Ur. 303« Nbonnemenk-SeSlngMzwi LbonnementZ- Preis pränumerando i Lierlcljährl. 3,30®lf,, inonatt 1,10 9Kf., wöchenllich 28 Plg, frei ins HauS. Einzelne Nunimcr 5 Pfg, Sonnlags- Nummer mit illustrierter Sonnlags» Vellage»Die Neue Welt' 10 Pjo, Post» tlbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 28. Iichrg. Vit TnttrRonS'Gcliüljf »ekägt für die sechSgespallene Kolon»l- zeile oder deren Raum 00 Pfg,, für politische und gewerlschaftlichc BereinS- und PersammIungS'Anzeigei: 30 Pig. „Kleine Knieigen", das seltgedruilte Wort 20 Psg.(zulässig 2 settgedrustte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schiafstellcnan» »eigen das erst» Wort 10 Psg, jedcS weitere Wort ö Psg, Worte über lö Buch- ' aden zählen für zwei Worte, Inserat- üilc: die nächste Kummet müssen bis Uhr nachinittags in der Expedition «Hgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, CrtchclDt täglich luBtr ElsttigS. Verllnev Volksblalk. Zentralorgan der fozialdemokrati feben parte» Deutfcbtands. »»legramm- Adresse! «SnUliXinoknt BtrUg1*. Redaktion: 8M. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr.»»83. Freitag, de» 29. Dezember 1011. Expedition: SM. 68, Lindenstrasoe 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr.»98». Line„Verteidigung" der Getreide- Zölle. 11. Der Hinweis auf die Konkurrenz der extensiven transozeanischen Landwirtschaft, der stärkste Trumpf der Agrarier, hinkt jedoch in noch einer anderen Hinsicht. Es ist bekannt, daß Amerika rasch zur Jntensifizierung des Betriebes über- geht. Es verwendet beispielsweise schon sehr bedeutende Kali- mengen, und weist auch eine enorme Preissteigerung des Bodens auf, im letzten Jahrzehnt um 117 Prozent. Ja selbst Rußland führt die intensive Kultur ein. Der Rigaer Roggen- preis steht heute fast aus der Höhe, auf der der Königsberger vor dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs stand. Die Furcht vor der extensiven Wirtschaft ist also übertrieben. Außerdem weist Diehl auf die erhöhten Produkttons» kosten, vor allem aus die gesteigerten Arbeitslöhne hin. Daß aber auch gleichzeitig die Arbeitsproduktivität ge- stiegen ist, vergißt er. Kurzum, Diehl ist es ebensowenig wie den anderen Agrariern gelungen, die Notwendigkeit der Agrar- zölle im Interesse der Landwirtschaft zu beweisen, wenn man nicht etwa seine Berufung auf den»Genossen" Schulz als Beweis betrachten will. Noch schlimmer steht es mit den Anstrengungen Diehls, die Tatsache zu bestreiten, daß Getreidepolitik Großgrundbesitzpolitik ist. Er verweist darauf, daß der Fläche nach die Klein- und Mittelbetriebe obenan stehen. Als ob nicht die Menschen, sondern der Boden an den Zöllen interessiert seü... Aber abgesehen davon widerspricht diese Behauptung auch völlig den Tatsachen: da die mittleren Betriebe nur 32,7 Proz. der landwirtschaftlich benutzten Fläche einnehmen, die Großbetriebe dvgegen 51,5 Proz. Die Großbetriebe haben also ein viel stärkeres Interesse an Getreidezöllen. Auf den Einwand, daß die Bauern als Viehzüchter selber Futter und Getreide kaufen müssen, antwortet Diehl nicht. Auch die durch die österreichische Enquete festgestellte Tatsache, daß hohe Getreidezölle den Ruin der Bauernschaft herbeiführen, ver- schweigt Diehl. Damit tritt der Charakter dieser Arbeit als eine Tendenzschrist im Interesse derAgrarier grell hervor. Auch die deutschen Verhältnisse zeigen, daß die Bauern Wirtschaft sich bei niedrigen Getreidezöllen zu entwickeln ver- mag. Die Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse sanken von 1882 bis 1895, beginnen seit Anfang des 20. Jahr Hunderts rasch in die Höhe zu gehen. Es wurde in Preußen gezahlt(in Mark pro Tonne): Weizen Roggen 1880— 1885.. 180,6 100,0 1890—1895.. 165,5 148,5 1900—1005.. 167,8 138,2 1907.... 201,0 186,0 Man könnte also wohl annehmen, schaft in den 80er und 90er Jahren zugrunde gegangen sei. Um so mehr, als die Herren Agrarier behaupten, daß die Er- träge selbst bei den früheren hohen Getreidepreisen die Pro- duktionskosten nicht deckten und die Landwirte daher mit Ver- lust arbeiteten. In der Wirklichkeit sehen wir aber, daß sich die Zahl der Baucrnwirtschaftcn gerade in der Periode 1882 bis 1895 am stärksten vermehrt hat. So wurden gezählt 1832 1895 1907 Betriebe mit 2— 5 Hektar 981 407 1 016 318 1006 277 .. 5—20. 926 605 993 804 1 065 533 Die Zahl der Betriebe stieg(oder verminderte sich) 1895 1907 gegenüber 1882 gegenüber 1395 absolut in% absolut ln0/0 Betriebe mit 2— 6 Hektar+ 84911+8— 10 041— 1 .. 5—20.+72 199+ 8+ 66 784+7 Die kleinbäuerlichen Betriebe haben sich also in der weiten Periode vermindert; die mittleren Betriebe haben in eiden Perioden zugenommen, aber in der ersten absolut und relativ stärker als in der zweiten. Daraus geht deutlich hervor, daß die steigenden Preise der landwirtschaftlichen Er- zeugnisse die Entwickelung der Bauernwirtschaften hemmten— daß also die Rentabilität der bäuerlichen Betriebe in um- gekehrtem Verhältnis zu Getreide- und Futterpreisen steht... Daß der Großbetrieb es ist. der aus den Agrarzöllen den größien Vorteil gezogen hat. haben auch die Untersuchungen Rothkegels bewiesen, wonach die Bodenpreissteigeruug der grr,r,en Güter in Preußen viel bedeutender war, als der kleinen und mittleren. So war die Steigerung von 1901/03 bis 1907/09 größer als von 1895/97 in Prozenten: in Bettieben bi» 2 Hektar 12 Proz. », von 2, v, 11, . b. 20. 13. . 20. lVO. 23» über 100. 36, durchichnitliich 16 Proz. Wie kann man trotzdem behaupten, daß die Agrarpolitik nicht den Großgrundbesitzern zugute kam? Andererseits be- weist die Preissteigerung des Bodens, daß alle Berechnungen über die Rentabilität der Landwirtschaft, wonach die Land- Wirte immer noch nicht auf ihre Produktionskosten kommen. Schwindel sind. Denn sonst wäre die Bodenpreissteigerung Gerste 154,8 142,5 140,7 170,0 daß die Hafer 145,8 134,4 140,9 179,0 Bauernwirt- eine unerklärliche Erscheinung. Da die Bodenpreise und die Grundrente infolge der Zölle sehr gestiegen sind, so kann die Landwirtschaft unmöglich unrentabel gewesen sein. Die Schutzzöllner berufen sich ferner noch darauf, daß die Löhne stärker gestiegen sind als die Lebensmittelpreise und daß deshalb die Arbeiter darunter gar nicht leiden. Auch in dieser Hinsicht verwechselt Diehl zwei Perioden: die bis 1900, als die Lebensmittelpreise im allgemeinen sanken, wenn in Deutschland auch nicht so rasch wie in England— und die darauffolgenden Jahre mit stark ausgesprochener Prtzis- steigerungstendenz. In dieser letzten Periode sind die Löhne weit hinter der Preissteigerung zurückgeblieben. So sind Brotpreise und Fleischpreise in Berlin ge- beispielsweise stiegen: die Rindvieh Schweine im Großhandel per 100 kg 119 95 181,6 98,0 146,6 110,3 145,0 128,0 Brotpreise im Kleinhandel per 100 kg 1900... 23,93 1904... 23,50 1907... 30,82 1910... 27,65 Das Brot ist also um ungefähr 11 Proz., das Rindfleisch um 13 Proz. und das Schweinefleisch gar um 33 Proz. gestiegen. In anderen Gegenden des Reiches ist die Preissteigerung der Lebensmittel teilweise noch größer gewesen. So waren die Preise der Kruppschen Konsumanstalt in Essen(im Vergleich zu den Preisen von 1871 beziehungsweise 1875, die als 100 gesetzt werden): Schwarzbrot Kartoffel Kalbfleisch Rindfleisch Speck 1900. 83 69 121 III 102 1910. 107 00 162 181 134 DaS Schwarzbrot ist also hier um 30 Prozent, Kartoffeln ebenfalls um 30 Prozent, Kalbfleisch um 34 Prozent, Rind- fleisch um 18 Prozent und Speck um 30 Prozent gestiegen. Man kann also eine Preissteigerung von 15 bis 30 Prozent annehmen. Und wie haben sich die Löhne ent- wickelt? Darauf geben die Durchschnittslöhne im Bergbau eine wenn auch nicht genaue, so doch annähernde Antwort. Der Jahreslohn eines Arbeiters im preußischen Steinkohlen- bergbau war: t � Obersihlesten Dortmund Saarbrücken 1900..... 983 1592 1193 1904..... 932 1415 1230 1910..... 964 1382 1122 D i e Löhne sind also durchweg gesunken gegenüber 1900 und auch 1904. Der neue Zolltarif hat also keineswegs eine allgemeine Erhöhung der Löhne mit sich gebracht. Das ist das wahre Resultat der glorreichen„nationalen Wirtschaftspolitik. Gewiß ein Resultat, um dessentwillen Herr Prof. Diehl in die Arena treten muß. Zu dem Hohn fügt das„Rüstzeug" dann noch den Schrei gegen die Konsumvereine, die in etwas den Beamten helfen und sie gegen die„schaffenden" Kapitalisten schützen könnten. ffgrsrlsche NshIIiigen. IV, Bei der gekennzeichneten grandiosen Auslegung der Ber- fassung durch das„Rüstzeug" kann es nicht wundernehmen, daß die verbrieften Rechte als Verstoß bezeichnet werden. So soll die Wahl von Sozialdemokraten zu Vizepräsidenten in Land- tagen„eigentlich" eine Verfaffungsverletzung bedeuten. Durch das „eigentlich" verrät das„Rüstzeug", daß ihm diese Künstelei selbst nicht recht geheuer erscheint. Um so freier und wilder zeigt es aber in der Frage des Wahlrechts von Beamten seine Unkenntnis der Verfassung, seinen Hah gegen Parlament und Wahlrecht. Der alte Ladenhüter wirb wiederholt herausgestellt: Unterstützung einer Partei„auf antimonarchischem Boden" durch Beamte verstoße gegen Diensteid bezw. Fahneneid. Jede Verfolgung eines Beamten wegen Ausübung seines Wahlrecht» verstößt vielmehr gegen die verfassungsmäßigen staatsbürgerlichen Rechte, die dem Buchstaben nach auch dem Be- amten gewährleistet sind. Bei dem geheimen Wahlrecht ist die Sachlage so klar, daß sie eigentlich gar keiner Erörterung be- dürfte. Der geheime Wahlakt soll ja gerade gegen jeglichen un- gesetzmäßigen Nachteil infolge der Ausübung des Wahlrechts schützen. Wenn aber die Tat selbst geschützt ist, muß doch die Vor- bereitung und Aufforderung dazu ebenso ungehindert sein. Nicht nur den schon stark eingeschränkten Genuß des Wahl- rechts wollen die rechtsstehenden Parteien den Beamten beschneiden, sie haben auch sonst noch allerlei Wünsche für sie. Das„Rüstzeug" rühmt zunächst die angebliche Fürsorge dieser Parteien für die Beamten,„erwartet" aber dafür, daß die Beamten„auf die schaffenden Stände die geboten« Rücksicht nehmen". Die schlecht besoldeten Beamten sollen also gegen ihre Ausbeuter, die agrarischen Lebensmittelverteurer und die schwerindustriellen Schlotjunker, nicht Opposi- t i o n m a ch e nl Diesen frommen, aber hoffentlich immer weniger erfüllten Wunsch hüllt das„Rüstzeug" in die groteske Phrase, daß «jeder Beamte sich dessen bewußt bleiben oder werden müßte, daß er mit jedem Einkaufe eine soziale Verantwortung übernimmt". Von einer sozialen Verantwortung der Produzenten beim Ver- kauf steht aber nichts geschrieben. Und wie ein Hohn klingt es weiter:„Er darf der tüchtigen Arbeit den angemessenen Preis nicht vorenthalten." Als ob'die Großagrarier und Aktienbesitzer selbst die„tüchtige Arbeit" leisteten, als ob nicht in den Preisen Extraprofite durch eine wucherische Steuer- und Zollpolitik steckten und als ob schließlich die wirkliche Arbeit der Beamten nicht einen weit angemesseneren Preis verdiente, als er jetzt gezahlt wird! Aaz hat'! genützt? Ganz gleich, ob mit Honig oder mit dem Knüppel-- ruhig muß das Proletariat im kapitalistischen Staate ge« macht werden. Schon 18 6 9 brachte mit der Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund— sie wurde auf das Deutsche Reich übernommen— und ihreni§ 152 auch den berüchtigt gewordenen Paragraphen 153. Er ist bis zum heutigen Tage nur gegen die Arbeiter angewendet worden, trotzdem er klar und deutlich jeden Arbeitszwang und jede Arbeitshinderung als strafbar er» klärt. In den lebhaften siebziger Jahren stürmten die Unter« nehmer den Reichstag mit Petitionen; unter der Parole: Gegen die Gewerbeunordnungl zogen sie vom Leder. Dir folgsame Regierung brachte 1873 und dann 1874 eine Revisionsvorlage der Gewerbeordnung ein. die sich um die„Verbesserung" des ß 153 drehte. Es handelte sich um eine Vervoll st än big ung des Ver« zeichnisses strafbarer Handlungen Streiken- der und die H i n a u f s ch i e b u n g der Straf möglich- kcit bis zu einem halben Jahre Gefängnis gegen die drei Monate des alten Gesetzes. Schon die Kommission lehnte den Entwurf ab. er ver« schwand im Orkus. Dafür kam Polizei und Justiz! Der aufstrebenden Arbeiterbewegung wurde durch den Verwaltungsapparat das Leben gründlich schwer gemacht. Trotzdem ging es vorwärts. Dann kam in Form der Strafgesetznovelle von 1875/76 etil aii- ständiges Bein, über welches die Arbeiterbewegung stolpern und das Genick brechen sollte. Der Reichstag lehnte ab! Bismarck kochte! Hödel schoß am 11. Mai 1878, am 20. Mai hatte der eiserne Kanzler sein Gesetz zur Abtvehr sozialdemokratischer Ausschreitungen fertig, es brachte ihm von nattonalliberaler Seite nur drei Pro- f e s s o r e n als Gefolge: Beseler, Gneist und T r c i t s ch k e. Am 2. Juni schoß Nobiling, Bismarck löste den Reichstag auf, hetzte die nationalliberalen Wähler gegen ihre Abgeord- neten, sie wurden„an die Wand gequetscht", trotzdem die „Nntioualzeitung" noch rasch vor der Reichstagsauflösung die Zustinmiung der Fraktion zu einem Ausnahmegesetz gegeben hatte I Am 19. Oktober 1878 nahm der neue Reichstag das Sozialistengesetz an. Wir fragen: Was hat's genützt? Unser Genosse Bracke tat den Schuß ins Schwarze, als er im Reichstage erklärte:„Wir pfeifen ans das Gesetz!" Der Präsident ließ der Journalistentribiine extra sagen: Bracke hätte wirklich nur auf das Gesetz— gepfiffen. Im Jahre 18�6 kam P u t t k a m e r mit den berüchtigten Streikerlassen und 1890 erschien Berlepsch mit seiner Gewerbeordnungsnovelle. Die Peitsche hatte nichts geholfen, jetzt mußte der Honig der sozialen Bot- schaft nützlich werden. Der ß 153 sollte Strafverscharfung bis z« einem Jahre Gefängnis erhalten! Die plötzliche Arbeitseinstellung sollte durch den Bußparagraphen dem Unternehmer Geldentschädignug aus den Kassen der Gewerkschaften gewähren 1 1 Die Re- gierung mußte aber unbefriedigt abziehen, sie hinterließ die Mitteilung: wir kommen wieder l Und richtig, im Dezember 1 884 ging dem Reichstage die Umsturzvorlage zu. Strafgesetzbuch. Militärstraf- gesetzbuch und das Gesetz über die Presse sollten ein solider Strick werden, mit dein die Arbeiterbewegung endlich und ganz sicher umzubringen sei. Die Hochkouservativen hatten sich gerade über die ver- nünftige Haudelsvertragspolitik Caprivis geärgert, sie machten aus Wilhelms II. Bitten die Umsturzvorlage mit den National» liberalen, die sich auf ihrem Frankfurter Delegiertciltag als Kerntnippcn zur Revolutionsbekämpfung empfohlen hatten, herzlich gern; verschwand doch dabei Caprivi. Aus dem Kampf gegen den Umsturz der Arbeiter wurde eine Uinsturzbekämpfung der Wissenschaft und der Schule durch Konservative und Zentrum! Dreieinhalb Monate Konunissionsberatung nützten nichts, am 8. Mai 1895 fiel der ganze Entwurf. Die anderen Mächte der deutschen Politik fingen nun an, umso lauter zu reden: �Rücksichtslose Niederwerfung dcS NmstnrzrS iuid schwerste Striae»cm, der sich uiiierstcht, einen Nebriunenschcn, der arbeiten will, an freiwilliger Arbeit zu hindern" klang es aus Bielefeld, und von Bad Ohuhausen kam die "'nkündigung der Zuchthausstrafe. Das Gesetz zum Schutz des gewerblichen Arbettsverhält» niffes(Zuchthausgcsetz) wurde 1898/99 beraten. Es hob— nach dem Entwürfe— den§ 163 der Gewerbeordnung ganz auf, und schaffte für die darin festgelegten Delikte und noch einige mehr die Möglichkeit, sie mit Zuchthaus bis zu fünf Jahres zu ahnden I Das ganze Zentrum kämpfte gegen das Gesetz weil es in eifrigster Arbeit begriffen war, die eigenen Arbeiterschäflein in den christlichen Gewerkschaften zu fangen. Sein Dr. Lieber sagte: „Wenn man die Koalitionsfreiheit schützen will, so muß zuiiächst die Koalitionsfreiheit wirklich da sein." Das Gesetz fiel im November 1899. Der Gesetzentwurf, betreffend dieRechts- fähigkeit der Berufsvereine stellte sich als neuer Versuch dar, der aufstrebenden Gewerkschaftsbewegung den Hals zuzuschnüren. Er mußte fehlgehen, die Arbeiterschaft DentschlanSs ist schon zu mächtig. Und jetzt ist's wieder einmal die Strafgesetzbnchrcform, die benutzt werden soll, dem kämpfenden Proletariat sein Recht zu nehmen. Dazu kommen noch die Hilferufe der Großindustie um ein Zuchthausgesetz. Gerade dies Geschrei ist die ständige Mahnung an die Arbeiter, auf der Hut zu sein I Deutschland ist heute nicht weniger reaktionär, als vor vier Jahrzehnten I Nur eiu starkes Proletariat ist mächtig geuug, die Rechte der Arbeiter zu schützen I Darum muß jeder Arbeiter am 12. Jauuar sozial- demokratisch wählen! Zur kelchKzgMshl. Posadowöky oder Severins? Im„Berliner Tageblatt" schreibt der bisherige fortschrittliche ReichStogsabgeordnete Dr. Heinz Potthoff über die Frage„Posa- dowskh oder Severing?" Er führt auS, daß die Aufstellung einer fortschrittlichen Kandidatur in Bielefeld nur dann einen Zweck haben könne, wenn in der Stichwahl von der Fortschrittspartei die Parole„Gegen rechts!" ausgegeben werden soll. Dann legt Dr. Potthoff dar, daß das Argument. PosadowSky gehöre als„großer Mann" in den Reichstag, deshalb wirkungslos sei, weil zunächst das deutsche BerfassungSleben demokrattsiert und die Macht des Sleichsparla- mcntS vergrößert werden müsse, ehe die großen Männer im Parlament irgend eine Rolle spielen könnten. In der Sozialpolitik wolle Posa- dowSky eigentlich nicht mehr als die Christlichsozialen Stöckerscher Richtung, und für all das, wofür PosadowSky in der Sozialpolitik einttitt, gebe eS jetzt schon Parteien oder sogar Mehrheiten im Reichs- tage. Die Hemmung der sozialpolitischen Gesetzgebung kommt aber vom Bundesrat. Und da PosodawSky als christlicher Monarchist und konservativ gerichteter Mann sicherlich nicht geneigt sein würde, gegen den Bundesrat parlamentarische Machtmittel �Ablehnung des Gehalts deS Reichskanzlers, Etatsverweigerung) anzuwenden, so sei für die Machtvergrößerung des Reichstags jeder Sozialdemokrat wichtiger und bester als Graf PosadowSky. Wahlblüten ans Hinterpommern. Die Landräte, Amtsvorsteher und nachgeordneten Organe find eifrig an der Arbeit, ihre konservattven Parteiobliegenheiten zu er- füllen. Einige Beispiele mögen zeigen, wie diese Wahlmacher arbeiten. Nach Kölpin, KreiS Neustettin, kommt zum dortigen Gemeinde- Vorsteher ein Beauftragter der Nationalliberalen, um Abschrift von der Wählerliste zu nehmen. Der Dorfpascha— Wolff heißt er— zeigt dem Manne einen meterlangen Knüppel, an welchem ein Zettel mit der deutlichen Aufschrift befestigt war:„Wer ohne Legitimation die Wählerliste einsehe» will, hier ist sie."— Ein anderer Gemeindevorsteher verweigert die Einsichtnahme in die Listen kurzweg mit der Begründung, er und seine Leute wählten nur konservativ, und ein anderer wieder hat keine Zeit, er muß— seiner Schwester beim Umzug helfen.— Bezeichnend für die Fähigkeit dieser landrätiichen Wahlkenttruppen ist nachstehendes Aktenstück: „Die ReichstagSwahl findet am 12ten Dezember stadt die Lieste» liegen vom 21 Dezember d. IS. Zu jedermanns Einsicht in Meiner Wohnhaus. ES wird hierdurch bekannd gemacht das die Wählerlieste offen liegt. Wer die Lieste ftir nnrichdig kann innerhalb 3 Tag vom Ilten Dezember d. Js. bei Mir schriftlich anzeigen Zu Protokoll geben. Flakenheide den Ilten Dezember 1911. PStzke, Gemeindevorsteher." Konservativer WahlschuapS. In Ochel-HermSdorf, zum Wahlkreis Grünberg-Frau- stadt gehörend, hatten Konservative und der Bund der Landwirte zu einer königstreuen Wählerversammlung eingeladen. Um die Versammlung zugkräftiger zu gestalten und vielleicht auch in der bestimmten Absicht, die richtige Stimmung für den konservativen Redner zu machen, wurden vor Beginn sämt- liche Tische mit mehreren gefüllten Schnapsflaschen dekoriert. Trotz alledem waren nur 20 königStteue Wähler er- schienen. Der Referent hatte also das Vergnügen, zwar vor g e« füllten Schnapsflaschen, aber vor leeren Stühlen zu sprechen. Dieser Vorgang ist in konservativen Versammlungen durchaus nicht ungewöhnlich. An Bedeutung gewinnt er nur dadurch, daß der konservative Kandidat. Kommerzienrat Beuchelt-Grünberg. in besten Interesse zweifellos die ganze Batterie von Fuselflascbcn aufgefahren wurde, Ausschußmitglied der Wanderausstellung gegen den Alkoholismus ist. Auf den Dörfern ködert man die konservattven Wähler mit dem Junkerfusel, in den Städten ist man gegen den Alkoholmißbrauch. Die Kriegsinvaliden und die Krieger- vereinler. Zu den Petitionen, die am regelmäßigsten beim Reichs- tage eingehen, gehören die der Militärinvaliden. So war es z. 33. auch im Jahre 1895. Zehntausende von Invaliden baten unter Hinweis auf ihre traurige Lage um Erhöhung ihrer Pensionen. Doch was antwortete die Regierung? In der Petitionskommission erklärte der Geheime Lberregie- rungsrat P l a t h. daß an eine allgemeine Erhöhung der Pen- sionen nicht gedacht werden könne. Durch das Gesetz vom Mai 1893 seien den Invaliden Zugeständnisse in weitem Maße gemacht worden. Zu weiteren Zulagen fehle das Geld. Und was war im Jahre 1893 für die Aufbesserung der Penstonen getan? Die Kriegszulage war von monatlich 6 auf 9 Mark, »lso pro Tag um knapp 10 Pfennig erhöht worden? Aber neben den eigentlichen Invaliden waren Tausende von ehemaligen Soldaten vorhanden, die zwar unverletzt aus den Feldzügen zurückgekehrt, aber infolge der erlittenen Strapazen vorzeitig siech und erwerbsunfähig ge> worden waren. Diese Armen hatten seit Jahren um Ge Währung eines Ehrensoldes gebeten. Es mögen von Teil nehmern am Kriege 1870/71 heute noch etwa 600 000 bis 700 000 Mann leben. Im Jahre 1895 konnte über diese Bitten nicht gut mehr hinweggegangen werden und die Re gierung beantragte daher, den völlig erwerbsunfähig ge- wordenen Teilnehmern an Feldzügen einen Ehrensold von jährlich 120 M. zu gewähren. Die sozialdemokratischen Abgeordneten beantragten dw gegen, den Sold auf 360 M. zu erhöhen, mit der Begründung daß für einen völlig erwerbsunfähigen Menschen 1 M. pro Tag das m i n d e st e sei, was er zum Leben haben müsse. Nach hitzigen Debatten wurden die sozialdemokratischen Anträge von allen übrigen Parteien des Reichstages nieder gestimmt und die Vorschläge der Regierung an- genommen. Gegen den maßvollen Vorschlag der Sozial demokraten wurde unter anderem angeführt: vom Staats� sekretär Graf v. Posadowsky: ..Hier in Berlin ntao man mit 120 M. nicht leben können, Ivenn man vollkommen arbeitsunfähig ist. Wenn Sie sich aber an die Verhältnisse der kleinen Städte und des platten Landes erinnern wollen, so kann man dort mit ungemein niedrigen Beiträgen auskommen. Die Empfänger der Altersver- sicher» ngsrente müssen ja auch davon leben. Es sind Verwandte, bei denen sie sich in Pension geben, ver. heiratete Kinder usw. Man kann in kleinen Städten aber auch anderwärts sehr billig unterkommen, so daß ich dcch glaube, daß ebenso wie die Empfänger von Alters- und Invalidenrenten da- von leben müssen, sich auch eine Möglichkeit für die vollkommen arbeitsunfähigen Kriegsteilnehmer bieten wird, für ihre Bei Hilfe bei Verwandten unterzukommen oder doch wenigstens aus dem Lande ein, wenn auch sehr bescheidenes, sehr dürftiges, doch von der öffentlichen Wohltätigkeit unabhängiges Leben zu führen. {Sitzung des Reichstags vom 15. Mai 1895. S. 22K1.