Kr.SVH. Rbonnmfnts-Bedlnsong«: iOonnemenlJ- PrciZ titömnnmni«! Lierteljührl. 3�0 MI, tnonotl. 1,10 SRI, wöchentlich 23 Pfg, frei in? Hans. Einzelne Slunimer S Pfg. SonnlagS- nmnmer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt- 10 Pfg. Post. klbonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.ZcilungZ' Breisllsle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland g Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dlinemarl, Holland, Italien, Luxeniburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, vlchtwl IZM» auCff ni«Dta». 28. Jahrg. Berliner VolKsblntt. � Zcntv&lorq&n der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Bk WfHons.Stbö»» AeKigt für die fechsgefpaltene Kolons »eile oder deren Raum so Pfg, für politische und gewerlschasUiche Lereins- «nd BeriainmInngZ-Anzeigen 30 Pfg. »Utein«»n-«ig«n", das seligednufie »ort 20 Pfg. tzulässtg 2 settgedruitte »orte), jedes weilere»ort 10 Plg. Stellengesuche und Schlafstellenan- geigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort ö Big. Worte über tö Buch- ftaden zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste lüinnmer inüsse» bis B Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden Die Expedition ist bis 7 Uhr abend? geöffnet. lelegramm- Adresse: aSnlzlii«!»»*»» Btrlig", Redahtion: 6 Cd. 68» Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Rr. 1983. Sonnabend, den BO. Dezember 1911. expcdttlon: SM. 68, Lindcnstraaoc 69. Ferusprecher: Amt Morttzplatz. Nr. 1981. Scharfmache? unä ürdeiter. Der Unternehmer ist alles, der Arbeiter nichtsl Das ist der erste Hauptsatz im Glaubensbekenntnis des Scharfmachers. Wie man ihn durch ein. sogenanntes national- ökonomisches System„wissenschaftlich" begründet, das haben wir in den Artikeln der Nrn. 238 und 239 des„Vorwärts" über den vierbändigen Wälzer des Herrn Dr. Alexander Tille:„Die Berufs st andspolitik des Ge- werbe- und Handels st andes" gesehen. Nicht min- deres Interesse aber, als dieser ohnmächtige Versuch, den festen Bau der Marxschen Mehrwertslehre zu erschüttern, den Nachweis der Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital umzustoßen durch die groteske Apotheose des Unter- nehmers als einziger Quelle des Wertes, sind jene Passagen des Tilleschen Buches, wo er die praktischen Konsequenzen aus seiner Theorie zieht, wo er darlegt, wie sich das Ver- hältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter im Scharfmacher- köpfe malt. Tille läßt uns einen tiefen und lehrreichen Blick in die Gesinnung der Kreise tun, die es als erstrebenswertes Ziel betrachten, als Herrenmenschen über Massen wehrloser Lohnsklaven zu herrschen. Die ganze Gefährlichkeit dieser kleinen, aber höchst einflußreichen, wie die Krautjunker skrupellos von ihrer Gewalt Gebrauch machenden Unter- nehmergruppe wird dem Proletariat hier im grellen Strahl des Scheinwerfers gezeigt. Tille gibt sich keine Mühe, die tiefe Mißachtung zu ver- bergen, die er und seine Gesinnungsgenossen für den Arbeiter empfinden. Zwischen Unternehmer und Arbeiter gähnt für sie ein Abgrund. Das gute und das böse Prinzip sind nicht weiter voneinander geschieden denn diese zwei. Und das gute und das böse Prinzip des Wirtschaftslebens sieht Tille denn wahrhaftig auch hier im Unternehmer, dort im Arbeiter verkörpert. Hier ist die Summe aller wirtschaftlichen Tugenden,- dort die Verworfenheit. Jeder Tugend des Unternehmers entspricht eine Untugend des Arbeiters. Der Unternehmer ist fleißig, gewissenhaft, der Arbeiter faul, gc- wisscnlos. Und so weiter. Die Beweise? Tille ist nicht in Verlegenheit, sie zu er- bringen. Besteht in Deutschland nicht eine reichsgesetzliche Zwangsversicherung der Arbeiter für Krankheit, Unfall. Invalidität und Alter? Nun also? Da ist der Beweis für die Minderwertigkeit der Arbeiter. Denn hätten sie diese Zwangsversicherung wohl nötig gehabt, wenn sie Maß zu halten und zu sparen verstünden, wenn sie ihre Gesundheit und ihre Arbeitskraft' gewissenhaft und verständig in acht gu nehmen wüßten? Offenbar doch nicht! Wer da glauben sollte, daß wir Herrn Tille unrecht tun mit der Unterschiebung solcher Anschauungen, dem sei folgende Stelle auf Seite 263 des 1. Bandes wörtlich vor- gesetzt. Es heißt da:„Andererseits kann der Staat jedoch auch dazu übergehen, die Handkräfte zu mehren, indem er für die Erhaltung der vorhandenen Arbeitskräfte sorgt. Wo eine sparwirtschaftliche Unfähigkeit weiter Lohnarbeiterkreise, wo Gewissenlosigkeit und Leichtsinnigkeit im Unigehen mit ihrer Gesundheit, ihren Körperkräften und ihren Fähigkeiten vorliegt, da kann das eine Vergeudung von Volkskraft be- deuten, welche dem nationalen Wirtschaftsinteresse zuwiderläuft... Tille findet also eine Art mildernden Umstandes für die ihm im Grunde durchaus verhaßte Reichsversicherung der Arbeiter— in sein System der absoluten Raubtier- ökonomie paßt sie durchaus nicht hinein— in dem Gedanken, daß sie dem Unternehmertum Arbeitskräfte oerschafft bezw. erhält. An der Verwüstung, die in der kapitalistischen Ge- sellschaft an Leib und Seele des Arbeiters, an Gesundheit und Arbeitskraft des Proletariers getrieben wird, sind nach seiner Ansicht lediglich die Unfähigkeit, die Gewissenlosigkeit und der Leichtsinn der Arbeiter schuld. � Von Unternehmern, die die Arbeiter durch niedrige Löhne zwingen, in ungesunden Wohnlöchern zu Hausen, sich und ihren Nachwuchs unzu- reichend zu nähren, die sie zum Raubbau an der Arbeitskraft pressen, zu überlanger Arbeitszeit, die gefährliche Gelegen- heitsmacherin der Unfälle, von alledem weiß Herr Tille nichts. Ebensowenig davon, daß die Versicherung das öffent- liche Eingeständnis der unzureichenden Lohnverhältnisse ist, die dem Arbeiter nicht die Möglichkeit geben, aus eigener Kraft für Notfälle Vorsorge zu treffen. Das öffentliche Ein- geständnis. daß der größte Teil der Arbeiterschaft ein unzu- reichendes Einkommen hat und ohne die Versicherung des öfteren der Armenkasse zur Last fallen müßte. Und doch ist dem Herrn Tille gelegentlich die Tatsache nicht unbekannt, daß Löhne gezahlt werden, die zum Bestreiten eines menschen- würdigen Daseins nicht ausreichen. Denn sonst hätte sein entrüsteter Protest ja keinen Zweck, daß man den Lohn über- Haupt daraufhin ansehe, ob er zu solchem Zwecke reicht. Das ist ein ideologisch-moralistischcr Maßstab, der in der Oeko- nonne nichts zu suchen hat. Tille beklagt es geradezu, daß der deutsche Unternehmer von solchen ideologisch-moralistischen Vorstellungen noch nicht frei genug sei. Dazu aber gehört alles, was den Unternehmer in der Ausbeutung und Knebe- lung der Arbeiter beschränken könnte, jegliche Rücksicht auf die Bedürfnisse, auf die Menschenrechte des Arbeiters die Nicht direkt durch die Konjunktur des Arbeitsmarktes geboten wird. Der niedrigste Lohn, zu dem der Unternehmer noch brauchbare Arbeiter bekommen kann, wie er durch Angebot und Nachfrage erzielt wird, ist der natürliche, der angemessene — was darüber hinaus gehe, das ist vom Uebel, das ist ge- wissermaßen Vergeudung. Und wenn die Arbeiter durch künstliche Zurückhaltung ihres Angebots vom Arbeitsmarkt den Preis der Arbeitskraft(Handkraft, sagt Tille) zu steigern versuchen, so ist das ein Verbrechen an den Gesetzen der Wirtschaft, eine strafbare Gewalttat, �der Versuch der Erpressung! Das ist die Stellung des Scharfmachers zu Koa- lition und Streik! Daß Unternehmer sich bei der Festsetzung des Lohnes von ideologisch-moralistischen Vorstellungen bestimmen lassen würden, befürchtet Tille natürlich nicht. Aber daß sie die „unausgesetzte Auflehnung der Träger der Handkrast gegen das ertragswirtschaftliche Unternehmertum" den Arbeitern noch nicht gründlich ausgetrieben, d. h. ihnen das Fordern und das Streiken nicht abgewöhnt haben, das ist sein Schmerz und das schiebt er auf die Wirkung der ideologisch-moralisti- scheu Vorstellungen. Die gesamte Unternehmerschaft gegen diese Vorstellungen unempfindlich zu machen, das ist sein eifriges Bestreben. Das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter soll ein rein wirtschaftliches, nur durch die bare Zahlung vermitteltes sein. Ob die Arbeiter mit ihren Löhnen ein halbwegs menschenwürdiges Dasein führen können, ob die Länge der Arbeitszeit ihre Gesundheit und ihre Sicher- heit vor Unfällen nicht beeinträchtigt, ob sie ihnen Zeit läßt, Gatte, Dater und Staatsbürger zu sein, das hat den Unter- nehmer bei der Festsetzung der Arbeitsbedingungen nicht zu kümmern— die Moral hat in der Wirtschaft, im Geschäft nicGs zu suchen. Für den Unternehmer hat der Arbeiter nichts als„die Handkraft" zu sein, eins der notwendigen Mittel, um einen Ertrag aus der Unternehmung herauszu- wirtschaften, was nach Tille der Unternehmung einziger! Zweck ist. Wie der Unternehmer, um diesen Zweck zu er- reichen, um Profit einsacken zu können. Kapital, Naturkraft und ertragswirtschaftlichen Geist, entweder im eigenen Kopfe oder in denen von Angestellten, gebraucht und über sie als Werkzeuge gebietet, so soll er auch die Handkraft lediglich als Werkzeug betrachten, das er zum Marktpreise kauft. Und erst dann sind die Wirtschaftsgesetze zur vollen Geltung ge- kommen, erst dann ist die Produktion sozusagen„wissen- schaftlich richtig", wird der Unternehmer, die einzige Quelle des Wertes, mit dem vollen Ertrag seiner Unternehmung für seine höchst sorgenvolle Tätigkeit entschädigt, wenn„die Handkraft" ihm ebenso widerstandslos untergeben ist wie die anderen Werkzeuge, das tote Geld, die vom Menschengeist ge- bändigte, in den Dienst der Maschine gezwungene Naturkraft und der ertragswirtschaftliche Geist(der übrigens neuerdings. soweit ihn der Unternehmer vom Angestellten mietet, auch Neigung zur„Auflehnung" zu verraten beginnt). Bedauernd schreibt Tille:„Während der neuzeitliche Unternchmerwille hinsichtlich der Beherrschung von Kapital, Naturkraft und er- tragswirtschastlicher Geisteskraft große Siege aufzuweisen hat, kann er hinsichtlich seiner Herrschaft über die Handkraft nicht sonderlich stolz sein. Und deutlich gibt der„wissen- schaftliche" Wortführer des Scharfmachertums so zu erkennen, daß sein Ziel die völlige Knebelung der Arbeiterklasse, ihre Versklavung zum willenlosen Werkzeug der Unternehmer ist. Wie er dies Ziel im einzelnen zu erreichen gedenkt, das wird noch näher zu betrachten sein. Zentrum und Iflilltarlsmus. Die Zentrumspresse, voran die Erzbergersche, behauptet immer wieder, die ZenlrumSführer seien die alten geblieben und nichts liege diesen mehr am Herzen als das Wohl der Armen und Be- drückten. Sehen wir uns das, soweit die deutsche RüstungSwut in Frage kommt, etwas näher an. Zuerst die Worte und dann die Taten. Worte deS Zentrums: .Ermäßigung der finanziellen Belastung des Landes, insbesondere durch Verminderung der AuS« gaben für Militärwesen.'(.Kölnische BolkSzeitung" in einem Wahlartikel am 11. Juni 1870.) .Beschränkung der öffentlichen Lasten, der persönlichen wie der materiellen, auf das unabweisbar erforderliche Matz." sWahlaufruf der ZentrumSfraktion deS Reichstages, 24. Juni 1873) .B e sch r ä nkun g der ReichSauSgaben, die vor allem beim Heerwesen durch angemessene Verkürzung der Dienstzeit und Verminderung der Präsenzstärke im Frieden zu er- reichen ist.'(Wahlaufruf der Zentrumsfraktion deS Reichstages, Dezember 187S.) .... Finanzwirtschaft, die vor allem eine Beschränkung der ReichSauSgaben und zwar an erster Stelle beim Heerwesen ins Auge faßt. Wir wollen nicht die Vermehrung von Steuern und Lasten, vielmehr nach Möglichkeit deren Verminderung.'(Wahlaufruf der Zentrumsfraktion des Reichs- tages, Juni 1878) Dieselbe Forderung befindet sich im Aufrufe von 1881. .... nicht die Vermehrung der Steuern und Lasten, sondem deren gerechte Verteilung und tunlichste Verminderung. Beschränkung der Ausgaben, an erster Stelle beim Heerwesen...'(Wahlaufruf der Zentrumsfraktion des Reichs- tageS, September 1384) .Die nämlichen Grundsätze werden auch t« Zu- kunft für uns maßgebend sein.'(Wahlaufruf der Zentrums- fraktion des Reichstages, Januar 1887) .Wir werden auf allen Gebieten nachdrücklichst auf die größte Sparsamkeit dringen.'(Wahlaufruf der Zentrums« fraktion des Reichstages, Januar 1890) .Wir können für die Wehrkraft des Vaterlandes nur bewilligen,' waS sich mit der Steuerkraft des Volkes und dem Budgetrecht des Reichstages vereinigen läßt.'(Wahl- aufruf der Zentrumsfraktion deS Reichstages, Mai 1893) .Wir wollen weise Sparsamkeit auf allen Ge« bieten des Reichshaushalts, namentlich auch bei dem. Heere und der Flotte.'(Wahlaufruf der ZentrumSfraltion des Reichstages, Mai 1898) .Weise Sparsamkeit auf allen Gebieten deS ReichShauS- Halts zu üben, erachten wir für unsere strengste Pflicht. Zu Aus- Wendungen für Heer und Marine darf die Steuerkraft des Volkes nicht weiter in Anspruch genommen werden, als die Sicherheit und die Wohlfahrt des Landes ge- bieterisch erheischt.'(Wahlausruf der ZentrumSfraltion des Reichs- tages, Mai 1993) Taten des Zentrums. Militär Vorlage von 1874. Das Zentrum stimmte dagegen. Militär Vorlage von 1380. Das Zentrum stimmte dagegen. Militär Vorlage von 1887. Das Zentrum stimmte dagegen. M i l i t ä r Vorlage von 1888. Das Zentrum enthält sich auf ausdrückliches Eingreifen des Papstes — der von Bismarck darum gebeten wurde— der Stimme, und berhilst der Vorlage so zur Annahme. Militär Vorlage von 1890. DaS Zentrum stimmt in der Mehrheit dafür. Militärvorlage von 1393. DaS Zentrum stimmte erst da- gegen. Es erfolgt Reichstagsauflösung, Nach der Neu- wähl stimmte das Zentrum da für! Artillerie Vorlage von 1897. Das Zentrum stimmte dafür. Militär Vorlage von 1898. DaS Zentrum stimmte dafür. Erste Flotten Vorlage 1898. Das Zentrum stimmte dafür. Zweite Flottenvorlage 1900. DaS Zentrum stimmte dafür. Militär Vorlage von 190S. DaS Zentrum stimmte dafür. Dritte Flotten Vorlage 190S. DaS Zentrum stimmte dafür. DaS Zentrum fiel auch bei den Kolonial forderungen u m. ebenso bei allen Zollforderungen und Steuer- angelegenheitenl DaS Zentrum wird deshalb auch die kommenden neue n'Flottcn-, Militär- und Luflschiffsvorlagcn glatt bewilligen!' Zur KeichstsgMZhI. „BaterlandSlose" Gesellen. In der reaktionären Presse, die nationalliberalc eingeschlossen, wird ein neues Manöver versucht, um die Wähler von der Haupt- aufgäbe des 12. Januar, dem Sturz der schwarz-blaucn Herrschaft, abzulenken. Es wird die Sozialdemokratie des Vaterlandsvcrrats und der versuchten Wehrlosmachung Deutschlands angeklagt, weil sie gegen die heutigen wahnsinnigen Rüstungen auftritt. Daß die kolossalen stehenden Hxere und die Flottcnrüstungen nicht eine Ge- währ, sondern eine Gefährdung deS Friedens sind, ist längst auch von einsichtigen Staatsmännern anerkannt, die für gegen- seitige Rüstungsbeschränkungen eintreten— die allerdings bisher an dem Widerspruch des junkerlich-militaristisch regierten Teutschland scheiterte. Die Sozialdemokratie will zudem gar nicht die Abrüstung im Sinne der„Weltfriedensfreunde". Sie will die Heranziehung aller Wehrfähigen zum Lan. desverteidigungSdicnst: die allgemeine Volksbewaffnung, die VolkSlvehr! Aber das ist eben der Kern der Sache: Das heutige Heer ist ein Mittel gegen das Volk— den„inneren Feind"—, ein Herrschaftsinstrument der herrschenden Klassen. Für das stehende Heer mit seiner Klassengliederung, seinen Adels- Privilegien, seinem Paradedrill, seiner Gcheimjustiz, seinem Bureaukratismus und nicht zuletzt seinen körperlichen und geistigen Soldatenmißhandlungen haben wir allerdings keinen Mann und keinen Groschen übrig. »» » Zentrumssitten. Die„Frankfurter Zeitung" berichtet aus WormS: In einer Zentrumsversammlung, die im benachbarten Monzernheim abg-, halten wurde, und in der Rechtsanwalt Boxheimer aus Worms sprach, ereignete sich eine wüste Radauszene. Der Redner behaup- tete, die katholischen Schwestern ständen unter einem Ausnahme- gesetz, an dem die Sozialdemokraten mit schuld seien. Der sozial- demokratische Parteisekretär Lutz-Worms bezeichnete die Ve- merkung in einen, Zwischenruf als Lüge, was einen Sturm der Entrüstung auslöste. Die Sozialdemokraten wurden mit Flaschen beworfen und mit Stöcken und Schir. men bearbeitet! Vielleicht ist auch das roter TerroriSmuSl «» » Parlamentsmübe ZentrumSabgcorbnete. Von den bisherigen 103 Zentrumsabgeordneten des Reichstags kandidieren, nach der„Köln. VolkSztg.". 23 nicht wieder: Hcuucch«. V (Köln-Land), Karl Fritzen(MSrS-Rces), Alois Fritzen(Kempen), Stnpp(euwied), Frhr. tr Wolff-Metternich(Wittlich-Berniastel), Enler(Trier), Dr. Opfergelt(Heinsberg-Erkelenz), Herzog von Arenberg(Lüdinghausen-Warendorf-Beckum), Professor Dr. Spahn fWarburg-Hörtor). Graf v. Oppersdorf(Glatz-Habelschwcrdt), v. Strombeck(Heiliaenstadt-Worbis), Dr. Bitter(Osnabrück- Bersenbrück), Beck(Aichach), Frhr. v. Frehberg(Ingolstadt), Spind. ler(GermerShehu), Frhr. v. Pfetten(Regcnsburg), Dr. Heim (Neustadt am Walde), Holzapfel(Schwoinfurt), Kalthof(Augsburg), Schneider(Aalen-Ellwnngen), Dr. Vonderfchecr(Schlettstadt). Hoen (Saargemünd), Orlowfti(Allenstein). Armenuntcrstllbung und Rcichstagswahlrecht. Ueber diese Maierie hat der Stadtmagistrat Fürth i- B. einen bemerkenswerten Beschluß gefaßt. ES handelte sich darum, fest- zustellen, ob zwei im Krankenhaus liegende Wähler, deren An» gehörige infolge der Kognkheit der Ernährer Armenunterstützung beziehen, Anspruch auf das Reichstagswahlrecht besitzen. Tie Armenvevwaltung hatte sich auf den Standpunkt gestellt, daß die in Frage kommende Armenunterstützung derart sei, daß den Kranken kein Anspruch auf das Reichstagswahlrecht zustehe. Der Stadtmagistrat stellt« sich auf den gegenteiligen Standpunkt und sprach den beiden Kranken das Wahlrecht mit folgender Motivierung zu:„Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch sind zur Unterhaltspflicht jone Perso.ien rcsp. Familienväter gehalten, die die Mittel dazu haben(Vermögen, Arbvitskraft, Einkommen usw.). Dies treffe in diesem Falle nicht zu; es seien im vorliegenden Falle die Frauen der erkrankten Wähler als jene Personen zu betrachten, denen die gesetzliche Unterhaltspflicht obliegt. Den Frauen und nicht den im Krankenhause weilenden Männern sei die Armenunterstützung, die die Angehörigen der Kranken erhielten, anzurechnen. Es sei also den beiden Wählern das Wahlrecht zuzusprechen." kaum ausbleiben KUL. Gerade Bei! i auch Deputierte gibt wie den als Bert angegriffenen W i l l m. bei dem man die in der Erklärung Compöre-MorelS) schwerlich wirksam glauben kann, und m oder indirekte Beeinflusiung durch die nl Jahres nicht ausgeschlossen erscheint, hat Kollektiverklärung gegenüber der Besch auf die vielleicht lftiker den Mfleniionisten der Npoko-Shanga oft grundsätzlichen Bedenken, um Ausdruck kommen, ce, bei denen eine direkte znaljstische Hochflut dieses eine unterzeichnete Sigung der Rücksichtnahme nationalistische Stimmung bürgerlicher Wahlhelfer eine nicht ganz überflüssige Beweiskraft bekommen» Zur Abstimmung über das deutich-srauaSiliche Abkommen. Paris, 28. Dezember.(Eig. Ber.) Die Geschlossenheit, lvomit die sozialistische Fraktion der Depw tiertenkammer während der Marokkodebatte und besonders während der großen Rede I a u r e s der skrupellosen Raub- und Schacher Politik der bürgerlichen Regierungen und dem professionellen Chau vinismus der bürgerlichen Parteien entgegengetreten war, ist bei der Abstimmung über das Abkommen in die Brüche gegangen. Von den Mitgliedern der Fraktion stimmten 47 für das Abkommen, dagegen und 24 enthielten sich der Abstimmung. Diejenigen, die dagegen stimmten, sind L a g r o s i l l i e r e, der bekannte Deputierte der Kolonien, der die Rechte der Farbigen mit Temperament und Sachkenntnis vertritt— er ist selbst Mulatte— und B o u h e h All ex, ein Eigenbrödlcr,»essen Motive weniger klar sind als die seines, der kapitalistischen Kolonialpolitik unbedingt opponieren den Kollegen. Die Gruppe der Abstentionisten besteht vor allem aus Jules G u e S d e und seinen Freunden, Delorh, Ghesquiere usw., aber auch auS Extremrefirmisten wie Paula in Groussier und V e b e r. Ihr gehören endlich Vertreter der schiedener und nicht immer ganz ausgesprochener Tendenzen an wie der Pariser sozialrevolutionare Deputierte C o l l y und die Pariser Vorortsbezirke vertretenden Deputierten M e s l i e r und W i l l m. Vor der Abstimmung vcrlaS der GueSdist Genosse Kowptzre-Morel folgende Erklärung: „Ich erkläre in meinem Namen und im Namen einer großen Nnzahl meiner Kollegen, daß wir uns der Abstimmung über das > uns unterbreitete Abkommen enthalten. Wir wollen unseren re- gierenden Bourgeois die ganz« Verantwortung für ihre Politik überlassen, indem wir weder für noch gegen Verträge stimmen, die ohne unsere Mitwirkung abgeschlossen worden sind— Ver träge, die, wenn sie für den Augenblick einen zweifelhaften Krieg vermeiden, ihn morgen entfesseln können und uns in jedem Fall völlig in eine Politik der kolonialen Eroberung verstricken, die un hcilvolle Menschen- und Geldopfer fordert und die wir nie auf gehört haben, vor dem Lande anzuklagen." Es ist kaum zu bestreiten, daß diese grundsätzlichen Darlegungen ken Anschauungen entsprechen, die auf den Kongressen der Jntev nationale zur Anerkennung gekommen sind. Sie stimmen aber auch durchaus mit den Ausführungen der drei sozialistischen Redner der Marokkodebatte überein, die gleichwohl für die Annahme de? Abkommens eingetreten sind. Tie ohne Wissen und Mitwirkung der Völker operierende Geheimdiplomatie ist von V a i l l a n t aus- gezeichnet kritisiert worden. S e m b a t hat, in die Details des Afr kommens eingehend, die Keime künftiger Konfliktmöglichkeiten auf gezeigt; I a u r 4 S hat aber nicht nur diese Argumente beredt verstärkt und in einem mächtigen Protest gegen die brutale Raubpolitik der kapitalistischen Staaten zusammengefaßt, sondern überdies noch aus geführt, daß die Hingabe der Kongogcbiete für das marokkanische Protektorat auch vom Standpunkte der Machtstellung und der all- gemeinen Wirtschaftspolitik Frankreichs nicht vorteilhaft sei. Hat er doch auch in seinem, am Morgen nach der Abstimmung in der «Humanite" veröffentlichten Artikel erklärt, daß alle Mit- gliederderFraktiondarincinig seien, das Abkommen nur als ein Mittel zu betrachten, den dringendsten Konflikt beizu- legen und eine geordnetere und friedlichere europäische Politik vor- zubereiten. Taraus geht hervor, daß das Verhalten der sozialistischen Depu- kicrten bei der Abstimmung von ihrem Urteil über die Tauglichkeit deö Abkommens zur Beilegung der augenblicklichen Kriegsgefahr und zur Befestigung des Friedens in der Zukunft, namentlich durch die Anbahnung der französisch-deutschen Annäherung beizutragen, entscheidend beeinflußt war. ES ist darum vollkommen begreiflich, daß die Deputierten, die von dieser Tauglichkeit eine geringere Meinung hatten, sich nicht entschließen konnten, für einen Vertrag zu stimmen, gegen den so viele prinzipielle und praktische Bedenken vorliegen, und es wäre sehr töricht, schon in der Tatsache der Stimm- enthaltung in einem solchen Fall den Ausdruck der Feigheit, irgend einer Scheu, eine Verantwortung zu übernehmen, zu sehen. Die Sozialisten hatten in dieser Frage überhaupt keine Verantwortung zu übernehmen. Von einer solchen wäre höchstens dann die Rede gewesen, wenn von ihren Stimmen die Annahme des Abkommens abhängig gewesen wäre, da in der augenblicklichen Situation die Ablehnung sicher eine gefährliche Verwickelung der internationalen Lage zur Folge gehabt hätte. Aber darum bleibt cS doch fraglich, ob für den Entschluß, aus prinzipiellen Gründen Stimmenthaltung zu üben, eine so lakonische Motivierung empfehlenswert war, da doch durch das Auftreten dreier Parteiredner die Fraktion während der Diskussion für das Abkommen engagiert schien. Der MeinungS- zwiespalt wäre durch eine ausführliche Rede eine? Vertreters der Minderheit nicht mehr eklatant geworden, als er eS durch die Ab- stimmung geworden ist. Und bedauerlich ist e» jedenfalls, daß die Er- klärung Compärc-MorclS nicht die Namen derjenigen, die sich ihr angeschlossen Halters enthalten hat. Denn eS wäre nicht nur von einem über den gegebenen Anlaß hinausreichenden Jnter- esse, die grundsätzliche Stellung der sozialistischen Vertreter zum Kolonialproblcm möglichst präzisiert zu sehen, sondern die in Frage kommenden Deputierten hätten nur auf diese Weise der Bezjchti- gung der Bezirkspolitik und des Opportunismus vorbeugen können, die unter den gegebenen Verhältnissen auch in her Partei selbst politifcbc Ucberficbt, Berlin, den 29. Dezemöer 1911. Das Zentrum als katholische Partei. Trotz der Ableugnungen, daß das Zentrum eine kottfesfioncve Partei sei, versucht es immer wieder, die Wahl von ZchnrumS- kandidatcn als EewisscnSpflicht für die Katholiken hinzustellen. Daß eS damit teilweise, besonders bei den ärmeren Volksschichten, noch Erfolg hat, ist bekannt. Ganz anders aber sieht es auS bü den „besseren Katholiken". Der„Kölner Stadtanzeiger" veröffentlicht in seiner Nummer vom 27. Dezember eine Berechnung, wonach bei der Stadtverordnetenwahl in Köln in der 2. Abteilung von den 4400 Stimmen, welche die liberalen Kandidaten erhielten, zirka LZVO von Katholiken stammen I In der 1. Abteilung ist das Bild nl»y viel schöner. Dort standen L06 Wähler katholischer 370 Andersgläubigen gegenüber. Aber trotzdem wagt es da? Zentrum gars nicht, in der ersten Abteilung Kandidaten aufzustellen, in der sicheren Erwartung, daß eS damit kläglich abschneiden würde! Man sieht, diese Kreise sind nicht so dumm, auf den religiösen Schwindel der Schwarzen hineinzufallen, wie eS leider noch Hundert- tausende armer Arbeiter tun! In welchem Maße das angeblich„interkonfessionelle" Zentrum sich im Wahlkampf mit der katholischen Kirche und selbst der christ- lichen Religion im allgemeinen identifiziert zeigt folgender Weih- nachtSfcstarlikel des in Münster erscheinenden ultramontanen»Wests. Merkur": »In die Zelt der Wahlvorbereitung fällt in diesem Jahre da? WeihnachtSfest. Die Stille der heiligen Tage wird gestört durch den Länn und die Aufregung, die mit der üblichen Agitation verbunden find. Hier das Friedensfest, dort der Meinungsstreit und Jnteressenkampf. Und doch gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen Weihnachtsfeier und der Wahlhandlung. Was ist der politische Kampf im letzten Grunde und in» innersten Kern? Das Ringen der Weltanschauungen. Jede Partei will das öffentliche Leben und die Welt überhaupt nach ihrem Ideal gestalten, und das Ideal gestaltet sich für den, der Gottes Offenbarung »nd Gottes Gebot als die Grundlage der Weltocdnung betrachtet, ganz anderes, als für den. der den selbst- herrlichen Menschenwitz und Menschenwillen allein maßgebend machen will. Eine Unmasse von„Fragen" werden hitzig erörtert. Die entscheidende Frage ist aber schließlich: Was dünket euch von Christus? Die Stellung zu dem Kindlein in der Kripps und seinem HeilSwerke besümml die Gruppierung der Menschen in zwei große Lager. Hier die gläubigen und pflichtbewußten Christen, dort die„Aus- geklärten" und Freigeister. Jene folgen dem himmlischen Stern von Bethlehem, diese den schillernden Irrlichtern onS der Erde Gründen.»Siehe, dieser ist gesetzt zun, Falle und zur Auf- erstehuug vieler i» Israel, und als ein Zeichen, dem man widersprechen wird; und ein Schwert wird deine Seele durch- dringen, damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden." So prophezeite Simeon, und heute stehen schärfer als je die Ver- ehrung und der Widerspruch, die Auserstehung und der Abfall einander gegenüber. Die innersten Gedanken und Willens- Meinungen der Herzen werden offenbar, wenn sie sagen sollen, was sie von Christus halten. Religion und Politik soll man trennen, fordern die Gegner. Das ist unmöglich, denn die Politik ist die Betätigung sittlich-religiöser und sittlicher Ueberzeugunaen und Interessen. Und eS lag nicht im Plane GotleS, daß seine Offenbarung und sein fieilSweri auf daS stille Kämmerlein be- ch rankt, dem öffentlichen Leben entzogen bleiben soll.... Der Andächtige am WeihnachtS feste und der Abstimmende am Wahltage ist einer und derselbe. Aus dem Gottesdienst an der Krippe folgt der der Urne; denn die Betätigung der Bürgerrechte im christlichen Sinne ist auch ein Dienst vor dem Herrn und für den Herrn des Himmels und der Erde. Was ist natürlicher, selbstverständlicher als die Mahnung, daß christlich gesinnte Wähler christlich gesinnte Abgeordnete erküren sollen l" Solche albernen Tiraden hindern die Zentrumspresse natürlich nicht, nach vollzogener ReichStagSwahl wieder gegen eigenes Besser- wissen zu behaupten, daS Zentrum sei eine interkonfessionelle, rein politische Partei._ Die Herren Teutschlands k Während Millionen Menschen nichts, gar nichts besitzen und nicht wiffen, wo sie ihre Glieder ausstrecken sollen, ersticken einige auf der Gesellschaft Höhen Wandelnde in unermeßlichem Reichtum. Mancher, der einen Rnnbritter zum Vorfahren hatte, besitzt niehr Gnmd und Boden als Millionen derer, die. wie ihre Väter, nützliche Arbeit ver» richten. In Schlesien gibt e» zum Beispiel heute 248 Großgrund- besitzer, darunter 64 gewöhnliche Adelige, 14 Barone und Freiherren, 32 Grafen. 