liberaler Kandidat für G i e ß e n- N i d d a aufgestellt worden. An Stelle des Herzogs von Arenberg kandidiert in Beckum— ein Bäckermeister F r e r ck e. In Hamm-Soest tritt der Bund der Landwirte für— den nationalliberalen Kauf- mann Schulen bürg ein. Friedberg-Büdingen will der Bäckermeister Schröder als Zentrumskandidat unserem Ge- nossen B u s o l d abnehmen. Das Solinger Mandat soll als gemeinsamer liberaler Kandidat Rechtsanwalt Biesantz dem Burgerium zurückgewinnen. Der erzckonservaUve Polizeigraf Westarp ist als gemeinsamer deutscher Kandidat für M e s e r i tz- Bomst wieder aufgestellt worden. poUtifcbc üebcvficbt Berlin, den 6. Dezember 1911. Eröffnung des elsaff-lothringischen Landtages. Im Fahnensaal des Kaiserpalastes fand heute nachmittag 3 Uhr die feierliche Eröffnung des neuen Landtages, des ersten nach der neuen Verfassung, statt, zu der sämtliche Ab- geordneten der Ersten und Zweiten Kanuner, ausgenommen Wetterls. Blumcnthal und unsere elf Genossen, er- schienen waren. Nach parlamentarischem Brauch wurde die Eröffnung durch eine sogenannte Thronrede eingeleitet, die der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Graf V. Wedel, verlas. Irgendwelche besonders wichtigen politischen Ankündi- gungen enthält die recht trockene Thronrede nicht. Sie gibt nur ganz kurze Mitteilungen über den Etat, zählt einige von der Regierung geplante neue Gesetzesvorlagcn aus und der- heißt weitere Kanalbauten. Die wichtigen Partien der Thronrede lauten: »Nachdem mit dem 1. September d. I. die von der Reichs- gesetzgebung festgestellte neue Verfassung des Landes in Kraft getreten ist, habe ich die Ehre, bei der heutigen Eröffnung des Landtages die zu Mitgliedern seiner beiden Kammern erwählten und berufenen Herren zum ersten Male zu begrüßen und will- kommen zu heißen. Was die allgemeine Finanzlage des Landes angeht, so gestaltete sich der Abschluß des vergangenen Rechnungs- jahres insofern günstiger, wie vorauszusehen war. als von der zur Herstellung des Gleichgewichts im außerordentlichen Etat vorgesehenen Anleihe von rund 3 Millionen Mark nur 310 300 M. begeben werden muhten. Nach den bisherigen Ergebnissen wird ein ähnlich günstiger Abschluß für das laufende Rechnungsjahr kaum erwartet werden dürfen, da ihm neben den beträchtlichen, durch die Einführung der Verfassung erforderlich gewordenen Mehrausgaben der Ausfall zur Last fällt, welcher durch den mit Zustimmung der Landesvertretung den Winzern für das Jahr 1010 bewilligten Grundsteuererlatz verursacht wurde. Der dem Landtag alsbald zugehende Entwurf eines Landeshaushaltsetats für das Rechnungsjahr 1012 ist, der Finanzlage Rechnung tragend, mit tunlichstcr Sparsamkeit aufgestellt und unter Zurückstellung aller nicht unbedingt dringlichen Ausgaben ohne eine wesentliche Steuermehrbelastung ins Gleichgewicht gebracht worden. Auf die in den letzten Jahren notwendig gewordenen Steuerzuschläge konnte dabei nicht verzichtet werden. Dem Landtag werden un- verzüglich die Entwürfe eines Einkommensteuergesetzes, eines Gesetzes wegen Abänderung von Gesetzen über direkte Steuern zugehen. Die dem Landesausschuß in seiner vorletzten Session vorgelegte Denkschrift über die Reform der direkten Steuern ist einer Durchsicht und Umarbeitung unterzogen worden. Dieselbe wird Ihnen gleichzeitig mit den Gesetzentwürfen vorgelegt werden. Eine weitere, umfangreiche, im allgemeinen Staatsinteresse dring- liche Vorlage, die dem Landtage baldigst zugehen soll, bezweckt eine organische, tunlichst nach einheitlichen Gesichtspunkten durch- geführte Neuregelung des Besoldungsrechts für die Landes- beamten. Gleichzeitig damit wird Ihnen eine die Aufbesserung der Lehrergehältcr betreffende Gesetzvorlage unterbreitet werden. Die durch die Vesoldungsreform entstehenden Mehrausgaben wer- den sich auf etwa 1% Millionen Mark belaufen und sollen für das Jahr 1012 aus den Mehrerträgnissen der ordentlichen Einnahmen gedeckt werden, die bei Annahme der Stcmpelgesetznovelle eine Steigerung um etwa eine Viertelmillion Mark erfahren werden." Ucber die neue» Kanalbauten heißt es in der Thronrede: ..Wie Ihnen bekannt, erstrebt unsere mächtig aufblühende lothringische Industrie die Möglichkeit eines billigen Güteraus- tauscheS durch die Kanalisierung der Mosel und Saar. Da die Verwirklichung jenes großen Unternehmens immerhin noch in der Zukunft liegt, so empfiehlt es sich, schon jetzt auf die Oeffnung eines anderen Wasserweges bedacht zu sein. Der diesbezügliche, schon im vorigen Jahre aufgestellte generelle Entwurf über die Kanalisicrung der Mosel von Metz bis Diedenhofen für Schiffe von 300 Tonnen Tragfähigkeit ist durch Entwürfe für einen Hafen bei Metz ergänzt worden. Wegen des Ausbaues des Rhein-RhonekanalS oberhalb Mül- Nausens bis zur französischen Grenze für Schiffe von 300 Tonnen Tragfähigkeit, der in den letzten Jahren wiederholt angeregt worden ist, wurden zunächst Untersuchungen darüber eingeleitet, ob und in welcher Weise gegebenenfalls die nötigen Wasser- mengen beschafft werden können. Diese Erhebungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Durchführung des Projektes, die nur dann eine Berechtigung hätte, wenn auch französischerseits die Kanalstrecke von der Grenze bis Besaneon den gleichen Ausbau erführe, bleibt von eventuellen bezüglichen Vereinbarungen ab- hängig." Nach den üblichen Hochs begaben sich die Abgeordneten nach dem Landtagsgebäude, wo die erste Sitzung stattfand. «traßburg, V. Dezember. Zum ersten Vorsitzenden der Zweiten Kammer wurde Dr. Nicklin(Zentrum), z u m e r st e n Vizepräsidenten Böhle(Soz.) und zum zweiten Vizepiäsidenten der Liberale Georg Wolf gewählt. Außer- dem wurde eine aus zwanzig Mitgliedern bestehende Kam- Mission gewählt für die Ausstellung der Geschäftsordnung der Z-veiten Kammer. Dr. Nicklin erklärte bei Uebernahme der Präsidentschaft, er werde darauf achten, daß ein der Würde des Hauses entsprechender Ton gewahrt würde: denn nicht nur ganz Teutschland, sondern die ganze Welt sehe auf dieses Parlament, das aus einer allgemeinen, geheimen und direkten Wahl hervorgegangen sei._ Das Märchen von der schwarzen Gefahr. In der letzten Sitzung des Reichstags hielt es Herr Basscrmann noch einmal für angebracht, die korce noira, die schwarze Armee Frankreichs, als Schreck- gcspenst an die Wand zu malen. Dieselbe Frage beschäftigte fast zu gleicher Zeit auch die französische De- p u t i e r t e n k a m m e r. Wolffs Telegraphenbureau bringt darüber folgende Meldung: Paris, 5. Dezember. In der heutigen Sitzung der Depu- tiertenkammer wies der Deputierte V a i l l a n t bei der Beratung des Budgets für die Kolonialtruppen auf die auhergewölmliche Sterblichkeit der schwarzen Truppen hin, die in Südalgicr verwendet werden. Der Versuch, der mit diesen Truppen gemacht worden sei, sei mißglückt. Auf der anderen Seite habe die im Auslande allgemein verbreitete Ansicht im Deutschen Reichstage ein Echo gefunden, daß die Vcr- Wendung schwarzer Truppen ein Rückfall in die Barbarei sei.(Lebhafter Widerspruch.) Berichterstatter Ra i b e r t i führte auS: diese vorzüglichen Truppen brächten überall, wo sie Ijin», kämen, Sicherheit und Zivilisation hin. JaureS hezeichnele den Wunsch, die Senegalesen in Algier zu akklimati- sieren, als eine verhängnisvolle Illusion. Kolonialminister Messimy erklärte, die Verwendung von Senegalesen auf den trockenen Hochebenen von Südoran sei auch unter den günstigsten Umständen nicht geglückt. Die Versuche müßten an der Küste des Mittelmeeres sortgesetzt wer- den, aber wenn sie mißlingen sollten, könnten diese Truppen in We st Marokko verwandt werden, wo sie sich sehr wohl be- funden hätten.(Beifall.) Darauf würde das Budget für die Kolonialtruppen bewilligt. Damit wird das, was wir in unseren Artikeln„Der Turko als Wahlhelfer" über die Senegaltiralleure gesagt haben, in vollem Umfange bestätigt: eine Verwen- dung der Negersoldaten in Europa und sogar in Nordafrika ist völlig ausgeschlossen. Die Ausführungen des Kolonial- Ministers Messimy sollen nur den Neinfall der französischen Kolonialmilitaristen, die sich von der Verpflanzung der Senegaltruppen nach Nordafrika soviel versprochen hatten, bemänteln. Die Tatsache, daß erst Ende November über tausend kranke Senegalneger aus Casablanca, also aus West- Marokko, nach ihrer Heimat gebracht werden mußten, beweist, daß auch in nordasrikanisckfen Kllstengegenden nicht viel mit diesen Truppen anzufangen ist. Ganz albern und verlogen ist das Geschwätz des Deputierten Raiberti über die von den Scnegaltirailleuren verbreitete„Zivilisation". Aber der- artige Phrasen findet man im Sprachschatz aller auf Kolonial- raub ausgehenden Nationen, sie sind daher nicht ernst zu nehmen. Auf jeden Fall können weder die französischen noch die deutschen Nüstungshetzer mit der„schwarzen Armee" Geschäfte machen._ Ter„kräftige Ruck" Mermuths. In seiner Wahlrede vom Montag hat der Reichsschatzsekretär Mermuth erklärt, daß zur dauernden Aussperrung des Dalles- gespenstcs aus dem Reichshaushalt noch ein kräftiger Ruck nötig sei. Nun versichern die»Tägliche Rundschau" und die„Berliner Volkszeitung" übereinstimmend, daß dem neuen Reichstag die Erbschaftssteuer, sogar in der gleichen Fassung, wie sie 1000 abgelehnt wurde, vorgelegt werden soll. Selbstverständlich wird diese Nachricht von der„einwandfreien Seite" deshalb jetzt hinaus- gesandt, um etwas Balsam auf die Wunden zu streichen, die der Steuerraubzug der Schwarz-Blauen dem Volke geschlagen hat. Diese Wunden spürt es— die Erbschaftssteuer kann sie ihm nicht schmerzloser machen. Schon gilt es aber auch für sicher, daß trotz scheinbarem Sträuben des Schatzamtes eine neue Flottenvorlage kommen wird. Und ob die Kosten der neuen Riesenpanzcr aus der geplanten Erbschaftssteuer allein gedeckt werden können, bleibt trotz der so plötzlich vor den Wahlen ausgebrochenen„pamoujchen Opferwilligkeit" der Junker mehr als fraglich. Alles wird davon abhängen, wie das Volk den Reichstag zusammensetzt. Keine Einschleppung der Maul- und Klauenseuche. In der Dienstagssitzung der sächsischen Zweiten Kammer beantwortete der Staatsminister Graf V i tz- t h u m v. E ck st ä d t eine konservative Interpellation betr. Maul- und Klauenseuche. Er stellte fest, daß die Maßnahmen, die bisher zum Schutze gegen die Seuche ergriffen worden seien, sich während eines langen Zeitraumes als ausreichend bewährt hätten. Allerdings sei im Jahre 1911 die Anzahl der verseuchten Gehöstc im Deutschen Reicks auf äst VA), in Sachsen aus 1699 gestiegen. Doch sei es jetzt gelungen, die Weiterverbreitung zum Stillstand zu bringen. Eine Ein- schleppung der Seuche über die böhmische Grenze sei nicht nachgewiesen. Was die Gefahr einer Ein- schleppung über die russische Grenze betreffe, so habe die preußische Regierung bereits alle erforderlichen Maß- nahmen, insbesondere auch gegen den Viehschmuggel, ge- troffen, so daß sich alle weiteren Schritte im Bundesrat in dieser Frage erübrigten. Der Minister betoute schließlich, daß der Polizeiliche Schutz nicht das alleinige Mittel zur Bs- kämpfung der Seuche bilden könne,, sondern daß die S e l b st- Hilfe der Landwirte unbedingt hinzutreten müsse. Also auch der sächsische Minister mußte zugeben, daß es eine unbewiesene Behauptung sei, daß die Einschleppung der Seuche über die Grenze erfolgt sei. Bekanntlich hat auch schon die bayerische Regierung in bezug auf die übrigen Reichsgrenzen eine ähnliche Erklärung abgegeben, so daß der agrarische Schwindel, die Maul- und Klauenseuche sei wiederum aus Rußland oder Böhmen oder sonstwoher ein- geschleppt worden, sich als dreiste Erfindung charakterisiert. Beachtenswert ist auch, daß der sächsische Minister den Land- Wirten den Rat gab. sich nicht lediglich auf den polizeilichen Schutz zu verlassen, sondern auch zur Selbsthilfe zu greifen. Also seine Meinung geht dahin, daß die häufig überaus un- hygienischen Ställe usw. die Schuld für die diesmal so große Verbreitung der Seuche tragen. Nichtsdestoweniger werden natürlich die Grenzen gc- sperrt bleiben, damit die Viehpreise nicht herabgehen werden, und der Fleischwucher eine dauernde Einrichtung der gott- gewollten agrarischen Weltordnung bleibt! Wenn die Zechen wählen laffen. In der Landgemeinde Rcckliiigljmisen hat sich, wie unS aus Bochum berichtet wird, ein Wahlkamps abgespielt, der alles, was man bisher im vlnhrkohlenrevier an Wahlbeeinflussungen bei öffent» ticken Wahlen erlebt hat, in den Schalten stellt. Die Steiger mußten auf Befehl in die einzelnen Reviere gehen und die Berg- lcutc bei der Arbeit aufsticken, um ihnen aufzutragen, welche Kan. didaten gewählt werden sollten. ES wurde gleich gesagt, wer den richtigen Kandidaten wähle, erhalte Fahrgeld zum Wahllokal, das stundenweit entfernt lag. Gleichzeitig würden ihnen 50 Pf. bis zu 1 M. ZebrgeldauSgehändigtwerdcn. JmWohllokal waren die Zechenbemnte» haufenweise um den Wahltisch postiert und notierten den, der richtig gewählt hatte, damit er das schnöde Kaufgcld in Empfang nehmen konnte. Infolge dieser Wahlbceinflussung wurden die Zechenkandidaten glänzend gewählt. Die Zenirumspresse verlangt auf Grund dieser Vorgänge ge- Heime Wahl, läßt es aber ruhig geschehe», daß in den Nachbar» gemeinden mit Hilfe dieses Wahldrucks ihre Kandidaten gewählt werden, die mit den Zechenkandidaten auf einer Liste stehen. In den Reichspapierkorb gefalle« sind bei der Schließung des Reichstages eine Reihe von Vorlagen. wie die Strafprozeßordnung, das Arbeitskammergesetz, die kleine Strafgesetznovelle, der Entwurf über die Errichtung eines Kolonial- und KonsulargerichtShofcs, die neue Fernsprech- gcbührenordnung und das Kurpfuschcrgesetz. Die von den Kom- Missionen vorberatenen Petitionen hat der Reichstag in der Haupt- fache erledigt, dagegen hat er von den weit über 100 Initiativ- antrügen nur eine sehr kleine Anzahl beraten. Die„Deutsche Tageszeitung" hebt mit innerem Behagen hervor, daß die November- sturM gegen das persönliche Regimen! völlig spurloS geblicf■ sind. Nach wie vor gibt es infolge der Feigheit der bürgerlick. Parteien keine verantwortlichen Reichsminister, kein Aontrollre. des Reichstags über die auswärtige Politik, ja nicht einmal da.- schäbige Recht hat er sich geschaffen, an JnterpellationSdebattcn eine Beschlußfassung anzuschließen. Resultat: ungenügend! Nationallibcral-klerikale Schachermachei im rheinisch» westfälischen Jndustrierevier. Aus dem eigenen Lager scheinen den Nationalliberalen Vor- würfe über das Liebäugeln der Partei mit dem Zentrum gemacht zu werden, denn die„Kölnische Zeitung" hält es für notwendig, die Nationalliberalen zu ermahnen, nunmehr mit allen„sorgen, vollen Fragen" über eventuelle Wahlbündnisse aufzuhören und die ganze Kraft aus die Hauptwahlarbeit zu richten. Auf die Be« hauptung des Grafen Hoensbroech, von einem Kenner der Ver« Hältnisse, sei ihm gesagt worden, er werde von den National- liberalen in Moers-Rees nicht aufgestellt, damit die Möglichkeit, im Rheinland im gegebenen Augenblick wieder mit dem Zentrum zusammenzugehen, nicht verbaut werde, antwortet die»Kölnische Zeitung unwirsch, nicht deshalb sei die Kandidatur HocnSbroechs auf Widerstand gestoßen, weil man sich den Weg für das Zu- sammengehen mit dem Zentrum freihalten wolle, sondern um nicht den Anschein zu erwecken, als ob die Nationalliberalen die religiösen Leidenschaften entfesseln wall« ten. Die Nationalliberalen würden mit der Kandidatur HoenS« broechs ihren Grundsätzen, jede religiöse Ueberzeugung hochzuhalten, widersprechen. Das ist eine etwas eigentümliche Ausrede. Zudem bestätigt die»Kölnische Zeitung" selbst hinterher, daß es den Nationalliberalen sehr darum zu tun ist, sich den„Weg nicht zu verbauen". Sie meint, nachdem die Stichwahlen nun einmal e:n unerfreuliches Schachergeschäft geworden seien und selbst Zentrum und Bund der Landwirte sich nicht gescheut hätten, mit der Sozial- demokratie Wahlabkommen zu treffen, ja vor der Hauptwahl Bund- nisse einzugehen(I), dürfe man es den Nationalliberalen nicht verübeln, wenn sie auch an ihren eigenen Vorteil dächten. Die EntWickelung im Industriegebiet steuert mittlerweils immer mehr einem Bündnis zwischen Zentrum und National- liberalen zu. In Bochum beschlossen am Sonntag die National- liberalen, an der Kandidatur des in der Grube schwer verletzten Bergmanns Heckmann festzuhalten. Der Vorsitzende der Partei. Rechtsanwalt Heydemann, und der Generalsekretär Schack ließen keinen Ztveifel darüber, daß sie auf Zentrumshilfe rechnen. Mit der Parole:„Der Feind steht links, der Gegner rechts, wolle man den kommenden Wahlkampf sachlich und in der Weise führen, daß ein etwaiges späteres Zusammengehen mit dem Zentrum nicht von vornherein unmöglich gemacht werde." In Dortmund ist sogar am Sonntag ein Vertreter der christlich-nationalen Arbeiter in der nationalliberalen Ver- sammlung, in welcher Professor Leidig sich als Kandidat vorstellte, aufgetreten und hat den Nationalliberalen die Wahl» Hilfe der christlich-nationalen Arbeiter zu- gesichert. Der Vorgang ist charakteristisch. ES handelt sich bei diesem nationalliberalen Kandidaten um einen der aller» ärgsten Scharfmacher, der zwar nach seinen Worten das Koalitionsrecht der Arbeiter zu schützen gewillt ist, der aber alle Mittel bewilligen will, die geeignet erscheinen, den angeblichen „Terrorismus" gegen die arbeitswilligen Arbeiter zu unterdrücken. Er steht völlig auf dem Boden der Anschauungen der Leute vom Zentralverband der Industriellen. Patriotismus und Steuerzahlung. In der Monatsschrift„Verwaltung und Statistik" hatte letzt» hin der Kommissar einer Provinzialstcuerbehörde angegeben, daß der preußischen Staatskasse infolge von Unterdeklarationen jährlich 50 bis 60 Millionen Mark verloren gehen. Um diesen Betrag etwa wird bei der preußischen Steuer- reform das Steuersoll durch„Einarbeitung" der Zuschläge erhöht werden. Die Masse der Steuerzahler muß für die Steuerbetrüger bluten. Aus welchen wohlhabenden Kreisen sich diese Steuerbetriiger rekrutieren, sagt der Aufsatz des Beamten mit folgenden Worten: „Bei sehr vielen Steuerpflichtigen, insbesondere Gewerbe- treibenden und Landwirten, läßt sich das Einkommen nur durch Schätzung ermitteln. Ein großer Teil dieser Steuer- Pflichtigen gibt in der begründeten Annahme, daß ihm u n. richtige wissentliche Schätzungen gar nicht oder doch sehr selten nachgewiesen werden können. Jahr für Jahr sein Einkommen schätzungsweise absichtlich zu niedrig an." Die kolossale Wertsteigerung der landwirtschaftlichen Pro- duktion kommt in den Steuersätzen fast gar nicht zum Ausdruck. Der Lohn des Arbeiters und Privatangestellten muß der Steuer. bchörde denunziert werden; die Patentpatrioten aber beschummeln den Staat um Dutzende von Mil, l i o n e n. Der Erfolg des Schnapsboykotts. Der soeben veröffentlichte Geschäftsbericht der Spiritus- zentrale teilt mit, daß der Trinkverbrauch an Schnäpsen gegen das Vorjahr zwar um 19 Millionen Liter gewachsen ist, „Ivas aber nicht eine tatsächliche Ausdehnung bekundet, sondern im wesentlichen darauf beruht, daß im Vorjahre noch alte Vorräte aufgebraucht wurde n." Landtagsmahl in Urach. Bei der gestrigen Landtagsersatzwahl im Oberamt Urach (Württemberg) erhielt Fabrikant Henning(Fortschr. Vp.) 3248, Arbeitcrsekretär Fette(Sog.) 2bS3.SttMmeny Henningistalso gewählt. Im ersten Wahlgang erhielt Henning 2250, Fette 2207 und Raser(Bbd.) 1145 Stimmen. Für den zweiten Wahlgang hatte der Baucrnbund bekanntlich Wahlenthaltung beschlossen-, doch haben, wie das Resultat beweist, die Bauernbündler diesen Beschluß nicht eingehalten, sondern für Henning gestimmt. Dle perfifeb« Krire. London, 6. Dezember. Aus Teheran wird der„Morning Post" gemeldet, P e r s i e n habe gestern ein U l t i ni a t u m an Rußland gerichtet, in dem verlangt werde, daß die russischen Truppen nicht über Kaswin hinaus vorrücken ollen, und daß Rußland sich verpflichte, einen etwa geplanten Nachschub von Truppen rückgängig zu machen. Wenn diese Forderungen nicht innerhalb 39 Stunden bewilligt wurden. werde Persien die O f f e n s i v e ergreifen. Die B a ch t i a r e n nnterstützen die Regierung. Auf dem Marsch nach Teheran. Teheran, 6. Dezember. 2500 russische Truppen haben die Garnison von Resch verlassen, um die 155 Meilen weite Strecke bis nach Teheran zurückzulegen. Sollte sich Pcrsien den Be» dingungen des letzten russischen Ultimatums nicht unterwerfen, so soll die persische Hauptstadt besetzt werden. Oeftemtcb. Die Affäre Hohendorf. Wien, k. Dezember. Im Abgcordnetenhause richtete der Ab- geordnete Hetlinger an den Präsidenten die Anfrage, ob er ge- neigt sei, für die Weise, wie der Monarch im Konflikt zwischen dem Grafen Aehrenthal und dem- Freihcrrn v. Hötzendorf ent- schieden habe, der tiefgefühlten Dank der Völker Oester- reichs an den Stufen des Thrones niederzulegen. Der P r ä s i- denk lehnte die Antwort darauf ab, da die Angelegen- heit nicht in die Zuständigkeit des Hauses falle. Im Einlauf befindet sich eine Interpellation der Christlichsozialen, in der der Ministerpräsident ersucht wird, im Einvernehmen mit dem Minister des Aeusieren dem Ab- geordnetenhause ein klares Bild über die auswärtige Lage und die Beziehungen zu den Mächten des Dreibundes zu geben. Des weite- ren liegt eine Interpellation der Sozialdemokraten vor, in der der Ministerpräsident gefragt wird, ob die Regierung auf das nach- drücklichste die Herrschenden darauf aufmerksam machen werde, daß die österreichischen Völker die friedlichsten und freundschaftlichsten Beziehungen zu Italien wünschten, und daß jeder Versuch einer kriegerischen Politik auf den leidenschaftlichsten Widerstand der Völker und der Volksvertreter stoßen würde. frankmck. Ein reaktionärer Beschluß. Paris, 6. Dezember. In der heutigen Sitzung der Deputierten- kammer begründete der Sozialist Thivier einen Antrag auf Aufhebung des Anarchistengesetzes von 1835. Thivier protestierte gegen die Anwendung dieser Gesetze auf die organi- sierten Arbeiter und beantragte für seinen Antrag die Dring- lichkert. Justizminister Cruppi lehnte die Dringlichkeit ab und sagte, der Anarchismus bestehe immer noch er habe aber seine Gestalt geändert und trete nicht mehr im Werfen von Bomben, sondern in� Anschlägen auf die Schienenwege in die Erscheinung. Ministerpräsident C a i l l a u x sprach sich gleichfalls gegen die Dringlichkeit aus, die darauf mit 443 gegen 97 Stimmen abgelehnt wurde. Die Marokkofragen. Paris, 6. Dezember.„Petit Parisien" schreibt zu den morgen beginnenden französisch-spanischen Verhandlungen: Der Botschafter G e o f f r a y wird in Madrid erklären, daß Frank- reich das an Deutschland den mittleren Kongo abgetreten hat, um Marokko von jedem Servitut zu befreien, das Recht auf Ent- schädigung von feiten Spaniens zu haben glaubt. Diese Ent- schädiguug könne nur in einer Verkürzung der Spanien durch das Abkommen von 1994 zuerkannten Einflußzone bestehen. Im Prinzip habe Ministerpräsident C a n a l e j a s dieser Auf- fasiung bereits zugestimmt. Sobald das Abkommen abge- schlössen sein werde, würden die interessierten Mächte verständigt werden, daß Frankreich in einem noch zu bestimmenden Teile Ma- rokkoS an Spanien gewisse Vorrechte abtreten werde, die ihm das Abkommen von 1994 zuerkannt habe. I a u r e s, der zum Schluß der Debatte in der gestrigen Kammcrsitzung ein Zurückziehen des Antrages Damour befürwortet hatte, schreibt in der„Hmnanite" über sein gestriges Eingreifen in die Kammerdebatte über die Gelbbuchfrage: Mehrere Redner haben mir gesagt, ich hätte das Ministerium gerettet. Ich ♦nuß sie wahrhaftig beklagen, wenn sie selbst in den ernsten nationalen und internationalen Krisen in solchem Matze von der ministeriellen Frage beherrscht werden. Die Rechnung mit der ver- antwortlichen Regierung wird nach der Abstimmung über das n dcutsch-französische Abkommen geregelt werden. Diejenigen, die der marokkanischen Politik unserer Regierungen 8 Jahre lang Kredit gewährt haben, können auch noch der unausbleiblichen Gerechtigkeit einen achttägigen Kredit gewähren, welche den Wahnsinn jener Politiker bestrafen wird, die uns zu dem unver- meidlichen französisch-deutschen Abkommen geführt haben. Wenn es wahr ist, daß ich es war, der C a i l l a u x gerettet hat, dann ist er doppelt verloren. Lelgien. Eine Anklagerede Banderveldes. Prüffet, ß. Dezember. In der heutigen Sitzung der Kammer begründete der Sozialist Vandervelde eingehend seine An- klagen gegen die K o l o n i a l v e r w a l t u n g. Er nannte den Kolonialminister das Faktotum der Missionare, von denen er einzelene beschuldigte, Grausamkeiten begangen zu haben. Ein Leutnant habe sechs Eingeborene ohne Verhör er- schössen. Die Missionare erzeugten Alkohol, und das schlimmste sei, daß der Minister in ein schwebendes Gerichtsverfahren ein- gegriffen habe, um Schuldige der Strafe zu entziehen. Der K o lo n i a l m i n i st e r erklärte, er habe die Freiheit des Handels eingeführt und die Kapellen auf den Farmen aufgehoben, um die Zwangserziehung der Kinder zu unterbinden. Er werde dafür sorgen, daß die Justiz von der Verwaltung unabhängig werde und nicht dulden, daß die Beamten vom Standpunkte der Religion ausgesucht würden. Die Liberalen und S o z i a l i st e n beantragten die Ein- setzung einer parlamentarischen Kommission, welche die Durchführung der Reformen in der Behandlung der Eingebo- renen untersuchen solle. Außerdem beantragten sie, dem Kolonial- minister einen Tadel auszusprechen. Geprellte Proletarier. Man schreibt uns aus Brüssel: Die klerikale Partei hat sich mit der Idee der Auslösung abgefunden— aber sie sucht die Galgen- frist zum Juni auszudehnen, um vorzusorgen und vorzubereilen für ein allfälligcs Ende. Angeblich geschieht die HinanSschiebung, weil die Resutlaie der Volkszählung— vom I a'n u a r 1911 nämlich I— noch nicht komplett vorliegen sollen, aus Grund der das Gesetz über die Vermehrung der Abgeordnelenmandate zu machen ist. Diese Hinansschiebung bringt nun 57(n)9 belgische Arbeiter u m ihr Wahlrecht. Vom März angefangen bis in den August bin- ein verlassen nämlich jene belgischen Arbeiter, die auf„Vater- ländischem" Boden ihr Brot nicht finden, Belgien, um über der Grenze, in Frankreich— daher die vlämische Bezeichnung Franschmannen— Arbeit zu nehmen. Diese„Fraiischmanneii* verlieren zwar nicht ihre Nationalität, sie sind und bleiben Belgier, wenn sie auch eine Weile im Nachbarland ihr Brot verdienen. Nur teilnehmen an einer der wichtigsten Wahlen, die Belgien je gehabt, können, dürfen sie nicht. Zwar werden, wie sogar der Minister des Innern verspricht, bis Ende Dezember die Ziffern der Volkszählung vorliegen, aber die klerikale Partei will die Wahlen im Juni und so mögen— abgesehen davon, daß die Mehrheit des Landes die Auf- lösung im