Nr. t nfconnementS'BcdlnsQtiSfl): Bfiontiemenl?- Preis vrinumerando! Vierteljährl. 3,30 Ml,, monatl, 1,10 Ml,, wöchentlich 2S Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags» nuimitct mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post» Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxernburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. CrlcWnt tZgllch außer fflontagi. 29. Jahrg. Vevlinev Volksblatk. Die snIerNoas-Ltbill»' keträgt für die sechsgespaltene Kolones» zeilc oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigeii 30 Pfg. „Uleine ZIn--ig«n", das scttgedruilie Wort 20 Pfg. lzulässig 2 fetlgedrr,-ll- Worte), jedes weitere Wort>0 Psg. Stellengesitche und Schlasslcllcn anzeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort S Pfg. Worte über IZBuch- siaben zählen für zwei Worte. Inscrate für die nächste Nummer müsse» bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist ' bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adrcsie: „Sezialilemollrat llcrlio". Zentmlorgnn der rozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplah, Nr. tg8Z. verbrechen der Sekellichaft! Ein Entsetzen durchfuhr ganz Berlin, als in den Weih- nachtstagen Plötzlich das große Sterben im Obdachlosenasyl r anhub. Die Erklärung der Sachverständigen, daß es sich um eine Fischvergiftung handelte, vermochte die Gemüter nur für den ersten Augenblick zu beruhigen, da die Er- ' krankungen und Todesfälle sich Tag für Tag häuften, und die rätselhafte Krankheit einen solchen Umfang annahm, daß inan kaum noch an die Möglichkeit einer Fleisch- oder Fischvcr- giftung denken konnte. Nun soll es ja auch keine Fischvergiftung, tvcnigstens nicht in erster Linie, sondern eine Ver- giftung durch Methyl-Alkohol gewesen sein. Die Tatsache, daß nach der Schließung mehrerer Destillen, in denen nach- weislich mit Methyl stark versetzter Schnaps verschenkt worden. die Krankheit Plötzlich erloschen zu sein scheint, gibt dieser neuesten Erklärung immerhin einige Wahrscheinlichkeit. Die Furcht vor einer Verseuchung ganz Berlins freilich war schon nach einigen Tagen geschwunden, als sich herausstellte, daß die Erkrankungen sich auf die Asylisten zu beschränken schienen, also keinen infektiösen Charakter trugen. Die honette Gesellschaft atmete auf und es blieb nur ein.von Grauen und Mitleid gemischtes Gefühl zurück, mit dem man die Elendsschilderungen las, die von den Zuständen im Obdachlosenasyl und dem rissigen Umfang des furchtbarsten sozialen Elends Kunde gaben. Sollte jedoch die Krankheit für diesmal endgültig ihr Ende erreicht haben, so wird die chauerliche Katastrophe, die sich unter den Asylisten diesmal gerade zwischen Weihnachten und Neujahr abspielte, bald in wenigen Tagen für unser Bürgertum wieder völlig der- gessen sein. Höchstens wird die geheime Furcht zurückbleiben: Welches Unheil könnte über die große Masse der Bevölke- rung gebracht werden, wenn faktisch einmal im Obdachlosen- asyl eine an st eckende Seuche ausbräche und nicht sofort erkannt würde! Für alle aber, welche die entsetzlichen Zustände, die unser kapitalistisches System mit sich bringt, nicht als eine unver- »leidliche Begleiterscheinung unserer„göttlichen" Weltordnung auffassen, ist die Affäre im Obdachlosenasyl mit dem Erlöschen der Krankheit keineswegs erledigt! Vielmehr muß mit aller Eindringlichkeit immer und immer wieder die Frage ! aufgeworfen werden: Was hat die Gesellschaft zu tun, um die furchtbaren Zustande solchen Massenelends zu beseitige«? Freisinnige Kommunalpolitiker werden die Antwort geben, daß eben so gut wie nichts getan werden könne. Denn solange es Erwerbs- und Obdachlose gäbe und solange das Elend zur körperlichen und moralischen Verkomnienhcit führe, werde auch das Obdachlosenasyl trotz aller Bemühungen seiner Leitung für Sauberkeit und Ordnung keine hygienische Muster- anstatt' sein können. Würden auch am Morgen nach dem Verlassen der Obdachlosen die Säle mit der peinlichsten Sauberkeit gc- reinigt, so wälzt sich doch am Abend mit den Obdachlosen auch wieder die Schlammflut des Elends und des Schmutzes in die Räume hinein. Diese Antwort könnte plausibel klingen. wenn ihr nicht die Frage entgegengesetzt werden müßte: Gibt es denn kein Mittel, uin eben den Zufluß von Elend, von körperlicher und moralischer Verkommenheit zum Versiege» zu bringen? DaS freilich werden wir Sozialdemokraten zu allerletzt »estreiten, daß eine Kommune allein den Augiasstall von 'tot und Elend, den die ganze Gesellschaftsordnung aufhäuft, i ncht auszuspülen vermag. Es ist eben Sache des Zu- a m m e n a r b e i t e u s der kommunalen und der t a a t l i ch e n Organe, der Ursache des Maffcnelcnds ent- � cgenzutrctcn. Es ist natürlich, daß eine Dreieinhalb-Millioncnstadt wie >roß-Berlin aus dem ganzen Lande das Elend an sich zieht. Unter cm zuströmenden Proletariat, das in Berlin Arbeit und Brot l finden hofft, befinden sich viele, die in ihren Hoffnungen ♦t täuscht, bald der bittersten Not zum Opfer fallen und das Obdachlosenasyl in Anspruch nehmen müssen. Viele Asylisten Massen dann wieder Berlin, um anderwärts wieder ihr �iick zu versuchen, manche Elmente indessen bleiben zurück, raten in immer furchtbarere Not, suchen im Alkohol Be- Lchung und bilden schließlich den Bodensatz der groß- Attischen Bevölkerung, aus dem sich das niedrigste Ver- �chertuin, Säufer und Bettler rekrutieren. � Unser Polizeistaat greift nun hier mit drakonischer Härte . Wer häufiger als zulässig das Asyl besucht, wandert ins .beitshaus: wer bei irgendeiner Straftat ertappt wird, E.d in das Gefängnis gesteckt: wer einer schweren Krankheit n Opfer fällt, findet vorübergehend Ausnahme in einem rnkenhanse, um dann freilich nach dürftigster Wieder- stellung wiederum dm alten Elend preisgegeben zu wer- «. Nur die ärgsten Pharisäer können sittliche Eni- I.ung über die„Verkommenheit" dieser Elemente auf- � igen. Sie führen ja Arbeitslosigkeit und Alkoholismus f auf Arbeitsscheu und Hang zum Faulenzen zurück, ll�rend in Wirklichkeit diese Eigenschaften etwas so An- L�Ic males, jedem gesunden Instinkt Wider- ? b e n d e s sind, daß sie sich bei von Haus aus gesunden Avrduen nur als Folge des Elends und der völligen »erlichen und moralischen Entnervung herausbilden :en. Außerdem befinden sich unter dem Lumpenproletariat �Großstädte zahllose geistig Minderwertige, Epileptiker )/ Mittwoch, den 3. Januar 1912» und dergleichen, die zur Arbeit entweder gar nicht oder nur vorübergehend fähig sind und deshalb immer wieder in den Schmutz der Gosse hinabgestoßen werden. Dazu kommt, daß die„Erziehungsmittel", die der Polizeistaat in Arbeitshäusern anwendet, meist nur die Wirkung haben, daß dem Inhaftierten der letzte R e st v o n Selb st vertrauen und Menschenwürde aus- getrieben wird. Daß unsere Gefängnisse und Zuchthäuser vielfach eine Hochschule für das Verbrechen sind, daß unsere Arbeitshäuser die ihnen überwiesenen Korrigenden erst recht zu stumpfsinnigem und widerstandslosem Material degra- dieren, ist ja selbst von bürgerlicher Seite nur zu oft zuge- standen worden. Und haben doch selbst die zahlreichen grauenhasten Enthiillungen aus sogenannten Fürsorge- anstalten für Jugendliche den Beweis geliefert, daß diese An- stalten zum Teil geradezu geeignet sind, den bedauernswerten Zöglingen Abscheu und Empörung gegen ihre„Pfleger" ein- zuslößen und verbrecherische Instinkte zu erzeugen. Einmal also sind die Institutionen, die unser kapita- listischer Staat gegen das Massenelend errichtet hat, völlig unzureichend, zum andern aber tragen sie einen der- artigen Charakter, daß der erzieherische Effekt völlig ausbleiben muß, so daß die Mehrzahl der ehemaligen Jntcr- nierten wiederum dem Verbrechen und dem Alkoholismus verfällt. Wollte man auch nur jenes soziale Elend, das sich uns in dem Stammpublikum der Obdachlosen- asyle präsentiert, beseitigen, so wären ganz andere Maß- nahmen erforderlich, so gebrauchte man vernünftige, nach wirklich humanen und pädagogischen Grundsätzen cingerich- tete Fürsorgeanstalten und Heimstätten für die der Arbeit Entfremdeten, so gebrauchte man zahlreiche Krankenhäuser und Heilanstalten für die Kranken und die geistig Minder- wertigen, so gebrauchte man mit einem Wölfl Wohlfahrtseinrichtungen, wie sie der heutige Staat nicht besitzt und nicht schaffen will! Er will sie nicht schaffen, weil ihm angeblich die Mittel dafür nicht zur Verfügung stehen. In der Behauptung, daß für solche Zwecke die Mittel nicht aus- reichten, offenbart sich eben der brutal unsoziale Charakter unseres heutigen Klaffenstaates und unserer herrschenden Klasse, die in Staat und Gemeinde einstweilen das Szepter in Händen haben. Denn in Wirklichkeit müßten nicht nur, sondern könnten auch leicht die Mittel aufgebracht werden, uni wenigstens so schauderhafte und empörende Zustände zu beseitigen, wie sie sich in unseren großstädtischen Obdachlosen- asylen offenbaren. Wenn auch nur ein kleiner Teil der vielen Hunderte von Millionen, die gegenwärtig von unserer Herr- schenden Klasse für den aberwitzigen Militarismus in seinen verschiedensten Erscheinungsformen vergeudet werden, für die Milderung und Ausrottung des entsetzlichsten Elends aufge- wendet würden, so könnte diese unauslöschliche Schande unserer„göttlichen" und„christlichen" Wcltordnung sehr wohl beseitigt werden! Es ist freilich nur äußerst geringe Hoffnung vorhanden, daß bei unseren gegenwärtigen gesellschaftlichen und politi'chen Zuständen trotz der furchtbaren Mahnung der Berliner f ata- strophe irgendetwas Durchgreifendes geschehen wird! Da unser Militarismus und unsere Flotte ja immer eucn Appetit entwickeln, so daß man zur Befriedigung ihrer An- spräche sogar noch zu neuen Steuern wird greifen müssen, wird für die Aermsten der Armen in der Tat kein Geld vor- Händen sein. Die Gemütserschütterung über die Schreckens- Vorgänge wird sich bald legen. Unsere herrschenden Klassen erfahren ja von diesen gräßlichen Zuständen nichts, wenn nicht gerade einmal eine besondere Katastrophe den Vorhang von dieser sozialen Tragödie zieht. So wird man schon in einigen Wochen nicht mehr daran denken, daß esHunderte undTausende von Menschen in Berlin gibt, die wie aasfrcssende Tiere die widerlichsten Abfälle hinunterschlingen müssen, um den quälen- den Hunger zu stillen, die den greulichsten Fusel trinken müssen, uin ihr grauenhaftes Elend wenigstens für Stunden zu vergessen, selbst aus die Gesah- hin, noch obendrein ver- gifteten Fusel vorgesetzt zu ersültm, da unsere agrarische Gesetzgebung durch die enorme Schnapsverteuerung skrupellose Händler anreizt, das schauderhafte Getränk durch den Zusatz giftiger Stoffe zu verfälschen! Die Sozialdemokratie aber erhebt schwerste Anklage gegen unsere herrschende Klasse! Denn sie ist es, durch deren Schuld viele Tausende von Menschenbrüdern in das äußerste Elend binabgeswßen und zu Halbtieren entwürdigt werden! Sie ist es, die Milliarden für Zwecke des Völkermordes verschwen- det, aber kein Geld hat, um auch nur das schreiendste Elend, die gräßlichste Not zu bekämpfen. Das entsetzliche Ende der 71 Asylisten ist ein Posten in dem Schuldkonto unserer Herr- schenden Klasse, ein kleiner Posten nur, verglichen mit der U n m a s s e von Elend und Schmach, das unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung über unzählige Tausende verhängt! Jeder menschlich Fühlende, jeder human Denkende sollte des- halb am 12. Januar durch das Eintreten für den sozialdemokratischen Kandidaten für sein Teil dazu beitragen, daß endlich an die Stelle unserer heutigen Gesellschaftsordnung Zustände treten, deren sich die Kulturmenschheit nicht länger zu schämen braucht!_ Amtliche Azhlmzche. Ter Minister deS Innern hat bekanntlich die Anweisung gegeben, daß als Wahllokale bei der bevorstehenden Reichs- II« m :n :n u '.e x > c v ID C L V Expedition: SRI. 68, I�indenstrasse V9. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1081._ tagswahl solche Räumlichkeiten ausgewählt werden, die durch ihre Größe und ihren ganzen Charakter zur Voll»' ziehung eines ordnungsmäßigen Wahl» � gesch äfts besonders geeignet sind. In offener Ans- lehunng gegen diese Anweisung sind die Herren Landräie jedoch bemüht, als Wahllokale gerade solche Räumlichkeiten auszusuchen, die als gänzlich ungeeignet zu solchen Zwecken betrachtet werden müssen I So ergibt sich aus einer amtlichen Veröffentlichung der Nr. 96 des Z ül Ii ch au- S ch w ie» b u s e r„ K r e i s b l a t t e s", daß sich unter 99 Wahllokalen nnr zwei Gasthöfe und 19 Schnlstnbcn befinden, daß jedoch in 57 Fälle» in der Wohnung des Wahlvorstehers bczw. Amts» Vorstehers die Wahl vorgenommen werden soll! Die Ausrede, daß in manchen Wahlbezirken keine ge- eigneten Wahllokale aufzutreiben gewesen seien, ist völlig hin» fällig. Denn die Wahlbezirke sind zum Teil so klein, daß nur 13 Wähler auf sie entfallen I Hätte man größere Wahlbezirke gewählt, so hätte es auch nicht an den nötigen Gaststuben oder Schulräumen gefehlt! Aber man hat ivohl gerade deshalb so kleine Wahlbezirke geschaffen, um die Wohnung des Amtsvorstehers zum Wahllokal machen zu können! Man hatte dabei zweifellos auch die Absicht, nach Möglichkeit die Geheimhaltung des Wahlergebnisses zu durchkrenzeu! Denn daß sich bei einer Stimmenabgabe von nur 1'/, oder 2 Dutzend Wählern die Abstimmung der Wähler viel schwerer geheim halten läßt als dort, wo zahlreiche Wähler ihre Stimmkuverts abgeben, braucht nicht erst auseinandergesetzt zu werden! Das land- rätliche Vorgehen bedeutet deshalb nichts Geringeres, als einen Verstoß gegen die gesetzliche Bestimmung, die eine ge» Heime Abstimmung vorschreibt! Wir erwarten, daß die Be- Hörden sofort diese landrätliche Taktik durchkreuzen und Maß» regeln treffen werden, die eine Durchführung der gesetzliche» Vorschriften garantieren I Mit welch gesetzwidrigen Mitteln speziell im Kreise Züllichau-Krossen gearbeitet wird, beweist folgendes Schrift- stück: Wir Endesunterschriebenen erklären hiermit, daß wir k;l der am 12. Januar 1912 stattfindenden Reichstagöwahl den Her.» Dr. Wienbeck, Sekretär der Handelskammer in Hannot w» wählen und unsere Stimme geben. Glauchow, den 27. Dezember 1911. gez. Steinsch, Gemeindebor st eher. Mb. Schulz. Paul Womischke. Gottlieb Bischoff. Friedrich Wcimann. Martin Tschammer. Robert Panch. Gustav Klos usw» (Das Zirkular trägt zirka S0 Unterschriften.) Der Gemeindevorsteher scheut sich also nicht, in amtlicher Eigenschaft Aufrufe in die Welt zu setzen, durch die die Wähler dem nationalen Kandidaten als Stimmvieh zugeführt werden sollen. Wir erwarten, daß auch diese Gesetzwidrigkeit sofort gerügt wird! Daß sich auch in diesem Falle das Wahllokal natürlich im Amtszimmer des Glauchower Gemeindevor» stehers Herrn Steinsch befindet, versteht sich wohl von selbst!_ Alles oder nichts! Die Behauplung, daß die Sozialdemokratie gegen alle Ar« beiterschutzgesetze stimmt, weil sie dem Alles oder nichis« Standpunkt huldige, gehört mit der Variation, daß sie auch deswegen dagegen stimme, damit die Arbeiter immer elend und unzufrieden, also„revolutionär" bleiben, zu den allerältcstcn Stinkbomben der nationalen Wahlagitation. Früher wurden derlei Vorwürfe nur durch Konservative und Sozialistenfresser erhoben, heute sind es auch daS Zentrum und die Liberalen, die gemeinsam mit dem Reichsverband zur Bcschimitznng der Sozialdcniekratie den alten Tratsch daher beten. Wie sieht es mit der Stellung der Sozialdemokratie gcgeullver den große» Arbeiterschntzgesetzen in Wirklichkeit ans? Die Flugblätter des Zentrums, der Nationalliberalcn und der .geeinigten" Liberalen schreiben mit geradezu beängstigender Ein» mlltigkeit: Die Sozialdemokratie stimmte gegen die Dlirchfühinug der sozialpolitischen Gesetzgebung, z. B. gegen das Krankenversiche- rungsgesctz von 1>?83, gegen das UiifallverfichernngSgesetz von 188� und gegen das Invaliden- und AlterSversicherungsgesetz von 1889. Sehen wir uns einmal diese drei Behauptungen etwas ge» naucr an. Der Krankenversicherungsentwurf war dem Reichstage, in welchem die Sozialdemokratie ganze 12 Sitze inne hatte, mit dem zweiten Unfallversicherungsentwurf zugegangen(darüber siehe weiter unten), nur daS Krankeiiversicherimgsgesctz wurde am 31. Mai 1883 au« genommen. Der sozialdemokratischen Fraktion verweigerte man einen Sitz in der Kommission, die 50 Sitzungen abhielt! Sie konnte ihre Wünsche nur im Plenum vortragen! Nach ihrer Forderung sollten versicherungspflichtig fein: alle Angehörigen des Deutschen Reiches, sowie alle dauernd in Deutschland sich aufhalten» den Ausländer, welche das 13. Lebensjahr zurückgelegt und ein Einkommen bis zu 7,50 Marl pro Tag haben." ms Mindestleistungen wurden gefordert: Vom ersten KranlheitStage an für die ganze Dauer der Erwerbsunfähigkeit Krankengeld in der Höhe deS ortsüblichen TagelohneS, mindestens aber 2 Mark bei den Berusskrankenkassen; freie ärztliche Behandlung und Arznei; eine Wöchneriunen-Unterstützung von sech Wochen; im Todesfalle eine die Begräbniskosten deckende Unterstützung; die bestehenden Fabrikkrankenkassen sollen auf gelöst werden; für die freien Hilfskrankenkassen war der Weg von jedem Hindernis freizumachen versucht Bei der zweiten Lesung deS Gesetzes war man der sozioldemo ikratischen Forderung, alle Angehörigen deS Deutschen Reiches zu versichern, so weit entgegengekommen, dah die Einbeziehung der landwirtschaftlichen Arbeiter beschlossen wurde. Die Konservativen»nd das Zentrum erklärten gemeinsam: Wir lassen daS ganze Gesetz scheitern, wenn die landwirtschaft- lichcn Arbeiter nicht wieder aus der Versicherung herauskommen! Alles waS wir wollen oder nichts, war ihr Standpunkt. Die sozialdemokratischen Anträge wurden mit Gelächter a b gelehnt. Unter den SV Stimmen, die gegen da§ ganze Gesetz gezählt wurden, befanden sich(30var. die Arbeiter der Sozialdemokratie abspenstig zu machen! Zur Wchstagmshl. Wie es gemacht wird? Die öffentlichen amtlichen W a h l be e i n flu ssu ng en nehmen ihren Anfang. Aus dem Wahlkreise Guhra u-Stein au- W o h l a u. den der konservative Graf C armer seit 20 Jahren im Reichstage vertrat und wo er auch wieder als Kandidat aufgestellt st, wird unö berichtet, daß dort ein Flugblatt für den Grafen armer verbreitet wird, welches nicht weniger als 1 Landrat, 1 Bürgermeister und vi G e m e i n d e V o.r st e h e r mit ihrem vollen Amtstitel unterzeichnet haben. Im ganzen Wahllrcise sind III Gemeinden, also nur lvenigc Ge- mci»dcvorstdjer fehlen, und der gesamte amtliche Apparat treibt össentliche ungesetzliche Agitation zugunsten des konservativen Kandidaten. Nach den Gepflogenheiten der WahlprüfuwgSkommission und deS Plenums sind Wahlen, bei denen Wahlaufrufe mit den Unter- schriften von Amtspersonen unter Hervorhebung ihrer Amtscigcn- schaftcn verbreitet wurden, für ungültig zu erklären. Demnach wäre das Mandat des Graicn Earmcr schon ungültig, bevor er gewählt ist. Mit Hochdruck wird in Rothenburg�HoherStferda, Schlesien, für den Landrat Hege nschc i dt, der dort kandidiert— selbstverständlich für die Junkerpartci—, gearbeitet. Das„Berliner Tageblatt" hat den Mann auf den Vorwurf der vatcrlandsioscn Gesinnung hin wegen verleumderischer Beleidigung verklagt. Nun wird folgende intcr- cssante Einladung vcröffcntücht, die an verschiedene Vereine des Kreises erging: Am 0. Januar findet in der Kaupc eine von mir einbe- „Sehr geehrter Herr...! Am... Januar findet in der Kaupe eine von mir einbe- rufcne Versammlung vaterlandsliebender Wähler unter meinem Vorsitz statt. Der Hm La n d r a t wird sprechen. Ich darf wohl erwarten, daß Sie vollzählig erscheinen und wohl am 0. l. wie am 12. 1. Ihrer Stimmung für Herrn Landrat Aus- druck geben. Ich ivürde es als Perlon liche Kränkung empfinden, wenn Sie mich sowohl am 0. 1. wie am 12. 