Kr. 1». HbfinntmtntS'BtdlnanngeRi ■Bonnttnenlä• frei» Stänumetonbo; Vierteljährig S�O Mk, monatl. 1,10 Mä, wöchentlich 28 Pfg. frei inä Hau». einzeln« Kummer 5 Pfg, Eonntag». nununer mit Muftrierter Eonntag». Beilage»Die Reue Welt' 10 Pfg, Post- Nionnernent: 1,10 Mark dro Monat, Eingetragen in die Post> ZeiwnaS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PoftabonnernentS nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schwei» 89. Jahrg. Crichdnt täglich außer nontagi. Vevlinev Volksblakk» Zcntralorgan der rozialdcmohratifchen partei Dcutfchlandg. Die TnltrttcnS'Gebüljr telrägt für die fechSgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum 80 Pfg„ sür politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersaminlungS-Anzeigen 80 Pfg. „Kleine Anreizen", das settgedruikie Wort 20 Psg,(zulässig 2 settgedruilte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg, Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über IS Buch- itaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der ErpedMon abgegeben werden. Die Expedition iji bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: „Sozialdemolirat Btrlia". Redaktton: SRI. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. tS8S. Dienstag, den Ri!. Januar 19 tÄ. Expedition: SM. 68, Lindenetrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Ao bleibt äie Aahlrechtzvorlage? Ms eine der dringendsten und wichtigsten Aufgaben der Gegenwart bezeichnete die Thronrede vom Oktober 1908 die Reform des preußischen Dreiklassenwahlsystcms, Erst geraume Zeit später, im Februar 1910, unterbreitete die Regierung dem Landtage ihre„Resorm", die in Wirklichkeit eine dreiste Heiansforderung, eine Verhöhnung des Volkes war. Der Landtag hat sie nach harten Kämpfen verworfen, und es gibt wohl nienianden, weder unter den Gegnern, noch unter den Freunden des Dreiklassenwahlsystems, der diesem Machlverk eine Träne nachweint. Eine Session ist seitdem verflossen, ohne daß die Regierung sich ihrer Pflicht gegen das Volk erinnert hätte. Die ziveite Session seit dem Scheitern der Wahlrechtsvorlage hat am Montag begonnen, feierlich ist der Landtag eröffnet worden. aber die Thronrede schweigt sich über die Wahlrechtsfrage aus, kein Wort ist darüber gesagt, die dringendste und wichtigste Aufgabe der Gegenwart scheint ffir das Ministerium Bethniann Hollweg plötzlich zu einer Frage von so unter geordneter An geworden zu sein, daß es sich nicht lohnt, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Oder glaubt die Re gierung vielleicht, daß das Königswort vom Jahre t908 ein gelöst ist? Sollte das der Fall sein, so wird das preußische Volk sie eines anderen belehren. Die Wähler, die eben erst dem schlvarzblauen Block und seinem geschäits führenden Ausschuß stne so deutliche Absage erteilt haben, werden den Beweis dafür erbringen, daß sie ebcnio wenig geneigt sind, sich in Preußen unter das Joch der konservativ klerikalen Wahlrechtsfeinde zu beugen, wie sie sich im Reiche von den konservativ- klerikalen Volksausbentern und Steuer drnckebergern beivuchern lassen. Gegen die übergroße Mehr zahl des Volkes zu regieren, wird auf die Daner weder einem Bethmann Hollivcg noch irgendeinem anderen Minister Möglich sein. Die Frage der Wahlrechtsreform in Preußen ist kaum rein preußische Angelegenheit, sondern eine Angelegenheit, an der ganz Deutschland in hohem Maße interessiert ist. Die Niederringnng der inneren Reaktion in Preußen ist die Voraus- setznng für die Schaffung freiheitlicher Zustände in Deutschland. Aber die Beseitigung der Reaktion wird erst dann möglich sein, wenn die Axt an die Wurzel des Uebels, an das Drciklassew wablsysleni. gelegt ist. Ist die Regierung wirklich so kurz sichtig, daß sie das Verlangen des Volkes nach Freiheit nicht sieht? Oder dünkt sie sich so erhaben, daß sie über alle Wüulche des Volkes kurzerhand zur Tagesordnung übergehen zu können glaubt? Ist dem so, dann werden die 4,/4 Millionen Wähler, die durch Abgabe sozialdemokratischer Stimmzettel zugleich auch sür ein freies Wahlrecht in Preußen votiert haben, noch deutlicher werden, dann werden sie zu anderen Mitteln greifen müssen, um ihren Willen in die Tat um- zusetzen. Kein Wahlrecht, aber höhere Steuern! Das ist der Grundton. auf den die Thronrede gestimmt ist. In Erfüllung der gesetzlich festgelegten Verpflichtung soll dem Landtage auf dem Gebiete der direkten Besteuerung der Ent- wurf zu einer Einkomniens- und Ergänzungs- steuernovelle vorgelegt werden. Zivar behauptet die Thronrede, daß Mehreinnahmen für die Staatskasse gegenüber dem jetzigen Steueraufkommen dadurch nicht herbeigeführt werden, da lediglich die gegenwärtig zur Erhebung gelangen- den Steiierzuschläge in die Tarife eiugeglicdert werden. Aber talsächlich würde eine solche Maßnahme, die nebenbei bemerkt mit der in Aussicht gestellten organischen Fortentivickelung des Slencnvesens nicht das geringste zu tun hat, auf eine Mehrbelastung hinauslaufen, da die Steuerzuschläge, sobald sie in die Tarife eingegliedert sind, auch rommunalsteuerzn'chlags- pslichlig werden. Anstatt augesichts der gestiegenen Lebens- Haltung und des Sinkens des Geldlvcrtes das steuer- freie Existenzminimum zu erhöhen, werden die preußischen Steuerzahler aufs neue belastet. Ihr höchstes Recht aber hält man ihnen vor. Daß die Regierung keine Ahnung von dem hat. was das Volk bis ins Innerste bewegt, ergiebt sich anch aus dem Passus der Tbrourede. der sich auf die Teuerung bezieht. Der schivcre» Verluste der Landivirte durch die Ernteaussälle gedenkt sie, sie stellt auch nicht in Abrede, daß die Preis- steigerungen„beklagenswerte Mißstände für die Verbraucher, namentlich in den größeren Städten und Industriezentren ergeben", aber— so tröstet sie sich— durch ihre Maßnahmen hat sie alles getan, was zu tun möglich war. Wie ivenig Wert diesen Maßnahmen beiziunessen ist, darüber kann sie der einfachste Mann und die einfachste Frau aus dem Volke be- lehren. Die Satten gegen die Hungernden! So könnte man diesen Teil der Thronrede benennen. Von den weiteren Vorlagen, die die Thronrede ankündigt. seien genannt eine neue Kleinbahnvorlage, die auch Mittel vorsieht, um auf den Berliner Stadt-, Ring- und Vor- ortbahnen die elektrische Zugförderling einzurichten, der Ent- Wurf eines W a ss e r g e s e tz e s. ein Entwurf zur Regelung des F i sch e r e i g e s e tz e s, ein neues K a m p f gesctz gegen die Polen, ein Gesetzentwurf, der für Arbeits- scheue und für säumige Nähr Pflichtige den Zwang zur Arbeit einführen tvill, und endlich ein Entwurf zur Einführung des ländlichen Pflicht- Ifortbildungsschulbesuches in einer Reihe von Provinzen. Dagegen scheint das allgemeine Fortbildungs- i schulgesetz in der Versenkung verschwunden zu sein. Auch hier fügt sich das Ministerium Bethmanu Hollweg dem Willen des ■ fchwarzblauen Blocks. Daß der Kampf gegen die proletarische IJugendbewegung weiter geführt werden soll, nimmt nicht Wunder. Der Fo"ds von 1 Million soll zu diesem Zivecke um'/s Million, und wenn das nicht reicht, um weitere Mittel verstärkt weiden. Für Zivecke der Volksverdunimung ist in Preußen stets Geld vorhanden. Daß es keine Früchte zeitigen wird, dafür bürgt der gesunde Kern der proletarischen Beivegnng, die sich durch Gewaltmittel nicht besiegen läßt. Unifangreich und schwierig ist das dem Landtage vor- gelegte Programm. Ganz abgesehen davon, daß die Etats- beratung allein schon Monate in Anspruch nehmen wird, ist die Materie, die durch den Wahlrechtsgesetzentwurf zu regeln ist. so konipliziert, daß ein Ende kaum abzusehen ist. Um so schärfer ist die verspätete Einberufung des Land- t a g e s zu verurteilen. Infolge der Stichwahlen kann der Landtag mit seinen eigentlichen Arbeiten erst in den letzten Tagen des Januar beginnen. Statt die Session im Herbst zu eröffnen und eine sachgemäße Erledigung der Arbeiten zu ermöglichen, ist der Beginn von Tag zu Tag hinausgeschoben worden, bis glücklich der äußerste Termin erreicht ivar. Welche Mäwte da hinter den Kulissen tätig waren, entzieht sich unserer Beurteilung, aber es ist unschwer zu erraten, daß die kon- servativ-klerikale Mehrheit alle Debatten im Parlament ver- weiden wollten, die das Volk aufzurütteln geeignet gewesen wären. So zeigt es sich, wohin nian auch blickt, daß Herr v. Bethmann Hollivcg der Gefangene des schlvarzblauen Blockes ist. Das Volk aber sieht deutlicher und klarer als je zuvor, wo sein Feind steht. Ihn, der im Wahlkampfe eine so empfindliche Niederlage erlitten hat, auch parlamentarisch zu vernicliten, ist Pflicht aller derer, denen die Befreiung des preußischen Volkes am Herzen liegt. Die Sozialdemokratie wird dabei ihren Mann stehen.__ Die W'onreäe. v. Bi Bei der Eröffnung des DreiklassenlandtagS verlas Herr ethmann Hollweg die folgende Thronrede: Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags! Die Finanzlage des Slaaies hat sich auch im lautenden Rechnungsjahre weiter g ü n st i g einwickelt. Es wird danach vor- ausfichllich gelingen, den für da» Rechnungsjahr tSIl ver- anichlagien Fehlbetrag erheblich herabzuiniudern. Gleichzeitig werden aus den Neinüberschüssen der Eisenbahnverwaltuug beträchtliche Mittel in den Ausgleichsfonds zurückgelegt werden können. Auch der Etatseulwurf für 1912 bedeutet einen erfreulichen Fortschritt zu dem Ziele, das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben des Staatshaushalts endgnllig her zustellen. Er schließt zwar immer noch mit einem mäßigen Fehlbeträge ab, indessen steht diesem eine weit höhere Rücklage in den Ausgleichsfonds gegenüber. Zur Erweiterung und besseren Ausrüstung des Staats- eisenbahn netzes sowie zur Unterstützung von Kleinbahnen wird wiederum die Bewilligung erheblicher Mittel nachgesucht werden. Darunter befinden sich besondere Miliel, um auf den Berliner Stadt-, Riiig- und Borortbahue» die elektrische Zugförderung einzurichten. Auf dem Gebiete der direkten Besteuerung wird Ihnen in Er- füllung der gesetzlich festgelegten Berpflichinng der Entwurf zu einer EinkonimenS- und Ergänzungssteuernovelle vorgelegt werden. Neben einer Reihe von Bestinimungen, die eine noch gleichmäßigere Er fasiung deS steuerbaren EiiikoinmenS und Vermögens gewährleisten sollen, ist eine Neugestaltung der Steuertarife in der Weise vorgesehen, daß die gegenwärlig zur Erhebung gelangenden Steuerzuschläge in die Tarife eingegliedert, Mebreinnahmen für die Staatskasse gegenüber dem jetzigen Sleueraufkoninten aber nicht herbeigeführt werden. Tie Dürre deS letzten Sommers war die Ursache ernster Besorgnisse. Zum Glück haben sich die anfänglichen Be- fürchtungen in vieler Hinsicht als übertrieben erwiesen. Immerhin bedeuten die tatsächlichen Ernteaussälle für die davon betroffenen Landwirte einen slvweren Veilust. und ebenso haben sich durch die demnächst eingetretenen Preis st eigerungen beklagenswerte Mißstände sür die Verbraucher, namentlich in den größeren Städten und Industriezentren ergeben. Wenn auch tiefgreifenden Wirkungen elementarer Ereignisse gegenüber die Möglichkeit der Staatshilfe nur begrenzt ist, so ist doch das, was sie in diesem Falle zur Litt- derung der Schäden zu leisten vermochte, durch die Ihnen bekannten Maßnahmen. insbesondere durch weitgehende Ertttäßigittigen der Eiienbahngütertarife geschehm. Ihren Beratungen wird der Entwurf eines Wasser- ge setz es unreibreitet werden, der das gesamte Wasserrecht für das Staatsgebiet einheitlich und nach den gegenwärtigen An- forderungen einer geordneten Wasserwirtschaft regelt. Er soll unter möglichster Betücksichtigung des in den eiiizeliieii Landesteilen geltenden, den besonderen örtlichen Verhältnissen attgepaßten Rechtes einen billigen Ausgleich der mannigfachen in Be- � tracht kommenden Interessen schaffen. Auch wird Ihnen zur Neuregelung deS sich vielfach mit dem Wafferrechte berührenden FischereirechtS im Laufe der Session ein besonderer Gesetzentwurf � zugehen. Die Erhaltung und Stärkung des Deutscht» in S in de» Landesteilen mit gemischtsprachiger Bevölkerung sind dauernd der Gegenstand besonderer Fürsorge. In einer neuen Gesetzesvorlage werden Geldmittel zur Ausdehnung der in den Provinzen West- Preußen und Posen bewährten Festigung und Entschuldung des länd- lichen Grundbesitzes auf einige andere Landesteile von Ihnen er« beten werden. Weitere Maßnahmen, die vornehmlich die innere Kolonisation in erhöhtem Maße zu fördern bestimmt sind, be« finden sich in Vorbereitung. Als ein lästiger Schaden hat sich namentlich in größeren Städten das iminer mehr um sich greifende Ausbeuten der Armen« pflege durch Arbeitsfcheue und säumige N ä b r« Pflichtige fühlbar gemacht. Dem soll ein Ge'etzentwurf durch Eitiführung deS Zwanges wirken. Der schulentlassenen Jugend regierung unausgesetzt ihre Anfmerlsamkeit zu. des Kultusministers gestellte Werk der Jugendpflege, von der freudigen Zustimmung und der Unterstützung weitester Volkskreise getragen, schreitet kräftig fort: zu seiner weiteren Förderung ist eine Ver- stärkung der Staatsionds im Etat vorgesehen. Außerdem wird Ihnen erneut eine Gesetz?Svorlage zur Beschlußfassung vorgelegt werden, die nach dem Vorbilde der sür Hefien-Nasfau, Hannover und Schlesien erlassenen Gesetze die Emsührung der Pflicht zum Besuche ländlicher Fortbildungsschulen i« einer Reihe anderer Provinzen ermöglichen soll. bereits fertiggestellter zur Arbeit entgegen« wendet die Staat?« Das unter die Leitung Offizielles Wshlergebnis. Der„Reichs-Anzeiger" veröffentlicht die im ReichSamk des Innern zusammengestellten Ergebnisse der am 12. Januar 1912 vollzogenen ReichStagswahlen nach den vorläufigen amtlichen Er, Mittelungen. Danach ist am 12. Januar endgültig gewählt worden in 297 Wahlkveisen, während in 199 Wahlkreisen Stichwahlen er- forderlich sind: Hierunter Gras Stbiverin-Löwitz. Hierunler ein erledigtes Mandat. Bei der Wahl 1912 abgegebene Stimmen. Die Anzahl der Wahlberechtigten betrug am 12. Februar 1912— 14 236 722 gegen 13 350 698 im Jahre 1007. Abgegeben wurden 12 188 337 gültige Stimmen(1907; 11262 775), so daß die Wahlbeteiligung am 12. Januar 85,6 Proz. betragen hat, gegenüber 84,7 Proz. bei der Wahl im Jahre 1997. Interessant ist. daß der offizielle Bericht unsere Stimmen. Zählung vollständig bestätigt. Wir hatten am Sonnabend 4 225 999 abgegebene sozialdemokratische Stimmen gezählt, wiesen aber schon
darauf hin, daß da» Endresultat, da»och einige landliche Kreise fehlten, sich jedenfalls noch etwas höher stellen würde. Tatsächlich hat denn auch, wie obige Tabelle zeigt, daS Reichsamt noch 13000 Stimmen mehr herausgerechnet. ES bleibt also dabei: die Sozialdemokratie hat«ine Million Stimmen gewonnen. Zugleich aber zeigt die obige Stimmenzählung, wie wenig Ursache da» Zentrum hat. über seinen Sieg und seine Unerschütter- lichkcit zu jubilieren. Es hat rund 107 000 Stimmen verloren. Die Glückwünsche der Internationale. Zahllos sind die Begrüßungsdepeschen, die daS deutsche Proletariat zu seinem großen Wahlsieg fortgesetzt aus allen Ländern erhält. Die wichtigsten seien in folgendem wieder- gegeben: Glück auf zur VollSbefreiung, baterlandslose Rotte! DaS war ein welthistorisches Geburtstagsgeschenk. Smeri- kas Proletariat bewundert Epchl Victor Berger- Washington. O Die französische Sektion der Arbeiterinter« nationale grüßt die deutschen Genoffen anläßlich ihres großen Wahlsieges, der ein Sieg des Sozialismus der ganzen Welt ist und der große Bedeutung für den internationalen Frieden hat. D u b r e u i l h. Parteisekretär. » Der in Affoltern tagende sozialdemokratische Parteitag de» KantonS Zürich bringt den„Niedergerittenen" die herz- lichsten Glückwünsche dar zu ihrem großartigen Wahl- erfolg. Er erblickt in denselben eine Bürgschaft für den baldigen endgültigen Sieg der sozialistischen Ideen. Namens des Parleitages: Nanz, Schäppi. • Zum glänzenden Wahlsieg die herzlichsten Glückwünsche der deutschen Bruderparteil Hoch die internationale Sozialdemokratie! Parteivorstand der polnischen Sozial de mokratie Oe st erreiche. Vorsitzender Englisch. Sekretär Dr. Krzhßton-Krakau. • Mit enthusiastischer Freude beglückwünschen wir die deutsche Bruderpartei zu dem herrlichen Erfolge des Wahlkampfes, welcher aufs neue den Hoch st and des deutschen Prole- t a r i a t S dargctan und der gesamten Arbeiterschaft ein g l ä n z e n- de» Beispiel gegeben. Wir empfinden ihren prächtigen Sieg ol» Sieg der Proletarier aller Länder und als mächtigen Weckruf, welcher auch bei unseren Genossen leben- digcn Widerhall findet. Glück auf zur Stichwahl! Für die Südslawische sozialdemokratische Partei: Kristan-Leibach. • Die jüngste Gruppe der Internationale sendet der Vor- kämpferin des internationalen Proletariats die herzlichsten Glück- wünsche zu dem herrlichen Wahlerfolgel Die Sozialdemokratie Bosniens und der Herzegowina. Für den Parteivorstand: Hrisafovitsch. » Zum Niederreiten der Feinde ein donnerndes Hoch! Für das Auswärtige Komitee der Polnischen Sozialistischen Partei. Mexander WronSki-Krakau * Au» Eurem glänzenden Sieg schöpfen wir neuen Mut im Kampf gegen die zarische Konterrevolution. Zentralkomitee der Polnisch-sozialistischen Partei Russlsch-Polen». JanowSki. Walccki. » Die herzlichsten Glückwünsche zum prächtigen Siegel DaS Auslandskomitee de» Allgemeinen jüdischen Arbeiterbunde» in Litauen, Polen und Rußland in Genf. * Die Sozialisten de» Kollegium» Turati in Mailand wünschen Euch begeistert Glück zu Eurer siegreichen Schlacht und wünschen Euch neue Triumphe bei den Stichwahlen. ES lebe die sozialistische Internationale! » Ein donnerndes Hoch den 4% Millionen Kämpfern zu ihrem Siege senden die Parteigenossen auS dem Alpenlande Salzburg. Witternigg. Sekretär, Salzburg. O Lebhafte Parteigrüße sendet zu Eurer Errungenschaft die Südslavische Sozialdemokratie Trieft. Regent, Mihevc. « Ferner gratulieren u. a. noch: DaS AuSlandSkomitee der Polnischen Soziali st ischen Partei in Pari», der Parteitag der Berner Sozialdemokratie, die Belgische»Partei- schulen in Liege und Herstel, Internationaler sozia- l i st i s ch e r K l u b in London, Die Sozialdemokraten MeranS, Der russische Herzenverein in London, Tie Redaktion deS„GoloS Socialdemokrata" in Paris, Die sozialistische Sonntagsschule von Lancashire, Die LandcSparteivertretung Mährens, usw. Zu den Stichwahlen. Gtichwahlabkommen. Wie wir erfahren, schweben in einzelnen Wahlkreisen zwitchen unseren Genossen und den für Stichwahlhilfe in Betracht kommenden Parteien bereits Verhandlungen. Da» veransaßt un», darauf aufmerksam zu machen, daß end- gültig« Abmachungen nur mit Zustimmung deS Parteivorstandes ge- troffen werden dürfen. Die Genoffen werden daher gut tun, sich rechtzeitig mit dem Parteivorstande in Verbindung zu setzen. Stichwahltcrmine. Noch immer fehlt es an genauen Nachrichten darüber, wann in den einzelnen deutschen LandeSteilen die Sttchivahlen stattfinden. Soweit sich bis jetzt ersehen läßt, sollen im größten Teil Preußens sowie ferner in Sachsen unl> Baden die Stichwahlen bereits am 20. Januar vollzogen werden; doch sind, wie uns gemeldet wird, einzelne preußische Provinzen und Regierungsbezirke davon ausgenommen. So wird z. B. im Wahlkreise Danzig-Land und Friedebcrg-Arnswalde die Stichwahl erst am 22. Januar und in Frankfurt a. O- gar erst am 25. Januar stattfinden. Auch in Bayern soll die Stichwahl meist schon am 20. Januar vollzogen werden, in München und Oberbayern aber erst am 22. Januar. Linksliberale Stichwahlparole. Die das„Berliner Tageblatt" verlangt auch die„Frank- furter Zeitung", daß die Fortschrittliche Bolkspartei an der Parole„Die Front gegen rechts!" festhält und bei den Stichwahlen die Losung ausgibt, daß überall dort, wo ein Sozialdemokrat mit einem konservativen oder Zentrums- kandidaten in der Stichwahl steht, die fortschrittlichen Wähler für den Sozialdemokraten zu stimmen haben. So schreibt das Frankfurter Blatt: „Für die Stichwahlen kann nur daS gelten, was seit zwei Jahren Ziel aller politischen Werbearbeit war: dieSchaffung einer möglich st st arten Linken. Dieses Ziel darf von der Bolkspartei und dem Gesamtliberalismus auch nach einem Kampfe wie dem jetzt hinter un? liegenden, der von der Sozial- dcmokratie mit zum Teil schmählichen Waffen gegen uns geführt worden ist, unter keinen Umständen aus dem Auge gelassen wer- den. Wir sind da? politisch, wenn auch vielleicht nicht der Gegen- wart, so doch sicher der Zukunft schuldig, an deren Besserung wir mit allen Kräften weiter mitarbeiten wollen. Der ent- schiedene Kampf gilt also auch in der Stich- wähl den Parteien der Rechten. Daß wir im Rah- wen dieses GesamtzielS den allergrößten Wert darauf legen müssen, uns selber zur Geltung zu bringen, da ohne bürgerlichen Liberalismus auch eine noch so stark« Sozialdemokratie im Reichstag nichts auszurichten vermag, ist selbstverständlich. Wie der neue Reichstag sich zusammensetzen wird, läßt sich angesichts der ungewöhnlich großen Zahl von Stichwahlen und der noch un. geklärten Frage, wie die Parteien im Stichwahlkampf sich ent- scheiden werden, nicht mit Sicherheit sagen. Wie dem aber auch sei und wie auch die Entscheidung ausfallen möge: nach links muß das Steuer gerichtet bleiben." In Mecklenburg hat der geschäftsführende Ausschuß des Liberalen Wahlvereins beider Mecklenburg bereits in diesem Sinne entschieden. In seiner am Sonntag beschlossenen Stich- Wahlparole heißt eS über die zwei Wahlkreise— Hagenow und Güstrow—, wo die Liberalen ausgefallen sind und Konservative und Sozialdemokraten in Stichwahl stehen: Angesichts unserer empörenden VerfassungSzustände muß eS bei der Hauptwahl, so auch bei der Stichwahl heißen:„Keine Stüume einem Konservative»!' Die Erklärung ist unterschrieben von Konrad Wilbrandt und Dr. Witte. Auch aus Köln wird berichtet, daß dort unter den Jungliberalen die Absicht bestehen soll, den sozialdemokratischen Kandidaten Hofrichter gegen Trimborn zu unterstützen, während von anderer Seite gemeldet wird, daß die Meinung im nationalliberalen Verein Kölns geteilt sei und der scharf- macherische rechte Flügel für die Unterstützung Trimborns einträte. In einem uns von unserem Kölner Korrespondenten zu- gegangenen Telegramm heißt es: Zur Stichmahl hat eine Anzahl rechtSnationalliberaler und steikonservaliver Herren, darunker die hiesigen Wortführer deS Reichsverbandes, eine Erklärung zugunsten des Herrn Trimborn erlassen. Der nationalliberale Berein Köln erläßt jedoch dazu eine öffentliche Erklärung, daß er in keinerlei Beziehung zu diesem Rundschreiben steht. Die konservative Stichwahlparole. Eine offizielle Stichwahlparole hat zwar die konservative Parteileitung noch»licht ausgegeben; wie sie aber lauten wird, zeigt sollende Mahnung der„Kreuz-Zeitung" an die konservativen Wähler: Die Stimmung unter den konservativen Wählern ist nicht so, daß ihnen die Stimmabgabe für einen Hansabundfreund als Pflicht erscheinen kann. Prompte Gegenlei st ung im Nachbarwahltreise wird überall zur Bedingung gemacht werden. Der Zahl nach sind die Wahlkreise, in denen Fortschritt- ler und Konservative mit Sozialdemokraten in der Stichwahl stehen, ungefähr gleich; eS dürften etwa je 14 sein.