Januar will— 57 900 Arbeiter um ihr Stimmrecht ge- prellt werden. Wobei sich'S nur fragt, ob die Liberalen, die nun in der Opposition so aufgeregt freiheitlich sind, im ähnlichen Fall auf das Recht des Arbeiters mehr Rücksicht nehmen würden? Warten wir's ab. Cnglancl. Der Partikularismus in Großbritannien. London, 4. Dezember,(©ig. Bcr.) Eine Veränderung von größter Wichtigkeit, die die Versicherungsborlage während der Komiteekeratungen im Parlament durchgemacht hat, ist die Tel- lung Großbritanniens in vier Provinzen(England, Schottland, Wales und Irland) mit vier Versicherungsämtern, vier Versicherungsfonds und wahrscheinlich auch vier Rechnungs- systemen. Die Regierung hat durch die Nachgiebigkeit gegenüber den Forderungen der nationalistischen Partikularisten aller Landes- teile die Verwaltung des ganzen Versichcrungssystems nicht nur sehr kompliziert gemacht, sondern auch viele Gewerkschaften vor den Kopf gestoßen, besonders die. die dem Allgemeinen Gewerkschafts- verband angehören, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die zer- splitterten Kräfte der britischen Gewerkschaftsbewegung zu zentrali- sicren. Auch viele der größeren Freien Hilfskassen, deren Mitglieder sich auf das ganze Land verteilen, sind mit der Versicherung sehr unzufrieden. Die Gewerkschaften und die Freien Hilfskassen werden die Hauptträger der Versicherung sein, und es wird ihnen woyt nichts anderes übrig bleiben, als sich in vier Teile zu spalten. Die Gefahr, die der Einheitlichkeit der Gewerkschafts- bewegung droht, wird von dem Allgemeinen Gewerkschaftsvet- band klar erkannt. Der leitende Ausschuß dieser zwischen sieben- bis achthunderttausend Mitglieder umfassenden Zentralorganisation hat sich nun mit einem Zirkular an die ihm angehörenden GeWerk- schaften gewandt, in dem diese aufgefordert werden, gegen die Zer- splittcrung des Versicherungswesens Einspruch zu erheben. In dem Zirkular heißt es: „Die Entnationalisierung des Projekts wird die Verwaltungs- schwierigkeiten sehr vermehren: mehr Beamte werden nötig sein, es werden größere Ausgaben erwachsen. Kein Geschäftsmann wird die Vorschläge vom geschäftlichen Standpunkte aus ver- leidigen können. Man sagt uns, daß wir mit all den Kompli- kationen, die sich aus der Entnationalisierung des Projekts e»- geben, fürlieb nehmen müssen, weil das nationale Gefühl vier Versicherungsämter verlange. In der Gewerkschaftsbewegung können wir wenig anfangen mit einer Art nationalen Gefühls, das in der Bildung von Spaltungen zwischen Leuten, dere», wirtschaftliche Interessen identisch sind, zum Ausdruck kommt uno das Anomalien zwischen den verschiedenen Ländern schaffen WIU. Die Arbeiter brauchen eher Solidarität als Nationalität; sie sind gern bereit, dieselben Rechte und Pflichten auf sich zu nehmen, wenn es ihnen die Politiker nur gestatteten." Der Plan der Regierung hat bei vielen Gewerkschaftlern nicht geringe Besorgnis hervorgerufen. Etliche haben den Vorschlag ge- macht, falls es im Unterhause zu spät sein sollte, das Haus der Lords zu petitionieren, den ursprünglichen Text der Vorlage wiederherzustellen. Eine Rede Greys. London, 5. Dezember. Staatssekretär Grey streifte in einer Rede, die er in einer Versammlung in Plymouth hielt, auch die auswärtigen Angelegenheiten. Er er- klärte, die Ansichten der Regierung über Persien, das sich in einer schweren Kisis befinde, würden dem Unterhause in der nächsten Woche dargelegt werden. Mit bezug auf Marokko äußerte der Minister, wenn Frankreich und Teutschland) wie die englisiche Regierung glaube, ihre Streit- fragen hinsichtlich Marokkos geschlichtet hätten, so müßte ein solches Resultat eine wohltätige Wirkung auch auf die englisch-dcutschen Beziehungen haben. Dus politische Barometer müßte steigen, wenn erst die marokkanische Depression vorbeigezogen wäre. Keine Geheimverträge. London, 6. Dezember. Unterhaus. Der Abgeordnete Gordon Harvey(liberal) fragte den Premierminister, ob die Erklärung, daß keingeheimesAbko m M e n irgend welcher Art, außer den bereits mitgeteilten, bestehe, auch auf die Verträge Anwendung finde, die zwischen Großbritannien und anderen Mächten als Frankreich abgeschlossen worden seien. A s q u i t h erwiderte, wie bereits erklärt worden sei, beständen mit Frankreich keine geheimen Vereinbarungen, außer den bereits bekannt- gegebenen, und ebenso beständen keine gebcimen Vereinbarungen mit irgend einer frcniden Regierung, die Großbritannien irgend eine Verpflichtung auferlegten, mit dem Heere oder mit der Flotte irgend einer anderen Macht Beistand zu leisten. Es gebe k e i ne Geheimverträge neueren Datums. Mexiko. Ein politischer Mord New Bork, 6. Dezember. Eine Depesche aus Mexiko meldet, daß G o m e z, der Führers des A u s st a n d e s in dem Bezirk Juchitan, der mit einem vorn Präsidenten ausgestellten Paß aus der Hauptstadt abgereist war, während der Reise mit 8 Begleitern aus dem Zug gezogen und gelyncht worden sei. Huq der Partei. Die oldenburgischen Kommunolwahlen haben in den letzten Tagen in einer Anzahl von Orten stattgesimden. In der Stadt Delmenhorst fiele» sechs Mandate den Sozialdemokraien und icchs den Bürgerlichen zu. von den ackt Mandaten der Delineutiorster Sladtgebielsverlretung errangen unsere Genosse» fünf.— In O st e r n b n r g hei Oldenburg mußten unsere Genosse» dem Ansturm der vereinigte» Gegner weichen, unsere Sliinnienzahl hat aber erheblich zugenommen. Ebenso erging eS unseren Genossen in N o r d e n b a in und in dem benachbarten Eins warben- Blexen. Die Kandidaten der oi ganisierten Ar- beiierichaft wurden gewählt in der Landgemcinde HaSbergen, in Sande und in Schortens iowie in de» Weierorten War- f l e I h und D a r d e w i i ch. In O l d e u b u r g< S l a d r g e b i e t), Jever und Rodenkirchen siegten die gemeinsamen Listen der Sozialdemokraien und Freikuinigen. An allen Wablorten bat die Sozialdemokratie einen starken Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Bon der Arbciterbildung in Belgien. Man meldet uns aus Brüssel: Das Arbeiterbilduiigsivescn in Belgien»lacht dank deS planvollen lind organisierten Arbeiten der letzien Zeit sichilich Foriichritle, die sich nievl zuletzt in de,» durch die„Educaiion centrale"(den belgische» Bildungsausschuß, über dessen Oiganiialion wir seinerzeit berichtete») geleiteien Vor» lragSweie» ausspricht. Bemerken'weil ist>» dieser Wintersaison das Arrangeineiit eines Vortragszyklus über die Thenicu:„S o z i a l i S- m il S" und„G e w e r k f ch a f t S b e iv e g u li g", der vom Brüsseler ArbeilerbildmigSverein„Emanzipation' im Einvernehmen mit dem Brüsseler BildungsauSscknlß veranstaltet wird. Der Zyklus begiuut am 6. Dezember mit einem Vortrag deS Generalielretärs der Pariser„Contsderation gönsrale du travail". Jouhaux, der über die srauzösiichen Gewnkichasle» sprechen wird. Ihm folgt 14 Tage darauf ein Vortrag von I v h a n» Sassen- dach, dein Mitglied der Generalkommission der Geiverkschaflen Denischlands. Sasienbach wird über die deutsche G e w e r k- schaftS bewegung in französischer Sprache referieren. Heber die Tendenzen im f r a n z ö> i s ch c n Sozialismus wird der französische Deputierte Genosse Albert Thomas iprechen, Lagardelle vom«Mouvemeiit Sociale" über den- selben Gegenstand. Den dritten Vortrag über französischen Sozialismus wird Jules G u e s d e halten. Den Schluß des Zyklus bildet ein Bortrag über die Teudeiizc» im belglichen Sozialismus mit Referenten über die beiden Richtlingen.— Nack jedem der Vorträge können die Hörer Fragen an den Vortragenden stellen. Eine.Diskussion" im landläufigen Sinne findet jedoch auS praktischen Gründen nicht statk. Für die Vorträge werden je 10 Centimes pro Mann Entree erhoöen. für welche Summe der Hörer überdies eine Broschüre erhält. Der Zyklus findet im Fcstsaale deS Maison du Peuple statt. Eine Einrichtung, die Erwähnung verdient, ist daS seinerzeit vom Deutschen Arbeiterverein in Brüssel gegr ü n- d e t e, nunmehr der b e l g i s ch e n P a r t e i angeschlossene Lese» zimmer im„Maison du Peuple". Die Verschmelzung wurde nach vorangene» Perhandlungen des Deutschen Arbeitervereins mit der belgische» Partei(der Education Centrale, der Verwaltung des Volkshauses und der Brüsseler Föderationen der Arbeiterpartei) am Beginn der Wintersaiso» vollzogen. Die Verwaltung deS Volks- Hauses stellte die für die Ausgestaltung nötigen Möbel usw. zur Verfügung und für die laufenden Kosten kommt die Brüsseler Föderation in Geuieiuschaft mit dem Deulschen Arbeiterverein aus. Das Lesezimmer ist also jetzt den deutschen wie den belgischen Arbeitern unentgeltich zugänglich. Eine Fülle von sozialistischen Tageszeitungen deS In- und Auslandes, von Gewerkichaflsblättern, parteiwisieiischattlichen und Kunstzeitschrlften stehen den Besuchern in dem hellen, freundlichen Räume des Lew- zimmerS zur Verfügung. In kurzem werden auch Lexika, Nachschlage- bücher usw. für die Besucher aufliegen. Partciliteratur. Vom Sozialdemokratischen Bureau für Rhcinland-Wcstfalcn in Düsseldorf wird herausgegeben: „Für Wahrheit, Recht und Freiheist'. Das Zentrum im Urteil seiner Partei» und Glaubensgenossen von Dr. Er d mann. Die Parteiorganisationen richten ibre Bestellungen direkt an die Druckerei Graf u. Co.(„Volks- blatt"), Bockum, Hermannshöhe 7, und zahlen für die Broschüre 15 Pf. pro Exemplar. Die Auslieferung für den Buchhandel erfolgt ebenfalls durch die Bochumer Druckerei. Der Barpreis für Buch» Händler ist auf 20 Pf., der Ladenpreis auf 30 Pf. pro Stück fest- gesetzt. An weiteren Arbeiten erscheinen bis Anfang nächster Woche: Julian Borchardt:„Aus Geschichte. Wesen und Tätig- keit der nationalliberalen Partei." H. Limbertz: „Die Scharfmacher des Industriegebietes— Todfeinde der aufstrebenden Arbeiterschaft." Franz Pokoruy:„Die schwarzen Zentrumsgewerkschaften." Ein Beitrag zum NeutralitätSschwindel der christlichen Gewerk- schaften._ poltzeUichea, Genchtltchce ulw. Ein BreSlaucr Uteil. Der frühere verantwortliche Redakteur der„BreSlauer V o l k S w a ch t", Genosse R a b o l d, wurde von der Breslauer Strafkammer zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt, weil einem Polizeikomnnsjar in B e u t b e n in einer Notiz der„VolkSwacht" nachgesagt war, daß er ohne Not bei einem Menschenauflauf init der Änivendung der Schußwaffe gedroht hatte. In der Urteils- begrüiidung wird ausgeführt, die Notiz habe lediglich bezweckt, den Beamten herunterzureißen; sie einholte wisienlliche Unwahrheiten und sei geeignet, die Bevölkerung aufzureizen und aufzuhetzen. Rur den, Umstände, daß Rabold bei Velöffentlichung deS Artikels noch unbestraft gewesen sei, habe er eS zu danken, daß er nicht ins Ge- fäiiginS wandern müsse. Gewerkschaftliches siehe 2. Beilage. Hetzte Ptaehricbten. In der Kaserne erschossen. Der Sergeant N e u m a n n von der l. Kompagnie des Garde-Füsilier-Regiments hat sich am Mittivochadend in der Kaserne in der C h a u s s e e st ra ß e erschossen. Das Motiv ist noch unbekannt._ (Srosjfeuer in Charlottenburg. Ein gewaltiger Dachstuhlbrand, der weithin sichtbar war, wütete gestern in den späten Abendstunden am Kaiserdamm in Charlottenburg. Es brannte der Dachsluhl des neuerbauten Hauses K a i s e r da m m ll)2 in ganzer Ausdehnung. Die Charlottenburger Feuerwehr eilte mit allen zur Perfiiaung stehenden Löichzngen zu Hilfe und brachte gegen Mitternacht das Feuer zum Stillstand. Der Tachstuhl ist vollständig niedergebrannt. Die französisch-spanischen Marokkoverhandlungcn. Paris, 6. Dezember. Der„Temps" meldet zu den französisch- spanischen Marokkoverhandlungen, Frankreich werde der spanischen Regierung auch eine SchicdSnerichlsklaiifel vorschlagen, die ermög» lichen solle, die sich etwa aus der Ausübung des doppelten fran- zösischen und spanischen Protektorats erwachsenden Schwierigkeiten freundschaftlich zu regeln. Der Diebstahl der Gioconda vor der Kammer. Paris, 8. Dezember.(W. T. B.) Bei der Beratung deS Budgets der schönen Künste in der heutigen Sitzung der Kammer erhoben mehrere Redner aus Anlaß des Diebstahls der Gioconda lebhafte Angriffe gegen die Verwaltung des NnterstaatS- fckretärS Dujardin-Beaumetz, besten Verteidigungsrede von der Kammer recht unfreundlich aufgenommen wurde. Heute wurde im Salon Carre an dem Platze, den die ge- stohlene Gioconda eingenommen hatte, das Bild Raphaels „Baltasar Castiglione" angebracht. Die städtische Selbstverwaltung in Polen. Petersburg, 6. Dezember.(W. T. B.) Die ReichSduma begann heute die Spezialdebattc über die Vorlage der städtischen Selbstverwaltung in Pslen, die drei Nationalkurien vorsieht, nämlich eine russische, eine jüdische und eine für die übrige Bevölkerung. Die polnische Sprache wird für Debatten zugelassen, im dienstlichen Verkehr aber wird die russische Sprache angeordnet. Der Vertreter des Polenklubs erklärte, die Polen wollten sich aller Amendements enthalten, um die Durchführung der Vorlage nicht zu hemmen. Zu der Auffordc- rung jüdischer Deputierter, den Jude» Gleichberechtigung bei den städtischen Wahlen zuzuerkennen, erklärte der Vertreter des Polen- klubs, dies sei gegenwärtig unmöglich, denn es würde zu einer Ueberschwcmmung der polnischen Städte durch die Juden führen. Großfenci. Saarbrülten, 6. Dezember.(B. H.) Ein Großfeuer äscherte das Metallwerk Schnappach ein. Der Schaden Wird auf mehrere hunderttausend Mark geschätzt. Giftmord? Prag, 8. Dezember.(W. T. B.) In W e l e s ch n i tz. einem Orte Mittelböhmens, sind ein greises Ehepaar Verschilck sowie deren Tochter und Schwiegersohn durch arscnik- haltigeS Fleisch vergiftet worden. Die Eltern sind bereits ge- storben; das junge Ehepaar ist schwer erkrankt. Es wird Giftmord vermutet. Die Täter sind unbekannt. Pxranw. Redatt.: Richard Barth, Berlin. Jnftratenteil verantw.: Zhi Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.n VerlagSaustalt Paul Singer z.- Co., Berlin SW. Hierzu 3 Brilagcn u.UntcrhaltungSbl. ir. 286. 28. ZshrZKz. r\f lerlterr Poflsllött. Der Krieg. In fehr ausführlichen und siegesfroh gehaltenen Depeschen meldet heute die italienische Heeresleitung, daß die Division Pecori Geraldi sich in A i n z a r a festgesetzt und von hier aus Rekognoszierungen in südlicher Richtung vorgenommen habe. Dabei sei sie mit zurückgehenden feindlichen Truppen ins Gefecht gekommen; die Kavallerie habe auch die Bedeckung einiger mit Kriegsmaterial bcladener Karawanen angegriffen. Die den Rückzug der Türken deckende Abteilung sei bei den ersten Kanonenschüssen geflohen. Die Italiener geben offiziell ihre Verluste vom 4. Dezember in folgender Höhe an: 1 Offizier und 16 Soldaten tot, 34 verwundet. Um den Einmarsch ins Innere durchführen zu können, haben die Italiener in Aegypten bis jetzt 4606 Kamele angekauft. Da diese Zahl nicht genügt, sollen noch 5666 dieser unentbehrlichen Tiere erworben werden. Bekanntlich muß auf dem Vormarsch in das Innere nicht allein Munition, Proviant, Sanitätsmaterial usiv., sondern auch Wasser und Holz aus dem Rücken der Kamele transportiert werden. Die Italiener haben in Tripolis auch große Mengen Eisenbahnmaterial gelandet, um sofort mit dem Bau von Eisenbahnen beginnen zu können, sobald das Expeditionskorps genügend Terrain ge- Wonnen hat. Allzu schnell wird das freilich nicht gehen, und kostspielig Wird diese Art des Vorgehens auch werden. Die nächste Folge des Vordringens nach Äinzara ist, daß in Italien 9 666 Re- servisten der Jahresklasse 18 6 7 einberufen werden, und zwar 6666 Mann Artillerie und 3666 Mann der Genietruppen. Von den schon jetzt bereit gehaltenen Truppen sind in diesen Tagen 16 666 Mann nach Tripolis abgegangen. Blutjustiz. Tripolis,(5. Dezember. Das Kriegsgericht hat vierzehn Eingeborene, die schuldig befunden waren, verräterisch italienische Soldaten cm 23. Oktober getötet zu haben, zum Tode verurteilt. Die Untersuchung der Angelegenheit hat ergeben, daß die Schuldigen von den Türken bewaffnet worden waren. Die Türken hatten die Eingeborenen der Oase von Tripolis zum Milizdienst herangezogen und natürlich auch bewaffnet. Es ist ein unerhörtes Vorgehen der italienischen Henker, diese Eingeborenen als Nebellen zu behandeln und sie niederknallen zu lasten. Die Dardanellenfrage. Konstantinopel, 6. Dezember. Die russische Botschaft legt inten« fiven Wert aus Beschleunigung ihrer Aktion zur Oeffnung der Meerenge für die russische K r i e g s fl o t t e. Der russische Botschafter drängte bei der Pforte bereits heute auf eine Antwort Die Pforte erwiderte ausweichend. Sie hat ihre Botschafter bei den Signaiornrächten des Berliner Vertrages beauftragt, die Auffastuugen dieser Mächte einzuholen. Sie gehl von dem Standpunkte miS, daß sie einseitig zu einer solchen grundlegenden Acndcrung des Pariser bezw. Berliner Vcrlrages nicht berechtigt sei. Eine der- artige Aenderung dürfte nur mit Zustimmung aller Signatarmächte unternommen werden. Noch vor wenigen Jahren find ähnliche Borstötze RutzlandS an der unbeug« samen Haltung Englands gescheitert. Eine einseitige Verschiebung deS MeerengeiiveriragcS sausfchlietzlich zugunsten Nutzlands) käme einem Protektorat Nutzlands über die Türlei gleich. Ob dieie Anschauungen in London noch maßgebend sind, daS wird in erster Linie für den Ausgang der russischen Aktion von Be- deutung sein. In Pfortekreisen ist man äußerst skeptisch und be- fürchtet, daß wesentliche Modifikationen in der tradiüonellen Stellungnahme Englands Platz gegriffen haben urzd daß möglicherweise die Meerengen frage einen Annex zu dem englisch-rus fischen Abkommen über Persien bildet. Die Lage spitzt sich lnfolgedessen merklich zu. Sie kann nicht anders als �von schweren Rückioirkungen auf die innere türkische Politik begleitet sein. Man ist allgemein besorgt, das Kabinett Said werde außerstande sein, den sich austihmenden Schwierigkeiten wirisam zu begegnen. kleines feuiUeron „Dvllnieiischcn". Brave Bürger mit wohltemperierter seelischer Verdauung. Nur wirken leise soziale Gesühlchen zuweilen ein wenig störend. Hallo: eine famole Nadikalkur l Umschaffen läßt man stch I Einfach umschaffenl Schließlich war man lange genug deladcnt! Warum soll man nicht auch einmal Renaiffancenatur werden? Nenaistaucenaluren haben es zu gut. An die können noch so leise soziale Gesühlchen nicht mehr heran. Tja, für Geld muß doch so was zu haben fein? Wozu wäre sonst die Literatur da, die dem Herrgott ins Handwerl zu pfuschen gelernt hat? Ahl Da melden sich auch schon ein paar Spezialisten I Neoklassizislcn heißen Sie? Also loS! Aber Borsicht auf gewisse -Bestandteile der bourgeoise» Psyche, bitte I Vor allem das Monokel! Das muß unbedingt verschont bleiben l In Strömen fließt der Schweiß der Künstlinge. Nach dem be- wähnen Rezept, das der Maler Jakobus dein Roinandichrer Heinrich Mann»nverlranl hat. werden die moderne» Aernilichkeitcn und Perversitäten mit so überlegener Geschicklichkeit verkleidet und ge- schminkt, daß sie wirklich an dem vollen Menscheniume des goldenen Zeitalters teilziibaben scheinen. Tau'ende Cesare Borgins flanieren fortan auf der Tauentzten- strahe. Mit kalter Verachtung strafen sie die begehrlichen Blicke deS frierenden Bettlers an der Straßenecke. Mächtig dämonisch kommen sie sich vor. Mitgefühl? Menschenliebe? Gegen derlei»AlaviLmeu" sind sie gepanzert durch— Maskerade. Bon einer New Aorker Bolköbililiothek gibt Margarete Monrad, eine BUdHauerin aus dänischer Familie, eine anichauliche Schilderung, der wir folgendes entnehmen:»Das Kulrurheim liegt in einem der schlimmsten Armenquarticre New Dork-Z, wo die Menschen enger zu- sammengedrängt sitzen als irgendwo anders. Es ist die Osticite, sie gleicht einer offenen Wunde an der großen Stadt. Straßen, ein- geklemmt zwischen finsteren Kasernen, und über ihnen die lärmende Lnikbahn, die den letzten Nest Himmels verbirgt. Hier herrscht ein Menschengewimmcl, daß man zeitweise sich kaum durchquelschen kann. Hier werden Millionen von Menschen geboren, leben und sterben, mit menschlichen Geiühlen und Möglichkeiten, und Menschen, die man mit der Zeit liebgewinnen kann. In diesem Hsim, das an ein Judenquartier stößt und von dem aus man auch bald das Jtalienerviertel erreicht, liegt eine Volksbibliothek, an der ich eine Anstellung erlangt hatte. In der kleinen Bibliolhek hatten wir etwa 3003 Bände bei einer täglichen Ausleihzisfer von etwa 13(10, so daß genügend zu tun ist. Um 2 Uhr wird unten die Tür geöffnet und die Kleinen, die noch nicht in die Schule gehen, kommen, zwitschernd Wie junge Vögel, die Treppe heraufgestürzt, um sich Bilder- Deutschland und die Dardanellenfrage. Mannheim, 6. Dezember. Auf Grund einer Mitteilung aus maßgebenden rumänischen Kreisen, die der Mannheimer Börse durch eines ihrer Mitglieder zugegangen ist, richtete der der Vorstand der Mannheimer Produktenbörse an den Reichskanzler die Bitte, für den Fall, daß Italien tat- sächlich die Absicht habe, die Dardanellen zu blockieren, im Interesse des Getreidcverkehrs zwischen Rußland, Rumänien und Deutichland Schritte zur Verhinderung eines solchen Vorhabens zu tun. Die Einführung russischen und rumänischen Getreides sei zur Versorgung unserer Mühlen so not- wendig, daß eine Unterbrechung dieser Beziige eine schwere Schädigung bedeuten würbe. Der mazedonische Bandeukrieg. Konstantmopel, 6. Dezember. Außer 20 Bulgaren, die den Tod fanden, sind bei den vorgestrigen Ruhestörungen in Uesküb 167 Per- sonen mehr oder weniger schwer verwundet worden. Mone Mite, einer der Führer der bulgarischen revolutionären Propaganda, der in dem wohlbcgründelen Verdacht der Urheberschaft des Moschee- attentats steht, wurde in Kröprülue verhaftet. Die bulgarischen BandenchesS hielten vor einigen Wochen Zusammenkünste in Küstendil ab und beschlossen für das Frühjahr eine Neuauflage deS Banden- kricgeS. Die hiesige Preffe beschuldigt Italien der Mitwirkung bei dem Verbrechen und will wissen, daß Italien durch einen Emissär die BandenchesS beeinflußt habe. Die Pforte befürchtet keine Ausdehnung der Unruhen, dürfte aber bald über Uesküb und Umgebung den Belagerungszustand verhängen. Oesterreich und Italien. Wien, 5. Dezember. In der heutigen Sitzung des Budget- ausschuss es des Abgeordnetenhauses verwies der Slowene K o r o s e c im Laufe der Debatte auf die Befürchtungen bci den Südvölkern, daß die österreichische Südwest grenze nicht genügend geschützt sei. Das Bündnis mit Italien sei nutzlos, und die Lage Oesterreichs werde sich noch der- ichlcchtern, wenn Italien nach Beendigung des Tripoliskrieges feine Ansprüche auf Albanien geltend machen werde. Der Sozialist Seitz wendete sich gegen die gestern vom Abg. Schraffl beantragte Resolution betreffend Verteidigung der Grenzen. Italien sei für Oesterreich niemals ungefährlicher gewesen als jetzt. Eine Zusammenziehung von Truppen an der Südgrenze wäre daher gegenwärtig sinnlos oder der Anfang einer aggressiven Politik. Der Ausschuß beschloß, die ASsiimmung über die Resolutionen, die nicht zum Gegenstand der Verhandlung gehören, darunter über die Nosolution Schraffl, zu vertagen. Die Posse i» der Tragödie. Rom, 6. Dezember. Der Dichter Gabriele d'Nnnunzio hat den Antrag gestellt, das Expeditionskorps nach Tripolis be- gleiten zu dürfen. Die Antwort des Ministers steht noch aus. Der größenwahnsinnige sadistische Versefabrikant hat auf dem Kriegsschauplatze noch gefehlt. Der„Sozialist" De Feiice, der noch immer in Tripolis als Kriegsberichterstatter des„Messagero" weilt, hat von dem Kor- respondenien des.Giornale d'Jiolia*, Pasetti, nach einem heftigen Wortwechsel eine Herausforderung zum Duell erhalten. Natürlich hat der Wirrkopf und Drausgänger De Feliee die Forderung angenommen. Die Sozialisten im Stadtrat von Rom und Mailand gegen den Krieg. Rom, den 2. Dezember.(Eig. Ber.) Am Abend d-S 29. No- vember hat der Stadtverordnete, Genosse Deila S-eta, in der römischen Stadtvcrordneteiwersammlung im Namen seiner Fraktion Einspruch gegen den Krieg erhoben. Schon eine Stunde vor Beginn der Sitzung war der ganze Saal mit G e h e i m p o l i z i st e n gefüllt, und an der Treppe vom Campidoglio stand die Polizei. Draußen auf dem Platz des Campidoglio wurden einige fünfzig unserer Parteigenossen verhaftet, weil sie„Nieder der Krieg" gerufen hatten. Vor Zuhörern, wie sie feindseliger und erbitterter kaum denken sind, begann dann Deila Seta seine Rede. Er wisse, bücher anzusehen. Doch bevor sie herein dürfen, müssen sie zeigen, daß sie reine Hände haben. Sie sind so rührend mit ihren großen bittenden Augen und es ist so leicht, sie in Ordnung zn hallen: die Drohung, nach Hause geschickt zu werden, wirkt augenblicklich. Um drei Uhr werden sie fortgeschickt, denn dann kommen die Schulkinder an. alle auf einmal, um auf dem Heimwege Bücher zu tauschen. Anfangs wurde ich ganz konfus: einige wollten, daß ich ihnen ein Buch aussuchen sollte, obwohl sie gewöhnlich an den offenen Gestellen herumstöbern, bis sie eins finden, das ihnen gefällt. Andern soll man bei der Benutzung von Handbüchern behilflich sein oder beim Aussuchen eines ge'schichllichen oder nalurwisienfchaftlichen Werkes, das sie für ihren Schnlaussatz benutzen wollen. Bei den Mädchen herrscht auch eine starke Nachfrage nach Kochbüchern, seil- dem in mehreren Schulen Kochklassen eingerichtet worden sind, und nach Gartenbücherir, seitdem mau angefangen bat, auf einem un- bebauten Terrain hier im Viertel Schulgärten anzulegen. Alle möglichen Fragen bekomme ich. Gestern kam ein russischer Jiidenjungs und wollte wissen, wie nian gegen den Wind segelte. Ich suchte in einem Handlexikon nach der Erklärung, aber eS kam darauf hinaus, daß der Junge mich belehrte und nicht ich ihn. Er zeichnet unablässig Boote und Schiffe; wir haben nämlich auch ein Zeichenzimmer auf der Bibliothek. Ich habe einen Stoß Papier und eine größere Anzahl Bleistifte billig bekommen, die stets zum Gebrauch bereit siegen und von denen natürlich nicht zu toenig ver- schwinden. Von fünf bis sechs dürfen die kleineren Kinder wieder herein- kommen, und dann werden, zwei-, dreimal in der Woche Geschichten er-ähll. Als der Versuch das erste Mal gemacht wurde, strömte die ganze Straße herein; später mußten Billette ausgegeben werden, nm den Strom zu teilen. Am Abend lvird die Bibliothek meist von Fabrilmädchen besucht, die ausschließlich Romane lesen. Unter den Besuchern sind viele Italiener, aber die Kinder wollen selten ihre Muttersprache sprechen, obwohl viele von ihnen erst ein Jahr hier sind.. Die fernsten Welten. Die Ausmaße der sichtbaren Teile des Weltalls sind so ungeheuer, daß schon dieser Grund allein für die schrankenlose Bewunderung hinreicht, die ein Immanuel Kant in der Betrachtung des Sternenhimmels immer aufs neue empfand, wie eS sein berühmter Aussprvd erklärt, der auch für die an seinem hundertjährigen Todestage in seiner Vaterstadt Königsberg enthüllte Tenkrafel gewählt wurde. Als die äußersten durch die mensch- lichen Sinne erreichbaren Grenzen des Weltraums werden die Gestirne der Milchstraße bezeichnet, die nach der Auffassung der Astronomen einen großen Ring um den ganzen übrigen Raum schließt. Aber auch mit dieser Deutung hat sich der Flug des Menschengeistes noch nicht genug getan, sondern es ist die Frage aufgeworfen worden, ob nicht noch Gebilde am Himmel daß seine Fraktion hier allein gegen das tripolitanische Unter- nehmen Stellung nehmen würde. Niemand würde wohl von den Sozialisten jerwartet haben, daß sie in solcher Stunde ihren Protest verschwiegen. Man glaube nicht, daß die Sozialisien ohne Schmerz der Soldaten gedenken, die ihr junges Leben auf dem Schlachtfelde lassen. Man glaube nicht, daß sie den Familien der Gefallenen den Beistand weigern wollen. Die Ablehnung der Sozialisten gilt dem Krieg als solchen, in dem sie ein Un- heil für das Land und einen Hemmschuh der Kultur sehen. Für uns bedeutet der Krieg Unsummen von Energie, die der Hebung des Volkes und der Urbarniachung unserer eigenen Einöden ent- zogen sind.