Ur. SS. Nbonnementz-KeMglingen: Sbonnements- Preis dränumerando: Vicrteijährl. 3,30 MI., mottull 1,10 Mk. wöchentlich 2S Pfg. frei ins Hans. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonnlags- jrummec mit illustrierter Sonntags- Beilagc„Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeimngS- Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Leslerreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. S9. Jahrg. vlcheliit täglich außer Itlcntags. Vevlinev Volksblcztk. Die Tnfertions'Gebfiljr beträgt für die sechsgespaltene KoIoncT- zcile oder deren Raum W Psg., für politische und gewerlschaftliche Vereins- und VersanimlungS-Slnzeigeli ZO Psg. „steine Mtizeigcn", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstcllcnan- zeige» das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort Z Psg. Worte über 15 Luch- stabcn zählen sür zwei Worte. Inserate siir die nächste Nunimer müssen bis t> Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geoisnet. Telegranim- Adresse: „Sszisldinsärat ßeilia". Zentralorgan der fozialdcmohrattfcben Partei Dcutfchlands. Red?,I?tton: SRI. 68, Ltudcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moripplap, Nr. 198Z. Expedition: 8 Tl. 68» I„in den Strasse 69» Fernsprecher: Amt Morilfplnst, Nr. 1984. kaul Singer zm LeSächtnis. hcuie jähri sich der Tag. da uns die schmerzliche Trauer- boifchaft kraf, dasi Paul Singer einer Lungenentzündung erlegen sei. Nie haben wir den grohen Verlust tiefer empfunden als »gerade in diesen Tagen. Einen prachtvollen Sieg hat die Sozialdemokratie errungen. Als stärkste Partei zieht sie in iien Reichstag. Stolze Gefühle werden unsere Fraktion be- wegen, wenn sie in der nächsten Woche zu ihrer ersten Sitzung zusammentritt. Doch in das Gefühl der Genugtuung und der Freude wird sich auch der traurige Gedanke einmengen, ldasi ihr Präsident nicht mehr unter ihnen weilt, daß der Mann, der wie kein zweiter durch seine Ruhe, seine Geistesgegenwart und seine Besonnenheit zur Leitung der schwic- rigcn und verantwortungsvollen Geschäfte dieses Zlmtes be- rufen war. daß Paul Singer diesen Tag nicht mehr erleben konnte. Freilich, daß dieser Tag kommen werde, daran hat P a u l Singer nie gezweifelt. Ancrschüttcrlich war stets seine Siegeszuversichk, die aus der klaren Einsicht in das Wesen der Arbeiterbewegung und der Rvtwendiakeit ihrer Ziele beruhte. Als damals vor fünf Kahren die Hiobsbotschaften «on den RIanöatsverlusten einliefen, da hat Paul Singer ikeinen ZNoment. lang die Fafsnng verloren und mit kühler Gelassenheil segle er in jenen bösen Stunden den künftigen Sieg voraus. Und er selbst konnte noch erleben, wie feine Zuversicht recht behielt, wie bei jeder Rachwohl die sozial- trniokratischen Stimmen emporschnellten und unserer Frak- tion neue Rämpser zuführte. Aber tragisch ist es, daß dieser Mann, dem die Partei alles war, sterben mußte, ohne den großen Triumph des 12. Januar noch sehen zu können. Wir aber, wir gedenken gerade nach der gewonnenen Söstacht und am Vorabend neuer und harter kämpfe mit Wehmut und in Treue dieses lapfern, aufrechten Alanncs, der nie zagte und nie an feige Kompromisse dachte. Wir «wissen, von den vielen Organisatoren, denen wir unser unauf- haltsames Fortschreiten zu verdanken, haben, war Paul Singer einer der unerntüdlichslen und crsolgreichsten. Kn den Zeiten des Sozialistengesetzes wie nach dem Fall des Ausnahmezustandes hat er sich vor allem jener tcizlichcn politischen Kleinarbeit gewidmet, die so unerläßlich ist für die Erringung der großen Erfolge. Er hat ein tiauplocrdienst daran, wenn die Partei der Arbeit über die nötigen finan- ziellen Mittel und vor allem über die nötige Presse vccfiigk, die zur Führung unserer Kämpfe unerläßlich sind. Und das seine Verständnis, das er für politische Machlverhältnisse hatte, ha! die Partei in vielen schwierigen Fragen oft vor Krr- lümcrn und Irrwegen bewahrt. Anvergessen ist auch die wichtige Stellung, die Paul Singer im Reichstage einnahm. Sei es, daß er in seiner klaren eindringlichen, wuchtigen Weise zum Ankläger gegen die bürgerlich»: Gesellschaft wurde, sei es, daß er in den Kom- �«nissionsberatungen mit eindringlicher Sachkenntnis sich zum Fürsprecher der Beamten und Arbeiter machte. Vor allem aber war Singer der anerkannte Meister der Geschäfts- Ordnung, dessen Urteil auch für die Gegner Aulorität besaß. Und mit Bewunderung sahen die Freunde, mit Schrecken die Feinde, zu welcher Waffe in die Händen Singers die Gc- fchäslsordnnng werden konnte, als der Obstruktionskanipf gegen den Zolilarif enkbrannt war. Ein ganz besonderes inniges Band der Liebe aber hat die Berliner A r b e i k e r s ch a f t mit ihrem verstorbenen Führer verbunden, war er doch einer ihrer Abgeordnelen und der Führer ihrer kommunalen Vertretung. Und gerade auf dem Gebiete der städtischen Politik hat Singer bahnbrechend gewirkt. Seine ganze treue Sorgsatt hat er hier zu zeigen vermocht nnd nicht nur die Parteigenossen wußten ihm Dank, auch die Gegner kvmiten ihre Anerkennung seinem selbstlosen Bemühen nicht versagen. So fehlt uns denn unser verstorbener Führer jeden Tag und immer wieder merken wir. wie schwer dieser Verlust gewesen, welche Lücke dieser verehrte Manu zurückgelassen hat, Und was in unser aller herzen lebendig ist. das wird bald auch sichtbaren Ausdruck finden, wenn auf dem Grabe in Friedrichsfelde sich das schlichte Denkmal erheben wird, das die Berliner Parteigenossen ihm setzen wollen. Das Komitee, das sie eingesetzt haben, hat bereits die nötigen Schritte getan und rasch wird jetzt an die Ausführung gegangen werden. Das schönste Denkmal aber, das Paul Singer geseht ist. dos ist die deutsche Arbeilerbezvcgung selbst. Sein Raine gehört für immer ihrer Geschichte an nnd unter den Führern, die ihr in der schwersten und opfervollsten Zeit zur Seite ge- standen, ihr die Wege gewiesen und gebahnt haben, wird der Käme Paul Singer immer genannt werden. Sie Wirkung uuieres Siege! in Cngland. Genosse M 0 1 ke n b u h r schreibt uns: Ich lunr einer der wenigen Genossen, die den ganzen Wahlkampf mit durchgekämpft und doch in Deutschland nichts von dem Jubel gehört haben, den die Wahlsiege der Stichwahlen hervorriefen. Als am 22. Januar die Wahlhandlimg geschlossen wurde, sah ich im Schnellzuge nach Bliisiugen auf der Reise nach Birmingham, um im Mekka des cugiiswen Juiperialismus an dem Parteitage der englischen Arbeiterpartei(Labor partj) teilzunehmen. Dah man die Town Hall(Rathaus) in Birmingham als Liongreszlvkal gewählt batte, Paar an sich schon eine Demonstration; denn Birminghams Town Hall ist das Lokal, in welchem Joseph Chamberlain sein Evangelium des Imperialismus predigt. Birmingham ist die Stadt, in der Chamberlain ohne Widerspruch ins Parlament gewählt wird. Obwohl Birmingham eine Universität und eine Kunstakademie hat, ist die Stadt eine Fabrikstadt, wie sie Dickens in„Harte Zeiten" schildert. Etwas religiöse Toleranz liegt vielleicht in einem Teil der dortigen Fabrikation. Um auch den Heiden ihre Religion zu erhalten, werden dort nämlich Götzenbilder in groher Anzahl hergestellt. Die fconmicii Fabrikanten, die täglich für das Seelenheil der Ungläubigen beten, würden in Verzweiflung kommen, wenn die Heiden sich zum puritanischen Christeinum bekehren und alle Götzen und Heiligenbilder ins Feuer werfen würden. Obwohl Virminghani in den dreihiger und vierziger Jahren des iieniizehnten Jahrhunderts das Zentrum des Chartismus war, so gibt es beute wohl kaum in einer Grojzstadt des britischen Reiches eine Bevölkerung, die in gleichem Matze für den Jmperialis« mus eintritt, wie daS Bürgertum Birminghams. Und doch behaupte ich, daß nur sehr wenig Parteigenossen in Deutschland solchen Jubel und solche B e g e i st e r u 11 g über den Ausfall der deutschen Reichstagswahlcn erlebt haben, wie ich in BirniiHgham. Von den englischen Imperialisten ist die Mär verbreitet, daß das deutsche Volk England hatzt und danach drängt, Grotzbritannicii in Kriege zu verwickeln. Jede englaudfrestcrische Rede von Liebcrt, Lattmann, Keim und Konsorten, die Kriegshetzercien der„Post", der„Rheinisch-Weftsälische» Zeitung", der„Hamburger Nachrichten" usw. werden von den Imperialisten Englands als Aentzenmgcn des deutschen Volkes verbreitet. Ehrliche Friedens- freunde blickten mit banger Sorge nach Deutschland, indem sie be- fürchteten oder gar für ziemlich sicher annahmen, es werde ein imperialistischer Reichstag gewählt werden. Nun kamen die Resultate, die aller Welt zeigten, datz das ganze Volk sich gegen den Im pcrialisimis wendete. DaS wirkte bei allen Friedensfreunden wie eine Erlösung. Eiustimmig war man der Meinung, datz die deutschen Wähler nicht nur die deutschen Anhänger des Imperialismus nieder- geschlagen, sondern aurli den englischen Teil dieser gcmciugesähr lichcn Seite den Todes st otz versetzt haben. Ein alter Grotzindnstricller, der 6000 Arbeiter beschäftigt und ein besonderer Philanthrop ist, erklärte mir, datz er sich kein Urteil über die Wirkungen des Ausfalles der Wahl in Deutschland erlauben könne. Aber, sagte er, in Grotzbritannicii hat es mindestens die Bedeutung, wie der Sturz der unionistische» Regierung durch die Parlaments- wählen von 1000. Damals hat Englands Volk die Imperialisten aus der Regierung entfernt und jetzt habe Deutschland den Im- pcrialismuS völlig zcrschmcllert. Nach grötzer werde aber die Wirkung auf die Arbeiter sein. In weiten Kreisen der Arbeiter bestehe immer noch Zweifel, ob die Arbeiterklasse je durch selbständiges Auftreten bei den Wahlen Erfolge erzielen könne. Der Wahlerfolg der deutschen Sozialdemo- kratie sci ein Argument, mit dem man auch den stupidesten englischen Arbeiter auö seiner Lethargie aufrütteln könne und sehr bald werde bei der englischen Arbeiterklasse der Entschlutz reifen, es den deutschen Arbeitern nachzumachen. Seien auch bei den Streik» des letzten Sommers syndikalistische Neigungen zutage getreten, so werde sich hier bald ein Umsckwimg bemerkbar machen, denn der Syndikalismus lebe von der Behauptung, datz die Vertreter der Arbeiterklasse in den Parlamenten stels eine schwache von anderen Parteien abhängige Gruppe bleiben werden. Urteilen so die Leute, die der Arbeiterpartei fernstehen, so ist eS erklärlich, datz die Siege der deutschen Sozialdemokratie bei der Arbeiterpartei geradezu unbeschreibliche Begeisterung hervorriefen. Ans dcm Kongretz waren 47tZTelcgierte aus allen Gewerben und allen Gegenden des britischen Reiche» vertreten. An jedem SitzuugStage wurden neue Wahlsiege mitgeteilt und jede SiegeSuach» richl steigerte die Begeisterung. Mehrfach erhoben sich alle Delegierten von den Sitzen und gaben ihren Gefühlen durch Hurrarufen und Tücherschwenken Ausdruck. Besonders bemerkenswert ist die Masscnversammknng vom Freitagabend. In dieser war die Bevölkerung Birminghams vcr- treten. Auch hier rief jede Erwähnung der deutsche» Wahlsiege stürmischen Beifall hervor. Den impulsivsten Beifall fand aber W. C. Anderson, der sich in besonders schroffen Ausdrücken gegen die auswärtige Politik Englands wandte, die England in Gegensatz zu Deutschland bringe. Er hob hervor, datz diese Politik England zum Bundesgenossen des blutdürstigen, kulturfeindlichen Zarismus mache, während Englands Boll auf der Seite des geknechteten Volkes RutzlandS stehe, das Leben und Freiheit einsetze, um de» Zarismus zu stürzen. In dieser Versammlung trat deutlich zutage, datz selbst im imperialistischen Birmingham die Freiheitsliebe die Massen beseelt. In dem Wahlergebnis erblickt man einen Sieg der Freiheitskämpfer. Das sckmtzzöllnerisch-militaristische Deutsch- land wird mit Mißtrauen angesehen..Jetzt wurde man angenehm überrascht, indem man plötzlich sah, datz die reaktionären Krieg»- Hetzer in Deutschland»ine verschwindende Minderheit sind, während die nach Freiheit ringende Masse, die auch für die Erhaltung des Friedens eintritt, die übergroße Mehrheit der Bevölkerung bildet. Weil man in dem Wahlresultat eine gewaltige Friedens- demonstration erblickte, wurden die Gegner des Massenmordes zu dieser Begeisterung hingerissen. Gcjvitz sind die internationalen Kongresse oft erhebende Demonstrationen für den Ausdruck inter- nationaler Solidarität; niemals habe ich jedoch Szenen erlebt, in denen das internationale Solidaritätsgefühl mit so elementarer Gewalt zum Ausdruck kam, wie auf diesem nationalen Kongreß der englischen Arbeiter._ ZammIllMblaieli im vseWiien- Parlament. Preußen bildet den Hort der Reaktion mich für das Reich. Die schwere Niederlage, die der schwarzblaue Block der Ritter und Heiligen bei der Reichstagswahl erlitten, möchte er im Dreiklassenparlament zu parieren suchen. Hier, wo das schändlichste aller Wahlsysteme, das noch immer trotz der Thronrede ungemindert herrscht, dem schwarzblauen Block eine ungeheure Mehrheit sichert, möchte er das Terrain zurück- erobern, das er bei den Reichstagswahlcn verloren hat. Bei den Reichstagswahlcn, die zwar auch infolge der skrupellos agrarischen Wahlkreisgeometrie ztigunsten der Konservativen und des Zentrums kein ungetrübtes Bild von dem Willen des Volkes geben, die aber immerhin die ultramontau-kockser- vative Mehrheit trotz der Helfersdienste der RechtsnatilMal- liberalen für den blauschwarzcn Block zertrümmert heNen. Das Werk, das die Ziegiening zwischen den Wahlschlachtcn durchzuführen versucht, mit dein sie aber kläglich gescheitert, möchten die uiedcrgerittcuen Schwarzblaum fortsetzen. So kam es denn, daß sich die Erörterungen der Etatsdebatte, die am Dienstag begannen, weit lveniger auf den Etat selbst oder auch nur auf die preußische Politik im allgemeinen konzentrierten, als vielmehr auf eine Erörterung der Reichstagswahl und ihrer Ergebnisse.. Kein Mensch hatte das auch anders erwartet. Soweit sich die Redner, deren am ersten Tage drei zum Worte kamen, auf die Erörterung des preußischen Etats und spezifisch preußische Angelegenheiten beschränkten, hörte ihnen kein Mensch zu. Weder dem ersten Redner, dem Sprecher der Konservativen, Herrn v. Pappcnheim, der obendrein einen recht schlechten Tag hatte, noch dein Zentrumsredncr Herold. So lange diese Herren sich mit den preußischen Fragen und dem Spezialthema, dem Etat, beschäftigten— was allerdings in ausgesucht langweiliger Weise geschah— sprachen sie unter allgemeinster Unailfmerksamkeit. Kaum je haben die Redner der Mehrheitsparteien so wenig Teilnahme gefunden als diesmal. Das lag zum Teil an der einschläfernden Belanglosigkeit der Etatskritik dieser Herren, zum Teil freilich auch daran, daß man von der Etatsdebatte etwas ganz anderes erwartete: eben einen Vorstoß auf das Gebiet der großen Politik, der Reichspolitik, eine Aufrolliing der wichtigsten politischen Fragen, die durch die neue Kon- stellation der Parteien im Reichstage geschaffen worden ist. Als dann endlich Herr v. Pappcnheini sich zu einigen Ex- kursionen auf das Gebiet der allgemeinen Politik verstand, fand er auch sofort willigeres Gehör. Und auch Herr Herold, der vor leeren Bänken der Rechten und der Linken sprach, nnd dem selbst unter seinen eigenen Fpaktionsgenossen nur spärlichste Resonanz antwortete, fand erst das sogenannte Ohr des Hauses, als er mit seinen Wahlschmerzen herausrückte, den Liberalismus als den Helfershelfer und Steigbügelhalter der Sozialdemokratie perhorrcszierte und das Zentrum unter großer Heiterkeit der Linken als die zuverlässigste Stütze der göttlichen Gesellschaftsordnung junkerlich-pfäffischcr Kultur nach Kräften herausstrich. Der Erfolg des Herrn Herold war trotzdem nur ein überaus schwacher. Die eigenen Parteifreunde spendeten ihrem Redner, der die undankbare Rolle des Trauer- rednerS für das Hinscheiden des Schnapsblocks doch so opfer- mutig und hingebend übernommen hatte, nur verhältnismäßig spärlichen und spröden Beifall) während die Linke sich über die Kapuzinadeil des Zentrumsredners gegen den Arm in Arm mit dem„Umstnrz" marschierenden Liberalismus und über die gar zu naiven Anreißereien der alleinseligmachenden und staatserhaltenden Zentrunispolitik köstlich amüsierte. Unerträgliche Oede brütete über dem Hanse während der Rede des Herrn v. Pappcnheim. Der sonst so draufgängerische Jilnkcrführer traute sich offenbar anfangs nicht heraus. Offenbar suchte er einer Besprechung über die allgemeine politische Lage geflissentlich aus dem Wege zu gehen. Er be- schränkte sich ans Allsführungen rein finanztechnischer Art. um erst am Schluß seiner Rede, als er über die Untergrabung der Autorität des Staates jammerte nnd seine Freunde als be- rufene Hüter der staatlichen Ordnung in empfehlende Erinnerung brachte, aus der Rolle zu fallen. Offenbar hatten ihn seine Freunde im Einverständnis mit der Regierung verpflichtet, politische Erörterungen zu unterlassen, besonders nicht auf den zurückliegenden Wahlkampf einzugehen, weil die Herren ja nachgerade wissen< daß solche Debatten mir zu ihrem Nachteil auszuschlagen vermögen. Anders der Abgeordnete Herold vom Zentrum. der im zweiten Teil seiner Rede in echt jesuitischer Manier zuerst gegen die Linke zu Felde zog, um hinterher um ihre Stimmen in dein gemeinsamen Kampf gegen den gemein- samen Feind, die Sozialdemokratie, zu buhlen. Sein böses Ge- wissen sagte ihm, daß die Sozialdemokratie schonungslos das ganze Sündenregister des Zentrums aufrollen werde. So suchte er denn im voraus für seine Partei Stimmung zu machen, indem er sich und seine Genossen als festestes Bollwerk gegen die Roten hinzustellen suchte, mit kecker Stirn jedes Bündnis zwischen Zentrum und Sozialdemokratie von vornherein ableugnete und in hurrapatriotischen Phrasen alle bisher gekannte Zentrumsdeniagogie übertrumpfte. Natürlich versetzte er auch gelegentlich der Regie- rung ein paar Seitenhiebe, namentlich weil sie sich noch immer nicht bereit finden lassen will, auch die Fort- bildungsschule der Kirche auszuliefern. Der preußischen Wahl- reform gedachte er mit keinem Worte! Offenbar ist das Zentrum heilfroh, daß die Thronrede keine Wahlreform an- gekündigt hat. Als dritter Redner kam für die sozialdemokratische Fraktion Genosse Hirsch zum Wort. In knappen, scharfen Strichen kennzeichnete er die wichtigsten Fragen des Etats. Die Steuerreform bezeichnete er, soweit die Forderung neuer Steuern erhoben wird, als überflüssig. Die preußischen Finanzen seien derartig, daß eine dauernde Erhebung der Zuschläge überflüssig sei.-Nicht der geringste Anlaß liege vor, Preußen Steuern auf Vorrat zu bewilligen. Dagegen fordere die Sozialdemokratie von neueisi eindringlichst, daß endlich das Steuerminimum entsprechend der unerhörten Ver- teuerung der Lebensmittel heraufgesetzt werde. Angesichts der schamlosen Ausplünderung der Massen durch die direkten Steuern sei die Befreiung der Einkommen bis zu 1200 oder 1500 M. absolut unabweisbar. Daß in der Thronrede trotz der Beteuerung einer früheren Thronrede, die die organische Fortentwickelung des preußischen Wahlrechts als eine der dringend st en Aufgaben bezeichnete, keine Wahlrechts- reformvorlage enthalten sei, sei tief bedauerlich. Es sei doch ganz unglaublich, daß etwa die Regierung sich einbilden könne, durch Einbringung des derzeitigen Wahlrechtswechselbalges ihr feierliches Versprechen eingelöst zu haben. Festzunageln aber sei, daß auch der Zentrumsredner kein Wort über die Wahlrechtsreform gesagt habe. Dann aber ging Genosse Hirsch unbarmherzig ins Ge- richt mit der Leichenbitter- und Sammlungsrede des Herrn Herold. Mit ätzender Ironie geißelte er die Tartüfferie des Zentrums, das jetzt dem Liberalismus das Zusammengehen mit der Sozialdeniokratie vorzuwerfen wagt, das es selbst früher so oft geübt hat. Wenn Herr Herold dem Liberalismus die Stichwahlunterstützung der Sozialdemokratie als Ver- brechen anrechnet, so gehört das Zentrum zu den Gewohnheitsverbrechern. Denn es gehört ja zu den altgeübten Praktiken des Zentrums, mit der Sozialdemokratie Stich- Wahlbündnisse abzuschließen. Das wies Genosse Hirsch an der Hand eines erdrückenden Beweismaterials unter andauernder stürmischer Heiterkeit der ganzen Linken und unter schwäch- Iidjen Protestkundgebungen des Zentrums den biederen Illtramontanen Schritt für Schritt nach. Nicht nur bei früheren Wahlen hat sich das Zentrum, um Mandate zu er- gattern. jederzeit mit der Sozialdemokratie verbündet, nicht nur in Bayern und ini Tome zu Speyer und anderwärtig ist eine gemeinsame Stichwahltaktik zwischen Zentrum und Sozialdemokratie abgeschlossen worden, sondern auch im Jahre 1907 hat daS Zentrum in einer ganzen Reihe von Wahl- kreisen mit der Sozialdemokratie gemeinsame Sache wider den Hottentottenblock gemacht. Damals war von nationalen Skrupeln beim Zentrum nichts zu verspüren. Damals bat Herr Müller-Fulda— und zweifellos nicht ohne Einver- ständnis mit der Zentrumsleitung— ein Abkomnien mit der Sozialdeniokratie für eine ganze Reihe von Wahlkreisen ge- troffen. Aber es ist gar nicht nötig, so weit in die Ferne zu schweifen. Noch bei den elsässisch-lothringischen Landtags- wählen hat das Zentrum der Sozialdemokratie einen Kuh- Handel angeboten, der freilich abgelehnt worden ist. Ja noch bei den Wahlen im Jahre 1912 hat das Zentrum in Ober- schlesien den Versuch gemacht, mit der Sozialdemokratie einen Pakt gegen seine eigenen Freunde, die Polen, zustande zu bringen. So belanglos diese Feststellungen an sich seien, so not- wendig seien sie doch zur Entlarvung der unsäglichen Heuchelei des diesmal mit seinen staatserhaltenden Tendenzen pa- radierenden„unbestechlichen" Zentrums. 1907 habe der Zen- trumssührer Gröber dem Bülowblock, der das Zentrum wegen seines tvahltaktischeu Zusammengehens mit der Sozialdemo- kratie angriff, ein„Stück' politischer Heuchelei" vorgeworfen. Dieser Vorwurf in potenzierter Form treffe auf Herrn' H e r o l d zu, wenn er jetzt den Liberalismus wegen seines wahltaktischeu Zusammengehens mit der Sozialdemo- kratie anzugreifen die Stirn habe. Ebenso unbegründet sei die Renommisterei des Herrn Herold mit der katholischen Koiifession, die ein unerschütterliches Bollwerk gegen die So- zialdemokratie bilde. Habe doch der Zentrumsturm böse Sprünge aufzuweisen. Köln und Düsseldorf habe er verloren und noch eine Reihe von anderen Wahlkreisen würde er ein- gebüßt habeii, wenn nicht gewisse Kreise des Nationalliberalis- mus Vhm zu Hilfe gekonunen wären. Der wirkliche Sieger des Wahlkampfes sei die Sozialdemokratie gewesen. Zeige sich der Liberalismus der historischen Aufgabe gewachsen, so werde das Niederreiten der Reaktion, das im Reiche einen so ver- heißungsvollen Anfang genommen, auch in Preußen seine Fortsetzung finden, damit endlich an die Stelle des ver- junkcrtcn und verpfafftcn Preußen ein inoderues Staatswesen treten könne. Als nächster Redner wird am Mittwoch Herr Friedberg das Wort erhalten. Es wird sich zeigen, ob auch er gleich Herrn Bassermann aus der Reichstagswahl seine Lehren ge- zogen haben wird.