> Durch die Belastung infolge der Zölle, Grenzsperren und der famosen„nationalen Finanzreform" allein wird der Haushalt einer Familie, die aus fünf Köpfen besteht, jährlich mit m i n d e st e n s 150 M. belastet. Aber mit 120 M. sollen vollkommen erwerbsunfähige Vaterlandsverteidiger auskom men können! Die Witwen sollen ja gar vom 1. Januar 1912 ab mit noch nicht 20 Pfennig pro Tag aus- kommen. Namens des Zentrums wollte Abg. Bachem einen Rechtsanspruch auf hinreichende Unterstützung für die. die am Kriege teilgenommen haben, nicht anerkennen. Der konservative Abgeordnete v. Leipziger wendete sich gegen die Erhöhung von 120 auf 360 M. und führte dabei aus(Stenographischer Bericht Seite 2268): „Der Herr Staatssekretär des Reichsschatzamtes hat sehr überzeugend ausgeführt, daß Herr Kollege Singer die Verhältnisse der Stadt vor Augen hat. Wie steht's denn bei der Alters- und Jnvaliditätsversicherung? Glauben Sie mir, daß die Leute, die auf dem Lande eine Rente von 196, 129 M. haben, von den meisten Leuten gern ins Haus genommen werden. Ein alter Mann, der dies bare Einkommen hat, ißt sich noch mit am Tische des Wirtes satt, und wir haben das bare Geld jeden Monat in der Tasche, sagt der kleine Mann, und ist damit sehr zufrieden." Die Konservativen, das Zentrum und die Regierung setzten freilich das Einkommen des Reichskanzlers auf 100 000 Mark fest. Wäre der Konservative mit einem eigenen Ein- kommen von nur 120 M. jährlich sehr zufrieden? Der damalige Landwirtschaftsminister hielt sein Einkommen von zirka 50 000 M. für so unzureichend, daß seine Frau bei der Firma Tippelskirch noch ein paarmal hunderttausend Mark jährlich hinzuverdinen mußte! Im Jahre 1908 wurde abermals der Antrag der Sozial- demokratie abgelehnt, den Ehrensold auf 360 M. zu erhöhen. Abgelehnt wurde auch der Antrag, den Sold allen Veteranen zukommen zu lassen, die weniger als 300 M. Jahreseinkom- nien haben. Es ist kein Geld da. hieß es, die„nationalen" Schnapsbrenner könnten ihre Liebesgabe von 45 Millionen Mark jährlich nicht entbehren, die ist notwendig, um die Schulden ihrer Herren Leutnants- und Studenten-Söhne zu bezahlen. Wartet, bis noch mehr Veteranen sterben, weils dann nichts kostet, bewilligen wir alles. Das war der Refrain der„nationalen" Talmipatrioten. Schließlich wurde ein- stimmig beschlossen, wenigstens den Veteranen, die unter 600 M. Einkommen haben, jährlich 120 M. zu bewilligen. Durch die Steuersinanzreform ist natürlich auch diese Rente beschnitten und soll im künftigen Reichstag durch neue Steuern, für die die bürgerlichen Parteien bereit sind, noch mehr geschmälert werden. Man ersieht auch aus dieser Erinnerung, wie tief die sich „staatserhaltend" nennenden Parteien die wirklich Darbenden, die wirklich Erwerbstätigen mißachten. Ten Kriegerverein- lern, die für solchen Ordnungsbrei ihre Stimme abgeben, wird freilich das Verhalten der Junker und Junkergenossen im Parlament sorgfältig verschleiert. Wer sein Wobl und das Wohl seiner Familie im Auge hat, wer für sein Vaterland wahrhaft national eintreten will, darf nicht für den Hurrapatriotismus, sondern muß für die Sozialdemokratie stimmen! Ein Kriegervereinsmitglied ist kein Bürger zweiter Klasse. Zu Bürgern zweiter Klasse werden aber die Mitglieder der Kriegervereine, wenn sie sich durch patriotischen Phrasenschwall und große— Versprechungen verleiten lassen, ihre eigenen Interessen, die ihrer Familie und der Gesamtheit der Staatsbürger, also die wahren Interessen des Vaterlandes, durch Bekämpfung der sozialdemokratischen Bestrebungen zu verraten. Das Heer wollen die bürgerlichen Parteien zu einem Machtmittel zur Unterdrückung der Rechte des Volkes gestalten. Daher die sorgsame Scheidung zwischen den aus der herrschenden Klasse entnommenen Vorgesetzten und den „Untergebenen". Ein Volksheer, in dem jede Stellung dem dazu Befähigten ohne Rücksicht auf seinen und der Seinen Geldsack oder Herkunft Zugänglich ist, würde unter unendlich geringeren Opfern des einzelnen schlagfertig gegen alle Feinde des Vaterlandes, des Volkes sein. Ein Volksheer kämpft unbesieglich für die Interessen des Volkes, der Ge- samtheit, des Vaterlandes. Ein Heer, das in seiner Masse aus Söldnern oder aus Untergebenen besteht, die auch im In- teresse der besitzenden Klasse gegebenen Befehlen ihrer Vor- gesetzten zu gehorchen haben, kann diesen Interessen nicht dienen, muß Mißhandlung.en der Untergebenen. Unterdrückung des Menschlichen iin Menschen zur Folge haben! Es ist verständlich und erklärlich, wenn ehemalige Sol- baten ihre Erinnerungen an ihre frühere Dienstzeit unter- einander in geselligem Beisammensein astssausHssi wollet?. Ein anderes Gesicht bekommt die Sache, wenn von OfstZure» außer oder in Diensten versucht wird, unter dem Deckmantel des Kriegervereins politische Zwecke zu verfolgen, insoesondere den, die Kriegervereinskameraden von der Verfolgung ihrer wahren Interessen durch Klimbim und Kinkerlitzchen und Dressur gegen freiheitliche Regungen den Interessen der be- sitzenden Klasse dienstbar zu machen! Leider haben sich bei den Hottentottenwahlen 1907 auch viele Kriegervereinler durch die hurrapatriotische Phrase und die Verleumdungen gegen die Sozialdemokratie dazu verleiten lassen, gerade gegen diejenige Partei zu stimmen, die, wie wir oben nachwiesen, im Ernstfalle einzig von allen Parteien für die Kriegsinvaliden eingetreten ist! Hier hat die Sozialdemokratie wahrhast positive Arbeit leisten wollen, die bürgerlichen Parteien, Junker, Antisemiten, Zentrum und Freisinn haben jedoch diese positive Arbeit der Sozialdemokratie vereitelt! Darum, Ihr Kriegsinvaliden und ehemalige Soldaten. wählt am 12. Januar so, wie es Euch die Vernunft, Euer und des Vaterlandes Interesse gebietet. Wer sich durch dies leiten läßt, muß sozialdemokratisch wählen. politiscke(leberNckt. Berlin, den 28. Dezember 1911. Ueber die neuen preuftischcn Steuergesetze weiß die halboffiziöse Korrespondenz Woth zu berichten: Die neuen preußischen Sreuergesetze sind vom preußischen Staatsministerium angenommen worden, die Entwürfe werden dem Abgeordnetenhause gleichzeitig mit dem Etat am 15. Ja- nuar vorgelegt werden. Diese Entwürfe werden die provi- sorische Steuergesetzgebung von 1909, die bekanntlich anläßlich der neuen Beamtenbesoldungsgesetze für die Staatseinkommen- steuer Zuschläge vorsah, zu einer definitiven machen, indem die Steuerzuschläge in die neuen Staffelsätze der Vorlage ein- gearbeitet sind und fortan auch für die Kommunalsteuern zur Erhebung gelangen. Die neuen Sätze der Vorlage sind so gestaffelt, daß die Härten, die die Novelle von 1909 oft er- gab, vermieden werden. Im allgemeinen werden die neuen Gesetze eine Erhöhung der Steuer nicht bringen, sondern mehr ausgleichend wirken(?). Dagegen enthalten die Gesetze neue Bestimmungen über den Deklarationszwang bei der Einkommen st euer und dehnen diese» tvang auch auf die Ergänzungssteuer auS. ie Strafbe st im münzen für Steuerhinter- Ziehungen werden verschärft werden, even- tuell kann beidiesen im Unvermögenssalle Haftstrafe eintreten. Nach der Novelle von 1909 sollte die endgültige Neu- ordnung der Steuergesetze spätestens bis zum 26. Mai 1912 erfolgen. Es ist jedoch staglich, ob dieser Termin eingehalten werden kann, da bei der Kürze der Zeit die Erledigung des Etats im Landtage vor Ostern sehr in Frage gestellt ist. Man nimmt deshalb an, daß der Landtag sich damit einver- landen erklären wird, daß die alte Steuerordnung bis zum 1. April 1913 in Kraft bleibt und die neuen Steueraesetze erst mit diesem Termin in Kraft treten. Ein anderer Modus ist auch nicht möglich, weil die Einschätzung für das Steuerjahr 1912 bereits vor dem 1. April 1912 erfolgen muß und inner- halb dieses Stenerjahres Abänderungen der Steuereinschätzung nicht statthaft sind. Dazu kommt, daß die Verabschiedung der Steuergesetze im Landtage erst kurz vor der Vertagung der Session zu erwarten ist und die Bearbeitung neuer Aus- ührungsbestimmungen ebenfalls noch geraume Zeit in An» pruch nehmen�wttd. Der Etat für 1912 rechnet mit der Nen» ordnung der Steuergesetzgebung noch nicht. Der innere Kampf im ZentrumSlager. Wir veröffentlichten vor kurzem einen Brief des General» ekretärs der christlichen Gewerkschaften, deS Herrn Steg er» wald, an Herrn F. Bachem, in welchem er über seine Kon» ferenz mit dem Bischof Korum von Trier wegen der Politik der christlichen Gewerkschaften berichtet und den Bischof Korum als einen weltfremden doktrinären Fanatiker charakterisiert. Der Zentrumsp reffe ist die Veröffentlichung dieses schönen Briefes des Oberleiters der christlichen Gewerkschaften sehr unangenehm; teils hat sie ihren Lesern dieses Schreiben ganz verheimlicht, teils ist sie mit einigen allgemeinen Verlegenheitsphrasen dar- über hinwcggehuscht. Die kleinen Kirchen- und katho- tischen Vereinsblätter, die in den Händen des„doktrinären" Klerus siift, verspüren jedoch wenig Neigung, die Angriffe Stegerwalds vertuschen zu lassen. So brachten dieser Tage die am Sitze des Bischofs Korum erscheinenden, neugegründeten „Petrusblätter" in ihrer Nr. l2 den Brief und die nachträgliche Perteidigung des Schreibers unter der Ueber- schrist„Traurige Enthüllungen" zum Abdruck und sagten dazu: Umwttg viele Worte zu verlieren über diese anmaßend« Sprache, die sich ein katholischer Arbeiteri'ekrelär gegeiiüber einem bocbverdienren Mitglied des deutschen Episkopats leistet I Diese Sprache ist pietätlos, ja, unerhört. Daß dieses Urteil nicht ungerecht ist, quittiert die Slegerwaldsche Ertlärunq vom 6. Dezember d. I. Wir und mit unS noch recht, recht viele— hätten erwartet, daß ein katholischer Man», der überdies durch seine Stellung zur Führung großer katholischer Arbeilermasten be» rufen«st, ein Wort der Entschuldigung für s-i«e schriststellerische Leistung gesunden hätte. Doch nein! da« entspricht nicht der Mentalität dieses chrinttchen GewerkschaftSsekretärS. So sind also wohl jene bedauerlichen Wendungen lediglich der Niederschlag seiner momentanen Verärgerung, in der der kalt rechnende Verstand von der lohenden Leidenschaft vergewaltigt wird? Mit»ichten—. wer von dem Original eines umfang» retchen SchrifisiückS noch eine ganze Anzahl Kopien anierligt. hat doch wahrlich Zeit und Bkuße, zu überlegen und seiner Herr zu werde». Doch der Brief war ja nicht für die Ocffentlichkeit bestimmt, und in solch streng vertraulichen Aeuyerungen legt man nicht „jedes Wort aus die Goldwage". Aber wo fängt denn Stegerwald die Oeffentlichkeit°"? Ein Brief, der abschriftlich an e,ne Reihe von GesinnunaSaenoficn ver, endet und von diesen erfahrungsgemäß doch auch verwertet wird, ist in der Oeffentlichkeit. Die Goldwage hätte also dem Schreiber ganz«nlichieden gute Dienste geleistet, im Jnieresse der Ehre feines Nächsten und nicht zuletzt auch im eigenen Interesse; übrigens wäre, fall«„Farn, und Ansdrrnk" dieses Briefe« typisch sind für Stcgerwaldsche Schreibart, stm, der Goldwage eine Dezimalwage en, dringende« Bcdarfsstück seiner Schreibstube. So bleibt e« dein, trotz aller Erklärungen der Stegerwaldschen Erklärung" bei der harten, unabweisbaren, skandalöse» T a t s a ch e Herr Stegerwald der einen weit über die Grenzen feiner Diözese hochverehrten deutschen Kirchenft.rsten als einen .erbosten',.wütende»',.w elt fremden doktrinären Fanatiker' brandmarkt, den man am besten vorläufig.linl-ö liegen lassen' müsse, findet kein Wort des Bedauerns über seine unqualisizierbare Handlungsweise. Ebensowenig hört man ein Wort deS Bedauerns dorr uir serer kührenden katholischen Presse!.Die bevorstehenden Wahlen gebieten Zurückhaltung!' Wir befürchten sehr, daß für solche Bedenken unser katholisches Boll kein Verständnis hat. ES wird in seiner Zentrumstreue sicherlich nicht gestärkt werden. wenn unter seinen Augen die katholische Presse ans politischen Gründen einem Bischof gegenüber die Divise.Für Wahrheit und Recht' vergißt. Im übrigen sehen wir in der Handlungsweise deS Herrn Stegcrwald nur einen Ausfluß des.ich lauern, opportu- n i st i s ch e n' reinwinschaftlich- interkonfessionellen S y st e m s. besten Urbeber die eigentliche Verantwortung tragen. Durch diese Angriffe sieht sich endlich auch das Zentral- blatt der christlichen Gewerkschaften genötigt, zu dem Brief Stegerwalds Stellung zu nehmen. Der Brief wie die nach- trägliche Erklärung Stegerwalds werden vollständig abgedruckt und dazu bemerkt: .Die.Frankfurter Zeitung' will in dem Brief einen veitrag zu der Frage sehen, daß die.Jnterkonfessionalität der christlichen Gewerkschaftsbewegung' nur in der Theorie vorhanden sei, und die sozialdemokratische Presse plappert es ihr gedankenlos nach. In Wirklichkeit geht aus dem Brief lediglich die eine Tatsache hervor, daß die katholischen Führer der christlichen Gewerkschaften mit allem Nachdruck an der Beseitigung der Widerstände arbeilen, die gegen die Grundlage der christlichen Gewcrtschaslsbewegung im katho- lischen Lager von der organisatorisch bankrotten' Fachabteilungs- einricktung unmer wieder hervorgekehrt werden. Daß.Sitz Berlin' diesen Brief wieder für seine Sache auszunutzen versucht, ist eine Selbstverständlichkeit. Weil man nun inhaltlich nicht viel damit anzufangen weiß— der Kommentar der Trierer.PetruSblntter' enthält eine Anzahl Unwahrheiten und grobklotziger Uebertreibunge», gegen die wir mit preßgesetzlichen Berechtigungen vorgehen würden, wenn dem Blättchcn eine Bedeutung veizuniesse» wäre— kapriziert man sich auf die Form deS Briefes. Darüber ist in der Sieger- waldschen Erklärung das Erforderliche gesagt..Sitz Berlin' mitsamt seinen literarisch tätigen Hinter- m ä n n e r n kö n n e n wir indes n i ch t o l s w a h r e u n d aufrichtige Hüter der kirchlichen Autorilätan- erkennen:.Und die kirchliche Autorität absolut, wenn sie uns den Willen tut.' Das ist das praktische Programm der Leute um den Pariser Univers, und daß.Sitz Berlin' nicht weit von diesem Grundsatz entfernt ist, beweist neben vielem anderen— geradezu gravierende Einzelheiten weiß man in Metz zu erzählen— dessen neuester Krach mit dem Herrn Bischof von Dresden und der Leitung des Caritas- Verbandes.' Man sieht, das Organ der christlichen Gewerkschaften ge- stattet sich eine recht hochfahrende Sprache. Es weiß, daß nian ihm jetzt in der Wahlbcwcgiing nicht an den Kragen gehen wird. Aber hinter dem„Sitz Berlin" steht fast der gesamte deutsche Episkopat, und nach den Wahlen wird man Herrn Stegcrwald und seinen schriftstellernden Kulis schon den Größenwahnsinn abgewöhnen. Industrielle Konzentration! Konservative und Mittelständler betreiben den Stimmenfang wieder mit dem alten Schwindel, die Sozialdemokratie wolle den Mittelstand, den Kleingewerbetreibenden vernichten. Dummheit und Bosheit läßt die falschen oder törichten Mittelstandsfreunde vcr- schweigen, daß die technisch-großkapitalistische Enlwickelung die kleinen Unternehmen immer mehr ausmerzt und den Großbetrieb zum Beherrscher des Marktes macht. Wie sich, ohne Mitwirkung der Sozial- demokratie, in Deutschland die industrielle Konzentration vollzogen hah veranschaulicht die folgende Zusammenstellung. Es betrug die Zahl der Kohlenförderung in Tonnen Werke überbaupt pro Werk 1870... 220 11812528 53 693 1910... 313 152827800<80SS0 Rübenzuckererzeugung: Zahl der Erzeugung in Tonnen Fabriken Ueberhaupl pro Fabrik 1874/75.. 333 256 412 770 1909/10.. 354 2 512 928 70S» Bierproduktion: Zahl der Produktion in Hektolitern Brauereien überhaupt pro Brauerei 1874... 13 030 20 494 900 1 570 1910... 4 329 38 080 292 8 794 Roheisenerzeugung: Zahl der Erzeugung in Tonnen Werke Hochöfen überbaupt pro Werk 1873... 244 379 2 240600 9182 1910... 99 303 14793604 149430 Ucberall ist eine ganz gewaltige Steigerung der Erzeugung und eine darüber hinausgehende ProduktionSzunahme pro Betrieb zu konstatieren. Und diese Entwickelung geht weiter. Unaufhaltsam vollzieht sich der Zusammenschluß deS industriellen Kapital». Nur Dummköpfe und Betrüger können den Mittelständlern einreden, für solche Entwickelung sei die Sozialdemokratie verantwortlich. DaS Großkapital findet in seinem VernichtungSzuge vielmehr in der Hoch- fchutzzollpolitik der Schwarzen und Blauen seine beste Stütze und Förderin._ Tie agrarische Wahlspende. Der Bund der Landwirte bat bekanntlich aus der Glogauer Etändekasse 2000 M. zu Wahlzwecken erhallen. Wer da weiß, ivie preußische Behörden gegen Arbeiterorganisationen vorgehen, die Gelder zu Wahlzweckcn hergeben, der war gespannt auf die Anl- worr, die daS preußische Ministerium aus die gegen die agrarische Wablspende gerichtete Eingabe deS WahlkreiSvorsitzendeii de« Deutschen BouernbundeS für Grünberg-Freystadt in Niederschlcsien geben würde. Diele Antwort liegt jetzt vor. Im Austrage Bcthmannö teilt Unter- staalSsekrctär v. Eisenhart-Rothe mit. daß die Sache in den Bereich des LandwirtschaftSministerS gehört und desten Entscheidung endgültig sei. Die Glogauer Kreisständetasse bilde«inen Sonderfonds, über den die staatlichen Behörden nichts zu sagen hätten. Wenn man doch auch von Arbeitcrangelegenheiten die Finger halten wollte I__ Auch eine Teuerungszulage. Eine Berliner Korrespondenz berichtet:.Unvermögenden Kadetten wird veiin Uebertrilt in die Armee aiif ihren Antrag hin eine sogenannte Königszulage von 20 M. monatlich gewährt. Diese Gelder stammen au» dem allgemeinen Militär-DiSpositionSfondS und sind dazu bestimmt, den jungen Offizieren zum Lebensunterhalt als Zuschuß zu dienen. Infolge der ollgemeinen Teuerung sind auch die Preise in den OffizierSkasinoS gestiegen. Um hier nun einen Ausgleich zu schaffen, ist in Aussicht genommen, die Königszulage zu verdoppeln.' Nachdem dem preußischen König eine ansehnliche Teuerung?- zulage zuteil geworden ist. kann man die Verdoppelung der.Königs- zulage' verstehen; um so rücksichtsloser erscheint aber, daß den Mannschaften die geringe Lohnerhöhung noch nicht gewährt worden ist. Lohnerhöhungen der Arbeiter auf den ReichSwcrften. Die Arbeiter der ReichSwerftcn, der Torpedowerkstatt, des Artillerie- und Minendepots hielten bekanntlich vor einiger Zeit Versammlungen ab, die den Zweck verfolgten, eine Teuerungs- zulage zu erwirken. Die nächste Folge dieser Versammlungen war, daß die Arbciterauöschüsse durch Vermittelung der Direktionen eine Eingabe an das Reichsmarineamt abschickten. Ter Staatssekretär des ReichSmarineamts hat nun einen Tagesbefehl erlassen, worin den Arbeitern der Reichswerftcn mit geringen Ausnahmen eine Lohnaufbesserung zugesagt wird. In diesem Erlaß, dem auch ein neuer Lohntarif beigefügt ist, heißt es: „Der anliegende Lohntarif tritt mit Beginn der nächsten nach Eintreffen der Verfügung beginnenden Lohnperiode in Kraft. (Am 27. Dezember bezw. 2. Januar.) Die Arbeiter für Bureaus gehen als solche ein. Die vorhandenen Leute sind, soweit sie sich dazu eignen, ihrer Beschäftigung entsprechend in Bureauhilfs- diener oder in Lohnschreiber umzuwandeln, die übrigen in passen- den Stellen im Betriebe unterzubringen. Die in Monatslöhner umgewandelten Arbeiter für Bureaus sind entsprechend dem Per- dienst des letzten Jahres mit der Maßgabe einzugliedern, daß ihr künstiger Jahresverdienst den bisherigen mindestens um 60 M. übersteigt. Ter Wachlohn der Lieger wird von 10 Pf. auf 13 Pf. pro Stunde erhöht. Die Monatslöhner aller Kategorien find, soweit sie sich nicht schon in der höchsten Lohnstufe befinden, am 1. Januar um eine Stufe zu erhöhen, wenn Führung und Lei- stung es rechtfertigen. Diese Maßnahme hat auf die sonstigen Verklassungstermine keinen Einfluß. Ein Lohnschreiber also, der am 1. Juni 1911 den Lohnsatz von 120 M. erhalten würde, jetzt aber auf Grund der Teuerungszulage 130 M. erhält, kann am 1. Juli 1913 gleichfalls auf 140 M. erhöht werden. Die sonst zum Frühjahr üblichen Verklassungen der Stundenlöhner sind in einem den Bcdürfniffen Rechnung tragenden Umfange schon jetzt vorzunehmen. Eine nach Vornahme der Verklassungen aufge- stellte Lohntabelle ist zum 1. Fabruar einzureichen, wofür die am 1. Mai fällige Tabelle in Fortfall kommt. Dabei ist kenntlich zu machen.�wie viele Arbeiter jeder Gattung verklaßt worden sind." (Bcrklassen heißt: Hinaufrücken in eine höhere Lohnklassc.) Die Oberwerstdirektion hat noch hinzugefügt: „Da diese Lohnerhöhung die Teuerungszulage mit zu er- setzen bestimmt ist. liegt es im Sinne der Verfügung, eine Ver- klassung im weiteren Sinne vorzunehmen.' Am besten sind die Monatslöhner mit 10 M. Erhöhung davon- gekommen. Die Stundenlöhne sind folgendermaßen erhöht worden: Gruppe I(Blockmacher. Böttcher, Büchsenmacher, Dreher, Klempner, Korbmacher, Maler, Maschinenbauer, Maurer, Dach- decker, Steinsetzer. Tapezierer, Sattler, Schissbauer, Schiffszimmer- lcute, Schlosser, Segelmacher, Schmiede, Takler, Tischler, Werk- zeugmacher, Zimmerlcute) erhielt bisher 40— 51 Pf. in 6 Stufen. Die Erhöhung beträgt 2 Pf. Die niedrigste Stufe von 40 Pf. bleibt für Neueingestellte bestehen. Gruppe II(Blech- und Winkel- schmiede. Former, Kesselschmiede, Torpedoschlosser) erhielt bisher 41— 54 Pf. Die Erhöhung beträgt 1 Pf. Kupferschmiede und Modelltischler kommen jetzt ebenfalls in diese Gruppe, sie erhalten 4 Pf. Gruppe III(Gas- und Wasserfilter. Mechaniker, Elektro- monteure, Torpedobauer, Preß- und Hammerschmiede) steigt um 1 Pf. auf 44—57 Pf. Hilfshandwerker erhalten 2 Pf. Helfer, Anstreicher, Putzer, Zuschläger, Bohrer. Hobler. Stoßer, Fräser, Locher, Schraubenschneider. Preß- und Hammerführer werden um 2 Pf. auf 40— 42 Pf., Kernmacher, Nieter, Stemmer. Schmelzer um 2 Pf. auf 42— 46 Pf. erhöht. Schaltbrettwärter(gelernte Mechaniker oder Maschinenbauer) erhalten 2 Pf., doch bleibt die höchste Stufe von 56 Pf. bestehen. Betriebsleiter. Nietenwärmer. Kesselreiniger und junge Burschen von 16— 19 Jahren erhalten 1— 2 Pf. Handlanger in den Werkstätten erhalten nichts. Werden jetzt auch die P r i V a t w e r f t e n den an sie gerichteten Wünschen der Arbeiter Rechnung tragen? Die HowaldtS- werke in Kiel haben die Gewährung einer Teuerungszulage abgelehnt mit der Begründung, sie hätten die Löhne erst im Vorjahre erhöht. Die Kruppsche Germaniawerft in Kiel bat noch keine Antwort erteilt. Hoffentlich brauchen die Arbeiter nicht mehr zu lange warten._ Ein katholischer Arbeiter gegen die Zentrumspolitik. In einer in dem Jndustrieort Osterfeld im Wahlkreise Reckling- hausen-Borken abgehaltenen Wählerverfammlung der Zentrums- parlei hielt Herr Mathias Schiffer eine Wahlrede und lobte das Verhalten des Zenttunis über den grünen Klee. Da trat ein Arbeiter auf und stellte an Schiffer die Frage, wie es komme, daß die Zenttumspartei für daS Wohl aller Stände gestrebt habe, nur nicht für die Arbeiter? Er begründete diese Frage mit dem Hinweis, daß das Zentrum für die Beamten Tcuerungszulagen bewilligt und den Landwirten bohe Zölle verschafft Hobe, aber dem Arbeiter seien � dafür hohe Steuern ausgehalst worden. Er werde diesmal noch aus religiösen Rücksichten dem Zentrum seine Stimme geben—, so könne eS aber nicht weiter gehen. In der Zentrums- Partei spiele der Großgrundbesitz und daS Kapital eine zu große Rolle, was zur Folge habe, daß die Interessen der Arbeiter beiseite gesetzt würden. Kurz vor den Wahlen komme dann irgend ein hoher Herr und halte einen schönen Bortrag, und die Arbeiter dürften dann fleißig Beifall klatschen, aber keiner habe den Mut. etwas zu sage», wo ihn der Schuh drücke. Die Arbeiter könnten sich nicht hinreichend ernähren, und klagt man sein Leid, dann heiße es: Arbeite und spare I Ja. ober arbeite und spare mal einer, wo fünf bis sechs Kinder Brot und Kleider verlangen. Auf diese Ausführungen hatte Herr Schiffer, der ehe- malige Arbeiter, nicht« zu erwidern, als daß die Arbeiter ihre Wünsche nicht zu hoch spannen sollten, die Bessersituierten hatten eS auch nicht so leicht durchzukommen. Dann entschuldigte er sich, daß er sich nicht weiter mit der Anfrage beschäftigen könne, da er noch in einer anderen Versammlung reden müsse. AIS der Arbeiter darauf noch- mal« daS Wort verlangte, schnitt der Vorsitzende, ein katholischer Geistlicher die Diskussion mit den Worten ab, daß dabei ja doch nichts herauskäme. Oesterreick. Graf Achrcuthal über die politische Lage. Wien, 28. Dezember. Die Delegationen sind zur Er- ledigung deS viermonatigen BudgctprovisoriumS zusammengetreten. Die ungarische Delegation wählte Baron Lang zum Präsidenten und den Grasen August Zichy zum Vizepräsidenten. Nach einer An- spräche des Präsidenten wurde das Budgetprovisorium dem Ver- einigten Vierer-AuSschuß zugewiesen, der sofort nach der Plenar- sitzung zusammentrat. Minister des Seußeren Graf Aehreuthal nahm zunächst das Wort und führte auS: Die kurze Vorsession der Delegation bietet mir willkommenen Anlaß, mich über die auswärtige Politik auS- zusprechen. DaS hohe Haus wird eS begreiflich finden, wenn ich mit Rücksicht auf den zwischen Italien uud der Türkei be- stchenden Kriegszustand in meinen Aeußenmgen eine große Reserve beobachte. Die Herren Ministerpräsidenten haben in den Parlamenten am 22. Oktober Erklänmge» betreffend die auS- wärtige Politik abgegeben und die Neutralität der österreich-ungarifchen Monarchie betont. AuS diesen Aeußerungen hat die Ocffentlichkcit ferner entnommen, daß die östcrrcich- ungarische Diplomati« bemüht war, auch nach Einttitt der Feindseligkeiten nach Möglichkeit für die Beendigung deS Krieges einzutreten. Diese Bestrebungen haben bisher leider zu keinem Resultat geführt. Wir wissen unS aber ein« in diesen Besttebungen mit allen anderen neutralen Machten und hoffen, daß in einem gegebenen Zeitpunkt unsere Bemühungen von Erfolg begleitet iein werden. Wir wünschen den baldigen Abschluß des Krieges, weil es sich um einen Waffengang handelt zwischen einer mit uns verbündeten Macht und einem Staat,>mt ivelchem wir freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Unser Interesse an der baldigen Herstellung des Friedens ist um so intensiver— als bei einer längeren Kriegsdauer eine Gefahr für die Erhaltung des Statusquo am Balkan entstehen könnte. Wir hegen die Zuversicht, daß diese Gefahr nicht eintreten wird- Die italienische Regierung hat gleich bei Beginn des Krieges in un- zweideutiger Weise öffentlich erklärt, daß sie an dem politischen Prinzip, welche« die Erhaltung de« StatuSguo am Balkan zum Ziele hat, bestimmt festhalten wolle. Diesem Entschluß hat Italien seine Haltung angepaßt. Die Zuversicht, von der tch eben gesprochen habe, gründet sich ferner auf den übereinstimmenden Wunsch aller Großmächte, daß der Statusquo am Balkan nicht gc- sährdet werde seitens der Regierung der Balkanstaaten. Ich glaube auch, es ist das allgemeine Bestreben, die Gefahr und Greuel eines Krieges zu vermeiden. Die türkische Regierung ist bemüht, trotz der großen Schwierigkeiten die öffentliche Ordnung im Reiche aus- recht zu erhalten. Es ist zu wünschen, daß diese Bestrebungen bis zum Friedens- schluß sich bewähren werden, und daß durch den Friedensschluß, den wir aufrichtig wünschen, die Kraft und die Autorität der Türkei un« geschwächt erhallen wird. Darin wäre eine neue Bürgschaft für ein friedliches Nebeneinanderleben der Türkei und der Balkanstaaten ge« legen. Die Grundlagen unsere» auswärtigen Politik bleiben selbstverständlich unverändert (Beifall), gestützt auf unsere bewährten Bündnisse und die freundschaftlichen Beziehungen, die wir mit allen Mächten unter- halten, wird unsere Hauptaufgabe darin liegen, dazu beizutragen, daß der auch für andere Staaten nicht ungefähr- liche italienisch-türkische Krieg durch einen Friedens- schluß beendet werde, welcher für beide Teile gleich ehrenvoll sein wird.