Nr. 391. HbonncmcntS'Bedlngungeii! Nboimemenls- Preis pränuinernndo i Siertcljnhr!. 3£(> DKf., monaU. 1,10 WIU wöchentlich 28 Pfg. frei ins.C->au5. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonniags. rmnimet mit illustrierter Sonntags. Beilage„Die Neue Welt" lv Pfg. Post. «lbonnemenl: l.lv Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeiwngs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien. DSncmarl, Holland. Italien. Luremburg. Portugal, Rumänien, Schircdcn und die Schweiz, 28. Zahrg. Citdidnt lZgllch außer montags. Vevlinev Volksblnkt. Zentralorgan der rozialdeniokratSfchen Partei Deutfchlands. Die Tntfrflon$»Gfbfll>f lekligl für die fechSgefpallene Kolonel- >e!le oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bereins- und Berfammlungs-Anzeigen SO Pfg. „Kleine Hntetgen", das fettgedru-kte «ort 20 Pfg. fzuläfsig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. 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Durch die Schnapsgesetzgebung haben sich die Agrarier in lieb- lichem Verein mit ihren geistigen und geistlichen Brü- dern eine Domäne geschaffen, die wirklich in der Welt ihresgleichen sucht. Weit entfernt davon, den Schnaps- genuß eindämmen zu wollen, erstrebten die Agrarier von jeher nur eine Festigung Preustens als..Zentralschnapsfabrik der Welt", wie Engels es nannte, und eine Füllung der eigenen Taschen mit dem Golde der Allerärmsten. Während die Junker ihre Zoll- und Einfuhrscheinpolitik noch durch einige Scheingründe beschönigen und auf gleiche Raubzüge fast aller europäischen Staaten verweisen können, ist die Brand- schatzung des Volkes durch die Liebesgaben so offen- sichtlich und ungeheuerlich, daß sie selbst durch die eigens zum Zweck der Verschleierung getroffenen verzwickten Einzelbe- ftiinmungen der letzten Neichsflnanz„reform" nicht verdeckt werden kann. Und noch unangenehmer als die Bezeichnung „schwarzblauer Block" ist daher den reaktionären Machthaber» das brandmarkende Beiwort„Schnapsblock". Die Geschichte der Schnapsgesetzgebung knüpft sich an den Namen Bismarcks. Er, der damals gerade mit den Junkern anfs neue gute Freundschaft geschlossen hatte, setzte im Kartellrcichstag von 1887 die für den Moloch not- wendige Erhöhung der Reichseinnahmen durch und gewährte ihnen dafür die„Liebesgabe". Das Wesen der Liebesgabe besteht darin, daß ein begrenzter Teil der Produktion— das Kontingent— mit niedrigeren Verbrauchsabgaben belegt wird als das Ueberkontingent. Wird nun die Begrenzung der Produktion(die Kontingentierung) so gering gewählt, daß der Verbrauch notwendig über das Kontingent hinausgeht und daher die Produktion eines Ueberkontingents hervor- rufen muß, so bestimmt der Preis des Ueberkontingents nüt- der höheren Verbrauchsabgabe den Preis der Gesamtpro- duktion. ES ist nicht möglich, bei dem gleichen'Händler kontingen- tierten Branntwein zu einem niedrigen Preis und nichtkon- tingentierten zu einem höheren Preis zu kaufen. Denn der Kostenpreis der für den Bedarf noch notwendigen Ware be- stimmt den Preis dieser gesamten Warenmenge überhaupt. 1887 wurde nun das Kontingent mit einer Verbrauchsabgabe von 50 Mark pro Hektoliter, das Ueberkontingent mit einer Verbrauchsabgabe von 70 Mark pro Hektoliter belegt. Die Produzenten des kontingentierten Branntweins steckten also für jeden Hektoliter eine Extragabe von 20 Mark ein. Das Kontingent war so bemessen, daß auf jeden Einwohner der süddeutschen Staaten Batpcrn, Baden und Württemberg drei Liter entfielen, während für Norddentschland iVz Liter pro Kopf der Bevölkerung kontingentiert wurden. Die Süddeut- scheu wurden durch die günstigere Kontingentierung für die Ausbeutungspläne geködert! doch sind von ihnen weniger große Brenner an dieser Politik interessiert. Tie Verteilung des Kontingents an die einzelnen Schnapsproduzenten ist eine willkürliche. Von den vier Millionen Hektoliter verbrauchten Branntweins waren 2,25 Millionen Hektoliter mit der geringeren Abgabe belegt. Von den anfänglich 10, dann 16 Millionen Mark Liebesgaben strichen die preußischen Vrcnncr allein 33 Millionen Mark und davon die osielbischen wieder 32 Millionen Mark ein. Die 200 griinten Brennereien sind ziisainmen mit 5 Millionen Mark Liebesgaben beteiligt, die 10 000 kleinsten Brennereien mit zusammen d r e i M i l l i 0 n e n Mark. Gleich große Brennereien erhalten ein ganz verschiedenes Kontingent, dessen Höhe jährlich neu vom Bundesrat bestimmt wird. Einzelne Brennereien streichen allein� 35 000 Mark an Liebesgaben ein. Auch eine Reihe von gcsürstetcn Häuptern finden sich unter den Hauptempfängern. Außer den Verbrauchsabgaben von 50 bczw. 70 Mark erhob das Reich noch eine Maischraumsteucr(iin Maischraum. d. h. großen Bottichen, wird der Branntwein durch Gärung hergestellt) von l,3l Mark pro Hektoliter. Da aber der Groß- betrieb durch technische Verbesserungen den Maischranm pro- � duktiv viel besser ausnutzen kann als der Kleinbetrieb, der- 1 dienten die Großbrenner durch diese Steuer an jedem Hektoliter noch eine zweite Liebesgabe von 4 Mark, auch ein Beitrag zur..Mittelstandspolitik". Bei der Reichssinanzreform plante die Regierung ein Branntweinstaatsmonopol. Das Reich sollte den privaten Brennern den Schnaps abkaufen— aber so, daß den Brennern die Liebesgabe von 20 Mark pro Hektoliter Verblieb— und dann mit einem Aufschlag von 50 Mark wieder verkaufen. Aus politischen Gründen war das Z e n- t r u m für diesen Vorschlag aber nicht zu haben und erwarb sich die Zuneigung der osielbischen Junker dadurch, daß es trotz � starker Erhöhung der Verbranchsabgabe die dauernde Beide- i Haltung der 20 Mark Liebesgabe beantragte. Seither beträgt die Verbrauchsabgabe für das Kontin- gent 1,05 Mark, für das Ueberkontingent 1,25 Mark pro Hektoliter. Gleichzeitig wurde die zweite Liebesgabe, die Maischraumsteuer, fallen gelassen. Einen Ersatz fand man sür sie aber im B r e n n r e ch t, das durch eine verschiedene Besteuerung des Durchschnittsbrandes und des Uebcrbrandes wiederum wie eine Kontingentierung preiserhöhcnd auf die gesamte Produktion wirkt. Gewerbliche Brennereien sind zu Ungunsten der landwirtschaftlichen weiter durch erhöhte Be- triebsauflagcn schlechter gestellt. Hefebrennercien müssen außerdem einen weit größeren Teil(65 Proz. ihres Erzeugnisses) vergällen als die übrigen Brennereien, die etwa nur 30 Proz. ihres Durchschnittsbrandes denaturieren. Da aber der denaturierte Branntwein, falls er für seinen Zweck, die Verwendung in der Industrie, noch rentabel bleiben soll, keine Preiserhöhung erträgt, muß der unvergällte Trink- branntwein alle Lasten tragen. Die kleinen und gewerblichen Brennereien und die Konsumenten werden demnach durch die Liebesgaben schluckenden Großagrarier zwiefach geschröpft. So kommt es, daß von jedem Liter Trinkbranntwein die Brenner eine Liebesgabe von 14 Pfennig einstecken, während das Reich nur 33 Pfennig Stenern einzieht. Seit der Ein- fllhrung der Liebesgaben haben die ischnapsbrenner nicht weniger als 1 Milliarde Mark eingesteckt! An der Arbeiterschaft ist es, einmal den Agrariern diese Liebesgabe, wie sie 1887 von einem Junker selbst in seiner ersten Freude über diesen Extraprofit genannt wurde, durch Herabdrückung des Verbrauchs bis zur Höhe des Kontingents zu schmälern. Denn sobald der Konsum unter das Kontingent sinkt, erhöht sich der Preis des Branntweins nur uni die niedrigere Verbrauchsabgabe. Die 46 Millionen, die jetzt jährlich an Liebesgaben von den Agrariern eingesteckt werden, würden unseren Junkern dann verloren gehen. Mehr aber noch als von der durchaus notwendigen strikten Befolgung des in Leipzig beschlosicncn Branntweinboykotts erwartet das Proletariat von der politischen Abrechnung mit dem ganzen System agrarischer Liebesgabengesetzgebung. Mit der Schnapshörigkeit des deutschen Volkes muß e n d l i ch S ch l u ß g c m a ch t w e r d c n. Es ist einfach eine Niederträchtigkeit, daß die osielbischen Junker auf Kosten der Aermsten ausgehalten werden. Der Schnaps block hat bei der Finanzreform die Liebesgabe zu verewigen geglaubt. Um die eftva 46 Millionen Mark betragende Schnapsrente zu sichern, haben Konservative, Anti- sewiten, Polen und Zentrum ihren Bund geschlossen. Die Wahl am 12. Januar muß diesen elenden Schnapshandcl zu- nichtc machen. Ten politischen Schnapsbrüdern keine Stimme! Das'Ausbeutungssystem der indirekten Steuern, durch das die Bourgeoisie die Staatslasten ans die Besitzlosen abwälzt, würde aber, wenn es nach dem Willen der bürgerlichen Par- teien ginge, noch weiter ausgebaut werden. Die Sozialdemo- kratie allein verwirft dieses ganze die Volksmassen belastende. System der indirekten Steuern und Zölle, von deyen die Liebesgabe nur der freilich scheußlichste Auswuchs ist. DeS- halb müssen die Stimmen der arbeitenden und besitzlosen Klassen am 12. Januar der So z i a l d e m 0 k r a t i e gehören. Zm fficichstagswaljl. Die Wahlbcwcgung in der Provinz Hannover. Die Provinz Hannover war von jeh� die Hochburg der Nationalliberalen. Zwischen dieser Partei und den Welsen schwankte das Wahlglück hin und her; bald hatte die eine, bald die andere Partei den größten Teil der IS Ncichstagsinandate der Provinz im Besitz. Nur daS Zentrum hat seit 1867 einen sicheren Wahlkreis— Meppen-Lingen— den früher der Abg. Windt- Horst vertrat. Mit wenigen Ausnahmen errangen auch die Kon- scrvativen oder die Neichspartci bei den Wahlen 1 bis 2 Mandate, zweimal holte sich sogar der Freisinn einen Sitz durch Zufalls- Wahlen. Die Sozialdemokratie hat bisher nur einen einzigen Wahlkreis, Hannover-Lindcn, erobert. Viermal von 1884 bis 1833 ist uns der Kreis in der Stichwahl zugefallen; seit 1893 siegte die Sozialdemokratie immer im ersten Wahlgange unter fortdauernder Steigerung der Stimmcnzahl. 1384 stimmten in der Stichwahl zwischen unserem Genossen Meister, der 8340 Stimmen erhielt, und dem Welsen Brüel mit 8969 Stimmen, die Nationalliberalen zum größten Teil für Meister, der dann auch mit 12 352 gegen 11 791 Stimmen des Welsen gewählt wurde. Nach dem 1903 erfolgten Tode Meisters glaubten unsere Gegner, uns den Wahlkreis entreißen zu können. In einem beispiellos ge- führten und vom Reichsveöband geleiteten Wahlkampf wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um zu beweisen, daß der bisherige Sieg der Sozialdemokratie nur der persönlichen Beliebtheit des Genossen Meister zuzuschreiben gewesen sei. Aber alles war nutzlos. Zwar wurden mehr gegnerische Stimmen abgegeben, aber auch die sozial- demokratischen Stimmen nahmen um 2500 zu, um im nächsten Jahre bei den Blockwahlcn noch um weitere 4300 auf 36 113 an- zusteigen. Die Gegner haben eine gut organisierte und durch- gebildete sozialdemokratische Arbeiterschaft vor sich. Infolgedessen haben die Nationalliberalcn es für diesmal aufgegeben, noch Geld in diese nutzlose Wahlagitation hineinzustecken. Sie haben Hannover den Freisinnigen überlassen. Diese merkwürdigen Leute reden sich jetzt ein, sie könnten den Kreis von der Sozialdemokratie befreien. Dabei besteht der Freisinn nur aus einem Häuflein Bier- Politiker, das den Spottnamen: Skatklub«Eugen Richter" er- halten ha� Seit den Wahlen von 1893 ist den Nationalliberalen der Bund der Landwirte zwischen die Beine gefahren. Anfangt hielten die Nationallibcralen sich für völlig immun gegen diese„ostelbische Junkerseuch e". Später wurden sie vom Bund der Landwirte immer mehr in das bündlerische Joch gezwängt. J5ie wagten schon bald nicht mehr, stramm liberale Kandidaten selbständig aufzu- stellen, ohne vorher mit dem Bunde Rücksprache gehalten zu habey. Und 1907 konnten sie der vollständigen Ausschaltung als Mehrhcits- Partei nur dadurch vorbeugen, daß sie in den Wahlkreisen Emden. Uelzen und Harburg auf Kandidaturen verzichteten. Der Wahl- kreis Harburg war seit 1867 mit nur einmaliger Unterbrechung in nationalliberalem Besitze. Die Bündler holten auch Harburg und Uelzen, nahmen den Nationallibcralen Geestemünde ab und „retteten" durch ihr Zusammengehen mit dem Zentrum auch Hil- desheim für sich. Außerdem fiel Goslar der Wirtschaftlichen Wer- einigung zu. Die Nationalliberalcn bekamen letzten Endes doch noch 3 Mandate, aber 5 davon nur deshalb, weil die Bündler sich verpflichtet hatten, keine Gegenkandidaten aufzustellen. Die Welsen konnten nur ein Mandat von sechs retten. Inzwischen hat sich die politische Situation wesentlich vcr- ändert. Einige strammkonservative Herren sind Negierungspräsi- deuten geworden— darunter befindet sich auch der Gründer der konservativen Partei in der Provinz— und deren Einfluß ist der konservative Einbruch bei der Landtagswahl 1308 zuzuschreiben. Nicht weniger als 8 nationalliberale Landtagsmandate gingen dabei flöten. Die Nationalliberalen zogen nun aus Rache nach dein Osten, und damit wurde das Zivsammengehen mit dem Bunde der Landwirte für die Nationalliberalen nicht mehr möglich. Die Finanzreform, den schwarzblauen Block, alles hätten unsere Nationalliberalen geschluckt, wenn sie nur beim Bunde der Land- wirte noch Gnade gefunden hätten; aber Dr. Dicderich Hahn er» klärte, er werde nicht eher ruhen, als bis der letzte Nationalliberale aus Hannover heraus ist. In ihrer Herzensangst schlössen die Nationalliberalen mit dem Freisinn ein Bündnis. Der konnte ihnen abxr gar nichts bieten, denn das Mandat für Emden behielt er für sich. Schließlich boten die Nationalliberalen den Freisinnigen noch Hannover an unter der Bedingung, daß die Freisinnigen sie in den für sie in Petracht kommenden Wahlkreisen in Ruhe lassen mögen. So wollten die einstigen Beherrscher der Provinz Hannover sich wenigstens diese „Feinde" vom Leibe halten; doch auch das ist nicht gelungen, denn in Osnabrück und in Goslar betreiben freisinnige Kandidaten trotz der nationalliberalen Heulmeierei frisch und munter ihre Agitation. Die Wahlsitnation ist noch nicht völlig geklärt, denn noch siixd nicht alle Kandidaten aufgestellt. Im Wahlkreise Einbeck hat der Bund der Landwirte sogar die Welsen ins Vertrauen gezogen und mit ihnen gemeinsam einen Kandidaten aufgestellt. DaS Poltern der Liberalen über die nationale Verräterci läßt die Bündler ganz kalt, da der Zweck ihrer Taktik ist, hier die Nationalliberalen aus der Stichwahl herauszudrängen. Der größte Gegner erwächst den Nationalliberalen aber in der Sozialdemokratie. Daß wir bei dieser ReichstagSwahl wie seit 1884 nur ein einziges Mandat bekommen, erscheint geradezu auS- geschlossen. Es nützt nichts, zu prophezeien; aber daß wir Kreise crobcrn können, die jetzt nationallibcral vertreten sind, steht fest. Und was das wichtigste ist: in verschiedenen Wahlkreisen— auch nationalliberal vertretenen— werden wir durch Stimmenzuwachs in die Stichwahl kommen und dadurch die Nationalliberalcn aus der Stichwahl herausdrängen können. Darauf läuft freilich auch die zielbewußte Politik Dr. Diedcrich Hahns hinaus, der schon vor einem Jahre im preußischen Abgeordnetenhaus verkündete: In der Provinz Hannover wird derjenige gewählt, der mit einem Sozial- demokratcn in Stichwahl kommt. Er kennt die hannoverschen Kämpen gegen den schwarzblauen Block zu genau, als daß er ihnen nicht zutrauen könnte, daß sie Schleppenträger der Junker werden. Und um Hahn in seinen Erwartungen zu be- stärken, erklären einige Nationalliberale schon jetzt aufdringlich, daß sie in der Stichwahl die Schwarzblauen heraushauen wollen. Dafür werden sie auch vom Bunde der Landwirte nach Noten durch- gepeitscht, damit sie um so williger Stichwahlhilfc leisten. Sie be- reiten diese Lage selbst vor, indem sie die Sozialdemokratie mit allen Mitteln bekämpfen. Die alberne Phrase des Herrn Lehmann: „Der Feind steht links, der Gegner rechts," ist für unsere Liberalen ein Dogma geworden. Am Grabe ihrer Partei übersehen sie ganz, daß der Gegner„aufs Ganze" geht. Die Sozialdemokratie ist gerüstet. Sie kann mit größter Zu- verficht dem 12. Januar entgegensehen. Offener Brief an Herrn Kaemps. Der Demokratische Wahlausschuß des ersten Berliner Reichstagswahlkreises hat an den von der Fortschrittlichen Volkspartei in diesem Kreise wieder aufgestellten Kandidaten Herrn Johannes Kaempf folgenden offenen Brief gerichtet: Berlin, den 12. Dezember 1911. Offener Brief! An den Rcichstagskandidaten der Fortschrittlichen VolkZpartci für Berlin l. Herrn Johannes Kaempf, Berlin� Sehr geehrter Herr! Sie waren im Deutschen Reichstag Vertreter des l. Berliner ReichstagswahlfreiseS. Sie waren gewählt als Mitglied einer Partei, die sich„Volks Partei" nennt, und Sie behaupten, immer nur das Wohl der Allgemeinheit und nicht die Interessen eines begrenzten Kreises vertreten zu haben. Sie waren ge- wählt durch das allgemeine, gleiche Stimmrecht und wollen durch dieses wiedergewählt werden. Ist das die Wahrheit, so sind Sie verpflichtet, auch der All- gemeinheit kn voll» Oefsentlichkeit Rechenschaft abzulegen üb«
Ihr bisheriges Wirken und kkare, rückhaltlose Auskunft zu geben über die Grundsätze, nach denen Sie im Falle Ihrer Wiederwahl Ihre fernere Wirksamkeit im Deutschen Reichstage einzurichten gedenken! Bisher war es uns nicht möglich, von Ihnen Auge in Auge die eines Mannes, vor allem jedes Volismannes würdigen klaren und bündigen Antworten zu erhalten. Zu Ihren Wählervcrsammlungen werden nur Ihre An- Hänger eingeladen, d. h. ein begrenzter Kreis von Wählern, auf deren Vertretung Sie sich angeblich nicht beschränken wollen. In Ihren Versammlungen wird entgegen den Grundsätzen Ihres Parteiprogramms Redefreiheit nicht gewährt und damit die Aeußerung jeder gegenteiligen Ansicht rücksichtslos unter- bunden. Das wissen Sie! Denn Sie waren stets Zeuge dieser Vorfälle und haben sie stillschweigend geduldet? Damit Sic auch abweichende Meinungen der Bürgerschaft hören und zu ihnen Stellung nehmen können, haben wir Sie unter Zusicherung vollster Redefreiheit in eine von uns einberufene Wählcrversammlung eingeladen! Sie sind nicht gekommen! Jetzt fragen wir Sie auf diesem Wege: wollen Sie dafür sorgen, dnh in Ihren Wäblerversammlungen volle Redefreiheit gewährt wird? Oder— wenn Sie das nicht können— sind Sie bereit, in einer von uns einberufenen Wählerversammlung anwesend zu sein, die Ausführungen unserer Redner anzu- hören und zu beantworten? Wir erwarten Ihre Antwort bis zum 19. d. Mts. Bleibt dieselbe bis dahin aus, dann: leine Antwort ist auch eine Antwort! Hochachtungsvoll Demokratischer Wahlausschuh Berlin l. Gescheitertes Wahlkompromiß. Die Eiingungsvcrhandlungen zwischen der Fortschritt- lichen Volkspartei und den Nationalliberalen in Hessen sind, wie die«Franks. Ztg." meldet, gescheitert. Konservative und Nationalliberale. Die„Kreuzzeitung" veröffentlicht eine Zuschrift, in der heftig Einspruch erhoben wird gegen konservative Verständigung mit Nationalliberalen: „Nach Zeitungsnachrichten mehren sich die Fälle, in denen die konservative Partei zugunsten der Liberalen, insbesondere der Rationallibcralen, auf die Ausstellung eigener Kandidaten der- zichtet oder bereits aufgestellte Kandidaturen zurückgezogen hat, so in Dresden, in einer Reihe von thüringischen Wahlkreisen, Brandcnburg-Wcsthavclland, Sorau-Forst u. a. mehr. Diese an sich rühmenswerte patriotische Selbstverleugnung ist abcr� gceig- uct, die konservativen Gcsamtintcressen und— bei der jetzigen Unzuverlässigkeit aller Liberalen gegenüber der Sozialdemo- kratie— auch allgemeine vaterländische Interessen zu schädigen." Mehr freilich als die„vaterländischen" Interessen liegen dem Warner die konservativen Wohlinteressen am Herzen; von diesem Standpunkt ans kalkuliert er nicht unrichtig, wenn er schreibt: „Jeder mit konservativer Hilfe schon in der Hauptwahl er- fochtene Sieg der Liberalen verschlechtert die W a h l a u s s i ch t e n der Konservativen, da angesichts der parteiegoislischen cio-ut-cl«-Politik der liberalen Gruppen diesen, die Hilfe der Sozialdemokratie wertvoller erscheinen kann, als die der Rechtsparteien, wenn sie auf letztere seltener, als auf die Genossen vom rosaroten Block angewiesen wird... Soll der Konservatismus im kommenden Wahlkainpfe nicht unabsehbaren Schaden leiden, so können nur die schwerwiegendsten, Gründe einen Verzicht aus eine eigene Kandidatur rechtfertigen. Grund- .„..�sätzlich dürse» aber die. direkten und indirekten Helfershelfer der Sozialdemokratie bei den Hauptwahlen jedenfalls keine kon- scrvativen Stimmen erhalten." u-mn Bei den Stichwahlen fallen diese„Grundsätze" weg, da entscheidet der Preis, den die Nationalliberalen zu bieten haben, Übet die Frage, inwieweit sich die Konservativen mit den National- liberalen zusammenfinden. Abgeordneter Müller-Fulda. Aus dem Zcntrumslagcr wird gemeldet: Der Abg. Müller- Fulda hat sich trotz seiner früheren Versicherung, nicht wieder kandidieren zu wollen, doch wieder für Fulda-Schlüchtcrn aufstellen lassen.— Es ist nicht das erstemal— so bemerkt die„Voss. Ztg." zu dieser Notiz—, dah dieser ZentrumSsührcr sich zunächst weigert, wieder eine Kandidatur zu übernehmen und dann sich doch wieder wählen läht. Der LcberkÄnig von WormS. Freiherr von Hehl wollte ebenfalls, wie er verbreiten lieh, nicht mehr in seinem bisherigen Wahlkreis kandidieren. Wie bc- richtet wird, hat er sich aber entschlossen, doch wieder die Kandidatur zum Reichstage für den Wahlkreis Worms anzunehmen. Ble skele vollisbiihne unter Zensur! Die an Triumphen so reiche Acra des noch immer amtierenden Berliner Polizeipräsidenten ist durch einen neuen Sieg perschönt; Jagow, der grosse Krieger, kann seinen Wig- wani mit einem frischen Skalp schmücken und keinem geringen. Ein in aller Welt angesehenes Bildungsinstitut der Ber- liner organisierten Arbeiterschaft, die Freie Volks- bühne, ist gegen ihn im Kampfe vor dem Oberverwal- tungsgericht unterlegen, der Zensur botmässig gemacht! Wir haben schon gestern das Urteil des Oberverwaltungs- gerichts in Kürze wiedergegeben, das die Rochtsgiiltigkeit des berüchtigten Jagowschen Zensurerlasses mit Siegel und Unter- schritt bekräftigt. Das siebzehn Seiten starke enggeschriebene Dokument wird seinen dauernden Platz in der Gescksichte unserer prenssischen Kultur beanspruchen dürfen. Mit Staunen werden spätere Zeiten aus ihm erfahren, wie viel juristischer Scharfsinn und gründliche Gewissenhaftigkeit daran gebraucht worden sind, einem Verein, dessen segensreiche Tätigkeit von allen Seiten anerkannt wird, seine alten, seit vielen Jahren unangefochtenen Freiheitsrechte abzusprechen. Für die Mehrzahl der Gebildeten, die dem Verein in seinem Kampfe ihre volle Sympathie ausgesprochen haben, und für den gesunden Menschenverstand handelt es sich um die einfache Frage, ob irgend ein ßirund vorlag, der Freien Volks- bühne ein ersessenes Recht zu entziehen, das sie, nach dem Bc- kenntnis ihre Gegner, niemals missbraucht hat. Und' es han- dclt sich für sie weiter um die Frage, ob es im reichshaupt- städtischen Kunstleben nicht einen Platz geben soll, der vor den Ein- und Uebergriffe» einer nicht sachverständigen Zen- surbehörde hinreichend geschützt ist. Hingegen hatte das Ober- .Verwaltungsgericht nur zu untersuchen, ob die Freie Volks- bühne als«ein in sich geschlossener, bestimmt abgegrenzter Kreis innerlich untereinander verbundener Personen" zu be- trachten ist. Diese kniffliche Definition stammt aus der Zen- siirverordnung vom Jahre 1830 und hat, wie alle polizeilichen Begriffsbestimmungen, die angenehme Eigenschaft, sich nach Belieben pressen oder dehnen zu lassen. Was ist ein„gs- schlossencr bestimmt abgegrenzter Kreis"? Was sind„inner- lich mit einander verbundene Personen"? Einem tüchtigen Verwaltungsjuristen kann es nicht schwer fallen nachzuweisen, dass es„innerlich" mit einander verbundene Personen über- Haupt nicht gibt, abgesehen etwa von den siamesischen Zwillin- gen oder den Schwestern B lasch et. Die Freie Volksbühne ist ein alter festorganisierter Ver- ein, der sich von seiner Gründung bis zum Jahre 1896 und von da, nach seine Auflösung und Neukonstituierung, bis zum Jahre 1916 der Zensurfreiheit erfreuen durfte. Jetzt aber ist ihr nachgewiesen, dass sie„ein in sich abgeschlossener, be- stimmt abgegrenzter Kreis innerlich mit einander verbundener Personen" nicht ist, und dass sie daber von jetzt ab bis auf weiteres nur solche Stücke aufführen darf, die der Zensor ihr erlaubt. Es wird Sache der Organisation selbst sein zu prüfen, ob und wie weit sie sich den ihr verloren gegangenen Charakter eines„Kreises von usw." wieder zu geben vermag. Sie hat sich im Jahre 1896 durch eine entsprechende Statutenänderung eine vierzehnjährige Ruhe vor behördlichen Schikanen zu sichern vermocht, vielleicht gelingt es ihr, auf ähnliche Weise ihre alten Rechte in eine kommende bessere Zeit hinüberzu- retten, in der es selbst in Preußen keinen Zensor mehr geben wird.