7 Fürsten, 3 Herzöge und 3 Könige—, die insgesamt 4lS9Z9 Hektar mit herrlichen Wälder», prächtigen Aeckern und Wiesen sowie prunkvollen Schlössern besitzen. Die größten Grund- Herren sind: Herzog von Ujest.... mit 42000 Hektar Fürst von Plcß...... 40 437, Herzog von Ratibor..., 83304, Fürst Stollberg-Wernigerode„ 26 617» Prinz Hohenlohe-Jngelfingcn„ 21 942, Diese fünf Granden beherrschen demnach einen Komplex von 164 790 Hektar l Neben den reichen Grundbesitzern hat sich aus der Industrie ein Nabobgeschlecht entwickelt, da» geradezu märchenhafte Reichtümer an- sammelt. Hier einige Hauptrepräsentanten derer, die aus der Arbeit anderer Ricsenschätze sammelten: vermögen Einkommen 1908 in Millionen Marl Herzog von Ujest........ 151 7 Fürst von Plefe......... 84 2 Prinz Hohenlohe-Jngelfingen.... 40 4 Frau Berta Krupp-Bohlen..... 214 17 Fürst Henckcll-DonnerSmarck..... 177 12 Freiherr von Goldschmidt- Rothschild. 107 4 Graf Tiele-Winckler........ 74 6—6 Kommerzienrat Henschel...... 46 3—4 Ernst von Mendelssohn...... 43 8,27 Freiherr von Stumm....... 32 2—3 StinneS............ 30 1 Thyssen............ 43 2.6 Diese zwölf verfügten über ein Vermögen von rund rund 63 000 000 M. und dank der Politik der LebenSmittelwucherer und Schutzzöllner schwillt daS Einkommen und der Reichtum der Neichen noch immer weiter an. während Millionen Volksgenossen darben l_ Ein Wahlprüfungsgericht wird vom OberlandeSgcrichtSrat Dr. Nöldecke- Hamburg tu der .Vossischen Zeitung" einer Untersuchung unterworfen. Er macht auf den Skandal aufmcrksaw, daß der letzte Reichstag über die Gültigkeit der seit 1907 laufenden Mandate der Abgg. Böhme, Kälte, Rieseberg und v. d. Wense überhaupt nicht ent- schiede» hat. Allerdings sind das bis auf Böhme Schützlinge des schivarzblaucn Blocks, und Böhme war wenigstens bis zur Hälfte der Legislaturperiode ein Parteigenosse der Uebecagrarier von der Reckten. In dem Artikel wird die Notwendigkeit einer Reform des Wahlp�ZfungSvcrfahrens hervorgehoben und für die Einsetzung eines eigenen Wahlprüfungsgcrichtshojes Stimmung gemacht. Um ,dcm Reichstage einen Einfluß auf die Besetzung des Gerichtshofes einzuräumen, soll ihm die Wahl der Mitglieder dieses Gerichts, etwa nach einer Vorschlagsliste, die von den Präsidien der höchsten Gerichte aufgestellt wird, über« - tragen werden. Es wird auch darauf hingewiesen. daß daS � reichsländische ObcrlandcSgericht in Colmar, dem bekanntlich die ! Wahlprüfung der clsaß-lothringifchen LandtagSwahlen obliegt, die Erhebungen durch einen eigenen Kommissar des Gericht? vornehmen läßt, während bekanntlich der Reichstag doch immer auf die Er- ; Hebungen vom Regierungsbeamten angewiesen ist. Die Errichtung Religio»- WuhigerichtshofS ist gewiß eine Frage unserer Zeit. Aber die deutsche Wählerschaft kann sich vor einer planmäßigen Verschleppung der Wahlprüfungen am besten dann sichern, wenn sie gleich am .12. Januar für die Opposition stimmt, die alles Interesse daran hat, pmlerliche und heilige Wahlschwindcleicn nicht durchgehen zu lassen Löhne und Lebensmittelpreise! Groben Unfug begeht die Brotwuchcrpcesse, indem sie allerlei tendenziös zurechtgestutzte und unwahre Behauptungen über Lohn- steigerungen und Lebensmitlelverteuerungett ausstellt. So behauptet die»Germania"(Nr. 296) nach anderen agrarischen Blättern, der Lohn der Bergarbeiter habe sich innerhalb 30 Jahren verdoppelt. Wie steht es damit? Die amtliche Statistik reicht bis 1886 zurück. Sie ist, wie selbst Uuternehmerschriftsteller zugeben, als Vergleichs- Maßstab unbrauchbar, weil in dielen Jahren die Löhne ganz außer- ordentlich niedrig standen. Genaue Angaben enthält das Jahrbuch für den OberbergamlSbezirk Dortniund von einzelnen Bergwerks- unternehmen. AIS typisch nehmen wir die Angaben vom Gelsen- kirchener LergwerkSvcrein. Danach betrug der Lohn pro Maim und Schicht: Jahr: 1873 188« 1900 190? 1909 Mark: 4.41 2,97 4,40 6.09 4.76 Angesichts solcher Entwtckelnng von einer Verdoppelung der Löhne zu reden, bringen nur skrupellose Volksbeschwindler fertig. Weiter wird behauptet, die Lebensmittelpreise seien weniger stark als wie die Löhne gestiegen. Dabei stützt man sich auf Berechnungen Calwers. Auch diese Behauptung stimmt nicht. Benuden wir Calwers Berechnung über den wöchentlichen Nahru�gSminetauswand für eine vierköpfige Familie, dann--geben sich folgend« Summen (in Marl): 1900 1906 1911 Januar November 20,44 21,98 23,60 24,64 Danach ist, wenn man für 1911 mit einem Durchschnitt von nur 24 M. rechnet, der Lebensmittelaufwand um 20,5 Proz. ge- stieaen, dagegen macht die Lvhusteigerung für die Bergarbe,ter in derselben Zeil nur«,2 Proz. auS. Mit den PhaMafieangaben über Löhne will man die Richlbergarbeiter aufhetzen I Wahlmache! Sisyphnsnrbcit der Germanisaloren. Nach einer Meldung des„Berl. Tagebl." find seit dem Herbst vorigen JahreS in ganz Ostpreußen gegen 13 000 Morgen Land aus deutschem Besitz in polnische Hände übergegangen.— Die Polen können ja nichts Besseres tun, als mit dem von der SnfiedelungS- kommijsion erhaltenen Geld« Landspekulation zu treiben und neue Grundstücke zu erwerben._ Was nützen Panzerschiffe? Eine Zuschrift an die»TimeZ" stellt die Frage zur Erörterung, ob man in Zukunft nicht auf den Panzerschutz für Kriegsschiffe ganz verzichten sollte. In dem Wettstreit zwischen Geschütz und Panzer sei daS elftere unbestrittener Sieger geblieben. Schon heute durch« schlage das 30,5-Zentimetergeschoß ans Entfernungen unter 7000 Meter jeden vorhandenen Schiffspanzer, auf 2600 Meter sogar 430-Millimeter-Kruppstahl. Diese Leistung werde noch übertroffea durch das neue englische 34,3-Zentimeter-Gcschütz, das S06-Milli» meter-Kruppstahl auf 10 000 Meter durchschlage, während dem neuen deutschen 3S,6-Zentimetergeschütz sogar eine Durchschlagskraft von 1230 Millimeter Stahl nahe der Mündung zugeschrieben werde. Außerdem stehe die Einführung noch schwererer Geschützkaliber be- vor. Der stärkste vorhandene Schiffspanzer sei aber nur 806 Milli- meter. ES habe daher keinen Zweck, die Schiffe mit dem schweren Panzer zu belasten, wenn sie trotz seines Vorhandenseins durch das Feuer der schweren Artillerie in fünf Minute« in einen Trümmerhaufen verwandelt werden könnten. I 043000000 M. Ihr Einkommen belief sich im Jahre 1903 auf Zeuttumsfanatiker. Von seinen Mitarbeitern blutig geschlagen wurde ein freigetverk- schaftlich organisierter Arbeiter, der auf einer Ziegelei in Immensen beschäftigt war. Seine Mitarbeiter, strenge Katholiken nnd Anhänger der zentrumSchristlichen Gewerkschaften, hatten ihn schon lange mit ihrem Hohn verfolgt und auf alle Art und Weise schikaniert. Als sie nun am vorletzten Mittwoch die Frage an ihn richteten, ob er Weih- nachten auch zur Kirche ginge und er diese Frage verneinte, fielen einige Arbeiter über ihn her und schlugen lo unbarmherzig auf ihn ein, daß er auS mehreren Kopfwunden blutete. Wahrscheinlich wollten die Fanaliker dem Mißhandelten die Lehre von dem»Fest der Lieb« und des Friedens" aus diese Art beibringen. Die Führer dieser verhetzten, sanatisterten Arbeiter find eS aber bekanntlich, die sich fortwährend über den angeblich sozialdemokra- tischen Terrorismus entrüsten und nach Ausnahmegesetzen gegen die moderne Arbeiterbewegung rufen. Sin neues 2entralaNattfchesHbenteue?R.uIJlancks. Die russischen Kriegshetzer und Jmperalisten haben gegenwärtig Obcrwaffer erlangt. Das Programm, daS die beutehungrigcn Bureaukratcn in der„Nowoje Wremja" und die expansionslüsternen Großkapitalistcn in dem oktobristischen»GoloS MoSkwy" entwickelt haben, nähert sich seiner Verwirklichung. In Perficn, wo Rußland im Verein mit England die Zentralregicrung zur Unterwerfung ge« nötigt, und in T ä b r i S. der wichtigsten und vorgeschrittensten Stadt des Reiches. einen VolkSaufstand heraufbeschworen hat. herrscht jetzt ein Zustand, den selbst Profeffor Schiemann als .Völkermord" zu bezeichnen sich gezwungen sieht. Der Türkei gegenüber wird die Haltung der Zarenregierung immer herausfordernder. und es ist sehr wahrscheinlich, daß die nissische Diplomatie, um Konzessionen für sich zu erzwingen, in den Kampf zwischen ber Türkei und Italien aktiv eingreifen wird. Nun kommt auch noch der letzte, von langer Hai»» vorbereitete Vorstoß Rußlands in grntralafiea— der offiziell zwar tementterte, tatsächlich aber erfolgte Einmarsch russischer Truppen in die Mongolei. Mit de» übrigen Aktionen der russischen Diplomatie steht dieser Vorstosz insofern in engster Beziehung, als daS Vor- dringen der russischen Macht in der Mongolei, die an das unter englischem Einfluß stehende Tibet grenzt, England zum Nach- geben in Persien zwingen kann. So nutzt der durch und durch faule, auch in militärischer Hinsicht morsche russische Staat sowohl die Gegensätze der europäischen Staaten untereinander (namentlich den dentsch-englischen Gegensatz), wie die gefährdete Stellung seines englischen.Bundesgenosien" in Indien und die gewaltige Umwälzung im„Reich der Mitte' in der raffiniertesten Weise aus, um zu den früher geraubten Ländern und Provinzen noch neue hinzuzufügen. Hinsichtlich des Einmarsches der russischen Truppen in der Mongolei bat der russische Minister des Auswärtigen S s a s o n o w zum chinesischen Gesandten in Petersburg erklärt, die Truppen seien lediglich zum«Schutz der russischen Interessen' dorthin marschiert. Wie sehen nun die«russischen Jntercsien' in der Mongolei aus? Die Moskauer Fabrikanten hatten kürzlich den Oberst Popow nach der Mongolei entsandt, um an Ort und Stelle zu untersuchen, weshalb die Moskauer Fabrikate in der Mongolei keinen Absatz fanden.(Insgesamt beträgt die russische Einfuhr in der Mongolei sechs Millionen Rubel jährlich!) Tie Expediton Popows stellte nun fest: daß die englischen, amerikanischen und japanischen Waren besier und billiger seien als die russischen: daß die aus- ländischen Konkurrenten günstigere Kreditbedingungen gewährten als die Russen: daß die russischen Handelsagenten dümmer seien als die chinesischen; daß auf zehn amerikanische, englische und japanische Handelsfirmen höchstens eine russische entfalle; und daß die aus- ländischen Banken immerfort neue Filialen in der Mongolei er- öffneten, während die Rnssisch-Asiatische Bank die ihrigen schließe. Dieser Rückgang des russischen Handels in der Mongolei— trotz der enormcn Privilegien, die Rußland im Jahre tS81 von China erpreßt hat— war denn auch der Hauptgrund, weshalb die russische Re- gicrunz im verflossenen Frühling an China ein Ultimatum richtete und neue Privilegien in der Mongolei für sich in Anspruch nahm. Die Unnachgicbigkeit der chinesischen Zentrolrcgierung, noch mehr aber die einsetzende Revolution in China beranlaßten die russische Diplonratie, ihre Wühlarbeit in der Mongolei zu verstärken. Ihre Agenten veranlaßten den Vertreter des nach Indien geflüchteten Dalai Lama, des geistlichen Oberhauptes der Mongolen, und eine Anzahl mongolischer Fürsten, die mit der chinesischen Oberhoheit un- zufrieden waren, die Mongolei als einen von China unabhängigen Staat zu proklamieren und den Fürsten Chandavan nach Petersburg zu entsenden, um den«Schutz' Rußlands zu erbitten. Wie die chinesischen Zeitungen schon damals meldeten, entsandte die russische Regierung sofort ein Detachement von 300 Soldaten nach Urga, der Hauptstadt der Mongolei. Das Mitglied des ReichSratS, der Vorsitzende der Export- kammer D e n i s f o w. begab sich angesichts dieser Sachlage zum Premicrniinister Kokowzcw mit dem Ersuchen, daS Protektorat über die Mongolei anzunehmen. Herr Kokowzew winkte den Lcauftragten des Großkapitals mit der Bemerkung ab, man müsse auf diesem Gebiete«sehr vorsichtig' sein, da dieses Unternehmen «im gegebenen Monient' eine«gefährliche Aventüre' sein würde. DoS geschah vor etwa einem Monat, als die«Aventüre' im nahen Osten sich noch in ihren Anfängen befand. Nim scheint der Moment sür die russische Regierung günstiger zu sein. Der Mimster dcS Auswärtigen Ssasonow hat zwar offiziell erklärt. v�fcland plane keine Okkupation der Mongolei, aber die Oeffentlich- kM�ha» sich nachgerade schon gewöhnen muffen, von dm russischen qSielltn Erklärungen daS direlts Gegenteil zu glauben. Im ge- geocnen Falle ist um so mehr Anlaß zum Mißtrauen gegeben, als der Chef der Ostchinesischen Bahn, General Chorwat— wie PvliticuS in unserem Petersburger Parleiblatt.Swesda' schreibt— den mongolischen Fürsten gegenüber dieselbe Rolle zu spielen beginnt, wie Komarow und Alichanow im Jahre 1384 gegenüber den Chanen von Buchara, die unter dem Einfluß deS russischen Goldes ihr Land an Rußland verrieten. Die mongolische Aventüre zeigt noch in der Hinsicht eine vollkommene Aehnlichkeit mit den früheren asiatischen Unternehmungen Rußlands, namentlich mit dem k o r e a- »i i s ch e n Abenteuer, als auch schon einzelne hungrige Kapitalisten- gruppen in Aktion treten. Wie der oben zitierte Autor mitteilt. haben die Russisch-Chinesische Bank und die Ostchinesische Eisenbahn- gesellschaft mit dem Bogdychan, dem Oberhaupt der Mongolei, einen Bertrag geschlossen, wonach die Ausbeutung der Mineral- schätze der Mongolei ausschließlich dem russischen Kapital über- süssen wird._ Oeltevrdcb. Sozialdemokratische Acnßcningc» über die auswärtige Politik. Wien, 23. Dezember. Oesterreichische Delegation. Delegierter Baron FuchS(christlich-sozial) erklärte, von den Dar- legungcn deS Ministers des Acußcrn nicht ganz befriedigt zu sein, weil der Minister über wichtige aktuelle Fragen, WS- besondere über die notorischen U n st i m m i g k e i t e n zwischen Oe st erreich- Ungarn und Deutschland andererseits leine Ausklärungen erteilt habe. Tie Christlich- Sozialen würden trotzdem für das Budgetprovisorium stimmen, weil dessen Boti-ning nicht ein Vertrauensvotum, sondern eine Staats- Notwendigkeit sei. Delegierter Dr. Ellenbogen(deutscher Sozialdemo- krat) führte aus, obwohl die Sozialdemokraten eine oppositionelle Partei seien, müßten sie die Haltung dcS Ministers deS Aeußeren in der Frage der Erhaltung des Friedens durchaus billigen. ES sei nicht wahr, daß die Völker Oesterreichs eine Antipathie gegen die Bewohner Italiens hegen, und Italien möge sich durch gewissenlose Agitationen m'cht in eine Stimmung der Gereiztheit hineintreiben lassen. Redner legte entschieden Verwahrung ein gegen die Einfluß- nähme unverantwortlicher und nach dem Gesetze un- berufener Faktoren auf die äußere Politik.. Die Sozial- demokraten seien bereit, ein starkes Heer, aber nur ein Volks- Heer, auf die Beine zu stellen. Redner sprach schließlich die Hoffnung au?, daß sich alle der Vernunft zuwenden und mit beitragen würden,'gegen dieKriegShetze Stellung zu nehmen. Tclcgiciter Nemec(tschechischer Sozialdemokrat) erklärte. Deutschland habe damit, daß cS Oestcrrcich-llngarn in der Annexionkrise den Rücken deckte, nur seine Pflicht erfüllt und sich dieS sehr gut bezahlen lassen, denn cS habe in den Balkanstaaten feinen Markt erweitert. Die Sozialdemokraten seien natürlich f ü r d a S Bündnis mit Deutschland, denn ihnen wäre eS am liebsten: wenn ein Bündnis mit allen Staaten der Welt zustande käme. DaS aber widerspräche den Jnteresien der kapitalistischen Schichten. Seine Partei könne daS Budgetprovisorium nicht bewilligen, weil die Politik, die aus diesen Quellen fundiert werden soll, den Interessen der Arbeiterschaft nicht entspreche. Delegierter Klofac(radikaler Tscheche) erklärte, er Hab- zur Leitung des Auswärtigen Amtes kein Vertrauen. Die Tschechen seien Gegner der Politik AehrenthalS, weil sie cS nicht verstanden habe, das verlorene vertrauen und die Liebe der Balkan« Völker zu gewinnen, und weil sie ein fort und fort gespannter werdendes Verhältnis zu Rußland zur Folge habe. Berichterstatter Dr. v. Grabmayr konstatierte in seinem Schlußwort, daß gegen das Expose des Ministers des Aeußeren keinerlei Opposition erhoben worden sei und daß die allgemeine Ueberzeugung dahin gehe, daß Oesterreich-Ungarn territorial satu- ricrt sei und daher jede aggressive Politik absolut ausgeschloffen sei. Auch gegen die konsequente Bündnispolitik des Auswärtigen Amtes würde keine Einwendung erhoben, aber so wie Oesterreich- Ungarn treu zum Bündnis halte, erwarte es auch Treue um Treue. Redner wies auf die einmütig ausgesprochene Neber- zengung hin, daß ein Angriffskrieg seitens Oesterrcich-Ungarns absolut ausgeschlossen sei, weshalb die Rüstungen Italiens an der Südgrenze unverständlich seien. Der Berichterstatter sprach die Hoffnung aus, daß die öffentliche Meinung Italiens zu einer richtigeren Würdigung der Haltung Oefterreich-Ungarns gelangen werde.— Das Budgetprovisorium wurde angenommen frankrctdh. TaS Marokkoabkommen vor der SenatZkommission. PariS,23. Dezember. Nach der WahlPoincaröS hörte dieKommiffion Ribot, der wünschle, daß dem Parlament gleichzeitig mit dem französisch- deutschen Vertrag eine Entente mit dem Sultan hinsichtlich der Errichtung des französischen Protektorats vor- gelegt werde. Nach einigen Worten des Ministerpräsidenten Coillaur verlas Minister des Aeugern d e S e l v e S fein Expofü und die Dokumente, deren Mitteilung die Kommission gefordert hatte. Die Dokumente betreffen erstens den Marsch auf Fez. ES geht daraus hervor, daß die französische Intervention statt- fand nach genau präzisierten Schritten nicht nur des französischen Konsuls, sondern auch der Konsuln Englands, Spaniens und Italiens. nachdem diese Konsuln sowie der deutsche Konsul wegendeS Ernstes der Lage ihren Landsleuten geraten hatten, Fez sobald wie möglich zu verlassen. Der deutsche K o n siu l hatte nicht eine Intervention seitens Frankreichs gefordert, war aber bei der Ankunft der Mahalla Brömond in Fez einer der ersten, der den Aomman- bauten wegen seiner Geschicklichkeit beglückwünschte. Darauf ver- breitete sich de SelveS über die Besprechungen mit Deutschland. Als Cambon in Berlin eine Unter- redung bezüglich Marokkos mit dem Reichskanzler v. B e t h- mann H o l l w e g begonnen hatte, verwies ihn dieser an den Staatssekretär des Aeußern v. Kiderlen-Waechter. der damals in Kissingen war. Kiderlen- Waechter war anfangs außerordentlich zurückhaltend und stellte unannchm- bare Forderungen, zum Beispiel die Besetzung von Mogador durch Deutschland. Als Cambon diese Forderungen zurückgewiesen hatte, kam v. Kiderlen-Waechter schließ- lich darauf, ihm zu sagen, daß, wenn Frankreich wirklich eine Entente wolle, es nötig sein würde, mit Deutschland von etivaS anderem als von Marokko zu sprechen. Er sprach daS Wort Kompensation zuerst, wie es scheint, in einem Briefe auS, den er im Juni an Cruppi richtete. Cambon ließ durchblicken« daß er nach den Direktiven handele, die ihm der Minister gegeben hpbe. Die wichtigsten der von de SelveS verlesenen Dokumente waren die Berichte CambonS über seine Unterredungen mit dem deutschen Reichskanzler in Berlin und mit dem Staatssekretär in Kissingen. Die Unter- redungen seien sehr höflich gewesen, der Reichskanzler habe großes Entgegenkomme» gezeigt. Die Unterredungen zwischen dem Bot« schafter und dem Staatssekretär hätten sich aus die Häfen, die Zölle, dse Eisenbahnen« die bezüglich des Marsches nach Fez gegebene» Jnstrukiionen, die allgemeinen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland und die Ausführung des Abkommens von 1009 erstreckt. Der Staatssekretär habe in einer Unterredung anerkannt« daß unter der Voraussetzung wirtschaftlicher Gleichberechtigung dieses Ab- kommen eine Berzichtleistung der deutschen Politik in sich schließe. Der Staatssekretär habe dem Botschafter gesagt, daß bis zwischen den beiden Länderm- schwebenden Fragen gelöst werden müßten. Der Botschafter habe festgestellt, daß auch die Politik der Nadelstiche dann aushören müsse. Darauf habe der Staatssekretär erwidert: Ja, das ist wahr, aber dann wollen wir unsere Unterhaltung nicht auf Marokko beschränken: ein Uebereinkomme» über diesen Punkt allein erscheint unmöglich. Cambon erwiderte: Sie haben in Mogador nichts zu tu», die offen!- liche Meinung Frankreichs würde das nicht zulassen. Eine bcfferc Methode wäre es doch, anderswo zu suchen. Eine Aktion für die Freilassung HervöS. Paris, 29. Dezember. Das Blatt«Guerre sociale* der- öffcnllicht eine Anzahl Briefe politischer Persönlichkeiten und Schrift- steller, welche die Freilassung deS Anti Militaristen Professors Herv� verlangen. Unter den Unterzeichneten be- finden sich Anatole France, Jaurös, Nochcjort, Frödöric, Paffy, Lucicn DeScaveS, Frau Süvürine usw. jVlarokko. Die Kämpfe der Spanier im Rissgebiete. Im Norden Marokkos, im Gebiete der unabhängigen und freiheitsliebenden Riffkabhlen hat sich der unanshörliche Kriegszustand in den letzten Tagen wieder zu erbiiterten Kämpfen entwickelt. Die Spanier haben in den letzten Tagen mehrere Gefechte mit den sehr starken Kabylenaufgeboten gehabt und die Verluste sind auf beiden sehr groß gewesen. DaS ausgesogene spanische Volk muß diese neue Episode deS afrikanischen EroberungSzugcs wieder mit neuen Opfern an Gut und Blut büßen, denn einige tausend Mann Verstärkung werden nach Mclilla gesandt. VeachlcnSwert an diesen Kämpfen ist. daß ein Teil der spanischen Presse die Franzosen beschuldigt, die Eingeborenen zum Angriff auf die Spanier aufgereizt, ja sogar Stämme aus dem Innern Marokkos nach dem Norden gesandt zu haben. Die Ne- giernngen Spaniens und Frankreichs bemühen sich zwar, diese Behauptungen als unzutreffend hinzustellen, immerhin ist die durch solche Gerüchte und durch einige andere Zwischenfälle dokumentierte gereizte Stimmung einem friedlichen Abschluß der spanisch-fran- zösischen Marokkoverhandlungen nicht gerade günstig. perNen. Die russische Gewaltherrschaft in TäbriS. Täbrls, 29. Dezember.(Telegramm der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Das nach der Flucht des stellvertretenden Generalgouverneurs Amanulla Mirza in das englische Konsulat ohne Aufsicht gebliebene Kroneigentum wurde heute von Vertretern deS russischen Generalkonsulats und deS persischen Ministeriums des AuS- wältigen in dem von einer Schlltzenkompagnie besetzten Gebäude deS GeneralgouverncurS versiegelt. TäbriS, 29. Dezember.(Telegramm der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Räch zweitägiger Beschießung deS SiadwiertelS EmirchiS zog das S. Schützenregiment ungehindert in die Stadt ein, wo jetzt die Ruhe(d. h. die Ruhe des Kirchhofs. D. Red, d.»V.') wiederlehrt. Der Urb erfall auf de» englische« Konsul Smart. Teheran, 23. Dezember.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Es bestätigt sich, daß der britische Konsul Smart unversehrt nach Karscrun gebracht worden ist. Der persische Minister des Aeußern hat dem britischen Gesandten sein tiefes Bedauern über den Angriff auf den Konsul ausgesprochen und erklärt, es seien strenge Maßnahmen getroffen, um die glückliche Ankunft SmartS in Schiras zu sichern und die Angreifer exemplarisch zu bestrafen.__ Vit llevoliition in China. Die heute vorliegenden Nachrichten lassen ans einen vollständigen Sieg der Revolution und der Anhänger der Republik schließen. So hat Juanschikai einen längeren Urlaub nachgesucht, weil ihm die Situation zu ver- fahren ist. Der H o f soll P e k i n g verlassen haben, um vielleicht nie wieder dahin zurückzukehren. Der Führer der Revoliüion S u n y a t s e n ist nach einer Meldung aus Nanking zum Pr".(ldenten der Republik China gewählt worden. Die verschiedenen Depeschen, aus denen der Sieg der Republik hervorgeht, lauten: London, 29. Dezember. Nach in London eingetroffenen Nach- richten auS Peking heißt es, daß die Revolutionäre nach und nach den Sieg davonzutragen scheinen. Der kaiserliche Hof habe gestern nachmittag um 3 Uhr Peking verlassen. 8000 Revolutionäre sind von Shanghai in der Richtung nach Nanking abgegangen. London, 29. Dezember.«Daily Telegraph' meldet aus Peking, daß der R e g i e run g S k o m m is s a r Ch ang T ao g i m.der kaiserliche Beauftragte bei der Friedenskonferenz in Schanghnifeine Demission gegeben habe, mit der Begründung, daß er nunmehr zur republikanischen Sache übergehe. Mulden, 20. Dezember. Der V i z e k ö n i g hat die verlangte Entsendung von Schutztruppen nach Peking ver- weigert, mit der Erklärung, daß die Ruhe in der Mandschurei nicht gesichert sei. Charbi», 29. Dezember. Die Delegierten der Mandschurei haben aus Schanghai telegraphiert, Saß die republikanische Strömung auf der Friedenskonferenz endgüliig die Ober» Hand gewonnen habe. Nanking, 20. Dezember.