(Lebhafte Zustimmung.) Ich will mich nun kurz dem marokkanischen Problem zuwenden, welches in den letzten Monaten stark im Vordergrund der Dinge stand und nun glücklicherweise zu einem fried- lichcn Abschluß gebracht würge. Wir wurden ebenso wie die anderen an der Konferenz von Algeciras beteiligten Mächte seinerzeit von den militärischen Maßnahmen Frank- reichs und Spaniens unterrichtet, welche diese Staaten zum Schutze ihrer Jntcresicn in Marokko zu ergreifen sich genötigt sahen. Wir haben gleich den anderen Regierungen diese Mitteilungen zur Kenntnis genommen und dabei dem Wunsch Ausdruck gegeben, daß die drei in Algeciras vereinbarten Grundsätze, die Integrität des scherifischen Reiches, die wirtschaftliche Gleichberechtigung und die Handelsfreiheit, auch in Zukunft intakt erhalten bleiben. Im Verlauf der Ereignisse hat die deutsche Regierung die Auffassung gewonnen, daß vielleicht diese Prinzipien nicht in allen Stücken aufrecht erhalten werden können, und sich veranlaßt gefunden, mit der französischen Regierung Fühlung zu nehmen und zu versuchen, die wirtschaftlichen Prinzipien, das ist die wirtschaftliche Gleichberechtigung und die Handelsfreiheit für den Welthandel dauernd zu sichern. Diesem Zweck diente die Mitteilung der deutschen Regierung vom 30. Juni, welche an sämtliche Signalarmächte der AlgeciraSakte gerichtet worden ist. Wir haben diese Mitteilung mit dem auf« richtigsten Wunsche für einen gedeihlichen Fortgang und Ab- schluß der Verhandlungen aufgenommen und betont, daß wir bei Mangel eines direkten politischen Interesses an der marokkanischen Frage nur darauf Wert legen. daß unsere nicht unbeträchtlichen und sehr entwickelungskähigen kommerziellen Interessen vor jeder Störung bewahrt werden. Deutsch« land hat von Anbeginn an deutlich die Absicht kundgegeben, die Ver« Handlungen ohne Herbeiziehung einer anderen Macht mit Frankreich allein zu Ende zu führen. Dieses Ziel hat Deutschland vollkommen erreicht. Wir haben uns aber nicht bloß auf das Aussprechen guter Wünsche beschränkt, in Ucbercinstimmung mit der Haltung, welche die österreichisch-ungarische Diplomatte seit Beginn der marolkanischen Wirren eingenommen hatte. Sie war auch diesmal bestrebt und in der Lage, im Sinne eines friedlichen Ab- schlusses zu wirken. Die am 4. November erfolgte Unterzeichnung der deutsch-französischcn Konvention hat unS mit aufrichtigster Gc- nugtuung erfüllt, nicht nur weil dadurch eine Frage, die die Welt durch eine Reihe von Jahren in Unruhe versetzt hat, in friedliche Bahnen gelenkt worden ist, sondern weil die wirtschaftlichen Prinzipien in Marokko keine Veränderung erfahren haben. Oester- reich-Ungarn war und wird immer eine Stütze der konservativen Richtung in Europa und im nahen Orient bleiben.(Lebhafte Zustimmung.) Die Hebung unserer Wehrmacht erfolgt ausschließlich zum Schutze unserer eigenen Sicherheit(Allzemeine Zustimmung) und um unS in die Lage zu versetzen, mit uiiseren Verbündeten für den allgemeinen Frieden einzutreten.(Lebhaste Zustimmung.) � DaS waren die Beweggründe, welche die hohen Delegationen veranlaßt haben, im vorigen Winter materielle Forderungen der Kriegs- und Marineverwaltung mit großer patriotischer Opferwilliglcit und ungeachtet der ungünstigen finanziellen Lage zu votieren.(Beilall.) Die Wehrmacht bedarf zur Durchführung der aus die Wahrung deS Friedens und der Interessen der Monarchie gerichteten Aufgabe »och dringend einer Kräftigung durch die Erhöhung ihres personellen Bestandes. Diesem Bedürfnis soll durch die Wchrvorlagen abgeholfen werden, welche den Parlamenten seit geraumer Zeit vorliegen. Gestatten Sie, daß ich vom Stand» punkte der überaus- verantwortungsvollen Leitung der österreichisch« ungarischen auswärtigen Politik die Ansicht ausspreche, daß durch die rasche Bcradschiedung dieser Wchrvorlagen die eminent friedlichen Ziele der Politik der Monarchie eine wesentliche Förderung erfahren würden.(Beifall.) Delegierter H e l t a i richtete an den Minister deS Aenßeren unter Berufung auf die großen Interessen des Dreibunde» die Anfrage, ob das Auswärtige Amt von Oester« reich-Ungarn mit dem Standpunkt der reichs« deutschen Regierung in der Marokkofrage über» einstimmte. Gemeinsamer Minister des Aeußern Graf Aehrenthal: Der Delegierte Heltai hat an mich mit Bezug auf meine Darstellung über den Verlauf der marokkanischen Angelegenheit eine Doppelfrage ge« richtet. Die Erklärung der deutschen Regierung vom 30. Juni hätte, wie der Delegierte meinte, den Zweck gehabt, die Signatarmächte von Algeciras zu vcfftändigcn, daß die deutsche Aktion das Ziel habe, die wirtschaftliche Gleichberechtigung und die Handelsfreiheit in Marokko sicherzustellen. Wenn sich der Delegierte meine AuS» führungen gegeiitvärtig hält, so wird er sehen, daß ich gesagt habe. die deutsche Regierung sei im Laufe der Ereignisse zu der Auffassung gekommen, daß die Prinzipien von AlgcciraS nicht in allen Stücken aufrecht erhalten werden könnten, und sie habe daher Fühlung mit der französischen Regierung gesucht, um gerade die wirtschaftlichen Prinzipien zu sichern. Was die zweite Frage betrifft, daß Deutsch« land die Verhandlungen allein führen wollte, so verweise ich auf die Rede deS deutschen Reichskanzlers vom 5. Dezember, worin er gegenüber der Kritik, die an der deutschen Politik von gewissen Seiten geübt wurde, mit allem Nachdruck dar- auf verwies, dab die deutsche Regierung es als die vornehmste Aufgabe ihrer Politik betrachtete, die Verhandlungen mit Frankreich allein zu führen. Nachdem die deutsche Regierung mir mitgeteilt hatte, dah ihre Bemühungen darauf gerichtet seien, die wirtschastliche Gleichberechtigung und Handelsfreiheit in Marokko aufrecht zu erhalten, so war ich mit der Führung der Verhandlungen voll- kommen einverstanden und habe ihren Gang vertrauensvoll verfolgt. (Beifall.) Eine interessante Szene im bosnischen Landtag. Scrajewo, 23. Dezember.(Eig. Ber.) Vor einigen Ta�en war der Saal des bosnischen Landtags die Stätte eines ungewöhnlichen Schauspiels. In der Sitzung des EtatSauSschusse« behaupteten die mufelmännifchen Deputierten Arnautovits und K a r a in e h- m e d o v i t s, daß bei Salzlieferungen für das staatliche Monopol ganz unsaubere Geschäfte gemacht werden, und daß die Beamten in Wien mit über IVO OVO Kronen bestochen sind. Sie erklärten, diese Beschuldigung solange aufrecht erhalten zu wollen, bis die Regierung dem Ausschuß die amtlichen Akten über Salzlieferungen vorlege. Der Vertreter der Regierung weigerte sich, die amtlichen Akten vor- zulegen, erklärte aber, daß die Beamten in dieser Sache ganz korrekt gehandelt hätten. Da sich die Abgeordneten wegen der erhobenen Vorwürfe nicht entschuldigen wollten, wurden sie durch den Vor- sitzenden Schölls mit einem Ausschluß ans der Sitzung des Landtag? für 24 Stunden bestraft. Diese Strafe erfolgte unter dem Drucke der Regierung, da der Landtagspräsident nicht von dem Landtag selbst gewählt, sondern vom Kaiser ernannt wird. Gegen die Strafe protestierten alle Abgeordneten. Da eS ihnen aber nicht möglich war, die Strafe aufzubeben, so entschlossen sich die bestraften Abgeordneten derart zu protestieren, daß sie im Laufe der 24 Stunden den Sitzungssaal überhaupt nicht verließen. Sie haben nach Schluß der Sitzung ihre Stiefel ausgezogen, nach türkischer Sitte die Füße gekreuzt und zu rauchen begonnen, sich ihr Bettlager und Nahrung bringen lassen, und erst am nächsten Tage, genau riach 24 Stunden verließen sie den Saal. Freilich haben sie nicht schlafen können, da die ganze Nacht hindurch sich eine Menge von Abgeordneten in dem Saale auf- hielten. Durch diesen Protest ist die Anklage gegen die Regierung nur noch schärfer geworden. Cnglanck. Der englische Liberalismus und die Arbeiterschaft. London, 23. Dezember.(Eig. Ber.)' Die Ergebnisse der letzten Nachwahlen in Großbritannien deuten darauf hin, daß sich die liberale Partei in einem Zu- stände des Zerbröckelns befindet und daß das Pendel nach der konservativen Seite hinüber schlägt. Im letzten Jahre hat die Regierungspartei nicht weniger als 4 Sitze an ihre kon- servativen Gegner verloren. Ein Mandat verlor sie zwar nur mit vier Stimmen und ein zweites ging ihr durch das Eingreifen der Arbeiterpartei verloren, aber die Verluste sind dennoch bedeutend für ein erstes Jahr nach den allge- meinen Wahlen. Man setzt diese Verluste allgemein auf das Korto des Versicherungsgesetzes, das seine ansang- lichv Popularität stark eingebüßt hat. Große Teile der Be- völkrung sind zweifellos mit dem Versicherungsgesetz unzu- frieden, in vielen Fällen allerdings aus Gründen, die mehr - mit dem Gefühl als mit dem Verstand zu tun haben, und es ist durchaus noch nicht sicher, ob nicht die Durchführung des Gesetzes auf ähnliche Schwierigkeiten stoßen wird wie die Anwendung des Alterspensionsgesetzes in Frankreich. Die Arbeiter stehen dem Gesetze kühl und kritisch gegenüber. Die Gewerkschaften sind nicht geneigt, Obstruktion zu treiben, aber sie fühlen, daß sie einen Sprung ins Ungewisse wagen, bei dem die Gewerkschaften, die de? Selbsterhaltungstrieb zwingt, sich als Kassen zu konstituieren, schweren Schaden er- leiden können. Aber mehr noch als die Unbeliebtheit der Versicherungsgesetzgebung dürfte die Unbeliebtheit der Rc- gierung den Ausfall der Nachwahlen beeinflussen. Durch dieVerwendungvonTruppenbeiStreiks haben sich die Liberalen vielen Arbeiterwählern entfremdet. Erst vor einigen Tagen sind wieder Soldaten nach Dundee ge- schickt worden, um die dort streikenden Arbeiter einzuschüch- tcrn. Die unmittelbare Folge dieses Schrittes ist die Ver- öffentlichung eines Manifestes der Arbeiter- Partei in Govan. wo augenblicklich eine Neuwahl statt- findet. Der Vorstand des Komitees für Arbeitervertretung in Govan fordert jeden Arbeiterwähler auf, gegen den Re- gierungskandidaten zu stimmen. Als Gründe werden ange- führt: die Weigerung der Regierung, das OSborneurteil um- zustoßen und die Verwendung des Militärs bei Streiks, die zur Politik der Regierung gehöre. Die Arbeiterpartei hat keine Politik für die jetzt stattfindenden Nachwahlen sormu- liert: sie überläßt dies den einzelnen Wahlkreisen. Wenn man daher auch nicht von einer organisierten Opposition der Arbeiterpartei gegen die liberale Negierung sprechen kann, so ist es doch sehr wahrscheinlich, daß in der nächsten Zukunft andere lokale Gruppen der Arbeiterpartei der Nachwahlpolitik Govans folgen werden. perHen. DaS Programm der russischen Raubpolitik. Petersburg, 27. Dezember.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Mit Rücksicht auf die Lage, wie sie sich aus den verwegenen Angriffen der Menge auf die russischen Truppen und Einrickuungen in Täbris, Rescht und Enscli ergibt, und in An- bewacht dessen, daß diese Ausbrüche der Feindseligkeit über- dies stellenweise mit brutalen Marterungen der Verwundeten und Schändungen der Gefallenen verbunden waren, welche die strengste Strafe verdienen, und weil schließlich die persische Regierung, obwohl sie diesen Dingen fernsteht, nicht die Macht besitzt, die Schuldigen zu bestrafen, glaubt sich die russische Regierung verpflichtet, von sich aus Repression smaßregelu in den genannten Städten zu treffen. Zu diesem Zwecke hat sie den Befehlshabern der russischen Abteilungen be- fohlen, unverzüglich im Einvernehmen mit den russischen Konsuln in Täbris und Enscli die st r e n g st e n Maßnahmen zur Bestrafung der an den Angriffen Beteiligten und zur Beseitigung der Ursachen derartiger Ereignisse für die Zukunft zu treffen. Unter diesen Maßregeln sind besonders die folgenden angeführt: Die Verhaftung aller russischen und persischen Untertanen, die an dem Angriff auf die russischen Truppen teilgenommen haben, und deren Slburteilung nach dem KriegScecht, Entwaffnung der Fidai und anderer unruhiger Elemente unter den Eingeborenen, Zerstörung der dem Widersland dienenden Plätze sowie alle Maßnahmen, die sich zur Wiederherstellung der Ordnung und zur Bestrafung der Schuldigen notwendig erweisen sollten._ � Berantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw. Da können sich russische Henkersknechte i«d russische Kosaken wieder einmal gründlich austoben. Rilssische Greueltaten k» Täbris. London, 28. Dezember. Meldungen aus Teheran berichten, daß die Russen in Täbris KtX) Männer, Frauen und Kinder hingeschlachtet habe». Die Russen drangen in die Häuser der Perser ein und ver- ge waltigten die Frauen vor den Augen ihrer An- gehörigen. Die Soldaten schießen jeden nieder, der sich auf der Straße zeigt. jMarohho. Neue Kämpfe der Spanier im Rifgebiete. Melilla, 23. Dezember. Gestern haben wieder sehr schwere Kämpfe zwischen spanischen Truppen und Rifkabylen stattgefunden. Die Marokkaner sollen sehr schwere Verluste gehabt haben. Die Verluste der Spanier sind noch nicht bekannt, man weiß nur, daß General RoS verwundet worden ist. Besetzung von Agadir durch GulteuStruPpen. Tanger, 28. Dezember.(Meldung der Agence HavaS.) Eine Abteilung scherififcher Truppen wird demnächst an Bord eines französischen Kreuzers als ständige Besatzung nach Agadir entsandt werden. ver Krieg. Italienische Dementis und Illusionen. Rom, 28. Dezember. Die„Agenzia Stefani" meldet aus B e n g h a s i von gestern: Aus zuverlässiger Quelle stammende Nachrichten geben die Verluste deS Feindes am Weihnachtstage auf über 50l> Verwundete an, unter denen sich einige Führer befinden sollen; auch ein Geschütz sei unbrauchbar gemacht worden.— Einige Stämme haben das türkische Lager verlassen. Aus Tripolis wird von gestern gemeldet: Zahlreiche Gruppen von Arabern sam- mein sich im Süden von Ainzara. Nach einem Gerücht sind Munir Pascha und der frühere Chef der Gendarmerie von Tripolis in Gharian gestorben. Ein Araber, der aus Accara in der Nähe von BirtobraS zurückgekehrt ist, erklärte, die Araber hätten beschlossen, die italienische Fahne aufzuziehen, sobald sich die Italiener der Ortschaft näherten. Tatsächlich gaben die Araber, sobald sie die Italiener bemerkt hatten, das Zeichen, daß sie sich unterwerfen wollten. AlS die Türken dies erfahren hätten, seien sie zusammen mit anderen Arabern in daS Dorf eingedrungen, hätten mehrere Männer, Frauen und Kinder getötet und die Ueberlebenden zerstreut. Die.Agenzia Stefani' veröffentlicht folgende Mitteilungen: Londoner Blätter verbreiten Meldungen, nach denen von Italien Friedensverhandlungen eingeleitet worden seien, denen sich aber die öffentliche Meinung der Türkei widersetze. ES ist kaum nötig, zu betonen, daß diese Nachrichten jeder Grundlage entbehren. Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß der Kriegs- minister eine Depesche veröffentlicht hat, nach der die Türken und Araber am 22. Dezember die italienischen Stellungen bei Tobruk angegriffen hätten und bis zu den italienischen Befestigungen vor- gedrungen seien, wo sie sich einiger Maschinengewehre bemächtigten und mehrere Mann verletzten. Diese Meldung ist ebenso unzu- treffend wie andere frühere aus der gleichen Quelle. Den Türken und Arabern ist es in diesem Kampfe weder gelungen, die italieni- schen Linien zu durchbrechen noch irgend etwas zu erbeuten, sondern sie wurden mit erheblichen Verlusten zurückgeschlagen. Die Situation im türkischen Lager. Konstantinopel, 28. Dezember. Nach den letzten Nachrichten vom Kriegsschauplatze ist es türkischen Schiffen wiederholt gelungen, der Aufmerksamkeit der wachthabenden italienischen Hilfskreuzer, die eine unverhältnismäßig lange Küstenstrecke zu beaufsichtigen haben, zu entgehen und Feldgeschütze, Waffen, Munition und Pro- Viani zu landen. Von ägyptischer Seite sind bereits mehrere Mil- lionen Frank zur Verpflegung der türkischen Truppen gesammelt worden, und die zahlreichen im türkischen Hauptquartier zusammen. strömenden Rekruten der Beduinenstämme werden jetzt von türki- schen Stabsoffizieren sorgfältig u. a. auch im Bajonettfechten aus- gebildet. Djanet und Solum. Konstantinopel, 28. Dezember. Zur Besetzung der wich- tigen Oase Djanet durch Frankreich und zur Zession deS Distriktes Solum an Aegypten wird mit- geteilt, daß es ein Fehler wäre, in diesem Zusammentreffen einen vorher vereinbarten Zusammenhang zu suchen. Auf Grund eines Abkommens zwischen der Türkei und Frankreich im Jahre 1306 sollte die strittige Oase Djanet bis zur definitiven Regelung der Grenzfrage weder von Franzosen noch Türken besetzt werden. Trotz. dem quartierte sich im vorigen Jahre eine türkische Kompagnie daselbst ein. Frankreich erhob Protest, der aber fruchtlos blieb. Vor 10 Tagen zog die türkische Kompagnie aus Djanet ab, um sich mit der Armee NeschedS zu vereinigen. Frankreich zögerte nun- mehr nicht, zur Besetzung der Oase zu schreiten. Erstens zur Auf- rechterhaltung der Ruhe und dann um diesen wichtigen Verkehrs- schlüssel nicht zum Spielball von Intrigen werden zu lassen; dann aber auch, um zu vermeiden, daß nach dem Friedensschluß die Djanetfrage ein Streitobjekt zwischen Frankreich und Italien bilde. Die Zession von Solum war ein Entgegenkommen des Großwesir Said gegenüber England. Said glaubt, sich da- durch die wohlwollende Haltung Englands bei der von ihm ins Auge gefaßten Regelung des Tripoliskontos zu sichern, und mit Hilfe dieses Wohlwollens wenigstens die Cyrenaika für die Türkei zu retten. Sie Revolution in China. Rußland besetzt die Mongolei. Petersburg, 28. Dezember.(H. B.) Der hiesige chinesische Ge- sandte-teilte seiner Regierung mit, der Minister des Aeußern Sasanow habe ihm erklärt, daß die in der Mongolei bereits ein- marschierten und noch einrückenden Truppen nicht zur Okkupation der Mongolei, sondern lediglich zum Schutze der russischen Jnter- essen dorthin marschieren. Es ist dies die erste offizielle B e st ä t i. g u n g von dem längst gerüchtweise gemeldeten Vormarsch russischer Truppen nach der Mongolei. Ratlosigkeit am Pekinger Hofe. Peking, 28. Dezember.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Kaiserin-Witwe, Uuanschikai und die Mandschu-Prinzen hab.'n den ganzen Vormittag damit verbracht, über die von der Fricdcuskonsercnz in Schanghai gemachten Vorschläge zu beraten. Prinz Fulang und Prinz Tsaitao traten dem Plan entgegen, eine zahlreichere und mehr repräsentative Konferenz als die in Schanghai einzuberufen, während sich Prinz Tsching für diesen Plan ausspvach. Der Thron wurde sich schließ- TH.GIocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.it Verlagsanstalt lich dahin schlüssig, den Vorschlag anzunehmen. Infolge- dessen ließ der Thron dem Kabinett die Weisung zukommen, das notwendige Reglement für die Einberufung einer neuen Konferenz auszuarbeiten und die Delegierten der Friedens» konferenz in Schanghai davon zu verständigen, daß der Thron die Entscheidungen dieser neuen repräsentativen Konferenz annehmen werde, welche Regierungsreform sie auch beschließen möge.— Angesicht» der Tätigkeit der Aufständischen in Schanghai fragen sich die Regierungsbehörden, ob die Aufständischen die lange Verzögerung, die bei Einberufung einer neuen Konferenz unvermeidlich wäre, annehmen werden, obgleich die Haltung des Thrones keinen Zweifel darüber gelassen habe, daß er bereit ist, abzudanken, wenn die Abdankung das einzige Mittel wäre, die gegenwärtige Krijis zu beseitigen.__ "Letzte rfochridrtem Zu den Masscnvergiftungen der Obdachlose«. Das Nachrichtenbureau des Magistrats teilt mit: Wegen der bekannten VergiftungSerscheinungcn smd bis gestern abend acht Uhr im ganzen 79 Erkrankte in das städtische Krankenhaus am Friedrichs- Hain eingeliefert worden. Von diesen sind 33 verstorben. Die Gc- scnntziffer der Verstorbenen beläuft sich einschließlich der vorgestern im Krankenhaus Moabit verstorbenen� zwei Personen und der im Obdach verstorbenen vier Personen auf zusammen 44. Weitere Fälle derselben Krankheitserscheinung sind nach amtlicher Fest- stellung bis gestern abend in keinem der anderen städtischen Kranken- Häuser zur Anmeldung gelangt. Im übrigen hat gestern nachmittag vor Aufnahme der Abend- besucher des städtischen Obdachs sicherheitshalber eine nochmalige Desinfektion d«S Obdachs stattgeftlnden. Der gestrige Besuch des Obdachs hat gegen den vorangegangenen Tag sich um 280 ver- ringert, er betrug 8980 Personen. Die Genossen Stadtverordneten Hofftnann und Zucht, die bis 12 Uhr nachts mit den Obdachörztcn im VenvvltungSbureau der Anstalt anwesend waren, teilen uns mit: In dem Obdach sind seit G14 Uhr bis nachts 11 Uhr keine weiteren Krankheitsfälle eingetreten. Die Nachricht des»Berliner Tageblatt", daß Aerzte des Krankenhauses Friedrichshain im Obdach tätig waren, entspricht nicht den Tatsachen, sondern es haben die Aerzte des Obdachs die schwere Tätigkeit allein vollbracht, ja sogar hat Dr. Moses einen Krankentransport nach dem FriedrichShainkrankenhaus selbst be- gleitet. In ber Gegend des Halleschen Tores wurde gestern ein Flug- blatt verbreitet, wonach im Obdach die Cholera ausgebrochen sein sollte. Diese Spekulation eines profitlüsternen Buchdruckerei- besitzerS auf die Leichtgläubigkeit des Publikums ist ein solch grober Unfug, der gar nicht scharf genug verurteilt werben kann. m In Potsdam ist gestern ein Mann unter denselben Er- scheinungen, die sich in Zuckungen und Krämpfen äußern, auf der Straße zusammengebrochen; er hatte in Potsdam in der Herberge zur Heimat genächtigt. Man brachte ihn nach dem Potsdamer städtischen Krankenhause, wo er bald darauf verstarb. Es handelt sich um den 60 Jahre alten Arbeiter Josef Grane. Er ist vor einigen Tagen noch in Berlin gewesen, doch war es bisher nicht möglich festzustellen, ob er auch daS städtische Asyl in der Fröbel- straße besucht hat. « Aus HermSdorf an der Nordbahn wird gemeldet: In der vorvergangcnen Nacht übernachteten in einer Scheune in HermSdorf drei obdachlose Leute. Als gestern vormittag einer derselben erwackte. sah er seine beiden Kameraden sich vor Schmerzen wälzend neben sich liegen; bald darauf waren sie tot. Er erzählte verschiedenen Leuten von diesen Todesfällen, die ihm rieten, sich doch an die Polizei zu wendcm» da« wollte er aber nicht, da er befürchtete, in ein Krankenhans gesteckt zu werden. So entfernte er sich unerkannt. Die Leichen der beiden Personen wurden nach der Leichnthalle in HermSdorf transportiert, lieber die Tob:S»rsache nnd die Namen der beiden Toten konnte bisher nichts ermittelt werden, sie warnt, wie ihr Kamerad mitgeteilt hatte, mit diesem vor einigen Tagen in einem Asyl in Berlin gewesen. Ob auch hier die Todesursache auf Bergiftungserscheinungen beruht, bedarf noch der Aufllärung. Das Marokkoabkommen im französischen Senat, Paris, 28. Dezember.(W. T. B.) In der SenatSkoinmissizn fitr das deutscb-frmtzösische Abkommen bemerkte Ribot, die Zu- stimmung des Sultans Mulay Hafid genüge nicht, um ein Pro- tcktorat in Marolko zu errichten. Es bedürfe dazu eines besonderen Vertrage» mit dem Sultan, der einen Anhang zu dem Abkommen vom 4. November bilden sollte. Ministerpräsident llaillan; pflichtete dieser Ansicht bei und- erklärte, daß die Reaierung darüber de- raten werde. Ncgeraufstand in Belgisch-Kongo. Brüssel, 23. Dezember.(Meldung der„P.-C.") Au» der Kongo-Kolonie wird ein großer Ncgerausstand gemeldet. 3000 Rc- bellen terrorisieren das Ncllcgcbiet. Die Regierung hat 2000 Sol- baten zur Niederwerfung des Aufstandes entsandt. Schifsszusammenstoß an der grönländischen Küste. New-Aork, 28. Dezember.(Meldung der„P.-C.") Einer Meldung aus Halifax zufolge, stieß in der Nähe der grönländi- schen Küste der franzosische Perionendampfer»Saint Peter et Niquelon" mit dem Frachtdampfer„Renwick" zusammen. Der Zusammenstoß ist auf Unachtsamkeit deS Kapitäns der»Renwick" zurückzuführen. Drei Matrosen deS Fracht dampferS, der infolge dcö Unfalles schwere Beschädigungen erlitt und in wenigen Augenblicken sank, wurden über Bord gespült. Die andere Mannschaft konnte durch die Leute des französischen Dampfers gerettet werden, Zusammenbruch einer Lotteriebank. Stettin, 28. Dezember.(W. T. B.)) Wie die„Ossseezeitung" mitteilt, ist da» Bank» und Lotteriegescbaft Stettin u. Kolbe in Konkurs geraten. G. schädigt sind etwa 200 Gläubiger, meist kleinere Leute. Auch die VolkSsparkasse soll mit einem Be- trage von 20 000 Mark in Mitleidenschaft gezogen sein. Zahlreich: Depot? sollten angegriffen worden sein. Von einer Verhaftung der Inhaber ist vorläufig noch Abstand genommen worden. Lawinensturz in Tirol. Innsbruck, 28. Dezember.