Nr. 298. nbonnfments-Bädlnflungen: »üonnnnent»> Prri» pränumerando: Lierteljährl. 3�0 Mt, monalL 1,10 SDJf., wöchcnilich 20 Plg, frei in» Hau». Einzelne Nummer B 5fg. Sonntag». numincr mit illusiriener Sonntag»- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- dlbomicmenl: 1,10 Mark pro Monat. Emaettagen in die Post-ZeitungZ- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonncmc!»» nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 28. Jalsrg. Vit TnlertionS'GtbQIfr leträgt für die sechSgefpaltene Kolonel. zeile oder deren Raum 60 Pix., für politische und oewerlschaftliche Verein». und BerfanimIungS-Anzeigen 30 Pfg. „AUW« Hnseicen", da» settgedruckle Wort 20 Pfg.(zulässig S fettgedruclte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und SchlasstclleuaN- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jede» weitere Wort 5 Pfg. Worte über IBBuch- Haben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsfen bis b lltjr nachmittags in der Expedition »dgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abend- geöffnet. CrflScIut tlzN» inBtr Mona«. Vevlinev Volksblstk. Zcntralorgan der rozialdemokrati fehen Partei Deutfcblande. Delegramm- Adresse: .Soilaldkmokral Ecriln", not Redahtion: SM. 68, Lindcnstrasac 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. I.S83. Donnerstag, den 31. Dezember 1911. Expedition: SM. 68, Lindcnstrassc 69« Fernsprecher: Amt Moritzplah, Nr. 1981. v« Reichstagswähler! Die Wählerliften liegen nur»och heute ans Beraube sich niemand durch Lässigkeit seines Wahlrechtes! Sie Theorie des Scharf machertums Unsere Grohkapitalistcn, die Herren der Schwerindustrie, bemühen sich um eine Theorie, die ihre Forderungen an Staat und Gesellschaft stützen soll, mit der sie moralische Erobe- rungen in jenen bürgerlichen Kreisen machen können, denen die nackten Profitinteressen der Industriellen nicht so ohne weiteres als zureichende Gründe einleuchten. Tie Scharf- macher wollen ihre Praxis„wissenschaftlich rechtfertigen" lassen, um ein Stück öffentlicher Meinung für sich zu ge> Winnen. Namentlich um die sogenannte Intelligenz, um ihre technischen und kaufmännischen Angestellten und um die öffentlichen Beamten ist es ihnen zu tun. Aus den ersteren denken sie bei Streiks, Wahlen und ähnlichen Gelegenheiten eine Art freiwilliger Prätoriancrtruppe zu machen. Und die zweite Gruppe ist nicht minder wichtig, denn sie ist die Per- waltung. Sie hat die Gesetze und Verordnungen auszuführen. � c Verwaltung ist unter Umständen wichtiger noch als die Gesetzgebung. Die staatliche Erziehung der Beamten ist ja leider durch- aus nicht so, wie sie die Großindustriellen verlangen müssen. Auf den Universitäten grassiert in den Sozialwissenschaften der Katheders ozialismus, der den Unternehmern verhaßt ist. Denn wenn er auch den Kapitalismus im Ganzen verteidigt, er gesteht den Arbeitern doch gewisse Rechte zu, vertritt ihren Anspruch auf Koalitionsfreiheit und Organisation, hat für Arbeiterschutz und-Versicherung mehr oder minder Verständ- nis und Sympathie, zum Teil auch für Tarifverträge und „konstitutionelle Fabrik". Es gibt zwar einige Professoren, die sich von dieser Richtung abgelvandt haben und„exakte Wirtschaftsforschung" treiben, deren Resultate dem Unter- nehmertum gefallen können. Aber sie sind klein an Zahl und Einfluß. Und der Versuch, ihn zu vergrößern, indem man de.. Rostocker Professor Ehrenberg auf einen Lehrstuhl von Unternehmergnaden in Leipzig setzen wollte, ist vorerst miß- lungen. So müssen die Scharfmacher darangehen, der Sozial- Wissenschaft der Hochschulen eine eigene Wissenschaft entgegen- zusetzen. Und warum sollten sie das nicht. Wie man Wissenschaft- lich gebildete Ingenieure für die Produktion von Waren an- stellt, ebensogut kann man Sozialwissenschaftler anstellen, da- mit sie ein System, eine Theorie des Scharfmachertums pro- duzicren. Tie Besetzung der Hochschulen mit Scharfmacher- Professoren würde freilich die künftigen Angestellten und Be- amten stärker beeinflussen. Aber einmal ist das nicht oder noch nicht zu haben, und zweitens bietet die Anstellung von Sozialwissenschaftlern im direkten Tienst der Industric— als Sekretäre von Untcrnclimerorganisationen— den Vorteil, daß man die Herren besser an der Strippe behält. Ob ein von den Scharsmachcrn lancierter Universitätslehrer mit ihnen stets durch Tick und Dünn geht, ob er es nicht einmal bei allzuweit getriebenen Ansprüchen seiner Gönner mit Rück- sichten aus seinen tvissenschaftlichen Ruf zu tun bekommt, wer kann es wissen! Ter Sekretär der Unternehmerorganisation ist jedenfalls zuverlässiger. Und darum niachen heute die Herren Scharfmacher das Wort des»Kommunistischen Main- fe'�s":„Tie Bourgeoisie... hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt" in einem brutal direkten Sinne wahr, von dem Marx und Engels noch keine Vor- stellung haben konnten. Ter Generalsekretär des Arbeitgeberverbandes der Saar- industrie, Tr. Alexander Tille, hat das Bedürfnis nach einer Theorie des Scharfmachertums befriedigt. In einem vierbändigen Werk*) hat er sie entwickelt. Ter Wissenschaft halber würde es sich nicht verlohnen, die vier Bände durchzusehen. Aber das Werk hat seine Bedeu- tung als ein Dokument des Scharfmachertums, als eine syste- matische Tarstcllung, die seine äußersten Konseguenzen mit absoluter Rücksichtslosigkeit zieht. Es bietet Einblick in das Arsenal, das die geistigen Waffen der bittersten Feinde der Arbeiterbewegung enthält und es ist für die Arbeiterschaft nicht unwichtig, festzustellen, wie stumpf und brüchig diese Waffen sind und zugleich die letzten Ziele der Scharfmacher unverhüllt kennen zu lernen. Jin ersten Band„Die gewerbliche Ertragswirtschaft" cnt- wickelt Tille sein nationalökonomisches System. Er bezeichnet es als„eine den tatsächlichen Verhältnissen der Neuzeit ent- nommene Theorie der ertragswirtschaftlichen Unternehmung" und erhebt den Anspruch, darin etwas ganz Neues zu bieten. In Wirklichkeit aber handelt es sich um eine alte verstaubte Scharteke, die Herr Tille mit einigen neuen Worten für längst bekannte Tinge beklebt hat. Tiefe paar Worte„Ertrags- Wirtschaft, Sparwirtschast" und einige andere, sowie eine ins *) Die Berussstandspolitik des Gewerbe- und Handelsstandes. Verlag von Rosenbaum u. Hart, Berlin. Groteske gehende Verherrlichung des Unternehmertums, der eine ebenso große Mißachtung der Arbeiterschaft entspricht, sind das ganze geistige Eigentum Tillcs in den vier Bänden. Das übrige hat er von den seligen Manchesterleuten, deren Lehre er für die Zwecke der Großindustriellen zurechtstutzt. Wo es sich uni Maßnahmen zugunsten der Unternehmer han- delt— Schutzzölle, Liontingentierungsgesctze und dcrgl.— wird das Prinzip, daß der Staat sich ins Wirtschaftsleben nicht einzumischen habe, ruhig fallen gelassen. In voller Strenge aber wird es aufrechterhalten für das Gebiet d?S Arbeitsverhältnisses. Da soll weiter unumschränkt die allein selig machende freie Konkurrenz walten: nur Angebot und Nachfrage dürfen den Arbeitslohn und die übrigen Arbeits- bedingungen bestimmen. Alles andere, auch die Selbsthilfe der Arbeiter durch Koalition ist eine schädliche Störung der wirtschaftlichen Gesetze. Denn selbstverständlich ist alles ver- dammenswert, was den Unternehmerprofit beschneidet. Ten Unternehmerprofit erklärt und„rechtfertigt" Tille aus dem Risiko des Unternehmers. Er schildert seinen Lesern den Unternehmer zwar viel lieber als einen Mann von gigan- tischer Arbeitsleistung denn als wagenden Kapitalisten, aber zur Verteidigung des Profits muß er sich doch auf das Unter- nchmerrisiko zurückziehen, da er unmöglich die allbekannte Tatsache leugnen kann, daß nicht wenige Unternehmer nicht arbeiten, nicht leiten, sondern ihre Arbeit durch Angestellte verrichten lassen. Tie Hauptsäule des neugebackenen Tilleschen Systems ist also ein Argument, mit dem die junge deutsche Sozialdemo- kratie schon vor mehr als dO Jahren spielend fertig wurde. Mit dem Hinweis auf das Unternehmerrisiko wollte Schulze- Delitzsch die vernichtende Kritik parieren, die Lassalle im „Basiiat-Schulze" an der liberalen Vulgär- und Harmonie- dusel-Oekonomie geübt hatte. Zwei Jahre nach Lassallcs Tode erschien die Schulzesche Erwiderung„Die Abschaffung des geschäftlichen Risikos durch Herrn Lassalle". Schweitzer hat sie in einer prächtigen Artikelserie des„Sozialdemokrat"(später unter dem Titel„Der tote Schulze gegen den lebenden Lassalle" als Broschüre erschienen) mit dem Nachweis abgetan, daß es in der sozialistischen Gesellschaft kein Unter- nehmerrisiko gibt. Denn in ihr wird die Produktion von der Gesellschaft betrieben und nicht, wie heute, durch vereinzelte Unternehmer, die neben- und gegen- einander arbeiten, und infolge ihrer Isolierung nicht übersehen können, welches Quantum ihrer Waren dem gesellschaftlichen Bedarf entsprechen würde. In der sozialistischen Gesellschaft ist planmäßige Produktion, da sich der gesellschaftliche Bedarf annähernd feststellen und die Warcnherstellung danach regeln läßt. Weicht die Schätzung des Bedarfs, die von der Statistik des Verbrauchs auszugehen hat, doin wirklichen Konsum ab, so fällt der Verlust, die un- nütze Verausgabung von Rohmaterial und Arbeitskraft, der Gesamtheit zur Last. Das ehemalige Unternehnicrrisiko ist, soweit es nicht beseitigt wird, auf die Gesellschaft verteilt. Solche Produktionsrcgelnng vermag sich freilich Tille nicht vorzustellen. Also dekretiert er. daß sie unmöglich sei. Ob- gleich ihm die Kartelle und Trusts zeigen könnten, daß es schon heute, wo es eine brauchbare Statistik des Verbrauchs nicht gibt, an Ansätzen'nicht mehr fehlt, die Produktion dem Bedarf anzupassen und das Unternehmcrrisiko einzuschränken. Trotz dieser schlagenden Tatsachen bring es Tille fertig, die Unmöglichkeit der sozialistischen Produktionsweise damit zu beweisen, daß sie— keine Unternehmer haben wird. Weil bei Abschaffung des Unternehmerprofits niemand das Unter- nehmerrisiko auf sich nehmen werde. Daß die sozialistische Gesellschaft wohl Leiter der Produktion, aber keine Unter- nehmer braucht, das geht nicht in seinen Kopf hinein. Denn der Unternehmer ist ihm die Säule, darauf der ganze Bau des wirtschaftlichen Lebens ruht. Damit kommen wir wieder zu der anderen Seite des Tilleschen Systems, wo der Unternehmer als der Berge versetzende geistige Arbeiter erscheint. Ter Schwindel verdient eine besondere Betrachtung. Warum werden die an dem Tode de; Arbeiter! herrmann schuldigen fPoiizei- beamleo nicht angeklagt? Diese Frage erfuhr eine Beleuchtung vor der dritten Straf. kammer des Landgericht? Leipzig. Angellagt war der Handlungs. gehilie Wilhelm Zimmermann wegen Beleidigung der Berliner Staatsanwaltschaft. Am l t. März tagte im Osten Leipzig» eine Volksversammlung, in der Rechtsanwalt Genosse Roscnfeld aus Berlin über das Thema:„Moabit und Essen" sprach. In der Diskussion meldete sich Zimmermann, der der Demokratischen Bereinigung angehört, zum Worte. Er gebrauchte in Beziehung auf die Berliner Polizei die Worte:.Getrennt marschiert und vereint blamiert", und führte aus, daß die Berliner Staatsanwaltschaft bestrebt sei, Dinge zu finden, die gar nicht existierten. Man müsse daher auf den Gedanken kommen, daß cS gar nicht verwunderlich sei, wenn die Staatsanwaltschaft den Mörder HerrmannS nicht findet, denn sie wolle ihn eben nicht finden. Der Angeklagte erklärte, er habe nur gesagt, man müsse auf den Gedanken kommen, die Staatsanwaltschaft möchte den Mörder nicht gern finden. Indessen bekundete der überwachende Bcamie ans das bcsiimmtestc, daß die Acußcrung so gefallen sei, wie er sie stenographiert habe. Als Zeuge trat Staatsanwalt Stclzner-Berlin auf, um dar- zutun, was die Staatsanwaltschaft in der Mordsache Herrmann getan hat. Herrmann hat am 27. September auf der Wiclcf- stratze in Berlin die Verletzungen erhalten, an denen er am I. Oktober im Krankenhanse gestorben ist. Am 5. Oktober ging bei der Staatsanwaltschaft die erste Anzeige ein und noch am gleichen Tage wurde noch die Leichenöffnung verfügt, die ergab, daß der Verletzte an einer Gehirnhautentzündung gestorben fei, deren Ursache offenbar in einer Kopfverletzung zu finden war. Sechs Tage später, am 1l. Oktober, wurden die Akten dem Polizei» Präsidenten zur Erörterung der Schnldfrage zugestellt. Einen Tag zuvor hatte nämlich eine Frau mitgeteilt, Schutzmann Nr. 3447 oder 5447 sei der Täter. Es hat sich aber, wie Herr Stclzner aussagte, herausgestellt, daß der eine Schntzmann an dein Tage krank und der andere in einem nicht in Betracht kommenden Revier tätig gewesen sei. Tie Polizei hat darauf noch mehrere Personen vernommen, die Witwe Herrniann, den Arbeiter Schöne- beck, den Portier Mathysiak, den Installateur Wicke und einen Mann namens Steiger. Von der Polizei kamen die Akten am 23. Oktober zurück. ES lag kein Anhält zu weiteren Crörtcrnngen Mehr vor, und die Staatsanwaltschaft erwartete, daß die für den 9. November an- gesetzte LandgerichtSverhaiidlung nähere Anhaltspunkte ergeben werde. Die StAitsanwaltschast verfügte daher am 25. Oktober folgendermaßen: Ein Anhalt besteht nicht; noch weitere Schubleute z» hören, ist ohne Aussicht, auch eine Gegenüberstellung würde jedenfalls ergebnislos verlausen; es kann unter diesen Umständen nicht aufgeklört werden, ob der Säbel eines Schubmanns den Herrmann getötet hat und, wenn das der Fall wäre, ob der Bcainte in rechtmässiger Ausübung seines Amtes sich befunden lmbe. Es sollte zunächst die Hauptvcrhandlnng abgewartet werden. Als am 1. Dezember ein Zeuge vor Gericht bekundete, daß Herrmann von zwoi Schutzleuten geschlagen worden war, wandte sich die Staatsanwaltschaft wiederum an den Polizeipräsidenten mit dem Ersuchen, den Fall nach Möglichkeit aufzuklären und den Schuldigen zu ermitteln. Die Polizei vernahm darauf 51 Beamte, die an der ReformationLkirche Dienst gehabt hatten; alle bc- kündeten, keiner von ihnen habe ans einen einzelnen Mann ge- schlagen und keiner von ihnen habe gesehen, das? ein Schubmann auf Hcrrmann eingeschlagen hat. Ter Polizeipräsident bat, die sämtlichen Beamten zur Hauptverhandlung als Zeugen zu laden. Aber die Staatsanwaltschaft sah davon ab, weil durch die Per- nehmung der Beamten nur ein negativer Beweis geführt worden wäre. Weder die Verhandlung vor dem Landgericht noch die sich anschließende Schwurgerichtsvcrhandlung brachten einen Anhalt zur Ermittelung des Täters. Am 24. Januar, nach Schluß de? Schwurgerichts, trat daher die Staatsanwaltschaft in weitere Er- örternngen ein. Sie vcranlaßte, daß mehrere Personen, die etwas von dem Ilcbcrfall ans Hcrrmann gesehen haben wollten, vorm Amtsgericht vernommen wurden. Eine Frau Jordan sagte ans, sie habe gesehen, wie ein Schutz- mann mit gezogenem Säbel ans Herrmann zugelaufen sei und Herrmann sei danach noch von einem zweiten Schutzmann ge- schlagen worden. Aber sie würde die Schutzleute nicht wieder erkennen, ihre Nummern wisse sie auch nicht anzugeben. Am 29. Februar seien diese Leute vernommen worden. Er(der Zeuge) selber habe dann am 1, März den Vorarbeiter Schauer vernommen, der mit Hcrrmann zusammen gearbeitet hat, ferner den In- stallateur Wicke, den Mechaniker Freitag und zwei andere Per- sonen. Tarauf habe er am 14. März noch fünf andere Zeugen ick'- gehört, am 29. März den Arbeiter Schönebeck und am folgenden Tage den Kaufmann Richlcr. Er(der Zeuge) sei in zwei Wob- nungen gewesen, von denen aus man die Stelle sehen kann, loa Herrmann geschlagen worden ist. Weiter sei er bei einem Milch- Händler, beim Geistlichen der Reformierten Kirche, aus der linsall- station und im Krankenhause gewesen, um Nachforschungen an- zustellen. Ter Verdacht, daß Schubleutc die Täter waren, habe sich verstärkt. Deshalb sei bereits am 6. März verfügt worden, daß sämtliche Beamte, die an dem in Betracht kommenden Tage in jener Gegend Dienst hatten, vernommen würden. Auch sollten die Schutzleute den Augenzeugen gegenübergestellt werden. Am 19. März seien die Akten wieder an die Staatsanwaltschaft zurück» gekommen. Es bestand ein Zweifel darüber, ob der Fall Herrmann mit der Räumung der Wiclefstraße zusammenhing. Es lag aber daiiir die Wahrscheinlichkeit vor, deshalb bcaniragtc der Polizei- Präsident, 14 Beamte eidlich zu vernehmen. Ani 21. März erging deshalb ein neues Ersuchen an das Amtsgericht, 59 Polizcibcamte den Augenzeugen gegenüberzustellen, sie zu fragen, wo sie ge- standen haben und wer den Herrmann geschlagen hat. Abc: cj ergab sich, daß die Namcillistc der Polizei äußerst mangelhaft war; es befanden sich- darin Namen von Beamten, die gar- nicht Dienst gc.habt hatten, und umgekehrt fehlten Namen darin von Beamten, die Dienst verrichtet hatten. Am 30. März beantragte deshalb die Staatsanwaltschaft, sämtliche Schutzleute des Nadfahrerkommando? Horn und die Mitglieder eines anderen Kommandos zu vernehmen, das in der Nähe stationiert gewesen ist. Am 4. April beantragte der Zeuge, noch weitere Schutzleute, die nicht in den Listen standen, zu vcr- nehmen. Auch zwei von Nechtöaiuvalt Heine benannte Zeugen sind vernommen worden. So sind die Nachforschungen stetig fort- gesevt worden, ohne indes etwas Positives zu erbringen. ES seien etwa!tOO Schutzleute und 40 Zivilpersonen vernommen worden; 180— ISO Schutzleute sind jedoch unvereidigt geblieben. Tic Staatsanwaltschaft habe beantragt, diese Leute zu vereidigen, der Antrag sei aber vom Amtsgericht abgelehnt worden nach § 56,2 der Strafprozeßordnung, wegen Verdachts der Mittäterschaft. Ta noch immer die Möglichkeit vorlag, daß nicht alle Schutzleute, die in Moabit Dienst getan haben, in den Listen geführt und vcr- nommen worden waren, sei er(der Zeuge) nochmals an den Polizeipräsidenten herangetreten mit dem Ersuchen, die Listen genau zu prüfen. Ter Polizeipräsident habe daraufhin neue Listen angefertigt, aber dabei bemerkt, cS sei schwer, genaue Listen herzustellen. Tie letzten Vernehmungen hätten am 5. Juli stattgefunden und nichts ergeben. Schließlich habe die Staatsanwaltschaft noch Beschwerde wegen der Nichtvereidigung der Beamten eingelegt; die Beschwerde sei aber vom Gericht am 15. September zurück- gciviescn worden. Ter Zeuge versichert zum Schluß, daß die Staatsanwaltschaft nichts versäumt habe, um den Täter zu er- mittel». Ter Staaisauwaltschaft selbst hätte außerordentlich viel daran gelegen» die Angelegenheit aufzuhellen, schon wegen der vielen Vorwürfe, die ihr gemacht worden sind. Der Vorsitzende, Landgcrichtsdirektor Dr. Groß, fragte den Zeugen noch, warum keine Belohnung ausgesetzt worden sei, worauf Staatsanwalt Stelzner erwiderte, daß der Polizeipräsident keine Fonds dafür zur Verfügung habe, und als man erfuhr, daß ein Schutzmann in Frage komme, da war schon lange Zeit ver- flössen. Anfangs Dezember fei die Staatsanwaltschaft noch nicht sicher gewesen, daß ein Schutzmann als Täter in Frage kam. RechtSanlvalt Dr. Roscnfeld sowie Genosse Mühlinghaus, der die Versammlimg geleitet hatte, konnten über die inkriminierte Aeußerung nichts Genaues aussagen. Verteidiger Justizrat Mclos vertrat das Recht deS Staatsbürgers, Kritik zu üben, denn der Angeklagte wie jeder Staatsbürger könne einmal der Jemand fein, der mit dem Polizeifäbcl bearbeitet wird. In der ersten Zeit fei das Notwendige nicht geschehen, um den Fall Hcrrmann aufzuklären. Er beantragte Freisprechung. TaS Landgericht verurteilte den Augcklagien zu einem Monat Gefängnis. Das Urteil soll in der„Leipziger Aolkszeitung", in den„Leipziger Neuesten Nachrichten" und im„Leipziger Tageblatt" sowie im„Berliner Tageblatt" veröffentlicht werden. Das Ende vom Liede ist also, daß zurzeit die Schuldigen un- aufsindbar sind und der Witwe des Erschlagenen die ihr ge- bührcnde Rente vom Fiskus vorenthalten wird. Eine eigenartige Beleuchtung unserer Rechts- und Sicherheitszustände. Würde die Polizei, deren Ermittelungen für die Staatsanwaltschaft die Grundlage abgebe», auch in dem Falle unfähig gewesen sein, die Totschläger zu entdecken, wenn nicht Herrmann, sondern der Kchlengewaltige Stinncs von zwei Polizeibcamten niedergeschlagen wäre? Die Sicherheit Berlins erfordert dringend, die Sichcrheits- Polizei der Polizei abzunehmen und sie der Stadt zu übertragen. Zill' ficichslagswal)!. Ein Schulbeispiel bürgerlichen WahlschwindelS. Im ersten Nachtrag zum„Nationalliberaler�Handbuch" befindet sich auf Seite 4 folgender„Beweis" für die Belastung der Arbeiter durch die Sozialdemokratie: „Ter Verband der Sattler lOrtsverwaltung Berlin) hatte in der Zeit vom 1. April bis 30. Juni 1908 nach dem Bericht des „Vorwärts" folgende Einnahmen aus den Beiträgen seiner Mit- glicdcr zu verzeichnen: Kasse der Ortsverwaltung 26 914 M., Lokalkasse 15 257 M., Berliner Verivaltung 4035 M., zusammen also 46 206 M. Die durchschnittliche Zahl der Mitglieder betrug 1982, so daß aus daö einzelne Mitglied ein Betrag von durch- fchnitilich 1,84 M. wöchentlich oder 03,68 M. jährlich entfällt. Diese Steuer entspricht in dcni als reaktionär verschrienen Preußen einem Einkommeti von 4200 M. Würde sich die Sozialdemokratie bei der Einschätzung ihrer Stcucrpslichtigcii von den gleichen gerechten Grundsätzen leiten lassen, wie sie bei der Beratung der Steuerreform der Preußische Landtag verfolgte, so müßten die Berliner organisierten Sattler ein durchschnittliches Einkommen von 4200 M. haben. Ist ihr Einkommen geringer, so beweist das nur, datz die ungerechteste und drückendste Besteuerung gerade bei der Sozialdemokratie zu finden ist." Soweit das Handbuch. Wie jeder mit den gewerkschaftlichen Einrichtungen auch nur halbwegs Vertraute sofort einsieht, kann die Rechnung gar nicht stimmen. Wie kommt nun der national- liberale Schlaumeier zu seinem Resultat? Er setzt zunächst samt- lichc Kasscnbcständc aller drei Kassen in Höhe von 11 339 M. als Einnahme aus Mitgliederbeiträgen ein; dann bucht er die 20 Proz., die der Lokalkasse als Vcrwaltungskostcn zufallen, und die natur- gemäß in beiden Abrechnungen als Einnahme erscheinen, zweimal als Eijrnahme; weiter setzt er 1753 M. Ertrabeiträge, die auS der Lokalkasse geleistet wurden, in die Rechnung, und schließlich werden auch noch 13 900 M., die auS der Hauptkasse als Zuschuß zu den Ausgaben geleistet wurden, als auS Mitgliederbeiträgen ein- genommen eingesetzt. Außerdem noch einige kleinere Posten, wie Einnahme der Bibliotheken usw. Stellen wir nun das nationallibrralc'Wahlexempel richtig, so ergeben sich folgende Zahlen: ES betrug die Einnahme auS Ein- trittSgcldcrn und Mitgliederbeiträgen in der � Kasse der Ortsverwaltung 10 146,95 M. Lokalkassc...... 