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Sunyatsen ivrirde einstimmig zum Präsidenten der Repriblil China gewählt. Sammlungen für die chinesische Republik. Köln, 20. Dezember. Wie Exporthäusern aus Niederlän- d i s ch- I n d i e n mitgeteilt wird, werden unter den dortigen Chinesen Zirkulare der chinesischen Republik verbreitet, in denen dringend zu Gcldsammlungen aufgefordert wird, da die Republik vollständig von allen Geldmitteln entblößt sei. In Batavia sind allein lOOOOOTuelS aufgebracht worden, in Semaraug über 200 000 Gulden. Die meisten Chinesen in Niederländisch-Indien haben de- rcits ihre Zöpfe abschneiden lassen. Die Organisation des chinesischen RcvolntionSheereS. Man hat in Europa anfangs kaum an die überraschenden Er» folge des chinesischen Revolutionshceres glauben wollen, wußte man doch, daß den Kämpfern der Repolution eine ansehnliche Armee modern ausgebildeter regulärer Gruppen gegenüber steht. Erst nach» dem die ersten Schlachten geschlagen und'die ersten Erfolgs errungen waren, gingen nach und nach größere Teile dxS kaiserlichen HeercS zu den Revolutionären über, die selbst die Kenner der Verhältnisse durch die streng durchgeführte Organisation ihrer Bewegung in Erstaunen gesetzt hat. Man hatte nickt geahnt, mit welcher Gründlichkeit Dr. Sunyatsen der geistige Führer der Erhebung gegen die Mandschu» Dynastie, seit Jahren in der Stille die Organisation eines revo» lutionären HeereS bis in die kleinsten Einzelheiten vorbereitet hatte. In einem interessanten Aussatz des.Tcmps' macht Francis Borrey zum erstenmal genauere Mitteilungen über diese» plötzliche Entstehen der Rebolutionsarmee. Bei den Umsturzplänen war Sunyatsen von Anfang an darauf bedacht, die Schaffung eines republikanischen HeercS vorzubereiten und gemeinsam mit dem Zentralkomitee der chinesischen Einheit wurden diese Pläne in der Stille ausgearbeitet und durchgeführt- Jeder Chinese, der dieser nationalen Arme6 beitreten will, muß tvenigstens 18 und höchstens 40 Jahre alt sein. Die künftigen Rekruten waren vorher bereits zum Dienste verpflichtet, hatten einen schriftlichen Eid abgelegt und erhielten an der Innen» seite der Handfläche ein kleines Zeichen, das sie im Falle der Mobilisierung als vereidigte Rekruten dcS Nationalheeres erkennbar machte. Die ursprünglichen Pläne erstreckten sich nur auf Infanterie. Die Kompagnien sollten aus vier Abteilungen zu je 25 Mann bestehen, jede Abteilung sollte von 'einem Unterleutnant befehligt werden, der wiederum drei Unter» osfiziere befehligte. An der Spitze der Kompagnie steht ein Haupt- mann, dem als Adjutant ein Leutnant beigegeben ist. Die Kompangnie des Nationalheeres besteht insgesamt auS 1V7 Mann, wobei zwei Fahnenträger und zwei Hornisten mitgezählt sind. AuS vier Kompagnien wird ein Bataillon ge- bildet. Seine Führung übernimmt ein Kommandant, dem zwei Hilfskommandanten und acht Trommler, drei Fähnriche, ein Zahl- meister und ein Sekretär beigegeben sind, so daß das Bataillon ohne die Lastträger 444 Mann zählt. Vier Bataillone bilden ein Re» giment. Der Generalstab deS Regiments besteht auS einem Oberst, •zwei Oberstleutnants, sechs Offizieren, 12 Meldereitern, einem Zahl- meister und zwei Sekretären. Jedem Regiment wird eine bestimmte Anzahl von Batterien beigegeben, außerdem eine Geniekompagnie, eine Trainkompagnie und eine Anzahl Aerzte. Der OrganisationS- plan macht bei der Festsetzung der RegimentSeinheiten Halt; die Regimenter werden je nach den Bedürfnissen dann zu Brigaden und Divistonen zusammengeschlossen, denn der Plan sah Brigadegeneräle, DivifionSgeneräle und sogar kommandierende Generäle bor. Jeder Mann des Nationalheeres empfängt monatlich 10 Piaster Sold, der Unteroffizier 15, der Sergeant 20, der Unterleutnant 40, der Leutnant 60, der Hauptmann 100, der VataillonLchcf 300, der GeneralstabS- Offizier 400, der Oberstleutnant ebensoviel und der Oberst SOO. Auch die Bestimmungen über die Erteilung von Auszeichnungen sind genau geregelt, ebenso die Strafbestimmungcn. So werden mit dem Tode bestraft: Verrat, Ungehorsam, Flucht, Desertion. Diebstahl, Brandstiftung, Mord und falsche Meldung. Ebenso verfallen dem Tode alle Soldaten, die sich dem Feinde unterwerfen, die sich an Frauen vergreifen, die Gotteshäuser zerstören und die Ausländer töten. Truppen der kaiserlichen Armee, die zum Nationalheer übergehen, werden ohne weiteres nach Ableistung eines Eides unter den gleichen Bedingungen in das Heer eingeordnet. So verfügt die revolutionäre Bewegung heute über eine einheitlich organisierte starke Hceresmacht, die durch den Uebergang von rund 100 000 Berufssoldaten aus dem kaiserlichen Heer« eine willkommene Verstärkung ihrer Kampfkraft erhalten hat, GewcrkfcbaftUcbea. Berlin und QmAezend. Protcft der Straßenbahner, Wie lvir am Donnerstag mitteilten, hat die Direktion der Lrojjen Berliner SiraßenSahn zum Weihnachtsfest sieben Angestellte. die dem Transportarbciteroerbande angehören und viele Jahre im Dienst der Strabenbahn standen, ohne Angabe von Gründen ent- lassen. Den Umständen nach müssen diese Entlassungen als Mass- regelungen angesehen werden. Gegen diesen Akt terroristischer Unternchmerwillkür protestierte eine sehr stark besuchte Versammlung der Strastenbabner, die der Transportarbeiterverband am Donners- tag nach der Brauerei Friedrichsyain einberufen hatte. Eingeleitet wurde die Versammlung durch ein wirkungsvolles Referat des Genossen Dr. Moses über die Bedeutung der Reichs- tagswahlen. Der lebhafte Beifall, den der Vortrag fand, ließ er- kennen, daß das Borgehen der Direktion einen für die Aufnahme der Ideen des proletarischen Klassenkampfes sehr geeigneten Boden in den Reihen der Angestellten geschaffen hat.-- Nach dem Vortrage forderte der Verbandsvertreter Riedel die Straßenbahner auf, am 12. Jannar den Kandidaten der Sozialdemokratie ihre Stimme zu geben. Die Aufforderung fand begeisterte Zustimmung und wird von den organisierten Straßenbahnern befolgt werden. 'Orthmann besprach hierauf die Maßregelung. Er erinnerte daran, daß es nicht das erstemal ist, wo die Direktion in dieser Weise gegen Mitglieder des Transportarbeiterverbandes vorgeht. Schon IDOL und 1907 erfolgten Maßregelungen in größerer Zahl und jetzt, nachdem sich die Direktion durch die Agitationsarbeit des Verbandes genötigt gesehen Hm, Gehaltsaufbesserungen zu bewilligen, sind ausgerechnet zum„Fest der Liebe" wieder einige Ver- bandsmitglieder rücksichtslos auf die Straße gesetzt worden. Die Direktion glaubt wohl, durch die Maßregelungen ihre Angestellten einzuschüchtern und so zu verhindern, daß in naher Zukunft weitere Forderungen auf Verbesserung der Arbeitsverhältnisse gestellt werden. Der Verband hat festen Fuß gefaßt unter den Angestellten der Großen Berliner. Sie sind nicht, wie in früheren Jahren, nach der Lohnbewegung dem Verbände untreu geworden, sondern es ist ein fester Stamm geblieben. DaS veranlaßte den gelben Verein, in seinem Organ eine Hetze gegen den Verband ins Werk zu setzen und die Direktion geradezu anzuflehen, daß sie gegen die Verbandsmitglieder vorgehe. Die Gelben forderten unverblümt eine Matzregelung ihrer dem Verbände angehörenden Arbeitsbrüder. Diesem schändlichen Verlangen ist die Direktion nun gefolgt. Die betreffenden Bahnhofs- Verwalter erklärten, sie hätten keine Schuld an den Maßregelungen. Ueber ihre Köpfe hinweg sind die Entlassungen vom Direktions- bureau aus erfolgt. Doch das Vorgehen der Direktion wird den beabsichtigten Zweck nicht erreichen. Die Angestellten werden sich ihre Rechte nicht nehmen lassen. Trotz Bespitzelung durch die Gelben hallen sie fest an ihrer Organisation und sie ver- langen, daß den Entlassenen ihr Recht wird, daß die Angelegenheit untersucht und die Gemaßregelten wieder eingestellt werden. Nachdem noch einige Redner in demselben Sinne gesprochen hatten, wurde die nachstehende Resolution einstimmig angenommen: Die Versammlung erblickt in der Entlassung einer Anzahl Mitglieder des Verbandes eine Maßregelung.— Die Versammelten betonen, daß die Maßnahmen der Direktion ein Schlag gegen das Koalitionsrccht der Angestellten sind. Sie sind der Meinung, daß die Maßregelungen nur erfolgt sind auf Grund von Denunziationen seitens der Mitglieder des gelben Vereins, und bedauern, daß sich Arbeitnehmer gefunden haben, die zur Knebelung der eigenen Kollegen und zur Vernichtung des Koalitionsrechrs der Direktion die Hand geboten haben.— Ferner erhebt die Ver- sammlung Prolest dagegen, daß die VereinSzeitung„Die Straßenbahn" durch ihre verhetzenden Artikel erneut den Weg der Denunziation beschritten und dafür gesorgt hat, Angestellte brotlos zu machen. Gegen alle diese Maßnahmen, die eine Gefährdung der per- sönlichen Freiheit der Straßenbahnangestellten darstellen, protestiert die Versammlung auf das entschiedenste und verpflichtet sich, dahin zu wirken, daß die durch Gesetz festgelegten Rechte aller Arbeitnehmer in jeder Beziehung gewahrt bleiben."— Die Versammelten er» warten, daß die Direktion bezüglich der Entlassungen eine Nach- Prüfung anordnet und sämtliche gekündigte Kollegen wieder ein- stellt. Geschieht dies wider Erwarten nicht, so werden die Versammelten dahin zu wirken suchen, daß durch den Ausbau der Organisation die Beseitigung des Ueberwachungskomitecs und die Gewährung voller Koalitionsfreiheit für alle Angestellten ermöglicht und dadurch eine Vermeidung weilerer Maßregelungen geschaffen werde. Zur Lage in der Damenkonfektion. Der Verband der Damen- und Mädchenmäntelfabrikanten ist setzt eifrig bemüht, den Schneidermeister» etwas von dem auf» zuzwingen, was die Fabrikanrenverlreter während des Streiks für eine„absolute Unmöglichkeit" erklärten. Die Konfektionäre oder Fabrikanten, wie sie sich nennen, haben nämlich in letzter Zeit den einzelnen Meistern einen Vertrag znr Unterschrift vorgelegt, der, wie behauptet wird, nach langwierigen Verhandlungen mit den Vertretern der Meister vereinbart worden ist. Es sind natürlich die Leute vom gelben Meisterverband, mit denen die Konfektionäre das Ding geschoben haben. In diesem Vertrage sind auch einige Minimalpreise samt Prozenrzuschlägen festgesetzt, jedoch nur für die Meister, nicht für die Heimarbeiterinnen. Als Miiiimalprcis soll z. B. gelten: für einen Paletot 1,25 M. und 20 Proz., für einen Stock 50 Pf., für einen Lodenkragen 1,20 M., beides ebenfalls mit 20 Proz. Zuschlag, für ein Kinderjackctt 1 M. samt 10 Proz. Auf alle bisher gezahlten Preise bis zu 2 M. sollen 20 Proz., bis zu 25 M. 10 Proz., nur alle Kindersachcn durchweg ebenfalls 10 Proz. Zuschlag gezahlt werden. Den Heim- arbeireriniten soll bei Stücken bis 1,10 M. 20 Proz., bis 12,50 M. 10 Proz. Ausschlag gewährt werden. Zur lseberwachung der Vertrags- bestimmuugcn soll eine Kommission von drei Fabrikanten und drei Meislern mit einem unparteiischen Obmann eingesetzt werden und, soweit die Verhältnisse der Heimarbeiterinnen in Frage kommen, eine andere Kommission aus einem Fabrikanten, zwei Meistern und drei Heimarbeilerinnen. Gelten soll der Vertrag bis zum Sl. Dezember 1910. also auf fünf Jahre. Er soll jedoch nur unter der Bedingung in Kraft treten, daß bis zum 10. Januar 1912 mindestens 1000 Metster ihn unterschriftlich anerkannt haben. In die erwähnten Komnnssionen können nur Meister gewählt werden, die den Vertrag unterzeichnet haben, oder Hern:- arbeiterinnen, die bei solchen Meistern arbeiten. Im übrigen enthält der Vertrag noch die Bestimmung. daß daö Kopieren der Muster nur dann zulässig sein soll, wenn der Meister, der das Muster gemacht hat, erklärt, daß er nicht in der Lage ist. in gegebener Zeit das Stück in genügender Quantität herzustellen, und daß be« Massenaufträ/«!», welche billiaer gemacht werden .nüssen. erst mit dem Meisier, der da? Muster gemach: hat, Rücksprache genommen werden Muß. Außerdem will der Fabrikanten- verband seine Mitglieder verpflichten, die Preise nicht zu drücken. Wenn die Konfektionäre nun diesen Vertrag durchzuführen suchen, so ist das zunächst ein Beweis dafür, daß der als ergebnislos abgebrochene Streik seine Wirkung getan hat. Die Herren haben eben Angst, daß der Kampf zu einer ihnen sehr ungelegenen Zeit von neuem ausbrechen wird. Sie haben wohl eingesehen, daß sie eine große Dummheit machten, als sie alle Verhandlungen über die Berantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: Festsetzung irgendwelcher Mimimalpreise mit ihrem Gerede von der Unmöglichkeit einer tariflichen Regelung in der Dameukonfektion ablehnten. Nun geben sie sich der Hoffnung hin, durch den mit den gelben Meistern gemachten Tarif den Gefahren ihrer törichten Haltung aus dem Wege gehen zu können. Ob ihnen das gelingen wird, ist jedoch mindestens sehr fraglich. Die ehrlich organisierten Meister werden sich jedenfalls keinen Tarif aufzwingen lassen, der weit hinter dem zurückbleibt, was sie ver- langten, der auf falschem Wege zustande gekommen ist und somit keine Garantien für die Durchführung der Bestimmungen bietet und ja auch keinerlei Regelung der Heimarbeiterinnen- löhne enthält. Besonders dieser Umstand ist es, der allein schon jeden verständigen Meister abhalten müßte, den Vertrag zu unter- zeichnen, denn mit der Unterzeichnung wäre er in jeder Saison der Gefahr ausaesetzt, daß seine Arbeitoehmer mit allem Nachdruck Forderungen an ihn Hillen, für dte er sich dann in keiner Weise durch Erhöhung seiner Preise schadlos halten könnte. Diese Auffassung von der Wertlosigkeit und Gefährlichkeit jenes gelben Vertrages kam denn auch einmütig in einer Mitglieder- Versammlung zum AuSoruck, die der Arbeitgeberverband für das Damenschueidergewerbe am DonuerSlag in„Alt-Berlin" in der Blumenstraße abhielt. Der große Saal war überfüllt und zwar von Meistern. Ihnen allein sollte in diesem Falle die Entscheidung über Anerkennung oder Ablehnung des Tarifs überlassen bleiben, und von Arbeitnehmerseite nahmen nur als geladene Gäste der Schneiderverbandsvertreter Knoop und die Vertreterin des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen Frl. Behm an der Versammlung teil. Herr D r e w s, der Vorsitzende der Meister, referierte und legte aus den im wesentlichen oben s-bon angeführten Gründen dar, daß es töricht wäre, wenn die Meister sich durch Unterschrift an jenen Vertrag binden wollten. Hätten die Konfektionäre damals, als sie mit der ordnungsgemäß eingesetzten Kommission verhandelten, Vorschläge über Minimalpreise gemacht, so wäre es wohl möglich gewesen, auf Grund dessen weiter zu verhandeln und vielleicht zu einem annehmbaren, den Frieden sichernden Ergebnis zu kommen. Aber nun, wo sie den Meistern gleichsam mit Gewalt das geben wollen, was die Herren für gut befinden, müssen die Meister es ablehnen, sich darauf einzulassen. Sollten die Kon- fektionäre es wirklich fertig bringen, 1000 Unterschristen zu sammeln, so würde damit keineswegs gesagt sein, daß 1000 Meister das Ding unterschrieben haben, denn eS werden sich natürlich manche finden, die bei verschiedenen Konfektionären und so- mit doppelt und dreifach ihre Unterschrift geben. Jeder, der es ehrlich niit den Interessen des Berufes meint, kann diesen Ver- trog nicht unterschreiben, und wer schon so töricht war, es zu tun, sollte seine Unterschrift zurückziehen. Zu rechter Zeit werden die Meister und Arbeiwehmer der Damenkonfektion der Kaufmannschaft schon zeigen, daß sie nicht mit fich spielen lassen.— Im selben Sinne äußerten sich sämtliche Diskussionsredner, und schließlich wurde fol- gende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammlung erkennt in dem vorgelegten Bertrag des Verbandes der Damenmäntelfabrikanten eine schwere Schädi- gung insofern, als der Vertrag eine Knebelung für die Meister bildet. Es ist in dem Vertrage auch nicht angeführt, was die rechtliche Lage der Meister wie der Arbeiter und Arbeiterinnen sicherstellt. Die, welche einen derartigen Vertrag unterschreiben, haben allem Anschein nach das Bestreben, die alten Zustände von vor 1890 wiederherzustellen. Die Versammlung lehnt alle derartige Zumutungen ab und macht eS allen Verbandsimtgliedcrn zur Pflicht, diesen Vertrag nicht zu unterschreiben, sowie alle an fie herantretenden Angebote der Kaufmannschaft der Verbandsleitung zur Regelung zu überweisen. Ferner beauftragt die Versammlung die Leiter der Organisation, nach wie vor mit dem Fabrikantenvcrbande wegen einer gesunden Lohnregelung werter zu verhandeln." An der Versammlung nahm auch ein Vertreter der Damen- konfektionSmcister aus Breslau teil und berichtete unter onderm über die dort an die Konfektionäre gestellte Forderung auf freie Lieferung der Leinwand. Die Konfektionäre haben die Forderung abgelehnt und behaupten, daß in Berlin, obwohl die Leinwand ge- liefert wird, immer noch weit billiger gearbeitet werde als in Breslau. Deutsches Reich. Zur Tabakarbcitev-Aussperrung. Noch immer sinb die vom Landrat v. BorrieS in Herford und Oberbürgermeister H ö h l a n d in Lemgo geleiteten, aber wegen des geringen Entgegenkommens der ursprünglich bestreikten Firmen stockenden Vermittelungsverhandlungcn nicht vorwärts ge- bracht, so daß der Kampf auch ins neue Jahr hinein noch anhalten wird. Immer wieder behaupten die Fabrikanten, die Lage der Zigarrenindustrie lasse keine Lohnerhöhungen in nennenswertem Matze zu; sie wollen allerdings damit nur ihre Unnachgiebigkeit verdecken. Die Behauptung der Unternehmer stimmt aber nicht. Ein großer Teil Fabrikanten zahlt höhere Löhne für Zigarren in derselben-Preislage und derselben Art, als sie von den West- fälisch-lippischen verkauft werden. Selbst im Aussperrungsgebiet haben im letzten Jahre eine Anzahl Firmen nennenswerte Zulagen gemacht und sind deshalb mit den Arbeitern sehr gut ausgekommen. Das Florieren ihres Geschäftes zeigt, daß es ihnen nicht zum Schaden gewesen ist. Wenn die Fabrikanten die Summen, um die sie durch die AuS- sperrung geschädigt werden, zu Lohnaufbesserungen benutzt hätten, so hätte es schon ein Weilchen gereicht; sie hätten jedenfalls in ihrem eigenen Interesse vernünftiger gehandelt. Ein Teil der Fabrikanten z. B. besitzt ungeheure Vorräte an Zigarren, die aber nicht an die Kundschaft gebracht werden können, weil sie nicht ver- kaufsfertig gemacht werden können; es fehlt an Sortier- und Ver- sandpersonal. Große Kapitalwerte gehen datzurch verloren. Andernteils mangelt eS bei einer großen Zahl Fabrikanten wieder an Zigarren; denn der Produktionsausfall ist durch den langen Kampf und die große Zahl der Beteiligten natürlich ein ganz enormer. Auch hier entsteht den Fabrikanten, da das investierte Kapital brach liegt, ein ungeheurer Schaden; namentlich trifft es die kleineren, weniger kapitalkräftigen Unternehmer sehr schwer, was freilich eine beabsichtigte Nebenwirkung der im Fabrikanten- verband dominierenden Großfabrikanten zu sein scheint. Die Situation, auch von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet, zeigt aber, daß die Fabrikanten sich vorgenommen haben, die Organi- sation zu vernichten, trotz der Möglichkeit befriedigender Lohnzu- lagen und trotz des ungeheuren Schadens, den die Aussperrung ihnen bringt. Aber die Tabakarbeiter harren aus. Huslsnä. Eine Lohnstatistik wird von der Union der Textilarbeiter Oesterreichs unter ihren Mitgliedern veranstaltet. Jedes Mitglied erhält vorgedruckte Lohnstatistikkarten und wird aufgefordert, fort- dauernd Eintragungen zu machen. Es wäre der Arbeitersache gewiß sehr" nützlich, wenn die Statistik gelänge. Wied»?einstellung der franzöfischc» Eisenbahn« abgelehnt. Paris, 29. Dezember. lW. T. B.) Die Deputiertenkammcr lchuie den von dem Sozialisten C o l l y eingebrachten Beschluß- antrag zugunsten der Wiedereinstellung der entlassenen Eisenbahner mit 312 gegen 140 Stimmen ab. Augagneur legte dar, was die Regierung alles für die Eisenbahner getan habe und führte aus, daß ein Streik in Staatsbetrieben nicht geduldet werden könne. tl>. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. ir Verlagsanstalt LctzU Kädtfi'edrteti« Die Massenvergiftungen der Obdachlose». Die Erkrankungen unter den Asylisten wollen kein Ende nehmen, immer noch gehen Meldungen über Neuerkran- kungen ein, und die Zahl der Todesfälle steigt in er- schreckendem Maße. Wie aus dem Nachrichtenamt des Magi- strats noch mitgeteilt wird, wurden gestern in der Zeit von 2 Uhr mittags bis 8 Uhr abends weitere acht unter den be- kannten Vergiftungserscheinungen Erkrankte in das Kran- kenhaus Friedrichshain eingeliefert. Die Gesamtz isser der Erkrankten beträgt einhundertelf. Gestorben sind im Laufe des gestrigen nachmittags fünf Personen bGesamt- zahl der Toten: iio). � Unter den neuen Fällen sind einige sehr schwer. Auch ist bei einigen Erkrankten festgestellt worden, daß sie Bück- l i n g e und auch P f e r d e f l e i s ch b u l e t t e n, die sie in einem Geschäft in der Danziger Straße gekauft haben wollen, vor der Erkrankung genossen haben. Eine Veröffentlichung der türkischen Botschaft. Gegenüber den- italienischen Ableugnunsen der Meldungen über einen türkischen Sieg in Tobruk teilt die hiesige kaiserlich otioma- nische Botschaft folgendes offizielle Telegramm des Kommandanten in Tobruk mit: In der Nacht vom 22. Dezember griffen wir die befestigten Stellungen des Feindes an. Trotz des Feuers der Kriegs- schiffe und der Batterien des Forts drangen wir in das Fort ein, dessen Besatzung vernichtet wurde. Munition, Lebensmittel, Kriegs- Material und ein Maschinen-gewehr wurden in unser Lager gebracht. Im Verlaufe des Angriffs schnitt einer unserer Flügel die Rück- zugslinie des Feindes ab, der sich nach der Küste hin zerstreute. Während des Rückzugs verlor der Feind die Hälfte seiner Streit- lräfte. Der Kampf dauert« den ganzen Tag und die Nacht. Unter den Gefallenen auf gegnerischer Seite befanden sich drei Offiziere. Unsere Verluste betrugen sieben Tote und einige Verwundete. Der Scheik Meri, der mit seinen fünf Söhnen an der Spitze seine? Stammes gekommen war, fand ebenfalls den Tod. Der Mut unserer Offiziere und Mannschaften war musterhaft. Leutnant Nedjib Beh betrat als erster das Fort, zerstörte die Maschinengewehre und nahm das eine, das in unser Lager gebracht wurde. Eine italienische Meldung. Rom, 29. Dezember.(Meldung der Agenzia Stefan!.) Wie vom 20. Dezember aus Derna gemeldet wird, marschierten am Vor» mittag dieses Tages vier und ein halbes Bataillon Infanterie mit sechs Feldgeschützen und vier Maschinengewehr-Abteilungen den Dernafluß aufwärts, um die Ausbesserungsarbciten an der Wasser» leitung zur Stadt zu schützen. Die Truppen stießen bald auf den Feind, der über bedeutende Streitkräfte mit 75-Millimeter-Gee schützen verfügt« und sich in einen lebhaften Kampf einließ, währenddessen die italienischen Pioniere die AuLbesserungsn vornehmen konnten. Da sich alsbald auf der rechten Seite der italienischen Truppen ein feindlicher Angriff entwickelte, machten die seit Beginn des Kampfes bereitgehaltenen Reservetruppen einen Gegenangriff, um den Feind zum Stehen zu bringen und den mit der Deckung der AuSbesserungSarbeiten betrauten Truppen Luft zu schaffen. Dieser Gegenangriff brachte die türkischen und arabischen Truppen zum Weichen und gestattete eS den Italienern, nachdem die Pio« niere ihre Arbeiten ausgeführt hatten, sich in ihre Verschanzungen zurückzuziehen gemäß den Instruktionen, die sie erhalten hatten. Auf italienischer Seite sind drei Tote und 77 Verwundete zu ver- zeichnen._ Die ungarische Delegation über die auswärtige Politik. Wie», 29. Dezember.(W. T. B.) In der ungarischen Dele- gation führte Delegierter Nagy auS: Was die Erklärung de» KriegSministerS betrefft, so hätten er und gewiß auch die ganze Delegation gewünscht, der neue Kriegsminister hätte in dem schweren Kämpft, den der ungarische Reichstag führe, die Majorität mit seiner Erklärung unterstützt. Der Kriegsminister möge einen Weg finden, feine nicht ganz glücklichen Ausführungen durch Taten auszugleichen. Delegierter Gras Batthyanhi erklärte, in Ungarn wolle keine Partei einen Krieg, er verlange von Deutschland. daß eS den nationalen Bestrebungen Ungarns sympathisch gegen- überstehe und die Interessen Ungarns auf dem Gebiete des auS- wärtigen Handels nicht kreuze. Er bedauere, daß der Minister de» Aeußeren Deutschland als Dank für sein« Haltung in der AmrexionSkrise nicht wirksamer in der Marokkofrage unterstützt habe. Mimsterpräsident Graf Khuen Hedervarh Pellte mit Be- friedigung die volle Uebereinstimmung des Graftn Apponyi mit der Mehrheit der Delegation hinsichtlich der auswärtigen Politik fest und betont«, der KriegLminister habe selbstverständlich auch die Wehr» Vorlage seines Vorgängers akzeptiert. Der Ministerpräsident er- klärte entschieden, daß die Kosten der Wehrreform nicht überschritten würden.— Tie ungarische Delegation nahm schließlich daS Budget- Provisorium mit dem Vertrauensvotum für den Minister de» Aeußeren an._ England nimmt seinen Teil der persischen Beute. Kalkutta, 29. Dezember.(Meldung des Reuterschen BureauS.) Die Regierung zieht die Entsendung von Truppen nach dem persischen Golf in Erwägung. Ein englrsch-portugiesisches Abkommen. Lissabon, 29. Dezember.(W. T. B.) Zwischen Portugal und England ist über die noch zu verteilenden Inseln auf den Flüssen Ruo und Schire ein Abkommen getroffen worden. Danach ge- hören die Inseln fortab enitwcder zur Kolonie Mozambique oder zu Britisch-Zentralafrika. Makedonische Revolutionäre. Sofia, 29 Dezember.(Meldung der P.-C.) Die Tätigkeit der macedonischen Revolutionäre ist wieder sehr rege. Tie Agitatoren sind lebhaft bei der Arbeit und verteilen Handschriften, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Eine Reihe von Dynamit- attentaten ist von den Revolutionären geplant. In Sofia kam man gestern einem großen Komplott, das sich gegen die Regierung richtete, auf die Spur. 29 Mann wurden verhaftet. Das rcvolu- tionäre Komitee sucht durch Gewalttaten die Aufmerksamkeit der Mächte auf Macedonien zu lenken, damit diese eine Klärung der Lage vornehmen.__ Amerika und die chinesische Republik. Washington, 29. Dezember.(W. T. B.) Beamte i>-z Staatsdepartements erklären, oaß die Vereinigten Staaten die chinesische Republik nicht anerkennten, und daß dies auch nicht geschehen werde, solange die Kaiserlichen imstande sein würden, sich in d-'r Macht zu behaupten. Es wird jedoch angedeutet, daß diese Haltung die Ver» treter der Vereinigten Staaten nicht daran hindern werde, in Berhandlung mit der provisorischen Republik einzutreten zur Wah» rung der amerikanischen Interessen und zur Wiederherstellung de» Friedens._,__ Paul Singer t Co., Berlin L1V. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungi-bl. Dr. B04. 28. Zahrglmg. 1. Stilnjt des ,J«tiüirls" Kerlim KxllisM. Aolmbeud, 30. Deitmbtt t911. Zw Cage der Kleinbauern und land- wirtfcl)aftlki)en Arbeiter. I. Lüge« eine?, Art der Lerwaltung, Abwälzung der Unfallnst auf die vlemeinden. Wie bereits in früheren Jahren erwähnt, geben unS auch die Berichte mancher landwirtschaftlicher Berufsgenossenschaften inter- cssante Einblicke in die soziale Lage der Arbeiter und Kleinbauern auf dem flachen Lande. Nur ist man jetzt diel vorsichtiger ge- worden, seitdem man sieht, daß die Sozialdemokratie sich auch um die Berichte der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften bc- kümmert und ihren Inhalt unter die Lupe nimmt. Früher hat ja kein Mensch d'.esc Berichte kritisch betrachtet, die mehr oder weniger intereffant an die Ocffentlichkeit kamen. Seitdem aber der„Vor- wärts" alljährlich eine Betrachtung über den Inhalt dieser Be- richte bringt, ist die Sprache derselben—„zahmer"— viel zurückhaltender geworden. Die gewohnten Ausfälle gegen die landwirt- schaftlichen Arbeiter werden seltener, die technischen Auft'ichts- beamten wager. kaum noch eine richtige„Kritik" der Zustände auf dem Lande. Jedenfalls ist auf einen Wink von„oben" hier eine Aenderung eingetreten!