-> Einstweilen hat das Oberverwaltungsgericht festgestellt. daß sich eine Berliner Arbeiterorganisation viele Jahre lang einer Freiheitsrechte erfreut hat. das ihr im Sinne einer höheren polizeilichen Gerechtigkeit gar nicht zustand. Wer hätte gedacht, dass dergleichen möglich sei? Man hatte ge- glaubt, die Koller und Hamnierstein, die Meerscheidt-Hüllessem und Windheim seien Leute gewesen, die sich auf ihr Geschäft verstanden, setzt sind sie als Stümper entlarvt, da sie sich die Freie Volksbühne durch die Finger gleiten ließen. Ein Stärkerer mußte kommen, um sich auch diese letzte freie Geisterprovinz Untertan zu machen. Die Freie Volksbühne ist nicht mehr frei! In Berlin herrscht Ordnung und— Jagow!_ Der Krieg. Vom tripolitanischen Kriegsschauplätze. Rom, 12. Dezember. Die Agenzia Stefani meldet aus Tri- polis von gestern vormittag II Uhr: Nachrichten aus dem tür- tischen Lager besagen, dass einige Araberhäuptlinge die Türken dazu nötigen wollen, den Krieg fortzusetzen. Die Araber beschuldigen die Türken, sie verkauft zu haben, und drohen ihnen, sie zu verlassen, wenn sie den Krieg nicht fortsetzten. Rekognoszierungen wurden bis 16 Kilometer von Ainzara aus der Südsüdost- und Südwcstfront ausgeführt, doch wurde vom Feinde keine Spur gefunden. In H o m s ist alles ruhig. Die Hospiwlschiffe„Regina Margherita" und„Mcnfi" sind hier angekommen.— Von gestern abend um 11 Uhr wird aus Tripolis gemeldet: Kavallerie unternahm heute vormittag von Ainzara aus«ine Rekognoszierung in südwestlicher Richtung, stiess dabei auf einige kleine Abteilungen von Arabern, die nach Tarhuna marschierten. Einige von diesen feuerten aus grosser Entfernung, verschwanden aber, als sie verfolgt wurden, in den Dünen und Wäldern. Paris. 12. Dezember. Aus Tunis wird gemeldet: Tür- kische Offiziere, die in einem Automobil die tunesisch-tripo- litanische Grenze in der Nähe von GabcS zu überschreiten ver- sucht hatten, wurden bei Ben Guerdan angehalten. Die Ossi- ziere werden nach Frankreich gebracht und dort interniert werden. Kämpfe bei Bcnghasi. Rom, 12. Dezember. Die Agenzia Stefani meldet aus Venghasi: In der Nacht vom 19. zum 11. Dezember griff der Feind heftig einen Teil der vorgeschobenen italienischen Stellungen an, wurde aber nach kurzem, Heissem Kampfe zurückgeworfen durch einen von dem 3. Bataillon des 79. Infanterieregiments glänzend durchgeführten Bajonettangriff. Dia Verluste des Feindes betrugen 36 Tote, die auf dem Kampffelde liegen gelassen wurden, und ausserdem zahlreiche Tote und Verwundete, die unter dem Schutze der Nacht fortgeschafft wurden. Tie iialienischen Verluste beliefen sich auf drei Tote und zwölf Verwundete. Keine Ausweisung der Italiener aus der Türkei. Konstantinopcl, 12. Dezember.(Telegramm des Wiener K. K. Telegrapheii-Korrespondcnz-BurcauS.) Nachrichten aus Sm.yrna bestätigen, dass die Ausweisung der Italiener aus dieser Stadt zurückgezogen worden ist, weil cS sich dabei um eine falsche Auslegung des betreffenden Auftrages durch die Lokalbeh'ördcn gehandelt hat. Sperrung der tunesischen Grenze. Konstantinopel, 12. Dezember. Frankreich hat die t u n e- fische Grenze definitiv gesperrt. TaS bedeutet einen ziemlichen Schlagfürdie türkische Verteidigung. Die wichtigen Kameltransport« mit Proviant und Munition nach Delihat sollen bereits ausgehört haben. Hauptsächlich machte sich im türki- scheu Hauptquartier in Djebcl das Wegbleiben der Munitionsnachschübe unangenehm fühlbar. Einige zwanzig Offiziere, welche von Konstantinopel nach Tripolis abgingen, wurden wieder zurück- berufen, da im Gcg�latz zur bisherigen Praxis auch dem Ucbertritt einzelner Offiziere U Zivilkleidung seitens der tunesischen Grenz» behörden ein Veto entgegengesetzt wird. Scheußlichkeiten. Rom, 12. Dezember.(Meldung der Agenzia Stefani.) Wie General Cancva der Regierung meldet, wurden bei einer Er- kundung am 19. Dezember in einem Hause bei Amruss im Osten der Oase vier menschliche Augen angenagelt gefunden. Es handle sich offenbar um ein Nachspiel der Grausam- k e i t e n, die an den italienischen Soldaten verübt wurdem Die Kretafrage. Athen» 12. Dezember. Die revolutionären kreti- schen Deputierten HadjistichamiS, MichelidakiS und Eepha- loyannis erklärten gestern den Konsuln in Kanea, der Uebergangs- zustand der Lage, in dem sich seit langer Zeit die Bevölkerung der Insel befinde, nehme den Behörden und der kretischen Regierung ihr ganzes Ansehen. Das kretische Boll fange an, in der unbe- stimmten Erwartung einer den Wünschen des Volkes entsprechenden Regelung deS politischen Regimes, die Geduld zu verlieren. Die Konsuln sollen Anweisung erhalten haben, alle notwendig werdenden Massregeln anzuwenden, um die Abgeordneten von der Reise nach Athen zurückzuhalten. Eine Versammlung der Revolutionäre beschloß, gegen die von Griechenland getroffenen Ouarantänemassregel» zu protestieren. Die Kevoliition in China. Die Friedensverhandlungen. London, 12. Dezember. Wie auS Peking gemeldet wird, hat gestern die erste Sitzung des Friedens« nSschusseS stattgefunden. In japanische» Kreisen ist man der Ansicht, dass die Delegierten die Repnblik der Monarchie vorziehen werden. Die Republikaner setzen ibre eifrige Tätigkeit fort, und man schreibt ihnen die Absicht zu, eine neue, wichtige Operationsbasis in Chnning zu gründen, von wo auS sie die Eisenbahn und den grossen Kanal beherrschen. JuanschikaiS Haltung. Peking, 12. Dezember.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) In Beantwortung eines Telegramms, in dem Hwanghsang, der frühere Führer der Ausständischen in Wutschang, Juanschikai die Präsidentschaft der Republik angeboten hatte, falls er sich mit den Aufständischen vereinigen wolle, erklärte Juanschikai, dass die fremden Regierungen die Re- publik niemals anerkennen würden. Nene Kämpfe trotz des Waffenstillstandes. Peking, 12. Dezember.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Trotz des Waffenstillstandes haben rundum Shihkiatschwang weitere Gefechte stattgefunden, die zugunsten der Kaiserlichen ausfielen. Die Nachhut Tschangshuns ist in der Nähe von Pukan so gut wie ver- nichtel worden._ politifcbe Qcberficbt. Berlin, den 12. Dezember 1911. Ungesetzliche politische Agitation im deutschen Heer. Politische Propaganda im Heer ist bekanntlich ver- boten. Unisomehr Aufsehen dürfte folgendes Rundschreiben erregen, das zu veröffentlichen uns ein gütiges Geschick in die Lage versetzt hat: Friedrich Braumaun, Hauptmann d. R. Magdeburg, den 24. November 1011. An das königliche Kommando des.......... Dem königlichen Konimando erlaube ich mir mit ausdrücklicher Genehmigung des Königlichen Kriegsministeriums die beigefügte Schrift „Der Nutzen des Heerwesens für die Deutsche Volkswirtschaft" ganz gehorsamst zu überreichen. Der Zwxck des HeftchcnS ist, der i m m e r g e f ä h r l i ch e r auftretenden antimilitaristischen Propaganda wirksam entgegenzutreten und daS Uebel an der Wurzel zu fassen. Die antimilitaristische Propaganda gewinnt dadurch am meisten Boden auchchei sonst gut patriotischen Männern, daß sie die wirtschaftlichen Besorgnisse weckt. Sie schreckt die urteilS- lose Menge init Anführung der grossen Summen, die unser HeereSetat allerdings erfordert und findet nur zu leicht Glauben mit der falschen Behauptung, dass angesichts so vielen Elends Rieseusummen für daS Heer nutzlos vergeudet und wichtigen kulturellen und sozialen Zwecken entzogen würden. Demgegenüber will die beigefügte Schrift in überzeugender und auch für den einfachen Mann leicht verständlicher Forn, den Nachweis führen, dass die Ausgaben für das HeercSwesen nicht nur nicht weggeworfen sind, sondern geradezu segensreich für die deutsche Volkswirtschaft wirken. Diese Ueberzeugung miiss in die breite Masse unseres Volkes hineingebracht werden. Am ehesten wird der Zweck erreicht, wenn jeder Soldat ein solches Heftchen erhält, und wenn der Inhalt der Ausführungen mit zum Gegen st and des Ossi- ziersunterrichts gemacht wird. Wenn das geschieht, der Mann durch seinen Offizier über die volkswirtschaftlichen Vor- teile des Heeres aufgeklärt wird, und dann noch die Beweis- führung gedruckt in seinen Händen liegt, dann dürfte das anti- militari st ischeDemagogentum später einen Boden vorfinden, in den es vergeblich seinen Gedanken einzugraben suchen wird. Die Schrift kann aber um deswillen jedem Soldaten ruhig in die Hand gegeben werden, weil jede politische Anspielung darin unterblieben und die Be- weiSführung streng sachlich volkswirtschaftlich geführt ist. Auf Empfehlung deS kg l. Kriegs mini st eriun, s lege ich nunmehr die Schrift dem kgl. Kommando vor mit der ge- horsanfften Bitte, dem unterstellten Truppenteil eine möglichst ausgedehnte Beschaffung des Heft chenS anheimzugeben. Der ungeheuren Wühlarbeit der anti militaristischen Propaganda kann wirksam nur durch eine ebenso ausgedehnte grosszügige Aufklärungsarbeit von feiten der Armee entgegengewirkt werden. Der Preis des HeflchenS in praktischem blauen Karton- Umschlag beträgt 16 Pf. Bei Bestellung von 69 Exemplaren für jede Batterie. Kompanie, ESkadron und mehr ermässtgt sich der Preis auf 12 Pf. Die Bestellung erbitte ich gehorsamst an meine Adresse, Magdeburg, Garlenstr. 30.--- Mit der Versicherung der vorzüglichsten Hochachtung ganz ergebenst Friedr. Braumann, Hauptmann d. R. des 6. bad. Jnf.-Reg., Kais. Friedr. IN. Nr. 114. Herr Friedrich Braumann ist General- sekretär der nationalliberale n Partei für die Provinz Sachsen. Er weiss genau, wie man zwischen den Zeilen seines Rundschreibens lesen kann, dass politische Agitation im Heere verboten ist. Das weiss auch der K r i e g L m i n i st e r. Trotzdem unternimmt Braumann eine solche politische Agitation im Heere, und ztvar allergrössten Stils, lind der Kriegsminister, ein Mitglied der Regierung. die über die Beachtung der Gesetze wachen soll, genehmigt sie. Beide dürften kaum im Zweifel darüber sein, dass die Broschüre hochpolitischen Inhalts ist, wenn auch angeblich„jede politische Anspielung darin unterblieben" sein soll. Zwar hat sich Herr Braumann bemüht— er mnsste wohl oder übel sehr vorsichtig sein— polemische Wendungen soviel wie möglich'zu vermeiden. Ganz ist ihm das aber nicht gelungen. So heißt es z. B. auf Seite 7 der Broschüre: „Die Gegner deS Militarismus behaupten, dass zwischen'40 69 Proz. der Gesamtausgaben deS gleiches für Heer und Marine ausgegeben würden und dass für alle übrigen Aufgaben des Reiches, besonders für BildungSzioccke, so gut wie nichts ges-fiähe. DnS ist eine grobe Täusch ungl" Ist daS nicht etwa eine agitatorische Wendung? Und ist es nicht politische Polemik, wenn es auf Seite 12 heisst,' .Trotzdem gibt es Schwärmer, die glauben, man könne alle Kriege vermeiden und die Streitigkeiten der Volker durch Schiedsgerichtssprüche aus der Welt schaffen." Doch der Zitate bedarf es gar nicht. Allein der Titel der Schrift läßt die Broschüre als eine politische erkennen und mehr noch der in dem Rundschreiben mit aller Deutlich- keit angegebene �iveck, der niit ihr erreicht werden soll. Die Schrift soll eine politische Streitschrift sein und ist eine solche! Wer noch daran zweifelt, den erinnern wir an die
Sätze, mit denen dieser Tage schon die bürgerliche Presse das Erscheinen der Broschüre ankündigte:„Bei den maß- losen Angriffen der Sozialdemokratie auf den Militarismus dürfte eine 32 Seiten starke neue Flugschrift, betitelt„Der Nutzen des Hecreswesens für die deutsche Volkswirtschaft" von Fricdr. Braumann, Hauptmann der Reserve, als geeignete Waffe für den Reichs- tags Wahlkampf willkommen sein." Der Beweis ist schlüssig, und alles Abstreiten, das ja nicht ausbleiben wird, vergebens: Die Schrift ist eine politische Schrift und der nationalliberale Parteisekretär Braumann hat ungesctzlichcrweise eine politische Agitation im Heere entfacht, zu der der preußische Kricgsminister trotzdem seine Zustimmung gegeben hat. Ohne die kricgs- ministerielle Zustimmung hätte der Plan nicht zur Ausführung kommen können. Der Kriegsmini st er hat die uri gesetzliche Handlung überhaupt er st er- m ö g l i ch t. Hunderttausende von Exeniplaren der Broschüre haben Eingang in die Kasernen gefunden oder werden in den nächsten Wochen Eingang finden. Wird die preußische Regierung den Kriegs- mini st er zwingen, gegen die politische Agi- tation im Heere einzuschreiten? Nieder mit dem Koalitionsrecht! Dresden, 11. Dezember. Die Verhandlungen, die am Montagnachmiltag bis spät abends in der Zweiten Kaminer des sächsischen Landtages über die Frage des Arbeitswilligens chutzeS geführt wurden. dürften wegen der von der Regierung abgegebenen Erklärung in weitesten Kreisen des deutschen Volkes Aufsehen erregen und be- sonders die Arbeiter zu schärfster Opposition gegen die schwarzen Pläne de-Z Unternehmertums aufpeitschen. Die Konservativen brachten gleich zu Beginn des Land- tages einen Antrag ein, der die Regierung veranlassen sollte, im Bundesrat für eine Verschärfung der Strafbestimmungen gegen Streikende, oder wie man sich ausdrückte, gegen den. T e r r o r i s m u s" der»nodernen Ge- wcrkfchaften Sorge zu tragen, lind da die Nationalliberalen auch mit dabei sein wollten, brachten sie nachträglich eine Jnter- p e l l a t i o n ein, die den gleichen Zweck verfolgt. Die sozial- demokratische Fraktion kehrte nun den Spieß um und fragte die Regierung:„Was gedenkt die Staat Sregie- rung zu tun, um die Ausübung des Koalition§« rechtes der Arbeiter in Sachsen sicher zu st ellen?" Der Antrag und beide Interpellationen wurden heute gemein« sam verhandelt. Die Erörterungen selbst boten nichts Bemerkens» wertes, soweit die Vertreter der bürgerlichen Parteien zum Wort kamen. Wundern konnte man sich höchstens über die lendenlahme Begründung. Die Herren waren sichtlich in Verlegenheit, mit ein- wandfreiem Tatsachenmaterial ihr Vorhaben zu rechtfertigen. Sehr bald ergaben sich die von ihnen angeführte» wenigen Einzelfälle als Schwindel, der längst als solcher durch Gerichtsurteile oder Richtigstellungen nachgewiesen ist. Bemerkenswert ist, daß auch der Redner der F r e i f i n n i g e n in die Kerbe der Scharfmacher hieb. Konservative und Nationalliberale waren selbstverständlich in ihren Absichten ein Herz und eine Seele. Mit gutem Material ausgerüstet gingen unsere Redner den bürgerlichen Scharsinachereien zu Leibe und alle im Saale An- wesenden werden sicher das Gefühl gehabt haben, daß unserer Partei mit diesem Vorstoß unbeabsichtigt ein unschätzbarer Dienst jetzt vor den Wahlen geleistet worden ist, indem den Arbeitern die Augen über die Absichten der besitzenden Klasse in bezug auf das Koalitionsrecht geöffnet worden sind. Und mit Recht konnte einer unserer Redner verkündigen, daß wir die wichtigsten Teile der Ministerantwort in Form eines WahlflngblatteS unter den Arbeiten, verteilen würden. Talsächlich liegt in dieser Ankündigung keine Uebertreibung. denn der Minister deS Innern, Graf Vitzthum, er- brachte von neuem den Beweis, daß sich die sächsische Regierung ganz und gar als Ausschuß der besitzenden Klasse fühlt und der Verdacht der.Deutschen Tageszeitung", daß sie in neuerer Zeit etwa arbciterfreundlich getvordcn sei, nicht länger das Herz der Scharfmacher ager Grade zu beschweren braucht, denn der Minister gab die klare und unzweideutige Erklärung ab, daß die sächsische Regienmg de», konservativen Antrage entsprechen und bei der ReichSregierunz einen größeren Schutz der Arbeits- willigen befürworten werde. Ans sozialdemotratischer Seite entfesselte diese Erklärung einen Sturm der Entrüstung, während die koni'ervativ-nationalliberale Mehrheit demonstrativ Bravo schrie. Nach öVsstmidigcr Debatte, in der drei unserer Redner zum Worte kamen, stellten die Gegner An- trag auf Schluß, der gegen die Stimmen der Sozial- dcmokratcn angenommen wurde, während ein sozialdemo- kratischcr Antrag ans sofortige Schlnßberawng und nament- liche Abstimmung abgelehnt wurde. Es waren noch 19 Redner gemeldet, und unsere Genossen erklärten, daß sie mit Behagen die Debatte über de» wichtigen Gegenstand fortzusetzen gewillt seien. auch wenn sie bis spät in die Nacht gehen oder am anderen Tage weitergeführt werden sollte. Doch der Mehrheit schien die Lust dazu gründlich vergangen zu sein, deshalb machte sie dem für sie so grausamen Spiel ein Ende. Der konservative Antrag wurde an die GcsetzgebnngSdeputatio» verwiesen. Wenn er von dort wieder anS Plenum komnit, kann der Tanz von neuem beginnen.__ Keine neue preußische Wahlrechtsvorkage. Verschiedentlich ist in der letzten Zeit von liberalen Blättern die Frage gestellt worden, ob die Regierung in der nächsten Session des preußischen Landtages eine neue Wahlrechtsvorlage einbringen werde. Tic„Deutsche TageSztg." gibt folgende Antwort: „Wir möchten demgegenüber nur darauf hinweisen, daß die Regierung»ach den, Scheitern der ersten Borlage erklärt hat, sie werde dem gegenwärtigen Landtage eine» neuen Wahlrechls- «ntwurf nicht vorlegen, weil bei seiner Zusammcnsetzung die An- nähme einer Vorlage, die den Wünschen und Anschauungen der Regierung entspreche, dock als ausgeschlossen erscheinen müsse. Seither ist nicht daS geringste eingetreten, was zu einer Aendenmg dieses Standpunktes Anlaß gebe» könnte; und w i r g l a u b e n mit aller Bestimmtheit ausspreche» zu können, daß an keiner maßgebenden Stelle der Plan erwogen wird, den, gegenwärtigen Landtage eine neue Wa h lrech tS v o r la g e zu machen." Die Broschüre mit dem sozialdemokratischen Kaiserhoch. Zurzeit entrüstet sich die gegnerische Presse über sozialdemo- kratische Heuchelei. Diese Unanständigleil soll darin liegen, daß in einem Handbüchlcin für Vereinsvorslände und VereinSmilglieder der sozialdemokratiche Verlag der Süddeutschen VollSbnchhandlnng in München den Leitern einer Versammlung einpfiehlt,.wo eS an- 1«bracht ist", die Versammlung mit einem„Hoch auf den tat s er, den Landesherrn oder sonstigen Protektor zu eröffnen". Wir wandten nnS in dieser Angelegenheit an den Münchener Verlag und haben folgendes erfahren: Vor etwa zwei Jahren wurde der Verlag, wie eS im Buchhandel alle Tage geschieht, auf ein Inserat aufmerksam, das die erwähnte, im Verlage von Otlo Friedrich in Rixdorf erschienene Broschüre empfahl. Bei dieser Firma aber handelte eS sich„m einen sogenannten Lokalverlag, und der Eigentunisverleger war, wie auch die letzte Seite der vier Bogen starken Broschüre erkennen läßt, die Firma Siegbert Scheuerpfeil in Leipzig. Unser Münckener Parteiverlag prüfte die Broschüre oberflächlich, ließ sich eine Offerte kommen und gab dann beim Leipziger Vcr- leger 190 Exemplare auf, die mit dem Aufdruck der München er Firma abgesandt wurden. Es handelt sich also nicht um einen Verlagsartikel der Süddeutschen BolkLbnchhandlnng, sondern um nichts als eine S o rti- m e n t s b e st e l l u n g. Die hundert Exemplare sind verkauft, eine Nachbestellung erfolgte selbstverständlich nicht, und die Broschüre märe längst vergessen, wenn nicht nachträglich irgendiver das„sozial- demokratische Kaiserhoch" eindeckt und es an die bürgerliche Presse verhökert hätte._ Die perfifebe Krife. Aschabad, 12. Dezember.(Meldung der Petersburger Telegraphenagentur.) Die Lage in der persischen Provinz C h o r a s a n verschlimmert sich zusehends. Die Unsicher- h e i t auf den Verkehrswegen wächst. In der Hauptstadt Meschhed agitiert eine große Zahl kaukasischer Ausivandcrer gegen die Ausländer. In einer in der Moschee abgehaltenen Versammlung wurde offen zum Kampf gegen die Ungläubigen aufgerufen. Nachher wurden dem Staat gehörende Gewehre an das Volk verteilt. Ein Geheim- k o m i t e e organisiert U eberfälle auf russischeEin- r i ch t u n g e n und russische Untertanen. Die Anstellung von AuSländenl. London, 11. Dezember. In der heutigen Sitzung des Unter- Hauses erklärte ein RegierungSvertreter im Namen deS Staats- fekretärS G r e y auf eine Anfrage wegen der zukünftigen B e- setzung persischer A in tS st eklen mit Fremden, Rußlands Forderung sei, daß Persien keine Fremden anstellen solle, ohne vor- her die Zustimmung der englischen und der russischen Gesandtschaft einzuholen. Von Interessensphären sei in der Forderung„ichtS erwähnt. Die englische Regierung sei von der Absicht Rußlands, diese Forderung zu stellen, vorher in Kenntnis gesetzt worden und habe ihr zugestimmt, aber sie sei nicht gebeten worden, diele Forde- rung zu unterstützen. Die Praxis sei bisher gewesen, daß die beiden Regierungen über die Berufung von Fremden in amtliche Stellen befragt worden seien. Die Verhandlungen mit Rußland. London, 12. Dezember. Wie das„Rcutersche Bnreau" erfährt, nehmen die V e r h a n d l u n g e n in Teheran mit dem russische» Gesandten ProklewSki über eine Abänderung deS zweiten Artikels des Ultimatums ihren Fortgang. Der Artikel be- trifft die Ernennung auslvärtiger Ratgeber durch Persten, das hierbei England und Rußland um Rat zu fragen habe. Rußland hat Persien bereits mitgeteilt, daß eS bei aller Wahrung der eigenen Jntereffen die Erfüllung der russischen Forderungen so leicht als möglich zu gestalten wünsche, und die Hoffnung ausdrückt, daß kein uiiqn« genehmer Zwischenfall die Lage verändern werde, die eine baldige und befriedigende Beilegung verspreche. Dem Vcr- nehmen nach würden die gegenwärtigen Verhandlungen keinen Fort- schritt bedeuten, wenn nicht Rußland bereits die Zusicherung hätte, daß seine Forderungen betreffend den Generalschatzmeister S huster erfüllt werden sollen._ franhmch. Das Marokkoabkommcu. Paris, 12. Dezember. Die Regierung hat sich damit einverstanden erklärt, daß die Erörterung des deutsch-französischen Abkommens in der K a ni n, e r am 1 4. D e z e m b e r ihren Anfang nimmt, aber zur Bedingung gemacht, daß alle Nachmittags- sitzungen hierfür bestimmt werde», während die Vormittagssitzmigen für die Beratung des Budgets verwendet werden sollen. Es wird be- stätigt, daß die Regierung in die Abtrennung der Jnter- pellati onen unter der Bedingung eingewilligt hat, daß diese bis zur Abstimmung deS Senats über das Ablomme» ver- tagt werden. Die Regierung wird über diesen Punkt die Ver- traue nSfrage stelle». Der Ministerpräsident C a i l l a u x und Minister de S e l v e s werden, wie angenommen wird, nicht vor Montag sprechen. Die Debatte wird vier bis fünf Tage dauern. Cnglanck. Das Bersicherungsgesetz. London, 11. Dezember. Oberhaus. Kriegsminister H a l d a n e beantragte heute die zweite Lesung der V e r s i ch e r u„ g S b i l l. Lord Lansdowne sprach sich im Prinzip für die Borlage aus, übte aber strenge Kritik an verschiedenen Einzelbestimmungen des Entwurfs. Er empfahl dem Hauie schließlich, die Bill an- z u n e h m e n, lehnte aber zugleich jede Veroniwortlichkeit für einzelne Bestimmungen ab. die nach seiner Meinung Ungerechtigkeiten enthielten oder zu weit gingen. Seinem Antrage entsprechend wurde die z lv e i t e Lesung der Bill einstimmig an« g e n o n, m e n._ Eine Rede des ExadmiralS BereSford. London, 12. Dezember. Lord Charles BereSford hielt gestern abend in Leicester eine Rede, in der er sich gegen die wegen seiner letzten Aeußerungen über die Flotte erhobenen Angriffe wandte und schlietztich sagte: Ich sehe nicht«in. weshalb wir nicht mit Deutschland zu einer Verständigung gelangen sollten. (Lauter Beifall.) Aber wir können zu keiner Verständigung mit Deutschland kommen, wenn wir nicht offen, ehrlich und furchtlos, ohiie jede UeberHebnng und ohne diktatorische Anmaßung, freimütig und höflich eS aussprechen, daß wir die Herrschaft zur See unter allen Umständen beholten müssen.