6 750,60, zusammen 16 896,60 M. Das ist ungefähr ein Drittel der von dem national- liberalen Wahlschwindlcr angegebenen Summe. Der„Irrtum" ist also recht stark. Eigenartigerweise hat der Rechenmeister die andere Seite der Abrechnung, nämlich die Ausgaben de» Verbandes, ganz übersehen. Er müßte aber doch wissen, daß die Verwendung der Summen für die Beurteilung nicht ganz unwesentlich ist. Er hätte allerdings dann berichten müssen, daß die Zahlstelle in demselben Vierteljahr, in dem sie nicht ganz 17 999 M. von den Mitgliedern erhielt, rund 25 000 Marian UnterstützungenallerArt auszahlte. Das hätte das nationallibcrale Konzept völlig verdorben. So ist es immer mit diesen Statistiken. Vielleicht erfahren wir aus dem nächsten Nachtrag zum Hand- buch, wieviel von den an den Staat geleisteten Steuern an die Arbeiter zurückfließen! Vielleicht erhalten wir auch eine Ausrechnung über die Summen, die jeder Arbeiter in Form von indirekten Steuern an das Reich zahlt und welchem Einkommen diese Summen entsprechen, wenn die„Gerechtigkeit" der prcußi- scheu Steuerreform zugrunde gelegt wird. »» » Zentrumsterrorismus in der Oberpfalz. Je näher der Wahltermin heranrückt, desto lebhafter wird cZ in den schwarzen Gefilden der Obcrpfalz. Ter Tcrrorismus der geistlichen Herren feiert wahre Orgien. Wenn die Sozialdemokraten Versammlungen einberufen wollen, dürfen sie sie erst kurz vor Beginn bekannt machen, weil sie sonst sicher durch Saalabtreiberci daran gehindert werden. Am Sonntag sollte in Schwarzcnseld eine sozialdemokratische Versammlung stattfinden,- zu der am Vor- mittag durch Flugblätter eingeladen wurde. Das rief im Ort un- geheuere Aufregung hervor. Der Wirt zog plötzlich seine Zusage zurück. Im Lokal fanden sich nach der Kirche die Ortsbewohner ein, aufgeregt diskutierend und Drohungen ausstoßend. So erklärte der Sohn des Bürgermeisters: „Vor drei Jahren san's kcmma bis zum Kloster, wie sie dort die Stein habn fliegen sehn, san's wieder umgekehrt. Diesmal gehts ihnen nit anders. Und wenn der Referent spricht, kommen zuerst die Bierfilzeln g'slogn; wenn er dann nicht aufhört, kommen die Halbckrügeln(Scidelgläscr), und wenn er dann noch nit geht. wird ihm's Dach gehörig eindeckt." Als nachmittags der Referent, Genosse Brede aus Nürnberg, ankam, erwartete ihn der Einbcrufer am Bahnhof und riet ihm mit Rücksicht auf die Stimmung der verhetzten Bevölkerung, nicht in den Ort zu gehen, sondern mit dem nächsten Zuge wieder abzufahren. Der Referent ließ sich aber nicht abschrecken und begab sich in das Lokal, wo sich zirka 120 Personen einfanden undauchbalddcr Pfarrer mit dem Kaplan auftauchte. Nach längeren Auseinandersetzungen mit Brcdcr, der ihn fragte, ob er es für anständig halte, anderen Parteien die Versammlungslokale abzu- treiben, erklärte der Pfarrer, er habe nichts dagegen, wenn die Ver- sammlung stattfinde. Als man aber zur Eröffnung überging, „ernannt c" der Pfarrer ohne weiteres einen Vorsitzenden aus seiner Garde und beanspruchte als erster Redner das Wort, das er auch nahm, trotz des Protestes unserer Genossen, die die Versamm- lung cinbenifen hatten. Sic wurden einfach niedergebrüllt. Der geistliche Herr holte zu stundenlangen Schimpfereien auf die Sozial- dcmokratic aus, begleitet von dem Geheul seiner fanatisicrten An- Hänger. Von dem SicgcSgcbrüll der schwarzen Schar verfolgt, mußten unsere Genossen schließlich das Feld räumen. Mit der„g u a t Sach" muß es wirklich windig aussehen, wenn man zu solch vcr- zweifelten Mittlen greifen muß, um sie zu halten. ».» » Der Wahlkampf in den ostpreußischcn Gefilden. Aehnlich wie in den streng katholischen Gegenden da?„mo- ralische", für die heiligsten Güter der Menschheit kämpfende Zen- tr»m, haust in den ostpreußischeu Gefilden die Junkerpartei. AnS dem ostpreußischeu Wahlkreise Osterode-Ncidenburg wird dem„Verl. Tagebl." geschrieben: Der Wahlkamps nimmt hier immer rohere Formen an. Es liegt dies hauptsächlich daran, daß die Konservativen eine ganz bestimmte Kohorte gebildet haben, lediglich zu dem Zweck, die nationalliberalcn Versammlungen zu stören und durch Zwischen- rufe und Radau die Redner am Sprechen zu hindern. Als kürz- lich einige von diesen Leuten in Gregcrsdorf bei Rcidenburg aus dem Versammlungsraum verwiesen wurden, kam es zu wüsten Szenen. Mit Stöcken wurde an das Fenster geschlagen und auf alle mögliche Weise versucht, die zurückgebliebenen Zuhörer ein- zuschüchtcrn und zum Verlassen der Versammlung zu bewegen. Nock» schlimmer kam es nach der Versammlung. Als der natio- nalliberale Parteisekretär aus dem Dorfe Gregersdors hinaus- fuhr, da ertönte ein Pfiff und bald darauf wurden das Gespann und seine Insassen mit faustgroßen, steinen beworfen. Ein Stein riß dem Parteisekretär die Pelzmütze vom Kopf, ei» zweiter traf seinen Begleiter, ein dritter den Kutscher, während viele Steine über das Gefährt binwcgflogen. Erst als die in dieser Weise Bedrohten zu ihrer Verteidigung zwei R c v o l v e r s ch ü s s e abfeuerten, ließ der Steinhagel ligch und das Gefährt konnte ungehindert Muschaken erreichen. Auch hier suchten die konservativen Agitatoren� die schnell hinterher gefahren waren, in den Versammlungsraum einzudringen, wurden aber von dem Besitzer an der Tür zurück- gewiesen. Der Ueberfall in Gregersdors wurde sofort der Staatsanwaltschaft angezeigt. freisinnige ciigentaktik. Eine Berliner Korrespondenz, deren Herausgeber sich die vcr- herrlichung des Berliner Kommunalfreisinns zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheinst hat dieser Tage versucht, auf ihre Weise auch im Reichstagswahlkampf fördernd für den Berliner Freisinn zu wirken. Das Mittel, zu dem diese Korrespondenz greift, ist das der Lüge. Zunächst galt es, gegen die sozialdemo- kratifche Kandidatur im 3. Berliner Wahlkreise vorzugehen. DaS geschah durch eine Notiz, die, soweit wir gesehen haben, nur in der„Vossischen Zeitung" Aufnahme fand und folgendermaßen lautete: „Heine— Pfannkuch. Im 3. Berliner ReichstagSwahlkreise (Luiscustadt) kam es in der letzien Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins zu stürmischen Auftritten. Ein Teil der Erschienenen murrte offen über die'Bciseiteschiebung d«S Abg. Heine und beanspruchte für sich das Recht, den Kandidaten selbst aufzustellen und sich nichl vom Parteivorstandc ausoktroyieren zu lassen. Gegen die Ausstellung des Parteisekretärs Pfannkuch wurde heftig opponiert. Es wurde darauf hingewiesen, daß Pfannkuch schon längst vom Parteivorstande und dem„Vortoärts" als alleiniger Kandidat genannt worden sei, ohne daß man die Genossen gefragt habe. Solche„Schiebungen",„Ernennungen" und„Komödien" dürften in Berlin und in der sozialdemokrati- schcn Partei nicht vorkommen." Der Inhalt dieser Notiz ist von A bis Z erfunden. Aus diesem Grunde hat Genosse Pfannkuch folgende Erklärung an die.Vossische Zeitung" gerichtet: „1. Es ist nicht richtig, daß Genosse Hein« beiseite ge- schoben ist. Richtig ist, daß Genosse Heine im Sommer 1910 dem Vor- stand des Sozialdemokratischen Wahlvereins des 3. Berliner ReichStagswahlkreifeS brieflich anzeigte, daß er nach Ablauf der Legislaturperiode im 3. Berliner Wahlkreis nicht wieder kandi- dicren werde. 2. Es ist nicht richtig, daß meine Kandidatur den Genossen deS 3. Berliner ReichstagswahlkrciseS vom Parteivorstand auf- oktrohiert worden ist. Nichtig ist, daß auf Beschluß d«S Vorstandes des Wahlvcr- ein? mehrere Genossen sondiert wurden, ob sie zur Uebcrnahme der Kandidatur bereit seien. So wurde auch ich befragt, ich sagte zu, nachdem ich die Gewißheit hatt«, daß Genosse Heine nicht wieder kandidieren wolle. Davaufhin resolvierte der Vorstand des Wahlvereins einstimmig, der Generalversammlung meine Kandidatur in Vor- schlag zu bringen. Das ist geschehen. Die stark besuchte Generalversammlung stellte meine Kandidatur mit allen gegen 2 Stimmen auf. Die Genoffen haben somit das Recht, selbst zu entscheiden, im Rahmen der selbstgegebenen Organisation uneingeschränkt ausgeübt. Der Parleiborstand hak mik meiner Kandidatur km S. Bcr» lincr Wahlkreis sich in keinem Stadium d«r Ausstellung befaßt; ebcnsoivcnig der„Vorlvärts". Eine Versammlung, in der es zu stürmischen Austritten auS Anlaß der Ausstellung meiner Kandidatur gekommen sei, hat nicht stattgefunden. Ich wäre der Redaktion dankbar, wenn sie über Zeit und Ort, wann und wo die stürmische Versammlung statlgesundcn hat, bestimmte Angaben machen wollte. Ohne Widerspruch wurde in der am 19. er. abgehaltenen Wählerversammlung im„Deutschen Hof", Luckauer Straße, fest- gestellt, daß noch niemals im 3. Kreis die Ausstellung einer Kan- didatur so ruhig und einmütig vollzogen worden sei, wie die meinige, Hochachtend W. Pfannkuch." Die„Vossische Zeitung" hat dieses Schreiben nicht abgedruckt, wohl aber seinen Inhalt knapp wiedergegeben. Gleichzeitig er- klärt das Blatt, daß sein Gewährsmann auf die Frage, wann und wo die stürmische Versammlung stattgefunden habe, in der die von ihm berichteten Vorgänge sich zugetragen haben sollen, gcant- wortet habe, daß es sich um sozialdemokratische Versammlungen handele, die am 12. Dezember in der„Neuen Philharmonie" und im„Märkischen Hof" stattgefunden haben. Wir können nur wiederholen, was schon in der Erklärung des Genossen Pfannkuch festgestellt ist, daß diese Behauptung eine faustdicke Lüge ist. ES muß schlecht um die Sache deS Freisinns stehen, wenn zur Betreibung freisinniger Agitation derartige Schwindelmanöver notwendig sind._ poUrtfebe CTcberfkbt Berlin, den 20. Dezember 1911. Neben dem Flottenverein ein— Wchrverci«. Der politisierende Generalmajor Keim ist ein Mann pon iinbändigeni Tatendrang. Bei den Hottentottenwahlcn des Jahres 1907 stand er auf der Komniandobriicke des Flottenvereins und betätigte sich in idealer Konkurrenz mit dem Reichsverbandskameraden V. Sichert als„nationaler" Wahlstratege. Er verfügte damals nicht allein über die Mittel des Flottcnvereins, sondern aktive Marincmannschaftcn standen ihm sogar zur Verfügung. Seit jener glorreichen Zeit hat es im Flottenvereiu aber gekriselt und gekracht. und Herr Generalmajor Keim hat seine kostbare Kraft nicht mehr in vollem Umfange auf die Flottentrciberei und Eng- landhetze werfen können. Aber wir haben ja nicht bloß eine Flotte, wir haben auch ein S a n d h e e r, für das man kräftig die Riistungspauke schlagen kann. Und lvenn der Flottenrerein eine Organisation ist, die immer mehr und immer neue Kähne auf Aegirs Fluten sehen will, warum soll es nicht auch eine Organisation geben, die für immer mehr Soldaten agitiert? Ties oder ähnliches mag Herr Generalmajor Keim ge- dacht haben, als er sich jetzt, vor den Wahlen 1912 hinsetzte und einen Auftuf zur Gründung eines Wehrvcrcins losließ. Ter Herr General hat sich in diesem Aufruf zu der Er- kenntnis durchgerungen, daß„sich im nächsten Kriege das Schicksal Deutschlands in erster Linie zu Lande entscheidet", darum muß sich Teutschland„die militärische Ueberlegenheit zu Lande sichern". Herr Keim läßt zur Begründung dieser seiner Weisheit wieder das schwarze Gespenst, die „schwarze Armee" Frankreichs erscheinen. Kann ein Mann, der mit einem solchen Popanz arbeitet, als Militär und als Politiker noch ernst genommen werden? Nach einigen Ausfällen gegen den Gedanken des Welt- friedens, dessen Vertreter er„Volksverderber" nennt, meint der Herr General, daß unser Volk verweichliche und eines Tages unfähig werde,„seine heiligsten Güter mit der Waffe in der Hand erfolgreich zu schützen". Was mag wohl dieser politisierende General für eine Vorstellung vom wirklichen Volke haben? Nein, Herr Keim, ein Volk, daS im Jahre 1909 nicht weniger als 9363 Tote und 139 070 Verletzte auf dem Schlachtfelde der Arbeit zählen mußte, das in 23 Frieden?- jähren(1886 bis 1909) 172362Toteund21-107 9 8 Verletzte im kapitalistischen Wirtschaftsbetriebe aufzuweisen hat, während im Kriege von 1870/71 an Toten 28 268 und im russisch-japanischen Kriege 30 416 gezählt wurden, verweich- licht so leicht nicht. Das verhindert schon die Fronarbeit und der harte Kampf ums Dasein. Aber solche Erwägungen haben im Kopfe eine? von: Rüstungskoller und chauvinistischen Größenwahn befallenen Generals keinen Platz. Er erblickt die größte Aufgabe der Gegenwart in der Gründung eines Verbandes, „der wehrpolitisch wirkt". An der Hand von höchst anfecht- baren Zahlen vergleicht Herr Keim die französischen und die deutschen Streitkräfte und kommt zu dem Schluß, daß Deutschland sein Landheer noch weit mehr als bisher aus- bauen und vergrößern muß. Daher liege es im Interesse des Heeres und des Vaterlandes, einen„Wehrvcrein" ins Leben zu rufen. „Derselbe müßte bedingungslos unab- hängig sein'nach jeder Richtung. Er müßte eille Kreis« und alle Schichten unseres Volkes ohne Unterschied der Partei und der Konfession umfassen und dürfte kein einseitiges Gepräge aufweisen. Er müßte durch Wort und Schrift zu wirken imstande sein. Er müßte fest im Auge behalten, daß das deutsche Schwert unbedingt schon im Frieden so scharf gemacht werden muß, daß es-im Ernst falle auch unter den schwierig st en Verhältnissen den Sieg an die deutschen Fahnen zu fesseln imstande ist." In einer im Januar einzuberufenden Versammlung soll dann dieser Wehrverein ins Leben treten. Sehen wir von der Person des Generalmajor? Keim ab, so geht aus dem Aufrufe hervor, daß in den nächsten Jahren die Rüstungshetze ins maßlose wachsen wird. Der sorgsam zurechtfrisierte Etat für 1912 läßt darüber noch im unklaren, aber nach allen Anzeichen der letzten Zeit ist damit zu rechnen, daß dem neuen Reichstage eine umfangreiche Heeresvorlage beschert werden wird. Darum. Steuerzahler, seid auf Eurer Hut! Am 12. Januar kann dem Rüstungswahnwitz noch entgegen» getreten werden._ Herrn von Heydebrands Stichwahlparole. Die konservative Partei der Provinz Ostpreußen hat gestern in Königsberg ihren Parteitag abgehalten, auf dem Herr v. Heydebraud eine lange Rede hielt, in deren Verlauf er drei Forderungen aufstellte, die alle jene Liberalen unter- schreiben sollen, die von den Konservativen in der Stichwahl unterstützt sein wollen. Wie Herr v. Hchdcbrand ausführte, fofte er es niN für poliiif�nWfg, afle Liberalen, die in die Stichwahl mit einem Sozialdemokraten kämen, ohne weiteres zu unterstützen, denn mancher Liberale unterscheide sich kaum von einem Sozialdemokraten. Ten Liberalen sollen folgende drei Fragen vorgelegt werden: Bist du bereit, jede Verminderung der kaiserlichen G e- Walt und der Regierungsgewalt unter alle» Umständen zu verhindern? Bist du bereit, unter allen Umständen für einen lückenlosen Schutz unseres Wirt- schaftlich cn Lebens mit Hilfe des Z o l l- f y st c in s einzutreten? Bist du bereit, jede Maßnahme zu unterstützen, die den Schutz der bürgerlichen Gesellschaft gegen die Sozialdemokratie anbetrifft Cd. h.: bist du bereit, für Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie zu stimmen?). „Die liberalen Kandidaten, die auch nur eine von diesen Bedingungen nicht unterschreiben," so fügte Herr v. Heyde- brand nach einem Bericht des„Berl. Tagebl." hinzu,„würden in meinen Augen ebenso gefährlich sein wie ein Sozial- demokrat. Da hätte man gleich ein Mittel, sachgemäß zu unterscheiden und für spätere Eventualitäten festzulegen, wie niqn sich zu verhalten hätte. Stichwahlkompromisse zwischen Konservativen und Liberalen können nur auf Gegenseitigkeit beruhen. Erreichen wir es, Vereinbarungen mit den Liberalen für die Stichwahlen zu treffen, so können wir einen großen Sieg der Sozialdemokratie in letzter Stunde verhinder n." Einberufung des preußischen Landtages. Schon seit längerer Zeit wußte man, daß der preußische Land- tag zum 15. Januar 1S12 einberufen werden solle. Jetzt veröffcnt- licht der„Preußische StaatSanzeiger" amtlich folgende Verordnung: Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen usw., verordnen gemäß Artikel 51 der Verfassungsurkunde vom 31. Ja- nuar 1850 auf den Antrag des StaatSministeriumS. was folgt: Die beiden Häuser deS Landtages der Monarchie, das Herren- hauS und das Haus der Lbgeordneren, werden auf den 15. Ja- nuar 1912 in Unsere Haupt- und Residenzstadt Berlin zusammen- berufen. Das Staatsministerium wird mit der Ausführung dieser Ver- ordnung beauftragt. Urkundlich unter Unserer Höchsteigcnhändigen Unterschrift und beigedrucktem Königlichen Jnsiegel. Gegeben Neues Palais, den 11. Dezember 1911. Wilhelm R. V. Bethmann Hollwcg. v. Tirpitz. Delbrück. Beseler. v. Breitenbach. Sydow. v. Trott zu Solz. v. Hceringen. Frhr. v. Schorlcmcr. v. Dallwitz. Lciitze. Ein Geheimerlaß des Justizministers ist, wie die„Nationalzeitung" berichtet, an die Richter ergangen, in denr sie aufgefordert werden, am Wahltage ausnahmslos ihr Wahl- recht auszuüben. Auch solle den Subalternbeamten nahegelegt werden, daß sie am 12. Jannar zur Urne gehen. Von einer be- stimmten politischen Partei ist selbstverständlich in dem Erlaß keine Rede. Tic billigen Kartoffeln des Eisenbahnministers. Wir haben schon wiederholt berichtet, daß die„billigen" Kartoffeln, die der preußische Eisenbahnminister in seiner bekannten Fürsorge für„seine" Beamten angekauft hat, so schlechter Qualität sind, daß mehrfach die Eisenbahnbeamten und Eisenbahnarbeiter die Annahme der ihnen zugedachten kostbaren Erdfrüchte abgelehnt haben, sodaß diese als Futterkartoffeln losgeschlagen werden mußten. Jetzt wird uns ein neuer derartiger Fall aus Witten fRuhr) be- richtet: Die königl. Eisenbahnwerkstätte Witten hatte für ihre Beamten und Arbeiter große Kartoffelsendungen vermittelt, die derart schlecht ausgefallen sind, daß sie als Fnttcrkartosfeln zum Preise von 1 M. pro Zentner losgeschlagen iverdcn niußten. Doch auch zu diesem billigen Preise wollte ein Händler, der mehrere Waggons angekauft hatte, die Kartoffeln nicht abnehmen, da er die Wahr- nehmung machte, daß die Kartoffeln zu dreiviertel faul waren. Jetzt sind die Eisenbahner hier damit beschäftigt, die„guten" Kartoffeln unter den faulen herauszusuchen, die dann billig los- geschlagen werden sollen. Dind denn die preußischen Eiscnbahnarbeiter dazu da, Kartoffeln auszusuchen, weil der Eisenbahnminister und seine höheren Beamten, ohne etwas von der Güte der edlen Knollenfrüchte zn verstehen, Viehkartoffcln für wunderschöne Eßkartoffeln gehalten haben? Ostelbisches Junkerlebcn. In einem Studcntcnbrief aus dem Jahre 1834 schreibt Otto v. Bismarck, der spätere Kanzler, an seine» Korpsbruder Schar- lach folgende Schilderung echt preußischen JunkcrlebenS: „... ich lverde daher wohl das Portefeuille deS Auswärtigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der r e k r n t e n d r e s s i e- r e n d e n F u ch t e l k l i n g e amüsieren, dann ein Weib nehmen, Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch unmäßige Brannlweinfabrikation untergraben. Wenn Du also in zehn Jahren einmal in die hiesige Gegend kommen solltest, so biete ich Dir an, so viel Kartoffelschnaps zu trinken als Du willst und auf der Hetzjagd den Hals zu brechen, so oft es Dir gut scheint. Tu wirst hier einen fett- gemästeten Landwehrosfizicr finden, einen Schnurrbart, der schwört und flucht, daß die Erde zittert, einen großen Abscheu vor Franzosen hegt und Hunde und Bediente auf das b r u t a I st e prügelt, wenn er von seiner Frau tyrannisiert worden. Ich werde lederne Hosen trage», wich zum Wollmark: in Stettin auslachen lassen, und wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich mir guliniitig de» Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler verkaufen. Zu Königs Geburtstag werde ich mich b e s a u f e n und Vivat schreien, übrigens mich häufig anreihen, und mein drittes Wort wird sein: Auf Aehre! süperbes Pferd! Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner Familie; oar toi est rnon plaisier...." Der junge Otto v. Bismarck hat, dieser Schilderung nach zu urteilen, den ostclbischen Landadel gut gekannt. Ist seitdenr auch die Kultur nicht ganz an der Junkcrkaste vorübergegangen, so hat sich doch im ganzen nickt viel an der Psyche des echten Landjunkers ge- ändert; nur in einer Hinsicht hat sich ein enormer Fortschritt voll- zogen: das Volk muß jetzt obendrein den Schnapsbrennern für ihre »unmäßige Branntweinfabrikation'" hohe Prämien zahlen. Tie Kolonialverwaltunst und die Koloniffcrung des Kongo. Die Maßnahmen der deutschen Kolonialverwaltung für eine zweckentsprechende Kolonisation des neuesten deutschen Schutzgebietes in Afrika, den Kongo, dürften, die Genehmigung des Reichstages vorausgesetzt, folgende Punkte umfassen: MS wichtigste Maßnahme sieht man die Lösung der BestedelungS- stage an, die zuerst einige Schwierigkeiten haben dürfte, da die Anlage von Farmen, Faktoreien usw. durch den allgemeinen, augenblicklich sogar sehr ungesunden klimamitischen Zustand des Landes sehr er- fchwert werden wird. AuS diesem Grunde wird die Kolonial- Verwaltung beantragen, Mittel in der Gesamthöhe von vier Millionen Mark stir das EtatSjahr 1912 auszusetzen für eine umfassende, zweckentsprechende Bekämpfung des gefährlichsten UebelS dieser Kolonie, der Schlafkrankheit und ihrer Erregerin, der Tsetsefliege. Um dieOrdnung aufrecht zu erhalten, errichtet ferner die Kolonialverwaltung vorläufig 1 59 P o l i z e i st a t i o n e n, die in den Kolonisationsgebielcn untergebracht werden sollen und aus Polizei- Askaris der Kolonie Kamerum hervorgehen werden. Nach Erledigung des Etats wird die neue Kolonie ein ständiges Schutztruppenkommando von vorläufig 609 Mann, 38 Unteroffizieren und 21 Offizieren er- halten. Außerdem soll eine Kolonistenmiliz an allen Ansiedelungs- orten gebildet werden. Die Kolonialverwaltung will zur schnelleren Erledigung der ge- planten Maßnahmen dem neuen Reichstage einen Dringlich- k e i t S a n t r a g vorlegen. Eröffnung des hessischen Landtags. Im Großherzoglichen Residenzschloß wurde heute der 35. Land- tag durch den Großherzog eröffnet. Das Wolffschc Telegraphcn- burean berichtet darüber: Die Thronrode bespricht zunächst den Staatsvoranschlag für 1912 und sagt, die Sorge der Regierung, die Finanzlage zu kräftigen, könne nur dann einen nachhaltigen Erfolg erhalten und dem Lande die gleichzeitige Pflege anderer Kulturaufgabcn gewährleisten, wenn sich das Verhältnis zum Reich mit Aussicht auf Tauer fester gestaltet und wenn die Bundesstaaten nicht durch das Reich künftig noch stärker in Anspruch genommen zu werden brauchten. Die auf dem vorigen Landtag unerledigte Gesetzes- Vorlage betreffend einer genügenden Tilgimg der Staatsschuld werde dem Landtag erneut und teilweise geändert zugehen. Der Lösung dieser nicht mehr zu verschiebenden Aufgabe kämen die günstigen Eisenbahneinnahmcn entgegen. Aus ihnen könnte zu- gleich die laufende Vcrivaltung Zuschüsse erhalten. Nicht weniger dringlich sei die Aufgabe, die Bezüge der Beamten, Staatsdienst- anwärter und Volksschüler mit den gestiegenen Kosten der Lebens- Haltung in besseren Einklang zu bringen. Daneben werde gesorgt werden müssen, der vielfach mißlichen Lage der Pensionäre und der Hinterbliebenen früherer Staatsbeamter Rechnung zn tragen, sowie für die Zivillistc gleichartige Schritte zu ermöglichen. Die sehr ungünstige Lage der weinbautreibcnden Bevölkerung habe sich infolge der diesjährigen Weinernte erheblich gebessert, dagegen sei die Landwirtschaft durch starkes Auftreten der Maul- und Klauen- seuche und durch die Dürre teilweise in Schwierigkeiten geraten. Zur Ausführung des neuen Reichsviehseuchengcsetzcs seien geeig- nete Vorschläge und der Entwurf eines Gesetzes wegen Entschädigung ,f ü r das an Maul« und Klauen- seuche gefallene Vieh ausgearbeitet, die dem Land. tage zugehen würden. Ferner werden angekündigt ein Enwurs bezüglich der Einführung der Reichsversichcrungsordimiig, der Entwurf eine? Gesetzes über Aufbringung der Kosten für höhere Schulen und eine Novelle zur Revision des Volksschulgcsetzcs. Korrigierte vcreinspolizeiliche Willkür. Zwei Verbote sozialdemokratischer Ver- sammlungen unter freiem Himmel hat wiederum das preußische Ober-Vcrwaltungsgericht am 15. Dezember aufgc- hoben. Diesmal waren es Fälle aus Ostpreußen. Sie kamen gleichzeitig zur Verhandlung. Ter Tatbestand war folgender: Der Rechtsanwalt Genosse Hugo Haase hatte im verflossenen Sommer die polizeiliche Erlaubnis zu einer öffent- lichen Versammlung unter freiem Himmel auf dem Grundstück von Petcrcit in Schaltischlcdinnen nachgesucht.- Der Amtsvorstehcr zu Melaulen versagt: die Genehmigung, weil eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu befürchten sei.