„Vorsicht!" war der Warnungsruf, welcher jetzt mehr und mehr beachtet, wird. Aber nach wie vor ist der Inhalt vieler dieser Berichte erbärmlich zu nennen, schade für die Druckkosten. Niemand wird diese Wische lesen. Verschiedene Be- rufsgenossenschaften lassen keine Berichte drucken,.nanche melden, daß nur eine kleine Anzahl gedruckt und„vergriffen" sei. Die meisten haben aber den Mut. ihre„Berichte" zu versenden, obwohl Inhalt und Ausstattung den Spott herausfordert. Die besten Be- richte liefern dagegen immer noch die kleinen bayerischen Berufs- genossenschaften. Schade, daß vielleicht diese von den Bauern am wenigsten gelesen werden, denn die technischen Auftichtsbeamten wissen immer noch etwas zu sagen. Dagegen haben die landwirt- schaftlichen Berufsgcnossenschaftcn in Württemberg geradezu er- bärmliche„Berichte" geliefert. Während z. B. jede bayerische Be- rufSgenossenschast ein stattliches Heft von 50— 60 Seiten veröffentlicht, fanden es die 4 württembergischen Berufsgenossenschaften vom „Neckar-".„Schwarzwald.",„Jagst-", und„Donaukreis" für gut, einen„Separatabdruck aus dem Wochenblatt für Landwirtschaft, Nr. 47, 1S11" als„Bericht" zu geben. Zahlen und Zahlen, jedoch kein Wort als Text! Da ist das kleine Blättchcn der Berufsgenossen- schaft für„Anhalt" noch lesenswerter, obwohl auch dieser„Bericht" schwer �u �habcn war und erst kurz vor— Weihnachten erschien. „Baden" kstktte auch früher gute Berichte geliefert; jetzt begnügt man sich mit einigen Druckseiten ohne erklärenden Text. Die ver- hältnismäßig große Berufsgenossenschaft„Braunschweig" spart Geld und gibt jetzt alle 2 Jahre nur einen„Bericht" von 10 Druck- feiten heraus, den sie auch ganz sparen könnte.„Lothringen" schimpft in zwei Sprachen, wie wir später sehen werden und ist auch die französische Uebersetzung des Textes keine weitere Leistung zu nennen; die Berichte waren früher lesenswerter. Bei allen Berichten nimmt leider das rein„Geschäftliche" den meisten Raum in Anspruch. Eine BerufSgenossenschast schreibt von der andern abl Ganze Seiten füllen z. B. die Namen all der Männer, welche im Ehrendienst der Berufsgenossenschaft stehen. Keiner soll sich beklagen können, daß sein Name der Mit- und Nachwelt verschwiegen würde. Dann die rein bureaukratische, ja lächerliche Registratur des„VerwaltungSumfangeS" einer BerufSgenossenschast! Dem Kleinbauern, sofern er überhaupt einen Bericht in Händen be- kommt, wird da vorgeführt, daß jetzt l!25 000 Eingänge" jährlich zu verbuchen sind, und erst die„Ausgänge".„Ostpreußen",„Ober- bahern" und auch.Oberpfalz" schneiden da gewaltig auf! Wie eng die Verwaltungen landwirtschaftlicher BerufSgenossen- schaften mit der Invalidenversicherung verbunden und wie bureau- kleines feuilleton. Fisch-, Wurst- und Fleischvergiftung. DaZ große Sterben unter den Aermstcn der Armen im städtischen Obdacki zu Berlin, das wohl zweifellos, wenn auch bis zur Stunde ein schlüisiger Nachweis noch nicht geführt ist, die Folge einer Massenvergiftung durch verdorbene Rahrungsmittel ist. stellt sich nach der Zahl der Opfer wie nach der Heftigkeit der Erkrankungen als eine der verhängnisvollsten Kata- ftrophen dieser Art dar, von denen die Geschichte der Hygiene zu ber.chten weiß. Es liegt in der Natur der Dinge, daß man bis weit ins 18. Jahrhundert hinein von solchen Erscheinungen nichts wußte. Sicherlich sind aber auch in früheren Jahrhunderten Massenvcrgistungen vorgekommen; man schob sie damals aus Unkenntnis aber jedenfalls auf äußerliche Einwirkungen, und mancher Hexenprozeß wegen Brunnenvergistung mag seine eigentliche Ursache in irgeneinem verdorbenm Nahrungsmittel gehabt haben. Der erste, der aus die wahren Ursachen eine? solchen Massensterbens hinwies, war JustinuS Kerner, der schwäbische Arzt und Dichter, der eine Reihe solcher Fälle gesammelt und beschrieben hat. Aber erst die neueste Zeit gab uns durch die Fortschritte der bakteriologischen Wissen- schaft die Mittel an die Hand, die eigentlichen Ursachen� der Nahrungsmittelvergiftungen zu erkennen und inlolgedessen gefähr- licbe Massenerkrankungen nach Möglichkeit zu verhüten. Man fand, daß sich derartige, vielfach äußerst schnell mit dem Tode endigende Vergiftungen nach dem Genuß von fleischlichen Stoffen einstellten, die bereits in Fäulnis übergegangen waren. Es sind jedoch nicht die faulenden Fleiscbteile selbst, die zur Vergiftung führen, sondern die Fäulnisbakterien und deren Stoffwechselprodukte, die Toxine. Diese Bakterien haben die Eigenschaft, die Eiweiß- stoffe im Fleisch zum Zerfall zu bringen; eS bilden sich die sog. P t o m a i n e oder Leichenalkaloide, organische Base», die zum Teil ganz außerordentlich giftige Eigenschaften eiiiwickeln. Nicht minder gefährlich sind die Torine gewisser Fäulnisbakterien. Als besonders verhängnisvoll in dieser Hinsicht wurde der Wurstgift- b a z i l l u S(Bazillus Botuliaus) erkannt. Er wurde durch van Ermengem entdeckt und als der Erreger der schädlichen Zer- sctzung von Wurst beim Mangel der Luftzufuhr festgestellt. Das von diesem Bazillus erzeugte sogenannte Botulismustoxin führt schon in den allergeringsten Mengen zu den schwersten, explosionsartig austretenden Krankheitserscheinungen und meist nach wenigen Stunden zum Tode. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch bei der Fischvergiftung dieser gefährliche Bazillus am Werke. obwohl er in rauligen Fischen bisher noch nicht hat nachgewiesen werden können. Die Symptome der Wurst- wie der Fleischvergiftung find jedenfalls stets dieselben. Die Erkrankung beginnt urplötzlich mit heftigem Erbrechen. Durchfall, schwerer Uebclkeit sowie mit hochgradiger Hinfälligkeit und MuSkelschwäche. Sehr schnell darauf treten Krämpfe und Seh- störungcn. auch Lähmungen auf. und der Tod erfolgt infolge von Herzschwäche in einzelnen besonders schweren Fällen schon nach erner halben Stunde. Das ist bei einem großen Teil der Erkrankten «uch in Berlin der Fall gewesen. In der Erforschung der Nahrungsmittelvergiftungen find Bakterio- logie und organische Chemie noch nicht so wert, wie t? wünschens- kratisch sie dann sein müssen, merkt man aus den Ausführungen von„Rheinland": „Die laufenden Geschäfte des Genossenschastsvorstandes wurden wie bisher wahrgenommen von dem Landeshauptmann bezw. von dem nebenamtlich mit der besonderen Führung der- selben betrauten Landesrate unter Mitwirkung von 2 weiteren Landesräten, von denen einer zur Hälfte bei der Landesversichc- rungsanstalt„Rheinprovinz" tätig war." „Provinz Sachsen" meldet stolz: „Die laufenden Geschäfte des Genossenschaftsvorstandes wurden bis zum 1. Oktober 1010, wie bisher, von einem Landes- rat und einem als Hilfsarbeiter bei der Landcsdirektion tätigen Assessor— neben dem sonstigen Dezernat der betr. Herren— wahrgenommen. Am 1. Oktober 1010 trat an Stelle des Assessors der Major a. D. Drews als Hilfsarbeiter des Dezernenten ein." Der„Herr Major!"— jetzt wird alles„klappen"! Widerlich ist auch in manchen Berichten die Lobhudelei auf verstorbene oder zurückgetretene Vorstandsmitglieder.„Ober-Elsah" meldet da z. B., daß das Vorstandsmitglied Bürgermeister Greiner aus Mittelwcier verstorben sei, lobt dessen Fleiß und sei beschlossen worden: „zum ehrenden Andenken und als Zeichen des Dankes das Bild- nis des Herrn Greincr im Bcratungssaale des Genossenschafts- Vorstandes auf ewige Zeiten auszuhängen." Während bisher preußische Behörden den Krankenkassen ver- boten hatten, Delegierte auf Kassenkosten zu Kongressen belehrenden Zweckes usw. zu entsenden, melden uns die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschasten ganz kaltblütig, daß sie sogar 6— 6 Delegierte zu den Jubiläumsfeierlichkeiten der Berufsgenossenschaften nach Berlin entsandten. Obwohl alle Berichte betonen, daß die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften eigentlich bei der Feier nichts zu suchen hatten, zumal die landwirtschaftlichen erst 22 Jahre bestehen, so wurde doch hingereist und dann stolz gemeldet, welcher Agrarier die„Bödikerdenkmünze" unverdient bekommen hat! Da unsere Regierung bekanntlich jetzt alle„französischen" Namen in den Reichslanden unterdrücken will, wird sie wohl entsetzt lesen, daß„Ober-Elsaß" das Verwaltungsgebäude mit 51000 M. bei der „Mutuelle du Haut-Rhin" versichert hat! Skandalös! Die Schweiz wird auf„diplomatischem Wege" jetzt versuchen, daß die Berichte der BerufSgenossenschast endlich die Worte„Stallschweizer",„Ober- schweizer" usw. in„Melker" usw. umändern. Recht bequem machen es auch manche Berufsgenossenschaften ihren Vorstandsmitgliedern. Es wird gemeldet, daß oft nur 2—3 Sitzungen im Jahre statt- fanden, während „der größere Teil der Beschlüsse in jenen Angelegenheiten, in denen keine persönliche Aussprache notwendig war, wieder im Zirkularwege gefaßt wurde." Dies meldete z. B.„Oberfranken",„Lippe",„Strelitz" usw. Da auch„Mittelfranken" dazu gehört, so hatte deren technischer Auf-. sichtsbeamter wenig versäumt, der ärgerlich brummt: „Zu den Vorstandssitzungen wurden die technischen Aufsicht?- beamten im Berichtsjahre nicht beigezogen, auch au der Genossen- schaftsversammlung nahmen sie nicht teil." Da die statistischen Angaben der Berufsgenossenschaften wert- loS, meistens veraltet sind oder auf„Schätzung" beruhen, so ist natürlich die Angabe über die Zahl der versicherten landwirtschaft- lichen Betriebe ohne große Bedeutung.„Ostpreußen" meldet z. B. eine Zunahme der Betriebe von 129 032 auf 129 210;„Baden" von 267 400 auf 268 085;„Westfalen" von 244 437 auf 250 457; „Mccklenburg-Schwerin" von 32780 auf 32 906. Damit ist aber nicht gesagt, daß die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland wirklich zugenommen hat. Die neuen Betriebe wurden nur„ermittelt" und zur Versicherung herangezogen. So meldet z. B.„Ober-Elsaß" sehr bezeichnend, wie die schlauen Bauern sogar ihre Versicherungsbeiträge auf die Gemeinden„abwälzen" köstnen: „Es wird von Vorteil sein, wenn wir hier wiederholen, was wir im Vorjahr an dieser Stelle bereits mitgeteilt haben, nämlich, daß. ungeachtet unserer ständigen Bemühungen, die im Jahre 1907/08 neuaufgestellten Unternehmerverzeichniss« auf dem rich- wert wäre. So steht eS fest, daß zahlreiche exotische Völker fleisch- liche Nahrung zu sich nehmen, die nach unseren Begriffen völlig ungenießbar, total faul und stinkig ist. Kein Europäer würde wagen, davon zu genießen. In Fäulnis übergegangenes Fleisch scheint in gewissen Stadien seinen giftigen Charakter zu verlieren, was durch die große Veränderung der Eiweißzerfallprodukte auch einigermaßen zu er- klären wäre. Die Promaine scheinen eben dann durch fortwährende Um- bildung ihre Giftigkeit zu verlieren. Versuche an Menschen lassen sich nach dieser Richtung aus begreiflichen Gründen nicht anstellen, und Tierversuche sind nicht stichhaltig, wenn wir bedenken, daß die meisten Fleischfresser gegen Vergiftungen durch AaS völlig gefeit find. Das gilt keineswegs nur für die ausgesprochenen Aasfresser. Jedenfalls wissen wir, daß sich manche Stämme Asiens und Südamerikas mit Vorliebe von faulem Fischfleisch nähren, so die Bewohner Kanilschatkas und gewisse Jndianerstämme in Brasilien und Bolivia. Die letzteren fangen z. B. die Fische durch Gift, wodurch diese be- sonders schnell der Verwesung anheimfallen. Den Indianern schadet aber weder das Gift, das die Fische tötet, noch das durch den Fäulnisprozeß gebildete eigentliche Fischgift. Nach der Art der Erkrankung unterscheidet man drei verschiedene Formen der Fischvergiftung. Die erste, die durch meist tropische Fische verursacht wird, die in ihrem lebenden Organismus Giftstoffe enthalten, kann, da sie bei uns kaum je vorkommt, außer Betracht bleiben. Sie ist mit der Vergiftung durch Schlangenbiß zu vergleichen. Die zweite Art trägt choleraähnlichen Charakter, ist stets mit heftigen Brechdurchfällen, in schweren Fällen mit Krämpfen und raschem Kräfteverfall verbunden, führt aber doch in der Mehrzahl der Fälle nach längerem Krankenlager zur völligen Ge- nesung. Der Erreger dieser„gastrischen" Art der Fiscbvergistung ist stets ein Bazillus. der dem Typhusvibrio ähnelt. viel- leicht mit dem ParatyphusbazillnS identisch ist. Die dritte, schlimmste Form der Fiichvergiflung zeigt alle jene Symptome, die bei den Berliner Asylisten aufgetreten sind; man nennt sie die paralytische Fischvergiftung, da sie ungemein schnell die meisten Gehimfunktionen lähmt und meist in ganz kurzer Zeit tödlich ausgeht. Diese Art der Erkrankung tritt in Ostasien und im Indischen Ozean gewöhnlich nach dem Genuß gewisser Fischsorten auf und ist mit Recht sehr gefürchtet. ES scheint, daß sich im Fleisch jener Fische, die übrigens in unseren Gewässern nicht vorkommen, ein Bakterium befindet, daS mit dem Bazillus BotulinuS, dem Erreger der Wurst- aistung, nahe verwandt, wenn nicht identisch ist. Die Krankheits- symptome sind jedenfalls bei beiden Vergiftungsarten sehr ähnlich. DaS Urbild deS Shcrlock Holme?. Einerlei, wie man sich zu der von Conan Doyle geschaffenen Gattung von Kriminalromanen stellen mag, sein Sherlock Holmes ist nun einmal eine populäre Gestalt und mehr als das: ein Begriff. Bekanntlich handelt eS sich dabei um den Detektiv, der mit einer schier übermenschlichen KombinattonSgabe ausgestattet ist und auS den leisesten Spuren die verblüffendsten und fichersten Schlüsse zu ziehen versteht. um ein wahres Wunder von Scharfsinn und BeobachtnngStalent. Dieser Sherlock Holmes nimmt etwa eine Taschenuhr oder einen Spazierstock zur Hand, be« schaut den Gegenstand durch die Lupe und entwickelt dann prompt und richtig Alter, Beruf, Größe. Haarfarbe und Charakter des Be- sitzers und oft auch noch feiner Vorfahren bis ins dritte oder vierte Glied hinein. Nun hat man immer angenommen, das Urbild de? tigen zu halten, wir leider des öfteren feststellen müssen, daß in einzelnen Gemeinden wenig oder gar nichts für die Erzielung unseres Zweckes getan wird. Es ist dies namentlich dort der Fall, wo die Beiträge aus Gemeindemitteln gedeckt werden und lvo man infolgedessen der Meinung ist, daß es nicht darauf an- komme, auf wessen Namen die Grundstücke stehen. Wenn in einer solchen Gemeinde, infolge anderweitiger Beschlußfassung des Ge- meinderates, die Beiträge von den zahlungspflichtigen Unter- nehmern zur Erhebung gelangen, so treten dann die vielen Un- richtigkeiten infolge der Nichtanmeldung der Betriebsverände- rungcn auf einmal zutage und wird alsdann die BerufSgenossen- schaft und die Gemeindebehörde mit Reklamationen überflutet." Eine solche Abwälzung der Berufsgenossenschaftslasten auf die Gemeinden ist durchaus unzulässig. Bei Besprechung einer ähn- lichen Erscheinung vor längerer Zeit gab das die Regierung zu. Sind der Regierung die clsössischen Abwälzungen der Unfallast auf die Arbeiter uubckannt? Slaattbürgeriiche LrMung und Kinematograpb. Die herrschenden Klassen haben stets die von ihnen beherrschten Klassen von den Quellen der Bildung, ihres wirtschaftlichen und politischen Herrschaftsmittels, fernzuhalten gesucht. In jeder Klassen- gesellschaft ist die herrschende Klasse auch zugleich die sogenannte ge- bildete Klasse. Unsere V o l k s s ch u l e vermittelt kaum die not- wendigsten Kenntnisse, ihr eigentlicher Zweck wird vielmehr von den Machthabern darin erblickt, in den breiten Schichten des Volkes den Sinn der Untertänigkeit, Demut und des Gehorsams vor weltlichen und geistlichen Autoritäten zu züchten. Demgegenüber hat das klassenbewußte Proletariat, in der Erkenntnis seiner großen historischen Aufgabe, seine und insbesondere auch seinerJugend Bildung, Aufklärung und kulturelle Hebung selbst in die Hand genommen. Mit wachsender Beunruhigung sieht die herrschende Klasse ihren Einfluß auf die Masse des Volkes schwinden. Ans Unkenntnis der, wie in der gesellschaftliche» Entwickelung überhaupt, so auch im Emanzi- pationsprozeß des Proletariats treibenden Kräfte hält das Bürgertum den modernen Klassenkampf lediglich für ein Werk von Volksverhetzern, klagt sich an, dieser Entwickelung untätig zugesehen zu haben, und glaubt, durch„Erziehung" den entschwundenen Einfluß aus die Massen zurückgewinnen zu können. Dieselbe herrschende Klasse, die in ihrer Schulpolitik Steine statt Brot gibt, zeigt plötzlich einen merkwürdigen Eifer, wo eS sich um die sog.„staatsbürgerliche" Erziehung des Volkes handelt. Alle der Beeinflussung der Massen in staatserhaltendem Sinne dienenden Bestrebungen sucht die im Jahre 1909 gegründete„Ver- einigung für staatsbürgerliche Bildung und Er- ziehung" einheitlich zusammenzufassen. Ihr erster TäcigkeitS- bericht ist soeben unter dem Titel„Ziele und Arbeiten der Ver- einigung für staatsbürgerliche Bildung und Erziehung" erschienen. Schon äußerlich ist die Vereinigung dadurch gekennzeichnet, daß ihr Vorsitzender ein Staatsminister z. D. ist, und daß ihr geschäfts- führender Ausschuß aus drei Regierungsrätcn, zwei Professoren, einem Kommerzienrat, einem Verlagsbuchhändler, einem Ober- lehrer, einem Rechtsanwalt und einer Schriftstellerin(Helene Lange) besteht. Wie die„unpolitischen" Kricgervereine, oder die '„unpolitische" und„neutrale" bürgerliche Jugendbewegung, so tritt auch die„Vereinigung für staatsbürgerliche Bildung und Erziehung" vollkommen„unpolitisch und neutral" auf. Ihr nächster Zweck ist es, alle im Bürgertum gemeinsam gegen den Umsturz gerichteten Kräfte zusammenzufassen.„Neben dem, was die Parteien trennt, gibt es indessen ein weites Gebiet von Tatsachen des staatlichen, rechtliche,: und wirtschaftlichen Lebens, über die bei ihnen allen Gemeinsamkeit der Anschauungen besteht. Diesen Bestand von Erkenntnissen gilt es zum Bewußtsein zu bringen." Man ist bemüht„eine feste Or- ganisation auszugestalten, die alle in der Richtung des gemein- samcn Zieles strebenden geistigen und materiellen Kräfte zu- sammenfaßt, die zahlreichen schwierigen Probleme, die hier liegen, systematisch durcharbeitet und zu praktischen Vorschlägen gestaltet." Bisher hat die„Vereinigung" nur tastende Versuche unter» nommcn, sie befindet sich immer noch auf der Suche nach der oder den besten Methoden zur Einseifung des Volkes, was, wie wir gerne zugestehen, nicht mehr so ganz einfach ist. Sie sucht stch durch Preis» Sherlock Holmes— Conan Dohle selbst weist wohl einmal darauf hin— sei in den Novellen Edgar Allan PoeS zu finden, und in der Tat hat der unglückliche amerikanische Dichter mehrfach, so in der Erzählung„Der entwendete Brief", Menschen mit der- selben wundersamen Kombinationsgabe gestaltet, wie sie unseren Sherlock Holmes auszeichnet. In Wahrheil hat er aber schon einen Vorläufer und zwar ist er deutschen Ursprungs und lebt in Hauffs Märchen! Es ist„Adner, der Jude, der nichts ge« sehen hat." Als dieser Abner eines Tages vor den Toren von Marokko spazieren geht, wird er von Stallknechten des Sultan? bestürmt, ob er nicht ein entlaufenes Pferd gesehen habe. Sofort liefert er eine genaue Beschreibung deS Rosses:„Der beste Galoppläufer, den es gibt; zierlich klein ist sein Huf, seine Hufeisen sind von vierzehn- lötigem Silber, sein Haar leuchtet golden gleich dem großen Sabbat- leuchter in der Schule, fünfzehn Fäuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und einen halben Fuß lang und die Stangen seines Gebisses find von dreiundzwanzigkarätigem Golde." Erfreut erkennen die Stallknechte den Durchgänger, aber bedrängt, die Richtung feines Laufs anzugeben, erklärt Abner, das Pferd überhaupt nicht gesehen zu haben. Während sich ein Gezänk entspinnt, kommen schwarze Sklaven eilends herbei, die den Schoßhund der Kaiserin suchen. Sofort Abner, ganz in der Manier des Sherlock Holmes:„Es ist kein Hund, den ihr suchet, meine Herren, es ist eine Hündin." Und fährt fort: „Ein kleiner Wachtelhund, der vor kurzem Junge geworfen, langes Behänge, Federschwanz, hinkt auf dem rechten vorderen Bein." Aber als der Jude leugnet, auch dieses Tier gesehe» zu haben, wird er vor den Sultan geschleppt, des Diebstahls verdächtigt und erhält zu- nächst fünfzig auf die Fußsohlen aufgezählt. Da bequemt er stch, seine Methode preiszugeben: «Ich spazierte in dem kleinen Gehölze; da gewahrte ich im feinen Sande zwischen den Palmen die Spuren eines Tieres; ich, dem die Spuren der Tiere überaus gut bekannt sind, erkenne sie alsbald für die Fußstapfen eines kleinen Hundes; feine, lang- gezogene Furchen liefen über die kleinen Unebenheiten des Sand- bodens zwischen diesen Spuren hin; eS ist eine Hündin, sprach ich zu mir selbst, und sie hat hängende Zitzen und hat Junge-ge- warfen vor so und so langer Zeit; andere Spuren neben den Vordertatzen, wo der Sand leicht weggefegt zu sein schien, sagt-n mir, daß das Tier mit schönen, weit herabhängenden Ohren begabt sei; und da ich bemerkt, wie in längeren Zwischenräumen der Sand bedeutender aufgewühlt war, dachte ich: einen schönen, lang- behaarten Schwanz hat die Kleine und er muß anzuseben sein als em Fcderbu)ch. und es hat ihr beliebt, zuweifcn den Sand damit zu Peitschen; auch entging mir nicht, daß eine Pfote sich beständig weniger tief in den Sand eindrückte; leider konnte mir da nicht verborgen bleiben, daß die Hündin etwas hinke." Wie man sieht, ist das Zug für Zug die Beweisführung des Sherlock Holmes. Ebenso erläutert Abner die Art, wie er die Eigenschaften des durchgegangenen Pferdes kennen gelernt hat. Der Sultan meinte, sein Polizeinnnister könnte mit solchen Augen weiter sehen als alle seine Schergen und Aufpasser, aber töricht genug knöpfte er dem Juden Abner nur fünfzig Zechinen ab. Hätte er ihn Kriminalromane schreiben lassen, als Verleger wäre er auf das Hundertfache gekommen. ausschreiben und Veransialtuirgen von Ttudierirc'sen ins Ausland zu helfen, deren Ergebnisse zur..Unterbreitung uon ausführbaren Borschlägen für die schulpädagogische Lösung der Frage der staats- bürgerlichen Erziehung bei den Unterrichtsverivaltungen des Deutschen Reiches" dienen sollen. Alle Regierungen haben denn auch schon selbstverständlich„der Bereinigung ihr wohlwollendes Interesse für ihre Bestrebungen ausgesprochen."> Da die„Bereinigung für staatsbürgerliche Bildung und Er- Ziehung" sich offenbar wenig Erfolg von einem direkten Ein- wirken auf die Massen verspricht, so sucht sie auf Umwegen an diese heranzukommen. Wie die Regierungen, so will sie auch die K i n e- matographen ihren sauberen Zweäen dieustbac»rochen. Die vasch: technische Entwickelung der Kinen�ltograpchi« bat diese zu einem der wichtigsten Bildungsmittel von soft unbegrenzten Möglichkeiten gemacht. Ihre grosse Leistungssähigkeit zeigen Unter- nehmungen der„Urania" und anderer Wissenschr-Mcher Jnsti- ture, die das lebende Bild in den Dienst der Forschung und Volts- bildung zu stellen suchen, und deren Bestrebungen einen Sammcl- Punkt im„Ersten deutschen Bund für w issenschaft- I i che und Unterrichtskinematographie" gefunden haben. Leider konnte bisher auf diesem Gebiet nur Verhältnis- mässig wenig erreicht werden, da fast die gesamte Kinematographie von einigen grossen kapitalistischen Wellsirmcn behrrscht wird, von denen die Firma Pathe freies, Paris, z. B. über EKKK) Angestellte auf der ganzen Erde verfügt. Diesen Firmen ist es in erster Linie um einen möglichst hohen Profit zu tun. sie suchen daher die ödeste Sensatkonssucht zu befriedigen. Das wenige Gute, das sie bieten, verschwindet hinter den die„Progoamme" beherrschen- den, auf der Höhe der Schundliteratur stehenden Detektiv- und Berbrecherdramen und Darstellungen voll uawahrer Senti- Mentalität oder grober Situationskomik. Auch mit tendenziös ge- färbten religiösen oder patriotischen Vorführungen wird das Publikum terrorisiert. Von den bisher in Deutschland borgeführten Films waren acht Neuntel im Ausland hergestellt, doch beginnt sich jetzt die deutsche Kineniatographenindustrie stark zu entwickeln. Auf diese sucht die „Vereinigung für staatsbürgerliche Bildung und Erziehung" in ihrem Sinne einzuwirken. In Nummer S der„Zeitschrift für Jugendwohlfahrt" löll wird das Zusammenarbeiten der„Vereint- gung" mit der„Deutschen Gesellschaft für Lebensbilder" ange- kündigt. Welcher Art dieses Zusammenarbeiten sein soll, geht aus den Ausführungen des Aufsatzes in der Zeitschrift hervor. Es wird dort betont, datz man es sich namentlich angelegen sein lassen müsse, Dinge des staatlichen und öffentlichen Lebens darzustelben.„Auf alle Fälle bietet der Kinematograph zur Belehrung über die kulturellen und staatlichen Zustände der Gegenwart ein Anschau- ungsmaterial von unmittelbarster und tiesgreisendster Kraft dar." Gegen eine objektive Darstellung wäre nichts«ii�uwenden, doch sie liegt durchaus nicht im Sinne der„Vereinigung für staats- bürgerliche Bildung und Erziehung", die betont:„Nicht nur wissens- mässige Aufklärung über den Ausbau unseres Staais- und Wirt- schaftslebens, sondern Weckung einer ethisch begründeten staats. bürgerlichen Gesinnung und Anregung zum ftaaisbürgerlichen Handeln." So zeigt denn auch ein in dem oben erwiäjitb.'n Aufsatz zur Nachahmung empfohlenes Beispiel, welcher Art die„Wirkung" und „Anregung" sein soll.„Andererseits benutzt man den Kinemato- graphen in den Vereinigten Staaten um Rekruten für die Kriegs- flotte heranzuziehen. Eine der Edisonschcn Gesellschaften schlug der. Regierung vor, anstatt durch leblose Abbildungen von Uniformen und Kriegsschiffen durch kinematographische Vorführungen zu werben, in denen sich'eine starke Handlung abspvelt. Der Zahl- meister G. D. schrieb darauf hin einige Stücke, von denen sogleich das erste grossen Erfolg hatte. Es hieß„Wie Tom Bowline empor- stieg". Ein junger Mensch vom Lande wiü> hier dargestellt, wie er in den Dienst der Flotte der Vereinigten Staaten tritt, wo er durch seine Tapferkeit nicht nur von Stufe zu Stuf« emporsteigt, sondern auch eine wunderschöne Braut erringt." So haben wir denn alle Aussicht, das Märchen vom Soldaten mit dem Feldherrnstab im Tornister nächstens auch iin lebenden Bilde sehen zu können, nachdem schon jetzt der Kinematograph zu Sedanfeiern und nationalen Flottenvorführungen mit hurrapatriotischer Tendenz gemiss- braucht wird. Das Proletariat ist an dem Inhalt der kinematographische» Vorführungen im höchsten Masse interessiert, denn da ihm die Mittel zum Besuch der teurgn Theater fehlen, werden von ihm, und be- sonders auch von seiner Jugend, die zahlreichen billigeren Kine- matographen zur Unterhaltung, Anregung und Erholung benutzt. Die Kinematographie ist in ihrem bestehenden Umfange fast aus- schliesslich auf die Groschen des Proletariats angewiesen, und doch Humor und Satire.» Zweimal drei Kultur-Tatsachea. Dreissig Musikschriststeller tifteln dreissig Jahre lang an einem Brief von Beethoven herum. Wen er wohl gemeint hat mit der »Geliebten Freundin"? Fünfzehn Gelehrte schreiben fünfzehn Abhandlungen über die Genesis eines Spinnenbeines in dem Sinne, dass... und fünfzehn andere Gelehrte schreiben fünfzehn andere Abhandlungen darüber ii� dem Sinne, dass nicht... Die Forschungen deS berühmten Aegyptologen Ix ergaben, dass RhaniscZ dem Zweiunddreissigsteu der Gebrauch des HaarölS unbekannt war. Das sind kulturelle Forschungsergebnisse. Und es ist verständlich, dass der Mensch in diesem Sinne tätig ist. Hunderttausend lebenS warme Tiere werden täglich für uns totgestochen. Einfach aus dem Grunde, weil wir Messer haben und sie keine. Dreissigtattsend Näherinnen müssen täglich mit gebeugtem Mücken sticheln, aus dass eine Handvoll Strassenpfauen mit den Roben durch die Gassen stotzen. Hunderlsunfzig Millionen Menschen werden täglich durch De- peschen und Gesandtschaftönoten auf deS Messers Schneid« gestellt, ob sie sich morgen wegen einer Interessensphäre in Marokko ihre Bajonette durchs Gedärme rennen müssen. Und auch dieses sind Kulturgesctze. Und eS ist verständlich, dass der Mensch in diesem Ginne tätig ist.