Kr. 3. IlbonnementS'BtdIngunatn; ■SonncmttUS• Steiä prSnumerando: LicrleljShrl. 3,30 Ms,, msnatl. 1,10 Mk„ wöchentlich 28 Pfg, frei inS Hau«, Einzelne Nummer ö Psg, Eonntagö- nmnmer mit illustrierter Sonntag?» Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg, Poll- Aboimcment: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post»Zeitung?» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Cridstlnt»glich außd msDtigt. Verlinev VolkcSblÄkt? Zcntratergan der rozialdemokratifchen Partei Deutfcblands. Die InterfionS'GebflljP beträgt für die scch?gespaltene«olonel. zcile oder deren Raunt 00 Psg„ sür politische und gcwcrlichaslliche Verein?» und VersanimlungS-Sinzeigcn 30 Pig. „Uleine Anreizen", da? scttgedru-lie Wort 20 Psg,(zulässig 2 settgedruckie Worte), jede? weitere Wort 10 Pfg. Etellcngeiuche»nd Schlassiellenan- zeigen da? erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Worts Pfg, Borte über löBuch- fiabcn zählen für zwei Worte, Nnscrate für die nächste Nummer müssen bi? 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben weroc». Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm, Adreffe: „Sogialdemolilat Rtriin". Das Zentrum und die Arbeiter» klaffe. I. Wie das Zentrum für die politische Gleichberechtigung des Arbeiters kämpft. In seinen massenhaft in die katholische Nrbeiterbevölke- rung geworfenen Wahlflugblättern und Broschüren behauptet das Zentrum immer wieder mit der ihm eigenen bekannten Bescheidenheit, nicht nur diejenige Partei zu sein, auf deren Trängen und Wirken die ganze heutige sozialpolitische Ge- fetzgebung beruht, sondern auch niehr als irgendeine andere Partei für die' politische Gleichberechtigung der Arbeiter, für die gesetzliche Anerkennung des Koalitionsrechts und die Bc- rücksichtigung wirtschastlicher Arbeiterinteressen geleistet zu haben. Als Beweis siir diese angeblichen Verdienste wird fast stets darauf verwiesen, daß schon vor fast vierzig Jahren das Zentrum für die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts in Preußen gekägiipft und bereits 1873 Windthorst als Führer der Zentrumsfraktion einen darauf bezüglichen Antrag im preußischen Abgeordnetenhause gestellt habe. Ilnd des weiteren wird versichert, daß alle jene Ge- werkschastsbestrebungen, die nicht im sozialdemokratischen Sinne auf den Umsturz der heutigen Gesellschaftsordnung gerichtet seien, sondern im Rahmen des heutigen Staates die Verbesserung des Loses der Arbeiter und die Vertretung iltrer besonderen Berufsintel essen bezweckten, stets die eifrigste Unterstützung und Förderung der Zentrumspartei gesunden hätten— wären doch die christlichen Gewerkschaften unter dein Schutz der Zentrumspartci gegründet worden und hätten sie doch stets in ihrem Kampfe gegen die übermütige Unternehmerschaft die willige Unterstützung der Zentrums fraktion des Reichstages und der Zentrumspresse gefundeu. Wie gewöhnlich, inischen auch in diesen, auf die Einfalt der„Armen im Geiste" berechneten Preßerzeugnissen die abgefeiniten Wahlmacher des Zentrums nach altbewährtem Rezept etwas Wahres mit vieleni Unrichtigen und Gefälsch- ten zusammen. Richtig ist, daß Windthorst 1873 im preußi- scheu Abgeordnetcnhause einen Antrag auf Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts in Preußen gestellt hat: durchaus falsch aber ist es, daß dieser Antrag von einer demo- kratischen, die politische Gleichberechtigung der Arbeiter an- erkennenden Auffassung ausging und daß er bezweckte, den Arbeitern eine bessere Vertretung ihrer Lohn- und Arbeits- iuteressen zu ermöglichen. Tie Zentrumspartei hat nie die Arbeiter als völlig gleichberechtigte Mit- glieder ihres sogenannten„christlichen Staates" anerkannt und durfte das auch nicht, wollte sie sich nicht niit der Moral- und Staatslehre der katho- tischen Kirche in offenen Widerspruch setzen. Tas gilt nicht nur für die feudale Richtung im Zentrum, sondern auch für die sogenannten„liberal» katholische n" und„klerikal-demokratischen" Richtungen. Schon seit dem Beginn eines eigentlichen parlamentarischen Lebens in Deutschland, seit dem Ne- volutionsjahr 1848, finden wir die klerikale Partei als B e k ä in p f c r i n des a l l g e inrer nie das Reichstagswahl- recht als ihrem Staatsideal entsprechend betrachtet haben, fanden sie sich doch zunächst mit diesem Wahlrecht ab, da es ihnen eine steigende Zahl von Rcichstagsinandaten eintrug und das Zentrum zur stärksten aller Reichsparteien machte. Das konnte man sich schon gefallen lassen. Als aber die Sozialdemokratie immer niehr anwuchs und auch in der katholischen Arbeiterschaft viele Anhänger gewann, hörte bei den Wortführern des Zentrums die Vorliebe für das allge- meine, gleiche Wahlrecht auf. Tas Zentrum unternahm, ob- gleich es zur Stellung einer ausschlaggebenden Partei, int gewissen Sinne kann man sagen zur Regierungspartei, auf- rückte, nichtdengeringstenVersuch, das allgemeine, gleiche Wahlrecht in Preußen einzuführen: im Gegenteil, als 1893 infolge der preußischen Steuerreform eine Aenderung des Wahlrechts notwendig wurde, erklärte der Zentrums- abgeordnete Herold, daß seine Partei die äußerste Selbst- Beschränkung üben und bei dieser Gelegenheit„an den Hauptgrund sähen des Dreiklassenwahl» rechts" nicht rütteln wolle. Noch cinmal bot sich dem Zentrum 1908 die günstige Gelegenheit, seine Kraft für die Einführung des Reichstags- Wahlrechts in Preußen einzusetzen, nämlich als am 19. Ja» nuar 1968 im preußischen Abgcordnetenhause ein freisinniger Antrag zur Beratung stand, der das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht sowie eine Neneinteilung der Wahlkreise nach der Bevölkcrungsgröße verlangte. Tie Zentrumsführer des Abgeordnetenhauses befanden sich zu- nächst in einiger Verlegenheit. Obgleich sie von einer lieber- tragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen nicksts wissen wollten und um die Gunst der Konservativen und der Regie- rung buhlten, wollten sie doch die Arbeiter und den demo- kratischen Teil der katholischen Klcinbürgerschaft nicht durch eine offene Ablehnung des freisinnigen Antrages vor den Kopf stoßen. So verfielen sie auf einen perfiden Täuschungs» trick. Sie stimmten zunächst mit den Frei- sinnigen und Polen für den ersten und dann niit den Konservativen und National- liberalen gegen den zweiten Teil des frei- sinnigen Antrages. Auf diese Weise erhielt kein Teil des Antrages die Mehrheit. Er fiel völlig unter den Tisch. Das ist der große Kampf des Zentrums für die politische Gleichberechtigung der katholischen Arbeiter! Nichts als ein fortgesetzter Volksbetrug_ ßstmarchs Staaksiti'eichplan. Schon 1906, zehn Jahre nach dem Tode des Reichs» griindcrs, hatte der Herausgeber der„Preußischen Jahr- bücher", Hans Delbrück. Staatssireichpläne enthüllt, die Fürst Bismarck 1896 gehegt hatte, als eine Reichstagsmehrheit ge- wählt wurde, die keine Aussicht auf Beschließung weiterer Ausnahmegesetze gab. Es war die Zeit, da die Mehrheit aus Zentrum, Freisinnigen und Sozialdemokraten der Bismarck- scheu Politik einen Tamm entgegensetzte, dieselbe Mehrheit die einige Jahre nach dem Sturze des Kanzlers den Antrag des Reichstagspräsidenten Levetzow auf Beglückwiinschuna Bismarcks zu seinem 86. Geburtstag ablehnte. An dem doppelten Widerstande der damaligen Reichstagsmehrheit und Wilhelms II., der zu jener Zeit noch nicht die An» schauungen hatte, die später in der Zuchthansvorlage und in den bekannten Reden von Bielefeld, Bad Oeynhausen später von Breslau u. s. f. zum Ausdruck kamen, ist ja auch Bst-marck gescheitert. 1966 wurden nun die Enthüllungen Delbrück-- heftig bestritten, und die Konservativen suchten die Wabrbeit der Enthüllungen insbesondere dadurch zu erschüttern dasi aus den Mangel näherer Angaben über den Inhalt her Bismarckschen Pläne hinwiesen. In der neuesten Nummer der„Preußischen Jahrbücher" kommt nun Professor �elbnick ans die Angelegenheit zurück, die neuerdings durcki Untersuchung des Prof. Heinrich Ulmann im DezemberkwkP der„Internationalen Monatsschrift" aufgerollt worden Tanach steht nunmehr fest, daß Bismarck sich zunäebK JÄ dem Gedanken beschäftigte, den Reichstag d u r ch U„- h 11 n g e r u n g" mattzusetzen. Da der Kanzler als solcher, sondern nur als Vertreter Preußens im- rat das formelle Recht hat. im Reichstage zu erscheinen es Bismarcks Idee, sich diese Vertretung entziehen � also mir Vorsitzender ohne Stimmrecht im Bundo' xl?"' bleiben, damit die Verhandlungen im Reichstage ans nn. blndllche Diskussionen mit den Bundesrats, nitglie�rn e"'' zuschranken und sich die Mittel für die Reichszwecke v»» s Einzellandtagen. namentlich dein preußischen hx" billigen-,u lassen. Durch wiederholte Auslösuilchen wollte er die Wähler zur Besinnung bringen.... Diesen lächer- lichen Gedanken, dessen Ausführung wohl schon au den süddeutschen Landtagen ein Hemmnis gefunden hätte, ließ der eiserne Kanzler aber bald fallen, um sich um so ernster einer A e n d e r n n g des Reichstagswahlrechts zuzu- wenden, die folgendermaßen aussehen sollten Wedcr cin ZrnsuS noch eine Klassei»w«hs, noch sniudiichc Ordiiiingc», noch Tclcgntioncii aus den Landlaacii sollten da? »ü�ciucinr» g'.'cich«, direkte, acheiiiie Ltimmrccht ersehen.?!l>cr ein Ausnahmegrsrti sollte allen notorische» T o z i a l d e»l e- kratcn, dir, wie es im Sozialistengesetz sornuilicrt war, de»„Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwetten", das a t t i t> e» n d passive Wahlrecht c n t- ziehen, und,»in das durchführen zu können nnd die gcge- l> e n r n sozialen Abhängigkeiten voll zur Wirksam- keil kommen z« lasse», sollte an die Stelle der geheimen Ab- stiinmuug die öffentliche treten. Tie Durchführung eines solchen Gesetzes hätte nach Delbrück so zu geschehen, daß die Behörden L i st e n der n oto r i j ch e n s o z i a l d e m o k r a t i s ch e ir Revo- tlutionäre anlegen, eine unparteiische richterliche Be- Hörde etwaige Beschwerden entscheidet und dafür bürgt, daß das Geseh nicht auf andere Parteien ausgedehnt wird. Wenn allen in dieser Art Geächteten die politischen Rechte aberkannt sind, läge es in der Hand der Regierung, ob sie die sozial- demokratische Partei ganz aus dem Reichstage verschwinden lassen oder sie auf eine kleine Gruppe von Harmlosen rcdu zieren will. Au diese Mitteilungen knüpft Delbrück eine längere Be irachhutg, die er um so mehr für rein theoretisch und historisch erklärt, als ja nach der ganzen politischen und gescllschaft lichen Entwickelung. namentlich auch der Sozialdemokratie selbst, beute niemand mehr im Ernst an derartige Pläne denken könne. Er begrüßt es, daß es zur Ausführung des Bismarckfchen Planes— die der Kanzler selbst nur auf gc- walttätigem Wege, etwa nach militärischer Niederwerfung der Arbeiterpartei für möglich hielt— nicht gekommen ist; denn er hätte die Zusammensetzung des Parlaments völlig in die Hand der Negierung gegeben und dadurch den Absolutismus in seiner ganzen Macht eingesetzt. Endlich gehöre in jedes Parlament unbedingt auch die im Volke lebende Opposition. Wenn man sich nur einige der hervorstechendsten Aeuße rungen ans den Kreisen der das Deutsche Reich beherrschen den preußischen Junkcrschaft ins Gedächtnis zurückruft, wenn man aus diesen unbedachten Offenherzigkeiten mit vollem Recht ans das schließt, was die Junker wollen und heimlich anstreben, so wird man Herrn Delbrück nicht darin zu- stimmen können, daß es sich hierbei nur um historische Erörterungen handelt. Hat nicht Jordan v. K r ö ch e r nach dem starken Mann gerufen, der nur wenig Gehirn zu haben brauche, aber keine Nerven haben dürfe? Hat nicht Elard v. Oldenburg ans Januschan dem versammelten Reichstage den Junkerhohn ins Gesicht geschleudert, es wäre noch schöner, tvcnn der Kaiser nicht zu jedem preußischen Leutnant sagen dürfte:„Nehmen Sie zehn Mann und lösen Sie den Reichstag auf!"? Und hat nicht noch in diesem Wahlkampf der anerkannte Führer der konservativen Partei, Dr. von Heydebrand, auf dem ostprcußischcn konservativen Parteitage in Königsberg ausdrücklich die Z u st i m m u n g zu Allsnahmege setzen gegen die Sozialdemo- k r a t i e als eine Bedingung bezeichnet, die die 5koiiservativen jedem von ihnen in den Stichwahlen zu untorstützendeil liberalen Kandidaten stellen würden? Und wer hätte es der- gcsscil. daß nach konservativen Parteierklärungen die Sozial- dcmokraUc nur Objekr, niemals aber Subjekt der Gesetzgebung sein sollte? Was Bismarck plante, plane» die Junker heute noch, vielleicht in anderer Form, aber das gewaltige Wachstum der Arbeiterbewegung und ihrer politischei: Ausdrucksform, der Sozialdemokratie, läßt die um ihre Herrschaft zitternden Junker immer ausschließlicher die Rettung allein von Aus- uahmegesetzeu erwarten. Wer aber die Entwickelung der Z e n t r u m s p a r te i verfolgt, ihr immer festeres Bündnis mit den ostelbischen Großgrundbesitzern, ihre völlige Abkehr von ihrer demokratischen Vergangenheit, ihren Ansturm gegen das Koalitionsrecht der Eisenbahner und Staatsarbeiter in dem bisher vom Zentrum beherrschten Bayern und endlich die Enthüllung des„Spektator novus", aus denen sich ergibt, daß die Zentrumsführer bereit und ent- fchlosscu sind, die christlichen Gewcrkschaf- ten auf dem Altar der Scharfmacher und der preußischen Reaktion h i n z u o p f c r u, der wird in deni Zcutrumsturm nicht mehr das feste Bollwerk der Rechtsgleichheit des deutschen Volkes sehen können, wie einst, zu Bismarcks Zeiten. Und daß auch unter den National- liberalen, namentlich unter den Westdeutschen, weite Kreise für Schandgesetze gegen die Arbeiter zu haben sind, ist ebensowenig zu bezweifeln, als die Stellung der Reichspartei, deren Führer der Oberscharfmacher Freiherr Octavio v. Z e d- litz ist. � Gewiß kann heute die deutsche Arbeiterbewgung nicht mehr zerbrochen werden. DaS einzige Mittel wäre, alle denkenden destlschcn Arbeiter des Landes zu verweisen. Und da hätte des deutschen Kapitalismus Herrlichkeit ihr Ende erreicht. Nicht ans Furcht also, sondern im Interesse einer normalen und gesunden inneren Entwickelung muß das deutsche Volt am 12. Januar sich radikal davor schützen, daß die Bismarckfchen Staatsstreichpläne in dieser oder jener Form jemals wieder ernstlich, erörtert werden können. Nieder mit de» staatSstrcichlnstrrncn Junkern und all ihren Bundesgenossen! Fortfall der TcurungSzulagen nM weniger Ein« konime« al? früher laben, mögen folgende Zahlen lehrem Früher wurden die unteren Postbeamten mit lMX) M. jährlich angestellt und erhielten außer dem Gehalt eine TeurungSgulage von 130 M. jährlich, viele noch besondere Stellenzulagen, Sorticrcrgeldcr usw. vou wenigstens 48 M., 86 M., 108 M. iifixu die Bahnhofsbcgleitcr der Geld- und Wcrtbersande des Hof-Postamtes eine Begleiter» zu läge von 180 M. jährlich. Alle diese Stellenzulagen existieren setzt nach der BesoldungSrrsorm, nicht niehr; wir werden jetzt mit 1100 M. nach ungefähr einer 12jährigen Dienstzeit als Brief- träger oder Postschaffner hier in Berlin angestellt. Mithin hat die grohe Mehrheit der unteren. Postbeamten nur cinc jährliche Gc- haltSnufhesserilti« von 30 M. erhalten; diejenigen aber, die eine Stellenzulage hatte», haben jetzt weniger Einkommen als früher, und die Begleiter des Hof-PostamtcS haben jetzt sogar 130 M. im Jahre weniger als vor der Besoldungsrcform! In einem der letzten Amtsblätter des Rcichs-Postamts drückt der Kaiser de»! Staatssekretär der Post und Telcgraphie seine Zufriedenheit für die Leistungen der Postvcrwaltung und besonders seine Genugtuung darüber aus, daß cS dein Staatssekretär gc- hingen sei, trotz der durchgeführten Bcsoldungsrcform, die den Be- auiteu ein höheres Einkommen bringen sollte(was aber, wie obige Zahlen beweisen, bei vielen nicht der Fall war),'einen solch grossen Ueberschuß an das Reich abzuführen, wie er in keinem früheren Jahre erreicht worden sei. Daß solche großen Ucber- schüsse erzielt werden konnten, liegt wohl zum großen Teile daran, daß trotz der großen Zunahme des Verkehrs kein weiteres Personal eingestellt wurde und die bedeu- tenden Mehrleistungen von den im Dienste Tätigen mitgeleistct werde» mußten, so daß das Höchstleistungsmaß. wöchentlich 60 bis 69 Stunden, voll ausgefüllt werden mußte! Gewiß freut sich jeder Ilntcrbcamte, daß seine Tätigkeit nutzbringend für die Allgemeinheit ist— leider nur befindet sich der Kaiser bei seinen. Ausführungen über erhöhte Einnahmen der Beamten, namentlich in Bezug ■.»..■rji».UW.»,»■■ Dir froraen fepropriatenw. Im Rheinland führt das Zentrum im Namen der katholischen Kirche das große Wort als Volksfreundin. In der Praxis sieht cS mit der Liebe zum Volke allerdings recht windig aus. Adel und Klerus haben sich gerade hier als Ex- propriateure der Bauern bewährt. Nach einer gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts er- folgten Katasteraufnahme, deren Ergebnisse sich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch viel mehr zugunsten von Adel und Kirche gestalteten, fielen von dem Grundeigentum im Kurfürstentum Köln auf Kölner Morgen Kurfürstliche Tafelgütcr...... 5 030 Güter des Klerus........ 90 758 Güter deS Domkapitels...... 7 570 Gräfliche und adlige Ländcrcirn... 59 875 Läiidercic» gräflicher und adliger Sitze. 62 516 Städtische und bürgerliche Ländemen. 21 122 HauSmanns- und Baucrnländereien.. 121 144 Von den insgesamt 318 01? Kölner Morgen Land fielen also 15>9 719 Morgen, das sind 56 Pro.;., auf Adel und Geist- lichkcit; für die Bauern blieben 38 Proz. und für die Städte 6 Proz. In manchen Aemtern und Dörfern war das Ver hältnis noch fchlimnier, da fielen auf Adel und Klerus drei Viertel und darüber vom ganzen Grundeigentum. Unersättlich war die Kirche in ihrer Gier nach der Bauern Gut und Habe. Ein kurfürstliches Gesetz verpflichtete die Notare, Pfarrer und Schöffen, von denen Testamente gemacht wurden, den Testator daran zu erinnern, daß er in erster Linie des Erzbischofs und der Domkirche in Köln zu gedenken habe. Zum Dan! dafür, daß es Adel und Kirche so gut ver standen haben, die bäuerliche Bevölkerung auszusaugen, wählen heute die rheinischen Bauern die Junker und deren Handlanger, die Zentrumsadvokaten, als ihre Vertreter in den Reichstag. Und die Arbeiter sollen der angeblich bedrohten Religion wegen nicht gegen die LcbenSmittelwncherci opponieren, die den Eroßgruudbesitzcrn ungezählte Millionen in den Schoß wirft! Sie llst ckei' linterbeamten. Aus P o st b e a m t e n k r e i f e n werden wir um die Auf- nähme solgevckxr Zuschrift ersucht: 'üerschiede.n A�övden, Vcrwaltungew und fest alle Privat- betriebe geben ihren. Angestellten zu Weihnachten eine Gratifikation (sei dieselbe durch stärkere Heranziehung zur Arbeit verdicin oder nichts; eine leider traurige Ausnahme macht die Reichspost- Verwaltung. Trotzdem hier jeder einzelne, der im Betriebs- dienst tätig ist, seine ganze Kraft, namentlich zu Weihnachten und den anderen Festen, bis aufS äußerste anspannen mutz und durch seine Tätigkeit dem Staate Millionen verdient, sieht sich die Post- vcrwaliung nicht veranlaßt, ihrem Personal, trotz der sonst sch l c ch t c ir B e z a h l u n g eine Weihnachtsgratifikation zu geben! Daß die Entlohnung bei der Post, namentlich bei den unteren Beamten, auch jetzt noch nach der Bejoldungsrcform, die in keinem BcrhältniS zu dem Anschtoellen drr Preise für Lr- KruSmittel steht, eine klägliche ist, und viele Beamte jetzt durch den auf das große Heer der unteren Postbeamten, im Irrtum! Bei der Beratung und Verabschiedung der Besoldungsreform wurde von der» Regierungsvertretern und der jetzt gewesenen. Mehrheit des Reichstages(die hoffentlich niemals wiederkehrt!)» erklärt, wir könnten nur darum nickit 1200 M. AnfangSgehalt im Jahr be- kommen, weil das Reich sich damals in großerfinanzieller Bedrängnis befand und kein Geld vorhanden war. Jetzt am Schlüsse der ReichStagötagungen erklärte der Herr Schatzsekrctär, daß wir beinahe im Gelde schwimmen— warum gibt man nun nicht den untrren Postbeamte» das damals nicht bewilligte AnfangSgehalt? Warum gibt man uns jetzt, wo Geld vorhanden ist, das damals vorenthaltene AnfangSgehalt nicht wenigstens, in Gestalt einer außergewöhnlichen TcurungSzulage oder einer Weih- nachtögratifilation? Als cS vor Weihnachten hieß, die Schutzleute sollten in diesem Jahre die übliche Weihnachtsgratifikation nicht erhalten, legten sich viele Zeitungen für die Schutzleute ins Zeug, und die Schutzleute bekamen dann auch ihr Weihnachten. Warum denkt man nun nicht auch an die untere» Postbeamten, deren Einkommen doch noch ge- riuger als das der Schutzleute ist, und die doch zu den Feiertagen tatsächlich bedeutend mehr au Arbeit zu leisten haben. So weit die Zuschrift. Wir brauchen nickt hinzuzufügen, daß wir die obig«» Forderungen für die denkbar bescheidensten halten, die unbedingt Berücksichtigung verdienen. Wenn trotzdem den Untcrbeamtcn, das Nötigste vorenthalten wird, so deshalb, weil unsere bürgerlichen Parteien ohne jede Ausnahme auch den Ertrag der neuen Steuern wieder dem Moloch Militarismus und Marinismus in den Rachen werfen wollen! Dafür ist allezeit Geld im Ueberfluß vorhanden— nur für die Arbeiter und die llnterbeamten fehlt eS immer an den Mitteln! Mögen auch die geprellten, darbenden Beamtenschmstei» am 12. Januar, wo sie ja unbeobachtet wählen können, nnthelfen. einen Reichstag zustande zu bringen, der für die notleidenden Volksschichten mehr übrig hat als Vertröstungen und � neue «lcucrnl Zur Sel(l)$tag$wa!)l. -» Tie reingefallenen Agrarier. Aus Schlesien wird uns geschrieben: Fast nirgends wird der Wahlkampf von den Konservativen mit so erbärmlichen Mitteln geführt, wie in den mit Junkern gesegneter Gefilden OstelbienS. Saalabtreibe r e i e n und Boykottandrohungen sind die beliebtesten Mittel, worunter nicht nur Sozialdemokraten, sondern zum Teil auch die liberalen Parteien zu leiden haben, Haben unsere Gc- nosscn wirklich einmal'einen Saa! auf dem Lande gesunden, dann kann man sicher sein, daß der?l m t sb o r st c h c r mit Schi- k a n e n oder die Gutsbesitzer mit dem B o y k o t t d r o h c n. In der Regel wird der Wirt würbe. Wie die Agrarier das Eindringen der Sozialdemokratie und damit die Aufklärung der Landarbeiter zu hintertreiben suchen, zeigt wieder einmal ein Beispiel aus dem Wahlkreis Oels-Wartenberg, wobei allerdings voraus- geschickt sei, daß diesmal der Coup der Agrarier fehlschlug. Für den Reujnhrstag hatte nur ein Wirt in Königswille sein Lokal zur Verfügung gestellt. Schon eine E Kunde vor Beginn der Versammlung war der Saal mit ländlichen Arbeitern und kleinen Besitzern gefüllt, und noch immer kamen zu Wagen ganze Kolonnen von Gutsbesitzern, Inspektoren und anderen von den Agrariern ab- hängige Personen. Als der sozialdemokratische Kandidat, Genosse K l i p p e l-Breslau die Versammlung eröffnen wollte, mußte er sich vor Tätlichkeiten der Gutsbesitzer schützen, dann aber auf Auf- sorderung des AmtSmannS, des Grafen Sirachwitz, das Lokal verlassen, weil dieser sich h i n t e r r ü ck s, durch Zahlung von 15 M. das HauSrecht für den Tag gesichert hatte. Ter Plan, die sozialdemokratisckie WShlcrversammlung zu hintertreiben, schien zunächst geglückt. Man hatte sich aber ver- rechnet. Ein Besitzer aus dein Torfe stellte sofort seine W o h- n u n g zur Verfügung. In dieser wurde nun eine neue Vcrsamm- lung eröffnet und sofort nach dem angrenzenden Garten verlegt. Als hier die agrarischen Radaubrüder, an der Spitze der oben erwähnte Amtmann, ihren Lärm und Tätlichkeiten gegen Genossen Klippel fortsetzen wollten, ließ dieser unter Berufung auf sein HauSrecht durch den über- wachenden Gendarmen den A m t m a n n und noch einen der ärgsten Schreier vom Platze entfernen. Tie übrigen Radauhcldcn, die vorher gegen den, Referenten tätlich zu werden drohten und ein ganzes Schimpfwöricr-Lexikon auspackte», wagten nun nicht mehr so flegelhaft auszutreten, denn schon zeigten sich kräftige L a n d a r b e i t e r f ä u st e, die ein derartiges lümmelhaftes Betragen gebildet sein wollender Leute nicht melr länger nütanhören wollten. Die Versammlung nahm nur durch die Zurückhaltung der Landarbeiter einen ruhigen Verlauf. Die Herren Agrarier hatten mit ihrem schlau angelegten Coup. uns das Lokal zu hintcktreiben, das Nachsehen. So und in ähnlicher Weise führen die Agrarier den Wahlkampf in Ostelbien und beklagen sich dann in ihren Blättern über au- gebliche Roheiten der Sozialdemokraten im Wahlkampf. Einen Blick in das„geheime" Wahlrecht, so berichtet man uns unterm 2. Januar aus Halle a. S., erhält man bei der Durchsicht der Nachweisungen der Wahlbezirke, Wabl- lokale und Wahlvorsteher der ländlichen ReichoiagSwahlk reise des Regierungsbezirks Merseburg. Arbeiter und Handwerker sind als Wahlvorsteher selbstverständlich gänzlich ausgeschlossen. Der Haupt- mann im Wahllokal ist durchgängig der Dorfgcwaltige,— So b- finden sich z. B. im Kreise Eckartsbcrga unter 70 Wahlvsr» ftehern nicht weniger als 52 Ortsschulzen, 6 Rittergutcbcsttzcr, 5 AmtSvorstehcr, Oberamlmänucr, Oekonomicräte usto.— Im Kreise Ouerfurt erblickt man unter insgesamt 97 Wahlvor- sichern 66 OrlSrichtcr, 2 Grafen, Rittergutsbesitzer ustv.