— Der Landrat und der Regierungspräsident zu Königsberg verwarfen die Beschwerde Haasts, worauf dieser beim Ober-Verwaltungsgericht klagte. Der Regierungspräsident machte in seinem Bescheide und der Klagebcantwortung etwa folgendes geltend: Die Gegensätze zwischen der sozialdemokratischen Bevölkerung und dem anderen Teil der Bevölkerung hätten sich geradezu bis zur Erbitterung gesteigert. Etwa ein Jahr früher, nämlich aus Anlaß der Einberufung einer Versammlung unter freiem Himmel aus demselben Grundstück am 29. Mai 1919, sei cL zu Reibereien gekommen. Dazu komme, daß die Bewohner des Kreises Labiau durch die Wahl im Jahre 1919 in Erregung versetzt worden seien, die heute noch andauere im Hiivblick auf die bevorstehende Neu- wähl. Die Bevölkerung in SchaUischledinnen neige überhaupt zu Gewalttätigkeiten. Das zeigten die Vorgänge, die mehrere Jahre früher im Anschluß an die Schließung des alten Friedhofs und die Errichtung eines neuen Friedhofs passiert seien. Ueber diese Neu- ordnung der Dinge sei die Bevölkerung derart aufgeregt gewesen, daß man sogar gegen Recht und Gesetz Leichen ausgegraben habe, die nach dem neuen Kirchhof gebracht worden waren. Auch hätte die Bevölkerung gewaltsam Gräber auf dem alten Friedhofe nivelliert, um so zu demonstrieren, daß dort noch Platz sei. Alles das müsse im Vergleich mit der Verschärfung der politischen Gegensätze be- achtet werden. Der Kläger bestritt demgegenüber, daß die Reibereien, die im Mai 1919 vorgekommen seien, irgend etwas mit der damaligen Ver- sammlung. zu tun gehabt hätten. Es habe sich lediglich um Rei- bereien zwischen einigen jungen Leuten gehandelt, die privater Natur gewesen seien. Sie seien so harmlos gewesen, daß nicht einmal ein Strafverfahren eingeleitet worden sei. Im übrigen könnten politische Gegensätze in ihrer Allgemeinheit niemals die Befürchtung begründen, daß eine Störung der öffentlichen Sicher- heit nahe bevorstehe. JmzweitenFalle richtete sich die Klage des Genossen Hugo Haase gegen die vom Landrat und vom Regierungs- Präsidenten gebilligte Versagung der Genehmigung zu einer öffent- lichen Versammlung unter freiem Himmel auf einem Grundstück zu Bitthcnen.— Die Behörden erachteten das Gebot für gerechtfertigt, erstens mit Rücksicht auf die oben charakterisierte grausliche Gefähr- lichkeit der Bewohner des nahegelegenen Schaltischlcdinnen, mit deren Erscheinen wenigstens zum Teil hätte gerechnet werden müssen. So behauptete wenigstens der Regierungspräsident. Dann aber wurde namentlich betont, daß mit Ausnahme des Be- sitzers des Versammlungsplatzes sämtliche Interessenten schriftlich — zusammen auf einem Bogen— gegen die Benutzung des Jntcr- essentenweges durch die voraussichtlichen Jnteressententeilnehmer protestiert hätten. Es wäre zu befürchten gewesen, daß die So- zialdemokraten trotzdem da» Privateigentum an dem Wege miß- achten würden. Auch das bedinge eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Das Ober-VerwaltungSgericht hob am Frei- tag in beiden Sachen die Bescheide des Regie- rungspräsidenten auf und setzte die beiden Ver- botsverfügungen außer Kraft. Begründend wurde ausgeführt, daß die Voraussetzung eines solchen Verbots, daß näm. lich aus der Abhaltung der Versammlungen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu befürchten gewesen wäre, nicht anerkannt werden könne.— Das Ober-Vcrwaltungsgericht steht auf dem Standpunkt, daß die bloße allgemeine Behauptung politischer Gegensätze zur Begründung eines solchen Verbots nicht ausreicht. Ei» Fortschritt der Prügelpädagogik. Das Reichsgericht hat sich dahin ausgesprochen, daß auch den Fortbildungsschülern gegenüber ein Prügelrecht der Lehrer besteht. Ein FortbildungZschullehrer in Gleiwitz hatte gegen Ibjährige Schlächterlehrlinge, die zu spät kamen, körperliche Strafen angewandt und war, als er angeklagt wurde, von der Strafkammer frei- gesprochen worden. Das Reichsgericht verwarf die gegen das freisprechende Urteil eingelegte Revision. In der Urteils- begründnng heißt es unter anderem: „Der Erlaß des preußischen Handelsministers vom 81. August 1389 weist darauf hin, daß die Fortbildungsschule die Ausgabe hat, für die jugendlichen gewerblichen Arbeiter„eine Stätte der Bildung und Erziehung" zu sein und ans„Geist und Charakter der Jugend günstig einzuwirken, um sie gegenüber den in mannig- facher Form ans sie eindringenden Verlockungen widerstandsfähig zu machen". Den Lehrern der Fortbildungsichule könne daher das Recht, gegen die ihrer Erziehung anvenrauten Schüler bei ge- gebcner Veranlassung angemessene Zuchtmittel anzuwenden, nicht versagt werden. Daß zu diesen Zuchlmitteln auch die Vornahme körperlicher Züchtigung gehört, lönne einem Bedenken nicht unter- liegen." Hundedemut und Sllavengeist— die können ja allerdings durch Prügclcrzichung erzeugt werden. Lelgien. Zur Taktik für die Kammerwahlen. Aus Brüssel wird uns gemeldet: In Ergänzung des Berichtes über die Diskussion der Brüsseler Föderation über die bei der Wahlpropaganda einzuhaltende Taktik ist noch mitzuteilen, daß die Föderation in einer neuerlichen, dem- selben Gegenstande gewidmeten Versammlung mit allen gegen drei Stimmen eine Resolution angenommen hat, die in Anlehnung an frühere Kongreßbeschlüsse ausspricht, daß der Gegenstand des gegciüvärtigen Wahlkampfes die Er- ringung des allgemeinen, gleichen Wahl- rechts und der Kampf gegen die klerikale Schulpolitik ist und diese Propaganda das Ziel hat, das integrale Pro- g r a m m der Arbeiterpartei auseinanderzusetzen, den a u t o- nomen und Klassen Politik- Charakter der Partei hervorzukehren und klar hervor zu heben,»vas sie von dem Ziel und der Tätigkeit aller bürger- lichen Parteien scheidet.— Auch die diesmalige Diskussion über die Wahlkampftaktik brachte Reden von beiden Seiten, von dem Gemäßigten Fischer und dem Radikalen De Bronckere, zwischen denen Vandervclde die ver- mittclndc Linie einhielt. Dänemark. Für Verstaatlichung der Znckcrproduktio». Nachdem die Zuckcrproduzeutcn den Preis ihrer Ware ungeheuer in die Höhe trieben und im Einverständnis mit den Banken alles daran setzen, um die Gründung neuer, außerhalb des Zuckertrusts stehender Fabriken zu hintertreiben, hat die sozialdemokratische FolkethingSfraktion einen Antrag auf Einsetzung einer Kommission eingebracht, die über die Frage der Verstaatlichung der Zucker- Produktion beraten und eventuell, gestützt auf den Z 82 der Verfassung, Vorschläge dazu ausarbeiten soll. Der erwähnte Paragraph gibt dem Staate das Recht der Expropriation in solchen Fällen, wo cS das allgemeine Wohl erfordert. R.iil!latick. Der Kampf geht weiter. Die Erörterung der Provokationsintcrpellationen in der Duma hat am verflossenen Mittwoch wider Erwarten zu keinen so stiirmi- scheu Skandalszcncn gesührt wie am vorhergehenden Mittwoch. Die Mordspatriotcn auf der Rechten und im Zentrum haben sich offenbar gesagt, daß sie der sozialdemokratischen Fraktion doch nicht den Mund würden verstopfen können, und so mußten sie es denn zähneknirschend zulassen, daß das Verbrechen an der sozialdemokratischen Dumafraktion, dessen Erörterung der Oeffentlichkcit' vorenthalten werden sollte, in seinem vollen Umfange ausgerollt wurde. Zuerst sprach der Redner der Kadettenfraltion, Miljukow, der das Bild der provokatorischen Aktion gegen die zweite Duma in großen Zügen schilderte und das Anklagematerial gegen die Regierung zusammenfaßte. Dann kam Genosse Pokrowski zu Worte, der mit der verbrecherischen Regierung und den ihr Hehlerdicnste leistenden Mehrheitsparteien gründliche Abrechnung hielt. Zum Schluß verlas er naniens der Fraktion eine Erklärung, in der gegen die Knebelung der Redefreiheit der Sozialdemokraten in der Duma Protest erhoben wurde.„Wir hielten uns verpflichtet— so schließt diese Erklärung— angesichts des Andenkens der Kämpfer, die im Kampf um die Freiheit des Volkes gefallen sind, der Oeffentlichkcit mitzuteilen, welche Mittel die Regierung an« wandte, um die Ergebnisse des blutigen Kampfes des Volke» zu« nichte zu machen... Ihr aber habt uns den Mund zu verstopfen gesucht, und die Reichsduma in einen JnquisitionSraum, in eine Polizeikammcr verwandelt. Ihr habt uns der Möglichkeit beraubt, die Kloale aufzudecken, an der Ihr und Eure Regierung geschäftig arbeitet. Ihr habt uns der Möglichkeit beraubt, in vollem Maße diejenigen zu kennzeichnen, die sich mir Eurem Segen an den Krank- hciten des Landes mästen. Und Ihr selbst feiert ein Totenfest über unsere lebendig begrabenen Genossen und die übrigen Opfer der Provokation." Abgesehen von lärmenden Unterbrechungen und den üblichen unflätigen Schimpfworten auf der Rechten wurden die Ausführungen unseres Genossen nicht gestört. Auch von dem Ausschlußverfahrcn wurde diesmal Abstand genommen. Dafür aber nahmen die Mehr- heitSparteien Revanche in der nächsten Sitzung, Ivo hinter ge- schlosscncn Türen über die neue Wehrpflichtsvorlage debattiert ivurde. Wegen angeblicher Beleidigung der„ruhmreichen" russischen Armee, die ihren„Ruhm" neuerdings anläßlich des Raubzuges nach Persien bestätigt, wurden von der Sitzung ausgeschlossen: der radikale Bauernabgeordnete Tomilow für vier Sitzungen und der Redner der sozialdemokratische» Fraktion Woiloschmkotv für 15 Sitzungen._ Der Krieg. Die Besetzung von Solum durch Aegypten. Konstantinopcl, 29. Dezember.„Tanin" erfährt zurSodumfrage, daß nach vorangegangenen Unterredungen zwischen Vertretern der ägyptischen und der türkischen Regierung beschlossen worden ist, Solum bis zur Beendigung des türkifch-italienifchen Krieges durch Aegypten provisorisch militärisch zu besetzen. Französische Truppen in einer tripolitanische» Oase. Paris, 29. Dezember, lieber die Besetzung der Oase D j a n e t(im Süden FcssanS an der tunesischen Grenze) durch die französische Saharatruppe wird offiziös gemeldet, diese Maßnahme sei durch den Abmarsch der türkischen Truppen von Ghat nach dem Norden von Tripolis veranlaßt, da infolge des Abmarsches in der Gegend Unruhen zu befürchten gewesen seien. Die Besetzung von Djanet durch französische Truppen sei übrigen» von vorüber- gehender Natur.— Seit langem erheben sowohl die Franzosen wie die Türken Anspruch auf die Oase. Die Lage in Mazedonien. London, 29. Dezember.„Times" melden aus Konstantinopel: Nach Informationen aus bester Quelle wird bestätigt, daß an die Neserdiste» der Dibifion Saloniki llniformen derteilt wurden«nd daß sie den Befehl erhielten, sich bereit zu halten, um unverzüglich in die Kasernen abzumarschieren. Die Truppen von S k u t a r i sind auf 5000 Mann verstärkt worden. Die Nachrichten auZ Mazc donien lauten täglich schlimmer und die Türkei befürchtet anscheinend den A u?b r u ch e r n st e r Unruhen. Deutsches Kriegsmaterial für die Türkei? London, 20. Dezember.„Times* berichten aus Sofia Nach Meldungen aus vertrauenswürdiger Quelle traf am 11. d. M. ein Spezialzug mit Kriegsmaterial aus Deutschland an der türkisch serbischen Grenze ein. lieber den Inhalt und den Zweck des Zuges wurde strenges Geheimnis bewahrt. Ein höherer Offizier der speziell von UeSküb herübergesandt war, hat das Material in Empfang genommen, daS für Konstantinopel und Saloniki bestimmt sein soll. Andere Züge wurden in diesen Tagen nach Nachrichten aus Salonisi an der türkisch-montenegrinischen sowie an der türkisch-serbischen Grenze erwartet. Ihre Ankunft war für den 16. Dezember vor« gesehen. ES ist jedoch nicht bekannt, ob sie eingetroffen sind. Neue Menschcuschlächtereien in Tripolis. Rom, 20. Dezember. Die Italiener haben auf einem Marsche in der Oase von Tripolis 40 Eingeborene, die sie mit Waffen in der Hand antrafen, erschossen. Ein ernster Kampf bei Ainzara. Tripolis, 20. Dezember.(Meldung der Agenzia Stefani.) Gestern morgen nahmen zwei Bataillone Bersaglieri, ein Bataillon Grena- diere und eine Abteilung Gebirgsartillerie eine Rekognoszierung von Ainzara nach BirtobraS vor. Durch feindlichen Wider st and kam eS zu einem Kampfe, der mit dem Rückzug des Feindes endete. Die italienischen Truppen verbrachten die Nacht auf dem Platze. Um gegen alle Möglichkeiten geschützt zu sein, wurden drei weitere Bataillone und eine gemischte Brigade mit zwei Feldbatterien als Verstärkung dorthin gesandt. Heute morgen vor Sonnenaufgang wurde noch das Regiment Kavallerie Florenz auf den Kampfplatz geschickt. Da jedoch der Feind verschwunden war, kehrten alle Truppen gegen S Uhr nach Ainzara zurück. Hus Indurtm und Kandel. „Schärfste Strafe dem.. Tie Freiheit des Streikbrechers ist wieder einmal zum edelsten Gute der Nation geworden, das durch— Zuchthausgesetze zu örr« leidigen ist. Tie Unternehmerorganisationen, besonders wenn sie wirtschaftliche Interessen vertreten, sind in Wirklichkeit viel skrupelloser und niederträchtiger, als man es jemals den Gcwcrk- schaften auch nur angedichtet hat. Dafür nur zwei Beispiele von Dutzenden: Tie' Vereinigung deutscher Porzellanfabriken zur Hebung der Porzellanindustric bat jetzt nicht nur beschlossen, fortan auf dem deutschen Markte kein Bruchvorzellan an Geschirr mehr zu ver- kaufen und für sich einen Ersatz insofern zu schaffen, dah sie den Verbandsaufschlag und die Verpackungskosten erhöht, die natürlich zu Lasten des Käufers geben— sie ist jetzt sogar dazu übergegangen, Spitzelbczahlung einzurichten! Jedem, der unter genügenden Be- weisen einen Verstoss gegen die Vcrkaufsvorschriften des Verbandes von feiten eines Mitgliedes der Organisation dem Vorstande mit- teilt, erhält fortan eine Belohnung von 2ö Proz. der durch den Schuldigen zu zahlenden Konventionalstrafe! Mindestens aber 200 M.! Tie Konventionalstrafengelder sind natürlich schon für alle Mitglieder in den Händen des Vorstandes, der sich in ent- sprechender Höbe Wechsel hat ausstellen lassen, die sofort fällig werden, wenn Mitglieder durch die geheimen Gerichte des Ver» bandcs verurteilt sind. Der Thüringer Arbeitgcbervcrband des Baugewerbes beschloss, am Hörselberg bei Sättelstedt ein genossenschaftliches Zementwerk zu errichten, um so vom Verband mitteldeutscher Zementwerke un- abhängig zu werden. Die Zementunternebmerorganisation fing sofort, als ihr dies bekannt wurde, an. in der Umgebung von Sättel- stedt alle tonhaltigen Grundstücke aufzukaufen, im Handumdrehen waren dafür 40 000 M. ausgegeben. Aber noch mehr: der Gc- meinderat von Sättelstedt bekam vom Zcmentverband 20 000 M. als Geschenk angeboten, wenn die Gemeinde sich verpflichtete, ihren Grundvesitz zu keiner Zcmentfabrik herzugeben! Der Gemeinderat kam nach langem Hin und Her zu der Entschlietzung, lieber aur die Vorteile einer Zcmentfabrik, die allein 2 Millionen Mark Bau- kosten verursacht, zu spekulieren, als sich mit 20 000 M. zufrieden- zugeben. Gegenüber solcher Politik der Unternehmerverbände, die mit grossen"Geldmitteln schamlosesten TcrrorismuS treiben, ja sogar Bcstechungsversuche Gemeinden gegenüber machen, wo bleibt da die berühmt gewordene Rede:„Schärsste Strafe dem, der sich er- dreistet, einen anderen an der Arbeit zu hindern"? Und wo bleiben hier die Schreier nach Ausnahme- und ZuchthauSgesctz? Letzte Nachrichten. Etwas Gutes aus einem Hcrrenhausc. Wien, 20. Dezember.«W. T.-B.) In der heutigen Sitzung des Herrenhauses stellte der früher« Minister Baern- r e i t h c r den Antrag, eine Kommission des Hause? möge die TcuernngSfrage prüfen und gegebenenfalls geeignete Vorschläge machen. Der Redner legte dar, wie sehr das Vertrauen in oas heute protektionistische Zoll» und Handelssystem erschüttert sei, insbesondere auch durch Verwaltungsmatzregeln, die nel'cn den Zoll- und Handelsverträgen ebenfalls den« Schu�zollsvstem dienen. So babe Deutschland durck die geplante Erhöliung der Schiff- fahrtsabgabcn auf der Elbe eine Frage berührt, die Oesterreich sehr nahe angehe, er sei aber fest überzeugt, dah die Regierung in der Frage der Freiheit der Elbschiffahrt unbedingt fcsibleiben werde. Das bestehende Zollsystem sei eine der Hauptursacken der Teuerung. Was das Verhältnis zu Ungarn in der F l e i s ch f r a g e betreffe, so werde Ungarn mit sich reden lassen, da di« Fleischnot dort auch empfunden werde.— Der Antrag wurde darauf der Voltswirt- schaftlichen Komission überwiesen. Reichsdeutsche Luftschisser in Böhmen. Wien, 20. Dezember.(W. T.-B.) Am Schlüsse der Sitzung deS Abgeordnetenlxtuses beantwortete der Minister de? Innern eine Interpellation der Teutschnationalen H a r t l und Schreiner über die in Böhmen vorgekommenen Fälle von Auk- schreitungrn der Landbevölkerung gegenüber reichsdeutschen Lust- schiffern. Es kann angenommen werden, daß die vorgekommenen böchst bedauerlichen Borfälle hier Ausnahmen bleiben werden und daß die Vorfälle gar nicht oder nur zum geringsten Teil« auf nationale Momente zurückzufübren sind. Tatsächlich kann auf alle Fälle hingewiesen werden, Ivo die tschechische Landbevölkerung sich gegen reichsdeutsche Luftschiffer bei der Landung durchaus zuvor- kommend benahm. Die Behörden haben zur Hintanhaltung solcher bedauerlicher Vorfälle entsprechend vorgesorgt. Ein italienisches Dementi. Rom, 20. Dezember.(Meldung der.Agenzia Stefani*.) Die ottomanische Regierung verbreitete in Europa ein« � Veröffentlichung. in der behauptet wird, daß italien,sche Kriegsschiffe eine Moschee im Norden Mekkas während der Gcbctstunde bombardiert und die Geschosse fünfzehn Personen gc- tötet und viele verletzt hätten. Die Absicht dieser Lüge ist klar, aber ebenso klar ist, daß Italien auch, abgesehen von Nucksichten des Rechts und der Menschlichkeit, ein Interesse daran hat, die religiösen Gefühle seiner musclmanischen llntertanen und der Bc- völkerung nicht zu beleidigen, mit der es in seiner Kolonie Erhthraea in Fricdenszeiten lebhaften Handel treibt. Kein italienisches Schiff hat an dem in der türkischen Meldung angegebenen Datum Bombardements in der Umgebung Mekkas vorgenommen. Acht Tage vorher hatte der Kreuzer„V o l t u r n o" bei Mekka einige Schüsse auf Truppen abgegeben, die sich in einem Schiffe befanden, das ein Beiboot des„Bolturno" angegriffen hatte. Aus der türkischen Teputiertcnkammcr. Konstantinopcl, 20. Dezember. Während die Verlesung dcS Antrages Basri, der den Geheimbericht des GrosswesirS enthält, erwartet wurde, bestieg der G r o ss w e s i r die Tribüne und ver- las selbst den Bericht, worin er. als er vor dreizehn Jahren aufgefordert wurde, das Memorandum des Ismail Kcmmal, betreffend den Zusammentritt einer Konstituante zur� Ausarbeitung eines Grundgesetze? zu begutachten, sich dabin ausgesprochen hatte, daß der Zeitpunkt ungünstig sei, weil die innere Lage damals verwickelt lvar. Ein solcher Vernich— hietz es in dem Bericht weiter— könnte eine Teilung der Türkei herbeiführen. Im übrigen käme ein Grund- gefttz zu spät, da die Verfassung vom Jahre 1876 theoretisch noch bestehe. � r■ Kriegsministcr Mahmud Sch efket-Pascha gab eine geschichtliche Darstellung der Entdeckung der Geheimdokumente des Uildiz. von denen viele gestohlen worden seien und erklärte eine Veröffentlichung für inopportun, denn sie würde eine Anzahl Personen in einem Augenblick kompromittieren, wo Oas Land de� Ruhe bedürfe. Der Kricgsminister wendete sich sodann an die verschiedenen Nationalitäten und riet den Muselmanen, ihr« in« lernen Zwisligkciteu aufzugeben, denn sonst würde die Türkei. die das einzige noch unablssingige muselmanische Land ist. ihre Unabhängigkeit verlieren. Hieraus wurde die Sitzung ohne Debatte geschlossen. Wie verlautet, hat die O p p o> i t i o n auf eine Debatte v er» zichtel, weil die Erklärung dcS Großwesirs ein Geständnis Darstellte. Die Bemühungen, eine Verständigung zwischen der Majorität und Opposition herbeizuführen, werden fortgesetzt. Von beiden Seiten wurden Delegierte gewählt, die mit der Führung der Verhandlungen beauftragt sind. Ter russlsch-amerikanischc Handelsvertrag. Washington, 20. Dezember.(W. T. B.) Das Repräsentanten- haus hat die Resolution deS Senats, durch die der russische Vertrag _______________ gekündigt wird, angenommen.___ verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: TstGlocke.Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.u Verlagsanstalt PaülSinger�Co.,BcrlinS1V. Hierzu 3 Beilagen u.Nntrrhaltungsbl. Die Revolution In Cljina. Tie Friedensverhandlungen in Schanghai und die fremden Mächte. Schanghai, 20. Dezember. Die Konsuln von Grossbritannien, Amerika, Deutschland, Frankreich, Russland und Japan werden, wie der.New Dork Herald* meldet, eine gemeinsame Konferenz mit den Vertretern der republikanischen und kaiserlichen Parteien haben, die sich augenblicklich in Schanghai zur Friedenskonferenz befinden, nicht etwa, wie sie ausdrücklich erklären, zum Zwecke einer Intervention, sondern lediglich zu einer freundschaftlichen Beratung, damit die Konferenz endlich zu einem Arrangement gelange. Es besteht grosse Neigung, eine beschränkte Monarchie aufzurichten, E» heisst aber, dass Wutingfang erklären wird, er könne, obwohl er ein ivkann des Friedens ist, die ihm gegebenen Instruktionen nicht überschreiten, sondern müsse erst ein weiteres Mandat seiner Provinzen abwarten. Der revolutionäre Führer des Friedens- kongreffes bemerkt, daß jede auswärtige Intervention zugunsten JuanschikaiS ausserordentlich gefähr- 1 i ch werde mit Rücksicht aus die grosse Erregung, welche im ganzen Lande herrscht. Washington, 20. Dezember. Die ausländischen Mächte haben die Friedenskonferenz in Schanghai dahin informiert, dah, wenn die Unterhandlungen nicht zur Beendigung des Bürgerkrieges führten, die Mächte' eine aktive Intervention vornehmen mühten. ES heisst, dass der Vorschlag der Intervention auf die Jnitia- tive der Vereinigten Staaten zurückzuführen ist. London, 20. Dezember..Daily Telegraph* schreibt au« Peking: DaS diplomatische Korps hat feine Antwort auf die Note der revo- luttonären Regierung erteilt. In der Note wird darauf hingewiesen, dass das neue Regime erst anerkannt werden könne, wenn die Ruhe wieder hergestellt und die Steuern wieder in normaler Weise ein- laufen würden. Aus Schanghai wird berichtet: Die Verhandlungen zwischen den Kaiserlichen und den Revolutionären gehen nur langsam voran. Neue Unruhen sind in der Provinz Schantung ausgebrochen. Militärrevolte in Tibet. Kalkutta, 20. Dezember. Berichte aus Tibet über die letzten Ereignisse besagen, dass in mehreren Städten, einschliesslich Lhasa, die chinesischen Soldaten revoltiert haben. Sie«rbrachen und beraubten die Schatzkammern und führten Tausende von Pferden und Mauleseln fort. Jetzt haben sie sich nach China getvandt. Niiterbrechuug der Berhandlnngen. Schanghai, 20. Dezember.