(Meldung der„P.-E.") In Feuchten wurden vier Bergführer, die sich ans dem Wege bcrgabträrtS be» fanden, von einer Lawine überrascht und verschüttet. Einer sofort auSgescndtei, Rettungskolonne gelang es, die Berichütteten lebend ans Tageslicht zu bringen. J» Feuchten selbst richtete in der ver- gangeneu Nacht eine Lawine großen Sehaden an; mehrere Häuser wurden von den Schneemassen verschüttet._ Paul Singer ch Co., Berlin LW. Hierzu 2 Beilagen u.Unterhaltungebl. Nr. 303. 28. Jahrgang. Zu den Kaiienvergittungen der öbdscWe». Obdachlosen Leben oud Sterben. Die bürgerliche Presse gefällt sich in langen Jeremiaden über das Asylunglück. Ach, diese armen... armen Menschen! Taß doch sie, die im Leben vor dem Nichts standen, auf so tragische Art enden müssen. Das Bürgerrum mag sich be. ruhigen, mag in Sensationslüsternheit nicht so faustdick heucheln. Wenn es galt, Abwehrmastregeln zu treffen gegen den Andrang zu dem städtischen Asyl und den Asyltsten den Brotkorb höher zu hängen, sind es stets Vertreter der bürger- lichen Parteien im Note» Hause gewesen, die sich in ungerechter, gehässiger Beurteilung der„Gesunkenen" und des„Gesindels" nicht genug tun konnten. Sie haben kein Verständnis fiir die sozialen Ursachen, unter deren Zeichen der tägliche Massenbesuch in den Asylen steht, wollen und können rS auch kaum haben, da die Not ihrem eigenen lieben Ich meilcnfern blieb. WaS nutzt da jetzt erst, wo das Unglück geschehen, das plärrende Bedauern über soviel schleichendes Elend in der glänzenden Zwcimillioncnstadt? Die mehr als vier Dutzend Toten werden davon nicht wieder lebendig. Sicher wohler ist ihnen jetzt auf dem Operationstisch und ein paar Tage später im griedrichsfelder Proletengrab als im Leben, das für sie nur ein Vegetieren war, ein Leben wie das eines herrenlosen Hundes... Wir wollen eine andere wieder mal aktuelle Frage etwas näher betrachten: wie nähren sich die Obdachlosen? Allein von dem, was im Asyl gereicht wird, von dem Stück Brot und dem Napf Mehlkleister, können die Leute auf die Dauer nicht existieren. Sie würden sich den Magen, der so schon wenig widerstandsfähig ist, verpampen und krank werden. Jeder, der die Obdachverhältmffe aus eigener Anschauung kennt, weist nur zu genau, wie gewaltig stets und ständig der Hunger unter den obdachlosen Scharen wütest ES ist richtig, dast gewisse Asylistcn, viele sogar fast regelniästig, den wenig angenehmen Mehlbrei verschmähen. Andere stürzen sich über ihren Napsinhalt mit einer herz- zerreistenden Gier. Das ist der Wolfshunger der dräucndsten Not. Jenes fürchterliche„Kohlendampfschicben", das nur würdigt, wem es am eigenen Leibe gefressen hast Der Hunger, wie er zeitivcise ja auch in Tausenden von Familien herrscht, die bei allem Unglück wenigstens noch ein Obdach haben. Die Obdachlosen sind also darauf angewiesen, sich zur besseren Ernährung irgend etwas zu verdienen oder zu erbetteln. Mit beiden Gelegenheiten wird es für Leute, die ivciter nichts als ein paar Lumpen auf dem Leibe ihr Eigen- tum nennen, auf Berliner Boden immer schlechter. Die bürgerliche Presse, die jetzt in Schmerz schier versinkt, warnt ja oft genug davor, Türbettlern irgend etwas zu geben. Und was noch gegeben wird in Naturalien, ist es nicht immer das beste. Wie oft mögen Bettler ein Stück Wurst oder Fleisch erhalten haben, das halb oder ganz vcr- dorbcn war und das sie trotzdem heisthungerig verschlangen. Dann bricht so ein Mensch plötzlich auf der Straste zusammen. ist nach einigen Stunden eine Leiche, wird als„Unbekannt" nach dem Schauhaus geschaffst Niemand kümmert sich viel um die Todesursache... es ist ja nur ein Obdachloser. ein Verlorener. Und doch war auch das viel- leicht weiter nichts als eine Vergiftung! Man schreit jetzt über den Miststand, der sich in der Erlangung und im Vertrieb verdorbener Markthallcnware zeigt. Olle Kamellen I Alle Kontrollvorschriften Werden da nicht ein gelegentliches Unglück verhüten. Gerade Bücklinge können noch ganz appetitlich aussehen und dennoch Fischgist enthalten wie jede andere Räucherware. DaS kommt doch auch bei Spickgans und einwandfrei aussehendem anderen Fleisch vor. Es riecht nicht mal inimer nach Fäulnis. Und Alkoholiker haben bekanntlich einen sehr schlechten Geruch, einen noch schlechteren Geschmack. Im Rauschzustand, zum guten Teil hervorgerufen zur Bc- täubung sozialen Elends, sind sie nicht wählerisch, essen Tinge, die jeder Hund zurückiveist. Deshalb machen auch die„Asyl- budiken" mit minderwertigster Ware ein gutes Geschäft. Sicher nicht alle, aber viele Asyltsten essen vor Hunger, was ihnen alL anrüchig und gesundheitsschädlich bekannt ist. Was fragen sie nach der Gefahr! Ter Tod hat wenig Pein für sie. Ob heute oder morgen— sie kommen ja doch nicht mehr hoch. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende... Das Massensterben der Obdachlosen bedeutet eine schwere Anklage gegen die heutige kapitalistische Gesellschaft. Massen- elend auf der einen und ungeheurer Reichtum auf der anderen Seite sind die Folgeerscheinungen der heutigen„göttlichen" Weltordnung. Eine raubgierige Klasse beutet die breiten Massen des Volkes in der unerhörtesten Weise auS. sowohl als Produzenten wie als Konsumenten. Um eine Handvoll reicher Leute noch reicher zu machen, ivird eine Wirtschafts- Politik eingeschlagen, die den Armen die Nahrungsniittel ver- teuert und die sie zwingt, noch mehr als bisher zu darben. Die dann ausgemergelt und nicht mehr arbeitsfähig sind, gc- sellen sich schliestlich zu jener Klasse der Deklassierten, wie sie unS in den Obdachlosen entgegentreten. Verachtet, getreten, höhnt obendrein nom die bürgerliche Gesellschaft über die„Schnaps- oder Pennbruder", ihnen höchstens noch von ferne einige Brocken zuwerfend, die andere nicht mehr mögen; spottet über die eigenen Opfer. m Tie Zahl der erkrankten und verstorbenen Obdachlosen schwillt immer mehr an und noch ist kein Ende dieies Massen- sterbens abzusehen. Nach den angestellten Ermittelungen in den Krankenhäusern, beim Verband für erste Hilfe und im Asyl fiir Obdachlose sind nunmehr von über hundert Erkrankungen etwa fünfzig tödlich dcrlenfen. Genaue Zahlen anzugeben, ist ganz unmöglich. So sind von Mitternacht bis gestern morgen 6 Uhr wieder 21 Personen und gestern im Laufe des Vormittags weitere 1(1 Personen vom Asyl für Obdachlose in der Fröbelstraste nach dem Krankenhaus an, Friedrichshain transportiert worden. � Auch aus dem Männersaale des Berliner K s y l v e r e i n s in der W i e s e n st r a st e Sä bis 5? kommt «ine Alarmnachnchst' Dort war gestern früh gegen 51H Uhr her am 23. Oktober 1873 zu Grost-Ziethen geborene Arbeiter Hermann Ehrenprcist an Erbrechen und Krämpfen erkrankt. Freilflg, 29. DeMber 1911 Auf dem Wege zum Krankenhaus ist Ehrenpreiß gestorben. Zu den Namen, die wir schon veröffentlichten, kommen noch folgende: Max Teistner, geb. 20. Juni 1876; Karl Schulze, geb. 22. Januar 1872; Heinrich Howick, geb. 12. September 1869; Emil Batzlauer, geb. 16. Aprit 1860; Wilhelm Fritsch, geb. 28. August 1869; Friedrich Rasligkeit, geb. 31. August 1881; Leopold Sos- nowskh, geb. 11. Juli 1878; Paul Müller, geb. 23. Januar 1880; Josef Hurnh, geb. 25. Januar 1879; August Richter, geb. 24. Juli 1871; Emtt Lange; Franz G rostmann; Emil Gröger und Josef Konstatin. Alle dies« Namen und GcburtZangaben sind auf Papieren enthalten, die man bei den Gestorbenen fand. Ob jedoch die Papiere auch in allen Fällen den Leuten gehören, steht noch dahin. Die Kriminalpolizei ist bemüht, die Persönlichkeiten aller Toten genau festzustellen. Beamte des Erkennungsdienstes machen deshalb auch von den Toten Fingerabdrücke, um auch dieses Hilfsmittel bei der Feststellung zur Hand zu haben. Weiter dienen vielleicht zur Er- kennung auch Tätowierungen, die man bei vielen Toten findet. Die Namen der übrigen sind noch nicht bekannt. Tie Ursachen des Massensterben? sind bis zur Stunde noch nicht einwandfrei festgeskellk. Es verstärken sich die Zweifel, daß lediglich Fischvergiftung die olleinige Ursache des Todes einer solchen großen Zahl Obdach- loser sei. Es wird die Frage aufgeworfen: sollen denn alle die Erkrankten und Verstorbenen Bücklinge gegessen haben? Dazu kommt, daß eine Anzahl Erkrankter behauptet, über- Haupt nichts zu sich genommen zu haben, während wieder andere angegeben haben, Kuchen gegessen zu haben. Diese Zweifel sind denn auch der die Untersuchung führenden Be- Hörde gekommen und es sind denn auch nach anderen Nich- tungen hin Ermittelungen im Gange. Tr. Gaffky über die Untersuchung. ES wird halbamtlich gemeldet:„Nachdem gestern abend der Arbeiter Max Voigt, der mit vielen anderen unter VcrgiftungSer- scheinungen gestorben ist, im Schouhause obduziert worden war, haben die genaueren Untersuchungen im Institut für Jnfektions- trankheitcn«rgcbkn, dast eine«nisteckende Krankheit, also etwa Cholera, Typhus oder Genickstarre vollständig ausgeschloffen ist. Herr Geheimrat Dr. Gaffky, der Direktor des Instituts für In- fektionskrankheiten, ist vielmehr der Ansicht, dast eS sich um eine Baktcriengift-Vergiftung handelt, eine Erscheinung, die äusterst selten ist, und die Herr Gcheimvat Gaffky in seiner Praxis bisher nur einmal, unld zwar in T-armstadt, beobachtet hat. Bestimmte Bakterien, die mit Nahrungsmitteln in Berührung kommen, er- zeugen ein Gift, das schon als solches in den Magen deS Effers gelangt und nicht erst dort entwickelt wird. Verdorben im l- läufigen Sinne sind dies« Waren nicht, sie befinden sich also nicht im Vcrwesungsprozest, obwohl sie einen Geruch entwickeln, der sofort jedem Menschen auffallen muß. Die bedauernswerten Opfer, deren Sinne ja durch Not und Entbehrungen sowie teilweise durch den Alkoholgenust abgestumpft sind, haben diesen Geruch nicht be- merkt. Irgendeine Gefahr für gesunde Menschen liegt nicht vor, da diese Nahrungsmittelvergiftung nicht übertragbar ist." Die Auffassung der Berliner Staatsanwaltschaft. Auf der Staatsanwaltschaft deS Landgerichts l. die mit der Ermittelung der Todesursachen beschäftigt ist, wurden von maß- gebender Stell« einem Mitarbeiter d«S»Berliner Tageblatt" folgende Mitteilungen gemacht: »Die Staatsanwaltschaft muß sich darauf beschränken, festzn- stellen, ob bei den vielen Todesfällen der Asyliten etwa eine straf« bare Handlung, fahrlässige Tötung, oder ein Vergehen gegen das Nahrungsmittclgesetz in Frage kommt. Wir haben deshalb noch gestern ein« Leichenöffnung vornehmen lassen und zu dieser den Direktor des Instituts für Infektionskrankheiten Professor Lentz zugezogen. Die gestrige Leichenöffnung hat nun kein positives Er- gebniS über die Ursachen deS Todes zutage gefördert. Professor Lentz hat daher aus dem Mageninhalt des Toten Speisereste ent- nommcn, um durch ein« bakteriologisch« Untersuchung festzustellen, ob es sich um eine Fleisch-, Wurst- oder Fischvergiftung, oder viel- leicht um eine Infektionskrankheit handelt. Die neueren Untersuchungen haben nunleider die Möglichkeit, dast es sich um eine Infektionskrankheit handelt, nicht beseitigt. Die weiteren Obduktionen, die noch vorge- nommcn werden, müssen näheren Auftchlnst über die Todesursachen geben. Welche Infektionskrankheit in Frage kommen könnte, falls es sich wirklich um eine solche handelt, darüber konnte bisher noch nichts Positives festgestellt werden. Es wird mit der Möglichkeit gerechnet, dast Paratyphus in diesem Fall« die Todesursache gewesen sein kann. Sollte sich tatsächlich herausstellen, dast es sich um eine Infektionskrankheit handelt, so scheint es, als ob die Sperrung des Asyls zu frühzeitig wieder aufgehoben worden ist." Mit der Leitung der Ermittelungen der StaatSanwaktschaft ist StaatSanlvalt Dr. Gutjahr beauftragt worden. Die Darstellung des Magistrats. Aus dem Nathans« wird geschrieben:„In verschiedenen Ber- liner Tageszeitungen ist der Vermutung Ausdruck gegeben worden, dast die Todesfälle im städtischen Obdach auf den Genuß verdorbener Bücklinge zurückzuführen stich, die in den Zcntral-Markthallen aus dem Kehricht aufgesammelt loorden. sind. Eine sofort angestellte eingehende Untersuchung hat ergeben, dast die Räucherwaren, auf welche die Massenerkrankungen der Asylisten zurückgeführt werden, unmöglich aus den Abfällen dieser Markthallen aufgesammelt worden sein können. Am zweiten Feiertage waren sämtliche Groß» Handlungen für Räucherwaren geschloffen u>ch im Kleinhandel war nur ein einziger derartiger Stand geöffnet. Die Inhaberin des» selben bestreitet auf das bestimmteste, verdorbene oder minder» locrtige Bücklinge verkauft zu haben. Unter dem Kehricht können sich solche auch nicht befunden haben. Das bestätigen die sofort vernommenen Beamten und Reinigungsarbeitcr, die gemz bestimmt angeben, dast sich am zweiten Feiertage keine Bücklinge oder ähnliche Fische in den Abfällen befunden haben. Eine so große Menge, die die Erkrankung und den Tod zahlreicher Menschen zur Folge hatte, hätte ihrer Aufmerksamleit auch nicht entgehen können. Es r$c.q aber noch besonders darauf hingewiesen werden, daß im Kehricht der städtischen Markthallen Stoffe, die als Nahrungs» mittel Verwendung finden könnten, sich kaum noch vorfinden werden, weil eine große Schweinemästereigefellschaft anS der Umgebung Berlins alle Abfälle von animalischen« und vegetabilischen Lebens» Mitteln durch ihre, den Verwaltungsbeamten genau bekannten An» gestellten sammeln läßt, um sie nach einem besonderen Verfahren zu präparieren und zu Mastzwecken zu verwenden. Der Rest des Kehrichts wird nach dem Zusammenfegen sofort nach dem Keller geschafft und an einer Stelle aufbewahrt, die dem Publikum unzu- gänglich ist. Die Abfuhr desselben erfolgt zweimal täglich noch Schluß des Markts. Da die Markthallen während dieser Zeit für den öffentlichen Verkehr geschloffen sind, sinden Unbefugte kein«, Zutritt. Das Aufsammeln von Abfällen ist im übrigen streng der- boten und wird von den AuffichtSboamten nicht geduldet. Hiernach kann mit aller Bestimmtheit angenommen werden, daß die fraglichen Bücklinge nicht auS den Zcntral-Markthallen herstammen. Es ist aber bemerkt worden, daß in der Woche vor Weihnachten und auch am 24. Dezember in der Umgebung der Zcntral-Mant- hallen von Straßenhändlern Bücklinge äusterst billig, und zwar 5 Stück für 10 Pfennig, verkauft worden sind. Aus dem Preise ist auf die Qualität zu schließen und es ist nicht unmöglich, daß Reste dieser Ware bis zum zweiten Feiertage verdorben find. Es komme ferner häufiger vor, daß Straßenhändlcr verdorbene Räucherwaren, die sie nicht in die Hausmüllkästen werfen dürfen, morgens wieder mitbringen und auf die öffentlichen Straßen werfen." Die Annahme, daß Obdachlose von SiraßenhänÄlern in der Umgebung der Markthalle Bücklinge gekauft haben sollen, ist doch eine sehr gewagte; es ist doch nicht gut anzunehmen, daß auSge- rechnet nur Obdachlose und niemand anders von den Händlern Bücklinge gekauft haben. Haben aber auch andere Personen von den Händlern gekaust, so ist auffallend, daß nur Obdachlose schwer erkrankt, und gestorben sind. Im Gewahrsam des Polizeipräsidiums gestorben ist ein Arbeiter Raiheh, der im Asyl verkehrt hat. Er wurde in der vergangenen Nacht auf der Straße krank ansgefundcn und nach dem Gewahrsam gebracht. Er halte Magenkrämpfe und auch sonst Vcrgiftungserschcinungen. Im Laufe der Nacht starb er- Dast der Mann nicht, sobald man merkte, dast er Magenkrämpfe und Vergiftungszeichen Balte, sofort nach dem Krankenbause gebracht ward, ist unS unbegreiflich. Im Gewahrsam der Polizei ist doch keine Erholung, geschweige denn gar sachgemäße Behandlung möglich. Kranke Personen gehören ins Krankenhaus und nicht in Polizei» gewahrsam. UebrigenS besteht eine solche Abmachung zwischen Polizei und Stadt. Warum wird sie nicht eingehalten? Sind die Schutz« leute davon nicht unterrichtet? » Obduktionsbefund im Schauhanse. Im Schauhause wurden gestern, Donnerstag nachmittag, von den Gerichtsärzten Geheimrat Strastmann, Medizinalräten Hoffmarm und Stocrmer und Dr. Fränlel noch vier Leichen obduziert, die des Arbeiters Emil Hase, des Schneiders Neondcr Ritter, des Klempners Hermann Kühnel und des SteindruckerS Reuter. DaS Ergebnis tvar bei allen das gleiche und dasselbe wie gestern bei der Obduktion des Arbeiters Max Voigt. Die Todesursache ist in allen vier Fällen Ver« giftung, aller Wahricheinlichkeit nach Fleisch- oder Fischvergiftung. Im Darm zeigten sich kleine Blutungen und Rötungen, wie sie bei solchen Vergiftungen auftreten. Für eine chemische Vergistung fand sich wieder kein Anhalt. Der Obduktion wohnte gestern auch der Vorsteher deS polizeilichen UntersuchungSamteS, Regierungsrat Prof. Dr. Juckenack, bei. Der Mageninhalt war bei allen vier Leichen, ebenso wie bei Voigt. wieder breiig. Einen Teil von ihm erhielt wieder Professor Lenz vom Institut für Infektionskrankheiten, den anderen GerichtSchemiler Dr. Jeserich zur genaueren Untersuchung. Weil daS Erbrochene der Kranken meist weggespült ist, so sieht man sich nach anderen Dingen um. durch die man vielleicht dem Ursprung der Massenerlcaiikmig näher kommen kann. So hat der Vorsteher deS Schauhauses, Kriminal» kommissar Dr. Noesli, die Müllkasten des Asyls von Kriminalbeamten durchsuchen lassen. Hierbei wurden auch Bück- lingSreste gesunden, die man jetzt ebenfalls zur Untersuchung an Prof. Lenz gesandt hat. Im Schauhause finden sich setzt nach und nach viele Leute ein, ,im die Persönlichkeiten der Gestorbenen festzustellen. Bestimmt Zerkannt wurden: der Schlosser Max Voigt, der im Jahre 1876 gc« boren ist, und dessen Fran in der Swinemünder Straste bei ihrer Mutter wohnt, der Schuhmacher Georg Buche, am 23. April 1356 zu Küstrin geboren, dessen Frau gestorben ist. Sein Stiefsohn er« kannte ihn. Ferner: der Schriftgiester Franz Grostmann, der von seiner Schwester festgestellt wurde. Er ist am 1. Dezember 1830 zu Grünheide geboren, seine Eltern wohnen in Friedrichshagen. Endlich der Bauarbeiter August Hathey, der, wie wir mitteilten, in der Georgenkirchstraste krank aufgefunden wurde und im Polizeigewahrsan, starb. Er ist am 26. Oktober 1879 in FriedcnShütle geboren. Die Leichen der fünf Obduzierten wurden von der Staatsanwaltschaft zur Beerdigung freigegeben. Gestorben sind noch zwei Personen. In das Krankenhaus wurden ebenfalls noch zwei Männer aufgenommen und zwar unter dem Verdacht der Vergiftung. Es sind das die Männer, von denen wir schon sprachen, ein Arbeiter Preust und ein noch nicht Festgestellter, die von Beamten krank in Speisewirtschaften angetroffen und nach t« Unfallstation geschickt wurden. Sie haben unterdessen ein Krankenhaus aufgesucht. Von den Schwerkranken wird kaum einer mit dem Lebe» davonkommen. Den richtigen Weg hat Max Müller eingeschlagen, der als er andere erkrankt sah, gleich bei sich künstliches Erbrechen hervorrief. Er fühlt jetzt nur noch etwas Kopfschmerzen und hat schon wieder guten Appetit._ Partei- Angelegenheiten. Erster Wahlkreis. Zweite Abteilung heute Ver- s a m m l u n g bei Loewc, Holzgartenstr. G. Die bevorstehende Neichötagswahl. Referent: Genosse Karl Vnblitz. Zweiter Wahlkreis. Heute Freitag, den 29. Dezember, abends 81h Ilhr. findet in der Anhalter Reffouree, Möckcrnftr. 114, eine öffentliche Wählcrversammlung statt. Referent: Richard Fischer. Der Vorstand. Zweit« Wahlkreis. Heute abend 8'/, Uhr. bei Rabe. Fichte« straße 29: Versammlung der 7. und 8. Abteilung. Die Abteilungsführer. Dritter Wahlkreis. Heute, Freitag, den 29. Dezember, abends 8'/, Uhr, finden im Dresdener Kasino. Dresdener Straste 93. und in den Nittcrsnlen, Ritterstr. 75, öffentliche Wählerversammlimgen statt. Tagesordnung: Die bevorstehende Reichtagswahl. Referenten: Parteisekretär F. Ebert und Stadtv. Dupont. viert« Wahlkreis. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß die Flugblätter zu den Frauenvcrsammlungen erst am 3. Januar, die anderen jedoch heute vetteilt werden. Der Vorstand. lautet WillnerSdorf-Halcnsce.„ZuchlßauSkurS und ReichStagSwahlen" — et das Thema, über daS der sozialdemokratische ReichStoaskandidat, Stadtverordneter Z u 6 c i I heute abend S'/o Uhr im Viktoria- g arten, Wilhclnikaue 115, in einer öffentlichen Wähle rv er- sammlung referieren wirb. Freie Diskussion. Anhänger aller Parteien sind eingeladen. Gtralau. Am Sonnlag, den Zt. Dezember, vormittags 8 Uhr: Handzettelverbreitung zu der am 2. Januar 1912 in den„Markgrafen-Sälen" stattfindenden öffentlichen Wählerversammlung. Die Bezirksleitung. Lichtenrade. Am Sonnabend, den 39. Dezember, im Wirts- hauS Lichtenrade am Bahnhof: Mitgliederversammlung. Tages- ordnung:„Wahlangclegenheiten". Mahlsdorf(Ostbahn). Am Freitag, den 29. d. M., abends 814 Uhr, im Lokale des Herrn Schliefe, Hönowerstraße: öffentliche Versammlung. Genosse A. Stadthagen wird über die Be- deutung der kommenden Reichstagswahlen sprechen. Die Genossen und Genossinnen werden ersucht, für recht zahlreichen Besuch zu agitieren. Am Sonntag, den 3t. d. M.. morgens 3 Uhr: Flugblattver» breitung. Die Genossen treffen sich hierzu in Mahlsdorf-Süd, Maders Restaurant, Köpenicker Allee, Ecke Winklerstraße; in der Kolonie, Ecklers Restaurant, Grunowstraße; in Mahlsdorf-Nord, Dracgers Restaurant, Bahnhofstraße. Die Bezirksleitung. Hohen-Schöiihauscn. Heute Freitag, abends SVa Uhr: Oeffent- liche Wählerversommlung bei Reyher, Berliner Str. 93. Tagesordnung: Die Sozialdemokratie und ihre Gegner. Referent: Genosse Georg Ucko. Kavlsdorf. Am Sonntag, den 31. Dezember 1911, vormittags SV'a Uhr, findet eine Flugblattverbreiwng von Bobey aus statt. Wir ersuchen die Genossen, alle zur Stelle zu sein. _ Die Bezirksleitung. Berliner Nachncbten* Um die Ravcnsberge. Etwa gegen acht oder neun Uhr morgens fahren wir vom Potsdamer Hauptbahnhof, vom Wannseebahnhof oder von einer der Stationen der Stadtbahn nach Potsdam, das wir je nach dem gewählten Ausgangspunkt in einer oder auch schon in einer halben Stunde erreichen. Beim Hinaustreten aus dem-Bahnhof in Potsdam wenden wir uns sogleich links, an den Droschkenhalteplätzen vorbei, ersteigen eine breite «teintreppe und befinden uns dann auf der großen Straßen- brücke über dem Bahnkörper. Wir überschreiten sie und wenden uns auf der ersten rechts abzweigenden Straße durch die Vorstadt, wobei wir an bewaldeten Höhen vorüber die Michendorfer Chaussee erreichen. Bei der ersten Wegteilung rechts ab, an einer Reihe von Beamtenhäusern und am Walde vorüber zur seeartig verbreiterten Havel hinab, dann gemäch- lich auf der prächtigen Havelchaussee gen Templin. Die Straße, eine der schönsten der ganzen Berliner Umgebung. schlängelt sich zwischen dem steil abfallenden Walde und dem Seeufer hin. Auf dem Wasserspiegel Scharen von glucksenden Teichhühnern und nicht selten ein wahres Gewimmel von Wildenten und von Möwen. Immerfort wechselnde Bilder, von den kulissenartig sich verschiebenden dunklen welligen Linien der Pirschheide und des Wildparks uckd von den steilen, oft durch Schluchten durchbrochenen Waldhängen zur Linken reizvoll eingefaßt, begleiten uns. Vor dem Wirtshaus Templin(bis hierher etwa eine Stunde) zweigt links ein breiter Hohlweg ab. der uns jetzt aufnimmt. Hinter uns versinkt die Havel und der hochstäm- mige moosige Kiefernwald nimmt uns auf. So geht es gegen Osten, über manchen Weg. bis die breite Michendorfer Chaussee gekreuzt wird. Hier hört unser Weg auf. aber etwa hundert Schritt nach rechts finden wir die Fortsetzung auf dem von Caputh heraufkommenden Fahrwege. Wieder wan- dern wir weiter im hohen Walde in der Richtung nach Drewitz. und mit einem Wale grüßen uns zur Linken die waldigen 'Küppen der Ravensberge, in deren Gebiet wir jetzt einge- treten sind. Es sind mit etwas mehr als hundert Metern für die Mark recht respektable Höhen, die ihre Wirkung tun. Rechts vom Wege zeigt sich eine Senkung mit dem Teufels- fenn, zu dem wir einen Abstecher machen. Ein breiter Wasser- gürtel ringsum hindert das Betreten des trügerischen und ge- heimnisvollen Moores, das uns zeigt, wie solche Moore früher einmal auch im Grunewald ausgesehen haben, als er noch weniger„aufgeschlossen" war. Unser Weg geht steil auf einen Rücken der Ravensberge hinauf und wenn wir uns im Gehen umwenden, haben wir prächtige Blicke über ein wellig be- wegtes Meer von Wald. Man kann den Rücken bis zur Spitze der Kleinen Ravensberge verfolgen, die uns durch die Krönung mit einem eisernen durchbrochenen Turme(zum Zwecke der Meridianmessung aufgestellt) schon unten aufgefallen ist. und die Aussicht erweitert sich oben beträchtlich, bis nach Potsdam hinüber. Unser Weg senkt sich vom Rücken wieder herab und trifft einen von Potsdam kommenden Fahrweg, den wir nach rechts verfolgen, um bald darauf am Teufelssee zu stehen. Tief eingebettet liegt das„Auge des Waldes", hier und da von dünnen Eisplatten überzogen, und weißliche Nebel steigen von ihm zu den Kiefern auf. Wir brauchen Karte und Kompaß in dieser Gegend, denn es schneiden sich viele Wege und Gestelle und wir haben wenig Aussicht, jemanden zu treffen, den wir nach dem Wege fragen könnten. Aber in dieser Einsamkeit, nur 30 Kilo- meter vom brausenden Berlin entfernt, liegt auch ein großer Teil des Reizes. Dazu der frische hohe Wald mit seinen grünen Wegen, die uns auf und ab führen und keine Mono- tonie aufkommen lassen, wohl aber den Ernst der märkischen Kiefernlandschaften von seiner besten und gewinnendsten Seite zeigen. Derselbe Weg. der uns zum See hinabführte, führt uns nach Norden auch wieder heraus aus der Wildnis. Immer durch schönen Wald erreicht er schließlich den Telegraphenberg mit den Kuppeln des Astro-Physikalischen Instituts und an diesem vorbei den Schützenplatz in Potsdam, der nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt ist. Die Gemeindeschulen Berlins haben in dem laufenden Winterhalbjahr 1911/12 sich um 2 auf jetzt 893 gemehrt. Die Zahl der G e m e i n d e s ch u l k i n d e r. die schon seit einigen Jahren im Rückgang ist. hat weiter abgenommen. Sie belief sich bei der am 1. November ausgeführten Zählung auf nur noch 224 424. das find wieder um 643 weniger als im Sommer- Halbjahr nach der Zählung vom 1. Mai. Eine Abnahme hatte zum ersten Male im Herbst 1998 sich bemerkbar gemacht. Nachdem im Mai 1998 mit 228 997 Gemeindeschulkindem der Höchststand erreicht worden war, wurden im November 1998 um 462 weniger gezählt. Der Mai 1999 brachte wieder eine kleine Zunahme um 118 Kinder, aber im November 1999 ergab sich ein desto stärkerer Rückgang, um 1235 Kinder. Seitdem hat die Abwärtsbewegung fortgedauert. wenn sie auch nicht immer dieses rasche Tempo beibehielt. An den vier nächsten Zählungsterminen, Mai 1919, November 1919. Mai 1311, November 1911, wurden Abnahmen um 981, 69. 