(Beifall.) Wir wollen Deutschland das Recht ans Expansion nicht bestreiten, welches ihm als große Nation zusteht. lHört, hört!) Es ist reichlich Raum in der Welt für uns beide. Amerika. Ein Streit mit Rußland. Washington, 12. Dezember. Der Ausschuß für auswärtige An- gelegenheitcn des Repräsentantenhauses hat einstimmig die Resolution Sulzer angenommen, die die sofortige Aushebung des 1832 zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten geschlossenen Handels- und NiederlassungsvcrtrageS empfiehlt, weil Rußland sich weigert, die an Juden verabfolgten amerika- nijchen Pässe anzuerkennen. Bm der Partei. Die Stuttgarter GcmcindcratSwahlcit. Ueber daS Ergebnis der unter so vcrurtcilenSwerten Umständen zustande gelommenen Wahlen schreibt die»Schwäbische Tag» wacht": „Der zahlenmäßige WahlanSsall ist für die Sozialdemokratische Partei nicht besonders günstig. Wir haben zivar unsere Position als weitaus stärk st e politische Partei behauptet und unsere Wählerzahl— die Gesamtstiinmenzahl durch 14 dividiert— gegenüber der vorjährigen Bürgerausschußwahl um 824(von 10 215 auf 11 039) gse st e i g e r t. Die bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme der Konservaliven, haben jedoch ebenfalls viel mehr Wähler als int Vorjahre an die Urne gebracht. So hat die Nationalliberale Partei nm 2254 Wähler, die VollSpartei um 1184 und das Zentrum um 273 Wähler zugenommen. Die beiden ersteren Parteien haben damit die im letzten Jahre erlittenen Verluste wieder weit- gemacht. Demenlsprecliend ist auch das prozentuale Stiminverhältnis unserer Partei zur Gesanitwählerschast erstmals seit langer Zeit zurückgegangen von 42 Proz. im Jahre 1910 auf 38,63 Proz. in diesen, Jahre. Ein Vergleich des Resultats der im Mai d. I. stattgefnndenen Stadtvorstandsivahl mit dem der jetzigen Gemeinderats- Wahl ist ans verschiedenen Umständen nicht gut angängig. Unser Kandidat Lindemann vereinigte damals 12 236 Stimmen ans sich. Es war von vornherein anzunehmen, daß diese Zahl von uns bei der heurige» Genieiiideratswahl nicht erreicht wird. Von der dies- jährigen weit stärkeren Wahlbeteiligung scheinen die Bürgerlichen in erster Linie piofitiert zu haben. Und noch ein sehr wunder Punkt trat bei der Wahl vom 8. Dezember in die Erscheinung: die unheimlich gestiegene Zahl der abgeänderten sozialdemokratischen Wahlzettel. Unsere Partei war bisher mit Recht stolz auf die Disziplin ihrer Wähler. Hierin kam uns keine andere Partei gleich. Schon im Vorjahre war die bedauerliche Tatsache zu konstatieren, daß in Stuttgart das Aender» der Zettel um sich griff, daß diese Wahlnnsitte aber einen derartigen Umfang an- nehmen könnte, daran glaubte wohl niemand in unserer Partei. Im Vorjahr wurden 1479 abgeänderte Zettel abgegeben, am 8. Dezember 1911 waren eS 6343, also beinahe die Hälfte sämtlicher für die Sozialdemokratie abgegebenen Zettel. Die Abänderungen er st reckten sich auf sämtliche Name n. Es wurde gestrichen oder anders kumuliert bei s ä m l- l i ch c n Namen. Fremde Namen sind dagegen nur wenige ans sozialdemokratische Zettel gesetzt ivorden. Das Ergebnis dieser Kuninlierungeu war das Vorrücken der auf dem parteioffiziellen Wahlvorschlag an letzter Stelle stehenden vier Kandidaten, der seit- berigen Kollegialmitglieder, an die erste Stelle und das Zurück- drängen der auf dem offiziellen Zettel je zweimal kumulierten Namen Wcslmeher, Oster und Stetter an die letzte Stelle. Auf bürgerlicher Seite waren die Zottelabändeningei, freilich»och viel»mfaiigreicher, >vaS für uns jedoch keinerlei Entschuldigung sein darf." poll�ellicbes» GericbtUchca ufw« Ei»„unbefangener" liberaler Richter. AnS Halle a. S. berichtet mm, uns unterm 11. Dezember i Ein sehr intcressantcr Preßprozeß beschäftigte heute daS Schöffen- gericht. Es klagte im Pnvalverfahren der Oberleutnant und Groß- agrarier Wendenburg ans dem ManSfeldschen Kreise gegen den Redakteur Genossen Kasparck vom„Vollsblatt" wegen Bc- leidigung. Herr Wendenburg halte sich mit zwei Verteidigern ver- sehen, und seine H o f m e i st e r, Aufseher usw., etwa ein Dutzend an der Zahl, die ebenfalls beleidigt sein wollten, waren als Nebenkläger gegen unseren Genossen losgelassen. Dem Genossen KaSparek standen die Rechtsanwälte, Genosse Dr. Rosen- selb- Berlin und Dr. Müller- Halle zur Seite. ES waren etwa 69 Zeugen und Sachverständige geladen. Der Privat- klüger ftihlte sich durch einen Artikel des„Volksblatts", in dem die Zustände auf seinen Gütern geschildert wurden, und besonders durch die Worte, er sei ein Großagrarier nach dem Geschmack Knuten- OertelS, beleidigt. Genosse KaSparek trat, bezüglich Schilderung der Zustände den Wahrheitsbeweis an. Die polnischen Arbeiter seien aus den Gütern verprügelt worden; in dem Essen der Arbeiter hätten sich Maden befunden tuw. Bei dem Eintritt in die Verhandlung spielte sich folgende komische Episode ab. Am grünen Tische saß als Schöffe der Redakteur der hiesigen„liberalen". S a a l e z e i tu n g Eugen Brinkmann. Die„Saalezeiuiiig" ist dasselbe Blatt, das jüngst»ie infame TerrorisnniSgeschichte, nach der angeblich sozialdemokratische Arbeiter in Ammei, dorf als Bohkollpostei, einen Hirsch-Dunckersche» Arbeiter„ermordet" haben sollte», verbreitet hat. Das hiesige Schwurgericht zerstörte die gemeine Lüge und sprach jene Arbeiter bekanntlich frei.— Genosse Dr. R o s e„ f c l d beantragte daher, den Redakteur der„Saalezeitnng" als Schöffen wegen Befangenheit abzulehnen, da die„Saalezeitnng" im permanente» Kampfe mit der Sozialdemokratie und dem.Volksblatt" liege und mit nicht einlvandsrcicn Mitteln gegen das„Volksblatt" operiere.— Herr Brinkmann fand jedoch den Mut, zu erklären, daß er sich d u r ch a» S nicht besänge» fühle und zu dem Beklagten in keinem feindseligen, sondern im„kollegialen Ver- Hältiiis" stehe. Mit de»,.Vollsblatt" beschäftige er sich grundsätzlich nicht: er werde objektiv urteilen. Nach Gegen- und Widerrede» er- hob sich der Amtsrichter und erklärte, daß er in diesem Falle doch Bedenken gegen den Herrn Schöffen als unparteiischen Nichter habe und deshalb den Herr» Brinkmann als Redakteur eines Blattes der Gegenpartei für befangen erklären müsse. Herr Brink- mann mußte darauf den Gerichtsiaal verlassen. Nach Hinzuziehung eines Ersatzschöffen nahm Rechtsanwalt Nosenfeld die durch den Herrn Oberleutnant veranlaßte Aufmachung deS Prozesses etwas anSeiiiander. Der Herr Leutnant hatte nämlich aus seinem, den, ManSfeldschen Bezirk mehrere Guts- und Mühlen- besitzer usw. als„Sachverständige" mit zur Verhandlung gebracht. Di« Herren sollten bekunden, eS sei so üblich, daß auf den Gütern von den Aufsehern„Jagdhiebe" usw. verabreicht würden. In der Tat sagte auch ein Gutsbesitzer als Sachverständiger aus, eS sei rein menschlich, daß sogar schulpflichtige Kinder bei der Arbeit auf den Gütern „Jagdhiebe" erhielten. Die Kinder wollte» wohl Geld per- dienen, aber sehr wenig leiste». Der Herr Rechtsanwalt sollte nur einmal dahin kommen und sich da« ansehen. Rechtsanwalt Rosen- feld entgegnete:„Ich danke, nieine Anwesenheit kckimte dort sehr ge- sährlich werde»".— Das Gericht lehnte auch schließlich auf Antrag des Genossen Rosenfeld die ganzen Sachverständigen als befangen ab und kam dann zur Vertagung de« Prozesses. Es sollen zum nächsten Termin Mitglieder der Halleschen LandwirtschaftLkammer als Sachverständige geladen werden. IZns Industrie und RandcU Hundcrtmittionen-Unternchmungcn. Das sechzehnte deutsche 100 Millionen-Unter- nehmen wurde geboren I ES ist der Barn, er Bankverein, er erhöht sein Aktienkapital nm 26 auf 190 Millionen Mark. Als ihm nahestehendes Bankinstitut ist die Diskontogesellschaft, die 200 Millionen Mark Aktienkapital besitzt, zu betrachten. In Detitschland zählt man jetzt folgende Hundcrtmillioiieii-Unternehmen: Deutsche Bank....... 200 Millionen Dresdener Bank...... 200 Diskontogesellschaft..... 200" Reichsbank........ igg„ Darmstädter Bank...... 160„ Schaaffhausen scher Bankverein. 145. Berliner Handelsgesellschaft.. 110„ Banner Bankverein..... 100„ Friedr. Krupp....... 180 Gelsenkirchener Bergw.-A.-G... 180„ Phönix.......... 106 Deutsch-Luxemburg. Bergw.-A.-G. 100„ Hamburg— Amerika-Linie... 12?„ Norddeutscher Lloyd..... 125„ Große Berliner Straßenbahn.. 100,08„ Allg. EleltrizitätS-Gesellschaft.. 180.
Die kommende Reichstagswahl. Die„Wählerversammlungen" zur diesmaligen Reichs- tagswahl ziehen in ganz eigenartiger Weise die Frauen an. Obgleich nicht wahlberechtigt, haben diese ein solches Interesse am öffentlichen und politischen Leben gewonnen, wie das noch nie bisher der Fall gewesen ist. Auch die 43 öffentlichen Wähler- und Volksversammlungen, welche unsere Partei zu gestern abend für Groß-Berliu einberufen hatte, zeigten das. Wir danken diese erfreuliche Erscheinung dem schwarz-blauen Block— das einzige, was wir ihm zu danken vermögen! Freilich hat er diese gewaltige Aufrüttelung der Frauen wider feinen Willen herbeigeführt. Als die Junker und die Pfaffen nach dem Ausfall der letzten Wahlen sich gemeinsam daran machten, das deutsche Volk zu schröpfen, wie das nie zuvor geschehen ist, da haben sie kaum daran gedacht, datz ihre skrupellose Bereicherung auf Kosten der breiten Masse des Volkes derartig aufreizend und aufklärend wirken würde, daß selbst die bis dahin politisch meist indifferenten Frauen mit Eifer sich dem Studium der Politik und speziell der Wir- kungen der Zollgesetzgebung hingeben würden. Das Maß, in dem das geschehen ist und sich jetzt durch den Eifer der Frauen zeigt, läßt uns ahnen, wie weit auch andere, dem politischen Getriebe bisher fernstehende Kreise jetzt von diesem ergriffen worden sind und steigert die Erwartung auf den Ausfall dieses trotz seiner kurzen Dauer so heftigen Wahlkampfes, wie wir wenige bisher erlebten. Die gestrigen Versammlungen waren durchweg gut be- sucht, obgleich eine übermäßige Propaganda für sie kaum ent- faltet worden ist und obgleich unsere organisierten Genossen, die überall die Masse der Besucher stellten, am Sonntag schon durch die Wahlarbeit in Anspruch genommen worden waren und sie wußten, daß der heutige Zahlabend ihnen neue Arbeit bringen muß. Aber der Eifer, mit dem schwarzblauen Block abzurechnen und für eine andere Zusammensetzung des neuen Reichstages Sorge zu tragen, rief die Massen in erfreulichem Umfange auf die Beine. Auch unsere Polizei hatte offenbar einen„großen Tag" erwartet. Man sah sie fast überall in der Nähe der Versammlungslokale stark vertreten. Meist aller- dings hielt sie sich im Hintergrund und nur einige Posten mit umgeschnalltem Revolver verrieten, daß im Verborgenen starke Aufgebote der Dinge harrten, die da kommen sollten und— nicht kamen. Denn ob auch die Herren Polizeiofsiziere mit wichtiger Amtsmiene hin und her schritten, ob auch zeit- wcilig sich einer der von den Straßendemonstrationen her be- kannten Radfahrer zeigte, zu..Ungehörigkeiten" im„Polizei- technischen Sinne" kam es nicht. Unsere Genossen hörten überall in den Sälen mit Ruhe die Ausführungen der Redner an. Sie kargten nicht mit Bei- fall, auch den Diskussionsrednern gegenüber. Und fast überall sprachen auch in der Diskussion Frauen. Dann aber ging man ruhig auseinander, ohne der Polizei Gelegenheit zum Einschreiten und der Regierung den Stoff für die noch immer gesuchte Wahlparole zu geben. Mit derselben Gelassenheit, aber auch mit derselben Energie wird das Volk am 12. Januar sein Votum abgeben. Und kein Säbelrasseln wird das Strafgericht an Junkern und Pfaffen, an der gesamten Reaktion verhindern können! *« * Ueber den Ausfall der einzelnen Versammlungen er- hielten wir folgende Berichte: Erster Wahlkreis. In den Co r ona- Fest sä le n in der Kommandantenstraße sprach der Kandidat dcs Kreises, Genosse D ü w e l l, vor etwa 2ö0 Personen. Im Anschluß an das Referat fand eine rege Dis- kussion statt. Vor dem Lokal sah H a l l e n, Bremcrstraße, referierte in gut besuchter Versammlung Genosse Th. Fischer, der stürmischen Beifall erntete. Vororte. Nieber-Schönhausen. Die Volksversanrmlung im Saale von L i e d e m i t war von zirka 400 Personen besucht. Der Redner Genosse U ck o verstand es, seine Zuhörer zu fesseln. In der Dis- kussion sprach Genosse Vieth, der sich besonders an die Frauen wandte, indem er sie aufforderte, die Lcbcnkmittelteuerung gehörig auszunutzen. Weißensee. Im überfüllten Saale von Tzschentschler lauschten die Versammelten mit Spannung den Worten des Ge- nassen Wücke. Die markantesten Stellen in seinem 1 �ständigen Vortrage wurden mit vielem Beifall aufgenommen. Frohe Sieges- stimmung herrschte unter den Anwesenden. Gegner waren nicht anwesend, wenigstens nahm keiner das Wort. Lichtenberg. Im Lokal von Schwarz referierte der Genosse B ü h l e r. Anwesend waren 800 Personen. Im Lokal von Steuer sprach der Genosse A h s ch e vor etwa 500 Personen. In Neu-Lichtenberg im Bürgerschen Lokale hielt Genosse W u s'ch i ck das Referat, zu dem sich über 400 Personen eingefunden hatten. In allen Versammlungen herrschte KainpfeSstimmung. Kaulsdorf. Vor einer außerordentlich stark besuchten Ver- sammlung. wie sie hier am Orte noch nie gesehen worden ist, refc- rierte in einer zirka zweistündigen Rede Genosse S t a d t h a g e n. Im Anschluß an das Referat fand eine rege Diskussion statt, an der sich jedoch Gegner nicht beteiligten. Für den Wahlvercin fanden einige Neuaufnahmen statt. daß die erwähnte allgemeine Polizeiverordnung rechtsgültig sek. Sie finde ihre Stütze in Z 10 Teil 2 Titel 17 Allgemeinen Landrechts, wonach die Polizei unter anderm die Aufgabe habe, Gefahren abzuwenden, die dem Publikum oder einzelnen seiner Mitglieder drohen. Darunter fielen auch Gesundheitsgefahren. Zweifellos handele es sich hier nun um Wirtschaftswässer im Sinne der Polizeiverordnung. Wenn aber eine solche allgemeine gültige Be- stimmnng durch eine Polizeiverordnung gegeben sei, dann komme es nicht darauf an, ob in jedem einzelnen Falle die fragliche Ab- führung der Wässer zu einer Gesundheitsgefahr Anlaß gebe oder nicht. Es genüge, daß die allgemeine Vorschrift erlassen sei zur ?lbwendung von Gesundheitsgefahren. Möge jemand in seinem Betriebe speziell keinen Anlaß geben zu einer Gesundhcits- gefährdung, er falle doch unter die allgemeine Verordnung. Die Polizei habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht gehabt, einzuschreiten. Nun hätten einige der Schlächtermeister geltend gemacht, ihre Grundstücke gestatten es nicht, dort Sammelgruben anzulegen. Demgegenüber sei zu bemerken: es sei ein allgemeiner Grundsatz, daß niemand sein Gewerbe ausüben dürfe auf Kosten des Lebens und der Gesundheit seiner Mitmenschen. Wenn ein- zelne Gehöfte, vielleicht wegen örtlicher Beschränktheit, die Ein- richtung von Sammelgruben nicht gestatteten, dann würde daraus nur folgen, daß diese Gehöfte sich nicht zur Wurstmacherei eigneten und daß die Betriebe dort eingestellt werden müßten. Das möge ja für einzelne hart sein. Indessen: niemand dürfe auf Kosten von Leben und Gesundheit seiner Mitmenschen sein Gewerbe be- treiben. Was nun die Abfuhr aus den Sammclgruben betreffe, so könnten die Kläger nicht geltend machen, daß sie keinen Ort be- säßen, wohin die Reste der Abwässer abgeführt werden könnten. Wenn es der einzelne nicht vermöge, dann müßten sich eben die Meister zusammentun und gemeinschaftlich solchen Ort beschaffen. Es sei auch gleichgültig, ob der Bürgermeister durch die Verfügung die Schaffung der noch fehlenden öffentlichen Kanalisation fördern wolle. Das ändere nichts daran, daß die Verfügungen zu Recht ergangen seien auf Grund einer dem Schutze der Gesundheit dienenden Polizeiverordnung. Gerichts- Zeitung» Gegen Verunreinigung öffentlicher Ableitungen. In einem Prozeß gegen den Oberpräfidenten von Schlesien. den der Schlächtermeister Sommer und 26 andere Schlächtermeister aus Grünberg angestrengt hatten, fällte das Oberverwaltungs- gericht eine wichtige Entscheidung. Die Kläger hatten die Ab- Wässer von ihrer Wurstfabrikation immer in die Rinnsteine oder unterirdischen Ableitungen zu dem Flüßchen der Stadt abgeführt. Eine öffentliche Kanalisation gibt es noch nicht in Grüicherg. Die Polizcivcrwaltung erließ nun an die Schlächtermeister eine Verfügung, durch die sie ihnen aufgab, jene Art der Abführung der Wässer zu unterlassen und auf ihren Grundstücken Sammel- gruben anzulegen. Dorthin sei das Wasser von der Wurstfabrikation abzuleiten und von Zeit zu Zeit, jedenfalls so oft als erforderlich, abzufahren. Die Polizei ging davon aus, daß die bisherige Ab- leitung gesundheitsgefährlich sei; auch stützte sie sich noch auf eine Polizeiverordnung für Grünberg, welche die Abführung von übel- riechenden Abwässern und von Wirtschaftswässern in die Rinn- steine usw. verbietet. Nachdem der Regierungspräsident zu Licgnitz und der Ober- Präsident der Provinz Schlesien die Beschwerden der Kläger abge- wiesen hatten, klagten diese beim Oberverwaltungsgcricht. Das Oberverwaltungsgcricht wies dieser Tage die Klage mit folgender Begründung_a 6: Zunächst gehe das Gericht davon aus, letzte Nachrichten« Die Seeprisenbill im englischen Oberhause. London, 12. Dezember.(W. T. B.) Im weiteren Verkauf der Sitzung leitete der erste Kommissar für Arbeiten und öffentliche Bauten Carl Beauchamp die zweite Lesung der Seeprisenbill ein, erklärte ihre Bestimmungen und kündigte an, daß die Bill erst in Wirksamkeit treten werde, wenn die Regierung die befriedigend« Zusicherung erhalten habe, daß die anderen Mächte, welche die Lon- doner Deklaration unterzeichneten, den Worten„Stützpunkt für Proviantvcrsorgung"(base of supply) und„befestigter Platz" die- selbe Bedeutung beilegten, wie die britische Regierung. Die Re- gierung stehe mit den anderen Mächten über den Gegenstand bereits in Verbindung und habe allen Grund zu der Annahme, daß die Antworten befriedigend ausfallen würden. Lord Selborne be- antragte hierauf die Ablehnung der Bill. Er wandte sich gegen die Beschaffenheit und Zusammensetzung �des vorgeschlagenen internationalen Prisengerichtshofes und erklärte, es sei vollkom- men widersinnig, einen Gerichtshof dieser Art zu schaffen und dem britischen Reiche nur dieselbe Vertretung zu geben, wie einer zentralamerikanischen Republik. Aenderung in der indischen Verwaltung. London, 12. Dezember.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung deS Unterhauses machte Ministerpräsident Äsquith auch förmliche Mitteilung von der Erklärung, die der König beim Durbar in Delhi über die Aenderung der Verwaltung in Indien abgegeben hat. Bonar Law sagte, es würde für die Oeffentlichkeit nicht von Vorteil sein, die Sache jetzt zu besprechen, da der König noch in Indien weile; er schlage aber vor. daß die Frage in der nächsten Session angeregt werde. Eine ähnliche Mitteilung würde von Viscount Morley im Obcrhause abgegeben. Lord Sans- d o w n e erklärte, die Vorschläge bedeuteten eine jähe Umkehr jener Politik, die von Lord Curzon eingeleitet, von seinem Nachfolger im Vizekönigtum befolgt, von der unionistischen Regierung ange- nommen und von der liberalen Regierung fortgesetzt worden sei. Das ist ein großer, plötzlicher und gewaltiger Wechsel in der Politik. Was diesen Vorschlägen eine ganz besondere Bedeutung gibt, ist die Tatsache, daß sie verbunden sind mit einer persönlichen Intervention dcs Herrschers. Das ist in der Tat eine sehr ernste Sache, und wenn ich mich nicht irre, werden die Vorschläge in Indien Gefühle der verschiedensten Art hervorrufen, gehobene Stimmung sowohl als große Enttäuschung. Lord LanSdowne gab zu, daß es unmöglich sei, die Frage gerade am Ende der Session zu erörtern und wies darauf hin, daß. wenn jetzt eine kritische Besprechung dieser Dinge stattfände, es schwer sein dürfte» einen Mißton zu verm«i!>'n, den niemand im gegenwärtigen Zeit» Punkt anzuschlagen wünsche. UeberdieS, schloß Lord Lansdown«, kann nichts, was daS Haus sagen oder tun kann, das ändern, was vom König heute morgen verkündigt worden ist. Lord Curzon betont hierauf, daß die Aenderungen in der Verwaltung von Indien von Wichtigkeit seien, stimmte aber einer Vertagung der Debatte bis zur nächsten Session zu._ Beschießung eines englischen Dampfers durch Italiener. Paris, 12. Dezember.(W. T. B.) Nach einer Blätter» Meldung hat der Kapitän des heute in Marseille eingetroffenen Glasgower Postdampfers„Baron Golwarth" der dortigen Handels- kammer Bericht erstattet darüber, daß ein italienischer Kreuzer am 30. November im Roten Meer fünf Kanonenschüsse auf sein Schiff abgefeuert habe. Eine Kugel habe den Vordersteven getroffen und beträchtlichen Schaden angerichtet. Der Befehlshaber des italieni- schen Kriegsschiffes habe sich, als er den Jrrwm erkannte, beeilt, dem englischen Kapitän seine Entschuldigung auszusprechen. Spionitis. PortSmouth, 12. Dezember,(W. T. B.) Vor dem Polizei» gericht wurde heute das Verfahren gegen den deutschen Kapitän Heinrich Grosse wegen Verletzung des Gesetzes zur Wahrung des Amtsgeheimnisses wieder aufgenommen. Die Anklage lautet auf gesetzwidriges Betreten eines verbotenen Platzes und ferner auf Versuch, Tatsachen über die Kohlcnvorrätc und über die Stärke der Besatzung zu erfahren.„.. Nach den Ausführungen des Staatsanwalts beschloß daS Polizeigericht hierauf das H a u p t v e r fa h r e n gegen Gross« vor dem Geschworenengericht. Neue Unruhen in Albanien. Saloniki, 12. Dezember.(H. B.) Im Gebiete von Karat oiöa sind Unruhen ausgebrochen. Es wurden dort eine Menge Bomben und Dynamit beschlagnahmt. Infolgedessen wurde aus Uesküb ein Regiment nach dort gesandt. Zwischen den Stationen De mir» kap u und Krivolak der Orientbahn wurden letzte Nacht Keuer- dings von der Bahnwache mehrere Dynamitbomben, die mit elektrischen Batterien versehen waren, entdeckt und von den Schienen entfernt._ Erdbeben in Smhrna. K-nstantinopel, 12. Dezember. sW. T. B.) E r d st ö ß e Serben aus D e n i z l i im Vilajet Smyrna gemeldet. Im Dorfe H o u n a r sind einige Häuser eingestürzt, mehrere haben Risse bekommen. Aus Mexiko. El Paso, 12. Dezember.(W. T. B.) Die amerikanische Grenz» wache ist ver st är k t worden, da Meldungen vorliegen, daß Gene- ral Reyes am 15. Dezember mit einem Angriff auf Juarez die Revolution wieder beginnen wird. Lerantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: Zh. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdr-C Verlagsanstalt Paul Singer ä Co., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen«.UntcrhaltungSbl.