(Das stimmt nicht. Die Fortschrittliche Volkspartei kommt in 29 Wahlkreisen mit der Sozialdemokratle in die Stichwahl.) Angesichts dieser Sachlage mochten wir die konservativen Wahlkreisrorsitzenden an die Bekanntmachung de? Parteivorstandes vom 3. Januar er- innern, in der die Erwartung ausgesprochen wird, daß sie über Gtichtvahlabkommen sich unverzüglich nach der Haupt. wähl mit der Zentralleitung der Partei in Verbindung setzen, damit die Ernheitlichkeit deS Vor- gehenS gewahrt werden kann. Selbstverständlich ist jed:r Kons«. vative bereit, der Sozialdemokratie Abbruch zu tun; die Frage ist nur, ob die» sicherer durch selbstlose Aufopferung für den bürgerlichen Liberalismus, oder durch dessen Erziehung zur gegen. fettigen Unterstützung der bürgerlichen Parteien erreicht werden kann. Wir sehen ja zetzt wohin die Ablehnung der Sammelpolitik durch die Liberalen führt, zum Anschwellen der Sozialdemo- kratie." Dagegen hat der Bund der Landwirte bereits seine Stichwahlparole fertig. Er gibt folgende L e t t- s ä tz e aus: Unser Grundsatz bleibt unverändert: Gegen die Sozial- d e m o t r a t i e. Unterstützung anderer bürgerlicher Parteien selbstverständlich unter Voraussetzung gleichwertiger Gegenleistuiigeit. Hiernach ist die Snchwahl einzurichten. Die KriegervereiuSparole zur Stichwahl. Die Ergebnisse der Hauptwahl waren kaum festgestellt. als der Vor st and des Deutschen Kriegerbundes schon ein Flugblatt an seine Getreuen gelangen ließ, in dem die Parole zur Stichwahl ausgegeben tvird. Diese Schneidig- keit der Stellungnahme entspricht ganz der Unverfrorenheit, mit der die KriegervereinSgrößen behaupten, man treibe in den Kriegervercinen keine Politik. Natürlich wird den braven Kriegern anbefohlen, bei der Stichwahl„unter keinen Um- ständen" einem Sozialdemokraten die Stimme zu geben,„auch nicht, wenn eine bürgerliche Partei bei der Stichwahl aus taktischen Gründen ihren Anhängern die Wahl eines Sozial- demokraten anempfehlen sollte". Auch für einen Welsen oder Großpolen dürfen die Kriegervereinler bei der Stichwahl ihre Stimme nicht abgeben. Großmütig gestattet der Vorstand deS Deutschen Krieger- bundes, � daß die Kriegervereinler wählen können, wie sie wollen, wenn es sich um Kandidaten handelt,„die auf dem Boden der Monarchie und der Reichsverfassung" stehen. Die größten Reaktionäre geben sich bekanntlich auch alS die besten Monarchisten auS. In der Praxis bedeutet daher die Stichwahlparole der KriegervercinSstrategen weiter nichts als eine Aufforderung zur Wahl der Brotverteuerer und Volksentrechter. Die„unpolitischen" Kriegervereine sollen also wieder einmal als Schutztruppe der Reaktion auf- marschieren._ Die Schlckalsflunde des Freisinns. Noch einmpl ist der Liberalismus dank der Sozialdemo- kratie in die Lage versetzt, seine politische Daseinsberechtigung I zu beweisen und Zeugnis abzulegen für den Ernst der anti- reaktionären Bestrebungen, mit denen er im Wahlkampf w freigebig gewesen ist. Gegen den blauschwarzen Block zog der Freisinn bei der Hauptwahl zu Felde. Nun, der blau- schwarze Block hat denn auch empfindliche Schlappen erlitten, wenn es auch vornehmlich die Sozialdemokratie war, die sie ihm beigebracht. In der Hand des Liberalismus steht es nun, die Niederlage des Schnapsblocks zu vollenden. Unter- stützen sich Liberalismus und Sozialdemokratie gegenseitig, so ist der blauschwarze Block gesprergt, die Diktatur der Ritter und Heiligen rettungslos gebrockM. Und vom ent- schiedenen Liberalismus wird dabei weher nichts verlangt, als daß er, getreu seinem Programm und seiner Wahlparole, keinen Reaktionär unterstützt. Geschieht das, was für jeden ehrlichen und politisch ernsthaft zu nehmenden Liberalen etwas ganz Selbstverständliches sein müßte, so werden Sozial- demokratie und Liberalismus im Reichstag die Mehrheit ge- Winnen. Die Reaktionäre aller Schattierungen freillch umdrängen in ihren Wahlängsten jetzt den Liberalismus mit hämischen Einflüsterungen und heißem Geraune Die Stärkung der Linken werde, wie schon bei der Haup.wahl, auf Kosten des Leberalismus geschehen, die Sozialdemokratie werde den Vorteil von dem Wahlblock der Linken hoben. Namentlich die Zentrumsjesuiten spekulieren auf die freilich nur schon zu oft bewiesene Schwäche des Freisinns, wenn sie seine kleinliche Mißgunst gegen die Sozialdemokratie aufzustacheln suchen. Und die„Deutsche Tageszeitung" bringt es gar fertig, den Freisinn als„Heloten der Sozialdemokratie" zu verspotten, wenn er sich auf die Stichwahlbedingungen der Sozialdemo- kratie festlege— nämlich auf d i e Stichwahlbeoingungen, die doch nichts sind, als Postulate des liberalen Programms! Folge dagegen, so zischelt die arglistige Reaktion dem Freisinn in die Ohren, der Liberalismus der Stichwahlparole der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", und Werse er sich in die Arm« der Reaktion, um etliche Mandate gegen die Sozial- demokratie zu retten, so rette er zugleich Reputation und Einfluß. Der Liberalismus schwankt und zögert noch, was er tun soll. Nur das„Berliner Tageblatt" empfiehlt mit Ent- schiedenheit, auf alle Fälle rücksichtslos gegen den blau- schwarzen Block zu schlagen. Denn gleichgültig, in welcher Stärke innerhalb der Linken Sozialdemokratie oder Freisinn vertreten seien: der Freisinn werde auf alle Fälle die Führung übernehmen. Werde doch der Freisinn das Zünglein an der Wage sein, und zum ersten nale werde in allen großen Fragen des Reiches das Wort des Liberalismus die Entscheidung bringen. Das alles werde geschehen, wenn in den Stichwahlen jeder Liberal« den schwarzblauen Block zurückdrängen helfe und die Parteien der Linken stärke. Tann werde Bassennann der„ungekrönte König" werden und Wiemer Generalfeldmarschall. Es ist weder Stichwahltaktik noch allzu siroße Bescheiden- heit, wenn wir diese Auffassung des„Berliner Tageblatts" als durchaus richtig anerkennen. Ist rS doch ganz selbstverständlich, daß selbst eine starke Sozialdemokratie in diesem Reichstag nicht ihre sozialistischen Ei dziele wird verwirk- lichen können. Sie wird einstweilen lel iglich entschieden demokratische und sozialpolitische Grund- s ä tz e in Gesetzgebung und Verwaltung verwirklichen helfen können. Nicht, daß sie von ihren grundsätzlichen und prinzipiellen Forderungen nur um Haares weite ablassen könnte oder dürfte: aber sie wird eben nur für solche Forderungen dank der liberalen Unterstützung eine Mehrheit finden, die dem Programm, den Forderungen und den Interessen des Liberalismus entsprechen und die Herrschaft des Junkertums und des Kleriktlismus zu ent- wurzeln geeignet sind! Der Liberalismus sähe sich also in die beneidenswerte Lage versetzt, endlich einmal, gerade durch die Hilfe der Sozialdemokratie, eine Aera des Liberalismus durchsetzen zu köuren! Wenn trotzdem der Liberalismus es an taktischer Ent- schiedenheit fehlen lasten und wiederum jämmerlichen Man- datSschachers wegen nach beiden Seiten hin paktieren zu miissen glauben sollte, so bewiese das nie' ts anderes, a l s d a ß der Liberalismus selber Aug st vor einer Verwirklichung seiner politischen Grund- sähe hättel Eine solch klägliche Al gstpolitik aber würde ihn für alle Zeit aus der Reihe noch e nsthast zu nehmender Parteien streichen! Die Scheidung zwi'chen Blauschwarz und Rot würde sich dann noch viel rapider vollziehen und dem Liberalismus unbarmherzig das Lebenslicht ausblasen! Die Stichwahl in Neriin i. Der Ausfall der Hanpiwahl im erst n Berliner Reichstags- ivahlkreise mackit die Schleifung der letzte» FreisinnSburg zu einer Gewißheit. Nur an zwei Vorbedingungen ist der endgültige Sieg der Sozialdemokratie geknüpft: Unsere Gc>osscn müssen Mann für Mann ihre Pflicht tun und die Mitglieder der Demokratischen Vereinigung dürfen ihre Führer nicht deSavou- leren. Anerkennenswerterweise haben noch am Abend deS Wahltages der Kandidat der Demokralischen Vereinigung, Herr G ä d k e. und andere Führer die Stichwahlparole ausgegeben: Für Düwrll gegen itacmpf! Sie haben auch keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie den geschlossenen Ausmarsch ihrer Partcifrei nde gegen Kaempf bei der Stichwahl als ganz selbstverständlich betrachten. Wir er- warten auch, daß die Parole nicht mißachtet wird. Genau so. wie zte Sozialdemokratie für Herrn(Bädte einzetreten wäre, hätte ihn die Hauptwahl gegen Kaempf in die Stichwahl gebracht, werden min die Demokraten für unseren Kandidaten stimmen. Jetzt muß dex. Sozialdemokratie daS M.mdat zufallen l DaS Stimmenverhältnis ist folgendes: freistnn..... 4066 ntisemiten.... 460 Sozialdemokratie.. 4410 Zentrum..... 172 Dem. Vereinigung.. 1305 Polen...... 34 Summa 58uS Summa 5631 Der Block des BörsenkapitalS, der Antisnniten und des Zentrums hat demnach um fast 500 Stimmen weniger erhalten, als die Parteien der Demokratie. Danach ist ein Sieg der Rückständler ausgeschlossen. ES werden nicht alle Zentra mSarbeiter und Polen. oielleicht auch nicht alle Antisemiten kür den Großlapitalisten ein- :rele», aber eS ist zu beachten, daß bei der Hanpiwahl immerhin ,och über 2000 Wahlberechtigt« von ihrem Stimmrecht leinen Gebrauch gemacht haben. Da der Freisinn noch einige Reserven wird aufbringen können, darf kein Mann der Wahlurne fern bleiben. ES kann auf eine Stimme ankam in enl Wer seine Wahlpflicht versäumt, gefährdet das Mandat. Darauf muß mit ollem Nachdruck hingewiesen werden I Die Gegner sehen den Sieg der Freiheit voran«, wenn sie der Demokratischen Bereinigung keine Leimruien legen können. Sie versuchen da» in einer recht dumnien, ja geradezu beleidigenden
Weise. Die.Nordd. Allgem. Zeitung' plappert der.Freis. Ztg.' die Albernheit nach, die Beamten würden überhaupt kein Gehalt bekommen, wenn eS nach der Sozialdemokratie ginge. Mit solchen Albernheiten vor der Sozialdemokratie schrecken zu wollen, das ist wirklich zu du in ml Unsere Genossen in den Kommunal« Vertretungen müssen den Freisinnigen jede kleine Gehaltszulage für die Beamten abringen; in den Parlamentcu lehnen die bürgerlichen Parteien die im Interesse der Beamten von der Sozialdemokratie erhobenen Forderungen ab. sie verweigern sogar den Soldaten einen etwas höheren Sold. Die Söhne de« Volkes sollen trotz der mr- heimlichen Teuerung mit 22 Pfennig auskommen können. Dann leiert die„Nordd. Allg. Ztg.', genau so wie das Organ de« Frei- sinnSmannS, über die nationale Frage! Worin besteht diese denn für die bürgerlichen Parteien? In der Züchtung von Großgrund- besitzern und Milliardären sowie der Abwälzung der Steuerlasten aus die Schultern des Voltes? Di« Vaterlandsliebe der Junker, Fabritfeudalen und Spekulanten hat sich noch nie in Opferbereit« schast, sondern stets nur in Erraffung von Borteilen und Sonder« rechten auf Kosten der Werte schaffenden Bevölkerung geäuhert. Der nationale Slotschrei ist nichts anderes als der AuSfluff der Sorge mn die Erhall, ing und Mehrung der Liebesgaben und Privilegien. Ter Schwindel ist dem Volke denn doch schon zu teuer geworden, als dast es auf solche» Geschwätz nochmals hereinfallen könnte. Aber auch das.Berliner Tageblatt' möchte dem Bank« und Börsenkapital da» Mandat des ersten Kreises retten. Es bedient sich dabei einer Methode, die von den Demokraten sicher entrüstet zurück- gewiesen wird. Unterstellt das Blatt ihnen doch politische Heuchelei der grobkörnigsten Art und eine sie beleidigende Unzuverläblichkeit. Die Demokraten haben in keinem Stadium des Wahlkampses, in keiner Situation auch nur einen Schimmer von Zweifel über ihr politisches Ziel auskommen lassen. Mit unzweideutiger Klarheit und entschiedenem Wollen war ihre Arbeit auf eine Beseitigung des Freisinns eingestellt, und sie wurde konsequent durchgeführt. Selbst- verständlich hofften sie, das Mandat zu erobern. Aber genau so, wie die Sozialdemokratie durch ihre Stichwahlparole enent. auf ein energisches Eintreten für Gädke verpflichtet war, und sie mit allen Mitteln für seine Wahl gekämpft haben würde, hat die Demokratische Vereinigung von Anfang an rückhaltSlos erklärt: Koo.mt Düwell mit Kaempf iu die Stichwahl, dann werden wir mit allem Nachdruck für ihn eintrete», Kaempf muß fallen, unter allen UnistSnden! Trotzdem erlaubt sich das.Berliner Tageblatt" zu schreiben: „Wir dürfen erwarten, daß nun auch die Anhänger der Demokra- tischen Vereinigung, nachdem sie da« Vergebliche ihrer Bemühungen, den Kreis zu erobern, erkannt haben, sich nicht länger als.Vorfrucht' der Sozialdemokratie erweisen, sondern entschlossen sich auf die Seite de« liberalen Kandidaten stellen und ihn mit heraushauen Helten werden. Nur so können sie den Fehler wieder gutmachen, den sie mit ihrer Sonderkandidatur begangen haben." Damit unterstellt das ,B. T.", das Auftreten der Demokraten, ihre ganze Taktik sei bewußte Heuchelei gewesen, sie hätten entgegen allen ihren Erklärungen doch eine Wahl KaempfS sichern wollen; um die Hencheleitaktik zu krönen, mühten sie nun auch wortbrüchig werden und ihre ganze Reputation aus» Spiel setzen. Denn daß die Demokratische Bereinigung sich selbst das schmerzstillende Hals« band angelegt hätte, wenn sie der zugedachten Verräterei fähig wäre, das weih natürlich auch das„B. T.'. Wir glauben die Demokraten zu beleidigen, wenn wir sie gegen die Unterstellungen ernsthast in Schutz nehmen wollten; die Mache des.B T.' wird sie unserer Ueberzengung nach erst recht anspornen, geschlossen gegen Kaempf, und Itr den Kandidaten der Sozialdemokratie die Stimmen abzugeben! Sie preukiiche Stciicrnovclle. Im Jahre 1009 waren, um die 144 Millionen Mark Mehr- ausgaben für die Erhöhung der Beamtenbesoldung, dcS WohnungS- geldzufchuffeS und der Pensionen aufzubringen, die Einkommens- und Ergänzungssteuern durch Zuschläge belastet worden, hie insgesamt b? Millionen Mark mehr einbrachten. Diese Zuschläge waren nur als eine vorläufige Mahregel gedacht. Die Regierung ist in dieser Session genötigt, ihr Versprechen einzulösen und die Zuschläge durch eine organische Steuerreform zu ersetzen. Auch in liberalen Kreisen war nun die Ansicht geäußert worden, daß die Regierung diese Gelegenheit benutzen werde, um in Anbetracht der ungeheuren Belastungen� die durch die Preis st eigerungen der Lebensmittel und Verbrauchsartikel infolge des indirekten Steuersystems auf die Schultern der großen Masse der arbeitenden Bevölkerung r'nälzt worden waren, wenigstens eine Verminderung der k t e n Steuerlasten für die proletarischen Bevölke- schichten eintreten zu lassen. Nach den Mitteilungen, die die offiziöse„Berliner Korrespondenz' über die preußische rnovelle macht, denkt die Regierung auch n i ch t i m e n t- testen an etwa« DerartigeSI Die Forderung, die fften Einkommensteuerftufen, sei eS auch nur bis zu 1200 M., listenzminimum völlig frei zu lassen, lehnt die Regierung icg ab. Sie erklärt, daß dadurch der Regierung ein Steuer- l von 18% Millionen Mark erwachsen werde, bei einer Aus- ng des SteuerminimumS auf 1500 M. gar ein Ausfall von illionen Mark. Einen solchen Ausfall aber könnten die ischen Finanzen nicht ertragen. Dieser ablehnende Stand- wird weiterhin damit beschönigt, daß ja die niedrigsten rstufen bereits durch das sogenannte Kinderprivileg ceußen hinlänglich entlastet seien. Bleibe doch derjenige frei, der bei einem Einkommen von 900 bis 1000 M. zwei mehr unterhalwngsberechtigte Familienangehörige zu ver- n hat, und bei 1060 bis 1200 M.. sofern der Steuerpflichtige oder mehr Familienangehörigen Unterhalt gewähren muß. Diese Einwendungen sind natürlich total unzureichend. n nachdem durch die ReichSfinanzresorm der nichtbcsitzenden .« erst wieder die Lebensmittel um viele hunderte i'l l i o n e n verteuert worden sind� so daß jeder Erwerbstätige d Steuerpflichtige eine enorme Summe an in» direkten Steuern mehr aufzubringen hat, wäre es jetzt da? allermindeste gewesen, daß wenigstens die preußische Regierung die direkte Steuerpflicht für die am schlechtesten gestellten dieser Schichten beseitigt hätte. Eine Steuerbefreiung aller Einkommen bis zu 1600 M..hätte durchaus den heutigen Teuerungsverhältnissen entsprochen; ist doch jene Grenze, die selbst für die preußische Steuergesetzgebung da? Exi st enz Minimum darstellt, seit dem Jahre>892 riesig nach oben verschoben worden. Die Sache ist aber die, daß die preußische Regierung einfach auf die 40 Millionen Mark nicht verzichten will, die ihr auS der Besteuerung der niedrigsten EinkommenSgruppen zufließen. Sie will da? nicht, weil sie sonst eventuell genötigt wäre, die höheren Einkommen schärfer zur Steuer heranzuziehen. Diese Reichen sollen aber auch künftig nach Möglichkeit geschont werden, damit sie wie bisher Millionen auf Millionen häufen können! Daß man den Reichen nicht tveh tun will, beweist ja die Tat- fache, daß die ErgänzungS-(Vermögens-) Steuer auf dem jetzigen Satze von 0,06 pro 1000 M. belassen und nicht pro- g r e f s i v gestaltet werden soll. TaS ungeheure Anwachsen der Riesenvermögen hätte es dcch nahe gelegt, endlich eine Progression der ErganzungSsteuer eintreten zu lassen. Aber die preußisch« Regierung lehnt das mit dem Einwände ab, daß dadurch auch diejenigen Vermögen getroffen werden könnten, die nur einen geringen oder womöglich gar keinen Ertrag abwerfen. DaS ist natürlich auch nur ein ganz fauler Vortvand, denn wer Hundert- taufende oder Millionen an Vermögen besitzt, könnte selbst dann für je 100 000 MI. Vermögen statt der 66 Mk. 100 oder ISO Mk. Ergänzungssteuer bezahlen, wenn sein Vermögen momentan nur einen geringen oder auch gar keinen Ertrag abwirft. Solche Vermögen bilden außerdem eine so verschwindende AuS- nähme, daß sie ftir die generelle Regelung gar nicht in Frage kämen. Aber die Reichen sollen eben geschont werden, damit sie immer reicher werden können— und zur Beschönigung dieser löblichen Regierungsabsicht greift man dann zu den faden- scheinigsten Ausreden. Aber auch von der doch so notwendigen Progression der Ein- kommen st euer will die Regierung nichts wissen. Der Steuer- satz für die Einkommensteuerstufen von mehr als 100 000 M. soll nur S Proz. betragen, also ebenso viel, wie gegenwärtig die Steuer pluS Zuschlag beträgt. Die Millionäre sollen auch hier geschont und in der Akkumulation von Riesenkapi- talien nicht gestört werden. Im übrigen beschränkt sich die ganze Reform der Einkommensteuer darauf, daß auch bei den Steuersätzen für die Einkommen unter 100 000 M. im wesent- lichen alle? beim alten bleibt, und daß nur kleine Schön- heitsfehler, Ungleichmäßigkeiten in der Progression, die namentlich in den Einkommenstufen von 10 500 bis 32 000 Mk. vorhanden waren, beseitigt werden sollen. Der Tarif soll für die Einkommen von mehr als 32 000 Mk. zum Teil eine geringe Er- höhung aufweisen. Daß das Ganze aber in keiner Weise auf eine Reform auch nur der Progression innerhalb der gegebenen Grenzen hinausläuft, geht aus dem Umstand hervor, daß sich da- durch für die Staatskasse nicht etwa ein Mehrertrag, sondern ein Ausfall von annähernd 3 Millionen Mari ergibt. Eine Erhöhung der Lasten tritt nur insofern ein, als der ehemalige Zuschlag, der nun einen Bestandteil des Steuersatzes selbst bildet, künftig auch in den kommunalen usw. Angaben in Anrechnung gelangt. Da auch die mittleren und n i e d- r i g e n Einkommen an dieser erhöhten kommunalen Abgaben- Pflicht beteiligt sind, stellt also in Wirklichkeit die famose Steuerreform nichts dar, als eine Erhöhung der direkten Steuerlasten, die auch den niedrigsten Einkommen aufgebürdet werden sollt Schließlich ist in dem Entwurf eine Bestimmung vorgesehen. daß bei Berechnung der zu entrichtenden Einkommensteuerbeträge für Wahlzwecke in den Steuerstufen von 12 500 bis 31 000 M. ein Zehntel und in den Steuerstufen von mehr als 31 000 M. ein Fünftel sowohl der Staatseinkommensteuer- als auch der Ge- meindeeinkommenfteucrbeträge abzusetzen sind. Dadurch soll eine weitere Plutokratisierung des Wahlrechts verhütet werden. Ob man sich etwa einbildet, daß eine solche Bestimmung auch nur vorläufigen Ersatz für eine Wahlrechtsreform dar- stellen könnte? Sollte man wirklich diesem Köhlerglauben hul- digcn, so wird die entrechtete Volksmasse der preußischen Regierung bald genug da» Gegenteil beweisen I AlleS in allem legt die preußische Steuervorlage wiederum einmal Zeugnis av von der absoluten Impotenz und Rttck ständigkeit der offiziellen preußischen GesetzeSmacherei l Sa; Ifllnlitcrium PolocarO Paris, 14. Januar.