(Ussruhe.) Wenn man hier von einer historischen Fatalität sprechen will, so ist es eine solche, die ans der Politik der Bourgeoisie und nicht aus der des Proletariats folgt(vor- einzelter Beifall im Zuschauerraum, Tumult). Wir erheben hier unseren Protest gegen den Krieg, weil er die Kuliuvarbeit im Lande schwächt und in der Fremde, wie in den Gemütern unserer Soldaten nur Barbarei säet. Wir Sozialisten würden zurück- schrecken vor einem Bündnis mit dem Vatikan, der wohl Tripolis italienisch sehen will, aber nicht Rom als Hauptstadt Italiens anerkennt(Beifall, furchtbaro minutenlange Ünruhch. Uns gilt es gleich, ob Ihr hier brüllt. Wir geben unseren Gedanken Ausdruck und fühlen uns dabei als Fürsprecher der Kultur und auch als Sachwalter derer, die im eigenen Vaterlande, in der Einöde des Agro Romano, wie in den elenden Dörfern Süditaliens, jämmerlicher und verlassener als die Wilden dahinleben«küssen. Uns kümmert es wenig, wenn wir hier im Saale eine kleine Minderheit sind: trotzdem erheben wir gegen Euch, die Ihr die Fahne des Kriege» schwenkt, im Namen unseres Ideals unsere Fahne des Frieders und der Menschlichkeit.(Vereinzelter Beifall, Pfeifen, Brüllen und Trampeln der Polizisten in Zivil.) Nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, sprachen noch ein Bürgrrlich-Liberaler, ein Republikaner und ein Radikaler für den Krieg, die beiden letzten mit sehr energischen und sehr he- jubelten Hieben gegen den Dreibund. Zuletzt nahm der Bürger» meistcr Nathan daS Wort, der den unglücklichen Gedanken haiic, seine Rede mit der Aufforderung zu schließen, sich von den Sitzen zu erheben mit einem Hoch auf Italien. In diesem Zusammenhange konnten und durften unsere Ge- nosscn nicht in das Hoch einstimmen. Ostentativ, ruhig, die Kraft ihrer Ueberzeugung der Hochflut des nationalistischen Rausches entgegen st eilend, blieben unsere Genossen sitzen. Niemand, der der Sitzung beigewohnt hat, konnte sich dem Eindruck deS Mamenis entziehen: während der dichtgedrängte Saal grollte und lärmte, drangen die bürgerlichen Journalisten mit geballten Fäusten gegen die Sitze unserer Genossen. Die Erbitterung der Ritter von der Feder machte sich in gemeinen Schimpfworten Lust, die sich be- sonders gegen den Genossen Monkemartini richtetest, der des Statistischen Amtes eine hohe Staats- .Montemartini mußte aufstehen, wenn auch Nieben", brüllten die Herrchen, die dafür gegen Gehalt nicht nur seine Arbeitskraft sondern auch seine Ueberzeugung verdingt.„Legt Euer Amt nieder, schert Euch weg", brüllte man im Publikum. Da erhob sich plötzlich Montemartini, mit seiner riesigen, Gestalt hoch über die anderen hinausragend, und übertönte den Tumult mit mächtiger Stimm«.„Im Namen meiner Fraktion rechne ich eS mir zur Ehre an, hier noch einmal laut zn erklären, daß wir in ollem den vom Kollegen Della Seta ausgesprochenen Meinungen beipflichten. Im Sinne dieser Erklärungen, und ohne ein Wort von ihnen zurückzunehmen, rufe ich hier und rufen mit mir meine Gesinnungsgenossen, mit einer Ueberzeugung, die die von Hunderten dieser Herren(mit einer Bewegung gegen den Saal und gegen die Presse) aufwiegt:„Es lebe Italien!" Diese Worte, die klar und mannhaft und ohne Konzession den Unterschied hervorhoben zwischen der Liebe der Sozialisten für ihr Vaterland und dem blutdürstigen Taumel, der heute unter der MaSke der Vaterlandsliebe der Vergewaltigung und der Bar- barei das Wort redet, verfehlten ihren Eindruck nicht. Die Schreier empfanden etwaS wie Ehrfurcht vor dem ruhigen Mut, mit dem unser Genosse sich der UeberZahl entgegenstellte, um ihr zu sagen: nicht dem offiziellen Italien, nicht dem der blut-� cks Generaldirektor stellung bekleidet. alle anderen sitzen waren, daß man wahrneymbar seien, deren Lage jenseits dieser vermeintlichen Grenze anzunehmen wäre. In der Tat gibt eS unter den sogenannten Nebeln gewisse Gestirne, die den Verdächt erwecken, als wären sie ihrerseits gleichssalls solch- Milchstraßenringe, also nicht einzelne Wetten, sondern ganze Woltranme, die jenieitS des Weltraumes in jenem gekennzeichneten Umfang gelegen ivären. lieber dieses Problem von unerhörter Tragweite hat stch jetzt Professor Lery in den„Astronomischen Nachrichten" vernehmen lassen. Er betrachtet tatsächlich die weißen Nebel als ferne Milchstraßen. Ihre verschiedene Hellig- keit erklärt er dadurch, daß ihr Licht beim Durchganz durch die un- ermeßlichen Räume bis zur Erde, wozu eS viele Jahrhunderte braucht, eine Abnahme erfährt. Professor Verl) wogt es fcennofc, die Entfernung dieser Himmelskörper abzuschätzen. Für den größten Nebel dieser Klasse, den Andromedanebel nimmt er sie zu etwa 1600 Lichtjahren an, wobei man stch vergegenwärtigen muß, daß daS Lichr in einer Sekunde rund 300 03,0 Kilometer zurücklegt. Für die kleinsten dieser Nebel aber wäre sie gar auf eine Million Lichtjahre zu veranschlagen._ Notizen. — Vom Deutschen Museum. Die vom Deutschen Museum in München gegründete Stiftung, die Absolventen höherer Schulen und Seminaristen eine Reise nach München zum Zwecke eines eingehenden Studiums des Deutschen Museums ermöglichen soll, hat jetzt eine Höhe von 124100 M. erreicht, mit 83 Stipendien zu je 1600 M. In den letzten Tagen hat nun auch Nürnberg für das Jahr 1912 vier Neisestipeudien von 1500 M. bewilligt und»st damit vorbildlich vorgegangen.(An die Arbeiter hat man selbstverständlich dabei nicht gedacht) — Vorträge. In der U r a n i a wiederholt Alice Schake! ihren Vortrag„Ein Streifzug durch China, Tonking und Maeav" am Freitag noch einmal. Am Sonnabend spricht sie über ihre Reise durch Java, Siam und Johore. — Die Freie Volksbühne veranstaltet am Sonntag nachmittag? 3 Uhr i:n Thalia-Theater die Berliner Erst- aufsührung von Rudolf Greinz' Tiroler Bauerndrama:„Die Thurnbacherin". Der Autor hat fein Erscheinen zugesagt— Im Neuen Schauspielhanse geht gleichzeitig der zweite Teil von B j ö r n s o n S Drama„lieber unsere Kraft" in Szene. — M u s i k ch r o n i k. In der Komischen Oper. In der . T r a v i a t a"- Aufführung wird am Donnerstag noch einmal Franz Egenieff als Georg Germont gastieren.— Am Sonnabend lvird die„ R e g i n» e n t s t o ch t e r" gegeben. — Im L e s s i n g- M n s e u m(Brüdersir. 13) spricht Donnerstag, abends 8 Uhr, Viktor Klemperer über den Dichter Ferdinand Kürnberger. Lolo B a r n a h bringt Gesänge zum Vor» trag. Der Eintritt ist frei. ßefleifen Trikolore Fei Imperialismus gilt unser Hoch, sonFern dem Vaierlande al» Kulwreinheit, als gemeinsames Streben im Ditnste der Menschheit. In Mailand hatte die Demonstration insofern einen wesentlich anderen Verlauf, als es der Arbeiterschaft gelungen war, rechtzeitig einen Teil der Bänke zu besetzen. Als sich dann der Bürgermeister in einer plumpen Verherrlichung des Krieges erging und sagte, daß die Soldaten vom Volke als die Eroberer neuen Reichtums angesehen würden, brach ein furchtbarer Tumult auf den Tribünen aus. Die Unterbrechung dauerte 20 Minuten. Als im weiteren Verlarif der Rede die Mehrheit der Stadtver- ordneten dem Bürgermeister Beifall spendeten, riefen die Sozia» listen:„Nieder der Krieg!" Das Publikum stimmte die Arbeiter- Hymne an. Unter beständigen Unterbrechungen brachte dann der Bürgermeister seine Rede zu Ende, indem er 35 000 Lire Unter. stützung aus der Stadtkasse für die Opfer des Krieges beantragte. Für die sozialistische Fraktion nahm darauf Genosse Bo- nardi das Wort, der die Pflicht der Sozialisten betonte, im Namen ihrer Ideale gegen den heutigen Krieg Einspruch zu ev- heben. Was. Italien heute tut,'das steht im Widerspruch zu den Idealen der Freiheit und nationalen Selbständigkeit, die das kost- barste Erbteil des dritten Italien sind. Auf den Zwischenruf „Vaterlandsfeinde" fährt der Redner fort:„Nicht zur Verteidigung des Vaterlandes nehmt Ihr heute den italienischen Müttern ihre Söhne, sondern um den schmutzigen Interessen einer Handvoll Kapitalisten' zu dienen(Beifall). Wenn es sich darum handelte. unseren Boden gegen fremd« Angriffe zu verteidigen, so würden alle Italiener ohne Unterschied der Partei ihre Pflicht zu tun verstehen." Bonardi wies dann auf die UnHaltbarkeit der imperia- listischen Vorstellungen hin. betonte das Bedürfnis, im eigenen Lande Kulturarbeit zu leisten und wendete sich mit schärfsten Worten gegen alle, die für das heutige Abenteuer verantwortlich sind. Mit dem Wunsche, daß die Metzeleien in Nordafrika bald ein Ende finden mögen, auf daß Sardinien und Calabrien, Apulien und die Basilikata endlich jener Kultur teilhaftig werden mögen, durch sie sie erst zu einem lebendigen Teil des Vaterlandes werden, schloß der Redner seine mit anhaltendem Beifall auf- genommene Rede. Die Proteste der Mehrheit der Stadtverordneten dauerten noch eine gute Weile. Dann geben die Sozialisten durch den Genossen Ricchieri die Erklärung ab, daß sie in der Absicht gekommen feien für die Unterstützung der Opfer des Krieges zu stimmen. Nachdem aber der Bürgermeister und seine Mehrheit den Krieg um des Krieges willen und als ein Mittel zur wirtschaftlichen Be- reicherung verherrlicht hätten, müsse die sozialistische Fraktion gegen die Bewilligung der Unter st ützung st im in en. Nach dieser Erklärung erreichte der Tumult den äußersten Höhe- Punkt, und es dauerte lange, bis die Stadtverordneten ihre eigent- lichen Beratungen aufnehmen konnten. Sie Revolution in China. Abdankung des Prinzregenten. Peking, 6. Dezember.(Meldung des Reuterschen BureauS.) Prinz Ts ch un hat die Regentschaft niedergelegt. Die bisherigen Großsekretäre Hsü-Shi-chang und Shih-hsü sind zu Bormündern des Kaisers ernannt worden. Die Regentschaft fällt fort. Die Regierung geht in die Hände des Ministerpräsidenten über, während die Kaiserin-Witwe und der Kaiser Audienzen ab- halten und zeremonielle Funktionen ausüben. Die Pläne der Revolutionäre. London, 6. Dezember. Die.„Morning Post' meldet aus Schanghai: Die Versammlung der Delegierten von 14 Pro- vinzen hat sich für eine vorläufige Militärregierung mit Nanking als Hauptstadt entschieden. Huangshin ist zum Generalissimus und Liynanheng zum zweiten Befehlshaber bestimmt worden. Aus dem Hauptquartier von Wutschang wird gemeldet. daß die Revolutionäre von Kiukiang, die im Bormarsch begriffen sind, um die Bahnlinie von Peki-g nach Hankau zu unterbrechen, einen 12 Meilen von der Bahnlinie entfernten Punkt erreicht haben. Rußlands Absichten auf die Mongolei. Petersburg, 6. Dezember. Auf Grund eingehender Rücksprache mit maßgebenden russischen Diplomaten tritt die. N o w o j e 28 rem ja" in einem Entrefilet für Entwirrung der Lage d u r ch Erklärung der S ch u tz h err sch aft über die Man- golei ein. Petersburg, 6. Dezember. Die Unabhangigkeitserklärung der Mongolei ist den hiesigen politischen Kreisen al« sehnlichst erwartetes Ereignis sehr willkommen. In diplomatischen Kreisen verschweigt man keineswegs, daß sowohl der auf der Rückreise von Peking nach Lhasia begriffene D a l a i Lama als auch sein Vertreter in der Mongolei, Chutuchta von Urga, treue, ergebene Freunde Rußlands sind. Man erwartet hier, daß an die Spitze der Mongolen sich ein weltlicher Herrscher stellen wird, der gleichfalls bei Rußland Schutz suchen werde, da die vor kurzem in Petersburg weilende mongolische Deputation den hiesigen Regierungskreisen die Versicherung gegeben habe, daß Mongolen nur unter russischem Schutze sich friedlich entwickeln und Handelsinteressen pflegen können. In Kreisen, die in der ostasiatischen Politik Rußlands gut versiert sind, herrscht ausgesprochene Neigung, den günstigen Augenblick zu erfassen und die Unabhängigkeitserklärung der Mongolei anzuerkennen. cehrerdeleiiligung -wurFe dem Genossen Otto Pinseler aus Friedrichsfelbe zur Last gelegt, der sich am Dienstag vor dem, Landgericht Berlin III ver- antworten mußte. Vom Amtsgericht Lichtenberg war er zu 200 M. Geldstrafe verurteilt worden wegen Acußerungen. die er im De- zember vorigen Jahres in einer vom sozialdemokratischen Wahl- verein einberufenen öffentlichen Versammlung für Friedrichsselde äiber die dortigen Schulverhältnisse getan hatte. Auf die von Pin- ffeler eingelegte Berufung, wurde vor dem Landgericht in einer reich- iich sechsstündigen Verhandlung, zu ter etwa drei Dutzend Zeugen geladen waren, das Urteil nachgeprüft. Die Anklage ist auf sonderbare Weise zustande gekommen. Zu (jener Versammlung, für die ein Vortrag über die Volksschule an- gekündigt war, hatte der Friedrichsfelder Lehrer Freudenberg feine Tochter samt ihrer Freundin abgeschickt, um zu erfahren, was etwa über Lehrer vorgebracht würde. Nachdem sie zusammen mit einem damals 14jährigen Sohn Freudenbergs in einem Winkel des Saales auf dunkler Galerie sich niedergelassen hatten, versuchten beide Mädchen, mitzustcnographiercn, was sie auffingen. In der Diskussion sprach als Gemcindevertretcr auch Pinseler, um darzu- (legen, daß bei den Mißständen in den Volksschulen es nicht an Personen, sondern am System liege. Dabei erzählte er von einem Lehrer, der— er nannte keinen Namen � in der Mädchenschule die Kinder mit Schimpfworten wie„Ochse" belegt habe, nach seiner Versetzung an die Knabenschule sich dort 20 M. Geldstrafe wegen Mißhandlung geholt habe und dann wieder an die Mädchenschule zurückversetzt worden sei. Auch führte er aus, früher seien Schuster und Schneider als Lehrer tätig gewesen, die in ihrer Unfähigkeit zum Stock greifen mutzten, heute aber seien die Volksschullehrer gebildete Leute, die mit akademisch gebildeten Lehrern auf eine Stufe gestellt zu werden wünschten. Als Lehrer Freudenberg noch an Demselben Abend die stenographischen Aufzeichnungen zu sehen bekam. ettoMifc et fofotT, Faß mit jenem. Kegen Mißhandlung de- straften Lehrer sein Kollege Schräder gemeint sein mutzte. Lehrer Wilhelm Schräder, dem er die Notizen übergab, bezog auch die Aeußerung über die gebildeten Leute auf sich und fühlte sich durch beide Aeußerungen beleidigt. Er erreichte, daß gegen Pinseler Strafantrag gestellt wurde, die Staatsanwaltschaft Anklage erhob und Schräder als Nebenkläger auftreten durfte. Der Angeklagte Pinseler bestreitet, daß er, wie die Anklage behauptet, über Schräder gesagt habe, die Zurückversetzung sei des- halb erfolgt, weil er«in der Knabenschule nicht zu brauchen war". Auch die behauptete Aeußerung über die„gebildet sein wollenden Leute" habe nicht diese Form gehabt, sie habe überdies nicht dem Lehrer Schräder gegolten, und die Absicht einer Beleidigung habe ferngelegen. Im übrigen werde Beweis darüber angeboten, wie Schräder im Unterricht geschimpft und geschlagen habe. Der Ber- tcidiger, Rechtsanwalt Kurt Rosenfeld, beruft sich auf Schülerinnen Schräders, jetzige und frühere; für den Nebenkläger führt Justizrat Leop. Meyer gegen sie eine Reihe anderer Schülerinnen Schräders ins Feld. Als Zeuginnen der beiden Parteien warten vor dem Gerichtssaal ein Viertblhundert Mädchen. � In der Beweiserhebung wird zunächst der Nebenkläger Schräder als Zeuge gehört. Er gibt zu, in der Mädchenschule habe er„mal Ochse gesagt", Kreisschulinfpektor Bandtke habe auf Pin- selers Beschwerde das gerügt. An die Knabenschule sei er versetzt worden, nachdem er in der Mädchenschule mit dem Hauptlehrer Differenzen wegen der Stundenverteilung gehabt hatte. Daß er in der Knabenschule einen Schüler mit dem Fuß gestoßen habe und dafür vom Gericht zu 20 M. Geldstrafe verurteilt worden sei, be- stätigt Schräder. An die Mädchenschule sei er auf eigenen Wunsch zurückversetzt worden, weil dort ein Zeichen», und Gesanglehrer gebraucht wurde. Er bestreitet, auch später noch Kinder beschimpft zu haben. Auch wisse er nichts davon, daß er inal ein Kind mit dem Stock ins Gesicht geschlagen haben solle. Im Strafbuch steht bei dem Kind:„2 Schläge auf den Rücken". Schräders Angaben über sein Schimpfwort„Ochse", über seine Bestrafung wegen des Stoßes mit dem Fuß sowie über die Gründe der Hin- und Herversetzung werden vom Kreisschulinspeltor Bandtke bestätigt. Als er Schräder, über den sonst keine Beschwerde gekommen sei, für einen sogar recht tüchtige» Lehrer erklärt, stellt der Verteidiger fest, daß Bandtke in Friedrichsselde jährlich einmal revidiert. Bandtke hat schon vor Jahren mal gegen Pinseler den Staatsanwalt angerufen, weil P. gegen Lehrer Friedrichsfeldes in öffentlicher Versammlung den Vorwurf„barbarischer Behandlung" von Schulkindern erhoben yatte. Warum Bandtke damals vor der Hauptverhandlung den Strafantrag zurückgezogen habe, fragt ihn der Verteidiger. Der alte Herr lehnt erregt ab. Gründe zu nennen. Ucber Pinselers Aeußerungen in der Versammlung vom De- zember werden Fräulein Frendenberg samt Freundin und Bruder vernommen. Die überaus lückenhaften Stenogramme waren erst nachträglich in gemeinsamer Besprechung ergänzt worden, doch sagen die Zeugen, daß sie die eingefügten Sätze— auch die Worte „weil er nicht zu brauchen war" hatten in beiden Stenogrammen gefehlt— genau gehört hätten. Dem Gendarmeriewachtiweister Stephan, der die Verhandlung zu„überwachen" hatte, ist— so bekundet er— durch Schräder eine llebertragung des Stenogramms vorgelegt worden, und er hat sich dann gleichfalls genau erinnert. Demgegenüber versichert als Zeuge der Versammlungsleiter Ge- nosse Schwenk, daß er die Aeußerungen in dieser Form bestimmt nicht gehört habe. Auch Genosse Kegel, der im Bureau der Ver- sammlung saß, unterstützt das. Bezüglich der Vernehmung von Schülerinnen Schräders be- mängelt sein Rechtsbeistand, daß ein Beauftragter Pinselers fast Haus für Haus nach Zeuginnen gesucht habe. Hierzu wird eine Zeugin Schräders vom Verteidiger des Angeklagten verhört:„Hat §err Schräder Euch vor ein paar Tagen oder Wochen gefragt, ob hr gesehen habt, daß er geschlagen habe?"— Zeugin:„Ja."— Verteidiger:„Was habt Ihr gesagt?"— Zeugin:„Nein."— Verteidiger:„Hat er auch gefragt, ob Ihr gehört habt, daß er geschimpft habe?"— Zeugin:„Ja."— Verteidiger:„Was habt Ihr gesagt?" — Zeugin:„Nein."— Die Vernehmung vor Gericht findet in Gegenwart des Lehrers statt. Ueber ihn, der dabei sitzt, werden die Kinder befragt, ob er schimpft und schlägt, ob er grob oder nett ist usw.?ln eine 12jährige Zeugin richtet Justizrat Meyer die Frage:„Seid Ihr mit Lust und Liebe dem Unterricht gefolgt, oder war der Herr streng und grob zu Euch."— Das Kind antwortet: „Nein, wir sind mit Lust und Liebe dem Unterricht gefolgt."„Soll das Kind ein Gutachten abgeben?" fragt Rechtsanwalt Rosenseld. Eine andere Zeugin von 12 Jahren verhört der Vorsitzende Land- Serichtsdirektor Rosenthal:„War Herr Schräder streng oder nett?" (eugin:„Wenn wir'S verdient hatten, war er streng, und wenn wir's verdient hatten, nett."— Vorsitzender:„Schlug er?"— Zeugin:„Ja, wenn wir's verdient hatten."— VorsitzeiÄer:„Hast Du mal Schläge von ihm bekommen?"— Zeugin:„Ja, wenn ich's verdient hatte." Ein Kind, das nach Aussagen der Familienange- hörigen mit blutender Lippe aus der Schule heimkam, bekundet vor Gericht, von Schräder mit dem Stock auf die Lippe geschlagen worden zu sein. Andere Kinder versichern als Zeuginnen, nichts bemerkt zu haben. Eine frühere Schülerin Schnaidt, zetzt 17 Jahre alt, gibt an, Schräder habe im Unterricht geschimpft, z. 2?.:„Wollt Ihr ran, Ihr Hunde!"„Alter Idiot, setz' Dich hin!"„Ich schlage Euch alle zu Puppcndreck!" Sie selber sei vorübergehend einige Jahre in Christiania gewesen, darum habe er sie beschimpft:„Ver- sluchter Schwede, mach, daß Du nach Schweden kommst!" Zeugin fügt ausdrücklich hinzu:„Ich bin der Meinung, daß Herr Schräder nicht gut informiert war. denn Christiania liegt in Norwegen, nickst in Schweden." Einmal habe er sie geschlagen, daß sie mit dem Kopf gegen die Tafel geflogen sei und die Nase geblutet habe. Schräder erklärt entrüstet da? für fürchterliche Uebertreibung und bestreitet entschieden die Schimpfereien. Eine Zeugin, die sich mal in der Schule verletzte, bekundet, ihr Vater habe Herrn Schräder geschrie- ben, für die Zukunft empfehle er, verletzte Kinder sofort zum Arzt zu schicken. Da habe Schräder in der Klasse gesagt:„Wie kann ein« Person aus niederem Stand einem Höherstehenden etwas emp- fehlen!" Schräder gibt zu. gesagt zu haben, man empfehle doch nicht einem gesellschaftlich Höherstehenden etwas. Um zu zeigen, daß da „gar nicht mal so viel dazu gehörte, sich für gesellschaftlich höher- stehend zu halten", bezeichnet er in Gegeistvart der 14jährigen Zeugin den Vater als arbeitsscheu. Vernommen werden noch der Vorsitzende der Schuldeputation, dem Pinseler gelegentlich Beschwerden über die Schule im Auftrage von Eltern mitgeteilt hat, sowie ein paar Lehrer. Der Lehrer Pachnick soll glaubhaft machen, daß gerade Pinseler seit langem schon Angriffe gegen Schule und Lehrer gerichtet habe. Zeuge gibt aus Vorhalten zu, er selber sei mal mit einer Gehaltspetition zu Pinseler gekommen und habe um Unterstützung gebeten etwa mit den Worten:„Na, Sie treten ja quf Grund Ihres Partcipro- gramms für die Schule ein." Ein neuer Bcweisantrag fordert Ladung noch anderer Schule- rinnen, deren Aussagen die vom Nebenkläger für unwahr erklärten Bekundungen der Zeugin Schmidt über Schimpfereien Schräders unterstützen sollen. Das Gericht lehnt ab, weil der Zeugin zu glau- Lehrers nicht mitanhören zu lassen. Das Ergebnis der Beweisaufnahme wird vom Verteidiger Rechtsanwalt Kurt Nosenfcld dahin zusammengefaßt, daß der An- geklagte freigesprochen werden müsse, weil der von der Anklage be- hauptete Wortlaut seiner Aeußerungen nicht erwiesen sei. Aber selbst wenn das Gericht sie als erwiesen ansehen wolle, müsse Frei- sprechung erfolgen, weil P. als Gemeindevertreter und im Auftrag des Vereinsvorstandes, nicht um Lehftir zu beleidigen, sondern um in Wahrung berechtigter Interessen durch Kennzeichnung deS Systems die Schule zu fördern, gesprochen habe. Was gegen Schra- der in der Beweiserhebung sich ergeben hatte, das wird vom Ver- leidiger in scharfen Ausführungen noch einmal hervorgehoben,. Vor Beginn seiner Rede waren auf einer vom Verteidiger selber ge- gebenen Anregung die Schülerinnen hinausgeschickt worden, weil es im Interesse der Schule geboten schien, sie diese Beurteilung ihres Lehrer snicht mitanhören zu lassen. Der Staatsanwalt beantragt Aufrechäcrhaltung des Urteils. Wenn P. fein Recht wahren wollte, so habe er die Behörde anrufen können. Für Fen Erfolg von BescWerFen sek«Tn Beispiel geraFe Schräder, der wegen eines Schimpfwortes verwarnt und wegen Mißhandlung gerichtlich bestraft worden sei.„Sehr auffällig" findet es der Staatsanwalt, daß P. den Namen Schräders nicht genannt hat. Das soll beweisen, daß P. wider besseres Wissen verleumde» wollte. Als Vertreter des Nebenklägers hält Justizrat Meyer schwere Bestrafung für nötig. Er behauptet, P. habe nur der Schule etwas anhängen wollen, dafür sei es ja auch eine sozialdemokratische Versammlung gewesen. Alle Lehrer seien in einer Besprechung einig gewesen, daß der Prozeß nicht mit einem Vergleich enden dürfe. Die Aussagen der Schülerinnen läßt er nur gelten, soweit sie für Schräder günstig sind. An dem Mädchen mit der immer wiederkehrenden Redensart:„Wenn wir's verdient hatten;" rühmt er die„zielsichere Ruhe". In einem letzten Wort verwahrt sich der Angeklagte dagegen, daß er die Schule habe herabreißen wollen. Gerade den Lehrern Friedrichsfeldes sei bekannt, daß er das nicht wolle. Das Urteil erklärt die Aeußerungen für erwiesen und für be- lcidigend. Daß Schräders Zurückversetzung erfolgte, weil er nicht zu brauchen war, sei durch die Beweiserhebung nicht dargetan. Es möge sein, daß mal ein Schlag die Lippe getroffen habe, auch daß er mal Ausdrücke gebraucht habe, wie sie von seiner früheren Schülerin Schmidt bekundet wurden. Aber das alles sei nach seiner Zurückversetzung an die Mädchenschule geschehen,. Die Bezeichnung der Lehrer als„gebildet fein wollende Leute" schließe in sich den Vorwurf unberechtigter Arroganz in ihrem Beruf und bedeute, daß Lehrer eigentlich doch nicht viel über Schustern und Schneider» stehen. P. sei als Gemeindevertreter berechtigt gewesen, für die Schule einzutreten, er habe aber beleidigen wollen. ES bleibe daher bei der Geldstrafe von 200 M. Die Ztltgjtrtenversmmluns der Anhae«' GtMsseaschast. Im Gartensaal des neuen RestaurationSpalasteS im Zoologischen Garten begann gestern morgen die diesiähnge Dclc- giertenversammluny der Genossenschaft deutscher Bühnenauge- höriger, deren Resultat von allen Seiten mit Spannung entgegen- gesehen wivd. Es handelt sich zwar scheinbar nur darum, ob das Präsidentenamt der Schauspielerorganisation dauernd zu einem besoldeten gemacht oder wieder in ein Ehrenamt verwandelt werden soll und ob der vielangefeindete Präsident Nissen an der Spitze der Genossenschaft bleibt oder nicht, aber von der Entscheidung über diese beiden Punkte wird es abhängen, ob die Biihnengenossenschast eine unabhängige Organisation mit posi- tivem Programm bleiben oder sich wie früher dem Bühnenverein, der Organisation der Theaterleiter, unterordnen wirb. Die Sitzung wird mit erheblicher Verspätung eröffnet. Der Rostocker Schauspieler Weh lau, einer der heftigsten Antipoden Nissens, bezweifelt das Recht dieses Präsidenten, die VerHand- langen zu leiten, da Nissen zweifellos der Gegenstand heftiger Angriffe werden dürste. Tagegen wendet sich die temperament- volle Vertreterin von Neustrelitz, Frau Rochelle-Müller, die es beklagt, daß mit solchen an den Haaren herbeigezogenen GeschäftSordnungSdebatten die kostbare Zeit vertrödelt werde. Der Antrag Wehlau wird unter Beifall abgelehnt. Nach Er- ledigung der Präsenzliste und der Begrüßung der auswärtigen Ehrengäste, unter denen Professor S t o l l vom österreichischen Bühnenvcrein und Dr. See! ig, der Syndikus des Chorsänger- Verbandes bemerkt werden, nimmt Präsident Nissen das Wort zu einer längeren Rede über die Geschichte der Genossenschaft seit ihrer Gründung vor nunmehr 40 Jahren. Dabei fällt das Wort Neichstheatergesetz und Nissen lvarnt die Delegierten vor über- triebenen Vorstellungen von den Wirkungen eines solchen Gesetzes. da die Regierung mir die gesetzliche Regelung des Theaterwesens zugestehen könne. Auf Antrag W i n e s-Dresden wird im Anschluß an die Rede Rissens ein Danktelegramm an Geheimrat Ludwig Barney abgesandt. Dieser Beschluß ist um so interessanter als. Barnay im Jahre 1008 zusammen mit dem«rriWum vie Versammlung verließ, nachdem die Delegierten oen Vühncnvertrag einstiimnig abgelehnt und damit den Bruch mit dem Bühnenverein vollzogen hatten, um kurze Zeit darauf auch noch auf die Ehren- Mitgliedschaft bei der Bühnengenossenschaft zu verzichten. Und eS spricht für daS dankbare Herz der Mimen, daß sie trotzdem seine Verdienste um die Genossenschaft nicht vergessen haben. Sodann erstattete Regisseur Köhler den Rechenschaftsbericht der Pensionsanstalt. der außerordentlich günstige Resultate austveist. Das Vermögen ist um rund% Million gestiegen und beträgt jetzt beinahe 0 Millionen Mark. Zu den Satzungen der Pensionsanstalt liegt, da der neue Verwaltungsdirektor bestätigt werden soll, ein Antrag vor, die Anstellung und Mndigung aller Beamten der Pensionsanstalt künftig dem V o r st a n d zu überlassen und Nissen begründete den Antrag in sehr geschickter Weise, indem er auf den Fall Osterrieth. der bei dem Titel„Genossenschaft" zur Besprechung kommen soll, hinweist. Die Kündigung des ehemaligen General- sekretärs'war vom Gericht für ungültig erklärt worden, weil nach dem bisherigen Statut die Anstellung und Kündigung der Delc- giertenversammlung allein vorbehalten war. Es entspinnt sich über diesen Antrag, der die Befugnisse des Präsidiums erweitern will, eine lebhafte Debatte, in der Willi Loehr vom Neuen Schauspielhaus die Souveränität der Telegiertenversammlnng ver- teidigt, von Nissen aber mit dem Hinweis abgeführt wird, daß in der Praxis schon immer nach den Forderungen des Antrages verfahren worden fei, da im anderen Falle die Geschäfte einfach ins Stocken geraten würden. Ein Vorschlag von Star k-Residenz» theater(Berlin), dem Vorstand das absolute Anstellungs- und Kündigungsrecht zu überlassen, wie es bei großen Gesellschaften der Aufsichtsrat und die Direktoren haben, sindet bei einem Teil der Delegierten großen Beifall. Wind S-Leipzig, der Führer des„konservativen" Flügels, polemisiert gegen das eigenmächtige Vorgehen des Vorstandes, der auch im Gewohnheitsrecht keinen' EntschnldigungSgrund zur Seite habe. Es erweckte nicht geringe Heiterkeit, als er von Nissen daran erinnert wurde, daß er selber einmal 6 Jahre lang als Mitglied des Zentralausschusses dieses Gewohnheitsrecht mit ausgeübt habe. Ron tz-Schillertheater (Berlin): Wenn Sie Mißtrauen gegen den von Ihnen gewählten Vorstand nähren, dann setzen Sie andere Leute dort oben hin, so- lange der Vorstand aber mit Ihrem Willen und auf Ihr Ver- langen sein Amt ausübt, müssen sie ihm auch Autorität verleihen, dann dürfen Sie ihn nicht in eine Zwangsjacke stecken!