(Meldung deS Reuterschen Bureaus.) Die Friedenskonferenz ist unter- b r o ch e n w o r d c n. Wutingfang hat den Standpunkt vertreten, daß die Republik die einzige mögliche Grundlage zu einer Verständigung sei. Tangshaoyi erklärte, er könne nicht eine Frage von so hoher Wichtigkeit beantworten, sondern müsse darüber nach Peking be- richten. Der Waffenstillstand ist infolgedessen um eine Woche, vom 24. Dezember an, verlängert worden. Sie Mlsgei'eäe Fanrh. Mit seiner ganzen stürmischen Leidenschaft, mit mutiger llnerschrockcnheit hat Genosse Ja uro s. gestem in der französischen Kammer den Imperialisten die patriotische Maske vom Gesicht gerissen. Er hat gezeigt, wie für die kapitalistischen Kolonialpolitiker die internationalen Verträge ein Stück Papier sind, das sofort bedenkenlos zerrissen wird, sobald der Moment für neuen Raub und neue Gewalttat günstig scheint. Kein Wunder, daß unseren Genossen das- selbe Geheul der nationalen Meute gestern in der Kammer und heute in der Presse umtobt, das bei gleicher Gelegenheit gegen deutsche Sozialdemokraten laut wird,>venn sie gegen unseren Imperialismus sich erhoben. Und was sollten sie auch anderes tun alS aufheulen? Können sie doch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß gegen den völkerverseindenden Imperialismus sich immer geschlossener, mächtiger und schlagfertiger die internationale Solidarität der Arbeiter- k l a s s e erhebt. Während deutsche, französische und englische Imperialisten eine Politik verfolgen, die die deutschen, eng- lischen und französischen Proletarier auf die furchtbaren Schlachtfelder des Zukunftskrieges treiben würde, erhcvt sich gegen sie und ihre Politik immer kühner und energischer der proletarische Widerstand. Die M a s se n ver- a b s ch e u e ii den Krieg und wollen nur einen Kampf, den Kampf gegen das Kapital, gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Und wie auf der Arbeit der Massen die Gesellschaft aufgebaut ist, so kann gegen den Willen der Massen, in allen Ländern, die ihr gemeinsames Interesse erkannt und sich in brüderlicher Solidarität ver- bunden fühlen, auch der Massenkrieg, den der Imperialismus herbeizuführen droht, nicht geführt werden. Deshalb das wütige Geheul, sobald einer der Wortführer des Proletariats die unversöhnbaren Gegensätze der Klasseninteressen auf dem Gebiet der auswärtigen Politik aufzeigt. Deshalb die An- griffe auf JaureS, als er zum Schluß seiner Rede gestern sagte: „In tiefem Frieden hat sich Italien auf Tripolis ge- warfen; das war die Folge des Geheimvertrages von 1900. Frank- reich hat gesagt: Ich nehme Marokko, da? mir nicht gehört, nehmt Ihr Tripolis der Türkei, mit der ich gute Beziehungen zu unterhalten vorgebe.(Lärm links.) DaS ist die internationale Moral! Frank- reich, das nur materiell eine Grossmacht geblieben ist, hat gegen seine Unterschrist und gegen die Loyalität verstoßen.(Anhaltender Lärm, Beifall auf der äuhersten Linken.) Ministerpräsident Caillaux will reden. Kammerpräsident B r i s s o n: Es ist nicht gestattet, so von Frankreich zu sprechen.(Lebhafter Beifall links und im Zentrum.) Ministerpräsident Caillaux wartet vergeblich auf Ruhe, um sprechen zu können. I aur öS fuhr fort: Ich bin eS nicht allein, der unter diesen Entrüstungskundgebungen gelitten hat. Ich kenne wohl in unserer Geschichte derartige patriotische EntrüsiungSkund- gebungen, die immer gerade von denjenigen Parteien auS- gegangen sind, die das Baterland inS Berderbrn stürzten. Heftige Entrüstung auf allen Bänken links, die Radikalen stehen auf und schicken sich an, alle den Saal zu verlassen, während sie mit der äussersten Linken beleidigende Zurufe wechseln. Schliesslich nehmen die Radikalen wieder Platz und I a u r ö S fährt in seiner Rede fort. Er sagt: Es hat eine Zeit gegeben, in der es Ehren- fache der Republikaner war, Anschläge, die in der Welt gegen Nasionen begangen wurden, zu brandmarken. Leiden Sie nicht wie ich, wenn Sie sehen, wie Italien Tripolis den Jungtürken ent- reißt, wenn Sie sehen, wie P e r s i e n ein Opfer von Vorgängen wird, gleich denjenigen, unter denen Polen litt? Sie haben diese Dinge geduldet, ohne die Stimme der Ge- rechtigkeit laut werden zu lassen. Sie sind durch unsere Marokkopolitik gebunden gewesen I Völker rufen um Hilfe. Sie sagen: DaS sind Geschäftsangelegenheiten! Weil es eben Geschäftsangelegenheiten sind, weil die sogenannte Politik nichts ist als kapitalistische Profitpolitik, deshalb ist auch die Entrüstung über die Entlarvung der Geschäftspatrioten stets so groß. Denn haben erst die Massen die treibenden Motive der heutigen aus- wärtigen Politik mit ihren Folgen, den stets sich steigernden Rüstungen und Steuerlasten einmal erkannt, dann wird ihr Entschluß auch unwiderstehlich werden, dieser Politik und ihrer Ursache, dem Kapitalismus, ein Ende zu setzen und die sozialistische Gesellschaft aufzurichten, die an Stelle des kapitalistischen Expansionsstrebens die brüderliche Solidarität zur Richtschnur des Verhaltens der Kultur- Nationen in ihren gegenseitigen Beziehungen machen wird. Tie Fortsetzung der Rede. Paris, 20. Dezember. Deputiertenkammer. Der Zudrang zu der Sitzung war beute wieder erheblich stärker als gestern. Als I a ii r e S die Tribüne bestieg, um seine Rede über den französisch- deutschen Vertrag fortzusetzen, wurde er von der äußersten Linken mit Beifall und Bravorufen begrüßt. Er führte aus. nach der Verletzung der Algecirasakte hätten Frankreich und Deutschland entweder in Konflikt geraten oder eine Ver- ständigung suchen müssen. Sodann konstatierte er, dass Frank- reich und Deutschland sich verpflichten, ihre Landsleute Wirt- schaftlich zusammen arbeiten zu lassen. Es sei dieS da? erste Mal, daß zwei Staaten industriellen Unternehmungen einen nationalen Charakter geben und sich verpflichten, das Ihrige zu tun, um ihre Landsleute zu associieren. Er fragte sodann, warum aus der Verständigung von 1909 nichts geworden sei. Man habe diejenigen verantwortlich gemacht, welche die indu- striellen und finanziellen französisch-deutschen Pläne für Ucnza und den Kongo zum Scheitern gebracht hätten, aber ein Wirt- schaftliches Zusammenarbeiten von Angehörigen der beiden Völker sei nur möglich, wenn die Nationen daran teilnehmen. Die Schuld liege also an den P o l i t i k e r n. Sollten Deutschland und Frankreich von Elsass-Lothringcn, von den Vaterländern und dem Zartgefühl ihrer nationalen Scham sprechen und gleichzeitig die Vorteile der Gründung von Syndikoten und finanziellen Gruppen zu erhaschen suchen, sollten sie die Rolle von Vaterländern spielen, um sich zum größten Schaden der Völker zu bekämpfen und zugleich die Rolle von Syndikaten, damit die Finanzleute sich umarmen könnten? JaureS forderte sodann Aufklärung über die Wirtschaft- lichen Fragen, die in Kissingen erörtert worden sein sollten, und über die Ausdehnung der Meinungsverschiedenheiten zwischen den deutschen und französischen Finanzleuten, die dank' einer un- verzeihlichen Torheit den Konflikt herbeigeführt hätten. Sodann dankte er der Regierung, dass sie Frankreich zu dem Abkommen von 1911 geführt habe. Es sei wahr, daß Teutschland nicht genug An- sirrngungen gemacht habe, um Europa zu beruhigen, aber gleich bei Beginn der Verhandlungen habe Deutschland die notwendige Versicherung abgegeben, dass nichts wirklich Ernsthaftes in Frage stehe. Es brauche also einen gewissen krankhaften Zu st and in Europa, um durch einen Konflikt, der an und für sich nichts Unlösbares an sich hatte, Europa in KricgSfurcht versetzen und englische Minister die bekannte sensationelle Erklä- r u n g abgeben zu lassen. Er sei bereit, dem Abkommen zu- z u st i m m e n und glaube, daß eS die europäische Lage verbessern werde. Er protestiere jedoch, weil die europäischen giassen nicht das Rechts hätten, fremden Völkern ihre Herrschaft aufzuerlegen und die Schwarzen de BrazzaS gegen Marokkaner umzutauschen. Das Abkommen von 1911 bedeute nicht eine Lösung, sou- dorn eine Phase. Man müsse auf Marokko ein Mindestmass von sichtbarem Protektorat zur Anwendung bringen. Er wünsche, dass der Sultan selbst unter der Kontrolle Frankreichs seine Finanzen und seine Armee reorganisiere. Es sei Vorsicht notwendig in dem Augenblick, wo die mohammedanische Welt sich rege. Die Eingeborenen müßten in ihrem Eigentum geschützt werden und die Vorgänge von Udschda dürften sich nicht wiederholen.(Ministerpräsident Caillaux: Der Zwischenfall von Udschda bat bisher nicht ge. zeigt, daß die Eingeborenen bestohlen worden sind, aber es ist eine Untersuchung eröffnet worden und es wird Sühne geschaffen werden, wenn es notwendig ist.) Am Schlüsse seiner Rede erklärt JaureS. die Situation bleibe gestört. Es sei Sache Frankreichs, diese Gewitterluft, diese Atmosphäre des Mißtrauens zu zerstreuen. Die erste Pflicht sei, dem Pessimismus derjenigen entgegenzutreten, die den Krieg für unverm eidlich hielten. Er gab sodann eine ergreifende Schilderung des modernen Krieges. Janres Rede fand bei der äussersten Linken stürmischen Beifall. Ein Schlussantrag wurde abgelehnt. Dann sprachen noch der Kon- servative T c l a f o s s e und der Unabhängige Laguerre. Annahme des Marokkoabkommens. Paris, 26. Dezember. Die Deputiertenkammer hat das französisch-dentsche Marikkoabkommen mit 39Z gegen 3ö Stimmen angenommen. Kr. 208. 28. ZahrMz. 1. Wage des Jomirte" Kcrlim Külsdla». PamftW, A. Dezmdn 191t Zum Farteikonflilit In Stuttgart. Dienstagabend befaßte sich in Stuttgart eine Parteiver- sammlung, in der 2500 bis 3000 Personen zugegen waren, mit den Vorgängen bei der Gemeinderatswahl in Stuttgart. Als Vertreter des Parteivorstandes waren die Genossen Bebel und Braun erschienen. Bebel wurde beim Betreten des Saales mit stürmischem Händeklatschen begrüßt. Namens der Stuttgarter Parteileitung gab Genosse B u l l m e r eine aus- führliche Darstellung von den bedauerlichen Begleiterscheinungen des Wahlkampfcs, wobei er die Hintansetzung der seit- herigen Gemeinderäte auf dem von der Parteiversammlung beschlossenen Wahlzettel verteidigte. An der sehr er- regten Debatte beteiligten sich von jeder der beiden Parteigruppen eine Anzahl Redner. Die Herausgabe des abgeänderten Wahlvorschlags wurde von keiner Seite verteidigt. Doch betonten mehrere Redner, daß bei dem hier geltenden Proporzverfahren durch eine veränderte Stimmenhaltung der Partei keine Stimme verloren gehe. Kein Name sei gefälscht, sondern die Zahl der dem einzelnen zu gebenden Stimmen sei geändert worden. Die Art, wie der offizielle Wahlvorschlag zusammengestellt worden sei, habe bei den Wählern auf starken Widerstand gestoßen. Von der anderen Seite wurde ausgeführt: Das Vorgehen gegen den Mehrheitsbeschluß einer Parteiversammlung bedeute die Untergrabung der Parteiorganisation. Gegen bestimmte Abgeordnete der Partei, gegen Gemeindevertreter und gegen die»Schwäbische Tagwacht" wurden scharfe Vor- würde erhoben. Von der Parteileitung wurde folgende Resolution vorgelegt: Tie Anfertigung und Verbreitung gefälschter Stimmzettel entgegen dem Vorschlag der Parteiorganisation zur Gemeinderats« wähl 1V11 ist ein Disziplinbruch schlimmster Art, der die Grund- lagen der Parteiorganisation schwer erschüttert und die Aktion?« krast der Partei den Gegnern gegenüber nachhaltig schädigen mutz Die Parteiversammlung verurteilt das parteischädigende Treiben aufs schärfste. Die Parteileitung ist beauftragt, gegen Parteigenossen, die sich wissentlich an der Herstellung oder Per- breilunz des gefälschten Stimmzettels beteiligt haben, unver- züglich das Ausschlußverfahren gemäß§Z 23—26 des Parteistatuts einzuleiten. Nachdem ein Schlußantrag Annahme gefunden, nahm Bebel, stürmisch begrüßt, das Wort. Er gab seiner Freude über den warmen Empfang Ausdruck und führte aus: In seiner 50jährigcn Partcitätigkeit sei es ihm selten so schwer gefallen, zu reden, wie in dieser Situation. Braun und er seien als Vertreter des Vorstandes gekommen, um sich über die Vorkommnisse genau zu erkundigen, denn der Partei- vorstand sei in großer Sorge um die Vorgänge in Stutt- gart. Einen Streitfall wie den Stuttgarter habe er noch nicht erlebt. Er wolle nicht untersuchen, auf welcher Seite die Schuld liege. In der ganzen bisherigen Parteigeschichte habe es als selbstverständlich gegolten, daß, wenn eine Versammlung ordnungsgemäß die Kandidaten auf- gestellt hatte, sich jeder dem Beschluß zu fügen habe. Wenn aber solche Dinge einreißen, wie hier, so führe da? zur Zertrümmerung der Partei, zur Spaltung im ganzen Reiche. Wohin solle eS führen, wenn etwa bei Wahlen zum Reichstage oder zum Landtage die Minorität erklären würde, sie füge sich nicht! Es müsse ver- langt werden, daß jetzt alle Parteigenossen ihre ganze Kraft aufbieten, um den Stuttgarter ReichstagswahlkreiS der Partei zu erhalten. kleines femUetou. Gebratene Menschen. Im»Matin' berichtet General lvruneau eine Erinnerung an den algerischen Aufstand von 1871. Bei der Erstürmung der Befestigungen der Ait Hussan wurde der Erzähler Zeuge einer schrecklichen Marterung. Am Tag zuvor war ein Haupt- mann und ein Feldwebel der Zuaven den Eingeborenen in die Hände gefallen. Nls Bruneau beim Angriff auf die feindlichen Stellungen auf einen kleinen Dorfplatz vordrang, sah er die beiden Gefangenen völlig entkleidet und an Pflöcke gefesselt ausgestreckt. Ueber ihnen hocklen gleich Harpyien scheußliche alte Weiber, die die zuckenden Körper den gräßlichsten Foltern unterwarfen. Beim Anblick der Soldaten flohen sie heulend, doch wurden sie niedergestochen, bis auf zwei, die in ihrem schrecklichen Geschäft blindwütend fortgefahren waren. Die Gefangenen wurden mit Zeltseilen gefesselt—»wie Würste", sagte der General. Von den gemarterten Soldaten war der eine, der Hauptmann, schon tot, der Feldwebel konnte wieder zum Bewußtsein gebracht werden, aber sein ganzer Körper war eine einzige Wunde. Bruneau konnte nicht verweilen, denn der Kampf dauerte fort Eine Viertelstunde später war er beendigt und es wurde zum Sammeln geblasen, als plötzlich aus dem Dorf ein gräßliches Geheul drang.»Haben Sie Leute bei den Körpern gelösten?' fragte der Major, dem Bruneau gerade Bericht erstattet hatte. Dieser bejahte und der Major fuhr fort:.Ihre Zuaven haben ihren Hauptmann der- göltert. Sie werden ihn wohl rächen." Und mit erhobener Stimme zum Bataillon:»Daß sich keiner rührt I Sie aber, kommen Sie mit imr!" Bruneau erzählt weiter:»Wir kamen zur kleinen ESplanade, wo ich den Verwundeten und den Toten gelassen hatte. Die Leute. denen ick sie anvertraut hatte, zeigten einen seltsamen Ausdruck. Ihre Gesichter waren in ein schreckliche? MuSkelspiel befriedigten HasteS zu'ammcngezogen und ihre Blicke auf ein an den Felsen ge- lehnles kabylisches Haus gerichtet, lind aus diesem drang das ent» setzliche Schreien. Mit einem Sprung war der Major auf der Schwelle und ich sah ihn voll Schrecken zurück- weichen. Nun blickte ich selbst hin und ich konnte einer. Schrei nicht zurückhalten. Zu den Füßen jener ungeheueren Krüge, worin die Barbaren ihre Oelvorräte auf- bcwahien. war ein Feuer angezündet und ein scharfer Geruch ge- bratcuen Menschenflcisches verpestete die Luft. Aus der Oeffnung der Krüge ragten die grauenhafl verzerrten Köpfe der zwei Alten hervor.... Ich sah b-n Major seinen Revolver erheben. Zwei Schüsse ertönten und jede Klage verstummle. Eine unheimliche Stille folgte. Wir verließen endlich diese Hölle. Der Major bc- trachtete lange den Verwundelen und den Toten und sagte:»Es wäre besser gewesen, diese nichtswürdigen Weiber zu füsilieren. Aber ich wäre neugierig, zu wissen, Iva« unter solchen Umständen die Herren Humanitäre gemacht hätten, wenn sie statt der Tressenträger zwei ihrer Freunde in einem gleichen Zustande gefunden hätten." Die Antwort ist leicht zu geben. Die»Herren Humanitäre", wenigstens die redlichen, hätten überhaupt die Notwendigkeit ver- mieden, einen Krieg zu führen, bei dem auch die Soldaten eines KutturstaareS auf das Niveau kannibalischer Grausamkeit herabsinken, »hne bei ihren Offizieren etwas anderes als ein kühles Bedauern Er freue sich über WestmeyerS Erklärung, baß das ge' schehen solle. Er wolle aber weiter mitteilen: der Partei' vorstand sei einstimmig der Meinung, daß ein schwerer Disziplinbruch vorliege, der die s ch ä r f st e n Maßregeln gegen die Schuldigen, falls sie Parteigenossen sind, rechtferttge. Wie das Schieds- gericht urteilen werde, daS eingesetzt werden müsse, wenn es sich um den Ausschluß handele, wisse man noch nicht; es sei noch nicht gesagt, daß es den Ausschluß beschließen werde. Mit der Annahme der Resolutton allein sei es nicht getan. Niemand werde glauben, daß damit die Differenzen dauernd beseitigt seien. Aber wie bisher dürfe es nicht weitergehen. Es müsse ein W a f f e n st i l l st a n d eintreten, alle Kräfte müßten angespannt werden, um den Anstoß der Gegner auf den ersten Wahlkreis abzuschlagen. Der Kampf werde geführt nicht für die Person, sondern für die Partei. Daher sei es auch Pflicht des Parteiorgans, die Parteigenossen zu verteidigen, die in der bürgerlichen Presse angegriffen werden. Bebel schloß mit der erneuten Mahnung, den Kampf gegen den gemeinsamen Gegner mit aller Entschiedenheit und einig zu führen, damit am 12. Januar wiederum die rote Fahne in Stuttgart wehe. Die Ansprache war wiederholt von stürmischem Beifall begleitet. Die große Mehrheit der Versammlung sttmmte der Re- solution zu; ein kleiner Teil sttmmte dagegen. Ein größerer Teil enthielt sich der Abstimmung wegen des Satzes, der vom Ausschlußverfahren handelt. Um 12 Uhr nachts erreichte die Versammlung ihren Schluß. Sie Tarifverträge Im veutlchen Kelche im Jahre 1010. III. Die ArbrttSzett tu den Tarifverträgen, ArbeitSaachweis» und Schlichtungsorgane. Di« Arbeitsdauer wird als tägliche und in den Tarifverträgen wird wöchentliche Arbeitsdauer dargestellt. In beiden Darstellungen wird zwischen der sommerlichen und der winterlichen Arbeitsdauer unterschieden, da Witterung, Licht- und Saisonverhältnisse häufig solche Unterschiede bedingen. Als Ar» bcitsdauer ist stets die kürzeste, während der Tarifdauer zu er- reichende Arbeitszeit ausschließlich der Pausen angegeben. Danach hatten im Sommer 90,9 Proz. der Betriebe und 90,2 Prozent der Personen, im Winter 86,5 Proz. der Betriebe und 84,1 Proz. der Personen eine tägliche Arbeitszeit bis zu 10 Stunden. In den Jahren 1908 und 1909 waren die entsprechen- den Ziffern im Sommer 88,6 bezw. 85,5 Proz. der Betriebe und 89,8 bezw..90,2 der Personen, im Winter 69,7 bezw. 73,0 Proz. der Betriebe und 73,4 bezw. 74,0 Proz. der Personen. Ein Fortschritt der Arbeitsdauer bis zu 10 Stunden ergibt sich aus diesen Ziffern ganz unzweifelhaft. Die länger als zehnstündige Arbeitsdauer wird immer mehr zur Ausnahme. Aber auch die Arbeitszeit bis zu 9 Stunden Dauer ist im Vormarsch begriffen. 1903 bestand sie erst für 29,7 Proz. der Betriebe und 30,0 Proz. der Personen (Sommerzahlen), 1909 für 33L Proz. der Betrieb« und 29,9 Proz. der � Personen. 1910 dagegen für 37,2 Proz. der Betriebe und 34,4 Proz. der Personen, wobei zu berücksichtigen ist daß die um- fangreiche Tarifbewegung im Baugewerbe keine wesentliche Herab setzung der Arbeitsdauer brachte. Eine wöchentliche Arbeitsdauer bi» zu 60 Thmden war danach für 94,5 Proz. der Betriebe und 94,9 Proz. der Personen im Sommer und für 88,0 Proz. der Be- triebe und 83,3 Proz. der Personen Winter vereinbart. In den Jahren 1908 und 1909 waren die entsprechenden Sommerzahlen 88,5 bezw. 82,5 Proz. der Betriebe und 90,2 bezw. und ironische Gedanken über Humanität hervorzurufen. Und daß eS gar nicht einmal erst des Beispiels menschenmatternder Barbaren bedarf, um die Bestie in dem auf Krieg dressierten europäischen Menschen wachzurufen, hat man in eben dem Jahre 1871 in den Pariser Sttaßen gesehen... NcucS von der Flugmaschine. AuS Pari» wird berichtet: Der erste Eindruck des Besuchers der großen Pariser Flugausstellung, die am Sonnabend im Grand Palais eröffnet wurde, ist das praktische Aussehen der neuesten Erzeugnisse der Flugtechnit Die seltsam an- mutenden Erzeugnisse phantasievoller Erfinder fehlen in diesem Jahre völlig. Dann aber fällt auf, daß in diesem Jahre der Ein d e ck e r daS Feld beherrscht. Schon im vorigen Jahre konnte man in den Konstruktionen eine wachsende Neigung beobachten, die verschiedenen Zwecke der Flugmaschine im Bau der Appa- rate klar zum Ausdruck zu bringen. Man ist auf diesem Wege einen gewaltigen Schritt vorwärts gekommen. Früher teilten sich die Maschinen in zwei Gruppen: in Rennmaschinen und in Flug- zeuge, deren Endziel eS war, mit möglichster Sicherheit eine mög- licbst schwere Last zu tragen. Diese Ausstellung bringt eine neue Gruppe zur Geltung, die Tourenmaschine, das Rciscslugzeug, dann aber einen neuen, scbarf ausgeprägten Typu«, der alle Vorzüge der verschiedenen Gruppen in sich zu vereinigen trachtet: daS Milrtär- stugzcug. Interessant ist ein neuer Eindecker von Vinet, der sich von der bisherigen Gewohnheit, den Flieger über den Trag- flächen unterzubringen, lossagt. Bei allen Eindeckern, in denen der Pilot auf gleicher Höhe mit den Tragflächen sitzt, sieht der Flieger den Himmel über und bor sich, der Anblick der Erde aber ist außerordentlich beschränkt. Vinet setzt in seinem neuen Eindecker den Flieger nahezu 1,20 Meter unter die Tragflächen. Das Ergebnis ist nicht nur ein ungehinderter Ausblick nach unten, auch der Schwerpunkt der Maschine liegt viel tiefer, und damit wird die Stabilität viel größer. Wenn man die Konstruktionen im allgemeinen bettachtet, so spiegeln sich die Fortschritte der letzten Jahre auch in anderen wert- vollen Anzeichen. Man kann schon daran denken, den Fliegern das Leben in den Lüsten bequemer zu machen. Eine Reihe der neuen Modelle schützen den Piloten durch Metallkonstruktionen vor dem Luftdruck und bieten ihm bequeme Sitze. Diese Bauten zeigen fast durchweg torpedoartige Formen. Bei den Besuchern erregt ein regel- rechtes Lufttorpedo besonderes Interesse. ES ist von den Brüdern Rögy konstrulett und sieht auS wie ein g e f l ü g e l t e S Wasser- t o r p e d o. Der Eindruck wird noch verstärkt durch den Pro- peller, der am hinteren Ende des schlanken Körpers angebracht ist. Der Apparat mutet auf den ersten Blick wie die Verwirklichung einer Phantasie von JuleS Lerne an, aber er hat seine praktischen Flugversuche ausgezeichnet bestanden. Ein, L u f t a u t o m o b i l" hat sich Henri Deutsch de la Meurlhe bauen lassen. DaS ist ein mächtiger Blöriot-Eindecker. in den un- mittelbar hinter dem Führersitz ein regelrechter eleganter Wagensitz eingebaut ist. Hier sitzt der Luflpasfagier, vor Wind und Kälte ge- borgen, inmitten des rafsinierteften Komforts, und kann gemächlich durch die Fenster den Flug verfolgen. Technisch interessant bei dieser neuen Konstruktion ist die Anordnung des Propellers, der an der Rückseite der Flugmaschine angebracht ist Der Bffcuscharlach. Der Triumph über eine ansteckende Krank- helt ist der menschlichen Wissenschaft wahrlich nicht leicht ge- macht. DaS beweist ausS neue die schwere Epidemie von Diphthe-l 89,2 Proz. der Personen, die Winterzahlen 69,5 bezw. 78L Proz. der Betriebe und 73,4 bezw. 74,1 Proz. der Personen. Auch hi:r ist ein Fortschritt der Arbeitsdauer bis zu 60 Stunden pro Woche zu konstatieren. Eine Arbeitsdauer bis zu 54 Stunden wöchentlich war vereinbart worden 1998 für 29,6 Proz. der Betriebe und 29,8 Prozent der Personen(Sommcrzahlen), 1909 für 83,1 Proz. der Betriebe und 30,3 Proz. der Personen, 1919 aber für 49,1 Proz. der Betriebe und 37,7 Proz. der Personen. Hier ivringt der Fort- schritt des Neunstundentagcs als Maximum sehr deutlich in? Auge. Fragt man in welchen Gewerbegruppen der Zehn- stundentag noch wesentlich überschritten wird, so zeigt uns«in Blick auf die Tabellen 9 und 10, daß diese länger Arbeitsdouer am meisten noch in den Berufen der Holzindustrie, Nah- rungsniittelindustrie, BeklcidungS-, Handels- und Verkehrsgewerbe anzutreffen ist. Betrachten wir nun die Gesamtentwickelung der Arbeitszeitverkürzung seit 190 3, so kommen wir zu folgenden Ergebnissen. Es hatten eine tägliche Arbeitsdauer 1903: bis zu 19 Stunden 91,1 Proz. der Tarife, länger als 10 Stunden 8,9 Proz. der Tarife. 1905: bis zu 10 Stunden 73,5 Proz., über 10 Stunden 8,8 Prozent, unbestimmt 18,2 Proz. der Tarife. 1906: bis zu 10 Stunden 85,9 Proz., über 10 Stundeu 11,6 Prozent, unbestimmt 2,5 Proz. der Tarife. 1907: bis zu 10 Stunden 94,6 Proz., über 10 Stunden 5,4 Pro- zent der Arbeiter. 