______ politilcbe Qcbcrücht. Berlin, den 30. Januar 1912. Kanzler und Konservative. Zwischen dem Reichskanzler und den Konservativen voll- zieht sich ein recht interessantes Intrigenspiel. Anstatt ihr eigenes politisches Verhalten und die Ungeschicklichkeit ihres Oberstratcgen, des Herrn v. Heydebrand, machen die Kon- scrvativen für ihre Wahlnicderlnge Herrn v. Bethniann Hollweg verantwortlich und suchen diese» durch allerlei aus die Wirkung nach oben berechnete Notizen und Kor- respondenzeu zu stürzen. Begreiflich, daß Herrn v. Beth- mann Hollweg dieses Spiel nicht behagt; aber an- statt dreinzuschlagen. daß den Intriganten die Köpfe knallen, verlegt sich der Philosoph der gottgewollten Abhängigkeit auf das Ermahnen und gütliche Zureden. Die „Nordd. Allgem. Ztg." brachte nämlich gestern abend folgende Verteidigung: „In den Erörterungen der Presse über den Ausfall der Wahlen finden sich mehrfach Versuche, der Regierung die Schuld an dem Ergebnis zuzuschieben. Sie habe die Finanzreformhetze geduldet und nichts gegen das Paktieren der bürgerlichen Parteien mit der Sozialdemokratie getan. Als sie eingegriffen habe, sei es zu spät gewesen. Diese Vorwürfe sind nicht berechtigt. Die Bemühungen der Regierung sind dauernd, und zwar nicht erst seit der Eröffnung der eigentlichen Wahlkampagne, darauf ausgegangen, die Gegen- sähe unter den bürgerlichen Patteien auszugleichen und sie aus den gemeinsamen Boden des staatlichen Gesamtinteresses zurückzuführen. Wenn diese Bemühungen an der Verbitterung der Parteien ge- scheitert sind, so trifft die Schuld jedenfalls nicht die Regierung. Hätte sie in dem Streit um den inneren Wert der Reichsfinanz- reform für die eine oder andere Seite Partei ergriffen, so hätte sie ihre Versuche von vornherein zur Aussichtslosigkeit verdammt. Wohl aber lag es in der Richtung ihrer Aufgabe, die für die Reichsfinanzen günstigen Ergebnisse der Reform mit Nachdruck darzulegen sowie sie erkennbar waren. Daß dies bei jeder Ge- legenheit und noch bis in die letzten Tage der ReichStagSseffion hinein geschehen ist, kann nicht bestritten werden. Der zweite Vorwurf, daß die Regierung eS an Entschieden- heit in ihrer Stellung zur Sozialdemokratie habe fehlen lassen, ist nicht minder haltlos. Die Auffassung der Regierung ist vor den Hauptwahlen wie vor den Stichwahlen mit völliger Klarheit zum Ausdruck gekommen. An ihr liegt die Schuld also nicht. Ivenn die bürgerlichen Parteien sich zur gegen- seitigen Unterstützung gegen die Sozialdemokratie nicht zu- sammengefundeu und die Regierung nnt ihren Bemühungen um die Einigung des Bürgertums allein gelassen haben. Gerade in der gegenwärtigen Zeit sollten sich Blätter, die für die Stärkung der StaatSautoriät eintreten, solcher unbilligen Vorwürfe gegen die Regierung enthalten." Daß eine derartige weichmüttge Entschuldigung den Leuten vom Schlage der HeydebranS. Kröcher und Oertel nicht sonderlich imponiert, ist selbstverständlich, und verächtlich antwortet denn auch bereits heute inorgen die„Deutsche Tagesztg.": Niemand hat von der Negierimg verlangt, daß sie„kür die eine oder andere Seite im Streit um den inneren Wert der Finanzresorm Partei ergreifen" solle. Verlangt wurde nur, datz sie die Wahrheit vor dem Lande feststellen und den bös- willigen und bösartigen Uebertreibungen der Finanzreformgegner entgegentreten solle. DaS war eine berechtigte Fordermig schon deshalb, weil eine Regierung, die Beschlüssen des Parlaments zustimmt, dafür doch mindesteus genau so verantwortlich vor dem Lande ist. wie Parteien, die ihre Zustimmung zu Regierungsvorschlägen geben, den Wählern dafür Rechenschaft ab- legen müssen. ES ist wohl ein beispielloser Vorgang. datz eine Regierung ein so gewaltiges Gesetzgebungswerk, daS sie doch durch ihre Zustimmung selber als vereinbar mit dem Wohle des Landes anerkannt hat. mit den ungeheuerlichsten Ueber- treibungen und Schärfen angreisen lietz, ohne die Verpflichtung zu fühlen, auch ihrerseits im Rahmen der Tatsachen dieser gemein schädlichen Agitation entgegenzutreten. Jenes Verlaßgen war aber um so begründeter, als die Gestaltung der Reichsfinanzreform durchaus nicht das einseitige Werl der Mehr- heit war. sondern die Regierung gerade an einigen der um» stnttensten Punkte durch eigene Vorschläge oder Ablehnung von Mehrheitsvorschlägen bestimmend mitgewirkt hatte. Es mutzte mit Recht stärkstes Befremden erregen, datz die Regierung durch ihre Passivität auch das Odium für diese Teile der Reform allein die Parteien tragen zu lassen suchte... Ebenso hätte die Regierung weit früher und weit nachdrück- licher, alö es geschehen ist, den, Paktieren bürgerlicher Parteien mit der Sozialdemokratie entgegentreten müssen. Schon die völlige WirkungSlosigleit ihrer Mahnungen und Einigungsversuche kurz vor und während der Wahlen sollte doch beweisend dafür sein, datz ihre Aktion zu spät einsetzte und nicht kraftvoll genug war, um noch etwa? an der bereits seit langem vorbereiteten taktischen Stellung der Linksparteien ändern zu können. Und noch schärfer schreibt die„Post": Als Herr v. Bethmann Hollweg aus den Händen der Recht?« Parteien und des Zentrum? die Reichssinanzreform entgegennahm und mit seiner Naniensunterschrift den Gesetzentwurf deckte, hat er die Pflicht und Schuldigkeit, dieses Gesetz gegen die matzlos einsetzende Steuerhetze in Schutz zu nehmen und zu vetteidigen. Nichts von dem ist geschehen. Anderthalb Jahre lang ha» die Regierung untätiz zugesehen, wie in einer alle Grenzen überschreitenden Weise die bürgerlichen Parteien untereinander verhetzt wurden, wie eine zielbewutzt arbeitende Demagogie zwischen den konservativen und den liberalen bürgerlichen Lagern eine Kluft aufritz, die vor der Wahl in der Arbeit von wenigen Wochen schlechterdings nicht mehr zu überbrücken war.... Und will es Herr v. Bethmann schließlich in Abrede stellen. datz sein Ausfall gegen den konservativen Abgeordneten v. Hehde- brand am zweiten Tage der Marokkodebatte des Reichstages ganze Ströme von Waffer auf die Mühle der Sozialdemokratie leiten mutzte? Gegenüber diesen Tatsachen fällt eS gar nicht ins Gelvicht, datz die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in den letzten Tagen vor der Wahl in ein paar, obendrein sehr lendenlahmen Artikeln den Versuch einer Stellungnahme gegen die Sozialdemokratie unternommen hat. Die Herren von der Rechten sind des Philosophen von Hohenfinow überdrüssig: sie verlangen in der heiklen Situation, in der sie sich befinden, einen energischeren Prokuristen für ihren Ministerium genannten Jnteressenausschuß. Herr v. Dusch als Sozialistentöter. In der heutigen Sitzung der badischen Zweiten Kammer. in der die Debatte über die Finanzlage Badens fortgesetzt wurde, ergriff Staatsminister Freiherr v. Dusch die Gelegen- heit, um eine wohlvorbereitete Rede über die Staatsgefähr- lichkeit der Sozialdemokratie und die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der bürgerlichen Parteien vom Stapel zu lassen. Nach der Meldung des Wolffschen Telegr. Bureaus agte er: Die badische Regierung sei immer für die Erbschaftssteuer eingetreten und werde auch in Zukunft für sie eintreten. Was ein patriotisches Zusammenarbeiten der Sozialdemokratie mit den anderen Parteien im Reichstage anbelange, so seien seine Hoff- nungen auf das gering st e Matz beschränkt. Sich über die SammlnngSpolitik lustig zu machen, sei die heutige Zeit nicht angetan. Diese SainmIungSpolitik werde aber lomnicn, da die Sozialdemolratie wie bisher so auch lünstig in vaterländischen Fragen versagen werde. Im letzten Sommer, al« eS sich um die Existenzfrage des Deutschen Reiches handelte, habe sich die Sozial- demokratie geradezu empörend benommen, und wenn sie in dieser Be- ziehung nicht einlenke, so würden die Wogen, die jetzt zurück- gedrängt seien, wiederkommen. Eine solche Haltung könne das deutsche Volk nicht auf die Dauer ertragen. Die bürger- lichen Parteien würden dann zusammenstehen müssen gegen die Sozialdemokratie, un, die Jnteresien des Vaterlandes zu wahren. Die auswättige Politik des Reichskanzlers, erklärte der Minister, habe die schwebenden Fragen in glänzender Weise gelöst. Gestützt auf unser scharfes Schwert sei es gelungen, den Frieden zu erhalten, was auch im Willen der Sozialdemolratie gelegen habe. Auch für eine Kolonialpolitik, die doch im Jntereffe der Arbeiter- schifft liege, sei diese Partei nicht zu haben. Wenn die Sozial- demokratie den Ministern einpfehle, ihren Monarchen vorzuschlagen. � einen modus vivendi mit der Sozialdemokratie zu treffen, so bedeute das geradezu eine Herausforderung und Beleidigung der Regierung. Die Reichsvcrsicherungsordnung, die ja mit Hilfe aller bürgerlichen Parteien zustande gekommen sei, sei in der sozialdemokratischen Preffe als ein Schandwerk bezeichnet worden. Unter solchen Umständen könne der Friede zwischen der Sozial- demokratie und der Regierung nicht hergestellt werden. Herr v. Dusch liest, wie man sieht, mit Erfolg die„Nordd. Allgem. Ztg."_ Anträge für das preuhische Abgeordnetenhaus. Die Fraktion der Fortschrittlichen Volkspartei im preußischen Abgeordnelenhause beschlotz, die preutzische Regierung zu ersuchen: 1. daS Statistische Landesamt mit einer umfasienden Dar- stellung der Regelung der Arbeitsverhältnisse der im Staatsdienst beschäftigten Arbeiter sZeit, Lohn. Ordnungen, Wohlfahrrs- einrichtungen usw.) zu beauftragen, 2. schon jetzt durch allgemeine Anordnungen dafür Sorge zu tragen, datz ») die regelmäßig im Staatsdienst beschäftigten Arbeiter in den Staatsbetrieben überall mindestens mit dem Lohn beginnen, der in ihrem Bezirk als OrtSlohn(§ 14g ReichSverficherungS- ordnung) festgesetzt ist, d) nach 10 jähriger Beschäftigung die Entlasiung nur auch wich- tigen Gründen erfolgen darf. Ein nener Gouverneur für Kamerun. Der Gouverneur von Kamerun, Dr. Gleim, hat sich, wie e§ heißt auS Gesundheitsrückfichten, gezwungen gesehen, seinen Abschied zu nehmen. An seiner Stelle ist der Geheime Oberregierungsrat im Reichskolonialamt Karl Ebermaier zum Gouverneur von Kamemn ernannt worden. Graf Posadowskys Dank. Reichstagsabgeordneter Graf PosadowSly läßt durch seinen Wahlausschuß folgenden Dank veröffentlichen: Anlätzlich meiner Wahl zum Mitgliede deS Reichstages sind mir aus dem dottigen Wahlkreise so viele freundliche Grütze und gute Wünsche zugegangen, datz ich leider völlig außerstande bin, meiner Neigting entsprechend, dieselben alle einzeln zu beant- warten. Den bekannten und unbekannten Freunden, die mir in dieser Weise ihre wohlwollende Gesinnung ausgedrückt haben. spreche ich deshalb hiermit meinen herzlichen Dank aus.. Nach Beendigung des Wahlkampfes bin ich Vertreter aller Einsassen des Wahlkreises und hoffe als solcher, datz nach der politischen Erregung wieder versöhnlicher Friede in die tüchtige werltätige Bevöllerung des Ravensberger Landes ein- ziehen möge. Naumburg(Saale), 26. Januar 1S12. PosadowSly. Ideologe durch und durch!_ Die Teuerung der Lebensmittel. Die sozialdemokratische Fraktion der Zweiten Kammer deS elsaß- lothringischen Landtages hat folgende Interpellation eingebracht: „Ist es dem Herrn Statthalter bekannt, datz infolge der Ein- führung deS ZolltarifeS vom Jahre 1902 die Lebensmittelpreise dauernd über der normalen Höhe erhalten wurden und datz da- durch die ausreichende Ernährung des elsatz-lothringischen Volkes bedeutend erschwert ist. Ist der Herr Statthalter bereit, die elsatz- lothringischen Bundesratsbevollmächtigten dahin zu informieren, datz sie im Bundesrate für zollpolitische Erleichterungen und dem schrittweisen Abbau des bestehenden Zollsystems eintreten?" Schwarze Denunzianten. Schon bei der Düsseldorfer Reichstagscrsatztvahl hat die Fe n- trumspresse sich nicht genug tun können in der Bezichtigung der Reichs- und Staatsbeamten, daß sie sozialdemokratisch gewählt hätten. Jetzt, bei den Stichwahlen, haben sich die beiden Blätter der Herren Bachem in Köln angelegen sein lassen, jeden Be- amtcn zu denunzieren, der nicht gesonnewwar, das Zentrum gegen. die Sozialdemokratie zu unterstützen. Das Perfideste auf diesem Gebiete ist ein Artikel des„Kölner Lokal-Anzeigers". worin ausgeführt wird, im Gegensatz zu den unteren und mittleren Postbeamten hätten die höheren Postbeamten nicht ihre Pflicht getan, um den„Sieg der vaterlandsfeindlichen roten Jnter- nationale" zu verhindern. Trotzdem die unteren und mittleren Angestellten bei der letzten Bcsoldungsreform am ungünstigsten ge- fahren seien, hätten sie„ein erhebendes Beispiel wahrer Batp� landsliebe und deutscher Beamtentreue gegeben". Dann heißt es weiter: „Das gleiche kann man leider von der Mehrheit der höheren Postbeamten, unter denen viele Reserveoffiziere sind, nicht sagen. Viele haben ganz offen ihrem liberalen Empfinden nach jung- liberaler Kölner- Art Ausdruck gegeben und aus Kentrumshaß den Sieg der Sozialdemokratie alz lvünschens- wert bezeichnet. Andere haben sich durch mittlere Beamte der eigenen Verwaltung mehrmals bittenlgssen, ihrer Wahlpflicht zu genügen, und sind dann, soweit bis jetzt festge stellt, teilweise doch nicht zur Wahlge gangen. Andere freilich hattcn's auch eilig; sie gingen und wählten— nicht Trimborn." Aus diesen Mitteilungen geht deutlich hervor, daß die Schwar- zen eine förmliche Ueberwachung der höheren Postbeamten organi- siert haben müssen. Sonst klagt man darüber, daß die Wähler durch vorgesetzte höhere Beamte in ihrer Wahlfreiheit be- einträchtigt werden; in Köln machen es die Schwarzen umgekehrt. Die feigen Denunziationen der Zentrumspresse zeigen, auf welchen s i t t l i ch e n T i e s st a n d die Ultramontanen gesunken, sind. Nach den Erfahrungen der eben beendeten Reichstagswahlkämpfe darf man sagen: Es gibt keine Niedertracht, deren die Klerikalen im Kampfe mit ihren Gegnern nicht fähig wären 1 Demokratische Vereinigung. Auf dem am Sonntag zu Köln stattgefundenen Parteitag deS Demokratischen Verbandes für Westdeutsch- land, der von annähernd 60 Delegierten aus allen Teilen West- deutschlands besticht war, wurde folgende Resolutton beschlossen: „Der Westdeutsche Parteitag der Demokratischen Bereinigung erachtet den Fortbestand einer selbständigen demokrattschen Or- ganisation für eine politische Notwendigkeit. Er würde eS für verfeblt halten, auf Grund einer vielleicht ganz vorübergehenden politischen Konstellation eine Tätigkeit einzustellen, die schon bisher inanche Erfolge in der Richtung der Demokratisierung der Wähler- schast gezeitigt hat und auch für die Zukunft unentbehrlich«- scheint. Wettere Wahlproteste. Der Reichsverbandsgeneral v. Liebert wurde im sächsischen Reichstagswahlkreise Borna mit zwei Dutzend Stimmen Mehrheit gewählt. Da schwere Wahlbeeinflusiungen vorgekommen sein sollen. ist nach einer Meldung aus Borna gegen die Wahl Protest eingelegt worden. Im Wahlkreise Kosel-Großstrehlitz wollen die Polen gegen die Wahl des fürstbischöflichen Kommissarius Glowatzki wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten Einspruch erheben. In Kattowitz-Zabrze werden die Sozialdemo- k r a t e n die Wahl deS Polen Sosinski anfechten. In Löwenberg beabsichtigen die K o n s e r v a t i v e n gegen die Wahl des fortschrittlichen Rektors K o p s ch Protest einzulegen. Gegen die S ch w e tz e r Stichwahl protestieren die Polen. Nach polnischen Blättern erkannte der Minister die Berechtigung der schon gemeldeten polnischen Beschwerde über die Feststellung der Hauptwahl an. Danach wäre Saß-Jaworski gewählt gewesen und die Stichwahl ungültig. Der Ministerbcscheid traf aber ver« spätet ein. Ter„sozialdemokratische Kandidat" Schulze über Junker und Pfaffen. In Grimma(Sachsen)— so erzählt jetzt fast die ganze bürger- liche Presse ihren gläubigen Lesern— soll der„sozialdemokratische Kandidat Schulze" seine Rede mit den Worten geschlossen haben: „Darum sage ich Euch, Genosien, es wird nicht eher besser in der Welt, ehe wir nicht loskommen von dem Drucke der Junker und Pfaffen". Diesen Worten sei donnernder Beifall ge- folgt und der„Genosse" Schulze habe sich mit siegesbewußtem Lächeln gesetzt. Daran wäre ja an sich nichts Verwunderliches. Aber— so wird dann weiter erzählt— nun habe Schulze von dem an- wesenden Pfarrer L. eine gründliche Abfuhr erhalten. Dieser habe u. a. gesagt: „.. Aber die Pfaffen! Ich gehöre ja selbst zu dieser verwerflichen Menschenklasse. Und da muß ich leider mit dem Geständnis beginnen:.Ich habe Herrn Schulze auch ge- drückt!"— Allgemeines„Aha" I„Ja. ich habe ihn wiederholt gedrückt", fuhr L. unbeirrt fort.„Es sind nun vier Jahre her, da starb seine Frau. Ich habe ihr damals die Grabrede ge- halten, und da mir das Herz warm war, auch dem betrübten Gatten in herzlicher Teilnahme die Hand gedrückt. Das ivar der erste Druck! Danach über eine Zeit hörte ich. daß Herr Schulze wegen sozialistischer Umtriebe aus der Arbeit entlassen sei und nun mit seinen armen Würmern in arge Not geraten sei. Da bin ich wieder zu ihm gegangen und habe ihm damals die Hand gedrückt und auch etwas in die Hand, soweit meine Kräfte reichten. Das war der zweite Druck. Und vier Wochen nachher klopfte es an meine Tür, und herein trat Herr Schulze und bat, ob ich nicht ein gutes Wort für ihn einlegen wolle bei dem Herrn, daß er wieder in Arbeit komme. Da habe ich ihm damals die Hand gedrückt und versprochen, daß ich es versuchen wolle. Und ich freute mich, daß er auf meine Befürwortung wieder angenommen worden ist. Das war der dritte Druck!- Und darum, meine Herren, stehe ich heute als armer Sünder vor dem Herrn Schulze und mich Ihnen allen gestehen:„Ich habe wiederhast gedrückt!" Nach diesen Worten war der„Genosie" Schulze tatsächlich etwas„gedrückt": das-u-xumenttim eck Korninom hatte seine Wirkung nicht verfehlt." Diese alberne Notiz ist von A bis Z erlogen. Der Kandidat für den 11. sächsischen Wahlkreis, wozu Grimma gehört, ist nicht Schulze, sondern Genosse Lipinski- Leipzig. DeS ferneren können wir nach den an Ort und Stelle eingezogenen Erkundigungen noch folgendes hinzufügen: Wenn es in einigen Blättern heißt „Agitator" Schulze oder„Redner" Schulze, so trifft auch das nicht zu. Während des ganzen Wahlkampfes hat nicht ein einziger Referent mit Namen Schulze gesprochen, eben- sowenig ein Debatteredner'Schulze.— Die ganze Notiz ist uralt; dieses Märchen machte schon einmal die Runde durch die Presse zu der Zeit, als die Pastor Hülleschen Schriften noch benutzt wurden, die Sozialdemokratie totzuschlagen. Allerlei von der Militärjustiz. Vor dem Kriegsgericht in Trier wurden am 22. drei Fälle verhandelt, die unsere schöne Militärjustiz prächtig charakterisieren: Nr. 1. Vor einigen Wochen kam in eine Wirtschaft in Trier, in welcher viel Soldaten verkehren, ein Musketier vom Infanterie- ■regiment Nr. 161 in schwer angetrunkenem Zustande und machte allerlei dumme politische Bemerkungen. In seiner Trunkenheit ließ er sich auch zu einigen unflätigen Bemerkungen über den Kaiser hinreißen, ohne die Tragweite seiner Aeußerungen zu über- sehen. Ta er sang und tobte; wurde die Polizei aufmerksam. Sie benachrichtigte die Patrouille, und der Betrunkene wurde verhaftet. Am 22. Januar hatte er sich tvegen dieser Taten zu verantworten. Die Verhandlung wurde unter strengstem Ausschluß der Ocffentlichkeit geführt und nur die Bekanntgabe des Urteils geschah öffentlich. Das Urteil lautet auf 3 Jahre Gefängnis. Nr. 2. Ein Artillerist vom 41-. Nrtillcrieregimcnt hatte sich eines Nachts an einen Kameraden, der Wachtdienst hatte, ver- griffen und ihn beleidigt. Wie in der Verhandlung festgestellt wurde, hatte er ihn nur an der Schulter berührt. Trotzdem folgen- des Urteil: 2 Jahre und 14 Tage Gefängnis wegen tat- l i ch e n Angriffs auf einen Vorgesetzten. Im schärfsten Gegensatz zur unerMttlichen Strenge dieser Urteile steht das Urteil Nr. 3: Zwei Sergeanten vom Infanterieregiment Nr. 36 waren angeklagt der Mißhandlung bezw. der unvorschriftsmäßigen Be- Handlung von Untergebenen. Ter eine Sergeant wurde frei- gesprochen, der andere erhielt sieben Tage Mittelarrest. Noch milder als das Kriegsgericht in Trier urteilt manchmal bas Kriegsgericht der 26. Division in Hannover. Unter der schweren Anklage des tätlichen Angriffes gegen einen Vorgesetzten, der Beleidigung von Vorgesetzten und der An- maßung von Besehlsbefugnissen,' begangen vor versammelter Mann- schaft, stand der aus P a s e w a I k gebürtige Leutnant Schilling vom Hannoverschen Trainbataillon Nr. 16 vor dem genannten Kriegsgericht. Ter Anklage lagen Ausschreitungen zugrunde, die sich der Angeklagte in angetrunkenem Zustande gegen den Wacht- habenden und die Mannschaften der hiesigen Traindepotwache zu- schulden kommen ließ. Nach mehrstündiger unter Ausschluß der Oeffcntlichkeit geführter Verhandlung wurde der vom Rechtsanwalt B o j u n g a verteidigte Angeklagte, gegen den der Vertreter der Anklage unter Berücksichtigung mildernder Umstände 2 Jahre 2 Monate Festungshaft und Dienstentlassung be- antragt hatte, nur wegen Anmaßung von Befchlsbefugnissen zu acht Tagen Stubenarrest verurteilt. Für die Verkündigung der Urteilsgründe wurde wiederum die Oeffentlichkeit ausgeschlossen und— eine äußerst seltene Maßnahme— auch die Entfernung der militärischen Zeugen, sogar der Offiziiere, angeordnet Oeftemich. Politik und Geschäft. Zu diesen: unerschöpflichen Kapitel liefert nun gerade daS Sterben einer Partei die inhaltreichsten Beiträge, einer Partei, die durch den Kampf gegen die Korruption groß geworden ist: die Wiener C h r i st l i ch s o z i a l e n. Die Verhandlungen des von ihnen beherrschten niederösterreichischen Landtags sind jetzt ganz erfüllt von dem Gestank des aufgewühlten Schlamms der chrisilichsozialcn Wirtschaft in Stadt und Land. Soeben ist folgendes klargestellt worden: Das im Etat der elektrischen Landesbahn Wien— Preßburg vorgesehene elektrische Kraftwerk für 1,8 Mil- lionen Tonnen wird nicht gebaut. die Summe wird aber nicht verringert.... Nun erzählt der Chef der Landeseisenbahnen, Landesausschuß Sturm. daß eine Firma, die sich um den Bau bewarb, sich erbot, für den(christtichsozialen) Wahlfonds einen wesentlich höheren Betrag als 166 666 Kronen (wohl eine Viertelmillion!!) zu widmen, ein anderer Unternehmer bot das gleiche, wenn ihm daS Land Aktien für 1 1S6666 Kronen abkaufe! Wie sehr müssen die Kontrahenten der christlichsozialen Verwaltungen die Kontributionen für den„Wahlfonds" schon ge- wohnt sein, wenn sie das schon förmlich als Geschäftsusance üben! Natürlich muß der Käufer, also das Land oder die Gemeinde diesen Betrag selbst wieder, in Form eines erhöhten Preises zahlen— und so wandern öffentliche Gelder indirekt, aber sicher in die Parteikasse. Und das Fazit? Wohl hat Sturm, wie er sich rühmt, diese Bieter von der Vergebung der Lieferung ausgeschlossen, aber item: Der Bau kommt schließlich doch um eine Million höher zu stehen, als ursprünglich berechnet war- Kein Wunder, wenn ganz Wien in dem Kauf des Zillings- dorfer Braunkohlenwerks, das noch vor kurzem für 9/t Millionen zu haben war, von der Stadt aber für!>/« Millionen erworben wird, dunkle„WahlfondS"-Geschäfte sieht. Die Christlich- sozialen wissen schon, warum sie aus den nichtöffentlichen geschäftsführenden Ausschüssen der Stadt und des Landes, aus dem Stadtrat und dem Landesausschuß jeden Oppositionellen un- bedingt fernhalten! COrkei. Die Reformen des neuen Regimes. Genosse P a r v u s schreibt uns aus Konstantinopel: Nach einem kurzen Anlauf ist das Reformwerk der jungen Türkei eingeschlafen� oder vielmehr es geriet auf ein totes Geleise. Vielleicht werden jetzt die Wahlen einen Impuls gebem um das Reich aus der Lethargie herauszureißen. Sicher ist, daß von überall her der Wunsch und Drang nach Reformen sich vernehmen läßt. Sieht man sich nun nach dem, während der letzten Jahre in der Türkei vollzogenen Reformwerk um, so wird man vor allem auf die Eisenbahnbaulen aufmerksam. Das ist in diesem Augen- blick unzweifelhaft das wichtigste Problem des Landes. Es sind unter dem neuen Regime für 2677 Kilometer Eisenbahnbautcn ver- geben worden, die größtenteils bereits im Bau begriffen sind, während für 1436 Kilometer Vorverträge geschloffen worden sind. Es werden Verhandlungen geführt über eine Reihe großer und kleiner Eisenbahnprojekte, die sich zusammen auf über 16 666 Kilo- meter belaufen. Die Ausführung dieser Pläne ist nicht durch den mangelnden, Reformcifer-der Regierung oder des Parlaments, sondern durch die Rivalität der Großmächte, die Intrigen der Hoch- finanz, den Krieg und die Finanznvt des Landes verhindert worden. Verträge wurden abgeschlossen zum Bau von 16 666 Kilometer Chausseen, was bei dem völligen Mangel an Landstraßen, nicht nur in der asiatischen, sondern auch in der europäischen Türkei, von großer Bedeutung ist. Große Jrrigations- und Drainagearbeiten sind in Mesopotamien und an anderen Orten in Angriff genommen worden. Da alle diese großen Arbeiten, die erst die Grundlage für die wirtschaftliche Erschließung des Landes bilden sollten, durch die Finanznot in engen Schranken gehalten werden, so war offenbar der Reform der Finanzen die größte Aufmerksamkeit zuzu- wenden. Wer nun den verwahrlosten Zustand studiert hat, in dem das parlamentarische Regime die Finanzen der Türkei vorfand, wird zugeben müssen� daß auf diesem Gebiete nicht unbedeutendes geleistet wurde. Es wird von allen Kennern anerkannt, daß daS parlamentarische Regime Ordnung in die alten verlotterten Verhältnisse gebracht und ein soviel wie möglich klares Staatsbudget zusammen- gestellt hat. Um dies zu erreichen, mußten erst viele persönliche Aenderunge* sowohl in der Finanzverwaltung wie in der all- gemeinen Administration vorgenommen werden. Man führte auch einige Ersparnisse durch Vor allem wurde die Zivilliste nebst Prinzenapanagen fast um die Hälfte vermindert, von 962116 türkischen Pfunden auf 493 646; auch die Gehälter der Minister und sonstiger hohen Beamten wurden reduziert. Im ganzen wurde dadurch eine Ersparnis von 719 953 türkischen Pfund oder 16'A Millionen Frank jährlich erzielt. Im allgemeinen ist freilich das Ausgabebudget gestiegen und mußte auch steigen, da Reformen Geld kosten. In absoluten Zahlen hat der Militarismus weitaus das meiste geschluckt. Daß man in bezug auf die militärischen Ausgaben Umkehr halten und Ersparnisse vornehmen möchte, hat der Kon- flikt mit dem Kricgsminister gezeigt. Das muß und soll, unbeschadet der Kritik, die wir an dem jungtürkischcn Komitee zu üben haben, anerkannt werden. Das alles geschah aber fast ausschließlich im ersten Ansturm der Revo- lution. Seitdem ist man nicht kühner, sondern vorsichtiger gewor- den und man ist bereits hinter die Rcformpläne zurückgewichen, die man selbst im Anfang in Ausficht genommen. Das bezieht sich besonders auf die S t e u e r r e f o r m. Man, erklärte feierlich, die furchtbaren Abgaben, die jetzt das Bauerntum bedrücken, aufheben zu wollen. Jetzt denkt man nicht mehr daran. Und doch liegt hier die Wurzel aller Uebel: der wirtschaftlichen Stagnation, der poli- tischen und kulturellen Rückständigkeit, der ewigen Unruhen und Bandenkämpfe nebst dem Ränkespiel und der Emissarcntätigkcit der ausländischen Diplomatie. Ohne Agrarreform kann es keine moderne Türkei geben, und die Agrarreform ist unmöglich ohne Steuerreform. Der krieg. Jtalicnfeindliche Stimmung in Tunis. Paris, 36. Januar. Der bisher Italien sehr freundlich gesinnte „Matin" veröffentlicht einen Artikel seines Sonderberichterstatters in Tunis, der behauptet, die in Tunis lebenden 8666 Italiener hofften, daß es ihnen gelingen werde, den Haß der Araber auf die Franzosen zu lenken und dadurch in einem gegebenen Augenblick in den Besitz des Landes gelangen zu können. Die Franzosen hätten die vorgestrige antiitalienische Kundgebung vor der Generalresident- schaft nur veranstaltet, weil sie wußten, daß der geringste Funke eine das ganze Land bedrohende Feuersbrunst verursachen könnte, und daß es leichter sei, einem Aufruhr vorzubeugen, als ihn zu unterdrücken. Offiziere unter den 29 Türken der„Mannba". Paris, 36. Januar. Nach einer Zeitungsmeldung aus Mar- seilte hätten die französischen Behörden die Ueberzeugung gewonnen. daß sich unter den 29 türkischen Reisenden der„Manuba" in der Tat mehrere Offiziere befänden, namentlich seien vier oder fünf der angeblichen Krankenwärter Offiziere, darunter zwei Genie- ofstziere. Allerdings werde die angeordnete Untersuchung kaum eine sichere Feststellung gestatten, da die seit längerer Zeit ausgestellten Papiere der türkischen Reisenden von den Konstantinopeler Behörden und verschiedenen türkischen Konsulaten legalisiert seien. In Cagliari sei zwar angeblich bei einem Türien ein Brief ge- funden worden, als deffen Empfänger ein Genieoffizier bezeichnet worden war, doch hätten die Türken erklärt, daß er keinem von ihnen gehöre. Kämpfe bei Tobronk. Rom, 36. Januar. Wie au" T o b r o u k beriibtet wird, unter- nahmen gestern die vereinigten türkischen und arabischen Streitkräfte einen Angriff auf daS italienische Lager und versuchten, durch ein lebhaftes Gewehrfeuer die Italiener zum Rückzüge zu bewegen. Diese wiesen jedoch den Angriff durch ein starkes Geschützfeuer, dem die vereinigten Truppen nicht Stand zu halten vermochten, zurück. Noch mehrmals versuchten die Türken und Araber, die italienischen Stellungen zu nehmen, wurden indessen auf der ganzen Linie zurück- geschlagen._ Die Iiievolution in China. Bor der Entscheidung. Peking. 