— Im Kreise Liebcnwcrda hat der Laudrat die Sache noch viel hübscher eingefädelt. In der von ihm herausgegebenen Anordnung sind unlcr den 79 Wahlvorstehern„nur" 73 Gcmcilidcvorstehcr. Und „nur" 66 Schöifcn sind alö Stellvertreter ernannt worden. Und damit alles hübsch beisammen ist, hat man in 31 Fällen die Woh- nungen der Gemeindevorst eher a l s Wahllokale bestimmt.— Der Landrat des Kreises Wittenberg hat sein« Kollegen akr noch übertroffen. Seine Tabelle, mit insgesamt 103 Wahlvorstehern, weist 90 Gemeindevorsteher auf. Als Stellvertreter hat er gleich- falls meist Schöffen engagiert. Dort müssen die Wähler in 41 Fällen die Wohnungen der Gemeindevorsteher als Wahllokale aus- suchen.— In dem bekannten« ManSfelder See- und Gebirgskreis befinden sich unter 138 Wahlvorstehern 85 Lrtsschulzen, viele Pastoren, Amtsvorsteher. Hüttenbeamte usw.— Im Delitzsch- Bitterfelder Kreise wirken auf dem Lande unter den, Wahlvor- stehern 69 Ortsschulzen, 51 Gemeindevorsteher, 30 Amtsvorslehcr, 19 Pastoren, Rittergutsbesitzer, Amtsräte. Grafen usw. Auch dort sind in vielen Fällen die Wohnungen der Gemeindevorst chex, Amts» stuben in Rittergütern usw. als Wahllokale festgesetzt. Es fehlen nur noch die Regenschirme als Wahlkloseüs«— und das geheime Wahlrecht ist völlig gesichert. Freisinnige Junkerdiener. In einer liberalen Wählerversammlung in Schleswig erklärte Dienstagabend der liberale Kandidat für den 3. schleSwig-hol'teini- schen KreiS, Schleswig-Eckernsörde. LandtagSabgeordneter Justiz rat Dr. Maldstein: Bei einer Stichwahl zwischen Sozialdemokralen und Konservativen würde kein liberaler Wähler in Stadt und Land für den Sozialdemokraten eintreten. -» Linksliberale Hoffnung. In einem Ausruf der Nordhäuscr Nationallibcralen für den Fortschrittsführer Dr. Wi e m e r heißt eS: „Als national und liberal denkende Männer fordern wir deshalb unsere Parteifreunde auf. am 12. Januar 1912 Mann für Mann zur Wahlurne zu schreiten und ihre Stimme für Dr. Wiemer abzugeben. Es geschieht dies in der Erwartung, daß Tr. Wiemer für die im Jutsresse der Sicherheit und Lee Würde des Deutschen Reiches einzubringenden Vorlagen für Heer und Marine eintreten wird." Wann sind schon jemals Rüstungsvorlagen o .1 n e die Bcgrün- Unbcfchcr dung„Sicherheit und Würde" eingebracht worden? bewilligen! ist die Parole dieser Liberalen. «- Wilbliberales aus Magdeburg. Nach der Anweisung wrs bürgerlichen«gitationschcfs Brau- mann erklart jetzt auch die..Magdeburgische Zeitung". eS müßien im Kampfe gegen die Sozialdemokratie alle Rücksichten sachlicher Kampfcswcise beiseite gesetzt werden. Das einstige Wctiblall be- ginnt auch sofort, in wüstester Manier loSzuzteben. Der sozial- dmokratische Kandidat Rechtsanwalt Landsberg wird als Millionär denunziert, dem die Arbeitergroschen die Aufgabe seiner Praxis ermöglichten; die Vergrößerung des Hauses der„BolkSstimme" wird— mit der Zunahme derjenigen begründet, die aus Arve Irr» groschen gefüttert werden, und dergleichen mehr. Wenn mau das große liberale Blatt liest, glaubt man sich in den Vahlkamyf zur Zeit des Attentatschreckcns zurückversetzt. Sogar der unglückliche, längst verstorbene Genosse Albert Schmidt wird für die Zwecke dieses �„Liberalismus" heraufbeschworen. Alles für«unseren Kabelt*. Für diesen Wildlibcralen scheint tatsächlich mehr wUdt als liberal gearbeitet zu werden« Ei» Ccrumttrcttb'cr ZentnimIgraf. Dcr bekannte Zcntrumsgraf OppcrLdorsf ist bei seiner Partei völlig unten durch. Aus Glcch-Habelschwerdt, das er bisher vertrat, haben sie ihn hinausgeschmissen i nun werden die deutschen katho- tischen Wähler auch in granitadt-Lissa aufgcsardcrt, den Grasen nicht zu wählen. Bloß— die Zentrumskandidatur in B e r l i n hat man ihm gelassen. politifcbe(leb er Hebt. Berlin, den 4. Januar 1912. Konflikts- Patriotismus. Der Wahlausruf der Regierung in der„Norddeutschen Allgeiu. Ztg." wird von der konservativen wie von der national- liberalen Presse gleich abfällig beurteilt. So haben sich beide Parteien die von ihnen geforderte,„nationale Führung" der Regierung im Wahlkainpse nicht gedacht. Am wütendsten von allen ist jedoch daS ehemalige Bismarcksblatt, die �Hamburger Nachrichten". Dieses rechtsnatioualliberale Scharf- macherblatt der Hamburger Pseffersäcke, Gnano-Jmporteure, Eiscniildustriellen und Geistesvenvandten schüttet über die Bethmann Hollwegsche Regierung eine patriotische Mist- jauche ans, die an kräftiger Mischung sogar noch bei weitem den nationalen Dung der„Post" in den HundStagen der Agadtr-Affäre übertrifft. Ter Leitartikel des Hamburger Blattes beginnt mit den Worten: „Ter Artikel in der„Norddeutschen Allgem. Ztg.", mit dem die Regierung endlich ihre lang vermißte Stellungnahme zu den Wahlen vollzogen hat, kann nur als eine einzige große Enttäuschung wirken. Wir legen leinen Wert darauf, daß er viel zu spät kommt, um noch irgend eine nennenswerte Wirkung auf das Ergebnis des 12. Januar auszuüben. Denn wenn diese schwäihliche ziundgebung auch einige Wochen früher erschienen wäre, sie würde den Ausfall der Wahl ebenso wenig beeinflußt haben, wie jetzt. Im Gegenteil: hatte die Regierung tatsächlich nichts Besseres zu bieten, als dieses mit philosophischer Resignation verbrämte Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, in der Wahlbewegimg die Führung zu übernehmen, so war es ganz richtig von ihr, Zurückhaltung zu üben. Wäre diese Doku- nienticrung jedes Mangels an Initiative, Aktivität und wirklichen Verantwortlichkeitsgefühle von feiten der Negiernng schon früher erfolgt, so würde dadurch den Kämpfern im nationalen und staatSerhaltenden Lager ihre Aufgabe nicht nur nichb erleichtert, sondern wesentlich erschwert worden sein. Es liegt in der Natur der Sache, daß jede Blöße, die sich die Negiernng als amtliche Vertreterin der geltenden Staats- und Rechtsordnung gibt, jede Schwäche, die sie in dieser Beziehimg bekundet, nachteilig auf die Stellung derjenigen Parteien im Wahlkampfe einwirken muß, die die gleichen Güter zu schützen beabsichtigen, die der Regierung zur Obhut anvertraut sind. Es ist also ganz gut, daß die Regienmg erst gesprochen hat. nachdem ihre Rede nicht mehr schaden konnte." Das ist jedoch erst der Anfang, die schöne Ouvertüre des grausamen Spiels. Je weiter der Artikelschreibcr gelangt, je mebr gewinnt über ihn die Neurasfhenia cerebralis die Oberhand, so daß er sich gegen den Schluß seines Artikels folgenden schönen Erguß einer kranken Seele leistet: „Hat denn die Regierung aber nicht die Spur von Empfindung dafür, daß eS gerade ihre Pflicht und Schuldigkeit ist, die Initiative zur Beseitigung dieser größten und schwersten Bedrohung unseres inneren Leben? zu ergreifen, und selbst auf die Gefahr schwerer Konflikte hin die Sozialdenio- lratie niederzuwerfen, bevor diese in die Lage kommt, der gellenden Staat?- und GesellschaflSordiiiing den GaranS zu machen? Die Regierung weiß doch ganz gut, daß. wenn«ine nationale Be- wegung im deutschen Volke Erfolg haben soll, sie selbst dabei die Führung übernehmen muß. Weshalb aber versagt sie dann in dieser Beziehung? Stehe» ihr irgendwelche Rücksichten höher als das Wohl und Wehe von Reich u n d Volk? Will sie nicht kämpfen, weil sie e s nicht darf? Weshalb aber bleibt sie dann an ihrem Platze? Soll auf die Dauer„Kleben und Streben" die Signatur de» Verhaltens deutscher Staats- nlänner in der nachbiSmarckschen Zeit sein? So viel Fragen, so viel traurige Perspektiven, die sich eröffnen. Niemand aber hat die Macht dazu, sie zu beseitigen. Schwäch- lichkeit, Leisetreterei und Vermeidung jedes Konflikte«, da? scheint nach wie vor die Maxime zu sein, »ach der in Deutschland von jedem StaatSmanne regiert werden »mß, der im Amte bleiben will. Wann wird cS endlich anders werden?" Kaltes Wasser!_ Tie ZcntrumSpriester im Wahlkampfe. Bei der Ungültigkeitserklärung deS Mandates des reichsländischen ZcntrumSnbgeordneten H e s s e m a n n im lothringischen Landtag?- Wahlkreise B i t s ch- R o h r b a ch- W o k m ü n st e r sprach der zu- ständige Senat des OberlandcSgerichts Kolmar ans,„daß die Geist- lichen im Wahlkainpse nicht nur weit über ihre Besugnisse gehandelt, sondern geradezu 2'tittcl gebraucht haben, die als sittlich und moralisch verwerflich zu bezeichne» sind". Wie wohlbegründet diese gerichtliche Feststellung ist. zeigt eine Z u s a m m e n st e l l u n g der gei st lichen ÄmtS übergriffe im Landtags wähl- kämpfe nur in diesem einen Wahlkreis, die auf Grund stenographischer Aufzeichnungen über die Beweis- aufnähme gemacht worden ist. Danach wurden folgende hübschen Eepslogenheiten der ZentruinSklerisei gerichtlich nachgewiesen. Bei den Exerzitien in Metz hatte der Bischof in einer An- spräche an die Geistlichkeit seiner Diözese sich dahin ausgelassen, daß erwünscht aiud ratsam sei, die Pfarrkinder zu einer gewissenhaften Wahl anzuhalten, daß aber kein Priester den Nanien einer Partei oder eines Kandidaten bei der Wahlbelehrung offen nennen solle. Die Herren Zentrumspfarrer machen das nn» so: Beim Prarrer Berend auS Egelshardt waren schon fünf bis sechs Wochen vor der Wahl die Predigten fast durchweg «.zitatiouSredc». Statt de? EvangeliumZ bekam die Gemeinde SpiragoS Katechismus über die Wahlen zuhören, wobei der Pfarrer ausdrücklich erwähnte, daß er vom ViStum beauftragt fei, die Gemeinde aus diesem Buch über die Wahlen zu belehren. Die aus die Wahlen bezügliche Stelle beginnt ungefähr folgeudennaße»: „Katholischer Christ: Bist Du verpflichtet zu wählen? Ja, Du bist eSl Wie aber sollst Du wählen? Du sollst gut wählen! Und waran erkennst Du, daß Dil gut gewählt hast? Wenn Du den Kau- didaten wählst, den die katholischen Zeitungen empfehlen. Ist es eine S ü n d e. wenn Tu nicht gut wählst? Ja. es ist eine Sünde! usw." Zwei Wochen vor der Wahl ertönte von der Kanzel in Egels- Hardt die Kampfparole:„Ihr Männer und Jünglinge! Schreitet mit mir an die Urne l 2ch will und erwarte von Euch, daß Ihr wählt wie Euer Seelsorger!" Am Wahltag, selbst setzte' der Pfarrer im Bormittagsgottesdienste genauer auseinander, welche Sünde derjenige begehe, der anders stimme als der Pfarrer: „Wer schlecht wählt, ladet sich eine schwere Verantwortung auf, wer sich eine schwere Verantwortung anflndet, der begeht eine schwere Sünde, schwere Sünde und Todsünde aber ist eins. Unsere Gegner haben als ersten Punkt auf ihrem Programm die Trennung von Kirche und Staat und die Leichen- Verbrennung, sie wollen ein Gesetz, daß alle Leichen verbrannt werden sollen. Wenn dieses Gesetz eingeführt ist, dann hört es mit unserem Allcrheiligentag auf. Wir haben einen besonderen Platz auf dem Kirchhof, wo die Evaugelischeu beerdigt werden können. Sie wollen aber in Eurer Reihe begraben sein, und wir müssen sie in unserer Mitte dulden! Wie können wir mit d e n e n i m Tode zusammengehen, mit denen wir im Leben nicht zusammengehen!" Im Anschluß an diese vom Geist der Wahrheit und der Nächsten- liebe gleich tief durchdringenden Ausführungen forderte der Pfarrer die anwesenden Frauen auf, darauf hinzuarbeiten, daß die Männer gut wählten, und dann nachmittags mit ihm in der Kirche für daS gute Gelingen der Wahl einen Rosenkranz zu beten. Nicht minder rührig und mit allen Mitteln der Wahl- beciiiflussung vertraut war der Pfarrer S a ck st ä t t e r in Schweyer. Auch hier vertrat Spirago daS Evangelium, und allsonntäglich ertönte von der Kanzel die Kunde von der bedrängten katholischen Religion und die Aufforderung, n u r gut katholische Zentrumsmänner zu wählen, damit die Kinder ihren Religionsunterricht behielten und die Toten ihr Recht auf ein Erdengrab. Am Wahltage stellte der Geistliche das sonst nur an hohen Feiertagen gezeigte hochwürdig st e Gut aus. Recht eindringlich wußten die Pfarrer B e r k e s s e l in Lengelsheim und Bettinger in Schorbach ihren Kirchenbcsuchern zuzusetzen; ebenso der Pfarrer Reiter in Rimlingen, Richard in Kolbingen und Martin in Reyersweiler. Wer hat gelogen? Die alldeutschen Politiker behaupten mit aller Bestimmt- heit, daß ihnen Herr v. Kiderlcn-Wächtcr erklärt habe, das Ziel seiner Politik sei, Westmarokko zur deutschen Siede- lungskolonie zu machen. In dem Prozeß der„Grenzboten" gegen die„Post" ist diese Behauptung neuerlich wiederholt worden und Beweis dafür angeboten worden. Das Gericht zeigte aber ein so ungewöhnliches Verständnis für die Be- dürfnisse einer freien Preßpolcmik, daß die Beweisführung überflüssig war. Herr v. K i d e r l e n° W ä ch t e r hat wiederholt geleugnet, solche Erklärungen den alldeutschen Politikern abgegeben zu haben. Er hat behauptet, daß er nie einen Zweifel darüber habe aufkommen lassen, daß die deutsche Regierung keine Besitzerwerbungen in Marokko beabsichtige. Wer spricht nun eigentlich die Unwahrheit? Die„Deutsche Tageszeitung" meint, die Alldeutschen hätten freilich solche Mitteilungen bekommen. Nur seien sie Herrn v. Kiderlen-Wächtcr nicht ernst gewesen. Er habe die Alldeutschen angelogen, um nationale Hurrastimmung zu er- zeugen, die ihm bei den Vorhandlungen nützen sollte. Die Alldeutstben hätten daraufhin das nötige Kriegsgeschrei in gutein Glauben produziert. Und das sei ja auch recht gut gewesen. Jetzt aber solle?- sie den Staatssekretär in Ruhe lassen. Denn wenn der auch nicht gerade schön mit ihnen umgesprungen sei, so erfordere doch das„nationale Interesse", daß darüber nicht weiter geredet werde. Denn da? tvürde das Ansehen Teutschlands im Auslande herabsetzen. So die „Deutsche Tageszeitung". Fürchtet aber in Wirklichkeit das Blatt nicht viel mehr, daß das Ansehen der Herrschenden im I n l a n d e herab- gesetzt werden würde, wenn die Volksmassen sehen, m i t welch— eigenartigen Mitteln„nationale Politik" gemacht wird? Jedenfalls scheint uns die Oeffentlichkeit aber einiges Anrecht darauf zu haben, zu erfahren, wer also gelogen hat, die„Patrioten" in- oder außerhalb der Regierung? Nationallibcrale Stichwahlabkommen. Am 2. Januar sprach sich der nationale Parteisekretär und ehe- malige Abgeordnete Fuhrmann in Stendal über die Wahlbündnisse zwischen Zentrum und Nationalliberalen im Rheinland aus. Genosse BeimS hatte in der Debatte Fnhnnann vorgeworfen, daß er hier gegen Zentrum und Junker rede, während in anderen Kreisen seine Partei Zentrum und Junker unterstütze. So sei zwischen den Nationalliberalen und Zentrum im Rheinland ein Wahlabkommen getroffen, daS sich gegen die Sozialdemokratie richte. Herr Fuhr« mann gab darauf folgende Erklärnngen ab: „Ich bin der erste Geschäftsführer der nationalliberalen Partei. In meiner Hand laufen alle Fäden der nationallibcralen Ve- wegung zusammen, und wen» irgend jemand, so müßte ich etwas von einem Wahlabkommen lviffen, wenn es vorhanden wäre. Erst vor zwei Tagen hat die nationalliberale Parteileirung ein Zirkular an die Partei- leitungen der einzelnen Wahlkreise erlassen, in welchem sie streng verlangte, ohne Zustim- mung der Zentralleitung keinerlei Stichwahl- abkommen zu treffen. Die nationalliberalen ftreispariei- leitungen sind von»nS aufgefordert worden, zwei Tage nach der Hauptwahl an uns über die politische Situation dcö Wahlkreises zu berichten. Daraufhin werden wir die Entscheidung treffen. Die MiNcilung über daS Wahlabkommen zwischen Zentrum und Nationalliberalcn stammt aus trübster Quelle. Sie ist unrichtig, wie ich ausdrücklich sestftellen will." Das Vieheinftthrverbot Ivird, wie bekannt, mit der Gefahr der Einschleppung von Seuchen zu rechtfertigen gesucht. Wie schwach diese Ausrede ist, ergibt sich daraus, daß die Schweiz, die gegenwärtig lebhaften Viehhondel treibt, erst kürzlich wieder 12 Wagenladungen Kühe nach Spanien und viele Kühe und Rinder nach anderen Ländern exportiert hat.— Die Stadt London hat im Jahre 1911 nicht weniger als 419 999 Tonnen Fleisch(die Tonne a 2999 Pfund) von auswärts bezogen, während innerhalb dieser Stadt 98 999 Rinder und 376 999 Schafe geschlachtet wurden. Hierzu kamen noch 174999 Tonnen Fische. Den Speck bezieht London aus Holland, die Eier von Däne- mark und ist dort von keiner Viehseuche die Rede. Nur in Deutsch- land wird der Preis des Fleisches von den agrarischen Machthabern in der bekannten Weise hochgehalten� und trotz aller Sperrmaßregeln stirbt bei uns die Maul- und Klauenseuche nicht aus. Hellet den Aufstand auf Ponape, der vier deutschen Beamten das Leben kostete und zu einer Straf- expedition führte, die mit der Verschickung des ganzen Stammes Jukoj und der Erschießung von 17 Eingeborenen cndclc, veröffent- licht Geh. RegierungSrat Fritz jetzt eine eingehende Darstellung. Geh. Rat Fritz war der Vorgänger deS ermordeten Bezirk'chcfL Boeder. Die Unruhen entstanden nach der Aufhebung des Lehen- systemS(die deutsche Verwaltung mußte dort, im Stille» Ozean. eine daS Land verwahrlosende Junkerherrschaft beseitigen!), weil man die den Jakoj gegebenen Zusagen nicht einhielt. ES kamen nämlich KolonialbeanNe hin, die nur afrikanische Verhältnisse lannten und die glaubten, die Insulaner ans Negerart behandeln zu müssen. Weiter gibt aber Fritz den Kapuzinermissionaren die Hauptschuld, die die Eingeborenen religiös zersplitterten und bis zum Glaubenskrieg fanatisierten._ franhmeb. Die Marokkofragt. Paris, 4. Januar. Eine anscheinend offiziöse Note de?..Ma» im" bestätigt, daß die f r a n z ö s i s ch- s p a n i s ch c n Vc r- Handlungen gegenwärtig eine kritische Pbafe durchmachen. Die Acußcrungen einzelner Redner in der Debatte über das dcutsch-französische Abkommen hätten in Madrid vielleicht den Glauben erweckt, daß die Verhandlungen französischerseits mit einer gewissen Schlappheit geführt werden würden, obgleich die französische Regierung betont Hube, daß die Freundschaft für Spanicu der Festigkeit ihres Standpunktes in keiner Weise Ein- trag tun könne. Hoffcnilich werde Spanien einsehen, daß Frank- reich sich nicht in Verhandlungen einlassen könne, bei denen einige seiner bcrcchiigtcn Interessen und Ansprüche geopfert würden. Zweifellos würde sich in Madrid der Einfluß der mit Frankreich und Spanien befreundeten Großmacht betätigen, um eine Vcr- st ä u d i g u u g herbeizuführen. Dasselbe Blatt erklärt in einer aus London datierten Meldung, daß die Langsamkeit der zu dritt in Madrid geführten Verhandlungen in den franzosenfrcundlichcn diplomatischen Kreisen peinliches Befremden erregen. Man findet es unbegreiflich, daß England seinen allmächtigen Einfluß nicht geltend mache, um die Madrider Regierung zu einer vernünftigeren und gerechteren Auffassung zu bewegen. England müsse doch einsehen, daß Frankreich die unnachgiebige Haltung Spaniens unmöglich zulassen könne. Dem„Echo de Paris" wird auL Tanger gemeldet, daß die Risstämme entschlossen seien, die Feldarbeit voll- ständig im Stich zu lassen und das ganze Jahr dem Kampf gegen die Spanier zu widmen, Cnglanck. Die deutsch-englischrn Beziehungen. London, 4. Januar.„Daily Telegraph" schreibt: Wenn wir nicht sehr irren, besteht ein wirklicher echter Wunsch, daß bald die Gelegenheit komme, wo unser Auswärtiges Amt nicht nur mit Worten, sondern auch durch die Tat zeigen kann, daß die Rede G r e y s vorn 27. November keine salbungsvollen Phrasen sind, sondern der Meinung und Absicht der Regierung entsprechen. Das Blatt erinnert an die Ausführungen Grcys, daß es für England eine weise Politik sei, sich m ö g l i ch st w e n i z weiter auszudehnen, namentlich in Afrika, und daß, wenn Deutschland mit anderen Ländern in freundschaftlich« Vereinbarungen über Afrika eintreten wolle, England ihm nicht im Wege stehen werde. Das Blatt schreibt weiter: Dies wären wohlüberlegte Erklärungen, aber in der Spannung des Augenblicks erhielten sie kaum die verdiente Auf- merksamkeit, Iveder in England noch in Deutschland. Wir erinnern jetzt daran, weil wir glauben, daß sie wichtiger sind als liebcns- würdige Gemeinplätze über guten Willen und gegenseitige Achtung, und daß sie den Tatsachen absolut entsprechen. Rußland. Verhastnngcn in Petersburg. Petersburg, 4. Januar. Wie die„N o w o j e W r e rn j a" meldet, haben hier massenweise Haussuchungen statt» gefunden, wobei zahlreiche Studierende. Arbeiter sowie Ange» hörige der freien Berufe verhaftet worden sind. Cilrfcci Eine stürmische Sitzung. Konstantinopel, 4. Januar. Die gestrige Sitzung der Depu- ticrtentamiucr wurde um 4 Uhr nachmittags eröffnet. Das neue Kabinett und alle Parteien waren anwesend. Der Großwcsir verlas die Regierungserklärung, der zufolge das neue Kabinett nachdrücklich auf der Dringlichkeit der Abänderungen des Artikels 35 besteht. In allen konstitutionellen Ländern sei das Recht der Auflösung ein Grundrecht deS Staatsctberkzauptcs. Es wäre sonderbar, dem Sultan, dem Herrscher über so viele Mil- lionen, dieses Recht verweigern zu wollen.(Lärm bei der Oppo- sition.) Der Großwesir forderte in lebhafter Erregung die A n w c n. dungder Hausordnung gegen L u t f i F i t r i, wofür sich jedoch keine Majorität fand. Ter Großwesir fuhr nach diesem Zwischenfall in seiner Rede fort und wies auf die Nor- wcndigkeit hin, den Artikel 35 zu ändern, um der unhaltbaren Situation ein Ende zu machen. Die oppositionellen Redner wandten ein, es bestehe lein Grund anzunehmen, daß der Vorschlag der Regierung abgc- lehnt sei. Die Verfassung bestimme klar, daß ein Vorschlag zwei- mal abgelehnt sein müsse, che daS 5labinett zum Rücktritt ge- zivgngen fei. Während oie Kammer selbst keine Sitzung crbhallen könne, müßte der Senat aufgcjordert werden, sich darüber aus- zusprechen, ob ein Konflikt zwischen Kabinett und Kammer bestehe. Ein appositioiicllcr Abgeordneter erklärte, die Regierung wolle einen Staats st reich in gesetzlichen Formen ausführen. Im weiteren Verlauf der Debatte ergriff der Großwcsir mchrercmal daS Wort und versickjerte, daß die Regierung nicht die Absicht hat, die Kammer aufzulösen. Die Regierung bestehe auf den vorgeschlagenen Abänderungen, weil daS Wohl des Vaterlandes davon abhänge. Ter Vorschlag, daß der Senat befragt werden solle, ob ein Konflikt bestehe, wurde von den jungtürkischen Rednern bekämpft, da dies ei» neues O b st r u! t i o n s m i t t c l sei, wäh- rcnd das Land das Bedürfnis nach einer schnellen Lösung habe. Der jungtürkische Fübrcr Scyid stellte den Antrag, die Kammer möge durch namentliche Abstimmung den sofortigen Beginn der Debatte über die Abänderung des Zlrtikels 35 beschließen, worauf von der Opposition förmlich beantragt wurde, daß der Senat zu befragen sei, ob ein Konflikt bestehe. Es kam zu einer lebhaften Debatte über die Priorität der beiden Anträge, in der der Grob- wesir sich für den junotürkischen Antrag erklärte. Unter unbeschreiblichem Lärm und Tumult und Protc st rufen der Opposition wollte der Präsi- dent den Antrag Seyid zur Abstimmung bringen. L u t f i Fikri beantragie, darüber abzustimmen, welchem von beiden Ans trägen die Priorität zukäme; inzwischen hatten aber die Jung. türken bereits mit der Abstimmung über den Antrag Seyid lc- gönnen, was die Opposition veranlaßte, den Sitzungssaal mit lärmendem Protest gegen die Verletzung der Geschäftsordnung-u verlassen. Zwischen dem unabhängigen Deputierten Ferid und dem früheren Minister T a l a a t B c y, der Ferid einen Lügner genannt halte, kam es zu einem erregten Zwischenfall. Fmtz schrie Talaat, lebhaft gestikulierend, zu, Talaat sei ein e h r l o s c und seiger Verräter und schickte sich an, nach ihm werfen. Mit großer Mühe wurde Ferid vcn seinen Freund-n entfernt. Ein bmsischer Deputierter schrie in die Äamnic�• Jung türken, Ihr ruiniert das Land! Ter Antraa Seyid wurde schließlich mit 103 gegen 2 Stimmen anoc no in inen, der Oppositionsantrag mit 190 gegen 90 Stimi,,-.» abgelehnt. Tie Debatte wird heute jortgejctzt werden,' Die frauen und die keichstagMahi. Nicht Weinger als 26 bis auf den letzten Platz besuchte Wetter herrschte, ganz geeignet, den Frauen den Besuch zu Versammlungen in Berlin und dem Kreise Teltow-Beeskow beschäftigten sich am gestrigen Tage mit dem Thema: Die Frauen und die Reichstagswahl. Das große Interesse, das die Frauen gerade der diesmaligen Reichstags- Wahl entgegenbringen, hatte der sozialdemokratischen Partei Veranlassung gegeben, diese große Zahl von Versammlungen speziell für die Frauen einzuberufen. Auch die Auswahl der zu den Erschienenen Sprechenden stempelte die Versamm- lungen zu speziellen Frauenveranstaltungen. Die Zahl der vorgesehnen Rednerinuen übertraf nämlich die der männlichen Referenten. Nicht weniger als 14 Frauen waren als Redne- rinnen vorgesehen. Es sprachen die Genossinnen Gertrud David, Martha D e m m n i n g, Anna D i c tz, Agnes Fahrenwald, Marie Greifender g, Getrud Hanna, Martha Hoppe, Wilhelmine Kühler, Berta Lung- Witz, Anna M a ts ch k e, Klara W e V I, Frida Wulff, Mathilde W u r m uud Luise Z i e tz. Als Referenten waren vorgesehen die Genossen A y s ch e, R. Bart h, Otto Brau n, Otto Büchner, D ä u m i g, Paul D u v o n t. Otto Handle, Paul Hirsch, Hugo P o e tz o l d, Dr. Silber- st c i n, Otto S i l l i e r und Georg U ck o. Ter erste, zweite, dritte und fünfte Kreis hatten je eine Versammlung einberufen, der vierte deren 5, der sechste 8 und Teltow-Beeskow gar 9. Tie Säle waren durch die Bank zum Brechen gefüllt. In einer Anzahl von Versammlungen mußten Tische und Stühle entfernt werden, in mehreren von ihnen wurden sogar die Männer aufgefordert, den Saal nach Möglichkeit zu räumen, um den erschienenen Frauen die Plätze zu überlassen. In der Mehrzahl der Versammlungen iiberwogen freilich Wider Erwarten die Männer, und zwar teilweise in erheblichem Maße. Das ist um so verwnnder- licher, als vor Beginn der Versammlungen schönes, trockenes erleichtern. Die große Zahl der Erschienenen laulchte dann freilich mit um so gespannterer Aufmerksamkeit den Ausführungen der Rednerinnen und Redner. Die Wirtschaftspolitik, die da gegeißelt wurde, hat ja namentlich die Frauen hart mit- betroffen. Manche mochte zum ersten Male erfahren, welche ungeheure Verteuerung der einzelnen Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände durch Zölle und Steuern herbeigeführt wird und welchen Millionenanteil an indirekten Steuern ge- rade das arbeitende Volk zu tragen hat. Vielfach wurden auch die jüngsten Tagesereignisse zur Illustration der durch die agrarische Politik herbeigeführten Zustände herangezogen und der Massenmord im Berliner Obdach sehr richtig eben- falls auf das Konto unserer Junker geschrieben, deren Zoll- Politik Elend schafft und deren Schnapsverteuerungspolitik in einem habgierigen Menschen die verbrecherische Idee reifen ließ, das langsam wirkende Gift des reinen Alkohols durch ein schnell tötendes, aber billigeres Gift zu ersetzen. Auch der Frei- sinn, den wir ja hier in Berlin leider allzu gut kennen ge- lernt haben, fand verdiente Kritik, namentlich seine sozial- politische Unfruchtbarkeit. Die Stimmung in den Versammlungen, die nirgends durch irgendeinen Mißklang gestört wurden, war überall eine siegesgewisse und gehobene. Vielfach wurden die Referenten und Referentinnen von Beifall unterbrochen und ernteten auch am Schluß stürmischen Applaus. Die Polizei war nirgends erschienen oder sie hielt sich diskret zurück, so daß auch nach Schluß der Versammlungen keine unliebsamen Zwischenfälle vorkamen und die gut 25 666 Versammlungsteilnehmer und Teilnehmerinnen ungestört und befriedigt ihr Heim aufsuchen konnten. kommunales. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Tie gestrige Sitzung der Stadtverordneten, die erste im neuen Jähre, erhielt eine besondere Bedeutung durch die Eins ii h r u n g der bei den Koinmunalwahlen im No- vciuber wieder- oder neu gewählten Stadtvcr- ordneten. Zugleich stand sie unter dein tiefen Eindruck des schreckenerregenden Massen st erbens im Obdach. das in der vorigen Woche alle Gemüter bewegt hatte. Zwei dringliche Anfragen, eine der sozialdemokratischen Fraktion und eine der„Alten Linken" samt der„Neuen Linken", forderten vom Magistrat Auskunft über jene entsetzlichen Vorkommnisse, über die Ursachen und über die von der Stadt- Verwaltung getroffenen Maßnahmen. Aber noch che die An- fragen zur Verhandlung kamen, ging Oberbürgermeister K i r s ch n e r sogleich in der Begrüßungsrede, mit der er die Stadtverordneten in ihr Amt einführte, auf die traurige An- gelegenheit ein. Herr Kirschner wies hin auf die Teilnahme, die in allen Kreisen der Bevölkerung sich gezeigt habe. Und mit Anerkennung gedachte er der Tätigkeit, die das gesainte Obdachpersonal in den Schreckenstagen geleistet habe. Auch der Stadtverordnetenvorsteher M i ch e l e t ging noch mit einigen Worten auf jenes Massensterben ein. Aufsehen er- regte er durch denjenigen Teil seiner Begrüßungsansprache, der sich auf die Einführung der Stadtverordneten bezog. Er sprach davon, daß bei den Wahlen die Bevölke- r u n g„zu Gericht gesessen" habe. Als hier ein bei- stiniiiiender Zimif aus den Reihen der sozialdemokratischen Fraktion ihn unterbrach, schien ihm einzuleuchten, daß er mit jener ungewollt offenherzigen Aeußerung sich schwerlich den Dank der freisinnigen Mehrheit verdient haben würde. Hinterher suchte dann der Herr Vorsteher seine Sache wieder gutzumachen, indem er bemerkte, daß man mit dem Ergebnis der Wahlen„i in großen und ganzen zufrieden s e i n" könne. Für einen Willkommgruß, der den Neuge- wählten galt, war das eigentlich nicht sehr taktvoll. Aber es ist begreiflich, daß Herr Michelet und seine Freunde es nicht als ein Vergnügen empfinden, schon wieder ein paar Sozialdemokraten mehr an die Stelle hinaus- gewäblter�Freisinniger treten zu sehen. Für die sozialdemo- kratische Fraktion, die noch iin alten Jahr den in einer Er- satzwahl gewählten Genossen Wolderski als Zuwachs er- halten hatte, erhöht sich durch die Einführung der in den Ergänzungswahlen gewählten Genossen Brückner, T r e s ch e r, F r ö h l i ch, Meyer die Mitgliederzahl auf 43. Bei der W a h l des V o r st a n d e s, die dann folgte, erneuerte die sozialdemokratische Fraktion ihren Anspruch auf das Amt des Vorsttzenden-Stellvertreters. das— wie Genosse Bruns kurz ausführte— nach ihrer Fraktionsstärke ihr zu- kommt. Aber die freisinnige Mehrheit ließ, wie bisher, Macht vor Recht gehen und besetzte nach wie vor auch das Amt des Stellvertreters mit einem von ihren'eigenen Leuten. Wiedergewählt wurden Herr Michelet zum Vor- sitzenden und Herr C a s s e l zum Stellvertreter. Erst bei der Wahl der Beisitzer ließen die Freisinnigen, wie schon im vorigen Jahr, sich dazu bereit finden, in den Vorstand einen Sozialdemokraten— uiiseren Genossen Bruns— hinein- zllnehmeu. lieber die Beisitzer-Stellverlrctcr soll in der nächsten Sitzung entschieden werden. Nach Erledigung mehrerer Formalitäten, über die alljähr- lich in der ersten Sitzung beschlossen wird und zu denen auch das von den Freisinnigen mit Begeisterung exekutierte Kaiser- hoch gehörte, wurde sogleich in die Besprechung der An- fragen über das Massensterben im Obdach eingetreten. Zwischen der Auffassung der Freisinnigen und derjenigen unserer Genossen bestand insofern ein Unterschied, als die Freisinnigen am Obdach nichts auszusetzen fanden, während die sozialdemokratische Fraktion darauf hinwies, daß die entsetzliche U c b c r f ü l l u n g des Obdachs einmal bei beni Ausbruch einer Epidemie zu einer schweren Kata- srrophe führen kann. Das Lob, das Genosse Zucht der Obdachvcrwaltung und dem Obdachpersonal spendete, wurde von den Freisinnigen mit Beifall begleitet. Was er aber über die Ueberfüllung des Obdachs und über die Notwen- di gleit einer Erweiterung sagte, klang den Frei- sinnigen weniger angenehm und rief ihren Widerspruch her- vor. Nach den Erklärungen des Stadtrats I a c o b y hielt Herr Cassel es noch für nötig, unsere Genossen anzu- krakeelen. Auch Oberbürgermeister K i r s ch n c r machte in Entrüstung. Als Genosse Z a d e k die Mißdeutung der Rede Zuchts zurückwies und vom Standpunkt des Arztes aus die ganze Angdegenheit beleuchtete, erhob auch noch Stadtrat Stil' Besprechung endete, ohne daß man etwas endgültig Sicheres über die Ursachen des Massensterbens erfuhr. Vorläufig wissen die Sachverständigen selber noch nichts Sicheres. Aus der ganzen übrigen Tagesordnung, die dann rasch erledigt wurde, wollen wir hervorheben den Beschluß über den sozialdemokratischen Antrag, der eine Aenderung der G c ni e i n d c st c u c r n z u g u n st e n der Minderbemittelten anstrebte. Ter Ausschuß hatte den Antrag abgelehnt, und das Plenum beschloß gestern gleichfalls Ablehnung. Zur Begründung des von der Fraktion erneut eingebrachten Antrages hob Genosse Leid unter anderem hervor, daß hier wieder einmal die Sozial- demokratie eine Forderung hat aufnehmen müssen, die von deni Liberalismus preisgegeben worden ist. Von freisinniger Seite sprach nur Herr Cassel, der kurz erklärte, er verzichte auf nochmaligen Vortrag der Ablehnungs- gründe seiner Leute. Herr Cassel verkniff sich seine Rede gewiß nicht gern. Aber er hatte keine Zeit, weil er in einer Wählcrversammlung erwartet wurde, wo er zur Empfehlung eines liberalen Durchfallskaudidaten seinen Zuhörern erzählen mußte, wie eifrig der Liberalismus—„für d i e Min- dcrbemittelten eintritt".* Hus Induftne und Handel Bor und uach dem neuen Zolltarif. Durch Geschimpfe auf die Sozialdemokratie, chauvinistische Hetze und unwahre Angaben über die Preise möchte die ullramontan- konservative Brotwuchcrpresse der Wähler Aufmerksamkeit von der sich fortgesetzt verschärfenden Teuerung ablenken und sie ableugnen. Die nachfolgende Zusammenstellung beweist die Verteuerung seit dem Wirksamwerden der neuen Zölle in ganz unzweideutiger Weise. ES ist hier der Durchschnittspreis der letzten sechs Jahre vor dem In- krafttreten der neuen Handelsverträge und der fünf Jahre nachher, und zwar nach den November- Notierungen in Berlin ermittelt worden. Danach kostete: Durchschnitt der Jahre Steigerung tg0l/0S 1907/11 in Proz. 25,19 29,74 18,— 42,32 51.37 21.4 146,02 176,20 20,6 186,24 210,97 25,4 Die Brotpreise werden vom Statistischen Amt nach Stichproben auS 40 Geschäften festgestellt. Es war also der Preis im Durchschnitt der letzten iünf Jahre für Roggenbrot um 13 Proz., fiir Weizenbrot um 21,4 Proz. höher als wie im Durchschnitt der sechs vorauf- gegangenen Jahre. Die Löhne der Arbeiter find, wenn überhaupt, nicht annähernd so stark gestiegen. Da die Brotpreise weniger starl hinaufgingen als wie die Getreidepreise, diese wieder mehr nach oben tendieren, wird auch mit weiterem Steigen der Brotpreise zu rechnen fein. Trotzdem: die skandalöse Ausfuhrprämie bleibt be- stehen und erlaubt den Junkern noch tollere Preistreiberei. Roggenbrot 1 Kilogr. Pf. Weizenbrot 1.. Roggen 1 D.-Z. M... Weizen 1.... J t.. UUillU49 yciiuiuit&ll v-yt.Utll'VL nigstenS für die Oeffentlichkeit— MonopolisicrungStendenzen in Ab- Der Kapitalismus in der Kinobranchr. Die Kinematographie hat in wenigen Jahren eine so glänzende EntWickelung durchlaufen, daß der Großkapitalisinus immer mehr seine Aufmerksamkeit auf diese Branche richtet. In dieser Hinsicht bieten die Aufwendungen für die großen, mit allem Komfort der Neuzeit eingerichteten Kinotheater schon kinen Fingerzeig. Auch in den Films- und VvrführungSapparatc-Fabriken macht sich der Kapitalismus mehr und mehr bemerkbar. Neuerdings mehren sich aber die Anzeichen, daß eine großkapitalistische Gründung das gc- saiiite Filmgeschäft Deutschlands zentralisieren und damit mono- polisicren will. Als vor einem halben Jahre diese Bestrebungen zuerst auftauchten, riefen sie in allen Zweigen der Kinobranche eine große Beunruhigung hervor. Die damals genannten Gründer zogen sich infolgedessen— wem" teils zurück, teils wurden alle rede gestellt. Nunmehr ist eine große Aktiengesellschaft mit 5 000 000 M. Kapital in der Gründung begriffen, die das Filmgeschäft„auf ge- sunder finanzieller Basis und fachgemäß organisieren" will. Jede Tendenz der Monopolisierung wird von dieser Aktiengcsellsämft entschieden in Abrede gestellt,— weil das vorläufig den Be- strebungen des Unternehmens schädlich sein würde. Als Hinter- inänner dieser großkapitalistischen Organisation in der Kinobranchr kommen wieder die Herren v. Schack und der bekannte national- liberale Herr Geheimrat Paaschc in Betracht. Hat vor einem halben Jahre die Fachpresse in der Kinobranche den Gründern das Geschäft verdorben, so ist es setzt äußerst interessant, die Mittel und Wege kennen zu lernen, durch die sich hier der Kapitalismus jetzt diese Störungen vom Halse zu schaffen sucht. Die in der Gründung begriffene Filmindustrie-Aktiengesell- schaft hat nämlich der Fachpresse— natürlich„vertraulich"— das Angebot gemacht, auf drei Jahre jährlich pro Zeit- schritt rund 10000 M. Inserate zu geben. Aller- dings stellt das neue Unternehmen dafür den Fachblättern die Bedingung, daß sie sich jeder Tätigkeit cnt- halten müssen, die geeignet>o ä r c, das neue Unternehmen zu stören! Bei einem Teil der Fachpresse dieser Branche kann man denn auch schon die Wirkung der in Aus ficht gestellte»„Subventton"— wie dt« groß« Jnferatenz» Wendung von den Leitern der großkapitalistischen Gründung selbst bezeichnet wird!— verspüren. ES wird nämlich ein wahrer Eiertanz auf» geführt, um den trotzdem mißtrauisch gewordenen Ktnotheater« besitzern nachzuweisen, daß das neue Unternehmen nicht nur kein« Monopolbestrebungen habe, sondern daß eS selbst.Monopolbestre- bungen irgend welcher Art im eigenen Interesse auf da» schärfste bekämpfen" mutz. Da aber das Großunternehmen selbst die Sub- vcntion nur auf drei Jahre für die Fachpresse bemessen hat, so leuchtet es jedem kritischen Kenner der hier in Betracht kommen- den Verhältnisse ein: die neue Aktiengesellschaft ist selbst überzeugt, daß sie in längstens drei Jahren den deutschen Film markt vollkommen beherrschen wi rd. Ob nun von einer„Zentralisation" oder von einer„Monopolisierung" des Filmmarktes gesprochen wird, das ändert an der kapitalistischen EntWickelung dieses neuen Gcwcrbezweigcs gar nichts. Die Bereinigten Staaten und die Meistbegünstigung. Das Schatzamt in Washington lehnt die Forderung Deutschlands und vier anderer europäischer Staaten wegen Zulassung der zoll» freien Einfuhr von Druckpapier und H o I z b r e i auf Grund der Mcistbegünstigungsklausel ab. Sic rät den interessierten Verschiffern jedoch an, die Entscheidung des Zollgerichtsappell- Hofes anzurufen. Dies wird nur als politischer Schachzug angesehen behufs Abwälzung der Verantwortlichkeit für den durch das in Aussicht genommene Abkommen mit Kanada auf Grund der Meiü- bcgünstigung tatsächlich begründeten Freihandel auf Druck« Papier und Holzbrei. Es wird allgemein angenommen, der Gerichts- hos werde in günstigem Sinne für die Zollfreiheit entscheiden. anderenfalls wird ein Zollkrieg mit den interessierten Ländern befürchtet. Gerichtd- Zeitung Schutz dem Koalitionsrecht! Vor dem Schöffengericht Dresden spielte sich dieser Tage ein interessanter Prozeß wegen angeblichen Koalitionsvergehens ab. Die Schokoladenarbciterin Fischer sollte eine Arbeitswillige beleidigt haben, indem sie bei einer Begegnung zu ihren Kolleginnen in bezug auf die Arbeitswillige sagte:„Jetzt kommt die mit dem Holzbein." Vor der Verhandlung wurden die beiden Kolleginnen aber wieder einig und schlössen einen Vergleich. Die Angeklagte büßte freiwillig die unbedachte Aeußerung mit 10 M. für einen wohltätigen Zweck und übernahm die Kosten. Vor Eintritt in die Verhandlung gaben die Beteiligten dem Gericht die Tatsache de? Vergleichs und die Rücknahme des Strafantragcs bekannt. Dem Gericht wäre nun eigentlich nichts weiter übrig geblieben, als das Verfahren einzu- stellen. Amtsrichter Röntzsch war aber mit dieser Wendung der Sache nicht zufrieden. Er erklärte, das Berfahren nicht einstellen zu wollen? er wolle vielmehr noch einmal prüfen, ob nicht doch(im Gegensatz zu der Ansicht der Eröffnungskammer) ein Vergehen nach 8 153 der Gewerbeordnung vorliege. Tic Angeklagte bestritt die Aeußerung, gab aber eine ähnliche zu, die jedoch mit dem Streik ebenso wenig zu tun hatte, wie die ihr zur Last gelegte. In der Verhandlung bekundete zudem noch eine unbeteiligte Zeugin, daß nach ihrer Auffassung die Angeklagte mit der Aeußerung durchaus nicht beabsichtigte, die Beleidigte zur Nicderlegung der Arbeit zu veranlassen; eS wäre lediglich eine Kränkung beabsichtigt gewesen. Der Amtsanwalt sah sich infolgedessen auch veranlaßt, von der Stellung eines Antrages auf Bestrafung abzusehen. Trotz alledem verurteilte das Gericht das Mädchen wegen Vergehens nach§ 153 der Gewerbeordnung zu zwei Wochen Gefängnis!! Vom Mannheimer Hafthcater. Wie die„DübnengenassenschaftS-Korrespondenz" erfährt, hat der jetzige Präsident dcS Allgemeinen Deutschen Chorsängcrver. bandcS, Theodor Starke, in einem Rechtsstreit mit dem Groß- herzoglichen Hoftheater in Mannheim ein obsiegendes Urteil er- zielt. Starke war 28 Jahre am Mannheimer Hoftheatcr angestellt, schied dann freiwillig aus dem Engagement, um seiner Neben- stellung als Verbandsvorstand besser vorstehen zu können, und zahlte satzungsgemäß 5 Jahre seine Beiträge in die Pensionökasst weiter. Er wies dann seine Berufsiiwalidität nach und wurde am 10. Februar 1910, nachdem er ein ganzes Jahr auf Bescheid warten mußte, mit 1103,11 M. jährlich pensioniert. Die Aus- zahlung der Pension wurde ihm aber verweigert, weil er durch die Nebenstellung mehr als 519,69 M. verdient; diese Verdienstgrenze setzte der Verwaltungörat der Pensionskasse fiir St. fest. Eine Bc- schwerde St.'s beim Ministerium des Großherzoglichm HauscS als Auft'ichtsbehörde der Kasse hatte keinen Erfolg. Das Landgericht hat nunmehr in der Sache nachstehendes Urteil erlassen:„Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger ftir die Zeit vom 10. Fe- bruar 1910 bis 1. Februar 1911 533,56 M. nebst 4 Proz. Zinien hieraus seit 3. Februar und vom l. März 1911 bis zunächst 1. Sep- tcmber 1914 jeweils am Rkonatsersten monatlich 45,73 M. und 4 Proz. Zinsen vom Fälligkeitstage zu zahlen. Die Kosten werden gegeneinander aufgehoben." Warum mußte dieser Prozeß erst geführt werden? Es handelt sieb dock um ein altes Mitglied, das dein Theater nahezn drei Jahr- zehnte Dienste geleistet hatte und für seine Verdienste mehrfach dekoriert worden war. Daß eS eine Unmöglichkeit ist, eine große Familie mit 1600 M. in einer Stadt wie Mannheim standesgemäß zu ernähren, hätte die Intendantur auch ohne Prozeßführung ein» sehen sollen. Gewerkschaftliches siehe 1. Beilage. ' a ß man n sich zur Verteidigung des Magistrats. Tie Berantwi Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Perlag: Vorwärts Buchdr. u. Perlagsanstalt PaulSingerSiEo.,BerIin8ZVi�Hierzu 3 Beilagen u.UntcrhaltungSgl. letzte Nachrichten. Fortschrittliche Unanständigkeit. Frankfurt a. M.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Bei der Präsidiuliiswahl in der Stadtverordiidenversamm- lung verweigerten die Fortschrittlcr unseren Parteigenossen, die die zweitstärkste Fraktion bilden, den zweiten Vorsitzenden. Es geschah dies aus wahltaktischen Rucksichten auf die Ratio- nalliberalen. Gewählt wurde ein?kationalliberaler. Die Berliner Freisinnigen haben es ebenso gemacht, siehe Stadtverordnctenbericht._ Krieg im Frieden. Pari?, 4. Januar.(S. B.1 An Bord de» PaNzcrschift'cS„Eon. dorcet" ereignete sich ein schwerer Unfall. Die Ankcrkcttc des ochisses riß und der stürzende Anker zerschlug im Fallen einem Untcrosfizicr ein Bein. Zwei andere Matrosen wurden schwer verletzt._ EisenbahnerloS. Bcuthen(Oberschlesien), 4. Januar.(Amtliche Meldung.) Gestern abend 8 Uhr 45 Minuten sind aus Bahnhof Friedens. Hütte vermutlich infolge Versagens der Bremsvorrichtung und begünstigt von dem starken Sturm elf beladcne Wagen nach Antonienhütte entlaufen, prallten dort auf zwei beladcne, aus dem Grubenglcis des Aschenborn-Sckmchtes stabende Wagen und kamen in der am Ende des Gütergleises liegenden Schicbebübne zur Eni- glcisung. Hierbei zertrüminerten sieben Wagen vollständig. Ter Bremser Nagel aus Gleiwitz, der sich durch Abspringen von einem der'entlaufenen Wagen zu retten versuchte, iit bicrbei auf dem Bahnhof Antonienhütte überfahre» und«ctotrt worden. Ar. Z. ZS.Zllhrgttß. t. Kkilazc des.AmSck" Krlim KIKsdlÄ. ßttltllg, s. Asnvtt M2. Aus der Geschäftspraxis des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie. Zur Charakteristik des Reichsverbandes und deS Menschenmaterials, dessen er sich zu seinem„nationalen" Kampf für die sogenannten„heiligsten Güter" des deutschen Volkes bedient, lassen wir den gestern veröffentlichten Briefen des Herrn Harmsen nachstehende weitere Briefe und Aktenstücke folgen, die das schöne Bild der reichsverbändlerischen Sammlungstätigkeit prächtig ergänzen: Versandstelle der Schriften deS ReichZverbandeS gegen die Sozialdemokratie. Franz Harmsen. Hamburg S, den 96. Juni 1911. Ellerntorsbrücke 6. Mitteilung an Herrn Fr. Geher. Hagen/W. Ihr Schreiben vom 25. er. habe empfangen und sende Ihnen beute LS M., da nicht mehr entbehren kann.... WaS haben Sie nur fortgesetzt mit Ihrer Wirtin? Kaum ein Schreiben erhalte ich, in welchem Sie nicht von Wohnungskalamität reden.— Mit der Ihnen übersandten Kasse läßt sich doch schon wirklich einiges machen III E s i st d o ch ständig das alte Lied.... Vom Oberkellner Hotel F o r k erhalte die Aufforderung, die Rechnung zu be- gleichen, sonst will er gesamtes Material nach(Reichsverband) Verlin einsenden. Herdt hat einfach das meiste Material so lose im Zimmer liegen lassen. Harmsen. Hamburg, 4. Juli 1011. Herrn Fritz Geher, Köln. Um 94. Juni sandte ich Ihnen Aufrechnung, welche mit Auftrag Weyersberg, Kirschbaum u. Co. abschloß. Nach diesem haben Sie mir keinen Austrag übermittelt, jedoch am LS./S. von mir 25 M., am 28./6 30 M. und am 1./7. 20 M. erhalten. Ich sende Ihnen heute durch telegraphische Anweisung M. 25.— und ist dadurch ein neuer Vorschuß von 100 M. aufgelaufen... Sie wissen, daß in K ö l n Geheimrat Bor st er und die Firma Clouth Köln-NippeS (beide im Vorstande deS Verbandes) uns unsere Arbeit unter- minierten, doch halte ich es für auSgeschlosien, daß an andere Arbeitgeberverbände von Berlin auS geschrieben worden ist. Sie vollen selbstverständlich sehr korrekt und vorsichtig(I) zu Werke '°chen und vorher diesbezgl. sondieren.(1) Hochachtungsvoll F. Harmsen. Hamburg, 6. Juli 1911. Herrn Fritz Geher, Köln a/Rh. Ihre Zuschrift vom 5. d. M. habe ich erhalten, und Ihren neuen lustrag Kortenbach u. Rauh M. 200,— verbucht. Ich kann nmöglich Ihnen schon heute weitere M. 20.— übersenden, und muß h abwarten, WaS Sie weiter erreichen. Meine Schuld ist eS nicht, ienn Sie nicht regelmäßig arbeiten und wollen Sie nicht meinem, udern Ihrem System hieran die Schuld geben.... Herr V. arbeitet in Hamburg in der neuen Sache und nde ich Ihnen zur Orientierung per Drucksache die Reumannsche roschüre,(allem Anschein nach die Broschüre von Dr. Stephan Humatin, dem Leiter der.Nationalliberalen Korrespondenz. D. Red.) ,owie die von Eugen Richter, welche ich hauptsächlich zum Versand bringe. Ich habe außer diesen noch einige andere Broschüren in Aussicht genommen und bin überzeugt, daß diese Sachen mehr ansprechen wie die Reichsverbands- schriften. Speziell der Vertrieb der Richterschen Broschüre muß doch in dortiger Gegend sehr viel Sympathie erwecken, da Eugen Richter den Kreis Hagen/Schwelm fortgesetzt im Reichstage vertreten hat. Demselben ist ja auch Wohl ein Denkmal gesetzt? Ich werde Ihnen weiter günstiges Material in der nächsten Zeit übersenden können und wollen Sie unbedingt versuchen, auf diese Arbeit rüberzuschwenken. damit, wenn die ReichSverbandSsache nicht wieder eingerenkt wird, Sie bis dahin sich in die neue Arbeit hinein- gelegt haben. Daß es auch in dieser Form geht, wollen Sie daran ermessen, daß Herr Vogler in Hamburg R. O. Meyer mit M. 200, EggerS u. Co. mit M. 100, 81 eiher stieg Werft M. 100, O. Bernhardt M. SO, W e tz e l u. F r e y t a g M. 20, A. G. Bierbrauerei Marienthal M. SO. Vulkan Werft M. 100, Anglo-Continentale mit M. ISO machen konnte. Im übrigen haben Sie bei Bertrieb des .Bund" ja auch keinen Verband hinler sich gehabt und ging dies ja auch. ES muß Ihnen die neue Arbeit auch sympathischer sein, da man nicht fortgesetzt in Angst zu schweben braucht. daß einent der Reichsverband nicht wieder Schwierigkeiten bereitet. Ich erwarte hierüber Ihre sofortige Rückäußerung und zeichne Hochachtungsvoll F. Harmsen. Hamburg. 11. Juli 1911. Herrn Fritz Geyer, Köln a. Rhein. Ihre Zuschrift vom 10. d. Mts. habe ich erhalten, und es ist ganz unmöglich. Ihren Borschußansprüchen zu ge- en... Wegen der Verzeichnine wollen Sie sich bitte an Herrn I l e r, Geslbäslssührer des Industriellen-Vereins. Arbeilgeber» andes und des Vereins Deutscher Maschinenfabriken wenden Tomstr. 31). Herr Sleller wird Ihnen, wenn Sie Ihre Bitte gewandt anbringen(nichts von Herrn Geheim rat .er erwähnen), ein Verzeichnis oben genannter Verbände iSndigen und sind in diesem Verzeichnis alle größeren Firmen eführl. Bestellscheine werden inzwischen in Ihren Besitz ge- i iein. LH."