1. im Stich lassen würden. Ich habe mich doch bemüht, mit den Ruh- ländcrn auf srcundschaftlichcm Fuße zu stehen und darf nun wohl diese Gcgeulcistuilg zum Wohle des Vaterlands verlangen. Hochachtend Ulrich Prinz Schönburg." Konservative Bier-Wähler. In Ottcndorf, zum Wahlkreis Vunzlau-Lbcn gehörend. wo der Junker Aus dem Winkel kandioiert, gab es am letzten Sonntag gelegentlich einer Zusammenkunft aller patriotisch gesinnten Wähler 8 Viertel Bier, 300 Zigarren und diverse Liter Junker-Fusel. Alles auf Kosten des Rittergutsbesitzers Förster, der auch einer von denen ist, die über die Not der Landwirte nicht laut genug schreien können. Selbstverständlich wurde den anwesenden Reflektanten auf Freibier klargemacht, daß sie als Gegenleistung nur konservativ zu wählen hätte lr. *.' Zwei Zcntruiiiskandidatcn in einem Kreise. Aus Trier wird berichtet: Die mit dem offiziellen Zentrums- kandidatcn Astor unzufriedene Wählerschaft des Wahlkreises Wittlich-Bcrucastcl stellte Dr. med. Drautzburg in Wittlich als zweiten Zcutrumskcmididcitcn auf. • Saalabtreibcrei. Wie uns aus dem Wahlkreise Bamberg gemeldet wird, wollten dort am vergangenen Sonntag unsere Genossen in dem bisher voll- kommen sozialistenreinen Orte ReichmannSdorf eine öffentliche Wählcrversammlung abhalten. Lokal und Referent waren bestellt; aber als unsere Genossen am Sonntag im Orte erschienen uich mit der Versammlung beginnen wollten, wurde ihnen vom Wirt folgendes Schreiben vorgezeigt: Jrciherrl. von Echrottcubcrgsche Gütcradministration. ReichmannSdorf, den 31. Dezember 1911. An Herrn Freitag, hier. Nach§ 30 der Bedingungen über die Verpachtung deS Herr- fchaftlichcn Wirtshauses ist zur Abhaltung einer öffentlichen Per- fammlung in den gepachteten Lokalitäten die herrschaftliche Ge- nehmigung notwendig. Die unterzeichnete Gütcradministration versagt anmit die Genehmigung zur Abhaltung der auf heute Abend 6 Uhr durch Anschlag einberufenen Volksversammlung. Freiherr!, von Schrottcnbcrgfche Güteradministration Etöckel, Amtmann. Dan? dem rechtzeitigen Eingreifen der freiherrlichen Güter- administration ist also an diesem Sonntag die Jnfizierung der braven Reichmannsdorfer mit sozialdemokratischem Gift nntcr- blieben. Der feudale Herr Junker aber wird an dem in seinem Auftrage erlassenen Versammlungsvcrbot seine helle Freude er- leben. Die Entrüstung unter den zahlreich erschienenen Ber- sammlungsbesuchern war äußerst groß und hat unseres Erachten» mehr genützt als die beste abgehaltene Versammlung. politische(lebersicdt. Berlin, den 2. Januar 1912. Ter verspätete Bcthmannsche Silvefterbrkef. Seit Wochen beklagt sich die konservative und industriell- charfinacherische Presse, daß es der Regierung noch immer nicht gelungen ist, eine schöne, zugkräftige, nationale Wahl- varole zn finden. Was dem Bülow-Dernburgschen Regiment möglich war, so meint diese Presse, dürfte doch dem Genie eines Bcthmann Hollwcg nicht unmöglich sein. Vielfach hatte man geglaubt, zu Weihnachten oder doch mindestens zum Silvesterabend werde die„Nordd. Allgem. Zeitung" einen fulminanten Artikel aus dem RcichSkanzlcr-Palais veröffentlichen, der, nach dem Rezept des bekannten Bülowschen Silvesterbricfcs verfaßt, die sogenannten„nationalen Volks- elemente" zum heiligen vaterländischen Kampfe ftir die teuersten Güter der Nation, nämlich für die Schnapsprämic, Brotverteuerung, den Handelsprofit und die Kolonial- ansbcutung, gegen die vaterlandslose Sozialdemokratie aufruft. Und endlich hat die Regierung eingesehen, daß es ihre heilige Pflichtist, diesem Wunsch der„wahrhaft nationalen" Parteiennach- zukommen. Zwar zum Silvesterabend ist dieser Wahlaufruf der Bethuiannschen Regierung nicht mehr fertig geworden. WaS ein halbwegs gewandter Redakteur in einer halben Stunde niederschreibt, dazu gebraucht der Philosoph von Hohen-Finow mit seinen Gchcimräten immerhin einige Tage. Und wenn die Fülle der ticffinnigen Gedanken endlich nach langen Geburtswehen zu Papier gebracht ist, beginnt erst noch das stiltstis che Nachfeilen, das wiederum einige Tage in Anspruch nimmt. So ist denn der Silvester-Wahlanfrnf der Regierung erst heute, am 2. Januar, erschienen. Also etwas verspätet; dennoch rechtfertigt er in keiner Weise daS bekannte Sprichwort;„WaS lange währt, wird gut!" Was der Wahlaufruf enthält, hat schon xnial in der„Deutschen TageSztg." gc-i standen, und zwar in weit besserer stilistischer Form. Die Verfasser hätten also viel gescheiter getan, einige Ausschnitte ails patriotischen Leitartikeln des Herrn Georg Ocrtel zu- sainmenzukleistern. Der„Zur Reichstagswahl" überschricbene Regierung»- Wahlaufruf der„Nordd. Allg. Ztg." schildert zunächst die Herr- liche Entwicklung, die Deutschland nach den bescheidenen An- sprächen seines heutigen Kanzlers in den letzten Jahrzehnten genommen hat: Wer unbefangen die Entwicklung DeutscklandZ in den letzten vier Jahrzehnten überschaut, wird finden, daß ihr Gesamtergebnis zu pcisiinistlschcn Betrachtungen keinen Anlaß gibt. Der innere Aus» bau des Reichs ist kräftig gefördert. Die in der Verfassung vor- gesehenen Institutionen haben sich zn leistungsfähigen Organen eist- wickelt und fast allen der verfassungsmäßigen Einwirlung de» Reich» zugänglichen Gebieten erfolgreich gewirkt. Die Einheit des Rech:-: und die Einhcillichkeit des Gerichtsverfahrens sind durchgeführt Die noch vom Fürsten Bismarck inaugurierte Politik des Schutze- der nationalen Arbeit hat Landwirlschaft, Handel und Industrie zu hoher Blüte entwickeln helfen und die in der Nation schlummernden Kräfte zu machtvoller Betäliguug geweckt. Die sozialen Verschiebungen, die dem schnellen wirtschaftlichen Alis- schwung folgen mußlen, haben sich ohne Erschütterungen vollzogen dank einer weitgehenden gesetzlichen Fürsorge für die arbeitenden Klassen und die wirtschaftlich Schwachen überhaupt. Trotz der er- hcblichen Aufwendungen, welche die sozialpolitische Gesetzgebung dem Reiche und dem Volle auferlegt hat, ist für die Schlagfertiglcit deS Heere? ständig gesorgt und eine leistungsfähige Flotte ge« schaffen worden. Und wenn die Finanzpolitik des Reiches nicht immer den Anfordernngen genügt hat, die die sachgemäße Er- süllung aller dieser Ausgaben an sie stellte, so können wir heute sagen, daß auch die Finanzen des Reiches auf einer festen Grund- läge stehen, die uns ohne ernster« Sorgen kommenden Aufgaben entgegensehen läßt. Dies alles aber ist erreicht worden, weil der staatsrechtliche Aufbau deS Reiches gesund ist, und weil die innere Kraft unseres Volke» durch den Kampf der Parteien wohl abgelenkt. aber nicht zerstört werden konnte." Man sieht also: alles schwimmt in schönster Bnttcrsauc aber es gilt diese Herrlichkeit zu erhalten, denn ernst, seh ernst ist die Weltlage. Es gibt Völker, die nicht friedlieben sind und uns bedrohen; c» gibt ferner andere, die in un: Konkurrenten ihres Handels erblicken. Deshalb müssen w: ein starkes Heer und eine große Flotte haben, die genügen um Deutschlands Grenzen und Seeinteressen zu schützen. Daraus folgt, so heißt es wörtlich weiter: „Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, unsere bisherig: Wirtschaftspolitik, die Politik der Handelsverträge und deS Schutze- der nationalen Arbeit weiterzusühren. Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, unsere Sozial. Politik, die Bürgschaft einer friedlichen EntWickelung im Innern ruhig und besonnen fortzusetzen. Wir brauchen einen Reich»lag, ber bereit ist, Heer und Flotte dauernd im Zustand höchster Leistirngsfähigleit zu erhalten und Lücken in unserer Rüstung zu schließen. s Bei der Lösung aller dieser Ausgaben pflegt die Soziaide � kratie ihre Mitarbeit zu versagen. Darum ist die endliche Ued. Windung dieser Partei, deren Bestehen eine Gefahr bedeutet fi die nationale Geschlossenheit unseres Volkes wie für die Erhalt»: des politischen, geistigen und silllichcn ErbeS unserer Vgtcr, ei: Lebensfrage für unser Vaterland. Wer sich das alles vor Augen hält, wird sich klar darüt fein, daß kein pflichtbewußter deutscher Mann am 12. Januar der Wahlurne fehlen darf. Er kann auch nicht im Zweifel darüb sein, gegen wen er Front zu machen hat." Und durch dieses naive Geschwätz glaubt die Rcgicrui „die nationalen VolkSclemcnte" zum großen Kampf gegen „roten Umsturz" sammeln zu können?! Weit besser eign sich dieser schöne verspätete Silvesterbrief zur Agitation gcge das heutige Regicrungssystem, denn cS gesteht ein, daß di Regierung starke Vermehrungen des Land Heeres und der Kriegsflotte plant! Neuer Gestank aus dem Zentrnmslagcr. Die„Südd. Monatshefte", die vor kurzem den Brief de Gencralsekrclärs der christlichen Gewerkschaften. deS Herr. Stegerwald. an den Herrn F.£. Bachem veröffentlichten kündigen neue Enthüllungen aus dem Zentrumslager an. Die„Tägl. Rundschau" ist in der Lage, daraus bereits einige Auszüge veröffentlichen zu können. Höchst interessant ist dc Brief eines Redaktionsinitgliedes der„Germania", dem hervorgeht, daß der Verfasser de» scharfen Briefes gegen die Kölner Richtung und Herrn Mart Spahn, der Ende November 1909 in der„Germania" erschin kein anderer ist als der K a r d i n a l- F ü r st b i s ch o f K o p von Breslau. Der Brief, der außerdem ein niedlich: Licht auf die Zustände in der ,.Germania"-Ncdaktion wirst lautet nach Mitteilung der„Tägl. Rundschau": Kardinal Kopp hatte einen Artikel mit scharfer Spij gegen den Volksverein, Frauenbund usw.«ii� geschickt(der Redaktion der„Germania"), forderte aher anderen TageS telegraphisch zurück. Hier wurde schloffen, ten Brink(Chefredakteur der„Germai�r nach Breslau zu schicken, weil die Sache hcilcl w Welche Direktive er erhielt, weiß ich nicht. Breslau fand er Prälat Franz ffrühcrcr Ehefrcdaktenr der.Eerlnau! der offenbar die ganze Sacke eingerührt hat. Kopp war sehr gehalten über de» VoltSvcrein, behauptete auch, seine Rede aip BreSlauer Katholikcnversammlung habe seine Ilnzufriedcuhcit Meinung durchblicken lassen. Ten Brink brachte dann den Ar wieder mit. nachdem der letzte Teil über Bollsv« ei n usw. a b g r sch w S cht w o r d e n war. Ich habe ihn erst gesehen, als er im Blatt stand, überhaupt nicht gewußt, er in-tnderer Form gebracht werden sollte. AIS nun Malheur fertig loar, entstand großer Krach. Direktor war wütend: Die Dnmmlipit-(des KardinalS) rin'ge tausend Ab-nnenten. Der VoNrucrein war wü Die ZentrumSfiihrer, die auf Seite dc: Vereins sieh:»,>r wütend. Aus die Erklärung von Brandts schickte Kopp�cim pfefferte Erwiderung, die eine unzweideutige Absage an Spahuschcn Ideen forderte. Run war die Verlegenheit erst groß: Sollte man die Entgegnung aufnehmen oder n Gestern(1. Dezember 1909) kam auch noch eine ganz pfefferte Verteidigung von Straßburg, waS die Annehmlichkei Lage nicht verbesserte. Nun großes Schauri von i sichtSrat und Volköverein bezw. Z e n t r n s ü h r e r n. Ergebnis: Spahns Erklärung soll erst Kopp zug: und dann Spahn zurückgegeben werden, damit er ibr ein. ziliantcre Fassung gebe. Wie es nun weiter geht, ist mx lstner wütender Direktor hätte gern mich zum Sü bock gemacht, wiewohl sie mich vor einem bqlbcn Jahre ffeschalkei Haien. Ich hätte auspalen sollen? Glücklicherweise bin ich weit vom Schuh und kann immer kühl erklären: Mein Name ist Hase, ich weih von nichts. Jedenfalls ist die allge- meine Ansicht, dah ein riesiger Bock geschossen worden i st; eS ist also nicht die Rede davon, dah der Artikel Billigung fände. Wenn auch verschiedentlich über Spahn harte Worte gefallen sind. Dah Prälat Franz die Sache bei Kopp eingerührt hat, geht auch wohl daraus hervor, dah erst nach vier Monaten auf den Spahnschcn Artikel reagiert wird. Franz hat wohl auch den Artikel in den„Hist. polit. Blättern" geschrieben. ich erinnere mich des Artikels nicht, aber Dr. Spahn spricht in seiner Erklärung davon. Ein neues Beispiel von dem sittlichen Einfluß der hehren katholischen Moral auf die hohen Würdenträger der Kirche und die frommen Zentrumsführer. Gestank über Gestank! Ter prenfsische Etat. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht in ihrer Silvcsternummer den preußischen StaatshaushaltSetat für 1St2. Auffällig ist, dah der Etat jetzt schon, einen halben Monat vor Er- öffnung des Preußischen Landtags, amtlich zur Kenntnis gegeben wird, während sonst der Etat tropfenweise, aus dem Gehcimkabinett des preußischen Finanzministeriums sickerte. Der Etat schließt in Einnahme und Ausgabe mit 4 301242 200 M. ab. Von den Aus- gaben entfallen 228 007 350 M. oder 5,3 Proz. der Gesamtausgaben auf das Extraordinarium, gegen 214 050 253 M. oder 5,2 Proz. der Gesamtausgaben im Etat für 1011. Zur Herstellung deS Gleich- gcwichts sind 10 000 000 M. als außerordentliche Einnahme ein- gestellt, die im Wege der Anleihe zu beschaffen ist. Im Etat für 1011 war diese außerordentliche Einnahme auf 29 000 000 M. bemessen.— Bei der Eisenbahnvcrwaltung ist in Aussicht genommen, neben den im Extraordinarium aufgebrachten Mitteln etwa 100 000 000 M. für die bestehenden Bahnen durch Anleihe bercitzu- stellen. Die Staatsschuld bcläuft sich nach der Beilage lZ zum Etat der Staatsschuldcnvcrwaltung auf 0 428 874 044 M., gegen 1011 — 102 803 152 M. Die Verminderung ist durch Rückkauf von Schuld- vcrschrcibungcn und durch Einlösung unverzinslicher, auf Grund von Änlcihegcsetzcn ausgefertigter Schatzanwcisungen herbeigeführt. Von der Gesamtschuld entfallen auf die Eisenbahnvcrwaltung 7 223 670 000 Mi. und auf die Bergvcrwaltung 107 450 711 M. In die Breite gehen die Ausführungen über die Bewilligung von Pensionen an Zivilbeamte, von gesetzlichen Witwen- und Waisen- gcldcrn, Pensionen und Hinterbliebenenbezüge für die Volksschul- lchrer und-lehrcrinnen usw. Hierin scheint die Ursache für die frühere Veröffentlichung des Etats zu liegen. Die Blätter der rechtsstehenden Parteien setzen denn auch bereits ein, diesen Teil des preußischen Etats für den Wahl- itampf sich nutzbar zu machen. Sie teilen mit, dah bei der Staats- rcgierung die Absicht besteht, zur Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse schon für das laufende Etatsjahr bei den UnterstützungS- fonds im Wege der Etatsüberschreitung Mittel flüssig zu machen.— Ob das Dreiklassenparlament nach den ReichStagswahlen hierzu teine Zustimmung geben wird, das steht auf einem anderen Blatte. Goudernementale Wahlbeeinflussung. Wie bei den ReichStagswahlen von 1007 versucht auch jetzt wieder die Regierung, einen Teil der unteren Staatsbeamten dadurch von der Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels abzuhalten, dah sie ihnen Gehaltserhöhungen und schöne Titel verheißt. Aber die Mache zieht nicht mehr. Von verschiedenen Unter- und Subalternbeamten sind unS Briefe zugegangen, in denen über diese Versuche der Regierung bitter gehöhnt wird. So schreibt uns ein Postbeamter: 14 Tage vor den Wahlen versucht der Staatssekretär des RcichSpostamtS Kraetke seinen Beamten ein Pfläslcrcbeii aufzulegen, indem er in de», PostaintSblalt folgenden Gnadcnakt kundgibt: 1. Die Entennung zum Post- und Telegraphenfekretär er- folgt jetzt zwei Jahre früher, also schon mit 18 Jahren. lKostet nichts.) 2. Diejenigen Unterbeamten, welche die Prüfung für den gehobenen Dienst ablegen, werden sogleich nach Bestehen der- selben zu Ober- Postschaffnern bezw. Ober- Briefträgern ernannt.(Kostet nichts.) 3. Diese Titel erbalten auch Post-Unterbeamte, die eine 30jährige vorwurfsfreie Dienstzeit zurückgelegt haben. (Kostet nichts.) ' TaS also die erste Leistung deS fo sehr verhaßten obersten Chefs. Fürwahr eine glänzende Tat! Einige Zeitungen bezeichnen dicS als ein Weihnachtsgeschenk an daS Personal der Post.(Löcherlich!) Mit Hohn und Spott ist diese Verfügung allgemein aufgenomnien worden. Die Erbitterung greist weiter um sich. Abg. Tr. Müller Meiningcn aus dem Richtcrbunde ausgeschlossen? Die„Mil.-pol. Korresp." berichtet aus München, daß der bekannte fortschrittliche Abgeordnete Dr. Müllcr-Meiningcn un- längst durch die bayerische Abteilung des Deutschen Nichtcrbundes von der Mitgliedschaft ausgeschlossen worden sei. Der Aus- schluh soll auf Antrag eines jungliberalen Amtskollegen Tr. Müllers erfolgt sein und zwar wegen der verallgemeinerten Angriffe, die Dr. Müller im Reichstage gegen den deutschen Nichterstand erhoben habe und für die er den Beweis schuldig geblieben sei. In den„Münchener Neuesten Nachrichten" erklärt Dr. Müller- Meiningen die Behauptung von seinem Ausschluß in allen ihren Teilen für völlig un wahr.„Ich habe im heurigen Frühjahr(1011) freiwillig meinen Austritt aus dem Richtervercin in dem Moment erklärt, als mir aus einem Briefwechsel klar wurde, daß meine Stellungnahme zu der Frage der Laienrichter vor allem in der Berufungsinstanz zu der Anschauung der Mehrheit meiner Richterlollegcn im Gegensatz stand." Der Präsident des Deutschen RichtervereinZ, Herr Land- gerichtörat Dr. Lceb in Augsburg erklärt:»Die wiederholt auf- gestellten Behauptungen, als sei Herr Dr. Müller-Meiningen ans dem Deutschen Richtervercin ausgeschlossen worden, sind völlig un- wahr."_ Der perfirebe Verzwdflungshampf. Cin Appcll ans Persicn an daS Juteruatiouale Sozialistische Bureau. Brüssel, 30. Dezember 1911.(Eig. Ber.) DckS Internationale Sozialistische Bureau hat nach- stehende Tcpesche des ProvinzialratS von TäbriS (Aaclsdtuinvll Jyaleti) erhalten, die an das persische Komitee von Konstantinopel(�näsodrunon Soadel) am 26. Dezember gerichtet war unb von diesem brieflich nach Brüssel weiter- gesendet wurde: .Die russischen Truppen find in die Verwaltungsgebäude ein- gedrungen, haben die Schüler niedergemacht, die Häuser geplündert und die unbewaffnete Bevölkerung massakriert. Die Einwohnerschaft sah lange diesen Handlungen zu un fühlte sich endlich getrieben, sich zn verteidigen.(Si gelang ih tzie russischen Truppen zur Räumung der BerwaltnnaSgebän� zu zwingen. Sie begannen jedoch die Stadt von Bagh her, ihrcin Lagerplatz, zu bombardieren. Die Aufregung und der Schrecken sind im Wachsen. Am nächsten Tage stellte die Bevölkerung auf einen Be- fehl von Teheran hin, den Widerstand ein. Aber die russischen Soldaten fuhren fort, die Häuser zu bombardieren, zu plündern und in Brand zu stecken, die Passanten zu massakrieren, die Frauen und die 5lindcr vor den Augen ihrer Eltern zu vergewaltigen und zu töten. Wenn sie dieses Massaker, diele Plünderung, die Gelvalttätigkeit und das Bom- bardcment nicht einstellen, wird die Bevölkerung sich nicht weiter zurückhalten können, Widerstand zu leisten. Wir bitten, diese Depesche den namhaften Zeitungen, den internationalen Bureaus von Europa und der zivilisierten Welt und dem Professor Browne mitzuteilen, damit sie sich von den barbarischen Gewalttätigkeiten der russischen.Truppen gegen ein waffenloses und schuldloses Volk überzeugen können." Ein Telegramm des gleichen Inhalts hat auch der Polizei- chcf von Täbris, Emir H e s ch m c t, an daS genannte Kon- stantinopclcr Komitee gerichtet. Heukerardcit. Täbris, 2. Januar. Ein gestern eingesetztes Feldgericht vernrteilte den Agitator Scheich Selim, einen einflußreichen Mullah sowie den Führer Ibrahim und fünf andere Perser wegen der Ueberfälle auf die russischen Truppen zum Tode. DaS Urteil wurde am selben Nachmittag in Anweseuhcit einer großen Volks« menge v o l l st r c ck t. ShnstcrS Nachfolger. Teheran, 2. Januar. Am Sonntagmorgcn wurde bekanntgegeben, daß eine Kommission, bestehend aus dem Belgier M o n a r d und drei Persern, die Amtspflichten deS Generalschatz- m e i st e r s übernehmen würde. Indessen hat einer der Perser die Benifung abgelehnt._ Oeftemicb-tliigam. Rüstungskosten. In der Vorsession der Delegationen jammerte der Kriegs- minister v. Auffenberg über die zu geringen Leistungen für den Militarismus und Marinismus, und die Berliner„Patrioten"presse stimmt ihm in lauten Tönen bei. Es ist darum angebracht, daß das Kriegsbudget des 48 Millionen Einwohner, zumeist verelendete Proletarier, zählenden Reiches 1011 auf 528 Millionen Kronen an- gewachsen, die jährliche Steigerung um je 100 Millionen an laufen- den und einmaligen Ausgaben auf 5 Jahre festgelegt ist. Die Marincausgabcn stiegen seit 1807 von 28 auf 120 Millionen, 300 Millonen kostet die Annexion Bosniens mit der Mobilmachung und 310 Millionen der Flottenplan. Und das alles nennt man im Lager des kommenden Minnes Franz Ferdinand einen— elenden Brocken! Cngianci. Die Bezichnngcn zu Deutschland. London, 2. Januar.„Daily Telegraph" schreibt: Soweit wir die Tendenzen der öffentlichen Meinung Englands interpretieren können, lehnt sich die Mehrheit der Engländer mehr und mehr dagegen auf, irgendwelche weitere ernste Unterbrechung in unseren richtigen, normalen Beziehungen zu Deutschland zu- zulassen. Das ist eine neue pt o t c in der internationalen Politik, die mit unverkennbarer Deutlichkeit ertönt. Die Eni- deckung, die wir kürzlich geipacht haben, daß wir im letzten Herbst am lliande eines Krieges waren, hat den kriegerischen Geistern unter uns einen nützlichen Shock gegeben. Das Blatt wendet sich gegen einen Artikel Professor Zorms in der„Kölnischen Zeitung", bezeichnet die kürzliche Aeußerung Professor Delbrücks, abend Hankau angegriffen. Der Kampf dauert an. Die Kaiserlichen sind erfreut darüber, daß der Abschluß der Berhand- lungen, dcr,> wie man annimmt, unzweifelhaft einen Sieg der Republikaner bedeutet hätte, vermieden wird. Hankeu, 2. Januar.(Meldung des Rcuterschen Bureaus.) Die Nepnblilancr, die gestern die Feindscliglciten eröffneten, hatten keine Nachricht von der Verlängerung deS Waffenstillstandes. London, 2. Januar.„Morning Post" meldet aus Schanghai vom 2. d. M.: Drei Kreuzer der Revolutionäre sind in T s ch i f u angelangt, welches als Basis für die Angriffe gegen N o r d ch i n a dienen soll. Peking, 2. Januar.(Meldung deS Reuterschen Bureail?) Juanschikai war heute im kaiserlichen Palast. Wie das Aus- wältige Amt erklärt, hat ihm die Kaiserin-Witwe 3 Millionen TaclS zur Verfügung gestellt. Viele Anzeichen sprechen dafür, dah die Nordarmee darauf brennt, den Kanipf ivieder aufzunehmen. Die Vorgänge in der Mongolei. Petersburg, 1. Januar.(Meldimg der Petersburger Telegraphen« Agentur.) Nach Meldungen aus Uliasulai proklamierten die dortigen Mongolen die Autonomie und forderten den chinesischen Militärgouverneür ans) abzureisen. Als er sich weigerte, dies zu tun, ersuchten die Mongolen den russischen Konsul um seine Vcr- Mittelung. Kalgan, 2. Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Die Fürsten der Südmongolci, die der Dynastie ergeben sind, haben einstimmig beschlossen, die Regierung im Kampfe gegen die Revolution zu unterstützen; im Falle der Errichtung einer Re- publik aber von China abzufallen, und sich für unabhängig zu er» klären. Em der parte!« i ngland Habe im Sommer beabsichtigte crklärung über Deutschland herzufallen, und fährt dann fort: Wenn so zwei Ratio d i ch t u n g e n ,über einander erfinden köm geschehen, um die Atmosphäre zu Elementen gefährlichen Mißtrauens gela'' gäbe, die unstrcr Diplomatie in den Es ist absurd anzunehmen, daß Engla nebeneinander leben sollen, ohne dur> e i n b a r u n g c n die natürlichen Js sichern. Der Mrres: formelle Kriegs Tfe Legende m d lo s e Er- flu u ß etwas die so mit las ist die Auf- Monaten wartet. utschland immer s e i t ig e Vcr- cidcr Länder zu Vom tripolitanischen Kriegsschauplatze liegen heute keine besonders erwähnenswerten Nachrichten vor. Die italienische Kavallerie hat einige Rekognoszierungen vorgenommen, ohne auf den Feind gestoßen zu sein. General Eaneva hat in Tripolis einen großen Neujahrscmpfang veranstaltet, bei dein die eingeborenen städtischen Behörden usw. wieder eine Er- gcbenheitsskomödie für Italien aufführen mußten. Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß die dortige Filiale der B a n c a d i Roma durch die türkische Regierung geschlossen worden ist. Eine Großtat hat das Ministerium Giolitti wieder be- gangen, indem es den Kricgskorrespondenten unseres italieni- schen Parteiblattes„ A v a n t i". Michcle Vaine aus Tripolis ausgewiesen hat. Bedrohliche Lage der Italiener in Tunis. Mailand, 2. Januar. Wie Giuliano Bonacci, der Korrespondent deS„Corricre dclla Sera", aus Tunis schreibt, befindet sich die dortige italienische Kolonie in keineswegs ungesährlicher Lage. Nach den Unruhen vom 7. und 3. November haben viele Italiener, die sich unsicher fühlen. Tunis verlassen. Die französischen Behörden begriffen nicht, daß die Unruhen gegen alle Fremden und nicht nur gegen die Italiener gerichtet waren, und gewähren den Italienern nicht den nötigen Schutz. Sobald die Italiener die Mauern der Stadt Tunis verlassen, um auf den Feldern zu arbeiten, werden ihnen die WaffeiUa-�etiornmen. während die arabische Bevölkerung auf dem Lande woiler bewaffnet bleibt. Nach dem Ausbruche des Krieges haben fiMtzie'Wabischcn Stämme von Tunis und die von Tripolis, die yorh-r in ständiger Fehde lebten, wieder ausgesöhnt und sich im Hlfse geguf die italienischen Eindringlinge vereinigt. volution in China. der Friedenskonferenz. Schanghai, �.Mlnuar.