(Leb- hafter Beifall und Händeklatschen.) Der Antrag, der dem Vorstande das Anstellungs- und Kün- dtgungsrecht mit Bezug auf die Angestellten verleiht, wird an- genommen. Der Antrag Ejnar Forchhamme r-Frankfurt a. M., die Delegiertenversammlung künftig in der Karwoche stattfinden zu lassen, da in dieser Zeit ohnehin die Mehrzahl der Provinz- schauspieler in Berlin weilt, wird abgelehnt. Ein Antrag des Ortsverbandcs Fr ei bürg, der den Weg- fall des doppelte» Eintrittsgeldes für Bühnenmitglieder fordert, die länger als drei Jahre bereits bühnentätig waren, wird einstimmig abgelehnt. Das höhere Eintrittsgeld soll den jüngeren Genossenschaftern ein Ansporn sein, so früh wie möglich ihren Eintritt in die Pensionsansialt zu vollziehen. Hus Induftnc und ftendel. Fleisch- und Brotpreis in Deutschland und im Ausland. Daß wir seit einer Reihe von Jahren uns in einer Periode steigender Weltmarktpreise, insbesondere für landlvirtschaftliche Pro- dukte befinden, ist eine Tatsache, die mit Vorliebe von unseren Agrariern und ihren Fürsprechern benutzt wird, um die Schuld an der rapide fortschreitenden Verteuerung der Lebenshaltung von sich und ihrer volksfeindlichen Zoll- und Steuerpolitik abzuwälzen. Nun ist es allerdings richtig, daß Fleisch und Getreide z. B. in der ganzen _■■ ,._-__________,_____ H. Esders& Dyckhoff Gertraudtenstraße 8> 9. B? Petri-I Petri-Kirchea lierren> und Knaben"Kleidung fertig und nach Maß. Passende Veihnaehtsgesehenke: Paletots :: Gehpelze: Welt teurer geworden find, eine andere Fraae ist e» aber, ob diese Bewegung überall im gleichen Tempo stattgefunden hat. Denn nur so lätzt sich der Einfluß unserer Wirtschaftspolitik auf unsere heimische Preisgestaltung feststellen. Der Statistiker Karl v. T p s z ka hat gu diesem Zwecke die amtlichen Notierungen der Hauptstädte über Fleisch-, Getreide- und Brotpreise zu einer Berechnung über die Bewegung dieser Preise in den letzten Jahren benutzt, deren sehr interessante Ergebnisse er in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik der- öffentlicht. Betrachten wir zunächst die Fleischpreise. In Berlin wurde im Durchschnitt der Jahre 1891—1300 für Rindfleisch I. Qualität im Großhandel pro Zentner 51.97 M. gezahlt. Im Jahre 1998 kostete dieselbe Qualität 69,73 M., d. i. 17,76 M. mehr. Demgegenüber stieg der Preis für Rindfleisch I. in London pro Crvt(= 50,8 Kilogramm) nur von 57.50 attf 58,98 M. oder um 1,48 M. In Berlin war also die Steigerung mebr als zehn- >n a l s o g r o ß wie in London. Für Hammelfleisch I wurde im Berliner Großhandel 1891/1300 53,02 M. gezahlt, 1908 dagegen 63,36 M., Steigerung 15,28 M. In London erhöhte sich der Preis von 67,80 auf 71,30 M., was nur einer Steigerung von 3,50 M. entspricht. Slehnliche Resultate ergeben sich, wenn man bei der Berechnung die für die verschiedenen Qualitäten der einzelnen Fleischarten ge- zahlten Durchschnittspreise zugrunde legt. Tie Steigerung pro Zentner, resp. Cwt, betrug dann Nur für Schweinefleisch ist die Steigerung in beiden Haupt- städten annähernd gleich groß. Alle anderen �leischarlen sind in Berlin bedeutend stärker im Preis gestiegen als in London, das für Hammelfleisch sogar einen Preisrückgang aufweist. Wir haben in diesen Unterschiede» die Quittung für unsere Zollerhöhungen auf Fleisch und lebendes Bich und die immer schärfer gehandhabte» Absperrungsniaßregeln gegen das Ausland wegen angeblicher „Seilchengefahr'. Noch weit ungünstiger als die Fkeischprcise sind aber die Brot- preise durch uniere agrarische Zollpolilik beeinflußt worden. Höchst lehrreich ist in dieser Beziehung folgende kleine Tabelle. Es kostete das Vierpfundbrot(engl. Pfund) in Pence: Dabei ist zu beachten, daß es sich in London, Paris und New gjorl um Weizenbrot, in Berlin dagegen um Roggenbrot, also eine an sich bedeutend billigere Bcolsorte handelt. Während in London der Brotpreis in der angegebenen Periode um 10 Proz. sank und in Paris und New Dork nur um 3, resp. 7 Proz. stieg, betrug die Steigerung in Berlin 51 Proz. Infolge dieser enormen Steigerung mußte in Berlin zum Schlüsse der Periode für Roggen- brot ein böberer Preis gezahlt werden als in London und Paris für Weizenbrot, während, bis zum Jahre 1905 resp. 1907 das Ver- hältniS noch umgekehrt gewesen war. Soziales. Verbot von Beschäftigung von Arbeiterinnen und fugendlichen Arbeitern. Durch Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 6. März 1902 ist die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Ar- deitern mit gewissen Arbeiten in Rohzuckcrfabriken, Zuckerraf- finerien und Melasseentzuckerungsanstaltcn bis zum 1. April 1912 verboten. Der gestrige Rcichsanzeiger teilt mit, daß der Bundes- rat auf Grund des§ 120 e der Gewerbeordnung den Inhalt Verordnung zu einem dauernden(ohne Zeitbeschränkung) ge- macht hat._ Dom Heimarbeiterelend. Auf eine tiestraurige Existenz lassen die Löhne schließen, die in Lübeck den Heimarbeiterinnen in der Wäschebranche gezahlt werden. Für zehn Kissenbezüge mit Einsätzen. Falten und Knopf- löchern— an denen eine Witwe fünf Tage gearbeitet hatte— wurden— sage und schreibe— 1,80 M. bezahlt. Für ein halbes Dutzend Frauenhemden mit eingesetzten Aermeln, Bändchen und Vorderschluß zu nähen, gab es 1,50 M. Ein Herrenhemd, das früher für 60 Pf. hergestellt werden mußte, wird nur noch mit 45 Pf. entlohnt. Dabei müssen die Näherinnen noch selbst zu- schneiden und den Zwirn liefern. Es liegt klar auf der Hand, daß derartige Unternehmerwillkür nur durch Lohnämter mit der Befugnis, Lohnminima festzusetzen, unmöglich gemacht werden kann. Aber die Herren vom Besitz lohnten im Reichstage solche Lohnämter ab, um den Heimarbeiterinnen zu Weihnachten ein Bündel Hohn auf den Gabentisch zu legen. Ein bürgerliches Blatt in Lübeck(die„Lübschen Blätter") kommentieren diese hundsjämmcrliche Entlohnung mit einer Beschwörung der Unter- nehmer:„Ihre Nächsten zu lieben wie sich selbst, denn der Segen komme von oben." Wenn die Heimarbeiter sich darauf verlassen wollten, wären sie jedenfalls verlassen. Hier hilft nur die gefetz- liche Regelung und in erster Linie die Organisation. Sericbts- Leitung. Haftung aus dem Arbeitsvertrag. Der Z 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches legt dem Dienst- berechtigten unter anderem die Pflicht aus, Vorrichtungen und Gerätschaften, die er zur Verrichtung der Dienste zu beschaffen hat, so einzurichten und Dienstleistungen so zu regeln, daß der Verpflichtete gegen Gefahr für Leben und Gesundheit soweit ge- schützt ist, als die Natur der Dienstleistung es gestattet. Hierzu interessiert der folgende Rechtsstreit, welcher lehrt, daß auch der Nichtfachmann verpflichtet ist, auf Grund gehöriger Erkun.digungen die richtigen Anordnungen zu treffen, wenn er seinen Dicnstvcr- pflichteten Arbeiten aufträgt, die sachliche Kenntnisse voraussetzen. Der Kläger war bei dem beklagten Gastwirt P. in Braun- schweig als Hausknecht tätig. In seiner Stellung wuvde er vom Beklagten mehrfach mit dem Löschen von Kalk beauftragt; dazu wurden stets alte Bierfässer verwendet, zumeist solche, die 50 Liter faßten. Am 1. Juli 1909 nahm der Kläger zum Kalklöschen ein L5-Literfaß, weil ein größeres Faß nicht vorhanden war. Er tat in dieses Faß etwa 25 Pfund ungelöschten Kalt und goß Wasser darauf. Als das Faß überzulaufen drohte, gab ihm der Beklagte den Auftrag, etwas abzuschöpfen. Der Kläger stach mit einer Schaufel in den brodelnden Kalk, dabei explodierte der Inhalt des Fasses und spritzte mehrere Stockwerke hoch. Durch einen Kalkspritzer hat der Kläger ein Auge verloren. Er hat deshalb die vorliegende Klage gegen den P. erhoben und Schadloshaltung für die Folgen des Unfalles verlangt. Das Landgericht Braunschwcig wies den Kläger ab, dagegen erkannte das ObcrlandeSgericht Braunschwcig die Rentenansprüche des Klägers dem Grunde nach als berechtigt an. Das Ober- landcsgericht führte zur Begründung seines Urteils näher aus, daß der§ 618 deS Bürgerlichen Gesetzbuchs auf den vorliegenden Fall Anwendung zu finden habe. Im weiteren erklärt es, daß ein Bierfaß kein entsprechendes Gerät zum Kalklöschen sei. Jeder Sachkundige verwende zum Kalklöschen flache Kästen, wo der Kalk flach gelegt und vollständig mit Waffer bedeckt werden kann. Die Explosionsgefahr entstehe erst dann, wenn der Kalk übereinander gelegt werde und deshalb keinen Raum zur Ausdehnung habe. Den Einwand des Beklagten, daß er wegen mangelnder Sachkunde die Gefahr nicht erkannt habe, läßt daS Oberlandesgcricht nicht gelten. Als Dienstherr hätte er Erkundigungen einziehen müssen und würde dann von jedem Sachkundigen darüber aufgeklärt worden sein, daß man den Kalk nur in flachen Kästen löschen darf und daß er während des Löschprozesses nicht angerührt werden dürfe. Die vom Beklagten gegen dieses Urteil eingelegte Revision ist am Dienstag vom Reichsgericht zurückgewiesen worden, womit das Urteil des Obcrlandesgerichts Braunschweig als bestätigt gilt. Einen Beitrag zu der Lehrerbesoldungsfrage lieferte eine Verhandlung, welche gestern die 1. Strafkammer bes Landgerichts III beschäftigte. Wegen Unterschlagung bM. Untreue war der Lehrer Franz Noack angeklagt.— Der Angeklagte war in der Gemeinde Summt bei Französisch-Wuchholz als Gcmeindeschul- lehrer angestellt. Zuletzt bezog er ein Gehalt von 100 M. pro Monat, während er früher erheblich geringere Bezüge hatte. Mit diesen 100 M. mußte er noch seine bei ihm wohnhaften Eltern unter- Die Folge war, daß er in Schulden geriet und schließlich ein noch ans wußte. In dieser bedrängten Lage eignete er sich aus der ihm unterstellten Schulsparkasse nach und nach den Betrag von 65 M. an. Ferner eignete er sich von den für eine Vete- ranenbeihilfe und für eine Scdanfeier gesammelten Beträgen eine größere Summe an. Die Unlerschlagungen kamen bald zur Ent- deckung. Es ergab sich, daß N. insgesamt etwa 500 M. von den ihm anvertrauten Geldern für sich verbraucht hatte.— Vor Gericht war der Angeklagte in vollem Umfange geständig und behauptote, daß ihn nur die Not zu diesem Schritte verleitet habe, durch den er sich seine ganze Existenz ruinier! habe. Das Gericht erkannke mik Rücksicht hierauf auf die niedrigste gesetzlich zulässige Strafe von 3 Monaten Gefängnis._ Habt Acht vor Schwindlern! Wie unglaublich vertrauensselig trotz aller Warnungew durch die Presse Provinzler sind, die hier nach Berlin kommen, um Arbeit zu suchen, zeigte eine Vetrugsanklage, die gestern den Kutscher Max Heimann vor die Strafkammer des Landgerichts I führte. Der Angeklagte hielt sich in der Nähe irgendeines Bahnhofes auf und schlängelte sich an solche Personen heran, die ihm den Eindruck machten, daß sie aus der Provinz stammten und nach Berlin gereist seien, um hier Beschäftigung zu suchen. Er stellte dann durch das von ihm angeknüpfte Gespräch fest, daß diese Vermutung richtig wäre und erklärte in der Lage zu sein, durch seine Verbindungen den in Berlin noch unbekannten Leuten recht bald Arbeitsgelegcu- heit zu verschassen. Er heimste für seine Bereitwilligkeit schon im voraus den Dank der weltfremden Leute ein, die ihn Dann bis- zu dein Hause des angeblichen„Vernsittlungsbureaus" folgten. Tort augelangt, erklärte er, daß er dem Bureau zunächst eine bestimmte Summe für Annoncen zahlen müsse, doch handle eS sich dabei nur um eine Formensache, die die sofortige Zuweisung einer Arbeits- stelle in keiner Weise verzögern würde. Er erhielt von seinen Bc- gleitern in jedem Falle auch anstandslos die geforderte Summe und versprach, in wenigen Minuten zurückzukehren und die Adresse des Arbeitgebers mitzubringen. Die leichtgläubigen Menschen— von denen der eine dem Schwindler auf seinen Wunsch sogar seine Uhr „auf wenige Minuten" überlassen hatte, warteten dann vergeblich auf die Rückkehr des Angeklagten. Dieser hatte sich zur Ausführung seines Koups jedesmal ein Haus mit zwei Ausgängen ausgesucht und war durch den zweiten Ausgang verschwunden. Schließlich war er aber doch an einen Menschen mit offenen Augen gekommen und konnte festgenommen werden. Er wurde zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. NotstanbSaktion mit Strafmandaten. In Nr. 248 unseres Blattes wurde unter der Spitzmarke „Sankt Bureaukraiismus und Notstand" geschildert, Wie in dem schwarzburg-sonderhäusischen Orte Pennewitz den kleinen Vieh- besitzcrn zur Linderung ihrer Notlage gestattet worden war, Streu aus den Staatssorsten zu holem Weil aber die Leute, unter ihnen auch der Bürgermeister, die Streu nicht als Traglasten oder aus Schiebekarren oder Handwagen, sondern aus mit Zugtieren be- spannten Wagen fortschafften, regnete cS einige 40 Strafmandate in Höhe von je 18,60 M. Auf erhobenen Einspruch der meisten Bestraften hatte sich jetzt das Schöffengericht Gehren mit der Sache zu befassen. Die Auge- klagten wurden vom Rechtsanwalt Dr. Kurt Rssenfcld aus Berlin verteidigt. Es hatte schon vor einigen Wochen ein Termin statt- gefunden, in dem der Vertreter der Forstbehörde die sonderbare Behauptung aufgestellt hatte, eS sei gegen die Streufrevler„mit äußerster Milde" vorgegangen worden. Der Verteidiger forderte Freisprechung, die aus Grund der bestehenden forstamtlichen Bc- jtimmungen geboten sei. Das Gericht setzte die Geldstrafen ans 3,60 bis 10,86 M. herab. Der Richter führte aus, es sei nicht seine Sache, hier Milde walten zu lassen, er habe sich nur nach dem Buch- staben des Gesetzes zu richten, dagegen hätten die Angeklagten ver- stoßen. Nun wollen die auf so sonderbare Weise die Güte des Vater Staat empfindenden notleidenden Kleinbesitzer noch das Landgericht Erfurt anrufen._ Die Diebstähle auf dem Viehhof. In dem Prozeß wegen der Diebstähle auf dem städtischen Viehhofe wurde heute das Urteil verkündet, welches der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Schmidt, nach zweistündiger Beratung des Gc» richts verkündete. Die Straflaimner ging fast bei allen Angeklagten über die Anträge des Staatsanwalts hinweg, trotzdem andererseits anerkannt wurde, daß sich insbesondere die städtischen Arbeiter in- folge ihres geringen Lohnes mit ihrer Familie in großer Not be- sunden hatten. Es wurden verurteilt: Wilh. Schwarz zu 10 Mo- naten, Otto Schwarz zu 10 Monaten, Ruch zu 5 Monaten, Blank-- schein zu 6 Monaten, RemuS zu 6 Monaten, Schulz zu 7 Monaten, Manteuffel zu 9 Monaten, Haas« zu 10 Monaten, Deupe und Kerstea zu je 9 Monaten, Bilowsky, August Kracht, Rummel und Escher zu je 1 Jahr Gefängnis, Pohle und Albert Kracht zu je 6 Monaten und Wolf zu 9 Monaten Gefängnis. Die Angeklagten Kirks und Möser wurden mangels ausreichenden Beweises frei» gesprochen.— Den in Haft befindlichen Angeklagten wurden je 2 Monate der erlittenen Untersuchungshaft als verbüßt angerechnet. Die Angeklagten Bildowsly» Rummel, Escher und Aug. Kracht sollen aus der Haft entlassen werden, sobald die von ihnen angebotene Kaution von je 5060 M. bei Gericht eingegangen ist. Die übrigen Angeklagte» wurden ohne Stellung einer Kaution aus der Haft entlassen._ Arbeitswilligenschutz. Der im Gerichtsbericht der DienstaWUMmer unier ver Ueber- schrift„Arbeitswilligenschutz" erwähnte Arbeitswillige Fahr ist mit dem Pücklcrstraße 23 wohnhaften Tischler Richard Fahr nicht identisch. Dem Ersuchen des Obengeuanuten� dies mitzuteilen, kommen wir hiermit nach. Pelzjoppen Schlafröcke Morgenröcke Hausjoppen Einzelne Hosen und Westen, Leder-Westen, Gesellsehaltskleldung. Pf Spezial-Abteilung im Parterre: Jünglings- und Knaben-Kleidung. Bewährte Qualitäten, la Verarbeitung, moderner gutpassender Schnitt. Bücher nr den Weihnachtstisch Klassiker-Ausgaben des Vorwärtsverlages: Heines Werke Schillers Werke Je 3 Bände gut gebunden. Eingeleitet und bearbeitet von Franz Mehring. Preis für jedes Werk nur 4 M. 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Jeder Band der„Kulturbilder" ist ein fOr sich abgeschlossenes Ganses und kann daher einzeln bezogen werden. Ans meinem Leben. Von August Bebel. Band I. Brosch. 1.50, gebd. S.— M. Band II.„ 2.50,„ 3.—„ Die Fran nnd der Sozlallamne. Von August Bebel. Gebd. 3— M. Oentache Geschichte vom Ausgang des Mittelalters. Ein Leitfaden für Lehrende und Lernende. Gebd. S 56 M Geschichte der Gesellschaftsklassen. Von P. Kampflmeyer. Die deutsche Revolution von 1848 nnd 1840. Von Wilhelm Bios. Illustriert. Gebd. 4.— M. Der Ursprung des Christentums. Von Karl Kautsky. 5.75 M. Biblische Geschichten. Beiträge zum geschichtlichen Verständnis der Religion. Von Max Maurenbrecher. Gebd. 7.50 M. Terfassnngswesen und Verfassnngs kämpfe. Von Georg Gradnauer. Gebd. 8.— M. Der deutsche Bauernkrieg. Von Friedrich Engele. Herausgegeben von Frans Mehring. Gebd. 3.— M. Die Arbeiterfrage. Von F. A. Lange. Herausgegeben von Franz Mehring. 8.— M. Der Untergang der Sklaverei im Altertum. Von E. Cicotti. Brosch. 4.50, Gebd. 5.50 M. Garantien der Harmonie nnd Freiheit. Von Wilhelm Weitling. Herausg. von Franz Mehring. Gebd. 3.— IL Wilh, Wolff, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Franz Mehring. Gebd. 8.— M. Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Von Franz Mehring. i Bände 20.— �l. Ein gutes Hausbuch für die Arbeiterfamilie« r -Iii lJ Der erste Band umfaßt die ersten zwanzig Hefte der mit so großem Beifall aufgenommenen Bibliothek Das Buch ist auf gutem Papier gedruckt, enthält viele Illustrationen und präsentiert sich in einem schmucken Einband. Behandelt werden folgende Gebiete: Die erste Hilfe bei Unglücksfällen.— Das erste Lebensjahr.— Gesundheitspflege des Nervensystems.— Der Achtstundentag.— Alkoholfrage und Arbeiterklasse.— Das Schulkind.— Geschlechtsverkehr und Geschlechtskrankheiten.— Nahrung und Ernährung.— Wie sollen wir uns kleiden?— Der Arbeiterschutz.— Frauenleiden und deren Verhütung. Anhang: Die Verhütung der Schwangerschaft.— Vom medizinischen Aberglauben.— Das Wasserheilverfahren in der Gesundheitspflege des Arbeiters.— Verhütung und Heilung des Stottorns.— Geschlechtliche Erziehung in der Arbeiterfamilie.— Zähne und Zahnpflege.— Bau und Lebenstätigkeit des menschlichen Körpers. — Der Geschlechtstrieb.— Die Krankenpflege im Hause.— Die Proletarierkraukneit. Der Preis beträgt 4.50 M. Ein Kapitel zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Herausgegeben von Eduard Bernstein. 1. Band: Von 1848 bis zum Erlaß des Sozialistengesetzes 1878. 2. Band; Unter dem Sozialistengesetz in den Jahren 1878 bis 1890. 8. Band: Von 1890 bis zur Gründung des Zentralverbandes von Groß-Berlin 1906. ■ i Jeder Band ist auch einzeln zu beziehen.■ Preis pro Band In Leinen 0.50 M., in Halbfranz 7.50 M. Jugendscbriflen Ulenbrook. Briefe aus der Heide an meine jungen Freunde. Von Jürgen Brand. Qesohmaokvoll gebunden und mit Buchschmuck versehen 1.60 M. Eine Reise nach Island und den Westmännerinseln. Heisebriefe u. Tagebuchblätter m. Illustrationen. Von E. Sonnemann(Jürgen Brand). Gebunden 2.60 M. Im Reiche der Technik. Geschichten für Arbeiterkinder. Von Richard Woldt. Reich illustriert gebunden 1.50 M. Bilderbücher aller Art (auch unzerreißbare auf Pappe) in Preislagen von 20 Pf. bis 6 M. —— Vorzügliche Auswahl.—— Die vom Bildungs- Ausschuß empfohlenen Bücher sind sämtlich durch uns zu beziehen. Internationale BibtioM U. a.: Kaufsky, Karl Mar»' Oekonomische Lehren 2.— M., 1. Stern, Die Philosophie Spinozas 3— M., Lissagaray, Die Geschichte der Kommnne von 1871 M. 3—, Kaulsky, Das Ertnrtcr Programm 2.— M., Simon, Gesnndhcltspaege des Weibes 3 56 M, Mehring, Die Lesslnglegende 3— AI., Oadel, Moses oder Darwin 1.60 AI., Oeutach, 16 Jahre In Sibirien 3.50 M., Deutsch, Viermal entflohen 3— M., Bernstein, Soclallsmns nnd Demokratie In der großen englischen Revolution 4.— M., Kautsky, Vermehrung und Entwickclnng In Katar and Gesellschaft 3.— M. II II Ii II II il Künsllerischer Wandschmuck Die Marseillaise. Von OorS. Kupfergravüre. Bildgröße W/j:67 cm, Kartongröße"9: 105 cm. Preis 8 M. Jugendbild von Lassalle in farbigem Lichtdruck. Künstlerische Reproduktion eines sehr wertvollen Porträts. Preis 3 AI. Auch sehr geschmackvoll gerahmt zu haben. Preis je nach Ausstattung 4.60—6 AI. Der erste Mal. Vorzüglich ausgeführte Kupferätzung. Bildgröße 47: 68 cm, Kartongröße 73: 95 cm. Preis 8 AL Die Freiheit führt das Volk! Vorzüglich ausgeführteKupfergravüre. 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Der große Saal der„Neuen Welt" war am Mittwoch- morgen um 9 Uhr schon gefüllt von den streikenden Formern und Gießcreiardeitern, die begierig waren, das neueste Resultat der Einigungsverhaudlungen zu hören, um dann die Entscheidung über weiteren Krieg oder Frieden in der Berliner Metallindustrie zu fällen. Die Entscheidung fiel aus zugunsten des Friedens, wenn auch bei der Mehrheit der Streikenden eine starke Erbitterung herrschte, weil man die Zugeständnisse der Unternehmer nicht als zureichende erachtete. Nur dem Umstände, daß die Fortsetzung des Krieges eine Dreiviertel- Majorität der Streikenden erforderte, war es zuzuschreiben, daß der Streik als aufgehoben erklärt wurde und die vor- liegenden Bedingungen als angenommen gelten. Der Vorsitzende Sellrich sowie Cohen erläuterten die revidierte Vereinbarung, wie sie nach einer zehnstündigen Verhandlung mit den Vertretern der Unternehmer am Diens- tag vorlag. Die neue Vereinbarung ging den Versammelten noch im Laufe der Ausführungen Sellrichs gedruckt zu. Der§ 1 hat eine neue Fassung erhalten, der aber nur für diejenigen Betriebe, die I ä n g e r als 9 Stunden arbeiten lassen (es sind 9 Betriebe) eine Wirkung haben kann. Die Ucber- stunden sollen von beiden Seiten bekämpft werden; die Unter- nchnicr wollen nichts davon wissen, wie sie erklärt haben, und die Gewerkschaften sind erst recht Gegner der Ueberstunden. Die Zj? 1 und 2, die zusammen gehören, lauten: Die tägliche regelmäßige Arbeitszeit beträgt für Former und sämtliche Alkordarbeiler nicht über 9 Stunden, für die in Lohn arbeilenden Kernmacher und Putzer, soweit die Eigenart des Be- trirbcs es erfordert, bis zu Lst, Stunden, für die Hilfsarbeiter bis zu 10 Stunden. Sonnabends beträgt die Arbeitszeit 1 Stunde weniger. Di« vetriebSeinrichtungen find derart zu treffen, daß mit Schluß der durch K 1 festgesetzten Arbeitszeit die Arbeit beendet ist. Der Z 3 führte wieder zu heißem Streit in der Kom- Mission; die Unternehmer wollten auf keinen Fall aus eine bestimmte Festsetzung von EinstellungSlöhnen eingehen, aber der Paragraph erhielt doch eine kleine wichtige Acndcrung, so daß er jetzt lautet: Es wird mit jedem in der Gießerei beschäftigten Arbeiter längs«»? innerhalb der ersten zehn Tage seiner Beschäftigung ein seinen Leistungen entsprechender Stundenlohn vereinbnrt. Akkord- arbeirer erhalten bei Lohnarbeit den DurchschmttSverdienst des letzten IahreS abzüglich 15 Prozent, bei kürzerer Belchäfligungs- bauet der TnrchschniltSverdienst während dieser Zeit ebenfalls ab« züglich 15 Prozent. Stehi ein solcher Durchschnittsverdienst noch nicht fest, so wird der Durchschnirtsverdtenst gleichwertiger Akkordarbeiter ab- züglich 15 Prozent gezahlt. Die KZ 4 und 5, die Akkordarbeit betreffend, bleiben nach der ersten Bcreinbaning bestehen, wie sie im„Vorwärts" be- reits veröffentlicht worden sind. Der Z6, der den Ansschnßguß behandelt, soll nach Ansicht der Kommission in seiner Wirkung erst abgewartet werden; die Beschwerden der Former über die als zweifelhaft bezeichneten Fälle von Fehlguß sollen statistisch aufgenommen worden. Ueber die§§ 7—12 war man in der letzten Formerversammlung schon einig und nur die letzten beiden Paragraphen erregten Widerspruch, der aber von den Unternehmern nicht als bercchticht angesehen wurde, da diese Paragraphen nichts enthielten, was nicht in den Fabrikordnungen steht.