Kr.SYY. Wh »lonne-iin». P»«>» kiertilZSHrl.*JSB SRI, mottall. LR SV, wöchmllich 28 Pfz. fret(n* Haus. Einzeln« Kmranti 6 Pig. EonnIagS- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- Vbonnement: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Poft-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweis 28. Jahrg. Me snlttNonk'Stbilhk Goträgi für die sechsgespallene Kolons zelle oder deren Baum 50 Psg, für politische und gewerlschaslNche LereinS. und Versammlungs-Anzeigen M Psg. „Alelne Jinztigen", das fcligedriiikie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 setigeSrnili- Worte), jedeS weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlastiellcnan- zeigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort b Pfg. Worte über läBuch- siaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis l» Uhr nachniiiiags in der Expedition »pgegebeu werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gevsstiet. cttchell» ljigiich illlSii Msitsg». Berliner Volksblntk. S Zcntfalorgan der fozialdemokratt fd�cn Partei Deiitfchlands. kelegramm. Adresse: aSczIaldcmslmt Berlla". Redahtion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Mortyplay, Nr.»S«Z. Sonnabend, den 83. Dezember 1911. Expedition: SRI. 68, Lindcnatraosc 69. Fernsprecher: Amt Moristplatz, Nr. 1S84. »rieg und Mricgsgrcud. Bei der bevorstehenden Reichstagswahl handelt es sich auch um die Entscheidung darüber, obdaswahnsinnige Wettriisten der Rationen in demselben Tempo weitergehen soll wie bisher. Unsere Hurrapatrioten behaupten ja. daß diese Kriegsrüstungen not- wendig seien, um den Frieden zu erhalten. In Wirklichkeit aber erzeugt das unausgesetzte Wettrüsten nur eine immer größere Erbitterung zwischen den Nationen, die schließlich mit Naturnotwendigkeit zur Entladung kommen muß. Die Losung„lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende" muß früher oder später zu einer furchtbaren Explosion führen. Dazu koinmt aber, daß das Wort von der Friedensgarantie durch eine starke.Heeresmacht und eine starke Flotte im Grunde nichts ist als e l e n d e st e H e u ch e- lei. Das hat ja das deutsche Volk in den letzten Monaten während der Marokkohetze so erschreckend deutlich erfahren müssen. Mit schamlosester Ungenicrtheit warfen unsere deut- scheu Chauvinisten immer wieder die Frage auf: Wozu haben wir denn eine so starke Flotte und ein so gewaltiges Kriegshcer, wenn wir nicht einmal von diesen Machtmitteln Gebrauch machen wollen? Dabei handelte es sich nicht etwa um Lebensinteressen der deutschen Nation, nicht einmal um einen Angriff auf die sogenannte„Ehre" des deutschen Volkes, sondern um einen ganz gleichgültigen und bedeutungs- losen Kolonialerwcrb! Wäre es nach den Soldschreibern unserer Prozentpatrioten gegangen, so würden wir eines Fetzens Marokko wegen in einen Krieg mit Eng- wnd und Frankreich zugleich gestürzt worden sein. Und gerade das Bewußtsein unserer starken Kriegsrüstung gab ja den Prozcntpartrioten den frechen Mut zu dieser infamen Kriegshetze, zu ihrem rücksichtslosen Drängen zum Drein- schlagen. So offenbarte sich mit aller.Deutlichkeit, daß eine starke Kriegsmacht keine Friedensgarantie, sondern im Gegenteil den stärksten Anreiz zu frivolen KriegSabcnteuern bildet I Dem Volke kann deshalb nicht eindringlich genug zum Bewußtsein gebracht werden, welch unsägliche Greuel solch ein Weltkrieg über die beteiligten Nationen bringen müßte. Bebel hat ja bereits auf dem Jenaer Parteitag mit packender Be- redsamkeit die furchtbaren wirtschaftlichen Schäden ge- schildert, die ein Krieg über alle betroffenen Völker bringen muß. Aber es handelt sich nicht nur um materielle Schäden, um die schwerste Erschütterung unseres ganzen Wirtschaftslebens, um die Bedrohung der Existenz von Millionen und Abermillionen, sondern auch um die furcht- baren physischen Verheerungen, die ein Krieg unter dem Volk in Waffen anrichten würde, das zu Lande oder zu Wasser Leben und Gesundheit in die Schanze schlagen müßte. Und es handelt sich darüber hinaus nicht nur um die ungeheuer- lichen Verluste an Menschcnmaterial. sondern auch um jene Verrohung und Verwilderung, die jeder Krieg unausbleiblich mit sich bringt. Denn es ist ja eine lächerliche Fabel, daß durch die schauerliche Blutarbeit eines Krieges die„edelsten Eigenschaften" der Menschheit geweckt wiir- den! Die Folge so grauenhafter Eindrücke, wie sie der Krieg hervorbringt, ist vielmehr eine Abstumpfung aller höheren sittlichen Eigenschaften des Menschen und eine Entfesselung jener atavistischen Instinkte, die durch die Arbeit der Zivili-- sation erst mühsam gebändigt worden sind. Das ist von allen Kriegsteilnehmern zugestanden worden, die wirklich in die Psychologie des Krieges eingedrungen sind. So hat Leo T 0 l st 0 i, der nicht nur als Soldat den Krieg miterlebte, sondern auch als sittlich empfindender Mensch und Seelen- kenncr, in seinen grandiosen Kriegsschilderungen sowohl als in seineu ethischen Schriften die Bestialitäten des Krieges in erschütterndster und abschreckendster Weise gegeißelt. Wenn Berufssoldaten das nicht zugeben wollen, so beweist das nichts als den Mangel an sittlicher Ehrlichkeit oder besten- falls wirkiickjer Beobachtungsgabe. Aber unsere Herrschen- den, in deren Interesse der Krieg liegt, dürfen ja natürlich' die yanze Furchtbarkeit und llnsittlichkeit des Massenmords nicht zugeben, weil es ihnen sonst nicht mehr gelänge, die Massen zur Schlachtbank zu führen. Daß ein künftiger Krieg zwischen Millionenpar- teien alle bisherigen Kriegsgrcncl weit überbieten wird, kann kein Einsichtiger und Ehrlicher bestreiten. Nicht umsonst hat ja unsere kapitalistische Kultur unaufhörlich an der Verbesse- rung der Mordwerkzeuge gearbeitet. Durch Herstellung un- glaublich weittragender' Gctvehre und Geschütze ist eS ja jecht möglich geworden, Tod und Verderben kilomcter-, ja Meilen- weit dem Gegner entgegenzujchlcudern. Und die furchtbare Durchschlagskraft der modernen kleinkalibrigen Gewehre ruft sowohl aus nahe als aus weite Entfernungen die furchtbarsten Verletzungen hervor: die grauenhaftesten Knochenzersplitte- rungen. die Zersprengung der Gefäße, kurz die schauerlichsten Wunden. Dabei ist infolge der durch die Entwickclung der Wassentechnik bedingten Auseinanderzichung der Truppen- teile eine Ausdehnung der Schlachtfelder über ungeheure Strecken notwendig geworden. Diese Aus- dehnung der Kampfeslinie aber hat es mit sich gebracht, daß licht mehr wie früher die Entscheidungen des Schlachten- aeschicks in wenigen Stunden zu erfolgen vermögen, sondern «iß b&s Mordrn ununterbrochen mehrere Tage und Nächte j währt! Der russisch-japanische Krieg, in dem die große 'Schlacht bei Liaujang ja volle zehn Tage währte, hat das I hinlänglich bewiesen. Die endlosen Strapazen und Schreck- I nisse solch mehr-, ja vieltägiger Schlachten aber bringen die entsetzlichsten Erschütterungen des Nervensystems hervor. Der russische Soldat ist ja bekannt wegen seines Stoizismus und seiner unverwüstlichen Nerven: aber den Schrecknissen mo- derner Schlachten hat das Nervensystem selbst dieses Menschen- Materials nicht zu widerstehen vermocht: zahllose russische Soldaten sind dem Irrsinn verfallen! Aber noch eine furchtbare Begleiterscheinung bringen diese modernen Dauerschlachtcn mit sich. Die den V e r- w u n d e t e n zu gewährende ärztliche Hilfe wird da- durch zum großen Teil total unmöglich. Schon während des deutsch-französischen Krieges blieben, trotzdem die deutsche Heeresverwaltung die denkbar größten Vorkehrungen ge- troffen hatte und über ein gewaltiges Aerzte- und Lazarett- gehilfenpersonal verfügte, zahllose Verwundete tagelang ohne jeden Bei st and. Auf T tni s e n d e von Verletzten kam zeitweilig e i n Arzt. Viele(schwerver- Mundeten konnten erst nach zwei, drei ja sechs Tagen der Pflege teilhaftig werden. Wenn das d a m a l s, wo doch der Schauplatz der Schlachten ein verhältnismäßig eng um- grenzter war, schon der Fall war, wie wird es da in den Zukunfts schlachten möglich sein, den mit z e r- schni eiterten Gliedmaßen über ein Terrain von Ouadratmeilen zerstreut umher liegenden Verletzten recht- zeitige Hilfe zu bringen! Schon der berühmte Chirurg B i l l r 0 t hat ja vorausgesagt, daß es im Zukunftskriege an einer halbwegs ausreichenden Pflege für die Verwundeten inangeln werde. Man müßte über Hunderttausende und Millionen von Krankenpflegern verfügen, um den in entsetz- lichen Leiden sich Windenden Hilfe bringen zu können! Dazu kommt, daß jeder Krieg auch schwere Epidemien zur Folge hat. Je mehr aber die Soldaten Strapazen und Entbehrungen unterworfen sind— und die Verpflegungsbeschaffung fiir die Riese.narmeen der Zukunftshecre wird ja die unbesiegbarsten Schwierigkeiten bieten—, desto leichter können ansteckende Krankheiten entstehen, desto zahlreichere Opfer werden sie fordern. Denn was Helsen alle Fortschritte der medizinischen Wissenschaften, alle Kenntnisse über das Wesen von Krankheiten, wenn die Mittel zur Vorbeugung und Bekämpfung der Seuchen fehlen! Grauenhaft wird namentlich auch der Fcstungskrieg werden, wie ja die Belagerung von Port Arthur bewiesen hat, die an Scheußlichkeiten alles bisher in der Kriegs- geschichte Bekannte überbot. Nicht minder furchtbar würde sich ein Seekrieg gestalten. Auf meilenweite Entfernungen vermögen ja jetzt die Kriegsschiffe einander durch ihre Riesengeschütze mit einem Hagel von Eisen und Explosiv- slofsen zu überschütten, daß diese schwimmenden Eisen- kasernen bald in eine wahre Hölle verwandelt werden. Und j ein einziges gut dirigiertes Torpedo, eine einzige Untersee- mine vermag binnen kaum einer Minute solch ein Riesen- schiff mit 1WK! Mann Besatzung in den Abgrund zu vcr- senken! Und nicht genug mit solchen Schrecknissen, wird man ! künftig auch aus den Lüften Tod und Verderben über : die Landtruppen, über Festungen und Schiffe herabsenden. � Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Abwerfen von Bomben und vielleicht noch teuflerischcren Vernichtungsmitteln ! ein Problem ist, das schon in der nächsten Zeit gelöst werden ! wird. Schon hat ja ein amerikanischer Offizier eine Ziel- � cinrichtung erfunden, durch die alle bisher noch vorhandenen ! Treffschwierigkeiten für selbst im raschesten Fluge aus der ' Lust herabgeschleuderte Mordwerkzeuge beseitigt werden ! dürften. So wird der Zukunftskrieg Greuel bringen, wie sie ' sich früher selbst die satanischste Phantasie nicht auszumalen vermochte! Solche Bestialitäten aber sollen über die Menschheit ge- bracht werden, wenn es einem skrnpelloseu herrschenden Klüngel gefällt, seinen chauvinistischen Ucbcrmut auszurasen! i Welcher Frivolität gewisse einflußreiche Schichten i unserer herrschenden Klassen fähig sind, hat ja die toll- häuslerische Kriegshetze der allerletzten Zeit bewiesen! Und der Kriegsfuror und die Abenteurerlust, die bisher nur kleinen Schichten des oeutschen Volkes innewohnte, soll jetzt gar durch eine chauvinistische Jugendvergiftung auch den Massen des Volkes eingeimpft werden! Da ist es allerhöchste Zeit, daß solchem Treiben von den Massen des f r i e d- liebenden und ernster Kulturarbeit ergebenen Volkes mit wuchtigstem Nachdruck entgegengetreten wird! Tie Gelegenheit zum nachdrücklichsten Protest gegen den Chauvinismus, gegen das Wettrüsten, gegen die Kriegs- treibereien ist aber gegeben am 12. Januar bei der Reichs- tagswahl! Möge sich die proletarische Wählerschaft, die bei einem Weltkriege ja die schwersten Opfer an Gut und Blut bringen müßte, der historischen Bedeutung der diesmaligen Wahl voll bewußt sein! Möge sie dafür sorgen, daß nicht nur den lauten Kriegsschreiern eine vernichtende Niederlage bereitet wird, sondern auch all d e n Parteien, deren feige und schwankende Haltung, deren m a n g e l n d e W i d e r- stand skra ft gegen die Politik des Wettrüstens und der weltpolitischen Abenteuer den Hetzpatrioten das verruchte � Handwerk erleichtert!_ Agrarische Aahllügen. .11. Den„Nutze n" von Heer und Flotte steht SaS„Rüstzeug" in echt reichsverbändlerischer Manier darin,«daß die AuZ-< gaben fürs Heer in der Hauptsache auf diesem oder jenem Wege wieder zu den Steuerzahlern zurückkehre n". Tat- sächlich werden die mit dem Gelde der Steuerzahler erworbenen Güter aber nicht den Steuerzahlern s e l b st zugeführt, sondern den Militärpflichtigen, die während ihrer Dienstzeit un- produktiv sind. Unproduktive. Leute werden von den Steuerzahlern erhalten, die selbst keinen Vorteil haben. Denn anders mußte ja mit der Zunahme von Steuern und Aus- gaben für Hcereszwecke die Wohlhabenheit der Steuer- zahler steigen! Aber gerade das Gegenteil ist der Fall! Durch die Steuern für die unproduktiven Hecreszweckc werden den Steuerzahlern Summen entzogen, die sie zu e i g c n e m G e b r a u ch und zur Herstellung von eigenen Gebrauchsgiitern verwenden kölinten. Die— sagen wir 100 M, die man nicht zu MilitärauS- gaben erhöbe, würden ja nicht in der Tasche der Steuerzahler un- produktiv stecken bleiben, sondern gerade zur Befriedigung not- wendiger und höherer Lebensbedürfnisse verwandt werden. Durch die Militärpflicht werden also nicht nur tüchtige Kräfte der Pro- duktion entzogen, sondern auch noch die aufgebrachten Gelder vcr» geudct. Nutz und Frommen der Militärausgaben bestehen also in zweifacher Schädigung der produktiven Kräfte. Noch verlogener ist der Vorwand des„Rüstzeuges",„daß da» Heer eine gute und notwendige E r z i eh u n g s schu l e für das Volk ist". SB i e gut diese Schule ausfällt, zeigen am besten die vielen infolge von Mißhandlungen verstümmelten und verkrüppelten Soldaten, beweist die für jeden Kulturmenschen unerträgliche geistige Tortur der Dienstjahre. Tie Notwendigkeit aber der mili- tärijchen„Erziehung" sollte sich doch bei der anerkannten Güte des preußisch-deutschen religiösen und nationalen Volksschuldrills erübrigen. Oder sie wäre ein Eingeständnis der Mangelhaftigkeit unserer staatlichen„Bolksschulbildung". Die witzblatt-notorische Un- wissenheit der militärischen„Erzieher" kann aber nichts weniger als ein Ersatz für die Mängel der ersten Schuljahre seinl. Stgrarischer und proletarischer Boykott. Den Wählern angst machen vor angeblichen Schaueriaien der bösen Sozialdemokratie und sie tatsächlich selbst begehen und als eigene Maßnahmen vertreten— gehört nun einmat zu agrarischer Vornehmheit und konservativer.Grobheit. So.hat das„Rüstzeug" die Kühnheit, zu erklären: der Bund der. Landwirte„verurteile grundsätzlich und entschieden" den Boykott. Das Wort allein soll den Wählern ein Grausen einjagen. Slber nur wenige Zeilen dahinter wird davor gewarnt,„den Begriff des Boykotts zu weit zu fassen. Wenn jemand die Geschäftsleute, die Zeitungen usw„ die ihm politisch nahe stehen, unter st ützk und lieber mit ihnen geschäftliche Beziehungen unterhält als mit Gegnern, die ihn vielleicht gehässig bekämpfen, so ist das kein Boykott, sondern jeder- manns gutes Recht und vielleicht sogar Pflicht". Nun sage uns doch das„Rüstzeug", welcher Unterschied zwischen dem erlaubten und sogar pflichtgemäßen Meiden von Ge- schäftsleutcn und dem bielgeschmähten Boykott besteht, zu dessen Unterdrückung sogar nach Gesetzen geschrien wird! Es scheint kein anderer Gegensah zu bestehen» als der, daß straftvürdigm Boykott nur Sozialdemokraten begehen können, daß aber für den Bund der Landwirte die gleiche Tat Recht und sogar Ehrenpflicht sei. ves Reiches Herrlichkeit! Die Entwickclung der Reichsfinanzen zeigt. wie dem Moloch Militarismus geopfert und die Last vor- wiegend durch indirekte Steuern aus der Tasche des armen Volkes aufgebracht wird. Wir stellen hier die Ein- nahmen und Ausgaben des Jahres 1875 und die Etatsansätze für 1912 in Vergleich. Die Summen verstehen sich in 1000 Mar!. Fortdauernde Einnahmen 1875 1912 Zölle und Verbrauchssteuern... 216612,6 1 Sil 121.1 Stempclabgaben, Verkehrssteuern. Grundstücks- und Zuwachssteucrn 6 165,6 575 546,5 'Erbschaftssteuer.......— 42000,0 Post- und Telegraphenverwaltung. 5 443.9 781 381,0 Reichsdruckerei........— 11 788,0 Eisenbahnverwaltung..... 8 959,1 138 780,0 Diverse VcrwaltungSciunahmen.. 2 255,0 72 333,5 � Reichsinvalideufonds..... 26381,3— i Münzwesen......... 9 052,0— Ilebcrschüsse aus früheren Jahren. 11 964.3— Matriktilarbeiträge...... 68 699,5 51.910.8 Summe der fortdauernden Ein- ! nahnien......... Außerordentliche Einnahmen für 1875 aus der französischen Kriegskostcn- entschädigung rund 186 Mill. Mark 185 782.6 90 714,7 Summe der Einnahmen.... 671 525,9 2 775 6054 Fehlbetrag......... 62922.2 43758,4 385 743, J 2684 890,4 Summe der Gesamteinnahmen 634 448.1 2 819 363,5 Fortdauernde Ausgaben Reichstag......... Reichskanzler und Reichskanzlei.. Auswärtiges Amt....... Reichsamt des Innern..... Verwaltung des Reichsheeres.. Reichsmilitärgericht...... Verwaltung der Marine.... Neichsjustizverwaltung..... Reichsschatzamt....... Reichskolonialamt...... Reichscisenbahnamt Reichsschuld......... Rechnungshof......., Allgemeiner Pensionsfonds... Reichspost- und Telegraphcnvcr- waltung......... Rcichsdruckerei........ Reichseisenbahnvcrwaltung... Reichsinvalidenfonds..... Allgemeine Finanzperwaltung.. Summe der fortdauernden Ausgabeir Einmalige Ausgaben(Ordentlicher Etat) Auswärtiges Amt(1873 cinschließl. Kolonialausgaben)..... Reichsamt des Innern..... Reichspost- und Telcgraphcnder- waltung......... Reichsdruckerei........ Verwaltung des Heeres.... Reichsmilitärgcricht...... Rechnungshof........ Verwaltung der kaiserlichen Marine ReiÄtsjustizverwaltung..... Reichsschatzamt....... Reichökolonialamt...... Reichsschuld......... Raichseisenbahnverwaltung... Allgemeine Finunzverwaltung.. Reichstag(Bibliothek, Bauten)._. Summe....... Einmalige Ausgaben(Außerordentlicher Etat) Reichsamt des Innern.....— Verwaltung des Reichsheercs.. 40 923,0 Marine.......... 19601,9 Eisenbahnvcrwaltung..... 18 123,6 Ausgaben infolge des Krieges.. 12b 619,9 Reichspost- und Telegraphenverwaltung..........— Summe 4 000,0 16 764,3 82 570,0 9138,8 22000,9 Dazu Summe der einmaligen Aus- gaben(Ordentlicher Etat»... Summe...... 205 328,4- 83323,8 134 437,1 409822,8 w* 238 658.2 544 295,9 nc Dazu Summe Ausgaben der fortdauernden 393 789,9 2 275 067,6 2 819 363,5 Ausgaben insgesamt.. 634 448,1 Stellt man die Ausgaben für Militarismus. MarimSmuS und Berzwsuug der Reichs- schuld zusammen, dann ergeben sich diese Beträge: 1875.......... 561 165 800 M. 1912.......... 1 650 593 200„ An Zöllen, Verbrauchs- und Berkehrssteuern wurden attfaebracht: 1875.......... 252 717 600 M. 1912.......... 1 626 667 100.. Die Ausgaben für den Militarismus er- höhte» sich seit 1875 um...... 1 089 427 400 M. Dem Volke wurden an Zöllen und sonstigen indirekten Steuern mehr aufgeladen. 1 373 949 500 M- Das ist der Segen des Militarismus und der indirekten Steuern für das Volk! Welldiii'gettiim. In allen Großstädten Europas haben die Arberter gegen die blutigen Greueltaten, die von, Kriegsschauplatz in Tripolis ge- meldet Ivcrden, in gewaltigen Massenversammlungen ihre Stimme erhoben. In allen Staaten, in denen Arbeiter leben, wehrt sich die Arbeiterklasse mit aller Kraft gegen die verbrecherische Leichtfertig- keit der Herrschenden, die bald in dem, bald in jenem Lande, bald aus dem, bald aus jenem Anlaß mit dem furchtbaren Gedanken des männermordenden Krieges ihr frevlerisiheö Spiel treiben. Aber die herrschenden Klassen läßt der Protest der Proletarier unbelvcgt, die, selbst geknechtet, gegen jegliche Knechtung ihre Stimme erheben, selbst die Opfer aller Greuel der kapitalistischen Welt, von jeder Grcu.ltat mit Abscheu und Grimm sich abwenden. Manchmal wendet sich der Zorn der Herrschenden gegen uns, weil uns das Vaterland so wenig teuer, die Nation, deren Söhne wir sind, so wenig kostbar ist, daß wir das Unrecht Unrecht, das Verbrechen Ver- brechen nennen auch dann, wenn es im Namen unseres Landes, unseres Volkes begangen wird. In solchen Tagen schelten sie uns Feinde unseres Vaterlandes und Verräter an unserem Bolle und gehen mit Fäusten auf uns los. Die Geschichte der Arbeiter- bewegung aller Länder verzeichnet solche Beispiele: von dem Tage, an deni sich im Jahre 1870 die rasenden Patrioten im deutschen Reichstag auf Bebel und Liebknecht stürzten, bis zu den stürmischen Szenen, die sich in den letzten Tagen in den Gemeindevertretungen italienisch.'