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die FrievcnukoOTWPZ beschloß am Sonnabend, daß jede Provinz Chinas drei H�nDMr zu dem Nationalkonvent wählen soll. Auch die Mongole» und Tibet sollen durch je drei Abgeordnete ver- treten sein. Mr Enibcrufung der Abgeordneten wird zum Teil im der Mandschus und zum Teil im Namen der provisorischen ischen Rcgierung erfolgen. Neue Kämpfe. m, 31. Dezember.(Meldung der Petersburger Tele- gentur.) Der Waffenstillstand ist abgelaufen. Die Republi- !en von W u t f ch a n g aus ein Gewehrseuer gegen Hanjang ng, 1. Januar.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Wie enmg bekanntgibt, haben 4000 Revolutionäre gestern Zur Steuer der Wahrheit. Die„Schwäbische Tagwacht" in Stuttgart bringt unter obenstehender Spitzmarke folgende Erklärung: Unter Verantwortlichkeit und vom Verlag der Nationalliberalcn Partei in Stuttgart wird im ganzen Lande ein Flugblatt verbreitet, worin die Veröffentlichung des Genossen Westmeyer in der Göppinger„Freien Volkszeitung" am 18. Dezember d. I. zugunsten der Nationalliberalen Partei auszuschlachten versucht wird. Dieses Bersahren einer politischen Partei, die Auslassungen eines Genossen, die lediglich seine persönliche Auffassung von bestehenden Differenzen darstellen, zn Wahlzwecken auszunützen, überlassen wir ruhig der Beurteilung der Wähler. Als die Körperschaft, die als ausführendes Organ der Beschlüsse der LandcZversannnlung verantwortlich in Betracht kommt, stellen wir fest, daß die Landesversammlung im September 1011, nachdem etwa zwei Jahre lang der Streit innerhalb der Redaktion angedauert hatte, die Kündigung aller in Betracht kommenden Redakteure bc- schlössen hat. Der Austritt dieser Redakteure erfolgte am 1. Oktober. Dem Genossen Westmeyer wurde jedoch daS volle Gehalt bis zum 31. Dezember 1911 im Betrage von 775 M. ausbezahlt. Schon im Juli 1911 war auf Beschluß der beiden Körperschaften(Landes« vorstand und LandeSausschuß) dem Genossen Westmeyer bei frei« willigem Austritt aus der„Tagwacht'-Rcdaktion angeboten worden, deren ständiger Mitarbeiter zu werden, mit einem sicheren JahrcS» bezug bis zu 2400 M. Genosse Westnieyer hat dieses Angebot ab« gelehnt. Somit kann von niemand gegen verantwortl«ye Organe der Partei der Vorwurf der Maßregelung oder gar der p l a n« mäßigen Aushungerung erhoben werden. Stuttgart, 29. Dezember 1011. Der Landesvorstand der Sozialdemokraten Württemberg V. Ein Gedenktag. Am 1. Jnnuar 1012 waren es 25 Jahre, seitdem die erste Nummer der„Gleichheit" in Wien erschien. Viktor Adler hatte das Blatt gegründet; um der in hadernde Fraktionen zerrissenen Arbeiterschaft, die der Ansnahmczustand auch um ihre Organe gebracht hatte, einen Ort der Sammlung und Verständigung und eine Waffe zu schaffen, die sie in der Zeit der Verfolgung, des Bruderzwistes und der Organisationslosigkeit doppelt nötig hatie. Unter der Mitarbeit einer nicht allzu großen Anzahl von Genossen gelang es. nicht nur daS Blatt weiterzuführen und allen Angriffen der Burcaukratie und Justiz standzuhalten, sondern auch— was vielleicht noch schwieriger war— das Mißtrauen zu überwiichen, das Dr. Adler vielfach entgegengebracht wurde. Schlii�Iich, als die„Gleichheit", nachdem sie den Hainfelder Einigigungsparteitag zustandegcbracht, ausnahmcgerichtlich unterdrückt lvurde, konnte das nicht mehr schaden. Die„Arbeitcr-Zeitung" trat an ihre Stelle. Und es ging immer rascher vorwärts. AuS dem Lande des OchfcnkopfeS. Der Rat der Stadt Wismar lehnte die Einführung des vom Bürgerausschuß in den Gewerbe» schulvorstand gewählten sozialdoinokratischen Töpfermeisters Reincke ab, mit dem Hinzufügen:„Wegen seiner politischen Ansicht". Rechtsgleichheit im Junkcrlandel Em Industrie und Kandel. Syndizierung der rheinischen Großmühlenbctriebe. Das Mühlengewerbe wird immer mehr Großindustrie. AIS Zivischenstufe in der Produktion hat es begonnen, sich auch die Ber- sorgung mit Getreide anzuschließen. Besonders die am Rhein liegende Mühlengroßindustrie ist, durch die Zufuhrtvasserstraße be» günstigt, mehr und mehr zugleich Getreidchandel geworden. Mitte dieses Jahres vereinigten sich 17 große süddeutsche Mühlenunternehmnngcn zu einer G. m. b. H.-Organisation, deren Hauptaufgabe die Kontingentierung der Produktion und F e fl s e tz u n g v o n M i n i m a l p r e i s e n ist. Es handelt sich dabei um rund 10 Millionen Sack Mehl! Durch hohe Kon« vcntionalstrasen sollen die Mitglieder in Zucht gehatten werden. Jetzt wird bekannt, daß diese süddeutsche Müller, Vereinigung G m. b. H. mit der Vereinigung West- deutscher Mühlen am Niederrhein zu einer Ver- stär.digung gekommen ist, die ebenfalls wieder die Kontingentierung und die Minimalpreise betrifft. Damit ist das ganze Rheingebiet und seine Großmühlen unter gemeinsamer Produktionskonlrolle. Nur drei Großunternehmen, die LudwigShafener Walzmühken A.-G., die Frankfurter Hafenmühle und die Firma Gebr.. Wolf in Frankfurt a. M. stehen noch außerhalb der Organisation. Es handelt sich hier um eine erste Verbandsgründung dieser Art, hat sie auch noch mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen, sie setzt sich, als Vergegenständlichung einer kapitalistischen Tendenz doch durch, dagegen wird keine sogenannte Mittelstandspolitik, wie sie alle bürgerlichen Parteien mehr oder weniger— versprechen. etwas helfen._ Tic Großstadt als KohlenwerkSbcsitzerin. Die Gemeinde Wien hat von der Braunkohlcngewerkfchaft Zillingsdorf, Nieder- österreich, 128 Kuxe für 1% Millionen Kronen gekauft. Die nach sachverständigen Gutachten(hoffentlich wiederholen sich hier nicht die Erlebnisse deS bayerischen Staates und der Otaviminew) auf Jahrzehnte hinaus ausreichenden Kohlenvorräte sollen in erster Linie die städtischen Elektrizitätswerke von der schwankenden Kohlenkonjunktur möglichst unabhängig machen. Die Lehm-Deck- schicht soll zur Ziegelfabrikation, die Kohlcnabfälle zu Brikett? verarbeitet werden. Für die Vorarbeiten sind 240 000 Krone» bewilligt. Die jkohle wird an Ort und Stelle ausgenutzt werden. Ihr Transport nach Wien lohnt nicht, t- »» GeweHtfcbaftUcbea. Die dem Staate„befbnders nützlichen Elemente". Da die bürgerliche und Reichsverbandspresse jetzt wieder mit einer Anzahl mehr oder weniger schlecht erfundener Märchen hausieren geht, um ihren gutgläubigen Lesern vor der bösen Sozialdemokratie und den ebenso schlimmen Gewerkschaften gruselig zu machen, ist es notwendig, ab und zu eine solche Hauptgestalt ihrer Märchen festzuhalten. Und das sind ja in 99 von 199 Fällen stets edle Menschen, sparsame und fleißige Arbeiter, treusorgende Familienväter usw., die als Menschengattung unter dem Sammelnamen„Arbeits- willige" geführt und wegen ihrer guten Eigenschaften selbst- verständlich von den„sozialdemokratisch" organisierten Ge- tverkschaftlern verfolgt, gepeinigt und(es kommt ja beim Schwindeln nicht so genau darauf an) sogar zu Tode gehetzt werden. Das wäre nun alles ganz gut uud schön, wenn sich nachher nicht herausstellte, daß diese ausgeputzten Märchen- gestalten oft gemeingefährliche Lumpe sind. Wie solch ein Arbeitswilliger in Wahrheit aussieht, beweist ein Gerichts- bericht, den vor einiger Zeit auch der„Vorwärts" brachte. Danach wurde ein gefährlicher Jugendverführer auf längere Zeit unschädlich gemacht. Wegen Entführung einer minder- jährigen Person unter Anwendung von List hatte die 1. Strafkammer des Berliner Landgerichts I gegen den Äurbelsticker Hermann Brunnstein zu verhandeln. Der An- geklagte ist ein vielfach vorbestrafter Mensch, der wegen aller möglicher Vergehen und Verbrechen insgesamt zirka acht Jahre hinter Gcfängnismaucrn zugebracht hat. Außerdem hat xr sich wegen Vettelns und Arbeitsscheu mehrere Male im Arbcitshausc befunden. Nach Verbüßung seiner letzten Strafe zog er zu einer Frau H., mit der er nähere Beziehungen an knüpfte. Dort überredete er den zwölfjährigen Sohn der Frau H. dazu, das Elternhaus zu verlassen und mit ihm ins Ausland zu gehen. Er fuhr niit dem Knaben nach London, wo er mit ihm das deutsche Konsulat aufsuchte und um Unter stützung bat, die er auch erhielt. Er zog dann niit dem Jungen weiter herum und schickte ihn zum Betteln auf die Straßen, bis dieser endlich aufgegriffen und nach Deutschland zurück transportiert wurde. Bald darauf wurde auch der Angeklagte ermittelt. Im Laufe des Verfahrens stellte es sich heraus, daß der Augeklagte den Jungen auch zu unsittlichen Zwecken mißbraucht hatte. Vor Gericht benahm sich der Angeklagte trotz mehrfacher Rügen des Vorsitzenden sehr dreist. Der Staatsanwalt be autragte 6 Monate Gefängnis. Das Gericht ging jedoch mit Rücksicht auf die hohe Gemeingefährlichkcit des Treibens des Angeklagten weit über diesen Antrag hinaus und erkannte auf Jahre Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Dieser, jetzt wieder auf längere Zeit unschädlich gemachte Hermann B r u n n st e i n ist a u ch einer von den Vorbild- lichen Arbeitswilligen, der seinen im Tertilarbeiterverbandc organisierten Kollegen bei ihrem Kampfe um bessere Existenzbedingungen in den Rücken gefallen ist und das wohl häufiger getan hätte, wenn er nicht dann und wann hinter Schloß und Riegel gesessen hätte. Außer dieser vielseitigen Tätigkeit hat er noch versucht und verstanden, die Kranken- fasse ganz gehörig zu rupfen und sich an den Groschen an- ständiger Arbeiter zu bereichern. Wahrlich ein leuchtendes Vorbild! Lerlln und Omgcgcnd Ter Tarif für das Hilfspersonal in Buchdruckereien von den Mitgliedern der Zahlstelle Berlin abgelehnt! lieber Verlängerung des am 3t. Dezember 1V11 abgelaufenen Darifcs fanden, wie auch unseren Lesern bekannt, Ende November erneute Verhandlungen in Leipzig statt, die aber ergebnislos vcr- liefen, weil die Vertreter der Buchdruckercibcsitzer der Hilfsarbeiter- Organisation Zumutungen stellten, welche diese mit Empörung ab- lehnen mutzten. Am 18. Dezember fanden nun im Buchgewerbehaus zu Berlin erneut» Beratungen statt, die dann auch zum Abschluß eines neuen Darifes führten. Der neue Tarif soll wie der alte ö Jahre Gültig- kcit häben. lieber Verlauf und Ergebnisse dieser Verhandlungen, die unter Leitung des Tarisamtes der deutschen Buchdrucker geführt wurden, berichtete der Berliner Ortsvorsitzende Moritz in einer von gut 2500 Personen besuchten außerordentlichen Mitgliedcrver- sammlung der Buchdruckereihilfsarbciter, die am Sonntag in Mörners Saal tagte. Wir wutzten— so führte Redner aus—, daß mit dem Ab- brechen der Leipziger Verhandlungen das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Kurze Zeit darauf erhielt die Ortsverwaltung eine Aufforderung zu Verhandlungen. Wir konnten dies nicht ablehnen, weil wir gewillt waren, wenn irgend möglich, den tariflichen Weg zu beschreiten. Das Tarifamt machte zur Vorbedingung, daß unsererseits auf den§ 14 der Allgemeinen Bestimmungen ver- zichtet würde. Wir konnten darauf eingehen, nachdem uns Garan- ticn gegeben wurden, daß für Berlin oie Sachlage„so betrachtet werden solle, als wenn 8 noch zu Recht besteht". Da hier hauptsächlich nur die Zeitungsdruckercien in Frage kommen, hätte die Streichung dieses Paragraphen für Berlin keine Verschlechterung bedeutet. Auch die Haftpflichtklausel wurde von uns akzeptiert. Wir hielten es für selbstverständlich, für eingegangene Vcrpflich- tungen auch Garantien zu bieten. Ausschlaggebend war für uns, die materielle Besserstellung der Kollegenschaft.— In dieser Hinsicht wurden wir bitter enttäuscht. Die bewilligten Zulagen konnten uns nicht befriedigen. Auch ein Herr Hornbach, der Zentral- Vorsitzende der„christlich" organisierten Hilfsarbeiter, eines Organi- satiönchen von im ganzen 150 Personen, dazu meist Leute, die in Buchbindereien beschäftigt sind, nahm auf die Fürsprache des Geheimen Kommerzienrats B ü x e n st e i n an den Beratungen als Zuhörer teil. Außer Berlin und München beteiligten sich noch: Bremen, Halle, Königsberg i. Pr., Mannhcim-Ludwigshafen, Magde- bürg, Nürnberg-Fürth. Sluttgart, Straßburg. Die Prinzipale aus Leipzig, Hamburg, Dresden, Karlsruhe, Breslau weigern sich, Tarife mit dem Hilfspersonal abzuschließen. Unsere Münchcner Kollegenschaft hat dem abgeschlossenen Tarif ihre Unterschrift ver- sagt, und eine Woche später durch örtliche Verhandlungen Zulagen von durchschnittlich 14 Proz. erreicht.(Diese Mitteilung wird von der Versammlung mit stürmischem Beifall hegrüßt.) Tie Berliner Mitgliedschaft möge entscheiden, ob sie dem abgeschlossenen Tarif ihre Zustimmung geben will oder nicht. Ucber die Höhe der erreichten Lohnsätze macht Redner folgende Angaben: Sämtliche Hilfsarbeiter mit einem Lohnbezug bis 12 M. erhalten eine Erhöhung von 12K Proz., über 12— 18 M. erhalten eine Erhöhung von 19 Proz., über 18—27 M. erhalten eine Erhöhung von 7)4 Proz., über 27 M. erhalten eine Erhöhung von 6 Proz. Würden wir uns damit einverstanden erklären— so bemerkte Redner—, bekäme der größte Teil der Berliner Kollegenschaft keine Zulage, weil die in Berlin erkämpften Löhne höher sind als die festgelegten: ja, die Ticgelanlegcriniicn bekämen statt wie jetzt 19,25 M. in Zukunft nur 19 M. Tie Berliner Tarifvertrctcr unterschrieben das Schlußprotokoll nicht; spätere örtliche Verband- kungen brachen die HilfSarbekterberkreker ab, kell die hiesige Prinzipalität sich nicht für kompetent erachtete, über die von ihrer Organisation festgesetzten Löhne hinauszugehen, dann aber auch, weil unsere Mittel nach ihrer Ansicht zu einem Streik nicht reichen. (Gelächter.) München hat durch örtliches Vorgehen 14 Proz. er- reicht, Berlin fordert nur 10 Proz.; dies zu erkämpfen, mutz uns möglich sein.(Beifall.) In der Diskussion nahmen alle Redner eine den Tarif ab- lehnende Stellung ein. Die Mehrzahl der Redner drückte ihre Entrüstung aus über eine sechsprozentige Zulage, die der größte Teil noch gar nicht einmal erhalten würde, weil ihr Lohn über Minimum steht. In seinem Schlußwort gab Moritz noch einige Ratschläge, wie sich die Mitglieder in der jetzigen tariflosen Zeit zu verhalten haben, und warnt vor sofortiger Arbeitsniederlegung. Ohne Zu- stimmung der Ortsverwaltung darf nickts unternommen werden. In einer Resolution wird die Taktik der Ortsverwaltung gut- geheißen und diese beauftragt, durch eventuellen Abschluß von Hausverträgen eine Ivprozentige Zulage für alle Mitglieder zu fordern, weil die Teuerungsverhältnisse diese Forderung mehr als gerechtfertigt erscheinen lasse. Die kranken Kollegen, die sich zurzeit in Beelitz befinden, hatten ein Telegramm geschickt, das die Versammlung warm aufnahm. Tarifbewegung der Lederarbeiter. Die Sektion Berlin I des Verbandes der Lederarbeiter nahm am Sonntag in einer stark besuchten Versammlung Stellung zum Ablauf des Tarifes. Die Lohnkommission hat bereits mit den Ver- tretern der einzelnen Abteilungen Beratungen gepflogen und Vor- schlüge ausgearbeitet. Der neue Entwurf enthält nun als wesent» lichste Forderungen: Die Gcrbereiarbeiter erhalten Anfangslohn pro Stunde 60 Pf.(bisher 52,A Pf.), die Färber 06 Pf.(bisher 48 Pf.). Diese Forderungen sind um so gerechtfertigter, als in der Provinz zum Teil schon höhere Löhne gezahlt werden. Es wurde beim letzten Tarifahschluß schon versucht, die Hilfs- arbeiter, deren Arbeit äußerst anstrengend und schmutzig ist, in den Tarif mit einzubcziehen. Sie erhalten jetzt 35— 37 Pf. Anfangslohn pro Stunde; der Entwurf enthält nun für sie 40 Pf. Anfangslohn, 43 Pf. nach einem halben und 44 Pf. nach einem ganzen Jahre. Für steberstundcn gibt es jetzt 10 Pf. Aufschlag, nach dem neuen Entwurf sollen 20 Pf. gezahlt werden. Tie Arbeitszeit soll von 9)4 auf 9 Stunden herabgesetzt werden. Für Akkordarbeiter sind in dem Entwurf bei den einzelnen Positionen entsprechende Auf- bcsscrungen vorgesehen. Einstimmig erklärte sich die Versammlung nut folgendem Passus einverstanden:„Ist trotz der festgesetzten Akkordsätze der übliche Lohn nicht zu verdienen, dann sind für die betreffenden Sorten weitere Zulagen zu gewähren." Die gesamte geforderte Lohnerhöhung beträgt 10 Proz. Ferner wurde folgender Antrag aus der Mitte der Versamm- lung angenommen:„In den Entwurf ist die Forderung aufzu- nehmen, daß llrlanb gewährt werde von 2 Tagen ab, jedes Jahr einen Tag mehr, nach fünfjähriger Tätigkeit im Betriebe eine Woche." Weiter fand der Passus Annahme:„Werden qualifizierte Ar- beiter zeitweise nrit sogenannten unqualifizierten Arbeiten bcschäf- tigt, so haben sie denselben Lohn zu beanspruchen, den sie vorher hatten." Der Entwurf fand einstimmige Annahme, desgleichen der Be- schluß, den Tarif, der am 1. März d. I. abläuft, zu kündigen. Der neue soll wieder für 3 Jahre gelten. Eine Statistik über Lohn usw. soll demnächst aufgenommen werden. Stukkateure! Zum neuen Jahre haben unS die Unternehmer den am 31. März ablaufenden Tarifvertrag gekündigt, sicherlich nicht mit der Absicht, die für uns notwendigen Aenderungen vorzu- nehmen. Es ist deshalb notwendig, auf die genaueste Einhaltung des Tarifes zu achten und für die Festigung der Organisation tätig zu sein. Die Ortsverwaltung. veutkcbes Rctch. auf der„Carlshütte" bei Rendsburg. en Erfolglosigkeit sucht die Carlshütte in allen immer wieder Arbeitswillige. Meldet sich oncen, so erhält er eine Karte folgenden on Rendsburg treffen Sie unfern Gesell» cm, der Sie zur Carlshütte führt. Als ie.diese Karte in der Hand. Wünschenswert «Melden, mit welchem Zuge Sie kommen." » Beamte" ist ein Arbeiter, der noch mit Kollegen von der S ch l i e ß g e s e l l s ch a f t be- Zum Stcf; Trotz de� möglichen jemand auf Inhalts: .Auf u � schaftsbeamte Kennzeichen tri ist es, daß Sie Dieser„Unit mehreren seiner zogen ist und iwbejibeiT das Amt eines Streikbrechertransporteurs versieht. Dabei wird den Leuten vorgeredet, daß e? sich nicht um Streik- brecherei handelt, wie nachstehender Fall zeigt. Ein Arbeiter aus Leipzig, der vorsichtshalber bei der Carlshütte angefragt hatte, ob dort auch nichts los sei, erhielt das Reisegeld zugesandt mit folgender Bemerkung auf dem Postabschnitt: „Hierbei Fahrgeld 4. Klasse 10,20 M.. Zehrgeld 1,30 M., zu- sommen 12.00 M.— Wenn Sie übrigens Streikbrecher sein wollten, so ist hier nicht der Platz dafiir; in diesem Falle bleiben Sie dort und senden uns da? Geld wieder zurück." Bei ihrer Ankunft in Rendsburg müssen solche Arbeiter denn gewahr werden, daß sie doch als Streikbrecher verwendet werden sollen._ Die Linoleumleger der Firma Schröder u. Baum in Essen, Steelertor, sind in den Ausstand getreten. Zuzug ist fernzuhalten. Tie Firma hatte Abzüge gemacht. Aus diesem Grunde ist ein Tarif eingereicht worden, um derartiges später zu verhindern. Der Firmeninhabcr ist gestern nach Berlin(!) gc- fahren, vermutlich um Leute anzuwerben. Vor Zuzug wird gewarnt! Ein rabiater Unternehmer. Der Besitzer der Steinmühle in WieSbaden-Totzheim. Herr P. Frick, hat eine Anzahl Arbeiter ohne Einhaltung der Kündi- gungsfrist entlassen, weil sie sich weigerten, täglich eine halbe «tunde ohne Bezahlung länger zu arbeiten als bisher. Den fälligen Lohn behielt er ihnen ein. Mit den Ausgesperrten er- klärten sich eine Anzahl anderer Arbeiter solidarisch. Bei dem ersten Unterhandlungsvcrsuch mußten dre OrganisationSvertretcr eine Schimpfkanonade über sich ergehen iasscm- Dum Schlüsse wur- den sie buchstäblich hinausgeworfen.<» werden von Herrn Frick und seinem 18 ncm Revolver in der Hand von und zur Posten werden ohne jede Veranlassung a Die ohne Kündigung entlassenen A> Gewerbcgericht auf Auszahlung des ei Entschädigung für 14 Tage Lohn. Beim Gewerbcgerichtsvorsitzeude Veranlassung, anzubahnen. Herr Frick ging schließlich sich dann aber am festgesetzten Termin nächsten Termin lehnte er jede Einigungsve mit der Begründung, daß kein Streik mehr Arbeiter zu den vom Unternehmer festgcsctz beite. Am 29. Dezember entschied das Gcwerbegericht ühgx die ein- gereichte Klage und sprach vorläufig der Tagschicht den rückstäu- digen Lohn und 14 Tage Entschädigung zu. Das gab Herrn Frick Veranlassung zu behaupten, daß das Recht gebeugt werdotzwas ihm eine Ordnungsstrafe von 100 Mark eintrug. Eine noch regung des Gewerbegerichtsvorsitzenden zu Einig» lungen über den Streitfall lehnte Herr Frick wieder ab. wieder einzustellen, sei ihm unmöglich, und die Organi zucrkcuiien oder gar mit den Vertretern der Organi! unterbandeln, weigere er sich entschieden. Austritt der! aus dem BfiflSmi« und Rühlenarbeiterverband hatte er a' Arbeitswilligen ohn mit gelade- itet, die Streik- ten nun beim Lohnes und in nahm der »erHandlungen entschuldigte ckhcit. Beim ab und zwar ein Teil der ungen ar- verantw. Redakteur: Albert Wach-?, Berlin. Inseratenteil verantw.: TH.Glocke.Berlin. Drucku.Verlag:VorwärtsBuchdr.w Verlag! zu Beginn der Differenzen von feinen Arbeikern verlangt. Herr Frick mußte zugestehen, daß er schon enormen Schaden erlitten habe, aber er will„Herr im Hause" bleiben. ZZusland. Intervention in der englischen Textilindustrie. Im Namen der Regierung hat Sir Georg ASquith vom Han- delsamte in dem Konflikt zwischen den Textilarbeitern und den Fa- brikbcsitzcrn von Lancashire interveniert. Das Eingreifen erfolgte, ohne daß eine der beiden Parteien um Vermittlung gebeten hätte. ASquith sandte Schreiben an die Vertreter beider Parteien, obwohl diese im voraus erklärt hatten, nicht nachgeben und auch keine Vcr- mittlung annehmen zu wollen. EUis der Frauenbewegung. Frauen heraus! Am Donnerstag, den 4. Januar, finden in Groß-Berlin 26 öffentliche politische Volksversammlungen statt, in denen die Frauen Stellung zur Reichstagswahl nehmen. Tie Frauen haben kein Wahlrecht, ergo haben sie sich nicht um die Reichstagswahlen zu kümmern, so argu- mentiert der Spießbürger. Als ob die vorhandene politische Rechtlosigkeit auch politische Interesselosigkeit bedingen müßte. Wir meinen vielniehr, daß die politisch mündigen Frauen in der Empörung über ihre politische Rechtlosigkeit sich um so stärker am Wahlkampf, an der politischen Agi- tationsarbeit für die Partei betätigen werden, von der sie wissen, daß sie neben dem Klasseninteresse der arbeitenden Massen das Interesse der Frauen grundsätzlich und energisch vertritt: dieSozialdemokratie. Ein guter Agitator kann mehr für die Sozialdemdkratie, für die Ausbreitung ihrer Ideen, für die Gewinnung neuer Anhänger wirken, als ein Wähler, der nur sozialdemokratisch stimmt, aber nicht agitiert. Agitieren können und sollen aber die Frauen so gut wie die Männer. Geschieht das überall, wird uns nianche Stinime mehr gewonnen, als wenn die Frauen gleichgültig und tatenlos dem Wahlkampf gegenüber- stehen würden. Mancher Gleichgültige, mancher Laue, mancher Wankelmütige ist durch Frauen zum Erfüllen seiner Wahl- Pflicht angespornt worden. Und so soll es auch im jetzigen Wahlkampf geschehen. Die Frauen werden zu dieser Wirk- samkeit sicher um so niehr augespornt, angesichts der Tatsache, daß die bürgerliche Mcbrbeit des verflossenen Reichstages gerade ihre Interessen rücksichtslos mit Füßen traten. Wir haben in den letzten Wochen wiederholt nach- gewiesen, wie gerade die Frauen so enorin unter den „Segnungen" des verflossenen Reichstages zu leiden batten. Um die Frauen anfzurütteln, sie für den Befreiungskampf des Proletariats zu begeistern, sei nur noch einmal an dicx Behandlung, die der Mutter» und Säug- l i n g s s ch u tz erfahren hat, erinnert. Die Sozialdemokratie hatte beantragt: Me Frauen, deren Familieneinkommen eine bestimmte Höhe nicht über- schreitet, sind der Krankenversicherung zu unterstellen. Bei eintretender Schwangerschaft ist ihnen für acht Wochen eine Schwangerenunterstützung in der Höhe des ortsüblichen Tage- lohnes für Arbeiterinnen zu gewähren; in der gleichen Höhe ist den Wöchnerinnen für acht Wochen eine Wöchnerinnen- Unterstützung zu gewähren. Arzt- und Hebammendienste haben die Wöchnerinnen unentgeltlich zu beanspruchen, und für 26 Wochen haben die Mütter, die fähig und willens sind. ihr Kind zu stillen, Anspruch auf ein Stillgeld in der Höhe des Krankengeldes.