29. Januar.(Meldung deS Reuterfchen Bureaus.) Die Revolutionäre sind in Peking sehr rührig. Nordchina befindet sich in einem Zustand akuter Spannung, da das Volk die Abdankung der Dynastie morgen erwartet. Die endlosen Verhandlungen wurden in einer aufgeregten Versammlung der Mandschn- Prinzen und Mongolen-Fürsten im Palast wieder aufgenommen, hatten aber kein Ergebnis. Es waren besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Später wurden die Verbandlungen in der Nähe der Wohnung Juanschikais fortgesetzt. Die Friedensverhandlungen dauern fort, obwohl der Waffenstillstand offiziell nicht erneuert worden ist. Flottenaktion der Japaner. Peking, 36. Januar. Die japanische Flotte ist in Poxt Arthur angekommen. Man glaubt, daß sie die Absicht verfolgt, die Bewegungen der revolutionären chinesischen Flotte in Tschifu zu überwachen. 3666 kaiserliche Truppen befinden sich ans dem An- marsch nach Tschifu. das südlich von Peking gelegen ist. 25 666 Sol- baten der Revolutionsarmee rücken an der Tientsinbahn vor. Hu 9 der partei- Alexander Jonas f. New Jork, 30. Januar.(Privattelegranrm deS„Vorwärts"). Jonas gestorben.„VolkSzeitung". Alexander Jonas ist Ende der dreißiger Jahre als der Sohn eines Berliner Kaufmanns geboren und wandte sich schon frühzeitig der politischen Bewegung zu. Als Anhänger des linken Flügels der bürgerlichen Demokratie finden wir ihn' anfangs der sechziger Jahre in reger politischer Tätigkeit. Sein? Intelligenz und nicht gewöhnliche Rednergabe verschafften ihn, einen hervorragenden Platz in der damaligen Bewegung der demokratischen Bezirks» vereine Berlins. Verluste, die er als Inhaber einer Buchhandlung erlitt, führten zu deren Zusammenbruch und nötigten ihn, etwa um daS Jahr 1865 sich in Amerika eine Existenz zu suchen. Drüben entwickelte er sich zum Sozialdemokraten und wurde für die unter schwierigsten Verhältnissen kämpfende sozialdemokra- tische Bewegung in den Vereinigten Staaten eiuer der wertvollsten Vorkämpfer, zumal er auch mit der Zeit die englische Sprache rednerisch zu meistem gelernt hatte. Er war, wenn nicht der Be- gründer, so doch einer der ersten Redakteure unseres dortigen Bruderorgans, der„New Uorker Volkszeitung". Zusammen mit Alexander Schewitsch, dem jüngst ver- storbencn Gatten der H e l e n e D ö n n i g e S, hat Jonas lange Jahre dieses Blatt mit großer Umsicht und Tatkraft durch alle Schwierigkeiten hindurch geleitet, die sich drüben einem sozial- demokratischen Tageblatt entgegenstellten. Der temperamentvolle Russe, den sein revolutionäres Feuer leicht weiter als gut über die prosaischen Wirklichkeiten hinwegtrug, fand in dem besonnenen Deutschen eine vortreffliche Ergänzung. Die Freundschaft zwischen Jonas und dem Ehepaar Schewitsch war eine sehr herzliche und hat auch die Zeit über angehalten, wo Schewitsch und Frau in Europa lebten. Jonas selbst hat wiederholt Europa besucht und sich dadurch über Wesen und Stand unserer Partei in Deutschland unmittelbar unterrichtet. Er hatte einen starken Sinn für das Tatsächliche, der sich bei ihm glücklich mit der Fähigkeit abstrakten Denkens einte. Zeugnis davon legt unter anderem seine kleine Propaganda- broschüre„Reporter und Sozialist" ab, die er Mitte der achtziger Jahre verfaßte. Wie er ein liebenswürdiger Kollege war, so war er auch ein hilfsbereiter Parteigenosse. Als 1888 der Schweizer Bundes- rat den Stab des Züricher„Soizaldemokrat" aus der Schweiz auswies und einer der Ausgewiesenen, Genosse Hermann Schlü» t c r, sich nach New Uork wandte, bot ihm Jonas sofort an, sich mit ihm in der Führung der Redaktion des Blattes zu teile». Später nötigte ihn Kränklichkeit, sich ganz der Redaktionsarbeit zu enthalten. Aber wie er nie aufhörte, mit der Partei und ihrer Organisation selbst in lebendiger Verbindung zu bleiben, so blieben auch seine Beziehungen zum Blatt durchaus intim, und in den letzten Jahren hat er dann wieder ihm seine Feder gewidmer. Ein treuer Kamerad und klarblickender Geist ist mit ihm dahingegangen, er hat das tragische Ende des Ehepaars Schewitsch nicht lange überlebt. Auf dornigem Feld, wo kaum Ehren zu ernten waren, hat er Jahrzehnte unermüdlich gewirkt. Wenn Amerika jetzt eine sozialdemokratische Bewegung hat, so hat kein Zweiter mehr und eindringlicher dazu beigetragen, als Alexander Jonas. Ed. B. Noch ein Parteiveteran dahingegangen. Am 27. Januar ver- starb als ältester Genosse der bremischen Sozialdemo. k r a t i e der Parteigenosse Heinrich V o ß ,m Alter von 89 J a h r e n. Geboren in Rethem a. d. Aller kam er als Fünfzehn» jähriger nach Bremen, erlernte hier die Kistcnmacherci und nahm an der Bewegung des Jahres 1848 vollen Anteil. Während der Zeit des Sozialistengesetzes wurde in seiner Wirtschaft in der Wcizenkampstraße manche geheime Zusammenkunft der Genossen ab- gehalten. Ebenso wurde von seinem Lokal aps die Verbreitung des Züricher„Sozialdemokrat" bewerkstelligt. Im Jahre 1385 wurde in seinem Lokal die noch bestehende Organisation der Kistenmacher gegründet, die ihn dann im folgenden Jahre zum Beisitzer des Gewcrbegerichts wählte, welches Amt er volle 12 Jahre innegehabt hat, bis ihn sein hohes Alter dazu zwang, sich von der politischen Lausbahn zurückzuziehen. Sein Interesse an unserer Sache be- zeugte er noch dadurch, daß er noch 3 Wochen vor seinem Tode dem Verlauf der Reichstagswahlen M größter Spannung entgegensah. Ehre seinem Andenken! GewerfcrchaftUchea. Berlin und Qingegend. Zur Lohnbewegung im Herrenmnhschneidergewerbe. Die Lohnbewegung in der Hcrrenmabbranche scheint, nach dem Verhalten des Arbcitgcberverbandes zu urteilen, keinen friedlichen Verlauf nehmen zu sollen. Bei den Verhandlungen, die kürzlich �stattgefunden haben, kamen die Arbeitgeber mit Vorschlägen, die für '«inzelne Preisbestimmungen Herabsetzungen der jetzt geltenden Tariflöhne enthalten, und beim Ulster gingen sie sogar soweit, das; sie den Akkordlohn um 1 M. herabsetzen wollten. Daß man unter diesen Umständen einer Einigung nicht näher kommen konnte, ist leicht begreiflich. Die letzte Sitzung endete damit, daß die Arbeiter den Unternehmern anheimstellten, sich erst einmal andere Voll- machten von ihren Mitgliedern geben zu lassen.— Offenbar denkt man auf feiten des Arbcitgebcrverbandes, daß es, da sich die dies- jährige Bewegung der Hcrrenmaßschneider über ganz Deutschland erstreckt, doch zur Aussperrung kommen wird und Berlin dann niit- machen muß. � Sonst kann der Arbcitgebcrvcrband kein großes Interesse an einem Lohnkampf haben, denn groß ist sein Anhang in den Kreisen der Unternehmer nicht, und die Mehrheit derselben würde es offenbar viel lieber sehen, wenn durch zweckmäßiges Ent- gegenkommen der Friede gesichert wird. Mit der Mitgliederzahl des Arbcitgeberverbandcs ist es seit der Bewegung von 1907 zurück, statt vorwärts gegangen, während auf Arbeiterscite die Organisation noch bedeutend stärker geworden ist als damals. Uebrigens wird demnächst eine Mitgliederversammlung der Hcrrenmaßschneider zu der Situation Stellung nehmen. Mllhlsteinarbeiter! Nachdem die Firma Goltdammer N a ch f. in Berlin-Lichtenberg vergeblich versucht hat. Zusammen- setzer aus den Reihen der Mühlsteinarbeiter als Arbeitswillige zu bekommen, versucht dieselbe nunmehr ihr Glück bei den Stein- metzen. Sie bedient sich dabei eines Arbcitswilligenlicferanten Albert Koch, Berlin NO. SS, Hosemannstr. 11. Dieser Herr sucht durch Inserat in der„Morgenpost": Steinmetzen, dauernde Arbeit, -sofort unter Apl. 33.. Morgcnpost, Alexanderplatz. Da dieser Ar- .bcitswilligenlicferant höchstwahrscheinlich seine Chiffre ändern wird, warnen wir die Steinmetzen vor Annahme der durch Inserat in der„Morger.post" angcbolenen Arbeit, da es sich um Streik- arbeit handelt! Es ist bisher gelungen, die sich auf das Inserat meldenden Steinarbciter von der Annahme von Arbeit bei G o l t- dam m e r zurückzuhalten bczw. sie aus dem Betrieb herauszu- ziehen. Der Streik bei Goltdammer dauert unverändert fort. Die tfirma Goltdammer ist für Stcinarbeiter gesperrt. Zuzug cst fernzuhalten. Verband der Brauerei- u. Mühlcnarbeitcr. Ortsverwaltung Berlin. Verband der Steinarbciter. Ortsvcrwaltung Berlin. veutkcbes Keicb. Tic Tarifbewegnng i» der Holzindustrie. Die diesjährige Tarisbcivegung in der Holzindustrie umfaßt nur «ine vcrhältuismäßig kleine Gruppe von Siädlen, aber es befinden sich einige bedeniende Jndustrieorte wie Nürnberg, Frank- f u r.t. a. M.. Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Kassel usw. darunter. In den letzte» Jahren hat sich für die Fruhjahrsbewegungen im Hvlzgeiverbe der Brauch herausgebildet, die eigentlichen Tarifabschlüsse i» Berlin vollzogen wurden. Nachdem die Parteien' je an ihrem Orte Beratungen gepflogen hntten, die jedoch in den meisten Fällen nicht zum Ziele fuhrrcn, wurden die Vertreter der Parteien nach Berlin berufen, wo dann die Verhandlungen unter Assistenz der belderiettigen Zentralvorstände fortgesetzt und auch in der Regel zu einem gedeihlichen Ende geführt wurden. Diele Art der Tarifvcrhandlungen hat aber in den Kreisen der Unternehmer Mißstimmung� erregt. Ihnen gefällt eS zunächst schon nicht, daß es der Deutsche Holzarbeiterverband ver- standen hat, den Versuchen, einen gleichen Ablaufstermin für siimt- liche Verträge festzusetzen, erfolgreich Widerstand zu leisten. Aber oucki durch den materiellen Inhalt der Verträge fühlen sie sich be- nachteiligi. Dieser Mißstimmung wurde auf der letzten General« Versammlung des Arbeitgeber-Schutzverbandes für das deutsche Holzgew erbe im Sommer vorigen JahreS zu Dresden deutlich Ausdruck gegeben. Auf dieser Generalversammlung wurde zwar dem Vorsitzenden des Schutzverbandes, dem Berliner Obermeister Rahardt, ein glänzendes Vertrauensvotum ausgestellt, es wurde aber auch be» schlössen, daß die Verhandlungen mir dem Dentschen Holzarbeiter- verband künftig in anderer Form zu führen find. Tie zentralen Verhandlungen sollten möglichst vermieden und versucht werden, eine Verständigung aii� den einzelnen Orten herbeizuführen. Diesem Wunsch, auf die örtliche» Verhältnisse einen größeren Nachdruck zu legen, entgegenzutreten, hatte der Vorstand des Deulickien HolzarbciterverbandeS keine Veranlassung. Es ist deshalb mit den einzelnen Städten in den letzten Wochen fleißig verhandelt worden, aber bisher ohne neiinenSwertes Ergebnis. Am"3. Januar fand in Berlin eine Konferenz der Zentralvorstände statt, in welcher die Protokolle über die örtlichen Verhandlungen durchgesehen wurden, wobei sich ergab, daß in den meisten Städten noch erhebliche Differenzpunkte bestehen. Um diese zu behebe», lvurde beschlossen, daß Mitglieder der beiderseitigen Zentralvorstände nunmehr eine Rundreise durch die beteiligten Städte unternehmen, um durch ihre Teilnahme an den örtlichen Verhandlungen einer Verständigung die Wege zu ebnen. Ob und inwietveit das gelingt, läßt sich vorerst nicht absehen, zumal in wichtigen Punkten die Meinungen der Par- teien noch sehr lveit auseinander gehen. Die Verträge laufen am 17. Februar ab. Bis dahin muß es sich entscheiden, ob der Frieden erhalten bleibt, oder ob es wieder zu einem größeren Kainpf in der Holzindustrie konimt. Am Schluß des Jahres 1911 bestanden im Holzgewcrbe SjS7 Verträge für 13 128 B e t r i e b e und 128 893 Ar- b e i t e r n, die vom Deutschen Holzarbciterverband abgeschlossen waren. Es gibt also, trotz der großen Fortschritte, die das Vertrags- Wesen in der Holzindustrie in de» letzten Jahren gemacht hat, noch eine erhebliche Zahl von Holzarbeitern, deren Arbeitsbedingungen nicht tariflich geregelt sind. Selbst im günstigsten Fall, daß die jetzt schwebenden Verhandlungen ein friedliches Ende finden— was übrigens keineswegs sicher ist— dürfte das Jahr 1912 noch zahl- reiche Lohnkämpfe in der Holzindustrie bringen. Jsolicrerstreik. Bei der Firma PH. Rosenthal in Selb haben sämtliche Isolierer die Kündigung eingereicht, weil sie unter den jetzigen Verhältnissen ihre Existenz nicht ausrecht erhalten können. ?Zuslj»nd. Blutopfer für den Kapitalismus. Dieser Tage berichteten bürgerliche Tcpeschenbureaus über blutige Streikausschreitungen im Luxemburgischen. Wir. die wir die Unzuverlässigkeit derartiger Meldungen von bürgerlicher Seite in Tausenden von Fällen kennen zzi lernen Gelegenheit hatten, brachten diesen Mitteilungen das verdiente Mißtrauen entigegen. Heute vermögen wir über den Hergang der Dinge wahrheitsgemäß zu berichten: Am 26. Januar verlangten an die 300 Arbeiter des Hütten- Werks inDifferdingen, darunter die Mehrzahl Italiener, eine Lohnerhöhung und versuchten zugleich ihre Mitkameraden zur Solidarität zu bewegen. Als sie einige Frauen und Kinder, die den Nichtstrcikenden Mittagbrot bringen wollten, davon zurückhielten und ihnen den Eintritt verwehrten, ertönte plötzlich die Feuerlärm- sirene des Hüttenwerks. Tie Feuerwehrleute spritzten auf die Strei- leuden n: it heißem Wasser! Kein Wunder, daß das Blut der Südländer in Wallung kani und Steinwürfe dem heißen Wasser- strahl antworteten. Nun trat Gendarmerie und Polizei in Aktion, welche auf die Streikenden etwa 1S0 Schüsse abgaben. Der Erfolg, hoffen wir ein ungewollter, 3 tote und 1 schwerverletzter Arbeiter. Perantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.;� Unter den Opfern befindet sich ein dreizehnjähriger Knabe! Einer der Arbeiter soll von nicht weniger al-Z vier Kugeln getroffen und getötet worden sein. Anstatt nun die Arbeiterschaft zu beruhigen und wenigstens einen Teil ihrer Forderungen zu bewilligen, lehnt noch der Direktor des Werkes jede Verhandlung ab und— das schönste— ließ schon Dutzende der Hintzegarde kommen. Ob dies zur Beruhigung der Bevölkerung und der Streikenden beiträgt, ist eine andere Frage. Ter Herr Direktor scheint sich wenig darum zu kümmern, ob noch mehr Menschenleben zugrunde gehen, sonst würde er sich zum Verhandeln bereit erklären. Der Kapitalismus fordert nicht nur Menschenopfer in der Hütte, nein, noch außen vor dem Fabriktor fallen sie. * Inzwischen kam es doch zur Beendigung de» Streike?. Ein Telegramm meldet darüber: Luxemburg, den 30. Januar. Bis auf 10 Mann sind die Ausständigen in Tifferdingen gestern abend und heute morgen wieder eingefahren. Die Ersatzarbeiter verlassen heute abend Tifferdingen. Militär und Gendarmerie sind auf die Hälfte redu- ziert worden. Das Merk bewilligte Prämien bis zu 9 M. monatlich und bis zu 2S Pf. täglich. Die Gemeiudcarbeiter in Oesterreich hatten bisher und auch erst seit kurzem nur den Zentralfackiverein der Wiener Gemeinde- bedieustctcn. Die Generalversammlung am letzte» Freitag, der auch Genosse H u e b e r von der Reichsgewerkschaftskommission und Ge- »ossc Albin M o h s- Berlin als internationaler Sekretär der Arbeiter öffentlicher Berufe beilvohuteu, beschloß den Anschluß an die gesamte freigewerkschaftliche Bewegung, an die Gewerkschaftskommission Oesterreichs. Hueber begrüßte diesen Beschluß und sagte u. a. zu. daß die Gewerkschaftskonimission die Aufstellung eines Gemeinde- arbeiters bei den bevorstehenden Gemeinderatswahlen betreiben werde. Drohender französischer Bcrgarbeiterstreik. Au» St. E t i e n n e wird gemeldet: Die Bergarbeiter beschlossen gestern in einer von etwa 2000 Personen besiickstcn Versammlung die Regierung aufzufordern, für die gesetzliche Festsetzung von Minimal- löhnen und die Regelung der Feiertage Sorge zu tragen. Sollte die Regiermig ihren Wünschen nicht nachkournren, so würden sie am 1. März i» den Generalstreik treten. Gleichzeitig wurde beschlossen, ansang Februar an alle Bergarbeiter des Bezirks die Aufforderung ergehen zu lassen, sich dem Streik anzuschließen, ivcnn die Regierung es nicht vorziehen sollte, bis dahin ihren Wünschen Rechnung zu trogen._ Masiregelnng eines französischen Postbeamten. Der Sekretär des Syndikats der Angestellten bei den Post- und Tclegraphenbehördcn erschien gestern vor dem Disziplinargericht und wnrde nach längerem Verhör von seinem Amte abgesetzt. Man be- fürchtet, daß diese Maßregel eine Streikbewegung unter dem Personal verursachen wird._ Zum belgischen Grubenarbeiteransstand. Der Ministerpräsident beriet mit den Deputierten und' Sena- toren des Bezirks von Möns über die Strciklage. Man entschied sich dahin, den Grubenbesitzern die Beibehaltung des Statusquo bis zum 1. Juli vorzuschlaaen, um in der Zwischenzeit eine Einigungs- Möglichkeit finden zu iönncn. Wahrscheinlich werden die Gruben- bcsitzer diesen Vorschlag annehmen, da sie sich schon gestern bereit- erklärten, den Statusquo bis zum 1. März aufrechtzuerhalten. Sollten die Grubenbesitzer den Vorschlag annehmen, wäre mit dem sofortigen Ende des Streiks zu rechnen. Der Generalstreik in Portugal. Als Antwort auf das Verhalten der Regierung den streikenden Landarl?eitern von Evora gegenüber hat die organisierte Arbeiter- schaft den Generalstreik beschlossen. Die Streikenden haben an die Regierung eine Note gerichtet, in der sie die Erledigung folgender dreier Punkte verlangen, widrigenfalls sie im Generalstreik verharren wollen: 1. Die Negierung wird aufgefordert, die Häuser der Ar- beitervereinigungen wieder zu öffnen. DieRegierungant- wartete aus diesen Punkt, daß diese Häuser nur provisorisch geschlossen seien. 2. Tie Ausständigen verlangen, daß alle in Evora Verhasteten sofort auf freien Fuß gesetzt lverdeu. Aus diesen Punkt erklärte die Regierung, daß„im Interesse des Staatsansehcns" diesem Wunsche nicht stattgegeben werden könne, da ein„energisches Exempel" statuiert werden müsse. Im übrigen seien bereits viele Inhaftierte schon freigelassen, doch hätten die noch in Haft be- findlicben Arbeiter sich so schwere Ausschreitungen zuschulden kommen lassen, daß ihre Freilassung unmöglich sei. 3. Die Streikenden verlangen sofortige Amtsent- setzung des Gouverneurs von Evora. Auch dieser Forderung will die Regierung nicht stattgeben, da der Gouverneur nur seine Pflicht getan habe und durchaus nicht über die ihm zustehende Gewalt hinausgegangen sei. Der Generalstreik hat sich in Lissabon bereit? deutlich bemerk- bar gemacht. Seitens der Streikenden wurde der Versuch gemacht, auch die Angestellten des Lissaboner Telephons in tes zum Aus- stand zu bewegen. Tie Direktion der Telcphongcsellschaft ließ die Türen des Gebäudes schließen und hißte die englische F laigge, zum Zeichen, daß das Haus unter cnglisckxm�Schutz ficht. Die Streikenden zogen sich darauf ruhig zurück. Fremde Automobilisten haben die Fahnen ihrer jeweiligen Nation an ihrem Gefährt angebracht und passieren ungehindert die Reihen der Strei- kcnden. Die Blätter konnten gestern früh nicht mehr evicheinen, da die Setzer in den Sbmpatbicstreik getreten sind. Die Regierung stellt in einer amtliche» Note die jetzige Strciklage so dar, als ob es sich nur um einen 24 Stundenstreik handele, doch wird dieser Be- schön iguvg kein Glauben beigemessen. Auch aus die Handclswelt macht sich naturgemäß der Generalstreik deutlich fühlbar. Blutige Streikzivischenfalle werden aus Amerika gemeldet. Seit drei Wochen streiken in -Lawrence sMassachusetts) die Baumwollspinner. Die Polizei verhindert die Streikenden in bekannter Weise daran, sich mit den Arbeitswilligen in Verbindung zu setzen. Natürlich empörte das die Streikenden aus» höchste und es kam dadurch anscheinend zu Ausschreitungen, die wir durchaus nicht billigen wollen. Möglich aber auch, daß diese Ausschreitungen nur in der Phantasie der bürgerlichen Reporter existieren. Am Sonntag kam es dann zn einem schweren Zusammenstoß. Am Nachmittag zogen 22 000 streikende Arbeiter mit roten Fahnen und unter Rbsingung der Marseillaise durch die Straßen. Militär wurde requiriert, das den Tcmonstrationszug auseinander trieb. Die Soldaten gingen mit aufgepflanztem Bajonett�gcgen die Streikenden vor. Die Arbeiter antworteten mit einem Stcinbagel, so daß diese gezwungen waren, sich mehrere Male zurückzuziehen, bevor sie die Straßen„säubern" konnten. Aus beiden Seiten gab es zahlreiche Verwundete. Nach dem offiziösen Wolsfschcn Bureau wurde sogar eine Frau erstochen und ein Polizist„verletzt". Wie wenig die Ausständigen an Gewalttätigkeiten dachten, mag der Umstand erweisen, daß sie auf ihrem Umzüge von ihren Frauen begleitet wurden. Nichtsdestoweniger ging man mit Militär gegen diesen Umzug vor. Zum Verständnis dieser Nachrichten ist es notig die Verhält- nisse der Wollindustrie jener Gegend etwas zu beleuchten. Lawrence. die Stadt der Unruhen, ist ein elendes Fabriknest, in dein die Ar- beitcrschast fast nur aus Eingewanderten besteht, meist aus Jta- lienern, dann aus Polen. Böhmen, Bulgaren, Türken, Griechen usw. Diese Leute müssen zu Löhnen arbeiten, für die kein amerikanischer Arbeiter zu haben ist. Der durchschnittliche Wochenlohn eines Ar- ZhlGlock�Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. ix Verlagsanstalt� bciters in Ser Textilindustrie belrägk 6,50 Dollar oder 27 Mark, ein Hungerlohn für amerikanische Verhältnisse. Vor einiger �>cir hat nun der Staat Massachusetts, zu dem die Stadt Lawrence gehört, ein Gesetz erlassen, welches die Arbeitszeit für Frauen und Kinder auf S4 Stunden pro Woche herabsetzt. Frauen- und Kinder- arbeit herrscht nämlich in ausgedehntem Maße in der amerckam» schen Textilindustrie. Durch dieses Gesetz, das durchaus notwendig war, wurde nun der geringe Verdienst der Arbeiter noch mebr ge- schmälert, denn es besteht fast überall die Akkordarbeit, und die Fabrikanten dachten gar nicht daran, die Löhne zu erhöhen, �.ae Erbitterung der Arbeiter wuchs ungeheuer; sie erklärten den Strei!» als ihnen die verlangte Lohnerhöhung von 15 Proz. nicht bewilligt wurde.— Der Streik ist aussichtslos: diese Masse von buntzu-» sammengewürfeltcn Arbeitern aus�aller Herren Länder, ohne Mittel» ohne Organisation, kann keinen Streik gewinnen, um so weniger, als es an Streikbrechern durch unwissende, neue Einwanderer nicht fehlt, die in Massen nach den Fabrikorten der Textilindustrie ziehen. Deutsche Arbeiter müssen vor diesen Fabriksiädten gewarnt werden! Die Einwanderer sind dort fast rechtlos und werden oft unmenschlich behandelt. Ein Polizeirichter in Lawrence hat in einer Sitzung 23 Arbeiter wegen Streikvcrgehen verurteilt, 21 zu je einem Jahre, die anderen zwei zu zwei Jahren Gefängnis. Rücksichtslos werden die Arbeiter ausgebeutet, brutal behandelt, verachtet und getreten, und sie haben keine Mittel zum Widerstande, sind getrennt durch die nationalen Verschicdcnartigkeiten, kennen die englische Sprache nicht, amerikanische Sitten und Gesetze nicht; sie leben und ver- kommen im Elend.— In einem Bericht, den eine Zollkommissioir dem Kongreß kürzlich erstattete, wurde konstatiert, daß die Arbeiter- schaft in den Wollfabriken des Landes minderwertig sei gegenüber den Fabriken in Europa. Die Wollindustrie ist dadurch nicht recht konkurrenzfähig und verlangt sehr hohe Zölle zum Schutze. Die Ursache liegt aber in der geschilderten Unterdrückung und Ausbeu- tung der Arbeiter und der wilden Profitsucht der Unternehmer. Hus Industrie und fjandd. Tas gesicherte Kapital. Die Phönix A.