(Aus dem Januarheft deS-�Türmers'.) Notizen. DieVolkSdorstellungenderBühnengenosfen- sch aft beginnen am 1. Januar— unter Leitung von Friedrich Holthaus, der Konzessionsträger ist. Gespielt wird in folgenden Sälen: MörnerL Festsäle. Koppenstr. 29; Pracht s öle deS Ostens, Frankfurter Allee tSt/lS2; Theater Alt-Berlin, Blumenstr. 10; Sophienfäle, Sophienstr. 18: Hohen- staufensäle, Kottbuser Damm 70; PharuSsäle. Müller« strahe 141/112 und Hubertus säle, Schönholz. Der erste Spielturnus umfasst folgende Stücke, die abwechselnd in allen Sälen zur Aufführung gelangen:„Kabale und Liebe",„Minna von Barnhelm".„FlachZmann als Erzieher",»Raub der Sabinerinnen" und„Glück im Winkel". — B o r t r ä g e. Im Charlottenburger Schillersaal wird Prof. Paul S ch u b r i n,g einen zehnstündigen Vortragszyklus halten über das Thema:„Eine Reise nach Florenz und die Kunst Tos- canaS'S(Mit Lichtbildern.) Die Vorträge finden DienStagS abends von v— 10 Uhr statt und beginnen am 0. Januar. Abonnements- hefte für die zehn Borlesungen zum Preise von S.S0 M. im Schiller- theater. — Die Humboldt-Skademie veröffentlicht ihr Vor« lefungSverzeichnis für das erste Vierteljahr 1Ü1Z. das 2l2 Vortrags- reihen und 7 Sondcrzyllen enthält. Die Borlestingen umfassen die Gebiete sämtlicher Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung. Neu hinzugetreten sind Vorlesungen über die Frauenfrage, Schiff- fahrt, Verkehrswissenschaft.— Die Kurse beginnen am Montag, den Ib. Januar.— Vorlesungsverzeichnisse und Hörerkarten im Haupt« bureau, Kurfürstenstr. ISS. I(1—5), bei Wertheim und in zahlreichen BureauS und Buchhandlungen. hat cS auf die Tarbieiungeu dieser aus ihm beruhenden Industrie nicht den geringsten Einfluss. Nicht genug, dass es sich die Willkür der einzelnen Firmen gefallen lasson muss, es soll jetzt auch einer verlogenen Demagogie im chauvinistischen Interesse ausgeliefert werden, durch die es in seinen Lebensinteressen direkt getroffen wird. Di« organisierte Arbeiterschaft hat demnach alle Ursache, mit größter Wachsamkeit und schärfstem Misstrauen die Entwickelung der Kinemato- graphie, insbesondere der deutschen, zu beob- achten und gegebenenfalls durch entsprechende Abwehr- mittel die Versuche zu seiner„staatsbürgerlich.« Erziehung" im «innc der Scharfmacher, Bolksbewucherer und Kriegshetzer abzuschlagen. Ashlbewegung in Groß-ßeiiin. Im zweiten Wahlkreis sprach vor einer öffentlichen Wähler- Versammlung, die am Donnerstagabend in den Kreuzberg-Festsälen, Kreuzbergstrasse, stattfand, Emil Eichhorn über das Thema: Die Reichstagswohl und wen wählen wir?— Der Redner schilderte die grosse Umwälzung im Aufmarsch der Parteien, die seit der Wahl vom Jahre 1907 vor sich gegangen ist. Heute ertönt der Schlachtruf: Die Front gegen rechts! Auf die Sozialdemokratie kann man sich dabei unbedingt verlassen, sie ist bereit, jede Hilfe zu leisten, um den schwarz-blaucn Block zu zertrümmern, sogar mit einer Selbstentäußerung ihrer eigenen Interessen, die einige Bedenken erwecken könnte. Dagegen ist der Liberalismus durchaus nicht so zuverlässig als Bundesgenosse in der Frontstellung gegen rechts. Es fehlt ihm die prinzipielle Grundlage, und die vielen schlimmen Ersahrungen, die die sozialdemokratische Partei gemacht hat. wenn sie dem Liberalismus einige Energie und Kraft zu- traute, nötigen zum Misstrauen. Der Vortragende legte aus- führlich dar, welche Rolle der Liberalismus als Teilnehmer am Bülowblock gespielt hat und wie er durch die Entwickelung der Dinge in Deutschland zum Hüter von Klasseninteressen bestellt ist, die ihn hindern, einen ernsthaften Kampf gegen Konservative und Zentrum zu führen. Diesen Kampf muß in der Hauptsache die Sozialdemokratie allein führen. Aufgabe der Wählerschaft, die dem wirklichen Fortschritt die Bahn frei machen will, ist es, die Sozial- demokratie im nächsten Reichstag zu stärken und Männer von Grundsatz und festem Charakter als Volksvertreter zu wählen. (Grosser Beifall.) Der Vorsitzende forderte die Gegner in der Versammlung zu einer freien Aussprache heraus, aber niemand wünschte das Wort. Unser Kandidat Richard Fischer hielt dann eine längere Ansprache, in der er im Anschluß an die Ausführungen des Refe- renken die grosse Bedeutung und Wichtigkeit des Wahlkampfes hervorhob und an das Wort Heydebrands erinnerte:„Es geht diesmal aufs ganzel" Die Heiligen und die Ritter, die Junker und die Pfaffen strengten sich gewaltig an, die Macht der Rc- aktion zu festigen in Deutschland. Diese Macht habe einen solchen Umfang gewonnen, datz es sogar dem bürgerlichen Freisinn un- heimlich wird. In seinen Wahlaufrufen begegnen wir vielen be- kannten Redewendungen, die der Sozialdemokratie früher als Aus- drücke wilder Verhetzung von denselben Freisinnigen vorgeworfen wurden. Hier im zweiten Kreise gelte der Kampf nicht dem ge- meinsamvt Feind, hier steht der Freisinn als Gegner da, und nun müßten die Wähler die Wertung der Parteien nach zwei Gesichts- punkten vornehmen, nach dem politischen und nach dem Wirtschaft- lichen. um zu wissen, welcher Partei sie ihre Stimmen zu geben haben. Nicht nach dem, was die Freisinnigen sagen und ver- sprechen und in ihren Flugblättern schreiben, dürften die Wähler urteilen, sondern stets sollte zuerst die Frage ausgeworfen werden: Was haben sie getan? Was haben die Freisinnigen getan, um in politischen Fragen die Rechte des Volkes zu schützen und zu mehren? Was haben sie in wirtschaftlichen Fragen getan, bei der Zoll- und Steuerpolitik, oder wo es sich um Arbeiterrcchte und Arbeiterschutz handelte? An der Hand eines reichen Materials bewies Fischer, wie die Freisinnigen elend versagten, wie sie ihr Programm verleugneten, wenn Taten von ihnen erwartet wurden, und wie sie mitschuldig geworden sind an der Unterdrückungs- und Ausbeutungspolitik. Medner geht dann auf die Behauptung der.Freifinnigen Zeitung" ein. wonach die Sozialdemokraten eine„perfide, verlogene" Kampfesweise führen, weil nämlich in einem Flugblatt eine irrtüm- liche Behauptung aus einem Buche über die Reichsfinanzreform gegen den Freisinn enthalten war. Der Redner bedauerte diesen Irrtum; von einer absichtlichen falschen Darstellung könne natürlich keine Rede sein. Er schloß mit einem Hinblick auf die Situation im zweiten Kreise, die uns gewiß keine Sorge cinzuflössen brauchte. aber man dürfte auch nicht glauben, hier sei die gebratene Taube für uns schon fertig. Jeder Wähler müsse aufgerüttelt werden. um zum Bewußtsein seine» Rechtes und seiner Pflichten zu kom- men.(Lebhafter Beifall.) Genossin Jakob wandte sich an die anwesenden Frauen mit �er Aufforderung zur regen Mitarbeit im Wahlkampf. Ter Vorsitzende.Schröder forderte in seinem Schlusswort dazu auf, die Zeit nach besten Kräften auszunützen, um mit Ehren vor der Partei am 12. Januar zu bestehen und unseren alten be- währten Vertreter Richard Fischer mit einer grösseren Majori- tät als vorher in den Reichstag zu senden. Ulster Hochrufen auf die Partei löste sich die Versammlung auf. Ju einer liberalen Wählerversammlnng, die am Donnerstag im dritten ReichStagSwahlkreiL Berlins abgehalten wurde, kam es aus Anlaß grober Ausfälle gegen die Sozia ldemokratie zu erregten Auftritten. Der Saal des Feuersteinschei, Lokals(Alte Jakobstrasse) war besetzt zum grösseren Teil von Liberalen, zum kleineren von Sozialdemokraten, die unnötigerweise dabei sein wollten und nun dem Referenten Stadtverordneten Cassel sowie dem liberalen Wahlkandidaten Rechtsanwalt Nosbach sich als willkommene Zielscheibe darboten. Da mehrere unserer Genossen nicht über diejenige Selbstbeherrschung verfügten, die ein Besucher gegnerischer Versammlungen haben muß. so ließen sie bei Angrifft» auf die Sozialdemokratie sich zn ent- rüsteten Zwischenrufen hinreißen. Das gab dann den Angreifern die erwünschte Gelegenheit zu noch heftigeren Ausfällen, durch die sie Leben in ihre Versammlung brachten und ihre liberalen Zu- Hörer zu wütenden Protesten gegen die ungebetenen Gäste auf. peitschten. Wer Herrn Cassel kennt, der weiss, wie provokatorisch er gegen die Sozialdemokratie aufzutreten pflegt— und wie sehr ihm mit Abwehrversuchen sozialdemokratischer Zuhörer gedient ist. (tr geht auf ihre Zwischenrufe gern ein, wenn er sich dabei als der „forsche Kerl" zeigen kann, der einen unvorsichtigen Zwischenrufer erbarmungslos abschlachtet. In seinem Referat pries Herr Cassel zunächst die Großartigkeit des liberalen Gedankens, sodann b«. jammerte er die Ohnmacht de« liberalen Bürgertums, aus der es durch die bevorstehenden ReichStagSwahlen herausgerissen werden müsse, und schliesslich erging er sich in seinem bekannten giftigen Geschimpfe über die Sozialdemokratie. Keine von den dröhnenden Phrasen, mit denen er seit einer langen Reihe von Jahren auf sein Publikum zu wirken sucht, blieb den Zuhörern vorenthalten. Er höhnte, in dem„Zukunftsstaat" der Sozialdemokratie werde„nicht der göttliche Odem der Freiheit, sondern die schwüle Luft des Zuchthausstaates" herrschen; er zeterte, für die Sozialdemokratie sei tonangebend das Wort Bebels, der«in»Todfeind der bürger- lichen Gesellschaft" sein wolle; er tobte, ein Sozialdemokrat habe Eugen Richter«inen„Strolch noch im Sterben" genannt. Tie Zwischenrufe, die Herr Cassels als willkommenen Anlaß benutzte, all diese abgedroschene» Mätzchen aufs neue vorzutragen, wurden ihm immer wieder von einigen unserer Genosse» geliefert. Nach ihm sprach Herr Rosbach, der diesmal sich für den dritten Reickstagswahllreis als Durchsallskandidat der Liberalen hergegeben hat. Sein„Liberalismus" wird gekennzeichnet durch eine Äusserung, die weiteren Kreisen bekannt zu werden ver- dient. Als er davon redete, dass er als Liberaler die Gleichbcrechti- gung aller fordere, allen den Zutritt zu allen Aemiern wünsche usw., fragte ein Zwischenrufer:„Auch für die Sozialdemokraten!:" Herr Rosbach erwiderte ihm wörtlich:„Ein Sozialdemokrat eignet sich, wenn er gesinnungstreu ist. nicht zum Beamten." Um den Sozialdemokraten die Vaterlandsliebe abzusprechen, setzte er„Vater- land" gleich„bürgerliche Gefellschaft". Bebel habe doch, fügte er auf einen Zwischenruf erläuternd hinzu, offen erklärt, daß er ein Todfeind dieser Gesellschaft sein wolle. In P r o v o k a t i o n e n der Sozialdemokratie leistete Herr Nosbach fast noch mehr als Herr Cassel, und leider taten auch ihm einige unserer Genossen den Ge- fallen, sich durch seine Angriffe ausser Fassung bringe» zu lassen. Zu heftigen Unterbrechungen kam es, als er die in einem sozial- demokratischen Flugblatt enthaltene Angabe, dass bei der Finanz- reform Fveisinnige bereit gewesen seien, für 400 Millionen Mark indirekte Steuern zu bewilligen, eine direkte Unwahrheit nannte. Als er nachher behauptete, die Sozialdemokratie dränge die den Wahlen fern gebliebenen Arbeiter aus ihren Arbeitsstellen, entstand ein so andauernder Lärm, dass die Versammlung vertagt wurde, bis die Erregung sich gelegt und mehrere unserer Genossen den Saal verlassen hatten. Ten Referaten ein« Diskussion folgen zu lassen, dazu werde man wohl keine Lust mehr haben, meinte der Vorsitzende Herr Rosenow. Die Liberalen lehnten dann ab. in eine Diskussion ein- zutreten. Die Hochrufe aus den liberalen Kandidaten, mit denen die Versaaunluog schloß, wurde beantwortet mit Hochrufen auf den Kandidaten der Sozialdemokratie, Genossen Wik- Helm Pfannkuch. Glauben die Liberalen im Ernst, dass— der Vorsitzende hatte das in seiner Begrüßungsansprache hervorgehoben— bei den diesmaligen Reichstagswahlen sich der Volkswille für den Liberalismus erklären werde? Der Volks Wille wird sich fürdieSozial- demokratie erklären— das muss das Ergebnis dieser Wahlen, wie anderwärts, so auch im dritten Reichstags wähl- kreis Berlins sein! Dazu- bedarf eS aber noch sehr angestrengter Agitationsarbeit. Durch sie können unsere Genossen sich nützlicher betätigen als durch den Besuch gegnerischer Versammlungen, in denen sie sich provozieren lassen und ahnungslos nur dazu dienen, die langsam klappernden Mühlen der Führer deS Liberalismus wieder ein bisschen in Gang zu bringen. Der Zentralvorstand d:s Verbandes der sozialdemolratischen Wahlvereine Gross-Berlins hat schon vor Wochen den Wunsch ausgesprochen, dass die Genossen den gegnerischen Versammlungen überhaupt fernbleiben, und das ist auch im„Vorwärts" bekanntgegeben worden. empfehlen c- nochmals zur Beachtung. » Das böse Gewissen der Nationalpole«. DaS Wahlkomitee der Nationalpolen fordert in dem Blatte „Dsiennick-Berlinstt" die Polen auf. nicht m die>on den Sozial- demokraten veranstalteten Versammlungen zu gehen. Die Ver- treter der Nationalpolen wissen, was sie auf dem Kerbholz habe» und fürchten, dass in den sozialdemokratischen Versammlungen ihre Volksverräterei aufgedeckt wird. Bei der Wahl l007 erklärten sie. daß sie für keine weitere Belastung des armen Manne« durch in-.U direkte Steuern zugunsten einer Hakatistischen Regierung zu haben sein würden. Bei ver ReichSfrnanzrrfora» Huven sie jedoch»erade, entgegengesetzt gehandelt. Die polnische RcichstagSfraktion war von jeher fanatische An- hängerin der Schutzzölle, der indirekten Steuern und der Liebes- gabenpolitik der Agrarier und Fusclbrenner. Diese national- polnischen Vertreter und gieren obengenannte» Blatt, welche? auch stark in Antisemitismus macht, aber von jüdischen Annoncen lebt, wogen die polnischen Arbeiter als Stimmvieh benutzen. Ihre Po- litik läuft daraus hinaus, die polnischen'Arbeiter in Knechtschaft und Unterdrückung zu erhalten. Am Sonntag, den 51. Dezember, nachmittags 2 Uhr, findet in den„Andreas-Festsälen", AndreaSstr. 21, eine polnische Wählerversammlung statt, in der mit den polnischen Volksverrätern gründ. lich abgerechnet werden soll. Genosse I. Biniszkicwicz-Kattowitz hat das Referat übernommen. ' Zu einer wuchtige» Demonstratio» gestaltete sich die am Donnerstag für Charlottenburg und Spandau einberufene Gewerkschaftsversammlung im Spandaucr Bock. Obschon der Saal weit abseits beider Städte liegt, strömten die Arbeiter in dichten Scharen heran. Wohl an 2500 Männer und Frauen füllten den geräumigen Saal. Nachdem die Liedertafel Charlottenburg zwei Arbeitergesänge zum Vortrag gebracht hatte, ergriff Genosse Dr. K a r l L i e b k n e ch t das Wort, um über:„Tie Aufregung der Gegenwart" zu sprechen. Sonderbar scheine das Thema gewählt in einer Stunde, da uns nock die Friedenslieder des Weihnachisfestes in den Ohven Hingen. Der Menschheit zum Wohlgefallen soll daS Christentum verkündet sein— aber eS hat seine Versprechungen nicht erfüllt. Wenn heute das Lied vom Frieden auf Erden ertönt, dann klingt eS wie ein Hohn. N i r- gends herrscht der Friede. Keine Z«>t kann aufregender sein als die unsere. In Asien, in Afrika hallt der Kriegslärm wider, in Europa werden von Tag zu Tag die Kriegsrüstungen ge- steigert. Kann man da von einem Frieden reden, ohne der Wahr- heit inS Gesicht zu schlagen? Wer ruft dies« Aufregungen hervor? Es ist der Kapitalismus. In ihm spalten sich die Interessen. Der Großgrundbesitzer, der durch Zölle die Lebenshaltung der Arbeiter immer mehr verteuert, zwingt dadurch die Arbeiterschaft, in der Industrie auf höhere Löhne zu dringen. Das paßt aber den Herren Jndustrierittern nicht, darum können sie sich mit der grossagrarischen Zollpolitik nicht befreunden. Wohl sind die Arbeitslöhne gestiegen — aber die Kaufkraft deS Geldes hat sich vermindert; die Steuern werden immer höher, die Preise für Lebensmittel schwellen immer mehr an. Zwischen dem Proletariat und dem Grosskapital steht der Mittelstand, der sich bald dem Proletariat, bald der Reaktion an- schließt. J» Wahrheit gehört der Mittelstand zum Proletariat, denn die größte Schädigung erwächst ihm aus dem Drucke des Ka- pitaliSmuS. Unsere Ritter und Heiligen, die Stützen von Thron und Altar, haben ihren Hauptstützpunkt in dem preußischen Drei- klassenwahlrecht. Wer viel Geld hat. hat auch Rechte. Wie kann das Volk sich wehren? Dadurch, bess eS sich vergegenwärtigt. mit welcher Schamlosigkeit, mit welcher Brutalität ihm die Regierung entgegentritt. Der alte Reichstag war ein Par- lamcnt nach dem Wunsche der Herrschenden. Den Höhepunkt der volksfeindlichen Gesetze bildete die llkeichsfinaiizrekorm. AIS der konservative Kandidat des KrciscS Spandau-Osthavelland. Oberbürgermeister Voßberg, dieser Tage um seine Stellung zur Finanz- rcform befragt wurde, erklärte er:„Die Reichssinanzreform gehört der Vergangenheit an." Nein, die Finanzreform ist nicht vergesse» worden, iann nicht vergessen werden. Wenn der lleinc Mann, der Arbeiter, der Handwcrler, der Bcamle. in sein leeres Portemonnaie steht, dann wird er sich sagen t Am 12. Januar werde ich den Volks- Plünderern heimzahlen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht. (Ttürmisckier Beifall.) WaS die Fortschrittlichen betrifft, so sind sie unsichere Kantonisten. Sie waren bereit, vier Fünftel der Lasten dem Volke aufzubürden, sie sind also auch nur um ein Fünftel besser als die schwarz�blaue Gesellschaft.(Heiterleit und Beifalls Sie haben sich bisher als unzuverlässig erwiesen und iverden si« Wohl auch in Zukunft nicht ändern. Der neue Reichstag aber kraust Mnnnc?. tiie unenlwegt für daZ Volk emireke'n. Es gilt vor allem, die Volksrechte zu erweitern, die geplanten Attentate auf das Koalitionsrecht der Arbeiterschaft zu vereiteln, dem Volke billigeres Brot zu schaffen, den kleinen Beamten vor dem Terroris- mus zu schätzen. Nur die Sozialdemokratie wird das Volk weiter- bringen auf dem Boden der Gleichheit und Wohlfahrt. Es geht aufs ganze, hat der Junker v. H-ydebrand jüngst gesagt. Diesen Schlachtruf wollen wir Sozialdemokraten aufnehmen. Ein Volks- gericht, eine Völkerschlacht muh der 12. Januar werden, eine deut- liche Tokumcntierung des Vollswillens. Drauf und dran, Männer und Frauen! Sie haben die Klinge in der Hand, mögen Sie die Klinge gut führen. Als Genosse Liebknecht endete, brauste ein minutenlanger Bei- fallsjturm durch den Saal. Ja. wir wollen die Klingen gut führen. las man auf allen Gesichtern. Unter stürmischem Hoch auf die So- zialdemokratie sowie auf den Genossen Liebknecht wurde die Ver- sammlung gejchlossen. Neuendorf b. Teupifc. Am 2. Weihnachtsfeiertag sollte auf dem Grundstück des Herrn Tischlermeisters Lehmann eine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel stattfinden. Da der Besuch ein sehr guter und die Witterung recht ungünstig war, fühlte sich der Gastwirt Döring veranlasst, den Versammelten sein Lokal zu empfehlen. Im Saale hielt der Referent. Genosse Klüss, unter lebhaftem Beifall der Anwesenden Abrechnung mit den bürgerlichen Parteien. In der Diskussion sprachen Genosse Horbeke-Kl.-Bceren und Genossin Wickert-Schöneberg im Sinne des Refetentcn. Am Schlüsse der imposant verlaufenen Versammlung forderte Genosse Jakubaschi zum Beitritt in die Organisation und zum Abonnement auf die Arbeiterpresse auf. Adlershof. In einer imposanten Bolkspersammlung, wie sie Kdlershoi wdhl noch niemals gesehen hat, sprach der Kandidat des Kreises, Gen. Z u b e i l. In seinem fast zweistündigen Referat legte er die Schäden und Sünden des vergangeneu Reichstages bloss. Die Rede fand stürmische Zuiiimmung, Diskussion fand nickt statt. Gen. Klodt forderte zum Schluh zur kräftigen Mitarbeit auf. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie schloß die imposante Versanunlwig. Huö der Partei. Aufruf deS Internationalen Sozialistischen Bureau?. In der rnisiscken Parteiprefse wird der folgende Aufruf des I. S. L. veröffeiitlichr: An die Mitglieder des Internationalen Sozialistischen Bureaus, En die Sekretäre der sozialistischen Parteien, An die Sekretäre der Jiiteipailamenlarischen Kommission. A», ö. Dezember 1V07 begann in Petersburg der Prozeß gegen die Parlamentsfraktion der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Auf die Anklagebank waren 37 Abgeordnete der zweiten Duma und 15 andere Personen gesetzt worden. Die Abgeordnelen wurden zu einigen Jahren Zwangsarbeit oder zur lebenslänglichen Deportation nach Sibirien verurteilt. Dieses Urteil wurde hinter geschlossenen Türen gefällt. Indes haben die Verhandlungen in der Duma vor kurzem aufgedeckt, daß unsere Genosien den Machinationen der russischen Geheimpolizei, der berüchtigten.Ochrana' zu», Opfer gefallen sind. Nicht genug damit. Ein Teilnehmer dieser Polizeiorganisatioi» hat W. Bnrtzeio eingestanden, daß er im Verein mit anderen Agenten der Polizei die Dokumente angefertigt ha», die bei der Verurteilung unserer Freunde eine entscheidende Rolle gespielt haben. Seitdem dieses ungeheuerliche Urteil gefällt worden ist, habe» die Proteste dagegen nicht aufgehört; diese Proteste sind aber ohne Erfolg geblieben. Gegenwärtig erscheint unS der Augenblick geeignet, diese Proteste nicht nur zu erneuern und zu verstärken, sondern auch eine energische Kampagne zugunsten der Revision des ProzesieS und der Einsetzung der unschuldig verurteilten Leute in ihre Rechte einzu- leiten. Alle Mittel müssen zun, Erfolg der Bewegung ausgenutzt werden veranstali»» voltsoersaniinlnngen. Bringt Petitionen üi Umlauf. Veröffentlicht Protrslartilrl i» den Zeiunige». Sucht bei den Mit- gliedern aller Parl�uente da» Jnlercsse für ihre Kollegen au» der zweiten Diima wackMrufen. Die russische Sektion verspricht un». genauere Angaben über den Prozeß imd die Aufdeckung der wirklichen Verschwörung zu liefern. Diese Angaben werden wir Euch.unverzüglich übernülteln. Die französische Sektion und die französische ParlauientSgrnvpe haben bereit» beschlossen, eine energische Kampagne einznlelteil. Wir hosten, das; Ihr diejein Beispiel folgen werdet. 1S2 sozialdemokratische GcmcinderSte! Da» ist da» Gesamtergebnis der diesjährigen ErgänznngSwahleii zun, Gemeindcrat in Württemberg. Vielleicht kommen au» den letzten D-zcmbertagen in lleincn Gemeinden noch einige Gewinne hinzu, vor zwei Jahre»(bckamitlich wird in den württemberaischen Gemeinden der Gemeinderat alle zwei Jahre zu einem Dritt» neu gewählt) hatten wir im ganzen 110 Mandate davongetragen. davon 82 neuer Gewinn. 28 alter Besitzstand. Die diesjährige Ernte war alio viel reichlicher. Sie wiegt auch schwerer, weil eine grosse Zahl bedeutender Gemeinden Aunmehr stattliche sozialdeniolratiiche Fraktionen bekommen haben und in verschiedenen Gemeinden sogar sozialsdemokratische Mehr- heilen erzielt wurden. So sitzen jetzt in der grossen Arbeitergemeinde Birke, ifeld bei Pforzheim im Gemeinde- rat und BürgerauSschnss zusammen 18 Sozialdemokraten und vier bürgerliche Vertreter. Sämtliche vier Genielndesitze. die hier zu ver- gebe» wäre», wurden erobert und ebenso drangen unsere Partei« genosien bei der BürgerauSschnssersatzwahl. die durch die Wahl rnehrerer BürgerouSichussutitglieder in den Ge mcindcrat notwendig geworden war, mit ihrer Liste voll ständig durch. Such in mehreren anderen Srbeitergemeinden ergaben sich erstmals sichere sozialdemokratische WSHlermchrbeiten. In F e u e r b a ch. dem grossen Stuttgarter Vorott. fielen un« von den zehn zu vergebenden Maudaten durch den Proporz sechs zu. die sämtlich neuen Gewinn darstellen, da kein Sozialde, nokrat aus- geschieden war. Mit der diesjährigen Wahl hat sich unser Besitzstand am 100 Ratha»»sitze vermehrt. In vielen Gemeinden bält der erste Sozialdemokrat seinen Einzug in die Verwaltung.— Mögen dicic Erfolge von guter Vorbedeutung für dir Reichstags- wählen sein I-___ Jugendbewegung. Tie freie Jugendbewegung und der preußische Lehrertag. Zu interessanten AuSeinandsrsetzungen über die sozialdemokra- tische Jugendbewegung kam es auf dem 6. Preußischen Lehrcrtage. der am Donnerstag in Anwesenheit von 18 Mitglied, Moiies Tabakarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Am 28, Dezember 1911 starb unser langjährig! der. Zigarrcnarbeiter Peter Sobolewski Im Alter von 43 Jahren an der Berufskrankheit. Ehre seinem Andenke» Z Die Beerdigung findet am Sonntag, den 3l. Dezember 1911, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Hedwig-KirchhoseS, Reinickcn- dorf-W., Berliner Str., jaus statt. Um rege Betelligung ersucht 188/16 Tie Ortsverwaltuug. SflzlaliiemokpatisebJallvEreiD Kreis Niederbaruim Bezirk Rummeisburg. Am 27. Dezember verstarb unser Mitglied, der Genosse Leo Luczak Kantstr. 49/50(Bezirk I). Ehre seinem Andenken l Die Beerdiglfsig findet am Sonntag, den 3t. Dezember, nach- mittags 23lt Uhr, vom Trauer- Hause aus nach dem Rummels- burger Gemeinoesriedhos statt. Rege Beteiligung erwartet 8/17 Oie Bezirksleitung. Zentral-Kraiiken- M Sterbekasse der Tlscbler (E. H. 3. Hamburg). Zahlstelle Lichienberg. Den werten Mitgliedern zur Nachricht, daß uii|* Mitß.'ied, der Glasarbeiter Leon Luczak am 27. Dezember verstorben ist. Ehre seinem Andeute»: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 31. Dezember, nach« mittags 3 Uhr, vom Trauerhause (Nunimclsburg, Kantslraße 49/50) aus statt. 184/0 Oie Ortsverwaltung. Zentral- KraukkN' and SterbeKasse der Zimmerer. (E. H. Nr. 2 Hamburg.) Eiliale Berlin III. Hm 27. Dezember starb unser Mitglied �uxust Setitmdt Dolzigerftr. 47. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30 d. M!S., nachmittags 2>/, Uhr, von der Leichenhalle des Zentral-Fri hoses in Friedrichsselde aus statt. 253/12 Der Borstand. Danksagung. Bei dem Heimgange meineS lieben guten ManneS und Vaters, deS Gast- Wirts WUIiolnt John, sind uns von allen Seiten überwältigend viele Beweise treuester Freundschaft sowie herrliche Kranzspenden für unseren teuren Entschlafenen zuteil geworden. Allerherzlichsten, tiesinnigsten Dank allen lieben Freunden und Bekannten, den werten Stammgästen, dem Berein der Gast- und Schankwirte 80., dem Verein Berliner Restaurateure. dem Verein Maiengold, dem Sparoerem, dem Lotteriellub Zehner, sowie dem Kegelklub.Gneisenau'. 2243b Witwe Auguste John nebftTochter, Forster Straß« 10a. Für die vielen Beweis« herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben SohneS und Brudes Wildelm Grieger wir allen Verwandten und e kannten sowie dem Fußballklub und Gesangverein unseren ttesgestthlteften Dank. 1312L Familie Grlezrer. Danksagung. Oerwandten und' Am Mittwoch, den 27. Dezember' vormittags 10 Uhr, verschied Plötz- lich und unerwartet am Herzschlage an seiner Arbeitsstätte, inmitten seiner Kollegen, der Schriftsetzer Gskar Vogel im 54. Lebensjahre. 