— Tie bürgerliche Mehrheit, als die Per- treterin des Besitzes, hat, ohne über die Anträge zu dis- kutieren, sie abgelehnt, und damit Leben und Gesund- heit von Müttern und Säuglingen in Arbeiterkreisen auf das schwerste geschädigt. Sie haben die Anträge abgelehnt, trotz- dem sie wissen, daß hunderttausende Frauen in Deutschland bis kurz vor der Entbindung schwer schaffen müssen, daß sie, von der Not gepeitscht, mit schmerzdurchwühltem Körper und mit zitternden Knien zur Arbeit wanken. Aber was kümmert das die bürgerliche Gesellschaft. Mit kaltem„Nein!" wurde alles abgelehnt, wo ein freudiges: „Jal Wir stimmen den sozio ldemokratischen Anträgen zu!" viel Menschenleben und Menschcnglück hätte erhalten können. Möchten doch all unsere Proletarierinnen sich dieser skandalösen Vorgänge fortgesetzt erinnern, möge der Zorn, der heilige Zorn darüber ihnen die Kraft geben, energisch teilzunehmen an dem großen Kehraus aller Volksfeinde. Der sozialdemokratische Sieg bei der Wahl wird auch den Mutter- und Säuglingssschutz vorwärts treiben. Genossinnen, Prolctarierinncn? Darum auf zur Agi- tation für die Versammlungen am Tonnerstag. Erhebt in gewaltigen Massen Protest gegen das Unrecht, das der Arbeiterklasse immer aufs neue angetan wird. Rüttelt die Säumigen auf, begeistert die Indifferenten für den großen Kampf und macht sie auf ihre Pflicht aufmerksam, nicht länger untätig und gleichgültig beiseite zu stehen, denn Kein Himmel kann das Heil uns senden, Es fällt aus keines Gottes Schoß; Die Menschheit muß mit eignen Händen Erkämpfen sich ihr bess'res Los! K-ctzte Nachrichten» Tic Revolution in China. Peking, 2. Januar.(Meldung deS Reuttrschen Bureaus.) 700 Soldaten, die das Arsenal in L a n ch 0 w bewachten, haben heute gemeutert. Der Kommandeur ist nach Kaiping g e- flohen, von wo er an die Eisenbahnbehörden in Tientsin telegraphierte, die Meuterer hätten die Absicht, de» Eisenbahnvcr- kehr z» hindern. Moloch Kapital. Budapest, 2. Januar.(W. T. B.) Bei der Budapester Petroleum-Akticngesellschaft vorm. Berg wurden durch eine Kessel- explosion vier Arbeiter getötet und zwei Ingenieure und zwei Ar» beiter schwer sowie drei Arbeiter leicht verletzt. Einige andere Arbeiter werden vermißt. � Generalstreik der Bergarbeiter in Belgien. Brüssel, 21. Januar,(W. T. B.) In der Borinage wurde heute von den Geiveekschaften der Bergleute ein Referendum über die Fntge veranstaltet, ob es am Platze sei, in den Generalausstand zu treten, weil die Bergwerksbesitzer beschlossen haben, in Zukunft den Kohlcnarbeitern den Lohn 14tägig»u bezahlen, während jetzt 8tägige Lohnzahlung üblich ist. TaS Referendum hat bis heute abend in den meiste» Ortschaften das Ergebnis gehabt, daß der Ausstand erklärt wurde. Ob er allgemein durchgeführt wird, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. ülSinger�Co.,Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u.UnterhaltungSbl. kular-) SitzunZeR 5239 Gegenstände �ictuttler 4728 tiut Sctufuftg oder Beschwerde anfechtbare Bescheide) bcschlus>mäs>ig erledigt." Also in jeder Sitzung 239—250 Fälle„erledigt". Donnerwetter, wie„gründlich"! Mit der Tätigkeit der Ortspolizeibchörden ist „Lber-Elsass" gar nicht zufrieden, denn der Bericht knurrt: „Bezüglich der ortspolizcilichen llnfallnntersuchungen muß hier bemerkt werden, daß dieselben viel zu oberflächlich abge- galten werden und daß hierin bei einzelnen Ortspolizeibehörden eher eine Berschlcchtcriiiig statt eine Besserung festzustellen ist. Diese Ortspolizeibehörden glauben ihrer gesetzlichen Pflicht zur Vornahme der Untersuchung genügt zu haben, wenn sie die Aus- sagen der Berlcbten zu Protokoll nehmen, letzteres der Berufs- genosienschaft einsenden und sich um die Beweismittel bezüglich des angeblichen llnfalis gar nicht kümmern." , Auch„Nnterfrankeu" meldet: „Ucberhaupt zeigte» im großen nnd ganzen die Bürgermeister kein allzu reges Jntcrcffe an der Durchführung der Unfallber- bütungsvorschriften. Mehrfach überließen sie die Kontrolle der Beseitigung der vorgefundenen Mängel den hierzu sich wenig oder gar nicht eignenden Gemeindedienern; dann waren die gemcindebchördlick>en Vermerke und Einträge über den Befund in den Revisionslisten infolge Ungenauigkeit und Unklarheit für den Geschäftsbetrieb sehr häufig unbrauchbar." Auch die Betriebe der Gemeinden lassen zu wünschen übrig, Wie uns„Schtvabeu und Nenburg" berichtet: „Leider wird die Besichtigung der gemeindlichen und pri- baten Kiesgruben- und Steinbruchbetriebe durch die technischen Auffichtsbeamtcn nicht in dem gewünschten Maße erfolger. können, obwohl gerade hier eine sehr häufige Kontrolle nötig wäre, da sich der Zustand der Gruben bczw. der Brüche fortlaufend ändert. Nur durch die ständige Ucbcrwachung derartiger Betriebe seitens der Ortö- und Distriktspolizeibehörden wird eine allmähliche Besse- rung erreicht werden können." Dieser Bericht zeichnet sich auch durch seine„schöne" Sprache aus, indem stets von„Verunfallten" gesprochen wird! Einige Betrugsfalle, in denen verunglückte Arbeiter für einen auf andere Weise ihnen zugestoßenen Unfall mit Unrecht eine Bctriebsarbcit verantwortlich machten, werden in den Berichten aus„Rheinland",„Oberfrankcn" und„Schwaben" sehr ausführlich behandelt. €rwiderun() an(Herrn Professor v. Ciizl. In einem durch die liberale Presse laufenden Aufsatz(vcrgl. „Berliner Börsen-Courier" vom 30. Dezember und„Geraisches Tageblat" vom 30. Dezember) polemisiert Professor v. Liszt gegen meine im„Vorwärts" vom 19. Dezember 1911 veröffentlichte den von ihm mitverfaßten Strafgesetzgcgenentwurf be- treffende Einsendung. Die Dankbarkeit, die ich Herrn Professor v. Liszt als meinem langjährigen Lehrer für viele wertvolle An- rcgungen schulde, verbietet mir, mit der von ihm angewandten per- fönlichen Schärfe zu antworten. Ich will deshalb nur in aller Ruhe folgendes zur Berichtigung des Lisztschen Aufsatzes konstatieren: In jener zitierten Einsendung wollte ich. wie ich ausdrücklich hervorhob, nur nachweisen, daß die auf Koalitionszwang im Gesetzentwurf angedrohte Höchststrafe unter Umständen noch bedeutend höher ist als I Jahr Gefängnis(gegen jetzt 3 Monate). Ich hatte also keine Veranlassung, in jenen Zeilen hervorzuheben, daß der Gegenentwurf auch den Zwang zum Koali- ltionsvcrrat unter Strafe stellt. In meinem ausführlichen Aufsatze über den Gegenentwurf in Nr. 12 des laufenden Jahrgangs der .„Neuen Zeit" habe ich dies jedoch ausdrücklich hervorgehoben. Der Vorwurf Professor v. Liszts, dies außer acht gelassen zu lsttben, trifft mich also nicht. ' Wie berechtigt meine Angriffe gegen den Gcgenonilvurf sind, gibt Professor v. Liszt eigentlich schon im ersten Satze seines Auf- fatzcs zu, indem er hervorhebt, nicht nur von Sozialdemokraten, foudcrn auch von Arbeitgebern und Scharfmachern sei mit Rücksicht auf die von ihm und seinen Kollegen vorgeschlagene �Bestrafung des Koalitionszwanges der Slnsicht Ausdruck gegeben, er habe einen„Gesetzentwurf zum Schutze der Arbeits- willige n" ausgearbeitet. Wer die„Genügsamkeit" unserer Scharfmacher kennt, der dürfte wissen, was es mit einem Gesetzes- vorschlage auf sich hat. der von ihnen als Schutzgesetz für die »Arbeitswilligen" gepriesen wird.. Herr Professor v. Liszt führt dann weiter auS, der den Koalitionszwang betreffende§ 278 sei nur deshalb in den Gegen- cntwurf aufgenommen, um gegenüber dem Regierungscntwurf zu belvciscn, daß er sich recht wohl in ein allgemeines Strafgesetzbuch einarbeiten lasse.„Auf die Technik der Einarbeitung, nicht auf dcn Jnhalt dieser Bestimmungen kam es uns daher in erster Linie an." Der vorgeschlagene ß 278 soll also gewissermaßen nur als eine grammatische und stilistische Hebung angesehen wcvden. Als ob nicht der materielle Inhalt einer Gesetzesbestimmung tausendfach wichtiger wäre als olle darin etwa vorhandenen for- malen Finessen! Diese Einwendung kann also ebensowenig als Entschuldigung gelten, wie etwa die von Herrn Professor v. Liszt geltend gemachte exceptio splurium(Einrede der mehreren Ur- Heber). Sodann wendet sich Professor v. Liszt dazu, die„ungeheuer- lichcn Behauptungen", zu denen ich mich„verstiegen" habe,„auch «veiteren Kreisen gegenüber in ihrer Unhaltbarieit aufzudecken". Zu diesem Zwecke berichtigt er, was ich nie behauptet habe, und behauptet er, was von mir nie bestritten worden ist. Zunächst sei hervorgehoben, daß Professor v. Liszt folgende meiner Behauptungen gänzlich u n b e st r i t t c n läßt: 1. daß der Gcgenentwurf„in besonders schweren Fällen" den sogenannten Koalitionszwang mit 2 Jahren Gefängnis bedroht, 2. daß nach dem Gesetzentwurf im wiederholten Rück- fall der Koalitionszwang mit Zuchthaus bis zu 10 Jahren bestraft werden kann. Meines Erachtens würden auch frhon diese Möglichkeiten ge- mügen, um das Hosianna der Scharfmacher und die Wut der Ar- bciterllafse über die im Gcgenentwurf vorgeschlagene Regelung der KoalitionSvergchen mehr als begreiflich erscheinen zu lassen. Ich muß jedoch dabei verbleiben, daß auch die anderen von mir in meiner erwähnten Einsendung skizzierten Eventualitäten durchaus im Bereich der Möglichkeit liegen. Gegen meine Annahme, daß der§ 08 des Gegcncniwurfs. der von der Einsperrung der geioerbs- oder gewöhn- Veits mäßigen Verbrecher handelt, auch auf vorbestrafte Streiksünder angewendet werden köpne, weiß Herr Professor v. Liszt .nur das seltsame Argument, es sei„psychologisch wie juristisch als vocument Kumain gewiß interessant, daß ein sozialdemokratischer Rechtsanwalt seine arbeitenden Genossen für Subjekte hält, die unter diesen Paragraph fallen könnten", die also in Verbindung mit ihren Vorstrafen als gcwerbs- oder gewohnheitsmäßige und für die RechtS- sicherheit gefährliche Verbrecher erscheinen". Nein, verehrter Herr Gcheimrat, ich halte meine„arbeitenden Genossen" genau so wenig für getvcrbs- oder gewohnheitsmäßige Verbrecher, wie ich etwa ehrenwerte Arbeiter, die im Lohnkampf mit Streik oder Boykott drohen, für Erpresser, oder den Maurer Tuba, der in Dresden wegen der Drohung:„Wenn die 2 Pfennig Lohnerhöhung nickK bewilligt erden, so werde ich dafür sorgen, daß unter 3— 4 Wochen kein '"urcr auf den-Bau kommt," außer zu 8 Monaten Gefängnis zu chren Ehrverlust wegen Erpressung verurteilt wurde, für einen ,.[cn halte. Aber leider werde ich ebensowenig wie Sie� Herr GeheiifttttT, Gelegenheit habest, über die Ankvenbststy des künftigen\ Strafgesetzbuches als Richter zu befinden. Da kann ich es leider nach den bisherigen Erfahrungen nicht für ausgeschlossen halten, daß auch Z 93 auf Streiksünder Anwendung finden könnte. In meinem Beitrage„Die wirtschaftlichen Kämpfe der Arbeiter und die Stvafrechispslege" zu der Ihnen jüngst anläßlich ihres 00. Gc- burtstages dargebrachten Festschrift habe ich mich bemüht, zu zeigen, weshalb bei Prozessen, die ihren Untergrund in den sozialen Kämpfen der Gegenwart haben, gar oft der den bürgerlichen Klassen entnommene, mit ihren Vorurteilen behaftete Richter bei bestem Willen zur Unparteilichkeit nicht imstande ist, objektiv richtig zu urteilen. Ich habe dort auch außer anderen bürgerlichen Stimmen folgende Acußcrung des zahmsten Ihrer Parteifreunde, des Dr. Pachnickc, zitiert: „Es kann auf die Dauer nicht ohne Einfluß bleiben, wenn unser Richtcrstand sich fast ausschließlich aus den„besten Familien" rekrutiert. So ist es in der Tat; es kann daraus, daß jede Auf- frischung von unten herauf aus den Schichten der Arbciterbevölkc- rung fehlt, zuletzt die Gefahr erwachsen, daß Anschauungen des Vorderhauses überwiegen, und daß man dem innersten Streben und Drängen der Llrbeitcrklasse nicht immer so gerecht wird, wie es zu wünschen wäre." Und'daß in manchen Vorderhäusern der„Streikhetzer" als ein „für die Rechtssicherheit gefährlicher Verbrecher" gilt, werden auch Sie sicherlich nicht bestreiten. Zudem geben Sie ja selbst in Ihrer Erwiderung zu, daß jemand, der trotz seiner Vorstrafen„die Ein- schüchtcrung Arbeitswilliger nicht aus ideellen Motiven, sondern gewcrbS- und gewohnheitsmäßig betreibt", Einsperrung in die Sicherungsanstalt und Zuchthausstrafe„reichlich verdient" habe. Wie leicht wird der Richter„aus dem Vordcrhause" zu einer der- artigen Annahme genötigt sein! Meine„Hirngespinste" haben also einen sehr realen Hintergrund.— Herr Professor v. Liszt wendet sich dann noch gegen meine Annahme, daß Straftaten Streikender von'den Richtern möglicher- weise als auf„Gewinnsucht" beruhend angesehen und deshalb zusätzlich mit einer Geldstrafe bis zu 50000 Mark bestraft werden könnten. Ich meine, daß genau so gut, wie jetzt schon von den Gerichten in solchen Fällen ein Handeln um eines rechts- widrigen Vermögensvorteils willen angenommen wird, in Zukunft auch ein Handeln aus„Gewinnsucht" angenommen werden könnte. Natürlich würde ich dies für ebenso falsch halten wie beispielsweise die jetzige Erpressungsjudikatur. Schließlich wirst mir Herr Professor v. Liszt noch vor. daß ich den§ 01 Abs. 2 des Gegenentwurfs, wonach bei Bemessung der Geldstrafe die wirtschaftlichen Verhältnisse des Verurteilten zu berücksichtigen sind, nicht gewürdigt habe. Nun, ich glaube, auch jene Vorschrift würde nicht ausschließen, daß auch bei Arbeitern eine unverhältnismäßig hohe Geldstrafe neben der Freiheitsstrafe ver hängt werden kann. Ter Richter braucht in solchem Falle nur zu konstatieren, daß ihm trotz der schlechten Vermögenslage des Streik- sünders die hohe Geldstrafe„angemessen" erschienen fei. Wenn Derartiges verhütet werden soll, dann hätte«ine Vorschrift auf' genommen werden müssen, daß die Geldstrafe einen bestimmten Bruchteil des Jahreseinkommens nicht übersteigen darf.— Aus allen diesen Gründen muß ich meine von Herrn Professor v. Liszt so heftig befehdeten Aeußerungcn in vollem Umfange aufrecht erhalten. Daß Professor v. Liszt diese drakonischen Strafen gegen streikende Arbeiter nickst will, habe ich bereits in meiner Erwiderung vom 10. Dezemebr 1911 betont. Aber Herr Professor v. Liszt will auch unter dem geltenden Strafrccht nicht die Bestrafung ehrenwerter Arbeiter als Erpresser, und doch wissen die Zeitungen allmonatlich davon zu berichten! Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg. Line polnisch-ioalaldemofrakllche Kählerveriammlung hatten unsere Genossen von der P. P. S. am Sonntag nach Borg' mannS Saal in der AndrcaSstraßc einberufen. Der Besuch war wieder ein recht guter. Der Saal war vollständig gefüllt. Die nationalistischen Schreier, die in früheren Persammlungen als Pro- vokanten und Ruhestörer eingetreten waren, hatten es diesmal vor gezogen, fernzubleiben. Wenigstens machte sich keiner von ihnen br merkbar. Die Versammlung nahm deshalb einen ungestörten Ler lauf.— Mit lebhaftem Interesse folgten die Anwesenden dem wir- knngSvollen Vortrage des Genossen BiniSzkiewicz, der ander Hand von Beispielen aus dem Leben zeigte, daß die Arbeiter, ganz gleich welcher Religion oder Nationalität sie sind, ohne Unterschied vom Kapitalismus ausgebeutet werden und daß die Arbeiter deshalb den Kapitalismus als ihrcu gcmeinsameu Feind zu betrachten haben. Der Redner ging �iif die Tätigkeit dcS Reichstages ein. Er illu- ftrierte das volkfcindliche Wirken sowohl des liberal-konservatiucn wie deS fchwarzblauen Blocks und zeigte, wie verkehrt eS sein würde, wenn polnische Arbeiter der Fahne der Nationalpolen folgen würde», deren Vertreter Korfamy sich durchaus nicht als Arbeiterfreund betätigt hat. Der Redner kam zu dem Schluß, daß die polnischen Arbeiter ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen nickt anders wahren können, als indem sie sich der Sozialdemokratie anschließen und für die Partei wirken. Die Gedanken. Ivelche der Referent unter lebhaftem Beifall ent- wickelt hatte, wurden von mehreren DiSkussionSrednem weiter gesponnen. Man appellierte an dnS 5ilasse»gefühl der Arbeiter, forderte sie auf, die bürgerliche Klatsch- und ScnfationSpresse sowie die unter den Polen leider ziemlich weit vcrbreileten Zentrumsblätter auS dem Hause zu verbannen und statt dessen die Arbeiterpresse, die„Gazeta Robotiiieza", zu lesen und am Wahllage nur dem Kandidaten der Sozialdemokratie ihre Stimme zu geben. Zum Schluß wurde einstimmig eine Resolution angenommen, wodurch sich die Versammelten ganz entschieden gegen die bürger- lichen Parteien einschließlich der polnischen Fraktion erklären und sich verpflichten, überall für die sozialdemokralischen Kandidaten ein zutreten._ Jugendbewegung. „Ter jugendliche Arbeiter", das Monatsorgan der d c n t s ch-ö st c r r c i ch 1 1 ch e n Jugend- organisation, hat soeben zur Eröffnung des elften Jahrganges eine dem Kampf gegen den i'! a t i o n a I i L m u s gewidmete Nummer in einer Auflage von 20 000 Stück herausgegeben. Die erste Nummer erschien 1902 in 3000 Stücken und es bestanden damals 12 Zweigvereinc; heute hat der Verband der jugendlichen Arbeiter Oesterreichs 306 Ortsgruppen und Zahlstellea und der spjtematischc Kampf gegen den verlogenen Nation��Mis dürfte die Reihen des Verbandes rasch stärken. Soziales. NalsrunMuttelverfälschungen infolge der Verteuerung der Lebensmittel durch de» schwarz-dlauen Block. Die künstliche Verteuerung der Lebensmittel zieht ge- meingefährliche Verfälschungen von Lebensmitteln durch ge- wissenlose Leute groß. Welchen Umfang diese nicht scharf genug zu verurteilenden Manipulationen beim Kaffee ge- nommcn haben, der mit 83 Pf. pro Kilo allein durch den Zoll verteuert ist zeigt ein im neueste» Ministerialblatt veröffent- lichter Erlaß, den die preußischen Minister für Handel und deS Fnnekjs m Sie Negietustgspräsidenkeif linke? SAR S. GS zcmber 1911 gerichtet haben. Er hat folgenden Wortlaut: Betr. Verfälschungen von Kaffee. Berlin, 5. Dezember 1911, In neuerer Zeit sind Verfälschungen des Kaffees in stärkeren» Maße aufgetreten. Abgesehen von der durch unseren Erlaß vom 27. September 1919(HMBl. S. 523) betroffenen� bedenkliche» Anwendung von Glasiermittcln für gerösteten Kaffee, kommen auch folgende Verfälschungen in Betracht: Es ist in Aufnahme gekommen, geröstete Samen von Hülsen- fruchten, die den Kaffeebohnen in der Größe, im Aussehen und in der Form ähnlich sind, dem gebrannten, ungemahlcnen Kaffee zuzusetzen. Bei drei untersuchten� Proben war die Menge der zugesetzten Samen von Hülsenfrüchten verschieden groß, und zwar bestand die eine Probe zu etwa einem Viertel, die zweite Probe zur Hälfte, die dritte sogar zu zwei Dritteln aus diescv fremden Beimengung. Bei den in der Literatur erwähnte» Proben, die aus Berliner Geschäften stammten, handelte es sick» um Zusätze von 5 bis 50 Prozent, durchschnittlich um solche von. 30 Prozent dieses Fälschungsmittels zum Kaffee. Hauptsächlich konnten zwei Arten von Hülsenfrüchten, nämlich die Samen der silanen Lupine(Lupinus augustifolius L.) und diejenigen der Santplattcrbse(Eatli>rus sastvus L.) in den untersuchten Probe» nachgewiesen werden; indessen werden sich vermutlich noch anders Samen zur Familie der Hülsenfrüchte(Leguminosen) gehörender Pflanzenartcn für die Verfälschung des Kaffees eignem DaS ist einerseits bedingt durch die Gestalt dieser Samen, die der- jenigen der Kaffeebohnen, insbesondere des Perlkaffecs, bei ober- flächlicher Betrachtung ähnlich ist, andererseits kann man den Samen beim Rösten die dem gebrannten Kaffee eigentümliche Farbe erteilen. Mittels entsprechender Handhabung des Rost- Verfahrens können die Hülsenfruchtsamen an einer Seite zum Aufplatzen gebracht werden und weisen infolgedessen einen läng- lichen Spalt auf, welcher der charakteristischen LängSfurche (Naht) der Kaffeebohne gleicht, so daß die gerösteten Legumi, nosensamen dadurch eine noch größere Achnlichkeit mit geröste» tem Kaffee annehmen. Was die Beurteilung des Zusatzes von Hülfenftuchtfamen zum Kaffee auf Grund des Nahrungsmittelgesetzes anlangt, so bedarf es keiner Frage, daß Mischungen der genannten Art keinesfalls unter der Bezeichnung„Kaffee" in den Verkehr ge- bracht werden dürfen. Die Lcguminosensamen stellen ein dem Kaffee fremdartiges Naturerzeugnis dar, da. dies«? Hlvar äußerlich ähnlich, dessen Zusammensetzung und Beschaffenheit gegen von derjenigen der Kaffeebohnen durchaus verschieden ist. Vor allem sind die Leguminosensamen frei von Eoffein, das in den Kaffebohnen enthalten ist und auf welches vorrrehmlich die anregenden physiologischen Wirkungen beim Genüsse des Kaffee- gctränks zurückzuführen sind, so daß Leguminosensamen dem Kaffee gegenüber schon in dieser Hinsicht als mindcftveriig und Gemische beider Erzeugnisse als verfälschte Lebensmittel zu be» trachten sind. Der Zusatz der Leguminoscnsamen erfolgt ohne Zweifel in gewinnsüchtiger Absicht und in der Absicht, den Käufer über die Beschaffenheit dieser Ware in grober Weise täuschen... Weitere Verfälschungen des Kaffee? erfolgen kenn Hände mit Kaffee in gemahlenem Zustande. Insbesondere wird dar' über geklagt, daß Kaffeeersatzstoffe oder Gemische dieser mit g mahlenem Bohnenkaffee unter täuschenden Phantasiebeze' nungen, als Kaffeemisckmngen oder mit einer ganz unzurei' den Deklaration ihrer Beschaffenheit und Zusammensetzung den Verkehr gebracht würden und daß es den am Kaffeehandc beteiligten Verbänden nicht oder außerordentlich schwer geläng auf dem Wege der Selbsthilfe Abhilfe zu schaffen. Daß die Klagen nicht unberechtigt find, davon hat die Prüfung der A schriften auf den Packungen einer großen Zahl derartiger nc im Handel aufgetauchter Surrogate überzeugt. So wurden i letzter Zeit in sogenannten Bruchtaffccmischungen bis zu 30 Pr zcnt Surrogate festgestellt, und zwar vorwiegend Zichorie» Eichel Roggen, Rüben, Feigen und Mais. Einige Proben enthielte neben verschiedenen Surrogaten auch noch bis zu 10 Proz. Steine die in der Farbe den Surrogaten glichen und infolgedessen nicht ohne weiteres wahrnehmbar waren. Diese Zusähe wurden na türlich beim Verkauf wie auf der Packung vollständig verschwi gen, von einem einzigen Fall abgesehen, indem die Düte ein« roten Zettel enthielt mit der Deklaration«Pcrllaffccmischun! mit Lcguminose glasiert". Gcsundheitsschädlichkcit dieser Mischungen dürfte in de Regel nicht in Frage kommen, da es sich in der Mehrzahl d Fälle um den Zusatz gerösteter Samen gesundheitSunschädlichc Hülsenfrüchte handelt. Für den Fall, daß die Verwendung vi Lnpinensamen für die in Liede stehenden Erzeugnisse eine a gemeinere werden sollte, ist indessen zu beachten, daß diese S men in nicht untvcsentlichcr Menge wirksame Alkaloide ent halten, so daß, wenn diese Stoffe nicht vorher sorgfältig entfernt werden, unter Umständen gesundheitsschädliche Wirkungen der betreffenden Kaffccsurrogate nicht ausgeschlossen erscheinen. Wir ersuchen crgebenst. die mit der Kontrolle des Nahrungs» mittelverlehrs betrauten Stellen, insbesondere die NahrungS- mitteluntcrsuchungsämter, anzuweisen, den Kaffceverfälschunge» erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Einschlägige Beobachtungen sind in die Jahresberichte der NahrungsmittcluntersuchungS- ämtcr aufzunehmen. Der Minister für Handel und Gewerbe. I. A.: Luscnsky. Der Minister des Innern, I. A.: Kirchner. Gegen derartige Betrügereien und Verfäls�NNgen sollte ulit aller Schärfe vorgegangen worden. Konsumvereine und reelle Kaufleute beteiligen sich an dergleichen gemeiuschäd- lichen Handlungen natürlich nicht. Vorschub leisten diesen Dingen die Steigerung der Preise durch unsere Zölle. Die für solche Betrügereien intellektuell verantwortlicher Our» teien kanll man natürlich strafrechtlich nicht belangW, Seriebts-2k"ung. Einblicke in den Geschäftsbetrieb deS„Psychologischen Berläged'' gewährt die Verhandlung eines umfangreichen BctrugSprozesseS. der gestern vor der 11. Strafkammer des Landgerichts I unter Vor- sitz des LaudgerichtSdirektors Karsten begann. Unter der Anklage des fortgesetzten Betruges wurde die Verlagsbuchhändleri» Fra» Viola Scott geb. Winz aus der Unterfuchlmgshast vorgeführt. Frau Scott fitzt feit dem 15. Februar in Untersuchungshaft. Sie wird beschuldigt, in Berlin, Friedrichstr. 