! Städte zugetragen haben, wo der Protest der So- zialistcn gegen den tripolitanischen Krieg die ganze Wut der patriotischen Meute entfesselte. Dann wieder, wenn ihr Zorn ver- raucht, lachen sie unser. Welche Starren, diese Sozialdemokraten! Sie wissen noch immer nicht, daß Blut und Eisen die Welt re- gieren! Sie begreifen nicht, daß jede Nation Hammer sein mutz. loenn sie nicht Amboß werden»villi Sie möchten nach Sittensprüchlein das Weltgeschehen leiten! Die törichten Phantasten nehmen es»vahrhaftig ernst, was die großen Meister der Mensch- heit, von der Bergpredigt de» NazarenerS bis zum kategorischen Imperativ Kants, die Menschen gelehrt. Die kindlichen Schwärmer meinen wirklich, der Mensch solle- im Menschen auch dann geehrt Ivcrden, wenn er anderer Rasse oder anderen Stammes, anderen Volkes oder anderen Glaubens ist! So begreifen die Besitzenden nie, was des Proletariers höchster Stolz, unserer Bewegung höchste Würde ist. Was uns heilige Sache, gilt ihnen bald als ver- räterisches Verbrechen, bald.als kindliche Torheit. Es hat freilich Zeiten gegeben, in denen guch dgs Bürgertum anders gedacht. Weltbürger nannten sich die großen Dichter unseres Volkes, das erhabene Sittengesetz, das alle», was Menschenantlitz Zur IUeichKsgmahI. Der Wahlkampf in Bayer«. AuS Nordbahern wird uns geschrieben: Auch in Bayern, dem schivärzesten Zipfel des Reiches, herrscht seit Wochen eine solche politische Regiamkea, wie sie bisher noch bei keinem Wahlkompf zu beobachten Ivar. Alle Vcvölkerungsschichtcn sind tief durchdrungen von dem Bewußtsein, daß bei diesem Kampf außerordentlich viel auf dem Spiele steht. Die Parteien entfalten einen riesigen Eifer, um die aufgerüttelten Wählerkreise für sich zu gewinnen. Daß dabei die Sozialdemokratie nicht hintenan steht, ist selbst- verständlich. Sie hat schon seit vielen Monaten systematisch Vor- bereitungen getroffen, um den Kampf in möglichst großem Umfange und mit möglichst großem Nachdruck führen zu können und m der politischen Eroberung unseres schtvarzen Dorados wieder einen Schritt Vorlvärts zu kommen. Bereits im Februar tagte eine Landeskonferenz, die für den Wahlkampf die Richtlinien ans- gab. Die Partei tritt überall vollkommen selbständig in die Wahl ein, ohne Kühlung und Verbindung mir anderen Parteien, Abmachungen irgendwelcher Art. Auch solche für die Stichwahlen unterliegen der Beschlußfassung des LandeSvorstandeS, der zugleich als Zentralwahlkoinitee fungiert. Ferner fanden Konferenzen der Kandidaten, der einzelnen Wahlkreise usw. statt, bei denen alle nötigen Anordnungen bis ins kleinste getroffen wurden, so daß wir vollständig gerüstet in die Arena treten konnten. Hinsichtlich der Organisation ist in den letzten Jahren gut vor- gebaut worden. DaS Netz der Sektionen konnte erheblich ausgebreitet werden» wo es noch nicht möglich war, eine Sektion zu gründen, wurde das VertrauenSmäimersystem mit Erfolg durchgeführt, so daß wir jetzt in früher unzugänglich scheinenden Winkeln ganz Vorzug- liche Verbindungen haben. Einen schönen Beweis dafür, daß zähe Arbeit auch auf schwierigem Boden nicht unfruchtbar ist, liefert der Fortschritt, den unsere Organisation im Gau Nordbayern gemacht hat. Als wir vor fünf Jahren in die Hottentotlenwahlen ein- traten, zählte der Gau 1S5 Vereine mit 28 000 Mitgliedern, jetzt ist diese Zahl auf 280 Vereine init rund 4S000 Mit- gliedern gestiegen, lieber die Hälfte der neugewonnenen Mitglieder entfällt allerdings auf den Wahlkreis Nürnberg, den Zentralpunkt des Gaues; dort stieg die Mitgliederzahl von 3800 im Jahre 1907 auf 18 500, also um 10000. Ein anderer erheblicher Teil des Zuwachses ist den übrigen Industrie- orten zugute gekommen; doch kann die erfreuliche Tatsache konstatiert werden, daß in den ländlichen Bezirken die Organisation ebenfalls immer mehr Wurzel faßt. r In der Agitation ist nichts verabsäumt worden, was dazu dienen konnte, unsere Ideen in weiteste Kreise zu tragen und Aufklärung über das verderbliche Wirken der gegnerischen Parteien zu ver- breiten. Das dritte Hauptkampfmittel, die Presse, hak-sich eben- falls gut entwickelt und an Verbreitung bedeutend gewonnen. Auf der anderen Seite ist aber festzustellen, daß auch die Gegner vieles von uns gelernt haben. Namentlich haben sie eingesehen, daß das festeste Rückgrat einer politischen Partei eine starke Orga- nisation ist. Besonders die Liberalen, die in dieser Beziehung früher ziemlich lässig waren. Besonders in Obcrfrauken kann die liberale Organisation geradezu vorbildlich genannt werden. Die Liberalen tragen sich mit großen Hoffnungen und glauben »wn der im Volke herrschenden Mißstimmung über die zerfahrene Reichspalitik viel profitieren zu können; sie tun daher ungeheuer radikal. Auch der Hansabund macht sich in Bayern breit, und eS ist zu erwarten, daß bei den Wahlen der rollende Rubel der Industriellen eine bedeutende Rolle spielen wird. DaS ist für uns deshalb besonders wichtig, weil Liberalismus und Sozialdemokratie als mächtige Faktoren fast nur in den großen Jndustriebezirlcn in Betracht kommen und den Kampf gegen einander ausfcchten müssen. Die herrschende Partei ist das Zentrum. daS 1907 34 Mandate von 48 errang und fast den dritten Teil zu dem Mitgliedcrftand des ReichStagSzentrumS stellte. Die Regierungsbezirke Nieder- bayern, Oberpfalz, Unterfrankcn und Schtvaben schickten nur Zen- trumsleute in den Reichstag, Oberbahern 5 von 8, Oberfranken 2 von 5, Mittelfranken 1 von 6, die Rheinpfalz 2 von 6. Sehr tätig ist der Reichsverband. Seine vergiftende Tätigkeit äußert sich bereits in einer Reihe von Wahlkreisen, auch in aus- gesprochenen Zentrumswahlkreisen. Besonders ist den Liberalen in Oberfranken der Reichsverband ein sehr willkommener Bundes- genösse, lieber die oberfränkischen Arbeiter, hauptsächlich der Textil- trägt, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten zu einer einzigen weltumspannenden Gemeinschaft verknüpfe, kündeten unsere großen Denker. Als das Bürgertum noch jung war und in hartem Ringen gegen die feindlichen Getvalten des Feudalstaates aufwärts strebte, wußte es, was internationale Solidarität bedeutet. Wo immer ei» Volk um seine Freiheit stritt, fand eä überall brüderliches Mitfühlen in der jungen bürgerlichen Welt. Wer die Schriften deut- scher Politiker, die Werke deutscher Philosophen, die Dichtungen deutscher Poeten aus dem achtzehnten Jahrhundert und der ersten Hälfte des neunzehnten durchmustert, findet sie voll der Zeugnisse weltbürgerlichcn Sinnes. Sie fühlten mit Griechen und Serben, die am türkischen Joch rüttelten, mit den Polen, die im Helden- kämpf zarischer Uebcrmacht erlagen, mit den Italienern, in deren Lande Oesterreich seine Zwingburgen gebaut. Es hat den Männern, die die französische Fremdherrschaft über Teutschland gebrochen und für die deutsche Einheit ihr Blut vergossen haben, an deutschem Volksbeioußtsein wahrhaftig nicht gefehlt. Aber ihre Liebe zum eigenen Volke war eingebettet in menschliches Fühlen, das mit allen Völkern litt und hoffte und des eigenen Volkes Würde darin sah. was es für die Menschheit zu leisten vermöchte. Wohl durste ein deutscher Dichter damals sagen:„Deutschtum ist KoSmopolitiS- mus, mit kräftigster Individualität gemischt." Aber jene Tage sind nun lange vorbei. Die Söhne und Enkel der bürgerlichen Freiheitskämpfer jener Tage tafeln heute an» Herrentisch der kapitalistischen Welt. Ihre Freiheit ist die schrau- kcnlos« Freiheit der Ausbeutung des Menschen durch den Mcnscbcn. Ihre Gleichheit ist die Gleichheit der Gier nach Profit. Ihr« Brüderlichkeit ist die Bapditengemeinschaft der Verschwörer im Kartcllbureau und im Unternehmerverband. Vergessen find die ' deale, für die ihre Väter gekämpft. Ihre Dichtungen sind die »ilanzen der Großbanken, ihr« Philosophie ist das Hauptbuch. Nicht» anderes kennen sie mehr als das brutale Interesse, den nackten Egoismus des einzelnen, der Nation, des Staates. Wer ihn dem höheren Gesetz der Menschheit unterordnen will, ist ihnen ein Verbrecher oder ein Tor. Es darf uns nicht wundern, daß die grauenhaften Bilder des Krieges ihr Herz nicht rühren. Es ist nicht ihre Schuld: das Schicksal der Klasse ist es, das ihr Gewissen erstickt hat. Denn so reich sie sind und so sehr sie alle Errungenschaften neuzeitlicher Kultur Au genießen vermögen, ist eS doch ein trauriges Handwerk, das sie üben. Sie haben die Mütter von den Kindern gerissen, um sie an den Webstuhl zu stellen. Sie haben dem Kinde das frohe Spiel geraubt, um die zarten Händchen schon in ihrer Fron zu gc- brauchen. Sie lassen Millionen in elenden Wohnungen, bei un- zulänglicher Nahrung elend dahinsiechen. Kein Tag vergeht, an dem nicht Tote hinausgetragen werden aus ihren Fabriken, ihre» Bergwerken, ihren Bauplätzen, lind wohl denen, die der Tod an der Maschine überrascht; schliminer ist daS Schicksal derer, die in und der Braulndüstrie, ergießt sich eine wahre Sintflut der de» kannten Flugblätter, die von Berlin aus an die von den Fabrikanten gelieferten Adressen massenhaft versendet toerden. Konservative und Landwirteoündlcr find nur in Mittelfranken von Bedeutung, wo sie ihre Anhängerschaft unter der protestantischen Landbevölkerung haben, außerdem noch in der Rheinpfalz. Der alte Bauerische Bauernbund, der einst in Niederbayern dem Zentrum herzhaft zu schaffen machte, aber infolge Mangels an fähigen und energischen Führern rasch»vieder herunterkam, hat neulich wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben. Ob er neu ausleben und im- sta-ide sein wird, die mit dem Zentrum unzufriedenen katholischen Bauern, die für uns vorläufig noch unzugänglich sind, zu sanimeln, muß erst abgewartet werden. In Nordbahern, wo der Bayerische Bauernbund in Untcrfranken größere Verbreitung hatte, ist er auf- gegangen in den von Norden eingeführten Deutschen Bauernbund. Von der Familie Memminger in Würzburg gestützt, entfaltet er in Unterfrankcn eine sehr rührige Agitation und greift auch auf die konsciwativcn und bündlcrischcn Kreise Mittelsrankcns über.- Früchte klerikaler Erziehung. Als ain Sonntag,-den 17. Dezember, mehrere Genossen auS Bocholt im Wahlkreise R.ecklinghause«. Borken� in Borken vor einem Zentrumslokale, in dem eben eine Versammlung stattgefunden hatte, Flugblätter verteilten, hieß es aus der schtvarzen Menge:„Das sind die Roten!" und die Flugblätter wurden den Verteilern zerrissen an den Kopf geworfen. Die Zen- trumSbrüder, dir sich kurz vorher an einer Rede des berüchtigten Zentrums-Landtagsabgeordneten Brust berauscht hatten, wurden immer bedrohlicher. Sie riefen:„Schlagt daS A a S tot!" „Hängt ihn auf!"„Schnei detbem Kerl den Hals ab!" „Werft i h n d e n Bach!" und was der Drohungen mehr waren. Einer dieser tierischen„Christen" sammelte die auf der Straße ge- worfenen Flugblätter wieder ein und zündete sie unter dem Gejohle der Menge an. Ein Genosse wurde in eine Ecke gedrängt und von der frommen Herde mit Püffen und Fußtritten traktiert. Man versuchte ihn in ein Gäßchen zu drängen. Plötzlich slainmten die unter seinem Arm festgehaltenen Flugblätter auf. Einer der frommen Gottesmänner hatte sie von hinten angezündet. In dieser lebensgefährliche» Situation flüchtete unser Genosse in eine kleine in der Näh« be- findliche Schankwirtschaft, verfolgt von dem Gejohle der sich wie wahnsinnig gebärdenden Zentrumsmeute. Unser Genosse war hinter den Schanktisch geflüchtet. Aber auch hier wurde er von der Menge insultiert. Man suchte ihn au» dem Versteck hervor- zuziehen, wobei djz Bande dem Wirt Dutzende von Gläsern zer. schlugen. Endlich mischte sich ein anscheinend besserer Herr dazwischen und erbot sich, unseren Genossen hinausbegleiten zu wollen. Er stellte sich als Schriftführer der Zentrumspartei vor und meinte ganz verstört über das Gebaren seiner eigenen Genossen:„Kommen Sie, das sind keine Menschen mehr, das sind ja Bestien. Wenn Sie denen in die Hände fallen, dann ist eS um Sie geschehen!"— Als unser Genosse in Begleitung dieses Herrn hinausging, hagelte es von allen Seiten wieder Püffe und Fußtritte, von denen auch der Begleiter nicht verschont blieb. Er begleitete unseren Genossen zu einem Hotel und riet ihm.'�ort zu verweilen, bis sich dre Wut der Menschen gelegt habe. 7. Ein Wahlkurivsttia. Gclogcntlich tragen auch die Behörden redlich dazu bei, daß im Wahlkampfe der Humor zu seinem Rechte kommt. Das Kreisblatt des Kreise« Hadersleben teilte mit, daß der Gemeindevorsteher Aagaard in Simmerstedt zum Wahlvorsteher und fei« Amtskollege Jörgensen in Kastwona zum stellvertretenden Wahlvorsteher ernannt sei. Diese Nachricht hat berechtigtes Erstaunen erregt, weil der Er st genannte gar nicht mehr Gemelndevor- steher ist und Jörgensen bereit» seit mehreren Jahren nicht mehr zu den Lebenden zählt. Die Wähler des betreffenden Wahlbezirks fühlen sich begreiflicherweise zurückgesetzt und drohen, geschlossen für den Sozialdemokraten ein- treten zu wollen, wenn der Landrat nicht bald Ordnung in seinen Papieren schafft und dafür sorgt, daß ihr Wahlvorsteher einen Stellvertreter erhält, der wenigstens zeitweise seinen Vorgesetzten vertreten kann. der staub» und rauchgeschwängerten Luft, in der steten Berührung mit giftigen Stoffen, in der überlangen Arbeitszeit den Keim der Krankheit empfingen, der sie in jahrelangem, qualvollem Siechtum erliegen, die das Kind im Mutterleib und an der Muttcrbrust sckon vergiftet. Mord ist ihr Geschäft— nicht der sichtbare, äugen- fällige Mord der plötzlich aufflammenden Leidenschaft des einzelnen, nein: der kalte, nüchterne, alltägliche Mord des Systems, das Mil- lionc» alle Lebensfreude. Hunderttausenden die Gesundheit raubt, das Millionen vorzeitig sterben läßt nach freudenlosem Leben und Tausende plötzlich dahinrafft in der alltäglichen Katastrophe des Betriebsunfalles, damit ein paar tausend Familien müßig ihres Lebens sich freuen. Darum mußte das Ge.vissen der Herrschenden anhalten in der alltäglichen Ausübung ihres traurigen Geschäftes. Können die Greuel des Krieges sie entsetzen, da doch auf keinem Schlachtfeld so viele verstümmelte Leichen liegen bleiben wie auf dem Schlachtfeld der Industrie? Können sie die blutigen Opfer in fernem Lande rühren, da sie doch nicht sein können ohne die zahl» losen Opfer im eigenen Volke? Können sie mit dem fremden Volke fühlen, das'm Kampfe um seine Freiheit, an tausend Wunden blutend, heldenmütig erliegt, da sie dem eigenen Volke die Freiheit veriveigern müssen, um bleiben zu können, tvas sie sind? «chmähcn wir sie nicht, daß ihr Herz so kalt und ihr Gewissen so stun'm! Es ist keines einzelnen Schuld, es ist das Verbrechen der fluchwürdigen Ordnung der Gesellschaft, deren Erzeugnis, deren Nutznießer, deren Träger sie sind, die zu verteidigen ihre Bcstim- mung ist nach den Gesetzen der Geschichte. Wir aber haben keinen Teil an dieser Gesellschaft. Wir selbst find ihre Opfer. Darum verknüpft die Proletarier aller Länder ein unzerreißbares Band mit allen Elenden, allen Geknechteten, allen, die die Opfer der Großen und Mächtigen sind. Daruni hat wcltbürgctlicheS Fühlen, von den Herrschenden verlacht, verhöhnt, geschmäht, seine Zuflucht gefunden in der Arbeiterklasse. Darum lebt in uns allein noch die Kraft fort, mitzufühlen, mitzulieb:» und mitzuhafien mit allen, Iva« Menschenantlitz trägt. Die höchste Er- rungenschaft des Menschengciftes, die Menschlichkeit, die höhere Ge. setze kennt als die Sonderinteressen des einzelnen und des einzelnen Volkes und d-.s einzelnen Staates, das große Sittengesetz der Menschheit ist zur Sache der Arbeiterklasse allein geworden. Darum ist uns unser Kampf mehr als ein bloßer Kampf um ein Stückchen mehr Brot, ein Stündchen mcbr Muße: der Klassenkampf gegen die Herrenklassen, zu dem die bittere Not uns treibt, ist zugleich doch der Kampf der Menschlichkeit gegen eine Ordnung der Gesell- schaft, der das Unmenschliche unentbehrliches Geschäft ist. Diese» Bewußtsein ist es, das uns über unseren Gegner erhebt, da» unS Stolz und Würde, Kraft und Glauben an die große Sache gibt. Das Wort, das ein Dichter einst zu Dichtern gesagt, den Arbeitern aller Länder gilt es heute: Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben! Bewahret sie! Das deutfcft-franzöntcbe Hbhommen in der Kammer. Paris, 20. Dezember.(Eig. 23er.) Mit der heute beendeten Rede Z a u r s s' hat die Verhandlung der Deputiertcnkammcr über das dcutsch-französischc Abkommen ihren Abschluß gefunden. Weimgleich sie weniger dramatisch bewogt war als die Verhandlung im deutschen Reichstag und keine fiebernde Spannung zu lösen hatte wie die des Hauses der Gemeinen, so war sie doch reich an Momenten, die für die künftige Entwickelung der inter- nationalen Politik und für den Partcienkamps in der Republik von großer Bedeutung fern werden. Wenn man die Reihe der Redner überblickt, die in der Debatte gesprochen haben, so kann man sie in drei Gruppen einteilen.- Tie erste wird von den nationalistischen Sprechern gebildet, die den Vertrag für schlecht hielten und gegen ihn stimmten. Au: klarsten hat dies der Klerikale de M u n formuliert im Satze, daß Frankreich zu wenig erhalte und zu viel opfere. Die zweite Gruppe, die außer den Ministern de SelvcS, Lebrun und C a i l l a u x die Deputierten Deschancl und Millcrand umfaßte, hatte sich der Auf- gäbe unterzogen, zu beweisen, daß der Vertrag keine diplomatische Niederlage, dagegen eine bedeutende politische und wirtschaftliche Machtvermehrung Frankreichs darstelle. Die dritte, von den geeinigten Sozialisten repräsentierte Gruppe>var dagegen in der merkwürdigen Situation, begründen zu müssen, warum sie für ein Abkommen stimme, das das Resultat einer schlechten Polirik und in sich selbst schlecht sei. Als Außen- seitcr seien die Deputierten Abel Ferry genannt, der sich begnügte, das Abkomuien als miserabel und als eine neue Erschwerung der dcutsch-französischen Beziehungen hinzustellen, und der nationalistisch gefärbte Eigenbrödler B e n o i st, der ganz ausgezeichnet die diplomatischen Zauberkünstler mit doppeltem Loden kritisierte, aber schließlich auf nichts hinauskam, als daß man sich so gut wie möglich ans der üblen Situation herausziehen müsse. Ueberhaupt haben fast alle Redner der bürgerlichen Parteien neben allerhand Fchi' schlügen und Lärmschlägen irgend einen Nagel auf den Kopf getroffen, so daß sich durch eine Zusammenstellung der ver- nünftigen Bruchstücke ein leidliches Programm bürgerlichrepublikanischer Auslandspolitik ergäbe. Charakteristisch aber ist. daß dazu die eigentliche herrschende Partei des Par- laments, die Radikalen und Radikalsozialisten gar nichts bei- getragen haben. Die Klcinbürgerdemokratie ist so herunter- gekommen, daß sie in einer Debatte von geschichtlicher Bedeutung wie dieser nicht einen einzigen Mann von Talent und poliischer Bildung als Sprecher auf die Tribüne stellen konnte. Chauvinistisches Volksgcmurmel und ordinärer Randal während Jaures' Rede war die historische Leistung in dieser Verhandlung. Die alte Demokratie ist tot. Die Großbourgeoisie und das Proletariat bleiben als die Klaffen übrig, die sich im poli- tischen Kampf um die Zukunft zu messen haben. In Caillaux und Millerand vor allem hat die Politik der kapita- j listischen Iilteressen diesmal ihre hochbegabten Vertreter ge- ' fluiden. Sie weist jede Sentimentaütät von sich, die der I Kongo-Pietät, aber auch die der.Revanche". Die Sätze Caillaux' über das Verhältnis zu Teutschland sind überaus bedeutungsvoll. Noch nie hat ein französischer Ministerpräst- deni das bürgerliche Prinzip:.Geschäft ist Geschäft' so offen verkündet, wie Caillaux in seinem Hymnus auf die Zivili- sation, den Frieden und den Fortschritt. Damit werden unleugbar gefährliche Elemente der Völkerverhetzung und Kriegstreiberei beseitigt. Das Proletariat wird allerdings darum diejenigen nicht aus den Augen verlieren, die in den Rivalitäten der kapitalistischen Cliquen lebendig bleiben. Die radikale Mehrheit hat dieses Programm und den Vertrag, der ihr Ausdruck ist, ohne Widerstand hinunter- geschluckt, aber sie ließ die Wut über ihre Ausscheidung auS den entscheidenden Kräften der nationalen Geschichte an Jaurös aus, als er jenem demokratischen Idealismus feurige Worte lieh, der— ihre, der bürgerlichen Demokratie, historische Aufgabe gewesen war. Es handelt sich nicht darum, zu untersuchen, ob der Schwung des sittlichen und politischen Enthusiasmus den Redner nicht manchmal zu einer lieber- schätzung der Wirksamkeit der moralischen Mächte in der Gc- sellschaft fortgerissen hat. Man sah da den von der Herr- lichen Gewißheit hoher Menschheitsziele erfüllten Mann, den die Meute der in den niedrigen Materialismus armseliger Profitpolstik und brutalen Augenblicksgcnusscs versunkenen Kleingeister einer verkommenden Klasse haßvoll umheulte. Zwischen den ihrem Sprecher zujubelnden Sozialisten und dem in ohmächtigen Schmähungen und Pultdeckeltrommcleien tobenden Heer der Bourgeoispolitikcr sah man einen Abgrund offen, den keine gelegentliche parlamentarische Kooperation überbrücken kann. Die Erben der Revolution vertragen keinen „Redner deS Mcnschengescklcchts" mehr, weil sie das Ver- mächtnis ihrer Ahnen für klingende„Kompensatioiien" dahin- gegeben habe«._ politifcbe Oeberficbto Berlin, den 22. Dezember 1911. Tie politische Dressur der Kriegcrvereine. Obgleich die Kriegervereine nach den Behauptungen ihrer Di- rigenten keine Politik treiben, wird zurzeit in ihnen lebhaft für die Wahl sogen.„löntgStreuer" und„vaterländischer" Kandidaten agitiert, die für die>W e h r h a f t i g k e i t" �beS teuren deutschen Vaterlandes(das heißt für die Flotten, und Heeresvermehrung) eintreten und Deutschlands ruhmreiches Kaiserhaus erhalten wollen. Schon bisher waren die Kriegervereine ein Mittel, dem Arbeiler das Gehirn zu verkleistern und ihn daran zu hindern, seine Stellung im Entwicklungsgang des nioderncn kapitalistischen Staates zu begreifen, aber bei den diesmaligen Rcichstagswahlen scheint man in den Reihen ihrer hohen konservativen Gönner es vollends darauf abgesehen zu haben, die Kricgervereinler zu Hilst- truppen der blödesten Reaktion auszubilden. Recht charakteristisch für diese Dressurarbeit ist ein Flugblatt, das jetzt in Massen unter den.Kameraden" des Deutschen Krieger- bundeS verbreitet wird. Es beginnt: „In wenigen Tagen haben wir an die Wahlurne zu treten, um über die Geschicke unseres Baterlandes in den nächsten fünf Jahren mit zu entscheiden. Wir haben im Fahneneide gelobt, unserem Kaiser und Landesherrn treu und redlich zu dienen, überall und zu jeder Keil; wir haben gelobt, stets bedacht zu sein auf seinen Nutzen, allen Schaden von ihm abzuwenden. Dieser Eid hat Geltung nicht nur für unsere Dienstzeit, sondern für unser ganzes Leben; er knüpft ein heiliges, unzerreißbares Band zwischen uns und unserem Landesherrn, zwischen uns und unserem Kaiser. Der Fahneneid verpflichtet uns, allezeit gut kaiserlich zu sein und zu bleiben. Diese Pflicht haben wir ganz besonders, wenn wir unser vornehmstes staatSbürger- lichcs Recht, das ReichStagswahlrecht, ausüben. Und wahrlich! diese Pflicht ist nicht schwer. Unendlich viel verdanken wir Kaiser und Reich! Mit tatkräftigem Streben für das Heil des deutschen Volkes hat sich unser Kaiser, seit er vor bald W Fahren den Thron feiner Väter bestieg, als Schirinherr detz Reiches glänzend be- währt. Da§ schöne Wort Friedrichs des Großen, daß der König der„erste Diener des Staates" sei, hat Kaiser Wilhelm dem Zweiten stets als Richtschnur gedsient.„Es ist in unserem Hause Tradition"— so sagte er einst<—„daß wir uns von Gott ein- gesetzt betrachten, um die Völker, über die zu herrschen uns be- schieden ist, zu deren Wohlfahrt und Förderung ihrer materiellen und geistigen Interessen zu regfercn und zu leiten.' Es ist in der Tat hauptsächlick, das Verdienst unserer Herrscher, daß die Zustände in Deutschland weit besser sind als in anderen Länder n." Dann werden in allen Tonarten die Verdienste Wilhelm? II. und— damit der LokalpotriotiSmus nicht zu kurz kommt— auch die der übrigen deutschen Bundesfünsten gepriesen und darauf unter allerlei albernen Redensurken, wie„soldatisches Ehr- ge f üh l",„Freude am W a f fe n h an d w e r l",„Fahnen- schwur",„Bruch des Fahneneides" usw., die Friedens- bestrebungen der Sozialdemokratie als„Verrat gegen das Vaterland" hingestellt. Darwuf folgen allerlei, größtenteils alten Wahlslugblättern des lldeichsverbandes gegen die Sozialdemo- kratie entlehnte Fälschungen,«wie z. B. daß Liebknecht die Soldaten .uniformtragende zweibeinige Tvere" genannt habe, daß die „Münchener Post' die Solldcrten mit„Schweinen" verglichen habe usw., und nachdem auf diese Weise genügend an die Dummheit der lieben„Kameraden" appelliert worden ist, heißt es zum Schluß: „Jeder Soziald.emokrat, der in den Reichs- tag einzieht, ist ein Nagel zum Sarge der deut- scheu ReichSberrlichkeit! Kameraden! Gehe daher jeder von Euch zur Wahl und wirke in diesem Sinne auch uurter Freunden und Bekannten! Von der Memel bis zu den Vogesen, vom Belt bis zum Fuße der Alpen erklinge am Tage der Wahl hell und jauchzend der Glockenton von Kaiser und Reich! Dies sei unsere Losung und unser Feld- geschrei: Nieder mit der Sozialdemokratie!" Wie gering müssen die Obermacher der Kriegxrvereine den Ver- stand der Mitglieder einschätzen, daß sie ihnen derartige Phrasen zu bieten wage«— und doch beuuteilen sie leider die Masse ihrer Anhängerschaft ganz richtig! Molochs Bedürfnisse. Ueber den Hccresctat für 1912 schreibt die„Kreuz- Zeitung": „Stach den kurzen Mitteilungen aus den Einzeletats wird eS aber auch den hartnackigsten Verkleinere rn der Fiuanzreform schwer werden, ihre bisher noch immer verfochtcnen Behauptungen weiter zu verbreiten. Die eine dieser Behauptungen be- sagte, daß die günstige Gestaltung des Etats nur durch eine bedenkliche Sparsamkeit auf dem Gebiete unserer nationalen Rüstung erzielt worden sei. Wie jedoch die Angaben auS dem MiHiäretat be- weisen, sind für die laufenden Bedürfnisse des LandheereS fast Millionen und an einmaligen ordrut- lichen Ausgaben für das Heer fast l4�/z Millionen Mark mehr als im Vorjahr in Anschlag gebracht. Und auS dem Marineeiat geht hervor, daß die laufenden Ausgaben um fast Millionen, die einmaligen Ausgaben um über 18� Millionen den vorjährigen Etatöansag übemeffen. Somit erjcheim im mueii Etat gegen das Vorjahr ein Mehr für Riistungszwecke vou fast 73''/,, Millionen. Das dürfte nun doch wohl Beweis genug dafür sein, daß die nationale Wehrmacht uirier der an und für sich gebotenen Spar- samkeit in der Etatsfestsejzung nicht leidet." Es ist richtig: um mehr als 73 Millionen überschreitet der neue Heeresetat den vom Jahre 1911. Aber damit tvird es noch keineswegs sein Bewenden haben. Denn nach den inzwischen in der„Nordd. Allg. Ztg.' gemachten näheren An- gaben enthält der eine Heeresetat nicht einmal die an- gekündigten Mehrausgaben für den Luftmilitarismus! Er wird also auch dann noch gewaltig anschwellen, wenn die Regierung für diesmal von allen sonstigenHecres- Verstärkungen, die bereits avisiert würben, A b st a n d nehmen sollte! Ebensowenig sieht der Etat auch nur einen Pfennig AuS- gäbe für die neue Flottenvorlage vor! Auch die Kosten für „Neukamerun" sind noch nicht mitveranschlagt! DaS dicke Ende kommt also erst uoch nach! Wem würde ei« Znchthausgcsetz nützen? Diese Frage beantwortet im„Berliner Tageblatt" der bürgcr- liche Eozialpolitikcr Dr. Ludwig