(Eig. Der.) Ein„großes", ein„nationales" Ministerium— mit diesen Adjektiven will die bürgerliche Presse die neue Re- gierung qualifizieren und charakterisieren. In der Tat haben beide Bezeichnungen ihren Sinn. Das Kabinett besteht fast nur aus Generälen wie die Armee der Republik Haiti. Außer Poincar6, der Ministerpräsident wurde, sitzen einige Herren darin, die es gerne geworden wären oder hätten werden können: Briand, Millerand, Delcasss, Bour- g e o i s. Für Briand hat man obendrein den offiziellen Titel des Minister-Vizepräsidenten gestiftet. Es ist also ein„Mi- nisterium der Beruhigung"— von ungeduldigen Portefeuille- Kandidaten. Aber zweifellos sind es die stärksten Nummern des Bourgeoisrepublikanismus, die auf seiner Eröffnungs- anzeige glänzen, und ihre überraschende Vereinigung drückt den Ernst der Lage aus, die die Republik zwingt, die ent- mutigte öffentliche Meinung durch einen imponierenden Auf- marsch der Talente zu beruhigen. Und insofern eine gleich imponierende Wirkung auf das Ausland angestrebt wird, tritt der„nationale" Charakter der neuen Regierung hervor. Nach den jüngsten Vorgängen, die das Schauspiel eines wüsten In- trigenkampfes mitten im Nebel einer internationalen Krise boten, soll gezeigt werden, daß die Nation eines geschlossenen Auftretens fähig geblieben ist und im Rat der Völker ein ge- wichtiges Machtwort zu sprechen nach wie vor bean- spruchen darf. Stellt die neue Regierung eine Demonstration des nationalen Bewußtseins und der Lebenskräfte der republika- nischen Staatsform dar, so zeigt sie aber weiter auch, daß die entscheidende Macht in der Republik den Händen der klein- bürgerlichen Demokratie immer mchr entgleitet. Die radikale und radikaliozialistische Partei, die in der Kammer noch immer die Mehrheit hat, ist im neuen Ministerium nur durch zwei führende Männer vertreten, von denen der eine, L6on Bourgeois, das politisch nicht wichtige Ressort der Arbeit und sozialen Fürsorge übernommen hat. Der eiaentliche Combis- mus wird nur durch Herrn Steeg repräsentiert, dem das Ministerium des Innern übergeben wurde, da Briand an dieser Stelle den Radikalen, gegen die er vordem als Ver- waltungschef seine Präfekten dirigiert hat, unerträglich ge- Wesen wäre. An der Spitze der Regierung aber steht ein ausgesprochen gemäßigter Republikaner und Anwalt der Kon- zentration der Mittelparteien, die anderen Radikalen gehören dem rechten, sozialreaktionären Flügel an und sogar der„un- abhängige Sozialismus" hat das vollständige Trio Briand- Millcrand- Viriani beisammen. Trotzdem wird man die neue Regierung schwerlich einen neuen politischen Kurs eröffnen sehen. Ihre Aufgabe ist vor allem die Liquidierung von Geschäften, die außerhalb der großen prinzipillen Fragen und wirtschaftlichen Interessen liegen, die die bürgerlichen Parteien voneinander scheiden. Das deutsch- französische Abkommen muß unter Dach gebracht werden, aber auch die W a h l r e f o r m harrt dringend der Erledigung. Poincars ist ein entschiedener An- Hänger der Verhältniswahl, und der Widerstand gegen diese selbst dürfte sich bei den Radikalen unter dem Eindruck ihrer schwindenden Popularität jetzt eher geben als früher. Ohne erhebliche Verschlechterung des Systems durch allerhand Gratisbeilagen von radikalen Mandaten wird es ja kaum abgehen, ober schließlich scheinen die vernünftigen Radikalen doch einzusehen, daß nur ein Verhältniswahlsystem mit seiner Ausbildung fester Parkeikörper iInen eine Gewahr dages« bietet, daß ihnen außer den Wählern auch die Gewahlten davonlaufen. Die Arbeiterklasse und die sozialistische Partei können diesen resignierten Versuch der Radikalen, ihr bankrottes Geschäft auf einen besseren Namen zu schreiben, ruhig ansehen, „ohne Zorn und mit einer Art wissenschaftlichen Gleichmuts". sagt Jaurds. Jaurös findet, das beste am neuen Ml« nisterium sei, daß DelcassS nicht das Portefeuille des Aus« wältigen erhalten habe, bedauert aber zugleich, daß es mcht Bourgeois zugefallen sei, der bekanntlich einer der eifrigsten Befürworter der Schiedsgerichte sei. Es ist allerdings frag- lich, ob gerade die jetzige internationale Situation einem Fortschritt auf diesem Gebiete günstig ist. Dagegen könnte es dem großen Einfluß Bourgeois' im Senat wohl noch am ehesten gelingen, die Verbesserung der Altersver» sicherung, vor allem die Herabsetzung des Bezugsalters auf 60 Jahre, dort durchzuführen. Ueber Briand sagt �au�Jdy schreibe ihm keine solche Wichtigkeit zu. daß seine An« Wesenheit genügen sollte, ein Ministerium zu charakterisieren. Er hat zwischen sich und dem Sozialismus einen solchen Abgrund gegraben, daß man von einem Rand zum anderen schließlich nicht einmal mehr den Verrat wahrnimmt. Oder man regt sich wenig- stens über ihn nicht mehr auf. Wenn er aber für uns nur noch ein ferner Gegenstand ist, so ist sein Verrat gegen die Radikalen noch frischen Datums. Sie hatten ihn aufgenommen und er hat sie rückschrittlichen Kräften ausgeliefert. Sie haben sich von ihm vor ein paar Monaten in einer Erhebung fast mit dem Mut der Verzweiflung befreit und fragen sich, warum man ihn ihnen zurückbringt.' Die eigentlichen radikalen Organe sind in der Tat etwa? zurückhaltend. Dagegen führt die briandistische Reptilien- presse Freudentänze auf. da sie in Poincars nur einen Vor« reiter ihres Gebieters steht. Natürlich ist auch der großkapl- talistische„Temps" gegen ein Regime, das so mit dem Stempel der Mäßigung in die Welt tritt, sehr gnädig, wenn auch die Trennung von Caillaux leise Schmerzen zurück- gelassen hat.__ poUtifcbe dcbcrficbt. Berlin, den 15. Januar 1912. Kröchers Abschied. Wehmütigen Herzens botj sich Jordan v. Kröcher' am Montag vom Abgeordnetenhause verabschiedet. Nicht al» ob er sich vom parlamentarischen Leben überhaupt zurückziehen wollte. Mit- glied des Landtags wird er vorläustg noch bleiben, und in den Reichstag möchte er auch gern wieder hinein, wenn das so leicht wäre. Aber das Präsidium hat er satt; seine außerparlamentari- schen Amt«, und Privatgeschäfte leiden zu sehr darunter, ganz ab« gesehen davon, daß auch noch die bösen Sozis sich seinen Launen nicht fügen und seinen Befehlen nicht Folge leisten wollen. S» bat er denn das Haus, ihn nicht wiederzuwählen. indem er sich gleichzeitig bei der Mehrheit für da» Entgegen« kommen bedankte, da» er stets bei ihr gefunden. Jordan v. Kröcher, der ja niemals auS seinem Herzen eine Mördergrube gemacht hat, hat durch seine AbschiedSworte, die im übrigen durch die Anerkennung der Tätigkeit der Beamten deS HaiiseS sympathisch berührten, offen bekundet, daß er nicht der Präsident deS Hauses, sondern der Mehrheit gewesen ist. Ob es unter seinem Nachfolger, dem bisherigen Vorsitzenden der Budgetkommission Freiherrn v. E r f s a anders werden wird, bleibt abzuwarten. Unmittelbar nach Eröffnung der Sitzung brachte Finanz« minister Dr. L e n tz e den Etat ein. Seine EtmSrede, die sich jeder politischen Bemerkung enthielt und stch rein auf da« Zahlenmaterial beschränkte, zeichnete sich durch große Klarheit aber durch ebenso große Nüchternheit auS. Da zudem die Hauptzahlen bereits bekannt waren, ist e» ver« ständlich, daß nur wenige.Volksvertreter' den AuSsührungen deS Minister» lauschten, während die meisten von ihnen ihre Wahl» erlebnisse, vielleicht auch ihre Privaterlebnisse während der sechs» monatlichen Pause austauschten. Der Präsident suchte wiederholt dem Vertreter der Regierung Gehör zu verschaffen, aber vergebens- Aus dem Inhalt der Etatsrede ist lediglich daS eine hervorzuheben, daß die Finanzlage Preußen» eine gesunde ist. Wenige Stunden später fand eine zweite Sitzung statt, in der an Stelle de» Herrn v. Kröcher Herr Frhr. V- Erffa zum Präsidenten gewählt und die Herren Dr. P o r s ch und Dr. Krause zu Vizepräsidenten wiedergewählt wurden. Hierauf vertagte sich das HauS auf 14 Tage. Am 30. Januar soll die GtatSberauing beginnett._ Tie Erlauchken über die Geehrten. Wo sich Dreiklassemnänner zusammenfinden, da sind auch die HerrenhäuSler nicht weit. Gestern kamen sie in, großer Zahl zu- samnren, um an Stelle des gebrechlichen Manteuffrl einen anderen Präses zu wählen. Ein alter, aber noch recht gut konservierter Hosmcnsch wurde auserkoren, der frühere Minister des Acußercn v. Wedel-Piesdorf. Kaum gewählt, schmetterte der Herr schon eine recht junkerliche Aeutzerung in» Haus. War man zuerst erfreut, jetzt wenigstens nicht mehr das ewige Genäse! des 17 000 M.« PensionsbezieherS v. Manteuffel zu hören, so erstaunte man wäh- rcnd der Dankrede des Präsidenten um so mehr, als er plötzlich er- klärte, unparteiisch könne ein HerrenhauSpräsident um so leichter sein, weil„in diesem Hause die Parteien nicht darauf bedacht sind, sich zu bekämpfen, sondern die Geschäfte so zu fördern, wie es dem Wohle des Vaterlandes entspricht". In den anderen Häusern,-die dem Piosdorfer vorgeschwebt haben mögen— im Dreiklassenhau» und im Reichstag—, regieren überall die bürgerlichen oder sogar die konservativ-klerikalen Par- teien. Die mögen sich bei Wedel'bedanken! Aber jetzt, vor den Stichwahlen, in denen auch zahlreiche Parteigenossen des Herrn HcrrcnHauspräsidenten um die Stimmen der— äh!— Wähler werben(natürlich auch, um im Parlament dem Wohl des Vater- landes, bestehend in Wucherzöllen und Liebesgaben zu dienen,!), jetzt kommt dieser neue Beweis konservativer Auffassung vom Wert und Wesen der Volksvertretung ja gerade recht. Man kann neu- gierig sein, wie ernst sich die bürgerlichen Parteien diese aristo- kratische Bestreitung ihres Patriotismus verbitten werden! Mit der Wicderivahl deS einstmals„roten", jetzt schon zur Exzellenz avancierten Becker und des uralten BaronÄ Landsberg zu Vizepräsidenten war das löbliche Werk getan. Leimruten für die Liberale«. Die„National-Zeitung' meldet: tkeber die von der naticmalliöeralen Partei auszugebende Stichwahlparole wird in einer besonderen Konferenz, die am Dienstag, den 16. Januar, stattfindet, beraten werden. Wie verlautet, foll die R e i ch s r eg i e r u n g sich mit der Absicht tragen, auf die maßgebenden Führer der libe- raten Parteien, namentlich der nationalliberalen, im
Sinn« der von dem Reichskanzler ausgegebenen Stichwahl- Parole«inzuwirken, um eine direkte und indirekte Unter- ftüpung der Sozialdemokratie zuungunsten des Zentrum? (in Rheinland und Westfalen) oder der Konservativen zu verhindern. Von diesem Wechsel in der Frontstellung gegen Rechts erhoffe die Regierung einen günstigen Ausfall der Stich- Wahlen und eine Verminderung der sozialdemokratischen Man- date. Die„Nordd. Allg. Zeitung" hat ja bereits den beweglichen Appell des Herrn v. Bethmann Hollweg an die Liberalen der- öffentlicht. In dem gleichen Sinne sollen die Liberalen jetzt auch mündlich bearbeitet werden. Und vielleicht sind manche Kreise der Nationallibcralen sehr erbaut davon, daß die Regierung nun- mehr den Vermittler und Makler zwischen Blauschwarzen und Liberalen machen will! Daß die Nationalliberalen jederzeit bereit waren, sich mit dem Zentrum unter Preisgab« aller liberalen Forderungen gegen die Sozialdemokratie zu verbünden, stand ja längst außer Frage. Ob auch der Freisinn die große Dcroute mitmachen wird? Wenn er absolut seine Sclbsteinäscherung vollziehen will, mag ef s immerhin tun! Die Sozialdemokratie hat keinen Schaden von der Rück- wärtSentwickelung des Liberalismus, das hat ja der 12. Januar be- wiesen! Das verschandelte KönigSwort. Die„Kölnische Zeitung" schreibt zu der preußischen Thronrede: „Enttäuschung, und keine geringe, wird die Thronrede dcS- halb hervorrufen, weil sie mit keinem Wort die preu- tzische Wahlrechtsreform erwähnt. Nachdem sich die Krone einmal auf diese Forderung verpflichtet hat, sollte keine � Thronrede hinausgehen, die nicht an der Spitze sagte, wie es mit dieser wichtigsten Aufgabe der preußischen Gesetzgebung steht." Daß selbst ein so reaktionäres Blatt wie die Rheinische Wetterfahne derartig urteilt, sollte den preußischen Negierern doch zu denken geben!_ Versteckte Anerkennung. Wenn auch die Konservativen über den sozialdemokratischen Wahlsieg nach altem Rezept höhnen, flößt ihnen, soweit sie noch nicht jedes Verständnis für die soziale Entwickelung ver- loren haben, doch die Energie des sozialdemokratischen Vor- morsches Respekt und Grauen ein. So schreibt die„Kreuz- Zeitung" in ihrer Sonntagsnummer: „Sehr ernst aber sehen wir das Anwachsen der Sozialdemokratie an. das durch die recht weit in der- selben Richtung gehende Agitation der Liberalen mitverscbuldet ist. Hier bildet sich ein vollkommen organisierter Staat im Staate, der die Jugenderziehung in seinen Kreüen beherrscht, Steuern einzieht, ein Beamtenheer unterhält, Ehrenämter in großer Zahl zwangsweise besetzt, Truppen aus der Straße einexerziert, Gelehrte, Künstler, Dichter, Publizisten in seinen Dienst nimmt und einen G e m e i n s i n n pflegt, vor dem sich unsere viclgerühmten Bürgertugenden allmählich verstecken können. Welch eine Kraftleistung war die sozialdemokratische Agitation bei dieser Wabl! Jeder von uns wird davon erzählen können. In den Großstädten war meist das erste Flugblatt. daS man mit Stimmzettel, Angabe des Wahllokals und der Listenuummer erhielt, sozialdemokratisch. Weit hinkte die Fortschrittspartei nach. und spät erst kam die konservative Partei hinterher, die il vor vielen Wahllokalen nicht einmal Stimmzettel verteilen ließ. Aus dem Lande fehlte eS fast nirgends an sozial- demokratischen Flugblatt- und Zettelverteilern. Viele von diesen Sendlingen der Nevolutionspanei arbeiteten im Ehrenamt und ließen sich nur die baren Auslagen ersetzen. So weit unser Ueberblick reicht, hat sich die sozialdemokratische Agitation im all- gemeinen durch bessere Manieren von der fortschrittlichen und linksnationalliberalen vorteilhaft unterschieden. Hier der künstlich aufgestachelte KriegSeifer gegen eine Partei, mit der man vor fünf Jahren noch gemeinsame Sache gemacht hatte, viel be- zahltes Wehgebeul über konservative Gewaltherrschaft und agrarische Ausbeutung, an das niemand glaubte; dort die e r n st e st i l l e E n t s ch l o s s e n h e i t, den letzten Mann an die Urne zu holen und die Stimmen des sozialistisch geeinigten Proletariats zu einem einzigen ge- waltigen Prote st e gegen die be st ehende Staats- und Gesellschaftsordnung zu sammeln. Bei den Wahlen schweigen innerhalb der Sozialdemokratie alle Gegensätze. Die angegriffene bürgerliche Gesellschaft aber zerfleischt sich in Todfeindschaft, und die eine Partei ruft gegen die andere die Hilfe der außerhalb stehenden Sozialdemokratie an. Dies Jammer« bild bietet heule der bevorstehende Stichwahlkampf. Man kann wahrlich nicht sagen, daß sich der Nationalcharakter der Deutschen gegen früher gebessert bat." Vielleicht richtet die„Kreuz-Zeitung" an sich selbst die Frage, ob, wie das Hammerstein-Blatt so oft behauptet hat, eine Partei, die fast spielend derartige Kraftleistungen voll- bringt, in ihren Reihen einen solchen„Gemeinsinn" pflegt und ihre Anhänger zu höchstem Opfermut begeistert, wirklich nichts anderes ist als eine Rotte zweifelhafter, idealloser Gesellen, die nur durch Habgier, Frivolität und wilde Genußsucht zu ihrem Tun getrieben werden. Die Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen in Elsast-Lothringen bei der ReichStagSwahl vom 12. Januar 1S12 gegenüber der Wahl vom 25. Januar 1907 beträgt in den 15 elfaß-lorhringischen Reichs- tagSwahlkreisen: Hierbei waren in die 17 251 Stimmen des Kreises Mülhausen im Jahre 1907 auch die bürgerlich-demokrotiichen Stimmen in- begriffen, während diese Stimmen im Jabre 1912 infolge Auf- stellung einer liberal-demokratischen Kandidatur gegen uns standen. Bei den Landtagswahlen vom 22. Oktober 1911 hotte die Sozialdemokratie in den 60 elsaß-lothringüchen Landiagswahlkreisen 71 476 Stimmen erhalten. Wie einschneidend die beim Landtags- Wahlrecht gellende Wohnsitzklauiel(einjährige Ausässigkeil in der Ge- meinde und dreijährige in Elsaß-Lothringen) wirkt, erhellt aus der Tatsache, daß z. B. im Kreile Mülbauien jetzt bei der Reichstags- Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil veräntw� wähl 43 357 Personen wahlberechtigt waren, bei der Landtagswahl vor nicht ganz drei Monaten aber nur 37 876. Eine liberale Antwort auf die Stichwahlparole der Regierung. Das„Berl. Tageblatt" antwortet in einem„D i e M a j o r i t ä t von morgen" überschriebenen Leitartikel auf die naive Stich- Wahlparole des Herrn v. Bethmann Hollweg, die den bürger- lichen Parteien empfiehlt, sich bei den Stichwahlen zum gemeinsamen Kampf gegen die Sozialdemokratie zu vereinen. Das linksliberale Blatt schreibt: „In der„Nordd. Allg. Ztg." wird gesagt, zu den ersten Auf- gaben des neuen Reichstages gehöre„die Sicherung unserer Wehrfähigkeit", und es wird so getan, als müßte eine Mehrung der sozialdemokratischen Mandate diese Wehrfähigkeit in Frage stellen. Nie haben patriotische Scharlatane sich mit einer dum- meren Lüge aus übler Lage zu retten versucht, denn jedes Kind weiß ja genau, daß schon heute für alle vernünftigen und nötigen Forderungen zur„Sicherung unserer Wehrfähigkeit" eine Mehr- heit im neuen Reichstag existiert, und daß solchen Forderungen weniger als je zuvor eine Ablehnung droht. Aber, deutscher Bürger merke gütigst auf: wenn du eine Linksmajontät, aus Liberalen und Sozialdemokraten, in den Reichstag schickst, dann werden die Kosten der neuen Wehrvorlagen auch den Großgrundbesitzern, den Fideikommis- Herren, den Regierungsmagnaten mit auf- erlegt, dann wird die verpönte Erbschafts st euer gemacht— und wenn die schwarzblaue Blockmajorität wiederkehrt, dann wir st du abermals für die anderen zahlen müssen, dann wird aus deinem Portemonnaie geschöpft! Dir blühen, wenn die Uebertölpelung gelingt, nicht nur wiederum volle fünf Jahre lang die Lieblichkeiten des konservativ-klerikalen Regiments. Du wirst auch sehr schnell nach Mark und Pfennig berechnen können, was deine Einfalt dich gekostet hat. Die Konservativen und Klerikalen werden furchtbare Rache üben und dort, wo ein Liberaler mit einem Sozialdemokraten in der Stichwahl steht, das ihrige für die Niederlage des Liberalen tun? Viclle'.chi planen einige von ihnen diesen Narrenspaß: aber das Vergnügen, einen Sozialdemokraten statt eines Liberalen zu wählen, würde zum mindesten nicht sehr einträglich sein. Und gibt es einen Kinds- kops, den solche Drohung zu schrecken vermag, und ist es nicht das ABC, daß eine Partei mit vierzig oder selbst nur mit dreißig Mann, die mit ihren Nachbarparteien nach freiem Belieben Majoritäten bilden und darum ihren Willen durchsetzen kann, stärker ist als eine Partei mit fünfzig, die anschlußlos, entbehrlich und unbeachtet fortvegetiert? Ist nicht sogar ein einziger, der zwischen zwei gleichen Majoritäten den Ausschlag gibt, umwor- bener als hundert, um deren Meinung sich niemand zu kümmern braucht, und ist eine winzige Erhöhung der Fraktionsziffer wich- tiger als eine gewaltige Erhöhung politischer Macht? Wird die schwarzblaue Majorität zurückgeholt, so werden die liberalen Par- teien, und wären sie auch etwas größer als heute, ganz wie bis- her gleich einem Wrack herumschwimmen, ohnmächtig und bedeu- tungslos. Wird überall der Gegner des Zentrums und der Konservativen gewählt und eine Linksmehrheit zustande gebracht, so werden die liberalen Parteien, und kämen sie auch etwas ver- klcinert zurück, das Heft in der Hand haben und die Schiedsrichter im Reichstag sein. Kann ein vernunftbegabter Liberaler noch zaudernd sich fragen, wie er zu handeln hat? Die Entscheidung derjenigen, die zu wägen und zu rechnen wissen, ist nicht zweifel- hast."