59/60, später Jägerstr. 03 und zugleich an verschiedenem Orte» deS Deutsche» Reiches, Oesterreich- Ungarns und der Sckweiz viele Leute in-Sgef t um 40 000 M. bc- ireeen zu Hadem Mit dieser Amerikanerin.....ran Alice Hörne geb. Schöpfwinkel, Dolmetscherin und Uebersetzerin der«nglisck Sprache, wegen Begünstigung angeklagt. Der Engländer van Tuhl Daniels befchäftiGie sich mit der Herausgabc von Büchern übersitmliche» Inhalts. Wie in anderen Teilen der Welt, so hatte er auch in Berlin eine Filiale unter dcr Firma„Psychologischer Verlag" begründet. Im Jahre 1903 bestellte Daniels zum Leiwr dcr Berliner Filiale de» Kaufmain Henry Mac Donald; bali- darauf trat die Angeklagte, Frau Scott, die bis dahin in New Volt für Daniels de» Masiagcapparat VeuU "icc vertrieben hatte, in der Weife in den Psychologische» Verlag ein. daß sie unter Oberaufsicht des Mac Donald, der i» Berlin blieb, die Leitung dcr Petersburger Filiale übernahm. Für den Verlag wurde nun eine riesige pm-stschrcierische Reklame in Szene gesetzt und dadurch zahlreiche r H.'ge herangezogen, denen der sprvchcn wurde, wunderbare E» das Gebiet des�Hypnoti »ins und Okkultismus zu er. L-Langen sciltz Lw Jahre IPV % 'aS Geschäft soll glänzend : Vau Tuhl DagjelS sejp Dr. I. 29. Zahrginls. 1. Seilqe i>es.Wmürls" Kcrlim PalwIM Wtilroih, Z. Zass« I5lZ. Zw tage der Kleinbauern und landwirtschaftlichen Arbeiter. Ii. Niedrige Arbeitslöhne, Belastung der Kleinbauern auf Koste« der vlrohbaurru und Gemeinden, Schwarze Listen gegen Unfallrentnrr, llnfallhäufigkeit, Nenlenquelschcrci. Ueber die„Höhe" des durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienftes landwirtschaftlicher Arbeiter machen auch einzelne Berichte sehr be- zeichnende Bemeokungen. Der Bericht von„Ober-Elsaß" beschränkt sich darauf, eine ausführliche Statistik dieser Löhne, nach Kreisen und Ortschaften getrennt, zu geben. Wir finden da Löhne von stlv— 690 M. pro Jahr für männliche erwachsene Arbeiter, sowie von 360— 510 M. für weibliche Arbciterl„Provinz Sachsen" bringt eS fertig, zu schreiben: „Die im vorjährigen Berichte ausgesprochene Befürchtung, daß die mit dein 1. Januar 1910 in den meisten Kreisen der Pro- vinz erfolgte nicht unbedeutende Erhöhung der durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienste land- und forstwirtschaftlicher Arbeiter eine fühlbare Steigerung der Rentenlast bedingen würde, hat sich erfüllt, denn trotzdem durch die im Jahre 1910 ausgeführte außerordentliche Rentcnrevision die Ausgaben an Renten um mindestens 20 000 M. vermindert worden sind, ist die Rentenlast gegen das Vorjahr noch um 9999 M. gestiegen, während im Jahre 1999 die Gesamtsteigerung nur 1999 M. betrug." Die Agrarier in„Strelitz"(Mecklenburg) seufzen: „Auch ist mit einiger Sicherheit schon in nächster Zeit die Neufestsetzung der Durchschnittslöhne für land- und forstwirb- schaftliche Arbeiter des Großherzogtums zu erwarten. Es lann keinem Zweifel unterliegen, daß dieselbe wesentlich höhere bringen wird, als wir sie bis dahin hoben, nachdem inzwischen (mit Wirkun" vom 1. April 1912) sogar der ortsübliche Tageloh» dtt ähnlich �agearbeiter(erwachsener männlicher) von 2,— M. auf 2,59 M. von der zuständigen Behörde crhö�. worden ist, während als Durchschnittslohn für die gleiche nge Arbeiterklasse in der Land- und Forstwirtschaft noch immer der niedrigere Betrag von 1,88 M.(als dreihuudertster Test des behördlich festgesetzten Jahresdurchschnittsvcrdienstes von„64 M.) normiert. Dement- sprechend würden also für die Folge auch alle Arbeiterunfall- rcnten eine entsprechende Erhöhung zu erfahren haben." Die„Ostpreußen" bemerken hierzu: „Andererseits ist zu berücksichtigen, daß eine Erhöhung des Jahresarbeitsverdienstes der landwirtschaftlichen Arbeiter, wenn er in der Zukunft eintritt, eine Erhöhung der Renten und damit auch eine Erhöhung der von der Berufsgcnossenschaft zu tragen- den Lasten zur Folge haben würde." Ferner: „Von den 711 entschädigten Betriebsunternehmer» und Ehe- frauen von Betriebsunternehmern hatten b48(im Vorjahre 592) einen JahresarbeitEserdienst bis zu 900 M.» 161(187) von 999 bis 1599 M., 2(5) von 1599 bis 2099 M." Eine Klage der arme» Kleinbauer» bringt auch der Bericht r„Oberpfalz" wie folgt: »Insbesondere beklagen sich letztere darüber, daß bei Holz Versteigerungen nur ganze„Hiebe" abgegeben werden und es den weniger bemittelten Landwirten infolgedessen nicht möglich gemacht wird, Berücksichtigung zu finden. Es würde ganz sicher eine bedeutende Besserung der Ver- hältnisse eintreten, wenn den Landwirten seitens der König!. Forstämter auf deren Wunsch einzelne geeignete Bäume ange wiesen würden." Die Königl. Forstämter kommen jedoch dem Großagrarier nur egen: Von den Kleinbauern erhält aber die Berufsgenossenschaft am ten ihre richtigen Beiträge, lveil deren Einkommen am Orte genau bekannt ist, während der Großagrarier auch da mogeln lann. Einzelne Berichte lassen erkennen» daß in punkto„Unfallverhütung" auch arme Bauern den Auflagen der technischen Aufsichtsbeamten viel eher und williger nachkommen als die reichen Landwirte, die eben fast nie den Betriebsgefahren, selbst ausgesetzt sind. Deshalb ist auch der Einfluß der Großagrarier auf die Gesetzgebung. Ver- sichcrungspflicht, Rechtsprechung usw. gewaltig. Die Interessen der beiden Gruppen stehen sich hier direkt gegenüber! Der Bericht von„Strelitz" meldet uns auch, daß jetzt die Frage„Unfallversichc- ruug der bei Wegebauarbeiten auf dem platten Lande beschäftigten Personen" wie folgt erledigt wurde: kleines femUeton. Theater. Berliner Theater:.Große Rosinen oder Berlin Hat'S eilig, Posse von Rudolf Bernauer und Rudolf S ch a n z e r. Der Äassenerfolg der renovierten„Bummelstudenten" im Berliner Theater gab wohl die Veranlassung zu diesem neuen Possenexperiment, das ja auch seinen Zweck erreichen dürfte. Die Aufnahme in der Silvestcrpremiere war äußerst freundlich. Das bißchen Handlung, das die alte Berliner Posse zu haben pflegte, ist hier noch weiter reduziert; aus irgendwelchen Verwickelungen heraus- gehoi? komische Situationen gibt es so wenige wie drollige, einen An s ach auf entfernte Menschenmöglichkeit erhebende Figuren. Zu ci /. parodistischen Verspotlung hauptstädtischen Schieber- und flutiinderlums, die, nach einigen Anzeichen zuschließen, ursprünglich in der Absicht- der Autoren'-egen mochte,(bat's nichts gelangt. Herr «Schaumschläger, der!«» mit den leeren Taschen und den Rosinen im Kopt, der«-ein Projekte eines so und so viel Waren- Häuser, BarS>md Tanzlokale umfassenden Berliner„Universal- Palastes" nachjagt, bleibt schattenhafte Schablone. Ein Etikett, das keinen Inhalt deckt. Die Posse löst sich auf ins Variats, bewegt sich in der Bahn der Kinosensationen, die gelegentlich sehr nett verulkt. Sie wirkt ausschließlich durch die Einlagen: Groteske Mimik, Tanz, Kouplets. Die gelungene Nachahmung der Freuden einer sonn- täglichen Stadtbahnfahrt in Frau KettelzahnS guter Stube, brach nach einer fchleppenden Exposition zuerst das Eis. Herr Sabo von Fräulein Weise, der abemenerlustigen Pensionatstochler als Partnerin unter- stützt, führte mit'ßer Verve einen modernen Tanzmaitre und Verrenkungskünsth» ,c. Bei seinem Kongolied, das die TrennungS- schmerzen eines durch die im Marokkoverlrag gezogene Grenze jäh auseinandergerissenen Negerliebespärchens besingt, erreichte die Heiler- keit den Gipfelpunkt. Starken Lacherfolg erzielte auch Direklor M e i n h a r d t in der aktuellen Figur des blaublütigen Grafen Rolff- Schmetterlingk, der feine unterbrochene Kavalierkarriere in Schaumschlägers Ballsalon von neuem aufnimmt und das Schwindel- uuternehmen mit dem Glänze seine« Namens decken soll. Selbst die endlofe Dauer der an vier Stunden»nährenden Aufführung schien die Geduld des Publikums nicht zu ermüden. ät. Schilker-Teater Charlottenburg. Am Silvester- abend pflegt„Jedermann" sein gerüttelt Bündel Sorgen abzuhalftern. Ost der ärgste Griesgram markiert Heiterkeit mit„verliebten aSlöchern", wenn er ins Tb&«ht. Denn allda haben sich die amönen ihres feierlichen( iegeben; die letzte Vorstellung es alten JahreS dient frö st und lustigen Autoren. Einer von diesen, Gustav ff a d. kommt soft regelmäßig zur „daß nach Lage der bestehenden Verhältnisse die Zuständigkeit der landwirtschaftlichen und der Ticfbau-Berufsgcnossenschaft sich vielfach berühre, und empfohlen, zur Behebung der vorliegenden Schwierigkeiten von Landesverwaltungs wegen erst einmal völlige Klarheit darüber zu schaffen, wer in jedem einzelnen Falle der Wegeuntcrhaltungspflichtige sei. Dieser werde dann regelmäßig auch als Unternehmer der Wegcbauaroeit anzusehen, und je»ach- dem es sich um eine Gemeinde oder eine Ernzelperfou mit landwirtschaftlichem Aerufscharakter handle, die Zuständigkeit der Tiefbau- oder der diesseitigen Berufsgenossenschaft gegeben sein. — Im Vcrordnungsivcae ist nun unterm 16. Juni 19ll(siehe Großh. Meckl.-Strel. Off. Anzeiger Nr. 43 S. 379) vom Groß- herzoglichen Staatsministerium bestimmt, daß die Wcgebaulnst im Tomanium und KabinettSamt grundsätzlich den Gemeinden als solchen, auf den Feldmarken der Pachthöfc innerhalb des- selben Gebiets aber den Pächtern, als Repräsentanten der Gc- meiirde, obliegen solle. Demgemäß würde nunuiclr für die Unfall- Versicherung der betr. Arbeiter im allgemeinen die Ticfbau-Bc- rufsgenosscnschaft, soweit dieselben aber den Pächtern Groß- herzogliiher Domänen obliegen, die landwirtschaftlichen Berufs- genoffeufchaften einzutreten haben." Nach dem Berichte von„Rheinland" wurde in der Genossen- fchaftsverfammlung gefordert, „daß eine reichsgefetzlichc Regelung des Kreises derjenigen Versicherten, die sich nur nebensächlich mit der Landwirtschaft beschäftigen, notwendig bezw. daß für diese Personen ein Mindest- bcitragssatz zu bestimmen sei. Bei der Erörterung der Ange- lcgenhcit wurde wiederum der Wunsch auf Fortfall der kleinen Renten unter 20 Proz. zum Ausdruck gebracht."—! Ein namentliches Verzeichnis der Rentenempfänger, welches zur schwarzen Liste für die armen Krüppel geworden ist, bringt wieder der Bericht„Reuß j. L.". Ihr ist jetzt auch„Reuß ä. L." und„Lippe" gefolgt. Wird dieser Unfug lveiter Schule machen? Die meisten Bcrufsgenossenschaften melden einen kleinen Rück- gang der Unfälle. Allerdings läßt auch hier die Statistik sehr zu wünschen übrig, denn einzelne Berichte erwähnen„angemeldete Unfälle" und andere wieder:„Entschädigungsansprüche wurden er- hoben". Vergleichende Zahlen fehlen leider in vielen Berichten! In„Ostpreußen" find gegen das Vorjahr die angemeldeten Unfälle von 9587 auf 917! zurückgegangen; in„Ober-Elsaß" von 864 auf 843;„Provinz Sachsen" von 6583 auf 6148;„Pfalz" von 2667 auf 2382;„Lothringen" von 994 auf 943;„Rheinprovinz" von 8646 auf 8287;„Westpreußeu" von 4535 auf 4359;„Brandenburg" von 7944 auf 7192;„Westfalen" von 4992 auf 3956;„Reuß j. L." von 392 auf 299;„Baden" von 7921 auf 6787;„Mecklenburg-Schweein" von 1923 auf 1821;„Schwaben und Neuburg" von 2228 auf 2913; „Hamburg" von 169 auf 167;„Schlesien" von 12 147 auf 11 498 usw. Eine Zunahme der Unfälle melden uns dagegen die Berichte „Lippe" von 349 auf 376;„Oberbayern" von 3295 auf 3381;„Reuß ä. L." von 89 auf 8l;„Brauuschweig" von 783 auf 899;„Schlesien" von 4869 auf 4992. Der„Rückgang" der Unsallzahlcn scheint wesentlich auf der verschleditertcn Rechtsprechung zu beruhe». Schiedsgerichte und speziell Reichsversicherungsamt, dessen Reckst- sprechuug bekanuklich die einzelnen. LandeSversiihcrungsäinter sehr beeinflußt, erfreuen sich jetzt wieder der Sympathie der Berufs- genosscnschaften. Die„Bödikerdenkmünze" wirkt deshalb als reiner Hohn, denn dieser war»ach Kräften bestrebt, die Rechtsprechung auszubauen, populärer zu gestalten, während seine Nachfolger Schritt für Schritt zurückgehen und sich deshalb das Lob aller Unternehmer verdient haben. Und trotzdem ist„Mecklenburg- Strelitz" erbost über die Prozeßsucht der Verletzten und führt in echter Junkcrsprache aus: „Es muß aber wiederholt iverden, waS im vorigen Jahre schon au dieser Stelle bemerkt wurde, daß auch diese Zahl in ihrem oben angegebenen Verhältnis zur Gesamtzahl der be- rufungsfähigen Bescheide(mit 16 Proz.) vergleichsweise noch eine rocht hohe ist, da im Reichsdurchfchiiitt von allen im Jahre 1919 über"lnsprüche aus der landwirtschaftliche» Unfallversicherung erlassenen Bescheide nur 12,7 Proz. mit dem Rechtsmittel der Berufung augefochten wurden(im Gebiete der gewerblichen Ver- sicherung allerdings 21,2 Proz.). Diese Erscheinung ist um so befremdlicher, als, lvic gezeigt, die Reutenkläger nur mit einem verhältnismäßig geringen Teile(14 Proz.) aller Berufungen durchzudringen vermochten, ihre Forderungen sich als» zum weit- aus größten Teil als unbegründet erwiesen. Das Verhältnis würde sich noch gllnstigee für die Berufögenossenschaften gestalten, wenn man die nicht geringe Zahl der Fälle, in welchen die Be- rufsgenosscnschaften der unterliegende Teil war, weiterhin noch in solche zergliedern wollte, in denen dem llägcrischen Ansprüche voll, und solche, in denen ihm mir zum Teil vom Schicdsgerick: stattgegeben wurde. Denn das letztere ist, wo es siäi um Streit über den Prozentsatz der Rente handelt, die Regel. Die Hauptschuld an der so lstmfigcn Erl>:bung unbegründeter Ansprüche trägt offenbar der Einfluß»nberusencr Ratgeber, von denen die durch die Versichcrungsgesetze an sich schon geweckte Rentensucht künstlich noch mehr aufgestachelt wird. Wieviel Mühe und Kosten würden erspart, wenn cS gelänge, solche» Einwir- tuiige» eine» Damm eiitgegenzusatze». Das einzig wietsame Mittel dagegen, nänclich Heranziehung unterlegener Rentenklngcr zu de» Kosten des Verfahrens, hat aber leider auch in der neuen Reichsversichcrungsordnung keine Aufnahme«gefunden. Die vor- haudeue und auch in das neue Gesetz übergegangene Bestimmung, daß den Beteiligten solche Kosten des Verfahrens auferlegt loerden löunc», welche durch Mutloillen oder durch ein auf Vcirschlep- puug oder Irreführung berechnetes Verfahren derselben veranlaßt sind, hat gar leine Wirkung, da sich ein entsprechend gc- arteter Tatbestand nur ausnahmsweise feststellen läßt. Bei unserer Berufsgenossenschaft hat sie bis jetzt nur ein einziges Mal Anwendung gefunden!" Den Junkern mit dem„Ochfcnkopf im Wappen" genügt also unsere heutige Rechtsprechung noch lange nicht und deshalb ist alle Mühe der Instanzen vergeblich, wenn sie auch in 86 Proz. der Fälle der Genossenschaft recht gaben. Die Verschlechterung unserer Rechtsprechung gibt der Bericht „Schlesien" wie folgt zu: „Ter erhebliche Rückgang der neu bewilligten Rcnten gegen- über den früheren Jahren, insbesondere gegenüber 1993 und 1994, beruht zum Teil jedenfalls auf der in neuerer Zeit strenger gewordene» Rechtipeechnng, nach welcher geringfügige Unfall- folge»(unter 10 Proz. der Erwcrbsfähigtcit) überhaupt nicht eni- schädigt werde» und durchweg dem Moment der Gewöhnung, besonders bei Hand- und Fingerverletznugen, mehr Bedeutung als früher beigemessen wird." Viele Bcrufsgenossenschaften nehmen aber diese Verschlechte- ruug bereits als etwas selbstverständliches hin und registrieren nur die Zahlen. So berichtet„Rheinland", daß die Schiedsgerichte für Arbeitervcrsichcrung 2022 Berufungen zugunsten der Genossenschaft und nur 527 zugunsten der Verletzten entschieden haben! Am RcichZversichcrungsamt haben die Verletzten Weilcrc 384 llielurse verloren und nur in 127 Fällen gewonnen! Im Berichte„Westfalen" finden wir, daß „472— 15,99 Proz.(gegen 20,42 Proz. im Vorjahre) zugunsten der Rcntcnbcwcrbcr, 2456— 81,96 Proz.(76,80 Proz.) zugunsten der Berufsgenossenschaft und 32(29) auf andere Weise erledigt wurden."' „Ober-Elsaß" meldet „Nachdem die Instanzen entsprechend den täglichen Erkah- rnugen nunmehr anerlanut haben, daß schon in der Angewöhnung an die Unfallsoltge», besonders was die geringeren Unfalkfolgen betrifft, eine Besserung im Sinne der Unsallversichcrungsgeic- e zu erdlicken sei, sind im Berichtsjahre nicht nur die frühere» kleineren Renten unter 19 Proz. alle zur Einstellung gelaugt, sondern auch bei anderen höheren Rcnten sind entsprechende Acu- derungen vorgenommen worden. Nicht unwesentliche Dienste und Fingerzeige leistete dabei den Instanzen die von der Sektion I der Nordw. Eisen- und Stahl-Berufsgenosfensdhaft herausgcge- Helte bekannte Broschüre: die Gewöhnung an Unfallfolge» als Besserung im Sinne der Unfallversicherungsgesetzc." „Die Geschäfts- und Rechnungsführung besorgte, wie in den Vorjahren, Herr Landgerichtsrat Wippcrmann zu Bückcburg," meldet der Bericht„Schaumburg-Lippe", welcher nur 4 Seiten Zahlen ohne Text enthält. Der Herr„Rat" macht es sehr kurz! „Die Instanzen" werden also von dcn BcrufSgenossenschaftcn „belehrt"! Recht naiv schreibt„Unter-Elsaß" bei 78 Proz. hierzu: „Immerhin ist wieder in einer Reihe von Fällen der Instanzenweg betreten worden, in denen auch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg geboten w>u. Es scheint in dcn Kreisen der GratulationScour. Diesmal nahm er fchwankhaft— nicht schwankend I — den„Weg zur Hölle' und tänzelte dann mit einem sardo nischen Lächeln über die Bühne. Es steht ihm nett an— wie seinem Schwank eine gewisse artistische Linie und harmlose Ausgelassenheit eigen sind. Man amüsiert sich weidlich ob der bösartig auslaufenden „Zicken", die hier der verliebte Schwiegervater und der ein klein wenig„eheirrende' Eidam um einer spanischen Tänzerin willen aus zustehen haben— bis schließlich alles versöhnlich auSklingt. Die Darsteller ließen eS an Sprühteufelchen ihres Humors wahrlich nickt fehlen. An karikaturistiscken Uebertreibungen freilich auch nicht, so Fanny Wolf, hauptsächlich aber Max Gülstorf, der es im Grünassenschneiden schon weit gebracht hat und im ganzen auf Guido Thielschers Bahnen wandelt. Die Tänzerin hatte in Else Baum- b a ch eine temperamentvolle Vertreterin. Als Tilly Bendtex trat Toni WilkenS auf, die den Mitgliedern der Freien Voltsbühne ja von zahlreichem Mitwirken in verschiedenen tragenden Rollen be tannt ist. Die junge Künstlerin offenbarte auch i» dieser wenig ergiebigen Rolle frische Natürlichkeit. e. Ir. Musik. „Wiener Blut', die Operette, die am Sonntag im Theater des Westens eine„erste Aufführung" erfuhr, ist eine Zusammenstellung von Musikstücken des Arno 1899 verstorbenen Johann Strauß, gemacht von dem 1991 verstorbenen Adolf Müller j u n., dem Sohne des bekannteren Adolf Müller fen., des Bühnenmusikmachers zu ungezählten österreichischen Volksstücken. Nachlässig aus dem Nacklaß gearbeitet. Die Reihenfolge könnte auch in mannigfaltiger Weise durcheinandergewürfelt werden, ohne wesentlich anderes zu ergeben. Aber es hat seinen Wert und seinen Reiz, sich einmal willig dem Primitivsten hinzugeben, wie wir es mit besagtem Stück schon vor vielen Jahren getan. Der natürlich wieder von Zweien her- rührende T'' dreht sich um die Wiener Liebesstreiche des Gesandten von Reuß-G'--Sckleiz beim Wiener Kongreß 1815 und um die Tölpeleien'' u Ministers, der den Wiener Dialekt nicht versteht. Die Musik ießt man so, daß man sich nach dem Wiener Slnsdruck „anstnideln.