Heyde. Er führt aus, daß der § 153 der Gewerbeordnung heute schon ein sehr bedenkliches Aus- nah ni erecht zugunsten der Streikbrecher enthält, dessen Erivcilcrung außer einem gewissen scharfmacherischen Unter- nehmertum im wesentlichen nur den Mitglieder» gelber Gcwerk- schasten zugute kommen würde, denen man in diesem Sinne auch die grundsätzlich strcikgegncrischcn katholischen Fachvcrbände(Sitz Berlin) zuzählen dürfe, und den berufsmäßigen Streikbrechern. Gelbe Gewerkschaften seien nur möglich als Gcgcnstütze zu ernst- haften Gewerkschaften. Sie beruhten auf der konsequenten Unter- bietung von deren Forderungen. Aus die berufsmäßigen Streikbrecher fei die Ocffentlichkeit erst durch die Moabiter Krawalle aufmerksam geworden, an denen die Hintzcgarde eine starke„moralische Mitschuld" gehabt habe. Es handle sich hier um völlig minderwertige Eristenzen, die die Skrupellosigkeit zum Prinzip hätten. Die Skreikbrechcragenten preisen den Unter- nehmern ihre„nationale Gesinnung" an. Selbswcrständ- lich fänden die 10— 12 derartigen Bureaus für Streikarbciter- vermittelung in Deutschland in der Regel nur Menschen, die nichts zu verlieren hätten, auch keine Ehre. Die Vermittelung dieser gerichtsnotorisch„abenteuerlustigen Gesellen' bildeten eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, und auch gesundheitliche Gefahren seien oft mit diesem lvarenmäßigen Transport von Menschen, die der Hefe des BolkeS angehören, verbunden. Diesen Leuten würde ein ZuchthauSgesctz vornehmlich zugute kommen... Der Artikel schließt:„Daß sich daS Gerechtigkeitsgefühl des Arbeiter? dagegen auflehnt, ist selbstverständlich; aber auch außer- halb der Arbeiterschaft müssen alle Kräfte aufgeboten werden, gegen ein derartig demoralisierendes Gesetz rechtzeitig und energisch Front zu machen. Die Reichstags Wahlen bieten Gelegenheit, für eine Mehrheit zu sorgen, die sich zu einem derartigen Plane der Regierung nicht hergibt." Die bayerischen LandtagSwahle«. Wir lesen in der.Münchener Post": „Bon einem Blockabkommcn für die bayerischen Landtagswahlcn weiß die„Frankfurter Zeitung" und wissen noch einig« Blätter zu berichten. Es werden sogar„Grundlagen" dieses Abkommens mitgeteilt. Demgegenüber ist festzustellen, daß bis zur Stunde ein derartiges Abkommen nicht geschlossen worden ist. Wir haben seiner- zeit auf die Schwierigkeiten ewe» Zusammengehen» d« Mnd«« heitSparteien hingewiesen. Diese Schwierigkeiten tf stehe» zur Stundenoch." AuS dem elsatz-lothringischen Landtag. Die Erste Kammer deS reichsländischen Landtage» setzt« heut« endgültig die Geschäftsordnung fest und schritt darauf zur Wahl de» Bureaus. Zum Präsidenten wurde mit IS von 80 gültigen Stimmen gewählt Exzellenz Dr. Back, zum ersten Vizepräsidenten Geheimer Medizinalrat Dr. Hoeffel mit 23, zum zweiten Bizepräfidenten Rechtsanwalt Dr. Grögoire mit 13 Stimmen. Zu Schriftführern wurden gewählt Rechtsanwalt Vonderscher, Handelskammerpräsident Kiener und Gutsbesitzer Dieholt-Weber. Darauf vertagte sich der Landtag auf unbestimmte Zeit._ Die Regierung und die Wahlbeweguug. Ein Berliner Telegramm der.Kölnische» Zeitung" polemisiert lebhaft gegen den von der„Deutschen Tageszeitung" erhobenen Bor- Wurf, daß die Regierung nicht mit größerem Nachdruck in die Wahl« bewegung eingreife. Nachdem dargelegt ist, daß militärische Fragen nicht gut zu einer Wahlparole benutzt werden können, weil darüber unter den bürgerlichen Parteien Uebereinstimmimg bestehe, fährt das Telegramm fart: .Eine Parole gegen die Sozialdemokratie" könnte an sich ja allerdings sehr wirkungsvoll sein, aber sie müßt« unter solchen Umständen ausgegeben werden, wie sie bei den letzten Reichstagswahlen vorlagen. Daß daS heute nicht mehr geschehen kann, verdanken wir den Konservativen und ihrer Sprengung des Blocks. Des weiteren tvird von der Regierung verlangt, datz diese noch mehr den Angriffen gegen die bisherige Schutzzollpolitik entgegentreten solle, obgleich tatsächlich diese Politikin ernster Weise durchaus nicht bedroht ist. Das wäre ja insofern sehr förderlich für die agrarischen Bestrebungen, als durch ein solches Eingreifen der Re- gierung der Eindruck hervorgerufen würde, als ob die Schutzzölle Politik �überhaupt bedroht sei, eine Auuahme, die nian ganz ent» schieden bestreiten darf. Schließlich crmahnt die„Deutsche Tagcszlg." die Regierung, wenn sie schon korrekt sein tvolle, doch ja nicht über« korrekt zu sein, ein Wunsch, den, wie wir glauben, die o st elbischen Landräte schon ganz von selbst, ohne besondere Schwierigkeiten zu machen, erfüllen werden."_ Ter hessische Freisinn als Handlanger der Reaktion. AuS Darmstadt wird uns geschrieben: Der hessische Freisinn tut sich etwas auf seine„Entschiedenheit" gegen rechts zugute. Natürlich nur in Worten. Wo es zum Taten kommt, da erweist er sich nicht besser als sein norddeutscher Bruder. Bei den jüngsten Landtagssichwahlen schanzte er den National- liberalen und Bauernbündlcrn die Mandate zu, die diesen Parteien von der Sozialdemokratie streitig gemacht wurden; obwohl es sich um nichts weniger handelte, als die Zweidrittelmehrheit des hessischen schwarz-blauen Blocks zu verhindern! Jetzt hat dieser sogenannte Freisinn bei der Konstituierung der Zweiten Kammer ein neues Pröbchen seines Grundsätze»:„Meßt nicht nach meinen Werken, sondern nach meinen Worten" gegeben. Es war klar, daß die liberal-ultranwntan-bancrnbündlcrifche Koalition die Sozia ldcme- kratie auch ferner als nicht gleichberechtigt im Landtage behandeln und ihr eine Vertretung im Präsidium(durch einen Schriftführer) versagen werde. Aber man wollte das nicht geradeheraus jagen. So eröffneten die Blockgesellen uuferen Genossen, daß die soAal- demokratische Fraktion die Wahl habe, einen der Schriftführerpostcn zu besetzen oder, falls sie darauf keinen Wert lege, einen Sitz mehr in einem der vier Ausschüsse in Anspruch zu nehmen. Selbstredend erwiesen unsere Genossen den Herrschaften nicht den Gefallen, auf den Schriftführerposten zu verzichten. Den anderen Schriftführer- Posten sollten die Freisinnigen behalten. Auf die Frage nach der Repräsentation erwiderte unsere Fraktion, daß der Schriftführer alle die repräsentativen Verpflichtungen erfüllen werde, die in der Verfassung vorgeschrieben sind. Das nahmen die Schwarzblaue« zum Borwand, uns jede» Anrecht auf dir Be- setzung des Schriftführerposten« zu versagen; und die braven Frei- sinnigen Pfifscu auf Rechtsgleichheit und Gleichberechtigung. Sie halten ja ihren Schriftführer. Was ging es sie an. daß man die Sozialdemokratie vergewaltigte und ausschaltete! Unsere Fraslion gab zum Protest weiße Zettel bei der Wahl der drei Präsidenten ab. Der Freisinn stimmte für den nationallibcralcn ersten Präsidenten, den bauernbündlerischen zweiten Präsidenten und für den ultra- montanen dritten Präsidenten. Bei der Wahl der Schriftführer stimmte obendrein der Freisinn zu einem Drittel gegen den Sozial- denwkraten Raab, obwohl zwischen den beiden Fraktionen vetcin- bart war, je einen Schriftführer zu stellen. So faßt der Freisinn seinen Kampf für die RcchiSgleichheit auf! Eine Berlemndniig. Eine steche Schufterei leisten sich die„Verl. N. Nachr.", in- dem sie für das Attentat der Brüder MrNamara die— Sozialdemokratie verantwortlich machen wolle». Die Me Namara waren Gcwcrkschaflscmgestellte und das Blatt weiß natürlich ganz genau, daß die amerikanische Gewerkschaftsbewegung leider größtenteils ganz im bürgerlichen Fahrwasser segelt und daß ihr Führer G o m p e r S ein enragicrter Gegner der Sozialdemokratie ist. Ebenso weiß das Blatt, daß wo sozialistischer Geist in der Gewerkschastsbewegung lebt, solch unsinnige Attentate ausgeschlossen sind. Sie erklären sich daraus, daß eben die in bürgerlichen An« schammgcn Befangenen an der bürgerlichen Gesellschaft verzweifeln und dann durch einzelne Gewalttaten zn kurieren suchen, was nur daS Werk der Umgestaltung der Gesellschaft sein kann. All diese anarchistischen Gewalttaten sind nur die Rcversscite kapitalistischer Kultur oder Unkultur und�sie verschwinden sofort, wo die sozia» listische Aufklärung die Massen ersaßt hat. Wer begnadigt wird! Bor einiger Zeit hatte das Landgericht in Mciningrn zwei Schutz. lcute, namens Kraust und Müller, die einen Jungen geschlagen und bedroht hauen, um ihm ein Geständnis zu erpressen, obwohl er un- schuldig war, zu der harten, aber gerechten Strafe von einem Jahr Zuchthaus und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Jetzt hat, wie das„Meiningrr Tageblatt' mitteilt, der Herzog die Strafe des Kraust von einem Jahr Zuchthaus in«inen Monat Gefängnis und des Müller von vier Monaten Gefängnis in eine Woche Gefängnis umgewandelt. Angesichts solcher Begnadigungen braucht man sich nicht zu wundern, wenn Schntzleute sich immer wieder ähnliche Verfehlungen zuschulden kommen lassen._ Abfall fleisch für ZentrumSarbeiter 1 Der Zentrumsabgeordnete GrvnowZki glaubte sich vor einiger Zeit gegenüber der„Gleichheit" als den Entrüsteten aufspielen zu können, weil die„Gleichheit" für die Zubereitung von Lunge, Herz usw., die Gronowski fälschlich als Abfallfleisch bezeichnete, Kochrezepte ge- geben hatte. Zufällig finden wir in alten Papieren eine Notiz der„Schlcsi- schen Nachrichten"(ZentrumSorgan in Breslau) vom 7. September Ivllö, auS der folgendes hervorgeht: Im Katholischen Arbeiterverein in Habclschwerdt hielt Buch- Halter Futter einen Vortrag über„Die Mittel zur Hebung der materiellen Lage der Arbeiter". In dem Bericht hieß eS u. a.: »Zur Linderung der Fleischlalamität empfahl Red»er den gemeinsamen zentnerweisen Bezug von Abfallfleisch, welches eine BreSlauer Konservenfabrik zu 18 Pf. pro Pfund, verpackt zu 20 Pf. anbietet. Die Versammlung beschloß demgemäß/ Hcrr Gronowski sagte in seiner damaligen Rede, wenn daS Zentrum den Arbeitern solche Ratschläge gäbe, würde ein Sturm der Entrüstung durch den sozialdemolratischen Blätterwald gehen. Herr Gronowski, wollen Sie sich nicht auch entrüsten über diese Organisation der Fütterung von ZcntrumSarbeitern mit Abfallflcisch? Die perfifcbe Krife. Die Kämpfe in Täbris. Petersburg, 22. Dezember. Der Petersburger Telegraphen- Agentur werden zu dem gestrigen Kampfe zwischeu russi» schen Truppen und Persern in Täbris noch folgende Einzelheiten gemeldet: Nachdem eine russische Patrouille in der Nähe des Hauses des Gouverneurs beschossen worden war, eröffnete Fidai ein Gewehrfeuer auf die russische Abteilung. Der Straßen- kämpf dauerte bis in die Nacht. Die alle Zitadelle wurde bombar- diert. Wegen der ernstlichen Gefahr für die russischen Untertanen hat der Generalkonsul um Ber'tärkungen gebeten. AuS R e s ch t wird derselben Agentur gemeldet: Gestern nach- mittag wurden hier russische Koiaken aus dem Hinterhalt beschoffen. An dem Uebcrfall waren außer einheimischen Banden auch türkische Armenier sowie Gendarmen und Polizcibeamte beteiligt, die aus dem Gouverneurshause unter Leitung eines PolizcimeisterS schaffen. Die Angreifer wurden auS ihrem Hinterhalt vertrieben und die Karawanserei von den Russen genommen. Ein Teil der Angreifer versteckte sich in dem türkischen Konsulat. Die Ruffcn halten keine Verluste. Bei den Persern wurden bei der Entwaffnung russische Gewehre gefunden. Da der indoeuropäische Telegraph beschädigt ist, hat der Depeschen- verkehr mit Täbris vollständig aufgehört. Annahme deS russischen Ultimatums. London, 22. Dezember. Wie das Rcutersche Bureau aus Teheran erfährt, haben die Vertreter der persischen Regierung den Forderungen des russischen Ultimatums mündlich zugestimmt. Petersburg, 22. Dezember.(Meldung der Petersburger Telegraphenagcntur.) Der persische Geschäftsträger erschien heute im Auswärtigen Amt und erklärte namens seiner Regierung, Persien nehme alle Forderungen des rusisschen Ultimatums an. Der Minister des Aeußcrn Ssasonow nahm diese Mitteilung zur Kenntnis. frankrdcb. Der„Libcrt6".Prozcß, Toulon, 22. Dezember. In dem Prozeß gegen die an- geklagten Offiziere des Panzerschiffes.Liberi e' erklärte nach Beendigung der Zeugenvernehmung der Kommiffar der Regierung, jeder habe seine Pflicht getan, nichts habe die Kata- strophe aufhalten können und er bitte daher um ein Urteil, daS che» Offizieren Genugtuung biete und der Billigkeit entspreche. Die Verteidiger beantragten die Freisprechung aller Angeklagten. DaS Kriegsgericht sprach daraus alle Angeklagten, den Kommandanten Jaures, Fregattenkapitän Joubert und die Leut- nantS Garnier und Bignon, frei. Nach Verkündung deS Urteils ließ der Präsident des Kriegsgerichts die Leutnants Garnier und Bignon zu sich rufen und sprach ihnen für ihr Verhalten im Augen- blick der Katastrophe seinen wärmsten Glückwunsch auS. Das Marokkoabkommcn vor dem Senat. Paris, 21. Dezember. In der heutigen Sitzung des Senats legte Minister des Aeußern de S e l v e s den Gesetzentwurf be- treffend Ratifizierung des deutsch-französischen Abkommens vor und ersuchte den Senat, die Dringlichkeit aus- zusprechen, damit eine Kommission zur Prüfung des Abkommens sobald als möglich ernannt werden könne. Ratier sprach sich für die Dringlichkeit aus und beantragte, daß die Kommission aus 27 durch Listenwahl gewählten Mitgliedern bestehen solle. Die Gruppen der Linken, erklärte er. sind der Ansicht, daß es in Fragen der internationalen Politik gut ist, wenn alle Parteien ihre Be- mühungen vereinigen und daß Kommissionen nicht aufs Geratewohl von den Bureaus, sondern durch überlegte Auswahl ernannt werden. Wenn wir auch in inneren Fragen geteilt sind, aus dem Gebiete der äußeren Politik haben wir alle dieselbe Sorge, die uns die patriotische Pflicht, die Interessen und die Ehre Frankreichs auf- erlegen.(Beifall.) Der Semit nahm hierauf den Antrag an. und die Dringlichkeit wurde erklärt. Tie Kommission von 27 Mitgliedern soll morgen gewählt werden. Portugal. Eine Militärrevolte. Lissabon, 22. Dezember. In der Kaserne des 10. Infanterie- regimentS in B r a g a kam es h.wte infolge der Frage des Züchti- gungSrechtS zu einer Meuterei, wobei einige Schüsse fielen. Der Oberst des Regiments wurde verwundet. Es wurden ver- schiedene Verhaftungen vorgenommen. Des Krieg. Ein Gefecht bei Zanzur. Konstantinopel, 22. Dezember.(Meldung des Wiener K. K. Telegr.-Korresp.-Bureaus.) Nach einer Depesche deS Oberbefehls- Habers in Tripolis versuchten die in Zanzur(ungefähr 25 Kilometer südwestlich von Tripolis) befindlichen Italiener, die türkische Telegraphenleitung in der Nähe von Zanzur zu zerstören, mußten sich jedoch infolge des Widerstandes der Türken und Araber nach Zanzur zurückziehen. Am nächsten Tage griffen die Türken und Araber Zanzur an. Die Italiener mußten die Stadt räumen. Ihre Verluste betrugen 48 Tote, darunter drei Offiziere und über 300 N.-r�undete. Auf Seiten der Türken und Araber fielen 9 Mann, verwundet wurden 49. Bedingungen für die Abtretung von Solum. Konstantinopel, 22. Dezember. Auf der Pforte verlautet, daß die Türkei für die Abtretung des Hafens von Solum England folgende Bedingungen gestellt habe: Wohlwollende Neutralität Eng. lands an der ägyptischen Grenze. England verpflichtet sich, eine italienische Flottenaktion im Archipel zu verhindern. England leiht der Türkei seine Unterstützung zur Durchsetzung der bekannten Forderungen an Italien, wonach Benghasi türkische Provinz bleibt Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: und Tripolis unier italienischer Verwaltung unter türkischer Ober- Hoheit verbleibt. Falls England diese türkischen Forderungen an- erkennt, woran man hier nicht zweifelt, wird die Türkei die Opera- tionen gegen Italien in energischer Weise durchführen. Bisher ist eine englische Antwort jedoch noch nicht eingegangen. Die deutschen Waffenlieferungen für die Türkei. Köln» 22. Dezember. Zu der Meldung der„Times", daß Deutschland die Türkei in unzulässiger Weise durch Versorgung mit Kriegsmaterial unterstütze, erfährt die„K. Z." aus Berlin, daß diese Meldungen durchaus erfunden ist. Was die bewußten Transporte anlangt, so kann es wohl sein, daß Sendungen von Kriegsmaterial, das in Privatwerkstätten hergestellt wurde, über Serbien nach der Türkei gegangen sei. Dies stehe aber durchaus nicht im Widerspruch mit dem Haager Abkommen, durch das besonde-« festgelegt sei, daß der Handel neutraler Staaten mit Kriegsmaterial zulässig ist. Ueber diese Auffassung seien sich auch alle Mächte einig. Ein ägyptischer Postdampfer vou den Italienern beschlagnahmt. London, 22. Dezember. Nach einer Lloydmeldung au» A l e x a n- d r i a ist der ägyptische P o st d a m p s e r„M e n z a l e h". der sich mit dreißigtausendPfundSterling anBord nach Hoheidah(Arabien) unterwegs befand, von dem italienischen Kriegsschiff„Puglia" beschagnahmt worden. Die Revolution in China. Juanschikai gegen eine Republik. Schanghai, 21. Dezember. I u a n s ch i k a i bat den Revolu- tionären seine Antwort auf die Forderung einer Republik gesandt. Er besteht auf einer durch Verfassung eingeschränk- ten Monarchie. Eine Republik würde nach seiner Meinung die Integrität des Lande? gefährden. Reue Streikunruhen in Großbritannien. London, 20. Dezember 1911.(Eig.©ct.) Die Ereignisse des SommerS scheinen sich in Großbritannien wiederholen zu wollen. Ein allgemeiner Bergarbeiterstreik ist nur noch eine Frage der Zeit; alle Tage erwartet man eine Aussperrung in der Texlilindustrie; und jetzt sangen im Norden, in der Sradt Dnndee wieder die Sireikunruhen an. Der Streik der Fubrleule und Dockarbeiler in Dundee hat zn heiligen Szenen Anlaß gegeben, deren Ursache in dem Versuch zu erblicken ist, auswärtige Sweikbrechcr zu verwenden. Die Behörden der Stadt haben Militär verlangl. welches ihnen von der Regierung sofort bewilligt wurde. Augenblicklich liegen 300 Mann Infanterie mit scharf geladenen Gewehren in der Stadt. Die Streikleitung ist der Ansicht, daß die Entsendung des Militärs durch nichts gerechtfertigt werden kaum Sie telegraphierte nach Ankunft der Soldaten sofort an den Minister des Innern und an den KriegSministcr: .Die Anwesenheit deS Militärs ist nur dazu angetan, Un- ruhen anzustiften. Das Streikkomitee garantiert vollständige Ordnung, wenn daS Militär zurückgerufen wird." Die Forderungen der Streikenden sind sehr mäßig. Die Fuhr- leute verlangen einen Minimallohn von 23 Schilling die Woche und die Dockarbeiler die Erhöhung des Stundenlohns von 6 auf 6 Peuce. Die kleineren Geschäfte haben die Forderungen satt alle bewilligt, es sträuben sich nur die Eisenbabugesellichaften und die für diese arbeitenden Fuhrunternehmer. Allmäblich ist der Streik zu einem großen Kampfe ausgewachsen. Die Geschäfte in Dundee stehen still. In zahlreichen Fabriken, die keine Kohle oder sonstigen Rohstoffe bekommen können, sind die Arbeiter entlassen ivorden. An: empfindlichste» wird der Mangel an Kohle empsunden. Die Kohlenftthrleuie haben sich mit ihren Kollegen von den anderen Geschäftszweige» solidarisch erklärt. Die Straßenunruhen entstehen hauptsächlich während der Versuche. Kohlen mit Hilfe iniporlierler Streikbrecher durch die Straßen zu transportieren. In den Zu- sammenstößen zwischen der Polizei und dem Volke hat eS schon mehrere Verwundete gegeben. Die Gewerkschaften fordern die Streikenden in allen Ver- sammlungen auf, sich nicht zu G-walrtätigkeiten hinreißen zu lassen. .Wir werden in einer vernünftigen Weise kämpfen," sagte gestern der Sekretär der Fuhrleute..Wenn Ihr nur die Hände ruhen laßt. so braucht Ihr die Zukunft nicht zu fürchten. Wir wollen keine Gewalllätigkeilen. Wir kämpfen nicht für einen auskömmliche» Lohn, sondern für die bloße Existenz. ES ist eine Schande, zu verlangen, daß Männer für 23 Schilling die Woche arbeiten sollen. Wir werde- nichl eher zufrieden sein, bis daß die Fuhrleute 30 Schilling die Woche bei achtstündiger Arbeitszeit bekommen." Wie gut die TranSportindustrie imstande ist. bessere Löhne zu zahlen, wurde sehr klar vor einigen Tagen bewiesen, als die Verschmelzung von zwei großen SchiffSgesellschaften bekannt wurde. Die„Weslminister Gazette", daS Regierungsblatt, das man sicher nicht als Arbeiterblati bezeichnen kann, schrieb über dieses Thema: .Dem gewöhnlichen Menschen werden die Vertragsbedingungen der neuen Verschmelzung der Schiffahrtsgesellichaften fast wie eine Episode aus Tausend und eine Nacht vorkommen. Daß Aktien, die noch vor einigen Monaten zu 12 Pfe>. Srerl.<240 M.) verkauft wurden, nun plötzlich 32 Pfd. Sterl. 10 Sch.(650 M.) wert werden, kann denen, die sich nicht in den Regionen der hohen Finanz bewegen, den Atem nehmen. Dem Eingeweihten scheint der Preis gerechtfertigt, obwohl das Eigentum, das jetzt für 32 Pfd. Sterl. gelanfl wird, dasselbe ist wie das. was man vorher für 12 Pfd. Sierl. haben konme. Wir bewegen uns in einer Welt von irrealen Werten, in der wenig Dinge das sind, was sie scheinen. Wir können jedoch nicht umbin,' zu glauben, daß wir eine Erklärung deS Erfolgs deS Streiks, der Seeleute vor uns haben, wenn die scharfsinnigsten Geschäftsleute willens sind, diese Summe kür das zu geben, waS noch vor einigen Monaten nur 12 Pfd. Sierl. wert war. Wenn die Werte in dieser Weise steigen können, während 25 Jahre lang die Löhne stationär bleiben, dann kann man nicht behaupten, dag der Arbeiter seinen Anteil an der zunehmenden Prosperität gehabt hat. Vom geschäftlichen Standpunkt auS ist der Vertrag von ungeheurer Wichtigkeit. Er schafft iiiiler der britischen Flagge die größte Schiffahrlsveremigung der Welt und die vereinigten Gesellschaften werden einige der wichtigsten unserer Handelswege beherrschen." Aussperrung in der englischen Textilindustrie. Manchester, 22. Dezember.(W. T. B.) Der Ausschuß der Vereinigung der Baumwollspinner hat beschloffen, in allen Fabriken der Vereinigung die Aussperrung zu empfeh- len, die am n ä ch st e n Mittwoch beginnen soll. Von der AuS- sperrung würden 150 600 Arbeiter betroffen werden. Der Grund des Streites liegt darin, daß die Mitglieder der Trade Union darauf bestehen, daß sich alle Nichtunionisten der Trade Union anschließen. Hiiö der Partei. Die P. P. S. in Oesterreich,- die Polnische Sozialdemokratische Partei, hielt soeben ihren l2. Kon- greß in Lemberg ab. Er dauerte drei Tage. Nach den BegrüßungS- reden der Vertreter der österreichischen Brnderparteien, von denen die deS tschechischen Separatisten Habermann kühle Aufnahme fand, Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt wurde gegen die von der russischen Regierung der Duma bor« geschlagene Losreißung des Gouvernements Ehelm von Kongreß« polen protestiert. Bei den durchwegs erfreulichen Berichten entspann sich eine Debatte über die Beteiligung der Partei an der bekannten Grunwaldfeier(des Sieges der Polen über den preußischen Ritter« orden) in Krakau. Daszynski begründete die Beteiligung damit, daß das polnische Proletariat zeigen mußte, daß eS einen Teil der polnischen Gesellschaft bildet und daß es durch seine Teilnahme� der Feier den klerikalen Charakter nahm und ihr einen revolutionären Charakter aufdrückte.