1908: bis zu 10 Stunden 90,2 Proz., über 10 Stunden 8,2 Prozent, unbestimmt 6,7 Proz. der Arbeiter(Sommer). 1909: bis zu 19 Stunden 89,2 Proz., über 19 Stunde« 8 Proz., unbestimmt 4,8 Proz. der Arbeiter(Sommer). 1910: bis zu 10 Stunden 90,2 Proz., über 10 Stunden 1,8 Pro- zent, unbestimmt 8 Proz. der Arbeiter(Sommer). Von 6,7 Proz. der Arbeiter im Jahre 1903 ist der Prozent- anteil der Arbeiter mit längerer als lOstündiger Arbeitsdauer auf 1,8 Proz. im Jahre 1910 zurückgegangen. Eingehendere Vergleiche werden erst möglich sein, wenn die Tarifttatistik nicht bloß den Inhalt der in dem Berichtsjahre in Kraft getretenen Tarife berück- sichtigt, sondern auf den Gescnntstcmd der Tarife ausgedehnt werden kann. Bestimmungen über die Pausenregelung enthielten 2744 Tarife. Die Frühstückspause betrug tn 801 Tarifen b:S Ii Stunde, in 2213 Tarifen über Vt. bis Vi Stunde und in 23 Tarifen länger als t-b Stunde. Die Mittagspause war in 22 Tarifen bis Stunde, tn 1048 Tarifen bis 1 Stunde, in 1493 Tarifen über 1 bis Wi Stunden, in 121 Tarifen über Wi lull 2 Stunden und in 2 Tarifen über 2 Stunden. Die Vesperpause war in 318 Tarifen bis Vi Stunde, in 1439 Tarifen über bis % Stunde und in 4 Tarifen länger als Stunde. Das Verhält- nis dieser Zahlen hat sich gegenüber dem Vorjahre nicht wesentlich geändert. Zum ersten Male erstreckt sich die Tarifstatistik auch auf die Lösung des Arbeitsverhältnisses und auf die Regelung des Arbeits- Nachweises. Von den Vereinbarungen über die Lösung des Arbeitsverhältnisses wird nur die Dauer der Kün- digungsfrist ermittelt. Nach den hierzu gemachten Angaben für 1910 sind Kündigungsfristen in 5t9 Tarifen vereinbart, davon bis zu 3 Tagen Dauer in 42, über 3 Tage bis zu 1 Woche in 276, über 1 bis 2 Wochen in 152 und über 2 Wochen Dauer in 46 Tarifen. Die Angaben lassen leider nicht erkennen, in wieviel Tarifen jede Kündigungsfrist ausgeschlossen war. Dies liegt indes an oer un- zureichenden Fragestellung, die in dieser Hinsicht der Verbesserung bedarf. Die ArbeitSnachweiSfra�e war nur tn 819 Tarifen vertraglich geregelt, indem die gemeinsame Benutzung bestimmter Arbeitsnachweise beiden Parteien vorgeschrieben wurde. In 249 Tarifen waren dieS Nachweise der Arbeitnehmer und nur in fünf solche der Arbeitgeber, in 39 Fällen paritätische Nachweise, in zwei Fällen Jnnungsnachweise und in 29 Fällen kommunale Arbeits- nachweise. Zu den 39 Tarifen mit paritätischen Nachweisen kommen noch die 3 Neichstarifgemeinschaften hinzu, in denen ebenfalls paritätische Nachweise vorgesehen sind. Außerdem wurde in 269 Tarifen vereinbatt, daß ein paritätischer Arbeitsnachweis angestrebt werden soll. ritis, die seit einigen Wochen in Berlin herrscht. Wenn sogar bei dieser Krankheit, deren Erreger bekannt und deren Entstehung und Verlauf daher genau bestimmt ist, der Erfolg noch zu keiner Voll- ständigkeit gediehen ist, wie viel muß dann die Bekämpfung einer Krankheit wie deS Scharlachs zu wünschen übrig lassen, für den diese Vorbedingungen noch nicht erfüllt sind. Auch diese Tatsache wird uns gerade jetzt mit besonderem Nachdruck zu Gemüte geführt, weil auch der Scbarlach eine bedauerlich große Verbreitung gefunden hat. Da ist es denn zeitgemäß, darauf hinzuweisen, daß endlich wenigstens eine größere Hoffnung als zuvor auf eine Ent- hüllung der Geheimnisse deS SckiarlachS entstanden ist. ES ist nämlich gelungen, die Krankheit auf Tiere überzuimpfen, und damit ist zum ersten Male die Gelegenheit geboten worden, ihr Wesen in objektiver Weise genau zu beobachten und durch Experimente zu ver- folgen. Da die Aufklärimg einer Krankheit erst dann schnellere Fortschritte machen kann, wenn das Mittel deS Tierversuchs sich dar- bietet, ist es von großer Bedeutung, daß drei Forscher, Landsteiner, Levaditi und Prasek, in den Annalen deS Pariser Pasteur-Jnstitut« die UebertragungSmöglichkeit von Scharlach auf Affen nachgewiesen haben. 35 Jmpfungsversuche an niederen Affen waren mißlungen, ehe die erste Impfung an einem menschlichen Affen zum Ziele führte. Die Pariser Versuche wurden an Schimpansen vorgenommen. Zwei von den vier Schimpansen erkrankten in einer Form, die mit dem Scharlachfieber die größte Aehnlickkeit zeigt. Beide Tiere starben fünf oder sechs Tage nach dem ersten Erscheinen der Krankheit, und auch die Untersuchung nach dem Tode lehrte Verletzungen der Or« gane kennen, die auffällig denen des menschlichen Scharlach? glichen. Versuche, die Krankheit durch einfache Ueberimpfung mit Strepto- kolken zu erzeugen, mißlangen sämtlich, zur Ansteckung war die Impfung mit Blut und die Uebertragung von Schwämmen der Rachenschleimhaut erforderlich. Daraus ergibt sich eine Bestätigung der Vermutung, daß die Stteptokokken nur eine nebensächliche Rolle bei der Krankheit spielen. Welche praktischen Folgerungen man aus diesen Forschungen wird ziehen können, muß nun freilich in Ruhe abgewartet werden._ Nottze«. - Die Wissenschaft im Kin«. Di««chtkpiek» im Mozartsaal« wollen von jetzt ab der wissenschaftlichen und populären Kinematographie einen größeren Raum in ihrem Pro« gramm einräumen. Eine Probe davon gab am DienStag Professor A. M i e t h e, der über die Bedeutung der Kinematographie für die Wissenschast spracki. Zahlreiche Proben zeigten die Mannigfaltigkeit und die schon erreichte Höhe dieses Genres. — Strindberg auf dem Kino. In Stockholm sollen demnächst August StrindbergS naturalistische Dramen»Fräulein Julie" und„Der Vater" im Biographentheater zur Aufführung ge- langen. Der Dichter zeigt selbst großes Interesse für das Experrment und hat sogar die Absicht, ein ausschließlich für das Kino bestimmtes Stück zu schreiben. — Der N a ck t t a n z, der sich in München zunächst Polizei- lichen Verbots erfreute, scheint dort nun bald obligalorisch zu lverde». Die V illau g durfte in demselben Lustspielhause, in dem sie zuerst konfisziert wurde, vor den trojanischen Greisen, will sagen: vor den Professoren und Schülern der Kunstakademie tanzen. Und wie die schöne Helena fand sie Gnade vor ihren Augen. Freilich, freilich, werden die Sittlichen sagen, die Künstler sind durch den An« blick der Aktmodelle schon verdorben...» Tarife 1910 905 458 876 2 Die Zahl der Tarifverträge, in denen gemeinsame E! n i g u n g s- II II d S ch l i ch t u II g s o r g a n e vorgesehen sind, mehrt sich von Jahr zu Jahr. 1908 waren für 1154 Tarife(57,7 Proz.) solche Organe vereinbart, 1909 für 1117(53,4 Proz.), 1910 dagegen für 2241 Tarife(59,6 Proz.). Nahezu die Hälfte davon, nämlich 1094, entfällt auf das Baugewerbe, eine Folge der zentralen Per- tragsverhandlungen, wie denn überhaupt die Zentralisation der Tarifbcwegung auchcn Wahlvercinö für den 3. Kreis zu erzählen weiß und vermuten läßt. daß es bei der Ausstellung der Kandidatur Pfannkuch nicht ehrlich zugegangen, dieselbe vielmehr unter einem Druck des Partcivor- standcs erfolgt sei. Unser Kandidat wünschte dazu die folgende Erklärung abzugeben: „Im Laufe des Sommer? kam der Vorsitzende de? Kreises im Austrage des Vorstandes zu mir und fragte, ob ich geneigt sei, bei der nächsten Wahl im dritten Kreise zu kandidieren. Ich erklärte mich nur unter der Voraussetzung dazu bereit, daß Heine auf eine Kandidatur Verzieht leiste und einen anderen Kreis zu vertreten wünsche. Der Vorsitzende antwortete mir. daß ihm die Verzichtlcistung Heines bereits schriftlich zugegangen sei. Darauf nahm ich das An- erbieten an. Meine Aufstellung als Kandidat geschah in einer gutbcsuchten Generalversammlung des Wahlverdns mit allen gegen zwei Stimmen; da konnte nichts„geschoben" werden. Weder der Parteivorstand, noch der„Vorwärts" hat sich in irgend einem Stadium der Beratung mit der Angelegenheit befaßt, auch keinen Rat gegeben, auch keinen Wunich geäußert. Die Notiz in der bürgerlichen Prege beruht auf Erfindung." Die Versammlung nahm diese Erklärung beifällig auf. Der Vorsitzende Pohl bestätigte dieselbe und ergänzte sie dahin, daß man sich erst mit der Kandidatenfrage befaßte, naclwcm ein an- derer Kreis Heine aufgestellt habe. Man sei außer Pfannkuch auch an andere Genössen herangetreten. In der Sitzung der Funktionäre des Wahlvcreins habe man sich ein- stimmig für Pfannkuch erklärt. Noch niemals fei die Kandi- datcnfrage in so ruhiger Weise zur Erledigung gekommen wie dies- mal. Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit dem Wunsche, daß Pfannkuch als Vertreter des dritten Kreises in den Reichstag ein- ziehen mög� ganz gleichgültig, mit welchen Mitteln ihn die Gegner auch noch bekämpfen sollten.(Allgemeiner großer Beifall.) Eine WAsscrversammlung für den fünften Kreis tagte am Mittwoch im Musikcrsaal. Tie Parteien im Wahlkampf hieß daS Thema, welches Richard Fischer in einem li-hstündigen Vor trage behandelte. WaS den.Kampf gegen die Reaktion anbetrifft so betonte der Redner zunächst, daß sich die Wähler nicht täuschen lassen dürfen durch daS bekannte Auftreten deS Reichskanzlers gegen den Abgeordneten v. Heydebrand. Von der Regierung ist Nicht zu erwarten, daß sie sich gegen die Reaktion wendet. B e t h- mann Hollweg und Hchdebrand stehen cnif demselben Standpunkt. Die Reaktion ist ein reißender Wolf. Den kann man nicht zähmen, den kann man nur dadurch unschädlich machen, daß man ihn totschlägt. Wenn sich der Hansabund als Kämpfer gegen die Reaktion aufspielt, so ist darauf nichts zu geben. Hat er doch nicht den Mut, in Fällen, wo ein Konservativer mit einem Sozial dcmokratcn in die Stichwabl kommt, die Wahl des Sozialdemo- kraten zu empfehlen. Ter.Hansabund überläßt es seinen Anhän gern, in solchen Fällen selbst zu entscheiden, ob sie den Vertreter der Reaktion oder den entschiedenen Feind derselben wählen wollen, Und wie steht cS mit den Freisinnigen, die ja in diesyn Wahlkreise als unsere einzigen ernsthaften Gegner in Frage kommen? Von ihnen liegt bis jetzt noch keine andere Kundgebung bor als ihr Wahlaufruf. Da heißt eZ, seit Jahrzehnten steht das Volk unter deni Druck der Konservativen und des Zentrums. Trotzdem hat der Freisinn bei den Wahlen 1907 mit den Konservativen gegen die Sozialdemokratie gekämpft. Der Freisinn ivar ja auch bereit, die Finanzreform mit der Regierung und den Konservativen zu machen, 400 Millionen neuer Steuern zu bewilligen, von denen ein Viertel die Besitzenden tragen sollten, während er drei Viertel den besitzlosen Volksschichten aufbürden wollte. Es ist also eine Lüge und elende Heuchelei, wenn der freifinnige Wahl�uftuf sagt, auf die Konservativen fällt die Veranttvortung ftir die Finanz- reform. Und weiter heißt es in dem Aufruf, die Mehrheit des verflossenen Reichstages dürfe nicht wiederkehren, es gelte den Kampf gegen die Reaktion, aber, je mehr Sozialdemokraten ge wählt werden, desto größer sei die Gefahr einer inneren Krise, eines Rückschlages, einer Stärkung der Reaktion.— Welche.Heuchelei! Indem der Freisinn vorgibt, die Reaktion zu bekämpfen, wendet er sich gleichzeitig gegen die Wahl von Vertretern derjenigen Partei, die am allerentschiedensten die Reaktion bekämpft. Natürlich kann die Herrschaft der Reaktion nickt gebrochen werden, ohne daß cS zu einer inneren Krise kommt. Kein vernünftiger Mensch kann an- nehmen, daß die Junker freiwillig auf ihre Machtstellung verzich- ten werden. Durch energsichen Kampf müssen sie aus ihrer Macht- stcllung vertrieben werden. Da kommen wir um die innere KrisiZ nickt herum. Sie wird kommen und muß durchgefochten werden Wir warten bloß auf den Moment, wo dieser Kam�f ansgefochten werden muß und sind bereit, die größten Opfer, die er von unS verlangt, zu bringen. Solange die Sozialdemokratie an ihren politischen und wirtschaftlichen Grundsätzen festhält, hält der Frei sinn ein Zusammengehen mit ihr nicht für möglich. Wer, wie der Freisinn, keine Grundsätze hat, kann natürlich nicht an Grundsätzen festhalten. Was sind denn unsere politischen GegcnwartSfordcrun- gen anders als die Forderungen deS Liberalismus, die der Frei- sinn aus Furcht vor der Sozialdemokratie nickt mehr zu vertreten wagt, die ivir aber durchführen müssen, weil sie die Voraussetzung unseres Befreiungskampfes sind.— In feinen weiteren AuSsiih- rungen zeigte der Referent, daß die Freisinnigen auch auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung, besonders bu der Beratung der Reichsversicherungsordnung, gegen die Interessen der Unternehmer eingetreten sind und gestimmt haben. Es ist eine Täuschung, wenn 'ich die Freisinnigen ausgeben als eine Vertretung des gesamten Volkes. Sie sind eine lrnrgerliche Partei und können nicht anders, als die Interessen der bürgerlichen Gesellschaft gegen die Jnter essen der Arbeiterklasse vertreten. Wer als Arbeiter seine Klassen läge erkannt hat, der muß wissen, daß eS keine Partei gibt, die für die Interessen der Arbeiter so rückhaltlos eiiftritt, wie die Sozial- dcmokratie. Wer will, daß die Reaktion gestürzt, daß der Herr- chaft des KavitalismnS ein Ende gemacht wird, der hat keine andere Möglichkeit, als dem sozialdemokratischen Kandidaten seine Stimme zu geben und für die Bestrebungen der Sozialdemokratie zu wirken. Durch stürmischen Beifall bekimdete die Versammlung ihr Ein- Verständnis mit den Ausführungen des Referenten. Hievauf beleuchtete Robert Schmidt in einer ebenfalls mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Rede die politische Situation. An einigen markanten Beispielen zeigte er, wie die Interessen des Volkes durch die Mehrheit des verflossenen Reichstage? geschädigt worden sind und daß nur durch Stärkung der Sozialdemokratie bessere Zustände herbeigeführt werden können. �ieclerbarnim. Zu einer gründlichen Abrechnung mit den Liberalen kam es am Montagabend in einer vom liberalen Wahlkomitee nach dem„Gesellschaftshaus" in Wittenau-B»rssg»alde einberufenen Wählerversammlung. DaS Referat hielt der kürzlich vom Wahl- verein der Fortschrittlichen Volkspartei für Niederbarnim auf- gestellte und von den Nationalliberalcn deS Kreises unterstützte Kandidat Herr ErdmannSdörffer- Charlottenburg. Da auf den Ankündigungen für die Versammlung freie Aussprache zugesichert war, hatten unsere Genossen von Wittenau-Borsig- walde sich zahlreich eingefunden. Ohne deren Anwesenheit wäre das Abhalten der Versammlung in Anbetracht der geringen Zahl liberaler Wähler in Frage gestellt gewesen. Sowohl die Einbcrufcr der Versammlung wie auch der Refe- rent schienen beim Betreten des bereits gefüllten VersammlungS- raumes zu ahnen, daß eS sich hier nicht um„liberalen Anhang" handelte. Herr ErdmannSdörffer behandelte denn auch in seinem etwa fünfviertelstündigcn Referat die Stcllung der Liberalen zur Sozialdemokratie. Abgesehen davon, daß einige in der Sozial- demokratie mit ihren oft absonderlichen Anschauungen marschieren- den Außenseiter herhalten mußten, um die Undurchführbarkeit der sozialdemotratischen Ziele zu beweisen, bezeichnete der Referent die Sozialdemokratie als Partei des Klassenkampfes, die, weil sie nur für die arbeitende Klasse eintrete, bekämpft werden müsse. Zudem sei die Sozialdemokratie jedes staatlichen Per- antwortlichkeitsgefühl bar, weil sie dem Staat die Mittel zu seiner Aufrechterhaltung verweigere. Selbstverständlich sang der Redner ein Loblied auf die liberalen Taten im alten Reichstag. Als erster Diskussionsredner nahm Genosse 2? e r m u t h daS Wort, der zunächst die mehr als sonderbare Auffassung, die der Referent über das Wesen der Sozialdemokratie bekundet, unter dem Beifall der Versammlung abführte. Nach dieser notwendigen Abwehr ging unser Redner zum Augriff über, indem er Schlag auf Schlag das ganze verräterische und vollksfeindliche Ziel der Liberalen im Reichstag und in den Kommunen aufdeckte. Abgesehen davon, so betonte unser Redner, daß die Liberalen durch ihre volksfeindliche Mitwirkung an dem Vereinsgesctz, der Reichsfinanzreform, der Reichsversicherungsordnung und anderen Gesetzentwürfen der Reaktion Handlangerdienste geleistet, hätten sie mit ihrem Zu- sammengchen mit den Konservativen, dem Hemmnis jeder kultu- rcllcn und freiheitlichen Entwickelung, für alle Zeiten sich ein Brandmal der Schande zugefügt. Dem Herrn Vorsitzenden schien etwas unheimlich zumute zu sein, indem er Mermuth ersuchte, seine Rede nicht allzu lang auszudehnen. Noch ehe unser Redner zu Worte kam, glaubte der Herr bereits WohlverhaltungSmatzrcgclu erteilen zu sollen, Ratschläge, die Mermuth mit gebührender Schärfe zurückwies. Am Schlüsse seiner Rede zeigte unser Genosse die tiefe Kluft, die zwischen der bürgerlichen und proletarischen Welt- anschauung gähne. Eine Ueberbrückung dieser Kluft sei unmöglich. Im Interesse der geistigen und kulturellen Entwickelung nicht nur der einen proletarischen Klasse, sondern der ganzen schaffenden Menschheit habe die Sozialdemokratie auch in Zukunft den Kampf für die Umgestaltung der Gesellschaftsordnung zu führen. Eine Etappe auf diesem Wege sei die bevorstehende ReichStagswahl. Wolle die Arbeiterklasse, wie die unter den heutigen Zuständen leidende erwerbstätige Schicht, nicht politischen Selbstmord begehen, dann müsse sie am Wahltage unseren Kandidaten ihre Stimme geben. Der Beifallssturm, der den Worten deS Redners folgte, bewies, daß er den Versammelten aus dem Herzen gesprochen. An der weiteren Debatte beteiligten sich noch die Genossen Liebelt und M a S- pfuhl. In seinem Schlußwort suchte sich der Referent noch in allerlei gewundenen Beteuerungen von dem Vorwurf, als habe seine Partei im alten Reichstag ihre Pflicht verletzt, frei zu machen, jedoch völlig vergebens. Nachdem der Vorsitzende die Versammlung geschlossen, durchbrausten Hochrufe auf die Sozialdemokratie den Saal.—> Kein gutes Omen für den liberalen Kandidaten, Pankow. Vor einer gut besuchten Versammlung im Roczickh- fchen Lokale referierte am Diensrag Genosse Dr. Moses über:„Die bevorstehende Reichstagswahl.' Es geht aufs Ganze, möge das deutsche Volk alle Kräfte daran setzen, daß aus dem Junker- und Polizeistaat ein demokratischer Staat geschaffen werde, in dem des Volkes Wille das höchste Gesetz ist. Stürmischer Beifall quittierte die Ausführungen des Referenten. In einem eindringlichen Appell ermahnte der Vorsitzende, Genosse Gütig, alle Anwesenden, am Wahl- tage ihre Pflicht zu tun und den Sieg der Sozialdemokratie zu einem glänzenden zu gestalten. Vor und nach der Versammlung wurden von dem Gesangverein.Liedersreund" einige stimmungsvolle Lieder vorgetragen. Tasdorf, Kaltberge.„Die Teuerung, die Frauen und die Reichs- tagSwahl" war das Thema, über daS Frau Anna Matschke am Sonn- tag im großen Saale von P. Hoffmann referierte. 000—650 Personen, darunter etwa 100 Frauen füllten den Saal und verfolgten mit sichtlichem Interesse die Ausführungen der Rednerin, die mit reichem Beifall aufgenommen wurden. Auch die Gegner waren zu dieser Versammlung geladen, doch meldete sich trotz mehrfacher Auf- fordertiiig niemand zum Wort. Mehrere neue Mitglieder wurden aufgenommen. F-riedrichShagen. Vor einer gut besuchten Volksversammlung im„Eiskeller" rechnete der Kandidat des Kreises. Genosse Stadthagen, mit den bürgerlichen Parteien ab. In der Diskussion erklärte Herr Kinnemann namens der Demokratischen Vereint- gung, daß seine Partei im Kreise Niederbarnim auf die Lufstellung eines eigenen Kandidaten verzichtet hätte, und daher für den sozialdemokratischen Kandidaten eintreten würde. Marzahn. In einer öffentlichen Wählerversammlung, der ersten am Ort, sprach am verflossenen Sonntag Genosse L HI e r S vor weit über hundert Personen unter reichem Beifall. Eine Reso- lution, wonach sich alle Versammelten verpflichteten, für unsere Partei zu stimmen und zu agitieren fand Annahme. Eggersdorf. In der am Sonntag bei Tübbecke abgehaltenen gut besuchten Wählerversammlung sprach Gen. John über:„Volksnot und die bevorstehenden ReichstagSwablen". Mit großer Aufmerksam- keit lauschten die Anwesenden den Ausführungen des Referenten. Gegner meldeten sich trotz mehrfacher Aufforderung nicht zum Wort. Okltexv- ßecöfeo w. Britz-Buckow. Heber die Bedeutung der bevorstehenden Reich!« tagöwahl sprach Genosse Albin M o h S- Schöneberg in einer öffent- lichen Wählerversammlung im Gesellschaftshaus. Sein fast zwei- siündiger Bortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Es wurde den etwa' anwesenden Gegnern volle Redefreiheit zugesagt, jedoch meldete sich niemand zum Wort. In der Diskussion sprach Genosse August Prenzlow. Als Leiter der Versammlung wies Ge- nosse Benthmanu auf die Einteilung der einzelnen Wahlbezirke hin. Ferner machte er auf die im Orte feit 14 Tagen gratis zur Ver- teilung gelangende neugegründete.Britzer Zeitung' aufmerkjam, die versucht, auch die Britzer Arbeiterschaft für sich zu interessieren. Zur- zeit gibt sie sich als»unparteiische" Zeitung aus, wird aber bald dasselbe werden wie das»Rixdorfer Tageblatt'. Er ersucht, die „Britzer Zeitung' gar nickt erst ins HauS hineinkommen zu lasten, denn das einzige Blatt für den Arbeiter ist.der„V o r w ä r t s". Der Oritzer Arbeitergesangverein, der die Versammlung mit einem stimmungsvollen Liede eröffnet hatte, trug auch zum Schluß ein Arbeiterlied vor, das von den 250 Versammlungsteilnehmern mit Begeisterung aufgenommen wurde. NiederschSneweidc. Eine gut besuchte Versammlung eröffnete hier den Reichstagswahlkampf. Der Referent Genosse Pagets 'prach über:„Die bevorstehende ReichStagswahl". In treffenden Worten legte er die Sünden und Schäden de? in Hurrastimmung gewählten vergangenen Reichstags bloß. Hcbergehend zur jetzigen Situation speziell im Kreise Tcltow-BceSkow verwies Redner dar- auf, daß hier nicht weniger als f Kandidaten aufgestellt seien. Tie Sozialdemokratie habe wieder ihren alten bewährten Vertreter Genossen Fritz Z u b e i l aufgestellt, für den auch die Versammelten bis zur Wahl noch tüchtig agitieren mußten. Eine Diskussion fand nicht statt. Räch einem kräftigen Schlußwort des Vorsitzenden Dehme! erfolgte Schluß der Versammlung. Eossrnblatt(Kreis Becskow). Vor�einer stark besuchten Ver- ammlung, die hier bei herrlichem Sonnenschein unter freiem Himmel tagte, referierte Genosse m. L i g n e r- AdlerShof über: -Die kommenden Reichstagswahlen". Redner kritisierte unter an- derem auch die Becskower Wahlrede deS konservativen Kandidaten Herrn March. Tic anwesenden Landleute dürften auf diese Weise ein anderes Urteil über diesen Herrn gewonnen haben als das vom BecSkower KreiSblatt gefällte. Nachdem der Referent nochmals ersucht hatte, am Wahltage nur für den sozialdemokratischen Kandi- baten zu stimmen, wurde die Versammlung mit einem Hoch auf die Partei geschlossen. Schöneweide(b. Luckenwalde). Zum ersten Male ist es möglich gewesen, am vergangenen Sonntag in dem entlegenen Winkel des Kreises TeLow eine Versammlrng unter freiem Himmel abhalten zu können. Langsam kamen scheu und ängstlich die Einwohner des Dorfes zum Versammlungsplatz geschlichen, um in respektabler Eni- ernung stehen zu bleiben. Nur gütiges Zureden vermochte ein Näherkommen zu ermöglichen. Mit sichtlichem Interesse folgte die Versammlung den Darlegungen des Referenten Genossen SC hie» l icke- Schöneberg. Noch im letzten� Augenblick wurde, allerdings vergeblich, versucht, uns das.Grundstück, auf dem die Versammlung stattsand, abzutreiben. Potsdam Oft-naveUand. Spandau. Am Dienstag fand für den Stadtteil Nonnendamm eine öffentliche Wählerversammlung statt, in der Stadtv, Genosse A. Gebert- Charlottenburg über das Thema: Wen wählen wir am 12. Januar? referierte. Redner beleuchtete an der Hand reich- haltigen Materials die Sünden des verflossenen Reichstags und der Block- Politik der letzten fünf Jahre. Er kritisierte weiter die gegnerischen Kandi- baten und jle'mes, die sich selbst als Neulinge in der Politit. ichne n, abe; trotzdem sich für fähig halten, das deutsche Bolk zu vcrlre.