_ Spanien. Canalejas als Stehaufmännchen. Am Sonntag ist das Kabinett Canalejas zurückgetreten. Grund: die Absich! des Königs. Cuqueta, den letzten der im Cullera-Pro- zeß zum Tode Veruncilten. zu begnadigen, obwohl das Mi- nisterium eS nicht für geraten gehalten hatte, diese Maßnahme zu empfehlen. Die Begnadigung erfolgte denn auch, zugleich redete aber der König dem Ministerpräsidenten gut zu; dieser ließ sich nicht lange bitten und bleibt und mit ihm seine Kollegen. Lelgien. Die Vermehrung der Deputierten- und Senatorcnzahl. LuS Brüssel wird unS gemeldet: Im Februar wird die Regierung in der Kammer ein Gesetz über die Vermehrung der Depuiierten- und Senatorensitze vorlegen, die auf Grund der letzten Zahlen der Bevölkerungsstatistik zu er- folgen bat. Tie Zahl der Deputierten wird um 20 verniehrt werden: fünk neue Sitze entfallen auf die Hauptstadt, je zwei aus Anlwerpen, Charleroi, je einer auf Mecheln, Löwen, Ostende, MonS, Lüllich usw. Der Senat wird um 10 Sitze vermehrt werden, wovon eines auf Brüssel entfällt. Der Senal würde sonach nach dem neuen Gesetz von 84 auf 94 Mitglieder erhöht werden, die Kammer von 166 auf 186 Mitglieder. Die interessanteste Wirkung des neuen Gesetzes, oder wenn man will, der damit verbundenen Auflösung des HauieS wird jedenfalls die auf die Ziffernformatiou der gegenwärtigen MehrbeilSpartei sein. Die Klerikalen reckinen manckierlei um die neuen Sitze herum(das Provortionalwahliystem läßt hier die Parteien vor den Wahlen überhaupt viel, reckinen" und ausrechnen) und manchen davon glauben sie in der Tasche zu haben. Die Ziffern der Wahlen seit 1902 laffen allenfalls eine niathematisch-polhi'che Gesetzmäßigkeit erkennen, die von den Klerikalen selbst freilich nicht anerkannt und als für die Zukunft maßgebend geschätzt werden wist. Von den 20 Stimmen Majorität, die die klerikale Regierungspartei im Jahre 1902 hatte, ist sie nämlich sukzessive aus 6 Stimmen Majorität herabgekommen. Die Majorität hängt bei den diesmaligen Wahlen also an einem Faden. Die Klerikalen hoffen, daß er die Wahlen durchhalten wird. Die anderen Parteien halten ihn bloß für stark genug, die Regierung zu erwürgen.... Die Vermehrung der Ab- geordnetenmandate wird, meinen sie, das ihrige dazu tun.— Cürkeu Vor der Kammerauslösung, Konstantinopel, 15. Januar. Im Senat ist soeben ein kaiserliches Reskript verlesen worden, durch das die Senatoren aufgefordert werden, sich für die Auflösung der Kammer auszusprechen. Wie verlautet, hat eine Deputation von Offizieren des ru- melischen Armeekorps der Regierung nahegelegt, die Kammer nur unter strikter Wahrung der Vorschriften der Verfassung aufzulösen. Die Regierung schenkt diesem Schritte der Deputation keine Beachtung. In den Kreisen der oppositionellen Presse herrscht B e u n- ruhigung. da man befürchtet, daß die Regierung nach Auf- lösung der Kammer gegen die Presse streng vorgehen und den Belagerungszustand rücksichtslos an- wenden werde. Einige oppositionelle Blätter sollen ihr Er- scheinen einstellen. Gerüchten zufolge werden einige Jour. nalisten ins Ausland flüchten. Die Kammcrauflösung vor dem türkischen Senat. Konstantinopel, 15. Januar.(W. T. B.) In der Sitzung des Senats waren die Tribünen dicht besetzt, �auch viele Deputierte waren anwesend. Das Reskript des Sultans wurde dem Präsidenten überreicht, cher es sofort verlas. Es hat folgenden Wortlaut: Da ich in die Notwendigkeit gesetzt bin, die Kammer unter der Bedingung aufzulösen, daß die neue Kammer in drei Monaten gewählt und zusammenberufen wird, erwarte ich gemäß JH. Glocke, Berlin. Druck u. Perläg?BorwörtI Buchdr. n Verlagsanstalt Artikel 7 der Verfassung, daß Sie eiu günstige»«Utecht« abgebe-, werden. Der Präsident erlllärte, daß die von der Deputierten- kammer abgelehnten Gesetzentwürfe in der Regel nicht an d« Senat gelangten; aber eS bestehe eine Ausnahme gerade bei Ar» tikel 35, der im Falle eine? Konflikts zwischen Kammer und Ka- binett fordere, daß der Senat wegen Auflösung der Kammer be- fragt werde, wenn die Kammer nach Demission des Kabinett» den Borschlag der Regierung dreimal ablehne. Der Sultan sei das wahre Haupt der exekutiven und legislativen Gewalt. Sein Herz schlage mit dem seiner Untertanen zusammen|ür da? Wohl des Landes. Da man nicht wisse, was aus der Auflosung der Kammer folgen könne, wünsche der Sultan die Verantwortung mit dem Senat zu teilen. Der Präsident fuhr fort: Das Jrade deS Sultans kann nicht an eine Kommission überwiesen werden, aber, da der Senat keine offizielle Kenntnis von den Beratungen hat, die die Kammer etwa zwanzig Tage in Anspruch nahmen, überweise ich die ganze Angelegenheit an eine Kommission, die die verschiedenen Phasen der Frage prüfen soll.— Mehrere Senatoren stellten darauf den Antrag, in geheimer Sitzung weiterzuberaten. Der Präsi- dent forderte das Publikum auf, die Galerien zu verlassen. Dem widersprach Marschall Fuad und verlangte energisch Oeffentlich- kcit der Veratungen. damit die öffentliche Meinung aufgeklart werde. Der Minister bemerkte, gemäß der Verfassung müsse eine Beratung über die Notwendigkeit des Ausschlusses der Oeffen:- li-bkeit geheim vor sich gehen. Darauf wurden die Galerien ge- räumt. In der Geheimsitzung beschloß der Senat nach kurzer Derawng mit 38 gegen 6 Stimmen, die Oeffentlichkeit auszuschließen, jedoch die Minister zu der geheimen Sitzung zuzulassen. Die Diskussion über die Frage, ob die Angelegenheit einer Kommission überwiesen werden solle, war sehr lebhaft. Der Senat beschloß Neberwcisung an eine besondere Kommission, die untersuchen soll, ob der Artikel 35 in dem Konflikt zwischen Kammer und Kabinett vollständig befolgt worden ist. Letzte ISachrfchteii. Regirrungs-Wahlmache. Stuttgart, 15. Januar. Der amtliche. Staatsanzeiger" richtet heute eine Mahnung an die bürgerlichen Parteien, sich bei den Stichwahlen gegen die Sozialdemokratie zu- sammenzuschlicßen. Die bürgerlichen Parteien, heißt eS in dem Artikel, sollten sich vor Augen halten, wie die zwischen ihnen be- stehenden Unterschiede und Verstimmungen an sacklicher Bedeutung doch völlig zurücktreten gegenüber der tiefen Kluft, die sämtliche bürgerlichen Parteien von der Sozialdemokratie trennt. Tiefe Kluft hat die Sozialdemokratie selbst gezogen und sie vertief, sie immer mehr. Jede bürgerliche Partei ist für die Partei des Klassenkampfes ein Gegner, den sie mit allen Mitteln bekriegt und den sie zu verdrängen trachtet. Wenn die Sozialdemokratie eine der bürgerlichen Parteien unterstützt, da geschieht es nur, um ihre eigenen Zwecke zu fördern, um die unterstützte Partei von sich ab- hängig zu machen, um sich bei der bürgerlichen Wählerschaft einzu- nisten und diese Wählerschaft an sich zu gewöhnen. Tie Sozial- demokratie hofft, alle Parteien zu beerben und aus ihren Sitzen zu werfen. Wen heute die Sozialdemokratie unterstützt, dem rück! sie morgen zu Leibe. Wenn daher bei den bevorstehenden Stichwahlen eine bürgerliche Partei mit der Sozialdemokratie Verabredungen trifft oder stillschweigend mit ihr zusammengeht, so mag sie für den Augenblick einen Erfolg für sich selbst oder einen Triumph über einen bürgerlichen Gegner davon tragen. Auf die Dauer aber wird sie sich selbst geschadet habe». Auch auf die im neuen Reichstag zu befolgende und allein mögliche Politik sollten die bürgerlichen Par- teien schon im voraus den Blick lenken. Die Sozialdemokratie wird um so weniger geneigt sein, von ihrer intransigenten Haltung ab- zugehen, als sie ihr ihre Erfolge in erster Linie zuschreibt. Wie stellt sich die bürgerliche Linke, die das in erster Linie angeht, eine den Erwartungen ihrer eigenen Wählerschaft entsprechende ersprieß liche Arbeit im Reichstage vor. die sie zu leisten bäste im Gefolge und in Abhängigkeit von einer übermütigen Sozialdemokratie? Be- sonders auch die Parteien der Rechten und de» Zentrums, bei denen da und dort schon ein Spielen mit dem Gedanken hervorgetreten ist, statt der bürgerlichen Linken lieber noch die Sozialdemokratie zu verstärken, sollten sich die schweren Bedenken und Gefahren nicht verhehlen, die mit einer solchen Politik verknüpft sind. Halten die bürgerlichen Parteien, allen Hader zurückstellend und aus selbst- süchtige Porteile verzichtend, bei den Stichwahlen zusammen, so er- sparen sie sich die unwürdige Lage, einen Feind, der sie schon das nächst« Mal noch gefährlicher bedrohen wird, heute um Unter- stützung zu bitten oder von sich aus zu fördern, und sie sichern eine friedliche, ohne Konflikte und Katastrophen sich vollziehende Arbeit im Reichstage, insbesondere auch im Hinblick auf die äußeren Ge- fahren, die das Reich bedrohen können, wie dieser Sommer gezeigt hat. Der Artikel schließt mit dem Wunsche, daß sich insbesondere auch in Württemberg die Parteien diese Erwägung ans Herz gelegt sein lassen möchten._ Tie Vachtiarenherrschaft in Prrsien. Köln, 15. Januar. Die„Kölnische Zeitung" meldet aus T- heran: Die Bacbtiaren haben heute dos Arsenal besetzt, um i Gewalt in ihren Händen zu haben. Es bereitet sich eine Herr der Vachtiaren vor, die von den Russen begünstigt wird unter ihrem Schutze steht._ Tie Revolution in Paragnay. Buenos Aires, 15. Januar.(Meldung der Agence H Hiesige Blätter veröffentlichen Telegramme aus Asuncion, denen sick die Fübrer der Revolutionäre unter Mithilfe der P der Person des Präsidenten der Republik Paraguay Roja mächtigt und ihn zur Abdankung gezwungen haben. Die Tr der Garnison Asuncion hätten sich neutral verhalten. Die selbst sei ruhig. Die revolutionäre Junta beabsichtige, heul Kongreß einzuberufen, der einen neuen Präsidenten wählen\ Nicdrrmctzelung von zrhntausend MandschuS. Peking, lb. Januar.(Meldung des Reuterfchen Bureaus.) Rettungsabteilung mit neunzehn englischen und dreizehn schi schen Missionaren aus Sianfu, der Hauptstadt von Schensi, i Honansu eingetroffen. Die Provinz Schensi befindet in vollständigem Aufruhr. Viele Städte sind geplündert und laffen. Tie Riedermetzelung von zehntausend MandschuS> bestätigt._ Schweres Eisenbahnunglück in Amerika. New Aark, 15. Januar.(P.(L) Ein folgenschwerer Eis bahnunfall ereignete sich heute ftüh in der Nähe von Philadclph wo der Schnellzug von Pittsburg nach Philadelphia an einem Bah Übergang« mit einem vollbesetzten Omnibus zusa nmcnstieß. Da die Schranke nicht geschloffen war und der Führer des Omnibusses den herannahenden Schnellzug nickt bemerkte,« folgte der Zu- sammenstoß mit solcher Gewalt, daß der Omnibus i-mstürzte. Sechs Personen wurden sofort getötet, siebe» schwer verwunoet. Die In- fassen de? Omnibusses ivnrcn größteiNeils Jrländer. die mit ihren Frauen zu einer religiösen Feier fahren wollten. Streikunruhen in Amerika. New Jork, 15. Januar.
stockender Bewegung iin Tbeater nicht viel. Das Interesse am Schildernden erichöpfl sich da bald. Der Stoff, den Schmidtbonn wädlle, widerstrebt trotz einzelner dramatischer Momente der Bübnenforin. Die Jliaö- episode von dem zürnenden Achilles hat es ihm angetan. DaS wilde Raien einer mächtigen Natur, die, allen Gemeinsinns bar, gegen jede Art von Disziplin aufschäumend, durch rein persönliche Impulse getrieben wird, in der aber die getoalitätigen Instinkte sich seltsam mit dem Gefübl hingebender Frenndesliebe mischen— das iah Schmidtbonn in dem Achill Homers verkörpert. Was dort, naiv und ohne Reflexion erzählt wird, das wollte er in psycho» logischer und symbolischer Veitiefting zum Kerne eines Dramas machen. Er übetschnyle wohl die dramatische Tragkraft deS Motivs. Wer sein Achill ist. das zeigt er uns mit wunderbarer Ausdrucks- iähigkeit schon in den ersten Szenen. Da glänzt uud funkelt eS von Impressionen. Der Anblick des eigensinnig fest gehaltenen Affeltes ermüdet indes aus die Dauer; und die Wechselkälle deS Krieges, in deren Darstellung Schmidt- bonii von dem homerischen Berichte zugunsten seines Helden vielfach abweicht, wecken im Bühnen rahmen keine Teilnahme. Es kommt hinzu, daß der Typus, der dem Dichter vorschwebt, mit der Voraussetzung, auf der die ganze Handln»« ruht, im Grunde nicht zusammenstimmt. Man versteht nicht, daß dies Naturkind darum. weil der Rriegsrat der Fürsten sich auf AgamemnonS Seite stellt und die geschenkte Sklavin zurückverlangt, schließlich nachgibt. Nicht das Gelöbnis, daß er zur Vergeltung, bis diese Unbill ausgeglichen, die Waffen ruhen laffeu werde. Man hätte Gegenwehr bis zu dem in der„Riforma Soeiale" veröffentlichten Artikel des Generals M a r a z z i enthielt. Nun sind gerade die Aeußerungen des Ge- nerals inkriminiert worden». Er hatte gesagt, daß die Verpflichtung der Soldaten zum Gehorsam nur für die Verteidigung des Vater- landes, nicht aber für den Kolonialkrieg bestehe! Um die Ironie des Schicksals voll zu machen, erschien der Artikel des Generals in einer Zeitschrift, deren Herausgeber der jetzige Ackerbauminister N i t t i war. Der General hat schleunigst erklärt, daß er sich heute nicht mehr mit seinen damaligen Ausführungen solidarisch fühle. Trotz dieses tapferen Widerrufs gehört er offenbar nebew den Genossen F a s u l o und Sylva Viaviani auf die Anklagebank. Mau kann neugierig sein, wie die Herren Geschworenen die Angeklagten für die Schuld des widerrufenden Dritten verantwortlich machen werden. Wie die Journalisten vom Kriegsschauplatz ausgewieselt � werden. Rom, den 12. Januar.(Eig. Ber.) Der Korrespondent deS „Avanti", M i ch e l e Vaina, der soeben aus Tripolis ausgewiesen worden ist, gibt in unserem Parteiblatt die Geschichte ver- schiedener dieser Ausweisungen zum bestem Nach dem unglücklichen Gefecht von Scharaschatt vom 23. Oktober wurden zwei Journalisten, die Korrespondenten des Genueser„Lavoro" und des„Giorimle di Sicilia", ausgewiesen, weil sie wahrheitsgemäß die Zahl der Opfer angegeben hatten. Dann fing man an, die auswärtigen Korrespon- deuten auszuweisen. Schließlich kam die Reihe an Vaina, weil er ein Interview mit einem General veröffentlicht hatte, in dem die Haltung des Kommandos kritisiert wurde. Damit man nur ja nich' im Zweifel bleibe über den Zweck dieser Ausweisungen, hat Giolitti dem Genossen B i s s o l a t i erklärt, der wegen des Aus- schiffungsverbots gegen den Genossen V a l e r a vorstellig geworden war, daß unter keinen Umstärdden ein Berichterstatter deS„Avanti" die Erlaubnis erhalten würde, auf den Kriegsschauplatz zu gehen. Deutlich und vielsagend! Die Revolution in Liiins. Abdankung der Mandschu-Dynastic. Peking, 18. Januar.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Frage der Abdankung des Kaisers wurde einigen fremden Regierungen vorgelegt. Duanschikai wünscht eine anschn- liche Auslandsanleihe und glaubt sie zu erreichen, sobald die Abdankung erfolgt. Die Gesandtschaften glauben indes nicht, daß eine Anleihe unmittelbar zustande kommen werde. In diesem Falle wird Uuanschikai sich wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Thron zurückziehen. Nach einem Telegramm aus Schanghai sollen elf TranS- portschiffe in Begleitung von sechs Kreuzern nach Tschifu gehen. Die Revolutionäre bereiten den Marsch auf Peking in vier Etappen vor. Neue Kämpfe stehen bevor. Hankau, 18. Januar.(Meldung des Reuterschen Bureau».) Die Revolutionäre rücken von Wutschang gegen Siaokan vor. Die Basis der Kaiserlichen befindet sich an der Bahn von Peking nach Hankau, etwa vierzig Meilen nördlich von Hankau. Die Rebellen, angeblich 28 000 Mann stark, hoffen, dort die Kaiserlichen anzu- greifen, wenn nicht Wutingfang sofort einen Gegenbefehl erteilt. Drei Divisionen Kaiserliche, die letzte Woche Siaokan verließen, stießen am Donnerstag bei Micntschin auf die Schensi-Rebellen uud schlugen sie. Die Bewegung in der Mongolei. Charbin.(Telegramm der Petersburger Telegraphenagentur.) Die an der transsibirischen Eisenbahn gelegene mandschurische Stadt C h a i l a r ist heute von bewaffneten Mongolen besetzt wor- den. Die chinesische Garnison und die chinesischen Behörden sind in die russische Ansiedelung geflüchtet. Die Mongolen haben neue Behörden eingesetzt und ihre Unabhängigkeit erklärt äußersten von ihm erwartet. Zwischen derUeberlieferuna, der der Dichter kolgt, und seiner eigenen Intention der Cbarakeristik klafft hier ein Bruch. Tiefere Wirkung gebt noch von der Szene aus, in der Achill mit wehem Schmerz erfährt, daß auch der einzige Freund, Patroklos, die allgemeine Sache böherstellt als die„gerechie" Rache. Nach des Freundes Fall wirst er sich selbst wntbebend in die Schlacht. Die Troer fliehen und PriamuS, ihr alter König schließt— diese Wendung bleibt in Hobe»» Matze unklar— Frieden mit den Griechen. Der Dichter braucht daS, um Achill, der längst mit Volk und Vaterland im Innern gebrochen hat, auch äußerlich zu isolieren. Noch hat er Hektar nicht getötet, und eher darf kein Friede sein. Wie ein„toller Hund" jagt er dem Gegner nach; und er erlegt ihn— von Aganiemnon als schnöder Brecher des Vertrage« für vogelfrei erklärt. Er rühmt leinen ziellos, über jede Sapniig wegsetzenden Affekt, und stürzt, den Tod suchend, mit bloßer Brust sich auf die Scharen der zu neuem Kampfe anrückenden Feinde. Die Darstellung der Griechen- und Trojanerfürsten ließ auf der Bübne viel zu wünschen übrig. Neben W-egnerS prachtvollem Achill trat da nur M o i s s i S PairokloS und Winter st eins Agamemnon in plastisch klarer Rundung hervor. Mary Dietrich war eine reizende Briseis von still geschmeidiger Anmut. Die Volksszenen, an die nach der Reinhardtschcn Tradition viel Mühe gewandt war, brachten es zu keiner rechten Wirkung. ckt. Kammerspiele(Matinee der Neuen Freien vühne): DaS große Glück von Stanislaw Przybyszewski. Das von dem Verein ausgeführte Schauspiel bildet den ersten Teil eines Zyklus, den der phantastische polmsch-deutsche Dichter viclver- heißend„den Totentanz der Liebe" nennt. Am Anfang bis in den zweiten Aufzug hinein gibt es manche stimmungs- und eindrucks- volle Wendung, ober dann verläuft das Ganze in ein abstoßend peinliches, erkünsteltes Rechenexempel. Stefan Karsten, ein junger Literat von weichem Herzen, schwankt zwischen verzehrender Leidenschaft zu einer blendenv schönen, stolz-pikanlen Weltdame und Mitleid mit dem schlichten Mädchen, dem er sich vor Jahren in freier Liebe verbunden. Sie sagt sich, daß sie ihn nicht halten kann. und klammert sich trotzdem verzweifelt an ihn. Ein Freund bestärkt sie in ihrem Widerstande, malt ihr in Worten von stark suggestiver Kraft die drohenden dualen der Einsamkeit aus. Im weiteren entpuppt der Herr sich als waschechter Theaterteufel, der es darauf angelegt hat, daß Grete, verlassen, wirklich in den Tod geht. Grinsend in böhmscher Befriedigung verkündet er das Gräßliche Stefan und seiner neuen Biaut. Warum? Er hat die Donna, für die sein Freund glüht, selbst wahnsinnig geliebt und ist von ihr verschmäht worden. Darum soll sie in ihrem Bunde mit Srefan nicht glücklich werden! Das beste Mittel aber hierzu war, daß die Verlassene sich das Leben nahm, weil Stefan, mit solcher Last auf seiner Seele, nie mehr wird lieben können! Bis zu den unmöglichen Szenen des Schlusses wurde die Rolle dieses Burschen in der Färbung melancholischer Zerrissenheit und mit slawischem Typ von einem Herrn VermeS hervorragend gut gespielt. Ansprechend war Charlotte Faßhauer. Die Darstellerin der Weltdame versagte völlig.