-G. für Bergbau und Hütten-, betrieb, Hörde, meldet ihren Aktionären zur Beruhigung, daß ihr das Hochofenunglück nicht viel Schaden bringen werde, denn— man sei versichert. Um die Sicherung, die Versicherung der lebendigen Arbeitskraft werden jahrzehntelange Kämpfe entfesselt, und das Schlußresultat ist dann doch noch so, daß die Witwen ver- unglückter Ernährer zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben bekommen. Tut das Unternebmen noch ein übriges— was dann im nächsten Geschäftsbericht gesperrt gedruckt wird, und unter „soziale Belastungen" gebucht erscheint—, so schenkt es den zer- trümmerten Familien noch etliches. Aber im übrigen, Gott sei dank, das Kapital ist versichert. Selbstverständlich, und aus vollen Schadenersatz. Hochofenexplosionen— das sind eine Sache für die Versicherungsgesellschaft, nicht für das eigene Verantwortlichkeits- gefübl. Als das große Berliner Hochbahnunglück erfolgte, stellte es sich heraus, die Gesellschaft ist gegen Haftpflicht aus Schaden an ihren Fahrgästen— versichert. Das Kapital ist das immunste aller gesellschaftlichen Werke, der Mensch, das ist höchstens das not- wendige Uebel. So sieht die Moral des Geldes aus. Sie wird unterstützt durch alle am Geld interessierten, für seinen Schutz ge- schaffenen Organisationen. Dafür ist jetzt auch wieder ein hübsches Beispiel gegeben wo«- den. Wie rechtsstehende Blätter melden, wird in den nächsten Tagen dem preußischen Abgeordnetenhause die Denkschrift der Untcrsuchungskommiission über das fürchterliche Gruben- unglück zu Radbod zugehen! Die Hekatombe an fleißigen Bergknappen wurde 1908 dem Kapitalismus g» opfert! Heute stellt die amtliche Denkschrift fest, daß einmal niemand von den Verunglückten mehr persönlich schildern kann, wie es gewesen ist— sie sind alle tot—, und zum anderen sei auf der Grube alle» in tadelloser Ordnung gewesen. Bleibt die höhere Gewalt, und dagegen sind„wir" versichert. Und soweit die Versicherung nicht reicht, wie der Fall selbst beweist, so ist solckie Untersuchungskom- Mission die beste Versicherung, denn sie kommt nicht zu rasch mit ihren Resultaten! Die Schraube? Kaum hat das Kohlenshndikat die Erhöhung der Richtpreise bekannt gegeben, da dringt die Nachricht einer weiteren Roh- materialvertenerung in die Oesfcntlichkcit. Das Robeisensyndikat läßt mitteilen, daß es nun gleichfall» die bekannte Schraube an- drehen werde. Die Hochofenwerke wollen anscheinend nicht nur die Verteuerung des Rohmaterials ablvälzen, sondern die gute Kon- junktur ebenfalls zu einer ordentlichen Prositstcigcrung benutzen. So schöpfen die syndizierten Rohmateriallicferanten das Fett van der Suppe; in ihren Organen aber Hetzen sie gegen die hohen Löhne als Ursache aller Teuerung. LrCtzH Nachrichten. Lpfcr des Bergbaues. Essen, 30. Januar. Auf Zeche„Rheinpreußcn" wurden zwei Bergleute und ein Steiger verschüttet. Die beiden erstcren wurden getötet, der Steiger schwer verletzt. Brandkntastrophe in� einer Fabrik Nürnberg, 30. Januar.(W. T. 93.) Ucbcr ein schweres Brandunglück, das sich heute abend im Nürnberger Betriebe der Ma- schinenbau-Attiengesellschaft Augsiburg-Nürnberg ereignete, gibt die Fabrikdirektion folgende Auskunft: Im Probierraum entstand heute abend kurz vor%5 Uhr auf unaufgeklärte Weise ein' S ch a d e n f e u e r, das die Holzgcrüst-e erfaßte. Durch auslaufen- des Schmieröl wurde das Feuer stark genährt. Eine durch das Feuer verursachte Explosion verhinderte die rasche Entfernung des anwesenden Bedienungspersonals, so daß mehrere Ingenieure und Monteure schwere Brandwunden erlitten und man bei den Aufräumungsarbeiten vier Tote fand. Tie Zahl der Bcr- letzten beträgt 11. Ter Betrieb wird in vollem Umfange aufrecht erhalten. Zum Tode verurteilt. Jnstervurg, 30. Januar.(W. T. B.) Das hiesige Schwur- gcricht verurteilte heute nach neunstündiger Verbandlung den 27 Jahre alten Kuhmclkcr Hermann Krutzki auS Gcün Haide wegen �Nordes zum Tode. Krutzki hatte am 24. August 1911 in der Nähe von Goldap seine Ehefrau erschossen. Tas bcstohlcne Polizciamt. Heidelberg, 30. Januar.(P.-C.) Ein Einbruchsdiebstahl, der an Keckheit seinesgleichen sucht, ist in der vergangenen Nacht an dem Sitze der Heidelberger Polizeibehörde des großherzoglichen Bezirksamts verübt worden. Der Dieb verschaffte sich gewaltsam Eingang in das Paßbureau und entwendete mehrere Hundert Waudergewerbescheine. Ansstcllungsgcbühr und Steuer für einen solchen Schein betragen für Ausländer 100 M. Es wird au- genommen, daß es sich um einen wohlvorbcreitcten Diebstahl, einer Hochstaplerbande handelt, die sich mit der Ausstellung solcher Scheine befaßt. Der Einbrecher ist spurlos entkommen, und auch die Zuhilfc- nähme eines Polizeihundes ist erfolglos geblieben. Ter Streik in Argentinien. Buenos Aires, 30. Januar.(W. T. B.) Die Ausständigen halten mit Entschiedenheit ihre Forderungen aufrecht. Die s o z i a l i st i s ch e P a r t e i hat eine Kundgebung erlassen, die diese Forderungen rechtfertigt.________ faul Singer i Co.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. UntcrhaltungSbl. Nr. 25. 29. Iahrgavg. 1. KcilM Ks Lmiirls" Krlim UcksdIM. UR««� A. ZmM MS. Mgeorclnetenbaus. 8. Sitzung vom Dienstag, den 30. Januar, mittags 12 Uhr. Am Ministertisch: Dr. Lentze, v. Dallwitz, v. Breiten-� back, Sydow. Das Haus ehrt das Andenken des verstorbenen Mg. Riesch(fk.) in der üblichen Weise. Nach debatteloser Erledigung einiger Rechnungssachen in erster Beratung tritt das Haus in die erste Lesung des Etats ein. Abg. v. Pappcnheim(k.): Die Thronrede kündigt einige Gesetze an, die uns reichlich beschäftigen werden. Da die erste Lesung des Einkommensteuergesetzes in den nächsten Tagen bevor- steht, werde ich darauf nicht eingehen. Die Verabschiedung dieser Vorlage sowie vor allem des Wassergesetzes wird durch die späte Einberufung des Landtags erschwert; hoffentlich wird sich eine Form finden, die ihre baldige Verabschiedung ermöglicht. Wir werden uns streng an den Etat hallen und im Interesse seiner baldigen Verabschiedung alles ausschalten, was nicht direkt zum Etat gehört.(Aha! bei den Sozialdemokraten.) Das Projekt der Elektrisierung der Stadtbahn wird ein- gehend zu prüfen sein. Die Einbringung dieser Vorlage schon jetzt ist uns überraschend gekommen, zumal die bisherigen Versuche auf der Hamburger Strecke usw.. für die wir erhebliche Mittel bewilligt haben, noch nicht abgeschlossen sein dürften. Für uns ist ausschlag- gebend der Nachweis, dah der elektrische Betrieb wirklich billiger sein wird.— Eine weitere Ausdehnung der Eisenbahn- b e t r i e b s g e m e i n s ch a f t auf Württemberg, wie sie angeregt worden ist, w ü n s ch e n wir nicht; dafür sprechen auch die Er- sahrungen mit Hessen nicht.(Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Herr Liebknecht, wir sind hier im preußischen Abgeordnetenhause und ich habe zunächst die Interessen Preußens zu vertreten. Wenn Sie jetzt schon bei rein wirtschaftlichen Fragen so lebhast mit Zwischen- rufe» sind, wie soll das erst nachher werden.(Lachen bei den Sozial- demvkraten.) Mich bringen Sie dadurch nicht aus der Ruhe, aber die Geschäfte des Hauses werden auf diese Weise nicht gefördert. (Sehr richtig! rechts.) Die Bedeutung des Kohlenshndikats erkennen wir an, wünschen aber nicht, daß sich die Regierung restlos seinen Forderungen unterwirft. In dem Etat der Finanzverwaltung machen sich die Aorteile der Reichsfinanzreform glänzend geltend.(Zuruf lrnks: Hbu olet!)— Im Etat des Innern entspricht die V e r- mehrung und Besserstellung der Gendarmen den Wünschen des HauseS. Die Unterrichtsverwaltung bringt keine Ueberraichungen.— Unsere Finanzen sind die allersichersten und ge- sundesten; das ist der Erfolg einer jahrhundertelangen EntWickelung. Die Errungenschaften lassen sich nur aufrecht erhalten, wenn die Autorität des Staates aufrecht erhalten wird. Wenn jetzt e r n st e Gefabren(Abg. Hoffmann sSoz.): Jetzt kommt's! Heiterkeit) gerade für diese Errungenschaft vergangener Jahrhunderte uns drohen, so soll das, was wir aus der Geschichte Preußens gelernt haben, (Mg. Liebknecht: Nichts haben Sie gelernt!) uns eine Lehre für die Zukunft sein. Unsere erste Aufgabe wird es sein, die Autorität des Staates, des monarchischen Staates (Bravo! rechts) zu erhalten. Wir hoffen und erwarten, daß die berufenen Hüter dieser Ordnung sich ihrer schweren Verantwortung unter den heutigen Verhältnissen bewußt sind.(Bravo l rechts.) Wir selbst er- Hennen die Bedeutung und Schwierigkeit dieser Aufgabe an, sind aber bereit, unser A e u ß e r st e s zu tun zur Unterstützung der Monarchie.(Abg. Liebknecht: Ihrer Monarchie?) Das ist der Fels, auf dem allein das Deutsche Reich erhalten werden kann. Dieser Standpunkt kommt so recht klar zum Ausdruck in einem Wort des ehrwürdigen Kaiser Wilhelms I., das er am 18. Januar 1871 zun» Prinzen Friedrich Karl sprach:.Möge nach 170 Jahren Deutschland so groß und glorreich dastehen wie Preußen seit 170 Jahren. Dies letztere darf nie vergessen werden." Wir werden vieler Mahnung eingedenk i-' �nd werden das Erbe, das unsere Väter uns hinter- lassen r.... zu erwerben und zu besitzen wiffen.(Lebhaftes Bravo! rechts, oas sich auf Zurufe aus den Reihen der Sozialdemokraten Wiederholt erneuert.) Abg. Herold(Z.) geht näher auf den Ausgleichsfonds ein und bespricht Einzelheiten des Etats. Für die Jugendpflege kleines Feuilleton. Hermann Bang, der dänische Dichter der Feinnervigeit und Hoffnungslosen, ist auf einer Vortragsreise, die er eben in den Ver- einigten Staaten begonnen hatte, auf irgend einer Station im Staate Utah, im Eisenbahnwagen einem Blutsturz erlegen. Sein Leben ging zu Ende, wie er selber es hätte dichten können: es ver- blutete. Der eS trug, war längst verblutet an der harten, blöden Wirklichkeit, für die er als Ncrvenmensch und belasteter Kulturerbe nicht geschaffen war. In seinem ersten größeren, seinem besten Buche, dem Roman:. H o f s n u n g s l o s e G e s ch l e ch t e r/' hat er den Satz geprägt, der seine Lebensauffassung war:„Wohin er auch sah. fand er nur Hoffnungslosigkeit, die Wüste in großen Linien". Der Pfarrerssohn, der 1858 auf Seeland geboren war. brachte künstlerische Feinfühligkeit als Erbe mit. Er fand, als er zu schaffen anfing, die literarische Technik hochentwickelt vor. Unter seinen Landsleuten war es I. P. Jacobsen, dem er sich verwandt fühlte. Und der französische Naturalismus zeigte ihm den Weg, den er als- bald mit starkem Erfolg beschritt. Die„Hoffnungslosen Geschlechter" erschienen 1880 und zeigten ihn sogleich als fertigen Künstler, dem sogar Ibsens Beifall zufiel. Andere Erzählungen folgten, von denen T j n e, die den Krieg von 1864 behandelt, Ludwigshöhe, Das weiße Haus. Das graue Haus, Michael in Deutschland bekannt wurden. In seinen Novellen ging er seltsamen oder stillen Existenzen nach(die beste darunter: Am Wege ist in der„Neuen Welt" abgedruckt). Allen seinen Werken war die gleiche impressionistische Dar- stellnngSart eigen, die gleiche unerhört gesteigerte Psychologie. Aber sie offenbarten auch, daß ein Müder, vom Verfall Gezeichneter still und resigniert seine Enttäuschungen gab. Bang war der Dichter einer alten Klaffe, voll Kultur und Talent, aber ohne die Impulse und die Kraft, wie sie aus dem Neuland einer aufsteigenden Klasse entsprießen. Seiire literarische Bahn führte demgemäß auch ab- wärts' der Fronerei des Journalisten und Reisevorlesers ist er durch den Tod entrissen worden. Blut und Klasse hatten ihm kein besseres Los Srschiedcn. Georg Hcym f. Vor wenigen Tagen ist beim Eislaufen draußen im Wannsee der 23 Jahre alte Berliner Referendar Dr. Georg Heym ertrunken, als er einen Kameraden, den der schwarze Wasser- spalt schon verschlungen hatte, retten wollte. Nur wenige wissen. daß Heym als Sänger Berlins, als Großstadtdichter trotz seiner Jugend ein bedeutendes, Größeres noch versprechendes Talent war. Blättert»ran in seinem bisher einzigen Gedichtbuch„Der ewige Tag". Verlag Ernst Rowohlt. Leipzig Das Bürgertum hätte die Aufgabe, eine derartige Presse, die oft schlimm er und gefährlicher! st, als die Presse der Sozialdemokratie, nicht weiter zu unter- stützen. Angesichts dieser Verhetzungen wäre es Pflicht der Regierung gewesen(Ahal links), für Ausklärung der Wähler zu sorgen. Der Vermittelungsversuch der Regierung nach der Haupt- ivabl ist leider gescheitert in erster Linie durch Schuld der Volkspartei, aber auch der Zentralleitung der Nationalliberalen. Im Lande haben ja erfreulicherweise die Nationalliberalen in manchen Kreisen mehr Einsicht besessen, als ihre Zentralleitung. Aber während das Zentrum das Kompromiß im Rheinland mit den Nationalliberalen voll und ganz erfüllt bat, ist Düsseldorf durch die Schuld der Nationalliberalen auch in diesem Wahlkampf wieder an die Sozialdemokratie gefallen. Wir waren uns freilich klar darüber, daß das Abkommen nicht mit dem allerzuverlässigsten Kontrahenten eingegangen war.(Heiterkeit rechts.) Aber die ganze Lage erforderte das Kompromiß. Fest steht leider, daß seinerzeit bei der Ersatzwahl in Düsseldorf er st e Beamte der Regierung durch Wahl enthaltung die Sozialdemokratie unter st ützt haben.(Große Unruhe links. Zuruf: Ganz gemeine De- nunziation!— Vizepräs. Dr. P o r s ch ruft den Zwischeurufer zur Ordnung.) Auch Köln ist gefallen durch die Schuld der Nationalliberalen. Einen Mann wie T r i m b o r n, der seit De- zennien seine ganze Arbeitskraft eingesetzt hat für die Wohlfahrt des Vaterlandes und für seine Vaterstadt Köln, hat man fallen lassen gegen einen Neuling, gegen einen Sozialdemokraten.(Lachen links.) Das Zenrrum ist konsequent gewesen in der Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht nur jetzt, sondern auch 1907!(Lautes Lachen links.) Nachdem jetzt die Wahlen vorüber sind, sollte der Kampf zwischen den bürgerlichen Parteien sein Ende erreichen. (Lachen links. Abg. H o f f m a n n(Soz.): Jetzt kommt die Liebes- Werbung!) Ich habe mit meinen Ausführungen vorhin nicht anderen Parteien Vorwürfe machen wollen, sondern nur unsere Haltung gerechtfertigt.(Große Heiterkeit links.) Das Zentrum ist immer bereit gewesen, mit den anderen Parteien zusammen zu arbeiten. Wir werden uns dieser Aufgabe auch in Zukunft nicht entziehen und hoffen, daß die gemeinsame Arbeit sowohl im preußischen Abgeordnetenhause, wie auch im Reichstage gute Er» folge für das Staatswohl und die Bevölkerung im allgemeinen erzielen wird.(Lebhafter Beifall im Zentrum und rechts.) Abg. Hirsch(Soz.): Herr v. Pappenheim sprach am Schluß seiner Rede von denjenigen, die die Autorität des Staates bedrohen. Damit hat er offenbar seine eigenen Freunde gemeint. Sind es doch die so jung vollendeten Dichters einziger Nährboden, seine Heimat und Quelle war die Millionenstadt, jenes vom Rauch der Fabriken schwarzberußte, vom Stampfen der Arbeits- und Verkehrsmaschinen durchbranste, von glitzernden Stahlbändern umklammerte, von tausend eisernen Energien und goldenen Lastern in keuchender Bewegung ge- haltene moderne Babel. „Heimatkunst" sind auch seine Gedichte, freilich keine wiesen- grüne Heiterkeitslyrik unbefangener Jd'ylliker, sondern eine Vers- kunst, die mit blutendem Herzen, mit matter, rasch stumpf ge- wordener Seele, mit siebrisch-entzündeter Phantasie die tausend Momentbilder des Großstadtlebens mit all seinen Qualen, Häßlich- leiten, Kämpfen und Verzweiflungen tief innerlich erlebt hat. Heym war gesättigt mir brennend schmerzlichem sozialen Empfinden, aber er war noch zu jung, um sich aus diesem Mitgefühl mit den Leiden und Schmerzen der Großstadtsklaven hinausfinden zu können zu jener wundervollen Erhebung etwa Walt WithmanS, Verhaerens, die in dem Höllenkessel der Wellstädte mit ihrem unerbittlichen existenzzermalmenden Auf und Ab der wirtschaftlichen Maschinerie auch das Große und Schöne, weil im Entwickelungsgang Notwendige sahen. Heym? pessimistische soziale Erkenntnis reißt nur nieder; wenn ihn selbst die schwarze Flut nicht in ewige Nacht herunter- gerissen hätte, würde gewiß der Dichter des„Ewigen Tags" in freudigerer Künstlerschaft begonnen habe» auch aufzubauen. Wenn so seine Gedichte in ihrer grenzenlosen grauen Trostlosigkeit, diese „Dämonen der Städte", die„Toten im Wasser", das„Fieberspiial", die„Schwarzen Visionen" auch nicht beglücken, so lasten sie uns doch eine Persönlichkeit fühlen, die nach einem inneren Zwang zum lyrischen Gestalten getrieben wurde. Ter schnellste deutsche Zug ist seit dem 1. Juni 1911 der die Städte München und Nürnberg verbindende Vorzug zum Zug O 39, der München uin 8,4 Uhr vormittags verläßt und 10,19 Uhr in Nürnberg anlangt. Der Zug durchfährt also die 199 Kilometer lange Strecke in 135 Minuten, was einer Geschwindigkeit von 88,3 Kilometer pro Stunde entspricht. Mit der Einlegung dieses Vor- zuges, der die Strecke in einer um 3 Minuten kürzeren Dauer durchfährt als der 8 Minuten später abgehende Zug V 39, ist der schnellste Zug der deutschen Bahnen zum ersten Male auf Süd- deutschland übergegangen. Ter bis dahin schnellste Zug war der Zug O 6 Berlin— Halle, der �ie 161,7 Kilometer lange Strecke in 110 Minuten, also mit einer Stundengeschwindigkeit von 88,2 Kilo- mctcr zurücklegt. Ihm folgt der Zug D 109 Freiburg— Offenburg, der für diese 62,9 Kilometer 43 Minuten braucht, lvas einer Stundengeschwindigkeit von 87,8 Kilometer entspricht. Die iveiteren schnellsten deutschen Züge sind dann der O 3.Hannover— Stendal. der D 86 Mannheim— Karlsruhe und der O 5 Hamburg— Wittenberge, die mit einer Geschwindigkeit von 84,4, 84,6 und 86,1 Kilo- mctcr pro Stunde dahinfahrcn. Humor und Satire. Vergeßlichkeit. Erinnern wir uns doch bis ckato: wer weiß noch heut etwas von Hau? Bon Radbod und von, Pfarrer Jatho und von dem letzten Wahlradau ik— Konservativen gewesen, die das Versprechen der Regierung in Sachen der Wahlvorlage mißachtet haben, die K o n s e r- v a t i v e n, die bis jetzt noch fast jeden Reichskanzler zu Fall gebracht haben. Der Appell des Herrn v. Pappenheim an die Regierung bedeutete nichts anderes als: Wir habe» im Reichstage nichts mehr zu sagen, nun Regierung tue deine Pflicht und sorge dafür, daß unser Einfluß in Preußen gesichert wird. Herr Herold meint* treilich, die Konservativen hätten sich bei den Wahlen verhältnismäßig gut gehalte,.. Er hat ja überhaupt sehr so nderbareAn schauungen über das Wahlresultat. Wenn wirklich der Zentrumsturm so unüberwind- licki ist, wie er meinte, dann sind doch die elegischen Klagen über den Verlust von Düsseldorf und Köln unbegreiflich. Und wenn der Redner des Zentrums sogar von der Tribüne dieses Hauses herab den Regierungspräsidenten von Düsseldorf der Regierung denunzierte wegen seiner Haltung bei den Wahlen, so ist das ein charakteristlsches Beispiel dafür, wie das Zentrum über die Sicherung der geheimen Wahl denkt.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Der Ausfall der Wahlen bedeutet in Wirklichkeit nicht nur ein schweres Mißtrauensvotum gegen die Rechte und das Zentrum, sondern gleichzeitig auch gegen die Regierung nicht nur ini Reich, sondern auch in Preußen. Wir haben in allen Versammlungen darauf hingewiesen, wie die Regierung und die Mehrheit dieses Hauses dem preußischen Volke sein Wahlrecht vorenthält, und nicht zum wenigsten darauf sind unsere Erfolge bei den Wahlen zurückzuführen. Nicht nur der Block im Reichstag hat dafür gesorgt, daß wir soviel Mandate eroberten, sondern auch die Haltung der Mehrheit dieses Hauses. Wenn Sie glauben, daß sich das preußische Volk werter sein Wahlrecht vorenthalten läßt, dann irren Sie sich. Genau so wie bei dem hinter uns liegenden Wahlen wird auch in Zukunft bei allen Gelegenheiten die große Masse des preußischen Volkes durch Abgabe der Stimmzettel gleichzeitig demonstrieren gegen die Art, wie man es hier in Preußen entrechtet. Sie selbst (nach rechts) sollten in Ihrem eigenen Interesse so viel politische Klugheit besitzen, daß Sie endlich dem preußischen Volke das Wahl- recht geben, auf welches es kraft seiner Bedeutung im Wirtschafts- leben, kraft seiner Intelligenz Anspruch hat. Die Thronrede von 1903 versprach eine organische Entwickelung des Wahlrechts. Glaubt die Regierung etwa, dies Versprechen eingelöst zu haben durch die Vorlage von 1910? Es ist ein Hohn auf jede Gerechtigkeit, daß die stärkste Partei im Reiche hier nur über sechs Mandate ver- fügt. Allein in Preußen haben wir 51 Reichstags- Mandate erobert. Unter Zugrundelegung des Reichstagswahl- rechts würden wir trotz der veralteten Wahlkreiseinteilung in Preußen 97 Abgeordnete haben.(Zuruf rechts: Das könnten Sie brauckien I) Gewiß, und zwar sehr notwendig, damit auch endlich einmal bic Interessen des Volkes hier vertreten werden.(Sehr gut! bei den Soz.) Aber trotz der schreienden Ungerechtigkeit dieser Zahlen sagt die diesmalige Thron- rede kein Wort über das Wahlrecht und auch die Herren, die bisher gesprochen habe», haben kein Wort von der Wahlreform gesagt. Von Herrn v. P a p p e n he i m Ivundert uns das ja nicht, und Herr Herold vertritt eine Partei, die freilich im Programm die Ueber» tragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen fordert, die aber im Augenblick, wo es sich darum handelt, das Wahlrecht zu reformieren, Arm in Arm mit den Konservativen, den geschworenen Gegnern jeder Wahlrechtsreform marschiert.(Sehr wahr! bei den Sozi'aldcmokraten.) Wenn in der Thronrede das Wahlrecht nicht erwähnt ist, so kommt darin die Abhängigkeit der Regierung von der konservativen Mehrheit dieses Hauses zum Aus- druck. Aber die Mehrheit in diesem Hause vertritt nur eine kleine Minderheit des Volkes. Das Er- gebnis der Reichstagswahlen zeigt deutlich genug, wie gering die Zahl der Anhänger des Dreiklassenwahlrechts im Lande ist. Wir halten es für unsere Pflicht, nach wie vor die Agitation gegen dies Wahlsystem mit aller Energie zu betreiben und wir werden nicht eher ruhen, bis wir unser Ziel erreicht haben. bis zum mindesten das Reichstagswahlrecht auf Preußen übertragen ist. Wir halten es gerade in der heutigen Zeit doppelt für unsere Pflicht, gegen das Dreiklassenwahl- system zu agitieren, wo immer mehr Stimmen gegen das Reichstags- Wer denkt noch an die schlechte Leitung des Staatsschiffs?—(hält eS oder brichts' Jedwede liberale Zeitung ist aktuell und weiß von nichts. Wie rührend ist die Unschuldsgeste des Schmocks. der nur des neuesten voll—: Zum Beispiel gibt eS Ordensseste, die man durchaus beachten soll. Wie nichtig ist so eine Szene!— und so vergißt man dann und wann..., Im Reichstag sitzen hundertzehne, die denken dran! die denken dran! Kurt. Notizen. — Theater'chronik. Das Neue Theater bleibt Mitt- wach und Freitag wegen Proben geschlossen. — Vorträge. Auf Veranlassung des Zentralvereins für Handelsgeographie spricht Freitag abend 8 Uhr im Museum für Völkerkunde Landesverkehrsdirektor P o j m a n n aus Serajewo über: Wirtschaftliches aus Bosnien und Herzegowina. Gäste willkommen. Deutsche Literatur im Auslande. Von Klara ViebigS Roman: Die Wacht am Rhein ist die zehnte Auflage der französischen Ausgabe erschienen. Ein Erfolg, wie ihn in Frankreich nicht viele Werke der neueren deutschen Literatur zu verzeichnen haben.— Gerhart Hauptmanns neuer Roman Atlantis erscheint im Zeitungsabdruck im Pariser„Temps". — Die beschlagnahmte Ode D'AnnunzioS. Die italienischen Blätter machen viel Wesens davon, daß die Sammlung von D'AnnunzioS Kricgsoden, die der geldbedttrftige Barde im Stücklohn für den„Corriere della Sera" verfaßt hat. von der Staatsanwaltschaft beschlagnahnit worden ist. Schuld daran trägt „Der Sang der Dardanellen", der eine Beschimpfung des Kaisers von Oesterreich enthalten soll. Das Gericht hat 97 Exemplare be- schlagnahmen lassen. Der Band erscheint unter Weglassung der 15 beschlagnahmten Zeilen. Die Geschichte wird D'Annunzio als Reklame sehr willkommen sein. — Der Witwe Tol st vis ivurde vom Zaren eine jährliche Pension von zehntausend Rubel verliehen.— Tolstoi erleidet damit das Schicksal aller Größen in der bürgerlichen Welt: man kanonisiert sie nach ihre»: Tode, um sie unschädlich zu machen. Viele seiner Werke und die meisten seiner Ideen bleiben auf dem Index, aber sein Name und sein Ruhm lvcrdcn in den Dienst der offiziellen Heuchelei gestellt, und seine Witwe bekommt eine Pension. Welch' ein Hohn l Wahlrecht laut werden. Ich erinnere nur an die neuesten Sleuße- rungen auf konservativer Seite. Weiter verniiüen wir in der Thronrede die erneute Vorlegung des Fortbildungsschulgesetzcs, das im vorigen Jahre zurückgezogen lourde, nachdem es durch die Mehrheit dieses Hauses so reaktionär wie möglich gestaltet war. Wir vermissen ferner die Slnkündigung eines Wohiiungsgesetzes. Schon 1S(M ist ein solches Gesetz in seinen Grundziigen veröffentlicht worden. Auf unsere wiederholten An- fragen, wie es mit der Wohnungsrefonn stehe, hat die Regierung nicht zu antworten für nötig gehalten. Bielleicht ist sie jetzt bereit, diese wichtige Frage zu beaillworten. Ich kann doch nicht an- nehmen, dasi das ganze StaatSministerium �die Bedeutung der Wohnungsfrage unterschätzt. Wenn die Sterblichkeit an Tuberkulose noch immer so verbreitet ist, so ist die Untätigkeit auf dem Gebiete der WohnmigSreform mit schuld daran. Freilich die Regierung hat Wichtigeres zu tun, wie die Aus- führungsbestimmungen zum Feuerbestattungsaesetz beweisen. Ain meisten Aufseyen erregt hat wohl die Bestimmung, wonach die Virginität zu erwähnen ist. Sie ist ja zurückgezogen, aber es ist typisch für unsere Berhältnisie, daß eine solche Verfügung, die ei» Schildbürgerstück erste» Ranges bedeutet, überhaupt ergehen konnte.