1299. V43 Kinder festgestellt, sodaß schließlich das Ergebnis vom November 1911(224 424 Kinder) um 4483 hinter dem Ergebnis vom Mai 1398(228 397 Kinder) zurückblieb. An dem Minus von 4483. das in nur ö'/, Jahren zustande gekommen ist, find im besonderen die letzten 2V3 Jahre allein mit 4149 beteiligt. ES war zu erwarten gewesen, daß der fortdauernde Rückgang der Geburtenziffer schließsich auch auf die Gemeindeschulen Berlins seinen Einfluß ausüben würde. In den letzten Jahren hatte auch die Minderung deS Zuzuges von Arbeiter- familien nach Berlin noch dazu beigetragen, die Zahl der Ge- meindeschulkinder herunterzudrücken. Daß trotz dieser Entwickelung der Dinge die Schulverwaltung unserer Stadt noch lange nicht aufhören darf, die Gemeindeschulen weiter zu vermehren, das versteht sich von selber. Zu einer Ab- nähme der Kinderzahl tst es ja nur m den älteren Stadl- teilen gekommen, die längst voll bebaut find. Die neuen Stadtteile, in denen Jahr für Jahr noch Neubauten ent- stehen und eine neu zuziehende Bevölkerung aufnehmen, haben noch immer eine starke Mehrung auch ihrer Schul- linder. Dort müssen dementsprechend immer neue Schulen eröffnet werden. In den letzten Jahren ist bei der Mehrung der Gemeinde- schulen kein allzu stürmisches Tempo zu bemerken gewesen und manche neu eröffnete Schule war weiter nichts als eine bereits be- stehende Schulfiliale, die durch Hinzufügung einiger Klaffen sich zu einer vollen Gemeindeschule auswuchS. In dem laufenden Winter- Halbjahr 1911/12 fällt auf, daß zum ersten Mal die Gesamt- zahl der G em ein d es ch u l k la ss en nicht weiter ver- mehrt, sondern vermindert worden ist. Im Sommer hatten wir 394 Schulen mit zusammen 6262Klaffen(einschließlick> 191 Bor- und Nebenklaffen), jetzt im Winter aber sind eS 396 Schulen mit zu- ammen nur 6239 Klaffen(gleichfalls einschließlich 191 Vor- und Nebenklaffen). Werden die Vor- und Nebenklaffen ausgeschieden, so bleiben 6961 Klaffen im Sommerhalbjahr, aber nur 6948 Klaffen im Winterhalbjahr. Diese Minderung um 13 Klassen gegen- über dem Sommerhalbjahr, die durch den Rückgang der Gesamt- kinderzahl keineswegs gerechtfertigt ist, gibt zu denken. Sie erscheint noch bestemdlicher. wenn wir zur Ver- gleichung die Zahlen heranziehen, die für das Schuljahr 1911/12 im Gemeindeschuletat angekündigt wurden. Das Winter- Halbjahr 1919/11 schloß ab mit einer Gesamtzahl von-6221 Klaffen einschließlich 161 Nebenklaffen, während eS Vorklaffen damals noch nicht gab). Die Gesamtzahl sollte, so stellte der Etat es in Aus- ficht, steigen im Winterhalbjahr 1911 auf 6273 Klaffen, im Winter- Halbjahr 1911/12 auf 6283 Klaffen. In Wirklichkeit sind es nicht mehr als 6239 Klassen geworden. 44 Klassen zu wenig gegen- über dem Etat._ Die neue», verschärften Sicherheitsvorschriften für Kincmatographen- Theater werden aus Anlaß der Braiidkalaslropbe in der FranlfutterjAllee demnächst zur Einführung gelangen; sie liegeiifdem Minister des Innern bereits zur Genehmigung vor. Ein Filmbrand, wie er nickt ganz unvermeidlich ist, wird sich danach so in dem völlig abgescklosienen Vorfübrerraum abspielen, daß die Zuschauer fick in absoluter Sicker- heit befinden und nicht einmal durck Brandgeruch beunruhigt werden können. Die jetzt geltende Polizeiverordnung vom 2. Mai 1999 enthält schon eine Reihe von Sickerheitsvorschriften, die den Filmbränden vorbeugen bezw. ihre Ausdehnung Verbindern sollen und danach wird ein nüchterner und mnsickliger Vorführer, wenn ja ein Film iu Brand geraten sollte, diesen selbst sofort unter- drücken können. Die neue Verordnung gehl aber noch weiter; ie verlangt eine völlige feuersichere Abtrennung des Vor- ührerraumS von dem Zuschauerraum und dessen Zugängen und einen Ausgang der— eventuell durch einen Vorraum mit Sicher- heits'chleusen— unmittelbar inS Freie führt. Ferner sollen die im Vorführungsräume befindlichen Einrichtungsgegenstände auS u n- ver b r e n n l i ch e n Stoffen bestehen, die feuersickeren Türen selbst- tätig schließen, die kleinen Projettions- und Schauöffnungen mit GlaS. größere Mit eisernen Klappen verseben sein, die bei einem Brande sich, von selbst sckließen. Endlich ist eine Saug» entlüftungSanlage vorgeschrieben, die das Eindringen von Stichflammen oder Rauch in den Zuschauerraum unmöglich macht Ueber die Neugestaltung der Tarife auf der Berliner Stadt- und Ringbahn nach Turchsiihrung der Elektrisierung wird uns geschrieben: In einer Konferenz, die Vertreter des Vereins der Vor- orte Berlins in diesen Tagen mit dem Präsidenten der Eisenbahn- direktion Berlin hatten, hatte der Präsident auf Anfrage bestätigt, daß eine Erhöhung der Tarife auf der Berliner Stadt- und Ring- bahn nach Aufnahme des elektrischen Betriebes als sicher zu be- trachten sei. Bei den Vorarbeiten zur Elektrisierung der Berliner Stadtbahn hat die Tariffrage eine große Rolle gespielt. Die Ele� trisierung der Stadtbahn erfordert so hohe Summen, daß eine Erhöhung der Tarife in Aussicht genommen ist. Neben dem Tarif für Einzelfahrtarten sollen auch die Preise für die Monatskarten nach der Elektrisierung erhöht werden. Vorläufig ist beabsichtigt, statt des Fünfstationentarifes den Vierstationentarif einzuführen, so daß eine Fahrt in der 3. Wagenklasse bis zur 4. Station 19 Pf. kostet, während bisher bis zur 6. Station gefahren werden konnte. Der doppelte Fahrpreis wird für Fahrten bis zur 8. Station be- rechnet, darüber hinaus wird das dreifache des einfachen Fahr- Preises in Anrechnung gebracht. Eine Rundfahrt auf der Berliner Ringbahn, die jetzt 29 Pf. kostet, würde somit in 3. Klasse 39 Pf. kosten. Für die Berechnung der Preise für Monatskarten wird eine neue Kilometerberechnung zugrunde gelegt werden, wie sie bereits bei den Vorortbahnen in Kraft ist. Die Karte Friedrich- stratze— Charlottenburg, die augenblicklich in der 2. Wagcnklasse 4,79 M. kostet, würde in Zukunft 7 M. kosten. Die Preise für Arbeiterfahrkarten sollen nicht erhöht werden. Schon immer wird von der Eisenbahnverwaltung die Beljaup- tung aufgestellt, der Stadt- und Ringbahnverkehr rentiere schon heute nicht mehr. Dieser Behauptung ist eine Berechnung zu- gründe gelegt, die nach den verschiedensten Richtungen hin ansecht- bar ist und mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht im Einklang steht. Aber wenn man etwas erreichen will, kann man Zahlen jo gruppieren und Berechnungen so aufstellen, wie man sie gerade biaucht. Und das hat die Eisenbahnverwaltung feit Jahren geübt, insbesondere in Rücksicht auf die Berechnung der Rentabilität des Stadt, und Ringbahnverkehrs. Und im städtefcindlichen preußischen Landtage fand sie dafür immer einen guten Boden. Totgeauetscht. Ein schwerer Unglücksfall hat sich in der Nacht zum Donnerstag auf dem Strahenbahnhof in der Beiziger Stratze in Schöneberg ereignet. Dort war der Wagenwäscher August Kuphal aus der Kyffhäuserstraße 3 mit dem Reinigen von Straßen. bahnwagen beschäftigt. Als gegen 1 Uhr nachts ein Straßenbahn- zug in den Bahnhof einfuhr, versuchte K. entgegen der bestehenden Vorschrift, zwischen dem Bahnwagen und einem Mauerpfeiler hindurch zu gehen. Dabei wurde der Unvorsichtige von dem ein- fahrenden Motorwagen gegen das Mauerwerk gedrückt und erlitt einen Bruch des rechten Armes und schwere Brustquetschungen. Der Verunglückte erhielt auf der Unfallstatton in der Vorbergstraße die erste Hilfe und wurde dann nach dem Schöneberger Krankenhause gebracht, tro er gestern früh seinen Verlitzungen erlegen ist. Gram um den Tod ihrer Mutter u»d Verfolgungswahnfinn haben die 37 Jahre alle Ehefrau Valeska de» Bureaugehilfen Nemnaim vom Scklesischen Bahnhaf 3 zum Selbstmord veranlaßt. Die Frau wurde noch dem Tode ihre� Mutter, die im September v. I. starb und an der sie sehr gehangen hatte, sckwermütig. In der letzten Zeit zeigte sie so starke Spuren von Verfolgungswahnsinn, daß sie vorgestern nach der Irrenanstalt gebrocht werden sollte. Bevor es dazu kam. sprang sie gestern Minag aus dem Fenster des vierten Stocks auf den Hof hinab. Ihr Mann brachte sie mit der Drosckke nach dem Krankenhause am Urban. Hier konnte der Arzt aber nur noch den Tod feststellen. In seiner Wohnung erschossen hat sich gestern vormittag der 46 Jahre alte, au» Hamburg gebürtige Buchhalter Otto Bruns, der seit zwei Iahren für sich allein in der Kirchflraße 18 zwei Stuben und Küche bewohnte. Der Aufwärterin, die ihm die Wirtschast be« sorgte, fiel es auf. daß Bruns seit einem halben Jahre fast den ganzen Tag zu Hause war und ständig Ausschnitte aus seiner Zeitung machte. Sie nahm an, daß er stellungslos sei, kümmerte sich aber nicht weiter darum, weil sie stets ibren Lohn bekam. Auch die Miete bezahlte Bruns pünktlich. Als die Aufwärterin vorgestern vormittag um lO'/g Uhr kam, fand sie den Mann in seinem Wohn- zimmer rot vor dem Spiegel liegen. Ein Arzt stellte fest, daß er sich eine Revolverkugel in die rechte Schläfe geschossen hatte. Die Leiche war noch nickt erkaltet. Sie wurde bei'cklagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. In einem hinterlassenen Briefe an de» Hauswirt hatte Bruns gekündigt und mitgeteilt, dag die bis zum 1. April noch zu zahlende Miete sein Bruder entrichten werde. Wahrscheinlich hat Stellungslosigkcit und Erschöpfung seiner Mittel den Mann in den Tod getrieben. Ein armes Dienstmädchen hat am ersten Feiertag nachts eine schwarze Ledertasche mit Inhalt auf dem Wege von Weberstr. 17 bis Lothringer Straße verloren. Der ehrliche Finder wird um Abgabe gebeten nach Turmstr. 33 bei Dir. Singer. Vorort- JVacb riebten« Charlottenburg. In der Straßenbahn gestorben. Der GerichtSsekretZr Ernst Püschel auS der Wilmersdorfer Str. 38 hatte am Mittwochabend gegen 7 Uhr einen Straßenbahnwagen der Linie 64 zur Fahrt nach Hause benutzt. An der Ecke der Leibniz- und Bismarckstiaße wurde P. plötzlich von heftigem Unwohlsein befallen und verstarb, ehe ärzt- liche Hilfe zur Stelle war. Der Arzt konnte nur noch den infolge Herzschlages eingetretenen Tod feststellen. Marienfelde. Die„Freie Turnerschast Marienfelbe" veranstaltet am Sonn« tag, den 31. Dezember, im Lokal von Herrmann in Mariendorf, Großbeerenstratze 78—81, eine Silvesterfeier, bestehend in turne» rischen Aufführungen und Ball. Da der Arbeiterschaft in Marien- selbe kein Lokal zur Verfügung steht, der Verein aber bei Partei» Veranstaltungen stets mitwirkt, werden die Genoffen ersucht, sich rege daran zu beteiligen. Köpenick. Mit dem Fahrstuhl in die Tiefe gestürzt. Ein schrecklicher Unglücksfall hat fich in der Dampimühle in der Friedrickshagener Straße zugetragen. Der Arbeiter Henl'chel hatte den Fohrstuhl mit Mehlsäcken beladen. Als der Tragekorb von den oberen Stockwerke» nack unten befördert werden sollte, blieb er plötzlich stecken. Henschel versuchte ihn wieder flott zu macken, doch unvermutet sauste der Fahrstuhl in die Tiefe. Henschel wurde mitgerissen und schwer ver« letzt. Er wurde in bedenklichem Zustande in» Krankenhaus ein« geliefert. Bohnsdorf. Bei der Weihnachtsfeier in der Villa Kahl ist eine Herren« taschenuhr gefunden worden. Dieselbe ist abzuholen vom Lokal« komniissionSmitglied Ewald Wille, BohnSdorfer Straße.21, Genossen« lchaflshaus.. Nowawes. Verbot des Silvesterschießens. In einer amtlichen Bekannt- machung wendet sich der Amtsvorsteher gegen die alteingewurzelte Sitte oder, besser gesagt, Unsitte, in der Silvesternacht auS den Fenstern Schüsse abzugeben und auf den Straßen schußähnliche Feuerwerkskörper abzubrennen; er droht denjenigen Personen, die bei Verübung des gerügten Unfugs betroffen werden, strafrechtliche Verfolgung an. Ja der Sitzung de» G«w-rrsch<>f«»e-r,r0» teil» der Delegteri« der Bäcker mit, daß die Angelegenheit deS Restaurateur», früheren BäckemreisterS Goiny, Auguslstraße, welche in der letzten Kartell« sitzung zur Sprache gebracht wurde, zur Zufriedenheit der organisierten Bäcker erledigt ist.— Zur weiteren Unterstützung der streitenden und ausgesperrten Tabakorbeiter wurde beicklosien. den Extrabeitrag, der auf 6 Pf. pro Wocke und Mitglied festgesetzt von den Gewerkschaften auf weitere vier Wochen zu erheben. Gerichts-Leitung. Ein Zugzusammenstoß auf der Ringbahn lag einer Anklage wegen fahrlässiger Gefährdung eines Eisenbahn« transports zugrunde, welche gestern unter Vorsitz des Lantgerichrs» rats Vrieskorn die 19. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte, Angeklagt waren vier Eisenbahnbeamte und zwar der Eisenbahn« gehülfe Hermann Rauter, der Weichensteller Ferdinand Raabe, der Lokomotivführer Johannes Strohfeldt und der Zugführer Wilhelm Klinke, welche von den Rechtsanwälten' Marponinsly, Dr. Sonnen« feld, Dr. Herbert Frankel und Dr. Micthke verteidigt wurden. Da es sich in der Verhandlung hauptsächlich um die Erörterung rein betriebstechnischer Fragen handelte, waren vom Gericht und der Verteidigung mehrere Sachverständige von der Eisenbahnbe- Hörde geladen. In der Mitte des Gerichtssaales war ein großer Tisch aufgestellt, auf welchem mit Hilfe einer Miniatureisenbahn, Schienen, Weichen und Signalmasten die örtlichen Verhältnisse an der zwischen den Stationen Treptow und Stralau-Rummelsburg gelegenen Unglücksstelle im Lilipursttl dargestellt wurden.— Der Anklage liegt jener Zugzusammenstoß zugrunde, der sich am 7. Januar d. Js dicht hinter der Station Treptow ereignet hatte und bei dem zahlreiche Personen Verletzungen erlitten hatten. Der sogenannte Vollringzug A 7, der kurz nach 6 Uhr von der Station Rixdorf abgefahren war, hatte die Station Treptow verlassen und befand sich gerode auf der Brücke zwischen den Stationen Treptow und Stralau-Rummelsburg als der jetzige Angeklagte Strohfeldt. der sich auf der Lokomotive befand, bcmertte, daß er auf einem falschen Geleise fuhr. Er bremste sofort und ließ den Zug auf die Zurufe und Signale der in dem nahen Stellwerk Slt. befindlichen Augs» klagten Rauter und Raabs rückwärts laufen, um wieder über die falsch gestellte Weiche hinweg auf das richtige Geleise zu gelangen. In demselben Augenblick kam von Treptow her der Südringzug 2122 heran. Der Lokomotivführer dieses Zuges sah plötzlich die Schluß» lichter des sich rückwärts bewegenden ersten Zuges aus sich zu» kommen. Er gab sofort Gegendampf und zog die Bremse und brachte auch tatsächlich noch seinen Zug zum Stehen. Er konnte eS jedoch nicht verhindern, daß der rückwärtsfahrende Zug aus ihn auffuhr. Der Zusammenstoß erfolgte mit einem weithin hörbaren Gelöse und mit einer derartigen Gewalt, daß sich mehrere Wagen zusammenschoben. Die erschreckten Fohrgäste stürzten hilferufcnd aus den Kupees und liefen die Geleise entlang. Hierdurch gerieten sie in eine zweite noch größere Gefahr, da in demselben Moment von Rummelsburg kommend ein dritter Zug hcranbrauste. Zum Glück hatte einer der Bahnbeamten die Geistesgegenwart durch Zu» rufen auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, so daß die Fahrgäste noch durch schnelles Beiseitcspringen ihr Leben in Sicher» heit bringen konnten. Als verletzt meldeten sich zirka 29 Personen» die aber sämtlich mit leichteren Verletzungen davongekommen waren. — Vor Gericht gaben die Angeklagten Rauter und Rabe zu. jene Weiche falsch gest.llt zu haben. Sie gaben an, irrtümlich geglaubt zu haben, daß es sich um einen anderen Zug handelte, der nach links einbiegen mußte. Tie Hauptschuld mißt die Angklage den Angeklagten Strohfeldt und Klinke zu, di« darin gefunden wird; daß sie entgegen der ausdrücklichen Betricbsvorschrift ohne besondere Anweisung rückwärts gefahren waren, trotzdem sie wußten, daß bei der schnellen Zugfolge auf der Ringbahn unmittel» bar hinter ihnen ein anderer Zug folgte.— Das Gericht kam auf Grund der Gutachten der Sachverständigen zu der Ansicht, daß«in« Schuld lediglich dem Angeklagten Strohsrldt beizumessen sei. da et entgegen der Betriebsvorschrist ohne Auftrag rückwärts gefahren war, trohdem er wußte, daß dicht hinter ihm ein anderer Zug folgte. Gegen ihn lautete daS Urteil dem Antrage des Staatsanwalts ge- maß auf SlXl Mark Geldstrafe, während die übrigen freigesprochen wurden._ Eine grobe Ausschreitung dreier„Athleten", die in der rohesten Weise über einen Menschen hergefallen waren, beschäftigte gestern die zweite Strafkammer des Landgerichts I. Wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung im Sinne des § 224 des Strafgesetzbuches waren die Artisten Hermann Gehrte, Hermann Ehlcrt und Karl Hermann angeklagt. Die Angeklagten sind zusammen zirka 35 Mal wegen allerlei Roheitsvergehen mit längeren Gefängnisstrafen vorbestraft. Nach ihrer Angabe sind sie als Ringkämpfer und Parterreakrobaten auf- getreten.— Am 27. Dezember v. Js. kamen die drei Angeklagten, nachdem sie vorher schon mehrere andere Lokale aufgesucht hatten, spät abends in die Schankwirtschast von Schmidt in der Siewert- straße. Als sie sich hier ungebührlich benahmen, wurden sie von Schmidt aufgefordert, das Lokal zu oerlassen. Sie kehrten sich jedoch nicht im geringsten an diese Aufforderung, sondern schlugen auf Schmidt ein. Nachdem einer der Angeklagten mit einem Stuhle die Gaskrone«demoliert hatte, fielen alle drei in der Dunkelheit über den Gastwirt her und schlugen in der rohesten Weise auf ihn ein, um dann die Flucht zu ergreifen. Für den übel zugerichteten Schmidt hatte dieser Exzeß recht schwere Folgen, da er infolge eines Schlages die Sehkraft aus einem Auge fast vollständig einbüßte.— Der Angeklagte Ehlert versucht« später seine Schuld durch einen friedlichen Ausgleich zu sühnen, indem er an«Schmidt eine Buße von 850 Mark zahlte. Da jedoch eine Einigung mit den beiden anderen Angeialgten nicht zu erzielen war, erstattete Sch. im März d. Js. Anzeige.— Das Gericht erkannte gegen Gehrke und Hermann auf je 9 Monate Gefängnis, gegen Ehlert lautete das Urteil dagegen auf 1 Monat Gefängnis, da er offensichtlich aus Reue über seine Tat schon versucht habe, den Verletzten zu entschädigen. Etos der frauenbewegung» Frauen, lest die Parteipresse! Wir gehen einem neuen Jahre entgegen, einer Zeit, in der nicht nur große, heftige Kämpfe toben, sondern auch wichtige Entscheidungen fallen werden. Hierbei ist es zweifellos, daß die Presse uns eine zielsichere, unerschrockene und konsequente Führerin sein kann und muß. Nur wer in seinem Organ, aus dem er täglich seine geistige Nahrung zieht, auch seine Weltanschauung findet, wird mit dem frohen unververrückbaren Bewußtsein in die Kämpfe hinausziehen, daß nur eine gründliche und umfassende Reform unserer heutigen Gesellschaftsordnung die sichere Gewähr für ge- rechtere, sittlichere und vernünftigere Zustände in der künf- tigen Gesellschaft bieten kann. Die Presse muß die Weg- weiserin sein, die uns führt und leitet, uns stützt und anfeuert. uns vorwärts treibt, dem Ziele entgegen. Diese Aufgaben kann die Presse aber nur erfüllen, wenn sie auf dem Klassen- standpunkte ihrer Leserschaft steht. Trotzdem sind heute noch viele Tausende von Angehörigen der arbeitenden Schichten Leser und Förderer der bürgerlichen Presse, die natürlich auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung steht und weiter nichts ist, als der Reflex demagogischer, frömmelnder und mordspatriotischer Tendenzen, die nur den Zweck haben. die allmählich erwachende arbeitende Klasse vom Klassen kämpfe abzuhalten, ihnen Demut. Unterwürfigkeit und andere zweifelhafte Tendenzen zu predigen. Ihre stärkste Stüde findet die Klatsch- und Reptilien presse leider bei der Frau, die sie mit allerlei Mätzchen und allerlei sentimentalem und läppischem Krimskrams ködert, auf welch raffinierten Trick leider auch nur allzu viele Frauen aus den unteren Schichten hineinfallen. In der Zeit der größten Hungersnot, der fluchwürdigsten Lebensmittelver> teuerung predigt man dem Volke weise Sparsamkeit und tischt ihm statt preiswerter und nahrhafter Speisen angeblich „wohlfeile" Kochrezepte auf. die ein blutiger Hohn auf die ohnedies schon kümmerliche Ernährungsweise dieser Schichten sind. Wo es gilt, die heutigen Zustände, sei eS unsere verruchte Zoll- und Wuchergesetzgebung, sei es unsere empörende Klassen- und Militärjustiz, unsere kulturwidrigen Schulver Hältnisse, die Abhängigkeit des Staates von der Kirche zu geißeln, da versagt diese Presse oder windet sich um eine klare und unzweideutige Stellungnahme herum. Statt dessen finden in ihren Spalten der ödeste Klatsch, blutige Schauer geschichten oder die intimsten Liebesangelegenheiten hoch stehender Persönlichkeiten in breitester Ausführlichkeit Auf nähme. Die grauenhaften Zustände des Landarbeiterelends, die empörende Ausbeutung der Frauen und Kinder, die brutale Niederknüppelung des arbeitenden Volkes werden ver schwiegen oder in entstellter Weise wiedergegeben, zum Teil noch blutig verhöhnt. Für die erwerbstätige Frau, für die Frau als Mutter und Erzieberin kommt aber noch ein Punkt von größter Wich tigkeit in Betracht: die politische und soziale Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts! Die Forderung der G l e i ch b e r e ch- t i g u n g der Frau ist bis jetzt noch von keiner bürgerlichen Partei je gefordert noch vertreten worden. Im Gegenteil. diese Forderung hat dem größten Teil der bürgerlichen Presse, darunter sogar ganz links siebenden Blättern, bis zur heutigen Stunde Anlaß zu den banalsten und kindischsten Witzen wnd Kalauern geboten. Und das in einer Zeit, wo elf Millionen erwerbstätiger Frauen im Daseinskampfe stehen und der Gesellschaft unermeßliche Werte schaffen, wo an die Frau als Mutter und Erzieherin die höchsten Anforderungen gestellt werden.— Dafür der Spott und Hohn! Die Sozial- demokratie war bis jetzt die unbestrittene Verfechterin der Staatsbürger- und Menschenrechte auch des weiblichen Ge- schlechts. Darum sollte jede Frau, die nicht nur ein Interesse an der Besserung unserer wirtschckftlichen und sozialen Verhält- niste hat.