— Die Erklärungen zur Aufnahme in das Protokoll, die vielfach angefochten wurden, besonders in bczug ans die Löhne der Hilfsarbeiter, haben manche Ver- besscrnng erfahren und lauten jetzt; Im Laufe der Verhandlungen wird festgestellt, daß bei Differenzen eine Kommission selten? deS Verbandes Berliner Metallindustriellcr zusammengetreten ist, die die Streitigkeiten in Geiiieim'chosl mit Vertretern der Arbriterorgnuisation schlichtete. Dieie Vermittclung, die sich durchaus bewährt hat. soll auch in Zukunft, speziell bei Differenzen, die sich etwa aus dem heute ge- lroffenen Abkommen ergeben, eintreten, und zwar sobald wie möglich, längstens innerkalb zehn Tagen. Die Löhne der Lohn- und Hilfsarbeiter sollen revidiert nnd in denjenigen Fällen erhöht werden, in denen bisher eine besonders niedrige Bezahlung stattfand. Als Norm hierfür wird bei den jetzigen Zeile), für volljährige Hilfsarbeiter ein AnfangSlohn von '0 Pf. pro Stunde und dessen Erhöhung nach dreimonatiger Be, „hästigungszeit ans 42 Pf. pro Stunde als angemessen be zeichnet. Die BeschäftigungSzcit vor Ausbruch des Streiks wird angerechnet. Bei Aufnahme der Arbeit treten diejenigen Lohn- und Hilfs- arbeiler, welche ihre alte Arbeit wieder erhalte», mindestens in die Lohnsätze ein, welche sie bei Beginn des Streiks halten. Maß- regelungen aus Anlaß de? Streiks oder der Durchführung dieser Vereinbarung düifen nicht statlsiiiden: Die Mitglieder der Schlichtiingskommission dürfen nur unter Zustimmiiiig drr Fabriklcitung entlassen werden. Bis zum 31. Januar 1012 tollen vor der Beschäftigung betriebsfremder Arbeiter vorzugsweise die bisherigen Arbeiter wieder eingestellt werden. Die Zugeständniffe sind gültig, falls die an der Bewegung Beteiligten(Former, Gießcreiarbeiter, Dreher, Fräser usw.), soweit sie von den Betrieben bestellt werden, am Freitag, den 8. De- zcmber, ihre Arbeit ausnehmen. Die Einstellung erfolgt nach Maßgabe der BetriebSverhältnisse. Mit der Wiedereinstellung der Ausgesperrten wird nach Maß- gäbe der Betriebsverhnlmisse ani Montag, den 11. Dezember 1911, begonnen. Die Ausgesperrtc» werden ohne Kürzung ihrer bis- herigen Rechte wieder eingestellt. Die während der Dauer deS Streiks wegen Arbeitsmangel Entlassenen werden de» Ausgesperrten gleichgestellt. Viel Schwierigkeiten bot, wie Selbrich und Cohen ausführten, die Regelung der Lohnfrage fiir die Lohn- und Hilfsarbeiter, und lange wurde in der Kommission darum ge- stritten, bis die kleine Verbesserung zugestanden wurde. Da- nach würden jetzt in den 5 Betrieben, wo noch unter 40 Pf. pro Stunde bezahlt wird, die Löhne auf 40 Pf. nnd für Ar- beiter, die drei Monate im Betriebe beschäftigt sind, auf 42 Pf. erhöht werden. In 19 Betrieben, wo 40 Pf. bezahlt wurden, erhalten die Arbeiter nach der genannten Be- schäftigungszeit 42 Pf. Für die Betriebe mit Lohnarbeitern eine einheitliche Regelung zu schaffen, ist zurzeit nicht an- gängig, da die Einstellungslöhne zu sehr schwanken, und es bleibt hier nur die Betriebsweise Regelung übrig.— Die getroffene Vereinbarung wurde von der Kommission den Ver- sammelten zur Annahme empfohlen, da nach Lage der Dinge zurzeit nicht mehr zu erringen sei. Auch die Ver- trauensmänner, die vor Beginn der Versammlung eine Sitzung abhielten, waren zu der gleichen Ansicht gekommen und schlössen stich der Empfehlung an. Unter den Versammelten aber erhob sich eine starke Opposition, die in der Diskussion über die neue Vereinbarung lebhaft zum Ausdruck kam. Wiederholt griffen Selbrich und Cohen in die Debatte ein, um der Opposition zu be- gegnen und über manchen Punkt der Vorlage die nötige Auf- klärung zu geben; auch August Werner vom Deutschen Transportarbeiterverband ersuchte die Versammelten um ihre Zustimmung, die aber von der Mehrheit der Versamm- lung entschieden verweigert wurde. Nachdem ein Antrag auf Schluß der Diskussion zur Annahme gelangt war. wurde die geheime Abstimmung vorgenommen. Selbrich machte darauf aufmerksam, daß jetzt die Frage der Fortsetzung des Streiks unter Ablehnung der Vorlage gestellt werde, und daher die statutengemäße Majorität vorhanden sein müsse, wenn die Vorlage abgelehnt werde. Unter großer Spannung wurde nach 2 Uhr das Resultat der Abstimmung verkündet: Die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen betrug 2543. Ungültig waren 14 Stimmen. Die erforderliche Dreivicrtclmajorität war demnach 1896. Für die Fortsetzung des Streiks und demnach für die Ablehnung der Vorlage stimmten 1817, dagegen 712.— Ein Sturm erhob sich in der Versammlung, als dies Resultat verkündet wurde, das die Aushebung und die Beendigung der Aussperrung brachte. Mit Mühe konnte der Vorsitzende bekanntmachen, daß sich die Streikenden am Donnerstagmorgen in ihren Streiklokalen einfinden sollen, um die Wiedereinstellung in bestimmter Ordnung vorzubereiten. SewerKscKaftlicKes. Berlin und Umgegend. Zum Streik in der Damenkonfektion. Die Konfektionäre Huben sich bclannklich bemüht, mit den vor- yandenen arbeNSwilligen Zwischenmeistern so elwaS wie eine Protest- bewegung gegen den Streik aus die Beine zu bringen. Wie unS mitgeteül wird, bat sich nun auch ein Zwiichenmeisler, Hermann Kali Ski mit Namen, bereit gefunden, ihnen dabei behilflidi zu sein. Wie es heißt, hat dieser Mann mit den Konfestionären„ver- handelt"— natürlich auf eigene Faust und ohne irgendwelche Fühlung mit den Meister- oder Arbeimehmerorganisationen— und bei diesen.Verhandlungen" muß wohl irgend etwa» heraus- gekommen sein, denn eS soll darüber in einer Versammlung berichtet werden, die aus heute nachmittag 3 Uhr nach den„Armin- hallen' in der Kommandamenstraße einberufen ist. Dazu sind allerdings nur die„arbeilöwilligen" Meister eingeladen, obwohl sich nicdi leugnen läßt, daß auch die Streikenden ein Interesse daran haben könnten, was jener Herr Kaliski zum Wohle der Gesamtheit geleistet hat. Im übrigen wird am heutigen Tage in Masten ein Flugblatt perbreitet, das der Bevölkerung Berlins weitere Aufklärung über den Kampf in der Damenkonfektion geben soll.— Erneute Verhandlungen mit den Vertretern der Streikenden sind, soweit nnS bis jetzt Nachrichten vorliegen, noch nicht zustande gekommen, wenngleich ja die Konfektionäre ihren Wunsch, zu verhandeln, von neuem kund- getan haben, allerdings m so einseitiger Weise, daß man auf Meister- und Arbeiwehmerseile nicht ohne weiteres darauf ein» stehen konnke. Lithographen und Steindruckeri Der bekannte Landkarten- Verlag.Pharuö" in der Lindenstraße 3 ist wegen Uebernahme von Slreikarbeil für die Schutzverbandsfirma Schwerdlfeger U. E o. gesperrt. Wir bitten um Abdruck in der Arbeiterpresse! Ebenso ist wegen Uebernahme von Streikarbeit in der Firma Rad. G r a c tz. Auguststraße 23. eine Differenz entstunden und bleibt hie Firma bis auf weilereS gesperrt. Die Verwaltungen der Filialen I und HI. Arbeiter, Genossen! Seit acht Wochen stehen mehr als zehn- tausend Tabakarbeiter im Wcstfalenlande im aufgedrungenen Ka,"vfe I 14 Wochen lang schon währt es, daß die Zigarrenarbeiter Groß-Berllnö um die Verbesserung ihrer Existenz ringen. Was sie verlangen ist nicht ungerecht und auch nicht allzuschwer zu bewilligen. Wenn Ihr kauft, wenn Ihr Euren Lieben Zigarren auf den Weih- nachistiich legen wollt, so kauft diese bei jenen Leuten, die den gedrückten Tabakardeilern die gebende Hand gereicht haben zur Ver- besseiung ihrer Existenz. Nur diese sind Eurer Unterstützung und EnreS Interesses würdig. Arbeiler. Raucher! Kaust nur dort Euren Rauchbedarf. wo die grünen Plakate, unterzeichnet Alwin Schulze, vor- gewiesen werden können I Beachtet die Veröffentlichungen der Zigarrenfabriken im.Vorwärts", die sich mit den Arbeitern ge- einigt haben und den Tarif bezahlen. Der VerlrauenSmann der Tabakarbeiter. Die Ballschiihmacher besprachen in einer Branchenversammlung den Ausgang der Differenzen, die Ivegen der neuen extremen Leistenformen entstanden waren. Den Bericht erstattete Ha- mann. Er führte auS, daß der Beschluß der im Oktober statt- gefundenen öffentlichen Ballschuhmacher. Versammlung dahin ging, für über diese Leisten gearbeitete Lackledcrartikcl 20 Pf. und für andere Artikel 10 Pf. pro Paar zu fordern. Diesem Beschluß haben die Ballschuhmachcr in den Betrieben, wo diese Formen zur Einführung gelangt seien, Folge geleistet. In den meisten kleinen Betrieben seien diese Forderungen ohne weiteres aner« kannt worden. Die Inhaber der größeren Betriebe erklärten, erst in einer Versammlung zu diesen Forderungen Stellung nehmen zu müssen. Nach dieser wurden den Kollegen füi; Lack- lederartikel 10 Pf. und für andere Artikel 5 Pf. bewilligt. Für minder schwere Formen wurden außerdem vielfach 5 Pf. zugebilligt. In einigen dieser Betriebe waren jedoch noch etliche Auf- bcsserungen der Grundlöhne mancher ungünstig entlohnten Artikel gefordert werden. Diese wurden zum Teil ebenfalls bewilligt. wofür die Kollegen ein Acquivalent dafür erblickten, daß die Forderungen für die Leistenformen nicht in der gewünschten Höhe bewilligt wurden. Unter diesen Umständen sei es möglich gewesen, diese Bewegung ohne jede Arbeitsniederlegung durchführen zu können. In der Diskussion wurde von einem Redner ausgeführt, daß die Firma Leiser u. Co. dem Arbeiterausschuß den Vor- schlag gemacht habe, die nunmehr vereinbarten Löhne vertraglich festzulegen. Die Ausschußmitglieder hätten jedoch erklärt, dazu nicht kompetent zu sein; würde von den Unternehmern eine dies- bezügliche Vereinbarung gewünscht, so verweisen sie diese an die hiesige Ortsvcrwaltung des Schuhmacherverbandes. Von dem Vertreter des letzteren wurde mitgeteilt,'daß bisher keine dies- bezügliche Mitteilung vorliege. Mit der Ermahnung des Ver- sammlungsleiters, zur Behauptung des Erreichten und zur Er- reichung weiterer Vorteile unbedingt treu und fest zur Organi- sation zu halten, schloß die Versammlung. veutlcbes Retd), Halt, Kollege! Die Entlarvung des Spitzels Gärtner bei dem Miihlen« arbeiterstreik in Magdeburg ist der bürgerlichen Presse außer- ordentlich unangenehm. Sie behauptet, die Spitzelgeschichte sei„von Anfang bis zu Ende erlogen" und nichts weiter als ein„unerhörtes, niedriges Wahlmanöver der Sozialdemokratie". Aber unleugbare Tatsachen lassen sich nicht so ohne weiteres auS der Welt schaffen, und darum wird die Sache s o dar- gestellt: Um seine wertvollen Maschinen vor Sabotage- akten(I) zu schützen, habe sich der Mühlenbesitzer Hildebrand drei„Wächter" aus Berlin kommen lassen. Einer dieser Wächter sei nun von den Streikenden in das Streiklokal gelockt, dort bearbeitet und betrunken gemacht worden und habe sich nun in diesem Znstande als Spitzel aufgespielt und den Genossen allerlei Schauermärcn auf- gebunden. In Wirklichkeit hat der Spitzel sich an unsere Genossen herangemacht, sie aus seiner Tasche traktiert und ungefragt seinen vermeintlichen Kollegen das erzählt, waS wir bereits berichteten. Er brüstcte sich unter anderem auch damit, daß er im Moabiter Prozeß als Zeuge aufgetreten wäre; er sei bei den Moabiter Vorfällen in demselben Straßenbahn- wagen gefahren, mit dem der verfolgte Pastor der Reforinations- kirche fuhr.„Im Wagen konnten wir ja nichts machen; aber was draußen dann passiert ist, können Sie sich ja denken!" meinte er. Gärtner ist am 17. August 1890 in Schömberg geboren, also gleich dem ebenfalls an der Moabiter Affäre be- teiligtcn H i n tz e noch in verhältnismäßig jugendlichem Alter. Er wohnt bei Opalla in der Kirchbachstr. 10. Sein direkter Auftraggeber ist der Privatdetektiv Karl G r ä g c r, Schöne- bcrg, Grunewaldstr. 20. Dieser war früher bei der politi- scheu Polizei! In Magdeburg ist außerdem noch tätig ein gewisser Ludwig Zipfel, Charlottenburg. Kaiserin-Augusta- Allee 102 im Gartenhaus wohnhaft. Die Berliner politische Polizei ist ihrem Renommee— wenn sie daraus Wert legen sollte I— eine Anfklärung schuldig: Wer hat die Eleuicitte a la Gärtner während der Moabiter Tage bezahlt? Wer hat angeordnet, daß auf ihr:„Halt, Kollege!" sich die Säbel der uniformierten Beamten senkten? Der preußische Polizeimiuister ist Aufklärung schuldig: Welchen Talisman be- sitzen Leute a la Gärtner, Gräger, Zipfel usw., der auch an fremden Orten hinter ihnen die Türe» des Polizeigewahrsams wieder öffnet, obgleich sie unter de» Auge» der Beamten eine Bedrohung begingen?— Wie die bürgerliche Presse mitteilt, will man gegen eine Anzahl der Streikenden in Magdeburg einen Landfriedens- bruchprozcß in die Weg? leiten. Dabei weiß eigentlich nie- mand, was zwischen den Streikenden und den Arbeitswilligen vorgefallen ist. Die„Magdeburger Zeitung" spricht zivar von „Greueltaten der Streikenden", welcher Art aber diese Greuel- taten sein sollen, erfährt man nicht. Am Sonnabendabend nahm die Polizei wieder vier neue Verhaftungen vor, von denen aber nur zwei aufrechterhalten wurden. Zurzeit sind noch sechs Personen in Haft. Auch der Lokalangestellte der Mühlenarbeiter, Genosse Menz, ist noch nicht wieder entlassen. Es scheint, als ob man gegen ihn eine Hauptaktion plant. Er soll der Anführer und Anstifter von allem gewesen sein, die Arbeiter in den Streik gehetzt haben usw. Dabei hat niemand mehr zur Ruhe und Be- sonnenhcit gemahnt als Menz, und der Streik ist von den Arbeitern trotz des Abratens der Organisationslcitung be- schlössen worden. Di� Polizei geht jetzt mit besonderer Schärfe vor. Sie duldet keinen Streikposten lind weist sogar Gewcrkschafts- angestellte von der Straße, die nichts weiter wollen, als was die Polizei angeblich auch will, nämlich für Ordnung sorgen. Die streikenden Arbeiter haben übrigens beschlossen, daS Einigungsamt des Gewerbegerichts anzurufen. An alle Holz-, Brettcrträger nnd sonstige Hilfsarbeiter i Seit dem 1. Dezember befinden sich die Arbeiter der RütaerSwerke A.-G., Schwelleiitränke in C ü st r i n- Neustadt. Plantagenstraße, in einer Abwehrbewegung. Da versucht wird, Arbeitswillige heranzuziehen, bitte» wir jeden Zuzug von Ciistrin fenizuhalien. Deutscher TranSporlarbeilcrverband, Gau 8. Die„Hirsche" nnd die Landarbeiter. Die ZersplittcrungSarbcit der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine hat nn» auch nicht Halt gemacht vor dem Verband der Land-, Wald« und WciiibergSarbciicr. Unter der Firma: Scklion der Land-, Forst» und Gartenarbcitcr versucht der Gcwcrkvcrcin der Fabrik- und Hand- arbeiler im» sein Heil mit der Oraanisicrung der land- und fornwirtsckiasilichcn Arbeiter. In Etralsimd soll angeblich ein Land- arbeiterickretariat eingerichtet, in Triebiees(Pommern) die erste Zahlstelle der GewerkvcrcinSiektion gebildet sein. In den Anlündionngen im„Gewerkverein', der.Freisinnigen Zeitung' u. a. wird bei einem Wochcnbeitrag von 15 Pf.»ach einjähriger Mitgliedschasl ein Krankengeld von 70 Pf. pro Arbeitstag auf die Dauer von vier Wochen versprochen, daneben ein Sterbegeld von 20 M. nach einjähriger, 30 M. nach fünfjähriger und 40 M. nack> zehnjähriger Mitglicdschafi, Rechtsschutz und ein VerbandSorgan. Dabei wird gesagt, diese llinerstützimgeir seien wesentlich höher als diejenigen des Verbandes der Land«, Wald- und WeinbergSarbciter» obgleich dieser höhere Beiträge verlange. Dies ist»»richtig. Der Landarbsiterverband hat drei Beitragsklassen zu 30, 30 und 80 Pf. pro Monat, das ist pro Jahr ein Beitrag von 3.30 M., 7,20 M. oder 9.30 M. Dafür gewährt er nach einjähriger Mitgliedschaft für jeden KrankheilStag eine Unter- stützimg in Höhe VcS jeweiligen MonatSbeitrageS ans die Dauer von 4 Wochen, also eine Geiamtunterstützung von 8.40 M.. 13,80 M. oder 22.40 M. Die Hirsche verlangen einen Jahresbeitrag von 7.80 M. und gewähren dafür eine Kraiikenuutcrstützung von 13,80 M.. also genau so viel als der Landarbeitcrverbaud für einen Beilrag von 7.20 M. An Sterbegeld wird in letzterem nach zweijähriger Beitrags» lcistung gewährt 20 M., 30 M. und 40 M.' Eine Maßregelung«- Unterstützung in Höhe von 30 M. ist bei den Hirschen, wie im Land- arbeiierverband vorgesehen. Die Hirsch: bcgiimc» ihie Arbeit demnach mit Unwahrheiten. Und als unwahr muß auch das Vorgeben bezeichnet werden, den Land- arvettern solle oöv KoalltionSrecht verschafft und die Veseitigung der Gesindeordniingen erstrebt werden. Die Landarbeiter verdanken es gerade der freisinnigen Partei, der die Gewcrkvereine nahe stehen, mit, dost die Koalinonsbeschränknngen und die veralteten Gesinde- ordnungen noch bestehen, denn sie haben z. 23. bei den Berainngen des Bürgerlichen Gesetzbuches in der Kommission nicht für die Be- scitigung der Gesindeordnungen gestimmt. Wenn es die Leute, die hinter der neuesten Hirsch-Dundkerschen Gründung stehen, ehrlich mit den Landarbeitern meinten, hätten sie längst Gelegenheit gehabt, ihnen die rechtliche Gleichstellung mit den gewerblichen Arbeitern und damit auch das Koalitionsreckt zn schaffen. Es hätte des Umweges über eine freisinnige Landarbeiter- organisation nicht bedurfl. Das Vorgehen der Hirsche ist demnach eine neue gcwerkliche Zersplitterungsarbeit. Husland. Oesterreichische Strcikftatistik 1910. Die amtliche Statistik der Lohnkämpfe im Jahre 1910 ist soeben erschienen. Ihre Zahl betrug 2883, wenn man die Zahl der betroffenen Betriebe zugrunde legt. Es streikten � 55 474 Arbeiter und Arbeiterinnen insgesamt 1 129 4SV Arbeitstage. Zwei Fünftel aller Streiks, ein Viertel der bestreikten Betriebe und ein Drittel der Zahl der beteiligten Arbeiter entfielen auf Böhmen. Die meisten Konflikte entstanden im Baugewerbe. 503 Arbeitseinstellungen(434 im Jahre zuvor) waren AngriffSstreiks, 81(101) Abwehrstreiks, die Motive von S8 Kämpfen sind diverser anderer Art. Bei 335 Streiks wurden Lohn- erböhungen von 33 109 Streikenden erkämpft. in 37 ive« wcgungen wurden Arbeitszeitverkürzungen für insgesamt 6043 Ar- eher erreicht. Nur ein Zehntel der Streiks hatte vollen Erfolg, ein Fünftel mißlangen, die anderen hatten teilweise Erfolge. An Anssperrnngen waren 19 mit 19 792 Arbeitern zu ver- zeichnen. Sie kosteten 208 730 Arbeitstage. DaS, Gefanitbild ist das eineS ziemlich ruhigen mit langsam sich besiernder Konjunktur. DaS Gesamtergebnis spricht für eine im ganzen umsichtige, aber auch entschlossene Führung. Der Separatismus konnte doch das Gefttge der Gewerkschaft nicht lockern. Tarifbewegung im schweizerischen Gteindrnckgewerbe. Obgleich in der Schweiz sowohl Gehilfen wi« Unternehmer seit langer Zeit stark organisiert sind, bestand bisher für Litho- graphen und Steindrucker ein Tarifverhältnis noch nicht. Jetzt ist es nun nach monate langen und schwierigen Verhandlungen zwischen Vertretern der beiden Organisationen gelungen, einen festen Tarifvertrag abzuschlieszen, der sich auf die ganze Schweiz erstreckt und den gegenseitigen Organisationszwang vorsieht. Am meisten umstritten war die Festsetzung der Arbeitszeit; an dieser gefährlichen Klippe drohten die Verhandlungen zu scheitern. Gc- fordert wurde von den Gehilfen an Stelle der bisherigen Arbeits- zeit von 9 Stunden täglich eine Verkürzung auf 50 Stunden pro Woche. Schließlich einigte man sich auf folgender Grundlage: Die Arbeitszeit beträgt vom 1. Januar 1912 ab 52 Stunden pro Woche un> Born L IflS a? SffS Punkte des Tarifes snch: Der Arbeitslohn beträgt im erste« Gehilfenjahre 33 Frank per Woche und unterliegt dann der seeieo Vereinbarung zwischen Prinzipal und Gehilfen. U e b er z e i t- arbeit wird mit 25 Proz. Zuschlag, Sonntags und nachts mit 50 Proz. bezahlt. Die Feiertage werden bezahlt; der 1. Ka* wird freigegeben. Ferienurlaub mit voller Bezahlung wird nach dreijähriger Beschäftigung drei Tage und nach fünf Jahren sechs Tage gewährt. Auf je 4 Gehilfen kann ein Lehrll«g gehalten weichen. Akkord», Prämien- und Hausarbeit ist verboten. Dieser Tarifvertrag hat Gültigkeit bis zum 31. De- zember 1915. Während hiernach sich die ausländischen Unter- nehmer mit ihrer Gehilfenschaft auf einer für beide Teile an- nehmharen Basis einigten, trieben es die deutschen Unternehmer zum Kampfe, denn in Deutschland sind wegen Forderung der Verkürzung der Arbeitszeit schon seit 9 Wochen 4500 Lithographen und Steindrucker ausgesperrt, worüber wir ja laufend berichten. So„schützt" der Unternchmcrschutzverband das deutsche Steindruck- gewerbe gegen die ausländische Konkurrenz. Zentralverband der Handlungsgehilfe» lvezirk Charlotten- bürg.) Freitag, den 8. Dezember, abends 3'/, Uhr, im„Berliner Ktndl». Leibnizstr. 3. Vortrag:„Die ReichStagSwahlen 1912 und ihre Bedeutung !ür die Handclsangeftcllten« Neferente»: Frau Martha T i e tz und Reichs- tagSabgeordneter Fritz Z u b e i I. IWU� Todes-Anzeigen|[��lj Durch den unerwartet frühen Tod nnaoies Ersten Direktors, des Herrn Kommerzieorat Otto LpjMAgev ist unsere Brauerei von dem schwersten Verluste betroffen worden. lieber 32 Jahre hat der Entschlafene seine hervorragenden Kenntnisse und Erfahrungen, sein ganzes Interesse und seine nie ermüdende Arbeitskraft für das Gedeihen unserer Gesellschaft mit unvergleichlichem Erfolge eingesetzt. Unsere Verwaltung wird dem in voller Schaffenskraft und Arbeitsfreudigkeit Abberufenen für seine Treue und Gewissenhaftigkeit, für sein« allzeit de- t&tigten edlen und liebenswerten Charaktereigenschaften dauernd« Verehrung und Dankbarkeit bewahren. Hlxdorf, den A Dezember 1911. 273/14 ÄDlsiehtsral and Vorstand der Berliner Sindl-Braaerei-AktiengeseilscbalL Naclil'uf. A» Dienstag, den 5. Dezember, früh 6 Uhr, verschied der Direktor der Berliner Kindl-Brauerei Am Donnerstag, den 30. No. ocinbcr, verstarb plötzlich, durch Unsall. mein lieber Mann, der Maschinist ISlOb Franz Kahleri Katzlerstratze 12 im 54. Lebensjahre. Dies zeigt ttesbetrübt an Die trauernde Witwe Martha Kahlert geb. Hummel. Die Beerdigung findet am Sonntag, den tv. Dezember, nachmittags l Uhr. von der Leichenhalle des St. Matthias- j KirchhoseS, Marienböhe, ans statt. KWtSoNWMNBnn-- Am 4. Dezember verschied nach kurzein Leiden mein inniggeliebtcr Mann, unser herzensguter Vater; Onkel. Schwager und Großvater. der Toptenneister 9942 Karl Kaminski im Alter von 58 Jahren. Dies zeigen ttcsbetrübt a« lZ!e traueenitea Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. Dezember, I nachmittags L>/, Uhr. von der iteichenhalle des ZwnS-itzirchhofes. stiederschönhausen- Nordend, aus I llatt. 1 Herr Kommerzienrai OltO infolge eines Herzschlage heitern ein wohlwollendei res. Derselbe' War seinen Arier und gerechter Arbeitgeber und betrauern dieselben deshalb sein Hinscheiden doppelt- Die Arbeiter der Beritner Kindi-Sraaerei. Rixdorf. den 12. Dezember 1911. üier MasriiiiiisteD und Heizer! i sowie BerulsgeoosseflOeuiscbLl Verwaltungsstelle GroB-Berlin. Am Donnerstag, den 30. No. vember 19t 1, verstarb als Opser eineS Betriebsunfalles unser Mit- giied, Kollege Fo'snz KahBer-ä Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den lv. Dezember, nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des MathiaS-Kirchhoscs in Südcnd, be! Marienhöhe, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 146/11 Die Ortsverwaltung. iZemral-Kraiiken- oiiil Sterbe- 1 kasseilJeutscbeo Wapbauen Berirk V. Den Mitgliedern zur Nachricht, i j daß unser Mitglied Äu(jU8t Abraham Seilet str. 15, am 5. Dezember im Moabitcr Nrantcnbausc an Magen- leiden verstorben ist Die Beerdigung findet am 8. d. MtS.. nachmittags 2°/, Uhr, von der Leichenhalle des Fried- boseS der Dantes- Gemeinde, Scharrnweberstraße, aus statt. Stege Bcleiltgung der Mitglieder erwünlcht 1911b Die Ortsverwa ltung. veulseder Bauarbeiler-Verdamll Zweigverein Berlin. Sektion der Piitner. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege ADton Kurzmann am 4. Dezember verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag, den S. Dezember, nachmittags PI, Uhr, von der Halle des Moabiter Krankenhauses nach dem Gethjemane-Kirchhos In Nordend auS statt. 141/10 Die Sittliche Verwaltung. Saziail!eiiio!tMeberWzIii?M- für den \l. Herl. Helebslags-f abikreis. I Bezirk 134. Am 6. Dezember verstarb nach* j langem schweren Leiden unser. I Genosse, der Schankwirt I tiermann Müller! Bärwatdstraße 51. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am| I Freitag, den 8. Dezember, nach- I mittags 3 Ubr. von der Leiche»-, i halle de? Heilig-Kreuz-Kirchhofe-Z[ | in Mariendors, Etsenacher Straße, s J auS statt. 212/',- Um rege Beteiligung ersucht Der Borltand. I Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Gatten, unseres Baters.SohneS undSchwieger- vaters WUkieim Etekrem! sprechen wir., allen ÄZerwandtey, Freunden und Belannten, inSbewn- dere den beiden ChesS und den'. Per- fonal der Firma R,& S. Moses unseren innigsten Dank auS. Im Namen der Hinterbliebenen: Witwe Agnes Schrcnd. Eine Weihnachtsfreude bereitet jeder gern, doch stoßt die Wahl der Präsente vielfach auf Schwierigkeiten. Selbstbereitete Getränke finden aber immer Anklang. Wer sich nun seinen Bedarf mit OriginaJ- Reichel-Essenzcn„Marke Lichtherz" selbst bereitet, hat für geringe Kosten alkoholfreie Getränke, tadellose und feinste Spezialitäten usw., die den teuersten in- und ausIändiscKee Marken nicht allein gleichkommen, sondern sich auch noch bis um das Zehnfache billiger stellen. Ein Mißlingen ist vollständig ausgeschlossen, der Erfolg ein ganz überraschender. Ter Bfaeliahxnnngen sei drinjrend gewarnt! Die echten„Ortclnal-Beichel- Ewttenxen" sind un dar„Warke Llchtherz� erkenntlich und in den bekannten, meist durch meine Schilder kenntlichen l>ro{jerien erhältlich, wenn ausnahmsweise nicht su haben, wende man sich an die Fabrik Otto IteKchel, Berlin SO., � Eisenbahnstr, 4. Pem- spreohex IV, 4751, 4752, 4753. Aufklärende illustrierte Broschüre mit erprobton HezeptM: „Die Destillierung im Haushalte" gratis. Für die vielen(Braiulatlcnen, Ehrungen und Blumen, die uns an- läßlich unserer silbernen Hochzeit zu- teil geworden sind, ist eS uns nicht möglich, jedem einzelnen unleren Dank auszusprechen und suchen es aus diesem Wege nachzuholen. Ins- besondere danken wir den Partei- genossen und Genossinnen des tVB Bezirkes, sowie den Funktionären deS 10. und 12. Bezirkes des Wahl- vereinS zu Rixdorf. SWoif Otto u. Jrau, Schöneweider„Str, 15,! Danksafliinfl. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme be! der Beerdigung unseres lieben Binder» und Onkelsj, deS Zkammschleiser» 9962 August Ikogt sagen wir hiermit allen Freunden und Bekannten, insbesondere seinen Kollegen der Firma Streich, so. wie den Genossen seweS Bezirks und deS 4. Berliner NeichStagZwahlkreiseS unseren herzlichsten Dan!. Die trauernden Hinterbliebenen. Herrn. Vogt und Geschwister. Große Firm» Teppichs, Gardioen, Stores, Steppdecken, Portieren auf Deilznhlnng ohne Anzahlung. Keine Kassierer. Ediffre.8. 100.»Bor- wärtS�-Spedition, Auguftflr. 50.