(Sehr wahr l links.) Aber auch im übrigen enthalten diese Bestimmungen eine ganze Reihe schi ka- n ö s e r B o r s ch r i f t e n, die den starken Verdacht erwecken, dah sie überhaupt nur erlassen sind, um dem Zentrum zuliebe die Durch- sührung der Feuerbestaitnng zu erschweren.(Sehr wahr I links.)— Ferner verlangen wir Vermehrung der Fabrikinspektorcn und Hinzu- ziehung der Arbeiter, Acrzte und Frauen zur Fabrik- inspektion. Dringend notwendig ist weiter eine Reform des kommu- nalen Wahlrechts. Die heutigen veralteten Bestimmungen werden lediglich aufrecht erhalten, um die Sozialdemokratie von der Ver- Wallung fernzuhalten, während doch selbst vorurteilslose Gegner ununiwunden aiicrkciiuen, daß die Sozialdemokraten in den Ge- meinden eine ganz hervorragende Tätigkeit ausüben. Aber in Preuste» soll, wie üblich, nicht die Tüchtigkeit, sondern gute Ge- s i n n u n g ausschlaggebend sein. Vor allem verlangen Wir auch hier daS gleiche, geheime und direkte Wahlrecht. Wenn all' dies in der Thronrede fehlt, so beweist daS, daß die Regierung sich in bewußten Gegensatz stellt zu den Wünschen der großen Masse des Volkes, daß sie lediglich die Sachwalterin der Interessen der herrschenden Klassen ist. Aber auch Wünsche der Mehrheit dieses Hauses tritt die Re- gierung mit Füßen. Trotzdem das Haus im vorigen Jahre ein- stimmig die frühere Einberufung des Landtags gefordert hat, ist er diesmal zu dem nach der Versasiung spätest zulässigen Termine ein- berufen worden. Offenbar wollte man die Auseinandersetzungen zwischen den Parteien bis nach den Wahlen verschieben. Was unsere Erfolge bei diesen Wahlen anlangt, so sind sie um so glänzender, weil wir sie errungen haben trotz der veralteten Wahlkreiseinteilung, die dem Zentrum und den Konservativen zugute kommt. Gerade die 83 Mandate des Zentrum« sind in Kreisen >nit ganz geringer Bevölkerungszahl errungen. Wir haben unsere Erfolge erzielt, obwohl der ganze amtliche Apparat gegen uns mobil gemacht wurde. Wir, die angeblich 1907 Niedergerittenen sind als Sieger aus dem Wahlkampfe hervorgegangen. Die Regierung hat sich eine Niederlage geholt, aus der sie eigentlich die Konsequenz ziehen müßte. Scheinbar hat die Regierung eine gewisse Unparteilichkeit bei diesen Wahlen gezeigt, aber nur scheinbar. Denn in Wirklichkeit hat sie doch vor dem Erlaß zur Sicherung des Wahlgeheimnisses einen Erlaß herausgegeben, wodurch die Regierungspräsidenten be- auftragt werden, alles zu berichten, was sich im Wablkampse ereignet und waS ge-ignet ist, die Stimmung der Bevölkerung zu be- einflussen. Während aber durch diesen Erlaß die Behörden zur Uederwachung der Agitation gegen den schwarzblauen Block be« auftragt wurden, hat man sich in den L a n d r a t s ä m t e r n den Teufel um den Erlaß zur Sicherung des Wahlgeheimnisses, zur Vermeidung von zu kleinen Wahlbezirken und von ungeeigneten Wahlurnen gekümmert. Vielfach wurde» so kleine Wahlbezirke geschaffen, daß das Wahlgeheimnis durchbrochen erscheint, als Wahllokale wurden Amtsstuben, Gutsschreibereien usw. be- stimmt und überdies haben sich so manche konservative Kandidaten nicht gescheut, selbst als Wahlvorsteher zu sunktionieren. In wie parteiiicher Weise die Regierung aus die Wahlen eingewirkt hat, geht zur Genüge aus den K r e i S b l ä t t e r» hervor. Ich habe in der Wahlzeit viele Lügen lesen müssen, aber die blödsinnigsten stehen »och in den Kreisblättern. Da heißt es, die Sozialdemokratie wolle sämtlichen Müttern die Kinder wegnehinen, sie wolle teilen usw. Vielleicht würde uns Herr Dr. Hahn, der hier im Hause Rednerkurse abhält(Große Heiterkeit links), einmal ein Zimmer überlassen, wo wir auf unsere Kosten die Landräte über unsere Bestrebungen unterrichten könnten.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Natürlich geschieht das, WaS oben geschieht, in verbesserter und vermehrter Form weiter unten. Das beweist u. a. daS Rund- schreiben zu Geldsammlungen für die konservative Partei, das von dem LandcSsyndilus der Provinz Brandenburg, Gerhardt, Berlin W., Malthäilirchstr. 20/21, gezeichnet ist. Dieses Haus ist Eigentum dcS Provinzial-Landiags der Provinz Brandenburg und eS wird außer von den LandeSdirekloren nur von den Bureaudirektoren und zwei Dienern bewohnt. Aus diesem für die Zwecke der Landesverwaltung bestehenden Hause werden Aufrufe zu Geld- jammlungen für die Konservativen verschickt!(Gelächter rechts.) Eine ungeheuerliche Wahlbeeinslussung stellt der bekannte Aufruf an die Beamten dar, worin die Abstimmung für die Sozialdemokratie als unvereinbar mit deni Diensteid hingestellt wird; ebenso übrigens in der„Nordd. Allg. Ztg." vom 7. Januar. Mit der Freiheit der Wahl hat der Diensteid nicht das geringste zu tun.(Widerspruch rechts.) Ja, verlangen Sie. daß der Beamte Ihnen auch seine Ueberzeugung verkaufe! Welche politische Heuchelei ziehen Sie groß!(Sehr wahrl links.) UebrigenS nützt Ihnen daS alles nichts. Sie selbst sind überzeugt, daß vielleicht mehr Beamte sozialdemokratisch stimmen, als konservativ. Sie haben höchstens auch Beamte zur Unterzeichnung solcher Aufrufe gezwungen, die dann doch nicht im Sinne dieser Aufrufe gestimmt haben. Die EinigungSvrrsuche des Herrn von Bethmann Hollnieg sind daran gescheitert, daß erfreulicherweise immer weitere Kreise des liberalen Bürgertums und auch derjenigen, die bisher auf daS Zentrum hereingefallen sind, zu der Einsicht kommen, daß der kon- servativ-klerikalen Herrschaft in Preußen und Deutschland ein Ende gemacht werden muß.(Bravo I links.) Selbst in Rheinland sind Herrn v. Rheinbaben diese Bestrebungen mißglückt. ES kann eben nicht verhindert werden, daß die große Mehrheit des Volkes ihrer sozialdemokratischen Ueberzeugung Ausdruck gibt, nicht durch den Stimmzettel, sondern selbst auch durch die öffentliche Stimmen- abgäbe. Auch durch die Mittel, die Herr v. Pappeuheim empfahl, als. er meinte, die Arbeiter müßten zum Dank für WohlfahrtS- einrichtungen so wählen, tvie die Regierung es wünscht, kann der Ausdruck der wahren Volksmeinung nicht verhindert werden.(Sehr währ! bei den Sozialdemokraten.) Besonders aufgeregt hat mau sich über das taktische Zusammengehen zwischen der Sozialdemokratie und der Fortschrittlichen Volkspartei. Wie war die Sache: Wir haben auf dem Jenaer Parteitag die bekannten Bedingungen aufgestellt, unter denen wir bei der Stichwahl für bürgerliche Kandidaten stimmen. Diese Bedingungen sind ja außerordentlich milde(Lachen im Zentrum), eine ganze Reihe Kandidaten haben Sie unterichrieben(Gelächter und höhnische Zurufe im Zentrum.) Sie hätten es auch gern getan.(Stürmische Heiterkeit links.) Eine ganze Reihe von Ihnen (zum Zentrum) haben auch uns gegenüber solche Verpflichtungen schriftlich abgegeben, nur mit dem lluterschiede, daß Sie sie nicht gehalten haben. Wir habe» als das Ziel des Wahlkampfes die Riederringung des schwarz-b lauen Blocks betrachtet. Bor de» Stichwahlen hat dies der sozialdemokratische Parteivorjtand, aber auch die Leitung der Fortschrittlichen Volkspartei nochmals an- erkannt. Da war ein taktisches Zusammengehen selbstverständlich. Wir bedauern nur, daß cS uns trotzdem nicht in allen Wahlkreisen gelungen ist, die Reaktion aus dem Felde zu schlagen.(Heiterkeit rechts und inr Zentrum.— Zurufe der Sozialdemokraten: DaS nächste Mal!) Wenn nun der Fortschrittspartei daS taktische Zusammengehen als Schwerverbrcchen angerechnet wird, dann sitzen im Zentrum Gewohnheitsverbrecher!(Große Heiterkeit.) Das Zentrum ist, wenn es auch Herr Herold bestreitet, auch 1907 mit der Sozial- demokratie bei den Stichwahlen zusammengegangen und Herr Herold bestreitet das hier, wenige Tage, nachdem seine Freunde in Oberschlesien mit uns Geschäfte gegen die Polen macben wollten. In der Zentrumspresse wird auch das Stich tvahl- bündnis init uns im Fahre 1907 geleugnet. Was wird in derZentrums- presse nicht alles geleugnet!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich nehme an, daß Herr Herold mit seiner Warnung vor einer ge- wissen Presse auch die Kaplanspresse gemeint hat, die das Volk in Dummheit erhalten will, indem sie die Wahrheit verdreht.(Zu- stimmung links.) Der Redner verliest sodann die bereits bekannten Briefe zwischen dem ZenlrumSabgeordneten Müller-Fulda und den Genossen Singer und Bebel zwischen den Haupt- und Stich- wählen von 1907 und führt dadurch den akteninäßigen Beweis, daß damals das Zentrum mit der Anbahnung der Stichwahlbündnisse an uns herangetreten ist, wobei Müller-Fulda selbstverständlich nicht als Privatperson über die einzelnen Wahlkreise verhandeln konnte. Tie Briefe Mllllcr-FuldaS sind ja als vertraulich bezeichnet (Hört! hört l im Zentrum.), aber darum können wir doch nicht, die wir von Ihnen immer als die Teufel hingestellt werden, während Sie sich als die Engel hinstellen, auf ihre Verwendung als Beweis- material verzichten, denn sonst würden Sie sagen: Da schreiben wir einfach„Vertraulich I" darauf und dann können die uns nichts be- weisen!(Heiterkeit; Sehr gut! links.) Wir aber erklären offen, daß das S t i ch w a h l b ü ii d n i s b e st a n d, während das Zentrum es leugnet. DaS Bündnis im Dom zu Speyer wird ja auch von Ihnen selbst nicht mehr geleugnet. Und nicht nur in O b e r s ch l e s i e», sondern auch in Elsaß-Lothringen ist bei den letzten Wahlen von Ihrer Seite einem meiner Freunde, dem Reichstags-Abgcordneten Bohle- Straßburg. ein Bündnis für dieStich wählen angeboten worden.(Hört! hört! links.) Ja, es sind doch mehrere ZentrumSabgeordnete erst in dieses Haus gewählt worden, nachdem sie sich schriftlich verpflichtet hatten, für das allgemeine gleiche Wahlrecht in Preußen, für die Neueinteilung der Wahlkreise und für die Unterstützung aller Wahlreformanträge einzutreten. Selbst mancher Konservative hat schon versucht, sozial- demokratische Stichwahlhilse zu erlangen. Der konservative Kandidat Streckis hat unsere Bedingungen unterschrieben und war auf unserem Bureau. Derselbe Herr hat sich allerdings auch den Bedingungen des Bundes der Landwirte unterworfen!(Stürmische Heiterkeit.) Sonst aber hat die kon- servative Partei versucht, sozialdemokratische Vertrauensmänner zu bestechen, so in Löwenberg und Marien bürg, hier kann es auch die Reichspartei gewesen sein.(Zurufe rechts.) Die Aussagen unserer Vertrauensleute, die Ihre Bestechungsgelder zurückgewiesen haben, sind mindestens so glaubwürdig, wie Ihre Ableugniingen I (Stürmische Zustimmung links.) Das Zentrum aber hat gar kein Recht, in sittlicher Entrüstung zu machen, denn bei den Stichwahlen kommt es gar nicht darauf an, für Prinzipien ein- zutreten, sondern eine kluge Taktik zu treiben. Uebrigens hat ja der Zentrumsführer Gröber selbst in seiner bekannten Reichs- tagSrede alle Stichwahlbündnisse mit der Sozialdemokratie glänzend gerechtfertigt. Warum aber entrüsten Sie sich, die Sie immer über lozialdemokratischen Terrorismus schreien, nicht über den viel schlimmeren Terrorismus, der namentlich von den Konservativen ausgeübt und von der Mehrheit dieses Hauses geradezu verlangt wird.' Den Forstarbeitern wurde mit E n t- lassung gedroht, gewerkschaftlich organisierte Arbeiter wollen Sie nicht im Staatsdienst habe» usw. Nun einige Worte über den Etat.(Heiterkeit rechts.) Bei der günstigen Finanzlage liegt g a r kein Grund dazu vor, die vor zwei Jahren bewilligten Steuerzuschläge aufrecht zu er- halten oder neue Steuern zu bewilligen. Dazu haben wir um so weniger Anlaß, als man an eine Aenderung des Wahlrechts nicht denkt, ja sogar mit Verschlechterungsabsichten umgeht. An eine Reform des Dreiklassenwahlrechts ist nur zu denken, wenn die bürgerliche Linke bei den nächsten Landtagswahlen sich entschließt, mit der Sozialdemokratie zusammen, ohne daß beide Parteien auch nur das geringste von ihren Prinzipien aufzugeben brauchen, den gemeinsamen Kamps gegen die Reaktion zu sühren. Dann wird der nächste Landtag e i n ganz anderes Gesicht zeigen, dann wird es uns auch hier gelingen, den Konservativen und dem Zentrum eine ganze Menge Mandate zu entreißen. Wenn ein solches taktisches Zusammengehen wie bei den letzten Reichstagswahlcn auch bei den nächsten Land- tagswahlen gelingt, dann wird die Axt an die Wurzeldes D r e i k l a s s e n w a h l s y st e m S und damit zugleich an die Wurzel der preußischen Reaktion gelegt werden können. Möge es uns gelingen, auf diese Weise den alten Junkerstaat Preußen zu stürzen und auf seinen Trümmern ein neues, ein modernes, ein frei- beitliches Preußen aufzubauen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Das Haus vertagt sich. Abg. Frhr. v. Zedlitz(fk.) erklärt, mit dem Bestechungs- versuch im Wahlkreise des Herrn v. Oldenburg nichts zu tun g e h a b t zu haben. Abg. Hirsch(Soz.): DaS habe ich auch nicht gesagt. Der Ver- such ist verübt worden an unseren Kassierer und aus- gegangen von einem Herrn Blumenthal. Abg. GronowSki dessen junge Frau vorige Woche gestorben ist, wurde plötzlich tobsüchtig. Dabei hat Nomicki seine vier Kinder im Alter von 2—9 Jahren buch- stäblichabgeschlachtet. Eine feine Familie. In der russischen Ortschaft K 0 l 0 g r i w wurde der millionenreiche Gutsbesitzer C h e r 0 w wegen An- stiftung zum Mord verhaftet. Cherow hatte sich mehrere Leute gedungen, die seinen eigenen Sohn ermorden sollten, weil dieser ihn unter Kuratel stellen lassen wollte. Sturm auf der Adria. An der italienischen Küste wütet ein furchtbarer Sturm. Ein Arbeiter wurde von der Bora erfaßt und vor einen rollenden Eisenbahnzug geworfen, überfahren und getötet. Auch sonst sind zahlreiche vom Sturme verur- sachte Unfälle zu verzeichnen. Schiffsunfälle sind noch nicht bekannt._ Wasserstands-Nachrichten der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. ') st- bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpegel.—*) Eisstand. Todes-Anzeigen Sozialäeinokratiseti.WalilTerelD für den 4. Berl. Reielistap-Walreis. Stralaucr Viertel. (Bezirk 328 V.) Den Mtglicdern zur Nachricht. daß unser Genosse, der«kaftwirt Gustav Wendt Bödickcrstr. 30 gestorben ist. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 31. Januar, nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle ecSAuserstehungs-Kirchhoses in Wcißensce aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 2lZ/U Ter Vorstand. Ärheiler- Rafllahr.- Solidarltät Ortsgruppe„Berlin». Allen Bundesgenossen die traurige Nachricht, daß unser lang- jährtges Mitglied Gustav Wandt (4. Abteilung» am 27. Januar vcrtwrben ist. Ehre seinem Andenken l Tie Beerdigung findet heute Mittwoch, den 31. Januar, nach. mittag- 3 Uhr. von der Leichen- halle deSAufcrstchuugs-LkirchhosrS in Weißensee, Lichtenberg«: Straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 10/9 Der Vorstand. SoziaidemoMcherWahlyereü] des 8. Berl. Reielistags-Walilkreises. Am 29. Januar verstarb unser Genosse, der Fuhrherr WilKelm Colditz Ruheplatzstr. 12. Ehre seinem Andenken Z 'Die Beerdigung findet am Donnersag, den 1. Februar, nach. mittags 1-/. Uhr. von der Halle des städtische» FncdhoseS, Müller. Ecke Secslraße aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 225/2 Der Vorstand. des 8. Berl. BeieliZtagz-ValillMM. Ilm 29. Januar verstarb unser Genosse, der Maurer I�emKold Brisch Kastanien-Allee 29/30. Ehre feinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den t. Februar, nach- mittags 2 Uhr, vom Trauerhause aus nach dem Zions-Kirchhos in Niederschönhausen-Nordend statt. Um rege Beteiligung ersucht 225/1 Vve» Vorstand. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme sowie Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage allen Freunden und Bekannten sowie auch den Kollegen der Deutschen Riles- Werke und den Pacht«» der Kolonie Grönland meine» herzlichsten Dank. Banz Kirmes nebst 0 Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Groß-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- sührer Wilhelm Colditz am 29. Januar im Alter von 38 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. Februar, nach- mittags 1'/, Uhr, von der Leichen- halle des Charits- Kirchhofes, Müllersiraße, Eingang Seestraße, auS statt. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschkensührer R-snz Klein am 29. Januar im Alter von 61 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am Domierstag, den 1. Februar, nach. mittags 1 Uhr. vom Trauerhause. Se«str. 113 aus, nach dem Charite-Kirchhos statt. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Rollkutscher Wilhelm»srkert am 29. Januar im Alt« von 38 Jahren verstorben ist. Di» Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. Februar, nach- mittags 3 Uhr. von der Leichen- Halle des FriedhoseS der Himmel- sahitgemeinde, Nieder- Schon- Hausen, aus statt. Ehre ihrem Andenken! Um rege Beteiligung ersucht 61/13 vi« BezieltsveewaUnng. Am Sonnabend, den 27. d. N., verstarb mein lieber Man» und Vater 1782L -Ulbert(iräben Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. Februar. nachmittags 4 Uhr. von d«Leichen- Halle in Marzahn ans statt. Witwe-Hinn-,<»ritl>rn uebst Tochter. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todesanzeigen. Den Kollegen zur Nachricht. daß uns« Mitglied, der Heiser Gustav Krabel am 28. Januar gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnersiag, den 1. Februar, nach- mittags ä'l, Uhr, von der Leichen- halle des' St.-Scbastian- Kirch- hoses in Reinickendorf aus statt. Fem« starb unser Mitglied, der Metallarbeiter Max Perseke am 26. d. Mts. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 31. Januar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- balle des' Luisen« Kirchhofes, Fürstenbrunner Weg aus statt. Ferner starb der Rohrleger unser Mitglied, Karl Schnotale am 28. d. MtS. an Arterienver« kallung. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 31. Januar, nach mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle deS Katholischen Kirchhofes tn Mariendorf aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Mechaniker Karl Schmidt am 27. Januar an Zuckerleiden. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 31. Januar, nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- Halle de» Heilig-Kreuz-Kirchhoses in Mariendors au» statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 111/13 Die O»»över»valtung. Zircialdeiiililti'at. ffablverein Rixdorf. Nachruf. Am Freitag, den 26. Januar, verstarb nach langem Leiden an den Folgen ein-r Operation unser lieberParteigeuosse, der Verbands- sekretär für Groß-Berlin keopold kiepmann. Trotzdem der Verstorbene erst seit kurzem zur hiesigen Partei- organisation übergetreten war, vermochte er durch sein liebens- würdiges Wesen und Wirten sich die Liebe und Achtung der Partei- genossen zu gewinnen. Die Rixdorscr Parteigenossen werden dem Dahingeschiedenen ein ehrendes Andenken be- wahren. 236/8 0er Vorstand. Verband der Demeinde- und Staatsarbeiter. Filiale Grofi-Uerlln. Durch den Tod ist uns einer unserer Mitkämpfer, der Kollege franz Schilzki von der Sektion Lichtenberg ent- rissen worden. Wir w«dcn ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung findet heute Mittwoch, den 31. Januar, nachmittags Uhr vom Fried- hos in Marzahn aus statt. 33/6 Die Ortsverwaltuug. Danksagung Allen denen, die unserem lieben, unvergeßliche» Sobne Hans die letzte Ehre gegeben baben, sagen wir hiermit unseren besten Dank. 2744b Walter Bieoasch�»«. Danksagung. Für die überaus große Teilnahme und die trostreichen Worte bei der Beerdigung unseres heißgeliebten Mannes und Vaiers Leopold Liepmann sagen wir allen Parteigenossen, Freunden, Bekannten und Ver- wandten, besond«s dem Partei- vorstand, dem Verbände Groß-Berlin, der„Vorwärts-- Redaltion, dem 5. Kreise, der Neunerkommission, dem Zentralverband der Handlungs- gehilsen, der OrtSkrankentasse sowie den Sängern der Typographia den allerherzlichlten Dank. 2743b Frau Fils« l-lopmann Margarete Lilepmann zugleich im Namen der Hinterbliebenen. Am Sonntag entschlief nach langen Leiden mein lieber Mann und Vater, der Restamateur Hans Machwitz. Dies zeigen tiefbetrübt an vis trauernden ttinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, mittags 12'/, Uhr, vom Trauerhause, Plantagcnstr. 5, aus nach dem Städtischen Fried- hos. Seestraße, statt. 2745b Danksagung. Für die herzliche Teilnahme sowie reichen Kranzspenden bei der Bc. crdigung nieines lieben Mannes und guten Vaters 2741b Emil Brock sagen wir allen Verwandten, trennden und Bekannten unseren esten Dank. Auguste Brook und Kinder. Eztra-�btellnng . Gesch.; Berlin W., Mahren- 1 StraBe37a(2. Haus von der| Jerusalemer StraSe). jll. Gesch.; Berlin NO., GroBel Frankfurt. Str.1tS(2. Haus| von der AndreasstraBe). 1 Sehrgr.Ausw.fert. Kleider,! Hüte, Handschuhe, Schleier 1 ehe. v. einfachsten bis zum| | hochelegant.Genre z. äußerst j niedrigen Preisen. Sonder-Abteüung: Mußanfertlgung in 10 bis 12 Stunden. Danksagung. Für die liebevolle Anteilnahme und Kranzspenden bei der Be- crdigung meiner lieben Frau sage den Genossen und Kollegen tm Namen der Hinterbliebenen besten Dank. Aupust Biarr nebst Kindern, Schankwirt, Pettenkoser- Straße 34. Danksagung. Hiermit sagen wir allen Bekannten und Verwandten unseren herzlichsten Dank für die reichen Kranzspenden, sowie sür die rege Beteiligung bei Beerdigung unseres lieben Sohnes und Bruders 91a». 17832 Familie Henschel. Fiauseh- Stoffe, angewebten Futter, sür Ulster, Jnventmpreis jetzt Mir. 3 u. 4,50 M. Tuch Inger Koch& Seeland, G.m.b.H. Certrauilteiistr. 20-21,$ÄÖ' Reparaturen. SPez.: Unerläßlich saubere Mensur sür Schüler. Tonverbesse» rung, aus Wunsch auch solche, die dem alt-italienischenTone täuschend ähnlich ist. Wesent» liche Vorteile und eventuelle Ratenzahlung sür Vorwärts- Abonnenten. Ungewöhnlich ehrende Anerkennungen. LmN Toitssainf. WerksfStfe für Kunstgeigenbau in Berlin C., Joachimstr. llo. Bis Sonnabend bei Einkauf von M. 20.— an, um meine Herbst* und Winterlager ganz zu riumen —— Auf Wunsch ! gratis 213 in doppeltbr. Stoff! UVorfm�nn Hohrenstrasse 37a W CaimalllK Gr. krankurterZtr.l 15...7�. 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Zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird erwartet. Donnerstag, den 1. Februar 1912, abends S'/z Uhr: KeÄ-Versammlung für Moabit- in den Prachtsälen Nord-West, Wiclefstr. 24. Tagesordnung: I. Bortrag des Genossen I»,'. Bruno Borcbardt. 2. Neuwahl der Bezirksleitung. Mitgliedsbuch legitimiert.-MW Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet 111112___ Die Ortuverwaltung. ZentralverbanddeiGlasarbeiteri Achtung! undArbeiterinnen Deutschlands. OrtsverwaUang Berlin. Achtung! Glasschleifer, Glasbläser. Donnerstag, den 1. Aebruar, abends 8 Uhr: Quartals- Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung vom 4. Quartal 1911.— Bericht der Ortsverwallung.— Aeuwahl.— Einführung eines UnterstützungssondS.— Verschiedenes. Es ist Pflicht, dag alle Mitglieder erscheine». 71/1_ Die Ortaverwaltuws- I. A.: A. Schröder. Deutscher Kürschner-Verband. Filiale Berlin. »Urea« u. Arbeitsnachweis: NO. 43, Weinflr. 8. Fernspr.: Königstadt K789. Donnerstag, den 1. Februar 1912, abends 8 Uhr: Oeffentliclie Versauiniluiig aller in der Mützen- u. Pklrbrnnche beschäft. Arbeiter».Arbeiterinnen in den Sophiensäle». Sophienstr. 18(neben A. Wertheim). Tagesordnung: 1. Der Kampf i» der Müheubranche und die sozial- politische Nülkständigkeit des Slrbcitgebcrverbandes. Referent Kollege A. Keggv. 2. Diskussion. 3. BerschiedeneS. Die Herren Fabrikanten sind brieflich eingeladen! Zahlreichen Besuch erwartet slvv/ss Die Ortsverwaltung. tv Kar Verwaltung Berlin. Modell- und Fabriktischler. Donnerstag, den 1. Februar, abends 8 Uhr, im Roseuthaler Hof, Rosenthaler Straße 11/12:„ Branchen- V er�aminlung. Tagesordnung: 1. Bericht der Kouimission. 2. Neuwahl der Kom- Mission, 3. Verbands- und Brauchenangelegenheiten. Einsetzer. Konntag. den 1. Februar, im Gewerkschaftshanse, grofter Saal: Srcnhe« Wintervergnngen. Konzert». 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Waldmannslnst, Hcrmsdorf und Kclnickendorf- West: Poul Sienaft, Borsigwalde. Räuichstratze 10 Teltow: Wilhelm B o n o w, Teltow, Berliner Str. 16. Tcrnpclhof: Frantz, Berliner Stratze 76. Laden. Treptow: Rod. Gramenz. KieiHolzslratze 412. Laden. Wc»üeusce: K. Fuhrmann«edaaftr. 105, parterre. Wilmersdorf-B alcnscc-Schmargcndorf: Paul Schubert. WihelmSaue 26. Zeuthen, Allersdorf: Ernst Hüttig. Zeuthen, Dorsstr. l5. Sümttiche Parleüileralur sowie alle wisseuschasllichen»erke werde:: geivuut. Verantwortlicher Redakteur: Albert Wach?. Berlin. Für den Lnseratenteil verantw.; Th. Glocke. Berlin. Druck u.Berlag: Vorwärts Suchdruckerei u. Berlagdavstalt Kaul Sioger u. 9fis aerlinSÄ» Hr. 25. 29. Iahrgav� 2. KcilW Ks Joniiätts" ßttliiitt Jüislilntl. Zwölfter Parteitag der englische» Arbeiterpartei. Birmingham, 26. Januar.