-! inehr für heute, zeichne ich Hochachtungsvoll F. Harmsen. Hamburg S. 12. Juli 1911. Herta Fritz Geher, Köln a. Rh. ... Eine«nnpsehlung der Naiionalliberalen Partei neincS Erachtens ja nur in Kreisen dieser Partei Wert, die Zentrnmslcute usw. sind mit dieser Empfehlung wohl nicht »innen. B hat in Köln Fassoneisen Walzwerk. L. ü e d t u. Co. und Franz Clouth. Köln-Rippes, gemacht. Firmen Sie also nicht wieder herantreten können, da Konsul .... im Vorstand des Reichsverbandes. önnten Sie nicht Herrn Moldcnhaucr(der Vorsitzende der malliberalen Partei. D. Red.), damit derselbe sich zu einer pfehlung besser entschließt, einen Prospekt über Reumann, welche gleichzeitig per Drucksache folgen, übermitteln? Erwähnen Sie bei Ihrer Offerte, daß wir die Reumannsche Schrift mit 1 M. berechnen (1,20 M. steht im Prospekt) und daß wir Porti und sämtliche sonstige Spesen tragen. Sollte 1,00 M. pro Arbeiter dem Fabrikanten für diesen Zweck zuviel sein, so können Sie ja auf die Richtersche Bro- schüre zurückgreifen, welche ja nur mit 60 Pf. inkl. aller Spesen ein- steht. Broschüre Neumann und Richter werden Sie erhalten haben, und jetzt überhaupt gutes Material zu Händen haben. Ihre Provision bleibt dieselbe wie in der ReichSverbandSsache. Sie teilen mir nicht mit, wo Sie Ihr ganz-S Material.Bund" ge- lassen haben, da Sie vielleicht doch diese nebenher mit führen können. Verlangte Kasse kann ich Ihnen, wie ich dies schon gestern ausführte, nicht übersenden und machen Sie mich mit Ihren ewigen Geld- forderungen kopflos. Sie können mich doch nicht dafür verantwortlich machen, daß Sie Ihre Bekanntschaft noch fortwährend überall mit hinnehmen und sich diese Sorgen auch noch machen. In Erwartung Ihrer weiteren Berichte zeichne ich hochachtungsvol F. Harmsen. Hamburg 9, 18. Juli 1911. Herrn Fritz Geher, Köln-Rhein. .. Aus der Ihnen zugegangenen Aufftellung müsien Sie er- sehen haben, daß von dem Regierungspräsidenten in Köln Exemplare bezogen worden sind, und wird es nicht schwer halten, von diesem eine Empfehlung zu er» langen. In Köln sehe ich ferner, daß das Generalsekre- tariat der christlichen Gewerkschaften sich 100 Exem- plare kommen ließ, und ist doch irgendwo dort wegen einer Empfehlung anzukommen. Sie schreiben, daß Sie sich dort vor Angst nicht mehr rühren können und kann ich Ihnen nur mit denselbeit Worten antworten. Schließlich brauchen Sie sich doch auch nicht unbedingt darauf zu versteifen, absolut nur mit Empfehlung zu arbeiten und können mit dem zur Hand habenden Material an die Betriebe herangehen. Elsner hat doch auf schrift- lichem Wege 40 000 Exemplare verkauft und können Sie doch bis zur Erlangung von Empfehlungen einiges so schon erreichen. Herdt hat mich ebenfalls in die scheußlichsten Unan- nehmlichkeiten versetzt und von allen Seiten habe ich nur Un- annehmlichkeiten, so daß ich mir selbst nicht mehr zu helfen weiß. Es muß Ihnen gelingen, Aufträge hereinzuschaffen und kann ich Ihnen dann wieder Beträge zustellen. Hochachtungsvoll F. Harmsen. Hamburg, 14. Juli 1911. Herrn Fritz Geher, Köln/Rhein. ...Kieschreiben, daß Ihre Bekanntschaft für sich selb st sorgt, und muß ich Ihnen dann gestehen, daß Sie mit Ihrem Gelde trotz der s-bweren Zeit nicht haushälterisch ge- wirtschaftet haben. Am 9. schreiben Sie mir, daß Sie 24 M. Schulden bezahlt hätten und 5 Tage später resp. 4 Tage später bc- haupten Sie, eine neue Rechnung von 35,50 M. bezahlen zu müsien. Demnach hätten Sie allein in 4 Tagen 35,50 M. in Ihrer Pension verbraucht, und müsien Sie selbst zugeben, daß diese Darstellung nicht richtig sein kann. Am 7. d. M. schrieben Sie mir schon, daß Sie wegen der neuen Empfehlungen sich bemühen wollen und heute am 14. schreiben Sie überhaupt nichts mehr hierüber und verlegen sich nur noch darauf, weitere Vorschüsse zu verlangen. Hochachtungsvoll F. Harmsen. » Mit der Behauptung, daß die„Bekanntschaft" (eine Kellnerin)„für sich selber sorgt", steht ein Brief Geyers an„Edith" im Widerspruch, worin es heißt: Leider sitze ich hier heute, wie ich nicht anders erwartet hatte, ohne Geld. Die Sache ist mir hauptsächlich Deinetwegen peinlich, doch hoffe ich, daß Du Dir so gut es ging, geholfen hast. Hoffentlich ist es morgen anders! Herzliche Grüße von Deinem Fritz. Interessant ist. daß zur selben Zeit, wo Geyer diese „Bekanntschaft" von Ort zu Ort mitnahm, der Rcichsverband in den bekannten mit Flugblättern gefüllten Kuverts auch eine Schmähschrift verbreitete, in der die Sozialdemokratie wegen ihrer Stellung zu Familie, Ehe und Liebe angegriffen und ihr nachgesagt wird, sie wolle alle Frauen zu Konkubinen erniedrigen. Das Verhältnis zivischen Harmsen und Geyer ist zweifei- los eigenartiger Natur. Harmsen läßt sich von seinem An- gestellten„ausbeuten",„beschimpfen",„treten", das Leben verekeln, schmutzig behandeln, Unverschämtheiten bieten, be- drohen usw. und trotzdem bleibt er nicht nur niit ihm in Geschäftsbeziehungen, sondern erhöht seinen Vorschuß immer weiter bis in die Tausende. Welcher Art die Drohungen waren, die Geyer gegen Harmsen ausstieß, das erkennt man vielleicht auS einem Briefe, den Geyer in seiner Wohnung hinterlegt hatte und der au die Staatsanwaltschaft iu Hamburg gerichtet war. In dem Briefe war nur noch das Datum aus- zufüllen; er lag bereit für den Fall, daß Geyer-- der- haftet würde. Fräulein Edith hatte den Austrag, ihn in diesem Falle abzusenden. Ebenso hatte Geyer ein Schreiben an den„Reichs- verband gegen die Sozialdemokratie, z. H. des Herrn Dr. Bodens cyen, Berlin VlV. 11, Dcssauer Straße 30". entworfen, welches Fräulein Edith im Falle seiner Verhaftung inS Reine schreiben und absenden sollte. In dem Brief sollte das Fräulein schreiben, daß Herr Geyer auf Veranlassung des Herrn Harmsen, Hamburg, aus unbekanntem Grunde verhaftet worden sei. „Es handelt sich hierbei nur um einen Racheatt, weil Herr Geyer seine Beziehungen zu Harmsen gelöst hat und letzterer desioegcn Schwierigkeiten befürchtet. die Herr Geyer in bczug auf Ihren(des Reichsverbandcs) Prozeß mit ihm machen könnte. Laut Verabredung sende ich Ihnen einliegend Material, das Herr G. im Falle einer Tätigkeit für Sie verwenden wollte. Ich bitte Sie, dieses Material aufzubewahren. Die Empfehlungen sind von Karl Bei V....., einem Reisenden Harmsens eingeholt worden und dürsten diese für Sie und Ihren Prozeß Wert haben. Herrn Harmsen sind für die Reichsverbandsschristen zirka 40 000 Mark eingegangen...." Geyer verdächtigt Harmsen dann, als habe dieser das Geld teilweise„zur Finanzierung eines anderen Unternehmens verwandt". Die von Geyer bis auf das Datum fertiggestellte Anzeige lautet: Köln, 1911. An die Staatsanwaltschaft, Hamburg. Unterzeichneter erstattet hiermit folgende Anzeige: Seiten? der Firma Franz Harmsen, Hamburg 3, Ellerntor» brücke 6, wird seit Ende Juni d. I. im Hinblick auf die neuen ReichStagSwahlen in folgender Weise auf Industrielle zur an» geblichen Aufklärung über die Sozialdemalratie gewirkt. Die Firma läßt durch mehrere Reisende Empfehlungen laut einl. Muster anfertigen; die Empfehlenden sind natürlich über den Zusammenhang getäuscht worden insofern, als der einzige Zweck, der enorme Verdienst von 50 Prozent für den Buchhändler, verschwiegen wird. Die Reisenden be» suchen dann mit diesen Empfehlungen die zahlkräftigen In- dustriellen usw. und erreichen durch Vorspiegelungen Zeichnungen von ganz enormen Beträgen.— Einliegend ein Brief � der Firma an mich, worin einige Firmen genannt sind, bei denen ein Beweis für diese betrügerischen Manipulationen zu erlangen wäre.... Harmsen wollte mich durch Drohungen über angebliche Verfehlungen meinerseits! strofgerichtlich belangen, weil ich mich weigerte, für diese Sache zu arbeiten. Ich habe für evcnt. Fälle Frl. E. T...... Köln,...... siraße Rr..., beauftragt, diese Anzeige in meinem Namen abzusenden, und ersuche höflichst, die weiteren Schritte zu tun. Für die Richtigkeit meiner Angaben komme ich auf und bitte gegebenenfalls um meine mündliche Vernehmung. Hochachtungsvoll Fritz Geher. Meine Personalien sind(für den Fall ich meine Adresse in- zwischen gewechselt haben sollte) Karl Herm. Fritz Geyer, geboren 5. November 1879 zu Königsberg i. Pr. Meine jetzige Adresse ist Köln....... siraße Nr..; Die Kopien, die Geher in seinen Mitteilungen an Dr. Bovenschen erwähnt, sehen wie folgt aus: Empfehlungsschreiben des wirtschaftlichen Schutzverbandes Hamburg. Hamburg, 19. Juni 1911. Die Schrift des Dr. Fritz Stephan Neumann„Die Sozialdemokratie als Arbeitgeberin und Unternehmerin" ist außerordentlich geeignet. Aufklärung über das Wesen der Sonaldemokratic zu geben, da sie an einer Anzahl praktischer FL.e den Widerspruchs zwischen sozialdemokratischer Theorie ur Praxis aufzeigt. Sie verdient daher namentlich im Hin- blick auf die kommenden Reichstagswahlen eine besondere Verbreitung unter den Arbeitern, damit sie angesichts der Verhetzungen der Sozialdemokratie ein richtiges Bild von deren eigener Wirksamkeit erhalten. Die Hamburger Zentrale hat die Verbreitung der Schrift übernommen und beabsichtigt, sie direkt an die Arbeitnehmer im Couvert per Drucksache zu senden. Wir können das Bestteben, eine solche Aufklärung zu verbreiten, durchaus unterstützen und empfehlen allen Arbeitgebern das Unternehmen zu fördern. Wirtschaftlicher Schutzverband. gez. W e st p h a l. Den obigen empfehlenden Ausführungen schließe ich mich vollinhaltlich an. b. Reis witz, Geschäftsführer des Arbcitgeber-Terbandes Hamburg-Altona und Unterelbe. Copie. Empfehlungsschreiben vom Hamburgischen Verband zvr Sc- kiimpfung der Sozialdemokratie. Hamburg, 22. Juni 1911. Wir können die Absicht der Hamburger Zentrale. die vortreffliche Broschüre des Dr. Neumann„Die Sozial' demokratie als Arbeitgeberm und Unternehmerin" den Ar- beitern unter Umschlag als Drucksache zugehen zu lassen,»um auf das Wärmste begrüßen. So lange es noch nicht gelungen ist, eine nattonale Zeitung ins Leben zu rufen, die den sozial- demokratisch verhetzten Arbeitern als Gegengewicht gegen c: rote Parteipresse kostenlos zugeht, bietet sich zur Aufklärung der Arbeiterschaft über die Irrlehren der Sozialdemokratie kein anderer Weg als der hier vorgeschlagene. Hambrg. Verband zur Bekämpfung der Sozia!» demokratie. gez. M. Stahlbuch. Rachstehende Vereine und Verbände haben durch be- sondere Rundschreiben die Verteilung der Broschüre: Dr. Neumann,„Die Sozialdemokratie als Arbettqeberin und Unternehmerin" empfohlen: Bmid der Industriellen, Berlin; Zentralverdand deutscher Industrieller. Berlin; Berg- und hüttenmännischer Verein, Wetzlar; Textilveredelungsindustri: Düsseldorf; Verband deutscher Lackfabrikanten, Berlin; Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen. Düsseldorf; Verein zur Förderun-» der Verwendung des Holzschwellen-Oberbaues, Berlin; Ver- band deutscher Zentralheizungsindustrieller, Berlin; Verein der Industriellen Pommerns, Stettin; Verein deutscher Maschinenbau-Anstalten. Düsseldorf; Verein zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen de» westfälischen Kalkzentent- yClüCrO( cffcn in «%T1 cS, Recklinghauscn; Verein für die bergbaulichen Jntcr ssen im OberbergamtSbezir! Dortmund. Im Anschluß hieran sei noch eine Empfehlung wieder- gegeben, die Herdt den Industriellen bei seinen Geldsamm- lungen vorlegte: Abschrift. Essen(Ruhr), den 3. Mai 1911. Bereiu für die bergbauliche» Interesse» im Oberbergamts- bezirk Dortmund. E s s c n/ R u h r. Streng vertraulich! Der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie beabsichtigt demnächst die Agitation für die bevorstehenden Reichstags- Wahlen aufzunehmen. Zu diesem Zwecke wird sich Herr Erich Herdt als Bevoll- mächtigter des ReichSverbandeS erlauben, bei den unserem Verein angeschlossenen Zechen vorstellig zu tverden mit der Bitte um Unterstützung für die Bestrebungen des Rcichsvcr bandcs. Da wir diese nur voll und ganz billigen können, so bitten wir crgcbenst, den Wünschen des Reichsvcrbandcs soweit als möglich entgegenkommen zu wollen. Verein für die bergbaulichen Interessen. Für den Vorstand: gez. Lüthgen. Die Geschäftsführung: gez. v. L o c w c n st e i n. Sei' Krieg. Friedcnsaussichtcn? Saloniki, 4. Januar. Said Pascha richtete an alle Mali ein R u n d s ch r e i b e n, in dem es heißt, er hege die Ucbcrzeugung. daß binnen kurzem ein das Prestige und die Ehre des Reiches sichernder Friede mit Italien zum Abschluß gelangen werde. Said Pascha fordert die Mali auf, ihre Bemühungen zu verdoppeln, damit im Innern des Landes wieder geordnete Zustände eintreten, und weist besonders darauf hin, daß die christliche Bevölkerung gerecht und mit den Moslems gleichberechtigt zu behandeln sei. Im Widerspruch mit dieser Friedenshoffnung Said Paschas steht aber eine Meldung der„Franks. Ztg." aus Saloniki, nach der der türkische Kriegsminister angeordnet hat, daß die neueinge troffenen Küstenschutztorpedos im Hafen von Saloniki hei Kap Karaburu sofort eingesenkt würden. Der italienische Sozialismus und der Krieg. Da um Weihnachten herum die Schreihälse aus dem chauvi- nistischen Lager anstandshalber ihren KricgsenthusiasmuS etwas zügeln mußten, und der Jahresschluß auch sonst als der gegebene Augenblick für ruhige Rück- und Ausblicke gilt, hat die sozia- listische Parteileitung Italiens diesen psychologischen Augenblick dazu benutzt, im ganzen Lande eine mustergültig rcdi- gierte, scchzchnseitige Flugschrift:„GegendcnKrieg" zu verbreiten. Da sich trotz aller offiziellen Kriegshetze und skandalösen Im lolcranz gegen Andersdenkende in den letzten Wochen die Sehnsucht nach dem Frieden immer deutlicher verriet, und außer den direkt geschädigten Geschäftsleuten auch der letzte Familienvater in Form eines neuen LcbenSmitlelaufschlages die Folgen des Krieges wahrzunehmen glaubte, so wäre es wirklich ein Wunder, wenn innerhalb 14 Tagen nicht auch außerhalb unserer Partei die kriegsfeindliche Stimmung um sich griffe. Auf jeden Fall gebührt aber der Arbeiter- parier das Verdienst, 3 Monate lang, ohne jeden Beistand von bürgerlicher Seite, den gesunden Menschenverstand und— das Gewissen einer Nation verkörpert zu haben! Mit leuchtender Klarheit und Logik wird von dem wertvollen Werklein zunächst mit den von den Ueberpatriotcn aller Länder so gern niißbrauchten Phrasen vom„Vaterland" aufgeräumt. Wer ist das Vaterland? Tie Wenigen, die den Krieg schüren oder die Vielen, die darunter leiden?... „Soll das Vaterland nicht ein leeres Wort, sondern ein Faktum sein..., so darf sich der italienische Sozialismus eines ansehnlichen Stückes Arbeit dafür rühmen, während die Parteien, die es am liebsten! im Munde führen, meist nur darauf ausginge»!, die Mehrzahl seiner Söhne vom— Vaterland aus- zuschließen!" Nicht besser ergeht es den beliebten Phrasen von der nationalen Kraft und Energie, unter der die nationalistische Presse implicite stets die militärische Stärke verstanden wissen tvill: „Die militärische Macht ist nicht die wahre Stärke einer Ration, sondern meist geradezu ein Hemmschuh für ernstliche Fortschritte!" „Wohl behauptet mau, unsere militärische Stärke komme den auswandernden Arbeitern zugute, da sie ihrzufolge von den Ar- vettern des Auslandes weniger verachtet und besser behandelt wür- den! Das ist ein enormer Irrtum!... Wenn unsere Austvan- derer im Auslände wenig Achtung genießen, so verdanken sie das ibren wirklichen Mängeln— an Kultur. Sittsamkeit und Men- sche»würde—, Mängel, die in dcnAugcn derWelt durch ihre wirk- lichc»! Vorzüge nicht aufgcworlcn werden..., und die zugleich die Frucht und das Abzeichen der niedrigen italienischen Kultur »lud der sozialen Fürsorge unserer herrschenden Klassen sind...." „Wir bekämpfen den Krieg wegen der Entrüstung, die er jedem Menschen einflößen mutz, der nicht ein als moderner Euro- päcr verkleideter Barbar oder einer jener Tummköpfe ist, die — aus der Ferne!— seine ästhetischen Reize bewundern und preisen!" „Der Krieg ist heutzutage nicht nur eine Barbarei, sondern eine Absurdität!— Tie Völker hassen einander nicht!— Nicht einmal die regierenden Klaffen verschiedener Völker, die ja auf geschäftlichem und finanziellem Gebiet nur zu �ern inter- nationale— und selbst antipatriotische— Händel miteinander abschließen-!" Besonderes Geschick gehörte dazu, die beim italienischen Pu- blikum so fest eingewurzelten Illusionen von„unermeßlichen R e i ch t ü m e r n" der neuen Provinz und des Ersatzes für die überseeische Auswanderung zunichte zu machen. So sclbstverständ- lich diese Feststellungen für den Nichtitalicner auch klingen mögen, Ifo schwer fällt es dem alljährlich auswandernden Südländer, diesen von der offiziellen- Presse sorgsam- großgezogenen Traum eines �ueuen Kaliforniens" aufzugeben. „Wieviel Land ist noch innerhalb der italienischen Grenzen für die Z i v i l i s a t i o n zu gewinnen! Wozu brauchen wir das Land der anderen, wenn bei uns selber noch so ungeheuer viel zu kolonisieren ist?" „Nicht Italien will Tripolis, sondern die italienische B o u r- g e o i s i c, die sich natürlich wie immer mit dem Namen„Vater- land" brüstet! Es ist eine Illusion sondergleichen-, zu glauben, daß in der Kolonie die unüberbrückbaren Klassengegensätze auf- gehoben oder gemildert würden!" „In Wahrheit hat der ganze patriotische KricgStaumel Haupt» lsächlich den Zweck, den 5elassenlampfzu beschwichtige« und die Unzufriedenheit der bedrückten Volksklassen— abzulenken. Dje Bourgeoisie ist beunruhigt und jetzt die Märchen von leicht zu edverhenden Reichtümern in Umlauf, um uns üöer unsere wirkliche Lage hinwegzutrösten..." „Ucber unser Mitgefühl mit Menschen niedrigerer Rasse mag man- lachen und spotten, wie man will: Wir sind stolz auf dieses Gefühl und freuen uns, wenn das Volk so empfindet! Denn nicht nur ein'Gefühl erhabener Menschlich- keit kommt darin zum Ausdruck, sondern auch ein gewisser Soli- daritätsinstinkt aller Unterdrückten in der Verteidigung gegen den Bedrücker, gerade wie sich in der ostentativen Gefühllosigkeit der Bourgeoisie gegenüber den Greueln an der unterworfenen Rasse— die Gewalttätigkeit der herrschenden Klasse verrät!" „Der Proletarier im Soldatenrock, der unter dem Einflüsse dcö Kricgstaumels und des geschickt geschürten Rassenstolzes die Araber„schmutzige Hunde" nennt, vergißt, daß ihn zu Hause die herrschenden Klaffen genau mit dcinsclbcn Titel belegen— und entsprechend behandeln!" „Nicht dem gemeinsamen Vaterlande, sondern dem auslän- dischen Kapital Ivird die Eroberung zugute kommen... Wir erhalten den rein formalen Besitz eines Landes, das samt unfern Auswanderern dem französischen, englischen und deutschen Ka- pital in die Hände fallen wird!..." Nicht zu vergessen- unter den unausbleiblichen Folgen des Krieges ist die Reaktion(der„Avanti" warnte davor, schon che sie durch die unglaubliche Kurzsichtigkeit der Regierung zur Tatsache wurde!): „Der Krieg ist ein Bruder des G a l g e n s, schreibt der Per- fasser weiter, nicht nur des wirklichen Galgens, der in Tripolis — unsere Zivilisation vertritt, sondern, auch des„bild- lichen Galg-enS" in der Heimat, wo sich alle reaktionären Geister gegen- die Freiheit verschwören." „Der Kriegstaumcl vernichtet die gewöhnlichen Lebensregeln und verschlingt den Verstand der eine», wie die D-cnkfreiheit der andern.— Man prozessiert Zeitungen, verhaftet Propagandisten, verdächtigt und verklagt jeden als Landesverräter, der nicht glau- ben loill, daß in Tripolis der Ruhm und die Zukunft Italiens strahlen!" Mit einem warmen, Appell an alle Freunde des Friedens schließt das mutige Sch-ristchen, das von der Lebensfähigkeit des von seinen Gegnern tot erklärten- italicnischev, Sozialismus ein so beredtes Zeugnis ablegt. Eine italienische Flotteuaktion im Roten Meere. London, 4. Januar. Das Reutcrschc Bureau meldet aus Ho- deidah vom 2. Januar: Gestern mittag beschossen, die italienischen Kreuzer„Picmonte" und„Puglia" die türkische Garnison von Tjabana, zehn Meilen nördlich von Hodeidah, ohne ihr Verluste bei- zufügen._ Die Revolution in China. Die provisorische republikanische Regierung. London, 4. Januar.„Daily Mail" meldet aus Schanghai: Am Montagabend ist Sunhatsen im Triumph in die republi- konische Hauptstadt eingezogen und hat die Präsidentschaft der proviisortischen Regierung übernommen.— Die„Morning Post" meldet aus Schanghai, daß das neue proviso- rische 51abinctt gebildet ist. Es setzt sich zusammen aus Huanghsi als Premier- und Kricgsmimster, Hiangtschungjen als Marine- minister. Wutingfang als Justizministcr und Wangtschaoweh als Minister für auswärtige Angelegenheiten. „Daily Mail" berichtet aus Schanghai: Am Montag abend(3 Uhr hielt der neue Präsident von China, Dr. Sunyatscn, seinen feierlichen Einzug in die Hauptstadt der neuen Republik, Nanking, und wurde dort von IlKMX) Soldaten enthusiastisch empfangen. 21 Kanonenschüsse wurden ihm zu Ehren abgefeuert. ie Stadt hatte reichen Fcstschmuck angelegt. Im Uemen des che- maligen Vizekönigs übernahm um 11 Uhr abends Dr. Sunyatscn die Präsidentschaft der provisorischen Regierung. Er schwur Treue und versprach, die Mandschus zu entthronen, den Frieden und die Ruhe wieder herzustellen und eine Regierung zu schaffen, die den Wünschen des Volkes entspricht. Wenn diese Aufgaben erfüllt seien, werde er sein Amt niederlegen, damit das Volk selbst einen Präsidenten für das vereinigte China wählen könne. Der erste offizielle Akt der provisorischen Regierung bestand in der Proklamicrung des neuen Kalenders, in welchem der erste Januar als Beginn einer neuen Acra festgesetzt ist. Droljender Zusammenstoß zwischen chinesischen und japanischen Truppe» in der Mandschurei. Charbin, 3. Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Meuternde Abteilungen der 20. Division haben die Station Schanhaikwan besetzt und damit die Verbindung zwischen China und der Mandschurei abgeschnitten. Eine japanische Truppenabteilung ist abgesandt worden, um den Verkehr wieder herzustellen. Nmerikanische Intervention? New Dock, 4. Januar. Wie„New Jork Herald" aus Peking meldet, hat der dortige amerikanische Gesandte beim Staatsdcparic- ment telcgraphisch um die Entsendung von Truppen, zum Schutz der Eisenbahn Tsinkwangtau— Peking ersucht. Der adlige totichläger. Das Attentat de? Forstassessors und Reserveoffiziers v. K n o b- l o ch auf den Kaufmann H e d r i ch in Frankfurt a. O. hat allent- halben die lebhafteste Entrüstung hervorgerufen. Der adlige Rohling hat den Kaufmann offenbar niedergestreckt, weil er sich in seiner ganz besonders gearteten KavalierSehre gekränkt fühlte. In dem Streit soll nämlich der Getütete den Herrn Assessor bei einer Hand« bewcgung am Ar ine gestreift haben. Das glaubte der Herr v. Knobloch nur mit Blut abwaschen zu können und so durchbohrte er mit einem Schutz den rechten Unterann Hedrichs. Der Geschossene wandle sich zur Flucht und wurde nun durch einen Schuß in den Rücken niederge st reckt. Der Schuß hatte das Rückgrat und die Lunge verletzt, so daß nach dreiviertel Stunden der Tod eintrat. Wie fast immer, wenn eS sich um Verbrechen„erstklassiger Menschen" handelt, soll cS sich auch bei dem Frankfurter Totschläger um einen Mann handeln, dessen geistiges Gleichgewicht gestört ist. Nur komisch, daß man die Geisteskrankheit erst jetzt bemerkt, und daß die geistigen Qualitäten v. Knoblochs zum Forstassessor langten. .» Sittenbilcler zum fall von Knobloch. GewalttätigkeilSverbrcchen-, begangen von Angehörigen, der deutschen Adclskaste, sind nicht selten. Die Kriminalgeschichte weiß viele Beispiele davon zu erzählen. Wir heben einige der bckann- testen hervor: Im Jahre 1896 erstach der Leutnant v. B r ü s e w i tz den völlig harmlosen Techniker Siepmann ohne jede äußere Veranlassung. Er wurde dafür zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt, aber che er rwch zwei Drittel seiner Strafzeit verbüßt hatte, begnadigt. Später ist er im südafrikanischen Kriege gefalle».„Die FatzkcS verstehen zu sterben," meinte Herr v. Kröchcr im Reichstage in seiner gcmüt- vollen Art. Wenige Wochen nach der Begnadigung Brüscwitz' erstach der Rittmeister ßiraf Etoltzcrg-Wcrnigcrode v.ov fecc 1 4. Schwadron des 16. Ulawenreglmenis in Saarssurg den Scr- gcanten Scheinhardt, mit dem Säbel. Graf Stoibers hatte dem Sergeanten Vorwürfe wegen- schlechter Behandlung des Kochgeschirrs gemacht und ihn dabei mit Worten, wie„gemeiner Hund" un-d„größter Schuft" tituliert. Scheinhardt wagte darauf zu ant- warten, er glaube das nicht zu sein und erhielt dafür eine, Ohr- feige, daß er an einen nahestehenden Wagen taumelte.„Sie sehen, daß ich geschlagen worden bin!" rief der Unteroffizier, stand aber im nächsten Augenblick wieder stramm. Der Rittmeister aber hatte seinen Säbel gezogen und schlug Scheinhardt erst an das Bein. dann an die linke Kopfseite, so daß der Getroffene hinfiel und am Tage darauf verschied. Die Strafe, die dem Grafen für diese To zudiktiert wurde, war 3!4 Jahr Festung. Ein Gerücht sprach sie. herum, daß der Gras schon jahrelang zuvor vom Dienste fcr,!