Hus der Parte:. potizeUfches, OmchtHdiea ufw, Wie kranke Proletarier behandelt werden. luS Halle a. S. berichlet man uns unter dem 13. Januar: Eine Staatsaktion, die wieder einmal sehr gründlich vorbeigelungen ist, unternahm der Staatsanwalt am letzten Sonnabend vor der hi-stgen Strafkammer in einem Prehprozetz gegen das hiefige „Volksblatt". Der Redakteur Genosse Ka Spare k sollte die KrankcnhauSverwaltung in M ü h l d e r g bei Torgau beleidigt haben. Eine» TageS im September v. I. hatte ein polnischer Arbeiter nur mit Hemd und einer Decke bekleidet aus dem städtischen Krankenhause in Mühlberg die Fluwt ergriffen. Der Kranke erklärte, aus Hunger entlausen zu sein. Das.Bolksblatt" berichtete darüber und kritisierte auch die unsauberen Zustände in dem Ärankenhause. Genoffe Kasparek trat den Wahrheitsbeweis an, der fich zu einer schweren Anklage gegen das städtische Jnstimt ge- staltete. So sagte der Arbeiter Paul Bönisch, de» acht Monate in dem Krankenbause verweilen mutzte, aus: Reine Hemden gab es gewöhnlich alle vierzehn Tage. ES kam aber auch vor, datz man ein Hemd sechs Wochen tragen mutzte. Zuweilen halten wir bei Scdwitzkuren zwei Hemden zum Auswechseln. Da ordnete die Diakonissin Marie an, datz das reine Hemd am Tage und das dreckige in der Nacht getragen werden mutzte. Meine Strümpfe trug ich von Ostern bis Mitte August. Da ich Swweitzsütze habe, waren die Strümpfe derartig steif geworden, datz sie standen.-Einmal sollte ich meinen kranken jjutz m i t sieben Wunden in einem Wasser baden, in dem sich nvon drei Personen gewaschen hatten. Die IVjährige Dienstniagd Marie Opitz bekundet, eines Tages als Patientin im Krantenhauie Wurst bekommen zu haben, in der fich lauter Maden befanden. Sehr resolut benahm sich die Zeugin Schwester Marie, die meinte. der Artikel sei aus reiner Nachiucht geschrieben worden. Dem.angeb« lich" aus Hunger entwichenen polnischen Arbeiter sei eine gewisse.Diät', Milchkaffee und Brötchen verordnet worden, denn ein Polen- »nagen könne nicht beurteilen, was einem Kranken gut tue. Datz niit der Leibwäsche in der geschilderten Weise ver- fahren sei, könne sie sich gar nicht denken. Die Aerzle wollen von Unsauberkeilen nichts gemerkt haben. Eine Zeugin, Frau Brill, bekundete aber, Schwester Adelheid habe gesagt, die Schilderung im„Bolksblatl" sei richtig gewesen und eS sei ganz gut, wenn so etwas mal ins Blatt komme. Der Herr Staatsanwalt.würdigte' die Beweisaufnahme in etwa folgender Weise: Gewitz haben die Zeugen absichtlich nichts Falsches beschworen. Sie hoben aber vielleicht übertrieben oder „faule Witze' gemacht. Datz Wurst mit Maden verabreicht werde. könne passieren; was könne das Krankenbaus dafür?— Der Staatsanwalt meinte schlietzlich ernstlich das Richtige zu treffen, als er gegen den Genossen Kasparek nur 800 M. eventuell 160 Tage Gefängnis beantragte. Das Gericht erkannte nach ganz kurzer Be- ratung aus kostenlose Freisprechung, mit der Begründung, die Kritik der Zustände im Krankenhause sei doch in mancher Beziehung be- rechtigt gewesen._ Lorbeigelunge« ist der Aktiengesellschaft.Phönix' in Gelsenkirchen der Versuch, den Genossen Thiel Horn von der„Niederrheini- fchen Arbeiterzeitung' in Duisburg wegen einer An« zahl von Veröffentlichungen über Mitzstände im Betriebe der Zeche Westende gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. Die genannte Gesellschaft hatte im Namen ihrer gesetzlichen Vertreter (Bergaffessor Düffing und Prokurist Ov?rthun> zwei Privatklagen gegen Genoffen Tdielhorn als Verantwortlichen unseres Duisburger ParteiblattcS angestrengt, die beide am Donnerstag unter Aufgebot eines grotzen ZeugcnapparateS vor dem Duisburger Schöffengericht zur Verhandlung kommen sollten. Bei Eröffnung der Verhandlung stellte sich indes heraus, datz die Klagen formell voll- ständig unzulässig waren. Prozetzbevollmächtigter hatte übersehen, datz eine Akliengesellichast sür einzelne Personen keine Privatllage erheben kann. Das Gericht folgte daher den Aus- fübrungen des Verteidigers des Genossen Thielhorn und stellte von Amts wegen das Verfahren ein. SetverKlcKaMicKes. Der Verbaneteharnerer in der Hrbeiterhafcrm als— Dausfnedenebrccber 1 Die Bergwerksverwaltung im Helmstedt.-Schöninger Braunkohlenrevier hatte aus dem Grundstück der Arbeiter« ?aserne der Grube„Treue" ein Schild anbringen lassen mit der Aufschrift:„Fremden ist der Zutritt verboten." Als der Kassierer Meyer vom Bergarbeiterverband durch einen Ober- steiger auf dem Grundstück angetroffen wurde, erfolgte eine Strafanzeige gegen ihn und seine Verurteilung zu 3 M. Geld- strafe wegen Hausfriedensbruchs. Die zweite Strafkammer in Braunschtveig bestätigte auf die Berufung Meyers hin daS Urteil. Das Gericht erachtete die Bergwerksverwaltung für befugt, auf solche Weise die Arbeiter, die vom Verbände nichts wissen wollten, gegen die„Zudringlichkeiten" der Verbands« Vertreter zu„schützen"._ ßerltn und Umgegend. Die Aussperrung der Isolierer vorlaufig beendet. ' Der Kampf im Jsoliergewerbe, der sich in der ersten Woche deS neuen Jahres noch auf einige Orte Süddeutschlands ausgedehnt hatte, ist nun zugunsten der Arbeitnehmer beendet. Die Unter- nehmer haben einsehen müssen, datz in Deutschland die Scharf« macherei an der festgefügten Gewerkschaftsbewegung zerschellen muh. So glaubte»n Mülhausen i. E. der dortige Vertreter der Filiale Reinhold u. Co. und der Inhaber der Mülhauser Jsolierwerke Stettiner von den bei ihm beschäftigten Isolierern den Austritt aus dem deutschen Bauarbeiterverband verlangen zu dürfen. Diese wiesen aber nicht nur eine derartige Zumutung ganz entschieden zurück, sondern legten auch auS eigenem Antrieb die Arbeit nieder. Die Zeiten von lSl)8 und ISlO sind wohl endgültig vorbei. Damals gelang es den Unternehmern mit dem Vertreter der Firma R e i n ho l d an der Spitze noch einzelne führende filierer mit Titeln, wie„Ober- und Untermontagemeilter' oder bermonteur' usw. zu ködern und die örtliche Organisation der Isolierer zugrunde zu richten. Damit ist es aber nun hossentlich für immer vorbei. Besonders unangenehm ist die Einigkeit der Isolierer den Inhabern der Firmen Grünzweig u. Hart- mann in Ludwigshafen, und A. Haa'ke u. Co. in Celle. Die Firma H a a k e glaubte sich ihren Isolierern gegenüber alleS er- lauben zu können; nun mutzte sie aber erleben, datz alle beim Hauptgeschäft und der Berliner Filiale beschäftigt gewesenen etwa «0 Isolierer, soweit sie nicht schon von der Firma vorher aus- gesperrt waren, streiken. Ebenso ist eS in ihren Filialen in Ham- durg und Düsseldorf, wo die Firma nicht in der Lage war. selbst pie notwendigen Reparaturarbeiten fertigstellen zu lassen. Bei der Firma Grünzweig u. Hartmann in Ludwig»- Hafen wie in ihren grötzten Filialenhalb 6b.—12 Stationen ÖB Ii Ii »— baranda 7L3SW Petersburg scilly Aberdeen Paris 784 754 730 763 «ß O SM SSW SSO Wetter 4 bedeckt heiter Ksbedeckt bedeckt 2 bedeckt C t"- cy wSi —13 — 8 s 3 t Wetterprognose für DirnStag, den 10. Januar ISIS. Zeitweise wolkig, aber meist trocken bei etwas gelinderem Frost ziemlich irischen östlichen Winden. B rltner Wetterbureau. und -SSESS«»«»SSSSSSH Ä � Unserem Genossen und ve-\\l ztrkSführer 1587Ü 3/ f L Gnstay Böseier u.Ema Peller| m die herzlichsten Glückwünsche � P zu ihrer Vermählung am<>/ <1? 16. Januar 1912 senden Die Gonouen vom IV Bezirk � � Bezirk Rummelsburg. J,J Am 13. Januar, abends 8 Uhr, verstarb nach, langem schweren Leiden unser Chef, Herr Ernst Moldenhauer. In der T&tigkeit als Chef sowie im Verbehr mit allen Arbeitern wird er allezeit als korrekter und äußerst vornehmer Mann in Erinnerung bleiben. 8498b Die Arbeiter der Modelltischlerei A. Moldenhauer Söhne. Todes-Anzeigen Sozialmokral M\nm Adlershof. Nachruf. Den MU gliedern zur Nachricht, datz unser Parteigenosie Konrad Dröder GenosfenIchastSstratze 1 verktorben ist. 201/3 Ehre seine« Andenke» k Der Vorstand. Zentrslverbami der freien Händler SBd terw. ßemlsg. Deutsehlaniis. (Titz Tssen-Rubr.) vrtSvcrwaltnng Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, datz unfer Mitglied, der Hmidier Hermann gestorben ist. Ehre seine« Andenke»! Die Beerdigung stnkiet am DtenSIaa, den IS. d. MtS., nach- mitlag« 3>/, Uhr, von der Leichen- Halle des ZlonSlirchhoseS in Nord- end au« statt. Rege BeteUiguna erwartet 25040 Die OrUverwaltung. Engelhardt Enoelhardt Caramel Bier :t alkoholarm>: ärztlich empfohlen Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher lellnahme und die reichen Kranz, spenden bei dem Hinscheiden Mtserez lieben SohncZ und BruderS Otto Helblg sagen wir allen Freunden, vor allem dem Sängerchor»Süd-Oft' für den herrlichen Gesang, dem Sport- klub.Adler' und den Kollegen der Firma Beyer unseren herzlichsten Dank. Familie H. Helblc, Lübbener Straße 12. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prlnzenslr. 41, Ä,". 10—2. 6—7. Sonntags 10— 12. 2—4. Herrmann Stramins Restaurant Frankfnrter Allee 68. Empfehle allen Freunden und Bc- kannten mein Wcljz. und Baoerisch. Btcrlolal. Vorzügliche Küche, Mittag. und Abendlisch, jeden Abend Frei. konzeit. Um geneigten Zusvruch bittet Herrmann Stramm. »nqemardt c�rsmo/g/ o>i, W, ÖfeBtreUb»1� J. tcuriTirL Flasche 10 Pf. :: Diätetisches:: Gesundheitsbier Ceherall HBafüch H.& P. Uder, Tabak-tiiroQhandlaiij; und Tabakfahrik. Spezialität: Nordhäuser Kautabak von y. A. 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Deutscher Kauarbetterverband. Zlvtigvertin Kerli«. Sklltisu der Putzer. AeKtimg! Putzer. Achtung! Am Mittwoch, den 17. Januar, abends 8 Uhr, finden in sämtlichen Bezirken Berlins und der Bororte die Sezirksversantmltmgen in den bekannten Lokalen statt. Wir bitten um recht zahlreichen Besuch derselben. 136/4» Terwaltnne ond Obleute. NB. Norden I. und II. tagt bei Obiglo. Ichwedter Itr 2Z/24 Keoei'sl'VefSSMmlullg der Liepnersche« Sterbe»»ud Kranken-UnterstützungSkasse Jio. LS am Mittwoch. 24. Januar 1gl2, abends 8 Uhr, im Kassenlokal, Linienstr. 3. Tagesordnung: 1. RecheiischastSbericht der Revisoren. 2. Wahl eines Vorstehers und eines Stellvertreters. 3. Wahl eines Revisor» und eines Stellvertreter«. 4. Ver» schiedeneS. Der Borftand. Sluuikn- und ßraniliindkrt Bö» Robert Meyer, nur Uliriailnkn-Ztrutzk Sozialdetnohratiseher Wahluerein Charlottenburg. Heute, Dienstag, abends 8'/, Uhr, im Bolkshans Mitgliecler- Versammlung In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Genossen, zu erscheinen. — Mitgliedsbuch legitimiert. 250/4_ Der Borftand. Deutscher Kürschner- Verband. Filiale Berlin. Bureau u. Arbeitsnachweis: NO. 43, Weinstr. 8. Fernspr.: Königstadt S789. Mittwoch, den l7. Januar INlÄ, abends G'/z Uhr» in den„Musikersülen", Kaiscr-Wilhelmstr. 18in: General-Bersammlmtg. Tagesordnung: 1. Abrcchnnng vom vierten Quartal lSII. 2. Jahresbericht der OrtS- verwaltimg und Neuwahl derselben. 3. Bericht über den Stteik tn der Mützenbranche. 4 Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen erwartet 101/2 Dl« Ortswrwaltnnic. Arbeitsnachweis: Hos I. Amt Norden, Nr. 1239. Vrallunpelle Berlin Charirestrasie 3. Hauptbureau: Hos HI Amt Norden. Nr. 1387 Mittwoch, den 17. Januar, abends 3'/z Uhr: Vsnssmmlung aller in der fc Wasser- 1 Daiplaittren- sowie KronenlieMeD leseMfilgieii Eiseo-, Metall- ühiI Reeolvertelier in den Mnsiker-Jestsälen, Kaiscr-Wilheim-Strahe 18m. Tagesordnung: 1. Bortrag des Kollegen Wnschick. 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchcnangelegenheiten. ----- Mitgliedsbnch legitimiert., WU" Zahlreicher Besuch wird erwartet."MW Den Miigliedern zur Kennlns, datz solgende Zahlstelle« verlegt worden sind: Haliltiollo lli• Bon Papenfnft, Reichcnberger Strohe, nach O. Kick- ,11111)111(111:«7l. weiter. Zigarreugrschlift. Martaiincnftr. 11. i/t?» Schneider in Wilmersdorf, Uhlandstr. 71, nach LUllliirur I4S. Tahlkr. Berliner Irr. 1«. �UtzlRkttt 8� Steglih. Heesestr. 1. nach Fritsch. Schntzenftr. 10. Jnljlflfllf 154: I8' 110/11 Die OrtaverwaUnag. feM flerlrei M- iini SebaMe Deutsch andS.(Zahlstelle Berlin.) Sezirksversammlungen: 1. Uezlrk; Mittwoch, oen 17 Januar, nachmittags 5 Uhr, bei Schröder, Wiclesstr. 24. L. Bezirk: Donnerstag, den 18. Januar, nachmittags 5 Uhr, bei Frisch, Badstr. 12. 8. Bezirk: Mittwoch, den 17. Januar, nachmittag« S Uhr, bei Schmidt, Lichtenbcrger Sit 16. 4. Bezirk: Mit woch, den 17. Januar, nachmittags S Uhr, bei CirnnsviRld, Memeler Str. 67. 5. Bezirk: Mittwoch, den 17. Januar, nachmittag» 5 Uhr, bei Meyer, Oranienstr. 103. 6. Bezirk: Mittwoch, den 17. Januar, nachmittag« 5 Uhr, bei Radtkc, Neue Jalobstr. 1—3. 72/4_ Die Ortsverwaltnng, - Verwaltang Berlin..—-- Mittwoch, den 17. Januar, abends 8 Uhr: Vertrauensmänner-Versammtungen Bezirk Kixdorf: Bau- und Möbeltischler im Jdeal-Kasino. Rixdors, Weichielstrahe 8. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Ausstellung der Delegierten zur JnnungS- lrankenkasse. 2. Gcwerbegerichtswahl. 3. VerbandSangelegenheiten. Klavierarbeiter im tftewerklchaftshause. Saal 4 sArbeitSIoiensaal). Tagesordnung: 1. Der Streit bei der Firma Beckstein. 2. Bericht der Obleute. 3. Ausstellung der Kanbidalenliite sür die Delegierten zur Generalversammlung. 4. Ausgabe der VertrauenSmännerkarlen. Jalousiearbeiter bei Walter, Adalbertstrahe 62. Vergolder im Aewerkschastshause, Saal I Tagesordnung: 1. Vorschläge für die Delegierten zur Generalversammlung. 2. Unsere Branchen- hygienestatistik. 77/11 Die Zahlstelle 80 befindet sich vom ÄO. Januar chb nicht mehr Breslauer Str. 28, sondern Krautstr. 24 bei Emil Mücksch. Arbeiter-Bildungsschule Berlin. Schnllokal:(vrenailienitr. 37. Hol geradezu I. Lehrplan für das I.Quartal 1912. Sonntag: Nationalökonomie.(Die GrundbegriSe der tbeo- retisohen Nationaökonomie. I. Teil) Die Nationalökonomie als selbständige Wissenschaft, ihre Einteilung und Objekt.— Die Geschiente, das System und die Älethode von Marx"„Kapital".— Die Entwickelung zur kapitalistischen Weltwirtschaft; Entstehung und Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.— Die Ware als Blementarfonn der kapitalistischen Produktionsweise.— Die gesellschaftliche Arbeit.— Der Gebrauchswert und der Tauschwert der Ware.— Geld, Preis.— Die Verwandlung von Geld in Kapital.— Die Erscheinungsformen des Kapitals. Vortragender: Max Grunwald. Sonntag: RednerMChale(mündliche und schriftliche Agi tationsübung). Der Ausdruck in Wort und Schrift.— Die Technik und Disposition der Rede und des schriftlichen Berichts.— Praktische Uebungen über bestimmte Fragen aktueller Wirtschaftspolitik. Vortragender: Max Grunwald. Son ntag: Genehichte(Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert). Ideologische und materialistische Geschichtsbetrachtung.— Deutschland vor hundert Jahren— Deutschland und die französische Revolution.— Die.Befreiungskriege" und ihre Folgen. Die Zeit der Mettemichschen Reaktion— Die ersten Regungen der deutschen Arbeiterschaft— Wilhelm Weitling und seine Zeit— Die vorrevolutionäre Bewegung des deutschen Bürgertums.— Die deutsche Arbeiterbewegung in den vierziger Jahren.— Der wissenschaftliche Sozialismus. Vortragender: Konrad Hänisch. 6/2" Montag: Natnrerkenntnla. Glauben und Wissen. Die Entwiokelnng des Weltalls; Die Entstehung der Erde.— Die Erdzeitalter. — Die Entwickelung des Lebens.— Darwin, Darwinismus und Lamarckismus.— Die Entstehung der Arten.— Die Abstammungslehre.— Die Entwickelung des Menschen. Vortragender:Em»nuel Wurm. Mittwoch; Llteratnrfecicblchte(Die neue deutsche Dichtung. Die Vorempfinder.— Die konsequenten Naturalisten.— Die „Nentöner".— Die„Dekadenten".— Die Impressionisten.— Die sozialpsychologischen Vertiefer.— Die Mystiker und Symbolisten.— Die Neuromantiker.— Di« Sucher einer neuen Realistik.— Die Zusammenfasser. Vortragender: J u d a Rubin. Donnerstag: Geaetzeaknnde(Ans dem Arbeiterreoht). Der gewerbliche Arbeitsvertrag.— Der Dienstvertrag.— Streitigkeiten aus dem Arbeits- und Dienstvertrag.— Das gerichtliche Verfahren bei Klagen aus dem Arbeits- und Dienstvertrag.— Das Armenrecht in der Prozeßführung.— Die Schadenersatzpflicht.— Vormundschaft und ünterhaltungs- p flicht.— Zwangserziehung und das Ziehkinderwesen.— Freizügigkeit und Auswanderung.— Staatsbürgerrechtserwerbung (Landtagswahlrecht).— Praktische Anleitung für Eingaben und Anträge an Behörden — Praktische usw. Vortragender: Georg Schmidti Freitag: GevrerUMchaftitweaeii(Geschieht« und Theorie der Gewerkschaften). I. Einleitung: Von der Entwickelung des Handwerks bis zum Großkapitalismus der Gegenwart.— II. Vorläufer gewerkschaftlicher Organisationen.— III. Anfänge moderner Arbeiterorganisationen in Deutschland.— IV. Polizeiliche Verfolgungen und Sozialistengesetz.— V. Zentralisationsbestrebungen— VI Entwickelung dar freien Gewerkschaften von 1890—1910.— VII. Partei und Gewerkschaft.— VIII. und IX Die gegnerischen Gewerkschaften.— Entwickelungstendenzen der deutschen Gewerkschaften. Vortragender: Emil Dittmsr. Sonnabend: Die politischen Partelen. Begriff der Partei.— Parteien und Klassen.— Di« ökonomischen Grundlagen der Parteibildung and Parteientwickelung. — Die Geschichte der konservativen Parteien.— Konservative Weltanschauung, Programme und praktische Politik.— Das Wesen des Liberalismus.— Geschichte des deutschen Liberalismus bis zur Gründung der nationalliberaleu Partei.— Die Nationallibcralen.— Die linksliberalen Gruppen.— Die konfessionellen Wurzeln des Zentrums.— Die innere Entwickelung des Zentrums von der Kulturkampfzeit bis zur Gegenwart— Sozialdemokratie and bürgerliche Parteien. Vortragender: Emil Eichhorn. Ilnterrtchtabeffinn: Freitag, den 28. Januar: Gewerkschafts- wesen. Sonnabend, den 27. Januar: Geschichte der politischen Parteien. Sonntag, den 28 Januar: Geschichte. Nationalökonomie. Rednerschale. Montag, den 29. Januar: Naturerkenntnis. Mittwoch, den 31. Januar: Literaturgeschichte. Donnerstag, den 1. Fsbruar: Gesetzeskunde. Jeder Kursus erstreckt sich auf zehn Abende und beginnt jünktlich um 8'/, Uhr und endet uro 10 I7hr. Der Sormtags- enrsus in Nattenaldkonomie findet im Künigsladt-Katlno, Holzmarkt- straße 71, statt and beginnt Ö Uhr vormittags. Der Sonntagskursus in Gesehlohts im Schullskal Beginn O Uhr. Der Kursus in Rsdnersohuie beginnt um 11 Uhr im Schullokal Die reichhaltige Bibliothek ist an den Unterriohtsabenden von 7'/,— S1/, Uhr eöffnet. Sonntags ist dieselbe geschlossen Der Mitgliedsbeitrag ieträgt pro Monat 26 Pf.; das Unterriohtsgeld für jedes Fach pro Kursus 1 Mark und ist spStestant am zweiten Abend zn zahlen. Die Aufnahme neuer Mitglieder und Schüler erfolgt bei Beginn jedes Kursus im Schullokal Grcnadleratraße 37, Hof grruneza 1 Treppe, und in nachstehenden Zahlstellen: Gottfr. Schula, Admiralstr. 40a; Beul, Bamimstr. 42; Vogel, Lortzingstr. 37; W. Kaczoronaki, Ravenöstr. 6; Horach, Engelufor 16. Alle Zuschriften an den Vorsitzenden Hermann Uammö, Lichtenberg-Berlin. Rlttereatwtr. 25 I, Geldsendungen an den Kassierer H. König/n. Berlin 8 69, Hasenheide 56. Der Vorstand. Jährlicher Omsatz van Zentnern Bettfedern und Daunen hat die Erste Bettfedern-Fabrik mit elektrischem Betriebe Berlin SI4, Prinzen-Strasse 46 n. 47 Die Firma führt nur Bettfedern )U 5» Pf, 1.. 125, 150, 175, 2... 225. 250, 350 big 6.- Mark per Pfund. Daunen zu 2«5, ,50. 4M 6.-, 85" ms 9,- M. per Ps°. 3 Jfcrtine Betten, beflehend aus Oberdett, Unterbett, 2 Kiesen m SR—, 15—, 20.-, 23», 285", zxo. 39.-, 48.-. 55.-. 63.- b 120- M. Betticktte Bettartllel. ■ B | « I Es kann niemand Betten und Bettfedern| | billiger oder besser liefern als die Firma Guslou Lustig 1. weil die Firma sich nur mit dem Artikel Betten und Bettfedern befaest; 2. weil kein zweites Geschäft, das an Private liefert, 3000 Zentner Betttedern in einem Jahre umsetzt; 3, weil die Firma Gustav Lustig meist von ersten Importeuren, von ersten russisenen, österreichischen und inländischen Sammlern und von GetiQgel- Mästern kauft und 4. Rohwaren in eigener Bettfedcrnfabrik verarbeitet Stondises Loseren co. 750 Zentnern Bettfedern unü Daunen Hetull-Betljtellen in grosser Autwahl Mit Zugfeder-Matratee, 190 cm lang,»eKon von 11 Mark an bis zu den elegantesten 1000 Bettsteüen miiii. Echt chinesische(gesetzlich geschätzt) Honopoldaunen 3—4 Ptund zum grossen Ober- bett........Pfund A.85 M. Grösstes Spezial- Geschäft Deutschlands P 5041 PreUUotc l Prebwi 1 verantwortlicher Redakteur: Albert Wach», Berlni. Für den Inseratenteil verantw.: Td- Blocke, Berlin. Druck u.Berlag. Vorwärts Buchdruckere» u. Verlagsanftalt Pau> Singer u.to� VeciiaXW