äßt. Ein Walzer nach dem andern, hie und da durch eine Polka oder sonst unierbrochen! Ans die Feinheiten, mit denen der Opcrettenmeister selbst Szenisches durch ein Jnstrumentenspicl illustriert, muß man gleich ganz verzichten. Und dann das Publikum— silvcstergestimmt! Diese Freude, wann einer auf der Bühne hopst oder kalauert! Man übersieht dabei leicht, daß etwas nicht primitiv ist: der hübsche Gesang, den einige der Hauplrollcnträger bieten, besonders Albert Kutzner als gräflicher Gesandter und Marie O t t in a n n als feine Frau. Dazu dann das gut komische Spiel von Poldi Deutsch als Minister und von anderen. Man ruft auch nicht nach Musteraufführungen. Mag die Direktion ihren Vorteil haben, wenn sie uns nur künftig noch mit etwas kommt, das vorwärts führt! sz. Versicherten immer noch nicht verstanden zu werden, daß die Genossenschaft die Kosten des Schiedsgerichts zu tragen hat, nnd daß diese oft in rein mutwilliger Weise eingelegteu Berufungcn eine unnötige Vermehrung dieser Kosten zur Folge haben, welche von de» Genosscuschaftsiuitgltedern wieder aufzubringen find." Sehr„gewissenhaft" und„fleißig" waren die Herren in „Mittelfranlcn", denn sie melden: „Der Genossenschaftsvorstand hat in 29(einschließlich 2 Zir- Humor und Satire. Berliner Nachtgesicht. Ich hauche Zweifel in den dunklen Raum Um jenes Haus, vor dem die Posten stieren; Mir ahnt: in dieser Wohlnacht wird man kaum Die Manneskehle strapazieren. Aus keinem nationalen Jubelsinn Wird sich vor Ihm die Wackt am Rhein entwickeln; Er wird am Fenster steh»: Wo sind sie hin, Die sonst wie junge Hähne kickeln? Die nerv'ge Rechte wird am Barte zieh», Wenn man Ihm melden wird: Ein rotcZ Vabh l lind dann— dann gibt'S noch einen in Berlin, Der traurig sein wird: Meister Haby. Hernach— ich ahn' es— hebt sich eine Hand lind deutet sanft und schwer gen Hohenfinow.(, Still, still verrollt ein breites Ordensband, Unsichtbar— wie der Film im Kino. Dcn schlanken Accoucheur ergreift eS heiß: Ich fühle deine Hand, mein hoher Tadler! Das Kind ist gräßlich rot— ich ivciß, ich weiß: Fahr hin. ersehnter schwarzer Adler l Der Mensch, wo Lhrik macht, bemerkt hier schlicht: Gott möge allen Trost und Hoffnung geben, Die Schauder packt vor diesem Nachtgesicht— Und möchten Ivir's doch so erleben! (Pcter Scher im.SimpIicisfimuS".) Notizen. — Dortrag. Im Institut für Meereskunde sptickt Freltag Dr. E. Mangold über„Tierisches Licht in der Tteffee".(Mit Lichtbildern.) —® i e„Freie Hochschule Berlin' bietet in ihren, neuen Programm über 199 Vortragsreihen aus allen Gebieten der Wistenschaft und Kunst. Es ist in allen Filialen von Loeser u. Wolff, in samtlichen städtischen Lesehallen und Bibliotheken sowie in den BerkailfSstellen der Hörelkarten unentgeltlich zu haben. — Museum sführun gen. Im Miiseum für N a t n r» runde stnden Sonntag, den 7.. 14. und 2l., von 19'/z bis 12 Uhr. Führungeif unter Leitung von Beamten statt: in der' zoologischen Abteilung werden behandelt: 1. Der Bogelflug, 2. Korallen und ,\ i> rr:-- v. o-*.....■______ r• r v*"___. r'V rti5 JpeltrlFutget Filiale an Mac Donald mid Frau Scott IlX) ovo M.» und das Geschäft ginfl� weiter großartig, oohlorganisicrte Reklame den Leuten Sand in die Augen In�dei elleiAangen Inseraten wurde den Leuten alles e angeboten. Da wurden die verschiedensten Schriften zu Preisen ausgeboicn: Wie werde ich reich? Wie werde ich .ch? Wie werde ich energisch? So und ähnlich lauteten die Dummheit spekulierenden Titel der Bücher, die angepriesen den. In. dem„Weg zum Reichtum" wurde den Lesern anemp- .len, recht früh aufzustehen, recht fleißig und recht genau zu fein. Dasein und Ewigkeit" führte in die Mysterien des Spiritismus. rlnter anderem wurde auch eine„Kristallkugcl" Vertrieben,„um Bilder zu sehen". Derjenige, der die Kugel längere Zeit aufnwrk- sam betrachtete, würde— so wurde versprochen— verborgene Dinge erblicken. Preis 5 M.! Der„Hypnograph" war eine schwarz-- bunte Pappscheibe, deren Anstarren„die Charakterbildung erleich- tern" sollte. Eine„Drehscheibe" sollte die„Botschaft der Geister" übermitteln. Dazu kam eine Zeitschrift:„Reue Gedanken" mit vielen übersinnlichen Gedichten, ferner Werke über„Die Kunst des Atmcns",„Okkultistische Philosophie" urifc dgl. mehr. Mit der Zeit ließ die umfangreiche marktschreierische Reklame nach, die Geschäfte gingen schlechter und das Geld wurde knapp. Mac Donald und Frau Scott verfielen daher auf den Gedanken, aus ihrem Kundenkreise Darlehen aufzunehmen. Sie versandten in Massen Zirkulare, in denen sie unter Hinweis auf die angeblich glänzende Entwicklung des Geschäfts sogenannte„Korporative Dar- lchen" aufzunehmen suchten. Für 20 M. Darlehen wurden pro Monat 3 Proz. versprochen. Es wurde dabei gesagt, daß die für den DarlchnSgeber„ein beständiges Einkommen bringenden" Einlagen auf Verlangen jederzeit zurückgezahlt werden würden. Auch darauf fielen viele Personen hinein. Andere wurden jedoch mißtrauisch, sie sandten die Zikulare im Jahre 1909 zur Polizei, und es kam zu einem Verfahren. Dieses wurde aber wieder eingestellt, weil sowohl Mac Donald als auch Frau Scott angaben, daß sie geglaubt hätten, die Darkichnsgeder würden zu Werbern ihres VerkageS werden, weil ferner die Zinsen für die Darlehen bis dahin pünktlich gezahlt waren und weil ihre Behauptung, daß sie im Besitze genügender Werte waren, um jederzeit die Darlehen zurückzahlen zu können, nicht zu widerlegen war. Bald nach Einstellung des Strafverfahrens begann Frau Scott, die die Seele der Berliner Filiale war, von neuem mit der Ver- sendung solcher Zirkulare in großem Umfange. Sie hat in verhält- nismätzig kurzer Zeit etwa 6000 solcher Dorlehnsbriefe verschickt. Wenn dies nicht zog, wurde noch ein sogenannter Nachbrief ver- fandt— sogenannte„Aprilbriefe"— und wenn die Leute skeptisch wurden, wurde ein sogenannter„SicherheitÄricf" hinterher gc- schickt, in welchem stand, daß das Institut eine Garantie dem Dar- lehnsgebcr gegenüber nicht übernehme. Frau Scott hatte vom Sommer 1909 die Darlehnsregistratur allein geführt; seit April 1910 war die Zahlung der versprochenen Zinsen vollständig ein» gestellt worden. Frau Scott gründete nun mit dem abwesenden und durch Frau Hörner vertretenen Mac Donald den Psychologischen Verlag in eine G. m. b. H. um, angeblich, um den kranken Mac Donald auf eine möglichst schonende Art auszuschalten. Bald nach der Gründung der G. m.' b. H. verließ die Scott Deutschland, sie wurde in London verhaftet und nach längeren Verhandlungen an Deutschland ausgeliefert. Sie bestreitet jede Schuld. Nach Ansicht der?lnklagebehörde soll jedoch das ganze Geschäftsgebaren der Angeklagten Scott ein schwindelhaftes gewesen fein. Für die Verhandlung der Strafsache ist vorläufig eine ganze Woche angesetzt wordem Die gestrige Verhandlung kam über die beranttvortliche Vernehmung der Angeklagten nicht heraus. Das Martyrium eines nnehelichen Kindes beschäftigte gestern wieder einmal den Moabiter Strafrichtcr. Ulster der Anklage der fortgesetzten gefährlichen Körperverletzung mußte sich der Maurer Wilhelm Grunicke und dessen Ehefrau Helene geb. FreuSenvers vor ke» Schöffe ttgerfttfi Lerttn-SchSnevers fttwh Vcortexi. Die Mitangeklagte Ehefrau ist Mutter einer vor der Ehe ge« borenen Tochter namens Elisabeth. Das arme Kind wurde von beiden hcrumgestoßcn und gepufft, bekern wenig und v.elfach gar nichts zu essen, so daß das Mädchen sich wiederholt bei fremden Leuten Eßwaren zusammenbettelte� um seinen Hunger zu stillen, Von den Hausbewohnern wurde häufig das Schreien des Kindes selbst zur Nachtzeit gehört, da der angeklagte Ehemann wiederholt, wenn er betrunken nach Hause kam, das Kind mit einem dicken Stocke schlua. Noch schlimmer wurde das Mädchen von der eigenen Mutier malträtiert, die es häusig an den Haaren herumschleisie und so lange schlug, bis der Stock zerbrach. Diese sortgcsctzicn Peinigungen währten über ein Jahr hindurch, bis die Hausbewohner ihre Scheu, sich„in die Familienverhältnisse anderer Leute" zu mischen, überwanden und endlich der Polizei Mitteilung machter». Das Kind wurde dem praktischen Arzb Dr. Freund zugeführt, welcher feststellte, daß der Körper des Mädchens von oben vis unten mit blauen Flecken und aufgeschlagenen, Striemen übersät war, Das Kind mußt- sofort in ein Krankenhaus geschafft werden, da es völlig unterernährt war. Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf die von den Angeklagten zutage gelegte Roheit und Brutalität gegen den Ehemann aus ll S.'ionate und gegen die Ehefrau aus 5 Monate Gefängnis._ Marktpreise von Berlin am 30. Dezember 19ll. nach Ermittelung de? Königl. Polizeipräsidiums. M a r k t h a U- n p r e i s e.(Kieinbaiidel), 100 Kiloaranmi Erbsen, gelbe, zum ztachen 30,00—50.00. Speisebobucn weiße 40 00—00,00. Lüsten 40,00-80,00. Karsoffeiii 8.00- lt,00. 1 Kilo- aramm Niudflcisch, von der Keule 1,60—2,40. Nmdfleisch, Bauchfleisch 1,20 bis 1,60. Schweinefleisch 1,20—1,80. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch ] 30_ 2 20 Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 3,80— 6,40. 1 Kilogramm Karpseii 1,00—2,40. Aal» 1,20-2,80. Zander 1.40—3,60. Hechte 1.20 bis 2,60. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,60—1,40. 60 Stück Krebse 2,40—24,00. Todes-Anzeigen 4. ieri. ReieMa�falmi (Köpenicker Viertel. Bez. 210 II.)| j�aebruf I Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Maurer Mj'.eim Ksniwig Oppelner Str. 17 gestorben ist. 212/1 Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung fand am DienS- i tag, den 2. d. M., nachmitlagS I 3'/, Uhr, aus demZenirai-Fricdhosi in FriedrichSselde statt. Der Borstand, j ! Sozliütonokraflsefter Wablvereii i (Gr den j4. BepllüerReieiistais-WaWIffels. (Petersburger Biertet) Bezirk 373 III. !>kac!irll5. Den Mitgliedern zur Nachricht,| .ijj unser Genosse Wilhelm Marquardt Dolzigrr Str. 10 | gestorben ist. 212/2 1 Ehre seinem Nndenkenl Die Beerdigung fand am> I Dienstag, den 2. Januar, nach- mittags 2'/, Uhr, aus dem Zcu-l trulsciedhoj'in Friedrichsseld« statt.! Der Borstand. RoÄ.jijWöllfälMdH'ÄlseföiZlj Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht,| daß unser Genosse Paul Scliirmer gestorben ist. Di« Beerdigung findet heute � Mittwoch, den 3. Januar, nach- nachmittags 3 Uhr, von der Char> lottenstr. 18 aus statt. 201/1 1 Um rege Leteiliguug ersucht Oer Vorstand. ZentratoeFbanil der Zlrttefsiniisikep DeatseUands. Allen Freunden und Kollegen die traurige Nachricht, dass unser Kollege und langjähriges Mit- glicd 2332b Heinrieh Turnbull am 31. Dezember verstorben ist. Die veerdignng findet am Mittwoch, den 3. Januar, nach» mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Zions-Ktrchhofes, Nord- end, aus statt. Um rege Beteiligung bittet Der Vomtnnd. Mil der Ireien Gast- iioil Seiiankwirte ßestseWamls. Zahlstelle Wilmersdorf. Den Mitgliedern zur Kenntnis. daß unser Kollege August Hatusch UHIandstraßc 71, verstorben ist. Ehre seinem Andeukci»! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 3. Januar 1012, nachmittags 2'/, Uhr. von der Halle deS Wilmersdorf«r Friedhofes, Berliner Straße 101—103, aus statt. wwoan'g'.aajytimamr.1; Deutscher ! Holzarhelter-Yerbanö � Zahlstelle Eöpcuick. Den Mitglieder» zur Nachricht, | daß unser Kollege Paul Zchirrner j am 30. Dezember 1911 an Lungen« | cntzünduug gestorben ist. 77/1 Ehre scincin Andenken! Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 3. Januar statt. Die Kollegen treffen sich nach- ! mittags 2 Uhr im VersammlungS- 1 lokal, Schöncrlmdcr Str. 5. Um rege Beteiligung ersucht Die Lokalverwaltung. ■™iaeoöE*aHsa«K3e*H?eii Zentral-Kranken-lintersültegs- Verein der Scteöe I n. verwandten Gewerbe Oeutsohl. Sacl-.rnf. Am 30. Dezember verstarb j unser Mitglied Otto We�ener j(Groß-Lichicrselde, Mbrechtstraße.) Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung hat bereits am | Dienstag stattgefunden. 2327b Die Ortsverwaltung. JM Ukkml- glämnäste mit meinem weltberühmten regnllerbareo Redressions- Apparat— Patent Haa»— tür Erwafheeno nnd Kinder. Mein Apparat wurde auf d. 10. Aentte Kon- (treaemit d. I. Preieeusgeeeictinet u. erhielt auf der International. Bygiene Ausstellung in Dresden 1911 die silberne Medaille. Proepekt u. fachmänn. Beratung kostenio«. F. EVIonyAl OpthopHdiaohos ■'*■ Institut, Berlin W. 35, oÄöneberger Ufer 23. •maaamai�umaauaxmteamaKme Am 31. Dezember, nachmittags !3'/, Uhr, cntschlies»ach schwerem i Lcioe» mein lieber Mann, unser | guter Vater, der Tischler August Wiedetnann. Um stilles Beileid wird gebeten. Bestattung beute nachm. 4 Uhr! ! von der Halle des Emmaus-Kirch. s j hoscs in Britz aus._ 2326b| Tanz-Lehr- Institut Beginn der neuen Kurse Gewerkschalts- 1 haus, Engelufer 15. für Damen und{ , Herren am Sonntag, den 7. Januar] und folgende Tos». Sonntag» von S— 6 Uhr,) Dienstags von 8—11 Uhr. ftll�nihmon wer�en jederzeit vor Beginn des Unter- 1 nUiUctUlliCU richts sowie in meiner Wohnung Wrangel- straßo 107, II, entgegengenommen. Hochachtangsvoll Richard Heinrich. � Je*# jißmßittitiy Abendkwrse Berlin, Ik'cundcrsrr. S Technikum, Bauschule. Direktor: Königl. Eegie- rungs- Baumeister a. D. Ai thur Wsrner, Inhaber. Prospekte kostenfrei.! SAM SIllcn, die meinem geliebten Mann, unserem unvergeßlichen Vater, dem Kaufmann Sieloff die letzte Ehre erwiesen und unS Trost gespendet haben, herzlichen Dank. Emma Sieloff nebst Kindern. Danksagung. Für die überaus rege Beteiligung und Kranzspende bei der Beerdigung meiner lieben Frau �ujjuste Hellmann geb. Xcchin sage ich allen Verwandten und Be- kannten hiermit meinen herzlichsten Dank. 14062 Der trauernde Gatte Karl Heiinuma. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und für die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes und BruderZ 14031» Otta Bieberstein sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten, ins- besondere den Genossen des dritten Wahlkreises, der Branchenlcitung der Kiauiemrbeitcr, des Deutschen Holz- arbeiterverbandcS,. dem Pcrional Gebr. Jonas, dem Sparoerein „Südost", dem Rauchklub„Deutsche Brüder", dem Arbctier-Stenographen- oereiu NrcndS, sowie dem Arbeiter- Turnverein Jahn-Treptow unseren herzlichsten Dank. August Biebe rsiein und Frau nebst Kindern. Rdalberlstr. 59. Graetzstr. 11. Migk MchMIIgkN tu vollständig renovierlcm Hanse, 1 Etnbc und Küche, 3 Stuben, Küche und Bad, sofort zu vcrmicteu 22365* Liesenstraste IIa. HOHOKORD Erstklassige Musik• Schallplatte 25'/, n. 80 cm UurcllnieMer. Prot* M. 3.— RUBIN-REKORD 25i!alicniichenTone täuschend ähnlich ist. Wcsciit- liche Vorteile und eventuelle 'Kalenzahluug für Vorwärts» Nbunnenten. llugewöhnlich ehrende Anerkennungen. Lrnil 7oUSLKint. \ Werkstätfc iür Kunstgcigenbaa in Berlin C., Joachimstr. IIa. . Dandorf&0 Spittelmarkt Belle-AIliancestr. Grosse Frankfurterstr. Brunnenstr. 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Da; tilalfenfterben der Obdachtoten scheint nach neuesten Nachrichten zum Stillstand gekommen zu sein. In den letzten 36 Stunden sind Ncuerkrankungen nicht mehr vorgekonimen. Die Zahl der unter VergiftmigL- erscheinungen Erkrankten betrug bis zum Vornuttag des Neu- jahrstages 161, von denen 71 gestorben sind. Man muß jedoch in der Beurteilung dieser Fälle sehr vorsichtig sein, da gewiß manche Erkrankungen auf übermäßigen Alkoholgenuß oder andere Ursachen zurückzuführen sein werden. Sind doch am 30. und 31. Dezember bereits acht Personen wieder aus dem Krankenhaus am Friedrichshain entlassen worden, bei denen sich andere Krankheitsursachen herausgestellt haben. Die Ursache der Massenerkrankungeo und Todesfälle werden nicht mehr auf Bücklingsvergiftung zurückgeführt, ob- wohl ärztliche Untersuchungen bis in die letzten Tage daran festhielten. Neuere Ermittelungen haben dazu geführt, daß der den Obdachlosen verkaufte Schnaps große Mengen von Methylalkohol enthielt, dem jetzt die tödlichen Wirkungen zugeschrieben werden. Die Kriminalpolizei ermittelte in Charlottenburg, Wall- straße 42, einen Drogisten Julius Scharmach als Hersteller des Methylalkohols. Dieser Alkohol ist an den Destillateur Isaak in der Danziger Straße, wo viele Obdachlose verkehren, geliefert und dort vom zweiten Weihnachtstage ab zum Aus- schank gebracht worden. Die Kriminalpolizei beschlagnahmte einige Ballons dieses Produktes, das Scharmach als Sprit verkauft hat. Als weitere Käufer nannte er einen Gastwirt in der Landsberger Straße, sowie einen Gastwirt in der Frankfurter Allee. Auch bei diesen wurden größere Mengen des Getränks beschlagnahmt, ebenso auf dem Güterbahnhof in Westend. Betont muß dabei werden, daß diese Gastwirte im guten Glauben, reinen Sprit erhalten zu haben, ihn noch mit Wasser versetzt haben. Die drei Lokale sind vorläufig polizeilich geschlossen worden, ebenso der Laden Scharmachs; s väter noch das Lokal von Marttn in der Rosenstraße 19. Scharmach wurde verhaftet. Halbamtlich wird hierzu geschrieben: Alle« in allem ist jetzt, nachdem die Lokale geschlossen sind, in denen die Scharmachsche Mischung verkauft worden war, ein Rückgang, wenn nicht ein Still- pand der Vergifwngsfülle zu verzeichnen. Außer dem die Ermittelungen leitenden Kriminalkommissar Touffaint neigen jetzt auch die Aerzte des städtischen Obdachs in der Fröbelstratze mehr und mehr der Ansicht zu, daß doch wohl— vielleicht ab- gesehen von den ersten Fällen— die Vergiftungen durch den Genuß von Methylalkohol entstanden sxin können. Sehr auf- fällig ist jedenfalls, daß die Erkrankungen zu derselben Zeit aufgetreten sind, von welcher ab der Schankwirt Alexander Zsaak in der Danziger Straße den Methylalkohol verkaust hat. Bis dahin hatte er seinen Sprit von der Spritbank bezogen. lU'vrtgenS scheinen die Bezieher dieser Mischung. Isaak, Birkholz und Pflamm, auch nicht ganz schuldlos zu sein, da sie die Preise '»r Sprit, die genau auf der Börse festgestellt werden, kennen und siir den Preis, den sie an Scharmach bezahlt haben, unmöglich die Lieferung reinen Sprits erwarten konnten. In dieser Angelegenheit erläßt daS Polizeipräsidium folgende Warnung:.Anscheinend sind die zahlreichen Vergiftungsfälle der vorigen Woche auf den Genuß von Methylalkohol zurückzuführen. Auch der Genuß sonstiger auf- fallend billiger Spirituosen ist bedenklich/ Aus den zahlreichen Zuschriften, die»nS in dieser Sache von den verschiedensten Seiten zugehen, möchten wir die eine be- sonder? hervorheben, nach der bereits am Donnerstag, den 28. De- zcinbcr zwei Drogisten in Charlottenburg dem die Untersuchung leitenden Kriminalkommissar telephonisch darauf aufmerksam gemacht haben, daß sie Gelegenheit hatten, im Sommer drei Fälle von Methylalkoholvergiftunge» zu beobachten, von denen zwei tödlich verlaufen sind und daß sich die AergistungScrschelnungen mit denen im Asyl beobachteten deckten. Der Herr Kommissar habe aber zu- nächst erklärt, daß schon verschiedene Untersuchungen stattgefunden hätten, aber ohne Ergebnis. Die Drogisten blieben aber bei ihrer Meinung. Daraufhin habe der Kriminalkommissar weitere Gr- rnittelungen angestellt, die zu dem oben berichteten Resultat ge- führt haben. Nene Obduktionen. Die ärztlichen Untersuchungen geben noch kein klares Bild von den Ursachen des Massensterbens, was aus folgendem Obduktions- bcsnnd hervorgeht:.Zur Aufllärung der Masienvcrgistung öffneten Geheimrat Straßmann, die Medizinalräte Siörnier und Hosfmann und Dr. Fränkel gestern nachmittag in Gegenwart deS Prof. Weber vom ReichSgeiundheitSamt wieder fünf Leichen der verstorbenen Aiylisten. ES handelt stch wieder»m fünf!..inner, die gleich im Anfang im Asyl erkrankten und im Krankenhaus am FriedrichShain starben, die Arbeiter Bruno Krause ans Rathow, Max Teißner. Friedrich Schelle aus Eichberg, Friedrich Nehk aus Lippehue und den C liloffer Joseph Weiß aus Schwestcrwitz. Bei allen zeigte sich wieder das schon bekannte Bild aus den früheren Fällen, dieselben �'ergtftungsericheinungen. Bei Schelk« hat außerdem ein Buitergnß in das Gehirn stattgefunden, der allein schon geeignet gewesen wäre, einen plötzlichen Tod herbeizuführen- Worauf dieser Erguß zurückzuflihren ist, konnte nicht nstgeslellt werden. Bei Weiß fand sich außer den BergiftungS- c. scheinungen auch eine starke Luftröhrenvereugung und eine euipfindliche Erkrankung deS oberen Dünndarmes. Wie früher so wurden auch jetzt wieder der Mageninhalt und Leichenteile ver- schiedeneu Stellen zur bakteriologischen und chemischen Unter- suchung überwicseu. Erst nach deren Abschluß wird man näheres über die Todesursache sagen können. Geruch von Methylalkohol hat man nur in geringem Maße wahrgenommen, jedenfalls nicht soviel als man erwarten könnie, wenn der Tod durch Methyl- Genuß erfolgt wäre. Man muß bei diesen Dinge» immer daran denke», daß fast all» Asylisten Alkoholiker sind, und eS wird immer wahrscheinlicher, daß gewisie Schankwitte und Destillateure auch früher schon Methylalkohol zu ihren Mischungen benutzt haben/ Die Kriminalpolizei erhält auch von Drogisten und aus dem Publikum eine Menge Zuschriften, die nach diesen Richtungen An- gaben und Andeutungen machen. So erkrankte und starb schon am 15. Dezember in Lichtenberg ein Mann, nachdem er einen Liter Schnaps, den er bei Pflamm kaufte, getrunken hatte. Die Todes- Ursache konnte damals nicht festgestellt werden. Von den jetzt erkrankten Asylisten ist einer fast erblindet. Bei den anderen haben sich die Sehstörungen wieder etwas gehoben. Mehrere von den Gestorbenen find schon beerdigt worden, alles Männer, die noch An- gehörige besaßen. Andere find zur Beerdigung auch schon frei- gegeben worden. Die meisten werden aus städtische Kosten beerdigt, weil sich Angehörig» nicht melden. Partei- Angelegenheiten. Erster Wahlkreis. Heute abend 8'/, Uhr Wählerversammlung im ScyuhmacherinnungShaus, Fischerstraße 26. Genosse Waldeck Manasie spricht über die bevorstehenden ReichStagSwahlen. Zweiter Wahlkreis. Morgen Donnerstag, abends S>/, Uhr, findet in Happoldts Brauerei, Hasenheide 32/33, Eingang Graese- strafe, eine öffentliche Wählerversammlung statt. Referent: Landtags- abgeordneter Heinrich S t r ö b e I. Der Vorstand. Zweiter Wahlkreis, Friedrichstadt. Heute abend 8'/, Uhr Wähler- Versammlung für die dritte und vierte A b t e i l u n g bei Jul. Meyer, Oranienstraße 103. Vortrag des Genoffen Richard Fischer. Der Vorstand. Dritter Wahlkreis. Heute, Mittwoch, den S. Januar, abends S'/i Uhr, finden in Wilkes Festsälen, Sebastianstr. 39, und bei Gliesing, Wassertorstr. 