it 291. 28. ZshMvz. I. Keiltzt des Jwrtris" Knliacr JolMiilt MMlvech. 13. Irtfiitot MI. Die Intrigen gegen die portugiesische kepuIM. Paris, Ii. Dezember.(Privattelegramm beS„BorwSrts".) Die„HumanitS" setzt morgen ihre Enthüllungen über die Umtriebe gegen die portugiesische Republik fort. Sie be- handelt vor allem die Rolle, die Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern und seine Frau Maria d e l a P a z bei diesen Intrigen gespielt haben. Der lebens- lustige Prinz, der sich sonst fast nicht um Politik kümmert, hat mehr als einmal als Mittelsmann zwischen Alfons XIII. und Wilhelm II. gedient. Die Jnfantin Paz aber ist eine leidenschaftliche Politikerin und stets mit Plänen zur Bekämpfung jener beschäftigt, die sie „Feinde Gottes und der Könige" nennt. Das Schloß von Nymphenburg ist ein Herd der schwarzen W e l t p o l i t i k. Bon den Personen, die in den Salons der Prinzessin oft gesehene Gäste find, nennen wir: Herr K r u pp- Bohlen. Halbach, Freund Wilhelms II., Fürst Henckel von Donners mark, Freiherr v. Hertling, die Brüder Mannesmann, Fürst v o n R a d o w i tz. der von 1892 bis 1908 Botschafter in Madrid war. Seit etwa einem Jahr und ganz besonders seit dem B e- ginn der deutsch.französischen Berhand- 1 n n g e n sind die genannten Personen immer häufiger in Nymphenburg gesehen worden. Auch sind während des neulichen Aufenthaltes der Prinzessin in Spanien Adjutanten zwischen München und Paris ununterbrochen hin und her ge- fahren.— In Verbindung mit diesen Tatsachen mag noch ein vor zwei Monaten erschienener Artikel des„Bayerischen Kutters" erwähnt werden, der ausführte:„Es scheint, daß den großen deutschen Eisenindustttellen bald das Erz mangeln wird, was die Tätigkeit Krupps erklärt, um jeden Preis und gleichviel wo— sei es in Marokko, in Spanien oder anderswo Erzlager zu finden." Die geschilderte Geschäftigkeit im?iymphenburger Schloß scheint die Gerüchte, die in bezug auf die Haltung Deutsch- l a n d s g e g e n Portugal seit langem im Umlauf sind, zu bestätigen. Im Zusammenhang damit sei ans folgende Tatsachen hingewiesen: Vor einiger Zeit hat der ehemalige portugiesische Marineminister Terra V i a n a für die pottugicsischen Royalisten in Paris eine Anleihe von K0 Millionen aufzunehmen versucht, mit der Bürg- schaft„zweier gekrönter Häupter", wie ver- sichett wird. MagalhaesLima, der sehr gut informiert ist, bestätigte kürzlich diese Nachttcht. Die„Espana Nueva" fügte hinzu, daß es sich um einen König und einen Kaiser handele.„O Mundo" in Lissabon nennt— mit Berufung auf die pottugiesischen Monarchisten selbst— Alfons XIII. und Wilhelm II. Noch schwerwiegender ist folgende Tatsache: Zwischen dem 10. und 15. Oktober lagen im Hamburger Hasen zwei mit Waffen und Munition für die por- lugiesischen Royali st en beladene Schiffe. Die deutsche Negierung wußte davon, aber sie verhinderte die Abfahrt erst auf die offiziösen Bor- stellungen zweier Großmächte hin. Ferner geht aus ganz sicheren Informationen hervor, daß Kiderlcn- Waechter während der deutsch-französischen Verhandlungen Combon erklärt hat. daß Deutsch- land keine oder fast keine Kompensationen im Kongo beanspruche, wenn man ihm freie Hand in Angola lasse. Endlich ist die„Humanitö" in der Lage mitzuteilen, daß Deutschland vor einigen Tagen das portugiesische Fort von Mueusso, das Territorium des Soda(eines ein- geborenen Häuptlings), ferner Lebebe(im Gebiet v/rn Cubango) und die Festung von Dirico(Cubango), die zu Angola ge-! hören und an der Grenze von Deutsch-Südwestafttka liegen,' besetzt hat. Hier liegt also eine Reihe von Gewalt-; streichen gegen die portugiesische Republik vor.(In Deutsch- � laud ist bisher von diesen Vorgängen nichts bekannt. Wir nmssen die Verantwortung dafür naturlich der„Humanitö" überlassen, halten aber eine amtliche Aufklärung für dttngend notwendig. Red. d.„Vorwärts".) Die deutsche Kolonialclique macht übrigens kein Geheimnis aus ihren Absichten auf die portugiesischen Kolonien. Am 3. Dezember wies die„Post" darauf hin, daß in dem deutsch- englischen Vertrag von 1398 die portugiesischen Besitzungen nicht garantiert seien. Jetzt sei der beste Momgnt für Deutsch- land, seine Ansprüche geltend zu machen und sich derart Kom- pensationen für seine Verluste in Persien zu verschaffen. Von Interesse ist auch die Berliner Depesche der„Temps" vom 14.?kovemk>er über die Verhandlungen Deutschlands mit Spanien über die Abtretung von Rio Munt und Fernando Po ohne Entschädigung. Canalejas dcmenttette— recht spät — die Meldung, die auf eine Absicht der deutschen Kolonial- leute, den westafttkanischcn Besitz Deutschlands von Kamerun bis zur Kapkolonie auszudehnen, hinweist. Was versteckt sich alles hinter diesen Machenschaften? Offenbar ist Alfons XHI. bereit, Deutschland die Stützung seines wackelnden Thrones zu bezahlen. Der Raub der por- tugiesischen Kolonien aber würde den verschiedensten Interessen dienen. Er würde den ulttamontanen Feinden der Republik und den deutschen Imperialisten Befriedigung gewähren und in Pottugal selbst die republikanische Regierungsform diskreditieren. Es ist offenbar, daß die portugiesischen Royalisten nicht auf eigene Faust opetteren. Woher kommt das viele Geld, das diese völlig besitzlosen Leute für ihre Abenteuer schon aufgewendet haben? Wer hat ferner die systemattsche Lügenkampagne gegen die portugiesische Republik inspittert, an der sich in Deutschland namentlich die„Germania", die „Kölnische Volkszcitung" und das bayettsche„Vaterland" be- tciligten? Bei der Jnfantin de la Paz könnten außer dem klcttkalen Fanattsmus auch familienpolitische Spekulattonen im Spiele sein. Schwägerin der Jnfantin Therese, der Schwester Alphons XIIL, ist sie nicht nur am Schicksal der spanischen Dynastie interessiett. sondern vielleicht macht sie sich auch Hoffnung darauf, daß im Falle einer Restauratton in Portugal ihre Tochter Pilar dort Königin wird._ Sozialee* Welche«enderunge« treten vom 1. Januar»b für die Invaliden- Versicherung ein. A:n 1. Januar 1912 treten di« neuen Bestimmungen der Reichs- Versicherungsordnung über die Invaliden- und Hinterbliebenen- vettichernng in Kraft. Die Landesversicherungsanstalt Berlin gibt folgende Uebersicht über die wichtigsten Neuerungen, welche vom 1. Januar an in Kraft treten: 1. In die Vetticherungkpflicht werden neu einbezogen unter der BorauSseUung, daß ihr Jahresarbeitsverdienst 2999 M. nicht übersteigt: a) Gehilfen und Lehrlinge in Apotheken, b) Bühnen- und Orchestrrmitgliever ohne Rücksicht auf den Kunstwert der Leistungen, cj Angestellte in gehobener Stellung(in ähnlich ge- hobener Stellung wie Betriebsbeamte und Wettmeister), wenn diese Beschäftigung ihren Hauptberus bildet. 2. Die Wochenbeiträge sind erhöht; sie betragen in Lohn» klaffe I 16 Pf.(bis jetzt 14 Pf.). Lohnklasse II 24 Pf.(bis jetzt 20 Pf.). Lohnklasse III 32 Pf.(bis jetzt 24 Pf.). Lohnklaffe IV 40 Pf.(bis jetzt 30 Pf.), Lohnklaffe V 48 Pf.(bis jetzt 86 Pf.). ES müssen als» z. B. vom 1. Januar für weibliche Dienstboten 32 Pf.-Marke» und für männliche Dienstboten 4» Pf.-SKarkeu ge- Nebt werden. 3. Tom 1. Januar«ch werden Zusatzmarken zum Preise von 1 M. ausgegeben. Durch die Betwendung von Zufatzmarken wird der Anspruch auf eine Zusatzrente für den Fall der Invalidität erworben. Jeder Versicherte kann zu jeder Zeit und in beliebiger Zahl Zusatzmarken einer beliebigen Versicherungsanstalt i» die Quittungskarte einkleben. 4. Die Leistungen der Invalidenversicherung sind erweitert. a) Neben Invalidenrente und Altersrente hat der Versicherte auch Anspruch auf Hinterbliebenenfürsorge, welche besteht in Witwen- rente, Waisenrente. Witwerrente, Witwengeld und Waisenaus» steuer. Witwenrente erhält nur die dauernd invalide Witwe nach dem Tode ihres versicherten Ehemannes. Waisenrente erhalten nur Kinder unter 1b Jahren. Witwerrente erhält noch dem Tode der versicherten Ehefrau nur der erwerbsunfähige Witwer(falls die Ehefrau aus ihrem Arbeitsverdienste den Lebensunterhalt der Familie bestritten hatte), solange er bedürftig ist. Witwengeld erhält die versicherte Witwe noch dem Tode ihres versicherten Ehe- manneS. Die WaisenauSsteuer wird den Waisen bei Vollendung des IS. Lebensjahres ausbezahlt. Keinen Anspruch ans Hinter- bliebenenfürsorge haben die Hinterbliebenen solcher Versicherten, welche am 1. Januar 1912 bereit? verstorben waren; desgleichen haben keinen Anspruch die Hinterbliebenen solcher Versicherten, welche am 1. Januar 1912 bereits dauernd erwerbsunfähig waren »nd dann verstorben sind, ohne inzwischen die Crwerbsfähigkeit wiedererlangt zu haben.— b) Hat der Empfänger einer Invaliden- rente Kinder unter 15 Jahren, so erhöht sich die Invalidenrente für jedes dieser Kinder um V.» bis höchstens zum 114 fachen Betrage der Invalidenrente. Diesen Anspruch haben aber nur die Emp- fänger von Invalidenrente, deren Invalidität nach dem 31. De- zember 1911 eingetreten ist oder deren Krankenrente nach diesem Tage beginnt. S. Die Rückerffattung der Hälfte der Beiträge insbesondere bei Verheiratung weiblicher Versicherter fällt vom 1. Januar an weg. Durch freiwillige Weiterverjicherung kann der Anspruch auf sämtliche Leistungen aufrechterhalten werden. 6. Die Pensionen von Beamten und ähnliche Bezüge haben vom 1. Januar 1912 nicht mehr die Wirkung, daß neben ihnen eine etwaige Invaliden- oder Altersrente ruht. Tie Renten kommen als» vom 1. Januar 1912 neben den Pensionen voll zur Auszahlung. 7. In der Organisation der Invalidenversicherung treten fol- gende Aenderungen ein: a) An Stelle der jetzigen„Unteren Ver- waltungSbehörde"(in Berlin der Magistrat) tritt das Bersiche- rungsamt. Bei diesem Verficherungsamte sind alle Ansprüche aus der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung anzumelden. Die Entscheidung über die Ansprüche erfolgt durch den Vorstand der LandeSversicherungsanstolt. b) An Stelle des jetzigen„SchiedS- gerichts" tritt das„OberversicherungSamt", welches wie daS frühere Schiedsgericht die Berufungsinstanz gegen die Entscheidungen deZ Vorstandes der Landesversicherungsanstalt bildet. Um wieviel wird daS Einkommen des Arbeiters durch die Zölle «nd indirekten Steuern belastet? In dem Artikel vom 10. d. M. ist ein kleiner Fehler enthalten. Nichtig ist angegeben, daß das Kilogramm Reis mit 4 Pf. belastet ist. Aber in der Berechnung, um wieviel 14 Pfund Reis belastet ist, hat ein Rechen- oder Schreibfehler aus 1,5 Pf. 6 Pf. gemacht. Tie Gesamtsumme der Belastung des Wochenbudgels verringert sich daher von 1803 Pf. auf 1848 Pf. Die wöchentliche Belastung bei ragt mithin 1,85 M., die jährliche 98 M. 9 Pf.(nicht 98 M. 28 Pf.). Die jährliche Belastung der schmalen Haushaltung mit rund 120 M. wird hierdurch nicht geändert.- kleines feuillcton, Chinesische Spruchweisheit. Der amerikanische Reisende und Chinafovscher W. E. Geil hat in New Fork ein neues Werk über das an Rätseln so reiche Reich der Mitte erscheinen lassen, das die Ergebnisse seiner Forschungsreisen zusammenfaßt und einen wert» vollen Einblick in das für uns oft schwer erklärliche Wesen des Ost» asiaten gewährt. Besonders reizvoll ist ein Kapitel, das sich mit der Spruchweisheit des Chinesen beschäftigt und aus dem einige chinesische Sprichwörter herausgegriffen werden mögen. Wenn Du zornig bist, gehe nicht zum Richter. Wenn Tu sehr hungrig bist, mache keine Gedichte.— Ter Mensch ist ein kleiner Himmel. — Der Straßenräuber hat keine Schulden.— Du kannst Menschen mit dem Gewicht Deiner Zunge erdrücken.— Eine dicke Katze ist sicher ein Dieb.— Ein tauber Priester kann die Henne krähen hören.— Nach einem Taifun kann man Birnen sammeln.— Eine gute Trommel braucht keinen schweren Stock.— Keine Nadel hat zwei Spitzen.»— Ein Steinlöwe fürchtet keinen Regen.— Der dumme Dieb verstopft seine Ohren, um die Glocke zu stehlen.— Ein Blinder braucht keine Brille.— Auf den Bergen des Ostens fressen die Tiger Menschen und auf den Bergen des Westens fressen die Tiger auch Menschen.— Es kostet keine Mühe, der Arbeit anderer zuzusehen.— Erst tadle Dich, dann andere.— Ein reicher Viann auf einer BergeLfpitze wird immer entfernte Verwandte haben.— Ein kleiner Stein kann einen großen Krug zerbrechen.— Wer am Flusse wohnt, versteht die Fische-—. Regen am Abend ver- heißt einen sonnigen Tag.— Wenn die Wasser steigen, steigen auch die Boote.— Du kannst nur einmal eine Rübe für ein Ei aus- geben.— Ist der Bauer fleißig, wird der Boden nicht unfruchtbar sein.— Ei« großes Herz ist besser als ein großes Haus.— Wenn Du weißt wie, ist kein Ding schwer; ist es schwer, dann weißt Du nicht wie.— Falsches Mitleid ist echter Hochmut.— Die Menschen ebren dn Reichen und die Hunde beißen die Lumpen.— Eine blinde Katze fängt mir eine tote Ratte. Die Kanarienvögel, die man auf alten Porträtbildern so häufig auf dem reckucn Zeigefinger der Damen sitzen sieht, sind durchaus keine Erfindung cer Maler, die etwa um Schmuckgegen- stände verlegen gewesen wären. Diese Porträts stammen vielmehr aus einer Zeit, in der die niedlichen gelben Vögel derart gehegt wurden, daß sie.sogar einen fast unentbehrlichen Toilettengegen. stand ausmachten. Denn zum Sonntagsstaate der Frau geHorte der Kanari ans dem Zeigesinger der reckten Hand. Mit diesem Schmucke saß sie an Sonn, und Feiertagen im Erker ihres Jim- mers. Mit dem Vogel in der Hand wurden die Besuche empfangen und eine Hanpiwürze der Unkerhaltung bildeten die Erkundiglingen nach dem Befinden des„Zuckervogels". Eine Frau, die etwas vor- stellen wollte, ließ sich gewiß nicht anders malen, als mit dem Kanari auf dem Finger. Bekanntlich stammen die niedlichen Sänger von den Kanari- schen Inseln und sind bald nach der Mitte des 16. Jahrhunderts in Deutschland bekannt geworden. Die Zucht und Pflege hatte damals noch ihre Schwierigkeiten, weil die Spanier, in deren Gerickts- Leitung. Bruhn als Kläger. Die Urteile in den vor acht Tagen verhandelten BeleidigungS- klagen, die Vrnhn gegen zwei unserer Parteizeitungen und ein bürgerliches Blatt gerichtet hatte, wurden gestern verkündet. Da- nach ist Genosse Drechsler von der„Reußischen Tribüne" zu 609 Händen der Handel ganz allein lag, fast ausschließlich Männchen nach Europa brachten. Als aber 1650 ein nach Livorno bestimmtes spanische? Schiff, das einige tausend Kanarienvögel mit an Bord hatte, an der italienischen Küste strandete, wurden die kleinen Ge- fangenen frei, flogen sämtlich westlich und siedelten sich ans der Insel Elba an. Hier fanden sie ein so günstiges Klima, daß sie sich rasch vermehrten und nun beuteten die Italiener diese un« erlvartete Einnahmequelle aus. Da man sab, daß die vielbegehrten Fremdlinge sich auch auf dem Kontinent leicht sortpflanzten, so ließen sich nun auch bald in nördlicheren Ländern spekulative Köpfe ihre Zucht angelegen sein. DaS geschah namentlich in Tirol, und in ganz kurzer Zeit dehnte sich de: Handel mit Tiroler Kanarienvögeln bis über ganz Europa aus. Gerade bei den Tiroler Vögeln war die so gesuchte reingelbe Farbe vorherrschend, denn nack einem merkwürdigen Naturgesetz bekommen die Tiere, die künstlich über ihren Verbreitnngsbezirk � hinaus in nördlichere Länder verpflanzt werden, hellere Farven.; Tasselbe Naturgesetz hat sich auch an den Goldfischen bewahrheitet,! die ebenfalls etwa um 1050 aus China zuerst nach St. Helena und durch Philipp Worth nach England gebracht worden sind. Auch sie haben erst im kälteren Europa die glänzende reine Goldfarbe an- genommen. Musik. Wieder lebte sie ans, die alte Oper, als am Montay die Kur- s ü r st e n o p e r als ihre zweite Gabe eine Einstudierung von Charles Gounods„Philemon und Baueis" brachte. Eine französische Textfirma hat aus dem mythologischen Stoff von dem idyllischen alten Ehepaar eine rührsame Götterliebesgeschichte gemacht: Jupiter kommt auf die Erde, verjüngt die beiden gast- freundlichen Alten, verliebt sich in Baucis, und sie will ihn er- hören, wenn er ihr erst schn-ört, sie wieder alt zu machen. Aber das geht dem Jupiter doch über den Spaß, und er schwört beim Styr, daß er so leicht den Schwur beim Styx nicht wieder tue.— Ein Text von einer Mache, die dadurch nicht? von ihrer Simpelei verliert, daß man fort und fort glaubt, jetzt müsse doch Ofscnbach als Erlöser kommen I Ter französische Komponist des„Faust" hat seinen Welterfolg von 1859 kaum wieder erreicht, auch nicht, als im folgenden Jahre „Philemon und Baucis" herauskam. Jammerschade um die bis- weilen in die vornehmsten Schönheiten gehende lyrische Musik mit ihrer bescheidenen, harmlosen, gera» aufrichtigen Filigranarbeit und mit ihrer Theatcrsklaverei, die sie im dritten Akt bis auf den Arienhund herunterbringt! Direktor M o r i s ist jedoch immer noch der durchaus künst- leris» ernste Mann. Fast freut es unS. daß im zweiten Akt seine Regiekunst nickt genug vom Eigenen leistete, und daß Sang und Spiel seiner Künstler besser waren. Ein prächtig profunder Baß, Reimar Poppe, und eine Koloratursovranistin von lebendigstem Spiel, Rosa Hjorth, überraschten; und wie der Wagnersänger von neulich, Artur Paeyna(so schreibt er sich), die französische Opernpartie des Vulkan best bahreuthisch gab, das war„tragisch". Nun halt fest, Publikum— schütz' uns vor einem weiteren Variete. et „D e r Bergsee" von Bittner. Die deutsche Urauf- führung von Julius Bittners Bergsee im Münchencr Opernhaus hat dem Dichterkomponisten einen starken äußern Er- folg eingebracht, dem die Kritik nur sehr bedingt zustimmen kann. Bittner galt als Hoffnung der deutschen Oper. Man hoffte nach dem„Musikanten" von ihm eine wirkungsstarke, humorvolle, Volks- tümliche Oper zu erhalten. Er hat mit seiner dritten Oper diese Erwartungen nicht rechtfertigen können. Zwar ist„Der Bergsee", der in drei Akten eine Episode aus dem Freiheitskampf Salz- biirgifcher Bauern gegen pfäffische Steuerfron und kaiserliche Drangsal behandelt, der Anlauf zu einem tragisch-musikalischen Volksstück, aber Bittner bleibt auf halbem Wege stehen und vermag seine dramatischen Absichten nicht zum Ziel zu führen. Er zer- splittert die Handlung, läßt sich den Helden unter den Händen zergehen und spielt mit Symbolen. Befriedigt so die künstlerische Gestaltung der Idee nicht, so versteht er doch starke theatralische Wirkungen auszulösen, wobei sein sicher gehender Bühneninstinkt allerdings auf starke Mithilfe der Maschinen- und Donnergötter im Theater angewiesen ist. Musikalisch ist„Der Bergsee" kein Fortschritt. Bittner hat zu wenig melodische Selbständigkeit und holt sich den„Stil" bei früheren Großen. Bei hübschen Ton» Malereien führen ihm abwechselnd Puccini, Mahler und Wagner die.Band. Einzig im Schkußbild des zweiten Aktes erhebt sich die Tonsprache zu packendem,»nnüttelbarem Ausdruck. Die Instrumentation ist geschickt, aber sehr überladen. Die recht gute Münchener Aufführung leitete der Wiener Soskapellmeister Bruno Walter, der voraussichtliche Nachfolger Mottls, sehr erfolgreich. »i- m. Notizen. — DaS Lessingtheater wird vom i. Juki 1914 auf 10 Jahre an Direktor Barnowskh übergehen. Die Schauspieler« Genossenschaft wird sich also eine neue Wirkungsstätte suchen müssen. — Als NachfolgerProf. Wölfflin», ter nach München geht, ist für das Lebriach der Kunstgeschichte an der Berliner''Univer- silät Pros. Adolf G o l d s ch m i d t aus Halle berufen worden. Seinen Arbeiten nach ist G. ein normaler Fachmann. — Wettertelegranune von Spitzbergen. Der europäische Wetterdienst dürste in absehbarer Zeit eine werlvolle und wichtige Er« gänzung durch Meldungen von der Eismeerinsel Spitzbergen erhalten. Der nencrrichteten Station für drahtlose Telegraphie ans Jngö im nördlichsten Norwegen ist es gelimgen, mit der drahllvien Station an der Küste Spitzbergens in Verbindung zu treten. Die Station auf Jngö wird auch tägliche Weltertelegramme von Spitzbergen er« halten und weitergeben können, die bei der exponierten Lage Spitz« bergenS im Eismeere für die Prognose von erheblicher Bedeutung werden dürften. ES wird dann möglich sein, die polaren Minima, die auS den allerhöchsten Breiten nach den Küsten Lapplands wandern, wenigstens einen Tag früher als bisher zu signalisieren. Gegen« wärlig bildet Bardö am Nördlichen EiSmeer di? nördlichste Station de» europäischen Wetterdienstes.