* Dresdener Straße (Eckbaas Oranlcnpl.) M Muffen, Kolliers Sxtra billige preise! Echte Skungs- Stola» von 25 5l. an. Pelz-Hüte.llutstrelfen Felle, Köpfe. Schweife in allen Feilaxten. EigsBe Kirsehiierei. ■ edermann erhält die im Penster ausgestellten Gegenstände sofort für den bezeichneten Preis. nftfa s:enau auf X r. ÜILlC HO und Kilo zu Weil« z. achten. Deutsctier Bolzarbeller-Verbanil . i Den Mitgliedern zur Rnchrtch. daß unser Ktollege, der Möbel- Polierer Os&ar iCseditz im Alter von 41 Jahren gc- storben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. Dezember,. nachmittag» 3 Uhr, aus dem Gc meinde- Friedhos in Köritz be Neustadt a. D statt. 93/15 Bis Ortsverwaltung. Die täglich steigernde Nachfrage nach unserer Zigarette isr Tag SU-m ist der beste Beweis für die vorzügliche Qualität des Fabrikates. Jeder Zigarettenkennor gibt der Tag III don Vorzug, weil die gute Beschaffenheit derselben die beste Empfehlung ist. r unsere To Ein WeibnaehtsgeseheDk Freude verbindet SINGER Nähmaschinen nähen, sticken und stopfen. SINGER Nähmaschinen erhielten in Turin 1911 wieder 2 Höchste Preise. SINGER Co. Nähmaschinen Act. Oes. BERLIN, Leipziger Straße 92. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. 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Der Brand sttster. » �» Sternwarte, Jnvalidensir. 57—62. Katser-Panorama. Besteigung der Zugspitze. IL Wanderung aus Schiller-Theater 0Ärr: Donnerstag, abends 8 Uhr: Don Carloa. Freitag, abends 8 Uhr> Hasberade. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Don Carlos. Sehiller-Theater Ch8br«?JM Donnerstag, abend» 8 Uhr: nadame Sans-GCne. Freitag, abend» 8 Uhr: Wilhelm Teil. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Iladame Sans-G�ne._ Berliner Theater. Abend» 8 Uhr: Die Ahnengalerie. MteryerlÄÄStraBe AbendS 8 Uhr: Spielereien einer Kaiserin. Metropol-Theater. Die Nacht von Berlin! Große JahreSrevu« tn 7 Bildern von lXril. Freund. Musil oan SO. Holländer. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen schattet. Urania. Wissenschaftliches Theater. 8 Ukr: Von Heran zum Ortler. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Das Mädel von Montmartre. Crevette: Frltzi Uasaary. Sonnt. 3'/« Uhr: Der(Idole Bauer. Theater des Westens. 8 Uhr: Die Dame in Rot. Morgen 8 Uhr: Fatinifta. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Max und Moritz. Nesidenz-Theater. Direktion Richard Alexander. Heute 8 Uhr: Kümmere Sich um Amelie. Schwank in 3 Akten v. G. Feydeau. Morgen und folgende Tage: Ein Walzer von Chopin. FHedHch-WllhoImstildt. Schauspiclhaas. Heute 8 Uhr: Sbci-locb Holmes mit Ferdinand Bonn in der Titelrolle. Belle-MIianee-Theater 3-/, mr: Die Räuber. Freitag: Narrenspiel._ Luisen-Theater. Heute 8 Uhr: Baronesse Ciaire. Freitag: Die Macht der Liebe. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Wie Klein-Else das Christkind suche» ging._ OSE=THEATE I Große Frantsurier Str. 432. AbendS 8 Uhr: Die grüftte Liebe. (Der Lumpenpaftor.) Freitag: Der Hüttenbefitzer. Sonnabend 4 Uhr: Das der- zauberte Schlaft. 8 Uhr: Die gröftte Liebe. Abend» 8 Uhr: Senes Programm. 9 Uhr: Harry Waiden mit seinem Ensemble tn Brettlkönig, Vaudeoille in 2 Akten von G. Olon» kowSky und A. Reidthardt Text von R. Schanzer. Musik v. W. Kollo. Zlelms A. Schumann Theate Noeii nie dagewesener Laeberlolg! Bas lind der Zinns mit Anton und Oonnt Horrnkeld tn den Hauptrollen, vorher: Seirmsninzs ggiiznljivng. Ans. 8 Uhr. Vorverkaus 11—2 Uhr. KSrngstadt-VaHno. SckeHolzmarll. U. Al-xanderstrabe vom 1. bi» 16. Dezember: „Familie Mililer" grotze» BolkSstück te zwei Bildern und da» reichhaltige 99" SpezlalltSten-Programm. Extravor�tellnng im Ijesslng- Theater: Muntag, den 25. Dezember. Gerhardt Hanptxaann; Einsame Menschen. Einlaßkarten a 1.30 Mark in allen Zahlstellen. st. 7. Xca f Mr. n. Mite. STen! Corradinl Hessing- Theater Bjömson: Wenn der junge Wein blüht. Neues Schauspielhaus Björnson: Heber unsere Kraft S. Teil. Thalia-Theater Groinz: Die Thurnbacherin Besidenz-Theater Emil Augier: Die arme Löwin, jtadabteilungen Hebbel: Agnes Bernauer. ArrnM-Theater Wied: Für die Xachmlttags- Mitglieder sind in den Abendabteilungen an den Montagabenden im Neuen tüchauspiclhanse Karten a Mk. I.SO zu haben. Xene Mitglieder allen Zahlstellen melden für die Nachmitüigs- nnd AbcndabteUnngen. 242/3 Der Vorstand. T. V.: Q. Winkler. J Midget's Town. Die Hauptstadt im Lande der Liliputaner. Heute Donnerstag: 4 Eröffnung; ü Nachmittags 4 Uhr. In sAmtllehen Bäumen von 140/2 Castans Panoptikum: Große Zirkus- und Variete-Vorslellung. Täglich geöffnet von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. ——— Eintritt ffl.- Neu eröffnet! Sport-RestaurantTreptow Radrennbahn, Elsenstraße US— 116. Dem geehrten Publikum zur seil. Nachricht, daß ich das Sport-Restaurant nach vollständiger Renovierung übernommen habe und bitte um gütigen Zuspruch. Saal mit Theaterbüime sowie Vereinszimmer sind zu vergeben. 1909b SvBBtag und Mittwoch; Fanillicnhränzchen. Ho ohaohtnnge voll OftO Mcttd'Uich» Die Eisbahn ist zu verpachten. Pachtangebote erwünscht. Reiehshallen-Theater. !i Sipr. Gastspiel Ruber! Steidl. Anfang 8 Uhr, Sonntag» 7 Uhr. Polles Capriee. Zum loo. u. letztenmal Nr. 14. Kodi Krach. Freitag, den S. Dezember 1911: Premivrv. Elefant, roLv»' Dressurakt Zebras, Pferd Hunde. und BTen!\rcn! Geschwister Weise genannt: Die Biedermeier mit ihren hier noch nie gesehenen konkurrenzlosen Original-Tricks. lies Brlatores In ihren neuen Genre. 5 Affen am fliegenden Trapez. 9'/» Uhr: Die große Eeerie in 5 Bildern nach Motiven aus 1001 Nacht 1000 Jahre auf dem Meeresgrund lag, Auffünr •Federn) ann. s des Deutschen Theaters; 1 Sonntag, 10. Dezember: lä grolle Vorstellungen. Passage-Theater. Das große Festprogramm. Der Triumph der Schönheit! Lebende Kunstwerke Ciaire Waldolf Der tapfere Herr Ängstlich Burlesk-Sketch mit Georg Kaiser u. W. Qoldmann in den Hauptrollen und 13 VarieU-Sensationen. Acht Wochen bei den Täglich zu sehen! Lebend Die wilden Essanas Karawane sudanesischer Schrei-, Heul- und Peuer- Fakire in einem besonders aufgebauten Dorfe. Ohne Extra-Entree. Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: FFSf» Baby. Sonntag nachm. 3 Uhr: Franeillon, Admltebpataäl AmB�mbotfMcdndidtosae Bis-Arena. Von 10 Uhr an geöffnet. OW Wachmittags:-W> IKUUtSr- Konzert. Um 5l/> Uhr; Da» Weihnaontsmirohen Schneewittchen BV Abends-tzMW Das prachtvolle Eisballett: Alp enzauber Die kleine Charlotte Apachentlnze— Puihballsplel. Bia fl Uhr und von 10'/, Uhr an halbe Preise. Restaurant ersten Ranges. Zirkns Bnsclil Donnerst., 7. Dezember, 7'/, Uhr: Gro8er Gala-Abend. Nach Unterbrechung d. Karl I Hagenbeckschen Gastspiels[ durch die Erkrankung des| ASen„Max" Herr Georg Burkhardt- Foottit, Schulreiter.— Normann-Telma. Hektor und Eolette. Herr Ernst Schumann, Meieter- dressuren usw. Um 9'/, Uhr zum 56. Male: Origin.- Aus- stattungs- stüok des Zirkus Kusch Voigt-Theater. Heute: Gastspiel in Puhtans Theater, Prin; und Ktttlenn. Englisches SensalionSdrama in sechs Bildern von Sicgsr. V. Lutz. Kossenerässnung 7 Uhr. Ans. 8'/, Uhr. Noacks Theater. Dlreltion: Robert Dill. Berlin N., Brunnenltraße 18. Berlin, wie es weint unil iaebt VollSstlick mit Gesang von Kalisch. Musil von Conrad!. Ansang 8'/« Uhr. BonS usw. güMg. Morgen zmn letzicnmal: Berlin. wie es weint und lacht.__ Casino-Theatep Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr Nur noch bis Donnerstag, 7. Dezbr.: Der selige Halischitiskli. Freitag, 8. Dezember Premieienabend Der Kumps ums Dasein. Sonntag 3V, Uhr: Die Tochter des Sträflings. Volks-Lheatee. Rixdorf. Hermaunstr. 2». Sonntag, ID. Dezember: Therlock HolmeS. Detettiotomödie in vier Akten von A. Sachse. Montag. 11. Dezember: Der Ernst des Lebens. Schauipiel in drei Allen von Jul. Schaumberger. Nißles Fest-Säle Dennewltzstraße 13s Jeden Donnerstag: Canzkränzchcn bei freiem Enttee. C. WIßle. Concordia- Festsäle. Inh.: M. Wandt ck A. Schütze. 64 Andreasstraße 64. Jeden Donnerstag: Große Soiree d. allgemein beliebten und bekannten _r. Direktion Fr. Fanther Heut«; Neu! Der Hasikmeister. Schauspiel in 1 Akt. Anfang 8 Uhr. Soa.Crcer: TM-TLN?. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Für Den Inhal: der �nlecate Abernimmt die Redaktion dem vudlituw gegenüber keinerlei Verantwortung. Nieckr Rrichstligs-Wahllirris� Donnerstag, den 7. Dezember, abends ZVs Uhr, in„Kellers Festfälen�, Koppenstr. 29: lireifteral-¥ersaiiimlimg>. Tagesordnung: i„Die Reichstagswahlen". 2. A u fst e llu n g des Kandidaten. KV Mitgliedsbuch legitimiert.-M« Referent: Reichstagsabgeordneter Otto Büchner. 20719* in nimm fi Reichstags Wahlkreis Üleder-Barnlm. Donnerstag, de« 7. Dezember liSII, abends 8 Uhr: Gr. offentt. M ahlerversammlnng in den„Prachtsäleu des Ostens"(Cranz), Frankfurter Allee ISt— ISS. Vollisvot, lil'Ieg5het?e unS Reichstagsivahlen. Referent �rtur StaUtkaZen. Nach dem Referat freie Aussprache für jedermann! 3S Um rege Beteiligung ersucht ltci» Elnberafer: G. Knulfust, Dolziger Ztraße 28. PF- RIXDORF Achtung! Reichstagswähler! Achtung i Heute, Donnerstag, abends 8� Uhr: Bnf iffentlichs Wäbler-Versamtninngen. 3. Kommunal- Wahlbezirk l9.u.19.Kommunal-Wahlbezirk| 14. Kommunal-Wahlbezirk im in den bei Aeldschlöftcheu,«Slsenstr. 7». Passage-Festsälen, Bcrgstr.»SS. Pctrte. Kuesebeltstr. n». 9tc|cvcitt:«inbtu. Heitmann.| JRcferent: SiabiDcrorbnclct Kloth.| Neserent: Wenofje Uaese. 18. u. 20. Kommunai-Wahibezirk bei Hoppe, Hermannftr. 49. Sieserent- Genosse Vvk». 24. Kornrnunal-Wahlbezlrk im KarlSgareen, KarlSgartenftr. S/10. Neserent: Genosse EuulS. Tagesordnung: t. Die Belastung des Volkes durch die Steuern und Zölle. 2. Freie Diskussion. 3. Verschiedenes. 237/6 In Anbetracht btx überaus wichtigen Tagesordnung Wird Massenbesuch erwartet. van gozlaldemokratifcclio Wahlkomitee. Sonntag, den 10. Arzemdkr 1911, vormittags pnnhtlidj 10 Uhr, im neuen Saale der„Uklitn Meli", Hasenheide: Tagesordnung: „vis Lswiekelvvg um! die Ausgsden des 8grlir.gr Nsseliinenmeizterveremz." Referent: Ulbert Massüni. In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung ist das Erscheinen jedes einzelnen Maschinenmeisters Ehrensache. Die Vertrauensleute werden ersucht, recht rege für diese Ver- sammlung Propaganda zu machen. Mit kollegialem Gruh Der Vorstand des Berliner Maschinenmeistervereins. 28/14_ Im Nuilragc: E. iHnraun. Deutscher Zzmsrdkltsr-Vsrdimä. Zweig/verein Berlin. Achtnng! SSOHerer! Achtong! Heute Donnerstng, den 7. I»e*embep 1911, abends 81/, Ehr, bei W i I fc e, SebastlanstraBe 88: ¥ e psammluncg Tagesordnung: Die Sperre bei den Firmen Rhcinhold u. Co. und der Aussperrungsbefchiust des Zentralvcrbandes der Jsolierfirinen Deutschlands. via 8ek>ivns>ei»mg 6!E. Wir ersuchen alle Bauurbeiter, die auf demselben Bau beschästigten Lsolicrer und 5)clfer aus die Versammlung hinzuweisen. D 0. Achtuno! dauarbeiter! Dienstag, de» 12. Dezember, abends 8'/, Uhr, in GraumannS Festsälen, Raunynftrasie 27: Große öffeiltlilhe Wählerierfiimiilliliiz für sämtliche Bauarbeiter aus den 5treiscn: Enden- Lnbben, Kottdns-Sprmberg, Knlnn-Fnckan. Tagesordnung: 301/5» Welche Bedeutung hat die NcichstagSwahl für die Bauarbeiter? Neserent: Genosse Hermann Schubert. �B. Alle Vertrauensleute der Bauarbeiter werden dringend /ersucht, die w Betracht touimenden Bauarbeiter daraus ausmerksam zu machen. Der Einberufer: Fritz Zinke. iSv.SimmvI Speziai-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzeuslr. 41, CÄ 10—2. 5— 7. Sonntags 10—12. 2— 4. Dto Rühle Das proletarische Kind ver Torstand. VttlAÄ�LSMMüach« Gcheslet 3 M., gebunden 4,50 M. Zu beziehen durch alle Buch. Handlungen oder dirctt vom Berlag Albert l.angen, München» B Orts- Krankenkasse äer Laitwiste und verivandtcr Gewerbe zu Berlin. Ktbanntmallinngen. iußeranientLGeoeraifersäDiiDliiiig sWahlveriaminlungl sämtlicher zur Kasse meldenden Arbeit geber und Arbeiigcberinnen am Mittwoch, den 20. Dezember, nachm. 4 Uhr, im Lokale deS Herrn Knbe<» Feuersteins Festsäle�) Alte Jakobstr. 75, zur Vornahme der Wahl von 50 Arbeit- geber-Kassenvertreiern mit der Amis- dauer vom 1. Januar 1012 bis event. 31. Dezember 1914. Jeder Arbeitgeber(Arbeitgeberln). welcher Beiträge auS eigenen Mitteln zur Kasse leislei, führt bei der Wahl eine Stimme und ist wählbar. Ais Legitimation zur Teilnahme an der Wahl gilt die letzte BeilragSquittung. Arbeitgeber(Arbeitgeberinl, welche mit der Beitragszahlung im Nück- stände sind, gelten von der Wahl und Wahlberechtigung als auSgclchlossen. Die Wahl ist geheim und crjolgt durch Stinimzeliel. Jeder Wähler hat soviel Namen aus leinen Stimm- zeltel zu schreiben, als Vertreter zu wählen sind. Geschriebene, gedruckte oder auf anderem mechamschcn Wege her- gestellte Stimmzeltel sind erlaubt Der Wahlakt beginnt um 4 Uhr nachmittags und wird um 6 Uhr geschlossen._ Aiisterordeniliche General-Versammlung (Wahlversammlung) sämtlicher groMhrigen Rassen- Mitglieder am Donnerstag, den 14. De- zrmbcr 1911, nachmittags 3 Uhr, im Bcrbaiidöhause der Gastwirts- gehilfrn, Gr. Hamburger Str. 18/19 zur Vornahme der Wahl von 100 Kassenmitgsteder-Vertrelern mit der AmISdaner vom 1. Januar 10t2 bis eo. 31. Dezember 1914. der Kassenmitglieder können nur aus der Zahl der letzteren Die Vertreter gcwähtt werden. Wahlberechtigt und wählbar ist jedes grohjährige Kassen- Mitglied, welches sich im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befindet und sich durch das in Ordnung befind« liche Mitgliedsbuch oder durch ein« Arbeitsbescheinigung deS Arbeitgebers legitimieren kann. Die Wahl ist geheim und erfolgt durch Stimmzettel. Jeder Wahler Hai soviel Namen aus seinen Stimm- zettcl zu schrewen, als Vertreter zu wählen sind. Geichriebene, gedruckte oder aus anderem mechanischen Wege her- gestellte Stimmzettel sind erlaubt. Der Wahlall begiimt um 3 Uhr nachmittags und wird um 6 Uhr ac- schlössen. 283,5 Berlin, den 1. Dezemder 1S11. Der Vorstand. H. Poppe,« Brann, Vorsitzender. Schrislsührer. Mckerti-Etnosstüsihast „UalhsW ent Gcnoil'Nschast mit be- ränkter Hasipfiicht. Die Mitglieder unserer Genossen- schast werden hiennit zu der am Sonntag, den 17. Dezember, vormittags 0 Uhr. Im Saale des GenostenschaftS- Wirtshauses, Nordufer 10. statt- sittdenden Elften ordentlichen General- Versammlung ergebcnst eingeladen. Tagesordnung: 1. JahrcSrcchtiung und Geschäfts- bcricht 1910/11. 2. Beichiusisasinng über die Bilanz und die Gewinn- und Verlust- bcrechnnng 1910/11 und Enllastung. 3. Ergänzung deS AussichtSlalS. 4. Festsetzung des GcsanitbclrageS. den die'Anleihen der Genossenschaft nicht übcischreiten lallen. Die Bilanz und die Gewinn- und Bcrlustbercchnung liegen in unserer GeschäslSslelle, Febmanislr. 10. aus. Bäckerei Genostruschaft »Bolksbrot". Eingetragene Geiiosienlchasl mit de- schränkter Hustpslicht. Der Borstaiid. 108/12 vehnke. Heinrich.(5. KoSmehl. Kollahn. Molzner. ßlnmrn- nnd krnnibjnbrn'i von Roben Meyer,' nur WlMlnnlkll-Zlralje 2 ArtsnßtßnQ (Kip sSuU slji Jv{XWUlteUßfH4$! Orts-Krankenkaffe der >11 zu Berlin. Einladung zur �Lei'oi'ilkkd.kMldveiAWliiiiji am Freitag, den 15. Dezember ISN. abends 8'/- Uhr, noch dein Ncst.iurant des Herrn Bost, llLeber- strafte 0. Tagesordnung 1. Verlesung des Protokolls der letzten Gcneralacrsamniliing. 2. Ergänznngswahl für ein aus- scheidendes Vorstaiidsmilgiied. 3. Verschiedenes. 283/6 Ter Vorstand. 1 Gegründet 1324 1 u waren. Engros— Export. 8. Schlesinger, Neue Königstr. LI Ordonnanzhaus. Kein l aden: II. Etage. Einzelfall! wie alljährlich zu billigst. Preisen Pelz-Slolas MulTeu Chick garnierte Dnpelzhiiie federleicht Reparaturen sauber und billig. Sonntag geöffnet. Bitte genau auf Hnusnutntner 21 zu achton. Extrapreis! decken Geschichte dir Revolutionen, von Conradh, wächcnllich ein Heft a 20 Ps. Vestelliiiigen nehmen die Ausgabestelle» des.Vorwärts" ent- gegen. Probehcste gratis. suk beiden Seiten benutzbar öuntpsrsiscds doppelselt. große ßivantiecken M, 7.50- 8.75(�'«J PlÖSüh- Dlvandecken Grolle 150 808 c» 2r(rÄrj Oivanrückwände 4.50, 6.00, 8.00 Teppich-Spezialhaus Lmr Emil elsvre Berlins. 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Schmaionslh gioi:er Verkauf von Glns-Christ- tminniaimud obiger Genossenschafi zu Herstellungspreisen erfolgt. Wegen weiterer Anskunst wende man sich an den Genossen K. Barth. 80., Adalberlitr. 20 III. Gslas* Chrkiisaumschmuck Ojvi meUer weil. KunddUtliafi dliwcs Jahr etwas gauz Hervorrajjcndcs zu hinten, versende ich ein noch hie dageweswies iKeliinilicsortliiienC« enthaltend viele res. c�seh. �ifbdL. 34a Stnc«, Ms 9 cm groHB, oclit vcisi5z>BU(e S�Jymo'irofloUtoren, Kauli- r�lfliDge ii� jK.d.Vaiinenziiiireii Kugelt) m. XCojpWiibuUott.<;ioc74 enget uuie,'S rompete, WtllXfc."�cUiir in. vSelintzcngel, hert l. (im�Nzsiaeiio l'lntntn�tcfiinchen, SHnmant- fr«tciiCr, SUrseti»in Waide ustv. Forner als gana boe-ondorc Neulndt, die von anderer Seite nicht geboten werden kann, in Glan künstlerisch dar- srcslüllt,u.als gross1 Uebcrra�chung Ginkgo v« 33 G>.K Ö.M.wieZIgeunerinÄrtclien, WeU)(ia4*li(.smuiiu, Etile, Tanzbür, l'udel u. Katze gtj*. Einsend. v. 41.5.— frko.(Naohn. M. 5.3«. 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Aber nicht nur die Arbeiter, auch andere Erwcrbsstände seien um ihre Hoffnungen betrogen worden. Zum Beispiel die Handwerker, denen mit dem sogenannten„Schutz des Mittelstandes" etwas vorgegaukelt worden sei, die aber unter der Teuerung der Lebensmittel ebenso litten, wie die Arbeiter, uno denen noch alles Mögliche, was sie zur Produktion usw. brauchten, verteuert wäre. Auch die Staats- und Kommunalbeamtcn der unteren Kategorien fühlten sich betrogen, seien in großer Erregung und würden für ihre Enttäufchung am 12. Januar guittieren. Zum Schluß meinte der Referent, es werde am Wahltage eine der Hauptaufgaben mit sein, ihn zu einer gewaltigen Demonstration gegen den schwarzblauen Block zu gestalten. Der 12. Januar könne in des Wortes bester Bedeutung eine Weltcnwende einleiten. Wenn es uns am 12. Januar gelinge, ein deutsches Parlament zu schaffen, das den Willen des Volkes unverfälscht zum Ausdruck bringe, dann könne eine Einwirkung auf Preußen nicht ausbleiben. Tann aber reiche der Einfluß dieser Wahl weit über Deutschland hinaus. Neben den vielen materiellen Dingen, die am 12. Januar zu enl- scheiden seien, habe der Tag noch diese eine große moralische Be- deutung. Bis dahin müsse ein jeder darangehen, solch einen Sieg vorzubereiten.(Lebhafter anhaltender Beifall.) Der Vorsitzende Genosse S ch w e m k e forderte vergeblich etwa anwesende Gegner auf, das Wort zu nehmen. Nach einigen zum Kampfe anfeuernden Worten schloß er darauf die Versammlung. In NifjleS Festsälen in der Denncwitzslraßc referierte vor einer gut besuchten Versammlung der Genosse Paul Göhre. Bevor er auf das eigentliche Thema:„Der jetzige Reichstag und die ge- täuschten Wähler" zu sprechen kam, überbrachte er den Versammelten die„Trauerbotschaft", daß der im Jahre 1997 gewählte Reichstag vor wenigen Stunden sanft entschlafen sei. Unter tosendem Beifall der Versammlung gab er seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Kunde vom Ableben des Blockreichstngs in dem ganzen deutschen Lande nur Freude auslösen wird. Das Volk wird die Gelegenheit ergreifen, um Abrechnung zu halten mit der Politik des Luges und des Betruges, die jetzt fünf lange Jahre hindurch gegenüber dem Volke geübt worden ist. Weil die Regierung und die bürgerlichen Parteien eine Heidenangst vor den Wahlen haben, ist auch der Reichstag bis zur letzten Minute, die die Verfassung gestattet, zu- samincngchalten worden. Bald mit launig-humoristisch-satirifchen, bald mit eindringlich ernsten zu Herzen gehenden Worten kern,- zeichnete der Redner die schamlose und verbrecherische Raub- und Beutcpolitik dcS letzten Reichstages auf die Taschen des arbeitenden Volkes und die Notlage des Volkes, das Elend, welckws über das Volk gekommen ist, sowie die Entrechtung der Arbeiter durch die neue Neichsvcrsickcrungöordnung. Wenn nun die Arbeiter ntchr gescheit werden, dann werden sie es nie. Der 12. Januar 1912 muß ein Straigerickt gegen die schwarzblaucn Brüder werden, wie sie cS noch nie erlebt haben. Das Volk muß Vergeltung üben und scharfe Abrechnung halten. Die Wahllokale müssen gcstürm. werden von den Wählern und die Urnen müssen zu klein sein, um die sozialdemokratischen Stimmen zu fassen. In der halbstündigen Diskussion, an der sich Gegner nicht beteiligten, wies Genope Klarius auf die Wahlvorbereitungen der Gegner hin. So treten die Freisinnigen hier im 2. Kreise fo sicher auf, als ob sie schon den Sieg in der Tasche hätten. Auch ihr Kandidat, der Bankdirektor[ Mommsen, tut so. als ob er mit Sicherkeit gewählt werden wtro. Es gilt also alle Kräfte zusammenzusaffen. damit der bisherige Vertreter des 2. Kreises, der Genosse Richard Fischer, diesmal mit einer Stimmenzahl wieder in den Reichstag entsandt wird, die den Gegnern für die Zukunft jede Hoffnung auf eine Niederlage der Sozialdemokratie im 2. Kreise raubt. Nachdem noch einige Redner im gleichen Sinne gesprochen, von denen einer noch auf die brutale Gewaltspolitik der Mctallindustriellen verwies, die gerade knapp vor dem Feste der Liebe, währenddem von allen Kanzem herab„Der Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen gepredigt werden wird, einsetzte, hielt Genosse Göhre noch ein anfeuerndes Schlußwort. Ihm folgte das Hoch auf die Partei uno in Anbetracht feiner ausgezeichneten rhetorischen Leistung Höchte die Versammlung noch auf den Genossen Göhre. Der 0. Wahlkreis hatte zum Dienstagabend ebenfalls drei öffentliche politische Ver- samnilungen einberufen, die durchweg überfüllt waren. In Vbiglos Fcstsnlcn, Schwedtcr Straße 23/2�, referierte Reichstagsabgcordnctcr Haberland- Düsseldorf und gab tn: einem etwa Ists stündigen Vortrage ein treffliches Bild von dem verflossenen� Reichstag und seinen Taten. Nach dem Referat, das mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde, nahm Frau Gau Gelegenheit, die anwesenden Frauen mit zündenden Worten aus I die Mitarbeit bei den jetzigen Arbeiten zur Reichstagswahl hin zuweisen, die mit großer Begeisterung aufgenommen wurden. Auch wurde in der Diskussion der streikenden Konfektionsarbeiter uno -arbeitcrinnen gedacht und den Anwesenden empfohlen, denselben ! jedwede Unterstützung zukommen zu lassen. Nach einem Schluß- wort des Vorsitzenden ging die Versammlung mit einem brausen den Hoch auseinander. In den„Kouzerthallen", Bornholmer Straße 7, drängten sich die Besucher schon gegen 8 Uhr in dichten Scharen in den Saal, der bald bis an die Tür mit Menschen angesüllt war. Und immer mehr strömten noch herbei, und die Zuletztgekommencn nahmen von dem kleinen Saal Besiy und warteten, vis der Referent, Stadt' verordneter Max G r u n w a l d, im oberen Saal sein Referat be� endet hatte, und nun auch in den unteren Räumen die politische Situation beleuchtete und mit prägnanten Strichen die Aufgaben des künftigen Reichstages zeigte. Den starken Beifall, den Redner in beiden Sälen erntete, zeugte davon, daß er den Anwesenden im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Herzen gesprochen hatte. Hervorzuheben wäre noch die überaus starke Teilnahme der Frauen bei diesen politischen Veranstaltungen. Die Versammlung in den„Borussiasälew", Ackerstraße, war recht gut besucht, auch viele Frauen wären anwesend. Der Refe- rcnt. Reichstagsabgeordneter Adolf A l b r ech t- Halle, beleuchtete die Tätigkeit unserer Gesetzgeber in dem verflossenen Reichstag, und seine ruhige und sachliche, aber scharf die Gegner angreifende Kritik löste oft lebhafte Zustimmung unter den Versammelten aus. Er legte die Bestrebungen der bürgerlichen Parteien bloß und zeigte, welchen Kampf die Sozialdemokratie unablässig zu führen hatte, um die Rechte des arbeitenden Volkes zu verteidigen. Besonders ironisierte er die Anstrengungen, für den„kleinen Mann" etwas zu tun und den Mittelstand zu retten. Der„kleine Mann" aber hätte stets alle gesetzlichen Maßnahmen zu seinem Schutze als Seifen blasen erkennen müssen, die schön schillerten, aber bald zerplatzten und dem„kleinen Mann" keinen Nutzen brachten. Mit starkem Bei- fall begrüßten die Versammelten die Aufforderung des Referenten, für die Sozialdemokratie bei den kommenden Wahlen einzutreten, um damit gegen den Kapitalismus und seinen alles zersetzenden Einfluß zu demonstrieren und den endlichen Sieg des Sozialismus als Erlöser, nicht nur aus der wirtschaftlichen Misere, vorzubereiten. Unsere Stimmenzahlcn müßten am 12. Januar wieder einen impo- uicrenden Aufschwung nehmen. In dem gleichen Sinne klang das Schlußwort des Vorfitzenden aus, als er nach einer kurzen Dis- kusfion die Anwesenden zu rühriger Agitation für unsere Partei ermahnte, wenn auch der Sieg unseres Kandidaten Ledebour noch so sicher sei._ Partei- Angelegenheiten. Zur Lokallistt! Die Kammersäle, Teltow« Str. 1— 4, Ecke Bellealliancesiraße, sind für die organisierte Arbeiierichast»ach wie vor gesperrt. In Französisch. Buchholz(kl.-v.) steht uns das Lokal(Park- Restaurant) von Herrn August Rossack. Hauptstr. 71, zu alle» Ver» anstaltmigen zur Verfüg''»,,, ferner in Summt daS Lokal von Paul,„Nestaiiraut am See". In Fredersdorf ist das Lokal von Frau Wiiwe Hörnike für alle Veranstaltungen frei. In K a r l S h o r st sind die.Jlönigsfäle* an der Bahn streng zu meiden. In Dinnsdorf(IVB.) hat der Gasthof„Zum Scharmützelsce" den Besitzer gewechselt, der neue Inhaber Herr Schripp stellt seinen Saal der Arbeiterschaft uicht mehr zur Verfügung, ist daher streng zu meiden._ Die Lokalkommission. Dritter Wahlkreis. Sonntag, den 10. Dezember, abends 6'/, Uhr, findet im großen Saal des GeivcrtschaflShaiiseS eine öffentliche Ver- sammlung statt. Die Genossin Fricdländer wird über:„Die Frauen und die Reichslagswabl' sprechen. Nach der Versammlung: Ge- mütliches Beisammensein. Schönwalde und Umgegend.(Bez. Pankow.) Am Sonnabend. den 9. Dezember, abends 8 Uhr, im Lokal von Schulz: Oeffentlich? Versammlung. Thema: Lebeiisnilttelteuerung, Kriegshetze und RcichSlagswahl. Referent: Richard Ksiter-Karlshorst. Die Partei- genossen wollen für guten Besuch der Versammlung Sorge tragen. Die AgitalionStommission. Dabendorf bei Zossen. Nächste Miigliederversannnlung findet am Sonnabend, den 9. M.. abend? 8l/i Uhr bei Wiese stall. Sehr wichtige Tagesordnung. Am Sonntag, den 10. d. M., findet im Gasthof zum Deutschen Kancr, Ind. Georg Wichman», nachmiilags 3 Uhr. eine öffentliche volitische Versammlung statt. Tagesordnung: Die bevorstchendcn ReichStagswahlen. Der Vorstand. Obcr-Schöncweide. Sonntag, den 10. Dezember, von morgens 8 Uhr r.b: Fliigblanverbreiluiig von den bekannten Stellen aus. Die Bezirksfiihrer holen das Material von Warnecke ab. _ Die Bezirksleitung. Berliner JVachncbten. Der Neubau. Das trübe, naßkalte Wetter erscheint uns noch ungemüt- licher, wenn wir durch von Rohbauten flankierte Straßen gehen. Eine eisige Luft lagert über dem wüsten Durch- einander aufgepackter Mauersteiue, Mörtel- und Lehmhaufen. Der niächtige„Kasten" dort drüben, dessen Fassade zum Teil noch von der Putzerrllstung verdeckt ist, lockt uns zum Ein- tritt. Und richtig, wir haben gerade den rechten Augenblick abgepaßt. Man ist beim„Tieferrllsten" und eine votzs Ladung Schutt prasselt auf uns herab, während wir unten dem Eingang zuschreiten. Die Augen voller Sand, landen wir auf einem Stapel gefüllter Gipssäcke. Donnerwetter! Das' ist der Empryonalzustand eines Einganges, der uns vielleicht später durch seine Marmorbekleidung, bunte Glasgemälde und dicke Plüschläufer mächtig imponiert.