(Eig. Bcr.) (Dritter Tag.) Gleich zu Anfang der Sitzung wurde beschlossen, ein Tele- ramm an die deutsche Sozialdemokratische iartei zu schicken, um sie zu den am Donnerstag erfochtenen Siegen zu beglückwünschen. Der Vorstand berichtete alsdann über die Finanzen des kommenden Jahres, die durch den Beschluß der gestrigen Sitzung ungeregelt gebliehen waren, und schlug einen jahrlichen Beitrag von 2 Pence für jedes Mitglied vor. Von verschiedenen Delegierten wurde darauf die Annahme des ursprünglichen Vorschlages des Vorstandes befürwortet mit der Begründung, daß die finanziellen Opfer, die die Gewerkschaften brächten, schon jetzt schwer genug seien. Dieser Antrag, der den von der vorigen Sitzung wieder umwarf, wurde mit 1 173 666 gegen 423 666 Stimmen angenommen. Von den Gewerkschaftskartellen zu Portsmouth und Hudders- field und dxr Fabischen Gesellschaft ging eine Resolution aus, die das Versicherungsgesetz kritisierte. Es hietz darin, daß gewisse Klauseln des Gesetzes die Schwierigkeiten, mit denen die Gewerkschaften zu kämpfen hätten, vermehrten; daß die Verteilung der Lasten ungerecht fei, daß die Behandlung der wirtschaftlich schwächsten Personen ungerecht sei; die Arbeiterpartei müsse die Reduzierung der Arbeiter- und Unternehmerbciträge anstrebe», um sie schließlich gänzlich abzuschaffen. Der Begründer der Resolution forderte, daß die Lasten der Versicherung auf die Schultern derjenigen Personen zu legen seien, die wie die Landmonopolisten, Eigentümer der Slams und die großen kapitalistischen Ausbeuter für das Bestehen und die Verbreitung der Krankheiten hauptsächlich verantwortlich gemacht werden müßten. Sanders(Fabier) bezeichnete die Einführung der Beitrags- Pflicht als einen sozialen Rückschritt. Die Konservativen nähmen sich an der liberalen Sozialreform ein Beispiel. Die konservative Sozialreform, mit der nach den Stimmen der Arbeiter geangelt werde, sei auf denr Grundsatz aufgebaut, daß die Arbeiter für alle sozialen Reformen selbst bezahlen müßten. M a c D o n a l d machte die Resolution lächerlich. Der Vor- stand könne nichts dagegen haben, wenn die Resolution ange- nommen werde. Die Arbciterparteiler im Parlament hätten genau dieselbe Kritik an dem Versicherungsgesetz geübt, von der in der Resolution die Rede sei. Knee(Londoner G. K.) bezeichnete das Versicherungsgesetz als ein Viviscktionscxperiment und S e x t o n(Dockarbeiter) vcr- urteilte die im Gesetz enthaltene Ungerechtigkeit, datz Gelegen- heitsarbeiter, von denen 56 Proz. durchschnittlich nicht mehr als 7/4 Schilling die Woche verdienten, einen wöchentlichen Beitrag zur Krankenversicherung in der Höhe von 4 Pence entrichten müssen. Die Resolution wurde mit großer Mehrheit angenommen. Die I. L. P. und der Textilarbeitervcrband hatten folgende Nesolution über die Kriegsfrage eingereicht: „Da der Parteitag der Ansicht ist, dasi der Krieg den sozialen Fortschritt und die Wohlfahrt der Arbeiterklasse bedroht und schreckliches Elend, Verlust an Menschenleben und Vergeudung materieller Güter im Gefolge hat, spricht er sich wie in vcr- gangenen Jahren gegen die wachsenden Rüstungslasten aus und protestiert gegen den Militarismus und die allgemeine Wehr- Pflicht in jeder Form; er erklärt, daß nationale Streitigkeiten auf dem Wege der Schiedsgerichte beigelegt werden sollten, und fordert die Arbeiter aller Länder auf, ihren ganzen Einfluß iin Interesse des Friedens und der Völkerverbrüderung einzusetzen. Der Parteitag ist auch der Ansicht, daß das wirksamste Mittel zur Erreichung dieses Zieles die Vermehrung der Arbcitcrver- treter in den Parlamenten der verschiedenen Länder ist, damit es den Regierungen unmöglich gemacht werde, einen Krieg an- zufangen." Die Resolution wurde einstimmig angenommen, nachdem ein Zusatzantrag der Arbeiterpartei von Barrow-in-Furneß(wo Rüstungchi fabriziert werden), in dem verlangt wurde, das Recht auf Arbeit oder Unterhalt solle erst anerkannt werden, ehe man die Rüstungen abschaffe, mit überwältigender Mehrheit abgelehnt worden war. Bruce Glasier begründete im Namen der I. L. P. einen Antrag, in dem der Vorstand beauftragt wird, bei den verschiedenen Sektionen anzufragen, wie diese sich zu der I d e e eines Streiks oder General st reiks zur Verhü- tung der Mobilmachung stellten. Der Antrag wurde von Shaw(Weber) heftig bekämpft. Der Redner beschuldigte die Antragsteller, daß sie ihre Ansichten in bezug auf den Streik voll- ständig geändert hätten. Im Anfang der Bewegung hätten sie alle Anstrengungen gemacht, um die Gewerkschaftler von der Nütz- lichkeit der politischen Aktion zu überzeugen. Nun, da ihnen dies gelungen, kämen sie mit dem Generalstreik. Ein solcher Streik bedeute den Bürgerkrieg, der bei weitem schlimmer sei als ein Krieg zwischen Nationen. Eine Organisation, die einen General- streik inszenieren könne, vermöge auch die politische Situation zu beherrschen. Er fei ganz und gar gegen die Idee. Der Parteitag möge den Sekretär beauftragen, dem Internationalen Kongreß zu berichten, daß die Arbeiter Großbritanniens so ganz und gar gegen den Generalstreik zur Verhütung eines Krieges seien, daß sich eine Anfrage bei den Organisationen nicht ver- lohne. H c n d e r s o n(Parteisekretär) befürwortete die Annahme der Resolution, in der ja nur eine Anfrage beantragt werde. Die Resolution wurde dann mit 1323 606 gegen 155 666 Stimmen an g e n o m m e n. In einer Resolution, in der die persische Politik der englischen Regierung scharf verurteilt wurde, nahm K e i r H a r d i e das Wort. Er führte folgendes aus: Die Arbeiter- Partei verurteile die ganze auswärtige Politik der liberalen Rc- gierung, wie sie in dem stillschweigenden Einvernehmen Englands in den Raubzügen nach Marokko, Tripolis und Persien zum Aus- druck komme. Die auswärtige Politik des Landes werde von einer kleinen Clique bestimmt, die über die Geschicke Englands bestimme, als habe der englische Bürger kein Wahlrecht. Und diese Lenker , der auswärtigen Politik, die Zierliche Verträge, in denen sie sich verpflichteten, die Selbständigkeit kleiner Nationen aufrecht zu erhalten, ohne Zeremonie brächen, machten augenblicklich den Berg- arbeitern darüber Vorwürfe, daß diese beschlossen hätten, ihre Verträge mit den Unternehmern nicht einzuhalten. Der in der auswärtigen Politik befolgte Kurs werde unvermeidlich zum Mili- tariSmus, zur allgemeinen Wehrpflicht und zu einer gewaltigen Verstärkung der Heeresmacht ja Indien führen. Die Interessen des Großhandels und der ho. m Finanz bestin mten den deutsch- feindlichen Charakter dieser Politik. Um das Attentat gegen die Selbständigkeit Persiens zu rechtfertigen, werde.gesagt, daß Ruß- land in Nordpcrsien sei, um ordentliche Zustände herbeizuführen. Die russische Regierung sei aber wahrhaftig nicht die Regierung, die anderen Ländern etwas lehren könne. Er habe weder Zu- neigung zur russischen noch zur deutschen Regierung. Wenn er aber zwischen beiden zu wählen hätte, so würde er sich ohne Zö- gern für die deutsche Freundschaft aussprechen. Der brutale Zaris. mus habe im englischen Volke keinen Freund. Die Leute, die vor einigen Tagen als englische Deputation nach Russland gereist, verträten nicht das englische Volk. Sogar die harmlosesten Libe- ralen. die sich abfällig über die Gewaltherrschast des Zarismus ausgesprochen hätten, habe man von der Deputation ausgeschlossen. Die Resolution wurde von Anderson(I. L. P.) in einer temperamentvollen Rede unterstützt und dann einstimmig an- genommen., Einstimmig angenommen wurde auch eine Resolution, die gegen die drakonischen Urteile protestierte, die in der letzten Zeit gegen Arbeiter und Arbeitervcrtrcter wegen Strcikvergehen gefällt worden lind. Längere Debatten riefen noch die Anträge zu den Punkten Wahlrecht und Unterrichtsfrage hervor. In der Wahl- rechtsresolution hiess es, dass keine Wahlrechterweiterung annehm- bar sei, die nicht den Frauen das Stimmrecht gebe. Gegen diesen Passus wandten sich die Bergarbeiter, die das allgemeine Männer- Wahlrecht für den Fall, dass sich im Parlament für das Frauen- stimmrccht keine Mehrheit finden sollte, nicht gefährden wollen. Die Resolution wurde schließlich mit 616 666 gegen 686 666 Stimmen (wie das Bureau mitteilte) in der vorgeschlagenen Form ange- nommen. Die lange Resolution zur Schulfrage enthielt die Forde- rung, daß das schulpflichtige Alter auf 16 Jahre hinaufzusetzen sei. Hiergegen sprachen sich die Bergarbeiter und Textilarbeiter aus. Ihre Wortführer waren jedoch etwas beschämt, sie erklärten beide, daß sie die rückständigen Ansichten ihrer Auftraggeber in dieser Frage nicht teilten. Tie Resolution wurde jedoch angenommen. Am Schluß der Morgensitzung überreichte der Vorsitzende dem Genossen Molkenbuhr im Namen des Parteitags ein kleines Geschenk und Andenken in Gestalt der Werke Shakespeares. Molkenbuhr dankte mit einigen herzlichen Worten, versicherte dem Parteitag, daß die in Birmingham verlebten Tage die glück- lichsten seines Lebens seien. Sie hätten ihm bewiesen, daß die Solidarität der Arbeiterklasse ein realer Faktor sei und nicht nur ein schönes Gefühl. In der N a ch m i t t a g s s i tz u n g fand der„Kindermord zu Bethlehem" statt, wie unsere englischen Freunde humoristisch die massenweise Abschlachtung der noch unerledigten Anträge nennen. Nur ganz zu Ende, als der Vorsitzende den Parteitag schon schließen wollte, kam es noch einmal zu einer Debatte über einen Antrag, den alle ausser dem Antragsteller vergessen hatten. Der von dem Glasgowcr Gewerkschastskartcll eingebrachte Antrag bedauert den Mangel an Disziplin in der parlamentarischen Fraktion, verurteilt das Vorgehen des Parlamentariers C r o o k s, der die Vaterschaft einer recht zweifelhaften Vorlage auf sich nahm, spricht sich gegen die von Arbeitervertretern befolgte Praxis aus, Artikel in bürger- lichen und Arbeiterblättern zu veröffentlichen, die den Kampf streikender Arbeiter abfällig kritisieren, und verlangt vom Partei- vorstand, dass dieser regelnd eingreife. Tum er(Glasgow) begründete den Antrag und bezeichnete den Parlamentarier Snowden als den Verfasser der zu ver- urteilenden Artikel. Macdonald gab zu, daß die Disziplin in der parlamenta- rischen Fraktion manches zu wünschen übrig lasse. Dieses Uebel zu kurieren,.fei Sache des Parteitags. Dieser müsse sich eine bessere Kontrolle über die Vertreter im Parlament verschaffen. Er warne davor, Crooks leichthin zu verurteilen. Neun Zehntel der Anwesen- den hätten vielleicht die Vorlage Crooks nicht gelesen. Sie sei anders als man sie hingestellt habe und enthalte zu Anfang eine modifizierende Klausel, über deren Wert man streiten könne. Die Vorlage, die er ablehne, sei nichts als ein Abdruck eines kanadischen Gesetzes, das sich bewährt haben soll. Mehr als Crooks müsse man die Parlamentarier verurteilen, die ihre Unterschrift zur Unter- stützung hergegeben und nachher erklärt hätten, sie hätten die Vorlage nicht gesehen. Er habe auch einmal eine ähnliche Dummheit begangen, aber anstatt auszukneifen, habe er den Kelch bis zur Neige geleert. Die. Sache sei übrigens nicht so gefährlich, Crooks habe die Vorlage nur gedruckt und verbreitet sehen wollen, damit man sie diskutiere. Nach dieser Erklärung wurde ein Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung angenommen. Der Parteitag schloß mit den üblichen Dankesworten für den Präsidenten. Sonftrrm der Kinnenschiffer. Zur Trinkwasserfrage wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: Die am 26. und 36. Januar in Berlin tagende Delegierten- Versammlung der Binnenschiffer der Elbe, Oder und der mär- lkischen Wasserstraßen ersucht das Kaiserliche Gesundheitsamt, den Trinkwasserverhältnissen ernstlich seine Aufmerksamkeit zu- zuwenden. Krankheitsfälle, die auf den Genuß von Flußwasser zurückzuführen sind, namentlich Typhusfälle. Magen- und Darmkrankheiten sind in der Binnen- schiffahrt sehr häufig. Die Delegiertenversammlung sieht daher in der baldigen Inangriffnahme von Verbesserungen dieser Angelegenheit eine dringende Notwendigkeit. Die Dele- giertenversammlung ersucht deshalb das Kaiserliche Gcsundheits- amt, dahinzuwirken, daß von den Landes- resp. Kommunal- behörden folgende Wünsche der Schiffsmannschaften und Flößer die verdiente Beachtung finden: 1. Fürsorge für genügende Trinkwasseranla- gen und Schöpf st eilen, damit die Schiffsmannschaften nicht gezwungen sind, Flusswasser zu genießen. 2. Errichtung resp. Verlegung von Trinkwasser. anlagen an solche Plätze, die ohne Unfall- g e f a h r erreicht werden können. 3. Insbesondere ist darauf zu achten, daß die Anlagen zu errichten sind, ohne daß die Gleise von Eisen- und Straßenbahnen überschritten werden müssen. 4. In den Seehäfen oder solchen Häfen, wo eine direkte Verbindung zwischen Land und Fahrzeug nicht herzustellen ist. dahin zu wirken, daß Trinkwasser durch Wasser- boote gratis an die Flußfahrzeuge geliefert wird, sofern die Fahrzeuge nicht am Lande liegen. 5. In der F l ö tz e r e i ist mit allem Nachdruck darauf hinzuwirken, daß den Flößern während der Fahrt Trinkwasserbehälter geliefert werden, wie dies bei Epidemien wiederholt schon der Fall war. Die gestrige Sitzung begann mit der Beratung des 6. Punktes der Tagesordnung: Die Einwirkung der Organisation auf die Lohn- und Arbeits- Verhältnisse in der Binnenschiffahrt. Ter Referent Schöning führte in der Hauptsache folgendes aus: Die erste erfolgreiche Bewegung der Binnenschiffer war der Kampf auf der Elbe im Jahre 1666, der gewissermaßen eine Folge der Fusion der großen Schiffahrtsgefellschaften war, durch die der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit schärfer als je vordem her- vortrat. Der Kampf brachte eine Lohnzulage von 5 M. und eine Herabsetzung der Arbeitszeit auf den Umschlagsplätzen von 11 auf 16 Stunden. Damals zählte die Organisation 1536 Mit- glicder. Ac- der Bewegung von 1666 war siie Mitgliederzahl auf 2636 angewachsen, und demgemäß waren auch die Erfolge größer; es wurde unter anderem eine doppelte Lohnerhöhung zur Durch- führung in zwei Perioden erzielt. Die erfolgreichste Bewegung war bis jetzt die im Jahre 1611 auf der Oder, und zu dieser Zeit war die Mitgliederzahl auf rund 7666 gestiegen. Vom Jahre 1966 bis Ende 1968 bestand erst e i n Tarif, 1666 bis Ende 1916 waren es zwei Tarife, 1611 stieg die Zahl der Tarife auf fünf, und drei davon gelten auf dem Stromgebiet der Elbe, je einer auf den märkischen Wasserstraßen und auf der Oder. Dies sind jedoch nur die Haupttarife, die mit den großen Gesellschiften und ihren Organisationen abgeschlossen sind; daneben bestehen noch viele mit den Privatschiffern und mit Mittelbetrieben vereinbarte Tarifver- träge. Feste Lohnsätze sind jedoch nur in zwei Tarisen vereinbart, nämlich in dem für die Dresdener Kohlenschiffahrt und dem für die Steine-, Kohlen- und Güterschiffahrt in Meißen. In den anderen drei Tarifen auf Elbe, Oder und märkischen Wasserstraßen wurden hinsichtlich der Löhne nur bestimmte Zuschläge von 5 M. und mehr festgelegt; daneben ist die Bezahlung für Ueberzeitarbcit geregelt; es sind andere Verbesserungen geschaffen und alte Miß- stände beseitigt; die Arbeitszeit ist an den Umschlagsplätzen, jedoch nicht während der Fahrt geregelt. Durch die Erringung der bc- stehenden Tarife ist der erste Widerstand des Unternehmertums ge- brachen, so daß freie Fahrt für eine gründliche Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse geschaffen ist. Es ist nun vor allem uot- wendig, einheitliche Lohnsätze für die Bootsleute zu erringen, und auch für die Steuerleute auf den Dampfern und Kähnen, wobei allerdings vorausgesetzt werden muß, daß die Steuerleute es an dem erforderlichen Interesse für die Organisation nicht fehlen lassen, wie es bei den Bootsleuten vorhanden ist. Für die Steuer- leute auf den Dampfern müßte überdies die Abschaffung jtet Kilometergelder verlangt werden, die sie jetzt für eine übermäßige Be- schleunigung der Fahrt erhalten. Bei der Regelung der Boots- mannslöhne mutz Vorsorge getroffen werden, daß die Arbeitgeber die Erhöhung ihrer Lohnausgaben nicht durch Verminderung der Bemannung auszugleichen und nicht auf diese Weise noch obendrein zu sparen suchen. Weiter kommt die Regelung der Kündigungsfrist sowie des Reisegeldes bei Entlassung in Frage. Der intensive Prozesskampf, der in dieser Hinsicht in den letzten beiden Jahren geführt wurde, läßt erwarten, daß die Arbeitgeber, des ewigen Prozessterens müde, sich bereitfinden werden, diese Fragen durch Uebereinkommen zwischen den Organisationen zu regeln. Die Hauptforderung wird jedoch die Regelung der Arbeitszeit und der Nachtruhe während der Fahrt bilden. Das Kaiserliche Gesundheits- amt hält eine solche Regelung im Interesse der Gesundheit der Manüschaft wie der Betriebssicherheit für notwendig; es muß gleich- wohl damit gerechnet werden, daß das Unternehmertum der Forde- rung starken Widerstand entgegensetzt. Es war in den letzten beiden Jahren mit der Rentabilität der Vinnenschiffahrt schlecht bestellt, und von der Scharfmacherpresse wird die Sache so dargestellt, als ob die Organisation der Binnenschiffer daran schuld sei. Tatsächlich sind es ganz andere Ursachen, und namentlich kommt hier der scharfe Konkurrenzkampf in Frage, der z. B. dazu geführt hat, daß auf der Elbe viel mehr Kahnraum vorhanden ist, als in normalen Zeiten gebraucht wird. Hier ist es das Kaufmannskapital und das Ver» kehrskapital, das den Konkurrenzkampf führt, während auf der Oder, wo die Privatschisfer und Mittelbetriebe mit ihrem Kahn- räum noch das Uebergewicht haben, der Konkurrenzkampf des Groß- kapitals sich gegen die kleinen Unternehmer richtet. Eine weitere Schädigung der Binnenschiffahrt hat die preußische Regierung und haben infolge ihres Einflusses auch die Regierungen der anderen Bundesstaaten durch die Belastung mit Schiffahrtsabgaben herbei- geführt. Dazu kommt die Konkurrenz der Eisenbahnen, die großen Unternehmern des Jndustriemagnatentums Ausnahmeiarife für die Verfrachtung ihrer Wpren gewährt— oftmals nur deswegen, weil die betreffenden Herren gute Verbindungen haben. Die schlechte Lage der Binnenschiffahrt bringt es mit sich, dass die Mann- schakt kaum noch auf eine jährlich zehnmonatige Beschäftigung rech- nen kann. Der Schiffsmann ist. namentlich auf der Elbe, mehr unfc mehr zum Gelegenheitsarbeiter geworden, und sieht sich oft nötigt, seinen Beruf aufzugeben und in der Industrie Beschäftigu.vig zu suchen. Unter diesen Umständen ist eine Regelung der Arbeits- zeit in der Binnenschiffahrt um so dringender notwendig. Man muh jedoch darauf vorbereitet sein, daß vor allem diese Frage zu einer Mackitfrage gemacht wird. Das Unternehmertum der Binnen. schiffahrt hat es mit Absicht sp geschoben, daß alle Tarife mit dem Ende dieses Jahres ablaufen und rüstet sich offenbar auf energischen Widerstand. Es mutz also Aufgabe der Arbeitnehmer sein, sich auf einen Kampf gefaßt zu machen und sich nicht mit der erreichten Stärke ihrer Organisation zufrieden zu geben, sondern die Reihen immer mehr zu stärken.— Es lagen zu diesem Punkt verschiedene Anträge bor. die jedoch nicht zur Abstimmung gebracht, sondern einer Tarifkommission über- wiesen wurden. In diese Kommission wurden gewählt: Schü- ning, A. Schultz, Schramp, Roßberg und S ch l i s ch. Die Konferenz beschäftigte sich hierauf mit verschiedenen anderen Anträgen. Unter anderem wurde ein Antrag auf Anstellung je eine? Beamten der Organisation in Stettin und Magdeburg einstimmig angenommen und der Hauptverwaltung des Transportarbeiter- Verbandes überwiesen. Ferner wurde beschlossen, die Verwal- tungsstelle in Driesen aufzuheben und dafür in Bramberg eine neue zu errichten. Ein Antrag, für die beitragsfreien Wochen im Januar und Februar 16 Pf.-Wochenbeiträge einzuführen, sowie bei Entnahme von Arbeitslosenmarken den Lokalbeitrag von 16 Pf. zu entrichten, wurde einstimmig gutgeheißen. Zu den Unkosten des bevorstehenden Verbandstages, der k>n Breslau stattfinden wird, wurden dieser Mitgliedschaft 1666 M. bewilligt. Nach Erledigung einiger anderer Anträge wurden die Neu- wählen zum Vorstande vollzogen. In den engeren Vorstand wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt: W. Schöning als Vorsitzender, A. S ch u l tz als Schriftführer, W. C. Böhmer als' Kassierer, C. A. Seidel und A. Heitmann als Beisitzer. Außer diesen fünf Mitgliedern besteht der Gesamtvorstand der Mitgliedschaft aus weiteren zehn Mitgliedern, die ihren Wichnsitz in den verschiedenen Orten der Stromgebiete der Elbe, Oder, ihrer Nebenflüsse und der märkischen Wasserstraßen haben. Der engere Vorstand hat seinen Sitz in Berlin. Nachdem der Gesamtvorstand gewählt war, wurden die Kandidaten für die Delegation zum Ver- bandstag aufgestellt. Es sind von der Mitgliedschaft der Binnen- schiffer 9 Delegierte und 6 Ersatzmänner zu wählen, die Wahlen finden demnächst durch Urabstimmung statt. In der Nachmittagssitzung kamen noch einige Anträge zum bevorstehenden Verbandstag zur Verhandlung. Gutgeheißen wurde ein Antrag, der Veränderung in der Beitragsleistung Vorsicht. sowie ein anderer, der eine Verlängerung der Karenzzeit sowie Abänderungen in den übrigen Bestimmungen der Erwerbslosen- Unterstützung zum Ziele hat. Einige Anträge, den Titel des ge- meinsamcn Publikationsorgans der Binnenschiffer und Seeleute „Der Seemann" abzuändern, wurden dadurch erledigt, daß der Hauptverwaltungsvertreter Müller erklärte, es werde sich auf dem Verbandstag in Breslau eine gemeinsame Konferenz der Seemanns- und Binnenschiffervertreter mit dieser Frage befassen. Nachdem der Maschinisten- und Heizervertreter Krebs in einer kurzen Ansprache erklärt hatte, daß sein Verband hei der kommenden Lohnbewegung einmütig mit der Organisation der Binnenschiffer zusammenarbeiten werde, und der Vorsitzende Schü- ning in anfeuernden Worten zu weiterer unermüdlicher Tätigkeit für die Organisation aufforderte, wurde die Konferenz mit Hoch- rufen auf den Transportarbeiterverband geschlossen., Wttterungöübersicht vom 30. Januar 1912. Stationen £5 §2 a 5 Swinemde. Eamburg crlin ftranks.a.M. München Wien -- 2 SV 7K8SW "69 DSD 7680 7659? D 768 SSD 765 WNW Wetter Dunst Dunst 2 bedeckt bedeckt wolkenl Sbcdcckt dS i? Wlo —7 —3 -4 0 —13 —4 Stationen Haparanda Petersburg scilly Aberdeen Paris » S c S e? 760 9? 28 758MW 7700 768i23$2B 767 NNO Wetter 2 wollen! 2 wolkenl bald bd heiter bedeckt ** c-» S 11 Sf w; —32 —22 3 _ 2 6 Wetterprognose für Mittwoch, den 31. Januar 1918. Etwas gelinder bei zunehmender Bevöllung und lebhasten westlichen Winden; geringe Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Verkaufsstellen durch Plakate kenntlich. Fabrlk-Bfledcplage fttr Berlin und Vororte: Joh. Schmnlor, Berlin X. 4, TleckstraBe 11. Wer seine Wäsche schonen und ihr größere Gebr�uchsdaucr sichern will, nehme zum Waschen nichts anderes als Pcrsil, das bewährte, selbsttätige, unschädliche Waschmittel von Millionen Hausfrauen.— Erbältlich nur in Original- Paketen. Der Waschtag bringt Ihnen keinen Arger mehr! Persil wäscht ganz von selbst! Die Wäsche wird eingesetzt, etwa'/«—V» Stunde gekocht und gut ausgespült; sie ist dann fertig, blütenweiß wie au! dem Rasen gebleicht. HENKEL& Co., DÜSSELDORF. Alleinige Fabrikanten auch der weltberühmlen Theater und Vergnügungen □□□ ODO □□□ Mittwoch, den 31. Januar 1912. Ansana 3 Uhr. Große Vor- AgneS ZirkuS Sarrasani. stellung. Ansang 3V, Uhr. SleueS Bchanspiethans. Bernauer. ?lnfang 7'/, Uhr. K. Opernhaus. Der Rosenkavalier. «gl. Schauspielhaus. Gebömter Siegsried. Siegfrieds Tod. Deutsches. Pentbesilea. Haverland. Spezialitäten. Zirkus Busch. Gala- Vorstellung. Zirkuö Schumann. Gala• Vorstellung. Zirkus Sarrasaui. Gala- Vor« stellung. Anlang 8 Ubr. Urania, Taubenstrnsie 48/40. Dr. Eschcrich: Im Reiche deS ReguS. Hörsaal: Ingenieur Grade: Flug- wesen und Flugtechnik. «ammerspiele. Offiziere. Lessiug. Gudrun. NeueS Schauspielhaus. Heiligen- wald. Residenz. Alles fitr die Firma. «ursürftenoper. Der Schmuck der Madonna. Koniilche Oper. Undine. Westen. Russisches Ballett. LustspielhauS. Die Damen des Regiments. Berliner. Groß« Rosinen. Neue» Operette«. Eva. Schiller O. Der Weg zur Hölle. SM ix•- Gharlottendurg. Der Probepseil. Friede.. Wilh. Schauspielhaus. Taisun. Neues. Das Mädel von Moni- martre. Luisen. Wir tanzen durchs Leben. Ras«. Salon und Kloster. Köutggrätzer Strafte. Die ftns Franksurter. Kleines. LottchenS Geburtstag. Gentz und Fanny EIßlcr. Hocken- jos. Metropol. Die Nacht von Berlin. Drianon. Da« kleine Sasä. Thalia. Polnische WwtsckAst. ttasino. Der Kampf ums Dasein. Apoil«. Spezialitäten. BaKage. Svezialitäten. Herrnseld. Schmerzlose Behandlung. Das Kind der Firma. ReichStiaNen. Stettiner Sänger. Königstadt-Kafino. Im Taumel des Glückes. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Ansang 8'/. Uhr. Folie««apriee. Mandelblüth'S Polterabend. Losgelassen. Waffen- Übung. Walhalla. Teufel, dai hat einge» schlagen! Noack. Die Bettlerin und ihr Kind. «oigt. Pfeffer-Rösel. Ansang 8>,, Uhr. ReueS BolkStheater. Leidenschast. Belle-»llianee. Triwy. Sternwarte, Jnvalidenstt. 57— S2. Ze!llllei'-7de»ler0.�h°� Mittwoch, abends 8 Uhr: vor Weg»nr Halle. Donnerstag, abends 8 Uhr: Oer Probepfell. Freitag, abends 8 Uhr: KAnlg Heinrich. Sehiller-Thealer ChabrSen Mittwoch, abend« 8 Uhr: Der Probepfell. Donnerstag, abend« 8 Uhr: Emlll» Cialotti. Freitag, abends 8 Uhr: Haakerade. Neues Theater. Abends 8 Ubr: Das Mädel von Montmartre. Sonntag3'/,Uhr: Der stdele Bauer. Ikester äes �Veslens. 