- gehalten sei, weil er schon einmal einen Burschen erstochen hatte. Der Kricgsrninistcr v. Goßlcr erklärte indes im Reichstage, daß Gras Stolberg nur einmal aus formalen Gründen(d. h. wegen Mißhandlung eines Untergebenen) mit 8 Tagen Stubenarrest vor- bestraft sei. Im Jahre 1991 erschoß der Freiherr v. Stietencron. R i t t m e i st e r a. D., den Arbeiter Fazzi, der im Auftrage der benachbarten Dorfgemeinde mit Erdarbeiten auf rechtsstrittige Boden beschäftigt war, und den Stietencron mit Gewalt an seirei „freiwilligen Arbeit" zu hindern suchte. Der Freiherr kam- aber nicht ins Zuchthaus, sondern das Gericht entschied, daß Stictci! cron aus Notwehr geschossen habe, obwohl der Arbeiter Fazzi keine Waffe hatte als sein ArbcitSwcrkzeug, und es ihm niemals cingc- fallen wäre, den Freiherr» aus eigenem Antriebe irgendwie zu be- lästigen. Andererseits hatte der Freiherr, der in der ganzen Gegend gefürchtet war, sein Gewehr mitgenommen-, um für alle Fälle gc- rüstet zu sein. Herr v. Stietencron wurde trotzdem freigesprochen. Ein späteres zivilrcch-tliches Urteil erklärte ihn aber der Familie seines Opfers gegenüber für ersatzpflichtig. Tie Richter, die dicscc Urteil fällten, sind also von der cngelsrcincn Unschuld des Schieß Helden nicht so felsenfest überzeugt gcwescm wie das standesgcmäßc Kriegsgericht, woraus sich denn das sclffame Verhältnis ergab daß der Freiherr für die Tötung des Proletariers zwar eine Entschädigung bezahlen sollte, wie für ein versehentlich erlegtes Elück Bich, von jeder strafrechtlichen Verantwortung aber frei blieb. Im Jahre IM) ermordete Prosper Prinz v. Arenber� in Südwestafrika den eingeborenen Polizisten Willy Cain. E: wurde dafür erst zu 19 Monaten Gefängnis, dann zum Tode vcr- urteilt, später zu 12 Jahren Zuchthaus begnadigt, zuletzt wegen Geisteskrankheit freigesprochen und in einem Sanatorium unter- gebracht. Jetzt lebt er als Großgrundbesitzer in Südamerika. Zu Weihnachten 1997 ermordete der Hauptmann v. Goe- ben den Mann seiner Geliebten, den Major v. Schoenebeck. Er wurde gefaßt, trotz anfänglichen Lcugirens überwiesen und fand im Untersuchungsgefängnis Gelegenheit zum Selbstmord. Fälle, die einen weniger tragischen Ausgang nehmen, ereignen sich noch häufiger. Aristokratische TrunkenheitSexzcsse, verübt voi adeligen Offizieren sind keine Seltenheit. Beispielsweise tobte ir Jahre 1992 der Leutnant Erich v. Holl mann im Zustand alkoholischer Erregung in einem fremden Privathause mit gezc nein Säbel und drohte mit Mord und Totschlag. Eine Wied holung der Brüsewitzcrci ward zur Not verhindert. Herr v. Hc mann büßte sein Vergehen mit einer zchnwöchigen Freiheitsstra Der Leutnant v. Flogcrtzy, der im Jahre 1903 in Ul einen Schutzmann miti dem Revolver bedrohte, erhielt einen Monc Gefängnis. Gleichfalls im Jahre 1903 tobten Offiziere de 16. Ulanenregiments in einem Gasthof zu Salzwedcl ur äußerten zu einem Reisenden, der sich über die Störung der Nack ruhe beschwerte:„Die Bestie wird heute nacht kalt gemacht." Dies- Fall nahm nun eine ganz außerordentliche Wendung. Die Herr, von der vornehmsten Waffe legten nämlich die Sache durch Zahlui von 690 M. an die Armenkasse bei. Das ist echt aristokratisct adelige Ehre wäscht man mit Blut, Bürgerpack zugefügtes Unree. büßt man mit Geld. Im Jahre 1909 wurde der Oberleutnant v. Dalwig wegen Körperverletzung mittels hinterlistigen Ueberfalls, begangen- an dein Oberkellner eines Berliner Hotels, zu 200 M. Geldstrafe verurteilt. Zu einem aristokratischen Standcsvcrgrhen haben sich geradezu die Soldatenmißhandlungen entwickelt. Zahlreich: junkerliche Offiziere wurden wegen dieses Deliktes in den letzten Jahren zu allerdings meist sehr gnädigen Strafen verurteilt. In der Liste der Bestraften finden sich Namen wie die folgenden: Oberleutnant v. Trotha, Leutnant Freiherr v. Godin, Leutnant v. Schräder, Hauptmann v. Matticsen, Leuwant v. Arnim, v. Sassen. Leutnant Graf Brühl, Leutnant v. Hake, Leutnant Elstermann v. Elster und viele andere. Wir behalten uns vor, das ganze Material noch viel ausführ- licher darzustellen, wen-» die Negierung uut der Begründung zu den neuen strafgesetzlichen Ausnahmebestimmungen gegen Streikvcr- gehen herauskommt. Der Beweis wird nicht schwer zu erbringen sein, daß sich ein Ausnahmegesetz gegen gewalttätige Junker viel besser begründen ließe, als ein Zuch-IhauSgesetz gegen streikende Arbeiter, Euq der Partei. Ferdinand Simon. Ms Opfer seines Berufes starb in Zürich am'4. Januar G- nosse Dr. Ferdinand Simon, der Schwiegersohn Bebels, de dort eine segensreiche Tätigkeit als Arzt entfaltet hatte. Obwohl Dr. Simon in den politischen Kämpfe» der Gcgc wart niemals eine führende Rolle gespielt hat, ist er zahlreick Genossen und vor allem unseren Genossinnen durch seine popu! wissenschaftlichen Schriften ein bewährter Freund und Berater Wesen. Besonders das weibliche Geschlecht ist.ihm zu dauern Danke verpflichtet. In seinem Buch:„Die Gesundheitspflege WeibeS" hat er durch die Hervorhebung der individuellen sozialen Schädigungen,-denen die Gesundheit des Weibes, besondere die der Proletarier!», ausgesetzt ist. wissenschaftlich- klärung in die breiten Massen deS Volkes hineingetragen überaus segensreich gewirkt.? Ferdinand Simon war 1861 in Neumarkt i. Schi, als C eines einfachen MalenncisterS geboren. Unter großen Eni rungen war es ihm gelungen, in Breslau das Realgymnasium besonderer Auszeichnung zu absolvieren und dann zunächst Breslau, später in Jena,>vo Haeckel einen bestimmenden Cii auf ihn ausübte, Naturwissenschaften zu studieren. Schon im � 1884 hatte er den Doktorgrad erworben. Schon als Student tvar Simon auf Grund wissenschaftli Erkenntnis zur Sozialdemokratie gekommen. Maßgebend für i politische Cntwickclung war das Jugendwerk Karl Kautskys: Einfluß der Volksvermchrung aus den Fortschritt der Gcscllsck das zur Zeit seines Erscheinens auf einen großen Teil der rcnden Jugend einen bestimmenden Einfluß ausgeübt he Kautöky kam Simon direkt zu Marx, und damit war Sozialdemokraten geworden. Unter dem Zwange der neugewonnenen politischen Ecken. konnte Simon az dco«in abstrgktsn wissenschastlichen Betätig t-Ke Hn Me akaveinWe Saufbahn HStte einschlagen lassen— keine Befriedigung mehr finden. Es drängte ihn zu einer praktischen Wctätignng, durch die er der leidenden Menschheit umr.ittelbare Hilfe leisten konnte. So begann er das Studium der Medizin, zu- erst in Breslau, und da in den achtziger Jahren den Ncalghmna- siastcn das Studium der Medizin in Deutschland noch verschlossen »var, so wandte er sich bald nach Zürich, wo er im Jahre 1889 das Staatsexamen ablegte. In Zürich war es auch, wo er die Tochter unseres August Bebel kennen lernte, mit der er im Jahre 1899 den Bund fürs Leben schloh. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in Paris liest sich Simon im Jahre 1891 zunächst in St. Gallen als Arzt nieder, um jedoch bald nach Zürich zu übersiedeln, wo er in dem Arbeiter- bezirke Austersihl für seine Werktätige Hilfe ein reiches Ar- hcitsscld fand. Unermüdlich als Arzt tätig, fand er doch noch Zeit für schrift- stellcri.sche Arbeiten und eigene wissenschaftliche Forschungen. Diese Forschungen wurden ihm, noch che er sie vollenden konnte, zum Verhängnis. Bei seinen bakteriologischen' Arbeiten bist ihn eine in seinem Laboratorium mit Streptokokken geimpfte Maus, und infolge dieses Bisses starb er an Blutvergiftung. Ferdinand Simon war eine stille, in sich gekehrte Natur, die eine starke Scheu vor der Qeftentlichkeit hatte. Da ihm auch die cigciltlidhc Rednergabe versagt war, so trat er in der Ocffentlichkeit und in den politischen Kämpfen nicht hervor, und doch lebte seine Seele mit in diesen Kämpfen, und jeder Fortschritt auf dem Vor- toirtSgange des Proletariats erfreute seine Käinpfcmatur. Denn ein Kämpfer für die Menschheit war Ferdinand Simon trotz des stillen, zurückgezogenen Lebens im Kreise seiner Familie. Jetzt hat ein tragisches Schicksal den zähen, kräftigen Mann init einem Schlage gefällt. Für seine Frau, seinen Sohn und für seinen Schwiegervater August Bebel, der mit zärtlicher Liebe an ihm wie an einem wirklichen Sohne hing, bedeutet dieser Tod einen unersetzlichen Verlust, der sie tief ins Innerste trifft. Sozialistische BlindeulUcratur. Von der„Neuen Zeit". Organ zur Pflege sozialistischer Welt- anschauuiig unter den Blinden deutscher Zunge,.ist die Nummer 2 des 3. Jahrganges erschienen. Das Hefl hat folgenden Inhalt: Weltanschauung. Von A. Pannekoek. lSchlust). Wie enlsland unsere Erde' Von M. H. Baege. t�chlust.) Multulati. Von M. W.(Schlust.) Ja, es ist ein mächtiges Tage». Bon A. F. v, Schock. Lescsrüchte. Aus der Gegenwart. Die bevorstehenden Rei-4;.wg-Zwahlen. Blinden- lvesen.— Das Blatt, das in Braillescher Kurzschrift gedruckt wird, kostet bei sechsmaligem Erscheinen jährlich 3,69 M. für Deutschland und Ocsterrrich-Uiigarn und 4,ö0 M. für die übrigen Staaten. Anfragen und Bestellungen find an A. Mendt, Berlin dl. 39, Sprengelsir. 1 zu richten. Die Zeitschrift wird nicht im Buchhandel vertrieben sondern kann nur durch obige Adresse bezogen werden. Die Parteigenossen werden gebeten, die ihnen bekannten Blinden auf das Organ auf- merlsam zu machen._ polizeiUcb», Lcricbllicbes uftv. Das Handwerkszeug der Zcntrumsprcssc vor Gericht. DaS führende Zentrmnsorgan Württembergs, das„Deutsche l k s b l a t l" in Stuttgart Halle anfangs 1919 die Behauptung Fgestellt, das Stuttgarter Parteiblatt„Schwöb. T a g w a cki t" de von dein Zeitpunkt an die Kritik an den Anstellungs« und Ge- ltsverhältnisscn_ des Personals des Allgem. Deutschen Versiche- lungSvereinS in Stuttgart eingeftellr. an dein dieser Verein aus Be- reiben seines Generaldirektors Malt dem Gewerkschastshanse eine zweite Hypothek bewilligt habe. Unser Stuttgarter Parteiorgan a»t- iwolieie in einem gepfesterlen Artikel unter der Ueberfchrist:„Christ' liche Verleumder." Am Schlust des Artikels wurde mitgeteilt, dast dem Zentrumsblatt Gelegenheit gegeben werden solle, seine schwere Beschuldigung ail geeigneter Stelle zu beweisen. Infolge allerlei Umstände kam der von den Redaklenren der.Tagwacht' W c st- m e y e r und Keil gegen den Redakteur des ultramontanen Blattes, Pfarrer Steinhauser, angestrengte Leleidigungsprozest erst »n Mittwoch, den 3. Januar, vor sein Schöffengericht Stuttgart zur audlung. Der augeklagte Redakteur, der luittlerweile wieder Pfarramt übernommen bat, fehlte entschuldigt, ebenso Redakteur eil. Der Anwalt des Angeklagten machte geltend, der Vorwurf der estechllilg richte sich gar nicht gegen die beiden Kläger. Sein Mandant sei bereit, den beiden Redakteuren der„Tagwacht" eine Ehrenerklärung zu geben. Darauf liest sich der klagende Teil nicht ein: die schwere Beschuldigung müsse unverblümt und uneingeschränkt zurückgenommen werden. Der Beklagte stellte die Gegenforderung, dast dann aber auch die persönlich beleidigenden Ausdrücke im Aulwortartikel der„Tagwacht" zurückgenommen werden müstten. Aach längerer Verhandlung kam dann ein Attgleich zustande, dem- zufolge der angeklagte Redakteur Pfarrer Stein- haus er erklärt, die Beschuldigung nicht aufrecht erhalten zu können. Er übernimmt die Gerichts- losten und verpflichtet sich zur Veröffentlichung des Vergleiches in de»n Blatte, indem er die Be- schuldigung erhoben hat. Die Kläger nehmen die persönlich beleidigenden Wendungen im Artikel der„�.agwacht" zurück. Jeder Teil trägt die eigenen Kosten. Damit ist eine Beschuldigung gegen die sozialdemokratische Presse, die seinerzeit von den ZentrumSblättern eifrig kolportier! wurde, wieder einmal abgetan. Ob diese Presse anstandig genug sein wird, nun auch über den Ausgang des Prozesses zu berichten, bleibt abzuwarten.___ Die gefährliche»„Glühlichter". Gegen die Buchhandlung„Volköstimme". Frankfurt a. Tl., war lucgeii der AuShängung einer Nummer der Wiener„Glühlichtcr" mit stncm Wilhelm II. verherrlichenden Bilde:„Wenns schief geht' fn Verfahren eingeleitet worden. Die Franlsurter Strafkammer er- ckte zwar eine M a j e st ä t S b e I e i d i g u n g in dem Bilde, sie be- ügte sich aber mit oem Beschlust, die Bilderseiten der betreffenden rmnier der„Öiiühlichter" unbrauchbar zu machen, von der lMr s ö n l i ch e n Verfolgung der Verbreiter des»staatsgesährlichen" 'tzblattcS wurde Abstand genommen. Gewevksckaftlickes. Vichts als Maklmanöver. Zu den Wahlmanövern der Ordnungsstützcn gehören die blöden Erzählungen von Arbeitern, die reich ge- •ix sind, weil sie nie streikten und keine Gewerkichasts- I und Parteibeträge bezahlten. Solche Mache ist für die ganz Dummen berechnet, denen kein blasser Schimmer von den wirtschaftlichen Verhältnissen eigen ist. Unter den Vermögens- steuerzensiten in Preußen, die ihr Vermögen von rund K-! Milliarden Mark im Jahre löstä auf rund!>2 Milliarden Mark im Jahre 1908 erhöhten, also pro Jahr über 2000000000 M. ersparten, ist natürlich keiner, der GeWerk- schastsbeiträgc bezahlte oder gar gestreikt hätte; die arbeiten überhaupt nicht! Sie»lachen ihre Ersparungen ans den nicht bezahlten Arbeiterlöhnen und der Lebensmittelwucherei. Doch auch Arbeiter sollen durch Sparen reich werden könneil! Das glaubt zwar kein vernünftiger Mensch, aber wir wollen doch einmal kurz auf den Schwindel eingehen. Jetzt macht nämlich die. von uns schon charakterisierte, erfundene Ge- schichte eines Bergarbeiters die Runde durch die Vcrblödungs- prcjse, in der erzählt wird, der Mann— der nie organisiert war— Nabe in 15 Jahren 4 413 M. durch Verbandssteuern und Streiks eingebüßt. Rechnet man mit einem durchschnitt- lichen Wochcnbeitrag von 40 Pf.— früher war der Beitrag geringer—. dann hätte der Mann, angenommen' sein Märchen sei kein Märchen, in 15 Jahren 3 1 2 M. Beiträge gezahlt. Es blieben mithin für Ausfall durch Streiks noch 4101 M. Unterstellen wir einen Tagelohn von 5 M.» dann hätte der Mann in den 1 5 Jahren 820 Tage oder 2 Jahre 4 Monate ge st reift, vorausgesetzt, daß er gar keine Unterstützung bekommen hätte. Da aber bei Streiks min- bestens die Hälfte des ausfallenden Lohnes an Unter- stützungen gezahlt werden, würde dieses Musterexemplar also 4 Jahre und 4 Monate gestreikt haben! Der Bergmann je- doch, der alle Streiks im Bergbau mitgemacht hätte, würde aber noch reine 8 Monate zusanimen bekommen. So sieht es mit der Rechnung des Märchenerzählers aus. Nun geht aber weiter die ganze Argumentation von der absurden Annahme aus, es läge im Belieben der Arbeiter, jeden Tag zu schaffen. Das ist Unsinn! Selbst in der flottesten Konjunktur gibt es immer noch Arbeitslose. So hatten nach dem letzten Ausweis im„Reichsarbertsblatt" die mit Unterstützungscinrichtungen versehenen Gewerkschaften Ende Oktober 1911, also in einer Zeit des größten Begehres nach Arbeitskräften, pro 1000 Mitglieder 15 Arbeits- lose! Bei insgesamt 2 Millionen Mitglieder wurden 31288 Arbeitslose gezählt! In Krisenzeiten geht die Zahl der unfreiwillig Feiernden bis auf das Zehnfache und höher hinauf! Und bei den Nichtorganisierten und Saison- arbeitern ist die Arbeitslosigkeit noch viel größer. Aber nicht nur durch Arbeitsmangel werden Arbeiter beschäftigungslos. sondern auch durch Aussperrungen. Kürzlich noch in Berlin warf das Unternehmertum viele Tausende Metallarbeiter auf das Pflaster, weil ein paar Hundert Former Lohnforderungen erhoben hatten. Nach den amtlichen Berichten in den„Vierteljahreshestcu zur Sta tistik des Deutschen Reiches" sind allein im dritten Quartal vorigeü Jährcs 20174 Arbeiter ausgesperrt gewesen, im Jahre 1910 waren es sogar 25 835. Wie steht es mit der Sparerei dieser Leute aus? Die Geschichten von den durch Sparen reich gewordenen Arbeitern zeugen von einer grenzenlosen Mißachtung der Ausgebeuteten. Mag ein bezahlter Unternchmerskribent den blühenden Unsinn glauben, den er den Lesern vorsetzt, ein Arbeiter, der nur einigermaßen rechnen kann, merkt, daß man frech schwindelt. Aber die Unternehmerknechte halten den Arbeiter für dumm genug, daß er jeden Schwindel für bare Münze nehme.. Am 12. Januar werden die Arbeiter über die beleidigende Zumutung quittieren. Berlin und Qmgegenck. Achtung! Lithographen und Steindrucker i Der bekannte Schreibergehilfe Lucyterhand aus dein Schutz- verbands-Hauptburcau sucht iu deu bürgerlichen Zeitungen Berlins Nichtorganisierte Litbographen undSteindrucker. Da der Herr bisher auch für Leipzig und Gera die Streik- brechervermittelung betrieben hatte, sei vor diesen Annoncen gewarnt. Die Ortsverwaltung der Filialen l und III. Zur Lage der Zigarrenarbciter in Grotz-Bcrlin. Alle diejenigen Firmen, die sich mit Klauen und Zähnen gegen jede Tarifierung ihrer Lohnverhältnisse den Arbeitern und ihrer Organisation gegenüber wehren, kommen jetzt bvS ins Gedränge. Massenhaft häufen sich die Fälle, Ivo diesen Leuten seitens ihrer Kundschaft eben ans diesem Grunde der Stuhl vor die Tür gesetzt wird. Mit allen Mitteln, erlaubten wie unerlaubten, suchen sie nun die Felle, die ihnen fortzuschwimmen drohen, festzuhalten. Den Kunden sagten sie sonst:„Bei uns ist uieniand aus- gesperrt", oder:„Bei uns ist alles in Ordnung' und glaubten dadurch ruhig weiter ihre Zigarren verkaufen zu können. Die Kundschaft aber, klug geworden durch dergleichen schon öfter geübte Manöver, fragt nach dem Tarif und läßt sich nicht mehr irritieren. Massenhaft mehren sich die Anfragen über Firmen bezw. über deren Standpunkt in der Tarifbewegung der Zigarrenarbeitcr. Das Verlangen nach den grünen BewilligungSpIakalen ist sehr erklärlicher Weise ein sehr reges. Ein drastischer Beweis für die Wirksamkeit diescS KontrollinitielS. Mir den Plakatnachahmungen find die betreffenden Schlaumeier ebenfalls hereingefallen. Die Käufer haben diese Täuschung«- versuche durchschaut und sich mit Entrüstung von den Fälschern ab- gewandt. Es bleibt eben dabei: Kein Tarif, keine Einigung, keine grünen Plakate. Die Intervention des Raucherpublikums von Berlin hat also gewirkt urrd wirkt noch. Arbeiter. Parteigenossen! Fragt bei Euren Zigarren- einkäufen nach den grünen Plakaten, unterschrieben Alwin Schulze, und beachtet die Veröffentlichungen im.Vorwärts'. Oeutkebes Reich. Streik der Schiffszimmerer. In Havelberg find die Schiffs- zimmerer von den Werftbesitzern Stutzer. Grabert uud Marks am 39. Dezember nun doch aufs Pflaster gesetzt worden, weil sie sich weiaerteii, den: Verlangen der Unternehmer entsprechend, für 1 Jahr auf iede Lohnforderung zu verzichten. Wer die Unter- Zeichnung des Schriftstückes ablehnte, war gekündigt, und so ist die Entlassung aller Schiffszimmerer mit Ausnahme weniger älterer Personen denn auch prompt erfolgt. Die Herren Stutzer, Grabert und Marks werden unter diesen Umständen ivohl ihre viele Arbeit allein fertigmachen müssen.— Vor Zuzug wird gewarnt. Der Streik in G l o g a u ist mit vollem Erfolg für die Streikenden beendet._ Zum Kampf im deutschen Gteiudruckgewerbe. Der Kampf der Lithographen und Steindrucker wird noch immer mit aller Heftigkeit weitergeführt. Er nahm bekanntlich seinen Ausgangspunkt am 23. September in Leipzig, wo 1199 Ge- Hilfen wegen vollständiger Ablehnung ihrer bescheidenen Forde- rungen in den Streit traten. Diesem Vorgehen ihrer Leipziger Kollegen schloffen sich die Lithographen und Steindruckcr seck>S anderer Städte an, worauf der Unternehmerschutzverband deutscher Stcindruckeveibesitzer am 39. September das beliebte Mittel aller Scharfmachcrvcrbändc anwendete und die Aus- sperrung aller organisierten Gehilfen verfügte, die in Betrieben arbeiten, die dem Unternehmerschutzverband angeschloffen sind. Insgesamt befinden sich seit dieser Zeit in 48 Städten Deutschlands rund 4699 Gehilfen im Streik bezw. Aussperrung. Die verschiedentlich geführten Verhandlungen zwischen dem Untcrnchincrschutzverbaud und dem Gehilfcnverband der Litho- graphen, Steindruckcr uud verwandten Berufe haben noch zu keiner Einigung geführt. Sie sind stets au dem ersten Punkt der auf- gestellten Forderungen,„'Arbeitszeit" gescheitert.— Während die «teindruckergehilfcn eine Arbeitszeit von S1 Stunden pro Woche fordern, will der Unternehmersckutzverband sogar die jetzt be- stehende Arbeitszeit teilweise verlängern. Er will eine effektive wöchentliche Arbeitszeit von 53 Stunden festgelegt wigen. Ein- und Auslaufen, An- und'Auskleiden, Waschen usw. soll in Zu- kuuft außerhalb der Arbeitszeit geschehen. Außerdem sollen Kon- trollapparatc und ähnliche Einrichtungcu eingeführt werden. Der Prinzipal foll das Recht haben, eine bis jetzt jahrelang bestandene kürzere ArbeitSzeik auf 53 Stunden effektiv zu erhöhen. Tie Unternehmer berufen sich hierbei auf die Buchdrucker, die dieses iu ihrem neuen Tarif festgelegt haben. Da solches aber für viele Steindruckergehilfcn bedeutende Verschlechterungen darstellen würde, mußten die Gehilfenvertreter bei den VerHand- hingen diese sonderbare Zumutung der Unternehmervertretcr ab- lehnen. Von diesem„Aussperrungskomitee", wie sich dieser Unter- nchmerschutzverband richtiger nennen sollte, werden aber die Buch- druckcr nur dann als artige Kinder vorgeführt, wenn sich ein Vor- teil für die Unternehmer dabei aufstöbern läßt. Denn daß dieser Unternchmerschutzvcrband im Stcindruckgewerbe unter allen Um- ständen die Verhältnisse statt verbessern, verschlechtern will, geht zur Genüge auch daraus hervor, daß er den in den seitherigen Lohn- und Arbeitsbedingungen stehenden Satz, daß„bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen unberührt bleiben", in Zukunft gestrichen wissen will, und daß sich die Unternehmer bis jetzt beharrlich ge- weigert haben, in die Beratung der übrigen Punkte der Gehilfen- sordcrungcn('Arbeitslohn-, Lehrlingsfrage usw.) einzutreten. Wie allgemein bei Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nchmern üblich ist, daß, wenn über einen Punkt keine Einigung erfolgt, dieser zurückgestellt und erst die übrigen Punkte beraten und dann die zurückgestellten Punkte in zweiter Lesung behandelt werden, so wünschten die Gchilsenvcrtretcr auch diese Geschäfts- führung, die sich überall gut bewährt hat. Doch die Untcrnehmcr» Vertreter verweigerten diese eigentlich ganz selbstverständliche Sache; erst müsse der Punkt„Arbeitszeit" nach ihrer Forum- lierung festgelegt werden. Und so glaubt dieser Untcrnehmerschutz- verband mit seinem diktatorischen Borgehen die Gehilfen klein zu kriegen. Diese aber stehen jetzt noch so einig und geschlossen im Kampfe wie am Anfang der Bewegung. Kein Mittel lassen die Unternehmer unversucht, um Uneinig- keit unter den Kämpfenden hervorzurufen. Es werden Flug- schriften, Briefe und das Unternehmcrorgan an die Gehilfen ver- sandt. Denjenigen, die sich zur Verfügung stellen und die gemein- same Sache verraten wollen, werden Entschädigungen für die Aus- sperrzeit versprochen, ferner Weihnachtsgratifikationen, hohe Löhne, langjährige Kontrakte usw. Jedoch hat nur in ganz vereinzelten Fällen das Judaskaufcn der Unternehmer Erfolg gehabt. Ein- mutig haben die Ausgesperrten in allen Städten beschlossen, diesen Zumutungen der Unternehmer gegenüber den aufgezwungenen Kampf bis zum äußersten weiter zu führen.— Anläßlich des Weihnachtsfcstcs und des Ouartakswcchscls wurde denn auch für sie etwas übriges getan. Ucbcrall wurden gut verlaufene Weih- nachtLfcicrn veranstaltet; die ledigen Kämpfenden erhielten außer ihrer laufenden Wochcnnnterslützuug 5 M. Weihnachtsgeschenk, die verheirateten 19 M. und für jedes Kind 1 M. extra, letztere erhielten außerdem noch Geschenke. Die Mittel hierzu— zirka 59 999 M.— wurden von den ig Arbeit befindlichen Berufskollegen aufgebracht, die selbst die Anregung zur freiwilligen Sammlung gaben. Die Beitrüge hierzu gingen sehr gut ein; so wurden z. B. in einer Firma mit 76 Gehilfen 557 M., also beinahe 8 M. pro Mann gestiftet. Damit auch die Ausgesperrten bei der Mietzahlung am 1. Januar eine kleine Beihilfe haben, bekamen sie eine Mict- entschädigung, und zwar die Ledigen 6 M. und die Verheirateten 15 M., was auch einer Gesamtausgabe von zirka 57 999 M. gleich- kommt. So hat also der Gehilfenverband alles getan, um das Los der Ausgesperrten erträglich zu machen. Die Hoffnungen, bie sich der Unternchmerschutzvcrband auf das Weihnachtsfest und die mangelnde NeujahrZ miete setzte, sind daher eitel zu Wasser ge- worden. Durch die Wcihnachtsspcirde und die Mictznschüsse hat sich die Stimmung der Ausgesperrten ganz bedeutend gehoben und sind sie einmütig gewillt, im Kampfe zu beharren, bis sie ein be- fricdigcndes Resultat erreicht haben.— Daß eine ganze Anzahl Steindruckereibesitzer Deutschlands ein anderes Urteil von der Sache hat, als die Vertreter des Untcrnehmerschutzvcrbandes im Steindeuckgewerbc, ist daraus zu ersehen, daß sich in Leipzig bereits 39 Firmen, darunter auch größere, mit der Gehilfenleitung ver- ständigt haben und die Wünsche der Gehilfen erfüllten. Ebenso fand eine Einigung mit' Firmen, darunter auch etlichen größeren in Berlin. Düsseldorf, Frankfurt a. M., Fürth, Hamburg. Hannover, Nürnberg, Ofsenbach und Stuttgart statt. Gegenwärtig werden von den Unternehmern und ihren Hand» langern Gerüchte verbreitet, daß die Aussperrung aufgehoben wird. Der Verband der Lithographen und Steindrucker hält es deshalb für angebracht zu enlären, daß selbst bei erfolgter Aufhebung der 'Aussperrung durch die Unternehmer der Kampf durch den Ver- band der Lithographen, Steindruckcr und verwandter Berufe bis zum siegreichen Ende weitergeführt wirt� Zur Bewegung der Buchdrnckerei-Hilfsarbeiter. In Halle a. S. und in München ist es zu neuen örtlichen Tarifen gekommen. In einer Anzahl anderer Städte, wie Stutt- gart. Karlsruhe, Mannheim, Straßburg, Nürnberg. Bremen, Hannover, Breslau und Königsberg sind Verhandlungen im Gange. In Leipzig ist die Lage dadurch eine recht verworrene geworden, daß die Unternehmer den getroffenen Vereinbarungen eine Aus- legung geben, nach der sie eigenmächtig den Tarif bestimmen. Husfond. Zentralisation der britischen Gewerkschafte». London. 2. Januar 1912.(Eig. Ber.) Seit dem Eisenbahnerstreik ist die Verschmelzung der vier größten Gewerkschaften der Eisenbahner viel diskutiert worden. Auch sind während der letzten paar Monate Schritte getan worden, um eine Verschmelzung der Organisationen herbeizuführen. Man kam anfangs jedoch zu keiner Einigung. Der Verband der Eisenbahn- angestellten(WmulAumateck Loeistv of Bailway Servants), der bei weitem die meisten Mitglieder zählt und alle Kategorien Eisenbahn- arbeiter aufnimmt, wünschte die Verschmelzung der bestehenden Organisationen herbeizuführen, während namentlich die Sondergewerkschaft der Lokomotivführer und Heizer für eine Föderation eintrat. Die Differenzen scheinen jetzt beseitigt zu sein.