Nr. 12. 29. ZahtMg. 2. Kkiiige des Jotmels" Önliiitt NslKsdla». Dieustag. 16. Januar 1912. Ausfall der Nahl in liiederbarnitn. Die genaueren Wahlziffern aus dem Wahlkreis Niederbarnim geben ein noch giinstigereS Resultat als das von uns bereits am Sonnabend mitgeeeilte. Danach entfielen auf Stadthagen (Soz.) 91(504 Stimmen gegen 57 862 im Jahre 1907. Ziethen(fonf.) erhielt 20150(gegen 34694 im Jahre 1907), ErdmannSdörfer(fcs. Vp.) 13 576(im Jahre 1907 war _ A. Kleinere Landgemeinden. Wahlbezirk Arendsee.. Ahrensfelde. Basdorf... Berg.... Bergfelde.. Kernöve.,. Biesdorf... Birlenwerder. Birkholz... Blankenburg. Blankenfelde. Blumberg.. Börnicke.., Ballersdorf.. Borgsd''rs., vruchmühle'). Bucb.... Dahlwitz.. Eggersdorf.. Erwe.... Eichhorst... Erkner... farkenberg., redersdorf Frelenhagen. Friedlichst hal. Frohnau�.. Germendorf. Glienicke.. Hammer.. Heiligensee.. Heinersdorf. Hellersdorf.. Hennickendorf. Herzfelde.. Hönaw... Siegel.... Kalkberge.. Karow... Kaulsdorf.. Kieubaum.. Kienitz.., Klandorf.. Klosterfelde., Kreuzbruch.. . Krninmenfee. Lednitz... Lichlenow.. Liebemhal.. Liudenberg.. Löhme,.. Lübars... Mahlsdorf.. Malchau?.. Malz.... Marienwerder. Marzahn.. Mehrow... Mühlenbeck., Müuchehafe Nastenbeide.. Nannendainur. Hohe»-Neuendor Neuenhagen. Neuhalland.. Petershagen. Prenden... Plötzenfee.. RahnSdorf-Geineiud Rahnsdorf-Gut Rehfelde... Rüdersdorf.. Rublsdorf.. Gachienhausen. Schildow'.. Schlirlt... Schniachtenhagen Grotz-Schönebeck Aleni-Schöliebeck Schöueiche.. Schönerlnide. Schönfliest.. Habeii-Schönhailsen Echöuhalz-., Schönow.. Schönwalde. Schwauebeck. Seeberg... Seefeld... Sopdienstädt. Spreeau... Stolpe.-« Stolzenhagen. Suniint..» Vagelsdvrf.• Waidiiianuslust Wandliv..- Warienberg.. Wensickendorf. Werder... Werlfee... Wollersdorf. �ehlendors.. Zepernick.. jerpeiilchleufe. )imidorf... Zühlsdorf.. Es erhielten Stimmen: A. Kleinere Land gemeinden Summe '» Zählte 1907 zu Alt-Laudsberg. 2) 1k><)7 noch nicht vorhanden. �) Unter Zurechnung der inzwischen eutgemeiudeten Aemter Köpenicker Forst und Alt-LandSberg. Ziethen als Sammelkandidat aufgestellt, daneben entfielen auf einen Nationalliberalen 86). DaS Zentrum erhielt 2064 (1907: 490), Palen 370(481). Diese Zahlen werden nur wenig von den heute amtlich festzustellenden abweichen. Die Sozial- deinokcatie vereinigte 1907 bei 112 951 Wahlberechtigten und 94 806 Wählern 61 Pro», der Wähler und 51,2 Proz. der Wahl- berechtigten auf sich. In diesem Jahr ist bei Annahme von rund 150 600 Wahlberechiigten— eine amtliche Bekaniitinachung ist noch nicht erfolgt— der Prozentsatz der Sazialdemoiralen auf 60,9 Proz. der Wahlberechtigten und 72 Proz. der Wähler gestiegen. Die Wablbeteili- gung(84,4 Proz. im Jahre 1907) ist wohl die gleiche in diesem Jahre. Austerordeiiilich erfreulich ist das auf dem platten Land dank der uneriiiüdlichen opferwilligen Agitation unserer Genaffen gewanuene Resultat. In den kleinen Landgemeinden(mit unter 2000 Einwohnern) betrug die Zahl der iozialdemakralischen Stimmen im Jahre 1907: 7943, die des bürgerlichen Sammelkandidaten 11879. Am 12. Januar wuchs die sozialdemokratische Stimmen- zahl auf 13 150 an, während die Konservativen nur 7310, die Fre» sinnige» nur 3020 Stimmen auf sich vereinten. Die Sozialdemo» Iratie, die auf dem platten Land im Jahre 1907 noch um 3931 hinter der auf den bürgerlichen Sammelkandidaten entfallenen Stimmen zurückblieb, hat alio jeyt beide bürgerlichen Parteien um 2818 überragt. Beistehend geben wir eine Zusammenstellung der Einzel- ergebnisse 1907 und 1912, soweit diese die drei Haupitandidaien betreffen. Die Orte, in denen 20 Zentrumsstimmen und mehr ab» gegeben wurden, sind: Lichtenberg(407 St.), Ober-Schöneweide (290), der Berliner Stadtteil<210), Weistenlee(205), Pankow(199), Runimelsburg(195). Tegel(121), Reiinckendors(105), Friedrichsfelde und Karlshorst(93). Hermsdorf(69), Friedrichshagen(35), Tasdorf (31), Kalkberge(30). Rosemhal(23), Wittenau und Hoheu-Schöli- Hausen(je 20). B. Städte und größere Landgemeinden. Es erhielten Stimmen: Sericktg- Leitung. Verbot ausgesprochen worden sei, in dem eine polizeiliche Ver- fügung im Sinne des Gesetzes gesehen werden könnte. Die Klage sei somit nicht zuläffig._ Aus der guten Gesellschaft. Vor dem Schwurgericht des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber begann gestern die ernenm Verhandlung gegen den wegen schwerer Erpressungen beschuldigten Fabrikbesitzer Philipp Groß. Der schon lange in Untersuchungshaft sitzende An- geklagte ist angeklagt, im Jahre 1908 gegen einen Rentier Felix S. einen mistglückten Erpressungsversuch unternommen, ferner im Jahre 1908 von einem Kaufmann G. eine graste Summe heraus- geprestt und in den Jahren 1906 bis 1909 durch eine fortgesetzte Handlung den inzwischen verstorbenen Kaufmann 2. durch Gewalt und Drohungen zur Hergabe von Geldern genötigt zu haben. Die Sache ist schon einmal am 8. Dezember vor der 3. Strafkammer verhandelt worden. Die Strafkammer erklärte sich damals für unzuständig und verwies die Sache an das Schwurgericht, weil sie den Angeklagten für dringend verdächtig hielt, in dem Falle des Kaufmanns G. die Erpressung durch Gewalt und unter Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben begangen habe. Eine aktive Rolle in dieser Affäre spielt auch die jetzige Frau des Angeklagten, frühere Alice Milpacher. Sie hatte seinerzeit in der Bapreuther Strahe eine luxuriös eingerichtete Wohnung. Sie stand in intimem Verkehr mit einem verstorbenen weimarischen Prinzen, soll diesen Verkehr später zu Erpressungsversuchen aus- genutzt haben und ist deshalb zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das gegen sie in der jetzigen Anklagesache gleichfalls er- öffnete Strafverfahren ist vorläufig eingestellt worden, da sie zur Abwendung ihrer Ausweisung den Angeklagten Grost geheiratet hat, im Auslande weilt und nicht festgenommen werden kann. Es handelt sich um einen raffiniert ausgcsonnenen Erpresser- Feldzug, den die Eheleute gegen mehrere reiche Leute unter- nommen haben sollen. Die Frau Grost soll es verstanden haben, Beziehungen mit älteren sehr wohlhabenden Männern anzuknüpfen und sie bei passender Gelegenheit in ihre eheliche Wohnung zu locken. Ihr Ehemann, der ganz..zufällig" von der„Untreue" seiner Gattin Kenntnis erhielt, erschien dann im passendsten Augenblick auf der Bildfläche, heuchelte übergroste Erregung, gebärdet? sich als der schmählich betrogene Ehemann und soll dann gegen seine Opfer mit kolossalen Erpressungen vorgegangen sein. Bei dem Rentier S. ist es bei einem Versuche geblieben, da der Bedrohte sich weigerte, die Geldansprüche des Angeklagten zu erfüllen, ihn vielmehr an seinen Rechtsanwalt verwies. Sehr schlimm soll es dem verstorbenen Kaufmann L. ergangen sein, dem er nicht nur 63 000 M. bar, son» dern auch für zirka 20 000 M. in Wechseln abgenommen und gerade- zu zur Verzweiflung getrieben haben soll. Der über 70 Jahre alte, mit gutem Humor ausgestattete Kaufmann G. hatte eines Tages den Besuch der Frau Grotz-Milpacher erhalten, die mit ihm in seinem Privatkontor über eine geschäftliche Angelegenheit Rück- spräche nehmen wollte. Dabei band sie dem alten Herrn seine in Unordnung geratene Krawatte mit einem so liebenswürdigen Lächeln zurecht, daß Herr G. dem hübschen Weibe etwas zu tief in die Augen blickte und deren Einladung, die Besprechung in ihrer Wohnung fortzusetzen, gern annahm. Er ist dann dort von dem „empörten Ehemann" überrascht worden. Es soll zu einer sehr stürmischen Szene gekommen sein, wobei der Angeklagte mit Gewalt gegen den alten Herrn vorgegangen sein und ihn gezwungen haben soll, einen Sichtwechsel von 15 000 M. zu unterzeichnen, der prompt am nächsten Tage eingelöst werden mustte. Das Gericht beschlost, während der Dauer der ganzen VerHand- lung die Oeffentlichkeit auszuschließen. Da die Beweiserhebung eine sehr umfangreiche werden wird, sind zwei Tage für die Ver- Handlung in Aussicht genommen. Verlegung einer Versammlung in den Garten. In Motzen hielt der Genosse Grogrr aus Rixdorf am 25. Sep- tember 1910 im Gasthof von Janiczewöki eine öffentliche Versamm- Zur JrrenhauSaffäre deS Stubenten Hage», die vor einigen Monaten die Oeffentlichkeit beschäftigt und zu ver- schi- denen gerichtlichen Schritten Veranlassung gegeben hat, ist zu melden, dast H. vor einiger Zeit aus der Privatirrenanstalt des ,_.._. Dr. Weiler entlassen worden ist. Durch diese Freilassung hat der lung ab. Wegen des starken Besuches bestand die Ubucht, von der s]sr0gCst seine Erledigung gefunden. Der Student H. befindet sich Mastgabe des Z 8 des Vereinsgefetzes Gebrauch zu machen und zurzeit zu seiner Erholung in einem offenen Sanatorium. die Versammlung in den©arten zu verlegen, welcher unmittelbar mit den Gasthofsräumen verbunden ist und auch für Restaurations- zwecke tatsächlich benutzt wird. Infolge einer Rücksprache mit den Gendarmen unterblieb die Verlegung in den Garten. Groger be- schwerte sich demnächst beim Landrat und dann beim Regierungs Die Sittengeschichte vor Gericht. In dem Urteil gegen den Buchhändler Adolf Gericke hat das Gericht den Angeklagten von der Anklage, durch Verbreitung des Ergänzungsbandes„Nenaissauce" zu der bekannten Sittengeschichte Präsidenten in Potsdam, indem er geltend machte, die Gendarmen»#n Eduard Fuchs die Sittlichkeit verletzt zu haben, freigesprochen. *—....**»-.fc S ftSÄT-S rechtswidrig geroeicn sei.! unter ganz besonderen Umständen, die hier nicht vorliegen, unter Nachdem die genannten Verwaltüngsinstanzen d,e Beschwerde �eii§ 184 Str.-G.-B. fallen kann." verworfen hatten, klagte Groger beim Oberverwaltungsgericht. Dieses beschloß in einem früheren Termin eine Beweiserhebung. Falscheid? Am Sonnabend wurde die Sache von neuem verhandelt. Es han- Eine Anklage wegen fahrlässigen FalscheideS. die gestern die delte sich zunächst um die Vorfrage, ob überhaupt eine im Streit- 5. Strafkammer des Laudgerichts III unter dem Vorsitz deS Land- verfahren angreifbare polizeiliche Verfügung vorlag, also eine An- gerichtsdirektors Gockel beschäftigte, bot nicht nur wegen der be- ordnung der Polizei, die ein polizeiliches Gebot oder Verbot enthielt, teiligten Personen, sondern auch in juristischer Beziehung ein Die vom Oberverwaltungsgericht darüber veranstaltete Beweis- � größeres Interesse. Die Anklage richtete sich gegen den prakt. Arzt erhebung hatte folgendes Ergebnis. Zwei Zeugen des Klägers and Stabsarzt der Reserve Dr. Karl Zander in Charlottenburg, d-, fzzs"-"■\"e rrr «("frt" s'r!" IgJ ßv**1"8 tcn®arten b,e, sache der Frau des früheren Hofopernsängers Stammer gegen Uuflosung angedroht hatten. �te Gendarmen sagten dagegen j ihren Ehemann aus Fahrlässigkeit im Jahre 1910 bor dem Land» aus. es habe sich mehr um eine Unterhaltung allgemeiner Art einige gcricku III einen Falscheid geleistet zu haben. Herr Stammer war Zeit vor Beginn der Versammlung gehandelt, die eingeleitet wor- im Jahre 1905 Besucher des Zander-SaaleS, der damals im Hause den sei durch die Frage, ob sie(die Gendarmen) auflösen würden, des Restaurants„Alt-Bayern" installiert war. Stammer nahm wenn die Versammlung in den Garten verlegt werden würde, längere Zeit in dem Institut Lichtbäder und turnte di selbst. Dr. Gendarm Strcichert bekundete, er habe seine Aeusterungcn darauf Lander stellte dann nach seiner Ueberzeugung eine Kcankheitsart als inoffiziell angesehen. Er habe in unverbindlicher Art zur Sf H�rn St. fest, die ihm Veranlassung gab, ihn einem anderen Antwort gegeben:„Sie haben ja Platz in der Stube, lassen Sie 6"- Behandlung� Auster Herrn Stammer wurde Tf°b-° d„«-«W-» und Wt ÄStÄ, tn Aussicht genommenen Verlegung der Versammlung in den Verkehr, der sich soweit ausbildete, dast er sich mit Herrn Stammer Garten habe er sich nicht ausgelassen.— Und der andere Gendarm duzte. Es kam oann zwischen dem Ehepaar Stam— er zu Diffe- meinte, es habe sich um eine Unterhaltung harmloser Natur ge- i renzen. in deren Verlauf Frau Stammer eines Tages in Bansin handelt.| den Angeklagten dringend anging, ihr näheres über den Charakter Rechtsanwalt Dr. Behrend als Vertreter des Klägers betonte, � Krankheit ihres Ehemannes mitzuteilen. Dr. Zander will den eidlichen positiven Aussagen der beiden bürgerlichen Zeugen � bieS unter Hlruvels auf seine ärztliche Diskretion entschieden ab» müsse der Vorzug gegeben werden. Es sei sehr leicht möglich, dast � iie Freundschaft der Frau St. verscherzt die Gendarmen, die der Angelegenheit weniger Bedeutung bei- abZebrock� gelegt hätten, bei der beinahe ein Jahr späteren Vernehmung sich Dr. Zander Anlast. Herrn St. brieflich das Betreten'deS�ZanS mcht mehr recht der Einzelheiten erinnerten. Unmittelbar nach � Saales zu verbieten. Seit dem Jahre 1906 bis zum Jahre 1910 dem Vorgange müstten sie doch wohl anderer Ansicht gewesen sein.� hat sich sodann Dr. Zander um die Familie Stammer nicht mehr Denn bald danach habe der Landrat im Beschwerdcentscheide unter. bekümmert. Er wurde dann aber auf Antrag der Frau Stammec v.____- c.. jt.. r. rr. n r r t j t i• j m_ jt i ttt Xor»»-><»»» S. l„— i__ e nr\s\_____ fi...... I � y-„ anderem gesagt: In der Sache selbst hätte der Gendarm mit Recht die Ansicht vertreten, dast unter den obwaltenden Umständen die Verlegung in den Garten unzulässig gewesen sei. Das ObervrrwaltungSgericht wies die Klage wegen Unzulässig in den von dieser im Jahre 1909 angestrengten Shescheidungs- klage als Zeuge vernommen und vereidigt. Er wurde dabei über ein ganz bestimmt formuliertes Beweisthema vernommen. J» der sehr stürmischen Verhandlung warf der Rechtsanwalt Dr feit des VerwaltungSstreitverfahrenS ab. ES führte auS: Nach den antW�üete��tb�r'bL filmeritf twh � önfjtn bc- AuSsagen der Gendarmen könne nicht anerkannt werden dast in über den Charakter der' Krankheit des Stammet erfahret Ä dem Gesprach mit den Gendarmen seitens dieser ein Gebot oder! diesem Punkte sollte, wie behauptet wurde, der AnHUlagte seme
I Eidespflicht verletzt haben. Es wird behauptet, daß der Angeklagte sowohl der Frau Stammer, als auch seinem Lbermasseur, ferner dem Baurat Walter und dem früheren Hosopernsänger Fritz Ernst und seinem ganzen Personal gegenüber von der Krankheit des Stammer Mitteilung gemacht habe. Der Angeklagte, der darauf zinwies, daß es sich um über fünf Jahre zurückliegende Dinge handelte, bestritt dies ganz entschieden und versicherte, daß es nicht seine Gewohnheit sei, über intime Sachen anders zu sprechen, als in durchaus korrekter Weise. Er sei unter keinen Umständen»der Urheber der Mitteilung über Herrn Stammers Krankheit, die Leute, die mit ihm über diese Frage mit ihm gesprochen hätten, seien schon Wissende gewesen. Nach eingehender Beweisaufnahme führte Staatsanwaltschafts- rat Dr. Brüning aus, daß der Angeklagte sich im Sinne der An- klage schuldig gemacht habe und beantragte, da er es an der nötigen Prüfung seines Gedächtnisses habe fehlen lassen, einen Monat Ge- sängnis.— Rechtsanwalt Grünspach beantragte die Freisprechung des Angeklagten. Er führte aus, daß nach der Beweisaufnahme Dr. Zander bei seiner eidlichen Vernehmung zugegebenermaßen seiner protokollierten Aussage noch eine Erläuterung hätte geben wollen, damit aber von dem amtierenden Richter zurückgewiesen worden sei. Ferner fehle es an dem Nachweis der objektiven Un- richtigkcit der Aussage des Angeklagten. Zur Frage der Fahr- lässigkeit selbst machte der Verteidiger unter anderem folgende juristisch interessante Ausführungen: Die Fahrlässigkeit liege darin, daß ein Zeuge es unterläßt, sich von einer falschen Vorstellung zu befreien. Dabei werde, wie das Reichsgericht mehrfach aus- gesprochen, daran festzuhalten sein, daß durch bloße Willens- anstrengung das Gedächtnis nicht dazu gebracht werden kann, richtig zu funktionieren. In dem Werk, welches auf Veranlassung des Relchsiustizamts zur Vorbereitung der Strafrechtsreform von den namhaftesten Gelehrten Teutschlands herausgegeben worden ist, wurde ausgeführt, daß selbstverständlich nicht jedermann die Kunst der Rückerinnerung besitzt. Die auf psycho-analytischem Gebiet liegende Feststellung, ob in besonderem Falle dem Zeugen diese Fähigkeit innewohne, stelle an den Richter eine Aufgabe über die Grenzen seiner Kraft. Das Reichsgericht lege daher auch zur Feststellung der Fahrlässigkeit beim Eide daS Hauptgewicht auf den objektiven Sachverhalt und es nehme eine Fähigkeit zur Re- konsiruktion des in der Dunkelkammer des Gedächtnisses schlummernden Erinnerungsbildes nur in den Fällen an, wo tat- sächliche Anhaltspunkte und äußere Hilfsmittel dem Zeugen zur Auffrischung seines Gedächtnisses zur Verfügung standen. Die Beweisaufnahme habe aber nichts nach dieser Richtung ergeben. Die Anklage wäre sicherlich nicht erhoben worden, wenn der An- geklagte seiner Bekundung die Worte„soweit ich mich erinnere" hinzugesetzt hätte. Diese Einschränkung liege aber schon in der Eidesformel, wie das Reichsgericht auch mehrfach ausgesprochen haoe. Ter Zeuge beschwöre nicht, daß er die objektive Wahrheit, sondern daß er subjektiv»ach bestem Wisse» die Wahrheit sagen werde. Das Gericht kam zur Freisprechung des Angeklagten, da die Beweisaufnahme nicht ergeben habe, daß die protokollierte Aussage des Angeklagten objektiv unrichtig war. Es sei nicht von der Hand zu weisen, daß nicht der Angeklagte, sondern irgendein dritter zuerst den vernommenen Belastungszeugen von der Krankheit des St. Mitteilung gemacht habe. Im übrigen schloß sich der Gerichts- hos bezüglich der„Fahrlässigkeit" der von dem Verteidiger heran- gezogenen Ansicht des Reichsgerichts an. Marktbericht van vcrli« am 13. Januar 191Z, nach Ermittelung des tönigl. Polizeipräsidiums. Markthallenp reise.(Kleinhandels 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 35.00—50,00. Speis cbohnen weihe, 40,00—50,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln 9,00—12,00. 1 Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule i ,60—2,40, Rindfleilch, Bauchtleisch 1,30 bis 1,80 Schweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40—3,50. Hammelfleisch 1.30— 2,20. Butter 3,60-3,20. 60 Stück Eier 3,80—7,211. 1 Kilogramm Kardien 1,20—2,40. 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Die OrlärerwOlinng Berli» de» Deutschen Hol/arbelterverbaode«. Deutscher Buchbinderverband. ZahUtrlle Berlin. Wege» Differeuze» Mb die Perrirbe bo* Gebr. Stegemann, KurfOrsten* straße 31-32, Papier-Architektitr-Modelle. gesperrt. syi* �ie vrtSberwalt»ug. Verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Für den Jnseratenleil verantw-: TH. Glocke, Berlin. Druck». Verlag! Vorwärts Buchdruckerei i». BerlagSanstalt Paul Tinge, u. Berlin SVf.