— Den Houptteil der Verhandlungen bildete die Frage deS Verhältnisses zu den Bruderparteien. Abg. Daszynski war Referent. Seine Rede war ein rückhaltloses Be- lenntnis zum gewerkschaftlichen Zentralismus und zum politiickien Zusammenschluß der einzelnen sozialdemolratischen Parteien in Oesterreich zur Internationale. In der sehr umfang« reichen Debatte spielte auck, das durchaus nationaliktisch-herrische Vorgehen der Tschewen in Oesterreichisch-Schlesien gegen die polni- schen Minderbeiten eine große Nolle. Die Abgeordneten Dr. Lieber- mann und Moraezewski traten dafür ein, daß die polnische Partei in dem Streit überhaupt nicht Partei nehme, ja auch nicht mehr ihre guten Dienste der deutschen und tschecho-slawit'chen Sozialdemo« kratie anbiete. Die dann einstimmig angenommene Resolution er« klärt u. a.: „Der zwölfte Kongreß der polnischen Sozialdemokratie in Galizien und Schlesien"gibt seinem lebhaftesten Bedauern über diese Erscheinungen und seiner Ueberzeugnng Ausdruck, daß die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter aller Nationen Oesterreichs einheitlich sein muß. Sie muß fürsorglich mit allen Bedürfnissen der Arbeiter aller Nationen rechnen. Zum Kampfe mit oem Kapitalismus, zum Kampfe um die Existenz, um die Entwickelung und die Zu- kunft de» Proletariats ist sie aber nur dann befäbigt, wenn sie alle gewerkschaftlich organisierten Arbeiter ohne Rücksicht auf die Nation umfaßt. Der Kongreß nimmt die Bildung der tschechischen sozialdemokratischen Partei zur Kenntnis. erkennt sie als eine Bruderpartei an und gibt im Sinne der internationalen Kongieffe dem Wunsche Ausdruck, daß der Bruch im tschechischen Proletariat in nächster Zukunft beseitigt werde. Der Kongreß fordert den polnischen sozialdemokratischen Klub im Parlament aus, er möge wie bis ver die Wiedererrichtung deS Verbandes anstreben und jedenfalls für die zeitweilige Ver« ständiguiig aller sozialistischen Klubs sorgen." Endlich hatte sich der Kongreß auch mit der Stellung zur jüdischen'ozialistischen Beivegung zu beschäftigen Diese besteht aus der der P. P. S. D. direkt angeschlossenen„Jüdischen Sozial- demokratie" und der von ihr seit 1905 offiziell separierte»„Jüdischen sozialdemokratischen Partei". Der Kongreß beauftragte den Partei- vorstand, neue Verhandlungen einzuleiten, erklärre sich gegen Doppel- Mitgliedschaften in der südlichen und polnischen Partei, erkannte selbst- verständlich die sich als Polen fühlenden jüdischen Genossen als voll- berechtigte Parteigenossen an und wies der„Jüdiichen sozialdemokratischen Partei* die Aufgabe zu. autonom in der jüdischen Arbeiter« bevölkerung zu wirken, die die polnische Sprache nicht versteht, von der polnischen Kultur noch nicht erfaß! ist und die Fähigkeiten noch nicht erreicht hat, zum gemeinschaftlichen Klassenkamps und zur Politik, die die Polnische sozialdemokratische Partei im Lande führt. Jugendbewegung. Die borussische Schulverwaltung gegen die freie Jugend. Die preußische Schulverwaltung hat zur Bekänipkung der sozialdemokratischen Jugendbewegung eine Broschüre atiS- gearbeitet, die tämilichen im Bereiche des preußischen KultnZ« Ministeriums stehenden preußischen Volks- und Mittelschulen'in mehreren Exemplaren zugeben wird. Die Broschüre enthält die Mahnung an die schulentlassene Jugend, keiner sozial- demokratischen Jugendorganisation, sondern einer auf dem Boden„vaterländischer Gesinnung" stehenden Jugendvereinigung beizutreten. Die Broschüre, die in mehreren tausend Exemplaren gedruckt wird, soll an die Schüler gratis verteilt werden. Zum ersten Male erfolgt die Verteilung April 1912. Arbeitereltern! Bereitet Eure Kinder auf diese Broschüren entsprechend vor i Gewerkschaftliches siehe 2. Beilage. Hetzte Nachrichten« Tie Kämpfe bei Ain Zara in türkischer Tarstellung. Konstantinopel, 22. Dezember. Die„Agenee Ottomane" publi- ziert vom Kriegsschauplatze bei Ainzara folgende? Bulletin: Am 15. Dezember gingen 2000 Italiener im Morgengrauen gegen ünsere Stellung vor. Ein heftiger Kampf fand statt, der den ganzen Tag über dauerte und zu unseren Gunsten entschieden wurde. Die Italiener waren zum Rückzug gezwungen. Zwei italienische Offi- ziere und 200 Mann fielen. Am 17. versuchte ein italienisches Auf- klärungSdetachement mit Gebirgsartillerie den türkischen linken Flügel anzugreifen, wurde aber zurückgeworfen. Am 19. fand eine neuerliche Attacke statt. Tie Italiener ließen 400 Mann Tote auf dem Schlachtfelde und wichen demoralisiert und in voller Unordnung zurück._ Serbiens Anlehnung an Rußland. Belgrad, 22. Dezember.(W. T. B.) Bei der Beratung de» Budgets des Ministeriums des Aeußern erklärte Ministerpräsident Dr. M i lo w a n o w i t s ch: Das Prinzip„Der Balkan den Balkanvölkern" wahre am besten die Jnteresien der letz- teren, weil es sie vor kolonialen Eroberungen schütze. Europa möge uns nur. sagte der Minister, freie Entwickelung gewähren, dann wird das Lebensfähige bestehen bleiben, das Krankhafte vo- selbst absterben. DaS Prinzip werde auch von den übrigen Balkanvölkern gebilligt, insbesondere von Bulgarien. Wenn auch Rußland, schloß der Minister? unsere Hoffnungen nicht in vollem Matze er- füllt hat, so tat eS doch sowohl für uns wie für alle übrigen Balkan, Völker so viel, daß wir ihm Dank schulden und daß wir auf Ruß- land vertrauen können. Die Gemeinsamkeit unserer Jnteresien mit den Jnteresien Rußlands ist eine starke Garantie für unsere Zukunft._ Türkisches Bandenwesen. Saloniki, 22. Dezember.(Meld. d. Wiener k. k. Korr.-Bur.) Eine Bande Arnauten übersiel auf der Straße bei Jpek drei Gen- darmen. die einen Gefangenen transportierten, erschob einen Gendarm und entwaffnete, mißhandelt« und beraubte die beiden anderen. Bei der später aufgenommenen Verfolgung dieser Band« ist noch ein Gendarm gefallen. Die Band« ist entkommen. Folgenschwere Explosion. Metz, 22. Dezember.(W. T. 2}.) Wie aus Bödingen (Luxemburg) gemeldet wird, fiel beim Transport ein Schlacken« luchen um und explodierte. Drei Arbeiter erlitten schwere Brand» wunden, ein vierter wurde getötet.___ PaulSinger& Co., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen». UnterhaltungSbl. 8r.m i. Keilllge des Dmiilts" Kerlinel UslksdlM. Für die mszchmtea Tibliklirbtitn Deiitslhlaods aingen bei der G e w e r k s ch a f t s k o m m i s s l o n für verlin uno Umgegend ferner ein: Vereht der Berliner Buchdrucker, 1. Ral« 2000,—. Liste 2615 Buch- bruckerei Axt 4,—. Liste 956 Steinborn 4,25. Bezirk 20 deS Zimmererve» bandeS 6,35. Unterkommisswn Köpenick auf Listen, darunter Verband der Schneider mit 10,— in Summa 31,90. Verband der Steinarbeiter aus 2203 10,05. 2226 3.60. 2228 7,75. 2240 4,70. 2253 9,60. 2254 10—. 2255 II,—. 2256 7,65. Vereinigung der freien Berl. Handtuchverleiher durch Hartsell 20,—. Chauffeure der Firma Progretz 30,—. Schneider bei Trcitel 3,—. Finna Sommerfeld 15,—. Gebr. Huff 12,10. 9. Bezirk in Weifjensee 6,—. Lifte 31.Elektro-Plated' 16,05. Paul Trettin u. Co. 18,—. Gasmesser- fabrik Baumgarten u. Sohn 11,70. Lifte 3112 organisierte Bäcker 6,15. Schneider bei W. Romann 18,75. Werkstatt Cohn u. Sohn 10,—. Berliner Galvanoplastische Anstalt 5,20. Bezirk 171 des 4. Kreises 16,—. Von den Böckern der Konsumgenossenschast B. u. U. 5. Rate 20,00. Paul Schulz, Klosterftr., 75.—. Liste 1628 Tischlerei Jakob u. Braunfisch 9,60. Rudolf Pommerehnicke, Britz, 5,—. S. K. 33 10,—. Sechferkasse des 769. Bezirks 8,—. Firma Sentker, Abt. Rohrzieherci 12,50. Sechscrkasse der Gautsch-Bronce G. m. b. H. 10,—. Groschenkasse der A. E. G., Abt. Beyer u. Neumann 10,—. List« 1626 Finna Reschke 20,80. Möbelpolierer bei Sauerwein 8,—. Abt. Rotation im Lokalanzciger 12.—. Firma Oehmicke u. Schröder 4,—. Tischlerei Siebert 6.—. Muscumbau durch Neumann 11,30. Knopssabrik Eilberblatt 9,—. Lifte 37 mit 16,60 und Liste 38 mit 20,75 von Schrauben- fabrik Stelzner. Liste 42 Kronleuchtersabrik Ed. Grimm 20,—. Emmerich u. Schöning auf Listen 33,25. Möbelsabrik FriedrichlO,—. Liste 2901/2 durch Conrad 7,75. Gesangverein.Edelweitz" Melchiorstrasie 20,—. Verband der Glaser aus Liste 1967 Firma Mann» 8,50. 1948 3,60. 1954—.50. 1957 6,55. 1958 3,10. 1963 5,05. 1971 3,05. verband der Sattler u. Portcseuiller, Lrtsverwaltung Berlin aus Listen 117,45, darunter Ledermöbel- sabrik von Lawrenz mit 15,—. Rauchklub.Wiedersehen' Mitgl. de» A.-R.-B. 6,00. 1633 Möbelfabrik Schwarz 15,00. Kranz- überlchust des Werkstättenpersonal der städtischen Straßenbahn 4,95. Verband der Tapetendrucker Deutschlands. Mitgliedschaft Berlin 46,80. Verein der Ztgarrenladen-Jndaber von Rixdors und Umgegend 22,05. 2617 Buchdruckerei Ad. Gertz 14,10. Schneiderwerkstätten von H. Hoffmann 74,55. Verband der Böttcher, Filiale Berlin 100,—. 3127 Backer bei Koldacker, 2. Rate 13,70. 36 Graveure bei Thiele u. Co. 11,—. Gießerei Bniggemann 6,—. Lotterieverein.Riete'' bei Krundmann 10,—. 40 6,75. Graveure bei H. Berncrt 10.—. Heller u. Rodewald 4,70. Eechserkasse des 397». Bezirks 5,—. Werkstatt Herrmann durch Kröge 5,30. Bezirk 360 im 4. Kreis 10.—. Firma Bauer u. Seeger 6,80. 1631 Tischlerei Groß 12,55. Werkstatt Georg Jahn 5,—. Schneider u. Schneiderinnen bei Baer-Sohn 20,—. Sparverein.Höhle', Rixdors 10,50. Versammlung derldrast- droschkensllhrer des Bezirks SchönhauserVorstadt 4,50. 20 Mohr u.Speyer 10,—. Groichenkasse der Siemens-Schuckert-Werke am Nonnendamm 50,—. Unter» stützungSsond der Glasarbeiter Stralau 50,—. Unterkommission Grog- Lichtenclde aus Listen 22,25. Firma Ludwig Spitz 25,—. Verband der Zu- schneider aus Listen 51,65. Sparverein.Vater Jahn', Urbanstrasie 23,40. AkademicuS 2,50. Sattler bei Wienicke. Pankow 10,50. Verband der Glas- sclfleiser 66,—. Tisch!. Siebcrt u. Aschenbach 25,—. 48 Firma Auerbach 25,—. Schlosseret Krüger, Rixdors 50.—. Tischl. Stern, Seeliger u. Co. 12,—. Tisch!. Zimmermann u. Heinle, 2. Rate 10,05. Sparoer..Vergißmeinnicht', Rixdors, Rneiebeckstraß« 2,70. Cbauffeure der A.-B.-A.-G., Fennstr. 31 20,—. Groschenkaffe der Reparatm Werkstatt der A.-E.-G.. Ober-Schöneweide 25,—. Verband der Kemeindearbeiter, 4. Rate, aus folgende Listen: Gasanstalt Müllerslraße 615 5,70. 636 9.50. 637 0,20. Gasanstalt Danziger Straffe 572 4.45. Gasanstalt Tegel 658 IM. 664 6.10. Bauverwaltung 674 7,60. Wasserwerk Berlin 576 6,90. Wasserwerk Friedrichshagen 833 1,30. 834 6,80. 835 4,40. 836 4,40. Englisch- Gasanstalten 527 2,—. 678 2,25. 679 1,45. 769 8,22. Straffenreinigung 577 1,—. 679 6,46. 611 1,85. Schlacht» und Viehhof 565 4,25. Kohlenplatz 593 3,25. Markthallen 854 8L0. Straßenbahn 586 17,40. Birchow-Krankenhaus 684 4,10. Irren- anftall Dalldorf 682 5,15. Zentrale Buch 846 10,—. Charlottenburg 592 2,15, 697 2.25. Summa 136,22 M. In Summa 3843,67 M. Bisher find veröffentlicht 17 858,81 M. Dazu kommen 3848,67 M. In Summa 21 706,93 M. Gelder, welche per Post eingesandt werden, find an 2l. Körsten, Lv. 16. Engelufer 15 I, zu senden. Alle Sammlungen sind sofort auf unserem Bureau. Engelufer 15 I, Zimmer 28, in den Wochen» tagen vormittags von 9—12'/, Ubr und nachmittags von 4—7'/, Uhr oder in den Bureaus ihrer Gewerkschaft abzuliefern. Die Listen 930, 846, 1667 und 2910 sind verloren gegangen und find beim Vorzeigen anzuhalten. Der Ausschuß der Gcwertschaftskommiffion für verlin und Umgegend. flkadernllterverfainmliingen. Wie Genosse iviax Adler-Wien, so hat auch Genosse Eduard Bernstein in verschiedenen süddeutschen Universi» tätSstädten vor Studenten gesprochen, so auch in Karlsruhe. Genosse Bernstein gab hier einleitend zunächst eine Definition der beiden Begriffe Akademiker und Sozialismus. Akademiker sind Leute, Studenten und Studierte von Hochschulen, die auf Grund einer allgemeinen Bildung eine bestimmte Theorie studiert haben. kleines feuilleton. Leutnant Gavotti. Unsterblich bleibe sein Name �ss �ZssiZeschichte der Menschheit I Was ist Zeppelin? Ein lenkbare« Luslichiff. Was Bleriot? Ein metallener Drache. Aber er, er ist der erste Mensch in der Lust, der erste, der sich menschlich geberdet in jenem Element, daS vom Gott der Christen den Fcdertieren und Engeln als Monopol garantiert ist. Der erste, der sich nicht bloß im Gleichgewicht zu halten, sondern auch— mit aller Borsicht steilich nur— bereits eine kleine berufliche Handlung auszuüben vermag während de« FlugeS! O, dag doch Lionardo da Vinci erwachte. um diese grandiose Erfüllung seiner kühnsten Träume durch seinen nachgeborenen edlen Landsmann, den Leutnant Gavotti mit unS zu erleben I Eine Lustichifferzeitung. deren Auf» gäbe eS ist, alle Großtaten deS Fluges genau zu verzeichnen, schildert die„epochale' Leistung unseres jungen Helden folgender- maßen:„Leutnant Gavotti stieg mit Bomben ausgerüstet, die neben seinem Sitz in angeschnallten Schachteln lagen, aus Tripolis auf, Diese Bomben hatten eine Größe von Orangen, waren au« Stahl erzeugt und mit Pikrinsäure gefüllt. Beim Aufschlagen auf einen festen Gegenstand schlägt eine lose im Hohlräume gelagerte Kugel gegen die Wand und bringt die Bombe zur Explosion. Gavotti flog ungefähr acht Kilometer über die eigene Vorpostenlinie hinaus gegen die Oale Ainzara zu, wo er einen Trupp von un» gesähr 1590 Arabern bemerkte. In einer Höhe von 500 Metern fliegend, nahm Gavotti eine der Bomben, machte sie mit der reckten Hand gebrauckssertig und legte sie wurfsbereit zwischen seine Knie. Als er über den Arabern war, warf er die Bombe übet die rechte Tragfläche hinaus zu Boden. Er konnte ihr Aufschlagen beobachten und sah. wie eine schwarze Wolke emporstieg und die Araber Panik» artig auSeinanderstoben.' Was ist Zeppelin? Ein lenkbare» Lustschiff. Wa» Bleriot? Ein metallener Drache. Aber er. Leutnant Gavottt. der herrliche, er ist der erste, der sich menschlich gebärdet da oben. Unsterblich bleibe sein Rame l AuS der Geschichte de» Spielzeug«. Bronzerne und tönerne Gegenstände, die unseren Kinderrasseln entsprecken. fand man schon in Pfahlbauten der Westschweiz und in Schlesien. Würfeln und Kugeln au« Knochen oder Bronze kamen in Gräbern der La Töne- Zeit zum Vorschein. Reicher ausgestattet und überhaupt viel- gestaltiger wurde da« Kinderspielzeug, sobald die Völker Reichtum und Kultur erworben hatten. In ägyptischen und etruskischcn Grab- kammern fand man Glieder- und Sckreipuppen. Wägelchen, Perlen- ketten; im reichen Rom wurde das Spielzeug zeitweise luxuriös. ■ Die mittelalterliche Spielzeugfabrikation blühte vyr allem in Der Begriff Sozialismus sei nicht so einfach zu definieren. Es gäbe verschiedene Deutungen. Er, Redner, nenne Sozialismus den Begriff eines Gesellschastszustandes. eines Ideals, ein normatives Prinzip für eine zu errichtende Gesellschaft. Es sei bei der Aus- legung des Wortes viel Streit und Willkür möglich. Sozialismus sei der Ausdruck einer bestimmten, vorhandenen Bewegung. Im Anschluß an diese Definition gab sodann Genosse Bern- stein ein scharfumrissencs, klares Bild unserer politischen und Wirt- schaftlichen EntWickelung. In allen Ländern, auch in solchen, in denen die Kultur erst beginne, sei eine soziale und politische Bewe- gung zu konstatieren. Es gäbe Perioden starken Wachstums, abex auch solche des Stillstandes. Erstcre Perioden drängten aber jene des schwächeren Wachstums so zurück, daß wir ein Bild eines un unterbrochenen Aufftiegs vor uns haben, bedingt durch die Energie der Bestrebungen der Arbeiterklasse. Der Geist, in dem diese ihre Forderungen stellt, das ist der Sozialismus, so daß man diesen auch bezeichnen kann als die Bewegung der modernen Lohnarbeiterschaft und der ihnen gleichfühlenden Gesellschaftsschichten. Das Bestreben sei, die Errichtung einer auf dem Grundsatz der Genossenschaftlich- Zeit beruhenden Gesellschaftsordnung. Eine allgemeine Gleichheit gäbe es nicht, man könne nur zwischen verschiedenen Graden der Gleichheit unterscheiden. Der Begriff der Genosscnschastlichkeit schließt solch einen höheren Grad der Gleichheit ein. Die Ge- nossenschaftlichkeit schließt aber auch den Begriff der Solidarität in sich. Und dieser Gedanke ist grundlegend. Wir lebe» in einer Epoche der wachsenden Abhängigkeit, von der ja auch die Akademiker ihr reichlich Teil zu erzählen wissen, am meisten aber die moderne Lohnarbeiterschaft. Die Solidarität be kommt ihren gesellschaftlichen Begriff, ihr modernes Gepräge durch den Klassengedanken. Gerade der Ausdruck des Sozialismus als Klassenbewegung, als Klassenkampf, das ist es, woran sich so viele Ideologen und Angehörige des besitzenden Bürgertums stoßen. Die Klasse der Abhangigen, die keine Aussicht haben, jemals selbständig zu werden, wächst mit jeder Berufszählung. Für 80 Proz. besteht heute das Wort: Einmal Proletar, dann ein ganzes Leben Proletar. Das wirkt zurück auf das Denken und Fühlen. Durch diese steigende Zahl der Abhängigen werde aber sowohl die Notwendigkeit wie auch die Unbesiegbarkeit der Arbeiter bewegung bewiesen. Bei der Landwirtschaft sei kaum eine Zu nähme zu konstatieren. Die Stadt gibt dem sozialen Leben seinen Charakter, wir leben in einer Acra der Verstadtlichung. Durch das gleiche, ungleiche Wahlrecht habe aber immer noch das Land die größte Bedeutung im politischen Leben. Das größte Wahlrecht haben die Leute, die am tvcitesten auseinander wohnen. Die Bedeutung der Arbeiterschaft werde immer größer, daS zeige die Geschichte der Streiks, die wachsende Größe der Organisa- tionen, gewerkschaftlich, genossenschaftlich und politisch. Die Klasse des Bürgertums kann aus ihrem Klassengedanken keine solche Be- geisterung mehr scksiipfe». So etwas kann nur leisten eine Bewe- gung, die für Großes lebt. Was kann nun die Klasse, denen die Akademiker ange- hören, dieser Bewegung gegenüber tun? Sie können entweder bremsen, um das Bestehende zu erhalten, oder organisch überleiten. Das sind auch die beiden Extreme, zwischen denen die Regierungen ihre Politik tjeüben. Das Bremsen ist aber auf die Dauer zum Scheitern verurteilt. Es wird nur zur. Folg« haben, daß die Be- wcgung dann später mit wilder Empörung sich Bahn bricht. Haupt- aufgäbe der Jünger der Wissenschaft ist hier: Die Dinge erkennen, das Notwendige sich zum Bewußtsein bringen, das wollen, was not- wendig ist. Die Kluft, die Arbeiter und den übergroßen Teil der Akademiker trennt, wird immer kleiner. Beamte. Lehrer, auch die Aerzte, sie alle werden immer mehr abhängige Angestellte. Als Angestellte kommen sie immer mehr in intime Beziehungen zur Arbeiterbewegung, zum Teil auch in eine gewisse Abhängigkeit. Während der Arbeiter sich einen großen Schatz an Allgemeinbil- dung erwirbt, ist bei vielen Akademikern eine völlig« Indifferenz gegenüber allen außerhalb seines Faches liegenden Dingen, eine Abneigung gegen die Kämpfe des Tages zu konstatieren. Wer unser modernes Leben überblickt und die Klassenerschgi- nungen betrachtet, wird sehen, daß der bürgerlichen Klasse der Idealismus vollkommen abhanden gekommen ist. Ein grob-mate- rieller Zug ist in der Auffassung unseres Verhältnisses zu anderen Ländern zu konstatieren. Deutschland ist reich geworden, aber nur durch deutsche Arbeit, deutsche Technik. Aber nicht durch die Schätze Afrikas. Redner bespricht im Anschluß hieran unser Verhältnis zu Eng- land. Was wir in der deutschen Presse gesehen haben, das ist ein Unheil für Deutschland. 1905 habe die Arbeiterschaft einen Krieg verhindert und auch jetzt wieder, wo die bürgerliche Presse auf vaS schamloseste beide Länder aufeinanderhetzen wollte. Mit der Aufforderung an die jungen Akademiker, sich mit der Bewegung vertraut zu machen durch persönlichen Verkehr, teilzu- nehmen an Diskussionen usw., das zu erkennen, was sich in der Nürnberg, wo sie sich schon im 14. Jahrhundert entwickelt hat; sie war insofern international, als die Nürnberger„Dokken* oder .Tocken' in alle Weltgegenden versandt wurden. Als erster„Tocken- macher' wird, so berichtet ein Aufsatz über„Geschichte und Lage der deutschen Spiclwarenindustrie' in„Der Welt deS Kaufmanns', um 1400 in Nürnberg ein gewisser Seb. Ott erwähnt. Die Altnllrn- berger Puppen, deren da» Germanische Museum eine große Zahl besitzt, sind aus weißem Ton gebrannt und haben bereits im wesentlichen das herkömmliche Aussehen, das die Lieblinge der Kleinen durch die Jahrhunderte bewahrt haben. Eine scköne Haarperücke ist daS wickligste; auf Nase, Mund und Augen kommt eS nicht so sehr an. Schon damals war augenscheinlich eine Bewegung zur Verschöne- rung'der Puppen im Schwange, denn ein Aesthettker der Renaissance, warnt davor, die Puppen zu menschenähnlich und zu prächtig zu machen, da sie dann den Kindern nicht mehr so gut gefielen. Doch schon damals blieb auch die Freude an der echten rechten Puppe, die nun einmal nicht„zu schön' sein darf, den Kindern der Armen vor- behalten; für die Kinder der Reichen begann man Kunstwerke und Kostbarkeiten zu verfertigen. Der Holzreichtum deS Thüringer WaldeS und deS Sächsischen Erzgebirges wurde mit der Zeit der Grund dafür, dag die Her- stelluug von Holzspielsachen in Nürnberg dem Wettbeiverb nicht gewachsen blieb, der im thüringischen Sonnebcrg entstand. Statt dessen nahm in Nürnberg, besonders seit dem 19. Jahrhundert, die Metallipielwarenherstellung eine gewaltige Emwickelung. Heute lassen sich die drei großen Spielwarenmdustrie-Mittelpimkte kurz insoweit kennzeichnen, daß Sonneberg den Hauplsitz für Puppen- Papiermachö-Spielwaren darstellt. während in Nürnberg-Fürth Metall(namentlich Weißblech und ginn) und in Sachsen Holz das vorwiegende Rohmaterial abgeben. Theater. Kgl. Schauspielhaus. Die Nibelungen. Von Hebbel(2. Teil, K r i e m h i l d s Rache). In der Nibelungen» Trilogie hat Hebbel seine charakteristische Tendenz, den aus Sage und Geschichte übernommenen Stoffen ein neues, ganz persönliches Gepräge symbolisierender Umdeutung aufzudrücken(Judith, Gyges, Agnes Bernauer), fast völlig zurückgedrängt. Er hält Gedanken, die nicht schon im Verlauf des Nibelungenliedes selbst mit anklingen, von seinem Werke fern. will kein frei schaltender Neuschöpfer, nur ein dramattscher Interpret des Alten sein. Alle Momente der Tragödie, sagt er in einem nach- träglich entworfenen Geleitwort, sind in dem EpoS schon gegeben. wenn auch oft, wie das bei der wechselvollen Geschichte de» Gedichts nicht anders sein konnte, in verworrener und zerstreuter Gestalt oder in sprödester Kürze. Die Aufgabe bestand nur darin, sie zur dramatischen Kette zu gliedern und poetisch zu beleben, wo es modernen Gesellschaft bollzieht, und das richtige zu wollen, schloß der Referent seine inhaltsreiche Rede. Die Versammlung danlte mit lebhaftem Beifall. DU Berliner Parteigenossen im BelchKagmaWainpf. Eine Wählerversammlung für den zweiten Wahlkreis tagte am Donnerstag in Gliesings Saal in der Wasserthorstraße. Das Refc- rat hielt Richard Fischer. Er ging davon aus, daß die Wähler die Parteien, welche sich ihnen empfehlen, nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Handlungen beurteilen müssen. Dann zeigte der Redner an der Hand eines von den Freisinnigen im zweiten Wahlkreise kürzlich verbreiteten Flugblattes, daß ein unlösbarer Widerspruch besteht zwischen dem, was den Wählern in diesem Flugblatt versprochen wird, und dem, was die Freisinnigen im Reichstage getan haben. Der Tag der Abrechnung ist da, heißt es in dem freisinnigen Flugblatt. Mit wem wollen sie abrechnen? Mit der Reaktion? Wer kann denn das glauben, nachdem die Frei- sinnigen 1907 28 Vertretern der Reaktion, die mir Sozialdcmo- traten in der Stichwahl standen, zum Siege perhalfen und dadurch die reaktionäre Mehrheit geschaffen haben. Die Freisinnigen vcr- sprechen, die indirekten Steuern durch direkte zu ersetzen. Sie haben aber bei der Finanzreform in der Kommission für Vermeh- rung der indirekten Steuern gestimmt. Die Freisinnigen ver- sprechen, für Abschaffung der Liebesgaben an die Schnapsbrenner einzutreten. Sie haben in der Kommission zwar für eine allmäh- liche Verminderung, aber twch für die Erhaltung der Liebesgaben gestimmt. Die Freisinnigen stimmten auch für die Erhöhung des Kaffee- und TheezolleS, ja ihr Abgeordneter Hormann schlug sogar eine Besteuerung der Kaffeesurrogate vor, waS aber von der Regierung abgelehnt wurde. Die Freisinnigen stimmten für die Erhöhung der Tabaksteuer, lehnten eS aber ab, daß den dadurch brotlos werdenden Tabakarbeitern eine Entschädigung gewährt werde. Nur für eine Unterstützung der Tabakarbeiter waren sie zu haben. Die Finanzreform sollte eigentlich schon 1907 eingebracht werden. Aber die Freisinnigen, die bereit waren, die Finanzreform mit der Regierung zu machen und das Volk mit 400 Millionen neuer indirekter Steuern zu belasten, baten die Negierung, die Finanzreform noch ein Jahr hinauszuschieben, weil die Frei- sinnigen mit Recht fürchteten, sie würden 1908 bei den Landtags- wählen schlecht abschneiden, wenn sie kurz vorher für neue indirekte Steuern gestimmt hätten. Bezeichnend ist es, wie sich das frei- sinnige Flugblatt um eine klare Stellungnahme zu gewissen frei- sinnigen Programmforderungen herumdrückt. Da heißt eS: Die Wähler fordern den Abbau der indirekten Steuern, die Wähler foroern eine gerechte Wahlkreiseinteilung. Mit keinem Wort wird gesagt, ob denn auch ihre Partei für diese Forderungen eintreten will. Das Flugblatt spricht davon, daß die Freisinnigen für die Interessen des Mittelstandes eintreten wollen. Man frage doch ein. mal di« Gastwirte, die Zigarrenhändler und andere Kleinhändler, ob ihre Interessen gefördert wocben sind durch die Erhöbung der Biersteuer, der Tabak-, der Kaffee-, der Theezölle, für die oie Frei» sinnigen gestimmt haben einschließlich des Herrn Mommsen, der den Wählern deS zweiten Kreises als Kandidat empfohlen wird. Für die Beamten aller Kategorien wollen die Freisinnigen, wie sie in ihrem Flugblatt sagen, eintreten. Aber alle bürgerlichen Par» teien, einschließlich des Freisinn», sttmmten gegen die Erhöhung der Gehälter der Unterboamten, weil angeblich kein Geld dafür vor- handen war. Aber für die Gehaltserhöhung der oberen Beamten waren 13 Millionen vorhanden. Dafür stimmten die Freisinnigen mit allen bürgerlichen Parteien, Ja, einer schäbigen Denunziation der Postunterbcamtcn hat sich das freisinnige Organ schuldig ge- macht. Die„Freisinnige Zeitung" hat die Postbeamten, welche in Berlin bei der Landtagstvahl ihre Stimme nicht abgaben, als sozialdemokratischer Gesinnung verdächtig denunziert und aus- geführt, es widerspreche dem Diensteid, wenn ein Beamter sozial- demokratisch wähle. Als ob der Unterbeamte für kärgliche Besol- dung nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Ueberzeugung der Regierung zu verkaufen verpflichtet wäre. Was würden die Freisinnigen wohl gesagt haben, wenn man verlangt hätte, der alte Mommsen, der Vater ihres Kandidaten, hätte, �eil er preußischer Professor war, für die Regierung stimmen müssen.