„Nie war die Zeit günstiger als heme", so heißt es indem Bericht des Ausschusses, den die Gewerkschaften zur Ausarbeitung eines Organisationsplans eingesetzt habe»,„um unsere Reihen zu schließen und gemeinsam gegen unsere Feinde, die Unorganisiertelt, bie Regierung und die Eisenbahngesellschaften, vorzugehen". Der Bericht wird einer für den 23. Januar nach Salford einberufenen Konserenz zur Annahme unterbreitet werden. Nach dem vorliegenden Orga- nisationSentivurf für den neuen allgemeinen Verband hat man die schwierige Personenfrage in der Weise gelöst, daß man olle Beamten der vier Gewerkschaften bei demselben Gehalt und mit denselben BeförderiuigSaussichten ans ihre Posten läßt. Die bestehenden Exekutivansichüsse sollen noch zwei Jahre unverändert beibehalten werden. Sie bilden zusammen die oberste Behörde des neuen Ver» bandcS, die alle Vierteljahr zu ciucr Sitzung zusammentritt. Die UiiterstützungSfrage ist in der Weise geregelt worden, daß alle Mitglieder der vier Organisationen für dieselben Beiträge dieselben Unterstützungen erhalte». Für Mitglieder, die dem Ber- bände nach der Verschmelzung beitreten, loerden besondere finanzielle Vorschläge gemacht. Die Beiträge schwanken zwischen 3 Pence (25 Pf.) und 1 Schilling(1 M.) die Woche. Dafür soll gezahlt werden an Arbeitslosenunterstützung bis zu 15 Schilling(15 M) für ungerechte SuSpendicrung vom Dienst bis zu 24 Schilling(24 M)' Streikimterftützung bis zu 12 Schilling(12 Tl.) und 2 Schilling(2 M) für jedes Kind; ferner Invaliden-, Kranken- und Gcmaßregelten- Unterstützung uud Sterbegeld. Die Verschmelzung der vier Gewcrk- schaften, die im Lause der Jahre immer vollständiger werden muß ist auch für die Eisenbahner insofern vorteilhaft, als es ihnen oe« stattet, sich nach den Bestimmungen des neuen Versicheruna«gesetzes zu einer großen, 189 999 Mitglieder umfassenden Krankenlasis zu kon. stituieren.___ 0 ««*•"«* 9m JLCIfcrtbtini W O.M.B.H Ccipzlfl tadeich er eler des PfandlrihhanS, Käftrincrpiatz 7, billigster Nhrenverkaus, goldene Keilen- verkauf, Doublce- Kettenverkaui, 20 jährige Garantie. Teppiche, Portieren, Paletots, Anzüge, Pelz- stolaS, Verschiedenes. 656JI* Fsdcrdctten. Stand 10,00, 15,00, 20,00, feinste Brautbetten, Wäsche, Gardinen, Decken. 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Soll sie so bewälttgt werden, wie das erforderlich ist, sind Zehntausende von Wahlhelfern er> forderlich: nicht nur am Wahltage, sondern in den uns noch vom 12. Januar trennenden Tagen. Unsere Gegner in Berlin beschränken sich darauf, den Schiverpunkt ihrer"Agitation auf die Kreise 1, 2 und 3 zu legen. Für uns sind andere Gesichts- punkte maßgebend. Wir bettachten die Wahlzeit als einen geeigneten Zeitpunkt, an große Kreise von Leuten heranzu- kommen, die dem öffentlichen Leben bisher indifferent gegenüber gestanden haben; auch sie für unsere Sache zu gewinnen, ist unsere Hauptaufgabe. Diese Aufgabe kann aber nur erfüllt werden, wenn die organi- sierten Parteigenossen sich samt und sonders in den Dienst der Agitation stellen. Wenn die Wahltteislettungen zur Flugblattverbreitung und anderen Parteiarbeiten auf- fordern, sollte kein organisierter Genosse fehlen. Als Ehren- Pflicht sollte es jeder Genosse bettachten, auch seine Kraft in den Dienst unserer großen Sache zu stellen. Ein Wettstreit sollte unter den Genossen entbrennen über die Beteiligung an der Agitattonsarbeit. Unsere Gegner in einzelnen Kreisen tragen sich mit großen Hoffnungen, sie rechnen auf Stimmen- zuwachS aus den verschiedensten Lagern und glauben, uns Mandate abnehmen zu können. Wir sind auf uns allein an- gewiesen, ivir freuen uns dessen. Wenn alle Genossen in den kommenden Tagen ihre Pflicht wn. wird der Erfolg nicht aus- bleiben. Deshalb Genossen: Heran zur Wahlarbeit l Syndikalisten und Reichstagstvahl. Die Eyndikalisten, die im Gewerkschaftskarlell Berlins und Um- gcgend vereinigt sind. eraSlen die bevorstehende Reichstagswahl als geeigneten Z-iipunkt, sich in empfehlende Erinnerung zu bringen. Sie haben ein Flugblatt:.An die Arbeiterschaft Deutschland« l" er- lassen, in dem sie sich als die einzigen, wahren Sozialisten feiern und auffordern, sich nicht an der Wahl zu beteiligen. Wenn es nicht anders gehe, dann sollten leere Stimmzettel in den Stimmkastenge- warfen werden. In einem Augenblick, in dem die Reaktion am Werke ist, das Koalmonsrechi der Arbeiter zu erdrosseln, die Ausübung durch schwere Strafen unmöglich zu machen, den Arbeitern den Rat zu geben, durch Wahlenthaltung sich ihrer Vertretung im Reichstage zu berauben, bedeutet ein geradezu selbstmörderisches Beginnen gegen die Interessen der Arbeiterklaffe. Besser kann der Realtion gar nicht in die Hände gearbeitet werden als durch da? Verhalten der > �''allsten. »Die einzigen, die der Sozialdemokratie noch standhalten können", das sind die Liberalenl So sagte es Herr M o m m s e n, der liberale Kandidat für den zweiten Reichs- ragswahlkreis Berlins, am Mittwoch in einer für ihn der- anstalteten öffentlichen Wählerversammlung. Die Liberalen wollen leisten, tcaS diejenigen Parteien, auf die die Regierung bisher sich verließ, nicht mehr zu leisten vermögen. Ein Dauun wollen sie sein gegenüber der vorwärts drangenden Sozialdemokratie, eine Sclmtzwehr für die bedrohte bürgerliche Gesellschaft. Und wenn die Liberalen diesen ersten Streich glücklich vollbracht haben, dann soll sogleich der r-r. citc folgen. Leisten wollen sie dann, was— wie sie behaupten— 2. WM to JotiDitte" Irtlinft WsIM Freitag. 5. Zannar 1912 Kletoce feuilleton. Die«lugopfer der letzten fünfzehn Jahre. Die tödlichen Un- fälle bei der Flugschiffahrt haben sich in den letzten Jahren außer- ordentlich vermehrt. Diese Tatsache ist aber selbstverständlich nicht darin begründet, daß der Kunstslug gefährlicher geworden ist, son- dern darin, daß die Häufigkeit seiner Ausübung um ein vielfaches gewachsen ist. Die deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt hat in ihrer letzten Ausgabe eine Zusammenstellung sämtlicher Flugopfer bis zum Ende des Jahre ISll veröffentlicht. Die recht lange Liste, die im ganzen l02 tödliche Unfälle umfaßt, beginnt mit Lilienthal, dem unvergeßlichen Pionier des Gleitflugs, der am S. August 1896 durch einen Windwirbel bei Berlin zu Boden fiel und üins Leben kam. Das zweite Opfer trat erst im Jahre 1899 ein und betraf den englischen Aviatiker Filchcr. Dann folgte eine lange Lücke bis zum Januar 1908, in dem der amerikanische Offizier Selfridgc durch Schraubcnbruch umkam. Im Jahre 1999 folgten dann drei, im Jahre KN9 achtundzwanzig und im Jahre 1911 79 tödliche Un- fälle von Fliegern. Entsprechend der führenden Stellung, die von den Franzosen in der Föroerung d>> Kunstflugs eingenommen worden ist, haben sie auch die meisten Verluste in diesem Beruf erlitten, jedoch steht Amerika ihnen nicht viel nach, und es gibt keinen lcoßstaat, wo nicht während der letzten beiden Jahre mehrere Flieger umS Leben gekommen wären. Besonders lehr- reich wird die Zusammenstellung dadurch, daß bei jedem Unfall an- gegeben ist, welche Art von Flugapparat benutzt wurde, welcher Ur- fache der Unfall zuzuschreiben war und aus welcher Höhe der Ab- stürz erfolgle. Tie Laune» des Windes nehmen unter den Ur- jachen nicht den Rang ein, den man vermuten sollte. Auch Bcschä- digungcn des Apparats und Explosionen zeigen kein auffälliges Ib.oergewicht. Am häufigsten scheint daZ Versagen des Fliegers selbst das verhängnisvolle Moment gebildet zu haben. Allerdings booen dabei vermutlich besondere Einflüsse mitgewirkt wie Hitze, Dunkelheit, Begegnung von Hindernissen, aber auch mangclhaftc Beherrschung des Apparats, namentlich beim Landen. Was das Glücksspiel abwirft. Bei der jüngsten Debatte in der französij.i en Kammer lenkte ein Abgeordneter die Ausmerk» samkeit der Regierung auf dir irahrhast märäwnhaften Gewinne, •Me die vom Siaaie autorisierten Spiclpächter in den französischen Badeorten erzielen. Im Kasino von Enghien hat man im vergangenen Jahre in der Zeit vom 1. April bis zum 89. Oktober. also in sieben Monaten, einen Reingewinn von nicht weniger als 5 429 012, v. er sielt; in Nizza belies sich der Verdienst der Spiel- Pachter aus 7 409 999 Fr., und in den Spielsäle» von Trouvillc schloß man mit einem Verdienste von 2 225 000 Fr. ab. Dement- sprechend hoch sind auch die Einnahmen der CfroupierS(Spiel- meiste», die durch Geschenke von Spielern nach wenigen Jahren rciä'e Leute werden können. Tie Croupiers von Enghien laben im Jahre 1911 zusammen 1787 999 Fr. eingenommen,-zum größten Teile„Trinkgelder" reicher Spieler. Ter Obercroupier hat für sich alleiy Lb82ö Fr. vcroicnt, vier andere Croupiers 59 999, dm 40 000, zebir 80 000, fünfzehn 20 000 und sechsundzwanzig unter- geocdnete Beamte- der Spielsäle je 19 999 Fr. Wenn man in Be-! die Sozialdemokratie zu leisten nicht vermag. Als einen Damm wollen sie dann auch der Reaktion sich entgegen» werfen, eine Schutzwehr wollen sie sein für die bedrohten Kulturinteressen des deutschen Volkes. Denn auch gegenüber der Reaktion sind die Liberalen„die einzigen, die noch standhalten können",— sagte Herr Mommscn. Man sieht, der Liberalismus löst auf eine geniale Art die schwierige Ausgabe, den„Kampf gegen rechts" zu führen, den auch von ihm jetzt die Wähler fordern. Glaubt Herr Mommsen selber, daß die Rechnung stimmen wird? Er sprach die Hoffnung aus, daß die Wahlen dazu führen werden, im Reichstag die Linke zu einer ausschlag- gebenden Macht werdengu lassen. Aber deutlich genug ließ er merken, daß auch er von diesen Wahlen vor allem einen kräftigen und erfolgreichen Vorstoß der Sozialdemokratie erwartet und— fürchtet. Schon zerbrach der liberale Durchfalls- kaudidat sich den Kopf darüber, was dann die Sozialdemokratie im Reichstag zu tun haben werde. Sie werde sich auf das Erreich- l>are beschränken müssen, predigte er. Auch von dem, was die Liberalen im nächsten Reichstag zu tun gedenken, verriet er einiges. Neuen Rüstungen werden sie zustimmen, aber nur dann, wenn„die Kosten in einer Weise gedeckt werden, die den liberalen Grundsätzen entspricht". Herr Mommsen ver- sicherte, man werde nur zulassen, daß die Kosten von den Be- sitzenden getragen werden. Am Ende soll einer glauben, daS fei„liberaler Grundsatz"? Hinterher erzählte Herr Mommsen etwas von einem„Abbau der indirekten Steuern", mit dem ein Anfang gemacht werden solle. Heber die Bereitwilligkeit, mit der noch in den Verhandlungen über die Reichsfinanzresorm die Männer der„liberalen Grundsätze" dem deutschen Volk neue 499 Millionen Mark indirekter Steuern hatten aufpacken wollen, glitt der Kandidat der Liberalen diesmal still hinweg. Desto lauter betonte er, daß besagter„Abbau" nuv„ganz allmählich" erfolgen könne. Wie weit der„Abbau" gehen soll, sagte er nicht. Nur daS bekannte er offen, daß auch der Liberalismus auf indirekte Steuern nicht gänzlich verzichten zu können meint. Amüsant war e», zu hören, mit welchem Eifer dieser Aus- erkorene der Liberalen, die den„Kampf gegen rechts" mit einem Kampf gegen links beginnen, nacheinander um die Gunst erst der Beamten und dann auch der Arbeiter warb. Bei den B e- amten dürfe, so sagt er, der Liberalismus diesmal wohl auf Unterstützung rechnen, anders aber liege die Sache bei den Ar- b e i t e r n. Seinen Verdruß über das Klassenbewußtsein der Ar- beiterklasse, die von den Liberalen, der Sckmtztruppe des Kapitals, längst nichts mehr hält, verbarg Herr Mommsen hinter einer Schimpferei über angeblichen Terrorismus. Auch versuchte er, die Bezeichnung„Proletarier" hinzustellen als eine„Schmach" für die Arbeiter, als eine„Bcsckmutzung" der Anhänger der Sozialdemo- kratie. In einem persönlichen Angriff aus unseren Genossen Richard Fischer, den Kandidaten der Sozialdemo- kratie im zweiten Neichstagswahlkreis, erboste Herr Mommsen sich darüber, daß die sozialdemokratischen Flugblätter immer wieder die„Volksfreundlichkeit" der Liberalen in das rechte Licht rücken. Er prophezeite, die Zeit werde doch noch einmal kommen, wv die Arbeiter mit den Arbeitgebern zusammengehen und vom Liberalismus als ihrem«besten Freund" das Heil erwarten. Vor Herrn Mommsen hatte in einem langatmigen Referat der Professor Dr. Cauer. der im vierten ReicbstagSwahlkreiS Berlins die Nolle eines Durchfallskandidaten der Liberalen über- nommen hat, die Haltung des Liberalismus bei der R e i ch s f i n a» z r e f o r m zu verteidigen gesucht. Dem konser- vativ-liberalen Block, der so rasch in die Brüche ging, weinte er eine stille Träne nach In einer Polemik gegen die Demokratische Vereinigung beteuerte er, daß die Liberalen, indem sie die be- kannten 499 Millionen indirekter Steuern bewilligen wollten, gegen keinen Punkt des liberalen Pro- g r a m m s verstießen. Kein Verständiger werde glauben, daß ein Staat ohne indirekte Steuern auskommen könne. Dieser Liberale wollte einen Unterschied gemacht wissen zwischen Steuern auf Nahrungsmitteln und Steuern auf Genußmittel, wobei er als Beispiele für Genußmittel das Bier und den Tabak anführte. Ihm gilt offenbar die Verteuerung von Bier und Tabak als libe- ralcs Programm. tracht zieht, daß diese Summen in nur sieben Monaten ein- genommen worden sind, so ergibt sich, daß ein Croupier der staat- lich konzessionierten Spielhölle im Monat mehr verdient als ein französischer Minister. Die Regierung und die Kammer haben daraufhin auch beschlossen, die Spielhöllen nicht etwa aufzuheben,— sondern zum Wohle des Staatssäckels stärker zu be- steuern. Die größte Entfernung im Weltraum ist die Entfernung der Hyadensterne von uns. die jetzt abends in günstiger Stellung über dem Horizont stehen. Die Hyaden gehören wie die Plejaden(das sogenannte Siebengestirn) zu der Sterngruppe deS Stieres, dessen Hauptstern Aldebaran ist, ein Stern erster Größe. Die ganze Kon- stellation steht westlich vom Orion und geht� diesem in seinem tag- lichen Laufe über die HimnielSspbäre vorauf. DaS Studium der Bewegungen der Hyadensterne durch Lewis Boß hat ergeben, daß sich die einzelnen Glieder dieses Sternbildes einander zu nähern scheinen. Zeichnet man sich die scheinbaren Be- wegungen dieser Stern aus, wie man sie von der Erde aus gemessen hat. so ergeben sich ganz de? sich aus einander zustrebende Linien, sie steuern alle auf einen g-v..einsamen Zielpunkt loS. Man darf daraus nicht folgern, daß fC vas wirklich tun, denn eS gibt auch noch andere Möglichkeiten. ese Feststellungen zu erklären. DaS Ganze ist nur eine perspek.ivisckie Erscheinung. Nur weil fich die Hyadensterne stark von uns wegdewegen, sehen wir die Erscheinung in dieser Weise. In diesem Fall haben wir drei BestimmungSstücke. die Bewegung quer zu unserer Blickrictitung. die Bewegung im Seh- strahl und den Fluchipunkt der Bewegung. Danach läßt sich die Bewegung und die Entfernung in bezug auf die Sonne bestimmen. Es ergibt sich, daß sich die Hyadensterne in jeder Sekunde von uns 49 Kilometer entfernen. Die Ouerbewegung beträgt 29 Kilometer in der Sekunde. Als Entfernung der Hyaden von uns ergibt sich eine Strecke von 129 Lichtjahren, das heißt eine Strecke, die das Licht innerhalb 129 Jahren zurücklegt. Im Kilometermaß ge- messen mackit das nicht weniger als 114 Billionen Kilometer aus I DaS ist die größte zahlenmäßig festgestellte Entfernung im Welträume. Theater. VolLSvvrlstcllungcii der Bühnengenossen- schuft. AlS das Präsidium der Genossenschaft mit dem Plan hervortrat, regelmäßig in verschiedenen Stadtvierteln Schauspiel- aufsührungen zu veranstalten, um dadurch engagementslosen Künstlern eine bescheidene Existenz zu verschaffen, da wurden sofort Stimmen laut, die entweder die Realisierbarkeit dieser offensicht- lich sozialwirts'chastlichen Unternehmung bezweifelten oder gar in ihr eine Art.Schmutzkonkurrenz" gegenüber den festen kapitalisti- scheu Theaterm erblicken wollten. Mit dem neuen Jahr haben nun gleichzettig in sechs großen Sälen Vorstellungen begonnen; und zwar unter reger Beteiligung dcö weniger bemittelten Publikums. Hiermit tritt' die Schciuspielerschaft zum ersten Male mit einem Akt praktischer Selbsthilfe hervor, der ungewollt, doch natur- notwendig auf die theatcrkapjtalistischen Unternehmungen ein- wirken wird. Die P r o l e t a r i s i e r u ng der Bühnenkünstler greift ja immer weiter um jich; sie werden so von selbst in eine rein gewerkschaftliche Koalition hineingedrängt. Dies Die D i s k u s s i o n. die den beiden Referaten folgte, wurde eingeleitet mit der bei den Liberalen üblichen Beschränkung der Redezeit. Aber die Furcht vor Gegnern, die diesen Beschluß diktierte, war unnötig. Versucht wurden nur ein paar nicht sehr glückliche Anläufe zu einer Diskussion, wobei auch ein anscheinenö zur Demokratischen Vereinigung gehörender Redner sich beteiligte, um die Liberalen zu belehren, daß sie von der Arbeiterklasse nichts mehr zu hoffen haben. Von Sozialdemokraten waren nur wenige in der Versammlung zugegen, und erfreulicherweise tat keiner unserer Genossen den Liberalen den Gefallen, sie allzu ernst zu nehmen und über ihre Angriffe sich aufzuregen. Die Versammlung war übrigens, gegen die Gewohnheit der Liberalen, angekündigt worden nicht als„liberale", sondern als „öffentliche" Wählerversammlung. In der„Freisinnigen Zeitung" las man eine offizielle Einladung, die ausdrücklich hinzufügte: „Die Anwesenheit sämtlicher Wähler des Wahl- kreises ist crwünsch t." Erwünscht ist den Veranstalteri» liberaler Versammlungen vor allem die Anwesenheit von Sozial- demokraten, damit durch diese erst Leben in die Versamm- lungcn kommt und dann die liberalen Klopffechter als schneidige Sozialistenvernichter glänzen können. Die ungewöhnliche Form der Einladung hat den Liberalen nichts genützt: die Versammlung vom Mittwoch brachte ihnen die verdiente Enttäuschung. Herr Mommsen, der Kandidat der„einzigen, die der Sogictl- demokratie noch standhalten können", bat zum Schluß noch einmal um die Stimmen der„Arbeiter, für die er oft eingetreten" sei. der„Minderbemittelten, die sich nicht selber helfen können". Er. der Direktor einer Großbank, der Helfershelfer des Großkapitals! Die Wählerschaft der minderbemittelten Bevölkerung des zweiten Reichstagswahlkreiseö wird diesem Kandidaten der Liberalen die richtige Antwort geben, indem sie für den Kandidaten der Sozialdemokratie stimmt und zu ihrem Vertreter den bisherigen Abgeordneten Ge- nossen Richard Fischer wählt. » Erster Wahlkreis. Im„Schuhmacher- JnnungS, Hans", Fischerstr. 25. waren am Mittwoch Männer und Frauen! in großer Anzahl erschienen, um den Worten des Stadtverordneten Waldeck Mauas se zu lauschen, der in eindringlicher Weise den erschienenen Wählern die Sünden der gegnerischen Parteien, insbesondere des Freisinns, schilderte und dann eingehend die Ziele und Wege der Sozialdemokratie darlegte. Mit einem flammenden Appell an die Wähler, nach den fünfjährigen Missetaten der Mehr- heitspartcien am 12. Januar ihre Stimme dieser großen Kultur- Partei zu geben und dem Ausspruch Huttens:„Es ist eine Luft, zu kämpfen und zu leben!" schloß Redner seine außerordentlich eindrucksvollen Ausführungen unter dem begeisterten Beifall der Anwesenden.— Der Vorsitzende, Genosse Schwabedal, er- gänzte die Rede Manasses noch wirksam durch treffende Bei- spiele aus dem praktischen Leben und unterzog das Verhalten des Freisinns einer gebührenden Würdigung. Schon heute wehe über diesem Kommunalüezirk die rote Flagge, und zwar sei dies erreicht worden, was besonders zu beachten sei, unter einem indirekten und öffentlichen Wahlrecht.— In der Diskussion sprach dann noch Genossin Rüben, die dem Referenten ihren persönlichen Dank aussprach, daß er sich in so warmen Worten der Frauen ange- nommen habe. Die liberalen Frauen priesen zwar die freisinnigen Kandidaten an, gdächtcn aber mit keinem Worte des Kandidaten Düwell, der in seiner mehrjährigen Tätigkeit am„Vorwärts" nicht nur für die sozialdemokratischen Frauen, sondern für die gesamte Frauenwelt Deuffchlands Hervorragendes zu ihrer Auf- klärung und zu» politischen Schulung geleistet habe. Nur einer Aeußerung des Referenten, daß es seiner Meinung nach nichts schadete, wenn die Frauen eine gewisse Zeit in Kranken- und anderen gemeinnützigen Anstalten ansgebildet würden, könne sio nicht zustimmen. Die Frau leiste dem Staate schon heute Großes als Mutter und Erzieherin der neuen Generationen, ohne Kriegs- spielerei.— In seinen- Schlußwort ging der Referent auf die Aus- führungen von Frau Rüben ein, indem er betonte, baß er bei seiner Aeußerung natürlich nicht an eine kriegsmäßige Ausbildung der Frau gedacht habe, sondern nur an eine besser« Ausbildung gegenüber den Anforderungen deS Lebens, und deshalb auch mit der Rcdncrin vollkommen einig sei. Er prieL dann mit begeisterten Worten den Wert einer braven, guten Mutter und Lebens» um so energischer, seit ein hoher Prozentsatz wirklich leistungZ. fähiger Kräfte mit dem großen Heere gleiche Not zu leiden hat. Der jetzt dom VerwaltungSrat der Genossenschaft gewagte Schritt ist darum in mehr als einer Hinsicht gutzuheißen. Zunächst werden nur wirklich erprobte Leute, die achtbare künstlerische Tätigkeit aufzuweisen haben, herangezogen. Die Bezeichnung„Volks- Vorstellung" besagt weiter den Zweck, dem man dienen will. Weniger bemittelten Volksschichten sollen für billiges Eintritts- geld Dramen in guten Aufführungen vermittelt werden. Daß bürgerliche Kreise auf ihre kostspieligen Genüsse in unseren„ersten" oder„feineren" Theatern verzichten werden, ist ja ausgeschlossen. Gewinn trägt also nur die ärmere Klasse, die ja sowieso vom Besuch der teuren Theater ausgeschaltet ist. Dieser Gewinn kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Den vielen dilettantischen Theatervereinen das Wasser abzugraben, scheinen die Volks- Vorstellungen so recht berufen zu sein. Jedwede Zlbsicht aber auf Demokratisierung der Bühne und ihrer Künstler muß die Demokratisierung der gesamten.Kunst fördersam beschleunigen. WaS nun die ersten Vorstellungen angeht, so lieferten zwek. bei denen wir zugegen sein konnten, den Beweis, daß mit Talent, Fleiß und Liebe gearbeitet wird. In O t t o E r n st s Schulmeister» komödie„Flachsmann als Erzieher"(Theater: Alt- Berlin. Blumenstr. 10) gab Otto R e m be als Jan Flemming eine schauspielerisch kräftige Leistung; Paul Herbig einen charakterischen Flachsmann und Ed ina Vogel eine liebliche Gisa Holm. Hermann SudermannS„Glück im Winkel"(Mörners Festsäle. Koppenstr. 29) wurde ganz vorzüglich aufgeführt. Fritz Alten(Baron Röcknitz), Rudolf Biebrach(Rektor Wiedemann), Gertrud Richter(Elisa- beth) sind als ausgezeichnet zu benennen. Das dekorative Element tritt hinter die schauspielerische Leistung zurück; und da zeigt sich, ob einer was kann._ e. k. Notizen. — Tolstois nachgelassenes Drama„Und BaS Licht scheint in der Finsternis..." wird in der Uebersetzung von August Scholz im Kleinen Theater aufgeführt werden. — Th ea t er chron i k. Im B e l l e- Al li a n c etheater beginnt die Hamletvorstellung mit Ferdinand Bonn am Sonnabend um 811 Uhr, die Sonntagsvorstellung„Sherlock Holme»" dagegen um 8 Uhr. — Fridtjof Nansen wird im Januar ein vortragSreise durch Deutschland veranstalten, auf der er zuerst Berlin berühren wird. Er spricht hier am 21. Januar in der Singakademie über„Die Entdeckung Amerikas durch die Norweger und die Sagas von Vinland". — Der schlechte Stil. Einen wie schlechten Stil die Deutschen schreiben, beweift der Erfolg eines Buches, das die mamiigfachen Stilgebrcchen, insbesondere die Frcmdwörterei, be- kämpfen und heilen will. Eduard Engels„Deuffche Stilkunst", die im Verlag von G. Freytag erschiencn ist, hat in einigen Mo- natcn bereits die 19. Auflage erzielt. — A m e ri kau i f chea Snobismus. Weil Franz Lehar einige erfolgreich« Operetten komponiert hat. wurde er nach New Vor! eingeladen, dort 199 Konzerte zu einer Gage von 4999 M. für den Abend zu dirigieren. fiefäljrHtt, va» ihm von ver v«rsammlung Smcch kek�aste« VeifaS fle!«nkt wurZe.— Gegner hatten sich nicht zum Wort« gerne fixt. Mit einem dreifachen Hoch endete die Versammlung. Für die Wähler der Friedrichstadt hatten die Parteigenossen des zweiten Wahlkreises am Mittwoch eine Versammlung in Meyers Saal in der Oranicnstraße veranstaltet. Unser Kandidat Richard Fischer beleuchtete in einem mit lebhaftem Beifall auf- genommenen Vortrage das Verhalten der bürgerlichen Parteien im verflossenen Reichstage. Insbesondere nahm er die Freisinnigen nnler die kritische Lupe. An der Hand ihrer Stellung zu den wichtigsten politischen Fragen zeigte der Redner, daß die Frei- sinnigen, wenn sie auch jetzt den Kampf gegen die Reaktion pro- klamieren, durchaus keine verläßlichen Kämpfer gegen die Reaktion sind, denn sie haben ja bei den vorigen Reichstagswahlen zur Stärkung der Reaktion beigetragen und die Mandate der einzigen entschiedenen Bekämpferin der Reaktion, der Sozialdemokratie, bei den Stichwahlen vermindern helfen. Wetm sich auch jetzt wieder die Freisinnigen um das Mandat des zweiten Wahlkreises be- werben, so werden sich die Wähler fragen müssen, ob sie dem Kandi- datcn einer Partei, die geholfen, die Rechte des Volkes zu be- schneiden und des Volkes Lasten zu vermehren, ihre Stimme geben wollen. Wer es nach alledem, was der Freisinn auf sein Schuld- konto gehäuft hat, noch fertig bringt, einen Vertreter dieser Partei in den Reichstag zu wählen, dem fehlt es an jeder politischen Einsicht. Wer sich nicht nach den Worten und den Versprechungen der Kandiaten richtet, sondern sich fragt, was hat die Partei getan, welcher der Kandidat angehört, dem kann die Entscheidung durch die Wahl nicht schwer fallen. Was die Sozialdemokratie getan hat, liegt offen vor den Augen des Volkes. Sie ist nicht nur die einzige zuverlässige Partei im Kampfe gegen die Reaktion, sondern sie ist auch die rücksichtslose Verfechterin der Interessen der breiten Masse des Volkes. Wer diese Interessen gewahrt sehen, wer zum Stur; der Junker- und Pfaffenherrschaft beitragen will, der kann nicht anders als für die Sozialdemokratie stimmen. t i n Diskussionsredner kennzeichnete an der Hand eines frei» sinn; n Flugblattes die jesuitische, auf Täuschung der Wähler be- rcchwwe Agitationsmethode dieser Partei.