•sondern auch die Gleichberechtigung der Frau als Staatsbürgerin für unumgänglich notwendig hält, nur eine Zeitung abonnieren, die unbeirrt und unverrückbar die For- derung vertritt: Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selb st. gleiche Rechte und gleiche Pftichten aller ohne Unterschied des Ge- schlechts und der Abstammung. Der Kampf muß jeder Art der Ausbeutung und Unterdrückung gelten, ganz gleich. ob sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Raste richtet. Keine Partei hat in ihrem Programm die Forderung, wie sie das sozialdemokratische Parteiprogramm enthält: Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öfsent- lich- und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen. Darum hinaus mit der bürgerlichen Klatsch- und Slandalpressel Frauest, abonniert die Presse, die Sure Rechte als Mensch, Frau und Mutter jederzeit wahrgenommen hat und wahr- nehmen wird. Vor allem aber lest auch die„G l e i ch h e i t", die schneidige Vorkämpferin für Frauenrechte, die un- erschrockene, zielklare Streiterin gegen Ausbeutung und Unterdrückung, die glänzende, lichtvolle Belehrerin und Führerin in allen politischen, wirtschaftlichen, sozialen, ethischen, wissenschaftlichen und literarischen Fragen, die sicher vorwärtsschreitende Pionierin auf dem Wege zur sonnen- durchleuchteten Zukunft. Kein Heim ohne dieses Organ, keine Familie, wo nicht die„Gleichheit" ausläge, die eine Fundgrube an Wissen, ein nie versiegender Quell der Belehrung und Aufklärung, eine unerschöpfttche Rüstkammer für alle Kämpfer im politischen und wirtschaftlichen Leben darstellt. Die„Gleichheit", die nicht nur den Großen ein frisch und lebendig sprudelnder Quell des Wissens und der Unter- Haltung, der geistigen Durchbildung ist, bietet auch den Kindern, die mit glühenden Bäckchen und glänzenden Augen sich weltvergessen in die prächtige Kinderbeilage versenken, eine empfehlenswerte Lektüre. Sie ist am ehesten geeignet, der verrohenden und verblödenden Wirkung unserer heutigen Schundliteratur entgegenzuarbeiten. Frauen. Genossinnen! Abonniert die Arbeiterzeitung, abonniert die„Gleichheit"! Fort mit der Skandalpresse l Erst Kampf, dann Frieden! Mit sentimentalen, verlogenen Redensarten die Arbeiterinnen über die Not der Zeit hinwegzutäuschen, ist ein beliebter Trick der Unternehmerpresse. Trotz der riesenhaften Reichtumshäufung in den Händen weniger, wachsen für die Masse der Bevölkerung die Existenzsorgen. Während in den heuchlerisch-moralisierendcn Ge> schichten i la Marlitt die Frau für daS treue Schalten und Walten im Haufe hochbeglückende Belohnung findet, reißt bittere Not einen immer größeren Teil der weiblichen Bevölkerung aus dem Hause, von der Kinderschar fort, zwingt sie hinein in die Geist und Körper zerrüttende kapitalistische Fronarbeit. Und was dabei nicht ver gessen werden darf: die Wirt sch afts° und Steuerpolitik der bürgerlichen Parteien ist es, die in steigendem Maße die Mit arbeit der Frau zu einer gebietenden Notwendigkeit macht! Die Frau muß mit verdienen, obwohl die Produktivität der Arbeit er heblich gestiegen ist. Daß die Zollwuchcrpolitik die soziale Not des Volkes erhöht, immer mehr Frauen und Jugendliche in die Fabrik hineingetrieben hat, das zeigen zur Evidenz die nachfolgenden An- gaben über die Beschäftigung von Frauen und Kindern in der deutschen I n d u st r i e. Wir setzen die Zahlen des Jahres 1905. vor dem Inkrafttreten der Zölle des Wuchertarifs und vor dem W i r k sa m we r d e n der berühmten R�ichsfinanzrcform mit den neuen, die Lebenshaltung verteuernden Steuern in Vergleich zu denen des Jahres 1910. Hier das aufreizende Resullat. Es waren in den Fabriken beschäftigt: Arbeiterinnen, über 21 Jahre alt , von lS— 21 Jahren Mädchen von 14— 16, unter 14, Knaben von 14— 16, unter 14 1905 633 918 406 829 135 673 4 474 246 591 5771 1910 770 336 489 120 167 225 5 856 309 076 7 014 Arbeiterinnen und Jugendliche Mammen..... 1433256 1 748 627 Die Wirtsckaftspoliiik der bürgerlichen Parteien hat die Zahl der zu einer Erwerbsarbeit gezwungenen Frauen ganz erheblich vermehrt, in den 5 Jahren um 315 371 � 22 Proz. Was dieses Resultat bedeutet, geht aus der Tatsache hervor, daß die Zahl der von den 66 gewerblichen BerufSgenossenschasten versicherten Per- sonen— männliche und weibliche— in 5 Jahren nur um 14 Proz. gestiegen ist. Die Frauen trifft die Verteuerungspolitik der Ritter und Heiligen mit verdoppelter Wucht. Rund 1% Mil- lionen Frauen. Mädchen, Kinder und Jugendliche fronden nun im Dienste deS Kapitalismus. Seit 1908 nahm übrigens die Zahl der über 21 Jahre alten Arbeiterinnen rascher zu als die der 16— 21 Jahre alten. Das läßt darauf schließen, daß immer mehr verheiratete Frauen sich der Fabrikarbeit zuwenden müssen. Unter den jugendlichen Arbeitern hat das weibliche Element sich stärker vermehrt als das männliche; gleichfalls ein Beweis für das wach- sende Hineinzerren der Frauen in das Erwerbsleben. 12 870 Kinder unter 14 Jahren waren trotz des Kinderschutzgesctzes in Fabriken und Bergwerken beschäftigt. Die meisten Kinder— 31,2 Prozent aller— beschäftigt die Textilindustrie. Die Kinder.. und s Frauenarbeit, als das Resultat unserer kapitalistischen Plünderwirtschaftsordnung, bildet eine nette Illustration zu dem Friedens- und WohlgefallenSgeseire der letzten Tage: sie weisen mit allem Nachdruck auf die Notwendigkeit hin, durch Sozialisierung der Gesellschaft das seit Jahrtausenden er- träumt« Ideal der Menschheitsbefreiung und-beglückung erst noch zu erkämpfen! Hiis aller Alelt. Väterchens Renhershncchte. Immer wieder gelangen aus den russischen Gesängnissen ver« zweifelte Hilferufe an die Oeffentlichkeit, die einen Begriff geben von den furchlbaren Qualen der politischen Gefangenen. Kann die russische Reaktion nicht den sozialistischen Geist töten, der seinen SieqeSzug durch daS Land hält, so sucht sie wenigstens die ergriffenen Propagandisten der sozialdemokratische» Lehre körperlich zu» gründe zu richten. Und mit welchen Mitteln Väterchens Be- aufttagte den langsamen Menichcnmord betreiben, ist aus dem Briefe eines Gefangenen des Moskauer KatorgagefängnisseS zu ersehen. ES heiß« darin:.Unsere Katorga mutz als Hölle bezeichnet werden. Hier läßt man die Gefangenen hungern, man ver- höhnt sie. schlägt sie zu Krüppeln, unterwirst sie Exe- kutionen. Dabei zwingt man alle, zu fürchterlichen Bedingungen zu arbeiten. Im Namen oller Genossen auf der Katorga wende ich mich an Sie mit der Bitte, der Welt unsere Qualen mitzuteilen und unseren Henkern, de» kleinen und den großen, den Stempel der Schmach auszudrücken." Nur zu erklärlich ist bei solchen täglichen Verbrechen an Gesund- heit und Leben der Gefangenen, daß die KrankheitS» und S t e r b I i ch l e i t S z i f f e r in den Gefängnissen zu enormen Höhen anwächst. Aber auch da weiß die russische Bureaukratie Rat zu schaffen. Nicht etwa, daß sie mildernd eingreift, das wäre ja gegen den heiligen Geist deS zarischen Regimes. Sie verbietet einfach den Gefängnisärztcn, Mitteilungen über die sanitären Zustände an die Oeffentlichkeit zu bringen. So ist dieser Tage wieder dem Gefängnis- arzt in S m o l e n S k von der Administration verboten worden, einen Bericht über die Krankheiten und die Sterb- lichleit in den Gefängnissen in der Aerztever- sammlung zu verlesen! Im Interesse der Menschlichkeit und Kultur lst zu hoffen, daß nicht allzu lange mehr die zarischen Henkersknechte das Regiment ühren._ Feuer in einem englischen Kinotheater. Ein schweres Brandunglück hat sich am Mittwochabend in einem Kinematographentheater in Chesterfield ereignet. Dreißig Kinder befanden sich in einem Nebenraume des Lichtspieltheaters, wo re sich entkleideten und mit einem leichten Stoff bedeckten, um einer kinematographischen Aufnahme zu dienen. Angeblich wollte sich einer der Knaben an einem Lichte eine Zigarette anzünden; er kam mit dem Lichte einem leichtbekleideten Mädchen zu nahe, deren Kleider Feuer fingen. Im Augenblick stand das unglückliche Mädchen in hellen Flammen. Das Feuer dehnte sich bald über alle Kinder aus. Von den dreißig Kindern wurden fünf tödlich verletzt nach dem Hospital von Chesterfield gebracht, während verschiedene andere nach Anlegung von Notverbänden sich zu ihren Eltern zurückbegeben konnten. Das Befinden der schwerverletzten Kinder ist äußerst besorgniserregend, und man hat wenig Hoffnung» sie am Leben zu erhalten._ Bumbum: Trara! Den oppositionellen Parteien droht zu den bevorstehenden Reichstagswahlen schweres Unheil. Um den inneren Feind zu be» siegen, werden in Sommerfeld im Kreise Spandau-Potsdam» Osthavelland die Mannen des Kriegervereins aufgeboten. Der Vor« stand hat an die Mitglieder folgenden Appell erlassen: .ReichStagSwahl I Am 12. Januar 1912, vormittags 12 Uhr. gemeinsamer Abmarsch zum Wahllokal mit Musik und Fahnen. Orden und Ehrenzeichen sind anzu» legen." Wie wir hören, ist als Feldgeschrei deS Sommerfelder Land» sturms der Ruf:.Heil Heydebrand!" gewählt worden. Unter diesem Zeichen wollen die tapferen Sommerfelder Kriegervereinler kämpfen und— ihren Trauerschoppen trinken. Das Zölibat. Ein katholischer Pfarrherr, der sich sein einsame? Leben etwa? versüßen will, erläßt in der Wiener.Reichspost" folgenden Notschrei: P f a r r h o f in der Nähe Wiens, ohne Oekonomie, wird ein nettes Mädchen oder Witwe als Wirtschafterin zu einem einzelnen geistlichen Herrn ausgenommen. Zuschriften mit näheren Angaben unter.Wirtschafterin 854" an das Stadt» burea» der.ReichSpost", I. Bezirk. Schulerstraße Nr. 21. Mit Hilse der.näheren Angaben" gelingt es dem kcuichen Pfarr» Herrn hoffentlich, in den Besitz eines wirklich netten Mädchens zu gelangen._ Kleine Notizen. Unter Sandmasscn verschüttet. In Pfalzdorf(Rheinland) wurden zwei in einer Sondgrube beschäftigte Knechte bau plötzlich niederstürzenden Sandmaffen verschüttet. Nach dreiviertelstündiger Arbeit wurden die Verunglückten als Leichen geborgen. Ein Hausdrachen. In der belgischen Ortschaft M ooSleede begoß eine Frau ihren schlafenden Ehemann mit einem Eimer siedend heißen WaiserS. Der Mann v e r st a r b einige Minuten später unter gräßlichen Schmerzen. Zusammenstoß zwischen Automobil und Leichenwagen. Unweit deS Ortes R u p e im österreichischen Küstentande fand ein Zu- sammcnstoß zwischen einem Automobil und einem Leichenwagen statt. Der Leichenwagen wurde v o l l st ä n d i g zertrümmert. Der Chauffeur und der Lenker deS Leichenwagens wurden gelövet. Die Insassen deS Automobils wurden mehr oder minder schwer verletzt, Ein Glückspilz. Der spanische Kronprätendent Don Jaime ge» wann in den letzten zwei Tagen im Spiflsaal von Monte Carlo beim Roulrttespeel 400000 Mark. Kurz vor seiner Ab« reise nach San Remo erklärte er. daß er»un genug ge» wannen habe. Im Kampfe mit Verbrechern. Bei dem Versuche, mehrere ver» brechcr zu verhaften, wurde» in der russischen Stadt Nikolajew zwei Geheimpolizisten getötet und einer schwer verwundet. Sechs der Verbrecher wurden vcrhafiet. Ein neues Goldlagcr. In N u b y am Hammonfluß in Alaska ist ein neues großes Goldlager entdeckt worden. Aus allen Teilen des Landes strömen die Goldsucher zu diesem Platze, wo sich in kurzer Zeit eine ganze Zeltstadt entwickelt hat. ßrUflusten der Redaktion. Sit lutiRiftte eprea, stunde findet Linden st rabt 69, vorn vier Trirvcn — Fad r stuft i—, wochcnta glich nou bi« Uftr aftcndS, KonilaftriidS. von tt-, bis 6 Ufte abend» fiaii. Jeder für den Vricskustr» brsiimmien Anfrage ist ei» BuchslNde und eine ZaftI al» Merkzeichen drizusügen. Brieslichc Antwort wird nicht rrieilt Ansragc». denen keine AvonnemeniSansilnng beigesügi ist, werden nicht beantworirt. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. F. 7. M. Ihre Wobnnua ist ebensallS anzugeben.— Zl. 1913. 1. Nein. 2. ES muß Einspruch erhoben werde»..Für die Rcichslagswahl verspätet.— F. K. 33 und H. Zt. 37. Die HaiishalüillgSgegciisiäude verbleiben bei kinderloser Ehe dem überlebenden Ehegatten. Der übrige Nachlaß itt In hier in Frage kommenden Fällen zu tellcn.— Aller Abonnent IVO. 1. Ja. 2. An das Amtsgericht, in dessen Bezirk Sie wohnen. 3. Ja. Nach dem Ableben eines Teils muß das Testament un- verzüglich dem Amisgericht eingereicht werden. 4. Vor- und Zuname. 5. Ja. Die übliche Bezeichnung ist:.Gemcinschaslliches Testament-.— E. Zt. Nur für die Zeil bis zum Todestage. Falls die Forderung da» üb-r binausgebt, reklamieren.—' K. Z. 34. Der Vcnnieter, jalls der Schaden nicht durch Ihr oder Ihrer FawUicnangehörigcn Verschulden ver- urlacht ist.— A. Sch. 3-1. Soweit ersichtlich, nicht ausreichend. Bei dem unter-3 erwähnten wesentlichen Grunde liegt, soweit Ihre Darstellung erkennen läßt, Verjährung vor.— R. R. 7Svv. 1. Ja. 2. Unbestimmt. — O. L. 39. 1. Neichen Sie sofort Beschwerde beim Amtsgericht ei». 2. Ja. 3. Die Frau kann intervenieren, mug sich aber eine eidesstattliche Versicherung der Eltern verschaffen.— K. Neapel 1913. Versuchen Sie den Umtausch. Verwendung nach dem 1. Januar ist unzulässig.— F. I. 33. Die Scheidung ist nicht zu erreichen, da Sie österreichisch« Katholik sind. Da« Kind hat Anspruch ans standesgemäßen Unterbau, die Frau nach Ihrer Schilderung aus noidürstigen Unterbau.— M. G. 9991. 1. Ja. 2. Etwa 100 M.— K. St. 37- Ja. jedoch ist das Fahrgeld zu kürze».— H. F. 77. 1. Nach Jbrer Darstellung unterläge» Sic nicht der militärischen Kontrolle. 2. Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Meld. slrase bis zu dreihundert Mark.— M. S. IVO. Ihre Mnttcr kann klagen, Ihre Ansprüche sind versäbtt, abgcseben von dem später in Frage kommenden Erbrecht.— Witmersdorf-Friedenau. 1. Ja. 2. Nei». WasserftaiidS-Nachrichtc» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berllncr Wcltcrvureau. Wafferstanl» Memel. Tilstt Pregel, Jnsterburg Weichsel, Thon, Oder, Ratibor , Kroffen , Franliurt Warthe, Schrunm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Berby , Magdeburg «)+ bedeutet Wuchs.- Fall.«) Unterpegel.•) Eisstand. Dritter Reichstags-Wahlkreis. Freitag, den LS. Dezember, abendS 8ll, Uhr? Zwei Wähler- Versammlungen im„Dresdener Kasino, Dresdener Straße 96 >mb w d«„Nitter-Salen", Ritterstraße 75. „Die bevorftehende Reichstagswahl." R-seretite»! Genosse Fritz Ebert und Stadtverordneter Panl Tupont. In beiden Versammlungen wird der Kandidat des Kreises Wilh.Pfannkuch eine Ansprache halten Zahlreichen Besuch erwartet[214113*] Der Elnbernfer. Terwaltang Berlin. Freitag, den 29. Dezember 1911, abends 8� Uhr, im großen Saal der Brauerei Friedrichshain,»« sriedrichshaw is-sz. Wentlieiie WählerVersamnilttiui TaaeZordnuna: 259/8* Tagesordnung! „Warum hat die Abrechunng vom 13. Januar interaatlouale Kedeutung?" Referent: Schriftsteller Genosse Eduard Bernstein.— Freie Diskussion. ParteiEenossen I Agitiert für 51 assen besuch m dieser Vcrsammlnng. Das sozialdemokratische Wahlkomttee. Heute, Freitag, abends 8U° Uhr, im GewcrkschaftShaus», Engel- ufer l4/1d, Saal 4[ArbcitZlosensaal): Ti�zcung der* Orisverwaltung. W Einsetzer."MZ Die ArbeltSvermittelung erfolgt vom 2. Januar im paritätischen Ar- bcitSnachweiS von 10 bis IS Uhr vormittags. Sichtung! Lehrlmgett.jugendLicheArbeiter der Holzindustrie! Tonntagnachmittog von 3—8 Uhr abends ist der ArbeitSlosensaat im Gewerkschostshaufe,. Engeluser 14/15, olS Lesesaal für die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter geösjnet. Sämtliche Bücher und Zeilschriste» der Jugendbibliothel liegen zur freien Benutzung aus. Auch stehen den Besuchern UnterhaltungSipiele zur versüguug. Die WerkstattvertraucnSmänner werden gebeten, dir Lehrlinge auf den Besuch deS Lesesaales aufmerksam zu machen._ Achtung I PülSilS Achtung! Sountag, den St. Dezember» nachmittags 2 Uhr, im Lokal vo» Borgma»», Andreasstrafte 21 i Seffentliek polnische Wähler'Versatnntlnng. Tagesordnung: 1. Die Stellung deS polnischen BolkcS zur ReichstagSwahl. Referent! g. BiniSzkiewicz- Kattowih. 2. Freie Dislusston. Es ist Pflicht eines jeden Polen, in der Versammlung zu erscheinen. 201/10* Tie Agitationskommission der P. P. S. Berlin-Rixdoef. Verdsiilj ller l.ellersi'deilel' ..... Filiale Berlin 1.> Sonntag, de» St. Dezember, vormittags tv Uhr, Prinzenallee SS: Tagesordnung-: Stellungnahme zum Ablauf des Tarifs. 143/2 Dal Erscheinen aller Mitglieder erwartet Der Vorstand. vegell Todesfall sofort zu verkausen in Kontopp(Schles) eine seit 20 Jahren bestehende, ohne Konturrenz sehr gut gehend« Buebbinderei mit Paplerhandinns. Näheres bei ben Erben Friedrich, Berlin S. 61, Lehnincr Str. 6; vom 4.-8. Januar 12 in Kontopp. Zu den Beichsra&ijraihlen Vorzüglichen istrachaner Caviar pro Pfund 7,—, 9.—. 11.— bis 24.- M. 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In einer Fußnote war dazu bemerkt: „Von einem Mitarbeiter aus Thüringen wird uns dieser be- merkenswerte Aufsatz eines sozialdemokralischen Bergarbeilers aus dem Meuselwitzer Braunkohlenrevier, der durch den von der Sozialdemokratie im letzten Sommer frivol in Szene gesetzten Streik mit Weib und Kind in Not geraten ist, zur Verfügung gestellt.' Der„sozialdemokratische Bergarbeiter" erzählte tn dem Aufsatz, er sei seit 15 Zahren gewerkschaftlich und Politisch organisiert und auch als Funktionär tätig gewesen. Bei einer Hausagitation für die„Altenburger Volkszeitung" Ende Ottober hätte er in einem Dorfe einen frühereu Jugendfreund getroffen, der ihn zum Mittagstisch einlud. Hierbei hätte der Jugendfreund dem sozialdemokratischen Bergarbeiter erzählt, wie er selbst als Bergarbeiter zu Haus, Hof und Wohlstand gekommen sei. Das wäre ihm dadurch möglich geworden, daß er sich nicht organisierte und niemals einen Streik mitmachte. Der„sozialdemokratische Bergmann" wurde durch die Erklärungen seines Jugendfreundes nachdenklich und rechnete zuhause zusammen, was er an Beiträgen für die Organisation bezahlt, und was er ferner durch Streiks. Aus- sperrüngen usw. eingebüßt hätte. Und siehe da, er brachte die Summe von 4413 M. heraus. Diese Erzählung wurde von einer großen Zahl bürger- licher und gelber Blätter mit der üblichen Brühe ihren Lesern serviert.— War schon die Richtigkeit der Angaben an der Hand der aufgeführten Zahlen zu bezweifeln, so fanden einige Bergarbeiter noch ein besonderes Interesse darin, diesen weisen Kollegen kennen zu lernen. Eine eingehende Unter- suchung der Sache hat jetzt ergeben, daß die ganze Ge- schichte von Anfang bis zu Ende erlogen istl Der„Sozialdemokratische Bergmann" existtert garnicht, ebenso wenig der„Jugendfreund". Als Erfinder des Romans ist ein Bergmann Seebauer ermittelt, der weder polittsch noch gewerkschaftlich organisiert. vielmehr ein gehässiger Gegner der Sozialdemokratie ist! Seebauer will derjenige sein, der in 1b Jahren 4413 M. für sozial- demottatische Zwecke geopfert hat! Er hat niemals einen Pfennig dafür ansgegebcn! Seebauer hat also gehandelt, wie er es seinem erdichteten Jugendfreund zuschreibt, und er ist trotzdem arm wie eine Kirchenmaus! Es müßte gerade sein, daß er seinen„Ueberfluß" in den katholischen Arbeiterverein oder ins „Blaue Kreuz" abgeliefert hat, deren Mitglied Seebauer war. So sieht der„sozialdemokratische Bergarbeiter" des „Reichsboten" und seiner Kumpane aus, und so sind dessen „unumstößliche Darlegungen in ihrer überzeugenden Schlicht- heit und Sachlichkeit" beschaffen.— Wenn die arbeiterfeind- liehe Presse mit solchen Schwindeleien kommt, sollten sie doch nicht gar zu plump sein; etwas mehr Geist und Witz sollten sie dazu schon verwenden. Herlln und Umgegend. Achtung, Hartguwmiarbeiter! Die Firma Matth any, Schlefischestr. 32, ist wegen Nichtanerkennung des Tarifs bis auf weiteres gesperrt. Deutscher Holzarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Deutscher Melallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Tie Abwehrbewegung in der Mützenbranche. Das selbständige Borgehen der Firma S. Gärtner u. C o. durch die schriftliche Erklärung, daS bisherige Arbeitsiqstem bis Ende Dezember 1312 nicht ändern zu wollen, scheint bei den Herren kleines feuiUeton. Die slawische Burg in Potsdam. Der außerordentlich niedrige Wasserstand dieses Sommers hat im südöstlichen Ende von Potsdam an der Havelecke, unmittelbar vor der Heiliggeistkirche, ein Gewirr von Pfählen zum Vorschein kommen lasten, zwischen denen spielende Kinder verzierte Topfscherbcn fanden. Die Stadtverwaltung nahm sich nun, wie Direktor Schuchhardt vom Berliner Völkerkunde- Museum in der„Prähistorischen Zeitschrift' mitteilt, der Sache an und ließ feit mehreren Wochen an der Stelle systematisch graben. Als die Mächtigkeit der Holzkonstruktion immer mehr wuchs, ihre Dicke erst bis an die jetzige steinerne Kaimauer 6 Meter betrug und dann unter ihr hindurch auf 10 und 12 Meter kam. konnte kein Zweifel fein, datz es sich um einen hölzernen Burgwall handle, wie er in ähnlicher Stärke und Konstrutiioii vor ein paar Jahren für den slawischen Ringwall.Altlübeck' festgestellt worden ist. Nachbarn erinnern sich, daß etwa achtzig Meter von dem jetzt frei« gelegten Stück entfernt auf der anderen Seite der Heiliggeistkirche vor etwa fünfzehn Jahren bei Anlage der Kanalisation eme ganz ähnliche, große Holzkonstruktion angeschnitten worden sei; in ihr würden wir also wohl die Gegenseite des BurgrundeS oder-ovales zu erkennen haben. Die Hölzer bilden in regelrechter LängS« oder Oucrlagerung ein festes Fachwerk; die Zwischenräume sind mit Erdmaterial ausgefüllt, das in großer Mäste slawische Gefäßscherben enthält. Man hat daraus frühslawische Töpfe von beträchllicher Größe zusammenzusetzen begomiea Die lange Straßenlinie, die vom Schlosse nach der Heiliggerstkirche führt, heiß, heute noch Burgslraße. ES ist ohne Frage in dem rundlich erhöhten Platze, auf dein die Heiiiggeistkirche steht, die srühslawischc Burg, die Keim« zelle der heutigen Stadt Potsdam, gefunden. Wagemut im Dienst der Wissenschaft. Von Zeit zu Zeit findet sich ein wagemutiger Forscher bereit, die Giftigkeit eines Mittels an seinem eigenen Körper auszuproben, sei es, um nack�uweisen. daß die Vorstellungen über den Grad der Giftigkeit übertrieben seien, sei es auch nur, um den Verlauf der Vergiftung genauer zu studieren. In die erstere Reihe gehört das berühmte Cholera- frühstück, das in den achtziger Jahren der München«! Hygicniker Prof. P ettenkofer mit seinem Schüler Emmerich einnahm, um nachzuweisen, daß die von Koch entdeckten Cholerabibrioncn durchaus nicht die Ursache der asiatifchen Cholera seien. In die zweite Gruppe reiht sich ein aufsehenerregender Versuch mit dem Tollkirschengift ein. den der Toxikologe(Giftforscher) der Universität Neuchatel. Dr. Kannegießer, nach Berichten der Münchener Medizinischen Wochenschrist an sich selbst vorgenommen hat. Bekanntlich geben die schwarzen Beeren der Tollkirsche(Airopa ■Eelladonnae) hausig Anlaß zu Vergiftungen. 4—10 Beeren sollen bereits eine tödliche Vergiftung hervorbringen. Der wirksame «estandteil ist das Alkaloid Atropin. das auch in der Med,z,n. besonders in der Augenheilkunde, zur Erweiterung der Pupillen. viel Anwendung findet. Der Experimentator hatte den Mut, zehn Beeren zu eisen. Schon sieben Minuten nach dem Genüsse stellten sich die Zeichen einer beginnenden Atropinvergiftung ein. Zunächst Mützenfabrikanten arge Verstimmung hervorgerufen zu haben, wie aus folgendem Schreiben der Herren Fabrikanten an die Berliner Filiale des Deutschen Kürschnerverbandes, das dieser erst am 27. De- zember erhielt, hervorgeht. Dasselbe lautet: Lrbeitgeber-Verband Berlin, 24./12. 1911. Deutscher Mützen-Fabrikanten. An den Deutschen Kürschnerverband Filiale Berlin Weinstr. 8, Part. Der Arbeitgeberverband Deutscher Mützenfabrikanten hat be- schlössen, dem obigen Verbände mitzuteilen, daß die Firma S. Gärtner u. Co. als Einzelfirma laut den Verbandsstatuten des Arbeitgeberverbandes nicht berechtigt war, Verhandlungen direkt mit einer Arbeiterorganisation zu führen, fondern sind eventuelle Verhandlungen nur von Verband zu Verband zu führen. Demgemäß sieht der Verband Deutscher Mützenfabrikanten die unberechtigte Unterschrift der Firma S. Gärtner u. Co. als nicht gegeben an. Herr Gärtner hat den Vorsitz in unserem Verband nieder- gelegt und ist Herr Adolf Winter zum ersten Vorsitzenden ge- wählt worden. Hochachtend Verband Deutscher Mützenfabrikanten I. A.: Ernst Hoffmann. Nichtssagender konnte daS Schreiben wohl kaum abgefaßt werden. Die Arbeiter soll es wenig kümmern, ob die Herren Fabrikanten die Unterschrift der Firma S. Gärtner u. Co. als nicht gegeben an- sehen oder nicht, denn für die Fabrikanten wurde die Unterschrift natürlich auch nicht abgegeben. Daß die Firma S. G. u. Co. die Zusage halten wird, beweist ja schon, daß Herr S. G. den Vorsitz im Fabrikantenverbande niedergelegt hat, wenn er nicht schließ- lich ganz ausgetreten ist. Des weiteren beweist aber daS Schreiben, daß die Herren Fabri« kanten beschlosten hatten, gegen die Arbeiter gemeinsame Sache zu machen in der Form, daß jeder der Herren vorgeblich auf eigene Faust die Arbeiter seines Betriebes.abmurksen' sollte. Das Programm hat sich bei der Firma G. A. H o f f m a n n nur nicht so abgewickelt, wie die Herren es entworfen hatten. Daß den Herren das Feuer unter den Nägeln schmerzhaft brennt, geht noch viel deutlicher aus einein Schreiben hervor, das die Firma G. A. H o f f m a n n zu Weihnachten an zirka 20 Ar- beiter und Arbeiterinnen richtete, die sie glaubte am„Fest der Liebe' zum Verrat bewegen zu können. Das Schriftstück hat folgenden Wortlaut: Berlin, 81V. 29, 23. Dezember 1911. Gneisenaustr. 