69, öffentliche Wählerversammlungen statt. Tagesordnung:.Die bevorstehende ReichStagSwahl". Referenten: Landtagsabgeordneter H. Ströbel und Stadtv. A. Ritter. Vierter Wahlkreis. Am Sonnabend, den 6. Januar, finden zwei Theaterabende statt. In den AndreaS-Festsälen kommt zur Aufführung:.Heimat' von Sudermann und bei Boeker gelangt zur Aufführung:.Kaseruenluft' von Stein und Söhngen. Einlaßkarlen 50 Pf. Anfang 8'/, Uhr. Der Vorstand. Charlottenburg. Heute abend 8l/f Uhr findet in dem Lokal von Schütze, Englische Straß« 32, eine öffentliche Versammlung statt. Vortrag: DaS Recht deS Volkes. Um zahlreichen Besuch bittet Der Vorstand. Charlottenburg. Heute abend, 7 Uhr. Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus. Kein Genosse darf fehlen. Groß-Lichtrrfelde. Donnerstag, den 4. Januar, abends 7 Uhr: Handzettelverbreitung. Freitag, den 5. Januar, abends 8 Uhr, im Saale de« Herrn Richter. Chauffeestr. 104: Oeffentliche Wähler- Versammlung. Referent: Der Kandidat und bisherige Vertreter des Kreises Fritz Z u b e i l. Sonntag, den 7. Januar, früh 8 Uhr: Flugblattverbrettung. Steglitz. Heute, Mittwoch. abends von S Uhr an: Flugblatt- Verbreitung von den Bezirkslolalen aus. Jede Genossin und jeder Genosse hat die Pflicht zu erscheinen. Zehlendorf(Wannseebahu). Der Frauenleseabend fällt heute, Mittwoch ans. Dafür findet morgen Donnerstag, den 4. Januar, eine öffentliche Volksversammlung bei Wilh. Mieck, Karlstr. 12 statt. Tagesordnung: Die kommenden ReichStagSwahlen und ihre Bedcu- tung für die Frauen. Am Mttwoch, den 3. Januar, abends 7 Uhr. eine wichtige Flugblattvcrdreitung von allen Bezirken aus. Der Vorstand. Tempelhof. Heute, Mittwoch, Flugblattverbreitung von den be- kannten Lokalen aus. Donnerstag, den 4. d. MtS., abends 8 Uhr, im WilhelmSgarten, Berliner � Str. 9, öffentliche Wählerversammlung. Vortrag deS Genoffen Kliiß-Rixdorf über.Liberalismus oder Sozialdemokratie?' Weißensee. Am Donnerstag von 12 Uhr mittags ab findet da« Einkuvenieren der Wablaufsorderungen usw. im Lokal« deS Genossen Peiikert. Berliner Allee 251, statt. Hieran wollen sich auch die Frauen recht stark beteiligen. Am Freitag, den 5. Januar, für alle Bezirke: Extra-Zahl- abend. Die am Tage der Wahl helfenden Genossen wollen sich dort bestimmt melden. Zossen. Am Donnerstagabend 7 Uhr von Kurzner au»! Handzettelverbreitung zu der am Sonnabend, den 6. d. M.. abends 8 Uhr, ebendaselbst staltfindenden ö f f e n t- lichen Versammlung mit dem Thema:.Die Volks- ausplünderer, ihre Helfershelfer und deren wohlberechncte Volks- freundlichkcit vor der ReichStagSwahl". Referent: Genosse Emil U» g e r. Wir fordern die Parteigenossen auf, recht rege für den Besuch der Versammlung zu sorgen. Alt-Gliraickt. Am Donnerstag, den 4. Januar, abends 8>/» Uhr, im Lokale des Herrn Lohn. Grünauerstr. 54: Oeffentliche Wahler- vcrsammlung. Referenl: ReichStagSkandidat Genosse Fritz Zub eil- Berlin. Tagesordnung: 1. Der alle und'neue Reichstag. 2. Freie DiSluision. Da« Wahlkomitre. Köiiigs-Wusterhansen, Wildau und Deutsch-Wusterhausrn. Für oben geiiaume Ortschaften und deren Umgebung findet am Donners- tast. den 4. d. M, abends 7l/3 Uhr, im„Alten SchützenhanS' eine öffeniliche Berianimlnng mit dem Thema:.Die Frauen und die ReichStagSwahlen' statt. Hierzu treffen sich die Genossen am heutigen Mittwochabend 7,/a Uhr in den bekannten BezirkSlokalen zur Fing- blairvcrbreilnng. Aufgabe der Parteigenossen muß es sein, dafür zu wirken, daß die Versammlung, namentlich von Frauen, gut be- Ulcht wird. Der Vorstand. Rcinickendorf-Ost. Heute abend von 7 Uhr ab von den bekannten Stellen aus: Flugblattverbreitung. Die Bezirksleitung. Tegel. Heute Mittag, abends 7 Uhr: Handzettelverbreitung von den bekannten Bezirkslokalen aus. Um S>/z Uhr: Extra- gahlabend. Da dringend« Sachen für die ReichStagSwahlen zu er- ledigen sind, ist eS Pflicht jedes Parteigenossen, diesen Zahlabend zu besuchen. Morgen Donnerstag in TrappS Festsälen: Oeffentliche Ver- sammlung. Referent: Genosse Stadthagen. Die Bezirksleitung. Bezirk Oranienburg. Sonnabend, den 6. Januar, abends 8 Uhr, öffentliche Wählerversammlung. Referent: Stadtv. Genosse Actur S t a d t h a g e n- Berlin. Sonntag, den 7. Januar, nachmittags 2 Uhr. findet eine öffent- liche Wählerversammlung unter freiem Himmel in Germendorf statt. Referent: Arbeitersekretär Florian T r o e g e r- Berlin. Für den Besuch dieser beiden Versammlungen Ivollen die Parteigenossen rege agitieren. DaS.Wahlkomitee. Dernau. Im hiesigen Bezirk finden Sonntag, den 7. Januar, folgende Bersammlungen statt: Nachmittag? 2� Uhr in Röntgental, Marx' WaidhauS.f Referent: Karl Liesegang- Ober-Schöneweide. Nachmittags 21/., Uhr in Ruhlsdorf, unter freie« Himmel auf dem Grundstück des Herrn Brahroß, an der Klosterfelder Landstraße gelegen. Referent Fritz Carl, Arbeitersekretär, Berlin. Wir er- suchen die Arbeiterradfahrer, diese Versammlung möglichst zu besuchen. Abends 8 Uhr im Saale des Herrn Schulze, Ladeburg. Referent: Stadtverordneter Bruns- Berlin. Für oiese Versammlung wollen die Bernauer Genossen eine rege Agitatton entfalten und wenn möglich auch besuchen. Die Bezirksleitung. Potsdam. Die am heutigen Mittwoch, den 8. Januar, fällige Wahlvereinsoersammlung fällt aus, dieselbe wird voraussichtlich am Mittwoch, den 10. Januar stattfinden. - � Berliner JVaebnebten» Wie es auf einer königlichen Domäne aussieht. Hfl?©trö geschrieben:„Bei den Wahlarbeiten im Dahlemer Dorf fanden Genoffen grauenerregende Zustände vor. Sie entdeckten, daß in einem kleinen Stallgebäude an der Kreuzung von Cecilien-Allee und Königin-Augusta-Straße, der Kirche gegenüber, polnische Saisonarbeiter wohnten. Eine kleine niedere Stalltür, die den Eingang bildete, läßt den Gedanken gar nicht aufkommen, daß eS sich hier um eine menschliche Behausung handeln könnte. Vom „Eingang" bis zu einer halbmeterbrciten steilen Holzstiege ist ein Schritt. Der unter der Treppe befindliche Platz hat augenschein- lich einem ganz besonderen Zweck gedient...... Zur Rechten dieser Treppe liegt ein Raum von vielleicht 2% Meter Länge und 1% Meter Tiefe. Die Wände sind gekalkt, die Decke ist, um die von odenher durchlaufende Feuchtigkeit ab- zuhalten, mit Pappstücken vernagelt, die aber der Nässe nicht stand- halten konnten und an einigen Stellen sich abgelöst haben. Wo dies der Fall ist, erblickt man dann die völlig vermorschten und verfoulten Bretter der Deckenschalung. In diesem Quartier, das einst wohl Kühe beherbergt haben mag, worauf ein großes hölzernes Stalltor deutet, daS übrigens die eine ganze Längs- wand bildet, haben, aus den vorhandenen Bett„gestellen" zu schließen, mindestens 10 Menschen gewohnt! Ein rohgezimmerter Tisch und die Einrichtung ist, so wie sie ist, komplett. Die Bett- stellen sind ein Gewirr von eisernen Stangen und Bandeisen. AIS unsere Genoffen die morsche Stiege erklommen und die ver- schließende Falltür hochgedrückt hatten, wären sie gern sogleich wieder umgekehrt. Direkt unter dem Dach wohnten hier an 30 Menschen, Männer, Frauen, Kinder, beieinander. Einige Dach- fenster geben die Beleuchtung, der Fußboden ist total verfault und an einigen Stellen eingebrochen. DaS Dach ist in drei Ver- schlage geteilt, in denen ein Aufrechtstehen durch Sparren und Balken des Dachstuhls unmöglich gemacht wird. Im mittleren und Hinteren„Raum" befinden sich zwei eiserne Oefen, auf denen gekocht wurde. Alles ist von Holz, ein Funken, und das ganze HauS stand in Flammen, die Menschen aber, die sich darin be- fanden, waren unrettbar verloren! Auch hier gibt eS zwei Tische und eine Anzahl Bettgestelle von der erwähnten Qualität. Die Wände sind gekalkt, den Boden bedecken Arbeitsgeräte und Schnaps flaschen, herumtollende, nahezu zahme Mäuse verboll- ständigen daS Bild. Die Balken, und Sparrenverbindungen find vernagelt und dienen al« VorratSspinden. Der Dachraum läuft nach beiden Seiten und oben spitz zu. Am 13. Dezember mußten die Arbeiter in ihre Heimat zu« rückkehren. Aber wenn sie im nächsten Jahr zurückkehren!..... Was gedenkt der FiskuS dann zu tun? Nun, er wird sie in den- selben Ställen internieren, denn eS ist doch nur sein Interesse, wenn diese Leute in ihrer Lethargie, in ihrem geistigen und sittlichen Tiefstand verbleiben, geben sie doch nur so das rechte Ausbeutung S- Material! Das ist agrarische Arbeiterfürsorgel Dieses Ostelbien macht der Königlichen Domäne Dahlem alle Ehret Ein„Pour ls merite" für die Herren der Verwaltung! Der Arbeiter freilich wird etwas anderes für sie haben: nämlich einen roten Stimm» zettel am 12. Januar/ Städtischer Seefischverkauf, von jetzt ab findet wieder jeden DienStog und Donnerstag«in billiger Verkauf frisch«, von der Marklhallenberwaltung an den Häfen angekauft« Seefische statt. Die Preise werden von der Markthallenverwaltung festgesetzt und an den Anschlagsäulen bekannt gegeben. KraetkeS Schneckenpost kam am NeujahrHtage mit der nun schon seit Jahren üblichen verdreifachten Verspätung in die Hand« de« Empfänger. Lieber Leser, wenn Hu am Silvesterabend einen Gc- schäftsbrief oder einen wichtigen Privatbrief aufgibst, so verlaß Dich beileibe nicht auf die deutsche ReichSpost. Du kannst von Glück sagen, wenn Du eine solche Postsendung, die am Eilvestettago etwa um 5 Uhr nachmittags in den Briefkasten geworfen wurde, schon in der elften BormittagSstundc deS NeujahrStage« erhältst. Wohnst Du aber am Ende Deines BestcllrevierS, so wird eS ganz sicher die zwölfte Sttinde. DaS heißt, der Brief ist 18 bis 20 Stun» den unterwegs gewesen. Und das nennt sich dann die erste Tages- post, zu deren Bewältigung Dein wie ein Gepäckträger belastete« Leibpostschwede vom nahen Postamt bis zu Dir mindestens 4 Stun» den braucht! In derselben Zeit kannst Du getrost eine Reise nach der Schweiz machen. Du bist ganz sicher eher im Auslande, als ein im Berliner Osten aufgegebener Neujahrsbrief Dich im Berliner Norden erreicht. Du willst, lieber Leser, an Onkel Kraetke schreiben und Dich beschweren? Bitte, lege die Sechsermarke lieber in die Sparkasse. Die Postexzellenz würde Dir vielleicht antworten, daß es beini besten Willen nicht anders geht, weil die Rieseneinnahmen des Neujahrswechsels mit zum Bau neuer Kriegsschiffe, zur Ver« herrlichung des Imperialismus gebraucht werden, oder daß«ins Aenderung in die berühmte Erwägung gezogen werden soll. Wenn Du aber etwa glaubst, daß es mit unserer PostHerrlichkeit in» nächsten Jahre besser werden wird, dann erhältst Du einen Taler. Ein Kindrsmvrd ist am Neujahrstag in der Luisenstraße«nt« deckt worden. In dem Hause Luisenstraße 43 wurde die Leiche eines Kindes gefunden, der die Arme, die Beine und der Kopf abgeschnitten waren. Als Urheberin des scheußlichen Verbrechens wurde die 16jährige Stütze Emma Kamulke ermittelt und ver» haftet. Das junge Mädchen hatte Anfang vorigen Jahre» ein Liebesverhältnis. daS nicht ohne Folgen bleiben sollte. Dir K. verstand es ober, ihrer Herrschaft, der Luisenstraße 48 wohn- haften Frau tz. gegenüber, ihren Zustand zu verbergen. Vor drei Tagen verschlvand sie nun plötzlich aus der Wohnung der Frau H. und man vermochte sich daS Entfernen des Mädchens gar nicht zu erklären. Gestern nachmittag gegen 5 Uhr unter- zog die Wvhnuiig«inhabcrin das Zimmer der Stütze einer kleinen UtiierMung uuö dabet sMte fle cuu Cnttzibiw S!II sie«!ne>schu�!a?d?er MoMnode HerauZzog, fand sie darin den vollständig verstümmelten Leichnam eines neugeborenen Kindes vor. Sie benachrichtigte schleunigst die Polizei. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß die K. heimlich einem Kinde das Leben geschenkt und den Säugling den Kopf vom Rumpf trennte und Arme und Beine von dem kleinen Körper schnitt. Sie hatte nun allen Grund, sich zu entfernen. Gestern abend gegen 7 Uhr kehrte sie jedoch wieder nach der Wohnung der Frau H. zurück und nun konnte sie von einem observierenden Kriminalbeamten verhaftet werden. Sie wurde dem Kgl Polizeipräsidium eingeliefert und wird sich demnächst wegen Mordes zu verantworten haben. Sie erklärt, das Kind sei bei der Geburt tot gewesen. Krankheit und Nahrungssorgen gaben der 57 Jahre alten Maurerswitwe Amalie Müller aus der Strelitzerstratze 68 Veran- lassung zum Selbstmord. Nachdem vor 5 Jahren ihr Mann ge- starben war. ernährte sich die Frau durch Stickereien, außerdem hatte sie von ihrer kleinen Wohnung ein Zimmer abvermietet. Als sie vor einiger Zeit von einem Fußleiden befallen wurde, konnte sie nicht mehr so viel verdienen um ihre Ausgaben zu bestreiten. Am vergangenen Mittwoch wunderte sich ihr Untermieter, daß er keinen Kaffee erhielt. Er sah sich deshalb nach der Frau um und fand die Türe zu ihrem Zimmer verschlossen. Da er auch einen Gasgeruch wahrnahm, benachrichtigte er den Hauswirt, �der das Zimmer gewaltsam öffne» ließ. Im Bette fand man die Frau be- loußtlos liegen. Sie hasje die drei Gashähne der Ampel geöffnet. Ein sofort hinzugerufener Arzt stellte Wiederbelebungsversuche an. die auch erfolgreich waren. Man brachte die Lebensmüde jetzt zum Lazarus-Krankenhaus«. Dort starb sie aber gestern an den Folgen der Gasvergiftung. Ein Bauunfall ereignete sich am Sonnabendmittag am Karlsbad, Ecke Flotlwellstraße. Dort verunglückte der Arbeiter Hermann Zabel, Stralsunder Str. öS, der beim Unterfahren des Nachbarhauses be- schäftigt war, dadurch, daß das Mauerwerk eineS im Abriß befind« lichcn Gebäudes einstürzte, wodurch die Steife den etwa 6 Meter entfernt arbeitenden Mann so unglücklich traf, daß der Tod bald eintrat. Wie wir hören, ist der Unfall erst abends ö Uhr der Polizei gemeldet worden, so daß eine sofortige Untersuchung der Ursache des Unfalles nicht stattgefunden hat. Vielmehr ist nach dem Unfall weiter gearbeitet worden. Auch gestern morgen hatte die Polizei noch keine Feststellungen getroffen. Wegen Kautionsschwindels ist der 23 Jahre alte Zigarrenhändler Karl Fuhrmann aus der Wrangelstraße 57 von der Kri- minalpolizei verhaftet worden. Er betätigte sich als Filialen- gründer. Der Schwindler mietete in verschiedenen Stadtvierteln leerstehende Läden, setzte sich dann mit Damen und Herren, die Filialleitungen suchten, in Verbindung und ließ sich von ihnen möglichst hohe Bürgschaften für die Uebernahme der Geschäfte zahlen. Allen gegenüber gab er sich für einen Zigarrenimporteur ms. Die geringen Warenbestände, deren er bedurfte, bezahlte er von den Kautionen, weil er keinen Kredit hatte. Die Beträge ließ er sich aber von den Filialleitcrn sofort wieder zurückgeben. Wieder- holt benutzte er einen und denselben Laden, um mehrere Leute .u beschwindeln. Den ersten veranlaßte er durch die Vorspiege- lung, daß er ein größeres Geschäft bekommen solle, weil er sehr tüchtig sei, auf den Laden, den er bereits hatte, zu verzichten. Den Zweiten setzte er dann sofort ein, um auch von ihm die Kaution ;u bekommen. Auf diese Weise beschaffte er sich in drei Monaten biOO M. Als er jetzt festgenommen wurde, besaß er trotzdem nichts mehr. Seinen ganzen Briefwechsel hatte er in der elterlichen Wohnung im Klosettraum versteckt. Ein gemeingefährlicher Kinderfreunb ist in der Person des 42 Jahre alten Händlers Max Steimann aus der Cöslinerstr. 2 verhaftet worden. St., der verheiratet und Vater erwachsener Töchter ist, wird beschuldigt, sich in zahlreichen Fällen an Schul- mädchen vergangen zu haben. Unter Versprechungen verstand er es, Kinder unter 12 Jahren an sich zu locken und sie dann zu miß- brauchen. Die Eltern eines der Opfer des Unholds kamen dem Treiben schließlich aus die Spur, worauf die Krimmalpolizei ein- schritt. Ein mysteriöser Todesfall in Schöneberg. Unter Vergistungs- erschcinungen erlrankt und nach wenigen Stunden verstorben ist gestern der 30jährige Feuerwehrmann Stanislaus Borczykowski aus der Hohenftiedberg Str. 21 in Schömberg. B. kehrte am gestrigen Dienstag gegen 6 Uhr früh vom Dienst nach Hause zurück und bald darauf hörte der Wirt den Feuerwehrmann in seinem Zimmer heftig stöhnen. Auf die Frage des Vermieters, was ihm fehle, klagte Borczykowski über Erbrechen und heftige Leibschmerzen. Nach etwa 8 Stunden begab sich der Feuerwehrmann wieder nach seiner Dienststelle, wo er jedoch alsbald so schwer erkrankte, daß er nach dem Schönebergcr Krankenhause übergeführt wurde. Hier ver- starb der Kranke kurz voi 12 Uhr mittags unter Vergiflungs- crscheinuugen. wie solche auch bei den Todesfällen im Asyl in der Fröbelstraße beobachtet worden sind. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Eine genaue Feststellung der Todesursache konnte bisher noch nicht erfolgen, doch erscheint es als zweifellos, daß Nahrungsmittelvergiftung vorliegt. Ein rätselhafter Todesfall wird auch aus Lichtenberg gemeldet. Dort war die in der Mozartstraße 3 wohnende fünfzig. jährige Witwe Doris Schmidt am Freitag voriger Woche an heftiger Diarrhoe und Erbrechen erkrankt und legte sich deshalb zu Bett. Am vorgestrigen Montag wurde Frau Schmidt, die in ihrer Wohnung ganz allein lebte, von einer Verwandten, die sie besuchen wollte, tot aufgefunden. Die sofort benachrichtigte Polizei beschlagnahmte die Leiche und ließ sie nach der Leichenhalle bringen. Ueber die eigentliche Todesursache dürfte erst die Obduktton Klarheit ergeben. Automobilzusammenstoß im Tiergarten. Auf der Thavlotten» burger Chaussee im Tiergarten ereignete sich Montag ftüh gegen 7 Uhr ein schwerer Zusammenstoß zwischen zwei Automobil- droschken. Bei der Kollision wurde die eine Droschke vollständig umgeworfen und stark zertrümmert. Von den Insassen verunglückte der"36 Jahre alte Korvettenkapitän v. Schlick, wohnhaft am Lieben- seeufer 8 zu Charlottenburg, und die 30 Jahre alte Direktrice Emmy Schwan aus der Bayerischenstraße 39, während die beiden Chauffeure und eine zweite Dame mit dem bloßen Schreck davon- kamen. Kapitän v. Schlick erlitt mehrere schmerzhafte Schnitt- wunden im Gesicht und an den Händen und Fräulein Schwan einige Beinquetschungen. Die Verunglückten fanden in der Cha- rite die erste Hilfe und wurden dann auf ihren Wunsch nach den Wohnungen entlassen. Die Schuldfrage ist noch nicht aufgeklärt. — An der Ecke der Haupt- und Ningbahnstraße stieß nachts ein Automobil mit einem Straßenbahnwagen der Linie O zusammen, wobei der Chauffeur Artur Hoffmann aus der Hubcrtussträße 19 zu Steglitz mehrfache Quetschungen und andere Verletzungen erlitt. Im Zirkus erhängt hat sich der S5 Jahre alte Ober« requisitenverwaller Salomon Kupfer, ein Junggeselle, der früher schon bei Renz tätig war, und seit vielen Jahren bei Busch an- gestellt war. Der ArVciter-Tiirnvercln Fichte eröffnet am Freitag, den 5. Ja» nuar 1912, seine 6. Frausnabteilung in der Turnhalle der 286./293. Gemeindcschule, Scherenbergstraße, Ecke Carmen-Sylva- straße..Junge Mädchen und Frauen als Gäste herzlichst will- kommen. Neujahrsarbcit der Feuerwehr. Die Berliner Feuerwehr hatte am Sonntag und am Neujahrstage viel Arbeit zu verrichten. Der erste Alarm im neuen Jabr erfolgte eine Minute nach 12 Uhr nach der Koppenstraße, Ecke Grüner Weg, wo eine Litfaßsäule bös- willig in Brand gesetzt worden war. Gleich darauf ging eine zweite Litfaßsäule an der Ecke der Koppen- und Rüdersdorfer- straße in Flammen auf. Offenbar handelt es sich in beiden Fällen um ein und dieselben Täter, die aber entkommen sind.— Weih- «achtsbaumbrände mußten etwa zehn abgelöscht werden, u. a. im Böhmischen Brauhaus in der Landsberger Allee. Zwei größere Brände brachen in der Waßmannstraße 25/26 und in der Rhinomer Straß« 7 in einer mechanischen Werkstatt und in einer Schneider. Werkstatt aus. In der Waßmannstraße wurde auch die Dachkon- strüktion durch das Feuer stark in Mitleidenschaft gezogen.— In der Neuen Königstraße 36 gerieten bei einem Wohnungsbrand zwei Kinder in Lebensgefahr. Die Kleinen wurden aber noch vor An- kunft der Feuerwehr von einem Briefträger in Sicherheit gebracht. — Auch in der Ebelingstraße 17 schwebten am Neujahrstage mehrere Personen bei einem Wohnungsbrande in Lebensgefahr. Durch das rechtzeitige Eingreifen der Feuerwehr konnten aber alle Gefährdeten gerettet werden.— Ferner wurde noch die Schloß- feuevivache am Montag alarmiert. Es handelte sich aber um bliu- den Lärm, verursacht durch einen Feuerschein aus einem Kamin- feuer. Bei der Silvesterfeier des dritten Kreises im Gewerkschaftshause verlor ein junges Mädchen eine Kette mit Medaillon; ein Andenken ihrer verstorbenen Mutter. Der ehrliche Finder wird ersucht, die Gegen stände bei Pohl, Naunynstr. 