— Tarauf schloß der Borsivcnde Schwahn die gut besuchte Versammlung mit einem ?lppell zur regen Beteiligung an den Wahlarbeiten und zur Agita- tiou für unsere Partei. Im dritten Wahlkreis fanden am Mittwochabend zwei öffent- liche Wählerversammlungen statt. Der Kandidat des Kreises, Wilhelm Pfannkuch, hielt zuerst eine sehr beifällig auf- genommene Ansprache in der Versammlung bei Gliesing, Wasser- torstraße, wo dann der Stadtverordnete Ritter über die bevor- stehende Reichstagswahl referierte.— Pfannkuch rechnete mit einer Reihe von Vorwürfen ab, wie sie von den Freisinnigen gegen die Sozialdemokraten erhoben werden. Er kennzeichnete die Halb- hciicn des Freisinns, seine Zaghaftigkeit und Schwäche, die bei jedem Vorgehen der Sozialdemokraten zittert, weil die„Gefahr einer größeren Reaktion" heraufbeschwört würde. Mit dieser Angst zeige, der Freisinn aber zugleich seinen Bankerott an. Die Arbeiter- klage lasse sich aber nicht irre machen und werde am 12. Januar wieder beweisen, daß sie entschlossen ist, vorwärts zu dringen.— Der Referent Ritter beleuchtete die Politik des alten liberal- kon'ervativen wie des folgenden schwarz-blauen Blocks und verweilte besonders bei den Versicherungsgesetzen: er besprach die Zoll- und Steuerpolitik, daS Reichsvereinsgesetz, die Strafgesetznovelle und illustrierte durch manche Beispiele, wie die herrschende Klasse durch ihre Macht im Reichstage die Interessen des arbeitenden Volkes schädigte und ihre eigenen Interessen stets zu fördern der- stand. Der Referent gab zum Schluß seiner Rede der Hoffnung Ausdruck, daß am 12. Januar ein neuer Reichstag gewählt werde, durch den die Arbeiter lauter denn je ihre Stimmen erheben können.(Beifall.)— Eine Diskussion fand nicht statt. Der Vor- sitzende schloß die Versammlung mit der Aufforderung zur Agita- tion und mit Hochrufen auf unsere Partei. In der öffentlichen Wählerversammlung, die Wilkes großen Saal in der Sebastianstraße füllte, sprach Genosse Ströbel. Einleitend wies er darauf hin, daß die Regierung nun doch noch -dazu gekommen ist, in offiziöser Kundgebung so etwas wie eine Wahlparole auszugeben. Die Sozialdemokratie soll diesmal nieder- geworfen werden. Man erinnert sich an das„Niederreiten" von il 07, bei dem die Sozialdemokratie immer nock eine Viertelmillion neuer Stimmen gewonnen hatte. Jetzt ist die Wahlkonstellation so, daß ein Block gegen di- Sozialdemokratie nicht zustande kommen kann. Aber auch abgesehen davon, ist darauf zu rechnen, daß die Partei mindestens in der Stärke wieder in den Reichstag zurück- kehrt wie vor 1907. Notwendig ist es jedoch� daß alle, die ihrer 5Uassenlage nach zum Proletariat- gehören, ihre Schuldigkeit tun. Wenn nun auch der Liberalismus zum Teil eine entschiedene Errache gegen die Junkerherrschaft führt, so muß doch daran er- lauert werden, daß er ein gerüttelt Matz von Schuld an den heutigen Zuständen trägt. Bei der Reichssinanzreform hat es auch der Freisinn abgelehnt, die erforderlichen Steuern den Besitzenden aufzuerlegen. Der Redner erinnerte daran, wie Wiemer 1908 erklärte, daß die arbeitenden Klassen und kleinen Leute schon so sehr mit Steuern überlastet seien, daß man ihnen unmöglich noch mehr auferlegen könne, wie aber derselbe Freisinnsmann dann im Jahre 1999 es plötzlich für ganz unmöglich erklärte, die Ar- beiterschaft und kleinen Leute bei der Aufbringung der erforder- lnhen 899 Millionen zu schonen. Der Redner lieferte im weiteren Verlauf seines Vortrags den Nachweis, daß es ohne große Schwierigkeiten sehr leicht gewesen wäre, diese Gelder'durch eine im Verhältnis zu Vermögen und Einkommen immer noch sehr mäßige Besteuerung der wohlhabenden Leute aufzubringen, und zeigte ferner auf Grund geschichtlicher Tatsachen, wie die Frei- sinnigen allmählich dazu gekommen sind, alle Militär- und Marine- forderungen zu bewilligen und für die Kolonialpolitik einzutreten, und wie sie auch in dieser Hinsicht wiederum die Mitschuldigen daran sind, daß dem Volke so ungeheure Lasten auferlegt werden. Man muß sich die Taten des Freisinns ansichen und darf nichts auf seine Worte geben. Darum kann für olle ehrlich arbeitenden Schichten der Bevölkerung bei der bevorstehenden Wahl nur die Sozialdemokratie in Frage kommen. Jeder, der das erkannt hat, nuiß aber auch dafür sorgen, daß der sozialdemokratische Kandidat, Genosse Pfannkuch, der seit 45 Jahren mit allem Eifer für die Interessen der Besitzlosen und kleinen Leute eintritt, nicht nur gewählt, sondern auch mit stärker Majorität in den Reichstag ge- schickt wird.— Der inhaltreiche Vortrag fand lebhaften Beifall. Nach vergeblicher Aufforderung an die Gegner, sich zum Wort z- melden, und nach einigen zum Wahlkampf anfeuernden Aus- führungen des Vorsitzenden, hielt der Kandidat des Kreises, Ge- uossc Pfannkuch, eine Ansprache, die sich ebenfalls in der .Hauptsache gegen den Freisinn richtete. Die Freisinnigen haben, soweit bekannt, bis jetzt nur ein Flugblatt im Kreise verbreitet. Sie empfehlen ihren Kandidaten, Rechtsanwalt RoSbach, unter anderem damit, daß sie erklären, im Gegensatz zum schwarz-blauen Block eine Reform des preußischen Landtagswahlrechts anzustreben. Wie diese Reform aussehen soll, wird nicht verraten. Wer aber die Taten des Freisinns kennt, wird von ihm nicht erwarten, daß er das allgemeine gleiche Wahlrecht erkämpft oder auch nur die lodert ragung des Reichstagswahlrcchts auf das Landesparlament. Die Sozialdemokratie gibt sich bekanntlich hiermit nicht zufrieden, sondern fordert, daß das Wahlrecht auch auf das weibliche Ge- schlecht, sowie auf die jungen Leute vom zwanzigsten Lebensjahre ali ausgedehnt werde. Dazu ist eine im früheren Lebensalter l'.ginnende staatsbürgerliche Erziehung nötig; aber es war der Freisinn, der sich bei Beratung des Reichsvereinsgcsetzes herbei- ließ, zu stimmen dafür, daß die Jugend bis zum 18. Lebensjahre vom politischen Leben ausgeschlossen sein soll. Nun aber ist es d. r selbe Freisinn, der uns vorwirft, wir förderten die Kulturauf- gaben nicht. Wie töricht diese Behauptung ist und wie sie vielmehr auf den Freisinn selbst zutrifft, wies der Redner auf Grundlage eiü großen Tatsachenmaterials nach. Nachdem er noch weiter das ganze Verhalten der Freisinnigen in der Reichs-, Staats- und Gcmeindepolitik den Anwesenden vor Augen geführt hatte, kam der Redner zu dem Schluß, daß es im Interesse der Arbeiter Nie s der kleine» Leute Iwgt, We Sozwtdemokvatie»um Sieg« zu führe«. | die Partei, die ihren eigenen Weg geht, um alle die politischen Freiheiten zu erringen, die die Freisinnigen zu erkämpfen auf- gegeben haben, und darüber hinaus auch die wirtschaftliche Gleich. Berechtigung eisstrebt.— Die Versammlung schloß mit Hochrufen auf die Partei. Celtow- Keeskorv. M«riend»rf. Ein« gewaltig« Kundgebung, wie sie Mariendorf wohl noch nicht gesehen, war die letzte Versammlung, in der Genosse Z u b e i l zu den Wählern sprach. Schon vor 8 Uhr war der größte Saal am Ort bei Graßl gefüllt, so daß die später Erscheinenden dicht gedrängt stehen mußten. Mindestens 1999 Personen lauschten mit großem Interesse den inhaltsreichen Ausführungen unseres Genossen Zubeil. Trotz der herben Kritik der Parteien, insbesondere der Demokratischen Vereinigung, meldete sich kein Gegner zum Wort. Eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution fand ein- stimmige Annahme. Z�iecterdarnitn. Mn verkappter Wahlhelfer. Der.Berl. Volks-Ztg." entnehmen wir folgende Tpisode aus dem Wahlkampf: .In den Versammlungen, die do« den Konservattven, der Reichspartei und dem Bund der Landwirt« in jedem Dorfe im Kreise Niederdarntm veranstaltet werden, tritt seit der Wahlbewegung fast jeden Abend ein Redner auf, der sich, stolz wie ein Spanier. „Schriftsteller Fedor" nennt und mm überall sein Sprüchlein gegen Liberale und Sozialdemokraten hersagt. Als Agitator jener Par- teien agitiert er für die Wahl des Bürgermeisters Ziethen-Lichten- berg. Mederholt war aufgefallen, daß der.Schriftsteller Fedsr-Berlin" stets die Versammlungen so legte, daß er mit den Zügen möglichst frühzeitig abreisen konnte. Es war die» in Groß-Schönebeck, Heinersdorf, Malz. Ltebenwalde der Fall. Da der letzte Zug von Liebenwalde um S Uhr nach Berlin fährt, der Parteiredner aber künstlich hingezogen worden war, so wurde schnell ein Automobil aus Oranienburg bestellt. Nach der Versammlung sprach ein Handwerker den.Schriftsteller Fedor-Berlin" mit: .Herr Weigel' an. Er antwortete:.Sie irren I Ich bin nicht Weigel." Darauf der Handwerker:.Dann müssen wir Sie durch zwei Frauen, die mit Ihnen aus einem Orte find, legitimieren lassen, das Sie der Gemeindeschullehrer Weigel aus Ober-Schöneweide Bismarck st raße 26, sind." Herr Lehrer Weigel mußte nun notgedrungen die Wahrheit eingestehen, machte aber, daß er fortkam, um früh wieder in der Schule zu sein." Pankow. Am Mrttwvch stellte sich in gut besuchter Bersamm- lung der Kandidat der Sozialdemokratie, Genosse A. Stadt- Hägen, im„Kurfürsten" seinen Wählern vor. Die Versammlung wurde durch einen Gesangsvortrag der Pankower Sänger:„Empor zum Licht!" eröffnet. Der verflossene Reichstag wurde vom Refe- reuten der ihm gebührenden Kritik unterzogen; die Steuerraub- Politik, die den Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung unter- graben, die Kaufkraft vermindert und zu Arbeitslosigkeit geführt hat. Von gewissenlosen Produzenten werden die notwendigsten Lebens- und Genußmittel verfälscht und Tod und Verderben unter die Aermsten gebracht. Die Klassenjustiz, die Reichsdersicherungs- ordnung, die keine Reformen, den Arbeitern aber eine neue Be- steuerung bringt, wurden treffend beleuchtet.„Es geht diesmal aufs Ganzel" Dieser Ausspruch des Herrn v. Heydebrand zeigt, die Politik der kommenden Zeit. Neue Rüstungsvorlagen, Beseiti- gung des Koalitionsrechtes und neüe Steuern! Ter 12. Januar soll die erste Etappe des Vorwärtsschreitens sein zu einer wirklichen Sozialpolitik, zur Befreiung der Unterdrückten von den Peinigern. Doch nicht die Erringung des Mandats sei nur das Ziel, das Er- gebnis einer geuxtlligen Stimmenzahl soll den herrschenden Klassen zeigen, wie der Wind weht.— Die anwesenden Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Ter Versammlungsleiter ermahnte speziell die Frauen, in ihrer Wohnung nur die Arbeiterpresse zu dulden. Der Schlußgesang„Ein Volk— ein Herz— ein Vaterland" er- höhte die Kampsstimmung, und mit einem Hoch auf die inter- nationale Sozialdemokratie wurde die Versammlung geschlossen. Stadtverordneten-Versammlung. 1. Sitzung»»m Donnerstag, den 4. Januar 1912, nachmittags 5 Uhr. Dt« heutige erste Sitzung im neuen Jahre ist zunächst der Ein- führung der wieder- bzw. neugewählten Mitglieder und sodann der Neukonstituierung der Versammlung gewidmet. Der bisherige Vorsteher Michel et eröffnet die Sitzung nach 5)4 Uhr mit einem Neujahrsgruß an die Kollegen und veranlaßt zunächst die Einführung der erwähnten Mitglieder. Unter den- selben befinden sich auch die neugewählten Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion, Kaufmann Robert Drescher, Neswurateur Julius Meyer, Kaufmann Alexander Fröhlich, Arbeitersekretär Eugen Brückner. Wiedergewählt sind Sassenbach, Tolksdorf, Dr. Zadel, Waldeck Ma- nasse, Wille, Heimann, tzoffmann, Koblenzer, Mars, Dr. Arons, Hintze. Die 48 Eingeführten werden vom Oberbürgermeister Kirschner begrüßt und dann aus die Städteordnung verpflichtet. In seiner Ansprache kommt der Oberbürgermeister sofort auf die Katastrophe, welche einen Teil der Besucher des städtischen Obdachs betroffen hat, zu sprechen. Es sei ihm Herzensbedürfnis, dem Gefühl der Trauer und der Teilnahme Ausdruck zu geben; diese Teilnahme sei in allen Teilen der Bevölkerung, selbst vom Aus- lande, aufs lebhafteste bekundet worden, und das sei ein Trost; er halte es für seine Pflicht, auch an dieser Stelle den herzlichsten Dank dafür auszusprechen. Dank gebühre den Beamten des Ob- dachs, die während der Feiertage unablässig, Tag und Nacht, be- müht gewesen seien, ihre Pflicht voll zu erfüllen, Dank den Aerzten, Schwestern und Pflegern sowie den staatlichen Behörden, die eifrig bemüht gewesen seien und mit Erfolg, wie man jetzt wohl sagen könne, die Ursachen der Erscheinung zu erkennen. Vorsteher Michelet begrüßt darauf auch seinerseits die Ein- geführten. Mit dem Ergebnis des von der Bürgerschaft im Novem. her über die Tätigkeit ihrer Vertretung gehaltenen Gerichts könne man im großen und ganzen wohl zufrieden sein. Für die Bc- dauernswcrten. die von dem Unglück im städtischen Asyl betroffen sind, spricht auch der Vorsteher seine tiefe Teilnahme aus. Die Versammlung schreitet hierauf zu ihrer Kon- stituierung, und zwar zunächst zur Wahl des B-rsteherS. Beim Namensaufruf werden 122 Zettel abgegeben; davon sind 9 unbeschrieben, also ungültig. Sämtliche 113 abgegebenen gültigen Stimmen fallen auf den Stadtv. Michelet; dieser ist einstimmig wiedergewählt.(Beifall.) Zum Borsteher-Stclivertreter schlägt Stodw. Bruns(Sog.) den Kollegen He i ma n n vor: Wir machen den Vorschlag, weil wir der Meinung sind, daß die einzelnen Gruppen der Versamm- lung ihrer Stärke entsprechend auch an den Arbeiten des Vor- standes teilnehmen sollen. Ich darf dabei sagen, daß dieser Vor- schlag weder gegen die Person noch gegen die bisherige Amts- führung des Herrn Cassel ein Mißtrauen bedeutet. Stadtv. Mommsen(Fr. Fr.) macht der. Gegenvorschlag, den bisherigen Vorsteher-Stellvertreter Cassel wiederzuwählen. Auf Cassel entfallen 78, auf Heimann 33 Stimmen; Cassel ist somit wiedergewählt und nimmt die Wahl mit Dankesworien an. 5 Zettel sind weiß. Die bisherigen 4 Beisitzer Ger icke(Fr. Fr.), Frick(N. L.), Lieb ow(A. L.) und Bruns(Soz.) werden aus Vorschlag M o n. fen durch Zuruf einstimmig wiedergewählt, die Wahl der Beifitzer-Gteklvertreter. deren Zahl«veftl. auch«s 4«chfflsi me&aa soll, wird auf nächste Sitzung verschoben. Die ordentlichen Sitzungen der Versammlung werden auch in» Jahre 1912 an den Donnerstagen von 5 Uhr ab abgehalte» werden. Für di« Vorbereitung der Neuwahl der ständigen AnD« schü sse usw. wird ein Ausschuß von 15 Mitgliedern«ingesetzt. Das Massensterben im Städtischen Obdach ist Gegenstand eines dringlichen Antrages aller bürger» lichen Fraktionen, mit Ausnahme der Freien Fraktion, und gleich- lautend auch von den Sozialdemokraten eingebracht: „Den Magistrat um Auskunft zu ersuchen über die Ursache» der zahlreichen Erkrankungen und Sterbesälle von Besuchern des Städtischen Obdachs in der Fröbclsiraße, sowie über die hierbei von der städtischen Verwaltung getroffenen Maßnahmen." Die Dringlichkeit wird anertannt und der Gegenstand vorweg beraten. Stadtv. Cassel: Das Beileid des Magistrats und der Stadtver» ordneten für die entsetzlichen Vorgänge im Städtischen Obdach ist heute hier bereits bekundet worden. Die rätselhaften Erkrankungen und die vielen Todesfälle haben die Bevölkerung um so mehr er- schüttert, als eine sichere Feststellung der Ursache nicht so leicht möglich war, und das Entsetzen wuchs, weil sich die Erkrankungen und Todesfälle Tag für Tag wiederholten. Wir haben unseren Antrag nicht in dem Sinne gestellt, als wenn die Ursache in der städtischen Verwaltung und den städtischen Einrichtungen läge, als wenn diesen irgend eine Mißbilligung ausgesprochen werden sollte. Wir sind aber der Meinung, daß die Bevölkerung Berlins ein Recht hat. sobald als möglich von offizieller Stelle Auskunft über die Ursache der schrecklichen Vorfälle zu bekommen, und welche Hoff. nung besteht, daß das Unheil sein Ende erreicht hat. Wir wissen genau zu würdigen, mit welchem Eifer sich die ärztliche Wissen- schaft der Erkenntnis der Ursachen gewidmet hat. Wir müssen aber darauf halten, daß uns das, was wir bisher nur durch die Presse erfahren haben, von autoritativer Seite hier klargelegt wird. Stadtv. Dr, Ritter(Fr. Fr.): Wir halien einen bestimmten Antrag nicht stellen wollen, weil die Untersuchungen noch nicht ab- geschlossen sind. Wir können bezeugen, daß im Obdach alles getan ist, was getan werden konnte. Stadtv. Zucht(Soz.): Ich schließe mich durchaus den warmen Worten des Herrn Oberbürgermeisters an, daß die Misere draußen bald beseitigt sein möge. Es ist durchaus zu begrüßen, wenn all« Mittel in Bewegung gesetzt werden, um dem Uebel nachzuforschen und auf den Grund zu gehen. Aber bei der ganzen Geschichte hat bisher die Wissenschaft versagt.(Heiterkeit.) Sollte es nicht möglich gewesen sein, schärfere Maßnahmen zu treffen, die Verstorbenen und Erkrankten alle gründlich zu untersuchen? In der Presse ist behauptet worden, daß ein großer Teil der Verstorbenen ohne Untersuchung beerdigt worden ist. Ich halte das für gänzlich unzulässig. Hi« mußte alles, auch daS letzte, in Anspruch genommen werden. Die Zeitungen aller Parteirichtungen haben in vielen Punkten über- trieben. In der Gegend des Halleschen Tores wurden Flugblätter verbreitet, wonach die Cholera ausgebrochen sei. War da das Städtische Gesundheitsamt nicht verpflichtet, öffentliche Erklärungen abzugeben? Aber nichts von alledem ist geschehen. Man suchte und suchte, und glücklich ist schließlich die Kriminak- Polizei auf das Richtige gekommen, während die Aerzte immerfort suchten, aber nichts fanden. Die Kriminalpolizei hat hier einmal dankbare Arbeit geleistet. Das Hauptübel ist immer noch die Neberfüllun» de« Asyls. (Zuruf: Der Schnaps!) Die Sozialdemokratie hat aus ihrem Parteitage für die Bekämpfung und Beseitigung des SchnapsgenuffeS resolviert; Sie müssen doch da mit uns Hand in Hand gehen. Welche Ueberfüllung würde heute im Obdach eintreten, wenn wir 19 oder 15 Grad Kälte hätten! Nicht der Obdachverwaltung, sondern den städtischen Behörden, dem Magistrat und uns mutz der Vorwurf gemacht werden, wenn diese Ueberfüllung noch immer nicht beseitigt ist. Könnten nicht die Unsummen, die bei Fürstenempfängen, für die Anstreichung des Brandenburger ToreS oder für Kaisergeburtstagsessen und ähnliches, viel besser für eine» Erweiterungsbau des Obdachs verwendet werden?(Wachsende Unruhe bei der Mehrheit.) Sie wissen nicht, Herr Bamberg, wie diesen Unglücklichen zumute ist.(Stadtv. Bamberg: Sie auch nicht!) Ich weiß es; danken Sie Gott. Herr Bamberg, daß Sie Millionär sind. Wir werden in der nächsten Sitzung den Antrag aus den Erweiterungsbau einbringen. Warum hat das städtische Gesundheitsamt die L«» gelegenheit nicht viel energischer in Angriff genommen, warum haben die ärztlichen Kapazitäten so durchaus versagt? Mit Bei- leid und Bedauern geht die Sache nicht zu machen. Auch wenn wir die Jugendlichen herausnehmen, gewinnen wir eine ganze Menge Platz; irgend etwas Durchgreifendes muß geschehen. Ich bin mehrmals längere Zeit und noch gestern draußen gewesen und habe gesehen, daß Beamte und Aerzte in vollstem Maße ihre Schuldigkeit getan haben; ich mutz bestätigen, daß bei den Re-. Visionen, wo ich zugegen war, stets alles aufs peinlich-sauberste' vorgefunden worden ist.(Hört! hört!).... Ja, das haben wir. auch in unseren Revisionsberichten gesagt, aber das 5 ärztliche Personal reicht nicht aus, eS müßte ganz bedc".tend verstärkt werden. In diesem Falle hätte, man durch öffentlichen Aufruf alle erreichbaren Aerzte heranholen e müssen! Wir sind verpflichtet, für die Interessen der Gesamthei.> einzutreten; da ist es auch unsere Pflicht, hier gründlich Remedur: zu schaffen. Wenn dieser Krankheitsherd dort nicht noch erweitert- werden soll, muß unbedingt der Erwelterungsbau eiligst in An-�- griff genommen werden. Stadtrat Jacoby: Die Frequenz de? Obdachs ist in den letzte� Jahren so gewachsen, daß die Deputation mehrfach sich mit der Frage bereits beschäftigt hat. wie Wandel geschaffen werden kanijL auch ist von der Notwendigkeit der Erweiterung gesprochen worden. Diese ist aber sehr schwierig, wenn ein Teil der Anstalt während des Umbaues außer Betrieb gesetzt werden muß; daran- ist der Antrag entstanden, für die Zwischenzeit Baracken zu errichlctt. Diese sind erbaut, für mindestens 999 Personen, und werden in den allernächsten Tagen in Benutzung genommen werden. Wenn gestern Leute auf dem Fußboden gelegen haben sollen, so muß das sehr spät gewesen sein; um)419 Uhr war ich noch da, und da war jeder von den Obdachlosen untergebracht. Allerdings kommen nach der Suppenverteilung von 8— 11 Uhr noch eine ganze Menge, die aufgenommen werden, aber keine Speise bekommen. Unsere Frequenz heute nacht war 4999; in den Tagen vorher waren es 4199— 4299, und nur in der Silvesternacht haben wir 799 Personen weniger gehabt als vorher und nachher.(Heiterkeit.) Aus dem chronologischen Hergange werden sich die beiden gestellten Fragen am besten beantworten lassen. Am Weihnacktsheiligabend wurde ein Mann aus dem Obdach als krank gemeldet; als der Arzt herzukam, war der Mann schon verstorben. Am zweiten Feiertag morgens fand man einen Mann, der in der Nacht verstorben war, und ein anderer, der sich krank meldete, verstarb gleich daraus. Nachdem um 4 Uhr das Obdach geöffnet worden war, meldeten sich um 6 Uhr zwei Kranke, die sofort unter den Händen des Arztes starben; dann kamen Erkrankungen in größerer Zahl in der Nacht vor. Soweit eine Vernehmung noch möglich»vaw er- klärten einzelne, sie hätten Bücklinge gegessen, andere, sie hätten nichts gegessen; alle oder der größere Teil gaben zu, Schnaps ge- trunken zu haben. Im ganzen haben wir draußen III Krankmeldungen gehabt, wieviele von den Kranken aus dem Obdach, wieviel von der Straße stommien, konnte nicht genau festgestellt werden.