— Sehr einladend sieht die belaglose, von Nüstzeng und Schutt fast ganz versperrte Treppe nicht aus. Wir lassen erst einige Arbeiter, die mit schweren Säcken einherkommen, vor uns die Treppe hinauf- steigen. Sie tragen„Schiittung" hinauf, meist Schlacke oder trockenen Lehm, um damit den Raum zwischen den Balken auszufüllen. Die Schüttung darf aber beileibe keine Snb- stanzen enthalten, die etwa faulen könnten, weil sonst eine Vorbedingung für den so gefürchteten Hausschwamm gegeben wäre. Man ist hier unten noch damit beschäftigt, die Zwischenwände aufzurichten. Die berüchtigten Rabitzwände werden teilweise durch solche aus Koksasche und Zement und andere Mischungen ersetzt. Ans einem Raum des ersten Ste�s dringt eik. lebhaftes Gehämmer: es ist die„Bude" des Anschlägers. Die aus der Tischlerei kommcf den Fenster werden hier mit dem nötigen Eisenzeng ausgerüstet. Ueberall klopft und klappert eS. Maurer, Zimnicrleute, Rohrleger, Glaser, Klempner, Elektro- Monteure, Maler hasten aneinander vorüber oder behindern sich: da gibt es denn auch manchmal ein hartes Wort. Aber es ist nicht so bös gemeint und ist auch bald in dem allge- meinen Lärm verhallt. Tazwischendurch hört man ein dumpfes, rhythmisches Klatschen. Ein Jnnenputzer schleudert mit einer mächtigen Mauerkelle den breiigen Mörtel gegen die berohrte Decke und die rohen Steinwände. Doch man tut gut, sich in respektvoller Entfernung zu halten. Ein scharfer. eisiger Zug macht auch den Aufenthalt hier in den fenster- losen Räumen sowieso nicht angenehm. Wir steigen ein Stockwerk höher. Die tiirenlosen Eingänge sind mit alten Pläne» verhangen, auch sind die Fenster verglast: eine drückende. feuchtheiße Luft, die durch ihren hohen Gehalt an Kohlen- oxydgas das Atmen fast zur Unmöglichkeit macht, empfängt uns. Um den frischen Putz ehe der Frost kommt wenigstens oberflächlich auszutrocknen, sind offene Kokskörbe aufgestellt. Eine mächtige Hitze strahlt der rotglühende Geselle aus: aber auch ein böses, giftiges Gas! Ein fröhliches Geklapper be- grüßt uns in der vierten Etage. Fast in jedem Räume sitzt ein Töpfer, oder richtiger Ofensetzer, ein Kachelstück sjit seinem Werkzeug bearbeitend. Wahre Kunstwerke sind diese Oefen von heute gegen die von Anno dazumal. Auch die ehedem so gemütliche Ofenbank kommt wieder zur Ehre, nur daß sie heute aus Kachelzeug besteht. Es ist ein ziemlich schwieriges Stück Arbeit geworden, so einen„modernen" Ofen zu bauen. Im Nebenraum steht eine Malerrllstung. Von dem gespritzten Deckengrunde heben sich filigranartige Orna- inente prächtig ab. Eine geschickte zurückhaltende Lösung der großen Fläche geben eine vornehme Wirkung. Es ist die erste Decke. Man wartet auf den Bauherrn. Wir haben auch hier wieder Glück. Prustend kommt er herangekeucht. Jeder Zoll der typische aufgeblasene Emporkömmling. Mit blöden Blicken staunt er einige Augenblicke zur Decke empor:„Wat soll dct alles sind?!— Da is ja nischt drann!" Der Maler sucht ihin das Wesen der modernen Ornamentik zu erklären. „Ach wat, det jeht mir alles nischt an: ick will et so haben, wie et mir jefällt. Nu hören Sie mal: det is hier det Speisezimmer, da malen Sie mich Hasen, Scktflaschen und Obst ran. Ueberhaupt können Sie mir überall Blumen und sowat ranmalen. Die Leute müssen doch wat seh.t for't Geld. Wat, des is keen moderner Jeschmack? Is mir jlcichl" Pol- ternd zieht er mit dem Stukkateur davon, dessen, dessen Hermes Plaketten er für„W e n u s s e" hält und der sich mit Mühe ein Lachen verbeißt. Der Maler aber, der ein wenig temperamentvoll zu sein scheint, wirft wütend einen Farbentopf an die Wand und ruft uns mit bitterein Lachen zu:„Ja, ja, meine Herren, diese Bauschieber mit ihrem Botokudengeschmack bestimmen was niodern, was schön ist: und wir— wir müssen uns fügen. Na warte, ich will Dir Stilleben malen, in denen die Aepfel wie Kürbisse groß sind." „Verzeihen Sie, meine Herren, war der Bauherr eben hier?" ..Ja!" „Na, haben Sie am Sonnabend Geld bekommen?" „Nicht einen Pfennig: ich habe meinen Leuten noch nicht den Lohn zahlen können!" „Na, heute werden Sie wohl nichts loseisen, da hat er doch nichts mehr!" „So ein Strunk!"___ Erhöhung der Gebühren für Siellenvcriniitlcr? Mit dem 1. Oktober 1010 ist bekanntlich ein neues Stellen» Vermittlergesetz in Kraft getreten. Dieses brachte eine schärfere Ucberwachung der gewerbsmäßigen Stcllcuver- mittler, die feit Jahren viel Anlaß zu Beschwerden gegeben haben. Ilutcr anderem wurde bestimmt, daß die Gebühren, die bis dahin von den Stellenvermittlern selbständig festgesetzt wurden. nunmehr von den Polizeibehörden vorzuschreiben sind. In Berlin ist dies durch die Polizeivcrordnung vom 12. Scpiembei: 1910 geschehen. Mit diesen Sätzen, die immer noch reichlich hoch waren, sind die Stelleuvermittler, die bis dahin den Arbeit- suchenden beliebig hohe Summen abnehmen konnten, natürlich von Anfang an nicht zufrieden gewesen. Sie haben das Polizei» Präsidium mit Eingaben bestürmt, und diese Behörde, die manchen recht berechtigten Wünschen anderer Bevölkcrungsschichten gegen- über sich meist sehr zugeknöpft verhält, hatte für die Sorgen der Stelleuvermittler ein so großes verständnisvolles Entgegenkommen, daß sie bereits jetzt, nachdem der Tarif erst wenig über ein Jahr in Kraft ist, mit der Absicht umgeht, die Tarife abzuändern und zwar sie zum Teil bedeutend zu erhöhen. Entsprechend den Bestimmungen des Gesetzes hat die Behörde vor dem Erlaß von Abänderungen Vertreter von Arbeitgebern und Ärbertnehmern, der öffentlichen Arbeitsnachweise und der Stellen- Vermittler zu hören. TaS ist kürzlich in einer Konferenz ge- schehen, in welcher der Vertreter der Behörde Vorschläge für einen neuen Tarif unterbreitete. Danach sollen beispielsweise für in- ländischcS landwirtschaftliches Gesinde an Gebühren für weibliches Personal 20 bis 25 Mark, für männliches 15 Mark bezahlt werden; die bisherige Taxe betrug für beide Kategorien 15 Mark. Das städtische Gesinde, das bisher durchtveg 6 Mark Vermittclungsgebühr zu entrichten hatte, soll in Zukunft in ver- schiedenen Klassen eingeteilt werden und soll 6, 8, 10 und 15 Mark Gebühren zahlen. Selbst die armen Wasch-, Scheuer-, Reinemache- fraucn usw.. die nach dem jetzt geltenden Tarif„für jeden Ver- inittelungsfall"(also auch wenn es für mehrere Tage war) 30 Pfennige an den Stelleuvermittler zu zahlen batten, sollen in Zukunft einen noch größeren Anteil ihres kärglichen Verdienstes opfern, nämlich für den Tag 30 Pfennige, bis 14 Tage 1 Mark und über 14 Tage 2 Mark. Für das g a st w i r t s ch a f t l i ch e Personal bestanden bi?- her drei verschiedene Abstufungen: 0, 4 und 2 Mark; diese sollen auf 4, 6, 8, 10 und eventuell sogar bis auf 15 Mark gebracht werden. Auch das übrige städtische Personal in Handel, Gewerbe und Industrie soll entsprechend erhöht werden. Die geplanten Maßnahmen der Berliner Polizeihehörde stehen in direktem Widerspruch zu dem Geist des Gesetzes. In der Be- gründung des StellenvermittelimgSgcsetzcs kommt eS klar zum Ausdruck und im Reichstag haben die Redner fast aller Parteien keinen Zweifel darüber gelassen, daß eine gänzliche Be- scitigung der gewerbsmäßigen Stellen ver- Mittelung erivünscht und durch das Gesetz, wenigstens nach und nach, herbeigeführt werden soll. Das neue Gesetz hat auch die Bedürfnisfrage ein- geführt. Danach sollen in solchen Wirtschaftsgebieten und für solche Gewerbe, in denen das Bedürfnis durch öffentliche, gemeinnützige Arbeitsnachweise gedeckt ist, Ver- mittlerkonzessioncn nicht mehr erteilt werden. Nun in Berlin sind für das kaufmännische Personal, für die Dienstboten und für gastwintsckmftlichc Angestellte der V-rwittelungs m ö a' i ch k e i t c n so viere, daß kein Grund vorliegt, den Stcllcnvcrmittlern Gebühren in solcher Höhe zuzuschanzen, damit ihnen unter allen Umständen ein„angemessenes E i n k o m m c n" gesichert werde. Sorgt man sich ciwa so um das Schicksal der Taufende von Tabak- arbeitcrn oder Arbeiter anderer Branchen, die durch eine verfehlte Finanzgcsctzgebnng brotlos oder doch in ihrem Er» werbe schwer geschädigt worden sind? Die Umbcnennung d» Fernsprechömt» hat in den drei �-»chen ihres Mtlichen Bestehens nicht die Verwirrung hervarzerufen, die !m Publikum BcfflriStet wurde. Eutziickt ist gewist niemand von dieser postalischen Kuustreiterei, aber es steht auch fest, dast sich die fsernsprcchleilnehmer wie die Nichtangeschlosseuen ziemlich schnell an die veränderte Lage gewöhnt haben. Die Aemler werden mit den früheren zifferumästigen Bezeichnungen verhältnisniästig selten gerufen. Wo dieS doch noch geschieht, wird zwar die Verbindung hergestellt, aber gewöhnlich ans die neue Bezeichnung hingewiesen. Nichl io leicht kann sich das Publikum an die Namen Kurfürst, Nollcndorf, Pfalzburg und Uhland gewöhnen. Hier wird immer noch reckt häufig „Amt Wilmersdorf", das es nickt mehr gibt, angerufen. Der An- rufende hat dann, wenn seine Fernsprechdame nicht sehr entgegen- koinmend ist, doppelte Arbeit. Vielfach sind die Fernsprechdamen nichts weniger als kulant, sondern in des Wortes wahrster Bedeutung recht zopfig. So zeigen sie absolut kein Ohr für die offiziellen Ab- kürzungen. Wird gar«Amt Moritz" gewünscht, so schalll cS prompt zurück, dast in der Postsprache nur„Amt Moritzplatz" existiert. Dabei ist dieser Zusatz„Platz" gänzlich überflüssig. Automobilfallen. Für Kraftwagenführer von Interesse ist eine Aufstellung der Deutschen Auto-Liga über bestehende StoppkommandoS in Berlin und Umgegend. In derselben hcistt es: In Berlin bestehen mehrere polizeiliche StoppkommandoS, die häufig ihren Standpunkt wechseln; sie arbeiten vornehnilich in der Jnvalidenstrnste, im ganzen Zuge der Friedrichstraste und an ihren Kreuzungen, in der Siraste Alt-Moabit, am Kemperplatz, in der Ticrgartenstraste, in der Sieges-Allee und auf der Charlotten- burger Cbaussee. In Cbarlottenburg besteht eine sehr scharfe Kontrolle der Automobile, die zu zahlreichen Bestrafungen geführt bat. Hier kommen in gröberer Anzahl LuxuSautomobilführer in Betracht. Das Stoppkommando übt seine Tätigkeit abwechselnd am Kurfürstendamm, in der Kam-, Berliner- und Wilmersdorier Strohe und zwischen grostem und kleinem Stern aus. neuerdings auch in der Bisinarckstraste und deren Verlängerung, der Hecrstraste. Ueberall befinden sich hier gröstere oder kleinere abgemessene Strecken, die eine Länge von 2—300 Meter haben. Während man in Schöueberg und Wilmersdorf nachsichtig ver- fährt, obgleich hier viele Garagen liegen, wird in Rixdorf im Zuge der Berliner Strohe lebhaft abgestoppt und zwar in demjenigen Teile, der in den Hermannsplatz einmündet. Durch die weil ausgedehnte Kontrolle find folgende Vororte für Automobilbesitzer und Führer vorsichtig zu passieren: Lichter- felde, Zehlendorf, Beeliybof und Wannsee. Hier herrscht besonders Sonntags ei» sehr lebhafter Fustgängerverkehr, so z. B. in Beelitzhof bei dem Ucbergange zum Freibade Wannsee und in Wannsee selbst in der Köiiigsallee. Nicht selten regeln hier bis 5 Gendarmeriewachtmeister den Verkehr, fast ständig sind aber zwei Beamte anwesend, die durch Polizeibeamte unterstütz« werden. In Zehlendorf wird besonders auf eine tadellose Beleuchtung gesehen. Der Stanie von Klein- Glienicke ist allen Automobilisten bekannt, dast er eigentlich nickt noch besonders erwähnt werden brauchte, es bestehen hier aber Terrain- Verhältnisse, die von den aus der Richtung von Berlin anfahrenden Automobilsübrern beachtet werden müssen. Die Chaussee steigt bis zum Kilometerstein 2ö,2 scharf an und senkt sich von Kilometer- stein 25,3 in ziemlich bedeutendem Gefälle biS zur Einmündung der Parkstraste gegenüber dem Parkrore des prinzlichen Jagdschlosses. Bei Kilometerstein 25,5 befindet sich eine Kurve, nach deren Passierung die Automobile für den kontrollierenden Beamten sichtbar werden und von hier an werden sie auf 300 Meter abgestoppt. Die Wirksamkeit der Bremse» wird zum Teil durch daS Gefälle ausgeglichen, weshalb die Schnelligkeit un- bedingt an der rechts stehenden Warnungstafel herabgesetzt werden muh. Hinler Potsdam ist Michendorf alS Kontrollstelle bekannt. gestoppt wird in der Regel von der Eisenbahnüberführung an auf einer abgcmefienen Strecke von 500 Meter. In Lichtenberg und den Dnrchgangs-Strostenzügen, die an seiner Grenze liegen, wird schärfer kontrolliert, dann im Amtsbezirk Dahlwitz und Köpenick. auch Erkner steht unter dauernder Kontrolle, besonders aber Reu- Zittau. Die Kraftwagenführer werden fich Strafverfügungen ersparen. wenn sie hier überall die Vernunft walten lassen und die Beamten werden damit einverstanden sein, dast sie dann ihr Notizbuch in der Tasche beHallen können._ Die Rheinisch-Märkische UnterstützungSkasse in Bochum gehört zu den sogenannten Volkslrankenkassen, vor denen schon der Regierungs- Präsident von Arnsberg und das hiesige Polizeipräsidium wiederholt gewarnt haben. Personen, die gegen die Leiter vieler Kasse Tischen- darf und Pieper die Klage angestrengt haben um HerauSzahlnng ihrer Beiträge oder»n> Krankengeld, können nichts erhalten. ES wurde festgestellt, dast die Leiter den OffenbarungSeid geleistet haben und nichts besitzen._ Defraudationen eineS Prokuristen. Seit Montagmittag ist der Prokurist I. Hampel der Gas- anstaltS-Betriebsgefellichaft in der Renchlinslr. lO'llJ in Moabit nach Unterschlagung von etwa 70 000 bis 75 000 M. geflüchtet. Ueber den Voriall werden uns folgende Mitteilungen gemacht: Der Prokurist I. Hainpel, Charlottendurg. Kaiserdaimn ll, wohnhaft, war seit acht Jahren bei der Gasanstall-Betriebsgesellschaft angestellt. Er war zuvor bei einer dieser Firma nahe- stehenden Gesellschaft beschäftigt und Halle sich aus be- fchcidenen Anfängen zu seiner jetzigen Stellung emporgearbeitet. Hampel, der ein flotter Lebemann und ständiger Beiucher der Bertiner Rennplätze war, hat in seiner Stellung als Prokurist freie Verfügung über gewisse Fsuds. aus denen er von Zeit z» Zeit Gelder nehmen und an dritte Stellen weitergeben muhte. In ge- wissen Zeilabichnitten fanden Revinonen der Kasse der Gasanstalt- Belriebsgcsellschafi durch die Stammfirma, die Berlin-Anhaltische Maschinciibau-Aktitvgeiellschast, statt. In nächster Zeit stand wiederum eine derartige Kassenunlersuchung in Aussicht und der Prokurist wandte sich plötzlich vor einigen Tagen an den Direktor der Gasanstalt« Betriebsgefellschaft mit der Bitte um ein grösteres Darlehen. Diesem kam die Bitte icincs Prokuristen sonderbar vor und er keilte der Berlin-Anhallischen Maschinenbau-Akliengesellschast den Voickall mit. Am Montagmittag erschien eine Kommiision, welche die Bücher des Prokuristen mit Beschlag belegte und schon nach einer oberflächlichen Revision konnte festgestellt werden, dast beträchtliche Posten falsch resp. gar nicht gebucht worden waren. Hampel, welcher der Revision beiivolinte, bewahrte bis zuin letzten Augenblick kalt-S Blut und begab sich um 2 Uhr ans der Fabrik fort. um. wie er angab. Tiich- zeit z» machen. Da man zunächst nicht feststellen konnte, ob die unrichtigen Buchungen absichtlich oder irrtümlich erfolgi feie» konnte man H. nicht zurückhalte,'. Dieser begab sich von der Fabrik im Amoinobil nach dem Postscheckamt, wo er, da er Vollmacht besäst. 10000 M vom Guthabe» seiner Firma abbob Daraufhin fuhr H. zur Disconto-Gesellschaft, wo er von seinem eigenen Konto 5000 M. behob. Mit diesem Gelde verliest der Prokurist dann Berlin. Vor seiner Abreise richtete er an seine Firma einen Brief, in welchem er seine Verfehlungen zugibt und die Höhe der veruntreuten Sunimen selbst mit zirka 70 000 M. beziffert. Wie es scheint, dürsten die Unterschlagungen jedoch noch gröster sein. Zurzeit werden die Bücher der Gasanstalt-Betriebsgesellschaft von einer Treuhandgesellschaft ge- prüft. Dem Vernehinenen nach hat der Flüchtige auch Gehälter von Angestellten unierschlagen. Gegen Hampel wurde am gestrigen Mittwoch bei der Charlottenburger Kriminalpolizei Anzeige er- stattet._ Bekanntmachung, betreffend Sonntagsruhe und BeschäftiguugSzeit am Sonntag, den 24. Dezember d. I. Der Polizeipräsident teilt mit: Aus Anweisung der Herren Minister für Handel und Gewerbe, der geistlichen und Unterrichts- Angelegenheiten und des Innern wird Buchstabe A Ziffer II meiner Verordnung vom 20. Oktober d. I.— Nr. A. 12. IX. II. 11— betreffend Sonntagsruhe und Beschäftigungszeit an den drei letzten Sonntagen vor Weihnachten, an den Weihnachtsfeiertagen und am Sonntag, den 31. Dezember d. I.,— abgedruckt in Nr. 254 der„Norbd. Allg. Zeitung" vom 23. Oktober d. I., in Stück 44 des«Amtsblatts der kgl. Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin" vom 3. November d. I., sowie in Nr. 253 der„Amtlichen Nachrichten" vom 27. Oktober d. I. — dahin abgeändert, dast die Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern im Handelsgewerbe am Sonn- tag, den 24. Dezember d. I., am Nachmittage bis 0 li h r zugelassen ist. Demnach must BuchstabeA Ziffer H der Verordnung vom 20. Oktober d. I. lauten: II. Am Sonntag, den 24. Dezember 1911, all- gemein für alle Handelsgewerbe: A. in Berlin, Charlottenburg. Nixdorf, Deutsch-WilmerSdorf, Lichtenberg, Boxhagen-NummelSburg und Stralau von 8— 10 Uhr vormittags und von 12—0 nachmittags: B. in Schöneberg von s�9'/z Uhr vormittags und von ll'/z— 0 Uhr nachmittags._ Todesstnrz vom Dach. DaS Opfer eines verhängnisvollen Un- glücksfallcs ist der Schneider Ferdinand Nitichke geworden. N. war seit längerer Zeit arbeits- und wohnungslos. Er hielt sich in den westlichen Vororten auf und suchte vergeblich nach neuer Be- jchäsiigiing. Gestern nächtigte er auf dem Boden eines HauseS in Grost-Lichterfelde. Vormittags kletterte er dann aufs Dach. Ob er sich nun zu dem Zweck dorthin begab, um sich i» selbstmörderischer Absicht in die Tiefe zu stürzen, oder ob er dies nur aus Neugierde tat, wird wohl niemals mit Sicherheit aufgeklärt werden. Plötzlich stürzte N. vom Dach herab und schlug mit solcher Gewalt auf den Bürgersteig auf, dast ihm der Schädel und beide Beine gebrochen wurden. Bald nach seiner Einlieserung starb der Schwerverletzte im Krankenhaufe. Vom Zuge zermalmt. Ein schwerer Unfall ereignete sich in ver- gongener Nacht auf der Bahnstrecke zwischen Fürstenwalde und Beikenbrück. Ein russischer Saisonarbeiter, der in seine Heimat zurückkehren wollte, befand sich in einem von Berlin nach Frank- surt a. O. fahrenden Zuge. Unvorsichtigerweise begab er sich ans die Plattform. Hier stürzte er ab und wurde überfahren s man nimmt an, dast er durck einen vorübcrbrauicnden Zug erschreckt, das Gleichgewicht verlor. Miireiiende, die Zeugen des Unfalls waren, erstatteten in Frankfurt Meldung, worauf die Fürstcnivalder Polizei telcgraphisch verständigt wurde. Die Leiche deS Verunglückten, dessen Identität infolge gänzlichen Fehlen? von AnSweiopapieren nichl fest- zustellen war, wurde nach Füistciiwalde geschafft und dort vorläufig ln einem Schuppen am Bahnhof untergebracht.— Wie bereits fest- gestellt wurde, ist ein Verbrechen anSgeschlossen, der Bedauernswerte ist das Opfer eigener Unvorsichtigkeit geworden, Ein recht gefährlicher Brand kam am Mittwoch nachmittag auf dem Ostbahnhos zum Ausbruch. Aus dem Güterbahnhof geriet aus unbekannt gebliebener Ursache ein hockbeladener Wagen mit Heu in Brand. Noch bevor die alarmierte Feuerwehr eintraf, geriet ein zweiter Wagen mit Heu in Brand. Als der 7. Zug an der Brand- stelle erschien, schlugen die Flammen schon haushoch empor, so dast man sich dem Feuer nickt ohne Gefahr nädern konnte. Die beiden Heuwagen brannlen fast total nieder. Eine Brandwache wurde zurückgelassen, um die Ablöschuiig zu überwachen und die glimmenden Reste unrer Wasser zu hallen. BSswilligerwcise wurde die Berliner Feuerwehr in der letzten Nacht erst nach dem Arkonavlatz 4 alarmiert, dann um 2 Uhr nach der Usedomft'.aste 9, um 3 Udr nach dem Koppcnplatz und um 4 Ulir nach der Schönhauser Allee 181. Trotz aller Nachforschungen konnte in keinem Fall der Täter ermittelt werden. Drntschcr Arlieiter-Abstinentenbund, Ortsgruppe Berlin. Die Dezember-Verlammlungen fallen wegen der Arbeiten zu den Reichs- lagswahlen aus. Verloren wurde vom Sonnabend zu Sonntag von Invaliden- straste bis F>a»!surter Allee ein Paket mit Buchen, der Krankenkasse für Hutmacher. Der Finder wird gebeten, dieselben abzugeben bei August Klimke. Boxhagener Straste 18/19. Verloren. Arn Freitag, den 1. Dezember, mittags, ist ein gelbes Paket im Autoomnibus, welcher 12� Uhr den Rettclbeckplatz nach der Richtung Schulstraste passierte, liege» geblieben. ES enthielt zehn Verbandsbücher und ein blaues Buch zum Eintragen der gezahlten Beiträge, ferner eine gelbe Brieflaiche. Der Fmver wird gebeten, die Bücher im Bureau des Meiallarbeiter-VerbandeS, Charilsstr. 3, abzugeben._ AaWsmpf In€eitow-Bec$ltow und nicderbarnim. Je mehr wir uns dem Wahltermin nähern, desto lebendiger und eifriger wird von den Genossen die Wahlagitation betrieben. Und wer nicht zum ersten Mal in der Reichsiagswahlbewegung tätig ge- wesen ist, der wird bereits gefunden haben, dast allenthalben die Bevölkerung mehr wie früher den politischen Vorgängen Interesse entgegenbringt. Das liegt natürlich daran, dast bei früheren Wahlen sich nie eine so groste Empörung in der Bevölkerung angesammelt halte, wie daS durch die überaus volksfeindliche Politik deS zu Ende gegangenen Blockreicksrages bewirkt wurde. Nur das allein erklärt es uns, wenn wir heule alleiithalbe», selbst in den von der Sozial« demokratie bisher nur wenig erfastten Orten glänzende sozialdemo- kralische Versammlungen verzeichnen können. Lange genug haben die Gegner mit den Mitteln der Lüge und der Niedertracht die Bevölkerung über ihre elende Lage hinwegzutäuschen gewustt. Jetzt aber liegt selbst den indifferenten Schichte» der erwerbstätigen Be- völkernng der Volksbelrug der Mehrheil des letzte» Reichstags offenbar. Aufgabe unserer Genossen sowie jedes aufgeklärten Staats- bürgers must es nun sein, dafür zu sorgen, dast immer weiteren Kreisen zum Bewustlsein kommt, dast eine Erlösung aus ihrer elende» Lage nur durch die Wahl von sozialdemokratischen Bertrctern mög- lich ist. KönigS-Pvufterhausen. Hier referierte in einer gut besuchten Versammlung im alten Schützenhauic Genosse Brühne-Frankfurt a. M. über die kominenden Reichstagswahlen. In eingebender Weise zeigte der Redner den Versammelten an der Hand der Beschlüsse des ReichSIagcs. wie die Wähler von 1907, die den Versprechungen der bürgerlichen Parteien gefol�r waren, belogen worden sind. Der schwaizblaue Block müsse bei dieser Wahl auseinandergejagt werden. Gegner waren trotz Einladung nicht in der Bersammtung erschienen. Genosse Kaiser zeigte den An- wesende» no«', i» wie niederträchtiger Weise das«Teltower Kreis- blatt" die Sozialdemokratie begeifere. Mit einem Hoch aus die Sozialdemokratie und auf de» Sieg Zubeils endete die Ver- sammlung. Tasdorf(Niederbcirnim). Am Sonntag tagte hier eine von 2 00 P e r s o n e n besuchte öffentliche Verianimlung, in der Genosse G r n» o w- Ober-Scköiie- iveide über«Die Politik des schwarzblauen Blocks und die Reichs- togswahl" sprach Die Stimmung der Versammelten bürgte dafür, dast auch hier am Wahltage die Partei zu Ehren kommt. Friedcrsdorf(Kreis Beeskoivj. In einer Sfftntlichrn Versammlung unter freiem Himmel sprach hier am Sonmag Genosse Z u b e i I über die bevorstehende Reichs- tagSwahl. Der Redner widerlegte in treffenden AuSsühningen die besonders in den ländlichen Gegenden durch die KrciSbläiter per- breiteten Lügen und Verleunidmigen. Auch ermahnte Zubeil die Anlvesenden dafür einzutreten, dast die hiesigen Saalbcsitzcr gezwungen werden, ihre Säle auch der arbeitenden Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Durch reichen Beifall bewiesen die Versammelten, dast sie mit den Ausführungen des Genoffen Zubeil einverstanden waren. Nen-Zittau(Kreis BeeSkow). Durch eine stark besuchte Versammlung wurde hier am Sonntag der Wahlkamps eröffnet. Das Referat des Genossen Thurow- Rixdorf wurde mit grostem Beifall aufgenommen. An der Dis- kussion beteiligten sich die Genossen Fiedler, K e g e l- Köpenick. Wieszorek und Petter im Sinne des Referenten. Hierauf wurde die Versammlung mit einer dringenden Mahnung des Genossen Schulz an die Versammelten, bis zur Wahl noch rege zu agitieren, und einem Hoch aus die Sozialdemokratie geschloffen. Kriedrichsfelde. Hier ließ Genoffe Stadthage» am 6. d. M. in gut besuchter Versammlung in temperamentvoller Weise die Grosttaten der 1907 im Hotteiitottenrau'ch zustande gekommenen Reichstagsmehrheit Revue vassieren. Redner kam zu dem Schlutz, dast wir keine Arbeit und Mühe scheuen dürfen, um am nächsten 12. Januar auf die Ver« höhnung der Arbeiterschaft die richtige Antwort zu geben. Fredersdorf a. d. Ostbahn. Hier referierte am Sonntag im Lokal von Hörnicke v»r drei« hundert Personen Genoffe Barth über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Treffend zeigte der Redner den Versammelten die Steuerscheu der Besitzenden, während die Lebenshaltung des arbeitenden Volkes in unerhörter Weise verteuert werde. Nach einer eingehenden Charakterisierung der sozialpolitisch rückständigen Tälig- keil des alten VlockreichStags forderte der Referent die Versammelten auf, am 12. Januar Abrechnung mit den Volksfeinden zu halten. Dem mit lebhaitem Beifall aufgenommenen Vortrag folgte noch ein Appell des Genossen Hässelbarth an die Versammelten zum Eintritt in den Wahlvcrein sowie zum Abonnement aus den.Vorwärts". Der Arbcilerqesangvcrein Sangeslust-Petershagen erhöhte vor und nach der Versammlung durch Darbietung einiger Lieder die Kampses« stimmung der Versammlung. Reinickendorf- West. Eiue Vvlksvcrsommlung, wie sie Reinickendorf noch nicht gesehen, tagte im grasten Saale der Haiimannichen Brauerei. Obwohl sämt- liche Tische entfernt waren, standen die Versammelten dicht gedrängt, um dos Referat des Genossen Stadthogen über«Teuerung, Kriegshetze und die Reichstogswabien" zu hören. Die AuSflibrungen lösten bei den Versammelten lebhaften Beifall auS. In der Dis- kussion forderten die Genossinnen Kuschminder und Kiesel die Frauen auf, sich an der Wahl zu beteiligen. Genosse Bahr ersuchte zum Schlust noch zum Eintritt in die gewerlichastlichc sowie politische Organisatton und auch die sozialdemokratische Presse zu abonnieren. Bor und nach der Versammlung trug der Gesangverein„Eimgkeil" einige stimmungsvolle Lieder vor. Tegel. In einer von über 800 Personen besuchten öffentlichen Der« sammlliiig referierte Genosse Robert Bahn über:«Die Teuerung und die Reichstagswablen". Redner entrollte in wirkungsvoller Weise ein Bild der traurigen sozialen Lage der Arbeiterklasse und wies an der Hand reichhaltigen Materials nach, dast die bürgerlichen Vertreter im Reichstag sowie die Regirr«"' den gerechten For- derungen der Arbeiter nur Gleickgültigkett rals sogar Hohn und Spott entgegenbringen. Ausgabe der U lerktasse sei es. am 12. Januar den sozialdemokraliichen Abgeo.