� oldfc Kandidaten dürfe kein Gewerbetreibender oder Arbeiter wu� i�, Ötnu die Erfahrung habe gezeigt, daß man vor der Wahl von'Seiten der bürgerlichen Parteien dem erwerbs- tätigen Bolle stets ffißie Versprechungen mache, aber nach der Wahl dieselbe nicht halte. Redner fordert auf, am 12, Januar nur dem sozialdemokratischen Kandidaten die Stimme zu geben, weil nur die Sozialdemokratie alles Unrecht beseitigen loill. Gegner meldeten sich trotz wiederholter Aufforderung nicht zum Worte. Der Vor« sitzende forderte die Anwesenden auf. sich an der Wahlarbeit rege zu beteiligen und dem Wahlverein als Mitglied beizutreten. Seegefeld. Wie in vielen Orten des Wahlkreises Potsdam- Spandau-Ltthavelland haben wir auch hier darunter zu leiden, datz uns Lokalitäten zur Abhaltung von Versammlungen nicht zur Ver- sügung stehen. Tie Wirte hegen alle möglichen Befürchtungen für rhre Existenz, sie geben daher ihre Säle zu Versammlungen nicht her. Hat der Druck der Arbeiterschaft auch schon dazu beigetragen, daß einzelne Wirte sich entgegenkommender zeigen, so wird diesen doch wieder von gegnerischer Seite durch alle erdenklichen Mittel der Nacken gesteift und uns dadurch die Lokalitäten wieder abgejagt. Am Sonntag, den 17. Dezember, sollte deshalb eine Versammlung unter freiem Himmel stattfinden. Leider war versäumt worden, dieselbe rechtzeitig anzumelden, weshalb die Behörde die Versamm- lung nach Eröffnung dieselbe sofort wieder auflöste. In der nahe- ligenden Wirtschaft unterhielten sich dann die Erschienenen über politische Tagesfragen wie auch über die kommenden Reichstags- Wahlen in zwangloser Weise, so daß hier von Mund zu Mund schon für die nächste Versammlung, welche am zweiten Weihnachtsfeiertag, nachmittags 2 Uhr, auf dem gleichen Grundstück abgehalten werden soll, Propaganda gemacht wurde. Sicher ist, daß auch mit diesen Mitteln unsere Bewegung am dortigen Platze nicht aufgehalten werden kann, und wird der Wahltag zeigen, daß auch hierorts die Sozialdemokratie gute Fortschritte zu verzeichnen hat. Hus der Partei. Parteiliteratur. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Gelehrten deS ZcntralvcrbandcS deutscher Industrieller.— Eine Antwort.— Von Karl Kautsky. Zweite umgearbeitete Auflage. Verlag Buchhandlung Vorwärts. Paul Singer G. m. b. H. Berlin SW 68, Lindcnstr. 69. Berlin 1911. Preis 20 Pf. Als ein Versuch, die Sozialdemokratie mit.geistigen Waffen' zu vernichten, erschien im Jahre 1902 eine Broschüre.Soziale Tatsachen und sozialdemokratische Lehren. Ein Büchlein sur �denkende Menschen und besonders für denkende Arbeiter von H. Bürge r. Das Werk wurde vor den Reichstags« wählen 1903 in Maffen verbreitet, da die Elite des Scharfmacher» tum?, der Zentralverband deutscher Industrieller, zu diesem edlen Zweck lief in den Beutel griff. Genosse KautSky gab als Antwort und Widerlegung die erste Auflage der vorliegenden Broschüre heraus. � Jetzt, zu den ReichStagSwahlen 1912 bringen die Sozialistcntvter die Bürgersche Schrift in neuer Auflage zur Ver- breitung. Dadurch wurde auch eine Neuauflage der Gegenschrift des Genossen KautSky notwendig, die auf Grund neuer Talsachen und Zahlen die im Scharfmacherinteresse zurechtgestutzten Argumente des Herrn Bürger zerpflückt und ihre Haltlosigkeit nachweist. Die S-brift des Gcnvssen KautSky wird im Wahlkampf sicher wertvolle Dienste leisten. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen von Karl KautSky. Zweite umgearbeitete Auflage. Preis 1 M., geb. 1,50 M, «eremsausgabe 50 Pf. Die erste Auflage dieser Schrift ist seit längerer Zeit vergriffen. Da zu den Aufgaben des neu zu wählenden llleichstagS die Regelung der Handels» Verträge gehört, hat die Buchhandlung VorivärtS die Neuauflage noch vor den ReichStagSwahlen erscheinen lassen. Alle Genossen, die über die schwierigen Probleme der Handelspolitik Aufklärung suchen, sollten nicht unterlassen, sich diese interessante und populär geschriebene Darstellung anzuschaffen. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, Speditionen und Kolporteure. Führer durch die Reichsversicherungsordnung. Die In- validen- und Hinterbliebe neu Versicherung. Am 1. Januar 1912� tritt der Teil der Reichsversicherungsordnung in Kraft, der die Invaliden« und Hinterbliebenenverficherung behandelt. Will der Arbeiter dabei keinen Schaden erleiden, bedarf er eines zuverlässigen Führers, zumal in Betracht kommt, daß die Hinter- bkicbcncnverstchcrung ganz neu und die Invalidenversicherung in wesentlichen Punkten abgeändert worden ist. Es sei hier nur auf die BcitragSrcgclung und die Rückerstartung der Beiträge verwiesen. Der Führer, den die Buchhandlung Vorwärls, Paul Singer G. in. b. H.. für den billigen Preis von 30 Pf. m,f den Markt bringt, behandelt in 17 Kapiteln alle wichtigen Punkte in einaehender und doch leicht verstündt'.cher Weile. Da dabei immer die Gesetzesparagraphen gc- nannl werden, erleichtert er zugleich den Gebrauch der Reichs- versichcrungSordnuug, i» die er ganz vorzüglich einführt. Wie der Verlag weiter ankündigt, werden diesem Führer auch die durch die Kranken- und Unfallversicherung, sowie durch das Verfahren folgen, also durch die Bücher der Rcichsversichcruugsordnung. die erst später in Kraft treten. Dem gut ausgestatteten Werkchen ist weite Ver- brcilung zu wünschen. ES ist durch alle Buchhandlungen und Speditionen zu beziehen.__ Ter Separatismus in Oesterreich. Nach der tschechischen hat stch jetzt auch die ruthenische Sozialdemokratie gespalten. Die tilra, irischen Separatisten trennten sich von der ruthenischen Partei, weil ihnen ein Beschluß deS letzte» Parteitages nicht zusagte. Die Partcizersplilterer haben bereits cm eigenes Blatt heraus» ucgebcii.' Sozialea« Tie Verweigerung von Ucberstunben ist kein EntlassungSgrund. Mit oer Kontoristin einer Fabrik künstlicher Blumen war beim Engagement als Arbeitszeit die Zeit von 3 bis 7 Uhr mit Zstündigcr Mittagspause vereinbart worden. Da das junge Mädchen in einem weit vom Geschäft entfernt liegenden Vorort wohnte, wurde ihr gestattet, im Geschäft über Mittag zu bleiben und dafür schon um 6 Uhr nach Hause zu gehen. Wenn sie trotz. dem sie bis 7 Uhr arbeitete, dann bekam sie oic Stunde Mehrarbeit als Ueberstunde bezahlt. Tie Kontoristin, die jetzt vor der 6. Kummer des hiesige» KaufmannSgerichts als Klägerin auftritt, arbeitete nun lange Zeit bis 6 Uhr und blieb über Mittag im ! Geschäft. Eines Tages verlangte der beklagte Prinzipal, sie solle fortan, und zwar noch an demselben Tage, 1� Stunden Tischzeit machen und abends bis 7 Uhr arbeiten. Die Klägerin weigerte sich indeffen zu Tisch zu gehen, da sie in der ihr zur eVrfügung stehenden Tischzeit kaum ihr« Wohnung erreichen, geschweige denn mit Ruhe essen und wieder zurück sein könnte. Tie Klägerin wurde infolge dieser Weigerung entlassen. Der Beklagte machte in der Verhandlung geltend, daß er be- rechtigt sein müsse, die früher besprochen- Tischzeit einzuführen. Wo die Gehilfin wohne, ginge ihn nichts an, sie könne ja auch wenn sie es bis zu ihrer Wohnung nicht schaffen könne, in der Nähe essen. Da» Kaufmannsgerlcht kam jedoch zn dem SrgedeniS, daß die sofortige Entlassung der Klägerin zu unrecht erfolgt sei. Das Verlangen deS Beklagten, Klägerin solle sofort zu Tisch gehen und in IVj Stunden wieder zurück sein, konnte die Klägerin gar nicht ernst nehmen, da das für die Klägerin unter den gr° gebenen Verhältnissen einfach unausführbar war. Hinzu komme, daß die Tischzeit eigentlich 2 Stunden betragen sollte, so daß das Minus von Stunde Tischzeit als Ueberstundcnarbeit gelten müsse. Wegen dieser Weigerung durfte sie Beklagter nicht gleich entlassen._ Hilfskrankenkasse» und Aerzte. Berliner Zeitungen wissen von einem Krankenkassenkonflilt mit den Berliner Aerzten zu berichten. In einer Delegierten. Versammlung des AerzteausschusseS von Groß-Bcrlin wurde be« kanntgegeben, daß von 384 bei den Hilfskassen angestellten Aerzten 381 gekündigt haben. Zu einer Kündigung mußte es sowieso kommen. Hätten die Aerzte nicht gekündigt, so hätten die Krankenkassen die Verträge kündigen müssen, da nach der Neuregelung der Krankenversicherung die HilfSkassen noch nicht wissen, ob sie als Ersatzkaffen�oder als Zuschußkassen weiter bestehen werden. Die Hilfskassenärzte, ge« stützt auf die Vertragskommission der Aerztekammer, verlangen nun eine Erhöhung des Honorars von 3,69 M. auf 4 M. pro Kopf und Jalpe. Die Delegiertenversammlung der Aerztze be« schloß, daß die Aerzte m keinerlei SonderverhandlungeH mit einzelnen Hilfskassen eintreten dürfen, sondern nur mit der Ver- tragSkommission verhandeln sollen.— Wegen der Honorarforderung ist gegenwärtig jedenfalls noch nicht von einem Konflikt zwischen Aerzten und Hilfskassen zu reden. Da» Lerficherungsgesetz für Angestellt« sPrivatcmgestelltenversicherung) ist überraschend schnell vom Bundes- rat verabschiedet worden. Das Gesetz spielt in den Kreisen, wo Privatangestellt« zahlreich vorhanden sind, im Reichstagswahlkampf eine erhebliche Rolle. Hierbei wird die von dem Mitglieds der Reich-tagskommissivn, Genossen Gustav Hoch-Hanau lMrbeitete Ausgabe deS Gesetze? mit ErläuterungM gute Dienste leisten.— Die Ausgab« erscheint, ebenso wie die Ausgab« der Rcichsversiche- mngsordnung. im Verlage der„Volkstümlichen Zeitschrift für praktische Arbeiterversicherung", Berlin NO., 43, Linienstraßc L, wohin bereits jetzt Bestellungen gerichtet werden können. Hus der Frauenbewegung. Auf zur Wahl! Die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung der Frau sowie ihre gesellschaftlich unwürdige Stellung wurzelt in der politischen RechtloSmachung. Während Millionen arbeitsamer Frauen helfen, den Nationalwohlstand zu vergrößern und selbst mit leeren Händen dabei ausgehen, stellt man sie politisch mit Minderjährigen auf eine Stufe und schaltet sie bei der Gesetzgebung vollständig aus. Unter den Folgen dieser herrschenden Zustände hat der weitau» größte Teil der Bevölkerung schwer zu leiden. Anstatt Alterspensionen, Witwen- und Waisenversicherung. Säuglingsfürsorge und alles, was eine gesunde, kräftige Sozial- rcform bedingt, einzuführen, häuft man auf die schwachen Schultern eines ausgebeuteten, ausgehungerten Volkes nur neue Steuern, neuen Sold für die herrschende Clique. Ein« treffende Illustration unserer.göttlichen Wektordnung' gab im vergangenen Jahre der englische Schatzkanzler Lloyd George, der in der christlich-liberalen Liga in London folgendes Bekenntnis ablegte: .Ich habe in meinem Leben sehr viel Elend gesehen und sehr viel über Elend gelesen. Jedoch ich gestehe, ich habe von seiner Schärfe nie die richtige Vorstellung gehabt; die gewann ich erst, als ich an die Ausführung des Gesetzes über die Alterspensionen herantrat. Da fach ich erst, welch erschreckende Menge von Armut es bei uns gibt! Da gibt es, wenige Schritte von diesem Saal« entfernt, Hütten, in denen arme Frauen, alt und müde nach einem ehren- werten, arbeitsamen Leben von mehr als 70 Jahren, immer noch tagsüber vom frühen Morgen bis zum späten Abend am Werke sind, um ein erbärmliches Bettelgeld zu verdienen, das sie zwar gerade vor dem Verhungern schützt, aber sie niemals von Not und Mangel befreit. Sechs bis sieben Schilling verdienen diese alten Frauen mit ihrer Nadelarbeit an Kleidern, deren Trägeriunen in einer Stunde de? Müßigganges und des Ueber mute» mehr verschleudern mögen, als dieses Elen dsvolk in drei Jahren harter Arbeit verdieiten kanitl Ich könnte Ihnen noch viel mehr erzählen, um zu zeigen. daß eine ungeheure Volksmasie hier, in diesem reichsten Lande der Welt, ein Leben der Armut führt, daS stets an der Grenze der Not und der Verzweiflung dahinschwankt. Und ich habe eS auch schon ausgesprochen, daß dieser Zustand der Dinge nicht auf dieses Land beschrüiilt ist. I m G e g e n t e i l, die hohen Lebensmittel- preise, verursacht durch die Besteuerung aller Lebensnotwendig« leiten, machen die Dinge in den Ländern des europäischen Kontinents noch schlimmer. Ich habe in den letzten zwei Jahren als Finanzminister Gelegenheit gehabt, in die Verhältuisse der Erb- b c st e u e r u n g von nächster Nähe Einblick zu nehmen. Und ich habe dabei gefunde», daß von insgesamt 420000 Erwachsenen, die jährlich sterben, fünf Sech st el nichts besitzen, was auch nur eine staatliche Aufnahme verlohnte. Ein paar alte billige Kleider, vielleicht ein bißchen HauSrat, das ist alleS! Mehr als 300 Millionen Pfund— sechs Milliarden Mark— wechseln jährlich durch Tod den Besitzer, rund die Hälfte davon entfällt auf ungefähr 2000 Personen! Haben nun etwa die 350000 Personen, die in Armut sterben, ein Leben des Müßiggangs, der Verschwendung und Ausschweifung geführt? Und haben die 2000, die an drei Milliarden Mark besaßen, ein Leben der Armut und Sparsamkeit hinter sich? Jeder- mann weiß, daß dem nicht so ist! AuS solchen Tatsachen erklärt sich jene Bewegung der Unzufriedenheit, die daS Zeichen einer organischen Erkrankung des ganzen System« ist.' Ihr Frauen, merkt Euch da» für den 12. Januar und zeigt, daß Ihr mit diesem ekelerregenden System aufräumen wollt. Könnt Ihr auch noch nicht selbst Eure Stimme in die Wag- schale werfen, so könnt Ihr Stimmen werben, die auch für Euch Protest einlegen und ihre unzweideutige Antwort am Tage des Gerichts geben.__ ßrkfharten der Redahtfon. Sit eprelvst-ndt studet Ltndenftral« es, vvni vtee Sttm» — F a d r ft u v t—< wochenis«li-l> von 4>z> bis T/t Ulir abends, konnadcnds, bon«>.>> bis ü Uhr abends statt. Jeder für den Brieftaftrn bestimmte»«»frage ist ei» Su-liftabe und etne Zahl als Mcrkirtinea beizufstgen. vrfefltche Antwort wirb nilbt erteil«. Allsragen, denen keine AbannrmentSauittnng beigcsiigt ist, werden nicht bcantwartct. Eilig« Arage» trage man in der Sprrchslunde vor. A. B. 22. Zur Erfüllung eines EheversprcchenS kann niemand ge- zwungen werden. DaS Mädchen, das als Verlobte den vorcbelichen Ver- kehr gcitaitet bat. kann nach fchuidhaster Ausbebung des Verlöbnisses durch den Mann, von diesem„eine billige Entschädigung in Geld" verlangen.— W. 2. 4. � Nach der Vcrchclichung. jedoch spätestens bis zum 31. d. M., in Berlin bei dem MagistratSkommissar sür Invalidenversicherung. Am Kvllnischcn Part 8. 2. Jä.— P- F. IVO. 1. Nur dann, sallS nach dem MietSvcrlrage Kündigung zum 1. April zulässig ist. 2. und 4. Ja, bei dem Slrmenvorltcher Ihres Bezirks, am zweckmäßigsten mimblich. 3. Solche Acreine jinb vorhanden. Wenden Sie sich an die Zentrale sür private Fürsorge, Flottwcllstr. 4 1. 5. Nein.— B. B. 45. Der Antrag aus Pfändung ist bei der Verteilungsstelle des AmlSgerichts Spandau, die Ladung zum LssenbarungScid bei dem Amtsgericht Spandau einzureichen. Dem erst er en Antrag sind vetzufügen: vrtekl und ArmenrechtSbcschluß der Ladung zum OfienbarungSeid, dieselben Schriftstücke und der PsändungSbcricht. deS Gerichtsvollziehers.— M. I. 100. Für die Hilssarbciter ist der Streit beendet.— W. Sch. 509. 1. Jawohl. 2. Ein Anarchist.— B. 65. 40. Bei einem Patentanwalt ansragen. Adressen finden Sie im„Berliner Adreßbuch". (Zesanxverem ,MZnnerckor Ost". Am Sonntag, den 17. d. MtZ., vorstarb plötzlich unser Sanges- bruder FHiz Hasche Kopcrnilusstraße 35. Wir verlieren in ihm einen treuen SangcSbruder und werden ihm ein stetes Andenken dewahren. Die Beerdigung findet am Freitag, den 22. d. MtS., nachmittags l'/j Uhr, von der Halle des ZentratsnedhoseS in Friedrichs, seid« aus statt.— Die Sänger{ treffen sich um 1 Uhr bei Mühicn- beck, Gudrunstraßc. Der Borstand. Gegründet 1864' üuf Teiizehlung wöchentlich nur 1 kDarlc 21 Grammophone, Pathephone, echte Monzenhauer Zithern, Geigen, Mandolinen, Gitarren, Handharmonikas M. 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Vorwärtß jöuchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer u-Eo, Berlin SW. Nr. 898. 88. Jahrgang. 2. Wagt Ks Jotnintts" Sttliitrr lolMlatt Donnerstag. 81. Dezember 1911 0� r>erhrchaftUchc9. n, abei o Ich'.in Kulturträger. Wie die Arter Zeitung" mitteilt, hat der im Wahl- kreise St. Wei..„� Ottweiler aufgestellte Zentrumskandidat Arbeitersekretär ö. �mann in einer Versammlung erklärt, daß er die wlvtschaftlich en Fragen aus dem Wahlkampfe ganz ausschalten und nur als kultureller und sozialer Bannerträger auftreten werde. Koßmann ist katholischer Fachabteiler, dem als kultureller Bannerträger das schwarze Mittelalter mit seinen Scheiterhaufen als Ideal staat vorschwebt. In den Fachabteilungen ist auch der soziale Standpunkt zu Hause, daß Knecht Knecht bleiben muß; hier wird die Sklavenmoral noch in Reinkultur gefördert. Daß es Herrn Koßmann sehr unbequem ist, als zentrümlicher Reichstagskandidat wirtschaftspolitische Fragen behandeln zu müssen, kann man ihm als Anhänger der schwarzen Steuer und Wucherpartei auch nachfühlen. Seine Erklärung aber zeigt, daß ihn die großen wirtschaftspolitischen Fragen recht wenig kümmern. Und ein solcher Mann girrt um die Stimmen von Arbeiterwählern!_ Berlin und Qmgegend. Neue Klagen der Omnibusangcftellte«. Seit dem Sommer diese« Jahres haben die Klagen der Ber- liner Omnidusschaffner und-Kutscher noch kein Ende genommen. In diversen Versammlungen, die trotz der Bespitzelung der An- gestellten durch die Vorgesetzten stattfanden, hat man der Diret- tion der Berliner Lminibusgesellschaft bittere Wahrheiten über die Zustände in ihrem Betriebe und über die Behandlung der An- gestellten gesagt, ohne daß eine wesentliche Besserung der Dinge eingetreten wäre. Zu den Anklagenden gesellen sich letzt auch die Autoomnibuschauffeure und-Schaffner. Wt den An- forderungen des gewaltig gesteigerten Verkehrs glaubt die Direk- lion nur dadurch Schritt halten zu können, dag sie einfach den bisher geltenden Fahrplan über den Haufen warf und sogenannte .ävilde Touren" einlegte. Würden diese„wilden Touren" von Ersatzwagen gefahren, dann wäre vom verkehrslechnischen sowie rein menschlichen Standpunkt aus gegen die Neuerung nichts ein- zuwenden. Nach den Verfügungen der Direktion der Omnibus- gesellschaft müssen die wilden Touren jedoch von den Tagesdienst habenden Chauffeuren und Schrfsnern mitgefahren werden. Daß sich diese Neuerung unter den gegebenen Umständen nur auf Kosten der Gesundheit ausführen läßt, versteht sich am Rande. Die Halte- zeiten wurden auf 2 bis 4 Minuten verkürzt, außerdem müssen die Chauffeure und Schaftner der Hauptlinien 4a, 4b, 11, 14 und 24 in der Haltezeit die Wagen betriebssicher halten. Auf Linie 4a sind täglich 9 Touren a 1 Stunde 7 Minuten zu fahren; dag ist ohne Haltezeiten gerechnet, eine durchschnittliche Arbeitszeit von 19 Stunden 3 Minuten.. Hinzu kommt die zur Dienstzeit gehörige Vorbereitungszeit vor Beginn der Dienstzeit von einer halben Stunde, die üblichen Verspätungen, die täglich ebenfalls eine halbe Stund« betragen und die nicht selten vor- kommenden Defekte und Reparaturen an den Motoren, die auch im Durchschnitt täglich%— 1 Stunde beanspruchen. Die hierbei versäumte Zeit muß in jedem Falle nachgefahren werden, so daß eine täglich zwölf Stunden betragende Arbeitszeit für Chauffeure und Schaffner an der Tagesordnung ist. Während dieser 12stün- digen Arbeitszeit ist es den Angestellten aber nicht einmal möglich. in Ruhe ihr Essen einnehmen zu können, da die kurze Haltezeit an den Endstationen von dem Chauffeur dazu benutzt werden mutz, die Bremse zu revidieren und eventuell nachzustellen, den Motor zu ölen und Kühlwasser aufzugießen. Der Schaffner mutz wäh- rend dieser Zeit Fensterputzen. Staubwifchen und zurückgelassene Fahrscheine aus dem Wagen entfernen. Fährt der Wagen schon gar mit Verspätung an der Endstation eiw dann haben die Be dienungSmannschaften nicht einmal Zeit, ihre Notdurft zu ver richten. Bei dem gefährlichen Dienst im öffentlichen Verkehr be� deutet eine derartige Anspannung namentlich der Chauffeure eine Ausbeutung der Arbeitskraft, di« im Interesse der Verkehrssicher heit von der AuftichtSbehörde untersagt werden müßte. Die Wagen der übrigen nicht genannten Linien haben täglich 8 Touren von je t Stunde 12 Minuten Dauer, respektive 6 Touren von I Stunde 38 Minuten lowie den üblichen Nebenzeiten zu fahren. Da» Personal auf diesen Touren hat also eine nahezu ebensolange Arbeitszeit wie das der Linie 4a. Weiter wird von den Angestellten darauf aufmerksam gemacht, daß die Direktion, vielleicht in der Vorahnung kommender Dinge, in ganz unverantwortlicher Weise neue Arbeitskräfte aus Ost- und Westpreußen nach Berlin zu ziehen sucht. Die von privaten Stellen» Vermittlern angeworbenen Leute, die für die Vermittelung 8 bis 19 Mark zahlen müssen, kommen ohne Ortskenntnis, oft auch ohne Geld nach Berlin und wissen oft nicht, wo sie doS Geld hernehmen sollen, um ein Logis lezahlen zu können. Die Direktion der Om- uibuSgesellschaft sollte doch bedenken, daß derartige Zustände keine Betriebsgeheimnisse bleiben; sie sollte deshalb bei sich Einkehr halten, ehe die Oeffentlichkeit zu den Dingen einmal ernstlich Stellung nimmt._ Achtung, Steinmetzen! Heber die Firma Jüngers u. Schille, Kunststelnbearbeitungsgef-däft in Berlin, ist die Sperre verhängt. Und da es der Firma sidwer fällt, Steinmetzen zu erholten, sucht sie nunmehr durch Deckadressen Arbeitskräfte. Im Essener Arbeitsmarkt war vor kurzem ein Arbeitsangebot nach Landsberg a. W. Reflek- tonten sollten sich an einen angeblichen Sreinmetzpolier M. Swäfer am dortigen Bahndammneubau wenden. Wie sich bald herausstellte, war die Firma JüngerS u. Schills die Unternehmerin. Selbst- verständlich lösten die Steinmetzen daS Arbeitsverhältnis wieder. Um das Reisegeld waren sie natürlich gekommen. Um andere vor Schaden zu bewahren, wird darauf aufmerksam gemacht. Arbeits- angebote nach Groß-Berlin und der Provinz Brandenburg nicht an- zunehmen. Eine Lohnbewegung der Architekturbuchbinder. Die in den Atelier» für Anfertigung von Papier-Architektur- Modellen beschäftigten Buchbinder haben an ihre Arbeitgeber Forderungen gestellt, nachdem diese eS abgelehnt hatten, sich einer der bestehenden Tarifgemeinschaften im vuwbindergewerbe und ver- wandten Berufen anzuschließen. Gefordert wird die Verkürzung der Arbeitszeit von 9 auf täglich 8V2 Stunden, die Gewährung von Wochenlöhnen ohne Abzug' für die durch die gesetzlichen Feiertage und unverschuldeten Versäumnisse ausfallenden Arbeitsstunden sowie ein bescheidener Sommerurlaub. Autzerdem werden folgende Lohnsätze vorgeschlagen: Im ersten Halbjahr der Berufstätigkeit vom Beginn der fünften Woche ab 29 M.. im zweiten Halbjahr 32 M., im zweiten Jahre 34 M. und im dritten Jahre 38 M. Gehilfen, die die letzte Lohnstufe bereits erreicht haben, fallen alljährlich am 1. November eine Lohnerböbung von 1,50 M. erhalten bis der Höchstlohn von 42 M. erreicht ist. De« weiteren enthält die Tarifvorlage Be- siimmungen über Besserbezablung der Ueberzeitarbeit und KündigungS- frist; sie verlangt ferner die Benutzung des varitätischen Arbeits- nachweise« und enthält eine Lehrlingsskola. Als Vertragsdauer sind drei Jahre in Vorschlag gebracht. Die Antworten der Arbeitgeber waren bis zum 16. Dezember erbeten worden. Diese sind aber nicht direkt an den Buchbinderverband gelangt; die Unternehmer haben sich vielmehr ihren Arbeitern gegen- über zu Tarifverhandlungen bereit erklärt. Nur die Firma Gebr. Stegemann, Kurfürstenstr. 