— Der Frei- sinn hat das Volk mit neuen Steuern belasten helfen und hat sich geweigert, als Gegenleistung wenigstens«ine Vermehrung der polt- tischen Rechte des Volkes zu fordern. Vom Freisinn ist nicht zu erwarten, daß er die Reaktion bekämpft. Er fürchtet ja die innere Krise. Und doch können wir nicht anders zu freiheitlichen Zu- ständen kommen, als daß die Regierung und der König durch das Votum der Wähler gezwungen werden, nicht gegen den Willen des Volkes zu regieren.— Wie sich die Sozialdemokratie zu diesen Fragen stellt, das ergibt sich aus ihrer ganzen Vergangenheit, oie offen vor den Augen des Volkes liegt. Nur ein« Partei bietet dem nötig war. In dem„Gehörnten Siegfried", dem ersten Tei, deS Werkes, ist ihm das wunderbar gelungen. Die leuchtende Gestal des jungen Recken, seine Liebe zu Kriemhild, der Tod bei fröhlichem Jagen durch Hägens hinterlistigen Speerwurs wirkt im Drama, von guter Darstellung getragen, mit packender Gewalt noch einbringe, sicher als im Epos. Er erhöht das Ueberkommen. Mit Matkowk-i, der wie geschaffen war, den sonnigen Helden zu verkörpern,'sind diese Szene» oftmals über die Bühne des königlichen Schauspielhauses gegangen. Der jetzt neu inszenierte zweite Teil kann sich an Kraft «es Eindrucks mit dem ersten nicht vergleichen. Es fehlt' ein Mittelpunkt, um den das dramatische Interesse sich konzentrieren könnte. Kriemhild bleibt unserm heutigen Empfinden in der Räch« sucht allzu fremd, und keine seelische EntWickelung geht i« ihr vor. Die Dramatisierung der Borgänge ist mehr ein bloße» Umgießen als eine Steigerung des poetischen Gehalts. Auch zwingt der enge Anschluß an da» Original zu häufigem Szenenwechsel. der durch die vielen Pausen das Aufkommen einer einheitlichen Stimmung im Theater sehr erschwerte. Die Aufführung brachte eine Fülle höchst malerischer Bilder und wohlgerundete schavsvieleriscke Darbietungen, wenn o»ch keine über- ragende Eiiizcllcistung. Frau Willig gab der lauernden Bee.ier wie den verzückten Paroxysmen der Rache tn der Figur der Heldin beredten Ausdruck. Neben ihr traten GeisendörferS Günther, Ledeburs Etzel und vor allem KraußneckS wuchtig starker Hagen plastisch hervor._ dt Notizen. — Die Wiener Freie Volksbühne nähert fich der Er- richiung ihres eigenen HauieS. Wie ihr Obmann Pernerstorfer der Generalversantmlung mitteilte, wird die Volksbühne als Gesell- schasterin Miteigentümerin des Theaters sein, aus dessen künstlerische, literarische und dramaturgische Leitung sie sich den entscheidende» Einfluß vertragsmäßig sichert. Der Verein hat zurzeit 15 816 Mitglieder, er gewann im letzten Jahre deren 4926. DaS Neue Theater wird im alten Stadtbezirk Josef-tadt er- baut und dürfte im Herbst kommenden Jahres unler Dr. Artur Run dt» Leitung mit den Aufführungen beginnen. Auch eine innere Reform ist bekanntlich beschlossen worden: die Ersetzung der Generalversammlung durch Bezirksvcrsammlungen und eine all- gemeine Delegiertenversainmlung. — Ein Jbsen-Denkmal in Amerika. Norweger in Amerika haben kürzlich in Washington in Nord-Dakota unter großer Beteiligung einen Denkstein für Henrik Ibsen errichtet, den ersten außerhalb Europas. Außer SindingS Statue in Kristiania gibt eS in Europa noch daS Jbsen-Monument in Gossensatz, wo Ibsen oft mehrere Sommermonate zugebracht hat. Volke Sicherheit im Kampfe gegen die Reaktion: die Sozialdemo- kratic.(Lebhafter, allseitiger Beifall.) Ein Gegner, der in der Diskussion daS Wort nahm, suchte in Abrede zu stellen, daß durch die Stichwahltaktil der Freisinnigen die reaktionäre Ikehrheit zustande gekommen sei. Er rechnet näm- sich die Nationalliberalcn nicht zur Reaktion, Weiter meinte der Herr, da in der Stichtoahl Zentrumsabgcordnete mit Hilfe von Sozialdemokraten gewählt worden seien, hätten ja auch die Sozial- demokraten den schwarzblauen Block gestärkt. Fischer erwiderte: Worauf es ankommt, das ist: Die Frei- sinnigen verstießen gegen ihr Programm, als sie für Konservative, für Antisemiten und sogar für einen Abgeordneten des Bundes der Landtvirte stimmten. Dadurch hat der Freisinn die Möglichkeit der Bildung des schtvarzblaucn Blocks verschuldet. Wir haben für Zentrumsabgeordnete gestimmt, weil das Zentrum zu jener Zeit in Opposition zur Regierung stand und noch niemand wissen konnte, daß es später mit den Konservativen eine Regierungsmehr- hcit bilden konnte. Es kommt auch nicht darauf an, ob der Frei- sinn— wie der Diskussionsredner behauptete—„nur" 200 Millionen indirekter Steuern bewilligt habe. Wenn der Freisinn seinem Programm treu bleiben wollte, dänn durfte er überhaupt nicht für indirekte Steuern stimmen. Nebrigens hat der freisinnige Abgeordnete Eickhoff in der„Barmer Zeitung" konstatiert, daß die Liberalen— einschließlich der Freisinnigen— von dem Augenblick an, wo die Regierung die Erbschaftssteuer einbrachte, bereit waren, 400 Millionen neuer indirekter Steuern zu bewilligen.(Lebhafter Verfall.) Nach einigen, zur Wahlagitation aufmunternden Worten deS Vorsitzenden S ch w e m k e schloß die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie. Zossen. Vor überfüllten, Saale sprach am Mittwoch Genosse Z u b e i l über:„Die Belastung des Volkes durch Steuem und Zölle und die bevorstehenden Reichstogswahlen." Rücksichtslos zerpflückte der Referent die Taten der bürgerlichen Parteien im alten Reichs- tage, und mit stürmischem Beifall quittierten die gespannt lauschenden Zuhörer. Trotzdem sich Gegner durch Zwischenrufe bemerkbar inachten, meldete sich selbst nach mehrmaliger Aufforderung in der Diskussion niemand zum Wort. Vom Gesangverein„Freie Sänger" wurden einige stimmungsvolle Lieder vorgetragen, und mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie endete die Ver« sammlung. Reinickendorf-West. Eine trotz deS miserablen WetterS stark be- suchte öffentliche Versammlung fand am DienStag im Müllerschen Saale stall. Genosse Redakteur W e r M u t h referierte unter leb» haslem Beifall der Anwesenden über die bevorstehenden Reichstags- wählen. Da sich zur Diskussion niemand meldete, fand die Ver- sammlung mit einem brausenden Hoch auf die Sozialdemokratie ihr Ende. Spandau. Die am Donnerstag in der Brauerei Pichelsdorf abgehallene sozialdemokratische Wählerversammlung war von zirka 500 Personen besucht. Genosse E b e r t- Berlin ivrach über das Thema:„Die Junker im deutschen Reichstage". In seinem ändert- halbstündigen Referat brandmarkte der Redner unsere gesamte innere wie äußere Polink. Das vortreffliche Referat wurde von den Ver- sammelten mit großem Interesse verfolgt und am Schlüsse mit reichem Beifall belohnt. Eine Diskussion schloß sich dem Vortrage nicht an. Genosse Schubert forderte am Schluß zur fleißigen Agitation und Organisation auf. Er teilte mit, daß die Kreisleitung be- schlössen habe, die gegnerischen Versammlungen nicht zu besuchen, weil eS nicht möglich sei, bei so beschränkter Redezeit die Angriffe auf die Partei zu widerlegen. Er ersucht, daß die Parleigenosien sich diesen Beschlutz auch zu eigen machen mögen. Mit Hochrufen auf die Sozialdemokratie wurde die Versammlung geschlossen. Wasser,'«andS-Nachrichten der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e I, Tilfit Preael, Jnftervurg Weichsel. Thorn Oder, Ratlbor , Krassen , Franlsurt Warthe, fe-chvimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leltmeritz , Dresden , Berby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, Manmillansau , Kaub , KSIn Neckar, Heiwronn Main, Wertheim Mosel, Trier ')-ff bedeutet Wuchs,— Fall.•) Unterpegel.*) EiSstand. am 21.12 om 52 56 16 78 ! 82 137 182 312 114 140 40 138 seit 20.12. ein1) 0 + 15 +6 0 +3 +24 +10 0 +1 +24 Hssesss«««sssssssA Unserer Genossin% Anna Kader ijk Große Franksurter Straße 34«k ■ 1 zum heutige» 60. Geburtstage;K � die herzlichsten Wllckwünfche. JjJ Genossinnen u.Genossen a. 303.>»»»>»»MW»« Unserem Genossen k'elix Rezska St nebst fei» et jungen Frau die herzlichsten Glückwünsche zur ai Bermähiung. Ä Die Genossen d. 213. Bez., Teil l, W. Görlitzer Viertel. Enorm billig! Vorjährige feinste Ulster-Anzüge von 20-60 M. 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Nachdem daZ Statu! der für die Ortschastcn Steglitz und Dahlem zu errichtenden Allgemeinen Lrtsli ankcn« lasse mit dem Sitz« in Steglitz vom Bezirksausichutz zu Patsdam ge- nehmigt worden ist, lade ich gemäh §ß 47 und 48 dcS Statuts die bc- lciligtcn krstnkenvcrsicherungs- Pflichtigen Arbeitnehmer, die nach dem Statut der Kaste als Mitglieder anzuachören haben, zur Vornahme der Wahl der Generalversammlung auf Moutag, den 8. Januar 1912, nachm. von 5 bis 9 Uhr, nach dem Ratbause zu Steglitz, großer Sitzungssaal, hiermit ein. Es sind 12« Bertreler zu wählen, Die Wahl ersolgt aus drei Jahre. Wahlberechtigt und wählbar sind nur diejenigen Kasfenuiitgiieder, die groß- jäbrtg und im Lcfitzr der bürgerlichen Ehrenrechte sind, Tic Wahl ist geheim und wird durch Stimmzettel in einem Wahl- gange in der Weise vorgenommen, daß jeder Stimmberechtigte so viel Namen aus eine» Itlmmzeltel schreibt, wie Vertreter zu wählen sind. Ge- wählt sind diejenigen, aus welche die meisten Stimmen gefallen sind, Stimmen, die aus nicht Wählbare fallen, oder den Gewühlten nicht deutlich bezeichnen, werden nicht mit- gezählt. Unter denjenigen, welche eine gleiche Stimmenzahl erhalten, entscheidet da» LoS. Als Legitimation für dt« Wahl- berechtigten dient der AuSioeiS als Mitglied der zurzeit bestehenden OrtSkrankenkafle in Steglitz bezw, der Gemeinde- Krankenversicherung in Dahlem oder eine Bescheinigung de» Arbeitgebers darüber, daß der Arbeit- nebmrr bei ihm in kranken- versicherungspflichtiger Beschäjtigung sich befindet und großjährig ist. Steglitz, den 19, Dezember 1911. 233/13 Der Koninilssar der Anfftiehtnbclvtf rde. Bekanntmachung. 91 ichbem da» Statut der für die Ortschaften Steglitz und Dahlem zu errichtenden All gemeinen OrtS- kraukeiitaffe mit dem Sitze in Steglitz vom BczirtSauSichuß zu Potsdam genehmigt worden ist, lade ich gemäß ii§ 47 und 48 des Statuts die Arbeitgeber von Kasienmit. gliedern zur Vornahme der Wahl der Generalversammlung aus Dienstag» den 9. Jaunar 1912» nachm. 3—6 Uhr nach dem Kafsenlokale der zeitigen Ortskrankenkaise zu Sieglitz, Martin« jtraße 8 dafklbit. hiermii ein, Es sind«3 Vertreter zu wählen, Die Wahl erfolgt auf drei Jahre. Die Arbeitgeber können zu Vertretern auch GesthäftStührer oder Betriebs- bcamtc der zu Beiträgen verpflichteten Arbeitgeber wählen. Jeder Arbeilgcber führt bei der Wadl aus jedes Mitglied, für welches «r Beträge au» eigenen Mitteln zahlt, «ine Stimme, 283/12 Die Wahl ist geheim und wird durch Stimmzettet tn einem Wahl- gange i» der Weife vorgenommen, daß jeder Stimmberechti.ge so viel Namen aus einen Stiminzeilel schreibt, wie Vertreter zu wählen sind. Außer- dem müssen die Slimmzcllcl aus der Außenicilc oder aus dem Umschlag ersehen lassen, wie viel Stimme» der Wähler abzugeben berechtig, ist, Gewählt sind dieientgen, ans welche die meisten Slimnicii g, stillen sind. Stimmen, die auj nicht Wählbare sollen, oder den Gewählten nicht deutlich bezeichnen, werden nicht mit- gezählt. Unter denjenigen, welche eine gleiche Sttmmenzaht erhallen, ent- scheidet das Lo»,— Die Wadlbcrcch- tigien müssen sich leaitstniei en können. Sieglitz, den 19, Dezember 1911, Oer Kom»ii*Har der AuraiciitMbehürde. gch erwche den Schlosser Herrn Georg tPanl. Pct«r> auderburg. gib 28, April>868 zu Ratibor im Jahre 189» in Barmen wohnhasl gewesen, sich behusS Empsangnahme einer Erbschast zu meldein Für aiiocrw-ilige Mitteilungen seiner jetzigen Adresse wäre ich dankbar, Ivstiirat Auerdsvl, gfz gerichtlich brflelltrr Pfteger d«S Bnrgiindfchen RachlaffeS z„ Kerl in, Frirdrichfir. 199. kör vsmen oder Herren, oder Zieruhr erhält Jeder Kunde als Weihnachtsgeschenk trotz unserer enorm billigen Preise po�n schwarz- Damenstlefel im. CheTrsan mit Laokkappe Posten DamensMel eleg. Fassons, echt Ohe vre au Ä Daiuenstiefel, TJil Chevreau, Goodyear Welt.. Kin Posten prima Chevreau- GoÄar Damenstlefel... Posten Damenstlefel, Boxledor, kräft. Straßonstielel Posten Damenstlefel, echt Bozcall....... PoE�n Damenstlefel, prima Bozcalf, Goodyear Welt poBsGn Kamelhaarstoff- Oamenscliülie Eeders0ohiennd po� Kamelliaarsfoff- Scfinallensctiuhe Daf*en, mit Stoff- und Ledersohle. 4'5 5" 6's 8'ä 5" 6" �75 |28 r beim Einkani von M. IS an. 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Gewerksckaftiicdes. Saltenbacb vor belgilcden Arbeitern. Sin Vortrag über die deutschen Gewerlschafte n. Man schreibt unS aus Brüssel: Als zweiter Vortragender in dem vom Brüsseler BildungS- auSschutz veranstalteten Zyllus über die Gewerkschaftsbewegung er- schien gestern das Mitglied der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands Jobann Sassenbach vor den Brüsseler Aibciiern. Wie der Vorfitzende der Versammlung. Genosse D e m a n, eröffnend bemerkte, find die Darlegungen Sassenbachs gewissermaßen als Fort- setzung der Studienreise anzusehen, die die belgischen GeWerk- schafter in diesem Jahre nach Berlin unternommen.— In der Tat gab der übrigens in flüssigem Französisch gehaltene Vortrag des deutschen Gewerkschafters ein lückenloses Bild der deutschen Gcwerk- schastsbewegung, ihrer Einrichtungen, Grundsätze und Methoden in Deutschland, und man darf hoffen, daß gleich jenen Studienreisen auch der Sassenbachsche Vortrag mit dazu beitragen wird, die nun- mehr kräftiger einsetzenden gewerkschaftlichen Bestrebungen in Belgien in modernem Sinne zu beeinflussen und vorwärts zu treiben. Der Vortrag fand diesen Mittwoch im Festsaale des Brüsseler „Maison du Peuple* statt. Ein ernstes Arbeiterpublikum, darin die Jugend wie das Alter gleichermaßen vertreten war, lauschte der stoffgedrängten Rede dcS deutschen Fachmannes, der es ganz meister- lich verstand, der ernsten Materie bei aller gewissenhaften Sachlich- keit eine im besten Sinne populäre und ansprechende Form zu geben. Ebenso wenig ermangelte cS der Rede an Witz und Pointierung dort, wo der Redner die deutsche Methode und Taktik gegen gewisse syndikalistische Strömungen zu verteidigen oder sie ihnen auch nur gegenüberzustellen hatte. Ein großer Teil der Versammlung quittierte dann stets mit spontanen« Beifall die Wendungen und Spitzen. Der reich und klar gegliederte Stoff wurde vom Vortragenden über das ganze Genossenschaftsgebiet gedehnt: Sassenbach sprach erst über daS Verhältnis von Partei und Gewerkschaft— ein für Belgien besonders interessantes Kapitel—, von der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung als den beiden Armen der Arbeiter- bewegung l Nach einer Darstellung der gewerkschaftlichen Richtungen Deutschlands und ihrer Stärkeverhältnisse behandelte Sasienbach die Zentralisation als das entscheidende Prinzip der deutschen GcwerkschaftSorganisation. Sowohl daS Kapitel über die Zentrali« sation wie das über die Streikmethode der deutschen Gewerkschaften war für die belgischen Zuhörer durch gegenwärtige und vergangene Dinge im eigenen Lande von größtem Interesse und die Beleuchtung der erfolgreichen Taktik wird nicht verfehlt haben, die Richtung der Auffassung manchen Zuhörer zu bestimmen. Nicht minder lehrreich war für Belgien die Argumentation über die Notwendigkeit hoher Beiträge. Sassenbach ging dann noch auf die Bedeutung der Kollektivverträge der Arbeitsbörsen, auf die Frauenorganisation und die Organisation der Ausländer, auf das Koalitionsrecht, auf die.Sabotage' u. a. ein, um schließlich seinen Ausführungen mit dem Glaubensbekenntnis des Internationalismus der deutschen Arbeiterschaft den logischen Ausklang zu geben. Das OrganisationSkomitee des Vortragszyklus hat die Ein- richtung getroffen, daß am Schlüsse jedes Vortrags Fragen an den Vortragenden gerichtet werden, die fich auf daS Thema beziehen. E« wurde überreicher Gebrauch davon gemacht und Sassenbach hatte eine Fülle von Fragen, taktische und andere, über die verschiedensten Punkte zu beantworten. Und auch diese Beantwortung hat sin ihrer psychologischen und materiellen Einwirkung) gewiß vielen Zuhörern Gewinn gebracht. Reicher und herzlicher Veifall, der hier zugleich auch Ausdruck des internationalen Empfindens der belgischen Arbeiterschaft war, gab der interessanten Versammlung die symbolische Schlußnote l— Unter den Anwesenden waren zahlreiche Gewcrk- schastS- und Parteiführer. Lerlln und Oirgegend. Die Bureaus der Gewcrhfcbaftsltoniniirnon sind am Sonnabend, den 23.. sowie am Mittwoch, den 27. De- zember, nur von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags ge- öffnet, an beiden Tagen aber nachmittags geschlossen. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission. Die Streiks in der Mützeninduftrie Berlins. Die Mützenfabrikanten haben ihren Arbeitern und Arbeiterinnen ein nelteS WeihiiachlSgescbenk zugedacht. Sie sind mit einem Male nach dem Voibilde der Firma G. A. Hoffmann zu der lieber- zeugung gekommen, daß sie bei der Wochenlohnarbcit alljährlich Zehntauscnde von Markstücken zusetzen müssen und an den Bettelstab gebracht werden, wenn sie nicht ,chleunigst die Akkordarbeit einführen. Darum gaben die Firmen S. Gärtner u. Co., Adolf Winter sowie Emil Schebeler und auch Lackmann u. Pinkus ihren Arbeitern einfach bekannt, daß die Akkordarbeit eingeführt werde, ganz wie es vor 14 Tagen Herr H o f f in a n n gemacht hatte. Lachmann u. PinkuS haben ihren Arbeitern eine Gnadenfrist bi» zum 2. Januar gewährt, die anderen vier Firmen wollten die Sache sofort und noch vor Weih- nachten durchsetzen. Die Wirkung der Bekanntmachung war überall dieielbe: die Arbeiter und Arbeiterinnen beschlossen einstimmig, die Akkordarbeit abzulehnen. Es ist dann bei den verschiedenen Firmen zu Verhandlungen gekommen, jedoch meist ohne Erfolg. Nur die Firma S. Gärtner u. Co. filhlte sich veranlaßt, ihren Plan fallen zu lassen. Sie unterschrieb folgende Erklärung: »Wir verpflichten uns, das ArbeitSsystem auf Wochenlohn bis Ende Dezember tvl2 hei einer Vierivöchigen Kündigung bei- zubehalten. Dabingege» sollen bei Beginn jeder neuen Saison die festzusetzende» Löhne für jeden Artikel genau geprüft werden. von seilen einer Lobnkommission, damit für die Folge keine Mankos mehr in den Wochenabrechnui�en vorkommen.' ES ist bemerkenswert, daß eS gerade diese Firma ist, die sich aus ein weiteres Jahr und mit ordnungsgemäßer Kündigungefrist verpflichtet hat, die Wochenlohnarbeit beizubehalten, weil Herr Gärtner. Vorsitzender deS A r b e i t g e b e r- V e r- bandes der Mützenfabrikanten ift. Dieser Verband hat zwar in der Sache selbst noch nichlS von sich hören lassen; aber da alle Firmen, die ihren Arbeitern und Arbeilerinnen die Akkordarbeit aufzivingen wollen, dem Verbände angehören, ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß es fich hier um einen OrganisationSbeschluß der Unternehmer handelt. Mit der Firma S. Gärtner u. Co. steht et so. daß sie Anfang dieses Jahres mit Hilfe der Unternehiner« organisation einen Kampf so.siegreich' durchführte, daß sie die Arbeitszeit von bisher gl/, auf 9 Stunden verlängern konnte, sich aber nun offenbar zu schwach fühlt, um auf Wunsch der Unternehmerorganisation ihr Personal von neuem in den Streik zu treiben, ohne die ganze Existenz des Geschäft« srcvent-' lich auf« Spiel zu setzen. Bei den Firmen Winter und Schebler blieb den Arbeitern und Arbeiterinnen kein anderes Mittel als die Arbeits- niederlegung übrig, um die Verschlechterung der Lohn- und Arbeits- bcdingungen, die die Einführung der Akkordarbeit mit sich bringen würde, abzuwehren. Bei diesen Firmen wird nun also, ebenso wie bei G. A. H o ffm a nn, gestreikt, und es ist selbstverständlich, daß es den Herren Lackmann u. PinkuS nicht anders ergehen wird, wenn sie ihren Plan nicht noch rechtzeitig aufgeben, ebenso wie auch jede Firma, die sich dem Vorgehen der anderen anschließen, ohne Zweifel mit der ArbeitSinederlegung zu rechnen hat. Außerdem aber müssen die Unternehmer damit rechnen, daß, wenn es einmal zum Kampfe gekommen ist. die Arbeiter und Arbeiterinnen sich nicht einfach damit begnügen werden, zu den alten Bedingungen wieder in die Betriebe zu gehen, sondern darüber hinaus Forderungen auf Verbesserung der Loh»- und Arbeitsverhältnisse stellen. Am DonnerStag fand in den Mnsikersälen eine außerordentlich zahlreich besuchte SektionSversammlung der in der Mützeubranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in der der Vorsitzende Fritze über die Sache berichtete. Sowohl aus den Ausführungen des Referenten wie aus der darauf folgenden Diskussion ging mit aller Deutlichkeit hervor, daß, wenn es auch bitter ist, gerade vor dem Weihn achtsfest aus der Arbeit gedrängt zu werden, die ge- samte Arbeiterschaft der Mützenbranche fest entschlossen ist, den Kampf durchzuführen. Die Unternehmer glauben offenbar, daß der Kürschner- verband nach den Niederlagen des letzten JahreS zu schwach sei, um ihrem Anfinneu einen starken Widerstand entgegensetzen zu können, werden aber bald einsehen müssen, daß das eine schlimme Täuschung für sie ist, und daß ihr eigener Organisotionsvorfitzender fich nicht einmal stark genug fühlte, den Kampf aufzunehmen, könnte den anderen Firmen wohl auch zur Warnung dienen, den Bogen nicht zu straff zu spannen._ 26 Kellner gemaßregelt! Der.Berliner Sportpalast' in der Potsdamer Str. 72 ist seit einiger Zeit in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, deren Kapital 2l/ä Millionen Mark beträgt. Dies geschah, nachdem schon die verschiedensten Versuche, das Niesenunternehme» möglichst ertragreich zu gestalten, fehlgeschlagen waren. Um den Besuch recht bedeutend zu gestalten, werden die krampfhaftesten Bemühungen gemacht. Trotz der.feudalen' Gegend refleltiert man auch ans den Besuch der Arbeiterschaft, sogenannte Volkstage bei ermäßigtem Entree werden angezeigt usw. Augenblicklich nennt sich der Rummel .Ober-Bayern'.A Mords-Gaudi I' Um das Bild recht lebhaft zu gestalten, braucht man Statisten, welche in bunten Kostümen fich recht nett ausmachen. Das darf natürlich auch keine Unkosten der- Ursachen, deshalb benutzt man die Kellner hierzu, welche sich, da sie ja zum größten Teil keiner Organisation angehören, diese Kostümierung gefallen lassen müssen. Die Direktion läßt sich pro Kostüm täglich noch 70 Pf. von jedem Kellner bezahlen!