33. Herrn..... Nachdem Sie sich, trotzdem ich überzeugt bin, daß Sie es gegen Ihre Meinung getan haben, von einigen Heißfporneif der Arbeiterschaft in einen für die Arbeitnehmer vollständig auSsichts- lofeu Streik hineintreiben ließen, halte ich es für meine Pflicht, da Sie mir Ihre Arbeitskraft so lange Zeit stets zur Zufrieden- heit geliehen haben, Sie ernstlich darauf aufmerksam zu niachen, daß es nunmehr die allerhöchste Zeit ist. diesen wie gesagt vollständig aussichtslosen Kampf nicht weiter mitzumachen und Ihre Existenz nicht weiter aufs Spiel zu setzen. Wie Ihnen vielleicht bekannt, arbeiten bereits jetzt über 80 Personen in meinem Betriebe und bin ich schon jetzt nicht mehr in der Lage, sämtliche Leute wieder einstellen zu können, da sich täglich Arbeitswillige melden. Ich hoffe also, daß Sie in Ihrem eigenen Jnteresie nach dem Feste Ihre gewohnte Tätigkeit in meinem gewiß so human wie nur irgend möglich geleiteten anständigen Betriebe bei gutem Lohn wieder aufnehmen werden, da ich später keine Garantie Ihnen gegenüber übernehmen kann, ob Ihr Platz noch frei ist. Hochachtliiigsvoll G. A. H o f f m a n n. Buch dieses verlockende Schreiben erweist nicht die Aussichts- losigkcit des Streiks, sondern die vollkommene Hilflosigkeit der Firma, die ohne die Ausständigen den Betrieb gar nicht ausrechterhalten kann. Nur der Arbeiter Paul Majewski ist auf diese Zuschrift hineingefallen und gestern als Arbeitswilliger reuevoll in den Be- trieb zurückgekehrt. Die Arbeiter sind überzeugt, daß sie aus dem ihnen aufgezwungenen Kampfe als Sieger hervorgehen werden. war es nur ein leichter Schwindel, der sich aber bald der- stärkte und über eine Woche lang anhielt. Als zweites Symptom gesellte sich Trockenheit im Halse hinzu. Atropin lähmt nämlich die Nerven, welche die Sekretion der Drüsen verursachen. Nach einer Stunde traten die Augenstörungen auf. Die Pupillen erweiterten sich. Di« Glieder wurden schwer, der Gang unsicher und taumelnd. Nun wurde dem Experimentator sein Zustand unheimlich. Er suchte sich den Magen auszuspülen, um das Atropin hinauszubefördern. Trotzdem nahmen die Vcrgiftungserscheinungen zu. Das Bewußtsein trübte sich. Der Kranke führte wirre Reden, verkannte Gegenstände und halluzinierte zeitweilig. Zwischendurch tvurde er klarer. Am Morgen nach der Vergiftung befiel ihn eine auffallende Gedächtnisschwäche, allerdings nur für die Begeben- heiten. die kurz zuvor geschehen waren. Zuckungen, die in Armen und Beinen austraten, zwangen, der Selbstbeobachtung ein Ende zu machen. Starke Abführmittel entfernten die Beeren aus dem Darm. Aber noch mehrere Tage hielten die Vergiftungserschei- nungen an. Erst nach einer Woche waren die Nachwirkungen überstanden. Der Murgad. Skandal. Bus Petersburg wird berichtet: Als das Cbanal Chiwa nach langwierigen und erbitterten Kämpfen sich unter russische Oberhoheit begab, schied Kaiser Alexander III. eine Fläche von zirka 100 000 Hektar aus, die unter dem Namen Murgab ats kaiserliches Schatullengut einverleibt wurde. Die über- aus fruchtbaren Läudereien könnten mit wenig Mühe in ein Paradies verwandelt werden, doch hat die Apanageiivcrivaltung daS nicht vermocht, die Ländereien werden in primitiver Weise von den Ein- geborenen bearbeitet und sie zahlen nur verhältnismäßig geringe Pacht. Jetzt kommt eS an den Tag, daß in Murgab enorme Durchstechereien begongen worden sind und daß den größten Teil der Erträgnisse die mit der Verwaltung des Gutes betrauten Beamten eingesteckt haben. Daran wäre nun an und für sich nichts Auffälliges, denn Untreue und Diebstahl sind in der russischen Beamtenschaft durchaus gewöhnliche Erscheinungen. Auch das ist nicht ungewöhnlich, daß die betreffenden Beamten Wirkliche Staatsräte und mit dem Prädikate Exzellenz begabt waren; es gibt in Rußland zehntausende Wirkliche Staatsräte und Exzellenzen, die kein anderes Verdienst haben, als andauerndes Sitzfleisch. Auch Wirkliche Staatsräte nehmen gern und sie untericheiden sich von den Titulär-, Hoi-, Kollegien-, einfachen Staats- und anderen Räten nur dadurch, daß sie ihrem hohen Range entsprechend mehr nehme», als die Genannten. Was die Murgab-Affäre auszeichnet und sie ans der großen Masse ähnlicher Geschehnisse heraushebt, ist der Umstand, daß die Beamten des Apanagcnresiorts die Auslese der russischen Beamtenschaft bilden, da in dieiem Ressort nur Leute von guter Herkunst und mit Konnexionen angestellt werden. Die Helden des MurgabskandaleS. Tolstoi, Jernmejew und Jwaschowski hallen besou- ders glänzende Karriere gemacht, weil sie vornehmen Faniilien angehören, in einem der exklusivsten Regimenter der Gardek.ivallerie gedient und zur engeren Hosgeiellschast gehört hatten. Diese Umstände lasten begreiflich erscheinen, daß der Prozeß, der gegen die Genannten an- hängig gemacht worden ist, die peinlichsten Gefühle erwecken mnßte. Der veutfebes Reich. Lohnbewegung in der Mühlenindustrie. Wieder ist mit einer Großfirma in der Mühlenindustrie ein Tarif abgeschlossen worden, der den Arbeitern nennenswerte Vorteile brachte. Mit der Firma Simons Söhne in Reuß wurde vereinbart, daß die Arbeitszeit für die Mehrzahl des Personals um 20 Minuten bis 2V» Stunden pro Tag verkürzt wird; einige Gruppen haben eine achtstündige Arbeitszeit, die übttgen 10 Stunden. Die Lohn- erhöhung beträgt 3 M. bis 6, SV M. pro Woche. Die Ueberstunden» sätze wurden um 12 bis 30 Pf. pro Stunde erhöht. Bei militärischen Uebungen und in Krankheitssällen wird 14 Tage lang die Differenz bis zum vollen Lohne bezahlt. Jeder Arbeiter, gleichviel wie lange er im Betriebe ist, erhält jährlich einen Urlaub von einer Woche ohne Lohnabzug. Der Tarifgedanke macht also auch in der Mühlenindustrie Fort- schritte, wenn sich auch einzelne Scharfmacher so sehr dagegen sträuben. Die Verhandlung mit dieser Firma stach sehr vortetlhaft gegenüber dem Verhalten des Herrn Hildcbrand in Magdeburg ab. der die Organisation nicht anerkennen will und sich Hintzebrüder und.Privatwächter' auS Berlin gegen seine streikenden Arbeiter kommen läßt.— Auch mit der Großfirma Plange in Düsse!» darf, die den seinerzeit mit dem Brauerei- und Mühlenarbeiter» Verband getroffenen Friedensbedingungen nicht sinngemäß nachkam. scheinen nun durch neuerliche Vereinbarungen die Differenzen be» hoben zu sein. In den beiden Betrieben sind 3SS Personen be» schäftigt._ Unternehmerterrorismus. Die Arbeiter der Maschinenfabrik CarlShütte in Rendsburg befinden sich, wie wir wiederholt berichteten, seit längerer Zeit im Streik, weil die Direktion hartnäckig jedes Entgegenkommen ver» weigert. Der Unternehmerverband kommt nun der bedrängten Firma zu Hilfe. Folgendes, vom 21. Dezember datierte Schreiben des Arbeitgeberverbandes Rendsburg, an den Unternehinerverband Neumünstcr gerichtet, ist jetzt an die Oeffentlichkeit gelangt: „Auf die Karte voin 8. d. M. erwidern wir Ihnen hiermit, daß, nach den von der Aktiengesellschaft der Hollerschen Carls« Hütte angestellten Ermittelungen, die Firma Gebr. L e h m b e ck dort existiert und zwar im Keinflecken. Wir ersuchen Sie, nun» mehr wegen Entlassung des Scblossers R. sofort das Weitere zu veranlassen und uns von dem Erfolg Ihrer Bemühungen gefl.so» fort Mitteilung zu machen.' Ein Beitrag zur ZuchthauSvorlage l Ausland. Die Kapitäne und Mannschaften der Antwerpener Schleppdampfer« gesellschaft befinden sich im Ausstand. Ein Teil der Schleppdampfer hat im Hafen, auf der Scheide und der Maas den Dienst eingestellt. Die übrigen Schiffe der Gesellschaft, die sich augenblicklich aus hoher See befinden, werden sofort nach ihrem Einlaufen in den Aut- werpener Hafen die Arbeit einstellen. Der Ausstand droht für die Schiffahrt auf der Scheide äußerst unangenehme Folge nach sich zu ziehen. Der Bürgermeister von Antwerpen hat die Vermittlerrolle zwischen Gesellschaft und Streikenden übernommen, um eine B«» ständigung zwischen beiden zu erzielen. Die Pariser Gasarbeiter drohen mit einem Gesamtausstand, weil ihnen ihre Forderungen, darunter Lohnerhöhungen und der Achtstundentag, nicht bewilligt wurden. DaS amerikanische„Tatilor"system und die Gewerk« sch ästen. Die Amerikaner haben ein neues System zur größeren AuS« beutung der Arbeiter erfunden. Sie sprechen von einer neuen „wissenschaftlichen" Erhöhung der Produktivität der Arbeit, und bereits ist dies System in einer Reihe von größeren Betrieben zur Anwendung gekommen. Auch die Regierung der Vereinigten Staaten hat einen Versuch damit in den Waffenwerkstätten in Watertown seit zwei Jahren unternommen. Jüngst ist ein offizieller Bericht über die Ergebnisse dieses Versuchs erschienen, der ein großes Interesse in Unternehmer- wie in Arbeitcrkrcisen erweckt hat, denn er zeigt, daß tatsächlich noch eine große Erhöhung der Ausbeutung der Arbeitskraft möglich ist. Mancher deutsche Arbeiter hat vielleicht von dem neuen System noch nichts gehört und wird begierig sein, etwas darüber zu er- fahren. Seine Enttäuschung wird zuerst groß sein, wenn er hört, Prozeß deckte ein System frecher Unterschlagung, Untreue und schäm» loser Erpressung an den Eingeborenen aus. Bei allen Machinationen spielten Weiber die Vermittlerrolle und sie heimsten Zehn« lausende ein. Der höchste Gerichtshof des Landes, der dirigierende Senat, hat nun die Schacher zu schweren Strafen verurteilt. Die russischen Blätter aller Parteirichtungen beschäftigen sich sehr eingehend mit der skandalösen Affäre und sie geben der Erbitterung darüber Aus- druck, daß sogar bevorzugte Beamte von bester Herkunft, die zum Haushalte des Zaren zählen und in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den exklusivsten Kreisen stehen, als ganz niedrigdenkende, feile Bestechungsgeldjäger entlarvt werden mußten. Wie lange die Erde noch bewohnbar sein wird. Die großartige Smithsonian Institution in Washington hat ein Jahrbuch heraus- gegeben, worin allerhand interessante Berichte über wissenschaftliche und technische Unternehniungen. außerdem auch einige zusammen» fassende Arbeiten naturwisteuichastlichen Inhalts enthalten sind. Unter diesen darf ein Aufsatz von Prof. Chamberlin, einem der bekanntesten amerikanischen Geologen der Gegenwart, eine besondere Auimerksanikeit beanspruchen. Er beschäftigt sich mit der zukünftigen Bewohnbarkeit der Erde. Prof. Chamberlin verdient die Anerkennung, daß er eine gewaltige Summe von Wissen auS verschiedenen Forschungszweigen herangeholt hat, um zu Schlüssen über diese schwierige Frage zu gelangen. Außer der Geologie nimmt er auch die Physik, die Chemie und die Astronomie in Anspruch. Er kommt denn schließlich zu dem recht beruhigenden Ergebnis, daß die Erde noch etwa zehn Millionen Jahre bewohnbar bleiben werde. Ihren Unter» gang steht er darin voraus, daß ein Himmelskörper der Sonne zu nahe kommen und das ganze Sonnensystem gewissermaßen zer» sprengen werde._ Notizen. —„Das Koraklenkettlin' und die Schöneberger Zensur. Der Polizeipräsident von Schöneberg hat dem Neuen Schouipielhause die Aufführung von Franz DülbergS„Korallen» kelllin' verboten und hat sich geweigert, auf die Aenderungsvorschläge des Autors einzugehen, vielmehr erklärte er,„daß er zu der end- gültigen Entscheidung gelangt sei, daß das Stück auch durch weient» liche Aenderunge»»icht zensurpolizeilich einwandfrei gestaltet werden könne'. Demgegenüber nimmt der„Schutzverband deutscher Schrift» steller' Anlaß zu erklären, daß dieses Verbot nicht nur jeder iach» lichen Begründung entbehrt, sondern auch leine Stütze im Gesetze findet. — Eine„Vereinigung sozialistischer Bücher» ffr e u» d e" ist in B e r l i n gegründet worden. Die Vereinigung will iiir alle Interesse» sozialistischer Bücherfreunde einen Mmel- Punkt schaffen, und im besonderen durch Vorträge und Bllchertausche, durch Herausgabe eines Mitteilungsblattes, durch Anregung und Veraustaltung von Neuausgoben durch AuSkunftSerteilung u. dcrgl. diesen Interessen dienen. Anfragen sind zu richten an Max Grun» Wald, Berlin Vf. 62, Landgrafenjtr. 3a. daß es sich nur um die außerordentliche Verschärfung eines alten Systems, nämlich der Hätz und des Antreibens bei der Arbeit, handelt. Freilich war schon unter dem alten System die Pro- duktivität der Arbeit in amerikanischen Fabriken und Werkstätten höher als in deutschen, was jeder deutsche Arbeiter sofort erfährt, wenn er nach Amerika kommt, wo er sich dann über die höheren Löhne gar nicht mehr wundert. Das neue System gründet sich darauf, daß die Arbeitszeit so ausgenützt wird, daß auch der geringste Zeitverlust vermieden wird. Jede Bewegung, jeder Griff muß zweckmäßig sein, der Arbeiter wird zum Arbeitsautomaten. Ausgebildete Spezialisten überwachen alles, ordnen prompt und sicher an, geben jederzeit schnelle Anweisung, die der Arbeiter, ohne zu überlegen, sofort zu befolgen Hai,- kein Augenblick Ruhe, kein Augenblick Rast von der ersten bis zur letzten Minute. Wer am schnellsten arbeitet, verdient am meisten Geld und wird den andern als Muster hingestellt. Schnell, rasend schnell und dabei sicher und gut muß gearbeitet werden. Durch dieses System ist nach dem Bericht der Regierungswerk- stätten eine Arbeitsleistung, die früher 1536,73 Dollar Lohn gekostet hatte, für 988,39 Dollar erzielt worden. Drei Lafetten, die früher 24 618,31 Dollar kosteten, wurden für 13 163,13 Dollar her- gestellt. Eine Form, die früher von den Gießern im Durchschnitt 53 Minuten Zeit erforderte, wurde im 26 Minuten hergestellt. Während früher eine Form 1,17 Dollar kostete, kostet sie jetzt 54 Cent, also noch nicht die Hälfte des früheren Preises. Anderer- seit» ging der Lohn der Arbeiter in die Höh«, so daß ein Former, der früher 3.28 Dollar pro Tag verdiente, jetzt einen Tagelohn von 5,74 Dollar erzielt. Dabei kommt ein Prämiensystem zur Anwendung, wodurch die Arbeiter wieder gehetzt und getrieben werden. Daß man bei diesem System nur junge und sehr kräftige Ar- bester gebrauchen kann, ist klar. Wie alt diese dabei werden, wie lange sie es aushalten können, darüber verlautet nichts, aber es kann sich jeder ausmalen, daß eine Arbeitskraft unter einem solchen System in kurzer Zeit aufgerieben werden muß. Die Gewerk- schaften stehen dem neuen Arbeitssystem durchaus ablehnend gegen- über. Nicht nur deswegen, weil es den Arbeiter degradiert und weil es ihn der rücksichtslosesten Ausbeutung preisgibt, sondern weil es den Gewerkschaften selber, einen Lebensnerv zerschneidet. Das neue System hat es zugleich darauf abgesehen, den einen Arbeiter zum Feind des andern zu machen, denn jeder soll sich bemühen, den andern zu übertreffen in der wilden Hajj der Arbeit, und dafür gibt es dann Prämien über den Tagcswhn hinaus. Jedes Solidaritätsgefühl wird dadurch im Keime zerstört. Die Gewerkschaften haben sich offen gegen dieses System er- klärt, auch auf dem letzten Kongreß des Amerikanischen Arbeiter- bundes, und sie sind entschlossen, es aufs äußerste zu bekämpfen. Eue der Partei. Politische Falschuiünzerei. Durch die bürgerliche Presse läuft seit einigen Tagen eine Notiz, die im Neichsverbandsstile einen Abwehrartikel ausschlachtet, den Genosse W e st m e y e r am 18. Dezember in der G ö p p i n g e r »Freien Volkszeitung* veröffentlichte. Westmeher nahm in dem Artikel Stellung zu den Stuttgarter Parteiwirren und pro- testierte besonders gegen die Art und Weise, wie die bürgerliche Presse und deren augeblich parteigenössische Hintermänner die be- dauerlichen Differenzen zu fruftifiziercn suchten. Westmeyer hatte nicht mit der Gewiffenlosigkeit der bürgerlichen Presse gerechnet; sie ignoriert die Zurechtweisung und fälscht sich aus der.Abwehr* Angriffe auf die eigene Partei We st meyers zusammen, die sie unter der Ueberschrift»Bon der Brüderlichkeit der Roten* an ihre Leute zu bringen sucht. Es ist dies ein Wahlmanövcr, das auf der gleichen Höhe steht, wie alle die Fälschungen und Verdrehungen, die auch bei früheren Wahlkämpfen gegen die Sozialdemokratie unternommen worden find. Westmeher ersucht uns, ausdrücklich festzustellen, daß sich seine Abwehr gegen die unter partcigenössischer Flagge segelnden Ver- leumdungen richtet. Er verweist darauf, daß gelegentlich der Stutt- garter Gemeinderatswahl die bürgerliche Preffe eine ganze Anzahl anonymer Eingesandts veröffentlichte. Wer die»vornehmen* Ge- brauche der gegnerischen Presse SüddeutschlandS kennt, der weiß, daß bei allen Wahlen sich auf den»Eselswiesen* eine Schar anonymer Helden tummelt, die sich unter der Bezeichnung»Alter Parteigenosse*,»Mitglied der freien Gewerkschaft*,»Arbeiter* usiv. verstecken, um bei allzu Leichtgläubigen den Anschein zu erwecken, als kämen die Angriffe aus den eigenen Reihen der befehdeten Arbeiterschaft. In Stuttgart richteten sich diese Angriffe vorzugsweise gegen Westmeher. Man hoffte, durch sie die Parteidifferenzen zu ver- schärfen und damit die Interessen der bürgerlichen Parteien zu fördern. Diese perfide Kampfesweise brandmarkt Westmeyer, der in seiner Zuschrift an uns besonders betont: »Es steht fest, daß die sozialdemokratische Partei mit den Gemeinheiten der bürgerlichen Presse und deren Hintermännern nichts zu tun hat. Im Gegenteil hat die Partei durch ihre zuständigen Instanzen aufs schärf st e Stellung ge- nommen gegen die bürgerliche Presse und ihre Kumpane, die jetzt die eigene Verkommenheit der sozialdemokratischen Parte' andichten möchten.*_ Ueier die„Finanzreform des Jahres 1909 und die Parteien des Reichstages" hat der Vorstand der sozialdemokratischen Partei im Jahre 1916 ei» Handbuch herausgegeben, in das sich leider einige Fehler ein- geschlichen haben, die erst jetzt festgestellt worden sind. So heißt eS auf Seite 329, daß die Freisinnigen in der zweiten Lesung den Kommissionsbeschliissen auf Erböhnng des Kaffeezolles zugestimmt hätten; nach der Abstimmnngstnbelle auf Seite 403 hätte ein partei- genössischer Abgeordneter gegen die Erbschaftssteuer gestimmt. Beide Angaben sind unrichtig. Es haben alle Sozialdemokraten in der zweiten Lesung für die Erbschaftssteuer gestimmt. Das ablehnende Verbalien der Freisinnigen gegenüber der Kaffee- stcuer ist in dem Handbuch richtig geschildert worden auf den Seilen öS und 462.__ pollzeillches, GcrlchtUclics ufx». Jagows Jagd nach der VolkSpoesie. Km Donnerstag morgen in aller Frühe war die Berliner Polizei in der Engrosabteilung der Buchhandlung Vorwärts, um nach DiederichS Buch der Freiheit »Bon unten auf" zu h a u S s u ch e n. Ausbeute: fünf Exemplare l Bei Gelegenbeil dieser Fahndung nach freien Liedern erfuhr man auch, in welchen Gedichten JagowS Mannen nach dreivierteljährigem Forschen eine SlaalSgefährlichkeit entdeckt haben. Da ist zunächst auS dem ersten Bande Ludwig Pfaus, deS alten 4Ser Demokraten pro- phetischeS Gedicht»Der Tag wird kommen*; weiter Alfred Meißners bittere Anklage gegen die herrschenden Kasten. D e n Reichen*. Im 2. Bande haben es nicht weniger als si e b e n Dichtungen der Polizei angetan; an der Spitze steht Herweghs bekanntes Bimdeslied.Bet' und arbeit' ruft die Welt'; ihm folgt ein anderes Herwegh- Lied:»Die Arbeiter an ihre Brüder*; und endlich verfiel dem Zorn der Polizei eine dritte Dichtung Herweghs:»Achtzehnter März*, eine in später Zeit entstandene Erinnerung an die Märztage von 1843. John Henry M a ck a y ist mit drei Dichtungen:»Gesang der Arbeiter',„Wehe der Welt', am Ausgange des Jahr- Hunderts, und»Selbstgespräch eines Proletariers" auf den polizeilichen Index gekommen. Den Beschluß endlich bildet Pottiers»Internationale*, die schon fast im gleichem Maße Gemeingut der deutschen Arbeiter geworden ist, wie die Arbeiter. Marseillaise. Es ist nicht anzunehmen, daß die durchaus ungerechtfertigte Be- schlagnahme auftecht erhalten bleibt; denn es handelt sich um eine Gedichtsammlung von hohem literarischen und künstlerischen Wert, in der die beanstandeten Gedichte als charakteristische Erscheinungen ihrer Zeit einfach nicht fehlen dürfen. Hue Industrie und Kandel. Das Wettrüsten in der Montanindustrie. Kapitalistische Großindustrie und kapitalistische Politik, si« haben viel Gemeinsames. Die hervorstechendste Eigenschaft bei beiden ist das fortwährende Wettrüsten. Seit einem halben Dutzend Jahren rüstet die deutsche Montanindustrie zur Er- Neuerung des Kohlenshndikats und des Stahlwerksverbandes, trotzdem das letztere erst zum 36. Juni 1912 abläuft und das erstere noch viel später, am 31. Dezember 1915. Der Auftakt dazu war die Umwandlung der Aftiengesellschast Gelsenkirchen aus einem„reinen" Kohlenunternehmen in ein„gemischtes" Mon- tanwcrk, heute besitzt es ein Aktienkapital von 186 Millionen Mark. Der Lothringer Hüttenverein Aumetz-Friede, dessen Geschäftssitz Brüssel ist, verfügt über 217 Hektar ausschließ- lich deutschen Boden. Er produzierte 1916 rund 586 666 Tonnen Roheisen, 466 666 Tonnen Rohstahl und 312 666 Tonnen Walz- fabrikate. Dozu kommt noch eine Produktion von 1 666 666 Tonnen Kohle und 1 766 666 Tonnen Erz. Der Lothringer Hüttenverein erwarb vor einiger Zeit unter anderem die Kohlenzeche Viktor. in derem Gefolge sich wieder die im Abteufen begriffene Zeche Ickern befindet. Auf dies« Art wird bei ihm wohl 1912 eine Kohlenproduktion von 2 666 666 Tonnen erreicht werden. Dazu kommt jetzt noch der Neuerwerb der Erzzeche Reichslande, die dafür sorgen soll, dem vergrößerten Halbzeugabsatz die nötigen Rohstoffe zu schaffen. Das Fassoneisenwalzwerk L. Mannstaedt tritt in die Interessengemeinschaft ein, weil es ebenso großes Bedürfnis nach der ungestörten Lieferung von Roh- und Halbprodukten hat, als der Lothringer Hüttenverein daran interessiert ist, für eben diese Fabrikate gesicherten Absatz zu finden. Allerdings spielt hier, wie immer, auch das Finanzinteresse hinein. Der Schaaff- Hausens che Bankverein ist an dem Fassoneisenwalzwerk Mannstaedt stark interessiert und überragend beteiligt. Erst im Frühjahr verschmolz er ihm die Sieg-R heinische Hütte Ä.-G. und zwar im besonderen aus dem Grunde, weil das darin festliegende Geld nur durch eine Fusion mobilisiert werden konnte, Auch jetzt ist wieder der Schaaffhausensche Bankverein der Haupt- intcressent der Gemeinschaftsbestrebungen. Daneben kommen noch einige andere Banken in Frage. Wie stark das besondere Jnier- esse des Schaaffhausenschen Bankvereins ist, geht unter anderem daraus hervor, daß bei der finanziellen Transaktion auch Mann- staedt-Aktien zum Umtausch kommen, die ja in der Mehrzahl in seinen Händen sind. Bei der Vereinigung mit der Dritten im Bunde, der Düsseldorfer Eisen- und Drahtin- d u st r i e A,-G., ist es ebenfalls das Interesse von Aumetz-Friede als eines der allerbedeutendsten Halbzeuglieferanten Deutschlands, sich ständige und verpflichtete Abnehmer zu besorgen, das zur Interessengemeinschaft geführt hat. Der neu« Konzern wird zuerst eine Kapitalsvermehrung auf die Art erfahren, daß Aumetz-Friede 13 Millionen Mark neue Aktien ausgibt, die sein Gesamtkapital auf 58 Millionen Mark bringen. Das jüngste große Gemischtwerk, der Lothringer Hüttenverein Aumetz-Friede, zieht also mit verstärktem Rücken und vergößertem Rüstzeug in die Kämpfe um die Erneuerung des Stahlwerkver- bandes. So muß notwendigerweise das Interesse an Produktions- stufensyndikaten immer geringer werden. Unterneh nungen, die ihre Roh- und Halbprodukte so gut wie gar nicht auf de» Markt bringen, sind an deren Preisgestaltung weniger interessierte Für sie ist die Preisböhe der Fertigfalrnkate viel wichtiger; aber gerade oa ist auch die Syndizierung am kompliziertesten und schwierigsten. weil sie sich noch im Entwicklungsstadium befindet. Die Mächte des Kapitalismus werden immer gewaltiger, besonders wichtig ist dabei, daß auch der Staat und feine Stellungnahme zu den Syndikatserncuerunzen für diese ausschlaggebend wird. Ein Grund mehr, im besonderen der preußischen Regierung ganz be- sonders auf die Finger zu sehen. Soziales* Zum Achtuhr-Ladenschluß. Die§§ 139« und k der Gewerbe- ordnung sollte Frau Richer dadurch übertreten haben, daß sie ihr Juwelengeschäft zu Berlin nach Eintritt der gesetzlichen Laden- schlußzeit um 8 Uhr abends für den„geschäftlichen Verkehr*, wie sich§ 139« ausdrückt, nicht geschlossen habe. Der Sachverhalt war folgender: Vor 8 Uhr kam jemand, um einen Ring zu kaufen. Die Angelegenheit wurde auch vor 3 Uhr erledigt. Es hatte sich aber eine Unterhaltung über kunstgewerbliche Gegenstände ange- spönnen und diese wurde in dem erleuchteten und nicht verschlossenen Laden bis gegen 9 Uhr fortgesetzt. Dagegen wurde eine Person, welche nach 8 Uhr noch etwas kaufen wollte, mit dem Bedeuten weggewiesen, daß Geschäfte nicht mehr abgeschlossen würden. Auch ein Schutzmann kam nach 8 Uhr in den Laden. Im ersten Rechtsgange war die Angeklagte mit d«r Begründung freigesprochen worden, daß es genüge, wenn in dem Laden ein geschäftlicher Verkehr nach Eintritt der gesetz- lichcn Zeit nicht mehr stattfinde. Diese Ansicht wurde aber vom Kammergericht verworfen. Die Sache beschäftigte nochmals das Landgericht. das nunmehr die Angeklagte verurteilte. Die neuerdings eingelegte Revision hatte keinen Erfolg. Das Kammer. gericht, das vor kurzem zum zweiten Mal zu entscheiden hatte. nahm folgenden Standpunkt ein: Es genüge durchaus nicht, wenn in der Verkaufsstelle tatsächlich ein Verkehr nicht mehr statt- finde. Wenn der Gesetzgeber sage, offene Verkaufsstellen müßten für den„geschäftlichen Verkehr geschlossen sein*, dann folge daraus, daß durch geeignete Veranstaltungen erkennbar gemacht werden müsse, daß dort eine Bedienung nicht mehr stattfinde. Wenn, wie hier, der Zutritt von Leuten, die da nach Lage der Sache glaubten. sie würden noch bedient, möglich sei, dann fehlten solche erkenn- baren Maßnahmen. Nach den Feststellungen habe Licht im Laden gebrannt und die Tür sei auch nicht verschlossen gewesen. Explosionen und Brände in der Lprengstoffinduftrie im Jahre 1316. Nach einer Zusammenstellung des Ministeriums für Handel und Gewerbe über diese Explosionen und ihre Ursachen kamen in diesen Betrieben 1916 23 Explosionen und 8 Brände vor. und