31/32, hielt es für angebracht, die Wünsche der Arbeiter völlig unbeachtet zu lassen. Auf Beschluß einer Gruppenversammlung versuchte der ArbeiterauSschutz, mit den Herren Stegemann zu unterhandeln. Diese Unterhandlungen blieben jedoch ergebnislos. Am Abend des Verhandlungstages weigerte sich daraufhin das Personal, Ueberstunden zu leisten. Die Folge war die Entlassung der sämtlichen Gehilfen. Auch der Verbandsleitung gegenüber, die vermittelnd einzugreifen versuchte, lehnten die Herren Slegemann jede Verhandlung ab. Wegen ein paar Pfennigen Lohnerhöhung mußten also die Arbeiter noch knapp vor dem Weihnachtsfest ausgesperrt werden. Eine gestern abgehaltene Versammlung der gesamten Branche nahm zu der nun eingetretenen Situation Stellung. Nach Lage der Dinge dürfte eS in allen anderen Betrieben sehr bald zu einer Einigung kommen, während bei Gebr. Stegemann der Kampf vor« aussichltich Monate hindurch dauern und von der Arbeiterschaft auch mit aller Energie geführt werden wird. Die Versammelten ver- pflichteten sich, gegenüber ihren ausgesperrten Kollegen volle Soli- darität zu üben und jedwede Streikarbeit zu verweigern. Achtung, Friseurgehilfen! Wegen Tarifbruch für Verbands- Mitglieder gesperrt: Witt, Lortzingstl. 41. Kontrolle am zweiten Feiertag vormittags 19 Uhr Linienstr. 73. Der Vorstand. veutfches Reich. Zur Aussperrung der Isolierer ist mitzuteilen, daß dem Verband der Jsolierfirmen die Aus- dehnung der Aussperrung auf das ganze Reich nicht gelungen ist. Nur einzelne Firmen haben ausgesperrt, und auch diese zumeist nur die Lewe, die mit ihren Arbeilen fertig waren. Andere Firmen er- klänen ihren Leuten, daß sie sich an der Aussperrung nicht beteiligen und eventuell lieber aus dem Firmenverband austreten wollten.— Am 18. Dezember fand in Berlin auf Einladung des Firmen- verbände« eine Aussprache zwischen den Vertretern des Bauarbeiter- Verbandes und des Verbandes der Jsolierfirmen statt. Die Firmen- Vertreter glaubten die Aufhebung der Sperre über Reinhold u. Co. verlangen zu können; die Vertreter der Isolierer erllärten, daß davon vor Regelung der Differenzen gar keine Rede sein könne. Die Firmenvertreter suchten nachzuweisen, daß der Bauarbeiterverband durch die Sperre der Frankfurter Filiale der Firma Rein» hold u. Co. einen Vertragsbruch begangen habe, daß da- gegen die Leipziger Filiale der genannten Firma keinen Vertrags- bruch begangen habe, weil der Vertreter der Firma den Leipziger Verlrag von vornherein nicht anerkannt habe. Demgegenüber wiesen die Verireier der Isolierer nach, daß die Isolierer in Frankfurt schon deshalb keinen Vertragsbruch begangen haben können, weil dort der Vertrag vor der Verbängung der Sperre abgelaufen war. Ferner wiesen sie nach, daß der Vertrag in Leipzig thom Mittel- deutschen Verband der Jsolierfirmen abgeschlossen wurde, so daß ein Zweifel an der Gültigkeit des Vertrages für die Firma Reinhold u. Co. gar nickt bestehen kann. Irgendein greifbares Resultat kam durch die Aussprache nicht heraus. Schließlich verständigte man sich, daß im Laufe dieser oder der nächsten Woche neue Verhandlungen stattfinden sollen._ Ter Kampf der Einnehmer in Hamburg gegen die Berficherungsgesellschaft„Bictoria" ist noch immer nicht beendet. Die Organisation der Einnehmer, der Verband der Bureauangestellten, lvird nunmehr in Hamburg mit Zustimmung der dortigen Gewerkschaften den Boykott über die „Vicioria" verhängen. Die Situation ist für die kämpfenden An- gestellten außerordentlich günstig. Die von der Organisation ver- hängte Sperre wird mit großer Energie durchgeführt; bisher haben sich Arbeitswillige nicht gesunden. Es wird ersucht, Angebole oer„Victoria" für Hamburg unbedingt abzulehnen. Auf jeden Fall sollte bei derartigen Angeboten vorher bei der Leitung des Verbandes der Bureauangestellten, Berlin �0. 43, Linienstr. 8, angefragt werden. Sericdts- Leitung. Schutz gegen Schutzleute I Eine gestern vor dem Kriegsgericht der kgl. Komman- dantur verhandelte Anklage richtete sich gegen den Grenadier Rerenheim, der sich wegen groben Unfugs sowie wegen Beamtenbeleidigung und wegen Wider- stands gegen die Staatsgewalt zu verantworten hatte. Die Beleidigten sind" zwei Schöneberger Polizeibeamte. Der Angeklagte hatte eineS Sonntags, als er noch vor seiner Einstellung ins Heer stand, sich in angetrunkenem Zu- stände auf der Hauptstraße mit seinem Bruder herumgebalgt. Bald sammelten sich, wie dies bei derartigen Vorgängen üblich ist. Menschen an. Der dann hinzukommende Schutz- mann K. brachte die beiden auseinander. Da trat auch noch der Schutzmann W. hinzu. Ohne weiteres versetzte er dem Angeklagten hinterrücks einige kräftige Schläge ins Gesicht. R. blutete an der Stirn und das Blut lief ihm über �die Augen herunter, sodaß er kaum zu sehen vermochte. Sowohl nach feinen Angaben als auch nach den Bekundungen von Augenzeugen soll die Verletzung von der Mißhandlung des Schutzmanns herrühren. Unter Eid bekundete der Schutzmann W., er habe gesehen, daß sein Kollege von dem An- geklagten angefaßt worden fei. Dies ist aber nicht wahr. Denn der Schutzmann K. selbst bestritt eS unter seinem Ei d. Vor dem Kriegsgericht brachte der Polizeibeamte W. die Sache in einer Art' zum Vortrag, als s e i w e i t e r g a r n i ch t s dabei, wenn er einmal einem Si stierten ein paarSchläge ins Gesicht gebe. Der Angeklagte wurde über die ihm widerfahrene Unbill wütend und warf sich auf den Erdboden. Die Be- amten fesselten den am Boden Liegenden und schleiften ihn einige Meter fort. Auch auf dem Wege zum nächsten Revier blieb N. gefesselt, so daß ihm nach den Bekundungen von Zivilzeugen der Unterarm abstarb. Auf dem Wege zur Wache will der Angeklagte gestoßen worden sein. Er verlangte, daß einige Zivilzeugen mit hinauf zur Wache kommen sollten, doch wurde ihm dies nicht gestattet und die Haustür den Nachkommenden vor der Tür zuge- schlagen. Nerenheim behauptete, auch oben auf der ache geschlagen worden zu sein. Die beiden Beamten wollen aber davon nichts wissen, weil sie sich nach erfolgter Ablieferung des Siftierten nicht mehr um die Sache gekümmert haben. Sie stellten jedoch die Miß- Handlungen auf der Wache in Abrede, worauf der Ber- h a n d l u n g S f ü h r er m e i n t e, esfei ja bekannt, daß auf den Polizeiwachen geschlagen werde. Aus Aerger über die ihm zugefügte Unbill und die ungerechte BehandlungSweise will der Angeklagte die Schutzleute durch Schimpfworte beleidigt haben. Er wollte nicht gefesselt zur Wache transportiert werden und auS diesem Grunde habe er sich etwas geweigert, mitzukommen. Er bat, ihm die Fesseln abzunehmen, dann wäre er ohne weiteres mitgekommen. Das Gericht kam zwar zu einer Verurteilung des Be- schuldigten, doch sah es mit Rücksicht auf die Begleitumstände die Sache recht milde an und erkannte nur auf eine Geld- strafe von25M. Auf Veranlassung der Anklagebehörde wird nun gegen den Schutzmann W. beim Strafgericht Straf- antrag gestellt werden, so daß die Angelegenheit auch noch vor dem Moabiter Gericht ein Nachspiel finden wird._ Die Verzweiflungstat einer Mutter. In dem Prozeß gegen das 13jährige Dienstmädchen Luise Schröder, der, wie wir am Sonntag mitteilten, von der Straf- kammer dem Schwurgericht überwiesen wurhe, fand bereit» gestern die Verhandlung vor dem Schwurgericht statt. Die Angeklagte, welche offensichtlich große Reue über ihre furchtbare Tat zeigte, war wiederum geständig, die Absicht gehabt zu haben, ihr Kind dadurch umzubringen, daß sie es in einem Kaninchenloch steckte, in der Erwartung, daß es dort den Hungertod oder den Tod durch Ersticken finden würde. Ihre ganze Verteidi- gung bestand in den Worten:«Ich wußte bor Angst nicht, wo ich da» Kind lassen sollte." Auf eine Frage des Landgerichtsdirektors Bahr, der ihr in fast väterlich wohlwollender Weise, dicht neben der Anklagebank stehend, die einzelnen Fragen vorlegte, wann sie den Entschluß, das Kind zu töten, gefaßt habe, antwortete die Angeklagte, daß sie den Plan erst auf dem Bahnhofe in Borsigwalde gefaßt habe, als sie nicht mehr wußte, wo sie das Kind lassen sollte.-• Der Former Klein, welcher mit einem anderen Zeugen das Kind aufgefunden hatte, bekundete u. a., daß sie erst geglaubt hatten, e.. sei ein Kaninchen. Auf seinen Hinweis, daß eS ein Kind sei, sin. sein Begleiter vor Schreck bald ohnmächtig geworden und habe ihm zugerufen, er solle da» Kind, welches er für tot hielt, liegen lassen. Das Kind sei an den Armen und Beinen blau angeschwollen gc- wesen und habe, als er es befreit hatte, zuerst gesagt:«Au, tut Wehl" — Der Arbeitgeber der Angeklagten, der Landwirt Dunkel aus Schönefeld bei Teltow, bekundete u. a., daß die Angeklagte immer still und ruhig gewesen sei. Als sie mit dem Kinde nach Berlin fuhr, habe sie ihm erzählt, sie wolle das Kind anderweitig in Pflege bringen.— Auf Antrag der Rechtsanwälte Dr. Heinemann und Dr. Kurt Rosenfeld war der Nervenarzt Dr. Plaezek al» Sachverständiger geladen worden, da Zweifel darüber aufgetaucht waren, ob die An« geklagte bei Begehung der Tat, die offenbar im Affekt verübt sei, die freie Willensbestimmung besessen habe. Der Sachverständige äußerte sich dahin, daß natürlich jeder Affekt die freie Ueberlegung und die freie Willensbestimmung trübe. In dem vorliegenden Falle liege aber keine Veranlassung vor, mit der Möglichkeit einer Be- wußtseinstrübung zu rechnen.— Staatsanwalt Hootz ließ die An« klage des Mordversuchs fallen und beantragte nur die Bejahung der Schuldfrage wegen versuchten Totschlages, da anzunehmen fei, daß die Angeklagte nicht.mit voller und ruhiger Ueberlegung die Tat ausgeführt, sondern sich infolge ihrer verzweifelten Situation in großer Aufregung befunden habe. Außerdem beantragte der Ver- treter der Anklage, der Angeklagten mit Rücksicht auf die ganze Sachlage mildernd- Umstände zuzubilligen.— Die Rechtsanwälte Dr. Heinemann und Dr. Rofenfeld legten den Geschworenen nahe, sämtliche Schuldfragen zu verneinen, da eS sehr fraglich sei, ob die Angeklagte nicht inftilge ihrer verzweifelten Lage in eine derartige Aufregung geraten sei, daß ihr im Moment der Tat die freie Willensbestimmung gefehlt habe. Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld wies insbesondere darauf hin, daß die Hauptursache, das es überhaupt soweit kommen konnte, wieder einmal in einer nicht ausreichenden Fürsorge für die unehelichen Kinder zu finden sei. In solchen Fällen erscheine eine sogenannte Sammelvormundschaft, deren Schaffung die nächste Stadtverordnetenversammlung in Erwägung ziehen werde, dringend notwendig.— Die Geschworene« bejahten die Schuldsrage nach versuchtem Totschlage unter Zubilligung mildernder Umstände. Der Staatsanwalt beantragte 9 Monate Gefängnis. Da» Urteil lautete auf 6 Monate Gefängnis unter Anrechnung von 1 Monat der erlittenen Untersuchungshaft. Die Angeklagte wurde außerdem auf Antrag der Verteidigung auS der Haft entlassen. Ein MagiftratSbeamter als Gattenmörder. Die Straffache gegen den des GattenmordcS beschuldigten Ma- gistratS-Bureauassistenten Otto Sternbeck ist jetzt in ein neues Sta- dium getreten. Die Ehefrau des Beschuldigten lvar bekanntlich eines Tages spurlos verschwunden. Ihre Leiche wurde am 28. Sep- tember 1919 in der Oder, nicht weit von Frankfurt a. O. aufgefun- den. Es wurde zunächst Selbstmord angenommen, bis sich gegen den Ehemann der Verdacht des Gattenmordes mehr und mehr ver- dichtete und am 23. Juli d. I. zu seiner Verhaftung führte. Cr hat zugeben müssen, die Leiche seiner Eheftau in einen Kinder- wagen gepackt, diesen nach Frankfurt transportiert und die Leiche in die Oder geworfen zu haben. Er bestreitet jedoch, ein Ver brechen begangen zu haben und behauptet, daß er in der Abwehr gegen feine auf ihn eindringend« Frau diese so unglücklich gepackt gehabt habe, daß sie zu Boden gesunken und dort leblos liegen ge- blieben sei. In seiner Angst habe er die Leiche dann in der be- zeichneten Art beseitigt, um einen Selbstmord glaublich erscheinen zu lassen. Verschiedene Momente haben nun den Verteidiger des Angeklagten veranlaßt, über dessen Geisteszustand da» Gutachten der Gerichtsärzte Mesizinalrat Dr. Hoffmann und Dr. Marx ein- zuholen. Nach diesem Gutachten besteht die Vermutung, daß Stern- beck unzurechnungsfähig und zur weiteren Beobachtung seines GeisteSzunandes seine Ueberführung in die Charite notwendig ist. Di« Akten liegen jetzt der Strafkammer zur Beschlußfassung vor. Der Rohrstock als Erzieher. Vom Landgerichte Dessau ist am 29. August der Lehrer Her- mann Pfau wegen Körperverletzung im Amte zu 19 M. Geldstrafe verurteilt worden. Er ist Lehrer in einem kleinen Torfe und hat Knaben und Mädchen aller Altersklassen zu unterrichten. Am 26. April gab er Rechenunterricht. Der 8jährige Max B. begriff nicht, was das Zeichen«-ff" bedeutet und schwieg auf die ihm zuteil gewordene Belehrung. Der Angeklagte holte dann den Rohrstock und schlug den Knaben mehrmals auf da» Gefäß. In Anhalt besteht kein Gesetz über die Schulzucht, aber auf dem Verordnungswege ist bestimmt worden, daß kein Kind in den ersten beiden Schuljahren geschlagen werden darf. Der Angeklagte hat also, sagt der Bericht. pflichtwidrig gehandelt und er war sich dessen auch bewußt, da er schon einmal aus ähnlichem Anlaß bestraft worden ist.— Seine Revision wurde am Montag vom Reichsgericht verworfen. Leider besteht für Preußen eine ähnliche Vorschrift wie in Anhalt nicht. Wann endlich wird bei uns wie in Oesterreich da.; Prügeln der Kinder als Erziehungsmittel gänzlich beseitigt werden k Aufhebung eines GeschworencuspruchS durch Gerichtsbeschluß.' Der seltene Fall, daß ein Geschworenenverdikt vom Gericki; Hof aufgehoben wird, weil sich die Geschworeiren nach einstimmige> Ueberzeugung des Kollegiums zu Ungunsten des Angeklagten geirrt haben, ist vom gestern tagenden Schwurgericht deS Lan« gerichts III, unter Vorsitz des LandgerichtSdirektorS Vahr, zu melden, Äuf We Anklage der versuchten Notzucht hatte sich der Tis- und Viollfchuhkünstler Gustav Steinicke zu verantworten. Der Ange- klagte, der im Sportpalast als Eiskünstler tätig war. lernte daselbst am 11. November v. I.«ine jung« Schneiderin Frl. M. kennen, die für die Künste de» Angeklagten sehr begeistert war und sich schließlich auch für diesen selbst als Person begeisterte. Sie nahm dessen Einladung, mit ihm zusammen ein Capt zu besuchen, gern an und verbrachte dort in liebevoller Unterhaltung, bl» der letzte Straßenbahnwagen, der sie nach ihrer elterlicher Wohnung zurück- führen konnte, schon Voruber war. Sie behauptet, daß sie in dem Caft betrunken gemacht worden sei und der Angeklagte ihr vorge- redet habe, sie zu ihren Eltern bringen zu wollen. Beide bestiegen ejn Auto, der Angeklagte soll aber nach der Behauptung deS Mädchen» dem Chauffeur statt der Adresse der Eltern sein« eigene ?ldvesse in der Neuen Kantstratze aufgegeben haben, wo er unter der Firma Gustav Steinicke ein Spezialsportgeschäft betreibt. Das Mädchen behauptet, daß der Angeklagte sie gewaltsam in seine Ladenwohnung gezerrt, sich dort auf sie gestürzt und mit dem Re- volver sie gezwungen habe, ihm zu Willen zu sein. Sie habe keine Möglichkeit gehabt, au» der Wohnung zu entkommen und sei bis zum nächsten Morgen dort festgehalten worden. Auf diese An- gaben hin wurde gegen den Angeklagten die Anklage wegen Nöti- gung, Freiheitsberaubung und Bedrohung mit einem Verbrechen erhoben. Der Angeklagte bestritt entschieden die Wahrheit der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen und behauptete, daß da» Madchen ihn auf ihr eigene» Bitten hin in seine Wohnung begleitet Hab« und dort von irgendwelcher Bedrohung oder Nötigung keine Rede gewesen sei. Da» Mädchen habe sich den Roman offenbar ausgedacht, weil sie sich vor ihren Eltern fürchtete, die Rechenschaft über ihr nächtliche» Ausbleiben von ihr forderten. Die Strafkam- mer erklärte sich seinerzeit für unzuständig und verwies die Sache vor da» Schwurgericht, da das Gericht den Angeklagten der Not- zucht hinreichend verdächtig hielt. Gleichzeitig wurde über den An- geklagten die Untersuchungshaft verhängt, au» der er aber nach einiger Zeit wieder entlasten wurde. Nachdem schon einmal ein Schwurgerichtstermin stattgefunden, der der Vertagung anheim- fiel wurde nun gestern die ganze Sache noch einmal verhandelt. In der umfangreichen Beweisaufnahme erklärte Dr. Marz als Sachverständiger, er halte den Angeklagten für geistig minder- wertig. Dr. Otto erklärte, er habe begründete Zweifel an der Zu- rechnungSfähigkeit de» Angeklagten. Der Staatsanwalt Da. Mi» beantragte, ein Schuldig nicht wegen versuchter Notzucht vielmehr nur wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen auszusprechen. Noch. dem der Verteidiger R.-A. Dr. Bahn Freisprechung beantragte, be- jahten die Geschworenen über das Votum des Staatsanwalt» hin- ausgehend die Frage, ob schuldig wegen versuchter Notzucht. Der Verteidiger führte aus, der Angeklagte sei völlig unschuldig. Auch genügten nach der ReichSgerichtS-Judikatur begründete Zweifel an der geistigen Gesundheit eine» Menschen, um den Z 61 St. G. B. anzuwenden; er beantrage daher, daß das Gericht darüber beraten möge, ob die Geschworenen sich nicht zu Ungunsten de» Angeklagten geirrt hätten.— Der Staatsanwalt beantragte 9 Monate Gefäng. niS.— Landgerichtsdirektor Bahr verkündete den Gerichtsbeschluß dahin, baß die Sache zur nochmaligen Berhandlung an ein anderes Schwurgericht zu verweisen sei. Der Beschluß sei nicht näher zu begründen, die Geschworenen ersähen aber aus dem Beschluß, daß das Gericht da» Ergebnis der Verhandlung ander» beurteilte als sie.— Die Sache wird also einen neuen— den siebenten— Termin erleben. A.3andorf&6 Spittelmarkt Belle-Alliancestr. 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Lokalen: Moerners Konzertsäle, Konzerthaus Sanssouci, Koppenstr. 29 � Kottbuser Str. 6 untor Mitwirkung der Ij unter Mitwirkung; des Gesellschaft„Strzelewlcz� Ii Berliner Humor«Quartetts — Anfang präzise 12 Uhi— — Billett 30 Pfennige— Wir ersuchen die Mitglieder, sich rechtzeitig mit Billetts zu versehen, da offene Kasse nicht stattfindet. 207/18* Das Komitee. Urania. WiBsenschaftiiches Theater. 8 Uhr: Von Meran zum Ortler. Admiifebpalasi Am tktmbctf fticdrkMt&iMc Eis-Arena. Heute nachm. 5 Uhr zugunsten der städtischen Waisen: Festvorstellung des Weltanachta- Milrohens Schneewittchen. u Die kleine Charlotte:: Im I. Bang i Five o'clock tea. Eintrittspreis M. 3—(für Kinder M. 2.—) inkl. Tee, Kaffee oder Schokolade einschl. GebSek. Voran geht eine s Kinder-Vorstellung u im Adrolrala-Theater (LiohtbUdbühne). Beginn 4 Uhr. Beginn 4 Uhr. — 3MM— DV Abend«"IMW Das prachtvolle Biebellett: ilpenzauber. ApachentJInat) Pushball spiel. Bis 6 Uhr nnd von 10'/« Uhr an halbe Kassenpreise. 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Dezember, nachmittags Z Uhr, von der Leichenhalle des St. Michael» KirchhoseS In Rixdors, Hermann- strotze 131— 135, aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht Der Vorstand. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung QroB-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Biersahrer Otto Eckert am 17. Dezember im Alter von LS Jahren verstorben ist. SS/Z Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den 21. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenballe de» Rixdorser Ge- meinde-FiiehoscS, Mariendorser Weg, aus statt. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, datz unser Kolleg«, der Droschiensührer �osepk kiscdokt »IN 18. Dezember im Wer von SS Jahren verstorben ist. Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den 21. Dezember, nachmittag» S'/, Uhr, von der Lc�henball« de« Zcntral-Fried- Hosts in FriedrichSselde au» statt. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, dag unser Kollege, der Rolllutscher Rudolf Nagel »m 19. Dezember im Alter von SS Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Dezember, nachiniltagS 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des SimeonS-Kirch- Hose» in Britz au» statt. Ehre ihrem Andeuten Z Um rege Betelligung ersucht SS/4 Hie Bezirksverwaltung. lleM der Brauerei- ud MkleinMer SlÄÄ Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern dien« zur Nachricht, daß der Kollege. Fahrer Hermann Henkel (Echultheitz II) am 18. Dezember gestorben ist. Ehre seinem Andeuten! Dl« Beerdigung findet am Freitag, den 22. d. MI«., nach. mittags 2'/, Uhr von der Leichen. Halle de» Ziixdorier Gemeinde, FricdhoseS. Mariendorser Weg. aus statt. 48/3 Um zahlreiche Betelligung wird ersucht. Die Lrtaverwaltung. Allen Berwandten und Be- kannten die traurige Nachricht, datz meine Hebe Frau, unsere gute Mutter, Schwieger« und Grog» mutier Horts Peters geb. Sabow am Dienstag, den 13. Dezember, nachmittags 8 Uhr gestorben ist. 01« trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Freitag. den 22. Dezember, nachmmag« Z'/i Uhr. von der Leichenhalle des ZionSlirchhoseS in Nordend auS statt. IlglL »ung. Für die vielen Beweist herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz. ivenden bei der Beerdigung meine» lieben Manne» sag« ich allen Be» kannten und Verwandten, sowie dem Zentralverband der Zimmerer und dem Dadloereln de» 4. Kreise» meinen innigsten Dank. 2t2Sb _ Witwe Luis« Klette. Tantsaguna. Jür die vielen Beweis« herzlicher nähme beim Hinscheiden meine» lieben Manne» sage allen lieben Freunden und Kollegen, sowie dem Sozialdemokratischen Wahlverew (2. Berliner Wahlkreis. Bez. 34) und dem Nauchklub.Germania- meinen herzlichsten Dank. 2t2öb Wwe. Marie Engelke. Danksagung. Für die liebevollen Beweis« herz. licher Teilnahme und reichen Kranz. ipenden bei der Beerdigung mewe» lieben Wanne», de» SchristsetzerS Erwin liOne spreche Ich allen Verwandten, Freunden und den Kollegen de» Verstorbenen meinen innigsten Dank au«. LlS7b Im Namen der Hinterbliebenen EI«I»«tIs Löhe geb. Schöning. Vecantwvrtlicher Redakteur: Wähler des I. Berliner Reichstags-Wahlkreises! Freitag, den, 22* Dezember, abends 8% Uhr, im Caf<6 Crärtner, Holsteiner Ufer 27/28: Große Wähler-Versammlung. Tagetordnung: „Anf zur Reichstagswahl!" Referent s Stadt». Aftlir Stadthagen. Nach dem Referat: Freie Aussprache. Sähler de» I. Kreise», erscheint in der Bersammlung I HandlungSgehllsen und Prtvatangestellte find besonder» eingeladen._ 208/15 Der Einberufer. Montag morgen«ntschltes nach kurzem Leiden unser lieber Kollege. der Schriftsetzer 2123b Lodert leudlokt im Alter von SS Jabren. Ehr« sei««« Andeuten: DaS Personal der Firma Hempel n. Co« Beerdigung heute Donnerstag. 3'/, Uhr, griedeuauer Kirchhof. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Äw» Von M. AntoMnnf««; PtlitucUtn thgant, modern. Nie wieder- kehrende Ueleien- hell. Durch Oberaus ganeilien Abeehlutt hin ich In der Lage, elegante Pellrachen su hilhgan Preisen und äussern Mulanten Uedingungen ab- Mug-ben. 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Heute Tonnerstag. abendS 8 Uhr: Sektions- Versammlung aller w der Mvtzendravlhe deschästigteu Arbeiltr u. Ardeitkrinnen in den „Mustter-Sälen", Kaiser-Wilhelm-Str. 18,». Tagesordnung: l01/2 1. Unsere Stellungnahme zu dem Verlangen der Mitglieder des Arbeitgeber-Verbaudes auf Ein fiihrung der Akkordarbeit. 2. Diskulsion. 3. Verschiedene«. Kolleginnen und Kollegen! Indem man Euch die Akkordarbeit anbietet, müht Ihr wiffen, daß Eure Existenz auf dem Spiele steht. Kommt deshalb alle zur ZebtionsShullg, keiner darf fehlen. vis Ortsver�nltunx. Achtung 1 Hrbcitslofcl Achtung! Commerz- und IMseonto-Banh. Aufforderung zum Umtausch .Aktien der Credit- and Spar-Bank in Aktien der Commerz- and Dleconto-Bank. Gemätz§ 290 H. ffi. B. fordern wir hiermit die Inhaber von Aktien der Credit, und Spar-Bank aus, ihre Aktten nebst Dividendenschein pro ISU sowie Erneuerungsschein zum Zwecke deS Umtausche» gegen Aktien unserer Gesellschaft bei unseren Niederlassungen in H am barg, Berlin, oder bei unseren Fllialen in Altona, Blei. Bannover sowie in lielpulg und Altenharg S.