— Da die Möglichkeit der Trinkgeldeinnahme sehr gering war, wurden sich so- gar die unorganisierten Kellner darüber klar, daß es unmöglich sei, unter den gegebenen Zuständen zu existieren. Sie fanden sich in einer Betriebsversammlung zusammen, was von dem Personalinspcktor Bartsch(früher„Rbeingold'j als solch todcS- würdiges Verbrechen angesehen wurde, daß er alle Kellner, 26 an der Zahl, entließ. Die Mehrzahl der Entlassenen sind Familienväter. Gleichzeitig wurde der gewerbsmäßige Stellen- vermittler Sonnenberg beaustragt, neues Personal unter den- selben unzulänglichen Arbeitsbedinanngcn zu besorgen. Ob die Direk- tion die soziale Tat deS Herrn Bartsch gutheißen wird, bleibt noch dahingestellt. Zu bedauern ist. daß die RestaurationSangestellten des.Sport- Palast' die Notlvendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation, den Zusammenschluß in Verband deutscher GastwirtSgehilsen, bisher nicht gelernt haben. Dem rigorosen Vorgehen des Herrn B. in vor- liegendem Falle wäre sonst sehr leicht ein Dämpfer aufzusetzen. Der Streik bei der Z?irma Bcchstei«. Die Situation zeigt keine wesentliche Veränderung. Die Stim- mung bei den ausständigen Flügelzusammensetzern ist eine vor- zügliche, sind doch auch alle weiteren Versuche der Firma, Arbeits« willige heranzuziehen, gescheitert. Zwei ans dem Auslande ge- kommene Kollegen, haben, vom Stand der Dinge in Kenntnis ge- setzt, die kaum begonnene Arbeit wieder eingestellt und sind nach ihrer Heimat zurückgereist. Die Firma Bechstein hat nun ein neue? Mittel ersonnen, um Ersatz für die Streikenden zu finden. Die Betriebsinhabcr und die Werkfiihrer treten jetzt an Arbeiter anderer Spezialbranchen heran, die früher einmal den Wunsch geäußert hatten, sich als Jlügclzusammensetzer einarbeiten zu können, mit der Aufforderung, sich nunmehr als solche anlernen zu lassen. Es wird dabei auf eine Bestimmung>der Fabrikord- nung hingewiesen, wonach jeder Arbeiter des Betriebes verpflichtet ist, auch andere als die für ihn sonst zustündigen Arbeiten aus- führen zu müssen und im Weigerungsfalle Entlassung angedroht. Unterstützt wird die Firma dabei durch den Pianostimmcr Her- mann Pret, Rixdorf, Reuterstr. 30, im Nebenamt Tanzmeister in Nißl«s Festsälen, Dennewitzstraße 13, welcher gleichfalls seinen- Einfluß aufbietet, andere Arbeiter deS Bcchsteinschen Betriebes zu veranlassen, auf diese Weise Arbeitswilligendienstc zu leisten. Dieser Herr glaubt durch Verunglimpfung der Streikenden und Aniverbung von Arbeitswilligen sich das besondere Vertrauen seiner„hohen Chefs' erwerben zu können. Die Bemühungen der Firma Beckstein, aus den Reihen der übrigen bei ihr beschäftigten Arbeiter Arbeitswillige heranzuziehen, sind allerdings bis jetzt ohne Erfolg gewesen; und wenn dies auch nicht so gewesen wäre, dürfte dies für die Firma in ihrer Be- drängnis nur eine sehr fragwürdige Hilfe sein. Bedürfen schon Pianozusammensetzer mehrere Monate, um sich als Flügelzusam- mcnsetzer einarbeiten zu können, so dauert die Ausbildung anderer Arbeiter, die keine Vorbildung für diese Branche mitbringen, noch erheblich längere Zeit. Die Weltfirma Bechstein, die eS sich sonst stets angelegen sein ließ, in ihrem Betrieb einen Stamm von tüchtigen und eingearbei- tcten Leuten zu erbalten, scheint jetzt das Bestreben zu haben, aus demselben eine Lehranstalt und einen Taubenschlag machen zu wollen. Ob dadurch der gute Ruf der Firma gefördert und die Leistungsfähigkeit des Betriebes erhöht wird, ist sehr fraglich. Jedenfalls wird schon der Umstand, daß sich außerhalb dcS Betriebes niemand findet, der sich dem Unternehmer Bechstein als Arbeitswilliger zur Verfügung stellt, die Bcchsteinschen Arbeiter veranlassen. jsdeS, ob auf Drohungen oder Versprechungen gestützte Ansinnen, ihren streikenden Kallegen in ihrem berechtigten Kampfe in den Rücken zu fallen, mit Entrüstung zurückzuweisen. Die Strei- kenden sehen der weiteren Entwickelung der Sache mit Ruhe entgegen.' Die Branchenleitung der Klavierarbeiter. Achtung, Metschrrgrsellen! Die Sperre über den Betrieb des Kleischermeister« K. Pieweg. Stettinerstr. 23, besteht weiter. Die Fleischcrmeister H e m p e. Rixdorf, Hermannstr. 57, und I o ch m a n n, Ziethenstr.«1. haben den Tarif noch nicht anerkannt. Zentralverband der Fleischer. Der Serein der Brauereien Berlins sendet uns eine Zuschrift, in der eS heißt, daß der Beschluß deö VercinSvorstandeS, da« Bier- ausfahren am WeibnachtSheiligabend bis 4 Uhr nachmittags zu ae- statten, kein Entgegenkommen für die Schultheiß- Brauerei sei, sondern daß e» für erforderlich gehalten wurde, um eine geregelte Deckung de« FesttagSbedarfS der gesantten Groß-Berliner Faß- und I Flaschenbierkundschaft zu ermöglichen. Die Schnltheiß-Brauerei habe lediglich— wie es seit jeher vor allen großen Festen bei ihr üblich und in Großbetrieben unerläßlich sei— einen allgemeinen Dienstplan zum Aushang gebracht, in welchem zudem aus- drücklich bemerkt ist. daß ihr Fahrpersonal am Heiligabend zwischen 12 und 4 Uhr„nur nach Bedarf' zu fahren brauche. Auf die Frage der tariflichen Rechtmäßigkeit dieser Maßregel geht die Zuschrift an unS nicht ein. Ueber diese und die Frage der Not- wendigkeit der Maßregel denken die Brauereiarbeitcr anders als der Vorstand des Vereins der Brauereien. Entlassungen in der städtischen Park Verwaltung Charlottenbnrgs. Eine besondere Festfreude hat die Parkverwaltung Charlotten- bürg ihren Gärtnern und Arbeitern zuteil werden lassen. Nachdem schon einige Entlassungen vor Weihnachten erfolgt waren, wurden jetzt kurz vor dem Fest wieder 51 Gärtner und Arbeiter zum 31. Dezember er. gekündigt. Mit dieser Maßnahme der Verwaltung beschäftigte sich eine vom Allgemeinen Deutschen Gärtnerverein einberufene Versammlung, in der S t a d t- verordneter Will referierte. I» der Diskussion schilderten mehrere Redner in recht beweglichen Worten ihre traurige Lage. Da die Gärtner und Arbeiter Stundenlöhne beziehen, so ist ihr Lohn bei der jetzigen durch die Natur bedingten kurzen Arbeitszeit nur ein ge» ringer und können Ersparnisse nicht gemacht werden. Die Ent- lassungen sind auch deshalb besonders ungerecht, weil genügend Arbeit vorhanden ist, die mit den in Arbeit bleibenden Kräften nicht erledigt werden kann. Die Hauptschuld an den unleidlichen Ver- hältnissen in der Parkverwaltung CharlottenburgS trägt der Leiter, Garteninspektor Neßler. Wiederholt»st der Dezernent, die Park- deputation, sowie der Arbeiterausschuß überhaupt nicht oder falsch unterrichtet worden, und darauf mancher Nachterl für die Arbeiter zurückzuführen. Die Versammlung stimmte folgender Resolution einstimmig zu: „Die sehr gut besuchte Gärtner- und Parkarbeiterbersammlnng spricht der städtischen Verwaltung ihr lebhaftes Bedauern aus, daß man sich nicht gescheut hat, wenige Tage vor dem WeihnachtSfest eine große Anzahl Arbeiter zu entlassen, resp. zu kündigen. ES handelt sich zum größten Teil um langjährige Bürger der Stadt Charlottenburg, die mehr oder weniger Familierrvätcr sind. Man hat diese Leute ohne Bedenken einer großen Notlage ausgesetzt und steht dieses Verhalten der Verwaltung im direkten Widerspruch mit der sonst einsichtigen Stadtverrvaltnng.' Diese Resolution ist dem Magistrat zrrgesandt worden. Deutfches Reich. Der Kampf gegen das Koalitionsrecht. Das Vorgehen der Gutehoffirungshütte in Sterkrade gegen ihre technischen Angestellten macht Schule. Die mit der GuteHossiurngS» Hütte in enger geschäftlicher Beziehung stehende Bergwerksmaschiiren« sabrii Fröhlich u. K l ü p f e l in Barmen hält es für nötig, ihren Betrieb von„Leuten, die einer Gewerkschaft angehören', gründlich zu reinigen. Sie hat ihre drei Ingenieure vor die Alternative ge- stellt, aus dem Bunde der techniich-induftriellen Beamten oder aus ihrem Betriebe auszuscheiden. Die Angestellten haben sich jedoch ohne weiteres für den Bund ausgesprochen und sind daraufhin zum 1. Januar gekündigt und sofort vom Dienste dispensiert worden. In einer großen öffentlichen Versammlung in Bannen wurde dos Vorgehen der Firma besprochen und von sämtlichen Anwesenden, darunter auch von den Vertretern verschiedener politischer Parteien, so unter anderen deS Zentrums, der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokratie, auf das schärfste gcmißbrlligt. Die Vor» sammlung nahm»ach längerer Debatte eiirstriiriirig folgende Reso- lution an: „Die aus Einladung des Bundes der technisch-industriellen Beamten in Barnren am 8. Dezember Ivtl im Restaurant.Zur Glocke' versammelten technischen Privatangcstellten und Bürger sprechen ihre Entrüstung darüber aus, daß die Firma Fröhlich u. Klüpfel drei Ingenieure, mit deren Leistungen sie zufrieden war, nur aus dern Grunde eiirlasterr hat. weil sie von dem ihnen gesetzlich zustehenden KoalitiorrSrecht Gebrauch gemacht halten. Unter Hinweis auf die Bederiirtirg des KoalilionSrechres für die Arbeitnehmer, das ihnen allein die Möglichkeit einer Wirtschaft- lichen Hebung ihres Standes gibt und so geeignet ist, zu der sozialen Gesrindmig des Volksganzen beizutragen und den sozialen Frieden herbeiführen zu Helten, bitten die Versammelten die Stadtverordneten der Städte Barmen und Elberfeld, darauf hin- zuwirken, daß in den städtischen Lieferungsbedingungen es den Unternehmern zur Pflicht gemacht wird, das gesetzlich erlaubt» Koalitionsrecht der Arbeitnehmer zu respektieren.' In den Bericht über die Kampfvorbereitringen der Untern eh rn« »m Steinsetzgewerbe ist unserem Mitarbeiter ein Irrtum unterlaufen. Die Unternehmer haben die Parole herausgegeben, für alle Tarifverträge den 31. Dezember 1912 oder den 81. März 1913 als Ablaufstermin festzusetzen. Kuskznck. Bischöfe und christliche Gewerkschaften t In Holland tobt wie in Deutschland ein heftiger Kampf in der christlichen Arbeiterbewegung um die Organisalionsfocnr. Die Bischöfe stehen auf Seite derjenigen, die sich für katholische Fach- abteilungen aussprechen, nur für die Bergarbeiter iin Limburger Becken haben sie interkonfessionelle Gewerkschaften zugelassen, weil die christliche Bergarbeiterorganisation mit den, Gewerkverein der christlichen Bergleute in Deutschland enge Beziehrliigen unterhält. Alle übrigen Organisationen sollen sich nach Ansichr der Bischöfe auf rein katholischer Grundlage ausbauen. Da« hat selbstverständlich den Widerstand der.Jnterkoirfessiviielle»' hervorgerufen, und der Krieg gegen die Orthodoxer, wird in echt M.-Gladdacher Weise ge- führt; auch auf der Gegenseite braucht man kein Rose,, Wasser. Doch das nebenbei. S» ist rnieressarrt, festnistelleir. in welcher Weise sich die Bischöfe in die christliche Gewerkichastsbewegung hineinmischen. und wie sich die.Interkonfessionellen' das so gefalle» lassen. Mehr noch, wie diese im Kampfe gegen die katholische Richtung sich ans den DiSpenS der Bischöfe berufen und damit krebsen gehen. Und immer gibt es noch Leute, die da glauben, die christlichen GeWerk- schasten seien frei von direkten Bccinflussungeir durch die katholische Kirche.___ Marktpretke von«erlw amSl. Dezember 1911, nach Ermltteluna de« Königl. Polizeipräsidiums. M a r t I b a l l e„ v r e i s e.(Klcinb-rndel). 100 Kilogramm Erbse», gelbe, zum Kochen N.OO— 50.00. Spcilcbobnen weihe. 40.00—60,00. ührfcii 40,00—80,00. K-rtofi-l» 8,00-11,00. 1 Kilo. gramm Aüidftcisch, von der Keule 1,60— 2,40. Nindfleisch, Banchfleisch 1,20 bis 1,80. Schweinefleisch 1,20—1,80. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hanimelsleisch 1,30—2,20. Butler 2.60—3,20. 60 Stück Eier 3.80—6,40. 1 Kilogramm Karpsen 1,20-2,40. Aal« 1,20-2,80. Zander 1.40—3,60. Hechte 1,20 bi, 2,60. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40-3,20. Bleie 0,80— IM»0 Stück Kreds« 2,40-24#). .e | Todes-Anzeigen j I Sozialiüölrat f aiilvereln für den 4. Eerl. Reieiistagswaiilkreis. Görlitzer Viertel. (Bezirk 180.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Gastwirt Vildelm Varsov Lausitzer Str. 7 gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24. Dezember, nachmittags 2'/. Uhr, von der Halle des Emmaus-Kirchhoses in Rix- dors, Hermannstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. DelMer Bauarbeiter-Verband Zweigverein Berlin. Sektion d. Gips- u. Zementbranche. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Rabitzputzer 140/14 Ferdinand Gresehke I am 21. Dezember im Alter von 1 44 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! �Die Beerdigung findet am ! sonntag, den 24. Dezember, vormittags S'/« Uhr, von der Wohnung, Pettenkoserstraße 44 aus nach dem städtischen Zentral- ( Friedhose in Friedrichsseide statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Sektionsvorstand. lZelltzeksr �gfzllgsbeiles-Vösdgiil! Verwaltungsstelle Berlin. Todesanzeicen, Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Gürtler Hermann Clari am 20. Dezember an Wassersucht gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24. Dezember, michmiltagS 2 Uhr, von der Ueichenballc des neuen Pauls- Kirchhojes in Plötzensee aus statt. Ferner starb der Klempner unser Mitglied. 153/10 i�ickarc! Godau am 19. d. M. an Magenleiden. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Dezember, nachmittags 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des alten St. Pauls- Kirchhofes, Seestraße, aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Dreher Paul Gerds am 20. d. Mts. an Lungenleiden. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Dezember, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenballe des alten Thomas- Kirchhofes in Rixdors, Hermann- straße. aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Klempner Julius Hillebrandt am 20. d. Mts. an Herzschlag. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24. Dezember, nachmittags 31/, Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde-Fried- hoses in Lichterseide, Langestraße, aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die rege Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes KiOksr'iß Speer sage allen Beteiligten meinen innigsten Dank. 1213L Berlin, den 21. Dezember 1911. Frau Marie Speer. SpezialHaus für wenig getra- genc. fast neue Jaikett-Anzüge, Rock- Anzüge, Gehroet-An- zügc.Smoking-Aiizngc, Frack- Anzüge, Winter-PnletotS und Ulster sowie Winterjoppen. Bein. kleider(auch für korpulente Herren). 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Saupe, Bahnhof« straße 2(3, zu erstatten. Der Vorstand. Schöncrlinde(Bezirk Pankow). Dienstag, den 27. Dezember, abends 8 Ubr, im Lokal von SpcrlinSki: Oeffenrliche Reichstags- tvählerveriammlung. Tagesordnung: Die Heldentaten der Junker und Pfaffen im verflossenen Reichstag. Referent: Genosse I a ko b se n- Ober>Schönewcide. Genoffcn! Sorgt für guten Bc- such. Tie Agitationskommission. Berliner hfoebriebten. Die Sanimelvormmldschaft für nncheliche Kinder. In Berlin haben die Stadtverordneten in ihrer letzten Sitzung dem ihnen vorgelegten Antrag des Magistrats zu- gestimmt, daß die Waiscnvcrwaltung der Stadt eine Sammel- Vormundschaft für uneheliche Kinder schaffen und übernehmen soll. Mit diesem Beschluß kommt endlich auch für Berlin eine Einrichtung zu stände, die in mancher anderen Stadt schon seit längerer Zeit besteht und sich belvährt hat. Die Sammel- Vormundschaft, d. h. die berufsmäßige Führung einer größeren Zahl von Ei n z e l v o r m u n d- s ch a f t e n, wird geeigneten Beamten der Waisenverwaltung übertragen. die als Bor- Münder für uneheliche Kinder dem Vormundschastsgericht zur Verfügung gestellt werden. Der Wert dieser Einrichtung liegt darin, daß durch sie alle unehelichen Kinder einer organi- siertcn Aufsicht unterstellt werden können und der Stadt die wünscheilsiverte und notivendige einheitliche Fürsorge für diese Kinder ei möglicht wird. Der Magistrat hatte seinem Antrag eine so ausführliche Begründung beigegeben, daß die Stadtverordneten wenig hinzuzufügen hatten und ohne lauge Erörterung sich einverstanden erklärten. Eine Wiedergabe der grundlegenden Gesichtspunkte und einiger Einzelheiten der Organisation dürfte für weitere Kreise von Interesse sein. Der Gedanke einer berufsmäßigen Sammelvormundschaft für uneheliche Kinder geht davon ans, daß diese Kinder eines ganz besonderen Schutzes bedürfen, daß aber erfahrungsgemäß gerade hier der Einzel- Vormund nur zu oft versagt. In einer Großstadt wie Berlin, wo jährlich etiva 9000 Kinder außer der Ehe geboren werden, macht schon die Herbeischassung einer hin- reichenden Zahl geeigneter Vormünder für diese Kinder sehr erhebliche Schivicrigkeitcn. Nicht selten erweist der endlich in sein Amt eingesetzte Vormund sich als unfähig, seine Aufgabe zu erfüllen. Ost fehle» ihm die Kenntnisse, die nötig sind, .«unr gegen pflichtvergessene Väter unehelicher Kinder die 'Mlinieiuatioirsprozesse zu führen und die Vollstreckung von .'.urteilen zu betreiben. Auch die Sorge für das torper- liche Gedeihen der Kinder verlangt gerade in den ersten Lebensmonaten eine so eindringende Fürsorge, wie sie unter den besonderen Verhältnissen einer aus- gedehnten Großstadt nur scl-cn jemand zu geivähren ver- «mg. Dazu kommt, daß bis zum Beginn der Amtstätigkeit des Vormundes meist eine beträchtliche Zeit verstreicht, während gerade die ersten LcbenSmonatc ivie für die Gesund- hcit des unehelichen Säuglings, so auch für die Verfolgung des Unterhaltsanspruches von ausschlaggebender Bedeutung sind. Durch eine Sammelvormuudschaft, für die die Waisen- Verwaltung geeignete Beamte bereit hält, soll in jedem Falle die schleunigste Beschaffung eines leistungsfähigen Vormundes ermöglicht werden. Schon im März 1007 gab es im Deutschen Reiche 145 S a m m c l v o r m n n d s ch a f t e n mit vielen Tansenden von Mündeln, und seitdem ist ihre Zahl ständig gewachsen. Große Erfolge seien, sagt die Begründung, mit der Sammel- Vormundschaft z. B. in Dortmund, Straßburg, Halle, Köln, Charlotteuburg erzielt worden. In B e r l i n soll diese Vor- mnndschaft in der Rege! nur bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres dauern, worauf dann der Bernfsvormund durch einen neu zn bestellenden Einzelvormuud ersetzt werden soll, der von dem örtlich zuständigen Gcmcindewaisenrat vor- zuschlagen ist. Die Organisation der Sammelvormuudschaft, die am 1. April 101:1 in Kraft treten und allen von da a n in Berlin geborenen unehelichen Kindern zugute kommen soll, ist so gedacht, daß ein städtiswes Vor- m u n d s ch a f t s a m t unter juristischer Oberleitung ge- bildet wird, bei dem anfangs zwei, später mehrere Beamte die Vormundschaften führen. Nachrichten über die Geburt unehelicher Kinder werden dem Vormundschaftsamt von den Standesämtern übermittelt, und es wird dann sofort geprüft, in welchen Fällen die Sammelvormnndschaft eiuzu- treten hat. Die nötigen Recherchen über die unverehelichte Mutter werden ausgeführt von Fürsorgeschwestern der S ä u g l i n g s f ü r s o r g e st e l l c n, was als besonders vor- teilhast angesehen wird, weil dabei auch sogleich durch fach- verständigen Rat eine gesundheitliche Fürsorge für daS uneheliche Kind eingeleitet werden kanui Die Säugliugsfürsorgestellen der Stadt sollen überhaupt als Grundlage für die Führung der Samiuelvormnndschast dienen, da sie ein in der Sänglnigspflege und SänglingSübenvachung vorgebildetes Personal besitzen. Der die Vormundschaft führende Beamte ivird kraft seines Amtes alle seine Mündel unter die Obhut der Säugliugsfürsorgi stellen bringen, damit durch diese das körperliche Gedeihen des Kindes überwacht werden kann. Es wird darauf gerechnet, daß im ersten Jahr etwa 5000 Kinder unter die Sammelvormnndschaft kommen werden, und daß mit dem sechsten Jahr ihres Bestehens die Zahl von LO JÜÜ Mündeln erreicht sein wird, die dann sich ständig etwa auf dieser Höhe halten dürfte. Die Waisenver- waltung erhofft von der Sammelvormuudschaft, deren Kosten im ersten Jahr auf zunächst 100000 M. geschätzt werden, eine Besserung der w i r t s ch a st l i ch e n Lage der unehelichen Kinder und ihrer Mütter, eine gesundheitliche und erziehliche Förderung für die Kinder— und in der lvei- teren Entwi'ckelung eine fühlbare Entlastung der össent- lichen Kranken- und Armenpflege. Wir begrüßen es mit Freude, daß endlich auch Berlin diesen Schritt vor« beugender Fürsorge tut, die durchaus zu den sozialen Aufgaben der Kommune gehört. Bisher hatte die Stadt Berlin die Erfüllung dieser Pflicht ein paar Bereinigungen überlassen, deren Sammelvormundschaften im kirchlichen Sinne erbeiteten, dem katholischen Charitasverband und dem Kinderrettungsvercin des Pastors Pfeiffer. Es war höchste Zeit, daß die Stadtgemeinde sich entschloß, eine Ein- richtung zu schaffen, die den Dienern der Kirche die Be- vormundung der Tausende unehelicher Kinder abnehmen ivird._ Die amtliche» Wahlkarten zur ReichstagSwaHl. Der Magistrat hat in seiner gestrigen Sitzung beschlossen. dem Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung vom Donnerstag, amtliche Wahlkartcn den Reichstagswählern zu- zustellen, nicht zuzustimmen in Rücksicht auf die Kürze der Zeit. Unseres Erachtens hätte der Magistrat klug getan, aus sich heraus, ohne erst eine Anregung abzuwarten, einfach amt- liche Karten zur Versendung zu bringen. Sammellisten für den Reichsverband in städtischen Verwaltungs- bureaus. Die Morgenpost" veröffentlicht folgende Zuschrift:„Ich möchte nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen, daß am heutigen Tage in den städtischen Verwaltungsburcaus Listen des „Reichsverbandcs gegen die Sozialdemokratie" zirkulieren, welche von dem Generalleutnant z. D. v. Licbert und einem gewissen Bovenschen unterzeichnet sind und zur Einsendung von Geldmitteln zu Wahlzwecken an die Hauptstelle des oben genannten Verbandes auffordern. In dem Auschreiben zu der Liste, worin Geldbeträge gezeichnet werden sollen, wird gegen die „verhetzende Agitation der millionenschweren Kassen der Sozial- demokratie" die Kasse der„vaterländisch gesinnten' Beamten mobil gemacht. Die offenbar doch mit Genehmigung des Magistrats stattfindende Verbreitung dieser Listen in den Bureaus bedeutet eine brutale Vergewaltigung der Beamten, da es denselben fast un- möglich gemacht wird, sich auszuschließen, wo die Herren Chefs usw. bereits gezeichnet haben." Was würde der Magistrat tun. wenn Listen für den Wahlfonds der Sozialdemokratie in den Bureaus ziclulierien? Für den Vetricbsbahnhof der Norb-Siid-Bahn an der Müller- strafte hat die Stadt bekanntlich vor einiger Zeit die Grundstücke Müllerstr. 47 und 47o angekauft. Ten Ankauf eines Teils von dem Grundstück Müllerstr. ola hatte die Stadtverordnetenversammlung wegen des zu hohen Kaufpreises abgelehnt. Die Forderung für diesen Grundstückstcil ist jetzt von 185 00(1 M. auf 120 000 M. er- mäßigt. Außerdem ist das Grundstück Müllerstr. 4g/49a der Stadt für 507 000 M. angeboten worden. Der Magistrat hat beschlossen, beide Angebote anzunehmen: die Vcrkehrsdcputation ist dem Be- schluß beigetreten. Der Stadtverordnetenversammlung wird zur nächsten Sitzung eine entsprechende Vorlage zugchen. In dieser Vorlage beantragt der Magistrat auch das Einverständnis der Ver. sammlung zur Enteignung je eines Teils von den Grundstücken Müllerstr. 