2238b Wir werden ihm stets ein ehrende? Andenken bewahren. Die Kollegen der Bacbdrackerel Arihar Scholem Für die herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspende» bei der Be- erdigung meiner sieben Frau Knn« Lcliulxs sage ich allen Verwandten und Bekannten, sowie dem Gcsangverin„Ger- wania' meinen besten Dank. 13112 Oer trauernde Balte nebst Kindern, Humboldtstr. 40. Am 27. Dezember verstarb mein lieber Mann, unser guter Vater und Großvater, der Parkett- leger Heinrlck Glasen im Aller von 72 Jahren. Witwe Elasen nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Dezembers nachmittags 1'/, Uhr, von der Leichenhalle des Nazareth-Kirch- hoscS(Reinicke»dorf-West) aus statt. Allen Verwandten und Bekannten sowie dem Metallarbeiterverband. dem Soztaldemolralischen Wahlveiein (Bez. tO) und dem Zentral-Raucher- buno sagen wir hiermit für die Be- teiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters unsern herzlichsten Dank. grau Anna Weese nebst Kinder«. Deutscher iMetallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todcnanzelee. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser Miiglied, die Arbeiterin Helene Müller am 27. d. M, an Unterleibsleiden gestorben ist. 134/14 Ehre ihrem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 31. Dezember, nach. mittags 1 Uhr, von der Leichen- Halle des Sophien-KirchhofeS, Frcienwatder Straße, auS statt. Rege Beteiligung erwartet Tie Ortsverwaltuog. JltesteL Damentuche ,chT.£bi?und per Meter von 3 Mark an KostOmstoff! JX,«, per Meter von 2 Mark an Seidenplüsch eo1 cm bre't per Meter.... 4 Mark Engl. Seal 120 cm breit per Meter.... 10 Mark Astrachan 120-130 cm breit per Meter.... 5 Mark Samt und Seide etc. et«. zu sehr biiligen Preisen CPfliT Kottbuscr • Straße 5. wöchentliche Teilzahlung elegante Harrsn-Sehneldertl nur Mülleeru Elngan, TUsitei Str. r CfnuetUur' Hie M ilim! Preise, Auswahl Ausführungen werden überraschen! 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Nicht mitge- zählt ist dagegen der Arbeiter Graner, der, wie mitgeteilt, in der Herberge zu Potsdam, wohin er aus Berlin zuge- wandert war, erkrankte und auf dem Wege nach dem Kranken- hause starb. Die Männer, die zuletzt noch im Krankenhaus am Friedrichshain starben, gehören alle zu denen, die gleich am ersten Abend erkrankt und in das Krankenhaus gebracht worden waren. Die Zahl der Erkrankungen ist jetzt nach den amt- lichen Ermittelungen auf 103 festgestellt. Eingeschlossen sind dabei sechs Männer, die im städtischen Obdach in der Nacht zum Freitag nach Mitternacht noch erkrankten und nach dem Lkrankenhaus am Friedrichshain gebracht wurden. Ferner auch ein unbekannter Mann von etwa 35 bis 40 Jahren, der Donnerstag abend gegen 11 Uhr unter verdächtigen Krank- heitserscheinungen vor dem Hause Neue Königstraße 91 auf» gefunden wurde, und endlich der 21 Jahre alte Handlungs- gehilfe Josef Geihe aus Massen im Kreise Ohlau, der in der vorvergangenen Nacht in einem Fremdenlogis in der Grenadicrstraße unter Vergiftungserscheinungen erkrankte. Auch diese beiden liegen im Krankenhaus am Friedrichshain. Wie uns gestern spät abend noch mitgeteilt wird, sind Freitag nachmittag unter den Asylisten weitere Erkrankungen vorgekommen, so daß die Zahl der bisher Erkrankten 109 be- träst; 51 Erkrankungen sind tödlich verlaufen. » Die Namen der Toten vnd Erkrankte«. Von den Toten wurden von der Kriminalpolizei und An- gehörigen außer den bereits gemeldeten Namen noch folgende ermittelt: Arbeiter Emil August Kröger, geb. 3l. 8. 6g in Bcisterwitz (Kreis Ohlau). Hausdiener Paul Bruno Gerschwitz, geb. 2. 2. 78 in Breslau. Klempner Hermann Emil Martin jliihnel, geb. 20. 10. 63 zu Lisia. Arbeiter Paul Karl Albert Noe, geb. b. 2. 63 in Neudamm /zf5 Uhr morgens: Flugblattverbreitung vom Lokal Adolf Pötscher, Spandauer Straße 40, aus. Boxhagcn-RumnielSbiirg. Sonntag früh 3 Uhr treffen sich die Genoffcu zur Flugblattverbreitung in den bekannten Lokalen. Keiner darf fehlen. Die Bezirksleitung. Obcr-Schönewcide. Am Sonntag, den 31. Dezember, von morgens 8 Uhr ab: Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus. Die Bezirksleitung. Friedrichsfelde und Umgegend. Sonntag, den 31. Dezember. vormittags 8 Uhr: Flugblattverbreitung. Landagitation: 7 Uhr ab B r u n l. Nencnhagen(Ostbahn). Sonntag, den 31. d. M.. früh: Flug- lattverbreitung. Material wird bei den Gruppenführern entgegeii» genommen. Kein Genosse darf fehlen. Nachmittags 4'/z Uhr treffen sich die Genossen bei Wortmann zu wichtiger Arbeit. Die Bezirksleitung. Eichwalde, Zeuthen, Miersdorf. Heute Sonnabend, den 30. Dezember, abends L'/z Uhr. in Wittes.Waldschlößchen", Eick- Walde: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Die praktische Ein- tcilung der Wahlarbeiten am Wahltage.— Der Januar-Zahlabend fällt hierdurch aus. Der Vorstand. Pankow. Am Sonntag, den 31. Dezember, Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus. Die Bezirksleitung. Rcinickendorf-Ost und West. Sonntag, den 31. Dezember, früh Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus. Die Bezirksleitung. Tegel. Sonntag, den 31. Dezember, vormittags 8 Uhr: Flug- blattverbreitung. Am Mittwoch, den 8. Januar, findet ein Extra-Zahlabend statt. Die Bezirlsleituug. Franz. Buchholz. Sonntag, den 31. Dezember, von 10 Uhr obg Flugblattverbreitung von den Bezirkslokalen aus. Die Genossl-s. für Buch und Karow treffen sich um 7'/« Uhr beim Restaurateur Niot(, Bahnhofstr. 15. Nicdcr-Schönhauscn-Nordcnd. Am Sonntag, den 31. Dezembk», früh 8 Uhr: Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen au>. Die Bezirksleitung. Hohcn-Schönhmisen. Morgen Sonntag, früh l!S Uhr: Flugblatt- und„Fackel"-Vcrbreitung von den Bezirkslokalen auS. WilhclmSruh-Roscnthal. Sonntag, den 31. Dezember, vormittags 8 Uhr: Flugblattverbreitung. Bezirk I und II bei Mielbrodl; Bezirk III und IV bei Barth; Bezirk V bei Juncker; Bezirk Rosenthal um 9 Uhr im Lokal„Zur Mühle". Vollzähliges und püukrliches Erscheiusn unbedingt notwendig. Wittenau an der Nordbahn. Die Parteigenossen und Sanges- brüdcr treffen sich Silvester vormittags am Bahnhof. Abfahrt nach Oranienburg 10.60 Uhr. Der Bezirlsftihrer. Falkenhagcn-Secgcfeld. Morgen Sonntag, den 31. Dezember. mittags 12 Uhr: Oeffenlliche Versammlung auf der Parzelle Borsigstraße Ecke Schwartzkopffstraße. Referent: Dr. Karl Liebknecht. Die Genossen wollen sich am S onntag, früh 7 Uhr, bei den Bezirlssührecn zur Handzettelverbreitung einfinden. Der Vorstand. berliner JHadmcbten. Neugier von Amts wegen! Ich atmets befreit auf, als ich endlich in Berlin ankam und den tyrannischen Gewalten meines Vaterlandes, das, wie der Leser vielleicht ahnt. Nußland heißt, entflohen war. Kaum hatte ich eine kleine gemütliche Wohnung gefun- den und mich häuslich eingerichtet, als mir der Portier einen großen Bogen brachte, der allerhand eingehende Fragen über meine Privatverhältnisse enthielt. Da ich eine gute, von der russischen Polizei erzogene Bürgerin bin, beeilte ich mich natürlich, dieselben gewissenhaft zu beantworten. Nach einigen Tagen, in denen mir Berlin noch sympa» thischer geworden war, erhielt ich eine Aufforderung, binnen drei Tagen zum nächsten Polizeirevier zu kommen, anderen» falls--. Na, der Leser kennt ja wohl diese Drohung. Offen gesagt, bekam ich einen kleinen Schreck. Sollte mich jemand fälschlich als„politisch verdächtig" denunziert haben?! Aber so sehr ich auch nachdachte und mein Gewissen in allen Winkeln durchsuchte, ich konnte nichts finden. Doch halt,— vielleicht war es das. Ich hatte mich eines Dieb- stahls schuldig gemacht. Und das verhielt sich nämlich so: Während des letzten Judongemetzels waren wir von be- freundeter Seite benachrichtigt worden, daß die Häusar ge- stürmt werden würden und nur diejenigen, die sich durch den Besitz von Heiligenbildern als Christen ausweisen köimteii, von dein Gemetzel verschont bleiben sollen. Da hatte ich mich, um unser teures Leben zu retten— ich war noch in den Flitterwochen—, in die Wohnung einer Nachbarin ge- schlichen und dort von der mit Heiligenbildern übersäten Kommode zwei kleine Nippesfigürchen herabgenommen, die ich für den heiligen Nikolaus und Peter den Großen hielt. Ich bin heute noch nicht ganz sicher, wen sie darstellten. Als nun das Gemetzel begann und auch unser Haus bestürmt wurde, sanken inein Mann und ich in die Knie, jeder hielt sein Nippesfigürchen sehr vorsichtig empor, um es vor näherer Betrachtung zu schützen, wobei wir uns niit Todesverachtung und dem gewünschten Erfolg bekreuzigten. Und unser Leben wurde gerettet. Sollte ich vielleicht deshalb? Schweren Herzens und banger Ahnungen voll machte ich mich auf den Weg. „Wie heißen Sie?" fragte mich ein Beamter mit preußi- schein Schnurrbart, in einem Ton. bei dem mir das Herz vollständig in die Schuhe sank. Aber gehorsam und demütig antwortete iH wahrheitsgemäß. Nun begann ein sehr scharfes Verhör, das sich aber so- weit ganz glatt abwickelte, denn zufällig wußte ich alle wich- tigen Daten meiner Verwandten(ich glaube, das Jnquisitions- verfahren ging bis ins dritte Glied meiner Verwandtschaft) und gab sie pflichtschuldigst an. Aber dann kam es zu einer Stockung. Na, ich will lieber das Gespräch gleich ganz wiederholen. Also hier ist es: „Wovon leben Sie?" „Mein Manil schickt mir Geld." „So! Warum sind Sie denn eigentlich nach Deutschland gekommen?" «Ich bin zu Besuch hier, doch möchte ich mich auch er- holen und gebrauche eine Kur." «Die Adresse Ihres Arztes, bitte." «Ich bin nicht in ärztlicher Behandlung." „Zeigen Sie uns den Postabschnitt von der Anweisung Ihres Mannes." „Mein Mann erledigt seine Geldgeschäfte durch Scheck." „Zeigen Sie uns einen Scheck." „Bedaure, ich habe denselben eingelöst. Doch kommt mein Mann demnächst zu Besuch; vielleicht kann er Ihnen den gewünschten Beweis verschaffen." „Hm!— Ihr Mann hat sich sofort hier zu melden, wenn er konimt." „Und darf ich fragen, was er hier tun muß?" „Er soll uns Geld zeigen, beweisen, daß er über Mittel verfügt." „Wenn ich Sie recht verstehe, soll er in die Tasche greifen und Ihnen bares Geld zeigen?,"- „Jawohl, ganz recht."« „Aber, mein Herr, warum haben Sie das Nicht gleich gesagt. Das kann ich nämlich auch." ' TM ktTMbMM? mTMm W mtinm fTetftffi MmS- Täschchen einen blauen Schein, woraufhin ich in Gnaden ent- lassen wurde.«, � Auf dem Heimweg sann ich angestrengt darüber nach, welcher Staat seine Kinder besser bewacht, Rußland oder Deutschland? Zu einem Resultat bin ich noch nicht gekommen.— Viel- leicht hilft der Leser._ Die Ergebnisse des Weihnachts-PakctvrrkehrS. Der Weih- nachts-Paketverlehr hat in diesem Jahre fast überall wieder eine erhebliche Zunahme erfabren. In der Stadt Berlin selbst zeigt der Gesamtverkehr ein erhebliches Wachstum. Dagegen ist seit Jahren zum ersten Mal die Zahl der eingegangenen Pakete etwas zurückgegangen, während die der aufgegebenen wieder beträchtlich gestiegen ist. Es rührt dies ohne Zweifel daher, daß Berlin sich immer mehr zum Geschäftsviertel von Groß-Berlin entwickelt. Die Zahl der Sendungen mit Geschenken, die bei den eingehenden Paketen die Hauptmasse zu bilden pflegen, geht damit zurück. Die Zahl der Geschäftspakete schwillt aber immer mehr an. Zu den Orten mit SO 000 Einwohnern sind nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung im Berliner Bezirk Steglitz und Boxhagen-Rummelsburg hinzu- gekommen. In der Zeit vom 12. bis 25. Dezember, die die Post als Weihnachtszeit rechnet, find nun in Verlin 1911 insgesamt 2 915 975 Pakete aufgegeben worden und eingegangen. Gegen das Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme von 37 937. Die Zahl der auf- gegebenen Pakete betrug 1 914 39», die der eingegangenen 1 901 577. Bei der Aufgabe ergibt dies eine Zunahme von 42 223, beim Ein- gang eine Abnahme von 4286 gegen das Vorjahr. Der Gesamt« verkehr betrug in Charlottenburg 179 310, in Rixdorf 62 123, in Schöneberg 90 845, in Wilmersdorf 58 467, in Lichtenberg 13 795, in Steglitz 43 654, in Boxhagen-Rummelsburg 10 727. Die Zunahme betrug in Charlottenburg 12 880, in Rixdorf 4315, in Schöne« berg 8410, in Wilmersdorf 6494, in Lichtenberg 1409, in Steglitz 3261. Eine Ausnahme bildet-Boxhagen-Rummelsburg, wo der Berkehr um 496 Pakete zurückgegangen ist. In Charlottenburg wurden 81 475 Pakete aufgegeben, während 97 835 eingingen, in Rixdorf 23 892 und 33 231, in Schöneberg 23 067 und 62 778, in Wilmersdorf 13 733 und 39 734, in Lichtenberg 6923 und 6872, in Steglitz 18 969 und 24 685, in Boxhagen-Rummelsburg 3363 und 7364. Ein Autemobil durch Feuer vernichtet. Ein Auto in Flammen rief gestern in der Mühlenstratze Aufsehen hervor. AIS das Droschken- automobil Nr. 9395 mit zwei Insassen die Straße entlang fuhr, er« folgte im Benzinbehälter plötzlich unter lauter Detonation eine Ex» plosion. Im nächsten Augenblick schoß eine Stichflamme hervor und setzte den Kraftwagen in Brand. Nur mit knapper Not konnten sich die Fahrgäste sowie der Chauffeur in Sicherheit bringen. Das wert- volle Automobil brannte bis auf das Eisengestell vollständig nieder. Die alarmierte Feuerwehr vermochte nichts mehr auszurichten. Blusen im Werte von 29 009 Mark gestohlen. Das BlusenhauS „Elite" in der Leipziger Str. 77 wurde in der vergangenen Nacht von Einbrechern heimgesucht. Die Diebe, die wahrscheinlich mit Nachschlüsseln durch die Ladentür in das GestbäftSIokal eingedrungen sind, haben unter den vorhandenen Warenvorräten mit großer Sach- kenntnis ihre Auswahl getroffen. Sie haben für etwa 15 000 bis 20 000 M. Blusen mitgehen heißen. Die gestohlenen Blusen find in erster Linie Pariser Modelle von seidenen, Tüll- und Samtblusen. Auch die Kasse haben die Diebe erbrochen, sie enthielt jedoch nur 3—4 M. Wechselgeld. Die Diebe müssen dann bei der Arbeit gestört worden sein, man fand in dem Laden die Diebeswerkzeuge, mehrere Stemm- und Brecheisen. Von den Dieben fehlt bisher jede Spur. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Auf dem Kutschbock vom Schlage gerührt wurde gestern vor« mittag der 51 Jahre alte Kutscher Friedrich König aus der Werneuchener Str. 3, der seit Jahren einen Aktenwagen des Magistrats führt. Gegen 9 Uhr sank er am Brandenburger Tor vom Bock, schlug mit dem Kopf am das Pflaster auf und zog fich eine schwere Schädelverletzung zu. Bewußtlos wurde er von einem Schutzmann nach der Charitö gebracht. Dort konnten die Aerzte nur noch feststellen, daß er schon gestorben war. Ein schwerer Straßenbahnnnfall ereignete fich in der Nacht zum Freitag in der Skalitzerstraße. Dort versuchte gegen iIA Uhr nachts die 41 jährige Ehefrau des Kottbüser Damm 101 wohnhaften Lcder- arbeiters Wauke vor einem in der Richtung nach dem Görlitzer Bahnhof herannahenden Ranaierwagen der Großen Berliner Straßen« bahn das Gleis zu überschreiten. Obwohl der Führer des Wagens sofort die Gefahrbremse anwandte, konnte er doch nrcht verhindern, daß die Frau umgestoßen wurde und unter den Vorderperron geriet. Die Verunglückte erlitt einen Schädelbruch und Bruch des rechten Fußknöchels und wurde in bedenklichem Zustande dem Krankenhause Bethanien zugeführt. Niederbarnims neuer Landrat. Nachdem der Niederbarnimer Kreistag auf sein Vorschlagsrecht bei der Neubesetzung des LandratS- Postens an Stelle des zur Potsdamer Regierung berufenen Grasen v. Roedern verzichtet hat. ist jetzt die Berufung des kommissarischen Verwalters, Finanzrat Dr. Busch zum Landrat deS Kreises durch den Kaiser erfolgt. Gleichzeitig ist Dr. Busch zum Geh. Ober- regierungsrat ernannt worden. Feuer in einer Metallwarenfabrik. In der letzten Nacht kam in der Fehrbelliner Straße 47/48 im Norden Berlins in der Metall« warenfabrik von F. F. A. Schulz ein gefährlicher Fabrilbrand aus, der die Feuerwehr über vier Stunden beschäftigte. Die Fabrik der Firma befindet sich in einem besonderen viereckigen Fabrikgebäude auf dem Hofe. DaS Feuer entstand vermutlich im ersten Stock in einem Lagerraum und wurde erst bemerkt, al« au» den Fenstern schon die hellen Flammen herausschlugen. Bei Ankunft der Feuer- wehr, die mit den beiden Zügen 13 und 19 anrückte, war der Brand vom ersten Stock auch bereits auf die zweite Etage übergesprungen. Der Brandmeister eröffnete den Löschangriff daher sofort mit drei Rohren. Trotzdem dauerte es über eine Stunde, ehe das Feuer eingedämmt war. Durch eine eigenartige Ofenanlage halten die Flammen auch einen Weg nach dem Dachgeschoß gefunden, doch wurde hier nur wenig Schaden angerichtet. Der in den beiden unteren Etagen angerichtete Feuer- und Wasserschaden ist dagegen erheblich, aber durch Versicherung gedeckt. Bei den Löscharbeiten er- eignete sich leider ein schwerer Unfall, da der Feuermann Deutsch- mann vom 19. Zuge durch einen Axthieb am linken Fuß verletzt wurde. Der Verunglückte wurde nach seiner Wohnung gebracht. Die vollständige Ablöschung und die Auftäumungsarbeiten nahmen dann noch über drei Stunden in Anspruch. Die Brandursache ist noch nicht ermittelt.— Außerdem wurde die Wehr in der letzten Nacht noch nach dem Jndusttiegebäude in der Kommandanten- straße 77/79 gerufen, wo in den Jndustriefestsälen ein Weihnachtsbaum in Brand geraten war. Die Gefahr konnte schnell beseitigt werden. Im großen Hörsaal der Treptow-Steruwarte spricht Direktor Dr. F. S. Archenhold am Sonntag, den 31. Dezember, nachmittags 5 Uhr über„Unser Wissen von den Sternenwelten" und am Neu- jahrSiage nachmittags 5 Uhr über„Boten aus den fernsten Himmels- räumen". Beide Vorträge sind gemeinverständlich und mit zahl- reichen Lichtbildern ausgestattet. Mit dem großen Femrohr wird der Mond, dessen Gebirge und Krater gerade jetzt in günstiger Beleuchtung zu sehen sind, abwechselnd mit dem Saturn und Mars schon von 4'/, Uhr nachmittags an_ beobachtet. Für den 9. und 12. Januar sind zwei Sondervorträge angesetzt. die Herr Dr. W. Schultz aus Wien über„Die Anschauung vom Monde und seinen Phasen im Mythos und in der Kunst der Völker" halten wird. Derselbe bat die Sagen und Mythen der Völker, diese ältesten Gedanken der Menschheit, nach Spuren un- mittelbarer Anschauung vom Monde und seinen Phasen, durchforscht und wird diese interessanten prähistorischen Denkmäler in 150 Licht- bildem bringen. Diese Vorwöge dürften das Interesse der weitesten Kreise erregen; es werden daher schon jetzt Billett? hierzu vom Bureau der Treptow-Sternwarte ausgegeben. Vorort- �acdricbten« Lichtenberg. Die Ablehnung der TenrrnngSznlage durch die Stadtverordnete»- Mehrheit lautete daZ Thema einer großen Protestversammlung, die von dem Verbände der Gemeinde- und Staatsarbeiter am Donnerstag für die Arbeiter. Handwerker und Unterbeamten aller städtischen Betriebe Lichtenbergs nach dem.Kronprinzengarten" einbemfen war. Wie groß das Interesse der betreffenden Arbeiterkategorien in dieser Frage ist. zeigte der auffallend gute Besuch, wobei auch in größerer Anzahl die Frauen beteiligt waren. Das Referat hatte Stadtverordneter Spieckermann über- nomlnen, der eine erschöpfende Darstellung von den Debatten im Stadtparlament gab und an der Hand der gegenwärtigen TeuerungS- Verhältnisse die Notwendigkeit einer entsprechenden Lohnzulage nach- wies. Um so nachhaltiger wirkte die Schilderung deS Redners von den Kämpfen unserer Genossen im Lichtenberger Stadtparlement auf die Anwesenden, ganz besonders aber der Umstand, daß die bürgerliche Mehrheit es fertig brachte, angesichts der jetzigen Zu- stände die beantragte Teuerungszulage abzulehnen.(Der Parlaments- bericht ist im„Vorwärts" erschienen.) Die große Erbitterung der Anwesenden machte fich denn auch während der Rede SpieckermannS durch treffende Zwischenrufe Luft. In der anschließenden Diskussion ergänzte der Stadtverordnete Genosse E i s e n st ä d t noch die Ausführungen des Referenten. Gleichzeitig aber stellte er, ebenso wie die nachfolgenden Redner, die Frage, wie es geschehen konnte, daß vier Genossen im Parlament bei dieser Abstimmung fehlten. Stadtverordneter H e ck er t erklärte hierauf, eS fei daS erste Mal, daß er in einer Sitzung gefehlt habe, außerdem habe er fich lange vorher bei der Fraktion für die be« treffende Sitzung entschuldigt. PolenSke vom Gemeinde- und StaatSarbeiterderband be- dauerte auch das Fehlen der vier Genoffen an jenem Tage im Parlament, aber infolge der überaus starken Inanspruchnahme aller tättgen Genoffen durch die ReichstagSwahlen fei es zu entschuldigen. Aber, erklärte der Redner, nicht diese vier Genoffen seien die Schuldigen, sondern die bürgerliche Mehrheit, die eS wotz der zwingenden Gründe nicht über fich brachte, den städtischen Arbeitern eine kleine Teuerungszulage zu gewähren. Besonders ging Redner, der lebhaste Zustimmung fand, mit dem Freisinn ins Gericht, deffen Verhalten den Arbeitern gegenüber bei jeder Gelegenheit von Feind- scligkeit zeuge. Die richtige Antwort sollten die Arbeiter am 12. Januar geben.(Großer Beifall.) Nachstehende Resolutton wurde einstimmig angenommen: „Die am 23. Dezember 1911 im.Kronprinzengarten" voll- zählig versammelten Arbeiter, Handwerker und Unterbeamten der Stadt Lichtenberg erheben schärfsten Protest gegen die Ablehnung ihres Anwages und der Magistratsvorlage auf Gewährung einer Teuerungszulage. Die Versammelten bedauern diese Ablehnung um so mehr, als in einer Reihe von Gemeinden Groß-BerlinS, entsprechend dem Antrage des Magiswats, Teuerungszulagen, in einzelnen Gemeindon Lohnerhöhungen, gewährt wurden. Die Versammelten richten da? dringende Ersuchen an den Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung, erneut zur Frage einer Teuerungszulage Stellung zu nehmen, und erwarten von einer nochmaligen eingehenden Prüfung die Gewährung ihres Antrages. Die Versammelten beauftragen das Bureau der Versammlung, diese Resolution dem Magistrat und dem Stadtverordnetenkollegium zu überreichen." Der zweite Punkt der Tagesordnung bildete die Errichtung einer Bettiebskrankenkaffe. Auch in dieser Frage hielt S piecker- mann daS einleitende Referat und kennzeichnete die Motive, die die Borlage zur Errichtung einer BetriebSkrankenkaffe zeitigten. Mit aller Schärfe müffe sich die Gesamtheit der städttschen Arbeiterschaft gegen diesen Plan wenden.(Lebhaste Zusttnnnung.) Sie müffe dafür sorgen, daß die Vorlage im OrkuS verschwinde.(Bravo 1) In der nachfolgenden Debatte, in die auch PolenSke noch eingriff und an kraffen Beispielen zeigte, wie kranke Arbeiter rück- fichtSlos ausgemerzt würden, wandten sich sämtliche Redner gegen die beabsichtigte Errichtung einer Betriebskasse. Auch hier wurde nachstehende Resolution einstimmig an« genommen: „Die am 23. Dezember 1911 im.Kronprinzengarten" ver» sammelten Arbeiter, Handwerker und Unterangestellten aller städti« schen Bettiebe Lichtenbergs haben im Hinblick auf die Magistrats« Vorlage, betreffend Errichtung einer BetriebSkrankenkaffe, erneut zu dieser Frage Stellung genommen. Die Versammelten erklären sich auch heute, wie schon vor einem halben Jahre, gegen diese Errichtung. Die dadurch hervor« gerufene Zersplitterung des KrankenkaffenwesenS bedeutet in sozialpolitischer Hinsicht eine schwere Schädigung der Gesamt- arbeiterschaft. Die Versammelten richten daher an die städttschen Kollegien einstimmig die dringende Bitte, von der Errichtung einer Betriebs- krankenkasie Abstand nehmen zu wollen. Sie beauftragen den ArbeiterauSschutz für die städtischen Werle. diese Resolution den städttschen Kollegien zu übermitteln, wie überhaupt alle Schritte zu unternehmen, die geeignet sind, die Errichtung einer Betriebs- krankenkasie zu verhindern."_ Unftinünigkeiten bei der hiefigen Polizelverwalhing scheinen die Ursache verschiedener Personalvcränderungen zu sein. Bei aller Schneidigkeit deS Polizeipräsidiums ist man„oben" doch nicht sehr zufrieden. Die allergrößte Unzufriedenheit— und zwar sehr be- rechttgte Unzufriedenheit— ist aber„unten", das heißt bei den Wachtmeistern und Polizeisergeanten anzutteffen. Etwas. daS bei den Vorgesetzten als Schneid bettachtet, von den anderen Organen aber metst als Schikane empfunden wird, läßt auf die Beamten massenhaft Sttafen regnen. Die Verhänaung von Arrest soll ein vielbeliebtes Zuchtmittel unserer Polizei sein. Kein Wunder daher, daß der Beamtenwechsel groß ist. Manche gehen allerdings per Schub! So kürzlich eine Anzahl Wachtmeister. Von der modernen Krankbeit der Solidarität und Organisation angesteckt, hatten sie daS Verbrechen begangen, eine„Versammlung" abzuhalten, zwecks Aussprache über ihre Arbeitsverhältnisse und Beratung über den einzuschlagenden gemeinsamen Weg. um zu einer Besserung zu ge- langen. Ein Bote soll die Sache verraten haben. Jedenfalls kam sie zur Kenntnis des Polizeiprästdenten und die Sünder waren bald verschwunden. Daß unter solchen Umständen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen ein sehr„herzliches" Einvernehmen besteht, das läßt sich denken. Köpenick. Ein schweres Brandunglück, dem ein KindeSleben zum Opfer fiel, hat sich, wie erst jetzt berichtet wird, am zweiten WeihnachtS« feiertage hier zugetragen. Die am Friedrich-Wilhelm-Platz wohn- haste Witwe Knoll hatte am Nachmittag deS genannten Tages auf kurze Zeit die Wohnung verlassen müssen, in welcher sie ihr fünf- jäbriges Töchterchen Meto allein zurückließ. Während der Abwesen« heil der Mutter machte sich die Kleine an dem offenen Ofen der Wohnstube zu schaffen. Hierbei fingen die Kleider deS Mädchen» Feuer und in wenigen Augenblicken glich das Kind einer lebenden Feuersäule. Auf das Hilfegeschrei deS Mädchens eilten NachbarSleute hinzu, denen es durch Aufwerfen von Kleidungsstücken und-Betten gelang, daS Feuer zu ersticken. Die kleine Meta hatte aber bereits so schwere Brandwunden am ganzen Körper davongettagen, daß ein hinzugerufener Arzt die sofortige Uebersührung der Verunglückten nach dem städtischen Krankenhause anordnete. Hier ist daS bedauernS- werte Mädchen in der gestrigen Nacht unter entsetzlichen Schmvrze» verstorben. Adlershof. Eine Reise nach Island lautet das Thema eines Lichtbilde» Vortrages, den der bekannte Bremer Lehrer Kurt Sonnrmann (Jürgen Brand) heute abend bei Beyer. AdlerShof, BiSmarckstt. 10, abhält. Beginn 8 Uhr. Eintritt für Erwachsene 20 Pf. Jugend- liche unter 18 Jahren frei. An den Vortrag schließt fich ein Tanz an. Tanz 25 Pf. Wir bitten um recht regen Besuch. Der BildungSausschuß. Alt-Schadow.