«»etei? ziun Siege zu verhelfen, die allein wahre Sozialpolitil treiben. Durch lebhaften Beifall bekundete die Versammlung ihr Ein« Verständnis mit den Ausführungen. Gegner meldeten fich nicht zum Wort. Der Vorsitzende Genosie Lichtenberg schloß hierauf mit einem Appell an die Anwesenden, den Organisationen beizutreten, die imposante Versammlung. Kalkberge(Niederbarnim). „Die Politik deS schwarzblauen Block? und die ReichstagSwahl" war das Thema einer am Sonntag statlgesundenen öffentlichen Versammlung, in der L i e s e g a n g- Ober-Schöneweide referierte. ES waren 300 Personen anwesend, welche mit Interesse dem Vortrage folgten. Dank der rastlosen AgilaiionSarbeit wird aur Wahllage auch hier der Erfolg nicht ausbleiben. Biesdorf. Am Sonntag fand in Bieödorf-Nord eine öffentliche Versammlung statt, in der Genoffe Fritz Tornow über die Reichstagswahlen referierte. In trefflicher Weise entrollte der Referent die Sünden des vcrfloffenen Reichstags und löste stüriiiischen Beifall aus. Die giitbesuchle Versammlung verpflichtete sich durch Annahme einer Reiolution, mit aller Kraft für die Wiederwahl des bisherigen be- währten Vertreters, des Genosten Stadthagen, einzutreten. Nach einem anfeuernden Schlustwort des Genossen K ü t e r- Karlshorst, in dem er besonders die Frauen zu rühriger Agitation aufforderte, wurde die Versammlung mit Hochrufen auf die Sozialdemokratie geschlossen. Klosterfclde. Mit welch regem Interesse die Einwohnerschaft von Klosterfelde den kommenden Reichsiagswahlen entgegensieht, zeigte eine am Sonnlag staltgefundene Versammlung unter freiem Himmel. Ueber 300 P e r s o n e n, darunter viele Frauen, lauschien de» Worten des Genossen Fritz Carl, der über das Thema:„Die bevor- stehenden Reichstagsivahlen und die Sünden der bürgerlichen Parteien" referierte. Schars ging der Redner mit dem Verhalten der bürgerlichen Parteien bei der Reichsfinanzresorm, der Reichs- versichermigsordnung. sowie mit den Kriegshetzern ins Gericht. Die Anwesenden gaben durch stürmische Zivischcnrufe ibre volle Zu- stimmung zu den AiiSnlhrungen des Referenten. Trotzdem volle Redefreibcil zugesichert>var, ergriff keiner der auch zahlreich an- wesenden Gegner daS Wort. DieS veronlastte unseren Genossen Kossert, das Verhalten dieser Herren in gebührender Weise zu kritisieren. Mfit der Aufforderung, sich der sozialdemokratischen Partei anzlischlicsten, die Parteipresse zu lesen und am 12. Januar dem Genoiien Stadthagen ihre Stimme zu geben, wurde die Versanimlung, die unter eisigem Winde ausgeharrt hatte, mit einem brausenden Hoch aus den Sieg der Sozialdemokratie vom Genossen Meier geschlossen. Vorort-JNacbrlcbtem Charlottenburg. Tie Größe de« GcmeiiidcgebictS betrug nach dem Verwakwng?- bericht Ende März 2344 Hektar; davon waren 732 Hektar bebaut. während weitere 432 Hektar noch zum uiibebaiiten Bauland gehören. Während der BerichlLzeit wuchs die Bevölkerung von 289 742 Seelen bis aus 807 033, d. h. um 0.3l Proz. Die Bautätigkeit im Kalender- jähr t910 war eine lebhaftere als im Vorjahre. Insgesamt ent« standen in 290 Neubauten 0240 bezugsfertige Wohnungen(1909: 40l5). Die finanziellen Ergebnifie des RechnnngsjahicS 1910 tvare» besonders günstige, da ein Verwaltnngsnberschust von 2,1 Millionen(1909: 1,3 Millionen) Mark erzielt wurde. Haupt- sächlich ist der günstige Abschlust aus Mehrüberschüsse des Elektrizitäls- wertes(459 000 M.) und der Gasiverke(470 000 M.) sowie auf Mehreinkoinnien auS sämtlichen Gemeindesteuern(311000 M.) und Eriparnisie bei den Kosten der elektrischen Strohenbeleuchtung <102 000 M.) zurückzlifü.hren. Die Anleiheschulden betrugen 135,948 Millionen Mark. Davon sind in gewinnbringciide» Uiiteriiehmungen (Gaswerke. Elektrizitätswerk. Wasserwerke) 49,273 Mill. M., in rentablen Unternehmungen, bei denen die Kosten der Ver« ziniung den Interessenten auferlegt werden, 14 Mill. M. angelegt. Den Tesamtschnldcn von 154,507 Millionen Mark steht ein Gesamt» vermögen von 192,832 Millioneii Mark nebst 3,453 Millionen Mark Stiftungsvermögen gegenüber. Der städtische Grundbesitz umfastte am Schlnsse des Berichtsjahres 820 039 Ouadratineter bebaute Grund- fläche mit einem Wert von 08,5 Millionen Mark und 13 710 054 Quadratmeter unbebaute Grundfläche. Die Gesamtfläche von 14,536 Millionen Ouadratmcier repvZientiert einen Wert bon 166,719 Millionen Mark. Von den städtischen Betrieben brachten an Reingewinn die Gaswerke 2,584 Millionen Mark, daS Elcklrizitäts- werk 1,358 Millionen Mark, die Wasserwerke 76 700 Mark. Von größeren Hochbauten ist die neue Gemeindedoppelschule Wiebestraße- Neues Ufer zu nennen; an Baukosten find für die gesamte Anlage rund 1 Million Mark veranschlagt. In den Gemeinde- und Hilfsschulen wurden insgesamt 23 995 Kinder unterrichtet. Die Zahl der Klassen belief sich im Sommer auf 571, im Winter auf 587. Die durchschnittliche Klassenfrequenz betrug in den Norrnalklassen 44,31 Schüler; in den Klassen für begabte (A-ftlaffei,) 86; in den Klassen für schwächere sB-Klaffen> 26,93; in den drei Hilssschulen 19,83—20,72, 16,38 Schüler. An Unterhaltungskosten für Gemeindeschulen hatte die Stadt 3,3 Millionen Mark aufzubringen, d. h. pro Kopf deS Schülers 154,05 M gegen 201,36 M. pro Kopf deS höheren Schülers. In den Pflicht- foribildungsschulen wurden in 132 Klafien 2876 Schüler unter- richtet; dazu traten in freiwilligen Kursen weitere 445 Schüler.— Die städtische Volksbücherei erreichte einen Bestand von 41 578 Bänden. Auf die 3 Ausleihestellen entfielen insgesamt 323 151 Entleihungen. Die 3 Lesehallen wurden von 197 086 Per- soncn besucht. Achtung! Gewerkschaften! Am Sonntag, den 17. Dezember, vormittag« von 10— 12 Uhr, finden im großen Saal des Volks- Hauses, Rosinenstr. 3, die Delegiertenwahlen für die allgemeine OrtSkrankenkafie zu Charlottenburg statt. Wahlberechtigt sind alle Kassenmitglieder, die das 21. Lebensjahr überschritten haben. Die Legitimation der Wähler geschieht durch Vorweisung einer Wahl- karte im Wahllokal. Wahlkarten werden den Kassenmitgliedern auf Antrag im Kassenbureau, Rofinenstr. 3, während der öffentlichen Dienststunden svormittags 8—1 Uhr) unentgeltlich verabfolgt. Wir ersuchen die Vertrauensleute für die Besorgung der Wahlkarten Sorge zu tragen. Die Charlottenburger Gewerkschaftskommission. Elternverein für freie Erziehung. Sonntag, den 10. d, MtS., findet unter fachmännischer Leitung eine Besickligung des Museums für Meereskunde statt. Treffpunkt 9'/, Uhr pünktlich Straßenbahn- baltestelle Wilhelmspiatz. Auch NichtMitglieder und deren Kinder sonnen daran keilnehmen. Kinder ohne Begleitung Erwachsener haben 20 Pf. Fahrgeld mitzubringen. Kinder unter 10 Jahren sind von den Besichtigungen ausgeschloffen. Zahlreiche Beteiligung er- wartet Der Vorstand. Rixdorf. Ein Sttaßenbahnunfall ereignete fich gestern in der Berliner, Ecke Ziethenstraße. Dort wurde der fünfjährige bei den Eltern Berg- sttaße 165 wohnhaste Knabe Otto Noselt von einem Motorwagen der Linie 15 erfaßt und überfahren. Nachdem der Knabe, der unter den Schutzrahmen des Motorwagens eingeklemmt wurde, aus seiner Lage befreit worden war, brachte man ihn zur ersten Hilfeleistung nach der Unfallstation in der Steinmetzstraße. Ein aufregender Borgang hat sich in einem Straßenbahnwagen der Linie 15 abgespielt. Ein unbekannter Fahrgast vergiftete sich während der Fahrt mit Veronal. Der Selbstmordkandidat brach dann zusammen und stürzte vor den Augen der Mitfahreirden vom Sitz berunter. Man schaffte ihn in besinnungslosem Zustande zur Unfallstation in der Steinmetzstraße, wo er für einen kurzen Augen- blick wieder zum Bewußtsein kam. Er konnte nur noch erzählen, daß er in selbitmörderischer Abficht Gift gewunken habe und fiel dann wieder in Bewußtlosigkeit. In völlig hoffnungslosem Zustand wurde der Lebensmüde, der anscheinend Köhler heißt, nach dem städtischen Krankenhaus gebracht. Ober-Tchönctveide. Der auS dem Besitze des ForstfiskuS der Gemeinde ein- gemeindete und in steuerlicher Beziehung für die Gemeinde sehr wertvolle Oristeil Nobelshof wird nun auch größere Auf- Wendungen für Straßenbefestigung sowie Wafferlieferunjj und Kanalisation erheischen. Schon im Hinblick auf die Benzintank- anlage, denen eine ausreichende Bewäsferungsvorrichiung von der Behörde aufgegeben ist, macht sich das Fehlen der Wafferleitung in diesem OrtSteile als ein großer Mangel bemerkbar. ES find nun Verhandlungen dem Abschluß nahe, wonach die Gemeinde Rummels- bürg die Wafferabgabe der hiesigen Gemeinde gegenüber zum Preise von 13 Pf. pro Kubiknteter übernimmt mit der Maßgabe, daß die Herstellung der notwendigen Zuleitungen der Gemeinde Ober- Schöneweide zur Last fällt. Die Nnterbringung von Obdachlosen ist mehrmals Gegenstand der Verhandlungen der Gemeindevertretung gewesen; der Plan, �u diesem Zwecke die Pachtung eines Mietshauses zu bewerkstelligen, ist fallen gelassen worden. Es wird der nächsten Sitzung der Vertretung eine Vorlage zugeben, welche den Bau eines Seitenflügels aus dem Feuerwebrgrundstück in der Siemensstraße vorsieht. Die unteren Räume diese« Gebäudes sollen für Zwecke der Feuerwehr, als Ausenthaltöräume der Slraßenarbeiter und als Einstellräume für die Gememdelrankenwagen dienen, wohingegen die oberen Etagen Wohnungen zur Unterbringung Obdachloser enthalten werden. Die Kosten sind auf 42 006 M. veranschlagt. Gro�-Lichterfelde-Teltow. Achtung, GewcrbrgerichtSwähler! Morgen Freitagabend, von 6 bis 8 Uhr, finden im kleinen Saale des Rathauses, Schiller- ftraßc 32, die Wahlen der Arbeitnehmerbeistyer zum Gcwerbegericht statt. Kein Gewerkschaftler, welcher seine Eintragung in die Wähler- liste bewirkt hat, versäume die Wahl. Die Liste der Gewerkschnfts» konmiiision gelangt vor dem Rathause zur Verteilung. Jeder Wähler bringe sich das im Rathause ausgestellte Zeugnis als Ausweis mit. Köpenick. Ein Unglücksfall ereignete fich gestern mittag zwischen 12 und 1 Uhr in der 8. Gcmeindeschule. Bei dem physikalischen Unterricht wurden der Lehrer sowie zwei Schüler verletzt. Bergfelde(Mederbarntm.) Der Sriegervercin als Lokalabtreitrr. Von der Unduldsamkeit Andersdenkenden gegenüber zeugt eine Tat deS hiesigen Krieger- verein«, über die uns folgendes berichtet wird: .Der Wirt, bei welchem feit einiger Zeit unsere Genoffen friedlich ihren Zahlabend abhielten, ohne sich durch daS an der Wand des Zimmers ausgehängte Gruppenbild der tapferen Helden vom Kriegerverein belästigt zu fühlen, wurde veranlaßt, uns fein Lokal zu kündigen. Herr Nieke, Inhaber deS Hotel Bellevue, er- klärte, daß ihm nicht nur die„leistungsfähigere'' Kundschaft der Krieger entgehen würde, sondern ihm wohl die Polizeistunde drohe, wenn er den Kriegern zumuten würde, noch weiter von demselben Bier zu trinken, wie die G-noffen. DaS ist in den Augen der Patrioten natürlich— kein Terrorismusl— UnS wird das nicht schaden. Die Agitation und der Zusammenschluß der Genossen im Ort machen erfreuliche Fortschritte. Es ist zu hoffen, daß dieser Streich nichl nur die Genoffen veranlaffen wird, mit verdoppeltem Eiser für unsere Sache zu werben, sondern daß auch alle dem freiheitlichen Gedanken nahestehenden Einwohner von Bergfelde aus diesem Akt der Unduldsamkeit, der bisher hier am Ort einzig dasteht. die Konsequenz ziehen, dem Kriegerverein den Rücken kehren und seine Veranstaltungen strengstens meide», zumal letztere in dem uns ebenfalls verweigerten Lokal von Holtz stattfinden." Potsdam. Potsdain verfügt nach Abzug der einem Vermögen bon 39 564 167 M. gegenüberstehenden Schulden über einen Vermögens- Überschuß von 20 625 314 M. Bei der Bewertung der werbenden Anlagen, Elektrizitälswerk, Straßenbahn und Wasserwerk mit 10 875000 M. ist der Rentabilität dieser Anlagen nur insoweit Rechnung getragen, daß eine Verzinsung deS Kapitals sich etwa in Höhe von 8V3 Proz. ergeben würde. Unter den sonstigen Aktiven ist das Verwallungsvermögen von dem Käminereivermögni, welches letztere von der Stadt frei verwertet werden kann, nicht geschieden. Nach dem Lagerbuch stellt sich das Verwaltungsvermögen auf 9 049 866 M.. so daß nach Abzug dieser Summe von 20 625 314 M. noch ein verfügbarer Ueberschuß zugunsten der Stadt von mehr als 11' /z Millionen Mark verbleibt. Die Uebersicht deS Vermögen? der Stiftungen vom 31. März 1911 ergibt ferner einen weiteren Ver- mögensüberschuß von 4136 635 S>i. Spandau. Nach den am Dienstag beendigten Stadtberordnetenwahlen find von den ausscheidenden Stadtverordneten 11 nicht wiedergewählt und zwar in der 1. Abteilung 4. in der 2. Abteilung 3 und in der 3. Abteilung 4. Die sozialdemokratische Fraktion hat ein Mandat gewonnen. Die Kandidaten der Bezirksvercine haben die größte Schlappe erlitten. Der Kommunale Wahlverein besteht ans Arbeitern und Angestellten der kgl. Staatswerkstätten, welcher sich in diesem Jahre erst gebildet hat und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, gegen die Hausbesitzerwirtschaft im Stadlhause Front zu machen. Trotz des großen Erfolges, den dieser Wahlverein errungen, wird xs sich doch wohl bald zeigen, daß die gewählten Stadtverordneten nickt imstande sein werden, alle Jnteresien der Wähler, namentlich der Arbeiter, zu vertreten. Bisher hoben die Stadtverordneten, welche in den Staatswerkstätte» arbeiten, in fast allen wichtigen Arbeiterfragen versagt. Es wäre ja erwünscht, wenn die neugewählten Sladtverordneten aus den Staats- Werkstätten die Interessen der Wähler, namentlich der dritten Klasse, ebenso rücksichtslos vertreten, wie dies die sozialdemokratischen Stadt- verordneten getan haben. Den Erfolg, den der Kommunale Wahl- verein hatte, hat er wohl hauptsächlich der abfälligen Behandlung der Charlottenburger Baugenosienschast und des Proseffor Eberstadt im Stadlhause zu verdanken. Es wird sich ja nun zeigen, ob die Neugewähllen das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen werden oder ob die Wähler nicht doch zu der Ueberzeugung kommen, daß sie bester getan haben würden, wenn sie sozialdemokratische Stadtverordnete gewählt hätten. Hiis der frauenbewegimg. Rcichstagswahl und Frauenwahlrecht. Die bevorstehenden Neichstagswahlen rücken auch die Frage des Frauenwahlrechts in den Vordergrund der Dis- kussion. Jedenfalls muß die Forderung der politischen Gleich- berechtigung der Frauen mit allem Nachdruck erhoben werden. Keine denkende Frau kann für einen Kandidaten eintreten, der nicht grundsätzlich auf dem Boden der Gleichberechtigung beider Geschlechter steht. Bisher ist der Ausdruck„allgemeines und gleiches Wahl- recht" eine Phrase. Angeblich besteht das allgemeine Wahlrecht unter anderem bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag, bei den Wahlen zum Landtag in Baden, in Bayern, in Olden- bürg, in Sachsen-Meiningen, in Anhalt, in Württemberg, dann zur Wahl eines größeren Teiles der Abgeordneten in Schaumburg-Lippe, in Sachsen-Weimar. Im Ausland, in Frankreich, in der Schweiz und in Norwegen, mit gewissen Be- schränkungen in Belgien, in Spanien, Griechenland, der Argentinischen Republik und den übrigen amerikanischen Re- publiken. In Oesterreich hat das Proletariat die Einführung des allgemeinen Wahlrechts ertrotzt. Nahezu allgemeines Wahlrecht besitzen England, Dänemark, die Niederlande, Sachsen-Koburg-Gotha, die beiden Schwarzburg und die beiden Reuß. Das Wahlrecht in all diesen Ländern enthält eine Reihe von Beschränkungen, zum Beispiel den Ausschluß der Personen, die nicht im vollen Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sind, gegen die das Konkursverfahren eröffnet ist, die wegen geistiger Mängel unter Vormundschaft stehen, die Armenunterstützung beziehen und dergleichen. Die Gesetz- gebung einzelner Länder kennt auch noch den Ausschluß der Analphabeten(des Schreibens und Lesens Unkundiger), der Geistlichen, der Soldaten, der Neger usw. von dem Wahlrecht. Aber nirgends wird bemerkt, daß mehr als die Hälfte der er- wachsenen Personen vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, ohne daß auf sie die angezogenen Ausnahmen zuträfen. Man be- trachtet es als selbstverständlich,, daß bloß das männliche Ge- schlecht bei der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten mit- spricht, über den Inhalt der Gesetze, über die Art und Höhe der Steuer usw. beschließt. Der weibliche Teil der Bevölke- rung soll sich dem Beschlossenen einfach fügen. Aus dieser allgemein herrschenden Anschauung ergab sich dann weiter, daß in manchen Ländern ein relativ freies Vereins- und Ver- sammlungsrecht für die Männer besteht und ein aufs äußerste verkrüppeltes, wertloses für das weibliche Geschlecht. Es hieße eine Geschichte der sozialen Beziehungen der beiden Ge- schlechter schreiben, wollte man die Ursachen des Mißvcrhält- nisses zwischen dem Recht des einen und der Rechtlosigkeit des anderen aufdecken. Die politische Rechtlosigkeit der Frau ist eines der interessantesten Probleme der Menschheitsgeschichte. Im schärfsten Gegensatz zu der politischen Rechtlosigkeit der Frau steht die Tatsache, daß in einer Reihe von Monarchien schon vor vielen Jahrhunderten, auch zur Zeit des starrsten Absolutismus, der Frau das Erbfolgerecht auf den Thron eingeräumt wurde, also auf das höchste verantworhmgsvollste Amt. In Spanien, Portugal. England und Holland ist das Recht der Frauen an der Thronfolge nur wenig beschränkt, außerdem besteht es in Oesterreich, Rußland und Griechenland beim Fehlen männlicher Erben im regierenden Hause. Welche Machtfüllc in den Händen von Frauen gelegen hat, lehrt schon der Hinweis auf Namen, wie Maria und Elisabeth von England, die beiden so verschieden gearteten Töchter Heinrichs VIII., auf Maria Theresia von Oesterreich, die vielleicht die hervorragendste Gestalt im Hause der Habs- burger war, auf Katharina II. von Rußland, die bei all ihren Fehlern eine der glänzendsten Gestalten in der Reihe der russischen Herrscher gewesen ist. Man kann ohne Uebcrtreibung sagen, daß unter den Frauen, die Kronen getragen haben, lange nicht so viel Mittelmäßigkeiten und unbedeutende Gestalten vorhanden waren, als unter den männlichen Vertretern des Gottesgnadentums. Das ist jedoch von untergeordneter Bedeutung. Die Ent- Wickelung hat nach und nach den Frauen die ganze Summe staatsbürgerlicher Lasten und Pflichten aufgepackt wie den Männern, ohne daß der Frau die Rechte des Mannes zur Seite standen. Das Strafrecht, die Steuerpflicht, die ver- wüstende Zollpolitik, die Gewerbeordnung und vor allem der Kapitalismus als Ausbeuter der Arbeitskraft trifft die Frau ebenso hart und schwer als den Mann. Aber die politischen Rechte, als Mittel, die Verhältnisse zu beeinflussen, bleiben ihr vollkommen versagt. Die volle staatsbürgerliche Gleich- berechtigung der Frau muß erkämpft werden, sie muß eine Hauptforderung der Frauen bei den bevorstehenden Kämpfen sein, und alle Genossinnen zu kräftiger Wahlhilfe für unsere Kandidaten zum Reichstage anspornen. versammruuge«— Veranstaltung«. Zeuiralverbaiid der Hausangestellten. Donnerstag, den 7. Dezember, abends 8'/z Uhr, in den Jndusteie-Kestsälen, Bcuthstr. 20 I. Vortrag von Frau Luise Zietz:„Vom Familienhandlverk zur Zunft." Gäste willkommen. Jiiis aller Welt. Der reiche]Mann und der arme Lazarus. Es war einmal«in reicher Mann, der kleidete fich in Purpur und hielt täglich herrliche Mahlzeiten. Im selben Orte aber lebte auch ein Armer namens Lazarus, der täglich vor des Reichen Tür kauerte und sich gerne mit den Brosamen vom Tische des Neichen gesättigt hätte, wenn sie ihm jemand gegeben hätte.— Eo gingen viele Jahre dahin. Eines TagcS aber erschien der Reiche ganz plötzlich im Rahmen der Tür und sprach: „Warum liegst du denn da draußen bor der Türe, du Armer? Komme doch herein zu mir und sättige dich l"... Und so ging es viele Tage hindurch. Tagtäglich erschien der Reich« im Rahmen der Tür, bat den armen Lazarus zu sich als Gast und ließ ihn mit Speise und Trank gar reichlich bewirten. Eines schönen TageS aber erschien der Reiche wieder im Rahmen der Tür und schrie: „Was suchst du hier, Lump, elender? Geh arbeiten, du Tage- dieb 1 1 l" TagS vorher war nämlich Wahltag gewesen. Acht Personen ermordet. Eine entsetzliche Bluttat wird aus der italienischen Ort» schaft Monte Santa Angelico gemeldet. In einem Hause des Ortes wurde von einem bisher unbekannten Täter eine aus Vater und Mutter, vier Kindern und w e i Nichten bestehende Familie ermordet. In einer cke des Schlafzimmers wurde die Leiche des Oberhauptes der Familie aufgefunden, welche zahlreiche Spuren von Axt- hieben trug, der Kopf war ihm vom Rumpfe ab- getrennt. Auch die Leiche seiner Gattin war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und stellte nur noch einen blutigen Fleischklumpen dar. Ueberall waren Spuren von einem vorangegangenen Kampfe zu sehen. Die Möbel waren mit Blut bespritzt. Die Leichen der Kinder wiesen ebenfalls furchtbare Verstümmelungen auf. Die Arme und Beine waren ihnen abgehauen und lagen umhergestreut im Zimmer. Tödlicher Absturz eines Fliegers mit Paffagier. Au» England meldet der Telegraph eine schwere Flieger« katastrophe. Während eine? glänzend durchgeführten Paffagierfluges aus dem Flugfelde in F i l e h versagte plötzlich der Apparat de» Fliegers Oxley. Der Flieger und sein Begleiter, ein Deutscher namens Weiß, stürzten aus beträchtlicher Höhe ab und waren sofort tot._ Zwei schwere Explosionen. In der Goldabteilung de» Petersburger Münzhofes hat am Mittwoch früh eine Gasexplosion von furchtbarer Wirkung stattgefunden. Von den im Räume beschäftigten Arbeitern wurden zwei getötet, neun schwer und mehrere leichter verletzt- — Auch aus R 0 s a r i 0(Südamerika) meldet der Telegraph eine schwere Katastrophe. In einer pyrotechnischen Anstalt er- folgte durch Entzündung von Pulvervorräten eine Explosion, die da» Fabrikgebäude zum Einsturz brachte. Bei dem Unglück wurden fünfzehn Personen getötet und viele andere schwer verletzt._ Kleine Notizen. Zwei Kinder»erdrannt. In D a n z i g brach gestern in der Wohnung eines Kutschers, in der zwei Knaben von zwei und fünf Jahren einaefchloffen waren. Feuer aus. Als der Brand bemerkt wurde, konnten die Kinder nur noch als verkohlte Leichen aus den brennenden Räumen geborgen werden. Eine ganze Familie vergiftet. In der böhmischen Ortschaft Chlumec erkrankte die Familie des Gutsbesitzers Horilek nach dem Genuß der Suppe unter Vergiftungserscheinungen. Die beiden Ehegatten sind kurz nach dem Genuß gestorben, während Sohn und Tochter mit dem Tode ringen. ES wurde eine Unter- suchung eingeleitet, da man der Ansicht ist, daß«S sich um einen Racheakt handelt. Krieg im Frieden. Bei einer Uebung de» 26. französischen Geniebataillons in der Nähe von Algier kenterte ein Boot mit mehreren Soldaten. Drei komtten schwimmend daS Ufer erreichen, zwei ertranken._ Marktpreise von Berlin a» 6. Dezember 1011,«ach Ermittelung de» Küntgl. Poltzelpröstdinm«. Marttballenpreise.(Kleinhandel), 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 36,00—50,00. Speisebohnen weiße. 40.00- 60.00. Linsen 40,00-80,00..Kartoffeln 7,00—10,00. 1 Kilo. gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis 1,70. Schiveiucfleisch 1,20—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,30—2.20. Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 3.80—6,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,00-2,40. Aale 1.20-2,80. Zander 1.40-3.60. Hechte 1.20 bis 2,60. Barsche 1,00—2,00. Schiet« 1,46-3,20. Bleie 0,86-1,40. 60 Stück Krebse 2,40-24,00._ WttternngSiibersicht vom 7. Dezember 1911. Swinemde. amburg letlin flranksa M. München Wien Wetterprognose kür Donnerstag, den 9. Dezember 1911. Ein wenig würmer bei müßigen südlichen Winden und veränderlicher Bewölkung ohne erhebliche Niederschlüge. Berliner Wetterbureau. Waflcrstanda.vtamrtibten der LandeSanflalt für Gewässerkunde, mttgetelN vom Berliner Wetterbureau. vaflerüand Kemel. TUllt Bregel. giifterburg Weichtet, Tb an» v de r. Rattbor . Kroflen , Fraeittutt Warthe. Slbrmnu , Lmidsberg Ritze, Vordamm Alb«, Letunerttz , Dresden , Barby . Magdeburg Wasserstand Saal«, Srochlttz Havel, Spandau») , Rathenow») Spree. Svremberg») , Biestow Weser. Münden , Minden Rhein. MaximilianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Mai«, vettheim Mosel, Trier am 5.12. cm 60 35 10 100 170 318 128 146 47 91 seit 4. 12. om1) +6 +1 —2 —2 —2 -12 — 3 — 1 1+ bedeutet Wuchs,- FaO.—•) Onterpegel.') EtSstand.») Grund- eistreibe«. Kngo SeKng Weingroßhandlung». Likörfabrik 80 chem Filiale!!.' Einzeiverlouf zü Eopspreisen. Kn eroa detail und Knabett- Jüoglings-ßaräsrolis fertls u. nach Mall am billigsten und reellsten in der Fabrik Koppeustr. 85, part., 1 2 Miauten v. Sohles. Bahnhof.| isTTL* Karl Hustädt. Orttttien Salott, Oraalcnetr. 170, sofort zu vermieten. I8i8b» 8t««« Damrntuche für elegante Kleider, Palelots-c.. Mir. S.Z0, 3.S0.«.S0 M. Tuchlager Xocd, Rieleiilager Louis Böttcher(selbst), Betriebsleitung Box- Hagenerstrabe zlveiunddrcibig(Bahn- Verbindung Warschauerftroße).* «ermnuntilnti 6 PsandleihhauS. 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Der Bewerbung ist ein Lebenslaus und ewe selbstgeschriebene Abhandlung über die Tattgkett eines solchen Beamten beizufügen.!>0i/4 Buchhalter- Gesuch Jyiir eine gröftcre Parteidruckerei in Süddentsdjland wird zum Antritt ans I.April 1912 ein tüchtiger, mit �jeitungs- und Trnckcrcigeschäft völlig vertrauter Buchhalter gesucht. Anerbietnngen mit Angabe der Gchaltansprüche ____ unter„H 3" an die Hauptexpedition dcS--Vorwärts".___ Wi/2*_______ Richsrd SgrG Leriia. Lür den Lnjeratevteilvergntw.: Tb-ElgdreLcriill. Trucku-Leriag: Vorwärts Luchdruckerxi VerwZSaiistzlt �aulTingcr».Co., Berlin SVi- schön gelegen. frei. Golüchedslratze 7. f12S Genoffe. tüchtiger Fachmann, für ein stark brtchästigleS JnstallaiionS- aeichäst. 4000 Einlage. Offerten W. &., Spcditton Giieiseuaustratze 72. Vermietungen. Restauration. Hutienstratze, sofort zu vennielen. Fröhlich, Wassertor- jttatze 41. 32/17* Wohnungen. 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