It. 13. 29. Zahrgesz. 3. geiliigc des Jotniärts" ftrlintt öolteliliitt. Dievstlis. 16. lannfli 1913. Partei- Hngclegcnbeiten. Sechster Wahlkreis. Heute. Dienstagabend.! ist in der Brauerei Königstadt. Schönhauser Allee 10/11, ein Wiener Walzerabend ver- anstallet. Johann Strauh aus Wien konzertiert mit seiner voll- ständigen Kapelle, 42 Künstler. Nachdem Tanz ohne Nachzahlung. BillettS a 20 Pf. sind noch an den bekannten Stellen zu haben. Anfang 8 Uhr. W-hlverein Charlottenburg. Heute, abend» 8'/, Uhr. Mitglieder- Versammlung im Volkshaus. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Treptom- Baumschulenwcg. Heute abend 8'/z Ubr: Mitglieder- Versammlungen in den Lokalen..Sport-Restaurant'. Elsenstr. 115/16, und.Serpentins Feslsäle". Baumscdulenstr. 78. Tagesordnung: Rückblick auf die ReichstagSwahlen, Vereinsangelegenheiten und Ver- schiedeneS. Der Vorstand. AdlerShof. Heute Dienstag von 7'/z Uhr abends ab: Flugblatt- verbreilung. Ausgabe im Jugendheim. Bismarckstr. 11. Friedrichsfelde. Heute Dienstag, abends von 7 Uhr ab: Flug» »lattverbreitung von den Bezirkslokalen aus. blattverbreitung von den Bezirkslokalen Tegel. Heute Dienstag, abends 8'/z Uhr: Generalversammlung Die Bezirksleitung. hei Klippenstein, Spandauer Straste. berliner Nacbrichtcm Stramme Kälte. Der Schnee, in Feld und Wald krustenartig zusammen- geschrumpft, knirscht unter jedem Tritt. Die Zweige, bizarr mit Raureis überladen, knacken wie von Menschenhand. Starr liegt die glitzernde Fläche des Waldsees, blank wie ein Spiegel. Nur hier und da warnen den Schlittschuhläufer geschichtete Eisblöcke oder Strohwische aus langen Stangen vor Fisch- lumen und warmen Quellen. Scheue Wattiere verlassen den sicheren Unterschlupf, wagen sich heißhungrig dicht bis an be- wohnte Stätten. Ein Vöglein, mit seltsam gesträubtem Gefieder, hockt unbeweglich auf einem Ast... steif, angefroren. Die Natur ist erstorben, fordert in unendlich vielen Tausenden ihre winterlichen Opfer. Zwischen den schützenden Großstadthäusern pfeift der eisige Januarwind etwas weniger fühlbar. Einen Unterschied von fünf bis acht Grad Celsius weist das Thermometer. Schnee liegt in schmalen Streifen nur noch an Dachrinnen, auf Balkonrändern, in den Parkanlagen. Tie Straßen sind unter den fleißigen Händen Tausender von Arbeitslosen blitzsauber gekehrt. Berlin hat von früheren Schneemiseren entschieden gelernt. An den Fensterscheiben hat der Frost seine wunder- lichen Eisblumen gemalt. Wo sie am dicksten, am aus- dauerndsten sind, wohnt die Not. Frost und Hunger reichen sich nun brüderlich die Hand. Nie zeigt sich der Kontrast sozialer Verhältnisse schärfer: wohlgenährte Körper in molligen Pelzen, schlotternde Knochen in steifgefrorenen Lumpen. Asyle und Wärmehallen werden gestürmt. Viele ohne Geld und Obdach, mit einem halbwegs anständigen Rock, suchen stundenlang Zuflucht in den durchwärmten Museen. Mancher, der auf der Linie abwärts noch immer zu stolz war zum Betteln, wird durch die Kälte getrieben, an fremde Türen zu klopfen. Tantalusqualen sind es für alle, denen das Elend noch nicht den Charakter verstumpfte. Und nicht gar selten meldet, wenn die Quecksilbersäule immer tiefer sinkt, in mit- leidloser Kürze der Polizeibericht:„Ein Obdachloser er- froren." Verdorben... gestorben I Stramme Kälte hemmt Krankheiten, fördert den Winter- lichen Leibessport, stählt den Körper. Das ist neben Steige- rung grausiger Not der Vorteil. Wer warme Kleidung, einen satten Magen hat. soll sich vor der Kälte nicht allzusehr im warmen Zimmer verkriechen. Längere Spaziergänge in der schneeigen, eiserstarrten Winterpracht, die innerhalb der Groß- stadtmauern kaum zur Geltung kommt, sind von wunderbarer belebenderWirkung aufKLrper und Geist, die bestenHeilmittel für das moderne Heer der Neurastheniker. Der tüchtigste Schnupfen schwindet eher in der frischen Winterluft als am warmen Ofen. Die Freunde des Eis- und Rodelsports, die schon verzagen wollten, sind noch auf ihre Rechnung gekommen. Das Eis auf Flüssen und Seen ist überall so stark, das es selbst einen plötzlichen Temperatursturz, der aber vorläufig nicht in Aus- ficht steht, wochenlang überdauern kann. Die Sportfreude, der sich in diesem Winter infolge besserer städtischer Fürsorge, besonders auf der Weberwiese und im Schillerpark, auch die ärmere Berliner Bevölkerung nnt Lust und Liebe hingeben darf, versöhnt auf den Augenblick etwas mit den Schatten- bildern des winterlichen Großstadtlebens. Jagvw nnb die Stadtverordnetenversammlung. Mit den Schießerlasien des Herrn v. Jagow an die Schutzmann- schast hat sich am Donnerstag wiederum die Stadtverordneten- Versammlung zu befassen. Wir haben schon mitgeteilt, daß der mit Beratung der Angelegenheit eingesetzte Auöschutz zu dem Ergebnis gekommen ist, nachdrücklichste Verwahrung gegen die Jagow-Erlasse und vor allem gegen die Ansicht JagowS einzulegen, die der Stadt- verordnetenversammlung das Recht abspricht, sich um polizeiliche Dinge zu bekümmern. Die Jagowsche Ansicht ist in Schreiben an den Magistrat niedergelegt, die wir inhaltlich schon mitgeteilt haben. die wir aber heute in ihrem Wortlaut wiedergeben wollen. Sie lauten: Geheim! Dem Magistrat stelle ich auf da? gefällige Ersuchen vom S. d. MlS. gern den Worrlant meiner Verfügungen über Waffen- gebrauch vom 20. Juni lSll und S. August lSll in anliegenden Abdrücken ergcbenst zur Verfügung. Zum Verständnis füge ich Abschrift des§ 8 der Allgemeinen Dienstvorschrift vom ZO. Mar 1902 bei. Mein grundsätzlicher Standpunkt allerdings geht dahin, daß die Stadtverordnetenversammlung, wenn sie sich mit dieser Sache besaßt, die ihr im§35 der Slädteordnung gezogene Zu- ständigkeitSgrenze überschreitet. Den» Waffen- gebrauch der königlichen Schutzmannschaft ist keine„Ge- meindeangelegenheit. sondern eine rein staatliche Dienstangelegenheit. Jeder städtische Polizei- Verwalter verbittet sich grundsätzlich jedwede Ein- m i s cd u n g der Stadtverordncienversammlung in seine polizeiliche Täligkeit. Kein Provinziollandtag. kein Kreistag wird sich zu einer Diskussion über eine Gendamerieinstruktion für zuständig erachten. Auch ist für die Stadtverordnetenversammlung ja gar keine Bcrttetung der angegriffenen Staatsbehörde vorgesehen, ein Um- » stand, den ich als ferneren Beweis dafür ansehe, daß eine Aus- legung wie die Stadtverordnetenversammlung dem§ 35 gibt, dem Gesetzgeber fern lag... � Nur das Herrenhaus und das HauS der Abgeordneten sind zuständig. Da ich jedoch eine Erörterung in der Stadtverordnetenver- fammlung meinerseits nicht hindern, aber auch nicht daran teil- nehmen kann, ist mir erwünscht, daß die Stadtverordnetenveriamm- lung von meiner Auffassung Kenntnis erhalte. Diese geht dahin, daß nur durch schärf st eS Eingreifen der Schutz- Mannschaft die Drei Millionen st adt Gro ß-B e r l i n vor Apachcnzuständcn bewahrt werden kann. Der Verbrecher, welcher die Hand gegen fremdes Leben hebt, setzt sein Leben selbst aufs Spiel. Für das Leben des Bürgers wie des Schutzmanns trage ich Verantwortimg. Nur ein Beispiel: Bei dem durch die Zeitungen ja hinlänglich bekannt gewordenen Renkontre am 10. Juni d. I. in dem Borchardschen Lokale in der Friedrich- straße 114 konnte durch Gebrauch der Schußwaffe im Sinne meiner angegriffenen Verfügungen das Leben des Schutzmanns Lucht gerettet, der Kellner Katzur vor schwerer Verletzung bewahrt werden. Die gesamte Einwohnerschaft Berlins schuldet der Berliner Schutzmannschast für einen Dienst, wie er nur in einigen Jndustrieorien und Grenzllationen gleiche Opfer fordert, größten Dank. Auch aus der Stadtverordnetenversammlung möge an die unsozialen Teile der Bevölkerung die Mahnung er- gehen, daß, wer bei polizeilicher Festnahme eines Verbrechers diesem beispringt, selbst zum Verbrecher wird. gez. Jagow. Diesem Schreiben hat der Polizeipräsident den Wortlaut einiger. zum Teil schon bekannter Verfügungen folgen lassen: §8. Wasfengebrauch. 1. Die Beamten der Schutzmannschaft sind ohne ausdrücklichen Befehl ihrer Vorgesetzten befugt, von den ihnen anvertrauten Waffen Gebrauch zu machen: a) wenn Gewalt oder Täilichkeit gegen fie selbst, während sie sich in Ausübung ihres Dienstes befinden, verübt wird, b) wenn auf strafbarer Tat betroffene Personen ihrer Aufforderung, ihnen zu folgen, nicht ohne tätlichen Widerstand Folge leisten und vielmehr die Beschlagnahme mitgesührter Gegenstände oder ihrer persönlichen Verhaftung mit offener Gewalt oder mit gefährlichen Drohungen sich widersetzen. o) wenn sie auf andere Art den ibnen angewiesenen Posten nicht behaupten oder die ihnen anvertrauten Personen nicht be- schützen können. 2. Es liegt ihnen jedoch auch in diesen Fällen ob, die Waffen mit möglichster Schonung, namentlich deS Lebens, und nur dann zu gebrauchen, wenn alle anderen Mittel fruchtlos an- gewendet sind, und der Widerstand nicht anders als mit bewaffneter Hand überwunden werden kann. Bei Anwendung der Waffe darf der Beamte absichtlich keine schwereren Verletzungen verursachen, als eS für den zu erreichenden Zweck unumgänglich notwendig ist. Er darf sich der gefährlichen Schutzwaffe nur dann bediene», wenn nach seiner pflichtmätzigen Ueberzeugung die von ihm geführte mindergefährliche Hiebwaffe nicht genügt. Eine Gefährdung unbeteiligter Personen ist unbedingt zu vermeiden. Der Gebrauch der Waffe als Züchtigungsmittel ist nicht statthaft." Echter Polizeigeist spricht aus dem Jagowschen Schreiben. Herr v. Jagow schnauzt auch die Stadtverordneten an, die sich erlauben, mit polizeilichen Dingen sich zu beschästigen. Er verbittet sich, in seine Geschäfte hineinzureden und macht der Stadtverordnetem Versammlung Vorhaltungen über ihre Rechte. Mit vollem Recht hat der Ausschuß deshalb vorgeschlagen, gegen die Jagowschen Dar legungen entschieden Verwahrung einzulegen. Au» der Elendsstatistik. Gestern wurden nicht weniger als 5700 Personen allein»in städtischen nächtlichen Obdach aufgenommen Noch niemals ist eine gleich große Zahl vorhanden gewesen. Mit der Zahl der Obdachlosen wächst natürlich auch die Zahl der Kranken, d. h. der Perionen, die den städtischen Krankenanstalten, den Irrenanstalten usw. überwiesen werden müsien. Diese Zahlen werfen ein krasieS Schlaglicht auf unsere gesellschaftlichen Zustände. Die Eheschließungen hatten in Berlin nach der auffällig starken Minderung, die in den Jahren 1903 und 1909 eingetreten war, in 1910 wieder eine Mehrung gehabt. Diese Wendung zum Besse- ren hat in dem eben abgelaufenen Jahre 1911 angedauert, aber bisher fft die Aufwärtsbewegung noch sehr langsam geblieben, Selbst in 1911 ist noch nicht wieder diejenige Anzahl Eheschließun- gen erreicht worden, die im Jahre 1907 sich ergeben hatte. Ehen wurden geschloffen in den Jahren 1906 und 1907 noch 23245 und 23 313, in 1908 und 1909 nur 21799 und 21 209, sodann in 1910 wieder 21 848— und jetzt hat das Jahr 1911 22672 Eheschließungen gebracht. In 1911 wurden 824 Ehen mehr als in 1910, doch immer noch 641 Ehen weniger als in 1907 ge- schloffen. Die durchschnittliche Einwohnerzahl Berlins war in 1907 etwas höher als in den Jahren 1908 und 1909, die einen Be- Völkerungsrückgang gebracht hatten, höher auch als noch in 1910, wo zum ersten Male wieder ein Bevölkerungszuwachs herauskam. Dagegen dürfte die durchschnittliche Einwohnerzahl aus 1911 un- gcfähr derjenigen aus 1907 gleichkommen. Wenn dessenungeachtet die Zahl der Eheschließungen in 1911 noch unter derjenigen von 1907 blieb, so kann man nur sehr bedin» gungsweise von einer Steigerung der Hciratslust sprechen. Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten beiden Jahren etwas gebessert. dafür ist aber die durch die Zoll- und Steuerpolitik herbeigeführte Teuerung immer fühlbarer geworden Wenn sonst nach Perioden allgemeinen Beschäftigungsmangels auf jede wieder beginnende Besserung� des Arbeitsmarktes sehr bald eine sehr deutliche Steigerung der Heiratslust folgte, so ist diesmal von einer solchen Wirkung noch nicht allzuviel zu spuren. Wahlscherze werden unS aus unserem Leserkreise vielfach mitgeteilt. So ernst eine Wahl an sich ist, so wollen wir einige heitere Vorkommnisse bei der Wahl doch wiedergeben. Ein Genosse, der als Listenführer das Wahlgeschäft verfolgte, schreibt uns: „Ein Wähler kommt mit dröhnendem Schritt aus der Wahl zelle heraus— 2 Schritt Distanz vom Wahltisch— und blitzschnell hat er das Kuvert mit Stimmzettel in die Wahlurne versenkt. Verdutzt schrecken die Beisitzer auf.„Ja, drinn is er", ruft der Wähler. Zum Glück steht der Mann in der Wählerliste.„Ja. warum hält er nicht die Hand druff, das kostet eine Lage", mernt der joviale Mann und verläßt das Wahllokal. Ein anderer Wähler kommt nickst aus der Wahlzelle heraus. Auf einmal ertönt es in tiefem Baß aus der Zelle:„Ick wähle Nr. 380, Ihr wollt ja immer de Nummer wissen, ach nee, Nr. 580." Der Mann wird unter lautem Gelächter nach längerem Zureden vorgeholt. Am Wahltisch tobt er sich erst aus, daß er. der er ein Herr Inspektor sei, in der Wählerliste als Bauarbeiter verzeichnet steht, was ja längst nicht mehr zutrifft. Achselzuckend versprach man ihm, ihn bei nächster Gelcgew heit besser zu berücksichtigen. � Wiederholt kam es vor, daß Wähler Kuvert und Stimmzettel in die Wahlzelle legten und damit die Stimmabgabe für erledigt hielten. Als einem Arbeiter das zuerst passierte, machte der Vorsitzende des Wohlvorstandcs die Bemerkung, unsere Wahler nicht aenügend informiert zu haben; bald darauf aber genügten ein Schutzmann und sogar ein Kgl. Rechnungsrat a. D. in ahn- sicher Weise ihre: Wahlpflicht. Es kam auch vor, daß Wähler den Stimmzettel aus der Wahlzelle auf den Wahltisch warfen, während andere die geheime Wahl dadurch illusorisch machten, indem sie ihre genaue Adresse auf dem Stimmzettel angaben und somit ihre Stimmen ungültig machten." In Charlottenburg, Wahlbezirk 79 sWilmersdorfer Straße Ecke Gervinusstraße), verlas der Wahlvorsteher einen Stimmzettel mit der Aufschrift:„Ich wähle den Kron- Prinzen, damit er ungestört in den Reichstag gehen kann— ohne Vätern zu frage n". In einem Wahllokal des Kreises Niederbarnim wurden zwei Stimmzettel abgegeben, von denen der eine den Vermerk trug: Stadthagen sowie Ziethen Sind alle beide Nieten. Mir ist aucb gänzlich schnuppe Die ganze Reichstagspuppe. Der Zettel dep anderen Wählers, seines ZeickrnS anscheinend ein ehrsamer Hausbesitzer, wies den charakteristschen Satz auf: „Ich wähle keinen: blau ist für neue Steuern, rot zahlt keine Miete I"— Aus Ober-«chöneweide wird uuS ge.chrieben: Daß die anstrengende, ernste Wahlarbeit nicht der belustigenden Komik entbehre, dafür hat in wirkungsvoller Weise der Ge- meindeschulleherer W e i ge l von hier gesorgt, der es fertig brachte, im Kreise Niederbarnim unter der Firma:„Schriftsteller Fedor aus Berlin" für den konservativen Kandidaten zu werben. Er hat sich gewiß nicht träumen lassen, daß seine Eni- larvung so bald erfolgte und braucht nun für den Spott wahr« haftig nicht zu sorgen, der sich bereits so viel Raum verschaffte, daß ein hiesiger findiger Geschäftsmann Reklame macht für feinste Fedor-Margarine". Ein Volksschullehrer hätte auch wirklich besseres zu tun, alS sich seinen ärgsten Feinden zu prostituieren. Die zerstörte Rodelbahn. Große Enttäuschung erfuhren zahl- reiche Rodler, die am Sonnabend die Rodelbahn am Viktoriapark benutzen wollten. Sie fanden die Bahn zerstört durch Sand- und Salzsireuen. Man wußte nicht recht, wen man dafür verantwortlich machen sollte. Hat der Magistrat diese Maßnahme angeordnet oder liegt von privater Seite em unverantwortlicher Streich vor? Das waren die Fragen, die vielfach erörtert wurden aber nicht ge- löst werden konnten. Eine schöne Eisbahn hat jetzt der Schillerpark aufzuweisen, da die 16 Morgen große Spielwiese hierzu hergerichtet ist. Unsere Schuljugend hat da freie Bahn und sie kann sich hier ungehindert dem gesunden Eissport hingeben. Auch die Weberwiese wird jetzt reichlich benutzt. Feuerwehrleute als Rohrleger. Uns wird berichtet, daß im Haufe Elbinger Str. 69 zwei Feuerwehrleute von dem Hausbesitzer Fritfch« mit dem Legen von Gasleitung nach dem Seitenflügel und Ouer- gebäude beschäftigt werden. Wir haben schon srüber darauf hin« gewiesen, daß die Feuerwehrleute zu solchen gewerblichen Diensten nicht herangezogen werden dürfen, zumal fie dadurch den gewerb« lichen Arbeitern Konkurrenz machen. Unsere Hinweise haben auch dazu geführt, daß der Branddirektor ein allgemeines Verbot erlassen hat, wonach Feuerwehrleute solche gewerblichen Arbeiten njcht leisten dürfen. Es ist also anzunehmen, daß im vorliegenden Falle gegen den Erlaß des Branddirektors verstoßen worden ist und eS ist nötig, festzustellen, wen die Schuld an diesem Verstoß zuzuschreiben ist. ES gibt wirklich genug steuerzahlende Bürger, die gegen entsprechend« Bezahlung die Arbeit gern leisten werden. Der geflüchtete Rechtsanwalt Dr. Hailliant hat die fein auS- geklügelte Flucht nicht ohne den Besitz größerer Geldsummen«nd> getreten. Es ist richtig, daß er noch lurz vor der Flucht krampf- hafte Versuche machte, Geld aufzutreiben, das aber zur Auffüllung angegriffener Depots dienen sollte. Da diese Absicht nicht gelang und somit die Entdeckung der Unterschlagungen unvermeidlich war, hat er sicher noch recht beträchtliche Teile der Depots mitgenommen. Durch die seitens der Kriminalpolizei beschlagnahmten Akten sowie durch Briefe, die bei der Haussuchung gefunden wurden, ist ferner bekannt geworden, daß Dr. Hailliant auch mit der Aktiengesell» schaft Rütgerswerke, welche hauptsächlich die Imprägnierung von Eisenbahnschwellen für den Staat besorgt, wegen Zahlung einer großen Barentschädigung an einen seiner Klienten noch wenige Wochen vor der Flucht verhandelt hat. Es steht aktenmätzig fest. daß die Rütgerswerke bereits vor zwei Jahren, um einer unan- genehmen Veröffentlichung über ihre Betricbsverhältnisse, von denen allerlei gemunkelt wird, ein Schweigegeld von 10 000 Mk. gezahlt haben. Neuerdings war eine noch viel höhere Summe ge» fordert worden, doch hat die Gesellschaft die Zahlung bisher ver- weigert. Wäre wirklich Zahlung erfolgt, so hätte wohl der Klient das Nachsehen gehabt. Dr. Hailliant hat ein für seinen Stand ziemlich bescheidenes Leben geführt, doch sind»hm offenbar un- glückliche Spekulationen, in denen er sich von jeher neben seiner Anwaltspraxis gern betätigte, über den Kopf gewachsen. Ucbcr den Doppelselbstmord eines Ehepaare? wird unS au» der Exerzierstraße berichtet. Dort wohnten im Hause Nr. 4 seit längerer Zeit der 60 Jahre alte Kutscher Karl Pantoleit und seine Ehefrau Johanna geborene Ziekenhenne mit zwei Pflegekindern, einem neun Jahre allen Mädchen Erna und einem fünfjährigen Knaben Richard. Die Leute hatten im ersten Stock des OuergebäudeS eine kleine Wohnung von Stube, Känimer und Küche. Gestern morgen er« wachte die neun Jahre alte Pflegetochter Erna kurz nach 8 Uhr. Sie wunderte sich, baß sie nicht wie sonst rechtzeitig geweckt worden war, um zur Schule gehen zu können. Sie stand deshalb auf und sah sich nach ihren Pflegeeltern um. In der Stube fand fie »un die Pflegemutter angekleidet auf dem Bette liegen, während ihr Pflegevater in der Küche tot auf dem Fußboden lag. Sie rief nun zum Fenster hinaus:„Hilfe, Hilfe, meine arme Mama, mein armer Papa I" Auf diese Rufe eilten der Hauswirt und andere Be- wohner herbei, die dann sofort einen Arzt benachrichtigten. Dieser konnte aber nur noch den Tod beider Eheleute feststellen. Die Frau halte sich, wie eine Flasche, die auf der Kommode stand, zeigte, mit Lysol vergiftet, wäkrend der Mann sich mit LeucktgaS vergiftet hatte. Offenbar hat er aber vorher auch Lysol getrunken. Erst als die töd« licbe Wirkung des GifreS ausblieb, hat er dann wakirscheinlich in der Küche den Hahn der Gasampelund derKochmaschine geöffnet und so seinen Tod gefunden. Der Grund zu dem Selbstmord ist tn schweren Schicksalsschlägen zu suchen. Die Leute hatten sich früher einige Hundert Mark gespart, die sie dann verloren, als sie einen. Grünkramladen ausinachten. Nach l'/z Jahren mußten sie diesen mit einem Verlust von 1500 M. wieder schließen. Der Mann ging dann wieder seiner Beschäftigung als Kutscher noch. Hierbei hatte er das Unglück, von einem Wagen zu fallen und überfahren zu werden. Die Quetschung eines Beines verursachte ihm öfters große Schmerzen. Besonders in den letzten 14 Tagen hatte er sehr darunter zu leiden. Zweifel» los haben die Eheleute aus diesem Grunde den Entschluß gefaßt. gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Der Kinder nahm sich ein Bruder der Frau Pantoleit an. „Berliner Automobil-BcrtriebSgcscllschaft m. b. H." nannte sich ein Schwindelunternehmen, mit den, sich schon seit einiger Zeit die Schöneberger Kriminalpolizei beschäftigte. Am Sonnabend wurde einer ihrer„Direktoren", ein 22 Jahre alter ErnK Leipziger ver» haftet und der Staatsanwaltschaft El vorgeführt. Das Unternehmen bestand seit Mai 1910. Seine Geschäftsräume waren zwei Zimmer im Seitenflügel deS Hauses Babelsberger Str. 42 zu Wilmersdorf und eine Garage am zweiten Hofe dieses Grundstücks. An der Spitze