(Kr. Teltow-BeeZkow.) Auf einem Spaziergang angeschossen wurde, wie uns nachträglich berichtet wird, am 24. Dezember, vormittags 10 Uhr, der Vorarbeitet Hermann Sprewitz. Sp. hatte sich in Begleitung seines Bruders nach seinem Felde begeben; als beide auf dem Heimweg begriffen waren, kamen ihnen plötzlich zwei Männer au» dem Wald mit dem Rufe „Halt l' entgegen. Im nächsten Augenblick krachte auch schon ein Schuß, der dem Hermann Sprewitz in den rechten Lungenflügel drang. Blutüberströmt brach der Getroffene zusammen. Der Schütze soll ein Steuersekretär Schönfeld aus Charloticnburg sein, der sich in Begleitung des Jagdaufsehers Mitttng aus Alt-Schadow befand. Der Schwerverletzte wurde nach dem Beeskower Krankenhaus ge» bracht, wo er in bedenklichem Zustand daniederliegt. Hat fich de» Vorfall so abgespielt, wie er uns hier mitgeteilt wird, muß man eS als sträflichen Leichtsinn bezeichnen, von der Schußwaffe in einem solchen Atigenblick Gebrauch zu machen. Selbst wenn der Sonntags- jäger geglaubt hat, daß es sich bei den beiden um Wilderer handelte, lag keine Veranlassung vor, auf dieselben zu schießen. Wie wir hören, befindet sich der leichtsinnige Schütze noch auf freiem Fuße. ©ericbtö- Zeitung» Ein Bohkottprozeß in der Beleuchtung durch das Hanseaiischtz. Oberlandcsgericht Hamburg. Der in Hamburg wohnende Schlächtermeister Kotsch, der seine» zeit sich hartnäckig weigerte, die geringen und berechtigten For» derungen der organisierten Gesellen, namentlich Logis außer dem Hause, zu bewilligen, hatte wegen des über sein Geschäft ver- hängten Boykotts einen Zivilprozeß angestrengt, und zwar 1. gegen den Vorsitzenden der Ortsverwaltung Hamburg des Deutschen Fleischerverbandes, Max Fiedler, 2. gegen die Ortsverwaltung selbst, 3. gegen die Hamburger Buchdruckerei Auer u. Co. Dev Kläger verlangte die Unterlassung der den Boykott seines Geschäfts betreffenden Veröffentlichungen, sei es im.Hamburger Echo", fei eS in Flugblättern, und beanspruchte von den Beklagten zu 1 und 2 einen Schadensersatz in Höhe von 5680 M. für den durch den Boykott entstandenen Geschäftsverluft. Das Landgericht Hamburg gab der Klage, insoweit sie sich gegen die Veröffentlichung von Bekanntmachungen in Zeitungen und die Verbreitung von Flug- blättern richtete, in vollem Umfange statt, falls durch Anwendung allgemeiner, auf das SolidarttätSgefühl der Arbeiter berechnetem aufteizender und verhetzender Schlagwörter das Publikum aufge, fordert werde, den geschäftlichen Verlehr mit dem Kläger einzu- stellen. Der Anspruch de? Klägers gegen die Beklagten zu 1 und 2 wurde dem Grunde nach für berechtigt erklärt. Dieses Urteil wurde von den Betroffenen durch Berufung beim Hanseatischen Oberlandesgericht angefochten. Die BerufungS- instanz hob. wie wir berettS seinerzeit berichten konnten, das Urteil der Vorinstanz in vollem Umfange auf, wies den Kläger ab und verurteilte ihn in die sämtlichen Kosten. Außerdem wurde daS Urteil für vorläufig vollstteckbar erklärt.— Jetzt ist nun die Urteilsausfertigung erschienen. Aus den UrtetlSgründen de« achten Zivilsenats, die durchweg von wohltuender, freiheitlicher Auffassung der sozialen Verhältnisse zeugen, interessieren besonder« folgende bemerkenswerte Ausführungen des recht umfangreichen Erkenn» nisses:... OB ein Gewerbebetrieb als ein RechtSgut im Sinne Z 823 Abf. 1 B.G.B, angesehen werden kann, darf hier dahin- gestellt bleiben, weil der rechtswidrige Eingriff in denselben im vorliegenden Falle nur in den nämlichen Umständen würde gefunden werden können, in denen zugleich ein sittenwidriges Handeln im Sinne Z 826 B.G.B, erblickt werden kann. Auf 8 S23 Abf. 2 läßt sich die Klage jedenfalls in Ansehung-des 8 lb3 der Gew.-O. nicht stützen; denn selbst wenn der Kläger als ein.Anderer" im Sinne dieser Bestimmung aufgefaßt und von einem versuche, den Kläger an einer Verabredung zum Behufe der Erlangung günstigerrv Lohn, und Arbeitsbedingungen zu beteiligen, geredet werden könnte, so würde doch die im 8 1�3 verbotene Drohung nicht darin zu finden sein, daß dem Kläger ein Uebel in Aussicht gestellt wird, dessen sich die Beklagten als eines erlaubten Kampfmittel» bedienen durften. Eine gegen die eigenen Verbandsgenossen oder das Publikum begangene Drohung liegt nicht vor; ebensowenig sind Ehrverletzungen begangen worden. Als nur gegen die guten Sitten verstoßende Handlung kann das Vorgehen der Beklagten gegen den Kläger weder im einzelnen noch nach dem Gesamtbilde angesehen werden. Dafür, daß der Boykott aus Rachsucht oder Schikane ver- hängt sei, liegt nichts vor. Im Gegenteil ergibt sich aus feinen Anlassen ein sittlich nicht zu beanstandender Zweck. Zwei Anlässe lassen sich feststellen. Das Bestreben nach günstigeren Arbeits� Bedingungen, insbesondere nach Abschaffung des Kost- und Logi»» zwanges und der damit im Zusammenhang stehenden Regelung der Arbeitszeit spielen im Schlächtergewerbe seit langer Zeit eine wichtige Rolle. Hier setzt auch im vorliegenden Falle der Streit ein. ES läßt sich auch nicht etwa die Auffassung halten, daß dieser Streit hier gegenstandslos geworden fei.... In zweiter Linie hat der Verband, wie der dem Kläger vorgelegte Tarifvertrags- entwittf ergibt, von vornherein die Forderung aufgestellt, daß der Kläger bei Neueinstellungen feine Gesellen vom Arbeitsnachweis des Verbandes beziehen solle. Auch diese Forderung kann dem Verbände von seinem Standpunkte auS nicht verargt werden, da ein solcher Arbeitsnachweis offensichtlich geeignet ist. die Macht des Verbandes, die er im Interesse feiner Mitglieder geltend zu machen behauptet, erheblich zu stärken. Diese Forderung bildet neben der parallel gehenden Forderung de» Verbandes, als Vertreter der Organisierten anerkannt zu werden, im Sinne deS Verbandes sogar den Hauptgegenstand des Streits, ungeachtet des Umstandes, daß die Arbeitgeber von ihrem Standpunkte aus berechtigtermaßen um» gekehrt JnnungSnachweis und direkten Verkehr mit den Gesellen und dem Gesellenausschuß wünschen- Die Jntercssen, die zur Ver» hängung deö Boykotts führten, mußten hiernach, und zwar selbst» wenn man von dem alsbald mehr in den Hintergrund getretenen Interessen der Regelung der Arbeitsverhältnisse ganz absieht und nur die Jntercssen der Anerkennung der Organisation und ihre? Arbeitsnachweises im Auge behält, als schwerwiegend genug er« achtct werden, um die Bcrhängung und Aufrechterhaltuag des Boykotts zu rechtfertigen. Wenn die Durchführung des Boykotts energisch betrieben wurde und vermöge der sttaffen Organisation des Verbandes wie der sozialdemokratischen Partei, der die Vcr- bandsmitglieder und die in Frage stehenden Konsumentenkrci-sc durchweg angehören, die Schädigung des Klägers zu einer sehr empfindlichen gestalteten, wie dies aus der Tatsache, daß sein Umsatz in den Monaten April bis Juli 1910 gegen die gleiche Zeit des Vorjahres um ca. 20 000 M. zurückging, erhellt, so kann auch diese naturgemäß« und ohne Zweifel beabfichtigt« Folge den Boykott nicht zu einem sittenwidrigen stempeln.... Die Art der Kundgebung durch Verteilung von Flugblättern, Abhalten einer Versammlung, Erlaß von Erklärungen im„Hamburger Echo" gibt gleichfalls keinen Grund zur Beanstandung. Im übrigen kann es nicht anerkannt werden, daß es, um daS Moment der Sittenwidrig- keit fernzuhalten, erforderlich gewesen sei, das Publikum in den verschiedenen Kundgebungen über den Anlaß de» Streites aufzu- klären. ES ist nicht einzusehen, inwiefern eS gegen die Anschauung aller billig und gerecht Denkenden verstoßen sollt«, wenn Standes- und Klaflengenossen, überhaupt alle durch ein gemeinsames kultu- relle» Band enge mit einander Berbundenen volles Vertrauen zu ihren Führern haben, derart, daß sie, auch ohne über den vielleicht verwickelten Sachverhalt näher aufgeklärt zu fein, der Weisung, in einer bestimmten Lage sich so und nicht anders zu verhalten, gehorchen. Im vorliegenden Falle ist aber das Publikum auch von vornherein über die beiden Anlässe de» Streites aufgeklärt worden. Sittenwidrig wäre, wenn eine Aufklärung gegeben wurde, die nur eine wahrheitswidrige Darstellung des Sachverhalts oder«ine Entstellung desselben gewesen.... Im weiteren wird ausgeführt, daß in dem hier vorliegenden Fall« die Angriff« gegen den Kläger nicht der- letzend und beschimpfend sind. Auch eine Beleidigung komm« nicht in Frage. Solle aber dennoch jemand in irgendeiner Aeußerung eine Beleidigung zu erkennen glauben, so müsse dem Beklagten auf alle Fälle der Schutz de»§ 193 St-G.B. in vollem Umfange zugebilligt werden. Dann heißt e» weiter: Der Appell an daS SolidarltätSgcfühl der Arbeiter allein kann die betreffenden LuS- tührungen nicht zu sittenwidrigen machen. Der Hinweis darauf, daß, wa» jeder einzelne von ihnen tun darf, auch alle zusammen tun dürfen, und daß im Sinne der Beteiligten da» gemeinsam« Haudel« der Gesamtheit wie dem einzelnen zum Borteile gereiche, ist nicht zu beanstanden. Ebensowenig ist da» mit dem Gebrauch von Schlagworten al» solchen der Fall. Wir empfehlen diese zutreffenden Ausführungen, die wenig» stenS ein Vertrautsein mit dem sozialen Leben widerspiegeln, recht vielen Richtern zur eindringlichen Beachtung. Ein gefährlicher Jugenbverführer« wurde gestern auf längere Zeit unschädlich gemacht. Wegen Ent- führung einer minderjährigen Person unter Anwendung von List hatte die 1. Strafkammer de» Landgericht» I unter Vorsitz de» LandgerichtSrat» Lampe gegen den Kurbelfticker Hermann Brunn» stein zu verhandeln. Der Angeklagte ist ein vielfach vorbestrafter Mensch, der wegen aller mögliches Vergehen und Verbrechen in»- gesamt ca. 8 Jahr« hinter DefängniSmauern zugebracht hat. Außerdem hat er sich wegen Betteln» und Arbeitsscheu mehrere Male im Arbeitshause befunden. Nach Verbühung seiner letzten Strafe zog er zu einer Frau H., mit der er näher« Beziehungen anknüpfte. Dort überredet« er den 12 jährigen Sohn der Frau H. dazu, das Eltcrnhau» zu verlassen und mit ihm in» Ausland zu gehen. Er fuhr mit dem Knaben nach London, wo er mit ihm da» deutsche Konsulat aufsuchte und um Unterstützung bat, die er auch erhielt. Er zog dann mit dem Jungen weiter herum und schickte ihn zum Betteln auf die Straßen, bi» dieser endlich aufgegriffen und nach Deutschland zurücktransportiert wurde. Bald darauf wurde auch der Angeklagte ermittelt. Im Laufe de» Verfahren» stellte es sich herau», daß der Angeklagt« den Jungen auch zu unsittlichen Zwecken mißbraucht hatte. Vor Gericht benahm sich der Angeklagt« trotz mehrfacher Rügen de» Vorsitzenden sehr dreist. Tl» er schließlich auch noch die Zeugin H. in der gemeinsten Weise beschimpfte, verhängte das Gericht gegen ihn ein« sofort zu vollstreckende Ordnungsstrafe von Z Tagen Haft. Die Sachverständigen, Medizinalrat Dr. Hosfmann und Oberarzt Dr. JuliuS, bezeichneten den Angeklagten als einen stark degene» rierten und geistig minderwertigen Menschen.— Der Staatsanwalt beantragte 6 Monate Gefängnis. Das Gericht ging jedoch mit Rücksicht auf die hohe Gemeingefährlichkeit de» Treibens des An- geklagten weit über diesen Antrag hinaus und erkannte auf 1�6 Jahre Gefängnis bei sofortiger Berhastung. Brillantenschieber. Recht zweiftlhafte Geschäfte mit sogenannten„Schieberbrillan- tcn" bildeten den Gegenstand eines umfangreichen Strafprozesses, welcher gestern unter Vorsitz de» Landgerichtsdirektors Lieber die 3. Strafkammer de» Landgerichts I bis in die Nachmittagsstunden hinein beschäftigte. Wegen Betruges in zwei Fällen und Untreue war der Juwelenhändler Heinrich Groth angeklagt. Der Angeklagte ist seit mehreren Jahren Juwelenhändler und r soll er, wie die Anklage behauptet, zu den sogenannten„Bril- lantenschiebern' gehören, die in gewissen Taft» in der Nähe der Börse ihr Domizil aufgeschlagen' haben. Trotzdem er erst kurz vorher den OffenbarungSeid geleistet hatte, befand er sich im No- vember 1909 im Besitze von Brillanten und anderen Edelsteinen, die angeblich einen Wert von über 29 lXX) M. hatten. Um sich Geld zu verschaften, trat er durch Vermittelung eine» Agenten, der sich auf ein Inserat hin gemeldet hatte, mit dem Heilanstaltsbesitzer Haedicke in Verbindung, der sich auf seine Bitten hin auch bereit erklärte, ihm ein Darlehn von 10(ZOO M. gegen Sicherheitsleistung zu geben. Haedicke erhielt von dem Angeklagten als Sicherheit Brillanten, die angeblich 16 000 M. Wert haben sollten. Die Brillanten sollten dann auf Grund eines sogenannten Rückkaufvertrage» gegen Zah- lung eines Aufschlages von 1000 M. für Zinsen und Provision dam yekauft habe, eiM julösen. Da Groth sehr sicher austrat, hafte keine Bedenken, d> e Brillanten auch ohne vorherige Schätzung anzunehmen. Bald.'darauf mußte er zu seinem Leidwesen er- fahren, daß die Brilhanten ganz minderwertige Steine waren, die von Sachverständige» c als sogenannte„Schieberware" bezeichnet wurden. Um sich vqr Schade» zu bewahren, wandte der Herein- gefallene ein ebenso muginelles wie gewagtes Mittel an. Er bestellte den Angeklagten unter dem Vorwande, daß sein Schwiegervater Juwelen kaufen wolld:, zu sich in die Wohnung. Als der Angeklagte dann einen größeren Posten Brillanten ausgepackt hatte, griff H. mit beiden Händen au rcnd verschwand mit den Juwelen im Neben- zimmer. Der nunmehr selbst hereingefallene Angeklagte begann zu schimpfen und zu tol,en, mußte sich schließlich jedoch bereit finden, einen Wechsel über Sl>V0 Äst., den er bei sich trug, als weitere Sicherheit zu geben, so da� ihm die Brillanten wieder ausgehändigt wurden. Später allecdiwzs stellte eS sich heraus, daß Groth den fraglichen Wechsel vo /> ernem Ingenieur MattheS zum Diskont er- halten und somit selbst gar kein Eigentumsrecht daran hatte. Die Folge war, daß geg/:n ihn auch noch Anklage wegen Untreue er- hoben wurde. Zur Anklage stand außerdem noch ein zweiter Be> trugsfall, in welchem der Angeklagte in ähnlicher Weise vorge- gangen war. Er l/atte von einem Kaufmann Edmund Franzkowiak ein Darlehn von 5000 M. erhalten und dafür Brillanten verpfändet, die angeblich 7005/ M. wert sein sollten, bei dem späteren Verkauf aber noch nicht 1ö00 M. brachten.— In dieser Sache hatte sich G. schon einmal im. Mai d. I. vor der 8. Strafkammer zu verant- Worten und war von dieser zu IK Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dieses Urteil wurde jedoch wegen emeS Formfehlers vom Reichsgericht aufgehoben. In der gestrigen Verhandlung bezeichneten die Sachverständi- gen, Kommerzfenrat Sy, Hülse und Walthrr die in Frage kommen- den Brillanten als minderwertige Schieberware, die keinesfalls den von dem Angeklagten behaupteten Wert von 13 000 bezw. 7000 M. habe. Der von der Verteidigung geladene Juwelier SchSlzky be- zeichnete die Juwelen im Gegensatz hierzu al» gute Mittelwar«» die bei sachgemäßem Verkauf sehr wohl einen Wert in Höh« da gegebenen Darlehen habe.— Der Staatsanwalt beantragte Wiedsrum eine Gefängnisstrafe von 1� Jahren und 8 Jahr» Ehrverlust. Die Verteidiger, Rechtsanwalt Stubel und Dr. Frey, hielten zum mindesten die Freisprechung von der Anklage des Betrüge» für geboten, da es sich für die Geldgeber, die außergewöhnlich hohe Zinsen berechnet hätten, um ein sogenannte» Rlfikogeschäft ge- handelt, bei welchem sie bei sachgemäßem Verkauf der Steine vor Schaden bewahrt geblieben wären.— DaS Gericht schloß sich dieser Auffassung an und erkannte wegen der Betrugs fülle auf Frei- sprechung. Dagegen wurde G. wegen der Untreue bezüglich de» Wechsels zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt, die aber durch die erlittene Untersuchungshaft al» verbüßt erachtet wurden. Der An- geklagte wurde außerdem auf freien Fuß gefetzt, :» feh daS Bargeld fehlte, um andere kostbare Juwelen, die er in Lmster- KW?««.v-; WM ; v y•.''.i: yj■'.''i-f..' So« Warn Ii n � � kommt vielfach vor, das« Hindier w Erwartung einet grossen VV al II Uli. nachtsgeschlfts sich grosse Vorräte angeschafft haben, die dann RSehvt« Auszeichnung der Branche Int. Hygiene- Ausstellung Dresden 1511. __ w elh- nachtsgeschäfts sich grosse Vorräte angeschafft haben, die dann nicht abgehen und att werden. Solche altgewordene Margarine ist natürlich nicht mehr gut bekömmlich und sollte man diese keineswegs kaufen. Die Milkt- Verkaufs-Stellen haben es nicht nötig, sich Vorräte hinzulegen; denn unsere Ausfahr-Wagen fahren täglich bei jeder Verkaufsstelle vor und liefern nur den Tagesbedarf ab.(Ancfa jetzt zwischen den Feiertagen.) So ist gewährleistet, dass die geehrten Hansirauen, welche Milka-Tafd- Margarine verbrauchen, bei ungern Verkaufastellen immer nur frische Tages• Ware erhalten. Nur rnuss man darauf achten, dass man auch wirklich echte Milka erhält Jedes Stück ist mit der Schutzmarke versehen. Alle Verkaufsstellen sind durch unsere bekannten Milka- Plakate gekennzeichnet Der Verkauf geschieht aus der Glocke auf dem Ständer. Wir vergeben noch Verkaufsstellen in Gegenden, wo noch keine solche ist, an bessere Kolonialwaren- und Mehl« gcschäfte und wollen Reflektanten etwaige Gesuche richten an das Milka-Depot, Ostbahnhot, Goldene Medaille Milka exquisit Tafel-Margsäu Die sämtl Verkaufsstellen sind durch nebenstehende Schilder u. Piakate gekennzeichnet l-m-rqia Buchhandlung Vorwärts Lindeustratze«9'Laden». Für dte Keichstagsivahlen 1912 Handbuch für sozialdemokratische Wähler Der Reichstag 1907— 1911 PreiS geb. 5 Mark MchllWu der börgeriiltzkii Narteicii Sine Sammlung und Widerlegung der von den bürgerlichen Parteien zur Verleumdung der Sozialdemokratie und der sozialdemokratischen Vertreter verbreiteten Lügen Zweite veränderte Auflage Preis geb. 2 Mark Die Sozialdemokratie im Urteile ihrer Gegner Da» Buch bringt ewe Zusammenstellung von Urteilen, bia von gegnerischer Seile über die Sozialdemokratie gesällt worden sind und zwar Urteile günstiger Art. 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Martin Lutherftr. 69. im Laden. bipandau, Wonnendamm, Staaken, Seegefeld und Falken hagen: K ö p p e», Breitestr. 64. Tegel, Borsigwalde, Wittenau, Waidraannslnst, llcrmsdorf und Belnlckendorf« West: Paul Kienast, Borfigwalde. Räufchftraße 10. Teltow: Wilhelm Bonow, Teltow, Berlin« Str. 16. Tempelhof: Frantz, Berlin« Straße 76, Laden. Treptow: Rod. Granienz, KiesHol»straße 412, Laden. Weivensee: K. Fuhrmann,«redanstr. 105, parterre. Wilmersdorf-Itzalensee-Schmargendorf: Paul Schubert, WiHelmSaue 26. Reuthen, Miersdorf: Ernst Hüttig, Zeuthen, Dorfstr. 15. Sämtliche Parteititeralur sowie alle wissenschaftlichen Werte werden gelles«t. llltli Grimn), b«ih wo.. Landsberger Allee 28 Fernsprecher: Amt KSnlgstadt Mo. 90.— Bestellungen frei Haut. Zum Silvester! Empfehle einer besonderen Beachtung, soweit Vorrat reicht: Lebende Edelkarpfenl eS Jahres war ein schmerzlicher Verlust für die Partei, besonders für die proletarische Frauenbewegung. Am 8. starb die Genossin Emma Ihrer. Doch nicht nur eine Trauerkunde, sondern auch fruchtbringende Arbeit für die proletarische Bewegung brachte der 8. Januar. An diesem Tage fand eine Konferenz der Jugendausschüsse der Provinz Brandenburg statt. Ein Arbeiterjugendhcim für Lichtenberg- Friedrichsfrlde wurde eröffnet. Fünf Jugendversammlungen in denen unpolitische Vorträge und Vorlesungen gehalten werden sollten, wurden unberechtigterweise durch die Polizei aufgelöst. Am 10. wurde Genosse Barth als verantwortlicher Redakteur des„Vorwärts� wegen angeblicher Beleidigung der Solinger Polizei zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Am 11. fällte die dritte Strafkammer das Urteil in dem großen Moabiter Krawallprozcß, der in einer zwei Monate währen- den Verhandlung eine Fülle von groben polizeilichen Ausschrei- tungcn. Mißbrauch der Waffen und der Amtsgewalt zutage ge- fördert hatte. Der Prozeß und das Urteil zerstörten völlig die von der reaktionären Presse verbreitete, auch in der Anklage aufge- stellte Annahme, die Berliner Parteileitung habe die Straßen- unruhen, die sich an den Streik bei Kupfer u. Co. knüpften, ange- stiftet. Am 12. nahm der in der Neuen Philharmonie abgehaltene Deutsche Heimarbeitertag Stellung zu dem Gesetzentwurf über den Heimarbeiterschutz. Am 15. beschäftigte sich die Konferenz der Gcmeindevertreter Groh-Berlins mit dem Gesetzentwurf über den Zwangs-Zwcck- verband. Am 22. veranstalteten die Parteigenossen, nachdem die preu- ßische Regierung kundgegeben hatte, daß sie an eine Verbesserung des DreiklassenwahlrechtS nicht denkt, eine Wahlrechtsdcmonstration in 70 Versammlungen. Am 23. erging da? Urteil des Schwurgerichts im Moabiter Arawallprozeß. Am 25. wurde der Streik der Fensterputzer der Glaserinnung nach längerer Dauer mit Erfolg beendet. Am 29. nahm die Generalversammlung des Kreise» Nieder- barnim den Vorstandsbericht entgegen und stellte ihren Reichstags- kandidaten auf. Wieder riß der unerbittliche Tod eine Lücke in die Reihen unserer Kampfgenossen. Am 30. starb Genosse Geyer in Oberscköne- weide und Genosse Emil Voigt, als Stadtverordneter und bewährter Mitkämpfer im vierten Wahlkreise bekannt. Am 31. erschütterte uns die Schmerzenskunde vom Ableben drS Genossen Paul Singer. Lluch der Monat Februar setzte mit einer Trauerbotschaft ein. Am 2. starb Genosse Ferdinand Krüger in Bernau, ein Mit- Begründer des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins. Am 5. bereitete die Partei ihrem unvergeßlichen Paul Singer ein imposantes Leichenbegängnis. jw Am 7. hielten die sechs Berliner Wahlkreise Generalvrrsamm- luvgen ab, wo die Vorstandsberichte erstattet, die Wahlen zur VerbandS-Generalvcrsammlung vorgenommen und die Reichstags� kandidaten aufgestellt wurden. Am 12. stellte eine imposante Buchdruikerversammlung in der Neuen Welt ihre Forderungen für die Tarifberatung auf. Die an demselben Tage vollzogene Wahl zum Kaufmann?- gericht in Berlin brachte einen großen Erfolg des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen und eine Schlappe für die Deutschnationalen und die Hirsch-Dunckerschcn. Am 14. stellten zehn Frauenversammlungen ihre Forderungen auf gegenüber der unzureichenden Witwen» und Waisenfürsorge im Entwurf der Reichsversichcrungsordnung. Am 19. nahm die Generalversammlung de» Wahlkreises Teltow-BeeSkow den Vorstandsbericht entgegen und stellte ihren ReichStagSkandidaten auf. Am 24. beschlossen die Klempner, in eine Lohnbewegung einzutreten. Am 20. fand die Generalversammlung de» Verbände» sozial- demokratischer Wahlvrreine Groß-Berlins statt, wo der Borstands- Bericht gegeben wurde. Die KaufmannSgerichtSwal, le» in Schöneberg, die am 26. vor- genommen wurden, endeten mit einem glänzenden Erfolge des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen. Am 26. tagte in der Neuen Welt eine große Versammlung der Eisenbahnhandwerker und-Arbeiter, in der auf ausdrückliches Verlangen Genosse Ströbel sprach, was später Anlaß zu„staatS- treuen" Gegenkundgebungen gab. Marz. Am 1. protestierte eine Versammlung der krankenkassenangc- stellten gegen die Bedrohung ihrer Existenz durch die ReichSver- ficherungSordnung. Am 3. fällte das OberverwaltungSgcricht«in Urteil gegen den Mixborfer Wahlrechtsraub. Die nach dem anderthalbfachen Durch- schnitt aufgestellte Gcmeindewählerliste für 1909 wurde als un. gültig erklart. Am 7. wurde eine Lohnbewegung der Bäcker durch zwei große Versammlungen beschlossen. Am 13. wurde di- Schönebcrger Jugendorganisation durch den Polizeipräsidenten ausgelöst. Am 18. gedachte die Arbeiterschaft, wie alljährlich, der gefalle- nen Freiheitskänipfcr durch Ricderlcgung von Kränzen an den Gröbern im FricdrichShain. Am 19. fand der Frauentag statt, eine imposante Kundgebung der proletarischen Frauen für daS Fraucnwahlrecht. Am 21. stellte eine in der Neuen Welt abgehaltene große Ler- fammlung dcS VuchbindcrverbandcS ihre Forderungen für die Tarifberatung auf. Gleichzeitig hielten die Genossen im vierten RcichStagswahl- kreise 8 öffentliche Versammlungen zur Agitation für die Nach- wähl ab. Am 28. verurteilte das Gericht den Genossen Mermuth als verantwortliche' Redakteur d�S..Vorwärts" wegen angeblicher Polizeibeleidigung zu 200 M., nachdem cS den angebotenen Wahr- heitSbeweiS über Ausschreitungen von Polizribcamtrn bei den Auf- laufen am Wedding abgelehnt hatte. April. Am 4. brach im Betriebe der Allgemeinen ElektrizitätS-Gesell- schuft in der Brunnenstraß« xjn Streik der Transportarbeiter aus. Am 8. legten die HandelSgärtncrgchilfen die Arbeit nieder, um die Bewilligung ihrer Lohnforderungen zu erzwingen. Am 9. beschloß die Generalversammlung dcö Verbandes sozial- demokratischer Wahlvereine Groß-BerlinS die Errichtung eines Maifonds und lehnte die Schaffung einer MontagSausgabe des .Vorwärts" ab. Am 10. fand die Nachwahl im vierten Kreise statt. Tos durch den Tod Singers freigewordene Mandat wurde dem Genossen qfichner übertragen. Am gleichen Tage stimmten die Militärfchneider einem mit den Unternehmern vereinbarten Tarif zu. Am 11. beendeten die Tapezierer ihre» Streik durch Annahme eines Tarifvertrages. Am 12. konnten die Lackierer auf das Löjährige Bestehen ihrer Organisation zurückblicken. Am 16. wurde der Parteibewegung wieder ein schmerzlicher Verlust bereitet durch den Tod des Genossen Hermann Borgmann. Am 17. tagte im Gewerkschaftshause die erste Reichskonferenz der Vcrsicherungsangcstellten, einberufen vom Zentralverband der Burcauangestellten. Am 18. beschlossen die Transportarbeiter die Aufhebung des Streiks in der A. E. G. Am 21. fand eine Flugblattverbreitung zugunsten der Jugend- bewcgung statt. Am 23. geleitete die Arbeiterschaft den Genossen Borgmann zu Grabe. Am 28. protestierten 17 Volksversammlungen gegen die reak- tionäre Gestaltung der Reiö�versicherungsordnung. Zwei Tage vorher war ein Flugblatt zur Agitation für diese Versammlungen verbreitet worden. Gegen die ReichSversichcrungSordnung nahmen Stellung am 29. der Kongreß der Freien Hilfskaffen, am 39. der Deutsche Krankenkassenkongreß und der Krankenkassenbcamtentag. Am 29. teilte der„Vorwärts" die polizeiliche Auflösung der Ttcptowcr Jugendorganisation mit. Mai. Am 1. beging die Arbeiterschaft in gewohnter Weise den Weltfeiertag der Arbeit. Am 3. wurde Genosse Barth als verantwortlicher Redakteur des..Vorwärts" wegen angeblicher Beleidigung von Mitgliedern der Eisenbahndircktion zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Am 9. traten die Bauklcmpncr in den Streik, weil die Unter- nehmer ihre Lohnforderungen nicht bewilligen wollten. Ter 16. brachte wieder eine Episode vom Nixdorfer Wahlrechts- raub. Der Bezirksausschuß erklärte die im November 1910 voll- zogenen Stadlverordnetenwahlen für ungültig, weil bot Auf- srellung der Wählerliste Verstöße gegen gesetzliche Bestimmungen vorgekommen waren. Am nämlichen Tage stimmte eine große Bäckerversammlung dem über ihre Tarifforderungen gefällten Schiedsspruch des Eini- gungsamte» zu, den aber die Meister ablehnten. Am 17. wurde der Streik der EisenkoustruktionSarbeiter pro- klamiert. Am 26. beschlossen die Bäcker den Streik, der durch da? ab- lehnende Verhalten der Meister unvermeidlich geworden war. Zu- gunstcn des Streiks wurde durch die Parteiorganisation ein Flug- blatt verbreitet. Am 27. beging die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend die Einweihungsfcier ihrer eigenen Bäckerei und Berwaltungs- lokalitäten in Lichtenberg. Juni. Am 7. wurde der Väckerstreik beendet. Die Streikenden hatten mit Unterstützung der Arbeiterschaft gute Erfolge erzielt. Die Parkettbodenleger beschloffen am 7. den Streik. Am gleichen Tage nahm die Berliner Gewerkschaftskommission ihren Jahresbericht entgegen, der einen erfreulichen Fortschritt im Berliner Gcwerkschaftsleben konstatierte. Am 11. wurde das Arbeiter-Jugendheim in Charlottenburg feierlich eröffnet. Am 14. wurde Genosse Grunwald an Stelle deS verstorbenen Genossen Borgmann als Stadtverordneter gewählt. Am 