4gb/50 und Türkcnftraße Ecke Edinburger Straße, da in beiden Fällen die Forderungen der Eigentümer unVerhältnis- mäßig hoch sind. Außer den genannten Grundstücken werden nur noch zwei Grundstücke deS Erziehungsvcreins„Zum grünen Hause" gebraucht, wegen welcher die Verhandlungen ein günstiges Ergebnis erwarten lassen._ Aus der Magistratssitzung. Der Magistrat hat in scincr gestrigen Sitzung beschlossen, vom 1. April 1912 ab denjenigen Bureaua ssi st enten, welche nach einer zwölfjährigen Dienstzeit in die siebente Gehaltsstufe der Vcsoldungsordnung(3700 M.) eintreten, die Amtsbezeichnung Bureau fekretär beizulegen. Die bisherigen Magistrats- s e k r e t ä r e erhalten die Amtsbezeichnung Stadtsekretär c. Ferner soll den bisherigen S t a d t b a u a s s i st c n t c n, die nach 12 Dienstjahren in die siebente Gehaltsstufe(4000 M.) einrücken, die AmtÄ'ezeichnung Bausekretäre und den Vcrmcssungs- assistenten, die nach zwölsjähriger Dienstzeit als solche in die Ge- Haltsstufe von 3900 M. cintreien, die Amtsbezeichnung Wer- mcssungssckretär beigelegt werden. Ter Fall Liidicke und der Magistrat. Gegen die amtliche Darstellung deS Magistrats über die Kon- trollsiniichtungcn im städtischen Steucrbureau wendet sich der Ver- lagsbuchhändler Hillgcr, der in dem Prozeß Lüdickc Obmann der Geschworenen war. Herr Hillger schreibt u. a.: „Ich habe der Gerichtssitzung als Geschworener beigewohnt und muß fcsistellen, daß ich aus der ganzen Verhandlung einen anderen Eindruck habe, als ihn diese amtliche Darstellung hier wiedergibt. Es steht sür mich fest, daß die fortgesetzten Unter» schlagungen unmöglich gewesen wären, wäre die nötige Kontrolle vorhanden gewesen, und es ist bedauer- lieh, daß die städtischen Behörden aus diesem Vorkommnis nicht dieselbe Lehre ziehen, wie sie die preußische Eisen'bahnbehörde aus der wenige Tage zurückliegenden Verhandlung gegen den ungct'» Men Beamten auf dem Görlitzer Bahnhof gezogen hat. Tie Cffenbahnbchördc hat eine Fülle von neuen Kontrollmatz- regeln eingerichtet, als die Mängel des alten Systems sich durch die Unterschlagungen kundgaben. Die städtischen Behörden geben zwar auch zu, eine noch größere Kontrolle eingerichtet zu haben. Ter allgemeine Eindruck war aber, daß bisher eine Kontrolle ini kaufmauiiischen Sinne für diese Auszahlungen überhaupt nicht bestand, und nur diescui Eindruck hat Herr Dr. Schwind Aus- druck gegeben. Man bedenke doch, daß der Bureauassistcnt Gelder zurückzahlen ließ über daS Konto„WertzuwachSstcuer" von voll- ständig fingierten Konten. ES ist bewiesen, daß keiner der Namen, über welche die Rück- zahlungen erfolgten, überhaupt in den Büchern deS Magistrats existierte. Der Bureauassistent hat mit ganz beliebigen, ihm gerade passend erscheinenden Namen die Formulare ausgefüllt, und die Zahlung ist erfolgt. Ich glaube, es ist die Ucberzeugung aller Prozcßbetciligten, auch des Lüdicke selbst, daß diese Unterschlagungen unmöglich gewesen wären, wenn überhaupt eine Konirolle eingerichtet wäre. Der Fehler, den die städtischen Behörden gemacht haben, liegt nämlich darin, daß die anSgciülltcn Formulare nach er- folgtcr Zahlung wieder in dasselbe Bureau zurückgehen, von dem sie ausgegangen sind, so daß Lüdicke diese aorpora delicti vernichten konnte, während eine sehr einfache Kontrolle dadurch mög. lieh gewesen wäre, daß diese Formulare, sobald die Zahlungen ge- leistet wurden, in ein ganz andere» Bureau übergingen, in dem sich vielleicht die Akten gerade dieser in Frage kommenden Häuser oder die Kontenführung der Stadt Berlin befanden." Zur Bewältigung des Verkehrs in der Silvesternacht wird, wie die Kgl. Eifenbahildiickrion Verlin bekannt madit. auf dem Nord« und Südring, sowie auf der Strecke Stadlbabn-Nieder-Sckiöneweide- JodanniStal halbstündiger, auf der Strecke Stadlbahil-Erkner und Niedcr-Schöneiveide-Johaimistal-Griiuau cinstüudiger Betrieb bis zwei und drei Uhr nachts aufrecht erhalten. Auf der Stadtbahn zwischen Grunewald und Stralau-Ruimnelsburg werden sich die Züge bis drei Uhc nachts ab Bahnhof Friedrichstraße in Absländen von fünf bis zehn Minuten folgen. Zahlreiche Sonderzüge werden aus dem Nord- und Südringe und auf der Stadtbahn verkehren. Ueber letztere geht der letzte Zug ab Slralau-Runnnrlsburg 3,02 nachts bis Westend, ab Charlottenburg 2, bl nachtS über Stralau-Rummelsburg bis Lichtenberg— Friedrichsfelde. Auf der Wannseebahn verkehren folgende Sonderzüge: ab Berlin 1.50, 2,20, 2.50. 3.15 und S.25 nachts, ab Steglitz 1.L0 und 2.40, ab Zeblendorf-Mitte 1.49 und 8.19, ab Wannsee 2.40 nachts. Aus der Groß-Lichterfelder Vorortbahn werden die nach- stehenden Sonderzüge gefahren: ab Berlin, Potsdamer Ringbahnhof: 1.25, 2.15 und 2.45, ab Groß-Lichterfelde-Oft 1.45, 2.05, 2.35 und 3.05 nachts. Auf der Strecke Berlin-Spandau endlich verkehren Sonderzüge ab Lehrter Bahnhof 2 Uhr, an Spandau-West 2.25, ab Spandau« West 2.50, an Berlin. Lehrter Bahnhof 8.15 nachts. Die Buchhandlung Vorwärts, Lindenstr. 69, ist morgen Sonntag von 1 bis 4 Uhr geöffnet. Geflüchtet. In die Betrügereien, die seinerzeit der Agent Keim gegen mehrere Tuchfabriken beging, die dabei um etwa eine Million geschädigt wurden, waren seinerzeit auch die Kauflcute Gebrüder H. und M. Solomon, Münzstr. 11, verwickelt, die gern die Abnehmer für die billigen Tuche waren. Gegen eine Kaution von 300 000 M. wurden sie damals auf freien Fuß gesetzt, haben es aber jetzt, da der gerichtliche Termin immer näher rückt, vor» gezogen, ins Ausland zu flüchten. An eine stürmische Gerichtsverhandlung erinnert eine ver» Haftung, die gestern von der Kriminalpolizei vorgenommen wurde. Den Schrecken Berlins bildete im Jahre 1905 eine Einbrecherbande, an deren Spitze der 23 Jahre alte, ans Wien gebürtige Schlosser Oskar Reisegast, genannt der schwarze Oskar und der Artisten-Willi stanven. Vor Beginn der Strafkammcrsitzung im großen Schwur- gerichtssaal fielen die 23 Angeklagten, die sich einer von dem andere» verraten glaubten, übereinander her und prügelten sich, bis die Gerichtsdiener einschritten und sie zur Ruhe brachten. Der „schwarze OSkar", der fast bei allen WohnungS« und Geschäfts» einbrächen in Berlin und Umgegend an der Spitze gestanden hatte, ivnrde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung von drei Jahren mußte er in eine Irrenanstalt gebracht werden. Zu dieiem Zwecke wurde er nach seiner österreichischen Heimat ab- gciührt. Nachdem er dort wieder gesund geworden und auf freien Fuß gekommen ist. machte er sich auf den Weg und wanderte nach Berlin zurück. Als er hier gestern ankam und kein Geld mehr hatte, verüble er einen Kollidiebstahl. Kaum aber hatte er seine Beute vom Nollwagen heruntergenommen, da wurde er verhastet. Beim Ausschachten und Betonieren auf der MuseumSinsel gab plötzlich die Spundwand am Kupfergraben nach. In einer Vierte!« stunde war der vorderste Schacht etwa 8— 10 Meter hoch voll Wasser. Die Arbeiter mußten flüchten, um der Gefahr des Er- trinkens zu entgehen. Durch Sandsäcke wurde in zwei Stunden der Damm hergestellt. Ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich gestern nachmittag aus dem Grundstück Sickingenstr. 71. Dort führt die Firma Boslvau u. Knaner für die Allgemeine Eleltrizilätsgesellschaft einen Neuban siir deren Glühlampenfabrik ans. Von den dort beschäftigten Arbeitern trat nachmittags gegen 2Vz Uhr der 85 Jahre alte Bau» arbcitcr Johann Napieralla aus der Beusiclstr. 23, als er auf einer Bohle in der Höhe des zweiten Stockwerks ging, fehl und stürzte in die Tiefe. Ein sofort hinzugerufencr Arzt konnte nur noch den Tod des Arbeiters feststellen, der sich bei dem Sturz das Genick ge» brochen hchte. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. In der Wohnung der Herrschaft erhängt hat sich daS 36 Jahrs alte Dienstmädchen Anna Wuller, das aus Posen stammt und in der Jnvalidcnstr. III in Stellung war. Das Mädchen hielt sich sehr für sich und sprach fast mit niemand. Als der Hausherr gestern abend um lll-h Uhr heimkehrte und zu seiner Verwunderung in der Küche noch Licht sah fand er es dort tot auf. Es hatte sich mit einer Leine an einem eingebauten Verschlag erhängt. Was es dazu veranlaßt hat, weiß niemand. Ein ungewöhnlich dreister FuhrwerkSdicb ist der 28 Jahre alte Schlächtergefclle Hermann Thaegen, ein schon wiciderholt bestrafter Mensch, der sich ohne Wohnung in Berlin umhertrieb. Nachdem es ihm im Oktober d. I. gelungen war, einem Spediteur in Tempel» Hof ein Gespann zu stehlen und das Pferd vorteilhaft zu verlaufen, hielt er sich eine Zeitlang verborgen und lauerte aus seinem Ver» steck auf neue Gelegenheiten. Als sich auf der Straße nichts fand, brach er in der vorletzten Nacht kurzerhand bei feinem früheren Nkeistcr am Weidenweg 42 ein, holte ein Pferd aus dem Stall» schirrte es an, spannte es vor einem Wagen und fuhr unbehindert vom Hofe, ohne daß der Meister, der auf dem Grundstück wohnt, etwas merkte. Früh morgens lenkte er fein Gespann nach der Grotzmarkthallc am Bahnhof Alexanderplatz, stellte es dreist neben den anderen Schlächicrwagcn auf und wartete auf eine Gelegen- heit, jetzt auch noch„billiges" Fleisch zu bekommen. Auch diese fand sich bald. Als der neben ihm stehende Wagen eines Groß- schlächtcrmeisiers einen Augenblick unbeaufsichtigt war, lud Thaegen rasch einen Teil der Ladung auf seinen gestohlenen Wagen über und fuhr davon. Gleich darauf kam der Geselle des Bestohlenen aus der Halle heraus und merkte den Diebstahl. Es fiel ihm auf, daß sein Nebenmann seinen Platz schon verlassen hatte, und er sah ihn noch gerade davonfahren. Schleunigst setzte er ihm nach, holte ihn ein, zog ihn, nachdem er sein Fleisch erkannt hatte, vom Bock herunter, gab ihm eine Tracht Prügel und brachte ihn dann mit dem Fuhrwerk nach dem Polizeipräsidium. Hier legte sich der Ertappte einen falschen Namen bei. Der Erkennungsdienst aber entlarvte ihn bald als den lange gesuchten gewerbsmäßigen Fuhr» Werksdieb Hermann Thaegen, der sich denn jetzt auch zu seinem richtigen Namen bekannte. Wie er angab, hatte er den Plan ge» habt, mit dem gestohlenen Fuhrwerk die Marktplätze in der Umgebung Berlins aufzusuchen und sich jedesmal auch die Ware dazu zu stehlen. Der erste Versuch wäre ihm auch gelungen, wenn der Geselle auch nur einige Minuten später gekommen wäre.— Einem anderen Schlächtermeister wurde das Fuhrwerk, das für 1100 M. Fleisch geladen hatte, vom Schlachthof weggestohlen. Pferd und Wagen fand man später in der Lehrter Straße herrenlos wieder. Nach dem Verbleib des Fleisches wurden bei mehreren Schlächter« meistern Nachforschungen angestellt, jedoch ohne Erfolg. Endlich fand man die gestohlene Ladung in der Kühlhalle in der Scharn- horststraße in dem Verschlag eines Schlächtermeisters. Dieser hatte, wie die weiteren Ermittelungen ergaben, das Fleisch von einem Straßcnhändler Krummow erhalten, der ihn gebeten hatte, es für ihn aufzubewahren. Krummow, ein schon mehrfach be« strafter Mann, der auch schon in Dalldorf gewesen ist, sagt wieder, er habe es von einem Manne, den er nur den Vornamen Richard nach kenne, zum Verkauf übcruonimen. ES unterliegt aber keinem Zweifel, daß Krummow das Fuhrwerk mit der Ladung ge, stöhlen hat. Unglückliche Liebe hat den 31 Jahre alten Buchhalter Albert Laugebccker aus der Pritzwalker Straße in den Tod getrieben. Der Mann unterhielt Beziehungen zu der Tochter eines hiesigen Pastors, die von den Eltern deS Mädchens nicht gebilligt wurden. Trotz entschiedener Absage gab Langcbecker seine Hoffnung, seine Auserkorene doch noch heiin führen zu können, nicht auf, nachdem er einmal sie selbst gewonnen hatte. Seit einem halben Jahre kämpfte er um die Einwilligung der Eltern. Diese griffen zweimal zu dem Mittel einer Trennung, um den Mann vielleicht dadurch anderen Sinnes zu machen. Aber auch das hals nichts.- Jedesmal ermittelte Langebecker den Aufenthalt des Mädchens, einmal in München und dann in Nürnberg, und zwang so die Eltern, es wieder zu sich zu nehmen. In Verzweiflung geriet er. als die Schwester feiner Auserwählten ihm erklärte, er solle sich gar keine Hoffnung mchr machen, Seil seine Trwählie nun einmal nicht für ihn, sondern für einen rächen jüdischen Arzt bestimmt sei, der demnächst eine Anstellung an einem hiesigen Krankenhanse erhalte» solle. To wenigstens erklärte Langebeckcr sein verzweifeltes Wesen seiner Wirtin gegenüber, der er sich wiederholt offenbarte. Am Mittwoch sagte er der Frau, er werde am Donnerstag nicht inS Geschäft gehen, tveil er einen entscheidenden Brief erwarte. Um 8 Uhr morgens kam denn auch dlrr Brief. Langebecker ritz ihn auf, überflog ihn hastig, sprang auS dem Bett, kleidete sich an und ver- lietz die Wohnung, ohne seinemWirtm noch irgend etwas zu sagen. Im Laufe dcS BormittagS begab er sich nach der Wohnung"des PastorS, und als er auch jetzt noch abschlägig beschiedcn wurde. erschoh er sich auf der Stelle. Ueber eiue mhstcriöse Autofahrt, die in manchen Einzelheiten an den Mord in der Autodroschle erinnert, wird folgendes gemeldet: In einer der letzten Nächte dieser Woche waren die Passanten der Kaiscr-Allee Zeug?» eines aufregenden Vorfalles. Aus einem in voller Fahrr besiudlichen Automobil fiel an der Ecke der Hildegard- stratze plötzlich ei» junges Mädchen aufden Fahrdamm uyd blieb bluiüber- strömt und besiniuingslyS liegen, wäbrcud dcrKraftwagen, dessen Führer von dem Borgang wohl nichts wahrgemominen hat, weil er raste und nicht festgestellt werden'onnte. Die Awgenzengen des Unfalls brachten die Bcrnuglückte mittels Automobils nach dem Schöneberger Krankenhause. wo die Aerzte außer mehrere» leichteren Berletzniiaen einen komplizierten Bruch des rechten Okerschenkels feststellten. Das junge Mädchen, ein Frl. L. auS der Vors�zstr. 32. kam bald zum Bewußtsein und machte bei ihrer Vernehm»ng folgende Angaben: Sie habe am Abend in einem vornehmen Bierrestaurant zwei elegant gekleidete Herren kenne» gelernt, mit denen sie noch mehrere andere. Etablisfe- mcntS besuchte. Dann sei sie von den Herren z» einer Autofahrt eingc- laden morden, die durch den Tiergarten, Charlottcnburg und Wilmcrs- dorf führte. Unterwegs hätten dann die beiden Begleiter versucht, das junge Mädchen zu vergewaltigen, das sich nicht anders zu helfen wußte, als in voller Fahrt aus dem Auto auf die Straße zuspringen. Auf Grund dieser Angaben, die allerdings nicht in allen Punkten klar erscheinen, hat die zuständige Polizeibehörde sofort Ermittelungen angestellt, doch sind die Recherchen bisher ergebnislos geblieben. Durch Kohlengas vergiftet. Ein bedauerlicher Unglücksfall hat sich Donnerstagabend in dem Hmuse HallescheS Ufer 15 abgespielt. Das LZjährige Reinemachemädchc» Johanna Findler, Linienstr. 25 wohnhaft, die bei einem Berliner Wohnungsrcinigungsinstitut an. gestellt war, hatte im Auftrage der Firma eine leerstehende Woh- nung in dem oben bezeichneten Hause zu säuhern. Die F. heizte die Oese», schloß aber die Ofentüren zu zeitig, so daß die Kohlen- gase nicht durch den Kamin abzogen, sondern in die Stube ein- drangen. Als Donnerstagabend ein Dekorateur zufällig in das Zimmer kam, fand er die F. bewußtlos am Bode» liegend auf. Ein hinzugerufener Arzt stellte Wiederbelebungsversuche mit Sauer- stoff an und ließ die Echwerknante nach dem Krankenhaus Am Urban schaffen, wo sie jedoch bald nach ihrer Einlieferung verstarb. Erstickt aufgefunden wurde gestern früh, da» Dienstmädchen Anna Reumann in ihrem Bett in der Wohnung des Kaufmanns L. Cohn jun.. Kirchstr. 6 fMoabit). Ueber das Unglück wird uns berichtet: Am Donnerstagabend benutzte das Mädchen das Bade- zimmer und ließ aus Unachtsamkeit eine, offene Gasflamme brennen, die sich unmittelbar unter seinem Schlcrfraum befindet. Im Laufe der Nacht gerieten nun die Decke mit der Balkenlage und dem Fußboden dieses Raumes in Brand. Bon dem Qualm wurde das Mädchen betäubt und. ohne daß jemand die Gefahr bc- merkte, erstickt. Als das Mädchen gestern früh nicht erschien, wurde der Brand bemerkt und Lärm geschlagen. Die Feuerwehr drang in den verqualmten Raum ein und holte die Bewußtlose heraus. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche waren leider erfolglos. Dr. Mose? stellte dann den Tod fest. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt. Der Turnverein„Fichte"-Berlin sM. d. A.-T.-B.) begeht Mon- tag. den 25. Dezember(1. Feiertag) in den Etablissements„Neue Welr, Hasenheide 108/114, und„Sophien-Säle", Sophienstr. 17/18, seine Weihnachtsfeiern. Joi Hinteren Saal der„Reuen Welt" finden außer turnerischen Aufführungen Vorträge des Berliner Ulk-Trio sowie eine Märchenrnmührung(Hansel und Grete!) statt. Die verehrten Eltern werden höflichst gebeten, mit den Kindern im hinteren Saal Platz zu nehmen. Der Eintritt beträgt 30 Pf., Kinder unter 14 Jahren sind frei. Programm an der Kontrolle gratis. Der Männerchor„Fichte-Georginia 1879"(M. d. A.�S.-B.) veranstaltet am 1. Feiertag in der Sing- a»w» Reizende n&nithsltenknöpfe M. 2.50—18. Spazierstfieke mit silbernem Glitt von 3- 30. 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Schiller-Thealer Sonnabend, abends 8 Uhr: Wie Wildente. Soniiiag: Geschlossen. Die Tageskasse ist v. SO1/,— 3 U. geöss». Montag, nachm. 3 Uhr: Maria(Slunrt. Montag, abend« 8 Uhr: Die Wildente. DienSIag, nachm. 8 Uhr: Da« Klitlielien v. Heilbronn Dienstag, abends 8 Uhr: na»hcrade. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Tie kleine Freundin. Lontson WVltr.i üfnswary. Montag und DienSIag 3'/, Uhr: Das Mädel von Montmartre. Creoette: yrlts;! Hnswnry. Nesidenz-Theater. Direllion Richard Alexander. Heute 8 Uhr: Ein Walzer von Chopin. Wvuiag u. Dienstag(I. u. 2. Weih- »achtsseierlags nachm. 3 Uhr: Die Dame von Maxim. Abends 8 Uhr: Ei» Walzer vou Ehopl«. Luiscn-Thcatcr. Goim»bend nachm 4 und abends 8 Uhr: Wie ttleiu.Else da« Ehrist- kind suchen ging. �Sonntag: Geschlossen._ Midgets T« wn Hauptstadt von Liliput mit ihren Bewohnern FrlsdrichstraSa 165, in den Räumen von Castans Panoptikum. Geöffn. von 2 Uhr nachm. bis 10 Uhr abends. 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Jahrg. KeW des JMirts"■ A�M fh Sien irt BMn 23. f nfitiht 1911 Der preuöilche Kultusmlnüttr vor dem kelchigericht. vetanntlich hat das Reichsgericht, II. Strafsenat, am LS. Juni IS 10 unseren verantwortlichen Redakteur Genossen Weber und den Redakteur der.Arbeiterturnerzeitung" W i l d u n g von der Anklage au» K 110 Str�G.-B. freigesprochen. Am 27. März 1909 hatte der.Vorwärts' dargelegt, datz der Erlaß des Kultusministers vom 7. August 1907 rechtsungültig ist, der die Schulaufsichtsbehörden anweist, die Erteilung von Turnunterricht von einem Erlaubnis- schein abhängig zu machen. Der.Vorwärts' hat in dem Artikel öffentlich aufgefordert,.den Anordnungen der Behörden, welch« die Erteilung von Turnunterricht gegen Entgelt oder dt« unentgeltliche Erteilung von Turnunterricht an nicht mehr schulpflichtig« jugend- lich« Personen auf Grund der Verordnungen von 1834 und 1839 verbieten, keine Folg« zu leisten.' Darin sollt« eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen Anordnungen der Behörden liegen. Das Landgericht und das Reichsgericht sprachen frei, weil die Anord- nungen der Behörden der Rechtsgültigkeit entbehren, derKultn«. minister also zu einer gesetzwidrigen Handlung Behörde» aufgefordert und dies« st« begangen hatten. Am 17. September 1908 schloß sich der dritte Strafsenat de» Reichsgerichts in einer ähnlichen Anklage gegen de» Zahnarzt Smith in Hadersleben dieser Auffassung an und sprach den vom Landgericht Flensburg verurteilten Zahnarzt frei. Smith gab nun später eine Broschüre hevcmS, in der er den Kampf um die rechtlich« Stellung des Turnunterricht» aktenmäßig darstellt«. Am Schlüsse der Broschüre forderte er wiederum zum Ungehorsam gegen diejenigen Verfügungen auf, welch« die Erteilung von Turnunterricht ohne Erlaubnisschein an jugendlich« Personen unter 18 Jah«n verbieten. Er wurde wieder unter Anklage gestellt. Da» Landgericht Flensburg sprach ihn am 8. Februar 1911 frei. Hiergegen legte die StaotSanwaltschast Revision«in. die am Donnerstag vor dem dritten Strafsenat de» Reichsgericht» zur Verhandlung kam. Die Verhandlung hatte da» überraschend« Ergebnis, daß der dritte Strafsenat beschloß: Da der Senat infolge eine» Urteil» de» zweiten Straf senat» außerstand« ist, ein« Entscheidung zu fällen, wird be- schlössen, den vereinigten Strafsenate» dt« Frag« zur Entscheidung vorzulegen. Gehören zur Jugend außer den schulpflichtigen Kindern und den Schülern höherer Lehranstalten auch noch solche nicht mehr schulpflichttge Per» sonen, die nach dem regelmäßigen Laufe der Dinge ein« höhere oder niedere Schule besuchen würden, ihr aber au» irgendwelchen Gründen ferngehalten werden, bei denen also der Schulunterricht ganz oder teilweise durch Privatunterricht ersetzt oder ergänzt wird? Hoffentlich wird der Kultusminister nun auch von den ver- einigten Strafsenaten verurteilt. Jiiis Induftne und Handel ShndikatSschmerzen. Die Differenzen im EtahlwerkSverbande scheinen größer zu sein, al» wie offiziell nach außen bekannt wird. Di«.Köln. Volks- zeitung', die über die internen Vorgänge gut unterrichtet wird, berichtet au» der Verbandsversammlung, daß die Verhandlungen die Lage als sehr verworren erscheinen lassen. Der Verbands- «rneuerung stellten sich groß« Schwierigkeiten in den Weg. Vor allem habe sich die Unmöglichkeit herausgestellt, die riesenhaften Forderungen der n�uen Werk« in Lothringen und Luxemburg unterzubringen. Ein« Hauptschwterigkeit bereitet der Anspruch der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks A.-G. das Monopol der für die von ihr hergestellten breltflanschigen Grehträger zu behalten. Diese? Monopol wollen aber die andern südwestdeutschen Werke nicht einräumen. Buch in der Frage der Produkte B traten grundsätzliche Gegensätze scharf zutage. Ein« Partei vertritt den Stand- Punkt, daß die Produkte B überhaupt nicht mehr kontingentiert werden sollten, die andere aber will unter keinen Umständen die Kontingentierung der Produkt« B fallen lassen. Man ging nach heftigen Auseinandersetzungen auseinander, ohne irgendwelche Be- schlösse gefaßt zu haben.