8 Uhr: Rasaiaches Ballett. Pavillon der Armida— Sylphiden— Geist der Rose-- Polowetzer Tänze. Nefidenz-Theater. Direktion Richard Alexander. Abend« 8 Uhr: Alles für die �-irma. sL.iwe itSL ksmmes.) Schwank in 3 Akten von M. Henneyuin u. G. Mitchell. Für die deutsche Bühne bearbeitet von Bolicn-Bacckcrs. Morgen u. folg. Tage: Attas t.d. 5irma. Lniscn-Theater. Mittwoch(Abonnements gültig): Wir tanzen durch« Leben. Donnerstag: Premiere: Sommerspuk. Freitag: Au« Mangel an Beweisen. lozc-THHtfc Große Franksurter Str. 132. ZlbendS 8 Uhr: Zditm nnb Kloster. Volksschauspiel in 5 Akt. v. Georg Horn Donncrstqg: Heimat. 1 Metropol-Tlieater. Abends 8 Uhr: Rauchen gestattet. Iiis Ml von Berlin! Große JahreSrevue in 7 Bildern von Jul. Freund. Musik von V. Holländer. In Szene gesetzt vom Dtr. R. Schultz. Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Grotze Rosinen 8 Uhr: öle 5 Franfctorter. Ansang 8 Uhr._ lietztor Tag 7MD des Lanuar-ProgrammS mit Harr> Waiden. Morgen Donnerstag 8 Uhr: Ballständig neue« Programm. 8 für Berlin neue Debüts mit Paul Becker«, daS.Original". MM« Hill nooii«onige Igge? Das Kind der Firma und Schmerzlose Behandlung. Anfang 8 Uhr. Vorverk. 11— 2 Dur(Theaterkasse). In Vorbereitung: Die Novitäten: Wie mau Muner bessert. Komödie in 2 Akten von Anton und Oonal Herrnfeld.— Hierzu; Der yansteufel. Noacks Theater. Direktion: Robert Dill. Berlin H.. Brunncnslraß« IS. Die Kettlerill und ihr Kind. Schauspiel in 5 Akten von Mcißn er. Ansang 8'/. Uhr. Bon« usw. gllkttg. Morgen: Dieselbe Borstellung. BeidenFenerrressera Lebend! Lebend t Die wilden Essanas. 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Sclininaiiiu Mittwoch, 31. Jan, abends 7'/,Uhr: Das große Gala-Programm und um 9 Uhr das neueste Ausstattungsstück: Das Motorpferd in 5 Akten. Weiter geht es nicht mehr! Dieses große Ausstat- tungsstück zu fibertreffen ist unmöglich! Kabarett nnd Theater. Jede» Mittwoch. Sonnabend, Sonntag: Thekler AH- Berlin Blamenstr. IQ. Ansang 8'/» Uhr. Sonntags 7 Uhr. tage-Iiiöskl. Anfang 8 Uhr. Kirjatn tforuritz SÄ.„Di» falle" Mlle. Maroussia The Meteors Lina Leos uDd 10 D8G8 Attrakiionen! Köniöstadt-Kasino. SckeHolzmarkt- u. Alexanderstraße BiS 1. Februar täglich: Im Tauniki drs Clückks. Volksstück in 2 Bildern. Die erftklasfigen Spezialitäten Jeden 1. u. 16. Programmwechsel. neue Programme I Internationale Sport-Woche. n Die Sclilachl. Amerlk. Kriegszsnen. Hofilziilali Max Linder In sein, neuest. Sketch. Dem Leoparden entrissen. Wild- West- Drama. Die ¥errAterin Hauptrolle: Ast» Nielsen. Heute nachm. 3 Uhr: Mpezlal- Schüler•Vorstellung, Folies Capriee. Täglich 8'/, Uhr: Losgelassen. Waffenübung. MandelblüthS Polterabend. Zirkus Busch Mittwoch, 31. Januar,»h. 7'/, Uhr: I t3ala--kbcad! Oawlxpicl Gertr. Arnold j IMe Hexe. Besonders hervorzuheben: Der Traum des Hexenmeisters I (eine Darstellung des Volks- 1 aberglaubcns jener Zeit). Mr. Taft. Manege-Illueions- j künstler, 3 Schw. Blumenfeld.; Reck zu Pferde, Sandi-SIwel' and Amata, Herr Schumann und das groBe Gala-Programm. Morgen Donnerstag, 7% Uhr: j Zum I.Male in Deutschland; Mder best, japanischen QO Ringkämpfer 2U Nähere Einzelhslten Bber den Ringkampf und die Teilo«hmer| im Programm. arrasam Telephon: Nord 4I00.| Mittwoch, den 81. Januar, |T| 3 m Eiitexorstellungenj Nachmittags zahleil Kin- f der auf allen Plateen, Militärs bis zum Feld-| webel auf allen Siti- plätzen halbe Preise. Vorverkauf a. d. Oircne- : kasse und— nur für abends— bei A. Wertheim. Voigt-�Heater. Getinibbrunnen Badstraße 53. Mittwoch, den 3t. Januar 1912: Pscsscr- Rösct. Schauspiel in 5 Alten. Kasieneröffnung 7, Ansang 8'/, Ubr. Mittwoch, 7. Februar: Zum Benefiz für Baumeister: Bin armer Edelmann. Casino-Theäie** Lotbringer Str. 37. Anfang 8 Uhr Der größte Dheatererfolg' Täglich auSoerlanst. Der Kampf ams Kafti«. Aktuell! Dem heutigen Leben ent- nommcn.— Sonntag nachm. 3'/, Uhr: __ Der selige HollschinSkh.__ Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: vss Kleine Lais. ; Germania- N., Chaueseestr. 110. Carl Richter. Jeden Mittwoch- Paul Mantheys lustige änger. intritt 30 Pf. achbem Freltnnx. Vorzugskurten gelte».— Morgen Donnerstag: Gr.«odbierkonzert. Anschließend: F»n,ttienkr»nreheh» ohne Nachzabluna. Bpwwwwwvwwverwwxrw H —' Berliner 0« jtzur de» Inhal» der Inserate übernimmt die Redattion dem vnblltn« gegennbe. keinerlei Verantwortung. Berliner Credit-Haus!—— WM" Komraandantenstr. 67."WA �Älkoholfrerr�etrapke� Franz Abraham Himb. Measina-u.Römertrank-Kel!. N 4, Sehlegelat. 9, Ferns�. III,< /27 flnffril SeUer-u. Limonad.-Fabrik MlllilB, Thaerstr. 44. T.A.7.8176. ScfaGteetEM Webergtr. 15a. 1. 7, 1 1 1 25! 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SchraGifflar,lLRiCb™u8 R. Gruner, Kopenhaeenerstr. 9. S. Grossmann, Laadsbergerftr. 34. Henkes Illanieaham, Haatetffclstr. 94. Otto Hinz. GraunstraBe 8. Alb. Hilae, ffeiteiisee,Berli«er AHee 36 Bertha RerhoId,C»raie»SylTaitit 146 Janiszewski, Felix, EisenbthB.t».7. Alb.Keil,th»ribg.Jiai»er-Friedriel«l.20 CI anront Brunnenatr. 63 . LdUrGUl Peterabargeislr. 11 Gustav Mai, Schönhans. AUee 177. Menzul.E.Ri-dorf, Hermannst 124 H.Pensld, Scbvedendr. 19, EekBadstr. VVw.Kutschke, Ri. Hermannst.62 Th. Sciirbel, N. Stettinerstr. 8. C. Sommer, E rangelslAlAmtlV 1206Ä Aug. Trothe, Wrangelstr. IE Thiedtke,Rixdorf,HerxnannsLS4. Aug. Wandelt, Kixd., Berg6tr.96. H. Zinke. KoT»xe>.Friedr.E.Prie»l er»!. I'agner, D Rixd., Bergstr. 42. /l»* Damenm., Pelzw. Westmann 1« Geschäft: Mohrenstr. 37a. 2. Geschäft: Gr. Frr.nkf.-Str.115. Bei"Vorzeigung 5% Rabatt. DamenkSeiderstoffa Chr. Kroog KAH»bbtg tag!. Bahn- u. Postversand. See- u. Flußfische, Marinad.Räucherw. c Butt or, Eier, Käse 3 Bulteriiandf ung J. F. 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Verlag: Bortvärt, Buchdruckerei u. VerlagSa?stalt Paul S'nger u.Lo.. Berlin LW. 8r. 25, 29. Z. KtilGt itü.HllllUltS" WlliSllllltt. Mm». 31 1912. parte!- Angelegenheiten. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereinc Berlins und Umgegend. Am Freitagabend, den 2. Februar, findet in Berlin Und einigen Vororten eine Flugblattverbreitung statt. Von Sonntag an sollen unsere Genossen bei den Empfängern der Flugblätter vorsprechen, um sie als Abonnenten des „Vorwärts" und als Mitglieder der Parteiorganisation zu gewinnen._ Der Aktionsausschuß. Teltow. Donnerstag, abends 8 Uhr, im Lokal von W. Bonow, Berliner Str. 16: Oeffentliche Kommunalwähler-Ver- fammlung. Tagesordnung: Vortrag des Stadtverordneten Groger. Aufstellung der Kandidaten. Freie Aussprache. _ Der Einberufer. Berliner Nachrichten. Organisierte Wohltätigkeit. Die Wohltätigkeitsvereine zusammenzufassen, hat man in Berlin seit langem sich bemüht. Der erste Versuch wurde hier, nebenbei bemerkt, schon vor jetzt ziemlich 166 Jahren gemacht im Anschluß an eine Neugestaltung der öffentlichen Armenpflege Ber- lins, die erst damals au die Stadtgemeinde überging. Aber im wesentlichen hat trotz allen weiteren Zentralisierungsversuchen, die später sich noch mehrfach und bis in die neueste Zeit hinein wieder- holten, die Zersplitterung der Wohltätigkeitspflege in zahlreiche Nebeneinander bestehende und oft sogar gegeneinander arbeitende Vereine sich erhalten. Ein neuer und eigenartiger Weg zu dem Ziel, einen gewissen Zusammenhang zwischen der Hilfsarbeit der einzelnen Wohltätig- keitsvereine sowie der auf demselben Gebiet sich betätigenden An« stalten und Behörden herzustellen, wurde vor jetzt zwei Jahr- zehnten von der„Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur" ein- geschlagen. Sie schuf unter dem unscheinbaren Namen einer„Aus- kunftsstelle" eine Vereinigung, die den Zweck hatte, die Hilfe- suchenden an die richtigen Stellen zu führen, wo sie Hilfe finden konnten, und andererseits diese Stellen gegen nicht wirklich Hilfsbedürftige zu sichern, die ohne Not eine Hilfe beanspruchten. Jene„Aus- kunftsstelle" wurde bald weiter ausgebaut und später umbenannt in eine„Zentrale fürprivate Für sorg e". womit aller- dings Zweck und Ziel der ganzen Institution, den anderen Wohlfahrtsei nrich tun gen als vermittelndes und verbindendes Organ zu dienen und ihnen zu plan- niätzig-gemeinsamcr Arbeit die Hand zu bieten, besser gekennzeichnet sind. Die„Zentrale für private Fürsorge" ist keiner der üblichen Wohltätigkeitsvcrcine, die ihre Aufgabe nur darin sehen, selber Geldnuttel aufzubringen, um Notleidenden direkt zu helfen. Sie will Hilfsbedürftigen beistehen durch Raterteilung und persönliche Fürsorge, die sich auf sorgfältige Prüfung der Verhältnisse stützt. Hilfsbereiten Personen, die fremder Not wehren möchten, zeigt die Zentrale die geeigneten Mittel und Wege. Sie prüft Bittgesuche, die ihr zur Begutachtung übertviescn werden, und besorgt Aus- künste über Bittsteller. Weiter bezweckt sie, methodische Anleitung zur Betätigung in sozialer Arbeit und besonders in der Armen- pflege zu geben. Durch planmäßige Sammlung aller auf die Wohl- fahrtsbcstrebungen Groß-Berlins bezüglichen Berichte usw. sucht sie die Nutzbarmachung aller verfügbaren Hilfsquellen zu erleichtern. Die Zentrale unterhält ein Bureau(früher Unter den Linden, jetzt Flottwcllstraße 4>, in dem zurzeit 34 beamtete Mitarbeiter beschäf- tigt werden. Dazu kommen über hundert ehrenamtlich tätige Per- sonen. Jetzt hat diese Bereinigung selber zum ersten Male eine zu- sammenliängeirde und ausführliche Darstellung ihrer Tätigkeit ver- öffentlicht. Die Zahlenangaben über die Arbeit der Zentrale, die ihrem Bericht beigegeben sind, nehmen in ihm nur einen geringen Raum ein. Ter Bericht soll nicht eigentlich zeigen, wieviel gfc- leistet worden ist. Er will hauptsächlich darüber belehren, wie die Zentrale arbeitet. Bis zum Frühjahr lSIk sind in bisher 18 Jahren rund 3S566 Fälle an sie herangetreten und registriert worden. Unter 7562 Gc- suchen des Jahres 1616 waren 2836, die von den Bittstellern selber an die Zentrale gerichtet wurden, während die übrigen 4732 Gesuche ihr von Personen überwiesen wurden, an die die Hilfesuchenden sich gowandt hatten. Von den 2836 Bittstellern, die sich direkt an die Zentrale wandten, waren ihr nur 565 schon von früher her bekannt. Dagegen waren unter den 4732 Personen, deren Gesuche erst durch Ueberiveisung an die Zentrale gelangten. 2467 ihr schon bekannte Bittsteller. Im Jahre 1369 waren 8646 Gesuche eingegangen, 2695 direkt und 5345 durch Ueberiveisung. Bon 1969 zu'1916 I)at die Zahl der direkten Gesuche sich gemehrt. die der Uebcrwcisungen sich gemindert. Der B' ich.«a- l, in dem Rückgang der Ueberweisungsziffer habe die Zentrale„gewissermaßen einen Erfolg" ihrer Arbeit zu sehen, und er führt dann näher aus: „Es wird nämlich unter den Gewohnheitsbettlern allinählich bc- kannt, welche wohlhabende» und wohltätigen Personen nicht mehr auf ihre Gesuche ohne weiteres reagieren, sondern sie uns zur Prüfung überweisen, und die Folge davon ist, daß die Belästigung mit Bettelbriefen für diese unsere Mitglieder nachläßt." Dieser Zusatz läßt schon erkennen, welches Gew'ch» die Zcn- tralc auf den, wenn man so sagen darf, negativen Teil ihrer Tätigkeit legt, auf die Avwehrung von nicht hilfs- bedürftigen Bittstellern, von gewohnheitsmäßigen Schnorrern. Genau genommen ist allerdings auch das eine durch- aus positive Arbeit, die getan lvcrdcn muß, um den wirklich Hilfs- bedürftigen die Hilfsquellen zu sichern. Daß dabei mitunter auch sehr über das Ziel hinausgeschosicn und mancher Notleidende zu Unrecht als ein nicht Hilfsbedürftiger eingeschätzt wird, das darf man bei der UnVollkommenheit alles menschlichen Könnens von vornherein annehmen, wie es andererseits auch nur zu»vahrschein- lich ist, daß trat? allein Aktenmaterial der Zentrale noch mancher Schnorrer unerkannt die Gebefreudigen brandschatzt. Wichtiger als der Kampf gegen jene Bettelbriefschre,ber er- scheint uns und auch der Zentrale selber der pflcgerische Teil ihrer Arbeit. Die Zentrale betrachtet es als ihre' Aufgabe, durch mog- lich st tiefes Eindringen in die Verhältnisse der B i t t st c l l c r die Symptome der Notlage zu erkennen und diese in ihrem Zusammenhang mit den umgebenden Zuständen zu ver- stehen, weil nur auf solchem Verständnis eine planmäßige u n d w i r k s a m e Hilfsaktion sich aufbauen lasse. Sie sucht den von ihr ermittelten gesamten Notstand einer Einzelperson oder einer ganzen Familie von den verschiedensten Seiten zu bekämpfen durch zweckentsprechende Benutzung aller m Betracht kommenden Hilfsquellen soivie durch Anspornung und Entwickclung der in dem Hilfsbedürftigen selber»och vorhandenen Kräfte, wobei es ihr vor olle», Darum zu tun ist, möglichst eine völlige Gesundung «der Lage herbeizuführen. In dem Bericht sind zahlreiche Pslcg,cha,lsfallc sehr ousführ- lich in ihrem ganzen Verlaus dargestellt An der Wiederherstellung der Existenzmöglichkeit»iaiul,er Familien ist mit einer Ilmsicht und Ausdauer gearbeitet worden, wie sie»ur bei einer solchen Organi- fierung der Wohltätigkeit geleistet werden kann. Die Unterstützung Aunächjt mit barem Geld, dann die Beschaffung einer geeigneten Evwerbsgolegenheit, daneben eine gesundheitliche Fürsorge durch ärztliche Hilfe, durch Unterbringung in Erholungsheimen usw., bei Klnderil auch eine Fürsorge in erziehlicher Hinsicht— alles das greift planmäßig ineinander und vereinigt sich zu einer Gesamt- Wirkung, so daß selbst in verzweifelten Fällen oft noch eine erfolg- reiche Aufhilfe zustande kommt. Aber möglich ist solche Arbeit in der Tat nur einer Zentralstelle, die durch Anrufung der Hilfe- bereiten Stellen die zweckentsprechenden Einzellsilfen vermittelt und sie zu einer alle Seiten eines Notstandes berücksichtigenden einheit- lichen Hilfsaktion zusammenfaßt. Wir wissen, daß Not und Elend nur durch eineNeu- gcstaltung unserer Gesellschaftsordnung ans der Welt geschafft werden kann, durch Beseitigung aller Herrschast des ausbeutenden Kapitals und aller Knechtung der schassenden Arbeit. Aber schon im Rahmen der bestehenden Ge- sellsckzaftsordnung läßt sich zur Linderung von Not und Elend manches tun, wenn man nur will, und eine richtige Organisation der Betätigung„praktischer N ä ch st e n l i e b e" kann den etwa vorhandenen guten Willen wirksam unterstützen. Wie überall, so ist auch bei der„Zentrale für private Fürsorge" gewiß „nicht alles Gold, was glänzt". Ihre Arbeit»st aber der erfreuliche Ansang einer Entwickelung von planloser Quacksalberei der ein- zelnen Wohltätigkeitsvereine zu organisierter Wohlfahrtspflege, die dem Notleidenden zu Helsen sucht, indem sie ihn wieder auf die eigenen Füße stellt. Noch größeres könnte hier eine ähnlich plan- volle Wohlfahrtspflege der Gemeinden schaffen, aber die Ge- meinden uberlassen so etwas leider der Privattätigkeit. Berlin bringt mehr als den fünften Teil der Einnahmen der Reichspost. Die Bedeutung und die Geschäftslast der einzelnen Postämter wird von der Postverwaltung nach den erzielten Ein- nahmen bewertet. Die Angaben darüber haben jedenfalls den Vorteil, daß sie bis auf den letzten Pfennig genau sind und nicht auf Durchschnitten oder Zählungen an einzelnen Tagen beruhen, die dann». a. auf mehrere Jahre angewandt werden. Was für einzelne Postämter gilt, hat jedenfalls auch Bedeutung für ganze Bezirke. Im letzten Rechnungsjahre, das mit dem 31. März 1911 geschlossen hat, hat der Ober-Postdirektionsbezirk Berlin an Porto und Telegrammgebühren über 124 Millionen Mark vereinnahmt. Es ist dies mehr als der fünfte Teil der gesamten Einnahmen der Rcichspost, die gleichzeitig nicht ganz 649 Zzi Millionen Mark vereinnahmte. In den letztem zehn Jahren haben sich die Einnahmen des Berliner Bezirks nahezu verdoppelt. Sie betrugen im Rech- nungsjahr 1966/61 noch 64Z4 Millionen, während die Reichspost damals 3664h Millionen einnahm. Kein anderer Bezirk erreicht auch nur annähernd die Berliner Einnahmen. Am meisten haben Hamburg mit 45 Millionen. Düsseldorf mit 44. Leipzig 26, Dresden und Frankfurt a. M. je 23'A, Cassel 21, Erfurt und Dortmund je 264h. Cöln 26, Breslau 17, Magdeburg und Karlsruhe je 16, Han- nover 14, Darmstadt 1254, Kiel 12, Straßburg 114h. Bremen und Potsdam je 11. Halle 16 usw. Die kleinsten Einnahmen hat Gum- binnen mit 4 Millionen, d. i. der 31. Teil der Einnahmen des Ber- liner Bezirks. Die Schulferien von Berlin und der Provinz Branden- bürg 1912. Die Ferien an den Unterrichtsanstalten im Amts- bereich des Provinzialschulkollegiums in Berlin sind für das Schuljahr 1912 folgendermaßen festgesetzt worden. Vor den Osterferien schließt der Unterricht am Sonnabend, den 30. März, und beginnt nach ihnen wieder am Dienstag, den 16. April. Vor Pfingsten schließt der Unterricht am Freitag, den 2i. Mai, und beginnt wieder am Freitag, den 31. Mai. Vor den Sommerferien ist Schluß am Freitag, den 5. Juli, Wiederbeginn am Dienstag, den 6. August. Der Unterricht beginnt jedoch erst am Dienstag, den 13. August, in den Lehr- anstalten, die dem Provinzialschulkollegium in folgenden Orten unterstellt sind: in Berlin, Charlottenburg. Dahlem, Friedenau, Friedrichshagen. Grunewald. Hermsdorf, Her- mannswerder, Jüterbog, Köpenick, Lankwitz, Groß-Lichter- felde, Lichtenberg, Mariendors, Niederschönhausen, Nowawes. Oranienburg, Pankow, Potsdam, Reinickendorf. Ripdorf, Rummelsburg, Schmargendorf. Schöneberg, Oberschöneweide, Niederschöneweide, Spandau, Steglitz, Strausberg, Südende, Tegel, Tempelhof, Treptow. Weißensee, Wilmersdorf und Zehlendorf. Vor den Herbstferien schließt der Unterricht am Mittwoch, den 2. Oktober, und beginnt wieder am Donners- tag, den 17. Oktober, bei den Anstalten, bei denen die Sommerferien länger dauern, jedoch schon am Donnerstag, den 10. Oktober. Vor Weihnachten schließt der Unterricht am Sonnabend, den 21. Dezember. Er beginnt wieder am Freitag, den 3. Januar. Das Schuljahr 1912 beginnt an» Mittwoch, den 16. März, das Schuljahr 1913 am Donners- tag, den 3. April. Ums Seelenheil der Studierenden. Schon oft hat die Berliner Universitälsbehörde studentischen Organisationen Vorträge ver» boten. Borzugsweise wurde davon die Freie Studentenschaft be« troffen. In diesem Semester hat man den teueren Nachwuchs der nationalen Intelligenz in väterlicher Fürsorge einmal vor dem ver- derblichen Einfluß des Maurenbrecher und dann des Breitscheid bewahrt: einen parteipolitisch tätigen Sozialdemokraten zu einem Vortrag aufzufordern, hatten die unternehmungslustige» jungen Leute natürlich nicht gewagt. Am amüsantesten aber ist der jüngste Zensurstreich: Die Freistudenten hätten gern eine Groß- druckerei besichtigt. Sie wandten sich an die größeren Zeitungen Berlins und erhielten die Erlaubnis vom—„Vorwärts"! Doch die Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Der Besuch wurde vom Rektor nicht genehmigt. Die Rotationsschnellpressen hätten ja„rot" abfärben können. Lieb Vaterland, magst ruhig sein, Zum„Vorwärts" darf kein Student hinein! Wie die oberen Zehntausend sich amüsieren. Die„Vossische Zeitung" enthielt am Sonntag das folgende, auffällig gedruckte Inserat: „Für Anfang März suche ich für 16 Tage eine unmöblierte Villa oder zwei große unbewohnte Wohnungen in einem Hause, entweder im Vorort oder im Tiergartenviertel, zur Abhallung eines großen, zwei Tage d au ernden Privatballe s." Also eine fidele Nacbt genügt nickt mehr, Es müssen, um die Nerven bis zur Erschlaffung zu peitschen, gleich zwei Tage und zwei Nackte sein. Das kann ja nach dem Vorbilde amerikanischer Milliardäre, die nicht wissen, wie sie am besten das zusammen- geschundene Geld verquetschen sollen, eine recht nette Kopie werden! Benutzung der Dach- und Kcllcnäunie. Polizeiofsiziös wird geschrieben:„Die polizeiliche Beanstandung der unzulässigerweise in Dachgeschossen eingerichteten KünstleratelierS in Berlin uiid seinen Vororte» hat der Presse mehrfach Anlaß gc- geben, erneut die Forderung aufzustellen, daß allgemein die Nutzbar- machung der Dach- und Kellerräume zum dauernden Aufenthalt von Menschen über die erlaubte Zahl von Vollgcschossen hinaus gestattet werde. Es wird dabei zumeist davon ausgegangen, daß sich oft im Dach sowohl wie im Keller Räume einrichten lassen, die an sich allen gesundheitlichcu Anforderungen genügen und auch in feiler- polizeilicher Hinsicht einivandsrei sind. Die Richtigkeil dieser Be- hauptmig ist nicht zu bestreiten, sie trifft aber nicht den spriilgeuden Punkt. ES kommt vor allem darauf an, dem immer stärker auftretenden Bestreben der Grundstückseigner nach einer intensiveren baulichen Ausnutzuiig des Grund und Bodens entgegenzutreten und eS zu ver- hindern, daß durch die Zulassung weilerer zum dauernden Aufenthalt von Menscheil bestimmter Räume über das jetzt statthafte Maß hin- aus eine noch weitere Anhäusung von Menschen auf einem ver- hältnismätzig geringen Raum stattfindet. Die Zustände in Berlin und seinen großen Vororten sind m dieser Hinsicht bereits erheblich üngünstiger als in anderen Groß- städten des In- und Auslandes: kamen doch bereits im Jahre 1966 auf ein bewohntes Gebäude in München 28,9, in Ham- bürg 23,3, in Antwerpen 8,46, in London 7,93, in Berlin da- gegen 56,1 und in Charlotenburg 52,6 Bewohner. Dabei er- scheint es nicht angängig. zwischen Geschäftshäusern und Wohngebäuden einen Unlerschied zu mache», da eine scharfe Trennung dieser Gebäudekategorien nicht durchweg besteht und eine Konirolle, daß Geschäftsräume nicht zu Wohnzwecken benutzt werden, von der Polizei gar nicht ausgeübl werden kann. Unter diesen Umständen wird es bei dem Verbot der Anlegung von Räumen zum dauernden Aufenthalt von Menschen in den Dach- und Kellergeschossen im allgemeinen sein Bewenden behalten müssen, was nickt ansschließt, daß Ausnahmen in besonders gearteten Fällen, soweit das ohne Verletzung der festzuhaltenden Grundsätze möglich ist, zugelassen werden." Unseres Erachtens kommt die Polizei den Grundstücks- und Hausbesitzern schon immer recht weit entgegen, so daß letztere durch- aus keine Ursache zu Klagen gegen die Polizei haben. In der Frage der Bäckcreiverordnung hat die Polizei den Hausbesitzern Zugestand« nisse gemacht, die sich mit den gesetzlichen Bestimmungen kaum mehr vereinbaren lassen._ Ministerialerlaß über die Masscure. Der Minister des Innern hat bestimmt, daß in Zukunft staatliche Prüfungen für Heilgehilfen und Masseure nach den Vorschristen vom 18. Februar 1963 nicht mehr abzuhalten und entsprechende Zeugnisse nicht mehr zu erteilen sind, da in den erforderten Berichten allgemein anerkannt ist, daß ein großer Teil der Hilfstätigkeit, die die staatlich geprüften Heil- gehilien und Masseure ausüben sollen, von den staatlich anerkannten Krankenpflegepersonen geleistet wird, und daß deren Ausbildung die überwiegende Mehrzahl der im BcfähigungSzeugnis der Heilgehilfen und Masseure aufgeführten Fähigkeiten in sich schließt. Das Motorvcrbot für Kinotheatcr zurückgezogen. Infolge deS Kinematographenbrandes in der Frankfurter Allee ist in der Herrn v. Jagolv unterstelllen Theaterabteilung des Polizeipräsidiums der Gedanke aufgetaucht, schncllmöglichst durch neue Verordnungen eine Panik bei etwaigen Kinobränden zu verhüten. Bekanntlich lautete die neueste Bestimmung, daß der Motor am Projektionsapparat, der ein selbsttätiges Vorführen deS Films bewirkt, durch Betätigung der Handkurbel ersetzt wird. Diese Verordnung verursacht nach der Meinung der technischen Interessentenkreise nur eine erhöhte Feuers- gefahr. Das Polizeipräsidium hat nun die schon geplante Ein- führung deS Motorverbots auf vier Wochen verschoben. Schon jetzt, vor Ablauf dieser Frist, ist man nun willens, das Motorverbot über- Haupt nicht zur Einführung gelangen zu lassen, da dessen Schädlich- keit von Fachkreisen aus gekennzeichnet wurde. Zu der Ehctragöbie in der Locwestraßc, über die wir berichteten, erfahren wir, daß beide Eheleute schwerlich mit dem Leben davon- kommen werden. Das Befinden der Frau Sonntag, das Montag abend nicht lebensgefährlich, wenn auch bedenklich zu sein schien, hat sich seitdem wesentlich verschlimmert. Auch der Mann liegt im Krankenhause am Friedrichshain so schwer danieder, daß kaum Noch Hoffnung besteht, ihn am Leben zu erhalten. Durch einen Sprung aus dem Fenster hat sich Montag abend die 56 Jahre alte Frau Marie des Rohrlegers Methner aus der Kleinen Andreasstr. 