13. wurde uns Genosse Maynhardt in Lichtenberg, der schon unter dem Sozialistengesetz für die Partei gekämpft hatte, durch den Tod entrissen. Am 22. beschlossen die Eisenkonstruktionsarbeiter die Auf- Hebung des Streiks, der einen teilweisen Erfolg gebracht hatte. Gleichzeitig stimmten die Portcfeuillcr einem mit den Unter- nchmcrn vereinbarten Tarifvertrage zu. Am 30. hatten die Genossen"in NowaweS den Tod des Ge- mcindevertreterS Karl Gruhl zu beklagen, eines alten Genossen, der sich schon unter dem Sozialistengesetz bewährt hatte. Juli. Am 4. fand wieder eine WahlrechtSdemoustratio» in 31 Ver- fammlungen statt. Ain 9. hielt der Arbciter-Turnverein„Fichte" feine Jahnfeier unter massenhafter Beteiligung im Treptower Park ab. Am 14. verbreiteten die Genossen Berlins ein Flugblatt, welches zur Einsicht der Gcmeinbewählcrlistc aufforderte. Am 18. stellte eine große Versammlung der Former und Gicßcreiarbcitcr ihre Forderungen für die Lohnbewegung auf. Am 23. nahm die Generalversammlung des Kreises Nieder- barnim Stellung zum Parteitag. Am 23. fand aus Anlaß der Marokkoaffäre eine große Friedensdemonstration in der..Neuen Welt" statt, wo französische Gewerkschaftsvertreter zu Berliner Arbeitern sprachen. Am 30. beschloß eine große Versammlung der Buchdrucker ihre Anträge zur Tarifberatung. August. Am l. nahmen die Generalversammlungen der sechs Berliner Wahlkreise Stellung zum Parteitag und zur Generalversammlung. Am 13. beschäftigte sich die Generalversammlung dcö KreifeS Teltow-BeeSkow mit derselben Angelegenheit. Am 20. fand die Generalversammlung de» Verbandes sozial- demokratischer Wahlvercine Groß-BerlinS statt, die nach Erlcdi- gung der geschäftlichen Beratungen gegen die auS Anlaß der Ma- rokkofrage veranstaltete Kriegshetze protestierte und für den Völker- frieden demonstrierte. Am 23. begann der Streik der Elcktromontenre. Die Tabak- orbeirer beschlossen, in eine Lohnbewegung einzutreten, um den aufgestellten Tarif zur Anerkennung zu bringen. Am 26. wurde im Gewerkschaftshause der VerbandStag der Porzellanarbriter eröffnet. Am 27. tagte die Parteikonferenz für die Provinz Branden- bnrg. Außer dem Geschäftsbericht standen die ReichStagSwahl und die Jugendfürsorge auf der Tagesordnung. Am gleichen Tage verlor der vierte Wahlkreis durch den Tod dcS Genossen Gottfried Hcrrmann einen alten Kämpfer, der sich schon zur Zeit des Sozialistengesetzes bewährt hatte. Am 28. beschlossen die Klavierarbeitcr, eine partielle Lohn- bcwcgnnz ins Werk zu letzen. Am 3!. bestätigte das Landgericht ein Urteil de? Scköffcn- gerichts, welches den JugendauSschuß für Groß-Berlin als voli- tischen Verein erklärt und den Genossen Kurt Rosenfeld als Ob- mann desselben wegen Uebertretung deS LereinSgefetzeS verur- teilte. September. Am 3. veranstalteten die Parteigenossen Groß-BerlinS eitle imposante Friedensdemonstration im Treptower Park. Am 4. wurde Genosse Barth als verantwortlicher Redakteur dcS„Vorwärts" zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sich ein Unternehmer durch einen Bericht über eine Verhandlung vor dem Jnnungsschiedsgericht beleidigt fühlte. Am 15. traten die Metallarbeiter der MilitSrauSrüstungS- brauche in den Streik. Am 18. wurde der Streik der Elektromontcure mit teilweisem Erfolge beendet, Am 20. standen 18 jugendliche Personen beider Geschlechter vor dem Schöffengericht Weißenfee unter der Anklage, sich an einer politiichen Bersammlnng, nämlich der Jugendorganisation, bc- teiligt zu haben. Sie wurden frcigctprschen. Die Anklagebehörde konnte nicht beweisen, daß die Weißeuseer Jugendorganisation ein polinicher Verein sei. Am 22. wurde Genosse Barth, weil der„Vorwärts gegen un» wahre Behauptungen des Rcichsverbandes polemisiert hatte, wo- durch sich ei» Angestellter des Reichsverbandes beleidigt fühlte, zu drei Wochen Gefängnis verurteilt.. Bericht und Diskussion Uber den Parteitag fanden am 24. i« Wahlkreise Niederbarnim und am 26. in den sechs Berliner Wahl» kreisen statt... Am 27. stimmte der Verband der Kupferschmiede einem Mit den Unternehmern vereinbarten Tarif zu. Am 28. wurden vor Gericht verschiedene Ausschreitungen von Polizcibeaintcn festgestellt» die am Wedding aus Anlaß des Streits beim Fleischer Morgenstern begangen waren. Trotzdem wurde ver angeklagte„Vorwärts"-Redaktcur Mermuth zu einer Geldstrafe von 20» M. verurteilt. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt: Was auch die Poilzeibeamten getan haben mögen— sie dürfen nicht als Knüppelgardisten bezeichnet werden. Am 30. schloffen die Wnschearbeiter einen Tarif mit den or» ganisierten Unternehmern ab. Die Buchbinder der GcschäftSbüchcrbranche legten am gleichen Tage die Arbeit nieder, weil ihre Tarifsovderungen nicht anerkannt wurden. Oktober. Am 2. wurde in mehreren Wäschefabriken, die den Tarif nicht anerkannt hatten, die Arbeit niedergelegt. � Am 6. hoben die Buchbinder ihren Streik auf, da der Tarif für die Geschäftsbücherbranche inzwischen zustande gekommen war. Am 7. wurden die Lithographen u»d Steindruckcr ausgesperrt, weil sie keine Streikarbeit für andere Orte anfertigen wollten. An demselben Tage traten die Former und Gicßereiarbeitcr in den Streik. Sie l?atten sich lange vergebens bemüht, mit den Unternehmern einen Tarif zu vereinbaren. Am 9. forderte eine große Versammlung der stadtischen Ar. beiter Berlins Teuerungszulagen.— Tie Schneider der Stapel» konfektion stimmten einem Tarif zu. Am 10. starb Genosse Gnftav Reuter, ein Parteiveteran aus der Zeit des Sozialistengesetzes. Am 15. nahm eine große Versammlung der Buchdrucker rm Sportpalast den Bericht über die Tarifverhandlungen entgegen und stimmte dem Ergebnis derselben zu. Gleichzeitig tagte in der„Neuen Welt" eine Versammlung der Eisenbahnarbciter. Der Vorsitzende verhinderte den Landtags- abgeordneten Adolf Hoffmann, zu reden. Die Mehrheit der Ver» fammlung zog nach Happolds Brauerei,'wo Hosfmann ungehindert sprach. Am 17. fanden in Groß-Berlin Massenversammlungen gegen die Vcrtcncriing der Lebensmittel statt. Zwei Tage vorher war eine Flugblattverbreitnng zugunsten der Versammlungen erfolgt. Am 19. forderte eine von freigewerkschaftlicher Seite ein» berufene Versammlung von Eisenbahnarbeitcrn Teuerungszulagen und protestierte gegen die Beschränkung des KoalitionSrechts durch die Eisenbahnbcbörden. Am 24. erfolgte die Aufstellung der Kandidaten zu den Stadt- verordnetenwahlcn. November. Am 3. wurde die Lohnbewegung der WLschcarbeitcr beendet, da der Tarif von allen organisierten Fabrikanten anerkannt war. Tie am 5. vollzogenen Stadtverorductenwahlen in Berlin und Eharlottenburg brachten der Sozialdemokratie einen glänzen- den Sieg. Die Partei eroberte in Berlin fünf, in Eharlottenburg vier neue Mandate. Am 9. forderte ein« Versammlung der AnwaltSangcstcllten unter Hinweis auf die Teuerung Gehaltserhöhung. Am 11. blickten die Berliner Brauereiarbeiter auf daS 25jährige Bestehen ihrer Organisation zurück. Am 12. veranstalteten die Parteigenossen wieder eine große Friedensdemonstration anläßlich de? Krieges zwischen Italien uwd der Türkei. In 12 Versammlungen sprachen neben deutschen Ge» nassen bekannte ausländische Vertreter der Sozialdemokratie. Tie am 14. vollzogenen Stodtverordnctcnwahlcn in Schöne- berg brachten unserer Partei drei neue Mandate. Am gleichen Tage bestätigte da? Kammergericht da» Land- gerichtsurtcil, welches den JugendauSschuß für Groß-Berlin als einen politischen Verein erklärt. Am 17. stimmten die Spcichereiarbciter einem mit den Unter- nehmern vereinbarten Tarif zu. Am 18. hatten die Genossen deS sechsten Wahlkreises den Tod eines alten Mitkämpfers, Rcinbold Leskau, zu beklagen. Am 19. brachten uns die Stadtvcrordnctcnwahlcn in Lichten« berg einen Sieg in fünf Bezirken. Am 20. stimmten die Arbeiter der Herren-Stavelkonfektiotl einem mit den Zwischenmeistcrn abgeschlossenen Tarif zu. Am 21. wurde an Stelle des verstorbenen Genossen Borgmann als LandtagSabgeordnetcr für den fünften Bezirk Julian Borcherdt gewählt. Am 22. wurde der Streik in der Damenkonfektion von den Zwischenmeistcrn, Arbeitern und Arbeiterinnen gemeinsam be- schloffen. Am 25. erbeutete die Polizei bei einer Haussuchung in der Buchhandlung„Vorwärts" sieben„aufreizende" Liederbücher. Am 30. erfolgte die Aussperrung der Metallarbeiter aus Anlag des Formcrstreiks. Dezember. Am 6. wurde der Foruicrstrcik beendet, nachdem eine Verein, barung mit den Unternchmern zustande gekommen war. An demselben Tage wurden die Isolierer ausgesperrt wegen eines bei zwei Firmen bestehenden Konflikts. Am 11. erging ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts. welches, dem Verlarigen des Polizeipräsidenten entsprechend, die Freie Volksbühne unter Zensur stellt. Am 12. fanden 42 Versammlungen statt, durch welche der schon seit längerer Zeit geführte ReichstagSwahlkampf auf breitester Grundlage entfaltet wurde. Am 13. wurde der Streik in der Damenkonfektion abgebrochen, weil das Verhalten arbeitswilliger Zwischenmeister einen Erfolg zur Zeit nicht erwarten ließ. Am 18. wurden infolge des Kampfes der Lithographen und Steindrucker die Kartographen deS„Phorus"-Verlagcs ausgesperrt. Am 21. beschloß eine Bersammlung der Mützenmacher, dem Verlangen der Unternehmer nach Einführung der Akkordarbeit nicht nachzugeben und es auf einen jYampf ankommen zu lassen. Am 23. erhob eine Versammlung der Straßenbahnangcstclltcn Protest gegen die Maßregelung von VerbandSmitgliedcrn, welche die Direktion der Großen Berliner unmittelbar vor Weihnachten vorgenommen hatte. Im Zeichen drS RcichStnaswahlkampfeS, der durch die Weih- nachtrage eine kurze Unterbrechung erfahren hatte, standen noch die letzten Tage des alten Jahres. Durch Verbreitung von Flug- blättern und Abhaltung von Wählerversammlungcn agitierten unsere Genossen für die Partei. Der unermüdlichen Aufklärungs- arbeit wird— deß sind wir gewiß— der Erfolg nicht fehlen, auf den die Sozialdemokratie am Wahltage, dem bedeutung�ollsten Ereignis des neuen Jähre», zurüMickez» wird� Theater und Vergnügungen Gonnabend, 30. Dezember ISN, Anfang 3'/, Uhr. Neues Tchaufptclhaus. Alchen« brödel. Anfang 4 Nhr. vrauia. Tanbcnstrafte 48/49. Gchdimiisse der belebten Natur. Weste«. Max und Moritz. Thalia. Sncewitlchen. Belle-Sllliance. Dornröschen. Luisen. Wie Klein�EIsc daS Christ- lind suchen ging. Rose. Eisköuig und Koldprinzeßchcn. Walhalla. Ter kleine Däumling. Anfang 6'/, Uhr. Deutsches. Faust. 2. Teil. Ansang VI, Uhr. K. Opernhaus. Der Rosenkavalier. K. Schauspielhaus. Benthefilea. oberland. Spezialiläten. ..irkus Busch. Gala-Vorstcllung. Zirkus Schnmaun. Gala> Vor- ftellung. Aniang 8 Ubr. Urania. Taubrnstraste 48/49. Aus dem Leben des Meeres. Neues Kgl. 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Sonnt, nachm. 3 Uhr und Montag >'/, Uhr: MM Das Mädel von nachm. 3'/. Montmartre. Crcvelte: Urltnl Massarz� eater. Abend» 8 Ul' Ein Walzer von Chopin. Morgen und folgende Tage: Ei» Walzer von Chopin. Sonntag, 31. Dez.(Silvesterabend) 7 Uhr: Ein Walzer von Chopin. Sonntag. 31. Dez.(Giwesternach- mitiag) 3 Uhr: VollSvorstcll.: Nach dem Lpcrnball. I» der Sil- vesternacht. Der selige Oktave. Suisen-Meatcr. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Wie Kleiu-Else daS Christkind suchen ging. AbmdS s Uhr: I» Dunkel gehüllt. Urania, Wiasenachaftliches Theater. Nachm. 4 Uhr: Gehelmnisse der belebten&atar. 8 Uhr Dr. Bemdt: Aas dem Leben des Meeres. Theaier des Westens. 8 Uhr: Fatlnltsa. Sonnab. u. Mittwoch 4 Uhr: Max und Morift. Sonntag zum erstenmal: Wiener Blut. Ans. 7 Uhr. Sonnt, nachm. 3 und Moni, nachm. 3'/, Uhr: Fatinifta. K el I«-.4.1 Ii lmee-l'li eator. Heute 4 Uhr letzte Kindervorstellung: Dornröschen. 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Der Verkehr im Dezember ist noch erheblich stärker und übersteigt den des gleichen MonatS im Borjahre(erste Vergleichsmöglichkeit) bereits um 21 Prozent. Die kürzlich von einem hiesigen Blatte gebrachte Notiz über eine Verkehrsabnahnie ist insofern irrtümlich, als eS sich nur um den naturgemäßen Rückgang des Verkehrs während der Reife- und Ferienzeit handelt. Bei der Berliner Hoch- und Unter- grundbahn ging der Verkehr von 6 092 000 im Dezember 1910 auf 4 067 000 im August 1911, also um 63'/« Proz., bei der Schöneberger Untergrundbahn von 677 000 im Dezember 1910 auf 467 000 im August 1911, d. i. um 31 Proz. zurück. Stadtbaurat Egeling bestätigt. Stadtbaurat Egeling, dessen Amtspcriode Ende dieses Jahres ablief, ist, wie berichtet, vor kurzem auf weitere zwölf Jahre wiedergewählt worden. Diese Wahl, die zu Differenzen in der liberalen Fraktion des Schöneberger Stadt- verordnetenkollegiumS Veranlaffung gab, ist jetzt von der Potsdamer Regierung bestätigt worden. Einen tragischen Tod fand gestern daS ein Jahr alte Töchterchen der Witwe Werner aus der CheruSkerftr. 12. Die Kleine lag in ihrem Bette, während die Mutter daneben faß und an eine Jacke Knöpfe nähte, die sie auf das Bett deS KindeS gelegt hatte. Das Kind spielte mit den Knöpfen und steckte einen derselben in den Mund. Plötzlich bekam das Mädchen einen Hustenanfall, wobei der Knopf in die Luströhre der Kleinen geriet. Die Mutter holte sofort einen in der Nähe wohnenden Arzt herbei; doch ehe derselbe eintraf, war die Kleine bereits erstickt. Tie Leiche des bedauernswerten Kindes wurde polizeilich beschlagnahmt und nach der Halle in der Maxstraße gebracht. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Zunächst wurden die Wahlen der Herreu Pieck, Schob, Walter und Berlin für gültig erklärt. Eine längere Debatte rief die Weiterverpachtung des Pferdemarktgrundstückes hervor. Bisher war die Unionsbrauerei ffZächterin des Grundstücks für jährlich 5200 M. Sie hatte dasselbe an den Restaurateur Guski weiter verpachtet. Da nun der Pacht- vertrag im Jahre 1912 abläuft, so hatte der Magistrat bei der Brauerei angefragt, ob sie den Pachtvertrag verlängern wolle. Diese lehnte ab, weil die Pacht angeblich zu hoch war. Der Nc- staurateur Guski,, der hiervon wohl Kenntnis erlangt hatte, reichte nun selber ein Pachtgebot, und ztvar in Höhe von 5600 M. jährlich ein. In der vorigen Sitzung hatte der Magistrat die Vor- läge eingebracht, das Grundstück an Guski zu verpachten. Die Vcr- sammlung gab die Vorlage wegen Feststellung der notwendigen Reparaturarbciten an die Baudeputation zurück. Inzwischen er- schien nun ein Vertreter der UnionSbrauerei beim Magistrat und erklärte, sie wollte den Pachtvertrag für denselben Preis, den Guski geboten, also 400 M. mehr, verlängern. Der Magistrat, dem die Brauerei wohl sicherer war als der Restaurateur, machte nun- mehr«in« neu« Vorlage, und zwar dahingehend, das Pferdemarkt- grundstück an die UnionSbrauerei für den erhöhten Preis zu der- pachten. Die Versammlung mißbilligte aber ein solches Hin und Her deS Magistrats und beschloß, das Grundstück an den Nestau- rateur GuSkl zu verpachten. Somit ist die Brauerei auf den Pfropfen gesetzt.— Die Versammlung beschloß, die alten hundert- jährigen Kastanienbäum« in der Feldstratze, welche den dortigen Anwohnern viel Licht und Luft wegnehmen, da sie zu dicht an den Häusern stehen und auch teils schon absterben, niederzulegen und durch Neuanpflanzungcn zu ersetzen.— Daß die Herren Haus- besitzer stets ihr Jnteresie wahrzunehmen verstehen, bewies eine Vorgartenangclegcnheit in der Moltkestratze. Dort sind noch zwei Vorgärten vorhanden. Der eine gehört dem Schlossermeister Lehnshacke und der andere dem Tischlermeister Stadtvcrord- Treten G r u n o w. Ersterer will seinen Vorgarten jetzt hergeben, wenn ihm die Stadt auf sein Grundstück eine 1. Hypothek von 100 000 M. auf 15 Jahre gibt. Der Magistrat hatte beantragt, darauf einzugehen, und die Versammlung erklärte sich gleichfalls damit einverstanden. Gelegentlich dieser Verhandlung erklärt« nun euch der Stadtverordnete G r u n ow, gegen den schon das Eni- eignungsverfahren eingeleitet ist, wenn man ihm einen gewissen DiSpenS für sein Fabrikgrundstück gebe, werde auch er den Vor- garten hergeben. Der Oberbürgermeister Koeltze sagte auch diesen Dispens zu, und so wird denn auch der letzte Vorgarten in der Moltkestraße fallen, und die beiden hartnäckigsten Gegner haben doch noch etwas für sich herausgeschunden.— Einen Hauptteil der Beratungen bildete die Genehmigung zur Aufnahme einer Anleihe von 305 000 M. zum Ankauf des Gutes Wansdorf. Wie von fach- verständiger Seite erklärt wurde, ist«in Teil der 5000 Morgen großen Hüter für Riese'ungSanlagcn gut zu verwerten. Der Kaufpreis beträgt 2 550 000 M. Da man vor Ablauf von drei Jahren nicht dazu kommen wird, die Rieselungsanlage zu errichten, da noch verschieden« Vorarbeiten und event. Einsprüche zu erledigen sind, so hat man die Zinsen für die drei Jahre gleich mit auf die Anleihe gepackt. Ueber die Verwertung deS Grundstücks bis zu dieser Zeit ist man sich noch nicht recht klar geworden. Der Stadt- verordnete Dr. Kantorowicz schlug vor, Heimstätten und Er- holungsstätten dort zu errichten und diese dort dauernd, auch wenn die Berieselung erfolgt, zu belassen. Er meinte, die Düfte der Rieselung schadeten den Erholungsstätten nichts. Für einen Arzt allerdings eine sonderbare Ansicht. Der Stadtverordnete Dr. Baumert meinte, durch den Ankauf des Gutes Wansdorf habe die Stadt da? an das Johannisstift verkaufte Waldgclände wieder ersetzt und nun könnte man event. ncch weiteres Stadtwald- gelände verkaufen. Da wird es schließlich so kommen, daß die Spandauer Einwohner in den duftigen Rieselfeldern in Wansdorf Erholung suchen können, während ihr schöner Waldbestand in die Hände von Privatbesitzern geht und mit einem großen Zaun um- zogen wird. Beide Vorlagen wurden nach langer und eingehender Debatte genehmigt.— Gelegentlich der Beratung der Vorlage über die Aenderung der Geschäftsordnung kam es auch zu Aussprüchen, die immer noch davon zeugen, daß verschiedene Leute meinen, sie haben ein Privileg für die Stadtverordnetenmandate. Während di« vorgeschlagenen Äend«rungen der Geschäftsordnung an und für sich unbedeutend sind, wurde aus der'Versammlung ein Antrag gestellt, die Stadtverordnetenversammlungen künftig statt 4 Uhr nachmittags um 6 Uhr beginnen zu lassen. Begründet wurde der Antrag damit, daß viel« Stadtverordnete durch den frühen Anfang einen Äcrdienstausfall haben. Der Stadtverordnete Tischlermeister G r u n o w erklärte rund heraus, wer keine Zeit habe, solle «in Stadtverordnetenmandat nicht annehmen. Er wurde zwar von einigen Seiten hierfür heimgeleuchtet, aber die Abstimmung ergab, daß die Mehrheit auch dieser Ansicht zuzu- neigen scheint, denn man lehnte den Antrag mit 17 gegen 16 Stim- wen ab.— Nach Erledigung dieser Vorlage kanr plötzlich ein Schlußantrag, der auch angenomnren wurde, trotzdem noch eine ganze Anzabl von Vorlagen zu erledigen waren. Hinterher erfuhr man, daß beim Kollegen Matthias ein Eisbeinessen veranstaltet vxrr, zu welchem die Stadtverordneten eingeladen waren. Dies Essen sollte gegen zhS Uhr beginnen. Deshalb wurde rasch Schluß gemacht. und Friedrichsthal bei Oranienburg. Durch einen Stich in den HalS hat sich der Kolonialwarenhändler Hermann Buchaus von hier getötet. G. war vor einiger Zeit von iinern Wagen heruntergestürzt und hatte dabei eine schwere Gehirn- erschütterung davongetragen. Seitdem zeigte er Spuren von Geistes- krairkheit. In diesem Zustand hat er auch Hand an sich gelegt. Vor- gestern fand man ihn in seinem Laden mit durchstochenem Halse tot auf._.___ Zur Bekämpfung der Schundliteratur und zur Förderung des Vertriebes gitfer Unterhaltungslektüre hat das.Gewerkschaftshaus' folgende Einrichtungen getroffen: 1. Anerkannt gute Jugendschriften zum Preise von 10—80 Pf. sind in größerer Anzahl angeschafft worden und werden leihweise gegen Deponierung des Preises zrrr Verfügung gestellt. 2. Jedermann erhält in den nachstehend angeführten Ausgabe stellen ohne Legitimation so viele Bücher wie er will. Er hat end weder den Wert der Bücher zu deponieren oder bereits früher entnommene Bücher zurückzugeben. Eine Leihgebühr wird nicht erhoben. 3. Wer die Bücher behalten will, hat dazu daS Recht, er hat dann bei Entnahme neuer Bücher wiederum den entsprechenden Be trag zu deponieren. Zunächst sind folgende srnZgabestelle» eingerichtet:__„. Antonftr. 34. Zigarrengeschäst von KriegSmann. von S— S Uhr, un Ausnahme des Sonnabends.. Blankenfelde Str. 10. Verband der Schuhmacher. Dienstag» Mittwochs von 5—7'/, Uhr.. Brunneustr. 115. Arbeiter-Jugendherm. von 6-40 Uhr. Ezarnikaucr Str. 31. Zigarrengeschäst von Goscwiak. Von 8—6 Uhr, mit Slnsnabme des Sonnabends........ Elisabcthstr. 11. Verband der Fleischer. Von 10— 1 Ubr und 5—7 Uhr. Emdencr Str. 20 bei Worbs. Montag» von 8— Off, Uhr. Engelufcr 15. Zigarrengeschäst von Honch, von L— 6 Uhr, mit Ausnahme des Sonnabends. Fehmarnstr. 8. Tabakarbeiicrgenosscnschaft. von 8—6 Uhr, mit Aus. nahm« deS Sonnabends. � Gartenstr. lOI. Verband der Kupferschmiede. Von 10—11 Uhr und Kr. Frankfurter Str. 12«. Arbeitcr-Jugendheim. von 6— 10 Uhr. Kvpernikusstr. 41. Tabakarbcitergenosscnjchast. von 3— 6 Uhr, mrt Ausnahme des Sonnabends. Linienstr. 73. Verband der Schmiede. Von Off,— 12 Uhr und 6 /, 8 Uhr. mil Ausnahme des Sonnabends._ Lippehncr Str. 15. Zigarrengeschäst von Hcrsorth. von 8—6 Uhr, mit Ausnahme des Sonnabends. Mclchiorstr. 28. Verband der Maler. Von 0—1 Uhr. Pappelallee 15/17. Bureau der Freireligiösen Gemeinde. 10—12 Uhr, wocheniag» autzer Donnerstag von 12- Pctersburgcr Str. 5. Tabakarbeitergcnossenschaft. Von Ausnahme des Sonnabends.___., Rotherstr. 1. Zigarrengeschäst von Holm. Bon 8—6 Uhr, mit Ausnahme de» Sonnabends. Scbastianstr. 37/38. Verband der Schneider. Von 0—1 Uhr. Wcinstr. 8, Part, verband der Kürschner. Von 0—1 Uhr und 3— 7 Uhr. Bercin der Frauen und Mädchen der arbeitenden Klaffen» Vor und nach jeder Vercinsvcrsammlung. Vororte: Boxhagen-RummelSburg, Neue Bahnhofstraße 1 IY, bei ScheSenhuber DienStagS und Freitags von 6—0 Uhr..• Eharlottcnburg. Arbeiter-Jugendheim, Nosinenstr. 8. Dienstag, DonnerS- tag. Sonnabend und Sonntag von 7— Off, Uhr. HermSdorf, WaidmannSlust, Borsigwalde, Tegel. Ausgabestelle: Freie Scholle Nr. 4, Sonntags vorniitiags. Pankow, vorwärts"-Spedition, Milhlenstraße 80. Täglich 10—1 und £IJ_ 7 Pankow.'Brehmestr. 60. Zigarrengeschäft von Rößner. Von 8-6 Uhr, mit Ausnahme deS Sonnabends.. Schöneberg. Zigarrengeschäst von Dräger. Von 8— 8 Uhr, mit Ausnahme des Sonnabends..... Stralau, Alt-Stralau 70, Seitenst. III, bei Rudolph. Montag und Donnerstag von 3ff,— 5 Uhr, Sonnabend» von 4—3 Uhr. Sreptow. Gractzstr. 16, Hutgeschäst von Fritze. Täglich mit Ausnahme des Sonnabends von 8—8 Uhr. Smgegangene Druckfchnftcn. Die Luftschiffahrt von Ingen. TanuS.(Bd. 5. Die junge Welt.) 20 Pf. I. Brandt u. Co., Wien VI.___ bis SonntagS 5 Uhr. 8—6 Uhr, mit Der Weltfreund. Gedichte von F. Werfet. 3 M.— Die Sonette aus dem Portugiesischen und andere Gedichte von Elisabeth Barrett Browning. Deutsch von Helene Scheu-Rieß. 2 M. A. Juncker, Charlotten- bürg. Shbelstr. 11. Reichsversicherungsordnung nebst Einführunasgefetz mit«r- läutcrungen von Dr. 2. r. Köhler, I. Bicsenberger, H. Schäst�- und Dr. W. Schall. Siebente Lieferung: EinsührungSgesctz. 1,20 M. W. Kohlhammer, Verlag. Stuttgart. Ist Deutschland durch seine finanzielle Lage au der Ausnutzung feiner ganzen Bolkskraft im Landheere behindert? Von F. C. Westfal. 50 Pf. Selbstverlag. Vertrieb Ostdeutsche Buchdruckerei und Ver- lagsanstalt, Posen. Verficherungsgesetz für Angestellte. TextauZgabe. IM. E.Hehmann, Berlin W. 8. „Der Arbeitsmarkt», Nr. L, Monatsichrist deS Verbände» Deutscher Arbeitsnachweise(herausgegeben von dessen Ecschästssührer, Verlag G. Reimer, Berlin). Gartenstadt Hellerau. Ein Bericht über den Zweck, die Organ!- sation, die AnsiedelungSbedingungen, Erfolge und die Ziele. 71 S. Selbst- Verlag, Hellerau bei Dresden. Kalender für Kornbrcnner und Pretzhefefabrikaute«. 1012. Bearbeitet von Prof. Dr. H. Lange. Verlag: Verein der Konrbrennerci- besitzer, Berlin IV. 0. Antike und moderne Gedanke« über die Arbeit, dargestellt von Weinand. Slpologetische TageSjragen. 10. Heft. M.-Gladbach, Voltsvereins» Verlag. 1,20 M. Nord rnid Süd. Halbmonatsschrist, herauSgegcbe» von ll. Stein. 1. Januarhest. 1 M. I. Schottländer, Breslau III. Wie wache ich mein Testament ohne Rechtsanwalt»ad ohne Notar? DaS Erbrecht. TestamentScntwürfe und-Beispiele Ben M. Lustig. Mainz. Selbstverlag. 1,10 M. Der KulturkonservatiSmuS uud die ReichStagSwahleu. von Dr. A. GrabowSky. Berlin SW. 48,.Politik', VerlagSanstalt und Buch« druckerei. 40 Ps._ Marktpreise von Berlin am 28. Dezember 1014,»ach Ermittelung des Königl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel), 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 86.00—50,00. Speisebohnen weißt'. 40.00-60,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln 8,00—11,00. 1 Kilo- gramvn Rindfleisch, von der Keule 1,60— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis IM. Schweinefleisch 1,20— 1,80. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,30—0,20. Butter 2,60— 3,20. 60 Stück Eier 3,80— 6,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,20-2.40. Aale 1,20-2,80. Zander 1.40-3,60. Hechte 1.20 bis 2.60. Bariche 1.00—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück Krebse 2,40-24,00._ Witterungsübersicht vom 29. Dezember 1911. Etationen c TO S? Swtnemde. 751 SSO Wetter lamburg Berlin Franks.a.M. München Wien 756NNW 753 SW 762!SW 76458 762'S 4 Schnee »Dunst »bedeckt i 3!Regen Cbcteckt ( ISchnee MS 4 II ßM mS, Stationen Haparanda( 740:338 Petersburg 76l!®SD Scillh Aberdcen Paris Wetterprognose füzr Sonnabend, de» SV. Dezember 1911. Zunächst kühler, zeitweise heiter bei ziemlich frischen westllchm Winden; später neue Erwärmung, Trübung mit etwa» Regen. Berliner Wetterlurea». WasserstaudS-Rachrichte» der Landesanstalt. für Gewässerkunde, mitgeteilt vom verllner Wetteriuream Wasserstand Saal«, Drochlltz Havel, Spandaus , Rathenow») Spree, Sprflhbirg') , BeeSkow ffi 1 1 1*, Münden , Minden Rhein, Maximiliandeu . Kaub , Köln Neckar, Heilbron» Main, Wertheim M n f e l, Trier am 28.12 om 124 56 29 78 79 293 293 485 815 473 230 195 fridfl 27.12. cm1) H-14 0 —4 0 +2 +25 +6 +9 +26 +30 +4 +15 ')+ bedevtet Wuchs,— Fall.•) Unterpcgel.•) EiSstand. Feine Berren-Naß-Sclmeiderei -sse» iussrieiti"! derB/iö* Sakko-Anzöge 55- 64- 75,- PaletotSiUlster50- 60-75- Speilatität; Gehrock-, Frack- u. Smoking-Anzüge MelneStoffe sind die besten Fabrikate der Tuchindustrie. Bei Lieferung feinster Schneiderarbeit(Tariflohn in eigener Werkstatt) übernehme Ich weitgehendste Garantief ür tadellose Ausführung aller Bestellungen f ■ Ein Versucb wird Sie zu meinem stfindisen Kunden machen !■■■■■* ben! j A.Schega KottbuserDammn vorm. A. W 0 R M A N N, G. m. b. H. Zur Silvesterfeier ganz besonders preiswert Liköre Halb und Halb..... Vi Flasche 1.05 Stonsdorfer....... Vi Flasche 1.05 Alpenkräuter....... Flasche 98 pi. Steinhäger Konig.. Vi Flasche 2.25 Cherry Brandy...... Flasche 1.35 Sortiments- Liköre... nasche 95 Pf. 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