Mark und Genosse varon von der„Brandenburger Zeitung' zu 709 Mark Geldstrafe verurteilt. Redakteur Arü»rel von der„All- pemcinen Zeitung" in Chemni� wurde freigesprochen, weil daZ Gericht in den Ausführungen drcscs Blattes keine Beleidigung finden konnte. Die Begründung der Urteile gegen die beiden sozialdemokratischen Blätter stimmt in allen wesentlichen Punkten überein und geht dahin: In dem betreffenden Artikel seien die Ausführungen deS im Bruhnprozess amtierenden estaatSanwaltö in tendenziöser Weise wiedergegeben und liegen die Absicht er- kennen, Bruhn verächtlich zu macheu. Dieser werde in außer- ordentlich schlverer Weise beleidigt. Der Artikel enthalte keine konkreten Tatsachen, sondern nur formale Beleidigungen und moralische Werturteile. Deshalb sei die Anwendung des§ 186 ausgeschlossen und nur Z 185 anzuwenden. Der Schuh deS§ 193 stehe dem Angeklagten nicht zur Seite, weil er keine ihn nahe angehende Interessen zu vertreten gehabt habe. Die Beweisanträge seien nur für das Strafmatz zu würdigen. Einer Beweiserhebung über die Bruhn zur Last gelegten Handlungen habe es nach der eingehenden Beweiserhebung im Bruhnprozatz und nach der Frei- sprechung Bruhns nicht bedurft. Strafmildernd sei, datz in der öffentlichen Meinung ein ungünstiges Urteil gegen Bruhn bestehe, was schon daraus hervorgehe, datz er eine Anzahl von Zeitungen verklagt habe. Strafschärfend sei, datz die Angeklagte» ihre be- leidigendcn Aeußerungcn auch in der Gerichtsverhandlung noch aufrechterhalten haben. Da das Gericht die Kritiker BruhnS nur wegen formaler Beleidigung verurteilte, die Beweiserhebung über die moralische Qualität des Klägers Bruhn aber ablehnte, so hat die öffentliche Meinung natürlich keinen Anlatz, das abfällige Urteil, welches sie sich infolge deS Bruhnprozesses gebildet hat, auch nur im geringsten zu ändern. Auch der Kläger Bruhn hat keine Veranlassung, er- hobcnen Hauptes den Gerichtssaal zu verlassen. Artistenrechte. Auch Artisten haben ein Recht auf die von ihnen erfundenen Kunststücke. Diese rechtliche Feststellung ist anlätzlich einer Klage gegen den Inhaber des Zirkus Busch in Berlin getroffen worden, in dessen Arena die Neuheil eines eigenartigen Tricks in un- berechtigter Weise ausgebeutet worden war. Der� Anspruch der Klägerin, der französischen Artistin Dutrieu, beruht' auf folgenden BegebenheiteNl Die Klägerin übte im Juni deS JahreS 1903 auf einer ihr gehörigen Bahn in einen: Vororte von Paris ein der Schleifen- fahrt ähnelndes Radkunststück ein, bei dem sie den durch die Tal- fahrt erhaltenen Schwung zu einem Luftsprunge von 8 bis 9 Bieter Länge ausnutzte. Nach diesem Sprung fuhr sie auf dem Rade weiter. Zu jener Zeit weilte der Gcsckjöftsführer des beklagten Busch in Paris. Er bat einen Agenten Marinelle�(deutsch: Karl Büttner), ihm doch ein neues Kunststück zu verschaffen. Marinelle führte den Geschäftsführer des Dusch zu Madame Dutrieu, die ihin das Kunststück nach vorher erhaltener Zusicherung der Geheim- Haltung zeigte. Der Geschäftsführer wollte nach einer Rücksprache mit dem Direktor Busch die D. für den Zirkus Busch engagiere». Der Direktor B. konnte sich aber zunächst nicht dazu verstehen, da er noch andere Nummern in Vorbereitung hatte. Inzwischen übte der Nadkünstler M., der gerade bei Busch arbeitete, das ihm mit- geteilte Kunststück der D. ein und führte es nach Herstellung der dazu nötigen Fahrbahn genau so aus. Die D. wurde dann vom Zirkus Schumann engagiert, wo sie 18 999 Franks für ihr Künste ftück erhielt. Schumann erklärte dabei, datz er ihr gern 39 999 Franks gegeben hoben würde, wenn dieser Trick nicht schon im Zirkus Busch ausgebeutet worden wäre. Die D. klagte nunmehr gegen Direktor Busch wegen unlauteren Wettbewerbs, Verletzung ihres Patentes und wegen" Verstötzcs gegen die guten Sitten(Z 820 B. G. B.) auf Schadloshaltung in Höhe von 12 999 Franks. Ihr Anspruch wurde von den Berliner Gerichten anerkannt. Das Kammergericht verurteilte de» Beklagten zur Zahlung von «lllv M. Das Kammergericht hat den Anspruch auf Grund d«S § 820 für gerechtfertigt gehalten. Zur Begründung seines Urteils führt das Kaniniergericht aus. datz der Geschäfts, ührer deS Be- klemten der Klägerin strengste Diskretion zugesichert habe. Der Beklagte habe sich als Besitzer eines erstklassigen Zirkus sagen müssen, datz es der Klägerin darauf ankomme, das Kunststück bis zur Vorführung durch sie selbst geheim zu halten. Die Einwen- düngen deS Beklagten, datz ein gewisser Jackson dasselbe Kunststück auf einer freiliegenden Fahrbahn versucht habe und datz es von anderer Seite schon ähnlich vorgeführt worden sei, weist das Kammergeriebt mit der Begründung zurück, datz diese Kunststücke stets darin bestanden haben, datz der Fahrer nach dem Sprunge das Rad laufen lietz und seitwärts in ein Netz oder in ein Basstn mit Wasser absprang. Das Kanunergencht erklärt weiter, datz es »einem Zweifel unterliegt, datz der Beklagte gewußt hat, datz es der Klägerin darauf ankam, das Kunststück geheim zu halten und das; er mit der Aufführung in seinem Zirkus das ihm und seinem Geschäftsführer geschenkt« Bertrauen der Klägerin mlhbräuchlich verlebt hat. Darin liegt ein Verstoß gegen die guten Sitten, der auch seine SchnbcnSersaypflicht begründet, weil der Beklagte sich ohne iveitereS sagen mutzte, datz der Klägerin durch die vorzeitige Aufführung ihres Tricks ein Schaden entstehen werde. Da? Reichsgericht bat dieses Urteil des Kammergenchts am 0. d. Mls. bestätigt und die gievision des Beklagten zurückgewiesen. Die Tat einer verzweifelten Mutter bilsseke den Gegenstand einer Anklage wegen versuchten Mordes, welche gestern unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Bahr das Schwurgericht des Landgerichts III beschäftigte. Aus der Unter- suchungshaft wurde die 2ljährige ledige Marie Buder vorgeführt, welche beschuldigt wurde, es versucht zu haben, ihr eigenes Kind durch Salmiakgeist zu vergiften.— Die Angeklagte ist die einzige Tochter anständiger Bauersleute. Vor einiger Zeit machte sie die Bekanntschaft eines jungen Mannes, mit dem sie ein Liebesverhält- nis einging. Als sich Folgen einstellten, wurde sie von ihrem Vater aus dem Hause gewiesen. Sie stand schließlich ohne Geldmittel und ohne genügende Kleidungsstücke ganz allein in der Welt da, da ihr Liebhaber sie außerdem auch noch im Stiche lietz und nach Amerika ging. Die Angeklagte kam dann nach Berlin, wo sie„gegen Haus- arbeit" bei einer Hebamme Unterkunft fand und hier Mutter eines Kindes wurde. Da ihr erzählt worden war, datz sie als Amme viel Geld verdienen könne, wandte sie sich an eine Stellender- Mittlerin, die ihr gegen gepfefferte Gebühren«in Spreewälder- kostüm lieh und ihr eine Stellung verschaffte. Ihr eigenes Kind gab sie zu fremden Leuten in Pflege, wofür sie monatlich 25 M. zahlen mutzte. Ihre Hoffnung, in dieser Weise für sich und ihr Kind eine Zufluastssdätte gefunden zu haben, wurde jedoch zunichte, da sie ihre Stellung verlor, weil die natürliche Nahrungsquelle infolge der erlittenen Entbehrungen versagte. Als sich ihr Vater nochmals weigerte, sie wieder aufzunehmen, packte sie die Ver- zweiftung. Sie beschloß, mit ihrem Kinde aus dem Leben zu scheiden. Am 18. Juni diese? Jahres erschien sie bei den Leuten, denen sie ihr Kind in Pflege gegeben hatte und schüttete hier heim- lich ein geringes Quantum Salmiakgeist in die Milchflasche. Da das arme Wurm schon bei dem ersten Schluck laut schrie, wurde ihre Absicht noch rechtzeitig vereitelt. Sie lietz sich wie willenlos ab- führen und gab ohne weiteres zu, die Absicht gehabt zu haben, ihr Kind und dann sich selbst zu töten.— Bor Gericht bezeichnete der als Sachverständiger geladene Medizinalrat Dr. Hoffmann die Tat der Angeklagten«IS ein Produkt einer Verzweiflung, bei der es sehr unwahrscheinlich sei, daß sie mit voller Ileberlegung ausgeführt sei.— Die Geschworenen bejahten demgemäß auch nur die Schuld- frage nach versuchtem Totschlag unter Zubilligung mildernder Um- stände. Das Urteil lautete auf 9 Monate Gefängnis unter Anrech- nung von 5 Monaten der erlittenen Untersuchungshaft. Die An- geklagte wurde außerdem aus der Untersuchungshaft entlassen� Raubanfall auf der Straße. Der Raubanfall, der am 14. November auf dem Postamt 30 in der Neuen Winterftldtstratze auf die Stenotypistin Erna Rogosch ausgeführt wurde, beschäftigte gestern das Schöffengericht Berlin- Schöneberg. Fräulein R. erhielt am Schalter des Postamts einen Betrag von 159 M. ausgezahlt. Als die junge Dame das Geld an sich nehmen wollte, entriß ein neben ihr stehender Mann die Scheine mit einem kühnen Griff und wandte sich eiligst zur Flucht. Er wurde sofort von den im Echalterraum anwesenden Personen und mehreren Postbeamten verfolgt, und eS gelang auch, seiner habhaft zu werden. Das geraubte Geld konnte dem Fräulein R. wieder eingehändigt werden. Der Verhaftete war der Former Georg Treptow. Er hatte einen Komplicen in der Person des Formers Friedrich Heidcnrcich, der draußen vor dem Postamt Schmiere stand und von der Bildfläche verschwunden war, als sich die wilde Jagd hinter Treptow entwickelte. Heidenrcich wurde auf Grund der An- gaben der Schlafwirtin Treptows am nächsten Tage in der Pros- kauer Straße ermittelt. Beide behaupteten vor Gericht, durch die Not zu der verbrecherischen Tag getrieben worden zu sein. DaS Schöffengericht verurteilte Treptow zu 2 Monaten, Heidenrcich zu 1 Monat Gefängnis._ Hus aller Melt. Ötraßcnbabiifeatartropbe In Oporto. 16 Personen getötet, 30 verwundet. Ein schwere» BerkehrSunglllck hat sich am DienStagbormittag in der portugiesischen Hafenstadt O p o r t o zugetragen. Ein auS drei Wagen bestehender Zug der elektrischen Sttatzenbahn entgleiste auf dem Kai Massarclos, zwei mit Passagieren stark be» setzte Wagen stürzten in den Dueroflutz. Trotzdem die Rettung der Verunglückten sofort in Angriff genommen wurde, sind 19 Personen in den Fluten ertrunken. Bei den Rettungsarbeiten zeichnete sich ein Engländer namen« Wall, unter« stützt von seinem Diener, ganz besonders aus. Die Beiden hoben fünfzehn Personen lebend auS den Fluten gerettet. Neben den Getöteten wurden dreißig Personen mehr oder weniger schwer verletzt. Unter den Verunglückten befinden sich zahlreiche Reisende, die eben erst auS P a r a und M a n a r S angekommen waren. DaS Unglück hat in der Stadt große Erregung hervorgerufen. Die Bevölkerung zeigt gegen die Straßenbahn- Gesellschaft eine drohende Haltung. Die Bureau« und Wagcnschuppe» müssen militärisch bewacht werden, um Ausschreitungen der Bolls- mengen zu verhindern. Der Unfall wird auf den schlechten Zu st and de» Schienenweges zurückgeführt. Ein starker Regen hatte in eine Kurde von kleinem Durchmesser Sand an- geschwemmt. Auch hat es dem Beamten an Kaltblütigkeit gefehlt, da er angesichts der Gefahr von dem Zuge sprang und davonlief. Er ist verhastet worden._ Riesenbrand auf Coney Island. Bon einem gewaltigen Schadenfeuer ist am Montag der auf der Insel Coney Island gelegene Vergnügungspark der New Dorker heimgesucht worden. Der Brand, der durch Kurzschluß ausgekommen sein soll, verbreitete sich sehr schnell und bald stand die Mehrzahl der teilweise nur leicht gebauten Ver- gnügungsstätten in Flammen. Erst in den späten Abendstunden konnte das Feuer, das nach vorläufigen Schätzungen einen Schaden von vielen Hunderttausenden Marl verursacht hat, zum Erlösche» gebracht worden. Verluste an Menschenleben find glücklicherweise nicht zu beklagen. Zur Nachahmung empfohlen. Wie aus Rio de Janeiro gemeldet wird, hat sich die Regierung des zu Brasilien gehörigen SiaateS Peruambuco auf englisch gedrückt. Die regierenden Minister haben daS RegierungS- gevnude heimlich verlassri,. niemand weitz, wohin sie sich gewandt haben. Es verlautet nichts darüber, datz die Ein- wohnerschaft über daß Verschwinden besonders betrübt wäre, was auch von de» Einwohnern anderer Staaten behauptet werden kann, ivenn ihre Regierungen ebenso vernünftig handelten. Kleine Notizen. Erdbeben in Stuttgart. Am Dienstagniorgen 6 Uhr 15 Minuten wurde in Stuttgart ein heftiger Erdstotz verspürt. An verschiedenen Häusern bröckelte daS Mauerwerk ab. Ein ungetreuer Sachwalter. Wegen Unterschlagung von 239999 Mark wurde der Rechtsanwalt Justizrat Waetcke von der Strafkammer des Alto na er Landgerichts zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die unterschlagenen Gelder waren zum größten Teil für mild« Stiftungen bestimmt und dem An- geklagten als Nachlatzvollstrecker anvertraut worden. Tödliches Autoiiiobilunglück. Der Wunderdoktor Johannes Spieß aus Birkeufelde(Eichsfeld) fuhr am DienStagmorgen zum Besuch seiner Patienten im Automobil nach E i ch e n b e r g. In der Röhe deS Ecksleiges sauste der Wagen gegen einen Baum und wurde vollständig zertrümmert. Spieß schlug mit dem Kopf gegen den Baum. Sein Tod trat sofort ein. Explosion auf einem Kanaldampfer. Der zwischen Le-Tr6port und London verkehrende Dampfer„Hardy" ging infolg« einer Kesselexplosion unweit der französischen Küste unter. Ein Matrose wurde getötet, sechs wurde« ver- w u n d e t. Die übrige Mannschaft konnte sich retten. Explosion auf einem englischen Schlachtschiffe. An Bord deS in Portsmouth im Dock liegenden SchlachlfcdiffeS„Orion" ereignete sich bei der Erprobung einer Dynamomaschine ein« Explosion. Ein Offizier und fünfzehn Mann wurden verletzt. Heftiger Kampf im Goldicrgwerk. Im Goldbergwerk N u s z a r in Ungarn kam es gestern zwischen den Grubenbeamten und der Gendarmerie einerseits und fünf mit Pistolen und Dynamitpatronen bewaffneten Burschen anderer- seilS zu einem heftigen Kampfe. Die Burschen waren ins Berg- iverk eingedrungen, um Gold zu stehlen. Schließlich gelang eS, sie zu überwältigen und zu verhaften. �MfflBSEIIIIIIIIMIIIIi— Hill III, LI Klassiker Ausgaben des Vorwärts HEINES WERKE--:: SCHILLERS WERKE Je 3 Binde gut gebunden. Eingeleitet und bearbeitet von Franz Wehring. 247/11* Preis fKr Jedes Werk nnr-4 K. Buchhandlung Vorwärts, Lindenstr. 69(Laden). 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Deutscher Tabakailieiter-Verband Zahlstelle Berlin. DonnerStas, den 14. Dezember, abends• Uhr, Mitgliederversammlung im„Rosenthaler Hof«, Roseuthaler Straffe 11/1S. Tagesordnung: 18S/1S» 1..Zeitfragen'. Referent: Max Kiesel. 2.„Der Stand der Vewegung am Orte'. Referent: Alwin Schulze. 3. Verschiedenes. BtT" Da» Erscheinen aller»st Pflicht.«HSV Die OrtsverwaltHiig. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Arbeitsnachwels: S°s I. Amt Norden, Nr. 123S. EharitSstrasie 3. Hauptbureau: SosM. Amt Norden, Nr. 1387 Donnerstag, den 14. Dezember 1911, abends«'/, Uhr. Branche«- Versammlung der Elektromonteure und Helfer GroH-Berlins im„EncllBchen Garten", Alexanderstr. S7c. Tagesordnung: 1. Vortrag der Genossin l,nl»e Zlctz. 2. Diskussion. 3. Vranchen- angelegenheiten. 4. Verschiedenes. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet 152/18 Die Ortsverwaltang. Metallarbeiter- Notiz- Kalender lk da» Jahr ISIS ist erschienen und im Bureau sowie bei den Bezirks- kasfierern zum Preise von HO Pf. pro Stück zu haben. DeSgl. ist erschienen: „Die Hrbeitezeiten ln der Eisen- und Metallindustrie Deutschlands" zum Preise von 50 Pf. pro Exemplar. I» Terwaltung Berlin. Bflderrahmenmacher. Donnerstag, 14. Dezember, abends 6 Uhr, im Gewertschaftvhause (Saal 1), Engeluscr 15: Br an ch c ii- V c r f am tu tun g« 1. Vortrag. 2. Diskusston. 8. Branchenangelegenheiten. 94/2 Stellmacher. Donnerstag, den 14. Dezember 1911, abends 8'/, Uhr, im Rosenthalcr Hof, Roscnthaler Strahi 11/12 03/18 Braucken-Verfamiitlutig Tagesordnung: 1. Bericht von der Brauchenkonfereuz der Stellmacher Deutsch. lands. 2. Branchenangelcgenheite». Deutscher Kürschner-Verband. Filiale Berlin. Bureau tt. Arbeitsnachweis: NO. 43, Wcinstr. 8. Telephon: Amt Kst.»789. Donnerstag, den 14. Dezember, abends 8'/, Uhr: Mitgliecler-Vertammlung Kaiser dVilhelmstr. 18m,„Mufiter-Täle". Tagesordnung: 1. Die Aufgabe» des nächsten Verbandstages. Referent: Kollege g 0 i s I e r» Hamburg. 2. DiSkus, ion. 102/20 3. Arbeltsniederlegung bei der Firma 6. A. Hoffmann. 4 MewertschastllcheS. SMW»» Der äuszerst wichtigen Tagesordnung halber ist es Pflicht eines jeden Kollegen, einer jeder Kollegin zur Versammlung zu erscheinen. Die DrlBverwaltunir Ortsgruppe OroB- Berlin Bureau und Stellennachweis: Ltnienstrahe 8.— Amt Köntgstadt, Rr.»05. Geöffnet von 9 bis 5 Uhr. Achtung! Versicherungsangeslellte! Freitag, den 15. Dezember, abends 8% Uhr, in den Prachtsälen Alt-Berlin, Blumenstr. 10: Pf* Versammlung. 1* Tagesordnung: 46/20 1. Der Streik der victoria>. S.rtinient i mit 210 Siilck, wie ödenangefiihrt, zum seiden Preis. Tönimen» Z m. 12« Sliick gröh-ren Sachen t» obiger Ausführung Mk.Z.—. Sortiment 1 mit 00 Stück der größten averseinsten Prachtstück« NU. I.~. 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Todes-Anzeigen SazIaWeDioWiscIier Walifoerein des 6. Berl. Relclislap-WalilkreisES. Am 10. Dezember verstarb unser Genosse, der Arbeiter Paul Hirseland Carnien-Shlva-Strahe 10. Ehre feinem SHitienfc«; Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. Dezember, nachmittags 1 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- Hose« in Friedrichsfelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 233/18 v«,- Voratand. Beotsclier Transportariigiler- Bazirfcsverwaltung GroB-Berlln. Den Mtgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter Hart Hirseland am Sonntag, den 10. d. M., im Alter von 48 J�ren verstorben ist. Ehre seinem Rudente»! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 13. Dezember, nachmittag« 1 Uhr, von der Leichen- balle des Kentral-Fricdboscs in Friedrichsselde aus statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, dafi unser Kollege, der Droschken- sührer Hrnst Grunack am Freitag, den 8. d. Mt«., im Alter von SO Jahren verstorben ist. Ehre seinem Nndenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 13. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentrai-Friedhoscs in Friedrichsselde aus ftalt. Um rege Beteiligung ersucht SS/20 Die Bezirksverwaltung. Osutsclier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todcaansielgen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Revolver- dreher l�ugvn Unders am 10. d. Mt«. an Lungenentzün- dung gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. Dezember, nachmittags 2'/. Uhr, von der Leichenhalle des PhlliPpuS-Apostel- Kirchhofs, Müllerstraße, au« statt. Ferner starb unser Mitglied, der Bauanschlägcr �.uxust Etoexe am 10. Dezember an Lungenentzündung. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. Dezember, nach- mittags 3>/, Uhr, von der Leichen Halle deS Pb:npl>u§.Aposiel-Kirch hoses, Müllcrstraße, auS statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 1S2/1S Die Ortsverwaltung. I I> an k s asn n£. Jtür die vielen Beweise herzlicher lnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau sagen wir allen Bctci- ligten, insbesondere den Genossen und Genossinnen deS 4. Kreises, den Kollegen der Firma Franke und dem Genossen Melle für seine trostreichen Worte unseren besten Dank. Alfred Halder, Mutlsr u. Geschwister. Soziateolrat. WalM Rixdorf. Den Parteigenossen zur Nach- rlcht, daß unser Mitglied, der Lackierer Paul Straube Weichselstraße 35, verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstagnachmtttag 2% Uhr von der Leichenhalle deS Rirdorser Gemeinde-FriedhoseS, Marien- dorser Weg, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Vvi- Vorntand. Kerbaud der Maler, Fackrerer, Anstreicher llsw-A Filiale Berlin. Unseren Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Maler ttfctwcl Raeke (Tuvrhftraße 31) am 11. Dezember verstorben ist. Ehre seinem Audenkeu l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. d. MtS., nach- mittags 3'la Uhr, von der Halle des Emmaus-Kirchhoscs, Ripdorf, Hermannstraße, auS statt. Um rege Beteiligung bittet 130/11 Bio Grieverwaltung. Allen Freunden und Bekannten die traimgc Nachricht, daß mein f lieber Rann, unser guter Baier, Großvater und Schwiegervater,| der Droschkenkutscher Christoph Prlpftz am Montag, den 11. Dezember,! im 54. Lebensjahre durch den! Tod von seinem schweren Leiden I erlöst wurde. Um stille Teilnahme bitten Bis trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. Dezember, nachmittags 3'/, Uhr, von der Halle des Himmclsabrts-Kirchhoss in Nordend aus statt. 2011b fieutseher Holzarbeiter-Verband Den Mtgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler .lanos Boljos Dresdener Str. 110, im Alter von 26 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. Dezember, vormittags 11 Uhr, von der Halle des neuen Michael-Kirch- hoseS am Mariendorser Weg aus statt. 94/1 Um rege Beteiligung ersucht Die Ottsverwaltung. M-Meii- und Sterbe- tayeutscbeiillapliafier Barlin X. Den Mitgliedern die Iraurige Nachricht, daß unser Berwaltungs- Mitglied Wernlein am 7. Dezember gestorben ist. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet heute Mittwoch, nachmittags 3'/, Uhr, von der Halle der Philippus. Apostelgemeinde, Müllerstr. 44/45, aus statt. Um rege Belciligung ersucht L014b Bis OrtSYerwaltung. Brandenburgischer Maschinensetzer- Verein V. d. B. B. Am 10. Dezember er. verschied I nach langem, schweren Leiden unser langjähriges Mitglied, der | Maschinenschcr-Jnvalide Georg Srönleke } aus Berlin im Mter von I J 42 Jahren. Ehre seinem Andenken! , Die Beerdigung findet heule, l I Mittwochnachin. IL- Uhr, von der! I Leichenhalle des Städtischen Fried' I hoses in Friedrichsselde aus statt., ] Um zahlreiche Belciligung ersuch! 16728b Dor Borstaiid. Am Montag, den 11. Dezember, starb nach schwerem Leiden unser lieber Sobn, Bruder und Enkel, der Maler S013b Ricliard Raeke im 26. Lebensjahre. Um stilles Beileid bitten Familie liarl Rucke nebst Großmutter. Die Beerdigung sindet am Doiiuerslag, den 14. d. Ml«., nach mittag? 3ll, Uhr, von der Halle deS EmmauS-Kirchhoses, Rixoors. Hcrmannstraße, aus statt. Im bald vollcndelen 25. Lüben« jähre verschied am 11. Dezember nach langen schweren Leiden unsere herzensgute Tochter und Schwester Anita. Die« zeigen tiesbetrübt an Linus Fechuer nebst Familie, Pankow, Schloßstr. 19. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen halle des IH. Friedhofs der G« meinde Pankow(Schönholzer Heide) aus statt. 2022b Nach langem, schwerem Leiden I entschlief sanft am 11. Dezember meine liebe Frau, unsere gute I Mutter Elisadeth Wittkowsky Die Beerdigung findet Danners- ! tag, den 14. d. M., nachmittags 2 Uhr, vom Trauerhause aus sin Westend statt. Hermann Wittkowsky nebst Kinder», Katserin-Augusta-Allee 93. Danksagung. Für die vielen Bewcije herzlicher Teilnahme und die vielen Kranz- wenden bei der Beerdigung meines lieben Manne« Franz Kahlert sage ich allen Verwandten und Be- kannten sowie dem Wablverein deS 2. KreiseS, den Genossen des 98. Be- zirkS, dem Verband der Maschinisten und Heizer und den Kollegen der Blockstation Charlottenburg, WilmcrS- dorier Str. S3/S4, meinen innigsten Dank. 201 2b Wwe. Martha Kahlert geb. Hummel KckiiMmchW. 1000 Mark fielohnung erhall derjenige, welcher Täter oder Teilnehmer deS in der Nacht zum 10. November 1911 in der Kantine des hiesigen ZentralgüterbahndosS an dem Kaffeeküchenwirt llii-Ick verübten Raubmordes zur Anzeige bringt. 273/13 Stettin, den 1. Dezember 1911. Der Erste Stantsnnwnlt. Mohrenstr. 37a(nahe Jerusalemer Strasse) Gr.FrankfurterStr.llö mähe Andreasstrassel Der grosse iROfnlnMMGiit beginnt Mittwoch, den 13. Dezembef, vormittags 10 Uhr: 500 oieiasie Plüscö-Mantel ä) ICDö Ulster u. Fiausch-HöRtei -u r. für die Hältte der früher.; Frei».. T dl« sl" 4�' M- Kflst8niM.6esellsc{iflftsHle{t(er IS- 18.- 22- 27.- 33— 50- iriihar s. T. weit Uber de« Doppelte 83.- 40 V 497 6«"' 77- 88- 105- 127.- 18".- 400 opurte flbenä-Hönte! ■ T. für ein IMItc-l der früheren Preise 16.-?0.