18 das Leben genommen. Sie sprang aus dem zweiten Stock auf den mit spitzen Steinen gepflasterten Hof hinab und blieb mit zerschmettertem Schädel tot liegen. Die Tochter sah noch gerade, wie sie zum Fenster hinaussprang, konnte sie aber nicht mehr retten. In der Schulzcschen Raubmordsache ist eS der Kriminalpolizei trotz der eingehendsten Nachforschungen bisher nicht gelungen, eine bestimmte Spur festzustellen. Insbesondere ist nach dem nunmehr erfolgten Abschluß der Inventur nicht mit Sicherheit festzustellen. was im einzelnen den Räubern in die Hände gefallen ist. Fest steht nur, daß eine große Anzahl Brillanten und Uhren geraubt worden ist, sicher ist ferner, daß die Tötung der Opfer von 11>/, Uhr bis 12Va Uhr erfolgt sein muß. Die Kriminalpolizei richtet nochmals an das Publikum die Bitte. über Wahrnehmungen in der kritischen Zeit, also am Mittwoch, den 17. d. M. zwischen ll'Ai und 12�2 Uhr oder später Mitteilung zu machen. Vielleicht ist Zimmervermieterinnen das Fernbleiben. Veränderung in der Kleidung oder größere Geldausgaben ihrer Mieter oder Schlafburschen aufgefallen. Auch Droschkenkutscher, Straßenbahnschaffner usw. haben vielleicht Wabrnehmungcn gemacht, deren Bekanntwerden der Behörde von Interesse sein könnte. Ueder zwei Selbstmorde von Jugendlichen wird berichtet: In einem hiesigen vornehnien Hotel lehrte am Sonntagabend um 16 Uhr ein junger Mann ein. der sich als Stud. phil. Kurt Schweizer aus Zürich in das Fremdenbuch einschrieb. Er suchte gleich sein Zimmer auf und gab für den nächsten Tag keinerlei Anweisung. Als er am Montagmittag immer noch nichts hatte von sich hören lassen und auf Klopfen keine Antwort gab. öffnete man die Tür seines Zimmers und fand jetzt den jungen Gast in seiner Kleidung tot auf dem Bettrande sitzen. Er hatte sich eine Kugel in die rechte Schläfe ge- schössen. Abschiedsbriefe hinterließ er an die Hotelverwaltung, die Polizei und Angehörige. Im Brief an das Hotel legte er 26 M. für das Zimmer bei init der Bitte, die Ungelegeiiheit. die er der Direktion bereite, zu entschuldigen. Angehörige, die bereits hier er- schienen, haben für den Selbstmord des jungen MauneS, der erst 26 Jahre zählte und aus einer vornehmen Stuttgarter Familie stammt, keine andere Erklärung, als daß er sich geistig überarbeitet hat und deshalb das Examen fürchtete.— In einer Kraftdroschke erschoß sich in der vergangenen Nacht ein junger Mann auf der Strecke zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichskanzlerplatz in Charlotten- bürg. Nach einem Entlassimgszeugnis der 67. Gemeindeschule handelt es sich um einen lö'/z Jahre alten Hermann Dunse, den Sohn eines verstorbenen Gärtners Bernhard Dunse. Wo der jugendliche Selbst- mörder zuletzt gewohnt� und was ihn in den Tod getrieben hat, ist noch nicht bekannt. Seine Leiche Ivurde nach dem Charlottenburger Schauhause gebracht. Ein Scheusal treibt seit einigen Wochen im Norden der Stadt sein Unwesen. Ein junger Mann von etwa 26 bis 24 Jahren lauert dort früh morgens auf den dunklen Haustreppen Frauen und Mädchen auf, die Zeitungen, Frühstück und Milch, austragen und belästigt sie auf das schamloseste durch Aufforderungen, Tätlichkeiten und auch Drohungen. Bezeichnend ist dabei, daß er mit einer elektrischen Taschenlainpe vorgeht. Der Unhold, der ivie ein Ar- beiler gekleidet ist, hat ein bartloses Gesicht und eine nach links geneigte Körperhaltung und trägt einen dunklen Ueberzieher und einen steifen Hut oder eine Mütze. Tic Belästigten würden, falls er wieder austritt, gut tu», ihn sofort festnehmen zu lassen. Mehrere Geschästsciniriichc, bei denen die Diebe allerhand Waren erbeuteten, sind wieder zu verzeichnen. Für ungefähr 3666 M. Kleiderstoffe, Leiiicu. Trikotagen usw. fielen Einbrechern in die Hände, die in das Modewarengeschäft von S. S ü ß k i n d in der Beusselstraße 31 eindrangen. Hier benutzten sie die Stille der Straße an dieser Slelle. um ans der vorderen Ladentiir ein Stück heranSzusägen und sich so Eingang in die Geschäftsräume zu ver- schaffen. Nachdem sie für obige Summe Waren aller Art zusammen« gepackt hatten, erbrachen sie noch die L a d e n I a ss e und entnahmen hieraus über 100 Mark in bar.— Herren- und Damen- st i e f e l im Werte von iiber 2000 M. erbeuteten Einbrecher, die das Schuhwarengesckmft der Geschwister H i r s ch fe ld in der Brüsseler Str. 54 heimsuchten. Hier verschafften sie sich vom Hofe aus mittels Nachschlüssel Eingang.— Aus der Werkstatt des Gleitschutzfabrikanten Paul I e s ch k e in der Baruther Str. 16 stahlen Einbrecher mit großer Sachkenntnis die wertvollsten Pneumatikschläuche, Gleitschutzdecken, einen Gummi- inantel usw., und zwar von allen Gegenständen die teuersten und neuesten Sorten.— Eine große Menge Fleischwaren aller Art er- beuteten Einbrecher bei einem Schlächter in der Kaiser-Friedrich- Straße 69.— Als ein Feinschmecker erwies sich ein Dieb, der vom Hofe eines hiesigen Hotels einen braunen Handkoffer stahl, in dem sich 11 Dosen mit feinem Kaviar im Werte von 850 M. be- fanden. Einen groß angelegten Bettelschwindel hat ein Kaufmann und Privatauktionator Georg Ogurkowski von Zürich aus be- trieben, wo er jetzt festgenommen worden ist. In der zweiten Hälfte des Dezember v. I. überschwemmte der Gauner von Zürich aus mehrere Städte mit Briefen, denen die Photographie eines kleinen Kindes beigelegt war. Von mildtätigen Leuten suchte er eine Er- ziebungsbeihilfe für das Kind zu erpressen, dessen Mutter sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben soll. Der Gauner, dessen Auslieferung nach Deutschland schon in die Wege geleitet ist, hat bereits die Schwindeleien eingestanden. Alle eventuell durch diesen Trick Geschädigte wollen sich bei der Inspektion E II der hiesigen Kriminalpolizei melden. Der Pharus-Berkehrsplan Groß-Berlin erscheint als Buch- Handlungsausgabe des Berliner Adreßbuchplanes am 1. Februar 1912. Der Plan umfaßt Berlin mit seinen Vororten, die durch verschiedene Farbtönung gegeneinander kenntlich gemacht find. Das Gebiet Groß-Berlins ist in dem Maßstab 1: 27 000 bei dem Format von zirka 95: 125 Zentimeter gebracht. Die Ausgabe ist in sämtlichen Buchhandlungen und im PharuS-Verlag zum Preise von 2,50 Mark käuflich. Unter der Firma„Berliner Hippodrom-Gesellschaft" hat sich eine kapitalskräflige, teils auS deutschen, teils aus ausländischen Aktio- nären bestehende Gesellschaft gebildet, welche den Sportpalast für längere Zeit gepachtet hat, um dortselbst— ab 16. Februar— Schau- stellungen amerikanischer Art zu bringen. Leiter des Unter- nehmens ist der in Artistenkreisen bekannte Manager Herr Paul Neve. Verlegte Poliklinik. Die früher im Hause Karlstr. 31 befindlich gewesene Ohren-, Nasen- und Halspoliklinik ist jetzt ins NebenhauS Ecke Karl- und Albrechtstraße verlegt. Eingang ist Albrechtstr. 24. Sprechzeit 11—1. Auch ist damit eine Poliklinik für Lungenleiden verbunden. Verloren gegangen ist in der Nacht vom Sonnabend zum Sonn- tag in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs ein Paket sJnhalt: eine kleine Aktentasche mit diversen Ouittungsformularen). Finder wird gebeten, dieselbe Rummelsburg, Sonntagstr. 27, Gartenhaus I, bei Wedelewsky abzugeben. Am Donnerstag, den 25., verlor ein Arbeiter seinen Arbeiter- Notizkalender, der für den Inhaber wichtige Papiere enthielt, auch die Sammelliste zur Reichstagswahl Nr. 11 634(bis jetzt gezeichnet 2,65 M.). Die Papiere sind für andere wertlos. Der Finder wird um Abgabe an Albert Schröder, Charlottenburg, Kantstraße 93, gebeten._ Vorort- JSadmcbtein Charlottenburg. Borernährnng der Mütter. Die Stadt Charlottenburg hat dem Hauspflegeverein eine Summe zur Verfügung gestellt, aus der an unbemittelte oder wenig bemittelte Schwangere vier Wochen vor der Entbindung und für die Zeit des Wochenbettes Beihilfen ge- währt werden sollen, um sie für ihre Ausgabe des Selbststillens vorzubereiten. Die Beihilfe besteht ineist in der Verab- reichung eines kräftigen Mittagessens oder in der Lieferung sonstiger Lebensmittel. Zu diesem Zwecke sind folgende Speisungsstellen ein- gerichtet: Charlottenburger Ufer 16, Königsiveg 54, Wilmersdorfer Straße III, Berliner Str. 137 und All-Moabit 39. Meldungen werden von der Ern ä h r ung s a b t e i l u n g Marchstr. 7k Dienstags und Freitags zwischen 10 und 11 Uhr vormittags mög- lichst 6 Wochen vor der erwarteten Entbindung angenommen. Der Hauspflegeverein hat die Verpflichtung übernommen, die von ihm gepflegten Mütter stets rechtzeitig vor dem Aufhören seiner Pflege an die nächste Snuglingsfürsorgestelle zu überweisen, damit diese in unmittelbarem Anschluß an die Tätigkeit des Hauspflegevereins die weitere Fürsorge übernehmen kann. Böswillige Alarmierungen der Feuerwehr werden trotz der darauf stehenden harten Strafen immer wieder verübt. Eine Belohnung von 20 M. wird vom Magistrat denen gewährt, die solche Angaben machen, daß die gerichtliche Bestrafung der Täter erfolgen kann. Erst kürzlich haben zwei hiesige Einwohner die ausgeletzte Be- lohnung erhalten. Die Urheber des groben Unfugs wurden vom Schöffengericht mit 50 M. Geldstrafe event. zehn Tagen Gefängnis bezw. mit 2 Wochen Gefängnis bestraft. Schöneberg. Ein bedauerlicher Unglücksfall hat sich vorgestern im Hause Stubenrauchstraße 5a. zugetragen. Der 15jährige Sohn Heinrich des in dem genannten Hause wohnenden Gastwirts Lutterkort hatte im Bett gelesen und dann in der Schlaftrunkenheit den Gashahn in seiner Schlasstube nicht ganz geschlossen. Am nächsten Morgen wurde der Knabe von seinen Eltern in fast leblosem Zustande auf- gefunden z das Zimmer war über und über mit Gas gefüllt. Den mehrstündigen Bemühungen zweier hinzugerufener Aerzte gelang eS zwar, den Verunglückten wieder zum Bewußtsein zu bringen, doch mutzte der junge Mensch in bedenklichem Zustande nach dem Schöne- berger Krankenhause geschafft werden. Dort ist er am Montagabend der Einwirkung des Gases erlegen. Lichtenberg. Lichtenberg Polizeipräsidium. Der„Reichsanzeiger" macht be- iannt, daß die hiesige Polizeiverwaltung zum Polizeipräsidium er- hoben worden ist, das fortan von einem Polizeipräsidenten mit dem Range des Oberregierungsrates geleitet wird. Friedrichsfelde. Aus der Gemeindevertretung. Für ein ausgeschiedenes Mit- glied der Armendeputation war Ersatz zu wählen. Unsere Genoffen beantragten zunächst, daß auch Frauen zur Armen- pflege zugezogen werden, wie es in anderen Gemeinden bereits geschehen sei. Man hütete sich zwar, unsere Forderung rundweg abzulehnen, suchte aber durch allerlei Kompetenzbedenken und Geschäftsordnungskniffe eine klare Entscheidung zu umgehen. Erst nach energischem Einspruch unserer Genossen wurde in regulärer Abstimmung der Antrag mit 7 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Allerdings erklärten mehrere Herren, sie hätten lediglich aus dem Grunde dagegen gestimmt, um der Arnwndeputation die Mög- lichkeit zu lassen, zu der wichtigen Frage Stellung zu nehmen und geeignete Vorschläge zu machen. Was es aber mit solchen Er- tlärungen auf sich hat. zeigte sich sofort, als nunmehr unsere Ge- nassen beantragten, unter Hinweis auf ein früher gegebenes posi- tives Versprechen, an Stelle des vom Gemeindevorstand vorge- schlagenen Gänsemästereibesitzers einen Angehörigen des Arbeiter. standes zu wählen. Der Antrag wurde abgelehnt trotz aller schönen Worte. Recht sonderbare Dinge kamen zur Sprache bei Erledigung einiger Vorlagen, die sich auf die zu errichtenden höheren Schulen bezogen. Herr Caßebaum. der Dezernent für das Schulwesen, führte bittere Klage über Schwierigkeiten, die ihm bei feinen Vorarbeiten gerade von Karlshorst bereitet werden. Be- sonders bemerkswert ist dabei auch das Verhalten des KreiSschust tnspektors, der, nach Ansicht des Beigeordneten, seine Befugnisse überschreitet, um neue Hindernisse aufzutürmen. In bezug auf die Leiterin der Schule, Frl. Horter, erinnerte Genosse Pinseler daran daß sie seinerzeit namhafte Zuschüsse für ihre Schule aus Gemeinde- Mitteln erhalten habe, weil die Gemeindevertretung von Anfang an das Ziel im Auge hatte, die Schule zu übernehmen. Damals sei wiederholt betont worden, daß genannte Dame mit Unterbilanz arbeite und ohne die Zuschüsse die Schule nicht aufrecht erhalten könne. Als es sich aber um den Abschluß des Uebernahmevertrags handelte, stellte sie außergewöhnlich hohe Forderungen, die sie mit ihrem beträchtlichen Einnahmeaussall begründete. Man habe ihr entschieden zuviel bewilligt, so daß er wünschte, die Regierung möchte den Vertrag nicht genehmigen, dann würde die Gemeinde viel Geld sparen. Wohl oder übel werde man jedoch zahlen müssen und Frl. Horter mache ein glänzendes Geschäft. Gegen die Terraingesellschaft Karlshorst soll klagbar vorgegangen werden, weil sie ihren Zahlungsverpflichtungen der Gemeinde gegenüber trotz weitgehendster Rücksichtnahme nicht nachgekommen ist. Ein beachtenswerter Antrag wurde vom Gemeindevertreter v. Treskow gestellt. Dem Antrag liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Die Gemeinde Lichtenberg hat in der Gemarkung Friedrichsfelde ihr Masserwerk und liefert auch für unseren Ort das Wasser, jedoch zu einem unverhältnismäßig hohen Preise. Nun hat Lichten berg zwecks besserer Ausnutzung des Werkes mit verschiedenen anderen Gemeinden Wasserlieferungsverträge abgeschlossen. Da- durch ist es nötig geworden, ein weiteres Leitungsrohr im Trift weg zu verlegen. Dagegen sträuben sich die Interessenten, die über den Weg zu verfügen haben. Man behauptet, schon jetzt sei der Grundwasserspiegel um 1� Meter durch Wasserentnahme ge funken. Dem Gemüsebau drohe Vernichtung und auch der Schloß- park habe bereits schweren Schaden gelitten. Schließlich sei aber auch danach zu trachten, von dem rigorosen Wasserlieferungsvertrag mit Lichtenberg loszukommen, denn ein eigenes Wasser werk würde das Wasser zum halben Preise wie dem gegen- wältigen liefern können. Deshalb soll der Versuch gemacht wer- den, daß Lichtenberg nach Verlauf von zwei Jahren von der Vev pflichtung der Wasserlieferung entbunden werde. Weistensee. Wahlbetrachtungen stellen nicht nur die großen politischen Zeitungen, sondern auch die kleinen sich unpolitisch nennenden Vor onzeitungen an. Auch letzteren verhelfen die verblüffenden Erfolge der Sozialdemokratie einmal zu—„Gedankenblitzen". So sieht das hiesige Grundbesitzerorgan, G. m. b. H., das Unglück Trojas schon berembrechen. ES sei, so betont daS Blatt, unausbleiblich, die Er- folge der Sozialdemokraten bedeuten einen Kassandraruf, dem eine ungemein stürmische Zeit folgen dürste. Den Lesern wird dann noch ein Schreckbild an die Wand gemalt; das Blatt hält die Zeit nicht mehr fern, wo die Sozialdemokratie eines schönen Tages durch Gesetz erklären werde, daß von nun an aller Privat- und Eigen- besitz an Grund und Boden in den Kollektivbesitz der Gesellschaft übergehe. Wenn weiter diese 110 Mann es für er- forderlich hielten, durch eine Ergänzung des jetzt be stehenden RcichsgesetzeS über die Wertzuwachssteuer statt der bisherigen Reichsguote neun Zehntel der Steuer für die Reichs bedürfnisse zu fordern, dann könne e» den beiden Haus- und Grund- bcsitzer-Vereinen(84 und Alt) nicht gleichgültig sein, wie der Reichstag zusammengesetzt sei und wie seine Interessen wahrgenommen werden. So orakelt dieses Organ in vielen Zeilen und es wundert sich über seine Kollegin, die amtliche„Weißenieer Zeitung", die sich über die Wahlen im Orte damit hinwegsetzte, daß die einzelnen bürger lichen Parteien für ihre Zählkandidaten eine erhebliche Arbeit ge> leistet haben und daß es für sie wichtiger sei, wer der Kreis im Landtage vertritt. Unter den 7137 sozialdemokratischen Stimmen de« hiesigen Ortes befinden sich sicher eine ganze Anzahl Stimmen von HauS- und Grundbesitzern, die unter dem allgemeinen wirtichastlichen Druck sozialdemokratisch gestimmt haben, ohne sich große Besorgnis um die„Enteignung" ihres Besitzes zu machen. Vielleicht redet das Hausbesitzerblatt den Lesern noch ein, daß die abgegebenen 1935 bürgerlichen Stimmen lediglich solche von HauS- und Grunde besitzern leien. Bruchmühle. Die letzte Mitgliederversammlung des Wahlvereins nahm den Bericht der Bezirksleitung entgegen, aus demselben ist zu entnehmen, daß die Mitgliederzahl auf 49 männliche und 13 weibliche gestiegen ist. Auch die Zahl der.Vorwärls"leser weist eine Steigerung auf. Die Kasienverhältnisse lassen etwas zu wünschen übrig. Ganz be sonders wurde noch auf die bevorstehenden Gemeindewahlen hiw gewiesen. Adlershof. Der Haushaltungsplan für das Rechnungsjahr 1912 ist nunmehr fertiggestellt. Die Ausgaben für die Volksschulen find um beinahe 13 000 M. höher als im Vorjahre. Der Zuschuß für die gehobene Schule ist um weitere 9300 M. gestiegen und bettägt jetzt 42 300 M. Trotz dieser Mehrausgaben will der Bürgermeister den Etat balancieren, ohne daß eine Erhöhung der Steuersätze notwendig wird. Ob es ihm gelungen ist, ohne wichtige und andere notwendige Ausgaben zu streichen, bleibt abzuwarten. Der Zuschlag zur Staalseinkommen- steuer beträgt zurzeit 150 Proz. Rowawes. Zwei Turnhallen sollen laut Beschluß der Gemeindevertretung in diesem Jahre neu errichtet werden. Für die Gemeindeschule IV macht sich eine solche deshalb notwendig, weil bei dem in diesem Sommer vorzunehmenden Umbau des Fortbildungsschulgebäudes der im Erdgeschoß gelegene frühere Websaal, der zur« zeit zu Turnzwecken verwendet wird, zu Unterrichtsränmen ausgebaut werden soll. Als Platz für die neue Turnballe ist das östlich der Gemeindeschule IV. an der Ecke Scharnhorst- und Anhaltstraße belegene Gelände vorgesehen. In einem Anbau ist der Eingang, ein Turnlehrer- bezw. Samaritcrzimmer, ein Garderoben- und Waschraum sowie ein Abortraum mit Pissoiranlage vorgesehen. Unter dem Aborlraum soll die Zentralheizungsanlage Platz finden. Das Aeußere des Bauwerks ist dem der Gemeindedoppelschule angepaßt. Die Beleuchtung sämtlicher Räume erfolgt durch elektrisches Licht. Das Gebäude erhält Kanalisations- und Wasserleitungsanschluß. Der Hof wird befestigt und längs der Borgarlengitter mit breiten Rasenanlagen eingefaßt. Die zweite, für die Höhere Mädchenschule bestimmte Turnhalle, die gleichzeitig als Aula benutzt werden kann, soll auf dem zwischen dem jetzigen Schulgrundstück und der Neuen Moltkestraße belegenen, der Firma A. Pirsch gehörigen Gelände errichtet werden, und zwar so, daß der Frontgiebel nach der neuen Straße und die Längsfront mit etwa sieben Meter Abstand von der südlichen Nachbargrenze zu liegen kommt. Das vorhandene Abortgebäude wird verlängert und erhält im Erdgeschoß einen Eingang, ein Turnlehrer« bezw. Samariterzimmer und einen Garderoben- und Waschraum. Das Obergeschoß wird ganz für die Abortanlagen eingerichtet, während im Keller der Kessel für die Zentralheizungs- anlage Platz finden soll. Die äußeren Ansichtsflächen sind denen des Schulgebäudes angepaßt. Die Baukosten beider Turnhallen einschlicß- lich aller Nebenanlagen und Lieferung der erforderlichen Turngeräte sind mit je 35 000 M. veranschlagt. GericKts- Leitung. Vom Religionsunterricht freireligiöser Kinder. Das Kammergericht blieb in einer am Donnerstag berhandel- ten Schulversäumnissache gegen Ehrengart in Schierstein a. Rhein bei seinem bekannten Standpunkt, daß die Kinder Freireligiöser am Religionsunterricht in der Schule teilnehmen müßten, falls sie nicht davon dispensiert seien. Die Revision gegen das Urteil des Landgerichts Wiesbaden, das E. wegen Vcrsäumung der schul mäßigen Religionsstunden durch sein Kind verurleilt hafte, tvurd« verworfen. Das Kammergericht sprach zugleich aus, daß ein der dcutsch-katholischcn Gemeinde Wiesbaden durch eine nassauische Re- solution von 1848 verliehenes Privilegium auf die jetzige frei- religiöse Gemeinde Wiesbaden nicht mehr Anwendung finden könne, wenn diese sich auch"aus der deutsch-katholischen Gemeinde entwickelt habe. Selbst wenn man mit dem Landgericht— im Gegensatz zu einer früheren Entscheidung des Kammergerichts— annehmen wollte, durch die Resolution von 1848 sei damals der deutsch-katholischen Gemeinde das Privilegium verliehen worden. durch eigenen Religionsunterricht der Kinder ihrer Mitglieder sie vom Religionsunterricht in der Schule freizumachen, müßte doch die Revision des Angeklagten verworfen werden. Entscheidend sei die ohne Rechtsirrtum erfolgte Feststellung des Landgerichts, daß die jetzige fteireligiöse Gemeinde nicht mehr identisch sei mit der damaligen deutsch-katholischen Gemeinde Wiesbaden. Nach dieser Feststellung könne der vom Sprecher(Prediger) der fteireligiösen Gemeinde Wiesbaden den Kindern ihrer Schiersteiner Mitglieder allwöchentlich einmal erteilte Unterricht nicht mehr den schulplan- mäßigen Religionsunterricht ersetzen. Zu diesem hätte Angeklagter sein Kind schicken müssen, da er einen Dispens nicht hatte. Hvid der frauenbewegung. Mutterschutz. Nicht nur hochgespannte, sondern sogar sehr bescheidene Erwartungen in bezug aus den Mutterschutz hat der Schnapsblockreichstag enttäuscht. Keine obligatorische Heb- ammenhilfe, keine ausreichende Unterstützung, keine genügende Schonzeit für Schwangere und junge Mütter, das ist das Resultat des lang versprochenen, verheißungsvoll angekündigten Mutterschaftsschutzes durch die Reichsversicherungsordnung. Daß die schwarzblaue Mehrheit es fertig brachte, die bereits allgemein auf acht Wochen festgesetzte Unterstützung und Schon- zeit für die in Landkrankenkassen versicherten Proletarierinnen wieder auf vier Wochen zu erniäßigen, das ist eine untilgbare Schmach der Blockmehrheit für Gottesfurcht und Schnaps- liebesgaben. Das Versagen der Glaubensritter auf dem Gebiete der Schwangeren- und Wöchnerinnenunterstützung enthüllt in seiner ganzen Rückständigkeit und Arbeiterinnen- Mißachtung die K r a n k e n k a s s e n st a t i st i k. Sie zeigt, wie wenig bisher nach dieser Richtung geschehen ist, wie not- wendig eine ausreichende obligatorische Versicherung und Unterstützung der Schwangeren und jungen Mütter war. Bei aller Anerkennung für die Ansttengungen der Ortskranken- kassen, die bekanntlich vielfach unter den ungünsttgsten Be- dingungen arbeiten, weil sie meistens mit den von Betriebs- und anderen Kassen abgestoßenen wenig widerstandsfähigen Personen belastet werden, bleibt bei der fakultativen Leistung die Mutterschaftsvcrsicherung doch nur ein kümmerlich ge- pflegtes Pflänzchen. Das beweisen folgende Angaben über die Ergebnisse sämtlicher reichsgesetzlicher Krankenkassen: 1903 1910 Zahl der Mitglieder.. 12 324 094 13 069 375 Einnahmen überhaupt M. 333 291351 379 284 496 Ausgaben„„ 325 054 492 350 545 175 Krankengeld....» 133 542 355 135 952 829 Schwangeren- und Wöchnerin.-Untrrstützg.„ 5 927722 6 432231 pr. Mitglied... M. 0.48 0.49 pr. 100 M.Einnahme, 1,78 1,69 „.„ Kranlengeid„ 4,43 4,73 Naturgemäß ist in den verschiedenen Kassen die Gesamt- leistung für die Mutterschastsunterstützung schon wegen der ungleichen Zusammensetzung der Mitgliedschaft sehr verschieden. Die Baukrankenkassen mit nur sehr wenig weiblichen Mit- gliedern können natürlich keine sehr großen Summen für Schwangere und Wöchnerinnen aufwenden. Den angeführten Umstand berücksichtigt, fällt in der nachfolgenden Ausstellung die minimale Leistung der Innungskassen und der Land- krankenkassen auf. Auf ein Mitglied wurde nämlich an Wöchnerinnen- und Schwangerenunterstützung für das ganze Jahr gezahlt: 1908 1910 Landkrankenkassen.....— 1 Pf. Landesrechiliche HilfSkasien.. 2 1„ Eingeschriebene Hilfstassen.. 3 3„ Baukrankenkaffen...... 3 5„ Jnnungskrankenkaffen.... 14 15„ Betriebskrankenkassen.... 58 59„ Ortskrankenkassen..... 64 65„ Krankentaffen überhaupt... 48 49„ Die Landkrankenkassen haben demnach in dieser Beziehung vollständig versagt. Die Hilfs kassen. die meist als Zuschußkassen benutzt werden, kann man hier aus- schalten. Wenig befriedigend ist auch die Leistung der Jnnungskassen, in denen das städttsche Kleinbürgertum dominiert. In den Betriebskassen haben sich die Verhältnisse gegen früher schon etwas gebessert. Da sie in der Tcxtil- industrie und in anderen stark mit weiblichen Arbeitskräften durchsetzten Gewerben vorherrschen, steht ihre Leistung hinter der der Ortskrankenkassen doch noch weit zurück. Das Gesamtergebnis ist auf jeden Fall sehr unbe- f r i e d i g e n d. Hier zeigt sich ein Manko sozialer Fürsorge. das unbedingt gedeckt werden muß. Es erfordert Hekatomben von Opfern an Gesundheit und Glück, es ist die Quelle maß- loser Leiden und der Vernichtung zahlloser Menschenleben!— Leseabende. Dritter Wahlkreis. Donnerstag den 1. Februar, abends 8'/, Uhr. .m G-wertichaftshaus. Engelufer 15(Saal wird an der Tafel bekanntgegeben). Genosse Dr. Gr um ach spricht über Land- agitation. ßrufkaften der Redahtton. Sit(«rtfHfaie S, rech,«und. ft-det 8»«» m» t a 6 1 69, Bot««t» Tttmn — F a h r ft u 6», woqcuinglia Bon 4 Vi Bis 7V4 Uhr aBtnBB, SoniiaBcnB«, 80» 4V4 Bi» 6 Uhr»Bends flatt Jeder für den vrirstaftc» besitm»>«c» Anfrage if..in Buchi.°B- und-in. Zahl Mertjeia,.» driz-fka/n. Srirf..«. Antwort mir» nirt» rm«.. anftaarn, benrn Irtnc ABonnrmrniSauttwng»elgefüg, ist. «erden nichi dcantwortct. lkilige Fragen trage man in der Sprcchftnnd« Bor. K- Z.«00. Im Berliner Adreßbuch. Teil II, unlcr Musikvel eine.— 1 m~, R. B.!)9. Der.Arbeiter. Radfahrer". Oftenbach a. M. Bei der Post.— Rirdorf 103. Fragen Sic einen Fach- mann.— Hoffuung 3000 Marie. Ohne weiteres nicht zu beantworten. ie��r�« Ersolg.���"''~®- U5, öe fcie s"!d Tiskudterklub ,2ut>- Ost". Heute Mittwoch, abends 8/, Uhr, bei Neidhardt, Görlitzer Straße 58: Vortrag. Gäste willkommen. .. Marktbericht von Berlin am LS. Januar ISIS, nach foniilcluna des komgl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhar 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 36,00— 50,00. Speis eboi lueifte. 40.00— 60 m innn on nn Ctnrtnffpfn lOftTL.<.- hdih-s,*). Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 4,20—7,20. 1 Sllloaic Karpscn 1,00—2,40. Aale 1,20—2,80. Zander 1,60—3,60. Hechte 1 onL »l�-o,00, Schleie 1,60— 3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück K :ii Aoutatüciieii uuu---------------—•—-o-_____:_» �— J verantwortlicher Redalteuri Albert Wachs« Bkrlig. Lür des Jnjeratenteil verantw,.: Ttz. Glocke. Berlin. Druck n. Verlag: Vorwärts Kuchdruckere» u. VerlagSanstalt Paul Singer u. Ca, Berlin SU