standen die„Direktoren' Leipziger und Richard Reichmann, ebenso alt wie Leipziger. DaS Personal bestand auS einem Schlossenneister, drei jungen Burschen und drei Kontormädlben. Zur Ver Wunderimg der Angestellten wurde die Einrichtung nickt weniger als dreimal erneuert. Wie das kam, wußten aber nur die „Direktoren". Sie blieben die Ratenzablungen schuldig und deshalb holten die Verkäufer jedesmal alles wieder ab. Die Gesellschaft war von vornherein auf Schwindelei gegründet. Die Inhaber und Direktoren waren Generolverlreter der Exzelsior-, Masuett- und Brasier-Automobilwerk», vertraten aber alle drei in einer Weise, daß sie ihre Werke sowohl wie ihre Abnehmer hinein- legten. Dieses waren besonders Chauffeure, die sich selbständig machen wollten. Ihnen patzten die kleinen Ratenzahlungen, durch die die Generalvertreter Kunden anlockten. Die Käufer mußten 200 bis 500 M. anzahlen und sollten darauf hin den Wagen bald bekommen Daraus aber warteten sie stets vergeblich. Denn die Gesellschaft schickte zwar den angezahlten Betrag a» das Werk, und erhielt auch den Wagen dafür, versetzte ihn ober sofort von der Bahn aus und steckte den bedeutenden Mehrerlös in die Tasche. Die Abnehmer wurden dann zunächst mit Briefen und Telegrammen hingehalten. drohten sie aber mit Strafanzeige, so zahlten die„Direktoren" aus ihrem„Verdienst" die kleine Anzahlung schließlich zurück. Endlich aber griff die Kriminalpolizei zu und machte der Schwindelei ein Ende. lveiw Schlittschuhlaufen ertrunken ist am Sonntagnackmittag der Meckanikcrgehilfe Hinrichten. H. huldigte mit noch zwei Jugend- freunden, den Mechnikerlehrlingen Becker und Hennig, dem Eissport. Nachdem alle drei bis Spandau gelaufeu waren, wollten sie nach Heiligensee. Zwischen Wilhelmsruh und Leuchtturm befindet sich eine Uebersetzstelle, in die bereits am Sonntagvormitlag ein Herr gefallen und darin ertrunken war. Da an der mit einer dünnen Eisdecke yerschenen Fahrrinne nichts weiter als etwas Asche gestreut war, konnte die für Eisläufer gefährliche Stelle leicht übersehen werden. Auch die drei jungen Leute merkten die nur schwach be- froren? Rinne erst als sie dicht herangekommen waren, so daß sie durch die dünne Eisdecke in den Fluten versanken. Während es gelang, Becher und Hennig noch langen Bemühungen zu retten, ver- schwand Hinricksen unter der Eisdecke und erlrank. Becher konnte erst nach mehreren Stunden wieder ins Bewußtsein zurückgerufen werden. Erwähnt sei, daß bei Rettungswerk der drei Verunglückten noch drei Personen in den See fielen, die jedoch bald gerettet werden konnten. Wie man uns mitteilt, war der See am Sonntag von der Behörde nock nickt freigegeben. Bielleicht wäre das Unglück abgewendet worden, wenn jene gefährliche Ueberiahrtstelle durch auf größere Entfernung bemerkbare Zeichen kenntlich gemacht worden wäre. Einen schrecklichen Tod fand gestern vonnittag die 58 Jahre alte Frau Amalie de« Schneidermeisters Sleinborn aus der Pappel- allee 9. Als die Frau gegen 1l Uhr vor ihrem Hause den Damm überschreiten wollte, um noch schnell eine kleine Besorgung zu machen, kam von der Schönhauser Allee her ein Schlächterwogen angefahren Sie lief rasch an diesem vorbei, überiah ober einen aus der ent- gegengesetzten Richtung kommenden Schneewagc»; sie kam vor die Hufe der Pferde zu liegen und erhielt einen Tritt gegen den Kopf. Dann gingen noch ein Vorder- und Hinterrad des schweren Wogens über die Ünglücklicke hinweg, so daß sie auf der Stelle verschied. Man brachte sie zuerst nach einem Geschäft in der Nähe und von dort, nachdem ein Arzt den Tod festgestellt hatte, nach dem Schau- hause. Erfroren aufgefunden wurde am Sonnabendabend um 7 Uhr auf dem Bürgersteige der stillen Ueckermünder Straße ein unbekannter Mann in den zwanziger Jahren. Ein Schutzmann brachte den Er- starrten nach der Hilfswache in der Gaudystraße. Dort gelang es. ihn ins Leben zurückzurufen, er ist aber noch so schwach, daß er seinen Namen nicht angeben kann. Der Mann liegt im Virchow- Krankenhaus. Ausweispapiere wurden in seiner Kleidung nicht ge- funden. Seinem Aeußern nach gehört er dem Arbeiterstande aar. Durch einen Sturz vom Wagen tödlich verunglückt ist am Sonnabendabend S>/� Uhr der 8b Jahre alte Kutscher Georg Klare auS der Soldiner Straße 109. Klare fiel vor dem Haufe Pank- straße 23 so unglücklich vom Wagen, daß er bewußtlos liegen blieb. Ein Schutzmann brachte ihn mit einer Droschke nach der Hilfswache in der Lindower Straße. Hier konnte der Arzt aber nur noch fest« stellen, daß er gestorben war. Er hatte einen Schädelbruch erlitten. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Zirkus Busch. In die Zeit finstersten Mittelalters, des Glaubens- fonatismus und religiösen Irrwahns, der Hexenprozesse und Sckeiler- Haufen, führt uns ein Manegedrama, das am Sonnabend im Zirkus Busch mit einem durchschlagenden Erfolg zur erstmaligen Aufführung gelangte. In dem Stück, da« sich„Die Hexe" benennt, ist zirsensische Kunst mit Bühnendarstellung recht geschickt vereinigt, ziehe» kulturhistorische Bilder in buntester Farbenpracht und fesselnde Szenerie», unter Anwendung größler Massenaufgebote an unS vor- über. Die Handlung selbst verkörpert das Genre der früher viel gelesenen und beliebten romantischen Ritter- und Burggeschichten mit viel Sentimenialität und Rührseligkeit, mit Menschen, die teils be- ängstigend edel.r.Ltig und gutherzig sind, teils von Schlechtigkeit und Niedertracht triefen. Die Handlung, die auf der Theaterbühne kaum Aussicht hätte. Anklang zu finden, wächst im Rahmen der Zirkus- kunst der Farben- und Lickleffektc und grandioien Masienenttoltung zu einem zweifellos packenden und wirkiamen Gemälde heran, waS auch dos Publikum durch vielfache Hervorrufe und tosende Beifalls- ausbrüche anerkannte, zumal sehr flott gespielt wurde und die Ho'wt- darstellertn. Fr. Gertrud Arnhold a. G. als Barbelina ergreifende und leidenschaftliche Töne fand und der Titclheldin einen lebenswahren Zug verlieh. Gefunden. In den Versammlungen deö 6. Wahlkreises am Freitag, den 12. Januar find in der Brauerei Königstadt eine Brille und ein Portemonnaies, und in den Eermauia-Fcstiälen acht Zeug- nisie, lautend»nf den Namen Gerhard Menzel, gefunden worden. Die Gegenstänoe könnnen von den Eigemüniern im Bureau des Wobkvcrcins. Neue Hochstr. 23 in Empfang genommen werden. In der Versammlung im 1 Kreise am Donnerstag. den 11. Januar in Dräsels Festsälen. Neue Friedrickstr. 35 ist ei» Pelzkragen gefunden worden. Derselbe ist abzuholen bei Bolzmann, Millcnwaldcr Str. 39, vorn 4 Treppen. Zigarrengeschäst. Seydlitzstraße, zur Einsichtnahme eintragen zu lassen. Von Sonntag, den 24. Januar ab, liegt die Liste der dritten Klasse bei Frau Dehnst. Sehdlitzstraße, aus. Adlcrsdorf. Die Listen liegen auch an den Sonntagen am 21. und 23. Januar in der Zeit von vormNtagS 8'/z— 9'/, Ubr im Gemeindeami, PosadowSlistr. 1, Zimmer 3 aus. Für diejenigen, welche verhindert find einzusehen, baben sich folgende Genossen zur Einsicht- nabme bereit erklärt: August Beck, Bismarckstr. 11 fKonsum-Verkaufs- stelle); Jobann Feyerstein, BiSmarckstr. 28; Rickard Kaul, Bismarckstraße: Wilhelm Baichin, Metzer Str. 1. Es wird ersucht, für diesen Zweck die Steuerzeltel mitzubringen. Friedenau. Im Gemeindeamt. Feurigstr. 8, Zimmer 2, während der Dienststunden von 8— 3, und Sonntags von 9— 12 Uhr. Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wählerliste gebe man unter Beibringung der Steuerquittung sofort zu Protokoll. Vorort-JSachridjtcn* Nehmt Einsicht in die Gemeindewählerliste», die seit gestern, dem 18.. bis zum 80. Januar zu jedermanns Einsicht öffentlich ausliegcn. Die Liften liegen außer in den in der SonntagSnummcr des„Vorwärts" veröffentlichten Orten aus für Lankwitz; Im Rathause, Zimmer 24. Die Genoffen werden ersucht, sich bei den Bezirksfiihrer» sowie bei Gastwirt Schulz, Mühl, rnstraße, Gastwirt Schulz, Kurfürstenstraße und Frau Dehnst, Rixdorf. Die Errichtung eines Schulhausanbaues am Mariendorfer Wege zur Aufnahme von 20 Klassen sowie den erforderlichen Nebenräume» soll einem Beschluß der Schuldeputation zufolge bei den städtischen Körperschaften beantragt werden.— Das Hochbauamt soll ersucht werden, ein Projekt über die weitere Bebaubarkeit des katholischen SckulgrundstückS in der Kopfstraße aufzustellen.— Die Deputation beschloß des weiteren, mit Rücksicht auf den starke» Wechsel im Schülerbestande und die entstehende Belastung der Lehrkräfte von der Errichtung von Schulsparkasien an den hiesigen Genreindeschulen vorläufig abzusehen.— Im nächsten Winterhalbjahr soll in der 3., 4., 11., 12.. Ib.. 16. und 13./14. Gemeindeschrrle je ein Klassenzimmer an jeder» Wochentage— mit Ausnahme des sonnabends— während einer Nachmrttagsstimde für die ärmeren Schulkinder zur Anfertigung ihrer Schularbeiten unter der Aussicht einer Lehrperson freigegeben werden. Die mit der Aufsicht betrauten Lehrkräfte sollen eine Entschädigung erhalten.— Mit der versuchsweisen Einführung des Werkunterrichts in den untersten Klaffen der 1., 2., 29. und 30. Gemeindeschnle in der Boddinstraße vom April dieses Jahres ab erklärte sich die Deputation einverstanden. Desgleichen mit der Aufstellung eines Walfisch- gerippes aus dem Körncrschen Museum auf dem Schulhofe in der Boddinstraße. Der Vorsitzende gab den Mitgliedern Kenntnis von der Verfügung der königl. Regierung zu Potsdam vom 12. De- �ember v. I. über die von den einzelnen Gemeinden des RegierungS- »ezirks getroffenen besonderen Einrichtungen zur Fürsorge für die schulpflichtige Jugend, sowie von der Verfügung bezüglich der Er- Weiterung der Schwerhörigenklasse. Ein Raub der Flammen wurde am Sonntag in der Bergstr. l32 das langgestreckte einemhalbstöckige Fabrikgebäude der Küchenmöbel- fabrik von Richter u. Groebem Obgleich die Wehr mit vier Rohren Wasser gab. konnte doch nicht verhindert werden, daß das Gebäude vollständig ausbrannte. Auch ein Automobll verbrannte, so daß der Schaden bedeutend ist. Gharlotrcnburg. Die Neuwahlen der Vertreter zum Charlottenburger Gcwerbcgericht finden am Donnerstag, den 13. Januar, von vormittags 10 bis mittags 1 Uhr und von nachmittags 4 Ubr bis 8 Uhr statt. Wähler ist jeder Arbeiter, welcher am Tage der Wahl das 25. Lebensjahr vollendet hat, in Charlottenburg wohnt oder bier im Arbeitsver- hällnis steht. Diejenigen, die in Cbarlottenburg wohnen und arbeiten, wählen in demjenigen Bezirk, in welchem sie in Arbeit stehen. Wer in Charlottenburg wohnt und außerhalb Charlottenburgs arbeitet, oder zurzeit arbeitslos ist, wäblt dort, wo er wohnt. während diejenigen, die in Ebarlottenburg arbeiten und in Berlin oder in den Vororten wohnen, in demjenigen Wahlbezirk ihr Stimm- recht ausüben, in welchem sie beschäftigt sind. Jeder Wäbler muß im Besitz einer Legitimation sein. Für die- jenigen, die vier in Arbeit stehen, hat der Arbeitgeber eine Legiti- matton auszustellen; iür diejenigen, die hier wohnen und außerhalb Charlottenburgs arbeiten oder zurzeit arbeitslos sind, das zuständige Polizeirevier. Formulare hierzu find auf den Polizeirevieren vor» rättg. auch werden dieselben in der Gerichtsschreiberei deS Gewerbe- gerichts, RaihauS. Zimmer 32, unentgeltlich verabfolgt. Die Verteilung der von den Charlottenburger freien BeWerk fchaften aufgestellten Kandidaten ist folgende: 1. Wahlbezirk: Wahllokal: Restaurant Erstling, Am Bahnhof Westend 2. Kandidaten: 1. Eduard H o f f m a n n, Maler. 2. Paul Lindenblatt, Kunst- und Landschaftsgärtner. 2. Wohlbezirk: Wahllokal: Restaurant Winter, Schloß- straße 45. Kandidaten: 1. Franz Huxol. Schneider. 2. Hermann Rothkopf, Fabrikaibeiier. 3. Wahlbezirk: Abstimmungsbezirk A. Wahllokal: Turnhalle der 6./6. Gemeindelchule, Kaiserin-Auguste-Allee 74. Abstimmungsbezirk B. Wahllokal: Restaurant Olm, Reuchlinstr. 6. Abstimmungsbezirk C. Wahllokal: Restauraul Schütze, Salzufer la. Abstimmungsbezirk D. Wahllokal: Restaurant Nack. Berliner Str. 88. Kandidaten: 1. Richard H e n n i g, Dreher. 2. Emil Lehmann, Maurer. 3. Karl M e n d e, Klenipuer. 4. Wilhelm Richter, Werkzeugmacher. 4. Wahlbezirk: Wahllokal: Restaurant Fleck, Kaiser- Friedrichstraße 49/50. Kandidaten: 1. Paul D r u s ch e. Lagerarbeiter. 2. Max Bernhardt, HandelShilfsarbetlcr. 5. Wahlbezirk: Wahllokal: Restaurant Prinz Luitpold. Berliner Str. 46. Kandidaten: 1. Rudolf Müller. Tischler. 2. Franz K n o b e l, Zimmerer. 3. Heinrich W o s ch k e. Putzer. 6. Wahlbezirk: Wahllokal: Restaurant Reimer, WilmerS- dorfer Str. 21. Kandidaten: 1. Wilhelm Crom er, Bau- arbciter. Max Lieht, Aipbaltarbeiter. 7. Wahlbezirk. Wahllokal: Restaurant Leibnizfäle, Leibniz- straße 33. Kandidaten:!. August Hammel, Tischler. 2. Otto Lehmann, Bauarbeiter. 8. Wahlbezirk. Wahllokal: Restaurant GerdeS. AugSburger- straße 28. Kandidat: Wilhelm Dermietzel, Kellner. Versäume niemand, sein Wahlrecht auszuüben l Die Charlottenburger Gewerkschaftskommifston. Elternrerein für freie Erziehung. Sonntag, den 28. Januar, findet im VolkShauie, Rosineirnr 3(großer Saal), eine große Mälchenaufführung llall. Zur Aufführung gelangt: Weihnächte» im NixenhauS. Ein Weihnachlsmärchenipiet mit Gesang und Reigen in 2 Bildern Gespielt von zirka 40 Kindern der Mitglieder. Saal- öffnung 1 Uhr. Anfang präzise 2 Ubr. Einnill für Erwachsene 30 Pf., für Kinder 10 Pf. Billetls sind zu baben bei Lierniann, Kaiserin-Aiigusta-Allee Sl. Friese, Neue Christstr. 7, Grätz. Spree- straße 66, Zanke. Wielandstr. 5, Konsumniederlage. Wallstr. 23, „Borwärts'-Spedition. Sesenheimerstr. 1 und Weisheit. Rosinen- straße 3(Stehbierhalle.) Der Vorstand. Tchönederg. Weitere unentgeltliche Seefischkochkurse finden am 28. und 23. dieses MonatS für die Frauen der hiesigen Bürgerschaft statt. Dw Kurse werde» nachmittags 6 Uhr abgehalten und zwar am 22 d. Mls. in der Kochküche der Volksschule Apostel-Paulus-�tra�e 10/11 nrn Wartburgplatz(Ecke Martin-Luther- Straße), am 83. d. MtS. in der Volksschule. Feurigstraße 57 Die Frauen, die sich zur Teilnahme an dielen Kursen gemeldet haben, erhalten in den nächsten Tagen besondere Einladungen zugesandt. Die von den Teilnehmerinnen zubereiteten Speisen können von diesen an Ort und Stelle gleich verzehrt werden, auck ist es ihnen gestaltet, die fertige» Speisen mit nach Hause zu nehmen. Da beabsichtigt ist, im Monat Februar weitere solcher Kurie abzubalten. können Anmeldungen hierzu schon jetzt unter Angabe der genauen Adresse abgegeben werden entweder in der städtischen Seefiieöhalle Schöneverg, Keurigstraße 4,»der bei dem Magistrat Schöneberg, Marftverwauung. Groft-Vichterfelde. Großfcuer wlllete am Sonntagmorgen dicht am Bahnhof Vota» nischer Garten, wo der Dachstuhl des Hauses Uiner den Eichen!l5 in Brand geraten war. Als man die Gefahr bemerkte, hatten die Flainnien schon derart an Ausdehnung gewonnen, daß auch die Nack- bargebäude stark gefährdet waren. Reben der Ortswehr rückten auch auf den Feuericheiii hin die Feuerwehren von Sieglitz, von Dahlem und von der Phoiographischen Gesellschaft an. � Der Löschangriff erfolgte sofort mit vereintcn Kräften Aber erst nach zweistündiger angestrengter Tätigkeit konnte die Hauplgefabr als beseiiigt gelten. Von dem Dachstuhl ist ein großer Teil zerstört. Außerdem baben die Wobnunge» der Obergeschosse starken Wasserschaden erlitten. Die AuträumimgSarbeilen und die vollständige Ablöschung zogen sich bis gegen mittag hin. Die Ursache deS Feuers ist nicht ermittelt. Unfälle sind nicht vorgekommen. LdnkiuiS. Die Liste der Gemeindcwähler umfaßt ln diesem Fahre 1705 Wahlberechtigte, von denen 17 aus die erste Klasse. 139 aus die zweite und 1549 auf die dritte Klaffe enlsallen. In der ersten Klasse bildet die Jmperial-Gas-Akioziation mit zirka 50 000 M. Steuern die„kühne" Spitze, während die übrigen 16 bis zu 3724 M. Stellern reichen. In der zweiten Klaffe wählt der Steuer- satz 540—3692 M; was darunter ist. muß sich mit dem„gleichen Wahlrecht" begnügen. Zur Wahl kommt in diesem Jahre ein„An- gesessener". Möge der Ausfall der ReichStagswahl vorbedeutend auf die Gemeindewadl wirken. Das KontroUauto der Liberalen erlitt, wie un? nachträglich noch berichtet wird, am l2. Januar in Lankwitz einen Unfall, indem es in der Kiiiser-Wilhclm-siraße gegen einen Baum fuhr und dabei erheblich beschädigt wurde. Für die Insassen hat der Unfall ernste Folgen nickt gehabt. Tempelhof. Die Beratung deS OrtSstatiiS zuni'KaufmannSgericht, die in der vorbergchcnden Sitzung der Gcincindeveriretuug verlagt worden ist, wurde tu der letzten Sitzung erledigt. Die von den sozioldemo« kraliscken Verttetein gestellt,» VerbesserungSanträge wurden von der bürgerlichen Mehrheit abgetchnt.— Dem Verleger der„Vorort» Zeiluiig" wurde für die Veröffentlichung der amtlichen Bekannt« machungen die Pauschalsiimme von 200 auf 800 M. erhöht. Stralau. Der Bereiu Arbeiterjugendheim hält heute Dienstag, den 16. Januar, abends 8', z»Uhr, im Restaurant„Perle", Alt Sttalau 21. seine Generalversamniiung ab. Tagesordnung: 1. Vortrag über die Notwendigkeit der proletarischen Jugendbewegung. 2. ErgänzungS- wahlen zum Ausschuß und Wahl eines ObmannS. Trebbin(Zh-xis Teltow). In der letzten Skadivcrordiictcnfitzung hatten den schriftlichen Antrag gestellt, die Wahlen kommiistone» nochmals vorzunehmen. Genosse S ck ö n s e e betonte, daß die Wahlen in den vorbeigehenden Jahren der Geschäftsordnung gemäß stattgefunden baben. Aber alle von unseren Genossen an- geführten Gründe hallen nur den Erfolg, daß oei Stadtverordnete Haase den Antrag auf Schluß der Debatte stellte. Die Wahlen wurden mit ll Stimme» für gültig erklärt. Hierauf wurde ein- stimmig beschlossen, die Räumung der neuen Entwässerungsanlage aus den, Siebbni'ch für die«ladt zu übernehmen. Der Antrag des Landrats auf Erbauung eines neuen FeuerwehrdepotS sowie An- schaffung eines MaimichaftS- und GerötewageuS wurde einstimmig abgelehnt. Uniere Genossen wurden in folgende Kommltsionen ge- wählt: Sckönsee Bau-, Forst-, Feuerlösch- und Schulbaukommiiston; Kärgel Markt-, Slraßenbau-. Fenerlösch- und Blbliolhekkommitston; Heiutze Kassen-, Wasserwerk-, Straßenbau- und Srmenkommission; Richter Armen-. Kassen-, Feuerlösch- und Bibliorhekkommission. Die Holzauktion vom 19. Dezember 1911 hat die Summe von 7245.80 Mark ergeben._ Arbeiter- Esperanto- Bereinigung Graft- Berli». Gruppe Zentrum. Freitags 8ll, Uhr, Rcstamant Tröbel, Blantenselde-Str. tv, — Kruppe Moabit. Freitags ßy. Uhr. Reftauranl Frosch. KotzkowSky� straße 36.— Kruppe Rixdorf. DicnStagS 8 Uhr. Restaurant Kublme». Steinmetzttr 81. Sozialdemorratischer Zeiieralwahlvereln für de» Reichstag«. Wahlkreis Zitllichau-Schtoirbus- Krosirn> Tommerfeld.(OrlSvcretn Berlin.) Mittwoch, den 17. Januar, abends 8'/, Uhr, Berfammluna bel Gcßncr._ Wafferstandö-Nachrichte» der LendcSanstalt für Eewäsferlunde, mitgeteilt vom Bcrllner Wetterburea». S. BrtschiedeneS. unsere Genoffen der AbteilungS» vafferstand Memel, Tilsit P r e g e l, Jnslerburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor „ Krosfcn , Fraiitiurt Warthe, schr!mm LandSberg Netze, Voedanim Elve, Lcilmeritz . Dresden ,?crbl> , Magdeburg -f- bedeutet Wuchs, *) Eistrcibcn.—°> Eissland 182 cm. am' seit 14.1.1 13 1. ein i' cm1) 8t-)-0 43-*)|+4 38«))—4 104')'— 34 140-)!-9 186|+25 46») CO») — 20 -114«) 158«) Wasserstand Saale, Krochlitz Havel, Svandau») . Ratdenow») Spree, Sprcmbcrg») , BceSkow Weser, Munden . Minden —6 Rhein. MazimikianZau m Kaub — 40. Slöln —28 Neckar, Heilbronn —35 Main, Wertheim 130«)— 22 Mosel. Trier Fall.—») Nnterpegel.— � EiSstand.— , höchster Wasierltaiid am 14. um 1 Uhr nachts: —») Oberhalb der Brücke Eisstand. Perantworliicher Redakteur:«tbert Wach», Berlin. Für den Jnjeratenteil verantw.: Th.Glscke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Büchdruckerei u. VeclogSanjiali Paul Singer u. Co, Berlin MV.