- 26- 82.- 85. 42.- SL.- 65- 76.- RSZZ-Ltotas.-Lsrnitursn,-�sLkeits um rZumvn. jeckvm irgenä snosnm�sren preis« ütartlckgsZkTzt» Konfektion »ucSi passend ißr Gcscheuko Plüschkontektion...>2.— kiöcKe............ 5.— früher» T. bis M. 100.— Abendmäntel...... 18.— früher z T. bis 76.— früher«. T. bis 28.— Ulster............ 6.50 früher z. T. bi» 39.— I U tll t*■. um»w. Des tUrken Andranges wegan Baauob megllohii vormittaga erhelen Schlafrocke| Morgen-Joppen Mollig« Stoffe. Hübsdie panoot. Schöne La, ätze. 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fr. 291. 28. Jahrgang füii je des„Hiiiiiiilü" ßftliüft Bulblilntl. Wilw-ch. 13. Jtjtinliti 18IL Gewerkfcbaftlicbca. Arbeitslosen im Bauarbeiterverband. Der Bauarbeiterverband ist von den großen Gewerkschafts- Organisationen die einzige, die bis jetzt die Einführung der Erwerbs- oder Arbeitslosenunterstützung konsequent abgelehnt hat und ablehnen mußte. Zwar an Anträgen, die aus Ein» fühnmg dieses Unterstützungszweiges hinausliefen, hat es auf den Verbandstagen der früheren Verbände der Maurer und Bauhilfsarbeiter nicht gefehlt; aber bei der Schwierigkeit, in einem Saisongewerbe, das stärker als jedes andere von der Witterung abhängig ist, eine solche Unterstützung durchzuführen, wurden die Anträge auf Einführung der Arbeitslosenunterstützung niemals ernsthaft diskutiert. Es kain hinzu, daß die baugc- werblichen Organisationen mit großen und schweren Kämpfen zu rechnen hatten und noch zu rechnen haben, so daß sie ihre Gelder für Kampfzwecke und die bereits vorhandenen Unter- stützungen brauchen, und an die Einführung neuer Unter- stützungszweige nur bei einer gleichzeitigen außerordentlich starken Erhöhung der Beiträge denken könnten. Eine solche ist aber bei der Abneigung, die beim weitaus größten Teil der Bauarbeiter gegen die Arbeitslosenunterstützung heute noch herrscht, vorläufig nicht durchführbar, so daß aus die Ein- führung der Arbeitslosenunterstützung im Bauarbeiterverband in den nächsten Jahren nicht zu rechnen ist. Immerhin ist zu erwarten, daß auch auf den nächsten Verbandstagen von einzelnen Zweigvereinen des Verbandes wieder Anträge auf Einführung der Arbeitslosenunterstützung gestellt werden; ja, es ist sogar zu erivarten, daß sich die Stimmung zugunsten dieser Unterstützung mit jedem Jahre ändert, weil inimer mehr Gemeinden dazu übergehen. Zu- schüsse zu der von den Gewerkschaften gezahlten Arbeitslosen- Unterstützung zu gewähren. Daher ist es notwendig, daß sich die Bauarbeiterorgauisation, selbst wenn sie in absehbarer Zeit an die Einführung der Arbeitslosenunterstützung nicht denken kann, wenigstens die nötigen Unterlagen zur Be- urtrilung einer so wichtigen Frage schafft. Um diese Unterlage zu erhalten, haben die Verbände der Maurer und Bauhilfsarbeiter bereits im Jahre 1909 eine Arbeitslosenstatistik aufgenommen, indem der Maurerverband an zwölf und der Bauhilfsarbeiterverband an elf Stichtagen die Arbeitslosigkeit ihrer Mitglieder feststellten. Dabei ergab sich bei den Bauhilfsarbeitern eine durchschiiittliche Arbeits- llosigkeit von 15,63 Proz., von der 10,20 Proz. auf Arbeits- Mangel, 3,67 Proz. auf Krankheit und 1,76 Proz. auf schlechte Witterung entfielen. Im Maurcrverband be- trug die durchschnittliche Arbeitslosigkeit in den sieben Sommermonaten(April bis Oktober) 5.h0 Proz., wovon 8,30 Proz. auf Arbeitsmangel, 0,28 Proz. auf schlechte Witterung und 2,32 Proz. auf Krankheit entfielen. Viel höher waren die Arbeitslosenzahlen in den Monaten März, Noveniber und Dezeniber, die man für das Baugewerbe als Uebergangs- zeit bezeichnen kann. In diesen Monaten waren durchschnittlich 24,46 Proz. der gezählten Mitglieder arbeitslos, und zwar .15,43 Proz. wegen Arbeitsmangels, 5,80 Proz. wegen schlechter Witterung und 3,23 Proz. wegen Krankheit. Noch viel höher waren die Arbeitslosenzahlen in der eigentlichen stillen Zeit des Baugewerbes, nämlich in den Monaten Januar und Fe- druar. Hier waren von den gezählten Mitgliedern durch- schnittlich 62,55 Proz. arbeitslos, und zivar 32,18 Proz. wegen Arbeitsmangels, 26,19 Proz. wegen schlechter Witterung und 4,18 Proz. wegen Krankheit. Diese Zahlen geben ein ungefähres Bild von der Arbeits- losigkeit, unter der die baugewerblichen Arbeiter zu leiden haben. Aber mis diesen Zahlen allein lassen sich doch noch keine sicheren Schlüsse ziehen; denn bei dem starken Wechsel der Konjunktur wird auch die Stärke der Arbeitslosigkeit mit jedem Jahre wechseln. Daher hat der Vorstand des deutschen Bauarbeiterverbandes für das Jahr 1912 erneut eine Arbeitslosenstatislik ausgeschrieben, die wieder an zivötf Stichtagen von allen Zweigvereinen des Verbandes alt' genommen werden soll. Der erste Zähltag t Sonnabend, den 16. Dezember. Die StgttZ� wird in der Weise aufgenonimen, daß die Hauskaisierrr oder besondere, von den Zweigvereinen bestimmte ZjÄh» jedem Mitglied in seiner Wohnung die auf die Zählung bt' züglichen Fragen vorlegen und die Antworten in«stch Lfftc eintragen. Außer dieser allgenieiilen Zählung an Stichtagsti soll in einer beschränkten Anzahl von Zweigvereinen eine laufende Zählung der Arbeitslosen vorgenommen werden,' um die Dauer und Häufigkeit der Arbeitslosigkeit einzelner Per- sonen und Personengruppcn zu ermitteln und dadurch die allgemeine Zählung an Stichtagen wirksam zu ergänzen.— Bei der großen Wichtigkeit dieser Zählungen ist zu hoffen, daß alle Mitglieder des Bauarbeiterverbandes zur Erzielung eines vollständigen und durchaus einwandfreien Resultats beitragen, indem sie den Zählern unter allen Umständen wahrheitsgemäße Angaben machen. Berlin und Umgegend. Der Streik in der Damenkonfektion. Die Besprechung über die Möglichkeit einer Beileoung des Kampfes in der Damenkonfektion hat gestern nachmittag zwischen den Vorsitzenden der drei am Streik beteiligten Organisationen und dem Magistratsrat v. Schulz stattgefunden. Heber Verlauf und Ergebnis dieser Besprechung wird heute in einer gemeinsamen Versammlung der Meister und Arbeitnehmer berichtet, die auf nachmittags W Uhr nach der Neuen Philharmonie, Köpenicker Straße, einberufen ist. Die Vertreter der arbeitswilligen Meister und ihrer gelben Organisation hatten gestern abend eine Verhandlung mit den Kon- sektionären. Geladen waren dazu auch die Vertreter der streiken- den Meister. Ueber diese Angelegenheit wird ebenfalls in der heutigen Versammlung in der Neuen Philharmonie berichtet werden. Daß �es sich Bei der Nachricht von der Aufhebung des Streiks um ein Schwindelmanöver der Arbeitswilligen un� männer handelte, haben wir ja schon gestern deutll und an dieser Tatsache haben auch die gestrige Verhandlung nichts geändert. Ein neues Stück der(Selben Die einzigen Rechte der Angestellten der Straßenbahn, soweit sie Mitglieder der dort beste gehaltskasse waren, sollten bekanntlich beschnitten" des energischen Protestes der Mitglieder, trotz der stark besuchten Mitgliederversammlung und eines Stunde von der Organisationsleitung des Transp dandeö herausgegebenen Flugblattes haben die gel Hinter gesagt. und I gierten der Direktion die Siatuienverschlechterung schweif- s wedelnd apportiert. In der Protesidersammlung der Straßen- bahner getrauten sich die Herren noch, die Vorlage der Direktion zu verurteilen. Als dann die Delegierten satzungsgcmäß zur Be- ratung der Verschlechterung eingeladen werden mußten, ließ der Herr Generalsekretär Rothe, der geistige Urheber der Enircch- tung der Mitglieder, die Delegierten erst mürbe werden. Die Ver- sammlung derselben war zu 4 Uhr nachmittags einberufen. Um 7 Uhr abends erschien Herr Rothe, um fürchterliche Musterung zu halten. Von 7 bis Uhr nachts wurden die Delegierten dann „bearbeitet" und obwohl auch die Gelben noch in der Sitzung gegen die Siatutenverschlechterung sprachen: bei der Abstimmung fielen sie alle um— sie schluckten die von der Direktion geforderten Verschlechterungen des Statuts mit Haut und Haaren. Wie wir bereits mitteilten, ist die Direktion der Großen Ber- liner der Ansicht, daß die für sie nicht mehr brauchbaren Angestellten zwar d i e n st u n f ä h i g, aber noch zu öl). 75 oder gar 100 Proz. erwerbsfähig sein können! Deshalb soll den „Dienstunfähig-Erwerbsfähigen" das Ruhegehalt gekürzt werden. Stellt der Vertrauensarzt der„Großen Berliner" bei einem bis zu 13 Jahren im Betriebe tätigen Angestellten, der dienstuntauglich geworden ist, eine Erwsrbsfähigkeit fest, dann wird dessen Ruhe- geholt nach der neuen Satzung gekürzt: bei 50 Proz. Erwerbsfähigkeit um 20 Proz. » � ö„„„ 35„ . 100„„„ 60„ Hat sich also ein Angestellter in einer bis zu 19 Jahren wäh- renden Dienstzeit soweit hingearbeitet, daß er für den Dienst der „Großen Berliner" nicht mehr tauglich ist, dann braucht der Arzt der Direktion nur zu verfügen, daß der Mann sich von einem anderen Arbeitgeber noch weiter ausbeuten lassen kann, ihm wird ohne weiteres das Ruhegehalt gekürzt. Ob so ein menschliches Wrack einen anderen Arbeitgeber findet, das ist nebensächlich. Diese eben bezeichnete Rcchtlosmachung der Angestellten ging der Direktion noch nicht weit genug. Deshalb verfügte sie in einer Anzahl neuer Paragraphen folgende willkürliche Bestimmungen: Den Empfängern von Ruhegehalt kann dasselbe ganz ent- zogen werden, wenn ihnen vom Arzt nachgewiesen wird, daß sie wieder dienstfähig sind und sie sich weigern, die von der Direktion ihnen angebotene Stellung wieder anzutreten, oder wenn sie sich einer vom Kassenvorstande angeordneten ärztlichen Uiüersuchung und Beobachtung nicht unterziehen. Die Entscheidungen des Kassenvorstandes bezüglich der Versetzung in den Ruhestand und der Höhe des zu gewährenden Ruhegehalts können von den Kassen- Mitgliedern nach dem neuen Statut nicht mehr beeinflußt werden. Gegen die Verfügungen des Vorstandes steht, nach dem neuen Statut, den Mitgliedern auch kein klagbares Recht zu. Nur ein sogenanntes„Schiedsgericht" ist zur Prüfung der Vorstandsent- scheidungen zugelassen, dessen Besetzung der Direktion und ihren Lieblingen gänzlich überlassen ist. Den Vorsitzenden ernennt die Direktion. Dessen Stellvertreter wählt sie aus der Zahl der Bei- sitzer. Sie ernennt aber der Sicherheit wegen auch die 4 Beisitzer zu dem Schiedsgericht, geruht allerdings huldvollst, dieselben aus einer l2 Personen betragenden Körperschaft zu entnehmen, deren eine Hälfte von den Kassendelegierten gewählt, die andere Hälfte von der Direktion ernannt werden. Also: die Direktion ernennt von 12 Beisitzern 6. Von diesen ernennt sie 4 zu Schiedsgerichts- beisitzern und den stellvertretenden Vorsitzenden, sie wählt sich den ordentlichen Vorsitzenden, wie es ihr beliebt und nennt es dann ein— Schiedsgericht, welches die Rechte der Mitglieder gegen den Kassenvorstand, oder deutlicher gesagt, gegen den Willen der Direk- tion vertreten soll. Das Heldenstück, solchen Bestimmungen zugestimmt zu haben, werden die Straßenbahner und namentlich deren Frauen den Gelben so bald nicht vergessen. Die Slussperrung der Isolierer soll Mittwoch, den 13. Dezember, von Berlin auf daS ganze Reich ausgedehnt werden. So hat wenigstens der Zentralverband der Jsolierfirmen beschlossen. Von der Aussperrung absehen will er nur, wenn ihm bis 11. Dezember die Mitteilung zugeht, daß der Bauarbeiterverband die über die einzelnen Firmen verhängten Sperren bis 12. Dezember aufheben will. Da der genannte Ver- band selbstverständlich an die Aufhebung der Sperren vor der Er- ledigung der bestehenden Differenzen gar nicht denkt, so wird die Aussperrung am 13. Dezeinber wohl eine größere Ausdehnung an- nehmen, wenn der Verband der Firmen die Zwecklvsigkeit seines spprgehens nicht noch rechtzeitig einsieht. Wie wir erfahren, haben «ine Reihe von Firmen den bei ihnen beschäftigten Isolierern von vornherein erklärt, daß sie eine Aussperrung nicht mitmachen würden. Allzugroß wird also der Umfang der Aussperrung nicht erden. Der Kampf der Lithographen und Steindrucker. Wie in der Sonnabendnummer des„Vorwärts" mitgeteilt wurde, fanden am 7. Dezeinber erneute Verhaiidlmigen niit den Unter- nehmern statt, die aber deshalb scheiterten, weil die Unternehmer eine Regelung der Arbeitszeit verlangten, die für einen großen Teil der Arbeitnehmer eine Verlängernng der seither üblichen Arbeitszeit bedeulet.— Zu dieser Angelegenheit batre eine öffentliche Ver- sammlung Stellung zu nehmen, die am Montag in Kellers Saal in der Kovpenstraße iagte und äußerst stark besuch! war. Der Referent Haß schilderte die Situation des Kampfes und betonte unter ein- müliger Zustimmung der Versammlung, daß jede Bedingung, welche eine Verichlechtcrung für die Arbeitnehmer bedeutet, unannehmbar ist. Die von den Unlernebmern vorgeschlagene Formulierung der Bestiminung über die Arbeitszeit würde für Berlin eine bedeutende Verschlechierung bedeuten und konnte deshalb nur abgelehnt werden. Die Unleriiehmer haben, um Uneinigkeit unter den Ausgesperrte» hervorzurufen, Flugichrifteu und Briefe an einen Teil derselben versandt, ivorin ausgeführi wird, die Verlängerung der Arbeits» zeit läge im Interesse beider Teile, und die Bezahlung der ArbeiiSzeii- Verlängerung sei ja eine Lohnerhöhung. In Briefen versprechen die Uiiteriiehmer denen, die sich ihnen zur Verfügung stellen und die gemeinsame Sache ihrer Kollegen verraten. Einschädigung für die Zeit der Ansiperrung. 100 M. Weihnachlsgratifikation und Lohn- zulage.— Daß die Unternehmer durch solche Versprechungen Arbeits- willige zu ködern sich bemühen, zeigt deutlich, daß sie keineswegs Herren der Situation sind, sondern daß ihnen die Fortsetzung des Kampfes recht uiiangenebin fühlbar ist. Ni»r wird ja der Kampf noch über Weihnachten hiiians dauern. Wenn die Unternehmer darauf gerechnet haben, daß die AuSgesperrien schon jetzt den Kampf abbreche» würden, so haben sie sich gründlich verrechnet. ES ist ausgeschlossen, daß der Kampf wegen Mangel an Mitteln, wie die Unternehmer hoffe», abgebrochen werden niüßte. Für die Unter- stützniig der Kämpfenden ist»och für längere Zeit gesorgt. Auch eine besondere WeihnachtSunterstützung, sowie ein MictSzuichuß zu Neujahr wird den Ansständigen gewährt werden. Im übrigen ist die Position der Arbeitnehmer keineswegs schlecht. Die wenigen Streikbrecher, die sich den Unternehmern zur Verfügung gestellt haben, können die Aussichten des Kampfes nicht verschlechtern. Andererseits rückt die Zeit iininer näher, wo die Unter- nehmer genötigt sein werden, den Kampf zu beenden. DaS Weihiiachisgcschäfi ist für sie verloren. Wollen sie nicht auch noch das Frühjahrs- und Ostergeschäft verlieren, was für manchen den Ruin bedeuten ivürbe. dann werden sie den Kampf nicht mehr lange fortsetzen können. Die Ausgesperrten dagegen können und werden im Kampfe beharren, bis sie ein befriedigendes Resultat erreicht haben. Der lebhafte, allseitige Beifall, mit dem die Ausführungen des Referenten aufgenommen wurden, ebenso die Aenßerungen der Diskussionsredner gaben den besten Beweis dafür, daß der Kampfes- mut und die Kampfeslust der Lithographen und Sleindrncker»och ungeschwächt ist, daß sie heut noch so fest und entschlossen zusammen- halten, wie vor zehn Wochen, als der Kampf begann, und daß es de» Unternehmern nicht gelingen wird, eine so unerschütterliche Kämpferschar zu besiegen._ Achtung, Mützenmacher! Die Kollegen und Kolleginnen der Mützenfabrik von G. A. Hoffmann, Gneisenaustr. 33, haben gestern abend in einer Versammlung von 112 anwesenden Personen in geheimer Absiim- mung mit 10i6 gegen 6 Stimmen beschlossen, die Arbeit nieder- zulegen. Die Firma hatte am 2. Dezember bei der Lohnzahlung ihren Arbeitern und Arbeiterinnen eine Bekanntmachung ausgehändigt, daß die Lohnarbeit wieder in Akkordarbeit umgeändert wird. Die am Freitag vorgenommene Abstimmung hatte die Annahme der Akkordarbeit beschlossen. Da die Firma zugesagt hatte, den heutigen Verhältnissen Rechnung tragend, den Arbeitern im wei- testen Maße entgegenzukommen, damit niemand durch die Akkord- arbeit geschädigt werden solle, sondern es ihr nur darauf an- komme, vermöge des Akkordsysteins für die Kalkulation� eine feste Grundlage zu besitzen, so wollten die Arbeiter, daß die Zusiche- rungen vertraglich festgelegt werden sollten. Als Herrn Hoffmann gestern von dem Fabritausschuß der Vertrag überreicht wurde, erklärte er in der herabwürdigendsten Weise, daß et sich überhaupt auf keinen Vertrag einlasse, das be- deute für ihn nur einen Wisch. Diesen Hcrrenstandpunkt hatte Herr Hoffmann vor der Unterredung schon dadurch dokumentiert, daß er in sämtlichen Arbeitsräumen folgenden Anschlag anbringen ließ: Bekanntmachung. Am Mittwoch» den 13. d. M., wird in unserem Fabrikbeiricbe die Akkordarbeit, mit Ausnahme der Zuschneider und Steppe- rinnen, wieder eingeführt und zwar auf Grund der mit der Lohnkommission festgesetzten Akkordsätze. Diese veränderte Haltung der Firma bewies den Arbeitern, daß die Akkordarbeit nur dazu dienen sollte, um die Lohn- und Arbeitsverhältnisse ganz willkürlich zum Nachteil der Arbeiter zu handhaben und daß sie ganz einflußlos gemacht werden sollten. Diesen Akt abzuwehren, gebot die Selbstachtung der dort Be- schäftigten. Die Firma ist ge�verrt und ist jeder Zuzug fernzuhalten. Deutscher Kürschnerverband. Ortsverwaltung Berlin. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck vorstehender Zeilen ge- beten._ Achtung, Marmorarbeiter! Am Bau P i c c a d i l l y am PotL- damer Platz haben die Kollegen der Firma Saalburger aus Gesundheitsrücksichten die Arbeit eingestellt. Von der Bauverwal- tung wurde ihnen zugemutet, in dem heißen trockenen Koksdnnst zu arbeiten, den die Austrocknungsöfen der Firma Türk u. Co. verursachen. Irgendwelche Maßregelungen von feiten der Firma Saalburger sind bis jetzt nicht vorgekommen, doch halten wir es für notwendig, andore Kollegen zu warnen, vor Beilegung dieser Differenz etlvaige Arbeitsangebote anzunehmen. Die gesundheits» schädlichen Räume des Baues Piccadilly sind hiermit für sämtliche Steinarbeiter gesperrt. Die Ortsverivaltung Berlin des Zentralverbandes der Steinarbeiter. Achtung. Friseurgehilfen! Für Verbandsmitglieder gesperrt Brandt, Weberstr. 13, Winn, Türkenstr. 25. Verband der Friseurgehilfe» Oeutrcbes Reich. Der Streik auf ber„Carlshüttc" bei Rendsburg währt fort. Trotz der schwarzen Listen, die nochmals eine Erneuerung erfahren haben, hat eine Anzahl der streikenden Arbeiter anderweitig Arbeit gefunden. Die„Carlshütte" läßt es allerdings an der Verfolgung dieser Arbeiter nicht fehlen und versucht, sie wieder aus der Arbeit zu bringen. Viel Glück hat sie damit bis jetzt nicht gehabt. Die „Carlshütte" versucht jetzt, durch ein Flugblatt die öffentliche Mei- nung irrezuführen, indem sie erklärt, das Koalitionsrecht der Ar- beitcr nicht illusorisch machen zu wollen. Und doch dreht sich darum der Kampf, wie wir wiederholt einwandfrei dargelegt haben. Die Direktion hatte von den Arbeitern verlangt, aus dem Metall- arbeiterverband auszutreten und dem gelben Werkverein beizu- treten. Wer dem nicht nachkam, für den waren die Pforten der „Carlshütie" geschlossen. Allerdings hatte sie nicht viel Glück damit. Wenn es der„Carlshütte" ernst mit der Wahrung des Koalitionsrechtes wäre, so wäre eine Einigung leicht zu erzielen. Zuzug ist nach wie vor streng fernzuhalten. Die städtischen Arbeiter in Danzig stehen seit dem Frühjahr in einer Lohnbewegung. Sie fordern eine zehnprozentige Lohn- aufbesserung. Einführung von Lohnskalen mit alljährlichen Steige- rungen, nach welchen der Höchsilohn in fünf Jahren erreicht werde» soll, Bezahlung des Difstrenzbetrages zwischen Lohn und Kranken- geld auf die Dauer von 13 Wochen und Errichtung eines Arbeiter- ausschuffcs. Diese Forderungen wurden einer Kommission über- wiesen, die die Sache jedoch sehr in die Länge zog. In keiner beut- schen Großstadt sind die Arbeiter der Regiebetriebe schlechter ent- lohnt als in Danzig. Zweimal haben die städtischen Arbeiter eine Kommission zum Dezernenten der städtischen Betriebe geschickt und beide Male wurde ihnen versichert, daß sie bald ihre Forderungen bewilligt erhalten. Diesen Worten sind bisher keine Taten gefolgt. Jetzt ist die Geduld der Arbeiter zu Ende. Sie bitten deshalb, den Zuzug von Arbeitern und Handwerkern von Danzig fernzuhalten. Der Streik im Bremer Heizungögewcrbe ist nach fünfwöchiger Dauer mit einem guten Erfolg für die beteiligten Arbeiter b e- endet worden. Nach langen mühseligen Verhandlungen wurde durch die Vermittelung des Gewerbegerichts für die Monteure ein Grundlohn von 65 Pf. festgelegt. Dieser Lohn trikt am 1. November 1913 in Kraft. Wer bereits 214 Jahre in dieser Branche als Man- teur tätig ist, erhält 70 Pf. Vom 1. Oktober 1912 und vom t. Juli 1913 ab steigt der Grundlohn um je einen Pfennig. Monteure, die vor Abschluß des neuen Vertrages bereits 61 bezw. 66 Pf. oder mehr verdienten, erhalten in ihrer bisherigen Stellung sofort eine Lohnerhöhung von 5 Pf. Der Grundlohn für Hilfsmonteure be- trägt 58 Pf. Dieser steigt am 1. Oktober 1912 und ain 1. Juli I9l3 ebenfalls um je einen Pfennig. HilsSmonteure, die schon jetzt 58 Pf. oder mehr verdienen, erhalten eine sofortige Lohnerhöhung von 4 Pf. und am 1. Juli 1913 einen weiteren Pfennig. Die Man- teure haben demnach eine Lohnerhöhung von 10 bis 12 Proz., die Hilfsmonteure von 12 bis 18 Proz. zu verzeichnen. Der Grund- lohn für Helfer beträgt 50 Pf., er steigt am 1. Oktober 1912 und 1. Juli 1913 um je 2 Pf. Die Lohnsteigerung beträgt für Helfer 10 Proz. Die Landzulage wurde auf 3,25 bezw. 3,50 M. festgesetzt. Huetand, Beilegung der englischen Eisenbahnerbewegung. „Standard" meldet, daß eS in London zwischen den Vertretern der Eiscnbahngesellschaften und denen des EisenbahnershndikatS zu einem Ueöcreinkommen gelangt ist. in welchem den Forderun» gen der Eisenbahner in fast allen Punkten volle Gerechtigkeit wird. Die Gefahr eines Streiks sei dadurch für längere Zeit aus- geschlofleG