— Das klingt durchaus nicht hoffnungZ- voll! Zuckergewiunung und Zuckerbesteuerung im Jahre 1910/1911. In den.Vierteljahrsheften zur Statistik de» Deutschen Reiche»' finden wir eine Uebersicht über die Zuckergewinnung und-Besteuerung m deutschen Zollgebiete während de» Betriebsjahre» 1. September 1910 bis 31. August 1911. ES hat sich demnach die Gesamtzahl der im Betriebe befindlichen Rübenzuckersahriken im Betriebsjahr gegen da» Vorjahr von 3SS aus 854. also um 2 vermindert. Die Zahl der Raffinerien ist von LS auf 8S zurückgegangen. Dazu kommen noch 6 MelasseentzuckerungSanstalten. Nichtsdestoweniger hat sich die mit Zuckerrüben bebaute Fläche wieder erbeblich vergrößert: sie betrug diesmal 477 909 Hektar gegen 4ö7 713 Hektar im Borjahre. Die Nü benernte war dank der günstigen WitterungS- Verhältnisse de» Sommer» 1910 eine recht gute. Es wurden ins- gesamt tb 748 931 Tonnen Rüben geerntet, das sind 2350913 Tonnen mehr als im Vorjahre. Rur daS Jahr 1901/02 brachte mit 10 012 887 Tonnen ein« noch größere Rübenernte. Die Zucker- ausbeute der Rüben betrug 15,98 Kilogramm aus 1 Doppelzentner gegenüber 15,11 Kilogramm im vorhergehenden Jahre. Di« ge- samt« Erzeugung aller BctriebSanstalten betrug nach Abzug de« Einwurfs auf den Rohzuckerwert umgerechnet 25 898 888 Doppel- zentner oder um 5 524 721 Doppelzentner mehr als tm Vorjahre. DaS ist die größte Zuckennenge, die jemals in Deutschland gewonnen wurde. Auch der v« r b r a u ch an inländischem Zucker war im Betrieb». fahre beträchtlich gestiegen Er stellt« sich in BerbrauchSzucker um- gerechnet aui 12 417 782 Doppelzentner gegenüber 1l 342 408 Doppel- zentner im Vorjahre. Auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet ergibt das einen Verbrauch von 19 Kilogramm gegenüber 17,52 Kilo- gramm im Vorjahre. Hierzu treten noch 1293 Doppelzentner ans- ländischer Rohzucker, 13 244 Doppelzentner ausländischer Verbrauchs- zucker. wodurch sich der Jnlandkonsum pro Kopf nur um den minimalen Betrag von 0.02 Kilogramm erhöht. Einen bedeutenden Aufschwung gegen da« Vorjahr hat die Aus- f u h r genommen. Sie ist von 7 834 373 auf 11 165 352 Doppel- zentner in Rodzuckerwert gestiegen. Der meiste deutsche Zucker geht now England, vas im vetriedsjahe allein 4 477 189 Doppelzentner und 3 277 854 Doppelzentner BerbrauchSzucker ausnahm. Im Belriebsjohr 1910/11 bracht« der Zucker dem Staate eine v« r b r a u ck« a b g a b e von 173 283 000 M.. dazu 332 OOO M. Zoll für eingeführten Zucker, macht zusammen 173 595 000 M. Das fit auf den Kopf der Bevölkerung ein Bewag von 2,86 M.'oder aus die vier- bis fünfköpfige Familie um- gerechnet ein solcher von 10 M. Diese Steuer, die Armen absolut in der gleichen absoluten Höh« und darum un- vergleichlich schwerer trifft wie die Reichen, hat zur Folge gehabt. daß Deutschland, daS erste ZuckerproduktionSland der Welt, einen noch nicht halb so großen Zuckerkonsum pro Kopf der Bevölkerung «ufweist, wie England, daS selbst überhaupt leine Zuckerproduktion| betreibt, aber dem Zucker anderer Länder ungehinderten Eintritt gewährt. Dort verzehrt jeder Einwohner tm Durchschnitt 37 Kilo- gramm Zucker jährlich._ Fusionen. Der Drang zu Fusionen ist noch nie so stark her- vorgetretenen als wie in diesem Jahre. Schon wieder sind ein paar Zusammenschlüsse gesichert. Der Bergtsche Gruben, und Hütten- verein in Hochdahl wird dem Hochofenwerke Lübeck angegliedert, da» sein Aktienkapital von 3 auf 8zh Millionen Mark erhöht. Die Westfälischen Drahtwerke in Werne sollen mit der Aplerbecker Hütte verschmolzen werden, indem diese? Werk sein Vermögen aus da» erster« überträgt. Eine Kapitalserhöhung von öff, auf 8% Millionen Mark bildet die finanzielle Basis der Zusammenlegung. Bei beiden Verschmelzungen ist da» Bestreben maßgebend, die Ge- winnung von Rohmaterial und Halbzeug sowie die Weiterverarbei- tung in eine Hand zu bringen. Kapitalskonzentration in England. Die Konzentration de» Kapitals geht in den letzten Jahren in England in einem sehr flotten Tempo, wenn auch in aller Stille vor sich. ES vergeht kaum ein Monat, in dem nicht von einer Zu- sammenlegung von Betrieben in irgendeiner Industrie gemeldet wird. Eine der letzten Kapitalskombinationen war die Vereini- gung der Allgemeinen Londoner OmnibuSgesellschast»(Kapital: 3 Millionen Liversterling) mit den unterirdischen Bahnen der Hauptstadt, wodurch die Konkurrenz in der Personenbeförderung in großem Maßstabe ausgeschaltet worden ist. Die letzte Kapitals- konzentration betrifft die Schiffahrt. Die.Royal Mail Steam Packet Company' und.MessrS. Elder, Dempstcr and Co. Ltd.', zwei Gesellschaften, die unter einer Leitung stehen, haben die .Union Castle Mail Steamsbip Co. Ltd.' gekauft. Dieses aewal- tige Unterilehmen umfaßt jetzt nicht weniger al» sechs Gesellschaf- ten, von denen manch« wiederum ursprünglich au» mehreren klei- neren Gesellschaften hervorgingen. An der Spitze diese» Unter- nehmenS, dem nunmehr Schiffe von einem Gehalt von 1290 000 Tonnen gehören, steht das früher« liberale Parlamentsmitglied Sir Owen Philipps, den man den.Koloß der See' genannt hat. Soziales. Landflucht. Die Dezembernummer deS„ReichSarbeitSblatteS" Vev öffentlicht auf Grund des JnvalidenmarkenaustauscheS die Ergebnisse der Binnenwanderung von Arbeitern im Jahre 1910. Es zeigt sich uns da eine noch größere Wanderung vom Osten nach dem Westen als im Jahre 1909. Eine riesige Völkerwanderung innerhalb Deutschlands findet statt. Große Scharen strömen von dem Osten, der seinen Bewohnern nicht mehr ge- nügende Nahrung gibt und sie in menschen unwürdiger Lage hält, nach dem Westen. Aus den fünf Provinzen: Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen und Schlesien wanderten nach dem Westen unter Abzug aller vom Westen nach dem Osten zurück gezogenen oder von einer dieser Provinzen in die andere gezogenen Arbeiter im Jahre 1909 ab: 847 897, im Jahre 1910: 384 891. Nicht gezählt sind hierbei die Familienmitglieder. An Ueberschuß von Afr ziehenden gegenüber Zugezogenen weisen im Jahre 1910 auf (die in Klammern beigefügten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1909): Ostpreußen 79132(75 694), Westpreußen 64 512 (65 480), Pommern 45 627(31332), Posen 72 752(74 323), Schlesien 102 868(101068). Woher kommt diese Vertriibung der Arbeiter auS ihrer Heimat? Sie ist im wesentlichen in wirt- schaftlichen Ursachen begründet: die niedrigen Löhne. der Saisonbetrieb der Arbeit auf dem Groß grundbesitz infolge der veränderten Produktionsweife, die jeder Menschlichkeit oft hohnsprechende Behandlung und Verpflegung der Landarbeiter, die übermäßig lange, durch keinerlei Schutzgesetze für Leben und Gesundheit gemil- derte Arbeitszeit, die Lohndrückerklauseln in den Arbeitsverträgen, die Erschwerung des Aufkom mens lohnender Industrie und gewerb- licher Beschäftigung durch Zölle und künst l i ch e Einschränkung des Verkehrs, die Heran ziehung von völlig rechtlosen Ausländern, von Soldaten, Ge fangenen, Zuchthäuslern und Korrigenden als Schmutzkon kurrenten der ländlichen Arbeiter sind die Hauptgründe für diese vom Großgrundbesitz verschuldete Landflucht. Zu diesen wirtschaftlichen Gründen tritt die völlige Unzulänglichkeit der Schulen, die Erschwerung des Fortkommens der Kinder durch systematisches Drängen der Großgrund- befitzer, die Gelegenheit zur besseren Ausbildung der Kinder 'zu erschweren. Die Abwanderung wird verschuldet durch die Großgrund- besitzer. Und das Vertreiben der Landarbeiter aus ihrer Heimat ist ihnen genehm: je größer die Zahl der Abwandern- den, desto leichter wird dem Großgrundbesitz die Aufrechterhal- tung seines politischen Einflusses auf die Zurückgebliebenen, wirtschaftlich völlig Abhängigen. Desto leichter verbleiben ihnen Reichstagsmandate durch Beeinflussung. Wer irgend Fühlung mit dem Osten hat, versäume nicht, seine im Osten verbliebenen Bekannten und Verwandten auf die Wichtigkeit des Kampfes gegen die Junker und die völlige Freiheit bei der Wahl aufmerksam zu machen. Die Weih- nachtszeit bietet die günstigste Gelegenheit hierfür. Gerichts- Zeitung Unterhaltung ist grober Unfug. Diesen neuesten MechtSgrundsatz hat daS Schöffengericht, Ab- leilung 141, au? Anlaß des CaföhauskcllnerstrcikS bei Naglcr am Donnerstag aufgestellt. Gegen den Cafekellner vraes« hatte die Polizei einen Straf- befehl wegen grobe« Unfug» erlassen, weil er in der Nacht zum 18. Oktober 1911 durch Ansprachen an Passanten Aufsehen erregt und eine Menschenansammlung zu veranlassen gesucht hatte. Da- gegen hatte Herr Braese gerichtliche Entscheidung beantragt. In der Hauptvcrhandlung wurde er durch Rechtsanwalt Wolfgang Heine verteidigt. Der als Zeuge vernommene Polizcileutnant Bieling gab folgen. de» an: Er habe den Angeklagten und einen anderen unbekannt gebliebenen Mann an der Ecke der Stallschreiber- und Prinzen- straße stehen sehe«. Der andere habe Flugblätter verbreitet, sich aber entfernt, al» der Leutnant herankam. De Leutnant habe noch gehört, wie Angeklagter zu einer Gruppe von fünf bis sechs Leuten die Worte sprach:.kein Lohn, keine Kost". Diese seien dabei stehen geblieben. Der Angeklagte Braese bestritt gar nicht, diese Worte gesagt zu haben, erllärte dies aber folgendermaßen: er sei auf dem Wege zum Kottbuser Tor dort vorbeigekommen und habe einige Herren gesehen, von denen einer ein Flugblatt in der Hand hielt. Eine» aus dieser Gruppe habe die Frage gestellt, weshalb die Kellner bei Naglet streikten; darauf habe er sich veranlaßt gesehen, zu ant- warten: weil sie weder Lohn noch Kost erhalten. Weder habe er einen Auflauf veranlassen wollen, noch habe irgend ein Mensch daran Aergernis genommen. Für die Vorgänge auf der Straße hatte er einen Zeugen Bressen genannt, der aber nicht erschienen war. Der Angeklagte betonte ferner, daß er sofort, trotz seiner Legitimation, verhaftet und drei Stunden in Haft behalten worden sei, bis er auf den Gedanken gekommen sei, da» Mitgliedsbuch der gelben Organisation vorzuzeigen, der er früher angehörte. Daraus sei er sofort entlassen worden. Polizeileutnant Bieling bestritt, daß dt« Entlassung mit der gelben Legitimation zusammenhäng« und behauptet«, sie wäre wegen Ueberfüllung der Wache erfolgt. Auch bestritt er, daß sein scharfe» Vorgehen durch sein« persönlichen Beziehungen zu Nagler bcetn- flußt wäre. Der Verteidiger erklärte, daß schon nach Bieling» Darstellung die Anklage nicht ausrecht zu erhalten wäre, weil ein grober Unfug selbst dann nicht vorliegen würde, wenn Angeklagter die Leute angesprochen hätte. UebrigenS beantragte er Ladung de» Bressen. DaS Gericht lehnte diese ab und verurteilte den Angeklagten über den Antrag de» Staatsanwalt» hinaus zu 38 M. Geldstrafe. In der Begründung sagte der Vorfitzende, daß die Kellner zwar das Recht hätten, sich in geschlossenen Versammlungen unteretn» ander über ihre Angelegenheiten auszusprechen, daß e» aber.unter allen Umständen verwerflich wäre, solche Dinge auf die Straße zu tragen' und daß e» geeignet wäre, jeden anständig denkenden Menschen zu belästigen, wenn ihm gesagt würde, weshalb die Kellner streikten. Die Vernehmung des Bressen wurde abgelehnt, weil er der Teilnahme verdächtig wäre. Beiläufig bemerkt, war in der Verhandlung nicht da? geringste vorgekommen, wa» diese Unter- stellung gerechtfertigt hätte. Uebcr seine Tätigkeit war überhaupt nicht gesprochen worden. Das blutige Eifersuchtsdrama, welches stch am 30. August in einem Hause der Grenadierstratze abgespielt und ein Menschenleben zum Opfer gefordert hat, hatte gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts I unter Vorsitz de» Landgerichtsdirektors Dr. Neuenfeld fein ernste» Nachspiel. Die gegen den 22 Jahre alten Klempner Elia? Schmuckler gerichtete Anklage lautete auf Totschlag und schwere Körperverletzung. Der aus Galizien stammende Angeklagte lernte 1908 in Krakau den Tapezierer Waldberger kennen, der eine damals 18 Jahre alte Tochter Marie besaß. Er gewann bei seinem längeren Verkehr in der Familie da» Mädchen lieb, letztere hatte ihn auch gern und eS kam zu einem ernsten Liebesverhältnis. Die beiden jungen Menschen wünschten, daß dieses Verhältnis zum Ehebunde führen möchte und haben sich, wie der Angeklagte sich ausdrückte,.durch einen Schwur fest in die Hand verbunden". Der Angeklagte hatte auch den festen Vorsatz, das Mädchen zu heiraten. Er bat den Vater um seine Zustimmung, dieser aber wollte davon noch nichts wissen, da der junge Mann noch nicht einmal feiner Militärpflicht genügt hatte und noch nicht selbständig war. Maries Eltern, der- zogen nach Prag und der Angeklagte ging dann auch dorthin, da er aber dort keine Arbeit bekam, ging er nach Berlin, wo er Arbeits» gelegenheit fand. Einige Zeit darauf zog auch Familie Waldberger nach Berlin und die beiden jungen Leute blieben weiterhin in Verkehr. Auf nochmalige Anfrage verweigerte der alte Waldberger wieder seine Zustimmung. Als das Mädchen schwanger wurde, ver- bot er oem jungen Mann da? HauS. Der Angeklagte ging dann nach Krakau zurück, blieb aber mit dem Mädchen noch in brief- lichem Verkehr, der auch noch nach der am 20. April 1911 erfolgten Geburt ihres Kindes anhielt. Schmuckler geriet dann aber in ge- waltige Erregung, als das Mädchen, welches er noch immer als feine Braut betrachtete, plötzlich alle seine Briefe unbeantwortet ließ. Inzwischen hatte nämlich Marie Waldberger einen Händler Sokol kennen gelernt, der dem Vater nicht sehr angenehm war. da dieser allerlei Ungünstiges über ihn gehört hatte, der e» aber verstand, sich bei der Mutter und dem Mädchen selbst einzuschmeicheln. Marie W. verlobte sich mit ihm, da sie annahm, daß Schmuckler ihr untreu geworden sei und deshalb gar nichts mehr von sich hören ließ. In Wahrheit hatte sie aber seine Briefe gar nicht erhalten, diese waren vielmehr von Sokol stets abgefangen und vor ihr ver- borgen worden. Da daS Mädchen zu Hause vor ihrem erzürnten Vater keine Ruhe mehr hatte, mietete Sokol für sie und das Kind eine Wohnung. Der Angeklagte reiste Mitte August nach Berlin. Er erfuhr hier zu semem Entsetzen, daß Marie W. sich mit Sokol verlobt habe. Er ermittelte ihre Wohnung und ging zu ihr, um sich nach dem Befinden seine? Kindes zu erkundigen und sie zu bewegen, daS Liebesverhältnis mit Sokol zu lösen. Er bat sie fuß- fällig, wieder zu ihm zu halten, hatte aber keinen Erfolg: das Mädchen erklärte, daß sie ihn sehr gern gehabt habe, nun aber trotz des Widerspruchs ihrer Familie den Sokol heiraten werde. Das Sinnen und Trachten des Angeklagten, der schon einmal nächtlicherweile den Versuch gemacht hatte, sich zu strangulieren, war nun fort und fort darauf gerichtet, den Sokol zu bewegen, ihm das Mädchen wieder abzutreten und seine Aufregung stieg, als er sah, daß alle? vergeblich war. Am 30. August war eine letzte Aussprache zwischen dem alten Waldberger, dessen Sohn und den Angeklagten einerseits und dem Sokol sowie der Marie andererseits in dem Mayschen Lokal in der Grenadierstraße verabredet worden. Als der Vater �eine Tochter bewegen wollte, wieder zu dem Angeklagten zu halten, gab diese eine schnippische Antwort, e» kam schon vor dem Lokal zu einem heftigen Auftritt und als der Vater seiner Tochter eine Ohrfeige verabreichte und Sokol darauf den Vater angriff, entstand auf der Straße ein Auflauf. Die Parteien gmacn nun in das Maysche Lokal. Hier sagte der Angeklagte zu Sokol: .Laß' mich doch die Marie heiraten, ich habe sie doch so lieb! Nach einer vorher mit dem Mädchen getroffenen Verabredung er- klärte Sokol darauf: er wolle sie ihm abtreten, wenn er ,hm vorher seine Auslagen in Höhe von 300 M. erstattet. Nun aber trat, ebenfalls nach Verabredung, daö Mädchen vor und rief:„Nein, ich will nicht wieder zu ihm gehen! Ich will Tlch heiraten! Kaum war dies Wort gesprochen, da zog Sckmucklcr, ohne etwas zu sagen, einen Revolver aus der Tasche und schoß zweimal auf das Mädchen, welches sofort bewußtlos zusammenbrach. Ein Schuß hatte ihren reckten Arm getroffen, der zweite ihren Kopf gestreift. Schmucklcr richtete dann den Revolver auf seinen Nebenbuhler unv dieser sank. von drei Kugeln getroffen, tot zu Boden. Schmuckler richtete dann den Revolver gegen seine eigene Schläfe, es waren jedoch keine Patronen im Revolver. Als er sich darauf mit einem auf dem Büfett liegenden Messer den Hals aufschneiden wollte, wurde er von mehreren Personen daran gehindert und zur Wache gebracht. Die Marie W. kam ins Krankenhaus Friedrichshain, von wo sie nach einiger Zeit als geheilt wieder entlassen wurde. Ter Angeklagte behauptete gestern, nicht zu wissen, wie er zu der Tat gekommen. Als das Mädchen jenes Wort gesprochen, sei e» ihm gewesen, als ob Leute auf ihn eindrängten, ihm sei ganz schwarz vor Augen geworden und er habe sich kaum auf den Füßen halten können..... Die Geschworenen verneinten die Schuldfragen nach versuchtem und vollendetem Totschlage, bejahten dagegen die Schuldfragcn nach Körperverletzung mit tödlichem Ausgange»nd Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges unicr Zubilligung mildernder Um- stände. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Das Urteil läutete auf VA Jahre Gefängnis unter Anrechnung von drei Monaten der erlittenen Untersuchungshaft. Um die Wirkung der Statutenänderung einer OrtSkrankenkaffe handelte es sich bei einem Rechtsstreit des Vorstandes der Allgc- meine» Ortskrankenkasse zu Rixdorf gegen den Rirdorfer Magistrat. Der§ 53 des Statuts dieser Kasse lautete ursprünglich dahin, daß der Vorstand aus seiner Mitte auf drei Jahre einen Vor- sitzenden, einen Stellvertreter und einen Schriftführer wähle.— November ISOll beschloß nun eine Generalversammlung der Kasse eine Reihe von Abänderungen des Statuts. So wurde u. a. auch die zitierte Bestimmung geändert. Und zwar dahin, daß der Vor- stand alljährlich aus seiner Mitte einen Vorsitzenden, einen Stell. Vertreter und einen Schriftführer wähle.— Die Statutenänderungen wurden vom Bezirksausschuß am 1. März 1810 genehmigt. Damals war erster Vorsitzender Neumeher, der nach der alten Fassung des Statuts auf drei Jahre zum Vorsitzenden nominiert war. Die Zeit wäre an sich, falls nicht Hinderungsgründe ein- traten, erst mit Ende des Jahres 1911 abgelaufen. Der Vorstand war aber der Meinung, daß die Statutenänderung die Wirkung habe, daß nach Bekanntmachung der genehmigten neuen Fassung sofort danach verfahren werden könne. Der Vorstand konstituierte sich alsbald neu und wählte an Stelle Neumeyers ein anderes Vorstandsmitglied zum Vorsitzenden. Diese Wahl hatte aus einem hier nicht interessierenden Grunde keinen Bestand, so daß der Vor- stand eine andere Wahl in der Person von Biester vornahm. Neu» mcyer verlangte jedoch, daß seine dreijährige Amtsdauer inne- gehalten werde, und er erzielte auch, daß der Magistrat die neue Wahl für ungültig erklärte. Der Magistrat gin� davon aus, daß die nach der alten Verfassung bestimmte dreijährige AmtSdauer NeumeyerS erst ablaufen müsse. Der Vorstaird focht die Ver» fngung deS Magistrats an und vertrat seinen schon erwähnten Standpunkt. Der Bezirksausschuß wies die Klage deS Vorstandes ab und führte im wesentlichen aus, daß, wenn die nach der alten Ver. fassung bestimmte dreijährige Amtsperiode des Vorsitzenden hätte verkürzt werden sollen, sich der Statutennachtrag hätte rückwirkende Kraft beilegen müssen. Es hätte etwa bestimmt werden müssen, daß die Amtsdauer an einem bestimmten Tag« ablaufen solle. DaS Oberverwaltungsgericht hob jedoch am Donnerstag auf die Revision des Vorstandes, den der zweite Vgrsitzende vertrat, das Urteil des Bezirksausschusses aus und setzte die Verfügung des Magistrats außer Kraft. Begründend wurde ausgeführt: Zwar sage der Beschluß der Generalpersammlung auf Aenderung des Statuts nicht ausdrücklich, daß mit dem Inkrafttreten der neuen Fassung die hier fragliche Wirkung des alten durchbrochen werde. Der Senat sei aber der Ueberzeugung, daß aus dem Beschlüsse selbst deutlich die Absicht hervorgehe, daß die Aenderung der Ver. sassung nicht erst aufgehoben werden solle, bis diejenigen, die nach der früheren Verfassung ein Amt innehätten, es durch Ablauf der längeren Amtszeit der alten Verfassung verlören. Von irgend- welchen wohlerworbenen Privatrechten könne hier ja keine Rede sein. Jedenfalls gehe aus dem Beschluß selbst hervor, daß die Zlb- ficht gewesen sei, daß er sofort in Kraft treten solle. Geringste Strafe für fahrlässige Tötung. Wegen fahrläsfiger Körperverletzung sind am 18. September vom Landgericht KöSlin der GutSvcrwalter Otto Löther und der Rittergutsbesitzer Wilhelm v. Manteuffel zu 190 bzw. K99 M. ver- urteilt worden. Ein Arbeiter war durch die Decke des Scheunen- bodenS gerade in die ungeschützte im Gange befindliche Dresch- Maschine gefallen. Seine Beine wurden dabei derart gequetscht, daß er am nächsten Tage starb. � Die Angeklagten haben eS fahr- lässigerweise unterlassen, die Dreschmaschine mit den erforderlichen Sicherheitsvorrichtungen zu versehen.— Ihre Revision gegen daS milde Urteil wurde am Donnerstag vom Reichsgericht verworfen. Ein Fleischermeister als Schlachthausdieb. Im städtischen Schlächthallse zu Erfürt wurden seit einiger Zeit Yleischdiebstähle begangen, ohne daß es gelang, den Dieb zu er- svischen. Endlich einmal entpuppte sich der Liebhader fremden Fleisches als ein biederer Jnnungs-Flcischermeister, der eines Tages im September ein ganzes Schweinegehänge einem Kollegen stahl und es in seinem Wagen nach Hause schmuggelte, wo es gefunden wurde. Der Grund für seine Tat war verblüffend logisch: bei dem Meister waren 15 Gehänge bestellt, 14 Schweine hatte er nur ge- schlachtet, also fehlte ihm eines, was er sich auf diese Weise ver- schaffte. Der Flcischermeister wurde vom Schöffengericht zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Der Amtsanwalt hatte zwei Monate beantragt. flii9 der Frauenbewegung. Zentrumsdamen! Nun läßt das Zentrum auch seine Damen zum Sturm auf die Sozialdemokratie aufmarschieren. Geheiligte Traditionen verbannen die Frau nicht mehr aus den politischen Versammlungen, wenn der Zentrumsturm wankt! In K ö I n hat man die Frauen zu einer Parade zusammengetrommelt. Selbstverständlich nicht, um politische Rechte für sie zu fordern. Im Gegenteil, nur die Klasseninteressen der Besitzenden sollen die Frauen— Pardon— Damen schützen helfen. Die Referentin, Frau Miebach aus Düsseldorf, sprach nur von der politischen Schulung und Betätigung der Frauen, um sie zu echten deutschen Müttern und Frauen heranzubilden, wie Staat und Kirche sie gebrauchen! Die Forderung deS Stimm- rechtes lehnte sie nachdrücklich ab l Daß das Zentrum durch seine Brotwucherpolitik die proletarische Mutter aus dem Hause, von den Kindern fort in die harte, ver- wüstende Erwerbsarbeit zwingt, davon sprach die Dame natürlich kein Wort. DaS wäre aber unbedingt notwendig, um die Ursachen zu finden, weshalb so manche Mutter keine Erzieherin ihrer Kinder sein kann. Doch, wir wollen nicht ungerecht sein: die Dam» hat zweifellos gar nicht an proletarische Mütter und Frauen gedacht, die werden nicht gefragt, um die kümmert man sich nicht, die haben die Politik deS Zentrums, die ihre HauShalwngSsorgen und Ovalen vermehrt, einfach als Geschenk deS Himmels zu betrachten. Des- halb sollen sie den Männern auch.Rippenstöße' geben, damit sie zentrumstreu wählen. Den Clou deS Abends schilderte die.Köln. VolkSztg.* also:.Justizrat Trimborn stellte sich den Damen als ReichstagSkandidat vor und dankte den Damen für ihre Beteiligung am Wahlkampf....* Nun sind die Zentrumsdamen genügend präpariert, um dem— Beichtstuhl einen Teil Wahlarbeit abzunehmen. Weibliche Polizeibeamte in Norwegen. In Norwegen, wo die Frauenbewegung sehr stark entwickelt ist, wo die Frauen in Staat und Gemeinden wahlbe- r e ch t i g t sind, kommt man auch mehr und mehr zu der Erkennt- niS, daß die Tätigkeit der Frauen in gewissen Beamtenstellungen, und namentlich auch im Polizeiwescn von großem Werte ist, und die Erfahrungen, die man in dieser Hinsicht macht, bestätigen das immer von neuem. In der Stadt K r i st i a n s a n d, an der Süd- küste Norwegens, wurde vor ungefähr anderthalb Jahren zum ersten Male eine Frau im Polizeidienst angestellt, und jetzt haben die Stadtverordneten und die Polizeikammer be- schlössen, daß sie auch Uniform tragen soll, Jacket und Rock samt Mütze aus blauem Tuch, besetzt mit den üblichen Abzeichen und den blanken Wappenknöpfen der Polizei. Bei der Regelung dieser Angelegenheit äußerte der Polizeimeister von Kristiansand über die Tätigkeit der Beamtin: -ES zeigte sich schon bald nach Fräulein HenriksenS Dienst- antritt, daß eS bei der Polizei verschiedene Dinge gibt, die eine Fran mehr zufrlebettftelksckb z« Sibttt» MtttBg als ein Mann. Wenigsten» gilt die» für die Lefassuna d« Polizei mit weiblichen Vagabunden und mit verwahrlosten Stinbeca. In dieser Hinsicht wird nun viele» getan, da» nur mit weiblich« Hilfe ausgeführt werden kann. E» sind z. B. nicht wenige iung« Mädchen, die einen ausschweifenden Lebenswandel führten im» sich nun mit Hilfe der Polizeifrau freiwillig in ein RettungSheim oder auf andere zweckmäßige Weise unterbringen ließen. ES zeigt sich auch mehr und mehr, daß viel Arbeit für die Polizeifrau vorhau, den ist."_---- Torort- J�achrlchten. Marieudorf. Ein Banunfall ereignet« sich gestern vormittag am hiesig« SchulhauSneubau in der Ringstraße. Dort stürzt« bet Maurer Dornberg auS der dritten Etage herab: allem Anschein nach hat der Verunglückte nicht allzu schwere Verletzungen davon getragen. Nach Aussage von Kollegen deS Verunglückten soll die Rüstung de» Baue» in einwandSsteiem Zustand gewesen und der Unfall auf eine Ver« kettung unglücklicher Umstände zurückzuführen sein. »retreligiöi« Gemeinde. Sonntag, den E4. vezemi«,»ormtttag« 11 Uhr, Klein« Frankfurter Straß« 6: Kein Vortrag.— Am 1. Feiertag t Festvortrag von Herrn Walter Trojan.— Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. knefkasten der Expedition. 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