� Bei dem größeren Teil hat sich herausgestellt, daß sie alle in den letzten Nächten draußen beherbergt wurden. Am dritten Feiertag morgens ist von feiten des Oberinspektors das Obdach gesperrt worden, bis Gewißheit bcrfi�er g« schaff«»!»et,<9 wfäjt Infektion Rranl» heit üoilicge. Die erste Obduktion wurde am dritten Feiertag nach. inittc-.gS gemacht, solange war das Obdach gesperrt, d. h. eS konnte jeder hinein, aber niemand heraus. Nachmittags von 4 Uhr an wurde'cs wieder geöffnet und war von da an wieder regelmähig frequentiert. Erst am Abend nach 9 Uhr erschien der Polizeiarzt und'iii te, eine Jnfeltion liege nicht vor. Auf die Frage, ob wir nun. dir d rr.mten und Aerzte entlassen dürften und ebenso die 4cX)c> Obdachlosen, wollte er dafür die Lerontwortung nicht übernehmen, fragte rirlmehr noch um 19 Uhr telephonisch bei dem Chef der Mediziiialpolizei an; der hatte kein Bedenken, und so wurden die Beamten und die Obdachlosen entlassen. Inzwischen war das ganze Obdach desinfiziert worden. Nachdem sich aus verschiedenen Per» nehumngen ergeben hatte, dah ein großer Teil dieser Leute Schnaps getrunken hatte, hat der Oberinspektor das zuständige Polizei- regier darauf aufmerksam gemacht, daß möglicherweise hier eine Verbindung zu finden sei. Natürlich durfte das nicht in die Presse gebracht werden, damit die Polizei ihre Untersuchungen ungestört machen konnte. Es sind sofort Proben von den Getränken in ver- schiedenen Lokalen genommen worden, und diese Proben find es, in denen Dr. Juckenack das Vorhandensein von Methylalkohol festgestellt bat. Am nächsten Tage kam dann eine weitere Reihe von Erkran- ku ngsn. Festgestellt ist, daß in der Nähe des Obdachs u. a. drei Bücklinge für S Pf. verkauft worden sind; daß das nicht frische, r:.; Biare sein kann, leuchtet ein. Unsere Aerzte sind unausgesetzt tätig gewesen. Die Kranken sind sofort in die Krankenhäuser ge- schal ch worden, zuletzt auch durch ein Krankenautomobil. Ich glaube, daß unsererseits nichts versäumt worden ist. Durch die Presse ging auch die Ansicht, daß möglicherweise in den von uns verabreichten Nahrungsmitteln schädlich« Stoffe enthalten sein könnten. Vergiftungen durch Grünspan waren ausgeschlossen, weil t;;: Nickelkessel haben, die nach jedem Gebrauch gereinigt werden; eck l ae dann auch die Anzahl der Erkrankungen viel größer sein müssen. Dessenungeachtet sind unsere Speisen sofort dem Städti- fchen l'.iitersuchungsamt übergeben worden. Dieses hat bescheinigt, daß nichts Schädliches darin gesunden worden ist. Die Erkrankungs- Ursachen liegen also außerhalb des Obdach» und außerhalb unserer Piachtbcfugnisse. Etwa» Positive» ist uns von fcn Behörden über die definitive Feststellung der Ursache noch nick,! mitgeteilt worden. Man kann aber unbedenklich annehmen, daß die Sauptursache in den Methylalkoholvergiftungen zu suchen ist. lLebhafter Beifall.) Stadtv. Cassel stellt hiernach fest, daß feiten» der städtischen Bc.ualtung nichts versäumt ist. daß man den Ursachen der Er- stssdiiungen nacbziigehen bestrebt war, soweit es überhaupt möglich war. Auch im Interesse des Berliner Gewerbes war eine Beruhi- gu-zg durchaus erforderlich; die Bevölkerung ist im höchsten Matze beunruhigt, z. B. hinsichtlich der Fischnahrung. In diesem Sinne waren auch die Angriffe des Kollegen Zucht durchaus nicht unan. gebracht, denn sie l�aben dem Magistrat Gelegenheit gegeben. Klar- he-t zu schaffen. Kollege Zucht behauptet, die Krankheit sei durch die zu große Besetzung entstanden sWiderspruch); jawohl, das Halen Sie gesagt und damit eine große Verantwortung aus sich grillen. Bei einer so ernsten Situation ist das ein sehr bedauer- libcs Vorgehen. Auch Herr Zucht hat anerkennen müssen, daß die Pckcge sehr gut ist; er hat nur bemängelt, daß zu wenig Benzte da sind. Mehr ärztliches Personal hätte bei einer so plötzlichen Krantheitserscheinung in keinem Falle hevangeschafft werden können, wie hier herangeschafft worden ist. Oberbürgermeister Kirschner: Ich habe mich mittlerweil« daran gewöhnt, daß man die Gelegenheit vom Zaun bricht. Reden zu halten, die mit der Sache nichts zu tun haben; daß man aber bei einer so ernsten Sache sich dazu entschließen kann, eine solche Rede z.r ballen, hat alle meine Erwartungen übertroffew Jeder hat die Pss vssichlung, bei einer so ernsten Sache nur das zu sagen» was er tatsächlich beweisen kann. Es soll nicht die erforderliche ärztliche 5? im dagewesen sein; der Magistrat hätte einen Ausruf an die Aerzteschoft erlassen sollen! Was hätte ein solcher Aufruf bei nur 159 Erkrankungen für einen Sinn? Er hätte nur Verwirrung hervorgerufen. Im Krankenhause Friedrichshain ist ein Sonder- pat'ülon für die Erkrankten eingerichtet worden» wo absolut kein« llc Erfüllung war; ein ganzer ärztlicher Stab unter Leitung des Professors Stadelmann ist hier tätig gewesen. Dieser Vorwurf ist also(Zuruf:„Frivol!") jeder Begründung entbehrend. Die Sektion hingt nicht von uns, sondern von staatlichen Behörden ab; vom drii.:n Feiertage an sind Sektionen vorgenommen worden. Es genügt auch völlig, wenn einzelne dieser Leichen seziert werden. Ter Vorwurf, daß die Ursache nicht zeitig genug entdeckt ist, ist baltlos; man kann auch heute noch nichts gang Bestimmtes sagen. Es gibt Gifte, die sich der Feststellung entziehen und sich auch auf cheinischeni und bakteriologischem Wege nur sehr schwer feststellen lassen. Unser Untersuchungsamt hatte mit den Leichen gar nichts zu um; das habe» die staatlichen Behörden zu erledigen. Das Nach- rib..mint mußte sich damit begnügen, dasjenige anzugeben, was greifbar und vertretbar war. Stadtrat Jacoby: Am dritten Feiertage haben dt« Aerzte die Leute untersucht, noch ehe sie hereinkamen, und die Kranken ab. gesondert. Stadtv. Mommsen: Tie Erklärung, die uns heute abgegeben worden ist, begrüße auch ich als willkommen. Daß Kollege Zucht iüuh't unlogisch gewesen ist, wird er wohl später selbst einsehen. Ten Kumps ge un den Alkohol werden wir gern unterstützen. Ich lütte gewiinicht, der Schnapsboykott hätte auf die Unglücklichen, um üie es sich hier handelt, etwas mehr gewirkt; aber da wird wohl jede Einwirkung versagen. Stadtv. Dr. Zadel(Soz.): Gegenüber den Mißdeutungen, denen die Ausführungen des Kollegen Zucht unterlegen sind, be- nierk« ich, daß auch er den Aerzten und Beamten des Obdachs absolut keinen Vorwurf gemacht hat. Wenn er bemängelt hat, daß die Aerzte die Krankheitsursache nicht ermittelt haben, so ist das eine vom Standpunkt des Laien ganz verständliche Aeutzerung. Wenn die Zeitungen immerfort mitteilen, daß die Aerzte die Ur- suche nickü erkennen, und ein Polizeileutnant dang auf die Spur kommt, die nach Charlottenburg und zum Methylalkohol führt, so ist eine solche Aeutzerung eben begreiflich. Auch sonst hat Kollege Dickt nichts gesagt, was eine solche Entrüstung bei den späteren Rednern und beim Oberbürgermeister rechtfertigte. Sine der- artig« Erkrankung haben wir in Deutschland noch nicht gesehen; es scheint jetzt, daß vereinzelte Methylalkoholerkrcmkungen schon in den letzten Monaten vorgekommen und als solcke erkannt worden sind, aber nicht in dieser außerordentlichen Zahl. Dah unser städtisches Gesundheitsamt einfach ignoriert worden ist, mache ich der städtischen Verwaltung direkt zum Vorwurf; der Leiter der Anstalt empfinde; diese Uebergehung selbst außerordentlich schwer. Ich mache dem Dezernenten des Asyls, dem Dezernenten des iwdtischen Medizinalwesens und dem Oberbürgermeister zum Vor- Wurf, daß sie nicht von vornherein da» städtische Gesundheitsamt herangezogen haben. Dieses Institut ist doch nicht bloß«in ülahrungsmitteluntersuchungsinstitut. Hier ist eine schwer« Unter- lassungSsünde beganger, worden; denn es ist nicht gesagt, ob dann nicht Tage früher die Ursache der Erkrankungen ermittelt worden ward. Diese Meinung ist in den weitesten Kreisen verbreitet.— In Zukunft� sollte den Asylisten auch Tee, Kaffee oder Schokolade außer der Suppe als Ersatz für den Schnaps gebolsn werden(Widerspruch und Lachen); für 5 mace oas zu machen.(Zuruf:„Die Leute wollen ja aber gar nicht l") Den ring« schleppten Schnaps sollte eventuell die Verwaltung kon- sickziersn können.(In der Versammlung macht sich wachsende Un- ruhe bemerkbar.) Ich stimme der Ansicht rückhaltlos bei, daß Aerzte und Beamte des Obdachs in diesem traurigen Falle ihre volle Schuldigkeit getan haben.(Hört! hört!) Das einzige, tvaS ich tadeln muß, ist die Unterlassung der Heranziehung des städtischen i UntersuchungsamteS. ClaMwJ JH yaSe sofari, a!» ich öStt vsn«r?«n Erkrankungen hört«, den Mageninhalt und die erbrochenen Massen der Verstorbenen resp. Erkrankten untersuchen wollen; da» war untunlich. Am LS. Dezember aber sind bezügliche Untersuchung»» Materialien unserem Amt allerdings vom Friedrichshain zugeführt worden.(HörtI hört!) Dies« Untersuchungen sind nicht in zwei- mal 24 Stunden zu machen; der Direktor ProÄauer hat aber einen vorläufigen amtlichen Bericht bereits erstattet; er liegt mir vor. Stadtv. Zucht: Ich hpbe nicht gesagt, daß die Schuld an der städtischen Verwaltung im Obdach gelegen hat. Ich habe an- erkannt, daß draußen die peinlichste Sauberbeit herrscht, daß alle Beamten und Aerzte ihre Schuldigkeit getan haben. Ich habe aber daran angeknüpft, daß durch die Ueberfüllung des Obdachs der- artig« Dinge weiter getragen werden können, und da» ganz« Kuratorium hat« i n st i m m e g die Aenderungen verlangt, die ich gefordert habe. Stadtv. Cassel: Das hat gar nichts mit der Behauptung gu tun, daß die Erkrankungen auf die Verwaltung zurückzuführen seien. Darum ist der Kollege so starken Mißdeutungen ausgesetzt gewesen. Das durch die heutige Beratung erzielte Resultat ergibt, daß die städtische Verwaltung keine Schuld trifft. Weitere Aufklärungen können heute noch nicht gegeben werden; wir ziehen daher unseren Antrag als erledigt zurück. Stadtv. Dr. Zadek: Stadtrat Stratzmann» Mitteilungen haben mich nich; befriedigt. Das Untersuchungsamt hat nicht bloß Proben zu bekommen, sondern es hatte auch an die Stelle berufen zu werden, wo das Unglück passiert ist. Auch wir ziehen unseren Antrag als erledigt zurück. Stadtrat Straßmann: Der Fall ist ein gerichtlicher geworden, und wir haben da offiziell nicht einzugreifen. Wir haben die Unter- suchung lediglich im Interesse der Verwaltung und der Bürgerschaft angestellt. Damit ist die Angelegenheit erledigt. In Sachen des „Ledigenheims" hat d, Ausschußberatung, nachdem durch eine Subkommission direkte Verhandlungen mit dem Vorstand der Aktiengesellschaft„Verein zur Verbesserung der kleinen Wohnungen in Berlin" gepflogen worden sind, zu dem Ergebnis geführt, daß dem Verein kostenlos ein städtisches Grundstück cm der Schönstedtstraße zur Erbauung und zum gemeinnützigen Betrieb dieses Heims überlassen werden soll, und zwar soll nicht das Mittelgrundstück, sondern das 3999 Quadratmeter große Eckgrundstück an der Orthstraße hergegeben werden, das die Erbauung von 599(statt 424) Einzelzimmern er- möglicht. Ferner soll der mittlere Hof breiter als im Entwurf vorgesehcm gehalten und mit Gartenanlagen versehen werden; die Inbetriebnahme soll innerhalb zwei Jahren vom Tage des Vertragsabschlusses ab erfolgen; das Grundstück ist kostenlos an die Stadt zurückzugeben, sobald es diesem Zwecke nicht mehr dient. Endlich soll für die Gemeindebehörden das Recht statuiert werden, im Aufsichtsrat der Gesellschaft durch 3 Mitglieder vertreten zu sein. Ohne Debatte wird nach den Ausschußanträgen beschlossen. Am 29. Oktober überwies die Versammlung einem Ausschuß den Antrag Dr. Arons u. Gen.(soz.):„den Magistrat zu er- suchen, bei der Regierung und den gesetzgebenden Körperschaften vorstellig zu werden, das Kammunalnbxabengesetz dahip abzu- ändern, daß den Gemeinden gestattet wird, 1. die Einkommen bis 1899 M. steuerfrei zu lassen; 2. progressive Zuschläge zur staatlichen Einkommensteuer für Einkommen von 3999 M. an; 3. progressive Zuschläge zur staatlichen SrgänzungSsteuer für Vermögen von 29 999 M. an zu erheben. Am 12. Dezember hat der Ausschuß mit allen gegen 3 Stim- men den Antrag abgelehnt. Stadtv. L i e b e n o w(A. L.) trägt als Berichterstatter die Gründe der ablehnenden Mehrheit vor. die hauptsächlich in der„Ungerechtigkeit" gipfeln, welche in einer so weitgehenden Steuerbefreiung läge. Stadtv. Leid(soz.): Wir können uns von der Stichhaltigkeit der Ablehnungsgründe nicht überzeugen und nehmen unseren An- trag wieder auf. Unsere Anregungen gehen von dem Gesichts- Punkt aus, die unteren Klassen möglichst zu entlasten und dafür die Klassen mit höherem Einkommen stärker heranzuziehen. Das Heu- tige Kommunalabgabengesetz läßt die Durchführung dieses guten Grundsatzes nicht zu. Um aus dieser Kalamität herauszukommen, erscheint es uns erwünscht, wenn die städtischen Körperschaften sich an die Gesetzgebung wegen Abänderung des Gesetzes wenden. Die Einkommen bis 1899 M. sollen ja keineswegs freigelassen werden müssen; die Gemeinden sollen nur eine dahin- gehende Befugnis erhalten. Ferner wollen wir die Mög- lichkeit schaffen, � Einkommen unter 3099 M. geringer mit Zuschlägen zu bedenken als Einkommen über 3999 M. Ein solcher Antrag ist eigentlich selbstverständlich, und befremdend nur, daß er noch immer bekämpft wird. 1997 hat in Elberfeld der Vorstand der„Freisinnigen Volkspartei" etwas ganz ähnliches gefordert. Daß ein großer Teil der Bevölkerung dann steuerfrei bleiben würde, ist auch nicht durchschlagend denn dieser große Teil der Bevölkerung schafft doch durch seine Arbeit Wert«. Stadtv. Cassel: Wir können uns von dem Antrag absolut keinen Nutzen versprechen. Der Antrag Arons wird darauf abgelehnt. Die Beratung der Vorlag« betr. den neuen Vertrag mit der A, E. G. wegen der Schnellbahn Gesundbrunnen- Rixdorf wird von der heutigen Tagesordnung abgesetzt. Der Magistrat legt das Verzeichnis der neuen und der erhöhten Zuwendungen vor, die im Jahre 1912 aus städtischen Mitteln an gemeinnützige Anstalten, Vereine und dergleichen gemacht werden sollen. Zur Vorbcratung dieses Verzeichnisse» wird ein besonderer Ausschuß von 15 Mitgliedern eingesetzt und darauf nach 9 Uhr die öffentliche Sitzung geschlossen. Soziales. Der Rationalismus bl» zur Tasche. Sogar in dem national vergifteten Oesterreich geht den deutschen Agrariern der Profil vor dos„Nationalgeiühl". Sie, die täglich über die Vertschechung Deutschböhmens klagen, rühmen sich, daß die Einfuhr g a l i z i s ch e r(polnischer und ruthenischer) Feldarbeiter nach Deutschböhmen fortwährend steigt und 1911 schon 5628 gegen 2114 vor zwei Jahren betrug. Aber die Sozialdemokratie, die eine zum Jm-Lande-bleiben ausreichende Bezahlung der Arbeiter will, ist nationslos, volksverräterisch und vaterlandsfeindlich. Gerichts-Zeitung. Die bösen Schwiegermütter haben es dem Lokomotivführer Vurhenne angetan, gegen den gestern da? Schöffengericht Berlin-Mitte unter Vorsitz des Amts- gerichtsrats Brcstel ein gerichtliches Nachspiel zu einer ehelichen Gewitterszene zu verhandeln hatte.— Der Angeklagte ist seit elf Jahren mit einer Tochter der geschiedenen Zugführersfrau Kühn verheiratet. Während anfangs der eheliche Himmel durch kein Wölkchen getrübt wurde, stellten sich bald Unstimmigkeiten zwischen den Eheleuten ein, nachdem die Mutter der Frau zu den Eheleuten gezogen war. Nach der Behauptung des Angeklagten habe diese stets versucht, das Regiment im Hause zu führen, so daß es alle Augenblicke zum Streit und Zank kam, da seine Schiviegermutter außerdem auch noch seine Frau gegen ihn aufzuhetzen versucht habe. Tie Spannung erhöhte sich, als es seine Schwiegermutter durchzu- setzen verstand, daß ihr Bett in dem ehelichen Schlafzimmer auf- gestellt wurde. Als er schließlich auch noch seine Schwiegermutter in seinem eigenen Bett fand, während er in einem anderen Zimmer schlafen sollte, riß ihm der Geduldsfaden. Es kam gu einem heftigen Streit, bei dem der Angeklagte, als er von seiner SlkMegier«ukktt VeMnpfi WurSe, Wtfn«km Echst-Y«9! cfeMB Spazierstock auf den Arm versetzt«. Al»««nn nächsten Dag« miid« und abgespannt vom Dienst kam, fand er sein« Wohnung fast ans- geräumt. Seine Schwiegermutter hatte die sämtlichen Sachen auf den Möbelwagen packen baffen und war mit ihrer Tochter ver- schwunden. Der Angeklagte» dem nicht einmal ein Bett gelasfe« worden war, fand nur noch auf dem Bode« einen Sack mit alten Kleidungsstücken, den er einige Zeit später für 2 M. verkaufte. Bald darauf wurde er durch eine Anzeige wegen Unterschlagung überrascht, die seine Schwiegermutter mit der Behauptung erstattet hatte,«daß jene Sachen zirka 499 M. wert sein sollten. Außerdem sollte er ein Sparkassenbuch über 1909 M. unterschlagen haben, trotzdem festgestellt wurde, daß es auf seinen Namen lautete.— Vor Gericht gab der Angeklagt« die Körperperletzung mit der So- klärung zu, daß ihm nichts weiter übrig geblieben sei, als die Schwiegermutter herauszuhauen. Wegen der Unterschlagung be» antragte Rechtsanwalt Dr. Herbert Frankel die Freisprechung, da die Anzeige offenbar nur aus Rache erstattet worden und der Angeklagte außerdem berechtigt tvar, die Sachen zurückzubehalten. Das Gericht erkannte auch wegen der Unterschlagung auf Frei» sprechüng und wegen der Körperverletzung auf 30 M. Geldstrafe. 11111 Todes- Anzeigen MM Mrlottevdurg. Den Mitgliedern»m Nachricht,! daß unser Genosse, Mastwirt Ernst Krüger (Gruppe I) gestorben ist. Ehr« feine« Anbenke« l Die Beerdigung findet am! Sonnabend, den ö. Januar, nach- nachmittags 3 Uhr, aus dem Süd» west-ieirchhos in Stahnsdorf statt. Abjahrt Charlottenburg 2.07 j Uhr. 25011 1 Der T*r«t»nd. iSozialilesioMehJgMvräi M Kierteitoi Bezirk Wilhelmsruh. linieren Mitgliedern zur Nach- i vicht, daß der Genosse, Steinmex j Albert Lukas | am 3. Januar»erstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen öonnabcnd, den V. Januar, nach- j mittags 21/j Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Nieder-Schön- ! Häuser Kirchhofes(Schünholz) ! aus statt. Um rege Beteiligung ersucht ! 240/1 Die Bezirksleitung, Deutscher Metaliarbeiter-Verbsndi Verwaltungsstelle Berlin. Todet-anr.elgr«. Den Kollegen zur Nachricht, daß\ unser Mitglied, der Klempner kiskupski l am 2. b. M. an Lrmgenlciden ge- > st orten ist. 110/3 j Ehre feinem Andenke»! Die Beerdigung finde! am! ! Freitag, den S. Januar, nach-! mittags l'/j Uhr, von der Leichen-! Halle des Rixdorscr Gemeinde. I Friedhofes, Mariendorfer Weg, i ans statt.' Rege Beteiligung erwartet Die OrtSverwaltung. ' Malverdani! der Töpfer! |ü. Beruf genossen Deuischl.j Filiale Berlin. Den Kollegen zur Nachricht,! |d»ß unser Mitglied Fritz Bennewitz (Bezirk Wedding) I im Aller von 35 Jahren an s I Lungenentzündung am 23. De- l zemöer 1911 verstorben ist. Die Beerdigung findet heute j j Freitag, den S. Januar, nach- : mittag« 3 Uhr, aus dem Nazareth- SSVhchfiof in Neinickendors-Wcst, s ; Köfli'Iftiafje, statt. 1 192/1 Der Vorstand. Kerdlmd der Maler, !iaihittrr, Anstreicher usw. Filiale Berlin. Unseren Kollegen zur Nachricht, ! daß unser Mitglied, der Kollege Rodert Raedel [ am 2. Januar 1912 verstörten ist. Ehre seium Audeukeu! Die BeerdtgnnG findet heute ! Freitag, den S. Januar, nach. j mittags Sst, Uhr, von der Halle i des Rixdorser Gemeindesriedhoses, j Maricndorwr Weg, aus statt. Um rege Beteiligung bittet j 128/1 Die Ortsverwaltung. Zentral-ferband Ider Steinarbeiter. Zahlstelle Berlin. Am S. Januar starb unser J Kollege Friedrich Thoms S im Alter von 45 Jahren. Ehre seinem Andenken! Dte Beerdigung findet am ! Sonnabendnachmittag 2% Uhr I von der Leichenhalle des Birchow- i.Krankenhauses, Eingang Sylter (Straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 1171/1 Die Ortsverwaltung. Zegtldlnd Gdkrhaorl. Allen Freunden und Sports- I kameraden bringen wir tief- betrübt zur Anzeige, daß unser langjähriges Mitglied, der Stein- I metz ffVtts Thoms ] am Mittwoch, den 3. Januar i nach langem Leiden sanst ent- j schlasen ist. 1 2353b Der Vorstand. Die Beerdigung findet Sonn- I abend, den 6. Januar 1912, nachmittags 21/, Uhr, von der Leichen- halle des Virchow-Krankenhauses, Eingang Sylterstraße, aus statt Ook-Bsi-fin. Am Dienstag, den 2. Januar.! 1 verstarb nach kurzen, schweren j Leiden unsere liebe alte Sports-; genossin, Frau EtoiiHe Vogel Durch ihre rege Tätigkeit und| Beteiligung an allen Beranstal- i tungcn hat sie sich bei uns ein| ehrendes Andenken gesichert. Die Beerdigung findet am i Sonnabend,, den 6. d. M., nach- mitlags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes, I Hermannstraße, aus statt. Um recht rege Beteiligung bittet 10/2 vor Vorstand. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung nicines lieben MmnieS, uiisercs guten Vaters sagen wir allen Freunden nnd Ver- wandten, insbesondere den Kollegen der Firma E. Bechslein, unseren herz- lichsten Dank. Witwe A. Wiedemann 248h vebst Kindern. 'im Berliner iBBcMrac�aselewister.i Unscni geehrten Mitgliedern zur Nachricht, daß am 2. Januar eines unserer ältcüen Mitglieder, unser lieber Kollege Paaiü SCSmn nach langen, schweren Leiden ver- .-! schieden ist. Ü Sein Andenken werden wir w s Ehren halten I Di« Beerdigung findet heule Freiiag, den 5. Januar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Friedcns-Kirchhoses in Nordend aus statt. « Um rege Beteiligung ersucht |j27/g Der Vorstand.| Egg---- . Hiermit allen Berwandlen und> J Bekannten die Irauuge Nachricht, t ! imß unser lieber Bruder, Schwager! I und Onkel l130l Paul ICrafi 1 nach langem, schwerem Leiden am j jö. Januar verstorben ist. Die Gesckuvifter. Dte Beerdigung findet am s Sonnabend, den 0. Januar, nach. l mittags 3 Uhr, von der Leichen» m alle des Sophien- Kirchhoses, I | Freienwalder Straye, aus siatl. I Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Bc» erdigung meines lieben Mannes, uiiscres guten Vaters, des Schani- Witts 23576 Karl Schwarz lagen wir allen Freunden und Be- kannten, insbesondere dem Kahl. verein. Bezirk Koloniestr.<133), sowie dem Verband der.Freien Gastivirtc" Bezirk 2 und den Stammgiislen unsern innigsten Dank. Hie trauernde Witwe Bebst Kindern. Zweifer Wahlkreis. Sonntag, den 7. Januar 19:12, mittags 12 Uhr; Drei offentl. A3hler Verlammlungen i» folgenden Lokalen: Bockbrauerei, TtWtlhsfer � O Kliems Festsäle, H°sc»h.ide is/is Viktoriabrauerei, L,it?owstr. nvjiz. T-ieSordnung: 1. Die Neichstagswahl. 2. Freie Slussprache. Aeferenten: Kurt Baake, Stadtv. Hugo Heiman«, Rechtsanwalt Dr. Hugo Heinemann. _ Der Vorstand. 207/3 Dritter Reichstags-Wahlkreis Freitag, den 5. Januar, abends 8'/, Uhr: Oeffentl.Wählerversammlnngen im„Märkischen Hof", II! im„Fürstenhos", Admiralstr. 1«o.'»!«öpenicker Str. 137/138. Tagesordnung: L10/2 „Die bevorstehende Neichstagswahl." Referenten: Die Redakteure DÄaims und S. Barth? In beiden Versammlungen: Ansprache des Kandidaten Wilhelm Pfannknch. Freie Aussprache. Zahlreichen Besuch erwartet_ Der Einberufer. zimster Jleiehstags-Wahlkreis. Heute Freitag, den 5. Januar, abends 8V2 Uhr: Öffentliche M ählerversammlung in den Zopkisn-LMsn, Sophiensttaße 17/18. Tagesordnung: Das Koatltlonsweht und die Neichstagswahl. Referent: Reckitsanwalt Vf. ttUKV UeineMSB». Freie Diskussion. 223/ l Das sozialdemokratische Wah l k o m i t e e. lleMder liMrbeilsi'-Verdaill. Mitglieder Charlottenburgs! Nachdem am 1. Januar der Anschluft der Zahlstelle Charlottenburg an die Zahl- stelle Berlin durch Beschlutz des Zentralvorstandes erfolgt ist, machen wir die Mitglieder darauf aufmerksam, datz die Erledigung der Geschäfte durch das Bezirksbureau des Ver bandes Charlottenburg, Kalckreuthstr. IL, erfolgt. Das Bureau ist täglich geöffnet von 11—1 Uhr, außerdem Sonnabends und Montags Von 4—7 Uhr. Während dieser Zeit können die Kollegen ihre Unterstützung in Enipfang nehmen und alle übrigen Verbandsangelegenheiten erledigen. Freitags nachmittags wird auch im Lokal von Schulz, Wallstratze 90. von 4— T'/s Uhr Unterstützung ausgezahlt. Zahlstellen sind eingerichtet Wallstr. 99 bei Schulz und Potsdamer Str. 44 bei ' es.''' 112, ihre -10 Uhr Beiträge Metzdorf. Autzerdem können die Kollegen in den Charlottenburg nächstliegenden Zahlstellen Moabit, Putlitzstr. 8 und Zahlstelle 88 Wilmersdorf, Wilyelmsaue 112, ihre Beiträge entrichten. Auf diesen Zahlstellen werden Sonnabends abends von 8 entgegengenommen Die Kollegen werden ersucht, ihre Anmeldung nicht zu versäumen, um ihre Rechte und Mitgliedschaft nicht zu verlieren. Die Anmeldung geschiebt bei der ersten Bcitragsleistung. 77/s D«e Ortsverwaltung Berlin. f Mo SiMrlüi. H o ii t a ff, den 8. Januar, abends 81/, Uhr: Versammlung sämtlicher Genossen, die am 42. Januar W a h l h i l f e leiste» wolle», bei Fröhlich, Fontaiie-PromenadelS, Telephon: Amt Moritzplatz 173. UM- Gleichsalls ist dieses Lokal für den 12. Januar unser Kontroll- lokal von Punkt jrlih 8 Uhr an. Sonntag, den 7. Januar: loyp uaeli Köpeniek Mittwoch, den 17. Januar: LeoerN-VerssmmIvvg. Berichte und Neuwahlen samt- Itcher Funktionäre. 10/1 vis Agitationskommission. F. A.: Cb. Sßaikijelfer, SO. 26, Britzer Str. 16. Dr.SImmel Spezial-Arzt für Haut- uad Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄS» 10— 2. 5—7. Sonntags 10— 12. 2—4- M» Zwelevcrein Berlin. 8ektion der Pötzer. Sonntag, den 7. Januar 1912, vormittags 19'/, Uhr, in den Arminhallen» Kommandantenstr. 69, gr. Saal: Mitglisüer-Verssmmluna. Tagesordnung: 1. NeujahrSgrutz des Gesangvereins der Putzer. 2. Jahresbericht des Vorstandes. 3. �Abrechnung des Kranken-UnterstützungSsondS, Verschiedenes. Recht zahlreichen Besuch erwartet 136/1__ Die Örtliche Verwultnug. Hentraberband der Dachdecker VerwaltungKstelle Berlin. Sonntag, den 7. Januar, vormittags 19 Uhr, im Ge» wcrkschastshause» Engelufer 13, Saal 3: aBss Ifersammlung der Dachdecker-Hilfsarbeiter. Tagesordnung: l. Neuwahl der SektioiiZleitun g. 2. VerbandSangelegcnhelten. Vollzähliges Erscheinen der Mitglieder erwartet 51/1 Der VoratesuS. zur 226. Kffl. Preuß. Klassenlotterie sind noch Vt �/2 �/4 �/8 L0S6 iu haben bei» �5. öroße Frankfurter 8traße 78. Amt Köniffstadt 2937,...... 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Verlin LW. sSfa riji- �mn<>766 SW! 5 bedeckt Wie» j760jWNW j 6 Regen Wetterprognose für Ziemlich mild, vorwiegend lichcn Winden. Stationen .=-2 (3= 5« Wetter Haparanda 1 755NNW Petersburg 740NNW Scilly 766® Nberdeen �760Still Paris 767 g® ing: 4". S0 WS» Freitag, den 5. Januar trübe und regnerisch bei 2>volkig— L0 liSchnee—12 ! öbedeckt!!> flicdeckt 2 llbedeckt 7 1918. lebhaften lvest- lerliner Wetterbureau. Wasserstands-Nachrichte» der Laudesanstalt sür Gctvässerkuiidc, mitgeteilt vom Berliner Wetterburean. Wasserstand M c m e I. Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor . Krossen , Frankfurt Warthe,«chrimm Landsbcrg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmeritz , Dresden , Berbh , Magdeburg am 3.1. cm 139") -47si 30°) 120 104 111 10«) 2 -2 2 -IIS 115 95 seit 2. 1. cm1) —9 0 0 +e +5 +5 -12 0 — 1 —5 +7 +8 +5 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau") , Rathenow") Spree, Spremberg") , Beeskow Weser, Münden Minden Rhein, Maximiliansau „ Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main, Wcrtheim Mosel, Trier am 3. 1, cm 121 62 48 82 82 214 290 400 252 328 127 188 158 seit 2. I. cm1) —6 0 —4 0 0 —17 —10 —16 _ 22 —13 —4 -30 •)+ bedeutet Wuchs,— Fall. «) Oberhalb der Brücke Eisstand.— •) Unterpegel.—") schwaches Eistrciben, Eisstand.— —') Eissrei. /n ALEXANDERPLATZ LEIPZIGERSTRASSE FRANKFURTER ALLEE Inventur-Verkauf Restbestände und andere Gelegenheitsposten kommen ganz enorm öiliii zum Verkauf! Freitag und Sonnabend— Soweit Vorrat: Vorzugspreise rar Lebensriittel IllUmWmi FM. FfelSCil Leipziger Str. Alexanderplatz Fische Leipziger Str. Alexanderplatz Viktoria- Erbsen____ 20 pf. Geschälte Erbsen... p,d 22 Pf. Grüne Erbsen glasiert. pfd 23 pf. Grosse Bohnen..... Pfd 23 p,. Rund- Bohnen...... p« 2t pf. Kleine Bohnen 19 pf. Grosse Linsen...... 26 pr Mittel-Linsen....... pfd 22p, Graupen fein, grob, mittel Pfd 1 6 Pf. Zucker............. p» 28 p, Makao pw70, SSpt-l10 Tee.«-1so2#,2so Schweineblatt.... Pfund 55 p, Qickhein.......... Pfund 55 p,. 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