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|i. 291. 28. ZahiMg. 3. KcilM Ks.lotiüärts" ßttlintt AcksM. Mittwoch. 13. DeMtt 19L Zaftlabcnd für Groß-lMn: Heute. Wtwoch. den 13. Dezember. Nzhlbemgung In Groß=!SerIin. �ieäerbarnim. Weifjensee. „Aus zur Reichstagswahl" lautete das Thema einer öffentlicken von über 500 Personen besuchten Wählerversammlung, in der Genosse Braun vom Parteivorstand referierte. Ausgehend von den Holtentottenwahlen deS Jahres 15W7, enlwars der Referent ein getreues Spiegelbild des verflossenen Reichstages. Die gegen- wältige Teuerung und die ablehnende Haltung der Regierung, Gegenmabregeln zu ergreifen, sowie das schändliche System der Einfuhrscheine, die Grenzsperre, die Liebesgaben für die Junker wurden gebührend beleuchtet. Aber auch die geleistete Arbeit des verflossenen Reichstages aus dem Gebiete der Sozialgesetzgebung, die famose Reichsverstcherungsordnung mit ihrer geradezu elenden Witwen- und Waisenverficherung, ihrer Entrechtung der Kranken- kaflen usw. gaben dem Redner reichlich Gelegenheit, die wahre Naiur dieser Art der Gesetzgebung zu emhüllem Der Marokko- rummel mit seinem Drum und Dran, wie Kronprinzendebut, Heydebrandt— Reichskanzler- Zusammenstoß, bildeten den Schluß seiner trefflichen Ausführungen. Langanhaltender Beifall lohnte den Redner. Mit einem kräftigen Appell an die Anwesenden, zur Reichs- tagswahl unermüdlich für uns zu agitieren, schloß Genosse Schlem- minger die Versammlung. Heinersdorf. Arg enttäuscht wurden bei Eröffnung des Wahlkampfes in unserem Orte die Konservativen, an deren Spitze der»Allerwelts- mann* Herr H ä n e l steht. Zu einer auf den letzten Sonnabend anberaumten Wählerversammlung wurden alle national gesinnten Männer Heinersdorfs und Umgegend eingeladen. Trotzdem man es an der nötigen Reklame nicht fehlen ließ, erschienen die national ae- finnten Männer in so spärlicher Anzahl, daß nachdem man über eine Stunde mit dem Beginn der Versammlung wartete, eine Bauernmandel national gesinnter Zuhörer beisammen war, um sich das krause Zeug des Schriftstellers Fedor anzuhören. Der Referent schien seine Zubörer �u kennen, denn sonst hätte er ihnen nicht alles Unmögliche über die Sozialdemokratie austischen können. Am 12. Januar werden die Helden auch hier ihre Quittung von den Wählern erhalten. Mahlsdorf an der Ostbahn. Eine sehr gut besuchte Volksversammlung tagte am Somstag im »Heidekrug* Genosse Käming referierte über die kommenden Reichstagswahlen, die Sozialdemokratie und ihre Gegner. Redner schilderte eingehend die Entwiekelung des Militarismus. Marinismus und die Kolonialpolitik; beleuchtete unsere unzulängliche Sozial- gesetzgebung, die schwere Belastung der breiten Volksmasien durch utdirekle Steuern und Zölle und das reaktionäre NegierungSsystem. Zerner schilderte er daS schädliche Treiben des schwarz-blauen Blocks im verflossenen Reichstag und forderte die Anwesenden auf, energisch für die Wahl deS sozialdemokratischen Kandidaten zu wirken. Reicher Beifall lohnte seine Ausführungen. Zum Schluß forderte Genosie Wiedemann noch aus, dem Wahlverein beizutreten und den „Vorwärts* �u abonnieren, und alles daran zu setzen, daß der Wahltag zu einem Siegestag für die Sozialdemokratie werde. Celtow-ßeeshow. Steglitz. In einer überfüllten öffentlichen Versammlung im Birkenwäldchen sprach der Kandidat des Kreises Genosse Z u b e i l über den letzten Reichstag, Er erinnerte an die Wahlen 1007 und brachte der Ver- sammlung nochmals in Erinnerung, wie die bürgerlichen Parteien zur Verschlechterung der Lebenslage der breiten Volksschichten bei- getragen haben. Auch daS übrige Verhalten des Reichstages und der Regierung in allen andere» Fragen unterzieht der Redner einer scharfen Kritik. Am Schluß seines Vortrages bespricht Redner das Verhalten der D e m o t r a t i s ch e n B e r e i n i g n n g. die es für notwendig erachtet hat. im Kreise einen eigenen Kandidaten auf- zustellen. DaS kann aber nur dazu beitragen die Kräfte zu zer- tpliltern und unS in eine Stichwahl zu drängen. Es sei deshalb Aufgabe der Genossen, olles aufzubieten, damit der Kreis wie bisher als sicherer Besitzstand unserer Partei gilt und eine Stichwahl ver- mieden wird. Eine DiSkussiou fand nicht statt. Der Vorsitzende Genosie Pieck schloß sich mit einem kräftigen Appell an die An- wesenden dem Referenten an und forderte zum Beitritt in den sozialdemokratischen Wahlverein und zum Abonnement auf den »Vorwärts* auf. Grost-Lichterfelde. Unter den bürgerlichen Parteien ist von einer nennenswerten Wahlbewegung noch nichts zu spüren. Außer einer Versammlung der Nationalliberalen, die bereits Anfang vorigen Monats stattfand, sind solche anderer bürgerlicher Parteien bisher nicht einberufen worden. Am Freitag sprach in einer von unseren Genosien einberufenen, gut besuchten Wählerversammlung Genosse Dr. Julius M o s e s. Nachdem der Redner seiner Freude dahin Ausdruck gab. daß endlich der HoltentollenreichStag sein längstverdienteS Ende gefunden, ließ er die bürgerlichen Parteien und ihre Taten Revue passieren. Er zeigte, daß den Junkern und Pfaffen immer noch die sehnlichst be- achrte zugkräftige Wahlparole fehle. Die Ritter und Heiligen scheuten sich nicht, zu diesem Zwecke das deutsche Volk innerhalb kurzer Zeil dreimal an den Rand eine« Krieges zu bringen; für neue Riistiingen zu Lande und zu Wasier riskierten sie jeden neuen Stoatspuinp. während sie den armen Veteraiicn die längst ver- sprochene Unterstützung ablehnten, da hierzu kein Geld vorhanden sei; im letzten Jahre hätten sich allein sieben Veteranen wegen RahrungSi'orgen das Leben genommen. Weiter rückte der Referent die„Volksfreundlichkeit* der Liberalen ins rechte Licht und gab einige treffende Beispiele zum besten. Tarauf ging er mit den deutschen Spießbürgern scharf ins Gericht, die im letzten Jahre in der Zeit der ärgsten Kriegshetze gleich einem unmündigen K i n d l e i n hinter dem Ofen hockten, vertrauend, daß ihr Geschick in den Händen des K i n d e r l e i n- Wjä ch t e r s in guter Hut sei. Reicher Beifall lohnte dem Referenten für seinen temperamentvollen Bortrag. Für den Agitationsbezirk wurde am verflossenen Sonntag eine Wählerversammlung in Grotzbeeren veranstaltet, in der Ge- nosse K a l i S k i ebenfalls die Werke des verflossenen Reichstages kritisch behandelte und m treffender Weise die für die Wählerschaft sich ergebende Konsequenz bei den nächsten Wahlen klarlegte. BeeSkow. Oeffentliche Versammlung. Seitdem eS unS gelungen ist. durch Pachtung eines Grundstücks für Versammlungen unter freiem Himmel in dieser Hochburg der konservativen Mißwirtschaft zu der arbeitenden Bevölkerung reden zu können, fand hier am Sonntag die dritte Ver- sammlung statt, die von etwa SSO Personen besucht war. Genosse PagelS wies bei Eröffnung derselben darauf hin, daß diese Ver- samnilung trotz der kalten Witterung stattfinden mußte, weil nun endlich der koniervative Kandidat aus seiner Reserve herausgetreten sei, einig« Versammlungen abgehalten habe und sich in diesen als einer der reaktionärsten Menschen offenbart habe. Der konservative Kandidat March habe sich unter anderem in Versammlungen am 19. Novbr. und 7. Dezbr. in BeeSkow und Friedenau ganz offen erklärt: gegen die Freizügigkeit der Landarbeiter, gegen das Reichstagswahlrecht, gegen das Frauenwahlrecht. Gegen die Herabsetzung des WahlalterS. Der reaktionäre Millionär trete auch dafür ein, daß bei der eventuellen Einführung einer Erbschaftssteuer auch die kleinsten Erbschaften besteuert werden müßten. Er will also auch der Witwe des Arbeiters den Steuerexekutor ins Haus schicken.— Der Referent Genosse Robert Bahn ging in seinem einstündigen temperamentvollen Referat auf diese reaktionären Be- strebungen sowie auf das übrige überaus lange Sündenregister der bürgerlichen Scharfmacher ein und wies auf die für die arbeitende Bevölkerung entstehenden Gefahren hin, wenn solche Leute gewählt werden würden. Der reiche Beifall, der seine wirkungsvollen Aus- führungen begleitete, bürgt dafür, daß die Anwesenden die dringen- den Mahnungen des Referenten bei der Wahl beherzigen werden. Schöneiche bei Zossen. Bor 120 Versammlungsteilnehmern sprach im Lokale des Herrn Storbeck am Sonntag Genosse P i e ck- Steglitz. In seinen Istzstündigen Ausführungen über die Bedeutung der Reichstagswahl ging er mit den Konservativen und Liberalen scharf ins Gericht. Reicher Beifall lohnte die trefflichen Ausführungen des Referenten. Nach einem Appell der Genossen Schimansst-Schöneberg und Domke- Zossen, den 12. Januar zu einem Siegestag für die Sozialdemo- kratie zu gestalten, wurde die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschloffen. Eichwalde. Schmöckwitz. Zeuthen. Eine äußerst stark besuchte ReichstagSwählerversammlung tagte am Sonntag im Prillschen Lokal in Zeutschen. Auch viele Frauen waren vertreten. Genosse Klueß-Rixdors sprach über die„Aufgaben de« deutschen Reichstages". Nachdem Redner die Tätigkeit der bürgerlichen Parteien im Reichstag einer scharfen Kritik unterzogen und aus deren volksschädigende Steuerpolitik hingewiesen Halle, forderte er die Anwesenden zu einem einmütigen Eintreten für den sozialdemokratischen Kandidaten Genosten Zubeil auf. Genosse B r ü s ch k e ermahnte die Erschienenen noch, sich nicht durch die scheinbare Untätigkeit der bürgerlichen Parteien einlullen zu lasten, da dieselben hinter den Kulisten mit Hilfe der Landräte und Kreis- blätter um so intensiver arbeiten. Nachdem noch einig« Aufnahmen für den sozialdemokratische» Wahlverein gemacht, schloß die Per- sammlung mit einem begeisternden Hoch aus die Sozialdemokratie und den Sieg derselben am 12. Januar 1912. Biesdorf. In einer gutbcsuchte» öffentlichen Versammlung sprach Genoste S p l i e t h über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Der Referent zeigte in seinen mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen, wie die Hurrastimmung, die nach den Hottentottenwahlen die so- genannten Patrioten beherrschte, bald einem um so größeren Katzen- sammer gewichen sei. Di« Nachwahlen haben gezeigt, daß die Niedergenttenen sehr fest im Sattel sitzen. Redner unterzieht dann die gesamte innere und äußere Politik der deutschen Regierung einer vernichtenden Kritik und beleuchtet das stivole Spiel der herrschenden Klasie. Während dem Volke die wichtigsten Nahrungsmittel verteuert werden, ist die Regierung im Bunde mit den Großkapitalisten dabei, den Arbeitern das Koalitionsrecht illusorisch zu machen. Trotz wiederholter Aufforderung des Vorsitzenden meldeten sich anwesende Gegner nicht zum Wort. Mit einem warmen Appell an die An- wesenden. mit allen Kräften für die bevorstehende Wahl zu agitieren, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Wernsdorf. Eine gut besuchte Versammlung nahm am Sonntag im Gasthaus zum Oder-Spree-Kanal ein Referat über die bevorstehenden Reichs- tagSwahlen entgegen. Nachdem der Referent in treffenden AuS- führungen die Zoll- und Sieuergesetzgebung behandelt hatte, rechneten einige Genosten mit der schäbigen Kampfesweise der Gegner ab und forderten zum Beitritt in den sozialdemokratischen Wahlverein auf. Kummersdorf bei Storkow. Bor einer recht zahlreichen Zuhörerschaft referierte Gewerkschafts- sekretär Genoste W u f ch t ck aus Berlin. Eingehend schilderte Redner, wie sich aus den ehemaligen Raub« und Strauchrittern der moderne Junker entwickelte, der das Raubritterhandwerk jetzt viel raffinierter betreibt und die Auspowerung der breiteren Volks- schichten jetzt noch viel gründlicher betrieben wird. An drastischen Beispielen führt« der Redner den Zuhörern vor Augen, wie un- erhörler LuxuS auf der einen Seile und die Verelendung der ärmeren Schichten auf der anderen Seite immer schroffer zutage tritt. Mit der Aufforderung, am 12. Januar für unseren Kandidaten zu stimmen, schloß Redner unter stürmischem Beifall seine Aus- führungen. Nachdem Genoste Bluhme Krilik an den neuen Ver« sicherungSgcseyen geübt, gab Genoste Mitzner noch einige Auf- klärungen über die Wahl und schloß mit einem begeistert aus- genommenen Hoch auf die Sozialdemokratie. Sechs neu« Mit- glieder meldeten sich zur Aufnahme in den Storkower Wahlverein. Partei- Hngelcgenbcitcn« Zweiter Wahlkreis, Friedrichstadt. Mittwoch, den 13. Dezemver, Hl. Abteilung söstl. Hälfte): Zahladend. Vortrag über:„Preußisches Besängniswesen*. Referent: Genoste Richard Barth. '/zlS Uhr: Zahlnacht für Buchdrucker, Stereothpeure, Kino- Operateure usw. Donnerstag, den 14. Dezember, früh s Uhr: Zahlmorgen für Druckerei-Nachtarbeiter. Alle vorstehenden Veranstaltungen finden statt bei Julius Meyer, Oranienstr. 103. Der Vorstand. Dritter Wahlkreis. Für die Bezirke 250—253 und 278 findet ein gemeinsamer Zahlabend mit einem Bortrag bei Wegner, Seydel- straße 30, statt. 5. KreiS. 1. und la-Abteilung: Freitag, den 16. Dezember ct., abends 8>/z Uhr, in den Lunasälen, Königstr. 7: Versammlung. Bortrag des Genossen Mermuth: Stellungnahme zur Reichstags- wähl. Erscheinen dringend notwendig. Rixdorf. Wir ersuchen, die Einladungen zu den heute und morgen stattfindenden Zahlabenden, die aus Grund der Reichstags- Wahlbezirke stattfinden, besonders zu beachten, da fast überall andere Lokale als bisher in Betracht kommen. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß die Reichstags- Wahllisten in den Zahlabenden zur Einsichtnahme auSliegen. Die Parteigenosten können also alle auf dem Zahlabend die Listen ein- sehen. DaS soz. Wahlkomitee. Nieder-Schöneweide. Heute Mittwoch, den 13. d. MtS.. abends 7 Uhr: Flugblaltvcrbreituiig von den Bezirkslokalen.— 8l/3 Uhr: Zahlabend. Der Vorstand. Eichwalde. Heute Mittwoch, abends 8 Uhr: Zahlabend in E. Wittes„Waldschlößchen". Tagesordnung: 1. Die technische Arbeit zur NeichStagSwahl. 2. Berichte. 8. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Die Bezirksleitung. Trebbin. Sonnabend, den 13. Dezember, abends 8% Uhr, im Schützenhaus(W. Fromm): Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: 1. Kaste und Aufnahme neuer Mitglieder. 2 Parteiangelegenheiten. Montag, den 18. Dezember, abends 8l/2 Uhr: Volksversammlung im. Gesellschaftshaus*. Referent: Emil Eichhorn. Sonntag, den 17. Dezember: Handzettelverteilung in Trebbin und Schöneweide bei Luckenwalde. Der Borstand. Basdorf i. d. M. sBez. Pankow). Am Sonntag. 17. Dezember. nachmittags 2 Uhr, bei Sebastian-Basdorf, öffentliche Bersammlung. Genosse Schlemminger- Weißensee referiert über„DaS deutsche Volk und die Reichstagswahlen*. Genossen, sorgt für guten Besuch. Die Agitationskommission. Friedrichshagen. Heute Mittwoch, den 13. Dezember, abends 8l/t Uhr, bei Lerche. Friedrichstr. 112: Außerordentliche Mitgliederversammlung. Auf der Tagesordnung stehen die bevorstehenden Reichstagswahlen. Im weiteren wird die Neu- einteilung der Bezirke bekannt gegeben. Die Einzelzahlabende fallen aus diesem Grunde aus; die Beiträge werden vor der Versammlung kasfiert. Am Donnerstag, den Ii. Dezember, abends S1/* Uhr, im Restaurant Eiskeller, Friedrichstr. 96/97: Oeffentliche Wählerversammlung. Tagesordnung:„Auf zur Reichstagswahl l" Referent ist der Kandidat des Kreises, Genoste Stadthagen. Bernau. Donnerstag, den 14. d. Mts.: Zahlabend in allen Bezirken in den bekannten Lokalen. Mitgliedsbücher sind mitzu- bringen. Die Bezirksleitung. Teltow. Am Freitag, den 16. Dezember, abends 8 Uhr, bei Bonow: Oeffentliche Wählerversammlung. Genosse Zubeil spricht über„Die Reichstagswahlen*. Donnerstag, abends 7 Uhr: Hand- zettelverbreitung. Vollzähliges Erscheinen der Genossen ist erwünschl. �- Berliner j�acbncbten» Keine amtlichen Wahlkarteu in Berlin. Der Berliner Kommunalfreisinn scheint seinen Stolz darin zu setzett, als Feind jedweder Neuerung gelten zu wollen. Die sozialdemokratische Fraktton hatte kürzlich in der Berliner Stadtverordnetenversammlung den Antrag gestellt, den Reichstagswählern eine Legitimationskarte zugehen zulassen, wie dies bereits bei den Stadtverordneten» und Landtagsivahlen der Fall ist. Durch diese Karte würden die Wähler an ihr Wahlrecht erinnert, ferner erführen sie daraus, daß sie in der Liste stünden und außerdem wickele sich das Wahlgeschäst schneller und glatter ab. In der Stadtverordnetenversamm lung wurde gegen die Begründung des Antrages kein Wort gesagt, der Antrag wurde aber geschäftsordnungsgemäß an einen Ausschuß verwiesen, weil er eine Geldforderung in sich schloß. Nach dem Verlauf der Plenarverhandlung konnte man hoffen, daß der Antrag ohne weiteres zur Annahme gelangen würde. Wer diese Hoffnung hatte, wird sehr enttäuscht sein, wenn er hört, daß die Mehrheit des Ausschusses beschlossen hat. die Ablehnung des Antrages bei der Stadtverordnetenversamm- lung zu beantragen. Und welches sind die Gründe, die zu dieser Entschließung geführt haben? Die Wahlbeteiligung in Berlin betrage 71, 80. 90 Proz. Karten könnten da kaum noch eine bessere Beteiligung herbeiführen. Dann käme der Umzugstermin in Betracht; ein großer Prozentsatz Karten würde als unbestellbar zurückkommen. Da könnte mit den Karten Unfug getrieben werden, ja die Wahlmogelei würde geradezu gefördert. Die Zeit zur Ausfertigung der Karten sei zu kurz und endlich verursache die Ausführung des Antrages erhebliche Kosten. Der letztgenannte Grund scheint für die freisinnigen Stadt- Väter der durchschlagende zu sein, während die übrigen Ein- wände nur mit den Haaren herbeigeholt worden sind. Unsere Kommunalfreisinnigen sind leichter geneigt, Maßnahmen zu- zustimmen, wenn sie nichts kosten, als Beschlüsse zu fassen, die mit Ausgaben verbunden sind, auch aus die Gefahr hin, hinter vielen anderen Orten einherzuhinken. Echter Kommunalfreisinn! Mit dem Verkauf der Weihnachtsbäume in den Straßen Berlins ist gestern vormittag begonnen worden. Wie in jedem Jahre, werden auch diesmal den Tetailhändlern ihre Verkaufsstände angewiesen. Fuhrenweise holen sie die Weihnachtstannen auf dem Engrosmarkt an der General Papestraße. Die in verschiedenen Zeitungen vor einiger Zeit gemachten Angaben über teure Weihnachtsbäume treffen nicht ganz zu. Es sind trotz der herrschenden Dürre im vergangenen Sommer solche Mengen an Edeltannen nach Berlin gebracht worden, daß das Angebot ein ganz bedeutendes ist. Auch Doppeltannen kann man viel beobachten. In den kommenden Tagen darf nun der Berliner wieder inmitten der Stadt kleine Tannenhaiire passieren. Dir Ausstellung empfehlenswerter Jugendschriften im Gewerk- schastshaus ist bis einschließlich nächsten Sonntag täglich von 3 bis 9 Uhr geöffnet. Wer es möglich machen kann, möge die Ausstellung an einem Wochentage besuchen, da Sonntags der Andrang zu stark ist. Die BncherauSstellung befindet sich im Saal Hl, nebenan im Saal II hat die Buchhandlung Vorwärts einen Verkauf eingerichtet. — Im Ausstellungsraum des Gewerkschaftshauses befindet sich eine Ausstellung von Wandschmuck und von Schriften zur Bekämpfung der Schundliteratur. Auch diese Ausstellung ist täglich von 3 bis 9 Uhr geöffnet. Die städtische GrundeigentumS-Deputatio» beschäftigte sich in ihrer gestrigen Sitzung mit dem Verkauf deS der Stadt Berlin ge» hörenden Gasthausgrundstücks sRestauranl Zenner) in Treptow. Eine Gesellschaft beabsichtigt auf diesem Grundstück und den angrenzenden Grundstücken bis an die Parkstraße heran einen großen AusstellungS» und VergniigungSpark zu errichten. Die Deputation beschloß, daS fragliche Grundstück vorbehaltlich der Zustimmung der Gemeinde« behörden zu verkaufen. Selbstmord wegen Arbeitslosigkeit. Der Stuhlflechter Schröder. der im Ouergebäude des Hauses Beustelstr. 22 wohnte, hat sich gestern vormittag in Abwesenheit seiner Ehefrau auS einem Fenster zwei Stockwerke tief auf den Hos hinabgestürzt und war sofort tot. Beweg- grund: Arbeitslosigkeit. Elf Schulklasse» wegen Diphtherie geschlossen. Unter den Schülern der 2. Gemeindeschule in der Joachim-Friedrichstraße in Halensee sind mehrere Fälle von Diphtherie aufgetreten, die bereiiS am Sonnabend zur Schließung einer Klaffe geführt haben. Nachdem im Laufe des Sonntags neue Erkrankungen zu verzeichnen waren. wurden am vorgestrigen Montag weitere 10 ftiassen derselben Schule bis auf weiteres geschlossen. Die Räume werden, bevor sie wieder in Benutzung genommen werden, einer gründlichen Desinfektion unterzogen werden. Einbrecher im Ooten, immer. In ber bergan gelten Woche suchtest Einbrecher eiste WoZnung in der Puibuser Straße hei®,
r,.t Sem Haufe Nr. 48 ffioljnTe Httflete Ze!t Per 57 Fahre alte Fabrikarbeiter HanS Lange mit seiner Frau und einer 14jährigen Tochter. Ter Mann war seit fünf Jahren augenleidend und starb vor einigen Tagen. Die Leiche wurde in der kleinen Be- hausung in der Wohnstube aufgebahrt. Dann begab sich Frau Lange mit ihrer Tochter nach der Wohnung ihres Schwagers in der Korsörer Straße, um dort zu über- nachten. Den Sarg ließ sie offen, das Gesicht des Toten verdeckte sie mit einem Tuch. Als sie am Abend des nächsten Tages zurück- kehrte, fand sie ihre Wohnung geöffnet. Zu ihrem Schrecken nahm sie wahr, daß Einbrecher dagewesen waren und aus einer unver- schlossenen Schublade alle ihre Gold- und Schmucksachen, die Ueber- bleibsel aus besseren Tagen, gestohlen hatten. Die goldene Uhr ihres Mannes mit Kette, ihre eigene goldene Uhr, ihr Armband und eine Kette, ein Halsschmuck und«ine Brosche der Tochter, waren verschwunden. Dieser zweite Schlag hat die arme Frau, die seit Jahren durch anstrengende Arbeit für den Lebensunterhalt oer Familie sorgte, auf das Krankenbett geworfen. Die Einbrecher hatten ohne Zweifel die Gelegenheit gekannt. Gesehen hat sie nie- mand, wohl aber hörten die Unterwohner gegen 1l)� Uhr vor- mittags Tritte in dem Totenzimmer. Sie wußten nicht, daß Frau Lange und ihre Tochter nicht zu Hause waren. Die Landhauseinbrecher treiben an verschiedenen Stellen in der Umgebung Berlins wieder ihr Unwesen. Während es im ver- gangenen Jahre gelang, eine Bande, die im Westen„arbeitete", in Berlin mit der Beute festzunehmen, bevor noch die Einbrüche ent- deckt waren, haben jetzt„Spezialisten" in Bergfelde bei Stolp mehr Glück gehabt. Nicht weniger als 11 Landhausbesitzer, die im Winter in Berlin wohnen, entdeckten dort zu ihrer unangenehmen Ueber- raschung, daß sie in der vergangenen Woche unerbetenen Besuch gehabt hatten. Die Einbrecher hatten aus den ohne Aufsicht stehen- den Behausungen alles, was ihnen Mitnehmenswert und für ihre Zwecke brauchbar erschien, weggeschleppt und nach einer entlegenen Villa zusammengetragen. Ueberall hatten sie die Drahtzäune durch- geschnitten, um auf die Grundstücke zu gelangen. Von dem «ammelplatze schafften sie die ganze Beute mit einem Fuhrwerk weg. Man ließ sie dort gewähren, weil man glaubte, daß sie im Auftrage des Eigenttimers mit dem Wagen gekommen wären. In Grätzwalde wurden in der Nacht zum Sonntag sieben kleine Land- Häuser erbrochen. Hier nahmen die Täter u. a. auch mehrere Kisten Wein mit. Weil sie einen großen Teil der bereits zurechtgelegten Beutestücke zurückließen, so ist anzunehmen, daß sie irgendwie ge- stört worden sind. „Schwester Josefa"'nennt sich eine Gaunerin, die zuletzt in Rixdorf in der Maske einer Krankenpflegerin aufgetreten ist. Ein Herr traf sie in einem Restaurant in der Friedrichstadt und nahm die vermeintliche Krankenschwester zur Pfleg« seiner Wirtin mit. Schon am nächsten Tag« mußte die Frau nach dem Krankenhause gebracht werden. Jetzt verschwand die„Pflegerin" und nahm eine große Menge Wäsche aller Art, mit dem Zeichen bl. X., und ein grünes Damenportemonnaie mit 15 M. mit. Die etwa 26 bis 27 Jahre alte Diebin, anscheinend eine Polin, führte«ine Leder- tasche mit der Aufschrift„Schwester Josefa" bei sich. Sie ist mittel- groß und untersetzt, hat dunkelblondes Haar und ein frisches Ge- ficht, zeigt ein sehr lebhaftes und zuvorkommendes Wesen und trug zu ihrer schwarzen Kleidung eine ebenfalls schwarze, kleine Haube und einen ebenfalls schwarzen Gummimantel. Todessturz eines Greises. Ein bedauerlicher Unglücksfall er- eignete sich vorgestern vormittag in der Beusselstraße. Dort bewohnt in dem zweiten Stockwerk des OnergebäudeS im Hause Nr. 22 seit langen Jahren der 70 Jahre alte Invalide Gustav Schröder nnt seiner ebenso alten Frau eine kleine Wohnung. Der alte Mann litt seit dem letzten Jahre an einer Gehirnverkalkung und wurde auch öfter von Krämpfen befallen. Er hatte die Gewohnheit, sich in das nach dem Hose führende Fenster zu legen und sich über diesen hinweg mit einem Knaben im Vorderhause zu unterhalten. i-o tat er es auch gestern vormittag wieder. Plötzlich fiel der alte Monn kopfüber aus dem Fenster auf den afphalticrten Hof. Bei dem Sturz zog er sich einen Schädelbruch zu und blieb tot liegen. Allem Anschein nach ist Schröder von einem Krampf- oder ' Schwindelanfall befallen worden und dadurch in die Tiefe gestürzt. Geschwindigkeitsprüfung des SiemenS-Schuckert. Das Siemens- Schuckert-Luftschiff stieg gestern mitlag 1.35 Uhr unter Führung von Hauptmann v. Krogh zu einer Geschwindigkeitsprüfung bei fast vollkommener Windstille auf. Am Luftschiff waren bei der letzten Fahrt alle außen befindlichen Teile, welche Luftwirbel und dadurch Widerstand erzeugen konnten, nach Möglichkeit entfernt bezw. in die Gondel hineingenommen worden. Hierdurch wurde bei der gestrigen Fahrt, die sich bis zum Müggelsee erstreckte, eine Eigengeschwindig- keil von 1g.L3 Meter in der Sekunde erreicht und alle bisher ge- bauten Prallnflschisfe sehr beträchtlich übertroffen. Wieviel Ge- schlvindigkeitszuwachS die noch beabsichtigte Vergrößerung der Propellersteigung, durch die eine Vollbelastung der Motoren an- gestrebt wird, bringen wird, bleibt abzuwarten. Der Umsatz in den 82 Verkaufsstellen der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend betrug im November dieses Jahres 784 599,04 Mark gegen 445 882,24 M. im November 1910; das sind 338 716,80 Mark mehr. Im Durchschnitt kommen 9570 M. Umsatz auf die Verkaufsstelle. In den fünf Monaten dieses Geschäftsjahres er- gaben sich 3 352 490,31 M. Umsatz gegen 1 507 279,44 M. im gleichen Zeiträume des Vorjahres, also ergibt sich ein Mehr von 1845 210,87 Mark. Die Mitgliederzahl hat 46 000 überschritten und wächst ständig: auch die Hausanteile, die 670 000 M. ergeben. In der Bäckerei steigt der Umsatz rapid, es sind im November 18 831 Brote mehr herausgegangen als im Oktober, nämlich 254 872 Stück. Der Gesamtumsatz in der Bäckerei betrug im November 132 712,25' M., in der Selterwasserfabrik 18 708 Flaschen. Feuer in einer chemische» Fabrik. Gestern vormittag brach in der chemischen Fabrik von Carl Raspe in der Berliner Allee Nr. 112/115 zu Weißen se e Feuer aus. Der Brandherd lag in den Lagerräumen in, Erdgeschoß des Fabrikgebäudes. Neben der Weißenseer Feuerwehr rückte auch der 20. Automobillöschzug der Berliner Feuerwehr aus der Schönlanker Straße nach der Fabrik ■uS. In Tätigkeit trat aber nur die Ortswehr, der es gelang, die Flammen innerhalb einer halben Stunde mit drei Schlauch- .eitungen zu löschen. Der Schaden ist nicht erheblich. Ein großer Kellerbrand alarmierte gestern mittag die Feuerwehr nach der Königsberger Straße 9 im Osten Berlins. Bei Ankunft des 7. Löschzuges stand dort ein Spänekeller in erheb- ticher Ausdehnung in Flammen. Es dauerte über eine Stunde, «be die Gefahr beseitigt war. Die Löschmannschaften hatten unter einer starken Rauchentwicklung sehr zu leiden. Die Ursache des Feuers konnte noch nicht festgestellt werden Vorort- JSachncbtem GroH-Lichterfelde. „Dann muß ich Euch totschießen..." Zögert La am verflossenen Montag drei Arbeiter mit ihrem Handwerkszeug durch die Berliner und Herwarthstraße. Da kam ihnen ein kleiner, paus- bäckiger, anscheinend den wohlhabenden Klassen angehöriger, unge- fähr vier Jahre alter Knabe, mit einem Kindergewehr ausgerüstet, entgegen. Er machte Plötzlich vor den drei Arbeitern Halt und fragte sie:„Seid Ihr denn Arbeiter?" Auf die freundliche Ant- wort:„Jawohl, mein Sobn!" besann sich der Kleine nicht lange und erwiderte mit ernster Miene:„Dann muß ich Euch tot- schießen!", legte an und knallte seine Kinderflinte ab. Die Arbeiter, die sich anfangs über den Jungen amüsiert hatten, be- gannen nachdenklich zu werden und allmählich den Zusammenhang der Dinge zu erfassen. Sie frugen den Knaben, wer ihm denn gesagt habe, daß man die Arbeiter totschießen solle, Vater oder Mutter. Da antwortete er treuherzig:„Meine Mutti". Inzwischen var ein Bruder des Kleinen, ein ungefähr sieben Jahre alter Junge ml! einer Mütze, ivie sie die Schüler an Pen höheren Lehranstalten zu tragen pflegen, herangekommen, dem sich der kleine„Schütze" anschloß.