-A. in den Geschäftslokalen der bisherigen Credu- und spar. Bank, serner bei den Herren J. Oreyfas& Co., PranKfart b. 31., mit Nummernoerzeichni» unter Benutzung der bei den Umtauschstellen erhälllichen Formulare einzureichen. Aktien, welche nilbt lpäteftens bi» zum 1. April 1918 bei uns eingereicht worden find, sowie solche Aktten, welche die zum Umtausch durch neue Aktten er- forderlich« Zahl nicht erreichen und un» nicht zur Verwertung sür Rechnung der Beteiligten zur Verfügung gestellt sind, werden für krastlo» erklärt werden. Mit den an Stelle der sur kraftlos erklärten Aktien auszugebenden Aktten unserer Gesellschaft wird aemätz z 2S0 H. ffi. B. Absatz 3 verfahren Soweit Aktionäre der Credit- und Spar-Bank Aktien in einer durch 10 teilbaren Anzahl nicht besitzen, werden die genannten Umtauschstellen die Verwertung des in Aktten der Comnicrz. und DiSconto-Bank nicht darstell- baren Betrages für Rechnung der Beteiliglen prooisionS. und courtagesrci vermitteln, sei es durch Verlaus der überschietzenden Spitze oder Hinzukaus des sehlenden Betrage» und»war aus Grund de» an der Berliner Börse notierten letzten Kassa-Kurses für die Aktten der Commerz, und DiSconlo- Bank. Berlin, den IS. Dezember ISU. Commere- and Dlsoonto-Bantc. Der Vorstand: Harter. Pllstcr. Wegen der Weihnachtsfeiertage findet die Auszahlung der Unterstützung wie folgt statt: Arbeitslose, die am Sonnabend, den 23. Dezember, am Montag, den 25. Dezember, und am Dienstag, den 26. Dezember, Unterstützung zu bekommen haben, erhalten dieselbe am Sonnabend, den SS, Dezember, ausgezahlt und müssen zu diesem Zweck am Kreitag, den SÄ. Dezember ihr Mitgliedsbuch und Arbettslosenkarte im Arbeitsnachweis abgeben. Die Auszahlung erfolgt in der durch Aushang bekanntgegebenen Reihenfolge, Die am Mittwoch, den 27. Dezember fällige Unterstützung wird am Tonnerstag, den S8. Dezember ausgezahlt. Am Montag, den 25., Dienstag, den 26. und Mittwoch, den 27. Dezember sowie am Montag, den 1. Januar, bleiben sämtliche Bureaus und Arbeitsnachweise geschlossen. 04/10 Die vrtSverwaltnng. eins Delikatesse auf dem Weihnachtstisch sind Cyliax Fabrikate in hervorragender Qualität als: Honigkuchen, Makronenkuchen, Pralin6s, Marzipan, Schokoladen, Baumkonfekte, Kakao. Aeußerst preiswert Filialen in allen Stadtteilen. IPB Otto Grimm,°--i!° wo., Landsberger Allee 28 Fernspreeher: Amt KSnigstadt No. 90.— Bestellungen frei Hans. Riesengroße Zufuhren und Auswahl! Zum Weihnaohtsfest empfehle einer besonderen Beachtung, soweit Vorrat reicht; Denkbar feinste WCllhShsllChSf M3StgänS0 Pfand 70 Pt naw. 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Parteigenossen, welche sich an den Schreibarbeiten be« teiligen wollen, treffen sich am Freitag, den 22. Dezember, abends 8 Uhr, bei Krienelke, Berliner Str. 27. DaS Wahlkomitee. Spandau. Der Sitz des sozialdemokratischen Wahlkomitees befindet sich im Restaurant E. Schubert, Kurstr. 21, Fern« sprecher 899. Die Parteigenoffen werden gebeten, sich bei samt« lichen Anfragen und Schriftstücken, welche auf die ReichStagswahl Bezug haben, an obengenannte Adresse zu wenden. Das sozialdemokratische Wahlkomitee. berliner Nachrichten. Hinter den Zirkuskulissen. Obgleich die ersten Vormittagsstunden noch nicht vorüber sind, herrscht in der in nächster Nähe des Zirkus gelegenen Artistenkneipe schon ein lebhaftes Treiben. Man kommt zur Vorinittagsarbeit, zur Probe. Denn gleich wie der Musiker täglich üben muff, um auf der Höhe zu bleiben, gilt dieses ständige Ueben auch für die Artisten. Ueberhaupt sind diese Menschen merkwürdig ernst. Das bringt der Beruf so mit sich, in dem im Grunde als Rest aus früheren Zeiten ein grausamer Zug liegt. Zwar merkt das Publikum davon wenig, weil der Akteur selbst die gefährlichsten Darbietungen in ein harmloses Gewand kleidet. ,.Heh, Jenny, kommst Du mit hinüber? ES ist Zeit. Ich bin zwar noch nicht dran, aber ich möchte mir mal die neue Sache ansehen." Eifrig auf seinen Partner einredend, ging er mit ihm in das Zirkusgebäude hinüber. Auch wir folgten. Ein großer Vorraum, den wir durchschreiten mußten war über und über mit Kulissenstücken bedeckt, an denen einige Dekorationsmaler arbeiteten. Der eine zog gerade seine auf kleinen Rädern laufende ungeheure Palette nach einem noch rohen Planstück hinüber, als ein Tischler auf ihn zutrat:„Guten Morsen, Pauli Na, wie lange habt Ihr noch hierbleiben müssen?"—„Verdammte Schinderei! Es was schon 2 Uhr, als die Probe beendet war. Tie Straßen- bahnen fuhren auch nicht mehr: ich habe daher den ganzes Weg nach Hause zu Fuß machen müssen. Da war doch an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich hab's jetzt satt! Am Tage hier Kulissen patschen, abends wieder her und sich mit dem verdammten Scheinwerfer da oben in der Kuppel abquälen. Da habt Jhr's doch unten in der Uniform der Stalleute besser!" „Meinst Du? Vielleicht tauschen wir mal." „Weißt Du, ich bleibe nicht länger hier. Diese unendliche Arbeitszeit und dann der Umgangston. Da ist es am Theater doch besser." „Ich inuß machen, daß ich fortkomme, der Alte ist mit dem Geschäftsführer drin, ein neuer Springer soll engagiert werden: der führt jetzt seinen Trick vor." Wir traten in den Zuschauerraum. Ein graues, fahles Tageslicht durchirrt verloren den gewaltigen Zirkusbau. Ueber die unteren Sitze und Logen sind mächtige Pläne aus- gespannt. Wie nüchtern sieht das alles gegen den Zirkus des Abends ans, durch dessen von Stalldunst und gelbe Licht- fluten erfüllte Luft eine tolle Janitscharenmusik klirrt. Wohl ist der Stalldnnst geblieben, aber statt der Musik tönen harte Worte durch den Raum. Der innere Manegenraum ist mit dunklen Wassermassen gefüllt. Ter neue Springer hat seinen halsbrecherischen Sprung einige Male wiederholt. Sein Engagement ist ge- sichert. Während sich sein Agent mit dem Geschäftsleiter in das Bureau begibt, kleidet sich der Artist schnell um. Um den furchtbaren Aufschlag auf das Wasser etwas abzumildern, trägt er auf dem Trikot eine dünne Roßhaarpolsterung. Dennoch ist sein Körper völlig mit roten und blauen Flecken bedeckt, die ihm nicht unerhebliche Schmerzen verursachen. Doch was hilft es. Schließlich gewöhnt sich der Körper auch daran. Unterdessen ist der Manegeraum wieder in seinen nor- malen Zustand gebracht worden. Nach einer exakt arbeiten- den Akrobatcntruppc folgt eine Kunstreiterin. Der Araber scheint etwas nervös zu sein, denn ihr Angestellter— sie muß ihn selbst bezahlen, wie auch das Pferd bei diesen Artisten persönliches t�gentum ist— muß ihm öfter die Peitsche geben. Doch ihre Zeit ist vorüber:„Abtreten!" Herein stürmt, kaum zu halten, ein prächtiger Schimmel, von seinem Herrn gefolgt. Die schon mit ihrer Arbeit fertigen Artisten und andere sammeln sich am Manegenrande. Es ist doch ein toller Kerl, der„Salto mortale"-Springer dort. Muskeln, die scheinbar nie ermüden und ein Feuer, das selbst die triste Stimmung der Vormittagsprobe nicht herabdrücken kann. Mit ganzer Seele ist er bei der Sache. Seine Rufe feuern das Pferd zu immer flotterem Tempo an: fortwährend wirbelt sein Körper in hohem Bogen durch die Luft, um sicher auf dem breiten Rücken des Dänen zu landen. Wieder schnellt er aus der Mitte der Manege in vielfachem„Salto" nach dem Pferde hin. Ans irgend einer Ursache läuft dieses plötzlich schneller— der Springer muß sein Ziel verfehlen und in die untersten S'tzrcihen stürzen. Da springt blitzschnell ein Artist dorthin und fängt mit zusammengekrümmtem Rücken den schweren Sturz ab. Es ging gut: dem Springer wie auch dem Kollegen ist nichts passiert. Ein kurzer Blick, nichts weiter: der Springer eist wieder dem Pferde nach nnd arbeitet sein Pensum zu Ende. Man zögert nicht, sein Leben für den Kollegen in die Schanze zu schlagen: man tut es schnell und kümmert sich nicht um Dankesworte. Wozu auch?— Heute dir, morgen mir. wie es trifft.— Und sind die Artisten zu Ende, dann kommt das Ballett an die Reihe. Der kleine italienische Ballettmeister faucht, niit der Glocke in der Hand, seine„Maledettos" in die jetzt etwas sehr phlegmatischen„Ballettratten" hinein. Tann und wann springt er von seinem erhöhten Podium unter sie und eins der Mädchen packend, tanzt er mit ihr eine„Paß", daß ihr Hören und Sehen vergeht. Doch auch sie müssen bald das Feld räumen. Tischler und Maler kommen und wollen die Aufstellung einer Tekora- tion proben. Weihnachten der Handelsangestellten. Weihnachten, das Fest der Liebe, steht vor der Tür. Mit Freuden wird es erwartet von der Jugend, die eine reich- liche Beschenkung erhofft und mit Freuden sieht der Geschäfts- inhaber der Weihnachtszeit entgegen, die ihm gewaltige Pro- fite bringen soll. . Nur die Angestellten im Handelsgewerbe haben keine Veranlassung zur Freude. Für sie bedeutet die Weihnachts- zeit eine Zeit der Qual und übermäßigen körperlichen und geistigen Anstrengung. Seit Wochen hat sie ihre Schatten mit den so vielen unangenehmen Begleiterscheinungen voraus- geworfen. Keine gesetzliche Mindestruhepause, keine Mittags- zeit, aber lange Arbeitszeit bis in die Nacht hinein, das ist das Los der Angestellten, besonders während der Weihnachts- zeit. Sie sind vogelfrei, gehetztes Wild und müssen schuften und rackern, den Profit der Unternehmer zu vergrößern. Aber nicht nur die Wochentage, nein, auch drei Sonntage sind zur Ausbeutung der Angestellten sür den erweiterten Ge- schäftsverkehr freigegeben worden. An den zwei letzten Sonn- ragen waren die Geschäfte bis abends 8 Uhr geöffnet und für den Heiligenabend hat der Polizeipräsident die Verkaufszeit bis auf 4 Uhr nachmittags festgesetzt. Das war den Geschäfts- inhabern nicht genug, sie liefen Sturm und veranlaßten den Minister für Handel und Gewerbe, als übergeordnete Behörde des Polizeipräsidenten, die Verkaufszeit für den Heilig- abend bis auf 6 Uhr abends auszudehnen. Der Protest der Handelsangestellten wurde unberücksichtigt gelassen. Auf die Gesundheit, das Wohl und Wehe der Angestellten wurde keine Rücksicht genommen. Ueberarbeitet, matt und abgespannt wird ihnen das Fest der Liebe zum Fest der Qual gemacht. 5'chts als niedrige Profitsucht sind die Leitmotive der Ge- schästsinhaber zur Erlangung einer längeren Verkaufszeit. Wir wissen, daß jeder Appell an die„feinen Damen" und „besseren Kreise", im Interesse der Angestellten die Einkäufe an den Wochentagen zu besorgen, wirkungslos bleibt. Wir hoffen aber um so mehr, daß die arbeitende Bevölkerung Rücksicht auf ihre Arbeitsbrüder und-schtt estern im Handels- gewerbe nimmt und ihre Einkäufe so früh wie irgend möglich besorgt. Die Arbeiterschaft muß beweisen, daß die Freigabe des Heiligabends bis um 6 Uhr abends für den Geschäfts- verkehr überflüssig ist. Die Angestellten werden das der Ar- beiterschaft zu danken wissen und durch Anschluß an ihre Or- ganisation, den Zcntralverband der Handlungsgehilfen, den Kampf gegen das Unternehmertum aufnehmen. Für AuSwandcrungSlustlge I Den VuSwanderungSagenten ist im Lauf« der Zeit ihr Handwerl etwas erschwert worden durch öffentliche Warnungen, die die AuZwanderuugSlustigen vorsichtiger gemacht haben. Darum wird heule ein AuSwauderungSagent, der sein Geschäft versteht, es möglichst vermeiden, direkt an AnSwanderungSlustige heranzutreten. Mehr Vertrauen findet er, wenn er sie zusammentrommeln läßt durch eine Mittelsperson, die mitauSwandern zu wollen erklärt. Solche Mittelspersonen wissen vielleicht oft selber nicht, datz sie nur Werkzeuge eines schlauen AnSwanderungSagenten sind. Kommt irgendwoher wie zufällig eine Anregung, nach den angeblich so überaus ertragreichen Gefilden EiidamerikaS oder Australiens auszuwandern, so ist bei den in politischer wie in wirt« schaftlicher Hinsicht leider recht traurigen Verhältnissen Preußen- Deutschlands mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf zu rechnen, daß der absichtlich oder unabsichtlich ausgestreute Samen nicht ganz auf unfruchtbaren Boden fällt. Im Kreise der Bekannten und Arbeits- kollegen wird der Plan besprochen, überall wird zur Beteiligung animiert, Zusammenkünfte bei mehr oder minder Bereitwilligen werden veranstaltet, Kenner de§ AuSwandcrerparadieses schildern es in rosigen Farben, kundige Ratgeber nennen Mittel und Wege, in dieses Paradies zu gelangen. Der Weg führt durch das Bureau eines Agenten, der als Beauftragter der Regierung eines grotzentcils erst noch urbar zu machenden Landes, z. B. von Brasilien oder von Queensland, leistungsfähige Arbeitskräfte sucht. Schließlich wird von den Auswanderungslustigen zur Ausführung ihres Planes eine eigene Organisation geschaffen, ein Auswandercrverein, eine Art Genossenschaft oder so etwas, und ein redegewandter Mann stellt als Vorsitzender und Führer sich zur Verfügung. Schon wissen die ineisten nicht mehr, von wo eigentlich die Anregung ausgegangen und wie das alles so rasch zustande gekommen ist. Bald sind die Verhandlungen mit dem Agenten erledigt, die Verträge werden ab- geschlossen und die Teilnehmer haben im voraus den vereinbarten Betrag für die Uebcrfahrt zu zahlen. Um ein Spottgeld verkaufen sie, was sie von ihrer Habe nicht mitnehmen können— und dann geht'S frohgemut auf die Reise ins gelobte Land. Nur zu oft haben Auswanderer, am Ziel ihrer Fahrt angelangt, die bitter st en Enttäuschungen erlebt. Briese von Aus- gewanderten, die wahrheitsgemäß die tatsäwlichen Zustände der- meintlicher Answandcrerparadiese schilderten, haben schon manchen AuSwanderungSlustigen noch zu rechter Zeit von feinem Vorhaben abgebracht. Im'„Vorwärts" sind wiederholt Schilderungen dieser Art veröffentlicht worden, und wir wissen, datz sie ihren Zweck, vor unüberlegter Auswanderung z u warnen, erfüllt haben. Gewarnt haben wir zu Anfang des Jahres 1910 auch vor Auswanderung nach Brisbane in Queens- land sAusiralienj. Wir erfahren jetzt, daß gerade um jene Zeit in Berlin eine Gruppe von Auswanderungslustigen zusammengetreten war, die in Queensland sich eine neue Heimat gründen wollten. Schon war von den Teilnehmern daS Reisegeld eingezahlt und an einen als Friedensrichter betitelten Mister B e r n o t h in Queensland abgeschickt worden, als plötzlich bei mehreren durch eine Schilderung der dortigen Zustände eine Ernüchterung herbeigeführt wurde. Diese gaben jetzt ihren Plan auf und versuchten dann, ihr Geld wieder zu kriegen. Die Bemühungen, bei denen sie auch die Hilfe des Auswärtigen Amtes anriefen, haben sich bis in den Herbst 1919 hingezogen. Einige der Teilnehmer haben schließlich ihr Geld nach erheblichen Abzügen gekriegt, anderen aber ist bis heute noch nicht ein Pfennig ausgezahlt worden. Das AuS- wärtige Amt hat erklärt: nickt hindern zu können, daß von dem ein- gezahlten Betrag der Mister Bernoth sich 29 Proz. abziehen und als Entgelt für gehabte Mühe behalten dürfe, und daß die Regierung in Queensland von dein Rest nochmals 19 Proz. für Unkosten ein- behalte. Von eingezahlten 199 M. fließen also 29 M. in die Tasche des Friedensrichters, von den übrig bleibenden 89 M. werden 3 M. als Unkostenenlfchädigung abgezogen, macht füx den enttäuschten Auswanderuiigslustigen 72 M. von 199 M. Einer der Beteiligten klagt unS, daß einige noch immer auf Auszahlung des so erheblich gekürzten Betrages warten müssen. Im Januar werden zwei Jahre verflossen sein seit jenem Tage, an dem sie daS Reisegeld entrichteten. Es heißt, daß mit der Sache sich noch daS Ministerium des Innern befaßt, das sie an das Polizeipräsidium weiter gegeben haben soll. Wird geplant, den Auswanderungsagenten schärfer als bisher aufdie Finger zu sehen? Zu wünschen wär'S! Dir MittagSspcisung bedürftiger Gememdcschulkindcr muß in diesem Jahre während der Weihnachtsferien ausgesetzt werden. Es ist erforderlich, datz die Küchen renoviert werden und daß das Dienstpersonal, das einen sehr angestrengten Dienst hinter sich hat, auch einige Tage Ruhe erhält. Der Verein für Kindervolksküchen, dem di« Küchen gehören und der im Auftrage der Stadt die Speisung au»« führt, sieht sich deshalb genötigt, eine kurze Unterbrechung m der Mittagsspeisung eintreten zu lassen. Die Organisation in den Stenerbureaut. Mit Bezilg ans die Verhandlungen gegen den Magistratsbureau- assistenten Lüdicke versendet der hiesige Magistrat folgende Erklärung: „In einer Anzahl hiesiger Zeitungen vqm 29. Dezember 1911 be- finden sich Berichte über den Ausgang des Prozesses gegen den Magistratsbureauassistenten Lüdicke. der am 18. und 19. d. MtS. vor dem Schwurgericht hier verhandelt worden ist. In diesen Berichten wird hervorgehoben, daß durch die Beweisaufnahme festgestellt worden sei, datz sich in den Bureau» des Magistrats, inZ- besondere in dem Realsteuerbureau, in welchem Lüdicke ge- arbeitet hat, erhebliche Unregelmäßigkeiten ereignet hätten, und daß eine gehörige Aufsicht des Magistrats gefehlt hätte, und es wird angedeutet, daß durch diese mangelnde Kontrolle und Aufsicht die Fälschungen und Schädigungen der Stadtgemeinde er- möglicht oder erleichtert worden wären. Diese Darstellung ist unrichtig. Der ZeitungSberichterstatter, dem sie zur Last fällt, hat die einseitigen Behauptungen des Verteidiger? dcS Angeklagten willkürlich als die Ergebnisse der Beweisaufnahme dargestellt. Der Versuch, aus einer angeblich mangelnden Kontrolle deS Magistrat» mildernde Umstände für den Angeklagte» herzuleiten, ist schon von dem Vorsitzenden in dessen Rechtsbelehrung an die Geschworenen als unzutreffend zurückgewiesen worden. Wenn insbesondere in den Zeitungsartikeln gesagt ist, daß Lüdicke wochenlang hätte vom Dienste fern bleiben können, ohne daß der Magistrat dies erfuhr, so entspricht daS weder den Tatsachen, noch ist es'in der Beweisaufnahme fest- gestellt worden. Vielmehr hat Lüdicke, wenn er wochenlang dem Dienste fern blieb, stets Krankenurlaub mit ärztlichen A t t e st e n nachgesucht und erhalten. Wenn weiter im Anschluß bieran be« hauptet worden ist, Lüdicke habe sich nach wochenlangcr Abwesenheit die aufgelaufenen Reste durch seine Kollegen gegen Entgelt nach« arbeiten lassen, so ist auch diese Angabe nicht zutreffend. Ein einziger städtischer Beamter hat erklärt, daß er, wenn Lüdicke über Müdigkeit im Dienste klagte, ihm gelegentlich bei seinen Arbeiten geholfen habe und hierfür von Lüdicke entschädigt worden sei. Dieses Verhalten war unzulässig und wird zu einer Bestrafung deS betreffenden Beamten führen. Daß es aber als eine vom Magistrat zu vertretende Unregelmäßigkeit angesehen werden kann, vor allen,, daß eS in irgendwelckcm Zusammenhang mit den von Lüdicke begangenen Fälschungen steht, ist ausgeschlossen. Jeder, der mit Kassensache» hinreichend Bescheid iveiß, ivird wissen, daß gegen eine geschickte Fälschung von Unterickriftcn auch die allergrößten Vorsichtsmaßregeln versagen und datz es daher nahezu unmöglich ist, Fälschungen dieser Art durch wirksame Kontrolle zu verhüten. Zur Sicherung gegen derartige Schädigungen ist bei der Stadihauptiasje das Versahren eingeführt, daß Zahlungen nicht auf die bloße Rein- schriflorder geleistet werden, sondern daß mit dieser auch die Originalordcr(Aktenexemplar) der Stadthauptkasse mit vorgelegt werden muß. Lüdicke hat diese Sicherungsvorschrist dadurch illu- sorisch gemacht, daß er sowohl die Originalorder wie die Reinschrift fälschie. In jedem einzelnen Falle hat er vier falsche Unterschriften bezw. Unterschriftzeichen unter der Urschrift und zwei falsche Unter« schnften bezw. Untcrsckriftzcichcn unter der Reinschrift auf die rassiniertcste Art täuschend ähnlich angefertigt. Es war bei dieser Sachlage nur natürlich, daß die Stadthaupt« lasse keinen Anstand nahm, das Geld an die ZahlungS- empfänger zn überweisen. Der Magistrat hat sogleich nach dem Bekanntwerden deS Falles Lüdicke, also schon vor etwa drei» viertel Jahren, den Versuch gemacht, eine noch größere Kontrolle, deren Besprechung in der Ocffentlichkeit auS naheliegenden Gründen sich nicht empfiehlt, einzuführen und damit Fälschungen in wirk« samerer Art vorzubeugen. Es steht zu hoffen, daß damit Hinter« geHungen der Kasie, wie sie Lüdicke ausgeführt hat, künftig nicht mehr vorkommen können."_ Eine Lietestragödie im Automobil hat sich gesiern vormittag am KönigSdamm auf Charlottenburger Gebiet abgespielt. Dort tötete während der Fahrt der 89 Jahre alte Gcrichtskanzlist Rudolf Rohde auS der Bnndelstraße 89 seine Geliebte, das Dienstmädchen Olga Hühn, das bei einem Professor am Kronprinzenufer 8 in Stellung war. Dann jagte er sich selbst im Wagen auS derselben Browningpistole eine Kugel in den Kopf. Das Mädchen versuchte wahrscheinlich zu entfliehen, fiel auf den Damm und wurde dort aufgefunden, während der Kraftwagen» führer mit dem jungen Manne weiterfuhr, und ihn nach der Wache deS 78. Polizeireviers in der Rathenower Straße brachte. Olga Hühn verschied alsbald. Ihre Leiche wurde nach dem Sckauhause in Charlottenburg gebracht. Rohde wurde dem Krankenhaus Moabit zugeführt, wo er bewußtlos lebensgefährlich daniederliegt. Die Kugel ging quer durch den Kopf. Sie trat an der rechten Schläfe ein und kam an der linken Seite wieder heraus. Rohde hatte mit dem Mädchen feit drei Jahren ein Verhältnis. In der letzten Zeit entzweite er sich mit ihm. Zu seiner Wirtin sprach er darüber nur wenig. Gelegentlich sagte er wohl: Na. wenn die es nicht ist, so bekomme ich auch noch ein anderes Mädchen. Nach anderen Ermittelungen hat sich Rohde mit feine» Geliebten überworfen, weil diese zu gleicher Zeit mit einem Diene» Beziehungen unterhielt. Vermutlich war sie seiner gänzlich über- drüssig. Vor drei Wochen ging Olga Hühn auS, angeblich um Rohde zu besuchen. Vor der Tür traf sie der Diener. Auf seine Frage, wohin sie gehen wolle, erwiderte sie, sie wolle ihre Tante besuchen. Jetzt vcranlaßte der Diener sie, mit ihm zu gehen. Später kam Rohde nach dem Kronprinzenufer und fragte nach seiner Geliebten. Als er erfuhr, daß sie mit einein anderen weggegangen war, bekam er einen tobsuchtarligen Wutansall und wartete in der Nähe des Hauses die ganze Nacht hindurch auf das Mädchen. Als e» morgens um 9 Uhr mit dem Diener nach Hause kam, beschimpfte er sein« Geliebte in den gemeinsten Ausdrücken und bedrohte sie mit dem Revolver. Sie rief einen Schutzmann an. Dieser nahm Rohde di« Waffe ab und brachte die Bedrohte in daS Hau? hinein. Seitdem wiederholte Rohde seine Drohungen noch mehrmals. Das Mädchen zeigte ihn endlich wegen Bedrohung bei der Staatsanwaltschaft an. Vorgestern sollte es auf der Polizei vernommen werden, ging aber nicht hin. Gestern vormittag um lliftUhr nun rief Rohde durch-den Fernsprecher bei seiner Geliebten an und sagte, sie müsse jetzt zur Polizei mitkommen. Er werde sie abholen. Bald kam er denn auch und ging dann mit dem Mädchen nach der nächsten Straßenecke, wo sein Kraftwagen hielt. Beide bestiegen den Wagen zur letzten S»hn.i»i>pl>>!>>i PiandleihhauS. IlllerbiNiaile Einkanfsquclle zum Wkibiinchtaseste. Jetzt täglicher Waren-l'Italscnverkau� Ricsennuswabl VelzstolaS. Pelzgarniwren. Winter- paletotS, Wmtcrulftcr. Jackettanzüge. Gcbrodanzüge, Hcrr-cnlioien. Bnr- schensachen. Nllci billigster Betten- vertL'.if, Brantbetten. Bctlstilcke. Ber- niietung�belt. AnSfteuerwäsche. 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