recht- fertigen diese hohen Zahlen wohl ein näheres Eingehen auf diese Vorfalle. Denn die Hauptleidtragenden dabei sind doch die Ar- bester und Arbeiterinnen. Bei den 28 Explosionen wurden 13 Ar- bester getötet und 46 verletzt. Tie Ursachen der Explosion wurden in 7 Fällen einwandfrei festgestellt, in 13 Fällen wurden sie mit mehr oder minder Wahrscheinlichkeit vermutet und in 8 Fällen blieben sie unbekannt. Bei den 8 Bränden wurden 3 Personen verletzt. Die Ursachen des Brandes wurden in einem Fall« ein- «fandfrei festgestellt, fff 5 Fällen issurdet» sie ietmM anf in 2 Fällen blieben sie ganz unbekannt. In 3 Fällen war die Explosion auf Blitzschlag zurückzuführen. In 2 dieser Fälle wurde bei der Wiedererrichtung des Betriebes von dem Wiederanbringen der sogenannten Taradayschen Netze zu- nächst nur auf Widerruf Abstand genommen und an ihrer stelle als sicherere Blitzschutzanlage hohe Auffangstangen errichtet. Ferner wurde dio-Änsammlung von großen Mengen Metall möglichst ver- mieden und alle Metallteile und-leitungen mit Erdleitungen ver- bunden. Der dritte Betrieb war derart, daß er dauernd eingestellt wurde. In zwei Explosionen, die sich zu verschiedenen Zeiten'n demselben Betriebe ereigneten, explodierte ein Zü�bütchcn einer Flauöri, ischrot masckine dadurch, daß die Arbeiterin beim Einführe«« des Zündsatz und Pulver bedeckenden Pappblättchens dies nur mit einer dünnen Nadel einstieß, die mit ihrer Spitze leicht bis auf den Zündsatz stoßen konnte und diesen dadurch zur Entzündung brachre. Nach dem Unglück wurde endlich die dünne Nadel durch einen stärkeren Stift ersetzt, die Operation überhaupt unter einer Glas« platte vorgenommen. In einem Falle war Reibung von Knall» quecksilber die Ursache der Explosion, als ein Arbeiter ein Kästchen mit etwa 56 Gramm Zündsatz fallen ließ und durch eine Fuß« bewegung beim Bücken die Reibung und Explosion verursachte. Auf grobe Fahrlässigkeit ist ein siebenter Fall zurückzuführen, bei dein die Ursache zweifelsfrei festgestellt wurde. Ein beim Füllen von Papierhülsen von 4 Millimeter Durchmesser mit einem Gemisch von Schwarzpulver, Mehl und Holzkohle beschäftigter jugendlicher Arbeiter verlor in der Pause den zum Füllen benutzten Messingstab und benutzte nach der Pause statt dessen eigenmächtig einen eisernen Stab. Die Reibung von Eisen und Schwarzpulver hatte die Ex» plosion der Hülse und diese dann die einer größeren Menge de? Gemisches zur Folge. Nach dem Unglück wurde bestimmt, daß zu derartigen Arbeiten künftighin jugendliche Personen nicht mehr verwendet werden dürfen. In den dreizehn Fällen, in denen sich nicht mit voller Sicherheit die Ursache der Explosion hat feststellen lassen, werden zum Teil Unachtsamkeit oder Fahrlässigkeit der Arbeiter, zum Teil aber ganz unzweckmäßige Betriebseinrichtungen oder Arbeitsverfahren als mutmaßliche Ursachen angegeben. In bezug auf die Folgen der Explosion wird in zwei Fällen hervorgehoben, daß sich die nach dem Äusblasesystem erbauten Betricbsräume vollkommen bewährt haben. Unter den Explosionen mit unbekannter Ursache wird auch ein Fall erwähnt, der sich in einer Fabrik ereignete, die sich mit der Her» stellung von Knallkorken beschäftigte. Als Zündmasse der Korke ver- wendete sie ein Gemisch von chlorsaurem Kali, rotem Phosphor und einem Bindemittel. Dieses Pulvergemisch ist so leicht explo» dierbar, daß schon das Schieben desselben mit einem Blatt Papier es leicht zur Explosion bringen kann. Es kann nicht überraschen, daß bei dem Arbeiten mit einem so leicht explodierbaren Gemisch eine Explosion eintrat, durch die die dabei beschäftigten Arbeiter mehr oder weniger schwere Brandwunden im Gesicht erlitten. Uebrigens war schon früher eine Explosion von etwa 566 Knall- korken erfolgt, bei der ein Arbeiter Brandwunden an Händen und Arm erlitt. Aber das Bezeichnendste hierbei ist, daß der Unter» nehmer zu dieser gefährlichen Fabrikation gar nicht die nach � 16 der Gewerbeordnung notwendige polizeiliche Genehmigung besaß. Jetzt wurde fteilich die Wiederaufnahme de» Betriebe» polizeilich inhibiert und gegen den Unternehmer ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet. Aber wegen der ohne die erforderliche polizeiliche Genehmigung jahrelang betriebene un. zulässige und gefährliche Fabrikation konnte er nicht mehr belangt werden, weil für diese schon längst Verjährung eingetreten war. Was die Brände betrifft, so ist in einem Falle der Brand auch durch grobe Unvorsichtigkeit entstanden. Es handelt sich um eine Heimarbeiterin, die Ehefrau eines Feuerwerkereiarbeitcrs, die in ihrer Wohnung mit der Herstellung von Knallsröschen beschäftigt war. Beim Anzünden der Lampe flog ein Funken vom Zündholz in die auf dem Tische stehende, mit Staubpulver gefüllte Sckachtcl. da? dadurch sofort aufflammte. Der Arbeitgeber der Heimarbeiterin wurde veranlaßt, von der Hausarbeit Abstand zu nehmen. Die Brände haben durchweg nur geringeren Schaden an Material ver» ursacht, auch glücklicherweise keine bedeutenderen BerlepuiuKit der Arbeiter zur Folge gehabt. In drei Fällen wird als Ursache daS Vorhandensein eines Fremdkörpers(im Pulversatz, in einer Pulver- schnür bezw. in der Abfallsäure einer Nitrotoluolfabrik) als mög» liche Ursache angegeben. Die Zerstörung einer Dinitrotoluolmelassc» bude, deren Ursache nicht festgestellt werden konnte, führte zu wesentlichen Betriebsänderungen. Bayerische Kellnerinnen. Seit Jahren pflegen bayerische Konzertunternehmer aus Mün« chen und Nürnberg in Norddeutschland, besonder» in Berlin und dessen Vororten, sowie in Hamburg(Tom) in großen Lokalen oder in eigenen Konzerthallen— meistens gemeinsam mit einer Brauerei— große Konzerte(Bier- und Animiermusik) abzuhalten. Hierzu pflegen diese Unternehmer eigene in München oder Nürnberg engagierte Kellnerinnen anzustellen. Das Los dieser Kellnerinnen ist meistens ein sehr fragwürdiges. Sie müssen di« Reisekosten selbst bestreiten, ebenso die Kosten für das vorgeschriebene Kostüm. Können angesetzte Konzerte nicht abgehalten werden, so gibt es keine Entschädigung. Da die« sehr oft vorkommt, kommen solche Mädchen— oft sind eS auch verheiratete Frauen— häufig in schlimme Verhältnisse und befinden sich oft in fremden Städten in ganz hilfloser Lage. Es sei hier ein Vertrag vcröffent- licht, der die ganze Misere dieser Mädchen zeigt..(Stil und Ortho» graphie ist wie im Original.) Vertrag.(Nachdruck verboten.)' Herr Glossner in Fa. Baron„Muckl" jr. hat heute folgenden Bertrag mit den Servierfräulein... abgeschlossen. Herr Glossner engagiert die Mädl für die Zeit vom... bis... nach... und zwar mit einen täglichen Lohn von 1,56 M. Eine weitere Verpflichtung fällt Herrn Glossner nicht zu. Eine Kündigung ist gegenseitig... Unvorhergesehene Ereignisse lösen den Vertrag ohne jede Ent- scheidung für beide Teile, wie Krieg, Brand de» Lokals, polizeiliche» Verbot, Landestrauer. Beginn der Arbeitszeit an Wochentagen.., An Sonn- und Feiertagen... Kostüm: rot oder grüner Rock, schwarzes Mieder mit Tuch, schwarze Stiefel, Tellerbut mit Flaum, farbige oder Weiße Schürze. Jedes Mädel hat für Putzgeld täglich 86 Pfenige zu zahiem Jnvaliditäts u. Krankenkassen beitrage nach den gesetzlichen Bestimmungen: pro Woche ein Drittel der Krankenkassa u. die Hälfe Jnvalidenmarken. Bei Vertragsunterschrift ist die Reise zu hinterlegen. Ein Kontraktverkauf oder vertausch an irgend ein anderes Mädel ist streng verboten. Ääuferinen eines solchen Vertrage» haben kein Recht im obigen Betrieb zu arbeiten. Ueber alle», was im Geschäft gesprochen wird, ist strengste Diskretion zu bewahren, wie auch obiges Engagement bei sofortigen Verlust des Vertrages nicht vor Beginn desselben veröffentlicht werden darf. Die Madel haben sich den Anordnungen de» Glossner oder dessen Stellvertreter unbedingt zu fügen u. Folge zu leisten, sowie alle ihnen in ihrer Eigenschaft obliegenden Verrichtungen gewissenhast zu erfüllen. Wohnungsveränderungen u. Krankheit. sind Herrn Glossner sofort mitzuteilen. Folgende Vorkommnisse be» rechtigen Herrn Glossncr zur sofortigen Entlassung ohne jeden An» spruch auf Lohn. 1. Nachlässigkeit, sowie schlechte» Betragen. Dienstversäumni», unhöfliches Betragen gegenüber den Gästen, sowie ihre Vor» gesetzten; Betrunkenheit, Streit, Ueberforderung der Gäste, Klatschereien, sotvie übles Nachreden über meine Person. 2. Verkehr während u. nach der Tienstzeit mit Musikern. 3. Nach Schluß der Äonzerte�andere Lokale im Kostüm aufzn» suchen u. zu besuchen. Wer nach Schluß der Konzerte andere Lokal« besuchen will, hat Erlaubnis einzuholen, 4. Sitze» bei den Gäste» während des Geschäftes. 6. Eigenmächtige Handlungen sind streng verboten. Jedes Madel hat am... pünktlich in... zu'sein. Invaliden- karten u. Heimatschein sind mitzubringen. Vorstehender Vertrag ist für Hr. Glossner in Duplo ausgefüllt, gelesen, genehmigt u. eigenhändig mit der ausdrücklichen Erklärung der Kontrahenten vollzogen, daß sie dessen Sinn wohl verstanden haben u. sich mit allem hier gesagten einverstanden erklären. Unständiges, sittliches, moralisches Betragen Hauptbedingung. Unterschrift...... Die Forderung von Anstand. Sitte und Moral ist sicherlich ein guter Witz, denn in diesem Vertrag ist von derlei Dingen sicherlich nichts zu finden. Kellnerinnen, die solche Engagements annehmen wollen, wer- den gut tun. sich erst bei der Organisation, dem Zentralverband der im GastwirtSgewerbe Angestellten, zu erkundigen, um nicht zu spät den Schaden zu besehen. Clngegangene Druck Icfmften. Von der„Neuen Zeit" ist soeben daS 13. Heft deS 30. Jahrganges erschiene»». Aus dem Inhalt des Hefte» heben wir hervor: Von starken Bettlern.— Konsumenten und Produzenten. Von K. KautSkh.— Der Einfluß de» Zolltaris» vom Jahre 1902 aus die Lebensmittelpreise in Deutschland. Von Spectator.— Zur Entwicklungsgeschichte de» Separa- tismu-Z in Oesterreich. Von Paul Umbreit. Die.Neue Zeit' erscheint wöchenllich einmal und ist durch all« Buch' bandlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post»mr pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Heft tostet 25 Pf. Von der..(gletchheit*. Zeitschrift für die Interessen der Arbetterinnm. ist uns soeben Str. S des 22. Jahrgangs zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Kanips-Weihnacht l Von B. Seiinger.— Gegen den Feind.— Die Teuerung. sFür die Lese- und TtSkussionSabende.) Von Käthe Duncker.— Vom Arbeitsnachweis für weibliche Erwerbstätige in Berlin. Von Mathilde Wurm.— Wie«erben wir Mitglieder für die Partei und Abonnenten für die Presse. Von Luise Zietz.— AuS der Bewegung. Die.Gleichheit' erscheint alle 1t Tage einmal. PreiS der Nmnmer 10 Pfennig, durch die Post bezogen beträgt der AbonnementSpreiS viertel- '"»rlich ohne Bestellgeld SS Pf.; unter Kreuzband SS Pf. JahreSabonne- ment 2,(30 M. Die Neujahrsnummer deS„Wahre« Jacob«,»nit der u»»serWitz- blatt in seinen 23. Jahrgang eintritt, ist soeben 16 Seiten stark er- schienen. Aus ihrem Inhalt, der in überwiegendem Maße der bevor« stehenden ReichstagSwahl gewidmet ist, heben wir folgende Beiträge hervor: Zeichnungen: Profit Neujahr l Von M. Vanselow.— Italiens Veteranensürsorge.— In der Silvesternacht. Von Erich Schilling.— Gebet vor der Wahlschlacht. Von H. G. Leutzsch.— Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Von H. G. Leutzsch usw. T extbeiträge: Neujahr. Don Sllex.— China und wir. Von Tschang.— Prophezeiungen für daS Jahr 1312.— Das dlotu proprio. Von Lehmann.— Ostelbische Sprichwörter.— Lieber Jacob l Von Jotthils Nauke.— Frauen heraus! Von?. E.— v. Arnim-Schnodderheim an v. Below-PIeitenburg.— Preußische Eisenbahnresorm. Von Lehmann usw. Der Preis der 16 Seiten starken Nummer ist 10 Ps. Probenurnmeru find jederzeit durch den Verlag I. H. W. Tictz Nachs. G. m. b. H. in Stutt- gart sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen. Berficherungsgesefce für Angestellte. Mit Erläuterungen von M. Habermarm. Geb. 2,S0 M. C. E. Poeschel, Leipzig. Drei Monate Fabrikarbeiter von P. Göhr«. Not deS vierte» Standes. Bon einem Arzte. Grunow, Leipzig. Der Sämann. Heft 1. Monatsschrift für Jugen'obilduna und Jugendkunde. Jährl. 12 Hefte. Viertelj. 2 M. B.®. Teubner, Leipzig. „Der Kamps«. Sozialdemokrattsche Monatsschrift(Wien). S. Jahr gang. Heft 4. Karl Renner: Heber Innsbruck hinaus l— Lud? M. Hartmann: Zur nationalen Debatte.— Otto Bauer: Galizische Parteitage.— Adolf Braun: ReichStagSwablcn.— Rudolf Müller: Die Kehrseite des Eigenhauses.— Heinrich Wisstak(Ausfig): BildungSmittel für Arbeiter.— : Adolf Reitzner(Bodenbach): Wie eS einst war. Joses Luitpold Stern: I Arbeiter und Dichter. «. Regenhardt. GefchSstSkakcnder für de«««ktverrch».»Stt. 3,7S M. Selbstverlag, Schöncberg. Bahnstr. 13/20..- Privatangestellte und Arbeitsrecht von Dr. K. Flesch und Dr. H. Potthoff, im Austrage deS Bundes der technisch-industriellen Beamten, Berlin, Jndustriebeamten-Verlag. IM._, Politische Handbncherei. Hest 7. Die Stellung des»anern im der dentschcn WirtschaftSentwickelung von A. Woss-HunSpach. 1 M. Heft 8. Die Sozialdemokratie, ihre Grundlage« und ihre Arbeit von I. Fischer. 1 M. Nationalverein, München. Marktpreise von Berlin am 27. Dezember 1311. nach Ermittelung deS Koni gl. PolizeipräfidwmS. Marktballenpreise.(Kleinkandel), 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 36,00— 50,00. Speisebohnen weiße, 40,00—60,00. Linien 40,00—80,00. Kartoffeln 8,00—11,00. 1 Kilo. grarnrn Rindfleisch, von der Keule 1.60—2,40. Rindfleisch. Bauchfleisch 1.20 bis 1,80. Schweinefleisch 1,20—1,80. Kalbfleisch 1,S0-2.40. Hammelfleisch 1 30—2 20 Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 3,80-6,40. 1 Kilogramm Karpsen 1,20-2,40. Aale 1,20-2,80. Zander 1,40-3,60. Hechte 1.20 bi, 2,60. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80—1,40. 60 Stück Krebse 2,40-24,00._ Witterungsübersicht vom 28. Dezember 1311._ Brosch. 3 M.— Die Brosch. 2 M. Fr. W. Ltatlonen If s| Swtnemde Hamburg Berlm Franks.a.M. München Wien ii 760 NNW 765 NNW 76219138 7668238 768|NS 761:3392© Detter 2heiter Zheiter 3, dedeckt Lwolkig 4bedeckt Sbedeckt WS ti* wfo Stationen S g Haparanda Petersburg scilly Aberdeen Paris el 758 SW 765 SD 766WSW 757 SSW 7S71SSO Wetter 4 bedeckt 2 bedeckt 4 bedeckt 3 bedeckt �bedeckt «« E?' «ist ß? HSi -1 —5 11 6 « «etterproguose für Freitag, den»3. Dezember 1311. Etwas wärmer, zeitweise ausliarend, vorwiegend trübe mit geringe« Niederschläge» und mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Wetterburea«. Todes-Anzeigen Am 2. Feiertag, früh>/,S Uhr verschied nach langem Leiden an Lungenentzündung mein lieber Mann. unser gitfer Bater, Schwieger- und Großvater, der Tischler 2223b WiMm Boffmann Mariendorser Straße 16 im 67. Lebensjahre. Dies zeigen ttcjbetrübt an Lniie Hoffmann geb. Kolloff. Max Honmann und Frau. Willi Hoffman« und Frau. Beerdigung Sonnabend nach- mittag 3'/, Uhr von der Halle des Städttjchen Friedhofes in FtiedrichSselde aus. für den 2. Herl Reicbstags-VaiiM. (Bezirk 105 alt 119.) Am 26. Dezember verstarb unser Mitglied, der Ttichler Wilhelm HoffraaDn Mariendorser Straß« 18. Ehre seinem Aubenteu! Die Beerdigung findet»»»oraen Sonnabend, den 30. Dezember, nachmittags 3'/, Uhr. von der Halle de» Städtischen Friedhofes in FriedrichSfelde auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 212/16 Der Borstand. SeiiaMeoiokfatlseiier WahlTereiD für den 4. Herl. Reitlistags-falim (Petersburger Viertel. Bez. 372 II.) Den Mitgliedern zur Nachrtchl, daß unser Genosse, der Zimmerer �uxust Lckniidt Dolzigerstraße 47 gestorben ist. 201/5 Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet am Sonn- abend, den 30. d. N.. nachmittags 2'/, Uhr, oon derHalle de» Zentral- FncdhoseS In FriedrichSfelde aus Natt. � Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Isnttsl-Verdznll lies Ziimnerer Deutschlands. Zahlitelle Berlin und Umgegend. «eztr» 1. De« BerusSgenoffe« zur Nach- richl, daß unser Mitglied August Schmidt am 27. Dezember plötzlich oer- starben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Dezember. nachmittag» 3 Uhr, von der Leichenbnlle de« Zentralftiedhose» in FriedrichSfelde auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 255/ 5 Der Borstond. Deutscher Transportarbeiter-Verband, Bezirktverwaltung Gro«. Berlin. Den Mttglieeern zur Nachrtchl. daß unlere Kollegin, die Arbeiterin Berta Szimma am 26. Dezember im Atter oon 46 Jahren verstorben Ist Ehre ihre« Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Dezember, nachmittag» 3 Uhr, von der rleichenhalle de» Andrea»- Kirch» Hose» m Silhelm«berg au» statt. hg/S Die Bezirktverwaltung. SozfstdeinßMelierWatiM det 6. Bert. Relehstass-Vahlkrelses. DodeSanzeige. Am 26. Dezember verstarb unser Genosse, der Gastwirt Karl Schwarz stüher Bergstr. 34 Ehre seine« Andenke«: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Dezember, nachmittag» 2 Uhr, vom Trauer- bause, Kolonieftr. 134 au», nach dem Golgatha-Kirchhos, BarsuS- straße, statt. Um rege BeteMgrmg ersucht Der Borstand. Verband der treten Gast- und Schankwirte Deutschlands. Zahltielle Bertin. Den Mitgliedern zur Keimtnt», daß der Kollege Karl Schwarz Kolonlestr. 134(Bezirk 2) verstorben ist Ehre seine« Andenke«: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Dezember, nachmittags 3 Uhr, vom Trauerhaufe au» nach dem Friedhof in der BarfuSstraße statt. Um rege Beteiligung ersucht 51/15 Die Orltverwaliung. ZentralreM der RandlDDos- gehilietiu.GehillinaEö Beatschl. Bezirk Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß am 26. Dezember unfer Kollege Wilhelm fcschke verstorben ist Ehre feine« Andenke«'. Die Beerdigung findet heute, Freitag, nachmittag« 3 Uhr. oon der Leichenbolle de» Gemeinde- Friedhofes in Reinickendorf, Hmn- voldtstiaße, au» statt. 263/5 Die Orttverwal1un|. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise der Teilnahme, wie auch für die zahl- reichen Kranzspenden bei der Beerbt- gung meine« geliebten Manne« Hermann Kirbis sage ich allen Freunden und Ber- wandten meinen ttefgefühltesten Dank. Besonderen Dank sage ich den Käme- roden de» Zentral- Berbande» der Zimmerer. Zahlstelle 15, und dem Verein der Zimmerer. «w. Minna Kirbit, Bornbolmerstr. 91. Statt besonderen schrtstli««, Mir leilungen für die vielen Beglück- wünschungen zu unserem 25jährtgen Ehejubiläum sagen wir allen, in»- besondere dem 6. Frauenbezirk und dem 12. Bezirk de» Wahloerein» Schineberg»mseren herzlichsten Dank. Kaul Korsdorf und Frau. Verband der Tahrikarheiter Deutschlands. Am 25. Dezember verstarb unser Mitglied Paul Vertuu Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet heute, Freitag, den 23. Dezember, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Halle I des St. PiuS-Friedhose» in Wil- helmsberg aus statt. 64/13 Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband BerwaltungSstelle Berlt». Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied,- der Melall- dreher kritz Mehnert am 23. d. M. am Herzschlage gestorben ist Ehre seinem Andenken k 153/13 Die Oritverwnliung Am 25. 12. früh entschlief nach kurzem fchwere» Leide» mein Mann, unser lieber Vater, der Mineralwaffersabrikant Nermauu pauselow im 55. Lebensjahre. 1282L Die» zeigen tiefbetrübl an Antonie Fanaelow nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Frei- tag, den 23., nachmittags 3 Uhr, von der Halle de» neuen Luifen- Kirchhofe» am Fürstenbrunner Weg au» statt. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, Schwiegervater und Großvater, der Tapezierer �äolk klaube am 26. Dezember verstorben ist. pamilie Haube, Köpenicker Str. 181. Die Beerdigung findet am 30. Dezember l311, nachmittag» 3 Uhr. oon der Leichenhalle des EmmauS-Kirchbose», Hermann- straße, au» statt. Mini der Brauerei- ii ml liMeiler Zahlstelle Berlin. Am 27. Dezember 1911 Ist unser Mitglied. die Kollegin, Auswärierin Frau Hedwig Tepper '(Kindlbrauerei) gestorben. Ehre ihrem Andenke«! Dt« Beerdigung findet am Soimabend. den 30. d. Ml»., mittag» 1 Uhr. von der Leichen- balle des Rlrdorser Gemeinde. Friedhofe», Mariendorser Weg, au« statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Tie Lrtsverwaltung. Nach langem schweren Leiden verschied heute mein inniggeltebter Mann und guter Vater Franz Bockwinkel. Dies zeigen tiefbetrfibt an Klara Bockwinkel geb. Eckirl Paul Bockwtnkel. Berlin, Wattstr. 3, den 27. Dezember 1911. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. De- zember, 2 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- friedhofes in Friedriobsfelde aus statt. 2227b Danksagung. Für die überaus große Beteiligung bei der Beerdigung meines unver- getzlichen Mannes sogen wir allen Verwandten und Bekannten sowie dem Wahlverem, dem Verband der Freien Schankwirte, Sparverein „Prozent-, der Jugendbewegung aus diesem Wege unseren ttesgesühlten Dank. 2225b Bll.e Warsow nebst Kindern. Meiter-ßailfalirer- Biiüd Solidarität Ortsgruppe Berlin. Touren zum 1. Januar 191S. 2. Abt.: 2 Uhr: Hirschgarten. Wil- helmshos. Start: Schönleinstr. 6. 3. Abt.: 1 Uhr, 5. Abt.: 2 Uhr: Adlershos(Wöllstein). 4. Abt.: Am 31. Dez.: Stretfzüge durch den Osten(Endziel Merkowski). Am 1. Jan., 1'/. Uhr:(Fußtour) Wilhelmsberg(früher Trinkhaus). 6. Abt.: 1 Uhr: Hirschgarten. 7. Abi: 2 Uhr: Waidmannslust (SchweizerhäuSchen). Start an den bekannten Stelle»». Heute 9 Uhr: Fahrwartfitznng bei Lehmann, Stralauer Brücke 3. Erscheinen unbedingt notwendig. Ortsgruppe Lichtenberg. Am 21. Dez.. 2 Uhr: Ahrensfelde (Schneider); bei schlechtem Wetter per Bahn. S>/, Uhr: Bahnhos Lichtenberg. S>/, Uhr: Für Nach. Zügler. ig/l4 Dr, Simmel Spczial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prlnzenslr. 41, ÄÄL 10—2. 6—7. Sonntags 10— 12. 2— 4. fäf&ß&ÜHk /t&VIt'C Schallplatten Verleih-Institut.| (Auch nach autwirt». Protp. grati«. A Karl Borbs, Berlin 6d B Nene Könlgatraate 3», Zigarren- Herbst Fabriken 11*"V1 gegr. 1862.— Tel.; IV, 3873. BEKLINSW., Bltterstr. 83 Erstklassige Ware. 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Sonntag zum erftenmal: Wiener «lut. Ans. 7 Uhr. Sonnt, nachm. 3 und Moni nachm. 3',. Uhr: Kattnitza.____ Belle- Allianre-Theater. Täglich L'/. Uhr: Tie schön« Kokotte. Sonnabend, 30. Dez. letzt» Kind«. »orftellung: Dornröschen. Refidenz-Theater. AbendS S Uhr: Ein Walzer von Chopin. Morgen und folgende Tage: Ein Walzer vou Chopiu. Sonntag, 31. Dez.(TIloesleradend) 7 Uhr: Ei« Walzer von Chopin. Sonntag, 31. Dez.(Siwcsternach- mittag) 3 Uhr: Vollst) vr stell.: 92nch dem Opernball. In der Sil- vesternacht. Ter selige Oktave. OSE=THEATE Troge Frankfurter Str. 132. Abends 3 Uhr: Die gröftte Liebe. (Ter Lumpenpastor.) Schauspiel in S Alten von P. Zoder. Sonnabend 4 Uhr: Eiskönig und Goldprinzestcheu. 8 Uhr: itzaust. Tonntag 3 Uhr: Faust. 8 Uhr: Der Kamps gegen den Kuft. Abend« 8 Uhr Die sevslktioa. SptMlitStea s Uhr: Harry Waiden in Vrettlkönlg. Metrspol-Ilieater. Die Nacht von Berlin! Graste yabreSreoue in 7 Bildern von Silvester. lüesten Noch nie dagewesener Lachersolg: Das Kind der Firma. 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Dezemb« 1911 1 Der Goldoukel. AoUSslück mit Gelang in 7 Bildern von Qtntl Pohl. Kofienerbfinung 7 Uhr. Aus.»>/, Uhr. honen. f Es wird surzoit ein Film ,,Boierk«sipf des » Neger* Johnson" rersohiedentliob dem Publikum vorgeführt, dar die kinemstographisehe Aufnahme eines fagesgeschiohtlioh und sportlich recht unbedeutenden Kampfe» Johnsons mit dem Bexer Burn» in London 190» bildet.— Wir haiton uns Torpfliehtok alle Interessenten des Eozingkampfos darauf aufmerksam tu macheu, doQ jener Film nicht mit dam von uns editierten Kinomato gram m Chuniplon-Hatch Jotinaon-JelTrleo verwechselt werden darf, der s. Z. in Ueno(Amerika) vor mehr als 60 000 Zuschauern stattfand und über dessen hochdramatischen Ausgang alle Zeitungen der gansen Welt berichteten._ Zirkus Bosch Heute, abends 7ll, Uhr: Der mysterläsa Billardsplelsr Norman Telma, Hektar and Lolette. Equilibristen. Herr Emst Schumann, M eiste r- dressuren. 8 Geschw. Blumen- fald, Heitkünaüerinnen. Zwergclown Francois. Um 9'/, Uhr»um 8». Male: - Origim- Aus- 1 stetrunge- stück des Zirkus Bäsch in 5 Bildern. elown Francs Um 9st, Uhr zum 8 rn AdmtelsDalasi Die Vorführung dieser einzigartigen Aufnahme wurde durch die Berliner Die Direktion durch die verboten. der Union-Theeter kinematos Zensurben phisohen erhob Widerl 'klare eriohta und erwirkte durch BesobluB des Oberverwnltnnngeriöhts die Die Verführung dieses Aufhobung dieses Zensurverbotee. Sensationsülms ist also endgültig freigegeben. MordsOaudll ber-Bayern im � Sporl-Palasl Eis-Arena. ZW- Nachmittag am 5 Uhr-W> Daa Weihnächte• Hhrohea Schneewittclien. tß9~ Abends t'"MW Das prachtvolle Eisballett ilpenzauber. Die kleine Charlotte Apachentlnze— Puthballipitie. Bis 9 Uhr u von 10-/, Uhr abends halbe Kassenpreise. Restaurant I. Ranges. — MPM— Voranzeige. Große fotsdamsrstr. 72. Beute Anfang 8 Uhr abends, SehluO 1 Uhr morgens.— Eintritt 60 Pf.— VoUar Betrieb. S Musikkapellen. Jodler und Schuhplattler. 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