— Das Verhalten des kleinen Jungen läßt weitgehende Schlüsse zu über da? Maß von Wohlwollen und die Absichten in manchen Kreisen der besitzenden Klasse gegenüber der Arbeiierschafi. Es scheint geradezu ausgefchlossen, daß das Kind aus sich selbst heraus auf den Gedanken hätte kommen können, ein paar des Weges kommende Männer totschießen zu wollen aus dem einzigen Grund, weil sie eben Arbeiter seien. Diese Episode ist lehrreich hin- sichtlich der Beurteilung der in manchen patriotischen Kreisen herrschenden Stimmung und moralischen Anschauung, die sie frei- lich nicht hindern wird, in einigen Tagen das„Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" mit besonderer Inbrunst nachzubeten. Unmittelbar der Reichstagswahl auf dem Fuße folgen die Kom- munalwahlen, mit denen sich die örtlichen reaktionären Vereine, speziell der Verband der Grundbesitzervereine, bereits beschäftigen. Von sozialdemokratischer Seite sind dazu beim Gemeindevorstand zwei Anträge eingereicht worden, auf die aber, obwohl seitdem be- reits mehr als sechs Wochen verflossen sind, noch keine Antwort ein- gegangen ist. Der erste Autrag bezweckt d i e T e i l u n g des großen Bezirks westlich der Bäke; diese Teilung ist auch von bürgerlicher Seite beantragt worden, bisher aber ohne jeden Erfolg. Der Grund für die Schwerhörigkeit des Gemeindevorstandes und der Gemeinde- Vertretung ist darin zu suchen, daß bei einer Teilung die Kadetten- anstalt in einem Bezirk ausfiele und die dort beschäftigten Zivil- bediensteten— über hundert Wahlberechtigte!— nicht mehr in dem Maße wie bisher gegen die sozialdemokrattschen Kan- didaten losgelassen werden könnten. Obwohl aus Zweckmätzigkeits- und Billigkeitsgründen gegenüber der Wählerschaft eine Teilung dieses Kommunalwablbezirks notwendig wäre, dürfte eine solche aus dem oben angeführten politischen Grunde aller Wahr- scheinlichkeit nach nicht erfolgen. Der zweite Antrag betrifft die Vornahme der Gemeindewahlen für die 3. Klasse an einem Sonntag. Gegen diesen Antrag könnten eigentlich nur Gründe von dümmster und fadenscheinigster Beschaffenheit vorgebracht werden. Nachdem in Berlin und in den größeren Vororten die Sonntags- wahlen eingeführt sind, könnte eine Weigerung der Gemeinde- Verwaltung von Groß-Lichterselde in der Frage der Sonntagswahl nach außen hin einen sehr unangenehmen Eindruck erwecken, um so mehr, als ein erheblicher Teil der Wähler der 3. Abteilung fern- ab von der Gemeinde beschäftigt ist und nur unter großen Opfern an Zeit und Geld seiner Wahlpflicht an Wochentagen zu genügen vermag. Jedenfalls wird die hoffentlich in Kürze«intreffende Ant- wort des Gemeindevorstandes auf diese beiden Anträge die er- wünschte Klärung bringen. Rixdorf. Ein Besuch der vom Bildungs- und Jugendausschuß gemeinsam veranstalteten Bücherausstellung in Hoppes Festsälen sJnh. Bartsch), Hermannstr. 49/50, kann der Arbeiterschaft nur dringend angeraten werden. Der Eintritt ist frei, ein Kaufzwang besteht nicht. Neben den billigsten, dabei doch geschmackvollen, einfachsten, finden die Be- sucher unzerreißbare sowie prächtig ausgestattete Bilderbücher für die Kleinen, ebenso alle Arten Spiele. Märchen, Erzählungen. Romane, Reisebeschreibungen, wissenschaftliche Werke usw. liegen in so großer Anzahl aus, daß jedes Alter und jeder Geschinack berücksichtigt ist. Wir finden hier billige gute Hefte, schon von 10 Pf. an, andererseits auch die gediegensten Werke, deren Anschaffung sonst dem Arbeiter nur schwer möglich ist. Auch die Klassiker liegen in verschiedenen Auflagen aus. Das ganze Arrangement zeugt von fleißiger Arbeit und gutem Geschmack der Veranstalter. Da auch für den nötigen Sckmuck der Wände gesorgt ist, macht die Ausstellung einen äußerst anheimelnden Eindruck. Köpenick. Kreiskraukenhaus in Köpenick. Vor Jahresfrist beschlossen die städtischen Behörden von Köpenick, aus dem Kreise Teltow nicht auszutreten und demzufolge das An- gebot des KreiseS, in Köpenick ein Kreiskrankenhaus zu errichten, an- zunehnien. In diesem Sinne wurde dann bald daraus zwischen Kreisausschuß und der Stadt Köpenick ein Vertragsentwurf verein- bart, der die Genehmigung der Aufsichtsbehörde gefunden und in der in Kürze erfolgenden Sitzung des Teltower Kreisausschusies zum Bertrag erhoben werden wird. Danach soll bis zum 1. Oklober 1913 in Köpenick auf einem von der Stadt zur Ver- ftigung gestellten 80 000 Quadratmeter großen Gelände in der Kietzer Forst ein Krankenhaus nach den Plänen des Stadtbaurats Kinzer errichtet wurde, das zunächst 120 Betten erhalten wird und einer Erweiterung auf 150 Betten fähig ist. Die Gesamt- kosten des neuen Kreiskrankenhauses sind auf 1 847 000 M. ver- anschlagt. Hiervon entfallen 1289 000 M. aus die Baulichkeiten, 320 000 M. auf die technische Einrichtung, 35 000 M. auf gärtnerische Anlagen und 203 000 M. auf das Inventar. Als Anftoltspersonal sind vorgesehen: außer dem leitenden Arzt 3 Assistenzärzte. 1 Medizinalpraktikaut, 1 Oberschwester, 22 Schwestern, 1 Oberköchin, 1 Oberwäscherin und 35 andere Bedienstete. Kalkberge-Rüdersdorf. Vollständig niedergebrannt ist am Montagabend die dem Bauern- gutsbesitzer Finke dortselbst gehörige Scheune. Auch ein Pferd sowie drei Ziegen sind bei dem Brande ums Leben gekommen. Das gegen- über liegende Pfarrgebäude war arg gefährdet; die Feuerwehren mußten hauptsächlich darauf ihr Augenmerk richten, eine weitere Ausdehnung des Brandes zu verhüten, was ihnen auch glücklicher- weise gelang. Ueber die Ursache des Brandes steht Bestimmtes noch nicht fest. Mariendorf. Aus Anlaß deS von unseren Genossen veranstalteten Eltern- abends vollzog sich am letzten Sonnabend ein eigenartiger Vorgang. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen, die Anmeldung der Ver- anslaltung schon sechs Tage vorher vollzogen war, kam am Sonn- abend, nachmittags 4 Uhr. ein Polizeibeamter, der dem Inhaber des Lokals ein Schreiben überbrachte, in welchem die Genehmigung zur Veranstaltung versagt wurde. Gründe waren weiter nicht an- gegeben, dafür wurde aber die Verweigerung zu einem so späten Termin überbracht, wo auch daS Amtsbureau schon geschlossen und daher ein Einspruch unmöglich war. Bekanntlich wurde am selben Tage von der Schulbehörde ebenfalls ein Elternabend veranstaltet, der aber in einem von der Arbeiterschaft. streng ge- sperrten Lokale stattfand. Als Aequivalent für die fern- gebliebenen Eltern und Kinder wurde deswegen von unseren Genossen eine ähnliche Veranstaltung in Szene gesetzt. Es ist dies schon bereits zum dritten Male geschehen; jedesmal war der Zuspruch ein außerordentlich starker. In der letzten Gemeindcvertreter- sitzung wurde bekanntlich der Gemeindevorsteher von unseren Ge- nassen stark in die Enge getrieben, weil er im vorigen Jahre die Erklärung abgegeben hatte, bei den nächstjährigen Veranstaltungen dafür eintreten zu wollen, daß dieselben auf neutralem Gebiete stattfinden sollen. In dieser letzten Sitzung nun wurde der Gemeinde- Vorsteher sehr ausfallend' und entzog bei der Zurückweisung seiner Angriffe unserem Genossen das Wort. An denselben Gemeinde» Vorstand ist nun irrtümlicherweise die Anmeldung der Veranstaltung gesandt. Dort hat dieselbe»ach Aussage des wach- habenden Polizeibeamten im Amtsbureau bis zum letzten Sonn- abend früh gelegen und ist dann erst»ach dem Amt geiaudt worden. Näheres konnte leider nicht ermittelt werden. Statt- gefunden hat unsere äußerst würdig verlaufene Feier aber doch noch.— Um gleichzeitig den Geist' kennen zu lernen, der den Elternabend der Schulbehörde beherricht, muß man das letzte Pro- gramm durchlesen. Die Schulbehörde sagte früher, daß auf den Elternabenden eine Annäherung und kleinere Aussprachen zwischen Lehrer und Eltern stattfinden sollte, um sich so über die Art der Kindererziehuiig verstäiidigen zu können. Dies wäre an sich ganz nett. Aber daS Programm sagt'S anders. Mit„Lobe den Herrn* wird die Feier eingeleitet und alle anderen Vorführungen durch die Kinder sind streng in Patriotismus und Byzantinismus gehalten; für„Heil dir im Siegerkranz" ist auf der Rückseite des Programms der Text zum �Ntilsiugen abgedruckt.— Es erscheint eher, daß der §weck der Elternabende in der Gemeindeschule ist, die teilnehmenden ltern zu Patrioten zu erziehen. Friedrichshagen. Aus der Gemeindevertretung. Gegen- die Ker Ersatzwahlen. welche am 12. resp. 15. November d. I. stattfanden, sind Einsprüche nicht erfolgt, es wurden daher die Gewählten, darunter der Genosse M i e k e, eingeführt. Ein Antrag auf Errichtung einer öffentlichen Rechtsauskunftsstelle wurde einstimmig angenommen. Der Besuch der Kinematographentheater soll durch Polizeiverordnung geregelt werden, welche besagt, daß Kinder unter 14 Jahren auch in Be- gleitung Erwachsener öffentliche Vorführungen nach 9 Uhr abends nicht mehr besuchen dürfen. Der Ortsteil Hirschgarten soll unter- irdische Entwässerung erhalten, da sich herausgestellt hat, daß bei größeren Regenmengen einzelne Straßenzüge nicht genügend Ab- flutz haben. Die Kosten wurden bewilligt und sollen durch Anleihemittel gedeckt werden. Ein Antrag des Gemeindevor- standes schlägt vor, den Platz vor der Kirche an der Friedrichstraße mit gemustertem Mosaikpslaster herzustellen. Hierzu stellte Berord- ncter Gloedc den Antrag, den Platz an der Bordschwelle der Friedrichstraße außerdem mit einem zwei Meter breiten Rasen- streifen zu versehen. Genosse Barth sprach sich ebenfalls für den Antrag aus, dadurch werde vielleicht die Staubplage etwas gemildert. Sollte der Versuch günstig ausfallen, könnte man später die ganze Friedrichstraße in dieser Weise anlegen. Die Ausgemein- dung der Kaulsdorscr Buschwiesen wird in einem Auttag gefordert. Die Ortschaften Mahlsdorf und Kaulsdorf haben 9000 M. geboten; die Vertretung beschloß, das Angebot zu genehmigen. Der Ertrag soll dem Grunderwerbsfonds zufließen Eine ausgedehnte und zu- weilen sehr heftige Debatte entspann sich infolge der Beschickung der Dresdener Hygiene-Ausstellung durch die Gemeindevertretung. Am 15. September hatte die Vertretung in der geheimen Sitzung be- schloffen, die Ausstellung durch zehn Mitglieder der Gemeinde und den Armen- und Schularzt zu beschicken. Kurze Zeit darauf erschien in der„Friedrichshagener Rundschau" ein Artikel, welcher der Ver- tretung vorwarf, daß sie mit den Gemeindegeldern nicht sparsam genug umginge und daß auch kein offizieller Beschluß vorliege. In der vergangenen Sitzung war der Antrag angenommen, das Blatt: wegen dieses Artikels zu verklagen. Genosse Barth hatte vor dem Schritt gewarnt, und unsere Vertreter stimmten gegen- den Antrag. In dieser Sitzung empfahl nun der Bürgermeister Stiller die Zu- rückziehung der Klage, da der verantwortliche Redakteur bei ihm gewesen sei und versichert habe, daß der Artikel ohne sein Wissen in die Zeitung gelangt sei. Außerdem habe der Redakteur selbst gegen den Verleger der Zeitung wegen dieser Sache Sttafantrag gestellt. Der Antrag auf Einstellung des Verfahrens wird angenommen. Unsere Genossen enthielten sich der Abstimmung. Genosse Barth stellte außerdem noch den Antrag, über die Dresdener Reise noch- mals abzustimmen, da nach seiner Meinung vielleicht«in Form» fehler vorliege. Er betonte, daß sogar die ganze Gemeindever» tretung die Ausstellung hätte besuchen müssen, um so mehr, da gerade die bürgerlichen Vertreter schwer für einen Fortschritt auf dem Gebiete der Gesundheitspflege zu haben sind und sie auf der Ausstellung sehen konnten, was wir noch alles in FriedrichShagen in dieser Hinsicht zu wn hätten. Der Bürgermeister empfahl, daß diejenigen Verordneten, welche die Reise mitgemacht haben, sich der Abstimmung enthalten mögen. Der Antrag Barth wurde darauf. bei einer Anzahl Stimmenthaltungen, mit 7 Stimmen angenommen Adlershof. Der letzten Sitzung der Gemeindevertretung lag folgender Antrag der Armenkommission vor:„Aus Antaß der jetzt herrschenden außer- ordentlichen Teuerung ist den von der Armenkommission laufend llnterstützlen vom 1. November er. ab bis zum 81. März k. I. eine Notstaudsbeihilfe zu den mouallicheu Uulerstützimgen zu gewähren: die Beihilfen werden, wie nachstehend aufgeführt, bemessen: I. Almosenempsänger: a) Einzelpersoiien nionatlich 2 M.; b) ver» Heirateteil Personen ohne Kinder 3 M., mit 2 Kindern 4 M., mit 3—6 Kindern 6 M. II. Pflegegeldempfänger: für jedes unterstützte Kind, auch wenn eS sich bei fremden Leuten befindet, monatlich 1 M. Die Zahlung der Notstandsbeihilfen hat auch an solche Arme zu erfolgen, die noch bis zum t. März k. I. eine lanfende Unterstützung bewilligt erhalten." Der Aulrag wurde abgelehnt. Nach ihrem Statut kann die Armenkommiffion selbständig Unterstützungssätze Bis zur Höhe von 80 M. bewilligen. Es wird deshalb der Arnienkommission anbeim- gestellt, selbständig die einzelnen Unterstützungssätze nach Maßgab« ihres Antrages zu erhöhen. In der nichtöffentlichen Sitzung wurden Terrainangelegenheiten erledigt. Gemeindevertreter-Ersatzwahl. Durch Verzug unseres Genossen Horlitz findet noch in diesem Monat eine Ersatzwahl zur Gemeinde» Vertretung statt. Die Wahl ist am 12. d. Mts. ausgeschrieben und Wahltermin aus Dienstag, den 19. Dezember angesetzt. Die Wahl findet im Lokal von Lehingrübner in der MSmarckstraße vis-a-viS vom Bahnhof statt. Der Bildungsausschuß unterhält in der Zeit vom 10.— 17. De» zember eine Ausstellung mustergültiger Jugendschriften. Bilderbücher, Wandschmuck und Müiichener Künsilerbilderbogen. Die Ausstellung findet im„Jiigendheiin", Bismarckstr. 11, statt und wird der Arbeiter- bevölkerung zur Besichtigung dringend empfohlen. Geöffnet Werk» tagS von 7—10 Uhr abends, Sonntag von 3—10 Uhr abends. Pankow. TodeSsturz in den Fahrstuhlschacht. DaS Opfer«in« Verhäng» nisvollen Türverwechselung, so berichtet jetzt eine Korrespondenz über den von uns in der gestrigen Nummer bereits erwähnten Vorfall, wurde vorgestern der 23 Jahre alte Glaser Max Glaschke, Kaiser-Friedrichstraße 66 wohnhaft. G. hatte den Auftrag erhalten, in der Krügerschcn Tonwarenfabrik in der Berliner Straße 68 im dritten Stockwerk neue Scheiben einzusetzen. Vorgestern suchte er das Gebäude auf, um die schadhaften Stellen zu besichtigen. Als er im dritten Stock an die Fahrstuhltür herankam, war er der irrigen Meinung, es handele sich um eine Zimmertür, und da G. glaubte, auch in diesem verkannten Raum Scheiben ausbessern zu müssen, machte er die Tür auf und trat vor. Sofort stürzte der Ahnungslose in die Tiefe. Mit zerschmetterten Gliedern blieb er im Fahrstuhlschacht liegen. Als der Unglücksfall bald darauf mit- deckt wurde, war der junge Mensch bereits tot. Dem Unglücklichen war der Kopf und der Brustkasten vollständig zerschmettert worden. Wenn diese Meldung mit dem wirklichen Vorgang übereinstimmt, so liegt eine Fahrlässigkeit insofern vor, als die Tür zum Fahrstuhl nicht verschlossen war. Ebensogut wie der verunglückte Glaser hätten demnach auch andere unwissende Personen verunglücken können. Zu drn gestern bereits veröffentlichten Auslagestellen in den einzelnen Vororten tragen wir heute noch folgendes nach: Ablershof. Die Listen- liegen- aus im hiesigen Gemeindeamte 2, Posadowskystraße 1, Zimmer Nr. 3. wochentags während der Dienst- stunden von vormittags 8 bis nachmittags 3 Uhr, am Sonntag, den 1 7. T ez e m b e r, von vormittags 8 bis 10 Uhr. Für Wahlberechtigte, welche verhindert sind, einzusehen, übernehmen folgende Genossen die Einsichtnahme: August, Beck, Bismarckstraße 11) GrnndeiS. nun ODO □□□ Theater und Vergnügungen Mittwoch. 13. Dezember 1911. Ansang 39, Ubr. Berliner. Ein Fallissement. Sieurs Schauspielhaus. Aschen- brödel. Ansang 4 Ubr. Westen. Max und Moritz. NeueS Bolksthratcr. Das Zauber- Thalia. Rotkäppchen. Belle-9Illiance. Aschenbrödel. Rose. Das verzauberte schloß. Walhalla. Der llcine Däumling. Anfang 7'/, Ubr. St. Opernhaus. Der Prophet. St. Schauspielhaus. Die Raben- slcincrin. Deutichcs. Penthesilea. .Havcrland. Spezialitäten. Zirkus Busch. Gala-Vorstellung. Zirkus Schumann. Gala- Vor- ftellung. Anlang 8 Ubr. Urania. Tnubenftraße 48/49. Prof. CouciiZ: lieber Ver- rrbungsgesctze. Hörsaal: Baumeister Phoenix: Grundzüge der Elektrotechnik. Neues Kgl/Operntheater. Doktor Klaus. Kaniinerspiele. Nathan der Weise. «ursürstenoper. Philemon und BaliciS. Berliner. Die Ahnengalerie. Lefsiug. Gudrun. «oini'che Oper. Die Regiments- tochter. Neues Schausvielbaus. HanS SonnenftößerS Höllenfahrt. Neues. Das Mädel von Moni- martre. Westen. Fattnitza. Residenz. Ein Walzer von Chopin. Neues Operette». Die moderne Eva. Kleines. LottchenS Geburtstag. Gentz und Fanny Elßler. Hocken- joS. Schiller O. Die Wildente. Schtt«,-Cliariotteuburg. MaSIe- rade. Friede.> Willi. Schauspielhaus. Sherlock Holmes. Königgrätier Strafte. Spielereien einer Kaiserin. Rose. Die größte Liebe. OUetronoi. Die Nacht von verlin. LnstspielhanS. Die Vergnügung«. reise. Triauon. Mein Baby. Tbolia. Polnische Wirtschaft. Luise». Ausgewiesen. Eafiuo. Der Kampf umS Dasein. SipoUe. Sveziaiiläten. Baliage. Svezialitülen. Hcrrnseld. Schmerzlose Behandlung. Das Kind der Firma. Wintergarten. Spezialitäten. Rrichsoalien. Stclliner Sänger. Konigftadt-Kafiuo. Spezialitälen. Anfang 8'/. Uhr. FolicS Eaprice. Mandelblüth'S Polterabend. Walballa. Teufel, daS hat einge- schlagen I Ronck. Liane, die zweite Fra». Voigt. Eine Judcnsamilie. Ansang S'/, Ubr. Neues Volkstheatrr. Leidenschast. Belle-2lUia»ce. Rarrenspiel. Intimes. Der Brandslistcr. ".' Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—62. Kaiscr-Panorama. II. Reife in Bosnien und Herzegowina. Die sonnige Pfalz a. Rh._ Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Die Ahnengaleric. Abends 8 Uhr: 8piklkmen einer Kaiserin. Belle-Alllanee-Tliealer Heule nachm. 4 Uhr: Aschenbrödel. Abends 8>/, Ubr: Narrcnspiel. Donnerstag 8'/, Uhr: Othello. SchillerTheaterOSl«: Mittwoch, abends 8 Uhr: Die Wildente. Donnerstag, abends 8 Uhr: Don Carlos. Freitag, abends 8 Uhr: Die Wildente. Schiller-Theater Ch,brü?Btten Mittwoch, abends 8 Uhr: IKaskerade. Donnerstag, abends 8 Uhr: Slaslicradc. Freitag, abends 8 Ubr: ldudanio Sans-Gene. Neues Theater. Abends 8 Uhr: DaS Mädel von Montmartre. Crevctte: Fritzi.llaHsary. Sonnt. 3'/, Uhr: Der tidele Bauer. Theater des Westens. 8 Uhr: Fatlnitza. Mittwoch und Sonnabend nachm. 4'/« Uhr: Max und Moritz. onnt. 3V, Uhr: Tie Dame i» Rot. Refideuz-Theater. Direktion Richard Alexander. Heute 8 Uhr: Ein Walzer von Chopin. Schwank in 3 Akt. v. Käroul u. Barrö. Für die deutsche Bühne bearbeitet von Boltcn-Bacckers. Morgen und folgende Tage: Ein Walzer von Ehopin. Frledrlch-WilhclinstUdt. Scbanspielhans. 8 Uhr: Shtllock holMeS Gastspiel Ferdinand Bonn. Luisen-Theater. Heule Mittwoch, abends 8 Uhr: Ausgewiesen. Donnerstag: Etaron««»» Clalrt. Freitag: Premiere: In Bnnkel gcbttllt. Schauspiel in 5 Alten von F. E. Michelle. I Große Franksnrter Str. 132. Nachm. 4 Uhr: IlilZ umMi SetiloS. Abends 8 Uhr: Die größte Liebe. (Der Lumpcnpastor.) Schauspiel in 5 Allen von Paul Zoder. Donnerstag: Tic Barbare». Metropol-Thealer. Die Naclit von Berlin! Große Jahresrcoue in 7 Bildern von Jul. Freund. Musil von B. Holländer. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Ubr. Rauchen gestaltet. Abends ab 8 Uhr. Ein sensationeller Erfolg der großen Attraktionen mit Barl')' Waiden in s. Vaudevillc: Ter Brcttltönig. Känik|8ialll'Ka8ina. EckeHolzmarkt- u. Alexanderstraße vom 1. bis 16. Dezember: Jainllie Müller" große« Volksstück in zwei Bildeni und das reichhaltige MU" SperislltSten-programm. Lormadeiid, den 16. Dezember 1911 im„Gewerk sdiaftshaus", Engelufer No. 15 Buoch Arden Dichtung von Alfred Tennyson. Musik v. Eich. Strauß. Rezitation: Emil Walkotte Am Flügel: Bernhard Nitsche Kinematographische Bilder zur Handlung Eintrittspreis: Im Vorverkauf bei Herrn Paul Horsch, Engelufer 15,'10 Pf., an der Abendkasse 30 Pf. Beginn präzise J> Uhr.— Der Flügel ist von der Finna IBACH freundlichst zur Verfügung gestellt. Midgets Town"WW Die Hauptstadt im Lande der Liliputaner in den Oesomträtunen{ von Castans Panoptikum, Friedrichstr. 165. Größte Attraktion Berlins! 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Sonntag, 17. Dezember: Der Hund von Basferville, Deteltiokomödie in 5 Akten von A. Sachse. Montag, 18. Dezember: Geschloffen. Adml&däipaKcisl! j A"' BjdifztfcitFirirdt'fatiaavwc j Eis-Arena. Von 10 Uhr an geöffnet. Xnchmlttngs:"TS Ifiüitär- Konzert. Um 5',', Uhr; Das Weihuaclitsmärchon Sclineewiltchen Das prachtvolle Eisballott; .Alpenzauber Die kleine Charlotte Apachentänze— Pushballspiel. Bis 6 Uhr und von 10'/« Uhr an halbe Preise. Restaurant ersten Ranges. «WWMZ esth" W riSi 'LI Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: Aleiu vutZA'. Sonntag nachm. 2 Uhr: FranclII«. mit Anten und Donat Herrnleid in den Haup hallen. Vorher: Scinnerzlose Behandlung. Ans. 8 Uhr. Vorverkauf 11—2 Uhr. Passage-Theater. Das große Festprogramm. Der Tniimph der Schönheit! Deheode Kunstwerke Claire Waldolf Der tapfere Herr nngstlich Burlesk-Sketch mit Georg Kaiser u. W. Goldmann in den Hauptrollen und IS Varlets-Sensationen. Acht Wochen>■->-«» Feuerfressern Täglich zu sehen! 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