30, abzugeben. Vorort- JVadmebten. Tegel. Die Fremdenbuch-Eintragung deS Bürgermeisters Weigert. Unter dieser Ueberschrift veröffentlichte kürzlich das Amtsblatt die»Tegler Nachrichten' einen Artikel, in welchem dem hiesigen Bürgermeister vorgeworfen wird, in der Sommerfrische des vorigen Jahres Ehe- bruch getrieben zu haben. In der solchen Blättchen eigenen Weise wird daraus natürlich eine Weltbegebenheit gemacht; und zum Schluß fordert das OrtSblatt die Aufsichtsbehörde auf, gegen Herrn Weigert das Disziplinarverfahren mit dem Endzwecke der Amts entsetzung ohne Pension zu eröffnen und bis zur Erledigung dieses Verfahrens den genannten Amts» und Gemeindevorsteher der Aus Übung seiner amtlichen Befugniffe zu entheben. Die letzte Ver> sammlung des liberalen Wahlvereins beschäftigte sich gleichfalls mit dieser delikaten Affäre, allerdings mit dem für den Verein traurigen Ergebnis, daß verschiedene der liberalen Mannesseelen unter großem Applomb auS dem Wahlverein austraten und der Wahlverein selbst vier Wochen vor den Reichstagswahlen aufgelöst werden mußte. Wir würden von diesen rein privaten Angelegenheiten des AmtS- Vorstehers nicht Notiz nehmen, wenn sich jetzt nicht die Freunde deS allezeit durch sein scharfmacherisches Vorgehen gegen die Sozial- demokratie auszeichnenden Bürgermeisters in einem Flugblatt an die Einwohner von Tegel wendeten und diese um Zustimmung ersuchten, damit die.bewährte Kraft' auch in Zukunft als Ortsoberhaupt der Gemeinde erhalten bleibt. Unterzeichnet ist das Flugblatt neben verschiedenen Lokalgrößen von den Brüdern von Borfig sowie zwei Borsigschen Direktoren usw. Worin fich diese Kraft be- währt hat, haben die Unterzeichner deS Flugblattes für sich be- halten. In Arbeiterkreisen ist der Bürgermeister W. als ein Reaktionär bekannt, der den Aufftieg und den zunehmenden Einfluß der Arbeiterklasse auf die öffentlichen Interessen beseitigen möchte. In aller Erinnerung ist noch die Brüskierung der Tegeler Arbeiter- schaft bei der vor zwei Jahren erfolgten Zusammensetzung des Wahl- Vorstandes zu den Gemeindevertreterwahlcn, in welchem Herrn Weigert von unseren Vertretern bittere Wahrheiten gesagt wurden. Hat doch selbst der Bezirksausschuß die auf diese ungesetzmäßige Weise zustande gekommenen Wahlen für ungültig erklären müssen. Das noch zu erwartende Urteil des Oberverwaltungsgerichts wird auch wohl den letzten unrechtmäßigen Inhaber eines Ge- meindevertretermandats auS dem Ortsparlament verdrängen. Be- kanitt ist ferner die Gegnerschaft des Bürgermeisters gegen die Freibäder. Fehlt es doch hier trotz des schönen Tegeler Sees an einer den modernen Ansprüchen genügenden Sommer- sowie Winterbadeanstalt. Für Kirchen und Pfarrhäuser sowie für das Bootshaus des exklu- siven RuderllubS war bisher der nun von den feindlichen Brüdern Angegriffene mit Wärme und großer Freigebigkeit eingetreten. Wenn es galt, die Interessen der Allgemeinheit zu vertreten, hat der Bürgermeister stctS versagt. Die Arbeiterschaft wird daher die Gesellschaft in ihrem häuslichen Streit um die.bewährte Kraft Tegels' unter sich lassen. Friedenau. Ein eigenartiger Straßcubahnunfall ereignete fich in der Becker- straße. Dort riß während der Fahrt von einem Straßenbahnzug der Linie 60 die Kuppelung. Als dann der Motorwage» hielt, fuhr der Anhänger mit ziemlicher Gewalt auf diesen auf, so daß mehrere Scheiben in Trümmer gingen. Nach dem Unfall meldeten sich vier Personen als verletzt. Die Verunglückten wurden im Auguste- Viktoria-Krankenhaus verbunden. Weistensee. Aus der Gemeindevertretung. Der Erlaß eineS Orisstatuts über die Einschränkung der Sonntagsarbeit in offenen Verkaufs- kellen ist wiederholt Gegenstand der Beratung gewesen. Die Ge- meindevertretung hatte bekanntlich ein weitergehendes Ortsstatut als das Berliner beschlossen. Einzelne Gewerbetreibende bewirkten jedoch durch Einsprüche, daß die Verkaufszeiten wie in Berlin fest- gesetzt wurden. Von unseren Genossen wurde dieses sonderbare Verhalten der Gewerbetreibenden gebübrend beleuchtet, sogar einige bürgerliche Herren sprachen sich mißbilligend hierüber aus. Die Verkaufszeit ist nunmehr im Sommer auf 8— 10 Uhr, im Winter auf 12—2 Uhr festgesetzt, ausgenommen sind die Nahrungsmittel- und Blumengeschäfte. Einem Vertrage mit dem Fiskus über die Errichtung einer königlichen evangelischen Präparandenanstalt am 1. April 1912 wurde zugestimmt. Diese Anstalt, bestehend aus drei Klassen, soll in der neuen Volksschule in der Falkenberger Straße untergebracht werden. Das Schulgeld soll 129 M. pro Jahr und Schüler betragen. Die Anstalt soll sich völlig selbst erhalten; eine Annahme, die vom Genossen Taubmann in Frage gestellt wurde. Bemerkenswert ist, daß vor allem die zur Verfügung zu stellenden Schulräume in der Berechnung gar nicht mit aufgeführt sind. Den Herren Mewes und Laugsch paßten die Ausführungen unseres Ge- nassen nicht in den Kram. Sie betonten ganz besonders die Er- rungenschaft. daß nunmehr auch in Weißensee sich eine..Königliche Anstalt" auftue. Für so etwas könne man schon einen kleinen Zu- schuß übrig haben.— Eine stundenlange Debatte entspann sich über die Feststellung der Grundsätze für die Bildung eines Hypotheken- fonds. Da die Beschaffung von zweiten Hypotheken für den Haus- besitzer sehr schwierig sind, wurde bereits in ihren Vereinen fort- während dahin gedrängt, daß die Gemeinde ein solches Hypotheken- institut errichte. Nach den Satzungen werden Grundstücke, die in den letzten 10 Jahren erbaut sind, bis zu 75— 80 Proz. des Wertes des Grundstückes beliehen. Das Darlehen ist mit 5 Proz. zu ver- zinsen und mit 1 Proz. zuzüglich der ersparten Zinsen zu tilgen. Für diesen Zweck soll eine Anleihe von 5 Millionen Mark auf- genommen werden. Der Gemeindevorstand wurde ermächtigt, mit Hohenschönhausen über einen Zweckverband in dieser Angelegenheit zu verhandeln. Zum Schluß rühmte es Herr Kohler noch ganz besonders, daß Weißensee als erste Gemeinde um Großberlin für die Hausbesitzer etwas„Großes geleistet" habe. Seine Nachbarschaft sowie die ganze Vertretung hörte mit einem skeptischen Lächeln diesen Lobpreisungen zu.— Für die Errichtung der neuen See- badeanstalt hatte das Bauamt das dritte Projekt vorgelegt. Diese Angelegenheit ist nunmehr erledigt. Die Kosten für die Errichtung der Anstalt an derselben Stelle, an der sich die alte befand, sollen 84 000 M. betragen.— Der Fcrnsprcchnachtdicnst soll auch in Zu- kunft aufrechterhalten bleiben. Tie Gemeinde übernimmt die Garantiesumme im Betrage von 1420 M, 1 FriedrlchShage». Aus der GemeindeberkrekutkS. Zuktächsk Bittsie We ErSffrtOWg der öffentlichen Rechtsauskunftstelle zum 1. Januar 1S12 beschlossen, Vorläufig sollen in jeder Woche abends 2 Sprechstunden von 5 bis 7 Uhr abgehalten werden. Der am 31. Dezember 1911 abgelaufene Fährvertrag wurde auf 3 Jahre verlängert. Der Fiskus forderte anstatt der bisherigen Pachtsumme von 400 M. eine solche von 500 M. Die Vertretung stimmte dem Vorschlage zu. In die Ge- sundheits- und Hundesteuerkommission wuroe Genosse Miele ge- wählt. Eine längere Debatte entspann sich bei der Ergänzung der Tiesbaukommission. Schöffe Dr. Wallburg legte in dieser Kom- Mission sein Amt als Vorsitzender nieder, weil er angeblich von dem Bürgermeister Dr. Stiller beiseite geschoben sei. In der sich an- schließenden Debatte zwischen dem Bürgermeister Dr. Stiller unti dem Schöffen Dr. Wallburg kam es zu stürmischen Auseinander- setzungen. Genosse Barth nahm bei dieser Gelegenheit Anlaß, zu erklären, daß sich die Gemeindevertreter auf die Dauer derartige persönliche Auseinandersetzungen nicht gefallen lassen werden, Hierbei erinnerte der Redner daran, daß, obwohl die frühere Gemeindevertretung durch die Bewilligung einer Viertelmillion für den Kirchenbau und den famosen Gasanstaltsvertrag geradezu ein Verbrechen an der Gemeinde begangen habe, seinerzeit derartige persönliche Auseinandersetzungen zwischen den sozialdemokratischen und bürgrlichen Vertretern nicht vorgekommen seien.?!ach fast zweistündiger Debatte über diesen Punkt wurde die Tiefbau- kommission durch die Verordneten Lehmann, Hinze und Stephan (Soz.) verstärkt. Bei der Wertzuwachssteuerveranlagung wurde be- schlössen, die Veranlagung für das nächste Jahr dem Kreisausschuß zu überlassen, um erst zu sehen, wie sich die Sache entwickelt. Die Angelegenheit betreffs Zahnpflege der Schulkinder wurde der Schuldcputation überwiesen, damit diese in Gemeinschaft mit dem Schulzahnarzt der Vertretung geeignete Vorschläge machen kann. Genosse Wieke stellte alsdann den Antrag, die Punkte:„Umfrage über das Elisabethhospital" und„Gedächtnisfeier für Friedrich den Großen" in der öffentlichen Sitzung zu verhandeln. Ihm schloß sich auch Genosse Barth an, der vorschlug, die Beschlüsse der geheimen Sitzung, soweit sie nicht durch die Verösfentlichung der Gemeinde Schaden bringen können, in das offizielle Protokoll aufzunehmen. Begründend hierzu bemerkte Redner, daß die Bürgerschaft über einzelne Punkte nicht genügend unterrichtet sei. So seien z. B. die Anträge betreffs der Badeanstalt und des Friedhofes erst in öffentlicher Sitzung verhandelt worden, um dann später in geheimer Sitzung fortgeführt zu werden. Dadurch komme es, daß kein Mensch wisse, wie weit diese Angelegenheiten vorgeschritten seien. Die ge- Heimen Sitzungen müßten so viel wie möglich vermieden werden. Bürgermeister Dr. Stiller versprach, nach Möglichkeit olles in öffentlicher Sitzung zu verhandeln. Es wurde hierauf der Antrag, die beiden Punkte in öffentlicher Sitzung zu verhandeln, an- genommen. Betreffs des Elisabethhospitals teilte der Bürgermeister mit, daß unter den hiesigen Aerzten eine Umfrage vorgenommen worden sei, in der sich dieselben in jeder Weise lobend über die Behandlung, Verpflegung usw. ausgesprochen hätten. Nur sei das Krankenhaus ständig überfüllt. Der Vertrag mit dem Hospital enthalte keinerlei Bestimmungen, daß unbedingt Betten für uns freigehalten werden müssen; es sei dieses in der Praxis auch gar nicht durchzuführen. Alsdann empfahl der Bürgermeister am 24. Januar 1912 zur Erinnerung an den 200jährigen Geburtstag Friedrich des Großen einen Bierabend zu veranstalten und dazu die gesamte Bürgerschaft einzuladen. Der Oberpostassistent Ehlert hat eine Chronik Friedrichshagens geschrieben, welche er der Ge- meinde zur Verfügung stellt. Der Bürgermeister beantragte daher, diese Chronik im Auftrage der Gemeinde drucken zu lassen, damit dieselbe am 24. Januar erscheinen könne. Die Kosten für den Druck der Chronik würden etwa 500 M. betragen. Genosse Micke sprach sich gegen die Feier aus, da die Arbeiter keinen Anlaß haben, diesem Monarchen besondere Ehrung als angeblichem Begründer Friedrichshagens zuteil werden zu lassen. Betreffs der Chronik Friedrichshagens sei er der Meinung, daß man im Prinzip gegen eine solche nichts einwenden könne. Der Gemeindc- Vertretung müsse aber Gelegenheit gegeben werden, den Inhalt der- clben kennen zu lernen. Nachdem sich mehrere Verordnete noch gegen die augenblickliche Drucklegung gewandt hatten, wurde der Antrag angenommen, die Chronik eventuell zu übernehmen, wenn der Vertretung Gelegenheit gegeben wird, diese auf ihren Inhalt hin zu prüfen. Der Bierabend wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Betreffs des Freibades wurde mitgeteilt, daß ein Lokaltermin stattgefunden habe und eine Acnde- rung des Freibades bestimmt zu erwarten sei. Nur über die Ein- richtung sei man sich noch nicht im klaren. Jedenfalls solle die Ver» waltung des Bades einer gemeinnützigen Gesellschaft überwiesen werden. Genosse Barth brachte bei dieser Gelegenheit die Errich- tung der Gemeindebadeanstalt in Erinnerung. AuS Anlaß ihrer langjährigen Tätigkeit für die Gemeinde sind dem früheren Schöffen Anklam und dem früheren Vertreter Sonnenburg(Soz.) Ebre. gescbenke überwiesen worden. Zum Schluß gab es noch unter Per- sönliche Bemerkungen zwischen dem Bürgermeister Dr. Stiller einerseits und den Schöffen Dr. Wallburg. Dr. Kohli und Hofrat Lange andererseits eine heftige Auseinandersetzung, die erst dadurch ihr Ende erreichte, daß fast die gesamte Vertretung den Saal ver- lassen hatte. Schmargendorf. Eine erhebliche Belästigung, nicht aber eine Gefahr. Die Vor- orte Berlins haben in den letzten Jahren einen erstaunlich starken Aufschwung genommen. Meist treibt den in der Knochenmühle der Arbeit zermürbten Großstädter das Bedürfnis nach frischer, unver- dorbener Luft hinaus. AuS diesem Grunde bringt er erheblicke Opfer ab Zeit und Geld, die das Draußenwohnen notwendigerweise erfordert. Zuweilen allerdings gerät er auS dem Regen unter die Traufe, besonders dann, wenn ihm sein Geldbeutel kategorisch gebietet, in einem der berüchtigten.Gartenhäuser.' zu wohnen. Dann kann es ihm sehr oft passieren, daß er statt guter Luft und erquickender Ruhe mehr Lärm und Staub verdauen muß. als in irgend einem Viertel Berlins. Wegen dieses Mißstandes haben vor einiger Zeit zirka 30 Mieter eine Petitton an den Amts- Vorsteher von Schmargendorf gerichtet und gebeten, Maßregeln gegen das unsinnige Klopfen von Teppichen, Polstermöbeln, Betten usw. im Freien oder auf dem Ballon zu jedweder Zeit zu treffen und die Klopfzeit einheitlieb zu regeln. Die Petenten sahen sich zur Be- sebreitung dieses Weges gezwungen durch die Regellosigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der ein Teil der Schmargendorfer Herrschasten an jedem Tage und zu jeder Stunde, oft bis in die Nacht hinein und nicht selten auch am Sonntag, durch Klovfen obengenannter Gegen- stände in unerträglicher Weise Lärm und Staub verursachen so daß eS Personen, die zum? il geistig arbeiten müssen, sowie solchen Personen. die anstrengenden Nachtdienst haben, geradezu unmöglich ist, diesen Zuständen gegenüber sich noch länger passiv zu verhalten. Nach einigen Wochen lief ein amtliches Schreiben ein, worin der Empfang der Petitton bestätigt und die Prüfung der Angelegenheit zugesagt wurde. Nunmehr ist der Entscheid, der ein klassische« Dokument auf unsere heutigen Rechtszustände darstellt, den Petenten zugestellt worden. Derselbe lautet folgendermaßen: Amtsvorsteher...0 Tgb.-A. 8203. Schmargendorf, 18. 12. 191i. Zum Schreiben vorn 9. Oktober 1911. Won dem Erlaß einer Polizeiverordnung zur Regelung der Zeit des Teppichklopfens muß ich Abstand nehmen. Das Kammcrgericht hat wiederholt dee.rttge Polizei- Verordnungen aufgehoben, da die mit dem Teppichklopfen ver- bundenen Nachteile, sowohl der Lärm als auch die Staubentwicke- lung, wohl eine erhebliche Belästigung, nicht aber eine Gefahr für das Publikum bilden, welche eine polizeiliche Regelung, wie sie hier geplant ist, auf Grund deS§ 10, II, 17 91. L.-R. rechtfertigen würde.(Bergl. Johow. Jahrb. der Entsch. deS K.-G., Bd. 34; C. 54.) Eine Ausnahme hat das Kammergericht nur da gemacht, wo es sich um Kurorte handelt. Schmargendorf kann aber zweifellos als Kurort nicht angesehen wrrdea. ff«mvfiehlt sich daher, die ffrage im Wege der Hausordnung durch die Hauswirte zu regeln. Den Mitunterzeichnern der Eingabe bitte ich hiervon Kenntnis geben zu wollen. Die Feststellung, datz der Staub nur eine erhebliche Belästigung darstellt, ist geradezu köstlich. Warum geht denn die Polizer so strenge vor, wenn es sich um Vorderwohnungen handelt. Hausfrauen und Dienstmädchen wissen, daß sie ein Strafmandat zu gewärtigen haben, Ivenn sie beim Ausschütteln eines einzigen Staubtüchleins nach der Straße hin ertappt werden, von Klopfen von Teppichen, Betten usw. auf Ballone an der Straße ganz zu schweigen. Ebenso befremdlich muß der Umstand anmuten, daß bei Kurorten Aus- nahmen gemacht werden können. Mögen doch diejenigen, die nicht in der beneidenswerten Lage sind, einen derartig polizeilich ge- schützten Kurort auffuchen zu können, ruhig Staub fressen und Steuern zahlen._ Hua aller Älelt. Immer schneidig I Den Weltruf des preußischen AsiesiorS und Reserveoffiziers hat am Dienstag in Frankfurt a. M. der Forstassessor und Hauptmann der Reserve v. Knobloch auf schneidigste Weise gewahrt. Auf dem Grundstück der alten Post kam eS zwischen ihm und dem Kauf- mann Hedrich von der Speditionsfirma Pinnow wegen der Auf- stellung von Möbeln auf dem Speicher der Speditionsfirma zu Zwistigkeiten, in deren Verlauf v. Knobloch einen Revolver zog und zwei Schüsse auf Hedrich abfeuerte; die eine Kugel durchbohrte die rechte Hand, die andere drang in den Rücken. Hedrich wurde ins Krankenhaus geschafft, wo er um 10 Uhr st a r b. v. Knobloch, der sich ungehindert entfernen konnte, wurde um 10 Uhr im Hotel Deutsches HauS verhaftet Er mußte durch einen Nebenausgang aus dem Hotel transportiert werden, da sich eine erregte Menge angesammelt hatte, die v. Knobloch zu lynchen drohte._ Auf der Flucht ertrunken. Eine Zigeunerbande, die in der Umgegend der ungarischen Ortschaft V i d d a n längere Zeit ihr Wesen getrieben hatte, versuchte auf der Flucht vor einer Militärabteilung einen Donauarm zu überschreiten. Ein Wagen von 14 Mitgliedern der Bande wollte den Strom durchfahren. Als das Fahrzeug die Mitte des Flusses erreicht hatte, v e r- schwand es plötzlich in den Wellen. Sämtliche Per- sonen fanden den Tod. Ter Spion als Held. Aus dem wegen Spionage verurteilten französischen Haupt- mann Lux ist über Nacht ein Held geworden. ES ist ihm ge- lungen, nach seiner Fluckit aus der Festung Glatz fr an- zösischen Boden zu erreichen. Nach seiner Meldung im französischen KriegSministermm wurde er dem Kriegsminister vorgestellt. Die französischen Blätter bringen spaltenlange Berichte über die Vorbereitung und Ausführung der Flucht und es wird wohl nicht lange dauern, bis aus dem Hauptmann und Spion ein funkelnagelneuer Major wird. Jnt-resiant an dem ganzen Vorgang ist die Verschiedenheit der Moralbegrifft. WaS den deutschen Patrioten an dem französischen Offizier als ein schandbare» Verbrechen gilt, das nach dem bürgerlichen Recht mit Festung oder Zuchthaus bedroht ist, erscheint den französisch-'» Patrioten, wenn es ihnen nutzt, als eine durchaus moralische, ja preiswürdige Tat. Und ebenso umgekehrt. Und trotzdem faseln unsere Moralphilosophen von feststehenden Moral- begriffen, von Ewigkeitswerten, die durch übersinnliche Schöpfung im Menschen schlummern._ Naturkräfte. In der Nacht zum Montag sind große Mafien der historischen Weißen Klippen bei Dover abgebröckelt und in die See gestürzt. Das durch den Absturz verursachte Getöse war meilenweit zu hören. Eine mächtige Flutwelle erreichte Folkestone, wo außerhalb des Hafens liegende Kohlenschiffe um mehrere Fuß von dem Wasser gehoben wurden, so daß die Ankerketten rissen. Die Fischerboote tanzten auf dem Wasser wie Korken._ Tunneleinsturz. In der Nähe von S v r l j i g in Serbien ist am Sonntag ein im Bau befindlicher Tunnel an der neuprojektierten Eisenbahnlinie Knjaschevatz— Nisch eingestürzt. Siebzehn Arbeiter sind verschüttet worden. Die Rettungsarbeiten wurden sofort in Angriff genommen und gelang eS nach langstündigen Mühen 10 Arbeiter unversehrt anS Tageslicht zu bringen; man hofft auch den letzten Verunglückten noch lebend anS seiner qualvollen Lage zu befreien._ Kleine Notizen. In den Flammen umgekommen. In Vacha an der Wcrra ist daS Gasthaus zum Fremdenverkehr in der Ncujahrsnacht abgebrannt. Zwei Töchter des WirteS sind verbrannt. GekenterteS Segelboot. Drei junge Leute aus Kiel, die eine Segelbootfahrt nach der Strander Bucht unternabmen, sind beim Kentern ihres BooteS ertrunken. Die Leichen wurden noch nicht gefunden. In den Fahrstuhlschacht gestürzt. In einem Palais in der Königinstraße in München ist Graf Bellegarde, Mitglied des österreichischen Herrenhauses und des Reichsrates in einen offenen Fahrstuhlschacht gestürzt und hat dabei so schwere Ver- l e tz u n g e n erlitten, daß er nach einigen Stunden verstarb. Umsonst gemüht. Wie aus Lemberg gemeldet wird, wurde einem aus Amerika heimkehrenden Bauern sein ganzer Verdienst von 14 000 Kronen, den er in Banknoten in seiner Weste eingenäht hatte, im Eisenbahnkupee gestohlen. Der Bedauernswerte war ein- geschlafen, dabei war ihm der Teil der Weste, wo die Banknoten eingenäht waren, abgeschnitten worden. Russisches Neujahr. In Minsk wurden sechs Gefangene, die an der GcfängniSmeuterci in Borrissow teilgenommen hatten, zum Tode durch den Strang verurteilt. Bei der Meuterei waren mehrere Polizeibeamte getötet worden. Ein Sittenstandal in Ungarn. Nach Blättermeldungen ist man in MarmaroS Sziget einem Sittlichkeitsskandal auf die Spur gekommen, dessen Helden und Heldinnen den fein st en Kreisen der ungarischen Gesellschaft angehören. Bekannt wurden die Vorgänge, weil in einem Mädchenpensionat der Stadt vier adelige Mädchen unter so bezeichnenden Umständen er- krantten, daß sie von der Schule entfernt werden mußten. Ein Badeort durch Feuer zerstört. Das Bad Buchenthal bei Niedernzwil bei St. Gallen ist niedergebrannt. Todessturz auS dem Zuge. Der Reisende Gerth aus Berlin stürzte bei Zakrzewo< Kreis Gnesen) aus einem in voller Fahrt be- findlichen Ersenbahnzuge und erlag bald darauf seinen Verletzungen. Arbeitcrrisiko. Jirfolg« des Reißen» eines Drahtseiles in Oberndorf bei RegenSburg sind die Steinbrucharbeiter Jakob und Johann Knittl in die Donau gestürzt und ertrunken. Opfer des Eises. Beim Eislaufen auf dem P i ch I a r s e e in der Umgebung von V i l l a ch sind zwölfPersonen eingebrochen. Zwei davon sind ertrunken. Arbeiter. Eiperanto> Nereiniguug Grotz< verlin. Tvap» Zentrum. Freitag» S1/« Uhr, Restaurant Tröbel, Blankenselde>Str. 10. — Gruvpe Moabit. Freitag» B1!, Uhr, Restaurant Frosch, GotzkowZty- straße ZK.— Gruppe R i x d o r s. Sonnabend» 8 Uhr, Restaurant Jluhlmey, Stcinmetzflr. 84. Lese- und Diskutierklnb„Süd- Ost». Heute Mittwoch, abend» 8'/, Uhr, bei Ncidhardt, Görlitzer Straße 58: Vortrag. Gäste willkoimnen. Smgegangene vrucksckrifren. Arbcidereus Almanak litis(Arbeiter-Almanach), herausgegeben von der dänischen Sozialdemokratie. Glsidendal» Verlag, Kopenhagen. ReclamS Ilnivcrsalbibliothek. Ztr. 5360. Pech-Schulze. Originalposse von H. Salingrö. Herausgegeben von Ernit Weiland.— Ztr. 6361. Der lebende Leichnam. Drama von Leo Nikolajewitsch Tolstoj. Deutsch von Fred M. Balte. Jede Nummer 20 Ps. Ph. Neclam, Leipzig. „Revanche». Komödie von O. Soyka. 2,50 M., geb. 3,50 M. A. Langen, München.__ Briefkarten der Redaktion. TU turtstlsche Sprechstunde findet LtndenstraSe LS, dorn vier Tusven — Fahrstuhl—, wochentSglich von»H bis 7H Uhr abends, Sonnabends, von 4% bis t> Uhr abends statt. Jeder für den Briefkasten bestimmten«»frage ist ei» Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen hetzufügen. Briefliche«ntwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen feine Ab-nnementSquittun» detgrfügt ist, Verden nicht beantwortet. Eiltgr Fragen trage man tn der Sprechstunde bor. — A. k>. Ja, da» ist schon wiederholt vorgekommen.— Sl. B. 1872. Auf technische und physikalische Abhandlungen können wir un» im Brieskafteii nicht einlassen. Dazu ist daS Studium der Fach- literawr notwendig. Erhältlich in den öffentlichen und GewerkschasiS- bibliotheken.— M. Z. 1«. Nähere» zu ersahren im Bureau de» Verbände» der Schneider und Schneiderinnen, Sebastianstraße 37/33, Ouergebäud- II. WitterungSüberstcht vom 2. Januar 1012. Stationen _S U s§ «2 T « s c S Swinembe. 765 Hamburg\ 768 Berlin ,768 Franks.a.M. 774!SW München i777iSB Wien 773® W SW SW Wetter »Nebel 3 Nebel Zbedeck! »Nebel 4j heiter Sbcdcckt WK ri� all Ea Hlo Stationen » h ~ S Sa 2 s s2 5 •5-2 S'S Wetter daparandal740!N 1»bedeckt Petersburg 1 747 WSW i 2 Schnee as: c-- sa MS, cillh Zlbcrdccn Paris 771WSW 766SSW 776 SSW 2.wotkig 1 bedeckt Ichedcckt Wetterprognose für Mittwoch, den 3. Januar 1912. Etwa» kühler, zeitweise ausklarend, jedoch sehr unbeständig mit wiederholten Niederschlägen und ziemlich starken westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. öfter WafierfiandS-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburcan. Wasserstand M- m e I, Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor . Krassen , Frankfurt Warth«, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden Berby , Magdeburg am 1.1. LM 154 -45') 34 133 32 103 31') 3 -124 37 84 seit 31.12. om') —7 +1 0 -12 +4 +5 0 0 — 1 +3 +4 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, Maximilian? au , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Wcrtheim Mosel, Trier am 1. 1. cm. 135 48 82 82 246 293 150 200 feit 31.12. cra') + 11 —3 +2 0 —12 —12 -16 —20 —11 ')+ bedeutet Much»,— Fall. Brücke EiSstand.— 4 Eisgang. 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